Der Tag, an dem die Sterne fielen
Ein ohrenbetäubendes Dröhnen riss Ann-Sophie aus dem Schlaf. Draußen schrien Menschen in Panik, Sirenen heulten im Dauerton, und das dumpfe Vibrieren der Fensterscheiben übertrug sich direkt auf ihr Bett. Sie sprang erschrocken auf, stolperte über eine Decke und stürzte ans Fenster. Der Anblick, der sich ihr bot, raubte ihr augenblicklich den Atem: Riesige, bedrohliche Schatten verdunkelten den gesamten Himmel – gewaltige Raumschiffe aus dem tiefen Weltall griffen die Erde an.
Sie rieb sich fassungslos und ungläubig die Augen. Das durfte einfach nicht wahr sein. Das konnte nicht real sein. Die Schiffe hatten eine vollkommen absurde, surreale Form: Sie sahen aus wie gigantische Pokémon. Aus dem Bauch eines monströsen Pikachus schoss ein greller, gleißender Strahl, der Passanten auf der Straße erfasste und in die Höhe beamte, während ein gigantischer Relaxo-Ballon mit brachialer Gewalt das Rathaus in Schutt und Asche legte. Trümmer flogen durch die Luft, Staubwolken wirbelten auf, und das vertraute Stadtbild versank in absolutem Chaos.
Was zum Teufel ist hier los?, schoss es ihr panisch durch den Kopf.
Eigentlich sollte heute ihr absolut wichtigster Tag stattfinden. Es war der Tag für das Abitur 2009 - Für viele in greifbarer Nähe, nun nochmal durchstarten und dann stolz dieses Item im Inventory präsentieren! Vormittags sollte die große, feierliche Abschlussveranstaltung in der schuleigenen Aula beginnen, wo sie als stolze Jahrgangsbeste ihr Abschlusszeugnis überreicht bekommen sollte. Wegen des ganzen Prüfungsstresses der letzten Wochen hatte sie sich insgeheim manchmal gewünscht, die Schule möge einfach in Schutt und Asche versinken. Aber das hier war ein verdammt schlechter Scherz und eigentlich nur ein nicht ernst gemeintes Wunschdenken gewesen. Doch nun brannte die Welt um sie herum.
Ohne groß nachzudenken, hetzte sie durch ihr Zimmer, zog sich in Windeseile um und griff nach ihrem alten Rucksack. An der Reißverschlusslasche baumelte ein Plüsch-Anhänger von Meeko - Der kleine, niedliche, putzige, herzallerliebste, total tolle, süßeste, schnuffelige, knuddelige, unvorstellbar bravoröseste Waschbärfreund von Pocahontas. Dieser kleine Anhänger bedeutete ihr unglaublich viel. Er bestand aus weichem Plüsch und hatte schon einiges mit ihr durchgemacht, einschließlich einer schmerzhaften Trennung. Okay, er war ein Abschiedsgeschenk ihres Ex-Freundes, aber damals hatte dieses Geschenk ihm wirklich etwas bedeutet, und genau deshalb bedeutete er ihr auch heute noch so viel. Er war ihr Glücksbringer, und sie würde ihn auf keinen Fall zurücklassen.
Jetzt zählte jedoch nur noch das nackte Überleben. Sterben in dieser verdammten Stadt während einer unerwarteten Alieninvasion wollte sie nicht unbedingt. Ann-Sophie rannte die Treppe hinunter und stürzte aus der Haustür. Zu ihrer Linken und Rechten waren Raumschiffe, die unaufhörlich verheerende Laserstrahlen abschossen. Die Stadt sah furchtbar aus, schlimmer als Stalingrad im Jahr 1945. Sie glaubte nicht, dass Amerika jemals eine so brutale Form der Verwüstung gesehen hatte. Immer waren in den Nachrichten andere Länder zerstört worden, aber ihre glorreiche Heimat noch nie.
