Kapitel 1
Hochgewachsen, schlank, perfekt gestutzte, schwarz glänzende Haare, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, eine absolut perfekt sitzende und tadellose Uniform, einfach das Bild des perfekten Sternenflottenoffiziers, …. und natürlich der gleiche, stoische Gesichtsausdruck wie alle seines Volkes.
Oh, wie Jim diesen Ausdruck doch hasste.
Aber er ließ sich nichts anmerken sondern nickte dem Vulkanier knapp zu bevor er sich dem Admiral zuwandte und die übliche Ehrerbietung vollzog. Auch wenn er diesen Mann genauso wenig leiden konnte wie den Vulkanier, der neben ihm stand und ihn aus dunklen Augen aufmerksam musterte.
„Kadett Kirk, wenn ich richtig informiert bin?“, fragte der Mann abwesend ohne aufzusehen.
Sehr höflich, dachte Jim sarkastisch, sagte aber gleichzeitig, „ja, Admiral Haden.“
Haden nickte, immer noch ohne von seinem Computer aufzusehen und winkte in die Richtung des Vulkaniers. „Commander Spock.“
Das sollte wohl eine Vorstellung sein. Jim nickte dem Commander nochmal knapp zu, wandte sich aber sofort wieder ab. So entging ihm das angedeutete Nicken, dass an ihn gerichtet wurde. Er wollte nicht hier sein, er hatte sich gestern noch mit Pille über diese verdammte Regel gestritten und er war nur aus einem einzigen Grund hier. Weil er es musste. Deswegen war es es ihm auch völlig egal wer dieser Vulkanier wirklich war.
Als keine Erwiderung kam, weder von Jim noch von Spock, sah der Admiral dann doch mal auf. Er blinzelte die zwei Männer an als würde er sie jetzt erst richtig realisieren. Dann schien er eine Erleuchtung zu haben, wandte sich kurz dem Computer zu und las dann vor. „Kadett James Tiberius Kirk, erstes Ausbildungsjahr. Sie haben sich auf eine Laufbahn als Offiziersanwärter beworben und die ersten Prüfungen, wie ich hier sehen kann, mit Bestnoten bestanden. Sie wollen in zwei Wochen das zweite Ausbildungsjahr antreten. Ist das alles korrekt?“
„Ja, Sir.“
„Sie kennen die Bedingungen für diesen Werdegang?“, fragte Haden mit einem Seitenblick auf den Vulkanier.
„Ja, Sir.“ Jim bemühte sich seine Stimme weiterhin klar und deutlich klingen zu lassen auch wenn er lieber die Zähne zusammen gebissen hätte. Er hasste, was er tun musste um diesen Werdegang einschlagen zu können.
„Diese Frage ist unlogisch.“
Beide Menschen wandten sich dem Vulkanier zu, dessen Blick sich jetzt von Jim auf Haden richtete. Als Beide ihn nur fragend ansahen, erklärte er. „Wenn Kadett Kirk die Bedingungen für den Werdegang als Offiziersanwärter der Sternenflotte nicht kennen würde, hätte er keinen Antrag stellen können. Dementsprechend wäre ich jetzt nicht hier, daher ist die Frage unlogisch denn die Antwort ist offensichtlich.“
Sein Tonfall war zwar ruhig und eigentlich bar jeder Emotion aber Jim glaubte eine verächtlichen Ausdruck in den dunklen Augen zu erkennen. Allerdings war er genauso schnell wieder verschwunden wie er glaubte, ihn gesehen zu haben. Er würde es aber verstehen denn die Frage war wirklich unlogisch, schließlich hatte er insgesamt fünf verdammte Anträge stellen müssen um heute hier zu stehen. Mit diesem verdammten Vulkanier.
„Natürlich, natürlich“, sagte Haden schnell. Seine Finger wischten über die Oberfläche des Bildschirms, seine Augen huschten über unzählige Zeilen und schließlich nickte er nochmal. „Scheint alles seine Richtigkeit zu haben. Commander Spock, benötigen Sie noch irgendwelche Daten von Kadett Kirk?“
„Nein, die Anträge waren vollständig.“
„Gut, gut, dann benötige ich hier noch eine Unterschrift von ihnen Beiden“, sagte Haden, der einige Daten auf ein PADD zog und es dann zu Jim schob. „Sind Sie sich wirklich sicher, Kadett?“
„Ja, Sir“, gab Jim von sich und setzte dann ohne Zögern seine Unterschrift unter das Dokument. Er hatte lange darüber nachgedacht, sich oft mit Pille oder Hikaru darüber gestritten und doch stand er jetzt hier, …. und verkaufte sich für eine Karriere bei der Sternenflotte für die nächsten fünf Jahre an einen verdammten Vulkanier.
Er schob das PADD ohne aufzusehen zu besagtem Vulkanier. Dieser setzte erst seinen Namen samt Rang in Standard unter das Dokument bevor er es noch mit vulkanischen Schriftzeichen ergänzte. Jim schielte aus den Augenwinkeln rüber, er wollte jetzt doch wissen wen er gleich in seinen Kopf lassen musste und schluckte. Er hätte doch kein Vulkanisch lernen sollen.
Das PADD ging zurück zu Haden, der etwas verwirrt auf die Schriftzeichen starrte aber nach einem kurzen Blick auf Spock mit den Schultern zuckte und etwas eingab. Es dauerte nur wenige Minuten bis er nickte. „Gut, damit wäre alles geregelt“, sagte Haden bevor er sich an Spock wandte, „der Rest liegt bei Ihnen, Commander. Soll ich den Raum verlassen?“
„Negativ. Die Verschmelzung dauert maximal 5,7 Minuten, es wäre ineffizient den Raum für diesen Zeitraum zu verlassen.“
Jim schluckte nochmal als sich Spock ihm jetzt vollständig zuwandte und ihn fragte, „haben Sie noch Fragen, Kadett?“
„Nein, Sir“, war alles, was Jim sagte. Es musste irgendetwas in seiner Stimme sein, denn eine der schwarzen Augenbrauen ruckte ein Stück nach oben. Ob es Überraschung oder Unverständnis war, wusste Jim nicht, es war ihm aber auch egal. Er wollte diese verdammte Scheiße einfach nur hinter sich bringen.
