Mortalitas
𝕸𝖔𝖗𝖙𝖆𝖑𝖎𝖙𝖆𝖘
𝔖𝔱𝔢𝔯𝔟𝔩𝔦𝔠𝔥𝔨𝔢𝔦𝔱
†
Tropf.
Tropf..
Tropf...
Das rhythmische und doch völlig ungleichmäßige Plätschern winziger Wassertröpfchen, die sich in Rinnsalen an der kalten, steinernen Wand seines Kerkers hinab wanden und zu kleinen Pfützen auf dem von Moos überwachsenen Boden sammelten, trieb ihn allmählich in den Wahnsinn. Ihr Tempo schien sich alle Herzschläge lang zu verändern, sodass es gerade asynchron genug war, um ihn regelmäßig aus der befreienden, leeren Tiefe seiner Gedanken zu reißen und das mit einer Brutalität, die die seiner Kerkermeister häufig in den Schatten stellte.
Wenn er seine verkrusteten, halb blinden Augen öffnete, sah er das gleiche Bild wie seit vielen Monden – oder war er erst wenige Tage hier unten? Schiefe Wände aus schmutzigem Pflasterstein gehauen; Spalten, in denen Leichenweiß, Moos und Braunkappen wucherten. Ein einzelnes kreisrundes Fenster schräg gegenüber von ihm, durch welches immer gleiches, trübes Licht einen schmalen, kegelförmigen Bereich seines Kerkers erhellte. Staub tanzte darin, zog wirbelnd seine Bahnen und war gänzlich unberührt dessen, was sich regelmäßig hier abspielte.
Fast wäre ihm ein Lachen entflohen, doch er beherrschte sich, denn selbst Atmen tat weh an diesem Ort. Die Luft schmeckte schal nach Moder, Blut – getrocknet und frisch – und endloser Qual, durchzogen von Schweiß und Angst. Einige seiner Rippen hatte man zertrümmert, aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie wieder zusammenzuflicken. Abgesplitterte Knochen bohrten sich mit jedem Atemzug, der zu viel Raum verlangte, in seine Lungen, wie lange, spitz zulaufende Finger, die durch die Haut direkt in sein Fleisch griffen.
An den körperlichen Schmerz hatte er sich gewöhnt, wie man sich auch an ein lahmendes Bein mit der Zeit gewöhnen mochte, doch die stete Unterbrechung seiner Flucht aus der Realität wog weit schwerer an seiner mentalen Verfassung als die eiskalten Fesseln an seinen wund gescheuerten Gelenken.
Die gequälten Schreie und das ächzende Stöhnen seiner Mitinsassen waren vor einigen Tagen (oder waren es Wochen?) verstummt und somit die letzte, fadenscheinige Verbindung zur Menschlichkeit durchtrennt. So grausam es auch war – ihr Martyrium hatte ihn daran erinnert, dass er nicht der letzte Mensch auf dieser Erde war, dazu verdammt, für immer in dieser alles erstickenden Dunkelheit zu leiden. Nun gab es nichts mehr, was die grausame Erkenntnis, in diesem modrigen Verlies sein Ende zu finden, dämpfte.
Er war alleine.
Seine Hoffnung war langsam, fast zäh, gestorben, wie von einer Krankheit siechend dahingerafft, doch nun lag dort, wo einst ein winziges Licht in ihm gebrannt hatte, nur noch kalte Schwärze.
Er nahm gar nicht wahr, wie sich die eiserne Tür zu seiner Zelle mit einem lauten Quietschen öffnete und schwere Schritte sich näherten, um ihn noch tiefer in die Hölle zu ziehen. Das leise, geradezu diabolisch erheiterte Flüstern seiner Folterer, gleich dem Zischen von aggressiven Schlangen, klang wie ein Kanon aus weiter Ferne an seinem Ohr. Mit jedem Tag, den er sich gegen den endgültigen Wahnsinn wehrte, wurden sie umso begieriger darauf, ihn ein für alle Mal zu zertrümmern.
Der Geruch von Schimmel, nasser Erde und längst getrocknetem Blut drang ihm in die Nase, als sie ihn vom Boden zerrten und mit sich schliffen. Seine Knie scheuerten über den unebenen Stein, doch er spürte den Schmerz in Form von feinen, prickelnden Nadelstichen an seiner Haut kaum.
Sie würden auch dieses Mal daran scheitern, ihn zu brechen, das wusste er mit der grimmigen Bestimmtheit eines Mannes, der schon vor langer Zeit zerbrochen war.
Ignis
𝕴𝖌𝖓𝖎𝖘
ℑ𝔫 𝔉𝔩𝔞𝔪𝔪𝔢𝔫
†
An den omnipräsenten Geruch von Blut, der in der Luft hing, wie die schwammigen, rasch verblassenden Erinnerungen an einen schlimmen Albtraum, gewöhnte man sich recht schnell.
An die gequälten Schreie niemals.
Cirilla, von ihren Kollegen nur Ciri genannt, da jede Silbe zu viel in einer aussterbenden Welt weder die Luft, aber vor allem nicht die Zeit wert war, die man darauf verschwenden musste, sie auszusprechen, wippte auf den Fußballen auf und ab, um ihre müden, verkrampften Muskeln zu dehnen. Ihr Waffenarm ruhte entspannt auf dem Knauf ihres Kurzschwerts und von außen mochte sie gelangweilt, vielleicht sogar gedankenversunken anmuten, doch in ihrem Blick erkannte man die geschulte Aufmerksamkeit einer jungen Frau, die sich von einer Sekunde auf die nächste mit einem lebendigen Albtraum konfrontiert sehen konnte.
»Ciri.« Ein Wort. Ein Name. Eine Stimme, wie geschliffener Stahl. Als sie sich der Stimme zuwandte, die vom jahrelangen Kampf ums Überleben und einigen Aufenthalten in der Hölle so rau geworden war, dass sie an die Schale einer Nuss erinnerte, die man langsam über eine grobe Reibe zog, erkannte sie ihren alten Freund und Kollegen Lambert. Das Feuer, welches seit Stunden durch die Straßen Nowigrads grassierte wie eine besonders hartnäckige, bösartige Iteration einer Infektionskrankheit, fiel von hinten auf seinen Rücken und seine kantigen, ausgemergelten Gesichtszüge warfen tiefe Schatten. Wie jeder ihrer stetig wachsenden Gruppe von Revolutionären aß er zu wenig und zu sporadisch. »Die anderen sind um Aretusa herum postiert und warten auf das Signal.« In seinen stechend grüngelben Augen funkelte einen Herzschlag lang etwas von seinem früheren Eifer und Schelm, doch die Dunkelheit, in der sie die letzten fünf Jahre hatten überleben müssen, fand nur allzu schnell zurück in die einst so lebendigen Iriden, bis er sie mit derart düsterem Blick musterte, dass Ciri kurz dankbar dafür war, dass sie auf der selben Seite kämpften.
Auf der Seite der Hoffenden.
»Es ist noch nicht so weit«, befand sie knapp, fast beiläufig, während sie sich wieder dem gewaltigen Gebäude zuwandte, welches vor dem Untergang der Welt eine Kathedrale gewesen war. Die Türme waren in der Folge der Aufstände und Kriege in sich zusammengefallen, schon lange bevor ihre Gruppe die einst prosperierende Hafenstadt erreicht hatte, und der widerspenstige Stein war von unzähligen Feuern, die er überdauert hatte, so rußgeschwärzt, dass das fahle Licht des Mondes über ihren Köpfen sich matt darin brach.
Es roch nach der Asche, die, angetrieben von den Flammen, den Himmel emporstieg und nun aus den Rauchsäulen heraus wie grauer Schnee vom Himmel flockte und die Stroh- und Ziegeldächer unter sich begrub wie unter einem aschgrauen Leichentuch.
Ciri konnte Lamberts Stirnrunzeln förmlich in ihrem Rücken spüren und ein missbilligender Laut rollte als Vorbote der unausweichlich folgenden Predigt über seine Lippen. »Unsere Leute sterben in der Stadt, Ciri«, mahnte er ärgerlich, als bräuchte sie eine Erinnerung an das Grauen, welches sie auf dem Weg hierher bestmöglich umrundet hatte. An die Schreie ihrer sterbenden Kameraden und das Heulen und Knurren der Bestien, die, mit aufgerissenen Mäulern über ihre bleichen Leiber gebeugt, mit ihren blutunterlaufenen Augen nach neuer Beute Ausschau hielten.
Ein einziges Mal in dieser Nacht hatte Ciri einem dieser fast menschlich anmutenden Kreaturen ins Gesicht gesehen, während die Klinge ihres Schwertes eine klaffende Wunde in den Körper des Monsters gerissen hatte und das Leben in einem dicken Strom zähflüssigen Blutes aus ihm herausgequollen war. Für Mistle war zu diesem Zeitpunkt schon jede Hilfe zu spät und dennoch hatte es Ciri mit einer grimmigen Zufriedenheit erfüllt, das Monster, welches fast doppelt so groß gewachsen war wie sie selbst, auf die struppigen Knie sinken zu sehen, ehe es wie ein nasser Sack zur Seite kippte und den zierlichen Körper ihrer Freundin unter sich begrub.
Es war keine Zeit geblieben für einen zeremoniellen Abschied. Nicht einmal ihre Leiche hatte sie unter dem Monster hervor hieven und an einen abgeschiedenen Ort bringen können. Alleine der Umweg aus den Schatten heraus, um ihr zur Hilfe zu eilen, war ein riskantes Wagnis gewesen, doch am Ende war sie rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt erschienen. Sogar einige Augenblicke vor Lamberts Ankunft.
Ciri schloss die Augen und die noch frischen Bilder des kurzen Kampfes blitzten durch ihren Kopf, gefolgt von dem angsterfüllten Blick von Mistle, deren Gesicht für alle Ewigkeit zu einer Maske stummen Entsetzens verzerrt irgendwo auf dem dreckigen Pflasterstein der Stadt ruhte.
Zurückgelassen.
Allein.
»Wenn wir Aretusa jetzt angreifen, werden wir scheitern.« Ihre Stimme zitterte nicht als sie sprach, aber das Beben ihres Körpers vermochte sie nicht gänzlich zu unterdrücken und es lag ebenso wenig an dem kalten Wind, wie an dem kühlen Licht der verdunkelten, sich der Erde zuneigenden Sonne, welches sich durch die Baumkronen des kleinen Gartens auf sie ergoss. »Sie wissen, dass wir kommen, dafür haben wir mit unserer Brandstiftung wohl gesorgt, aber solange sie ihre Aufmerksamkeit nicht nach außen kehren, auf die Schlacht auf den Straßen, werden sie uns sehen, sobald wir einen Fuß jenseits der Schatten setzen.«
Lautes Glockenläuten verschluckte Lamberts ruppige, gewiss von Unflätigkeiten durchflochtene Antwort, und beinahe zeitgleich sahen sie zu dem Glockenturm – dem einzigen Auswuchs der ehemaligen Kathedrale, der sowohl die Zeit als auch (un)menschliche Aggressionen überdauert hatte.
Endlich kamen die Schwarzen Ritter in Bewegung.
Einst hatten sie silberne Rüstungen mit schneeweißen Umhängen getragen, sich anders genannt und für das Wohl der Allgemeinheit gekämpft, nun war von dem früheren Glanz kaum noch etwas übrig. In ihren verkohlten Rüstungen mit den Helmen ohne Visier glichen sie den gesichtslosen Dämonen, die in den Kellern hinter ihnen in Aretusa durch die Schatten streiften. Unter ihren Masken konnten sich Mensch und Monster gleichermaßen verbergen und Ciri verspürte kaum den Drang, den Vorhang des Rätsels zu lüften, um dahinter zu sehen.
Wie gebannt starrte sie auf das altehrwürdige Eingangsportal von Aretusa, eine massive, verzierte Doppeltür, die in silbernen Angeln hing und die nun mit viel Getöse aufgeschoben wurde. Trommeln wurden in einem schwindelerregenden Rhythmus geschlagen, der wie ein Abgesang auf das Leben klang, während die Schwarzen Ritter in ihren dunkel schimmernden Rüstungen, denen sie ihren Namen ebenso sehr zu verdanken hatten wie ihrer hasserfüllten Unbarmherzigkeit, im Gleichschritt aus der Kathedrale marschierten. Schwarze, metallene Federn zierten ihre gezackten Helme wie die Unheil verkündenden Schwingen von Raben und das Feuer in der Nacht leuchtete glutrot in ihnen.
Ciri und Lambert traten einige Schritte tiefer in die löchrigen Schatten hinein, welche die kahlen Baumkronen im Garten der Kathedrale warfen, deren Äste wie skelletartige, gekrümmte Finger in den Himmel wuchsen. Stumm beobachteten sie den Abmarsch der Ritter und lauschten den geschrienen Befehlen, die wie Peitschenhiebe durch die aufgewühlte Nacht schallten. Selbst ihre Stimmen klangen unter den Helmen blechern, fast mechanisch und ließen genug Raum für Zweifel an ihrer Menschlichkeit.
»Sie werden Aretusa nicht unbewacht zurück gelassen haben«, flüsterte Lambert dicht an ihrem Ohr und der warme Atem, gepaart mit seiner plötzlichen Nähe, bescherten ihr eine bizarre Gänsehaut. Sie hatte Lambert und seinen Hang zur Boshaftigkeit nie besonders gemocht, und seine Körperwärme in ihrem Rücken war ihr zuwider, doch sie verbiss sich einen giftigen Kommentar und strengte ihre ganze Willenskraft an, um nicht von ihm abzuweichen.
»Ich weiß. Wir werden uns den Weg in die Hölle freikämpfen müssen.« Wie um ihre Worte zu unterstreichen, streichelte sie den Griff ihres Kurzschwerts, welches sie auf den Namen Zireael getauft hatte, und umfasste den Knauf mit nachdrücklicher, eiserner Überzeugung. Töten hatte ihr nie besonders viel Freude bereitet und an das erste leblose Gesicht konnte sie sich nur allzu klar erinnern. Besonders in ihren Albträumen war es ein wiederkehrender Gast und der kalte Schweiß, der an ihrer Haut klebte, wann immer sie aus ihnen hochschreckte, schien stets nach seinem Blut zu riechen.
»Gib' das Signal«, befahl Lambert mit einem Ton, der deutlich machte, dass er keinerlei Aufschub mehr dulden würde, und so entzündete Ciri die Fackel, die sie an ihrem Gürtel befestigt mitgebracht hatte, und steckte die Bäume und vertrockneten Büsche der Gärten in Brand. Es dauerte nicht lange, bis die völlig vertrockneten Äste und Zweige Feuer fingen, welches sich mit atemberaubender Geschwindigkeit auf alles ausbreitete, was sich in unmittelbarer Nähe befand, und bald schon brannte der Garten hinter ihnen lichterloh. Dichte Rauchschwaden stiegen empor und verdunkelten den dämmrigen Himmel – das Zeichen für den Angriff.
»Los, Los, Los!«, schrie sie inbrünstig und der kalte Wind trug ihre Stimme über den ganzen Vorplatz hinweg zu ihren Kameraden, die jenseits der Kathedrale auf ihr Signal gewartet hatten. Mit einer einstudierten Synchronität, die an das Ineinandergreifen von Zahnrädern erinnerte, stürmten sie zeitgleich aus ihren Verstecken und spurteten in großen Schritten über den Hof zu den Treppen hinauf. Das Tor der Kathedrale stand noch immer offen, die gähnende Dunkelheit dahinter wie der klaffende Schlund einer riesigen Bestie, die voller Freude darauf wartete, dass ihre Beute freiwillig den Kopf zwischen ihre Reißzähne lag. Ein kühler Luftzug spielte mit einer weißen Strähne, die sich aus ihrem praktisch geflochtenen Zopf gelöst hatte, fast, als würde der Schlund der Bestie gemächlich atmen.
Ciri schauderte und packte den Griff ihres Schwertes so fest, dass die Haut sich weiß über ihre Knöchel spannte. Ihre Sorgen erwiesen sich jedoch alle als unbegründet, denn die Kathedrale lag oberhalb der Erde wie ausgestorben vor ihrer Gruppe. In der Nähe des Altars brannte eine einsame Kohlepfanne, deren Rauch sich wie dunkle Nebelschwaden über den Boden ausbreitete. Durch die zerstörten Fenster aus Buntglas drang das trübe Licht der erstickten Sonne und malte zersplitterte Muster auf die zersprungenen Mosaikplatten, die einst sehr schön ausgesehen haben mussten. Rauch kräuselte sich durch das geöffnete Portal in den Gebetsraum wie langgliedrige Tentakel einer boshaften Kreatur aus den Tiefen der Weltmeere und strich lauernd um ihre Knöchel.
Schritte von dutzenden Stiefeln hallten unwirklich laut in der großen Halle und Ciri blieb auf halbem Weg zum Altar stehen. Es war viel zu ruhig. Eine Vorahnung ließ sie erschaudern und aus der Ferne schien sie unmenschliches Gelächter zu hören. Die Anderen kamen schlitternd neben ihr zum Stehen, als sie beide Arme seitlich von sich streckte, um ihnen Vorsicht gebot. Ein einzelner Kiesel, der über das zerstörte Mosaik rollte, durchbrach die unheimliche Stille, die sich über sie senkte wie ein Leichentuch.
»Was ist los, Ciri?« Die Stimme ihres Ziehvaters Geralt erdete ihre durcheinander wirbelnden Gedanken und Sorgen und ihr Herzschlag beruhigte sich gerade weit genug, als dass sie das Rauschen ihres eigenen Blutes nicht mehr länger in den Ohren pulsieren spürte.
»Irgendetwas stimmt hier nicht«, antwortete sie ihm zögernd, als könnte jedes Geräusch, jedes gesprochene Wort eine Hölle hervorrufen, welche die unterirdischen Schrecken der Kerker wie einen angenehmen Tag am Ufer des Pontars wirken ließ. »Das ist zu einfach.«
»Verfluchte Götter, Ciri, wenn sie einen Hinterhalt geplant haben, wird sich unsere Lage nicht verbessern, wenn wir hier oben wie auf dem Präsentierteller ausharren. Wir müssen weiter!«, fluchte Lambert und zustimmendes Gemurmel echote durch die Reihen ihrer Leute. Ciri drehte sich um und sah in ihre angespannten, ausgezehrten Gesichter. Ihre Kleidung war mit Blut besudelt und nicht wenige von ihnen wiesen deutliche Schrammen und kleinere und größere Schnitte auf. Ihr Blick blieb an Geralt haften, der mit seiner stoischen Unerschütterlichkeit für sie wie ein Fels in einem Sturm war. Seine gelben Augen, die jenen von Katzen so seltsam ähnlich sahen, lagen ruhig und klar auf ihr und mit einem leichten Kopfnicken gab er ihr zu verstehen, dass er ihr in die Hölle folgen würde. Selbst in den Tod.
Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, rempelte Lambert sie von der Seite an und stürmte an ihr vorbei auf die Tür zu, die etwas abseits der verschobenen Bänke tiefer hinein in den besudelten Bauch des einst so strahlenden Gebetshauses führte. Die Verbrechen an der Menschlichkeit, die jenseits einer kleinen Falltür vollzogen wurden, waren genug, um selbst dem wackersten Soldaten weiche Knie zu bescheren, doch davon ließ Lambert sich nicht einschüchtern. Offensichtlich nicht, denn er hatte die Schrecken der Hölle mehr als einmal überlebt. Sein Talent, jeden in seiner näheren Umgebung aufzuwiegeln, hatte ihm mehrere Aufenthalte im Folterkeller der Bruderschaft eingestrichen als jedem anderen der Anwesenden. Selbst Ciri hatten sie nur ein einziges Mal dort hinunter verschleppt, um ihr ihre Aufmüpfigkeit mit Peitschen, Feuer und Seziermessern auszutreiben.
Jeder andere jedoch schien seine Vorbehalte zu haben, wenn es darum ging, Lamberts Beispiel zu folgen, und das, obwohl sie vor wenigen Sekunden noch auf seiner Seite gewesen waren. Es war wohl eine Sache, jemandem zuzustimmen, aber noch einmal etwas ganz anderes, auch wirklich zur Tat zu schreiten. Er war bereits in dem kleinen Nebenraum verschwunden, als Ciri sich aus ihrer steinernen Starre löste und den Kloß in ihrem Hals herunter schluckte.
»Los, hinterher!«, befahl sie heiser und die Gruppe setzte sich ruckartig in Bewegung, wie ein Stein, der sich aus einer Felsspalte löste und immer schneller den Berg herunterrollte. Ihre gehetzten Schritte hallten von den steinernen Wänden wider, die sich auf dem Weg ins unterirdische Nowigrad veränderten, finstrer wurden. Fackeln erhellten nur spärlich den Gang, der jenseits der Falltür auf sie wartete und unmittelbar in die Hölle führte, ihr Licht wurde von den tiefschwarzen Wänden förmlich verschluckt und nur ein dumpfes, rotgoldenes Schimmern ließ die Luft um sie herum glühen.
Erinnerungen und Bilder versuchten Ciris Verstand zu fluten, doch mit einem energischen Kopfschütteln verscheuchte sie die Geister und Illusionen der Vergangenheit mitsamt ihren fiebrigen Gesängen und qualvollen Schreien.
Das Lachen, welches sie sich einzubilden geglaubt hatte, wurde lauter, je tiefer sie hinabstiegen. Leere, offenstehende Zellen säumten ihren Weg dorthin, die Ketten und Fesseln, die in den nassen, blutgetränkten Stein geschlagen worden waren, hielten nur noch Knochen und sterbliche Überreste in den unterschiedlichsten Stadien der Verwesung fest.
Die Luft war von dem stechenden Geruch von geronnenem Blut, getrocknetem Schweiß und dem seltsam süßlichen Aroma des Todes geschwängert, und obwohl Ciri ihr mit Kräuteröl bearbeitetes Halstuch nahm und es sorgsam über Mund und Nase schob, verdrehte sich ihr der Magen. Noch etwas, woran sie sich niemals gewöhnen würde: Das Antlitz des Todes, so wandelbar und vielseitig, dass es sie immer wieder aufs Neue schockierte, obwohl sie bereits so oft damit konfrontiert worden war.
»Wo ist Lambert hin?«, war da Geralts Stimme dicht hinter ihr. Er klang überhaupt nicht müde oder angestrengt von den Kämpfen in der Stadt oder der Eile, mit der sie durch das verworrene Labyrinth des Kerkers hasteten. Andererseits war er auch mit Abstand das älteste Mitglied ihrer Bande und hatte schon Schlachten geschlagen und überlebt, lange bevor sie das Licht der Welt erblickt hatte. Seine Muskeln waren ebenso versiert und kampferprobt wie sein ruhiger, konzentrierter Verstand, mit welchem er schon in einige heikle Situationen entschärft hatte. Von allen war er der Einzige, der nie von den Schwarzen Rittern überwältigt und in die Kerker der Hölle geschmissen worden war und das, obwohl ihm sein Ruf bis über die Grenzen Redaniens hinaus voraus eilte.
»Ich weiß es nicht«, zischte sie und beschleunigte ihr Tempo, »aber so, wie ich ihn kenne, steckt er schon wieder knöcheltief in der Scheiße.« Der Fluch rollte derb über ihre Zunge und auch die herben, heilsamen Öle in ihrem Tuch milderten seine Schärfe nicht. »Streich' das, wohl eher knietief.«
Geralt schnaubte hinter ihr und dank ihrer jahrelang vertieften Verbindung konnte sie das Geräusch als amüsiert einschätzen. »Das hätten wir aber alle gehört. Lambert ist nicht dafür bekannt, sich gemäßigt zu benehmen.«
Damit hatte er durchaus recht. Wenn Lambert etwas gefunden hätte – im Guten wie im Schlechten -, dann hätte er einen Aufstand gemacht, den die schwarzen Ritter selbst am anderen Ufer des Pontars mitbekommen hätten. Doch je tiefer sie sich in die Keller hinein bewegten, desto ruhiger wurde es, abgesehen von dem Kichern, das dann und wann von den feuchten Wänden abprallte und seltsam entrückt nachhallte. In Ciris Ohren klingelte es, der Geruch von Blut wurde so eindringlich, dass er sich, vermischt mit dem Kräuteraroma, wie eine pelzige, bleierne Schicht auf ihrer Zunge ablegte.
»Hier unten!«
Ciri hielt abrupt inne, rutschte auf dem schmierigen Boden fast aus und horchte in die Stille, in der die zwei gebellten Worte leise echoten. Sie kamen von unten, davon war Ciri überzeugt, doch so tief war sie noch nie in die Hölle vorgedrungen. Da war wieder dieses Lachen, das sich zu einem entsetzten, furchteinflößenden Schrei verzerrte.
»Beeilt euch!« Lamberts Stimme.
Ciri und Geralt tauschten einen Blick, flackernd wie das Licht der Fackeln zu ihren Seiten. Dann rannten sie los, fast zeitgleich, folgten Lamberts Stimme, die immer wieder durch die ausgestorbenen Gänge hallte und ihnen den Weg durch die glühende Finsternis wies. Als sie ankamen, würgte Ciri fast instinktiv, denn der Gestank in der Zelle, in der Lambert zum Stehen gekommen war, war bestialisch. Mit zitternder Hand presste sie das Stofftuch fester gegen Mund und Nase, während sie ihre Umgebung flüchtig in Augenschein nahm.
