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Casino Inferno

Unter dem Zeichen des Kleeblatts
von

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Ein Land aus Sand, Glück und Gefahr

Fern im Süden des großen Königreichs Lumenora liegt ein Land, das auf keiner Karte ehrlich beschrieben wird. Ein Ort aus flimmernder Hitze, goldenen Dünen und dunklen Geschäften. Die Menschen nennen es Casino Inferno.
 

Der Wind trägt hier den Geruch von Sand, Gewürzen und Gefahr durch die Straßen. Märkte voller farbiger Stoffe und glänzender Lampen stehen zwischen hohen Torbögen aus altem Stein. Händler schreien ihre Preise, doch in diesem Land hat alles seinen Preis – und der ist selten niedrig. Wasser ist kostbarer als Gold. Wer durstig durch die Straßen zieht, zahlt leicht hundert Goldmünzen für einen einzigen Becher.
 

Über den Geschäften und Tavernen hängt ein Zeichen, das überall im Land zu sehen ist: ein vierblättriges Kleeblatt. Für Außenstehende wirkt es wie ein Symbol des Glücks. Doch in Casino Inferno weiß jeder, dass es etwas anderes bedeutet – Macht, Kontrolle und ein Netz aus Handel, das tiefer reicht als die Fundamente der Stadt.
 

Jenseits der großen Tore, dort wo die Straßen im Sand verschwinden, steht ein Ort, den Reisende aus allen Teilen der Welt suchen. Ein legendäres Haus aus Licht, Musik und schimmernden Laternen – halb Bar, halb Casino. Schon der Weg dorthin führt durch die trockene Wüste, und wer ihn überlebt, kommt mit brennender Kehle an. Genau darauf bauen die Besitzer: Getränke kosten dort mehr als manche Pferde, und doch zahlen die Gäste bereitwillig, weil der Durst stärker ist als jede Vernunft.
 

Doch die Wüste von Casino Inferno verbirgt noch größere Geheimnisse.
 

Tief zwischen uralten Felsen liegt eine Oase, von der nur Flüstern erzählt wird. Ihr Wasser ist klar wie Glas und schimmert im Mondlicht. Wer daraus trinkt, verändert sein Schicksal: Manche werden plötzlich wieder jung, andere altern in einem einzigen Augenblick um viele Jahre. Niemand weiß vorher, welches Schicksal ihn erwartet.

Und noch etwas macht diese Quelle einzigartig.
 

Jeder Mensch kann nur ein einziges Mal in seinem Leben aus ihr trinken.
 

So beginnt die Geschichte in einem Land aus Sand, Glückssymbolen und gefährlichen Wundern – im geheimnisvollen Casino Inferno.

Die Pille mit dem Kleeblatt

Dean wartete.
 

Er lehnte an einer bröckelnden Mauer in einer schmalen Seitengasse von Casino Inferno und tat so, als wäre er nur zufällig hier. Eigentlich beobachtete er alles.
 

Der Händler gegenüber stand halb im Schatten, halb im flackernden Licht einer Laterne. Er verkaufte nichts, noch nicht. Leute liefen vorbei, ohne ihn zu beachten. Dean wusste, dass er warten musste, bis der Mann das Tütchen rausholte.
 

Sein Herz klopfte unregelmäßig.

Sein Kopf pochte dumpf.
 

Azur schwebte neben ihm, unsichtbar für alle außer Dean.

„Du weißt schon“, sagte der Dschinn gedehnt, „man könnte meinen, du wärst abhängig.“
 

Dean presste die Lippen zusammen. „Azur, nerv nicht.“
 

„Ich nerve nicht“, antwortete der Dschinn süßlich. „Ich beobachte nur. Und ich liebe es.“
 

Der Händler griff endlich in seine Tasche.

Kurz. Ein kleines, zusammengefaltetes Tütchen blitzte im Licht auf.

Dean schob sich vor, Münzen wechselten den Besitzer, kein Wort, keine Verzögerung.

Das Tütchen verschwand in seiner Jacke. Der Mann war schon wieder weg, bevor Dean sich umdrehte.
 

Sein Kopf dröhnte stärker. Bald. Sehr bald musste er die nächste Pille schlucken. Sonst würde Azur wieder böse werden.
 

„Oh“, sagte Azur zufrieden. „Da ist es wieder. Die kleine Panik. Ich liebe das.“
 

„Azur, hör auf zu reden“, murmelte Dean und ging weiter durch die Straßen.
 

Passanten schauten ihn an. Manche nur kurz, manche länger.

Ein Mann mit einem Obstkorb blieb stehen. Eine Frau zog ihr Kind näher zu sich. Zwei Händler tauschten ein wissendes Nicken.

„Armer Junge“, murmelte ein alter Fischer.
 

Dean bemerkte nichts.

Für ihn war Azur Realität. Er merkt nichtmal das es für andere wirken musste als würde er selbstgespräche führen.
 

Sein Kopf pochte jetzt so stark, dass er fast den Boden unter sich nicht spürte.

Bald. Sehr bald. Die Droge musste wirken, sonst würde der Dschinn ihn zerreißen – nicht physisch, aber in seinem Kopf, in seiner Seele.
 

Er bog in eine schmale Gasse ein, griff nach einer rostigen Leiter und kletterte hinauf.
 

Die Dächer von Casino Inferno waren sein Rückzugsort.
 

Er setzte sich auf den Rand eines flachen Dachs.
 

Von hier konnte man die ganze Stadt sehen. Lichter. Türme. Rauch.
 

Und mitten darin ragte das Gebäude des Herrschers über alles andere hinaus.
 

Ganz oben brannte ein Stern aus kaltem Licht.

Der Todesstern.
 

Der Boss liebte dieses Symbol. Für ihn war der Tod Glück. Jeder Süchtige, der alles verlor und dann freiwillig oder unfreiwillig starb, bedeutete Geld. Viel Geld.
 

Direkt darunter prangte das Symbol der Familie: ein Kleeblatt. Smaragdgrün, funkelnd. Ein lächerliches Statussymbol für jeden, der nicht wusste, was wirklich gespielt wurde.

Für Dean war es lebenswichtig. Weil es ihm half, den Wahnsinn im Kopf zu balancieren. Das Kleeblatt bedeutete Struktur, Ordnung – oder zumindest die Illusion davon.
 

Dean griff in seine Jacke.

Fing das Tütchen.

Drehte es in seiner Hand. Das grüne Kleeblatt glänzte auf der Oberfläche der Pille.

Ein Moment. Ein Atemzug. Dann warf er sie sich hinein.
 

Sein Kopf wurde leichter. Azur lächelte wieder, freundlich, hilfsbereit – solange die Droge wirkte.
 

Aber Dean wusste, dass das nur eine Pause war. Nur ein kurzer Moment, bevor die Stimme wieder giftig wurde.
 

Er lehnte sich zurück, schaute hinauf zum Todesstern.

In Casino Inferno war alles ein Spiel.

Die Hasenpfade von Casino Inferno 🐇

Dean machte sich auf den Heimweg.
 

Zu Hause wartete sein Bruder bereits auf ihn. Doch durch die Pillen war Deans Wahrnehmung immer noch stark benebelt. Deshalb sah sein Bruder für ihn oft wie ein kleines Äffchen aus – mit einem viel zu großen Turban auf dem Kopf, das aufgeregt vor ihm herumhüpfte.
 

Vor Deans Augen sprang die Gestalt hin und her und beschwerte sich über irgendetwas. Dean hörte nur halb zu. In seinem Kopf war alles noch weich und verschwommen.
 

Er griff schließlich in seine Tasche.
 

Nichts.
 

Kein Geld mehr.
 

Auch kein Essen.
 

Erst jetzt merkte er, dass er auf dem Markt offenbar alles ausgegeben hatte.
 

Sein Magen knurrte.
 

„Na komm“, murmelte er und stand wieder auf.
 

Er richtete seinen Turban und stapfte zurück hinaus auf die Straße.
 

Der Markt war noch belebt. Händler riefen ihre Preise, Laternen flackerten im warmen Abendwind. Dann fiel sein Blick auf einen Stand.
 

Ein Brot.
 

Frisch gebacken.

Knusprig.

Der Duft zog durch die Luft wie eine Einladung.
 

Dean schluckte.
 

Dann traf er eine einfache Entscheidung.
 

Er griff nach dem Brot – und rannte.
 

Leider wurde er sofort bemerkt.
 

„HEY! DIEB!“ brüllte der Verkäufer.
 

Schwere Schritte folgten ihm. Keine richtigen Wachen – eher Männer, die für das Kartell arbeiteten. Eine Art Aufseher. In Casino Inferno wurde Diebstahl nicht akzeptiert. Egal wie klein er war.
 

Die Verfolgung begann.
 

Dean sprintete durch die Gassen. Hinter ihm riefen die Männer weiter.
 

„Da vorne!“

„Er kann nicht weit sein!“
 

Dean bog um eine Ecke und stürmte durch die Tür eines Hotels.
 

Ein paar Mädchen blickten überrascht auf. Einige erkannten ihn sogar und lächelten kurz – offenbar war er hier nicht zum ersten Mal.
 

Doch die Hotelmutter reagierte sofort.
 

„RAUS MIT DIR!“ fauchte sie.
 

Wer kein Geld hatte, durfte hier nicht bleiben.
 

Dean wurde kurzerhand wieder hinausgejagt – direkt zurück auf die Straße.
 

Natürlich entdeckten ihn die Verfolger sofort wieder.
 

Also rannte er weiter.
 

Durch immer engere Gassen. Über Treppen. Zwischen Marktständen hindurch.
 

Die Jagd zog sich lange hin. Der Himmel über Casino Inferno wurde bereits dunkel, und die ersten Sterne erschienen.
 

Schließlich verschwand Dean in einem Labyrinth aus schmalen Seitengassen.
 

Die Männer suchten noch eine Weile.
 

„Er muss hier irgendwo sein.“
 

„Ach vergiss es“, knurrte der andere schließlich. „Diese Hasenpfade hier… es gibt einfach zu viele.“
 

Die Gassen von Casino Inferno wurden nicht umsonst so genannt. Selbst die Männer des Kartells verloren darin leicht die Orientierung.
 

Hoch oben auf dem höchsten Gebäude der Stadt beobachtete der Kartellboss manchmal die Menschen unten. Für ihn wirkten sie wie Hasen: Man fütterte sie – und irgendwann liefen sie davon.
 

Und dann begann die Jagd.
 

Dean kauerte währenddessen in einer dunklen Seitengasse und aß sein Brot.
 

Kurz darauf tauchte auch sein Bruder auf.
 

Dean brach das Brot in zwei Hälften und gab ihm ein Stück. Gemeinsam aßen sie schweigend.
 

Danach machten sie sich auf den Heimweg.
 

Plötzlich blieb Dean stehen.
 

Er starrte nach vorne.
 

„Siehst du die?“ sagte er beeindruckt. „Die ist wunderschön.“
 

Sein Bruder nickte.
 

Doch sie meinten nicht dasselbe.
 

Dean sah eine wunderschöne Frau, die in eleganter Kleidung an einem Stand stand.
 

Sein Bruder hingegen sah etwas ganz anderes.
 

Einen funkelnden Stern am Himmel, der wie ein Komet über die Nacht von Casino Inferno zog.

Erster Kontakt

Dean trat einen Schritt nach vorne.
 

Sein Blick lag fest auf ihr, während sie noch immer an dem Stand stand. Das Medaillon war inzwischen in einem kleinen Beutel an ihrem Gürtel verschwunden.
 

Gut.
 

Er strich sich kurz über seinen Turban, setzte ein schiefes Grinsen auf und blieb vor ihr stehen.
 

„Hallo, junge Frau“, sagte er locker. „Sie sind viel zu hübsch für diese Gegend.“
 

Sie sah sofort auf.
 

Ihr Blick traf ihn direkt – prüfend, kühl.
 

„Frech“, antwortete sie. „Was fällt dir ein, mich so dumm von der Seite anzusprechen?“
 

Dean hob leicht die Augenbrauen.
 

„Dumm?“ wiederholte er. „Ich hätte auch gar nichts sagen können. Aber das wäre doch langweilig gewesen.“
 

Ein kurzer Moment verging.
 

Dann zog sich ein kaum sichtbares Lächeln über ihre Lippen.
 

Dean nutzte das sofort aus.
 

„Außerdem“, fügte er hinzu, „wollte ich sichergehen, dass ich mich nicht geirrt habe.“
 

„Wobei?“ fragte sie.
 

Dean zuckte mit den Schultern.

„Dass Sie die einzige Person hier sind, die nicht so aussieht, als würde sie mich gleich bestehlen.“
 

Azur tauchte neben ihm auf und grinste breit.
 

„Ironie“, flüsterte er. „Ich liebe Ironie.“
 

Hinter Dean bewegte sich sein Bruder.
 

Leise. Kaum wahrnehmbar.
 

Ein kurzes Aufblitzen eines kleinen Messers.
 

Ein sauberer Schnitt.
 

Der Beutel löste sich von ihrem Gürtel.
 

Noch bevor er den Boden berührte, war der Junge schon verschwunden – verschluckt von der Menge.
 

Dean sah es.
 

Natürlich sah er es.
 

Sein Blick folgte ihm einen Augenblick zu lange.
 

„Du bist ein schlechter Lügner“, sagte die Frau plötzlich.
 

Dean blinzelte.
 

„Was?“
 

„Du wirkst abgelenkt“, meinte sie. „Als würdest du ständig woanders hinschauen.“
 

Dean grinste wieder.
 

„Vielleicht liegt das daran, dass es hier zu viele interessante Dinge gibt.“
 

Azur lachte leise.
 

„Oh ja. Besonders kleine Brüder mit Diebeshänden.“
 

Dean ignorierte ihn, griff nach ihrer Hand und beugte sich leicht vor.
 

Ein schneller, übertriebener Handkuss.
 

„Es war mir ein Vergnügen.“
 

Er richtete sich wieder auf, trat einen Schritt zurück und drehte sich um.
 

„Vielleicht sehen wir uns wieder“, warf er noch über die Schulter.
 

Sie sah ihm nach.
 

Dean ging ein paar Schritte, dann drehte er sich noch einmal kurz um.
 

Nur ein Blick.
 

Dann verschwand er zwischen den Menschen.
 

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
 

„Was sollte das denn?!“ fuhr Dean sofort los.
 

Sein Bruder stand mitten im Raum und hielt den Beutel hoch.
 

Dean zeigte darauf.
 

„Warum klaust du so eine Tasche? Die ist hässlich! Sieht aus wie ein Osternest.“
 

Der Junge verdrehte die Augen.
 

„Da ist was Wertvolles drin.“
 

Dean seufzte, nahm ihm den Beutel ab und öffnete ihn.
 

Zuerst fiel sein Blick auf ein goldenes Medaillon.
 

Schön. Fein gearbeitet.
 

Unwichtig.
 

Daneben lag ein Schlüssel mit einem kleinen Anhänger.
 

Ein Y.
 

Noch unwichtiger.
 

Dann sah er die Pillen.
 

Smaragdgrüne Kleeblätter.
 

Viele.
 

Sehr viele.
 

Sein Atem stockte kurz.
 

Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.
 

„Das…“, murmelte er, „ist verdammt viel.“
 

Er ließ die Tabletten durch seine Finger gleiten, als wären sie Gold.
 

„Gut gemacht, Bruder.“
 

Azur erschien neben ihm, seine Augen funkelten neugierig.
 

„Oh“, sagte er leise. „Und was es wohl mit dem Schlüssel auf sich hat?“
 

Dean schloss den Beutel.
 

„Willst du das nicht wissen?“ hakte Azur nach.
 

Dean schüttelte den Kopf.
 

„Ich bin erstmal versorgt“, sagte er ruhig. „Und das ist alles, was jetzt zählt.“
 

Azur lächelte schief.
 

Dean setzte sich.
 

Für einen Moment war alles still.
 

Doch irgendwo in seinem Hinterkopf …
 

blieb der Gedanke an den Schlüssel.
 

Und an sie.

Goldene Eier und schwarzer Nebel

Jeden Abend spielte sich im Hauptquartier der Familie Gharaba das gleiche Ritual ab.
 

Lange Tische waren mit Goldmünzen bedeckt. So viele, dass sich ganze Hügel daraus bildeten. Im warmen Licht der Lampen glänzten sie wie goldene Eier.
 

Zwischen den Münzen lagen auch die Pillen.
 

Smaragdgrüne Kleeblätter.
 

Die Männer in schwarzen Anzügen – die sogenannten Men in Black, Arbeiter der Familie Gharaba – zählten alles sorgfältig. Gold, Pillen, Beutel.
 

Immer wieder.
 

Immer wieder.
 

Plötzlich stockte einer von ihnen.
 

Seine Finger zitterten leicht.
 

„B-Boss…“, stammelte er. „Es… es fehlt etwas.“
 

Am anderen Ende des Raumes saß Herr Gharaba in einem großen, gepolsterten Sessel.
 

Ein massiger Mann mit dunklem Haar, gepflegtem Bart und einem Anzug, der so teuer aussah, dass er vermutlich mehr kostete als ein kleines Haus. Goldene Ketten lagen schwer auf seiner Brust, und ein riesiges Kleeblatt aus Smaragd funkelte an einer davon.
 

In seiner Hand glühte eine dicke Zigarre.
 

Er hob eine Augenbraue.
 

„Oh nein?“ sagte er ruhig. „Vielleicht hat nur jemand vergessen zu zahlen. Oder etwas wurde verlegt.“
 

Er winkte lässig mit der Hand.
 

„Kann passieren.“
 

Die Männer sahen sich nervös an.
 

Ihr Boss war bekannt dafür, viel zu freundlich zu sein für jemanden in seiner Position.
 

Dann…
 

wurde der Raum plötzlich kalt.
 

Ein dunkler Nebel kroch über den Boden.
 

Die Lampen flackerten.
 

Und aus dem Schatten trat eine Gestalt hervor.
 

Groß. Dürre Hände. Ein schwarzer Umhang, der bis zum Boden reichte.
 

Sein Gesicht war bleich, fast leichenhaft. Lange graue Strähnen fielen aus der Kapuze. Seine Augen glühten gelb wie zwei kleine Flammen.
 

Auf seiner Schulter saß ein seltsamer Vogel.
 

Ein Papagei – aber sein Körper bestand aus grünem, flackerndem Licht, als wäre er aus Magie geformt.
 

In der Hand hielt die Gestalt einen dunklen Stab.
 

J. Faar.
 

Als er sprach, klang seine Stimme wie ein Messer, das über Stein kratzt.
 

„Was?“ fragte er langsam.

„Es fehlt etwas?“
 

Die Männer erstarrten.
 

„Zählt noch einmal“, befahl J. Faar.
 

Seine Stimme ließ keinen Zweifel zu.
 

Die Arbeiter begannen sofort erneut zu zählen.
 

Herr Gharaba hingegen lächelte freundlich.
 

„Die Männer haben hart gearbeitet“, sagte er gemütlich. „Vielleicht sollten wir ihnen einfach eine Pause gönnen.“
 

J. Faar drehte langsam den Kopf zu ihm.
 

Sein Blick war kalt.
 

„Oder“, sagte er leise, „vielleicht hat uns jemand bestohlen.“
 

Der Stab schnellte nach vorne.
 

Die Spitze drückte gegen Gharabas Brust.
 

Der große Mann blinzelte überrascht.
 

„Bestohlen?“ murmelte er.
 

Einen Moment dachte er nach.
 

Dann riss er plötzlich die Augen auf.
 

„Das geht nicht!“
 

Er sprang auf.
 

„Wir sollten sie einsperren! Alle!“
 

Er zeigte wild auf die Arbeiter.
 

„Sperrt einfach alle ein!“
 

Die Männer in Schwarz zögerten keine Sekunde.
 

Es war nicht das erste Mal, dass ihr Boss solche verrückten Befehle gab.
 

Doch trotz seiner seltsamen Art war sein Imperium riesig geworden. Also musste er offenbar irgendetwas richtig machen.
 

Die Türen wurden geschlossen.
 

Die Arbeiter abgeführt.
 

Und tief in den Hallen der Familie Gharaba geschahen Dinge, über die draußen niemand sprach.
 

Nicht einmal Dean.
 

Der genoss in diesem Moment sein Glück – völlig ahnungslos.

Lichtjahre

Dean liebte die Abende, an denen gezählt wurde.
 

Dann war das berühmte Casino der Stadt immer etwas unbewacht.
 

Das Casino lag im Herzen von Casino Inferno.
 

Schon von weitem konnte man es hören.
 

Musik.

Lachen.

Das Klirren von Gläsern.
 

