Das Rote Garados
Der Fernseher in seinem Zimmer summte noch leise. Nicht laut, nicht aufdringlich – eher so, als würde er schon seit Stunden warten. Finn saß auf dem Fußboden seines Zimmers auf einem Teppich der wie ein Pokéball aussieht. Die Knie angezogen, die Fernbedienung achtlos neben sich. Auf dem Bildschirm bewegte sich Wasser. Ein Reporter von Jubelstadt TV sprach von einem seltenen Phänomen in einem fernen See. Von ungewöhnlichen Messwerten. Von einem Pokémon, welches sich nicht so verhielt, wie es sollte. Ein rotes Garados durchbrach die Wasseroberfläche! Finn hielt unbewusst den Atem an. Das andersfarbige Pokémon brüllte, ein Laut wie ein reißender Strahl, und für einen kurzen Augenblick wirkte es, als würde der Bildschirm selbst erzittern. Dann flackerte das Bild, der Bericht wechselte, der Ton wurde wieder belanglos, doch Finn saß immer noch da. Auf seinem Pokéball-Teppich, fasziniert von dem, war eben gesehen hatte. Sein Herz schlug schneller, als hätte etwas in ihm geantwortet. Er wusste nicht warum, aber doch war ihm eines klar. ‚Irgendwann werde ich dieses Pokémon sehen‘, dachte er sich. Am nächsten Tag roch das beschauliche Dorf in dem er wohnte nach Tau und frisch gemähten Gras. Finn trat aus dem Haus heraus, den Rucksack noch ungewohnt schwer auf seinen Schultern. Seine Mutter verabschiedete ihn mit einem Lächeln, das viel Stolz und wenig Sorge enthielt – als hätte sie immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Ihr Sohn sollte heute ein wahrhaftiger Pokémon-Trainer werden. Professor Eibe wartete bereits in seinem Labor. Es war hell erleuchtet, vollgestopft mit Büchern, Geräten und Karten der Sinnoh-Region. Drei Pokébälle lagen akkurat ausgerichtet auf einem Tisch. Finn betrat ehrfürchtig das Labor. Der Professor begrüßte ihn mit einem festen Händedruck.
„Das hier ist kein Spiel“, sagte der Professor mit ernster Stimme. Finn nickte.
„Ein Pokémon ist kein Werkzeug. Es ist ein Partner Und der erste…“, Professor Eibe ließ den Satz bewusst offen.
Finn trat näher an den Tisch mit den Pokébällen heran. Sein Blick wanderte von Ball zu Ball. Er spürte ein Ziehen in der Brust – keine logische Entscheidung, viel mehr ein inneres Drängen. Er hatte immer auf diesen Tag hin gefiebert. Finn nahm einen Ball in die Hand berührte die kleine, kreisrunde Klickfläche, die den Pokéball öffnete. Panflam sprang heraus, landete unsicher auf dem Tisch und sah Finn mit großen, neugierigen Augen an. Eine kleine Flamme tanzte an seinem Schweif, unruhig, aber lebendig. Für einen Moment lang passierte nichts. Dann grinste Panflam – breit, frech, voller Energie – und Finn lachte ohne es zu merken.
„Scheint, als hätte es dich ausgewählt“, murmelte der Professor ganz leise.
Finn streckte den kleinen Feuer-Pokémon die Hand aus. Panflam zögerte keine Sekunde und so verließen sie beide gemeinsam das Labor. Finn spürte es sofort: Die Welt war größer geworden. Jeder Weg war plötzlich eine Möglichkeit, jeder Horizont eine Einladung für ein neues Abenteuer. Finn war voller Freude über das Bevorstehende ganz in seiner Gedankenwelt versunken, als plötzlich eine Stimme ertönte.
„Hey! Warte“ Die Stimme kam von hinten, klar und bestimmt.
Finn drehte sich um und sah ein Mädchen mit bläulichen Haaren, die in der Morgensonne fast silbern wirkten. Sie trug eine Umhängetasche und hielt einen Pokédex hoch, als wäre dieser eine Eintrittskarte.
„Du gehst doch auch raus, oder“ fragte sie ohne wirklich auf eine Antwort zu warten und fuhr direkt fort: „Mein Name ist Lucia“. Finn nannte seinen Namen. Sie nickte, musterte Panflam und lächelte. „Dann gehen wir ein Stück zusammen“, sagte Lucia. Es klang nicht wie eine Frage.
Die Route führte beide aus dem Dorf hinaus, vorbei an Feldern, die sich im Winde wiegten. Lucia erzählte von Pokémon-Wettbewerben, von Träumen, die weniger mit Siegen und mehr mit Ausdruck zu tun hatten. Finn hörte gespannt zu, mehr als er sprach. Am Abend machten sie Rast nahe eines kleinen Sees. Das Wasser war ruhig, zu ruhig. Finn wusste nicht, warum er an den Bericht vom Vortag denken musste. An das Brüllen, an die rote Gestalt im dunklen Wasser. Er sagte nichts, aber Lucia bemerkte seinen Blick.
„Manchmal gibt es Pokémon, die aus dem Rahmen fallen. Die nicht so sind wie wir sie kennen und wie sie sein sollten“, sagte sie und blickte dabei aufs Wasser. Finn nickte langsam. Im Wasser regte sich nichts. Und doch hatte er das Gefühl beobachtet zu werden. Nicht von dort, sondern von weiter weg. Von etwas, das noch Zeit brauchte. Panflam kuschelte sich unterdessen fest an ihn. Finn sah sein kleines Pokémon an, dann blickte er in den Abendhimmel über Sinnoh. Er dachte, ohne es auszusprechen, dass diese Reise größer werden würde, als er sie sich jetzt schon vorstellen konnte. Und irgendwo, tief unter einer stillen Oberfläche, wartete ein roter Schatten darauf, dass die Welt ihn irgendwann einholen würde.
