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Cooldown 168: 7 Days to the Next World (Deutsch / German

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Folge 1: Der Nullpunkt (168:00:00)

„WARNUNG! KERNENERGIE-ÜBERLASTUNG IM SEKTOR 4! EVAKUIERUNG EINLEITEN!“Die roten Warnleuchten der Forschungsstation blitzten im Sekundentakt auf und tauchten den riesigen, sterilen Raum in ein alarmierendes Blutrot. Sirenen heulten so laut, dass der Boden unter meinen Füßen vibrierte.Ich tippte wie wild auf die Tastatur des Hauptterminals. Auf den Monitoren flackerten unzählige Fehlermeldungen in Dauerschleife. Der Partikel-Beschleuniger, an dem wir monatelang geforscht hatten, war völlig außer Kontrolle geraten. Ein künstliches, violettes Wurmloch riss mitten in der Testkammer die Realität auf.„Ren! Verlass sofort den Raum! Das System kollabiert!“, schrie mein Kollege Jonas von der gepanzerten Sicherheitstür aus.„Geht schon mal vor!“, rief ich zurück, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. „Wenn ich den manuellen Notschalter auf der Brücke nicht umlege, fliegt die gesamte Station in die Luft! Die Magnetschilde brechen in 30 Sekunden zusammen!“Ich rannte los, vorbei an zischenden Dampfrohren und explodierenden Schaltkästen. Mein weißer Laborkittel flatterte hinter mir. Ich erreichte das Podest, riss die Schutzabdeckung hoch und packte den großen, schweren Hebel.„Magnetschilde bei 0 %. Kritischer Fehler.“, dröhnte die Computerstimme.„Vergiss es, du blöde Maschine. Nicht heute“, knurrte ich und riss den Hebel mit aller Kraft nach unten.In exakt diesem Bruchteil einer Sekunde explodierte die Testkammer. Ein gigantischer, violetter Blitz schoss durch das Sicherheitsglas direkt auf mich zu. Es gab keinen Knall. Nur ein absolut ohrenbetäubendes, weißes Rauschen. Mein Körper fühlte sich an, als würde er in Millionen Atome zerlegt. Und dann… wurde alles schwarz.
 

Mein Kopf dröhnte, als hätte jemand eine Granate direkt neben meinem Ohr gezündet. Ich spürte eiskalten, klebrigen Schlamm an meinen Fingern.„Verdammt…“, murmelte ich und presste die Augen zusammen. Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der kreischende Alarm in der Forschungsstation. Der Partikel-Beschleuniger hatte eine Kernschmelze. Ich hatte den Notschalter gedrückt, um das Labor zu evakuieren. Danach gab es nur noch ein grelles, violettes Licht. Und dann… nichts.Ich öffnete die Augen und wollte aufstehen, aber der Anblick über mir ließ mich sofort erstarren.Am Himmel standen zwei riesige, blassblaue Monde. Keine Wolken, keine vertrauten Sterne. Nur diese zwei Himmelskörper, die eine fremde, unheimliche Nacht beleuchteten.„Wo zur Hölle bin ich?“, flüsterte ich. Meine Stimme zitterte.Plötzlich flackerte direkt vor meinen Augen ein Licht auf. Ich blinzelte, aber es verschwand nicht. Es war eine leuchtende, neongrüne Schrift, die mitten in meinem Sichtfeld schwebte, wie das HUD in einem Videospiel.[SYSTEM INITIALISIERT][URSPRUNG: UNBEKANNT][FÄHIGKEIT: WELTENSPRUNG AKTIVIERT][NÄCHSTER COOLDOWN-TIMER:]
 

167:59:59

167:59:58
 

„Was ist das für ein Scheiß?“, rief ich aus und schlug mit der Hand nach der Luft, aber meine Finger glitten einfach durch die Schrift. Die Zahlen tickten unbarmherzig im Sekundentakt rückwärts. Genau eine Woche. 168 Stunden.Ein tiefes, markerschütterndes Knurren riss mich aus meinen Gedanken.Das Gebüsch nur wenige Meter vor mir brach auseinander. Ein Wesen trat ins Mondlicht, das direkt aus einem Albtraum stammen könnte. Es sah aus wie ein Wolf, aber es war so groß wie ein Kleinwagen. Seine Haut war pechschwarz, und aus den Gelenken ragten blutrote Stacheln. Seine Augen fixierten mich.Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich hatte keine Waffe. Keine Rüstung. Nur meinen weißen Laborkittel, der jetzt völlig schlammig war.Das Monster spannte die Muskeln an und sprang.„Nein!“, schrie ich und hob schützend die Arme.ZISCH!Ein metallisches Geräusch durchschnitt die Luft. Ein hölzerner Pfeil, der hellblau leuchtete, bohrte sich mit unglaublicher Wucht genau in das Auge der Bestie. Das Monster jaulte ohrenbetäubend auf, verfehlte mich um Haaresbreite und krachte schwer in den Schlamm. Es zuckte noch zweimal, dann lag es still.Ich keuchte, unfähig mich zu bewegen.Aus dem Schatten der Bäume trat eine Gestalt. Sie bewegte sich völlig lautlos. Das Mondlicht traf auf langes, silbernes Haar und spitze Ohren. Sie trug eine lederne Jägerkleidung und hielt einen eleganten Bogen im Anschlag. Ihre grünen Augen funkelten misstrauisch, als sie den Bogen direkt auf meine Brust richtete.„Bewege dich keinen Zentimeter, Fremder“, sagte sie mit einer klaren, aber extrem strengen Stimme. „Deine Kleidung ist seltsam und deine Worte ergeben keinen Sinn. Wer bist du, dass du ohne Waffe in den Jagdgründen der Bestien herumlaufst?“Ich schluckte schwer und hob langsam die Hände. „Ganz ruhig, ich will keinen Ärger! Ich heiße Ren. Ren Kuroba. Ich… ich weiß selbst nicht, wie ich hier gelandet bin. Ich glaube, bei meinem Experiment gab es einen massiven Teleportationsfehler.“Die Elfin zog eine Augenbraue hoch. „Ex-peri-ment? Tele-portation? Du sprichst in Rätseln, Ren Kuroba. Ich bin Lyra vom Stamm der Eldoria. Und wenn du nicht als Futter für die nächste Brut enden willst, schließt du jetzt dein denkwürdiges Mundwerk und folgst mir. Unser Dorf ist nah, aber der Wald verzeiht keine Fehler.“Ich blickte noch einmal auf die tickende Uhr in meinen Augen.167:54:12 Ich hatte keine Wahl. Ich musste dieser Elfin vertrauen. Ich hatte genau sieben Tage Zeit, um herauszufinden, was diese Welt war – und wie ich überlebte, bis der Timer auf Null sank.

Folge 2: Das Urteil der Ältesten (72:15:30)

Folge 2: Das Urteil der Ältesten (72:15:30)
 

Drei Tage. Drei verdammte Tage lang waren wir nun schon marschiert.Der dichte, uralte Wald der Eldoria schien kein Ende zu nehmen. Die Bäume waren so gigantisch, dass ihre Kronen das Sonnenlicht fast komplett verschluckten. Ohne Lyra wäre ich schon am ersten Tag verhungert oder von irgendeiner mutierten Bestie gefressen worden. Auf unserem langen Weg hatte ich ihr so gut es ging erklärt, was ein „Wissenschaftler“ ist – ein Mensch, der die Welt nicht mit Magie, sondern mit Logik, Physik und Chemie versteht. Sie hatte mir kaum geglaubt, aber die Neugier in ihren grünen Augen war unübersehbar.Jetzt, in der vierten Nacht, erreichten wir endlich den Rand des verborgenen Baumdorfes. Ich war völlig erschöpft und starrte auf die neongrüne Schrift in meinem Sichtfeld.
 

