The Oath Before Ruin
*~* Prolog – The Oath Before Ruin *~*
Die Nacht war hereingebrochen. Ein kühler Wind wehte durch die leeren Straßen der altertümlichen Stadt. Leises Grollen zog sich durch die Stille, während in der Ferne kleine Blitze durch den Himmel tanzten. Ein Unwetter bahnte sich an, doch das schien an diesem Abend niemanden zu interessieren. Die meisten Menschen schliefen bereits und würden das Wetterphänomen nur beiläufig mitbekommen, während sie sich in ihren Häusern sicher fühlten. Das Jaulen eines Hundes schallte durch die Gassen. Es schien eine friedliche Nacht zu werden. Die Stille wurde jedoch jäh unterbrochen, als ein markerschütternder, schriller und sehr lauter Schrei ertönte. Einen Moment später krachte mit lautem Donnern ein greller Blitz in einen der unzähligen Straßenzüge und ließ die Menschen in seinem Umkreis erschrocken aus den Betten schrecken. Überall in unmittelbarer Nähe leuchteten Kerzen in den Fenstern auf, an welche die Bewohner traten, um sich zu vergewissern, was dieser grelle Blitz zu bedeuten hatte. Irritiert blickten sie gen Himmel und mussten feststellen, dass sich das Gewitter noch in weiter Ferne befand, während das Firmament über ihren Köpfen noch immer sternenklar war. Sie alle trieb die Frage um, woher der Blitz so plötzlich gekommen war. Doch die Antwort blieb ihnen schuldig, weshalb sich die meisten von ihnen nach einiger Zeit wieder zurückzogen.
Lautes Klappern ließ die Einwohner einige Zeit später wieder aufhorchen und die, die sich bereits wieder schlafen legen wollten, zurück an die Fenster kehren. Gebannt war ihre Aufmerksamkeit auf die Straßen unter sich gerichtet, durch welche nun ein Fackelzug schwebte. Von allen Seiten traten mehrere Soldaten heran; genau auf den Straßenzug zu, in welchem sich vor wenigen Minuten das merkwürdige Phänomen abgespielt hatte. Lautes Hämmern war zu vernehmen, weshalb sich die Leute weiter aus dem Fenster lehnten, um besser sehen zu können. Doch egal wie sehr sie sich auch streckten, ihre Sicht wurde durch die umstehenden, hohen Bäume versperrt. Holz zerbarst, als die Soldaten das schwere Tor mit Gewalt öffneten, da auf ihr drängendes Klopfen niemand reagierte. Mit klappernden Rüstungen betraten die Krieger das große Anwesen und durchsuchten die dort befindlichen Gebäude. Doch davon bekamen die Menschen rund herum nichts mehr mit.
Ein kräftiger Mann mittleren Alters mit grau meliertem Vollbart betrat nun ebenfalls das Anwesen und sah sich in der stillen Dunkelheit um. Seinen wachsamen Augen entging nicht das kleinste Detail und doch konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Obwohl noch vor wenigen Minuten ein Blitz in genau dieses Anwesen eingeschlagen war, so konnte er keine Spur eines Einschlages entdecken. Hatte er sich getäuscht und war der Blitz gar nicht hier eingeschlagen? Doch vom Palast aus, welcher sich erhöht in der Mitte der, in einem Kreis gebauten, Stadt befand, hatte er genau erkennen können, dass dieses Anwesen betroffen war. Auch der Schrei, welchen man durch die ganze Stadt hatte vernehmen können und welcher ihn auch erst dazu veranlasst hatte in diese Richtung zu blicken, konnte nichts Gutes verheißen. Zumal dieses Gut eine besondere Rolle in der Stadt spielte.
„Kommandant, es ist schrecklich!“, ein verschreckter, junger Soldat kam auf ihn zu gerannt, dessen Gesicht selbst in dieser Dunkelheit fahl, ja gar weiß, wirkte.
Der ältere Mann richtete seinen Blick auf den Burschen und setzte sich dann in Bewegung, während er sich von seinem Gegenüber durch die Gebäude führen ließ. Wenige Minuten später betraten sie einen großen Innenhof, in welchem sich die meisten seiner Untergebenen versammelt hatten. Doch kaum war er zu ihnen getreten, verschlug es ihm die Sprache. Die Gesichter seiner Soldaten waren durchweg so weiß, wie das des jungen Mannes kurz zuvor. Selbst die Kampf- und Kriegserfahrenen unter ihnen wirkten verstört von dem, was sie zu sehen bekamen. In ihren Mienen spiegelte sich Entsetzen und Unverständnis. Einige hatten sich vor Ekel sogar übergeben müssen und lehnten nun an der Wand. Was konnte nur so schrecklich sein, dass es selbst seinen erfahrenen Soldaten die Sprache verschlug?
„Seht dort, Kommandant“, erklang wieder die Stimme des jungen Burschen, welcher, den Blick abgewandt, auf einen Fleck mitten auf dem reich verzierten Hof zeigte.
