Prolog
Prolog
„Sorgen sind genauso sinnvoll, wie sich ein Pflaster aufzukleben,
bevor man sich geschnitten hat“
– Karin Kuschik
Pink_Warrior: [18:12 Uhr] Gibt’s in naher Zukunft wieder irgendwelche Wettkämpfe?
SweetPotato: [18:15 Uhr] Nein, erst wieder im November
SweetPotato: [18:18 Uhr] Die Termine stehen noch nicht ganz fest
SweetPotato: [18:20 Uhr] Willst du etwa vorbeikommen und zusehen?
Pink_Warrior: [18:28 Uhr] Vielleicht will ich ja mitkämpfen? :)
SweetPotato: [18:36 Uhr] Sagtest du nicht, Kendo sei nicht dein Ding?
Pink_Warrior: [18:40 Uhr] Muss ja nichts Offizielles sein
Pink_Warrior: [18:42 Uhr] Einfach Dampf ablassen und sich aneinander messen
SweetPotato: [18:45 Uhr] Ich bin gespannt
~ * ~
Früher hatte Kyojuro nie ein größeres Interesse an Social-Media gehabt. Es war für ihn eine gänzlich fremde Welt und bis zum heutigen Tag, verstand er nicht einmal die Hälfte von dem, was möglich war.
Dies änderte sich jedoch, als er das Dojo seiner Familie übernahm.
Sein Vater hatte schon seit vielen Jahren Probleme damit, neue junge Leute für den Sport zu faszinieren und das Dojo stand oftmals leer. Es war jedoch weniger das Problem des Sports und leider mehr, dass sein Vater ein ziemlich strenger Mann war. ‚Streng ist noch lieb gemeint‘, dachte Kyojuro mit einem leichten Schuldgefühl. Er selbst hatte Jahre unter seinen Vater trainiert und empfand die Lektionen nie als zu hart, damit stand er jedoch alleine da.
Senjuro hatte ebenso Probleme mit dem Training, wie jene jungen Menschen, die sich für Kendo eigentlich interessierten, aber nicht über einen in flammenstehenden Weg laufen und kämpfen wollten.
Nachdem sein Vater das Dojo schließen und sich lieber ganz dem Kochen verschreiben wollte, übernahm Kyojuro überraschend. Es war eine instinktive Entscheidung gewesen, ohne groß darüber nachzudenken – jedoch keine die er bereute.
Mit der Übernahme des Dojos, machte er sich vertraut mit Möglichkeiten, neue Leute anzuwerben und vor allem das Training so zu gestalten, dass sie auch blieben. Dank seiner Arbeit an einer Schule und dem Anleiten des Kendo-Club, hatte er bereits einige Einblicke und auch schon Schüler an der Hand, die unter ihm gerne weiter trainieren würden.
‚Und junge Leute die kein Problem damit haben, mir ihre Meinung zu sagen.‘
Eine fehlende Homepage wurde sofort kritisiert, ebenso die mangelnden Online-Auftritte, die zur heutigen Zeit einfach alles waren, wenn man seine Schüler fragte.
‚Und ich habe sie gefragt.‘
Kyojuro hatte sich alles aufgeschrieben und sofort darangesetzt, sich darüber zu informieren was es alles brauchte und wie er es umgesetzt bekam. Nach seinen ersten kläglichen Versuchen – die in seinen Augen jedoch charmant waren! – traf er auf eine Person. Eine Person, die ihm dabei aushalf, mit dem Aufbauen einer Homepage und alle dem Social Media-Kram.
Und heute waren sie verlobt.
„Oh, hallo Rengoku-kun!“
Er war müde vom Tag, dem Unterricht in der Schule und dem Training im Dojo, dennoch zauberte sich sofort ein Lächeln auf seine Lippen.
„Guten Abend Soyama-kun!“
Hakuji lebte mit seiner bezaubernden Verlobten gegenüber. Er war mit ihr vor wenigen Monaten hergezogen und fast sofort hatten sie sich miteinander angefreundet. Zumindest glaubte Kyojuro das, manchmal war er bei so etwas ein wenig vorschnell.
„Könntest du Koyuki gleich rüberschicken? Sie hat sich bestimmt wieder verplappert“, seufzte Hakuji kopfschüttelnd.
Wenn sie schon nicht miteinander befreundet wären, dann ihre Verlobten definitiv. Kyojuro kicherte ein wenig über all die Male, die er schon hatte bei Hakuji klopfen müssen – und andersherum genauso.
„Klar, ich gebe ihr gleich Bescheid!“, antwortete er sofort nickend und steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch der Haustür.
Sobald er sie öffnete, hörte er fröhliches Geplauder und Quietschen. Sein Herz klopfte sofort ein wenig schneller vor Freude.
„Ich bin zu Hause!“, rief Kyojuro hinein, nachdem er die Schuhe ordentlich ausgezogen und weggestellt hatte.
„Kyojuro!“
Er öffnete die Arme, als Mitsuri zu ihm gerannt kam und sich ihm um den Hals warf. Mit einem Glucksen spürte er das weiche Lippenpaar seine Wange streifen.
Hinter ihr tauchte auch Koyuki auf, zaghafter und schüchterner, verschränkte sie ihre Finger ineinander und wartete einen Moment, bevor sie ihm zunickte.
„Guten Abend, Rengoku-kun.“
„Guten Abend Soyama-kun. Hakuji hat mich gerade angesprochen, ich soll dich rüberschicken.“
Koyukis rosa Augen weiteten sich. „Oje! Wie spät ist es denn?“
„Entschuldige, ich habe dich festgequatscht!“, mischte sich Mitsuri sofort verlegen ein. „Wir reden morgen weiter über die Blumen-Arrangements!“
„Auf jeden Fall!“, antwortete Koyuki und nickte dabei hastig.
In wenigen Minuten hatte sie sich angezogen und verabschiedet, bevor sie nach drüben ging. Hakuji wartete an der Haustür und schloss sie mit sanftem Ausdruck in seine Arme.
Nachdem Kyojuro mit Mitsuri zusammengekommen war, hatte man sie stets damit aufgezogen wie kitschig sie waren. Mit ihren Nachbarn hatten sie in dieser Angelegenheit große Konkurrenz bekommen.
„Wie war dein Tag?“, fragte seine Verlobte interessiert, sobald er die Haustür geschlossen hatte.
Er folgte Mitsuri mehr ins Haus hinein. Es war ein kleines Häuschen, genug Platz für zwei Personen und mehr brauchten sie im Moment nicht. Es war gemütlich und im Wohnzimmer, hingen eine Unmenge an Fotos - von ihren Familien und von ihnen gemeinsam.
Die Vibration seines Handys ließ ihn dieses hervorziehen und einen Blick darauf werfen.
~ * ~
Pink_Warrior: [19:19 Uhr] Oh, alles Gute zur Verlobung btw
Pink_Warrior: [19:20 Uhr] Sind mir gerade erst aufgefallen, die Fotos, meine ich
SweetPotato: [19:20 Uhr] Danke :D
~ * ~
„Kyojuro?“
„Ah, sorry!“, rief er sofort verlegen.
„Wem schreibst du da?“
„Ach... Da ist ein Typ, der mir wegen ein paar Bilder geschrieben hat, wegen dem Kendo. Er scheint ein Fan davon zu sein“, erzählte Kyojuro, während er in die verschiedenen Töpfe schaute, die Essen für eine fünfköpfige Familie in sich hatten. „Wir schreiben ab und an miteinander.“
„Ohhh, du hast einen Fan!“ Mitsuri klatschte begeistert in die Hände.
Kyojuro lachte auf. „Ich weiß nicht, ob er ein Fan ist. Er würde wohl gerne mal kämpfen, kann aber kein Kendo.“
„Mit dir kämpfen?“
„Ja, so klingt es zumindest. Sicher wegen der Videos die du oder meine Schüler mal gepostet haben.“
Er war online nie präsent gewesen. Erst seitdem Mitsuri ihm mit dem Dojo half, konnte man ihn nun auch im Internet finden.
„Ja“, seufzte sie schwärmend. „Du siehst halt auch einfach so cool aus, wenn du kämpfst! Da wäre jeder gespannt darauf, dich live zu sehen!“
Ihm entrann erneut ein Lachen. „Ich kann das nicht einschätzen, aber danke, denke ich.“ Natürlich hatte er seine Schüler, die man als ‚Fans‘ bezeichnen konnte. Andererseits nahmen sie ihn wohl lediglich als Vorbild und Kyojuro wollte dem definitiv gerecht werden. Der Mann, mit dem er schrieb, war eine andere Kategorie. Sein Profil verriet nichts über seine Persona, abgesehen von Alter und Geschlecht. Er war ein Jahr jünger, männlich und offensichtlich fasziniert von verschiedenen Kampfkünsten.
Kyojuro wusste nicht, weshalb gerade er ihm aufgefallen war und das aufgeregte Schreiben, ließ sich auch keinen Grund herauslesen. Es brachte ihn zum Lächeln, machte ihn vielleicht verlegen, aber Klarheit erfasste er daraus nicht.
Er hatte entschieden, dass er keine Klarheit brauchte.
„Lass uns das Essen warm machen und dabei über unseren Tag reden!“, beschloss er nun.
„Uhh, ich suche schonmal unsere Serie raus, die können wir dann auch noch gucken! Ich bin so gespannt darauf, ob *Alec sich endlich für Magnus entscheiden wird!“
Mitsuri stahl sich einen Kuss von seinen Lippen, bevor sie ins Wohnzimmer flitzte. Kyojuro sah ihr lachend nach und begann damit, große Portionen auf zwei Teller zu verteilen, um diese aufzuwärmen.
Ganz egal, was er sich mit Mitsuri auch ansah – seiner Verlobten war vor allem wichtig zu erfahren, wer sich in wen verliebte und wie sie zusammenkamen. Wenn nebenbei die Welt unterging oder sämtliche Charaktere starben, ging es spurlos an ihr vorbei. Zumindest solange, bis ihr vorhergesehenes Pärchen auseinanderbrach oder eine Partei davon starb.
Aus diesem Grund hatte Kyojuro immer eine Box Taschentücher bereitstehen.
~ * ~
Pink_Warrior: [20:38 Uhr] Ich hoffe ihr wird nichts zustoßen
SweetPotato: [22:01 Uhr] Wen? Was meinst du?
Pink_Warrior: [22:07 Uhr] Deine Verlobte natürlich
Pink_Warrior: [22:10 Uhr] Sie scheint eigentlich ganz nett zu sein
~ * ~
Kyojuro sah zur schlafenden Mitsuri, welche er soeben in ihr gemeinsames Bett getragen hatte, nachdem sie bei ihrer Serie eingeschlafen war.
Das hieß, er dürfte sich morgen nochmal die Hochzeit von Alec ansehen, damit dieser sich für Magnus entschied und ihn abknutschte. Er würde die nächsten Tage von keiner anderer Szene hören als dieser.
~ * ~
SweetPotato: [22:16 Uhr] Äh ... das ist ... eine seltsame Aussage
SweetPotato: [22:17 Uhr] Warum sollte ihr was zustoßen?
Pink_Warrior: [22:20 Uhr] Unfälle passieren immer
~ * ~
Stirnrunzelnd schüttelte Kyojuro den Kopf und legte sein Handy weg. ‚Will er mir damit sagen, dass er uns ein langes gesundes Leben wünscht? Seltsam formuliert ... Ich sollte mir nicht den Kopf darüber zerbrechen. Vielleicht hat er getrunken oder weiß sich einfach nicht besser auszudrücken ...‘
Kyojuro machte sich bettfertig, bevor er alle Türen und Fenster kontrollierte, die Lichter löschte und zurück zum Schlafzimmer kam.
‚Keine neuen Nachrichten.‘
Er war erleichterter darüber, als er zugeben wollte. Kyojuro stellte ihre Wecker, bevor er sich zu Mitsuri ins Bett legte, zog sie in seine Arme und brauchte dennoch ewig bis er einschlief.
Normalerweise schlief er ein, sobald sein Kopf das Kissen berührte. Normalerweise konnte ihn keine Sorge wachhalten.
‚Na super ... hätte ich die Nachricht mal nicht gelesen.‘
Kyojuro zählte Schäfchen. Dann versuchte er die Atemzüge von Mitsuri zu zählen. Seinen eigenen Herzschlag. Irgendwas davon funktionierte schließlich und er schlief endlich ein.
Kapitel 1
„Glück und Glas,
wie leicht bricht das.“
– Pubilius Syrus
Pink_Warrior: [05:30 Uhr] Hey ...
Pink_Warrior: [05:33 Uhr] Sorry, das gestern muss seltsam geklungen haben
SweetPotato: [06:13 Uhr] Guten Morgen!
SweetPotato: [06:15 Uhr] Schon ... in Ordnung, hast du gestern irgendwas gemacht?
Pink_Warrior: [07:27 Uhr] Bin ausgegangen
Pink_Warrior: [07:28 Uhr] Etwas getrunken
Pink_Warrior: [07:29 Uhr] Vielleicht auch etwas zu viel
~ * ~
Für manche wäre es wohl schwer, wenn man seine Verlobte nicht nur im trauten Heim sah, sondern auch auf der Arbeit. Für Kyojuro war das keine große Sache, vielmehr genoss er jede Sekunde mehr, die er mit Mitsuri verbringen konnte.
Früher fuhr er oft mit dem Fahrrad auf Arbeit, jetzt gingen Mitsuri und er früh genug los, damit sie gemeinsam zur Schule spazieren konnten. Entweder Hand in Hand oder Mitsuri umarmte seinen Arm, wodurch sie noch langsamer vorankamen. Dennoch genoss er ihre morgendlichen Spaziergänge. Er liebte es auch, wenn sie ihre Pausen gemeinsam verbrachten oder sich nur mal kurz im Flur sahen.
Ein Zuzwinkern. Ein Lächeln. Ein kleiner Kuss hier oder da. Kyojuro liebte alles davon.
Er wusste, dass er unglaublich viel Glück besaß.
Nicht nur, weil Mitsuri ein wundervoller Mensch war, von dem Kyojuro nur hoffen konnte, ihr in seinen nächsten Leben erneut zu begegnen. Sie war für ihn hierhergezogen, hatte ihren alten Job gekündigt, um stattdessen mit ihm an dieser Schule zu unterrichten.
Natürlich hatte sich das mit der Zeit entwickelt, nachdem sie bereits über Monate hinweg gedatet und Zeit miteinander verbracht hatten. Das war nicht von heute auf morgen geschehen. Am Ende hatte Kyojuro lange nicht gewusst, wie das alles ausgehen würde. Er selbst verband mit seinem Geburtsort so viel, dass er sich nicht hatte vorstellen können wegzuziehen – dagegen schien es Mitsuri einfach gefallen zu sein. Sie bestand darauf, es niemals bereuen zu können.
„Kommst du später mit ins Dojo?“, fragte Kyojuro, während sie in der Kantine auf ihr Essen warteten.
Der Vorteil daran, dass die Frauen eines Kollegen hier arbeiteten war definitiv, dass sie immer größere Portionen bekamen. Das war perfekt für sie beide, denn so wie Kyojuro einen riesigen Hunger empfand, so war es bei Mitsuri auch. Sie ergaben sich darin.
„Ich könnte dich abholen“, schlug Mitsuri vor. „Aber ich treffe mich nach der Arbeit direkt mit Koyuki. Wegen der Blumen und ihr Laden ist sowieso sooooo schön. Es ist wundervoll sie als Nachbarin zu haben und Hakuji ist auch so höflich und freundlich...“
Kyojuro schmunzelte, als Mitsuri in ihre Schwärmerei geriet. Es war eine bezaubernde Eigenschaft, so voller Freude für alles und jeden, dass ihm ganz warm ums Herz wurde.
„Euer Essen!“
Sie beide zuckten zusammen, als Makio sie förmlich anschrie und die vollen Tabletts zu ihnen schob.