Eine Zelle wie jede andere, so schien es im ersten Moment. Feuchtkalte Wände, blutbefleckter Boden, leere Ketten, die dort, vom Gewicht der ganzer Leben beschwert, in stiller, endloser Geduld hingen und darauf warteten, ihr nächstes Opfer der Grausamkeit schutzlos preiszugeben. Auf dem Boden regte sich etwas, erregte Ciris Aufmerksamkeit. Ein zögerlicher Schritt in die Richtung des Stoffbündels, vor welchem Lambert in die Hocke gegangen war.
»Ein Gefangener. Nur einer. Er redet nicht.« Er deutete auf das zitternde Häufchen und Ciri hatte Schwierigkeiten, sich unter dem muffigen, löchrigen Stoff einen vollwertigen Menschen vorzustellen. »Hab schon alles versucht.« Lambert gab der Gestalt einen saftigen Tritt, die wiederum keuchend wimmerte. Ciri schob ihr Schwert zurück in die lederne Scheide an ihrem Gürtel.
»Lass' das«, knurrte sie und zerrte Lambert an der Schulter zurück auf die Füße, »er ist keiner von ihnen. Das macht ihn zu einem von uns, Lambert«, fügte sie hinzu, als Lambert Anstalten machte, zornig sein Gift zu versprühen. »Geralt. Tu mir einen Gefallen und pass auf Lambert auf, während ich überprüfe, wie es um die Gesundheit des Gefangenen steht.«
Geralt nickte ihr zu und im nächsten Augenblick wurden ihre Knie nass von etwas, was sie zweifelsohne besser niemals zu benennen vermochte. »Hallo«, hauchte sie leise, die Finger sanft auf dem dreckigen Stoff. Der Mensch darunter zitterte kaum merklich und mit nur wenig Widerstand schaffte Ciri es, ihn so aufzurichten, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte – oder das, was davon übrig war.
Ausgemergelte, faltige Haut lag unter Blut – so viel Blut. Zum Teil noch feucht und glitzernd, zum Teil ausgetrocknet und so porös, dass es in Schuppen abblätterte, als Ciri seine Wangen umfing, um ihn zu dem dünnen Lichtkegel zu drehen, sanft, als hielte sie ein Neugeborenes in den Händen. Irgendwo in all dem dunklen, klebrigen Rot blitzte etwas Blaues auf, doch in seinen Augen fand Ciri kein Anzeichen auf Leben, auch wenn sie seinen flachen, rasselnden Atem an ihren Fingern fühlen konnte. Tot und leer starrten sie ihr entgegen wie zwei Saphire, die man matt geschliffen hatte.
»Wie heißt du?«, fragte sie, auch wenn sie um die Sinnlosigkeit darum wusste. Lambert schnaubte neben ihr und Geralt scharrte mit den Füßen. Noch immer lag diese unbestimmte Bedrohung in der Luft, dennoch war Ciri überzeugt davon, keinen Schwarzen Ritter hier unten anzutreffen. Es musste also etwas anderes sein – oder jemand anderes. »Wie heißt du?«, wiederholte sie mit Nachdruck, verstärkte den Griff ihrer Finger. Sein Augenlid zuckte unter dem Druck, den sie um sein Gesicht herum aufbaute.
»Er ist Matsch im Kopf.« Lambert spuckte aus. Seinen Dolch hielt er locker auf Hüfthöhe, die Klinge in Richtung des halb verhungerten Mannes, dessen geistige Verfassung vermutlich wirklich in Frage zu stellen war. »Ich schneide ihm die Kehle durch und beende sein Leid, Ciri, und dann verschwinden wir von hier. Außer ihm ist hier unten nichts.«
»Warte«, gebot sie Lambert ruhig. Es war kein Befehl, auch keine Bitte, nur eine unsichtbare, ausgestreckte Hand. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Mann zu ihren Füßen. Sein wild gewuchertes Haar war verfilzt und struppig und würde ohne jeden Zweifel in Büscheln ausfallen, würde sie mit ihren Fingern hindurchfahren. Reglos verharrte er in ihrem Griff. Er blinzelte nicht. Atmete nur flach. Und schien zu warten. Worauf, konnte Ciri nicht sagen.
Cirilla.
Eine junge Männerstimme drang an ihr Ohr, gedämpft und abgehackt, wie ein Ertrinkender, der in dem flüchtigen Augenblick, in dem sein Kopf über Wasser schwappte, nach der letztmöglichen Rettung schrie. Als sie sich umsah, sah sie nur Lambert und Geralt, die sie abwartend anstarrten. Mit einer Seelenruhe, die ihrer Situation ganz und gar nicht gerecht wurde.
Cirilla.
Ihr Kopf zuckte zurück.
Blaue Augen trafen auf grüne.
Ein Blinzeln. Eine menschliche Reaktion. Dann – sein Blick stellte sich scharf, das Blinzeln wurde hektisch, fast bizarr schnell wie die Flügel einer Libelle, die geschickt zwischen Schilfrohren am Ufer eines Flusses entlang surrte, so schnell, dass sie wie eine optische Illusion anmutete.
Cirilla!
Diesmal hörte sie die Stimme klar und deutlich. Sie schien von dem Mann vor ihr auf dem Boden zu kommen, doch dafür war sie zu gesund und ausgeruht. Einen Herzschlag lang schien sie in ein anderes Gesicht zu sehen, vollkommen fremd und gleichzeitig so ähnlich, dass ein Irrtum ausgeschlossen war.
»Wie heißt du?«, wiederholte sie ihre Frage noch einmal. Unterbewusst fuhr sie mit dem Daumen seine Wangenknochen nach, die sich scharf unter der besudelten Haut abzeichneten. Seine Augenhöhlen waren bei näherer Betrachtung eingefallen und es war klar, dass er schon länger hier unten festgehalten wurde.
»Cahir«, krächzte er in einem kurzen Moment der Klarheit, gerade so laut, dass sie ihn verstehen konnte. Danach verließ ihn die Kraft und er sank wieder in sich zusammen. Er rutschte aus Ciris Griff zu Boden, wo er sich zitternd zusammenkauerte und leise unverständliche Dinge vor sich hin brabbelte.
»Was machen wir mit ihm?«, fragte Geralt in das angespannte Schweigen hinein, »Hierlassen können wir ihn nicht.«
»Können wir wohl«, fuhr Lambert sofort dazwischen. Mit zwei Schritten war er an Ciris Seite und richtete seinen Dolch auf den gebrochenen Mann. Der Mond musste in der Zwischenzeit aufgegangen sein, denn in der glatt polierten Klinge spiegelte sich sein fahles, wolkenverhangenes Antlitz. »Er ist das Einzige, was wir hier unten finden. Er ist nicht angekettet, wie ein üblicher Gefangener. Sonst ist hier unten kein Schwein. Kannst du dich an einen einzigen Tag erinnern, an dem das schon einmal so gewesen wäre, Ciri?«
Ciri musste schlucken. Erinnerungen drängten sich ihr auf, Schweiß brach aus und plötzlich schien der Kerker noch enger zu werden. Sie hätte schwören können, dass die Pflastersteine in ihren Augenwinkeln näher gerückt waren, als sie für eine Sekunde die Augen geschlossen hatte. Schreie, laute und qualvolle, leise und hoffnungslose. Das Knirschen von Eisenketten, die bis zum Anschlag gespannt an ihren Haken zogen. Putz, der bei jeder Erschütterung in einer der Folterkammern lautlos von der Decke rieselte. Fingernägel, die leise über Stein schabten, rissig und blutig von all den nutzlosen Versuchen, sich zu befreien.
»Nein«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »Nein, er kommt mit. Ich werde ihn nicht hier unten zum Sterben zurücklassen.« Ciri wusste nicht, was es war, aber etwas an dem Mann zog sie an. Und stieß sie gleichzeitig ab. Wenn sie ihn ansah, hatte sie das Gefühl, durch einen Schleier, welchen nur sie erkennen konnte, auf ein anderes Bild zu sehen, dass ihrer Realität seltsam ähnlich kam.
Cirilla.
Das Echo der Stimme war so dezent, dass es sich mit dem Flüstern der lauen Brise verband, welche durch die leeren Flure der Kerker tigerte, und Ciri daran erinnerte, dass sie nicht am Ende der Welt angekommen waren. Mit bebenden Lippen holte sie Luft und richtete sich auf. Die nasse Kälte an ihren Beinen spürte sie kaum, als sie auf Lambert zuschritt und ihn am Kragen packte.
»Los jetzt«, hörte sie sich selbst wie aus weiter Ferne knurren, »wir haben schon genug Zeit verschwendet. Es wird Zeit, den Rückzug anzutreten.« Damit entließ sie Lambert, der mit verengten Augen den Dolch an seinem Gürtel befestigte und Cahir widerwillig murrend unter die Arme griff, um ihm aufzuhelfen. Geralt tauchte auf der anderen Seite des Gefangenen auf, so schnell und geschmeidig wie ein Schatten, der dank der aufgehenden Sonne, wie auch immer schwach sie war, an Form und Dichte gewann und sich aus der Luft heraus zu materialisieren schien.
»Ciri, wo ist der Rest?« Geralt klang gelangweilt und fast hätte sie darüber gelacht, doch die Ereignisse der letzten halben Stunde waren zu bedrückend. Sie hatten so viel geopfert, um diesen Angriff inszenieren und in die Tat umsetzen zu können, und doch standen sie mit leeren Händen da. Nun, nicht ganz. Blut klebte an ihren Händen, metaphorisch und wortwörtlich. Und sie hatten einen Gefangenen gefunden, der ohne Fesseln und Ketten hier gewartet hatte, ob auf sie oder auf sein nahendes Ende war ungewiss.
»Ich weiß es genauso wenig wie du«, gab sie betont gelassen zurück, um zu überspielen, wie müde und erschöpft sie sich eigentlich fühlte, »suchen wir sie und verschwinden wir von hier, bevor die Schwarzen Ritter zurückkommen und uns den Fluchtweg abschneiden.« Bei der Erwähnung der Ritter wimmerte Cahir und wand sich kraftlos in den Armen seiner wenig enthusiastischen Retter.
Der Weg zurück an die Oberfläche zog sich zäh, denn Cahir hatte nicht die Kraft, selbst zu laufen, und so waren sie gezwungen, ihr straffes Tempo zu drosseln. Das Scharren von Füßen über Matsch und grobe Steinplatten war alles, was sie eine Zeit lang hörten, während die Luft nach und nach leichter wurde. Ciri zog den nassen Stoff von ihrem Mund und nahm einen tiefen Zug, kaum dass sie das Eingangsportal hinter sich gelassen hatten.
Cahir hinter ihr war unruhig geworden mit jedem Meter näher an der Erdoberfläche und als das schwache, trübe Licht des Mondes auf seine kränklich blasse Haut fiel, rollte er mit einem entsetzlichen Stöhnen die Augen. Nun, wo sie ihn besser sehen konnte, begriff sie, wie abgeschlagen er wirklich war. Seine eingefallenen Wangen warfen im richtigen Winkel so tiefe Schatten, dass sie klaffenden Höhleneingängen glichen. Ciri glaubte einen Moment lang sogar, dass sie die Abdrücke seiner Zähne darunter erkennen konnte.
Seine Nase war schief, zweifelsohne mehrmals gebrochen, und einige böse Schnitte hatten sich nur schlecht geschlossen und entzündet. Er brauchte dringend Hilfe und Versorgung und Ciri war nicht sicher, ob ihre kleine Truppe über die nötigen Mittel verfügte – und in der Lage war, diese zu teilen. Mit einem für sie Fremden.
Immer wieder hörte sie Lambert hinter sich murren, mal mehr, mal weniger leise, und wann immer sie über die Schulter blickte, stellte sie fest, dass Cahir der Grund für seinen Unmut war. Sein Zustand schien sich mit jeder verstrichenen Minute zu verschlechtern und irgendwann sahen sie sich gezwungen, ihn zu fesseln. Mit einer für einen derart geschundenen Mann ganz und gar außergewöhnlichen Kraft hatte er sich aufgebäumt und an seinen menschlichen Stützen gerissen. Die Worte, die er erst gestammelt und schließlich geschrien hatte, waren in einer Sprache über seine Lippen gekommen, die Ciri nicht kannte und verstand, und ihr war nicht entgangen, wie die anderen sich daraufhin bestürzte Blicke zugeworfen hatten.
Ciri bat Geralt darum, Cahir zu fesseln. Von allen war er am geschicktesten darin, einfache Stricke zu komplexen Knoten zu knüpfen, und nachdem er fertig mit seiner Arbeit war, mussten sie Cahir schultern. Durch den Knebel in seinem Mund konnte er nicht mehr länger schreien, doch das laute Schniefen und Wimmern fuhr dennoch bis in Ciris Knochen. Sie biss sich auf die spröden Lippen und zwang sich dazu, stur geradeaus zu sehen, um nicht doch noch ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, aber so war es nun einmal am besten – für alle, auch ihn. Wenn sie auf dem Weg zu ihrem Unterschlupf die Aufmerksamkeit der Schwarzen Ritter oder – was noch schlimmer gewesen wäre – die ihrer hörigen Monster erregten, würde kein Gebet mehr sie von ihren unausweichlichen Qualen erlösen.
In der Ferne vermochte man Geräusche eines Kampfes zu hören und Ciris Instinkte erwachten. Nur mit großer Mühe schaffte sie es, sich gegen diese Instinkte aufzulehnen und bei ihrer kleinen Gruppe zu bleiben. Wenn sie sich jetzt in den Kampf stürzten, in dem sie ohnehin nichts gewinnen konnten, würden sie ihrer Sache nur schaden. Stattdessen suchte sie mit geübten Fingern in dem kleinen Beutel aus abgegriffenem Leder an ihrem Gürtel nach einem kleinen Zylinder. Er war nachtschwarz und als Ciri ihn prüfend in die Luft hielt, schien er das Mondlicht zu absorbieren.
Etwas abseits der Kathedrale drängte sich ihre Gruppe in eine schmale, schmutzige Gasse, in der es nach Abwasser und Schimmel roch. Aus den Augenwinkeln erkannte Ciri eine dürre Ratte, die zwischen zwei kleineren Haufen Unrat hindurch huschte. Selbst die Tiere, die vom Müll anderer Spezies lebten, fanden nur noch ungenügend Nahrung, ein untrügliches Zeichen dafür, wie schlecht die Dinge standen.
Zum zweiten Mal an diesem Abend ging Ciri in die Hocke, um den Zylinder, der klein genug war, um in ihrer geballten Faust vollkommen zu verschwinden, auf dem Boden zu platzieren. Wieder griff sie in ihren Beutel, dieses Mal zog sie zwei kleine, nahezu identisch aussehende Steine hervor. Andächtig fuhr sie über die raue, kantige Oberfläche, ehe sie mit etwas Kraftaufwand und Geduld Funken erzeugte, indem sie die Steine schwungvoll und zielgerichtet aufeinander schlug. Der Zylinder schien die kleinen Flämmchen förmlich aus der Luft zu saugen, denn zwischen zwei Wimpernschlägen hatte er Feuer gefangen. Die Luft knisterte und mit großen Schritten entfernte sich Ciri, die Arme ausgestreckt, sodass die anderen hinter ihr ihrem Beispiel folgten.
Kurz darauf stoben farbige Funken in den Nachthimmel, der von Wolken und Rauch gleichermaßen verdunkelt war. Der Geruch von Asche, Feuer und Schwarzpulver stieg ihr an die Nase, während sie, den Kopf in den Nacken gelegt, das Schauspiel bewunderte. Feuerwerke waren ein Luxus der alten Welt und unfassbar schwer zu besorgen, aber Ciri hatte darauf bestanden, diesen Plan, der so viel Hoffnung für alle verkörpert hatte, mit einem winzigen Feuerwerkskörper zu würdigen.
Ihre Brust schmerzte voll melancholischem Wehmut, als sie darüber nachdachte, dass sie nichts erreicht hatten, dennoch zwang sie sich dazu, den Blick nicht abzuwenden. Viel zu schnell verlöschten die Farben in einem letzten Knall und Ciri gab das Zeichen, weiterzugehen. So effektiv ein Feuerwerk auch war, um den auf die gesamte Stadt verteilten Streitkräften den Abmarsch zu signalisieren, so entlarvend war es auch, wenn es um ihren eigenen Standpunkt ging.
Zügig setzten sie sich in Bewegung, rannten durch Schatten, mieden das Licht der Feuerstellen, die überall in der Stadt für spärliche Beleuchtung sorgten, und vermieden jegliches Aufeinandertreffen mit den feindlichen Kräften.
Ciri fühlte sich, als wäre sie tagelang marschiert, als sie endlich bei der zerfallenen Hütte ankamen, die sie ihr Zuhause schimpften. Sie stand außerhalb der Stadtmauern, ein Häuschen von vielen und in der Nähe der schmaleren Ausläufe des Pontars. Das Wasser des Flusses war von blutroten Schlieren durchzogen. Die nächsten Tage konnten sie also kein Wasser davon schöpfen, zumindest nicht, wenn sie Vergiftungen vermeiden wollten.
Am Ufer wucherte Schilfrohr und Unkraut, das auch ohne Sonnenlicht kräftig aus dem Boden schoss. Dazwischen surrten Insekten leise ihr immergleiches Lied und in der Ferne vernahm Ciri das Quaken eines einzelnen Frosches in dem gleichmäßigen Rauschen des dahin plätschernden Flusses.
Das Haus selbst war heruntergekommen und bedurfte dringender Reparaturen, für die sie nicht die Mittel hatten. Das Dach war an einigen Stellen eingefallen und nur spärlich geflickt worden, doch selbst wenn es regnete, blieb es verhältnismäßig trocken. Nur der Geruch von Moder und Schimmel wurde mit jedem Umlauf unerträglicher. Im Winter wehte ein kalter Wind durch die Ritzen des morschen Holzes und selbst wenn sie Holz in dem Kamin im Gemeinschaftsraum stapelten, wollte Ciri einfach nicht warm werden. Es gab Nächte, in denen hatten ihre Zähne so laut geklappert, dass Lambert ihr nicht ganz ernst gemeint befohlen hatte, im Freien zu schlafen.
Ciri grinste schief, als sie die Tür ins Innere mit einem lauten Quietschen öffnete. Es war ein Wunder, dass die verrosteten Scharniere noch nicht den Dienst quittiert hatten. Von den Anderen war noch niemand angekommen und schon jetzt graute es Ciri davor, die kommenden Stunden halb ohnmächtig auf ihrer Pritsche zu verharren und darauf zu warten, dass sie die Nachricht erreichte, dass einige niemals zurückkehren würden.
»Bringt ihn nach oben in mein Zimmer. Bitte«, fügte sie etwas milder hinzu, als Lamberts Gesicht sich verdüsterte. Ihm lag ein derber Fluch auf der Zunge und Ciri hatte eine Ahnung, welches Schimpfwort er ihr am liebsten angedacht hätte. Dennoch leistete er ihrer Bitte Folge und zusammen mit Geralt stiefelten sie in die obere Etage ihrer Behausung. Dort befanden sich einige Zimmer entlang eines schmalen Flurs, die meisten davon besaßen jedoch keine Tür mehr. Jeder ihrer Schritte knarzte laut durch das obere Geschoss, doch das lästige Geräusch war ihr allemal lieber als die dröhnende Stille, die sie umfing, als sie in ihrem Zimmer angekommen waren.
Es war Lambert – natürlich -, der sich als Erstes daran erinnerte, wie man Worte formte. »Ich wiederhole mich, Ciri. Am besten ist es für alle Beteiligten, wenn du ihm die Kehle durchschneidest. Bevorzugt irgendwo im Hinterhof, das Haus ist auch ohne ein Blutbad schon versifft genug.« Er verzog angewidert das Gesicht, dann verschwand er aus dem Zimmer, ehe Ciri ihm eine Antwort aus wohl überlegten und hübsch maskierten Beleidigungen geben konnte.
Geralts Lippen kräuselten sich leicht nach oben. »Ein unflätiger Zeitgenosse. Ich werde nie verstehen, wie ihm bisher noch nie jemand die Nase gebrochen hat.«
Jetzt musste Ciri gegen ihren Willen doch noch lachen. »Irgendwann werde ich Sorge dafür tragen, dass es passiert. Und nie wieder werde ich eine vergleichbare Freude empfinden«, schwor sie, die eine Hand an die Brust, die andere feierlich in die Luft gestreckt, »außer an dem Tag, an dem das Sonnenlicht zu uns zurückkehrt.«
»Du solltest ein Bad nehmen, etwas essen und dann schlafen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass uns stürmische Zeiten bevorstehen. Wir haben heute Nacht einen Großbrand entfacht, in mehr als einer Hinsicht.« Seine Augen fixierten etwas in weiter Ferne, etwas, was Ciri selbst dann nicht sehen könnte, würde sie seinem Blick folgen. »Und er könnte einen nassen Lappen und etwas frische Kleidung ebenfalls gut gebrauchen, ansonsten riskieren wir, dass die „Haustiere“ der Schwarzen Ritter uns hier wittern«, fügte er trocken hinzu. Ein schelmisches Zwinkern und auch Geralt war aus ihrem kleinen Zimmer verschwunden.
Cahir war irgendwann auf dem Weg hierher erschlafft, offenbar schicksalsergeben, und nun lag er ruhig auf dem Boden, nicht, dass er mit seinen Fesseln zu viel mehr Regungen in der Lage gewesen wäre. Seine blauen Augen schimmerten hell zwischen all dem Dreck und Blut. Ciri beschloss, dass es nicht schaden konnte, ihn zumindest von seinem Knebel zu befreien und so setzte sie sich vor ihn auf den Boden und bedeutete ihm mit einer Geste, den Kopf so weit anzuheben, dass sie die den Knoten an seinem Hinterkopf lösen konnte. Mit einem leisen Ächzen folgte er ihrer Anweisung und Luft strömte hörbar in seine Lungen, sobald Ciri ihn von dem feuchten Stoff befreite.
»Wie geht es dir?«, fragte sie ihn, auch wenn sie kaum daran glaubte, dass er imstande war, um eine Antwort zu formen. »Tut mir übrigens leid, dass Lambert so ein Arsch zu dir war. Mach' dir nichts daraus, er ist zu jedem so.« Das Lachen war rau in ihrer Kehle.
»Cirilla«, krächzte Cahir leise und seine Stimme rührte etwas in ihr. Das war nicht möglich! Sie bildete sich das nur ein, es musste so sein! Aber wie … ?
Ciris Puls beschleunigte sich, als ihr dämmerte, dass er ihren richtigen Namen ausgesprochen hatte. Woher … ? Woher kannte er ihren Namen? Ihren ganzen Namen? Es war zweifelsfrei möglich, dass er Lambert oder Geralt vorhin verstanden hatte, aber keiner von beiden hatte sie bei ihrem vollen Namen genannt. Das taten sie so gut wie nie. Nur Geralt, manchmal, wenn sie beide zu zweit waren – so wie früher.
»Woher kennst du meinen Namen?« Die darunter verborgene Anklage knallte wie ein Peitschenhieb durch die aufgeladene Luft. »Antworte mir!«
Cahir zuckte zusammen und lehnte sich dichter an die Wand in seinem Rücken. Ciris Herz wurde weich bei seinem erbärmlichen Anblick. Was auch immer sie gerade zu wissen geglaubt hatte – es war egal. Mit einem Seufzen verschwand sie aus dem Zimmer, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen und einen halbwegs sauberen Lappen zu suchen.
Als sie zurück zu Cahir auf den Boden sank, schien er nahe daran, sein Bewusstsein zu verlieren. Mit aller Sanftheit, an die sich ihr vom Kampf und Feuer zerstörter Körper noch erinnern konnte, tupfte sie den Schmutz und das Blut von seinem Gesicht. Bei jeder Berührung reagierte sein Körper mit kleineren Zuckungen und Ciri wusste, dass er vor ihr zurückweichen würde, wäre er in der Lage dazu.
Als sie den Lappen in das eiskalte Wasser tauchte, färbte sich dieses unverzüglich rostbraun und binnen kürzester Zeit wusste Ciri nicht, ob sie Dreck und Blut von seinem Gesicht wusch oder von neuem auftrug. Cahir ließ Ciri mit sich machen und nur dann und wann sah er ihr dabei unvermittelt ins Gesicht.
Es waren kurze Momente, in denen Ciri fast glaubte, dass sie ihm helfen konnte, doch sie verflogen so flüchtig wie die Wärme der verdunkelten Sonne, wenn sich eine Wolke vor sie schob. Danach war da wieder diese verschwommene Verwirrung, die sie an die Schlieren im verschmutzten Wasser erinnerte.
»Wer bist du, Cahir?« Ihre Stimme war kaum mehr, als ein Flüstern, das selbst für ihre Ohren kaum zu hören war, doch Cahir schien sie genau zu verstehen. Da war sie wieder, diese seltsam seltene Klarheit.