„Sie sind über den Ablauf informiert?“
„Ja, Sir.“
Es musste definitiv was in seiner Stimme sein denn die Augenbraue ruckte noch ein Stück höher und jetzt erkannte Jim auch die deutliche Verärgerung in Spocks Augen. Nur kurz, geradeso, dass man sie erkennen konnte bevor wieder der übliche stoische Ausdruck hinein trat. Dann löste er die Verschränkung seiner Arme und hob die rechte Hand. Jim musste sich mit Gewalt davon abhalten die Hand, die seinem Gesicht jetzt näher kam, nicht anzustarren und den Blick weiterhin zu erwidern. Irgendetwas trat jetzt in die dunklen Augen aber er erkannte es nicht und dann legten sich drei Fingerspitzen auf sein Gesicht. Am Kinn, am Wangenknochen und an die Schläfe, er schluckte und dann wurde es weiß vor seinen Augen.
Da war ein Druck an seiner Schläfe, das Gefühl als würde etwas versuchen von Außen in seinen Kopf einzudringen. Im Reflex begann er sich dagegen zu wehren. Wie durch einen Nebel hindurch hörte er einen gequälten Aufschrei und es schien eine Ewigkeit zu dauern bis er verstand, dass er selber es war, der da schrie. Dann kam der Schmerz, geringfügig irgendwo an seinem Oberarm, umso gewaltiger in seinem Kopf. Er war heiß und zornig und jagte wie flüssige Lava durch seine Adern, durch seinen Kopf, durch jeden Winkel seines Hirns. Etwas Fremdes, etwas Feindseliges, etwas, was es zu bekämpfen galt. Seine Gedanken begannen sich zu drehen, wie ein Malstrom aus Bildern, Blitzen, Gedanken und Empfindungen, der sich immer schneller drehte, immer größer wurde bis er nicht mehr wusste wo er war, wer er war oder was er war. Ein Blitzgewitter aus Farben und Formen, diffus, verworren, gewalttätig und feindselig. Immer schneller, immer schmerzhafter, der Schrei brach nicht ab, wurde höher, hysterischer bis sich seine Stimme plötzlich überschlug und er in dankbarer, wohltuender Dunkelheit versank.
Haden war beim ersten Schrei des Kadetten panisch aufgesprungen und starrte jetzt fassungslos auf die zwei Männer. Der Vulkanier hatte Kirk am Oberarm gepackt als er begonnen hatte sich zu wehren und presste die Finger auf sein Gesicht. Eine Mischung aus Überraschung und Verärgerung auf dem vulkanischen Gesicht. Die Schreie wurden lauter, der Körper Kirks zuckte noch leicht aber die Augen rollten hinter den Augenlidern wild und hektisch.
Das hier etwas nicht richtig lief, war Haden sofort klar. Es war nicht die erste Verschmelzung, der er beiwohnte aber bis jetzt war es immer eine ruhige Angelegenheit gewesen. Eine kurze Berührung an den Verschmelzungspunkten, etwas Konzentration des betroffenen Vulkaniers und schon war die Sache vorbei gewesen. Manche Kadetten hatten hinterher über leichte Kopfschmerzen geklagt. Ein Kadett war in der medizinischen Fakultät behandelt worden weil er sich übergeben hatte aber nie war es so so laut gewesen, nie so ein Kampf. Er war sich absolut sicher, dass Commander Spock jetzt schon wesentlich länger als die veranschlagten 5,7 Minuten versuchte die Verschmelzung zu initiieren. Als die Stimme des Kadetten immer höher wurde und Blut aus seiner Nase zu laufen begann, griff er nach seinem Kommunikator und informierte die medizinische Abteilung über einen Notfall in seinem Büro. Hier lief etwas gewaltig schief aber er konnte nichts tun außer zu warten.
Schwer atmend löste Spock seine Finger vom Gesicht des Kadetten und realisierte sofort das Blut, dass diesem aus Nase und Ohren lief.
„Ein medizinisches Team ist bereits auf dem Weg“, kam von Haden.
Spock nickte abwesend und fragte dann, „warum wurde ich nicht darüber informiert, dass es sich bei Kadett Kirk um einen latenten Telepathen handelt? Diese Tatsache war nicht in seiner Akte vermerkt. Es hätte besonderer Vorbereitungen benötigt um eine korrekte Gedankenverschmelzung durch zu führen.“
Haden sah ihn völlig verwirrt an, griff aber dann nach dem PADD und rief die Akte des Kadetten auf. Er las sie sich mehrfach durch, rief andere Akten auf und schüttelte schließlich den Kopf. „Es ist nicht vermerkt weil er keinerlei Anzeichen dafür gezeigt hat. Da er nie Anzeichen gezeigt hat und in seiner Familie keinerlei Telepathie bekannt ist, wurde keine geistige Untersuchung angeordnet“, erklärte er schließlich.
„Ein Fehler“, kam abwesend von Spock während er den jungen Mann vor sich aufrecht hielt. Er war mittlerweile bewusstlos und Spock war sich zu 85,26 Prozent sicher, dass die Verschmelzung einen Schaden angerichtet hatte. Er würde diesen Fehler weitergeben, das durfte nicht noch einmal passieren. Eine geistige Untersuchung vor einer Verschmelzung musste zur Pflicht gemacht werden damit so etwas wie eben nicht noch einmal vorkam. Jetzt hieß es zu warten bis das medizinische Notfallteam hier war.
Die Männer in den Uniformen der medizinischen Abteilung kamen sehr schnell und sobald sie da waren, übergab Spock den Kadetten in ihre Hände. Einer der Männer sah ihn einfach nur fragend an.
„Eine Abwehrreaktion bei der Gedankenverschmelzung. Eine unerkannte, latente Telepathie unbekannter Stärke. Blutungen im Gehirn und ein gebrochener Oberarm. Die Untersuchung durch einen vulkanischen Heiler ist dringend angeraten“, informierte Spock den Mann.
„Danke, Sir, ich gebe es so weiter“, gab der Arzt zurück bevor er sich seinem Patienten zuwandte.
Es dauerte nicht lange bis er soweit stabilisiert war, dass er per Antigrav-Trage in die medizinische Abteilung verlegt werden konnte. Spock sah den Männern nachdenklich nach, dieses Ereignis musste dringend dokumentiert und untersucht werden.
„Commander?“
„Admiral?“
„Was war das eben, Commander?“, fragte Haden ernst, „ich habe noch nie davon gehört, dass ein Kadett nach einer Verschmelzung an Hirnblutungen leidet.“
Spock straffte sich und sagte, „ohne genaue Ergebnisse der medizinischen Untersuchung des Kadetten wäre jede Aussage reine Vermutung und damit unlogisch.“
„Natürlich, Commander. Ich werde den Vorfall dennoch weiter geben müssen.“
„Natürlich, Admiral, ich werde ebenfalls einen Bericht verfassen. Wenn es sonst nichts Relevantes mehr zu besprechen gibt, würde ich mich entschuldigen.“
Haden nickte nur und schon stand er allein in seinem Büro. Er wusste zwar nicht genau, was er in seinen Bericht schreiben sollte aber irgendetwas musste er schreiben. Denn hier war etwas ganz gehörig schief gelaufen.