Und darunter – fast unhörbar, aber für Dean unverkennbar – das leise Klacken der Chips.
 

Bunte Eier.
 

So nannten sie die Spielchips.
 

Rot, blau, gelb, violett – kleine glänzende Kreise, die im Licht der Lampen funkelten wie bemalte Ostereier. Für Außenstehende sah es verspielt aus. Fast harmlos.
 

Doch in Casino Inferno wusste jeder, was sie wirklich bedeuteten.
 

Verlust.
 

Immer Verlust.
 

Die Bank gewann immer.
 

Immer.
 

Und trotzdem kamen sie.
 

Touristen mit glänzenden Augen.

Reiche Händler.

Verzweifelte Süchtige.
 

Sie alle setzten sich an die Tische, tranken zu viel, lachten zu laut – und verloren.
 

Manche langsam.
 

Manche alles auf einmal.
 

Und irgendwann kam immer der Punkt, an dem sie die Chips nicht mehr sehen konnten.
 

Dann flogen sie.
 

Weggeworfen.
 

Dean stand vor dem Eingang und beobachtete das Treiben.
 

Die Men in Black waren heute kaum zu sehen.
 

Sie hatten Wichtigeres zu tun.
 

Dean grinste leicht.
 

Das bedeutete, dass heute wieder ein guter Abend war.
 

Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und trat ein.
 

Die Luft im Casino war schwer.
 

Der Duft von teuren Getränken mischte sich mit Parfum und etwas anderem.
 

Etwas, das Dean nur zu gut kannte.
 

Sucht.
 

Lichter tanzten über die Wände. Musik vibrierte durch den Boden. Menschen saßen dicht gedrängt an den Tischen, ihre Augen glänzten fiebrig.
 

Ein Mann lachte laut, während er seine letzten Chips setzte.
 

Eine Frau starrte regungslos auf den Tisch, als hätte sie gerade etwas verloren, das nicht mehr ersetzbar war.
 

Ein Dealer schob wortlos neue Chips über den Tisch.
 

Das Spiel ging weiter.
 

Immer weiter.
 

Dean bewegte sich langsam durch die Menge.
 

Sein Blick ging nicht zu den Tischen.
 

Nicht zu den Spielern.
 

Sondern zum Boden.
 

Und da waren sie.
 

Ein roter Chip, halb unter einem Tisch.
 

Ein blauer, achtlos neben einen Stuhl getreten.
 

Ein goldener, der im Schatten einer Säule fast unsichtbar war.
 

Wertlos für die, die sie weggeworfen hatten.
 

Unbezahlbar für ihn.
 

Dean ging weiter, bückte sich scheinbar zufällig, hob einen auf und ließ ihn in seiner Tasche verschwinden.
 

Dann noch einen.
 

Und noch einen.
 

Niemand achtete auf ihn.
 

Warum auch?
 

Hier verlor jeder.
 

Ein paar Chips weniger machten keinen Unterschied.
 

„Du bist wie ein Aasgeier“, murmelte Azur neben ihm.
 

Der Dschinn schwebte durch die Luft und betrachtete die Spieler mit gelangweiltem Ausdruck.
 

„Sie verlieren alles… und du sammelst die Reste.“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Funktioniert.“
 

Azur grinste schief.
 

„Das tut es.“
 

Dean ging weiter.
 

Ein Mann stand plötzlich auf, fluchte laut und fegte mit einer wütenden Bewegung die Chips vom Tisch.
 

Sie verteilten sich über den Boden.
 

Ein paar rollten direkt vor Deans Füße.
 

Zeit verging.
 

Minuten.
 

Vielleicht Stunden.
 

Im Casino verlor man schnell das Gefühl dafür.
 

Als Dean schließlich wieder Richtung Ausgang ging, war seine Tasche spürbar schwerer.
 

Nicht voll.
 

Nie voll.
 

Das war Lichtjahre entfernt.
 

Aber genug, um damit etwas anfangen zu können.
 

Dean lehnte sich kurz gegen eine Wand und zog einen der Chips aus der Tasche.
 

Er drehte ihn zwischen seinen Fingern.
 

Wertvoll.
 

Nicht hier.
 

Aber für die richtigen Leute?
 

Sehr.
 

Er musste nicht lange suchen.
 

Sie waren immer da.
 

Am Rand des Casinos.

In den Schatten.

In den dunklen Ecken der Straßen.
 

Spieler, die noch nicht fertig waren.
 

Die noch glaubten, dass sie gewinnen könnten.
 

Die nur ein bisschen mehr brauchten.
 

Dean trat zu einem von ihnen.
 

Ein junger Mann. Nervös, schwitzend, die Hände unruhig.
 

„Du brauchst Chips?“, fragte Dean leise.
 

Der Mann sah sofort auf.
 

„Hast du welche?“
 

Dean ließ einen kurz sehen.
 

Nur einen.
 

Der Mann schluckte.
 

„Wie viel?“
 

Dean nannte einen Preis.
 

Zu hoch.
 

Viel zu hoch.
 

Aber das war egal.
 

Für jemanden, der kurz davor war zu gewinnen, war kein Preis zu hoch.
 

Der Mann zahlte.
 

Ohne zu zögern.
 

Der Chip wechselte den Besitzer.
 

Und der Mann verschwand wieder im Casino.
 

Dean grinste leicht.
 

So ging es immer.
 

Er sammelte.
 

Er wartete.
 

Er verkaufte.
 

Illegal.
 

Aber er war noch nie erwischt worden.
 

Nicht ein einziges Mal.
 

„Du wirst irgendwann erwischt“, sagte Azur.
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Nicht heute.“
 

Azur lächelte.
 

„Nein… heute nicht.“
 

Dean griff in seine Tasche.
 

Er spürte die Pillen.
 

Die Kleeblätter.
 

Sein persönlicher Glücksfund.
 

Mehr als genug.
 

Für Tage.
 

Vielleicht länger.
 

Er sah zurück zum Casino.
 

Zu den Lichtern.
 

Zu den Menschen, die immer noch spielten.
 

Immer noch hofften.
 

Immer noch verloren.
 

„Viele bunte Eier“, murmelte er leise, „sind Lichtjahre entfernt.“
 

Azur nickte langsam.
 

„Für sie.“
 

Dean steckte die Hände in die Taschen und ging.

Plauer Planet

Tage – nein, Wochen – waren vergangen.
 

Dean saß auf dem Dach eines alten Hauses in Casino Inferno. Um ihn herum die glühenden Lichter der Stadt, der Wind trug Staub und Gerüche von Gewürzen. In seiner Hand drehte er den Schlüssel, während der Rauch seiner Zigarette in Spiralen aufstieg.
 

Azur schwebte neben ihm, sichtbar nur für Dean. Der Dschinn wirkte gereizt.
 

„Lass uns Spaß haben“, sagte Azur, die Stimme süßlich und gleichzeitig nervig. „Ein Elefantenreiten, schöne Damen… Hasenjagd? Irgendwas.“
 

Und ehe Dean etwas sagen konnte, verwandelte sich Azur – zuerst in einen riesigen Elefanten, dann in eine Gruppe tanzender Frauen, dann in Hasen, die wild über die Dächer sprangen. Mit jedem Wechsel wurde er wütender.
 

Dean seufzte und blies Rauch in den Nachthimmel. „Azur… langsam.“
 

Gerade in diesem Moment tauchte eine Gestalt auf den Dächern auf. Ein alter Mann in abgewetzter Verkleidung, die Augen blitzten hinter Falten.
 

„Junge… weißt du, was das ist?“ krächzte er, spuckte dabei ein paar Zähne hervor.
 

Dean blinzelte, misstrauisch. „Was meinst du?“
 

„Der Schlüssel“, sagte der alte Mann und deutete auf Deans Hand. „Damit…“ Er machte eine weite Geste. „…alles.“
 

Dean hörte kaum hin – Azur redete ununterbrochen:
 

„Klee! Hast du es gehört? Es ruft! Hörst du es nicht?“
 

Dean spürte nur das Pochen in seinem Kopf. Die Pillen ließen langsam nach, und seine Sinne waren benebelt. „Azur… es ist nur in meinem Kopf.“
 

„Unsinn!“, lachte Azur, „Wir müssen hin!“
 

Dean stöhnte. „Warum nicht gleich…?“
 

Der alte Mann führte Dean zu einer blauen Tür, versteckt zwischen verfallenen Gassen.
 

„Probier den Schlüssel“, sagte er rau.
 

Dean zögerte, steckte den Anhänger ins Schloss – und passte perfekt. Die Tür öffnete sich langsam mit einem tiefen Grollen.
 

Hinter der Tür: ein Tunnel, rund, wie ein gigantischer Hasenbau.
 

Boden und Wände waren mit Klee bedeckt, überall lagen bunte Eier – rot, blau, gold – manche schimmerten. Dean schluckte. „Okay… das ist seltsam.“
 

Plötzlich erschien in der Mitte der Tür ein großer Tigerkopf. Seine Augen funkelten.
 

„Nimm nur das Goldene Ei“, brummte er. „Berühre nichts anderes.“
 

Dean zuckte nur mit den Schultern. „Na gut…“
 

Der alte Mann rief ihm noch nach: „Bring das Ei, und du wirst reich belohnt!“ Er warf Dean beiläufig einen Sack Pillen zu.
 

Dean schulterte den Sack und ging vorsichtig hinein.
 

Azur schwebte neben ihm, unsichtbar für alle anderen. Er begann, die Eier zu jonglieren – aus Spaß, aus Langeweile – und verwandelte sie zwischendurch in kleine Totenköpfe, die Dean kurz zusammenzucken ließen.
 

„Azur! Hör auf!“ rief Dean, doch der Dschinn grinste nur.
 

Dann passierte es: ein Ei fiel zu Boden. Ein leises Knacken.
 

Die Erde bebte. Staub rieselte von den Wänden.
 

Der Eingang zur Höhle begann einzustürzen. Steine fielen, der Weg nach draußen wurde komplett verschüttet.
 

Dean sah Azur finster an. „Natürlich deine Schuld.“
 

„Ein kleines bisschen“, murmelte der Dschinn grinsend.
 

Draußen tobte J. Faar – in der Gestalt des alten Mannes – vor Wut.
 

„NEIINNN!“ rief er, seine Stimme hallte über die Dächer.
 

Sein Blick glühte gelb. Tief im Innern des verschütteten Tunnels lag das Goldene Ei, verborgen im Klee, unerreichbar.
 

„Der Junge… tot?“, flüsterte er. Der Papagei auf seiner Schulter zischte unheilvoll.
 

Dann verschwand J. Faar im schwarzen Nebel.
 

Dean atmete schwer. Um ihn herum der Hasenbau: Klee, bunte Eier, alles still bis auf Azur, der sich genüsslich auf einem der Eier niederließ.
 

„Wenn wir hier sterben…“, murmelte Dean.
 

Azur grinste: „Dann wenigstens in einem sehr seltsamen Osternest.“

Kann man das Essen?

Staub.
 

Überall war Staub.
 

Dean hustete und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund, doch es brachte nichts. Mit jedem Atemzug schien sich der feine Sand tiefer in seine Kehle zu legen.
 

Der Tunnel war dunkel.
 

Nur sein eigener Atem und das leise Knirschen seiner Schritte waren zu hören.
 

„Also ich finde ja“, begann Azur neben ihm, „für einen spontanen Ausflug ist das hier gar nicht so schlecht.“
 

Dean antwortete nicht.
 

Er tastete sich an der Wand entlang, Schritt für Schritt, seine Finger glitten über kalten Stein.
 

„Ich meine“, fuhr Azur fort, „ein bisschen enger als erwartet, aber hey – Abenteuer, oder?“
 

Dean hustete wieder.
 

„Azur… halt einfach die Klappe.“
 

Der Dschinn grinste.

„Ich versuche nur, die Stimmung zu heben.“
 

„Du machst es schlimmer.“
 

„Unmöglich“, sagte Azur zufrieden. „Das hier ist schon ziemlich schlimm.“
 

Dean verdrehte die Augen, auch wenn es im Dunkeln kaum einen Unterschied machte.
 

Er tastete weiter an der Wand entlang, suchte nach irgendetwas – einem Riss, einer Öffnung, irgendetwas, das nicht nur endloser Stein war.
 

klick.
 

Dean erstarrte.
 

Langsam drehte er den Kopf.
 

Ein leises Grollen ging durch die Wand neben ihm. Staub rieselte herab, und ein schmaler Spalt öffnete sich.
 

Ein Nebengang.
 

Dean starrte ihn einen Moment an.
 

Dann grinste er schwach.
 

„Na also…“
 

„Siehst du?“ sagte Azur sofort. „Ich hab doch gesagt, es gibt einen Ausweg.“
 

„Du hast nichts gesagt.“
 

„Doch, indirekt.“
 

Dean schüttelte den Kopf und trat in den schmalen Gang.
 

Der neue Tunnel war enger. Dean stolperte vorwärts.

Seine Schritte hallten an den Wänden wider.

Licht wurde stärker.

Und stärker.
 

Bis es plötzlich blendete.
 

Dean hob reflexartig die Hand vor die Augen und trat aus dem Tunnel heraus.
 

Und blieb stehen.
 

„…okay.“
 

Vor ihm lag ein Garten.
 

Ein echter Garten.
 

Nicht irgendein verwilderter Fleck Erde – sondern gepflegt, ordentlich, fast schon perfekt.
 

Gras.
 

Grünes, saftiges Gras.
 

Dean blinzelte.
 

So etwas sah man in Casino Inferno selten.
 

Grün bedeutete Reichtum.
 

Der Garten lag wie ein verstecktes Geheimnis mitten zwischen hohen Hauswänden. Ein Innenhof, umgeben von Stein, abgeschirmt vom Rest der Stadt.
 

Dean trat langsam hinaus. Er atmete ein.
 

„Wow“, murmelte Azur. „Jetzt wird’s interessant.“
 

Dean ging ein paar Schritte weiter.
 

Dann meldete sich sein Magen.
 

Wie lange war er im Tunnel gewesen?
 

Er wusste es nicht.
 

Sein Blick wanderte über den Boden.
 

Eier.
 

Kleine, runde Eier, verstreut im Gras.
 

Pastellfarben.
 

Blassrosa. Hellblau. Zartgelb.
 

Dean runzelte die Stirn.
 

„Was…?“
 

Er ging näher heran, hockte sich hin und nahm eines vorsichtig in die Hand.
 

„Kann man das essen?“
 

Azur erschien neben ihm und sah sich das Ei an.
 

„Klar“, sagte er sofort. „Warum nicht? Sieht doch lecker aus.“
 

Dean hob eine Augenbraue.
 

„Du hast noch nie etwas gegessen.“
 

„Details.“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Naja…“

„Ich würde das nicht essen.“
 

Die Stimme kam von hinten.
 

Dean erstarrte.
 

Langsam drehte er sich um.
 

Sie stand dort.
 

Die Frau.
 

Die vom Markt.
 

Sein Blick fiel sofort auf sie. Keine zerrissenen Kleider.
 

Stattdessen trug sie ein Kleid, das im Licht schimmerte. Stoffe, so fein, dass Dean sie noch nie aus der Nähe gesehen hatte. Edelsteine glitzerten darin, als hätten sie das Licht selbst eingefangen.
 

Schmuck funkelte an ihren Händen, an ihrem Hals.
 

Sie gehörte hierher.
 

Das war sofort klar.
 

Dean blinzelte.
 

„…oh.“
 

Sein Blick wanderte zurück zu dem Ei in seiner Hand.
 

Dann wieder zu ihr.
 

„Das sind die Eier meiner Echsen“, sagte sie kühl.
 

Dean zuckte zusammen.
 

Ein kurzer Ausdruck von purem Ekel huschte über sein Gesicht.
 

Langsam legte er das Ei wieder zurück ins Gras.
 

„…okay. Gut zu wissen.“
 

Azur lachte leise.
 

Dean ignorierte ihn.
 

Die Frau verschränkte die Arme.
 

Ihr Blick war jetzt deutlich kälter als zuvor.
 

„Was machst du in meinem Anwesen?“
 

Dean öffnete den Mund.
 

Schloss ihn wieder.
 

Sein Blick wanderte kurz zum Tunnel hinter ihm. Dann wieder zu ihr.
 

„Ich—“

Er kratzte sich am Kopf.

„Ich weiß es selber nicht…“
 

Stille.
 

Nur ein leises Rascheln im Gras.
 

Irgendwo bewegte sich etwas.
 

Dean wagte es nicht hinzusehen.
 

Die Frau trat einen Schritt näher.
 

„Du bist also einfach… hereingestolpert?“
 

Dean hob leicht die Hände.
 

„So ungefähr.“

Bunte Schalen

„Ich rufe jetzt die Wachen.“
 

Ihre Stimme war ruhig – aber eindeutig.
 

Dean hob sofort die Hände.
 

„Nein, nein… ich verschwinde schon.“
 

Er machte einen Schritt rückwärts.
 

Langsam.
 

Vorsichtig.
 

Azur schwebte neben ihm. Seine Augen glühten nicht mehr gelb, sondern orange – fast rot.
 

„Oh, hast du Angst, eingesperrt zu werden?“ flüsterte er spöttisch.
 

Dean ignorierte ihn.
 

Doch Azur beugte sich näher.
 

„Keine Pillen… kein Glück… dein Kopf wird bald explodieren.“
 

Dean presste die Zähne zusammen.
 

„Halt die Klappe.“
 

Azur grinste nur breiter.
 

„Wie dieses Ei.“
 

Dean blinzelte.
 

„Ei? Welches Ei?“
 

Er drehte sich um – und trat genau auf das Ei, das vorhin vor ihm im Gras gelegen hatte.
 

Knack.
 

Die Schale zerbrach unter seinem Stiefel.
 

„Du Idiot“, zischte Dean leise zu Azur.
 

Die Frau sah ihn wütend an.
 

„Ein Hase… ich wusste es. Auf der Suche nach Karotten.“
 

Sie zeigte auf das zerbrochene Ei.
 

„Und jetzt hast du auch noch eines meiner Eier zerstört.“
 

Dean hob sofort die Hände.
 

„Nein, ich—“
 

Er zeigte reflexartig auf Azur.
 

„Er ist schuld!“
 

Die Frau folgte seinem Finger.
 

Sah… nichts.
 

Ihr Blick wurde eiskalt.
 

„Genug.“
 

Sie drehte sich und rief laut:
 

„Wachen!“
 

Aus der Ferne waren bereits Schritte zu hören.
 

Azur begann leise zu lachen.
 

„Jetzt aber schnell.“
 

Dean fluchte.
 

„Verdammt.“
 

Er drehte sich um und sprang auf die niedrige Gartenmauer.
 

„Vergiss es“, sagte Azur plötzlich.
 

Der Dschinn tauchte direkt vor ihm aus der Mauer auf.
 

Dean erschrak so sehr, dass er das Gleichgewicht verlor.
 

Er stürzte zurück ins Gras.
 

Direkt in ein Nest voller Eier.
 

Krach.
 

Schalen zerbrachen.
 

Splitter sprangen auseinander.
 

Einige bohrten sich direkt in seinen Rücken.
 

Dean schrie auf.
 

Der Schmerz war kurz, scharf – wie tausend kleine Nadeln.
 

Doch genauso schnell, wie er gekommen war, verschwand er wieder.

Azur lachte laut.
 

„HAHA!“
 

Er klatschte begeistert in die Hände.
 

„Das macht Spaß.“
 

Dean keuchte.
 

„Du bist verrückt.“
 

„Na kommt“, sagte Azur fröhlich. „Lasst uns Fangen spielen.“
 

Der Dschinn zeigte plötzlich auf eine kleine Öffnung in der Mauer.
 

„Da.“
 

Dean kroch sofort hindurch.
 

Hinter ihm hörte er die Stimme der Frau:
 

„Dort! Er ist dort lang!“
 

Wachen stürmten in den Garten.
 

Doch Dean war bereits unterwegs.
 

Und plötzlich fühlte er sich… leicht.
 

Seine Beine bewegten sich schneller als sonst.
 

Sein Herz raste, aber nicht vor Angst.
 

Vor Energie.
 

„Ich fühl mich… gut“, murmelte er überrascht.
 

Azur grinste.
 

Dean rannte.
 

Über Mauern.
 

Über Dächer.
 

Schneller als der Wind.
 

Die Stadt flog unter ihm vorbei, bis er schließlich sein eigenes Dach erreichte.
 

Er ließ sich auf den Bauch fallen.
 

„Haha… das war ein Wettlauf.“
 

Azur schwebte über ihm.
 

Dean lachte noch einmal.
 

Dann wurde sein Atem schwer.
 

