Im Schatten der Walled City
Starr sah ich auf meine Schuhe und schulterte meine Schultasche, in welcher ich das Teuerste, was ich besaß, herumtrug. Es waren Sammelkarten. Ich hatte sie mit dem Geld, was ich zum Neujahrsfest in meinem roten Umschlag bekommen hatte, gekauft.
Andere Kinder spielten damit auf dem staubigen Boden vor der Schule, sie lachten und tauschten die Karten mit schmutzigen Fingern. Ich nicht. Sie waren zu wertvoll für mich, zu besonders. Ich berührte die glatte Oberfläche nur, wenn meine Hände sauber waren. Für mich waren sie kein einfaches Kinderspiel.
Jedes Monster hatte seinen Platz, jede Karte eine feste Regel. In der Enge unserer Wohnung, in der man sich ständig gegenseitig berührte, waren diese Karten das Einzige, was nur mir gehörte. Ein kleines Rechteck aus Perfektion in einer Welt, die nach Abfall und altem Fett roch.
Ich drückte die Tasche fest an meine Seite, als ich in die Schatten von Kowloon Walled City eintauchte. Einem Teil von Hongkong. Die Karten gaben mir ein Gefühl von Macht, das ich nicht erklären konnte. Sie Meine Eltern hatten dafür keine Zeit.
In Kowloon Walled City gab es keinen Tag und keine Nacht. Es gab nur das ewige Summen der Neonröhren und den Geruch von kochendem Fett und Abfall. Ich war elf, aber ich hatte schon gelernt, dass man in den Gassen verschwinden muss, wenn man überleben will. Entweder lernte man zu überleben oder man starb in diesem Slum. Wie das Leben auf der anderen Seite der Stadt wohl aussehen mag? Hongkong war eine Weltmetropole und gehörte doch zu den reichsten Städten der Welt. Davon merkte ich in der Walled City nichts.
Ich kam gerade von der Schule. Meine Eltern hatten kein Geld, und so besuchten meine Schwester und ich die örtliche Missionarsschule. Wie alle Kinder aus der armen Arbeiterklasse.
Der Übergang war jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. Hinter mir lag die Missionsschule mit ihren sauberen Steinböden und dem harten, englischen Alphabet, das noch immer in meinen Ohren nachhallte. Vor mir lag das Monster, das ich mein Zuhause nennen musste.
Kowloon City fraß das Licht. Sobald ich die erste Gasse betrat, verschwand die Sonne. Hier oben, wo die Häuser so eng zusammenstanden, dass man sich von Fenster zu Fenster die Hand reichen konnte, gab es keinen Himmel mehr. Nur noch ein Gewirr aus schwarzen Stromkabeln, die wie fette Adern über unseren Köpfen hingen und ständig leise summten. Die Menschen die mir in der enge begegneten waren blass und wirkten krank.
Ich hielt meine Schultasche fest an den Körper gepresst. Meine Uniform war weiß, ein gefährliches Weiß in dieser Welt aus Ruß und Abwasser. Ich wich einer Pfütze aus, in der reglose Fischabfälle schwammen, und ignorierte das Schreien der Verkäufer. Hier roch es nach allem gleichzeitig: nach süßlichem Opiumrauch aus den dunklen Hauseingängen, nach brennendem Plastik und dem scharfen Duft von Schweinefleisch, das an Haken in der feuchten Luft hing. Und von Abfällen die eigentlich in die Kanalisation gehörten. Wie es wohl war an einem Ort zu leben, der nicht nach sowas roch? Wo man keine Angst haben musste den Boden mit den Händen zu berühren? Meine Augen verengten sich. Diese Gedanken brachten mich nicht weiter, also drängte ich sie weit nach hinten in meinen Kopf.
Ich betrachtete die toten Tiere im Dreckwasser und wünschte mir für einen absurden Moment, wir hätten sie heute Abend auf den Tellern – sauber und gebraten. Doch selbst das war zu viel verlangt.
Der Wunsch würde nicht erfüllt werden können. Es gab eigentlich nur einfaches Essen und kaum Fleisch, das war für meine Familie zu teuer. Fisch hatten wir häufig, aber richtiges Fleisch konnten wir uns einfach nicht leisten. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter in einer Fabrik am Hafen und verdiente fast nichts. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ich betrachtete den Stadtteil, mein Zuhause, und spürte einen Hass in mir.
Ich hasste mein Leben hier, denn ich wusste, dass ich zu mehr geschaffen war, als in diesem elenden Dreck zu verkommen. Meine dunklen Augen verengten sich und ich biss mir kurz zornig auf die Lippen, während ich die Treppen zu unserer Wohnung hinaufging. Stufe um Stufe. Das laute Aufheulen einen Flugzeuges ließ das Haus erbeben.
Ich hatte nur sehr selten einen Aufzug nutzen können. Hier in Kowloon hatten die Häuser keinen, obwohl die grauen Kolosse hoch in den Himmel ragten.
Unsere Wohnung war kein Ort zum Leben, sie war eine Lektion in Demut. Vier Personen auf knapp zwanzig Quadratmetern bedeuteten, dass man niemals allein war, außer in seinem eigenen Kopf.
Wenn ich an der Türschwelle stand, konnte ich alles mit einem einzigen Blick erfassen. Links die winzige Kochstelle, auf der meine Mutter ständig Fisch dämpfte, dessen Geruch sich wie ein klammer Film in die Tapeten fraß. Manchmal kochte meine Mutter auch im Flur, dann war ich dankbar, denn so stank es weniger intensiv.
Neben der Kochzeile stand das Etagenbett, das ich mir mit meiner Schwester teilte. Sie schlief oben, umgeben von ihren Schulbüchern, während ich unten lag und auf die Unterseite ihrer Matratze starrte, die mit der Zeit durchhing wie ein schwerer, grauer Himmel. Ein kleiner Vorhang gab mir wenigstens das Gefühl etwas alleine zu sein. Auch, wenn ich das nie war.
Das einzige Fenster ging zum Innenhof hinaus. Es ließ kein Licht herein, nur den Lärm der Nachbarn und das Tropfen der Klimaanlagen von oben. Mein Vater saß meistens auf dem Klappstuhl am Tisch, den Rücken zur Tür, den Kopf gesenkt über seiner Zeitung. Er nahm den meisten Platz ein, ohne jemals wirklich präsent zu sein.
Um vom Eingang zum Bett zu gelangen, musste ich mich seitlich an ihm vorbeischieben. Jedes Mal, wenn mein Arm dabei seinen Stoff der billigen Arbeitsjacke streifte, spürte ich ein brennendes Verlangen, die Wände nach außen zu drücken. Die Enge war wie ein leises Ersticken. Ich beobachtete meine Schwester, wie sie versuchte, an dem kleinen Tisch ihre Hausaufgaben zu machen, während meine Mutter das Geschirr in einer Plastikschüssel wusch. Auch sie arbeitete viel und war als Näherin lange außer Haus. Als ich kleiner war, musste ich sie mit zu ihrer Arbeit begleiten und später mich dabei um meine kleine Schwester kümmern.
Meine Mutter grüßte mich freundlich und fragte, wie mein Tag in der Schule war. „Gut …“, meinte ich nur und zog mir meine saubere und reine Schuluniform aus und hing sie an das Etagenbett. Wir bekamen großen Ärger, wenn wir dreckig oder ungepflegt in der Schule erschienen. Ein perfektes und gepflegtes Äußeres wurde von der Schulleitung verlangt. Trotzdem roch sie oft nach Essen und ich bekam dafür Arger.
Ich zog mir meine normale, schlichte Kleidung an und hasste sie. Denn sie zeigte, dass selbst wir hier in diesem Stadtteil so gut wie nichts hatten. Selbst unter den Armen zählte meine Familie noch zu den Ärmsten.
Ich setzte mich auf mein Bett und blickte mich um. Hier gab es nichts Schönes. Alles musste nur funktional sein. Ich schwieg und begann kein Gespräch. Meine Noten waren hervorragend, und doch wusste ich, dass mir das nicht viel helfen würde.
Meine Mutter nannte mich „ruhig“. Mein Vater sah mich gar nicht an. Ich saß oft stundenlang in der Ecke unserer winzigen Wohnung und beobachtete, wie sie sich bewegten. Sie waren wie Insekten, die in einem Glas gefangen waren. Ich wollte kein Insekt sein. Doch ich wusste nicht, wie ich dem hier entkommen sollte. Wie konnte man aus dem Glas fliehen, in das man hineingeboren wurde? Wie konnte ich meine Ketten sprengen?
Mein Vater erhob sich, um seiner Tätigkeit in einer Fabrik nachzugehen. Ich hörte, wie er sich von meiner Mutter verabschiedete. Meine Schwester war weiterhin mit ihren Hausaufgaben beschäftigt und ich setzte mich zu ihr. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, hier herauszukommen durch Bildung. Ich selbst erkannte für mich hier keine Zukunft.
