Die Eismission
Ein schöner Sommertag lag über der Stadt. Die Sonne schien warm vom Himmel und tauchte alles in ein weiches, goldenes Licht, während draußen die Vögel in den Bäumen saßen und fröhlich ihre Lieder zwitscherten. Ein leichter Wind bewegte die Blätter im Garten und trug den Duft von frischem Gras bis ins Haus hinein. In der Küche der Kudos war es ruhig, zumindest für einen kurzen Moment. Denn Conan Kudo hielt es schon längst nicht mehr aus. Er lief unruhig hin und her, mal zur Tür, dann wieder zurück zum Fenster, blieb stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen und sah hinaus. Kaum hatte er etwas entdeckt, richtete er sich sofort auf, nur um gleich darauf wieder einen Schritt zurückzugehen, weil es doch nicht das war, worauf er wartete. Dann drehte er sich wieder um. Lief zwei Schritte,
blieb stehen und ging wieder zurück zum Fenster. Ran Mori stand am Küchentresen und bereitete in aller Ruhe einen Beilagensalat zu. Mit geübten Handgriffen schnitt sie Gemüse, während ihr Blick immer wieder zu ihrem Sohn wanderte. Ein leises, amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen. So war er immer, wenn er warten musste. Vor allem dann, wenn es ihm wichtig war. Conan blieb schließlich neben ihr stehen, lehnte sich gegen die Anrichte und trommelte kurz mit den Fingern darauf, als müsste er die restliche Energie irgendwo loswerden. Für einen Moment sah er zu, wie sie arbeitete, aber nicht lange.
„Mama…“ Er zog das Wort ein bisschen in die Länge. Ran sah zu ihm auf.
„Hm?“ Conan zögerte kurz, sah zur Tür, dann wieder zu ihr.
„Wie lange noch?“
„Noch ein bisschen“, antwortete sie ruhig.
„Du weißt doch, dass sie erst später kommen.“
„Ich weiß“, sagte er schnell. Dann sah er sofort wieder zum Fenster.
Kurze Pause.
„Aber vielleicht ja früher.“ Ran musste leise lachen.
„Das glaube ich eher nicht.“ Conan verzog das Gesicht, stieß sich leicht von der Anrichte ab, ging wieder zwei Schritte Richtung Tür, blieb stehen und kam dann doch wieder zurück.
„Ich will nicht mehr warten“, murmelte er. Ran legte das Messer beiseite und wischte sich die Hände an einem Tuch ab.
„Dann hilf deinem Vater im Garten“, schlug sie vor.
„Dann geht es schneller.“ Conan sah sie sofort wieder an.
„Echt?“
„Mhm.“ Sein Gesicht hellte sich direkt auf.
„Okay!“ Er drehte sich um, lief los, ein bisschen zu schnell, rutschte kurz auf dem Boden weg, fing sich aber sofort wieder und tat so, als wäre nichts gewesen.
„Alles gut!“, rief er noch, bevor er draußen war. Ran schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Draußen im Garten war die Luft warm und still, nur unterbrochen vom leisen Rascheln der Blätter. Shinichi Kudo stand auf der Wiese und war gerade damit fertig geworden, den kleinen Pool aufzubauen. Er drückte den Rand an einer Stelle noch einmal fest, damit er gerade stand.
„Papa!“ Conan kam auf ihn zugelaufen und blieb direkt vor ihm stehen. Shinichi sah auf und lächelte leicht. Conan blickte aufgeregt zu seinem Vater.
„Mama hat gesagt, ich kann helfen.“ Shinichi sah sich kurz um, als würde er überlegen. Conan trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
„Und?“, fragte er. Ein kleines Schmunzeln huschte über Shinichis Gesicht.
„Wir brauchen noch den Gartenschlauch“, sagte er und deutete zur Hauswand.
„Kannst du den holen?“
„Kann ich!“ Conan drehte sich sofort um und lief los. Er griff nach dem Schlauch und zog daran, aber er bewegte sich nicht richtig.
„Hm...“ Er zog nochmal stärker. Dann blieb er kurz stehen, griff anders hin und zog erneut. Diesmal löste er sich ein Stück.
„Hab ich!“, rief er. Für einen Moment hielt er inne. Sein Blick wanderte zur Straße. Nur ganz kurz. Dann zog er weiter.
Mit dem Gartenschlauch in der Hand lief Conan zurück zu seinem Vater, der sich gerade zum Pool hinunterbeugte.
„Hier!“, sagte er schnell und hielt ihm das Ende entgegen. Shinichi nahm den Schlauch entgegen, kaum dass Conan ihn richtig festhielt, und im nächsten Moment drehte sich dieser schon wieder um.
„Ich mach das Wasser an!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, lief er zurück zur Hauswand. Der Wasserhahn war ein Stück höher angebracht, als es für ihn bequem war und er musste sich ein wenig strecken, um ihn richtig greifen zu können. Er drehte daran, erst ein kleines Stück, dann noch ein bisschen mehr, nichts passierte. Conan zog kurz die Stirn zusammen, setzte beide Hände an und versuchte es noch einmal, diesmal mit mehr Kraft. Mit einem leisen Ruck gab der Hahn schließlich nach. Im nächsten Moment setzte sich das Wasser in Bewegung und rauschte durch den Schlauch.
„Ja!“ Zufrieden ließ Conan los und lief sofort wieder zurück. Am Pool angekommen, blieb er neben seinem Vater stehen und beobachtete, wie das Wasser gleichmäßig aus dem Schlauch strömte und sich langsam am Boden sammelte. Die Oberfläche begann leicht zu glitzern, sobald das Sonnenlicht darauf fiel. Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er kniete sich an den Rand des Pools, beugte sich ein Stück nach vorne und tippte vorsichtig mit dem Finger ins Wasser. Kleine Kreise breiteten sich aus, überschnitten sich, verschwanden wieder. Langsam zog er Linien hinein, als würde er etwas zeichnen, das nur für einen Moment existierte. Für eine Weile war er ganz darin vertieft. Das Wasser, die Bewegungen und das leise Plätschern rückten in den Hintergrund. Sogar das Warten. Erst nach einer Weile ließ er die Hand wieder sinken. Er sah auf. Blinzelte kurz, als würde ihm wieder einfallen, warum er überhaupt draußen war. Einen kleinen Augenblick blieb er noch knien, dann richtete er sich auf und sah sich um. Sein Blick wanderte automatisch zur Straße. Noch nichts. Ein kaum hörbares Seufzen entwich ihm. Er ging ein paar Schritte weiter in den Garten, bis er bei seinem Vater ankam, der inzwischen am Gasgrill stand und ihn vorbereitete. Conan blieb neben ihm stehen, verschränkte kurz die Arme und ließ die Schultern ein kleines bisschen hängen.
„Paaapaaa…“, zog er das Wort in die Länge, deutlich gelangweilt. Shinichi warf ihm einen kurzen Blick zu, konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen und drehte den Regler am Grill, bis alles bereit war.
„Ist dir schon wieder langweilig?“ Conan antwortete nicht sofort. Er trat mit der Fußspitze gegen das Gras. Dann noch einmal.
„Ein bisschen…“, murmelte er. Shinichi schmunzelte und richtete sich auf.
„Wie wäre es mit Fußball?“, schlug er vor und deutete mit dem Kopf zur freien Fläche im Garten.
"Nur wir Zwei." Für einen Moment war Conan still. Dann hob er den Kopf. Und sein Gesicht hellte sich sofort auf.
„Ja!“ Schnell lief Conan zu dem Fußball, der ein Stück weiter im Gras lag und brachte ihn mit einem gezielten Stoß seines Fußes ins Rollen. Der Ball sprang leicht über den Rasen und Conan setzte sofort nach, holte ihn wieder ein und spielte ihn mit einem sicheren Schuss zu seinem Vater. Den Umgang mit dem Ball hatte er von ihm gelernt. Für ein paar einfache Tricks reichte es schon, auch wenn seine Bewegungen noch nicht ganz so ruhig waren wie die seines Vaters. Shinichi nahm den Ball ohne Mühe aus der Luft an, ließ ihn ein paar Mal locker mit dem Fuß hochspringen und schoss ihn anschließend mit einer sauberen Bewegung zurück. Conan lief ihm entgegen, fing den Ball diesmal besser ab und spielte ihn direkt wieder zurück. Nach und nach entwickelte sich ein gleichmäßiges Hin und Her. Der Ball bewegte sich rhytmisch zwischen ihnen, mal etwas schneller, mal ein wenig ungenauer, sodass Conan ihm ein paar Schritte hinterherlaufen musste, bevor er ihn wieder unter Kontrolle brachte. Dabei mischte sich immer wieder ein leichtes Lachen in ihre Bewegungen, das sich ganz selbstverständlich im Garten verteilte.