„Bin plötzlich… müde.“
 

Seine Augen schlossen sich.
 

Und er schlief ein.
 

Stunden vergingen.
 

Dean bewegte sich nicht.
 

Azur wurde langsam ungeduldig.
 

„Langweilig.“
 

Der Dschinn verwandelte sich in einen Vogel. Dann in einen Hund. Dann in eine Trommel, auf der er laut schlug.
 

„Aufstehen!“
 

Dean murmelte nur.
 

Azur verzog das Gesicht.
 

„Du bist wirklich langweilig.“
 

Er setzte sich schließlich neben ihn.
 

Dean wurde halb wach.
 

„Mhm…“
 

Seine Stimme klang schwach.
 

„Ich fühl mich… nicht gut.“
 

Azur legte den Kopf schief.
 

Dann grinste er plötzlich wieder.
 

„Das liegt bestimmt an den Schalen.“
 

Dean öffnete langsam die Augen.
 

Azur beugte sich über ihn.
 

In seiner Hand hielt er etwas.
 

Ein Ei.
 

Zusammengebastelt aus bunten Schalenstücken.
 

„Während du geschlafen hast“, sagte Azur stolz, „hab ich etwas gebaut.“
 

Er hielt das Ei höher.
 

„Nicht schlecht, oder?“
 

Dean blinzelte.
 

Auf der Oberfläche des Eies war ein Muster.
 

Ein Kleeblatt.
 

Dean starrte es an.
 

Sein Kopf fühlte sich noch immer seltsam an.
 

Als würde etwas in seinem Rücken arbeiten.
 

Wachsen.
 

„Wir sollten mehr holen“, sagte Azur begeistert. „Viele bunte Eier.“
 

Dean sagte nichts.
 

Er sah nur das Kleeblatt.
 

Dann ging ihm ein Gedanke durch den Kopf.
 

Ein seltsamer.
 

Ein gefährlicher.
 

Wenn aus Eiern etwas schlüpft…
 

Dann legen diese Dinge auch wieder Eier.
 

Dean setzte sich langsam auf.
 

Und plötzlich fragte er sich etwas.
 

Ob er…
 

vielleicht selbst…
 

Eier produzieren könnte und so den Deal mit dem Alten Mann begleichen kann.

Blütenregen

Tage vergingen. Vielleicht auch Wochen. Dean war sich nicht sicher. Zeit fühlte sich in Casino Inferno nie wirklich echt an – sie zog sich, raste oder verschwand einfach, je nachdem, wie viel man im Kopf hatte. Und Dean hatte viel im Kopf. Zu viel. Er hielt sich bedeckt. Blieb in den Schatten. Bewegte sich vorsichtig durch die Straßen, mied die großen Plätze, die Märkte, die offenen Wege.
 

Denn irgendetwas hatte sich verändert. Männer in Schwarz. Die Men in Black der Familie Gharaba. Sie standen an Ecken, sprachen leise miteinander, beobachteten die Menschen. Suchten.
 

Dean zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, als zwei von ihnen an ihm vorbeigingen. „Die suchen dich“, murmelte Azur neben ihm. Dean reagierte nicht.
 

„Ich meine…“, fuhr der Dschinn fort, „wer sonst? Der charmante Dieb, der in einen Privatgarten einbricht, Eier zertritt und dann verschwindet?“
 

Dean biss die Zähne zusammen. „Halt die Klappe.“
 

Azur grinste. „Ich finde ja, du hinterlässt Eindruck.“
 

Dean ging weiter. Schneller jetzt. Er bog in eine schmale Gasse ein und blieb erst stehen, als die Stimmen der Männer verschwunden waren. Sein Herz klopfte schneller. Nicht nur wegen der Angst. Da war noch etwas anderes. Ein Gedanke. Der nicht mehr verschwinden wollte.
 

Wenn aus Eiern etwas schlüpft…

Dann…

Dean schüttelte den Kopf.

„Das ist krank“, murmelte er.
 

„Interessant“, korrigierte Azur.
 

Dean ignorierte ihn. Aber der Gedanke blieb. Hartnäckig. Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn er nicht mehr kaufen müsste?
 

Später an diesem Abend fand er den Mann, den er suchte. Sein Dealer. Der gleiche Ort wie immer. Eine dunkle Ecke, halb verborgen hinter einem Marktstand, der offiziell nichts verkaufte.
 

Der Mann lehnte an der Wand. Ruhig. Unscheinbar. Ein kurzer Blick. Ein Nicken. Keine Begrüßung.
 

„Du bist spät“, sagte der Dealer.

„Bin vorsichtig“, antwortete Dean.

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Besser so.“
 

Ein Moment Stille.

Dann griff Dean in seine Tasche, tat so, als würde er nach Geld suchen. In Wirklichkeit suchte er nach Worten.

Wie sagt man so etwas? Gar nicht, dachte er.

Einfach sagen.
 

„Sag mal…“, begann er beiläufig, „wenn jemand anfangen würde, selbst Zeug herzustellen…“
 

Der Dealer sah ihn sofort an.

„Dann?“
 

Dean zuckte mit den Schultern. „Würde sich das lohnen?“
 

Ein kurzes Schweigen. Dann lachte der Dealer leise. „Ja“, sagte er schließlich. „Das lohnt sich.“
 

Azur beugte sich neugierig vor. „Oh, jetzt wird’s spannend.“
 

Der Dealer stieß sich von der Wand ab. „Weißt du, was mein Job ist?“
 

Dean hob eine Augenbraue. „Du verkaufst.“
 

„Ich liefere“, korrigierte der Mann ruhig. „Ich sehe die Leute. Jeden Tag.“ Er trat einen Schritt näher. „Und ich sehe, wie wenig sie haben.“
 

Dean schwieg. „Die meisten können sich das Zeug kaum leisten“, fuhr der Dealer fort. „Sie sparen. Verkaufen ihre Sachen. Hungern.“ Ein schiefes Lächeln. „Und kaufen trotzdem.“
 

Azur grinste breit. „Romantisch.“
 

Der Dealer lehnte sich wieder zurück. „Wenn du also etwas hättest…“, sagte er langsam, „das nur ein kleines bisschen günstiger ist…“ Er machte eine kurze Pause. Dann sah er Dean direkt an. „Dann würde das Geld auf dich runterregnen.“
 

Dean spürte, wie sich etwas in ihm regte. „Wie ein Blütenregen“, murmelte er leise.
 

Der Dealer nickte. „Genau.“
 

Azur klatschte begeistert in die Hände. „Können wir das machen?“
 

Dean ignorierte ihn. Sein Blick war irgendwo anders. „Und die Konkurrenz?“ fragte er.
 

Der Dealer lachte trocken. „Welche Konkurrenz?“ Ein kurzer Blick in Richtung Stadtzentrum. Zum Todesstern. „Wenn du groß wirst, hast du ein Problem“, sagte er ruhig. „Wenn du klein bleibst… schaut niemand genau hin.“
 

Azur grinste schief. „Zertifiziert vom Lieferdienst.“
 

Dean musste kurz schmunzeln. Nur ganz leicht. Dann wurde er wieder ernst. „Verstehe.“ Ein Moment verging. Dann trat er einen Schritt zurück. „Danke.“
 

Der Dealer zuckte mit den Schultern. „Dein Leben.“
 

Dean drehte sich um und ging. Die Gasse schluckte ihn schnell wieder. „Also“, begann Azur sofort, „wann fangen wir an?“ Dean antwortete nicht.
 

Er ging durch die dunklen Straßen, sein Blick leer, seine Gedanken laut. „Ich meine“, plapperte Azur weiter, „du hast die Idee, du hast… naja, irgendwie Material—“
 

„Azur.“
 

„Ja?“
 

„Halt. Die. Klappe.“
 

Azur grinste. „Du denkst doch sowieso darüber nach.“
 

Dean blieb stehen. Mitten auf der Straße. Sein Blick wanderte langsam nach unten. Zu seinen Händen. Das Gefühl war noch da. Tief unter der Haut. Warm. Lebendig.

Dean schluckte. „Wenn das funktioniert…“, murmelte er.
 

Azur trat neben ihn. Sein Grinsen war jetzt anders. Breiter. Dunkler. „Oh, es funktioniert“, flüsterte er. „Die Frage ist nur… wie.“
 

Dean sagte nichts mehr. Doch in seinem Kopf begann sich etwas zu formen. Ein Plan.

Red Shirt

Dean hatte es schon mehrmals versucht.

Zu oft.

Jedes Mal war er bis zum Garten gekommen.

Und jedes Mal war etwas schiefgegangen.

Ein Geräusch.

Eine Bewegung.

Ein Blick zur falschen Zeit.

Nie kam er an die Eier.

Nie.
 

Azur lachte inzwischen offen darüber.

„Das wird langsam peinlich“, grinste der Dschinn. „Du bist ein Dieb, oder?“
 

Dean fuhr sich nervös durch die Haare.

„Wir müssen da rein“, murmelte er. „Ohne den Inhalt kriegen wir nichts hin.“

Seine Hände zitterten leicht.
 

„Ganz ruhig“, sagte Azur amüsiert. „Du wirst ja noch paranoid.“
 

Dean antwortete nicht.

Er beobachtete den Garten aus der Ferne.

Dann runzelte er die Stirn.

„Das ist neu.“
 

Heute war alles anders.

Es war laut.

Zu laut.

Überall liefen Men in Black herum. Befehle wurden gerufen, Stoffe getragen, Leitern bewegt.

Chaos.

„Verdunkelt alle Fenster!“ rief eine Stimme. „Er mag kein Sonnenlicht!“
 

Dean duckte sich etwas tiefer in den Schatten.

„Was ist hier los…?“
 

Azur grinste.

„Lass uns reingehen und nachsehen.“
 

Dean zeigte auf sich.

Dann auf die Männer.

„Ich falle sofort auf.“
 

Azur verdrehte die Augen.

„Langweilig.“

Er schnippte mit den Fingern.

Ein Mantel lag plötzlich auf einem Fass neben Dean.

„Tarnung.“
 

Dean sah ihn an.

Dann den Mantel.

Dann wieder Azur.

„Du bist manchmal nützlich.“

Er zog ihn an.
 

Kaum war er ein paar Schritte gegangen, wurde er auch schon angesprochen.

„Hey! Nicht stehen – arbeiten!“
 

Ein Mann drückte ihm ein dunkles Tuch in die Hand.

Dean reagierte schnell.

„Ja, klar.“

Er begann, eines der Fenster abzudunkeln.

„Für wen machen wir das eigentlich?“ fragte er beiläufig.

Der Mann lachte.

„Kriegst du gar nichts mit? Jaz soll verheiratet werden.“
 

Dean hielt kurz inne.

„Jaz?“
 

„Die Tochter vom Boss“, erklärte der Mann. „Heute kommen wieder Kandidaten. Ist uns egal, solange der Boss zufrieden ist.“
 

Er befestigte das Tuch.

„Oder?“

Dean nickte langsam.

„Klar.“

„Noch viel zu hell.“
 

Die Stimme kam von weiter hinten.

Kalt.

Unruhig.

J. Faar.

Er hob seinen Stab, und plötzlich erschienen schwere, dunkle Vorhänge – dicker als Stoff, fast wie Schatten.

„So“, murmelte er. „Besser.“

Herr Gharaba trat neben ihn, sichtlich nervös.

„Ich hoffe, Jaz ist diesmal einverstanden… die anderen hat sie alle verjagt.“
 

J. Faar antwortete leise:

„Es muss klappen.“

Sein Blick glitt durch den Raum.
 

„Herr Zo’chryr kommt von weit her.“

Dean spürte, wie sich eine Gänsehaut über seinen Rücken zog.
 

Erst mitten in der Nacht kam der Gast.

Und die ganze Stadt bemerkte es.

Nicht wegen Lärm.

Sondern wegen ihm.

Ein Mann in einem auffälligen roten Hemd.

Die Farbe leuchtete selbst im Dunkeln.

Sein Gesicht…

reglos.

Als hätte er vergessen, wie man lacht.

Oder nie gelernt.
 

Dean beobachtete ihn nur kurz.

Ohne großes Interesse.

Bis…

er sie sah.

Jaz.

Die Frau vom Markt.

Dean erstarrte.

„Das… ist sie.“

Seine Augen wurden groß.

Er vergaß alles.

Den Garten.

Die Eier.

Den Plan.
 

Azur tauchte direkt vor ihm auf.

„Hallo?“
 

Dean reagierte nicht.

„Wir wollten doch kochen“, sagte Azur langsam.

Keine Reaktion.
 

Azur beugte sich näher.

„Viele leckere Eier. Klee. Unser eigenes Glück.“
 

Dean blinzelte.

Immer noch auf Jaz fixiert.
 

Azur grinste plötzlich schief.

Seine Augen färbten sich dunkler.

Orange.

Fast rot.

„Oder muss ich erst… böse werden?“

Sein Gesicht verzerrte sich.

Für einen Moment wurde es zu etwas anderem.

Etwas Dämonischem.
 

Dean zuckte zusammen.

„Schon gut!“
 

Azur grinste wieder normal.

„Na also.“
 

Dean atmete tief durch.

Sein Blick wanderte zurück zum Garten.

Zu den Eiern.

Dann wieder zu Jaz.

Ein kurzer Moment.

Zwei Ziele.

Und nur eines konnte er sich leisten.

„Verdammt…“, murmelte er.
 

Azur flüsterte:

„Eier.“
 

Dean schloss kurz die Augen.

Dann nickte er langsam.

Hoffnung zwischen Blüten

Diesmal klappte es.

Dean wusste selbst nicht genau, warum.
 

Vielleicht war es das Chaos im Haus.

Vielleicht das Glück, das noch immer irgendwo in seinen Adern steckte.

Oder vielleicht… war er einfach besser geworden.
 

Er bewegte sich leise durch den Garten.

Seine Schritte kaum hörbar im weichen Gras.
 

„Beeil dich“, murmelte Azur neben ihm. „Bevor du wieder stolperst oder jemand schreit.“
 

Dean antwortete nicht.

Sein Blick lag auf den Nestern.

Er ging in die Hocke.

Seine Hand schwebte kurz über einem Ei.

Dann griff er zu.

Er steckte es vorsichtig ein.

Noch eins.

Und noch eins.

Diesmal zögerte er nicht.

Vier.

Fünf.

Sein Herz schlug schneller.
 

„Na also“, grinste Azur. „Geht doch.“
 

Dean richtete sich langsam auf.

Ein letzter Blick.

Dann wollte er sich zurückziehen—

Ein Geräusch.

Sein Körper reagierte sofort.

Er ließ sich fallen.

Rutschte hinter einen niedrigen Busch, presste sich dicht an den Boden.

Sein Atem wurde flach.

Still.
 

Die Tür zum Garten öffnete sich.

Licht fiel hinaus.

Und jemand trat heraus.

Dean wagte einen vorsichtigen Blick.

Und erkannte sie sofort.

Jaz.

Sein Herz machte einen kleinen, unangenehmen Sprung.
 

„Schon wieder sie“, flüsterte Azur leise. „Du hast ein Talent dafür.“
 

Dean ignorierte ihn.

Sein Blick blieb an ihr hängen.
 

Sie sah ihn nicht.

Hatte keine Ahnung, dass er da war.
 

Er duckte sich noch tiefer.

Beobachtete.
 

Sie ging langsam durch den Garten.

Nicht wie jemand, der etwas sucht.

Eher wie jemand, der… nicht weiß, wohin.

Barfuß.

Das Gras bog sich leicht unter ihren Schritten.
 

Und dann sah er es.
 

Ihre Augen.

Sie glänzten.

Feucht.

Tränen.
 

Dean runzelte die Stirn.

Das passte nicht.

Gar nicht.

Nicht zu ihr.

Nicht zu dem Bild, das er von ihr hatte.

Stark. Unnahbar.

Und jetzt…

so.
 

„Sieht aus, als hätte jemand ihren Tag ruiniert“, murmelte Azur.
 

Dean antwortete nicht.

Aber etwas in ihm zog sich zusammen.

Ein Gefühl, das er nicht mochte.

Nicht verstand.

Und nicht ignorieren konnte.

Er beobachtete, wie sie stehen blieb.

Mitten zwischen den Blumen.

Blüten lösten sich im leichten Wind.

Fielen langsam zu Boden.

Leise.

Fast schön.

Und trotzdem wirkte alles schwer.

Dean wusste, warum.
 

Heute war Dokomi.

Das Verlobungsritual.

Ein Wort, das in dieser Stadt immer gleich klang.

Endgültig.
 

Dokomi –

kurz für „Doran-Komal-Mithra“.

Ein alter Brauch der reichen Familien.

Ein Handel.

Kein Versprechen aus Liebe.

Sondern aus Nutzen.
 

Zwei Namen wurden gebunden.

Zwei Häuser verbunden.

Zwei Leben… entschieden.

Ohne Ausweg.
 

Der Ablauf war einfach.
 

Die Auserwählte erschien.

Die Kandidaten wurden vorgestellt.

Und am Ende… entschied nicht sie.
 

Sondern ihr Wert.

Ihr Nutzen.

Ihr Platz im Spiel.
 

Und sobald die Wahl gefallen war—

gab es kein Zurück mehr.
 

Dean presste die Lippen zusammen.

Sein Blick lag noch immer auf Jaz.
 

Und plötzlich…

ergab alles Sinn.

Sie wollte das nicht.
 

Dean spürte, wie sich langsam ein Gedanke in ihm formte.

„Du denkst schon wieder“, sagte Azur.
 

Dean atmete langsam aus.

Sein Blick wanderte kurz zu den Blüten im Gras.

Dann zu seiner Tasche.

Zu den Eiern.

Wert.

Möglichkeit.

Zukunft.
 

Und dann wieder zu ihr.

„Wenn sie das nicht will…“, murmelte er.
 

Azur grinste schief.

„Oh nein.“
 

Dean hob den Kopf ein kleines Stück.

Gerade genug, um sie noch einmal zu sehen.

Etwas in ihm klickte.

Wie ein Schloss.

Das sich schließt.

Oder öffnet.

„Dann gibt es eine Chance“, sagte er leise.
 

Azur verschränkte die Arme.

„Für was genau?“
 

Dean antwortete nicht sofort.

Sein Blick wurde ruhiger.

Fester.

„Für alles.“
 

Als er den Garten verließ, drehte er sich kein einziges Mal mehr um.

Dean zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.

Ein schwaches Lächeln lag auf seinen Lippen.

„Ich werde reich“, murmelte er.
 

Azur grinste.

„Das klingt wieder nach dir.“
 

Ein kurzer Moment.

Dann fügte Dean leise hinzu:

„Und ich hole sie da raus.“
 

Azur hob eine Augenbraue.

Dean sah geradeaus.

Seine Stimme war ruhig.

Fest.

„Dann wird sie meine Frau.“

Azur starrte ihn einen Moment an.

Dann begann er leise zu lachen.

Ein Lachen, das nicht ganz freundlich klang.

geschnitten mit einem Laserschwert

Das Labor war still. Nur das leise Knistern von Flammen und das Klirren von Glas durchbrachen die Dunkelheit.
 

J. Faar arbeitete allein. Wie immer. Er vertraute niemandem – nicht bei so etwas Wichtigem.
 

Vor ihm standen Reihen aus Fläschchen, Pulver und Flüssigkeiten, und in der Mitte ein großer Tisch voller halbfertiger Pillen. Er betrachtete sie einen Moment lang, dann schüttelte er langsam den Kopf.
 

„Nein… nein… so wird das nichts“, murmelte er leise.
 

„Wird nichts… wird nichts…“, krächzte der geisterhafte Papagei auf seiner Schulter.
 

J. Faar verzog das Gesicht. „Solange die Dokomi läuft, verkaufen wir mehr als je zuvor“, sagte er. „Also müssen wir auch mehr produzieren.“
 

Er griff nach einer der Pillen und drehte sie zwischen den Fingern. „Und uns gehen die Kleeblätter aus.“
 

„Gehen aus… gehen aus…“, wiederholte der Vogel.
 

J. Faar warf ihm einen genervten Blick zu. „Sag mir etwas, das ich nicht weiß.“
 

Der Papagei legte den Kopf schief. „Uns fehlen Kleeblätter… im Morgentau…“
 

J. Faar sah auf seine Uhr. Seine Augen verengten sich. „Nur noch wenige Stunden.“
 

Die Stadt schlief noch. Die Straßen waren leer, still, fast friedlich. Doch tief unter den Gebäuden bewegte sich etwas – ein geheimer Gang, eine verborgene Tür.
 