Der erste Weg
Am nächsten Morgen machten sie sich bereit ihre Reise fortzusetzen. Panflam lief voraus, sprang über Steine, blieb stehen, wartete. Immer wieder sah es sich um, als wolle es prüfen, ob Finn noch da war. Lucia ging neben ihm, der Blick nicht nach vorne, sondern in die Landschaft gerichtet. Sie wirkte nicht wie jemand, der aufbricht, sondern wie jemand, der unterwegs ist.
„Die meisten rennen los, als gäbe es irgendwo ein Ziel, das auf einen wartet“, sagte sie plötzlich.
Finn zuckte mit den Schultern. „Gibt es das denn nicht“, antwortete er. Lucia lächelte.
„Vielleicht schon, aber Pokémon merken, wenn man nur ankommt und nicht hinsieht“, sagte sie.
Finn war nicht sicher, was sie damit meinte, versuchte aber seine Unwissenheit bestmöglich zu verstecken.
Plötzlich stoppten sie. Ein wildes Staralili sprang aus dem hohen Gras. Panflam spannte sich an, bereit für seinen ersten Kampf. Finn spürte einen Moment lang Nervosität, dann volle Konzentration. Kein Jubel, kein Drama, er folgte einfach nur seinem Instinkt. Nachdem Panflam dem Flug-Pokémon mit seiner Glut-Attacke ordentlich einheizte, flatterte das Staralili angeschlagen davon. Finns erster Sieg. Er fühlte sich seltsam ruhig an. Später, an einem kleinen Bach, ließ Finn die Füße ins Wasser hängen. Lucia setzte sich neben ihn, zog ihren Pokédex hervor und machte sich Notizen. Nicht über Werte oder Attacken, sondern über Bewegungen und Ausdruck.
„Ich reise nicht um zu gewinnen“, sagte sie. Sie fuhr fort: „Ich reise um zu verstehen“.
Finn nickte. Er wusste noch nicht, was er suchte. Aber er wusste, dass dieser Weg nicht zurückführte. Und irgendwo, weit entfernt von diesem Bach, bewegte sich Wasser schwer und langsam. Als hätte etwas begonnen, sich zu erinnern. Beide gingen noch ein ganzes Stück weiter, als sie plötzlich wieder ein Rascheln im Gras bemerkten. Ein Sheinux trat hervor. Mit wachsamen Augen sah es Finn an. Kein Angriff, kein Fluchtversuch, nur Beobachtung. Finn spürte einen kurzen Moment des Abwägens, dann warf er den Pokéball aber nicht, eben noch nicht. Sheinux kam auf ihn zu. Panflam blieb ruhig daneben stehen und beobachtete alles ganz aufgeregt. Finn kniete sich hin und streichelte Sheinux über den Kopf. Er holte einen Pokéball aus seiner Tasche heraus. Als der Ball schließlich klickte, fühlte es sich weniger wie ein Fang an, sondern wie eine Entscheidung auf beiden Seiten.
„Ich habe mein erstes Pokémon gefangen“, sagte Finn stolz.
„Für mich sah es eher so aus, als hätte Sheinux dich gefangen“, sagte Lucia freudestrahlend. Sie freute sich für Finn.
Nachdem Finn also ein neues Teammitglied bekommen hatte reisten beide weiter und sie erreichten Jubelstadt.
Eine der größten Städte der Sinnoh-Region. Beeindruckend, groß und sehr laut. So überhaupt nicht Finns Welt, kommt er doch aus dem beschaulichen Zweiblattdorf. Beide gingen in ein kleines Restaurant und Lucia begann Finn eine Menge zu erzählen. Sie berichtete ihm an diesem Abend das erste Mal ausführlich von Wettbewerben. Nicht wie man sie gewinnt, sondern warum sie überhaupt existieren. Sie regte bei Finn ein Verständnis an, dass es nicht immer darauf ankommt stärker zu sein als der andere, sondern gesehen zu werden. Wirklich gesehen. Mit allen Facetten. Lucia berichtete Finn von ihrer Mutter, eine der erfolgreichsten Koordinatorinnen aller Zeiten. Ihr Charmian sei kein Kämpfer gewesen für Arenen, aber auf der Bühne habe es etwas gezeigt, das im Kampf keinen Platz hatte: Haltung, Timing und Vertrauen.
„Ein Wettbewerb ist kein Urteil. Er ist eine Einladung hinzuschauen“, sagte Lucia. Finn hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Er dachte dabei an Panflam, an Sheinux, an das leise Gefühl, dass Stärke viele Formen haben konnte. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob reisen nicht auch bedeuten konnte, anderen beim Träumen zuzusehen und nicht nur seinen eigenen Traum zu verfolgen. Am nächsten Tag würde er das erste Mal einen Wettbewerb sehen. Aber nun gingen beide zu Bett. Lucia hatte morgen schließlich einen großen Tag vor sich.
