Die Jagd
Der abgelegene und von Bäumen des Laubwaldes umgebene See war ein schöner Ort zum Jagen. Eigentlich war es einem einfachen Bürgerlichen verboten, in den Wäldern zu jagen, aber für Alain war das egal. Seine Mutter und seine Schwester hatten kaum etwas zu essen, sein verdienter Sold als Soldat reichte nicht aus und das neue Königspaar tat nichts, um dem armen Volk zu helfen. Aus diesem Grund sah Alain keine andere Alternative, als in den Wäldern zu jagen. Es war nicht das erste Mal, dass er in diesem Wald Jagd auf Hasen machte, und heute konnte er sogar zwei davon erlegen. Seine Familie würde heute wenigstens etwas Richtiges zu essen haben. Pfeifend marschierte Alain mit seiner Beute den ihm bekannten Weg entlang und erreichte einen See.
Die Nachmittagssonne erwärmte die Umgebung und ließ das Wasser in silbrigem Licht glänzen. In den grünen Baumkronen zwitscherten die Singvögel, vereinzelte Bienen und Schmetterlinge flogen von einer Blüte zur nächsten und sammelten den Nektar von den wilden Wiesenblumen. Heute war das Wetter sehr schön und heiß. Und dann sah er unerwartet ein Liebespaar! Völlig unvorbereitet war er auf sie gestoßen, und anstatt schnell wegzulaufen, versteckte er sich hinter einem der Büsche, um mehr sehen zu können.
Beide waren nicht älter als er und machten eine Sache, die ganz sicher nicht für seine Augen bestimmt war. Der braunhaarige Bursche war leicht sonnengebräunt, sein blond gelocktes Liebchen dagegen hatte eine feine und helle Haut, wie sie nur bei Adligen vorkommen konnte. Warum hatte die junge Frau aber kurzes Haar?
Das goldblonde Haar der Frau reichte ihr bis zu den Schultern, wohingegen das braune Haar des Mannes mit einer Schleife zu einem langen Zopf gebunden war. Das Liebespaar küsste sich, das Wasser reichte ihnen bis zum Becken, und Alain konnte nicht nur die kleinen, straffen Brüste der Frau sehen, sondern auch ihr behaartes Dreieck. Ihm wurde heiß in seinem zerfransten und mehrmals geflickten Leinenhemd.
Das Liebespaar stieg aus dem Wasser und setzte sich in das weiche Gras unter einem Baum. Die Frau stieg auf den Schoß des Mannes, nahm seine Männlichkeit in sich auf und begann mit agilen Bewegungen auf ihm zu reiten. Ihr Körper bog sich nach hinten, der Mann hielt sie mit einem Arm fest und saugte an ihren rosigen Brustwarzen.
Alain schluckte hart. Sein Herz hämmerte aufgeregt, in seiner Hose wurde sein bestes Stück härter und seine Hände drückten die Hasen so fest zu, dass die Knochen brachen. Die Frau stöhnte lustvoll, ihre kleinen Brüste bewegten sich im Takt ihres Ritts auf dem Mann und sie rief im Rausch der Lust seinen Namen aus: „Oh, André, ist das schön!“
„Ja, Oscar, das ist wunderschön!“, keuchte der Mann namens André zurück, und die Frau namens Oscar hielt in dem Moment inne.
Sanft legte dieser André seine geliebte Oscar rücklings in das Gras, küsste ihre Lippen, ihren Hals, saugte an ihren Brüsten und drang in sie ein. Der Körper von Oscar bäumte sich ihm entgegen und ihr Becken passte sich im Takt seiner rhythmischen Stöße an.
Nur kurz fragte sich Alain, warum die Frau einen Männernamen trug, und als er ihr begehrliches Stöhnen hörte, stieg seine Erregung unermesslich an. Mit einem Mal wünschte er, er würde diese Frau reiten, und stellte sich vor, wie sie unter ihm lag und vor Lust seinen Namen stöhnte.
