Prolog
Draußen vor dem Fenster regnet es in Strömen. Hin und wieder erhellt ein Blitz den in Schatten getauchten Raum und lauter Donnerknall durchbricht das stetige Trommeln der Wassertropfen an der Glasscheibe. Wegen den dichten, dunklen Wolken ist es für den Mann unmöglich zu sagen, welche Tageszeit gerade ist, wenn die Uhr seines Handys nicht 0:42 anzeigen würde. Alle paar Minuten nimmt er das Gerät zur Hand, nicht um die Uhrzeit zu checken, sondern weil er auf Nachrichten wartet.
Er steht in einem gut fünfundzwanzig Quadratmeter großen Raum mit einer Fensterfront an der Außenmauer des Gebäudes, das so hoch ist, dass der Mann über die anderen Dächer der Stadt blicken kann. Das Büro liegt in Finsternis gehüllt, lediglich die zuckenden Blitze tauchen es für den Bruchteil einer Sekunde in ein bedrohliches Spiel aus Licht und Schatten. Der Strom ist ausgefallen. Zumindest in den überirdischen Stockwerken des Wolkenkratzers. Das Gewitter und seine Blitze sind nicht Schuld daran, sondern die Menge an benötigter Energie für das Geschehen in den geheimen, unterirdischen Bereichen. Den Vorgängen im Bunker. Der Sturm ist nur Tarnung, damit die Stadtbewohner keinen Verdacht schöpfen, weshalb in diesem Wolkenkratzer und den umliegenden Gebäuden der Strom ausfällt.
Das Sakko seines feinen dunkelgrauen Anzugs hängt über seiner Stuhllehne und den Knoten der Krawatte hat er gelockert. Seine dunkelblonden Haare hat er zu einem kurzen Pferdeschwanz am Hinterkopf frisiert und der Bart ist frisch gestutzt. Der Mann sieht durch den Regen auf die Stadt hinaus. Überlegend. Planend. Ungeduldig. Um die Wartezeit auf das Ergebnis zu überbrücken, und sich selbst abzulenken, geht er bereits jetzt die nächsten Schritte seines Plans durch. Er versucht es zumindest. Er kann aber nicht verhindern, dass seine Gedanken immer wieder abschweifen. Dabei umklammert er die Tasse seines Kaffees so fest, als könne er so das Experiment weit unter seinen Füßen beschleunigen.
Entlang der Wände reihen sich deckenhohe Regale aneinander, überfüllt mit Ordnern, Büchern und Akten. Vor dem großen Schreibtisch mit Laptop und Papierstapeln stehen vier gemütliche Stühle für Meetings bereit. Doch heute wird keiner kommen. Heute hat er keinen Kopf für die nervenaufreibenden Gespräche über Verkaufszahlen und Marketingideen. Außerdem arbeitet mitten in der Nacht niemand im TuranoTower. Nicht in den legalen Stockwerken.
Gegenüber der Fensterfront führt eine dunkle Doppeltür auf den Gang zu den anderen hochrangigen Büros hinaus. Doch die wissen nichts über das, was unter ihren Füßen vor sich geht. Das geht nur den Geschäftsführer und die von ihm persönlich auserwählten Mitarbeiter etwas an. Alle anderen kümmern sich um die Scheingeschäfte der Firma Turano Industries.
Seufzend stellt er seinen mittlerweile kalten Kaffee auf den Untersetzer am Schreibtisch ab. Die Finger hinter dem Rücken verschränkt hängt er seinen Gedanken nach, ohne das Klopfen an der Tür zu bemerken. Erst als diese geöffnet wird und eine junge Frau den Kopf hereinstreckt, kehrt er in die Gegenwart zurück.
„Verzeihen Sie die Störung, Herr Turano, aber ich habe Neuigkeiten", berichtet sie. Aus ihrer Stimme ist nicht abzuleiten, wie das Experiment verlaufen ist. Das macht den Mann nur noch eine Spur ungeduldiger.
Er dreht sich vollständig herum und winkt sie eilig herein. Die Frau schließt die Tür hinter sich und bleibt erst direkt vor dem Schreibtisch stehen. Ein paar rote Strähnen haben sich aus ihrem Dutt gelöst, die ihr jetzt ins Gesicht fallen.
„War das Experiment erfolgreich?", möchte er ohne Umschweife erfahren. Er versucht souverän zu klingen, kann aber nicht verhindern, dass sich eine Spur Sorge hineinmischt. Das Experiment muss einfach erfolgreich sein. Sein gesamter Plan hängt immerhin von diesem Erfolg ab.
Die Frau schiebt ihre Brille hoch und holt ein kleines Tablet unter dem Laborkittel hervor. Sie tippt kurz darauf herum ehe sieht die Augen zurück auf ihren Chef richtet, der hinter seinem Rücken die Finger knetet. Ihr Gesicht verrät nichts.
„Proband HHM-562, Kennung DEM, hat sowohl das unverdünnte DS0- als auch das ES0-Serum eingesetzt bekommen“, beginnt sie monoton. „Er lebt. HHM-562 ist der erste Proband, der beide Seren angenommen hat. Die Werte und vorläufigen Daten sehen vielversprechend aus. Sie sind stabil, vorerst." Jetzt kann sie ihre neutrale Mimik doch nicht mehr aufrechterhalten, ein erschöpftes, aber strahlendes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. „Herr Turano, es war ein Erfolg."
Die Abkürzungen und Codierungen sind Absicht, damit mögliche Lauscher nichts mit den Informationen anfangen können. Der Geschäftsleiter braucht einen Moment ehe er die Bedeutung ihrer Worte verarbeitet hat. Und noch ein paar Sekunden ehr, um sicherzugehen, dass er sich nicht verhört hat. Langsam blinzelt er vor sich hin. „Sind Sie sicher?"
Sie nickt, geht einen Schritt vor und legt das Tablet vor ihm auf den Tisch. „Wir haben es endlich geschafft."
Turano nimmt das Tablet in die Hände, um sich die Notizen und Ergebnisse darauf durchzulesen. Nach jeder Zeile verschwindet die Sorge über einen weiteren Fehlschlag mehr und mehr. Seit fast zwei Jahrzehnten versuchen die Firmenwissenschaftler schon diese Versuchsreihe erfolgreich abzuschließen. Bisher ist jedes Experiment gescheitert, jeder Proband verstorben. Kein Ausgangsmaterial war stark genug, beide Serumvarianten zugleich zu ertragen. Bis jetzt.
„Endlich. Gute Arbeit." Turano legt das Tablet zurück auf den Tisch, legt die Hände wieder hinter den Rücken und atmet einmal mit geschlossenen Augen tief durch. Der Knoten in seinem Inneren beginnt sich zu lösen. „Haben wir schon Daten über die Fähigkeiten?"
Die Wissenschaftlerin schüttelt bedauernd den Kopf. „Wir müssen abwarten bis wir sicher sein können, dass DEM mit den Seren klarkommt, bevor wir mit den tieferen Untersuchungen beginnen. Im Moment ist er zu geschwächt, ich wollte nicht riskieren, ihn durch Ungeduld zu verlieren."
Der Mann nickt verstehend. „Gut. Bring ihn in eine Kammer und hol mich sobald er bereit ist. Ich will mir meine neue Errungenschaft ansehen. Und lass ihn von zwei Securityleuten bewachen."
„Natürlich, Herr Turano." Die Frau nimmt das Tablet wieder an sich, nickt bestätigend und verlässt anschließend eilig den Raum.
Sobald die Tür hinter der Wissenschaftlerin ins Schloss fällt, dreht sich Herr Turano wieder zur Fensterscheibe um. Ein zufriedenes Lächeln hebt seine Mundwinkel an. Endlich hat es geklappt. Endlich haben sie jemanden gefunden, der stark genug ist, um beide Seren verkraften zu können. Es hat so lange gedauert, so viele Fehlversuche gekostet, so viele unkalkulierbare Probleme ergeben ... Aber das ist jetzt Vergangenheit. Jetzt beginnt endlich die nächste Stufe der Experimentreihe. Er ist nur der Anfang seines großen Traums.
Dann flackern die eingelassenen Lampen in der Zimmerdecke und verleihen dem Mann eine unheimliche Maske aus Schatten. Ja, wenn HHM-562 soweit ist, kann Turano mit Projekt Fladea beginnen. Auf diesen Moment wartet er schon eine gefühlte Ewigkeit.
Das neue Experiment
Tief unter der Erde des TuranoTowers liegen die Etagen der eigentlichen Machenschaften von Turano Industries verborgen: der Bunker.
Die zugehörigen Etagenknöpfe des Fahrstuhls sind nur sicht- und nutzbar, wenn eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen – Schlüsselkarte, Netzhautscan, ein Pin, der sich täglich und von Person zu Person unterscheidet – erfolgreich durchlaufen wurden. Und selbst dann gibt es noch Einschränkungen. Nicht jeder der dort unten arbeitet darf überall herumspazieren. Die einzige Ausnahme ist Benedikt Turano selbst und eine kleine, von ihm höchstpersönlich auserwählte Gruppe der treuesten Mitarbeiter/Untertanen.
Im Bunker ist ausnahmslos alles in einem hellen Weiß gehalten: der Boden, die Decke, die Wände, die Einrichtung. Beinahe zwanghaft. Das erste und zweite Untergeschoss beherbergen unter Anderem Labore, Lager-, Untersuchungs- und Trainingsräume.
Im dritten Untergeschoss, dem Knopf B3 des Fahrstuhls, befindet sich das, was Dr. Ryu und ihr Team vor ein paar Stunden im Auftrag von Herrn Turano erschaffen haben. Diese Etage ist wie ein Wagenrad aufgebaut, deren Speichen in je zehn gläserne Zellen unterteilt sind. Bis auf einem einfachen Bett und einer Toilette in der Ecke sind die Räume leer. In diesen „leben“ die gelungenen Experimente, sortiert nach ihren Experimentnummern und Kennungen. Im Zentrum des Wagenrads ist ein Aufenthalts- und Speisesaal für die Probanden eingerichtet worden. Sehr schlicht, sehr praktikabel, sehr steril.
Alles im Bunker ist auf Funktionalität ausgerichtet, keine Ablenkungen, kein Spaß, nur Nutzen. Dementsprechend gedrückt ist die Stimmung der Menschen in identischen Trainingsklamotten, die sich zum Frühstücken dort eingefunden haben. Es gibt auch Ausnahmen, aber dem Großteil der Kinder und Jugendlichen ist alles andere als zum Lachen zu mute. Jede Minute ihres Tages wird vorgeschrieben. Damit sie von ihrem Stundenplan nicht abweichen, dafür sorgen die bewaffneten Sicherheitsleute und Kameras.
Obwohl der Gang mit der Kennzeichnung „EKM“ beschriftet ist, wurde der Proband der Reihe HHM hier ebenfalls untergebracht. Es gab bisher keine Überlebenden dieser Versuchsreihe, wieso ihnen also einen eigenen Gang zuordnen?
Die anderen Insassen dieser Speiche sind bereits auf dem Weg zum ersten Punkt ihres heutigen Trainingsplans. Vor der letzten Zelle wurden zwei Wachen postiert: dunkle Uniformen, metallische Schutzplatten an Armen, Beinen, Brust und Rücken und eine dicke Schutzweste offen darüber. In den Händen halten sie längliche, schwarze Kästchen: Kontrollgeräte, um die Experimente zum Gehorsam zu überzeugen, ohne ihnen zu schaden. Zumindest nicht zu sehr. Dafür sind sie zu wertvoll und zu teuer in der Herstellung gewesen.
Auf der dicken Glasscheibe klebt ein Zettel mit der Nummer des untergebrachten Probanden: HHM-562, DEM. Kein lebloses Objekt, sondern ein echter, lebender Mensch.
Der Junge ist etwa vier Jahre alt. Zu jung, um schon so kaputt und vernachlässigt auszusehen. Er liegt auf dem Rücken im Bett, die Arme links und rechts neben sich auf einer dünnen Baumwolldecke. Er ist schmächtig, dürr, seine Knochen zeichnen sich deutlich unter seiner durchscheinenden, blassen, leicht gräulichen Haut ab. Die Lippen trocken und aufgesprungen. Die braunen Haare stumpf, ungepflegt, stümperhaft zu einer Art Kurzhaarfrisur geschnitten. Das T-Shirt und die Jogginghose, in die er gesteckt wurde, sind ihm viel zu groß, was seinen Körper noch zierlicher erscheinen lässt.
Seit einigen Stunden liegt er nun schon so komatös im Bett. Seine Brust hebt und senkt sich angestrengt, aber gleichmäßig. Allmählich wird die Atmung des Jungen schneller, hektischer, sein Puls klettert stetig nach oben und sein Gesicht verzerrt sich als hätte er Schmerzen. Die Augen fest zusammengekniffen, den Kiefer angespannt. Das Kind wirft den Kopf hin und her, dabei entweicht ihm ein gequältes Winseln nach dem nächsten.
Das bleibt auch den Wachen nicht verborgen. Der Mann mit dem Schnauzbart mustert den Jungen durch halb geschlossene Lider. Er gähnt. „Wacht er auf oder kratzt er ab?“
Sein Kollege sieht nach der stundenlangen, eintönigen Schicht auch nicht mehr allzu fit aus. „Rede nicht so! Was, wenn Herr Turano das mitbekommt?“
Der Schnauzbart zuckt die Schultern. „Der lässt sich doch kaum hier blicken.“
„Trotzdem solltest du nicht so über unseren Chef sprechen.“ Leiser fügt er hinzu: „Oder willst du auch einfach verschwinden?“
Darauf erwidert sein Kollege nichts mehr, beobachtet stattdessen wieder das immer unruhiger werdende Kind. „Vielleicht sollten wir einen Arzt oder so holen, bevor der Bengel wirklich noch den Löffel abgibt.“
Der Blonde wirft ihm einen warnenden Blick zu, sieht dann jedoch ebenfalls besorgt zu dem Jungen hinüber. „Bei den bisherigen Experimenten, deren Anfangsphase ich bewacht hab, gab es auch immer wieder Zwischenfälle und Rückschläge. Oft auch, wenn sie aus den Tiefen des Komas zurückkehren. Vielleicht ist es bei diesem hier ge...“
Als DEM plötzlich aufschreit, zucken die beiden Männer erschrocken zurück. Dabei richten sie ihre kleinen Waffen auf das Kind.
„Okay“, beschließt der Blonde kurzerhand, steckt das Kästchen weg und nimmt stattdessen sein Smartphone zur Hand. „Ich ruf jetzt Herrn Turano an. Wenn der Proband aufwacht und wir dran schuld sind, dass er es verpasst, dann ..." Ein Schauder schüttelt ihn, als er daran denkt, was ihm und seinem Kollegen dann blühen würde. Stattdessen tippt er auf den grünen Hörer neben dem Namen seines Chefs. Dieser ist nach wenigen Klingeln direkt am Apparat, sagt jedoch nichts. „Herr Turano, Sir, hier ist WP1245, können Sie mich hören?"
Unsicher wechselt der Mann einen Blick mit seinem Kollegen, der nach wie vor die Bewegungen des gepeinigten Jungen verfolgt, bereit den Notfallknopf zu drücken.
Es raschelt irgendwas am anderen Ende der Leitung, dann meldet sich endlich eine raue Stimme: „Turano hier. Was ist?"
Die Wache schluckt. Der Firmenboss klingt alles andere als begeistert von seinem Anruf. Und dazu noch verschlafen. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Gestört hat er ihn bereits, deshalb reißt er sich zusammen. „Es geht um Experiment HHM-562 … Ich denke, er wird bald erwachen." Die Stimme des Mannes zittert leicht.
Auf einem schlag klingt Herr Turano hellwach. „Bin unterwegs!"
Damit ist die Verbindung unterbrochen. Der Blonde wartet noch einen Moment überrumpelt auf weitere Befehle oder Anweisungen oder Irgendwas. Aber es bleibt still in der Leitung. Er schluckt einmal und sieht dann zu seinem Partner. „Er ist auf dem Weg."
Der Schnauzbart nickt, ohne seinen Blick vom Inneren der Zelle zu lösen. „Ich war ja noch nicht oft bei Aufwachphasen dabei, aber das sieht … besorgniserregend aus.“
Der Junge wirft den Kopf immer unruhiger von links nach rechts und wieder zurück. Falten zerfurchen seine junge Stirn und seine zu langen Fingernägel bohren sich so fest in die Bettdecke, dass seine ohnehin blasse Haut an den Knöcheln noch weißer wird. Kopfschmerzen und verkrampfte Eingeweide quälen den jungen Körper. Es wird schlimmer und schlimmer bis es sich anfühlt, als würde sein Kopf jeden Moment wie ein Wasserballon platzen.
Nur Sekunden nachdem der Wachmann Herrn Turano angerufen hat, beginnen die übernatürlichen Änderungen des Jungen. Seine braunen Haare wechseln die Farbe, bekommen vereinzelte weiße oder schwarze Strähnen, mit jeder Sekunde werden es mehr bis kaum noch etwas von seinem natürlich Braun übrig ist. Von seinen Fingerspitzen ausgehend ziehen sich Linien die Arme hinauf. Sie tauchen einfach auf, wie spontane Tattoos. Die Zeichnungen am linken Arm sind weiß, wellenförmig, weicher, während die Linien am rechten Arm klar abgegrenzt sind, tiefschwarz und gezackt wie Blitze. Diese Male breiten sich bis zu seinen Schultern aus. Zudem sind die Nägel verlängert zu spitzen Krallen, jedoch nur auf der dunklen Seite.
Als wäre diese Änderung der Auslöser für etwas, reißt der Vierjährige plötzlich die Augen so weit auf, dass die roten Adern deutlich darin zu sehen sind. In den Augen, die nicht mehr ganz menschlich wirken. Die linke Iris strahlt in einem klaren, warmen Goldton. Im rechten Auge dagegen herrscht Düsternis und Gefahr in der blutroten Iris, umrahmt von einer schattenhaften, schwarzen Sklera.
Der Junge wirkt wie eine lebendiges Schauspiel des uralten Konflikts zwischen Licht und Schatten, Gut und Böse. Engel und Dämonen.
Zusammen mit dem Öffnen seiner Augen, sitzt er aufrecht im Bett, beide Hände krampfhaft an die Schläfen gepresst. Er schreit. Er schreit laut und mehrstimmig gegen den Schmerz an. Die Stimmen, die seine junge Kehle verlassen, klingen so unterschiedlich, so gegensätzlich, dass sie unmöglich von dem Vierjährigen stammen können. Und doch ist es so. Eine ist hell, freundlich, melodisch, die zweite rau, tief, knurrend und die dritte die eines verzweifelten, von Schmerzen geplagten Kindes.
„Was ist denn jetzt los?!" Der Wachmann mit dem Schnauzbart richtet abwehrend seine kleine Waffe auf die Zelle und tritt zwei Schritte zurück.
Der Blonde ist unfähig zu antworten. Zu gefesselt ist er von dem unnatürlichen Schauspiel, das sich vor seinen Augen gerade auftut. Auch am Ende des Ganges sind bereits welche auf das Geschehen aufmerksam geworden. Wachleute und andere Experimente stehen dort, gaffen mit gemischten Gefühlen zum Ende der Speiche, wagen es aber nicht näherzukommen.
Das Stimmengewirr wird von den Wänden der Zelle zurückgeworfen, bringt die Glasscheibe zum Vibrieren und das Licht hinter den Milchglasscheiben zum Flackern. Das Schutzglas bekommt Risse. Ganz zart, oberflächlich zunächst, aber mit jeder Sekunde werden sie größer, tiefer, länger bis die ganze Fläche wie ein übergroßes Spinnennetz aussieht. Das anhaltende Vibrieren versetzt die einzelnen Scherben so stark in Schwingung, dass die instabil gewordene Schutzscheibe wie ein Kartenhaus im Wind in sich zusammenfällt. Ein Meer aus Glassplittern ergießt sich über den gefliesten Boden. Mitten drin segelt das Papier mit der Beschriftung „HHM-562, DEM“ sacht zu Boden, wo es auf den Scherben landet.
Endlich ist der Junge verstummt, zu erschöpft, um weiterzuschreien, ohne überhaupt etwas von seiner Tat mitbekommen zu haben.
Er sitzt noch immer aufrecht im Bett, die Augen geschlossenen, die Hände an den Schläfen. Sobald seine Atemzüge ruhiger werden, nicht mehr der hektischen Schnappatmung eines Kaninchens in der Falle gleichen, öffnet er seine schweren Lider. Nur um sie sofort wieder zuzukneifen. Das grelle Weiß überall blendet seine empfindlich gewordenen Augen. Seine Haare sind plötzlich wieder einfarbig braun, jegliches Weiß oder Schwarz ist verschwunden. Aus seinen Augen ist ebenfalls das Übernatürliche gewichen, sie sind blau, jedoch trüb, müde, erschöpft. Die Zeichnungen auf seinen Armen haben sich verflüchtigt. Fast. An den Handgelenken sind schmale, einfarbige Ringe zurückgeblieben, wie Armbänder: links weiß, rechts schwarz.
Wider erwarten der Logik folgend, steigert das „normale“ Aussehen des Vierjährigen die Panik der Wachen noch weiter. Sie wagen sich nicht zu bewegen. Bleiben als stumme Statuen im Gang stehen. Sie brauchen noch etwas, um das Gesehene zu verarbeiten. Außerdem haben sie keine Anweisungen, wie sie weiter verfahren sollen.
Nach wenigen Sekunden versucht es das Kind erneut. Diesmal ist er auf die Helligkeit vorbereitet, sodass es zwar noch immer brennt, jedoch mit jedem Blinzeln erträglicher wird. Langsam lässt der Junge die Arme auf die Decke sinken und sieht sich vorsichtig in dem kleinen Raum um. Sonderlich viel zu sehen gibt es ja nicht, dennoch wird sein Blick immer verwirrter, immer verängstigter. Besonders als er die Scherben der Glasfront entdeckt und die beiden Männer in Schutzausrüstungen, die ihn stumm mit bleichen Gesichtern anstarren.
Das Kind zieht verängstigt die Knie an den Oberkörper, macht sich ganz klein, versucht sich hinter seinen Beinen zu verstecken und sich unsichtbar zu machen, indem er fest auf seine Finger sieht, deren Nägel sich in die Haut bohren und dort kleine Halbmonde hinterlassen. Sein Herzschlag wird schneller, er beginnt zu zittern. Er traut sich nicht die Erwachsenen anzusprechen, zu fragen, was ihm auf der Zunge liegt. Der Junge bleibt stumm, blickt nur weiterhin auf seine Arme und hofft, dass sie ihm nicht wehtun werden. Tränen sammeln sich bereits in seinen Augen.
Irgendwann begreift er, dass er angefangen hat die schleierhaften Zeichen auf seinem linken Unterarm nachzufahren. Er blinzelt irritiert die Tränen weg, schnieft. Die schleierhaften Zeichen entpuppen sich als Tätowierung: zwei Zeilen mit einer Buchstaben- und Zahlenkombi, die er nicht lesen kann. Seine Kennzeichnung und die farbigen Handgelenksringe reißen den Damm ein, die Tränen laufen ihm ungehindert über die Wangen. Sein Sichtfeld dreht sich bis er das Gefühl hat auf einem Schiff zu sein, die Kopfschmerzen kehren zurück und sein Magen dreht sich um, ihm wird schlecht.
Er versteht nicht was los ist. Das Kind ist überfordert, verängstigt, hat Schmerzen, einen Kopf so leer wie eine Nacht ohne Sterne, weit, endlos, voller Nichts. Er zieht die Decke über seinen Kopf, um den Blicken der Erwachsenen zu entkommen, kauert sich in Embryostellung zusammen und weint still vor sich hin.
Der Schnauzbart zuckt immer wieder, als würde er jeden Moment flüchten wollen. Aber er bleibt. Er muss. Er hat das „Sonst...“ im Arbeitsvertrag nicht vergessen. Außerdem ... Es ist nur ein Kind! Zwar ein nicht ganz normales Kind, aber immer noch ein Kind. Als sich der Junge unter der Decke verkriecht, atmet er das erste Mal seit der Sache mit der Glasscheibe ein.
„Das war ...“, beginnt er brüchig, räuspert sich einmal, „... interessant.“
Der Blonde reagiert nicht darauf. Außerdem zieht etwas anderes seine Aufmerksamkeit an. Etwas, was ihn sofort die aufgesetzte Fassung wiedererlangen lässt.
Es ist keine fünf Minuten her seit der Mann seinen Boss angerufen hat, als auch schon das Echo von eiligen Schritten durch die Gänge hallt. Den beiden Männern ist die Erleichterung und Anspannung deutlich vom Gesicht abzulesen. Sie wissen nicht was sie als nächstes erwartet. Vermutlich sollen sie die Scherben wegräumen und den Jungen verlegen. Genau davor graust es sie. Was die Leute im Labor mit ihm angestellt haben ist topsecret. Nur Turano und die Wissenschaftler wissen es. Gewöhnliche Wachen, die nur dafür sorgen sollen, dass alles ruhig bleibt, sind nicht befugt so etwas zu erfahren.
Die Menschentraube am Ende der Speiche löst sich daraufhin schnell auf. Sie alle gehen ihren geplanten Aktivitäten nach, um nicht dabei erwischt zu werden, wie sie tatenlos im Gang gestanden und zugesehen haben.
Herr Turano biegt schlitternd um die Ecke, schreitet in großen Schritten den Flur entlang. Er trägt kein Jackett, ein paar Strähnen haben sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst und das Hemd ist etwas schief in die Hose gestopft. Für den sonst so kleinlichen Geschäftsmann ein ungewohnter Anblick.
Mit jedem Meter wird er langsamer, entdeckt die Scherben und die sichtlich verstörten Wachen. Seine Augen weiten sich. Nicht vor Sorge oder Panik, nein, vor zufriedener Zuversicht und Begeisterung. Mit jedem knirschenden Schritt steigt seine Vorfreude. Wie bei einem kleinen Kind an Weihnachten. Den Wachmännern wirft er lediglich einen strengen Blick zu, doch schon im nächsten Wimpernschlag liegt seine volle Aufmerksamkeit auf seiner neuesten Errungenschaft: dem schluchzenden Bündel unter der Decke.
Anstatt sich Antworten über das Geschehen von seinen Angestellten zu holen, betritt er ohne Hintergrundwissen die Zelle. Das Glas knirscht verräterisch unter seinen Schuhsohlen, was den Jungen vor Schreck den Atem anhalten lässt. Der Mann setzt sich langsam auf die Matratze, der Proband unter der Decke bewegt sich nicht mehr.
Herr Turano lässt seine Augen noch einmal durch den Raum schweifen, ehe er an dem zitternden Bündel hängen bleibt. Als er den Jungen anspricht, ist seine Stimme ungewohnt freundlich und mitfühlend. „Hallo, Kleiner. Wie geht's dir?"
Beim Klang der fremden Stimme zuckt der Junge wimmernd zurück. Aber das Bett ist nicht breit, sodass er nur mit dem Rücken gegen die Wand stößt.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Du bist hier in Sicherheit“, versucht er es weiter.
Keine Reaktion.
Der Mann ringt mit sich selbst, ehe er sich dazu überreden kann, eine Hand auf den Kopf des Jungen zu legen, der natürlich gleich noch einmal versucht zurückzuweichen. „Willst du nicht unter der Decke hervorkommen?“
Innerlich knirscht er angespannt mit den Zähnen. Auch wenn er darauf besteht, jedes neue Experiment zu begrüßen, kann er dieses freundliche Getue und so tun als würde ihm etwas am Wohlbefinden seiner „Werkzeuge“ liegen nicht ausstehen.
Trotzdem kann er nicht leugnen, dass es sich bei diesem Probanden anders anfühlt. Irgendwie fast so wie … Zuneigung? Ob es an seiner Rolle im Projekt Fladea liegt? Der Erfolg hängt immerhin davon ab, ob das Kind überlebt. Außerdem wäre es um ein ganzes Stück einfacher, wenn der Junge freiwillig auf seiner Seite wäre.
„Ich versichere dir, dir wird nichts geschehen.“ Trotz des Widerstands des Kindes, belässt der Mann die Hand auf dessen Kopf, beginnt beruhigend über diesen zu streicheln.
Ein paar Minuten vergehen in denen sich der Junge tatsächlich etwas beruhigt. Die Tränen versiegen, sein Puls normalisiert sich und der Knoten in seinem Bauch lockert sich ein klein wenig. Er hat zwar keine Ahnung, wer dieser fremde Mann ist, was das für ein Ort ist oder was mit ihm los ist, aber die Freundlichkeit und der Trost, die ihm dieser entgegenbringt, sind genau das, was er gerade braucht. Es hilft dem Kind sogar soweit, dass er sich aus seinem Versteck wagt. Mit gesenktem Blick setzt er sich auf, die Decke rutscht dabei halb von seinem Kopf. Seine Augen sind geschwollen, gerötet und schwimmen noch immer in Tränen.
„Hallo“, lächelt Herr Turano erfreut, mustert gleichzeitig kritisch das schwächlich wirkende Kind. Dieser Vierjährige soll tatsächlich die Prozedur überstanden haben? Erfolgreich? Im Moment deutet nichts darauf hin, was den Firmenchef innerlich erzürnt. Doch das Scherbenmeer gibt ihm Hoffnung. „Kannst du mir sagen, wie du heißt?“
Der Junge zieht eingeschüchtert den Kopf ein. Er ist sich nicht sicher, ob er antworten soll. Ob er überhaupt antworten kann. Sein Hals fühlst sich so trocken an und gleichzeitig brennt sein Rachen, als hätte er mit kochendem Wasser gegurgelt. Abgesehen davon … Er hat keine Ahnung, wie er heißt. Er kennt seinen eigenen Namen nicht!
Weitere Frusttränen sammeln sich in den Kinderaugen und seine Finger graben sich tiefer in die Bettdecke. Turano bemerkt den inneren Aufruhr des Vierjährigen. Es ist nichts Unerwartetes. Er setzt zwar weiterhin sein freundlichstes Lächeln auf, doch seine Augen kneift Turano forschend zusammen.
„Keine Sorge, Kleiner. Dein Gedächtnisverlust ist völlig normal, nachdem was du durchmachen musstest", behauptet der Mann, ohne mit der Wimper zu zucken. „Dein Name ist Eren.“
Eren? Sein Name ist also Eren? Ein Sandkorn an Last fällt von seinem Herzen. Somit ist ein Rätsel gelöst. Der Junge hebt den Kopf, sieht das erste Mal dem Mann ins Gesicht. Die Decke rutscht ihm dabei vollständig herunter.
Die Mundwinkel des Kindes zucken. Ein Lächeln? Ein ganz kleines vielleicht. Er schluckt, um seine schmerzende Kehle zu befeuchten, muss husten, und wagt dann einen Sprechversuch. Seine Stimme – ohne die hallenden Begleitstimmen von vorhin – klingt sehr heiser, sehr kratzig und die Hälfte der Worte erstickten noch bevor sie über seine Lippen kommen. „Wer ... du?"
„Ich heiße Benedikt Turano." Der Geschäftsleiter stockt, scheint zu überlegen. Eine Idee formt sich in seinem Kopf, ein Gedanke, der sich schon seit der Sichtung der zersplitterten Glaswand in seinem vorausplanenden Verstand begonnen hat einzunisten. In den sonst so kalten Augen glimmt ein warmer Funke auf, ein Lächeln, ein ehrliches, warmes Lächeln, erscheint auf dem strengen Gesicht. „Eren, ich weiß, du erinnerst dich nicht, aber ich bin dein Vater."
Die zwei Söhne
Eren bekommt die perplexen Blicke, die sich die Wachen zuwerfen, nicht mit, seine Aufmerksamkeit liegt vollständig auf dem Mann vor ihm. Er ist also sein Vater? Das Kind ist zu überrumpelt und durcheinander, dass es gar nicht weiß, wie es darauf reagieren soll. Deshalb sieht er den Fremden vor sich nur schniefend an, auch wenn er sich nicht traut ihm in die Augen zu sehen.
Herr Turano erkennt die innere Zerrissenheit seines neuesten Experiments. Und nutzt dies gleich weiterhin aus. Schützend legt er dem Jungen einen Arm um die Schulter und zieht ihn tröstend an sich. Er kann jeden Knochen unter der dünnen Haut fühlen. Dieses Mal zittert und zuckt Eren nur noch zusammen, versucht aber nicht mehr, vor der Berührung zu fliehen. Nicht, weil er seine Lage akzeptiert, er ist einfach zu erschöpft, seine Kraftreserven reichen gerade noch so, um die schweren Augenlider offenzuhalten.
„Ich werde dir alles erklären, aber zuerst bringen wir dich nach Hause, Eren." Mit diesen Worten und einem falschen, ehrlichen Lächeln erhebt sich der Firmenchef, zieht die Decke vollständig beiseite und hält ihm auffordernd eine Hand entgegen. „Dort kannst du dich gründlich ausruhen.“
Zögerlich rutscht Eren zur Bettkante vor. Schon bei der ersten Bewegung rast die Säure schneller durch seine Adern, lässt alles innerlich brennen. Sein Blickfeld beginnt sich zu drehen, er schwankt, wird noch eine Spur blasser im Gesicht.
Sofort ist Turano zur Stelle, stützt den Jungen an den gebrechlichen Schultern, als dieser umzukippen droht. „Ist dir schwindlig? Schlecht?"
Eren versucht zu nicken, für Worte fühlt er sich zu schwach. Schon diese kleine Bewegung verleiht dem Kreisel in Kopf und Magen neuen Schwung. Gleichzeitig driftet sein überspannter Verstand mit jeder wachen Minute weiter in die Ferne, simultan kriecht eine Taubheit in jede einzelne Zelle seines Körpers, die jegliche Gefühle verstummen lässt.
„Das wird wieder", versichert der Mann dem Jungen über den Rücken streichelnd. Der Zustand seines neuesten Werkes bereitet ihm ehrliche Sorgenfalten. Ein weiteres merkwürdiges Gefühl rollt durch sein Inneres, das er nicht benennen kann. Während er Eren etwas Zeit gibt, winkt er die beiden Wachen zu sich, die zunächst Anstalten machen, sich weigern zu wollen, doch nach einem finsteren Blick kommen sie doch folgsam herangetreten. „WP1245, du kommst mit mir. WP1327, du räumst die Scherben weg. Und schick Dr. Ryu zu mir aufs Anwesen. Sie soll sich Eren noch einmal ansehen."
„Ja, Sir!", sagen beide synchron und salutieren.
Der Blonde eilt sofort davon. Die andere Wache bleibt mit versteinerter Mimik zurück. Schweiß glänzt auf seiner Stirn.
„Okay, Eren, ich werde dich jetzt tragen, ist das okay?“, erkundigt sich der Mann, der es gewohnt, ist, nie um Erlaubnis bitten zu müssen. Die Worte hinterlassen einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge.
Der Vierjährige hustet zweimal, den Blick nach wie vor nach unten gerichtet. Ein kaum wahrnehmbares, zaghaftes Nicken folgt Sekunden später. Herr Turano schiebt vorsichtig eine Hand unter die Kniekehlen des Kindes und stützt mit der anderen dessen Rücken. So hebt er ihn hoch und trägt ihn sicher über den Scherbenhaufen, hinaus aus der Zelle.
„Wenn du dich übergeben muss, sagst du es mir vorher, ja?", fordert der Mann ihn auf, der keine Lust darauf hat, von einem Experiment vollgekotzt zu werden.
