Zurückgelassen
Eine junge Schlange mit goldener Schuppenzeichnung und dunklen Augen sah mich an. Etwas in meinem Kopf regte sich. Vielleicht ein Gefühl oder so. Das letzte bisschen, was ich noch an wirklichem Gefühl hatte.
Sie sah mich durch den Maschendraht ihres Käfigs hindurch an. Etwas in ihren Augen berührte mich. Irgendwo, kaum fühlbar. Ihr Blick enthielt ja fast so etwas wie Interesse. Für mich als Menschen oder als Ninja? Ich wusste es nicht. Und eigentlich konnte es mir auch egal sein. Es war nur ein Tier, meine Güte!
„Was schaust du sie so an?“, fragte Kabuto und sah mich von der Seite an.
„Gar nicht“, antwortete ich kalt. „Ich frag mich nur, warum du sie gleich umbringen willst. Sie könnte doch ziemlich groß und stark werden, oder?“
„Sie hat den Test nicht bestanden.“
„Was für einen Test?“, fragte ich, mehr rhetorisch, und dachte: „Welche von den vielen Prüfungen, denen du jedes lebende oder tote Opfer hier unterziehst, ist es dieses Mal? Ein weiterer Versuch, die perfekte Lebensform zu züchten, eine lebendige, jedoch willenlose Waffe, von der du dir irgendwelche Macht versprichst? Aber, weißt du, Kabuto, mir kann das egal sein. Ich bin für dich doch auch nur ein weiteres interessantes Lebewesen, an dem du deine Drogen ausprobierst ... Du wirst schon sehen, wie lange Orochimaru dir das noch mit mir erlaubt.“
„Diese Schlange ist ein Missgeschick unserer Zucht. Sie ist nicht in der Lage, jemanden zu töten. Deshalb ist sie komplett nutzlos“, sagte Kabuto in demselben sachlichen, gefühllosen Tonfall wie immer. Er hielt die Spritze mit dem tödlichen, durchsichtigen Gift schon in der Hand.
Die junge Schlange blinzelte. Ihre Augen waren dunkel, mit ein klein wenig Gold darin. Warum interessierte mich das überhaupt? Es konnte mir doch egal sein, warum eine Schlange von Hunderten gerade durch den Überlebenstest gefallen war und trotzdem im Augenblick noch lebte!
Vielleicht, weil sie so stark aussah. Ihr Blick hatte etwas, das nicht gebrochen werden konnte.
Kabuto zog die durchsichtige Kappe von der Nadel ab, öffnete den Käfig und holte die Schlange heraus. Sie zischelte leise, blinzelte wieder und schob die dünne, durchsichtige Haut vor ihren perlartigen Augen vor und zurück. Irgendwas an ihr faszinierte mich. Dieses Tier war nicht wie die anderen. Vielleicht war sie experimentell nutzlos, aber trotzdem erweckte sie in mir den Eindruck irgendeiner Kraft. Obwohl ich mir andererseits nicht vorstellen konnte, worin ihr besonderer Wert bestehen könnte.
„Was ist mit dir los, Sasuke?“, fragte Kabuto und eigentlich war so ein Satz in dem Ton schon halbwegs ein Grund für mich, ihn auf der Stelle umzulegen. Aber ich brauchte seinen Stoff, die verdammten Tabletten.
„Nerv mich nicht!“
„Willst du dabei zusehen, wie ich sie vergifte?“, fragte er herausfordernd, weil ihm das kleine bisschen Gefühl, das ich für einige Augenblicke entwickelt hatte, natürlich aufgefallen war. Die Vernichtung jedes guten Gefühls in meiner Seele gehörte auch zu seinen Aufgaben.
Für einen Moment gewann die Faszination für dieses Tier, das mich so seltsam wissend ansah, die Oberhand und ich sagte etwas sehr Idiotisches: „Musst du sie denn gleich umbringen? Es könnte doch sein, dass sie irgendwas Besonderes kann.“
Kabuto lachte. „Du wirst ja wohl nicht auf den letzten Metern vor deinem Ziel noch mal zurückfallen und sensibel werden, Sasuke?“
„Nein! Ganz sicher nicht!“, fauchte ich.
„Also, warum stellst du dich dann so an?“, sagte Kabuto. Seine Augen waren eiskalt und schwarz hinter der runden Brille. Sahen meine genauso aus? Genauso gefühllos und berechnend? Möglicherweise.
„Ich könnte noch was aus ihr rausholen. Sie gleich nach dem ersten Test umzubringen, das wäre doch Verschwendung“, sagte ich.
Kabuto lächelte mich an, aber es erreichte wie immer nicht seine Augen, kam nicht mal in die Nähe. Er war so ein Heuchler! Lächelte, obwohl er es nie, niemals so meinte! Elender Energieverschwender!
Ich war wenigstens ehrlich. Und wirklich lächeln konnte ich schon lange nicht mehr.
„Dann versuch es eben. Versuche, dieser dämlichen kleinen Schlange doch noch Grausamkeit beizubringen. Bei dir ist uns das schließlich auch erstklassig gelungen.“
Darauf konnte ich keine Antwort geben. Weil ich nicht mehr wusste, ob ich je anders war. Es kam mir so vor, als wäre ich schon seit mehr als vier Jahren so.
Ich nahm die Schlange aus dem Käfig. Ihre gespaltene Zungenspitze berührte zögerlich und kitzelnd meine Haut. Ich setzte sie wieder zurück. Irgendwas daran regte mich auf.
„Ach, da ist noch etwas: Orochimaru will dich sehen“, sagte Kabuto, drehte sich um und verschwand im Dunklen.
In letzter Zeit wollte er mich öfter sehen, um sich davon zu überzeugen, welche Fortschritte ich machte. Ich wusste doch ganz genau, was er von mir wollte, das musste mir keiner sagen.
Zuerst war es kaum mehr als ein winziges Knistern in der Luft gewesen, ein feiner Haarriss im Eis, ein fast unhörbares Flüstern ohne Worte. Es ließ sich noch leicht überspielen, ich übertönte es mit lauten Gedanken und hartem Training. Doch es legte an Deutlichkeit zu, langsam zwar, aber doch merkbar. Und je deutlicher es wurde, umso härter war ich im Training, umso gnadenloser kämpfte ich im Außen meine todgeweihten Gegner nieder und trieb mich auch innerlich immer härter an.
Angefangen hatte es vor ungefähr vier Wochen, als Naruto und Sakura mich aufgespürt hatten, ich sie nach vier Jahren wieder gesehen hatte. Was für ein Mist, warum verdammt noch mal hatte ich seitdem dieses Knistern im Kopf? Ich war doch nun wirklich durch mit den beiden, durch mit Konoha und Kakashi und so weiter. Mit allen.
Ich musste einfach nur weitermachen. Dann würde ich das schon wieder vergessen. Vergessen, wegschieben, meinen permanenten Plan absolut fokussieren, ich tat doch sowieso nichts anderes als das.
Doch dieser Haarriss im Eis, er blieb. Und er wurde länger, das Knistern und Flüstern lauter. Es war kein wörtliches Flüstern mit irgendeinem Inhalt. Nur tonloses Hauchen wie ein Luftzug.
„Was soll das?“, fragte ich leise, gegen die Wand meines Zimmers, wo ich auf meiner Schlafliege lag. „Geh weg, verdammt, du nervst!“
Und da merkte ich, dieser flüsternde Riss gehörte gar nicht zu Naruto oder Sakura. Er blieb, auch als ich daran dachte, dass mich mit Sakura nichts verband. Dass Naruto sich selbst einfach so zu meinem „Freund“ erklärt hatte, ohne mich wirklich zu kennen. Dass die beiden nur zwei Figuren meiner Vergangenheit waren.
Der Riss blieb.
Gehörte er etwa zu Itachi? Aber warum sollte sich da etwas verändert haben? Er und ich, das war klar, unmissverständlich klar. Es gab keinen Grund, daran zu zweifeln oder so ein seltsames Gefühl dabei zu haben.
Es wurde Abend, ich war nur kurz draußen gewesen, kam gerade wieder rein, und als ich mich auf den Weg zu meinem abendlichen Training machen wollte, fiel mir auf, dass es ungewöhnlich ruhig war. Ich musste vor dem Training noch zu Kabuto, er hatte vor einer Weile ein neues Aufputschmittel für mich entwickelt und ich sollte es vor dem Kämpfen einnehmen. Aber ich kam sowohl an Orochimarus Räumen, als auch an Kabutos Labor vorbei, ohne irgendetwas zu hören. Es war komplett still und das einzige Licht kam von den Kerzen an den Flurwänden.
„Kabuto?“, fragte ich laut. „Bist du da?“
Keine Antwort.
Ich machte mich auf den Weg zum Verließ Nummer Eins und dessen Arena, doch selbst da war es still. Die Zellen waren leer, ich fand nur ein paar letzte Tote in ihnen vor. Es konnte doch nicht sein, dass ich nicht mitbekommen hätte, wenn alle weitergezogen wären zum nächsten Versteck? Orochimaru hätte mir, seinem wichtigsten Experiment, seinem nächsten Körpergefäß, doch ganz sicher Bescheid gesagt, wenn er vorgehabt hätte, in eine neue unterirdische Höhle umzuziehen!
Verdammt, was zum wortwörtlichen Henker war hier los?!
„Wollt ihr mich verarschen?!“, rief ich.
Niemand antwortete.
Ich lief zurück zu meinem Zimmer, schaute auf dem Rückweg noch mal bei Kabutos Labor ins Fenster, aber er war immer noch nicht wieder da. Verdammt, ich brauchte die Pillen!
„Kabuto!“, rief ich noch mal. „Wo steckst du?!“
Ich spürte, wie sich in mir schon das erste Kribbeln eines Entzugs ausbreitete. Derzeit bekam ich drei Mal am Tag meine Dosis, und wenn Kabuto mal nicht da war, dann gab Orochimaru sie mir selbst.
Diese verdammte Totenstille machte mich wahnsinnig und ich entschied, mir meinen Stoff selbst zu holen. Ich trat einfach die Tür des Labors ein.
Es war dunkel und leer. Nicht nur war kein Kabuto da, auch die meisten Präparate und sämtliche Versuchstiere in den Käfigen waren weg. Es sah wirklich so aus, als wären alle abgehauen und hätten ihren Kram mitgenommen.
In der Ecke stand ein Mülleimer mit Deckel. Und der bewegte sich. Vielleicht war irgendeine Ratte drin? Ich suchte erst mal nach den Pillen, doch alle Schränke waren absolut leer. Fuck!!
Das Einzige, was nicht leer war, war der Mülleimer mit der Ratte oder so darin. Ich ging hin, wollte die Ratte killen und dann die anderen Räume durchsuchen. Ich brauchte meinen Stoff!
Als ich den Deckel hochnahm, lächelte mich die blöde Schlange an. Genau die, die ich vorhin in einem dämlichen Anflug von Sentimentalität vor Kabutos Gift gerettet hatte. Und ja, sie lächelte. Eindeutig.
„Sa!“, fiepste sie. „Hallo.“
„Was?!“, entfuhr es mir.
„Nee!“, sagte sie und ihre Besonderheit stellte sich als bloße Fähigkeit, Sprechen zu können, heraus. Mehr nicht? Na klasse! „Muddu nich!“
„Was?“
„Aua.“ Sie hatte eine Wunde hinten am Kopf, wie von einem kräftigen Schlag. Einem Schlag, wie ihn Kabuto ausführte, wenn ihm ein Tier nicht mal das Gift wert war. Ich nahm sie aus dem Mülleimer. Anscheinend hatte Kabuto sie doch zu erschlagen versucht, dann entsorgt und gar nicht bemerkt, dass sie noch lebte.
„Frag mich jetzt bloß nicht, warum ich dir das Leben gerettet habe! Eigentlich mache ich sowas nicht, verstanden?“
Sie sah mich nur an, blinzelte nicht einmal mehr. Vielleicht war es wirklich ihr klarer, ungebrochener Blick, der mich so sehr fasziniert hatte?
Ich nahm sie mit, sie war noch so klein, dass sie gerade in meine Hosentasche passte.
Die Stille wurde langsam eklig. Es war so still, dass ich sogar das leise Flackern der Kerzen an den Wänden hören konnte. Und meine eigenen Schritte.
Ich hasste diese Stille! Sie brachte mich, egal wie viel Zeit vergangen war, immer wieder dazu, nachzudenken, mich zu erinnern und dann die wenigen Tränen, die sich nach all den Jahren noch in meine Augen wagten, nur hinter einer unüberwindbaren Mauer aus Hass, Wut und Rachsucht einzusperren. Dass ich jetzt dieses kleine Tier dabei hatte, machte es nicht besser. Und mein zunehmender Entzug auch nicht. Ich durchsuchte Kabutos gesamtes Labor, alle Räume, doch es war wirklich alles weg. Einfach weg.
Und ich hasste nicht nur diese Stille: Ich hasste alles! Itachi. Orochimaru. Naruto. Die ganze Welt. Sogar mich selbst!
Irgendwann stand ich vor der Tür, hinter der sich jener bestimmte Raum befand, der in jedem Versteck gleich aussah: Orochimarus bevorzugter Aufenthaltsraum. Ich ging einfach hinein, ohne zu klopfen. Offensichtlich lief hier irgendwas sowieso gewaltig schief.
War das der Grund für das verdammte Knistern in mir? Dass hier irgendwas gründlich daneben ging und ich das irgendwie gespürt hatte?
„Verflucht noch eins, Orochimaru!! Wo steckst du?!“, schrie ich.
Ich betrat den Raum. Er war leer. Kein Orochimaru, kein Kabuto, und auch sonst nichts und niemand. Nur ich und ein Raum, der normalerweise vollgestellt war mit allen möglichen Sachen. Präparaten, Tinkturen, Pillendosen … Der ganze biochemische Kram, Kabutos gesamten Gerätschaften, Papiere und alle Gläser mit Medikamenten und eingelegten Tieren, alles war weg. Der Tisch war wie leergefegt, sämtliche Schränke weit offen, bis in die letzte Ecke ausgeräumt und alles, was irgendeinen Wert oder Informationsgehalt hatte, absolut weg! Nur die Abdrücke im Staub zeugten noch davon, was hier alles gestanden hatte.
Und dann schlug irgendwo über mir irgendwas in den Boden ein. Es fühlte sich an wie Mangekyou-Sharingan und Chidori gleichzeitig, eine blitzende Raumverzerrung. Es schlug ein, kam näher, und als ich schon fürchtete, dass es gleich durch die Decke brechen würde und mich dann unweigerlich traf, löste es sich wieder auf. Fast so, als hätte es mich irgendwie erkannt und sich umentschieden.
Ich konnte es nicht einordnen. Und das machte mir Angst. Ein möglicher Gegner über mir, der ähnliche Techniken beherrschte wie ich … Das war gerade das, was ich am Allerwenigsten gebrauchen konnte. Zeit, Raum und Schall: Einen kurzen Moment lang schien sich alles zu bewegen, gleichzeitig stillzustehen und dann zu verstummen. Diese Macht da oben war ziemlich groß und bedeutungsschwer, so dass sie meine an Bedeutungslosigkeit und Hass gewöhnte Seele beinahe überforderte.
Es war definitiv kein gewöhnlicher Gegner. Und selbst als ich mein Sharingan aktivierte, ich konnte ihn nicht sehen. Keine Energien, kein Chakra, nichts. Nur dieses eindeutige Gefühl, dass da oben, über dem Versteck, eine Macht unterwegs war, irgendjemand, der mich angegriffen und dann doch verschont hatte.
Das war alles gar nicht gut. Soviel wusste ich gerade noch, auch wenn der Entzug mir schon die Sinne vernebelte.
Ich lief in den nächsten Raum, und gerade, als ich die Tür öffnete, hörte ich, wie drinnen etwas Schweres zu Boden fiel und auf mich zu rollte, bis es vor meinen Füßen liegen blieb. Eine Art von Perle, faustgroß und leuchtend pink, wie ein energetischer Orb.
Ich blickte zur Decke, und das keine Sekunde zu spät: Denn dort oben schloss sich gerade vor meinen Augen, keine vier Meter von mir entfernt und mitten im dunklen Wüstensandstein, ein mitternachtsblau schimmerndes Loch, eine Art Tor, wie ich es noch nie gesehen hatte.
„Hilfe!“, fiepste die Schlange in meiner Tasche. „Was ist das?“
„Halt die Klappe“, fauchte ich. Hier stimmte etwas ganz gewaltig nicht!
Und mitten im Raum, direkt unter der Stelle, wo sich das dunkelblaue Tor soeben geschlossen hatte, lag noch etwas auf dem Boden: Eine schimmernde, meerblaue Schuppe, wohl etwa so groß wie meine Handfläche. Als ich meine Hand ausstreckte, um sie vorsichtig zu untersuchen, spürte ich einen heftigen Schlag, wie einen elektrischen Schock, gefühlte zehn Mal stärker als mein Chidori.
Der pinkfarbene, seltsame Orb lag noch drüben, und als ich diesen ebenso untersuchen wollte, reagierte auch er mit einem heftigen elektrischen Schlag.
„Was zur Hölle …?“, entfuhr es mir.
Ich ließ beide also liegen und versuchte, meine Lage gedanklich zusammen zu fassen. Ich musste ja irgendwie den Überblick behalten. Die Dinge aufzählen, die feststanden, damit ich ungefähr wusste, wie meine Lage aussah.
Erstens, ich war allein. Nur ich und eine sprechende Schlange. Zweitens, Kabutos Medikamente waren weg, alle, und ich würde ganz demnächst ziemlich eklige Entzugssymptome bekommen. Und drittens, ich hatte keine Ahnung, wo die anderen hingegangen waren.
Das mit den Medikamenten stellte mich wirklich vor ein Problem: Ich war richtig abhängig von dem Zeug. Wenn ich nicht mindestens dreimal täglich diesen Tablettencocktail bekam, den Kabuto mir gab, erwartete mich der Entzug mit totaler Leere, psychischer Unberechenbarkeit und Panikattacken. Tolle Aussichten. Nicht.
Ich lief zurück in mein Zimmer und auf dem Weg dahin spürte ich kurz ein merkwürdiges Kribbeln, das jedoch gleich wieder verschwand.
Die Schlange blinzelte mich an, mit diesem klaren, goldenen Blick, als ich sie auf mein Bett legte, um sie erst mal wieder allein zu lassen. Wenn ich schon mal alleine hier war, konnte ich doch ein bisschen herumlaufen, während ich auf den unweigerlichen Entzug wartete, der nach Kabutos Worten etwa zwei Stunden nach Abbau der letzten Einnahme begann.
Jeder meiner Schritte hallte an den Wänden wider, die Kerzen flackerten, sobald ich an ihnen vorbei ging, und warfen meinen Schatten wie ein langes, verzerrtes Tuschebild auf den Boden aus trockenem Lehm und die mit Seigaha-Muster bemalten Wände.
Ich ließ mich ziellos von meinen eigenen Schritten leiten, die auf das zweite Verließ zusteuerten, in der vagen, irrationalen Hoffnung, dort noch irgendetwas Lebendes zu finden.
Aber dort war natürlich niemand mehr. Zumindest wohl niemand, der noch lebte. Ich hätte es wissen müssen, schließlich spürte ich keine menschlichen Präsenzen mehr an diesem Ort. Ich war relativ gut darin geworden, so was zu spüren … Aber sicher war sicher. Ich stieg langsam die Stufen zwischen den Zellen hinauf und hielt unbewusst den Atem an. Das Gefängnis roch so deutlich nach Tod, nach verlorenen Überlebenskämpfen und gebrochenem Lebenswillen.