Die Bewegungen von André wurden immer schneller, seine Stöße kraftvoller, und dann erreichte er seinen Höhepunkt. Beide hielten gemeinsam in ihren Bewegungen inne, entließen einen Laut der Zufriedenheit und Erleichterung und sahen sich dann erschöpft, aber glücklich an.
Das war der beste Zeitpunkt, um zu gehen, aber Alain konnte nicht. Wie eine Statue stand er versteinert hinter einem Baum, versuchte, seinen schnellen Atem zu beruhigen, und wartete, bis seine Erregung nachließ.
Das Liebespaar zog sich derweil an, und Alain wunderte sich. Die junge Frau zog ein Hemd und eine Hose an, genau wie der Mann! Wer war diese Oscar? Was stimmte mit ihr nicht?
Alain hatte genug gesehen und wollte gehen. Geduckt und langsam entfernte er sich aus dem Gebüsch, trat auf einen vertrockneten Ast und es knackte laut. Das bereits angekleidete Liebespaar unter dem Baum am See sah alarmiert in seine Richtung, und Alain fluchte unablässig. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Noch fester hielt er die zwei erlegten Hasen und rannte in Richtung Paris durch den Wald. Er hörte Stimmen, schnelle Schritte und wusste mit Sicherheit, dass er verfolgt wurde. „André, wir müssen ihm den Weg abschneiden!“, hörte er eine helle Stimme durch den Wald hallen. Das war bestimmt diese Oscar, vermutete Alain, und beschleunigte seinen Schritt.
„In Ordnung, Oscar!“, rief die knabenhafte Stimme zurück, und Alain wurde klar, dass es nur dieser André sein konnte. Er rannte schneller. Zu spät sah er den jungen Mann, der ihm den Weg abschnitt.
André warf sich auf Alain von der Seite und ging mit ihm zu Boden. Alain wehrte sich auf der Stelle, stieß André von sich herunter, aber bevor er sich wieder auf die Beine hochrappeln und flüchten konnte, spürte er schon ein kaltes und spitzes Metall unter seiner Kehle. „Nicht bewegen!“, befahl der blondgelockte Knabe. Nein, das war kein Knabe, sondern eine junge Frau, korrigierte Alain sich, und dazu noch eine hübsche, stellte er nebenbei fest. Ihre blauen Augen sahen ihn wütend und kalt an, strahlten gleichzeitig aber eine gewisse Anziehungskraft aus. Dennoch brachte es Alain nicht aus der Fassung. „Was wollt ihr von mir?“, zischte er.
Der braunhaarige, echte Knabe namens André war bereits wieder auf den Beinen und stand neben der jungen Frau in Männerkleidern. „Wir haben es geschafft, Oscar, wir haben ihn gefangen!“
„Bravo, gratuliere!“, knurrte Alain, seine dunkelbraunen Augen funkelten zornig, und er hob seine geballte Faust. „Und jetzt könnt ihr mich loslassen!“
„Ruhig!“ Oscar schob ein Stück des roten Halstuchs von Alain nach unten und drückte die Spitze ihres Degens etwas kräftiger an seinen Hals, ohne ihn dabei zu verletzen. Alain war gezwungen, still auszuharren. Oscar schaute ihm direkt ins Gesicht, atmete schnell und versuchte gleichzeitig, ihr heftig pochendes Herz zu beruhigen. „Erzähl uns lieber, was machst du im Gebiet meiner Familie? Sprich rasch!“
„Er hat gewildert“, stellte André fest und zeigte auf die zwei erlegten Hasen, die ein wenig grotesk und mit blutigen Streifen am Fell unweit von Alain lagen.