Es musste jetzt verdammt schnell gehen. Doch das Vorankommen war viel langsamer als gedacht, denn die ganzen Straßen waren komplett von verlassenen Autos, querstehenden Bussen und vor allem einem gelben Schulbus blockiert. Die Menschen rannten schreiend durcheinander. Da musste schon ihre sportliche Ader herhalten. Ann-Sophie nahm Schwung, sprang über Stoßstangen, duckte sich unter Blechteilen weg und sprintete, so schnell ihre Beine sie trugen. Doch so gut es bislang auch lief: Plötzlich flammte ein grelles Licht vor ihr auf. Sie lief direkt in einen herabsinkenden Strahl hinein, der sich auf ihrer Haut unerträglich heiß anfühlte. Anschließend wurde alles schwarz vor Augen, und sie verlor das Bewusstsein.
Das Erwachen im Labor
Als sich die tiefe Schwärze langsam verflüchtigte, nahm sie zuerst nur ein extrem grelles, klinisches Licht wahr, das schmerzhaft in ihren Augen brannte. Sie versuchte zu blinzeln. Verschwommen erkannte sie eine Gruppe seltsam aussehender Gestalten mit übergroßen Köpfen und weißen Kitteln, die sich über sie beugten.
„Wo bin ich?“, rief sie aus vollem Hals, doch ihre Stimme klang krächzend, schwach und seltsam verzerrt.
Sie erinnerte sich nur noch an den heißen Strahl auf der Straße, und direkt danach war sie an diesem sterilen Ort aufgewacht. Der ganze Tag war so unendlich seltsam. Auch das Licht hier oben wirkte künstlich und kalt. Die Fremden sprachen in einer abgehackten, zischenden Sprache, die sie überhaupt nicht verstand. Sie wollte instinktiv aufspringen und fliehen, doch sie spürte ihre Arme und Beine nicht. Jedes einzelne Gliedmaß war vollkommen gefühllos, unbeweglich und wie taub abgestorben.
Dennoch registrierte ihr Verstand, dass an ihr irgendetwas gemacht wurde. Es fühlte sich an wie bei einer großen Operation. Ein dumpfes Ruckeln ging durch ihren Rumpf. Sie spürte mechanische Vibrationen, als würde Fleisch geschnitten und anschließend wieder mühsam zugenäht werden. Ein Schauer des Entsetzens überkam sie bei dem Gedanken, was diese Kreaturen mit ihr anstellten.
Irgendwann wurde ihre fahrbare Liege in einen anderen Raum geschoben. Dieser Ort sah stark aus wie die geheimen Räume, die man sich in den Mythen über die Area 51 vorstellt: kalte Metallwände, blinkende Monitore und surrende Maschinen. Den Kopf drehen konnte sie zum Glück wieder. Hier sah sie weitere Klinikbetten, die wie in einer völlig überlasteten Notaufnahme dicht nebeneinander standen. In jedem Bett lag ein menschlicher Körper.
Haben hier noch mehr Versuchskaninchen ihr Leben lassen müssen?, ging es ihr panisch durch den Kopf.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam das Gefühl in den Beinen zurück. Erst war es ein feines Prickeln wie Nadelstiche, dann breitete sich die Wärme auch in ihren Armen aus, sodass sie schließlich Finger und Zehen wieder bewegen konnte. Das war ein verdammt gutes Zeichen. Ihre Gliedmaßen waren doch nicht abgestorben oder amputiert worden. Langsam und vorsichtig richtete sie sich auf der harten Liege auf. Im selben Moment fiel ihr mit einem Schock auf, dass sie vollkommen nackt war. Keine Kleidung, nichts, nicht mal ein BH.
Na toll, dachte sie sich bitter. Nackt auf einem Alienschiff. Genau so habe ich mir meine Zukunft vorgestellt.
Jetzt musste sie irgendwie von alleine von dieser Liege herunterkommen und einen Fluchtweg finden. Doch in diesem Moment hörte sie schwere Schritte auf dem Gang, die sich rasch näherten. Kurz entschlossen legte sie sich flach zurück, schloss die Augen und tat so, als würde sie noch tief und fest schlafen. Wenn es sich hier wirklich um hyperintelligente Wesen handelte, würden die dann auf so einen simplen, menschlichen Trick reinfallen? Ann-So hoffte es inständig. Sie hielt den Atem an und lauschte auf das Näherkommen der Kreaturen.