Es war mitten in der Nacht als Spock das Krankenzimmer betrat und sich leise auf einen Stuhl setzte. In der Hand hielt er ein PADD, auf dem die Ergebnisse der sehr umfangreichen Untersuchungen von James Kirk aufgezeichnet waren. Er benötigte das PADD eigentlich nicht, er hatte die Ergebnisse gelesen und würde sie, dank des eidetischen Gedächtnisses seiner Rasse, auch nicht vergessen. Dennoch hatte er es dabei, unlogisch. Sein Blick fiel auf den jungen Mann, der blass und fiebrig im Biobett lag. Ein prüfender Blick auf den Funktionsmonitor zeigte ihm, dass sich die Biodaten seit den Untersuchungen nicht verändert hatten. Weder zum Positiven noch zum Negativen. Dann wandte er sich wieder Kirk zu.
Seine Vermutung mit der latenten Telepathie hatte sich als richtig erwiesen, der Kadett wurde als latenter Telepath der Stufe B eingestuft. Der Heiler hatte klare Worte gefunden, es war absolut unverantwortlich gewesen unter diesen Umständen eine Verschmelzung durchzuführen. Es war, umgangssprachlich gesehen, ein Wunder, dass die Verschmelzung dennoch geklappt hatte. Zu 98 Prozent lag es daran, dass Spock selbst ein sehr starker Telepath war. Dennoch war es noch nicht absehbar ob die Verschmelzung längerfristigen Schaden angerichtet hatte, dazu musste der Kadett erst aufwachen. Es waren weitere Untersuchungen notwendig.
Spock legte den Kopf schief und dachte über diese enorme Abwehr während der Verschmelzung nach. Das war nicht die instinktive Abwehr eines Körpers gegen einen Angriff von Außen gewesen, das war etwas Stärkeres gewesen. Eine gewollte, beabsichtigte Abwehr gegen sein Eindringen. Aber warum? Der Kadett hatte die Entscheidung selbst getroffen, hatte die Anträge selbst gestellt. Er hatte gewusst, was von ihm erwartet wurde und was auf ihn zukam. Lag es an ihm selber? Warum hatte der Kadett ihn dann nicht abgelehnt? Da Kirk keinen Vulkanier aus der verfügbaren Liste ausgewählt hatte, hatten der vulkanische Hohe Rat die Entscheidung getroffen. Auf Grund der wirklich hervorragenden Prüfungsergebnisse und der sehr vielversprechenden Charakterbeurteilung des Kadetten hatte man ihn, Spock, als Partner ausgewählt. Er hatte seine Akte persönlich zu Kadett Kirk geschickt, es war keine Ablehnung gekommen also war er, logischerweise, davon ausgegangen, dass Kirk mit der Wahl einverstanden war. Es hatte ihn war überrascht, dass keinerlei Nachfragen gekommen waren aber er hatte es akzeptiert. Auch im Büro des Admirals hatte es keine Nachfragen gegeben, es musste also alles klar gewesen sein. Nun, eine Irrung seinerseits denn bereits die ersten Sekunden der Verschmelzung hatten ihm gezeigt, dass da eine sehr deutliche Ablehnung war.
Dann, das musste sich Spock selber eingestehen, hatte er eine grobe Fehleinschätzung begangen. Er hatte die Abwehr nicht ernst genommen, hatte sie für die natürliche Abwehr des menschlichen Körpers gehalten. Bereits zwei Mal hatte er eine solche Verschmelzung durchgeführt, jedes Mal war am Anfang diese Abwehr gewesen und es hatte sich bei beiden Malen gegeben als er weiter vorgedrungen war. Also war er auch dieses Mal weiter gegangen.
Hätte er zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass es sich bei Kirk um einen latenten Telepathen handelt, hätte er den Versuch der Verschmelzung an diesem Punkt abgebrochen. Zu diesem Punkt hätte es weder bei ihm noch bei dem Kadetten zu geistigen Schäden geführt. Aber er war weiter gegangen, dafür würde er sich auch noch vor dem Hohen Rat verantworten müssen und war völlig unkontrolliert in ein Kaleidoskop aus Gedanken und Gefühlen gerissen worden. Er hatte die Schmerzen gespürt, die er Kirk zugefügt hatte doch er hatte zu diesem Zeitpunkt keine andere Wahl mehr gehabt. Ein Rückzug war ihm nicht mehr möglich, zu sehr war er in dem Strudel gefangen und nur eine Verschmelzung konnte sie Beide vor schweren, geistigen Schäden bewahren. Er hatte den Kadetten festhalten müssen, hatte das Brechen der menschlichen Knochen unter seinen Fingern gespürt und hatte fast schon verzweifelt versucht sich nicht selbst in diesem irrsinnigen Strudel zu verlieren.
Irgendwie war es ihm dann gelungen sich durch das Chaos zu kämpfen und den Bereich in Kirks Kopf zu erreichen, der für die Bindungen zuständig war. Er wähnte sich schon am Ziel als die Abwehr nochmal zunahm, sich nochmal potenzierte und es hatte seine gesamte Kraft benötigt um nicht weg gerissen zu werden. Doch er hatte sich gehalten, hatte sein eigenes Ich nicht verloren und hatte es sogar geschafft die notwendigen Kontaktpunkte zu finden und sich dort zu halten. Mit mehr Kraft als er jemals angenommen hatte zu benötigen, hatte er die Verbindung geschaffen. In dem Moment als er ihre Geister verschmolzen hatte, erschlaffte der Körper zwischen seinen Händen und der aufgewühlte, wütende Geist versank in Bewusstlosigkeit.
Er hatte Kopfschmerzen, zum ersten Mal seit seiner Kindheit hatte er Kopfschmerzen und selbst mit aller Konzentration hatte er es bis jetzt immer noch nicht geschafft diese Schmerzen zu unterdrücken. Das war unlogisch, er war es gewohnt Schmerzen nur durch seinen Willen zu verdrängen und zu bekämpfen aber diese Kopfschmerzen, die sich von seinem Hinterkopf bis zur Stirn zogen, konnte er einfach nicht verdrängen. Sie plagten ihn schon seit der Verschmelzung. Er würde in 3,24 Stunden, wenn die erste Tagesschicht der medizinischen Fakultät begann, einen Heiler aufsuchen. Die Ursache war zu 98,36 Prozent das Band, das ihn mit Kadett Kirk verband und er würde es überprüfen lassen. Zwar war ihm kein Fehler aufgefallen aber sein Rückzug aus Kirks Geist war sehr schnell gewesen, er konnte nicht ganz ausschließen, dass er etwas übersehen hatte. Das würde der Heiler überprüfen.
