Zum Inhalt der Seite
[English version English version]

Bodyguard

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Für einen Moment wie erstarrt, blieb die Agentin noch wo sie war, dann fasste sie sich ein Herz und schlüpfte durch das Loch in der Wand in das Innere der Lagerhalle.

„Das ist es also? Zeigst du jetzt endlich dein wahres Gesicht?“, begrüßte sie ihre Zielperson und versuchte ihre Stimme möglichst kalt klingen zu lassen, um sich das Chaos, welches derweil in ihren Gedanken herrschte, nicht anmerken zu lassen.

Die Ältere hatte Jodie keinen Moment lang aus den Augen gelassen, stutzte jedoch merklich, als sie die Person erkannte, welche das Telefonat eben belauscht hatte.

Für einen kurzen Augenblick konnte die FBI Agentin den Schrecken sehen, der der Kriminellen über das Gesicht huschte, dann hatte die Frau mit den hellblonden Haaren sich jedoch wieder gefangen und blickte ihr kühl entgegen. „Was tust du hier?“, erkundigte Chris sich, obwohl sie die Antwort auf diese Frage vermutlich bereits kannte.

„Soll das ein Witz sein? Ich habe nach dir gesucht, nachdem du vorhin diese drei Typen niedergeschossen hast und abgehauen bist.“, entgegnete Jodie.

Auf den Lippen ihres Gegenübers zeichnete sich ein kaltes, leicht arrogant wirkendes Schmunzeln ab. „Nun, du hast mich gefunden – Glückwunsch. Und was gedenkst du nun zu tun? Ich denke, dass es unnötig ist zu erwähnen, dass du eigentlich nicht hier sein solltest.“

„Du streitest es also nicht einmal ab, vorhin auf diese drei Kleinkriminellen geschossen zu haben? Verdammt, was hast du dir dabei gedacht, Chris?! Du hast in Kauf genommen, diese Typen umzubringen!“

Angesprochene zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „Aus deinen Worten schließe ich, dass die drei noch leben.“

„Ja! Zumindest haben sie das noch, als ich vom Unfallort aufgebrochen bin.“ Fassungslos starrte Jodie die Andere an. Das Bild, welches sie sich von ihrem Schützling in den letzten Wochen so mühsam aufgebaut hatte, hatte bereits auf der Fahrt hier her Risse bekommen, nun jedoch zersprang es endgültig in 1000 Teile. Die amerikanische Schauspielerin schien keinen Grund mehr dazu zu sehen, sich ihr gegenüber weiterhin zu verstellen und so wie sie sich jetzt gab, hatte die Agentin das Gefühl, die Person vor ihr zum ersten Mal wirklich zu sehen. Kalt, skrupellos und überheblich. Lange hatte sie gebraucht, um den Menschen in Chris zu sehen, die Blondine hatte es sogar geschafft, ihr wirklich ans Herz zu wachsen und nun wurde sie sich bewusst, dass die Amerikanerin ihr gegenüber die ganze Zeit einfach nur eine weitere Rolle gespielt hatte. Es schmerzte, sich dies einzugestehen, doch gleichzeitig kochte da auch diese Wut in ihr hoch – Wut auf ihr skrupelloses Gegenüber und Wut über ihre eigene Naivität.

„Du hast kaltblütig mehrere Personen niedergeschossen und mit hoher Wahrscheinlichkeit bist du Teil einer Bande bestehend aus Schwerstkriminellen. Du lässt mir wohl kaum eine andere Wahl als dich hier und jetzt festzunehmen.“

Die junge Agentin griff an ihren Gürtel und hielt einen Augenblick später ein Paar silbern schimmernde Handschellen in der Hand. Mit ernster Mimik machte sie langsam den ersten Schritt in Richtung der Schauspielerin, doch selbst jetzt, wo die Karten auf dem Tisch lagen, schmerzte es, diese Mission hier und jetzt zu Ende zu bringen, auch wenn sie wusste, dass sie das Richtige tat.