Eren nickt schwach, den Kopf kraftlos gegen die Schulter seines „Vaters“ gelehnt, die Augen geschlossen. Hinter seinen Schläfen dröhnt es, weshalb die Worte nur gedämpft an sein Trommelfell gelangen. Er hängt schlaff in Turanos Armen und hofft nur noch, dass er bald zurück ins Bett kann. So langsam verlangt sogar so etwas Simples wie Atmen viel zu viel Kraft von dem kleinen Körper.
Turano biegt am Hauptgang rechts ab, der Schnauzbart folgt ihm unaufgefordert im respektvollen Abstand von einem Meter. Eren bekommt nur verschwommene, weiße Bilder von der Umgebung mit. Die Realität scheint ihm mehr und mehr zu entgleiten, ohne dass er etwas dagegen tun kann. So dauert es auch gar nicht lange bis der Junge in einen traumloses, unruhigen Schlaf fällt.
Der Firmenchef zieht die Augenbrauen leicht zusammen beim Anblick des schlechten Zustandes seines neuen Experiments. Auch wenn Erens Atmung seit der Ohnmacht etwas gleichmäßiger geworden ist, befürchtet er das Schlimmste. Schließlich hat er nicht zufällig die Nummer HHM-562 auf seinem Unterarm eintätowiert. Die Experimentreihe hat mehr Opfer gefordert, als jede andere bisher. Eren muss überleben. Zeit herauszufinden, was er verpasst hat.
„Was ist passiert?", verlangt Herr Turano von der Wache zu erfahren. Seine Stimme ist so rau, distanziert, kalt wie es seine Untergebenen von ihm gewohnt sind. Jegliche Wärme, die er dem Kind gegenüber preisgegeben hat, ist verschwunden.
„Na ja." Die Wache schluckt, eingeschüchtert von der Autorität seines Bosses und den Geschehnissen. „Bis kurz vor zu unserem Anruf hat er geschlafen. Dann ist er unruhig geworden, hat den Kopf hin und her geworfen und … ist aufgewacht. Aber …“ Der Schnauzbart räuspert sich, um sich selbst etwas Mut zu machen. Vergeblich. „Sir, darf ich fragen: Was wurde mit dem Junge gemacht?"
„Nein, darfst du nicht", blockt der Chef kurz und knapp ab. „Jetzt sag mir, was euch so verängstigt hat, oder ich feuere dich auf der Stelle wegen Befehlsverweigerung."
Stumm schluckt er, ehe er verunsichert fortfährt: „Als er aufgewacht ist, waren in seinen Haaren schwarze und weiße Strähnen erschienen. Und seine Augen ... Sir, so etwas hab ich noch nie gesehen. Eines war weiß und golden, das andere schwarz und rot. Auch auf seinen Armen haben sich seltsame Male gezeigt. Er hat geschrien und dadurch wohl irgendwie die Schutzscheibe zerstört. Sobald er aufgehört hat, sah er normal aus. So wie jetzt eben."
„Das klingt vielversprechend", murmelt der Firmenchef, den Blick noch immer auf das kindliche Gesicht gerichtet.
Bei jedem Wort ist das Funkeln in Herrn Turanos Augen etwas heller geworden. Gleichzeitig bekommen seine Sorgenfalten Sorgenfalten. Jetzt wo endlich ein Proband die kostspielige, aufwendige Prozedur überlebt hat, würde der Mann es nicht verkraften diesen sofort wieder zu verlieren. Nicht so kurz nach seinem Erwachen. Nicht, bevor er seinen Zweck erfüllt hat.
Jede Wache, jedes Experiment, an dem sie vorbeigehen, wirf dem Macht ausstrahlenden Mann mit dem vierjährigen Jungen im Arm irritierte Blicke zu. Das Bild ist einfach zu ungewöhnlich, zu surreal. Auszusprechen, was allen auf der Zunge liegt, wagt niemand. Sie machen ihm lediglich stumm Platz, wenn er ihnen am Gang entgegenkommt.
Nach fünf Minuten erreichen die Männer eine Doppeltür – natürlich in weiß – mit einem schwarzen Türrahmen, um diese besser von den Wänden unterscheiden zu können. In unübersehbarer Schrift steht dort „Zutritt für Unbefugte strengstens verboten!". Es gibt weder eine Klinke, noch einen Knauf oder irgendetwas Anderes, das so aussieht, als könne man damit die Tür öffnen.
Mit einem kurzen Seitenblick macht er dem Wachmann verständlich, er solle gefälligst wegsehen. Gehorsam dreht er seinem Chef den Rücken zu. Da das Kind nur aus Haut und Knochen besteht, viel zu leicht für sein Alter ist, ist es für den Mann ein Leichtes ihn nur mit einem Arm zu tragen.
Herr Turano legt die rechte Handfläche auf die Tür und wartet. Zunächst geschieht nichts, doch dann leuchtet ein gelber Kreis um seiner Hand herum auf, der seinen Abdruck gründlichst scannt. Anschließend erscheint eine Tastatur aus leuchtenden Buchstaben und Zahlen, auf der er ein mehrstelliges Passwort eintippt. Daraufhin öffnet sich eine Klappe für einen Netzhautscan. Erst nachdem alle Sicherheitsvorkehrungen bestanden wurden, taucht eine zuvor nicht sichtbare Abdeckung im Türrahmen weg, wodurch die verborgene Türklinke freigelegt wird.
Herr Turano öffnet die Tür, bevor die Klinke wieder verschwinden kann, doch nur einen kleinen Spalt, damit der Schnauzbart keinen Blick erhaschen kann, als er ihn für weitere Instruktionen anspricht. Auf dem Weg hierher ist ihm eine weitere Idee gekommen, deren Umsetzung je früher, desto besser ist, um einen lückenlosen Schleier zu erschaffen. „Geh und schick Ajax zu mir."
„Ja, Sir!" Der Wachmann salutiert und begibt sich auf die Suche nach Ajax. Sichtlich erleichtert, gleichzeitig angespannt.
Auch der Chef macht sich auf den Weg, geht durch die Tür und schließt diese sorgfältig hinter sich. Der Mann steht jetzt am Anfang eines langen, runden Tunnels. Eine Reihe an Neonröhren erhellt die Strecke. Das schwache, flackernde Licht wird von der Schiene am Boden reflektiert. Ein Wagen in der Form eines Eis steht dort bereit. An der Wand neben der Tür befindet sich ein einzelner Knopf, mit dem man das Ei von der anderen Seite der Schiene rufen könnte. Außen ist es schwarz lackiert mit dem Logo der Firma an jeder Seite: ein großes, rotes T und I, die miteinander verbunden im Zentrum eines Ringes stehen. Schlicht, aber zweckmäßig.
Der Innenraum bietet Platz für bis zu sechs Leute: eine Sitzbank aus weinrotem Leder in der Vorderreihe und zwei sich gegenüberliegende dahinter. Es gibt kein Lenkrad oder Pedale, nur zwei Knöpfe vor dem Fahrersitz zum Auswählen des Ziels: Bunker oder Anwesen.
Er klettert auf die vorderen Sitze, legt das Kind sacht neben sich ab und drückt auf den Anwesen-Knopf. Kaum ohne einen Laut von sich zu geben setzt sich das Gefährt in Bewegung. Es dauert keine zehn Sekunden bis die Höchstgeschwindigkeit erreicht ist. Die Lampen an der Decke sind nur als leuchtende, unscharfe Striche zu erkennen, dennoch kann es dem Geschäftsführer nicht schnell genug gehen.
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Nach wenigen Minuten erreichen sie ihr Ziel. Das private Anwesen von Benedikt Turano, das etwas außerhalb der Stadt auf einem kleinen Berg erbaut wurde, der sich ebenfalls in Familienbesitz befindet. Das Gebäude besteht aus altertümlichen Backsteinmauern mit Türmen, kleinen Zierzinnen und hohen Decken. Es wirkt wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten.
Rund um das Anwesen erstreckt sich eine weite Wiese mit teuren Ziergärten, Teichanlagen und unendlich vielen verschlungenen Pfaden dazwischen. Ein hoher Schmiedeeisenzaun mit Stacheldrahtkrone begrenzt die Wiese. Dahinter wachsen verschiedene Bäume dicht nebeneinander zu einem Mischwäldchen, den ebenfalls eine hohe Mauer umgibt. Überall auf dem Grundstück sind bewaffnete Wachleute unterwegs. Niemand hat je unbefugt den Berg betreten oder ist ungeladenen bis zum eigentlichen Grundstück vorgedrungen. Oder konnte diesen lebend verlassen. Im Wald liegen viele unaufgeklärte Todesfälle verborgen.
Das Ei stoppt am Ende der Einschienenbahn. Herr Turano steigt zügig aus, nimmt Eren wieder in die Arme und erklimmt die metallene Wendeltreppe. Sie kommen in einer Ecke eines kleinen Raumes heraus. Eine einzelne Glühbirne flackert bei der Bewegung in ihrer Nähe auf. Ohne Geduld klappt er das Gemälde wie eine Tür nach außen auf und steht schon mitten in seinem Zuhause: einem riesigen, pompös eingerichteten Wohnzimmer.
Das Gemälde schwingt automatisch zurück in Ausgangsposition, während der Mann zielstrebig auf das Monster an Sofa im Zentrum zusteuert. Der Vierjährige befindet sich unverändert im komatösen Schlaf, als er auf dem Sofa abgelegt und mit einer Baumwolldecke zugedeckt wird. Herr Turano setzt sich daneben, sieht mit zusammengezogenen Augenbrauen auf Eren herab. Das kindliche Gesicht wirkt angespannt, kleine Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. In einem Impuls heraus legt der Mann seine Hand auf die Stirn des Jungen. Sie fühlt sich tatsächlich warm an.
Er zieht die Hand zurück, knetet angespannt seine Finger. Wenn dieses Kind wirklich sterben sollte, dann war alles umsonst. All die Mühen. All die Seren. All das Geld. Alles einfach weg! Schlimmer noch, dann hat er keine Chance Projekt Fladea zu vollenden. Diese Angst kreist unaufhörlich in seinem Kopf herum, sodass er im Moment an nichts anderes denken kann.
Unruhig geworden steht er auf und beginnt damit im Raum herumzutigern, die Arme hinter dem Rücken, dann wieder vor der Brust verschränkt, um das Glas Brandy verkrampft, das er sich zur Beruhigung der Nerven aus der Heimbar in der Ecke neben dem Kamin geholt hat. Alle paar Sekunden wandert sein Blick zurück zu dem Jungen. Der Mann würde es nie zugeben und um jeden Preis verhindern, dass jemand es mitbekommt, aber er ist gerade heillos überfordert. Er hat keine Ahnung, wie man sich bei einem kranken Kind verhält oder was man tun kann, um Fieber zu senken.
Als der Junge dann auch noch beginnt keuchender zu atmen, ist er komplett mit den Nerven am Ende. Er, der vielleicht mächtigste Mann beider Welten, mit unzähligen loyalen Untergebenen, von denen ein Drittel übermenschliche Kräfte besitzen, ist bei einem kranken Vierjährigen so hilflos und überfordert, dass er nur von einer Ecke zur nächsten tigert und nichts mit sich anzustellen weiß.
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„Sie haben mich rufen lassen, Herr Turano?"
Durch die plötzliche Stimme schreckt der Firmenchef zusammen. Um dies zu überspielen, räuspert er sich, strafft die Schultern, hebt das Kinn und geht der jungen Frau entgegen, die soeben aus dem Raum hinter dem Gemälde hervorgetreten ist. Sie hat rotes, schulterlanges Haar, eine Brille auf der Nase und Sommersprossen auf den Wangen. Über einem lila Pullover trägt sie einen weißen Laborkittel. Ihre schwarzen Stiefel verursachen bei jedem Schritt auf dem Laminat ein klackendes Geräusch, begleitet von dem gleichmäßigen Rollen des Koffers, den sie hinter sich herzieht. Es ist dieselbe Frau, die vor einigen Stunden in seinem Büro war.
„Dr. Ryu, schön Sie zu sehen." Mit einem peinlich berührten Räuspern bleibt er neben dem Sofa stehen und deutet mit dem Kinn auf Eren. „Ich möchte, dass Sie sich DEM noch einmal ansehen. Nur, um sicherzugehen, dass er überleben wird."
Verlegen schiebt sich die Frau die Brille zurecht, nachdem sie einen kurzen Blick auf ihren Patienten geworfen hat. Er ist ihr selbstverständlich nicht fremd. Immerhin ist sie diejenige, die jedes Experiment von der Auswahl der „Rohstoffe“ bis hin zum Tod begleitet. „Verzeihen Sie die Frage, Sir, aber wieso haben sie ein Experiment hierher gebracht?"
Herr Turano funkelt Dr. Ryu warnend an, doch dann entscheidet er sich doch für die Wahrheit. Sie ist schließlich seine Ärztin. Und ein so großes Geheimnis ist das auch nicht. Irgendwann wird es sowieso jeder im Bunker erfahren. Obwohl ... Hat er nicht letztens erst einen Bericht seiner Forschungsabteilung über ein Amnesieserum vorgelegt bekommen? „Er ist ab heute mein Sohn. Also sorgen Sie dafür, dass er überlebt."
Einen Moment lang gestattet sich die Ärztin einen verdutzten Blick. Es kommt ja nicht jeden Tag vor, dass sie in das private Anwesen ihres Chefs gerufen wird, um einen Experimentjungen zu behandeln, den er spontan als Sohn adoptiert hat. Aber wer ist sie schon, dass sie die Entscheidungen ihres Bosses hinterfragen würde?
Sie bringt ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. „Natürlich, Sir. Ich tue, was in meiner Macht steht."
Dr. Ryu kniet sich neben dem Jungen auf den Boden, befühlt zunächst seine Stirn und zieht dann ein Thermometer aus dem mitgebrachten Koffer, welches sie ihm in den Mund steckt. Während die Temperatur gemessen wird, leuchtet sie mit einer Lampe in seine Augen.
„Hm", kommentiert sie.
Nun nimmt sie das Stethoskop zur Hand, zieht die Decke zurück, das T-Shirt nach oben und horcht Bauch und Brust ab. Hier seufzt sie. Durch einen hohen Piepton gibt das Thermometer bekannt, dass es mit seiner Messung fertig ist. Ein kurzer Blick darauf und sie nagt stirnrunzelnd auf ihrer Unterlippe herum.
Das alles macht Herrn Turano nur noch nervöser, sodass er in einem Zug sein Glas leert und sich sogleich nachschenkt.
Die Blutdruckmanschette ist das nächste Werkzeug, das zum Einsatz kommt. Begleitet von einem weiteren „Hm“ ohne Erläuterung. Zum Schluss tastet sie den Jungen noch von Kopf bis Fuß ab, mit gelegentlichen, kommentierenden Lauten.
Schließlich richtet sich Dr. Ryu auf und steckt die Utensilien zurück in den Koffer. An ihren Chef gewandt erklärt sie endlich die Resultate: „Im Großen und Ganzen ist es nicht kritisch oder lebensbedrohlich.“
Der Mann atmet erleichtert aus. Nanu? Seit wann hat er denn den Atem angehalten?
„Es ist vollkommen normal, dass er Nachwirkungen spürt“, fährt die Ärztin fort, nimmt dabei einen Infusionsbeutel aus ihrem Koffer. „Die Seren haben sich noch nicht vollständig mit seinem Körper verbunden. Ich gebe ihm was zum Fiebersenken und eine Infusion mit einem leichten Schlaf- und Schmerzmittel, damit er gut durchschläft. Morgen sehe ich nochmal nach ihm. Mehr kann ich momentan nicht tun. Wenn es morgen nicht besser ist, müssen wir ihn in mein Labor bringen, um weitere Untersuchungen durchzuführen."
Sichtlich erleichtert lässt sich Turano in den Sessel gegenüber der Couch sinken. Es fühlt sich an, als wäre ihm soeben ein Stein vom Herzen gefallen. Ein Stein, von dem er nicht einmal wusste, dass er da ist. Was ist das nur für ein neues Gefühl? Er hat schon mehrere Experimente an irgendwelchen Nebenwirkungen leiden und sterben sehen ... aber warum geht ihm das bei diesem hier so nahe?
Sobald Dr. Ryu das Kind behandelt hat, verabschiedet sie sich und verlässt auf denselben Weg das Anwesen, auf den sie gekommen ist. Eren liegt nun etwas friedlicher in Decken und Kissen eingehüllt auf der Couch, der Mann im Sessel daneben. Herr Turano reibt sich grübelnd übers Kinn. Es gibt so viel zu planen. Bei der Ausbildung dieses Experiments ... Nein ... Bei der Erziehung seines Sohnes muss jeder Schritt genauestens durchdacht sein, damit am Ende eine loyale rechte Hand hervorgeht. Das setzt allerdings voraus, dass er die Nacht übersteht.
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Später am Vormittag taucht der zweite Besuch im Anwesen Turano auf.
Der 16-Jährige ist muskulös gebaut, was kein Wunder ist, er trainiert ohne Pause, wenn er nicht auf einer Mission unterwegs ist. Er hat sich für eine weite Jeans mit etlichen Taschen und ein ärmelloses, schwarzes Oberteil entschieden, weswegen seine Narben an den Armen deutlich zu sehen sind. Ein buntes Stirnband - sein Markenzeichen - hält ihm die widerspenstigen, blonden Haare aus den braunen Augen.
„Sie wollten mich sprechen, Sir?" Ajax bleibt im Eingang zum Wohnzimmer stehen, die Hände ordentlich hinter dem Rücken.
„Ja, Ajax, komm rein." Herr Turano winkt den Jungen zu sich und erhebt sich gleichzeitig aus dem Sessel.
Da das Sofa mit der Lehen zum Gemälde steht, kann Ajax das Kind darauf zunächst nicht sehen. Erst als er direkt davorsteht, bemerkt er den schlafenden Jungen, was ihm fragen die Augenbraue hochziehen lässt.
„Das ist Eren", beantwortet Turano die unausgesprochene Frage. „Er ist unser neuester Erfolg. Der erste Überlebende der HHM-Reihe."
„Der HHM-Reihe?" Mit neuem Interesse beäugt Ajax den Vierjährigen. Dieser schwächliche Knirps soll die Experimentreihe mit den meisten Todesopfern tatsächlich überstanden haben? Schwer zu glauben. Doch die eintätowierte Nummer ist der eindeutige Beweis.
„Ich hab eine neue Aufgabe dich“, eröffnet der Firmenchef seinem loyalen Untergebenen ohne Umschweife. Als dieser die Augen vom Kind löst und auf ihn richtet, fährt er fort: „Ich möchte, dass du ihn trainierst."
„Sir, wenn ich Sie daran erinnern darf: Ich habe bereits eine Schülerin", wirft Ajax ein.
„Dann bekommt sie einen anderen Mentor“, löst er schlicht und schnell das Hindernis mit einer wegwischenden Handbewegung. „Eren ist wichtiger. Und du bist nun mal der Beste, den ich habe."
„Ja, Herr Turano. Ich habe verstanden." Ajax nickt bestätigend. Dann hat er eben einen anderen Schüler, na und? Für ihn spielt es keine Rolle, wen er über den Trainingsplatz scheucht.
„Gut." Turano nickt zufrieden. „Und noch etwas."
Aufmerksam wartet er darauf, dass er weiterspricht.
„Deine Hauptaufgabe ist eine andere“, beginnt der Mann mit dem eigentlichen Grund des Besuchs. „Eine, die unser bisheriges Leben verändern wird und die du auf unbestimmte Zeit erfüllen wirst.“
„Sir?“
„Um die Erfolgschancen für Projekt Fladea zu maximieren, wirst du ab heute nicht nur Erens Mentor sein, sondern auch seinen Bruder, meinen Sohn spielen."
Unfähig ein Wort herauszubekommen oder seine Fassung zu wahren, starrt der sonst so gefasste Teenager den Mann an. Dann das Kind auf dem Sofa. Dann wieder den Mann. Er braucht ein Weilchen, ehe er die Worte verarbeitet und verstanden hat. „Ich soll … ?!“
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Nachdem Herr Turano Ajax alles noch einmal klar und deutlich erklärt hat, haben sie bereits damit begonnen, einen Trainingsplan auszuarbeiten. Bis zum Abend haben sie alles soweit vorbereitet, dass die Erziehung von Eren beginnen kann.
Bei Sonnenuntergang sitzt Turano auf seinem kleinen Privatbalkon, der zu seinem eigenen Schlafzimmer gehört, ein Glas seines Lieblingsweines in der Hand und hängt seinen Gedanken nach, lässt den Tag noch einmal Revue passieren. Von einem Tag auf den anderen hat er zwei Söhne bekommen. Er versteht selbst nicht, was er sich dabei gedacht hat oder was er sich davon erhofft. Sein Plan würde immerhin auch umsetzbar sein, wenn Eren wie alle andere Experimente im Bunker bleiben würde.
Der Mann nippt an seinem Glas und beobachtet die Sonne, wie sie hinterm Horizont verschwindet. Wie auch immer, jetzt ist es zu spät, seine Entscheidung zu bereuen. Eren und Ajax sind nun seine Söhne, sie sind jetzt eine Familie. War es die richtige Entscheidung? Tja, das wird sich erst noch zeigen.
Heimlicher Ausflug
Acht Jahre später …
„Junger Herr Eren! Junger Herr, wo seid Ihr?“, hallt der gestresste Ruf eines Butlers durch das gigantische Anwesen der Turanos. „Bitte, Herr Turano wartet doch bereits auf Sie!“
Der inzwischen Zwölfjährige hört die hektischen Schritte des grauhaarigen Mannes auf dem Parkett im oberen Stockwerk, wie er auf der Suche nach ihm Türen aufreißt und Zimmer durchsucht. Ein leichter Stressschweißfilm glänzt auf dessen fliehender Stirn.
Doch der Junge denkt nicht daran aus seinem Versteck zu kommen. Er hat keine Lust schon wieder zu einem Kliententreffen mitkommen zu müssen. Er versteht zwar, dass ihn sein Vater Stück für Stück enger ins Familienbusiness einbinden will, aber ein Essen mit einer steifen, älteren Frau? Das ist langweilig! Erst recht, weil er genau weiß, dass er mal wieder im Wartezimmer geparkt werden wird und von der eigentlichen Verhandlung eh nichts mitbekommt. So wie immer. Also reicht es doch, wenn ihm sein Vater nachher alle wichtigen Infos über die neue Mission weitergibt.
Da er dieser Meinung ist, schiebt er sich noch ein Stückchen weiter zurück, unterdrückt dabei ein Niesen. Der ganze Staub um ihm herum reizt seine Atemwege. Aber er wäre kein Turano, wenn er wegen dieser banalen Kleinigkeit sein Versteck aufgeben würde. Das Kind hat sich in dem Labyrinth aus Lüftungsschächten verkrochen, die jeden Raum in dieser Villa miteinander verbinden. Von hier aus kann er bequem durch die Schutzgitter hinaus auf den oberen Korridor spähen, wo der Butler, der ihm eigentlich helfen sollte sich für den wichtigen Termin fertig zu machen, gehetzt nach ihm sucht. Schadenfroh gluckst er bei dem Anblick in sich hinein.
Leider muss genau dann, wenn es am schönsten ist, der Spielverderber aufkreuzen. Typisch. Direkt unter dem Lüftungsgitter bleibt ein junger Mann stehen und sieht zu diesem hinauf. Er hat ein kantiges Kinn, ist frisch rasiert und eine helle Narbe zieht sich über seine Wange - für die Eren verantwortlich ist. Es war ein Unfall. Irgendwie.
Sein Bruder steckt schon in seinem feinen, dunkelblauen Anzug mit der schwarzen Fliege. Seine Lackschuhe glänzen im Licht der Kronleuchter, genauso wie das Gel in den blonden Haaren, die peinlich streng zurückgekämmt sind. Sein Markenzeichen - das kunterbunte Bandana – hat er in seinem Zimmer gelassen. Es passt nicht zum gestriegelten Auftreten bei Treffen mit potenziellen Klienten.
Ajax´ Stimme ist dunkler und distanzierter als vor acht Jahren. „Eren, hör auf mit dem Unsinn. Wir haben einen Termin. Und du weißt ja: Ein Turano kommt niemals zu spät.“
Eren hat keine Ahnung, wie Ajax das macht. Er findet ihn jedes Mal, egal wo er sich auf dem Anwesen versteckt. Sein Bruder ist besser als ein Bluthund. Für ein paar Sekunden verharrt der Junge an Ort und Stelle, hält sogar die Luft an, aber als seine blauen Augen die braunen von Ajax treffen, weiß er genau: Es hat keinen Sinn mehr.
Seufzend kriecht er vor, drückt die Gittertür auf - sie klappt quietschend nach rechts weg - und sieht wenig begeistert zu seinem Bruder hinab. „Warum muss ich da mit? Ich steh doch eh nur herum und warte bis ihr fertig seid.“
Kaum wahrnehmbar kneift der Ältere die Augen missbilligend zusammen. „Du weißt, Vater will dich mit den Kunden vertraut machen.“
„Ja“, murrt Eren zustimmend, sieht dabei kurz schmollend zur Seite, ist aber nicht gewillt, so schnell nachzugeben. „Trotzdem könnte ich die Zeit doch besser nutzen, indem ich trainiere oder so.“
Ajax legt die Hände hinter den Rücken. Eine Geste, die er immer macht, wenn er verärgert oder angespannt ist. So versteckt er seine geballten Fäuste. Seine neutrale Maske hält er allerdings aufrecht, auch wenn an dem kratzigen Unterton sein Ärger herauszufiltern ist. Zumindest für Eren. „Du bist kein kleines Kind mehr, Eren. Komm runter. Ich bin mir sicher, ich habe dir nicht beigebracht, dich wie ein verängstigtes Kaninchen in Tunneln zu verstecken.“
Der Junge stöhnt stumm auf, gibt sich aber geschlagen. Wenn Ajax´ Stimmung in diese Richtung umschlägt, ist es besser, gleich zu tun, was er verlangt. Eine von vielen Lektionen, die er auf die ein oder andere Weise lernen musste. Er zieht sich nach vorne, hält sich unten am Rahmen fest, schiebt sich mit einer Saltodrehung komplett heraus und hängt nun mit den Armen am Schacht. Dann lässt er los, um sicher in der Hocke auf dem polierten Parkett zu landen.
Anschließend richtet er sich auf und klopft sich den Staub von der Kleidung. „Wozu muss ich eigentlich mit den Kunden vertraut werden? Ich bin nicht derjenige, der die Missionen mit ihnen durchspricht oder plant. Ich führe sie nur aus.“
„Eren“, beginnt Ajax, kommt dabei einen bedrohlichen Schritt näher. „Es ist wichtig für das Geschäft, dass dich die Kunden kennenlernen. Du bist immerhin auch ein Turano, oder nicht?“
„Schon gut. War ja nur ´ne Frage.“ Beschwichtigend hebt der Junge die Hände.
Das Gesicht des Älteren nimmt wieder die ausdruckslose Mimik wie zuvor an. „Jetzt geh dich umziehen. Du hast noch dreizehn Minuten. Komm nicht zu spät. Du weißt ja: Ein Turano...“
„... kommt nicht zu spät“, beendet der Jüngere. Für seinen Bruder eine Spur zu trotzig, was dieser mit einem weiteren Augen zusammenkneifen verdeutlicht. Eren senkt daraufhin den Blick und flüchtet mit den Worten „Ich geh mich umziehen“ in sein Zimmer. Dort wird er bereits von dem Butler erwartet.
~~~
Genau zwölf Minuten später, 13:59 Uhr, verlässt Eren das Anwesen durch den Vordereingang, steigt die breite Steintreppe hinab und geht auf die wartende schwarze Limousine zu. So wie sein Bruder trägt auch er Lackschuhe und einen Anzug, allerdings mit Krawatte. Er hasst dieses Ding. Er hat ständig das Gefühl, als würde es ihm die Luft abschnüren.
Ein Butler hält ihm die hintere Tür auf. Mit einem kleinen, dankenden Zucken seiner Mundwinkel, das er schnell unterbindet, steigt er ein. Angestellten für ihre Arbeit zu danken, ist unter seinem Niveau. Laut seiner Familie. Sobald Eren in den Polstern sitzt, klopft Benedikt Turano zweimal an die dunkle Glasscheibe, die die Fahrerkabine vom hinteren Bereich trennt.
Das Kind stützt sich mit dem Ellbogen an der Tür ab, legt das Kinn auf die Handfläche und sieht den vorbeiziehenden Bäumen des Familienwaldes zu, die vom Herbst in bunten Farben erstrahlen. Das riesige Tor am Fuß des Berges wird für die Limousine geöffnet und sofort danach wieder verschlossen. Außerhalb sieht der Wald um einiges lichter und freundlicher aus. Vermutlich alles nur Einbildung. Oder es liegt daran, dass es hier draußen keine bewaffneten Wachen und versteckte Leichen gibt.
„Eren, setz dich ordentlich hin“, bemerkt Ajax, der neben ihm sitzt.
Stumm seufzend wendet der 12-Jährige den Blick vom Fenster ab, richtet sich gerade auf und legt die Hände in den Schoß.
„Zieh die Ärmel nach unten. Du weißt doch, du sollst aufpassen, dass deine Male nicht zu sehen sind.“
„Ja, Ajax. Ich weiß.“ Obwohl seine farbigen Armreife eh unter den Hemdärmeln verborgen sind, zupft er diese weiter nach unten, damit sein Bruder zufrieden ist.
Dieser nickt auch und dreht den Kopf wieder zu ihrem Vater nach vorne, der den beiden gegenüber sitzt. Er hat seine Haare wie immer zu einem Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden, einen teuren Anzug an, die Beine übereinandergeschlagen und die Hände ruhen auf seinem Oberschenkel. Mit einem zufriedenen Schmunzeln beobachtet er seine Söhne. Zu Beginn hätte er nie damit gerechnet, dass sich alles so problemlos entwickeln würde. Ajax und Eren. Er hat sich in den vergangenen acht Jahren so sehr an die Beiden gewöhnt, als wären sie tatsächlich seine Söhne.
Ihr Ziel ist ein nobles Restaurant in der Innenstadt von Haikla City. Das VIP ist ein sehr diskreter Ort, weshalb es zum Stammlokal für persönliche Treffen mit Klienten geworden ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass es wie ein Hotel aufgebaut ist: ein Tisch pro Raum. Sehr privat, sehr extravagant und vor Allem sehr zum Kotzen.
Eren konnte sich mit diesem ganzen Luxuskram noch nie richtig anfreunden, auch wenn er gelernt hat, sich damit zu arrangieren. Seiner Familie zuliebe, die ihm dieses Leben ermöglicht. Und er kann sich dafür nur revanchieren, indem er auf den ihm anvertrauten Missionen sein Bestes gibt. Wie so eine Mission, für die sie heute beauftragt werden.
Die Limousine hält vor einem mehrstöckigen Gebäude an. Der Fahrer beeilt sich auszusteigen und der Familie Turano die Tür zu öffnen.
„Na kommt, Jungs.“ Mit diesen Worten geht der Firmenchef voran die Treppe hoch und durch die Eingangstür, die ihnen ebenfalls aufgehalten wird.
Das Foyer ist ein großer Raum, ausgelegt mit glänzenden kaffeebraunen Fliesen, die das Licht der kleinen Kronleuchter widerspiegeln. Ein großer rot-goldener Teppich führt vom Eingang bis hin zur Anmeldung gegenüber. Durch eine Treppe daneben gelangt man in die oberen Stockwerke, genauso wie mit dem Aufzug auf der anderen Seite der Rezeption.
„Hallo und herzlich Willkommen im Restaurant VIP“, grüßt die Dame am Empfang freundlich.
Während Eren und Ajax auf halber Strecke stehenbleiben, tritt Benedikt an den Tresen heran. „Guten Tag. Ich hab eine Reservierung.“
Als sie den Mann ihr gegenüber erkennt, beeilt sie sich aufzustehen und übertrieben höflich zu verbeugen und zum Aufzug zu deuten. „Herr Turano, willkommen.“ Die Frau nimmt dann eine laminierte Karte von der Pinnwand hinter sich, die sie sie lächelnd an Herrn Turano weiterreicht. „Ihre Verabredung wartet bereits im Zimmer 202 auf Sie. “
„Dankeschön.“ Mit der Karte in der Hand kehrt er zu seinen Söhnen zurück. „Ajax, du kommst mit mir. Eren, du ...“
„Ja, ich weiß. Ich gehe in den Warteraum, tue nichts Dummes, Merkwürdiges oder Sonderbares und tue überhaupt so, als sei ich gar nicht da bis ihr die Verhandlungen beendet habt. Schon klar, Vater. Es ist ja nicht mein erstes Mal“, rattert Eren die Regeln für solche Treffen ab, die er jedes mal zu hören bekommt.
„Eren.“ Etwas streng, aber mehr überrascht fixiert Turano seinen jüngsten Sohn.
„Entschuldigt. Das ist mir herausgerutscht.“ Beschämt senkt Eren den Kopf. Eine Hand auf der Schulter lässt ihn wieder aufsehen.
„Schon okay, mein Junge. Es sollte nur nicht noch einmal vorkommen.“, betont Turano streng, dabei verstärkt er den Griff.
„Selbstverständlich“, willigt er sofort ein.
Turano lächelt sanft. Kühl. „Geh jetzt.“
„Ja, Vater.“
„Komm, Ajax. Wir wollen unsere Kunden doch nicht warten lassen.“ Ein letzter Blick zu Eren, dann dreht sich der Mann um und geht zum Aufzug in der Ecke hinüber.
Ajax ist noch nicht ganz zufrieden. Er ist für das Training, die Ausbildung, die Erziehung hauptsächlich verantwortlich. Und er nimmt diese Aufgabe mehr als ernst. Und das gerade war unhöflich. Der junge Mann legt Eren beide Hände auf die Schultern, drückt diese etwas zu fest und beugt sich vor, bis er auf Augenhöhe mit seinem Bruder ist. Bedrohlich blickt er ihm direkt in die Augen, seine Stimme ist furchteinflößend sanft. „Das war dein letztes Vergehen heute, Eren. Noch so ein … Ausrutscher und ich werde dich bestrafen müssen. Du weißt, wie ungern ich das tue.“
Eren schluckt schwer, bemüht sich nicht den Blick zu senken, während er langsam nickt, unfähig zu sprechen.
„Wie schön, dass wir uns verstehen.“ Ajax erhebt sich und geht zu seinem Vater hinüber, der bereits in der Kabine auf ihn wartet.
Das Wartezimmer ist im Vergleich zum restlichen Gebäude eher spärlich eingerichtet worden. Normalerweise warten hier auch nur die Fahrer oder Butler der hochwichtigen Gäste, keine Familienmitglieder. Es gibt keine Tische, nur einfache Holzstühle an den Wänden und ein paar Pflanzen in regelmäßigen Abständen dazwischen. Eine kleine Lampe in der Mitte der Decke sorgt für Licht und komplette Stromverschwendung. Die Fenster lassen mehr als genug Sonnenlicht herein.
„Endlich kann ich das Ding loswerden“, murrt Eren als er den Knoten seiner Krawatte weitet und das Sakko auszieht, um es über eine der Stuhllehnen zu hängen. Er muss nur aufpassen, beides wieder ordentlich anzuziehen bevor er abgeholt wird. Aber das kann noch eine Weile dauern. Bestimmt sind sie gerade erst bei der Begrüßung.
Er lässt sich seitlich auf einem Stuhl in Fensternähe nieder, legt den Arm auf die Lehne und beobachtet durch die Scheibe die vorbeifahrenden Autos, Busse und Taxen. Wie immer. Genervt seufzend lässt er den Kopf auf den Arm sinken. Das ist alles so langweilig. Viel lieber wäre er jetzt Zuhause. Er würde sogar lieber trainieren oder einen dieser dämlichen Test über sich ergehen lassen. Alles ist besser als hier zu sitzen und die Sekunden zu zählen.