Applaus ist kein Sieg
Die Halle wirkte größer als jede Arena, die Finn bisher gesehen hatte. Kein Kampffeld, keine klare Linien, keine Trainer, die sich gegenüberstanden. Stattdessen Licht, Stimmen und Bewegung. Lucia sprach kaum während sei sich auf den Wettbewerb vorbereitete. Sie kniete vor ihrem Chelast, legte ihm beide Hände auf den Panzer, als würde sie seinen ruhigen Atem suchen. Panflam dagegen zappelte an Finns Seite, sprang auf und ab und konnte gar nicht abwarten was nun passieren würde. Als sie kurze Zeit später die Bühne betrat, wurde es still in der Halle. Chelast bewegte sich langsam, beinahe schwerfällig – doch jede Bewegung hatte einen klaren Ausdruck. Kein Zögern oder Stolpern. Es wirkte als hätte das kleine Winziglaub-Pokémon eine tiefe Verbindung zum Boden aufgebaut. Finns Panflam wäre gesprungen, hätte angegriffen und ein Zeichen gesetzt. Chelast tat nichts davon und genau das faszinierte. Dann kam Pachirisu. Es war kein plötzlicher Wechsel, sondern ein fließender Übergang. Pachirisu kam auf die Bühne, sein Schweif hoch erhoben, die Bewegungen präzise und doch verspielt. Kein übertriebener Effekt. Kein Zwang. Lucia gab kaum sichtbare Zeichen und Pachirisu antwortete sofort. Nicht aus blindem Gehorsam, sondern aus Vertrauen, dass die beiden miteinander verband. Finn hatte bisher nur Kämpfe gesehen und denen Pokémon gehorchten, das hier war jedoch etwas anderes. Finn war so beeindruckt, dass er beinahe vergaß zu atmen. Als Lucia ihre Aufführung beendet hatte setzte tosender Applaus ein. Doch es reichte nicht für den Gesamtsieg. Eine andere Koordinatorin namens Mireya erhielt die höchste Wertung. Sie war noch effektreicher und spektakulärer als Lucia, die einen sehr guten zweiten Platz belegte. Aber Lucia war nicht traurig. Der Stolz auf die großartige Leistung ihrer Pokémon überwiegte. Als Finn nach dem Wettbewerb wieder auf Lucia traf wusste er zunächst nicht was er sagen sollte. Er hatte erwartet, dass Lucia enttäuscht oder wütend ist. Aber dies war nicht der Fall. Stattdessen war da diese unglaubliche Ruhe, die sie ausstrahlte und Finn faszinierte.
„Du warst besser“, sprach Finn ihr aufmunternd zu.
„Nein, war ich nicht“, sagte Lucia und schüttelte mit dem Kopf.
Auf dem Weg zurück zum Pokémon Center lief Panflam, der den Wettbewerb auch beeindruckt mitverfolgte, ungewohnt still neben Finn her. Chelast dagegen trug seinen Pokéball, als hätte er etwas sehr Wichtiges erledigt. Man sah ihm den Stolz regelrecht an. Finn verstand noch nicht viel von Wettbewerben, aber er wusste eines: Stärke hatte mehr als eine Sprache. Und Lucia sprach eine, die er erst zu lernen begann. Am Abend trafen Finn und Lucia in der Lobby des Pokémon Centers von Jubelstadt dann zufällig wieder auf Mireya. Es war deutlich ruhiger, als noch zur Mittagszeit dort. Das Stimmgewirr war gedämpft, das Licht wirkte wärmer. Lucia saß auf einer der Bänke und ließ Pachirisu aus ihrem Pokéball. Das kleine Elektro-Pokémon setzte sich ganz still mit auf die Bank.
„Guter Auftritt“, ertönte plötzlich eine Stimme von hinten.
Lucia blickte auf. Mireya stand nur ein paar Schritte entfernt. Sie wirkte selbstsicher, ihr Lächeln freundlich, aber dennoch prüfend. Neben ihr schwebte ihr Pokémon, ein Driftlon, ruhig in der Luft.
„Danke, deiner auch“, antwortete Lucia. Mireya nickte.
„Du hast Kontrolle. Das sieht man nicht oft“, sagte Mireya fast sachlich und ohne Spott.
„Nicht alles muss größer sein, nur um besser zu wirken“, antwortete Lucia.
Für einen Moment schwiegen beide. Dann lächelte Mireya leicht.
„Wir werden uns wiedersehen“, sagte Mireya. Sie wandte sich um zum Gehen, blieb jedoch kurz noch einmal stehen und sah Finn an: „Du kämpfst, oder“, fragte sie ihn. Finn nickte überrascht, hatte er doch bisher nur teilnahmslos daneben gesessen, als Mireya sich mit Lucia unterhielt.
„Man erkennt es“, sagte Mireya zu ihm. Dann verschwand sie und ging die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Lucia atmete erst einmal tief ein und aus, als Mireya weg war.
„Sie ist gut“, sagte Finn.
„Ja und genau deshalb ist sie gefährlich“, sagte Lucia.
Eine kleine Entscheidung
Der Weg nach Erzelingen war unspektakulär. Keine großen Kämpfe, keine Entscheidungen, die sich im Moment wichtig anfühlten. Nur Schritte und Staub auf den Schuhen. Das ein leises Klappern der Pokébälle an Finns Gürtel. Panflam lief wie immer neugierig voraus. Lucia ging ein paar Schritte hinter ihm und Chelast, mit gemessenem Tempo, dazu an ihrer Seite. Es geschah am Rande eines kleines Waldstücks, dort wo das Gras kürzer wurde und die Bäume ein wenig lichter standen als sonst. Da lag am Wegesrand ein kleines Pokémon. Kein Rascheln, kein Angriff, nichts, das Aufmerksamkeit erforderte – es war ein Knospi. Finn sah das kleine Pokémon an. Lucia sagte nichts. Sie beobachtete nur die Situation. Das kleine Pokémon bewegte sich nicht von der Stelle, selbst als Finn näher an es herantrat. Es sah ihn an, als würde es auf etwas warten. Finn kniete sich hin. Er dachte zurück an Panflam, an Sheinux an jede Situation in seinem Leben an denen er eine schnelle Entscheidung getroffen hatte. Der Pokéball traf das kleine Pokémon leise. Kein Kampf, kein Widerstand. Nur ein kurzes Aufleuchten, dann Stille. Finn hielt den Pokéball einen Moment lang in seinen beiden Händen, als müsse er prüfen, ob dies wirklich alles gewesen war.