Die andere Blondine blieb gänzlich unbeeindruckt. „So, zeigt das FBI Kätzchen nun endlich ebenfalls sein wahres Gesicht?“

Für den Bruchteil einer Sekunde stutzte Jodie, doch sie zwang sich, sich äußerlich nichts anmerken zu lassen. „Also weißt du für wen ich arbeite, wirklich interessant. Seit wann ist dem so?“, versuchte sie so gelassen wie möglich nachzuhaken.

Die junge Frau blieb abrupt stehen, als die Kriminelle eine Pistole geradewegs auf sie richtete.

„Oh, das wusste ich schon, bevor ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Das FBI hat vor dir bereits zwei deiner Kollegen auf mich angesetzt und als angebliche Bodyguards ausgegeben, aber deine Vorgänger haben sich wirklich dumm angestellt und so war es ein leichtes, meinen Chef dazu zu bringen, so unfähigen Personen wieder zu kündigen.“

Chris strich sich einige verirrte Strähnen aus dem Gesicht, ehe sie die FBI Agentin genauer ins Visier nahm. „Du solltest stehen bleiben. Wenn du jetzt umdrehst und von hier verschwindest, überlege ich es mir vielleicht noch einmal und erschieße dich nicht an Ort und Stelle.“

Im ersten Moment hatte die Ältere es mit ihren Worten in der Tat geschafft, die FBI Agentin zu verunsichern. Nicht, dass diese ernsthaft mit dem Gedanken spielte hier und jetzt aufzugeben, allerdings stellte sich ihr durchaus die Frage, wie klug es wäre, sich der Kriminellen weiter ohne jeden Schutz zu nähern, wo diese aktuell mit einer Waffe auf sie zielte und ihr eben klar und deutlich gedroht hatte.

Sie trug ihre eigene Waffe noch im Holster ihres Gürtels. Wie schnell konnte sie wohl nach der Waffe greifen und diese auf ihr Gegenüber richten, um eine Art Pattsituation herbeizuführen? Vermutlich hätte Chris noch mehr als genug Zeit das Feuer auf sie zu eröffnen, sobald sie bemerkte, dass die Agentin nach ihrer eigenen Pistole greifen wollte. Diese Möglichkeit würde einen Angriff nur provozieren und fiel folglich weg. Aber was sollte sie dann tun? Ihr Gegenüber war gefährlich, so viel war ihr inzwischen dann auch klar geworden, aber Jodie war derzeit auf sich allein gestellt und irgendwie musste sie handeln.

Plötzlich fragte sie sich, welchen Grund es wohl haben mochte, dass die Kriminelle bisher noch nicht auf sie geschossen hatte. Chris wusste, dass die Blondine dem FBI angehörte und sie wusste, dass die Agentin nun auch ihr Geheimnis kannte. Warum also, hatte sie noch nicht das Feuer auf sie eröffnet? Es wäre für die Schauspielerin die effektivste und unkomplizierteste Lösung gewesen und doch lebte Jodie noch und war unverletzt. Bedeutete das am Ende vielleicht, dass...

Die junge Frau wusste, wie riskant ihr Plan war, genau so konnte sie sich denken, was beispielsweise Shu über so eine Aktion denken würde und dennoch beschloss sie es darauf ankommen zu lassen. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend tat sie schließlich einen weiteren Schritt auf Chris zu.

„Du räumst mir die Möglichkeit zur Flucht ein? Wie ausgesprochen freundlich, aber du weißt genau so gut wie ich, dass ich dich hier und jetzt nicht einfach gehen lassen kann.“

„Stop it! Keinen Schritt weiter!“, fuhr die andere Blondine sie an, doch obwohl Jodie bei dieser riskanten Aktion das Herz bis zum Hals schlug, ignorierte sie die Warnung der Älteren. Sie näherte sich langsam weiter ihrem Gegenüber. Nach wie vor war die Waffe in den Händen der Kriminellen mit einem Schalldämpfer ausgerüstet und somit war nur ein gedämpftes 'Pock' zu hören, als der erste Schuss fiel. Die Kugel verfehlte ihr Gesicht nur um etwa dreißig Zentimeter und schlug in einem der hier gelagerten Container ein. Jodies Augen weiteten sich erschrocken und für einen Moment hielt sie den Atem an. Chris hatte ihre Drohung wahr gemacht und wirklich auf sie geschossen! ...Allerdings hatte die Andere sie nicht getroffen und das, obwohl sie eine gute Schützin war.