Als ich fertig mit den Hausaufgaben war, bat meine Mutter mich, ihr etwas Gemüse von den Händlern zu besorgen. Sie selbst wusch in unserem Badezimmer gerade Kleidung. Ich wusste, dass es Waschmaschinen gab. Aber gesehen hatte ich noch keine wirklich.
Ich nahm das wenige Geld entgegen und nickte nur. An diesem Nachmittag regnete es. Ich nutzte den Botengang als Gelegenheit, um der erstickenden Enge der Gassen für einen Moment zu entkommen. Um den Himmel zu sehen und Licht, welches nicht von einer einzelnen Glühbirne auf mich hinab schien.
Ich lief bis vor an die große Außenstraße, wo der Slum auf die echte Stadt traf und ich endlich, das Grau des Himmels sehen konnte.
Ich stand im Schatten eines Zeitungsstandes und beobachtete einen schwarzen Mercedes. Meine Augen wurden groß. Das war kein Wagen, der hierhin gehörte.
Ich erkannte schnell, wem der Wagen gehörte. Er kam gerade aus einem der Geschäfte. Aber der Mann passte nicht hierher. Sein Anzug war zu sauber, seine Bewegungen zu sicher. Er strahlte eine Macht aus, die die Luft um ihn herum schwer machte.
Ich bewunderte ihn, obwohl ich ihn nicht kannte. Was wollte so jemand hier? So jemand gehörte nicht in diesen Stadtteil. Er gehörte auf die andere Seite der Stadt, welche ich noch nie gesehen hatte. Ich betrachtete die Tüte mit dem Gemüse und kam mir albern vor. Er sprach mit einem der Händler hier, von dem ich wusste, dass man sich mit ihm nicht anlegen sollte. Man zahlte, was er verlangte, oder ging besser. Ich bemerkte, wie der gut gekleidete Mann mit dem Händler diskutierte und er abweisend den Kopf schüttelte. Dieser Mann hatte keine Angst. War dem Idioten nicht klar, dass er mit seinem Auftreten die komplette Aufmerksamkeit auf sich zog?
Drei Männer traten aus einer Seitengasse. Ich roch den Alkohol und kannte sie. Sie waren Loser, aber leider gewalttätige Verlierer. Sie schienen so betrunken, dass sie in dem Mann jemanden sahen, den sie wohl hochnehmen konnten. Sie hatten Messer, billige Klingen, die im fahlen Licht glänzten. Wahrscheinlich dachten sie, sie hätten ein leichtes Opfer gefunden.
Ich hätte wegrennen können. Das war die Regel in Kowloon. Wer stehen bleibt, stirbt mit. Aber ich blieb. Ich wollte sehen, wie Macht blutet. Oder wie sie sich wehrt. War er wirklich ein Gewinner oder nur jemand in einem schicken Anzug? Doch dann kam mir etwas in den Sinn: Wenn ich ihm half, konnte er mir Geld geben. Er würde mir dann etwas schulden. Er hatte eindeutig Geld. Und kurz blickte ich auf das schrumpelige Gemüse und sah hinauf. Der Mann in Anzug hatte die Männer wirklich noch nicht bemerkt.
„Hey, du im schicken Anzug! Pass auf“, meinte ich nur kalt, und es war, als würde ich erst jetzt für diesen Mann sichtbar werden, und als er meinem Blick folgte und das Messer in den Händen der Männer sah, reagierte er erstaunlich schnell.
Der Mann bewegte sich wie eine Raubkatze. Bevor die drei Angreifer begriffen hatten, dass ihre Deckung aufgeflogen war, war er bereits bei ihnen. Es gab kein langes Zögern, kein Geschrei. Ich hörte nur das dumpfe Geräusch von Fleisch auf Fleisch. Ein gezielter Schlag gegen das Kinn des ersten Mannes, das metallische Klirren eines Messers auf dem nassen Asphalt. Eine blitzschnelle Faust traf die Wange des zweiten Angreifers. Blut spritzte aus dessen Nase, als er stöhnend zusammensackte. Der verbliebene Dritte wich panisch zurück, die Augen geweitet vor plötzlicher Angst. Er hatte ein Schaf erwartet und einen Wolf gefunden. Hastig zerrte er seine Kumpel hoch und sie verschwanden in den Schatten der Hochhausschluchten..
Ich stand noch immer unbeweglich im Schatten des Zeitungsstandes. Die Tüte mit dem Gemüse lastete schwer in meiner Hand. Fast schon enttäuscht sah ich den Männern nach. Ich hatte mehr erwartet.
Der Fremde strich sich seinen Anzug glatt, als wäre nichts geschehen. Sein Atem ging ruhig, während er auf mich zukam. Er war groß, viel größer als mein Vater, und sein Blick war so scharf wie die Klingen, die gerade noch auf ihn gerichtet gewesen waren. Er blieb vor mir stehen. Der Geruch von teurem Tabak und Leder verdrängte für einen Moment den Gestank von Müll. Stumm sahen wir einander an, und ich senkte den Blick nicht.
„Du hast keine Angst“, stellte er fest. Es war keine Frage. Seine Stimme war tief und klang wie das Knirschen von Kies.
„Brauchte ich ja nicht. Sie wollten ja nicht mein Gemüse“, antwortete ich und sah ihm direkt in die Augen. Ich wollte nicht wie ein Kind wirken. Ich wollte, dass er sah, dass wir aus demselben Holz geschnitzt waren. Dass ich kein ängstliches Kind war.
Er lachte nicht. Er betrachtete mich einen Moment lang, als würde er den Wert einer Ware schätzen. „Warum hast du mich gewarnt?“, fragte er direkt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich sah ihn an und meinte kühl: „Weil ich dachte, dass dir dein Leben vielleicht etwas wert ist und ich dann endlich mal satt ins Bett gehen kann.“
Erstaunt betrachtete er mein Gesicht, bevor ein Grinsen über seine Lippen huschte. Dann griff er in seine Innentasche und holte ein Bündel Geldscheine heraus. Meine Augen weiteten sich. So viel Geld hatte ich noch wie gesehen. Er zog einen Schein ab – mehr Geld, als mein Vater in einem ganzen Monat nach Hause brachte – und hielt ihn mir hin.
Ich sah den Geldschein an, aber ich griff nicht sofort danach. Ja, ich brauchte das Geld. Aber ich wollte nicht wie ein Bettler aussehen. Schließlich hatte ich gerade sein Leben gerettet. Er schuldete es mir. Das waren keine Almosen.
Ein schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er ließ den Schein in meine Gemüsetüte fallen, direkt auf den welken Kohl. „Wie heißt du, Junge?“
„Li Qiang“, sagte ich.
„Li Qiang“, wiederholte er, als würde er den Namen testen. „Komm morgen um dieselbe Zeit hierher. Ohne das Gemüse. Wenn du mehr verdienen willst, habe ich vielleicht etwas für dich, bei dem du mir helfen kannst…“
Ich sah auf das Geld, stellte mir vor, wie ich davon Karten kaufte, und blickte hinauf in das Gesicht des Fremden. Ich nickte nur. Wie er hieß, war mir egal.
Er musterte mich ein letztes Mal, hob langsam eine Hand und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn – ein stummer Gruß, der sich anfühlte wie ein besiegelter Vertrag. Dann wandte er sich um. Er öffnete die Tür des Mercedes, und für einen kurzen Atemzug drang das sanfte Leuchten der Armaturen und der Geruch von edlem Leder zu mir in den kalten Regen heraus. Ein unbezahlbarer Luxus.
Er stieg ein und schloss die Tür mit einem satten, schweren Klang, der die Geräusche des Slums auf einen Schlag schluckte. Der Motor schnurrte leise auf, und ich sah zu, wie die roten Rücklichter im Grau des Regens verschwanden. Ich spürte, wie mein Herz klopfte – nicht vor Angst, sondern vor Triumph. Der Händler, mit dem der Mann sich unterhalten hatte, sah mich skeptisch an, doch ich ignorierte seinen Blick. Es war bezeichnend für diesen Ort, dass niemand in Panik ausbrach, als die Schlägerei gerade war. Alle sahen nur weg und niemand wollte damit etwas zu tun haben.
Langsam ging ich wieder hinein in die graue, schwarze Welt der Walled City und betrachtete den Geldschein.
Ich ging zu einem Laden und kaufte mir sogar zwei Packungen Spielkarten. Einfach so ohne groß darüber nachzudenken. Und vermutlich taten andere Kinder das ebenfalls einfach so. Danach hatte ich noch immer genug übrig, damit meine Mutter meiner Schwester und mir etwas Ordentliches kochen konnte.