„Danke“, bedankte sich Kyojuro rasch und griff nach beiden Tabletts, damit sie hier wegkamen und anderen Platz machen konnten.
Es gab einen Tisch, an dem sie sich stets mit ihren Kollegen trafen, die ebenfalls ihr Essen von der Kantine besorgten oder einfach nicht alleine im Lehrerzimmer verbleiben wollten.
„Ruf mich einfach an, wenn du mit Koyuki fertig bist. Vielleicht bin ich dann ja schon auf den Weg nach Hause“, meinte Kyojuro amüsiert. „Ihr scheint euch ja gerne mal zu verquatschen.“
„Die Zeit fliegt einfach geradezu an uns vorbei!“, jammerte Mitsuri ein wenig. „Ich rufe dich auf jeden Fall an! Ansonsten sehen wir uns ja zu Hause!“
~ * ~
SweetPotato: [15:49 Uhr] Ich sag ja immer, es gibt nichts schlimmeres als Alkohol!
Pink_Warrior: [16:32 Uhr] Was trinkst du denn, wenn du mit Freunden unterwegs bist?
SweetPotato: [16:35 Uhr] Soft-Drinks, Tee, ... je nachdem was es gibt.
SweetPotato: [16:36 Uhr] Wasser geht natürlich auch immer
~ * ~
Als Mitsuri noch nicht angerufen hatte, obwohl er im Dojo bereits aufräumte, machte sich Kyojuro keine Sorgen. Im Grunde hatte er bereits damit gerechnet.
Er verabschiedete seinen letzten Schüler mit einem Winken, bevor er auch alles andere sauber weggeräumt hatte und seine Kleidung wechselte. Ein Gähnen entfloh seinen Lippen unkontrolliert und seine Augen fingen zusätzlich an zu tränen.
Obwohl er es schon vom Studium gewohnt war, viele Stunden mit Arbeit oder dem Lernen zu verbringen, war das jetzt nochmal etwas ganz anderes.
Tagsüber Lehrer, nachmittags Trainer im Dojo! Dann gab es natürlich auch Mitsuri und ihre Familien, sowie Freunde.
‚Der Tag hat definitiv zu wenig Stunden ...‘
Jetzt mochte das alles noch machbar sein, aber irgendwann würde er das wohl körperlich oder geistig nicht mehr durchstehen – obgleich er für viele vor Energie überzuquellen schien.
Momente wie jetzt bewiesen ihm, dass auch er nur begrenzte Leistungsfähigkeit besaß und es sich irgendwann gegen ihn wenden würde. Zumindest stand für morgen kein Kendo an, dann hatte er den Nachmittag Zeit mit Mitsuri oder könnte schlafen.
‚Ach ... ich muss noch die Arbeiten kontrollieren ... und den Unterricht planen ...‘
Kyojuro schüttelte die Pläne weg, die sich bereits in ihm für die nächsten Tage oder noch den heutigen Abend aufdrängten.
Spätestens wenn er Mitsuri bei sich hätte, würde er keinen Gedanken mehr daran verschwenden, was getan werden müsste. Das war natürlich auch keine Lösung, langfristig gesehen, aber für einen entspannten Abend definitiv.
Er griff nach allem was er jetzt brauchte, verließ das Dojo und schloss dieses hinter sich ab. Anschließend zog er sein Handy hervor und wählte Mitsuris Nummer aus, gleichzeitig machte er sich bereits gemütlich auf den Weg.
„Es tut mir soooo leid!“, piepste Mitsuri durch das Handy, bevor er auch nur die Chance hatte etwas zu sagen.
Kyojuro lachte ihr warm entgegen. „Ich habe damit schon gerechnet. Bist du noch bei Koyuki? Dann hole ich dich ab?“
„Ja ... ich bin immer noch hier“, seufzte seine Verlobte verlegen. „Ich warte auf dich ...“
„Dann bis gleich.“
„Ja, bis gleich. Ich liebe dich!“
„Ich liebe dich auch.“
~ * ~
Pink_Warrior: [17:37 Uhr] Wasser, wenn man einen lockeren Abend will?
Pink_Warrior: [17:39 Uhr] Ein wenig langweilig, meinst du nicht?
SweetPotato: [19:10 Uhr] Ich bin lieber langweilig, als den Tag darauf irgendwas zu bereuen
~ * ~
Es war ein angenehmer Abend. Nicht zu kalt, nicht zu warm. Seine dünne Jacke hielt ihn geschützt vor dem leichten Wind und über seinem Kopf funkelten die Sterne am dunklen Nachthimmel. Er freute sich bereits darauf mit Mitsuri nach Hause zu spazieren. Sie wäre sicherlich begeistert von der Schönheit des Nachteinbruchs.
Als ein Feuerwehrauto an ihm vorbeipreschte, runzelte Kyojuro die Stirn.
Ihre Stadt war klein. Es gab eine Schule. Ein Krankenhaus. Ein Dojo. Von allem was man so brauchte oder wünschte, gab es selten mehr als eine Anlaufstelle und wenn doch, dann unter denselben Namen. Wie die Bäckereien hier, alle unter den Kamados geführt wurden oder die Apotheke von der Kocho-Familie.
Dementsprechend passierte hier nicht oft etwas und wenn doch, dann hatte es meistens mit irgendwelchen Festen zu tun, wo vielleicht etwas außer Kontrolle geraten war. Die Polizei oder Feuerwehr hatten hier jedenfalls vergleichsweise wenig zu tun, wenn Kyojuro an all die Serien und Filme dachte, die man so im Fernseher zusehen bekam.
Ein schlechtes Gefühl durchfuhr ihn.
‚Ach ... vielleicht nur eine Katze zu weit oben im Baum.‘
Ein Krankenwagen fuhr an ihm vorbei. Die Sirene schrie lauthals und das Tempo war so viel schneller, als er jemals wahrgenommen hatte.
‚... vielleicht hat jemand versucht die Katze herunterzuholen und ist vom Baum gefallen?‘
So etwas konnte schonmal passieren. Kyojuro selbst hatte als Kind die eine oder andere Gehirnerschütterung gehabt, weil er auf Bäumen umhergeklettert und heruntergefallen war. Es war also kein weit hergeholter Gedanke.
Eine weitere Sirene. Ein weiteres Feuerwehrauto.
‚Zwei Feuerwehrautos. Was könnte passiert sein? Vielleicht ist der Baum mit der Katze umgefallen und auf einem Auto gelandet, in welchem Personen sitzen?‘
Kyojuro lief weiter. Es würde nicht mehr lange dauern bis er den Blumenladen erreichte, der ihren Nachbarn gehörte. Vielleicht wussten diese irgendwas und wenn nicht, dann würden sie es wohl in den Nachrichten später sehen oder morgen überall lesen können. Es passierte so wenig in ihrer kleinen Stadt, dass solche Themen dann sofort breitgetreten wurden.
‚Hoffentlich ist niemandem etwas Schlimmeres zugestoßen.‘
Er bog um die Ecke. Blinkendes Blaulicht. Die beiden Feuerwehrautos und der Krankenwagen am Ende der Straße.
Kyojuro blieb augenblicklich stehen. Einen Moment überlegte er vorsichtshalber einen anderen Weg zu nehmen.
‚Halt.‘ Er blinzelte einige Male und machte ein paar Schritte voraus. ‚Sie sind ... beim Blumenladen?‘
Sein Herz machte einen Aussetzer, während sein Körper gleichzeitig völlig automatisch reagierte. Seine Beine trugen ihn weiter, schneller werdend den Weg entlang.
‚Was ist passiert? Was ist passiert?‘
Glasscherben waren überall auf dem Boden verteilt, große Scherben, kleine Splitter. Dann zog sich ein Absperrband vor ihm, jemand bat ihn anzuhalten.
„Was ist hier passiert?“, fragte er hauchend.
Zu leise oder vielleicht zu unwichtig. Er bekam keine Antwort.
„Rengoku-kun!“
Ein Hauch von Erleichterung überkam ihn, als er Hakuji entdeckte. Dessen Anblick rief weitere Sorgen auf. Hakuji wirkte zerzaust, sein schwarzes Haar stand in allen Richtungen ab, seine Haut war blasser als sonst.
„Geht es Koyuki gut?“, fragte Kyojuro ohne irgendwelche Höflichkeitsfloskeln.
„Sie ... ist auf den Weg ins Krankenhaus.“
‚Was!?‘ „Was? Was ist ...“
„Ihr geht es gut. Ihr geht es gut ... ich meine ...“ Hakuji presste die Lippen aufeinander, bebend und aufgeregt. „Sie ist ... bei Mitsuri.“
„Mitsuri? Was ist mit Mitsuri? Was meinst du?“
„Ich ... ich weiß nicht, es ...“ Hakuji fuhr sich durch das Haar, suchte nach den richtigen Worten. „Koyuki und ich waren dabei den Laden abzuschließen. Mitsuri hat draußen gewartet, um nach dir Ausschau zu halten und ... dann ...“
„Dann was?“
„Es gab eine Explosion. Einen lauten Knall. Ich habe keine Ahnung!“
Überall lagen Scherben. Schaufenster waren zerstört, genauso wie normale Fensterscheiben in der Umgebung. Kyojuro wusste dennoch nicht was geschehen war.
‚Explosion? Knall?‘
„Ihr geht es gut, oder?“, fragte Kyojuro. „Sie fährt ins Krankenhaus, aber... ihr geht es gut?“
„Es sah nicht gut aus“, verkündete Hakuji leise.
~ * ~
Pink_Warrior: [20:17 Uhr] Bin heute brav geblieben
Pink_Warrior: [20:19 Uhr] Nur Wasser getrunken!
Pink_Warrior: [22:28 Uhr] Ich schätze, wir lesen/schreiben uns erst morgen wieder?
Pink_Warrior: [22:50 Uhr] Äh... gute Nacht?
~ * ~
Kyojuro war kein häufiger Besucher im Krankenhaus, schon gar nicht seitdem er alt genug war um zu wissen, wie man von einem Baum herunterkam, ohne zu fallen. Wann immer er hier im Krankenhaus gewesen war, hatte Ruhe geherrscht. Konzentration, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit.
‚Ruhe.‘
Die meisten Gänge waren nach wie vor ruhig, aber auch wenn die Ruhe um ihn herum herrschte, so sah es an anderen Stellen ganz anders aus.
Mit einem halbleeren Plastikbecher in dem der Kaffee bereits kalt war, saß er auf einem der vielen Stühle im Wartebereich. Hakuji und Koyuki wurden in einem anderen Raum von der Polizei befragt, während er wartete.
‚Es wird ihr gut gehen. Alles wird wieder gut.‘
Eine Not-OP klang nicht gut, aber Kyojuro wollte nicht an etwas Schlechtes denken. Er glaubte fest daran, dass es Mitsuri gut gehen würde.
In der Zeit, die er bereits hier saß, vielleicht zwei Stunden oder waren es schon drei, hatte er bereits Mitsuri Eltern angerufen. Sie lebten in einer anderen Stadt, kündigten aber direkt an, sich sofort auf den Weg zu machen.
Kyojuro hatte schnell einen Nachteil festgestellt.
‚Verlobt, nicht verheiratet. Kein Recht auf irgendeine Information.‘
Ganz egal wie lange er hier saß und wartete, er würde vielleicht gar nicht erfahren wie es um Mitsuri stand. Schnaufend raufte sich Kyojuro das Haar. Das Adrenalin hatte ihn wachgemacht, doch die Müdigkeit holte ihn ein, verstärkte die Sorge zugleich.
‚Alles wird gut. Mitsuri ist stark. Es wird ihr gut gehen.‘
Er hatte seine eigenen Eltern angerufen. Sie wollten das kleine Restaurant schließen und so schnell wie möglich herkommen.
Bisher war noch keiner angekommen.
Kyojuro erhob sich, sobald jemand auch nur ansatzweise in seine Richtung sah. Er erkannte Tamayo, die leitende Ärztin während der Not-OP und sah sie hoffnungsvoll an. Leider konnte er an ihrem Ausdruck gar nichts ausmachen.
Sein Herz schlug schneller, seine Hände fühlten sich schwitzig an, seine Atmung ging hastiger als normalerweise.
„Rengoku-san.“
„Geht es ihr gut?“, fragte er sofort nach. „Ich weiß ... Sie dürfen mir nichts sagen, aber ... geht es ihr gut?“
Tamayo betrachtete ihn für einen Augenblick stumm. „Kanroji-san hat die Operation gut überstanden.“
Kyojuro spürte eine Welle der Erleichterung über sich kommen.
„Sie schläft und braucht viel Ruhe. Konnten Sie ihre Familie erreichen?“
„Ja ... ja, sie ... wollte sich sofort auf den Weg machen.“
Er fühlte Tränen in seinen Augen. ‚Es geht ihr gut ... es geht ihr gut.‘
„Sie sollten sich ausruhen, Rengoku-san.“
„Nein. Ich bleibe hier“, entschied Kyojuro sofort. „Ich werde nicht stören, versprochen.“
Tamayo seufzte schwer. „Sie können hier nichts tun, Rengoku-san.“ Sie sah ihn an, ihr neutrales Gesicht wurde etwas weicher, besorgter. „Aber ich sehe schon, Sie lassen sich nicht davon abbringen ...“
„Nein. Ich muss hier sein, wenn sie aufwacht.“
In der Hoffnung, dass er durch Mitsuris Eltern mit hineingehen dürfte. Wobei Mitsuri im wachen Zustand vermutlich auch etwas sagen könnte. Kyojuro konnte nicht zuhause warten, er musste hier sein. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken!
„In Ordnung. Versuchen Sie bitte dennoch, auf sich zu achten.“
Kyojuro nickte schnell, nicht, dass er wirklich an sich selbst denken würde. Nicht zur jetzigen Situation. Er setzte sich zurück auf den Stuhl und sah auf den vergessenen Becher mit dem kalten Kaffee, ehe er diesen seufzend wegstellte.
Gerade als er sich fragte, wie lange Hakuji und Koyuki noch befragt werden würden, erschien das junge Pärchen in der Tür. Sie waren genauso zerzaust wie er, mit müden und besorgten Augen.
„Tamayo-sama war gerade da“, sagte er sofort, sobald er sie erblickte. „Mitsuri hat die OP gut überstanden und schläft jetzt.“
„Ein Glück!“ Koyuki warf sich um seinen Hals, die Augen voll mit Tränen und einem gequälten Schluchzer auf den Lippen. „Ich hatte solche Angst um sie!“
Kyojuro schloss die Arme vorsichtig um Koyuki, unsicher, aber auch dankbar für den Trost. Hakuji kam langsam dazu, störte die Umarmung jedoch nicht und schien auch kein Teil davon werden zu wollen.
„Möchtest du die Nacht über hierbleiben?“, fragte er stattdessen nach einigen Augenblicken nach. „Wir könnten dir etwas vorbeibringen. Kleidung, Essen ... was auch immer du brauchst.“
Kyojuro hatte viele Freunde, schon immer. Er hatte auch seine Nachbarn stets als Freunde angesehen, aber nie gewusst ob dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihm jedoch mehr als klar, dass dem so war.
Hakuji und Koyuki waren ihre Freunde.
„Ja ... ja, das ... wäre wirklich lieb, danke“, stimmte er mit zitternder Stimme zu.
Er kramte seine Schlüssel hervor und reichte sie Hakuji, bat um Kleidung für Mitsuri und sich selbst und brauchte nicht mehr zu sagen.
„Wir sind so schnell wie möglich wieder zurück“, versprach Koyuki. Sie hatte sich die Tränen aus den Augen gewischt und klammerte sich an Hakujis Arm, wie an einem Rettungsanker.
„Danke“, konnte Kyojuro nur wiederholen.