Noch einmal nahm sie allen Mut zusammen, versuchte sich so unbeeindruckt wie möglich zu geben und setzte sich erneut in Bewegung. Wieder fiel ein Schuss, welcher diesmal beinahe ihren Arm gestreift hätte, doch erneut verfehlte die Kugel sie um Haaresbreite.

Beide Schüsse hätten sie aus dieser Entfernung eigentlich erwischen müssen und dennoch war sie Verletzungen bisher entgangen. So nah, wie die Kugeln an ihr vorbeigeschossen waren, sprach dies jedoch auch dafür, das Chris ganz genau wusste, was sie da tat. Hätte sie sie mit den beiden Schüssen ausschalten, oder ernsthaft verletzen wollen, so hätte sie sie ganz sicher getroffen, doch nichts dergleichen war geschehen, sodass Jodie langsam das Gefühl beschlich, dass die Kriminelle sie absichtlich zweimal verfehlt hatte. Diese Theorie war gewagt und die andere Blondine hatte heute bewiesen, dass sie durchaus keine weiße Weste hatte, dennoch hörte die junge Agentin auf ihre Innere Stimme, welche ihr flüsterte, dass sie es wagen konnte sich der Älteren weiter vorsichtig zu nähern.

„Bleib stehen, oder die Nächste trifft!“, drohte Chris ihr, diesmal mit deutlich aufgebrachterer Stimme, doch obwohl die Blondine diese Warnung in den Wind schlug, verfehlten auch die Schüsse Nummer drei und vier sie knapp.

Mit jedem Schuss, der sie verfehlte, sah Jodie sich in ihrer Theorie ein wenig mehr bestätigt, erst recht, als ihr Gegenüber schließlich einen kleinen Schritt zurückwich.

„Du legst es wirklich darauf an, oder? Hast du es wirklich so eilig zu sterben?!“, drohte die Schauspielerin, doch inzwischen war die FBI Agentin sich fast schon ganz sicher, dass sie nur bluffte.

Schuss Nummer fünf verfehlte um wenige Zentimeter ihren Oberschenkel, der sechste Schuss rauschte knapp an ihrer Schulter vorbei. Für einen kurzen Moment blieb die Agentin stehen. Die beiden Frauen starrten sich an. Chris richtete die Waffe erneut auf ihr Gegenüber, doch als sie den Abzug diesmal betätigte, ertönte nur noch ein Klicken, konnte die Pistole doch genau sechs Schuss abgeben, ohne nachgeladen zu werden, und das hier, wäre der siebte Schuss gewesen.

Auf die Lippen der jungen Frau stahl sich ein leichtes Lächeln. Sie setzte sich wieder in Bewegung, erreichte die Frau mit den hellblonden Haaren schließlich und versetzte ihr einen Schubs, der sie rückwärts gegen den Container hinter sich taumeln ließ. Das Blech des Containers gab ein lautes Scheppern von sich, als die Kriminelle mit dem Rücken dagegen stieß. Die Agentin setzte ihr in einer fließenden Bewegung nach und schaffte es, der Anderen mit einem geübten Griff die Waffe abzunehmen.

„Hunde die bellen, beißen nicht. Mit Menschen verhält es sich genau so. Du hättest mich mit jedem Schuss mit Leichtigkeit töten können, aber du hast mich absichtlich jedes Mal verfehlt, nicht wahr?“

Die Kriminelle sträubte sich heftig gegen den Griff, mit welchem die junge Agentin versuchte sie an der Flucht, oder überhaupt irgendeiner weiteren Aktion zu hindern. Da die beiden Frauen ungefähr gleich groß waren, rangen sie kurzzeitig miteinander, doch hier kam Jodie ihre Ausbildung zu Gute. Während ihr Gegenüber herausragend schauspielern konnte, hatte sie bereits früh gelernt, mit welchen Griffen man Verdächtige und Zielpersonen fixieren konnte, ohne sie dabei ernsthaft zu verletzen. Erneut gelang es ihr, die amerikanische Schauspielerin gegen die Wand des Containers zu drücken und da diese nicht riskieren wollte, sich am Ende noch den Arm auszukugeln, gab sie das Vorhaben, sich freikämpfen zu wollen, schließlich auf.