Wie oft hatte Orochimaru mich hierher zu den Gefangenen geschickt, einfach weil er keine Lust gehabt hatte, mich selbst zu trainieren!
„Bring ein paar von denen um, Sasuke. Die meisten sind bis an den Rand des Lebens ausgeschöpft, taugen also gerade noch dazu, dass du dein Schwert an ihnen übst.“ Das waren seine Worte gewesen. Und ich war ihnen gefolgt. Wie viele der Gefangenen, die zuvor unzählige Male Opfer von Kabutos Experimenten geworden waren, ich in den letzten Jahren getötet hatte, wusste ich nicht. Ich hatte nicht mitgezählt. Aber es müssen wohl Hunderte, gewesen sein, unheimlich viele. Alles durch meine Hand. Ich konnte eigentlich stolz auf mich sein, wo doch mein Schlag für die meisten von ihnen nur das gnädige Ende gewesen sein musste.
Kabuto verstand es wie kein Zweiter, ein lebendes Wesen vollkommen auszunutzen, sodass nur noch ein kaum verwertbarer Rest davon übrig blieb. Eine Art Zombie, der so gut wie nichts mehr von dem Menschen enthielt, der er war, bevor er bei uns gelandet war. Die glühenden gelben Augen dieser fast nicht mehr menschlichen Kreaturen waren ein deutliches Zeichen dafür.
Ich blieb stehen und riskierte einen vorsichtigen Blick in die nächstbeste Zelle neben mir. Dort lagen alte, zerrissene Kleider auf dem Boden, neben einer dünn mit Stroh bestreuten Fläche und einer kleinen, zerkratzten Metallschale. In die steinerne Wand waren Zeichen eingeritzt, die ich nur bei genauem Hinsehen als Schrift hätte erkennen können. Aber ich sah nicht genau hin.
Ich sah nur, dass in der hintersten Ecke der Zelle einige leblose Felle lagen, nein, es waren ganze, abgemagerte, tote Körper von kleinen Tieren. Das eine sah aus wie ein Eichhörnchen, ein anderes wie ein Hase oder ein Kaninchen. Hatte es jemand tatsächlich gewagt, sich hier Tiere mit reinzuholen und sie mit der eigenen, mageren Essensration mit durchzufüttern? Aber warum? Um sich noch ein klein wenig Gefühl, ein winziges bisschen Normalität zu bewahren?
Normalerweise hätte ich dazu irgendeine sarkastische Bemerkung gemacht, wie dumm es doch war, seine wertvolle Nahrung mit einem kleinen Tier zu teilen. Aber mir war gerade überhaupt gar nicht nach Sarkasmus und abfälligen Worten zumute.
Wo waren sie alle hin? Wie lange war diese Zelle schon leer? Hatte ich denjenigen, der versucht hat, sich dem vollständigen Zerfall seiner Gefühle durch die Haltung kleiner Waldtiere zu entziehen, längst erschlagen, oder hatte er heute mit allen anderen zusammen irgendwo hin entkommen können?
Aber warum hatte ich davon eigentlich nichts mitbekommen? Ich war doch nur draußen, ganz in der Nähe gewesen! Ich hätte es doch bemerkt, oder?
Meine Hände fingen schon anfallsweise an zu zittern, ich versuchte, ein inneres Zeitgefühl zu bekommen und spürte den Entzug jetzt immer deutlicher.
Es war besser, wenn ich von hier verschwand. Die Kreaturen, die bis heute Morgen in diesen Zellen vor sich hin vegetiert hatten, waren irgendwohin verschwunden, genau wie Orochimaru und Kabuto.
Aber wohin sollte ich gehen? Ich war mittellos, Nukenin, ohne alles.
Da fiel mir etwas ein: Orochimaru hatte noch einen Privatraum gehabt, eine Art Archiv, dem ich mich merkwürdigerweise nicht einmal hatte nähern dürfen. Vielleicht gab es dort noch irgendwas, das ich gebrauchen konnte. Eine Notration Drogen, oder sonst irgendetwas Nützliches …?
Gerade, als ich das Verließ verlassen wollte, höre ich doch noch etwas. Eine Stimme, die kaum mehr nach etwas Lebendigem klang, geschweige denn menschlich. Ohne recht zu wissen, warum, näherte ich mich der Zelle, aus der die leblose Stimme kam.
Zwei starre, gelbe Augen sahen mich an. Der Körper, zu dem sie gehören, war dunkelgrau, übersät von deutlichen Narben unterschiedlichsten Ursprungs und zudem bedeckt von etwas, das wie eine zweite, ebenso graue, zerfetzte Haut an ihm klebte. Ob es Kleidung oder wirkliche Haut war, konnte ich unmöglich sagen. Er roch nach Tod, so wie alles hier. Seine Lebensenergie war schon kaum mehr spürbar, ich war ja auch eben wirklich überzeugt davon gewesen, allein hier zu sein. Langsam streckte er eine Hand aus der Zelle, griff vergeblich nach meinem Fußknöchel, bevor die ausgezehrte, graue Hand mit den übel zerrissenen Nägeln erschöpft zu Boden sank und liegen blieb.
„Du bist wohl der Letzte“, stellte ich mit gefühlloser Stimme fest.
„… letzte …?“ Das Wort war kaum mehr als ein tonloses Röcheln.
„Sonst ist hier niemand mehr. Orochimaru und Kabuto sind weg.“
„Du … ein…sam … än…dern …“ Sein Gehirn und seine Lunge schienen derartig in Mitleidenschaft gezogen zu sein, dass er wohl kaum mehr als diese halben Sätze bilden konnte. Dieser Mann, oder was auch immer das einmal war, hatte keine Chance mehr. Nicht mal die berühmte Tsunade hätte ihm noch helfen können.
Ich griff nach Kusanagi.
„… F…flieh … du … lebst … n…noch …“
„Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber innen bin ich längst tot“, antwortete ich.
„… N…noch … Plä…ne … Z…zu…kunft …“, flüsterte er.
„Meine Pläne gehen dich nichts an. Du bist am Ende. Ich kann dir nur helfen, dass es schneller geht.“
Ich zog Kusanagi, es sprang von ganz allein und schlug mit demselben Blitz zu wie immer.
Aber dieses Mal konnte ich nicht hinsehen. Weil der, dessen Kopf ich mit einem dumpfen Geräusch auf die Steine fallen hörte, und dessen dunkles Blut auf dem kalten Boden einen nach Eisen und Rost riechenden See bildete, zuvor mit mir gesprochen hatte. Und mir mit seinen letzten Worten noch etwas hatte mitgeben wollen. Ein ergrautes Wesen, das einmal ein Mensch war, diese Hölle hier tatsächlich um ein paar Stunden überlebt hatte und in seinen letzten Worten noch versucht hatte, demjenigen einen Rat zu geben, der vor seinen Augen unzählige andere Opfer kaltblütig mit seinem absolut unbesiegbaren Schwert erschlagen hatte. Warum er noch so etwas zu mir gesagt hat, verstand ich nicht.
Jetzt war ich wirklich allein.
Mit einem Ruck schüttelte Kusanagi das beinahe schwarze Blut von seiner kalten Klinge ab, ich steckte das Schwert wieder ein, drehte mich um und ging, um nach dem Raum zu suchen, in dem ich noch nicht war.
Dieses Versteck war eines, das im Abstand von halben Jahren immer wieder benutzt wurde, und wenn man unseren Aufenthaltsort gründlich genug in der Unterwelt suchte, bekam man diesen Ort genannt. Es war sozusagen unser Hauptversteck neben Oto. Hier hatte uns einmal sogar Jiraiya gefunden. Und ein seltsamer Typ von Akatsuki, der mit Orochimaru über irgendwas verhandeln wollte. Ich kannte seinen Namen nicht, konnte mich aber noch erinnern, dass seine Schritte und jede seiner Bewegungen hölzern klangen, wie eine Marionette.
Wieder ging ich allein durch die Gänge, in denen es nichts als Kerzen, das Geräusch meiner Schritte, das tiefe Dunkel und meinen eigenen Schatten gab. Die totale Leere, während ich nach diesem einen, bestimmten Raum suchte und hoffte, dass derjenige, der alle anderen Räume hier offenbar ausgeräumt hatte, nicht dort war. Wer das war, interessierte mich erst mal nicht weiter, ich konnte es im Augenblick sowieso nicht herausfinden. Er hatte ja keine einzige verwertbare Spur hinterlassen. Nur einen Orb und eine Schuppe, die ich überhaupt nicht zuordnen konnte.
Die Leere breitete sich in mir aus, überall da, wo sonst die vielen, für mich namenlosen Medikamente aus Kabutos Chemielabor dafür sorgten, dass ich jedes gute Gefühl vergaß und mich nur auf meinen Hass konzentrierte. Je weiter mein Körper diese Stoffe abbaute, umso unruhiger wurde ich.
In absehbarer Zeit würde ich keinen Zugang zu irgendwelchen Tabletten bekommen. Ich musste also irgendwie durchhalten, über den Entzug rüber, falls dort irgendwas war. Wie eine gefährliche Brücke, ab der Mitte in dichten Nebel gehüllt, und ich hatte keine Wahl, als hinüberzugehen und das anzunehmen, was mich auf der gänzlich unbekannten anderen Seite erwartete.
Als ich die gut verschlossene Tür des besagten Raumes erreichte, schwankten meine Schritte schon ein wenig und ich spürte die sich ausbreitende Leere immer deutlicher. Spürte, wie sie mich immer weiter umfing, um mir etwas weg zu nehmen, das ich um jeden Preis brauchte. Ich verlor meine Klarheit, spürte, wie auch der klare Fokus meines Hasses sank. Es machte mir wirklich Angst, und das nicht zu knapp.
Drinnen fand ich dann auf einem massiven Schreibtisch und deckenhohen Wandregalen eine derartige Menge von Schriftrollen, Papieren und Büchern vor, dass es mich auf den ersten Blick beinahe erschlug. Hier waren sie also alle aufbewahrt, die wertvollen Informationen, von denen Orochimaru immer sprach. Die Ergebnisse seiner zahllosen Experimente und der unnachgiebigen Suche nach allem, was auch nur im Entferntesten nach Macht und ewigem Leben aussah.
Wieso stahl jemand Kabutos ganzes verräterisches Zeug, ließ aber diesen doch recht unsicher verschlossenen Raum mit sämtlichen Beweisen für Orochimarus Verbrechen vollkommen unangetastet? Warum? Es wäre doch logisch, diese Ergebnisse auch mitzunehmen!
Und ja, natürlich war mir klar, dass die Vorgänge hier schwere Verbrechen waren! Aber ich hing selbst so unrettbar tief mit drin und wollte es ja auch nicht anders.
In meinem Leben war nichts mehr gut oder auch nur halbwegs in Ordnung, also konnte es mir egal sein, wenn noch ein Loch mehr in meiner Seele war. Das Loch, das man als Mitglied einer Verbrechergruppe halt hatte. Meine Seele bestand sowieso nur noch aus Löchern. Und deshalb hatte mich auch absolut nichts und niemand retten können. Keine Sakura, kein Kakashi und auch kein Naruto. Niemand. Ich lebte nur noch, um mich an Itachi zu rächen.
Aber so lange ich jetzt nicht wusste, wo Orochimaru und Kabuto waren, und wann die beiden zurückkehren würden, wollte ich die Gelegenheit nutzen, um mir diese gewaltige Informationssammlung einmal genauer anzusehen.
Würden sie überhaupt zurückkehren? Oder waren sie von dem, der hier war, wirklich besiegt und mitgenommen worden?
Das konnte eigentlich nicht sein. Orochimaru war einer der stärksten Ninjas überhaupt und er hatte Kabuto bei sich. Die beiden zusammen waren nicht zu besiegen und schon gar nicht so schnell und einfach.
Und trotzdem: Ich hatte das sehr bestimmte Gefühl, dass ich weder den einen, noch den anderen in absehbarer Zukunft wiedersehen würde.
Meine Hände zitterten inzwischen immer stärker und als ich um den großen, hölzernen Schreibtisch herumging, um wahllos eine der Schubladen zu öffnen, stieß mein Ellbogen an einen Stapel Schriftrollen, die raschelnd neben mir zu Boden fielen und eine Staubwolke aufwirbelten. Als diese sich wieder gelegt hatte, fiel mir ein blassrotes Papiersiegel auf, das an der untersten Schublade klebte: Ich kniete mich auf den Boden, zog Kusanagi samt Hülle aus dem Gürtel und lehnte es an die Wand.
Wann auch immer Orochimaru dieses Siegel angebracht hatte, ich konnte es ganz einfach abreißen. Darunter kam ein weiteres zum Vorschein, mit der Zeichnung eines Skorpions darauf. Auch das riss ich ab, es ließ sich jedoch schwerer lösen.
Mit förmlich fliegenden Händen öffnete ich die Schublade, als es mich ohne Vorwarnung überfiel: Ein gedankenüberrollendes, laut kreischendes Geschrei, wie ein riesiger Krähenschwarm oder ein übertrieben großer Greifvogel. Intuitiv wusste ich, dass es nicht irgendwo hier im Versteck, sondern einzig und allein in meinem Kopf war, aber trotzdem hörte es sich an, als wäre hier in der Nähe ein Tier, das groß und bescheuert genug war, derartig herumzuschreien.
Was zur Hölle war das?!
Das Kreischen verstummte so plötzlich, wie es gekommen war. So, als wäre es nie da gewesen. Nein, da war etwas geblieben: ein merkwürdiges Stechen in meiner rechten Handfläche.
Doch auch das verschwand, als ich die Hand ausstreckte und in die Schublade griff, um den Inhalt herauszuholen und zu erfahren, wer die fünf Papierumschläge, die ich aus dem Dunkel ans Licht der allgegenwärtigen Kerzen beförderte, so unbedingt vor mir verstecken wollte. Mir fiel der Typ von Akatsuki wieder ein. Hatte der nicht „Sasori“ geheißen? Skorpion?
Es waren fünf vergilbte, verstaubte Umschläge mit starken Siegeln darauf, jedoch ohne Sendestempel. Ich reimte mir zusammen, dass dieser Sasori sie wohl hergebracht hatte, als er hier gewesen war. Eine Verbindung zwischen Orochimaru und Akatsuki …
Die kunstvolle, elegante Schrift auf dem Umschlag schien von diesem Sasori zu stammen, jedenfalls kannte ich sie nicht. Es war Schrift aus dem Dogo-Alphabet.
Ich versuchte, das Siegel auf dem Papier abzulösen, es ging wirklich schwer, und mir wurde klar, dass Orochimaru diese Umschläge definitiv ungeöffnet in die Schublade gelegt haben musste, denn selbst er hätte dieses Siegel nicht aufbekommen, ohne dass man das jetzt gesehen hätte. Es war noch wie neu.
Ich ließ ein wenig Chakra in das Siegel fließen, um es abzulösen. Und mein Herz, oder das, was davon noch lebendig ist, setzte einen Schlag aus vor Schreck: Durch mein Chakra wurde ein Name auf dem Papier sichtbar. Mein Name, Sasuke Uchiha, in einer ganz bestimmten Handschrift, die mir einen heißkalten Schauer über den Rücken schickte.
Diese kleine Romaji-Schrift, zusammenhängende Buchstaben, ganz gerade und zart, mit einem winzigen Herzchen über dem „i“ von „Uchiha“ und einem weiteren Herzchen am Ende! Meine Hände zitterten stärker, und ich hielt den Atem an. Denn obwohl ich diese Handschrift seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, wusste ich sofort: Es gab nur einen, der so schrieb, und nur mich und ihn, die überhaupt noch wussten, dass er manchmal wirklich diese Herzchen als I-Punkte verwendete: Itachi.
Mindfuck
Reglos, zuerst vollkommen bewegungsunfähig, hielt ich die Umschläge in den Händen, während der Entzug rapide zunahm. Die Leere, das schwarze, tiefe Loch in meiner Seele, breitete sich immer schneller aus, und ich bekam Angst. Furchtbare Angst davor, endlos in die Tiefe zu fallen, mich an nichts festhalten zu können. Ich hatte mich noch nie zuvor so schrecklich gefürchtet!
Am ganzen Körper zitternd, stand ich langsam auf, drängte den aufkommenden Schwindelanfall beiseite und schaffte es gerade noch bis zur Tür. Und keinen Schritt weiter.
Der Entzug, vor dem mich Kabuto seit Jahren jeden Morgen immer auf neue gewarnt hatte, damit ich rechtzeitig aufstand und seine Tabletten schluckte, erwischte mich jetzt mit voller Wucht, zeigte mir überdeutlich meine hoffnungslose Lage auf und ließ meinen Körper unter Schüttelfrost erbeben.
Ich versuchte, mich mit der linken Hand an der Wand abzustützen, während sich meine rechte krampfhaft um die Briefumschläge mit Itachis Handschrift schloss. Meine schweißnassen Finger fanden keinen Halt an der glatten Mauer, rutschten ab und ich verlor den Halt. Gerade noch so konnte ich mich umdrehen und mit dem Rücken an die Wand lehnen, bevor ich zu Boden sank und dabei spürte, wie mein Rückgrat durch Haut und Hemdstoff an dem kalten Stein entlangschabte. Ich ließ die Briefe fallen.
Zeit verging. Ich wusste nicht, wie viel. Halbe oder ganze Stunden, keine Ahnung. Mein ganzer Körper bebte, zitterte, hatte zwischendurch einzelne Augenblicke trügerischer Ruhe, nur um dann noch schneller auf die totale, nachtschwarze Leere zuzutreiben.
Und meine Seele wirbelte ziellos umher, fand keinen Halt, keinen Weg und am allerwenigsten mich selbst. Wer war ich eigentlich? Was für ein Mensch steckte hinter dem Namen Sasuke Uchiha?
Gedankenströme, wirr ineinander fließend, gingen in jede Richtung, ohne alle Zügel, die ich ihnen auferlegt hatte.
Ich musste mich bewegen, stand langsam auf, fühlte mich wie in einem Albtraum und verließ schwankend den mit Schriften überladenen Raum. Die Briefe ließ ich liegen, ich wusste nicht mehr, was ich mit ihnen anfangen sollte.
Dann irrte ich durch die Gänge, hoffte doch noch, Orochimaru hier irgendwo zu finden und musste zwischendurch immer wieder stehen bleiben. Mir war furchtbar schwindlig, der Entzug nahm ohne Ende zu.
Irgendwann war mir wieder klar, dass ich ganz allein war. Der eine Gefangene vorhin war der Letzte gewesen. Und er war bestimmt nicht grundlos da gewesen. Man hatte ihn als Botschaft für mich zurückgelassen.
Meine Schritte, mein schwarzer Schatten, überall dieselben Gänge und einzig das Licht der Kerzen, die immer weiter herunterbrannten.
„Ich will irgendwas umbringen!“, schrie es in mir. „Wo sind diese verfluchten Zombie-Opfer, wenn man sie mal braucht?!“
Meine Faust krachte gegen die steinerne Wand, wütend, immer wieder, bis Blut auf den Boden tropfte. Mein Blut. Den Schmerz spürte ich kaum.
Die Leere wurde unaufhaltsam größer, der Entzug stärker und nirgends in diesem gottverdammten Schlangennest lag irgendwelcher Stoff rum, den ich schlucken konnte! Wer auch immer hier gewesen war, während ich draußen gewesen war: Er hatte mich gründlich aufs Trockene gesetzt.
Die Einsamkeit machte mich vollkommen fertig. Der Gedanke, zu schreien und doch von niemandem gehört zu werden …
Meine Stimme hallte laut in den endlosen unterirdischen Gängen und Hallen wider, doch alles, was mir antwortete, war ein flüchtiges Echo.