„Es passt zu dir“, sagte Lucia.
Finn blicke sie an und sagte: „Es ist schwach“.
„Noch“, antwortete Lucia und lächelte dabei ganz seicht.
Etwas später ließ Finn Knospi erstmals aus seinem Pokéball. Es bewegte sich kaum und blieb in seiner Nähe. Panflam musterte es skeptisch, verlor dann aber schnell das Interesse. Knospi aber bleib an Finns Seite. Als die Lichter von Erzelingen am Horizont auftauchten blieb Finn stehen. Die Arena der Stadt war schon von Weitem zu erkennen. Zum ersten Mal spürte er so etwas wie Druck. Knospi bewegte sich nicht. Es saß einfach da. Und Finn wusste, ohne es erklären zu können, dass nicht jede Reise einem Schritt nach vorne begann. Manche Reisen begannen damit, etwas Kleines auf seinem Weg mitzunehmen.
Der erste Prüfstein
Erzelingen wirkte am Morgen schwerer als die Orte zuvor. Die Häuser standen dicht beieinander, das Gestein unter den Straßen der Bergarbeiterstadt schien älter und unbeweglicher. Finn war früh wach gewesen. Noch bevor die Stadt so richtig lebendig wurde, hatte er seine Pokémon hinaus auf eine kleine Wiese geführt. Der Boden war uneben, durchzogen von flachen Steinen und trockenen Grasbüscheln. Panflam bewegte sich schnell von Stein zu Stein. Wenn es fiel, richtete es sich wieder auf und machte weiter. Finn sagte wenig. Er beobachtete. Korrigierte nicht, griff nicht ein. Nur einmal hob er die Hand, ein kaum merkliches Zeichen. Doch Panflam hielt inne, atmete und wartete. Finn spürte diesen Druck, der sich seit dem Vortag aufgebaut hatte. Die Arena, der erste Orden, war da. Es wirkte greifbar. Das Ziel klar umrissen und doch fühlte sich alles noch unfertig an. Auch seine anderen Pokémon trainierten fleißig auf der Wiese.
„Nochmal, den Steigerungshieb“, murmelte er. Panflam setzte erneut an und durchbrach einen der kleinen Steine, die auf der Wiese herumlagen. Finn merkte nicht, dass sie beobachtet wurden. Ein Mann stand am Rand der Wiese, die Arme verschränkt, der Blick ruhig. Er sagte nichts, machte keine Anstalten sich zu nähern. Er sah nur zu wie Panflam, Knospi und Sheinux mit Finn trainierten. Nach einer Weile drehte er sich um und ging. Die Arena von Erzelingen war kantig, aus hellem Stein gebaut, als wäre sie aus dem Boden selbst heraus gewachsen. Drinnen war es kühl. Die Kampffläche wirkte kleiner und enger, als Finn es erwartet hatte. Veit stand bereits da, reglos, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Du bist früh dran“, sprach Veit Finn an. Er nickte.
Veit musterte ihn kurz. Sein Blick bleib einen Moment lang an Finn hängen, dann schaute er Panflam an.
„Feuer-Pokémon kämpfen hier nicht gerne. Der Boden gibt nicht nach“, sagte er sachlich.
„Dann müssen sie lernen sich anzupassen“, antwortete Finn schneller, als er gedacht hatte.
Veit hob eine Augenbraue an. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Das werden wir sehen“, sagte er.
Der Kampf begann ohne große Ankündigung. Veits erstes Pokémon, ein Kleinstein, bewegte sich schwerfällig, aber sicher. Jeder Schritt wirkte genau durchdacht. Panflam dagegen war schnell, sprang aus der Reichweite, setzte nach und zog sich dann wieder zurück. Finn rief Anweisungen, kurz, knapp, keine langen Kommandos, keine Erklärungen. Der Kampf wurde immer lauter. Stein krachte auf Stein, Feuer zischte, Funken sprühten. Finn spürte wie er immer selbstbewusster wurde. Seine Stimme wurde klarer und kräftiger. Panflam reagierte sofort, manchmal sogar schneller, als Finn sprechen konnte. Es war effektiv, aber auch roh. Nachdem Kleinstein besiegt war wechselte Veit sein Pokémon. Er brachte Onix. Auch Finn gewährte Panflam eine kurze Verschnaufpause und wechselte Sheinux ein. Die Bewegungen blieben kontrolliert, fast stoisch. Keine überhasteten Sachen. Finn merkte, wie sein Puls immer schneller wurde. Er dachte in dem Moment nicht an Lucia, auch wenn diese natürlich dabei war und ihm die Daumen drückte. Er dachte auch nicht an Wettbewerbe oder Ruhe. Er dachte nur an den nächsten Schritt. Der entscheidende Moment kam abrupt. Nachdem Sheinux nach einem aufopferungsvollen und langem Schlagabtausch mit Onix kampfunfähig war, kam Panflam zurück auf das Kampffeld. Finn setzte alles auf Karte, ein riskantes Manöver, das Finn am Morgen mit Panflam geübt hatte. Für einen Sekundenbruchteil schien alles stillzustehen. Dann fiel Veits Pokémon. Stille in der Arena.
Der Kampfrichter erklärte den Sieg. Finn hörte die Worte, aber sie erreichten ihn nur verzögert. Panflam atmete schwer, grinste erschöpft. Finn ballte die Faust. Er hatte gewonnen. Veit trat näher. Sein Blick war ruhig nicht enttäuscht, nicht beeindruckt – eher prüfend. Er überreichte Finn den Kohleorden.
„Du hast gut reagiert, aber du hast gewirkt, als müsstest du kämpfen“, sagte Veit.
„Ist das nicht der Sinn“, antwortete Finn.