Einen Moment lang starrten sie sich an, ehe der Blick der Agentin wieder zu ihren Handschellen fiel, welche sie bei dem kurzen Kräftemessen eben glücklicherweise nicht verloren hatte.

„Du bist festgenommen. Zwar hast du mich heute mehr oder weniger vor den drei Angreifern vor dem Supermarkt beschützt, allerdings hättest du die drei dabei beinahe getötet. Und wenn es stimmt, und du wirklich ein Teil dieser Organisation sein solltest, dann ist das wohl erst die Spitze des Eisbergs.“

Sie machte sich daran, die Handschelle um das erste Handgelenk der Anderen zu schließen, doch noch ehe sie die Handschelle wirklich befestigt hatte, hielt sie kurz inne. Ob es ihr gefiel oder nicht, musste die Agentin an die letzten Wochen denken, in welchen sie quasi täglich mit Chris zu tun gehabt hatte. Wie sehr hatte es ihr zu Beginn widerstrebt, den Bodyguard für die Schauspielerin zu mimen, die davon ja selbst nicht all zu begeistert gewesen war. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie lange es gedauert hatte, bis sie sich langsam an die Arbeit mit der eigensinnigen Blondine gewöhnte und auch daran, wie sie nach dem ersten Angriff dieser Kleinkriminellen, zum ersten Mal Wärme in Chris Blick hatte aufblitzen sehen. Sie hatte sich später sogar überwunden, mit der Schauspielerin über ihre Vergangenheit zu reden und so schrecklich es auch war, dass deren Mutter für den Horror ihrer Kindheit verantwortlich war, so sehr hatte sie die Reue im Blick der Tochter gesehen. Seit diesem Gespräch, nachdem die Agentin sturzbetrunken auf dem Sofa ihres Schützlings übernachtet hatte, waren die beiden besser miteinander ausgekommen und nachdem sie endlich den Menschen in ihr gesehen hatte, hatte ihr schönes Gegenüber es erschreckenderweise nach und nach geschafft, ihr gehörig den Kopf zu verdrehen. Um so mehr schmerzte es nun, der Älteren hier und jetzt die Handschellen anlegen zu müssen, auch wenn die Amerikanerin die ganze Zeit über höchst wahrscheinlich nur eine Rolle gespielt hatte.

Schließlich seufzte sie und ließ die Handschellen für einen Moment sinken. Warum nur, musste das alles gerade so schwer sein?! Ihre Kollegen hätten mit dieser Situation sicherlich nicht solche Probleme gehabt und ausgerechnet sie, die die Schauspielerin eigentlich hassen sollte und der man aus diesem Grund diese Mission beinahe nicht übertragen hätte, brachte es nun nicht fertig, die verdammten Handschellen zu schließen.

„Warum hast du eben absichtlich daneben geschossen? Warum hast du mich nicht schon längst ausgeschaltet, wenn du die ganze Zeit über bereits wusstest, dass ich nur undercover als Bodyguard arbeite?!“

Chris bewegte sich, was Jodie im ersten Moment reflexartig dazu brachte, ihren Griff zu verstärken, doch als sie merkte, dass ihr Gegenüber sich lediglich zu ihr umdrehen wollte, ließ sie sie.

„Sind das nicht eigentlich Fragen, die du dir selbst beantworten kannst?“, hakte die Kriminelle nach und sah sie nun deutlich ruhiger an. In den blauen Augen der Agentin spiegelte sich deutlich, wie sehr der heutige Tag sie durcheinander gebracht und verletzt hatte und unwillkürlich schwand die Feindseligkeit aus Chris Blick.