Leider bleibt ihm nichts anderes übrig. Er darf nicht allein bleiben. Hier in diesem Raum allein zu warten ist schon eine große Überwindung für seine Familie. Sie sind so überfürsorglich und übervorsichtig, behandeln ihn wie ein rohes Ei. Dabei kann er sich sehr gut selbst beschützen. Er hat es mit Entführern aufgenommen, mit Serienkillern, sogar mit Monstern in der anderen Welt, von denen die Menschen nicht einmal wissen, dass sie existieren - und doch ist es ihm nicht gestattet ein paar Stunden allein Zuhause zu bleiben, wo eh eine Menge Sicherheitsmänner und Hightech-Alarmanlagen jeden Zentimeter des Anwesens genauestens bewachen.
Frustriert schnaubt Eren in seine Armbeuge.
~~~
Erst nach mehreren Minuten realisiert Eren, was er da die ganze Zeit beobachtet. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Park mit ordentlich gestutzten Laubbäumen, sauberen Gehwegen, Parkbänken und etlichen fröhlichen Besuchern. Manche joggen, manche gehen gemütlich die Wege entlang, sitzen auf den Bänken oder toben auf dem Spielplatz herum, erklimmen Klettergerüste, jagen einem schwarz-weißen Ball über die Wiese oder zeigen ihre Tricks mit den Skateboards.
Interessiert hebt der junge Turano den Kopf. Eren war noch nie auf einem Spielplatz. Eine Rutsche kennt er nur aus der Ferne, eine Schaukel nur von Weitem und die Kletterwand … Okay, die kennt er. Allerdings in wesentlich größeren Maßstäben und bei Weitem nicht so ungefährlich.
Je länger er den Kindern zusieht, wie sie Spaß haben, wie sie lachen, desto größer wird der Wunsch in ihm, dorthin zu gehen. Warum eigentlich nicht? Er hat jetzt bestimmt eine Stunde Zeit, ehe er abgeholt wird. Wieso in der Zwischenzeit nicht etwas Neues ausprobieren? Etwas, was vielleicht … lustig sein könnte? Er hat es sich doch verdient, oder nicht? Außerdem werden Ajax und sein Vater es nie erfahren.
Bevor er weiter darüber nachdenken kann und sich Gründe in sein Bewusstsein schleichen, weshalb das eine ganz, ganz blöde Idee ist, setzt er diese blöde Schnapsidee lieber in die Tat um. Schlussendlich braucht es trotzdem mehrere Anläufe, ehe er sich endgültig dazu überreden kann diesen kleinen, unbeobachteten Moment auszunutzen.
Eren steigt auf den Stuhl, öffnet das Fenster und klettert hinaus. Der Junge landet in Mitten der Zierbuschreihe, die das Restaurant vom Gehweg trennt. Zunächst sieht er sich um, ob er von irgendwoher beobachtet wird, doch weder die vorbeifahrenden Fahrzeuge noch die Passanten schenken ihm irgendeine Art von Aufmerksamkeit. Sicherheitshalber zieht er noch einmal die Ärmel über die Handgelenke, dann wagt er sich hinaus, überquert die Straße und betritt dann das erste Mal in seinem Leben einen Park. Das heißt, das erste Mal, ohne dem Vorwand dort eine Mission erledigen zu müssen. Doch da es dabei meist Nacht war, waren die Parks auch wie ausgestorben. Dieser Trubel ist neu.
Die Sonnenstrahlen, die durch das lichte Blätterdach fallen, sprenkeln den Boden und den Teich, auf dem ein paar Enten und Schwäne gemütlich umher schwimmen und nach Futtergebern Ausschau halten. Der kühle Wind lässt eine raschelnde und knarzende Melodie in den Baumkronen erklingen, die Vögel sind die Sänger dieses Konzerts. Manche der Parkbesucher werfen Eren einen fragenden Seitenblick zu. Es ist schließlich nicht üblich in einem feinen Anzug in den Park zu gehen. Erst recht nicht für ein Kind. Doch Eren ist es völlig egal, was Andere von ihm halten. Er hat sich schließlich nicht in den Park geschlichen, um Freunde zu finden oder Ähnliches.
Überfordert von all den neuen Eindrücken wandert der Zwölfjährige wie in Trance umher. Noch bevor er begreift was er tut, haben ihn seine Beine bereits zur nächstgelegenen Bank in der Nähe des Kieses, der den Spielplatzbereich kennzeichnet, getragen. Von dort aus sieht er sich um, die blauen Augen soweit aufgerissen wie möglich, um jede noch so kleine Kleinigkeit in sich aufzusaugen. Alles ist so neu und spannend und frei, dass er gar nicht weiß, wo er zuerst hinsehen soll.
Trotz der sehnsüchtigen Gefühle, die jede Sekunde in diesem Park stärker und stärker werden, nistet sich gleichzeitig ein kalter, unangenehmer Kloß voller Schuldgefühle in seinem Magen ein. Er fängt an zu glauben, dass es ein Fehler war. Was, wenn er erwischt wird? Wenn Ajax das erfährt? Dann würde er nur wieder bestraft werden. Und sicher noch strenger bewacht werden. Dann wäre keine Sekunde seines Lebens mehr unbeobachtet. Ein eisiger Schauer kriecht langsam seine Wirbelsäule entlang, stellt die Haare auf und hinterlässt eine Gänsehaut. Das ist es nicht wert. Das war eine dumme Idee. Er ist kein normaler Junge, warum sollte er also Dinge tun, die normal sind? Wird Zeit zurückzugehen.
„Hey, bist du neu in der Gegend? Ich hab dich noch nie hier gesehen.“
Eren steht auf. Eren will aufstehen. Er schafft es einfach nicht sich jetzt schon von all dem hier zu trennen. Doch er muss. Der Junge hat nicht auf die Zeit geachtet. Er weiß nicht wie lange er schon so in sich versunken auf der Bank hockt. Ob sie schon bemerkt haben, dass er fehlt? Eher nicht. Zumindest rennen noch keine schreienden Leute herum.
„Hallo? Alles okay bei dir?“
Jetzt beim zweiten Versuch reagiert Eren auf die Worte in seiner Nähe. Er sieht auf und erblickt einen Jungen, der zwei Schritte vor ihm steht. Verwirrt dreht er den Kopf herum, auf der Suche nach der Person, mit der der Fremde spricht. Dass jemand tatsächlich ihn anspricht, diese Idee kommt ihm viel, viel zu unwahrscheinlich, gar unmöglich vor, um auch nur eine Sekunde zu glauben, es sei tatsächlich so. Aber es ist sonst niemand in seiner Nähe.
Noch irritierter als zuvor wendet sich der Zwölfjährige dem Fremden zu, der ihn immer noch freundlich, aber besorgt ansieht. „Ähm … Redest du mit mir?“
Einen Moment zieht der Blonde die Stirn kraus. „Ja, klar“, bestätigt er nicht ganz sicher, ob die Frage ernst gemeint war. „Du siehst irgendwie allein und verloren aus. Geht´s dir gut?“
Er redet tatsächlich mit ihm. Also gut. Zeit die Lektionen von Ajax umzusetzen. Das Gesicht des Experimentjungen verfinstert sich, als er abweisend die offenherzigen grünen Augen fixiert.
„Wüsste nicht, was dich das angeht. Verzieh dich“, schnauzt Eren verstimmt.
Er hat von seinem Bruder gelernt, dass er Fremden nichts über sich preisgeben soll. Gar nichts. Egal ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt. Schließlich können auch Kinder, mögen sie noch so unschuldig wirken, zu Schandtaten angestiftet werden. Er selbst ist das beste Beispiel. Tragischerweise. Unhöflich und abweisend zu sein ist eine sichere Methode, um schnüffelnde Leute loszuwerden. Sich bereits sicher, dass das Kind nach den Worten Leine ziehen wird, macht er Anstalt aufzustehen, um ins Restaurant zurückzukehren.
Allerdings denkt der Fremde nicht daran, ihn so einfach in Frieden zu lassen. Anstatt wegzugehen, setzt er sich doch ernsthaft mit einem entschlossenen „Nö“ neben ihm auf die Bank. Perplex und ungläubig blinzelt Eren ihn an, vergisst dabei für einen Moment seine Fassade aufrechtzuerhalten.
„Du siehst aus, als könntest du etwas Aufmunterung vertragen.“ Der Fremde, der ungefähr in Erens Alter zu sein scheint, schenkt ihm ein aufrichtiges Lächeln. „Also, was ist los? Bist du aus einer Kirche abgehauen, oder so?“
Irritiert hebt Eren eine Augenbraue. Ehe er den Mund aufmachen kann, plappert die Nervensäge bereits weiter.
„Na, weil du doch einen Anzug trägst. Und sag mir jetzt nicht, dass du immer im Smoking auf den Spielplatz gehst.“ Das Grinsen bekommt etwas neckendes. Schon in der nächsten Sekunde allerdings verschwindet das fröhliche Gesicht und ein mitfühlender, besorgter Blick taucht auf. „Vermutlich hattest du gar nicht vor herzukommen. Dafür wirkst du zu deprimiert. Willst du mir sagen, was dich bedrückt? Ich kann dir vielleicht helfen.“
„Äh … Nein, danke. Ich muss jetzt eh los“, lehnt Eren sofort ab. Nicht mehr gespielt aggressiv, sondern ehrlich überrumpelt.
Bevor der seltsame Fremde etwas erwidern kann, steht Eren auf und entfernt sich in zügigen Schritten von der Bank. Es ähnelt einer Flucht. Turanos flüchten nicht. Aber in dieser Situation ist es der einzige Befehl, den Erens Körper auszuführen weiß. Er kann dem Jungen ja schlecht in der Öffentlichkeit den Kopf abreißen. Die übliche Art eben, um solche Probleme zu lösen.
Der Zwölfjährige überquert, ohne auf die Fahrzeuge zu achten, die Straße, was ihm einiges an Gehupe und Beleidigungen einbringt, das er alles an sich abprallen lässt. Flink klettert er zurück ins Wartezimmer des Restaurants VIP, wo er sofort das Fenster schließt. Ob ihn jemand dabei beobachtet hat, daran denkt er aktuell nicht. Er scheint Glück zu haben. Niemand erwartet ihn mit strafendem Blick, verschränkten Armen und zornig trommelnden Fingern.
Überfordert von dem Geschehen lässt er sich erst einmal auf den Stuhl sinken, duckt sich, um von außen nicht gesehen zu werden. Aus dem mehr oder weniger cleveren Versteck heraus, wagt er einen vorsichtigen Blick zum Park hinüber, der Verkehr hat sich wieder normalisiert. Der andere Junge ist nicht mehr zu sehen. Gut. Erleichtert atmet er aus.
Eren kann es nicht genau erklären, aber irgendetwas an dem Jungen war merkwürdig. Damit meint er nicht, dass er viel zu freundlich und hilfsbereit war - Kein Mensch ist so. Oder? Es ist etwas anderes. Ein Gefühl in seinem Hinterkopf, eine Vorahnung seiner übernatürlichen Sensoren. Irgendetwas sagt ihm, dass er den Blondschopf, der sich ungefragt in fremde Angelegenheiten einmischt, nicht zum letzten Mal gesehen hat. Doch dafür gibt es eigentlich keinen Grund, kein handfestes Indiz, das ihn das glauben lässt.
Eren ist durcheinander und weiß nicht einmal wieso. Es war schließlich nur ein Kind, das dachte er bräuchte Hilfe und müsse aufgemuntert werden. Am besten ist, er denkt nicht weiter darüber nach. Er wird den anderen Jungen doch eh nie wiedersehen. Ganz gleich, was sein defektes Radar glaubt zu ahnen. Also, warum sich deswegen unnötig Sorgen machen? Das lenkt ihn nur ab und das ist unprofessionell. Ajax würde das sofort durchschauen und sein Geheimnis mit Leichtigkeit aus ihm herausquetschen. Und dann wird er bestraft. Oder das Training verschärft. Oder aus Prinzip, einfach, um eine eventuelle Störung zu beseitigen, wird der fremde Junge gekillt. Was auch sonst.
Das will Eren auf alle Fälle vermeiden. Er ist vielleicht eine aufdringliche Nervensäge, aber das hat er nicht verdient. Zum Glück hat er Übung darin, etwas vor seiner Familie zu verbergen. Von seinen Träumen oder den Stimmen in seinem Kopf haben sie auch keinen blassen Schimmer.
Hartes Training
Eine langweilige Ewigkeit später öffnet sich die Tür zum Warteraum und Ajax kommt herein. Seine Augen schweifen einmal komplett über seinen kleinen Bruder, während er sich diesem nähert. Das Sakko am Stuhl, die lockere Krawatte, den hochgerutschten Ärmel, der sichtbare Ring am Handgelenk … Sein Gesicht wird dunkel, ein missbilligender Schatten legt sich darüber.
Eren springt sofort auf. Bevor der junge Mann anfangen kann zu meckern, schlüpft der Junge ins Sakko, zieht die Krawatte enger, streift die Hose glatt, zieht die Ärmel über die Handgelenke und klopft den nicht vorhandenen Staub ab. Zum Abschluss legt er die kleine Haarsträhne hinters Ohr, die dem Haargel und -spray bereits entkommen ist.
„Und? Wie liefen die Verhandlungen?“, erkundigt sich der 12-Jährige im Versuch, seinen Fehler zu überspielen. Auch wenn das in seinen Augen kein Fehler war. Was ist schon dabei, wenn er es sich etwas gemütlicher macht, wenn er eh nur allein in einem Zimmer darauf wartet, dass seine Familie mit dem wichtigen Kram fertig wird? Wohl wissend, dass Ajax das ganz anders sieht, weshalb er unbewusst nervös in die Innenseite seiner Unterlippe beißt.
„Hm“, kommentiert der Blonde, ohne auf Erens Frage einzugehen. Er hebt stattdessen den Arm, pflückt etwas aus seinen Haaren und dreht dieses abschätzend in den Fingern. Ein kleines, grünes Stück von einem Eichenblatt. Die dunklen Augen bohren sich anklagend in die blauen. „Was ist das, Eren?“
„Äh … Ein Blatt?“ Ertappt ballen sich seine Hände zu Fäusten. Nicht nur ein Blatt, ein Hinweis auf seinen heimlichen Ausflug. Mist! Er zwingt sich ein möglichst neutrales Lächeln ins Gesicht, drückt sich an seinem Bruder vorbei zur Tür. „Gehen wir? Ich will Vater nicht länger warten lassen.“
Schon drückt er die Türklinke herunter, gibt so Ajax weniger Möglichkeiten weiter nachzuhaken als er ins Foyer schlüpft. Der junge Mann mustert noch einmal das Stück Eichenblatt, sieht sich in dem Warteraum um, überfliegt die Pflanzen. Er verengt die Augen, spannt den Kiefer an, seine Nasenflügel zucken verärgert. In der nächsten Sekunde atmet er tief durch, erlangt seine Fassung zurück. Auf dem Weg ins Foyer zerdrückt er das Blatt in seiner Hand und lässt die Reste zu Boden rieseln.
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Eine etwas fülligere Frau in einem engen rosa Kleid steht neben Benedikt Turano am Treppenabsatz. Ihr Gesicht hat sie halb hinter einem schwarz-weißen Fächer mit Glitzersteinchen verborgen. Auffällig mustert sie die beiden Brüder, die sich ihnen Seite an Seite nähern. Sie hat zwei Bodyguards im Schlepptau, die mit ernsten Gesichtern die Umgebung im Blick behalten.
„Ah, da seid ihr ja.“ Mit diesen Worten empfängt Herr Turano seine Söhne, einen Arm einladend nach ihnen ausgestreckt. In der anderen Hand hält er einen Aktenkoffer, den er beim Betreten des Restaurants sicher noch nicht hatte.
„Das ist also Ihr jüngerer Sohn, Herr Turano?“ Es ist eher eine Feststellung als eine Frage als die Frau Eren mit einem merkwürdigen Ausdruck in den hinter Schminke verschwindenden Augen von Kopf bis Fuß beäugt.
Unter ihrem Blick steigt das Unbehagen in Erens Bauch an, doch er zwingt sich das Verkrampfen seiner Finger zu unterdrücken und aufrecht stehen zu bleiben.
„Genau. Frau Russo, das ist Eren. Eren, das ist Frau Maria Russo“, macht Turano die beiden miteinander bekannt und fügt an Eren gewandt hinzu: „Sie ist eine unserer treuesten Stammkundinnen.“
„Freut mich sehr Sie kennenzulernen, Frau Russo“, heuchelt der Zwölfjährige höflich lächelnd.
„Er ist niedlich“, kommentiert sie. „Aber auch noch sehr jung.“ Frau Russo klappt geräuschvoll den Fächer zu und sieht mit stechendem Blick aus unnatürlich pinken Augen zu dessen Vater. „Er wird doch nicht schon beim … Familiengeschäft mithelfen? Sie halten doch sicher Ihr Wort, Ihre besten Mitarbeiter kümmern sich um meine Anfrage. Oder?“
Die Art, wie sie Familiengeschäft betont, lässt keinen Zweifel zu, dass sie nur die nicht ganz legalen Dienste von Turano Industries in Anspruch nimmt. Als Stammkundin wohl sogar regelmäßig.
„Wir nehmen ihren Auftrag an, Frau Russo.“ Herr Turano schiebt Eren sacht ein Stückchen zurück zu Ajax. „Das Wer und Wie ist unsere Sache, kümmern Sie sich nicht darum. Wir melden uns, wenn die Aufgabe erfüllt ist.“
Die Augenbrauen zusammengezogen, den Griff um dem Koffer verstärkt. Diese kaum sichtbaren Gesten lässt die Bodyguards sich anspannen. Genauso wie Ajax, was Eren deutlich an dessen Aura und weniger an der neutralen Mimik spürt.
„Hm.“ Etwas Dunkles erscheint in ihren Augen, das vollständig verschwindet, als sie in der nächsten Sekunde ein breites Lächeln aufsetzt und den Mann unschuldig anblinzelt. „Ich will nur sicher gehen, dass meine Bitte auch zufriedenstellend erfüllt wird, Herr Turano. Das verstehen Sie doch, nicht wahr?“
„Machen Sie sich darum keine Sorgen, Frau Russo. Haben wir Sie je enttäuscht?“ Herr Turano schenkt der Stammkundin sein charmantestes Lächeln.
„Hoffentlich bleibt das auch so.“ Die Frau klappt den Fächer mit einer flinken Bewegung wieder auf und hält ihn sich vor die Nase. „Also dann, ich erwarte ihre Nachricht, Herr Turano. Und … sie sollte besser zu meiner Zufriedenheit ausfallen. Ich hab einen vollen Terminplan. Ich will Sie nicht besuchen müssen.“
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Kurz darauf sitzen die Turanos auch schon in der Limousine auf dem Weg nach Hause. Wie schon auf der Hinfahrt sieht Eren unterwegs aus dem Fenster. Dabei kommen sie am Spielplatz im Park vorbei. Unweigerlich muss er an seinen kurzen Ausflug denken. Ein wenig bereut er es schon, dass er die Zeit nur mit auf der Bank sitzen vergeudet hat. Er hätte ja zumindest irgendwas tun können. Nur was? Was tut man so in einem Park? Also, als normales Kind?
„Eren.“
Beim Klang seines Namens zuckt der Junge ertappt zusammen, sieht schnell zu seinem Vater und hofft, dass ihm nichts Verräterisches im Gesicht abzulesen ist. Seine Mimik fühlt sich nämlich verrutscht an.
Benedikt Turano zumindest sieht nicht so aus, als wäre ihm etwas Ungewöhnliches an ihm aufgefallen. „Ajax sagte mir, du hättest dich bei deinem letzten Auftrag sehr gut geschlagen.“
„Ach ja?“ Überrascht blinzelt der Junge kurz seinen Bruder an. Es kommt so gut wie nie vor, dass er gelobt wird. Erst recht nicht von ihm. Ajax zeigt keinerlei Regung, als würde er gar nicht zuhören. Er starrt stur aus dem Fenster.
„Den Auftrag von Frau Russo wird Ajax übernehmen“, fährt der Mann fort.
Na bitte. Wie er vermutet hat. Früher oder später bekommt er immer die Informationen direkt von seinem Vater oder Ajax. Keine Anwesenheit während dem Blabla von Nöten. „Was für eine Mission ist es? Attentat? Entführung? Oder was aus Flaurana besorgen?“
Der Junge kann nicht verhindern, dass seine Stimme vor Aufregung etwas höher wird. Er geht gerne auf Missionen. Die bieten eine spannende und manchmal sogar herausfordernde Abwechslung zum eintönigen Training tagein, tagaus.
Der Mann schüttelt ernüchternd den Kopf. „Diese Mission wirst du aussetzen, Eren.“
„Was?!“ Entsetzt beugt sich der Junge vor. Seit seiner ersten Mission, auf die er Ajax begleiten durfte, war er auf jeder einzelnen mit dabei. Noch nie musste er einen Auftrag aussetzen, egal wie gefährlich dieser war. Niemals! Die ganzen sechs Jahre nicht! Was ist an diesem anders? „Wieso?“
Nun meldet sich doch Ajax zu Wort: „Eren. Was habe ich vorher über Ausrutscher gesagt?“
Der mahnende Ton und die Erinnerung an die Bestrafung lassen den Zwölfjährigen seine Beherrschung wiederfinden. Er setzt sich aufrecht hin, sieht seinen Vater an und wartet so brav wie möglich auf eine Erklärung. In seinem Inneren tobt es. Er will nicht ausgeschlossen werden!
„Der Grund ist, ich hab eine andere Aufgabe für dich“, eröffnet der Mann ihm.
„Ach ja?“ Fragend blinzelt Eren ihn an. „Heißt das, ich darf allein auf eine Mission?“ Vor Begeisterung bahnt sich ein breites Grinsen an. Seine erste Solomission! Was für eine Ehre!
„Nein.“ Eine vernichtende Antwort. „Du wirst in einer Vierergruppe nach Flaurana aufbrechen und uns etwas Materialnachschub besorgen.“
„Oh.“ Enttäuscht wandern seine Mundwinkel nach unten. „Was genau?“
„Eierschalen des Dagono“, antwortet der Mann, ohne den deutlichen Missfallen zu beachten.
„Dagono-Eierschalen, ja?“ Diese Mission hatte er schon ein paar Mal. Das erste Mal hat er Ajax dabei im Alter von sieben Jahren begleitet. Es ist also eine Mission auf Anfängerniveau. Super. Da stellt sich automatisch die Frage, auf welche Mission Ajax geschickt wird. „Und wer ist der Teamleiter?“
„Igor wird den Einsatz leiten.“ Turano beugt sich etwas vor, um mit Eren auf Augenhöhe zu sein. „Ich erwarte vorbildliches Verhalten von meinem Sohn. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
„Ja, Vater“, antwortet der Junge automatisch, ist in Gedanken allerdings schon längst woanders.
Igor. Na super. Den Kerl kann Eren nicht ausstehen. Der ist viel zu faul, um eine Mission anzuführen. Wie kommt sein Vater nur auf die Idee, dass es eine gute Idee sei? Außerdem … Wenn Igor der Teamleiter ist, dann heißt das, dass Viktor auch dabei sein wird. Und den kann Eren noch weniger leiden als Igor. Stumm seufzend stützt er den Ellbogen an der Tür ab und sieht wieder nach draußen.
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Für den Rest des Tages stehen Training, Tests und Abhärtungsmaßnahmen auf dem Terminplan des jungen Turanos.
Nachdem Eren seinen Smoking gegen einen Trainingsanzug getauscht hat, musste er zu Dr. Ryu in deren Labor gehen. Dort wurde er an einen Stuhl gefesselt und an eine Maschine angeschlossen. Mit zusammengebissenen Zähnen hat er die Stromstöße ertragen bis sich seine Haut an den Stellen, an denen die Elektroden klebten, schwarz gefärbt hat und es im Raum penetrant nach verbranntem Fleisch roch. Die Ergebnisse hat die Ärztin eifrig in ihr Tablet eingetragen. Sein Vater nennt es: Elektro-Immunisierung.
Gleich im Anschluss sperrte ihn Dr. Ryu in einem großen Glastank ein, der bis zum Rand mit Wasser gefüllt wurde. In diesem wurde die Zeit gestoppt bis Eren ohnmächtig wurde, um herauszufinden, wie lange er die Luft anhalten kann, nachdem er starker Elektrizität ausgesetzt war. Auch dieses Ergebnis wurde ordentlich notiert. Sein Vater nennt es: Erschöpfte Kondition unter Wasser.
Wozu das gut sein soll? Keine Ahnung. Herr Turano und Ajax haben den Trainingsplan und somit die Tests festgelegt. Eren muss diesem Plan folgen. Jedem einzelnen Punkt. Gleich, wie schmerzhaft oder unnötig sie ihm erscheinen. Weigern kann er sich nicht. Dann würde sich nur Ajax einschalten. Und gegen dem seine Bestrafungen sind die Tests ein Kinderspiel.
Auch danach wurde ihm keine Pause gegönnt. Sobald er die Augen wieder aufschlug, ging es schon weiter. Sein Terminkalender ist schließlich viel zu voll, um auch nur eine Minute Pause dazwischenzuschieben. Dass seine Muskeln noch nicht ganz gehorchen wollten, das interessierte niemanden. Am wenigsten seinen nächsten Trainingspartner.
Der nächste und glücklicherweise letzte Punkt auf der Liste ist das Kampftraining mit Ajax, der ihn bereits auf dem Trainingsgelände hinter dem Anwesen der Turano-Familie erwartet. Dank seiner Kräfte erholt sich sein Körper ziemlich schnell, weshalb die Folgen der vorherigen Termine bereits vollständig verschwunden sind, als er am Trainingsplatz ankommt.
Ajax erwartet ihn bereits mit ungeduldig trommelnden Fingern. Sein Gesicht ist so rätselhaft und undeutbar wie immer. Er hat seinen Anzug auch gegen bequemere Trainingskleidung getauscht, seine blonden Haare stehen wieder wie gewohnt in alle Richtungen ab und ein buntes Stirnband hält die Strähnen von den Augen fern. In jeder Hand hält er einen Dolch bereit, deren metallene Klingen das Licht der untergehenden Sonne reflektieren.
„Du kommst zu spät“, grüßt ihn sein großer Bruder.
„Tut mir leid“, entschuldigt er sich automatisch, auch wenn er nichts für den engen Trainingsplan kann. Den Ajax, nebenbei bemerkt, zusammengestellt hat.
Er prüft noch einmal den Sitz seiner festen, fingerlosen Handschuhe, die ihm fast bis zu den Ellbogen reichen. Nicht um seine Hände beim Training zu schützen, sondern um seine Male zu verstecken. Die schwarze Farbe lässt sich nämlich nicht mehr nur mit den Ärmeln verbergen. Mit denen seines T-Shirts schon gar nicht. Und er will nicht, dass Ajax weiß, wie weit die Male schon sind, um noch schmerzhafteres Training zu vermeiden. Für heute zumindest.
Ajax sagt nichts weiter zum Zuspätkommen, das Zucken seines Mundwinkels sagt genug. Stattdessen wirft er ihm einen der Dolche entgegen. „Da du auf deiner Mission morgen nur einen Dolch als Waffe dabeihaben wirst, möchte ich sehen wie gut du damit umgehen kannst.“
„Also keine Kräfte?“, fragt Eren nach, nachdem er diesen geschickt aus der Luft gefangen hat und einmal herumdreht. Er hat gehofft, durch das Training die Male noch etwas schrumpfen zu können, aber wenn ohne Fähigkeiten gekämpft werden soll, kann er das vergessen.
„Keine Kräfte“, bestätigt der junge Mann schlicht, geht dabei ein paar Schritte zurück. „Ich werde keinerlei Rücksicht nehmen.“
*Als hättest du das je getan*, denkt Eren innerlich mit den Augen rollend und geht ebenfalls in Kampfstellung.
„Wir trainieren unter realen Bedingungen. Es ist erst vorbei, wenn einer das Bewusstsein verliert“, stellt Ajax die typischen Regeln auf.
„Also alles so wie immer“, murmelt der Junge genervt und amüsiert zugleich.
Ohne Startzeichen sprintet der Mann in rasantem Tempo auf das Kind zu, die Waffe in der rechten Hand, bereit zuzustechen. Eren lässt ihn keine Sekunde aus den Augen, verfolgt genau jede kleine Bewegung seiner Muskeln und wartet einfach ab. Als Ajax in Reichweite ist und bereits ausholt, mit den Rippen seines Gegners als Ziel, springt Eren in letzter Sekunde mit Leichtigkeit zur Seite und holt seinerseits mit dem Dolch aus. Blitzschnell wirbelt Ajax herum, fängt die Klinge mit der eigenen ab und verpasst dem Jüngeren einen harten Tritt gegen die ungeschützten Rippen.
Eren spürt deutlich den explodierenden Schmerz in der Seite, wird durch die Wucht von den Füßen gerissen und kommt einige Meter weiter, nach ein paar unfreiwilligen Purzelbäumen, zum Stehen. Wütend auf sich selbst, dass er diesen einfachen Schlag nicht hat kommen sehen, spannt er den Kiefer an. Dabei betastet er vorsichtig seine Rippen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie von Ajax zertrümmert wurden, doch er spürt zum Glück keinen Bruch.
Da er seinen Bruder nicht aus den Augen gelassen hat, kann er dem nächsten Fußtritt mit einem Sprung über Ajax´ Kopf hinweg abwehren und selbst zustechen. Nur leider hat sein Bruder diesen Trick selbst erfunden. Sein Kick war nur dazu gedacht ihn zu diesem Sprung zu verleiten, um ihn mit dem Dolch zu begrüßen. Er reißt seine eigene Waffe hoch, um zu blocken, aber Ajax´ Hand schnellt vor, schlägt den Arm mit dem Dolch beiseite. Eren sieht zwar die silberne Klinge auf sich zukommen, doch mitten in der Luft kann er die Richtung nicht ändern und sein Gegenangriff wurde verhindert, weshalb ihm nichts anderes übrig bleibt als sich auf den Schmerz vorzubereiten.
Ihm bleibt gerade einmal Zeit zu fluchen, als der Dolch auch schon in seiner Magengrube versenkt wird. Schnell bringt er sich mit einem Rückwärtssprung wenige Meter in Sicherheit, sobald seine Zehen das Gras berühren und drückt die freie Hand auf den Bauch. Blut tropft aus seiner Wunde, welches zwischen seinen Fingern hindurchsickert und das grüne T-Shirt langsam umfärbt. Eren weiß, Ajax sagte ohne Kräfte, aber gegen die Heilfähigkeit kann er nichts tun. Er spürt bereits wie sich die Wunde zu schließen beginnt.
Knurrend fixiert Eren seinen großen Bruder. Jetzt ist sein Kampfwille hellwach. Er unterdrückt die Schmerzen, umfasst den Dolchgriff fester und spannt die Beine an. Ab jetzt macht er es ihm nicht mehr so einfach.
Mit dem Dolch in der rechten Faust startet der Junge seinen Angriff. Ajax erwartet ihn bereits, pariert den ersten Schlag, ein Metall-auf-Metall-Echo hallt über die Wiese, und umfasst die direkt nachfolgende Faust vor seinem Gesicht. Beides war nicht Erens eigentlicher Angriff, es diente nur dazu, Ajax´ Hände zu blockieren. Er stößt sich kräftig vom Boden ab, nutzt Ajax´ Arme dazu, um die richtige Entfernung zu gewinnen und tritt mit beiden Füßen gleichzeitig so fest er kann gegen die Brust seines Gegners. Den Schwung nutzt er, um mit einem Salto außer Reichweite zu gelangen und sofort wieder vorzustürmen, solange Ajax um Sauerstoff ringt. Dieses Mal prescht er unter den Schlag mit dem Dolch hindurch und verpasst seinem großen Bruder zwei fiese Schnitte in die Oberschenkel. Leider nicht annähernd so tief wie Eren es sich gewünscht hat. Bevor der Ältere zu einem Gegenschlag ausholen kann, ist Eren schon längst wieder außerhalb seiner Reichweite.
„Hm“, gibt Ajax widerwillig von sich. Das Höchstmaß an Lob, das der 12-Jährige erwarten kann. Ajax würdigt dem Rinnsal aus Blut keines Blickes. Als würde er es gar nicht spüren. Oder als wäre es ihm egal. Beides ist möglich. „Aber so wirst du mich nie besiegen, kleiner Bruder.“
Ajax weiß genau was er sagen muss, um Eren sauer und leichtsinnig zu machen. Knurrend ballt der Zwölfjährige die Hand so sehr, dass sie zittert. Sein Herzschlag beschleunigt sich. Er weiß sehr wohl, dass er noch meilenweit von der Kampfkunst seines Bruders entfernt ist, aber das muss er ihm ja nicht ständig unter die Nase reiben. Immerhin gehört er dennoch zu den besten in Turanos Truppe. Außerdem, wenn sie mit ihren persönlichen Kräften kämpfen würden, dann würde Eren wahrscheinlich sogar gewinnen.
In einem wahnsinnigen Tempo sprintet Eren nun auf Ajax zu. Anstatt ihn frontal zu attackieren, umkreist er ihn und wartet auf eine Gelegenheit, in der Ajax eine Lücke in seiner Verteidigung öffnet. Nur schwer können die braunen Augen dem Kind folgen, es scheint als wäre er überall zugleich.
Schon nach wenigen Runden vernachlässigt der Ältere seine Rückendeckung, versucht sich zu sehr auf seine Augen zu konzentrieren, um dem Jungen folgen zu können. Ein vollkommen vergeblicher Versuch. Eren greift auf seine übernatürliche Geschwindigkeit zurück. Und da sich Ajax darüber nicht beschwert, macht er einfach weiter, wird noch etwas schneller bis es für den jungen Mann unmöglich ist Erens Position auch nur im Entferntesten zu erahnen.
Das ist Erens Chance! Doch das ist kein Grund unvorsichtig zu sein. Er weiß, dass man sich seiner Sache nie zu sicher sein soll und immer einen Schritt weiter denken muss. Erst recht bei Ajax. Aus diesem Grund wirft er den Dolch, der Kopf seines Bruders als Ziel. So zieht er dessen Aufmerksamkeit auf die Waffe und kann selbst von der gegenüberliegenden Seite angreifen.
Mit diesem Plan im Kopf flitzt er im Halbkreis weiter, schlägt in Ajax´ Rücken einen Hacken und bereitet sich auf seinen eigentlichen Angriff vor, ballt die Finger zur Faust. Währenddessen hat Ajax den auf sich zufliegenden Dolch erspäht und macht sich bereit diesem mit seinem eigenen umzulenken.
Als Erens Faust die gegnerische Wirbelsäule beinahe berührt und sich bereits ein siegessicheres Grinsen auf seinem Gesicht breit machen will, duckt sich Ajax ohne Vorwarnung einfach weg. Hat er ihn doch gesehen? Nein, er hat noch nicht einmal den Kopf gedreht! Weicht er einfach nur so der Waffe aus? Nein, das ist nicht Ajax´ Art.
Der Junge ist viel zu perplex, um noch einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn reagieren zu können. So wird er von seinem eigenen Dolch bis zum Heft in der Brust durchbohrt, gleichzeitig sticht der Ältere dessen Dolch in Erens Rücken, zieht ihn blitzschnell heraus und sticht erneut zu, dieses Mal in die Seite, zwischen zwei Rippen hindurch. Dann zieht er sich zwei Sprünge zurück, die blutbeschmierte Waffe in der Hand, und beobachtet das Ergebnis.