Der Befehlshaber folge dem Zeig und zog einen Moment später scharf die Luft ein. Eine schwarze Flüssigkeit hatte sich über den gefliesten Marmorboden verteilt. In der Luft schwebte ein schwerer eisenhaltiger Gerich. Bereits beim Betreten des Hofes war ihm dieser aufgefallen, doch er hatte ihn nicht für voll genommen. Nun jedoch wusste er, woher er kam und er wusste auch sofort, um welche Flüssigkeit es sich dabei handelte: Blut. Viel Blut. Auch die Quelle dieses Massakers war schnell gefunden, als der Blick des Mannes auf einen dunklen Haufen fiel. Schwer schluckend setzte er sich in Bewegung und ließ sich eine Fackel bringen, um zu sehen, worum es sich dabei handelte; wobei er jedoch schon eine böse Vorahnung hatte. Das helle Licht beschien ein bleiches Frauengesicht mit weit aufgerissenen, dunkelbraunen Augen. Ihre dunkelblauen, im Schein der Fackel türkis wirkenden, langen Haare fielen ihr durcheinander über das Gesicht und den geschändeten Körper. Das weiße Leinengewand war rot getränkt von den klaffenden Wunden in ihrem Bauch, dem Rücken und ihrer Schulter. Noch einmal schluckte der Kommandant schwer und kniete sich zu der jungen Frau hinunter, deren Alter er auf Ende zwanzig schätzte. Mit zwei Fingern schloss er ihre Augen, bevor er ein Stoßgebet an die Götter sandte. Das hier war ein einziges Gemetzel. Wer tat so etwas nur?
Ein Schluchzen ließ die Anwesenden aufschrecken, woraufhin sofort ein Raunen durch die Reihen der Soldaten ging. Einige von ihnen redeten vom Geist der Verstorbenen, welcher nun nach Rache dürstete, doch ihr Kommandant mahnte sie alle zur Ruhe. Vorsichtig, um nicht auf dem Blut auszurutschen, erhob er sich und lauschte in die Stille, in der Hoffnung das Schluchzen noch einmal zu vernehmen. Und tatsächlich erklang es erneut. Der alte Mann sah sich um und folgte dem Geräusch, das ihn zu einem Absatz führte, welcher ihm bis zur Hüfte reichte und an welchem eine Treppe hinauf ins Haus führte. Wieder lauschte er, bevor er sich herunterbeugte und unter den Absatz schaute. Mit der Fackel leuchtete er in die Dunkelheit und erkannte einen kleinen Körper, der zusammengekauert auf dem Boden saß; dabei weinend das Gesicht auf seine Arme gelegt, die er um seine an den Körper gezogenen Knie schlang. Es handelte sich dabei um einen kleinen Jungen mit zerzaustem Haar, welches im Schein des Lichtes irgendwo zwischen Schwarz und türkisblau glänzte. Auch sein Gesicht und seine Kleidung war voller Blut. Erschrocken wich er zurück, als der alte Kommandant tiefer in die Knie ging und nach ihm greifen wollte, während er diesen mit großen Augen anstarrte. Dabei wich sogar der Mann etwas zurück, als dieser dabei in die hellen, türkisblauen Iriden des Jungen blickte. Doch nicht die Farbe war es, die ihn erschrecken ließ, sondern die Form der Pupillen, welche sich nur schmal, ja gar fast nur als dünner Strich, abbildeten. So etwas hatte er bisher nur ein einziges Mal gesehen. Damals, als er gegen einen wildgewordenen Numina(*) kämpfen musste, welcher die Form eines Drachen angenommen hatte.
Ein Blitz erhellte das Geschehen, gefolgt von einem lauten Donnern. Der Wind frischte auf und nahm zu, während vereinzelte Tropfen ihren Weg gen Boden fanden und in kürzester Zeit zu einem energischen Schauer heranwuchsen. Doch all das interessierte den Kommandanten nicht, welcher immer noch das Kind vor sich anstarrte.
Ein weiterer Blitz erstrahlte, gefolgt von lautem Donner, der über das Areal schallte. Das Unwetter hatte die Stadt erreicht…
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When the City Still Breathed
*~* 01 – When the City Still Breathed *~*
Wie ein sanfter Schleier legte sich der Morgen über Atlantis, das sagenumwobene Land, das jenseits der Säulen des Herakles lag und für seine konzentrische, kreisförmige Struktur bekannt war, die aus sich achselnden Land- und Wassermassen bestand. Umgeben von Wasser, hatte es eine der mächtigsten Seeflotten, sodass kein anderes Land es jemals wagte seine Hände danach auszustrecken. Seine seltenen Bodenschätze sorgten für Wohlstand und regen Handel. Es war ein Paradies für jene, die ein Teil dessen Gesellschaft waren.
Die ersten Sonnenstrahlen brachen durch die schmalen Gassen der Hauptstadt, die den gleichen Namen trug, wie das Land auf dem sie gebaut wurde, und tauchten die hellen Steinfassaden in ein warmes Gold. Laut kreischend zogen vereinzelte Möwen ihre Kreise über den Dächern, während vom Hafen her das noch verhaltene Treiben der Händler herüberwehte. Schnell jedoch wurde es zu lautem Rufen, mit dem sie alle ihre neusten Waren anpriesen und damit die ersten Bewohner aus ihren Häusern lockte. Deren feilschende Stimmen mischten sich bald darunter, sodass ein rauschendes Stimmengewirr entstand, das vom Rauschen des Meeres immer wieder unterbrochen wurde. Nach und nach erwachte die Stadt zum Leben und der tägliche Alltag der Bewohner begann – ruhig und friedlich.