„Jo!“ Die Stimme kam vom Zaun entlang. Conan drehte sich sofort in die Richtung. Die kleine Familie Hattori ging gerade am Gartenzaun vorbei. Der Ball rollte unbeachtet an ihm vorbei. Seine Augen begannen sofort zu leuchten, als er Ayaka auf den Schultern ihres Vaters entdeckte. Sie winkte ihm bereits fröhlich zu. Ein breites Grinsen legte sich auf Conans Gesicht. Ohne zu zögern lief er los, direkt auf das Gartentor zu. Im selben Moment blieb Heiji stehen und hob Ayaka von seinen Schultern. Kaum hatte sie festen Boden unter den Füßen, setzte sie sich ebenfalls in Bewegung. Ihre Schritte waren schnell, leicht, fast ein wenig hüpfend, während sie auf das Gartentor zulief. Mit genau dem gleichen Strahlen in den Augen. Heiji und Kazuha blieben einen Moment stehen und sahen ihr nach. Ran war inzwischen in den Garten getreten und blieb nahe der Terrasse stehen. Ihr Blick fiel sofort auf die beiden Kinder, die sich von zwei Seiten einander näherten. Ein sanftes, warmes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Diese ungefilterte Freude, dieses sofortige Loslaufen.. es war jedes Mal das Gleiche. Und jedes Mal berührte es sie. Shinichi trat neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Fast wie wir damals“, murmelte er leise. Ran nickte leicht, ihr Lächeln wurde einen Moment weicher, beinahe nostalgisch. Shinichi beugte sich ein Stück zu ihr hinüber und küsste sie sanft auf die Schläfe. Am Gartentor erreichten sich Conan und Ayaka im selben Moment. Ohne stehen zu bleiben, griff Conan nach ihrer Hand.
„Komm!“ Er zog sie lachend mit sich in den Garten hinein, als hätte er etwas ganz Wichtiges zu zeigen. Und Ayaka ließ sich einfach mitziehen. Wenige Sekunden später traten auch Heiji und Kazuha, Hand in Hand, durch das Gartentor.
„Na endlich“, meinte Shinichi grinsend, während er ihnen entgegenkam. Die beiden gaben sich die Hand, während sich Ran und Kazuha gleichzeitig in die Arme fielen.
„Ist ja schon gefühlt ewig her“, sagte Kazuha lachend.
„Unterschätz mal nicht die vierundzwanzig Stunden“, stimmte Ran zu.
Gerade als sie sich wieder voneinander lösten, schoss Ayaka plötzlich zwischen ihnen hindurch, suchte für einen kurzen Moment Schutz hinter ihrer Mutter und lugte mit einem schnellen Blick zur Seite. Im nächsten Augenblick kam Conan angerannt. Ayaka stieß ein helles Lachen aus und lief sofort weiter. Conan setzte ihr ohne zu zögern nach. Ihre Schritte wurden schneller, ihre Bewegungen unkoordiniert und lebendig, während sie quer durch den Garten liefen.
Conan und Ayaka waren längst vollkommen in ihrer eigenen kleinen Welt versunken, die sich irgendwo zwischen dem Rascheln der Blätter, dem warmen Sonnenlicht und den gedämpften Stimmen der Erwachsenen gebildet hatte, die für sie in diesem Moment kaum mehr als ein leiser Hintergrund waren. Hoch oben im Baum hatte sich Conan auf einen der dickeren Äste gesetzt, der unter seinem Gewicht leicht nachgab, während er sich ein Stück nach vorne beugte und konzentriert durch sein kleines Spielfernrohr blickte, das er mit beiden Händen festhielt, um es ruhig zu halten. Sein Blick wanderte langsam über die Straße hinaus, hielt hier und da inne, als würde er jede Bewegung genau überprüfen, bevor er das Fernrohr ein kleines Stück weiter schwenkte. Unter ihm, halb verborgen hinter einem dichten Gebüsch, kauerte Ayaka, deren Schultern immer wieder leicht von den Blättern gestreift wurden, während sie sich vorsichtig bewegte, um nicht aufzufallen. Mit bedächtigen Fingern zog sie ihr Walkie Talkie hervor und hielt es nah an sich heran, als müsste sie darauf achten, dass ihre Stimme nicht weiter trug, als sie sollte.
„Siehst du was?“, flüsterte sie leise, wobei ihre Stimme kaum lauter war als das leise Rascheln um sie herum."Ein kurzes Knistern antwortete, bevor Conan, ohne den Blick ganz vom Fernrohr zu lösen, sein eigenes Gerät aus der Hosentasche zog und es dicht an sein Gesicht hielt.
„Nein...“, murmelte er ruhig, während er noch einmal genauer hinsah, sein Blick sich kurz verengte, bevor er schließlich leicht den Kopf schüttelte.
„Kein Eiswagen in Sicht.“ Für einen Moment blieb es still zwischen ihnen, als hätte diese Nachricht mehr Gewicht, als sie eigentlich sollte, bevor sich das Gebüsch leicht bewegte und Ayaka sich ein kleines Stück aufrichtete.
„Gar keiner?“, fragte sie noch einmal nach, leise, aber mit einem Hauch von Hoffnung. Conan ließ das Fernrohr nun ganz sinken, hielt es einen Moment in der Hand und sah noch einmal ohne Hilfsmittel hinaus, bevor er erneut den Kopf schüttelte.
„Gar keiner.“ Ein leises, kaum hörbares Seufzen entwich Ayaka, doch es hielt nicht lange an, denn schon im nächsten Moment lag wieder etwas Entschlossenes in ihrer Stimme.
„Dann brauchen wir einen neuen Plan.“ Während sie das sagte, hatte Conan seinen Blick bereits zurück in den Garten gelenkt, wo sich die Erwachsenen befanden, die von all dem nichts mitzubekommen schienen. Heiji lachte gerade laut auf, während er mit ausladenden Bewegungen eine Geschichte erzählte, seine Hände in der Luft, als würde er die Szene noch einmal nachstellen, während Shinichi neben ihm stand, ein leichtes Grinsen auf den Lippen, aufmerksam zuhörte und gleichzeitig mit ruhiger Hand das Fleisch auf dem Grill wendete. Ein Stück weiter entfernt saßen Ran und Kazuha am Gartentisch, leicht zueinander geneigt, in ein Gespräch vertieft, das immer wieder von leisem Lachen unterbrochen wurde. Niemand sah zu ihnen. Niemand achtete auf sie. Und genau das ließ Conans Blick schließlich an der offenen Terrassentür hängen, die still und beinahe einladend im Hintergrund lag, als wäre sie für genau diesen Moment offen gelassen worden. Langsam breitete sich ein neues, gedankliches Funkeln in seinen Augen aus, während er das Fernrohr schließlich wegsteckte und vorsichtig sein Gewicht verlagerte, um sich vom Ast herunterzuarbeiten. Seine Schuhe fanden Halt an der rauen Rinde, rutschten einmal kurz ab, bevor er sich fing und sich Stück für Stück nach unten bewegte, bis er schließlich das letzte Stück ins Gras sprang, das unter seinen Füßen leicht nachgab. Ohne zu zögern duckte er sich sofort und lief in schnellen, leisen Schritten zum Gebüsch hinüber, wo Ayaka noch immer wartete, die sofort zu ihm aufsah, als er neben ihr auftauchte.
„Ich hab eine Idee“, flüsterte er leise, während er kurz mit dem Kopf in Richtung Haus deutete. Ayakas Blick folgte seiner Bewegung, blieb einen Moment an der offenen Tür hängen und kehrte dann wieder zu ihm zurück, während sich ein leichtes Zögern in ihrem Gesicht abzeichnete.
„Was?“
„Wir haben im Gefrierfach Eis“, antwortete Conan, aber mit einem Tonfall, der deutlich machte, dass dieser Gedanke für ihn bereits ein Plan war. Ayakas Blick wanderte erneut zur Terrasse, dann wieder zu den Erwachsenen, bevor sie leise sagte.
„Aber… wir sollen doch erst...“ Conan schüttelte leicht den Kopf, ein sicheres, beinahe schon überzeugtes Grinsen auf den Lippen.
„Nur eins“, murmelte er und deutete noch einmal zur Tür.