Der Junge schreit schmerzhaft auf und zieht dann scharf die Luft ein, dabei hat er Probleme den Sauerstoff in die brennenden Lungen zu bekommen. Ajax hat den linken Lungenflügel erwischt. Zwar hält er sich noch stur auf den Beinen, aber durch den Blutverlust kriecht ganz allmählich die Taubheit in seine Glieder. Er beugt sich vornüber, umfasst den Dolchgriff, der noch immer in seiner Brust steckt und beißt fest die Zähne zusammen. Solange die Klinge in ihm ist, kann die Wunde nicht heilen. Sie muss raus, wenn er nicht am eigenen Blut ersticken will! Auch wenn das ziemlich weh tun und ihn eine Menge Blut kosten wird. Ohne zu zögern zieht er in einem Ruck die Waffe heraus, begleitet von einem Blutschwall und höllischen Schmerzen, sodass ihm auch noch schlecht wird.
Knapp eine Minute bekommt er überhaupt keine Luft mehr in seinen Körper bis die Heilkraft die Lungenfunktion einigermaßen wiederhergestellt hat und ein heiseres Keuchen möglich ist. Auch das taube Gefühl weicht ganz langsam, nur die Einstiche bluten nach wie vor. Doch noch ist er nicht geschlagen! Noch kann er weiterkämpfen! Und genau das wird er auch tun! Die Entschlossenheit zu siegen lässt ihn die Schmerzen in seinem Oberkörper vergessen und weckt die zu erschlaffen beginnenden Muskeln auf. Der Kampfeswille kehrt stärker zurück als zuvor, glänzt in den grünen Augen und pumpt Adrenalin durch den Körper. Nein, er gibt ganz sicher nicht auf!
Mit der blutigen Waffe in der Hand dreht er sich zu seinem Gegner um. Bereit weiterzumachen! Bereit alles zu geben!
Sein Bruder erwartet ihn schon.
Noch bevor sich Eren vollständig herumgedreht hat, spürt er bereits den Dolch im Magen. Schon wieder. Erschrocken schnappt Eren nach Luft. Doch das reicht Ajax noch lange nicht. Er packt die zittrige Hand seines kleinen Bruders und stößt auch dessen Waffe neben die seine. Mit der anderen Hand stützt er das Kind, das zusammenzubrechen droht.
„Ich hab gewonnen“, verkündet Ajax gleichgültig, mit einem enttäuschten Unterton.
Erens Körper ist komplett taub, aus mehreren tiefen Wunden fließt mehr und mehr rotes Blut heraus, gleichzeitig kribbelt es in jeder Ader, als würden Millionen von Ameisen hindurchrasen. Als Ajax seine Hände zurückzieht, verliert Eren den letzten Halt, der ihn noch auf den Beinen hielt. Das Kind kippt um, landet unsanft am harten Boden und starrt mit glasigen Augen zum Himmel hinauf. Seine Klamotten und das Gras um ihm herum färben sich nach und nach tiefrot. Er atmet stoßweise durch den Mund, ohne wirklich Sauerstoff in die durchbohrte Lunge zu bekommen. Er röchelt, hustet, spuckt Blut aus. Eren spürt seinen Körper nicht mehr und seine Sehkraft verschwimmt, wodurch die ersten Sterne zu tanzen beginnen, und sich pochende Kopfschmerzen breitmachen.
Der junge Mann geht in die Hocke, zieht die Dolche heraus und mustert das Kind. „Das war ein ganz netter Versuch, aber du machst viel zu viele unnötige Bewegungen, erschöpfst dich dadurch selbst und machst dich langsamer und unvorsichtiger. Außerdem kämpfst du noch immer zu vorhersehbar. Man kann dich viel zu leicht in Fallen locken.“
Erens Stimme versagt beim Versuch zu antworten, heraus kommt nur ein unverständlicher Laut, Husten und ein weiterer Schwall Blut.
„Jetzt muss ich dich leider bestrafen. Tut mir ehrlich leid, kleiner Bruder.“ Es glitzert tatsächlich eine enttäuschte Träne in den Augenwinkeln des Älteren als dieser mit der Faust ausholt und sie dem Kind treffsicher im Solar Plexus versenkt. Es knackt, Knochen brechen.
Eine enorme Schmerzwelle rast durch seinen Körper, seine Organe scheinen die Funktion einzustellen, sein Blickfeld wird schwarz und er hat das Gefühl zu ersticken. Wie ein Fisch an Land schnappt er panisch nach Luft, schafft jedoch keinen einzigen vernünftigen Atemzug! Er droht in Ohnmacht zu fallen, doch dagegen kann sich Eren gerade so noch wehren. Diese Schande will er nicht auch noch auf seinen Schultern haben.
Während Eren mit seinem Bewusstsein kämpft, setzt Ajax die Standpauke fort: „Noch etwas, du lässt dich zu leicht ablenken und denkst zu viel nach. Du musst viel intuitiver kämpfen, verstehst du? Kämpfen ohne zu denken. Außerdem verlässt du dich viel zu sehr auf deine Heilkraft. Du setzt dich Gefahren aus und nimmst Verletzungen in Kauf, nur um einen kleinen Schnitt zuzufügen. Du hast keinerlei Gedanken an deine Verteidigung verschwendet. Du warst diesbezüglich schon mal besser. Ich hoffe es war nur ein schlechter Tag.“
Eren hört die Rede nur durch dichte Schichten Watte und Blutrauschen. Es fällt ihm schwer überhaupt ein Wort zu verstehen.
Ajax säubert die zwei Dolche notdürftig an Erens Hose und erhebt sich dann. „Komm rein, wenn du aufstehen kannst. Aber zieh dich vorher aus. Du weißt ja, Vater will kein Blut im Haus sehen.“
Mit diesen abschließenden Worten macht sich der Ältere auf den Weg zurück ins Anwesen. Frustriert, beschämt und wütend auf sich selbst bleibt Eren allein zurück. Blutend, jeder Atemzug schmerzt, doch schlimmer ist die erneute Niederlage. Er hasst es zu verlieren! Besonders wenn er so bescheuerte Anfängerfehler macht! So wird er nie gegen seinen großen Bruder gewinnen können. Könnte er seine Stimme nutzen, würde er jetzt laut schreien, aber so bleibt ihm nur sauer die tanzenden Punkte am Himmel anzustarren.
Die Spiegel
Lange dreißig Minuten später waren die Wunden soweit verheilt, dass Eren ebenfalls ins Haus gehen konnte, ohne dabei eine rote Spur zu hinterlassen. Allerdings, um ganz sicherzugehen, hat er zuvor seine blutgetränkte Kleidung ausgezogen. Sein Vater würde ausflippen, wenn er auch nur den kleinsten Blutstropfen im Haus finden würde. Er kann einfach kein Blut sehen. Er wird dann immer sofort kreidebleich, wie ein Geist. Und Ajax würde sich dazu verpflichtet fühlen, Eren die Hausregeln einmal mehr einzubläuen. Auf seine nicht immer altersgerechte Vorgehensweise.
Die besudelte Hose und das T-Shirt landen also im Müll in der Küche, wo er sich auch gleich eine Flasche Wasser mitnimmt, um seinen geschundenen Hals zu befeuchten. Der Blutgeschmack will dennoch nicht von seiner Zunge weichen. Da sein überdimensionaler Kleiderschrank ohnehin beinahe wegen Überfüllung auseinanderbricht, lohnt sich der Aufwand nicht, jedes Mal das Blut aus den Sachen waschen zu müssen. Oder waschen zu lassen. Schließlich nehmen die Angestellten des Anwesens den Turanos jeden noch so kleinen Handgriff ab. Egal, ob Eren das nun will oder nicht.
Nachdem er in seinem privaten, an sein Zimmer angrenzenden Badezimmer in der Dusche war, Zähne geputzt und sich einen Pyjama angezogen hat, kann er endlich seine paar freien Stunden genießen. Mehr oder weniger. Da sein Trainingsplan so eng getaktet ist, ist die nächtliche Freizeit nur zum Schlafen und sich vom täglichen Training erholen da. In den frühen Morgenstunden geht es schon wieder knallhart weiter mit seiner Ausbildung.
Wie gut, dass ihm seine Fähigkeiten bei der Erholung helfen. Die Dolchverletzungen sind mittlerweile vollständig verheilt, ohne auch nur eine Narbe zu hinterlassen. Seine Selbstheilungskräfte sind so übernatürlich stark, dass es schon angsteinflößend ist. Auch seine Geschwindigkeit und Kraft ist die eines normalen Menschen weit überlegen. Und dennoch hilft ihm das alles nichts gegen seinen Bruder. Ajax ist nicht ohne Grund die rechte Hand seines Vaters. Der junge Mann ist ein Ausnahmetalent mit viel mehr Berufs-, Kampf- und alles Andere an Erfahrung wie Eren. Er hält sich auch nie zurück. Hat er nie, wird er nie. Sein Bruder erklärt es immer mit den Worten: „Nur ein Training unter realen Bedingungen bietet Fortschritt“. Mag sein, dass da was dran ist, aber es ist auch extrem überfordernd und kräftezehrend für den Zwölfjährigen.
Erschöpft lässt sich Eren rücklings aufs Bett fallen und legt einen Arm über die Augen. Konzentriert sich auf seine Atmung, lauscht der Stille, spürt die weiche Decke um sich herum, versucht die friedliche Ruhe aufzunehmen und sie zu nutzen, um einzuschlafen. Aber er kann jetzt nicht schlafen, dafür nagt die Niederlage noch zu deutlich an ihm. Immer wieder spielt er den Kampf vor seinem inneren Auge ab, simuliert die einzelnen Angriffe, analysiert jede einzelne Sekunde in der Hoffnung so etwas daraus zu lernen. Egal was. Ajax´ Schwachstelle, einen Konter, den er hätte nutzen können, einen Weg, wie er vielleicht doch hätte gewinnen können. Doch alles was sein träges Gehirn mitten in der Nacht zustande bringt, ist eine Dauerschleife seiner Niederlage.
Schließlich gibt er es auf. Frustriert atmet Eren aus, richtet sich auf und lässt seine blauen Augen durch das Zimmer schweifen, auf der Suche nach etwas, das er jetzt im Stillen erledigen kann, um sich die Zeit zu vertreiben oder um einzuschlafen. Blöd nur, dass für solche Zwecke sein Schlafzimmer nicht eingerichtet wurde.
Einige Regale mit haufenweise Büchern reihen sich neben den unterschiedlichsten Waffen aus beiden Welten an der gegenüberliegenden Wand entlang. Ein begehbarer Kleiderschrank quillt nur so über vor Stoff und Leder, ebenfalls ordentlich nach den Welten sortiert, damit er für jeden erdenklichen Anlass die passende Kleidung parat hat. Spielzeug oder andere Gegenstände, die man erwartet in einem gewöhnlichen Kinderzimmer eines Zwölfjährigen zu finden, sucht man hier vergeblich. Die Bücher handeln auch hauptsächlich nur von Kämpfen, Waffen und der Anatomie menschlicher und tierischer Körper. Schulbücher, die er für den Privatunterricht braucht.
Da sein Zimmer im oberen Stockwerk liegt, besitzt er auch einen eigenen Balkon mit einer Glasfront, die die halbe Wand einnimmt. Er kann die wenigen Sterne am Nachthimmel sehen, die hell genug leuchten, um von der Lichtverschmutzung der Stadt nicht ausgelöscht zu werden. Ein Ziehen in seiner Magengrube macht sich bemerkbar. Ein drückendes, unangenehmes Gefühl, das sich beinahe jedes Mal bemerkbar macht, wenn seine Gedanken in eine bestimmte Richtung abdriften. Eine Richtung, an die er nicht einmal denken darf. Es würde seiner Familie nicht gefallen. Es ist falsch. Es ist unmöglich. Es ist ein Verrat. Und trotzdem wird die innere Stimme in seinem Kopf lauter, flüstert ihm zu, dass es mehr für ihn geben sollte, als das, wie er sein Leben verbringt. Mehr als Missionen, Aufträge und Trainings. Für Missionen und Aufträge. Laut würde der Junge es niemals wagen auszusprechen, aber nicht zum ersten Mal ertappt er sich dabei, wie er sich wünscht, aus diesem goldenen, mit Stacheldraht umgebenen Käfig ausbrechen zu können und wie ein gewöhnlicher Junge leben.
Mit hängenden Schultern sieht er durch die Glaswand zu der Skyline der Stadt hinaus. Eren ist sich sehr wohl bewusst, dass das nie geschehen wird. Er ist nun mal kein gewöhnlicher Junge. Nichts in seinem Leben ist gewöhnlich. Weder seine Familie, noch die Art wie er aufgewachsen ist oder wie seine Familie Geld verdient. Von den Kräften und Reisen in die andere Welt ganz zu schweigen. Der Beweis dafür, steht deutlich leserlich auf seinem eigenen Arm, wie eine stumme, immerwährende Erinnerung daran, dass er an dieses kriminelle Leben gebunden ist und niemals Normalität haben kann.
Eren senkt mit einem weiteren Seufzen die Augen, dabei dreht er den Arm bis er den eintätowierten zweistelligen Code sehen kann: HHM-562, DEM. Sein Vater hat ihm erklärt, dass das eine Art Kennzeichnung für seine Fähigkeiten sei. Genaueres konnte er aus dem schweigsamen Mann nicht herausbekommen. Jedes Mal wenn der Junge auf dieses Thema hinlenkt, blockt Turano sofort ab. Allerdings ist ihm aufgefallen, dass jeden Menschen im Bunker so eine einzigartige Nummer ziert. Doch auch sie verraten ihm nichts oder wissen von nichts. Alles irgendwie seltsam.
Genau wie die Armreife, die nur er besitzt und eng mit seinen anderen Seiten verknüpft sind. Der Weiße am linken Handgelenk hat mittlerweile eine Breite von gut zwei Zentimetern, die Ränder weisen bereits leichte Wellen auf. Doch das ist alles noch unbedenklich. Beim rechten Handgelenk sieht es etwas anders aus. Hier hat sich das Schwarz schon etwa fünf Zentimeter den Unterarm hinaufgearbeitet und berührt auch das Sattelgelenk des Daumens. Anders als beim Weiß sind hier die Ränder ausgefranst, zackig, zerrissen. Er muss aufpassen, dass sich die Farben nicht zu weit ausbreiten, sonst passiert etwas schlimmes.
Ich weiß, dass dich meine Kraft reizt, Junge.
Noch nach all den Jahren zuckt er hin und wieder zusammen, wenn sich plötzlich diese fremden Stimmen in seinem Kopf melden. Mit einem Kopfschütteln verdrängt Eren die raue Stimme in den Hintergrund, wo sie fürs erste verstummt. Verstummt, aber wartet. Seufzend lässt er sich zurück auf die Matratze sinken, dreht sich auf die Seite und schließt die Augen. Er sollte jetzt allmählich wirklich schlafen, sonst ist er morgen nicht ausgeruht für die anstehende Mission. Zusammen mit Igor und Viktor. Toll. Einfach nur toll.
Jetzt, wo sich dieses bevorstehende Grauen eh schon in sein Bewusstsein geschoben hat, verschwindet es nicht mehr so einfach. Im Gegenteil, es wird präsenter, sodass er unweigerlich darüber nachdenkt. Es gefällt ihm nicht. Er hat absolut keine Lust darauf. Besonders auf die Teamkollegen könnte er verzichten. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, muss er auch noch doofe Dagonoeier besorgen, was ihn jetzt schon genervt in sein Kissen grummeln lässt.
Naja, zumindest weiß er was ihn erwartet, da er schon mehrmals die Dagonoeier besorgen musste. Ihm fröstelt schon, wenn er nur an all den Schnee im Gebirge denken muss. Einen kleinen Lichtblick gibt es trotzdem: Es ist die erste Mission ohne Ajax. Etwas mulmig ist ihm deshalb schon zu Mute, aber andererseits heißt das auch, dass er nicht sofort ein Messer im Bauch hat, wenn er einen kleinen Fehler macht. Außerdem gefällt ihm Flaurana sehr. Es ist ein komplett anderes Land, zwar mit einigen Parallelen, aber auch mit vielen Unterschieden.
Vielleicht wird die Mission ja doch nicht nur ätzend. Und wenn er selbst dafür sorgen muss. Im Notfall stopft er einfach Viktor das Maul und droht Igor damit, ihm seine Chips wegzunehmen. Ein kleines sadistischen Grinsen zuckt in seinen Mundwinkeln als er die Augen schließt.
~~~
Eren.
Eren.
Vom zweistimmigen Klang seines Namens geweckt, schlägt der Zwölfjährige die Augen auf. Er liegt auf der Seite, genauso wie er eingeschlafen ist. Nur liegt er nicht mehr in seinem Bett. Verwundert richtet er den Oberkörper auf und sieht sich um. Viel gibt es gerade nicht zu sehen. Alles um ihm herum ist ausnahmslos grau. Es gibt keine Wände, keine Türen, keine Decke. Gar nichts. Es ist nur grau. Sogar das einfache ärmellose Shirt und die Bermuda sind grau. Beides hat er nicht getragen, als er eingeschlafen ist. Er weiß noch nicht einmal ob er auf etwas sitzt oder irgendwo in der Luft schwebt.
„Oh nein. Nicht schon wieder“, murmelt er hörbar genervt.
Er weiß genau, was dieses einfarbige Grau zu bedeuten hat. Er war hier schon ein paar Mal, deshalb steht er ohne zu zögern auf und sucht nach etwas Bestimmtem. Es dauert auch gar nicht lange bis er es findet, nur eine halbe Kopfdrehung. Wenn alles leer und einfarbig ist, springt einem jede noch so kleine Abweichung regelrecht ins Gesicht. Eren hebt das Kinn und marschiert direkt auf die zwei Standspiegel in einigen Metern Entfernung zu.
Die Spiegel stehen leicht schräg nebeneinander, sodass sich Eren in beiden gleichzeitig sehen kann als er davor stehenbleibt. Der Rahmen des linken Spiegels ist strahlend weiß mit goldenen, gewellten Verzierungen darin. Der obere Teil wurde in Form weicher, gefiederter Flügel geschnitzt, deren Federn silbrig und golden funkeln. Hinter dem Spiegelglas wabert weißer Rauch umher, wie bauschige Wolken am Himmel.
Der rechte Rahmen dagegen ist tiefschwarz mit roten, zackigen Verzierungen und ausgefransten Fledermausflügeln, die rote Details aufweisen. Genau wie im hellen Spiegel, wabert auch hier Rauch im Inneren. Allerdings ist dieser hier schwarz und ähnelt somit mehr gefährlichen Gewitterwolken.
Beide strahlen eine machtvolle Aura aus, die gegensätzlicher nicht sein könnte. Die Energie des hellen Spiegels ist einladend, warm und fühlt sich einfach nur gut und tröstend an, sodass man sich darin einkuscheln möchte. Das, was der schwarze Spiegel aussendet, ist erdrückend, eiskalt und schneidend, getränkt in bodenloser Trauer und Wut, die einem den Hals zuschnürt und die Luft zum Atmen nimmt.
Hallo, Eren. Lange nicht mehr gesehen. Die hohe Stimme, die von allen Seiten gleichzeitig zu kommen scheint, ist von dem hellen Klang kleiner Glöckchen hinterlegt.
„Nicht lange genug“, gibt Eren abblockend zurück.
Sieh mal einer an. Wer lässt sich da denn mal wieder blicken? So wie die Aura, ist auch diese zweite Stimme so gegensätzlich, wie es nur sein kann. Sie ist tief, brummend, drohend und in ihr schwingt ein aggressives Knurren mit, das dem Jungen eine Gänsehaut beschert.
„Ganz bestimmt nicht freiwillig.“ Er verschränkt die Arme vor der Brust, um die Auswirkung der dämonischen Seite auf sich zu verbergen. Wenn er es kontrollieren könnte, wäre er ganz sicher nicht in diesem leeren Raum zwischen Allem und Nichts zugleich.
In den zwei Spiegeln lichtet sich der Rauch etwas. Eine menschenähnliche Silhouette bildet sich aus ihnen heraus. Im Weißen bleibt diese jedoch weitestgehend verschwommen, nur goldene Augen starren deutlich durch die bauschigen Wolken den Jungen an. Im schwarzen Standspiegel wird die Gestalt schärfer, jedoch immer noch nicht klar genug, um sie richtig sehen zu können. Man kann aber schon dunkle Haare erkennen, rote Augen leuchten dem Kind entgegen und Kleidung aus Rauch hüllt die Figur ein.
Morgen ist wieder eine Mission, nicht? Die erste ohne Ajax.
Ja, dieser Mistkerl lässt uns einfach allein! Was hat der nur für ultrageheime Sachen vor, dass wir nicht mit dürfen?!
Aber das ist doch ein großer Vertrauensbeweis. Vater und Ajax glauben daran, dass wir ohne sie eine Mission abschließen können.
Natürlich können wir das. Das ist doch mehr als offensichtlich. Das ist kein Vertrauensbeweis, sie wollen uns einfach nur loswerden! Sie wollen nicht, dass wir erfahren, was sie Geheimes vorhaben! Sie wollen uns klein halten! Warum lassen wir uns das gefallen?!
Nicht jeder Kampf lässt sich mit Gewalt und Blutvergießen gewinnen.
„Könnt ihr mal die Klappe halten? Ich versuche hier aufzuwachen“, unterbricht Eren die Stimmen aus den Spiegeln scharf. Er hat die Augen zusammengekniffen, blendet sie so gut er es in dieser Dimension schaff aus. Dabei zwickt er sich zusätzlich in die Oberarme. Das funktioniert zwar selten, aber er will alles versuchen, um so schnell wie möglich aus diesem Albtraum zu erwachen.
Lächerlich. Du solltest dich endlich zusammenreißen und diesem Möchtegernbruder zeigen, was wir wirklich drauf haben! Scheiß auf seine Regeln! Warum verbietet er uns wohl, unsere Kräfte zu benutzen? Dieser Feigling weiß ganz genau, dass er dann gar keine Chance gegen uns hätte! Das sollten wir ihm ein für alle Mal beweisen! Töten wir ihn doch einfach!
Das können wir nicht tun! Er ist unser Bruder!
Oh, doch! Wir sind stärker als er! Er ist doch nicht mehr als ein etwas besserer Illusionszauberschwindler, wie es sie auch bei den Menschen gibt! Den schaffen wir sogar mit geschlossenen Augen!
Eren dreht den Spiegeln knurrend den Rücken zu, drückt die Hände auf die Ohren und versucht alles um sich herum auszublenden und sich nur auf das Bild seines Zimmers zu konzentrieren. Die Stimmen gehen ihm dabei dennoch auf die Nerven.
Wie kannst du nur so grausam sein?
Wie kannst du nur so langweilig sein?
Eigentlich hätte er schon lange Lust dazu die Spiegel einfach zu zerschlagen, er hat es sogar schon einige Male versucht, nur blöderweise sind sie unzerstörbar. Noch dazu scheinen die Gestalten darin stärker zu werden, wenn der Junge sie berührt, weshalb er sich lieber von ihnen fernhält. Was in einer Welt, wo es nur Grau und die Spiegel gibt nicht so einfach ist. Besonders, weil sie immer vor seiner Nase auftauchen, wenn er versucht wegzulaufen. Er kann ihnen hier nicht entkommen.
Ich bin nicht langweilig. Ich bin emphatisch, gerecht und sehe nicht jeden gleich als Bedrohung oder Feind. Könntest du auch mal versuchen.
Nein, ganz bestimmt nicht!
„Haltet die Klappe!“, brüllt Eren zornig. Sein Geduldsfaden ist längst gerissen. In einer flinken Drehung wirbelt er herum und funkelt die Spiegel an. Kommt er sich dabei irgendwie blöd vor? Ja, auf alle Fälle. Er redet hier immerhin mit Spiegeln! Aber es sieht ihn ja niemand und er kann die Stimmen einfach nicht mehr ausblenden. „Ich muss morgen ausgeruht sein. Doch das bin ich nicht, wenn ich nicht endlich NORMAL schlafen kann!“
Ach, wenn du meine Kraft benutzt, dann schaffst du es locker. Dagono sind noch schwächer als Ajax.
Mit mir als Unterstützung könnten wir so viele Eierschalen wie niemand zuvor sammeln. Ohne auch nur einen Dagono zu verletzen.
„Nein! Ich will eure Hilfe nicht“, lehnt Eren sofort energisch ab, die Hände zu Fäusten geballt.
Auch gut. Dann werde ich stärker und kann mich endlich mal wieder austoben.
Mit einem wütenden Schnauben presst er die Zähne zusammen. Er kann darauf leider nichts erwidern. Ein Blick auf seinen rechten Arm unterstreicht die Aussage der dunkleren Stimme. Das Schwarz hat sich noch ein Stückchen mehr ausgebreitet und hat jetzt schon den halben Unterarm eingenommen. Das ist noch ein gigantischer Grund, weshalb er diese Träume hasst. Sie lassen die Male wachsen. Je länger er sich hier aufhält, desto gefährlicher wird er in der realen Welt. Besonders, wenn er noch hier gefangen ist, während eine der Stimmen zu mächtig wird und die Kontrolle übernimmt.
Um die Male zurückzudrängen, muss er aber dummerweise genau die Kräfte einsetzen, die er unterdrücken möchte. Bei der weißen Kraft ist es einfacher und weitaus ungefährlicher. Da reicht es schon, sich die Wunden heilen zu lassen. Aber die schwarze Kraft … die ist zerstörerisch und unberechenbar.
Aufbruch in eine andere Welt
Pünktlich kurz vor acht Uhr morgens steht der Junge abreisebereit im Wohnzimmer des Anwesens, eingepackt in dicken Winterklamotten, einem Dolch an der Seite und seinem Gepäck am Rücken. Erschöpft vom kräftezehrenden Spiegeltraum, genervt von der Mission und noch dazu ist ihm jetzt schon viel zu heiß in all den Lagen, weshalb er den Reißverschluss der Jacke öffnet und langgezogen ausatmet. Nur nichts anmerken lassen.
Zu seinem Glück ist Ajax schon vor ein paar Stunden zu seiner ach so geheimen Mission aufgebrochen. Natürlich nicht ohne seinen kleinen Bruder mitten in der Nacht zu wecken, um ihm noch einmal überdeutlich einzubläuen, dass er sich wie ein Turano zu benehmen hat und die Mission erfolgreich abschließen muss und was ihn erwartet wenn nicht und bla bla bla. Unbewusst hat er ihn zwar so aus dem Spiegelraum gerettet, aber den Vortrag hätte er sich sparen können.
Der junge Mann kann es eben nicht lassen, Eren vorzuschreiben wie er zu sein hat und wie er sich verhalten soll. Vielleicht ist das auch einfach seine Aufgabe als großer Bruder. Immerhin ist es die erste Mission auf die die beiden nicht gemeinsam gehen. Eren gibt es nur ungern zu, aber ein kleines bisschen Nervosität macht sich doch in seinem Magen breit. Klar, ist sich der Junge bewusst, dass er in einer Vierergruppe unterwegs sein wird, aber bei Ajax weiß er zumindest, wie stark die Unterstützung ist. Den Fähigkeiten von Igor und Viktor traut er kein Stück. Und wer das vierte Mitglied ist, weiß er gar nicht.
Noch dazu beunruhigt ihn wie weit sich die Male wegen des Traums ausgebreitet haben. Besonders die am rechten Arm. Besorgt mustert er die schwarzen Ränder. Sein halber Daumen ist schon schwarz. Das ist auch der Grund, weshalb er die dicken Handschuhe anlässt, obwohl er darunter schon nass geschwitzt ist.
„Guten Morgen, Eren. Bereit für die Mission?“, erkundigt sich Benedikt Turano, den Blick auf das Handy in seiner Hand gerichtet.
Sofort richtet sich der Junge gerade auf und sieht dem Mann entgegen, der durch den Torbogen ins Wohnzimmer kommt. „Guten Morgen, Vater. Ja, glaube schon.“
Forschend fixiert der Mann die blauen Augen. Der Geschäftsführer hat kein Verständnis für so ungenaue, unsichere Antworten. „Du glaubst?“
„Ich weiß es“, korrigiert sich Eren schnell.
„Sehr schön.“ Zufrieden nickt Herr Turano vor sich hin, bleibt vor seinem Sohn stehen und verstaut nebenbei sein Handy in der Hosentasche. „Dr. Ryu hat mir mitgeteilt, dass die Anderen schon im Missionsraum warten. Du solltest sie nicht länger warten lassen. Du weißt ja: ein Turano ist immer pünktlich.“
„Ja, Vater“, antwortet Eren monoton. Dabei hat sein Vater darauf bestanden, dass er vor dem Gemälde auf ihn wartet.
Der Mann betätigt den versteckten Knopf im Rahmen des großen Gemäldes, woraufhin dieses in der Wand verschwindet und den Durchgang zum Raum dahinter freigibt. Herr Turano geht voran, durch den Bilderrahmen und die Wendeltreppe zum Tunnel hinab. Eren folgt ihm mit einem stummen Seufzer. Die Fahrt mit dem Einschienenwagen nutzt der Mann dafür, um seinem Sohn eine Menge hilfreicher, nutzloser Tipps zu geben. Eren lässt dies schweigsam über sich ergehen, geht in Gedanken dabei lieber noch einmal sein Gepäck durch. Leider muss er zugeben, dass er oft etwas vergesslich ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass er das wichtigste Ding liegen lässt. Deshalb hat Ajax angefangen, Listen zu schreiben und die Angestellten damit zu beauftragen sein Gepäck vorzubereiten. Und das nur, weil er einmal einen komplett leeren Rucksack mitgenommen und den Inhalt auf dem Bett liegengelassen hat. Einmal! Da war er gerade mal Sieben! Er fragt sich aber immer noch, wie er das nicht merken konnte. Der Rucksack war viel zu leicht.
Im Bunker angekommen führt der Mann Eren durch die vielen Gänge. Nicht zum ersten Mal fragt sich der Junge, weshalb hier so viele Menschen mit Tätowierungen am Arm in identischen, langweiligen Klamotten herumlaufen. Als er sie so durch die Glasscheiben des Speisesaals beobachtet, fällt ihm auf, dass sie alle irgendwie … eingeschüchtert wirken. Nein. Weshalb sollten sie eingeschüchtert sein? Das bildet er sich sicherlich nur ein. Womöglich sind sie nur müde vom Training oder einer Mission. Er selbst fühlt sich danach auch immer als würde er neben sich stehen.
Und doch kann er das Gefühl nicht leugnen, dass ihn immer mal wieder plagt. Er versteht es nicht, kann es nicht benennen, nicht greifen, aber es fühlt sich so an, als würde ihm sein Unterbewusstsein etwas sagen wollen, ihn warnen wollen, aber die Bedeutung schafft es nicht durch den nebligen Vorhang in sein Bewusstsein. Nur dieses beklemmende Mischmasch nervt seinen Hinterkopf.
Eren weiß, ihm wird jede Menge verheimlicht. Immer wenn er versucht etwas herauszufinden, wechseln seine Gesprächspartner stets das Thema. Natürlich steigt seine Neugier dadurch nur noch mehr, aber das bringt ihm die Antworten auch nicht. Dennoch gibt er die Hoffnung nicht auf. Ajax weiß schließlich auch über alles Bescheid, dann kann es doch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch er selbst eingeweiht wird. Zumindest will er das glauben.
Im Aufzug zur Etage B2, wo sich die Lagerräume für Missionsausstattung befinden, steckt Herr Turano das Smartphone in die Anzugtasche und dreht sich zu dem Jungen um. Ein ernster Ausdruck liegt auf seinem Gesicht und dem frisch gestutzten Bart. Automatisch sieht Eren zu seinem Vater hoch, in Erwartung einer weiteren Benimmpredigt.
„Also, Eren, denk immer an das was Ajax und ich dir beigebracht haben“, betont sein Vater zum bestimmt millionsten Mal und legt dem Zwölfjährigen die Hände auf die Schultern.
„Ja, Vater.“ *So wie immer*, fügt er in Gedanken hinzu. Als hätte er seine Familie schon jemals enttäuscht. Bisher hat Eren nicht einmal versagt. Okay, vielleicht einmal. Oder zweimal. Aber das war damals nicht seine Schuld! Woher hätte er ahnen sollen, dass ausgerechnet zu der Zeit seine Feuerkräfte erwachen und gleich das ganze Gebäude niederbrennen? Samt seinem Zielobjekt, das er eigentlich nur etwas einschüchtern und um Bestechungsgeld erleichtern sollte? Genau, nicht seine Schuld. Und die anderen Male … Darüber will er nicht nachdenken.
Der Mann zieht die Hände zurück, legt sie hinter den Rücken und richtet sich gerade auf. „Ich erwarte deine Rückkehr. Erfolgreich.“
*Nur kein Druck*, schluckt Eren trocken, kann nicht verhindern, dass sich ein Kloß in seinem Hals bildet, den er gekonnt durch aufgesetztes Selbstvertrauen überspielt. Die Fahrstuhltüren öffnen sich und Eren verlässt die Kabine, dreht sich zuversichtlich zu seinem Vater herum. „Ich werde euch nicht enttäuschen.“
„Das hoffe ich.“ Mit einem letzten strengen Blick betätigt der Mann den Knopf für die oberste Etage.
Schon schließen sich die Türen und der Junge steht allein im Korridor, der genauso weiß ist wie alles im Bunker. Anders als im B3-Stockwerk sind hier die Gänge gerade und in ordentliche quadratische Räume aufgeteilt, wobei die große Sporthalle die halbe Etage einnimmt. Die Wände der Halle haben auch diese einseitig verspiegelten Scheiben wie der Speisesaal, durch die Eren auf dem Weg zum Treffpunkt ein paar Leute beim Training beobachten kann. Jeden von ihnen könnte er mit Leichtigkeit besiegen. Die stolpern mehr über ihre eigenen Füße. Ein überhebliches Schmunzeln schleicht sich auf sein Gesicht. Wie gern würde er jetzt da rein gehen und den Anfängern zeigen wie es richtig geht.
Sofort meldet sich Ajax´ tadelnde Stimme in Erens Kopf. Ein Turano ist kein Angeber. Ein Turano gibt niemals seine Fähigkeiten preis. Die gegnerische Unwissenheit ist die beste Waffe.
Ja, ja. Genervt lässt er die Schultern hängen. Wenn er sich schon nicht davor drücken kann, dann kann er zumindest diese dämlichen Eierschalen so schnell wie möglich besorgen und es hinter sich bringen. Also beschleunigt er seine Schritte.
Vor der Tür mit der Aufschrift „Missionsraum 1“ hält Eren an. Dahinter kann er bereits ein Stimmengewirr aus seinen zukünftigen Teammitgliedern hören. Viktors lautes Stimmorgan ist dabei mehr als deutlich herauszufiltern. Er strafft die Schultern, nimmt die Turano-Haltung ein und hebt das Kinn. Also gut. Auf in die Folterkammer.
Erens erster Gedanke, als er den Raum betritt, ist: Die Mission wird eine apokalyptische Katastrophe. Etwas perplex bleibt er im Türrahmen stehen.
Gegenüber der Zimmertür befindet sich eine kompliziert aussehende Maschine, die beinahe die gesamte Wand beansprucht. Den Großteil der Apparatur bildet ein großer Ring mit metallenem Rahmen und etlichen Schläuchen, Kabeln und Blinklichtern. Große Glasbehälter mit grauen, blubbernden Substanzen versorgen die Maschine mit dem nötigen Treibstoff.