Warum war ich immer allein?
„Daran bist du wirklich selbst schuld, Sasuke Uchiha. Wer alle seine Bindungen abbricht, ist früher oder später allein. So etwas nennt man Logik. Sollte dir bekannt sein.“
Das war nicht meine Stimme, die mir da in meinem Kopf Vorhaltungen machte. Ich hatte keine Ahnung, wo diese fremde Stimme auf einmal herkam, aber das änderte nichts daran, dass sie jetzt da war.
Warum wollte ich unbedingt so allein sein? Warum war das hier mein Ziel?
Mein Grund dafür verschwamm einen Moment lang, ein paar seltsame Sekunden, in denen ich ihn fast vergaß.
In leeren Gängen ziellos umherzuirren, laut zu schreien und dabei zu wissen, dass mich niemand hören konnte, und dann in die endlose Tiefe zu fallen, weil …
Weil da keine Hand war, die mich festhalten könnte …
Was hatte ich mir davon versprochen?
Konzentration wahrscheinlich. Die vollkommene Konzentration auf mein unbedingtes Ziel, mich an Itachi zu rächen. Ich war wohl der Überzeugung, dass mich jede andere Bindung davon ablenken und meinen Hass schwächen würde.
Und eigentlich war das auch ein logischer Schluss. Im Team mit Kakashi, Naruto und Sakura ging es mir zwischenzeitlich fast schon gut. Ich hatte mich, auch wenn ich es nie zugegeben habe, bei den dreien angenommen und als Kamerad akzeptiert gefühlt, hatte Naruto sogar als meinen einzigen Freund bezeichnet, nachdem er sich mir mehr oder weniger aufgezwungen hatte.
Aber das war vorbei. Ich hatte diese Bindungen gewaltsam abgebrochen und konnte nicht mehr zurück.
Eine Stunde, zwei, dann drei vergingen. Schätzte ich zumindest.
Zuerst war ich noch eine Weile umhergelaufen, nur auf der Suche nach nichts, während die Leere des Entzuges immer mehr Besitz von mir ergriffen hatte und mein Körper wieder und wieder vom Zittern überfallen wurde. Irgendwann führten mich meine ziellosen Schritte zu meinem Zimmer zurück, vermutlich mehr zufällig, nachdem ich in den immer gleich aussehenden Gängen zuletzt die Orientierung verloren hatte.
Ich schloss die Tür hinter mir und sank an der Wand zu Boden. Die Leere fraß mich fast auf. „Ich kann nicht mehr!“, dachte ich. „Wo ist Kabutos verdammtes Drogenzeug?!“
Die Schlange schlief tief und fest. Aber ich brauchte Ablenkung, irgendwas, um das sich meine sinnlos kreisenden, wirbelnden Gedanken kümmern konnten.
Die Briefe. Sie lagen noch im Schriftenzimmer. Briefe von Itachi!
Aber was war das für ein Jutsu, dass sich mein Name auf den Briefen nur durch mein eigenes Chakra gezeigt hatte? Und welchen Grund hatte Itachi, mir noch irgendwas zu schreiben, mit einem verdammten Herzchen hinter meinem Namen?!
Orochimaru hatte die Briefe ganz offenbar nicht öffnen können, vielleicht nicht mal gewusst, dass sie für mich waren. Er hatte sie wohl einfach in der Schublade abgelegt.
Schwankend stand ich auf, versuchte, mich an den Weg zum Schriftenzimmer zu erinnern und lief einfach los. Irgendwann würde ich schon dort ankommen.
Ich wusste gleich nicht mehr, wie lange ich schließlich danach gesucht hatte, aber irgendwann fand ich das Zimmer tatsächlich wieder. Die Briefe lagen verstreut auf dem Boden, noch genau so, wie ich sie hatte fallen lassen.
Ich setzte mich mit dem Rücken an der Wand auf den steinernen Boden und nahm den obersten Umschlag, der mit einem noch nicht allzu lange vergangenen Datum beschriftet war, in die Hand.
Das Papier, aus dem die Umschläge bestanden, war alles andere als gewöhnlich. Es war sehr fest, ockerfarben und ein wenig warm, so als würde es auf eine absolut irrationale Art irgendwie … leben. Und als ich mir den Verschluss, das Wachssiegel und die dünne Schnur, die um zwei flache Pappringe gewickelt wurde, genauer ansah, fiel mir auf, dass die Schnur aus mit schwarzer Tusche beschriebenem Reispapier gemacht war. Wer machte sich bitte die Mühe, extra Reispapier zu beschreiben, nur um es dann fest zusammenzudrehen und als Verschluss für einen Briefumschlag zu verwenden?
Es sei denn … es wäre für ein Jutsu. Ein Jutsu, um den Brief vor unerwünschten Öffnern und Mitlesern zu schützen. Damit das, was darin stand, unter Garantie nur der las, für den es auch bestimmt war. Wahrscheinlich vernichteten sich die Briefe von selbst, wenn jemand anderes sie öffnete. Solche Jutsus verwendeten Anbu-Anwärter.
Und diese Briefe waren für mich.
Meine Hände, an denen das Blut längst getrocknet war, zitterten erneut, ein kurzer Moment der Ruhe war schon wieder vorbei. Es war kalt hier und mein weißes, weites Hemd, das diesen Namen laut Kabuto (der mich bevorzugt mit seinen unbedeutenden Ansichten nervte) nicht verdiente, war viel zu offen, um mich irgendwie wärmen zu können.
Itachi hatte mir also Briefe geschrieben.
Warum? Was versprach er sich davon, wenn er mir das, was er sagen wollte, bei unserem letzten Kampf deutlich klar gemacht hatte? Reicht es ihm nicht aus, mir alles genommen, mich dann in sein Tsukuyomi geschickt und auch noch bewusstlos geschlagen zu haben? Musste er immer noch einen drauf setzen, mich völlig kaputtmachen, falls das noch möglich war? Wieso quälte er mich so sinnlos? Konnte er es nicht mehr abwarten, bis wir uns zum allerletzten Kampf wieder sahen?
Und wenn Orochimaru jetzt wirklich weg war, wenn ihn vielleicht das mitternachtsblaue Loch in der Decke an irgendeinen Ort gebracht hat, von dem er nicht hierher zurückkehren würde, hatte ich keine Chance mehr gegen Itachi. Ich spürte das Wiedersehen mit ihm näher rücken, aber ich wusste, ich war noch lange nicht stark genug, um ihm endlich, nach all den Jahren, all das heimzuzahlen, was er mit mir und unserer Familie gemacht hat.
Aber eines war sicher: Ich würde mich bestimmt kein zweites Mal so von ihm zusammenschlagen lassen! Der Stärke-Unterschied zwischen ihm und mir musste doch endlich geringer geworden sein! So extrem hart und viel, wie ich in den letzten Jahren trainiert hatte!
Fünf Briefe. Hätte nicht einer gereicht?
Ein einziger Brief, in dem Itachi mir nochmal, damit ich es auch ganz bestimmt verinnerliche, vorhielt, dass ich sein dummer, naiver kleiner Bruder war, für den er sich nicht interessierte und der ihn sowieso niemals wird besiegen können.
Aber gleich fünf? Das war selbst für Itachis Verhältnisse zu viel. Zumindest, um mir nur wieder Vorhaltungen zu machen und mir wiederholt zu versichern, wie schwach ich doch war.
Also blieb keine andere Möglichkeit, als dass etwas anders dahinter steckte. Etwas, das ich nur erfahren würde, wenn ich wenigstens den ersten dieser Briefe öffnete und las.
Als meine zitternden, mit meinem getrockneten Blut befleckten Finger die Reispapierschnur lösten, leuchtete diese sekundenlang auf, setzte eine geringe Menge an Chakra frei und wärmte den gesamten Umschlag kurz an. So ein Jutsu war ziemlich kompliziert, eindeutig zu viel Aufwand für einen Brief, in dem der Typ, den ich mal meinen großen Bruder genannt habe, mir nur wieder sagen wollte, dass ich ihn noch mehr hassen sollte, als ich es ohnehin schon tat.
Ich öffnete den Umschlag und kippte den Inhalt vorsichtig heraus. Eine ganze Menge Seiten fielen zu Boden. Jedes Blatt war engzeilig mit Itachis winziger Handschrift beschrieben. Musste er nicht langsam blind sein? Wie konnte er so klein schreiben?
Und weil es gerade sowieso nicht mehr viel schlimmer kommen konnte, fing ich dann tatsächlich an, diesen Brief zu lesen.
„Sasuke … Wenn du diesen Brief findest und sogar liest, dann bist du sicher allein. Weil nur du allein ihn öffnen kannst, und absolut niemand mitlesen soll.“
Ja, verdammt, ich war allein! Total allein! Wegen dir! Mein gesamtes Leben war eine einzige Hölle und das war ganz allein deine Schuld, Bruder!
Ich hatte also Recht. Jeder dieser Briefe wurde durch ein besonderes Jutsu geschützt, damit ich auch der absolut Einzige war, der es las.
Und ich las weiter:
„… Es hat keinen Sinn, dir jetzt zu erzählen, wie es in mir aussieht. Es interessiert dich nicht und ich habe diesen Brief auch nicht geschrieben, um dir mitzuteilen, wie es mir selbst jetzt, wenige Monate vor meinem Ende geht, Sasuke.“
„Was willst du mir dann sagen?“, schrie ich das Papier an. „Warum machst du so einen Aufwand, mir jetzt Briefe zu schreiben? Was ist so wichtig, dass nur ich es wissen darf, ausgerechnet ich, der seit Jahren nur daran denkt, dich umzubringen?“
„Ich nehme das Risiko, dir zu schreiben, auf mich, weil es eine Sache gibt, die du wirklich unbedingt wissen musst, bevor wir uns wieder gegenüber stehen. Es geht uns beide an und außer mir weiß niemand auf dieser Welt davon.
Sasuke, es tut mir furchtbar leid … aber es geht um unsere Familie.“
„Familie?!“, schrie ich, und es war mir vollkommen egal, dass ich hier saß und einen Brief anbrüllte. „So nennst du das also auf einmal? Du nennst mich, dich selbst und unsere Eltern, alle unsere Verwandten, die du ermordet hast, allen Ernstes eine Familie? Und es tut dir leid? Jetzt also, wo es bald vorbei ist?! Du entschuldigst dich ernsthaft bei mir, nachdem du erst unseren gesamten Clan ausgelöscht und mich später so zusammengeschlagen hast, dass ich über ein halbes Jahr lang im Krankenhaus lag?!“
Warum hatte ich diesen Brief geöffnet? Nur, um zu lesen, dass es meinem sogenannten großen Bruder angeblich auf einmal Leid tat, unsere Eltern und alle anderen erschlagen zu haben?!
Aber, so wütend ich auch war, irgendetwas hinderte mich daran, diesen Brief einfach zu vernichten. Ich musste weiterlesen.
„Ich bin jetzt ganz ehrlich zu dir, Sasuke: Ich finde kaum Worte, um es dir zu sagen. Vermutlich gibt es auch gar keine. Denn wer tut das schon, seinen kleinen Bruder so derartig zu belügen und zu verletzen, wie ich es mit dir in den letzten Jahren getan habe? Die Worte dafür existieren einfach nicht.
Mein Lebenswille schwindet, je näher der Tag unseres Wiedersehens rückt, und deshalb ist dieser Brief meine letzte Chance, dir endlich die Wahrheit über jenen Tag zu erzählen, an dem du deine Eltern verloren hast.“
Und welche Wahrheit sollte das sein?! Ich hab doch alles mit eigenen Augen gesehen, was gibt es da zu erklären? Glaubst du etwa, du könntest noch irgendwie rechtfertigen, dass du unsere Eltern und den ganzen Clan ermordet hast?!
In meinem Kopf breitete sich ein wilder Schwindel aus, und meine Hände zitterten so sehr, dass ich die winzigen Buchstaben nicht mehr erkennen konnte. Ob das am Entzug oder an meiner ungeheuren, mörderischen Wut auf Itachi lag, vermochte ich nicht zu sagen.
Ich legte das Blatt zur Seite, blieb auf dem Boden sitzen und starrte die Wand gegenüber an, wo sich auf einem deckenhohen Regal irgendwelche Schriftrollen stapelten.
Vorhin noch kreisten meine Gedanken unkontrolliert, aber in diesem Augenblick fühlte ich nichts als Leere. Das, was jetzt noch durch meinen Kopf ging, ließ sich jedenfalls kaum mehr in Worte fassen. Ich hatte nur das Gefühl, dass mir etwas fehlte, ohne das ich nicht leben konnte. Dass dieses Etwas vielleicht jene sogenannten Medikamente waren, war mir irgendwo bewusst, aber da sowieso nichts mehr davon da war, spielte es keine Rolle. Und ich hatte immer noch keinen Schimmer, was mich nach diesem Entzug erwartete.
Dass ich wieder ein paar Sekunden Ruhe gehabt hatte, bemerkte ich erst, als sie wieder vorbei waren, als ich erneut am ganzen Körper zitterte und das furchtbare Gefühl hatte, in eine endlose Tiefe zu fallen. Die Leere an sich war nicht mal das Schlimmste. Das waren die endlosen Gedankenkreise, die schreckliche Angst, das Zittern und dieses tiefe Fallen.
Und um diese Zustände halbwegs zu betäuben, hatte ich keine Wahl, als den Brief wieder in die Hand zu nehmen und weiter zu lesen.
„… Es tut mir leid, ich würde es dir nur zu gern ersparen, dich wieder an jenen Tag zu erinnern, aber anders geht es nicht.
Weißt du noch, Sasuke, wie ich dir an jenem Morgen wieder auf die Stirn getippt und dich auf später vertröstet habe? Du hast nie erfahren, wohin ich danach gegangen bin. Welcher Ort es war, zu dem du mich auf keinen Fall begleiten solltest. Dass es in diesem Augenblick begann, als ich aus dem Haus ging.“
Die Leere sorgte irgendwie dafür, dass ich mich deutlich an damals erinnern konnte.
An das Gefühl, das ich an jenem Morgen hatte, als ich mit Itachi im Flur unseres Hauses war und er mir so auf die Stirn geschnippt hatte. Dass ich ein bisschen beleidigt gewesen war, weil er in der letzten Zeit damals so komisch war und mich immer öfter allein gelassen hatte.
Noch ein paar Monate zuvor hatte Itachi mich überall mit hingenommen, mir Süßigkeiten gekauft, mir alle möglichen Dinge beigebracht und war einfach der beste große Bruder der Welt gewesen …
„Warum hast du das gemacht?! Die Mangekyou-Sharingan können doch nicht der einzige Grund gewesen sein! Was hat Mama dir getan, Itachi? Gar nichts! Sie hat dich doch geliebt und es sah immer so aus, als hättest du sie genau so geliebt! Warum hast du sie und Papa und alle anderen umgebracht?! Doch nicht nur wegen eines Jutsus!“
Meine Worte in diesem menschenleeren Versteck laut an die Wände zu schleudern, half mir auch nicht weiter. Aber ich konnte nicht anders. Weil meine Wut so gewaltig war, dass ich sie rausschreien musste. Sonst hätte sie mich zerrissen!
„Erinnere dich weiter, Sasuke!“ Das war wieder die Stimme in mir. „Du musst da jetzt durch. In ein paar Monaten siehst du Itachi irgendwo wieder, dann kannst du ihm all das, was dich gerade so fertig macht, zurückgeben!“
Zwei Wochen vor jenem Tag hatte er einen Streit mit Papa gehabt, ich hatte nie erfahren, worum es ging. Vermutlich um die Anbu, denn Papa hatte es ja nicht gut gefunden, dass Itachi die Truppe wieder verlassen hatte.
Ein paar Tage zuvor … da war es schon merkwürdig gewesen. Itachi war unterwegs gewesen, kam wieder und lag dann den nächsten Tag krank im Bett. Als sein kleiner Bruder habe ich mir natürlich Sorgen um ihn gemacht und Mama gefragt, was mit ihm los war.
„Du weißt doch, wie sensibel dein Bruder manchmal ist, Sasuke. Er hat sich sehr vor etwas erschrocken, deshalb geht es ihm gerade nicht gut, aber morgen ist er bestimmt wieder auf den Beinen.“ Das war Mamas Antwort und ich war damit zufrieden gewesen.
Sensibel?!
Irgendwann kurz danach musste er das abgelegt haben, diese Sensibilität. Davon war später jedenfalls rein gar nichts mehr zu sehen gewesen!
Lag irgendwo in jenen letzten Tagen unseres Familienlebens der Grund dafür, dass er alles vollkommen hatte zerstören müssen?!
Ich war hier und jetzt an einem Punkt angekommen, wo es nur noch vorwärts weiter ging. Es gab kein Halten und kein Zurück mehr. Ich hatte jetzt angefangen, diesen Brief zu lesen und musste das, was Itachis Worte mit mir machten, widerstandslos zulassen, egal wie furchtbar wütend oder traurig es mich machte.
Einen anderen Weg gab es nicht mehr. Ich konnte nicht aufhören, und wohin hätte ich gehen sollen?
Langsam, Wort für Wort, las ich weiter. Diesen Brief, Itachis Worte an mich, die ihm so wichtig zu sein schienen.
„… Ich bin von zu Hause aus tief in den Wald gegangen. Weil sich dort jemand aufhielt, den ich um jeden Preis davon abhalten musste, weiter in die Nähe des Dorfes zu kommen.
Es gab die Anzeichen, dass er dort war und ich habe mich auf die Suche nach ihm gemacht. Um ihn zu stellen und daran zu hindern, Konoha zu überfallen. Aber ich war nicht stark genug.“
„Nicht stark genug?!“, schrie ich den Brief an. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Oder denkst du etwa wirklich, dass ich dir so einen Grund noch abnehme, nachdem du das alles getan hast?“
„Jetzt lies weiter, Sasuke!“, forderte es mich innerlich auf. „Denk daran, dass Itachi sich bestimmt nicht die Mühe machen würde, dir jetzt noch etwas vorzumachen, wo sowieso bald alles vorbei ist! Da steckt irgendwas Wichtiges dahinter, also reiß dich zusammen!“
„Du hast die Wahl, mir zu glauben oder zusammen mit mir unterzugehen, Sasuke. Weil ich mich nicht mehr gegen dich verteidigen kann und werde, solltest du dich auch nach diesem Brief noch dafür entschieden haben, mich zu erschlagen. Denn ich kann und will mit diesem Schmerz und dieser Lüge nicht länger leben.“
Einmal, zweimal, immer wieder las ich diesen Absatz, versuchte vergeblich, ihn zu verstehen und endlich zu erfahren, was damals passiert war. Und doch kam zu mir durch, dass es deutlich suizidal klang. Itachi schrieb, er würde sich nicht gegen mich wehren. Dass er das auch nicht mehr könnte und wollte. Aber was zum Henker meinte er mit „Lüge“??
Ich würde derjenige sein, der Itachi besiegte. Das wusste ich seit zehn Jahren und daran würde sich auch nichts ändern.
Aber warum er mich allein überleben ließ, das wusste ich nie ganz sicher. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich nur deshalb noch lebte, damit Itachi jemanden hatte, der ihm überhaupt irgendwie gefährlich werden konnte und eine Chance hat, ihn zu schlagen.
„…ich kann und will mit dieser Lüge nicht länger leben.“
Was sollte das heißen? Dass Itachi mir noch etwas verheimlichte, etwas, das so wichtig war, dass er jetzt riskierte, mir zu schreiben? Eine Lüge, zu der die Wahrheit in diesem Brief stand? Und dass er vorhatte, sein Leben selbst zu beenden?! Oder sich von mir widerstandslos töten zu lassen?