„Die merken das nicht.“ Für einen Moment blieb Ayaka still, ihr Blick ging ein letztes Mal zwischen Haus und Erwachsenen hin und her, bevor sie schließlich ganz leicht nickte und ein kleines Stück näher rückte. In diesem Moment streckte Conan ganz selbstverständlich die Hand aus, ohne darüber nachzudenken und Ayaka legte ihre ebenso selbstverständlich hinein, als wäre das der natürlichste Teil ihres Plans. Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung. Geduckt liefen sie am Rand des Gartens entlang, wo das Gras etwas höher stand und ihre Schritte ein wenig verbarg, während Conan ein kleines Stück vorausging und Ayaka leicht mit sich zog. Immer wieder streiften Zweige ihre Schultern oder Arme, einmal blieb Ayaka kurz stehen, als ein Ast an ihr hängen blieb, woraufhin Conan sofort innehielt, sich zu ihr umdrehte und sie ansah, bis sie sich befreit hatte und ihm mit einem kleinen Nicken signalisierte, dass es weitergehen konnte. Am Grill wanderte Shinichis Blick in genau diesem Moment für einen flüchtigen Augenblick zur Seite, ein kaum merkliches Schmunzeln lag auf seinem Gesicht, bevor er sich wieder dem Grill zuwandte, während Heiji ungestört weiterredete. Auch Kazuha hob kurz den Blick vom Tisch, bemerkte die beiden und ließ ein kleines Lächeln erkennen, bevor sie sich wieder Ran zuwandte, die offensichtlich ebenfalls mehr bemerkte, als sie zeigte. Die Steinplatten der Terrasse fühlten sich kühler an unter ihren Füßen, als sie sie erreichten, und automatisch wurden ihre Schritte langsamer, vorsichtiger, während Conan Ayaka ein kleines Stück näher zu sich zog, als sie sich der offenen Tür näherten. Ohne zu zögern schob er sich hinein, dicht an der Wand entlang, und Ayaka folgte ihm unmittelbar, so nah, dass ihre Schritte beinahe im gleichen Rhythmus fielen. Drinnen war es stiller, die Geräusche des Gartens klangen gedämpft und weit entfernt, als hätten sie eine Grenze überschritten, die nur für sie existierte. Für einen kurzen Moment blieben sie stehen, sahen sich an, und ein leises, aufgeregtes Grinsen breitete sich gleichzeitig auf ihren Gesichtern aus. Dann wandte sich Conan dem Kühlschrank zu und zog die Tür langsam auf, wobei sich die Dichtung mit einem leisen Geräusch löste und ihnen sofort kühle Luft entgegenströmte. Das Licht im Inneren ließ die verschiedenen Eispackungen im Gefrierfach deutlich hervortreten, ordentlich nebeneinander gestapelt, jede in einer anderen Farbe. Ayaka trat näher, beugte sich leicht vor und ließ den Blick über die Auswahl wandern, während Conan ebenfalls zögerte, seine Hand kurz nach einer Packung ausstreckte, sie dann wieder zurückzog und eine andere betrachtete.
„Welches?“, fragte Ayaka leise. Conan zeigte auf eine, überlegte es sich wieder anders, während Ayaka schließlich auf eine mit Erdbeere deutete und sie vorsichtig herauszog, als müsste sie darauf achten, kein Geräusch zu machen. Conan griff kurz darauf ebenfalls hinein, nahm sich eines, und während das Plastik leise in seinen Händen knisterte, schloss er die Kühlschranktür mit einem gedämpften Klack.
Beide erstarrten sofort. Draußen waren Stimmen zu hören, ein kurzes Lachen, ein Schritt, dann wieder Ruhe. Ein kurzer Blick zwischen ihnen. Dann liefen sie los. Als sie wieder durch die Terrassentür nach draußen traten, schlug ihnen sofort die warme Luft entgegen, das Licht ließ sie kurz blinzeln, während sie kaum zwei Schritte auf die Terrasse machten.
„Habt ihr gefunden, was ihr gesucht habt?“ Die Stimme kam ruhig, aber nah. Beide blieben wie auf ein unsichtbares Signal hin stehen, und fast gleichzeitig wanderten ihre Hände hinter ihren Rücken, wo das Eis verschwand, als hätten sie es genau dafür geübt. Vor ihnen standen Shinichi und Heiji, die sie ruhig musterten, ohne ein Wort zu sagen, und gerade diese Ruhe ließ den Moment für einen Augenblick länger wirken, als er war. Heiji trat schließlich einen halben Schritt nach vorne, verschränkte langsam die Arme und legte den Kopf leicht schief, während Shinichis Blick unauffällig zu ihren Händen wanderte.
„Wenn ich mich nicht irre…“, begann er ruhig. Conan hob sofort den Kopf, ein wenig zu schnell.
„Wir haben nur...“ setzte er an, stockte kurz und suchte nach Worten, bevor er schließlich sagte
„Also… das Eis… das ist wichtig.“ Heiji zog eine Augenbraue hoch.
„Wichtig?“ Conan nickte sofort, diesmal überzeugter.
„Ja, weil es heute so warm ist“, erklärte er und deutete vage in den Garten,
„und dann passt das besser.“ Neben ihm stand Ayaka still, das Eis noch immer hinter ihrem Rücken verborgen, während ihr Blick kurz zu ihrem Vater wanderte, ein kleines, entschuldigendes Lächeln darin.
Heiji sah sie an, dann zu Shinichi. Die beiden sahen sich an. Ein kaum merkliches Zucken in ihren Mundwinkeln.
„Schwieriger Fall“, murmelte Shinichi schließlich und verschränkte die Arme.
„Sehr schwieriger Fall“, stimmte Heiji zu und begann langsam ein paar Schritte auf und ab zu gehen, als würde er ernsthaft darüber nachdenken.
„Unerlaubtes Entnehmen von Eis…“, setzte Shinichi an.
„…vor dem Essen“, ergänzte Heiji.
„Was schlagen Sie vor, Kollege?“ Shinichi tat so, als würde er überlegen, ließ den Blick noch einmal über die beiden Kinder gleiten
und zwinkerte. Nur ganz kurz. In diesem Moment löste sich die Spannung, und ein Grinsen schlich sich zurück auf Conans Gesicht.
Heiji atmete aus, als hätte er gerade eine Entscheidung getroffen, dann grinste er breit.
„Also gut“, sagte er, machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu,
„Ich würde sagen… die Eis-Stehl-Mission war ein voller Erfolg.“ Ayaka blinzelte kurz, bevor sie leise lachen musste. Hinter ihnen saßen Ran und Kazuha am Tisch, beobachteten das Ganze mit einem warmen, amüsierten Lächeln, ohne sich einzumischen.
„Na los“, sagte Heiji schließlich wieder ganz locker,
„verschwindet, bevor euch das Eis noch wegschmilzt.“ Mehr brauchte es nicht. Conan griff sofort wieder nach Ayakas Hand und im nächsten Moment liefen sie los, lachend, das Eis fest in den Händen, als wäre ihre kleine Mission nicht nur geglückt, sondern genau so ausgegangen, wie sie es sich insgeheim erhofft hatten.
Das Lachen der Kinder entfernte sich langsam über den Rasen, wurde leiser, während Conan und Ayaka nebeneinander zur alten Gartenschaukel liefen, die sich leicht im warmen Sommerwind bewegte. Für einen Moment blieben die Väter einfach stehen und sahen ihnen nach. Dann fiel die gespielte Strenge von ihnen ab, als hätte sie nie wirklich dazugehört. Kazuha trat einen Schritt näher zu Heiji, lehnte sich leicht an seine Seite und stieß ihm mit einem kleinen, gezielten Stoß gegen den Arm.
„Also wirklich“, murmelte sie, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Ganz große Detektivarbeit.“ Heiji grinste schief, legte ganz selbstverständlich einen Arm locker um ihre Schultern und zog sie ein kleines Stück näher zu sich.
„War ein schwieriger Fall“, gab er zurück.
„Der musste sorgfältig gelöst werden.“ Ein leises Lachen entwich Kazuha, während sie kurz den Kopf an seine Schulter lehnte. Ein Stück daneben trat Ran näher zu Shinichi, ohne den Blick von den Kindern zu lösen. Sie blieb dicht bei ihm stehen, sodass sich ihre Schultern leicht berührten, bevor sie sich ein wenig an ihn lehnte.
„Ihr habt euch wirklich Mühe gegeben“, sagte sie leise, fast mehr zu sich selbst als zu ihm. Shinichi ließ ein ruhiges Lächeln erkennen, während er den Arm um sie legte und sie ein Stück näher zu sich zog.
„Man muss ja glaubwürdig bleiben“, murmelte er. Ran lächelte sanft, drehte den Kopf ein kleines Stück zu ihm und ließ sich für einen kurzen Moment einfach an ihn sinken. Shinichi beugte sich leicht zu ihr hinüber und küsste sie flüchtig auf die Schläfe, bevor auch sein Blick wieder zu den Kindern wanderte. Auf der Schaukel hatte sich Conan bereits gesetzt und stieß sich leicht mit den Füßen vom Boden ab, sodass sie langsam vor und zurück schwang. Ayaka stand neben ihm, hielt ihr Eis in den Händen und versuchte vorsichtig, die Verpackung zu öffnen, die sich jedoch nicht so leicht lösen ließ, wie sie gehofft hatte. Sie zog ein wenig daran, hielt kurz inne und versuchte es noch einmal.
„Warte“, sagte Conan und hielt die Schaukel an, indem er die Füße auf den Boden setzte. Er stand auf, trat einen kleinen Schritt zu ihr heran und nahm ihr das Eis vorsichtig aus der Hand.
„So geht das besser.“ Mit etwas mehr Kraft löste er die Verpackung an der richtigen Stelle, zog sie ein Stück auf und reichte ihr das Eis wieder zurück. Ayaka sah kurz darauf, dann zu ihm. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Danke.“ Conan grinste nur kurz, als wäre das nichts Besonderes gewesen, und setzte sich wieder auf die Schaukel. Ayaka tat es ihm gleich, setzte sich neben ihn, und gemeinsam begannen sie, leicht hin und her zu schwingen. Die Bewegung war ruhig, gleichmäßig, fast wie von selbst. Zwischendurch beugte sich Ayaka ein kleines Stück zu ihm, sagte etwas, das nur für ihn bestimmt war, und Conan antwortete, während beide leise lachen mussten. Ihre Stimmen waren kaum zu hören, verloren sich im leichten Wind und dem sanften Quietschen der Schaukel. Ran sah ihnen still zu, ihr Blick weich geworden, während die Schaukel sich gleichmäßig bewegte und das leise Lachen der Kinder durch den Garten trug.