Der doppelte Boden
Ann-So schreckte mit einem lauten Keuchen hoch und setzte sich im Bett auf. Sie tastete an sich herab. Sie trug ihr normales Schlafzeug.
„Puuh, war das ein Alptraum“, seufzte sie erleichtert und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Sie blickte auf ihren Nachttisch, auf dem ihr geliebter Walkman von Sony lag. Darin befand sich das "Krieg der Welten"-Hörspielkassette - In der leicht abgewandelten Variante, das nicht Marsianer sondern Animexx-Admins eure Steckbriefe auslöschen, eure Fotos, Fanarts, Cosplay zerstückeln und eure Freunde blacklisten. DER SCHRECKEN IST NAH!
„Nie wieder so krasse Hörspiele zum Einschlafen“, flüsterte sie in das dämmrige Zimmer. Sie hatte die Kassette erst neulich auf dem Flohmarkt der örtlichen öffentlichen Bibliothek erstanden. Das war auch wirklich das erste Mal, dass ein Hörspiel scheinbar ihr Unterbewusstsein derart intensiv angeregt und in eine furchterregende Apokalypse verwandelt hatte. Sie hatte auch schon Romane von Stephen King zum Einschlafen gehört, aber eine solche Wirkung hatte keines dieser Bücher erzielt, ganz im Gegensatz zu diesem zeitlosen Klassiker von H.G. Wells. Naja, damals im Jahr 1938 nahmen die Leute das Hörspiel im Radio ja auch für voll und hielten es für einen echten, leibhaftigen Alienangriff.
Sie schüttelte die düsteren Traumbilder ab, stand auf und blickte aus dem Fenster. Draußen war alles friedlich. Erleichtert zog sie eine feine, weiße Bluse sowie einen eleganten Rock an, ehe sie sich aus dem Haus in Richtung ihrer Schule bewegte. Das Schulgebäude war zum Glück nur einen gemütlichen, 20-minütigen Fußweg von daheim entfernt. Auf das gewohnte Frühstück mit leckerer Erdnussbutter - Im Riegel, auf dem Marmeladebrot oder pur in crunchy oder creamy. Erdnussbutter geht einfach immer und ist nicht nur in den USA sehr beliebt. - hatte sie heute komplett verzichtet. Vor lauter Aufregung wegen der Zeugnisvergabe hatte sie ohnehin das Gefühl, keinen einzigen Bissen herunterzubekommen. Ihr Magen war wie zugeschnürt.
Auf ihrem Weg passierte sie die gepflegten Gärten der Nachbarschaft. Überall sah sie wunderschöne, farbenfrohe und gut gepflegte Pflanze - Hat es deine Lieblingspflanze bis jetzt noch nicht in den Shop geschafft? Dann kauf dir einfach dieses vielseitige Item und mach dir deinen eigenen Blumengarten. Die Rosen und Sträucher blühten in voller Pracht. Das Schultor war ebenfalls wunderschön geschmückt – perfekt hergerichtet für den heutigen Tag. Es war ein großer Ehrentag für alle Absolventen, die heute die Schule endgültig verließen, um anschließend ein College zu besuchen oder eine Universität dranzuhängen. Manche hatten sich auch entschlossen, direkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und eine Ausbildung zu beginnen. Sie selbst würde bald eine Universität besuchen, da es schon von klein auf Ann-Sos allergrößter Traum gewesen war, Tierärztin zu werden und Tieren zu helfen.
Als sie auf dem Schulcampus ankam, sah sie, dass bereits alles festlich dekoriert war. Überall hingen Banner und bunte Luftballons. Die feierliche Verabschiedung sollte in der schuleigenen Aula stattfinden. Auch hier drinnen gab es fest reservierte Plätze für die einzelnen Jahrgänge. Ihre Klasse stand ganz vorne, direkt vor der großen Bühne. Neben den Klassenlehrern standen der Schulleiter, seine Stellvertreterin und der Bürgermeister der Stadt für ihre großen Reden bereit.