Wieder hatte ich keine Wahl, als weiter zu lesen.
Habe ich überhaupt jemals irgendeine Wahl gehabt? Es fühlte sich so an, als hätte ich kaum eine Entscheidung meines Lebens aus meinem eigenen, freien Willen getroffen. Immer war es jemand anderes gewesen, der Bedingungen für meine Entscheidungen geschaffen hatte.
In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte nie wirklich nach meinen eigenen Entscheidungen gelebt. Alles, was ich seit jenem Tag, da war ich acht gewesen, getan hatte, war immer nur Reaktion gewesen, immer nur getrieben vom Drumherum. Und ich spürte, dass sich das ändern musste. Und, dass ich hier gerade die einzigartige Chance bekam, genau das auch zu tun: Es zu ändern.
Einen Weg zu finden, auf dem ich selbst, Sasuke Uchiha, mir folgen konnte. Nicht aus den Umständen heraus, sondern weil ich herausfinden musste, was ich, nur ich, wirklich wollte.
Der Entzug von Kabutos Drogen ließ mir endlich ein bisschen Luft. Luft zum Atmen, zum Denken, zu freien Gedanken über mich selbst. Es war, als öffnete sich ein schwarzer Schleier, der vorher wie selbstverständlich über meinen Augen gelegen hatte.
Und ich las weiter.
„Der Ninja, der damals vorhatte, Konoha zu überfallen und der die Schuld an unserem Untergang trägt, ist Orochimaru. Er hat dich jetzt aus denselben Gründen bei sich, aus denen er auch damals gehandelt hat: Wegen der Sharingan. Er wollte mich, und jetzt dich.“
Orochimaru?! Ich hielt unwillkürlich die Luft an.
Ich wusste ja, was er mit mir vorhatte und dass er meine Sharingan wollte, das musste mir wirklich niemand mehr sagen. Es war von Anfang an klar gewesen und ich hatte auch nichts dagegen gehabt. Es war mir egal gewesen.
Aber … Das war es jetzt nicht mehr. Ich hatte den Schleier weggenommen, und sah nun, dass mein dummes „Ist mir egal“ mich beinahe umgebracht hatte. Orochimaru hatte mich umbringen wollen, um sich meinen Körper zu nehmen, und ich Vollidiot hätte es beinahe mitgemacht! Nun war er weg, irgendwohin verschwunden, und ich war so verloren wie frei. Saß hier in einem Raum voll mit seinen Informationen und mit Briefen von Itachi. Es war ein durchweg eigenartiges Gefühl, der totale Mindfuck.
Orochimaru war damals in der Nähe gewesen? Itachi hat versucht, ihn daran zu hindern, ins Dorf zu gelangen? Und Orochimaru hatte ihn auch angegriffen, aber nicht ganz bekommen? Wenn das stimmte, hatte er mir das bewusst verheimlicht. Orochimaru und ich hatten jedenfalls nie darüber gesprochen, dass er vor mir schon versucht hatte, Itachi zu kriegen.
„Er wollte uns überfallen, ich wusste das und habe alles, was ich tun konnte, um es zu verhindern, getan. Aber er hat mich erwischt. Gebissen, genau wie dich. Ich konnte noch entkommen, aber ich wusste, er würde nicht wieder gehen, ohne unseren Clan zu bekommen. Er hatte sehr viele seiner Leute in der Nähe und hätte Konoha zweifellos zerstört. Es hätte viele Tote gegeben.“
Hatte ich eben wieder etwas Ruhe gehabt, so kam jetzt die nächste Welle des Entzugs. Mir wurde wieder schwindlig und Angst und Wut mischten sich in mir zu einem Gefühl kompletter Verzweiflung.
Es hatte, verflucht noch mal, Tote gegeben! Unsere Eltern und den ganzen Clan, Itachi! War es denn besser, alle umzubringen, statt Orochimaru abzuwehren? Wobei ich wusste, dass dieser nicht aufgegeben hätte. Ich kannte ihn gut genug, um sicher zu sein, dass er nicht einfach aufgegeben hätte.
Ich blieb eine Weile sitzen, legte den Brief hin und wartete ab, bis sich der Schwindel wieder halbwegs gelegt hatte, dann las ich weiter.
„Alles, was ich tun konnte, war, ihn so schwer wie möglich zu verletzen und dann … dafür zu sorgen, dass ein Aufruhr im Dorf entstand, die Sicherheitsleute für einen bestimmten Zeitraum verstärkt wachsam wurden und Orochimaru so die Chance verlor, in einem unbeobachteten Moment anzugreifen.
Ich entschloss mich dazu, ihm das Ziel, das er so unnachgiebig verfolgte, zu nehmen, damit er wieder verschwand. Es gab keine andere Wahl, damit er uns für lange Zeit in Ruhe ließ.
Aber … das, was ich getan habe … war nicht das, was du an jenem Tag gesehen hast, Sasuke.“
… Nicht?
Mein Herz tat weh, der Entzug ließ mich weiter am ganzen Körper zittern und meine Nägel gruben sich in meine Handflächen, bis mir erneut Blut von den Händen tropfte. Ich fühlte mich leer und überfordert zugleich, und sogar zu erschöpft, um wirklich wütend zu sein. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich Tränen in meinen Augen.
Es war ein stumpfes, furchtbares Gefühl. Ob es am Entzug oder an Itachis Worten lag, konnte ich nicht mehr sagen.
Und das Weiterlesen fühlte sich an wie ein Bann, der mich zwang, weil ich selbst keine Kraft mehr dafür hatte.
„Du wirst es mir sehr wahrscheinlich nicht einmal glauben, kleiner Bruder. Dazu ist es einfach zu ungeheuerlich. Ich weiß selbst nicht einmal mehr, was wirklich schlimmer ist: Das, was du glaubst oder das, was ich wirklich getan habe. Aber eigentlich geht man doch davon aus, dass man Leben retten muss, egal wie. Zu verhindern, dass jemand Unschuldiges stirbt, ist also im Grunde gut. Aber kann es das viel zu große Opfer, das dafür gebracht wurde, aufwiegen?
Ich spreche hier nicht von den Leuten in Konoha. Sasuke, ich rede von unseren Eltern, unserer ganzen Familie.
Davon, dass ich dieses Opfer bringen musste, damit niemand, keiner von ihnen, umkommt. Dass es nicht zu einem Krieg kam.
Ich könnte mich dafür umbringen, dass ich dich zum Opfer dieser Lüge gemacht habe, kleiner Bruder. Was mich daran hindert, ist nur, dass Mama und Papa es mir nie verzeihen würden, wenn ich für immer gehe und dich schutzlos zurücklasse.
Ich habe die Pflicht, dich zu beschützen, nicht nur wegen ihnen, sondern auch, weil ich es selbst will. Nur deshalb lebe ich noch.“
Was … was hieß das? Bedeutete es, dass er sich … unseren Eltern gegenüber … noch immer … verpflichtet fühlte, … auch wenn sie seit zehn Jahren tot waren? Warum schrieb er es so, als lebten sie noch? Weil er sich doch selbst nicht eingestand, dass er sie getötet hatte? Ich verstand es nicht.
„Was willst du eigentlich von mir, Itachi?! Ist dir … meine Rache so wichtig, dass du … mich nicht um sie betrügen willst, indem du es selbst tust? Aber… das hieße ja, … dass ich dir noch was bedeute?!“ Ich hatte keine Kraft mehr, diese Worte in den Raum zu schreien. Sie blieben in meinem Kopf, schrien in mir.
Ich las den ganzen Absatz ein zweites, drittes, dann sogar ein viertes Mal, und versuchte, das zu verstehen, was Itachi mir damit sagen wollte.
Er sprach von Opfern, von einer große Lüge und redete von unseren Eltern fast so, als … als würden sie noch leben …
Was bedeutete es, wenn er schrieb, dass er „dieses Opfer bringen musste, damit niemand, keiner von ihnen, umkam“? Was sollte das heißen?! Das hörte sich ja wirklich so an!
Und was … was wäre denn, … sollte es so sein?
Konnte das sein?
War es irgendwie möglich?
War das vielleicht die Lüge, von der er den ganzen Brief über sprach?
Irgendwo, am Anfang dieses Briefes, stand etwas, das dazu passen würde:
„Denn wer tut das schon, seinen kleinen Bruder derartig zu belügen und zu verletzen, wie ich es mit dir in den letzten Jahren getan habe? Die Worte dafür existieren einfach noch nicht.
Und:
„Mein Lebenswille schwindet, je näher der Tag unseres Wiedersehens rückt, und deshalb ist dieser Brief meine letzte Chance, dir endlich die Wahrheit über jenen Tag zu erzählen, an dem du deine Eltern verloren hast.“
Konnte ich diese absolut vage, schmerzende Hoffnung zulassen, dass Itachi mir in diesem Brief nichts anderes als die ganze Wahrheit schrieb? Dass es vielleicht wahr war und … an jenem Tag …
Mindfuck. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Strudel mit verschiedenen Richtungen. Drehte sich mal so herum, mal anders.
In mir tauchten Bilder auf, Erinnerungen an die Zeit früher und die Zeit danach. Ein Film meines Lebens in abgerissenen Fotostreifen. Ich als Kind, ich mit Mama und Papa und Oma Mino und Itachi und Shisui und allen anderen … ich als Schüler, ich und Kakashi, und immer wieder Naruto. Ein bisschen Sakura, sogar Ino tauchte in diesem Film auf … Und die anderen Jungs aus der Klasse. Die Chuunin-Prüfungen und mein Kampf gegen Gaara.
Und dann meine eigenen Gedanken. Meine Abkapselung von den anderen. Mein ganzes Denken, mein sogenannter Zukunftstraum, den ich „Plan“ genannt hatte. Meine Rache, die mich in die absolute Isolation geführt hat. „Ihr seid mir egal, ich hab nur meinen Plan.“
Und Naruto. Der Typ, der mir so unnachgiebig hinterher gerannt war und das wahrscheinlich immer noch tat. Ich hatte nie gecheckt, warum. Was an mir hatte ihn so sehr dazu gebracht, mich so dermaßen … seinen besten Freund zu nennen?
Und jetzt saß ich hier, ganz alleine, und ein Brief meines Bruders, den zu töten ich zu meinem Lebensziel erklärt hatte, drehte mal eben mein Leben auf links. Ich las den letzten Absatz noch mal. Was Itachi schrieb über die Verantwortung, mich zu beschützen. Und diese Formulierung, so als lebten unsere Eltern noch …
Das war zu viel.
Das nächste Blatt sah ein klein wenig merkwürdig aus. Es war von vielen runden Flecken übersät, in denen sich das Papier ein wenig wellte, wie wenn jemand Wasser darauf ausgekippt hätte.
Oder Tränen …
„Wenn ich es dir so schreibe, in einem einfachen Satz, wird es wahrscheinlich viel zu schwer für dich sein, mir zu glauben, Sasuke.
Deshalb mache ich es dir etwas … leichter. Weil es sehr, sehr, sehr wichtig ist, dass du mir jetzt glaubst und verstehst, was ich dir sagen will.
Du hast unsere Zeit davor, als noch alles in Ordnung war, doch sicher nicht ganz vergessen, oder? Immerhin war das fast deine ganze Kindheit.
Wie war ich denn damals? Ich hoffe, ich war dir ein wirklich guter älterer Bruder, schließlich habe ich mir alle Mühe der Welt gegeben und meinte es auch absolut ehrlich damit. Und, weißt du, im Grunde bin ich noch immer derselbe.
Erinnere dich bitte, Sasuke. Daran, wie ich zu Mama und Oma stand, wie ich mit dir mal tagelang durch den Wald gezogen bin, weil du unbedingt ein Onbaa sehen wolltest, und an die Wochenenden bei der Katzenoma.
Hättest du dir damals vorstellen können, dass ich jemals so etwas Furchtbares tun könnte?
Nein, oder? Du hast mich doch sogar ausgelacht, weil ich vor der einen schweren Mission damals krank wurde und tagelang nichts essen konnte.
Und ich bin nicht viel anders geworden als damals. Ich hab nur lernen müssen, mich zu verstellen. Leider bin ich zu gut darin.
Und du, mein dummer kleiner Bruder, bist darauf hereingefallen. Du konntest aber gar nicht anders, also gib dir dafür keine Schuld, hörst du?
Sasuke, denk darüber bitte nach: Hätte der, den du deine ganze Kindheit über in mir gesehen hast, seine über alles geliebte Mutter töten können? Seinen Vater, den er trotz aller Unterschiede ebenso liebte? Und hätte er seinem kleinen Bruder, dem uneingeschränkten Mittelpunkt seiner Welt, für immer die Familie nehmen können?“
Nein, verdammt, das hätte er nicht!! Aber du hast es getan! Ich hab es doch mit eigenen Augen gesehen, und du hast es zugegeben, Itachi!!
Woher ich jetzt noch die Kraft nahm, wieder die Wände anzuschreien, wusste ich nicht.
Aber, warum sollte ich das, was Itachi mir da schreibt, denn auch glauben?
Das konnte einfach nicht wahr sein, und wenn ich es glaubte, würde ich doch zulassen, dass mich diese irrationale, schemenhafte Hoffnung nur noch mehr verletzte, wenn sie wieder enttäuscht wurde. Noch mal würde ich das nicht überleben.
Ein wenig schien es so, als würde der Entzug langsam wieder abnehmen, doch ich traute der Ruhe nicht mehr. Zu oft war sie in den letzten Stunden dem furchtbaren Fallen und der schmerzhaften Leere gewichen.
Ich ließ den Brief sinken, blieb einfach sitzen, und während meine Augen leer die Wand anstarrten, drehte sich in meinem Kopf mein Leben hin und her. Wie viel Zeit so verging, dafür verlor ich das Gefühl.
Irgendwann wurde es ruhig, und ich schloss die Augen. Spürte nur die Wand an meinem Rücken und warmes Papier in meinen Händen.
Eben gerade war in meinem Kopf, vielleicht sogar in meinem ganzen Körper, etwas passiert: Ein paar Augenblicke lang war mir auf einmal alles egal gewesen, als hätte ich für einen kurzen Moment eine Pause von meinem ganzen Leben und von mir selbst gehabt.
Eine weiße, gelassene Ruhe, fast so, wie ich mir den Himmel vorstellte…
Schien so, als sei der Entzug vorbei. Und das hier war das, was danach kam.
Meinetwegen konnte es jetzt so bleiben, es fühlte sich ziemlich gut an. Jedenfalls besser als so vieles davor.
So lange ich die Augen geschlossen hielt, war alles irgendwie in Ordnung.
Aber lange konnte es nicht so bleiben. Ich musste die Augen öffnen. Weil mein verfluchtes Leben wollte, dass ich mich darum kümmerte. Es war noch nicht vorbei.
Ein, zwei Sekunden blieb ich noch so, dann öffnete ich die Augen und fand mich in Orochimarus dunklem, verlassenen Versteck wieder.
Das warme Papier in meinen Händen waren Briefe und ein einziger Blick auf sie reichte aus, damit mir alles wieder einfiel:
Das waren Itachis Briefe und er schrieb mir …
… dass unsere Eltern vielleicht noch lebten. Oder, wenn ich mich recht erinnere, schien er es sogar genau zu wissen. Dass sie lebten.
Er hatte sich bei mir entschuldigt. Für alles, irgendwie.
Ich las den letzten Absatz noch einmal. Und mir wurde endlich klar, warum er mir diesen Brief geschrieben, es mir nicht ins Gesicht gesagt hatte.
Ich hätte ihm kein Wort davon geglaubt. Hätte ihn direkt angegriffen, mit der Absicht, ihn zum Schweigen zu bringen. Ihn umzubringen.
Aber war das alles denn wirklich wahr? Konnte es sein, dass Itachi es tatsächlich geschafft hat, mich und den Rest der Welt so dermaßen zu belügen? Und wenn ja, wie hatte er das gemacht?
Der Brief war noch nicht zu Ende. Da war noch ein Blatt, halb beschrieben, das von mir gelesen werden wollte.
„Ich hätte das nicht gekonnt. Ich habe unser glückliches Leben damals, unsere Familie und unser Haus, doch genauso geliebt wie du. Es war ein Jutsu. Das umfangreichste, stärkste und furchtbarste Genjutsu, das ich je benutzt habe. Als du damals nach Hause kamst, war schon niemand mehr da, ich habe allein auf dich gewartet. Die Leichen, die du gesehen hast, die Toten in den Gräbern … Das waren alles gute Fälschungen, ein sehr komplexes Tauschjutsu. Ein geheimes Jutsu unseres Clans, das du natürlich nie kanntest.“
Was war gerade mit mir passiert, dass ich ihm das jetzt auf einmal ansatzweise glauben konnte? Ich wusste es nicht.
Aber es war so. Ich konnte den Gedanken zulassen, dass er so etwas nicht tun könnte. Dass er es nicht getan hatte.
Auch, wenn es für mich unendlich schwer zu begreifen war. So ganz bei mir angekommen war es noch nicht, … dass Mama, Papa und alle anderen irgendwo da draußen waren, und dass sie noch lebten.
Noch ohne Beweise, aber mit einer winzigen, gewissen Sicherheit, die für diesen Moment ausreichte, auch wenn ich später vielleicht wieder daran zweifeln würde. So lange, bis ich es von ihm selbst gehört hatte.
„Aber die Situation, in der wir damals waren, ließ nicht zu, dass wir alle zusammen bleiben. Unsere Eltern und Großeltern, unsere ganze Familie, mussten gehen und du musstest zurückbleiben.“
„Aber warum? Warum musste ich ganz allein zurückbleiben? Darauf bist du mir noch eine Antwort schuldig, Itachi!“ Ich flüsterte nur noch.
„Es gibt einen Ort, an dem sie sicher waren. Dort sind sie immer noch und warten, darauf, dass irgendwann alles wieder in Ordnung kommt. Wir allein kennen diesen Ort und wissen, wie man ihn erreichen und auch wieder verlassen kann.
Mama hat mir Briefe geschrieben, zwei, um zu erfahren, ob es dir und mir gut geht. Sie macht sich große Sorgen um dich, und Papa auch.
Besonders, nachdem wir uns … wiedergesehen … haben. Wie ich damals mit dir umgegangen bin, tut mir schrecklich leid. Wieder wollte ich das nicht und hatte doch keine Wahl. So lange Orochimaru handlungsfähig ist, sind wir alle in Gefahr.
Aber, wenn du das hier liest, dann muss etwas passiert sein. Er ist nicht mehr bei dir. Wurde er besiegt? Ist endlich das geschehen, woran ich fast selbst nicht mehr glauben kann?“
„Er ist weg“, dachte ich. „Aber ich weiß auch nicht, wo er ist. Aber… irgendwas war hier, und das hat ihn mitgenommen. Etwas, das sehr stark und schnell sein muss und vielleicht sogar Jutsus beherrscht, die selbst du nicht kennst.“
Alles, was ich hatte, um möglicherweise herauszufinden, wer hier war, waren der pinke Orb und die meerblaue Schuppe, die ich hier gefunden hatte.
„Sasuke, ich bin mir sicher, dass dies alles bald vorbei ist. Was danach kommt, weiß ich nicht.
Ein Teil dieser Zukunft liegt jetzt bei dir. Wenn du leben willst und es vielleicht sogar schaffst, mir das alles irgendwie zu verzeihen, könnte das einen neuen Anfang für uns alle bedeuten. Ich will nur, dass du das weißt. Weil du mir viel wichtiger bist als mein eigenes Leben. Immer schon und die ganze Zeit.