Veit schüttelte den langsam den Kopf.
„Manche Kämpfe gewinnt man in dem man drückt. Andere in dem man zuhört“, sagte er.
Finn nickte, unsicher, was er darauf antworten sollte.
Als sie die Arena verließen kam Lucia auf sie zu. Sie umarmte Finn und gratulierte ihm zu seinem Sieg. Folglich gingen sie ein Stück weit nebeneinander her. Erst als sie fast wieder an der Wiese vom Morgen angekommen waren blieb Finn stehen.
„Veit war heute Morgen hier. Er hat uns gesehen“, sagte er plötzlich.
Lucia sah ihn überrascht an.
„Er hat nichts gesagt, aber ich glaube, er wusste schon, wie ich kämpfen würde“, sagte Finn.
Lucia nickte langsam.
„Die meisten guten Trainer wissen das, bevor der Kampf beginnt“, sagte sie.
Finn begutachtete seinen Kohleorden. Er fühlte sich kühl und schwer an.
„Ich habe nicht einmal an Knospi gedacht. Nicht einmal kurz“, sagte er leise.
Lucia stand einfach da. Regungslos.
„Vielleicht hätte ich das aber tun sollten“, fuhr Finn fort.
Jetzt schüttelte Lucia den Kopf.
„Oder vielleicht genau nicht. Oder besser gesagt eben noch nicht“, sagte sie.
Beide gingen weiter. Die Stadt lag ruhig vor ihnen und der Tag hatte gerade erst begonnen. Finn steckte seinen Kohleorden ein. Er wusste nicht, dass er ihn sich verdient hatte. Aber er wusste eines: Das war kein Ziel gewesen. Nur ein kleiner erster Schritt auf einer langen Reise. Und irgendwo hinter ihnen, am Rand der Wiese waren noch immer die Abdrücke von Panflams Füßen im Boden zu sehen.
Kein Ziel für heute
Finn und Lucia gingen ohne Eile durch die blütenreiche Landschaft. Keine Schilder, keine Abzweigungen, welche eine Entscheidung verlangten. Finn hatte irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Schritte sie bereits zurückgelegt hatten.
„Wir könnten heute einfach mal gar nichts planen“, sagte Lucia beiläufig.
Finn sah sie kurz an und nickte. „Klingt gut“, sagte er.
Beide erreichten einen kleinen, eher unscheinbaren See auf ihrem Weg nach Flori. Das Wasser lag still, keinerlei Wellenbewegung war zu erkennen. Finn setze sich ans Ufer, ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Ohne groß darüber nachzudenken, nahm er seine Angel hervor. Er hatte sie von einem Angler in Jubelstadt erhalten. Es dauert nicht lange. Ein kurzes Zucken, dann zog er die Leine ein. Karpardor zappelte hilflos im Gras. Panflam schaute den roten Karpfen fragend an.
„Das ist alles“, fragte Finn mehr sich selbst als Lucia.
Diese kniete sich neben das Pokémon. Karpador beruhigte sich langsam.
„Ich mag es“, murmelte sie leise.
Finn zögerte, dann warf er den Pokéball. Abermals kein Kampf, kein Drama, nur ein leises klicken.
„Keiner erwartet etwas von ihm“, sagte Finn.
„Manchmal ist das ein Vorteil“, antwortete Lucia.
Sie machten später ein kleines Lagerfeuer. Panflam döste, Knospi lag reglos im Gras und Sheinux spielte mit einem vorbeifliegenden Schmetterling. Finn ließ Karpador aus seinem Pokéball. Es war still, angenehm still. Dann kamen Schritte.
„Wow! Sorry!“, sagte ein Junge. Er kam abrupt zum Stehen, nur knapp daran vorbei, Finn über den Haufen zu laufen. Zerzaustes Haar, schnelle Bewegungen.
„Habe euch gar nicht gesehen“, sagte er grinsend. Sein Blick wandte sich sofort zu Finn.
„Du bist ein Trainer, oder“, sprach er Finn an.
Dieser antwortete zustimmend, wenn auch leicht überrascht.
„Cool. Ich bin Jaro. Bin immer unterwegs“, sagte der Junge.
Lucia musterte ihn und fragte ihn wieso. Auch Jaro hatte ein Pokémon bei sich. Ein Plinfa, welches vor Selbstbewusstsein nur so strotze. Als Panflam sich ihm neugierig näherte, wandte es sich ab, als wäre es etwas Besseres.
„Du bist langsam“, sagte Jaro und sah Finn dabei an. Es klang nicht abwertend, eher sachlich und nüchtern feststellend.
„Ist das schlecht“, fragte Finn zurück.
„Keine Ahnung, ich könnte das nicht“, sagte Jaro.
Jaro trat einen Schritt zurück. „Vielleicht sehen wir uns wieder“, sagte er und dann war er genauso schnell wieder weg, wie er gekommen war.
„Er wirkte… rastlos“, sagte Lucia lachend zu Finn.
„Er weiß nicht wohin er geht“, sagte Finn.
„Doch, nur nicht warum“, antwortete Lucia. Beide lachten.
Die Nacht senkte sich ruhig über den Weg. Am Morgen packten sie zusammen, ohne Eile. Karpador blieb in seinem Pokéball. Finn steckte ihn ein, ohne große Gedanken daran zu verschwenden. Als die Häuser von Erzelingen am Horizont immer kleiner wurden blickte Finn stolz zurück. Noch immer ragte die Arena aus der Stadt heraus.
„Du kannst stolz auf dich sein“, sagte Lucia und legte ihre Hand auf seine Schulter.
Finn lächelte verlegen. Dann setzen beide ihre Reise nach Flori fort.