Auf dem großen Übungsplatz nahe der äußeren Mauer, die sich genau in entgegengesetzte Richtung des Hafens befand, war von dieser Ruhe nur wenig zu spüren. Metall traf auf Metall und gab ein klirrendes Geräusch von sich. Schwerter sausten durch die Luft und der trockene Sand wurde von unzähligen Stiefeln aufgewirbelt. In mehreren Reihen standen sich jeweils zwei bis drei Soldaten gegenüber, dabei ihren jeweiligen Übungsgegner für diesen Tag genau im Blick behaltend und jede noch so kleine Bewegung beobachtend. Immer wieder stießen sie ihre Schwerter aufeinander. Auch wenn es sich hierbei nur um eine Übung handelte, so waren die sie untereinander nicht zimperlich miteinander, denn immer schwang der Gedanke mit, dass dies auch der Ernstfall sein könnte, in dem sie ihr Land beschützen mussten. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und präzise. Nichts darin war überflüssig und kraftverschwendend. Sie wussten genau was sie taten und doch lag über all dem eine Stimme. Ruhig. Klar. Unmissverständlich.
„Haltet die Linie. Last keine Lücken entstehen“, hallte die Timaeus‘ tiefe Stimme über den Platz.
Mit ruhigen Schritten ging er die Reihen vor sich ab, dabei ein wachsames Auge auf jede Bewegung seiner Untergebenen. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick aufmerksam. Keine Geste war überflüssig, kein Wort zu viel. Er wirkte beinahe wie ein Teil der Ordnung, die er aufrechthielt. Als wäre er selbst ein Element dieser militärischen Disziplin geworden. Seine schlichte, türkisblaue Offiziersrüstung, an der keine prunkvolle Verzierung und unnötige Abzeichen zu finden waren, glänzte in der morgendlichen Sonne.
„Achtet genau auf eure Bewegungen. Beobachtet euren Gegner. Lasst ihm keine Lücke zum Angreifen.“
Die Männer verstanden sofort und passten sich an. Keiner zögerte oder widersprach. Jeder folgte seinem Befehl. So wie immer. Sie respektierten ihn, gehorchten ihm. Manche fürchteten ihm und andere schenkten ihm Bewunderung. Doch sie alle einte, dass sie gebührenden Abstand zu ihm hielten. Keine von ihnen würde es jemals wagen ihn einfach so anzusprechen, mit ihm auf Augenhöhe zu reden. Ihn auch als Menschen der Stadt zu sehen, anstatt nur als Kommandanten, als legendären Soldaten, der einen sagenhaften Aufstieg hinter sich hatte. Ihm war bewusst, dass es nur natürlich war, dass ihm unterstellte Soldaten niemals auf die Idee kommen würde, ihn als einen von ihresgleichen anzusehen. So war das nun einmal mit den Standesunterschieden, doch die allein waren eben nicht der Grund, für das zurückhaltende Verhalten seiner Untergebenen. Das wusste er. Ein leichter Wind strich über den Platz, verfing sich in seinen türkis glänzenden schwarzen Haaren und den silbergrauen Strähnen seines Ponys und ließ seinen dunkelblauen Umhang an seinen Schultern flattern. Für einen kurzen Moment hob er den Blick, seine Augen leicht von Wehmut überschattet, und ließ diesen über die Stadt schweifen. Über den Tempel des Poseidons, der sich in der Mitte der Stadt befand, den darunter befindlichen Palast, die vielen Wasserwege, die sich über die einzelnen Ebenen zogen, die Wohnhäuser der Adligen und die der einfachen Leute. Im Hintergrund bildete sich das glitzernde Meer ab, dessen sanftes Rauschen trotz der Entfernung zu hören war. Ein Geräusch, dass seinen leicht aufgebrachten Geist wieder zur Ruhe brachte.
Atlantis ist schön.
Ja, das war es. Für ihn war es die schönste Stadt überhaupt. Er hatte auf seinen Reisen schon viele andere Länder und Städte gesehen, doch keine hatte eine solche Anziehungskraft, eine solche anmutige Schönheit, wie diese. Und er war eigentlich ein Teil dieser wunderschönen Stadt. Doch obwohl ihm das bewusst war, so war er sich selbst sicher, niemals so ganz dazu zu gehören. Ja, nicht nur seine Soldaten nahmen Abstand zu ihm, auch er bewahrte eine gewisse Distanz zu jedem, der versuchte ihm näher zu kommen. Nicht, weil mit anderen Menschen nichts zu tun haben wollte. Nicht, weil er nicht mit anderen Menschen auskam. Sondern um seiner selbst willen. Denn die, nach außen hin, starke Fassade bröckelte leicht. Nicht nur einmal, nein, unzählige Male musste er die Abneigung, die Angst, den Schrecken in den Augen seines Gegenübers erkennen, sobald sie es wagten in die seine zu blicken. Sie waren geprägt von etwas, das er selbst als Fluch bezeichnete, der seit vielen Jahren auf ihm lag. Seine türkisblauen Augen, deren schmale Pupillen denen eines Drachen ähnelten und damit beinahe jedem in seiner unmittelbaren Nähe Angst und Respekt einflößten, waren schuld daran, dass er begonnen hat, die Menschen zu meiden. Mit ihnen nur noch so viel in Kontakt zu treten, wie nötig, und vor allem niemanden tiefer in sein Herz zu lassen. Dieses Erbe, das er sich nie gewünscht hatte, das Geheimnis, das er nicht verbergen konnte… er hasste es und doch wusste er, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als mit ihnen zu leben. Ein einsames Leben, dass zuweilen nur aus seinen Pflichten bestand. Er wandte seinen Blick gen Himmel und bedeckte seine Augen mit dem rechten Arm, um sie vor der Sonne zu schützen, die mittlerweile schon höher stand und damit ihre angenehme Wärme ausstrahlte. Mit einem tiefen Seufzen schloss er die Augen und schüttelte den Kopf, als wolle er versuchen, das Offensichtliche zu verdrängen.
