Der Anfang
Tyson
„ Ich habe es satt, mich von euch herumkommandieren zu lassen!“, schreie ich meinen großen Bruder an. Meine Stimme hallt durch den Raum, rau und voller Wut. Hiro reagiert nicht. Kein Zucken, kein Blick. Er kennt das alles schon. Für ihn ist es nichts weiter als ein weiterer Ausbruch.
Für mich ist es mehr. Ja, ich weiß, was er denkt. Dass ich zu alt bin. Dass diese Zeit vorbei ist. Dass Beyblades nur Kinderspielzeug sind. Aber ich kann das nicht loslassen. Ich will dieses Leben nicht begraben. Ich will nicht akzeptieren, dass alles einfach… endet.
Meine Freunde sind längst gegangen. Max ist in Amerika, weit weg, bei seiner Mutter. Natürlich ist Kenny mit ihm gegangen – neue Chancen, neue Welt. Ray ist zurück in China, bei seinem Clan. Und Kai… Kai ist einfach verschwunden. Seit unserem letzten Kampf habe ich nichts mehr von ihm gehört. Kein Wort. Kein Zeichen. Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.
Vielleicht hat er das sogar.
Und ich? Ich bin noch hier. Allein. Die Stadt wirkt leerer als früher. Kälter. Selbst der Wind klingt anders – als würde er etwas mit sich tragen, das ich nicht verstehen kann.
Ich ziehe meine Runden. Immer wieder. Immer gleich. Der Klang meines Beys auf dem Boden ist das Einzige, was die Stille durchbricht. Ein vertrautes Geräusch in einer Welt, die mir fremd geworden ist.
Ich bleibe stehen und starre auf meine Hand. Dann flüstere ich leise:
„Zumindest bist du noch da…“ Ein schwaches Leuchten flackert auf. Dragoon. Nicht so stark wie früher. Nicht so lebendig. Eher wie ein Schatten seiner selbst… und vielleicht auch meiner. Für einen Moment frage ich mich, wie lange noch. Wie lange, bis auch das verschwindet. „Zumindest bist du noch da…“
Das schwache Leuchten von Dragoon flackert – kaum sichtbar, kaum spürbar.
„Das reicht nicht.“ Hiro steht plötzlich wieder hinter mir. Ich balle sofort die Fäuste.
„Hör auf damit“, sagt er kühl. „Du klammerst dich an etwas, das längst vorbei ist.“ Ich drehe mich ruckartig zu ihm um. „Du verstehst gar nichts!“
„Doch“, entgegnet er ruhig. „Ich verstehe mehr, als dir lieb ist.“
„Nein!“ Meine Stimme überschlägt sich. „Du willst einfach nur, dass ich so werde wie du! Alles hinter mir lasse, als hätte es nie existiert!“ Hiro sieht mich lange an. Zu lange.
„Vielleicht wäre das besser.“
Stille. Für einen Moment ist alles still. Dann trifft es mich wie ein Schlag.
„Verschwinde“, knurre ich leise. „Wenn du nichts anderes zu sagen hast… dann verschwinde einfach!“ Hiro sagt nichts mehr. Er dreht sich um und geht. Einfach so…Wie alle anderen.
„Fein…“, murmele ich bitter. „Geht doch alle.“ Meine Hand zittert leicht, als ich meinen Bey fester greife. Wut, Leere, irgendetwas dazwischen – ich kann es nicht mehr auseinanderhalten. Ich werfe ihn mit aller Kraft.
„Los, Dragoon!“ Der Bey trifft auf den Boden, beginnt sich zu drehen – erst stark, dann unruhig. Das gewohnte Geräusch klingt… falsch. Ein kalter Wind zieht auf. Ich runzle die Stirn.
„Was…?“
Der Himmel verdunkelt sich. Nicht langsam – sondern abrupt, als würde jemand das Licht auslöschen. Dichte, schwarze Wolken schieben sich ineinander, verschlingen das Blau. Der Wind wird stärker.
Er heult. Staub und Blätter wirbeln durch die Luft, kreisen um mich, als wäre ich das Zentrum eines unsichtbaren Strudels. Mein Bey beginnt zu vibrieren.
Zu stark.
„Dragoon…?“ Das Leuchten wird intensiver. Nicht ruhig, nicht vertraut – sondern wild. Unkontrolliert. Ein Donnergrollen zerreißt die Stille. Ich spüre es plötzlich. Diese Präsenz. Schwer...Alt... Falsch.
„Das… ist nicht normal…“ Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Ich kann kaum noch die Augen offen halten.
Und dann. Ein greller Blitz durchzuckt den Himmel. Für einen Sekundenbruchteil sehe ich etwas in den Wolken. Eine Form. Gewaltig. Und sie sieht zurück. Mein Herz setzt aus.
„…Was zur Hölle…?“
Dragoon reagiert. Der Bey springt plötzlich aus seiner Bahn, stoppt abrupt – und ein gewaltiger Energiestoß bricht aus ihm hervor.