»Ein Monster.«
De Natura Hominis
𝕯𝖊 𝕹𝖆𝖙𝖚𝖗𝖆 𝕳𝖔𝖒𝖎𝖓𝖎𝖘
𝔇𝔦𝔢 𝔪𝔢𝔫𝔰𝔠𝔥𝔩𝔦𝔠𝔥𝔢 𝔑𝔞𝔱𝔲𝔯
†
Ciri erwachte aus einer schier endlosen Abfolge von Albträumen. Im Schlaf fantasierte sie von schwarzen Schwingen, aus dem Himmel herabstürzende Raben und den Monstern, welche von den Zauberinnen und Zauberern der Bruderschaft und der Loge erschaffen worden waren und nun Nacht für Nacht durch die Straßen Nowigrads patrouillierten.
Und von Cahir.
Immer wieder tauchte sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auf, die einzige Konstante in dem Tumult der ineinander verflochtenen Szenarien.
In ihrem kleinen Zimmer roch es nach dem beißenden Rauch, der noch immer von den schwelenden Überresten der in Brand gesetzten Häuser aufstieg und den ohnehin trüben Himmel schwärzte. Über Nacht war es noch kälter geworden, sodass sie sich fröstelnd enger in ihre fadenscheinige, löchrige Decke wickelte, sodass nur ihre grünen Augen über den Rand des alten Stoffs hinweg auf dem schlafenden Antlitz Cahirs ruhten. Er war älter als sie, das konnte sie in dem dämmrigen Tageslicht erkennen. Sein Gesicht hatte Falten, die durch seine Unterernährung nur umso tiefer wirkten und die die Müdigkeit und Schwere in seinen strahlend blauen Augen unterstrichen. Ohne den Horror in seinen Augen wirkte er fast friedlich, wie er gegen das leere Bett gelehnt in sich zusammen gesunken ruhte. Immer wieder war sie von fahrigem Gemurmel geweckt worden und immer hatte sie hilflos dabei zusehen müssen, wie er unruhig im Schlaf zuckte, als wären die Albträume dicht auf seinen Fersen. Einmal hatte sie versucht, ihn zu wecken, doch der Schrei, welchen sie ihm damit entlockt hatte, war so markerschütternd gewesen, dass sogar sie sich erschrocken hatte. Danach war sie ihm fern geblieben, hatte sich auf ihre Pritsche gelegt und für wenigstens ein oder zwei Stunden erholsamen Schlaf gebetet.
Nicht, dass sie noch länger an die Existenz von Göttern glaubte.
In den frühen Morgenstunden war er schließlich stiller geworden, offenbar in einen so tiefen Schlaf versunken, dass selbst die Albträume ihn dort nicht mehr finden konnten. Sein Atem ging flach, fast abgehackt und Ciri fragte sich, wann er wohl das letzte Mal so entspannt hatte sein dürfen. Sie selbst war schon in der Hölle gewesen und wusste nur zu gut, wie schlimm die absolute Finsternis war. Die Schreie der Gequälten, der Wahnsinn derer, die den Kampf gegen die Wachen und ihre Grausamkeit verloren hatten, und der Geruch von Blut, der einfach immer in der Luft lag und einen selbst langsam, aber sicher um den Verstand brachte.
So lädiert, wie Cahir aussah, musste er lange Zeit dort unten gesessen haben und obwohl sie den Mann nicht kannte und nichts (außer seinem Namen) von ihm wusste, blutete ihr Herz für ihn. Lambert hatte sich am Anfang ihrer gemeinsamen Reise lustig darüber gemacht, dass sie im Grunde doch nur ein naives, gefühlsduseliges Mädchen war und sich dafür eine gebrochene Nase eingefangen. Danach hatte er sich derartige Bemerkungen verkniffen, doch jetzt hallten seine spöttischen Worte in ihren Ohren nach, in dieser seltsamen Tonlage zwischen Zischen und Knurren.
Irgendwann beschloss Ciri, dass sie es leid war, darauf zu warten, dass er erwachte und dass sie mit ihren eigenen Augen sehen wollte, wie Nowigrad im Laufe der Nacht ein Stück mehr zerfallen war. Mit einem Ächzen schälte sie sich aus ihrer Decke und erhob sich schwerfällig von ihrer Pritsche, welche sie mit einem lang gezogenen, leisen Seufzen zu verabschieden schien.
Auf der anderen Seite des Raums bewegte sich Cahir über den morschen Boden, der von unzähligen Regengüssen durch das zusammengestürzte Dach völlig aufgeweicht war, murmelte etwas Unverständliches und beruhigte sich dann wieder. So leise wie möglich zog Ciri ihre Stiefel über und schlüpfte aus dem Zimmer. Geralt selbst hatte dafür gesorgt, dass er sich keinen Schritt von seinem Rastplatz würde entfernen können, und selbst wenn er ihn nicht derart aufwändig gefesselt hätte – Cahir war viel zu geschwächt, um einen Aufruhr zu verursachen. Dennoch stellte sie sicher, dass sie ihre Waffen alle bei sich am Leib trug, ehe sie sich von ihrem Zimmer entfernte und nach den anderen im Gemeinschaftsraum sah. Mit einem scharfen Messer konnte auch ein kaputter Mann zu einer Gefahr werden.
»Morgen«, murmelte sie zu Geralt und ein tiefes Gähnen löste sich aus ihrer Brust und trug etwas von ihrer inneren Anspannung mit sich. Der betagte Mann schien schon länger wieder auf den Beinen zu sein, dem frischen, dampfenden Haferbrei nach zu urteilen, der fröhlich in einem kleinen Kessel über dem Feuer blubberte. Er schob ihr unaufgefordert eine Schüssel zu, nachdem sie sich ihm gegenüber auf eine der Bänke hat fallen lassen. »Danke«, brummte sie halbherzig und schnupperte an dem farblosen Brei, als würde sie ihn nicht tagein, tagaus essen, da es sonst kaum noch Nahrung für das einfache Volk gab.
Nicht in Nowigrad zumindest.
Während die Adligen in ihren hübschen Häusern noch immer speisten wie die Götter an ihrer Tafel und von den Vorräten der Stadt zehrten, hungerte das normale Fußvolk seit fünf Jahren immer weiter aus. Die wenigen Menschen, denen Ciri tagsüber begegnete, trugen so tiefe Schatten unter den Wangen, dass man bei Kerzenlicht erkennen konnte, wie sich die Zähne unter der Haut abdrückten, ähnlich wie bei Cahir.
Lustlos stocherte sie in ihrem Haferschleim herum, schob ihn mit dem abgenagten Löffel von einer Ecke in die nächsten, ehe sie sich etwas auflud und kurzerhand in den Mund schob – nur um sich direkt daran zu verbrennen.
»Geduld war noch nie eine deiner Stärken«, bemerkte Geralt mit seiner gewohnten, beruhigenden Gelassenheit, aber mit einem belustigten Funkeln in den Augen, »Hast du heute etwas vor?«
Ciri schüttelte den Kopf, den Mund noch immer mit kochend heißem Brei gefüllt. Ein Keuchen entrang sich ihr, als sie ihn herunter schluckte, und Tränen formten sich in ihren Augen. »Nichts«, entgegnete sie achselzuckend, nachdem sich ihr Gaumen von der unerträglichen Hitze erholt hatte, »nach unserem Neuankömmling sehen, denke ich. Er sieht nicht besonders gut aus.«
In dieser Welt gab es nichts mehr zu tun. Unter der verdunkelten Sonne wuchs nichts, wofür es sich lohnen würde, einen Acker zu bestellen, und um saubere, geflickte Kleidung scherte sich schon seit Jahren niemand mehr. Sie könnte angeln gehen oder nach den wenigen Hühnern sehen, die sich trotz der dürftigen Nahrungsverhältnisse stur an ihr Leben krallten, doch auch damit könnte sie sich nur einige Stunden erkaufen.
Es war ein langweiliges Leben.
Ein elendes Leben.
Den ganzen Tag über gefangen in einem heruntergekommenen, fremden Haus und darauf warten, dass man einen weiteren Umlauf überlebt hatte. Meist höhlte sie dieses stumpfe, trostlose Dasein regelrecht aus und nur, wenn sie einen Aufstand anzettelten oder etwas in Brand setzten, was denjenigen gehörte, die unter der Folge des Fluchs nur kaum zu leiden hatten, schlug ihr Herz in alter Stärke, beschwingt von dem flüchtigen Hochgefühl, welches ihr Aufbegehren ihr verschaffte. Auch wenn ihre Bewegung bisher kaum einen Unterschied hatte machen können. Sie klammerte sich an ihre Überzeugung, dem Fluch der schwarzen Sonne eines Tages ein Ende bereiten zu können, an die einzige Hoffnung, die ihr in diesem üblen Wachtraum noch blieb.
»So, wie ich ihn für dich verschnüren sollte, ist er wohl eher ein Gefangener«, warf Geralt mit einem Schmunzeln ein. Er hatte sich am vorigen Abend zurückgehalten, als die anderen sich gegen Cahirs Anwesenheit in ihrer Behausung ausgesprochen hatten und die Situation mit seiner typisch distanzierten Neutralität von außen beobachtet. Dennoch war Ciri sich sicher: Wenn es zu einem richtigen Streit gekommen wäre, wäre er eingeschritten und hätte den Raufbolden notfalls mit Gewalt eingebläut, dass sie sich untereinander nicht bekriegten. Wen hatten sie dennoch noch auf dieser Welt, außer einander? Die meisten Mitglieder ihrer Revolution hatten ihre Familie entweder an die Schwarzen Ritter und ihre Bestien oder an den Hunger verloren, und in dieser Welt gab es kein schlimmeres Schicksal mehr als alleine um sein Überleben zu kämpfen.
Mit Ausnahme dessen, was Cahir durchgemacht haben musste.
»Er ist nicht mein Gefangener«, stellte Ciri trocken fest und schob ihre halbleere Schüssel angewidert von sich weg. Sie wollte nie wieder in ihrem Leben Haferschleim essen müssen. In der Not mochte der Teufel vielleicht Fliegen fressen, aber niemand würde einen weiteren Löffel dieser faden Pampe in ihre Nähe bekommen.
»Was siehst du in ihm?« Geralts Augen strahlten eine gewisse Neugierde aus, doch er ließ ihr den Raum, sich selbst zu entscheiden, ob sie darauf antworten wollte oder nicht.
»Ich weiß nicht«, gestand sie wahrheitsgemäß, »vielleicht bin ich es einfach nur überdrüssig, den Menschen beim Leiden zusehen zu müssen.«
»Vielleicht ist er ja ein Verbrecher. Oder Schlimmeres.« Er ließ den Rest bewusst unausgesprochen, aber Ciri kannte Geralt fast ihr ganzes Leben lang und er konnte ihr schon seit fast genauso langer Zeit nichts mehr vormachen.
»Niemand verdient es, in Aretusas' Hölle zu schmoren. Niemand«, befand sie und noch während sie die Worte aussprach, verstand sie, dass sie sie auch ernst meinte. Wirklich niemand verdiente es, dort unten zu verrotten, zwischen Knochen und Elend, nicht einmal die verteufelten Adligen, die sich in ihren noblen Viertel verbarrikadierten und darauf warteten, dass der Rest elendig vor die Hunde ging, damit von dem stetig kleiner werdenden Kuchen mehr für sie übrig bleiben würde.
Geralt brummte nur und musterte sie mit amüsiert funkelnden Augen, als hätte sie einen Witz gerissen, welchen nur er verstehen konnte. Ciri unterdrückte ein genervtes Schnauben und widmete sich stattdessen wieder ihrer Schüssel. Zum Teufel, dass sie sich eben erst geschworen hatte, nie wieder Haferbrei zu essen, mit einem knurrenden Magen konnte man nicht wählerisch sein. Und die nächste Mahlzeit war meist ebenso ungewiss wie der Wandel der Jahreszeiten, deren steter Rhythmus über die Jahre der Dunkelheit hinweg aus den Fugen geraten war. Gerade konnte es Sommer sein oder auch Winter – es machte keinen Unterschied, wenn es immer dunkel und immer kalt war und der eisige Wind wie Schmirgelpapier über die Haut scheuerte.
»Ich geh mal nach Cahir sehen«, murrte sie, als sie Geralts durchdringendes Starren nicht mehr länger ertrug und sie sich eiligst seinem Blick und seinem Urteilsvermögen entziehen musste. Dämlicher alter Narr! Sie war schon lange kein kleines Mädchen mehr! Bevor der Fluch ihre Welt in Schutt und Asche gelegt hatte, hatte sie sich als Jägerin über die Runden geschlagen und für sich selbst gesorgt. Gewiss, all das hatte Geralt ihr beigebracht und sie war ihm unfassbar dankbar dafür, doch der damit verbundene Preis, dass er sie immer als junges, unerfahrenes Ding betrachten würde, war ihr an manchen Tagen zu hoch.
»So, so, du kennst also seinen Namen«, verfolgte sie Geralts tiefe Stimme mit sichtlicher Belustigung aus dem Gemeinschaftsraum heraus. Diesmal konnte sie sich ein Schnauben nicht verkneifen und insgeheim hoffte sie, dass er es gehört hatte.
Wüste, aber nicht ganz ernst gemeinte Beschimpfungen murmelnd, stieg sie die Treppen zurück nach oben, nur um dann abrupt vor ihrer Tür zum Stehen zu kommen. Ihre halbgare Wut war verflogen und als ihre Finger über dem Knauf aus angelaufenem Messing geisterten, war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher, wie sie mit dem Mann umgehen sollte, der jenseits der Holztür auf sie wartete. Zwangsweise.
Sollte sie anklopfen?
Das hörte sich selbst in ihrem Kopf albern an, immerhin war es ihr Zimmer, und dennoch kam sie nicht umhin, dass auch Cahir ein Mindestmaß an Privatsphäre verdient hatte. Am Ende entschied sie sich für Anklopfen und nachdem mehrere Augenblicke lang nichts als Stille auf das seltsam laute Geräusch gefolgt war, trat sie zögerlich ein.
Ciri wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, aber ein Cahir, der mit regelrecht fiebrigem Blick auf sie zu warten schien, war es nicht gewesen. Einen Moment lang fand sie keine Worte mehr in ihrer Sprache und so stotterte sie etwas Zusammenhangloses. Sich innerlich ohrfeigend spürte sie, wie ihre Wangen wärmer wurden, und überspielte dieses ungewohnte Gefühl der Machtlosigkeit mit aufeinander gepressten Lippen und einem (hoffentlich) zornigen Blick.
»Deinetwegen konnte ich die halbe Nacht lang nicht schlafen«, schimpfte sie herablassend und seine Reaktion – ein schiefes Grinsen – brachte ihr Herz zum Stolpern. »Nun, dir scheint es besser zu gehen als noch vor einigen Stunden«, stellte sie ärgerlich fest und tat so, als hätte sie nichts gesehen. Cahir war noch schöner, wenn seine Mundwinkel nicht vom Gewicht der ganzen Welt nach unten gezogen wurden, und das ärgerte sie weit mehr, als sie zuzugeben bereit gewesen wäre.
So, so, du kennst also seinen Namen.
»Nachts ist es schlimmer«, antwortete er ausweichend und Ciri wollte ihn fragen, was genau er mit „es“ meinte, als sie jedoch sah, wie seine Gesichtszüge wieder erschlafften, behielt sie den Gedanken vorerst im Hinterkopf.
»Soll ich dir etwas zu essen bringen?« Die Frage war absurd, wirklich und wahrhaftig, sprach doch seine ungesund blasse, pergamentartige Haut, die sich straff über seinen scharfen Wangenknochen spannte, eine deutliche Sprache. »Geralt hat Haferschleim für uns alle gekocht«, fügte sie mit einem zuckendem Mundwinkel hinzu, »schmeckt genauso langweilig, wie es sich anhört, aber es ist besser als nichts.« Ciri verstand nicht, wieso sie wie ein unbedarftes, reiches Mädchen plapperte, aber eine Art Ahnung beschlich sie, dass Schweigen mit ihm noch schwerer wog als mit jedem anderen Menschen, dem sie je begegnet war.
»Mir wäre es lieber, wenn du mich losbinden könntest«, entgegnete er leise, aber ohne jeden Vorwurf in der Stimme. Seine blauen Augen wirkten plötzlich seltsam leer und dissoziiert und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie ihn aus Aretusas Hölle befreit hatten, nur um ihm hier auf dieselbe Art die Freiheit zu rauben. In diesem Moment war es ihr egal, was die anderen sagen würden, und auch Lamberts vorwurfsvoll mahnende Stimme verdrängte sie aus ihrem Kopf, als sie die wenige Distanz, die sie trennte, mit zügigen Schritten überwand und sich vor ihn auf den Boden kniete.
»Scheiße«, fluchte sie rau, während sie mit geschickten Fingern an Geralts Knoten zog, »Es tut mir Leid« - Sie meinte es aufrichtig - »die Anderen wollte dich nicht einmal in der Nähe haben, nachdem du auf dem Weg hierher fast ausgetickt bist, und nur so konnte ich sie davon überzeugen, dir nicht an die Kehle zu springen.« Es war keine Entschuldigung dafür, dass sie ihm das Gleiche angetan hatte, wie seine Kerkermeister, und sie verlangte nicht nach seiner Absolution, doch es tat gut, es sich von der Seele zu reden. »So! Das war's!« Das robuste Seil fiel ohne die Spannung des Knotens in sich zusammen und rutschte am Bettpfosten hinunter, und als Ciri sich zurücklehnte, um etwas Abstand von Cahirs warmem Atem auf ihrer Wange zu nehmen, streckte und dehnte dieser seine Arme, wie es nur ein Mann tat, der sich schon lange nicht mehr hatte frei bewegen können. Bedächtig fuhr er jede Gliedmaße mit den Fingern nach, wie um sich zu vergewissern, dass sein Körper noch seiner war. Das alles dort war, wo es sein sollte.
»Danke«, nuschelte er, während er sich die geröteten Handgelenke rieb und seine Knöchel knacken ließ.
»Ich bin gleich mit etwas Essbarem und frischem Wasser zurück«, versprach Ciri betont freundlich, als sie sich aufrichtete, und mit einem letzten Blick auf Cahir, der weiterhin mit geweiteten Augen fassungslos seine Hände anstarrte, die er ballte und wieder öffnete, verschwand sie aus dem viel zu kleinen, stickigen Zimmer.
†
Geralt sagte nichts, während Ciri eine Schüssel mit Haferschleim füllte, und die anderen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihr groß Aufmerksamkeit zu schenken, doch als Ciri wieder verschwinden wollte, hielt jemand sie am Handgelenk gepackt zurück.
»Ein bisschen Haferschleim wird ihm nicht viel nützen, Ciri«, versicherte Geralt ihr mit der Überzeugung eines Mannes, der dem Tode schon oft genug in seine hässliche Fratze geblickt hatte, um dessen Gesichtszüge zu erkennen, wenn sie vor ihm nur knapp oberhalb des Bodens kauerten. Er hatte Cahir gesehen und er musste sofort begriffen haben, was sein Zustand für ihn bedeutete. Vielleicht war der Anflug von Schelm von gerade eben eine Art letztes Aufbäumen gewesen. Das letzte bisschen Leben, das verzweifelt aufkeimte, nur um in einer leeren Höhle zu verhungern.
Geralt schien die Panik in ihren Augen zu sehen, denn er verstärkte seinen Griff und zog sie dichter zu sich, bis sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um in sein Gesicht sehen zu können. »Ich werde sehen, dass ich eines der Hühner schlachte«, fügte er leise hinzu, sodass niemand sonst ihn verstehen konnte, »er braucht Nahrung, Ciri. Dringend. Mehr, als wir ihm bieten können. Begreife das und triff schnell eine Entscheidung. Und nimm dich vor seinen Schatten in Acht.« Ciri blinzelte verwirrt; versuchte, seine versteckte Botschaft zu erkennen, doch Geralts Miene blieb ausdruckslos starr. Er entließ ihr Handgelenk und erst jetzt merkte sie, wie sehr sie sich gegen seine sonst so vertraute, väterliche Nähe gestemmt hatte, als sie einige Schritte zurück stolperte und dabei fast die Schüssel und den Krug voll Wasser aus den Händen hätte fallen lassen.
Überfordert von Geralts kryptischen Andeutungen eilte sie zurück in ihr Zimmer und gegen ihren Willen entfuhr ihr ein erleichterter Seufzer, als sie Cahir wohlauf (und atmend) vorfand. Er hatte offenkundig versucht, aufzustehen und einige Schritte zu gehen, doch seine schwachen Beine hatten unter seinem Gewicht nachgegeben und er war zurück auf das Bett gesunken. In seinem wollenen Gewand wirkte er seltsam verloren, als wäre er zu klein und zu zerbrechlich für so viel Stoff, und Ciri sah, dass Geralt recht hatte. Der Haferschleim würde nichts für ihn tun. Er mochte ihr den Magen füllen und dafür Sorge tragen, dass er nicht allzu sehr schmerzte, doch Cahir brauchte mehr als das.
Mit dem Fuß schob sie die Truhe, in der sie für gewöhnlich ihre spärliche Ansammlung von Kleidungsstücken verstaute, bis vor seine Knie, um darauf Essen und Trinken abstellen zu können. Zu ihrer Überraschung griff Cahir als Erstes zum Wasser und trank es in so gierigen Zügen, dass er sich mehrmals verschluckte und dann minutenlang nach Luft rang. Der Krug musste schon halb leer sein als er ihn wieder abstellte und mit zitternden Fingern nach der Schale griff. Seine knochigen Glieder erinnerten Ciri an die kahlen Äste der Bäume in den Gärten um Aretusa. Schweigend ließ Ciri sich auf ihr Bett fallen, zog die Knie an die Brust und breitete die erbärmliche Decke darüber aus, während sie Cahir dabei beobachtete, wie er die Inhalte der Schüssel in einem Rutsch in sich schaufelte.
»Sie geben einem dort unten nicht besonders viel zu essen.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage, immerhin hatte sie dort auch schon in Ketten gelegen und in der zeitlosen Finsternis fast ihren Verstand verloren.
»Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gegessen habe.« Die Endgültigkeit der Wahrheit in diesen Worten, zusammen mit seinem ausgezehrten Körper, gab Ciri eine gute Vorstellung davon, wie lange er wirklich unterhalb der Kathedrale gefangen gehalten worden war. Doch das erklärte nicht, wieso sie ihn ohne Fesseln vorgefunden hatten. Oder wieso sonst niemand in diesem Keller zu finden gewesen war.
Ciri stellte ihm nacheinander beide Fragen, bekam aber keine Antwort außer langem, bedrücktem Schweigen. Cahir hielt die Schüssel mit seinen Händen umklammert, als wäre sie sein letzter Anker in der Realität, und wich ihrem neugierigen Blick aus.
Mit einem Seufzen ließ sie sich zurück auf ihr Bett fallen und starrte an die Decke aus morschem, modrigem Holz. Wieder und wieder hörte sie Geralts Mahnung und sie wusste, dass er recht hatte. Wenn sie hier blieben, würde Cahir höchstwahrscheinlich verhungern, doch was waren ihre Optionen?
Sollten sie verschwinden? Wenn ja, wohin? Und was wurde dann aus den anderen? Aus ihrer Sache? Ciri war nicht bereit, aufzugeben und sich sang- und klanglos aus dem Staub zu machen. Sie wollte kämpfen, noch immer, auch wenn sie nicht einmal einen einzigen Anhaltspunkt in den Kerkern Aretusas gefunden haben.
Ein dumpfes Geräusch ertönte am Rande ihrer Wahrnehmung und als sie den Kopf drehte, sah sie Cahir, der die Schüssel auf dem Boden abgestellt hatte und sich nun gedankenverloren den Bauch hielt. Er sah aus, als könnte er noch immer nicht glauben, dass er noch am Leben war.
Da wären wir schon zu zweit.
»Wir müssen von hier verschwinden, Cahir.«
Für den Bruchteil einer Sekunde verengte er die Augen, als würde er tatsächlich darüber nachdenken. »Wieso?«
Ja, wieso, Ciri?
Wie sollte sie ihm die Wahrheit sagen?
Du wirst sterben, gerade, als du dachtest, du hättest deine Freiheit zurückerlangt.
»Ich ...« Ciri biss sich auf die Zunge und verschluckte sich fast an ihren Worten. »Wir haben eine Menge Ärger in Nowigrad angerichtet. Und du bist aus den Kerkern Aretusas ausgebrochen. Sie werden nach uns suchen und bald schon wird die Stadt zu einem Rattenkäfig. Wir sollten für einige Zeit verschwinden, bis die Luft sich abgekühlt hat, ehe ich darüber nachdenken kann, was wir als Nächstes tun werden.« Es fühlte sich nicht richtig an, ihn anzulügen, doch Ciri beschwor sich selbst, dass es weniger eine Lüge, sondern mehr eine Halbwahrheit war.
»Ich verstehe.« Seine ausdruckslosen Augen starrten ins Nichts und Ciri war sich sicher, dass sie ihm jedes Märchen dieser Welt nacherzählen hätte können und er hätte ihr geglaubt. Oder vielleicht hatte er auch gar nicht zugehört und nur Höflichkeit geheuchelt.