„Das nennt man Diebstahl!“ Oscars schmale Augenbrauen zogen sich immer strenger zusammen, bildeten Fältchen auf dem Nasenbein, und es kam so vor, als würden ihre himmelblauen Augen in seine Richtung Blitze schießen. Wie ein nahendes Gewitter stand Oscar über Alain, und es würde höchstwahrscheinlich ein falsches Wort genügen, dann würde sie ihn mit einer präzisen Bewegung erstechen oder wie ein Blitz mit einem Hieb erschlagen können. Zugegeben, Alain war schon etwas beeindruckt von ihr, aber klein beigeben würde er natürlich auf keinen Fall. „Nennt dies, wie Ihr wollt, aber um zu überleben, tut man halt so etwas!“, zischte er rau und wunderte sich noch mehr über diese junge Dame. Sie war adelig, das hatte er jetzt an ihrer feinen Kleidung noch mehr erkannt, und fragte sich noch immer, warum sie nicht nur Männerkleider trug, sondern auch einen Männernamen hatte.
„Überleben? Wie ist dein Name?“, fragte Oscar.
„Alain de Soisson.“
André warf zwischenzeitlich einen Blick auf seine bessere Hälfte, und ihr selbstherrlicher Gesichtsausdruck verursachte ihm ein mulmiges Gefühl. „Was hast du jetzt mit ihm vor, Oscar?“
„Wir nehmen ihn auf das Anwesen mit und mein Vater entscheidet dann, was mit ihm passiert!“ Oscar war anzusehen, dass ihr jedes Mittel recht war, um Alain nicht davonkommen zu lassen. Womöglich weniger wegen des unerlaubt erlegten Hasen als wegen dessen, was er zwischen ihr und André gesehen hatte. „Höchstwahrscheinlich wird er ausgepeitscht, dem Richter übergeben und ins Gefängnis gesteckt“, fügte sie hinzu.
Bei Alain zog sich dabei ein schäbiges Grinsen über das Gesicht. „Gut, dann wird es Euren Vater vielleicht auch interessieren, was seine Tochter am See und mit einem einfachen Burschen so treibt“, meinte er listig. „Zumindest gehe ich davon aus, dass Euer Liebhaber ein Bürgerlicher ist.“
Oscar knirschte mit den Zähnen. Dieser Alain de Soisson schien mehr gesehen zu haben, als es ihr lieb war! „Das wird dir niemand glauben!“, fauchte sie.
„Oscar...“, André spürte, dass Oscar in Zwiespalt geriet, und fand eine bessere Alternative, denn wenn Oscar diesen jungen Alain de Soisson auf der Stelle tötete, würde er sich auch schuldig fühlen. „...vielleicht sollten wir ihn laufen lassen, und im Gegenzug hält er den Mund?“
In der Tat kein abwegiger Gedanke... „Danke, André.“ Ihre Hand hörte mit einem Mal auf zu zittern. André hatte recht, gestand Oscar sich selbst ein. Wenn Alain den Mund hielte und auf Nimmerwiedersehen verschwände, könnte noch alles gut ausgehen. Sie würde sich nicht mit einem schlechten Gewissen abfinden müssen, einen Mord begangen zu haben, und mit André dann weiter die schönen Momente der Liebe genießen. Sie ließ Alain noch immer nicht aus den Augen. „Bist du mit dem Handel einverstanden?“
Eine Augenbraue von Alain schoss nach oben, er überlegte kurz, bevor er wieder eine bissige Antwort von sich gab. „Wenn Ihr die Klinge von meinem Hals nehmt, dann ja.“
Sollte sie das wirklich tun? Oder steckte womöglich eine Falle dahinter? Oscar zögerte, dann entfernte sie ihre Klinge. „Also gut, du bist jetzt frei und hältst den Mund!“
Alain rappelte sich auf die Beine. „Mein Mund ist versiegelt, ich hoffe, der Eure auch...“, knurrte er und sah Oscar direkt ins Gesicht. Sein Gefühl drängte ihn, die erlegten Hasen zu schnappen und zu fliehen, aber er tat nichts dergleichen. Er hatte auf eine gewisse Weise sein Wort gegeben und daran hielt er sich.
„Wir haben dich hier nie gesehen.“ Oscar streckte ihm ihre Hand aus, um den Handel zu besiegeln. In der anderen Hand hielt sie ihren Degen noch immer griffbereit, falls Alain auf dumme Gedanken käme und sie angriffe. Auch André war bereit, sofort einzugreifen, egal was geschehen mochte.