Das junge Pärchen verließ den Wartebereich und Kyojuro sank erneut in den Stuhl zurück. Es war nur eine Frage der Zeit bis seine Eltern auftauchen und bis Mitsuris Eltern sich zeigen würden. Zumindest gab es eine gute Nachricht zu überbringen.
Mitsuri hatte es gut überstanden.
Mitsuri schlief.
Mitsuri würde wieder auf die Beine kommen.
Was auch immer geschehen war, am Ende wäre alles wieder gut.
Kyojuro atmete tief durch und sagte es sich immer wieder. ‚Es geht ihr gut. Es geht ihr gut. Mitsuri geht es gut!‘
Kapitel 2
„Was für ein Trugschluss,
wenn der Mensch meint alles unter Kontrolle zu haben ...“
– Steffen Albers
Pink_Warrior: [05:41 Uhr] Guten Morgen
Pink_Warrior: [05:43 Uhr] Geht es dir gut?
SweetPotato: [10:10 Uhr] Guten Morgen
SweetPotato: [10:12 Uhr] ist gerade etwas schwierig
SweetPotato: [10:15 Uhr] ich melde mich die Tage
~ * ~
Als Mitsuri aufwachte, dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sie umgeben war von Menschen die sie liebten.
Kyojuro ließ ihren Eltern den Vortritt und kam hinter ihnen hervor. Er hatte sich mehrmals versucht auszumalen, wie Mitsuri aussehen würde und er war erleichtert darüber, dass es nicht so schlimm war, wie all seine Albträume es ihm weismachen wollten.
Sie trug einen Verband oberhalb des Kopfes, der einen Teil ihres Haars und der Stirn verdeckte. Hier und da gab es Pflaster im Gesicht, aber Mitsuri lächelte dennoch, als wäre alles in Ordnung. Er konnte auch Verbände an den Armen erkennen, alles andere wurde von der Decke oder Kleidung verdeckt. Dennoch hatten ihre Wangen eine gesunde Röte und ihre Augen leuchteten.
Und das alles, nachdem sie vor einigen Stunden eine Not-OP hatte? Es war pures Glück.
Kyojuro bemühte sich darum, nicht in Tränen auszubrechen, als er an ihr Bett herantrat und sie mit aller Vorsicht die er aufbringen konnte, umarmte. Normalerweise war es eher Mitsuri die vorsichtig sein musste, mit ihren angeborenen Bärenkräften, doch jetzt wirkte sie zerbrechlich.
Glücklicherweise hatte er von der Arbeit freinehmen können, tatsächlich durfte er sich so viel Zeit wie notwendig nehmen. Das anstehende Wochenende war da ebenfalls eine gute Hilfe und Kyojuro hoffte, dass es Mitsuri schnell besser gehen würde. Gut genug, damit sie vielleicht auch nach Hause könnten. Vorerst sollte sie zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben.
Er wusste nicht, ob man einfach keine Lust darauf hatte mit ihm darüber zu diskutieren oder seine Anwesenheit keine Probleme aufwies – so oder so erlaubte man ihm auch nachts zu bleiben. Er bekam eine eigene Liege ins Zimmer geschoben, damit er es halbwegs bequem hatte. Dennoch verbrachte er die erste Nacht an Mitsuris Bett. Er saß auf dem gepolsterten Stuhl daneben und hielt ihre Hände in seinen. Wenn er einschlief, dann lag sein Kopf auf seinen Unterarmen oder der Matratze von Mitsuri, bis er irgendwann wach wurde.
Meistens aufgrund der Schmerzen, welche diese Position nach sich zog. Nichts davon zwang ihn in seine eigene Liege. Stattdessen suchte er stets nach Anzeichen dafür, dass es Mitsuri gut ging. Der ruhige Atem, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen oder der warme Druck an seinen Händen.
Auch in der zweiten Nacht schlief er so an ihrer Liege, obwohl selbst Mitsuri versuchte ihn davon zu überzeugen doch in sein eigenes Bett hier zu gehen. Er beruhigte sie mit Versprechen darüber dies zu tun, wenn er sich müde fühlte, blieb aber dennoch bei ihr sitzen.
Als er das erste Mal in der zweiten Nacht aufwachte, geschah dies nicht aufgrund der Schmerzen im Schulterbereich. Zumindest nicht nur.
„Verzeihung, ich wollte Sie nicht aufwecken.“
Kyojuro kannte mittlerweile eine Handvoll der Krankenschwestern hier. Umso irritierter war er also von der unbekannten Stimme, die zu einem jungen Mann gehörte. Verschlafen rieb er sich über die Augen.
„Ich werde gleich wieder weg sein.“
Der junge Mann trug eine ähnliche Uniform wie die Krankenschwestern, schien demnach ebenfalls hier zu arbeiten.
„Was tun Sie da?“, fragte Kyojuro müde nach, während seine Augen recht träge den Bewegungen folgten.
Sie wirkten wie einstudiert, es gab kein zögern oder verbessern. Es war immer spannend jemanden bei seiner Arbeit zu beobachten, die dieser vermutlich schon langen Zeit machte, wodurch jede Bewegung gekonnt wirkte.
Es erinnerte Kyojuro an Kendo oder anderen Sport, daran wie er immer wieder unzählige Positionen einnahm, jede Bewegung dutzende Male wiederholte, bis sie ihm in Leib und Seele übergegangen war.
„Ich wechsle nur den Tropf aus“, erklärte ihm der junge Mann mit leiser Stimme. „Sie haben hier ein Bett stehen, sollten Sie nicht besser dort schlafen?“
Kyojuro sah zu Mitsuri, welche friedlich schlummerte und von ihrem Besucher nichts mitzubekommen schien. „Ich bleibe lieber bei ihr.“
„Verstehe. Ich bin hier fertig, aber sollte etwas sein, melden Sie sich einfach.“
„Natürlich, danke.“
Kyojuro erinnerte sich an gelb-leuchtende Augen, während er die Präsenz des jungen Pflegers ansonsten in seinem verschlafenen Zustand nicht weiter wahrgenommen hatte. Sobald er verschwand, schlief Kyojuro in wenigen Augenblicken ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, hörte er wie sich Mitsuri übergab.
Sie hatte nach einem kleinen Papiereimer gegriffen der hier stets stand und sich darüber gebeugt. Besorgt griff Kyojuro nach ihrem Haar, um es nach hinten zu halten. Obwohl er gerade erst aufgewacht war, reagierte er komplett instinktiv. Es erinnerte ihn daran, wie er so etwas bei seiner Mutter getan hatte, wenn es ihr mal wieder schlechter ging oder eben jedem anderen, der ihm wichtig war.
„Mitsuri?“, fragte er leise, während er ihr über den Kopf streichelte. „Was ist los? Soll ich jemanden rufen?“
Sie schüttelte ganz leicht den Kopf. „Nein ... es geht schon wieder.“ Ihre Antwort klang zittrig und schwach, aber sie senkte den Eimer wieder. „Mein Körper ist ... wohl noch nicht ganz fit.“
Kyojuro griff nach der Box mit Taschentüchern und reichte sie Mitsuri, damit diese sich den Mund damit saubermachen konnte. Er betrachtete sie besorgt. Ihr Gesicht war wieder um einiges blasser als noch den Tag zuvor.
„Ich werde trotzdem jemanden Bescheid geben. Wegen dem Eimer schon“, kündigte er an.
Mitsuri gab ein schwaches Seufzen von sich und legte sich hin. Ihr Stirnrunzeln wirkte schmerzverzerrt und die kleinen Bewegungen in der Nähe der Lippen, deuteten darauf hin, dass sie sich selbst in die Wange biss. Eine ihrer kleinen Macken, die Kyojuro mittlerweile gut kannte. Er drückte einen Kuss auf ihre feuchte Stirn und verließ anschließend das Zimmer.
Es waren immer zwei Schwestern mindestens da und bei einer von ihnen machte er rasch auf sich aufmerksam. Sie beruhigte ihn damit, dass Mitsuri aufgrund der Medikamente und Verletzungen durchaus Übelkeit verspüren könnte und dies mit der Zeit besser werden würde.
Nachdem sie den Eimer aus dem Zimmer holte, versprach sie dennoch einen Eintrag in Mitsuris Akte zu machen – damit die Ärzte davon wüssten.
~ * ~
Mitsuri sah die Tage darauf immer blasser aus.
Selbst ihr Lächeln konnte darüber nicht hinwegtrügen. Manchmal vergaß sie, wo sie sich befand und was eigentlich geschehen war. Kyojuro erklärte ihr es immer wieder, sanft und ruhig – besorgt. Vielleicht ein nachträgliches Trauma. Eine Schutzfunktion vom Körper. Kyojuro redete sich alles Mögliche ein, um seine Besorgnis abflachen zu lassen.
Sie wurde immer wieder entflammt, wenn Mitsuri sich wieder übergab und die Ärzte scheinbar irritiert davon waren.
„Es muss doch einen Grund dafür geben, dass es ihr wieder schlechter geht“, flüsterte er vehement.
Mitsuri schlief und er wollte sie nicht aufwecken – doch gleichzeitig wünschte er sich Antworten. Die Ärztin vor ihm nickte verständnisvoll und sah ebenfalls besorgt in Mitsuris Richtung.
„Ich werde einige Tests veranlassen, um nochmal sicherzugehen das es nichts Körperliches ist“, versprach sie ihm.
Kyojuro fühlte sich ein wenig beruhigter. Er hoffte zugleich, dass bei diesen Tests nichts herauskommen würde und doch, dass es irgendwas gäbe – eine Antwort. Etwas, dass man unter Kontrolle bekommen könnte.
~ * ~
Pink_Warrior: [07:24 Uhr] Wenn du über etwas reden möchtest, bin ich für dich da
Pink_Warrior: [07:30 Uhr] Nur wenn du willst ...
Pink_Warrior: [07:33 Uhr] Sorry wenn ich nerve, ist so ungewohnt nicht mir dir zu schreiben
SweetPotato: [08:19 Uhr] Danke, es ist nur ...
SweetPotato: [08:22 Uhr] jemand der mir wichtig ist, dem geht es nicht gut
SweetPotato: [08:26 Uhr] und ich weiß nicht, was ich noch tun kann
Pink_Warrior: [11:34 Uhr] Oje, das tut mir leid
Pink_Warrior: [11:35 Uhr] können die Ärzte nichts machen oder so?
SweetPotato: [11:49 Uhr] Sie sind überfragt
SweetPotato: [11:51 Uhr] Aber die Ärztin versprach mir weitere Tests zu machen
SweetPotato: [11:51 Uhr] Morgen
SweetPotato: [11:53 Uhr] Ich hoffe irgendwas kommt raus, wo man etwas machen kann
Pink_Warrior: [11:55 Uhr] Morgen?
Pink_Warrior: [11:56 Uhr] Ich ... werde an dich denken und die Daumen drücken
SweetPotato: [11:57 Uhr] Danke
~ * ~
Kyojuro wachte mittlerweile nicht einmal mehr nachts auf, wenn jemand in ihr Zimmer kam. Ein Pfleger oder eine Pflegerin, es wurde sich um den Tropf gekümmert oder etwas weggeräumt. Er verschlief die kleinen Besuche stets.
Diese Nacht wurde er wieder wach.
Er drehte den Kopf und sah eine bekannte Statur.
Und ebenso vertraute gelb-leuchtende Augen, wie die einer Katze. Verschlafen beobachtete er die geübten Handgriffe, ohne ein Ton von sich zu geben. Seine Finger verschränkt in denen von Mitsuri, welche noch zierlicher und dünner wirkten, als normalerweise.
Laut den Ärzten hatte sie gar nicht so viel abgenommen, ihre Blässe und seine große Besorgnis spielte ihm wohl einen Streich.
Das musste auch der Grund dafür sein, dass er glaubte eine Berührung in seinem Haar zu spüren. Ein sanftes Streicheln schlanker Finger, die ihn an Mitsuri erinnerte. Sie spielte immer gerne mit seinem Haar, flocht ihm spaßeshalber Zöpfe oder wusch es ihm sogar, verbunden mit einer Kopfmassage.
Kyojuro lächelte ein wenig, als er an all die schönen Situationen dachte, bevor er wieder die Augen schloss und wieder tiefer in den Schlaf wanderte.
~ * ~
Er wurde wach, weil das ganze Bett aufgrund vom plötzlichen starken Husten durchschüttelt wurde.
„Mitsuri?“, murmelte er müde.
Kyojuro sah rot. Er verstand erst nicht weshalb, dann erkannte er es. Seine Augen wurden riesig und sein ganzer Körper stand prompt unter Strom.
„Mitsuri!?“
Hektisch streckte er seiner Verlobten Taschentücher in die blutigen Hände. Gleichzeitig haute er mehrmals auf den roten Notfall-Knopf neben dem Bett. Normalerweise kam sofort jemand, es gab nicht so viele hier im Krankenhaus.
Er half Mitsuri in eine halbwegs aufrechte Position, versuchte nicht in Panik zu verfallen, egal wie viel Blut sie aushustete und wie heftig ihr Körper erbebte.
Niemand kam.
Kyojuro murmelte hilflose Entschuldigungen und flitzte zur Tür, riss die panisch auf und begann zu schreien. „Hallo!? Wir brauchen hier jemanden!?“
Als erneut niemand reagierte, warf er einen weiteren Blick zu Mitsuri, die immer noch hustete, mit Pausen zum Atmen, aber ihr Gesicht war von hier aus sogar ganz rot zu sehen. Als bekäme sie keine Luft.
Er verließ das Zimmer, rannte zur Rezeption wo normalerweise immer jemand vorzufinden war. Auch dieses Mal saß eine junge Schwester dort, welche für die Frühschicht zuständig zu sein schien. Sie lag jedoch zusammengesunken am Tisch, schien nicht wach zu werden vom Notfall-Knopf oder Kyojuros Rufen.
Er streckte die Arme aus und rüttelte an ihrem Körper – keine Reaktion.
„Was ist hier los?“, murmelte er atemlos.
Kyojuro bemühte sich um innere Ruhe und griff nach dem Telefon direkt neben der Schwester. Er gab die Nummer des Krankenhauses ein – hoffte, an die Rezeption weitergeleitet zu werden.
Niemand nahm ab.
Er rief die Polizei an, ratterte Informationen und Hilfegesuche herunter und legte auf, bevor man ihm komplett antworten konnte. Kyojuro brauchte jetzt und sofort jemanden! Er rannte den Gang herunter, sah in Zimmer, auf der Suche nach jemanden der hier arbeitete.
„Rengoku-san, was tun Sie hier?“
Seine Panik hatte ein immenses Level erreicht, als Tamayo aus einem der Fahrstühle stieg. Sie musterte ihn besorgt, aber anstatt ihr zu antworten griff er nach ihrem Arm und zog sie zum Zimmer von Mitsuri. Irgendwas daran, wie er sich benahm schien ihr den Ernst der Lage ausreichend zu erklären, denn sie folgte ganz ohne weitere Fragen.
„Sie hustet ... Blut“, murmelte Kyojuro, als sie endlich in Mitsuris Zimmer ankamen.
Und während Tamayo voll in ihren Ärzte-Modus überging, erwachte das Krankenhaus plötzlich wieder zu Leben.
~ * ~
„Wie geht es ihr? Was ist passiert?“ Ihm gefiel Tamayos Miene nicht. „Ihr geht es gut, oder? Es ist alles in Ordnung mit ihr ... oder?“
„Es gab schwere innere Blutungen.“
Selbst für einen Laien wie ihm klang das nicht gut.
„Wir mussten sie in ein künstliches Koma legen.“
Und das klang noch schlimmer.
„Ihr Zustand ist ... sehr kritisch, Rengoku-san.“
„Aber ... wie ist das möglich?“, murmelte er ungläubig vor sich hin.