Spock warf noch einen Blick auf den Kadetten, mit dem ihn jetzt ein geistiges Band verband. Er verstand dessen Reaktion nicht, sie war absolut unlogisch und darüber würden sie sprechen müssen. Aber dazu musste der Kadett erst einmal aufwachen, die medizinische Freigabe bekommen und die Verschmelzung durfte keinen Schaden angerichtet haben. Es wäre höchst bedauerlich einen so starken, intelligenten Geist wegen mehrere, vermeidbarer Fehler ruiniert zu haben. Doch das war eine Überlegung für den Moment, in dem die neuen Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen da waren. Spock schob die Überlegungen beiseite und erhob sich, er würde seinen Bericht fertig stellen und dann den Termin bei dem Heiler wahrnehmen. Man würde ihn informieren wenn Kadett Kirk wieder aufnahmefähig war. Damit verließ er das Krankenzimmer, genauso unbemerkt wie er es betreten hatte.
Kapitel 2
Das Licht war gedämpft als er die Augen schwerfällig öffnete. Das hieß, dass Pille irgendwie von dem Vorfall erfahren hatte und sich, wie auch immer, die Behandlungsvollmacht geholt hatte. Denn er war der einzige Arzt, den Jim kannte, der immer das Licht im Krankenzimmer dämpfte wenn man darauf wartete, dass ein Patient erwachte. Was, so gesehen, auch völlig logisch war. Wer wollte schon von einer vollen Beleuchtung geblendet werden wenn er gerade, aus was auch immer, erwachte? Was Jim zurück zu der Frage führte, was dieses was auch immer bei ihm dieses Mal gewesen war.
„Du bist wach, das ist erfreulich.“
Jim krächzte etwas, was sowohl eine Begrüßung wie auch eine Beleidigung sein könnte.
„Ja, ich hab dich auch lieb“, murrte Pille, der jetzt in sein Blickfeld trat, „ich habe dir gesagt, dass dieser verdammte vulkanische Voodoo Schwachsinn ist. Was hat dieser Waldschrat mit dir gemacht?“
Er schloss die Augen als die Erinnerungen mit einem Schlag auf ihn einprasselten. Ein leises Stöhnen entrang sich seinen Lippen.
„So würde ich das auch sehen. Möchtest du eine Kurzfassung deines Zustandes?“
„Hm.“
„Das fasse ich als ja auf“, sagte Pille, „fangen wir mit dem harmlosen Dingen an. Du hattest einen gebrochenen Oberarm, der nach einer Behandlung mit dem Knochenregenerator so gut wie neu ist. Möchtest du ein Foto von dem netten Handabdruck, den dieser Bastard auf deinem Arm hinterlassen hat?“
„Nein, Pille“, murmelte Jim ohne die Augen zu öffnen. Er mochte es nicht wenn sein bester Freund alles und jeden beleidigte aber er hatte gerade nicht die Kraft oder die Nerven um mit ihm zu streiten. Außerdem hatte er Kopfschmerzen, die jede Sekunde stärker wurden.
„Ich hab trotzdem mehrere gemacht, vielleicht brauchst du sie ja mal als Erinnerung. Kommen wir zu den nicht zu harmlosen Dingen. Du hattest eine schwere Gehirnblutung, die wir operativ behandeln mussten. Du lagst fast vier Stunden im OP und hast zwei Mal beschlossen, dass du gerne die andere Seite besuchen möchtest. Da ich dir die Leviten noch nicht lesen konnte, hat man dich nicht gelassen“, erklärte Pille weiter und mit jedem Wort wurde seine Stimme wütender, „welchen genauen Schaden dieser Arsch angerichtet hat, kann man noch nicht sagen. Dazu musst du von einem vulkanischen Heiler untersucht werden, also nochmal so einen Voodoo wie du ihn gerade hinter dir hast.“
„Nein!“
„Ob deine Meinung in dem Fall jemanden interessiert?“, fragte Pille.
Jetzt öffnete Jim die Augen und trotz seiner Schwäche und den rasenden Kopfschmerzen war eine Entschlossenheit in seinem Blick zu sehen, den Pille nur zu gut kannte. Er versuchte sich aufzusetzen, scheiterte aber bereits bei den ersten Ansätzen. Pille sah sich seine Anstrengungen einen Moment an, seufzte dann theatralisch auf und griff ihm helfend unter die Arme. Mit einer Hand stopfte er noch schnell ein Kissen in seinen Rücken, rückte ihn bequem zurecht und ließ sich dann auf den Stuhl neben dem Biobett sinken. Er fuhr sich mit einem großen Seufzer durch die Haare und sah ihn dann besorgt an.
„Ich habe Kopfschmerzen“, murmelte Jim ohne auf diesen Blickt einzugehen.
„Ich darf dir nichts mehr geben, du hast bereits die Höchstdosis intus. Außerdem ist die Ursache nicht körperlicher Natur sondern kommt von diesem verdammten Voodoo. Du hast für ganz schön Chaos gesorgt, ich habe noch nie einen Heiler panisch umher laufen gesehen. Jim, was ist passiert? Die Spitzohren halten sich sehr bedeckt was Informationen angeht.“
„Ich hätte kein Vulkanisch lernen sollen.“
„Wie kommst du jetzt darauf?“
Jim seufzte leise und meinte, „ich habe keinen Vulkanier aus der Liste ausgesucht sondern einfach eine Anfrage gestellt. Mir wurde also vom Hohen Rat ein Vulkanier zugeteilt, bis, wie lange war ich weg?“
„Nur eine Nacht. Weiter.“
„Bis gestern wusste ich also nicht an wen ich gebunden werde. Naja, Admiral Haden hat ihn mir nur als Commander Spock vorgestellt aber ich habe seine Unterschrift auf dem Vertrag lesen können.“ Jim brach ab bei der Erinnerung.