Und deshalb hab ich eine einzige Bitte an dich: Geh zurück nach Konoha, Sasuke. Ich bin sicher, dass dort noch jemand auf dich wartet. Naruto ist ein treuer Freund. Und wenn du das nicht für mich tun willst, dann tu es für dich selbst.
Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder. Ich hoffe es sehr und es ist für mich Grund genug, bis dahin weiter zu leben, egal, was dann passiert.
Ich wünsche dir alles Glück der Welt, Sasuke …
Dein dich über alles liebender großer Bruder Itachi.“
Seine Worte trafen mich fast wie Blitzschläge, und auf jeden dieser Schläge folgte ein Riss. Als hätte ich mich selbst mit Chidori getroffen. Die Wärme aus diesen Worten überschwemmte mich, innerlich mit Gefühlen, äußerlich mit Tränen.
Itachi … Er schrieb, dass er mich über alles liebte. Und das nach all dem, was mit ihm und mir passiert war! So einen selbstaufopfernden, liebevollen Bruder hatte ich doch gar nicht verdient! Ich glaubte ihm, jedes Wort von Liebe. Weil ich ganz deutlich spürte, dass er keinen Grund mehr hatte, mich anzulügen.
Verdammt, wieso hatte ich ihm damals überhaupt zugetraut, dass er das getan hat? Kannte ich ihn so schlecht, hatte ich ihm so wenig vertraut? Ich wusste doch, dass er einer der Weltbesten im Genjutsu war!
Er schrieb, ich hätte es nicht wissen können und sollte mir deshalb keine Schuld daran geben. Aber das tat ich. Ich gab mir jetzt Mitschuld an allem. Weil ich den Gedanken, ihn die ganzen Jahre für etwas gehasst zu haben, das er nicht getan hat, einfach nicht aushielt. Auch und gerade jetzt nicht.
Und im nächsten Moment war ich schon wieder unsicher, konnte den Hass der langen letzten Jahre nicht abschütteln und wurde das Bild von Itachi, wie er mich zusammen geschlagen und unter Tsukuyomi gesetzt hatte, doch nicht los.
Ich schwankte weiter, zwischen Schwarz und Weiß, Hass und Schuldgefühlen.
Ich stand auf, nahm die Briefe mit und verließ den Raum, musste mich wieder auf den Weg in mein Zimmer machen.
Die Wunden der gefühlten Schläge und die Risse meiner Seele taten schon bei den ersten Schritten weh und es hatte keinen Sinn, mir immer wieder zu sagen, dass es keine wirklichen körperlichen Verletzungen waren. Es tat einfach nur weh, als hätte ich gerade einen wirklich harten Kampf hinter mich gebracht.
Konnten Worte das, solche realen, körperlichen Schmerzen auslösen? Ja, Itachi brachte so etwas fertig. Bei ihm wusste man nie, ob einem der Körper oder die Seele weh tat.
Jedes seiner Worte hatte mich mitten ins Herz getroffen und ich war mir sicher, dass er beim Schreiben ganz genau wusste, was sein Brief mit mir machen würde. Er konnte Worte, Gedanken und Gefühle in Waffen, Verteidigungsmauern, Barrieren oder auch in Heilmittel und Linderung verwandeln. Sowohl seine eigenen, als auch die der Menschen um ihn herum.
Der letzte Teil des Briefes ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Besonders die letzten Worte.
„Ich wünsche dir alles Glück der Welt, Sasuke … Dein dich über alles liebender Bruder Itachi“
Meine Augen fühlen sich auf einmal ganz heiß an, als hätte ich zu lange in ein Feuer gesehen. Und ein heftiger Stich fährt durch mein Herz, lässt mich mitten auf dem Gang zu Boden sinken.
Runde, dunkle Flecken erscheinen auf dem Boden und ich brauche eine Weile, bis ich bemerke, dass es blutige Tränen sind. Meine blutigen Tränen. Das Zittern, das mich jetzt überfällt, hat nichts mehr mit dem Entzug zu tun.
Vier Jahre lang konnte ich nicht weinen, kein einziges Mal, und jetzt nahm es kein Ende, brach alles aus mir heraus.
Und in meinem Kopf wiederholten sich immer wieder die letzten Worte von Itachis Brief. Ich konnte seine dunkle, traurige Stimme hören, sah ihn in Gedanken vor mir, wie er den Brief an mich schrieb und sich dabei immer wieder mit dem schwarzen Ärmel seines Mantels über die Augen fuhr, damit seine Tränen nicht auf die gerade geschriebenen Worte fielen. Er hat sicher noch mehr Blut geweint als ich jetzt.
So einen lieben großen Bruder hatte ich wirklich nicht verdient!
„Es tut mir so leid, Itachi, dass ich so ein furchtbarer kleiner Bruder war!“, schrie es in mir.
Wenn er wirklich der war, als der er sich in diesen Briefen gezeigt hatte ...
Irgendwann stand ich schwankend wieder auf, konnte wegen der vielen Tränen nur verschwommen und rot verschleiert sehen, und machte mich mit den Briefen in der Hand auf den Weg zurück in mein Zimmer.
Als ich die Tür öffnete, hörte ich ein leises Zischeln und mir fiel die kleine Schlange wieder ein, die ich heute Morgen gerettet hatte. Als ich noch keine Ahnung gehabt hatte, wie sehr sich alles kurz darauf verändern würde.
„Dir nich gut geht?“, fragte sie mit großen Augen.
Wenn sie wüsste, wie froh ich gerade darüber war, jemanden sprechen zu hören, zu wissen, dass hier noch Leben war! Vielleicht sollte ich ihr doch einen Namen geben, dachte ich. Sonderlich kreativ war ich noch nie, deshalb beschloss ich nach kurzem Nachdenken, sie ganz einfach „Nagi“ zu nennen. Nagi, wie in Naginata, dem Schlangentempel aus einem Märchen meiner Kindheit.
„Nein, nicht besonders“, antwortete ich, und tief, wie ich gesunken war, hatte ich keinerlei Probleme mehr damit, jetzt ein Gespräch mit einer Baby-Schlange zu führen.
„Wieso?“, fragte sie weiter und sah mich mit diesem klaren Blick an, der ihr das Leben gerettet hat.
Wie erklärte man einer Schlange, die im Käfig geschlüpft und durch Kabutos sinnlosen Tests geschickt worden war, und die die Welt außerhalb dieses Versteckes nicht kannte, dass das Leben ein unfaires Chaos war?
Ich hatte keine Ahnung, wusste ja noch nicht einmal, wie ich mir das alles selbst erklären sollte.
Ich war Vollwaise. Und doch nicht. Ich hatte einen unglaublich liebevollen älteren Bruder. Und doch nicht. Ich hatte zwei gute Freunde. Und doch nicht.
Alles schwebte, hing in der Luft und erwartete von mir, dass ich es ordnete und wieder auf den Boden holte. Konnte ich das denn?
Wenigstens war der Entzug vorbei. Hätte ich den auch noch bewältigen müssen, noch länger, wäre ich wahrscheinlich ganz zusammengebrochen.
Was war das eigentlich für ein Zeug gewesen? Etwas, von dem man weg war, sobald man den Entzug ohne Einnahme überstanden hat? Kabuto musste sich ja wirklich verdammt sicher gewesen sein, dass ich’s sofort nahm, wenn die ersten Entzugserscheinungen auftauchten!
Orochimaru schien sich auch nie dafür interessiert zu haben.
„Mach du mal, Kabuto. Solange du mir Sasuke nicht vergiftest, kannst du ihm alles an Drogen geben, was du willst.“ Ja, das war seine Einstellung dazu.
Wo die beiden wohl gerade waren? Wer das wohl war, der sie mitgenommen und mich wissentlich zurückgelassen hatte? Der Orb und die Schuppe halfen mir nicht weiter, so lange ich nicht wusste, wem sie gehörten und wozu sie gut waren.
Aus heiterem Himmel, gerade als ich noch das Gefühl hatte, dass es mir endlich mal wieder einigermaßen gut ging, fuhr ein Blitz aus glühendem Schmerz durch das Juin an meiner Schulter.
Nagi blinzelte verwirrt, zischelte und gab einen leisen, fiependen Ton von sich, der jedoch in meinem Schrei unterging.
Das Feuer drückte mich nach unten, der Boden kam näher und ich spürte deutlich, wie sich die schwarzen Flecken über meinen Hals ausbreiteten, bis hoch in mein Gesicht und meinen Rücken hinunter.
Selbst auf die Entfernung hatte Orochimaru mich noch so weit unter Kontrolle. Aber verhindern, dass ich Itachis Briefe las, das konnte er nicht! Orochimaru hatte ja offenbar gar nicht gewusst, dass es überhaupt Briefe von Itachi waren. Ich wusste jetzt, was er wirklich getan hatte, und vielleicht merkte er irgendwie, dass er mich mit meinem Hass auf Itachi nicht mehr kriegen konnte.
Genau wie mein Bruder hatte ich auf einmal das sichere Gefühl, dass gerade etwas zu Ende ging. Eine Zeitspanne, die letzten zehn Jahre, waren vorbei und jetzt fing etwas Neues an, das aber erst aus den Trümmern des Alten aufstehen und sich selbst ordnen musste.
Meine Hand, schon halb bedeckt von den schwarzen Flecken, tastete nach dem Fluchmal, drückte mit aller Kraft darauf und versuchte so, das, was sich wie glühendes Feuer anfühlte, durch Druck zu löschen. Ich konnte mich kaum noch bewegen, alles tat weh und mir stieg schon den Geschmack von rostigem Eisen und Salz hoch, den ich schon viel zu gut kannte: Mein eigenes Blut.
Ich hörte Nagi erschrocken zischeln und fiepsen, als ich vor meinem Bett und ihr zu Boden ging, Blut ausspuckte und mir weiter die Hand auf das Juin presste, damit es … endlich, bitte, irgendwann Ruhe gab.
Ein lautes Kreischen schrillte mir in den Ohren, dasselbe wie vorhin, und dieses Mal war ich sicher, dass die Schlange es auch hören konnte. Und dann dieses Stechen in meiner rechten Handfläche, als würde ich meine Hand um die Spitze eines Kunai legen. Nagi würde es auch spüren, wenn ich sie jetzt berührte.
Und ich hatte immer noch keine Ahnung, was das eigentlich war!
So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die schwarzen Flecken und das unerträgliche Feuer wieder. Aber das Kreischen in meinen Ohren wurde immer lauter, und die Flecken und Körperschmerzen immer weniger. Bis es plötzlich wieder still wurde.
Als ich noch einmal mit der Hand nach dem Juin tastete, fühlte es sich anders an als sonst.
Ich stand auf, ging zur Kommode hinüber, in der ich meine Sachen aufbewahrte und über der ein kleiner Spiegel hing. Die Kerze davor war fast heruntergebrannt, aber ihr weniges Licht reichte noch aus, damit ich mich im Spiegel sehen konnte.
Der schwarze, runde, dreigeteilte Fleck an meinem Hals hatte sich verändert. Er hatte deutliche Lücken bekommen, in denen meine Hautfarbe wieder blass durchschimmerte, sodass es jetzt aussah wie eine halb entfernte Tätowierung. Ich erinnerte mich an früher, als Itachi nach seinem Verlassen der Anbu das Zeichen auf seinem Oberarm hatte wegmachen lassen und das hatte ähnlich ausgesehen.
Und als ich versuchte, mein Chakra fließen zu lassen, ging es ganz leicht und unabhängig, fast wie früher, bevor ich das Juin bekommen hatte. War ich also endlich frei?
Es sprach alles dafür. Orochimaru, Kabuto und die Gefangenen waren weg. Ich kannte endlich die Wahrheit über meine Familie. Und das Juin hatte nahezu seine Wirkung verloren.
Außerdem hatte ich einen wichtigen Wunsch zu erfüllen: Itachi wollte, dass ich zurück nach Konoha gehe. Ich würde tun, was er sagte. Meine Sachen packen, von hier verschwinden und versuchen, wieder in Konoha eingelassen zu werden. Weil ich meinem Bruder aus irgendeinem Grund wieder vertrauen konnte. Und weil ich bei Naruto so einiges wieder auszubügeln hatte.
Ich öffnete die erste Schublade, nahm meine wenigen Sachen heraus und legte alles neben Nagi aufs Bett. Dazu alles, was ich an Waffen und anderen Kampfmitteln besaß. Es war wirklich nicht gerade viel, aber mehr brauchte ich auch nicht. Bei meinen Jacken fand ich auch ein langes, schmales Stoffband, das ich anstelle des lilafarbenen Seils als Gürtel für Kusanagi verwenden konnte. Das Seil war Orochimarus Zeichen, er war weg und allem Anschein nach auch am Unglück meines Lebens schuld. Ich würde also ganz sicher nicht länger mit seinem Symbol herumlaufen!
„Gehen wir weg?“, fragte Nagi und blinzelte mich an.
„Ja, hier können wir schließlich nicht bleiben.“
Konoha. Der einzige Ort, an den ich mich noch wenden konnte. Derselbe Ort, der mich als Abtrünnigen abgeschrieben hatte und dessen Torwache mich wahrscheinlich nicht so einfach einlassen würde. Das Dorf, in dem meine Wurzeln waren, und irgendwie meine Heimat.
Aber wer wollte mich denn jetzt noch zurückhaben? Naruto vielleicht? Immerhin schien ich ihm wirklich viel zu bedeuten. Aber ob das nach dem, was ich zu ihm gesagt habe, immer noch so war … na, da war ich mir nicht so sicher. Auch Naruto hatte bestimmt so eine Grenze, wo man bei ihm nicht weiterkam und wo er sagte: „Nein, das war zu viel, von dir will ich nichts mehr!“ Für Sakura und Kakashi galt dasselbe.
Außerdem … offensichtlich hatten sie ja meinen Platz im Team mit diesem Typen namens Sai besetzt. Ob sie allen Ernstes dachten, dass so einer mich in irgendeiner Art und Weise ersetzen könnte? Nein, so blöd war selbst Sakura nicht. Und Naruto schon gar nicht. Oder?
Wie wäre das wohl gelaufen, wenn Kakashi dabei gewesen wäre? Ich fand es fast ein wenig schade, dass er bei so einer Sache nicht dabei gewesen war. Ob er wirklich krank war, so wie dieser Ersatz-Sensei Yamato gesagt hatte? Da musste ihn aber wirklich etwas ziemlich umgehauen haben, so gut kannte ich Kakashi. Wer das wohl wieder gewesen war?
Ich packte das lila Seil ganz unten in meine Tasche, vielleicht brauchte ich es noch als Beweis für irgendwas. Schließlich wussten die in Konoha, das es Orochimarus Zeichen war.
„Wo gehen denn hin?“, fragt Nagi und legte den Kopf schief.
„Nach Konoha Gakure. Das ist zwei oder drei Tagesreisen weg von hier.“
„Warst du schon da?“
„Das war mal meine Heimat“, antwortete ich und faltete währenddessen die dünne Bettdecke zusammen, um sie ebenfalls in meine Tasche zu packen.
„Nu nicht mehr?“
„Nein … Ich weiß nicht mal, ob sie mich da noch rein lassen. Aber noch weniger weiß ich, wo wir sonst hingehen sollten.“
„Keine Freunde?“
„Ich hatte mal welche. Als ich noch in Konoha war. Aber ob die noch was von mir wissen wollen, nach dem, was ich denen an den Kopf geworfen habe …“
„Aber versuchen?“
„Ja, wir versuchen es. Und wenn nicht, dann sehen wir uns eben nach etwas anderem um.“ Sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo das sein sollte.
Nagi blinzelte mich an. Sie war schon irgendwie … süß. Auf jeden Fall war sie das einzige lebende Wesen, an das ich im Augenblick meine Worte richten konnte und Antworten bekam.
„Also los“, sagte ich, nahm die Schlange hoch und hängte sie mir wie in so einem bescheuerten Theater um den Hals. Irgendwie musste ich sie ja tragen.
Rückkehr
Mit Tasche und Schlange ging ich die Flure entlang, die Kerzen waren fast heruntergebrannt, und als ich den Ausgang erreichte, blendete mich das Tageslicht so, dass ich mir kurz die Hand über die Augen halten musste.
Auf dem Weg zum Waldrand, der in der Ferne zu sehen war, kam ich an den äußeren Schlangenkäfigen vorbei. Wenn ich gleich verschwand, wären sie allein gelassen und niemand würde ihnen etwas zu Fressen geben. Kurzentschlossen ging ich zu den Käfigen hinüber und öffnete die Türen, eine nach der anderen.
„Los, raus mit euch! Orochimaru und Kabuto sind weg, wir sind wieder frei!“
Nagi zischelte leise und sah die anderen Tiere mit ihrem klaren, ungebrochenen Blick an, als wollte sie damit ausdrücken: „Wir leben noch, also können wir gehen.“
Und mir wurde noch einmal richtig klar: Ich war frei, konnte jetzt gehen, wohin ich wollte. Selbst, wenn es das alte Konoha war, mit den Menschen, die ich verletzt und von mir gestoßen hatte. Oder vielleicht auch Akatsuki, um Itachi wieder zu sehen und das mit ihm irgendwie in Ordnung zu bringen.
Jedenfalls schrieb mir niemand mehr vor, wohin ich zu gehen und was ich zu tun hatte. Ich konnte selbst entscheiden und mich darauf verlassen, dass ich für mich selbst verantwortlich war. Ein gutes Gefühl, auch wenn ich wusste, dass es nicht leicht werden würde.
„Tschüss, Versteck unter der Erde, Dorf hinter dem Klang!“, dachte ich. „Ich bin fertig mit dir. Durch, aus und vorbei. Du konntest mich nicht besiegen.“
Jetzt fing mein neues Leben an.
Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, ich spürte den Wind der Steppe in den Haaren und Nagi schnupperte mit ihrer Zungenspitze den Geruch der Freiheit. Es war der des Waldes, denn dort zog es mich als erstes hin.
Hatte sich das Sonnenlicht jemals so gut angefühlt? Vielleicht früher einmal, zu einer Zeit, an die ich mich kaum erinnerte. Das Licht vertrieb schon ein bisschen was vom Schatten auf meiner Seele, nur ganz wenig, aber immerhin.
Als ich den Wald erreichte, hörte ich über mir ein lautes Rauschen und einen Schrei. Ich hob den Kopf und sah, wie ein gewaltiger, roter Vogel mit langen, bunten Federn über den blauen Himmel zog, hinter sich eine schmale Spur goldenen Schimmers. So einen Vogel hatte ich noch nie gesehen, aber nach dem mitternachtsblauen Loch in der Decke wunderte mich diesbezüglich gar nichts mehr. Ich spürte nur, dass hier gerade irgendwas Wichtiges passierte, etwas, das vieles veränderte.
Ob Itachi das auch spürte? Dass etwas am Gange war? Möglich war es, schließlich wusste er unheimlich viel.
Nagi schien ein wenig Angst vor dem großen Vogel zu haben, ich packte sie also in meine Tasche, auch weil es mir ein wenig zu blöd geworden war, sie so albern um den Hals hängen zu haben.
Wie lange war es her, dass ich das letzte Mal den Weg durch die Baumkronen genommen hatte? Es kam mir sehr lange vor. In den letzten Wochen hatte Orochimaru mich kaum noch aus dem Versteck gelassen, wahrscheinlich um meinen Zustand, meine Fortschritte und damit seine Pläne ganz genau zu beobachten. Ich wusste, bald wäre es so weit gewesen. Noch gestern Morgen hatte er mit Kabuto über mich und das Jutsu gesprochen. Bevor sich alles gedreht und gewendet hatte. Wo die beiden jetzt wohl waren? Wer war es gewesen, der mich gerettet hatte?
Wieder Fragen, auf die ich keine Antworten hatte.