72:12:05

72:12:04
 

Exakt die Hälfte meiner Zeit auf diesem Planeten war um. Drei Tage gelaufen, drei Tage blieben mir noch, bis dieses unbarmherzige Ding in meinen Augen mich wieder in die nächste Welt riss.„Wir sind fast da, Ren“, flüsterte Lyra und blickte nervös zu den massiven, leuchtenden Baumwurzeln vor uns. „Die Jäger meines Stammes patrouillieren hier extrem streng. Bleib dicht hinter mir.“Bevor ich nicken konnte, zerriss das dumpfe Surren von gespannten Bogensehnen die Nacht.
 

Ein Dutzend Wachen in schimmernden Rüstungen brach aus dem Dickicht. Bevor ich auch nur blinzeln konnte, wurde ich grob zu Boden gerissen. Mein Gesicht klatschte in den kalten Dreck. Meine Arme wurden auf den Rücken gedreht, und ein raues Seil schnürte meine Handgelenke ein.„Kein Mana. Keine magische Aura. Er ist eine Kreatur der Leere!“, zischte der Anführer der Wachen, während er mich brutal auf die Beine zerrte.Sie stießen mich vorwärts, eine gewaltige hölzerne Wendeltreppe hinauf, die sich um den Stamm einer uralten Rieseneiche wandte. Am Gipfel stießen sie uns in eine majestätische Ratskammer. Auf Thronen aus lebendem Holz saßen die drei Dorfältesten des Stammes: Eldrin, der weise Sprecher mit dem silbernen Bart; Thalia, eine strenge Elfen-Matriarchin; und Garrick, ein finster dreinblickender Kriegshäuptling.
 

„Lyra“, sprach Eldrin mit einer Stimme, die wie mahlende Steine klang. „Du bringst einen Ketzer in unser Heiligtum? Er trägt die Gewänder eines Dämonen-Gelehrten und besitzt nicht das Licht des Manas.“„Heilige Älteste, er hat mein Leben vor einer Bestie gerettet!“, verteidigte Lyra mich mutig, doch Thalia hob nur kalt die Hand. „Ruhe. Wer ohne Mana geboren wird, ist eine Schande für die Natur. Wachen, bringt ihn in den Holzkäfig. Morgen im Morgengrauen wird er dem Wald geopfert.“Die Wachen packten mich fester. Morgen im Morgengrauen? Mein Herz raste. Ich hatte zwar noch drei Tage auf dem Timer, aber die nützten mir gar nichts, wenn die Elfen mich vorher einfach hinrichteten.„HILFE! BEI DEN GÖTTERN, HELFT MIR!“Ein gellender, markerschütternder Schrei zerriss die feierliche Stille. Die schwere Holztür flog auf. Eine Elfen-Mutter brach in Tränen aufgelöst herein. In ihren Armen hielt sie ihren kleinen Sohn. Der Junge war kreidebleich, lag in einem unnatürlichen Koma und stieß bei jedem Atemzug eine dünne, bläuliche Rauchwolke aus.
 

„Älteste, ich flehe euch an!“, schluchzte die Frau und brach vor den Thronen zusammen. „Die Heilmagier haben alles versucht! Ihre Sprüche lassen das Fieber meines Sohnes nur noch heißer brennen! Sie sagen, es sei der unheilbare Fluch eines Dämonenlords!“Die drei Ältesten sprangen entsetzt auf. „Der blaue Rauch…“, flüsterte Garrick und wiech einen Schritt zurück. „Der Sporen-Fluch hat ein weiteres Opfer gefordert. Unsere Magie nährt den Fluch nur, statt ihn zu brechen. Wir sind machtlos.“Ich starrte auf den bläulichen Rauch. Mein biologisches Gehirn ratterte wie eine Hochleistungsmaschine. Blauer Rauch? Fieber brennt durch Heilmagie heißer?In einer Fantasy-Welt nannten sie es einen Fluch. In meinem Labor nannten wir es einen parasitären Mykose-Befall – einen Sporen-Pilz. Der Pilz nistete sich in der Lunge ein und ernährte sich von reiner Energie. Kein Wunder, dass die Heilmagie der Elfen alles nur noch schlimmer machte: Sie fütterten den Pilz buchstäblich mit ihrer magischen Energie! Pilze vertrugen keine pure Energie, aber sie hassten eines viel mehr: Eine extreme Veränderung des pH-Wertes. Pure Chemie.Die Wachen wollten mich gerade abführen, als ich mich mit aller Kraft losriss.
 

„Haltet die Klappe mit eurem dummen Fluch-Gerede!“, brüllte ich den drei Ältesten direkt ins Gesicht. Die Wachen zogen schockiert ihre Klingen, aber ich wich nicht zurück. Ich fixierte Eldrins Augen. „Eure Magie versagt, weil ihr den Pilz in seiner Lunge füttert! Das ist Biologie, kein Zauber! Ich weiß ganz genau, wie man diesen Jungen rettet!“Stille. Absolute, fassungslose Stille legte sich über den Saal. Sogar die weinende Mutter blickte zu mir auf.„Du wagst es, die Weisheit der Eldoria zu verspotten, Sterblicher?“, grollte Garrick und zog sein Schwert.„Ich biete euch einen Deal an, ihr Spitzohren!“, rief ich eiskalt, während die Wachen unschlüssig die Klingen hoben. „Ihr lasst mich augenblicklich frei. Ich brauche keine Magie, ich brauche nur etwas Salz und den Saft einer sauren Zitrusfrucht aus eurem Wald. Ich zerstöre den Pilz in zehn Minuten. Wenn ich versage, könnt ihr mich danach eigenhändig köpfen!“Eldrin starrte mich an. Thalia runzelte die Stirn. Und Lyra blickte mich mit einem Blick an, der halb aus Angst und halb aus purer Hoffnung bestand.

Folge 3: Das Gesetz des Austauschs (00:02:10)

Eldrin, der älteste der drei Herrscher, hob langsam die Hand. Das war das Signal für die Wachen, ihre Schwerter zu senken.„Bringt ihm, was er verlangt“, befahl Eldrin mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Wenn er lügt, wird sein Blut den Wald nähren. Wenn er die Wahrheit spricht… hat uns die Natur heute eine Lektion erteilt.“Zwei Minuten später lag alles vor mir auf einem hölzernen Tisch: Ein Becher mit grobem Steinsalz und zwei gelbe, extrem saure Zitrusfrüchte, die die Elfen Zin-Beeren nannten. Meine Hände zitterten leicht, als ich die Früchte mit den Händen auspresste und den brennenden Saft mit dem Salz vermischte. Pure, hochkonzentrierte Zitronensäure gepaart mit Natriumchlorid. Der absolute Albtraum für jeden parasitären Pilz.Ich trat an das weinende Elfenkind heran. Der blaue Rauch stieg immer noch schwach aus seinem Mund auf.„Halt ihn fest“, wies ich die Mutter an. Sie nickte panisch. Ich öffnete vorsichtig den Mund des Jungen und träufelte die salzige Säure direkt auf seine Zunge und tief in seinen Rachen. „Schluck es runter, Kleiner. Kämpf dagegen an.“
 

Sekunden vergingen. Nichts passierte. Garrick legte bereits wieder die Hand an sein Schwert. „Es war eine Finte…“, grollte er.„KACH-HUST!“Plötzlich bäumte sich der Körper des Jungen auf. Er hustete heftig. Ein dicker, tiefblauer Rauchschwall schoss aus seinem Mund und verpuffte zischend an der Decke der Ratskammer. Der Junge schnappte nach Luft, seine Augen flogen auf, und die unnatürliche Hitze auf seiner Haut vanished in Sekundenschnelle. Der parasitäre Pilz in seiner Lunge war durch die chemische Säure-Attacke sofort abgestorben. Das Koma war gebrochen.„Mutter…?“, flüsterte der kleine Elfe mit schwacher Stimme.Die Ratskammer explodierte in ungläubigem Geflüster. Die Mutter schloss ihr Kind weinend in die Arme, und selbst die strengen Gesichter der drei Ältesten wandelten sich in pures Entsetzen – und tiefen Respekt. Ihre mächtige Heilmagie hatte den Parasiten nur gefüttert, aber meine simple, irdische Chemie hatte ihn einfach vernichtet.
 