Dr. Ryu steht neben dem Schaltpult des Teleporters. Ihr Blick wechselt zwischen diesem und dem Tablet in ihren Händen hin und her. Sie trifft die letzten Vorkehrungen, prüft die Einstellungen und geht sicher, dass die Gruppe auch dort rauskommt, wo sie sollen. Nicht, dass sie am Ende in der Höhle eines Grobämi auftauchen. Oder noch schlimmer, im Dazwischen steckenbleiben.
Auf einem der Stühle am Tisch in der Ecke sitzt der Teamleiter der heutigen Operation: Igor. Der etwa fünfzigjährige Mann ist ebenfalls in mehrere Lagen Winterkleidung gehüllt, wobei bei ihm ungefähr fünfmal so viel Stoff und Leder benötigt wurde. An einem Gurt, der sich über der breiten Brust kreuzt, stecken kurze Armbrustbolzen. Die dazugehörige Waffe lehnt neben seinem Rucksack am Boden. Dient im Moment nur als Hutständer. Die dicke Mütze kann Igor gut gebrauchen, mit seinem kahl rasierten Schädel. Die Haare, die auf seinem Kopf fehlen, gleicht er durch den dichten, dunkelgrauen Vollbart wieder aus, der auch im geflochtenen Zustand seinen speckigen Bauch berührt. Wie immer hält der verfressene Mann eine XXL-Chipstüte in der Hand, deren Inhalt er sich genüsslich in den Mund stopft. Dass dabei die Hälfte in seinem Bart landet scheint ihn nicht die Bohne zu interessieren. Mit den dunkelbraunen Augen, die unter buschigen Augenbrauen halb verschwinden, beobachtet er einen Mann und eine Frau, als säße er in einem Theater, während die beiden Darsteller in einen Streit über die Nützlichkeit von Wasserschläuchen in verschneiten Gebieten vertieft sind.
Der Mann ist ungefähr Mitte Zwanzig und sowohl groß als auch durchtrainiert. Anders als bei seinem Lehrmeister Igor ist an ihm kein Gramm Fett, allerdings ist von seinen Muskeln, die er sonst so stolz präsentiert, unter den dicken Klamotten nichts zu sehen. Er hat die Jacke noch offen, ein Schal hängt locker über seinen Schultern, Handschuhe und Mütze hat er bei seinem Rucksack am Tisch abgelegt. Viktors Frisur ist genauso schräg wie sein Charakter. Die kurzen Haare sind feuerrot gefärbt und mit Tonnen an Haarspray zu einem Kranz aus Stacheln frisiert, der ihn - seiner Meinung nach - gefährlich aussehen lässt, aber eigentlich nur lächerlich wirkt. Er ist aggressiv, voreilig, hat keinerlei Geduld und regelt im großen und ganzen alles lieber mit seinen giftigen Fäusten. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn er im Kopf dafür kaum Zellen hat? Ein bisschen tut er Eren deswegen ja leid.
Carmen, das vierte Mitglied der Truppe, ist erst Neunzehn, dennoch weicht sie keinen Millimeter vor Viktor zurück, der so aussieht, als würde er gleich explodieren. Sie ist schlank, trägt ebenfalls die winterliche Missionskleidung und auch den selben Rucksack, den sie in der geballten Faust hält und dabei so wirkt, als würde sie ihn am liebsten ihrem Gegner über den Schädel ziehen wollen. Ihr gerade geschnittener Pony hängt beinahe in die blauen Augen, die blonden Haare hat sie zu einen Zopf geflochten, der ihr bis zur Hüfte reicht.
Was hat sich sein Vater nur bei dieser Zusammenstellung gedacht? Ihm fallen auf Anhieb zehn andere Leute ein, die bei weitem geeigneter für diese Mission wären. Ja, es stimmt, dass Igor auf die Materialbeschaffung aus Flaurana spezialisiert ist, aber das beschränkt sich eher auf den Transport. Erneut seufzt der Junge schwer, frischt seine Turano-Scharade auf und macht einen Schritt in den Raum hinein.
Als Dr. Ryu die Tür ins Schloss fallen hört, hebt sie den Kopf und sieht Eren an. Ein freundliches Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, während sie die Brille höher schiebt. „Guten Morgen, Eren. Sehr schön, dann sind wir ja vollzählig.“
Die Frau klappt die Schutzhülle des Tablets zu und klatscht in die Hände, um die Aufmerksamkeit der Anderen zu gewinnen. Dies muss sie einige Male wiederholen bis Viktor und Carmen aufhören sich anzukeifen und sich nur noch mit blitzenden Augen und verschränkten Armen anfunkeln. Hoffentlich geht das nicht die gesamte Mission über so. Igor bewegt sich weder einen Millimeter von der Stelle, noch legt er seine Chips beiseite.
Niemand der Drei schenkt ihm sonderlich viel Aufmerksamkeit. Das ist immer so, wenn weder sein Vater noch sein Bruder dabei sind. Eren wird öfter übersehen, auch weil er sehr selten ohne einen der beiden anzutreffen ist und er nicht so herumstolziert, als würde ihm der ganze Laden gehören. Was er im Grunde zum Teil zwar tatsächlich tut, aber das spielt keine Rolle. Außerdem hat sein Bruder angeordnet, dass er außerhalb vom Training so wenig Kontakt wie möglich zu anderen Leuten hat. Das bezieht sich sowohl auf die Menschen im Bunker als auch auf alle anderen außerhalb.
Vielleicht haben seine Teammitglieder ihn aber auch einfach noch nicht bemerkt mit der angespannten Situation hier im Raum. Ist Eren nur recht. Er hat nicht unbedingt das Bedürfnis sich mit einem der Drei mehr als nötig abgeben zu müssen. Mit verschränkten Armen lehnt sich Eren an die Wand und richtet die Augen auf die Frau.
„Noch einmal guten Morgen zusammen“, beginnt Dr. Ryu als endlich Ruhe im Raum herrscht. „Vermutlich wisst ihr es schon, aber ich wiederhole es dennoch einmal. Eure Aufgabe ist es, Dagonoeierschalen zu besorgen. An sich ja keine schwere Aufgabe, dennoch bitte ich euch, vorsichtig zu sein. Zu dieser Jahreszeit haben die Dagono Junge und die Mütter verteidigen sie äußerst aggressiv.“
„Kein Problem. Wenn mich eines dieser gefiederten Ochsenköpfe auch nur schief anglotzt, mach ich ihm ratzfatz den Gar aus!“, prahlt Viktor mit geballten Fäusten.
Eren kann ein amüsiertes Schnauben nicht verkneifen, ebenso wenig wie die gemurmelten Worte: „Die würden dich doch fressen, bevor du überhaupt merkst, dass sie da sind.“
Viktors Kopf schnellt in seine Richtung. Seine Augen weiten sich minimal, als er ihn erkennt. Kurz beißt er sich auf die Lippe, zögert, doch dann gewinnt seine hitzige Art. Sein Gesicht nimmt eine ähnliche Farbe wie die seiner Haare an.
„Na sieh mal einer an, wer uns da doch noch beehrt. Heute ohne deinem Bodyguard unterwegs?“ Mit einem trockenen Lachen dreht er sich zu Eren um.
„Für Dagono brauche ich keinen Bodyguard“, winkt der Junge ab und fügt verschmitzt grinsend hinzu: „Wie sieht es da bei dir aus, Insektenmann?“
Eren bemerkt es. Das stechende Prickeln in seinem rechten Arm. Kurz zucken seine Finger. Ein Zeichen dafür, dass der Schatten in ihm stärker wird. Das Ergebnis ist eine zunehmend kampflustige Einstellung. Äußerst unpraktisch bei einem Teamkollegen wie Viktor, der genauso tickt. Das könnte tatsächlich noch in einem Blutbad enden.
„Du ...“ Knurrend presst Viktor die Zähne aufeinander und macht einen drohenden Schritt vor.
„Viktor!“, schneidet die Ärztin dem jungen Mann bestimmt das Wort ab.
Aufbrausend wendet der Angesprochene seinen Kopf herum. „Wieso ich?! Der hat doch angefangen!“
„Viktor, vergiss nicht mit wem du sprichst“, erinnert sie ihn mit einem warnenden Zusammenkneifen der Augen.
„Warum?! Nur weil er der Sohn von Turano ist?! Das gibt ihm noch immer nicht das Recht …!“ Viktor wird mit jedem Wort zorniger und röter im Gesicht, eine Ader pulsiert hektisch an seinem Hals.
Das ist der Moment, indem sich Igor dazu bequemt auch den Mund aufzumachen. „Beruhige dich, Viktor. Oder willst du für die Mission über auf die Strafbank?“
„Aber ...“, beginnt der Hitzkopf erneut, besinnt sich jedoch eines besseren und gibt sich damit zufrieden die Zähne aufeinander zu pressen und Eren vernichtende Blicke zuzuwerfen. Einige Sekunden später kehrt er dem Kind bockig den Rücken zu.
Eren gluckst süffisant in sich hinein. Runde Eins geht an ihn. Dennoch macht sich ein enttäuschter Knoten in seinem Inneren bemerkbar.
Wieso behandelt uns dieses wandelnde Streichholz so respektlos?! Wir tragen den Namen dieses ganzen Saftladens! Das sollten wir ihm einprügeln!
Man sollte meinen, unser Name würde etwas bedeuten. Aber Viktor hat vor niemandem Respekt. Außer vor unserem Vater, Ajax und Igor vielleicht.
War klar, dass sich die Stimmen früher oder später melden. Erschrocken über die Präsenz im wachen Zustand, schüttelt der Junge den Kopf, drängt sie zurück, schließt sie in den grauen Raum. Da werden sie nur leider nicht bleiben, nicht wenn Eren das Schloss nicht erneuert. Automatisch fällt sein Blick für einen flüchtigen Moment auf seine Handschuhe und auf die Male, die diese verbergen.
„Also“, beginnt Dr. Ryu erneut, „eure Mission: Dagonoeierschalen besorgen. Tut mir nur einen Gefallen. Tötet so wenige Dagono wie möglich, sonst haben wir bald keine Vögel mehr, denen wir die Eier stehlen können.“
„Und wenn sie mich angreifen?“, hakt Viktor herausfordernd nach, schlägt dabei kampffreudig die rechte Faust in die linke Handfläche.
Lass dich fressen.
Lauf weg.
„Bitte“, wiederholt die Frau eindringlich, ohne auf Viktors Frage einzugehen.
Dr. Ryu wendet sich dem Schaltpult zu, überfliegt noch einmal die Eingaben, nickt zufrieden und betätigt anschließend einen großen roten Knopf an der Seite. Sofort brummt, summt und klickt es in der großen Maschine. Luftblasen steigen in den Treibstoffbehältern auf und Lämpchen fangen an zu blinken. Dann ertönt ein Knall als der Teleporter Zeit und Raum durchtrennt. Gleichzeitig entsteht ein blau-grün-weißer Wirbel im Inneren des Ringes, der ununterbrochen die Farben in sich einsaugt.
„Igor, du zuerst“, entscheidet die Ärztin.
Im selben Moment verschwindet er von seinem Stuhl, nur um in der gleichen Sekunde vor dem Portal wieder aufzutauchen. Damit erschreckt er die Frau so, dass sie beinahe das Tablet fallen gelassen hätte. Prompt verpasst sie ihm mit diesem einen Schlag gegen die Brust. „Igor! Wie oft hab ich dir schon gesagt, du sollst deine Kräfte nicht aus Faulheit einsetzen?!“
„Keine Ahnung. Ich hab nicht mitgezählt“, meint er desinteressiert und schüttet sich die letzten Brösel der Chips in den Mund. Kauend sieht er sich um, kann keinen Mülleimer entdecken, weshalb er die Tüte kurzerhand am Tisch ablegt - dafür einen missbilligenden Blick der Frau kassiert - sich die Hände an der Jacke abwischt und zum Portal tritt. Noch ein Schritt und der Teleporter saugt den Teamleiter ein.
Viktor schnappt sich seinen Rucksack und stellt sich als nächstes vor die Maschine. Mahnend hebt sie den Zeigefinger. „Reiß dich zusammen, ja? Ich behandle keine Verletzungen, die durch Dummheit oder Ignoranz entstanden sind, klar? Und vergiss nicht, die Jacke anzubehalten. Bienenflügel sind nicht für diese Temperaturen gemacht.“
„Aww, machst du dir etwa Sorgen um mich?“ Grinsend beugt er sich zur Ärztin hinunter, wackelt mit den Augenbrauen.
„Nein.“ Dr. Ryu schupst ihn Richtung Portal. „Wie gesagt: Ich behandle keine Verletzungen aus Dummheit oder Ignoranz.“
„Ja, ja“, meint Viktor nur, zuckt lässig mit den Schultern und geht noch immer grinsend durch das Portal.
Sobald die rote Stachelfrisur verschwunden ist, stöhnt Dr. Ryu entnervt auf und atmet anschließend tief durch. Ruhiger und mit einem Lächeln auf den Lippen fährt sie an das Mädchen gewandt fort: „So, Carmen, du bist dran. Lass dich von den Typen nicht zu sehr ärgern.“
„Mach ich nicht, keine Sorge, Dr. Ryu. Wenn die mir blöd kommen, werde ich ihnen zeigen, was ich drauf hab“, versichert die 19-Jährige zwinkernd. Im nächsten Moment ist auch sie verschwunden.
Jetzt ist nur noch Eren im Zimmer. Der Junge zieht die Tragegurte des Rucksacks fester und tritt an die Maschine heran. „Dann werde ich auch mal verschwinden.“
„Warte, Eren“, hält die Frau ihn auf. Ihr Gesicht wirkt irgendwie besorgt. „Wie sehen deine Male aus? Hörst du die Stimmen?“
Eren hat befürchtet, dass diese Frage noch kommen wird. Sie ist schließlich seine Ärztin, die ihn schon so lange behandelt, wie er sich erinnern kann. Darüber hinaus scheint sie sich ehrlich zu sorgen. Vermutlich hat sie nur Angst, dass er in Flaurana Amok läuft und sein ganzes Team auslöscht. Was bei manchen Personen kein großer Verlust für den Bunker wär.
„Ich hab alles im Griff“, versichert Eren, ohne die eigentliche Frage zu beantworten. Dabei schiebt er unbewusst seine Hände in die Jackentaschen. Außerdem hat er alles im Griff. Er hat schon einen Plan, wie er das Problem lösen will.
„Eren, du kannst mir nichts vormachen.“ Fast schon etwas enttäuscht hält sie ihm eine Hand hin. „Zeig sie mir.“
„Mir geht’s gut. Ehrlich.“ Wenn sie wüsste, wie weit das Schwarz schon vorgedrungen ist, würde sie sich nur noch mehr unnötige Sorgen machen und ihn im schlimmsten Fall von der Mission abziehen. Das wäre ein großer Rückschritt für sein Ziel, seiner Familie zu beweisen, dass er bereit ist, um eine Mission allein zu bestreiten. Denn wenn Dr. Ryu seinem Vater von ihrer Sorge erzählt, würde er wieder eingesperrt und von allen pausenlos bewacht werden, bis die Situation überstanden ist. Das will er um jeden Preis vermeiden. Er kriegt das allein auf die Reihe. Es sind ja seine Male, seine Stimmen, sein Problem. Also will auch er derjenige sein, der das Problem löst.
„Na, schön, wie du meinst“, gibt Dr. Ryu nach. Völlig unerwartet wirft sie Eren ihr Tablet entgegen. „Fang!“
Aus Reflex zieht der Junge die Hände aus den Taschen und fängt es auf. Bevor er eine Chance hat zu reagieren, hat sich die Ärztin bereits seine rechte Hand geschnappt und den Handschuh ausgezogen. Mit gerunzelter Stirn mustert sie die schwarze Farbe.
„Wie weit geht es den Arm rauf?“
„Dr. Ryu, das ist ...“
„Wie weit?“, wiederholt sie mit festem Blick, der keine Widerworte duldet.
Eren seufzt innerlich. Er weiß genau, dass es keinen Sinn hat zu diskutieren. „Fast bis zum Ellbogen.“
„Du weißt, dass das schon sehr kritisch ist, oder? Ich muss dich wohl kaum daran erinnern, was passiert, wenn nichts unternommen wird“, erinnert sie besorgt und strengt zugleich.
„Ja, ja. Als könnte ich das vergessen.“ Eren gibt der Frau das Tablet zurück, zieht den Handschuh wieder an und setzt ein zuversichtliches Gesicht auf. „Ich werde mich darum kümmern, bevor es soweit kommt. Versprochen.“
„Schieb es nicht so lange auf, ja? Riskier nicht die Kontrolle zu verlieren“, betont die Frau nachdrücklich.
„Ja, klar“, wiederholt der Junge leicht genervt. „Ich bin kein kleines Kind mehr.“
Ein warmes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, doch in den Augen glitzert etwas Trauriges. „Das weiß ich doch.“
Um die unangenehme Situation zu überspielen, räuspert er sich kurz. „Ich sollte langsam los. Die anderen fragen sich sicher schon, wo ich bleibe.“
„Ja, stimmt.“ Dr. Ryu geht einen Schritt beiseite, um den Weg freizumachen. „Versuch bitte Igor und Viktor nicht umzubringen.“
„Kann ich nicht versprechen“, antwortet Eren ehrlich mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen. Bevor die Ärztin irgendwas erwidern könnte, springt er einen Satz vor, mitten hinein in den leuchtenden Wirbel.
Die Mundwinkel der Frau fallen besorgt nach unten. Das Tablet drückt sie gegen ihre Brust. „Pass auf dich auf.“
Eine Minute wartet sie noch bis sie die Teleportmaschine herunterfährt und sich dann auf die Suche nach jemandem begibt, der Igors Chipsunordnung beseitigt.
Keine Spur von Teamgeist
Während der Reise in die andere Welt lässt Eren die Augen geschlossen, sonst muss er sich nur wieder übergeben. Erst als er festen Boden unter den Füßen spürt und Stimmen hört, schlägt er die Lider auf. Der Raum selbst ist relativ unspektakulär eingerichtet. Hölzerner Boden, helle Wände, kleine Lampen an der Decke und ein paar Tische, die Hälfte davon baladen mit Papieren, wissenschaftlichen Geräten und Laptops. Dadurch dass es hier keine Fenster gibt, wirkt der Raum sehr erdrückend und viel zu eng für all die Leute, die hier an den verschiedensten Ecken herumhantieren. Die wenigsten schenken dem Neuankömmling ihre Aufmerksamkeit.
Trotzdem kommt ein älterer Mann mit Zwirbelbart zu Eren getreten, gehüllt in einem Laborkittel und sich die Hände reibend. „Wenn Ihr erlaubt, es ist mir – UNS – eine große Ehre, Sie hier in der Basis 37 Willkommen zu heißen, junger Herr Turano. Wenn es irgendetwas gibt, bei dem ...“
„Ja, nein, schon gut“, winkt Eren schnell ab. „Tut einfach so, als wären wir nicht da. Macht eure Arbeit weiter.“
„Natürlich, Sir!“, nickt der Abteilungsleiter eifrig, bleibt jedoch noch an Ort und Stelle stehen.
Eren rollt mit den Augen und beschließt den Mann zu ignorieren, geht stattdessen auf sein Team zu, das er in der Nähe der Tür entdeckt hat. Igor hat sich einen der Bürostühle herangerollt und stopft sich etwas aus einem Lederbeutel an seinem Gürtel in den Mund, das verdächtig nach Kartoffelchips aussieht. Viktor lehnt mit verschränkten Armen an der Wand und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf seinen Oberarmen herum. Und Carmen steht daneben und studiert eine Karte. Zumindest eine nimmt die Aufgabe ernst.
„Na endlich! Wir dachten schon, du hättest ohne deinem Bodyguard doch den Schwanz eingezogen“, witzelt Viktor gehässig, als Eren bei ihnen ankommt.
Verärgert funkelt er den Älteren an. Er muss sich echt zusammenreißen, um ihm keine zu scheuern. Kann gut sein, dass die düstere Seite in ihm schuld ist, weshalb er so gereizt reagiert. Oder es liegt an Viktor. Betont unschuldig lächelt er zu ihm hoch. „Hab noch Insektenspray besorgt. Du weißt schon, um nerviges Krabbelvieh zu killen. Wie Bienen.“
„Willst du dich mit mir anlegen, Kleiner?!“ Der Mann richtet sich zur vollen Größe auf und streckt die Brust heraus. „Pass lieber auf, dass du dir nicht in die Windeln machst.“
In Erens Augen flackert etwas auf, etwas Unheilvolles das seiner blauen Iris einen Lilaschimmer verleiht. „Pass du lieber auf, dass ich das Insektenspray nicht benutze.“
„Jungs, bitte, nicht streiten“, mischt sich Carmen ein. Sie hat die Karte weggepackt und sich zwischen sie gestellt, die Arme beschwichtigend erhoben. „Wir haben eine Mission zu erfüllen.“
„Ganz genau! Eine wichtige Mission. Und der Bengel hält uns nur auf! Wir könnten schon längst unterwegs sein“, meint Viktor provozierend, beugt sich todesmutig auf Erens Augenhöhe runter. „Turano oder nicht, du bist nur ein Kind mit – zugegeben – beeindruckenden Kräften, aber nicht dem geringsten Talent damit umzugehen. Bleib lieber hier und konzentriere dich darauf, dass deine Windel trocken bleibt, Kleiner.“
Wie kann er es wagen?! Zeigen wir ihm, wozu wir fähig sind! Töte ihn! TÖTE IHN!
Die Idee des Dämons klingt gar nicht so schlecht. Im Gegenteil. Schon lange juckt es dem 12-Jährigen in den Fingern diesem arroganten, respektlosen Bienenhirn ein paar nette Narben zu verpassen. Schneller als Eren realisieren kann, setzt sich sein Körper wie von selbst in Bewegung.
„Das ist ein guter Zeitpunkt, um aufzubrechen.“
In dem Moment, in dem Eren den Arm heben will, um seine Krallen in Viktors Visage zu donnern, packen ihn zwei große Hände an den Schultern, heben ihn mit Leichtigkeit hoch und im nächsten Herzschlag verschwinden die beiden spurlos.
Einige hundert Kilometer weiter nördlich, hoch oben in einem verschneiten Gebirge, materialisieren sich Eren und Igor zurück in ihre physische Form.
„Lass mich sofort los!“ Eren strampelt mit Armen und Beinen bis Igor seinen Worten Folge leistet. Nicht so, wie gewünscht. Ohne Vorwarnung löst der große Mann seinen Griff, woraufhin der Junge prompt der Länge nach im Schnee landet. Prustend stemmt er den Oberkörper hoch, spuckt Schnee aus und läuft rot an. Aufgebracht springt er auf die Beine, wirbelt zu Igor herum und verpasst ihm einen sanften Schlag in den dicken Bauch, der ihn trotzdem das Gesicht verziehen lässt. „Igor! Was sollte das?! Ich sag dir jedes Mal, du sollst mich nicht ohne Vorwarnung teleportieren!“
„Ich bin hier der Teamleiter“, betont Igor ernst, ohne auf die Worte des Jüngeren einzugehen. „Und ich dulde keinen Streit innerhalb meines Teams. Ich mache auch bei dir keine Ausnahme, junger Herr Turano.“
Eren beißt die Zähne zusammen und knurrt leise. Er kann es nicht ausstehen, wenn ihn jemand junger Herr Turano nennt. Dabei bekommt er ständig das Gefühl mit seinem ach so perfekten Bruder verglichen zu werden. Schmollend verschränkt er die Arme und murrt: „Sag das gefälligst diesem Bienenhirn! Der hat doch angefangen.“
„Um Viktor kümmert sich Carmen. Keine Sorge, seine Standpauke ist mit Sicherheit schlimmer als deine“, versichert der Mann schmunzelnd.
Eren verengt knurrend die Augen, kann mit dem brodelnden Gefühl in seiner Magengrube nicht stillstehen, weshalb er beginnt aufgebracht im Kreis herum zu tigern. In seinem Inneren weiß er natürlich, dass er vollkommen überreagiert, aber er kann nichts gegen die negativen Einflüsse tun. Es wird wirklich Zeit ein Monster zu finden, bevor er Viktor tatsächlich noch den Kopf abreißt. Wäre womöglich kein großes Drama, da er ihn eh kaum benutzt, aber seinem Vater würde sein Kontrollverlust sicher nicht gefallen.
„Hör zu“, beginnt der Missionsleiter betont autoritär, sucht dabei streng den Blick des Kindes, der ihn trotzig aus lilafarbenen Augen anfunkelt. „Wir wissen beide, dass Viktor ein ziemlich eingebildeter Idiot sein kann, aber wir sind trotzdem alle im selben Team. Ihr müsst nicht die besten Freunde werden, aber ich kann doch wohl von euch verlangen, zusammenzuarbeiten. Oder?“
„Pha!“ Eren dreht Igor den Rücken zu, stampft trotzig mit dem Fuß auf. Er soll sich mit diesem Bienenhirn vertragen?! Das wird niemals passieren! Eher verstummen die Stimmen in seinem Kopf!
Hahaha! Davon träumst du wohl!
Er stockt. So wie er sich gerade benimmt, das ist exakt das, was der Dämon in ihm will. Und Eren weigert sich der dunklen Stimme in die Karten zu spielen! Und wenn es bedeutet, sich mit dem Bienenhirn vertragen zu müssen … Der Junge atmet tief durch, ehe er sich zu Igor umdreht, der ihn immer noch abwartend ansieht.
„Na gut. Meinetwegen“, brummt Eren schmollend, verschränkt die Arme vor der Brust. „Aber wenn Viktor seine bescheuerten Kommentare nicht lässt, kann ich für nichts garantieren.“
„Mehr verlange ich nicht.“ Igors Schultern entspannen sich. „Gut, dann hole ich die anderen beiden mal. Warte hier.“
Schon ist er verschwunden.
Noch immer vor sich hin brodelnd sieht sich Eren um. Besser er besänftigt den inneren Vulkan, ehe er bei Viktors Anblick ausbricht. Aber hier gibt es nichts, um sich abzureagieren! Mit einem angesäuerten Gesicht lehnt sich Eren schließlich gegen den Felsen, verschränkt die Arme und grummelt stumm vor sich hin. Das Prickeln unter seiner Haut wird langsam stechend. Um sich davon abzulenken, lässt er seinen Blick über die Landschaft schweifen.
Das Gebirge erstreckt sich bis zum Horizont. Eine raue, harte Landschaft mit hohen Bergen, steilen Felsklippen, eisigen Bächen, dunklen Nadelwäldern und Schnee und Eis. Überall nur Schnee und Eis. Der kalte Nordwind wiegt die Tannenspitzen hin und her, schaukelt dadurch die Schneeladung zu Boden und häuft diese zu Dünen zwischen den Stämmen auf. Auf dem schmalen Plateau, auf dem Igor ihn zwischengelagert hat wie ein Paket, wachsen gerade einmal eine handvoll Tannen. Eine Seite fällt beinahe senkrecht gut hundert Meter in die Tiefe. Die drei anderen Seiten sind von genauso steilen Wänden in die Höhe begrenzt. Der einzige Zugang bildet ein dunkler Tunnel in den Berg hinein.
Ein paar Minuten später taucht Igor zusammen mit Carmen auf dem Plateau auf. Die Blondine sieht blass aus und hält sich den Bauch als wäre ihr übel. Zunächst versucht sie zu gehen, doch schon nach wenigen wackeligen Schritten lehnt sie sich gegen die Klippe, legt den Kopf zurück und schließt die Augen. „Ich hasse es zu teleportieren. Mein Magen kommt da nicht mit.“
„Ruh dich kurz aus“, rät Igor außer Atem. Kleine Schweißperlen glitzern auf seiner Stirn. „Bin gleich zurück.“
Diesmal dauert es einige Sekunden bis er tatsächlich verschwunden ist. Tja, die Teleportation zehrt eben an seinen Kräften. Je größer die Distanz und je mehr Zusatzgewicht er bewegen muss, desto schneller ist er außer Puste. Eren ist davon überzeugt, dass er um einiges mehr schaffen könnte, wenn er nicht so viel Eigengewicht mit sich rumschleppen müsste. Dennoch ist es eine ganz nützliche Fähigkeit. Eren würde zwar nicht mit ihm tauschen wollen, aber als Transportmittel, echt nützlich.
Schweigend warten Carmen und Eren darauf, dass Igor mit dem Hitzkopf zurückkehrt. Schweigend und ohne etwas zu tun zu haben. Sein Knie beginnt vor Anspannung zu zucken und die Finger trommeln ungeduldig auf seinen Oberarmen herum. Dieses rumstehen, warten und nichts tun ist das schlimmste in seiner momentanen Verfassung. Das lädt die Stimme direkt ein, ihre überflüssige Meinung zu äußern.
Was ist denn los, Eren? Stört dich meine Kraft in unseren Adern?
Eren bohrt die zu Krallen verlängerten Nägel, die durch seine Handschuhe ragen, in seine Oberarme, versucht die Stimme auszublenden, die durch seinen Kopf hallt.
Komm schon, Kleiner. Ignorier mich nicht.
Eren reagiert nicht, beobachtet stattdessen einen fliegenden Schatten in der Ferne. Schwer zu sagen, aber es könnte sogar ein Dagono sein. Wenn er so schnell einen gefunden hat, wird die Mission bald vorbei sein.
Sollen wir ihn mit einem Feuerball angreifen?
*Vergiss es.*
Spielverderber. Na gut, dann warte ich eben bis du mich nicht mehr unterdrücken kannst. Lange dauert es ja nicht mehr. Ein fieses Lachen folgt.
Damit hat die Stimme leider nicht ganz unrecht. Er kann es deutlich unter seiner Haut spüren, in seinem Verhalten. Außerdem ist die Engelseite verstummt. Für gewöhnlich melden sich beide zu Wort, damit Eren ja nicht vergisst, dass sie noch da sind, sich tief in seinem Verstand verstecken, lauern, und auf jede Möglichkeit warten, um ihm die Kontrolle zu entreißen.
Mit einem knirschenden, dumpfen Aufschlag landet Igor auf dem Plateau. Er wirkt müde und ausgelaugt und das noch vor Beginn der eigentlichen Aufgabe. Doch Erens Augen heften sich auf den miesgelaunten Viktor, den der Missionsleiter im Schlepptau hat. Der junge Mann hat mit beleidigter Miene die Wangen aufgeblasen, fixiert warnend die noch immer lilafarbenen Augen des Kindes. Der Grund: seine rechte Wange ist ganz gerötet und geschwollen. Für Igor ist der Handabdruck deutlich zu klein. Was die Sache noch witziger macht. Carmen hat bei ihrer Standpauke ganze Arbeit geleistet.
Der Anblick bringt den jungen Turano zum grinsen, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Wenn er denn gewollt hätte. Schade, dass er eingewilligt hat sich mit dem Idioten zu vertragen. Ihm würde gerade eine richtig schöne, bissige Bemerkung auf der Zunge liegen.
Schon allein das kleine Lächeln reicht aus, um Viktor zu reizen. „Was glotzt du so besch...?!“ Gerade noch rechtzeitig unterbricht er sich selbst, als Carmen warnend die rechte Hand hebt, und schnauzt stattdessen: „Schau gefälligst weg!“
Eren sagt nichts dazu, grinst nur schadenfroh vor sich hin.
Um die peinliche Situation zu überspielen, legt Viktor fröstelnd die Arme um sich. „Wow. Hier friert man sich ja alles ab.“
Eren verdreht die Augen. So viel Blödheit kann man nicht verstehen. Wenn ihm seine dämlichen Igelstacheln wichtiger sind als seine Ohren, dann ist das sein Problem. Eren wird auf alle Fälle derjenige sein, der lacht, wenn sie ihm abfallen. Egal ob Stacheln oder Ohren.
„Wie wär´s, wenn du dich für das Wetter passend anziehen würdest?“, schlägt Carmen halb ernst, halb genervt vor.
„Auf keinen Fall!“, protestiert er energisch. „Ich ruiniere mir doch nicht die Frisur! Außerdem engt mich die Jacke an den Flügeln zu sehr ein.“
„Ist das nicht genau der Grund, weshalb du sie anziehen solltest?“ Fragend legt die Blondine den Kopf schief, etwas versöhnlicher.
„Meinen Flügeln geht’s prima!“, braust Viktor auf. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten! Oder willst du mir wieder feige eine verpassen, Dreckschubserin?!“
Das war der Startschuss für den nächsten Streit. Dafür hat Eren gar keine Geduld. Zumindest nicht, wenn er nicht selbst involviert ist. Dass sich Viktor auch mit allen anlegen muss? Dabei ist Eren doch derjenige, der einen kampflustigen Dämon in sich trägt. Und bevor dieser noch beschließt mitmischen zu müssen, stößt er sich lieber von der Wand ab, legt die Hände hinter den Kopf und marschiert los. „Ich geh mich mal umsehen. Bin bald zurück.“
Keiner achtet groß auf ihn, als er den Tunnel betritt. Die ersten paar Meter ist der Boden noch von herein gewehtem Schnee bedeckt, dann löst nackter Stein diesen ab. Jeder seiner Schritte wird von den Wänden zurückgeworfen, so auch die zankenden Stimmen seiner „Teamkollegen“. Auch wenn das Tageslicht nicht ausreicht, um den gesamten Weg zu beleuchten, hat Eren keinerlei Probleme damit zu sehen. Eine der wenigen positiven Fähigkeiten des Schattenspiegels.
Nach circa fünfzig Metern vollführt der Tunnel eine ansteigende Rechtskurve und enthüllt nach etwa der gleichen Strecke eine Öffnung ins Freie. Der Ausgang ist von dichten Sträuchern und Felsen so verborgen, dass er von außen kaum zu entdecken ist. Eren bahnt sich einen Weg durch das Gestrüpp, muss dabei immer wieder anhalten, um sich von anhänglichen Zweigen und Dornen zu befreien. Schließlich steht er im Freien und sieht sich sogleich auf der Suche nach Spuren um. Er braucht nur irgendein Monster, irgendeinen Gegner, eine Zielscheibe für die dunklen Kräfte. Doch auf den ersten Blick findet sich nichts passendes.
Ein dunkler Nadelwald wächst um ihm herum und ein paar kleine Sträucher füllen die Lücken zwischen den Stämmen. Überall liegt Schnee, da sollte es doch nicht so schwer sein Monsterabdrücke zu finden. Sollte man meinen. Doch im Umkreis seines Blickfeldes wirkt das Weiß vollkommen unberührt. Gibt es hier etwa gar keine Tiere mehr? Nicht einmal kleine, gewöhnliche wie Hasen oder Eichhörnchen? Haben sich alle aus dem Staub gemacht, weil hier ein großes, böses Monster sein Unwesen treibt?
Dieser Gedanke hellt die Miene des 12-Jährigen auf. Begeistern von der Idee malt er sich bereits einige Monster aus, die zwischen den Baumstämmen auftauchen und ihn angreifen könnten. Erfindet Szenarien von aufregenden Kämpfen mit diesen. Wie er sich auf deren Rücken schwingt, um ihnen den Kopf abzuschlagen oder vielleicht sogar das Herz herauszureißen. Das Lächeln verzerrt sich zu einer gruseligen, dünnen Linie, etwas böses, mörderisches blitzt in den lilafarbenen Augen auf. Etwas, das ihm seit er denken kann antrainiert wurde, etwas, das immer bereit ist zu töten und einen Kampf auf Leben und Tod als spielerische Herausforderung sieht. Nicht der Dämon, der Einfluss seiner Familie. Doch der Dämon ist davon mehr als begeistert, steigt sofort in den Plan ein.
Ja, gehen wir ein paar Monster abschlachten! Eierschalen sammeln sollten sogar die drei Hohlköpfe ohne uns schaffen.
*Nein!*, knurrt Eren so überzeugend, wie er es zustande bringt. Der zittrige Unterton, auch wenn es ein inneres Gespräch ist, bleibt dem Schatten nicht verborgen.