Es fühlte sich fast ein bisschen wie früher an, so durch die dicht belaubten Baumkronen zu fliegen. Wenn ich kurz die Augen schloss, kam es mir sogar ein bisschen so vor, als wären Naruto, Sakura und Kakashi bei mir.
Aber dann schlich sich die Kälte wieder hinein, die Erinnerung an die furchtbaren Dinge, die ich gesagt und getan hatte, auch zu ihnen. Und die Angst davor, dass sie mich nicht mehr wollten, dass ich also doch allein war.
„Da wärst du aber wirklich selbst schuld, Sasuke. Du hast die Bindungen abgebrochen, also wundere dich nicht, wenn sie kaputt sind. Und du hast es doch auch so gemeint.“
Ja, das hatte ich. Aber jetzt war alles anders und ich wollte zurück.
„Denkst du, dass das so einfach wird?“
Nein, doch es war meine letzte Chance. Ich wusste, Konoha hatte keinen Grund mehr, mir zu vertrauen, aber, verdammt nochmal, wo sollte ich denn sonst hin?
Der Wind rauschte in den Baumkronen um mich herum, fuhr durch mein weites Hemd und wehte mir die Haare aus dem Gesicht. Vor mir, am Ende des Weges durch die dicht belaubten Bäume, sah ich die rotorangenen Strahlen der Abendsonne leuchten. Mein Weg führte mich immer drauf zu, jetzt unbeirrbar und, trotz der aber an den Rand gedrängten Angst, mit einem guten, zumindest halbwegs sicheren Gefühl. Irgendwo auf diesem Weg wartete das Licht, in dem ich von jetzt an leben wollte.
Auch, wenn Konoha mich nicht mehr wollte. Wenn sie mich am Dorftor abweisen und mich wie einen Verbrecher behandeln würden. Ich würde es ein einziges Mal versuchen. Und wenn es nicht klappte? Dann würde ich wieder verschwinden, zu Itachi gehen und das mit ihm und mir in Ordnung bringen. Vielleicht, wenn er das alles wirklich nicht getan hatte und Akatsuki verlassen konnte, würde ich mit ihm weggehen, irgendwo hin, um die Sache unter vier Augen zu klären. Und vielleicht mit ihm zu leben, wo auch immer.
Hauptsache, ich wurde irgendwie glücklich. Falls das noch möglich war. Musste es doch, oder? Irgendwo da draußen musste doch noch ein bisschen Glück für einen wie mich übrig sein. Auch, wenn ich das wohl nicht verdiente.
Nach Sonnenuntergang suchte ich nach einem Ort, an dem ich einigermaßen ruhig die Nacht verbringen konnte. Ich nahm Nagi aus der Tasche, sie hob sofort den Kopf und deutete so auf einen dicken Ast schräg über mir, der am Stamm des zugehörigen Baumes breit genug war, um darauf länger bequem sitzen zu können.
Mit meiner Tasche als Rückenkissen und der Decke meinem Zimmer als Umhang baute ich mir ein provisorisches Nachtlager auf. Nagi wickelte sich, wie es sich für eine Schlange gehörte, um den Ast vor mir herum und schaute mich mit ihren klaren, schwarzgoldenen Augen an.
Irgendwann war ich wohl eingeschlafen, erschöpft wie ich war. Jedenfalls wachte ich auf, weil ich in der Nähe etwas hörte, das mir verdächtig bekannt vorkam: Eine Stimme, jemand der aufgeregt herumschrie. Die Stimme quietschte ein bisschen. Und zwar unverkennbar.
„Eeeeey, ich werd hier noch verrückt!“
Nagi blinzelte verwirrt. Genau wie ich hatte sie geglaubt, allein in dieser Gegend zu sein. Und diese Stimme da unten, etwas hoch für einen Jungen von siebzehn und so hell und laut, hätte ich auf der ganzen Welt überall wieder erkannt: Naruto!
„Wer denn das da?“, fragte Nagi.
Die Antwort auf diese einfache Frage fiel mir seltsam schwer. Ja klar, Naruto eben, aber Nagi kannte ihn ja nicht und verstand deshalb wohl kaum, warum mich die Anwesenheit dieses kreischenden Typen irgendwo da unten so aus der Fassung brachte.
„Ein Freund von früher …“, antwortete ich, wusste nicht, ob das noch wahr war und konnte meiner Schlange deshalb dabei nicht in die Augen sehen.
Sie legte den Kopf schief und blinzelte ein paar Mal, schob die durchsichtige Haut vor ihrem Auge hin und her, so als hätte das eine besondere Bedeutung.
„Wieso regst du dich so auf, Naruto?“ Das war Sakuras Stimme! Sie also auch. „Hier ist doch weit und breit keine Spur!“ Wonach sie wohl suchten?
Ich war müde. Der Entzug, das ganze Durcheinander, dann das Juin … das alles hatte mich doch ziemlich fertig gemacht und deshalb spürte ich die Energien der Chakraströme meiner alten Kameraden nur sporadisch.
„Kurai sagte doch auch, dass wir keine Spuren finden werden. Erst, wenn wir fast da sind, ist vielleicht etwas zu erkennen.“ Kakashi! Er war also auch dabei.
Die drei mussten wirklich ganz in der Nähe sein, denn ich verstand jedes Wort.
„Dieser Kurai wirkte aber nicht sehr vertrauenswürdig“, widersprach Naruto. „Vielleicht hat er uns nur verarscht oder so. Ich hab ein total schräges Gefühl bei der Sache, das macht mich kirre!“
Narutos Wortwahl, seine unverkennbare Art zu reden, ließ mich lächeln. Nagi blinzelte mich wieder an, als ob sie mir damit irgendwas sagen wollte. Aber ich verstand sie nicht. Sie musste schon sprechen, wenn sie mir irgendwas Wichtiges mitteilen wollte.
„Glaubst du, jemand würde gerade in Bezug auf Orochimaru oder die Akatsuki eine dermaßen umfangreiche Geschichte erfinden, um uns in die Irre zu führen? Nein, der meinte das ernst. Er weiß, wo das Versteck ist und wir sollen da hin gehen. Vielleicht ist Sasuke ja noch dort …“, sagt Sakura.
Sie suchten also doch wieder nach mir. Und hatten keine Ahnung, dass ich ganz in der Nähe war, sie sozusagen zuerst gefunden hatte! Und dass sie nach mir suchten, musste bedeuten, dass ich ihnen noch wichtig war.
Jetzt erst sah ich ganz genau hin, suchte nach einem Feuerschein oder andern Zeichen, die mir verraten könnten, wo Naruto, Sakura und Kakashi genau waren. Ich packte mein Lager schnell zusammen und verließ den Ast, um mich auf die Suche zu machen. Nagi verschwand wieder in meiner Tasche.
Sie schienen nicht damit zu rechnen, dass jemand in der Nähe war. Obwohl, das hätte nicht zu Kakashi gepasst. Er war immer wachsam und wenn ich nicht sofort bemerkt werden und damit ziemlich armselig dastehen wollte, sollte ich meine Chakraspuren besser gut unterdrücken. Lautlos bewegte ich mich durch das Unterholz, passte höllisch auf, um nicht wie ein blöder Anfänger auf einen trockenen Ast zu treten, und näherte mich langsam der Stelle, wo das Feuer zwischen den Sträuchern und Bäumen durchschimmerte. Mein Herz klopfte so laut, dass ich fast glaubte, sie könnten es hören.
Wie sie wohl reagieren würden? Naruto würde mir wahrscheinlich einen emotionalen Vortrag über Freundschaft halten, Sakura mich anhimmeln und Kakashi … er würde mir wohl erst mal misstrauen, so wie ich mit diesem Yamato umgegangen war. Und ich könnte es ihnen nicht mal verdenken, wenn sie so reagierten. Schließlich war ich derjenige, der ganz gewaltigen Mist gebaut hatte und jetzt auf einmal wieder angekrochen kam.
Wenigstens schien dieser Sai nicht dabei zu sein. Sollte der mir in nächster Zeit über den Weg laufen, garantierte ich für nichts. Der schien sich ja wirklich eingebildet zu haben, er könnte mich ersetzen! Und das kratzte, was weiß ich warum, ganz schön an meinem Stolz. Entweder war ich die Nummer drei in diesem Team, oder niemand! Hoffentlich sah Naruto das genauso.
Das war doch verrückt! Zuerst tat ich alles dafür, von diesem Team wegzukommen und versuchte sogar, Naruto umzubringen, aber gleichzeitig störte es mich gewaltig, dass sie offenbar versucht hatten, mich zu ersetzen, und dann auch noch mit einem Typen, der mir ähnlich sah und fast genauso gestört war wie ich!
„Was woll’n die denn, Sasu?“, unterbrach Nagis Stimme aus der Tasche meine Gedanken.
„Scht, nicht so laut, sonst hören die uns noch!“, flüsterte ich.
„Das deine Freunde?“
„Freunde … na ja, wie man’s nimmt … ob man Leute, die man mal mochte und dann krass verraten hat, Freunde nennen kann …“
„Verraten?“ Sie klang so, als würde sie das Wort und seine Bedeutung nicht mal kennen. Wie naiv! Aber … sie schien ganz zufrieden mit sich und der Welt zu sein. Konnte es sein, dass so „dumme“ Wesen glücklicher waren?
„Was hast denn gemacht, Sasu?“, fragte sie dann.
„Erzähl ich dir später, dafür haben wir jetzt keine Zeit.“
Irgendwo in der Nähe flog ein Vogelschwarm auf und ich verschwand gerade noch rechtzeitig hinter einem Baumstamm, bevor alle drei in meine Richtung schauten.
„Das waren nur Vögel, oder?“, fragt Naruto.
Mein Herz raste und selbst wenn ich mich jetzt zeigte, durfte mir das nicht anzusehen sein. Wie sähe das denn aus, wenn ich in so einem Moment Schwäche zeigte …
„Naruto, Sakura, seid mal ganz still bitte“, sagte Kakashi auf einmal. „Da scheint doch irgendwas zu sein.“
Hatte er mich etwa doch bemerkt? Ich hörte, wie Kakashi aufstand und ein paar Schritte machte, direkt auf den Baum zu, hinter dem ich mich versteckt hatte.
Jetzt bloß nicht das Gesicht verlieren, Sasuke!
Bevor er mich selbst finden konnte, atmete ich einmal tief durch, setzte einen Teil meiner zerbrochenen Fassade wieder auf und trat aus dem Schatten des Baumes.
„Du?!“ Kakashi sah wirklich überrascht aus. Er starrte mich richtig an, kein Wunder, wo Sakura doch gerade eben noch von mir gesprochen hat. Wow, ich hatte Sensei Kakashi Hatake, den Meister der Selbstbeherrschung, aus der Fassung gebracht!
„Wer ist denn da, Kakashi?“, fragte Naruto, konnte mich noch nicht sehen.
„Kein Angreifer“, sagte Sakura. „Aber vielleicht Kurai?“
Einen Moment lang war ich wie erstarrt, wusste nicht recht, was ich sagen und tun sollte, während Kakashi mich prüfend musterte und sich wahrscheinlich fragte, was ich auf einmal hier zu suchen hatte.
„Wir haben Besuch bekommen“, sagte er schließlich und trat beiseite, damit die anderen mich sehen konnten.
Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so befangen und um Worte verlegen gewesen zu sein wie jetzt. Alles, was ich herausbrachte, war nur ein idiotisches „Ich bin’s nur“, während Naruto und Sakura vor mir standen und mich wie ein neues Weltwunder anstarrten.
„S-Sasuke?” Narutos Gesicht sprach Bände. Wäre es nicht so peinlich gewesen, hätte ich darüber lachen müssen.
„W-Was willst du?“, stottert Sakura.
So schnell, wie ich nur konnte, sammelte ich meine Coolness wieder ein und antwortete: „Ihr habt mich gesucht, hier bin ich.“
Naruto starrte mich einfach nur an. Sakura dagegen sah auf einmal ziemlich wütend aus.
„Du verdammter Vollidiot ...“, zischte sie und holte dann plötzlich zu einem Schlag aus, dem ich nur knapp ausweichen konnte. Der Schlag ginge gegen einen Baum, der direkt zerbrach. Wow, sie schien ganz schön stark geworden zu sein!
„Was ist bei dir kaputt, Sasuke?! Du hast doch definitiv ‘nen Knall!“, kreischte sie und stürzte sich geradezu auf mich. Ihre Hand klatschte auf meine Wange, es tat ziemlich weh. Und um die Verwirrung perfekt zu machen, fiel sie mir dann um den Hals und drückte mich an sich.
„S-Sakura, was wird das, wenn’s fertig ist?“, fragte ich keuchend.
„Dieses Mal kommst du uns nicht davon, Sasuke Uchiha! Diesmal nicht!“, kreischte sie und erdrückte mich fast.
„Sakura, geh von ihm runter!“, mischte sich Naruto ein.
Langsam stand sie wieder auf und sah mich mit einer seltsamen Mischung aus Wut, Wiedersehensfreude und Ungläubigkeit an. Ich erhob mich ebenso und setzte mich neben das Feuer.
„Ich verlange eine Erklärung!“, sagte Kakashi.
Und wieder wusste ich nicht, was ich sagen - wie ich das Durcheinander dieses ganzen, langen Tages erklären sollte. Es war so viel passiert, dass ich den Anfang kaum wieder fand.
„Orochimaru ist weg“, begann ich schließlich. „Und Kabuto auch. Jemand war da und hat sie mitgenommen. Jemand, der ziemlich stark sein muss.“
„Das wissen wir“, sagte Naruto. „So ein Typ namens Kurai war in Konoha und hat uns gesagt, wir sollen wieder nach dir suchen.“
„Offenbar läuft gerade einiges anders, als wir es gewohnt sind. Dieser Kurai gehört zu einer Gruppe, die sich „Drachenleute“ nennt. Sie scheinen sehr stark zu sein, jedenfalls stark genug, um Orochimaru und angeblich sogar die ganze Akatsuki außer Gefecht zu setzen.“ Kakashi setzte sich wieder ans Feuer, allerdings ohne mich aus den Augen zu lassen. Er schien mich weder als Feind, noch als Teammitglied zu sehen, wohl mehr wie einen alten Bekannten, um den er sich auf einmal wieder kümmern musste. „Wir haben so einiges an völlig neuen Informationen bekommen.“
„Also, ich hab keine Ahnung“, sage ich. „Aber da war noch ein Gefangener übrig, der wollte mir irgendwas sagen.“
„Ja, Kurai meinte auch so etwas. Dass sie dir eine Botschaft da gelassen haben. Scheint so, als hätten diese Drachenleute ein großes Interesse an dir.“
„Seit wann gibt’s denn bitte Drachen?! Und was sollten die denn von mir wollen?!“
„Genau, was wollen die eigentlich von Sasuke?“, fragte Naruto.
Kakashi sah mich nur an. „Ich weiß es auch nicht genau“, sagte er dann. „Aber so, wie Kurai sich uns gegenüber ausgedrückt hat, wollen sie dich vor demselben Fehler bewahren wie wir. Und wie es aussieht, ist ihnen das gelungen.“
Ich nickte nur, es kam mir total bescheuert vor, jetzt zu sagen, dass diese merkwürdigen Drachen das wirklich geschafft hatten. Ich war hier auf dem Heimweg und das war es wohl, was sie wollten.
„Hast du im Versteck irgendwelche Spuren gefunden? Nur zur Sicherheit …“, fragte Kakashi.
Die Perle und die Schuppe! Das würde passen. Zwei Dinge, die irgendwie völlig weltfremd aussahen und mir förmlich vor die Füße gefallen sind.
„Ich hab zwei Sachen gefunden, konnte sie aber nicht mitnehmen. Ein pinker Orb und eine blaue Schuppe.“
„Aber gesehen hast du nichts?“
„Nein. Wobei, da war ein merkwürdiges, dunkles Loch in der Decke. Diese Typen haben wohl auch Kabutos Sachen mitgenommen, seine Forschungsergebnisse und so weiter. Hört mal, ich hab echt keine Ahnung, wie diese Drachentypen auf mich kommen und …“ weiter kam ich nicht, Sakura hielt mir den Mund zu.
„Sei mal still, Sasuke, wir wissen doch längst, was da gelaufen ist! Kurai ist sowas wie der Diener der Drachen, die waren sogar bei uns im Dorf! Es sind bisher zwei, einer ist rot oder rosa, der andere blau. Kurai sagte, sie hätten gehört, dass wir in Bezug auf dich Hilfe gebrauchen könnten und deshalb haben sie Orochimaru und Kabuto wohl in ihr Reich verschleppt. Sie wollen, dass du wieder zu uns zurückkommst.“
„Das bin ich ja jetzt.“ Die Worte kamen so leicht und fast gleichgültig über meine Lippen! Als wäre es auf einmal gar nichts Wichtiges mehr, sondern ganz selbstverständlich. Sasuke Uchiha kehrte einfach mal nach Konoha zurück. Als wenn ich nur mal ein paar Wochen weg gewesen wäre, und als wäre eigentlich gar nichts passiert!
Naruto starrte mich immer noch an, als käme ich geradewegs vom Mond. Er schrie nicht mal rum, laberte mich nicht zu, sondern sah mich nur mit seinen großen, blauen Augen an.
„Hab ich dir die Sprache verschlagen, Idiot?“ Da war sie wieder, meine Coolness.
Er sah mir in die Augen. Dieser fast nachdenkliche Blick, der irgendwie zu ihm passte, obwohl ich von ihm immer noch irgendwo das Bild des dumm grinsenden Idioten hatte. Er war aber ja auch älter geworden, keine zwölf mehr.
„Sasuke …“, sagte er nur und ich musste auf einmal an unser Wiedersehen vor ein paar Wochen denken und daran, wie ich einen kurzen Blick auf seine ungeheuren Kräfte hatte werfen können.
Ich wusste, Naruto wollte meine Anerkennung. Seit wir uns kannten, wünschte er sich, dass ich ihn als ebenbürtigen Gegner ansah. Als freundschaftlichen Rivalen, der mit mir mithalten konnte. Und ich wusste jetzt, dass er das eigentlich längst war. Denn wenn man alles zusammennahm, war er mindestens genau so stark wie ich. Weil er etwas konnte, das zwar kein Jutsu, aber bestimmt genauso wichtig war. Etwas, worin ich überhaupt gar nicht gut war. Dieses krasse Freundschaftsding, das ihn so unheimlich stark und charismatisch machte.
Und auf einmal grinste er mich an. „Noch mal lassen wir dich sicher nicht gehen, Sasuke! Du kommst jetzt mit uns zurück und bleibst.“
Sollte ich ihm jetzt sagen, was ich dachte? Dass ich ihn nach all der Zeit, vor allem nach diesem Tag, der sich nun endlich einem Ende zuneigt, nun endlich anerkannte? Nein, meine Worte würden mich sicher im Stich lassen. Heute war zu viel passiert, als dass ich jetzt mit so einer Rede rausrücken könnte. Und morgen war auch noch ein Tag.
„Ich schlage vor, wir bleiben bis morgen früh hier, dann geht’s zurück nach Konoha“, sagte Kakashi.
„Wer hält Wache?“, fragte Sakura.
Naruto hob die Hand. „Das mach ich!“
…
Ich konnte einfach nicht einschlafen. Alles, was heute passiert war, an diesem endlos langen Tag, drehte sich in meinem Kopf und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Naruto saß am Lagerfeuer und obwohl ich ihm den Rücken zugewandt hatte, wusste ich, dass er mich ununterbrochen ansah. Er schob keine Wache gegen Banditen, sondern er bewachte mich.