„Gut, dann ist es geregelt.“ Alain drückte ihre Hand, dann ließ er sie los und marschierte zufrieden zu seiner Beute. Unter seiner Handfläche kribbelte es. Die Haut dieser hübschen Adligen war weich und die Hand zartgliedrig. Wenn sie keine Frau wäre, hätte er ihr womöglich so stark die Hand zugedrückt, bis die Knochen brachen... Aber nein, er kämpfte ja nicht gegen Frauen, egal ob sie adlig war oder nicht. Somit hatte Oscar Glück gehabt und konnte ihr zartes Händchen behalten. Er beugte sich vor, hob die zwei Hasen auf und wollte gehen, als Oscars Stimme hinter seinem Rücken erscholl: „Sag mir nur noch eines, bevor du gehst: Was veranlasst dich, im Gebiet der de Jarjayes zu wildern?“
„Das Leben.“ Alain blieb kurz stehen. Warum interessierte sie das? Oder hatte sie Angst, dass er den ganzen Wald ausrotten würde? Beinahe hätte Alain gelacht. Dafür brauchte sie sich wirklich keine Sorgen zu machen, sie hatte alles und er... „Mein Vater ist tot und bis auf seinen Namen hat er uns nichts übrig gelassen“, fügte er hinzu und drehte sich um, um zu sehen, wie Oscar darauf reagierte. Innerlich war er überrascht, als er etwas Mitfühlendes in ihrem Gesichtsausdruck entdeckte. Sie wollte ihm doch nicht etwa damit sagen, dass sie ein Herz hatte? Sie war doch adlig, und alle Adligen, ob Mann oder Frau, waren bis auf den Grund verkommen!
„Das tut mir leid“, sagte Oscar aufrichtig, und Alain war noch mehr verblüfft. Oscar hielt ihn dennoch nicht weiter auf. „André, komm, wir müssen nach Hause.“
Das Liebespaar ging zurück zum See und ließ Alain alleine. Das war eine sehr merkwürdige Begegnung mit einem seltsamen Liebespaar. Eine verrückte Welt, wenn Adlige ihre Töchter zu Knaben erziehen und diese einen Diener liebten, ging ihm der Gedanke durch den Kopf. Er marschierte nach Paris und dachte über die Liebesszene zwischen Oscar und André nach.
Lustvoll
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Der Graf
Der gebratene Hase mit Zwiebeln, Kartoffeln und trockenem Brot hatte gut geschmeckt. Anna half Madame de Soisson beim Abräumen des Tisches, beim Aufwaschen des Geschirrs und bedankte sich herzlich für das Essen. „Ihr hättet für mich nicht so viel Aufwand machen müssen“, sagte sie dazu. „Ich habe eine gute Arbeit bei einem Grafen, und Monsieur Victor bezahlt mich gut.“
Alain spielte gerade mit seiner Schwester und spitzte sofort die Ohren, als er von diesem Grafen hörte, von dem Anna ihm vor Kurzem erzählt hatte. Nein, er war nicht eifersüchtig. Er war nur misstrauisch und machte sich Gedanken um das Wohlergehen seiner Geliebten. Er hatte das Gefühl, als würde dieser Monsieur Victor sie ausnutzen wollen, nur weil Anna genauso aussah wie dieser weibliche Kommandant Oscar de Jarjayes.
„Ach, Kindchen, das machen wir doch gerne für dich. Du gehörst doch fast zu unserer Familie“, hörte Alain seine Mutter sagen, und ihm kam eine Idee. Er ließ seine Schwester Diane alleine weiterspielen und sprach Anna an. „Wieso stellst du mich nicht deinem Arbeitgeber, Monsieur Victor, vor?“
„Du kannst mich morgen zu ihm begleiten. Du hast doch morgen noch deinen dienstfreien Tag, oder?“ Anna lächelte ihn süß an, und ihre himmelblauen Augen glänzten verzückt.
