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Die Chroniken des Hungus Grepa

von

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Sag das Zauberwort

Es sind schon einige Tage vergangen, seit ich die Universität verlassen habe und nun durch das Königreich Psiaris reise, welches unter der Herrschaft von König Arthur steht und vom Magierrat unter Herzog Merlin beraten wird.
 

Da meine Rationen zur Neige gingen und die nächste Stadt noch nicht in Sicht war, beschloss ich, mein Glück beim Angeln zu versuchen. Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, schnell etwas zu fangen – doch zu meiner großen Überraschung musste ich nicht lange warten.
 

Was ich jedoch aus dem Wasser zog, war weit erstaunlicher als jeder gewöhnliche Fang.
 

Ein Lumaris.
 

Noch dazu ein Junges, kaum größer als mein Arm.
 

Sein Körper glich dem einer schlanken Schlange, geschmeidig und elegant gewunden, doch war er von schimmernden Schuppen bedeckt, die im Licht des Himmels in unzähligen Farben funkelten. Entlang seines Rückens wuchsen feine, bunte Federn, die in allen erdenklichen Farbtönen leuchteten – von tiefem Violett über strahlendes Blau bis hin zu warmem Gold und glühendem Rot. Sie bewegten sich sanft im Wind, als würden sie ein eigenes, lautloses Lied singen.
 

Sein Schwanz jedoch war der eines Fisches, breit gefächert und von zarter, fast durchscheinender Struktur. Mit jeder Bewegung glitt er anmutig durch das Wasser, als wäre er selbst ein Teil davon. Das gesamte Wesen wirkte von einer solchen Würde und Majestät, dass ich unwillkürlich innehielt, als hätte ich etwas Heiliges berührt.
 

Ich sprach lange mit ihm, in der Hoffnung, sein Zauberwort zu erraten. Es heißt nämlich, dass ein Lumaris einem jeden einen Wunsch erfüllt, wenn man das richtige Wort zu ihm spricht. Leider besitzt jedes dieser Wesen sein eigenes Zauberwort, und niemand weiß, welches es ist – oder in welcher Sprache es gesprochen werden muss.
 

Da ich auf Reisen bin, konnte ich es nicht mitnehmen, so gern ich es auch getan hätte. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht behalten und weiter versucht, das Wort zu ergründen.
 

So aber blieb mir nichts anderes übrig, als es wieder freizulassen.
 

Schade – es wäre wahrlich etwas Besonderes gewesen, einen Wunsch frei zu haben.

Lebe deinen Traum

Ich bin endlich in Somnaria angekommen. Man sagt, hier könne man seine Träume verwirklichen – so zumindest lauten die Erzählungen.
 

Wie sich jedoch herausstellt, ist dies nur indirekt gemeint.
 

Dank eines Trankes, gebraut aus sogenannten Traumflickenblüten, ist es möglich, in die eigenen Träume einzutreten und sie wahrhaft zu erleben. Alles, was dort geschieht, wirkt sich auch auf den realen Körper aus – jede Verletzung ebenso wie jeder Segen.
 

Ein faszinierendes, wenn auch nicht ungefährliches Konzept.
 

Leider ist dieser Trank von solch hohem Wert, dass er für mich unerschwinglich bleibt. Es interessiert mich brennend, wie es sich anfühlt, in einem Traum zu leben – ihn nicht nur zu sehen, sondern ihn mit allen Sinnen zu erfahren.
 

Ein Rezept konnte ich bislang nicht ergattern.
 

Doch zumindest eine der wichtigsten Zutaten habe ich in Erfahrung bringen können: die Traumflickenblume.
 

Die übrigen Bestandteile werde ich mit der Zeit ebenfalls herausfinden – da bin ich zuversichtlich. Auch wenn es gewiss kein leichtes Unterfangen wird, an alles zu gelangen. Nicht ohne Grund ist dieser Trank so kostbar.
 

Allein die Traumflickenblume stellt bereits eine Herausforderung dar. Wird sie falsch geerntet, lösen sich ihre Blütenblätter im Wind auf und verschwinden spurlos – und genau diese Blüten sind es, die als Zutat benötigt werden.

