Reni
Ich lief den langen dunklen Weg zu meinem Freund Jona und dachte darüber nach, dass er sich nicht der Gewalt verschrieben hatte. Er hing ab und zu mit den Jungs aus der Gang herum aber er mischte sich nicht in die Schlägereien ein und lehnte es ab Mitglied der Gang zu werden. Ich war inzwischen ein vollwertiges Mitglied und mischte ordentlich mit. Wäre es besser gewesen kein Mitglied einer Gang zu werden? Ben und die anderen Jungs waren nicht gewalttätig gegenüber wehrlosen Jungs. Die Schlägereien bezogen sich auf andere Gangs, was ich mir immer als positiven Gedanken in der Hinterhand hielt. Doch war es wirklich der richtige Weg? Ich wusste nicht, ob ich für immer in einer Gang bleiben wollte, denn ich war eigentlich eher ein Einzelkämpfer.
Gerade als ich diesen Gedanken hatte, hörte ich plötzlich ein lautes Bellen... einen Hund! In der Dunkelheit konnte ich nicht viel sehen, doch zwei dunkle Gestalten beugten sich über etwas. Sie schienen so beschäftigt zu sein, dass sie mich nicht bemerkten. Als ich laut rief: „Hey, was macht ihr da, braucht ihr Hilfe?“ schreckten die beiden Gestalten hoch, ließen etwas auf den Boden fallen und rannten davon. Gerade als ich mich dem gefallenem Gegenstand nähren wollte, hörte ich ein Wimmern und Winseln. Ich nährte mich dem liegenden Hund und hielt ihm sanft die Hand vor die schnauze, um ihm zu zeigen, das alles in Ordnung war. Das Winseln wich kurz einem knurren aber dann verstummte der zierliche schwarze Mischling wieder. Er stand auf und wich ängstlich vor mir zurück. „Es ist alles gut, ich werde dir nichts tun...“, sprach ich leise und behutsam auf den Hund ein. Wieder hielt ich ihm meine Hand hin. Jetzt kam er vorsichtig und langsam auf meine Hand zu und schnupperte an ihr.
Ich begann den Hund zu streicheln und fragte mich, wer ihn wohl hier zurückgelassen hatte. Als ich nach dem zurückgelassenen Gegenstand schaute, sah ich einen zusammengerollten Zettel, der an einer Hundemarke befestigt war. Ich las zuerst den Namen auf der Hundemarke: „Reni“, dann nahm ich den Zettel in die Hand und las ihn mir durch: „Mein Name ist Reni und ich suche ein neues Zuhause.“ Ich wusste nicht, was ich jetzt machen sollte und nahm den Hund mit zu Jona, meinem Freund. Wir beschlossen sofort zu einem Tierarzt zu gehen, um den Hund untersuchen zu lassen. Er war zum Glück gesund.
Dann wurden wir gefragt, ob wir jemanden kennen würden, bei dem der Hund bleiben könnte. Jona sagte, dass er jemanden kennen würde, der gerne einen Hund aufnehmen würde. Wir riefen die Freundin sofort an und sie kam sofort vorbei. Doch Reni wich nicht von meiner Seite, sie leckte meine Hand und blieb ängstlich an meinem Bein lehnend stehen. Zu meiner Überraschung war es Maya, die Reni aufnehmen wollte. Ich war sofort erleichtert, dass es Maya war, denn sie würde sich ganz sicher gut um Reni kümmern. Wir alle blieben bei Jona noch verweilen und spielten mit Reni, die langsam aber sicher immer zutraulicher wurde.
Als ich an diesem Tag nach Hause ging, dachte ich noch darüber nach, wie furchtbar es war, dass die Hündin Reni einfach ausgesetzt worden war. Man hatte sie einfach so, ihrem Schicksal überlassen... Es machte mich wütend, dass es Menschen gab, die so etwas übers Herz bringen konnten.