Alain konnte ihrem bezaubernden Anblick nicht widerstehen, und weil er sowieso herausfinden wollte, was dieser Graf vorhatte, stimmte er zu. „Ja, ich habe morgen noch frei, und natürlich begleite ich dich morgen zu deinem Arbeitgeber.“
Anna freute sich riesig, als Alain sie am nächsten Morgen zu Monsieur Victor begleitete. Sie verließen die Armenviertel, passierten einige Straßen, überquerten mehrere Brücken und kamen in das Stadtviertel, in dem Adlige oder reiche Bürger lebten. „Monsieur Victor wird sich bestimmt freuen, dich zu sehen. Ach ja, und nenne ihn bitte Graf de Girodel. Monsieur Victor dürfen nur ich und ein paar Menschen seines Vertrauens zu ihm sagen“, meinte Anna, als sie vor einem wohlhabenden Haus ankamen. Zwei Soldaten aus der königlichen Armee öffneten ihnen das Eisentor, nachdem Anna ihnen ihren Namen genannt hatte.
Wie in der Kaserne, dachte Alain, sagte aber nur schulterzuckend: „Wir werden es sehen.“
Die Nachricht über seine Ankunft hatte sich sehr schnell ausgebreitet. Kaum hatten Alain und Anna das Haus durch den Eingang für Bedienstete betreten, kam ihnen ein Soldat entgegen. „Gut, dass du hier bist und deinen Freund mitgebracht hast, Mademoiselle Anna. Monsieur de Girodel wartet schon in seinem Salon auf euch. Und er hat eine neue Garderobe für dich.“
„Eine neue Garderobe?“ Die Sache gefiel Alain nicht. „Was wird hier gespielt?“, fragte er ernst.
Der Soldat, der adliger Herkunft war, musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Das wirst du von Major de Girodel persönlich erfahren. Folgt mir.“ Er ging voraus, und Alain blieb nichts anderes übrig, als ihm mit Anna zu folgen.
Graf de Girodel empfing seine Gäste mit einem breiten Lächeln. „Anna, du kommst gerade rechtzeitig! Deine neue Garderobe ist angekommen, und du kannst dich dann gerne umziehen.“
Alain wurde skeptisch. „Was ist das für eine neue Garderobe?“
„Das ist Alain de Soisson, von dem ich Euch letztes Mal erzählt habe“, stellte Anna ihren Geliebten vor, und die Aufmerksamkeit des Grafen richtete sich nun auf den schwarzhaarigen Mann mit dem roten Halstuch.
Das Lächeln des Grafen schien noch breiter zu werden. Seine türkisblauen Augen glänzten listig. Er war ein hochgewachsener Mann, ein paar Jahre älter als Alain, und trug sein langes, lockiges Haar offen. „Ich freue mich, Euch endlich kennenzulernen, Monsieur de Soisson.“
„Ich bin kein Monsieur. Ich bin ein bürgerlicher Soldat und kein Adliger“, brummte Alain. Zugegeben, dieser Graf sah sehr nett aus, aber der äußere Schein konnte trügen.