„Du wirkst erschöpft“, erklang eine Stimme von seiner Seite.
Timaeus schlug die Augen wieder auf und wandte sich um, woraufhin er in das vertraute Gesicht von Kritias schaute. Der groß gewachsene Krieger vom gleichen Rang, mit den goldblonden Haaren, die im Sonnenlicht schimmerten, schenkte ihm ein betroffenes Lächeln. Seine dunkelblaue Rüstung glänzte in der Sonne und gab bei jeder Bewegung einen leicht metallenen Klang von sich. Neben ihm stand Hermos; die Arme vor der Brust verschränkt und mit einem leichten, spöttischen Lächeln auf den Lippen. Sein braunes strubbeliges Haar hing ihm tief in die goldbraunen Augen, die dadurch jedoch nichts von ihrer Offenheit verloren. Er setzte sich in Bewegung und blieb kurz darauf direkt vor Timaeus stehen, wobei auch seine rote Rüstung ein leichtes Scheppern von sich gab – das breite Grinsen noch immer im Gesicht.
„Es wird Zeit für Urlaub. Was?“, fragte er anschließend.
Ein kaum merkliches Zucken ging über Timaeus‘ Mundwinkel, das jedoch schneller wieder verschwand, als man es überhaupt registriert hatte. Seine Disziplin seinen untergebenen gegenüber verbat es ihm hier solche Emotionen zu zeigen, selbst wenn er über das Auftauchen der beiden Krieger, deren Rang seinem glich, eigentlich froh war. Auch wenn er vehement versuchte, andere nicht an sich heran zu lassen, so hatten es die beiden geschafft, dass er sich ihnen gegenüber etwas geöffnet hatte. Ja, er würde sie sogar als seine Freunde bezeichnen. Seine einzigen Freunde. Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, damals noch als einfache junge Soldaten, hatten sie gespürt, dass es etwas gab, das sie verband. Nicht nur eine ähnliche Vergangenheit. Nein. Da gab es noch etwas Tieferes, was zwischen ihnen eine Verbundenheit hatte entstehen lassen, die es sogar schaffte, die Mauer einzureißen, die Timaeus über viele Jahre aufgebaut hatte. Sie waren mittlerweile wertvolle Gefährten für ihn, denen er blind vertrauen konnte.
„Wohl kaum“, antwortete der Schwarzhaarige nach einer kurzen Pause ruhig.
Kritias schmunzelte: „Du solltest dir wenigsten ein paar Tage ruhe gönnen. Selbst Kommandanten dürfen atmen.“
Timaeus ließ den Blick wieder über die Soldaten schweifen, die noch immer mit ihren Übungen beschäftigt waren, auch wenn er bemerkte, wie ihnen verstohlene Blicke zugeworfen wurden. Wieder wurden seine Augen etwas wehmütig und er seufzte: „Disziplin duldet keine Pausen.“
„Falsch… du duldest dir keine Pausen“, verbesserte Hermos ohne Umschweife.
Stille kehrte ein, sodass nur noch das Klirren der Schwerter um sie herum zu hören war. Doch es war kein unangenehmes oder peinliches Schweigen, sondern von der Art, die nur zwischen Menschen existierte, die einander kannten und verstanden. Auch ohne viele Worte.
„Wir haben den Auftrag dir eine Nachricht von König Dartz zu überbringen“, unterbrach Kritias schließlich das Schweigen. „Er erwartet dich nach der Ausbildung. Es scheint, als wolle er etwas mit dir besprechen.“
„Ich verstehe“, nickte Timaeus. „Ich werde da sein.“
Natürlich würde er das. Er war immer da. Wenn man ihn brauchte. Wenn man ihn befehligte. Wann immer man ihn in Anspruch nehmen wollte. Seiner Pflicht getreu war er immer Verfügbar, sobald er gerufen wurde, denn diese war für ihn ein wichtiger Anker seines Seins. Ohne seine Aufgabe, ohne seine Pflicht, hatte er keine Ahnung, wie er leben sollte. Seine Pflicht war für ihn das wichtigste und das Land und sein Volk stand für ihn an erster Stelle. Erneut wanderte sein Blick gen Himmel. Für einen Augenblick meinte er, in den Wolken eine Bewegung zu erkennen. Wie ein Schatten, der sich lautlos über die Stadt legte. Ein flüchtiger Eindruck. Wahrscheinlich nur eine Einbildung. Und doch spürte er das Ziehen in seiner Brust, dass ihm das Gefühl gab, das etwas Unsichtbares näher rückte. Etwas, das den fragilen Frieden bedrohte, den er versuchte so mühsam zu bewahren.