J. Faar öffnete sie und trat hinaus. Vor ihm lag eine versteckte Wiese: grün, lebendig, voller Kleeblätter.
 

Seine Augen glänzten. „Mein kleines Geheimnis…“, murmelte er zufrieden. Er breitete die Arme aus. „Selbst wenn das jemand findet…“ Er lachte leise. „…kann er nichts damit anfangen.“
 

„Nichts anfangen… nichts anfangen…“, krächzte der Papagei.
 

J. Faar bückte sich und pflückte ein Kleeblatt. Sofort wurde es schwarz und zerfiel zu Staub. Er ließ es fallen.
 

„Kaputt“, sagte er ruhig.
 

„Kaputt… kaputt…“, wiederholte der Vogel.
 

Der Papagei sah ihn an. „Und wie pflückst du sie… wenn sie kaputt gehen?“
 

J. Faar lächelte langsam – ein gefährliches Lächeln. „Ganz einfach.“
 

Er hob seinen Stab. Mit einer fließenden Bewegung verwandelte er sich in ein Schwert aus Licht – heller als die Sonne, scharf wie ein Gedanke.
 

„Man verstärkt das Licht“, erklärte J. Faar leise, „kombiniert es mit der Klinge… und schneidet.“
 

Er machte einen einzigen Schwung. Das Licht schnitt durch die Luft – und durch die Wiese. Ein weiter Kreis aus Kleeblättern wurde sauber abgetrennt. Keines verwelkte, keines zerfiel. Perfekt.
 

„Perfekt… perfekt…“, flatterte der Papagei aufgeregt.
 

J. Faar streckte die Hand aus. Mit einer kleinen Bewegung sammelten sich die Kleeblätter von selbst, schwebten in die Luft und verschwanden in einem kleinen Beutel. Er schloss ihn zufrieden.
 

Sein Blick wurde dunkel. „Und wenn die Hochzeit beginnt…“
 

Er drehte sich langsam um. Das Lichtschwert verglühte wieder zu einem Stab.
 

„…dann wird jeder von ihnen kosten.“
 

Ein leises Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Und danach…“
 

Seine Stimme wurde leiser. Gefährlicher.
 

„…gehören sie mir.“
 

„Gehören dir! Gehören dir! Wir werden König der Stadt!“, kreischte der Papagei begeistert.
 

J. Faar lachte – leise und kalt.
 

Zurück im Labor begann er sofort zu arbeiten. Die neuen Kleeblätter glühten schwach im Morgentau. Er zermahlte sie, mischte sie und verband sie mit den alten Rezepten.
 

Doch diesmal war es anders.
 

Die Farben waren heller, tiefer, lebendiger.
 

Die neuen Pillen schimmerten in allen Farben – Rot, Blau, Gold. Und auf jeder einzelnen: ein perfektes vierblättriges Kleeblatt.
 

J. Faar hielt eine der fertigen Pillen hoch. Sie leuchtete im Licht.
 

Sein Lächeln wurde breiter.
 

„Jetzt…“, murmelte er, „beginnt das echte Spiel.“

Kometenschauer

Das Dach bot genug Abstand, um alles zu sehen – aber nicht gesehen zu werden.
 

Dean saß nah an der Kante, ein Bein angewinkelt, den Blick fest auf das Anwesen gerichtet. Von hier oben wirkte die Anlage fast ruhig, als hätte jemand das Chaos darunter gezähmt und in saubere Linien gezwungen.
 

Als die ersten Lichtkörper in den Himmel stiegen, reagierte er kaum.
 

Erst als sie aufbrachen und sich über ihm verteilten, hob er leicht den Kopf.
 

Der Kometenschauer setzte ein.

Das Ritual war vollzogen.
 

Goldene Spuren zogen sich durch die Dunkelheit, brachen auseinander und regneten in feinen Funken herab. Für einen Moment lag ein flimmernder Schleier über der ganzen Stadt, als würde der Himmel selbst etwas verschwenden, das zu wertvoll war, um es festzuhalten.
 

Dean sah es sich an, ohne wirklich daran teilzunehmen.
 

Schön war es trotzdem.
 

„Schon ironisch“, murmelte Azur neben ihm. „Die feiern da unten, während jemand verkauft wird.“
 

Dean antwortete nicht.
 

Sein Blick hatte sich längst wieder gesenkt.
 

Er fand sie sofort.
 

Jaz stand zwischen all dem Licht, genau dort, wo man sie haben wollte. Sichtbar genug, um betrachtet zu werden, still genug, um nicht zu stören. Aus der Entfernung war sie nur eine Silhouette – aber es reichte.
 

Sie bewegte sich kaum.
 

Dean spürte, wie sich sein Kiefer leicht anspannte.
 

Er ließ den Blick weiterwandern, zwang sich dazu, nicht an ihr hängen zu bleiben.
 

Wenn er etwas daraus machen wollte, musste er mehr sehen als nur sie.
 

Er brauchte das Ganze.
 

Er brauchte—
 

Sein Blick blieb stehen.
 

J. Faar.
 

Nicht im Mittelpunkt.

Nicht abgeschirmt.

Einfach da.
 

Und trotzdem war sofort klar, dass sich hier nichts bewegte, ohne dass er es wusste.
 

Dean beobachtete ihn länger, als ihm lieb war.
 

Die Art, wie er stand.

Wie er den Hof überblickte.

Wie sein Blick nicht suchte, sondern prüfte.
 

Ein leises, unangenehmes Gefühl breitete sich in Deans Magen aus.
 

„Der ist das Problem“, sagte er leise.
 

Azur folgte seinem Blick und verzog den Mund.
 

Dean schnaubte kaum hörbar.
 

Ein weiterer Schwall aus Licht zog über den Himmel, zerbrach in tausend glühende Punkte und legte sich wie ein flüchtiger Blütenregen über die Szene.
 

Für einen Moment war alles sichtbar.
 

Wege.

Schatten.

Positionen.
 

Dean nutzte genau diesen Moment.
 

Zum Verstehen.
 

Der Bau.
 

Der Gedanke kam ihm plötzlich – und blieb.
 

Das hier war kein Haus.

Kein Anwesen.

Kein Ort für Gäste.
 

Das hier war ein Bau.
 

Und J. Faar saß mittendrin.
 

Geschützt.

Verborgen hinter Strukturen, die nach außen offen wirkten und nach innen alles kontrollierten.
 

Dean lehnte sich leicht nach vorne, die Ellbogen auf den Knien.
 

Ein langsames, kaum merkliches Grinsen zog über sein Gesicht.
 

„Du hast diesen Blick“, stellte Azur fest. „Den mag ich nicht.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

In seinem Kopf begann sich etwas zu ordnen.
 

Nicht dieses kopflose Drauflosrennen, das ihn sonst weitergebracht hatte.
 

Sondern etwas Ruhigeres.
 

Etwas, das Zeit brauchte.
 

Ein Hase.
 

Der Gedanke fühlte sich zuerst lächerlich an.
 

Dann… passend.
 

Ein Hase überlebt nicht, indem er stärker ist.
 

Sondern indem er wartet.
 

Beobachtet.
 

Den richtigen Moment erkennt.
 

Und genau weiß, wo er hin muss.
 

Dean ließ den Blick noch einmal über das Gelände gleiten, diesmal bewusster. Eingänge, Übergänge, Stellen, an denen die Aufmerksamkeit nachließ, sobald etwas Helleres den Himmel erleuchtete.
 

Der Kometenschauer half ihm.
 

Jedes Aufleuchten nahm den Blick für einen Sekundenbruchteil vom Boden.
 

Genug Zeit.
 

Wenn man wusste, was man tat.
 

„Du willst da wieder rein“, sagte Azur, diesmal ohne Spott.
 

Dean nickte kaum sichtbar.
 

„Nicht jetzt“, murmelte er. „Aber bald.“
 

Azur verschränkte die Arme.
 

„In den Bau vom großen bösen Feind? Klingt nach einem richtig schlechten Plan.“
 

Dean lehnte sich zurück, den Blick kurz in den Himmel gerichtet, wo die letzten goldenen Spuren langsam verblassten.
 

Dann sah er wieder nach unten.
 

Seine Stimme war ruhig.
 

Klar.
 

„Nur, wenn man keinen hat.“

Blütenmeer

Dean überlegte nicht lange. Pläne waren nie seine Stärke gewesen. Also nahm er den ersten, der ihm einfiel.
 

„Ich gebe mich einfach als Drogenbaron aus einem anderen Land aus“, sagte er, während er sich im Spiegel betrachtete. „Heirate sie, bilde eine Allianz… ja.“
 

Er nickte sich selbst zu. „Klingt doch gut.“
 

Azur verschränkte die Arme. „Das ist eine furchtbare Idee.“
 

Dean zog sich eine aufwendige Jacke über. „Wenn du nicht helfen willst, sei ruhig.“
 

Azur schnaubte. „Ich helfe dir. Ich lache nur gleichzeitig.“
 

Dean ignorierte ihn und richtete seinen Turban. „Wir brauchen einen großen Auftritt.“
 

Er betrachtete sich noch einmal. „Die Dokomi läuft schon. Bevor sie zu Ende ist, muss ich auftauchen.“
 

Azur grinste schief. „Natürlich.“
 

Dean lächelte schwach. „Am besten noch vor dem Blütenschauer.“
 

Im Todesstern herrschte Bewegung. Alles wurde vorbereitet. Diener eilten durch die Gänge, Stoffe wurden aufgehängt, Lichter entzündet, Wege freigeräumt. Es musste perfekt sein.
 

Herr Gharaba wirkte nervös. Zu nervös. „Es darf diesmal nicht schiefgehen“, murmelte er immer wieder.
 

J. Faar hingegen war ruhig. Zufrieden. Die neuen Pillen lagen bereit – bunt, glänzend, perfekt. Er betrachtete sie mit einem schmalen Lächeln.
 

„Heute“, murmelte er, „wird alles richtig.“
 

Im Inneren des Anwesens stand Jaz ihrem Vater gegenüber. „Ich werde ihn nicht heiraten“, sagte sie fest.
 

Herr Gharaba wich ihrem Blick aus. „Du musst.“
 

„Er ist alt“, fuhr sie fort. „Und… nicht einmal richtig menschlich.“ Ihre Stimme zitterte vor Wut. „Das ist abartig.“
 

J. Faar trat näher. Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.
 

„Es ist eine Verbindung von Wert“, sagte er. „Nicht von Gefühlen.“
 

Jaz sah ihn an. „Für euch vielleicht.“
 

J. Faar lächelte leicht. „Du wirst dich daran gewöhnen.“
 

Was er nicht sagte: Dass sie keine Wahl hatte.
 

Plötzlich stürmte ein Man in Black herein. „Boss!“
 

Er blieb stehen, außer Atem. „Draußen ist jemand… er will mit Ihnen sprechen.“
 

Herr Gharaba runzelte die Stirn. „Jetzt?“
 

Der Mann zögerte. „Er sagt… er ist ein Kandidat.“
 

Stille.
 

Dann hob J. Faar leicht den Kopf. Ein neuer Spieler. Interessant.
 

Herr Gharaba winkte. „Schick ihn rein.“
 

Die Türen öffneten sich. Und Dean trat ein.
 

Aufrecht. Selbstbewusst. Zu selbstbewusst.
 

Seine Kleidung war übertrieben elegant, fast schon auffällig. Ein Fremder – und genau das wollte er sein.
 

Azur schwebte neben ihm, unsichtbar, grinsend. „Nicht stolpern“, flüsterte er.
 

Dean ging weiter, sein Blick ruhig, sein Schritt fest. Er blieb stehen, verbeugte sich leicht.
 

„Mein Name ist… Herr Baba.“
 

Ein kurzer Moment. Dann richtete er sich wieder auf.
 

„Ich bin hier, um mein Geschäft zu erweitern.“
 

Sein Blick glitt durch den Raum – kurz zu Jaz, dann zurück.
 

„Und ich hörte… Sie suchen nach neuen Verbindungen.“
 

Azur klatschte lautlos. „Sehr gut.“
 

Dean sprach weiter, seine Stimme ruhig. „Ich biete… Möglichkeiten.“
 

J. Faar beobachtete ihn still. Seine Augen prüften jede Bewegung.
 

Dean spürte es.
 

Azur beugte sich zu ihm. „Bleib ruhig.“
 

Herr Gharaba lächelte unsicher. „Ein neuer Kandidat…“
 

Dean nickte leicht. „Ein sehr ernsthafter.“
 

Azur grinste. „Jetzt wird’s interessant.“
 

Dean trat einen Schritt näher. Sein Blick war fest.
 

„Ich denke, wir könnten… voneinander profitieren.“
 

Ein kurzer Moment der Stille. Die Luft war gespannt.
 

Jaz sah ihn an – länger diesmal, als würde sie versuchen, durch ihn hindurchzusehen.
 

Azur flüsterte: „Sie weiß, dass du lügst.“
 

Dean lächelte ganz leicht.
 

„Also…“, sagte er ruhig, „sollen wir über Geschäfte sprechen?“

Am zweiten Stern rechts

Der Raum war kleiner als erwartet.
 

Abgeschirmt vom Rest des Anwesens, gedämpftes Licht, schwere Vorhänge, die jedes Geräusch schluckten. Hier wurde nicht gefeiert. Hier wurde entschieden.
 

Dean trat ein, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
 

Herr Gharaba folgte ihm, langsamer, prüfender. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem leisen, endgültigen Geräusch.
 

Für einen Moment sagte keiner etwas.
 

Dann deutete Gharaba auf einen Platz. „Setzen Sie sich.“
 

Dean tat es.
 

Nicht zu schnell, nicht zu zögerlich. Genau dazwischen.
 

Azur schwebte neben ihm, unsichtbar wie immer, aber ungewohnt still.
 

Gharaba ließ sich ihm gegenüber nieder, die Hände gefaltet, der Blick fest auf Dean gerichtet.
 

„Sie tauchen unangekündigt auf“, begann er ruhig, „nennen sich einen Geschäftsmann… und erwarten, ernst genommen zu werden.“
 

Dean lächelte leicht. „Ich erwarte gar nichts. Ich biete an.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Gharaba musterte ihn.
 

„Dann bieten Sie mir Antworten“, sagte er schließlich. „Woher kommen Sie?“
 

Stille.
 

Nur ein Atemzug.
 

Dean spürte, wie sich alles in ihm kurz zusammenzog.
 

Dann beugte sich Azur leicht zu ihm, ein kaum hörbares Flüstern an seinem Ohr:
 

„Am zweiten Stern rechts… wo bunte Schleifen im Wind wehen.“
 

Dean blinzelte nicht einmal.
 

„Aus Mithra-Val“, sagte er ruhig. „Eine Stadt, aufgebaut auf drei Sternringen.“
 

Gharabas Blick veränderte sich minimal.
 

Interesse.
 

Oder Zweifel.
 

Dean lehnte sich ein Stück zurück.
 

„Meine Geschäfte liegen am zweiten Stern rechts“, fuhr er fort. „Dort, wo die Handelswege zusammenlaufen. Man erkennt den Bezirk schon von Weitem… an den bunten Schleifen, die im Wind hängen.“
 

Ein kurzes Zucken in Azurs Mundwinkel. Zufriedenheit.
 

Gharaba schwieg einen Moment länger.
 

„Ich habe von dieser Stadt gehört“, sagte er langsam. „Aber nicht von Ihnen.“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Dann hören Sie jetzt von mir.“
 

Gharabas Blick wurde schärfer. „Und was genau handeln Sie?“
 

„Mit vielem, in erster Linie mit Möglichkeiten“, antwortete Dean ohne zu zögern.
 

Ein leises Schnauben. „Das haben Sie schon draußen gesagt.“
 

Dean neigte leicht den Kopf. „Dann wissen Sie, dass ich konsistent bin.“
 

Ein Hauch von Spannung lag in der Luft.
 

Gharaba musterte ihn erneut, länger diesmal.
 

„Sie wirken jung“, sagte er schließlich. „Für jemanden, der hier Ansprüche stellt.“
 

Azur grinste. „Jetzt kommt’s.“
 

Dean hielt den Blick stand.
 

„Ich wirke vieles“, sagte er ruhig. „Aber ich bin nicht hier, um zu wirken.“
 

Ein kurzer Moment der Stille.
 

Dann fügte er hinzu, fast beiläufig:
 

„Ich bin hier, weil ich wachsen will.“
 

Gharaba lehnte sich zurück.
 

„Und deshalb interessieren Sie sich für meine… Familie?“
 

Jetzt lag es offen auf dem Tisch.
 

Dean ließ sich Zeit mit der Antwort.
 

Gerade genug, um es nicht wie ein Reflex wirken zu lassen.
 

„Unter anderem“, sagte er schließlich.
 

Sein Blick blieb ruhig.
 

„Ich habe gehört, dass eine Verbindung ansteht.“
 

Gharabas Augen verengten sich leicht.
 

Dean beugte sich minimal nach vorne.
 

„Ich halte mich für einen besseren Kandidaten.“
 

Stille.
 

Dichter diesmal.
 

Azur hielt sogar den Atem an – zumindest sah es so aus.
 

Gharaba musterte ihn lange.
 

Zu lange, um es noch beiläufig zu nennen.
 

„Sie wissen, was Sie da sagen?“
 

Dean nickte.
 

„Ja.“
 

Gharaba atmete langsam aus, als würde er etwas abwägen, das größer war als dieses Gespräch.
 

„Viele Männer wären vorsichtiger“, sagte er.
 

Dean lächelte schwach. „Viele Männer wären nicht ich.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann – unerwartet – ein leises, kehliges Lachen von Gharaba.
 

Nicht laut.
 

Aber echt.
 

„Sie haben Mut“, sagte er.
 

Azur flüsterte: „Oder keine Ahnung.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

Gharaba richtete sich wieder auf, die Entscheidung bereits gefallen.
 

„Mut allein reicht nicht“, sagte er ruhig. „Aber er ist ein Anfang.“
 

Er stand auf.
 

Dean blieb sitzen, beobachtete jede Bewegung.
 

„Wenn Sie wirklich ein Kandidat sein wollen“, fuhr Gharaba fort, „dann werden Sie sich beweisen müssen.“
 

Dean hob leicht eine Augenbraue. „Wie?“
 

Gharaba sah ihn direkt an.
 

„Mit Prüfungen.“
 

Das Wort blieb hängen.
 

„Bestehen Sie diese“, sagte er weiter, „und ich werde Sie in Betracht ziehen.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann, fast nebensächlich:
 

„Scheitern Sie… und Sie verschwinden.“
 

Keine Drohung.
 

Nur eine Tatsache.
 

Dean stand langsam auf.
 

Sein Blick ruhig, als hätte er genau das erwartet.
 

„Das klingt fair.“
 

Azur lachte leise. „Natürlich tut es das.“
 

Gharaba musterte ihn ein letztes Mal.
 

„Dann beginnen wir bald.“
 

Dean nickte leicht.
 

„Ich freue mich darauf.“

Akte X behauptet, Küken existieren noch

Dean bekam ein eigenes Zimmer.
 

Groß.
 

Zu groß.
 

Weiche Teppiche, schwere Vorhänge, ein Bett, in dem man versinken konnte.
 

Azur drehte sich begeistert im Raum.
 

„Das ist ein Upgrade“, sagte er lachend. „Ein riesiges Upgrade.“
 

Dean ließ sich aufs Bett fallen.
 

„Stimmt.“
 

Azur legte sich neben ihn.
 

„Jetzt fehlt nur noch eins.“
 

Dean grinste schwach.
 

„Glück.“
 

Beide sagten es gleichzeitig.
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann setzte Dean sich wieder auf.
 

„Wir sind hier im Zentrum“, murmelte er. „Wenn wir Glück finden… dann hier.“
 

Azur grinste.
 

„Schatzsuche?“
 

Dean stand auf und ging zur Tür.
 

Öffnete sie einen Spalt.
 

Niemand.
 

„Schatzsuche.“
 

Sie bewegten sich durch die Gänge.
 

Leise.
 

Schnell.
 

Dean duckte sich in Schatten, wich den Men in Black aus, verschwand in Nischen, nutzte jede Ablenkung.
 

Azur hatte sichtlich Spaß.
 

„Du wirst besser“, flüsterte er.
 

Dean sagte nichts.
 

Er konzentrierte sich.
 

Ein Gang.
 

Noch einer.
 

Dann—
 

Licht.
 

Seltsam.
 

Grünlich.
 

Und vertraut.
 

Dean blieb stehen.
 

Sein Blick fiel in den Raum.
 

Und er grinste.
 

„Oh…“
 

Azur tauchte neben ihm auf.
 

„Oh, das ist schön.“
 

Sie waren in J. Faars Labor.
 