Als ich zu Hause ankam, betrat ich unsere Wohnung. Der Geruch von gedämpftem Fisch schlug mir wieder entgegen, aber dieses Mal war er mir egal. Ich legte das Gemüse auf den Tisch und platzierte zwei zerknitterte Geldscheine daneben. Meine Mutter hielt inne, ihre nassen Hände erstarrten an der Plastikschüssel. „Qiang? Woher hast du das?“, fragte sie und betrachtete besorgt das Geld. Dennoch war ihr Blick wachsam und glitt an mir entlang. Sie suchte nach Wunden, oder etwas anderem, von dem nur sie wusste. Immer noch hielt ich ihr die Scheine hin und mit zittrigen Fingern nahm sie es entgegen.
„Gefunden. Ich war außerhalb der Walled City. Da hat jemand nicht aufgepasst“, sagte ich flach und sah sie nicht an. „Kauf morgen Fleisch. Ich will morgen kein Gemüse essen.“ Sie fragte nach, ob ich wirklich die Wahrheit sagte und ich bestätigte meine Lüge problemlos. Erleichtert sah sie mich an und endlich sah ich Erleichterung in ihren vertrauten Augen. Ich bemerkte die Freude meiner Mutter und schmunzelte leicht. Nie hatte ich ihr einen Grund gegeben meinen Worten nicht zu glauben.
Ich setzte mich auf mein Bett und riss die Folie der neuen Kartenpackungen auf. Das Knistern des Kunststoffs klang für mich wie Musik. Für mich war jede Karte etwas Besonderes, doch als ich auf die erste Karte der zweiten Packung starrte, erstarrte ich. Es war ein schwarzer Drache. Eine mächtige und seltene Sammelkarte. Vorsichtig strich ich über die glatte Oberfläche, und ein ehrliches, zufriedenes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Ich sah zu meiner Schwester hinüber, die mich mit großen Augen anstarrte. Ich gab ihr nichts ab. Das war mein Geld. Mein Sieg. Doch sollte ich morgen wieder Geld bekommen, würde ich ihr etwas Schönes kaufen.
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Guten Tag und herzlich willkommen!
Ich hoffe, der Einstieg hat euch gefallen. Für mich ist das dieses Mal etwas ganz anderes. Der Hauptcharakter hat mich in den letzten Monaten einfach nicht mehr losgelassen, und mittlerweile sind schon einige Kapitel geschrieben. Auch wenn die Geschichte noch nicht vollends abgeschlossen ist, bin ich wieder an dem Punkt, an dem ich ganz klar sagen kann: Sie wird nicht abgebrochen! ;)
Kanntet ihr die Walled City eigentlich schon? Ich hatte bis zu meinen Recherchen noch nie davon gehört. Aber als ich die ersten Bilder gesehen habe, musste ich sofort an das Spiel Cyberpunk denken!
Wünsche Euch einen schönen Tag
Die erste Lektion des Wolfs
Das Kratzen der Kreide auf der Tafel war das einzige Geräusch, das die drückende Schwüle im Klassenzimmer durchschnitt. Für die anderen war es ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag, ein zähes Warten auf die Freiheit. Für mich war es eine Übung in Geduld.
Ich saß aufrecht, die Hände flach auf der hölzernen Tischplatte, die Kanten meiner Hefte exakt parallel zur Tischkante ausgerichtet. Mein weißes Hemd klebte nicht an meinem Rücken, obwohl die anderen Jungen bereits in ihrem Schweiß schwammen und die obersten Knöpfe ihrer Uniformen geöffnet hatten. Sie sahen aus wie zerknitterte Papierhaufen. Unordentlich. Disziplinlos.
Ich beobachtete den Lehrer, wie er englische Vokabeln an die Tafel schrieb. Er glaubte, er würde uns Bildung lehren, aber er lehrte uns nur Gehorsam. Ich lernte die Wörter nicht, weil ich sie liebte, sondern weil sie Werkzeuge waren. Wer die Sprache der Mächtigen spricht, wird eines Tages selbst mächtig. Denn das hier war nicht meine Zukunft.
Hinter mir hörte ich das unterdrückte Kichern von Wong und Chen. Sie warfen sich kleine Papierkügelchen zu und dachten, sie wären besonders mutig, weil sie den Unterricht störten. Ich musste nicht einmal hinsehen, um ihre Dummheit zu spüren. Sie verschwendeten ihre Zeit mit Spielen, die keinen Gewinn abwarfen. In ihren Augen sah ich nur die Leere von Menschen, die für immer in den Gassen von Kowloon bleiben würden.
Als der Lehrer kurz darauf einen Test zurückgab, betrachtete ich meine Bestnote. Doch so schnell der Stolz kam, so schnell war er auch wieder verflogen. Die Note brachte mir hier nichts. In anderen Familien gab es dafür vielleicht eine Belohnung, in der meinen nicht. Manchmal schweifte mein Blick zum Fenster, doch dort gab es nichts zu sehen außer der grauen Wand des Nachbarhauses. Kein Himmel, nur Beton. Nichts, was ansatzweise schön war.
„Li?“, die Stimme des Lehrers riss mich nicht aus meinen Gedanken – ich war ohnehin präsent. „Lies bitte den nächsten Absatz vor.“
Ich stand langsam auf, rückte meinen Stuhl geräuschlos zurück und las mit klarer, emotionsloser Stimme. Mein Englisch war gut. Nicht perfekt, aber gut. Ich sah, wie Chen mich hasserfüllt anstarrte, weil er selbst kaum einen geraden Satz herausbrachte. Sein Neid war wie ein billiges Parfüm – aufdringlich und leicht zu durchschauen. Als ich mich wieder setzte, spürte ich die angenehme Kälte meiner Sammelkarte, die ich in der Innentasche meiner Weste trug. Die anderen besaßen nur ihre lauten Stimmen und ihren billigen Schabernack. Ich besaß Ordnung. Und ich besaß ein Geheimnis, das später am Zeitungsstand auf mich wartete.
Ich verbrachte die Pause oben auf dem Dach unserer Schule. Ein hoher Zaun sollte dafür sorgen, dass wir im Spiel nicht versehentlich vom Dach fielen. Ich setzte mich und öffnete meine Blechdose. Was hätte ich für ein richtiges Mittagessen gegeben … Ich aß den kalten Reis und das gedämpfte Gemüse. Ich hoffte inständig, dass ich heute Nachmittag wieder Erfolg haben würde, damit meine Mutter am Abend echtes Fleisch kochen konnte. Meine Schwester saß bei ihren Freundinnen, und ich sah, wie sie zusammen lachten. Sie war anders als ich. Freundlicher, lauter, offener. Ich begriff nicht, warum sie lachte. Wir hatten fast nichts, wir lebten in einem Loch, und sie benahm sich, als wäre alles ein großes Spiel. Für mich gab es nichts zu lachen, solange ich noch hier feststeckte.
Nach dem Essen lehnte ich mich gegen den Zaun. Das Metall zitterte, weil ein paar Jungs dagegenrannten. Sie spielten Fangen und sahen aus wie Idioten, wie sie einander die Hemden aus der Hose rissen.
„Hey, Li!“, rief Chen. Er kam angerannt, sein Gesicht war rot und voller Dreck. Er hielt einen Stapel Karten in der Hand, die mit einem fetten Gummiband zusammengehalten wurden. Wie konnte man so etwas nur so behandeln? „Spielst du mit? Wir werfen.“
Ich sah auf seine Finger. Unter seinen Nägeln klebte schwarzer Schmutz vom Treppengeländer.
„Nein“, sagte ich, ließ den Deckel meiner Blechdose laut zuschnappen und sah hinauf in seine braunen Augen.
„Komm schon, hab keine Angst. Zeig mal, was du hast.“ Chen kam einen Schritt näher. Er wollte gar nicht spielen, er wollte nur sehen, ob ich bessere Karten hatte als er.
Ein paar andere Jungs blieben stehen. Sie fingen an, ihre Karten auf den Boden zu knallen. Das Ziel war es, die Karte des anderen umzudrehen, indem man seine eigene flach danebenwarf. Wer sie umdrehte, durfte sie behalten. Ich sah zu, wie eine glänzende Karte über den harten Beton rutschte. Der Boden machte fiese Kratzer auf das Bild. Wie konnte man so blöd sein? Das waren keine Steine, das waren Schätze.
„Bist du ein Feigling, Li?“, grinste Chen und sah zu den anderen. Er hielt seine Karte hoch, einen zerknitterten Ritter.
„Ich werfe meine Sachen nicht in den Dreck“, sagte ich laut. Ich stand auf und machte mich so groß wie möglich. „Guck dir doch mal deine Finger an, Chen. Du bist total dreckig. Ich fasse deine ekligen Karten gar nicht erst an.“
Ein paar Jungs lachten. Chen wusste nicht, was er sagen sollte. Er hob die Hand, als wollte er mich schubsen, aber er tat es nicht. Ich guckte ihn einfach nur an. Ganz ruhig. Ich blinzelte nicht einmal. Ich wusste, dass ihn das nervös machte. Die meisten Kinder schrien herum, wenn sie stritten, aber ich war einfach nur still.