»Ich werde ein paar Sachen zusammen suchen und dann brechen wir auf. Bis dahin solltest du dich ausruhen; du wirst jedes bisschen Kraft gebrauchen können.« Ciri wartete einige Herzschläge lang auf eine Antwort, aber als sie begriff, dass Cahir ihr nichts mehr zu sagen hatte, erhob sie sich wieder von ihrem Bett und schlüpfte aus dem Zimmer.
Im Haus verteilt fand sie einige Dinge, die für eine längere Reise nützlich waren: einen Wasserschlauch, einen ledernen Beutel, in den sie zwei Decken, ein Seil, eine halbwegs zuverlässige Karte und ihr Logbuch stopfte, auf dessen verblichenen Seiten alles stand, was Geralt ihr über die Wälder und Sümpfe Redaniens beigebracht hatte. An ihrem Gürtel befestigte sie zwei Dolche, ein Säckchen Salz und ein paar Handschuhe, die an einigen Stellen geflickt worden waren.
Gerade als sie ihren Köcher mit einem halben Dutzend Pfeilen über ihrer Schulter gürtet, kam Geralt die Treppen herauf geschlichen und warf ihr ein kleines Lederbündel zu, das den frischen Geruch von Blut verströmte.
»Du wirst es selbst rupfen müssen, wo auch immer dein Weg dich hinführt. Oder eurer?« Es lag ein fragender Unterton in seiner Stimme und während Ciri das Hühnchen am Riemen ihres Beutels befestigte, wartete er, geduldig an die Wand gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt.
»Ich werde ihn mitnehmen. Nur weiß ich nicht, wohin«, gestand Ciri und tat so, als müsste sie noch einige Gurte festzurren, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Sie wollte keinen Abschied von Geralt nehmen, aber wenn es bedeutete, dass sie damit einem einzigen Menschen das Leben retten konnte, würde sie es tun.
»Folge dem Pontar in den Süden. Nach etwa zwei Wochen wirst du die Stadtmauern von Oxenfurt erkennen, aber sei vorsichtig. Die Schrecken Nowigrads sind noch nicht bis dorthin vorgedrungen; trotzdem ist der Weg alles andere als ungefährlich, aber das muss ich dir ja nicht sagen, meine kleine Schwalbe.« Seine Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben, so unauffällig, dass es jedem außer Ciri gar nicht aufgefallen wäre. »Soweit ich weiß, sollte Yen dort leben. Finde sie, vielleicht kann sie mehr für deinen neuen Freund tun als wir, immerhin ist sie eine Zauberin.«
»Yen?«, wiederholte Ciri fassungslos, »ich dachte, sie ist vor fünf Jahren nach Kovir ins Exil geflohen!«
»Ist sie auch«, gab Geralt gelassen zurück, »aber sie ist vor einigen Monaten zurück nach Oxenfurt gesegelt. Wenn ich den Inhalten ihrer Briefe trauen darf, dann um einen Gegenfluch zu erforschen. Sie hat mir nie ihren genauen Aufenthaltsort verraten. Du weißt ja, wie sie sein kann.« Ein leises Schnauben, das durchaus auch ein lachendes Geräusch sein konnte, kam ihm über die Lippen. Ciri sah das Funkeln in seinen Augen, wie immer, wenn er an Yennefer dachte. »Richte ihr schöne Grüße von einem lieben Freund aus.« Geralt löste sich von der Wand, zog einen Brief aus der Brusttasche seiner Tunika und drückte ihn in Ciris Hand. Danach verschwand er auf dem Treppenabsatz, ohne seine seltsame Bemerkung zu erklären. Ciri blieb nichts anderes übrig, als kopfschüttelnd zurück in ihr Zimmer zu gehen. Zu ihrer Überraschung hatte Cahir sich aufgerichtet und die Klamotten angezogen, die Ciri vergangene Nacht für ihn hingelegt hatte.
»Wie ich sehe, bist du bereit?«
»Mir bleibt wohl keine andere Wahl«, gab er leise zurück. Er sah müde aus und kraftlos und Ciri fragte sich, wie lange er durchhalten würde. Und was sie tun sollte, wenn sein Körper unweigerlich nachgab.
Das ist ein Problem für später, beschloss sie grimmig.
Momentum
𝕸𝖔𝖒𝖊𝖓𝖙𝖚𝖒
𝔐𝔬𝔪𝔢𝔫𝔱𝔲𝔪
†
Ciri jagte.
Schon lange war sie nicht mehr durch die Wälder gestreift, um auf deren Lichtungen nach Nahrung und einer Wasserquelle zu suchen. Die Aufgabe ging ihr binnen eines Wimpernschlags ins Blut über, fast, als hätten ihre Tage in der Wildnis nie geendet. Seit der Mond sich für immer vor die Sonne geschoben hatte, gab es nur noch wenig Wild und noch weniger Pflanzen, die trotz der harschen Bedingungen wuchsen, dennoch wurde Ciri schnell fündig und jeder Pilz und jede Beere, die sie fand, wanderte umgehend in Cahirs Hände. Auch wenn ihr Magen furchtbar knurrte – er brauchte jeden Nährstoff dringender als sie.
Der Mann folgte ihr still und beharrlich und würde sie seinen ruhigen, konstanten Blick nicht ständig in ihrem Rücken spüren, könnte man meinen, er wäre gar nicht anwesend. Er bewegte sich mit einer lautloser Präzision, die sie ihm in seiner derzeitigen Verfassung niemals zugetraut hätte, doch es half ungemein dabei, einige scheue Hasen aufzustöbern, die Ciri ohne viel Federlesens mit ihrem Bogen erlegte. Für Fallen und eine andauernde Rast, die das Warten auf sie mit sich brachte, hatten sie keine Zeit. Ohne zu zögern entfernte sie die Pfeile aus den kleinen Leibern, band ihre Hinterläufe mit Schnüren zusammen und legte sie sich über die Schulter. Für ein Feuer waren sie noch zu nah an Nowigrad und so mussten sie noch etwas auf das fast königliche Mahl warten. Bei dem Gedanken an heißen Fleischsaft, der zischend in ein knisterndes Lagerfeuer tropfte, lief Ciri das Wasser im Mund zusammen, doch sie riss sich am Riemen und führte Cahir tiefer in den Wald.
Nach einer Weile merkte sie, wie er immer langsamer wurde, bis ihn jeder seiner Schritte zu schmerzen schien, und Ciri musste zugeben, dass sie nicht vermutet hätte, dass er überhaupt so lange durchhielt. Nowigrad lag mittlerweile so weit hinter ihnen, dass man nicht einmal mehr die dunklen Rauchschwaden am Himmel entdecken konnte, die permanent über der Stadt lagen, wie ein schwarz geknüpfter Teppich.
»Wir rasten für heute«, beschloss sie also und bedeutete Cahir auf sie zu warten, während sie in der näheren Umgebung nach einer geeigneten Stelle suchte. Er sah sie skeptisch an, fast so, als würde er erwarten, dass sie einander verloren, doch Ciri war zwischen Bäumen und Wurzeln groß geworden und bevor es vorkam, dass sie sich im Wald verirrte, würde eher die Sonne wieder hell am Himmel stehen. »Hier drüben!«, rief sie ihm zu und ahmte das Geräusch von Vogelgezwitscher nach, damit er ihrer Stimme folgen und sie finden konnte. Ciri war schon damit beschäftigt, die eingepackten Decken zu verteilen, auf welchen sie die Nacht verbringen würden, und Äste und etwas längst verdorrtes Laub zu einem Haufen aufzuschichten. Dies erwies sich als außerordentlich schwierig, denn die meisten Blätter zerbröselten selbst bei der sanftesten Berührung, doch irgendwann prasselte ein munteres, kleines Feuer vor ihren müden Füßen.
Mit Fingern, deren angelernte Expertise mit den Jahren eingerostet war, wie Stahl, den man zu lange in den Regen gelegt hatte, zog sie den Hasen langsam das Fell ab und rupfte das Hühnchen. Es dauerte nicht lange, bis ein herrlicher Geruch die Luft erfüllte und fast hätten sich Tränen in Ciris Augen geformt. Fleisch war das teuerste und seltenste aller Güter geworden und ein frisch erlegter Hase schmeckte um Längen besser als ein Huhn, das an Altersschwäche oder Hunger gestorben war.
Cahir verfolgte die ganze Zeit über schweigend ihre Bewegungen und als Ciri ihm einen der Hasen reichte, zögerte er nur kurz, ehe er den Spieß mit seinen Fingern umschloss und entgegennahm.
»Woher hast du die?« Cahir betrachtete den gebratenen Hasen in seinen Händen und dann ihr Gesicht.
»Was meinst du?« Ciri neigte den Kopf schief, und noch während sie kaute, dämmerte ihr, dass er nicht die Hasen meinte, die sie unmittelbar vor seinen Augen erlegt hatte. »Oh … Die meinst du.« Ein schiefes Grinsen stahl sich auf ihre Lippen und nachdem sie ihre fettigen Finger an ihrer Tunika abgewischt hatte, deutete sie auf die Narbe, die ihr linkes Auge zierte. »Ich weiß es nicht«, gestand sie schulterzuckend und nahm einen weiteren Bissen von dem herrlich saftigen Fleisch. »Eines Tages bin ich aufgewacht und hatte diese Narbe«, erklärte sie zwischen zwei weiteren Bissen. Die ganze Zeit über spürte sie seinen wachen Blick auf ihren Wangen, doch sie bemühte sich darum, sich nichts anmerken zu lassen. »Ich weiß nicht, woher sie kommt oder wie sie entstanden ist. Sie ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Am Anfang hat sie echt verteufelt gejuckt, aber mittlerweile spüre ich sie kaum noch. Nur wenn es schneit, ziept sie manchmal ein wenig.« Gedankenverloren rieb sie sich über die Oberschenkel, die ausgestreckt auf ihrer Decke ruhten und von dem ungewohnt langen Marsch säuerten.
»Ich verstehe.« Cahir biss zögerlich von seinem Hasen ab, als erwartete er, dass er zwischen seinen Zähnen zu Asche wurde, doch als er zu begreifen schien, dass dem so nicht war, verwandelte sich seine Zurückhaltung in einen fast fieberhaften Rausch. Ciri schien nur zweimal blinzeln zu müssen und schon hatte er seine Portion bereits vollständig aufgegessen. Die abgenagten Knochen warf er zurück ins Feuer, was Ciri mit einem wütenden Aufschrei quittierte.
»Aus denen hätte ich Pfeilspitzen machen können!«, fuhr sie ihn so laut an, dass sie in der Nähe das verräterische Rascheln von Unterholz hören konnte. Auch Cahir zuckte zusammen, die Finger zitternd in Richtung des Feuers ausgestreckt, als überlegte er tatsächlich, in die heißen Flammen zu langen, um seinen Fehler zu korrigieren.
»Denk' nicht einmal daran!« Ciri zwang sich zu einem ruhigeren Ton. Immer wieder vergaß sie, dass der Mann wortwörtlich durch die Hölle gegangen war und nur er wusste, wie lange. Ihr blieben noch immer die Knochen ihres eigenen Hasen, die sie weiterverarbeiten konnte, und außerdem hatte sie noch vier Pfeile in ihrem Köcher.
Cahir zog seine Hände zurück. »Es tut mir leid«, murmelte er leise und ohne auf Ciris Reaktion zu warten, stand er auf, um zu einem nahe gelegenen Baumstamm zu stampfen.
Ciri ließ sich von seinem befremdlichen Gebaren nicht verunsichern, sondern aß andächtig weiter von ihrem Hasen, bis auch ihr nichts als Knochen übrig blieb. Anstatt diese aber in das Feuer zu werfen, wickelte Ciri sie vorsichtig in das abgezogene Fell ein und verstaute das Päckchen in ihrem Lederbeutel. Danach zog sie das noch unberührte Hühnchen vom Feuer und brachte es Cahir. Für gewöhnlich hätten sie sich den Luxus, sämtliches Fleisch auf einmal zu essen, niemals erlauben dürfen, doch Cahir war viel zu schwach und brauchte jedes bisschen Nahrung, das sie auftreiben konnten. Ciri blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass der Pontar voll mit Fischen war, die sie im Verlauf ihrer Reise angeln konnte.
»Iss' das«, befahl sie ihm so sanft wie möglich und kniete vor ihm auf den steinigen Boden, »und danach solltest du schlafen. Es ist bald Nacht und du kannst jedes bisschen Ruhe gebrauchen. Morgen müssen wir mehr Meilen laufen als heute, sonst erreichen wir Oxenfurt nicht vor Einbruch des Winters.« Cahirs Atem ging unstet und flach und Ciri war sich sicher, dass sein Körper endgültig den Zenit erreicht hatte.
»Binde mich fest«, schnaufte er schwerfällig und seine blauen Augen rollten ermattet in den Höhlen hin und her. Das Hühnchen, das Ciri ihm in die Hand gedrückt hatte, rutschte ihm aus den zittrigen, klammen Händen zu Boden. »Bitte, Ciri«, fügte er fast flehentlich hinzu und mit jeder verstrichenen Sekunde schien ihm das Atmen schwerer zu fallen.
»Wieso?« Ciri packte ihn an den Schultern, um zu verhindern, dass er kraftlos und zuckend am Baumstamm hinabglitt.
»Tu' es einfach, Ciri!«, setzte er nach, diesmal mit mehr Nachdruck, und Ciri tat wie geheißen. Sie fühlte sich nicht wohl dabei, das Seil wieder und wieder um Cahir und den Baum zu wickeln und schließlich außerhalb seiner Reichweite zu verknoten, doch egal, wie oft sie ihn noch fragte, er wollte ihr einfach keine Antwort geben.
Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.
Den Rest des Abends redeten sich kein Wort mehr miteinander, nur dann und wann flackerte Ciris Blick von alleine zu Cahir, der unter Fieber zu leiden schien und wirre Sachen vor sich hin murmelte. Als sie kaum noch die Augen offen halten konnte, rollte sie sich in ihrer Decke ein und suchte eine möglichst bequeme Position auf dem harten, unbequemen Boden.
Das Letzte, was sie hörte, bevor Albträume sie holten, war das ferne Geheul von Wölfen und eine Antwort, die ganz aus der Nähe zu kommen schien.
†
Am nächsten Tag erreichten sie das Ufer des Pontar, der sie unfehlbar nach Oxenfurt führen würde. Sie brauchten nur den Stromschnellen zu folgen, um die Hafenstadt zu erreichen, die einst die hochangesehene Stadt der Gelehrten und Alchemisten gewesen war.
Ein weiterer Vorteil war, dass sie sich nun nicht mehr länger Sorgen um Nahrung machen mussten, denn Fische gab es nach wie vor mehr als genug und so verbrachte Ciri die frühen Abende mit einer Angelschnur an den schlammigen, von Schilf überwucherten Ufern, während Cahir an einem Baumstamm in der Nähe hockte und seine Hände anstarrte. Immer wieder musste sie sich selbst mit flacher Hand ins Gesicht schlagen, um die lästigen Mücken von ihrer verschwitzen Haut zu verjagen, und dennoch spürte sie schon bald einen lästigen Juckreiz auf Wangen und dem Teil ihres Halses, der nicht von dem Leinenhemd verdeckt war.
Die üppige Ausbeute von fünf Fischen milderte jedoch Ciris Ärgernis darüber, und während sie die Tiere entschuppte und ausnahm, trällerte sie sogar leise ein Liedchen vor sich hin. Ihre Hände tauchte sie danach in das trübe, eiskalte Wasser, bis das Blut von ihren Fingerkuppen gewaschen war und sich dunkelrote Schlieren über die sich kräuselnde Wasseroberfläche verteilten.
In der Ferne neigte die Sonne sich dem Horizont zu, der von den unendlichen Weiten des Meeres verschluckt wurde. Der erste Frost zog sich über den Boden, als Ciri zurück zu Cahir stapfte und anhand der Intensität des Knirschens unter ihren Schuhen ungefähr abschätzte, wie kalt es noch werden könnte. Bei Nacht entzündete sie nur ungern ein Feuer, auch wenn Nowigrad mehrere Tagesmärsche hinter ihnen lag, doch Erfrierungen konnte und wollte sie ebenso wenig riskieren.
»Ich habe etwas Holz gesammelt.« Cahirs blaue Augen sahen unverwandt zu ihr auf. »Du hast gesagt, ich soll hier sitzen bleiben, aber ich dachte mir, dass du die Fische vielleicht braten möchtest.«
Ciri unterzog ihre Umgebung eine genauere Musterung und lauschte angestrengt in die sich rasch ausbreitende Finsternis der herannahenden Nacht. »Ich mag nachts kein Feuer.«
»Hier draußen ist keine Menschenseele, Ciri«, gab er zu bedenken und Ciri hob überrascht die Augenbrauen. Das musste das erste Mal sein, dass Cahir ihr Widerworte gab.
»Vermutlich hast du recht«, gab sie mit einem leisen Seufzen nach und schon kurz darauf prasselte ein kleines Feuer zwischen den beiden. Der Geruch von gebratenem Fisch erfüllte die Luft und verdrängte das muffige Aroma von vertrocknetem Holz und schlammigem Morast. Nach der Mahlzeit sah Cahir besser aus, als am vorigen Abend, dennoch bestand er auch diesen Abend darauf, dass Ciri ihn an einen Baum band. Auch wenn ihr immer noch unendlich viele Fragen auf der Zunge brannten, hatte sie begriffen, dass er keine davon antworten würde, wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn sie ihn mit einem Dolch bedrohte.
Der Mann würde eher sterben, als dass er seine Geheimnisse preisgäbe.
Eine Eigenschaft, die sie bei anderen immer respektiert hatte, die sie bei ihm aber schlicht wahnsinnig zu machen schien. Er war wie ein nasser, glitschiger Aal, der ihr wieder und wieder durch die Finger schlüpfte, egal, wie viel Mühe sie sich gab.
Das Lagerfeuer war schon lange bis auf eine dumpf schwelende Glut herabgebrannt, als Ciri aus einem neuerlichen Albtraum aufschreckte. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn und ihr fröstelte, als sie die Decke, die sie im Schlaf von sich gestrampelt haben musste, zu sich an die Brust zog.
Cahirs Gesicht lag im Schatten verborgen und der schwache Lichtschein von ihrem Lagerfeuer war außerstande, die Dunkelheit zu vertreiben, die zwischen ihnen stand wie eine unüberwindbare Mauer. Der zunehmende Mond lag hinter dicken Wolken verborgen und obwohl es in den Nächten um den Vollmond herum oftmals heller war als am Tag, konnten Ciris Augen sich an nichts gewöhnen, sodass sie auch einige Minuten nach ihrem jähen Erwachen weiterhin blind blieb.
Frost knirschte unter dem Gewicht ihres Körpers, als sie sich langsam aufrichtete und in die Nacht hineinlauschte. Aus der Richtung, in der sie Cahir festgebunden hatte, drang ein heftiges Schnaufen, gefolgt von einem leisen Wimmern.
»Cahir?« Ihre noch schlaftrunkene Stimme wurde von einem lauten Aufheulen verschluckt. Die Haare in ihrem Nacken sträubten sich und Ciri wand ihren Kopf, um das gräuliche Gefühl abzuschütteln.
Stille folgte auf seinen Namen aus ihrem Mund, sodass sie nach einer Weile beschloss, nach ihm zu sehen. Blindlings fuhr sie mit ihren steif gefrorenen Fingern über den Boden und suchte nach den Holzresten, die sie in der Nähe ihres Schlafplatzes gelagert hatte, um das Feuer füttern zu können, sollte es jemals abbrennen, während sie wach war.
Kurz darauf leckten neuerliche Flammen an dem trockenen Holz und Licht flutete die kleine Lichtung, auf der sie rasteten. Noch immer konnte sie von Cahir nur schemenhafte Umrisse sehen, die an den Rändern mit der Nacht in seinem Rücken zu verschmelzen schienen. Je näher sie trat, desto klarer grenzten sich seine Konturen ab, bis sie fast direkt vor ihm stand.
Ein blauer, rot umrandeter Blitz fuhr mit einem Ruck durch die Schwärze und mit einem unterdrückten Schrei stolperte Ciri nach hinten und landete hart auf dem Boden. Blutunterlaufene Augen folgten ihr und Ciri könnte schwören, sie hörte Cahir leise knurren.
»Was im Namen der tiefsten Hölle?«, kam es ihr mit einem Keuchen über die Lippen. Ihr Herz raste und das Blut in ihren Adern schien zu singen, lauter und immer lauter, bis sein Lied ihre Ohren betäubte.
»Cahir?« Ciri rappelte sich auf und rutschte mit einem Knie vorsichtig zurück in seine Richtung, bis ihn wieder sehen konnte. Sein ausgemergeltes Gesicht war blasser als ein Leichentuch und seine Adern traten geschwollen unter der Haut hervor, dürr wie seine knochigen Finger, die er mit aller Macht in das Seil grub, das ihn an Ort und Stelle gefesselt hielt. Seine Lippen waren zerbissen und blutig, und obwohl Ciris Instinkte sich dagegen sträubten, löste sie den Knoten ihres Leinentuchs im Nacken und unternahm einen Versuch, um ihm das eigene getrocknete Blut von den Lippen zu tupfen.
Mit einem lauten Zischen wich Cahir zurück, so weit ihn der Baumstamm in seinem Rücken ihm gewährte, und seine Lippen zogen sich so weit zurück, dass Ciri seine verwitterten, spitz zulaufenden Zähne sehen konnte. Fauchend wand Cahir sich unter dem Seil und Ciris Augenmerk fiel auf die aufgeriebene Haut an seinem Arm.
»Was … was ist los mit dir?«, traute sie sich, zu fragen, doch natürlich gab Cahir ihr keine Antwort. Er heulte auf und Ciri konnte den hilflosen Zorn in diesem einzigen, langgezogenen Geräusch hören, auch wenn sie nicht zu sagen vermochte, ob der Zorn von seinem Zustand oder den Fesseln kam, die ihn davon abhielten, mit einem Satz über sie herzufallen.
Noch einmal streckte sie zögerlich ihre Hand nach ihm aus, doch dieses Mal wich er nicht zurück – er schnappte nach ihr, so flink, wie sein Körper sich normal niemals bewegen können dürfte. Ciri schob ihre Füße Schritt um Schritt nach hinten und ließ Cahir dabei niemals aus den Augen.
Als sie zurück am Feuer saß, zog sie ihre Knie zur Brust und schlang ihre in ihre Decke eingehüllten Arme fest darum.
Den ganzen Rest der Nacht starrte sie angestrengt und so wenig wie möglich blinzelnd in Cahirs Richtung und wartete darauf, dass er zu lachen begann und sie ein ängstliches Kind schimpfte. Dass er sich einen schlechten, albernen Mummenschanz mit ihr erlaubt hatte, nicht mehr und nicht weniger.
Doch das passierte nicht.
†
Die Tage flossen schier nahtlos ineinander über. Oft war es auch tagsüber so dunkel, dass Ciri das Gefühl nicht loswurde, dass ein Rudel Wölfe in der nahen Dunkelheit ihren Spuren folgte. Cahir blieb weiterhin stumm wie ein Stein und nachdem Ciri gesehen hatte, was nachts aus ihm zu werden schien, zumindest teilweise, hatte sie sich nur noch wenig Mühe gegeben, um das Gespräch zu ihm zu suchen.
Sie schlief immer seltener und immer schlechter und mit der Zeit wurde sie gereizt. Immer öfter marschierte sie in strammem Tempo voran und ließ Cahir weit hinter sich zurückfallen. Sie verzichtete darauf, ihn auch tagsüber zu fesseln, weil sie glaubte, zu erkennen, dass die Menschlichkeit mit Anbruch des Tages zurück zu ihm fand, doch das war das einzige Vertrauensbekenntnis, das sie ihm gegenüber noch aufbrachte.
Der Pontar plätscherte in ihrer Nähe munter Richtung Süden und je näher sie Oxenfurt kamen, desto öfter glaubte Ciri in der Ferne das Geschrei von Möwen und Matrosen zu hören. Der Fischfang war mittlerweile zur wichtigsten Nahrungsquelle des Menschen geworden, sodass in den Städten Nowigrad und Oxenfurt, die beide unmittelbar am Meer lagen, nach wie vor reger Betrieb am Hafen herrschte.
Aber Oxenfurt lag noch mindestens eine Woche Fußmarsch von ihnen entfernt und diese Lebenszeichen konnten nur ihrer blühenden Fantasie entspringen. Auch wenn Ciri es nie zugegeben hätte – sie sehnte sich nach menschlicher Interaktion. Mit jeder Meile wurde Cahir in sich gekehrter und das Schweigen lastete schwer auf Ciri, denn so konnte sie nicht aufhören, über alles zu brüten, bis die vielen offenen Fragen sie schier verrückt machten.
Sie glaubte nicht wirklich daran, dass Cahir eine Gefahr für sie darstellte, andererseits hatten dieses unmenschliche Geheul und sein „Angriff“ eine Emotionen in ihr ausgelöst, die sie so schon lange nicht mehr gefühlt hatte: Angst. Schutzlosigkeit. Hilflosigkeit
Auch ihre Umgebung veränderte sich über die Zeit hinweg kaum, und wenn Ciri nicht wüsste, dass es unmöglich war, sich zu verlaufen, wenn man dem Lauf eines Flusses folgte, wäre sie überzeugt davon, seit Tagen im Kreis zu laufen.