„Das ist das Paradies“, flüsterte Azur wie ein Kind im Süßigkeitenladen.
 

Dean trat ein.
 

Langsam.
 

Vorsichtig.
 

Dann… nicht mehr.
 

Er griff zu.
 

Pillen.
 

Grüne.
 

Rote.
 

Blaue.
 

Gelbe.
 

Er steckte alles ein, was er finden konnte.
 

„Logo stimmt“, murmelte er. „Muss gut sein.“
 

Azur lachte leise.
 

„Du bist unglaublich.“
 

Plötzlich—
 

Stimmen.
 

Dean erstarrte.
 

„Versteck dich“, zischte Azur.
 

Dean verschwand hinter einem Tisch.
 

Die Tür öffnete sich.
 

J. Faar.
 

Und Herr Gharaba.
 

Dean hielt den Atem an.
 

„Eine Prüfung“, sagte J. Faar langsam.
 

Seine Stimme war ruhig.
 

Gefährlich.
 

„Ich hätte da eine Idee.“
 

Gharaba sah ihn an.
 

„Welche?“
 

J. Faar lächelte leicht.
 

„Informationen beschaffen.“
 

Er ging durch den Raum.
 

Sein Blick glitt über die Pillen.
 

„Jemand, der keine Informationen beschaffen kann… ist nutzlos.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann leiser:
 

„Und jemand, der alles glaubt… ebenso.“
 

Gharaba nickte langsam.
 

„Klingt sinnvoll.“
 

J. Faar drehte sich leicht.
 

„Er wird scheitern.“
 

Ein Hauch von Zufriedenheit in seiner Stimme.
 

„Ich habe bereits einen Favoriten.“
 

Der Name fiel leise.
 

„Katopres Waldemar Zo’chryr.“
 

Dean spannte sich an.
 

J. Faar fuhr fort:
 

„Mit ihm… habe ich bereits gesprochen.“
 

Ein kurzer Blick.
 

Kalt.
 

Berechnend.
 

„Der Junge wird nichts finden.“
 

Er lachte leise.
 

Die Tür schloss sich wieder.
 

Stille.
 

Dean atmete langsam aus.
 

Azur grinste.
 

„Hast du das gehört?“
 

Dean nickte.
 

„Informationen beschaffen.“
 

Azur verschränkte die Arme.
 

„Wichtige Informationen.“
 

Dann sah er ihn an.
 

„Das schaffst du nicht.“
 

Dean grinste plötzlich.
 

Schief.
 

„Doch.“
 

Azur hob eine Augenbraue.
 

„Wie denn?“
 

Dean dachte kurz nach.
 

Dann sagte er ruhig:
 

„Die besten Informationen… sind die, die es noch nicht gibt.“
 

Azur blinzelte.
 

„Was?“
 

Dean grinste breiter.
 

„Wir erfinden einfach eine.“
 

Azur sah ihn an.
 

„Das ist dumm.“
 

„Das ist genial.“
 

Dean überlegte kurz.
 

Dann:
 

„Küken.“
 

Azur starrte ihn an.
 

„Was?“
 

„Küken existieren noch.“
 

Stille.
 

Azur blinzelte.
 

„Noch?“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Keine Ahnung, was das ist. Aber es klingt wichtig.“
 

Azur schüttelte langsam den Kopf.
 

„Du bist verrückt.“
 

Dean grinste.
 

„Es ist perfekt.“
 

Er griff in seine Tasche.
 

Zog eine Pille heraus.
 

Schluckte sie.
 

„Je weniger man erklärt… desto größer wird die Geschichte.“
 

Azur lächelte langsam.
 

„Oh… jetzt wird’s interessant.“
 

Der Markt war voll.
 

Dean bewegte sich durch die Menge.
 

Redete.
 

Flüsterte.
 

„Hast du gehört?“
 

„Die Küken… sie existieren noch.“
 

Am Anfang:
 

Verwirrung.
 

Dann:
 

Neugier.
 

Dann:
 

Gerüchte.
 

„Ich hab davon gehört…“
 

„In alten Geschichten…“
 

„Das stand doch irgendwo…“
 

Das Gerücht wuchs.
 

Schnell.
 

Zu schnell.
 

Azur beobachtete es fasziniert.
 

„Das funktioniert wirklich.“
 

Dean grinste.
 

„Natürlich.“
 

Am Abend stand Dean wieder vor Gharaba.
 

„Nun?“, fragte dieser.
 

Dean trat einen Schritt vor.
 

Selbstbewusst.
 

„Ich habe etwas gefunden.“
 

J. Faar verschränkte die Arme.
 

Dean sprach ruhig:
 

„Küken existieren noch.“
 

Stille.
 

Dann—
 

Ein leises, kaltes Lachen von J. Faar.
 

„Geschwätz.“
 

Er winkte ab.
 

„Das sind Geschichten von Süchtigen.“
 

Er wollte sich schon abwenden.
 

„Niemand glaubt so etwas.“
 

„Nicht so schnell.“
 

Die Stimme kam von der Seite.
 

Alle drehten sich um.
 

Jaz.
 

Sie trat näher.
 

Ihr Blick ruhig.
 

Aber wach.
 

„Ich habe davon gehört“, sagte sie.
 

J. Faar verengte die Augen.
 

„Unsinn.“
 

Jaz schüttelte leicht den Kopf.
 

„In alten Büchern.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Akte X.“
 

Stille.
 

Selbst Gharaba sah jetzt aufmerksam aus.
 

Jaz fuhr fort:
 

„Dinge, die so weit weg sind… dass sie wie Märchen klingen.“
 

Ihr Blick glitt zu Dean.
 

„Aber wenn plötzlich alle darüber sprechen…“
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann:
 

„…dann steckt vielleicht mehr dahinter.“
 

Dean sagte nichts.
 

Aber ein leichtes Lächeln zog über sein Gesicht.
 

Azur grinste breit.
 

„Du bist wirklich gefährlich.“

Schwerelos

J. Faar war nicht laut geworden.
 

Aber genau das machte es schlimmer.
 

Seine Ruhe hatte Risse bekommen – feine, kaum sichtbare. Doch dahinter lag etwas Ungeduldiges.
 

Etwas Scharfes.
 

„Küken“, wiederholte er langsam, als würde er das Wort auseinandernehmen. „Ein interessantes Märchen.“
 

Dean stand ihm gegenüber.
 

Ruhig.
 

Fast gelassen.
 

„Kein Märchen“, sagte er.
 

J. Faar sah ihn direkt an.
 

„Dann bringen Sie mir eines.“
 

Ein kurzer Moment Stille.
 

„Wenn sie existieren“, fuhr er fort, „sollten Sie in der Lage sein, ein Exemplar zu beschaffen.“
 

Azur grinste unsichtbar neben Dean.
 

„Exemplar. Du bist jetzt offiziell Jäger.“
 

Dean zuckte innerlich nicht einmal.
 

„Natürlich“, sagte er ruhig.
 

J. Faars Blick blieb auf ihm haften.
 

Zu lange.
 

„Ich bin gespannt“, murmelte er.
 

Aber in seiner Stimme lag etwas anderes.
 

Er erwartete ein Scheitern.
 

Dean ging zügig durch die Gassen.
 

Sein Blick nach vorne gerichtet.
 

Er wusste genau, wohin er musste.
 

„Ich brauche nur eine Person“, murmelte er.
 

Azur verschränkte die Arme.
 

„Und die dumm genug ist, mitzumachen.“
 

Dean grinste leicht.
 

„Ich kenne da jemanden.“
 

Sein Bruder Bono sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
 

„Ich soll was sein?“
 

„Ein Küken.“
 

Stille.
 

Dann ein breites Grinsen.
 

„Klingt gut.“
 

Azur brach in schallendes, lautloses Gelächter aus.
 

„Das ging zu schnell.“
 

Dean nickte zufrieden.
 

„Siehst du.“
 

Bono verschränkte die Arme.
 

„Was muss ich machen?“
 

„Verwirrt wirken“, sagte Dean. „Ein bisschen… weggetreten. Als würdest du an etwas glauben, das sonst keiner versteht.“
 

Bono überlegte kurz.
 

Dann nickte er.
 

„Krieg ich hin.“
 

Dean griff nach einem alten Bettlaken, warf es ihm über die Schultern und zog es grob zurecht, bis es wie eine Art Mantel wirkte.
 

Dann nahm er etwas Dreck vom Boden und schmierte ihn Bono ins Gesicht.
 

„Hey—“
 

„Vertrau mir.“
 

Azur grinste.
 

„Das sieht aus wie ein religiöser Unfall.“
 

Dean trat einen Schritt zurück.
 

Musterte sein Werk.
 

„Perfekt.“
 

Bono breitete die Arme aus.
 

„Ich fühl mich jetzt schon wichtig.“
 

Zurück im Anwesen war die Stimmung spürbar angespannter.
 

Als Dean eintrat – diesmal nicht allein – richteten sich sofort mehrere Blicke auf ihn.
 

Und dann auf Bono.
 

Der Anblick reichte.
 

Herr Gharaba runzelte die Stirn.
 

J. Faar hingegen bewegte sich keinen Millimeter.
 

Aber seine Aufmerksamkeit war vollständig da.
 

„Sie waren erfolgreich“, sagte er langsam.
 

Dean nickte leicht.
 

„Ich bringe Ihnen… ein Küken.“
 

Azur flüsterte:
 

„Bitte sag das nie wieder so.“
 

Bono trat einen Schritt nach vorne.
 

Sein Blick wirkte leer.
 

Oder zumindest… gut genug gespielt.
 

„Wir… sind Küken“, murmelte er.
 

Die Worte hingen seltsam in der Luft.
 

„Was genau bedeutet das?“, fragte Gharaba.
 

Bono lächelte leicht.
 

Fast entrückt.
 

„Wir fliegen…“, sagte er leise. „Wir schweben schwerelos durch die Welt…“
 

Ein kurzer Atemzug.
 

„Wir sind frei.“
 

J. Faars Blick verengte sich.
 

„Frei wovon?“
 

Bono sah ihn an.
 

Direkt.
 

Und doch irgendwie nicht.
 

„Von den Blüten.“
 

Stille.
 

Gharaba runzelte die Stirn.
 

„Den Blüten?“
 

Dean trat leicht nach vorne, als würde er übersetzen.
 

„Er meint Geld“, sagte er ruhig. „Besitz. Abhängigkeit.“
 

Bono nickte langsam, als hätte er das Wort gerade erst verstanden.
 

„Der Frühlingsduft hält uns nicht auf…“, murmelte er. „Er lockt nur die anderen.“
 

Azur flüsterte:
 

„Okay, das war gut.“
 

Ein Moment verging.
 

Dann noch einer.
 

J. Faar betrachtete Bono, als würde er ihn Schicht für Schicht auseinandernehmen.
 

„Eine Sekte also“, sagte er schließlich.
 

Dean zuckte kaum merklich mit den Schultern.
 

„Wenn Sie es so nennen wollen.“
 

J. Faars Blick wurde schärfer.
 

„Menschen, die ohne Geld leben wollen…“
 

Ein Hauch von Unverständnis lag in seiner Stimme.
 

„Und dennoch funktionieren.“
 

Das passte nicht in sein Weltbild.
 

Und genau deshalb blieb er stehen.
 

Dachte nach.
 

Gefährlich lange.
 

Gharaba sah zwischen ihnen hin und her.
 

„Und das ist verbreitet?“
 

Dean antwortete ruhig.
 

„Es wächst.“
 

Azur grinste.
 

„Wie ein Gerücht.“
 

J. Faar drehte sich leicht ab, ging ein paar Schritte, als würde er den Gedanken prüfen.
 

„Wenn das wahr ist…“, murmelte er, „dann ist es ein Problem.“
 

Er blieb stehen.
 

„Ein System, das sich dem Wert entzieht… ist instabil.“
 

Dann, leiser:
 

„Und muss beendet werden.“
 

Bono schwieg.
 

Diesmal wirklich.
 

Gharaba atmete langsam aus, als würde er zu einem Entschluss kommen.
 

„Gut“, sagte er schließlich.
 

Sein Blick ging zu Dean.
 

„Das reicht.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Diese Prüfung ist bestanden.“
 

Azur grinste breit.
 

„Natürlich ist sie das.“
 

Dean sagte nichts.
 

Aber ein kaum sichtbares Lächeln lag auf seinen Lippen.
 

Gharaba richtete sich auf.
 

Seine Stimme war ruhig.
 

Endgültig.
 

„Eine letzte Prüfung bleibt.“

In der Kartenlandschaft

Dean ließ sich aufs Bett fallen.

Ein breites Grinsen im Gesicht.

„Ich hab’s geschafft.“
 

Azur schwebte neben ihm.

„Fast“, sagte er trocken. „Eine Prüfung noch.“
 

Dean drehte den Kopf.

„Und dann gehört uns alles.“
 

Azur grinste.

„Das Glück. Der Bau. Die Prinzessin.“
 

Dean lachte leise.
 

Ein leises Klopfen.

Dean setzte sich sofort auf.
 

„Wer ist das?“, flüsterte Dean.

Er öffnete die Tür.
 

Jaz schlüpfte schnell hinein, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

„Niemand darf mich sehen“, und sah sich kurz im Raum um.

Dann blieb ihr Blick an Dean hängen.

„Du bist also der Kandidat.“
 

Dean grinste leicht.

„Kommt drauf an, wer fragt.“
 

Jaz trat näher.

Langsam.

Ihr Blick wurde schärfer.

„Meinen Vater kannst du vielleicht täuschen“, sagte sie ruhig. „Mich nicht.“
 

Dean hob leicht eine Augenbraue.
 

Sie griff nach seinem Kragen.

Strich kurz darüber.

Fast beiläufig.

„Ich hab dich sofort erkannt“, murmelte sie. „Du bist der Junge vom Markt.“
 

Azur grinste breit.

Dean blieb ruhig.

„Und jetzt?“
 

Jaz ließ ihn los.

„Jetzt machen wir einen Deal.“

Ein kurzer Moment.

„Du bestehst die letzte Prüfung“, sagte sie. „Und ich verrate dich nicht.“
 

Dean verschränkte die Arme leicht.

„Und was bekommst du?“
 

Jaz sah ihn direkt an.

„Du verschwindest.“

Stille.

„Ohne Drama. Ohne Hochzeit.“
 

Dean blinzelte.

„Das war’s?“
 

„Das war’s.“
 

Dann grinste Dean schief.

„Klingt einfach.“
 

Azur lachte leise.

„Zu einfach.“
 

Dean zuckte mit den Schultern.

„Ich bin dabei.“
 

Jaz musterte ihn kurz.
 

Als würde sie prüfen, ob er es ernst meint.

Dann nickte sie.

„Gut.“

Sie trat einen Schritt zurück.

„Die letzte Prüfung“, sagte Jaz, „du musst eine neue Pille herstellen.“
 

Dean nickte langsam.

„Kein Problem.“
 

Azur lachte leise.

„Doch. Riesiges Problem.“
 

Jaz sah Dean an.

„Morgen. Ich helfe dir.“
 

Dean grinste.

„Ein Date also?“
 

Jaz verdrehte die Augen.

„Eine Prüfung.“

Sie drehte sich um.

„Mach dich nicht lächerlich.“
 

Und verschwand.
 

Am nächsten Tag.

Die Sonne war noch tief.

Jaz wartete bereits.

„Komm“, sagte sie knapp.
 

Dean folgte ihr.

„Wohin gehen wir?“
 

„Zutaten besorgen.“
 

Dean grinste.

„Ich zeig dir was.“
 

Sie verließen die Stadt.

Weiter hinaus.

Bis die Häuser verschwanden.

Und das Grün begann.

Ein Feld.

Voller Klee.
 

Jaz blieb stehen.

„Was ist das?“
 

Dean sah sie überrascht an.

„Du kennst das nicht?“
 

Sie schüttelte den Kopf.
 

„Das ist… nichts Besonderes.“

Dean hockte sich hin, pflückte ein Blatt.

„Für euch vielleicht.“

Er hielt es hoch.

„Das hier ist das Zeug, das sich die Leute leisten können, die keinen Zugang zu eurem Zeug haben.“
 

Jaz runzelte die Stirn.

„Das ist minderwertig.“
 

Dean grinste.

„Vielleicht.“

Er drehte das Blatt zwischen den Fingern.

„Aber es funktioniert.“
 

Jaz trat näher.

„Wie genau?“
 

Dean sah sie an.

Ein schiefes Grinsen.

„Es macht dich… ziemlich gut drauf.“
 

Sie hob eine Augenbraue.

„Und?“
 

Dean beugte sich leicht näher.

„Und es macht dich… sagen wir mal… etwas empfänglicher.“
 

Jaz verschränkte die Arme.

„Empfänglicher?“
 

Dean zuckte mit den Schultern.

„Locker. Offener.“

Dann grinste er breiter.

„Und ja… ein bisschen scharf.“
 

Stille.

Jaz sah ihn an.

Lange.

Dann verdrehte sie die Augen.

„Das glaub ich dir nicht.“
 

Dean lachte leise.

„Probier’s doch.“

Er drückte ihr ein Blatt in die Hand.
 

Der Wind ging leicht durch das Feld.

Überall Klee.

Einfach.

Gewöhnlich.

Und trotzdem…

lag etwas darin.
 

Dean sah sie an.

„Das ist echtes Zeug“, sagte er ruhig. „Nur nicht so geschniegelt wie eures.“
 

Jaz betrachtete das Blatt.

Zum ersten Mal…

wirklich interessiert.

Im Magnetfeld wächst Glück

Jaz drehte das Kleeblatt zwischen den Fingern.
 

„Und das soll reichen?“
 

Dean zuckte mit den Schultern. „Kommt drauf an, was du draus machst.“
 

Der Wind strich durch das Feld, ließ die Halme in Wellen kippen. Alles wirkte ruhig. Zu ruhig.
 

Jaz sah sich um. „Das ist einfach nur… Gras.“
 

Dean grinste leicht. „Das denken die meisten.“
 

Er kniete sich wieder hin, strich mit der Hand durch die Pflanzen, als würde er etwas suchen, das sich nicht sofort zeigte.
 

„Du brauchst die richtigen“, murmelte er.
 

„Die richtigen?“
 

Dean nickte. „Nicht jedes bringt was.“
 

Azur schwebte über ihnen, sah zu, wie Dean konzentrierter wurde. „Jetzt tut er so, als hätte er Ahnung.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

Seine Finger hielten plötzlich inne.
 

„Da.“
 

Er zog ein Blatt heraus. Es sah kaum anders aus – und doch hielt er es vorsichtiger.
 

Jaz trat näher.
 

„Was ist daran anders?“
 

Dean richtete sich leicht auf, betrachtete es gegen das Licht.
 

„Spürst du das nicht?“
 

Jaz nahm es ihm ab.
 

Zögernd.
 

Ein Moment verging.
 

Dann noch einer.
 

„…nein.“
 

Dean verzog den Mund. „Komisch.“
 

Azur grinste. „Vielleicht bildest du dir das einfach ein.“
 

Dean schüttelte den Kopf. „Nein. Da ist was.“
 

Er trat ein paar Schritte weiter ins Feld hinein, blieb wieder stehen, dann noch einmal.
 

Immer wieder.
 

Als würde er unsichtbaren Linien folgen.
 

Jaz beobachtete ihn.
 

„Was machst du da?“
 

Dean antwortete nicht sofort.
 

Er hob den Blick, sah sich um, als würde er etwas zusammensetzen.
 

Dann sagte er leise:
 

„Es ist nicht das Gras.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Es ist der Ort.“
 

Azur legte den Kopf schief. „Oh, jetzt wird’s esoterisch.“
 

Dean drehte sich langsam im Kreis.
 

„Hier… ist irgendwas.“
 

Er trat zurück.
 

Dann wieder vor.
 

Und genau dort blieb er stehen.
 

„Hier ist es am stärksten.“
 

Jaz runzelte die Stirn. „Was denn?“
 

Dean suchte nach Worten.
 

„Wie… ein Zug“, sagte er schließlich. „Als würde alles hier zusammenlaufen.“
 

Azur grinste. „Ein Magnetfeld?“
 

Dean sah ihn kurz an.
 

Dann nickte er langsam.
 

„Ja… so ähnlich“, sagte er "Magnetfeld..."
 

Jaz verschränkte die Arme. „Und das soll was bringen? Führst du eigentlich immer selbstgespräche?“
 

Dean grinste schief.
 

„Wenn ich recht habe… wächst das Zeug hier anders.“
 

Er ging wieder in die Hocke und begann gezielt genau an dieser Stelle zu pflücken.
 

