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Sturm

von

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Die Ruhe nach dem Sturm

Konstantin sah unglaublich lange auf seine Füße.

Langsam zog er die Zehen an und entspannte sie wieder. Mindestens fünf Mal wiederholte er das.
 

Das Brüllen des Hurrikans war ohrenbetäubend gewesen und jetzt war es still und aus irgendeinem Grund war das noch viel unheimlicher als der Lärm. Der Lärm, von dem er geglaubt hatte, er würde nie wieder enden, bis er es dann doch getan hatte.

Um ihn herum lag alles in Trümmern.

Es toste und grollte und heulte nicht mehr. Nichts riss mehr an den Bäumen und Gebäuden und Straßenschildern.

Da war auch nicht mehr viel an dem man hätte rütteln können.

Da war nichts mehr.

Nur Trümmer und Stille.
 

Konstantin legte die Arme fest um seine Beine und versuchte zu atmen und zu verstehen wie alles um ihn herum zerstört sein konnte, während er einfach hier saß.

Staub auf der Haut und ein zarter, dunkelroter Kratzer auf der Wange.

Vollkommen unversehrt.

Dein Name bedeutet der Standhafte

Er hörte die kratzige Stimme seiner Oma in seinem Ohr. Das hatte sie ihm andauernd erzählt. Das und dass da ein Engel wäre, der über ihn wachte.

Ein Engel...
 

Konstantins blassblaue Augen huschten über entwurzelte Bäume, Ziegelsteine, Dachpfannen, Plastikmüll, zersplittertes Holz, Äste, Blätter, Dämmwolle, einen zerbeulten Gasgrill und ....einen kleinen Blumentopf auf welchen Tilly bunte Schmetterlinge gemalt hatte. Er erkannte ihn sofort. Tilly wohnte am Ende der Straße aber jetzt lag er hier der Blumentopf...in Scherben zwischen weiteren Scherben und noch mehr Scherben....überall Scherben.
 

Er spürte wie es immer enger in seiner Brust wurde, wie sein Herz schneller schlug und immer schneller. So schnell, dass er fürchtete es würde sich überanstrengen und letztendlich genauso verstummen wie der Hurrikan.
 

"Hey bist du verletzt?"

Die Stimme schnitt durch die Stille wie ein Messer durch weiche Butter.

Mühelos.

Konstantin hob den Blick und starrte auf den Fremden, der ihm jetzt seine Hand entgegen streckte um ihm hochzuhelfen.

"Bist du verletzt?", wiederholte der Fremde. "Du bist jetzt in Sicherheit."

In Sicherheit?

Konstantin wollte antworten aber die Welt drehte sich wieder und dann wurde alles schwarz.

Wie er ohnmächtig zur Seite sackte und auf dem Boden aufschlug spürte er gar nicht mehr.
 

Als er wieder aufwachte war es grell. Sonne strahlte ihm mitten ins Gesicht.

Er blinzelte verwirrt und vernahm als erstes ein Stimmengewirr und sogar ein helles Lachen.

War das alles nur ein Traum gewesen?

Ein Schatten fiel über ihn und ein Mann mit buschigem rostroten Schnurrbart sah argwöhnisch auf ihn herab:

"Ist das der Junge den Oliver in den Trümmern gefunden hat?"

Scheiße, doch kein Traum....

Orientierungslos

"Wo bin ich...?", krächzte Konstantin und musste husten, als hätten sich drei Kilo Staub in seinem Hals abgesetzt.

"In Sicherheit...", sagte eine Stimme, die er das schon einmal hatte sagen hören.

Der Mann, der gesprochen hatte, lehnte mit dem Rücken gegen eine Schultafel. Keine moderne. Kein Whiteboard. So eine richtig altmodische Tafel, auf die jemand mit Kreide das Gesicht von Conan Edogawa gemalt hatte.
 