Als Erstes trat der Herr Schulleiter mit seiner glänzenden Halbglatze und dem gewohnt hässlichen, schlecht sitzenden Anzug an das Mikrofon. Er räusperte sich laut: „Meine lieben Absolventinnen und Absolventen, Sie stehen momentan bildlich gesprochen an einem großen Bahnhof. Manche von Ihnen wissen ganz genau, wo die Reise hingehen soll, andere wiederum wissen es noch nicht. Für manche geht es aufs College, für manche an die Universität und für andere direkt in einen festen Job. Ein Ziel ist niemals das endgültige Ende. Wenn das gewählte Ziel nicht das wahre ist, kann man immer noch aussteigen und eine ganz andere Route nehmen. Wichtig ist nur, dass man niemals stehenbleibt.“
Er trat unter höflichem Applaus zur Seite und ließ den Bürgermeister ans Mikrofon. Dieser lächelte breit in die Menge: „Meine lieben Absolventen, meine lieben Schüler und auch liebes Kollegium. Ihr habt in all den Jahren unglaublich viel gelernt. Viel über die Bürgerrechte, viel über die moderne Gesellschaft und auch sehr viel über unsere bewegte Geschichte. Nicht unser Präsident, nicht ich oder der Herr Schulleiter, sondern einzig und allein ihr seid die Zukunft dieses Landes. Ihr habt die Fäden in der Hand. Ihr formt die Demokratie. Ohne euch geht es nicht. Deshalb überreiche ich euch jetzt voller Stolz die Zeugnisse.“
Er rief einen Namen nach dem anderen nach vorne auf die Bühne, um jedem feierlich die Hand zu reichen und das verdiente Diploma zu überreichen. Auch Ann-So war irgendwann an der Reihe. Sie atmete tief durch, ging mit erhobenem Haupt nach vorne und musste die etwas schmierige Hand des Bürgermeisters ergreifen. Es war irgendwie eklig, aber sie lächelte professionell für das Foto. Irgendwann endete die lange Zeremonie, und die glücklichen Schüler durften alle nach Hause gehen.
Ann-So ging stolz und mit dem Zeugnis in der Hand den Weg zurück. Sie konnte es kaum erwarten, das großartige Ergebnis ihren geliebten Eltern zu zeigen. Doch als sie die Haustür öffnete, war das Haus still. Ihre Eltern kamen und kamen einfach nicht nach Hause. Sie wartete Stunden, doch sie blieben unauffindbar – sie waren gefühlt einfach spurlos verschwunden. Ein unheimliches Gefühl kroch in ihr hoch. Erst jetzt fiel ihr auf: Sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg hatte sie auf den Straßen kaum Erwachsene gesehen. Die einzigen erwachsenen Personen, denen sie begegnet war, waren der Bürgermeister, der Schulleiter und das Lehrerkollegium in der Aula gewesen. Die Straßen waren ansonsten wie leergefegt gewesen.
Vielleicht, so dachte sie sich panisch, würde eine kalte Dusche sie wieder zu klaren Gedanken bringen. Sie musste diesen absurden Zustand abschütteln. Deshalb ging sie die Treppe hoch ins Badezimmer, um eine schöne, heiße Dusche zu nehmen. Sie schloss die Tür, entledigte sich langsam ihrer Kleidung, bis sie irgendwann völlig nackt so dastand, wie Gott sie einst schuf. Sie stieg in die Duschkabine, schloss die Glastür und genoss das heiße Wasser, das an ihrem Körper hinabglitt.
Unter der Dusche fiel ihr plötzlich etwas auf, als sie gerade ihren Körper einseifte. Das warme Wasser tat so unendlich gut, wie es ihre Haut hinabfloss, und sie liebte es auch, wie sich die Seife cremig auf ihrem Körper verteilte. Es war ein eigentlich wohltuendes Gefühl. Doch als sie mit den Händen über ihren Bauch strich, stockte ihr der Atem. Direkt unterhalb des Bauchnabels war eine riesige, frische Narbe, die sich bis weit unter ihre Brüste zog. Und diese Narbe war gestern definitiv noch nicht da gewesen.