Tamayo schenkte ihm einen mitfühlenden Blick. „Wir sind noch dabei Tests zu machen, aber was ich sagen kann ...“
„Ja?“
„Als sie eingeliefert wurde, wurden keine inneren Blutungen festgestellt, Rengoku-san. Die einzige Erklärung ist, dass sie damals so geringfügig verliefen, dass sie unbemerkt blieben. Ein so schneller und extremer Fortschritt wirkt jedoch ... überraschend.“
Kyojuro schüttelte den Kopf. „Das ist mir egal. Ich will nur ... sie wird wieder aufwachen, richtig?“
„Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bestimmen,“
~ * ~
Mitsuri lag in einem anderen Zimmer.
Es war mittlerweile eine Woche vergangen und es quellte über von Blumen und Luftballons. Kyojuro brachte täglich neue Blumen mit, meistens schenkte Koyuki sie ihnen und brachte später nochmal Neue mit.
Mitsuris Eltern tauchten immer wieder auf. Kyojuro war ein täglicher Besucher. Dafür hatte er das Dojo vorerst geschlossen und alle Trainingsstunden verschoben. Nur seinen Beruf als Lehrer ging er mehr oder weniger nach. Man gab ihm immer mehr frei, damit er sich auf Mitsuri konzentrieren konnte.
Vorerst.
Irgendwann wäre dem nicht mehr so und Kyojuro wusste es.
Ihr Zustand veränderte sich nicht.
Wenn überhaupt wurde sie nur blasser im Gesicht, während es so wirkte, als würde sie einen friedlichen Schlaf haben. Ihre Haut fühlte sich bereits eiskalt an, egal wie gut er sie zudeckte.
Kyojuro verbrachte weiterhin die meisten Nächte im Krankenhaus, hielt ihre Hand und wachte über sie. Wenn er überhaupt einschlafen konnte, wachte er mittlerweile wieder auf – egal wer hineinkam. Die mitleidigen Gesichter nahmen immer weiter ab, die Arbeit wurde erledigt und Kyojuro blieb wieder alleine mit Mitsuri zurück.
Es gab keine Antwort darauf, wann Mitsuri aufwachen würde.
Ob sie überhaupt wieder aufwachen würde.
Und als er eines Tages von einem unheilvollen Piepen aufgeweckt wurde, fühlte es sich an wie in einem Film.
Seine Ohren schienen taub zu sein. Die Situation um ihn herum in Zeitlupe zu geschehen. Dieses Mal erschien Tamayo und eine Handvoll Schwestern sofort. Zwei entfernten ihn aus dem Zimmer, während er nur neben sich stand, als wäre er selbst nicht mehr ganz da.
Es vergingen stumme Minuten, in denen kein Geräusch zu ihm durchdrang.
Dann öffnete sich die Tür wieder und er musste nur in Tamayos Gesicht sehen, um zu wissen was geschehen war.
Seine Augen füllten sich schneller mit Tränen, als sein Körper überhaupt Zeit bekam, eine passende Reaktion aufzurufen.
Kyojuro brach zusammen, alles wurde schwarz und taub.
Und als er wieder zu sich kam, dieses Mal selbst in einem Krankenbett, brauchte es einige Minuten, bis sein Verstand die ungewollte Information wieder hervorholte.
Mitsuri war gestorben.
Kapitel 3
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies,
aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
– Jean Paul
„Und damit haben wir die Meiji-Ära heute abgeschlossen und können nächste Woche in die Taisho-Ära starten! Uns steht eine wirklich spannende Zeit bevor und ich freue mich schon–.“
Seine Stimme und das Kratzen der Kreide an der Tafel wurden vom Schulklingeln unterbrochen. Obwohl die Stunde damit als beendet galt, hörte er hinter sich kein aufgeregtes Stuhlrücken. Seine Schüler blieben aufmerksam an ihren Plätzen und warteten auf seine Abschlussworte.
„Ich freue mich schon darauf, was wir gemeinsam nachstellen. Ich habe schon die eine oder andere Idee im Kasten.“ Er schrieb die letzten Jahreszeiten der Taisho-Ära aus und drehte sich seinen Schülern zu. „Aber jetzt wünsche ich euch erstmal einen großartigen Nachmittag! Vergesst eure Schularbeiten nicht, habt ganz viel Spaß und habt ein Auge auf alle, die euch wichtig sind!“
Aus den unterschiedlichsten Richtungen drangen verschiedenste Worte zu ihm durch.
„Danke, gleichfalls Rengoku-sensei!“, erwiderte Kamado.
„Warum müssen Sie unsere Schularbeiten erwähnen?“, stöhnte Agatsuma.
„Endlich Freiheit!“, brüllte Hashibira.
Die Sachen wurden gepackt, er winkte jedem zu, verabschiedete sich lächelnd und ignorierte diesen einen Blick, den er von Kamado zugeworfen bekam.
Der Junge war zu aufmerksam für sein eigenes Wohl.
Als auch sein letzter Schüler das Zimmer verließ, konnte Kyojuro für einen Augenblick die Augen schließen. Er spürte das Wackeln seiner Mundwinkel, zwang sich jedoch dazu nicht nachzugeben.
‚Nicht hier. Nicht jetzt. Niemals hier.‘
Er atmete einmal ganz tief durch. Ein weiteres Mal. Dann schlug er die Augen auf und wandte sich der Tafel zu. Schnell hatte er sie abgewischt und hinterließ nichts mehr, außer schwachen Spuren der Kreide.
Schnelle Schritte näherten sich der Zimmertür und sein Herz machte einen hoffnungsvollen Hüpfer. Dumm und töricht.
„I-ich habe was vergessen!“, keuchte Kamado, als er um die Ecke rannte.
Kyojuro schenkte dem Jungen einen amüsierten Blick. „Vorsicht. Wenn Tomioka-sensei dich im Flur rennen sieht, musst du wieder nachsitzen, Kamado-kun“, tadelte er liebevoll.
Tanjiro verzog das Gesicht zu einer gequälten Miene, schüttelte diese aber nicht nur innerlich ab, sondern auch indem er den Kopf nach links und rechts warf. Anschließend kam er herein und wirkte für einen Augenblick ganz fehl am Platz.
„Was hast du denn vergessen?“, fragte Kyojuro geduldig nach.
Er wandte sich ab und packte seine Tasche zusammen, während er aufmerksam auf eine Antwort wartete. Die Schulbücher wurden behutsam verstaut, genauso wie sein Schreibzeug und die Wasserflasche.
„Rengoku-sensei?“ Die leise Stimme seines Schülers ließ in ihm ein ungutes Gefühl aufkommen.
Dennoch begegnete er ihm mit einem aufmunternden Lächeln. „Was ist denn, Kamado-kun?“
„Hier ... ähm ... es ist etwas für Sie.“
„Du weißt doch, ich nehme nicht gerne Geschenke von meinen Schülern an.“
Es kam selten vor, aber manchmal wurde mehr hineininterpretiert, als man sich wünschte. Die Schule hatte vor allem junge Lehrer im Repertoire und das führte zu vielen Schwärmereien. Daher waren sie als Lehrer stets darum bemüht, dem keinen Stoff zu geben.
„Ich weiß, aber ... es kommt von der ganzen Klasse.“
Bevor Kyojuro noch etwas darauf erwidern konnte, ging Tanjiro zu seinem Schultisch und zog aus dem Fach darunter eine quadratische Box hervor.
„Wir wissen ... es ist jetzt ein Jahr her ...“
Es war genau, was Kyojuro befürchtet hatte. Er spürte erneut wie seine Mundwinkel zitterten, aber das Lächeln blieb beständig auf seinen Lippen bestehen. Seine Finger ballten sich für einen Augenblick hinter dem Lehrerpult, während Tanjiro näherkam und die Box auf den Tisch legte.
„Ich ... bitte nehmen Sie es an. Ein schönes Wochenende, Rengoku-sensei!“
Kyojuro war erleichtert als Tanjiro verschwand und den Augenblick nicht unangenehmer werden ließ. Sein Blick lag fest auf dem Karton. Pink. Mit grünen Bändern. Sein Herz verkrampfte sich sogleich und sein erster Atemzug war so viel zittriger als er sich eingebildet hatte. Er streckte die Finger nach dem Geschenk aus, strich sanft über die Bänder und spürte wie sich seine Augen mit Tränen füllten.
Ehe er das Zimmer verlassen konnte, musste Kyojuro wieder einige Male tief durchatmen. Die Flure waren zu seiner Erleichterung leer. Normalerweise müsste er stets zurück ins Lehrerzimmer, doch heute hatte er vorsorglich alles bei sich behalten.
Die Blicke seiner Kollegen waren das ganze Jahr über schwer zu ertragen und alle wussten was heute war. Das konnte er gerade nicht über sich ergehen lassen.
Es war natürlich dennoch viel Glück, dass er auch niemandem auf den Weg nach draußen begegnete.
Die Sonne strahlte immer noch am Himmel. Es war angenehm warm, mit einer Brise Wind, die den Tag wundervoll gestaltete.
Es fühlte sich an wie Theater.
~ * ~
Pink_Warrior: [08:30 Uhr] Ähm ...
Pink_Warrior: [08:30 Uhr] Mein Beileid
Pink_Warrior: [08:33 Uhr] Ich hoffe, du kommst gut durch den Tag
SweetPotato: [15:10 Uhr] Danke
~ * ~
Kyojuro schaltete sein Handy aus, nachdem er von Nachrichten und Beileidsbekundungen überhäuft wurde. Nur seine Familie bekam eine kurze Antwort mit der Versicherung – und Lüge – dass es ihm gut ging.
Was er heute benötigte, war Ablenkung.
Er hatte das Dojo vor zwei Monaten wieder eröffnet. Alte Schüler kamen zurück, Neue fanden ihren Weg dazu. Die Gruppen waren nie gigantisch, aber ihre kleine Stadt bot auch keine tausenden Kinder und Kyojuro war froh darüber. So hatte er Zeit für jeden seiner Schüler beim Training und konnte ihnen Kendo näherbringen oder ein lauschendes Ohr mit viel Geduld bieten.
Heute war seine jüngste Gruppe an Kinder an der Reihe. Das hatte insbesondere den Vorteil, dass niemand von ihnen etwas wusste und noch weniger ansprechen konnte. Außerdem waren die Jüngsten ein kleines Chaos, welches sein Herz entflammte und ihn wirklich ablenkte.
Für die nächste Stunde hatte er einen freien Kopf. Nur die Hälfte davon, verbrachten sie mit richtigem Training. Es ging viel mehr um das Aufwärmen, neue Bewegungen erlernen und Vertrauen zu sich selbst aufzubauen. Kyojuro legte hinzukommend viel Wert darauf, dass sich alle untereinander zumindest gut verstanden und es eine angenehme Atmosphäre gab. Dazu verhalfen Gespräche und kleine Spielchen - bis sie sich verabschiedeten.
Eltern kamen und gingen, Kinder an ihren Händen und Kyojuro winkte allen lächelnd zu. Der Tag war anstrengend, dennoch waren all seine Sinne so geschärft wie immer. Deshalb bemerkte er die fremde Gestalt nicht erst jetzt, hatte sie aber bislang mit aufmerksamer Ignoranz gestraft.
Mit gerunzelter Stirn sah er zur anderen Seite rüber. Das Dojo lag auf einem leichten Hügel. Hier gab es nichts weiter, abgesehen von der hübschen Natur drumherum. Es fiel also sofort auf, wenn sich hier jemand aufhielt.
„Verzeihung, was tun Sie da?“
Ein Mann im Baum war definitiv auffällig.
Kyojuro verschränkte misstrauisch die Arme vor der Brust, während der junge Mann auf dem mächtigen Ast über seinen Kopf definitiv überrascht schien.
„Ähm ...“ Der Fremde lachte scheinbar verlegen auf und wirkte unbehaglich.
‚Das sollte er auch.‘ Immerhin saß er mit einer großen Kamera auf einem Baum und machte seit einiger Zeit Fotos vom Dojo damit.
„Es ist nicht so wie es aussieht.“
„So etwas, höre ich sonst nur in Filmen“, erwiderte Kyojuro.
Mit Adleraugen beobachtete er, wie der junge Mann vom Baum kletterte. Er wirkte dabei sehr geübt, kam leise und geschickt auf wie eine Katze. Vielleicht um ungefährlich zu wirken, zog er sich die Kapuze seiner dünnen Jacke vom Kopf.
Rosafarbenes Haar und leuchtende Augen kamen zum Vorschein, sowie ein verschlagenes jugendliches Grinsen.
Kyojuro spürte etwas. Er wusste nur nicht zu definieren was. Eine Gänsehaut breitete sich in seinem Nacken aus, dennoch blieb er mit verschränken Armen stehen und sah nach wie vor fragend zum Fremden.
„Ich habe keine Fotos von den Kindern gemacht, schwöre.“
„Und das soll ich dir einfach glauben?“, erwiderte er skeptisch.
Ein Schultern zucken des Fremden war eine halbe Antwort darauf. „Bin nicht auf dem Grundstück, oder? Man darf Fotos machen, von was man will.“
„Nicht, wenn andere Personen fotografiert werden. Schon gar nicht minderjährige Personen.“
„Ich sagte doch bereits, keine Fotos von den Kindern. Ich bin doch kein Pädo.“
Sein Blick musste Antwort genug sein, denn der Fremde zog sich die Schlaufe über den Kopf und reichte ihm mit einem Seufzer die Kamera.
„Schau doch selbst“, forderte er ihn auf.
Kyojuro griff sogleich danach und zog sie an sich. Er ging behutsam vor, immerhin war es nicht seine Kamera und noch hatte er nur Vermutungen. Mit etwas Hilfe des Fremden konnte er einen Blick in die Aufnahmen der letzten halben Stunde werfen. Er drückte sich hindurch und sah Fotos von der Natur, dem Dojo in einem wunderschönen Licht und ...
„Warum sind da Bilder von mir?“, fragte Kyojuro nach, irritiert.
Die gelben Augen wurden ganz groß und der Fremde griff hektisch nach der Kamera. „Ä-ähm– ein Versehen! Ich lösche sie sofort! Es tut mir leid!“
‚Keine Bilder von den Kindern.‘ Maximal ein Stück ihres Haarschopfes war dann zu erkennen, wenn es ein Foto von Kyojuro gegeben hatte.
„Schon gut“, antwortete er mit einem Seufzer. „Solange es keine von den Kindern gibt, ist alles in Ordnung. Bitte entschuldige den Vorwurf.“
Was für eine seltsame Begegnung. Normalerweise war Kyojuro mit übertriebener Höflichkeit erzogen worden und doch fühlte es sich ganz natürlich an, den Fremden bereits jetzt zu duzen.
„Ach ... verstehe ich schon, ein fremder Typ im Baum macht Fotos von einem Dojo, in dem gerade Kinder trainieren. Das wirkt verdächtig, schon klar.“
Kyojuro nickte, erleichtert darüber das man es ihm nicht übelnahm und deutete schließlich eine leichte Verbeugung an. „Ich wünsche einen schönen Abend noch.“
„Akaza.“
„Verzeihung?“
„Mein Name ist Akaza.“
Kyojuro blinzelte verwirrt. Ganz automatisch griff er nach der Hand, die sich ihm entgegenstreckte. „Akaza ... Hallo.“
„Wie ist dein Name?“
Die Hand in seiner fühlte sich kalt an, aber auch wenn die Temperaturen an sich angenehm waren, sollte man nicht ewig draußen hocken. Neben der kalten Haut, fiel Kyojuro aber auch der feste Griff auf. Ausgeprägte Muskeln.
„Kyojuro“, antwortete er. Akaza bräuchte nur auf das Schild sehen, welches vor dem Dojo angebracht war, um das herauszufinden. Heimlichtuereien wären also ohnehin unsinnig.