Und so verbrachten sie ihre gleichförmigen Tage: die immer gleiche Routine aus marschieren, angeln, ein Feuer machen, essen, Cahir anbinden und eine weitere quälend lange Nacht hinter sich bringen. Das einzig Gute daran war die körperliche Veränderung Cahirs bei Tage: Das ganze Essen, dass Ciri für sie auftrieb, hatte ihn aufgepäppelt und seine Wangen waren nicht mehr länger eingefallen. Er konnte mühelos sein eigenes Gewicht tragen, ohne außer Atem zu geraten, und Ciri war überzeugt davon, dass er mittlerweile länger marschieren könnte als sie, wenn er es gewollt hätte. Dass er also weiterhin bei ihr blieb, obwohl er sie hätte zurücklassen können, um zu tun, wonach ihm immer der Sinn stand als freier Mann, musste bedeuten, dass er auf das, was nachts mit ihm geschah, keinen Einfluss hatte.
Was wiederum bedeutete, dass Ciri weiterhin an ihn glauben wollte.
Yen war eine fähige Zauberin und würde ihm gewiss helfen können, daran glaubte Ciri von ganzem Herzen und das musste sie auch, um trotz der bleiernen Müdigkeit, die hartnäckig an ihr nagte, weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Nach einer weiteren Woche veränderte sich endlich der Weg und aus dem felsigen Geröll, das von matschigen Ufern gesäumt wurde, wurde eine richtige Allee aus gepflasterten Steinen. Die Bäume zogen sich vor der von Menschen künstlich angelegten Straße zurück, bis Ciri ungehindert auf die Landschaft vor sich blicken konnte. In der Ferne zeichneten sich die Stadtmauern Oxenfurts als schmale Linie vom Himmel ab und fast hätte sie vor Erleichterung geseufzt. Ihre Füße waren derlei Märsche nicht mehr gewöhnt und der Gedanke an ein richtiges Bett und einen warmen Eintopf schürte in den verkohlten Resten ihrer Motivation ein neues Feuer.
Während sie weiterhin dem Fluss folgten, erwachte die Welt um sie herum allmählich zum Leben. Mücken surrten an den Flussufern, Kröten quäkten laut und aus der Ferne drangen einzelne Gesprächsfetzen mit dem trägen Wind zu ihnen herüber.
»Wir halten uns weiter am Fluss«, beschied sie. Cahir war hinter ihr zum Stehen gekommen und folgte ihrem Fingerzeig in die westliche Richtung. »Dort sind Menschen. Ich weiß nicht, ob sie auch zur Stadt gehen oder von ihr fort und ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Falls unsere Steckbriefe aus Nowigrad ihren Weg hierher gefunden haben, sollten wir Begegnungen mit anderen so gut es geht vermeiden. Vor allem vor der Stadtwache sollten wir uns vorerst verstecken; ich schlage also vor, dass wir für heute einen Rastplatz suchen, damit ich aus unseren Decken Umhänge machen kann.«
»In Ordnung.« Cahir trat prüfend auf den Boden und beschrieb einen kleinen Kreis um ihren jetzigen Standort herum. »Der Boden hier ist zu schlammig. Ohne Decken werden wir in wenigen Stunden komplett durchgenässt sein und unterkühlen. Wir sollten zumindest etwas landeinwärts gehen und einen etwas trockeneren Untergrund suchen.«
»Einverstanden. Aber dann gehen wir lieber etwas zurück in Richtung Wald. Ich will nicht auf offener Ebene für die Nacht einkehren«, entgegnete sie und Cahir nickte beipflichtend. Also straffte sie ihre Schultern trotz der Kraftlosigkeit, die sie zu überwältigen drohte, und folgte Cahir, der überraschend aufgeweckt voranschritt. So verloren sie zwar etwas an kostbarer Zeit, doch dafür saßen sie im Schutze der tiefen Schatten, welche die dicht gewachsenen Baumkronen selbst ohne Blattbewuchs warfen.
Nachdem sie die letzten Fische miteinander geteilt hatten und Ciri Cahir vorsorglich an einem Baum festgebunden hatte, fing sie augenblicklich mit der Arbeit an, um das verbleibende, rasch schwindende Tageslicht auszunutzen. Mit ihrem Dolch schnitzte sie einen der Knochen des Hasen, den sie am ersten Tag erjagt hatte, zu einer Nadel und trennte vorsichtig von dem abstehenden Ende des Seils um Cahirs Leib einen Faden ab.
»Wieso muss ich dich anbinden, Cahir? Was … was passiert da nachts mit dir?«, fragte Ciri in die Stille hinein, als das Zirpen der Insekten verstorben war und auch die Kröten nicht mehr länger lauthals klagten. »Ich will glauben, dass ich mir das nur einbilde, aber ...« Sie hielt inne und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie einander einfach nur an. »Am Anfang hat es mir Angst gemacht, ja, aber mittlerweile glaube ich, du würdest mir nicht wirklich etwas tun.« War das naiv? Vielleicht, aber sie hatten so viel Zeit miteinander verbracht, dass Ciri es wahrhaftig nicht über sich bringen konnte, schlecht von ihm zu denken. Vor allem, wenn sie daran dachte, wie anders Cahir tagsüber war und wie er über den Verlauf der letzten beiden Wochen wieder erstarkt war. Auch wenn sie auf der anderen Hand sehr wohl mit eigenen Augen gesehen hatte, welch brachiales Ausmaß die nächtlichen Veränderungen annahmen.
»Das ist eine Eventualität, deren Überprüfung mit Risiken einhergeht, die ich nicht bereit bin, zu wagen.« Seine Stimme war kräftig geworden auf ihrer Reise. Allgemein hatte sich sein Zustand beträchtlich verbessert und Ciri glaubte fest daran, dass seine gesündere körperliche Verfassung maßgeblich positive Auswirkungen auf seine mentale Gesundheit hatte.
»Das Risiko trage ich ganz alleine, wenn ich deinen Warnungen Glauben schenke«, beharrte sie starrköpfig. Sie konnte es nicht leiden, wenn man sie bevormundete. Nicht einmal Geralt hatte sie das durchgehen lassen und damals war sie noch einige Jahre jünger gewesen.
»Ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass ein Leben erlischt. Dass dein Leben erlischt. Du kannst mir diesen Wunsch nicht absprechen, nur weil du dieses Argument gewinnen möchtest.« Sein ruhiger Ton widersprach seinen Befürchtungen fast ebenso sehr wie sie selbst, doch diese Erwiderung verbiss sie sich, stattdessen legte sie ihren Fokus zurück auf die Decke, die einem Umhang mit jedem Stich mehr ähnelte.
»Was ist das überhaupt?« Ciri legte den Stoff weg, nachdem sie sich mehrmals hintereinander mit der knöchernen Nadel in den Finger gestochen hatte. »Das … naja, das mit dir? Du hast es mir noch immer nicht richtig erklärt.«
»Es gibt nichts zu erklären. Ich verändere mich bei Nacht. Jede Nacht ein wenig mehr. Und eines Tages werde ich den Kampf gegen das, was schon längst in mir schlummert, nicht mehr gewinnen und wenn dieser Tag kommt, will ich nicht ungefesselt neben dir sitzen, während du schläfst.«
»Ich habe dich nicht gerettet, um dich erneut in Ketten zu legen, Cahir.« Ciri setzte einen neuen Stich, doch er geriet schief und sie musste ihn noch einmal auftrennen. In solchen feinen Handarbeiten war sie nie besonders gut gewesen.
»Du legst mich nicht in Ketten, du schützt dein Leben, Ciri«, korrigierte Cahir sie gelassen. Je öfter sie mit ihm sprach, desto weniger konnte sie sich vorstellen, dass ein Monster in ihm schlummerte.
Ihre Hand verkrampfte sich schmerzhaft und die Knochennadel fiel auf den staubigen Boden unter ihren Füßen. Das Licht der untergehenden Sonne war so schwach, dass sie blind nach der Nadel tasten musste. »Ich verstehe einfach nicht, wieso du nicht mit mir reden willst.«
»Du hättest auf deinen Freund hören sollen«, antwortete er ausweichend.
Ciri sah überrascht auf, doch Cahir wich ihrem Blick aus. Das Blau seiner Augen blitzte im letzten Licht der Dämmerung und Ciri glaubte, Reue darin zu erkennen. »Was meinst du?«
»Ich hatte dich im Kerker gewarnt und er war der Einzige, der es sofort erkannt hat.«
Verwirrt runzelte Ciri die Stirn. »Was meinst du denn damit?«
»Du hättest mir besser noch dort unten die Kehle aufgeschlitzt.«
In dem Vakuum ihrer Gedanken echoten seine Worte seltsam hohl wider und es dauerte einige Momente, bis sie begriff, was er gerade zu ihr gesagt hatte.
»Lambert ist der letzte Mensch auf dieser Erde, auf dessen Wort ich jemals hören würde, und das ist auch gut so«, erwiderte sie schnippisch, doch das Zittern in ihrer Stimme verriet, wie betroffen sie allein die Vorstellung machte, dass sie sich an jenem Tag wirklich so entschieden hätte. »Er war früher ein Soldat für den König und er genoss das Ansehen des gemeinen Volkes und einen prall gefüllten Geldbeutel. Er gehörte zu den Ersten, die man aus dem Dienst entlassen hatte, als das gemeine Volk zu schwach für einen Aufstand geworden war, und mit jeder schwindenden Nowigrader Krone wurde er mürrischer. Er ist ein verbittertes Arschloch, dass nur noch das Schlechte in jedem sieht. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich ihn verstehen, aber sein Urteilungsvermögen ist wahrlich nicht der Maßstab, nach dem ich handeln möchte, nichts für ungut.«
Cahir entfloh ein nüchternes, leises Lachen. »Ihr arbeitet zusammen, nicht wahr?«
»Ja. Und ich würde Lambert ohne zu zögern mein Leben anvertrauen. Auch wenn er verbittert ist – er ist bis in den Tod loyal, entgegen seiner eigenen, zynischen Sicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich seine Ansichten teilen muss, oder?« Ciri hob herausfordernd eine Augenbraue und über dem Feuer sah sie Cahirs zuckende Mundwinkel. Obwohl die Sonne am Horizont verschwunden war, schien es ihm gut zu gehen, was Ciri gleichermaßen Hoffnung schenkte und verwirrte.
»Wieso bist du noch so ...« Sie verstummte und suchte nach den passenden Worten, doch Cahir kam ihr zuvor.
»Normal?« Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, doch es vermochte nicht seine Augen zu erreichen. »Es gibt gute und schlechte Nächte. Dennoch muss ich gestehen, dass ich selbst überrascht bin. Bald ist Vollmond und normalerweise sind diese Nächte die schlimmsten.«
»Ich verstehe.« Im Grunde tat sie das nicht, doch darüber zu grübeln würde ihr auch nicht dabei helfen, diese beiden Decken über Nacht magisch in Umhänge zu verwandeln. Während sie also weiter nähte, unterhielten die beiden sich zum ersten Mal, seit sie aus Nowigrad aufgebrochen waren, über Dinge, die außerhalb ihres kleinen, fast friedlichen Mikrokosmos um dieses Lagerfeuer herum allerhöchstens Banalitäten waren. Ciri erfuhr von Cahir, dass er vor seiner Gefangennahme sein tägliches Brot als Leibwache eines Adligen verdient hatte und dass es dieser Adlige gewesen war, dem er seinen Aufenthalt in der Hölle zu verdanken hatte. Er konnte ihr allerdings nicht verraten, wie lange er wirklich dort unten eingesessen hatte oder wieso man ihn losgebunden hatte, bevor Ciri und ihre Leute dort eingestürmt waren wie ein heftiges Schneeunwetter, und Ciri glaubte ihm, als er ihr beteuerte, dass er ihr diese Informationen nicht einfach nur vorenthalten wollte.
Dann und wann war es Cahir, der ihr eine Frage stellte, und schon bald war Ciri fertig mit den Umhängen, ohne dass sie sich groß darauf konzentrieren hätte müssen. Die schlaflosen Nächte rächten sich, als sie mit zittrigen Fingern den letzten Stich setzte und danach stirnrunzelnd ihr Werk begutachtete. Der Stoff schien vor ihren Augen zu verschwimmen wie blutige Schlieren in einer schmutzigen Pfütze und obwohl sie mehrmals heftig blinzelte, wollte sich das Bild einfach nicht scharf stellen.
»Ich muss schlafen«, stellte sie fest und noch bevor sie die Umhänge ordentlich zusammengefaltet und weggeräumt hatte, fielen ihr die Augen zu und sie fühlte die harte, unebene Rinde eines Baums in ihrem Rücken, der ihren Sturz nach hinten abgefangen hatte.
»Schlaf gut, Ciri«, vernahm sie gerade noch Cahirs weiche Stimme, bevor der Schlaf sie übermannte und zum ersten Mal seit langer Zeit träumte Ciri einfach gar nichts.
†
Am nächsten Morgen machten die beiden sich schweigend fertig, nachdem Ciri Cahir vom Baum gelöst hatte. Sie war dankbar dafür, dass sie unter dem Umhang verschwinden und ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Bis nach Oxenfurt war es nicht mehr weit, und auch wenn die ganze Situation mit Cahir sie überforderte, so musste sie sich dennoch vorerst darauf konzentrieren, Yen zu finden.
Der erste Schritt dafür war direkt der schwierigste von allen: An den Wachen vorbei in die Stadt gelangen. Ciri vertraute darauf, dass es aus dem Norden einen steten Strom von Flüchtlingen gab, bei dem sie sich untermischen konnten, um ungesehen zu bleiben, doch was auch immer sie sich die nächsten Stunden Mal um Mal vorstellte, es kam der Realität nicht annähernd nahe.
Die Stadtmauern schossen mit jeder Meile höher aus dem Boden, bis Ciri den Kopf in den Nacken legen musste, um sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Sie warfen lange Schatten, in denen hunderte, vielleicht sogar tausende von Flüchtlingen um Lagerfeuer kauerten. Einige besaßen Zelte, andere nur Stoffbahnen, die sie provisorisch über Stöcken aufgespannt hatten. Stoff flatterte raschelnd im Wind, muntere Feuer brachen knackend die trockenen Äste, die sie nährten, doch ansonsten war es gespenstisch still.
Ein Blick in die ausgezehrten, leeren Gesichter der Menschen, die dort dicht einander gedrängt gegen die Kälte der Nacht ankämpften, genügte, um zu wissen, welche Schrecken sie alle bereits gesehen hatten.
»Ich dachte, im Süden wäre es noch nicht so schlimm wie in Nowigrad«, hauchte Ciri zu niemand Bestimmten. Sie spürte Cahirs Präsenz im Rücken, noch bevor er vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter legte und sie sanft zu sich umdrehte. »Sieh' dir das nur an.«
»Tu' dir das nicht an, Ciri«, sagte er sanft und betrachtete sie mit einer Eindringlichkeit, die für einen Moment genügte, um die Welt um sie herum auszublenden, »wir müssen weiter. Diese Freundin von dir finden.«
Ciri hatte ihm noch gar nicht gesagt, wieso sie überhaupt hierher gekommen waren, und das schlechte Gewissen plagte sie. Immer wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie diese Reise in erster Linie um seinetwillen angetreten war, um die Stimme zu verstummen, die an ihr nagte.
»Sie ist nicht meine Freundin«, erklärte sie ihm mit einem Schmunzeln, »eher wie eine Mutter, die ich nie hatte.« Dann wurde Ciri wieder ernst und verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber du hast recht: wir müssen weiter.«
Ihr Herz blutete für die Menschen, die dort in den Schatten der Stadt litten, doch akut würde ihre Hilfe kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Sie würde nach einem Ende für diesen Fluch suchen und dann wäre das Leid dieser Menschen beendet, das zumindest redete Ciri sich ein, während sie sich von ihnen abwandte und mit Cahir in Richtung Stadttor marschierte.
Die Götter waren ihnen wenigstens dieses eine Mal gnädig gestimmt, denn trotz der Menschen vor den Mauern waren sie nicht die Einzigen, die Einlass in die Stadt begehrten. Die Stadtwachen, sichtlich überfordert von der Situation, hatten ihre Pflichten scheinbar aufgegeben und bis auf einige wenige Stichkontrollen ließen sie die Menschen passieren.
Ciri und Cahir nickten sich zu, zogen die Umhänge tiefer über das Gesicht und hefteten sich an das Ende eines großen Karrens voller Kohl und Wurzelgemüse, der von mehreren ausgezehrten Männern gezogen und von blassen Frauen flankiert wurde. Eine von ihnen presste ein Baby an ihre flache Brust und das klägliche Weinen schien die Frau noch weiter auszuhöhlen.
Ciri zwang sich dazu, wegzuhören und sich stattdessen auf Cahir zu konzentrieren, der aufrecht neben ihr herlief und kurz vor dem Tor nach ihrer Hand griff. Als sie zu ihm aufsah, sah sie das Lächeln auf seinen Lippen und Ciri fühlte Wärme in ihre Wangen, sodass sie beschämt zurück auf den hölzernen Karren unmittelbar vor sich starrte.
Je näher sie den beiden Stadtwachen kamen, desto nervöser wurde Ciri. Bei all den Dingen, die sie schon mit ihren Leuten gedreht hatte, hatte sie nie gezögert oder einen Schweißausbruch gehabt, aber bei diesen Unternehmungen waren „mit der Menge verschmelzen“ und „unauffällig verhalten“ nie Teil des Plans gewesen. Das hier fühlte sich schwerer an, als in ein Gebäude voller schwarzer Ritter zu stürmen und mit dem Schwert in der Hand um einen weiteren erlebten Sonnenaufgang zu kämpfen.
Als sie auf gleicher Höhe wie die gelangweilt dreinblickenden Wachen waren, hielt Ciri die Luft an, bis ihr Brustkorb sich schmerzhaft unter der dreckigen Tunika spannte. In ihren Ohren klingelte es und ihre Hände wurden schweißnass, doch niemand um sie herum schien etwas von ihrer Qual mitzubekommen. Auch die Stadtwachen scherten sich nicht im Geringsten um die zwei Gestalten in schmuddeligen Umhängen, doch erst als Cahir seine Hand von ihrer löste, um stattdessen ihre Schulter zu drücken, begriff sie, dass das Stadttor hinter ihnen lag.
»Wir sind in Oxenfurt.« Seine Stimme fand ihren Weg durch den Lärm um sie herum und dämpfte die hektische Betriebsamkeit ab, die sie wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel umgab. »Jetzt kommen wir zum nächsten schwierigen Schritt: Wo finden wir diese Frau, die wie eine Mutter für dich ist?«
Ciri lachte vor Erleichterung auf. »Das ist das Problem mit Yen. Wenn sie nicht gefunden werden will, findet man sie auch nicht. Meistens ist es eher so, dass sie es ist, die einen findet.« Mit noch immer klammen Fingern zog sie die Kapuze über ihrem aschgrauen Haar zurück, achtete aber sorgsam darauf, dass ihr Schwertgriff weiterhin vom Umhang verdeckt wurde. In Nowigrad gehörte es zum guten Ton, bewaffnet durch die Straßen zu gehen, aber in Oxenfurt herrschte noch deutlich mehr Räson, was man am Zustand der Stadt erkennen konnte. Die gepflasterte Straße war intakt und ließ keine einzelnen Steine vermissen, was wiederum Sorge dafür trug, dass auch die Fenster der Häuser noch unbeschadet in ihren Rahmen hingen. Die Dächer waren ordentlich und würden nicht beim ersten Anzeichen von Regen für Probleme sorgen.
Die Bewohner waren zwar auch hier dünn und blass, doch niemand, dem sie begegneten, während sie auf den Stadtkern zusteuerten, sah so aus, als könnte er sich kaum an seine letzte Mahlzeit erinnern.
»Das ist schlecht«, bemerkte Cahir trocken und führte Ciri am Karren vorbei, sodass sie mehr von der Straße sehen konnten »und wie gedenkst du dann, sie zu finden? Es könnte Wochen dauern, sie ausfindig zu machen.«
»Oh nein«, wehrte Ciri grinsend ab und löste mit geschickten Fingern den Knoten in ihrem Rücken, der ihre Haare zusammengehalten hatte, »Yen hat ihre Augen immer überall. Sie ist eine Zauberin, schon vergessen.«
»Was tust du denn da?« Cahir rieb sich den Arm und sah sich gehetzt um, als suchte er nach potenziellen Gefahrenquellen. »Dein Haar, es ist … nicht gerade unauffällig, Ciri.«
»Ich weiß«, flötete sie vergnügt, »Yen liebt diese Farbe.«
Conversus
𝕮𝖔𝖓𝖛𝖊𝖗𝖘𝖚𝖘
𝔎𝔬𝔫𝔳𝔢𝔯𝔤𝔢𝔫𝔷
†
Du bist genauso unvorsichtig, wie dieser unbelehrbare, sture, alte Esel!« Yen schritt zum achten Mal von einem Ende des kleinen, voll gestellten Raumes, zum anderen. Auch ihre Predigt hatte sie beim achten Mal nur minimal abgeändert und noch immer saß Ciri breit grinsend auf einem Stapel Kissen, den Yen mit einer entnervten Handbewegung und einer gemurmelten Beschwörung aus der Luft herausgezaubert hatte. Sie hatten dieselbe Farbe wie Yens sturmumtoste Augen: eine Mischung aus der glatt geschliffenen Oberfläche eines Amethyst und diesem einzigartigen Violette-Ton, wenn der Nachthimmel allmählich die letzten Sonnenstrahlen erstickte.
Mit „unbelehrbarer, sturer, alter Esel“ war Geralt gemeint, ganz sicher und jedes Mal, wenn Yen sich einen anderen, wenig schicklichen Namen für ihn ausdachte, wurde ihr Grinsen breiter.
»Einfach so durch Oxenfurt zu flanieren und jedem dein sonderbares Haar zu präsentieren!« Yens blasse, gesund runde Wangen waren rot gefleckt, ein seltener Anblick für die Frau, die ihrer Wut für gewöhnlich ausschließlich mit bissigen Bemerkungen in kontrolliert herablassender Stimme Luft machte.
Ciri zuckte nur gelassen mit den Schultern, was das zornige Funkeln in Yens Augen nur schlimmer entfachte. »Ich wusste doch, dass du mich als Erste finden würdest.«
Yen schnaubte laut genug, dass Cahir von dem Buch aufschreckte, das er beim Betreten der kleinen Dachwohnung aufgelesen hatte – ein weiteres, zutiefst Yen-unytpisches Geräusch. »Du spuckst dem Schicksal ins Gesicht und eines Tages wird es dich dafür beißen! Was – im Namen der Magie – machst du überhaupt hier? Ich dachte, du und Geralt kämpft in Nowigrad für die weniger starken Menschen.« Etwas an der Art, wie sie ihre kleine, spitze Nase rümpfte, als hätte sie soeben äußerst detailliert über die Ausscheidungen von Kakerlaken gesprochen, reizte Ciri, doch sie bekämpfte den Impuls, ihr Kontra zu geben. Yen und das „einfache Volk“, wie sie es nannte, würden nie einen gemeinsamen Nenner finden, da würde auch ein neuerlicher Streit mit ihr zu keinem Ergebnis führen.
»Ich habe dir etwas mitgebracht.« Sie zog ihren Reisebeutel zu sich und fischte in dessen unordentlichen Untiefen nach dem einst säuberlich gefalteten Pergament, das Geralt ihr in die Finger gedrückt hatte. »Von Geralt.« Sie wackelte vielsagend mit den Augenbrauen und übergab Yen den Brief.
Yen schaffte es, ihre mürrische Miene beizubehalten, doch ihre Augen wurden weicher mit jeder Zeile, die sie in erschreckender Geschwindigkeit überflogen. »Dieser Mistkerl«, lachte sie, wieder und wieder und wieder, bis sie den Brief zusammenfaltete und zu einem kleinen Haufen weiterer Briefe unter einem leeren Tintenfass verstaute. Danach flackerte ihr Blick seitlich zu Cahir, dessen Lippen stumm die Worte formten, die er las, und dabei nicht einmal bemerkte, dass er angestarrt wurde. »Ich soll ihm also helfen, ja? Dafür seid ihr hier?«
Ciri stellte sicher, dass Cahir nicht hinhörte, bevor sie antwortete: »Ja. Wir haben ihn gefunden in den Kerkern Aretusas, als wir dort nach dem Ursprung des Fluchs gesucht haben. Er … er verändert sich. Nachts nur, tagsüber ist er normal. Nun ja, so normal man sein kann nach einem verlängerten Aufenthalt dort unten.«
Yen rieb sich gedankenverloren die Wange, die ihre rötliche Färbung verloren hatte. »Davon stand in dem Brief nichts geschrieben, Ciri. Ich fürchte, du wirst dich etwas genauer erklären müssen, aber das machen wir besser an einem anderen Ort.« Sie gab Ciri das Zeichen, zu ihr zu kommen. »Du wartest am besten hier auf uns!«, fügte sie an Cahir gewandt hinzu, so nachdrücklich, dass er tatsächlich von seiner Trance aufschreckte und verstehend nickte, nachdem sie sich mit erkennbarer Gereiztheit wiederholte.