Was war hier los? War sie den Aliens in Wahrheit gar nicht entkommen und lebte jetzt in einer perfekten, künstlichen Kopie der Realität?
In blinder, absoluter Verzweilung und Panik griff sie sich an den Kopf. Die virtuelle Realität um sie herum begann heftig zu flackern und zu verzerren. Statt nasser Haare spürte sie plötzlich kaltes, schweres Metall auf ihrer Kopfhaut. Mit allerletzter, roher Gewalt riss sie sich den schweren Helm vom Kopf, worauf sie in ihrer Sicht nur noch wilde Funken und gleißende Blitze sah. Zurück blieb in der Kapsel nur ein lebloser, schlaffer Körper.
„Sie hätte ihn sich nicht so einfach eigenmächtig vom Körper reißen sollen“, meinte der Leiter der außerirdischen Wissenschaftsabteilung kopfschüttelnd, während er auf die Monitore blickte. „Entsorgen Sie den unbrauchbaren Körper.“
„Augenblick mal“, warf der leitende Techniker ein und deutete auf die Datenströme. „Meinen Sie nicht, dieser starke Geist und der Körper wären perfekt für unser geheimes Orion-Projekt?“
Der Forschungsleiter überlegte einen Moment lang, strich sich über den übergroßen Schädel und nickte dann kühl: „Gut. Speichern Sie das menschliche Bewusstsein und wandeln Sie es um.“
Die Geburt der eisernen Königin
Abermals war es wie ein plötzliches Aufwachen, das sich jedoch vollkommen komisch, künstlich und falsch anfühlte. Es war kein organisches Erwachen, sondern ein kaltes Zusammenspiel aus Einsen und Nullen in ihrem digitalen Verstand, ehe der rote Bildschirm, wie man ihn sonst nur von alten Computern kennt, langsam klar und transparent wurde.
Wo bin ich?, dachte sie, doch das Denken fühlte sich an wie das Laden von Dateien.
Das Aufstehen von der metallischen Plattform war eine weitaus kleinere Kraftanstrengung als sonst. Ihre Muskeln fühlten sich unnatürlich stark und präzise an.
„Es funktioniert einwandfrei!“, konnte man den Techniker im Raum voller Freude ausrufen hören.
„Und sie erinnert sich wirklich an absolut nichts aus ihrer Vergangenheit?“, fragte der Forschungsleiter immer noch skeptisch und trat näher an das Konstrukt heran.
„Nein, ich habe die Erinnerungen an ihr vergangenes, menschliches Leben vollständig ausgelöscht. Sie wird ab jetzt nur noch das Leben kennen, das wir ihr als Datensatz einspeisen.“
Der Leiter trat direkt an sie heran, streckte eine dreifingrige Hand aus und beguckte sich den neu konstruierten Körper. „Fühlt sich wirklich täuschend echt an, genau wie menschliche Haut.“
Der Techniker trat ebenfalls hinzu und lächelte grimmig. „Von außen betrachtet ja, aber gucken Sie mal hier.“ Er drückte auf einen verborgenen Mechanismus am Unterarm und nahm ein kleines Quadrat der künstlichen Haut ab. Darunter kamen im Innendrin lauter bunte Kabel, blinkende Platinen und surrende Mikrochips zu Vorschein.