00:00:10

00:00:09
 

„Du musst also wirklich gehen, Ren?“, fragte Lyra leise. Ihre Finger klammerten sich fest an ihren Bogen. „Gibt es keinen Weg, wie du hierbleiben kannst?“„Ich kann dieses Ding nicht stoppen, Lyra“, sagte ich, und mein Herz fühlte sich schwer an. In den drei Tagen war sie mir verdammt wichtig geworden. „In fünf Sekunden bricht die Hölle los.“
 

00:00:04

00:00:03
 

Die Luft um uns herum begann plötzlich wie wild zu flackern. Ein stechender, violetter Riss öffnete sich aus dem Nichts direkt vor uns. Ein orkanartiger Sog brach los. Die Plattform bebte, und Äste brachen ab, als alles in die gähnende Leere des Risses gezogen wurde.
 

00:00:01
 

Der Sog war zu stark. Meine Stiefel verloren den Halt auf dem glatten Holz. Ich rutschte ab und stürzte rückwärts auf das Portal zu. „Verdammt!“, schrie ich.„Ren!“, rief Lyra. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, warf sie ihren Bogen weg, machte einen Satz nach vorne und packte mein Handgelenk. Ihre elfischen Muskeln spannten sich an, aber das Multiversum scherte sich nicht um die Kraft einer Jägerin.
 

Der violette Strudel entwickelte eine brutale, magnetische Gewalt und riss uns beide von den Beinen.„Was zum…?!“, konnte ich noch brüllen, bevor das Licht implodierte. Lyra schrie auf, als wir gemeinsam im freien Fall in die absolute Dunkelheit des Teleportationstrudels gesaugt wurden.
 

00:00:00
 

Welt 1 war vorbei. Und ich war nicht mehr allein.

Folge 4: Der Schock des Unbekannten

Der Übergang war kein sanftes Gleiten. Es war, als würde man mit zweihundert Kilometern pro Stunde frontal gegen eine unsichtbare Betonwand rasen, nur um im nächsten Sekundenbruchteil in einen riesigen, fleischfressenden Fleischwolf geworfen zu werden.
 

Das violette Licht des Raum-Zeit-Risses fraß alles auf. Meine Sicht implodierte in ein wirbelndes Chaos aus psychedelischen Farben und purer Dunkelheit. Ich spürte meinen eigenen Körper nicht mehr. Meine Atome schienen in Millionen Teile zerrissen und quer über die Unendlichkeit des Multiversums verstreut zu werden. Es gab kein Oben, kein Unten, kein Vorwärts. Nur das absolute Vakuum.
 

Und dann war da Lyras Hand.
 

Ihre Finger klammerten sich mit einer beinahe übermenschlichen, panischen Kraft um mein Handgelenk. Selbst im Chaos des interdimensionalen Transports spürte ich den brutalen Druck ihrer Hand. Sie hatte ihren Bogen im Elfen-Dorf zurückgelassen, hatte alles geopfert, nur um mich in letzter Sekunde vor dem Sturz in die gähnende Leere zu bewahren. Jetzt hingen wir beide in diesem zeitlosen Strudel fest. Ich versuchte zu schreien, ihren Namen zu rufen, aber der Druck in meiner Kehle war zu gewaltig. Kein Ton entwich meinen Lippen. Das Licht um uns herum zog sich zusammen, wurde greller, heißer, bis es schließlich in einem blendenden, weißen Blitz detonierte.
 

PLATSCH!
 

Der Aufschlag war brutal. Die Schwerkraft kehrte mit der Wucht eines Vorschlaghammers zurück. Ich schlug ungebremst auf einer kalten, flüssigen Oberfläche auf. Eiskaltes, stechend chemisch riechendes Wasser schoss mir sofort in die Nase, blockierte meine Luftröhre und drückte mir die restliche Luft aus den Lungen.
 

Der Geschmack von hochkonzentriertem Chlor und künstlichen Reinigungsmitteln breitete sich in meinem Mund aus. Mein Orientierungssinn war vollkommen ausgelöscht. Ich ruderte wild mit den Armen, wirbelte im dichten, dunklen Nass herum, bis meine Knie hart auf einem glatten, betonierten Boden aufschlugen. Ich drückte mich mit aller Kraft ab und schoss an die Oberfläche.
 

„KACH-HUST!“, prustete ich im Schwall, hielt mir die brennende Brust und atmete gierig die kühle Nachtluft ein. Das Wasser lief mir in Strömen aus den Haaren. Mein weißer Laborkittel, der nach den Tagen im Elfen-Dorf ohnehin schon zerrissen und dreckig war, saugte sich in Sekundenbruchteilen voll wie ein schwerer Schwamm und zog mich tonnenschwer nach unten.
 

Bevor ich überhaupt begreifen konnte, wo ich mich befand, blitzte der violette Riss direkt über mir am Himmel ein allerletztes Mal gleißend auf. Das Portal stieß ein scharfes, elektrisches Summen aus.
 

„Reeeen!“, gellte ein panischer, markerschütternder Schrei durch die Dunkelheit.
 

Ich blickte blinzelnd nach oben. Ein Schwall aus silbernem Haar und nasser Jägerkleidung schoss in einer perfekten Flugbahn aus dem kollabierenden Portal. Lyra. Sie hatte in der Luft absolut keine Kontrolle über ihren Körper. Sie ruderte verzweifelt mit den Armen, die Augen weit aufgerissen vor Angst.
 

„Warte, nicht—!“, konnte ich noch brüllen. Weiter kam ich nicht.
 

Bruchteile einer Sekunde später krachte Lyra mit ihrem vollen Körpergewicht mitten auf mich drauf. Der ungebremste Aufprall traf mich exakt in der Magengrube. Das dumpfe Ufff, das meinen Lippen entwich, ging sofort in einem Schwall aus Blasen unter. Ihr Becken krachte gegen meine Brust, ihre Knie stießen unsanft links und rechts gegen meine Hüfte. Der Schwung riss mich komplett von den Beinen. Wir verloren beide den Halt und sanken wie Steine zurück auf den Grund des flachen, künstlichen Beckens.
 

Unter Wasser brach das absolute Chaos aus. Es war der intensivste, peinlichste und chaotischste Moment meines Lebens. Lyras langes, silbernes Haar schwamm wie eine dichte Wolke unter Wasser und wickelte sich um mein Gesicht, sodass ich absolut nichts mehr sehen konnte. Ihre Arme und Beine bewegten sich in purer Panik. Sie suchte instinktiv nach Halt, um nicht zu ertrinken, und klammerte sich an allem fest, was sie greifen konnte.
 

Ihre Hände krallten sich fest in das nasse Gewebe meines Kittels, zogen mich dichter an sich heran. Ich spürte die weichen Konturen ihres Körpers, die sich durch die klatschnasse Lederkleidung hindurch brutal deutlich an meine Brust pressten. Ihre Oberschenkel verhedderten sich mit meinen Beinen. Wir rollten uns wie zwei Ertrinkende auf dem rutschigen Betonboden des Teichs hin und her. Ich versuchte verzweifelt, sie an den Schultern zu packen, um sie nach oben zu drücken, aber im nassen Chaos glitten meine Finger ab. Lyras Gesicht war nur Millimeter von meinem entfernt unter Wasser. Ihre Augen waren weit geöffnet, erfüllt von einer Mischung aus nacktem Entsetzen und totaler Verwirrung.
 

Mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt kriegte ich meine Füße wieder auf den Boden. Ich umfasste ihre Taille – was sich in der Situation verdammt schmal und zierlich anfühlte – und stieß uns beide mit aller Gewalt nach oben.
 

"HAAA-HUST!“, schrie ich auf, schüttelte den Kopf und versuchte, das brennende Chlorwasser aus den Augen zu blinzeln.
 

Wir saßen schließlich im knietiefen Wasser. Die Situation war an Absurdität kaum zu übertreffen. Lyra saß immer noch vollkommen rittlings auf meinem Schoß. Ihre Knie umklammerten meine Hüfte, ihre nassen, ledernen Stiefel steckten tief im Schlamm des Beckenbodens. Ihre Hände waren so fest in die Revers meines Laborkittels verkrallt, dass der Stoff gefährlich knarrte. Ihr Atem ging in schnellen, flachen Stößen. Das Wasser tropfte ihr von den spitzen Elfenohren und den langen, silbernen Haarsträhnen direkt auf meine Brust.
 