Ciri hatte schon öfter gesehen, wie Yen Magie wirkte, dennoch verfolgte sie gebannt, wie Yen Zeichen mit Kreide auf den Boden malte, dessen hölzerne Oberfläche von unzähligen vorherigen Beschwörungen bereits verblasst war. Als sie sich aufrichtete und ein Wort murmelte, dass Ciri nicht verstand, öffnete sich vor ihren Augen ein Riss in der Luft, dessen schwarzes Loch sie förmlich anzuziehen schien.
Mit einem letzten auffordernden Kopfnicken wandte Yen sich von ihr ab und durchschritt das Portal, von dem Ciri nicht wusste, wohin es führte.
»Versuchst du bitte, nichts durcheinanderzubringen? Yen hasst Chaos in ihren Unterlagen«, scherzte sie leichtherzig und lachte, als Cahir fast von seinem Hocker fiel. Seine Augen wanderten zwischen ihr und dem Riss im Raum hin und her und sein Gesicht erbleichte.
»Ich werde es beherzigen«, antwortete er gedehnt und das Letzte, was Ciri hören konnte, bevor sie Yen durch das Portal folgte, war ein ungläubiges Schnauben.
Für mehrere Herzschläge lang sah Ciri gar nichts außer endloser Schwärze. Ihr Magen rebellierte, als ob sie sich mehrmals überschlagen hätte, doch in dem endlosen Nichts war nicht auszumachen, wo der Anfang und das Ende dieser Realität waren.
Und dann, so schnell, wie es angefangen hatte, hörte es auch wieder auf und Ciri stolperte über einen polierten, farbenfrohen Boden aus winzigen Mosaiksteinchen. Mit der Übelkeit und dem leichten Schwindel ringend, kam sie langsam wieder auf die Beine.
»Wo hast du uns hingebracht?« Ihre Worte echoten von den hohen Wänden wieder, die sie umgaben. Strahlender Sonnenschein flutete den Raum durch lange, rund zulaufende Fenster und Ciri schnappte nach Luft wie ein gestrandeter Fisch.
Sonne?
Wie war das möglich?
»Das hier ist mein privates Studierzimmer.« Yen kam hinter zwei Reihen mannshoher Buchstapel hervor, die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt. »Die kleine Wohnung in Oxenfurt bietet nicht genügend Raum, um all meine Bücher und Unterlagen zu beherbergen.« Und tatsächlich – je mehr Ciri sich an das ungewohnte Sonnenlicht gewöhnte, desto mehr konnte sie von dem Raum sehen, in den sie teleportiert worden war. Regale standen scheinbar ohne Struktur in dem riesigen Zimmer verteilt und jedes Einzelne davon barst fast unter dem Gewicht der Bücher, eines dicker als das andere.
Auf dutzenden Schreibtischen fanden sich Notizen, fein säuberlich zu kleineren Bündeln zusammengebunden, gläserne Karaffen mit unterschiedlichen Inhalten, Kessel, von denen Rauch in unterschiedlichen Farben aufstieg, und der ein oder andere Foliant, bedruckt mit goldenen Lettern, die für Ciri keinen Sinn ergaben.
»Hast du diesen Ort erschaffen?« Ciri drehte sich um ihre eigene Achse, doch es schien nicht genug Zeit auf der Welt zu geben, um den Raum in seiner Gesamtheit zu erfassen. Erst jetzt fielen ihr die kristallenen, bunt gefärbten Objekte auf, die scheinbar von selbst in der Luft baumelten und von denen Ciri vermutete, dass sie Planeten und Sterne darstellten. Wenn sie angestrengt genug hinsah, erkannte sie, dass sie ganz langsam rotierten und eine Art Flugbahn beschrieben.
»Über viele Jahre hinweg, ja.« Ciri hörte das Lächeln in Yens Stimme.
»Selbst die Sonne?«
»Selbst die Sonne.«
»War Geralt auch schon hier?« Er hatte zwar nichts mit ihrer Reise hierher zu tun, zumindest nicht direkt, und dennoch wollte Ciri sich diese flüchtigen Minuten gönnen, um sich der Illusion eines normalen Gesprächs hinzugeben.
»Nein.« Yens Schultern bebten ganz leicht, gewiss von einem Lachen, so leise, dass es selbst in diesem riesigen Raum kein Echo erzeugte. »Geralt hasst Portale.« Sie kam mit langsamen Schritten auf Ciri zu und ihre schwarzen Locken wippten mit jeder ihrer Bewegungen im Einklang. »Aber dafür sind wir nicht hierher gekommen. Sprich, Kind, diese Wände haben keine Ohren.«
Seufzend fuhr Ciri sich mit den Händen über das Gesicht, ehe sie sich auf einem nahestehenden Hocker fallen ließ und Yen alles erzählte, was sie wusste. Das Gesicht der Zauberin, zumeist voller Konzentration angespannt, nahm erst einen verwunderten und schließlich einen düsteren Ausdruck an, als Ciri ihr von Cahirs seltsamen Verhalten in der Nacht berichtete und sich dabei an so viele Details wie möglich erinnerte. Am Ende hatte sie die Nächte fast ein zweites Mal durchlebt und ein Schauer kroch ihr über den Körper.
»Und du weißt nicht, wie lange er dort unten war?«, rekapitulierte Yen ihre Zusammenfassung. Während ihrer Ausführungen war sie an den nächstgelegenen Schreibtisch getreten, hatte mit den Händen alles beiseite geschoben, was nicht ihren Zwecken dienlich war, und nach einer Feder und einem Tintenfass gegriffen. Noch immer war sie beschäftigt damit, sich Notizen anzufertigen.
Ciri schüttelte den Kopf, realisierte dann aber, dass Yen dies gegenwärtig gar nicht sehen konnte, und sagte deshalb: »Nein. Aber am Anfang war er halb verhungert. Das war der ursprüngliche Grund dafür, dass wir aus Nowigrad verschwunden sind. Er wäre verhungert.« Abrupt hielt Ciri inne und fast zeitgleich kam auch die Feder in Yens Hand zum Stillstand.
Vielleicht sie mehr für deinen neuen Freund tun, als wir, immerhin ist sie eine Zauberin.
Und nimm dich vor seinen Schatten in Angst.
»Was ist?« Yens Stimme verankerte ihren Verstand zurück in der Realität, doch ihr Körper brauchte länger, bis er sich wiederfand. »Du hast dich an etwas erinnert. Ich konnte es in deinen Augen sehen.«
»Geralt«, gab sie leise zurück, »Geralt muss etwas geahnt oder gespürt haben. Er hat mich vor „Cahirs Schatten“ gewarnt und das unmittelbar nach seiner ersten und einzigen Nacht im Haus. Und in dieser Nacht habe nicht einmal ich etwas mitbekommen, obwohl ich im selben Zimmer wie er geschlafen habe.« Yen drehte sich auf ihrem Hocker zu ihr um und musterte sie unter hochgezogenen Augenbrauen, was Ciris Wangen heiß werden ließ. »Was denn? Nicht im selben Bett!«, stritt sie die Anschuldigungen in Yens Gesichtsausdruck ab, obwohl es sie im Grunde gar nichts anging, selbst wenn ihre haltlosen Vermutungen … nun ja, Halt hätten.
»So, so«, zwitscherte Yen sichtlich erheitert und wandte sich wieder ihren Notizen zu, auch wenn ihre Feder weiterhin reglos an Ort und Stelle verharrte.
»Und?«, fragte Ciri eine Spur zu scharf, um beiläufig zu klingen, »Kannst du ihm helfen?«
Yen strafte ihre Frage mit Schweigen, aber Ciri kannte sie lange genug, um zu wissen, dass sie sie nicht ignorierte oder sie überhört hatte. Sondern dass sie nachdachte, lange und intensiv. Als sie früher, lange vor dem Fluch, noch mehr Zeit mit der Zauberin verbracht hatte, hatte es Tage gegeben, an denen Yen Stunden nach dem eigentlichen Gespräch aufgeschreckt war und die Antwort auf eine längst vergessene Frage gegeben hatte.
»Ja. Und nein.« Jetzt legte Yen die Feder weg und drehte sich auf dem Hocker zu ihr um. Ihre Wangen waren etwas eingefallen und ihre Haut wirkte fahl.
»Wie meinst du das?« Ciris Herzschlag wurde arrhythmisch schneller, ihr Atem flacher.
»Ich kann seine Symptome betäuben, die Heilung allerdings obliegt in den Händen eines anderen Menschen.« Ein mysteriöses, fast wissendes Lächeln umspielte Yens schmalen Mund.
»Wie soll ich das denn verstehen? Müssen wir eine andere Zauberin suchen? Oder einen Zauberer?« Ciri verschränkte die Arme vor der Brust und dachte angestrengt über die Magier nach, die sie kannte, und fast alle gehörten dem Bund der schwarzen Sonne an.
»Nein, die Antwort liegt viel näher.« Jetzt funkelten selbst Yens atemberaubend schöne, amethystfarbene Augen vor Belustigung. Ciri wurde nicht schlau aus ihrem seltsamen Gebaren, bis Yen unmissverständlich in ihre Richtung nickte.
»Ich?« Ciri deutete ungläubig mit dem Finger auf sich selbst und als Yen breit strahlend nickte, wäre sie fast nach hinten gegen eines der Regale gestolpert. »Yen, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für einen deiner Scherze!«
Schlagartig wurde Yen ernst, wenn auch nicht aufgrund ihrer Ermahnung. »Vorsicht, mein liebes Kind. Ich habe dich sehr gerne, aber wage es nicht, mich in Frage zu stellen.« Sie erhob sich von ihrem Hocker und verschwand zwischen den Regalen. Als sie zurückkam, hatte sie en dickes Buch in schwarzem Ledereinband in den Händen. Auf dem Buchrücken prangte eine goldene Sonne.
»Das hier sind meine Nachforschungen zu dem Fluch, der uns seit fünf Jahren fest im Griff hat.« Sie ließ das Buch auf ihre frisch geschriebenen Notizen fallen und bedeutete Ciri, näher heranzutreten. »Alles hat seinen Anfang in den Kerkern von Aretusa genommen -«
»Aber dort waren wir! Und wir haben nichts gefunden!«
»Unterbrich mich nicht!«, herrschte Yen sie forsch an und Ciri schrumpfte neben ihr auf ihrem Hocker und hob entschuldigend die Hände. »Glaubst du etwa wirklich, wir Zauberinnen und Zauberer würden den Schlüssel zu einem der größten Experimente in der Geschichte dieser Welt offen herum liegen lassen? Selbstverständlich schützen mächtige Zauber den Ort, an dem das Ritual abgehalten wurde. An dem das Ritual noch immer abgehalten wird.«
»Noch immer?«, hakte Ciri nach, als sie sicher sein konnte, dass Yen vorerst zu Ende gesprochen hatte. »Das bedeutet, das Ritual ist die letzten fünf Jahre durchweg vollzogen worden?«
Yen nickte knapp, die Lippen zu einem dünnen Strich verzogen. »Ich kann viele ihrer letzten Entscheidungen nicht mehr nachvollziehen, immerhin bin ich nach Kovir geflohen, wie du ja weißt, aber im Grunde halten sie dort unten Menschen gefangen, deren Blut sie nutzen, um die Dauer der ursprünglichen Sonnenfinsternis endlos auszudehnen. Sie sind der Überzeugung anheimgefallen, dass sie, wenn sie diese Welt ganz und gar zerstören, sie aus der Asche und dem Staub eine neue, bessere Welt erschaffen können. Sie sind größenwahnsinnig geworden.«
»Und wieso foltern sie dann die Menschen dort unmittelbar in der Nähe? Was, wenn jemand ihr Geheimnis aufgedeckt hätte?«, überlegte Ciri laut. Egal, wie sehr sie sich abmühte, sie konnte sich an keine ungewöhnliche Stelle in den Gemäuern erinnern. An nichts, was einem Portal auch nur entfernt nahegekommen wäre.
»Sie foltern dort unten nicht wahllos Menschen«, erklärte Yen ihr leise. Der künstliche Sonnenschein, der ihr in den Rücken fiel, warf tiefe Schatten über ihren Augenbrauen, als sie den Kopf senkte. »Sie foltern jene, von denen sie glauben, sie wären gute zukünftige Opfer.«
Ein kalter Schauer lief Ciri den Rücken herunter. Hieß das etwa, dass sie mit ihr etwas Ähnliches vorgehabt hatten? Oder war sie nicht in Frage gekommen, immerhin hatten sie sie freigelassen. Und was war mit Lambert? Er war nur auf freiem Fuß, weil ihm seine Flucht geglückt war. Mehrmals. Hatten sie ihn wieder und wieder von der Straße eingesammelt, weil er würdig gewesen war?
»Cahir.« Ciri ballte die Fäuste, bis die Haut um ihre Knöchel schmerzhaft pochte. »Ich kenne niemanden, der so lange dort unten war, wie er. Was haben sie ihm angetan, Yen?«
Entgegen ihren Erwartungen zuckte Yen nur ratlos mit den Schultern. »Er war zweifelsohne ein vielversprechender Kandidat für sie, sonst hätten sie ihn nicht so lange dort behalten. Wieso sie ihn allerdings auf euch losgelassen haben, kann ich dir nicht verraten. Die Verwandlung läuft für gewöhnlich erst vonstatten, wenn das Opfer im Ritual endgültig ausgeblutet worden ist und nicht davor.«
Sie hatten also recht gehabt. Die wolfsähnlichen Monster, die nachts durch die Straßen Nowigrad patrouillierten und jeden Menschen bei dem geringsten Anzeichen von Widerstand zerfleischten, wurden tatsächlich in Aretusa erschaffen. Aber auf eine Art, die Ciri niemals vorhersagen hätte können.
Ihr Magen rebellierte und nur mit Mühe konnte sie die Säure auf halbem Weg nach oben herunterwürgen.
»Also beenden wir den Fluch, indem wir das Ritual beenden?«, vergewisserte Ciri sich, die Hand an ihrem Bauch in das abgewetzte Leder ihrer Tunika verkrampft.
»Richtig.«
Eine Lösung. So schockiert Ciri war, so sehr wallte die Hoffnung in ihr auf wie das frisch entzündete Feuer eines Leuchtturms.
»Wir brauchen Aretusa nur niederzubrennen?«
»Ja und nein. Ganz so einfach ist es auch nicht. Wenn ihr das Ritual unterbrecht, egal wie, wird der Fluch augenblicklich aufgehoben, doch ein gewöhnliches Feuer vermag keinen magisch erschaffenen und verhüllten Ort zu zerstören.« Yen deutete ausschweifend auf alles, was sie in diesem Moment umgab. Auf alles, was sie selbst mit Magie erschaffen hatte. »Nichts davon könnte brennen, egal, was du tust. Selbst wenn du das Feuer an einem der Regale entzündest. Früher haben Magier ihre projizierten Räume extra feuerresistent erschaffen, damit kein Buch und keine Notiz darin jemals verbrennen könnte.« Sie lachte bitter, ein leiser, freudloser Ton, und schüttelte den Kopf. »Wie weit wir doch von unseren einstigen Motiven weg entwickelt haben.«
»Und wie kommen wir dann an diesen Ort? Ich kann kein Portal erschaffen und Geralt ganz gewiss auch nicht. Lambert hat zwar eine große Klappe, aber er ist genauso normal sterblich, wie der Rest unseres Haufens.« Niedergeschlagen ließ Ciri die Schultern hängen.
»Ich werde mit euch kommen. Aber auf traditionellem Weg. Die Zauberinnen und Zauberer des Bundes könnten ein Portal aufspüren, das ich in ihrer unmittelbaren Nähe eröffne. Wir werden zu Fuß zurück nach Nowigrad reisen. Aber auf unterschiedlichen Wegen. Ein Mann und eine Frau können sich als Eheleute ausgeben, ein Mann und zwei Frauen erwecken schon Misstrauen und wir können uns keine Verzögerung erlauben.«
»Ich verstehe … Aber Yen? Eine Sache verstehe ich nicht ...«
»Ja?«
»Wieso hast du nie versucht, das Ritual zu stören, wenn du weißt, dass dieses dafür verantwortlich ist, dass die Sonnenfinsternis anhält?«
Yen legte den Kopf schief und ihre schwarzen Locken fielen ihr in dickten Strähnen über die Schulter in das Dekolleté ihres Kleides. »Wie kommst du darauf, dass ich es nie versucht habe?« Zwischen ihren Augen hatte sich diese Falte gebildet, die immer ein untrügliches Zeichen ihrer sich rasch steigernden Ungeduld war.
Damit hatte Ciri nicht gerechnet. Perplex blinzelnd ging sie die implizierte Aussage im Kopf erneut durch. »Es hat nicht geklappt? Aber wie kannst du dir sicher sein, dass es das diesmal tut?« Langsam aber sicher wurde Ciri von ihrem Gespräch schwindelig. Innerhalb kürzester Zeit war sie zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit hin und her geschwankt wie ein in Aufruhr geratenes Metronom.
»Weil ich Närrin eine Sache nicht bedacht habe. Für einen Fluch gibt es immer einen Auslöser. In diesem Falle war dies die Sonnenfinsternis. Entsprechend benötigt man für den Gegenfluch aber ebenfalls einen Verstärker.« Yen verzog die Lippen und verengte die Augen zu einem bösen Lächeln, welches Unbehagen in Ciri auslöste. »In etwas mehr als einem Monat gibt es erneut eine Sonnenfinsternis. Wir werden die magische Energie, die eine solche erzeugt, kanalisieren, um den ursprünglichen Fluch umzukehren.«
»Und du bist dir sicher, dass das funktionieren wird, Yen?«
»Stellst du mich etwa in Frage, meine kleine Schwalbe?« Yens Gesicht glich nur einer ausdruckslosen Maske, glatt wie frisch geschmiedeter, polierter Stahl, doch die scharfe Drohung in ihrer Stimme war klar herauszuhören.
»Nein, selbstverständlich nicht, Yen. Entschuldige meine freche Bemerkung.«
Damit schien Yen zufrieden zu sein, denn die Anspannung in der Luft löste sich von einer Sekunde auf die nächste auf.
»Dann sollten wir jetzt zurückgehen, damit ich nach deinem lieben Freund sehen kann, Ciri -« Etwas an der Art, wie Yen es betonte, ließ sie rot anlaufen. »-aber erzähle ihm vorerst besser nichts von diesem Gespräch. Solange er nicht vollständig von den Auswirkungen des Fluchs geheilt wurde, ist er eine potenzielle Gefahr für uns alle.« Damit ging sie zu der Stelle, zu der das erste Portal sie hierher geführt hatte, und bückte sich zum Boden, um nach einem Stück Kreide zu greifen.
»Eine Sache verstehe ich aber immer noch nicht, Yen.« Ciri rieb sich die verspannten Muskeln ihres Nacken, und bereitete sich mental auf das Gefühl vor, schwerelos durch das Nichts zu taumeln.
Yen hielt in ihrer Bewegung inne, ihre mit Kreide befleckten Finger nur Millimeter über den Mosaik, das in seiner Gesamtheit ein Einhorn darstelle, wie Ciri nun erkannte. »Und das wäre?«
»Dass du eine Möglichkeit gefunden hast, den Fluch aufzulösen, ist ja großartig, aber was hatte das Ganze mit meiner Befähigung, Cahir zu heilen, zu tun?«
Yens Lächeln, das sie ihr schenkte, war so umwerfend, dass Ciri fast vergaß, dass diese Frau schon seit über hundert Jahren lebte. »Das wirst du schon noch selbst herausfinden, mein liebes Kind, und es besteht kein Grund zur Eile.«
Momenta Furtiva
𝕸𝖔𝖒𝖊𝖓𝖙𝖆 𝕱𝖚𝖗𝖙𝖎𝖛𝖆
𝔊𝔢𝔰𝔱𝔬𝔥𝔩𝔢𝔫𝔢 𝔐𝔬𝔪𝔢𝔫𝔱𝔢
†
Kaum, dass sie in Yens kleine Wohnung zurückkehrten, verschwand Yen erneut, doch dieses Mal nahm sie Cahir mit. Schnell begriff Ciri, dass entweder die Zeit in Yens Studierzimmer anders zu verstreichen schien als hier, denn es vergingen ganze Tage, ohne dass sie von ihnen gehört hatte, oder dass Yen wirklich so lange brauchte, um Cahir zu helfen. Die eine Theorie erklärte, wieso Cahir sie wie zwei Geister angestarrt hatte, die andere löste Unbehagen in Ciri aus.
Ihn nicht in ihrer Nähe zu haben, fühlte sich seltsam an. Obwohl sie einander erst kurz kannten, kam es Ciri so vor, als wären sie durch viel mehr verbunden als geteilte Erinnerungen und Erlebnisse. Seine Anwesenheit war weniger aufdringlich, fast begleitend; wie ein Schatten, der immer an ihrer Seite war, ohne sich dabei in den Vordergrund zu schieben. Zwar war Ciri Yen dankbar, dass sie ihm helfen wollte, dennoch fühlte sie sich mit der Zeit seltsam einsam zwischen den riesigen Bücherstapeln, die auf jeder freien Fläche des kleinen, verwinkelten Zimmers, welches Yen gemietet hatte, herumlagen. Es waren so viele, dass Ciri es kaum glauben könnte, dass man den Bedarf nach noch mehr haben konnte, doch sie hatte Yens projizierten Raum mit eigenen Augen gesehen. Und die schiere Menge an Büchern, die er beherbergte.
Eine Zeit lang vertrieb sie sich ihre trübsinnige Langeweile damit, die Bücherrücken zu studieren und nach ihr bekannten Themen zu suchen, doch bald schon gab sie dieses Unterfangen auf. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Cahir ab und zu all den Informationen und Erkenntnissen, die Yen mit ihr geteilt hatte.
Am dritten Tag beschloss sie, sich die Beine zu vertreten, auch wenn sie in ihren Ohren Yens mahnende Stimme zu vernehmen glaubte. Ob das nur Einbildung war, weil sie die Magierin so lange kannte, oder ob diese irgendeinen Zauber kannte, mit dem sie selbst durch Raum und Zeit in ihrem Kopf herumgeistern konnte, wusste Ciri nicht.
Und obwohl Oxenfurt und Nowigrad mehrere Tagesmärsche voneinander trennten, hatte sie noch immer das Gefühl, angestarrt zu werden, als wären ihr aschblondes Haar und die eigentümliche Narbe über ihrem Auge selbst in der schummrigsten Spelunke bekannt. Augenpaare schienen ihnen auf jedem Schritt zu folgen, als stünden ihre Vorhaben und Pläne für jeden ersichtlich auf der Stirn geschrieben. Irgendwann nahm Ciri die Kapuze ihres Umhangs und zog sie sich über den Kopf und fast zeitgleich ließ das ungute Gefühl von ihr ab.
Zwar war hier der Einfluss der Schwarzen Ritter deutlich geringer, dennoch wären sie gut damit beraten, die Öffentlichkeit so gut es eben ging zu vermeiden, also ging sie den exakt gleichen Weg entlang, den sie von dem leicht schräg stehenden Haus mit dem verblichenen Ziegeldach genommen hatte.
Die dicke Luft zwischen den turmhohen Regalreihen begrüßte sie mit dem Geruch von Staub, altem, vergilbtem Pergament und Formaldehyd von unzähligen Bottichen und Gläsern, in denen undefinierbare Sachen auf und ab schwammen. Yen experimentierte noch immer zu den unterschiedlichsten Dingen und das, obwohl die Loge sie für Hochverrat verfolgte. Gut, falls jemals jemand diesen unscheinbaren Ort entdecken sollte, hatte Yen noch immer ihr magisch erschaffenes Studierzimmer, in das sie flüchten konnte.
Gerade als Ciri überzeugt war, vor Langeweile zu vergehen, ohne je eine Chance auf die Rettung ihrer Welt zu erhaschen, zerstörte ein Geräusch wie eine eingerissene Trommel die träge Stille des Zimmers und Ciri wäre beinahe von dem einzigen, mit Samt überzogenen, Sessel gefallen, der in der Nähe des ungenutzten Kamins stand.
»Da seid ihr ja!«, begrüßte Ciri Yen, die als Erste durch das Portal geschritten kam. Neben ihren eleganten, knappen Schritten wirkte Cahir, der hinter ihr fast zu Boden stolperte (ähnlich wie sie selbst), fast wie ein Tölpel. »Wie geht es dir?«, fügte sie an Cahir gewandt hinzu, der keuchend um Luft rang. Seine Wangen waren rosig rot und in seinen Augen funkelte mehr Leben, als sie die letzten Wochen je bei ihm gesehen hatte. Erleichterung flutete Ciri und dankbar warf sie sich Yen um den Hals.