„Kyojuro.“ Akazas Augenlider senkten sich für einen Augenblick, als würde er sich an etwas erinnern. „Schön dich kennenzulernen.“
Was für eine wirklich merkwürdige Situation. Kyojuro nickte zaghaft und zog seine Hand zurück. Gerade als sich nur noch ihre Fingerkuppen streiften, wurde erneut danach gegriffen. Beide Hände von Akaza umfassten seine Hand, wie bei einem Käfig.
„Entschuldige die direkte Frage, Kyojuro.“ So wie Akaza seinen Namen aussprach, glich es eher einem Schnurren. „Aber ... was genau verbirgst du?“
Kyojuro runzelte die Stirn und zog an seiner Hand. Dieses Mal wurde sie einfach direkt losgelassen. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Ich kann es erkennen.“
„Was erkennen?“
„Die Maske.“
Kyojuro hatte das Gefühl sein Herz setzte für einen Augenblick aus. Stumm sah er dem Fotografen entgegen.
„Es muss viel Kraft kosten. Eine halbe Stunde habe ich dich gesehen und mich gefragt, was sich dahinter verbergen mag.“
„Ich weiß nicht was du glaubst zu sehen, aber da ist nichts“, antwortete Kyojuro, ein wenig harscher als für ihn normal war. Er erlaubte sich, einen tiefen Atemzug zu nehmen. „Ich muss jetzt gehen.“
Akaza nickte ihm zu. „Irgendwann bricht sie von alleine.“
Kyojuro gab ein Geräusch zwischen Schnauben und Zischen von sich, während er sich umdrehte und zurück zum Dojo stampfte.
Und gleichzeitig fragte er sich, wie dieser Fremde so etwas erkennen konnte – und wie offensichtlich es dann für all jene war, die ihn wirklich kannten und liebten?
~ * ~
Pink_Warrior: [18:19 Uhr] Willst du über deinen Tag schreiben?
SweetPotato: [18:24 Uhr] Definitiv nicht
SweetPotato: [18:25 Uhr] Wie war dein Tag?
Pink_Warrior: [18:29 Uhr] Spannend. Ich habe jemanden kennengelernt
SweetPotato: [18:31 Uhr] DAS klingt interessant!
SweetPotato: [18:32 Uhr] Erzähl mir davon?
Pink_Warrior: [18:34 Uhr] Ist das wirklich okay für dich?
Pink_Warrior: [18:37 Uhr] Ich meine ... gerade heute?
SweetPotato: [18:45 Uhr] Gerade heute
Pink_Warrior: [18:48 Uhr] Wir sind uns zufällig begegnet
Pink_Warrior: [18:48 Uhr] Er ist wunderschön
Pink_Warrior: [18:48 Uhr] Und unglaublich stark
SweetPotato: [18:50 Uhr] Bitte sag mir nicht, ihr habt euch durch einen Kampf kennengelernt
Pink_Warrior: [18:52 Uhr] Pff, ich verstehe nicht was daran schlimm sein sollte?
Pink_Warrior: [18:52 Uhr] Aber nein, haben wir nicht
Pink_Warrior: [18:53 Uhr] Ich hoffe trotzdem, dass wir mal kämpfen werden
SweetPotato: [18:56 Uhr] Halt mich auf den Laufenden
Pink_Warrior: [18:57 Uhr] Werde ich
~ * ~
Er behielt das Lächeln so lange aufrecht, wie es ihm möglich war.
Selbst in seinem Haus, versuchte er sich etwas vorzumachen. Leichtigkeit und Lebensfreude, wie sie ihn sein ganzes Leben lang stets begleitet hatte. Fast. Als seine Mutter schwer erkrankt war, hatte es gebröckelt, aber er war standhaft geblieben. Für Senjuro. Für seinen Vater. Für seine Mutter.
Damals war es leichter gewesen.
Kyojuro musste nach jedem zweiten Schritt tief durchatmen, damit das Lächeln nicht fiel.
Das kurze hin und her schreiben mit seiner Internetbekanntschaft war eine begrenzte Ablenkung gewesen, genauso wie alles andere was er heute getan hatte. Am Ende war er zu Hause und obwohl er nicht alleine sein müsste, blieb er lieber für sich.
Seine täglichen Handgriffe erleichterten es ihm.
Umziehen.
Nicht nachdenken.
Essen kochen.
Nicht nachdenken.
Essen.
Nicht nachdenken.
Eine unsinnige Sendung, die er früher niemals geschaut hätte.
Nicht nachdenken.
Seine Tasche auspacken.
Nicht nachdenken.
Das Geschenk.
Das Geschenk.
Kyojuro ertrug kaum den Anblick der pinken Schachtel mit den grünen Bändern. Er riss es grob auf, hob den Deckel an und ... Begegnete sich selbst.
Mitsuri.
Ein großes Bild, aufgenommen von der Schule – offizieller Anlass und dennoch mit einer Leichtigkeit erfüllt, die es nur dort geben konnte.
Mitsuris Lächeln. Sein eigenes Strahlen.
Seine Finger zitterten, als er das kleine Buch herausnahm. Die Schachtel fiel leise zu Boden. Es benötigte fünf Atemzüge, bevor er den dicken Einband umblättern konnte.
Noch mehr Bilder.
Nicht mehr nur offizieller Art. Fotos, geschossen auf den kleinen Festen der Schule oder Stadt. Private kleine Aufnahmen, vermutlich von seinen Kollegen zusammengetragen. Vielleicht sogar von seiner Familie. Mitsuris Familie.
Fröhlichkeit. Lächelnde Gesichter. Zärtliche Gesten. Händchen die einander hielten. Blicke die sich kreuzten.
Mitsuri.
Alles was er sah, war Mitsuri.
Die Zuneigung in ihrem Blick. Die Liebe mit der er sie angesehen hatte.
Umarmungen. Spielereien. Gemeinsames lehren.
Tränen.
Sie liefen langsam über sein Gesicht. Das Lächeln war irgendwann komplett verschwunden und hinterließ all das, was er niemanden zeigen wollte.
Das erste Schluchzen hörte sich nicht nach ihm an.
Genauso wenig wie das Nächste.
Oder das danach.
Nichts davon fühlte sich wie ein Teil von ihm selbst an.
Kapitel 4
„In der Wut verliert
der Mensch seine Intelligenz.“
– Dalai Lama
Sein Kopf brummte und seine Augen juckten, als Kyojuro aufwachte. Hinter den zugezogenen Vorhängen konnte er die Sonnenstrahlen erkennen, die versuchten hinein zu kommen. Es herrschte absolute Stille, nur sein eigener Herzschlag und seine schweren Atemzüge durchbrachen sie. Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht – über die geröteten juckenden Augen – und massierte sich die Schläfen. Die Erleichterung von Kopfschmerzen blieb aus.
Obwohl sich seine Kehle staubtrocken anfühlte, dauerte es noch etwa eine halbe Stunde, bis er sich vom Bett befreien konnte.
Normalerweise war er ein wahrer Morgenmensch. Er wachte mit einem Lächeln auf den Lippen auf, hatte sein sportliches Prozedere, welches er je nach Lust und Laune anpasste, und verspeiste ein großes Frühstück.
Heute stand er völlig neben sich.
Er stieß sich den Zeh an der Kommode im Flur, stolperte gegen den Türrahmen und fühlte sich träge bei jedem weiteren erzwungenen Schritt. Kyojuro kniff die Augen zu, im Wohnzimmer und der Küche strahlte die Sonne hinein, die sich zu hell und fröhlich für sein Gemüt anfühlte.
Schließlich erreichte er die Küche, füllte sein Glas mit Wasser – auch wenn seine Hand mehr davon abbekam, als das Gefäß – und trank große Schlucke davon. Sein Hals brannte und als er das Trinkgefäß absetzte, musste er einige Male husten. Er kniff die Augen zu, lehnte die Stirn an die nächste Oberfläche die er erreichte – der Kühlschrank – und verblieb in dieser Position.
Zum Glück war Wochenende und er wurde von niemanden irgendwo erwartet.
Er nahm sich seine Wasserflasche und lag wenig später wieder in seinem Bett, vergraben unter der Decke und umgeben von der Dunkelheit. Dankbar dafür, dass die Sonne draußen gehalten wurde.
Blind griff er auf seinen Nachtschrank, wo er das Geschenk seiner Schulklasse – und ziemlich sicher seiner Kollegen – abgelegt hatte und zog es bereits geöffnet zu sich. Seine Augen gewöhnten sich zügig an die Dunkelheit, aber auch ohne dies, wusste er ganz genau wie die einzelnen Bilder aussahen.
Mit Hauptaugenmerk auf Mitsuri.
~ * ~
Pink_Warrior: [07:33 Uhr] Gib mir ein Lebenszeichen von dir, ja?
SweetPotato: [19:57 Uhr] Es geht mir gut
Pink_Warrior: [20:01 Uhr] Wirklich?
~ * ~
Mit einem schweren Seufzer betrachtete Kyojuro all die Nachrichten die aufploppten, sobald er sein Handy wieder eingeschaltet hatte. Der Großteil völlig besorgter Natur, manche davon auch darauf aus ihn aus seinem Loch zu locken – mit Ablenkung. Normalerweise war er stets darum bemüht sofort jedem zu antworten, aber heute reichte seine kognitive Kraft nicht dazu aus.
Nicht für Personen, die greifbar waren.
Sein Körper machte jedoch langsam auf die Vernachlässigung des Tages aufmerksam. Zwar hatte er mittlerweile wohl ausreichend getrunken, aber ansonsten nichts zu sich genommen.
Es benötigte seinen stetig knurrenden Magen und mehrere Minuten, in denen er sich darauf vorbereitete aufzustehen, bevor dies wirklich geschah.
Das Buch landete wieder auf dem Nachtschrank und er schlürfte in die Küche. Er verzog das Gesicht, als das Licht des Kühlschranks ihn blendete und anschließend Fächer mit frischem Fleisch und Gemüse offenbarte. Es gab nichts, was er ohne weitere Bemühungen essen konnte. Da er normalerweise stets frisch kochte, war kein Fertiggericht vorzufinden und nachdem die vorangegangenen Tage bereits schwer für ihn waren, hatte er auch nichts mehr eingefroren auf Lager.
„Verdammt ...“, murmelte er vor sich hin.
Er entschied, einfach nichts zu essen.
Fünfzehn Minuten später, trug er dann doch lockere Hosen, einen weiten Pullover und griff nach seinem Geldbeutel. Seine Hand schwebte eine gefühlte Ewigkeit über dem Türknauf, bevor er sich dazu durchringen konnte die Tür zu öffnen.
Erleichtert nahm er die Leere davor wahr. Niemand, der unangekündigt dastand und nur darauf wartete, ihn mit Fröhlichkeit oder Mitleid zu überhäufen.
Die Sonne war bereits zu einem großen Anteil untergegangen, es herrschte jedoch noch nicht die komplette Dunkelheit der Nacht. Wobei es den ganzen Tag über bei ihm finster gewesen war.
Kyojuro schloss die Tür ab und runzelte die Stirn, als ihm eine Blume ins Auge fiel. Mit einem durchsichtigen Klebestreifen an seiner Tür befestigt.
Sein Blick glitt zu seinen Nachbarn. ‚Ein Geschenk von Koyuki?‘
Er ließ sie an Ort und Stelle und machte sich auf den Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Anstatt ins nächste Geschäft zu gehen, führte ihn sein Weg jedoch vorerst zu Mitsuris Grab.
Eines der schönsten Bilder von Mitsuri in einem Bilderrahmen. Wunderschöne Blumen überall wo man hinsah, sowie Sakura Mochi.
Kyojuro war zu Anfang täglich hier gewesen. Dann einmal die Woche und mittlerweile versuchte er nicht einmal an das Grab zu denken. Schuldgefühle kamen zwar auf, aber oft war die Trauer und der Schmerz viel größer, als die Schuld es werden konnte. Manche Personen fanden am Grab wohl so etwas wie Frieden – für ihn, war es nur noch aufwühlender. Sein Herz blutete, seine Augen tränten und sein Körper zitterte.
Dennoch ging er vor dem Grab auf die Knie und sprach ein leises Gebet, dem Beben in seiner Stimme zum Trotz.
Er verharrte länger als geplant auf den Knien und beim Aufrichten entkam ihm ein schwächelndes Ächzen. Kyojuro war es nicht gewohnt lange auf Essen zu verzichten. Nach Mitsuris Ableben hatte er sich vielmehr zugestopft, als nichts gegessen. Mittlerweile wechselte diese ungesunde Gewohnheit zeitweise die Seite.
Seine Beine trugen ihn endlich zum kleinen Laden in der Nähe seines zu Haus. Mit eingezogenem Kopf durchstreifte er die grell erleuchtenden Gänge und suchte sich ein paar Fertiggerichte aus. Pizza und fertige Bentos zum Aufwärmen mussten genügen. Seine Stimmung zeichnete sich wohl deutlich ab, zumindest vermied der Kassierer ihren gewöhnlichen Smalltalk und entließ ihn schweigend.
Kyojuro atmete auf, als er wieder nach draußen kam. Mittlerweile hatte sich über seinem Kopf der Nachthimmel komplett ausgebreitet.
„Kyojuro?“
Ihm blieb der Atemzug im Hals stecken.
„Wow, wer hat es denn geschafft deine Maske zerbrechen zu lassen?“
„Akaza“, erkannte er resigniert.
Sie waren einander nur einmal begegnet und dennoch war ihm dieses Aufeinandertreffen im Gedächtnis geblieben. Vielleicht auch, weil kaum 24 Stunden seitdem vergangen waren.
„Schön, dass du dich an mich erinnerst.“ Der junge Mann grinste ihm entgegen. Die Kamera hing wieder locker um seinem Hals und seine Hände steckten in den Taschen seines dunklen Hoodies.
„Ich vergesse so schnell niemanden, von dem ich dachte er wäre ein Pädo.“
Akaza kicherte – amüsiert und nicht beleidigt von der Erinnerung an den Vorwurf. „Also, wer war es?“
„Hm?“ Kyojuro runzelte die Stirn.
„Dein trostloses Gesicht. Du siehst fast so aus, als wäre jemand gestorben.“
Kyojuro zwang sich dazu, äußerlich nicht darauf zu reagieren. Innerlich brach sein Herz ein weiteres Mal. „Ich weiß nicht wovon du sprichst.“
„Oh bitte.“ Akaza verdrehte die Augen. „Ich weiß ganz genau, was ich sehe und jetzt zeigst du tatsächlich die Wahrheit. Da kannst du sie mir doch einfach direkt erzählen.“
Ein unwohles Gefühl kam in Kyojuro hoch. Er selbst wurde oft als etwas zu unverblümt beschrieben, als jemand der manche Grenzen nicht erkannte und mit seiner Begeisterung seine Mitmenschen gerne überfiel.
‚Worunter zählt dann Akaza?‘
„Es ist wirklich jemand gestorben, was?“ Ein Schnalzen. „Wie kann der Tod von jemanden eine solche Beeinflussung bewirken? Es war eindeutig eine natürliche Auslese.“
„Was?“
„Die Schwachen sterben. Ganz einfach.“
Kyojuro sah ungläubig zu Akaza. Dessen Gesicht strahlte jedoch keine Verunsicherung aus, nichts was an dessen Worte zweifeln lassen könnte.
„Um wem auch immer du trauerst ist lächerlich.“
Zum ersten Mal verblasste die Trauer in ihm drinnen.
„Die Person war schwach und hat demnach den Tod verdient.“
Da war stattdessen Wut.
Kyojuro bemerkte den Aussetzer erst, als seine Faust bereits Bekanntschaft mit Akazas Gesicht machte. Der leichte Schmerz in seinen Knöcheln war nichts dagegen, wie der junge Mann vor ihm zurücktaumelte.