Flori im Blütenlicht
Flori wirkte, als hätte jemand vergessen, die Farben wieder einzupacken. Blüten wohin man schaute. An Laternen, an Balkonen, ja sogar an Dächern. Eine farbenfrohe Stadt. Lucia blieb stehen, noch bevor sie das Pokémon Center erreichten. Finn beobachtete sie. Wie sie gerader stand, wacher wirkte. Chelast trat einen Schritt hervor, als hätte es den Ort erkannt. Der Wettbewerb war überall spürbar. Trainer mit sorgfältig gekämmten Pokémon, Glitzer, Aufregung. Lucia sprach wenig, sie wirkte hochkonzentriert. Im Pokémon Center trafen sie eine alte Bekannte wieder – Mireya.
„Du bist auch hier“, sagte Lucia überrascht.
„Ja, aber ich nehme nicht teil“, sagte Mireya lächelnd.
Finn runzelte die Stirn. „Warum nicht“, fragte er sie.
„Nicht jeder Wettbewerb muss meiner sein. Manchmal ist zuschauen und sich Pausen geben wichtiger“, sagte sie.
Lucia schwieg im ersten Moment. Dann nickte sie vorsichtig.
Der Wettbewerb selbst verging für Finn wie ein farbiger Traum. Lucias Pachirisu wirbelte über die Bühne, Stromfunken wie tanzende Glühwürmchen erfüllten die gesamte Halle. Chelast folgte, ruhiger, aber kraftvoll. Blätter ordneten sich zu Mustern, Bewegungen wirkten wie einstudierte Choreographien. Es sollte Lucias beste Leistung sein, die sie jemals erbracht hatte und sie wurde belohnt. In Flori gewann die junge Koordinatorin ihr ersten von fünf notwendigen Bändern, um sich für das große Festival zu qualifizieren. Im Moment der Verkündung wirkte es, als würde ein großer Ballast von ihren Schultern fallen. „Ich habe es geschafft“, murmelte sie leise und für niemanden hörbar.
Kein lauter Jubel, kein Schrei. Nur ein Moment, in dem sie das Band in ihren Händen hielt und es nicht sofort realisierte. Finn klatschte im Publikum. Er freut sich mit ihr. Mireya nickte Lucia aus dem Publikum zu. Später, als der Applaus verklungen war, saß Lucia mit Finn auf den Stufen vor dem Pokémon Center. Lucia drehte das Band zwischen ihren Fingern. Immer und immer wieder. Sie wirkte abwesend.
„Ich dachte das fühlt sich anders an“, sagte Lucia dann plötzlich.
„Wie denn“, antwortete Finn.
„Voller“, sagte Lucia nach einer kurzen Gedankenpause.
Finn dachte einen Moment lang nach. Dann antwortete er: „Vielleicht ist das nur der Anfang“.
Lucia sah ihn an und begann zu lächeln. Und wieder wurde es ruhig.
Nach dem Applaus
Der Flur des Pokémon Centers war fast leer. Das grelle Licht wirkte abends immer ein wenig heller als sonst. Lucia saß auf ihrem Bett, das Band lag neben ihr. Nicht ordentlich drapiert, nicht stolz präsentiert, einfach nur da auf dem Bett. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen, die Knie angezogen und darum ihre Arme geschlungen. Finn betrat das Zimmer.
„Du warst heute unglaublich“ sagte er leise von der Tür aus.
Lucia reagierte nicht sofort. Erst nach ein paar Sekunden hob sie ihren Kopf.
„War ich das wirklich“, fragte sie ihn sichtlich zweifelnd.
Finn trat ins Zimmer, setzte sich auf den Stuhl gegenüber. Sagte nichts. Er hatte von Lucia gelernt, dass Schweigen manchmal besser ist, als jedes auch noch so gut gemeinte Lob.
„Alle haben geklatscht. Alle haben gelächelt. Manche haben meinen Namen gerufen. Und trotzdem fühlt es sich leer an, als würde etwas fehlen“, sagte Lucia leise.
„Was denn“, fragte Finn und schaute dabei auf das Band auf dem Bett.
„Ich weiß es nicht“, sagte Lucia und rieb sich dabei über die Stirn.
„Vielleicht habe ihr mehr für die Bühne gemacht, als für meine eigenen Pokémon“, fuhr sie fort.
Pachirisu lag zusammengerollte auf dem Kopfkissen neben ihr im Bett. Es öffnete seine Augen. Chelast schaute aus dem Fenster und wirkte so als würde es still zuhören.
„Du hast ihnen zugehört. Das habe ich gesehen“, sagte Finn beruhigend.
„Ich habe funktioniert“, antwortete Lucia kopfschüttelnd.
Finn dachte an seine eigenen Kämpfe. An Siege die sich hohl und leer angefühlt haben. An Momente an denen Panflam gebrannt hatte und er selbst sich allerdings leer gefühlt hatte.
„Applaus mag laut sein, aber er bleibt nicht“, sagte Finn.
„Und was bleibt dann“, fragte Lucia ihn.
Finn zögerte mit einer Antwort. Dann stand er auf, nahm seinen Rucksack und holte einen Pokéball hervor. Karpadors Pokéball.
„Das hier“, sagte er und setzte sich wieder.
„Er hat heute den ganzen Tag nichts getan. Kein Training, kein Fortschritt. Er war einfach da“, sagte Finn. Lucia runzelte die Stirn.
„Und trotzdem ist er mir wichtig. Nicht weil er stark ist, sondern weil ich weiß, dass er stark werden könnte“, sagte Finn.
Lucia atmete tief ein und wieder aus. Ihre Schultern senkten sich ein wenig.
„Du glaubst ich erwarte zu viel von mir“, sagte sie leise.
„Ich glaube, du bist strenger mit dir selbst, als mit allen anderen“, sagte Finn.