„Sag du's mir.“, forderte Jodie sie auf. „Wie soll ich deine Beweggründe nachvollziehen, wenn ich mir noch nicht einmal sicher sein kann, wann du eine Rolle gespielt hast und wann nicht? Verdammt, ich kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob du mir in der ganzen Zeit überhaupt ein einziges Mal dein wahres Gesicht gezeigt hast! ...Aber so, wie ich dich gerade erlebt habe, bezweifle ich das ehrlich gesagt.“

„Das ist die Kehrseite daran, jede Rolle spielen zu können. Die Leute wissen nicht mehr, wann du schauspielerst und wann du einfach du selbst bist.“, erwiderte die Amerikanerin mit bitterer Ironie.

„Du sagst es ja selbst. Also wirst du mir das alles wohl schon ein wenig genauer erläutern müssen, wobei eine perfekte Schauspielerin zweifelsohne auch eine ebenso gute Lügnerin ist.“

Bei dieser Aussage flatterte ein kurzer Schatten über den Blick der Älteren. Jodie fiel auf, wie leicht es aktuell war, die Handgelenke der Anderen festzuhalten,was wohl schlicht und ergreifend daran liegen musste, dass ihr Gegenüber es ihr erlaubte und aktuell nicht zu fliehen versuchte.

Einen Moment zögerte Chris noch, ehe sie schließlich das Wort ergriff. Sobald die Schauspielerin zu sprechen begonnen hatte, versuchte Jodie den Puls ihrer Handgelenke zu fühlen, in der Hoffnung, auf diese Art und Weise besser Schauspiel von Realität unterscheiden zu können.

„Na schön, ich gebe zu, dass ich zu Beginn wenig begeistert darüber war, dass das FBI mir mit dir nun schon den dritten Undercoveragenten auf den Hals gehetzt hat und ursprünglich hatte ich vor, dich genau so schnell loszuwerden wie die anderen beiden, allerdings hast du mein Interesse geweckt, als du es auf der Eröffnungsfeier damals geschafft hast, meine Tarnung zu durchschauen. Und so offensichtlich, wie du mich gehasst hast, hast du dich noch einmal ein wenig von deinen Kollegen unterschieden.“ Sie zuckte mit den Schultern.

Jodie musterte ihr Gegenüber genau, welches derzeit jedoch nicht den Eindruck machte, sich etwas auszudenken. „Also war ich die ganze Zeit über so etwas wie ein interessantes Spielzeug für dich?“, stellte sie fest.

„In den ersten paar Wochen liegst du damit goldrichtig.“, gab Chris offen zu. „Es war amüsant, wie leicht es war dich aus der Fassung zu bringen. Ich musste dir ja lediglich auf den Arm tippen, um deine Aufmerksamkeit zu bekommen und du hast jedes Mal so ausgesehen, als hättest du mich allein dafür schon am liebsten umgebracht und trotzdem hast du gleichzeitig versucht den glaubhaften Bodyguard zu mimen.“ Für einen Moment wirkte die Schauspielerin amüsiert.

Trotz der bitteren Situation, konnte die Agentin nicht anders, als ebenfalls kurz zu schmunzeln, nun, wo sie versuchte sich die vergangenen Wochen aus Chris Perspektive vorzustellen.

„Schön und gut, aber war es nicht recht gefährlich, ausgerechnet eine FBI Agentin in deine Wohnung zu lassen?“

„Nicht im Geringsten. Denkst du, ich wäre so unvorsichtig, auch nur ein einziges verdächtiges Dokument in den eigenen vier Wänden zu lagern? Wer sich in der Wohnung umsieht, wird rein gar nichts verdächtiges finden. Und nachdem du den halben Alkoholvorrat vernichtet hast, hast du wohl erst recht keine Bedrohung mehr dargestellt“, entgegnete die Ältere unbeeindruckt.

„Trotzdem, inzwischen weiß ich eindeutig zu viel, nicht wahr? Hättest du mich eben erschossen, wärst du jetzt nicht in dieser Situation.“ Die junge Agentin legte den Kopf leicht schief.