Er riss die Augen auf, erschrocken von sich selbst. „Verdammt, ich ... es tut mir leid!“ Verzweiflung kroch in ihm hoch, neben dem Schreck. „Ich ... ist dir schwindelig? Alles okay? Akaza!“
„Schon gut.“ Der Fotograf drückte mit seinen Fingern gegen die getroffene Stelle. „Hast mich ganz schön erwischt, Kyojuro.“
Obwohl es völlig übertrieben sein musste, setzte Kyojuro Akaza auf die nächstbeste Bank und befahl ihm dort zu warten. Hektisch ging er zurück zum kleinen Geschäft und kaufte einen Beutel mit Eiswürfeln. Der Kassierer wirkte irritiert von seinem Wunsch, sagte aber nichts dagegen und ließ ihn auch dieses Mal fast vollkommen schweigend davonziehen.
Schuldbewusst saß er neben Akaza auf der Bank und drückte den Beutel mit den Eiswürfeln gegen die getroffene Stelle. Der Fotograf wirkte davon belustigt, er grinste als hätte Kyojuro ihn nicht vor kurzem noch geschlagen.
Er war noch nie jemanden körperlich angegangen. Nicht abseits vom Sport, der für Kontrolle stand und nicht für sinnlose Gewalt.
„Es tut mir leid, ich ... weiß nicht was über mich gekommen ist, Akaza!“
„Hör auf dich zu entschuldigen. Ich habe dich eindeutig provoziert.“
Und ja, dass stimmte. Dennoch fühlte sich Kyojuro schlecht. Er war ein Mann der Worte, nicht jemand der die Fäuste nutzte. Ein Glück war keiner seiner Schüler in der Nähe gewesen, er hätte es sich niemals verziehen ein solch schlechtes Vorbild für diese darzustellen.
„Also – wie fühlst du dich?“
Kyojuro atmete tief ein und aus, bevor er dem Fotografen wieder entgegensah. Dieser drückte sich den Beutel mit Eiswürfeln mittlerweile selbst an die getroffene Stelle. Vermutlich würde eine Schramme zurückbleiben, vielleicht eine kleine Verfärbung. Er kniff die Augen unzufrieden zusammen, bevor er sie augenverdrehend wieder öffnete und wegsah.
„Ganz in Ordnung.“
Tatsächlich war die Traurigkeit für den Moment wie weggeblasen und eine kleine Leichtigkeit kehrte ein. Sie war ihm nicht völlig fremd, aber kam ihm tageweise doch immer mal abhanden. Meistens zu Wochenenden, die er alleine verbrachte.
Der Todestag gestern war natürlich ein ganz anderes Loch, in das er gefallen war.
„Ich stehe dir gerne zur Verfügung, wenn du mal wieder jemanden schlagen willst, um über gewisse Gefühle hinweg zu kommen!“
„Pff“, schnaubte Kyojuro. „Als ob ich einen Prügel-Freund brauche. Absolut nicht. Ich bin Lehrer.“
„Ja, für Kendo und das ist doch recht nahe am Prügeln dran.“
„Ist es nicht“, korrigierte er sofort. „Und das meinte ich nicht. Ich bin Lehrer an der ansässigen Schule hier. Für die Oberklassen.“
„Oh.“ Akazas Augen weiteten sich einen Augenblick. „Ein Lehrer, also? Hm ...“
„Was?“
„Ich dachte gerade nur, dass du für einen Lehrer viel zu heiß bist.“
„Du solltest meine Kollegen kennenlernen, bevor du so etwas sagst.“
Kyojuro dachte an Tengen, der mit seiner Schönheit gerne spielte – gleichzeitig aber bereits verheiratet war. Dreimal. Sanemi, der zwar etwas grob rüberkam und viele Narben besaß, aber definitiv ebenfalls in die Sparte ‚heiß‘ fallen würde. Über seine Kolleginnen wollte er nicht zu sehr nachdenken, es kam ihm viel zu respektlos vor, sie oberflächlich zu bewerten.
„Ist das ein Bewerbungskriterium? Heiß sein?“
„Vielleicht eines, dass nur unser Chef weiß – aber nein, ich glaube nicht.“ Amüsiert sah er zu Akaza. „Wieso, willst du dich bewerben?“
„Ojemine, definitiv nicht. Keine Ahnung wie du oder irgendeiner deiner Kollegen das schafft, aber ich würde ausflippen.“
„Ach ...“ Kyojuro lehnte sich in der Bank etwas mehr zurück, nie komplett entspannt, aber etwas lockerer. „Die Kinder sind wundervoll. Alle auf ihre eigene Art und Weise.“
Er streckte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hinauf. Sterne tanzten am dunklen Firmament und der Mond schenkte ihnen sein Licht.
„Der Mond sieht heute Nacht wunderschön aus, nicht wahr?“, fragte Akaza mit gesenkter Stimme.
Kyojuro sah weg vom Himmel, zurück zu Akaza neben sich, der seinerseits hinaufblickte.
Die Traurigkeit und auch die Wut waren mittlerweile in ihm verblasst. Es gab immer noch dieses kleine leere Gefühl in ihm, welches darauf aufmerksam machte das etwas – jemand – fehlte, doch es fühlte sich nicht mehr so schlimm an.
„Ja“, erwiderte er und sah zurück hinauf. „Das habe ich gerade auch gedacht.“
~ * ~
Pink_Warrior: [22:44 Uhr] Ich sollte dich ja auf den laufenden halten ...
Pink_Warrior: [22:44 Uhr] Der Typ von dem ich erzählt habe, weißt du noch?
Pink_Warrior: [22:45 Uhr] Wir hatten heute so etwas wie unseren ersten Kampf
Pink_Warrior: [22:47 Uhr] Und er ist SO STARK
SweetPotato: [23:00 Uhr] Ich kann nicht fassen, dass du mit jemanden auf den du stehst, kämpfst
Pink_Warrior: [23:02 Uhr] Ich muss ja wissen, was er so draufhat
Pink_Warrior: [23:02 Uhr] Kein Bock auf einem Jammerlappen
SweetPotato: [23:05 Uhr] Das klingt sehr grob, aber meinetwegen ... jeder wie er will
Pink_Warrior: [23:06 Uhr] Wie geht es dir so?
SweetPotato: [23:13 Uhr] War ein anstrengender Tag, aber ... es ist irgendwie gerade besser als sonst
Pink_Warrior: [23:06 Uhr] Das freut mich wirklich zu lesen!
~ * ~
Als Kyojuro wieder nach Hause kam, erwartete ihn immer noch die Blume an seiner Tür. Die hatte er bereits wieder komplett ausgeblendet. Jetzt griff er nach ihr und nahm sie mit nach drinnen.
Sein Hunger machte wieder auf sich aufmerksam, weshalb er als erstes die Pizza in den Ofen schob, den restlichen Einkauf wegräumte und anschließend wieder die Blume ergriff.
Er war nicht gut darin, Flora und Fauna zu identifizieren, aber bei diesem Exemplar wusste er recht schnell um was es sich handelte.
Mitsuri hatte *Amaryllis geliebt und hier standen immer noch welche in einem weiß mit zartrosa herum – vollkommen verwelkt.
In seiner Hand befand sich jedoch ein knalliges orange. Großblütig und wunderschön.
Koyuki wusste sicherlich, dass es die liebste Blume von Mitsuri gewesen war. Kyojuro seufzte leise, er sollte morgen bei seinen Nachbarn klingeln und sich zumindest einmal dafür bedanken. Vielleicht hatte er ja auch das Glück und seine Stimmung blieb erst einmal ein wenig gelöster.
Da er nichts anderes mit der Blume anzufangen wusste, stellte er sie in ein hohes Glas mit Wasser und auf den Küchentisch, der schon lange keine Deko mehr gesehen hatte. Das war stets Mitsuris Sache gewesen, sie hatte Tage damit verbracht ihr Haus für alles zu schmücken.
Frühjahr. Ostern. Sommer. Strandthema. Geburtstage. Alles was es auch nur ansatzweise in Geschäften gab, wurde genutzt und Kyojuro hatte es geliebt ihr dabei zu helfen oder auch einfach nur zuzusehen.
Er vermisste sie.
Aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht ganz so unerträglich an, wie er es normalerweise gewohnt war.
Kyojuro glaubte nicht, dass so etwas jedes Mal eintreten würde, wenn er Akaza schlug. Zumindest heute Abend hatte es eine Wirkung erzielt, ihn aus dem Loch gezerrt, welches ihn gerne am Wochenende runterzog.
Es ließ ihn alles vergessen was Akaza vor dem Schlag von sich gegeben hatte.
Kapitel 5
„Die Hoffnung ist wie ein Sonnenstrahl,
der in ein trauriges Herz dringt.“
– Phil Bosmans
Kyojuro schaffte es am nächsten Morgen gut aus dem Bett.
Bevor ihn jegliche Motivation vielleicht doch abhandenkommen würde, nahm er eine lange Dusche und zog sich Kleidung an – immer noch bequem, aber ordentlich genug, um sich damit draußen sehen lassen zu können. Er rubbelte sein Haar soweit trocken wie möglich, bevor er es hochsteckte. Kyojuro plante nicht lange weg zu sein, er wollte sich nur für die Blume bedanken.
So gehörte es sich immerhin.
Seit Mitsuris Tod, war Kyojuro selbst seinen Nachbarn bestmöglich aus dem Weg gegangen. Die ersten Tage und Wochen war Koyuki regelmäßig vorbeigekommen, hatte ihm Essen vorbeigebracht und sich nach seinem Wohlergehen erkundigt. Wenn sie nicht konnte, dann kam Hakuji – nicht weniger besorgt, dafür aber unbeholfener.
Irgendwann hatte Kyojuro ihnen gesagt, dass es nicht mehr notwendig wäre. Er hatte gelächelt, wie er es normalerweise tat, sich bedankt und seitdem das miteinander auf ein niedriges Niveau gehalten.
Sie erinnerten ihn viel zu sehr an Mitsuri. An das, was er mit ihr nicht erreicht hatte, aufgrund des vorzeitigen Todes.
Er klopfte genau dreimal gegen die Tür, bevor er mit etwas Unbehagen wartete. Lange musste er das jedoch nicht, bevor Koyuki ihm aufmachte und nach einem kurzen Blick der Überraschung, ihm ein freundliches Lächeln schenkte. Sein unsicheres Gefühl verschwand augenblicklich.
„Kyojuro, es ist schön dich zu sehen!“
„Guten Morgen Koyuki“, erwiderte er mit einem beruhigten Lächeln. „Ich wollte mich eigentlich nur bedanken ... die Amaryllis ist wirklich sehr hübsch.“
Koyukis verwirrtes Gesicht, irritierte Kyojuro. „Amaryllis? Wovon sprichst du?“
„An meiner Tür. Gestern? Ähm ... eine Amaryllis hing dort. Ich dachte, sie wäre vielleicht ein Geschenk ... von dir?“
Seine Nachbarin runzelte die Stirn. „Nein, tut mir leid. Hakuji!“ Sie drehte sich weg, als sie nach ihrem Verlobten rief. „Hast du Kyojuro eine Blume geschenkt?“
Allein der Gedanke war seltsam. Hakuji war definitiv weicher, als er auf den ersten Blick offenbarte, aber eine Blume verschenken? Das passte kaum, dennoch schwieg Kyojuro.
„Was? Eine Blume?“ Hakuji tauchte auf, völlige Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Hallo Kyojuro. Schön dich zu sehen.“
Kyojuro schenkte ihm ein höfliches Nicken, bevor es wieder um das eigentliche Thema ging.
„Kyojuro bekam gestern wohl eine Amaryllis. Von mir ist sie nicht, von dir?“, hakte Koyuki ein weiteres Mal nach.
Hakuji runzelte die Stirn, schüttelte aber anschließend den Kopf. „Nein, von mir kam die Blume nicht.“
„Hm ...“, machten Kyojuro und Koyuki etwa zeitgleich.
Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass so ein Geschenk von Koyuki hatte kommen müssen. Das dem nun doch nicht so war ...
„Vielleicht war es einer meiner Kollegen“, dachte er laut nach. „Das wäre gut vorstellbar. Tengen würde so etwas sicher machen.“
„Ja, warum nicht“, stimmte Koyuki nickend zu. „Frag ihn am besten morgen mal. Sie ist ja nicht einfach so an deiner Tür aufgetaucht, sicherlich hat gestern nur jemand an dich gedacht.“
Das sanfte Lächeln, welches Koyuki ihm schenkte, ließ ihn den Blick abwenden. Es war normal und doch fühlte er sich schlecht. Eine Erinnerung an Mitsuri, was auch sonst? Sein Blick traf dafür wieder Hakuji, welcher immer noch über die Blumen-Sache nachzudenken schien.
Kyojuro fiel es etwas anderes auf.
„Oh, Hakuji-kun“, sprach er seinen Nachbarn direkt an, damit dieser ihm seine Aufmerksamkeit schenkte. „Die Frage ist vielleicht seltsam, aber ... Hast du einen Bruder?“
Für einen Moment wirkte es so, als würden Hakujis Augen größer werden – dann war aber alles wieder normal. ‚Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet.‘
„Wie kommst du darauf?“
„Ich bin gestern ... eigentlich schon vorgestern, jemandem begegnet“, erzählte Kyojuro. „Und jetzt wo ich dich so direkt vor mir sehe ... irgendwie, seht ihr euch ähnlich, denke ich.“
Hakuji zuckte entspannt mit den Schultern. „Klingt verrückt, aber nein. Ich habe keinen Bruder.“
„Hm.“ Kyojuro sah zu Koyuki, welche aber nicht überrascht von der Nachricht wirkte. Es gab wohl wirklich keinen Bruder. „Dann hast du wohl einen Doppelgänger.“
„Scheint so.“
„Komm doch mal wieder zum Essen vorbei, Kyojuro. Wann immer es dir passt, es wäre schön dich häufiger zu sehen“, mischte sich Koyuki wieder lächelnd ein.
Dieses Mal wich Kyojuro dem Lächeln nicht aus. „Ich ... schaue mal. Danke für die Einladung.“
Hakuji winkte ihm bereits und kehrte ihm den Rücken zu.
„Du kannst auch heute direkt reinkommen“, schlug Koyuki vor.
„Nein, nein. Heute ... ich glaube, dass wäre zu viel“, lehnte er ab. „Macht euch einen schönen Tag. Ich melde mich wegen dem Essen.“
„Natürlich. Du dir auch, Kyojuro.“
~ * ~
SweetPotato: [09:22 Uhr] Guten MorgenSweetPotato: [09:22 Uhr] Ich hoffe, du hast dich nicht erneut mit deinem Schwarm geprügelt?
Pink_Warrior: [10:10 Uhr] Guten MorgenPink_Warrior: [10:10 Uhr] Wer redet hier denn von einem Schwarm? Ich bin doch kein Schulkind mehr
SweetPotato: [10:17 Uhr] Du weichst der Frage aus
Pink_Warrior: [10:21 Uhr] Pff, ich habe mich nicht wieder mit ihm geprügelt
Pink_Warrior: [10:22 Uhr] Und geprügelt ist sowieso der falsche Ausdruck
Pink_Warrior: [10:22 Uhr] Es war eher ein Schlagabtausch
SweetPotato: [10:24 Uhr] Wenn du meinst ...
SweetPotato: [10:24 Uhr] Triffst du ihn heute?
Pink_Warrior: [10:27 Uhr] Nicht eifersüchtig sein, ich werde dich als meinen Online-Buddy niemals vergessen
SweetPotato: [10:30 Uhr] Ich bin nicht eifersüchtig
SweetPotato: [10:30 Uhr] Und du bist der Frage wieder ausgewichen!
Pink_Warrior: [10:32 Uhr] Erwischt ;)
~ * ~
Um nicht wieder in ein klägliches Loch zu fallen, machte Kyojuro einen Spaziergang.