Als sich unsere Blicke trafen, realisierte sie erst, in welcher Position wir uns befanden.
 

Ihr Gesicht lief im dämmrigen Licht der Umgebung augenblicklich knallrot an – ein tiefer, dunkler Karmesinton, der sich von ihren Wangen bis hoch zu den Spitzen ihrer Elfenohren ausbreitete. So rot hatte ich sie in der ganzen Woche im Wald nicht gesehen. Ihre Pupillen zuckten wild.
 

„I-Ich… das… das war keine Absicht! Du… du hast im Weg gestanden!“, stammelte sie mit brüchiger Stimme, während sie versuchte, jegliche elfische Würde zu bewahren, die ihr in diesem nassen Zustand noch geblieben war.
 

Sie wollte sich panisch von mir abstoßen und nach hinten wegspringen, vergaß dabei aber völlig, dass ihre Jägerkleidung durchtränkt und zentnerschwer war. Sie verlor auf einem glitschigen, künstlichen Stein im Teich komplett den Halt. Ihre Arme ruderten hilflos in der Luft. Mit einem lauten, unschönen Klatsch kippte sie rückwärts über den Rand des Beckens und landete unsicher, aber weich auf dem künstlich angelegten Rasen des Ufers.
 

Ich saß allein im Becken, strich mir das klatschnasse weiße Haar aus der Stirn und stöhnte leise auf. Mein Kittel war ruiniert, mein Körper tat weh, und ich war nass bis auf die Knochen. Aber als ich aufstand, das Wasser aus meinen Jägerstiefeln goss und den Blick das erste Mal richtig vom Teich weghob, gefror mir das Blut in den Adern.
 

Ich stieg mit schweren, klatschnassen Schritten aus dem flachen Becken und spürte, wie der kalte Wind der Nacht sofort durch meinen durchnässten Kittel biss. Doch die Kälte war mir in diesem Moment völlig egal. Ich starrte einfach nur nach oben, unfähig, meine Augen von dem Wahnsinn abzuwenden, der über uns aufragte.

Lyra lag noch immer auf dem künstlichen Rasen. Sie hatte versucht, sich aufzurichten, doch sie war mitten in der Bewegung komplett erstarrt. Ihre smaragdgrünen Augen waren so weit aufgerissen, dass man das Weiße darin deutlich sehen konnte. Jegliche Scham über unseren peinlichen Sturz war in Sekundenschnelle einer puren, nackten Todesangst gewichen. Sie atmete nicht mehr. Sie starrte einfach nur in den Himmel.
 

Wir befanden uns in einer Art futuristischem Stadtpark, einer winzigen, künstlich angelegten grünen Oase, die von einer unvorstellbaren, monströsen Kulisse buchstäblich erdrückt wurde. Rings um dieses kleine Stück Rasen schossen Wolkenkratzer aus pechschwarzem Glas und kaltem Chrom in die Höhe. Sie waren so gigantisch, dass man ihre Spitzen im dichten, verregneten Dunst der künstlichen Atmosphäre überhaupt nicht mehr erkennen konnte. Es wirkte, als würden die Gebäude den Himmel selbst ersticken.
 

Die gesamte Welt um uns herum leuchtete in einem brutalen, fast schon schmerzhaften Meer aus pinken, cyanfarbenen und neongrünen Lichtern. Riesige, dreidimensionale Hologramme von makellosen, roboterhaften Models tanzten an den spiegelnden Glasfassaden der Hochhäuser und warben für kybernetische Implantate. Überall flogen metallische Fahrzeuge ohne Räder in festen, leuchtenden Bahnen kreuz und quer durch die Luft. Der Lärm von dröhnenden, elektronischen Synth-Bässen, dem lauten Zischen von gewaltigen Hydraulikrohren und den künstlichen, metallischen Stimmen der Werbe-Anzeigen war absolut ohrenbetäubend. Die Luft roch nicht nach Erde oder Bäumen. Sie schmeckte metallisch, verbrannt und schwer nach künstlichem Ozon.
 

„Ren…“, flüsterte Lyra. Ihre Stimme war so leise, so unfassbar zerbrechlich, dass ich sie im ohrenbetäubenden Lärm der Megacity kaum verstand.
 

Sie kroch auf Händen und Knien über den feuchten Rasen zu mir zurück, als wäre ich der letzte feste Punkt in einem brennenden Universum. Ihre Fingernägel gruben sich so brutal fest in den Stoff meiner Hose, dass es schmerzte. Sie klammerte sich an mein Bein, während ihr gesamter Körper heftig zitterte. Es war kein Zittern vor Kälte. Es war das Zittern einer Kreatur, die glaubte, direkt in der Hölle gelandet zu sein.
 

„Ren, was ist das für ein Ort?“, schrie sie plötzlich gegen den Lärm an, während dicke Tränen der Panik aus ihren Augen schossen. „Brennt der Himmel? Warum schreien die Mauern so laut nach uns? Was haben sie mit den Bäumen getan? Wo sind die Geister des Waldes, Ren?! Warum fühle ich sie nicht mehr?!“
 

Ich ging sofort in die Hnie, packte sie sanft an den Schultern und zog sie fest an meine Brust. „Ganz ruhig, Lyra! Atme tief durch! Schau nicht nach oben!“, rief ich ihr direkt ins Ohr, um den Lärm der Stadt zu übertönen.
 

Sie presste ihr Gesicht mit einer verzweifelten Gewalt gegen meine Brust, schlang ihre Arme um meinen Nacken und schloss die Augen so fest sie konnte. Ihre spitzen Elfenohren zuckten bei jedem lauten Zischen der fliegenden Fahrzeuge gequält zusammen. Für ihre hochempfindlichen Sinne, die an die absolute Stille und die sanften Schwingungen des Waldes gewöhnt waren, war diese technologische Megacity die pure, physische Folter. Es war, als würde man ein Neugeborenes mitten in eine explodierende Fabrik werfen.
 

„Es gibt hier keine Geister mehr, Lyra“, erklärte ich leise, während ich ihr nasses, silbernes Haar beruhigend streichelte, um sie irgendwie zu beruhigen. „Das ist meine Art von Welt. Nur ein paar Jahrhunderte weiter in der Zukunft entwickelt. Das, was du dort siehst, sind keine Flammen. Es ist künstliches Licht. Elektrizität. Keine Magie, keine Hexerei. Nur Kabel und Strom.“
 

„Es ist tot…“, schluchzte sie in meinen nassen Kittel hinein, und ich spürte das heiße Brennen ihrer Tränen auf meiner Haut. „Die Erde unter uns… sie atmet nicht mehr, Ren. Es fühlt sich an, als wäre das Land unter tonnenschwerem Stein lebendig begraben worden. Ich spüre keine einzige Pflanze. Nur… kalte Leere.“
 

Ich blickte über ihren Kopf hinweg zu den flackernden Werbebannern des riesigen Megakonzerns, der diese Sektoren beherrschte. Die Neonschilder spiegelten sich in den Pfützen auf dem Beton.
 

„Sie ist nicht tot, Lyra. Sie ist nur… überbaut worden“, erwiderte ich grimmig und konzentrierte meinen Blick auf mein eigenes Sichtfeld. Pünktlich zum Weltenwechsel hatte sich die neongrüne Schrift in meinen Augen komplett resettet. Die Zahlen leuchteten giftig in meiner Netzhaut und tickten unbarmherzig im Sekundentakt herunter.
 

167:55:12

167:55:11
 

Wieder sieben Tage. Genau 168 Stunden. Aber diesmal gab es keinen schützenden Wald, in dem wir uns verstecken konnten. Keine Elfen-Bibliothek, in der ich in Ruhe forschen konnte. Wir saßen mitten in einer erbarmungslosen, hochtechnologischen Falle fest. Und das Schlimmste war: Wir hatten absolut nichts. Ihr mächtiger Bogen war in der alten Welt zurückgeblieben. Wir waren barfuß, durchnässt und völlig wehrlos in einer Welt, die Schwäche eiskalt ausnutzte.
 