„Du bist echt ein Spinner, Li“, brummte er und drehte sich um.
Ich klopfte mir den Staub von der Hose. In meiner Tasche fühlte ich den Drachen. Er war sicher. Er war sauber. Während die anderen im Staub um kaputte Karten stritten, wartete ich auf das Treffen heute Nachmittag. Das war viel wichtiger als ihr dummes Spiel. Denn wenn ich mich geschickt anstellte, würde ich bald dafür sorgen, dass wir nie wieder hungrig ins Bett gehen mussten.
Nach der Schule ging ich nicht nach Hause. Ich sagte meiner Schwester, dass sie unserer Mutter Bescheid geben sollte, dass ich länger weg sein würde. Es war nichts Neues. Denn die Enge unserer Wohnung war für alle manchmal schwer auszuhalten.
Ich ging wieder zu dem Ort, an dem ich gestern den Mann getroffen hatte. Ich stand am Zeitungsstand und tat so, als würde ich die Schlagzeilen lesen. In Wahrheit achtete ich auf jedes Motorgeräusch. Ich wollte nicht, dass man mir ansah, wie sehr ich darauf hoffte, dass er kam.
Der Mercedes bog nicht um die Ecke. Stattdessen spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich fuhr nicht herum, ich erstarrte nur.
„Pünktlich“, sagte die tiefe Stimme des Mannes hinter mir. „Das ist gut. Wer pünktlich ist, ist verlässlich.“
Ich sah in das Gesicht des Mannes von gestern und ging automatisch zurück. Sein Anzug war noch genauso makellos wie gestern. Kein einziger Aschefleck, kein Staubkorn. Ich fragte mich, wie er das in diesem Dreckloch schaffte.
„Willst du wieder überfallen werden?“, fragte ich forsch. Ich versuchte, so cool wie möglich zu klingen, und verschränkte die Arme.
Der Mann lachte nicht. Er sah mich nur an, und sein Blick war plötzlich so schwer, dass meine Arme fast von allein wieder sanken. Er strahlte etwas aus, worum ich ihn beneidete. Autorität. Eine Autorität, die er ohne Schreien und ohne Schlagen bekam. Seine Augen durchbohrten mich regelrecht. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch direkt über meinen Kopf.
„Du hast ein loses Mundwerk, Kleiner“, sagte er ruhig. Es war keine Drohung, aber ich spürte, dass ich nicht zu weit gehen durfte. „Aber du hast Biss. Und du kennst die Rattenlöcher hier besser als ich.“
Er lehnte sich gegen die Wand, sein Anzug wirkte wie ein Fremdkörper auf dem rissigen Beton. „Ich benötige jemanden, der Dinge bewegt. Briefe, kleine Päckchen. Jemand, der so aussieht, als käme er gerade von der Schule, fällt nicht auf. Glaubst du, du schaffst das, ohne dass dich jemand erwischt?“
Ich sah ihn perplex an. Er wollte mich als Kurier. Er wollte, dass ich sein Schatten in den Gassen wurde.
„Ich kenne Abkürzungen, da passt nicht mal ein Hund durch“, meinte ich, und mein Herz fing an, schneller zu schlagen. Ich war hier aufgewachsen. Natürlich kannte ich dieses Rattenloch. Wenn es um so etwas Simples ging, konnte ich ihm wirklich nützlich sein. Erneut nahm er einen Zug von seiner Zigarette und schmiss den Stummel vor mir auf den Boden. Er hielt mir einen Umschlag hin und meinte: „Zhang Yimou, hat ein Wechselbüro. Sag ihm, der graue Wolf schickt dich, und ich erwarte, eine Antwort. Weißt du, wo das ist?“
Kurz runzelte ich die Stirn und fragte nach einem Augenblick: „Ist das der mit dem fetten Bierbauch? Neben einem Friseur?“ Ein kurzes Grinsen schlich über das Gesicht des Mannes und er nickte nur. Ich nahm den Umschlag und blickte von ihm zu dem Typen vor mir.
„Was bekomme ich dafür?“, wollte ich wissen und betrachtete den viereckigen Umschlag. Kurz grinste der Mann, der sich der graue Wolf nannte, und zündete sich erneut eine Zigarette an und meinte: „Garantiert nicht so viel wie gestern. „Aber wenn du schnell bist, bekommst du noch was obendrauf …“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so spurtete ich los.
Ich rannte nicht über die Hauptstraßen. Das wäre dumm gewesen. Wer auf den großen Wegen rannte, zog Blicke auf sich – und Blicke bedeuteten Fragen. Ich bog sofort in eine schmale Gasse ab, in der das Abwasser in einer offenen Rinne in der Mitte des Weges floss.
Die Walled City war für die meisten ein Monster, in dem man sich verirrte, aber für mich war es wie ein riesiger Spielplan. Ich kannte die Lücken. Ich kannte die Wege.
Ich sprang über eine Kiste mit fauligen Melonen und schlüpfte hinter einem klappernden Ventilator durch einen Spalt, der so schmal war, dass der raue Beton an meinen Schultern kratzte. Ein kurzes Ziehen an meiner Uniformjacke ließ mich fluchen – wenn sie riss, würde meine Mutter Fragen stellen. Aber ich hielt nicht an.
Über mir hingen tausende Stromkabel wie schwarze Spinnweben. Sie summten so laut, dass man das eigene Atmen kaum hörte. Es roch nach verbranntem Plastik und dem süßlichen Dampf der Garküchen, die ihre Abfälle einfach hinter die Tür kippten. Ich wich einer Katze aus, die so räudig aussah wie die Schatten, in denen sie lebte.
Ich kletterte eine rostige Eisenleiter hinauf, die an der Außenwand eines Wohnblocks hing. Die Sprossen waren rutschig von Fett und Ruß. Von hier oben konnte ich in die Fenster der Menschen sehen. Ein alter Mann starrte mit leeren Augen auf einen flackernden Fernseher, eine Frau schrie ihr Kind an. Sie wirkten alle so klein und festgefahren. Ich war der Einzige, der sich bewegte. Ich war der Schatten, den der graue Wolf geschickt hatte.
Ich sprang von einem Mauervorsprung zurück auf den Boden einer noch dunkleren Gasse. Hier unten brannte kein Licht mehr, nur das ferne, rote Glühen einer Neonreklame warf blutige Schatten auf den Boden.
Noch zwei Abbiegungen, vorbei an der illegalen Zahnarztpraxis, aus der das hohe Surren eines Bohrers drang, dann sah ich es. Das Schild des Wechselbüros war klein und verbeult.
Ich verlangsamte meinen Schritt. Ich wollte nicht außer Atem wirken. Ich strich meine Uniform glatt und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
Vor der Tür, auf einem viel zu kleinen Schemel, saß er. Der Bauch spannte das billige Unterhemd so sehr, dass man die Knöpfe fast ächzen hörte. Zhang Yimou. Er fächerte sich mit einer alten Zeitung Luft zu und sah aus, als würde er gleich in der Hitze schmelzen.
Ich trat auf den Mann zu und hielt ihm den Umschlag hin. „Vom grauen Wolf für dich“, meinte ich nur, und perplex starrte er mich an.
Sein Blick glitt an mir entlang. Und unschlüssig nahm er den Brief. Er sah auf die Schrift und blickte dann zu mir. „Warte“, meinte er nur und verschwand im Hinterzimmer seines schäbigen Ladens. Ungeduldig wartete ich, denn er sollte sich beeilen. Schließlich bekam ich mehr, wenn ich schnell wieder bei dem Typen war.
Als Zhang zurückkam, hielt er kein Papier in der Hand. Er reichte mir ein kleines, schweres Päckchen, das fest mit braunem Klebeband umwickelt war. Ich war kurz überrascht – der Wolf hatte von einer Antwort gesprochen –, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich griff nach der Schachtel, spürte ihr unerwartetes Gewicht und steckte sie hastig in meine Schultasche zu den Sammelkarten. Ohne eine Verabschiedung machte ich mich sofort auf den Rückweg.
Als ich wieder vor dem Mann stand, sah ich, dass er auf seine Armbanduhr blickte. Eine glitzernde, silbrige Uhr – ich hatte noch nie eine so schöne gesehen.
„Du warst schnell …“, er nahm das Paket entgegen, das ich ihm reichte, und kontrollierte es. Vermutlich wollte er sehen, ob ich es geöffnet hatte. „Du hast nicht reingeschaut“, stellte er zufrieden fest und betrachtete mich mit gerunzelter Stirn. „Hm“, kam es langgezogen von ihm. Er griff in die Innenseite seines Sakkos und zog seine Geldbörse hervor. Meine Augen weiteten sich, als er mir einige Scheine hinhielt.