Die frische Luft, gemeinsam mit der Bewegung, tat ihm wirklich gut. Nichts würde jemals komplett den Verlust stopfen können, aber es wurde erträglicher. ‚Vielleicht ist das alles, was ich erwarten kann.‘
Seine Beine trugen ihn ganz von alleine in die Gegend, in welcher er aufgewachsen war. Sandige Wege, die Straßen hörten irgendwann einfach auf. Mauern die traditionelle Häuser voneinander abschnitten. Hier und da sah er jemanden, bekannte Gesichter aus seiner Kindheit, die gealtert waren.
Noch ehe sein Verstand es komplett registriert hatte, erreichte er die bekannten Mauern seines Familienhauses. Die Tore waren geöffnet, was ihn dazu verleitete im Vorgarten nach jemanden aus seiner Familie zu suchen.
„Kyojuro, ich habe dich heute gar nicht erwartet.“
„Okaa-san.“ Seine Augen suchten ganz automatisch nach irgendwelchen Anzeichen, wie unnatürliche Blässe oder ein Schwanken beim Gehen. Seitdem Tod von Mitsuri, der abwendbar gewesen wäre, war er umso besorgter um seine Mutter. „Ich ... meine Füße haben mich einfach hergetragen.“
Eine ihrer zierlichen Hände legte sich auf seine Wange und Kyojuro lehnte sich instinktiv in sie hinein.
„Störe ich?“
„Unsinn, du störst niemals.“ Sie lächelte ihm entgegen, so liebevoll das Kyojuro instinktiv an Mitsuri denken musste. „Möchtest du mit reinkommen? Senjuro und ich wollen mit dem Mittagessen anfangen und du wärst uns sicher eine große Hilfe dabei.“
„Ich helfe euch gerne beim Kochen“, erwiderte Kyojuro sofort. „Was ist mit Otoo-san?“
„Oh.“ Seine Mutter verdrehte ein wenig die Augen. „Er ist momentan davon überzeugt körperlich fitter werden zu wollen. Er ist eine Runde joggen gegangen, so wie er sagt.“
Kyojuro runzelte die Stirn. „Aber er ist doch körperlich recht fit.“
Bis zum heutigen Tag war es seinem Vater möglich, zahlreiche junge Männer in einem direkten Kampf niederzuringen. Das hatte er oft und gerne beim Kendo demonstriert. Kyojuro selbst wusste nicht, ob er dazu fähig wäre seinen Vater zu besiegen. Vielleicht sollte er das einmal ansprechen?
‚Ein Übungskampf wäre echt spannend ...‘
„Dein Vater ist nicht mehr der Jüngste, Kyojuro“, erklärte seine Mutter. „Das scheint ihm erst jetzt richtig aufzufallen.“
Schmunzelnd folgte er ihr ins Haus hinein. Es änderte sich nie sonderlich viel. Dieselbe traditionelle Einrichtung, wie er sie sein Leben lang schon kannte. Wenn etwas ersetzt wurde, dann nur aus praktischen Gründen und das geschah selten.
„Aniue!“
Er breitete die Arme aus, sobald er Senjuros Stimme und schnellen Fußschritte vernahm. Sein jüngerer Bruder warf sich direkt in sie.
„Ich wusste gar nicht, dass du zu Besuch kommst!“
„Es ist eine Überraschung“, antwortete Kyojuro, sobald sie sich voneinander lösten. „Also – was kochen wir heute?“
Früher hatte er fast täglich zusammen mit Senjuro gekocht. Ihre Beziehung war stets sehr eng gewesen, vielleicht auch aufgrund der Krankheit ihrer Mutter. Während sein Vater viele Sorgen um sie hatte, lag es ein paar Jahre an Kyojuro, sich um Senjuro zu kümmern. Soweit es ihm im damaligen Alter von 8 Jahren möglich war.
„Oh, wir möchten Shabu shabu machen!“, erzählte ihm Senjuro sofort. „Ich habe schon soweit alles rausgeholt, es muss nur noch klein geschnitten werden!“
„Dann lass uns das gleich mal machen. Okaa-san hat mir erzählt das Otoo-san joggen ist? Er hat dann bestimmt riesigen Hunger!“
„Er wird bestimmt nur das Gemüse essen wollen.“ Sein jüngerer Bruder verdrehte ein wenig die Augen, wobei er Kyojuro an ihre Mutter erinnerte. „Er ist so seltsam drauf, Aniue!“
„Liegt wohl am Alter“, flüsterte er Senjuro zu, was diesem ein Kichern entlockte.
Das Lächeln ihrer Mutter zeigte Kyojuro, dass sein Flüstern dennoch nicht leise genug war. Ein Tadel blieb jedoch zu seinem Glück aus.
Obwohl ihn das Kochen genauso sehr an Mitsuri erinnerte, wie beinahe alles in seinem Leben, fühlte er sich in seinem Elternhaus ein wenig leichter. Als wäre eine Bürde von seinen Schultern genommen worden. Kyojuro konnte sich einfach auf die gemeinsame Zeit mit Senjuro und seiner Mutter konzentrieren, während sie die Auswahl an Gemüse und Fleisch in passende Größen zerschnitten.
Senjuro erzählte von der Schule, stolperte über seine eigenen Worte, wenn er über die gemeinsame Zeit mit seinen Freunden oder seinen geleisteten Noten sprach. Früher war sein Bruder sehr viel ruhiger und schüchterner geworden, Kyojuro freute sich also zu sehen, wie er immer mehr auftaute.
Als ihr Vater zurückkehrte, hörte man ihn, bevor man ihn sah. Er ächzte und keuchte eindeutig. Kyojuro sah besorgt in die Richtung des Flurs, aber sowohl sein Bruder, als auch seine Mutter schienen unbeeindruckt.
„Ich bringe ihm Wasser“, kündigte Senjuro an, bevor er auch schon verschwand.
Kyojuro hörte, wie er ihren Vater begrüßte und direkt über seinen Besuch in Kenntnis setzte.
„Wie geht es dir, Schatz?“ Seine Mutter berührte ihn sanft am Unterarm. Er hatte sich die Ärmel hochgekrempelt, damit sie ihm nicht in die Quere kommen würden. „Und bitte die ungeschönte Wahrheit.“
Kyojuro spürte das Zittern in seiner Stimme, bevor er sie hörte. „Es ist schwer“, flüsterte er leise. Seine Schultern zuckten hilflos. „Aber heute ... ist es besser.“
„Das freut mich zu hören. Ich bin sicher, dass du gestern viele Nachrichten und Anrufe erhalten hast, aber bitte tu mir den Gefallen und schalte dein Handy nicht aus. Ich war besorgt.“
Sein Gesicht fühlte sich warm an. Nicht aufgrund von Scham, sondern wegen der Schuldgefühle. „Ja, ich ... tut mir leid.“
„Du musst dich nicht entschuldigen. Ich verstehe das Kyojuro, ich möchte nur nicht das du vergisst, dass es immer noch Menschen gibt, die dich lieben und sich Sorgen machen. Gerade an speziellen Tagen.“
Kyojuro wusste das, auch wenn er es gestern komplett ausgeblendet hatte.
„Ich habe jemanden geschlagen“, entfloh es ihm plötzlich beschämt. Er musste nicht zu seiner Mutter sehen, um zu wissen wie überraschend diese Aussage für sie kam. „Einen Bekannten. Ich bin ihm zufällig begegnet, als ich ein paar Sachen einkaufen war“, fing Kyojuro an zu erzählen. „Er hat ein paar echt ... fiese Dinge gesagt und dann ... ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“
Er fühlte, wie seine Mutter damit anfing ihm ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Obwohl Kyojuro sein Haar immer noch hochgesteckt trug, saß es nicht mehr so perfekt wie heute früh noch. Das kam wohl davon, wenn das Haar nach dem Duschen trocknete und sich nicht halten lassen wollte.
„Emotionen sind manchmal schwer zu regulieren. Was ist nach dem Schlag passiert?“
Kyojuro biss sich auf der Unterlippe herum, bevor er weiterredete. „Ich habe ihm einen kleinen Beutel mit Eiswürfeln besorgt und wir saßen auf einer Bank. Er meinte, er hätte mich provoziert.“ Er runzelte ein wenig die Stirn. „Und dass er sich von mir ein weiteres Mal schlagen lassen würde, wenn ich es brauche. Was definitiv nicht passieren wird.“
Als er es doch endlich wagte seine Mutter anzusehen, trug diese ein Schmunzeln auf den Lippen.
„Ich glaube“, fing sie dann an zu sprechen. „Das er dir auf seine Art und Weise helfen wollte, weil er gesehen hat, dass es dir nicht gut ging. Auch wenn ich besser nicht wissen will, was er gesagt hat.“
„Nein, dass willst du definitiv nicht.“ Es war im Grunde das komplette Gegenteil von dem, was seine Mutter ihn stets gelehrt hatte.
Das Thema fand ein jähes Ende, als Senjuro mit ihrem Vater im Schlepptau zurückkehrte, welcher ein wirklich rotes Gesicht hatte.
„Wow, sieht aus als hättest du Sonnenbrand, Otoo-san!“, rutschte es Kyojuro prompt belustigt heraus.
Er wurde daraufhin zwar mit Blicken erdolcht, aber sowohl Senjuro, als auch ihre Mutter lachten leise.
~ * ~
Pink_Warrior: [14:17 Uhr] Wie frage ich jemanden nach einem Date?
Pink_Warrior: [15:01 Uhr] ... wie geht es dir heute eigentlich?
SweetPotato: [17:22 Uhr] Mir geht es gut soweit
SweetPotato: [17:23 Uhr] Aber ich weiß nicht, ob ich der richtige Ansprechpartner für deine andere Frage bin
Pink_Warrior: [17:31 Uhr] Na ja, du warst ja mal verlobt, also bist du definitiv zum daten gekommen
SweetPotato: [17:33 Uhr] Nun ... einfach fragen?
Pink_Warrior: [17:33 Uhr] Wie romantisch
SweetPotato: [17:35 Uhr] Wusste nicht, dass es dir um Romantik geht
Pink_Warrior: [17:36 Uhr] Geht es mir auch nicht. Ich will nur nicht als Idiot dastehen
SweetPotato: [17:38 Uhr] Dann frag ihn einfach allgemein nach einem Treffen?
SweetPotato: [17:39 Uhr] Musst es ja nicht gleich als Date labeln
Pink_Warrior: [17:41 Uhr] Das ist ... zumindest ein Ansatz
Pink_Warrior: [17:41 Uhr] Danke
SweetPotato: [17:43 Uhr] Dank mir lieber nicht zu früh
~ * ~
Als er zum Abend zurück nach Hause kam, fanden sich zwei Blumen an seiner Tür.
Wie am Tag zuvor, waren sie mit Klebeband befestigt, dieses Mal handelte es sich jedoch nicht um die Amaryllis. Eine von ihnen war außen sonnig gelb und färbte sich nach innen orange, die andere war eine Mischung aus dunklen pink und einem so zarten rosa, dass es beinahe weiß aussah.
Kyojuro löste sie von seiner Tür, schloss auf und nahm sie mit nach drinnen. Ohne groß einen Gedanken darüber zu verschwenden, stellte er sie zu der Amaryllis ins Wasser. Er machte ein Foto mit seinem Handy und suchte nach der Blumenart.
*Dahlien.
Kyojuro legte sein Handy weg und begutachtete die Blumen im gläsernen Behälter. Er musste morgen wirklich mit seinen Kollegen sprechen. Zwar hatte er nichts gegen Blumen, aber es war nicht notwendig ihm täglich welche an die Tür zu kleben.
Andererseits war es vermutlich als tröstende Geste gedacht.
Und wenn sein Tag nicht ganz so von Trauer zerfressen war, dann war es das auch. Ein wenig aufmunternd.
Wie ein einzelner Sonnenstrahl direkt ins Herz.
Kapitel 6
Warten ist schmerzhaft.
Vergessen ist schmerzhaft. Aber nicht zu wissen,
was davon man tun soll,
ist das Schlimmste.
– Paulo Coelho
Kyojuro war über den alltäglichen Trott froh, den er ab Montag wieder vor sich hatte. Er dachte nicht viel nach, stand auf, wenn sein Wecker klingelte, machte sich im Badezimmer fertig für den Tag und bereitete sich in der Küche Frühstück und eine Bento-Box vor. Nur ganz kurz schweiften seine Gedanken wieder zu Mitsuri, immerhin war dies einst ihr gemeinsamer morgendlicher Ablauf gewesen.
Es fühlte sich jedoch nicht mehr ganz so schlimm an, wie er es normalerweise kannte.
Weniger ermattend und niederschlagend.
Er hatte genug Zeit, um seinen Kaffee zu trinken und sein Frühstück zu verschlingen. Draußen wurde er von den warmen Sonnenstrahlen des Morgens begrüßt und sein Blick wanderte instinktiv an seiner Haustür auf und ab.
‚Keine Blumen.‘
Kyojuro schwang sich auf sein Fahrrad, wie es normal bei solch angenehmen Temperaturen für ihn war und radelte geradewegs zur Schule.
Um die Uhrzeit, zu welcher er ankam, war noch nicht viel los. Er begrüßte Urokodaki, welcher den Hof vor dem Gebäude kehrte. Nicht das Kyojuro überhaupt sah, was er dort wegkehrte, aber wer war er dem Schul-Hausmeister zu sagen, was er zu tun hatte?
Sobald sein Fahrrad gesichert abgestellt war, ging er nach drinnen und auf direkten Wegen zum Lehrerzimmer. Der Geruch von frisch gebrühten Kaffee lag in der Luft, es gab kaum etwas das er mehr mit diesem Raum verband, als diesen Duft.
„Guten Morgen!“, rief er überschwänglich hinein.
„Oh- Autsch! Mist! Kyojuro!“, brüllte Sanemi ihn prompt an.
Vor Schreck war dieser wohl zusammengezuckt, wodurch Kaffee über den Tassenrand auf seiner Hand gelandet war. Kyojuro sah wie sich der untere Ärmel des weißen Hemdes ein wenig braun färbte.
„Ups.“ Schuldbewusst strahlte er Sanemi dennoch entgegen.
Der Mathelehrer murmelte Sachen vor sich hin, die Kyojuro besser nicht hören sollte, schien ansonsten aber kein Interesse daran zu haben ihn zusammen zu stauchen. Das war durchaus überraschend, da Sanemi sonst keine Gelegenheit dazu ausließ, irgendjemanden anzuschreien.
„Du scheinst ja gut drauf zu sein, Kyojuro.“
„Guten Morgen Tengen“, begrüßte er den außergewöhnlichen Kunstlehrer.
Außergewöhnlich deshalb, weil er stets versuchte Sprengstoff in seinen Farben unterzumischen, um ein explosives Erlebnis aus seiner Kunst zu machen. Mittlerweile geschah das immer seltener, worüber Kyojuro sehr erleichtert war.
„Hast du das Wochenende gut überstanden?“
Kyojuro dachte prompt daran, wie er Akaza geschlagen hatte. „Ja, ich war gestern bei meiner Familie. Mein Vater möchte fitter werden und versucht sich am Joggen!“, erzählte er ungefragt.
Tengen lehnte sich an einen der Schreibtische und nippte an seiner Tasse. Natürlich keine der stinknormalen weißen Kaffeetassen. Diese glitzerte wohin man sah und war wohl ein Geschenk seiner Frau – einer von seinen Frauen – zumindest wurde er dort als bester Ehemann beschrieben.
„Hat er das denn nötig?“, hinterfragte Tengen mit erhobener Augenbraue.
„Meiner Meinung nach nicht, nein.“ Kyojuro schüttelte ein wenig den Kopf, ehe er mit den Schultern zuckte. „Aber es wird ihn auch nicht schaden, schätze ich!“
„Hm ... wohl nicht“, murmelte der Kunstlehrer wieder in seine Tasse hinein.