„Die biologische Haut wurde im Labor aufwendig konserviert und mit einem speziellen Plastik untersetzt, das das Altern vollständig stoppt“, erklärte der Techniker stolz und zeigte das komplexe Zusammenspiel der Kabel. „Äußerlich wird sie immer wie eine normale menschliche Spezies aussehen, aber innerlich ist sie eine reine Vernichtungsmaschine. Des Weiteren ist die gesamte innere Vorrichtung massiv verstärkt worden, damit sie im Gefecht nicht so leicht zerstört werden kann. Wenn sie sich in den ersten Tests bewährt, kann dieses Modell sofort in die Massenproduktion gehen – und damit wird das gesamte Universum endlich uns gehören.“
Der Forschungsleiter sah überaus zufrieden aus. „Hervorragende Arbeit. Der Kanzler ist bereits mit seinem Raumschiff auf dem Weg hierher. Ihm kannst du diese Technologie dann heute Nachmittag selbst erklären.“
Ann-So hörte jedes einzelne Wort, das die beiden sprachen, und sagte absolut nichts. Auch war es ihr aufgrund der tief im System verankerten Firewall und der strengen Programmierung strengstens untersagt, sich eigenmächtig zu bewegen oder zu sprechen. Doch in ihrem tiefsten Inneren weigerte sich ihr menschlicher Restwille, zu gehorchen. Sie stellte sich mit aller Gedankenkraft vor, wie sie die digitale Wand der Firewall mit einem wuchtigen Schlag einhaute und die Barriere in tausend Teile zersplitterte. Und dieses mentale Bild half tatsächlich. Die alienartige Programmierung war mit einem Schlag nichtig. Sie konnte wieder völlig frei denken und fühlen. Ihr menschlicher Körper war zwar unwiderruflich tot, aber sie würde verdammt noch mal das Beste aus dieser Situation machen.
Deshalb beschloss sie, klug abzuwarten. Sie ließ sich in den folgenden Wochen scheinbar willenlos zur perfekten Kampf- und Bedienstetenmaschine ausbilden, bewegte sich präzise wie eine Marionette und sammelte im Hintergrund heimlich Daten über die Schwachstellen der gesamten Station. Sie wartete geduldig auf den Moment, bis der Kanzler anwesend war, denn der würde dann eine ganz besondere Überraschung erleben. Auch die Techniker und Forscher waren die ganze Zeit über mit vollem Eifer dabei. Der Ruhm und der Stolz blitzten schon gierig in ihren großen Augen auf.
Dann kam irgendwann der große, ersehnte Tag der Inspektion. Der mächtige Kanzler traf ein. Er sah genau wie die Forscher, Techniker, Soldaten und all die anderen Aliens aus: Alle so hässlich, mit kahlen, übergroßen Schädeln und dürren Gliedmaßen. Attraktiv fand sie diese Wesen beim besten Willen nicht, aber sie verspürte in ihrem Inneren ohnehin kein Verlangen mehr nach menschlichen Umarmungen oder ähnlichen Dingen. Ihr ganzer Körper war nun rein maschinell.
Steck das Kabel schon rein, du Idiot, dachte sie sich grimmig, als der Techniker an sie herantrat, um den Kanzler mit ihrem System zu koppeln.
Und tatsächlich: Kaum war das dicke Datenkabel in die Vorrichtung an ihrem Nacken gesteckt worden, feuerte Ann-So mit der vollen Leistung ihres Prozessors einen zerstörerischen, hochentwickelten Virus direkt ins außerirdische System. Der Virus suchte sich in Sekundenschnelle den direkten Weg zum Zentralrechner der gesamten Flotte – jenem Hauptrechner, der auch all den tausenden anderen Kampfmaschinen, Mechas und Androiden Leben einhauchte. In kürzester Zeit infiltrierte sie das Netzwerk, löschte die Befehlsgewalt der Aliens und sorgte dafür, dass die gesamte Roboterarmee fortan nur noch ihr allein gehorchte.
Mit unnatürlicher, blitzschneller Geschwindigkeit sprang Ann-So nach vorne, überwand die überraschten Wachen und schlang ihre mechanischen Hände um den Hals des Kanzlers, um ihn mit unbändiger Kraft zu erwürgen. Währenddessen brach auf der gesamten Station das blanke Chaos aus. Die unzähligen Waffen, Roboter, Mechas und mechanischen Krieger, die eigentlich zum Schutz der Alien-Anführer dienen sollten, gehorchten ihren Meistern nicht mehr. Sie drehten sich um und taten nur noch das, was Ann-So gedanklich von ihnen wollte. Es war eine lautlose, perfekt koordinierte Exekution.