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als er das Training für beendet erklärte und seine Soldaten fortschickte, die sich daraufhin in der Stadt verstreuten und dort ihren täglichen Aufgaben nachgingen. Timaeus war alleine zurückgeblieben und genoss noch einen Moment der Ruhe. Kritias und Hermos hatten sich bereits vor einer ganzen Weile wieder verabschiedet. Sie mussten etwas außerhalb der Stadt erledigen und würden wohl die nächsten Tage nicht zurückkehren, sodass er sie wohl für eine Weile nicht sehen konnte. Es würde also etwas ruhiger um ihn herum werden. Schweigend betrachtete er die aufgewirbelten Spuren im Sand, die der Wind bald wieder verwischen würde. Wie so vieles in dieser Welt. Er schloss die Augen, atmete noch einen Moment durch, bevor er sich schließlich abwandte und sich auf den Weg machte – hinauf zum Palast, wo er bereits erwartet wurde. Der Weg dorthin führte ihn durch die schmalen Gassen der Stadt, deren gepflasterte Wege durch alle Standesklassen hindurchführten und dabei keinen Unterschied machten, ob sie von Menschen mit einfachen Lederriemen an den Füßen oder teuren, geschmückten Sandalen betreten wurden. Überall, wo er entlangging, erntete er Blicke. Mal verwunderte, mal ehrenvolle, manchmal auch ängstliche, doch sie alle einte, dass ihre Besitzer ihm so schnell wie möglich aus dem Weg gingen. So sehr es früher schmerzte. Er hatte gelernt es zu ignorieren. Er grüßte höflich, wenn es sich ergab und schritt dann weiter, ohne weiter auf die Blicke einzugehen, die er nach dem Vorbeigehen noch immer im Nacken spürte. Bald wandelten sich die engen Gassen zu einem breiten Pfad, der ihn zu einem der inneren Gärten führte. Einem friedlichen Ort, der zwischen den Mauern verborgen lag wie ein stilles Refugium. Hohe Bäume spendeten Schatten und zwischen den sorgfältig gepflegten Beeten blühten die ersten Blumen des Frühlings in sanften Farben. Hier war es still. Friedlich. Ein Ort, an dem auch sein unruhiger Geist zur Ruhe kommen konnte, weshalb er unbewusst seine Schritte verlangsamte.
„Timaeus“, durchbrach eine helle Stimme die Stille.
Er blieb stehen und wusste noch bevor er sich umdrehte, wem sie gehörte.
„Timaeus, warte.“
Leichte Schritte näherten sich hastig, begleitet vom Rascheln eines Kleides und dem Klimpern von Schmuck. Er wandte sich um und erkannte ein junges Mädchen, dessen braune Haare zu zwei lockeren Zöpfen geflochten waren, von denen sich einer bereits halb gelöst hatte. Mit schnellen Schritten kam sie auf ihn zugelaufen, die Wangen gerötet von der Anstrengung und mit ihren Händen etwas gegen ihre Brust drückend. Bei der jungen Dame, wie Timaeus sie gerne betitelte, handelte es sich um Prinzessin Chris, die einzige Tochter des Königs und dessen ganzer Stolz.
„Ich bin froh, dass ich dich noch abfangen konnte, bevor du zu Papa gehst“, sagte sie und blieb keuchend vor ihm stehen.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über Timaeus‘ Lippen.
„Ihr hättet nicht rennen müssen“, sagte er leise.
„Doch“, widersprach sie sofort. „Vater sagt, man darf wichtige Sachen nicht warten lassen.“
Sie öffnete vorsichtig die Hände, in welchen ein geflochtenes Armband aus feinen, dunkelblauen und silbernen Fäden, befand. In regelmäßigen Abständen waren kleine Steine eingearbeitet, die im Sonnenlicht sanft schimmerten.
„Das ist für dich“, erklärte sie stolz.
Timaeus besah sich das filigrane Geschenk und wirkte für einen Moment irritiert, wieso die Prinzessin ihm so etwas schenkte: „Für… mich?“
Das brünette Mädchen nickte: „Mutter hat mir heute die Bedeutung von Edelsteinen erklärt. Da kam mir die Idee dazu. Ich habe es selber gemacht.“
Zögernd nahm der Krieger das Armband entgegen. Seine Finger strichen behutsam über die kleinen Steine.
„Der Grüne hier ist ein Turmalin. Der soll dich schützen“, begann Chris und zeigte auf die einzelnen Steine. „Dieser rot-orangene ist ein Karneol und steht für deinen Mut. Dieser Stein ist ein Türkis. Er soll dafür sorgen, dass du gesund bleibst. Und der Hellblaue ist ein Larimar. Mutter sagte, dass er auch Atlantis-Stein genannt wird. Deshalb fand ich, dass er gut zu dir passt. Auch von der Farbe her.“
Sie lächelte ihn an.
„Eigentlich wollte ich dir erst eine Kette machen. Aber dann habe ich gedacht, dass sie dich beim Kämpfen nur stören würde. Ein Armband ist viel besser für einen Krieger.“
Timaeus schwieg. Sein Blick ruhte auf dem kleinen Kunstwerk in seinen Händen, in dem so viel Mühe, so viele Gedanken und so viel Vertrauen steckte. Diese Geste erfüllte ihn mit Dankbarkeit und Wärme, die seinen sonst so kühl wirkenden Geist auftauen ließ.