»Hey!«, japste diese schockiert. Seine Gefühle derart öffentlich zur Schau zu stellen war nicht schicklich für eine Zauberin. »Freue dich nicht zu früh, Kind. Wir sind noch nicht fertig. Wir haben noch ungefähr zwei Wochen, bis wir aufbrechen müssen, und Cahir hat noch einen langen Weg vor sich.« Yen musterte den Mann, der sie um fast einen Kopf überragte, als wäre er ein besonders faszinierendes Forschungsobjekt und danach Ciri. Augenblicklich wurde ihr Ausdruck weicher und fast zärtlich fuhr sie ihr mit der Hand über die Wange. »Aber sei so lieb und bring mir hier nichts durcheinander, mein Kind.«
†
Die nächsten zwei Wochen verschwanden Yen und Cahir immer wieder mal für einige Stunden und jedes Mal sah er danach etwas müder aus. Ciri fragte sich, was Yen genau unternahm, um ihm zu helfen, doch wagte sie es nicht, den Zorn der Magierin auf sich zu ziehen.
Das Beste an ihrem ungeplanten Aufenthalt in Oxenfurt war das Essen. Yen verstand sich ausgezeichnet darauf, schmackhaftes Essen aus den unscheinbaren Zutaten zu zaubern, die sie auf dem Markt ertauschten. Cahir sah man seine Zeit in Aretusas Kerkern nicht mehr länger an und auch Ciri hatte etwas von ihrer hageren Statur eingebüßt.
An diesem spätherbstlichen Nachmittag hatte es einen herzhaften Eintopf mit Fisch gegeben und Ciri wäre am liebsten auf ihrer Bank eingeschlafen, so wohlig warm war ihr nach der Mahlzeit. Cahir hingegen schien etwas seit seinem letzten Ausflug mit Yen zu stören.
»Deine … Freundin ist seltsam«, begann er, als sie ihr gemeinsames, fast üppiges Mahl beendet hatten. »Alles in Ordnung?«, fügte er hinzu, als sie nicht sofort antwortete und seiner Stimme wohnte eine fast weiche Besorgnis inne, welche Ciri von ihrem leeren Tablett aufsehen ließ. Ihr Blick huschte zu Yennefer, die auf einer Chaiselongue auf ihrem kleinen Balkon über irgendeinem Buch brütete, und deren zierliche Silhouette sich schwarz von dem dämmrigen Licht der untergehenden Sonne abzeichnete. Sie war bereits zum Aufbruch bereit, denn in dieser Nacht würden sie Oxenfurt wieder verlassen, wenn auch getrennt voneinander.
»Sie war eine von ihnen«, antwortete sie schließlich, noch immer etwas abwesend, »aber als sie begriff, worauf ihre Schwestern und Brüder abzielten, versuchte sie, den Fehler zu vermeiden, welchen sie zu begehen im Begriff waren, aber ohne Erfolg. Sie wollten sie dafür hängen sehen, doch sie konnte entkommen und Zuflucht in Kovir finden. Zunächst war ich verwundert, dass sie zurück im Süden ist, aber mittlerweile verstehe ich, wieso.« Als sie zu Cahir hinüber sah, sah sie seine hochgezogenen Brauen und unwillkürlich musste sie lächeln. »Sie ist ein wenig eigentümlich, ich gebe es ja zu. Herrisch, sogar, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Sie hat Geralt und mich gerettet, vor vielen Jahren. Damals war ich noch so jung, dass ich mich kaum daran erinnern kann, aber seitdem ist sie eine der wenigen festen Konstanten in meinem Leben.«
»Fast wie eine Mutter, hm?«
Ciri nickte langsam. Weil sie nicht wusste, was sie ihm antworten sollte, schwieg sie lieber und stand von ihrem Platz auf, um den Tisch abzuräumen. Cahir blieb sitzen und verfolgte jeden ihrer Schritte aufmerksam, was Ciri – sehr zu ihrem Ärgernis – so stark ablenkte, dass sie sich regelmäßig dabei erwischte, wie sie etwas fast aus den Händen fallen ließ. Obschon sie ihn nicht lange kannte, war die Stille zwischen ihnen noch nie so seltsam gewesen wie in der letzten Stunde und Ciri war fast erleichtert darüber, dass er als Erstes das Wort ergriff, nachdem sie den letzten Teller abgeräumt hatte.
»Wir müssen heute aufbrechen.« Eine nüchterne Feststellung und genau das, was Ciri sich auch schon lange dachte und dennoch sträubte sich etwas in ihr, diesen sicheren Ort zu verlassen, der nur ihnen gehörte. Nun ja, und Yen.
»Am liebsten würde ich hierbleiben«, gestand sie ihm leise und senkte den Blick, »mit dir, meine ich.« Ciri räusperte sich vernehmlich. Es brachte ohnehin nichts, immerhin würde sie den ganzen Weg zurück nach Nowigrad an Cahirs Seite verbringen. Da konnte sie genauso gut ehrlich zu ihm sein und verhindern, dass sich diese seltsame Atmosphäre zwischen ihnen weiter ausdehnte, bis sie unüberbrückbar wurde.
Das Schweigen zwischen ihnen dauerte immer länger an und fast wäre Ciri aus dem Raum geflüchtet, doch dann sprang Cahir förmlich von seinem Platz auf und durchmaß den Raum in drei Schritten. Seine Hand fühlte sich rau auf ihrer Wange an, ein starker Kontrast zu der Sanftheit seiner tiefblauen Augen, die ruhig auf ihr lagen - auf ihr verweilten. Er bewegte sich nicht mehr, schien auf ihre Reaktion zu warten, doch Ciri war zu perplex, um auch nur zu realisieren, dass ihr Atem stoßweise ging.
»Du solltest alleine zu deinen Leuten zurückkehren, Ciri.« Ihr Name klang rau aus seinem Mund und eine Gänsehaut überzog ihre nackten Unterarme. Ein kneifender Schmerz blühte an ihren Oberschenkeln auf, und mit einem kontrollierten, tiefen Atemzug entspannte sie ihre Finger, deren Nägel sich durch das Leder ihrer Hose in ihre Haut gebohrt hatten. Seine Nähe brachte ihre Sicht zum Schwirren und schien die Luft um sie herum flimmern zu lassen. Mit einiger Mühe schaffte sie es, den Blickkontakt zu lösen und fast zeitgleich wich Cahirs Hand von ihr zurück, hinterließ eine fast schauderhafte Kälte, dort, wo vorher die wohlige Wärme seiner Haut gewesen war.
»Wieso?«, hauchte sie leise, fast verletzt, und ihre Fingerspitzen berührten ihre Wange leicht, wie sanft schlagende Schmetterlingsflügel, wie als zeichnete sie Cahirs Berührung nach. »Yen hat Aufzeichnungen und einen Plan -«
»Es geht mir nicht darum, den Fluch der schwarzen Sonne zu brechen«, unterbrach er sie erstaunlich ernst. Ciri ließ ihre Hand wieder sinken, wusste nicht so recht, wohin sie sie legen sollte. »Mir ist dieser Fluch egal. Mir ist diese Welt … egal.« Der Verdruss in seiner Stimme zeugte von dem Schmerz, der unter seiner Oberfläche schwelte wie eine Glut, die wohl ein ganzes Leben lang nicht mehr verlöschen würde. Sein Aufenthalt in der Hölle und das, was sie aus ihm gemacht hatte, war alles, was sein Sein bestimmte, immer bestimmen würde. Bis zu einem gewissen Punkt konnte sie verstehen, wie es ihm ging, doch bei dieser Sache ging es um mehr als sein Leben. Oder ihres.
»Mir nicht«, erwiderte sie steif, »ich will, dass das hier ein Ende hat. Und diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die dafür verantwortlich sind.« Der altbekannte Zorn wallte in ihr auf, und es tat gut, sich ihm hinzugeben. Er war wie ein treuer, wenngleich trostloser Freund, beständig und verlässlich an ihrer Seite. Seit fünf Jahren nährte er sie besser als jede verteufelte Schale Haferschleim, die sie je hatte herunterwürgen müssen. Sie würde niemals ruhen, ohne es zumindest versucht zu haben, nur wieso war das für Cahir so schwer zu begreifen? Hatten seine Kerkermeister ihn so sehr gebrochen, dass er keinerlei Hoffnung mehr verspüren konnte? Dass er nicht einmal mehr zu erkennen vermochte, dass sie neben dem Zorn alles war, was sie oftmals noch voran trieb, ganz gleich, wie närrisch sie war?
»Wir sind so kurz vor der Lösung; ich kann nicht aufgeben, verstehst du das?«
»Du kannst – nein, willst – es nicht begreifen, nicht wahr?« Cahir lachte humorlos, und als sie wieder zu ihm aufsah, entfloh ihr vor Schreck fast ein Keuchen. Er betrachtete sie mit einer derart glühenden Intensität, dass sie sich unter seinem Blick wie entblößt fühlte, doch die Wahrheit dahinter ging noch viel tiefer, durchdrang jede ihrer Fasern bis auf ihr Mark. »Das ist ein Himmelfahrtskommando, kein Plan und ich will nicht, dass du dich für etwas opferst, was von vorne herein zum Scheitern verurteilt ist.« Eine kurze Pause folgte. »Du. Allein du bist mir nicht egal, Cirilla.«
Ihr Herz stolperte unbeholfen gegen ihre Brust, blieb kurz stehen und beschleunigte danach schwindelerregend schnell. Schon an ihrem allerersten Abend in ihrem schäbigen kleinen Zimmer hatte er ihren ganzen Namen gekannt, nur woher? Geralt nannte sie nur selten so und auch dann nur, wenn sie alleine waren, und manchmal auch Yen, aber keiner von beiden hatte ihren Namen jemals mit einer solchen Sehnsucht ausgesprochen, dass ihr die Brust deshalb so eng wurde, dass sie kaum noch Luft bekam.
Zu perplex, um eine Antwort zu formen, und so überfordert von ihren eigenen Gefühlen, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte, tat sie das einzig Richtige in diesem Augenblick – sie wich zurück. »Vielleicht hast du recht«, keuchte sie atemlos, und stolperte beinahe bei dem Versuch, sich auf ihre Beine zu erheben, »Vielleicht wäre es besser, wenn ich zurück nach Nowigrad gehe. Yen kümmert sich gut um dich.«
Cahir aber ließ sie nicht die Flucht ergreifen, sondern folgte ihren unbeholfenen Bewegungen, bis sie die Wand des viel zu engen Raums im Rücken spürte, und umgab die Seiten ihres Kopfes mit seinen Armen, die in den letzten Wochen etwas von ihrer früheren Stärke zurückgewonnen hatten. Unter seiner Tunika sah sie seine Muskeln arbeiten, als er die Spannung löste, um sich zu ihr hinunter zu lehnen. Sein warmer Atem streifte ihre Wange, entzündete etwas in ihr, was ihr ganzes Leben lang über als schlafende Glut geschwelt hatte.
»Du verstehst immer noch nicht, Cirilla.« Ihre Nackenhaare sträubten sich bei seiner rauen Stimme, doch es war anders als bei Lambert. Sie verspürte keinen Ekel, der ihr den Magen verknotete, und da war auch nicht der Reflex, zurückzuweichen, Abstand zu kreieren. Ciri spürte sanfte Lippen federleicht auf ihrer Haut, als Cahir sich zu ihrem Ohr beugte. »Ihr hättet mich nicht retten dürfen. Die Grenzen zwischen Mensch und Monster sind schon vor langer Zeit verwischt.« Seine Lippen kräuselten sich an ihrer erhitzten Haut zu einem bitteren Lächeln, ehe er sich zurücklehnte und seine Hände von der Mauer löste.
Ciri holte zitternd Luft und runzelte die Stirn. Er hatte Unrecht, dieser verfluchte Mistkerl, der sie so aus der Fassung brachte. »Sterben ist einfach, Cahir«, flüsterte sie leise, »dich umzubringen wäre einfach gewesen. Zu leben, trotz der Grausamkeit des Schicksals, das ist die wahre Prüfung.« Sie führte ihre Hand an seine Brust, an die Stelle, unter der sein Herz in demselben halsbrecherischen Rhythmus pochte, wie ihres. Er wich nicht zurück.
Einen unendlich langen Augenblick, der dennoch viel zu kurz zu weilen schien, sahen die beiden sich einfach nur an und es war Cahir, der schließlich als Erstes das Schweigen brach.
»Wir sollten aufbrechen. Die Zeit läuft uns davon.« Die unterschiedlichsten Emotionen zogen über sein Gesicht wie Wolken am Himmel und Ciri konnte spürbar fühlen, wie die Luft um sie herum wieder kälter wurde.
Ad fine Noctis
𝕬𝖉 𝖋𝖎𝖓𝖊 𝕹𝖔𝖈𝖙𝖎𝖘
𝔅𝔦𝔰 𝔷𝔲𝔪 𝔈𝔫𝔡𝔢 𝔡𝔢𝔯 𝔑𝔞𝔠𝔥𝔱
†
Nowigrad brannte, als sie zurückkamen. Wortwörtlich.
Ihr Haus stand in Flammen und nachdem Ciri in heller Panik durch die aus den Angeln gerissene Vordertür gestürmt war, war sie von beißendem Rauch und vernichtender Stille begrüßt worden. Die Tränen brannten in ihren Augenwinkeln, in der nächsten Sekunde waren sie bereits vertrocknet und Ciri musste die Augen fest zusammenkneifen, um überhaupt etwas zu erkennen. Ohne darüber nachzudenken griff sie nach dem Leinentuch um ihr Hals und stülpte es sich über die Nase
»Ciri!«, hörte sie Cahirs Stimme hinter sich nach ihr rufen, doch an eine Umkehr war für sie nicht zu denken. Was, wenn noch jemand im Haus war und ihre Hilfe brauchte? Sie könnte niemals mit dem Gedanken weiterleben, dass sie einen ihrer Kameraden zum Sterben zurückgelassen hatte, nur um ihr eigenes Leben zu retten.
»Hallo?«, schrie sie, so laut sie konnte, und dennoch ging ihre Stimme fast gänzlich in dem alles verschluckenden Knistern der Flammen unter. Holzbalken barsten und ein Teil der Decke stürzte im oberen Stockwerk mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den morschen Boden.
»Ist hier irgendjemand? Hallo?!«, wiederholte sie, doch der Rauch, der ihr in die schmerzenden Lungen strömte, raubte ihr den Atem und legte sich wie ein durchtränkter Lappen auf ihre Stimmbänder.
»Ciri! Warte!« Cahir war dicht hinter ihr, so klar und deutlich, wie sie seine Stimme hören konnte. »Du musst hier raus, sonst erstickst du!«
Als sie sich umdrehte, sah sie seine Gestalt verschwommen vor sich aufragen und mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Schwankend tat sie einen Schritt in Cahirs Richtung, der die wenigen Meter zwischen ihnen überbrückte und ihre Schultern mit seinen Händen umfing.
Ihr leiser Protest ging unter in dem zweiten Knall, der die Grundfeste des Hauses erschütterte. In scheinbar weiter Ferne konnte sie das panische Gackern von Hühnern hören. Ciri zwang sich dazu, die Augen zu öffnen, auch wenn die Hitze sie zu versengen drohte. Ihre Haut warf an einigen Stellen rötliche, brennende Blasen und die kühle Nachtluft, die ihr im nächsten Moment über sie floss, wie ein seidiges Tuch, entlockte ihr ein heiseres Husten.
»Sie … sie sind geflohen. Überstürzt … sie hatten keine Zeit … die Hühner«, stammelte sie zwischen Hustenattacken. Cahir stützte sie einfach nur, während sie angestrengt die Hände auf den Boden stemmte, um dem Schwindel standzuhalten. Bevor sie nach Luft schnappen konnte, um ihr wirres Gestammel zu erklären, schlingerte ihr Magen fahrig auf und ab und mit einem einzigen Würgen erbrach Ciri ihren kläglichen Mageninhalt auf den mit Ruß befleckten Boden.
Der Gestank von Säure und halbverdautem Essen stach in ihrer Nase und brachte sie fast dazu, noch einmal zu würgen. Stattdessen richtete sie sich halbwegs auf und nahm den Wasserschlauch, welchen Cahir ihr stumm entgegen hielt. In gierigen Schlücken trank sie davon, bis sie den Schlauch auf den letzten Tropfen leer getrunken hatte.
»Danke«, keuchte sie. Noch immer fiel ihr das Atmen schwer, doch der Schwindel war etwas besser geworden.
»Was hast du dir dabei nur gedacht? Hast du jetzt endgültig den Verstand verloren?«, fuhr er sie an. Offenbar hatte die Sorge seine Zunge gelähmt, doch jetzt, wo klar war, dass ihr nichts Schlimmeres passiert war, brach sein Zorn angesichts ihrer Arglosigkeit aus ihm heraus. »Einfach so in ein brennendes Haus zu stürmen! Mal ganz abgesehen von dem ganzen Qualm: Was hättest du gemacht, wenn einer dieser Balken über dir eingestürzt wäre?« Cahir funkelte sie wütend an. Seit Yen das Voranschreiten seines Fluches unterbunden hatte, hatte er sich ganz und gar verändert. Seine stumme Zurückhaltung war verschwunden, zusammen mit der abweisenden Schweigsamkeit. In diesem Augenblick hätte sie sich über den stoischen Cahir gefreut, der alles mit gleichgültiger Abwesenheit hingenommen hatte, auch wenn er natürlich recht hatte.
»Ich … Es … es tut mir leid. Aber was, wenn noch jemand dort drinnen ist?« Noch einmal setzte sie den Schlauch an ihre Lippen, auch wenn sie um die Sinnlosigkeit darum wusste.
»Du hättest nichts für die Person tun können, außer ebenfalls zu sterben, verdammt!«, fluchte er. Der Rauch schien ihm weniger angehabt zu haben, als ihr und eine leise Stimme in ihrem Verstand fragte sich, ob das an dem übermenschlichen Fluch lag, der noch immer auf ihm lastete, wenn auch unterdrückt.
Ciri sog tief die Nachtluft in ihre protestierenden Lungen, die noch immer bei jedem Atemzug stachen, nun allerdings nicht mehr zu kollabieren drohten. Gerade, als sie zu einer Antwort ansetzen wollte, konnte sie ein heiseres Krächzen aus der Nähe des Hauses hören.
Cahir starrte sie drohend an und war schon halb auf den Beinen, um sie notfalls mit körperlichem Nachdruck daran zu hindern, noch einmal in das halb in sich zusammengefallene Haus zurück zu rennen.
»Wir müssen nachsehen gehen, Cahir!« Mit allem Eifer, den ihr erschöpfter Körper noch aufbringen konnte, richtete sie sich auf und begegnete Cahirs ernstem Stirnrunzeln auf Augenhöhe.
Mit einem Seufzen, so schwer, dass er sich aus ihm löste, wie ein eingeklemmter Felsen aus einer Bergspalte, stand er auf und half Ciri auf die Beine. »Du wirst ohnehin nicht auf mich hören, nicht?«
»Nein.« Ciri grinste schief, doch selbst für sie selbst fühlte sich die Geste zittrig an.
Zusammen gingen sie in die Richtung, aus der sie das Lebenszeichen vernommen hatten, und Ciri fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie Lambert erkannte, der hinter dem Haus auf dem dreckigen Boden lag und sichtlich nach Luft rang. Äußerlich schien er keine Verletzungen zu haben, dennoch war es nicht von der Hand zu weisen, dass etwas ihn zu quälen schien.
»Lambert!« Schlitternd kam sie vor ihm zum Stehen und sank neben ihm auf die Knie. Ohne darüber nachzudenken griff sie unter seinen Rücken und half ihm auf, damit er etwas leichter atmen konnte, und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, sah sie etwas wie Dankbarkeit auf seinen Gesichtszügen.
»Ciri«, keuchte er noch immer atemlos, »du bist zurück.« Er sah zu Cahir und seine Augen verengten sich, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. »Du hast ihn wirklich nicht umgebracht?«
Ciri schüttelte den Kopf, was Lambert ein raues Lachen entlockte. »Ich bringe keine Unschuldigen um.«
»So warst du schon von Anfang an. Viel zu weich. Eines Tages wird es dich alles kosten«, prophezeite er und ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte seinen ganzen Körper, sodass er leicht in Ciris Armen verrutschte. »Die Anderen … Sie sind alle tot … alle … Sie kamen vor zwei Stunden und haben jeden hingerichtet. Nur Geralt … Geralt ist weg.« Ciri wartete geduldig darauf, dass Lambert weitersprach, doch dieser wollte einfach nicht aufhören, zu husten. Jeder Atemzug ging rasselnd und schwer, und als er seine Augen langsam wieder öffnete, war das Gelb seiner Augen beinahe ermattet.
»Wo ist er, Lambert?«
»Aretusa«, krächzte er, und bevor Ciri reagieren konnte, holte er ein letztes Mal zitternd Luft, ehe sein Körper in ihren Händen erschlaffte und das letzte Licht aus seinen Pupillen wich, wie mit Wasser gefüllter Schlauch, den man mit einer Nadel angestochen hatte.
Lambert hatte seine Macken gehabt, aber dennoch hatte er etwas Besseres verdient, als neben den aufgescheucht gackernden Hühnern im Hinterhof zu sterben, gehalten von einer Frau, die er nicht ausstehen konnte.
Ciri verharrte eine Weile lang wie betäubt mit Lamberts Leiche auf dem Boden und das Kreischen der panischen Hühner, zusammen mit dem knisternden Feuer in ihrem Rücken, welches sich langsam am Holz entlang dem Himmel entgegen fraß, wurden zu Hintergrundgeräuschen.
»Wir müssen weiter.« Da war wieder Cahirs Hand auf ihrer Schulter und der gleiche sanfte Druck, mit dem er sie schon einmal geerdet hatte, vor Wochen, als sie sich an den Stadtwachen vorbei nach Oxenfurt hinein geschlichen hatten. Jener Tag schien schon ein ganzes Leben hinter ihr zu liegen.
»Ich weiß.« Mit zitternden Fingern schloss sie Lamberts Augen. Jetzt sah er so aus, als würde er ein Nickerchen unter dem freien Himmel machen, so wie er es früher zu tun gepflegt hatte. Schon wieder hatte sie den Tod eines Kameraden nicht verhindern können und schon wieder hatte sie nicht einmal die Zeit, um ihn angemessen zu bestatten.
»Wir müssen zu dem Ort, an dem alles angefangen hat!« Mit geballten Fäusten stand sie auf und wie automatisch griff sie nach Cahirs Hand, um ihn mit sich zu ziehen. »Und dieses Mal bereiten wir dem ein Ende, ein für alle Mal. Zusammen.«
Cahir antwortete ihr nicht mit Worten, doch seine Hand, die die ihrige fester umschlungen hielt, war laut genug.
†
Aretusas eingestürzte Türme versanken im Rauch und selbst aus der Ferne konnte Ciri erkennen, dass die Feuer von der Stadt auf das alte Gebäude übergeschlagen hatte. Der Wind musste von den Göttern geschickt worden sein, um das verfluchte Werk, das dort tief unter der Erde verrichtet wurde, endlich zu beenden.
Cahir hatte die ganze Zeit über nichts gesagt und je näher sie der alten Kathedrale kamen, desto langsamer wurden seine Schritte. Ciri verstand gut, wie es ihm ging, und mehr als einmal hatte sie ihn gebeten, einfach zurück zu bleiben und auf sie zu warten, um nicht an den Ort zurückzugehen, der ihn so gebrochen hatte, doch jedes Mal hatte er ihre Vorschläge mit einem eindringlichen Kopfschütteln abgeschmettert.
Von den schwarzen Rittern war weit und breit nichts zu sehen und auch die wölfischen Monstren schienen tiefer in der Stadtmitte zu wüten, den wüsten Geräuschen nach zu urteilen, die der Wind von dort zu ihnen herüber trug.
Kurz bevor sie die Gärten der Kathedrale erreichten, wurden sie von einer unsichtbaren Kraft zurück gehalten und als Ciri sich umdrehte, erkannte sie Yen und Geralt im Schatten der Bäume, unter deren Ästen sie noch vor nicht allzu langer Zeit gestanden und darauf gewartet hatte, das Signal zum Angriff zu geben.
In dieser Nacht war Lambert an ihrer Seite gewesen. Bissig und ungnädig, aber loyal und voller Überzeugung.
»Hallo, meine kleine Schwalbe«, grüßte Geralt sie und in diesem Moment brach die Welt über Ciri zusammen. Sie löste sich von Cahir und warf sich in die Arme des Mannes, den sie ihren Vater nannte, und weinte hemmungslos, bis ihre Wangen brannten.
»Ihr habt euch wirklich gefunden!« Ciri blickte zwischen Geralt und Yen hin und her, die sich gegenseitig ein amüsiertes Lächeln schenkten und scheinbar keinen Gedanken daran verschwendete, sich ihr zu erklären. Mit einem Schniefen wischte sie sich die Tränen von den Wangen. »Ich hatte erst Angst, dass wir uns verpassen!«
»Früher oder später wären wir alle hierher gekommen«, entgegnete Yen und sah über Ciris Schulter hinweg zu der Kathedrale, die stumm und stoisch darauf wartete, dass sie sie ein letztes Mal betraten, »Wer umkehren möchte … dies ist die letzte Gelegenheit. Wenn wir erst einmal den projizierten Raum des Bundes der schwarzen Sonne betreten haben, wird es kein Zurück mehr geben. Sobald ich ein Portal ins Innere erschaffe, wissen sie, dass ich hier bin und werden jede Form der zwischenräumlichen Reise unterbinden.«
Geralt legte einen Arm um Yens Schulter und wirkte fast gelangweilt, wenn man bedachte, was sie gleich zu tun gedachten.