„Sie sind wirklich unzertrennlich“, murmelte sie leise. Kazuha folgte ihrem Blick, ein warmes Lächeln auf den Lippen, das mit jedem Moment ein kleines bisschen breiter wurde.
„Und wie“, sagte sie leise.
„Die sind die ganze Zeit zusammen.“ Ran nickte leicht, ohne den Blick abzuwenden, während sie beobachtete, wie Conan sich ein Stück zu Ayaka hinüberbeugte, ihr etwas zeigte und sie daraufhin leise lachen musste. Ein kaum hörbares, beinahe verträumtes Lächeln lag in ihrer Stimme.
„Irgendwie… wäre das doch schön, oder?“ Kazuha drehte den Kopf ein kleines Stück zu ihr, als hätte sie genau denselben Gedanken gehabt.
„Total“, sagte sie sofort, fast ein wenig zu begeistert für die ruhige Stimmung.
„Stell dir das mal vor.“ Ran ließ ein leises, warmes Lachen hören.
„Die zwei ein Paar…“ Sie sah wieder nach vorne.
„Das würde einfach passen.“ Kazuha nickte eifrig, während ihr Blick wieder zu den Kindern wanderte, die nebeneinander auf der Schaukel saßen, ihre Bewegungen unbewusst aufeinander abgestimmt.
„So wie die jetzt schon sind“, murmelte sie.
„Das ist doch…“ Sie brach kurz ab, suchte nach dem richtigen Wort, bevor sie leise sagte.
„…einfach süß.“ Ran lächelte noch etwas weicher.
„Mehr als das.“ Neben ihnen ließ Heiji ein leises, gespielt genervtes Schnauben hören.
„Ihr seid ja schon wieder einen Schritt weiter als alle anderen.“ Shinichi schmunzelte ruhig, während sein Blick weiterhin auf den Kindern lag.
„Das ging jetzt ziemlich schnell.“ Kazuha winkte leicht ab, ohne den Blick von Ayaka zu nehmen.
„Ach was“, meinte sie.
„Man sieht sowas doch.“ Ran nickte leise zustimmend und lehnte sich ein kleines Stück mehr an Shinichi.
„Manchmal sind bestimmte Dinge füreinander bestimmt." Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick. Ein kleines, amüsiertes Lächeln.
„Wir lassen ihnen vielleicht erstmal ein paar Jahre“, murmelte Shinichi ruhig. Heiji grinste schief.
„Aufjedenfall.“ Doch selbst in seiner Stimme lag kein wirklicher Widerspruch mehr.
Die Schaukel bewegte sich ruhig vor und zurück, getragen von einem gleichmäßigen Rhythmus, der sich fast unmerklich an die leisen Geräusche des Gartens anpasste. Das Quietschen der Ketten mischte sich mit dem warmen Sommerwind, der durch die Blätter strich und das Licht in sanften Bewegungen über den Rasen tanzen ließ. Conan saß leicht nach vorne gebeugt, die Füße locker im Gras, während er sein Eis hielt und immer wieder kleine Stücke davon abbiss. Neben ihm saß Ayaka, ein kleines Stück näher, als es vielleicht nötig gewesen wäre, und konzentrierte sich ganz auf ihr eigenes Eis, als wäre es gerade das Wichtigste auf der Welt. Für einen Moment war alles ruhig. Ayaka drehte das Eis leicht in ihrer Hand, betrachtete es einen Moment zu lange, während die Oberfläche begann, ein wenig weicher zu werden. Dann rutschte es.
„Oh nein!“ Das Eis glitt ihr aus den Fingern und fiel ins Gras. Für einen Moment starrte sie einfach nur darauf, als hätte sie nicht ganz verstanden, was gerade passiert war. Dann zog sich ihr Gesicht ein kleines Stück zusammen, ihre Schultern sanken leicht.
„…jetzt ist es runter gefallen“, murmelte sie leise. Conan sah erst das Eis an. Dann sie. Ohne lange zu überlegen, streckte er ihr seines hin.
„Hier.“ Ayaka blinzelte kurz, überrascht, und sah von dem Eis in seiner Hand zu ihm auf.
„Aber… das ist doch deins.“ Conan zuckte leicht mit den Schultern, als wäre das keine große Sache.
„Ich hatte schon genug.“ Das stimmte nicht ganz. Aber es klang gut genug. Ayaka zögerte einen kleinen Moment, bevor sie es vorsichtig annahm, als wäre es etwas, das sie nicht einfach so nehmen wollte.
„Danke…“ Für einen kurzen Augenblick blieb ihr Blick auf ihm liegen.
Dann beugte sie sich ein kleines Stück zu ihm hinüber und gab ihm ein flüchtiges Küsschen auf die Wange. Ganz schnell. Ganz selbstverständlich.
„Danke“, sagte sie noch einmal, leise. Conan blinzelte. Für einen Moment bewegte er sich nicht. Sein Blick blieb irgendwo hängen, ohne wirklich etwas zu fokussieren. Ayaka hatte sich längst wieder ihrem Eis zugewandt, als wäre nichts gewesen und begann zufrieden daran zu knabbern, während die Schaukel sich weiterhin sanft bewegte. Conan hob langsam die Hand und tippte sich kurz an die Stelle, an der sie ihn berührt hatte, als müsste er prüfen, ob es wirklich passiert war, bevor er sie wieder sinken ließ. Für einen kurzen Moment blieb sein Blick etwas länger bei ihr hängen, als er es sonst getan hätte. Ein leises, ungewohntes Gefühl zog durch seine Brust, kaum greifbar, nicht störend, eher… warm. Er wusste nicht genau, woher es kam oder was es bedeutete und bevor er überhaupt richtig darüber nachdenken konnte, war es schon wieder verschwunden.
„Guck mal!“, sagte Ayaka fröhlich und zeigte auf etwas im Gras. Conan blinzelte kurz, als würde er aus einem Gedanken aufwachen, den er selbst nicht richtig verstanden hatte und grinste dann wieder ganz normal. Und während die Sonne den Garten in ein warmes, goldenes Licht tauchte, wirkte es fast so... als hätte dieses Gefühl längst seinen Platz gefunden, noch bevor er wusste, dass es überhaupt da war.
Neben dir
Conan und Ayaka waren endlich keine Grundschüler mehr. Vier Jahre waren vergangen und mit ihnen hatte sich ihr Alltag verändert, ihre Umgebung, ihr Schulweg und doch fühlte sich manches noch immer genau so an wie früher. Nun gingen sie gemeinsam auf die Teitan Mittelschule, betraten jeden Morgen denselben Schulhof, gingen dieselben Wege, Seite an Seite, als wäre es das Natürlichste der Welt.
An diesem Morgen war es nicht anders. Kaum hatten sie das Tor passiert, breitete sich das gewohnte Stimmengewirr um sie herum aus. Schüler standen in kleinen Gruppen beisammen, unterhielten sich, lachten oder riefen sich quer über den Hof hinweg etwas zu. Schritte hallten über den Boden, Taschen wurden achtlos abgestellt, während andere noch hastig in Richtung Gebäude liefen. Es war ein lebendiger, unruhiger Beginn des Tages, der sich jeden Morgen wiederholte und doch nie ganz gleich war. Mitten hinein in dieses Treiben gingen Conan und Ayaka. Der Ball löste sich von Conans Fuß, stieg in die Luft und wurde im nächsten Moment wieder sauber abgefangen. Mit einer Sicherheit, die keine Anstrengung verriet, ließ er ihn immer wieder aufspringen, führte ihn weiter, hielt ihn in Bewegung, ohne dabei langsamer zu werden. Seine Schritte passten sich dem Rhythmus an, als wäre es ein eingespieltes Zusammenspiel, das längst in ihm verankert war. Es wirkte mühelos, beinahe selbstverständlich, als würde er nicht einmal bewusst darüber nachdenken. Ayaka ging neben ihm. Ihr Blick glitt für einen kurzen Moment zu dem Ball, verfolgte die Bewegung, wie er immer wieder in die Luft stieg und von Conan kontrolliert wurde, bevor sie wieder nach vorne sah. Für sie war es kein ungewohntes Bild, nichts, das ihre Aufmerksamkeit lange festhielt. Sie kannte es, kannte ihn so, hatte ihn unzählige Male genau so neben sich gehen sehen. Was jedoch nie ganz verschwand, waren die Blicke um sie herum. Sie spürte sie sofort. Noch bevor sie bewusst hinsah, waren sie da.. dieses leise, aber deutliche Wahrnehmen, das sie inzwischen nur allzu gut kannte. Es war jeden Morgen so. Eigentlich nicht nur morgens. Immer dann, wenn sie mit Conan zusammen war. Langsam ließ sie ihren Blick ein wenig wandern, ohne den Kopf groß zu drehen. Es bestätigte sich sofort. Mehrere Mädchen hatten ihre Aufmerksamkeit auf sie gerichtet oder vielmehr auf ihn. Einige flüsterten miteinander, beugten sich näher zueinander, während ihre Augen immer wieder in ihre Richtung glitten. Andere sahen ganz offen hin, ohne sich die Mühe zu machen, es zu verbergen. Seit Conan der Kapitän der Schulfußballmannschaft war, hatte sich etwas verändert. Er war nicht mehr nur ein Teil des Ganzen. Er war jemand, den man bemerkte. Jemand, über den gesprochen wurde. Jemand, den man ansah. Der Mädchenschwarm schlechthin. Ayaka wusste das. Sie hörte es oft genug, auch wenn es selten direkt vor ihr ausgesprochen wurde. Es lag in den Blicken, in den halblauten Gesprächen, in den Reaktionen, die sich kaum verstecken ließen. Und weil Conan selbst all das nicht wahrnahm.. oder es zumindest nicht so beachtete, wie andere es sich vielleicht wünschten, richtete sich ein Teil dieser Aufmerksamkeit auf sie. Oder vielmehr die Abneigung.