Chris blickte sie an und lachte leise, ehe sie wieder ernst wurde. „Damit hast du wohl Recht, allerdings gibt es da ein Problem.“

„Ach ja?“

„Nachdem du das Risiko eingegangen bist, mich vor diesen Kleinkriminellen in der Seitenstraße zu beschützen, hast du dich mir gegenüber anders verhalten. Nicht mehr so feindselig. Offener. Zu diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört zu schauspielern.“, gab die Kriminelle schließlich zu.

Jodie starrte sie überrascht an und Chris wich ihrem Blick seitlich aus. „Spätestens an dem Abend, an dem sich herausgestellt hat, was meine Mutter deiner Familie angetan hat, hattest du mich. Seit diesem Tag hast du mir vertraut und ich...ich wusste, dass ich dir nichts mehr tun könnte, auch wenn du hinter mein Geheimnis kommen solltest.“

Einen Moment lang schwieg die junge Agentin und dachte über die Worte ihres Gegenübers nach. Einerseits klang ihre Aussage logisch, andererseits nicht nach den Worten, die man von einer Kriminellen erwartete.

„Wenn ich es mir recht überlege, hast du vermutlich in einem Punkt nicht gelogen. Du hast nie behauptet, eine bessere Person als deine Mutter zu sein, nur, dass du keine Pyromanin bist.“ Sie schmunzelte bitter. „Aber wie soll ich wissen, ob ich dir diese Geschichte glauben kann?“, hakte sie nach.

Die Schauspielerin nickte in Richtung ihrer Pistole, welche einige Meter weiter auf dem Boden lag, nachdem Jodie sie ihr abgenommen hatte. „Da hast du deinen Beweis. Ich hätte dich mit Leichtigkeit töten können und glaub mir, jede andere Person läge nun dort in ihrem eigenen Blut.“

Bei ihren Worten, lief der Blondine ein kalter Schauer über den Rücken. Das Chris keinerlei Skrupel hatte auf jemanden zu schießen, hatte sie erst heute vor dem Supermarkt bewiesen. Hier in der Lagerhalle hätte die andere Blondine jeden Grund gehabt sie auszuschalten und wohl auch jede Möglichkeit, dennoch lebte sie und war unverletzt.

Die FBI Agentin war verwirrt, wütend und erleichtert zugleich. Noch immer hatte sie ihre Schwierigkeiten damit, ihr Gegenüber als Schwerstkriminelle zu sehen, nur langsam verstand sie die ganze Situation wirklich und gleichzeitig war sie unglaublich froh nun zu wissen, dass Chris ihr seit Wochen ihr wahres Gesicht gezeigt hatte, auch wenn sie ihr gegenüber natürlich nie hatte zugeben können, dass sie neben ihrer Schauspielkarriere noch eine zweite, kriminelle Karriere hatte. Dann wurde ihr schlagartig klar, dass die andere Amerikanerin, wenn sie ihr gegenüber nicht geschauspielert hatte, folglich auch...

Die grünen Augen der Älteren blitzten amüsiert auf, als sie die Röte auf Jodies Wangen bemerkte, als diese sich noch einer ganz anderen Tatsache bewusst wurde.

„Blitzmerker.“, meinte sie nur. „Du bringst es nicht fertig mir die Handschellen anzulegen, ich kann dich wiederum nicht aus dem Weg räumen. Ziemlich blöde Situation, was?“

„Du sagst es. Allerdings kann ich dich nicht gehen lassen. Das, was du getan hast, ist keine kleine Ordnungswidrigkeit mehr.“, stellte die Agentin fest, blickte Chris an, dann widerstrebend die Handschellen.

„Ich weiß. Genau so, wie ich durchaus verstanden habe, dass du mir in den ganzen letzten Wochen ständig schöne Augen gemacht hast.“

Die Röte auf den Wangen der Jüngeren verstärkte sich nur noch. „Und mir ist nicht entgangen, dass du selbst nicht viel besser warst und darauf eingegangen bist, allerdings verstehe ich nun auch, warum du mich ab einem gewissen Punkt immer hast abblitzen lassen, oder das Thema gewechselt hast. Du wusstest, dass das FBI und eine kriminelle Organisation sich nicht all zu gut verstehen und das wir uns eines Tages in genau dieser Situation gegenüberstehen würden.“

Obwohl sie durchaus froh war, sich vor der anderen Blondine nicht die ganze Zeit über zum Affen gemacht zu haben, da die Schauspielerin ihr eben zu verstehen gegeben hatte, dass sie ähnlich für die Agentin empfand, wie diese für die Kriminelle, war da dieser deutliche, bittere Beigeschmack.