„Sasuke?“, fragte er irgendwann. „Schläfst du?“
„Ja.“
„So dumm bin ich nicht, dass ich dir das glaube.“
„Okay, nein, ich schlafe nicht. Zufrieden?“
Eine Weile sagte er nichts, doch dann fragte er, als könnte er meine Gedanken lesen: „Ist da noch irgendwas, das du uns nicht gesagt hast?“
Hatte er mir das angemerkt? War ich denn so leicht zu durchschauen? Für ihn wahrscheinlich schon. Er kannte mich zu gut, was wusste ich, woher das kam! Jedenfalls hatte ich keine Chance gegen ihn. Da konnte ich auch gleich aufgeben.
„Haben diese Drachenleute euch auch was wegen Akatsuki gesagt?“, fragte ich und drehte mich zu ihm um.
„Ja. Sie meinten, dass sie da auch mal gründlich aufräumen müssten“, antwortete er.
„Aufräumen?“
„So haben sie’s gesagt. Fragst du wegen …“
„… Itachi? Ja. Wegen ihm.“
Stille.
„… Sag mal, Sasuke … Was hast du da jetzt eigentlich vor? Wenn du wieder mit uns kommst?“, fragt er dann. „Ich meine … wegen Itachi und so …“
Ich hatte Itachis Briefe noch mit keinem Wort erwähnt. Und wenn das alles so stimmte, brauchte er mindestens genauso dringend Hilfe wie ich.
Ich setzte mich auf, nahm meine Tasche und kramte den geöffneten Briefumschlag hervor. Und weil ich nicht wusste, wie ich die ganze Sache erklären sollte, gab ich Naruto den Brief einfach in die Hand.
„Was ist das?“, fragte er.
„Ein Brief. Von Itachi an mich. Da steht alles drin.“
Er nahm die Blätter aus dem Umschlag und fing an zu lesen. Ich konnte die Verwunderung in seinen Augen beobachten. Sein Gesicht war wie immer das reinste Kino. Wie ich wohl ausgesehen hatte, als ich diesen Brief gelesen hatte? Ich wollte es lieber gar nicht wissen.
„Glaubst du das?“, fragte er schließlich. „Ich meine, kann das denn sein?“
„Er könnte das. Hast du seine Genjutsu mal erlebt?“
„Ja, habe ich. Ist noch gar nicht lange her.“
„Dann weißt du ja, wozu er fähig ist.“
Wieder sah Naruto mich eine Weile schweigend an, dann fragte er: „Aber warum hat er dich dann so furchtbar zusammengeschlagen?“
„Das weiß ich nicht. Deshalb muss ich ihn noch mal treffen. Ich will, dass er mir die Wahrheit ins Gesicht sagt.“
„Du willst ihn suchen?“
„Ich hab zwar keine Ahnung, wo er ist, aber … ja, ich will ihn sehen und mit ihm reden. Ich muss diese Sache einfach so schnell wie möglich klären!“ Ich musste nur an Itachi denken und meine Stimme wurde emotional.
„Das versteh ich“, antwortete Naruto.
„Naruto?“
„Hm?“
„Ich kann dich bei der Wache gern ablösen. Dann kannst du schlafen.“
„Aber du bist doch sicher müde.“
„Ich könnte jetzt sowieso nicht einschlafen. Außerdem hab ich noch was wieder gut zu machen und am besten fange ich gleich damit an.“
Am nächsten Morgen wachte ich davon auf, dass Sakura mich anstupste.
„Hey, Sasuke, bist du eingeschlafen?“
Mist! Ich sollte doch Wache halten!
„Tschuldigung…“ Mehr brachte ich nicht raus, war noch gar nicht richtig wach.
„Wenigstens bist du noch da“, sagte Kakashi. Er saß neben dem durch meine idiotische Unachtsamkeit heruntergebrannten Feuer und las in einer Schriftrolle.
„Natürlich bin ich noch da! Dachtet ihr etwa, dass ich über Nacht einfach wieder verschwinde?!“
Klar, dass Kakashi das von mir dachte! Und ich konnte es ihm nicht mal verdenken. Schließlich hatte ich wirklich mehr als Mist gebaut. Aber er würde schon sehen, dass man sich jetzt wieder auf mich verlassen konnte!
„Hey, Sasuke! Gut geschlafen?“, fragte Naruto grinsend, als ich mich aufsetzte.
„Geht schon.“
„Die anderen werden Augen machen, wenn wir dich wieder mitbringen!“
„Aber ich will nicht wissen, was die Alten dazu sagen“, sagte Sakura.
Der Ältestenrat, natürlich. So, wie ich die einschätzte, waren sie bestimmt nicht gerade begeistert davon, dass ich wieder zurückkam. Wenn ich da so an früher dachte … an die ständigen Kleinkriege, die meine Urgroßmutter Yoneko immer gegen Koharu geführt hatte … Zum ersten Mal seit Ewigkeiten dachte ich wieder so an meine Familie, ohne Schmerz.
„Das kläre ich schon.“ Kakashi stand auf und legte mir die Schriftrolle hin. Es war eine in Dogo geschriebene Schrift mit Bildern, die genau das zeigten, was ich gesehen habe: Den Orb, die Schuppe und das komische Loch in der Decke.
„Wenn du das dort gesehen hast, wissen wir, was passiert ist. Dann haben die Drachenleute Orochimaru wirklich mitgenommen.“
„Das sah genauso aus“, sagte ich.
Nagi war auch schon wach und erwartete ihr Salatblatt.
„Ist die süß!“, quietschte Sakura, als sie meine Schlange bemerkte.
„Sie heißt Nagi und ist zu gut für die Welt.“
„Dass du dir mal ein Haustier zulegst…“
„Sie lag im Müll, Kabuto wollte sie killen und ich mochte sie irgendwie, also hab ich sie genommen.“
„Sasu lieb!“, zischelte Nagi.
Nachdem Naruto großzügig sein Frühstück mit mir geteilt hatte, machten wir uns auf den Weg nach Konoha. So zwischen den Bäumen zu springen, fast zu fliegen und den Wind im Haar zu spüren, war ja allein schon toll, aber wirklich zusammen mit Naruto, Sakura und Kakashi war es noch einmal so schön.
Naruto war wie früher schon der Erste, aber nur so lange, bis ich ihn überholte.
„Hey!“, protestierte er und holte mich wieder ein.
Und wie wir halt so waren, artete es natürlich in einem Wettstreit aus. Mal war er schneller, dann wieder ich, immer so weiter, bis Sakura von weit hinten brüllte: „Ey, Jungs, wartet gefälligst auf mich!“
Kakashi hielt sich irgendwo ein wenig abseits, jedenfalls konnte ich ihn nicht entdecken. Vielleicht dachte er sich „Lass die Jugend mal für sich sein“ oder so was.
Als wir am Mittag ein kleines Gasthaus am Straßenrand erreichten, war er wieder da und lud uns zum Essen ein. Wir waren in der Nähe der Grenze und in dem Laden, wo wir aßen, standen auch zwei Wachleute in Chuunin-Uniform herum. Als sie mich bemerkten, kamen sie an unseren Tisch.
„Bist du das etwa, Sasuke?“
Was kam jetzt? Vorurteile? Worte wie „Verräter“ und „Abtrünniger“?
Naruto stand auf und stellte sich vor mich. „Ja, das ist Sasuke und er ist wieder da! Also behandelt ihn anständig, klar?!“
„Wird aber schwer für ihn, wieder ins Dorf zu kommen“, sagte einer der beiden.
„Das ist alles mit Tsunade besprochen und hat seine Richtigkeit“, erklärte Kakashi. „Sasuke kommt mit ins Dorf und wird wieder Teil dieses Teams sein.“
Gut, dass ich jetzt nichts sagen musste. Meine Coolness hatte sich nämlich wieder einmal verabschiedet und kroch jetzt irgendwo auf dem Boden meines Bewusstseins herum. Ich musste kurz an Itachi denken, daran, wie es ihm wohl gerade ging. Es fühlte sich sehr merkwürdig an, an ihn zu denken, weil ich noch nicht wusste, wie ich jetzt wirklich zu ihm stand.
Nach dem Essen machten wir uns schnell wieder auf den Weg. Die beiden Chuunin erzählten jetzt bestimmt allen anderen aus der Wachtruppe, wer da auf einmal wieder mit dem Team Kakashi unterwegs war. Ich sah die Gerüchteküche und die verwunderten Blicke schon vor mir.
Der Wald kam mir immer vertrauter vor und auf einmal lag er lang und breit vor mir, der Weg zum Haupttor. Es war geöffnet und man konnte bis weit ins Dorf hineinsehen.
„Hallo, Konoha“, dachte ich. „Da bin ich wieder. Ich war lange weg, ich weiß, und es tut mir auch irgendwie echt leid. Kannst du mir noch mal verzeihen?“
Am Tor stand Tsunade und wartete.
„Da seid ihr ja wieder“, begrüßte sie Kakashi. „Und? Wart ihr erfolgreich?“
„Wie man sieht…“, erwiderte er und deutete auf mich.
Tsunade sah mich sehr lange prüfend an, ich spürte ihren Blick, während ich mit gesenktem Kopf vor ihr stand und auf das erlösende „Willkommen zurück, Sasuke!“ wartete.
Doch sie ließ mich warten. Warum? Hatte Kakashi nicht gesagt, dass meine Rückkehr von Tsunades Seite aus schon abgesegnet war? Oder hatte sie sich doch anders entschieden, gegen mich untreuen Shinobi, der jahrelang beim Staatsfeind Nummer Eins gelebt hatte?
„Dir ist klar, dass es nicht leicht wird?“, fragte sie mich schließlich.
„Ja.“ Ich war mit den Nerven völlig runter und stand kurz davor, mich vor ihr in den Staub zu werfen, nur damit sie mich endlich an sich vorbei ins Dorf ließ.
„Ja, seht ihn euch ruhig an, den angeblich ach so coolen Sasuke Uchiha, wie er, um sein ganzes Selbstvertrauen gebracht, kleinlaut darauf wartet, dass die große Tsunade ihn wieder aufnimmt“, schoss es in meinem Kopf herum.
„Jetzt sei nicht so gemein, Oma Tsunade! Siehst du denn nicht, dass Sasuke wieder hier leben will?“, protestierte Naruto.
„Doch, das sehe ich. Aber Abtrünnigkeit ist kein Kinderspiel.“ Sie sah mich streng an, viel zu lange. Lange genug nämlich, dass ich tatsächlich in die Knie ging.
„… Es tut mir leid, dass ich abgehauen bin … wirklich … Meinetwegen könnt ihr mich einsperren, ich gebe euch alle Informationen, die ich habe, aber lasst mich wieder rein!“ Mir war jetzt alles egal. Ob es armselig aussah, oder ob ich mein Gesicht verlor.
„Schön“, sagte Tsunade schließlich, „Da liegst du übrigens ganz richtig, Sasuke. Du wirst dieses Dorf nämlich für mindestens einen Monat lang nicht verlassen, es sei denn, ich persönlich erteile dir eine ausdrückliche Erlaubnis.“
„Aber er muss doch nicht ins Gefängnis, oder?“, fragt Sakura.
„Nein, ich denke, das muss nicht sein. Du kannst dir ein Zimmer nehmen, wenn du eines bekommst. Aber du musst dich jeden Tag einmal bei mir melden, hast du verstanden?“
„Verstanden.“ Ich hob langsam den Kopf.
„Und jetzt steh auf, Sasuke. Ich hab’s nicht gern, wenn sich Leute vor mir zu lange in den Dreck knien.“
Natürlich hatte ich so schnell kein Zimmer gefunden. Deshalb hatte Naruto dann kurzerhand beschlossen, dass ich bei ihm wohnen konnte. Er hatte sogar aufgeräumt.
Den Rest des Tages saß ich also in seinem Zimmer und gewöhnte mich daran, dieses Dorf, die Menschen und vor allem meine Freunde wieder um mich zu haben. Alles fühlte sich alt und neu gleichzeitig an, ziemlich verwirrend. Auf dem Weg zu Narutos Zimmer waren die Blicke der Leute entweder irritiert oder ablehnend gewesen. Mal sehen, wie die anderen aus unseren Jahrgang reagieren würden, dachte ich. Aber so, wie ich Naruto kannte, würde er die so lange bearbeiten, bis sie mich wieder akzeptierten.
Am Abend kam Kakashi noch mal vorbei, um mir genauer zu erzählen, was dieser Kurai gesagt hat.
Inzwischen hatten die mysteriösen Drachenleute einen Brief geschickt, in welchem sie die sofortige Auflösung der Akatsuki-Organisation bekanntgaben, und dass sie sämtliche im Regenland angetroffenen Mitglieder an einen sicheren Ort namens „Kukan-Jikan-no-Oku“ gebracht hatten. Der riesige rote Vogel gehörte tatsächlich auch zu ihnen, sein Name war Houou.
„Kurai hat auch eine Nachricht für dich dagelassen“, sagte Kakashi und hielt mir einen Zettel unter die Nase.
„An Sasuke Uchiha. Wir haben Ihren älteren Bruder Itachi Uchiha schwer krank im Regenland bei der Akatsuki aufgefunden und ihn in unser Gefängnis überstellt. Er bittet darum, Sie so bald wie möglich zu sehen, um etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen. Wir nehmen an, Sie haben seine Briefe gelesen. Freundliche Grüße, die Drachenleute.“ Darunter stand eine Adresse in einer Stadt, von der ich noch nie zuvor gehört hatte.
„Dafür wird Tsunade dir sicher erlauben, rauszugehen“, sagte Sakura.
„Und wir kommen natürlich mit!“ Naruto strahlte mich an.
Neuigkeiten
Während ich mich langsam wieder in Konoha eingewöhnte, beziehungsweise ja auch nirgendwo anders hingehen durfte in dieser ersten Zeit, erfuhr ich dann auch, was sich hier alles verändert hatte. Neben so ziemlich normalen Dingen, wie dass alle irgendwie älter geworden waren und sich Beziehungen und dergleichen ergeben hatten, war die größte und für alle unerwartete Veränderung der Kontakt mit den Drachenleuten.
Die kamen nämlich tatsächlich sozusagen von einem anderen Stern, aus einer Dimension, die bisher absolut niemand von uns auf dem Schirm gehabt hatte. Echte Drachen, also als eigene Wesen, nicht nur als Symbolfigur für Jutsus, gab es bei uns nicht, aber in dieser Zeit stellte sich ein Kontakt her, zu einer anderen Dimension, wo es sehr wohl welche gab.
Mit diesem Kontakt war eine weitere Veränderung einher gegangen, die mich dann auch direkt betraf, beziehungsweise Naruto, mit dem ich ja erst mal zusammen wohnte. Und zwar hatte sich Kyuubi verändert.
Er war plötzlich imstande, Narutos Körper zu verlassen und eine eigene Gestalt anzunehmen, die ein bisschen wie ein Babyfuchs aussah. Als ich das erste Mal sah, wie der Fuchs, der sich mir nochmals mit „Ich heiße Kurama, also nenn mich nie wieder Kyuubi!“ vorstellte, aus Narutos Körper heraus kam, hatte ich mich ordentlich erschrocken, aber Naruto schien es damit gut zu gehen. Er sagte, das sei schon ein paar Wochen lang so.
Kurama schien sich direkt durch den Kontakt mit den Drachen so verändert zu haben, er erzählte das einfach so: „Wenn wir Bijuu mit Drachen zusammen kommen, verwandeln wir uns in unsere jugendlichen Formen zurück und können uns aus der Versiegelung lösen, ohne dass unsere Träger Schaden nehmen.“
In der Dimension, aus der die Drachen kamen, gab es offenbar auch eine komplette eigene Welt, denn eines Tages erschien eine Gruppe von Menschen aus dieser anderen Welt bei uns im Dorf und wollte irgendwelche Dinge mit Tsunade besprechen.
Diese Leute sahen ziemlich anders aus als wir, benutzten seltsame Geräte, die wir hier noch nie gesehen hatten und hatten ein paar kleine Wesen dabei, die wir auch nicht kannten. Aber sie hielten sich sehr damit zurück, uns das alles zu zeigen oder damit anzugeben.
Ein älterer Herr, den sie „Professor Shirakashi“ nannten, führte die Gruppe an, und nachdem sie irgendwelche anderen Dinge allein besprochen hatten, rief Tsunade mich zu dem Gespräch dazu.
„Was gibt’s?“, fragte ich und versuchte, meine innere Aufregung zu überspielen.
„Dein Bruder ist ja bei uns im Gefängnis. Er möchte dich unbedingt sehen und es geht ihm gesundheitlich so schlecht, dass es dringend ist, dass du zu uns kommst und mit ihm sprichst“, sagte Professor Shirakashi.
„Was hat er denn?“, fragte ich und spürte einen eigenartigen Stich in mir.
„Wir wissen es nicht, aber es scheint eine Krankheit zu sein, die ihm seine Lebensenergie abzieht. Er sagt, wenn er dich gesehen hat und es dir besser geht, würde das helfen.“
„Ich bin okay“, sagte ich. „Und ja, ich habe auch mit ihm zu sprechen …“
„Dann kommst du in zwei Tagen mit uns, wir holen dich hier ab und zeigen dir den Weg. Das Gefängnis liegt in einem dimensionalen Spalt, innerhalb dessen eure Techniken nicht gut funktionieren, deshalb muss dich jemand begleiten“, erklärte der Professor.
Die zwei Tage bis zu diesem Termin verbrachte ich damit, langsam wieder mit den anderen aus unserem Jahrgang in Kontakt zu kommen, hauptsächlich mit Shikamaru und Kiba. Und da ich ja übergangsweise bei Naruto wohnte, und Sakura auch oft bei uns war, bekam ich mit, dass sich zwischen den beiden eine Art romantischer Beziehung entwickelt hatte.
Sakura hatte sich sehr verändert, sie war überhaupt nicht mehr die hibbelige, oberflächliche kleine Teenagerin, an die ich mich erinnerte, sondern deutlich klarer und vor allem viel, viel selbstbewusster geworden. Ich schrieb das vor allem Tsunades Einfluss zu, da ich wusste, dass sie bei dieser gelernt hatte. Dass sie jetzt mit Naruto ging, war mir sehr recht, denn so war ich raus aus ihrem romantischen Fokus, der mich immer so an ihr genervt hatte. Ich hoffte, dass wir einfach ganz normale Freunde wurden, Sakura und ich, denn ich mochte sie ja schon, aber eben nicht auf die romantische Art.
Diese neue Beziehung zwischen Sakura und Naruto war interessant zu beobachten, weil sie völlig anders war als das, was Sakura früher mir gegenüber an Verhalten an den Tag gelegt hatte. Sie himmelte Naruto nicht an, sondern war auf eine Art mit ihm zusammen, die sich aus meiner Sicht sehr geerdet und entspannt anfühlte. Die beiden waren wie wirklich gute Freunde, die sich aber eben ab und zu küssten und abends zusammen im Bett lagen.
Wenn Naruto irgendwie Dummheiten machte, stritten sie zwar laut und leidenschaftlich, doch die Verbindung zwischen ihnen hatte eine Stabilität, die sie immer wieder zusammenbrachte. Und ich fühlte mich echt gut dabei, das einfach zu sehen und nur der alte, neue Freund der beiden zu sein.
Am Abend vor dem geplanten Besuch im Gefängnis konnte ich nicht schlafen. Ich war unglaublich aufgeregt, die ganzen komplizierten Gefühle und die Verwirrung, die ich Itachi gegenüber empfand, hielten mich wach.
Naruto schlief schon, aber Sakura nicht. Sie drehte sich zu mir um, sah mich an und fragte dann: „Willst du reden, Sasuke?“
Ich nickte nur. „M-hm …“
Sakura stand auf, deckte Naruto wieder zu und kam zu mir auf meinen Futon, der auf dem Boden neben dem Bett der beiden lag. Ich setzte mich hin, sie sich mir gegenüber. Das Licht des Mondes schien herein und so konnte ich sie gut sehen.