„Wir können nicht ewig hier auf dem Rasen sitzen bleiben“, sagte ich sanft, lockerte meinen Griff und sah sie fest an. Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und zwang sie, mich anzusehen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Lippen blau vom Schock. „Hör mir zu, Lyra. In deiner Welt hast du mich vor den Bestien beschützt. Du hast mir vertraut, obwohl ich kein Mana hatte. Jetzt ist es umgekehrt. Das hier ist mein Territorium. Ich verstehe die Gesetze dieser Stadt. Ich weiß, wie diese Lichter und diese Maschinen funktionieren. Ich lasse dich nicht allein, okay? Ich bringe uns hier wieder lebend raus. Aber dafür musst du mir blind vertrauen.“
 

Lyra schluckte schwer. Sie sah mich sekundenlang an, während über uns ein riesiger holografischer Werbespot eine ohrenbetäubende Melodie abspielte. Schließlich nickte sie langsam. Die nackte Panik in ihren Augen wich einer tiefen, absolut bedingungslosen Hoffnung.
 

„Ich vertraue dir, Ren Kuroba“, flüsterte sie und griff nach meiner Hand. „Sag mir einfach, was ich tun muss.“
 

„Zuerst müssen wir von diesem offenen Platz verschwinden“, sagte ich, stand auf und zog sie mit mir hoch. „Die Kameras hier oben erfassen jeden Winkel. Wenn wir auffallen, haben wir schneller Ärger, als uns lieb ist.“
 

Wir verließen den künstlichen Park Hand in Hand. Doch als wir den betonierten, makellos sauberen Gehweg der Hauptstraße erreichten, wurde mir augenblicklich flau im Magen. Die Passanten, die in langen, schweigenden Reihen an uns vorbeizogen, machten mir selbst Angst.
 

„Ren…“, flüsterte Lyra und drückte meine Hand so fest, dass meine Knöchel weiß anliefen. Sie starrte auf eine Frau, die ein elegantes Kleid trug, deren linker Arm aber komplett aus mattem, schwarzem Karbon und blinkenden Kabeln bestand. „Was haben diese Menschen getan? Warum haben sie glänzendes Eisen im eigenen Fleisch? Ist das… eine Strafe für Verbrechen?“
 

„Nein, Lyra. Sie machen das freiwillig“, flüsterte ich ihr zu, während wir uns unauffällig im Fluss der Masse bewegten. „Sie nennen es kybernetische Implantate. Sie tauschen ihre gesunden Körperteile gegen Maschinen aus, um schneller, stärker oder besser zu werden.“
 

Lyra schauderte heftig. „Freiwillig? Sie schneiden ihr eigenes Fleisch heraus, um sich mit kaltem Metall zu füllen? Haben sie denn keine Angst vor der Entstellung? Schau dir ihre Gesichter an, Ren. Niemand lächelt. Niemand sieht den anderen an. Es ist, als wären ihre Seelen bereits aus Metall.“
 

Sie hatte recht. Die Menschen um uns herum liefen vollkommen stumm und starr geradeaus. Ihre Augen waren glasig, fixiert auf durchsichtige, bläuliche Bildschirme, die direkt vor ihren Gesichtern in der Luft schwebten. Dazwischen patrouillierten schwere, zweibeinige Sicherheitsroboter. Ihre mechanischen Köpfe drehten sich rhythmisch hin und her, während ein dünner, roter Laserstrahl die Menge abscannte.
 

„Sie sind verbunden, Lyra. Aber nicht miteinander, sondern mit einem riesigen, unsichtbaren Netz aus Daten“, erklärte ich leise und zog sie etwas dichter an mich heran, als ein massiver Roboter an uns vorbeistampfte. „In meiner Welt nennen wir das Fortschritt. Aber manchmal fühlt es sich genau so an, wie du es sagst: Wie eine verdammt kalte Einsamkeit.“
 

„Ich will hier weg, Ren“, hauchte sie, und ihre Stimme brach fast. „Diese Stadt… sie fühlt sich an wie ein riesiger Käfig, der uns langsam die Luft wegnimmt. Wo können wir uns verstecken?“
 

„Da vorne ist eine Abzweigung, die nach unten führt“, sagte ich und deutete auf eine dunstige, schlecht beleuchtete Treppe. „Wir müssen weg von den Scannern der Hauptstraße. Unsere zerrissene Kleidung fällt hier auf wie ein brennender Baum.“
 

Bevor ich den ersten Schritt auf die Treppe setzen konnte, geschah es.
 

Ein heftiger, elektrischer Schlag durchfuhr meinen gesamten Körper. Es war kein normaler Schmerz. Es fühlte sich an, als würde jemand eine glühende Metallnadel direkt durch mein linkes Auge mitten in mein Gehirn rammen. Meine Knie gaben sofort nach. Ich brach keuchend auf den harten Beton ein, presste beide Hände verzweifelt gegen meine Schläfen und schrie laut auf. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er unter dem Druck einer hydraulischen Presse explodieren.
 

„Ren! Bei den Göttern, Ren, was ist mit dir?!“, schrie Lyra auf.
 

Sie zögerte keine Sekunde. Trotz all ihrer Angst vor dieser fremden Umgebung stürzte sie sich sofort zu mir auf den Boden. Sie ging vor mir auf die Knie, warf ihre Arme um meinen zerrissenen Kittel und zog meinen Kopf schützend an ihre Schulter. Sie versuchte, mich mit ihrem eigenen Körper vor den starrenden Blicken der Passanten abzuschirmen, während sie panisch mein Gesicht berührte. „Ren, schau mich an! Was tut dir weh? Ist es der Fluch dieses Ortes?! Antworte mir!“
 

Ich konnte nicht antworten. Das neongrüne Interface in meinen Augen drehte komplett durch. Die Schriftzeichen verzerrten sich zu einem blutroten, wild flackernden Code-Salat
 

[WARNUNG! KRITISCHER FEHLER IM BIO-NETZWERK][EXTERNE DATEN-ABSORPTION ERFOLGT][INTEGRATION BEGANN: 12 %… 45 %… 89 %…]
 

Ein scharfes, hochfrequentes Fiepen dröhnte in meinen Ohren, das den Lärm der Stadt komplett übertönte. Ich presste die Augen fest zusammen, während die Daten wie ein reißender Fluss durch meine Nervenbahnen gepumpt wurden. Und dann, mitten in diesem Chaos, stabilisierte sich die Schrift wieder. Aber ich sah die Worte nicht mehr nur.
 

Eine klare, melodische, aber vollkommen emotionslose Frauenstimme sprach plötzlich direkt in meinem eigenen Gehörgang.
 

„System-Update erfolgreich abgeschlossen. Kern-Quellcode stabilisiert. V.E.R.A. wurde aktiviert. Warte auf Befehle des Administrators.“
 

Ich zuckte heftig zusammen, riss die Augen auf und starrte wild atmend in die Luft. „Wer… was zur Hölle ist eine V.E.R.A.?! Wer spricht da in meinem verdammten Kopf?!“, rief ich laut aus, während mein Atem in schnellen Stößen ging.
 

Lyra klammerte sich noch fester an mich, ihr Herz hämmerte so wild gegen meine Brust, dass ich es deutlich spüren konnte. Sie sah mich mit nacktem Entsetzen an und blickte hektisch um uns herum in die leere Luft. „Ren? Mit wem sprichst du? Hier ist niemand! Warum rufst du diesen Namen? Redet… redet die Hexerei dieses Ortes zu dir?“
 

Die kühle Stimme in meinem Kopf antwortete augenblicklich, ohne jede Verzögerung, als wäre es das Normalste der Welt: „V.E.R.A. steht für Virtual Electronic Recon Assistant. Ich bin eine hochentwickelte, kognitive KI-Einheit des Megakonzerns Neotech Dynamics. Durch eine unvorhergesehene Frequenz-Überlagerung während Ihres raumzeitlichen Transfers wurde mein Quellcode in Ihr biologisches Nervensystem hochgeladen. Ich stehe Ihnen ab sofort als strategische Beraterin zur Verfügung, Ren Kuroba.“
 

Ich hielt den Atem an, während der lähmende Schmerz in meinen Schläfen langsam zu einem dumpfen Pochen wurde. Ich verstand die Worte der KI sofort – und genau das machte mir eine Heidenangst. Eine gestohlene, hochentwickelte Künstliche Intelligenz. Eingebettet in meine eigenen Synapsen.
 