Normalerweise war Tengen eher einer der Letzten, der hier ankam. Seinen Augenringen nach zu urteilen, war er wohl schon länger auf den Beinen. ‚Ich habe ihn seit der Uni nicht mehr mit solchen Augenringen gesehen ... Besser ich spreche das nicht an, sonst erzählt er mit wieder irgendwas über Gesichtsmasken und Schönheitsschläfen.‘
„Hat dich ein Kunstprojekt wachgehalten?“, fragte er nach.
Tengen grinste sogleich. „Ich versuche mich gerade in der Aktmalerei!“
‚Warum habe ich nachgefragt?‘
„Meine Frauen stehen mir gerne dafür zur Verfügung!“
„Oh ... freut mich“, erwiderte Kyojuro langsam.
„Dich würde ich auch mal so verewigen wollen, Kyojuro!“
„Ich verzichte.“
„Denk doch mal darüber nach?“
„Nein, danke.“
Tengen verdrehte die Augen und murmelte etwas über unnötig prüdes Verhalten in den nächsten Schluck seines Kaffees. Kyojuro fühlte sich davon nicht behelligt, er war es gewohnt solche seltsamen Angebote von Tengen zu bekommen. Schon in ihrem Studium war das so gewesen.
„Übrigens“, fing Kyojuro zaghaft wieder an Er wartete bis Tengen ihn wieder ansah, bevor er fortfuhr. „Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber ... du hast mir nicht zufällig Blumen an die Tür gehängt?“
„Was?“ Tengens überraschtes Gesicht war Antwort genug. Kyojuro runzelte mit der Stirn, der Kunstlehrer war sein einziger Verdächtiger gewesen. Seine anderen Kollegen würden ihn mit solchen Geschenken definitiv überraschen. „Was für Blumen?“
„Ach, ich weiß nicht.“ Er begann endlich damit seine Tasche abzustellen und sich aus der dünnen Jacke zu schälen, die er übergezogen hatte. „Gestern und auch vorgestern hat mir jemand Blumen an die Tür geklebt. Ich dachte erst, dass wäre meine Nachbarin, immerhin besitzt sie einen Blumenladen, aber sie war es nicht. Da kamst du mir als nächstes in den Sinn.“
„Interessant.“ Der nachdenkliche Ausdruck auf Tengens Gesicht verschwand recht zügig und hinterließ ein breites Grinsen. „Vielleicht hast du ja eine heimliche Verehrerin, Kyojuro?“
„Als ob.“
„Komm schon, du bist ein echt heißer Typ und ... na ja ...“
„Was ‚na ja‘?“
„Single.“
Kyojuros Herz machte einen schmerzhaften Aussetzer, als Tengen das so aussprach. Natürlich war ihm bewusst, dass dem so war. Er trug zwar nach wie vor den Verlobungsring, aber ganz offiziell ...
„Ich fühle mich nicht Single“, brachte er zwischen aufeinander gepressten Lippen hervor.
„Kyojuro ...“
„Nein, Tengen.“
Sein Kollege und langjähriger Freund seufzte schwer. Für ihn war das Thema an dieser Stelle beendet und er wandte sich konzentriert seiner Tasche zu.
„Es ist ein Jahr vergangen. Du solltest weiterleben. Das würde sie auch wollen.“
„Ich kann sie nicht einfach vergessen.“
„Niemand spricht vom Vergessen, aber ... sie kommt auch nicht zurück. Oder was sagst du dazu, Sanemi?“
„Zieh mich da nicht mit rein.“
Kyojuro kniff die Augen zusammen, einerseits froh darüber das Sanemi sich lieber raushielt – andererseits war das schon eine Zustimmung für Tengen, die man hineininterpretieren konnte, oder?
„Ich bereite mich im Klassenzimmer vor.“ Er stopfte alles in die Tasche, die er gerade angefangen hatte auszupacken. „Wir sehen uns in der Pause.“
‚Oder vielleicht auch nicht.‘
~ * ~
Pink_Warrior: [07:33 Uhr] Guten Morgen
Pink_Warrior: [07:33 Uhr] Wie bist du in den Tag gestartet?
SweetPotato: [07:38 Uhr] Guten Morgen
SweetPotato: [07:38 Uhr] Gut und dann... kam ein Kollege
Pink_Warrior: [07:39 Uhr] Uh, erzähl mir mehr!
SweetPotato: [07:40 Uhr] Warum liest sich das so begeistert?
Pink_Warrior: [07:41 Uhr] Ich freue mich einfach, wenn du etwas zu erzählen hast
SweetPotato: [07:41 Uhr] Aha
SweetPotato: [07:42 Uhr] Na ja
SweetPotato: [07:42 Uhr] Mein Kollege ist der Meinung ...
Pink_Warrior: [07:43 Uhr] Welcher Meinung ist er?
SweetPotato: [07:44 Uhr] Ich soll weiterleben
Pink_Warrior: [07:44 Uhr] Das klingt erstmal nicht böswillig?
SweetPotato: [07:45 Uhr] Es geht um meine Verlobte
SweetPotato: [07:49 Uhr] Verstorbene ... Verlobte
SweetPotato: [07:49 Uhr] Du weißt schon ...
Pink_Warrior: [07:50 Uhr] Na ja
Pink_Warrior: [07:50 Uhr] Er denkt nur an das Beste für dich, schätze ich
SweetPotato: [07:52 Uhr] Also bist du seiner Meinung?
Pink_Warrior: [07:55 Uhr] Ich bin der Meinung, dass du es verdient hast dich neu zu verlieben
~ * ~
„Guten Morgen Rengoku-sensei!“
Kyojuro war über die Ablenkung erleichtert. Sein Handy landete stumm in seiner Tasche, wo er es erstmal nicht wieder hervorkramen würde.
„Guten Morgen Agatsuma-kun. Musst du nicht am Schultor die Schüler empfangen und ihre Uniformen kontrollieren?“
Manche Regeln waren etwas anstrengend oder fragwürdig, aber sich mit Giyuu anzulegen endete auch für dessen Kollegen mit Strafen. Nicht das Kyojuro es als etwas Schlechtes ansehen würde, Zeit mit seinem Kollegen zu verbringen. Vielleicht war Giyuu ihm gegenüber auch einfach nur freundlicher gesinnt, als beispielsweise bei Tengen.
„Heute nicht“, atmete der Blondschopf erleichtert auf.
Nach diesem erschienen weitere seiner Schüler, die er allesamt begrüßte. Hier und da gab es eine kleine Unterhaltung, über das Wochenende, irgendwelcher Hausarbeiten oder Geschichten über die Familie. Kyojuro hörte jedem aufmerksam zu. Dafür war er immer ein wenig früher im Klassenzimmer und vielleicht kamen seine Schüler auch aus diesem Grund früher, als notwendig.
Sie fingen pünktlich halb neun mit dem Unterricht an – immerhin hatten sie eine neue Ära vor sich!
Für den Anfang stellte er eine kurze Zusammenfassung mithilfe eines Zeitstrahls auf, erklärte ein paar wichtige zentrale Punkte, gab bereits Hinweise darauf wann es einen Test geben würde und ging auf jede erhobene Hand ein, welche schon jetzt einige Fragen ankündigte.
Wenn Kyojuro einfach unterrichten konnte, vergaß er das ganze drumherum blitzschnell und eine Leichtigkeit kam zu ihm zurück, die er an schweren Tag so sehr vermisste.
„Werden wir uns auch über diese Dämonen-Thematik unterhalten?“, fragte Tanjiro aufgeregt.
„Dämonen?“ Insouke sprang auf seinen Tisch, die Hände zu Fäusten geballt und erhoben. „Wo sind sie!? Ich werde sie alle vernichten! Harharhar!“
„Es gibt keine historischen Belege für die Existenz von Dämonen“, beruhigte Kyojuro seine Schüler. „Und du sollst dein Hemd schließen, Hashibira-kun. Tomioka-sensei wird dir ansonsten wieder Strafarbeiten geben.“
Er war erst einmal wieder froh, dass sich sein impulsiver Schüler setzte, auch wenn das Hemd offenblieb. So konnte er sich um seine anderen Schüler kümmern, die teilweise irritiert, aber auch amüsiert wirkten. Nichts was Tanjiro jemals davon abgehalten hatte den Mund aufzumachen.
Eine sehr positive Eigenschaft, wie Kyojuro im Allgemeinen empfand.
„Aber es gibt doch Aufzeichnungen von einer Organisation, die sich der Dämonenjagd zu der Zeit verschrieben hat. Auch schon viele Jahrzehnte zuvor, aber in der Taisho-Ära wurden die Dämonen komplett ausgerottet“, erzählte Tanjiro.
Kyojuro lehnte sich gegen das Lehrerpult. „Allerdings konnte man nie die Richtigkeit jener Aufzeichnungen feststellen. Ich habe mich mit der Thematik viel beschäftigt und Historiker sind sich in vielen Punkten darin einig, dass die Aufzeichnungen viele Überschneidungen mit der damaligen Regentschaft hatten. Man vermutet eher ein fantasievolles Ausschmücken der Ära, wie eine Art Märchen.“
Tanjiro runzelte die Stirn. „Aber es gibt dich Hinweise, Rengoku-sensei. Wie dieser entgleiste Zug! Ist das nicht sogar in der Nähe hier passiert?“
„Ein entgleister Zug ist noch lange kein Beweis für die Existenz von Dämonen, Kamado-kun. Alle die befragt wurden, konnten sich an nichts erinnern, was zum Zugunglück geführt hat. Nichts über Dämonen und auch nichts über eine Organisation, die gegen jene gekämpft hat.“
Die Klasse tuschelte untereinander, was etwas ganz Normales bei so einem Thema war. Kyojuro gab ihnen einen Augenblick Zeit, um sich darüber auszutauschen.
„Wie wäre es damit; sobald wir die Haupt-Themen abgeschlossen haben, können wir uns ein paar Stunden mit der Thematik auseinandersetzen“, schlug er vor. „Vielleicht finden wir ja neue Informationen oder können sie anders deuten. Ich werde mich auch nochmal mehr darüber informieren. Wir müssen, aber den eigentlichen Stoff vorher durchbekommen.“
„Das wäre super, Rengoku-sensei!“, erfreute sich Tanjiro darüber.
Und da es keine Einsprüche gab, fügte Kyojuro das dem Zeitstrahl hinzu – auch wenn es definitiv kein Thema wäre, dass er abfragen würde.
Sobald er es hinzugefügt hatte, begann er mit dem ersten großen Thema.
~ * ~
Pink_Warrior: [15:59 Uhr] Bist du jetzt sauer?
SweetPotato: [16:13 Uhr] Natürlich nicht
Pink_Warrior: [16:16 Uhr] Puh, ich habe mir schon Sorgen gemacht
SweetPotato: [16:21 Uhr] Lass uns das Thema von heute Früh einfach ignorieren
Pink_Warrior: [16:22 Uhr] Was immer du dir wünschst
~ * ~
„Was zieht dich am Dojo an?“
Kyojuro steckte das Handy gerade weg, als er den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatte. Dort, wo das Dojo seiner Familie ihren Standort hatte. Sein Dojo, um genau zu sein.
„Es ist ein sehr hübsches Dojo, umgeben von Natur, auf einem Hügel. Es ist ein ziemlich schöner Anblick, gerade wenn die Sonne auf- oder untergeht!“
Er hatte noch nie gehört, wie jemand so über das Dojo schwärmte. Na ja ... maximal Mitsuri. Diese hatte schließlich auch immer Fotos geschossen und die Website aktuell gehalten, aber das hatte sie nur immer mal gemacht und ihr Interesse lag darin, ihm zu helfen. Bei einem Fotografen sah das sicherlich anders aus.
„Also möchtest du nur Fotos vom Dojo machen, Akaza?“, fragte er ganz direkt nach, während er an diesem vorbei ging.
„Hmhm“, summte der Fotograf. „Bisher waren keine Schüler da, also habe ich die Chance genutzt – auch wenn du mir ein wenig auf den Fotos fehlst?“
„Hä?“ Verwirrt warf er einen Blick über die Schulter.
Akaza zuckte mit den Schultern. „Du bist auch ein hübscher Anblick, Kyojuro. Vor allem mit dem Shinai. Wann kämpfst du denn mal mit einem richtigen Katana?“
„Das behalte ich den fortgeschrittenen Klassen voraus“, antwortete er. Kyojuro versuchte das Kompliment zu ignorieren, da er nicht wusste wie er darauf eingehen sollte. „Allerdings gibt es heute kein Training.“
„Schade“, schnalzte der Fotograf mit der Zunge. „Aber was tust du dann hier?“
„Ach ... ich ...“ Er schloss die Tür auf, voll und ganz darauf konzentriert, als wäre das unbedingt notwendig. „Ich trainiere auch gerne mal für mich allein.“
„Oh! Darf ich zusehen!“
„Was verstehst du unter ‚für mich allein‘ nicht?“
„Ach komm schon, ich störe auch nicht!“
Kyojuro seufzte schwer. Er versuchte gedanklich eine Ablehnung zusammen zu fügen, die so freundlich wie möglich klang.
„Sieh es doch als Widergutmachung? Für den Schlag?“
Er biss die Zähne zusammen, als er einen Blick hinter sich warf. Akaza wippte unschuldig auf den Fußballen vor und zurück. Vom Schlag war nur eine leichte Rötung zu erkennen, die man recht leicht übersehen konnte, wenn man nichts davon wusste. Selbst wenn Kyojuro versucht hätte es zu vergessen, hatte Akaza es erfolgreich aus den Abgründen seiner Erinnerungen wieder hervorgeholt.
„Na gut“, gab er nach.
„Super cool! Darf ich Fotos dabei machen?“
Akaza rückte ihm sofort ein wenig auf die Pelle. Kyojuro stieß die Tür auf und trat ins Dojo ein, um wieder Abstand zwischen sie zu bringen.
„Wenn es unbedingt sein muss ...“
„Muss es nicht, deshalb frage ich ja.“
„Was hast du mit den Fotos vor?“
„Nichts spezifisches.“ Akaza sah sich bereits im Dojo um, als gäbe es ein Rätsel zu lösen. „Wenn du willst, könnte ich sie bei meiner Social-Media hochladen!“
Kyojuro verzog das Gesicht. „Nein, lieber nicht.“
Er wusste nicht, ob Akaza bekannt war oder nicht – wenn dem so wäre, war Kyojuro nicht heiß darauf unzählige Menschen hier herumstehen zu haben, die ins Dojo wollten. Egal ob nur zum ansehen oder als Schüler, immerhin war er nur nebenberuflich Trainer hier, damit die Kampfkunst nicht in Vergessenheit geriet.
„Mach ruhig Fotos, aber bitte poste sie nirgendwo.“
„Alles klar! Du ziehst dich aber auch noch um, oder?“
Kyojuro sah an sich herunter. Er trug eben das, was er als Lehrer immerzu auswählte. Ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und eine dunkelbraune oder auch mal eine schwarze Hose. Nur im Sommer wich er von seiner Auswahl immer mal ab, wenn es wirklich zu heiß werden würde. So locker wie Tengen würde er sich niemals auf Arbeit kleiden.
„Werde ich“, antwortete er langsam. „Warum fragst du?“
„Ich mag dich in den klassischen Gewändern.“
„Du hast mich bisher nur einmal in ihnen gesehen.“
„Das hat genügt, damit ich dich darin gerne sehe.“
Kyojuro konnte das schlecht verbieten, auch wenn es seltsam war, dass Akaza es so einfach aussprach.
„Du kannst dort warten“, er deutete auf die Tür, die zu einem der Trainingsräume führte. „Ich ziehe mich um und bin dann sofort bei dir.“
„Geht klar, bis gleich Kyojuro!“
Er sah dem Fotografen nach, der sich fast wie zu Hause zu fühlen schien. Als einige seiner Worte ihm durch den Kopf gingen, schüttelte er diesen rasch. Ganz simple Komplimente und nichts, wo man etwas hineininterpretieren müsste.