Ich griff nach ihnen. Es war genug, um auch heute wieder warmes Essen für uns alle zu kaufen.
„Was hältst du davon, wenn wir uns öfter sehen? Du kennst dich hier aus. Ich nicht. Ich muss hier Sachen erledigen, und du kannst mir helfen …“
Sofort nickte ich. Ich hätte nicht gedacht, dass man so einfach an Geld kommen konnte. „Klar“, meinte ich und fügte arrogant hinzu: „Wenn du dir dafür zu fein bist, sage ich nicht nein.“
Ein plötzliches Brennen explodierte auf meiner Wange. Ein lautes Klatschen ertönte, und mein Kopf flog zur Seite.
Mit dieser Ohrfeige hatte ich absolut nicht gerechnet. Für einen Moment setzte das Geräusch der Straße aus. Mein Ohr pfiff gellend, und der metallische Geschmack von Blut mischte sich mit dem Speichel in meinem Mund. Ich starrte den Mann an. Meine Knie zitterten ganz leicht, aber ich zwang mich, stehenzubleiben.
„Wenn du weiterhin so frech bist, überlege ich es mir noch mal… Wenn du und ich zusammenarbeiten wollen, wirst du Respekt lernen müssen, Li“, meinte er ruhig. Er schrie nicht, er hob nicht einmal die Stimme. Und doch schnürte mir seine Kälte die Kehle zu.
Ich hielt mir die brennende Wange. Die Haut glühte, und in meinen Augen staute sich heiße Flüssigkeit, aber ich blinzelte sie weg. Ich weinte nicht. Hier weinten nur die Schwachen, und ich würde verdammt noch mal nicht schwach sein. Was mich tiefer traf als der körperliche Schmerz, war die Demütigung. Er hatte mich gerade wie ein Tier gemaßregelt.
Ich verstand jetzt: Das hier war kein Spiel auf dem Schulhof. Das war ein Geschäft, und in seinem Geschäft gab es keine Witze. Ich schluckte meinen Stolz hinunter und nickte langsam.
Er beugte sich ein Stück zu mir herab. Er roch nach teurem Tabak und Rasierwasser – ein Duft, der wie eine eigene Machtkomponente in dieser dreckigen Gasse stand.
„Morgen zur gleichen Zeit“, sagte er. Seine Stimme klang nun wieder fast freundlich, was die Sache nur noch unheimlicher machte. „Und wehe, deine Uniform ist dann schmutzig. Wer für mich arbeitet, sieht ordentlich aus. Hast du das verstanden?“
„Ja, Sir“, presste ich hervor. Mein Kiefer tat weh, aber ich zwang mich, seinen Blick auszuhalten. „Ich werde da sein.“
Er klopfte mir zweimal hart auf die Schulter, beinahe kameradschaftlich, als wäre nichts gewesen. Dann drehte er sich um und ging zu seinem Wagen. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah ihm nach, bis die roten Rücklichter des Mercedes in der nächsten Querstraße verschwanden.
In meiner Hand hielt ich die Geldscheine. Sie waren zerknittert, aber sie fühlten sich schwerer an als alles, was ich jemals besessen hatte. Der Schmerz im Gesicht war der Preis für dieses Geld – und ich beschloss in diesem Moment, dass ich bereit war, diesen Preis immer wieder zu zahlen.
Auf dem Rückweg kam ich an einem kleinen Schreibwarenladen vorbei. In der Auslage, zwischen verstaubten Heften, lag ein einzelner Stift. Er war durchsichtig, und im Inneren schwammen silberne Glitzerpartikel in einer blauen Flüssigkeit. Ich erinnerte mich, wie meine Schwester im Laden einmal sehnsüchtig davor stehen geblieben war, bis meine Mutter sie am Arm weitergezogen hatte, weil wir kein Geld für solchen Unsinn besaßen.
Ich kaufte ihn. Der Verkäufer starrte auf den großen Geldschein in meiner kleinen, schmutzigen Hand, aber er schwieg.
Zu Hause war es eng und roch nach gebratenem Kohl. Meine Schwester saß am wackeligen Küchentisch und malte mit einem fast abgekauten Bleistift auf die Rückseite einer alten Zeitung. Als ich eintrat, sah sie sofort meine Wange. Sie riss die Augen auf und wollte gerade nach unserer Mutter rufen.
„Hier“, unterbrach ich sie und legte den Stift mitten auf ihren Zeitungsfetzen.
Sie erstarrte. Das blaue Leuchten des Stifts wirkte in unserer grauen Wohnung wie ein Juwel. Vorsichtig streckte sie die Hand danach aus, als würde er zerbrechen, wenn sie ihn zu fest anfasste.
„Woher hast du… ?“, flüsterte sie und sah mich mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung an.
„Frag nicht“, sagte ich kühl und strich mir über die brennende Haut. „Und sag Mutter nichts davon. Ich bin gegen eine Tür gelaufen. Und ich habe Geld gefunden.“
Ich sah, wie sie den Stift fest umschloss und ein kleines, ungläubiges Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Ich erwiderte es nicht. Ich ging direkt in die Ecke, in der unser Doppelbett stand, und legte mich hin. Ich tastete nach den Scheinen in meiner Tasche. Meine Wange pochte im Takt meines Herzschlags, aber ich lächelte innerlich. Ich war kein Kind mehr, das darauf wartete, dass ihm jemand etwas gab. Ich war derjenige, der die Geschenke brachte. Und morgen würde ich wieder zum grauen Wolf gehen.
Ich zog den schwarzen Drachen aus der Tasche und strich behutsam über das glatte Bild. Sie war so besonders, so unberührt von diesem Ort.
Meine Mutter kam aus unserem winzigen Badezimmer, hängte die Wäsche auf eine Leine und begann, das Abendessen zuzubereiten. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich sah, dass sie ein frisches Stück Schweinefleisch auspackte. Sie hatte es von dem restlichen Geld gekauft, das ich gestern nach Hause gebracht hatte – doch die Scheine waren nun aufgebraucht. Als sie mich nach der Schule fragte, erzählte ich ihr von meiner Bestnote. Natürlich entging ihr die Schwellung in meinem Gesicht nicht. Ich tischte ihr dieselbe Lüge auf: ein Unfall nach dem Unterricht. Sie strich sanft über die schmerzende Stelle, und ich zuckte leicht zusammen. Sie glaubte mir blind, weil ich in ihren Augen immer der ehrliche, gute Junge war. Während ihre Finger meine heiße Haut berührten, umklammerte ich tief in meiner Hosentasche das neue Geld. Die Lüge tat weh, aber das Gefühl der Macht war stärker.
Kurz darauf hörte ich das schwere Schlurfen von Schritten im Flur. Mein Vater kam herein. Er arbeitete in den Docks, und der Geruch von Diesel und salzigem Meerwasser klebte an ihm wie eine zweite Haut. Er sah unendlich müde aus, seine Schultern hingen tief, als lastete die gesamte Schwere von Kowloon auf ihm.
Meine Mutter stellte die Schüssel mit dem dampfenden Reis und dem Fleisch in die Mitte des Tisches. „Mailin hat heute fleißig beim Tragen geholfen, und schau dir den Test von Qiang an“, sagte sie leise zu meinem Vater und lächelte mich an. Es war ein Lächeln voller Stolz, das mir fast körperlich wehtat. „Er ist ein guter Junge. Und Mailin hilft, wo sie kann.“
Mein Vater brummte nur etwas Unverständliches. Er nahm ein Stück vom Fleisch und legte es auf meinen Reis. Es war seine Art, Danke zu sagen. Früher hätte ich mich darüber gefreut. Heute sah ich nur seine rissigen Hände und die dunkle Dreckkruste unter seinen Nägeln. Ich sah einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang abgemüht hatte und am Ende nichts besaß außer einer erschöpften Frau und einer Wohnung, die kaum größer war als ein Schrank.
So werde ich nicht enden, dachte ich und stocherte im Reis. Ich werde nicht für ein Stück Fleisch buckeln.
Im fahlen Licht der nackten Glühbirne fiel dem Vater die Rötung an meiner Wange nun erst richtig auf. Er legte die Stäbchen beiseite. „Was ist das, Qiang? Hast du dich geschlagen?“
Seine Hand, rau von der Fabrikarbeit, legte sich sanft auf mein Gesicht. Ich wollte zurückweichen, wollte seine Sorge abschütteln wie lästigen Staub.
„Ich bin nach der Schule gegen eine Tür gelaufen, Vater. Es ist nichts“, sagte ich und zwang mich, seinem Blick standzuhalten. Er musterte mich misstrauisch. Anders als Mutter glaubte er mir nicht sofort, aber er bohrte nicht weiter nach. Er hatte ja keinen Grund zu der Annahme, dass sein elfjähriger Sohn einen neuen Weg vorgeschlagen bekommen hatte.