„Und das ist jetzt aus welchem Grund von Bedeutung?“, fragte Pille missmutig, „Spitzohr ist Spitzohr.“
„Nicht wenn es sich um den Enkelsohn von T‘Pau handelt.“
Pille pfiff anerkennend durch die Zähne und murrte, „das ist hart. Bist du sicher? Hast du dich nicht vielleicht verlesen?“
„S‘haile S‘chn T‘gai Spock, aus dem Hause Sareks, aus dem Clan T‘Paus“, sagte Jim niedergeschlagen, „ich habe mich nicht verlesen, garantiert nicht.“ Dass ihm sowohl die vulkanische Bezeichnung des Lordtitels wie auch der vulkanische Vorname völlig problemlos von den Lippen kam, wunderte in diesem Moment weder ihn noch Pille.
„Holla die Waldfee, da hast du ja einen richtigen Bock geschossen. Hat man dir nicht vorher mitgeteilt wen sie ausgesucht haben?“, fragte Pille verwundert.
„Doch natürlich, ich hab die Nachricht ungelesen gelöscht. Ich dachte ja damals, dass es völlig egal ist an wen ich mich verkaufen muss. Konnte ich denn wissen, dass es gleich ein so hochrangiger Vulkanier ist?“, murrte Jim, „scheiße, was mach ich jetzt?“
„Bist du sicher, dass die Verschmelzung hingehauen hat? Ich meine, du hast ganz schön zu kämpfen gehabt, vielleicht ist da was schief gegangen.“
„Warum habe ich dann so schreckliche Kopfschmerzen? Nein, ich befürchte, dass das alles seine Richtigkeit hat. Auch wenn ich nicht verstehe warum es mich so umgehauen hat.“
„Ach ja, das kannst du ja noch gar nicht wissen. Ich gratuliere, du bist ein latenter Telepath der Stufe B.“
Jim blinzelte seinen besten Freund mehrfach schnell an bevor er den Kopf schüttelte, die Augen schloss und sich die Decke über den Kopf zog. „Ich bin sowas von am Arsch“, kam gedämpft unter dem Stoff hervor.
„Ja, mein Freund, das bist du.“
Drei Tage schaffte es Pille ihm alles und jeden vom Hals zu halten. Wie er das machte, war Jim in dieser Zeit völlig egal aber irgendwann würde er wohl mal danach fragen.
Den ersten Tag nutzte er auf genau eine Weise, er verschlief ihn völlig unter Medikamenteneinfluss. Sein Körper zeigte ihm deutlich, dass er am Ende war und wer war Jim schon, dagegen zu argumentieren. Also ließ er sich von Pille ein Hypospray in den Hals jagen, machte die Augen zu und beschloss, dass die Welt 24 Stunden später wahrscheinlich wesentlich besser aussah.
Am zweiten Tag sah die Welt zwar nicht besser aus aber Jims Körper hatte sich wieder zur Mitarbeit entschlossen. Nun, bis auf seinen Kopf, der verweigerte nach wie vor die komplikationslose Zusammenarbeit aber ließ sich mit einigen Schmerzmitteln davon überzeugen, dass er ihn jetzt doch wieder brauchte. Also ließ er sich von Pille sowohl mit Schmerzmitteln, seinem persönlichen PADD und den Grundnahrungsmitteln, Schokolade und Kaffee versorgen. Sein bester Freund verleierte zwar die Augen, brachte ihm aber alles Gewünschte unter lautem Fluchen.
Offiziell bekam er sein PADD um zu arbeiten und zu lernen, inoffiziell hackte er sich fast sofort in den Computer der Sternenflotte und suchte nach seinem neuen Bindungspartner. Die offizielle Akte war ziemlich dürftig aber schon etwas aufschlussreich.
Er war nicht der erste Mensch, mit dem Spock die Offiziersbindung, wie es im Fachjargon in der Akte stand, einging. Zwei weitere Kadetten hatten schon das zweifelhafte Vergnügen gehabt. Beide Bindungen hatte Spock von seiner Seite aus wieder aufheben lassen, beim Ersten nach 14 Monaten, beim Zweiten nach 22 Monaten. Jedes Mal mit der Begründung, dass der entsprechende Kadett nicht die Anforderungen an einen Kommandooffizier erfüllte. Er holte sich die Akten der Kadetten auf den Schirm.
Beim Ersten musste er Spock zustimmen, außer im Bereich Computerprogrammierung war er ein Idiot. Beim Zweiten fand er nichts Gravierendes, was einen Ausschluss aus dem Programm gerechtfertigt hätte. Gut, seine Noten waren immer schlechter geworden aber wenn er die gleichen Kopfschmerzen wie er selber hatte, war das auch kein Wunder. Ein kurzer Blick in die entsprechenden Krankenakten zeigte ihm, dass das nicht der Fall war, oder es war nicht dokumentiert. Schulterzuckend schloss Jim die Akten, das brachte ihn nicht weiter.
Den Werdegang von Spock hätte man so, wie er war, aus dem Lehrbuch abschreiben können. Schulbildung und Ausbildung mit Schwerpunkt Wissenschaft auf Vulkan mit Bestnoten bestanden, dann die militärische Ausbildung, zur Hälfte auf Vulkan, zur Hälfte auf der Erde. Innerhalb von zwei Jahren nach Abschluss mehrere Auszeichnungen für seine effiziente Arbeit und teils auch bahnbrechenden Forschungsergebnissen, dann folgte die Beförderung bis zum Commander und die Aufnahme ins Offiziersprogramm. Wie im Lehrbuch. Aber das war nur die eine Seite, es musste noch eine Andere geben, die gab es immer. Da er offiziell nicht weiter kam, nutzte Jim andere Kanäle.
Die private Akte, die vollständig auf vulkanisch gehalten war, und natürlich nicht vom Hohen Rat an die Sternenflotte weiter gegeben wurde, war allerdings auch nicht wirklich aufschlussreich. Sein Vater, Sarek, war Botschafter auf der Erde aber das war Jim schon klar gewesen. Über seine Mutter stand erstaunlicherweise absolut gar nichts in der Akte. Wirklich interessant waren allerdings die Vorfälle, die in der Akte vermerkt waren.
Ein körperlicher Angriff auf ein anderes Kind im Alter vom 8 Jahre und 10 Jahren. Ein Angriff auf zwei Vulkanier im Alter von 14 Jahren. Ein weiterer Angriff auf einen Vulkanier und einen Andorianer im Alter von 17 Jahren. Mehrere Aufenthalte in den Höhlen von Gol. Jim hob eine Augenbraue, das hatte er doch schon irgendwo gelesen. Ein eidetisches Gedächtnis wäre etwas feines in diesem Moment aber Jims Gedächtnis war auch nicht so schlecht, es dauerte nicht lange bis er die Informationen hatte, die er schon einmal gelesen hatte.