Victor ging gemächlich zu seinem Tisch und goss in zwei Gläser etwas Wein aus der Karaffe. „Soweit es mir bekannt ist, war aber Euer Vater ein Adliger. In Versailles kennt jeder seine Geschichte. Unser alter König, Ludwig XV., hat ihm alles genommen und ihn aus Versailles verbannt, weil Euer Vater eine bürgerliche Frau geheiratet hat. Wenn Ihr mir helft, die Dame meines Herzens zu gewinnen, dann werde ich dafür sorgen, dass Ihr Euren Adelstitel, den guten Ruf und einfach alles, was Euer Vater an die Krone verloren hat, zurückbekommt.“
Die Abmachung
Anna verließ den Salon des Grafen, um ihr neues Kleid anzuprobieren. Alain merkte nichts davon. Wie versteinert stand er da und starrte Graf de Girodel entgeistert an. Er kannte die Geschichte seines Vaters auch. Seine Mutter hatte sie ihm oft erzählt und berichtet, dass sein Vater nie darauf erpicht gewesen war, seinen Adelstitel zurückzugewinnen. „Dein Vater und ich haben uns sehr geliebt, bis ich mit dir schwanger wurde, Alain. Dein Vater hat deswegen den König um Erlaubnis gebeten, mich heiraten zu dürfen. Der König hat ihm aber ein Ultimatum gestellt: Entweder verlässt er mich und lebt weiter wie ein Adliger in Versailles, oder er heiratet mich und verliert seinen Titel, seinen Rang und sein ganzes Vermögen. Dein Vater hat den Weg der Liebe gewählt und sich seines Ranges und Titels entsagt. Verstehst du das, Alain? Dein Vater hat sich für uns entschieden...“, erinnerte sich Alain an die Worte seiner Mutter. Das war die Zeit gewesen, als sein Vater bereits nach einem schweren Unfall verstorben war.
„Und was sagt Ihr, Monsieur de Soisson?“ Graf de Girodel kam mit zwei Gläsern Wein auf ihn zu und reichte ihm eines davon als Zeichen der Zustimmung. „Wollt Ihr den Adelstitel, den Rang und das Vermögen Eures Vaters zurückgewinnen?“
Zugegeben, das war ein sehr verlockendes Angebot und hätte all die Probleme und Schwierigkeiten der Armut mit einem Mal gelöst. Aber... „Was wollt Ihr, dass ich für Euch tue, Graf? Wenn das ein schmutziges Spiel ist und ich für Euch Menschen töten muss, dann verzichte ich auf Adelstitel, Rang und Vermögen meines Vaters. Lieber bleibe ich arm, aber dafür behalte ich mein reines Gewissen.“
Victor war überrascht. Anscheinend hatte er nicht erwartet, dass jemand so etwas wie einen Adelstitel ablehnt – und das auch noch der Sohn eines verarmten Adligen, der alles verloren hatte. Aber vielleicht sollte er ihm seine Absichten erzählen? Victor zog seine Hand mit dem Glas zurück, nahm einen Schluck Wein aus seinem Glas und schmunzelte. „Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Monsieur de Soisson. Ihr müsst niemanden töten. Ich wünsche mir nur, dass Ihr mir helft, die Dame meines Herzens zu gewinnen.“
Alain verschränkte ablehnend die Arme vor der Brust. „Könnt Ihr das nicht selbst tun?“
Victor hätte beinahe gelacht. „Wenn die Dame meines Herzens eine gewöhnliche Frau wäre, dann würde ich es tun. Aber der Kommandant des königlichen Garderegiments ist eine außergewöhnliche Frau. Als jüngste Tochter der Familie de Jarjayes und weil ihr Vater keine Söhne hatte, wurde Oscar François wie ein Mann erzogen. Sie ist wunderschön und rein wie eine Blume, aber sie darf ihre weiblichen Gefühle niemals zeigen. Allerdings hat sie einen Geliebten, und ich habe sie oft beim Küssen beobachtet. Dieser Mann ist ihr Freund und Bediensteter. Versteht Ihr, was ich meine, Monsieur de Soisson? Und würdet Ihr mir helfen?“ Erneut reichte Victor Alain das Glas mit Wein.