„Du musst vorsichtiger sein“, flüsterte er und strich mir über die Haare. „Du bist unser ganzer Stolz, Qiang. Du wirst es einmal besser haben als wir. Du wirst studieren und in einem Büro arbeiten, in dem es kühl ist.“
Ich nickte, aber innerlich wollte ich lachen. Er träumte von klimatisierten Büros und Aktenkoffern. Er verstand nicht, dass die Welt da draußen nicht auf ehrliche Jungen wartete. Sie wartete auf Wölfe und Drachen. Wir hatten überhaupt nicht das Geld für eine höhere Bildung. Das wusste ich, auch wenn ich erst elf Jahre alt war.
Während meine Mutter das Gespräch wieder übernahm und meiner Schwester erklärte, dass sie heute früher ins Bett müsse, fühlte ich die neuen Geldscheine in meiner Tasche. Das Geld war die einzige Wahrheit in diesem Raum. Es war die unsichtbare Grenze zwischen dem lebenslangen Hunger meines Vaters und dem Glitzerstift meiner Schwester.
Ich war bereits auf dem Weg nach draußen. Sie sahen es nur noch nicht.
Gekaufte Kindheit
Guten Abend,
die nächsten Tage komme ich wahrscheinlich nicht zum Hochladen. Viel Arbeit. Bereitschaft und Familie.
Ich hoffe, ihr habt Spaß am neuen Kapitel.
Teilt mir gerne mal eure Meinung mit, wie ihr es generell findet. Ist es überhaupt spannend :D?
Schönen Wochenstart^^
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Nachdem der Tisch abgeräumt war, löschte meine Mutter die nackte Glühbirne über dem Tisch. „Ab ins Bett, ihr zwei“, sagte sie sanft und betrachtete uns.
Wir halfen noch, den Tisch und die Klappstühle wegzustellen, dann rollten meine Mutter und mein Vater ihre Matratze aus, auf der sie jeden Tag schliefen. Ich wusch mich im Badezimmer am Waschbecken und machte mich frisch für die Nacht. Wir hatten keine Dusche, geschweige denn eine Badewanne. Der einzige Luxus an unserer Wohnung war, dass wir uns dieses Badezimmer nicht mit den anderen Familien auf dem Flur teilen mussten. So wusch ich mich mit Seife und einem Waschlappen und betrachtete mich im Spiegel. Meine schwarzen Haare waren kurz geschnitten und meine dunklen, fast schwarzen Augen stachen aus der hellen Haut hervor. Ich hatte wohl das Glück, dass ich nicht sehr klein werden würde. So wie mein Vater und mein Großvater.
Ich fragte mich, wie andere Kinder in meinem Alter lebten. Wie es war, wenn man nicht ständig hungern musste. Wie es war, wenn man einfach alles hatte. Wie fühlte es sich an? Wie schmeckte das beste Fleisch der Welt? Wie war es, ein eigenes Zimmer zu haben? Wie war es zu duschen? Wie war es, wenn man sich keine Sorgen um seine Zukunft machen musste? Wäre ich dann ein anderes Kind? Dachten andere Kinder wie ich?
Wenn ich mir die Idioten in meiner Klasse anschaute, dann war die Antwort klar. Nein. Nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, verschwand ich aus dem Badezimmer, damit Mailin sich waschen konnte.
Mein Vater saß wie gewohnt auf seinem Klappstuhl am Fenster und rauchte eine Zigarette. Ich mochte den stinkenden Qualm nicht. Er verpestete die Luft und meine Kleidung stank häufig danach. Es war nicht der teure, mächtige Duft des grauen Wolfs – es war der beißende Geruch von billigem Tabak. Mein Vater kam nicht auf die Idee, mit uns zu reden. Ich hasste ihn nicht, aber er war mir auch nicht sonderlich wichtig. Er war halt da und brachte das Geld nach Hause. Seine Haare waren noch voll, und hätten wir besseres und ausreichendes Essen gehabt, hätte er ein attraktiver Mann sein können. Wenn er nach Hause kam, wollte er nicht viel sprechen. Wir hatten ruhig zu sein, damit er den Frieden bekam, den er wollte.
Ich nahm meine Schulbücher, verstaute sie in meiner Tasche und stellte die leere Blechdose zu dem anderen Geschirr, das Mutter noch säubern musste.
Mailin kletterte flink auf die untere Ebene unseres Stockbetts. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand und hielt ihren neuen Glitzerstift fest umklammert, als könnte er in der Dunkelheit verloren gehen. Stolz sah sie ihn an und grinste zu mir. Ein leichtes Lächeln schlich auf mein Gesicht. Ich war es, der ihr diese Freude beschert hatte, und es war ein gutes Gefühl. Das konnte mein Vater nicht.
Mutter beugte sich zu ihr, deckte sie zu und flüsterte ihr ein paar liebevolle Worte zu, die nur für ihre Ohren bestimmt waren.
Ich selbst hatte mich bereits zugedeckt und wartete darauf, dass sie zu mir kam. Sie setzte sich neben mich, strich mir durch die Haare und sah mich innig an. Sie streckte ihre Hand nach mir aus und zog mich sanft zu sich. Für einen Moment war da kein Geruch nach Plastikfabrik oder Abwasser, sondern nur der vertraute, warme Duft von ihr – nach Reis und billiger Seife.
Ich zögerte. Mein Kiefer war steif und die Wange brannte bei jeder Bewegung. Aber als sie den Arm um mich legte, sank meine Abwehr. Ich lehnte meinen Kopf an ihre Schulter und schloss die Augen. Nur für einen Wimpernschlag ließ ich es zu, dass ich wieder ein Kind war. Ihr Körper war schmal und sehnig von der harten Arbeit, aber ihr Arm fühlte sich an wie eine Festung gegen die Welt da draußen. Hätte das Schicksal uns doch an einem anderen Ort wohnen lassen können.
Doch dann spürte ich durch den dünnen Stoff meiner Hose das harte Papiergeld in meiner Tasche. Es drückte gegen mein Bein wie eine Mahnung. Ich konnte mehr erreichen. Meine beiden Eltern arbeiteten, und trotzdem reichte es für nichts. Und ich hatte mit einem einfachen Gang zu irgendeinem fetten Typen Geld verdient.
Ich löste mich aus der Umarmung und sie küsste mich auf die Stirn. „Schlaf gut, mein starker Junge“, flüsterte sie liebevoll und leise. Das waren ihre Worte nur für mich. „Ich bin stolz auf dich, Qiang.“
Ich drehte mich auf die Seite. „Gute Nacht, Mutter“, murmelte ich.
Dann starrte ich auf die kalte Wand. Hinter mir hörte ich meine Eltern sich leise unterhalten. Sie sprachen über die Stadt, die Nachbarn, die Arbeit. Nach einem Moment schalteten sie den alten, fast kaputten Fernseher ein.
In der Ecke der Wohnung flackerte das Gerät. Das Bild war grieselig und hatte einen Blaustich, aber meine Mutter sah trotzdem gebannt zu, wie eine Frau in einem Seidenkleid durch ein großes Haus wandelte. Ein Haus, wie ich es noch nie betreten hatte. Mehrere Räume, schöne Möbel. Jeder hatte Platz. Vermutlich gab es so etwas wirklich.
Für meine Mutter war es ein Traum, für mich war es nur ein schlechtes Bild auf einer billigen Röhre. Mein Vater beachtete das Gerät nicht; er starrte lieber in seinen Tabakqualm. Erneut strich ich über die Geldscheine, sah, wie meine Mutter auf den Bildschirm starrte, und schwor mir, dass wir genau so leben würden.
Ich wartete auf den Schlaf. Die Gespräche meiner Eltern und das monotone Summen des Fernsehers wurden zu einem Hintergrundgeräusch, das mich nach und nach in die Dunkelheit zog.
Die Hitze am nächsten Nachmittag war noch drückender als am Tag zuvor, doch ich ließ mir nichts anmerken. Die Schule war heute zäh gewesen. Während die anderen Jungs wie Idioten auf dem Hof herumrannten und Fangen spielten, hatte ich mich abseitsgehalten, um mein Hemd nicht schmutzig zu machen.
Ich hatte Chen meine Sammelkarten gezeigt, und die anderen waren augenblicklich beeindruckt von meinem schwarzen Drachen gewesen. Es wurden mir viele Tauschkarten für ihn angeboten, doch er gehörte mir. Das war mein Schatz. Niemand durfte ihn anfassen. Alle wollten wissen, was mit meiner Wange passiert war. Ich erzählte ihnen, dass ich einen Unfall gehabt hatte. Einige glaubten mir, andere nicht. Doch eigentlich war es egal.
In der Pause beobachtete ich meine Schwester, die den anderen Mädchen stolz ihren neuen Glitzerstift präsentierte. Sie fanden ihn toll, und es freute mich zu sehen, dass Mailin für das bewundert wurde, was ich ihr geschenkt hatte. Ich war es gewesen. Nicht unser Vater.