Die Höhlen von Gol waren quasi das vulkanische Äquivalent zu einer menschlichen Nervenheilanstalt. Die Vulkanier, die sich dorthin begaben, oder hingeschickt wurden, hatten meistens Probleme mit ihren Emotionen oder, was Jim eher annahm, mit ihrer Telepathie. Sie wurden dort durch speziell ausgebildete Heiler und Priester betreut und behandelt. Jim rief die Akte wieder auf den Bildschirm, fluchte kurz leise weil das PADD so klein war, und ging die Aufenthalte Spocks in Gol durch. Immer wieder einige Wochen als Kind und Jugendlicher bis er etwa 18 war.
Dann war lange Zeit Ruhe und dann nochmal zwei Aufenthalte. Jim verglich die Daten mit den anderen Akten und sah sich in seiner Annahme bestätigt. Jeder dieser Aufenthalt fand direkt nach dem Lösen der Offiziersbindung statt und zog sich über mehrere Wochen bis er zurück in den aktiven Dienst kam. Warum hatte er der dritten Bindung, ihrer Bindung, zugestimmt? Nach diesen Erfahrungen wäre es doch viel logischer gewesen aus dem Programm auszutreten. Jim kratzte sich nachdenklich am Nacken, trank den letzten Schluck kalten Kaffee und schob sich dann ein Stück, garantiert Nussfreie, Schokolade in den Mund. Während er langsam kaute, ließ er sich zurücksinken und schloss kurz die Augen. Die Kopfschmerzen waren wieder da und machten das Denken schwer, aber dennoch ergab das Verhalten Spocks keinen Sinn.
Jim öffnete die Augen und starrte an die Decke. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Aufenthalt in Gol wirklich gut angesehen wurde, schließlich gestand der entsprechende Vulkanier sich ja eine Schwäche ein. Und dann gleich mehrere Aufenthalte, selbst als Erwachsener noch, das konnte einfach nur eine Schande sein. Oder war die Lösung der Bindung so schwer? Er hatte noch nie davon gehört, hatte sogar schon einen Vulkanier getroffen, der erst kurz vorher die Bindung nach Ablauf der fünf Jahre gelöst hatte. Der hatte nicht unsicher oder Therapie bedürftig ausgesehen. Oder lag es an Spock selber?
Er wandte den Blick wieder auf sein PADD, überflog nochmal die Akte auf der Suche nach dem eingetragenen Telepathiestufe. Jeder Vulkanier besaß so eine Stufe, die mit 14 das erste Mal festgestellt wurde und mit 22 nochmal überprüft wurde. Jeder. Nun, bis auf Spock denn er fand die Daten nicht.
„Das kann doch gar nicht wahr sein, das muss doch irgendwo stehen“, murrte Jim während er erneut nach der Schokolade griff, der Kaffee war ja leider mittlerweile leer. Doch egal wo er suchte, er fand die Stufe einfach nicht, sie stand nirgendwo.
Es blieben genau zwei Möglichkeiten. Die Stufe war so gering, dass es eine Schande für den Enkelsohn von T‘Pau darstellte und deswegen unterschlug man es. Doch nachdem, was Jim während der Verschmelzung gespürt hatte, hielt er diese Möglichkeit quasi für nichtig. Blieb die zweite Möglichkeit, sie war extrem hoch, zu hoch.
Die Bestimmungen der Sternenflotte waren klar und auch wenn die Vulkanier sich in viele Dinge sehr erfolgreich einmischten, warum würde er sonst jetzt mit Kopfschmerzen im Krankenzimmer liegen? In einigen Dingen hatten sie keine Chance gehabt. Eines dieser Dinge war die zugelassene Telepathiestufe. Denn die Menschen fürchteten die Telepathie der Vulkanier und um extreme Beeinflussung zu verhindern, hatte man eine maximale Stufe festgelegt. Und die war D.
Alles, was höher war, durfte nicht ins Offiziersprogramm, egal wer die Oma war. Wobei D schon extrem hoch war, man begegneten Vulkaniern mit dieser Stufe meistens mit Misstrauen und viele Menschen verweigerten die Zusammenarbeit mit ihnen. Eine noch höhere Stufe wäre einfach Wahnsinn. Wenn er einen Beweis fand, könnte sich das als vorteilhaft für ihn erweisen. Aber heute nicht mehr, beschloss Jim, angesichts der schwarzen Punkte, die mittlerweile vor seinen Augen tanzten. Sein Kopf hatte auch beschlossen, dass seine Zusammenarbeit für diesen Tag ausreichend war, die Kopfschmerzen hatten seine Stirn erreicht und setzten sich dort hartnäckig fest. Mit einem leisen Seufzen schloss Jim die Akten auf seinem PADD, gab den Verriegelungscode ein und schaltete es dann aus. Ein Griff zum Notruf und kurz darauf stand ein Krankenpfleger mit einem fragenden Gesichtsausdruck in seinem Zimmer.
„Könnte ich noch was gegen Kopfschmerzen kriegen?“
„Haben Sie heute schon mehr als Kaffee und Schokolade zu sich genommen?“
„Ähm...“
Der Mann lächelte schief, begann das Geschirr zusammen zu räumen und sagte, „ich bringe Ihnen gleich ein leichtes Abendessen und dann gibt es nochmal Schmerzmittel. Sie sollten sich gesünder ernähren.“
„Sagt mein Arzt auch ständig“, grinste Jim.
„Vielleicht wäre es an der Zeit sich daran zu halten“, gab der Mann grinsend zurück bevor er samt Geschirr das Zimmer verließ.
Der zweite Tag endete nach einem leichten Abendessen, einem weiteren Hypospray und einem tief und fest schlafenden Jim.
Der dritte Tag begann mit einem fluchenden, besten Freund, der sich beim gemeinsamen Frühstück über einen Kadetten aufregte, der es in der Nacht geschafft hatte sich beinah selbst in die Luft zu jagen. Was dazu führte, dass Pille sehr wenig geschlafen hatte und seine Laune noch schlechter war als sowieso schon. Nachdem er Jim mit einem Tricorder geärgert hatte, und dabei fest gestellt hatte, dass sich seine Gehirnwellen, und zwar alle, langsam beruhigten. Aber noch immer waren sie weit außerhalb des Bereiches, der für einen Menschen normal gewesen wäre.
„Was ist das eigentlich?“, fragte Jim misstrauisch während Pille den Tricorder murrend weg steckte und sich dann setzte. Sein Blick lag auf einer Schüssel mit einer seltsamen Masse, die wohl sein Frühstück darstellen sollte.