Mehrere Blätter.
 

Schneller jetzt.
 

Sicherer.
 

Jaz beobachtete ihn, dann kniete sie sich ebenfalls hin und griff nach einem der Pflanzen.
 

„Und wenn du nicht recht hast?“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Dann rauchen wir halt Gras.“
 

Azur lachte. „Solider Plan.“
 

Jaz verdrehte die Augen, aber ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
 

Dann hielt sie plötzlich inne.
 

„Dean…“
 

Er sah auf.
 

„Was?“
 

Sie deutete auf den Boden.
 

Die Stelle, an der sie kniete, sah anders aus.
 

Die Halme waren dunkler.
 

Verdreht.
 

Einige wirkten fast… verbrannt.
 

Dean runzelte die Stirn und kam näher.
 

„Das war eben noch nicht so.“
 

Azur beugte sich runter. „Oh.“
 

Dean strich mit der Hand darüber.
 

Die Pflanzen fühlten sich trocken an.
 

Zu trocken.
 

Als wäre ihnen etwas entzogen worden.
 

Er sah auf die Blätter in seiner Hand.
 

Dann zurück zum Boden.
 

Ein Gedanke setzte sich fest.
 

„Wenn hier mehr drin ist…“, murmelte er, „dann muss es irgendwo herkommen.“
 

Jaz verstand schneller als ihm lieb war.
 

„Und das hier“, sagte sie leise, „ist das, was übrig bleibt.“
 

Der Wind strich wieder durch das Feld.
 

Aber an dieser Stelle bewegte sich kaum etwas.
 

Dean sah sich um.
 

„Glück“, murmelte er.
 

Azur sah ihn an. „Hm?“
 

„Das Zeug macht die Leute glücklich.“
 

Dann deutete er auf den Boden.
 

„Und das hier ist der Preis.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Jaz stand langsam auf.
 

Ihr Blick glitt über das Feld, jetzt wachsamer.
 

„Wenn du daraus eine Pille machst…“
 

Dean beendete den Satz nicht.
 

Musste er auch nicht.
 

Azur grinste schief. „Großes Glück, großer Schaden. Klassisches Geschäftsmodell.“
 

Dean atmete langsam aus.
 

Sein Blick blieb auf der Stelle.
 

Dann wanderte er zu Jaz.
 

„Reicht dir das?“, fragte er ruhig.
 

Jaz antwortete nicht sofort.
 

Sie sah auf das Blatt in ihrer Hand.
 

Dann wieder zu ihm.
 

„Für die Prüfung?“
 

Ein kurzer Moment.
 

Dann nickte sie.
 

„Ja.“
 

Ihre Stimme war leiser als vorher.
 

Nachdenklicher.
 

Dean steckte die Blätter ein.
 

Mehr als genug.
 

„Dann lass uns zurückgehen.“
 

Er drehte sich um.
 

Ohne noch einmal hinzusehen.
 

Jaz folgte ihm.
 

Aber ihr Blick wanderte noch einmal zurück.

Klee und Kerzenschein

Jaz konnte nicht schlafen.
 

Sie lag in ihrem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, und starrte an die Decke.
 

Immer wieder sah sie das Feld vor sich.
 

Das Grün.

Die Stelle, an der nichts mehr wuchs.

Die Blätter in ihrer Hand.
 

„Glück…“, murmelte sie leise.
 

Und der Preis.
 

Sie schloss die Augen.
 

Doch der Gedanke ließ sie nicht los.
 

Dean dagegen hatte das alles längst vergessen.
 

Er lag auf seinem Bett und grinste vor sich hin.
 

„Sie war beeindruckt“, murmelte er.
 

Azur verdrehte die Augen.
 

„War sie nicht.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

„Und sie roch gut.“
 

Azur seufzte.
 

„Du bist verloren.“
 

Dean grinste weiter.
 

Die ganze Nacht.
 

Am nächsten Morgen wurde er gerufen.
 

Der große Saal war vorbereitet.
 

Herr Gharaba stand bereits dort.
 

J. Faar daneben.
 

Still.
 

Beobachtend.
 

„Wir verkünden nun die letzte Prüfung“, sagte Gharaba ruhig.
 

Dean trat näher.
 

Sein Blick fest.
 

„Bestehen Sie sie…“, fuhr Gharaba fort, „dürfen Sie meine Tochter heiraten.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Scheitern Sie… verlassen Sie dieses Land.“
 

J. Faar lächelte leicht.
 

„Und Sie sind nicht der Einzige“, fügte er hinzu. „Wir wählen den Besten.“
 

Sein Blick lag auf Dean.
 

„Also machen Sie sich nicht zu viele Hoffnungen.“
 

Dean grinste.
 

„Und die Prüfung?“
 

J. Faar trat einen Schritt vor.
 

„Schaffen Sie etwas Neues.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Etwas, das es noch nie gab.“
 

Stille.
 

Dean lächelte.
 

„Nicht leichter als das.“
 

Azur flüsterte:
 

„Du hast keine Ahnung.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

„Morgen Abend präsentiert ihr eure Werke“, fuhr J. Faar fort. „Und natürlich… werden wir sie testen.“
 

Ein leises, kaltes Lachen.
 

Dean ging sofort los.
 

Direkt zu Jaz’ Zimmer.
 

Er klopfte.
 

Die Tür öffnete sich einen Spalt.
 

Jaz sah ihn überrascht an.
 

„Was machst du hier?“
 

Dean grinste.
 

„Du wolltest mir helfen.“
 

Er hielt den Klee hoch.
 

„Du. Ich. Das.“
 

Jaz sah sich sofort um.
 

„Nicht hier.“
 

Ihre Stimme war leise.
 

„Wenn uns jemand sieht—“
 

Dean beugte sich leicht vor.
 

„Dann komm zu mir.“
 

Ein schiefes Lächeln.
 

„Ich wohne im Area 51. Das Haus mit dem roten Dach.“
 

Er drehte sich um.
 

Ging einfach.
 

Azur schnaubte.
 

„Die wird nicht kommen.“
 

Dean bereitete alles vor.
 

Sein Zuhause war… einfach.
 

Zu einfach.
 

Er stellte Töpfe bereit, sammelte halbwegs sauberes Wasser, legte die Kleeblätter zurecht.
 

Dann fiel sein Blick auf die Eier.
 

Die geklauten.
 

„Du solltest die verstecken“, sagte Azur.
 

Dean nickte.
 

„Stimmt.“
 

Er schob sie unter das Bett, verdeckte sie mit Stoff.
 

„Sicher genug.“
 

Azur grinste.
 

„Bestimmt.“
 

Die Sonne ging bereits unter, als es klopfte.
 

Dean öffnete.
 

Jaz trat ein.
 

Sie sah sich um.
 

Kurz.
 

Zu kurz.
 

„Du hast noch nicht angefangen?“ fragte sie sofort.
 

Dean grinste und zeigte auf einen Topf.
 

„Doch.“
 

Eine grüne Suppe.
 

Jaz sah hinein.
 

Dann ihn an.
 

„Wir fangen von vorne an.“
 

Kein Widerspruch.
 

Nur Entscheidung.
 

Dean hob die Hände.
 

„Wie du willst.“
 

Jaz sah sich um.
 

„Hast du überhaupt Licht?“
 

Dean grinste.
 

„Nur das hier.“
 

Er zündete mehrere Kerzen an.
 

Eine nach der anderen.
 

Das warme Licht füllte den Raum.
 

Flackernd.
 

Nah.
 

„Romantisch, oder?“ sagte er mit einem schiefen Lächeln.
 

Jaz verdrehte die Augen.
 

„Arbeit.“
 

Doch ein Hauch von etwas anderem lag in ihrer Stimme.
 

Sie beugten sich beide über den Tisch.
 

Klee.
 

Wasser.
 

Versuche.
 

Mischen.
 

Rühren.
 

Diskutieren.
 

Dean beobachtete sie mehr als die Mischung.
 

Azur grinste.
 

„Konzentrier dich.“
 

Dean tat es nicht.
 

Dann—
 

Ein Geräusch.
 

Leise.
 

Ein Rascheln.
 

Beide hielten inne.
 

Jaz hob den Kopf.
 

„Hast du das gehört?“
 

Dean sah zur Seite.
 

Langsam.
 

Zu dem Bett.
 

Azur lächelte breit.
 

„Oh… jetzt wird’s interessant.“
 

Das Rascheln wurde lauter.

rote Sterne

Das Rascheln verstummte nicht.
 

Im Gegenteil.
 

Ein leises Knacken.
 

Dann schob sich etwas unter dem Bett hervor.
 

Langsam.
 

Zögernd.
 

Jaz hielt den Atem an.
 

Dean sagte nichts.
 

Ein kleines Wesen kroch ins Licht der Kerzen.
 

Sein Fell war nass.

Klebrig.

Es klebte in dünnen Strähnen an seinem Körper, während es sich vorsichtig auf wackligen Beinen aufrichtete.
 

Dann begann es sich zu putzen.
 

Mit kleinen, hektischen Bewegungen.
 

Es strich sich über den Kopf, über den Rücken, leckte sich das Fell glatt, als wäre das das Natürlichste der Welt.
 

Dean beobachtete es still.
 

Azur schwebte daneben und grinste.

„Na super. Jetzt züchtest du auch noch Haustiere.“
 

Dean reagierte nicht.
 

Sein Blick lag nur auf dem Wesen.
 

Langsam wurde das Fell trockener.
 

Fluffiger.
 

Weicher.
 

Und dann—
 

veränderte es sich.
 

Das Weiß kam durch.

Rein.

Fast leuchtend.
 

Zwischen dem Fell schimmerten feine Schuppen.

Regenbogenfarben.
 

Als würden sie das Kerzenlicht einfangen.
 

Jaz trat einen Schritt näher.
 

Fasziniert.
 

„Ich weiß nicht, woher es kommt“, sagte Dean ruhig, noch bevor sie etwas sagen konnte.
 

Jaz sah ihn kurz an.
 

Dann wieder zu dem Tier.
 

„Doch“, sagte sie leise. „Ich schon.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Das ist ein Sahryth“, fügte sie hinzu.
 

Dean hob leicht eine Augenbraue.
 

Jaz ging langsam in die Hocke.
 

„Eine Mischung aus Katze und Echse“, erklärte sie. „Ein mystisches Wesen.“
 

Das Tier putzte sich weiter.

Jetzt fast elegant.
 

„Sie schlüpfen aus Eiern“, sagte sie weiter. „Aber…“
 

Sie stockte kurz.
 

„…meine Familie hat es nie geschafft, sie zu züchten.“
 

Dean nickte langsam.
 

Das Wesen hob den Kopf.
 

Seine Augen glänzten.
 

Dann lief es auf Dean zu.
 

Und gab ein kleines Geräusch von sich.
 

Eine Mischung aus Mauzen und etwas… Fremderem.
 

Dean grinste leicht.
 

„Ah, stimmt“, sagte er beiläufig. „Ich hab mal draußen so ein Ei gefunden.“
 

Azur verdrehte die Augen.

„Natürlich hast du das.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

Jaz sah ihn an.
 

„Wirklich?“
 

Ihre Stimme war anders.
 

Fast ehrfürchtig.
 

„Das ist extrem selten.“
 

Sie sah wieder zu dem Tier.
 

„Die Eier leuchten nur unter roten Sternen“, sagte sie leise. „In einem scharfen Grün, so kann man erkennen das es geklappt hat“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Und das passiert nur alle paar Monate.“
 

Dean sagte nichts.
 

Aber in seinem Kopf formte sich bereits ein Gedanke.
 

Sehr wertvoll.
 

Das Tier kam näher.
 

Noch näher.
 

Und dann—
 

für einen kurzen Moment—
 

hob es sich vom Boden.
 

Nur ein kleines Stück.
 

Als würde es das Gewicht vergessen.
 

Dean blinzelte.
 

„Hast du das gesehen?“
 

Jaz nickte sofort.
 

„Ja.“
 

Ein Hauch von Begeisterung lag in ihrer Stimme.
 

„Sie können schweben“, sagte sie. „Und sie werden groß genug… dass man auf ihnen reiten kann.“
 

Stille.
 

Das Tier sah zwischen ihnen hin und her.
 

Dean grinste langsam.
 

„Was für ein Glücksfund.“

Supernova

Das Tier schüttelte sich.

Noch einmal.

Dann setzte es vorsichtig einen Schritt.

Und noch einen.

Seine Schuppen begannen im Kerzenlicht zu schimmern.

Erst schwach.

Dann stärker.

Farben liefen über seinen Körper – rot, blau, gold, violett – als würden sie tanzen.

Jaz hielt den Atem an.

„Siehst du das…?“

Dean nickte nur.

Das Tier tappte weiter, neugierig.

Sein Kopf senkte sich langsam zu einem der Töpfe.

„Nein.“

Dean griff sofort zu und hob es hoch.

„Nichts anfassen.“

Seine Stimme war ungewohnt streng.

Jaz trat näher und nahm es ihm direkt wieder ab.

Vorsichtig.

„Sei vorsichtig“, sagte sie leise. „Es ist wirklich selten.“

Dean grinste.

„Und wertvoll.“

Azur tauchte neben ihm auf.

Seine Augen waren nur noch goldene Münzen.

„Verkauf es“, flüsterte er. „Und kauf mehr von dem Zeug.“

Dean ignorierte ihn.

Jaz sah das Tier an.

„Es braucht einen Namen.“

Sie überlegte kurz.

„Vielleicht… Aeryn… oder Solith…“

Dean winkte ab.

„Du meinst wohl fliegender Teppich.“

Jaz sah ihn irritiert an.

„Was?“

Dean grinste.

„Es hat Fell. Es fliegt. Und es ist komplett übertrieben wertvoll.“

Azur lachte.

„Passt.“

Jaz schüttelte den Kopf.

„Das ist ein schrecklicher Name.“

Dean nahm ihr das Tier wieder ab.

„Magischer Teppich“, sagte er zufrieden. „Und damit gehört es mir.“

Das Tier gab ein kleines Geräusch von sich.

Fast zustimmend.

Dean grinste.

„Siehst du? Gefällt ihm.“

Jaz verdrehte die Augen.

Dean setzte das Wesen in einen Korb.

„Wir müssen fertig werden.“

Mit Mühe.

Mit Chaos.

Mit Ablenkung.

Aber sie schafften es.

Gerade so.

Die Mischung war fertig.

Die Pille auch.

Nur—

zu spät.

Dean rannte.

Durch Gassen.

Über Wege.

Durch jede Abkürzung, die er kannte.

Jaz hinter sich herziehend.

„Schneller“, murmelte er.

Doch sie verloren Zeit.

Zu viel.

Als sie den Todesstern erreichten—

war alles vorbei.

J. Faar stand bereits dort.

Und lächelte.

„Zu spät, Bürschchen.“

Dean blieb stehen.

Außer Atem.

„Aber—“

„Nichts aber“, unterbrach J. Faar ruhig.

Sein Blick war kalt.

Dean hob die Hand.

„Ich hab etwas—“

Er zeigte die Pillen.

„Testet sie.“

Ein kurzer Moment.

Hoffnung.

Doch J. Faar schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme war ruhig.

Zu ruhig.

Und Herr Gharaba…

nickte.

Beeinflusst.

Wie immer.

Dean spürte es.

„Bitte—“

J. Faar griff nach den Pillen.

„Wertlos.“

Er wollte sie wegwerfen—

Doch plötzlich—

Ein Sprung.

Ein heller Blitz aus Fell und Farbe.

Der magische Teppich schoss aus Deans Tasche.

Und biss J. Faar in die Hand.

„—!“

J. Faar zuckte zurück.

Sein Gesicht verzog sich.

Wut.

Roh.

Ungefiltert.

Er schleuderte das Tier weg.

„Packt es!“

Der Teppich landete im Gras.

Und rannte.

Schnell.

Zu schnell.

„Er wollte mich angreifen“, sagte J. Faar scharf. „Vielleicht sogar töten.“

Sein Blick glitt zu Gharaba.

Manipulativ.

Giftig.

„Er will seinen Platz.“

Gharaba nickte sofort.

„Schnappt sie euch!“

Dean rannte.

„Tut mir leid!“ rief er und jagte dem Tier hinterher.

Die Wachen folgten.

Der Garten wurde zum Chaos.

Schritte.

Rufe.

Bewegung.

Und dann—

wurden sie gestellt.

Dean.

Jaz.

Und das Tier.

Gefangen.

Vor J. Faar.

J. Faar trat näher.

Sein Blick fiel auf das Wesen.

Und blieb.

Die Schuppen.

Sie leuchteten.

Im Licht.

In allen Farben.

Wie ein Regenbogen.

Ein Moment verging.

Dann—

lächelte er.

Zum ersten Mal wirklich.

„Ein… Sahryth“, murmelte er.

Seine Stimme war leise.

Fast ehrfürchtig.

Stille.

Dann machte er eine kleine Handbewegung.

„Lasst sie los.“

Die Wachen zögerten.

„Aber—“

„Ich sagte: loslassen.“

Sie gehorchten.

Dean und Jaz wurden freigegeben.

Verwirrt.

J. Faar sah Dean an.

Jetzt anders.

Nicht mehr nur als Problem.

Sondern als etwas anderes.

Wertvoll.

„Wir können sie nicht trennen“, sagte er ruhig.

Sein Blick glitt zum Tier.

Dann zurück.

„Nicht nach so etwas.“

Ein kurzer Moment.

Dann, leiser:

„Du wirst bleiben.“

Dean spürte es sofort.

Das war keine Einladung.

Azur grinste breit.

„Oh… jetzt gehörst du ihm.“

J. Faar trat einen Schritt näher.

Sein Lächeln blieb.

Aber seine Augen…

nicht.

„Ich möchte wissen“, sagte er ruhig,

„wie du so etwas erschaffen konntest.“

Stille.

Weltraumpiraten

Stille lag im Raum.
 

J. Faar sah Dean an.
 

„Also“, sagte er ruhig. „Wie?“
 

Dean zögerte nicht.
 

„Das Tier“, sagte er und deutete leicht auf den Sahryth. „Ohne das… funktioniert es nicht.“
 

Ein kurzer Moment.
 

J. Faar legte den Kopf schief.

„Erklär es mir.“
 

Dean atmete einmal durch.

Dann begann er zu lügen.
 

„In meiner Heimat“, sagte er ruhig, „erschaffen wir diese Tiere schon seit Jahren.“
 

Azur hob leicht eine Augenbraue.

Sagte aber nichts.
 

„Sie reagieren auf bestimmte Stoffe“, fuhr Dean fort. „Auf Pflanzen. Auf… Energie.“
 

Sein Blick blieb fest.
 

„Die Schale. Das Wesen selbst. Das ist der Schlüssel.“
 

Stille.
 

J. Faar lächelte langsam.
 

„Also… exklusiv.“
 

Dean nickte.
 

„Sehr.“
 

Ein Blick zwischen J. Faar und Herrn Gharaba.
 

Leise Stimmen.

Flüstern.
 

Dann richtete sich J. Faar wieder auf.
 

„Dann“, sagte er ruhig, „sollten wir das feiern.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Jetzt sofort“
 

Der Speisesaal war groß.
 

Zu groß.
 

Licht fiel von oben herab, warm und weich.

Alles wirkte… reich.
 

Zu reich.
 

Dean stand einen Moment still.
 

Dann trat er ein.
 

Jaz war bereits da.
 

Ihr Blick traf seinen kurz.

Unlesbar.
 

Herr Gharaba saß am Tisch.

Neben ihm J. Faar.
 

Sie tuschelten leise.
 

Dann öffneten sich die Türen.
 

Mehrere Männer traten ein.
 

Silberne Gewänder.

Glänzend.

Fast fremdartig.
 

Wie aus einer anderen Welt.
 

Azur grinste.

„Weltraumpiraten.“
 

Dean sagte nichts.
 

Er starrte nur.
 

Die Männer trugen ein Tablett.
 

Darauf Fleisch.
 

Viel zu viel Fleisch.
 

Eine Lammkeule.

Saftig.

Dampfend.
 

Der Geruch traf ihn sofort.
 

Einen Moment lang vergaß er alles.
 

Die Männer traten näher.
 

Und stellten sie vor ihm ab.
 

Nicht vor Gharaba.

Nicht vor J. Faar.
 

Vor ihm.
 

Dean blinzelte.
 

„Für unseren Ehrengast“, sagte einer ruhig.
 

Stille.
 

Dean setzte sich langsam.
 

Sein Blick lag auf dem Fleisch.
 

So viel hatte er… ewig nicht gesehen.
 

Und wenn dann verdorben.
 

Er griff danach. Zögerte nicht lange. Biss hinein.
 