Wieso wehrst du dich noch? Du bist schwach. Früher oder später werde ich sowieso spielen dürfen. Entweder mit einem Monster, oder einer Biene.
*Nein, ich werde dich nicht gewinnen lassen*, verkündet das Kind entschlossen. Es geht ihm dabei kein bisschen um das Wohl von Viktor – mit dem kann der Dämon machen was er will – ihm geht es nur um die Kontrolle über seinen eigenen Körper.
Na dann viel Glück dabei. Ein gehässiges Lachen hallt in seinen Gedanken wieder.
Eren presst die Zähne aufeinander und geht los. Je eher er die satanische Stimme los wird, desto besser.
„Hey. Wo glaubst du, gehst du hin?“
Eine Hand wird ihm auf die Schulter gelegt. Aus Reflex schnappt sich Eren diese, zieht den dazugehörigen Menschen mit Schwung über den Kopf und knallt ihn mitten in den Schnee hinein. Ein perplex dreinblickender Viktor blinzelt ihn aus der Schneemulde heraus an.
„Oh, Viktor“, bemerkt Eren überrascht, beugt sich vor und fängt sogleich unschuldig an zu grinsen. „Bist du jetzt schon erschöpft? Wir sind doch noch gar nicht losgegangen.“
Vor Scham und Wut nimmt das Gesicht des Älteren langsam die Farbe seiner Haare an. Schnell krabbelt er aus der Mulde – ziemlich unelegant – und klopft sich den Schnee von der Kleidung, ehe er sich mit drohendem Zeigefinger vor dem immer noch grinsenden Kind aufbaut. „Zeig mir gefälligst mehr Respekt! Ich bin mehr als doppelt so alt wie du!“
„Ist doch nicht meine Schuld, wenn du dich anschleichst“, bemerkt Eren schulterzuckend. „Aber ich mach dir keinen Vorwurf. In deinem Alter ist das Gehirn eben nicht mehr so gut in Form.“
Ohne große Mühe lenkt der Zwölfjährige den Faustschlag zur Seite und stellt dem vorbei stolpernden Mann ein Bein, wodurch dieser ein weiteres Mal den Schnee küsst und Eren leise kichern lässt. Viktors Atmung wird abgehackt, hektisch, wütend. Er springt auf die Füße, wirft die Handschuhe zu Boden und startet einen Faustschlag nach dem nächsten. Da Viktor nicht annähernd so schnell ist wie Ajax, ist es für den Jungen ein Kinderspiel den blinden, undurchdachten Angriffen mit einem minimalen Bewegungsaufwand auszuweichen.
„Hört sofort mit dem Kindergarten auf! Habt ihr schon wieder vergessen, weshalb wir hier sind?“, erinnert sie Carmen lautstark. Ihr Geduldsfaden für diese Gruppe wird auch immer dünner.
Der 12-Jährige duckt sich gerade unter dem nächsten Schlag weg und meint gespielt entschuldigend: „Ich kann nichts dafür. Ich versuche nur, nicht getroffen zu werden.“
Selbst Igor stöhnt genervt. Seine Hand steckt in einem Chipsbeutel, dessen Inhalt er sich frustriert in den Mund stopft. „Carmen, wärst du so freundlich?“
„Klar.“ Sie weiß sofort, was sie zu tun hat. Die 19-Jährige stellt sich etwas breitbeiniger auf, um einen besseren Stand zu haben, und richtet die Handfläche auf den Boden.
„Bleib gefälligst stehen, du Zwerg!“, verlangt Viktor knurrend.
Mittlerweile sind seine gut zehn Zentimeter langen Stacheln an den Fingerknöcheln zum Vorschein gekommen, an deren Spitzen ein grünlila Film in der Sonne glänzt. Das Gift der Stacheln ist tödlich und da es ein genmanipuliertes ist, gibt es kein Heilmittel. Nun ja, für jeden tödlich, außer für Eren. Viktors Gift ist Teil seiner Giftimmunisierung gewesen und daher bewirkt es bei ihm gerade einmal vorübergehende Taubheit und Übelkeit.
Natürlich muss der Bienenmutant seinen Gegner zunächst treffen. Immer noch die Hände in den Manteltaschen vergraben und einem frechen Grinsen auf den Lippen tänzelt der Jüngere um Viktor herum, bringt sich mit Saltos, Sprüngen und Drehungen immer wieder in Sicherheit, ohne dass Viktors Fäuste auch nur in seine Nähe kommen. Alles nur, um den Älteren aufzuregen.
„Kann es sein, dass du absichtlich daneben schlägst?“, fragt Eren glucksend als er über Viktor hinwegspringt und mit dem Rücken zu ihm landet.
Gerade als der Mann herumwirbelt und zum nächsten Fehlschlag ausholt, reißt Carmen ihre Arme in die Höhe. Augenblicklich schießt eine Erdwand zwischen den zankenden Jungs empor. Während sich Eren keinen Schritt wegbewegt und die Wand mit einer Mischung aus schmollend und enttäuscht sein mustert, bemerkt sie Viktor viel zu spät. Ungebremst donnert seine Faust gegen die harte, gefrorene Erde. Dort hinterlässt er nicht nur eine Delle, sondern auch seinen Stachel, der nah an den Knöcheln abbricht als er die schmerzende Faust zurückzieht. Blut tropft auf den Boden, färbt den weißen Schnee rot.
Rasend wendet er sich an die Blondine. „Mann, Carmen, was soll der Quatsch?!“
„Was der Quatsch soll?!“ Fassungslos lacht sie kurz auf. „Wir haben eine wichtige Mission zu erledigen und ihr Kindsköpfe habt nicht besseres zu tun als euch gegenseitig zu vermöbeln?!“
„Na ja, eigentlich hat Viktor ja die Luft vermöbelt“, kann sich Eren den Kommentar nicht verkneifen.
„Du …!“ Zähneknirschend macht Viktor einen Schritt um die Erdmauer herum, bleibt jedoch gleich wieder stehen, als Igor die Stimme erhebt.
„Schluss jetzt! Eren, ich hab´s dir vorhin schon gesagt, lass dich nicht so leicht provozieren und reiß dich zusammen! Wir sind ein Team!“, weist der Teamleiter sein Mitglied zurecht.
Eren zuckt mit den Schultern, setzt ein gleichgültiges Gesicht auf und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.
„Und Viktor, du bist 27 Jahre alt. Es wird Zeit, dass du dich auch so benimmst“, fordert Igor streng.
Ein paar Sekunden ringt Viktor mit sich selbst, dann gewinnt sein Temperament. Anklagend richtet er den Finger auf die Erdwand, in ungefähr Erens Richtung. „Wenn diese billige Kopie eines Turanos mich mit Respekt behandelt! Ich bin fünfzehn Jahre älter als er! Wieso konnte Ajax nicht mitkommen? Der ist zumindest zu was zu gebrauchen, anders als dieser freche, inkompetente Knirps, der gerade erst aus den Windeln raus ist! Jetzt mal ehrlich, das seht ihr doch genauso. Eren ist ein Kind, das nur Probleme und Streitereien verursacht und auf eigene Faust ohne einen Plan einfach losmarschiert! Ajax hätte einen Plan. Mit ihm hätten wir bestimmt schon genug Schalen, um nach Hause zu gehen. Aber nein, wir haben nur die schwächliche Ausführung mitbekommen und sind jetzt dieje...“
„Viktor! Kein Wort mehr!“, versucht der Teamleiter seinen Schüler noch zu warnen, aber zu spät.
Mit jedem Wort ist das Lächeln auf Erens Lippen kleiner und kleiner geworden, mit jeder Silbe verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck mehr und mehr, von Sekunde zu Sekunde wurde das Lila seiner Iris intensiver. Als Viktor dann auch noch anfing ihn mit seinem supertollen Bruder zu vergleichen, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Mit einem einzigen Schlag gegen die Erdwand, zertrümmert er diese in jede Menge Einzelteile, die alle auf Viktor hinab regnen und ihn unter sich begraben.
Hustend befreit sich Viktor aus dem Erdhaufen, richtet den Oberkörper auf und spuckt Dreck und Schnee aus. Er ist über und über mit Schmutz bedeckt, was ihm alles andere als gefällt. Erst recht sauer wird er als er seine zerstörte Frisur befühlt. Die Adern an seinem Hals treten deutlich hervor. „Was fällt dir ein, du Scheißkerl?! Du fühlst dich wohl so unantastbar, nur weil du ein Tu...“
„Ja? Sprich weiter“, fordert Eren ihn bedrohlich ruhig auf. Das Kind steht in der Hocke auf dem Rest der Erdwand und sieht zu ihm hinab. Auch wenn er gerade einmal zwölf Jahre alt ist, wirkt er momentan extrem einschüchternd. Sogar Viktor verstummt bei dem mörderischen Ausdruck in den Augen, der ihn regelrecht zu durchbohren scheint und der unnatürlich warnenden Gelassenheit, die er ausstrahlt.
Töte ihn! TÖTE IHN! Er vergleicht uns doch ständig mit Ajax! Zeigen wir ihm, dass wir auch allein um Welten stärker sind als er!
Eren ist mit der Stimme einer Meinung. Viktor wird sich niemals ändern. Er wird ihn immer mit seinem Bruder vergleichen, ihn nie als gleichwertiges Teammitglied behandeln, gleich wie viel stärker er ist. Viktor wird immer einen Grund finden, um sich mit Eren zu streiten, ihn zu kritisieren, zu beleidigen, zu vergleichen! Wenn er will, dass das endet, wäre ihn zu töten die einfachste und effektivste Methode. Es wäre auch nicht sein erster Mord. Wer zu schwach oder eine Zielperson ist, wird eben getötet. So ist das Leben. Mit dieser Wahrheit ist er aufgewachsen. Seine Finger zucken bereits erwartungsvoll, die Nägel haben sich wieder in Krallen verwandelt, bohren sich durch seine Handschuhe. Auch ein paar der Haarsträhnen, die unter seiner Mütze zu sehen sind, verändern sich, werden allmählich schwarz, genau wie die Sklera seiner Augen und die Iris färbt sich nach und nach rot.
Oh, ja. Er hat gerade große Lust dazu dieses Insekt zu seinen Füßen zu killen. Es wäre so einfach. Nicht mehr, als ein Fingerschnippen. Nicht anstrengender als zu atmen.
„Okay. Der nächste, der einen Ton von sich gibt oder eine falsche Bewegung macht, den schicke ich ohne weitere Diskussionen nach Hause, wo er Herrn Turano erklären kann, was passiert ist“, warnt Igor, die buschigen Augenbrauen drohend zusammengezogen, gleichzeitig schwingt ein Hauch von Angst in seiner Stimme mit.
Diese Androhung weckt Eren auf. Er blinzelt als würde er aus einem Tagtraum erwachen und sieht sich um. Langsam bekommen seine Augen ihre natürliche Farbe zurück, die schwarzen Haare bleiben, zeitgleich entspannen sich seine Muskeln und die Mordlust verschwindet zum Großteil. Eren entfernt sich ein paar Schritte von Viktor, damit dieser aufstehen kann und keiner seine Wut auf sich selbst mitbekommt. Jetzt hätte er tatsächlich beinahe die Kontrolle verloren. Dabei hat er sich doch geschworen, niemals mehr seiner dunklen Seite zu verfallen.
Das nächste Mal wachst du nicht so leicht auf.
Höhlenbewohner
Igor hat als Teamleiter die Führung übernommen. Allerdings ist der untersetzte Mann zu faul zum Gehen. Er teleportiert sich ein paar Meter, wartet dann auf den Rest der Gruppe und teleportiert dann wieder. Ganz ehrlich, wie der es geschafft hat Teamleiter und Materialbeschaffungsexperte zu werden, ist Eren ein Rätsel. Auch Carmen vertraut Igors Orientierungssinn keinen Meter weit, weshalb sie, ausgerüstet mit Karte und Kompass, ständig die Richtung prüft.
Je höher sie das Gebirge erklimmen, desto tiefer wird der Schnee, der Wind schneidender und die Nadelbäume werden lichter und lichter. Mit jedem Schritt wird es kälter, der Atem bildet Wölkchen vor ihren Gesichtern. Igors Hand zittert auf dem Weg vom Chipsbeutel zum Mund und zurück. Wie viel hat der nur dabei? Carmen klappert mit den Zähnen, hat die Arme fest um den Oberkörper geschlungen und die Schultern hochgezogen. Sie hat zwar die Karte noch in der Hand, aber ihre Finger sind zu steif, um sie zu lesen. Deshalb bleibt ihnen nichts anderes übrig als dem Teamleiter zu folgen, der sie nicht nur einmal im Kreis führt. Sogar Viktor hat sich so dick eingepackt, wie es ihm möglich ist. Nicht nur die Wollmütze zerdrückt ihm jetzt die Stachelfrisur, auch die Kapuze des Mantels und der Schal, den er sich ein paar Mal um den Kopf gewickelt hat.
Der Einzige, der mit dem Minusgraden klar kommt, ist Eren. Durch die Überlebenstrainings in verschneiten Gebieten stört ihn die Kälte wenig und über die Ruhe ist er ganz froh.
Stundenlang wandern die Vier durch die eisigen Wälder und erklimmen schneebedeckte Berge, ohne einem anderen Lebewesen zu begegnen. Sehr zu Erens Bedauern, denn die Stimme in seinem Kopf wird lauter und lauter. Anstatt wie die Anderen nach Hinweisen auf Dagono zu suchen, ist er auf seiner eigenen Jagd nach allem was er bekämpfen kann. Ein Ziel, an dem er die dämonischen Kräfte auslassen kann. Dafür hat er sogar seine Seelensicht aktiviert.
Das ist eine Fähigkeit der hellen Seite. Bedauerlicherweise. Dabei wechselt seine Augenfarbe zu einem warmen Grünton und sein Sichtfeld verändert sich. Er sieht jetzt jeden Felsen, jeden Baum und jedes Lebewesen nur noch als schwarzweiße Silhouette, als wäre er in einem alten Film gefangen. Im Inneren der Silhouetten leuchtet ein farbiger Ball, wenn es sich um etwas Lebendiges handelt. Je nachdem welche Lebensform es ist, unterscheiden sie sich in Größe, Farbe und Umriss.
Doch die drei Teammitglieder sind die einzigen Lebensformen, die er finden kann.
Gib´s auf, Kleiner. Schon bald bist du zu schwach, um mich zurückzuhalten.
~~~
„Hey, L-l-leute. Wenn ich p-pin-pinkeln muss, wie schnell frie-iert das dann ein?“, fragt Viktor mit den Zähnen klappernd.
Die Sonne ist bereits untergegangen, die letzten schwachen Strahlen lassen den glitzernden Schnee rot glühen und malen lange Schatten. Noch immer hatte die Gruppe kein Glück. Auch wenn sie schon einen Dagono in der Ferne erspäht hatten. Es wird auch immer sonderbarer, dass sie überhaupt keinen anderen Tieren über den Weg laufen. Es ist zwar schon ein paar Monate her, seit Eren das letzte Mal in diesem Gebirge unterwegs war, aber damals gab es hier einiges an Wild und kleinen, harmlosen Monstern. Die Dagonoschwärme werden wohl kaum alle in dieser kurzen Zeit gefressen haben. Oder?
„Solange so-solltest du normal ni-nicht brauchen“, beruhigt ihn Carmen.
Ihre Lippen sind bereits blau angelaufen und sie zittert am ganzen Körper. Es wird langsam Zeit für heute Schluss zu machen. Nachts sind sowieso keine Dagono unterwegs und eine Pause würde allen ganz gut tun. Sogar Eren fängt an zu frieren. In der letzten Stunde hat er die dicke Kapuze über seine Mütze gezogen und die Hände tief in den Taschen vergraben.
„Gut, dass das geklärt ist“, kommentiert der 12-Jährige. „Und jetzt beeil dich. Ich hab keine Lust hier festzufrieren.“
„I-ich auch n-nicht! Deshalb frag ich ja!“, knurrt Viktor gereizt, dreht sich um und stiefelt durch den Schnee zurück zur Felswand, die sie vor wenigen Minuten umrundet haben.
„Geh nicht zu weit weg. Da vorne war es ziemlich eisig“, rät Eren und fügt mit einem verschlagenen Lächeln hinzu: „Nicht, dass du noch die Klippe runter fällst und ich dich retten muss.“
„Glaubst du etwa, ich will, dass ihr mir dabei zuseht?!“, brüllt der Bienenmutant zurück, ohne weiter auf die Stichelei einzugehen. Untypisch. Er muss anscheinend ziemlich dringend, ansonsten hätte er sicherlich noch mehr zu sagen.
In seinem Kopf hallt ein teuflisches Lachen wieder, das immer lauter zu werden scheint. Er fängt an wirklich in Erwägung zu ziehen, den Wald abzufackeln. Dumm nur, dass hier oben kaum mehr Pflanzen wachsen. Egal, dann schleicht er sich nachts, wenn alle schlafen, eben kurz davon, brennt den Nadelwald im Tal nieder und ist zurück bevor die Sonne aufgeht.
Vergiss es, Kleiner. Das funktioniert nie im Leben. Find dich endlich damit ab, dass ich bald unseren Körper übernehme. Sag schon Mal Adieu zu deinen Freunden.
*Ich werde nicht aufgeben! Ich werde dich nicht gewinnen lassen! Außerdem sind das sicher nicht meine Freunde.*
Das hast du nur leider nicht in der Hand.
Eren presst die Kiefer aufeinander. Was soll er nur tun? So langsam gehen ihm die Optionen aus. Der Dämon ist inzwischen sogar schon so präsent, dass er die Engelkräfte blockiert, weshalb er auch die Suche nach Seelen aufgeben musste.
„Was haltet ihr denn davon – Hatschi! - wenn wir ein Lager – Hatschi! - für die Nacht suchen gehen?“, schlägt das Mädchen niesend vor. „Wenn ich nicht bald am Feuer sitze, sterben mir noch die Zehen ab.“
Wir könnten ihr den Wunsch ganz leicht erfüllen. Komm schon, Eren, du wolltest doch etwas verbrennen.
*Aber doch nicht sie.*
Jetzt tu nicht so als hättest du einen Beschützerkomplex.
„Was ist mit dir, Eren? Du hast doch sicher auch Hunger, oder?“, erkundigt sich Carmen im Versuch Small Talk zu betreiben.
Mit der Frage rettet sie den Jungen vor der Stimme. „Ja, klar“ , stimmt er zu, auch wenn es nicht wirklich wahr ist. „Die Dagono werden sich heute eh nicht mehr blicken lassen.“
Carmen öffnet den Mund, doch es ist nicht ihre Stimme, die als lautes, kehliges Brüllen über den Bergpass hallt. Die 19-Jährige drückt sich die Hände auf die Ohren und Igor legt reflexartig eine Hand schützend auf den Chipsbeutel. Eren dagegen zuckt lediglich kurz zusammen und sieht sich dann nach der Quelle um. Endlich! Kampfbereit ballt er die Fäuste. Er freut sich direkt auf den bevorstehenden Kampf. Endlich etwas Action! Dieses ganze Rumlaufen und Gesuche ödet ihn an.
„Was war das?“, möchte Carmen wissen. Sie sieht sich ebenfalls nach der Kreatur um, jedoch nicht vor Kampffreude, sondern um diesem aus dem Weg zu gehen.
„Keine Ahnung, auf jeden Fall kein Dagono“, antwortet Eren, in Gedanken bereits mit möglichen Monsterkämpfen beschäftigt. „Aber ich werd´s herausfinden.“
Zielsicher und ohne auf Anweisungen des Teamleiters zu warten, läuft Eren davon, direkt auf das Gebrüll zu, das aus der Richtung kommt, in die Viktor verschwunden ist. Das kann unmöglich ein Zufall sein.
Was hat der Trottel jetzt wieder angestellt?
„Eren! Komm sofort zurück! Wir wissen nicht was da vorne ist“, versucht Igor das Kind zurückzuholen, doch das hört gar nicht hin.
Als der 12-Jährige um die Ecke biegt, entdeckt er gleich eine Spur im Schnee, die von ihrem zurückgelegten Weg abweicht. Sie führt ein Stück weiter in eine Nische im Fels, wo ein kreisrundes Loch in die Tiefe führt. Scheint so, als hätte der Bienenmutant eine unterirdische Höhle entdeckt. Eine bewohnte Höhle. Und der Bewohner ist nicht erfreut über den unangekündigten Besuch. Ein tiefes, zorniges Brüllen bestätigt diese Vermutung. Der Junge geht an das Loch heran und springt ohne nachzudenken hinab. Sicher landet er in der Hocke, wo er auch erst einmal bleibt, denn der Anblick, der sich ihm bietet, ist viel zu ulkig, um ihn auf Anhieb zu verstehen.
Die Höhle ist ein großer Hohlraum, komplett aus Stein mit Kratzspuren überall. Das Monster muss sie selbst heraus gegraben haben. Es gibt lediglich zwei Ausgänge. Einmal das Loch in der Decke, für das Viktor verantwortlich ist, und dem richtigen Eingang an der Außenseite einer Klippe.
Bei dem Monster handelt es sich um einen Grobämi, ein bärenähnliches Wesen in der doppelten Größe eines Grizzlys. Sein dichtes Fell ist weißgrau gefärbt und seine langen Fänge glänzen voller Geifer, der ihm aus dem Maul tropft. Lange frostig glitzernde Eiszapfen stehen im Nacken der Bestie und deren Wirbelsäule aus dem Pelz heraus. Riesige Pranken, mit genauso riesigen Krallen, ziehen tiefe Furchen überall wo sie landen. Der lange Schweif mit der Keule am Ende – wie bei einem Ankylosaurus – donnert gegen die Wände, schlägt große Stücke heraus und lässt die Höhle erbeben. Die Vorderbeine haben sich zu Flügel weiterentwickelt, deren Ränder mit scharfen Eissplittern besetzt sind. Der Grobämi kann zwar fliegen, aber nicht sonderlich gut. Er ist zu massig dafür. Bei einem Kampf im Freien könnte ihm Eren zeigen, wie man Flügel richtig benutzt, aber hier in der engen Höhle wären sie eher hinderlich. Gut, es geht auch ohne.
Direkt hinter dem Kopf der Bestie entdeckt Eren den Bienenmutanten. Er klammert sich mit einem wahnsinnigen, panischen Gesichtsausdruck an den Ohren fest. Das macht den Grobämi rasend, er schlägt wild um sich und versucht mit allen möglichen Tricks den lästigen Ohrenkneifer von seinem Rücken zu schütteln.
„Sag mal, Viktor, was treibst du denn da?“, möchte Eren amüsiert wissen. Es sieht gerade sehr nach einem Rodeo aus.
„Steh nicht so blöd rum, du Miniaturausgabe, und hilf mir!“, verlangt der Ältere knurrend.
„Wie unhöflich. Jetzt will ich nicht mehr helfen.“ Demonstrativ wendet Eren den Kopf ab, grinst fies in sich hinein.
Viktor spannt seine geröteten Gesichtsmuskeln an. „Los! Mach schon!“
Keine Beleidigung? Keine bissige Bemerkung deswegen? Wow. Dass Eren das einmal erleben darf.
Na los! Zeigen wir´s ihm! Oder genießen wir die Show und warten bis er gefressen wird?
Hm. Eren überlegt tatsächlich einen Moment, doch dann muss er an seine Familie denken. Sie werden bestimmt nicht einverstanden sein, wenn er einem Teamkameraden nicht hilft. Er kann sogar schon Ajax´ Stimme hören. Also gut, dann rettet er den Bienenarsch eben. Der Junge hatte ohnehin vor gegen den Grobämi zu kämpfen. Dass er Viktor danach damit aufziehen kann, ihn gerettet zu haben, klingt sogar noch besser als ihn fressen zu lassen.
„Ist ja gut. Ich helfe dir. Hör auf zu jammern.“ Eren lässt den Rucksack fallen, zieht Mantel, Mütze und Handschuhe aus und fängt an die Arme zu dehnen. Jetzt kann er es nicht mehr verstecken, dass seine rechte Hand und auch der Großteil seiner Haare pechschwarz gefärbt sind.
„Hör auf mit dem Quatsch!“, fordert Viktor, dem langsam die Kraft ausgeht.
„Aber wenn ich mich nicht dehne, bekomme ich Zerrungen“, verteidigt sich Eren unschuldig blinzelnd.
Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Grobämi!
Die Stimme wird ungeduldig. Der Junge kann sie gut verstehen. Ihm geht’s genauso.
Erens Iris wechselt in ein leuchtendes Lila. Er nimmt den Dolch aus der Scheide und richtet diesen auf das Monster, während er die dunkle Aura in die Waffe leitet. Als Resultat umhüllen schwarz-lila Flammen die Klinge, lassen düsterne Schatten an den Wänden tanzen und die Stimme in seinem Inneren entzückt kichern.
Da der Grobämi den 12-Jährigen noch nicht entdeckt hat, bietet er die perfekte Angriffsfläche für einen Überraschungsangriff. Eren packt den Dolch fester, die Flammen tanzen schneller über den Stahl – als könnten sie es kaum erwarten zum Einsatz zu kommen – und läuft im toten Winkel der Bestie an sie heran. In der engen Höhle ist es schwer von keinem Körperteil des Monsters zerquetscht zu werden, daher ist es nur logisch das Monster etwas zu verkleinern.
Er duckt sich unter der Keule hinweg, reißt gleichzeitig seinen Arm nach oben und trennt ohne spürbaren Widerstand den Schweif des Monsters etwa in der Mitte ab. Noch bevor der Grobämi realisiert was geschehen ist, landet das Schwanzende ein Stück entfernt, zuckt noch ein paar Sekunden und bleibt dann liegen. Blut sickert aus beiden Enden heraus und bildet klebrige Pfützen am Höhlenboden.
Der Grobämi hat aufgehört zu toben. Wie erstarrt steht er da, glotzt abwechselnd von Eren zu seinem Schwanzende und zurück. Perplex. Entsetzt. Ungläubig. Das Monster versteht nicht ganz was geschehen ist. Eren wartet neben der Schwanzkeule auf den nächsten Angriff des Bären. Die Flammen seiner Waffe verleihen ihm ein furchteinflößendes Schattenspiel auf dem Gesicht. Seine Mundwinkel haben sich triumphal gekräuselt. Klar könnte der Junge den Grobämi innerhalb weniger Sekunden töten, aber dann wäre der Spaß schnell vorbei und das will er nicht. Er möchte das Ende soweit wie möglich hinauszögern, um mehr dunkle Fähigkeiten an dem Bären auszulassen.
Viktor nutzt den kurzen, ruhigen Augenblick, um sich zusammenzureißen. Er lässt das rechte Ohr los, holt mit der Faust aus und fährt seinen nachgewachsenen Giftstachel aus. Diesen versenkt er bis zu den Knöcheln im Hals des Monsters.
Es lässt ein kehliges Gebrüll ertönen, das die Wände zum Vibrieren bringt und Schnee durchs Loch in der Decke rieseln lässt. Anstatt wie zuvor blind zu rasen, nutzt es diesmal den Kopf. Buchstäblich. Der Monsterbär richtet sich auf die stämmigen Hinterbeine auf und drückt seinen Kopf und Nacken gegen die Höhlendecke, um Viktor zu zerquetschen.
Doch der Bienenmutant ist gar nicht mehr dort. Eren hat ihn im Bruchteil einer Sekunde vom Rücken des Grobämi gepflückt und auf den Boden gesetzt. Jetzt hockt er mit vor Angst verzerrtem Gesicht, schreiend und die Hände schützend über dem Kopf erhoben im Höhleneingang. Diesen Anblick genießt der Junge in vollen Zügen.
„Hör auf zu schreien. Damit machst du es nur noch wütender“, fordert Eren kurz darauf.
Abrupt verstummt der Ältere, öffnet vorsichtig die Augen und senkt langsam die Arme. Innerhalb eines Herzschlages wechselt seine Mimik von Verwirrt über Erleichterung, von Entsetzen zu Ärger und Scham. Zuletzt läuft er rot an und rappelt sich auf.
„Du hättest dich nicht einmischen müssen. Ich hatte alles im Griff“, behauptet der Hitzkopf, ohne das Kind anzusehen.
Eren lacht amüsiert auf, während er eine kirschgroße Rauchkugel in der linken Hand formt und diese mit einer einfachen Fingerbewegung dem Bären gegen die Stirn schleudert, als der mit aufgerissenem Maul auf die Beiden zuspringt. „Du warst doch derjenige, der mich um Hilfe gebeten hat.“
Darauf weiß Viktor keine Antwort. Er schnaubt sauer und stapft an Eren vorbei, den er keines Blickes würdigt, jedoch grob mit der Schulter anrempelt. „Mach Platz. Das ist kein Gegner für ein Kind.“
„Ich wiederhole: DU hast MICH um Hilfe gebeten“, betont der 12-Jährige grinsend, lässt dabei den Grobämi, der sich mit der Pranke über die blutende Stelle an der Stirn streicht, nicht aus den Augen. Das Monster blinzelt auffällig häufig, schüttelt den Kopf und seine Muskeln zittern. Das Gift des Bienenmutanten scheint langsam zu wirken.
„Hey, Jungs! Könnt ihr nicht wann anders streiten?“, fordert Carmen verärgert. Das Mädchen kauert oben am Loch und späht zu ihnen hinunter.
„Komm doch runter und kämpf mit, anstatt von da oben neunmalkluge Anweisungen zu geben!“, knurrt Viktor der Blondine entgegen.
Carmen verzieht wütend das Gesicht. „Oh, glaub mir, du willst nicht, dass ich da unten bin. Der Grobämi wäre nicht mein Gegner.“
Das Bärenmonster hat die Stimme hinter sich auch gehört und knurrt jetzt in beide Richtungen, unsicher wo es angreifen soll oder von wo aus es angegriffen wird. Schließlich entscheidet es sich für die Menschen in seiner Höhle. Es senkt aggressiv den Kopf, zieht die Lefzen zurück und reißt das Maul zu einem speichelreichen, kehligen Brüllen auf. Der faulige Atem schlägt Eren direkt in die Nase. Viktor muss würgen, beugt sich vor und drückt sich eine Hand auf den Mund. Eren verzieht angeekelt das Gesicht und hält sich die Nase zu. Tränen steigen ihm in die Augen. Auch das Fächern mit dem Dolch vertreibt den Geruch nicht.
„So etwas wie Mundhygiene kennt das Ding wohl nicht“, bringt der Bienenmutant hervor, ehe er erneut von einem Würgereflex übermannt wird.
Als ob du dich mit Hygiene auskennst.
Immer noch die Nase zuhaltend sprintet der junge Turano so schnell auf das Monster zu, dass es scheint, als würde er sich teleportieren. Er bleibt direkt unter dem Kopf des Grobämi stehen, holt mit der linken Faust aus, die von rauchähnlichem Schleier umhüllt wird, und verpasst dem Bären einen Kinnhaken, der den großen Kopf bis zur Decke schleudert. Der Schädel hinterlässt eine deutliche Mulde im Stein und schlägt danach krachend am Boden auf. Genau dort, wo keine Sekunde zuvor Eren noch gewesen ist, der sich lediglich einen Schritt wegbewegt hat und jetzt vor der Schnauze steht.
„Jemandem seinen Maulgestank ins Gesicht zu blasen ist mehr als unhöflich“, belehrt Eren finster. Mit Genugtuung stellt er fest, dass der Unterkiefer unnatürlich schief unter der Schnauze liegt.
Der Grobämi hat die Augen schmerzvoll zusammengekniffen. Blut sickert zwischen den Lefzen über das helle Fell des gebrochenen Kiefers. Als es die dunklen Augen öffnet, schimmert tiefer Hass darin, der sich vollkommen auf den Jungen richtet. Zähnefletschend rappelt es sich schwerfällig zur vollen Größe auf. Von oben starrt es knurrend auf Eren herab. Langsam öffnet es das Maul und zuckt prompt vor Schmerz zusammen. Doch aufgeben tut er nicht.
Der Grobämi hebt die rechte Pranke und lässt sie auf den kleinen Menschen niedersausen. Ein Treffer der kraftvollen Tatze und jeder Knochen im menschlichen Körper wäre zertrümmert und der Rest zermatscht. Selbst für Eren wäre es schwer den Schlag wegzustecken. Und dennoch bewegt er sich nicht als die Fleisch zerschlitzenden Krallen seinem Kopf immer näher kommen.
„Eren! Worauf wartest du?! Verschwinde!“, brüllt Carmen panisch.
„Wieso denn? Der kann doch nicht einmal mehr sein Maul richtig öffnen“, bemerkt Eren spöttisch und springt einen Satz zur Seite, um den scharfen Klauen im letzten Moment zu entgehen. Die Pranke schlägt ein Loch in den Boden, kleine Trümmer springen durch die Gegend, eingehüllt von einer Staubwolke.
Der Bienenmutant versucht der zweiten Tatze auszuweichen, die nur auf den Spitzen der Krallen in einen Bogen über den Boden fegt. Zwar ist Eren das eigentliche Ziel des Angriffs, aber Viktor steht dazwischen. Während der Jüngere hochspringt, sich für einen Augenblick an der Wand festhält, um sich dann abzustoßen und sich im Nacken des Bären wiederzufinden, hechtet der Ältere hektisch zur Seite.
Jetzt töte ihn endlich. Oder soll ich das übernehmen?
Eren lässt die Flammen an seinem Dolch stärker lodern. So allmählich ödet ihn dieser Kampf an. Ein Grobämi ist eben keine Herausforderung. Ohne der kleinsten Spur von schlechtem Gewissen, versenkt das Kind die Waffe bis zum Heft im Schädel des Grobämi, der schrill kreischt, knurrt und wimmert. Doch damit ist der Junge noch nicht zufrieden.
Wie sagt Ajax immer: „Eren, wenn du jemanden tötest, dann so, dass dieser mit absoluter Sicherheit nicht wieder aufsteht. Erst dann hast du deinen Job richtig gemacht.“
Die Klinge im Monster wird heißer und heißer, brennt sich durch Pelz, Knochen, Fleisch und Hirn bis auf der anderen Seite die Flammen herausschießen. Bluten tut es kaum, die Adern wurden alle von der Hitze versenkt. Die Augen hat der Bär so verdreht, dass nur das Weiße zu sehen ist. In der Sekunde, in der sich die Flammen durch den Schädel gefressen haben, ist das Monster verstummt.
Einen Herzschlag lang stand es noch zitternd auf den Beinen, doch jetzt verlässt ihn das Leben vollständig. Wie ein toter Baum bricht der Grobämi in sich zusammen. Einen noch immer Flammen heraufbeschwörenden Jungen im Genick. Mit einem breiten Lächeln. Einem zu breiten, leicht wahnsinnigem Lächeln.
Pläne schmieden
Genau so wird das gemacht, Eren! So tötet man ein Monster! Ohne Gnade, ohne Mitleid!
Das ist so grausam. Der Grobämi hat doch nur sein Zuhause verteidigt. Er musste nicht sterben.
Eren atmet ein letztes Mal tief durch, dann zieht er den Dolch heraus und springt neben dem Schädel auf den Boden. Seine Haare sind nun wieder braun, nur mit wenigen schwarzen und weißen Strähnchen, und das Blau kehrt in seine Iris zurück, verdrängt den aggressiven Wahnsinn darin. Jetzt da der Kampf vorbei ist, ist das schwarze Mal bis zum Daumen zurückgegangen und der Junge fühlt sich nicht mehr so gereizt und kurz vorm explodieren. Doch das Beste ist, die dunkle Stimme ist leiser geworden. Endlich. Auch wenn das bedeutet, dass jetzt wieder zwei überflüssige Stimmen in seinem Hirn um die Wette nerven. Tja, Zumindest hat er jetzt seinen Körper wieder vollständig allein unter Kontrolle. Erleichtert seufzt er und sieht dann zu den anderen Teamkameraden, die merkwürdig still sind.