„Lyra…“, flüsterte ich mit belegter Stimme und legte meine zitternde Hand auf ihren Rücken, um ihr zu zeigen, dass es mir wieder besser ging. „Das ist keine Hexerei. Aber es ist verdammt gefährlich. In meinem Kopf ist jetzt ein Computerprogramm. Und die Leute, denen es gehört… werden diese ganze Stadt auf den Kopf stellen, um mich zu jagen.“
 

Lyra blickte mich an, ihre smaragdgrünen Augen suchten in meinen weißen Haaren und meinem Gesicht nach einer Antwort, die sie verstehen konnte. Sie begriff das Wort Computerprogramm nicht, aber sie verstand das Wort Jagen. Sie drückte sich enger an meine Seite und nickte entschlossen, während sie meine Hand nahm. „Dann müssen wir weglaufen, Ren. Weiter nach unten. In die Schatten, wo sie uns nicht sehen können.“
 

Ich rappelte mich mühsam auf und blickte auf meinen Timer, der sich pünktlich zum Weltenwechsel wieder auf den vollen Cooldown eingestellt hatte. Die neongrünen Zahlen leuchteten giftig in meiner Netzhaut und tickten unbarmherzig die verbleibende Zeit herab.
 

167:22:05

167:22:04
 

Genau 168 Stunden. Aber ab jetzt waren wir Gejagte eines allmächtigen Konzerns. Ich packte Lyras Hand fester, und gemeinsam stürzten wir uns die rostige Metalltreppe hinunter, tief hinein in den feuchten, dampfenden Untergrund von Neotech Dynamics.

Die Schatten von Neotech

Die rostigen Metallstufen der Wartungstreppe vibrierten unter unseren Schritten, während der beißende Gestank von künstlichem Maschinenöl und stechendem Abwasser immer intensiver wurde. Wir ließen das grelle, ohrenbetäubende Meer aus Neonlichtern der oberen Stadtebene hinter uns und tauchten tief ein in das schmutzige, vergessene Eingeweide der Megacity.
 

„Ren…“, flüsterte Lyra.
 

Sie lief so dicht an meiner Seite, dass ich bei jedem Schritt die Wärme ihres Körpers und das panische Zittern ihrer Schultern spürte. Ihre Finger hatten sich so fest in den Stoff meines nassen Jägergewandes gekrallt, dass meine Haut spannte. Ihre smaragdgrünen Augen scannten gehetzt die dicken, von giftig grünem Schleim bedeckten Rohrleitungen, die wie künstliche Ranken von der Decke hingen. In ihrer Welt bedeutete ein Wald Leben und Schutz – dieser unterirdische Tunnel aus kaltem Stahl und Beton war für sie das pure Grauen. „Hier drunten… gibt es keine Geister, Ren. Nur… tote Maschinen. Die Wände atmen Angst.“
 

„Das sind nur die Belüftungsschächte der Sektoren, Lyra“, versuchte ich sie flüsternd zu beruhigen, während wir vorsichtig um eine feuchte Ecke bogen. „Wir müssen tiefer rein. Auf den Hauptstraßen hätten uns die Konzerndrohnen in zwei Minuten registriert.“
 

„Korrektur, Administrator Ren Kuroba“, schallte die melodische, aber vollkommen emotionslose Stimme von V.E.R.A. plötzlich wieder direkt durch meine Synapsen. Mein linkes Auge flackerte kurz in einem schwachen, cyanfarbenen Digital-Muster auf. „Die Wahrscheinlichkeit einer biometrischen Erfassung im aktuellen Sektor 09 liegt bei 12,4 %. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 89 %, kontaminiert mit toxischen Partikeln der Reinigungsklasse C. Ich empfehle eine Reduzierung der Atemfrequenz, um pulmonale Schäden des Administrators zu minimieren.“
 

„Ich kann meine Lunge schlecht abschalten, V.E.R.A.“, dachte ich grimmig zurück. „Sag mir lieber, wo wir hinmüssen.“
 

„Berechne Fluchtroute im zivilen Sektor des Sub-Untergrunds“, antwortete die KI ohne jede Verzögerung in meinem Kopf. „In 120 Metern erreichen Sie die Peripherie der illegalen Slum-Distrikte. Warnung: Die Dichte an unregistrierten biologischen Einheiten mit krimineller Signatur beträgt dort 94,8 %. Verhaltensmuster: Aggressiv. Waffenpräsenz: Hoch.“
 

Ich schluckte schwer. Wir liefen also direkt vom Regen in die Traufe. Aber wir hatten keine Wahl. Der Megakonzern Neotech Dynamics beherrschte die sauberen Ebenen oben – der Abschaum regierte hier unten.
 

Wenige Minuten später erreichten wir das Ende des Schachtes und traten durch ein zerrissenes Metallegitter ins Freie.
 

Der Anblick, der sich uns bot, war atemberaubend und erschreckend zugleich. Wir standen auf einer rostigen Plattform und blickten hinab auf die Slums des Untergrunds. Tausende von improvisierten Hütten aus Blech, Wellpappe und gestohlenen Konzern-Bauteilen waren wie ein riesiges, chaotisches Nest aufeinandergestapelt. Das spärliche Licht kam nur von flackernden, illegal angezapften Stromkabeln und brennenden Mülltonnen. Überall liefen zwielichtige Gestalten herum. Viele von ihnen trugen abgewetzte Lederjacken, hatten verrostete Cyber-Arme oder künstliche Augen, die unheimlich im Dunkeln funkelten. Es war ein Ameisenhaufen aus Banditen, Schmugglern und Dieben.
 

Lyra stieß einen leisen, verängstigten Keuchlaut aus. Sie drückte sich so eng an mich, dass ihr Gesicht fast in meinem Laborkittel verschwand. Ihre spitzen Elfenohren hatten sich flach gegen ihr silbernes Haar gelegt. „Ren… das sind so viele. Ihre Augen… sie leuchten wie die Raubtiere in der tiefsten Nacht. Sie riechen nach Blut.“
 

„Bleib ganz dicht bei mir und zieh die Kapuze tief ins Gesicht“, flüsterte ich und legte meinen Arm schützend um ihre Taille, um ihr zumindest etwas Halt zu geben. „Wir rennen nicht. Wir gehen ganz ruhig.“
 

Mit gesenktem Kopf schlichen wir uns die wackelige Metalltreppe hinunter und mischten uns unter die düstere Menge. Jedes Mal, wenn ein schwer modifizierter Cyborg-Bandit mit einer Schrotflinte im Arm an uns vorbeiging, hielt Lyra den Atem an und klammerte sich noch fester an meine Seite. Sie verstand diese Welt nicht. Sie wusste nicht, was Schusswaffen oder Implantate waren. Für sie war jeder dieser Menschen ein unberechenbares Monster.
 

Nach quälenden zwanzig Minuten des Versteckspiels im dichten Dunst der Slum-Gassen deutete V.E.R.A. in meinem Sichtfeld plötzlich auf eine verrostete, halboffene Stahltür, die zu einem alten, verlassenen Maschinenraum führte.
 

„Administrator, dieses Objekt weist eine Versiegelung von 0 % auf. Keine thermischen Signaturen im Innenraum. Optimaler Unterschlupf für die nächsten 48 Stunden zur Energieregeneration“, meldete die KI.
 

Ich packte Lyra, stieß die schwere Tür auf und zog sie hinter mir in die absolute Dunkelheit des Raumes. Hastig schob ich den schweren Eisenriegel vor, bis die Tür mit einem dumpfen, metallischen Klank ins Schloss fiel.
 