Saft lief über seine Finger.
 

Azur sah ihn an.

„Der Hase im Bau.“
 

Dean hörte ihn kaum.
 

Sein Blick wanderte kurz durch den Raum.
 

Überall—
 

Kleeblattmuster.
 

In den Stoffen.

An den Wänden.

Sogar im Licht.
 

Er konnte nicht wegsehen.
 

Kleeblatt.
 

Immer wieder.
 

Kleeblatt.
 

Er kaute.
 

Und dachte an nichts anderes mehr.
 

Ein fremder Hase.
 

Mit einem Kleeblatt im Ohr.
 

Mitten im Bau.
 

J. Faar beobachtete ihn.
 

Genau.
 

„Gefällt es dir?“ fragte er ruhig.
 

Dean schluckte.
 

„Ja.“
 

J. Faar lächelte leicht.
 

Dann wurde er ernst.
 

„Kommen wir zum Geschäft.“
 

Stille.
 

Dean legte das Fleisch langsam ab.
 

Jaz sah zwischen ihnen hin und her.
 

J. Faar verschränkte die Hände.
 

„Du gibst mir die Kontrolle über diese… Produktion.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Und ich gebe dir—“
 

sein Blick glitt kurz zu Jaz.
 

„—eine Zukunft.“
 

Stille.
 

Herr Gharaba nickte.
 

„Wenn das stimmt, was du sagst“, fügte er hinzu, „bist du mehr als würdig.“
 

J. Faar lehnte sich leicht vor.
 

„Die Hand von Jaz“, sagte er ruhig. „Im Austausch.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Und wir brauchen nur mehr von diesen Pillen.“
 

Sein Lächeln wurde schmaler.
 

„Viele mehr.“
 

Dean grinste.
 

Automatisch.
 

„Klingt fair.“
 

Azur lachte leise.

„Du bist tot.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

Er nickte.
 

„Abgemacht.“
 

Jaz’ Blick blieb auf ihm.
 

Still.
 

Als würde sie etwas erkennen.
 

Was er selbst kaum zulassen wollte.
 

Denn tief in ihm verschob sich etwas.
 

Langsam. Unangenehm. Die Wahrheit.
 

Diese Pillen hatten nichts mit dem Tier zu tun.
 

Gar nichts.
 

Sie waren nicht getestet.
 

Nicht besonders.
 

Vielleicht nicht mal gut.
 

Und jetzt wollte J. Faar alles darauf aufbauen.
 

Dean lehnte sich zurück.
 

Nahm noch einen Bissen.
 

Kaute.
 

Grinste.
 

Als hätte er alles unter Kontrolle.

grüner Nebel

Das Labor war vorbereitet.
 

Metalltische. Glasgefäße. Flammen. Werkzeuge.
 

Alles sauber.
 

Alles ordentlich.
 

Alles viel zu professionell für Dean.
 

Er stand mitten im Raum und tat so, als wäre genau das sein Element.
 

Azur schwebte neben ihm und grinste.
 

„Oh, das wird peinlich.“
 

Dean knirschte mit den Zähnen.
 

„Halt die Klappe.“
 

Vor ihm standen Herr Gharaba, Jaz und J. Faar.
 

J. Faar hatte die Arme verschränkt.
 

„Nun“, sagte er ruhig. „Zeig uns, wie es funktioniert.“
 

Dean nickte langsam.
 

„Natürlich.“
 

Er ging zum Tisch.
 

Nahm einige Kräuter.
 

Warf sie in einen Kessel.
 

Dann Wasser.
 

Dann Klee.
 

Er rührte.
 

Sah wichtig aus.
 

Tat beschäftigt.
 

Tat klug.
 

Azur hielt sich vor Lachen den Bauch.
 

„Du rührst Suppe.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

J. Faar wurde ungeduldig.
 

„Und?“
 

Dean blickte kurz zur Seite.
 

Zum Korb.
 

Dort saß der fliegende Teppich und beobachtete alles mit großen Augen.
 

Ein Gedanke kam ihm.
 

Schlecht.
 

Also perfekt.
 

Er trat beiläufig zum Korb, strich dem Tier über den Rücken und zog heimlich eine einzelne Schuppe heraus.
 

Das Wesen quietschte beleidigt.
 

„Psst.“
 

Dean warf die Schuppe in den Kessel.
 

Ein Moment geschah nichts.
 

Dann—
 

ein Zischen.
 

Grünes Licht schoss aus dem Topf.
 

„Äh…“, sagte Dean.
 

Die Mischung explodierte nicht.
 

Schlimmer.
 

Sie dampfte.
 

Dichter, leuchtender, grüner Nebel schoss durch das Labor und breitete sich in Sekunden überall aus.
 

„Was ist das?!“ rief Gharaba.
 

„Teil des Prozesses!“ rief Dean sofort.
 

Azur lachte so sehr, dass er sich kaum noch halten konnte.
 

Man sah kaum noch etwas.
 

Der Nebel kroch über Boden, Wände, Tische.
 

Jaz hustete.
 

J. Faar trat zurück.
 

Sein Gesicht war kurz davor zu kochen.
 

Dann begann der Boden zu beben.
 

Kleine Risse zogen sich durch die Steinplatten.
 

Aus jedem Riss schossen Pflanzen.
 

Schnell.
 

Zu schnell.
 

Grüne Halme.
 

Ranken.
 

Und dann—
 

vierblättriger Klee.
 

Überall.
 

Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das Labor in ein dichtes Kleefeld.
 

Tische verschwanden unter Grün.
 

Werkzeuge kippten um.
 

Gläser fielen ins Gras.
 

Stille.
 

Nur der Nebel hing noch in der Luft.
 

Dean sah sich um.
 

Dann begann er leise zu lachen.
 

„…also“, sagte er hustend, „technisch gesehen ist das ziemlich beeindruckend.“
 

Azur wischte sich Tränen aus den Augen.
 

„Du hast ein Feld gekocht.“
 

Jaz stand reglos da.
 

Ein Kleeblatt hing in ihren Haaren.
 

Gharaba blickte fassungslos um sich.
 

„Mein Labor…“
 

J. Faar sagte nichts.
 

Das war schlimmer.
 

Seine Stirn zuckte.
 

Eine Ader pochte sichtbar an seiner Schläfe.
 

Dean hob vorsichtig die Hand.
 

„Rein hypothetisch“, sagte er. „Wie kompatibel ist Hoffnung mit kleineren… Produktionsfehlern?“
 

Keine Antwort.
 

Er deutete auf Jaz.
 

„Und wie wahrscheinlich wäre es, dass ich sie trotzdem heiraten darf?“
 

Stille.
 

Dann drehte J. Faar langsam den Kopf zu ihm.
 

Sein Lächeln war freundlich.
 

Zu freundlich.
 

„Lauf.“
 

Azur grinste breit.
 

„Dem würde ich zustimmen.“
 

Dean rannte.

Farbenfrohe Spuren als Zahlung

Dean rannte.
 

Ohne nachzudenken.
 

Einfach los.
 

Hinter ihm hörte er Schritte.
 

Rufe.
 

Wachen.
 

Und ein leises, schnelles Tappen.
 

Der magische Teppich folgte ihm.
 

„Komm schon“, murmelte Dean und bog um die nächste Ecke.
 

Er stürmte ins Freie—
 

und blieb fast stehen.
 

Das Kleefeld.
 

Es hatte sich ausgebreitet.
 

Nicht nur im Labor.
 

Nicht nur im Garten.
 

Überall.
 

Grün.
 

Dicht.
 

Lebendig.
 

„Oh… das ist neu“, keuchte er.
 

Doch Zeit zum Staunen blieb nicht.
 

Er rannte weiter.
 

Durch das Gras.
 

Durch den Klee.
 

Und dann—
 

veränderte sich etwas.
 

Dort, wo das Tier lief,
 

begann der Klee zu leuchten.
 

Erst schwach.
 

Dann stärker.
 

Farben schossen durch die Blätter.
 

Rot.
 

Blau.
 

Gold.
 

Violett.
 

Als würden sie auf seine Schritte reagieren.
 

Dean blinzelte.
 

Dann grinste er plötzlich.
 

„Natürlich.“
 

Er drehte sich kurz um, während er weiterlief.
 

„Seht dieses seltene Klee als Zahlung!“ rief er laut.
 

Die Wachen stockten.
 

Nur kurz.
 

Aber es reichte.
 

Dean lachte atemlos.
 

„Einmalige Gelegenheit! Nur heute!“
 

Azur erschien neben ihm und schüttelte den Kopf.
 

„Du verkaufst gerade Gras auf der Flucht.“
 

„Funktioniert doch!“
 

Dean bog wieder ab.
 

Durch einen Gang.
 

Durch einen Hof.
 

Wieder hinein ins Anwesen.
 

Schritte hinter ihm.
 

Näher jetzt.
 

Zu nah.
 

Er sah sich um.
 

Keine Ausgänge.
 

Keine Chance—
 

Plötzlich packte ihn jemand am Arm.
 

Eine Hand zog ihn zur Seite.
 

Er stolperte.
 

Eine Tür fiel zu.
 

Dunkelheit.
 

Stille.
 

Dean rang nach Luft.
 

Dann erkannte er sie.
 

„Jaz—“
 

„Psst.“
 

Sie stellte eine kleine Lampe zur Seite.
 

Ein leises Klicken.
 

Die Wand bewegte sich.
 

Eine versteckte Tür.
 

Sie zog ihn hinein.
 

Schloss sie wieder.
 

Stille.
 

Nur ihr Atem.
 

Der Raum war eng.
 

Sehr eng.
 

Dean lehnte sich gegen die Wand.
 

Jaz stand direkt vor ihm.
 

Zu nah, um Abstand zu halten.
 

Der Teppich schlüpfte ebenfalls hinein und schmiegte sich sofort an ihre Beine.
 

Als wäre nichts geschehen.
 

Dean atmete langsam aus.
 

„Danke“, murmelte er.
 

Er spürte die Hitze in seinem Gesicht.
 

War sich ziemlich sicher, dass er knallrot war.
 

Zum Glück sah man es kaum.
 

Jaz sah ihn an.
 

Ein kleines Lächeln.
 

„Kein Problem.“
 

Ein Moment verging.
 

Ihr Blick blieb auf ihm.
 

„Das war… mutig.“
 

Dean hob leicht eine Augenbraue.
 

„Oder dumm.“
 

Sie schüttelte den Kopf.
 

„Nein.“
 

Leise.
 

„Sowas traut sich nicht jeder.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Jeder hat Angst vor ihm“, sagte sie. „Vor J. Faar. Vor meinem Vater.“
 

Ihre Stimme war ruhiger geworden.
 

„Du nicht.“
 

Dean zuckte leicht mit den Schultern.
 

„Ich bin gut im So-tun.“
 

Ein Hauch von Lächeln huschte über ihr Gesicht.
 

Sie standen noch immer zu nah.
 

Zu still.
 

Der Raum fühlte sich kleiner an, als er war.
 

Der Teppich schnurrte leise.
 

Dean sah kurz nach unten.
 

Dann wieder zu ihr.
 

„Also…“, murmelte er. „Falls wir hier rauskommen—“
 

„Wenn“, unterbrach sie ihn.
 

Dean grinste leicht.
 

„Wenn.“
 

Ein kurzer Moment.
 

Ihr Blick traf seinen.
 

Blieb dort.
 

Dann bewegte sie sich ein Stück näher.
 

Nur ein wenig.
 

Aber genug.
 

Dean hielt den Atem an.
 

Und diesmal sagte er nichts.
 

Kein Witz.
 

Kein Spruch.
 

Nur der Moment.
 

Dann küsste sie ihn.
 

Kurz.
 

Sanft.
 

Aber eindeutig.
 

Als würde sie etwas ausprobieren.
 

Als sie sich wieder löste, blieb es still.
 

Dean blinzelte.
 

Dann grinste er schief.
 

„Okay… das war definitiv nicht Teil des Plans.“
 

Jaz sah ihn an.
 

Und diesmal lächelte sie wirklich.
 

„Vielleicht“, sagte sie leise, „brauchst du einen neuen Plan.“
 

Azur grinste breit.
 

„Endlich ein guter.“

Lovecraft hatte Recht, flüstert der Glücksklee im Kampf

Jaz grinste.
 

„Vergiss kurz den Plan.“
 

Dann küsste sie Dean erneut.
 

Nicht zögernd.
 

Nicht vorsichtig.
 

Entschlossen.
 

„Jetzt mache ich einmal das, was ich will“, sagte sie leise.
 

Dean wollte etwas Freches antworten.
 

Doch der Kuss nahm ihm die Worte.
 

Und ehrlich gesagt—
 

gefiel ihm dieser Gedanke viel zu gut.
 

Mit einer schnellen Bewegung schob sie ihn zurück aufs Bett.
 

Dean fiel in die Kissen, überrascht genug, dass er kurz lachen musste.
 

Noch mehr überrascht war er, als Jaz sich sofort auf ihn setzte und ihn mit diesem Blick ansah, der jede Widerrede sinnlos machte.
 

„Ich dachte, du willst keine Hochzeitsnacht“, murmelte er.
 

Jaz lächelte schief.
 

„Niemand hat gesagt, dass ich nicht trotzdem Spaß haben darf.“
 

Dann küsste sie ihn wieder.
 

Länger diesmal.
 

Ihre Hände glitten über seine Schultern, seinen Hals, seine Brust.
 

Dean vergaß sehr schnell jede kluge Antwort.
 

Die Kerzen warfen flackerndes Licht an die Wände.
 

Draußen war irgendwo noch Chaos.
 

Hier drinnen nicht.
 

Hier gab es nur Wärme.
 

Atem.
 

Berührungen.
 

Und zwei Menschen, die für einen Moment alles andere vergaßen.
 

Selbst Azur schwieg.
 

Für eine Weile.
 

Später lagen sie nebeneinander.
 

Erschöpft.
 

Die Decke halb verrutscht.
 

Kerzenlicht tanzte noch immer über die Wände.
 

Dean atmete tief aus.
 

„Also…“, sagte Jaz und sah zur Decke.
 

„War ganz okay.“
 

Dean drehte den Kopf zu ihr.
 

„Ganz okay?“
 

Sie grinste.
 

„Vielleicht.“
 

Dean schnaubte.
 

„Du lügst schlechter als ich.“
 

Jaz stieß ihn leicht mit dem Knie an.
 

Dean grinste breit.
 

„Vielleicht wirst du ja doch meine Braut. Ich mag dich wirklich.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Und der Sex war klasse.“
 

Jaz drehte den Kopf zu ihm.
 

„Vergiss es.“
 

Ihre Stimme wurde ruhiger.
 

Ernster.
 

„Du wirst von allen gesucht. Mein Vater würde niemals zustimmen.“
 

Ein kurzer Blick.
 

„Schon gar nicht bei einem Lügner wie dir.“
 

Dean wollte etwas sagen—
 

doch plötzlich wurde die Luft kalt.
 

Azur stand am Bett.
 

Seine Augen glühten rot.
 

„Nimm. Jetzt. Endlich. Dein Glück.“
 

Dean setzte sich langsam auf.
 

„Du machst mir keine Angst.“
 

Es war das erste Mal, dass er ihm offen widersprach.
 

Azur lächelte nicht.
 

„Noch nicht.“
 

„Mit wem redest du?“ fragte Jaz sofort.
 

Dean sah sie an.
 

Dann Azur.
 

Dann wieder sie.
 

„Mit… niemandem.“
 

Jaz zog die Augenbrauen hoch.
 

„Bist du high?“
 

„Nein.“
 

„Wirklich?“
 

Sie setzte sich auf.
 

Die Decke zog sie eng um sich.
 

„Ich dachte für einen Moment, du sagst vielleicht einmal die Wahrheit.“
 

„Ich bin nicht high“, sagte Dean schnell. „Lass es mich erklären.“
 

Azur beugte sich näher.
 

„Lüg sie weiter an.“
 

Dean fuhr herum.
 

„Und du hältst endlich die Klappe!“
 

Jaz erstarrte.
 

Dann zeigte sie wortlos zur Tür.
 

„Raus.“
 

„Was?“
 

„Raus.“
 

Dean starrte sie an.
 

„Nur weil ich rede?“
 

„Mit leerer Luft!“
 

„Das ist kompliziert—“
 

„Nein“, sagte sie kalt. „Du bist kompliziert.“
 

Azur grinste breit.
 

„Sehr richtig.“
 

Dean sprang vom Bett auf.
 

„Bitte, Jaz. Hör mir zu.“
 

„Nein.“
 

„Wenn ich Azur freilasse—“
 

Sie blinzelte.
 

„Wen?“
 

Dean atmete schwer.
 

„Azur.“
 

Ein kurzer Blick zur Gestalt neben ihm.
 

„Wenn ich ihm die Freiheit schenke… verzeihst du mir dann?“
 

Jaz sah ihn an, als hätte er völlig den Verstand verloren.
 

„Azur, Azur…“
 

Sie schüttelte langsam den Kopf.
 

„Ich weiß nicht einmal, wer das sein soll.“
 

Stille.
 

Dean drehte sich langsam zu Azur.
 

Der Dschinn lächelte.
 

Breit.
 

Grausam.
 

„Und genau deshalb“, flüsterte er, „gehörst du mir.“

Im Sternenlicht schweigt der große Bär zum goldenen Ei

Dean zog sich hastig eine Hose an.
 

Griff nach seinen Sachen.
 

Er warf noch einen letzten Blick zurück—
 

dann war er weg.
 

Durch den Gang.
 

Durch das Anwesen.
 

Vorbei an Schatten, Stimmen, Chaos.
 

Niemand hielt ihn auf.
 

Er rannte.
 

Bis er nicht mehr rennen konnte.
 

Dann kletterte er.
 

Über Mauern.
 

Über Vorsprünge.
 

Auf Dächer.
 

Höher.
 

Weiter weg.
 

Bis das Anwesen nur noch ein dunkler Fleck war.
 

Die Nacht war klar.
 

Kalt.
 

Der Himmel voller Sterne.
 

Dean ließ sich auf ein hohes Dach fallen.
 

Atmete schwer.
 

Sein Herz hämmerte noch immer.
 

Langsam wurde es ruhiger.
 

Er starrte nach oben.
 

„…wow“, murmelte er leise.
 

Für einen Moment war alles still.
 

„Du bist geflohen.“
 

Dean schloss die Augen.
 

„Natürlich bist du das.“
 

Azur stand neben ihm.
 

Arme verschränkt.
 

Ein schiefes Lächeln.
 

„Du läufst immer, wenn es ernst wird.“
 

Dean sagte nichts.
 

„Zu anstrengend, ehrlich zu sein, hm?“
 

Stille.
 

„Zu schwer, ohne mich klarzukommen?“
 

Dean atmete langsam ein.
 

Und wieder aus.
 

Azur sah ebenfalls in den Himmel.
 

„Weißt du, was das Beste ist?“
 

Keine Antwort.
 

„Du denkst wirklich, du hättest gerade etwas verloren.“
 

Ein leises Lachen.
 

„Dabei hast du das Einzige weggeworfen, das dich überhaupt interessant macht.“
 

Dean setzte sich auf.
 

„Halt die Klappe.“
 

Azur grinste.
 

„Da ist er ja.“
 

Er beugte sich leicht zu ihm.
 

„Der Typ ohne Plan. Ohne Talent. Ohne Rückgrat.“
 

Dean schwieg.
 

„Ohne mich bist du… was genau?“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Langweilig.“
 

Stille.
 

Der Wind strich über das Dach.
 

Dean sah wieder nach oben.
 

Sein Blick blieb an einem Sternbild hängen.
 

„Der große Bär…“, murmelte er.
 

Azur verdrehte die Augen.
 

„Oh bitte.“
 

Dean zeigte nach oben.
 

„Siehst du das?“
 

Azur sah kurz hin.
 

„Ja. Und?“
 

Dean lächelte schwach.
 

„Der bewegt sich nicht.“
 

Azur zog eine Augenbraue hoch.
 

„Herzlichen Glückwunsch. Du hast Astronomie verstanden.“
 

Dean ignorierte ihn.
 

„Er ist einfach da.“
 

Ein Moment.
 

„Egal, was unten passiert.“
 

Sein Blick wanderte weiter.
 

Zu einer einzelnen, helleren Formation.
 

„Und da… das goldene Ei.“
 

Azur schnaubte.
 

„Das ist kein echtes Sternbild.“
 

Dean zuckte mit den Schultern.
 

„Jetzt schon.“
 

Stille.
 

„Vielleicht“, sagte Dean leise, „ist das das Problem.“
 

Azur sah ihn an.
 