Igor und Carmen hocken nach wie vor oben beim Loch und sehen irgendwie verstört zu ihm herab. Viktor steht gegen die Höhlenwand gelehnt da, eine Mischung aus Unglauben und Entsetzen im Gesicht.
„Ist was? Ihr seht mich an, als wäre mir ein drittes Auge gewachsen“, stellt Eren witzelnd fest.
Carmen lässt sich in die Höhle gleiten, landet sicher am Boden und klopft sich den Staub von den Händen, ehe sie den Mund öffnet. „Nein, alles in Ordnung. Ähm … gut gemacht.“
Dass das nicht so gemeint ist, ist mehr als offensichtlich, deshalb legt der Junge skeptisch den Kopf schief und verschränkt die Arme. „Mhm.“
„Gut, dann sag ich es eben, wenn ihr euch nicht traut“, mischt sich der Bienenmutant ein. Er stößt sich von der Wand ab und umrundet den Grobämi. Auf der anderen Seite des Kopfes geht er in die Hocke und holt dabei ein Messer hervor, mit dem er einen der Reißzähne aus dem Kiefer des Bären schneidet. „Du bist ein kaltblütiger Psychokiller, Mini-Turano.“
„Jap“, bestätigt Eren ohne Umschweife. Was soll er auch mehr dazu sagen? So ist er eben aufgewachsen. Ajax wäre vermutlich stolz auf ihn, aber Eren … Ihm wäre es lieber, wenn er nicht so oft ein kaltblütiger Psychokiller sein müsste. „Ich geh mal meinen Dolch sauber machen.“
Mit diesen Worten platziert er sich unter dem Loch und spring hinaus. Er entfernt sich ein paar Schritte von der Höhle, ehe er sich daranmacht mit dem Schnee das Blut vom Dolch zu wischen. Mehr einer Ausrede gleich, als tatsächlich um den Zustand seiner Waffen besorgt. Gemischte Gefühle lassen seinen Bauch verkrampfen und ihn grüblerisch werden.
Sei nicht so traurig, Eren. Irgendwann wirst du bestimmt nicht mehr töten müssen. Ajax und Vater können uns nicht für immer vorschreiben, was wir tun sollen.
Du bist so ein Weichei. Was sollen wir denn sonst machen? In irgendeinem Büro hocken und versauern? Pha!
Was auch immer Eren will. Wir müssen nicht für immer Auftragsmörder bleiben.
Es ist doch klasse, so wie es jetzt ist. Stark zu sein ist das Beste was es gibt! Es gibt kaum jemanden, der uns besiegen kann! Als Bonus dürfen wir sogar um beide Welten reisen und immer wieder morden, ohne bestraft zu werden. Besser geht’s doch nicht!
Wie kann man nur so kaltblütig sein? Niemand hat es verdient zu sterben.
So kann auch nur ein Waschlappen reden. Sieh dir Eren an. Er ist meiner Meinung. Töten oder getötet werden, das ist nun mal die Regel des Spiels, das sich Leben nennt.
*Seid still.*
Töten oder getötet werden.
Das hat der 12-Jährige auch von seinem Bruder schon öfter gehört. Es ist sein Trainingsmantra. Eren seufzt erneut und verdrängt die trüben Gedanken. Sie sind für einen Turano unangebracht. Außerdem hat es keinen Sinn immer wieder aufs Neue über das gleiche Thema nachzudenken. Das beschert ihm nur wieder Kopfschmerzen. Er muss sich endlich damit abfinden, dass er nun mal in diese Familie, in dieses Familienunternehmen, hineingeboren wurde. Und er muss zugeben, auch wenn es ihm nicht sonderlich gefällt, er ist gut darin. Sehr gut sogar. Seine Talente soll man schließlich fördern, gleich mit wie viel Blut sein Weg auch getränkt ist. Er sieht einfach nicht nach unten.
~~~
Da es schon spät geworden ist, hat Igor entschieden die Höhle als Nachtlager zu nutzen. Viktor hat natürlich sofort damit geprahlt, dass es nur ihm zu verdanken sei, weil er mit Absicht ins Loch gefallen wär. Der Sieg über den Grobämi sei auch sein Verdienst, immerhin hat er das Monster vergiftet. Aus diesem Grund hat er den Zahn an seiner Trophäenkette, bestehend aus anderen Monsterzähnen, befestigt und präsentiert diese nun stolz. Jeder im Team wusste natürlich, dass das nur Viktors Fantasie ist, aber niemand hat laut widersprochen.
Den Grobämi haben sie unzeremoniell über die Klippe geschoben, um mehr Platz für das Lagerfeuer zu haben. Das Team hat sich darum versammelt, gegessen und anschließend schlafen gelegt. Wobei Viktor lauthals geflucht hat, warum er nun die erste Nachtwache übernehmen sollte. Am Ende hat Carmen die Diskussion gewonnen und der Bienenmutant hat sich schmollend zum Höhleneingang verkrümelt.
~~~
Als Eren am nächsten Morgen die Augen aufschlägt, begrüßt ihn die noch schwache Sonne, die ihre Strahlen in die Höhle schickt. Direkt in sein Gesicht. Er schließt brummend die Lider, dreht sich auf den Rücken und gähnt erst einmal. Dann setzt er sich auf, streckt die Hände zur Höhlendecke und sieht sich um.
Er ist anscheinend der Erste, der wach ist. Das Feuer ist erloschen, nur Aschereste sind zurückgeblieben. Carmen liegt auf der Seite in ihrem Schlafsack, umklammert ihr Kissen dabei wie ein Plüschtier. Neben ihr hat sich Viktor breit gemacht. Er hat sich im Laufe der letzten Stunden irgendwie aus seinem Schlafsack geschält, der jetzt nur noch halb über seinen Beinen liegt. Er hat Arme und Beine von sich gestreckt, sodass er wie ein seltsamer Seestern aussieht. Noch dazu ist seine Frisur plattgelegen und er murmelt irgendetwas Unverständliches vor sich hin, unterbrochen von seinen Schnarchlauten.
Eren befreit sich aus seinem Schlafsack, vollführt ein paar Dehnübungen, um richtig wach zu werden und sieht sich anschließend erneut um. Bisher konnte er Igor noch nirgends entdecken. Dabei sollte der doch Wache halten. Wo steckt der Teamführer schon wieder? Für Versteckspiele haben sie keine Zeit. Die Sonne ist schon aufgegangen. Sie sollten längst unterwegs sein. Bis heute Abend müssen sie die Aufgabe erfüllt haben und bisher haben sie noch kein einziges Ei gefunden. Ajax und Turano werden sicher nicht erfreut sein, wenn sie mit leeren Händen zurückkehren. Dann werden sie Eren sicher nie wieder ohne Ajax auf eine Mission gehen lassen.
Dieser Gedanke erschreckt den 12-Jährigen so, dass er von einer Sekunde auf die andere hellwach ist. Er darf auf seinem ersten Auftrag ohne Babysitter Ajax nicht versagen! Das darf nicht passieren! Er darf und will sie nicht enttäuschen!
Behutsam stupst er Carmen mit der Fußspitze an. Das Mädchen dreht sich murrend auf den Rücken, reibt sich müde die Augen und blinzelt dann träge zu Eren hoch. „Guten Morgen.“
„Morgen. Weißt du wo Igor ist?“, platzt er gleich mit der Frage raus.
„Igor?“ Mühsam rappelt sie sich auf die Ellbogen auf und sieht sich um. „Hm. Hätte der nicht Wachdienst?“
„Eigentlich schon. Ich geh ihn suchen. Könntest du unser Dornröschen wecken?“
Als hätte Viktor gespürt, dass über ihn gesprochen wird, meldet er sich mit einem Schnarcher zu Wort, schmatzt und sabbert dann weiter auf seinen Arm.
„Mach ich doch gern“, stimmt sie zu, zieht dabei mit einem hinterlistigen Grinsen den Reißverschluss ihres Schlafsackes nach unten.
Eren wendet sich von den Beiden ab und nutzt die Aurasicht, um sich die Suche einfacher zu machen. Da er dennoch nicht durch Wände sehen kann, muss er die Höhle verlassen. Doch schon beim ersten Schritt zum Loch in der Decke hält er inne, dreht den Kopf und lauscht. Ein bekanntes Knuspergeräusch dringt an sein Trommelfell, es komm aber nicht von oben. Es kommt vom Haupteingang.
Das Grün seiner Iris wechselt zurück zu Blau auf seinem Weg zum Klippeneingang. Dabei kommt er am Nachtlager vorbei. Obwohl er gerade erst aufgewacht ist, brüllt Viktor lautstark herum. Carmen hat ihn natürlich nicht wie in Dornröschen mit einem Kuss geweckt, sie hat einfach den Boden unter ihm so schnell angehoben und abgesenkt, dass der Mann in die Luft geflogen und unsanft am Hintern gelandet ist. Was verständlicherweise in einer anstrengenden, morgendlichen Zankerei zwischen den Beiden resultiert.
Am Rand der senkrechten Felswand bleibt Eren stehen. Der Anblick, der sich ihm bietet, ist schon ziemlich seltsam, weshalb er grinsend die Hände in den Taschen vergräbt, in die Hocke geht und mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ die Aufmerksamkeit des rundlichen Mannes auf sich zieht. Der Teamleiter hockt ein paar Meter unter ihm auf einem schmalen Felsvorsprung, gerade breit genug für seine vier Buchstaben. Seinem Gesichtsausdruck nach wirkt er ertappt und als wäre es ihm peinlich entdeckt worden zu sein. In seinem Bart glitzern Eiskristalle und die Lippen sind blau angelaufen. Der Teamleiter muss schon lange dort hocken. Warum? Keine Ahnung.
„Das ist ja ein interessanter Wachposten“, bemerkt der Junge sarkastisch.
Igor vermeidet es, den Jüngeren direkt anzusehen. „Hier hat man alles prima im Blick.“
„Von hier aber auch“, entgegnet Eren. Dabei sieht er demonstrativ in die Ferne, genießt die Aussicht am frühen Morgen, wenn die Sonne den Schnee zum glühen bringt und die kalte Luft bei jedem Wort Wölkchen vor seinem Gesicht zaubert.
„Sag mal, Igor, was treibst du da unten?“, mischt sich Viktor ein, der neben Eren aufgetaucht ist. Er trägt sogar schon Mütze und Schal. Da hat wohl jemand keine Lust auf eine weitere Diskussion mit Carmen.
„Wenn du dich so vor der heutigen Wanderung drücken willst, kannst du´s gleich vergessen“, stellt die Blondine klar, während sie sich die Haare zu einem neuen Zopf zusammenbindet.
„Komm rauf“, weist Carmen den Teamleiter an. „Für so etwas haben wir keine Zeit. Warum hast du uns eigentlich nicht geweckt? Wir hatten ausgemacht, bei Sonnenaufgang gehen wir weiter. Und jetzt ist schon fast Vormittag.“
Der Teamleiter wird unter der vermeintlich harmlosen Frage ganz klein, sieht stur geradeaus und schiebt sich tröstend seine Kartoffelchips in den Mund. „Wir haben noch genug Zeit.“
„Aber wir haben noch keine einzige Eierschale“, erinnert sie die Gruppe unzufrieden. „Wir haben noch nicht mal ein Nest entdeckt. Und jetzt auf. Wir müssen weiter.“
Mal wieder fragt sich Eren, wer hier der Teamleiter ist, als er etwas entdeckt und deshalb anmerkt: „Oder wir bleiben hier.“
Carmen entknotet die Arme und wirft dem Kind einen seltsamen Blick zu. „Hast du dich bei seiner Faulheit jetzt angesteckt?“
„Was? Nein“, winkt Eren kopfschüttelnd ab. Er steht auf und streckt geheimnisvoll den Arm aus. „Ich hab den Schwarm gefunden.“
Die Anderen folgen seinem Finger über die Schlucht hinweg zu einem großen Felsplateau, das sich zwischen zwei Gipfeln erhebt. Senkrechte Klippen umgeben dieses, sodass nur fliegende Geschöpfe dort hingelangen können. Solche wie die Dagono. Manche der großen Vögel, die wie eine Mischung aus Adler und Stier aussehen, patrouillieren von der Luft aus, andere kauern in Mulden und wieder andere betreten oder verlassen ein Loch im Boden. Dort haben sie also ihre diesjährige Bruthöhle eingerichtet.
„Endlich!“ Viktor schlägt kampfberei mit der rechten Faust in seine linke Handfläche ein. „Stehlen wir diesen gehörnten Hühnern die Eier! Bis zum Mittagessen will ich Zuhause sein.“
„Nicht so voreilig, Viktor“, bremst Carmen den Hitzkopf aus. „Wir haben immer noch einen weiten Weg bis wir dort ankommen und das Plateau hochgeklettert sind. Dann müssen wir ...“
„Ja, ja. Quatsch nicht so viel. Lasst uns losgehen!“, unterbricht der Mutant ungeduldig, wirbelt herum und stapft zu seinem Loch.
Die Wangen des Mädchens färben sich leicht Rot. Nicht vor Kälte. „Blind drauf loszumarschieren wird uns überhaupt nichts bringen! Wir brauchen einen Plan, um unbemerkt in ihr Nest zu gelangen.“
Eren braucht gar nicht lange zu überlegen. Er hat schon einen Plan: die gleiche Strategie wie letztes Mal. Warum die Anderen deshalb zu diskutieren anfangen, versteht er nicht.
*Diese Vollidioten*, kommentiert er gedanklich, laut wirft er ein: „Wär´s nicht am einfachsten, wenn Viktor und ich die Dagono ablenken, während Igor und Carmen die Eierschalen zum Lager transportieren? Standard-Strategie eben?“
„Wer hat dich zum Entscheidungsmacher ernannt?!“, begehrt Viktor auf, tippt dabei bei jedem Wort gegen Erens Brust. „Du willst mich im Kampf nur wieder bloßstellen!“
Eren ergreift blitzschnell den nervenden Finger, biegt ihn etwas zu weit in Richtung seines Besitzers und sieht diesem unschuldig in die Augen. „Keine Sorge. Ich werde dir im Kampf sicher nicht helfen. Ich will dir doch die Blamage ersparen von einem Kind gerettet zu werden.“
Dann lässt er den Finger los. Viktor taumelt einen Schritt zurück und reibt sich die schmerzenden Sehnen, während er sich eine Erwiderung überlegt.
Zum Glück ist Igor schneller. „Könntet ihr mir vielleicht endlich mal rauf helfen, bevor ihr über meinen Kopf hinweg Pläne schmiedet?! Nicht vergessen: ICH bin der Teamleiter!“
„Steckst du tatsächlich fest?“, lacht Viktor seinen Mentor aus. „Wie bist du überhaupt dahin gekommen?“
Auch Eren kann sich einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen. „Hast du schon genug von der schönen Aussicht?“
Igor funkelt sauer zu ihnen hinauf. „Hört auf euch lustig zu machen und helft mir!“
Meint er das ernst? Hat der Fettwanst vergessen was seine Kräfte sind?
Natürlich helfen wir unserem Teamleiter.
„Ist das dein Ernst, Teamleiter?“ So wie Carmen das Wort Teamleiter betont, klingt es mehr wie eine Beleidigung. „Teleportier dich rauf und hör auf zu jammern. Wir müssen los.“
Mit hochrotem Kopf taucht Igor hinten den Dreien auf, die Hände im Chipsbeutel und die Augen geschlossen, um niemanden ansehen zu müssen. „Ich bin doch mit Absicht dort gesessen. So konnten wir die Dagono finden. Hätte ich euch gesagt wo sie sind, hättet ihr mir ja nicht geglaubt.“
Erens Mundwinkel kräuseln sich langsam. „Sicher doch“, schmunzelt er wissend.
„Als ob!“ Viktor hat nicht vor, den Mann so einfach davonkommen zu lassen. Und weil er gerne auf solchen Kleinigkeiten herumreitet. „Du bist vermutlich einem Chip hinterher gesprungen, der über die Kante gefallen ist. Gib´s zu!“
Igor wirft seinem Schüler einen finsteren, beleidigten Blick zu, ehe er das Thema zu wechseln versucht: „Also, wie kommen wir zu den Eierschalen? Bereit für eine weitere Wanderung?“
Carmen ist immer noch amüsiert, lässt sich aber auf den Themenwechsel ein. „Erens Idee ist am besten, finde ich. Igor, glaubst du, du kannst uns alle rüber teleportieren?“
Zweifelnd zieht der Mann die dicken Augenbrauen zusammen, misst die Entfernung zu ihrem Ziel ab. „Könnte ich, ja. Aber ob ich dann noch genug Kraft hab, um uns und die Schalen zum Außenposten zu teleportieren, bezweifle ich.“
„Hm.“ Überlegend fasst sich die Blondine ans Kinn.
„Und wenn ich uns rüber fliege?“, wirft Viktor ein. „Ich hab echt keine Lust den ganzen Weg zu laufen.“
Eren verdreht nur stumm die Augen, verschränkt die Finger hinter seinem Kopf und lehnt sich an die Höhlenwand. So einem dummen Bienenhirn das gleiche immer und immer wieder zu sagen ist vollkommen sinnlos.
„Du willst unbedingt deine Flügel kaputt machen, oder?“, unterstellt ihm Carmen, muss jedoch widerwillig zugeben: „Aber die Idee selbst ist nicht schlecht.“
Viktor schwellt bereits stolz die Brust, doch als sich Carmen an Eren wendet, sackt er in sich zusammen.
„Eren, kannst du uns rüberfliegen? Schaffst du das?“, möchte sie wissen.
Der Junge zuckt mit den Schultern. „Klar. Aber jeden von euch? Die Dagono werden mich sicher nicht friedlich hin und her fliegen lassen.“
„Und wenn du nur Viktor mitnimmst? Igor und ich schleichen uns dann per Teleport hinterher“, überlegt Carmen weiter.
Weder Viktor noch Eren sind wirklich glücklich mit der Entscheidung. Während sich der Jüngere damit abfindet, schließlich hat er vorher selbst vorgeschlagen, mit Viktor zusammen die Dagono zu beschäftigen, will der Ältere das nicht.
„Vergesst es! Ich werd sicher nicht mit dem Kind über eine Schlucht fliegen! Der lässt mich nur auf halber Strecke fallen!“, behauptet der Bienenmutant überzeugt, wedelt dabei anklagend mit dem Finger vor Erens Nase herum.
„Oh, vertraust du mir etwa nicht?“ Gespielt verzieht Eren tieftraurig das Gesicht, schnieft dabei.
Bevor der Rotschopf etwas erwidern kann, grätscht Carmen dazwischen. „Sieh´s doch mal so: Je eher wir die Eierschalen haben, desto früher könnt ihr euch aus dem Weg gehen. Lange halten meine Nerven das nicht mehr aus. Außerdem, wenn er dich wirklich fallen lässt, kannst du ja immer noch deine Flügel nutzen.“
„Ich dachte die gehen dann kaputt?! Dann sterb ich ja trotzdem!“ Viktor wird schon wieder laut.
Eren hat genug von der Zeitverschwendung, weshalb er sich von der Wand abstößt und die Mission selbst zum Abschluss zu bringen. Ein paar Eierschalen stibitzen, dafür braucht er kein Team. Erst recht keines, das die meiste Zeit mit Diskussionen verschwendet. „Ich geh schon mal vor. Kommt nach, wenn ihr wisst wie.“
Das Blau seiner Augen und das Rot der Dämonenseite vermischen sich zu einem dunklen Lila. Gleichzeitig bilden sich auf seinem Rücken düster aussehende Rauchwolken, aus denen sich nach und nach lederne Schwingen schälen. Das Erscheinen der schwarzen Fledermausflügel dauert keine Sekunde. Die Schwingen scheinen irgendwie mit dem Jungen verbunden zu sein, ohne in die Klamotten dazwischen ein Loch zu reißen. Eren hat noch nie verstanden, wie das funktioniert. Der Ansatz ist transparent und optisch nicht vorhanden, dennoch spürt Eren die kräftigen Schwingen auf seinem Rücken.
„Irgendwie kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass du ständig dein Aussehen änderst“, bemerkt Carmen halb genervt, halb fasziniert.
Eren macht schulterzuckend einen Schritt auf die Kante zu. „Ich lenke schon mal die Vögel ab bis ihr nachkommt.“
„Vergiss es! Du willst doch nur allein den Ruhm ernten!“ Der junge Mann hat grob einen von Erens Flügel gepackt, bohrt seine Fingernägel in die empfindliche Membran.
Der Blick des 12-Jährigen verfinstert sich, als er mit einem Ruck seinen Flügel befreit. „Du hast doch klar gesagt, dass du nicht mitkommen willst. Also, was ist dein Problem?“
„Jungs, bitte“, stöhnt Carmen genervt. „Igor, sag doch auch mal was.“
Der Teamführer räuspert sich. „Wir machen es so, wie Carmen gesagt hat. Viktor, Eren, ihr fliegt zusammen zum Plateau und lenkt die Dagono ab. Währenddessen schleichen Carmen und ich uns in ihr Nest und bringen so viele Schalen wie möglich erst einmal hierher. Bereit? Dann ab mit euch!“
Viktor knirscht sauer mit den Zähnen. „Das ist doch bescheuert.“
„Dann bleib hier. Ablenken kann ich auch allein“, meint Eren am Ende seines Geduldsfadens angelangt. Diesmal ist noch nicht einmal die Dämonenseite schuld.
Kurzerhand springt Eren einen Satz zurück, raus aus der Höhle, und breitet seine Schwingen aus. Er dreht sich um, weg von der Höhle und schlägt die Richtung zu den Dagono ein. Keine drei Meter weiter reißt ein plötzliches Gewicht an seinen Beinen, bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Hektisch schlägt er mit den Flügeln, um nicht wegen diesem Trottel in den Abgrund zu stürzen. Viktor ist ihm tatsächlich hinterher gesprungen und hat es gewagt, sich an seine Beine zu klammern!
„Sag mal, spinnst du jetzt völlig, du Stinkkäfer?! Lass sofort meine Beine los!“, verlangt Eren fassungslos. Er weiß, dass Viktor nicht loslassen wird. Schließlich fliegen sie hier gut hundert Meter über dem Boden.
„Sicher nicht! Ich überlass dir doch nicht den ganzen Spaß!“, entgegnet Viktor gegen den Wind anschreiend. Komisch. Wenn Eren so in sein Gesicht blickt, könnte man meinen, dass der Macho-Bienenmutant Höhenangst hat.
Länger kann er sich nicht mit Viktor rumschlagen, er muss sich auf´s Fliegen konzentrieren. Das ist in dieser Höhe, bei den Temperaturen und dem Wind UND dem zappelnden Zusatzgewicht gar nicht so einfach. Er ist ja schon froh, dass Viktor die Klappe hält.
Der Schwarm
Eren steigt höher bis er über dem Dagono-Schwarm schwebt und lässt sich dann vom Wind langsam tiefer tragen. Ihre gebogenen Hörner und mit zähnen gespickten Schnäbel sehen sogar von hier oben gefährlich aus. Doch das jagt Eren keine Angst ein, eher Vorfreude auf ein Kämpfchen. Und da er sie ja nicht töten darf, kann er mit ihnen spielen. Das heißt, sobald er seine Last losgeworden ist. Wobei sich das Problem wohl gerade von selbst erledigt.
„Sieh zu und lerne“, prahlt Viktor selbstgefällig.
„Was hast du vor?“ Eren hat kein gutes Gefühl bei dem Gesichtsausdruck, den er nur als Antwort bekommt.
Viktor lässt los. Etwa fünfzig Meter über dem nächsten Dagono. Hatte er nicht gerade noch Angst zu fallen? Und jetzt lässt er einfach von selbst los?! Dieser Mutant ist so ein riesen Blödmann, dass Eren gar nicht versucht seine Gedankengänge zu verstehen. Auf die Idee ihn aufzuhalten kommt er auch nicht. Wenn er fallen will, bitte. Nicht Erens Problem. Dennoch legt er die Flügel an und stürzt kopfüber hinterher. Sein Bruder wäre sicher nicht zufrieden mit der Ausrede: Viktor habe sich von selbst in den Tod gestürzt.
Vor sich hin fluchend sieht er dabei zu, wie Viktor mit vorgestreckten Armen und einem leicht wahnsinnigen Kampfschrei auf den Dagono zusteuert, der ahnungslos im Schnee liegt und sich sein Gefieder putzt. Die Bestie hat gerade einmal Zeit den Kopf zu heben ehe Viktor einschlägt. Beide Giftstacheln bohren sich knöcheltief in den Schädel, der durch die Wucht des Aufschlages tief in den Schnee gedrückt wird.
Eren formt eine Schattenkugel in der rechten Hand. Diese feuert er auf den Dagono, der mit gesenktem Kopf angelaufen kommt um den Tod seines Kumpels zu rächen. Auch dieser fällt zu Boden, überschlägt sich, wirbelt eine Menge Schnee auf und bleibt knapp vor Viktor liegen, der noch immer in der Hocke auf dem Dagono steht und den Blick nicht von seinen Fäusten wenden kann.
Der 12-Jährige entfaltet die Schwingen, stoppt so den freien Fall und landet punktgenau auf der Hornspitze vor Viktor. „Du weißt, dass du bekloppt bist, oder?“
„Vielleicht war es doch keine so gute Idee“, murmelt der Mutant eher zu sich selbst, die Worte des Jüngeren komplett überhörend. Ein Zittern geht durch Viktors Körper, das seine Muskeln weich werden lässt, sodass er umkippt, von dem Vogel rutscht und unbeholfen im Schnee landet.
Eren mustert den Dagono, dem Viktor seine Stacheln ins Hirn getrieben hat. Diese sind abgebrochen, stecken noch immer im Schädel. Mit verdrehtem Kopf, weit geöffneten, leeren Augen und Schnabel liegt er da. Nur der Wind bewegt sein Gefieder. „Gerade mal eine Minute im Zielgebiet und schon tötest du einen Dagono.“
„Du hast auch einen getötet“, grummelt der Ältere halbherzig, reibt sich dabei über Arme und Beine.
„Der ist nur bewusstlos. Der wird höchstens Kopfschmerzen haben, wenn er aufwacht“, erklärt Eren mit einem Seitenblick zurück zu seinem Opfer. Nicht ohne Grund hat er die Schattenkugel so schwach gewählt. „Das wird Jemandem aber gar nicht gefallen.“
„Wehe, du sagst das Carmen! Die wird mich umbringen“, bittet Viktor fast flehend.
Eigentlich hat Eren ja Dr. Ryu gemeint, aber auf Carmen trifft es auch zu. So detailgetreu wie sie jede einzelne Mission erfüllen möchte. Ein Krächzen über ihren Köpfen lenkt seine Aufmerksamkeit nach oben. „Nicht wenn die dich vorher erwischen.“
Der gesamte Schwarm ist auf die beiden Aufmerksam geworden. Viele klettern aus dem Loch im Boden, erheben sich in die Luft und fangen an die Eindringlinge zu umkreisen, ein Chor aus Gebrüll und Gekreische hallt in den Ohren der Experimente wieder.
„Bereit?“, möchte Eren ungeduldig wissen, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
„Nein! Wie soll ich die jetzt ablenken, wenn ich nicht fliegen darf?!“, entgegnet Viktor aufgebracht, springt auf die Füße und gestikuliert überfordert mit den Händen, die abgebrochenen Stachelreste ragen immer noch aus seinen blutenden Knöcheln hervor.
„Lass dir was einfallen.“ Mit diesen Worten lässt Eren den schimpfenden Viktor zurück und fliegt den Dagono entgegen.
Die mischen wir jetzt ordentlich auf!
Nur ablenken. Denk daran, wir sollen sie nicht töten.
Der Junge lässt mehrere kleine Schattenkugeln um sich entstehen. Jede hat die Größe eines Apfels. Diese hier sind nicht so komprimiert, wie die beim Grobämi gestern, dadurch ist der verursachende Schaden geringer. Eren schnippt mit dem Finger in Richtung des ersten Dagono. Eine einzelne Schattenkugel löst sich aus dem Schwarm, kracht dem Monstervogel gegen die Stirn, wo sie gleich nach em Aufprall verpufft. Der Getroffene kräht auf, verdreht die Augen und stürzt bewusstlos auf das Plateau zu, wo dieser im Schnee liegen bleibt. Ohne diesem viel zu einfachen Sieg zu genießen, widmet er sich gleich dem nächsten Dagono.
Ja! Los, weiter! Wer ist der Nächste?!
Könnte man sie nicht anders ablenken? Das ist unnötig grausam.
„Pass gefälligst auf!“, brüllt plötzlich eine wütende Stimme außerhalb von Erens Kopf, als er den mittlerweile siebten Dagono ins Traumland schickt.
Der Junge taucht unter dem gefiederten Bauch des achten Monstern durch, weicht mit einem Looping dem Schnabel eines anderen aus und sieht dann kurz nach unten. Der Bienentyp wird von zwei Dagono verfolgt, die immer wieder nach ihm schnappen oder mit den Hörnern aufzuspießen versuchen. Um ihm herum liegen die von Eren ausgeschalteten Vögel. Er hat zwar schon darauf geachtet, dass die Dagono alle auf deren Plateau landen, damit sie nicht ausversehen durch zu hohen Fallschaden sterben, aber nicht darauf, wo sich sein Teamkollege befindet. Den Fußspuren nach zu urteilen, hätte er ihn ein-, zweimal fast mit einem der Vögel zerquetscht.
„Sorry!“, schreit Eren zurück. Beide wissen, dass das nicht ernst gemeint ist. Dafür erweckt etwas Großes, das gerade aus der Bruthöhle klettert, seine Aufmerksamkeit.
Aus dem Nest in der Mitte erscheint ein Vogel-Stier-Monster. Im Grunde sieht es aus wie ein Dagono, nur größer. Spitze Zähne ragen aus dem gebogenen Schnabel hervor. Anstatt der beiden Stierhörner hat dieser kleinere, dünnere, doch dafür vier Stück, die leicht gedreht nach vorne ragen. Scharfe Krallen wachsen an den Zehen hervor, die nur dafür geschaffen sind, um Beute festzuhalten. Dagono haben normalerweise nur einen dünnen Schweif mit Federn am Ende, dieser hat drei, die wütend durch die Luft peitschen. Das hellbraune Gefieder ist am Kopf dunkler, wodurch die schwarzen Augen noch bedrohlicher wirken.
„Ein Bagono?“, identifiziert Eren überrascht.
Diese mutierte Dagonoart ist sehr selten. Sie übernehmen einen Schwarm und lassen sich von diesem rund um die Uhr bedienen. Meistens heißt das, alles Fressbare im Umkreis zu sich bringen zu lassen. Deshalb gibt es hier auch keine anderen Lebewesen mehr. Sie wurden entweder gefressen oder sind geflohen. Nur der Grobämi nicht. Der steht aber auch nicht auf deren Speiseplan.
Der Bagono hat mittlerweile Viktor erspäht, der zwischen den Hörnern eines Dagono sitzt und diesen an den Hörnern gegen andere Vogelmonster lenkt. Dabei lacht er wie ein verhaltensgestörtes Kind auf Drogen. Der Schwarmführer schnaubt wütend, schüttelt den mächtigen Schädel und stürmt auf Viktor zu. Jeder Schritt wird donnernd von den umliegenden Klippen zurückgeworfen und trotzdem reicht der Lärm nicht aus, um die Aufmerksamkeit eines gewissen Bienenhirns zu erregen.
Eren stöhnt genervt, weicht dabei den Krallen eines Dagono aus, dem er mit einem schnellen Kick den Knochen des linken Flügels zertrümmert, woraufhin dieser wie ein Stein zu Boden stürzt. „Tja. Ich schätze, ich muss ihn schon wieder vor einem Monster retten.“
Begleitet von seinen Schattenkugeln bahnt er sich widerwillig einen Weg zum Plateau hinab, weicht Schnäbeln, Klauen und Hörnern aus und schlägt den ein oder anderen Dagono noch bewusstlos oder bricht deren Flügel. Die Augen kneift er dabei zusammen, verdrängt das Brennen in ihnen, das der Gegenwind auslöst. Viktor hat mittlerweile seinem störrischen Reittier ebenfalls die Lichter ausgeknipst und den Schwarmführer entdeckt. Mutig wie er ist … rennt er schreiend weg. Dabei flucht er lauthals, was das für ein Ding sei, beschwert sich gleichzeitig ein weiteres Mal darüber, seine nutzlosen Flügel nicht benutzen zu dürfen. Immer das Gleiche mit dem Hitzkopf.
Der 12-Jährige legt die Schwingen eng an den Körper, um noch schneller zu werden. Der kalte Wind pfeift in seinen Ohren, zerrt an seiner Kleidung und den Haaren. Trotz verschwommener Sicht streckt er den Arm vor und schickt alle verbliebenen Schatten auf einmal los. Ein Kugelhagel schlägt knapp vor dem Bagono im Schnee ein, der erschrocken aufschreit, mit den Flügeln schlägt und taumelnd zurückweicht.
„Hey! Das ist mein Gegner! Dir gebe ich nichts von meinen Lorbeeren ab! Verschwinde!“, beschwert sich Viktor wie auf Kommando. Er ist durch den Angriff in den Schnee gefallen und rappelt sich gerade schmollend wieder auf.
„Den Bagono kannst du nicht besiegen, du Bienenhirn! Seine Haut ist zu dick für deine lächerlichen Angriffe“, belehrt ihn Eren, ohne das große Vogelbiest aus den Augen zu lassen. „Überlass den Bagono mir. Du übernimmst die Kleinen!“
Wie ein trotziges Kind stapft Viktor mit dem Fuß auf und zieht eine Schnute. „Wie soll ich das machen, du Mini-Möchtegernheld? Ich darf die Hälfte meiner Fähigkeiten nicht benutzen und meine Stacheln brechen schneller in den Dingern ab als sie nachwachsen!“
Anstatt auf den stichelnden Unterton einzugehen, wirft Eren ihm seinen Dolch vor die Füße. „Sei einfach nervig. Das kannst du am besten.“
Nach dem Kommentar lässt er Viktor erneut allein. Der Bagono gibt ein markerschütterndes Krächzen von sich, das Erens Ohren klingeln lässt, sodass er die Hände auf diese pressen muss. Mit einem Auge beobachtet er den Bagono, der schweren Schrittes auf ihn zu getrampelt kommt. Dabei bildet sein Rückgrat eine gerade Linie, wie ein Rammbock mit Hörnern. Dumm nur für das Monster, dass Eren fliegen kann. So steigt er einfach höher auf, um dem Angriff zu entkommen. Schlitternd bremst der Vogel ab, hebt den Kopf und starrt finster zu dem Kind auf.
Hahaha! Bagono sind so dämlich!
Wir sollten ihn lieber nicht zu sehr reizen. Wer sich mit dem Bagono anlegt, bekommt seine Hörner zu spüren.
Was klischeehafteres ist dir nicht eingefallen, oder?
*Habt ihr eigentlich einen Stummschalter?*
Nein, tut mir leid.
Pech gehabt!
Eren stöhnt entnervt, hat aber keine Zeit sich länger mit den Stimmen zu befassen. Der Bagono hat auch Flügel und die nutzt er jetzt, um Eren zu folgen. Der Junge steigt senkrecht zum Himmel auf. Immer höher, immer weiter von den Dagono weg. Ein paar versuchen zwar ihrem Anführer zu folgen, aber der Instinkt das Nest vor Viktor zu schützen ist stärker. Nur der Anführer bleibt hartnäckig. Der hat sich voll und ganz auf Eren fixiert.