1000 und 1 Nacht

Ich bin im Land Noctara angekommen, genauer gesagt in der Hauptstadt Lunaris.
 

Diese Stadt genießt einen besonderen Ruf – nicht wegen ihrer Größe oder ihres Reichtums, sondern wegen ihrer strengen Gesetze und ihrer beinahe ehrfürchtigen Beziehung zur Nacht. Die Bewohner hüten sie wie einen Schatz, als wäre sie etwas Zerbrechliches, das es um jeden Preis zu bewahren gilt.
 

Schon bei meiner Ankunft fiel mir auf, wie sich das Verhalten der Menschen mit dem Stand der Sonne veränderte. Je näher der Sonnenuntergang rückte, desto stiller wurden die Straßen. Händler packten hastig ihre Waren zusammen, Gespräche verstummten, und Türen wurden mit auffälliger Eile verschlossen.
 

Ich hielt dies zunächst für eine kulturelle Eigenart – vielleicht eine Form von Aberglauben oder Tradition.
 

Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
 

Da ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit ankam, suchte ich nach einer Unterkunft und klopfte an mehrere Türen. Ein Fehler, wie ich nun weiß. In Lunaris gilt es als Straftat, nach Sonnenuntergang an Türen zu klopfen oder die Ruhe anderer zu stören. Die Nacht gehört hier nicht den Menschen – zumindest nicht in der gewöhnlichen Weise.
 

Man nahm mich ohne großes Zögern fest.
 

Ohne viel Erklärung wurde ich eingesperrt und zu einer Strafe von „1000 und 1 Nacht“ verurteilt. Ob es sich dabei um eine feste Zeitspanne handelt oder eher um eine symbolische Maßnahme, ist mir noch unklar. Ich vermute Letzteres, da die Einwohner eine auffällige Vorliebe für poetische Zahlen und Begriffe zu haben scheinen.
 

Mein Zellengenosse jedoch lässt mich an dieser Theorie zweifeln.
 

Er behauptet, zu fünf Vollmondzyklen verurteilt worden zu sein – eine deutlich greifbarere Zeitangabe. Es scheint also, dass die Dauer der Strafen entweder variiert oder auf unterschiedlichen Systemen basiert. Möglicherweise hängt dies von der Schwere des Vergehens oder von sozialen Faktoren ab.
 

Interessant ist auch, dass hier offenbar nicht die Tage gezählt werden, sondern die Nächte.
 

Dies würde zur Kultur Noctaras passen, in der die Nacht nicht als bloßes Fehlen von Licht, sondern als eigene, bedeutungsvolle Phase betrachtet wird. Vielleicht ist sie hier sogar wichtiger als der Tag selbst.
 

Sollte ich diese Erfahrung überstehen, werde ich versuchen, mehr über die Gesetze und Bräuche dieser Stadt herauszufinden.
 

Vorerst jedoch bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Strafe Nacht für Nacht abzusitzen.

Brief an Dona

Ja, nun sitze ich schon einige Tage hier, und ich habe dir doch versprochen zu schreiben, sobald ich Zeit dazu finde. Und wann hat man mehr Zeit als dann, wenn man tausend und eine Nacht in einem Gefängnis verbringen muss?
 

Ich hoffe, dir geht es gut – den Umständen entsprechend.
 

Viel habe ich von diesem Land noch nicht gesehen, doch das Wenige, das ich erblicken konnte, war von erstaunlicher Schönheit. Besonders die Nächte hier sind bemerkenswert. Kein Wunder, dass man Lunaris die Stadt der Nacht nennt. Der Himmel leuchtet und blitzt in unzähligen Farben, als befände man sich auf einer anderen Welt. Manchmal frage ich mich, ob dies natürliche Erscheinungen sind oder ein Werk alter Magie.
 

Inzwischen habe ich eine neue Zimmergenossin – oder genauer gesagt: Zellengenossin.
 

Sie wirkt... speziell.
 