„Müsli, gesund, nahrhaft, leicht zu verdauen also perfekt für deinen Körper, der genug damit zu tun hat diesen vulkanischen Voodoo zu verkraften und nicht noch zusätzliche Energie für die Verdauung sinnloser Dinge verschwenden soll“, gab Pille zur Antwort, „wie fühlst du dich?“
„Mit einem ordentlichen Frühstück würde ich mich besser fühlen“, sagte Jim. Als er den Blick seines besten Freundes auffing, seufzte er leise und fuhr fort, „besser als vorgestern. Körperlich noch etwas schwach und die Kopfschmerzen hängen irgendwo hinter dem rechten Ohr fest. Aber bei weitem nicht so stark wie gestern.“
„Klingt gut und jetzt iss, sonst nehm ich sowohl den Kaffee wie auch die Kekse wieder mit.“
„Kekse?“
Angesichts des plötzlichen Strahlen in Jims Gesicht seufzte Pille leise und holte eine Packung Schokoladenkekse aus seiner Tasche und legte sie auf den kleinen Tisch neben das Tablett mit dem Frühstück. Als Jim sofort danach greifen wollte, schlug er ihm auf die Finger. „Erst Müsli, dann Schmerzmittel und eine Stunde später darfst du dann Kekse essen.“
„Ärztliche Anweisung?“, fragte Jim.
„Ja, ärztliche Anweisung.“
Mit einem Schulterzucken warf Jim noch einen sehnsüchtigen Blick auf die Kekse, griff aber dann nach dem Löffel und begann das Müsli zu essen.
„Keine Widerworte?“, fragte Pille misstrauisch. So friedlich kannte er Jim nicht.
„Nein, heute nicht. Macht nur noch mehr Kopfschmerzen und darauf kann ich verzichten. Außerdem traue ich dir wirklich zu, dass du die Kekse wieder mitnimmst. Oder noch schlimmer, den Kaffee“, gab Jim zurück, mit einem Blick auf die Thermoskanne voller Kaffee. Sie würde nur bis Mittag reichen aber er war sich absolut sicher, wenn er jetzt kooperativ war, würde er Pille zu einer zweiten Kanne für den Nachmittag überreden können.
„Also purer Eigennutz?“
„Jup.“
Kopfschüttelnd setzte sich Pille jetzt und begann ebenfalls zu frühstücken, ebenfalls Müsli weil er mit gutem Beispiel voran gehen wollte.
Irgendwann verschwand Pille und Jim machte sich an die Arbeit. Er hatte noch ein paar Aufgaben vor sich. Als Erstes las er sich über latente Telepathie ein und stellte schnell fest, dass er ein Problem hatte. Denn latente Telepathen waren in der Offizierslaufbahn zwar nicht verboten aber so gut wie jeder Vulkanier lehnte die Verschmelzung mit ihnen ab. Er fand einen vulkanischen Bericht über eine Verschmelzung, kühl und sachlich geschrieben aber grob übersetzt, war es eine Katastrophe gewesen. Die dazu geführt hatte, dass der Mensch wahnsinnig geworden war und der Vulkanier so schwere Probleme bekommen hatte, dass er sich aus dem aktiven Dienst komplett zurück gezogen hatte. Er suchte die Stufen, beide A. Er runzelte die Stirn, entweder waren sie zu nah beisammen oder es gab andere Gründe, dass es nicht funktioniert hatte. Wenn er jetzt davon ausging, dass Spock definitiv über D lag, könnte das erklären warum er noch lebte, nicht wahnsinnig war und wahrscheinlich auch wieder komplett gesund werden würde. Er rief schnell seine eigene Akte auf und fluchte leise, natürlich stand es schon drin. Und es gab noch einen Vermerk, dass von einer weiteren Geistesbindung abgeraten wurde. Er hatte also nur diese eine Chance. Mit einem Fluchen legte er das PADD weg, das war nicht fair.
Eine Tasse Kaffee, ein Besuch im Bad und drei, wirklich hervorragende, Schokoladenkekse später saß Jim wieder auf seinem Bett. Nicht mehr unter der Decke sondern im Schneidersitz darauf und sein PADD auf dem Schoß. Einen weiteren Keks knabbern, wischte er über die Oberfläche, er musste diese verdammte Telepathiestufe finden. Irgendwo musste sie doch stehen. Verdammt, Vulkanier schrieben doch sonst jeden Scheiß auf, es war einfach unvorstellbar, dass sie so eine wichtige Information nicht aufschrieben. Aber wo? Er hatte die inoffizielle Akte nochmal gelesen aber nichts gefunden, in der Offiziellen stand es logischerweise auch nicht. Wo konnte er noch suchen? Nachdenklich strich sich Jim durch die Haare, registrierte beiläufig, dass er wieder zum Friseur musste, schneiden und färben. Auch wenn Pille immer darüber lachte aber blond brachte ihm einfach mehr Vorteile und warum sollte er das nicht nutzen? Wenn nur diese verdammten Kopfschmerzen nicht wieder so stark wären. Aber natürlich. Mit einem Grinsen machte sich Jim daran die medizinische Akte von Spock zu suchen, da musste es einfach drin stehen.
Wesentlich später stand Jim am Fenster, die Finger krampfhaft um eine Tasse Kaffee geschlungen während er verzweifelt versuchte nicht auf sein PADD, dass er auf dem Biobett hatte liegen lassen, zu starren. Er hatte die Stufe gefunden, in einer mehrfach verschlüsselten Datei, sowohl in Standard wie auch in Vulkanisch, und er verstand, warum sie nicht öffentlich zugänglich war. Es war kein Wunder, dass Spock die Verschmelzung auch gegen seinen Willen durchführen konnte und dass er so starke Nachwirkungen hatte. Es war ein Wunder, dass er diese ganze Sache überlebt hatte. Als die ersten Kaffeetropfen auf seine Hände fielen, sah er auf die Tasse und bemerkte, dass seine Finger zitterten. Er versuchte sie ruhig zu halten, schaffte es aber nicht ganz.
„Jim?“
Mit einem erschrockenen Aufschrei zuckte Jim zusammen und fuhr rum. Die Kaffeetasse entglitt seinen Fingern und zerschellte auf dem Boden, Kaffee spritzte überall hin.
„Verdammt Jim, was ist los? Du bist leichenblass.“
Mit wenigen Schritten war Pille bei seinem Patienten und fasste ihn an den Oberarmen, er spürte das starke Zusammenzucken, runzelte fragend die Stirn.