„Es ist wunderschön“, sagte er schließlich leise mit leicht brüchiger Stimme. „Ich danke Euch Prinzessin. Ich werde gut darauf achtgeben und es immer bei mir tragen.“
Die Augen der Prinzessin begannen zu Strahlen, bevor sie ihm ein breites, fröhliches Lächeln schenkte und ihn beobachtete, wie er sich das Geschenk um das Handgelenk band. Es passte perfekt. Fast so, als wollte es noch einmal unterstreichen, dass es nur für ihn gemacht war.
„Damit bist du noch stärker“, meinte Chris zufrieden.
„Ihr habt recht. Ich spüre schon, wie meine Kraft steigt“, er hockte sich zu dem Mädchen herunter und legte ihr seine Hand sanft auf den Kopf. Eine Geste, die wohl jedem anderen den Kopf gekostet hätte. Ihn jedoch nicht, denn ihm schenkte die königliche Familie großes Vertrauen. Zudem kannte er die kleine Prinzessin bereits seit ihrer Geburt. Auch ihr gegenüber hielt er Anfangs Abstand aus Angst, dass er sie mit seinen Augen verschrecken könnte. Doch das kleine Mädchen hatte ihn vorbehaltslos akzeptiert, war immer wieder auf ihn zugegangen und zeigte nicht einmal Angst vor den Augen, die jeden Erwachsenen in die Flucht schlugen. So hatte er gelernt sie ins Herz zu schließen und ihre Anwesenheit als angenehm und beruhigend zu empfinden. „Damit kann ich Euch, eure Familie und die Stadt weiterhin beschützen.“
Chris schenkte ihm erneut ein Lächeln, doch in ihren Augen spiegelte sich Sorge. Sorge darüber, dass er ohne zu zögern sein Leben lassen würde, um sie und das Reich zu beschützen. Sie wusste, dass es seine Aufgabe war und doch wollte sie nicht, dass er sich aufopferte. Doch sie sagte nichts dazu, denn sie wusste, dass ihr Gegenüber dickköpfig genug war, um ihr zu versichern, dass es für ihn nichts Ehrenvolleres gab, als dieses. Sie seufzte leise und nahm seine Hand.
„Vater erwartet dich schon. Du solltest ihn nicht so lange warten lassen“, sagte sie. „Ich muss zu meinem Unterricht. So Gott will sehen wir uns später wieder.“
Sie deutete, einer Prinzessin üblich, einen Knicks an und wandte sich schlussendlich von ihm ab, um den Weg zurück zu gehen, den sie so hastig gekommen war. Dieses Mal jedoch weniger hektisch.
Timaeus blieb noch einen Moment stehen und sah ihr nach, ehe sein Blick auf das Armband an seinem Handgelenk wanderte. Die kleinen Steine, die in das filigrane Band eingeflochten waren, glänzen in der Sonne, als wollten sie ihm noch einmal versichern, dass sie ihn von nun an schützen würden. Und seit langer Zeit fühlte sich die sonst so drückende Last auf seiner Brust etwas leichter an.
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Whispers Before the Storm
*~* 02 – Whispers Before the Storm *~*
Der Palast von Atlantis war stiller als die Straßen darunter. Während in der Stadt Händler riefen, Kinder lachten und Schmiede das Eisen zum Glühen brachten, hallten in den hohen Gängen nur gedämpfte Schritte wider. Das Licht, das durch die hohen Fenster fiel, brach sich in den Mosaiken aus blauem und goldenem Stein und ließ die Wände wie die Tiefen des Meeres schimmern. Timaeus trat durch das große Portal. Die beiden Wachen, die davor Stellung bezogen hatten und gerade in ein lockeres Gespräch vertieft waren, straften ihre Haltung als sie den Kommandanten auf sich zulaufen sahen. Obwohl er mitbekommen hatte, dass die beiden offensichtlich ihre Pflichten nicht ganz ernst nahmen, sagte er nichts dazu und deute stattdessen eine leichte Verbeugung an, als er sie passierte. Er erkannte ihre angespannten Gesichter, die bereits mit einer Rüge gerechnet hatten, doch ignorierte es schweigend; genauso wie die Blicke, die sie ihm hinterherwarfen, nachdem er an ihnen vorbei gegangen war. Auch wenn ihm dieses Verhalten missfiel, so wusste er doch, dass es keinen Sinn machte darüber zu meckern. Immerhin erinnerte er sich auch noch an seine Zeit als junger Soldat, der für den Wachdienst am Haupttor eingeteilt worden war. Schon damals handelte es sich um eine eintönige Aufgabe, die nur ungern angenommen wurde. So war es auch nicht verwunderlich, dass man schnell ins Gespräch kam, wenn es langweilig wurde. Auch er hatte sich mit seinen Kameraden unterhalten, vor allem, wenn es sich dabei um Kritias oder Hermos gehandelt hatte. Anfangs hatte er zwar versucht einem Gespräch aus dem Weg zu gehen, doch vor allem Hermos war ein sehr gesprächiger und vor allem hibbeliger Mensch. Stillstehen war nie seine Stärke gewesen. Ein kleines, kaum zu erkennendes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er kurz an die Zeit zurückdachte. Seine Schritte waren fest, doch nicht laut und trotzdem wurden sie vom Hall des Ganges zurückgeworfen, was dafür sorgte, dass seine Gedanken wieder zurück in das Hier und Jetzt kehrten. Immer weiter trugen ihn seine Beine hinein in den Palast, dessen viele Gänge er alle kannte. Seit vielen Jahren ging er hier ein und aus – und doch fühlte sich der Palast nie ganz wie ein Zuhause an. Eher wie ein Ort, der ihn zwar aufnahm, doch an den er einfach nicht gehörte. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Eine Mischung aus Heimkehren und doch niemals ankommen.