Sie lachte kurz, dann wurde es wieder still im Raum.
„Mireya sagte heute, sie macht Pausen. Ich habe das immer für eine Schwäche gehalten“, sagte Lucia.
„Und jetzt“, antwortete Finn.
„Jetzt ist es klug“, sagte Lucia.
Finn streckte vorsichtig seine Hand aus, zögerte dann wieder und berührte schließlich doch ihre Finger. Sie zog ihre Hand nicht zurück.
„Du musst nicht immer glänzen. Manchmal reicht es echt zu sein“, sagte er und schaute Lucia in die Augen.
Lucia drehte ihre Hand leicht, sodass sich ihre Finger verschränkten. Sie hielt Finns Hand ganz fest.
„Du bist erstaunlich gut darin“, sagte sie.
„Worin“, fragte Finn während er nach wie vor ihre Hand hielt.
„Zu verstehen, ohne erklären zu wollen“, sagte Lucia.
Finn lächelte verlegen. „Ich habe eine gute Lehrerin“, sagte er.
Lucia lachte leise. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Nicht plötzlich oder dramatisch. Einfach so, als wäre es das normalste auf der Welt. Draußen flackerte das Licht von Flori. Drinnen war es still. Und zum ersten Mal seit dem Wettbewerb fühlte sich das erste Band für Lucia nicht mehr schwer an.
Fremde Gespräche
Die Nacht hatte Flori beruhigt. Die Farben waren geblieben. Finn konnte nicht schlafen. Panflam saß auf dem Fensterbrett und beobachtete die Straße. Die kleine Flamme an seinem Schweif brannte ruhig und gleichmäßig. Finn hatte gelernt, das zu deuten. Kein Übermut, keine Ungeduld, nur Wachsamkeit.
„Kannst du auch nicht schlafen“, murmelte Finn seinem Pokémon zu.
Panflam drehte sich um und nickte Finn zu. Beide schlichen gemeinsam aus dem Pokémon Center. Nicht aus Abenteuerlust, eher aus diesem merkwürdigen Gefühl, dass etwas in der Luft liegt. Lucia bekam von allem nichts mit. Sie schlief und Finn hatte gezögert sie zu wecken. Draußen war es kalt. Finn und Panflam gingen in Richtung Stadtrand, wo die prächtigen Blumen in wilde Wiesen übergingen. Panflam schnupperte die Luft. Dann hörten sie Stimmen. Fremde Stimmen. Finn duckte sich instinktiv hinter eine kleine Mauer. Zwei Gestalten in grauen Uniformen standen auf einer Lichtung. Geräte lagen vor ihnen. Metall, Kabel, blinkende Anzeigen.
„Die Werte sind inkonsistent“, sagte einer der beiden.
„Macht nichts. Es geht nicht um dieses Pokémon. Es geht um das Prinzip“, sagte der andere.
Finn verstand nicht alles, aber genug.
„Emotionen verstärken die Reaktion. Bindung ist ein Faktor“, fuhr die Stimme fort.
Panflam knurrte leise. Finn spürte wie sich etwas in ihm zusammenzog. Er wollte aufspringen, eingreifen, sie zur Rede stellen. Eben irgendetwas tun, von dem er glaubte, dass es richtig wäre. In diesem Moment begann Panflam an zu glühen. Nicht hell oder explosiv. Sondern tief aus seinem Inneren. Die Flamme an seinem Schweif wurde größer. Finn wich einen Schritt zurück. Das Licht hüllte Panflam nun komplett ein, seine Gestalt veränderte sich, streckte sich, wurde klarer. Die Augen wirkten fokussierter. Als das Leuchten verging stand Panpyro vor ihm. Nicht triumphierend, sondern still.
„Du bist gewachsen“, sagte Finn während es ihm beinahe die Sprache verschlug.
Panpyro nickte ihm wie selbstverständlich zu. Die Stimmung auf der Lichtung verstummten und die Schritte entfernten sich. Die beiden Männer waren verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Finn atmete laut aus.
Später zurück im Zimmer, saß Lucia aufrecht im Bett. Finn trat zur Tür rein.
„Wo wart ihr“, fragte Lucia.
Finn erzählte. Nicht alles, aber genug. Lucia hörte zu, die Stirn gerunzelt, als könne sie nicht glauben was Finn berichtete. Panpyro saß zwischen ihnen, ruhig aber präsent.
„Das war keine normale Entwicklung“, sagte sie letztlich.
„Nein, aber sie war richtig“, stimmte Finn ihr zu.
„Manchmal wachsen Pokémon, weil sie müssen. Nicht, weil sie wollen“, sagte Lucia.
Nach dem Frühstück begannen beide ihre Reise fortzusetzen, doch Finn dachte immer wieder zurück an die Worte der beiden Fremden. Verstärkt wurden seine Gedanken, als die beiden die Wiese erreichten, welche er letzte Nacht bereits aufgesucht hatte. Sie machten dort eine kurze Pause. Finn setzte sich hin. Die Knie angezogen und die Hände im Gras vergraben. Panpyro trainierte ein paar Schritte entfernt mit Knospi und Sheinux. Bewegungen, Wiederholung, Fortschritt. Karpador lag unterdessen neben Finn. Nicht im Pokéball, nicht bei den anderen, die kleinen Flossen bewegten sich träge, beinahe entschuldigend.
„Du weißt, dass ich dich nicht dränge“, sprach er seinem Pokémon leise zu.
Karpador antwortete nicht. Finn hatte alles versucht. Training, Geduld, Zuspruch. Aber nichts hatte sich verändert. Kein neues Gefühl, kein Funke der übersprang. Panpyro warf den beiden einen kurzen Blick zu. Dann setze sich Lucia neben Finn und Karpador. Sie hatte alles beobachtet.