Den alten Mann haben sie einfach fortgebracht, obwohl sein vierter Vollmond noch nicht erreicht war. Niemand wollte mir sagen, wohin man ihn brachte. Ich fragte die anderen Gefangenen in den Nachbarzellen, doch keiner antwortete mir. Alle schwiegen. Es war kein gewöhnliches Schweigen, sondern eines voller Furcht.
 

Überhaupt sind die Menschen hier nicht besonders gesprächig.
 

Alle – bis auf eine.
 

Bella.
 

Sie redet wie ein Wasserfall nach dem Frühlingsregen. Ohne Pause, ohne Atem, ohne sichtbares Ende. Sie scheint ein Mischwesen zu sein, doch ich vermag noch nicht zu erkennen, aus welchen Völkern sie stammt. Und ehrlich gesagt fürchte ich mich davor zu fragen, denn womöglich würde sie dann noch ausführlicher antworten.
 

Sie behauptet, hier geboren worden zu sein und die Einzige zu sein, die unschuldig einsitzt. Ob dies stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Doch sie wirkt aufrichtig – oder zumindest überzeugt von ihrer eigenen Geschichte.
 

Zu ihrem großen Unglück soll sie bis zur nächsten Mondfinsternis hierbleiben.
 

Ich habe ihr bislang nicht gesagt, dass die nächste erst in etwa hundertfünfzig Jahren stattfinden soll.
 

Ansonsten geht es mir den Umständen entsprechend. Ich hoffe auf eine Strafmilderung oder eine frühzeitige Entlassung, denn weitere neunhundertneunzig Tage vergehen langsamer, als ich je für möglich gehalten hätte.
 

Wenn ich zurückkehre, werde ich dir alles ausführlich berichten. Wie ich es dir versprochen habe, schreibe ich alles nieder, damit mir nichts entgeht. Und ich bemühe mich, so viele interessante Geschichten wie nur möglich für dich zu sammeln.
 

Dein geliebter

Hungus Grepa

Never Gonna Give You Up

Obwohl bereits sehr viele Nächte vergangen sind, redet Bella noch immer ununterbrochen wie ein Wasserfall. Das Erstaunlichste daran ist jedoch, dass sie sich kein einziges Mal wiederholt. Ich hätte nicht geglaubt, dass ein einzelnes Wesen über derart viele Themen verfügen kann.

Wie sich inzwischen herausgestellt hat, gehört sie wohl einer Feenart an. Wenn sie sich verwandelt, erscheinen auf ihrem Rücken Flügel, die stark an jene einer Motte erinnern – breit, staubig schimmernd und mit seltsamen Mustern versehen. Zu ihrem großen Unglück wird sie dabei jedoch nicht kleiner, wie man es von Feen in Geschichten erwarten würde.

Das hält sie allerdings keineswegs auf.

Sie versucht weiterhin mit bemerkenswerter Entschlossenheit zu fliehen. Ich ziehe es vor, mich nicht einzumischen. Dennoch muss ich anerkennen, dass manche ihrer Ideen zumindest kreativ sind. Ihr Versuch, nach lockeren Gitterstäben zu suchen, war keineswegs töricht.

Leider erwies sich der Boden als zu fest, um darunter zu graben, und die Mauern aus gebrannten Ziegelsteinen machen einen außerordentlich robusten Eindruck. Aus wissenschaftlichem Interesse habe ich eine Probe genommen. Das Material schmeckt trocken, sandig und ausgesprochen körnig. Ich kann bestätigen: Diese Mauern sind nicht zum Verzehr gedacht.

Da mir wenig anderes bleibt, habe ich begonnen, die Umgebung systematisch zu beobachten.

Ich notierte die Zeiten des Wächterwechsels, zählte ihre Schritte auf dem Gang, vermerkte, wer wann Dienst hat, welcher Wächter zum Husten neigt, wer beim Gehen schlurft und welcher seine Schlüssel stets links trägt. Außerdem konnte ich feststellen, dass der dritte Wächter der Nachtwache regelmäßig sieben Minuten zu spät erscheint. Ob aus Nachlässigkeit oder Absicht, bleibt bislang offen.