Eifersucht, die sich nicht laut äußerte, aber deutlich genug war, um sie zu spüren. Sie zeigte sich in kleinen Gesten, in Blicken, in dem leisen Tuscheln, das immer wieder aufflackerte, sobald sie in der Nähe war. Auch jetzt. Zwei Mädchen, ein Stück weiter rechts, beugten sich zueinander, ihre Stimmen gedämpft, aber ihre Blicke unverkennbar. Ein kurzes Kichern, ein flüchtiges Heben der Augenbrauen, bevor sie wieder zu ihr sahen.. nicht offen feindlich, aber auch nicht freundlich. Ein weiteres Mädchen sah direkt zu ihr herüber, ließ ihren Blick einen Moment zu lange auf ihr ruhen, bevor sie sich scheinbar desinteressiert abwandte. Ayaka sagte nichts. Sie reagierte nicht. Ihr Blick blieb ruhig nach vorne gerichtet, ihre Schritte gleichmäßig, während sie einfach weiter neben Conan herging, als wäre all das nicht mehr als Hintergrundrauschen. Es war nichts, das sie zum Stehen brachte, nichts, das sie sichtbar beeinflusste. Es war einfach da. Der Ball sprang erneut in die Luft. Conan fing ihn ab. Sein Blick lag fest auf der Bewegung, konzentriert, ruhig, als würde nichts anderes existieren als dieser gleichmäßige Rhythmus. Die Stimmen um ihn herum, die Blicke, das Tuscheln.. all das schien ihn nicht zu erreichen. Für ihn war es ein ganz gewöhnlicher Morgen, nicht anders als jeder andere. Er bemerkte nichts davon. Nicht die Blicke. Nicht das Flüstern. Nicht die Spannung, die sich leise um sie herum zog. Er sah nur den Ball. Und hielt ihn in Bewegung. Erst als sich von der Seite eine Stimme erhob, etwas lauter, etwas näher, wurde dieser gleichmäßige Ablauf kurz durchbrochen.
„Ayaka!“ Die Stimme war unverkennbar. Yuna Suzuki trat ohne Zögern zu ihnen, als hätte sie genau gewusst, wo sie sie finden würde. Ihre Präsenz war sofort spürbar, lebendig, deutlich, während sie sich direkt an Ayakas Seite stellte. Conan hob den Blick. Nur für einen kurzen Moment. Aus dem Augenwinkel. Sein Fuß fing den Ball noch einmal ab, ließ ihn wieder aufspringen, während sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde zur Seite glitt. Er erkannte sie sofort. Und mit ihr kam dieses vertraute Gefühl, das er nicht weiter hinterfragte, weil es sich ohnehin nicht änderte. Er hasste sie nicht. Das tat er wirklich nicht. Aber sie war laut, präsent, manchmal zu viel. Eine Nervensäge, wie er sie für sich längst eingeordnet hatte. Mehr war es nicht. Sein Blick löste sich wieder von ihr, noch bevor er wirklich dort verweilte.
Der Ball fiel. Er fing ihn ab. Neben ihm waren Ayaka und Yuna bereits in ein Gespräch vertieft. Es brauchte keine lange Einleitung, keine Pause. Sie waren sofort darin, als hätten sie dort weitergemacht, wo sie am Vortag aufgehört hatten. Conan hörte nicht zu. Seine Aufmerksamkeit lag wieder bei dem Ball, bei der Bewegung, bei dem gleichmäßigen Rhythmus, der sich sofort wieder eingestellt hatte. Stimmen verschwammen für ihn zu einem Hintergrundgeräusch, das keine klare Form annahm. Dann.. eine weitere Stimme. Dieses Mal von weiter entfernt, aber laut genug, um sich durchzusetzen.
„Conan!“ Er reagierte sofort. Sein Kopf hob sich, sein Blick suchte die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Und er fand sie. Akito Kuroba stand einige Meter entfernt, umgeben von den anderen Jungs aus dem Fußballteam. Er hatte bereits die Hand gehoben und winkte ihm zu. Ein Grinsen breitete sich augenblicklich auf Conans Gesicht aus. Es war eine Reaktion, die ganz von selbst kam, die nicht überdacht werden musste. Seine Haltung veränderte sich kaum merklich, wurde wacher, lebendiger, als hätte sich seine Aufmerksamkeit mit einem Mal neu ausgerichtet. Der Ball fiel ein letztes Mal. Er stoppte ihn sicher mit dem Fuß. Dann drehte er sich leicht zur Seite. Zu seiner besten Freundin. Für einen Moment lag sein Blick auf ihr. Nicht lange. Aber bewusst.
„Wir sehen uns in der Klasse“, sagte er ruhig. Seine Stimme war selbstverständlich, vertraut, als wäre es nichts, das betont werden musste. Ayaka sah ihn einen kurzen Moment an. Dann nickte sie leicht.
„Okay.“ Mehr brauchte es nicht. Mehr war nicht nötig. Das Grinsen blieb auf seinem Gesicht, als er den Ball mit einer gezielten Bewegung nach vorne kickte. Er setzte sich in Bewegung, seine Schritte wurden schneller, während er auf die Gruppe zulief. Die Distanz zwischen ihnen verkürzte sich schnell. Und kaum hatte er sie erreicht, war er ein Teil davon. Rufe, kurze Bemerkungen, Bewegung.. der Ball war wieder im Spiel, wechselte zwischen den Füßen, während Conan sich mühelos einfügte, als wäre er nie weg gewesen.
Hinter ihm blieb der Schulhof in seinem gewohnten Rhythmus zurück.
Die beiden Freundinnen gingen gemeinsam auf das Schulgebäude zu. Ihre Schritte waren ruhig, gleichmäßig, während sich um sie herum weiterhin das morgendliche Stimmengewirr über den Schulhof zog. Schüler liefen an ihnen vorbei, Gespräche vermischten sich, irgendwo wurde gelacht, doch Yuna ließ sich davon nicht ablenken. Sie war bereits mitten in ihrem nächsten Thema.
„Ich sag dir, der ist wirklich süß“, begann sie ohne Umschweife und beugte sich ein kleines Stück näher zu Ayaka, als müsste sie das, was sie gleich sagen würde, besonders betonen.
„Der aus der Parallelklasse. Du weißt schon, der mit den dunklen Haaren.“ Ayaka sah sie kurz von der Seite an.
„Du meinst den, den du letzte Woche schon süß fandest?“ Yuna winkte sofort ab.
„Nein, das ist ein anderer.“ Ein kleines, kaum zurückgehaltenes Kichern entwich Ayaka.
„Natürlich.“ Für Yuna gab es nie genug süße Jungs. Kaum hatte sie sich für einen interessiert, gab es schon den nächsten, über den sie genauso begeistert sprechen konnte. Es war nichts Neues, nichts, das Ayaka überraschte. Und genau deshalb lag in ihrem leisen Lachen auch nichts Spöttisches, sondern nur diese vertraute Selbstverständlichkeit, die sie an ihrer Freundin so gut kannte.
„Der ist wirklich anders“, fuhr Yuna unbeirrt fort, als hätte sie Ayakas Reaktion gar nicht weiter hinterfragt.
„Der hat mich gestern im Flur angesehen. Also richtig angesehen.“ Ayaka hob leicht die Augenbrauen.
„Richtig angesehen?“
„Ja!“, bestätigte Yuna sofort.
„Nicht so wie die anderen. Das war… anders.“ Ayaka kicherte erneut, während sie den Blick kurz nach vorne richtete.
„Mhm.“ Sie erreichten die Treppe zum Eingang und Ayaka streckte die Hand aus, um nach der Tür zu greifen. Ihre Finger legten sich bereits um den Griff, als sich plötzlich zwei Gestalten vor sie schoben und ihr den Weg versperrten. Ayakas Bewegung stoppte augenblicklich. Vor ihr standen Ai Miyano und Hina Koizumi. Yuna erkannte die Situation genauso schnell und ließ ein genervtes Geräusch hören, noch bevor sie überhaupt richtig stehen geblieben war. Ihre Augen rollten deutlich sichtbar, während sie die Arme vor der Brust verschränkte.
„Echt jetzt?“, fragte sie ohne jede Zurückhaltung.