Ein Schrei hallt durch meinen Kopf. Nicht meiner…seiner. Und er klingt… anders. Der Schrei zerreißt meinen Kopf. Ich sacke leicht nach vorn, presse mir die Hände an die Schläfen. „Dragoon… was ist los mit dir?!“
Keine Antwort. Nur dieses Dröhnen.
Dann...
Ein scharfes Knacken. Ich reiße die Augen auf. Mein Bey… hört auf sich zu drehen. Für einen Sekundenbruchteil steht er still. Unnatürlich still.
„Nein…“ Ein feines Rissmuster zieht sich über die Oberfläche. Dann bricht er auseinander. Mit einem lauten, trockenen Krachen zerfällt er in unzählige Einzelteile, die über den Boden geschleudert werden. Metall splittert, Kunststoff zerspringt – alles, was übrig bleibt, ist Chaos.
„DRAGOON!“ Der Wind explodiert förmlich um mich herum. Die Teile meines Beys beginnen zu zittern. Zu leuchten. Ein grelles, blaues Licht bricht aus den Trümmern hervor, so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Und dann sehe ich ihn.
Dragoon. Nicht wie früher. Größer. Wuchtiger. Seine Form wirkt instabil, flackernd – als würde er zwischen zwei Welten feststecken.
Seine Augen leuchten. Und sie sind auf mich gerichtet.
„Tyson…“ Seine Stimme hallt nicht nur in meinem Kopf – sie geht tiefer. Direkt durch mich hindurch. Ich kann mich nicht bewegen. Nicht weglaufen. Nicht einmal atmen. Der Sturm zieht sich zusammen. Alles fokussiert sich auf einen Punkt. Auf mich.
„Warte—!“ Zu spät. Dragoon stößt nach vorn.
Kein Angriff. Kein Ausweichen. Er trifft mich direkt. Ein gleißender Schmerz durchzuckt meinen ganzen Körper. Ich schreie auf, falle auf die Knie, während das Licht mich verschlingt. Es fühlt sich an, als würde etwas in mich hineingerissen werden. Oder als würde ich auseinanderbrechen. Bilder schießen durch meinen Kopf.
Kämpfe. Stimmen. Erinnerungen, die nicht nur meine sind.
Wut. Verlust. Macht. Einfach zu viel.
„HÖR AUF!!“ Mein Schrei geht im Sturm unter. Dann auf einmal ist alles still.
Der Wind bricht abrupt ab. Die Wolken stehen still. Alles ist… leer. Ich liege keuchend am Boden. Mein Körper zittert unkontrolliert. Langsam hebe ich den Kopf. Meine Hand krallt sich in den Boden. Etwas fühlt sich… falsch an.
Anders. Ich spüre es. In mir. Ein Pulsieren. Kraft. Aber nicht nur das. Eine Stimme. Leise. Kaum wahr zunehmen.
„Wir… sind eins…“ Meine Augen weiten sich. Für einen Moment spiegelt sich etwas darin wider. Ein blaues, flackerndes Leuchten. Nicht außerhalb von mir. Sondern darin. Ich schlucke schwer.
„Dragoon…?“ Keine Antwort. Nur dieses dunkle, ruhige Pochen tief in meiner Brust.
Das Desaster
Kai
Ketten klirren in der Dunkelheit. Das alte Mauerwerk ächzt unter dem Druck des Windes, der durch die Ritzen pfeift wie ein heulendes Tier. Der Geruch von feuchtem Moos und Verfall liegt schwer in der Luft, fast erstickend – wie eine Decke, die sich über alles legt.
Mein Körper ist bleischwer. Jeder Atemzug schmerzt, die eisige Luft brennt in meiner Lunge wie Feuer. Ich versuche, mich zu bewegen… nichts. Nicht einmal meine Finger gehorchen mir.
Was ist hier los? Wo bin ich?
Mit aller Kraft versuche ich, meine Augen zu öffnen. Doch es geht nicht. Nicht einmal ein Zucken. Keine Reaktion. Gar nichts. Panik kriecht langsam in mir hoch, kalt und gnadenlos.
Komm schon, Kai… reiß dich zusammen.
Ich schreie es mir in Gedanken entgegen, doch mein Körper bleibt stumm. Gefangen. Nutzlos.
Dann—
Schritte.
Langsam. Hallend. Näherkommend.
Durch die Dunkelheit. Die Schritte werden lauter. Schwer. Zielgerichtet. Sie gehören nicht hierher – oder vielleicht doch.
Etwas packt mich plötzlich. Grobe Hände, kalt und unerbittlich. Finger krallen sich in meine Kleidung, schneiden in meine Haut, als hätten sie es eilig.
„Er ist wach genug“, sagt eine Stimme. Tief. Gleichgültig.
Eine zweite antwortet nur mit einem leisen, zustimmenden Brummen.
Ohne Vorwarnung reißen sie mich hoch.