„Du denkst dir Dinge aus, weil du mit der Realität nicht klarkommst.“
 

Dean nickte langsam.
 

„Ja.“
 

Das kam unerwartet.
 

Azur blinzelte kurz.
 

Dean atmete tief ein.
 

„Ich hab gelogen.“
 

Ein weiterer Atemzug.
 

„Ich hab betrogen.“
 

Sein Blick blieb am Himmel.
 

„Ich hab mich versteckt.“
 

Azur grinste wieder.
 

„Endlich ehrlich. Gefällt mir.“
 

Dean schüttelte leicht den Kopf.
 

„Und ich hab gedacht, ohne dich schaffe ich gar nichts.“
 

Stille.
 

Azur trat näher.
 

Seine Stimme wurde leiser.
 

Schärfer.
 

„Stimmt ja auch.“
 

Dean sah ihn an.
 

„Nein.“
 

Azur lachte trocken.
 

„Du bist nichts ohne mich.“
 

Er kam noch näher.
 

„Du brauchst mich.“
 

Noch näher.
 

„Du kannst nicht ohne mich leben.“
 

Seine Stimme wurde kalt.
 

„Du bist schwach.“
 

Ein Flüstern.
 

„Du wirst zurückkommen.“
 

Dean hielt seinem Blick stand.
 

Sein Herz schlug schneller.
 

„Vielleicht“, sagte er leise.
 

Ein Atemzug.
 

„Aber ich will es versuchen.“
 

Azur verzog das Gesicht.
 

„Für was?“
 

Dean dachte an sie.
 

An ihr Lächeln.
 

An den Blick, kurz bevor alles gekippt war.
 

„Für sie.“
 

Ein kleiner Moment.
 

„Ich mag Jaz“, sagte er. „Und sie hat mich gemocht… obwohl ich gelogen habe.“
 

Stille.
 

Azur wurde still.
 

Ungewöhnlich still.
 

Dean schluckte.
 

Seine Hand zitterte leicht.
 

„Ich will wissen, wer ich ohne dich bin.“
 

Ein Windstoß fuhr über das Dach.
 

Die Sterne flackerten.
 

Oder vielleicht war es nur sein Blick.
 

Azur sah ihn lange an.
 

Dann lächelte er.
 

Langsam.
 

Gefährlich ruhig.
 

„Das willst du nicht.“
 

Dean schloss kurz die Augen.
 

Dann streckte er die Hand aus.
 

Nicht zu Azur.
 

Sondern durch ihn hindurch.
 

Ein leises Flimmern.
 

Als würde etwas reißen.
 

Oder sich lösen.
 

Azur verzog das Gesicht.
 

Zum ersten Mal.
 

„Dean.“
 

Warnend.
 

„Lass das.“
 

Dean atmete schwer.
 

„Ich versuche frei zu sein.“
 

Ein weiterer Atemzug.
 

„Auch wenn ich dabei komplett versage.“
 

Azur begann zu flackern.
 

Seine Konturen wurden unscharf.
 

„Du wirst mich wieder brauchen.“
 

Dean nickte leicht.
 

„Vielleicht.“
 

Ein letzter Blick.
 

Dann sagte er leise:
 

„Aber heute nicht.“
 

Der Wind zog über das Dach.
 

Azur zerfiel in flimmernden Staub.
 

Und verschwand.
 

Stille.
 

Nur die Nacht blieb.
 

Dean lag zurück auf den kalten Steinen.
 

Der Himmel spannte sich endlos über ihm.
 

Der große Bär schwieg.
 

Das goldene Ei leuchtete.
 

Und zum ersten Mal seit langer Zeit…
 

war Dean allein.

Vier Blätter voller Hoffnung auf Chicharone und etwas Sternenstaub

J. Faar stand in seinem Labor.
 

Vor ihm dampften Kessel.
 

Neue Farben zogen durch Glasröhren, liefen durch Schläuche, tropften in Formen mit dem bekannten vierblättrigen Kleeblatt.
 

Er betrachtete das Ergebnis mit kalter Zufriedenheit.
 

„Fast perfekt“, murmelte er.
 

Neben ihm krächzte der Papagei.
 

„Fast perfekt, fast perfekt.“
 

J. Faar hob eine der frischen Pillen an.
 

Sie war schöner als die alten.
 

Glänzender.
 

Lebendiger.
 

„Chicharone“, sagte er leise. „So wird es heißen.“
 

Er drehte die Pille zwischen den Fingern.
 

„Es macht glücklich.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Es macht euphorisch.“
 

Dann wurde sein Blick schmal.
 

„Aber es macht noch nicht abhängig.“
 

Der Papagei legte den Kopf schief.
 

„Nicht abhängig, nicht reich.“
 

J. Faar nickte langsam.
 

„Es fehlt etwas.“
 

Sein Blick wanderte zum leeren Käfig in der Ecke.
 

Zu den bunten Spuren aus Schuppenstaub, die dort noch am Boden glitzerten.
 

„Sternenstaub.“
 

Er lächelte kalt.
 

„Staub von den Schuppen des Tieres.“
 

Stille.
 

Dann trat ein Mann in Schwarz ein.
 

Verbeugte sich.
 

„Herr… der Junge ist verschwunden.“
 

J. Faar sagte nichts.
 

Nur seine Finger spannten sich.
 

„Dann hängt Steckbriefe auf“, sagte er ruhig. „Hohe Belohnung.“
 

„Im Namen von Herrn Gharaba?“
 

„Natürlich.“
 

Ein dünnes Lächeln.
 

„Er muss ja nicht alles wissen.“
 

Dean wachte auf.
 

Und wünschte sofort, er wäre es nicht.
 

Sein Körper fühlte sich an, als hätte ihn jemand zerbrochen und falsch wieder zusammengesetzt.
 

Kopfschmerzen.
 

Übelkeit.
 

Zittern.
 

Jeder Muskel schmerzte.
 

Jeder Atemzug war Arbeit.
 

Er lag auf dem Boden von Area 51, halb neben seinem Bett, eingewickelt in eine Decke, die nach Staub roch.
 

Stille.
 

Keine Stimme.
 

Keine Kommentare.
 

Keine spöttischen Bemerkungen.
 

Kein Azur.
 

Dean öffnete langsam die Augen.
 

Und hasste, wie leer es war.
 

„…Azur?“
 

Nichts.
 

Nur sein eigener Atem.
 

Ein Teil von ihm wollte lachen.
 

Ein größerer Teil wollte sterben.
 

Er drehte sich auf die Seite und würgte trocken.
 

„Verdammt…“
 

Seine Hände zitterten so stark, dass er kaum den Boden greifen konnte.
 

Aber sein Kopf—
 

war klar.
 

Schmerzhaft klar.
 

Zum ersten Mal seit langer Zeit.
 

Und mitten in diesem Elend dachte er an Jaz.
 

An ihren Blick.
 

An den Kuss.
 

An ihre Wut.
 

Irgendetwas in ihm hielt sich daran fest.
 

Wie an einem Seil über einem Abgrund.
 

„…wenigstens etwas“, murmelte er heiser.
 

Jaz war wütend.
 

Richtig wütend.
 

Sie zog ihre Kapuze tiefer und ging schneller.
 

Durch die engen Gassen.
 

Vorbei an bröckelnden Häusern.
 

An stinkenden Abwassergräben.
 

An Menschen, die sie anstarrten, weil sie hier nicht hingehörte.
 

Area 51 war eine andere Welt.
 

Kaputt.
 

Arm.
 

Schmutzig.
 

Echt.
 

Sie verzog leicht das Gesicht.
 

„Und hier lebt er…“
 

Je weiter sie ging, desto deutlicher wurde ihr, wie wenig sie über Dean wusste.
 

Oder wissen wollte.
 

Dann stand sie vor seinem Haus.
 

Rotes Dach.
 

Schiefer als gerade.
 

Die Tür halb offen.
 

„Natürlich.“
 

Sie trat hinein.
 

„Wo steckst du?!“
 

Sie riss die Tür ganz auf.
 

Und erstarrte.
 

Dean saß auf dem Boden.
 

Zusammengekauert.
 

Zitternd.
 

Blass.
 

Schweiß auf der Stirn.
 

Zu schwach, um aufzustehen.
 

Er hob langsam den Kopf.
 

Sah sie an.
 

Und versuchte zu grinsen.
 

„Hey…“
 

Seine Stimme brach.
 

„Schlechtes Timing?“

Marsmenschen halten Wünsche für Quatsch

„Geh nicht…“
 

Deans Stimme war kaum mehr als ein Kratzen.
 

Jaz blieb in der Tür stehen.
 

Drehte sich langsam um.
 

Ihr Blick fiel wieder auf ihn – auf den Schweiß, das Zittern, die viel zu blasse Haut.
 

„Was ist los mit dir?“, fragte sie leiser als zuvor.
 

Dean schluckte.
 

Seine Hände krallten sich leicht in die Decke.
 

„Ich…“
 

Er brach ab, atmete schwer.
 

„Ich glaube, ich sterbe gerade ein bisschen.“
 

Jaz trat einen Schritt näher.
 

Zögernd.
 

„Du bist krank.“
 

„Nein“, murmelte Dean. „Ich bin… klar… ehrlich…“
 

Ein schiefes, kaputtes Lächeln.
 

„Zum ersten Mal.“
 

Stille.
 

Dann setzte sie sich vorsichtig neben ihn.
 

„Dann red.“
 

Dean starrte kurz auf den Boden.
 

Als müsste er die Worte erst irgendwo finden.
 

„Ich war nicht immer so“, begann er langsam. „Also… doch. Vielleicht schon. Aber… nicht so kaputt.“
 

Er atmete flach.
 

„Ich hatte Freunde. Früher.“
 

Ein kurzer Moment.
 

„Wir haben uns selbst die Marsmenschen genannt.“
 

Jaz zog leicht die Augenbrauen hoch.
 

„Warum?“
 

Dean zuckte schwach mit den Schultern.
 

„Weil wir dachten, wir sind anders. Klüger. Über allem.“
 

Ein trockenes Lachen.
 

„Waren wir nicht.“
 

Sein Blick wurde leerer.
 

„Wir haben über alles gelacht. Über Geschichten. Über Magie. Über Wünsche.“
 

Er schloss kurz die Augen.
 

„Diese ganze Sache mit Lampen, Dschinns, Schicksal…“
 

Ein leises Schnauben.
 

„Für uns war das Quatsch.“
 

Jaz sagte nichts.
 

Dean fuhr sich mit zitternder Hand durchs Gesicht.
 

„Sie hatten recht.“
 

Stille.
 

„Zumindest… fast.“
 

Seine Stimme wurde brüchiger.
 

„Irgendwann hab ich angefangen, mehr zu nehmen. Erst nur, um mitzuhalten. Dann… weil es einfacher war.“
 

Er schluckte.
 

„Und irgendwann war ich nicht mehr wirklich da.“
 

Ein kurzer Atemzug.
 

„Ich erinnere mich an einen Trip…“
 

Sein Blick flackerte.
 

„Alles war durcheinander. Farben. Stimmen. Gedanken…“
 

Er lachte leise.
 

„Und dann war da plötzlich… Azur.“
 

Jaz’ Blick wurde schärfer.
 

Dean bemerkte es.
 

„Ich weiß“, sagte er sofort. „Ich weiß, wie das klingt.“
 

Er schüttelte leicht den Kopf.
 

„Aber für mich war er real. Er war da. Hat mit mir geredet. Hat mich… begleitet.“
 

Ein bitteres Lächeln.
 

„Als alle anderen gegangen sind.“
 

Stille.
 

„Die Marsmenschen… meine Freunde… haben irgendwann aufgehört, mich mitzuziehen.“
 

Er zuckte mit den Schultern.
 

„Zu anstrengend. Zu kaputt. Zu weit weg.“
 

Sein Blick wurde hart.
 

„Also bin ich geblieben. Mit ihm.“
 

Ein leises Ausatmen.
 

„Mein einziger Freund.“
 

Jaz sah ihn an.
 

Nicht mehr nur skeptisch.
 

Nicht mehr nur wütend.
 

Dean fuhr fort, leiser:
 

„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“
 

Er sah sie kurz an.
 

„Er war perfekt dafür.“
 

Ein schwaches Lächeln.
 

„Er hat mir genau das gesagt, was ich hören wollte. Und alles, was mich noch tiefer reingezogen hat.“
 

Seine Hände zitterten stärker.
 

„Du bist nichts ohne das Zeug.“

„Du brauchst das.“

„Du schaffst es nicht allein.“
 

Dean schloss kurz die Augen.
 

„Und ich hab’s geglaubt.“
 

Stille füllte den Raum.
 

Dann sah er sie wieder an.
 

„Aber dann… kamst du.“
 

Ein kleiner Moment.
 

„Und plötzlich… war da was anderes.“
 

Seine Stimme wurde leiser.
 

„Ich will da raus.“
 

Ein Atemzug.
 

„Nicht für Geld.“
 

Ein weiterer.
 

„Nicht für irgendeinen Plan.“
 

Sein Blick hielt ihren.
 

„Für dich.“
 

Stille.
 

„Ich mag dich wirklich, Jaz.“
 

Jaz sah ihn lange an.
 

Zu lange, um es einfach abzutun.
 

Dann atmete sie langsam aus.
 

Und etwas in ihrem Blick veränderte sich.
 

Sie hob die Hand.
 

Zögerte kurz.
 

Dann strich sie ihm vorsichtig durch die Haare.
 

Dean erstarrte fast bei der Berührung.
 

„Du bist ein Idiot“, sagte sie leise.
 

Aber ihre Stimme war weich.
 

„Ein ziemlich großer.“
 

Ein ganz leichtes Lächeln.
 

„Aber… ein ehrlicher Idiot.“
 

Dean schnaubte schwach.
 

„Du kommst da raus.“
 

Dean wollte etwas sagen, doch sie war schneller.
 

„Und du musst das nicht alleine machen.“
 

Ein kleines, schiefes Lächeln zog über ihre Lippen.
 

„Man kann nach vielen Dingen süchtig sein, falls du eine brauchst.“
 

Sie beugte sich ein Stück näher.
 

„Auch nach Menschen.“
 

Stille.
 

Deans Atem stockte kurz.
 

Sein Blick suchte ihren.
 

Und fand ihn.
 

Zum ersten Mal ohne Nebel.
 

Ohne Stimmen.
 

Ohne Azur.
 

Nur sie.

Und fern vom Todesstern atmet die Ostersonne wie eine kleine Supernova

Dean war schon eine Weile nüchtern.
 

Nicht lange genug, um sich gut zu fühlen.

Aber lange genug, um zu merken, wie schlecht es ihm vorher wirklich ging.
 

Der Todesstern wirkte anders, als sie zurückkamen.
 

Kälter.
 

Kontrollierter.
 

Und trotzdem—
 

Jaz’ Hand in seiner machte es erträglicher.
 

„Du überlässt mir das Reden“, flüsterte sie, bevor sie die Tür öffnete.
 

Dean nickte nur.
 

Herr Gharaba saß bereits da.
 

Sein Blick fiel sofort auf sie.
 

Dann auf Dean.
 

Lange.
 

Zu lange.
 

„Du bringst ihn zurück“, sagte er langsam. „Nach allem.“
 

Jaz trat vor.
 

Ohne zu zögern.
 

„Ich liebe ihn.“
 

Stille.
 

Ein Satz, der hängen blieb.
 

Selbst Dean blinzelte kurz.
 

Dann setzte sie nach.
 

Leiser.
 

„Und… ich bin schwanger.“
 

Jetzt veränderte sich alles.
 

Gharabas Blick.
 

Seine Haltung.
 

Seine Entscheidung.
 

Ein langer Moment verging.
 

Dann atmete er aus.
 

Schwer.
 

„Dann wird geheiratet.“
 

Nur einer war dagegen.
 

J. Faar.
 

Natürlich.
 

In der Nacht schlich sich Dean durch die bekannten Gänge.
 

Leiser als früher.
 

Klarer.
 

Ohne Azur.
 

Ohne Stimmen.
 

Nur er.
 

„Ein Druckmittel“, murmelte er. „Irgendwas…“
 

Die Tür zum Labor war nicht verschlossen.
 

Natürlich nicht.
 

Ein Fehler.
 

Oder eine Einladung.
 

Dean trat ein—
 

und blieb stehen.
 

Farben.
 

Überall.
 

Gläser.

Fläschchen.

Pulver.
 

Rot. Blau. Gold. Grün.
 

Wie ein verdrehtes Osternest.
 

Zu schön.
 

Zu verlockend.
 

Sein Blick blieb hängen.
 

Zu lange.
 

„Ich wusste, dass du kommst.“
 

Dean erstarrte.
 

J. Faar trat aus dem Schatten.
 

Langsam.
 

Lächelnd.
 

„Wer einmal gekostet hat…“, sagte er leise, „kann nicht widerstehen.“
 

Dean schüttelte sofort den Kopf.
 

„Doch.“
 

Ein Schritt zurück.
 

„Ich kann.“
 

J. Faar lachte leise.
 

Dann hob er die Hand—
 

und Dean wurde gegen die Wand geschleudert.
 

Hart.
 

Die Luft blieb ihm weg.
 

Unsichtbarer Druck presste ihn fest.
 

„Du kannst gar nichts“, flüsterte J. Faar.
 

Ein kleines Fläschchen schwebte zu ihm.
 

„Meine neueste Kreation.“
 

Dean wand sich.
 

Kein Azur.
 

Keine Hilfe.
 

Nur er.
 

Sein Blick fiel auf den Stab.
 

Neben J. Faar.
 

Ein kurzer Moment.
 

Eine Entscheidung.
 

Dann trat er zu.
 

Mit aller Kraft.
 

Der Stab rutschte weg—
 

der Druck brach.
 

Dean fiel nach vorne.
 

Keuchte.
 

Und J. Faar—
 

reagierte sofort.
 

Zu schnell.
 

Ein weiterer Zauber.
 

Ein Schritt.
 

Ein Ausweichen.
 

Dean griff blind nach etwas—
 

riss ein Regal um—
 

Glas zerbrach.
 

Flüssigkeit spritzte.
 

Ein Funke.
 

Ein falscher Schritt.
 

Und plötzlich—
 

Stille.
 

J. Faar stand noch.
 

Für einen Moment.
 

Dann sackte er zusammen.
 

Reglos.
 

Dean starrte ihn an.
 

„…scheiße.“
 

Sein Atem ging schnell.
 

Zu schnell.
 

Sein Blick wanderte.
 

Zu den Farben.
 

Zu den Fläschchen.
 

Zu allem, was er so lange vermisst hatte.
 

Nur ein bisschen.
 

Nur einmal.
 

Seine Hand zitterte—
 

griff—
 

zögerte—
 

und nahm.
 

Als er wieder klar denken konnte, war es still.
 

Zu still.
 

Die Sonne ging auf.
 

Er sah sie nicht.
 

Aber er spürte es.
 

Die Ostersonne.
 

Warm.
 

Weit weg.
 

Und er war wieder hier unten.
 

Wie immer.
 

Am nächsten Morgen—
 

stand jemand vor ihm.
 

Dean blinzelte.
 

Sein Kopf dröhnte.
 

Sein Körper schwer.
 

Und dann sah er ihn.
 

J. Faar.
 

Stehend.
 

Unversehrt.
 

Dean riss die Augen auf.
 

„Du bist tot.“
 

Ein langsames Lächeln.
 

„Jetzt bin ich bei dir.“
 

Seine Stimme war ruhig.
 

Zu ruhig.
 

„Du bist nichts ohne uns“, sagte er leise.
 

„Sieh mich… als Genie.“
 

Ein Schritt näher.
 

„Ich erfülle dir jeden Wunsch.“
 

Ein Flüstern.
 

„Und nehme dich mit in die Hölle.“
 

Dean wich zurück.
 

„Nein…“
 

Ein Lachen.
 

Ein zweites.
 

Vertraut.
 

Azur.
 

Er tauchte neben J. Faar auf.
 

Locker.
 

Grinsend.
 

„Sei nicht so hart zu ihm.“
 

Er klopfte J. Faar gegen die Schulter.
 

„Er hat sich Mühe gegeben.“
 

Dean starrte sie an.
 

Beide.
 

„Ich wollte mich nur verabschieden“, sagte Azur.
 

Ein letzter Blick.
 

Fast ehrlich.
 

„Aber jetzt… hast du Ersatz.“
 

J. Faar lächelte breiter.
 

Dunkler.
 

„Ein Upgrade.“
 

Stille.
 

Dean stand da.
 

Zwischen ihnen.
 

Und wusste—
 

diesmal wird es schlimmer.



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