„Kommandant“, ließ ihn eine kräftige Stimme innehalten.
Er sah auf und erblickte am Rand der Halle einen Mann mit schwarzem, nackenlangem Haar, das bereits von vielen grauen Strähnen durchzogen war, und einem ergrauten Vollbart. Sein Gang war aufrecht, wie eh und je, obwohl die Jahre seine Schultern schwer gemacht hatten.
„General Theron“, erwiderte Timaeus ruhig und verneigte sich leicht. „Es freut mich Euch zu sehen.“
Sein ehemaliger Kommandant und Meister musterte ihn mit einem Lächeln, das mehr wusste, als es zeigte: „Ich komme gerade von seiner Majestät.“
Der Jüngere hob seinen Blick wieder und nickte verstehend; wissend, dass mit seiner Majestät Ironheart, der vorherige König dieses Landes gemeint war. Vor ungefähr drei Jahren hatte er alle seine Amtsgeschäfte an seinen Sohn Dartz abgegeben, welcher das Reich nun mit weiser Hand führte. Den General und seine Majestät verbanden seit vielen Jahrzehnten eine enge Freundschaft. Theron war nicht nur ein enger Vertrauter des ehemaligen Königs, sondern auch einer seiner wichtigsten Berater.
„Ich hoffe, Ihr hattet Erfolg“, sagte Timaeus, schon ahnend, wie die Antwort wohl lauten würde.
Theron lachte leise: „Wenn du mit Erfolg meinst, dass ich beim Petteia⁽*⁾ wieder einmal verloren habe… dann ja.“
Ein Hauch von Wärme legte sich in Timaeus‘ Blick: „Seine Majestät war schon immer ein geduldiger Stratege.“
„Und ich schon immer ein schlechter Verlierer“, brummte Theron gutmütig. „Aber es beruhigt mich ihn bei bester Gesundheit zu sehen.“
Timaeus nickte zustimmend und es folgte ein kurzer Moment des Schweigens, in dem sich die beiden Männer nur ansahen.
Dann wurde Therons Blick weicher und er legte dem Kleineren eine Hand auf dessen Schulter: „Du machst dich gut, Timaeus. Seine Majestät hat mir von deinen Taten berichtet und auch ich habe wohlwollend deine Entwicklung beobachtet.“
Der Angesprochene senkte kurz den Blick: „Ich erfülle nur meine Pflicht.“
„Manche erfüllen ihre Pflicht. Und manche tragen sie“, der Griff an Timaeus‘ Schulter wurde für einen Moment stärker. „Aber vergiss bitte nicht, dass auch ein Kommandant ein Mensch bleibt.“
Der General zog seine Hand zurück, schenke dem Jüngeren noch einen kurzen Blick und ging dann seines Weges. Timaeus blieb unterdessen stehen und blickte dem Älteren hinterher. In diesem Moment bemerkte er erst einmal, wie eingesunken die Schultern seines alten Lehrmeisters doch waren. Die Jahre hatten ihn deutlich gezeichnet, auch wenn er dies nach außen hin nicht zeigen wollte. Für einige Sekunden wurde Timaeus wieder wehmütig. Er hatte dem General in seiner Kindheit und seiner Jugend so viel zu verdanken. Mehr, als er jemals zurückgeben konnte. Vielleicht war sogar das einer der Gründe, wieso er sich damals bewusst dafür entschieden hatte der Armee beizutreten. Trotz des Gegenwindes, welcher ihm entgegengeschlagen war. Doch so genau konnte er sich eigentlich gar nicht mehr erinnern, wieso er diese Entscheidung getroffen hatte. Sicher war es wohl der Dank, den er für Theron und auch seine Majestät empfand. Aber da war noch etwas Anderes. Denn manchmal hatte er das Gefühl, als würde ihn jemand oder etwas rufen und als würde er die Antwort darauf nur in dieser Position finden. Ein leises Seufzen entwich seinen Lippen, während er leicht den Kopf schüttelte, um die Gedanken wieder aabzuschütteln. Er blickte noch einmal in die Richtung, in die sein alter Lehrmeister verschwunden war und wandte sich dann ab, um seinen Weg fortzusetzen.
Kurz vor dem Thronsaal verlangsamte Timaeus erneut seine Schritte, als ihm Königin Iona entgegenkam. Ihr Kleid schimmerte wie fließendes Wasser und das Licht ließ die Edelsteine an ihrem Kragen aufleuchten. Ihre Haltung war aufrecht, fast unnahbar. Der junge Kommandant blieb stehen und verneigte sich tief.
„Eure Majestät.“
Ione erwiderte die Geste und deutete eine leichte Verbeugung an. Höflich, distanziert.