„Pille?“
„Ja, Pille, auch wenn der Spitzname immer noch dämlich ist. Was ist los? Du siehst ja fast so schlimm aus wie zu dem Zeitpunkt als man dich hergebracht hat, was ist los?“, fragte Pille nochmal während er ihn vorsichtig an den Scherben vorbei aufs Bett manövrierte.
Statt einer Antwort schob Jim ihm das PADD zu.
„Ich will gar nicht wissen, wie du an die Akte gekomm….“
Pille verstummte, die Augen wurden immer größer und im Normalfall hätte Jim jetzt einen saudämlichen Witz gerissen aber ihm war im Moment nicht nach Witzen. Er musste diese Tatsache erst einmal verarbeiten.
„Puh, das ist echt hart.“
„Danke Pille, du bist sehr aufmunternd.“
Mit einem rauen Lachen ließ sich Pille neben ihm auf das Biobett sinken und deutete auf das PADD. „Was hast du noch alles raus gefunden?“
Jim atmete nochmal durch, warf seiner kaputten Kaffeetasse einen wehmütigen Blick zu und begann dann zu erzählen, was er alles heraus gefunden hatte. Im Gegensatz zu sonst hörte ihm Pille einfach nur zu ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.
Nach einem sehr viel besseren Abendessen als dem Frühstück saß Jim wieder alleine in seinem Zimmer. Mit der Warnung von Pille, dass er morgen definitiv Besuch bekommen würde. Noch länger konnte Pille es nicht verantworten ihn zu isolieren, er musste sich der Welt wieder stellen. Allerdings erst nach dem Frühstück und einem weiteren Hypospray gegen die Schmerzen, die ersten Besucher hatten sich für 10 Uhr Erdstandardzeit angekündigt. Aber das war morgen.
Jim sah zu seinem PADD, dass seit Stunden unbeachtet auf dem Nachttisch lag und immer noch die medizinische Akte seines Bindungspartners zeigte. Pille hatte ihm schweigend zugehört und dann nur den Kopf geschüttelt und irgendetwas von spitzohriger Bastard gemurmelt. Danach hatten sie die Scherben beseitigt, den Kaffee aufgewischt und Pille hatte neuen Kaffee organisiert. Jeder eine Tasse Kaffee in der Hand, wobei sich Jim sicher war, dass da nicht nur Kaffee in der Tasse war, hatten sie angefangen zu planen. Er war nicht umsonst einer der jüngsten Kadetten der Akademie und auch wenn ihn die Hälfte aller Leute hier für ein Großmaul und Gigolo hielt, verbarg sich ein sehr helles Köpfchen unter seinen Haaren. Und Pille war, wenn er denn wollte, auch extrem intelligent. Sie hatten schon öfters zusammen Pläne ausgeheckt und jetzt war es wieder soweit. Wobei es nicht viel zu hecken gab, die Richtlinie war sehr klar. Jetzt musste er das nur noch Spock passend verkaufen. Jim seufzte leise, griff dann nach den Schlaftabletten, die ihm Pille da gelassen hatte und nahm sie. Er verschwand nochmal schnell im Bad und machte es sich dann auf der Seite bequem, griff nach dem PADD um es vor sich zu legen. Er las es noch einmal, schüttelte dann den Kopf und verriegelte sein PADD dann. Eine Vorsichtsmaßnahme, die er sich angewöhnt hatte weil es öfters mal Dinge auf diesem PADD gab, die besser niemand außer ihm sehen sollte. Dann löschte er das Licht und machte es sich richtig bequem. Und während er langsam in den Schlaf abglitt, blieben seine Gedanken bei dem Buchstaben, der sich hinter der Telepathiestufe von Spock befand. Diese Information sollte nie an die Öffentlichkeit gelangen und damit war sie das perfekte Druckmittel um dieses Chaos rund um die Bindung in Bahnen zu lenken, die für Jim am vorteilhaftesten waren. Denn er war sich absolut sicher, dass Spocks Karriere vorbei war wenn es raus kam, kein Wunder bei dieser Stärke. Selbst als er endgültig in die Dunkelheit versank, sah er diesen einen Buchstaben ganz klar vor Augen.
G.
„Du wirst keinen Blödsinn machen, oder?“
„Pille, würde ich Blödsinn machen?“
„Ja, würdest du“, schnaufte Pille ungehalten, „verdammt Jim, nimm das nicht auf die leichte Schulter. Ja, seine Telepathiestufe ist illegal aber wenn er wirklich der Enkelsohn von T‘Pau ist, ist er ein sehr einflussreicher Kobold. Mach ihn dir nicht zum Feind. Du weißt genau wie hoch die Chance ist, dass du nochmal eine Offiziersbindung eingehen kannst.“
„Quasi null.“
„Richtig. Also sei bitte vorsichtig.“
Jim seufzte jetzt leise, sein amüsierter Gesichtsausdruck verschwand und er wurde ernst. „Ich weiß, was ich tue, keine Angst. Ich habe nicht vor mir meine Zukunft zu verbauen weil ich unüberlegt handel. Pille, ich bin dir dankbar für deine Fürsorge aber sie ist, in diesem Fall, unnötig.“
„Ich mach mir einfach Sorgen um dich.“
„Ich weiß, aber es ist momentan wirklich unnötig.“
Pille sah ihn zweifelnd an, nickte aber dann resignierend. „Pass bitte auf dich auf.“
„Mach ich“, sagte Jim lächelnd bevor er grinste und auf den Nachttisch deutete. „Du hast mir ja genug Nervennahrung mitgebracht.“ Beide Blicke gingen kurz zu der Schokolade, die neben der Thermoskanne voll Kaffee lag und darauf wartete, dass er sie essen durfte. Allerdings musste er dafür noch gut eine Stunde warten denn er vertrug Zucker direkt nach einem Hypospray mit Schmerzmitteln einfach nicht. Was eine Schande war denn er war sich sicher, dass er beim späteren Gespräch dringend Schokolade brauchen könnte.
„Meld dich wenn das Spitzohr wieder weg ist.“
„Ich werde dir umgehend Bericht erstatten.“
Angesichts des flapsigen Tones verdrehte Pille die Augen, packte seine Sachen zusammen und machte sich leise schimpfend und fluchend auf den Weg. Hinter ihm grinste Jim noch etwas breiter bevor er sich auf sein Bett setzte, das PADD nahm und ein paar Vorbereitungen für das Gespräch, dass er noch bestreiten musste, vornahm.