Alain verschmähte jedoch auch diesmal den Wein und wurde noch skeptischer. Dabei kreisten die Bilder von gestern in seinem Kopf, wie Oscar und André sich im See geliebt hatten. Zugegeben, Oscar hatte auch ihn gereizt, und er wäre gerne an Andrés Stelle gewesen. Er hatte sie sogar mit Anna während des Liebesakts verwechselt, aber das war nur passiert, weil er erregt gewesen war. Jetzt behielt er einen klaren Kopf und traute Graf de Girodel noch weniger. „Was hat das mit mir zu tun? Damit Ihr es wisst: Ich lasse mich von niemandem ausnutzen!“
„Ihr versteht mich falsch, Monsieur de Soisson.“ Victor war es leid, die zwei Gläser die ganze Zeit zu halten. Also stellte er den Wein zurück auf den Tisch. „Ich mache mir nur Sorgen um meinen schönen Kommandanten. Wenn ihre Liebesaffäre mit einem Diener herauskommt, dann wird sie in Gefahr sein, und das will ich nicht. Eure Aufgabe besteht nur darin, dass Ihr wie ein Adliger an den Hof von Versailles kommt und das Vertrauen von Oscar gewinnt. Ihr geliebter André soll eifersüchtig werden und sie freiwillig verlassen. Mademoiselle Oscar wird vielleicht traurig sein, aber dann komme ich und werde sie trösten. Wir sind gut befreundet, und nur so kann sie ihr Herz an mich verlieren. Versteht Ihr, was ich meine, Monsieur de Soisson?“
Ja, Alain verstand sehr gut, was Graf de Girodel meinte. Er sollte dazu beitragen, dass Oscar und André sich trennten, ohne dass Girodel als Schuldiger in diesem Spiel verdächtigt wurde. Aber daraus würde nichts werden! Graf de Girodel sollte ja nicht wissen, dass er Oscar und André kannte. „Ohne mich!“, knurrte Alain und marschierte zur Tür. „Ihr könnt Euer Spiel selbst spielen, und ich verzichte gerne auf den Adelstitel und den Rang meines verstorbenen Vaters.“
„Wie Ihr wollt, Monsieur de Soisson. Dann wird Anna mich an Eurer Stelle küssen und André somit eifersüchtig machen“, hörte Alain Graf de Girodel hinterlistig sagen und blieb unweit der Tür wie angewurzelt stehen.
In diesem Moment ging die Tür auf, und Alain klappte der Mund auf. Er dachte, er sähe Oscar – aber mit längerem Haar. Alain blinzelte und verlor die Sprache. Anna kam in den Salon des Grafen herein und war genauso angezogen wie Oscar gestern: Sie trug eine dunkelbraune Hose, schwarze Stiefel, ein weißes Hemd und eine hellgrüne Weste.
Frust
Mehr und mehr verstand Alain, was Graf de Girodel wirklich wollte. Anna sollte die Rolle von Oscar spielen, und er, Alain, sollte in die Rolle eines zurückgekehrten Adligen schlüpfen, sie umgarnen und küssen. André sollte das natürlich sehen und Oscar aus Eifersucht verlassen. So war zumindest der Plan von Graf de Girodel.
Allerdings konnte sich Alain nicht vorstellen, dass das überhaupt funktionieren würde. Oscar und André kannten ihn und würden sicherlich misstrauisch werden. Und was würde passieren, wenn Oscar und Anna sich begegneten? Dann würde die Wahrheit ans Licht kommen, und Anna würde für den Betrug hart bestraft werden. Niemand würde einem armen Mädchen und einem Bürgerlichen glauben, dass es das Spiel von Graf de Girodel gewesen war, und man würde Anna und ihren Geliebten vielleicht auspeitschen oder sogar hinrichten. So machten es die Aristokraten doch mit den armen Menschen!
Alain schauderte schon bei dem Gedanken daran. Nein, nicht seine süße Anna! Sie wusste nicht einmal, auf was für ein gefährliches Spiel sie sich da einließ! Das musste er unbedingt verhindern! Alain schüttelte den Kopf, wollte seine Anna warnen, kam aber nicht zu Wort. Graf de Girodel trat vor ihn, nahm Anna bei den Händen und sagte verzückt: „Du siehst wunderbar aus! Wir müssen nur noch dein Haar etwas kürzen. Dann bringe ich dir noch bei, wie Mademoiselle Oscar mit ihrem Degen kämpft, wie sie auf einem Pferd reitet, wie sie sich benimmt, und dann wirst du eine perfekte Kopie von ihr sein!“
„Das könnt Ihr vergessen!“, fauchte Alain, schob Graf de Girodel grob zur Seite und baute sich wie ein Schutzschild vor Anna auf. „Ihr könnt Euch ein anderes Spielzeug suchen, aber lasst Anna in Ruhe!“
„Aber Alain, ich will Graf de Girodel doch nur helfen...“ Anna verstand nicht, warum Alain zornig war. Graf de Girodel hatte doch niemandem etwas getan. Er war doch immer höflich und nett zu ihr. Warum konnte Alain dann nicht verstehen, dass sie dem Grafen deshalb helfen wollte, die Dame seines Herzens zu gewinnen?