Schmerz schießt durch meinen Körper, grell und unerträglich. Meine Muskeln schreien, doch kein Laut verlässt meine Lippen. Mein Kopf fällt kraftlos nach vorne, während sie mich zwischen sich halten – oder eher schleifen.
Meine Füße berühren kaum den Boden.
Stein kratzt unter mir entlang. Uneben. Kalt. Jeder Schritt, den sie machen, geht durch meinen ganzen Körper wie ein dumpfer Schlag.
Ich kann nichts sehen. Nur Dunkelheit.
Nur hören.
Türen quietschen. Schwer. Alt.
Ein Luftzug trifft mein Gesicht – noch kälter, noch toter als zuvor.
Dann werde ich weiter gezerrt.
Tiefe hinein. In etwas, das sich noch falscher anfühlt. Noch enger. Noch dunkler. Der Boden verschwindet unter mir.
Für einen kurzen Moment tragen sie mein ganzes Gewicht, dann lassen sie mich fallen.
Hart. Metall. Die Kälte schlägt mir sofort entgegen, kriecht durch meine Kleidung direkt in die Knochen. Mein Rücken spannt sich reflexartig, doch mein Körper gehorcht mir nicht. Ich liege einfach da, ausgeliefert.
„Festmachen.“ Ein Klick. Dann noch einer.
Riemen legen sich um meine Arme, drücken meine Handgelenke brutal nach unten. Zu eng. Zu fest. Metall schneidet in meine Haut, kalt und gnadenlos.
Meine Beine werden fixiert. Mein Brustkorb. Selbst mein Kopf wird in Position gezwungen.
Ich kann mich nicht bewegen.
Nicht einmal einen Zentimeter.
Panik flackert auf, heiß und beißend, während ich gegen die Fesseln ankämpfe – vergeblich.
„Er soll sich nicht wieder wehren.“
Ein trockenes Lachen.
Dann ziehen sie die Gurte noch fester.
Ein scharfer Schmerz jagt durch meine Schultern. Ich presse die Zähne aufeinander, doch es entweicht mir nicht einmal ein Laut.
Nur mein Herz hämmert.
Zu schnell. Zu laut.
Die Schritte entfernen sich.
Die Tür fällt ins Schloss.
Und ich bleibe zurück.
Gefesselt. Reglos. In der Kälte.
Wartend auf etwas, das noch schlimmer ist als das hier.
„Jetzt verlasst den Raum und startet das Programm.“
Die Stimme trifft mich wie ein Schlag.
Mein Magen zieht sich zusammen.
Boris…
„Sind Sie sich sicher, Meister? Er hat doch schon eines in sich. Wir wissen nicht, wie das enden wird.“
Ein Moment Stille.
Dann—
„Ich habe gesagt: STARTEN!“
Seine Stimme hallt durch den Raum, schneidend, ungeduldig. Schritte entfernen sich hastig. Eine Tür fällt ins Schloss.
Sekunden später fährt ein lautes Gerät hoch.
Ein tiefes Brummen erfüllt den Raum, vibrierend, durchdringend. Es geht durch Mark und Bein.
Zuerst spüre ich nur Wärme.
Leicht. Fast schon harmlos. Doch sie wächst.
Schnell. Viel zu schnell. Die Hitze kriecht über meine Haut, frisst sich tiefer, wird brennend, unerträglich. Es fühlt sich an, als würde mein ganzer Körper in Flammen stehen.
Ich halte den Atem an.
Dann—
Ein Kreischen.
Schrill. Durchdringend. Unnatürlich.
Mein Herz setzt aus.
Ich reiße die Augen auf.
Und sehe ihn.
Vor mir, direkt über mir, formt sich eine Gestalt aus schwarzem Feuer.
Ein Phönix.
Seine Flügel schlagen lautlos, doch jede Bewegung lässt die Luft beben. Seine Augen glühen – kalt und leer.
Er starrt mich an. Ich will schreien. Doch kein Ton kommt über meine Lippen. Ich will mich wehren. Doch ich bin gefesselt. Gefangen. Hilflos.
Das Kreischen wird lauter. Nähe. Zu nah. Dann stößt er hinab. Direkt auf mich zu. Er trifft mich. Durchdringt mich.
Ein Schmerz explodiert in meinem Körper, zerreißt jede Faser meines Seins. Es ist, als würde ich von innen heraus verbrennen, als würde etwas Fremdes sich gewaltsam in mich hineinzwängen.
Dieses Mal schreie ich.
Alles. Den Schmerz. Die Wut. Die Angst.
Ein gleißendes Licht bricht aus mir hervor.
Die Fesseln zerreißen.
Metall splittert. Mit einer gewaltigen Druckwelle sprenge ich den gesamten Raum auseinander. Wände reißen auf, Geräte zerbersten, Alarmsirenen heulen auf.
Und dann...bricht alles ab. Die Hitze. Der Lärm. Der Schmerz.
Schwarz.
Absolute Finsternis.