Morgen sollen neue Insassen eintreffen.

Vielleicht bringt das neue Geschichten mit sich – oder neue Informationen.

Bis dahin bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als Bella dabei zuzusehen, wie sie an der Decke nach einem Loch sucht.

Ich frage mich nur, wann sie aufgeben wird.

Bella ciao

Die Tage hier sind trostlos, leer,

mein Magen knurrt schon lang und schwer.

Aus Hunger aß ich manchen Fraß,

sogar die Larve aus dem Fass.
 

Bella springt nur auf und ab,

gibt niemals auf – welch seltsamer Trab.

Sie sucht ein Loch, sie rüttelt barsch,

das sagt zumindest Wächter Lars.
 

Er lacht dabei mit rauem Schnaub:

„Irgendwann fällt ihr Kopf noch ab.“

Und wenn es so weit kommen soll,

dann klingt es durch den Kerkerhall:
 

Bella ciao, ciao, ciao,

ich vermisse dich jetzt schon genau.

Bella ciao, ciao, ciao,

du redest viel – und zwar genau.
 

Den ganzen Tag wie Wasserfall,

kein Schweigen kennt dein Widerhall.

Ich dachte einst aus Langeweil’,

doch dieses Wort kennst du nicht einmal.
 

Dann plötzlich warst du fort zur Stunde,

zur Mittagszeit, der gehassten Runde.

Wenn Türen knarren, Schritte wehn,

sieht man hier viele Menschen gehn.
 

Doch wohin verschwinden sie nur genau?

Das fragte ich mich voller Grau’n.

Denn ich konnt’ dir nicht einmal sagen:
 

Bella ciao, ciao, ciao.

Welcome to the black Parade

Ich gehöre anscheinend nun einer Geheimorganisation an.

Wie es dazu kommen konnte?

Ganz einfach.

Während ich weiterhin brav meine Strafe absaß – auch wenn es inzwischen selbst für meine Geduld unerträglich langweilig geworden war – erschien zur Mittagsstunde plötzlich ein Wärter vor meiner Zelle und befahl mir, mitzukommen.

Widerstand erschien mir unklug. Außerdem war jede Abwechslung willkommen.

Man führte mich durch mehrere Gänge, die ich bislang nie gesehen hatte, vorbei an verschlossenen Türen und Treppen, die tiefer unter die Stadt führten. Schließlich erreichten wir eine große Halle, in der sich bereits zahlreiche Gestalten versammelt hatten.

Wie sich herausstellte, gehören sie einer Organisation namens Black Parade an.

Ein Name, der durch ihre Kleidung nur noch verwirrender wird, denn sämtliche Mitglieder tragen lange weiße Mäntel. Manche dazu schwarze Handschuhe, andere silberne Masken. Es wirkt weniger bedrohlich als vielmehr schlecht abgestimmt.

Was jedoch deutlich ernster klingt, ist ihr Ziel:

Sie wollen die Nacht zum Tag machen.

Ob dies metaphorisch gemeint ist, politisch oder tatsächlich astronomisch, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen. Bei allen drei Möglichkeiten wäre Vorsicht angebracht.

Zurzeit zähle ich etwa zwanzig Mitglieder. Immer wieder stoßen neue hinzu, doch nur wenige bleiben länger. Einige verschwinden nach einzelnen Treffen, andere kehren schlicht nicht zurück. Niemand scheint darüber sprechen zu wollen.

Ich halte mich daher vorerst im Hintergrund, nicke gelegentlich bedeutungsvoll und schreibe mir alles heimlich auf.

Vorerst bleibe ich noch eine Weile und beobachte das Ganze weiter.

Es könnte ausgesprochen interessant werden.

Der Rattenfänger

Ich weiß nicht, warum er so genannt wird.

Soweit ich beobachten konnte, fängt er jedenfalls keine Ratten.