„Könnt ihr euch nicht mal was Neues einfallen lassen?“ Es war keine Überraschung. Nicht für die beiden Freundinnen. Jeden Tag aufs Neue geschah dasselbe. Ob vor der Mädchentoilette, vor dem Klassenzimmer oder hier, direkt am Eingang zum Schulgebäude.. immer wieder stellten sich die beiden der hübschen Hattori in den Weg, ohne einen wirklichen Grund zu nennen, ohne etwas zu ändern.
Ein Spiel, das sich wiederholte. Ai reagierte nicht auf Yunas Worte. Sie schenkte ihr keinen Blick, kein Zucken, keine erkennbare Reaktion. Stattdessen lag ihre Aufmerksamkeit vollständig auf Ayaka. Ein leichtes, fast gelangweiltes Lächeln zog sich über ihre Lippen. Ayaka erwiderte den Blick. Ruhig. Ohne auszuweichen. Sie mochte solche Situationen nicht. Sie hasste sie sogar. Konflikte waren nichts, dem sie sich gerne stellte, nichts, worin sie sich wohlfühlte. Und doch blieb sie stehen. Sie wich nicht zurück, machte keinen Schritt zur Seite, ließ sich nicht einfach abdrängen. Ai beugte sich ein kleines Stück nach vorne, sodass sie Ayaka näher kam. Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde deutlicher, schärfer.
„Du kannst auch den anderen Eingang nehmen“, sagte sie ruhig, aber mit einem Ton, der keinen Raum für Missverständnisse ließ.
„Wir werden dir jedenfalls nicht aus dem Weg gehen.“ Neben ihr nickte Hina sofort zustimmend, ein kleines, gehässiges Lächeln auf den Lippen.
„Genau“, fügte sie hinzu.
„Hier kommst du jedenfalls nicht durch.“ Ihre Worte folgten dicht aufeinander, verstärkten sich gegenseitig, während sie beide vor Ayaka standen und keinen Schritt zur Seite machten. Yunas Haltung veränderte sich. Die Anspannung war sofort sichtbar. Ihre Arme verschränkten sich fester vor ihrer Brust, ihre Schultern zogen sich leicht nach oben, während sich ihr Blick verfinsterte.
„Ihr seid echt…“, setzte sie an, doch ihre Stimme verriet bereits, dass sie Mühe hatte, sich zurückzuhalten. Man konnte es ihr ansehen. Ihr Temperament war nie leise gewesen. Wenn sie wütend wurde, dann richtig. Und in diesem Moment war sie kurz davor, genau das zu tun.
Doch bevor sie weitersprechen konnte, bewegte sich Ayaka. Nicht viel. Nur ein kleines Stück. Ihre Hand legte sich leicht an Yunas Arm.
Eine stille Geste. Kein Druck. Kein Ziehen. Nur genug, um sie aufzuhalten. Yuna hielt inne. Ihre Augen blieben noch einen Moment auf Ai gerichtet, bevor sie kurz zu Ayaka sah. Es brauchte keine Worte, keine Erklärung. Sie wusste genau, was diese kleine Bewegung bedeutete. Es würde nichts bringen. Ein genervtes Ausatmen entwich ihr, während sie den Blick wieder nach vorne richtete, die Spannung in ihrem Körper jedoch nur langsam nachließ.
Ai beobachtete das Ganze mit sichtlicher Belustigung. Ihr Lächeln wurde breiter.
„Wie immer“, murmelte sie, ohne den Blick von Ayaka zu nehmen. Für sie war diese Reaktion nichts Neues. Sie kannte Ayaka genau so. Ruhig. Zurückhaltend. Jemand, der Konflikten auswich, anstatt sie zu suchen. In ihren Augen war das Schwäche.
„Du änderst dich wirklich nie“, fuhr sie fort, während ihr Ton leicht spöttisch wurde. Hina nickte erneut zustimmend.
„Warum auch?“, fügte sie hinzu.
„Ist ja auch nicht nötig.“ Ein kurzes, leises Lachen. Ai legte den Kopf leicht schief.
„Ohne ihn würde dich sowieso keiner beachten“, sagte sie schließlich und ließ die Worte bewusst langsam fallen. Ein Satz, der nicht laut war. Nicht geschrien. Und doch deutlich. Hina grinste.
„Stimmt“, meinte sie.
„Du bist doch nur…“ Sie brach nicht einmal ab, weil es nötig gewesen wäre. Die Bedeutung hing ohnehin in der Luft. Ein Niemand. Die Worte wurden nicht vollständig ausgesprochen. Aber sie waren da.
Und sie trafen. Ayaka sagte nichts. Ihr Blick blieb ruhig auf Ai gerichtet, doch innerlich hatte sich etwas bewegt. Es war kein Schock, keine Überraschung. Es war etwas, das sie kannte. Etwas, das sie sich selbst schon gedacht hatte. Sie wusste, dass ein Teil davon stimmte. Wenn Conan nicht ihr bester Freund wäre, würde sie vermutlich nicht auffallen. Sie wäre eine von vielen, vielleicht sogar eine von denen, die man übersah, ohne es bewusst zu tun. Unsichtbar. Und manchmal... war das ein Gedanke, der sich nicht nur schlecht anfühlte. Manchmal war es etwas, das sie sich sogar wünschte. Keine Blicke. Kein Tuscheln. Kein ständiges Beobachtetwerden. Einfach nur da sein, ohne aufzufallen. Doch sie sprach es nicht aus. Kein einziges Wort verließ ihre Lippen. Sie blieb stehen. Und hielt den Blick weiterhin aufrecht.
Plötzlich erklang eine vertraute Stimme hinter Ayaka, die ihren Namen rief. Sie löste sich klar aus dem vielstimmigen Durcheinander des Schulhofs, als hätte sie ihren eigenen Weg durch all die Geräusche gefunden, und traf Ayaka so unmittelbar, dass sie sich ohne zu zögern umdrehte. Neben ihr reagierte Yuna im selben Moment, beinahe spiegelgleich, als hätten beide instinktiv gewusst, wer sich ihnen näherte. Ayakas Blick fiel direkt auf Conan. Er kam auf sie zu, den Ball fest unter seinem Arm, dicht an seine Seite gedrückt, während seine Schritte ruhig und sicher über den Schulhof führten. Neben ihm ging Akito, dessen Blick bereits nach vorne gerichtet war, aufmerksam und wach, als würde er die Situation schon erfassen, bevor sie überhaupt bei ihnen angekommen waren. Doch kaum war Conan in ihr Sichtfeld getreten, veränderte sich die Situation schlagartig. Ai reagierte sofort. Ihre Augen begannen augenblicklich zu leuchten, als hätte sich ihre gesamte Aufmerksamkeit mit einem Schlag nur noch auf ihn gerichtet. Ohne auch nur den kleinsten Moment zu zögern, setzte sie sich in Bewegung und drängte sich mit einer rücksichtslosen Direktheit zwischen Ayaka und Yuna hindurch.
„Hey!“, entfuhr es Yuna scharf, doch Ai ignorierte sie vollständig.
Ihre Schulter stieß grob gegen Ayakas Arm, sodass diese einen halben Schritt zur Seite ausweichen musste. Die Bewegung war nicht unbeabsichtigt, nicht zufällig.. sie war direkt, bestimmt und ohne jede Rücksicht. Ai hielt nicht inne. Mit schnellen, beinahe federnden Schritten lief sie die wenigen Stufen hinunter, als würde sie von einer inneren Ungeduld getragen werden, und blieb direkt vor Conan stehen. Viel zu nah. Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf, ein strahlendes, fast schon übertriebenes Lächeln breitete sich über ihre Züge aus, während sie ihn ansah, als gäbe es nichts anderes mehr um sie herum.
„Conan!“, sagte sie mit hörbarer Begeisterung. Conan blieb stehen.
Sein Blick lag auf ihr, ruhig, gleichmäßig, ohne dass sich darin eine erkennbare Veränderung zeigte, die ihrem Strahlen hätte entsprechen können.
„Morgen“, antwortete er knapp. Neben ihm verzog Akito sofort das Gesicht und ließ ein trockenes Schnauben hören, während er Ai musterte, als würde ihn allein ihre Anwesenheit bereits stören.
„Das ist echt langsam verstörend“, sagte er ohne Umschweife und verschränkte die Arme locker vor der Brust.
„Diese besessene Art… ich mein, merkst du das eigentlich noch selbst?“ Seine Worte waren direkt, ungefiltert und deutlich genug, um keinen Zweifel daran zu lassen, was er davon hielt. Ai reagierte nicht darauf. Nicht einmal ein kurzes Zucken verriet, dass sie es überhaupt wahrgenommen hatte. Ihr Blick blieb unverändert auf Conan gerichtet, ihr Lächeln ebenso fest, als wäre alles andere vollkommen bedeutungslos.
„Ich hab dich schon gesucht“, fuhr sie fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.
„Du warst eben noch beim Fußball, oder?“ Conan antwortete nicht sofort. Sein Blick hatte sich längst gelöst. Ganz ruhig, beinahe unmerklich, wanderte er an Ai vorbei, ohne sich an ihr festzuhalten, ohne sich von ihr einfangen zu lassen. Er sah über sie hinweg zu seiner besten Freundin. Sie stand noch an den Stufen, ein kleines Stück zurückgezogen neben Yuna, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte und Ai mit einem Blick bedachte, der deutlich machte, wie wenig sie von ihr hielt.