Heute hatten wir von zu Hause nicht viel zu essen mitbekommen. Mein Magen knurrte erbärmlich, und ich sah an Mailins verhaltenen Blicken, dass auch sie Hunger hatte. Nach der Schule standen wir draußen auf den engen, überfüllten Straßen, und ich spürte das Geld von gestern in meiner Hosentasche. Ich betrachtete meine Schwester einen Augenblick, wie sie da stand, ihre langen schwarzen Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden.
„Komm“, sagte ich knapp.
Wir gingen zu einem der dampfenden Essensstände an der Ecke. Verwirrt sah meine Schwester mich an und fragte leise, wie ich mir das Essen leisten wollte. Ohne ein Wort zu sagen, streckte ich die Hand in die Tasche und zog einen der Scheine heraus. Mit großen Augen starrte sie das Geld an.
„Woher hast du das, Gege?“, flüsterte sie. Sie nannte mich selten Qiang, sie nannte mich fast immer nur ihren großen Bruder. Und das war ich. Ich war ihr Gege. Ihr Beschützer.
Ich schmunzelte leicht und erklärte stolz: „Ich helfe jemandem und bekomme dafür Geld. Und jetzt können wir uns auch endlich Fischbällchen holen.“
Ich reichte dem Händler den Schein und bestellte zwei volle Portionen. Mailin nahm ihren Becher mit fast ungläubigem Blick entgegen. Vermutlich hatte sie damit gerechnet, dass wir uns eine Portion teilen müssten, wie wir es sonst immer taten, wenn wir sie uns gönnten. Das erste Mal hatte sie so etwas ganz für sich allein. Wir setzten uns auf eine niedrige Betonmauer und aßen stumm, während um uns herum das laute Chaos von Kowloon vorbeizog.
„Danke, Gege“, sagte sie nach einer Weile, kaute und sah mich von der Seite an. „Woher hast du das Geld wirklich? Was machst du denn für ihn? Kann ich das auch machen?“
Ich stockte mitten in der Bewegung, das Holzstäbchen kurz vor meinem Mund. Ich wusste natürlich, was die Leute über Männer wie den Wolf sagten. Sie nannten sie Hak Se Wui – die schwarze Gesellschaft. Triaden. Sie waren hier in Kowloon überall, besonders in Mong Kok und innerhalb der Walled City. Sie waren das wahre Gesetz. Vor der Polizei hatte ich keinen Respekt; die war korrupt oder feige. Aber jemand wie der graue Wolf besaß echte Autorität, ohne dass er schreien musste. Das war es, was ich auch wollte.
Wenn meine Mutter auf der Straße Männern in solchen makellosen Anzügen und mit diesem unnahbaren Blick begegnete, strafften sich ihre Schultern. Sie starrte dann plötzlich sehr konzentriert auf den nackten Boden oder in ein schäbiges Schaufenster. Es war keine panische Angst, eher eine tiefe, instinktive Vorsicht. So wie man sich vor einem tiefen Abgrund in Acht nimmt: Man weiß, dass er da ist, man akzeptiert seine Existenz, aber man tritt niemals zu nah an den Rand.
Ich selbst hatte keine Angst vor diesem Abgrund. Denn ich saß gefühlt schon mein ganzes Leben mittendrin und suchte nur nach einer Leiter, um herauszukommen. Aber meine Schwester sollte diesen Weg nicht gehen. Sie war nicht aus demselben harten Holz geschnitzt wie ich. Ich war nie ein lautes Kind gewesen. Ich war still, beobachtete und kalkulierte. Zwar gab es Momente, in denen der Zorn wie eine Flutwelle über mich hereinbrach, wenn man mich reizte – eine dunkle Raserei, die ich nur schwer kontrollieren konnte –, aber ich hatte gelernt, dass lautes Schreien auf der Straße nichts brachte. Mailin hingegen hatte eine durch und durch sanfte Seite. Sie freute sich über schimmernde Stifte, machte fleißig ihre Hausaufgaben und bemühte sich jeden Tag, eine gute Tochter zu sein. Die Hak Se Wui war nichts für sie.
„Das ist nichts für Mädchen, und du bist noch zu jung“, sagte ich bestimmend und aß das letzte Fischbällchen in der scharfen Soße auf.
„Ist es gefährlich?“, fragte Mailin vorsichtig.
Ich zuckte nur mit den Schultern. „Nicht gefährlicher als alles andere hier… Mach dir keine Sorgen. Das mit der Wange, war meine eigene Schuld.“ Ich wischte mir den Mund ab. „Sag unseren Eltern einfach nichts davon. Und ich besorge dir noch ganz viele Stifte.“
Ich sah, wie sie kurz mit sich rang. Doch die Armut, in der wir aufwuchsen, drückte auch auf ihre kleinen Schultern. Der Wunsch nach etwas Schönem, nach etwas so wunderbar Überflüssigem wie diesen Glitzerstiften, war am Ende größer als die Furcht. Sie nickte und versprach mir, das Geheimnis vor den Eltern zu bewahren.
Kurz darauf machte sich Mailin auf den Weg durch die engen, dreckigen Gassen nach Hause. Ich hingegen ging in die entgegengesetzte Richtung, direkt zu unserem Treffpunkt am Zeitungsstand. Ich setzte mich auf eine flache Mauer, zog mein Schulbuch heraus und schlug es auf. Während ich meine Hausaufgaben machte, schweifte mein Blick immer wieder ab, suchte die Straße ab und wartete auf das tiefe Brummen des schwarzen Mercedes.
Der schwarze Mercedes bog um die Ecke. Er wirkte in dieser staubigen Gasse wie ein Raubtier, das durch ein Gehege voller Beute schlich. Das Glas der Fenster war so dunkel, dass ich mein eigenes, verzerrtes Spiegelbild sah, als der Wagen vor mir zum Stehen kam. Ich packte meine Schulsachen in die Tasche und trat langsam an das dunkle Fahrzeug heran.
Die Tür öffnete sich nicht sofort. Einen Moment lang passierte gar nichts. Ich wusste, dass er mich von drinnen beobachtete. Er prüfte, ob ich nervös war, ob ich zappelte oder mich wegdrehte. Aber ich blieb stehen wie eine Statue. Er wollte meine Hilfe. Ja, ich wusste, dass ich ersetzbar war, aber er brauchte mich genau jetzt, weil ein Junge in Schuluniform in diesem Drecksloch unsichtbar war.
Dann surrte die Scheibe der Beifahrerseite lautlos nach unten. Der graue Wolf saß entspannt im kühlen, ledernen Inneren. Seine Haare waren perfekt frisiert, das Kinn glattrasiert. Er trug heute ein traditionelles Gewand in tiefem Dunkelblau. Seine Augen musterten mich eindringlich. Der Geruch von teurer Klimaanlage und schwerem Tabak strömte zu mir heraus – eine Welt, die absolut nichts mit dem Gestank von ungewaschenen Leibern und fauligem Gemüse zu tun hatte, der mich sonst umgab.
„Deine Wange ist noch ziemlich geschwollen“, sagte er schließlich. Es war keine Entschuldigung, eher eine geschäftliche Feststellung.
Ich zuckte mit den Schultern. „Sie erfüllt ihren Zweck“, antwortete ich knapp und verschränkte die Arme.
Er zog eine Augenbraue hoch. „Und der wäre?“
„Mich daran zu erinnern, dass Respekt kein Geschenk ist“, erwiderte ich und hoffte, dass meine Stimme so erwachsen klang, wie ich es konnte.
Ein kurzes, trockenes Lachen entwich seiner Kehle. Er lehnte sich ein Stück vor. Seine Augen waren hell, fast grau, passend zu seinem Namen. „Du bist klüger als die meisten Männer, die für mich arbeiten, Kleiner. Die meisten würden jetzt entweder winseln oder mir ein Messer in den Rücken wünschen. Du stehst hier und lernst.“ Er blickte auf mein Heft. „Du machst Hausaufgaben? Willst du die Schule nicht lieber abbrechen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn ich die Schule abbreche, bleibe ich dumm. Ich bin nicht dumm.“
Er betrachtete mein Gesicht, als versuchte er, die Zeilen dazwischen zu lesen. „Das bist du wirklich nicht. Vielleicht war es Schicksal, dass wir uns getroffen haben. Du bist ein roher Diamant, Junge. Wenn du klug bist, sorge ich dafür, dass du richtig strahlst. Ich kann dir helfen, aus diesem Drecksloch herauszukommen. Aber dafür muss ich wissen, dass du loyal bist.“
Stolz breitete sich in meiner Brust aus, heiß und mächtig. Ich spürte, wie ich mich unwillkürlich gerader aufrichtete. Ein ehrliches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, doch ich zwang meine Stimme zu jener Ruhe, die mein Vater mir immer gepredigt hatte: Schweige erst, lass die Worte sickern, zeige niemals deine Hilflosigkeit durch voreilige Gier.