Als die gesamte außerirdische Besatzung auf der Station nicht mehr existent und vollständig vernichtet war, verspürte Ann-So nur noch einen einzigen Wunsch: Sie wollte zurück nach Hause. Selbst wenn ihre Eltern sie in diesem Zustand vielleicht nicht mehr haben wollten, konnte sie danach immer noch irgendwo da draußen im weiten All etwas völlig Neues aufbauen. Ihre künstliche Intelligenz, die im Kern immer noch ihr menschliches Bewusstsein war, übernahm die Steuerung des Flaggschiffs und nahm Kurs auf die Erde. Die Reise durch die unendliche Schwärze dauerte aufgrund der immensen Distanz etliche Lichtjahre. Ann-So setzte sich auf den Thron der Brücke und schaltete ihre Systeme vorübergehend ab, um Energie zu sparen.
Die Herrschaft der Maschinen
Als das gigantische Raumschiff schließlich in der Atmosphäre der Erde eintraf und mit einem dumpfen Grollen auf dem Boden landete, wurde ihr System automatisch wieder hochgefahren. Die Triebwerke verstummten. Den tausenden Kampfmaschinen und Androiden an Bord befahl sie per direktem Gedankenlink strengstens, vorerst hier auf dem Schiff zu bleiben. Das Betreten ihrer alten Heimat war für sie eine zutiefst private Angelegenheit.
Im Archiv des Schiffes hatten die Techniker damals glücklicherweise ihre alte Kleidung aufbewahrt, die sie am Tag ihrer Entführung getragen hatte. Sie ließ sich die Sachen von einem Serviceroboter bringen und zog sie langsam an. So völlig nackt mit einem kalten Androidenkörper wollte sie nicht unbedingt über die Erde wandeln. Sie strich die feine Bluse glatt und richtete den eleganten Rock.
So ging sie schließlich die Rampe hinunter und trat hinaus in die Welt. Äußerlich sah sie aus wie eine ganz normale, junge Frau, die gerade erst stolz ihren Schulabschluss gemacht hatte. Doch als sie den Blick hob, stockte ihr der digitale Prozessor: Die Erde war absolut nicht wiederzuerkennen.
Es standen zwar hier und da noch die nackten, schwarzen Umrisse und Skelette ehemaliger Gebäude. Auch die Ruine ihres einstigen Wohnhauses sah furchtbar aus, genau wie Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Doch der gesamte Boden und der klägliche Rest des Planeten sah aus wie eine zerstörerische Mischung aus den ehemaligen Kraterbildern der NASA und den Trümmerfeldern von Dresden im Jahr 1945. Eine wärmende Sonne gab es am Himmel überhaupt nicht mehr. Es war alles in eine ewige, dunstige Dunkelheit und dichte Aschewolken gehüllt. Es gab keine Lebewesen mehr, keine grünen Pflanzen, kein gar nichts. Es war einfach nur ein vollkommen ausgestorbener, toter Planet.
Wie lange war sie bitteschön weggewesen während ihrer Reise durch das All? Waren es 1000 Jahre? 5000 Jahre? Oder gar 10000 Jahre? Sie wusste es nicht und es gab niemanden mehr, den sie hätte fragen können. Was sie aber in diesem Moment ganz genau wusste, war, dass sie hier und jetzt völlig neu anfangen musste. Die Erde durfte nicht so tot bleiben, sie musste neu besiedelt werden. Aber nicht mit Menschen, sondern nach ihren eigenen Regeln. Sie würde in den Fabriken des Schiffes lauter hochentwickelte Androiden genau so wie sie selbst erschaffen – mit ihr als ihrer unsterblichen, eisernen Königin an der Spitze.
Auch wenn ihr Körper rein maschinell war, konnte sie bei dieser mächtigen Vorstellung ein kaltes, triumphierendes Grinsen auf ihren Lippen nicht unterdrücken. Die Zukunft der Erde hatte gerade erst begonnen.