„Unfassbar…“, murmelte sie leise. Ayaka hingegen blieb ruhig. Ihr Blick traf kurz den von Conan. Für einen Moment lag ein leichtes, stilles Lächeln auf ihren Lippen, kaum mehr als ein sanfter Ausdruck, der nicht länger blieb als nötig. Gemeinsam mit Yuna wandte sich Ayaka schließlich ab. Die Bewegung geschah ruhig und ohne Hast, als hätte sie sich innerlich längst entschieden, sich aus dieser Situation zurückzuziehen. Yuna ließ noch einen letzten, deutlich genervten Blick in Richtung Ai zurück, bevor sie sich ebenfalls zur Tür drehte und den ersten Schritt machte.
„Komm“, sagte sie leise, ihre Stimme noch immer leicht angespannt.
Ayaka nickte kaum merklich und folgte ihr ohne ein weiteres Wort.
Ihre Schritte waren gleichmäßig, fast beiläufig, während sie sich vom Geschehen entfernten. Da sie bereits vor dem Eingang standen, brauchte es nur einen Schritt, um die Tür zu erreichen. Yuna griff nach der Klinke und drückte sie auf, während Ayaka dicht hinter ihr blieb. Ohne sich noch einmal umzusehen, traten sie gemeinsam ins Schulgebäude hinein und im nächsten Moment verschluckte das Innere sie vollständig. Conans Blick folgte ihr. Er blieb ruhig auf ihr liegen, ohne dass es auffällig gewesen wäre und doch hielt er diesen Moment ein wenig länger fest, als es bei irgendjemand anderem der Fall gewesen wäre. Während um ihn herum weiterhin Stimmen durcheinanderklangen und sich Gespräche überlagerten, schien all das für einen kurzen Augenblick in den Hintergrund zu rücken, als würde sich seine Aufmerksamkeit ganz von selbst auf etwas ganz Bestimmtes konzentrieren. Er sah, wie Ayaka gemeinsam mit Yuna durch die Tür des Schulgebäudes trat und im Inneren verschwand. Und etwas in ihm blieb zurück. Es war kein plötzliches Gefühl, kein Moment, der ihn überraschte oder aus dem Nichts kam. Vielmehr war es etwas, das sich über die Zeit hinweg in ihm festgesetzt hatte, leise und unaufdringlich, bis es irgendwann nicht mehr zu übersehen gewesen war. Vor vier Jahren hatte es begonnen. Damals im Garten, in einem dieser scheinbar unbedeutenden Augenblicke, die man normalerweise nicht weiter hinterfragt. Ayaka hatte sich einfach zu ihm gebeugt und ihm ein flüchtiges Küsschen auf die Wange gegeben, kaum mehr als ein spontanes Dankeschön, schnell, selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Für sie war es nichts Besonderes gewesen. Für ihn… hatte sich etwas verändert. Er hatte es damals nicht verstanden. Hatte nicht gewusst, warum dieser Moment sich anders angefühlt hatte als alles zuvor. Es war kein klarer Gedanke gewesen, nichts, was er hätte greifen oder benennen können. Es war einfach nur ein Gefühl gewesen, das geblieben war, ohne dass er ihm Bedeutung beigemessen hatte. Doch genau dieses Gefühl war nicht verschwunden. Es hatte sich mit der Zeit leise weiterentwickelt, hatte sich immer wieder in kleinen, unscheinbaren Momenten bemerkbar gemacht, bis es irgendwann nicht mehr zu ignorieren gewesen war. Dinge, die ihm früher selbstverständlich erschienen waren, hatten plötzlich eine andere Wirkung auf ihn. Die Art, wie Ayaka lachte, wenn sie sich über etwas freute, war nicht mehr nur ein vertrautes Geräusch, sondern etwas, das ihm auffiel, ohne dass er es verhindern konnte. Es war dieses ehrliche, ungefilterte Lachen, das nichts vorgab und nichts zurückhielt und genau das ließ es für ihn so besonders wirken. Er hatte bemerkt, wie sie sich über die kleinsten Dinge freuen konnte, als wären sie etwas Großes, wie sie stehen blieb, wenn ihr etwas ins Auge fiel, das andere längst übersehen hätten und wie sie sich von genau diesen Momenten vollkommen einnehmen ließ. Es waren keine neuen Eigenschaften gewesen. Er kannte sie schon lange. Und doch hatte sich seine Wahrnehmung verändert, ohne dass er genau sagen konnte, warum das passiert war. Irgendwann hatte er einfach verstanden, dass es genau das war, was ihn anzog. Dass er genau diese Art an ihr mochte. Mehr als mochte. Er liebte es. Ohne dass sie es wusste. Ohne dass es jemand wusste. Und irgendwann war aus diesem Gefühl Gewissheit geworden. Kein Zweifel mehr, kein Zögern. Er wusste es ganz genau. Seine Gefühle gehörten ihr. Und sie waren geblieben, still und unverändert, ohne dass er sie je ausgesprochen hatte. Erst als sie vollständig aus seinem Blickfeld verschwunden war, löste sich seine Aufmerksamkeit langsam wieder von der Tür. Sein Blick kehrte zurück in die Gegenwart, zu dem, was sich direkt vor ihm abspielte. Doch das Gefühl blieb fest an seinem Platz.
Das Stimmengewirr des Schulhofs lag inzwischen hinter ihnen, gedämpft durch die Wände des Schulgebäudes, während sich der Lärm im Inneren auf andere Weise fortsetzte. Schritte hallten über den Flur, Türen wurden geöffnet und geschlossen, vereinzelte Stimmen vermischten sich mit dem Rascheln von Taschen und dem leisen Klacken von Schuhen auf dem Boden. Ayaka hatte ihren Platz bereits erreicht. Sie saß ruhig an ihrem Tisch, ihre Schultasche neben sich abgelegt, während sie sich leicht nach vorne beugte und etwas aus ihrem Etui zog. Ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe beiläufig, als wäre dies nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher Morgen, der sich in genau dieser Form schon unzählige Male wiederholt hatte.
Yuna saß vor ihr, halb zu ihr gedreht, und sprach weiter über den Jungen aus der Parallelklasse, ohne wirklich innezuhalten.
„Ich sag dir, der hat wirklich etwas interessantes an sich“, meinte sie mit Nachdruck und stützte sich leicht mit dem Arm auf Ayakas Tisch ab.
„Wenn ich doch nur seinen Namen wüsste.“ Ayaka ließ ein leises, kaum hörbares Lächeln erkennen.
„Mhm“, antwortete sie ruhig. Ihre Aufmerksamkeit lag nicht vollständig bei den Worten. Es war kein Desinteresse, kein bewusstes Abschweifen, sondern eher diese stille Gewohnheit, die sich über die Jahre entwickelt hatte. Dieses gleichzeitige Zuhören und In-sich-Ruhen, das für sie ganz selbstverständlich geworden war. Die Tür zum Klassenzimmer öffnete sich. Ein kurzes Geräusch, kaum mehr als ein leises Knacken, und doch reichte es aus, um Ayakas Blick für einen Augenblick anzuheben. Conan trat ein. Gemeinsam mit seinem besten Freund, dessen Schritte locker und ungezwungen wirkten, als würde er sich keinen Gedanken darüber machen, wer um ihn herum war oder was gerade geschah. Hinter ihnen folgten Ai und Hina, die sich ohne Abstand an ihrer Seite hielten, so nah, dass es wirkte, als würden sie bewusst jede Distanz vermeiden. Akito bemerkte es sofort. Noch während er weiterging, drehte er sich halb zu ihnen um, sein Gesicht deutlich verzogen, während sich seine genervte Haltung in jeder Bewegung widerspiegelte.
„Ihr hängt ja schon wieder an uns dran“, sagte er trocken und hob leicht die Augenbrauen.
„Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?“ Hina ließ sich davon nicht beeindrucken und lächelte nur.
„Ach komm“, entgegnete sie ruhig,
„so schlimm ist das doch gar nicht.“ Akito schnaubte leise.
„Doch“, gab er direkt zurück und wandte sich wieder nach vorne. „Genau das ist es.“ Seine Worte waren deutlich genug, um keinen Zweifel daran zu lassen, wie sehr ihn die Situation störte, und er machte keinerlei Versuch, das zu verbergen. Conan hingegen reagierte nicht darauf. Er ignorierte es vollkommen, als würde das Gespräch ihn nicht betreffen, als würde es schlicht nicht existieren. Sein Blick lag nach vorne gerichtet, ruhig und gleichmäßig, während er weiter durch die Klasse ging. Seine Schritte führten ihn direkt zu seinem Platz. Conan ließ sich auf seinen Stuhl sinken, die Bewegung vertraut und ruhig, während er sich leicht zurücklehnte und seine Schultasche neben sich öffnete. Mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit zog er sein Heft für den Unterricht heraus und legte es vor sich auf den Tisch, als wäre jeder Handgriff längst eingeübt und musste nicht mehr bewusst durchdacht werden. Yunas Blick hatte sich inzwischen von Ayaka gelöst und richtete sich nun direkt auf Conan. Ein leichtes Grinsen zog sich über ihr Gesicht, kaum merklich, aber deutlich genug, um zu verraten, dass ihr bereits etwas im Kopf herumging.