Das hier hatte keine Zukunft und sie wussten es. Die Situation hatte sich nicht geändert. Sie würde die Ältere nun wohl oder übel festnehmen müssen, ganz egal, wie sehr ihr dies persönlich missfiel.

„Ich habe vorhin ein Telefonat unterbrochen, als ich dein Motorrad hier vor der Lagerhalle entdeckt habe. Der Kollege, mit dem ich telefoniert habe, kennt mich gut genug um zu wissen, dass ich im Begriff war mich in eine nicht ganz ungefährliche Situation zu begeben. Wir sollten jetzt aufbrechen, ehe mein Kollege am Ende noch mein Handy orten lässt und ein Großaufgebot an Polizisten und Agenten hier in den Hafen beordert.“, ergriff Jodie schließlich wieder das Wort und schloss die erste Handschelle zögerlich um Chris linkes Handgelenk.

Die Kriminelle hatte nichts unternommen um dies zu verhindern, doch ehe die Jüngere die Handschelle um ihr rechtes Handgelenk schließen konnte, zog sie die Hand zurück, nur um sie im nächsten Moment leicht auf die Hand der Agentin zu legen.

„Warte noch einen Moment. Vermutlich hast du Recht, was deine Kollegen betrifft und nachdem du unsere Begegnung hier wohl für dich entscheiden konntest, werde ich mit dir gehen, aber bevor wir aufbrechen, gib mir noch die Gelegenheit eine Sache zu tun.“

Fragend legte die Jüngere den Kopf leicht schief. „Und die wäre?“

„Das wolltest du doch die ganzen letzten Wochen, oder?“, erkundigte die amerikanische Schauspielerin sich, ehe sie ihre freie Hand an die Wange der Agentin legte, sich zu ihrem Gegenüber beugte, kurzzeitig Blickkontakt suchte und sie schließlich küsste.

Wirklich überrascht war die junge Frau über die Aktion der anderen Blondine nicht, hatte sie spätestens in dem Moment gewusst, was diese vorgehabt hatte, als diese ihre Hand an ihrer Wange platziert hatte. Etwas dagegen hatte sie auch nicht, hatten sie sich in den letzten Wochen doch bereits mehrfach beinahe geküsst und jedes Mal war es aufs neue frustrierend gewesen, wenn Chris sich im letzten Moment weggedreht hatte und so getan hatte, als wäre nie etwas gewesen.

Jetzt verstand sie auch, warum die Kriminelle immer abgeblockt hatte, hatte Chris schließlich gewusst, dass sie eigentlich auf zwei verschiedenen Seiten standen. Sie hatte ihr schlicht und ergreifend keine falschen Hoffnungen machen wollen.

Jetzt jedoch, hatte sich so vieles geklärt und dies hier würde vermutlich die letzte Gelegenheit sein, sich überhaupt einmal nahe zu sein. Die Blondine schloss die Augen. Wie konnte etwas, was sich so richtig anfühlte, nur so falsch sein? Eigentlich waren die beiden Frauen so etwas wie Gegner und sollten sich nicht einmal sympathisch sein. Dies hier, war wohl die einzige und letzte Gelegenheit, sich ihre Zuneigung zu zeigen und so bitter dieses Wissen auch war, so sehr genoss Jodie gleichzeitig auch Chris Lippen auf ihren.

Schließlich gingen sie wieder ein wenig auf Abstand. Die Agentin öffnete die Augen und wusste, dass der Moment vorbei war. Nahe, wie sie der Schauspielerin gerade stand, blickte sie ihr unweigerlich in die grünen Augen und erkannte darin, dass auch die Ältere sich der Tatsache bewusst war, dass es nun an der Zeit war zu gehen.