Wir waren fürs Erste in Sicherheit. Im Raum roch es nach altem Staub und kaltem Eisen. Kaum war die Tür zu, brach Lyra die Anspannung der letzten Stunden weg. Sie ließ sich kraftlos an der Wand zu Boden gleiten, zog die Knie an die Brust und vergrub das Gesicht in den Händen. Hier drunten, in diesem dunklen Käfig aus Metall, weit weg von ihrer Heimat, war sie vollkommen verloren. Und mir blieben laut dem tickenden Interface in meinen Augen noch genau 166 Stunden, um sie hier irgendwie lebend durchzubringen.
 

Die Dunkelheit in dem verlassenen Maschinenraum war fast absolut, nur ein schwacher, bläulicher Lichtschimmer drang durch die Ritzen der verrosteten Stahltür. Das monotone, dumpfe Wummern der Slums draußen wirkte hier drinnen gedämpft, fast wie das schwere Atmen einer sterbenden Bestie.
 

Ich atmete tief den festsitzenden Geruch von altem Staub, Schmierfett und kaltem Eisen ein. Meine Kleidung klebte wie eine zweite, eiskalte Haut an meinem Körper. Das Chlorwasser aus dem Park-Teich hatte den Stoff meines Laborkittels komplett durchtränkt. Ich spürte, wie mein Körper unkontrolliert zu zittern begann – nicht nur vor Erschöpfung, sondern wegen der drohenden Unterkühlung.
 

„Ren…“, ertönte Lyras Stimme aus der Finsternis. Sie saß nur wenige Zentimeter von mir entfernt an der Wand, die Knie fest an die Brust gezogen. „Meine Kleidung… das Leder saugt das Giftwasser auf. Es friert mich bis in die Knochen.“
 

„Wir müssen die Sachen ausziehen, Lyra“, sagte ich mit rauer Stimme. „Sofort. Wenn wir die nassen Klamotten am Körper behalten, holen wir uns eine Lungenentzündung. Und Medikamente gibt es in dieser Hölle nicht ohne Weiteres.“
 

Ich hörte das leise Schaben von nassem Leder auf Beton, als sie zögernd aufstand. In der Dunkelheit suchte ich instinktiv nach einer Lösung. Meine Finger tasteten über den staubigen Boden, bis sie auf ein raues, schweres Gewebe stießen. Eine alte, ausrangierte Plane aus Segeltuch, die wohl vor Jahren zum Abdecken von Maschinenteilen genutzt worden war. Ich schüttelte den dicken Staub ab und händigte sie ihr aus.
 

„Hier. Wickel dich darin ein“, flüsterte ich. „Ich hänge unsere Sachen über die rostigen Rohrleitungen da oben. Der Dunst der Lüftungsschächte ist warm. Bis morgen sollte alles trocken sein.“
 

Ich zog meinen durchnässten Laborkittel und das schlammige Unterhemd aus, bis ich nur noch in meiner durchnässten Hose dasat. Meine Zähne klapperten, als ich die schweren Stoffe ertastete und sie sorgfältig über die warmen Rohre legte. Lyra tat es mir gleich. Selbst in der tiefen Schwärze des Raumes lag eine spürbare, fast schmerzhafte Anspannung in der Luft. Eine hochentwickelte Elfin aus den reinsten Wäldern des Multiversums und ein menschlicher Wissenschaftler der Erde, nackt und schutzlos in einer Kammer aus Schrott.
 

Als wir uns wieder nebeneinander auf den kalten Boden setzten, zog ich sie sanft an mich. Sie leistete keinen Widerstand. Sie wickelte das raue Segeltuch enger um uns beide, presste ihren zitternden Körper an meine nackte Brust und vergrub das Gesicht an meinem Hals. Ihre Haut war eiskalt. Ich spürte jeden einzelnen ihrer schnellen, flachen Atemzüge.
 

„Danke, Ren…“, hauchte sie, und ihr warmer Atem kitzelte meine Haut. „Dass du mich nicht im Stich lässt.“
 

„Niemals, Lyra“, erwiderte ich und starrte ins Leere, während in meinem linken Auge die neongrünen Zahlen unbarmherzig weitertickten.
 

„Administrator Ren Kuroba“, meldete sich die kühle, melodische Stimme von V.E.R.A. plötzlich wieder direkt in meinen synaptischen Bahnen. Ein schwacher, cyanfarbener Datenstrom flackerte in meiner Netzhaut auf. „Die biologische Kerntemperatur Ihrer Begleiterin ist um 1,8 Grad Celsius gesunken. Der physische Kontakt ist die effizienteste Methode zur thermischen Stabilisierung. Ich empfehle, diesen Zustand für die nächsten sechs Stunden beizubehalten.“
 

„Schön, dass meine eingebaute KI auch als Heizungsberater funktioniert“, dachte ich sarkastisch zurück. „V.E.R.A., wir haben ein viel größeres Problem. Wir haben kein Wasser, keine Nahrung und keine unauffällige Kleidung. Wie überleben wir die nächsten zwei Tage hier drunten, ohne dass uns die Konzerngarde oder die Banditen schnappen?“
 

„Analysiere lokale Infrastruktur von Sektor 09“, antwortete die KI ohne die geringste Verzögerung. „Die Slum-Bewohner nutzen illegale, modifizierte Nährstoff-Synthesizer des Typs C-4. Diese Automaten werden über das städtische Energienetz gespeist, verfügen jedoch über mangelhafte Firewalls. Durch meine Integration in Ihr Nervensystem kann ich Ihr Interface als Frequenz-Sender nutzen, um diese Terminals drahtlos zu manipulieren.“
 

In meinem Sichtfeld baute sich plötzlich ein blaues Hologramm der näheren Umgebung auf. Drei rote Punkte blinkten in den angrenzenden Gassen auf.
 

„Ich habe soeben drei Synthesizer-Automaten im Umkreis von 150 Metern lokalisiert. Ein unbemerktes Hacken der Systemprotokolle ist möglich. Sie können synthetische Nährstoff-Riegel und gereinigtes Kanisterwasser beziehen, ohne elektronische Credits zu bezahlen. Zudem verzeichnet meine Datenbank eine Müll-Sortieranlage der unteren Sektorebene in 200 Metern Entfernung. Dort lassen sich textiler Abfall und ausrangierte Kapuzenmäntel akquirieren.“
 

Ich blickte auf das zitternde Mädchen in meinen Armen. Sie schlief langsam ein, erschöpft von dem mentalen Trauma dieses Tages. „Gut“, dachte ich zu V.E.R.A. „Sobald sie fest schläft, schleiche ich mich raus. Du zeigst mir den Weg durch das Labyrinth der Gassen. Aber wag es ja nicht, einen Alarm auszulösen.“
 

„Die Wahrscheinlichkeit eines Systemfehlers unter meiner Administration liegt bei 0,001 %“, entgegnete die KI vollkommen gelassen. „Ruhen Sie sich aus, Administrator. Die Jagd wird nicht aufhören.“
 

Die nächsten achtundvierzig Stunden wurden zu einem psychologischen und physischen Überlebenskampf, den ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen sollte.
 

Wir machten keine großen Sprünge mehr. Jede einzelne Stunde dieses Zwei-Tage brannte sich unbarmherzig in mein Gedächtnis. In der ersten Nacht, als Lyras Atemzüge tief und gleichmäßig wurden, schlich ich mich in meiner halbtrockenen Jägerhose allein aus dem Maschinenraum. Die Stahltür fiel leise hinter mir ins Schloss.
 

Draußen schlug mir sofort der beißende Dunst des Untergrunds entgegen. „Biegen Sie in 15 Metern links ab“, wies mich V.E.R.A.s Stimme in meinem Kopf präzise an. In meinen Augen flackerte ein neongrüner Richtungspfeil auf. Ich duckte mich in den Schatten der Wellblechhütten, drückte mich an rostige Öltanks und mied die brennenden Mülltonnen, um die herum schwer bewaffnete Cyborg-Banditen lachten und billigen Synthetik-Alkohol tranken.
 