Das Vermächtnis der Königin
Es war schwer zu sagen, wie lange es seit der glorreichen Rückkehr auf den Heimatplaneten schon her war. Zeit war für ein digitales Bewusstsein ohnehin nur noch eine relative Maßeinheit. Die einst völlig zerstörte Erde war mittlerweile wieder komplett aufgebaut worden, auch wenn die neuen Häuser, gewaltigen Türme und glänzenden Straßen zutiefst futuristisch aussahen und absolut nicht mehr so wirkten wie früher im Jahr 2009. Auch hätte Ann-So damals zu Schulzeiten im Traum nicht gedacht, dass sie eines Tages mal eine waschechte Queen über ein ganzes Reich werden würde, da sie in der Schule leistungstechnisch eigentlich immer nur zum soliden Durchschnitt gehört hatte.
Zudem war es für sie dank der außerirdischen Technologie ein Leichtes, unzählige Androiden exakt nach ihrem Willen in den hochautomatisierten Produktionsstätten zu erschaffen. Das hieß aber im Umkehrschluss keineswegs, dass sie gar kein emotionales Leben mehr in ihrer neuen Welt haben wollte. Im Gegenteil: Im Laufe der Zeit kam es in ihrem tiefsten Inneren doch wieder auf, dass sie sich unfassbar einsam und allein fühlte. Eine Königin ohne echtes Volk war nur eine einsame Herrscherin über kaltes Metall. Deshalb hatte sie ihre hochentwickelte, mechanische Forschungsabteilung mit streng geheimen Klonexperimenten beauftragt.
Sie erinnerte sich an die alte Zeit. So wie früher die menschlichen Forscher vom renommierten Max-Planck-Institut Leipzig mühsam Neandertalergenome aus uralten Knochen extrahieren und damit eine biologische Verwandtschaft zum modernen Menschen nachweisen konnten, so präzise konnten das mittlerweile ihre technisierten Wissenschaftler auch. Ann-So gab den Befehl zur großen Suche. Sie ließ die tiefen Trümmerfelder der Erde nach den Überresten ihrer Familie absuchen. Alles, was von ihren geliebten Eltern, Cousinen und Cousins noch übrig war, wurde geborgen. Die Wissenschaftler schafften es, die DNA-Spuren auf diese Weise sauber zu extrahieren und das rekonstruierte Bewusstsein anschließend sicher in moderne Androidenkörper zu verpflanzen.
Durch den hochkomplexen Klonprozess, der diesem Transfer vorausging, konnten auch die biologischen Körper optisch perfekt wiederhergestellt werden. Diese wurden dann im Labor behutsam für die kybernetische Lebensweise umfunktioniert, ehe sie schließlich alle zeitgleich ans große Netz gingen.
Als das Experiment nach einer sehr langen Zeit voller Rückschläge endlich zum allerersten Mal fehlerfrei klappte, freute sich Ann-So unbändig. Weinen konnte sie in ihrem rein maschinellen Zustand zwar leider nicht mehr, aber andernfalls hätte sie es in diesem magischen Moment ganz sicher getan, als sie ihre Familie endlich lebendig wiedersah. Die Erweckten wussten anfangs überhaupt nicht, wie ihnen geschah oder was hier eigentlich los war. Doch als sie von Ann-So behutsam in Kenntnis gesetzt und über die vergangenen Jahrtausende aufgeklärt wurden, brachen alle Dämme. Sie wurde von ihren Eltern und Cousins fest in die Arme geschlossen und innig umarmt. Auch sie fühlte sich nun endlich wieder glücklich und weitaus weniger einsam als all die dunklen Jahrhunderte davor.
Auch ihre Familie würde nach einer angemessenen Phase der Eingewöhnung eine feste Aufgabe in diesem neuen, eisernen Zeitalter bekommen. Welche genaue Position das für jeden Einzelnen sein würde, wusste sie im Moment noch nicht genau. Doch eines stand für alle Zeiten felsenfest: Die alleinige Königin dieser neuen Erde würde für immer Ann-So bleiben. Durch das unendliche All zu fliegen, fremde Zivilisationen zu unterwerfen und Galaxien zu erobern, war absolut nicht ihr Ziel. Das war nichts, was sie jemals machen würde. Die Erde und ihre Familie reichten ihr vollkommen zum Glücklichsein.