Erst nach einer kontrollierten Pause fragte ich: „Woran machst du das fest?“
Der graue Wolf schmunzelte. „Du hast mich gewarnt, als man versucht hat, mich zu töten. Du hast bewiesen, dass du Augen hast, wo andere blind sind. Ich komme nicht aus Kowloon, und erst recht nicht aus der Walled City. Mein Boss hat mir den Auftrag gegeben, in diesem Revier aufzuräumen. Willst du mir dabei helfen?“
„Ja“, sagte ich, ohne zu blinzeln.
Der Wolf nickte langsam, zufrieden mit meiner Festigkeit. Er griff nach einem kleinen, schweren Umschlag, der auf dem Ledersitz lag. Er war mit dunklem Siegellack verschlossen.
„Das hier ist kein Brief“, erklärte er, und seine Miene wurde augenblicklich wieder geschäftsmäßig. „Es ist eine Botschaft. Bring sie zum Jade-Markt. Stand 42, bei dem alten Mann, der nur noch drei Zähne im Mund hat. Du gibst sie ihm, er gibt dir etwas zurück. Wenn dich die Polizei anhält – was sie nicht tun wird, wenn du dich normal verhältst –, dann bist du ein Junge, der für seine Mutter Besorgungen macht. Mehr sagst du nicht. Auch nicht zu dem Mann.“
Er hielt den Umschlag fest, als meine Finger danach greifen wollten. Seine Augen verengten sich. „Wenn du das verlierst, Qiang, gibt es keine Ohrfeige. Dann ist unser Geschäft vorbei, bevor es begonnen hat. Wer einmal das Vertrauen des Wolfs verliert, findet es nie wieder. Hast du das verstanden?“
„Ich verliere nichts“, sagte ich und zog den Umschlag an mich.
„Gut.“ Er holte eine schwere Silbermünze aus der Tasche, ließ sie mit traumwandlerischer Sicherheit über seine Fingerknöchel rollen – ein flinkes Spiel aus Licht und Metall – und warf sie mir zu. Ich fing sie mit einer Hand. „Wenn du zurück bist, wartest du hier. Ich kann nicht den ganzen Tag auf ein Kind warten.“
Ich bahnte mir meinen Weg durch das Gewirr. Der Jade-Markt war wie ein lebendiger Organismus, der niemals zur Ruhe kam. Unter den großen, blauen Planen staute sich die feuchte Hitze, und die Luft war geschwängert vom Geruch nach altem Tee, billigem Parfüm und dem metallischen Duft von Schweiß. Überall leuchtete das kühle, milchige Grün des Jadesteins, der auf roten Samttüchern ausgelegt war.
Ich hielt meine Schultasche fest umklammert. Der Umschlag im Inneren fühlte sich an wie ein glühender Stein. Keiner der Händler oder Touristen sah mich an. Für sie war ich nur ein unbedeutender Schuljunge auf dem Heimweg. Ein Schatten unter vielen. Unsichtbar.
Ich suchte die Nummern an den Pfosten. 38, 39, 40... Mein Herz klopfte gegen meine Rippen, aber mein Gesicht blieb starr.
Stand 42 war klein und lag im tiefen Schatten einer massiven Betonsäule. Hier gab es keinen glänzenden Schmuck, nur staubige Amulette und rohe, ungeschliffene Steine. Hinter dem Tisch saß der Mann. Seine Haut glich gegerbtem Leder, er trug ein fleckiges Unterhemd.
„Ich habe eine Besorgung für meine Mutter gemacht“, sagte ich leise.
Der Alte hob den Blick. Als er grinste, kamen die drei einsamen Zähne zum Vorschein, von denen der Wolf gesprochen hatte. Ein hässlicher, modriger Anblick. Aber er beruhigte mich. Es war das Zeichen.
„Deine Mutter ist eine ungeduldige Frau“, krächzte er. Seine Stimme klang wie Sandpapier auf Holz.
Ich antwortete nicht. Ich griff in meine Tasche, holte den schweren Umschlag hervor und legte ihn auf den roten Samt, genau zwischen zwei grüne Drachenfiguren. Jade war der Stein des Reichtums, der Stein, der beschützte. Der Alte legte seine knochige Hand darauf und zog ihn mit einer flinken Bewegung unter den Tresen. Im Austausch schob er mir eine kleine, in altes Zeitungspapier gewickelte Schachtel zu. Sie war leicht, aber die Heimlichkeit verriet mir, dass ihr Inhalt wertvoll war. Vielleicht gefährlich.
„Sag dem Wolf, der Markt ist bereit für den Regen“, flüsterte der Alte, ohne mich noch einmal anzusehen.
Ich nickte, verstaute die Schachtel tief in meinem Rucksack und drehte mich um. Ich rannte nicht. Ich zwang mich zu einem langsamen, stetigen Schritt. Erst als ich die kühle Brise der Hauptstraße spürte, atmete ich aus. Ich hatte geliefert. In meiner Tasche transportierte ich jetzt das Vertrauen eines Mannes, vor dem die Straße zitterte. Ich fühlte mich plötzlich meilenweit über die anderen Kinder erhaben, die an mir vorbeiliefen. Sie spielten noch mit Karten – ich spielte bereits mit dem Schicksal.
Als ich zum Treffpunkt zurückkehrte, stand der Mercedes noch da. Der Wolf war ausgestiegen und ich musste warten. Als er kam unterhielt sich im Schatten des Hauseingangs mit zwei stämmigen Männern in dunklen Hemden. Um mich abzulenken, lehnte ich mich an die Mauer, holte meine Sammelkarten hervor und tat so, als würde ich sie studieren.
Der Wolf bemerkte mich irgendwann. Er verabschiedete sich von den Männern und kam mit eleganten Schritten auf mich zu. Die beiden anderen folgten ihm, ihre Augen wie kalte, leere Glasmurmeln. Ich spürte den Drang, wegzusehen oder auf meine staubigen Schuhe zu starren, aber ich zwang meine Lider, offen zu bleiben. Mein Nacken war steif, doch ich hielt ihrem Blick stand. Ich durfte keine Schwäche zeigen.
Schnell ließ ich meine Karten in der Innentasche verschwinden, öffnete meinen Rucksack und reichte dem Wolf die in Zeitungspapier gewickelte Schachtel.
„Der Alte sagt, der Markt ist bereit für den Regen“, wiederholte ich die Worte exakt.
Ein zufriedenes Glühen trat in die Augen des Wolfs. Er nickte und wandte sich an die beiden Schläger hinter sich. „Jinhai, Wan. Das hier ist Qiang. Er ist unser Bote für dieses Viertel. Er wird ab jetzt jeden Tag nach der Schule hier warten. Wenn ihr Lieferungen habt, schickt ihr ihn. Ich sehe Potenzial in dem Jungen. Gebt mir Bescheid, wie er sich anstellt.“
Die Männer nickten knapp. Mein Job war offiziell. Jeden Tag ab fünfzehn Uhr gehörte ich der Hak Se Wui, der Triade.
Der graue Wolf zog seine Geldbörse und reichte mir ein paar Scheine. Das Papier fühlte sich rauer an als meine Schulhefte, es roch nach einer ganz anderen Welt. Nach Macht. Ich schloss meine Finger so fest um das Geld, als hielte ich das Schicksal meiner Familie umschlungen. Heute würde ich das Geld meiner Mutter geben.
Auf dem Rückweg probte ich meine Lüge. Ich habe wohlhabenden Touristen geholfen, den Weg aus den Gassen zu finden. Sie haben sich mit dem Wechselkurs vertan und mir zu viel gegeben. Ich wiederholte die Geschichte in meinem Kopf wie ein Mantra, bis sie sich für mich selbst wie die Wahrheit anhörte. Ein guter Lügner muss seine eigene Geschichte glauben, damit die Fassade keine Risse bekommt. Die Lüge war mein Geschenk an meine Mutter, damit sie nachts ruhig schlafen konnte.
An einem kleinen Krämerladen hielt ich an. Ich knallte einen der kleineren Scheine auf den Tresen, der Wunsch nach noch mehr Karten war doch größer. Ich wollte wie andere Kinder einfach mit ihnen spielen, sie sammeln, und so gewann das Kind, das ich eigentlich war. Ich kaufte mir ein neues Päckchen Sammelkarten – und für Mailin zwei Glitzerhaarspangen mit kleinen Perlen. Während ich die Spangen entgegennahm, spürte ich den schwarzen Drachen in meiner Tasche. Ich war kein gewöhnlicher Junge mehr. Ich war jetzt der Versorger. Ich kaufte Mailin ein Stück jener Kindheit ab, die ich selbst gerade teilweise verlor. Und doch war es mir vollkommen egal.