Reni ~ Das neue Zuhause
Seit einigen Wochen hatte ich nichts mehr von Maya gehört, ich war allerdings interessiert wie es ihr mit Reni, dem kleinen Mischlingshund ging. Reni war ausgesetzt worden und hatte bei Maya ein neues Zuhause gefunden. Ich lief also zu Mayas Wohnung und klingelte bei ihr an der Tür. Sofort wurde ich von einem Bellen überrascht. Maya öffnete die Tür und schien sich sehr zu freuen mich zu sehen. „Hallo Marcus, schön, dass du uns besuchen kommst.“ Sie öffnete weit die Tür und ließ mich herein. Ich wollte Reni zur Begrüßung streicheln aber sie wich vor meiner Hand zurück. Ich ging langsam in die Hocke und hielt ihr meine Hand hin, sodass sie daran schnuppern konnte. Danach konnte ich sie vorsichtig streicheln.
Wir liefen in das Wohnzimmer und mir wurde sofort warm ums Herz, da Maya für Reni so viele Plätze eingerichtet hatte. Es gab eine flauschige Hundedecke auf dem Sofa und ein schönes Großes Hundekörbchen, in dem Reni liegen konnte. Auf dem Fußboden lagen viele kleine Kuscheltiere und anderes Spielzeug für Hunde. „Du hast es ja schön für Reni eingerichtet“, sagte ich an Maya gerichtet und wir setzten uns auf das weiche Sofa. Maya lächelte mir zu und bot mir ein Glas Wasser an. Ich trank kurz darauf einen Schluck aus dem Glas und fragte neugierig wie es mit Reni klappte. Maya schaute plötzlich nicht mehr so glücklich und erklärte mir, dass Reni sehr zurückhaltend und ängstlich gegenüber Menschen war. Maya erzählte mir, dass sie vermutete, dass Reni bei ihren Vorbesitzern schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
Es tat mir weh, das zu hören. Ich hatte ebenfalls Erfahrung damit, in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen zu sein und es tat mir leid, dass es Reni vielleicht ähnlich ging wie mir. „Wie gehst du denn mit Reni um, damit es ihr besser geht? Fragte ich vorsichtig nach. Maya dachte kurz nach und fing an zu erzählen: „Ich versuche Reni Sicherheit und Vorhersehbarkeit zu vermitteln, damit sie merkt, dass von ihrer Umwelt keine Gefahr ausgeht. Wir haben einen Festen Tagesablauf, sowie feste Gassigehzeiten um Reni Orientierung zu geben. Dadurch wird der Stress für sie gesenkt. Ich habe mir sagen lassen, dass ein fester Rückzugsort für sie wichtig ist, an dem sie sich sicher fühlen kann. Diesen Ort habe ich ihr in meinem Schlafzimmer eingerichtet.“
Ich saß auf dem Sofa und hörte Maya gespannt zu, als eine kalte Hundenase meine Hand berührte. Reni stupste mich an und ich streichelte sie vorsichtig und behutsam ein wenig. Sofort schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht, da ich mich nach dem, was Maya gerade über Reni erzählt hatte, sehr über ihre Kontaktaufnahme mit mir freute. „Schau mal Marcus, sie scheint dich noch zu kennen und sie mag dich.“ Dann hielt Maya mir ein Leckerli für Reni hin und ich konnte sie sogar mit der Hand füttern. Maya strahlte über das ganze Gesicht und sagte, dass es ein Vertrauensbeweis war.
Ich schaute auf die Uhr und ich musste so langsam wieder zum Abendessen nach Hause gehen. Ich verabschiedete mich mit einer kurzen Umarmung bei Maya und streichelte auch Reni noch einmal, bevor ich mich auf den Weg machte. Ich war mir sicher, dass es niemand besseres für Reni gab als Maya. Sie kümmerte sich wirklich rührend um Reni. Doch ich war auch ein wenig wehmütig, da ich Reni auch gerne bei mir Zuhause aufgenommen hätte. Doch mit meinem gewalttätigen Vater wäre das bestimmt nicht gut für Reni gewesen.
Ich wusste aber, wo ich sie jederzeit besuchen konnte und das war schon viel wert.