„Manchmal ist warten die schwerste Entscheidung“, sagte sie.
„Es fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an“, erwiderte Finn.
„Eher wie Stillstand“, sagte Lucia. Lucia legte ihre Hand auf Finns.
„Nicht jedes Pokémon wächst nach außen. Manche sammeln sich erst im Inneren“, sagte sie.
„Und was wenn nichts mehr kommt“, sagte er beinahe verzweifelt.
„Dann war es trotzdem nicht umsonst“, antwortete Lucia.
Ein Windstoß fuhr über die Wiese. Für einen Moment dachte Finn wieder fremde Stimmen zu hören.
„Komm, wir gehen weiter“, sagte er zu Lucia. Flori lag hinter beiden. Vor ihnen lag die Straße und irgendwo da draußen wartete etwas, das sie noch nicht benennen konnten. Aber sie gingen trotzdem gemeinsam weiter.
Wind, der nicht weht
Schon von Weitem wirkte irgendwas am Windkraftwerk nahe Flori nicht in Ordnung. Die riesigen Rotoren ragten in den Himmel von Sinnoh wie erstarrte Arme. Keinerlei Bewegung trotz des harschen Windes, der über die weite Ebene wehte. Gras und Staub tanzten im Wind, die Wolken zogen schneller als sonst, nur das Kraftwerk blieb still. Finn blieb beim Anblick des Windkraftwerkes stehen.
„Sollte sich das nicht drehen bei dem Wind“, fragte er Lucia.
„Normalerweise schon“, sagte sie und verschränkte die Arme.
Je näher sie dem gewaltigen Bauwerk kamen, desto deutlicher wurde die Stille. Keine Maschinen, kein Brummen. Nur der Wind selbst, der sich seinen Weg rund um das Gebäude suchte. Sheinux blieb abrupt stehen. Sein Fell stellte sich auf, kleine Funken sprangen über. Panpyro trat einen Schritt vor Finn, als wollte er ihn beschützen.
„Da ist etwas“, murmelte Lucia. Sie hörten Stimmen noch bevor sie das Tor sahen.
„Die Abschirmung hält nicht dauerhaft“, ertönte eine männliche Stimme.
„Sie muss. Wir brauchen die Energie“, antwortete ein anderer Mann.
Finn erkannte die beiden Stimmen wieder, es waren die Stimmen, die er in der Nacht von Panpyros Entwicklung schon einmal gehört hatte. Er wagte einen vorsichtigen Blick. Graue Uniformen, das gleiche Symbol wie in Flori. Es war Team Galaktik. Finn spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Das hier war keineswegs Zufall.
„Wir können nicht einfach weitergehen“, flüsterte er Lucia zu. Lucia sah ihn an. Ihre Augen waren betont ruhig, aber dennoch ernst.
„Wir müssen erfahren, was sie tun wollen. Aber unauffällig“, sagte sie.
Unauffällig hielt genau so lange, bis der Rüpel Sheinux bemerkte.
„Hey“, rief er beiden zu. Alles ging schnell. Ein Pokéball flog und ein Zubat erschien kreischend. Panpyro reagierte ohne Aufforderung. Ein Flammenwirbel schoss durch die Luft und landete einen direkten Treffer.
„Was macht ihr hier“, rief Finn den beiden Rüpeln zu.
„Das geht nicht an“, knurrte der Galaktik Rüpel zurück.
„Dies ist eine offizielle Operation“, sagte der zweite Rüpel neben ihm.
Lucia trat neben Finn. „Dann erklärt sie“, rief sie beiden zu.
Doch statt einer Erklärung zogen es die Rüpel vor weiter ihre Pokémon kämpfen zu lassen. Lärm machte sich breit. Funken, Flammen, Rufe. Knospi setzte Giftstachel ein, Sheinux blendete mit seiner Elektrizität. Panpyro stand als Anführer im Zentrum. Als der letzte Rüpel floh blieb Stille zurück. Finn atmete schwer.
„Das war keine Trainingssituation mehr“, sagte er. Lucia nickte zustimmend. Sie betraten das Innere des Kraftwerks. Kabel lagen offen, die Maschinen waren manipuliert. Anzeigen auf den Bildschirm flackerten unregelmäßig und ohne erkennbares Muster.
„Sie zapfen die Energie ab“, sagte Lucia.
„Aber nicht für diese Stadt“, schloss sich Finn direkt an. Er dachte an das belauschte Gespräch der Nacht zurück.
„Sie testen irgendetwas“, sagte er. Ein lautes Geräusch erschreckte die beiden. Ein einzelner Team Galaktik Wissenschaftler stand am Ende der langen Halle, die Hände erhoben.
„Ihr versteht das nicht. Wir suchen Ordnung“, sagte er.
„Auf Kosten von allem anderen“, fragte Finn den Wissenschaftler direkt und offen. Der Mann lächelte spitz.
„Chaos ist menschlich, Ordnung ist notwendig“, sagte er. Bevor Finn antworten konnte, betätigte der Mann einen Schalter. Die Lichter flackerten, der Alarm ertönte und plötzlich wurde es ganz ruhig. Wieder diese Stille.
Der Wissenschaftler war plötzlich verschwunden. Draußen setzte der Wind plötzlich wieder die Rotoren in Bewegung. Erst ganz langsam, dann immer schneller. Die Stadt würde wieder Strom haben. Aber Finn war klar, dass dies kein Sieg war. Lucia trat neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter.
„Jetzt wissen sie, dass wir existieren“, sagte sie nachdenklich.
„Und wir wissen, dass sie mehr wollen als nur Energie“, antwortete Finn.
Der Wind wehte weiter. Doch nichts fühlte sich so leicht an wie zuvor.