Doch plötzlich war da dieses Funkeln in Chris Augen, welches Jodie sofort in Alarmbereitschaft versetzte, doch ihr blieb keine Zeit mehr zu reagieren. So kooperativ, wie die Blondine sich die ganze Zeit über verhalten hatte, so urplötzlich warf sie sich nun gegen die FBI Agentin und stieß die überrumpelte Frau geradewegs in den offen stehenden Container, vor dem sie die ganze Zeit über gestanden hatten.

Jodie strauchelte nach hinten, verlor dummerweise das Gleichgewicht und fand sich im nächsten Moment auf dem Boden des Containers sitzend wieder. Verletzt hatte sie sich nicht, nur erschrocken, doch dadurch, dass sie auf dem Boden gelandet war, gelang es ihr nicht mehr schnell genug aufzustehen, um Chris an ihrer nächsten Aktion zu hindern.

Die Kriminelle schloss eiligst erst eine Seite des Containers, dann die zweite. Gerade als Jodie sich wieder aufgerappelt hatte und sich von innen gegen die Türen warf, war es der Schauspielerin gelungen, einen schweren Riegel von außen vor den Container zu schieben.

Von jetzt auf gleich buchstäblich von der Dunkelheit verschluckt, erkannte die junge Agentin, dass sie in der Falle saß. Die Türen des Containers würde sie allein so leicht nicht öffnen können.

„Chris! Was zum?! Lass mich hier raus!“, rief sie nach der Kriminellen. Diese klopfte von außen leicht gegen die Wand des Containers.

„Es tut mir leid, das kann ich nicht tun. Genau so wenig, wie ich mich von dir festnehmen lassen kann. Würde man mich den USA ausliefern, würde ich höchst wahrscheinlich in der Todeszelle enden und du verstehst hoffentlich, dass ich das verhindern möchte.“

Kurzzeitig schwieg sie, dann ergriff die Amerikanerin erneut das Wort. „Alles, was ich dir eben gesagt habe, entsprach der Wahrheit, lediglich als ich dir versichert habe, mich gleich von dir festnehmen und mitnehmen zu lassen, habe ich wohl geflunkert. Aber keine Angst, du wirst hier schon nicht versauern. Ich habe dir eben dein Handy abgenommen und werde jemanden hier her schicken, der dich aus dem Container holt, sobald ich einen gewissen Vorsprung gewonnen habe.“

Von jetzt auf gleich die Stimme der FBI Agentin perfekt imitierend, fügte die Blondine hinzu :“Wenn ich von deinem Handy aus anrufe und mich deiner Stimme bediene, werden deine Kollegen erst wissen was passiert ist, wenn sie hier sind und dich hier rausholen.“

Für einen Moment legte Chris ihre Hand an die Wand des Containers. „Es tut mir leid, Jodie. Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen kennengelernt.“

Nach diesen Worten sammelte sie noch rasch die auf dem Boden liegende Pistole ein, ignorierte die Jüngere, die nach ihr rief und verließ die Lagerhalle schließlich durch das Loch in der Wand wieder.

Draußen atmete sie die kühle Nachtluft ein, schüttelte den Kopf um zu versuchen ihr schlechtes Gewissen, sowie das starke Verlangen nach einer Zigarette vorerst irgendwie zu verdrängen, ehe sie sich auf ihr Motorrad setzte und auf und davon fuhr.

Sobald sie ein wenig Abstand zur Lagerhalle gewonnen hätte, würde sie mit Jodies Stimme und deren Handy einen Kollegen der Blondine kontaktieren, dessen Nummer sich hoffentlich abgespeichert in dem fremden Handy finden würde. Anschließend wäre es an der Zeit das Handy loszuwerden und dann möglichst viel Abstand zwischen sich und das Hafengelände zu bringen.

In der Wohnung, in der sie aktuell lebte, sollte sie sich wohl besser nicht mehr blicken lassen, doch sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen hätte, in eine von vielen Verkleidungen zu schlüpfen, sollte sie mehr Zeit haben, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie genau sie das ganze Chaos nun eigentlich wieder gerade bügeln wollte.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)


Noch keine Kommentare



Zurück