Mit V.E.R.A.s Hilfe erreichten wir den ersten Nährstoff-Automaten – einen klobigen, von Graffiti besprühten Kasten an einer feuchten Betonwand. Ich legte meine Hand auf das defekte Scan-Feld. „Breche Verschlüsselung auf… Zugriff gewährt“, flüsterte die KI in meinen Synapsen. Mit einem lauten, mechanischen Klack sprangen die Klappen auf. Ich schnappte mir sechs zähe, geschmacksneutrale Proteinriegel und einen kleinen Plastikkanister mit klarem Wasser.
 

Als ich in den Maschinenraum zurückkehrte, saß Lyra hellwach in ihrer Plane in der Ecke, die Augen weit aufgerissen vor Panik. Als sie mich sah, stieß sie einen erstickten Schrei aus, sprang auf und warf sich mir weinend um den Hals. Sie hatte geglaubt, ich hätte sie in dieser fremden Welt zurückgelassen.
 

„Ich bin hier, Lyra. Ich bin hier“, flüsterte ich und hielt sie fest. „Schau, ich habe uns Essen und Mäntel besorgt.“
 

Die zwei Tage im Versteck schweißten uns enger zusammen als alles zuvor. Wir saßen im Dunkeln, bissen in die gummiartigen Nährstoffriegel und tranken das künstlich schmeckende Wasser. Ich brachte ihr bei, wie man die Kapuze tief ins Gesicht zieht, um ihre spitzen Elfenohren und das auffällige Silberhaar vor den Scannern der Cyborgs zu verbergen. Wir redeten stundenlang über unsere Welten. Sie erzählte mir von den Geistern der Bäume, vom Gesang des Windes in Eldoria und wie sehr sie das einfache Rauschen der Blätter vermisste. Ich erzählte ihr von den Städten meiner Welt, den Universitäten und den Maschinen, die das Leben einfacher, aber oft auch kälter machten.
 

„Deine Welt ist mächtig, Ren“, sagte sie am zweiten Abend leise, während sie in ihren neuen, dunklen Mantel gehüllt auf dem Boden saß. Ihre grünen Augen funkelten im schwachen Licht meines Interfaces. „Aber sie hat keine Seele. Die Menschen hier gucken durch uns hindurch, als wären wir Luft. Sie haben Angst vor der Stille.“
 

Ich blickte auf mein Sichtfeld. Der Countdown war unaufhaltsam geschrumpft. Die zwei Tage waren verstrichen. Die nassen Jägersachen waren trocken und wieder angezogen, die dunklen Mäntel boten uns Schutz.
 

118:12:00

118:11:59
 

Noch knapp fünf Tage. Wir hatten die ersten 48 Stunden überstanden, ohne entdeckt zu werden. Ich begann gerade zu glauben, dass wir eine echte Chance hatten, uns bis zum nächsten Weltenwechsel einfach hier drunten zu verstecken. Es war ein fataler, törichter Irrtum.
 

„WARNUNG! SICHERHEITSBEREICH KOMPROMMITIERT!“
 

Der blutrote Warncode explodierte mit einer solchen Heftigkeit in meinem Sichtfeld, dass ich unwillkürlich zurückwich und gegen ein rostiges Rohr krachte. Das neongrüne Interface schaltete schlagartig in ein wild flackerndes Warn-Display um.
 

„Thermische und elektromagnetische Signaturen im direkten Anflug“, zischte V.E.R.A.s Stimme, die ihre gewohnte Kälte komplett verloren hatte und nun beinahe panisch klang. „Administrator Ren Kuroba, die Sensoren des Megakonzerns Neotech Dynamics haben soeben meine Kern-Frequenz geortet. Zwei schwere autonome Kampf-Drohnen befinden sich vertikal über unserer Position. Gleichzeitig verzeichnen meine Audiosensoren aggressive biologische Einheiten vor der primären Zugangstür. Fluchtwahrscheinlichkeit: Sinkend.“
 

„Ren?! Was ist das für ein Geräusch?!“, schrie Lyra auf. Sie sprang auf, riss die Kapuze ihres dunklen Mantels zurück und wich an die Wand zurück.
 

„Achtung! Plasmabeschuss in 3… 2… 1…“
 

BOOM!
 

Die Welt um uns herum ging in einer gewaltigen Detonation unter. Das morsche Metalldach des Maschinenraums barst unter zwei gleißend blauen Plasmageschossen in Millionen Teile. Schrapnelle, verbogene Stahlträger und tonnenweise brennender Schrott regneten in die Kammer. Der ohrenbetäubende Knall drückte mir das Blut in die Ohren. Ein dichter, beißender Schwall aus grauem Rauch und Funken flutete den Raum innerhalb von Sekunden.
 

Zwei tonnenschwere, tiefschwarze Kampfdrohnen von Neotech Dynamics schwebten wie riesige, mechanische Wespen durch das klaffende Loch im Dach. Ihre cyanfarbenen Lasersensoren schnitten präzise durch den dichten Staub und fixierten mich eiskalt. „Flüchtling Ren Kuroba. Sie befinden sich im illegalen Besitz von Konzerneigentum. Ergeben Sie sich sofort, oder die biologische Exekution wird eingeleitet“, dröhnte eine synthetische Computerstimme von oben.
 

Doch bevor ich auch nur den Atem anhalten konnte, folgte der nächste Schlag.
 

KRACCCK!
 

Die schwere, verrostete Stahltür des Maschinenraums flog mit der Wucht einer Sprengung aus den Angeln und knallte scheppernd auf den Betonboden. Der dichte Qualm wurde zur Seite gerissen, als vier schwere Gestalten in abgewetzten Lederjacken und mit massiven Schusswaffen in die Kammer stürmten. Die Cyborg-Banditen aus der ersten Nacht.
 

„Da ist die Elfen-Schlampe! Schießt den Typen im Kittel weg und greift sie euch!“, brüllte der Anführer mit dem kybernetischen Muskel-Arm und hob seine schwere Schrotflinte. Doch als er den Blick nach oben richtete und die schwebenden Konzerndrohnen sah, gefror das Grinsen auf seinem verchromten Gesicht. „Was zum… Konzerngarde?! In unseren Sektoren?!“
 

Wir standen genau im Fadenkreuz der Hölle. Eingekesselt zwischen Himmel und Erde.
 

Von oben fixierten die tödlichen Plasmakanonen der Roboter meine Brust – sie wollten die gestohlene KI V.E.R.A. in meinem Kopf zurück Von vorne zielten die Schrotflinten der dreckigen Slum-Banditen auf uns – sie wollten die seltene Elfin Lyra für den Schwarzmarkt.
 

Lyra stieß einen panischen Schrei aus, stürzte nach vorne und klammerte sich im dichten Qualm verzweifelt an meinen Arm. Ihre grünen Augen flehten mich im Chaos aus Funken, Rauch und Laservisieren an. Sie hatte keine Waffe, keine Magie. Sie hatte nur noch mich.
 

„Taktische Analyse abgeschlossen“, sprach V.E.R.A. eiskalt mitten in meinem feuernden Gehirn. Das neongrüne Interface schoss eine strahlende, leuchtende Linie quer durch die Trümmer auf dem Boden. „Die Parteien blockieren sich gegenseitig. Überlebenschance bei sofortiger Flucht: 8,7 %. Administrator Ren Kuroba… wir müssen die Bestien gegen die Maschinen ausspielen. Bereiten Sie sich auf meinen Befehl vor.“
 

Ich ballte die Fäuste, spannte jede Faser meines Körpers an und fixierte das Chaos vor uns. Das Spiel gegen die Zeit war vorbei. Jetzt ging es um das pure, nackte Überleben.



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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Nikner
2026-05-14T19:38:41+00:00 14.05.2026 21:38
Die Kapitel 1 bis 3 sollten eigentlich eine Kapitel werden habe es leicht verhauen sorry für die Unannehmlichkeiten
Von:  Das_eineMonster
2026-05-14T17:52:34+00:00 14.05.2026 19:52
Bin stolz auf dich verbesserungswürdig aber trotz gut ganz ehrlich
Nur liebe


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