„Du bist aufgeregt, ne?“, fragte sie.
„Ja …“, sagte ich. „Ich will … endlich wissen, was Sache ist.“
„Ob deine Eltern wirklich noch leben und so … Ja, das ist verständlich, dass du deshalb jetzt nicht schlafen kannst.“
„Ich glaube Itachi das. Er hat wohl keinen Grund mehr, zu lügen, oder? Wenn er wirklich so krank ist, wie sie sagen. Aber … ich hab Angst vor dem Gefühl, was kommt, wenn ich ihn morgen wieder sehe.“
„Dein eigenes Gefühl?“
„Ja. Ich … bin so dran gewöhnt, ihn zu hassen. Ich weiß noch nicht, was danach kommt.“
Sakura sah mich an, schien einen Moment nachzudenken oder nachzufühlen, um mich zu verstehen …
„Liebe, vielleicht?“, sagte sie dann. „Wenn er dich immer geliebt hat …?“
„Ich hoffe es. Und ich will es auch, ihn wieder lieben. Weil ich will, dass es irgendwann wieder gut wird, alles. Ich bin jetzt wieder hier, und ich will endlich ein richtiges Leben haben. Aber ich hab trotzdem irgendwie Angst.“
„Angst, weil es neu ist?“
Ich nickte. „Ja.“
„Ist das jetzt dein Ziel, Sasuke? Ein richtiges Leben hier?“
„Ja. Ich hatte dort in Orochimarus Versteck am Ende einen Moment, wo ich gespürt habe, dass ich endlich einen Weg gehen will, der so richtig Ich ist. Einen Weg, wo ich selbst mir folgen kann, und der sich auch richtig gut anfühlt. Ich weiß halt nur … irgendwie noch nicht, ob das geht, und wie.“
„Du hast uns, Naruto und mich. Und Naruto glaubt an dich.“ Sakura lächelte leicht. „Ich auch, übrigens.“
„Ich bin echt froh, dass du nicht mehr auf mich stehst“, sagte ich.
Und Sakura lachte. „Ich auch.“
„Naruto und du … ich finde das gut. Ihr wirkt so, als ob das wirklich passt“, sagte ich.
„Er ist schon ein bisschen dumm. Aber ich hab einfach gemerkt, dass ich … also, mit ihm als Freund bin ich selber stark.“ Sakura sah zu ihm hinüber, wie er schlief und leise schnarchte, und lachte wieder.
„Du bist viel selbstbewusster geworden, Sakura“, sagte ich und lächelte auch.
„Ja. Ich hab auch andere Ziele jetzt. Ich arbeite im Krankenhaus mit und lerne auch immer noch viel von Tsunade. Und ich bin eben auch so viel stärker geworden, auch innerlich. Früher … wusste ich gar nicht so richtig, wer ich bin, und jetzt weiß ich das. Und Naruto … er steht aufrecht und gleichauf neben mir, und das mag ich an ihm.“
Ich hatte das Gefühl, dass die kleine Sakura, die mich nur für mein Aussehen „geliebt“ und ständig angehimmelt hatte, durch eine coole, starke, neue Beste Freundin in meinem Leben ersetzt worden war. Eine, mit der ich auf einer anderen Ebene neu anfangen würde können. Mir gefiel diese neue Sakura auch. Und sie lernte mich jetzt auch neu kennen. War nicht mehr nur daran interessiert, wie ich aussah, sondern an mir als Person.
Sakura ging dann wieder ins Bett, aber ich lag noch eine ganze Weile wach. Dachte über sie und Naruto und Kakashi und unser Team nach, und dann an Itachi.
„Wir reden morgen, Bruder. Und dann wird’s wieder gut“, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein. „Auch, wenn ich Angst habe. Auch, wenn es ein Scherbenhaufen ist. Aber vielleicht kriegen wir ein Kintsugi draus gemacht?“
Wind
Ich wachte auf und wusste, heute war der Tag. Es fühlte sich seltsam an, ich konnte es kaum vor mir selbst beschreiben oder greifen.
Ich stand auf, zog mich an und fütterte Nagi, die übergangsweise in einem kleinen Terrarium auf dem Flur vor Narutos Zimmer lebte. Nagi mochte kein Fleisch. Sie war wirklich zu gut für die Welt, liebte vor allem Salatblätter. Ich hatte die Verletzung an ihrem Kopf mit einem Pflaster versorgt, aber in dieser Nacht hatte sie sich gehäutet und ihre alte Haut samt der Verletzung abgeworfen.
„Na, du Kleine?“, sprach ich sie an.
„Sasu was heute?“, fragte sie zurück.
Ja, was heute? „Gute Frage“, antwortete ich. „Ich seh meinen Bruder wieder …“
Nagi blinzelte mich nur an, sagte nichts weiter.
Ich ging ins Zimmer zurück, wo Naruto und Sakura gerade aufgestanden waren. Sakura verschwand im Bad, und Naruto saß schon am Tisch und machte sich einen Kakao.
„Bist du von Milch auf Kakao umgestiegen?“, fragte ich.
„Ich mag doch keinen Kaffee“, antwortete er.
„Weiß ich noch“, sagte ich und nahm mir eine Tasse aus dem Schrank. Sakura hatte eine kleine Kaffeemaschine hier stehen, die benutzte ich.
Als Sakura wieder kam, frühstückten wir zu dritt, und danach tauchte Kakashi auf.
„Professor Shirakashi ist schon da, wir warten“, sagte er.
„Ich komm gleich“, antwortete ich.
„Wir gehen mit“, sagte Naruto. „Zumindest bis in diese Stadt.“
Professor Shirakashi wartete in Tsunades Büro auf uns, sie war auch schon auf und unterschrieb gerade einen Zettel für mich, dass ich begleitet das Dorf verlassen durfte. Einer der anderen, die den Professor begleiteten, hatte ein Gerät dabei, mit dem man offenbar transdimensionale Portale schaffen konnte, und wir gingen bis vor das Dorftor, um dieses Portal zu öffnen und in die Stadt zu kommen, in der sich das Gefängnis befand.
Es war seltsam für mich, durch so ein Portal zu treten, und ich spürte wieder Kribbeln in meinen Händen und hörte einen Schrei in meinem Kopf, wie von einem Falken oder so. Noch eine Sache, wo ich herausfinden musste, was das war. Aber ich schob es erst mal beiseite. Der Gedanke an Itachi war wichtiger.
Die Stadt, in der wir herauskamen, hieß Aramachi, wie uns Professor Shirakashi erklärte. Interessanterweise sprachen die Menschen hier, auf einer völlig anderen Dimension, dieselbe Sprache wie wir, Dogo, und die Orte und Menschen hatten Namen in Nigo, genau wie bei uns.
Ich kannte die Legenden des dimensionsreisenden Rikudo Sennin und seines Einflusses auf unsere Sprachen noch von früher, und mir kam der Gedanke, dass dieser vielleicht auch hier gewesen war, aber mehr wusste ich nicht darüber, also blieb es bei einer Vermutung.
Aramachi war eine wirklich schöne Stadt, zwar ganz anders als Konoha oder die Großstadt in der Nähe, aber es gefiel mir hier. Es gab viel Grün und alles wirkte spürbar ruhig und entspannt.
Wir durchquerten die Stadt bis zur Mitte, und standen dann vor zwei markanten, sehr hohen Türme aus Stahl.
Professor Shirakashi sagte: „Über diese beiden Türme kommt man in die Raumzeit-Tiefe, dort ist das Gefängnis.“
Hoch oben über der Spitze dieser beiden Türme flimmerte die Luft wie über einem Feuer. Als ich hoch blickte, hörte ich wieder diesen eigenartigen Vogelschrei in meinem Kopf.
„Muss ich allein dort hoch?“, fragte ich.
„Ja. Früher waren die Türme auch ein Ausflugsziel für die Menschen von Aramachi, aber heute, seit dort oben die Raumzeit-Tiefe ist, das Kukan-Jikan-no-Oku, darf man nur noch mit besonderer Genehmigung dort hinauf.“
„Wir warten hier unten auf dich“, sagte Sakura.
„Hau uns aber nicht wieder ab!“ Naruto legte die Hand auf meine Schulter, als wollte er mich festhalten.
„Keine Angst, ich komm auf jeden Fall zurück. Ich bleib euch erhalten.“ Das war gerade so ziemlich das einzige, was ich sicher wusste: Dass mein Platz im Team Kakashi war.
„Viel Glück!“, rief Sakura mir noch nach, als ich allein zu den Türmen ging.
Zwischen den beiden Türmen führte eine schmale, stählerne Wendeltreppe hinauf. Ich öffnete das Gatter davor und betrat diese Treppe. Wieder der Schrei in meinem Kopf, aber wieder mein Gedanke: „Darum kümmere ich mich später.“
Während ich die Treppe hinauf stieg, fühlte ich mich tatsächlich wie in einem Traum, wie zwischen Raum und Zeit. War das die Wirkung dieses Ortes oder nur mein Gefühl? Ich wusste es nicht.
Ich war in eine Familie geboren worden, in der es schon einen Jungen gab: meinen zehn Jahre älteren Bruder Itachi. Und bis zu meinem achten Lebensjahr hatte er sich auch gut um mich gekümmert. Sehr gut sogar.
Aber dann … bisher hatte ich geglaubt, genau zu wissen, was dann passiert war, an jenem Tag, als ich acht war und meine Kindheit mit einem Schlag geendet hatte. Schließlich hatte ich es mit eigenen Augen gesehen. Mein eigener Bruder hatte unsere Eltern und jeden, der den Namen Uchiha trug, ermordet. Alle außer mir. Aus irgendeinem Grund hatte er mich allein zurückbleiben lassen.
Von da an kannte ich nichts als Hass und Rache. Itachi war nicht mehr mein Bruder, sondern mein größter Feind, den ich um jeden Preis besiegen wollte. Dass wir vom selben Blut waren, hat meinen Hass nur noch stärker gemacht. Ich wollte stark werden, stärker als er, und allein deshalb hatte ich schließlich Konoha verlassen, um von Orochimaru genug Macht zu bekommen und Itachi besiegen zu können. Besiegen hieß natürlich, dass ich mit ihm dasselbe vorhatte, was er mit unseren Eltern gemacht hatte. Ich wollte, dass sein Blut floss. Unzählige Male hatte ich mir vorgestellt, ihn fallen und sein Blut fließen zu sehen.
Aber jetzt war alles anders. Oder war es schon immer so und ich hatte es einfach nicht gewusst? Hätte ich es wissen können? Hätte ich eine Chance gehabt, drauf zu kommen, dass Itachi zehn Jahre lang die Welt belogen hatte?
Ein riesiges Jutsu. So stand es in den Briefen. Aber war das überhaupt möglich, so etwas mit einem Genjutsu vorzutäuschen? Oder mit mehreren Jutsus auch? Theoretisch war Itachi dazu fähig. Er war immerhin Weltspitze im Genjutsu. Etwas von solchem Ausmaß war ihm und meiner Familie insgesamt durchaus zuzutrauen.
Aber das hier war keine Theorie, das war mein verdammtes, kaputtes Leben. Und es gab nur eine Möglichkeit, herauszufinden, was jetzt die Wahrheit war, und aus meinem kaputten Leben wenigstens ein Kintsugi zu machen.
Ich musste es von Itachi selbst hören. Wenn unsere Eltern wirklich noch am Leben waren … Der Gedanke daran trieb mir unvermeidlich Tränen in die Augen. Ich wollte Itachi ins Gesicht sehen, wenn er mir die Wahrheit sagte. Seine Worte würden darüber entscheiden, ob er weiterlebte oder nicht. Wenn er wirklich so geschwächt war, wie in den Briefen stand, würde es ja wohl keinen Kampf geben.
Ich brauchte diese Wahrheit. Und ich trug keine einzige Waffe bei mir. Kusanagi lag bei Tsunade im Safe.
Wenn Itachi mir erzählte, was damals wirklich passiert war und auch warum, dann würde er es überleben. Wenn nicht, dann … Ich wusste es auch nicht. Im Augenblick hatte ich genug Gründe, um doch an den Hoffnungsschimmer zu glauben, dass meine Eltern noch lebten.
Die Wendeltreppe zwischen den Türmen geht bis hoch zwischen die Turmspitzen. Es war eine riesige Menge Stufen, genug Zeit zum Nachdenken. Vielleicht etwas zu viel Zeit. Ich könnte die ungeheure Anzahl der Stufen nutzen, um ruhig zu werden, damit ich nicht völlig mit den Nerven runter war, wenn ich vor Itachi stand.
Es war immer gut, wenn man ein paar Fakten aus dem eigenen Leben hatte, diese ab und zu sortierte und sich sicher war, noch alles gut zu wissen. Das gab eine gewisse Sicherheit.
Erstens: Ich war Sasuke Ikuto Uchiha, achtzehn Jahre alt, ein Ninja aus Konoha Gakure und Mitglied im Team von Kakashi Hatake, zusammen mit Naruto Uzumaki und Sakura Haruno.
Zweitens: Ich hatte die letzten vier Jahre als Nukenin bei Orochimaru verbracht, war sehr stark geworden und konnte mit einem Schwert umgehen.
Drittens: Mein älterer Bruder, Itachi Yoshio Uchiha, achtundzwanzig Jahre alt, gehörte zur gerade aufgelösten Akatsuki-Organisation. Er war jetzt hier im Gefängnis. Und er war krank, sehr krank. Was er hatte und warum, das wusste ich nicht sicher. Mir war nur gesagt worden, dass es um seine Gesundheit wohl sehr schlecht aussah.
Viel mehr als diese Fakten gab es im Augenblick in meinem Leben nicht. Es wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen, das erst noch geschrieben werden musste. Leere Seiten. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Begegnung mit Itachi einfach auf mich zukommen zu lassen. Und vor allem ruhig zu bleiben.
Orochimaru war auch hier. Aber ich brauchte ihn nicht mehr. Er hatte mir nie etwas bedeutet, alles, was ich von ihm gewollt hatte, war Macht. Und selbst die würde ich wohl nicht mehr brauchen.
Hatte ich das nicht auch mal über Freundschaft gesagt? Vor einigen Wochen, als Naruto mich im Versteck gefunden und danach gefragt hatte?
„Hör auf damit, Sasuke!“, stoppte ich mich selbst.
Je höher ich die Treppen hinaufstieg, umso stärker wurde der Wind. Er fuhr durch mein schwarzes Haar, riss mir fast das Hemd von den Schultern und brachte die Stahlkonstruktion der Wendeltreppe, die wie ein schmaler dritter Turm zwischen den beiden anderen stand, ins Wanken. Eine normale Reaktion, mit der sie den Druck des Windes ausglich. Ein Turm, der nicht wanken konnte, stürzte sehr viel schneller ein.
Und nicht nur diese Treppe schwankte. Meine Seele tat es auch und wenn ich da oben angekommen war, wartete sehr wahrscheinlich ein emotionaler Wirbelsturm auf mich. Aber ich musste da durch. Mit jeder Stufe kam ich Itachi näher und damit einem Wiedersehen mit dem Menschen, den ich noch vor vier Wochen bei unserem nächsten Aufeinandertreffen unbedingt hatte umbringen wollen.
Diese Absicht war bis auf weiteres ausgesetzt und wenn er mir gleich die Wahrheit sagte, würden wir sehen, was in Zukunft aus uns wurde. Sollte es wirklich wahr sein, dass unsere Eltern noch lebten, konnte ich Itachi nichts tun und möglicherweise würde ich das dann auch gar nicht mehr wollen. Ich wollte gerade eigentlich niemanden mehr töten.
Alles hing am seidenen Faden. Und der schlingerte im Wind.
Das Ende der Treppe kam in Sicht. Ich konnte das Tor zum Gefängnis schon sehen, es flimmerte durch die prickelnde Luft hier oben.
In dem Augenblick erwischte mich eine heftige Windböe. Ich musste mich am kalten Geländer festhalten, der Wind peitschte mir die vorderen Haare ins Gesicht und riss mir das Hemd ganz von den Schultern. Warum hatte ich mir noch keine anderen Sachen gekauft?!
Der scharfe, kalte Wind schien bis in meine Gehirnzellen gelangt zu sein, denn auf einmal wirbelten Gedanken, wie beschriftete, vom Wind verwehte Papierfetzen, durch meinen Kopf. Es waren Gewissheiten, die mir bisher noch in ihrer Klarheit fehlten.
„Du bist keine Vollwaise, Sasuke! Deine Eltern leben, irgendwo, weit weg und du hast jetzt die verdammte Pflicht, das Problem mit Itachi aus der Welt zu schaffen! Und dann kriegst du endlich mal dein Leben auf die Reihe!“
Als der Wind sich gelegt hatte, war ich sicherer. Mein Leben musste endlich in geordneten Bahnen verlaufen und heute würde ich den Anfang machen. Ich würde selbst entscheiden, wie meine Zukunft aussah. Zum ersten Mal in meinem Leben würde ich es wirklich selbst in die Hand nehmen.
Der Gedanke daran, dass meine Eltern und die ganze Familie irgendwo da draußen waren, lebten und auf ihre Rückkehr warteten, ließ mich schwer atmen und verursachte mir schmerzhaft starkes Herzrasen. Diese Gedanken ernsthaft ins Auge zu fassen, tat weh. Zehn lange Jahre gab es nicht den geringsten Zweifel daran, dass meine Eltern tot waren. Aber jetzt hatte sich alles gedreht und gewendet. Und ich wollte verdammt noch mal, dass Itachi mir die Wahrheit ins Gesicht sagte.
Vor mir befand sich das Tor. Es war groß und aus dunkelgrauem Stahl, wie eine Panzertür. Ich schob den breiten, eiskalten Riegel beiseite, das Tor öffnete sich und von der anderen Seite sah mich ein großes, einzelnes, blau schimmerndes Auge an.
Das dunkle, blau schimmernde Auge gehörte zu einem schwarzen Wesen, das einem finsteren Geist ähnelte. Es hatte in etwa die Größe eines Menschen und schien irgendwie teilweise aus Rauch zu bestehen. Es musste sich um eines der vielen Wesen aus dieser mir fremden Welt handeln.
„Wer bist du und wohin willst du?“, fragte das Wesen. Seine Stimme war sehr tief und hallte in dem dunklen Raum nach.
„Sasuke Uchiha. Ihr habt meinen Bruder hier. Ich will zu ihm, mit ihm reden!“, antworte ich. „Itachi Uchiha, er gehörte zu Akatsuki.“
„Ach, du bist das?“, antwortete das Wesen. „Es ist folgendermaßen: Dein Bruder konnte uns die Zustimmung dazu, dich heute zu treffen, nicht geben.“
„Warum nicht?“ Mein Herz tat weh.
„Er ist nicht bei Bewusstsein.“
„Was ist überhaupt mit ihm los? Kann mir das mal jemand sagen?“, wurde ich laut.
„Er ist … nicht oft bei Bewusstsein. Er befindet sich in der Krankenzelle. Wir haben ihn seit über zwei Wochen, aber wir wissen nicht genau, welche Krankheit er hat. Sie scheint aber abhängig davon zu sein, wie man ihm begegnet. Bitte achte darauf, vorsichtig zu sein.“
Was sollte das denn heißen? Dass ich Itachis Krankheit durch Worte oder sogar durch meine Gefühle verschlimmern konnte?!
„Sag mal, wer bist du eigentlich?“, fragte ich.
„Ich bin Kurai, der Diener der Drachen.“