Ich habe beschlossen, ihn einige Tage genauer zu beobachten. Er wirkt erstaunlich freundlich – fast zu freundlich für jemanden, der Teil einer geheimen Organisation ist. Doch damit ist er nicht allein. Viele hier wirken weniger wie Verschwörer und mehr wie Mitglieder eines seltsamen Freundeskreises.

Die Treffen erinnern mitunter eher an einen geselligen Abend als an eine ernsthafte Zusammenkunft. Hin und wieder sprechen sie zwar über ihre Pläne, die Nacht zum Tag zu machen, doch bei Gesprächen scheint es meist auch zu bleiben.

Der Rattenfänger – wie er genannt wird – besteht darauf, dass sein bürgerlicher Name geheim bleibt. Angeblich sei er „eine Schande“, wie er selbst sagt. Ob dies Übertreibung oder Wahrheit ist, konnte ich bislang nicht herausfinden.

Er dürfte sich in seinen mittleren Dreißigern befinden, trägt bereits ein leichtes Bäuchlein mit sich und zeigt erste kahle Stellen am Kopf. Dennoch hat er eine warme Ausstrahlung und kümmert sich auffällig oft um die Jüngeren. Gleichzeitig vertreibt er sie jedoch regelmäßig aus der Küche – ein Widerspruch, den ich noch nicht ganz einordnen kann.

Denn dort liegt seine eigentliche Rolle:

Er ist der Koch.

Und ein bemerkenswert guter noch dazu. Er versorgt die gesamte Gruppe und scheint darin eine gewisse Erfüllung zu finden. Wie er mir erzählte, führte er einst ein eigenes Gasthaus. Es lief gut, er hatte Stammgäste und offenbar ein geregeltes Leben.

Doch die Gesetze Noctaras machten ihm schließlich einen Strich durch die Rechnung.

Da Aktivitäten nur eingeschränkt und zu bestimmten Zeiten erlaubt sind, blieben viele Gäste aus. Zur Mittagsstunde wollte kaum jemand essen gehen, und sobald sich die Nacht näherte, mussten die Besucher bereits wieder aufbrechen. Sein Geschäft konnte unter solchen Umständen nicht bestehen.

So schloss er sich der Black Parade an.

Viele hier scheinen ähnliche Geschichten zu haben – weniger aus Überzeugung, mehr aus Frust. Sie beschweren sich über die Regeln, über Einschränkungen, über verpasste Möglichkeiten.

Nana zum Beispiel.

Ihr größter Wunsch scheint es zu sein, einfach bis tief in die Nacht mit ihren Freundinnen feiern zu können. Allein dafür ist sie hier.

Manche Gründe erscheinen nachvollziehbar.

Andere hingegen wirken eher… wie Launen.

Ich halte mich aus all dem heraus.

Als Reisender und Beobachter sollte man sich nicht in die Angelegenheiten fremder Länder einmischen – schon gar nicht in deren Politik.

The Emptiness Machine

Ich bin nun schon seit einigen Wochen bei der Black Parade.
 

Erstaunlicherweise haben sie mich freundlich aufgenommen, obwohl ich bislang nichts zu ihrer Sache beitrage. Ich beobachte lediglich, schreibe mit und stelle gelegentlich Fragen. Vielleicht reicht das bereits aus, damit Menschen einem vertrauen.
 

Je länger ich hier bin, desto weniger wirken sie wie gefährliche Verschwörer. Zumindest nicht im gewöhnlichen Sinne. Viele scheinen schlicht erschöpft von den Gesetzen Noctaras zu sein.
 

So wie ich ihre Ansichten verstehe, wollen sie die Nacht nicht zerstören, sondern Licht in sie bringen.
 

Immer wieder ziehen einige Mitglieder los und entzünden Laternen in den Straßen. Meist dauert es jedoch nicht lange, bis die Stadtwachen auftauchen und alles wieder löschen oder zerstören. Dasselbe geschieht mit Kerzen, Lampen oder anderen Lichtquellen, die sie heimlich verteilen.
 

Vor einigen Tagen versuchten sie etwas Neues.
 

Sie entwickelten ein Lockmittel für sogenannte Leuchtkäfer.
 