„Na, hat dein Fangirl heute schon versucht dich zu heiraten?“, fragte sie ohne Umschweife und legte den Kopf leicht schief, während sie ihn musterte. Ihre Stimme war locker, beinahe beiläufig, doch in ihr lag genau diese kleine Spitze, die sie ganz bewusst setzte. Conan hob nicht einmal sofort den Blick. Seine Hand glitt über die Seite seines Heftes, als würde er sich zunächst vergewissern, dass alles an seinem Platz lag, bevor er schließlich doch kurz zu ihr sah.
„Du hast echt keine anderen Hobbys, oder?“, erwiderte er trocken. Yunas Grinsen wurde breiter.
„Doch“, antwortete sie sofort.
„Dich zu nerven ist eins meiner Lieblingshobbys.“ Ein leises Kichern entwich Ayaka, die die beiden aus dem Augenwinkel beobachtet hatte. Es war kein lautes Lachen, kein offenes Reagieren, sondern dieses leise, warme Geräusch, das sich ganz von selbst löste, ohne dass sie es zurückhalten musste. Conan ließ ein kaum hörbares Seufzen erkennen und wandte den Blick wieder seinem Heft zu.
„Sehr witzig“, murmelte er, ohne wirkliche Überzeugung. Noch bevor Yuna etwas darauf erwidern konnte, bewegte sich neben ihr ein Stuhl.
Akito ließ sich auf seinen Platz fallen, seine Tasche achtlos neben sich abgestellt, während er Yuna nur einen kurzen, prüfenden Blick zuwarf.nEr kannte diesen Ausdruck. Und er wusste genau, was als Nächstes kommen würde.
„Lass es“, sagte er direkt, noch bevor sie den Mund öffnen konnte.
„Und spar dir deine dämlichen Sprüche.“ Yuna drehte sofort den Kopf zu ihm, ihre Augen funkelten leicht.
„Oh, jetzt fang du nicht auch noch an“, entgegnete sie, während sich ein herausforderndes Lächeln auf ihr Gesicht legte. Akito lehnte sich ein kleines Stück zurück, verschränkte locker die Arme.
„Ich mein das ernst“, sagte er trocken.
„Ich hab morgens schon genug mit euch zu tun.“
„Mit uns?“, wiederholte Yuna und hob eine Augenbraue.
„Du meinst wohl eher mit dir selbst.“ Akito schnaubte leise.
„Du bist echt anstrengend.“
„Und du bist langweilig.“
„Lieber langweilig als nervig.“
„Du bist beides.“ Ein kurzer Moment Stille, dann funkelten sich beide gleichzeitig an. Und im nächsten Augenblick setzte der Schlagabtausch ganz selbstverständlich ein, als hätten sie nur darauf gewartet. Worte flogen hin und her, schnell, ohne Pause, ohne echtes Ziel, mehr ein Spiel als ein Streit. Keiner von beiden wich zurück, keiner gab nach, und doch lag in ihrem Tonfall nichts Ernstes. Es war diese vertraute Reibung, die sich immer wieder zwischen ihnen ergab, laut, direkt und voller Energie, ohne dass sie sich dabei wirklich verletzten. Ayaka beobachtete sie einen Moment lang, ein leichtes Schmunzeln auf ihren Lippen, bevor sie sich wieder ihrem Heft zuwandte. Ihr Stift glitt über das Papier, zunächst ohne klare Struktur, dann in kleinen, feinen Linien, die sich langsam zu Formen entwickelten. Kleine Symbole, die sich beinahe von selbst ergaben, während ihre Hand sich bewegte, als würde sie einem Gedanken folgen, der nicht ausgesprochen werden musste. Neben ihr wurde es langsam ruhiger. Nicht ganz still, aber leiser. Conans Blick hatte sich von seinem Heft gelöst. Für einen kurzen Moment glitt er zu den Linien auf Ayakas Seite, folgte den Bewegungen ihres Stiftes, wie er sich ruhig und gleichmäßig über das Papier zog. Die kleinen Symbole, die entstanden, hatten nichts Besonderes an sich, nichts Auffälliges, und doch blieb sein Blick einen Moment daran hängen. Dann wanderte er weiter. Zu ihr. Ayaka saß leicht nach vorne gebeugt, ihre Aufmerksamkeit ganz bei dem, was sie tat, während ein weiches, kaum merkliches Lächeln auf ihren Lippen lag. Es war kein bewusstes Lächeln, nichts, das sie jemandem zeigte. Es war einfach da. Kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt. Zumindest nicht sofort. Conans Blick blieb noch einen Moment auf ihr liegen, ruhig und aufmerksam, während sich um sie herum das Stimmengewirr langsam legte. Sein Blick wanderte über die kleinen Symbole auf ihrem Heft, folgte den Linien, die sich scheinbar ohne festen Plan über das Papier zogen, bevor er leicht den Kopf neigte.
„Ist alles okay?“, fragte er leise. Ayakas Hand hielt kurz inne, der Stift verharrte auf dem Papier, bevor sie den Blick hob und ihn ansah. Für einen Moment wirkte es, als würde sie überlegen, doch dann legte sich dieses vertraute, sanfte Lächeln auf ihre Lippen.
„Ja“, antwortete sie ruhig.
„Alles gut.“ Conans Blick blieb noch einen Augenblick auf ihr liegen.
„Sicher?“ Ayaka nickte leicht.
„Mhm. Die sind halt...“ Ein kaum sichtbares Schmunzeln huschte über sein Gesicht, als er ihren Satz beendete.
„Nervig.“ Ayaka musste leise lachen.
„Ein bisschen.“ Die kleine, ruhige Pause zwischen ihnen fühlte sich vertraut an, nicht leer, sondern angenehm still. Dann wanderte Conans Blick wieder zu ihrem Heft.
„Was ist das?“, fragte er und deutete leicht auf die Zeichnung. Ayaka folgte seinem Blick, sah auf das kleine Gebilde aus Linien und zuckte mit den Schultern.
„Ein Häschen.“ Conan hob eine Augenbraue.
„Das soll ein Hase sein?“ Sein Ton war nicht ernst, eher gespielt kritisch, während sich ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht abzeichnete. Ayaka sah ihn an, leicht empört, aber mit einem kaum unterdrückten Lächeln.
„Ja“, entgegnete sie.
„Man erkennt das.“ Conan schüttelte langsam den Kopf.
„Also… wenn man ganz viel Fantasie hat, vielleicht.“ Ayaka stieß ihn leicht mit dem Arm an.
„Hey!“ Ein leises Lachen mischte sich in ihre Stimme, während sie ihn ansah.
„Dann zeig mir doch mal, wie ein richtiger Hase aussieht.“ Conan grinste. Ohne zu zögern griff er nach seinem Stift und zog ihr Heft ein kleines Stück näher zu sich. Für einen Moment sah er konzentriert auf das Papier, als würde er sich wirklich Mühe geben, bevor er begann, Linien zu ziehen. Ayaka lehnte sich ein kleines Stück zu ihm herüber, ihr Blick neugierig auf das gerichtet, was er da zustande brachte. Die ersten Striche waren noch sicher. Dann wurde es… weniger eindeutig. Ein Kreis entstand. Dann noch einer. Zwei Ohren, die nicht ganz gleich lang waren. Ein Gesicht, das eher schief als rund wirkte. Ayaka blinzelte. Dann noch einmal. Und dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Ein leises Kichern entwich ihr, das sich sofort in ein echtes Lachen verwandelte.
„Das ist ja noch schlimmer!“, brachte sie zwischen zwei kleinen Lachern hervor. Conan hielt kurz inne, sah auf seine Zeichnung und verzog leicht das Gesicht.
„Ist doch gut geworden“, verteidigte er sich, auch wenn sein Tonfall nicht ganz überzeugend war. Ayaka schüttelte lachend den Kopf.
„Das sieht aus wie… ich weiß gar nicht, was das ist.“
„Ein Hase“, erwiderte Conan trocken.
„Ganz klar.“ Sie beugte sich noch ein kleines Stück näher, deutete auf die schiefen Ohren.
„Warum sind die so?“
„Das ist… Charakterstärke“, meinte er ohne zu zögern. Ayaka lachte leise.
„Aha.“ Für einen Moment saßen sie einfach so da, nebeneinander, leicht zueinander geneigt, während beide auf die misslungene Zeichnung sahen. Dann wurde es wieder ruhiger. Ayakas Lächeln blieb noch einen Moment, während sie sich langsam wieder aufrichtete und ihren Stift erneut in die Hand nahm.
„Meins ist trotzdem besser“, murmelte sie leise. Conan ließ ein kleines Schnauben hören.
„Nur ein bisschen.“ Ein letztes, leises Lachen lag noch zwischen ihnen, bevor sich die Stimmen im Raum endgültig legten und sich die Klasse langsam auf den Unterricht vorbereitete. Und auch wenn kein weiteres Wort fiel, blieb diese leichte, vertraute Wärme zwischen ihnen bestehen.