Cahir scharrte hinter ihr mit den Füßen, schwieg aber ebenfalls und Ciri wusste, dass es für sie kein Zurück mehr gab, also nickte sie entschlossen und zusammen traten sie durch das zerstörte Eingangsportal in die Gebetshalle der Kathedrale.
Der Raum war seit ihrem letzten Besuch noch stärker zerstört worden, doch genau wie letztes Mal war außer ihnen niemand hier.
Aretusas Glocken läuteten arrhythmisch und verschluckten die Worte Yens, die knapp über dem Boden kauerte und Symbole und Zeichen auf das gesprengte Mosaik malte, die Ciri nunmehr vage bekannt vorkamen. Als sie sich wieder erhob, flackerte Besorgnis in ihren Augen, doch darüber wollte Ciri sich nicht den Kopf zerbrechen.
Nicht jetzt.
Wenn sie jetzt zweifelte, war alles, was sie getan hatte, um hierher zu kommen, umsonst gewesen.
Wenn sie jetzt zögerte, würde diese einmalige Chance verstreichen, dem Fluch ein Ende zu setzen, und ihr elendes Leben, wie sie es die letzten fünf Jahre gekannt hatte, würde einfach so weitergehen.
Ciri schloss die Augen und hielt die Luft an. Mit beherzten Schritten trat sie in das Portal und wartete einen unendlich langen Moment, dass am anderen Ende ein Raum auftauchte. Als sie aus der schwarzen, dichten Finsternis auftauchte, wusste sie kurz nicht, wo sie sich befand. Ihr eigenes Gesicht sah ihr aus dutzenden Spiegeln entgegen und kurz darauf auch das von Cahir, Yen und Geralt. Der projizierte Raum war eine Spiegelkammer und in der Mitte befand sich ein einziger Mensch auf einem steinernen Altar gefesselt. Sein Körper war bis auf den letzten Zentimeter entstellt und zerstört und Ciri war bereits auf halbem Weg zu ihm geeilt, bis plötzlich von einer unsichtbaren Macht festgehalten wurde.
Eine Eule flatterte aus einem der Spiegel heraus geradewegs auf sie zu und kurz, bevor sie bei Ciri angekommen war, verwandelte sie sich in eine atemberaubend schöne Frau, die eine Hand breit größer als sie selbst war und grausam auf sie hinab lächelte.
»Philippa!« Yens Stimme war vor Wut und Trauer verzerrt. Ciri hatte sie noch nie so unkontrolliert erlebt, so durch den Wind. Es war offensichtlich, wie sehr es sie schmerzte, eine ihrer ehemaligen Schwestern unter diesen Umständen zu sehen.
Philippa wirkte wenig überrascht darüber, dass sie den Weg hierhin gefunden hatten. »Es war abzusehen, dass du dieses Ungeziefer eines Tages hierher führen würdest, Yen.« Jedes Wort war eisig wie das Wasser eines zugefrorenen Sees und leise wie eine nachhallende Drohung. Mit einem ihrer gefeilten, blutrot lackierten Nägel fuhr sie Ciri langsam über die Wange und ihr schauderte von der kalten Berührung. »Wie töricht aber, dass du glaubst, du könntest es mit mir aufnehmen, meine liebste Schwester.« Sie schritt an Ciri vorbei auf Yen, Geralt und Cahir zu, langsam und geschmeidig, wie eine Schlange, die sich gemächlich über den Boden schob. Mit ihren schlanken Fingern griff sie nach einer der metallenen Ketten, die das Opfer an Ort und Stelle fesselten, und als sie losließ, echote das melodische Klirren durch die nach Tod riechende Luft.
Ciri kämpfte gegen die Übelkeit an, die seit dem Betreten ihres brennenden Hauses nie ganz abgeklungen war und krallte die Finger schmerzhaft in ihren Bauch. Sie wollte den Blick von dem geschundenen Körper reißen, doch eine wilde, unmenschliche Faszination zwang ihre Augen wieder und wieder zurück. Die Scham, ob ihrer Schwäche, brannte ebenso stark wie die aufsteigende Galle in ihrem Hals.
»Ist das der Grund, weshalb du alleine hier bist?«, höhnte Yen und selbst Ciri vermochte nicht zu sagen, ob sie wirklich überzeugt war, gegen Philippa zu siegen oder ob sie ein beeindruckendes Theaterstück aufspielte, um Zeit zu schinden, »Weil du überzeugt bist, stärker als ich zu sein? Was verleitet dich nur zu dieser Narretei, Philippa? Du warst mir nie ebenbürtig. An dem Tag, an dem wir beide aufgestiegen sind nicht und auch seit jeher nicht.« Jeder Zungenschlag glich einem Peitschenknall und es sprach für Philippas Fassung, dass diese kaum mit der Wimper zuckte.
Mit einem lässigen Schlenker der Hand erschuf sie Seile, jedes so dick wie Ciris Unterarm, die sich gleichzeitig nach Yen und Geralt ausstreckten wie eine zubeißende Schlange. Geralt, der sein Schwert nie zurück in die Scheide gesteckt hatte, reagierte blitzschnell und zerschnitt die Seile in einer einzelnen, fließenden Bewegung zu kleinen Fetzen, während die Seile um Yen herum in Flammen aufgingen, ohne dass sie diesen Angriff mit auch nur einer angedeuteten Regung gewürdigt hätte.
Philippa hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie oder Cahir anzugreifen, was nur eines bedeuten konnte: Sie sah keinen von beiden als ernstzunehmende Bedrohung.
Das Blut rauschte in Ciris Ohren und mit einem lauten Aufschrei löste sie sich aus ihrer Starre und stürmte auf Philippa zu, um ihr ihr Schwert durch den Körper zu jagen. Sie hatte von Yen gelernt, dass Zauberinnen genauso bluteten wie normale Menschen, doch einen Wimpernschlag, bevor sie ausholen konnte, verschwand Philippa in einem Schwall nebeliger Schwaden. Ihr gackerndes Lachen tönte dort, wo sie gerade eben noch gestanden hatte, und verspottete ihren albernen Versuch, ihr zu schaden.
Unmittelbar vor ihr stöhnte die menschliche Hülle qualvoll auf und der Schock fror Ciri mitten in der Bewegung ein. Aus nächster Nähe konnte sie die Schnitte am ganzen Körper zählen, das eitrige Blut, dass aus den schlecht verheilenden Wunden quoll, sehen und der Geruch nach Metall und Tod strömte ungefiltert in ihre Lungen. Sie erkannte, dass man ihr oder ihm den Mund zugenäht hatte, was die gedämpfte Wehklage erklärte. Diesmal konnte sie sich ihrem Instinkt nicht erwehren und erbrach sich zitternd auf ihre eigenen Schuhe.
»Erbärmlich«, schnatterte Philippa vom anderen Ende der Spiegelkammer. Sie war einem von Yens Angriffen ausgewichen, indem sie zurück in die Spiegel getreten war. Ciri war nicht imstande, aufzusehen und so kauerte sie hilflos neben dem keuchenden Leib. In den Spiegeln auf dem Boden konnte sie ihre grauen Wangen sehen, die mit Ruß beschmiert waren, und die grünen Augen, in denen die Panik eines in die Ecke gedrängten Tiers stand.
»Ich habe nie verstanden, wieso du ausgerechnet dieses schwache Gör zu deinem Schützling gemacht hast.« Philippa zeichnete Zeichen und Muster in die Luft und diesmal manifestierte sich ein lebendig gewordener Schrecken zwischen ihr und den anderen, während Philippas Gesicht, zu einer bösartigen Fratze verzerrt, von den Wänden reflektiert wurde.
Die Luft wurde mit einem Schlag unerträglich heiß und die gläsernen Spiegel platzten unter den brennenden Stümpfen des Feuerelementars, welches Philippa herauf beschworen hatte. Ciri hatte in Yens Büchern über magisch erschaffene Elementare gelesen, als sie ein kleines Mädchen gewesen war, und nie wäre ihr der Gedanke gekommen, dass diese gräulichen Wesen wirklich existierten.
»Cahir!«, hörte sie Yen schreien, »nimm' Ciri und verschwinde von hier!«
Ciri vernahm eilige Schritte und im nächsten Moment spürte sie zwei Hände an ihren Oberarmen, die sie mit sanftem Druck zurück auf die Beine hievten. Eine sengende Hitze schmolz das Leder ihrer Tunika und verbrannte die Haut darunter. Mit einem gellenden Schrei knickte Ciri ein, doch Cahir hielt sie auf den Beinen.
»Wir … wir können hier nicht weg … Wir müssen helfen … wir.« Ciri versagte die Stimme, bis nur noch ihr Körper sich dagegen sträuben konnte, weggezerrt zu werden.
Yen unterdessen ließ ihr Handgelenk kreisen und murmelte eine Ciri mittlerweile vertraute Beschwörung, doch die Stille, die darauf folgte, dröhnte laut in dem rasch heißer werdenden Raum.
»Ein Portal, Yen? Hier? Du musst mich wirklich für eine Stümperin halten.« Philippas Stimme triefte vor Verachtung. »Dearme.« Gute Nacht.
Das Elementar stampfte in großen, doch langsamen Schritten auf sie zu und Yen verlor keine Zeit, es mit elementarer Magie zu attackieren, doch weder Luft, noch Wasser, noch Erde hatten eine Auswirkung auf den massiven, glühenden Körper des Monsters.
»D'yeabl!«, fluchte Yen in der alten Sprache. Ciri glaubte sich daran zu erinnern, dass es Teufel bedeutete, doch ihre letzte Unterrichtsstunde lag schon viele Jahre zurück. Trotzdem half ihr das angestrengte Nachdenken, den Schmerz in ihrem Rücken zu verdrängen, und mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte sie den Griff ihres Schwertes, bis sich ihre Fingernägel schmerzhaft in ihre Handfläche bohrten.
»Ciri!« Ihr Kopf folgte Cahirs Stimme, ohne dass sie es aktiv selbst beeinflusst hätte. In seinen Augen sah sie die Gräueltaten, die man ihm angetan hatte im Namen des Bundes der Schwarzen Sonne, und sie musste daran denken, dass es um ein Haar er gewesen wäre, den sie hier gefesselt gefunden hätten.
Wenn sie ihn überhaupt gefunden hätten.
Ohne Cahir wäre Ciri nie aufgebrochen, um nach Yen zu suchen, und wer weiß, ob das Schicksal ihre Wege auf andere Art und Weise miteinander verwoben hätte, um schließlich hier zu landen.
Sein Griff um ihre Arme wurde stärker und stärker, bis ein bohrender Schmerz ihre Wirbelsäule hinab schoss und jeder Gedanke löste sich in nichts auf.
»C-cahir!«, keuchte sie schmerzerfüllt und ihre Sicht verschwamm. Seine kräftigen Finger gruben sich regelrecht in ihr Fleisch und Ciri wand sich zwischen seinen Armen.
Als sie den Kopf in den Nacken legte und zu ihm aufsah, entfloh ihr ein erstickter Schrei. Cahir fixierte das Menschenopfer mit leeren Augen und die Venen an seinem Hals traten pulsierend unter seiner Haut hervor.
Mit zusammengebissenen Zähnen schien er gegen etwas anzukämpfen, was nur er sehen konnte. Philippas höhnisches Lachen hallte hundertfach von den verspiegelten Wänden zurück und die Gluthitze wurde zur Folter. Obwohl Ciri heftig schnaufte, bekam sie kaum noch Luft und jeder Atemzug brannte sich die Kehle hinab bis in die Lungen. Während ihr Körper allmählich erschlaffte, fiel ihr Blick auf die Iteration Philippas, die zu ihren Füßen gelangweilt aus den Spiegeln zu ihr aufsah.
»Y-Yen!«, rief sie kraftlos in die Richtung, in der sie die Zauberin und Geralt vermutete, »Was soll ich tun? Wie kann ich ihm helfen?«
Yen schien sie nicht gehört zu haben, denn auf ihre Frage folgte keine Antwort, nur das Geräusch des andauernden Kampfes zwischen der Zauberin, Geralt und dem Feuerelementar.
Es hat keine Eile, mein liebes Kind.
Sie hatte sich geirrt. Yen hatte sich geirrt. Ihre Yen. Die Frau, deren Ratschläge nicht in Gold aufzuwiegen waren und der eine Weisheit innezuwohnen schien, von der Ciri nur fantasieren konnte.
Cahir verlor den Kampf gegen das, was in ihm schlummerte.
So, wie er es im Wald prophezeit hatte.
Sie hatten ihm zu viel abverlangt.
Ciri hätte darauf bestehen sollen, dass er umkehrt.
Tränen brannten in ihren Augen, aber nur für Sekunden, bevor sie von der heißen Luft getrocknet wurden.
Als Ciri sich zurück auf die Beine kämpfte, nutzte sie den Schwung, um sich aus Cahirs eisernem Griff zu reißen. Sie spürte, wie seine Fingernägel tiefe Kratzer auf ihrer Haut hinterließen, doch der Schmerz blieb aus.
Zorn beflügelte sie, als sie auf die Wand aus Spiegeln zustürmte und mit dem Knauf ihres Schwertes einen nach dem anderen zertrümmerte. »Yen! Kümmere dich um dieses … dieses Ding!«, bat sie schreiend, auch wenn sie womöglich wieder kein Gehör fand, »und wir uns um die Spiegel! Ohne sie kann Philippa sich nicht verstecken!«
Yen antwortete ihr nicht, doch ein lauter Knall, gefolgt von dem unverkennbaren Geräusch von Metall auf Stein verriet ihr, dass Geralt und sie verbissen gegen den Feuerelementar ankämpften.
»Cahir, komm zurück zu mir!«, flehte sie und griff mit der freien Hand nach seiner. Einen schrecklichen Moment lang war Ciri überzeugt davon, dass sie Cahir an die Dämonen verloren hatte, die ihn lähmten, doch dann kehrte das Licht in seine Augen zurück. Aber statt mit seinem eigenen Schwert die unzähligen Spiegel um sie herum zu zerstören, ließ er die Klinge fallen, um stattdessen nach ihrem Haar zu greifen und sie zu sich zu ziehen.
An seine Brust gepresst, konnte sie seinem Herzschlag lauschen, der unstet unter seiner Haut pochte und einen Takt vorgab, dem sich ihr eigenes Herz anschloss. Seine rauen Hände fuhren zu ihrem Gesicht und hoben es sanft an.
Die Leere in seinen blauen Augen hatte sich geklärt und stattdessen sah Ciri etwas anderes darin schillern.
Das Nächste, was Ciri fühlte, waren seine warmen Lippen auf ihren und als Cahir sich von ihr löste, brannte eine Entschlossenheit in seinen Augen, die sie die letzten Wochen nur hin und wieder erahnen hatte können, eine verschwommene Erinnerung an das, was einst gewesen war.
»Los!« Er grinste breit und stolz wie ein Jäger, der einen besonders prächtigen Hirschen erlegt hatte. Danach hob er sein Schwert vom Boden auf und zusammen wirbelten sie wie ein Sturm durch Philippas projizierten Raum. Die Luft klirrte ohne Unterbrechung und während Yen und Geralt in der Mitte noch immer gegen den Elementar kämpften, schälten sich die Wände vor Cahir und Ciri nach und nach, bis der gleiche schwarze Stein übrig blieb, der auch die normalen Kerker säumte.
Philippa verwandelte sich in einem der letzten Spiegel, der ihr aus Zuflucht diente, zurück in eine Eule und flatterte schnarrend über ihren Köpfen hinweg im Kreis. Ciri warf ihr Schwert hoch, packte es mit der Faust wie einen Speer und zielte nach der Magierin. In der Sekunde, in der sie ausholte und das Schwert losließ, ertönte ein lautes Zischen hinter ihnen und während Ciri ruckartig den Kopf herum riss, glitt das Schwert aus ihren Händen, doch dank der Ablenkung verfehlte es sein Ziel.
»Yen!« Wie betäubt rannte Ciri zu ihren Zieheltern. Der Elementar war zu einem Haufen schwelender Brocken in sich zusammengefallen, doch scheinbar hatte er es in seinen letzten Lebenszügen geschafft, Yen zu erwischen. Ihr schwarzer Umhang hing in Fetzen von ihrer Schulter und eine hässliche, blutende Wunde zog sich quer über ihren Arm.
»Ist nicht weiter schlimm, Ciri … Wo … wo ist Philippa?«
»Sie ist weg«, stellte Cahir nüchtern fest und steckte sein Schwert zurück an seinen Gürtel. »Verflucht, was machen wir jetzt?«
»Wir müssen das Ritual unterbrechen! Aber wie sollen wir das machen, wenn wir Philippa nicht erreichen können?« Panik strömte wie Gift durch Ciris Adern und betäubte sie. Plötzlich ergriff eine eisige Ruhe Besitz von ihr. In einem Moment zitterte das Schwert in ihrer Hand, und die Spitze schabte laut über den zerstörten Boden. Im nächsten Moment wurde ihr ganzer Körper ruhig und während ihr verräterischer Herzschlag sie einen Feigling schimpfte, schritt sie langsam zu dem gefesselten Körper, der noch immer ächzte und jammerte.
Ich töte keine Unschuldigen.
Ihre eigenen Worte hallten in ihrem Kopf nach, wieder und wieder.
Wenn ihr das Ritual unterbrecht, egal wie, ist der Fluch automatisch aufgehoben.
Philippa war nicht hier und auch sonst war kein Zauberer anwesend, der das Ritual beaufsichtigte, und dennoch existierte der Fluch noch immer, das wusste Ciri vom Grunde ihres Herzens. Das bedeutete wiederum, dass es egal gewesen wäre, wenn sie sie umgebracht hätten, denn an ihrer Stelle hätte das Ritual irgendein anderer, ferner Zauberer weiterführen können.
Ohne Opfer gab es aber kein Ritual.
Ciri kam neben dem Menschenopfer zum Stehen und zwang sich dazu, es anzusehen.
Es ist gnädig, säuselte eine Stimme in ihrem Ohr, die ihre zu sein schien und gleichzeitig die einer Fremden, diese Existenz ist ohnehin nichts anderes, als ein endloses Leiden.
Wieso war es dann für Ciri so schwer, ihr Schwer zu heben und es zu beenden?
»Nicht.« Cahir umfing sie von hinten mit seinen erstarkten Armen und zog sie in eine lange Umarmung. Als sie den Kopf in den Nacken legte, um seinen Blick zu begegnen, wusste sie, was er tun wollte, noch bevor er dazu ansetzte.
»Nicht du«, wehrte sie kopfschüttelnd ab, »nein, ich muss es tun. Du hast hier unten schon zu viel von deinem eigenen Blut vergossen. Ich will nicht, dass du auch noch das Blut eines anderen vergießt.«
Entschlossen löste sie sich aus seiner Umarmung und steckte ihr Schwert weg, um stattdessen nach einem Dolch zu greifen. Tief einatmend umrundete sie den gefesselten Menschen, bis sie am Kopf zum Stehen kam. Die leeren Augen starrten ins Nichts, der Blick flackerte unstet zwischen Wahrheiten hin und her, die nur für ihn oder sie galten.
»Ciri, warte.«
Ihr Arm verharrte auf halbem Weg nach oben in der Luft, während Cahir zu ihr hinübertrat und seine Hand fest um ihre schloss, sodass der Dolch nicht mehr länger in ihrer verschwitzten Handfläche vibrierte.
»Wir tun es. Gemeinsam.«
Novum Mane
𝕹𝖔𝖛𝖚𝖒 𝕸𝖆𝖓𝖊
𝔈𝔦𝔫 𝔫𝔢𝔲𝔢𝔯 𝔐𝔬𝔯𝔤𝔢𝔫
†
Ciri saß auf dem toten Boden aus Geröll und Erde und starrte in den Himmel. Die Dämmerung am fernen Horizont kündete vom Sonnenaufgang und zum ersten Mal seit fünf Jahren färbte sich der Himmel rosig gold und vertrieb die Dunkelheit, ließ sie erst zu einem dunkelblau verwaschen, bis sich das Firmament schließlich hellblau über ihr spannte.
Hinter ihr stieg noch immer unablässig Qualm in die Luft und der Geruch von Blut, Tod und verbrannter Erde hing in ihrer Nase. Tränen brannten scharf in ihren Augenwinkeln und ein verdächtiges Schniefen entwich ihr, als sie sich die Nase mit einem schmutzigen Leinentuch rieb. Ciri hatte das Gefühl der warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut schon vor langer Zeit vergessen zu haben. Es erinnerte sie an Cahirs Hände, welche forschend über ihren Körper fuhren, dabei keinen Zentimeter ausließen, und sie daran erinnerten, dass sie noch immer lebte.
Dass sie einen neuen Sonnenaufgang erlebte.
Als hätte er ihren inneren Monolog belauscht, fand er seinen Weg an ihre Seite – wie immer – und ließ sich neben ihr auf den Boden sinken. Die Knie zur Brust gezogen und seine Arme locker darum gelegt, folgte er ihrem Blick zur Sonne und schwieg einfach nur. Die Stille des neuen Morgens veränderte sich neben ihm, bekam etwas Friedliches, und erfüllte sie mit einem Sinn. Ohne aktiv darüber nachzudenken, lehnte sie sich zur Seite, bis ihr Kopf auf seiner Schulter ruhte und ohne zu zögern schlang er seinen Arm um sie, zog sie näher zu sich, bis ihre Körper sich gegenseitig Wärme und Trost spendeten an dem noch kühlen Morgen. Feiner Nebel bildete sich über der Erde, umhüllte ihre Beine und drang feuchtkalt unter ihre Kleidung, bis Ciri trotz Cahirs inniger Umarmung fröstelte.
»Sollen wir zurück zum Lager?«, fragte er sie mit leiser Stimme, als fürchtete er, all das war nichts weiter als ein Traum, der von dem leisesten Geräusch zerplatzen könnte. Sie hatten außerhalb der Tore der Stadt ein provisorisches Lager errichtet und im Verlaufe der ersten Stunden nach den Ereignissen in Aretusa waren immer mehr Menschen zu ihnen gekommen und vor den Feuern geflüchtet, die in der Stadt wüteten.
»Nein. Noch nicht.« Sie schmiegte sich enger an ihn und verlor sich in seinem Geruch nach Erde und Rauch und diesem winzigen bisschen Blut, das vermutlich nie ganz verschwinden würde. Doch Ciri hatte in ihrem Leben genug Blut gerochen und gesehen, damit es seinen Schrecken verloren hatte. Vielleicht sogar genug für zwei Leben.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Tag erleben würde«, begann Cahir irgendwann. Sein Brustkorb vibrierte an ihrem Ohr bei jedem Ton, ein leises, stetes Summen, wie früher die Luft im Wald, wann immer sie zusammen mit Geralt auf die Jagd gegangen war.
»Ich dachte, ich würde in diesem Keller sterben … irgendwann einfach nicht mehr aufwachen.« Ciri vernahm die Schwere in seiner Stimme, das Gewicht, das noch immer auf ihn drückte, doch es vermochte ihn nicht mehr länger zu lähmen. »Ich bin froh, diesen Sonnenaufgang mit dir erleben zu dürfen … Zireael.«
Der Name berührte etwas in ihr, was lange geschlafen hatte. Eine flüchtige Erinnerung, eine Stimme von einem anderen, weit entfernten Ort. Woher nur kannte Cahir dieses Wort? Was es wohl bedeuten mochte?
»Ich bin auch froh.« Ciri scharrte mit den zerschlissenen Schuhen auf der steinigen Erde. Staub wirbelte in die Luft und wurde vom Nebel verschluckt. »Ich wünschte nur, wir hätten uns unter anderen Umständen kennen gelernt.«
»Wieso?«
»Ich weiß nicht ...« Sie senkte den Kopf, genoss die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Haar. Vor Jahren noch hätte sie der Symphonie der Vögel lauschen können, um sich ganz und gar in dem Moment zu verlieren, doch nun umgab sie nur dröhnende Stille. »Es ist nur … es scheint, als gäbe es keinen Frieden für uns.«
»Ich weiß was du meinst.« Als sie aufsah, lag Cahirs glühender Blick auf ihr und Ciri erkannte darin die Umrisse einer Wahrheit, die ihr entfernt bekannt vorkam. »Aber diesmal haben wir wenigstens unseren Frieden gefunden. Auch wenn er vielleicht nicht für immer hält.« Ein seltenes Lächeln erschien auf seinen Lippen, genug, um die Schatten der vergangenen Jahre zu erhellen, und der Druck seiner schwieligen Hand lag beruhigend auf ihrem Rücken.
Der Bund der schwarzen Sonne existierte noch immer. Im Grunde hatten sie eine einzige Vase zerschlagen in einem ganzen Atelier, und wenn sie in den nächsten Jahren das Übel nicht an den Wurzeln packten und aus dem Erdreich rissen, wer weiß, vielleicht standen sie irgendwann an demselben Punkt wie noch vor einigen Wochen.
»Ja«, flüsterte Ciri leise. Die Realität, dass sie einen abgetrennten Arm mit etwas Gaze und einem dreckigen Verband behandelt hatten, konnte wenigstens ein oder zwei Tage warten. »Wir haben unseren Frieden gefunden.«
Nur dieses eine Mal