Diese Wesen ähneln auf den ersten Blick Schmetterlingen, sind jedoch deutlich größer und besitzen schmale, fast spitz zulaufende Flügel. Ihre Körper leuchten in verschiedensten Farben – blau, violett, grün oder goldfarben – und während sie fliegen, hinterlassen sie schimmernde Lichtspuren in der Luft, die langsam verblassen wie Sternenstaub.
 

Für kurze Zeit war die gesamte Straße erfüllt von ihrem Licht.
 

Es war vermutlich das Schönste, das ich bislang in Noctara gesehen habe.
 

Leider wurden die Lockmittel rasch entfernt. Offiziell hieß es, man wolle verhindern, dass „Ungeziefer“ in die Stadt gelange.
 

Da ich nun bereits seit einiger Zeit bei der Gruppe verweile und offenbar als harmlos gelte, durfte ich heute zum ersten Mal mit in ihre eigentliche Zentrale.
 

Ich hatte vieles erwartet.
 

Doch sicher keine riesige Lagerhalle tief unter der Stadt.
 

In ihrer Mitte stand eine gewaltige Maschine, groß genug, um beinahe die Hälfte des gesamten Raumes einzunehmen. Überall verliefen Rohre und Schläuche, gefüllt mit leuchtenden Flüssigkeiten unterschiedlichster Farben. Einige pulsierten langsam, andere bewegten sich ruckartig, als hätten sie einen eigenen Herzschlag.
 

Rund um die Maschine waren kreisförmig mehrere Liegen aufgebaut.
 

Dort wurde mir schließlich erklärt, wie das Ganze funktioniert.
 

Die Mitglieder spenden ihr Blut, um die Maschine anzutreiben.
 

Soweit ich es verstehen konnte, handelt es sich dabei um eine Art Energiegenerator. Durch Blut und Magie erzeugt die Maschine Energie, welche anschließend in Licht umgewandelt werden soll.
 

Für die Black Parade ist sie ihr größter Schatz – ihre Hoffnung, ihr Meisterwerk, ihre sogenannte Trumpfkarte.
 

Angeblich arbeiteten über Jahre hinweg verschiedenste Fachleute daran. Menschen unterschiedlichster Völker und Rassen bauten gemeinsam an ihr. Und obwohl sie bereits jetzt beeindruckend wirkt, scheint sie noch immer nicht vollendet zu sein. Ständig werden neue Teile ergänzt oder verändert.
 

Derzeit verbraucht die Maschine allerdings noch viel zu viel Blut für vergleichsweise wenig Energie.
 

Dennoch spenden die Mitglieder freiwillig.
 

Nach jeder Sitzung wirken viele erschöpft, manche können kaum noch stehen. Einige bleiben sogar stundenlang regungslos liegen. Dennoch scheint niemand ernsthaft daran zu zweifeln, dass ihre Arbeit richtig sei.
 

Besonders interessant fand ich die eingravierten Magiekreise und Runen.
 

Da ich mich mit arkane Schriftlehre zumindest etwas auskenne, fielen mir mehrere Unstimmigkeiten auf. Einige Formeln wirken fehlerhaft beschrieben. Auch manche Runen erscheinen seltsam gewählt.
 

Dort, wo eigentlich „Energie erzeugen“ stehen sollte, lautet die Übersetzung eher „Energie entfesseln“.
 

Vielleicht handelt es sich lediglich um einen Nebeneffekt, weil zu viele Magier gleichzeitig daran gearbeitet haben.
 

Oder aber niemand bemerkte den Unterschied.
 

Ich bin jedenfalls gespannt, was geschieht, wenn sie diese Maschine eines Tages vollständig in Betrieb nehmen.
 

Bislang verwendet sie lediglich genug Blut, damit ihre Mitglieder danach noch aufrecht stehen können.
 

Und dennoch frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee ist, das Blut so vieler unterschiedlicher Rassen miteinander zu vermischen.
 

Zumindest ist mir bislang kein einziger positiver Bericht darüber begegnet.



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