Victor rieb sich den Arm, und obwohl er innerlich über die grobe Behandlung durch Alain verärgert war, bewahrte er äußerlich seine Gelassenheit. „Ihr seid ein außergewöhnlicher Mensch, Alain de Soisson. Ich hätte Euch gerne als Helfer an meiner Seite gehabt, aber als Gentleman akzeptiere ich Eure Entscheidung. Es sei denn, Ihr überlegt es Euch doch anders und werdet mir helfen. Meine Türen stehen für Euch immer offen.“
Alain kam es so vor, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen. Er hatte nicht erwartet, dass seine süße Anna diesem Grafen de Girodel bei seinen schmutzigen Machenschaften helfen wollte! Alain war enttäuscht und gekränkt zugleich. Aber leider konnte er Anna zu nichts zwingen. Angespannt ballte Alain seine Hände zu Fäusten und widerstand mit großer Mühe der Versuchung, diesem schönen Grafen ins feine Gesicht zu schlagen. „Ich schwöre Euch, Graf, wenn Anna etwas passiert, dann werde ich Euch wie einen Hasen im Wald jagen und töten!“
Victor knirschte mit den Zähnen. Dieser einfache Soldat mit adligen Wurzeln war ein harter Brocken. Aber auch da ließ Victor sich nicht aus der Ruhe bringen. „Keine Sorge, Monsieur de Soisson, das wird nicht passieren. Ich werde nicht zulassen, dass Mademoiselle Anna etwas zustößt. Das ist nur ein kleines Spiel, von dem niemand etwas merken wird, und wenn Ihr mitspielt, könnt Ihr Euch selbst davon überzeugen.“
„Ich nehme Euch beim Wort, Graf!“ Alain konnte nicht länger hierbleiben. Stürmisch verließ er den Salon, dann das Haus des Grafen und marschierte aufgebracht durch die Straßen von Paris.
Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und strahlte unerträgliche Hitze auf die Umgebung herab. Wann würde es endlich regnen?, fragten sich viele Menschen und wischten sich ununterbrochen den Schweiß mit ihren Ärmeln von der Stirn. Alain war in seinem alten Leinenhemd ebenfalls heiß, und die stickige Luft machte ihm zu schaffen, aber das kümmerte ihn nicht. Seine Gedanken kreisten nur um Anna und darum, wie er sie davon abbringen sollte, dem Grafen zu helfen. Verdammt! Warum musste Anna ausgerechnet bei dem Aristokraten arbeiten, der durch ein falsches Spiel diese hübsche Oscar in Männerkleidern erobern wollte?
Alain schlenderte weiter durch die Straßen und merkte nicht, wie er den Stadtteil mit den wohlhabenden Bewohnern verließ und einen Markt erreichte. Tief in Gedanken versunken stieß er unerwartet mit einem Mann zusammen. „Pass doch auf, wo du hingehst!“, fluchte der Mann mit einer sehr bekannten Stimme, und gleich darauf klang er überrascht. „Aber ich kenne dich doch! Du bist doch dieser Alain von gestern, oder?“
Alain schaute in zwei grüne Augen und konnte nicht fassen, dass er ausgerechnet diesem Mann begegnet war. „Und du bist dieser André, oder?“, murmelte er und wusste mit einem Mal nicht, was er tun sollte. Weglaufen wie ein Hase oder sich tapfer der Sache stellen und mit André wie Mann zu Mann reden?