Genau nach Erens Plan. „Sehr gut. Folge mir du überdimensioniertes Hühnchen.“
Schon bald haben sie die Höhe der wenigen Wolken erreicht, die träge am blauen Himmel dahinziehen. Mit jedem Meter werden die Bewegungen des Bagono langsamer. Eren glaubt, bereits die ersten Eiskristalle im Gefieder zu erkennen. Lange wird er nicht mehr durchhalten und umkehren. Das darf nicht passieren, sonst stürzt er sich wieder auf Viktor, der keine Chance hat. Außerdem macht die Kälte nicht nur dem Bagono zu schaffen, auch Erens Schwingen überzieht eine dünne Eisschicht, die es ihm immer schwerer macht die Muskeln zu bewegen. Anders als der Vogel hat der Junge eine Lösung für das Problem. Er lässt einfach lautlose, schwarz-violette Flammen über seine Schwingen tanzen, die das Eis innerhalb eines halben Wimpernschlags schmelzen.
Trotzdem muss er die Höhe drosseln, sonst dreht der Bagono wirklich noch um. Deshalb klappt er ohne Vorwarnung die Schwingen ein. Sofort greift die Schwerkraft nach ihm. Für den Bagono kommt das so überraschend, dass er nicht mal nach dem Jungen schnappt, der knapp an seinem Schnabel vorbeifällt. Das Monster schlägt unryhtmisch mit den Flügeln und taumelt unkoordiniert durch die Luft bis es sich wieder fängt und wütend dem Kind hinterher stürzt.
Eren bleibt komplett ruhig, gefasst, kein bisschen verängstigt, während er dem Gebirge und der Bagono ihm immer näher kommen. Der spitze Schnabel öffnet sich langsam, die Zähne blitzen im morgendlichen Sonnenlicht. Der Vogel kneift bereits siegessicher die Augen zusammen, doch im letzten Moment dreht Eren nach rechts weg. Der Monstervogel krächzt frustriert als sein Schnabel im Leeren zusammenschlägt. Aber so schnell gibt er nicht auf.
Geschickt biegt Eren bei der nächsten Felssäule ab, umkreist diese abwärts bis knapp über den Boden und bleibt auf dieser Höhe. Bei jedem Flügelschlag berühren seine Flügelspitzen die unberührte Schneedecke auf seinem Weg im Slalom durch die Felsformationen hindurch. Wind und Wetter haben die schroffen Felswände geformt und ein natürliches Labyrinth aus Tunneln, Bögen und Klippen geschaffen. So elegant wie sich der Junge durch all diese Hindernisse schlängelt, mindestens genauso unelegant sieht es bei dem massigen Vogel aus. Der Bagono ist zu groß für die meisten Löcher und Spalten, weshalb er einfach seinen mächtigen Schädel gegen alles rammt, was ihm im Weg steht und so zu kleinen Steinbrocken verarbeitet.
„Uh.“ Eren verzieht schmerzverzerrt das Gesicht als er den Bagono dabei beobachtet. „Der wird morgen schlimme Kopfschmerzen haben.“
Er sieht wieder nach vorne. Gerade rechtzeitig, um den Kopf einzuziehen, die Schwingen anzulegen und unter dem nächsten Steinbogen durchzutauchen.
Sei vorsichtig.
Pass gefälligst auf wo du hinfliegst!
*Ja, ja.*
Eren wirft einen Blick zurück. Hinter ihm klingt es so als würde … nun ja … als würde ein Bagono die Landschaft umgestalten. Der Monstervogel kracht von einer Felssäule in die nächste, lässt dabei nur einen Geröllhaufen und aufgewirbelten Schnee hinter sich zurück.
„Oh“, seufzt der Junge gespielt traurig. „Das war so ein schöner Hinderniskurs für´s Flugtraining.“
Eine Weile ärgert er den Bagono, lässt ihn aufholen, nur um dann wieder einen Haken zu schlagen und ihm so immer knapp zu entkommen. Eren hat Spaß dabei, der Bagono eher weniger. Mit jedem vergeblichen Angriff wird er noch zorniger, noch rasender. Schon längst hat sein Kopf aufgehört seine Angriffsversuche zu lenken. Ob das viele gegen Steine rammen oder die Raserei schuld sind, kann man nicht sagen. Vermutlich beides zugleich. Schließlich fängt dieses einseitige Fangenspiel an das Kind zu langweilen, weshalb er beschließt, mal nach dem Stand seiner anderen Teammitglieder zu sehen.
Nur wenige Dagono kreisen noch in der Luft, die meisten sind Opfer des 27-Jährigen geworden. Auf dem Plateau wimmelt es nur so von ohnmächtigen Dagono, manche bluten auch oder liegen verdreht übereinander. Offensichtlich hat sich Viktor nicht ganz an die Vorschrift gehalten, keinen Vogel zu töten. Wirklich überrascht ist Eren aber nicht, er hat eigentlich genau das erwartet. Nur von dem Bienenmutanten fehlt jede Spur.
"Hat sich das Insekt doch noch fressen lassen?"
Verwundert dreht er eine Runde über dem Plateau auf der Suche nach dem stachelhaarigen Idioten. Dass der Bagono von dem Anblick seines Schwarms schockiert ist, gequält aufheult und dann noch entschlossener hinter Eren herjagt, gefolgt von den letzten Dagono, die sich um ihren Anführer scharen, bekommt er gar nicht richtig mit.
Bald entdeckt er doch einen Menschen. Nicht Viktor, sondern Carmen. Irritiert legt Eren den Kopf schief, bleibt aber auf Abstand, um sein ungebetenes Gefolge nicht auf das Mädchen aufmerksam zu machen. Was macht die denn hier oben? Die unausgesprochene Frage beantwortet sie bereits als sie bemerkt, dass Eren sie bemerkt hat. Die Blondine streckt beide Arme vor, zeigt auf den Boden, hebt dann die Daumen hoch, deutet anschließend auf Eren und danach in die Richtung, in der die Höhle des Grobämi liegt. Nachdem Eren verstehend genickt hat, verschwindet Carmen wieder im Nest der Dagono.
Endlich können wir hier weg.
Ja. Dann können sich die armen Dagono von unserem Besuch erholen.
Bis wir sie das nächste Mal aufmischen!
Eren steigt schnell höher, vollführt einen großen Looping und taucht mitten hinein in die Labyrinth-Schlucht neben dem Dagono-Plateau. Zumindest das, was davon übrig ist. Während er den darin hervorragenden Felsbrocken ausweicht, kontrolliert er immer wieder, ob auch alle flugfähigen Vögel hinter ihm her sind. Sobald auch der letzte in der Schlucht ist, hält er abrupt an und wirbelt zu den Monstern herum. Der Bagono ist ein weiteres Mal zu überrascht, um die Situation richtig zu verstehen. Die Dagono sind sowieso zu dumm. Eren streckt den Vögeln beide Handflächen entgegen.
„Bye-bye, ihr Hühnchen. Bis zum nächsten Mal“, verabschiedet er sich höflich.
Natürlich verstehen ihn die Monster nicht, aber das kümmert ihn nicht als er schnell die Arme zu beiden Seiten zurückzieht. In derselben Sekunde taucht wie aus dem Nichts eine riesige Rauchwolke auf, die die gesamte Schlucht ausfüllt. Überall kreischen die Monster auf, verlieren die Orientierung, prallen gegeneinander, fliegen gegen Felswände und Boden und greifen in ihrer Panik andere Dagono an. Der schwarze Rauch ist so dicht, dass man nicht sieht, was sich direkt vor den eigenen Augen befindet, außerdem betäubt er die Sinne, sodass es unmöglich ist zu sagen, wo oben und wo unten ist. Außer für Eren natürlich.
Der Junge ist in zwei Flügelschlägen aus der Schlucht heraußen. Mit verschränkten Armen begutachtet er sein Werk. Noch schöner als einen Kampf zu gewinnen, ist mitanzusehen wie sich die Gegner alle gegenseitig angreifen.
Nicht schlecht. Ich bin beeindruckt. Ein bisschen zumindest.
Ein ganz, ganz kleines schlechtes Gewissen meldet sich doch in seinem Kopf zu Wort. Die Stimme der hellen Seite, die sich vorwurfsvoll in seinen Gedanken räuspert.
Also wirklich. War das nötig? Du hättest sie auch anders abhängen können. Sie haben immerhin nur ihr Zuhause verteidigt.
„Ich hab jetzt echt keine Lust zu diskutieren.“ Glücklicherweise ist die helle Seite nicht so aufdringlich wie die andere. Sie schweigt (meistens), wenn man es ihr sagt.
Eren sieht sich noch ein paar Sekunden lang sein angerichteten Chaos an und macht sich dann zufrieden auf den Weg zurück zur Höhle. Gerade als er im Eingang landet, erscheint Igor aus dem Nichts am anderen Ende. Er sieht fertig aus, verschwitzt, außer Atem und rot im Gesicht. Carmen reicht ihm eine Flasche Wasser, die der Teamführer mit einem dankbaren Nicken annimmt und gierig davon trinkt. Viktor ist auch hier nicht zu sehen.
„Hey“, macht Eren auf sich aufmerksam. Er lässt die Flügel verschwinden und geht auf die Zwei zu. „Habt ihr genug Schalen bekommen?“
So wie es aussieht haben Carmen und Igor reiche Beute gemacht. Ein paar der grauen Säcke liegen kreuz und quer am Schlafplatz verteilt, andere sind ordentlich zusammengebunden, mit einem Etikett versehen und an der Wand aufgeschichtet. Igor nickt ihm lediglich grüßend zu, zu beschäftigt ist er damit die Flasche zu leeren und Sauerstoff in seinen Körper zu inhalieren.
„Mehr als genug“, antwortet Carmen erschöpft, aber stolz auf ihre Leistung. „Die werden eine Weile reichen.“
„Klasse. Dann können wir ja nach Hause.“ Eren schnappt sich einen der vollen Säcke, knoten diesen fest zusammen und macht sich daran dem Mädchen beim Verpacken und Beschriften zu helfen. „Übrigens, wo ist Viktor? Ist er doch zu Vogelfutter geworden?“
Die Blondine schüttelt den Kopf, zieht noch einmal am Seil und trägt den nächsten Sack an die Wand. „Nein. Der wartet bereits am Stützpunkt, um dort die Säcke für den Teleport vorzubereiten.“ Sie kehrt zurück und zieht den nächsten Sack zu sich heran. „Du solltest nett zu ihm sein. Er ist jetzt schon ziemlich stinkig, weil du ihn mit dem gesamten Schwarm allein gelassen hast.“
Gespielt empört zieht der Junge eine Grimasse. „Ich hab nur versucht ihn vor dem Bagono zu retten.“
„Ja, aber du kennst doch Viktor. Der kann sich über alles aufregen“, lacht Carmen kurz auf, rollt dabei mit den Augen. „Ich will nur einmal ohne weitere Zwischenfälle Zuhause ankommen. Bitte.“
Krankenbesuch
„Endlich fertig“, seufzt Carmen erschöpft, als sie den Sack voll Eierschalen hoch wuchtet und zur Teleportmaschine tritt. „Ab nach Hause. Ich brauche dringend eine Dusche. Und ein Bett.“
Eren stimmt ihr stumm zu. Er schnappt sich die beiden verbliebenen Säcke, die noch im Außenposten auf den Transport warten, und stellt sich vor die Maschine. Der Sog des Portals zieht bereits an ihm, dennoch bleibt er stehen, um sich ein letztes Mal prüfend umzusehen. Igor und Viktor sind bereits zurück im Bunker, all ihre Beute ist vollständig auf der anderen Seite angekommen. Jetzt fehlen nur noch die beiden Säcke, die in Erens Händen ruhen. Der Junge strafft die Schultern, schließt die Augen und folgt seiner Teamkameradin durch das Portal.
Zurück in ihrer eigenen Welt wird die Gruppe bereits erwartet. Der „Missionsraum 1“ sieht genauso aus, wie sie ihn verlassen haben. Na ja, abgesehen von den fehlenden Chipskrümeln. Sobald Eren im Bunker auftaucht, schaltet die Ärztin die Maschine ab. Das Brummen, Surren, Gluckern verstummt nach und nach und der magische, bunte Wirbel im Inneren verblasst, löst sich in kleine Lichtpartikel auf und der drückende Sog verschwindet.
„Willkommen zurück“, grüßt Dr. Ryu die Gruppe fröhlich. „Wie ich sehe, war eure Mission erfolgreich. Ihr habt ja einiges mitgebracht.“ Sie klappt ihr Tablet auf, während sie die Säcke durchzählt. Das Ergebnis notiert sie darin. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse? Ihr habt doch hoffentlich die Dagono am Leben gelassen, nicht wahr?“
„Lass mich bloß mit diesen Grillhähnchen in Ruhe!“, mault Viktor grummelig. Um seine miese Laune zu unterstreichen, lässt er all seine Ladung einfach da fallen, wo er gerade steht. Teilweise auf die Füße seiner Teamkameraden.
„Hey! Pass doch auf“, beschwert sich die Blondine sofort.
Igor schüttelt nur den Kopf. Er kennt seinen mürrischen Schüler und weiß, dass es egal ist, was er jetzt sagen oder tun würde. Viktor hat sich in seiner Wut festgefahren und die wird nicht so schnell verschwinden.
Eren dreht sich zu Viktor um, ein schelmisches Grinsen aufgesetzt. Auch ohne Dämoneneinfluss kann er sich nicht jeden Kommentar verkneifen. „Ach, komm schon, Viktor. Immer noch eingeschnappt, weil ich dich mit den zu groß geratenen Vögeln alleingelassen hab? Ich dachte, du packst die schon.“
Der junge Mann, dessen Gesicht schon wieder im Partnerlook zu seinen Haaren unterwegs ist, öffnet den Mund, aber es ist nicht seine Stimme, die neutral durch den Raum hallt.
„Hallo, Eren.“
Oh, oh.
Oh, oh.
Nur diese zwei Worte reichen aus, um das Lächeln aus Erens Gesicht zu fegen. Sein ganzer Körper versteift, seine Nackenhaare stellen sich auf und ein ungutes Gefühl nistet sich in seiner Magengrube ein. Auch wenn die Begrüßung beiläufig klang, Eren hat den tadelnden Unterton gehört. Irgendetwas passt dem jungen Mann schon wieder nicht.
Der Junge schluckt trocken, nimmt den Sack von der Schulter und wendet sich langsam zur Tür um. Dorthin, wo sein großer Bruder mit seinem typischen ausdruckslosen Gesicht steht. Diesmal trägt er lediglich eine einfache Jeans, ein T-Shirt und eine Sportjacke. Und natürlich sein buntes Bandana, das er sich um die Stirn gebunden hat. So wie er aussieht, kommt er direkt vom Training. Was seltsam ist. Eren hat Ajax noch nie ohne ihn trainieren sehen. Bisher waren sie aber auch noch nie getrennt auf Missionen unterwegs. Ob er auf ihn gewartet hat? Dieser Gedanke lässt den Knoten in seinem Bauch anwachsen, trotzdem zwingt er sich ein Lächeln ins Gesicht. Er darf keine Schwäche zeigen, keine Angst, keine Unsicherheit, gar nichts.
„Hallo, Ajax“, grüßt Eren eilig zurück, als ihm bewusst wird, wie viele Sekunden bereits verstrichen sind. „Bist du mit deiner Mission auch schon fertig?“
Der ältere Turano kneift für einen kurzen Moment warnend die Augen zusammen. Eren senkt den Blick. Offensichtlich hätte er die geheime Mission nicht erwähnen dürfen. Aber ihm hat keiner gesagt, dass die SO extrem geheim ist.
Ajax lässt seinen kritischen Blick über die restlichen Menschen im Raum schweifen, die verstummt sind, Augenkontakt meiden und ernste Gesichter aufgesetzt haben. Sogar Viktor weiß, dass man in Gegenwart von Ajax vorsichtig sein muss. Immerhin ist er der Stellvertreter der ganzen Organisation hier und noch dazu einer der Stärksten im Bunker. Eren kann sich gar nicht erinnern, seinen Bruder jemals einen Kampf verloren gesehen zu haben.
„Wie ich sehe, war die Mission erfolgreich.“ Der junge Mann kommt näher, die Hände hinter den Rücken gelegt. Erst einen Schritt vor Eren bleibt er stehen und fixiert diesen, wie ein Raubtier seine Beute. „Aber ihr kommt zu spät. Wieso?“
Eren wirft einen flüchtigen Seitenblick auf die Uhr, zieht irritiert die Augenbrauen zusammen. Der Kloß in seinem Magen dehnt sich aus. „Zu spät? Wir hatten bis heute Abend Zeit und hier sind wird.“
„Es ist kurz vor Mitternacht. Für mich ist das nicht mehr Abend, Eren.“
„Aber ...“, beginnt er, beißt sich schnell auf die Zunge, schluckt die Worte auf dieser hinunter, bevor sie sein vorlautes Mundwerk verlassen. Beschämt senkt der Junge den Kopf. Seiner Meinung nach, sind sie zwar immer noch im Zeitrahmen, aber es ist auch nichts Neues, dass Ajax die Dinge viel zu penibel sieht. „Ja, Ajax. Tut mir leid.“
„Hm.“ Forschend mustert Ajax jedes Muskelzucken seines jüngeren Bruders. Von der kleinen Bewegung seiner Finger, die sich fester um das Seil krümmen, mit dem der Sack zugebunden wurde, bis hin zu der kaum wahrnehmbaren, verärgerten Falte auf dessen Stirn. Nach ein paar Herzschlägen entspannt er dennoch sein Gesicht ein klein wenig als er fortfährt: „Über deine Bestrafung reden wir später. Vater will dich sehen. Jetzt.“
Erens Kopf schnellt nach oben, die blauen Augen entsetzt und überrascht geweitet. „Jetzt? Also sofort? Aber ich bin grade erst angekommen. Kann ich noch schnell duschen und mich umzie...“
Eine nicht gerade sanfte Ohrfeige lässt den Jungen verstummen. Sein Kopf wird zur Seite geschleudert, seine Haare fliegen mit, es beginnt in seinem linken Ohr zu pochen, zu piepen und seine gerötete Wange wird warm und pulsiert. Nicht sonderlich überrascht, aber dennoch perplex, blinzelt der Zwölfjährige seinen Bruder an. Auch die anderen Menschen wirken erschrocken, halten aber lieber den Mund. Das ist Familiensache. Nur Dr. Ryu dreht den Kopf weg.
„Wenn Vater dich sehen will, dann heißt das sofort. Das weißt du, Eren. Vater wartet nicht gerne. Ihr seid eh schon zu spät“, erläutert Ajax ruhig, so als wäre nichts gewesen.
Eren senkt den Kopf, damit sein Bruder nicht sieht, wie sich sein Kiefer anspannt. Es ist nicht die erste und sicher nicht die letzte Ohrfeige, die er von Ajax erhält. Er hat sich sogar noch zurückgehalten. Für seine Standards. Teilweise lag er auch schon bewusstlos am Boden, ist mit Blut im Mund am Fuß einer Klippe aufgewacht oder hat sich in einem Zimmer ohne Fenster oder irgendeiner Lichtquelle wiedergefunden, angekettet wie ein ungehorsamer Hund.
Trotzdem schafft es der 12-Jährige seine Stimme ruhig klingen zu lassen. „Ja, natürlich, Ajax. Tut mir leid.“
„Das besprechen wir auch später. Und jetzt komm.“ Ajax wendet sich ab und verlässt mit zügigen Schritten den Missionsraum.
Eren lässt die Säcke voll Eierschalen an Ort und Stelle liegen, um so schnell wie möglich seinem großen Bruder zu folgen. Nicht, dass diesem noch mehr Strafen einfallen. Vergisst sogar komplett, sich von seinem Team und Dr. Ryu zu verabschieden. Daher nimmt er auch keinerlei Notiz von den mitleidigen, geschockten, entsetzten oder schadenfrohen Blicken, die ihnen hinterhergeworfen werden.
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Den ganzen Weg bis zur schweren Tür von Benedikt Turanos Büro im Anwesen legen die Brüder schweigend zurück. Eren ist das nur recht. So hat er Zeit sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Eines ist sicher, es wird keine spontane Mitternachtskuchenparty werden. Schade eigentlich.
Der Junge wird sehr selten in das Privatbüro gerufen. Das macht das Timing noch nervenaufreibender. Was könnte so dringend sein, dass es nicht bis morgen warten kann? Bekommt er jetzt Ärger, weil er etwas zu spät dran war? Aber das ist nicht seine Schuld! Igor hat ewig gebraucht mit seinen Teleportationen! Da kann er doch nichts dafür!
Der geballte Knoten in seiner Magengrube drückt allmählich gegen seine Lungen, was sich bei jedem Atemzug bemerkbar macht. Nach außen hin trägt er sein perfektioniertes Pokerface, als Ajax an der Tür klopft und diese nach einem „Herein“ öffnet. Wie alles in diesem Anwesen wirkt das Büro pompös und teuer. Das Zimmer liegt in Dunkelheit gehüllt, lediglich eine kleine Tischlampe spendet etwas Licht und malt unheimliche Schatten auf die Bücherregale an den Wänden. Herr Turano selbst sitzt hinter dem riesigen Schreibtisch. Er sieht auf als die beiden eintreten, lächelt, erhebt sich und geht um den Tisch herum, um sich davor gegen diesen zu lehnen.
„Da seid ihr ja endlich. Wie lief die Mission, Eren? Ich nehme an, sie war erfolgreich?“ Die Fragen klingen zwar freundlich, aber Eren kennt den versteckten Unterton dahinter. Wieso machen sich die beiden überhaupt noch die Mühe, ihre wahre Stimmung zu verbergen? Eren wittert doch ohnehin jeden Ärger, Zweifel, Missfallen. Tja, wie auch er selbst, haben auch sein Bruder und Vater ihr Pokerface perfektioniert. Die Gewohnheit lässt sich nicht so leicht an- und ausschalten.
„Hallo, Vater." Der Junge bleibt in der Mitte des Raumes stehen. "Ja, wir haben gut zehn volle Säcke mitgebracht.“
„Hm. Nicht ganz so viele wie ich dachte“, gesteht Turano, trotzdem heben sich seine Mundwinkel zufrieden. „Trotzdem, ausgezeichnete Arbeit, mein Sohn. Vielleicht darfst du bald wieder auf eine eigene Mission gehen.“
„Danke, Vater.“ Eren lächelt ehrlich erfreut über das Lob, das nur minimal von der allgemeinen Stimmung getrübt wird. Der Knoten in seinem Inneren schrumpft endlich ein Stück. Doch das ist noch kein Grund, um aufzuatmen. Das höfliche Geplänkel ist keinesfalls der Grund, weshalb er so spät noch herbestellt wurde. Nach einem kurzen inneren Konflikt, und weil zwischen Ajax und seinem Vater irgendeine stumme Unterhaltung abzulaufen scheint, stellt er doch die Frage laut, die ihm auf der Zunge liegt. Hauptsächlich, um das Gespräch ein wenig zu beschleunigen. Er will ins Bett. Er muss schon seine Kraftreserven benutzen, um nicht zu gähnen. „Ähm, Vater? Warum bin ich hier?“
Eren spürt deutlich den missbilligenden Seitenblick seines Bruder, behält die Aufmerksamkeit jedoch auf seinen Vater gerichtet, der die Arme vor der Brust verschränkt. In seinem Gesicht kann der Junge keine Hinweise finden. Er sieht so verschlossen aus wie immer.
„Nun, ich hab eine neue Aufgabe für dich“, klärt ihn Herr Turano ohne weitere Umschweife schließlich auf.
Haben die Beiden schon mal was von „Freizeit“ gehört?!
Je mehr Aufträge wir erhalten, desto mehr vertrauen uns Vater und Ajax. Das ist fantastisch!
Der 12-Jährige versucht sein Gesicht nicht genervt zu verziehen. Eine neue Mission? Jetzt schon?! Er durfte sich noch nicht einmal umziehen! Er vergräbt seine verlängerten Krallen im Ärmel der dicken Winterjacke, um seinen Ärger zu überspielen. „Was für eine Aufgabe?“
„Du wolltest doch wissen, was meine Mission war“, übernimmt Ajax zu erklären. Er sieht nicht so aus, als wäre diese zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Er grummelt sogar einen unterdrückten Fluch. „Ich sollte jemanden aus dem Weg räumen. Wen ist nicht wichtig, wichtig ist nur, dass mir die Polizei in die Quere gekommen ist.“
Ajax wirkt ziemlich zerknirscht. Eren ist deswegen umso überraschter. Hat Ajax überhaupt schon mal eine Mission nicht erfüllt? Mit erstauntem Gesicht sieht er den jungen Mann an, der mit den Fingern auf seinen Oberarmen trommelt und dabei aus dem Fenster sieht, als wäre er kurz woanders.
„Die Zielperson wurde ins Krankenhaus von Haikla City gebracht und wird jetzt dort polizeilich überwacht“, fährt Herr Turano fort, entknotet seine Arme und klammert sich stattdessen an die Tischkante. Er ist genauso frustriert. Das muss ja eine wichtige Zielperson sein. Gut, es handelt sich auch um den Auftrag einer langjährigen Stammkundin. „Da wir Frau Russo nicht enttäuschen wollen, werdet ihr die Mission dort zusammen beenden.“
„Moment“, unterbricht Eren seinen Vater, weshalb er mal wieder böse angefunkelt wird. Er ignoriert es. „Haikla City? Ich dachte, wir erledigen keine Missionen in der Stadt?“
„Das ist korrekt, jedoch ist Frau Russo eine unserer lukrativsten Einnahmequellen. Die dürfen wir nicht verlieren. Das wäre schlecht für´s Geschäft und unseren Ruf. Deshalb machen wir eine Ausnahme. Und deshalb ist es noch wichtiger, nicht aufzufallen oder irgendwelche Hinweise auf uns zu lenken. Verstanden?“, verlangt der Geschäftsmann eindringlich mit durchbohrendem Blick.
Eren nickt ohne zu zögern. „Verstanden, Vater.“ Als würde ich den Bullen mit Absicht sagen, was wir alles schon verbrochen haben. Die würden mir das doch eh nicht abkaufen.
Ajax hat sich mittlerweile wieder von seiner mentalen Reise zurück in die Gegenwart bewegt. „Ich hab schon einen Plan ausgearbeitet, wie wir die Sache durchziehen werden. Die Details erkläre ich dir morgen auf dem Weg zum Zielort.“
Morgen. Der Junge unterdrückt ein erleichtertes Seufzen. Also hat er doch noch etwas freie Zeit. Außer natürlich, Ajax hat diese bis dahin auch verplant. Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Aber Herr Turano hat zum Glück einen seiner seltenen fürsorglichen Momente. Er schickt den Jungen kurz darauf in sein Zimmer. Eren nimmt das Angebot nur zu gerne an. Er nutzt die paar Stunden, um zu duschen, die benutzten Missionssachen an die Angestellten weiterzugeben und sich für das bevorstehende Attentat im Krankenhaus ihrer Heimatstadt vorzubereiten.
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Bis die Brüder zu ihrer Mission aufbrechen, steht für Eren sein gewöhnliches Trainingsprogramm auf dem Plan. Allerdings mit kleinen spontanen Änderungen. Anstatt an seiner Ausdauer zu arbeiten, solle er seine Fähigkeiten nutzen, damit beide Male bis Missionsbeginn so weit geschrumpft sind, sodass sie unter Alltagsklamotten nicht mehr auffallen.
Pünktlich um neun Uhr sitzen Eren und Ajax im grauen Ford Mustang auf dem Weg ins Krankenhaus von Haikla City. Anders als bei den bisherigen Aufträgen ist Eren ausnahmsweise wie ein gewöhnlicher Junge angezogen, ohne besondere Missionskleidung oder Waffen oder Ausrüstung oder sonst was. Nur einen dünnen dunkelblauen Pullover, ein schwarzes T-Shirt darüber, eine blaue Jeans und Turnschuhe. Der 12-Jährige kann an einer Hand abzählen, wie oft er schon so normal ausgesehen hat. Es ist ungewohnt, aber auf eine gute Art.
Ajax hat ihm bereits von seinem Plan erzählt. Er ist zwar gut und durchdacht, aber auch riskant. Besonders tagsüber, unter so vielen Leuten und in der Nähe der Polizei. Wenn etwas schief geht oder sie mit dem bevorstehenden Mord irgendwie in Verbindung gebracht werden können, dann wäre die Geheimorganisation nicht länger geheim und sie landen alle im Knast. Aber darüber macht sich Eren keine Sorgen. Die Polizei ist im Vergleich zur Bunkerarmee nicht mehr als ein paar Kleinkinder mit Wasserpistolen. Abgesehen davon, haben die Brüder schon so viele Aufträge übernommen und nie ist etwas schief gegangen. Ajax sorgt dafür. Er ist ja nicht ohne Grund der Beste. Allerdings ist dies die erste Mission, die in ihrer Heimatstadt zu erledigen ist. Besonders Ajax´ Gesicht ist hier nicht unbekannt. Doch dafür gibt es eine einfache Lösung.
Das Krankenhaus liegt ein Stückchen außerhalb der Stadt, umringt von Feldern und einem Wald. Ein friedliches Plätzchen für die Patienten, um sich in Ruhe zu erholen, ohne ständig den Verkehrslärm im Ohr zu haben. Ajax parkt den Wagen im Parkhaus auf der untersten Etage, direkt gegenüber der Ausgangsschranke, die Schnauze bereits ausgerichtet. So können sie nachher schneller vom Tatort fliehen. Eine von vielen Ajax-Lektionen: Halte immer einen Fluchtplan bereit.
Sobald der Motor verstummt, löst Eren den Sicherheitsgurt und will aussteigen, wird jedoch von Ajax zurückgehalten. „Du weißt was zu tun ist, ja?“
„Ja, keine Sorge. Ich schaffe das“, versichert Eren zuversichtlich. „Ich hab schon kniffligere Missionen gemeistert. Vertrau mir.“
Bevor sein Bruder noch mehr sagen kann, springt der Junge aus dem Auto und schließt schwungvoll die Tür. Mit den Händen in den Hosentaschen marschiert er los zum Treppenhaus, das ins Innere des Krankenhauses führt. So natürlich, so unscheinbar, so ungefährlich wie möglich. Alles für die Kameras.
Es sind nur eine Handvoll anderer Autos auf dieser Etage, dennoch ist der Abgasgestank enorm. Eren rümpft angeekelt die Nase, die er sich am liebsten zuhalten würde, aber das würde nur unnötig Aufmerksamkeit auf ihn ziehen. Nicht jeder nimmt Gerüche so intensiv wahr wie er. Im Treppenhaus riecht es sogar noch ekelhafter. Hier vermischt sich der Abgasgestank mit dem typischen sterilen Krankenhausduft. Dieser Mischmasch treibt Eren Tränen in die Augen, die er durch häufiges Blinzeln zurückdrängt.
Schnell sprintet er immer drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf und flüchtet durch die Metalltür mit der Aufschrift „Etage 03“. Hinter der Tür bleibt er kurz stehen, um sich zu orientieren. Obwohl er schon sein ganzes Leben in Haikla City lebt, war er noch nie im Krankenhaus. Das war bisher auch nicht nötig. Immerhin haben die Turanos ihre privaten Ärzte, ein eigenes Labor und Patientenzimmer. Und seine Heilkräfte sind zu gut, um überhaupt die Hilfe von Ärzten in Anspruch nehmen zu müssen.
Das Stockwerk ist in hellen Farbtönen gehalten, damit es freundlicher wirkt. Die Wände sind halb hellgrün und halb hellblau gestrichen, dazu mit bunten Blümchen bemalt, sodass es einer Blumenwiese im Sommer ähnelt. Selbstgemalte Bilder oder Naturfotos hängen abwechselnd links und rechts an den Wänden. Irgendwie kitschig, aber es erfüllt seinen Zweck die Illusion einer freundlichen, sicheren Umgebung zu schaffen. Krankenpfleger, Ärzte, Besucher und Patienten sind auf dem Gang unterwegs. Ein paar von ihnen lächeln Eren sogar an, als sie an ihm vorbeigehen. Eren erwidert die höfliche Begrüßung mit einem Kopfnicken und leichtem Lächeln. Alles für die Kameras.
Gegenüber dem Treppenhaus ist ein Plan der Etage zu finden. Schnell hat Eren das Zimmer mit der Nummer 308 gefunden, biegt nach rechts ab und folgt den weiteren Beschriftungen. Mit dem Zielort vor Augen, lässt er sich mehr Zeit als nötig. Er will sich jeden Winkel ansehen, die Menschen, die Einrichtung, das Treiben, einfach alles. Immerhin ist er das erste Mal in einem Krankenhaus und findet es interessant zu erfahren, wie sich normale Menschen behandeln lassen, wenn ihnen keine Privatärzte mit selbst entwickelten Medikamenten zur Verfügung stehen.
Niemand schenkt dem Kind wirklich große Aufmerksamkeit, niemand hält ihn auf, niemand ahnt, was er im Begriff ist zu tun. Oder bei was er im Begriff ist Beihilfe zu leisten. Erst als er den kurzen Gang erreicht, in dem die Zimmern 308 und 309 liegen, wird er angesprochen. Am Ende sitzt ein Polizist in Berufsbekleidung auf einem simplen Klappstuhl, der sicher im Normalfall nicht dort zu finden ist. Als Eren um die Ecke biegt erhebt sich der Mann und baut sich vor der Tür auf, behält jedoch ein freundliches Gesicht. Schließlich ist Eren nur ein Kind in seinen Augen.
„Hallo. Hast du dich verlaufen? Hier ist Zutritt verboten, Junge“, erklärt der Mann leicht lispelnd. Er hat einen buschigen Schnurrbart und nur noch wenige schwarze Haare am Kopf. Sein Hemd spannt sich über den leichten Bierbauch.
Eren nimmt die Hände aus den Hosentaschen und setzt sein bestes Unschuldsgesicht auf als er in der Mitte des Ganges stehen bleibt. „Hallo. Tut mir leid Sie zu stören, Herr Polizist, ich wollte Sie nur etwas fragen.“
Überrascht, doch keinesfalls skeptisch, hebt der Polizist eine Augenbraue. „Ich hab leider keine Zeit für Fragen, Kleiner. Ich muss arbeiten.“
Kleiner! Wie er es hasst so genannt zu werden! Trotzdem behält er sein Lächeln auf und ärgert sich nur innerlich. „Bitte. Es dauert auch nicht lange und danach lasse ich Sie in Ruhe. Versprochen.“
Ergeben seufzt der Mann und nickt. „Also gut. Was willst du denn wissen?“
„Eigentlich ist es eher eine Bitte“, gesteht Eren und spielt nervös mit seinen Fingern. „Meine kleine Schwester liegt hier ganz in der Nähe und sie bewundert Polizisten. Sie will selbst eine Polizistin werden, wenn sie groß ist.“ Jetzt noch ein bisschen auf die Tränendrüse drücken und der Mann ist Wachs in Erens Händen. „Wissen Sie, sie hat sich bei einem Autounfall die Wirbelsäule verletzt und sitzt jetzt im Rollstuhl.“ Tränen sammeln sich in den blauen Augen, die den Mann mitleidig das Gesicht verziehen lassen. „Ich würde sie gerne aufmuntern. Würden Sie kurz zu ihr gehen? Bitte? Lilly würde es so viel bedeutet einen echten Polizisten zu treffen. Besonders jetzt, wo sie wahrscheinlich selbst keine mehr werden kann.“ Eren schnieft und wischt sich eine Träne von der Wange. „Bitte?“