"Ja aber ...wo?...", wiederholte er stur wie ein Esel und sah sich in dem Raum mit den vielen kleinen Tischen und Stühlen um. Da lagen zurückgelassene Rucksäcke, Hefte, Stifte und Radiergummis. Eine Trinkflasche mit den Ninja Turtles darauf und ein angebissenes Körnerbrötchen. Mit rotblättrigem Salat und Käse...

Oliver schob sich die Kapuze seines dunklen Hoodies vom Kopf und dann die Hände in seine Hosentaschen.

"In der Grundschule....wir haben hier Unterschlupf gesucht, weil es das einzige Gebäude ist das noch steht und weil es draußen regnet wie aus Eimern..."
 

Das einzige Gebäude das noch steht... , der Satz hallte in Konstantins Kopf nach wie ein unerwünschtes Echo und er fühlte sich wie in einem dieser Endzeit Romane, die er sonst so gerne las.

Das war doch alles nicht real. Es war komplett absurd. ALLES!

"I-Ich m-muss telefonieren...", stammelte er und erhob sich etwas wackelig vom dreckigen, mausgrauen Vinylboden.

Olivers rehbraune Augen folgten ihm dabei aufmerksam. Mit den roten Haaren hatte er dabei etwas von einem Fuchs. Einem Fuchs in einem zu großen schwarzen Hoodie, braunen Stiefeln und so grauen Outdoorhosen...

Er strahlte eine Ruhe aus, als hätte er sich sein Leben lang auf genau so ein Szenario vorbereitet.
 

"Das wird nichts Kleiner. Kein Netz...ein Großteil der Straßen ist komplett blockiert.... diese Stadt gibt es nicht mehr. Zumindest nicht so wie du sie kanntest. Wie wir alle sie kannten.. Aber es kommt sicher bald Hilfe. Wir sollten ruhig bleiben..und erst einmal abwarten."

Keine Ahnung ob er Konstantin damit beruhigen wollte. Es erzielte jedenfalls die gegenteilige Wirkung!

Der hatte tatsächlich ziemliche Schwierigkeiten Olivers Worten überhaupt zu folgen. Alles dröhnte in seinem Kopf.

Nun sah er allerdings endlich auf die anderen, die entweder auch irgendwo verloren herum standen oder auf einem der kleinen Stühle saßen.

Der Mann mit dem roten Schnauzer und der Glatze, die kleine Oma im bunt karierten Morgenmantel und eine hochgewachsene, blonde Frau mit roter Brille in einem Arztkittel.

Naja oder Laborkittel. Es war eben ein weißer Kittel. Zu was sie das nun machte, das wusste er nicht.
 

Seine Brust wurde wieder eng, weil er an sein zu Hause dachte und an seinen Hamster und an Tilly vom Ende der Straße!

Er begann schneller zu atmen, da griff Oliver ihm an den Arm.

"Komm mit, wir gehen kurz spazieren...", bot er an und Konstantin folgte ihm beinahe wie ein Roboter, der vergessen hatte wie er so richtig funktionierte.

Irgendwie war er froh, dass er ihn aus diesem Klassenzimmer holte. Im letzten Moment hatte es sich dort drin für ihn angefühlt als würden die Wände ihn jeden Moment zerquetschen wollen.

Überhaupt kam er sich so verletzlich und winzig vor wie noch nie in seinem ganzen Leben.
 

Alles war gut gewesen. Normal und fast ein wenig öde.... und dann kommt so eine Naturgewalt und auf einmal ist alles anders.

"Wie heißt du eigentlich?", fragte der Fuchs vorsichtig, weil der kleinere mit den wilden schwarzen Haaren so blass aussah wie die Kreide im Klassenraum.

"Konstantin."

"Schöner Name. Heißt das nicht der Beständige oder so?", fragte Oliver und das war der Moment in dem Konstantin stehen blieb und zu weinen begann.

Schnell zogen sich dunkle, feuchte Bahnen über seine staubigen Wangen,

dann schloss sich ein Paar Arme ganz fest um ihn und er die Augen und während sich seine Finger in Olivers Rücken krallten,

wurde alles ein wenig ruhiger.



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