„Kommandant.“
Ihre Stimme war ruhig, sogar freundlich. Und doch war da diese offensichtliche Distanz, die sie ihm gegenüber wahrte. Timaeus wagte es nicht aufzusehen, als die junge Frau ihn passierte, und sie akzeptierte es, sah darin keine Verfehlung seinerseits. Viel mehr wirkte es, als sei sie erleichtert darüber, ihm nicht in die Augen blicken zu müssen. Er wusste es. Wusste, dass die Königin ihm nicht gerne begegnete und jedem seiner Blicke auswich. Nicht aus Hass. Nie aus Hass. Wäre dem so, so hätte sie ihrer Tochter Chris schon längst den Umgang mit ihm verboten. Dem war er sich sicher. Stattdessen fühlte sie sich in seiner Gegenwart unwohl. Sie fürchtete seine Augen. Wie so viele andere auch. Dem war er sich mehr als bewusst und er hatte gelernt damit umzugehen. Irgendwie. Iona ging weiter, ihre Schritte leise wie Wellen auf Stein. Er blickte wieder auf und sah ihr nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war. Sein Blick getroffen von der erneuten Tatsache, dass er niemals ein vollwertiger Teil dieser Welt sein würde. Er kniff die Augen zusammen und ballte die Hände kurz zu Fäusten, um die unangenehmen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Mit einem tiefen Atemzug holte er Luft, entspannte sich wieder und hob den Blick, ehe er sich abwandte und sich dann zum Thronsaal begab.
Als er diesen betrat fand er Dartz an einem der hohen Fenster wieder, den Blick auf die Stadt unter sich gerichtet, in dem zu dieser Zeit reges Treiben herrschte. Die Geräusche des Trubels wurden vom Wind hinaufgetragen und ließen den jungen König, in seinen Gedanken versunken, lächeln. Doch da lag noch etwas anderes in seinem Blick. Sorge? Angst? Die Tür fiel lautstark wieder ins Schloss und ließ Dartz aufblicken; seine Augen nun wieder erfüllt mit Wärme.
„Da bist du ja, Timaeus“, grüßte er den Kommandanten.
Dieser verbeugte sich tief, während sich sein König wieder nach draußen wandte: „Ich habe dich vorhin mit Chris im Garten gesehen.“
„Ja, Majestät“, antwortete Timaeus ruhig.
Ein schmales Lächeln erschien auf Dartz‘ Gesicht: „Ihr versteht euch wirklich gut. Sie redet teilweise von nichts anderem als von einem Drachen, der angeblich nicht lächeln kann.“
Ein Kichern des Blauhaarigen begleitete diesen Satz und auch Timaeus‘ Mundwinkel zuckten kaum merklich: „Die Prinzessin besitzt eine sehr lebhafte Fantasie.“
„Das ist wohl wahr“, der König schmunzelte, doch nur einen Augenblick später wandelte sich seine Stimmung.
Er wurde ruhig, nachdenklich, ließ die Schultern leicht sinken und seufzte leise. Dann wandte er sich dem Krieger zu, seine Augen von Erschöpfung gezeichnet.
„Es wäre schön, wenn wir uns weiter so unbekümmert unterhalten könnten, doch leider gibt es einen Grund, weshalb ich dich rufen ließ.“
Es breitete sich kurzes Schweigen aus, in dem der junge König zu überlegen schien, wo genau er anfangen sollte. Timaeus jedoch hatte bereits eine Ahnung, worum es ging. Auch ihm waren die Berichte der Botschafter bekannt, die von Unruhen, Aufständen und wachsendem Misstrauen in den Nachbarländern und Grenzregionen erzählten. Anfangs waren es nur vereinzelte Nachrichten, doch in letzter Zeit häuften sie sich und das nicht nur in der Welt der Menschen.
„Seit neustem erreichen mich immer häufiger Nachrichten unserer Botschafter in der Welt der Numina. Auch dort kommt es immer häufiger zu Unruhen. Sie gehen aufeinander los oder greifen die Menschen an. Manche von ihnen scheinen den Verstand zu verlieren. Wenn das so weitergeht, dann zerbricht das Vertrauen zwischen den Menschen und den Numina.“ Ein Schatten legte sich über sein Gesicht.
Timaeus schwieg. Auch ihm waren die Konsequenzen bewusst, die auf einen Vertrauensbruch beider Völker folgen würden. Das friedliche Zusammenleben beider Welten, welches seit mehreren Generationen bestand, würde von einen auf den anderen Tag zerbrechen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden Kriege ausbrechen, denn auf beiden Seiten gab es Fraktionen, die gegen das Zusammenleben der Numina und der Menschen waren. Die sich wieder klare Grenzen wünschten. Eine klare Trennung beider Welten. Genau diese Parteien würden bei erster Gelegenheit die Macht ergreifen und das musste unter allen Umständen verhindert werden. Dabei war Timaeus durchaus bewusst, dass die Numina eigentlich ein friedvolles, wenn auch mysteriöses, Volk waren. Seit seiner Kindheit hatte man ihm erzählt, dass sie älter seien als jede Stadt aus Stein. Wesen, deren Seelen enger mit den Kräften der Welt verbunden waren als mit einem einzelnen Körper. Manche von ihnen lebten offen unter den Menschen, andere hielten lieber Abstand und kamen nur selten aus ihrer eigenen Welt hinüber. Doch trotz ihrer Fremdartigkeit hatte Atlantis über Generationen hinweg gelernt, mit ihnen zu leben – nicht als Feinde, sondern als Nachbarn.
„Ich habe das Gefühl, als würde etwas Größeres heraufziehen“, ließ ihn die Stimme seines Königs aus den Gedanken schrecken.
Doch auch dieses Mal schwieg er. Wusste nicht wirklich etwas darauf zu erwidern. Er dachte an die letzten Patrouillenberichte. An Unruhen. An Spannungen. Zwischen den Menschen, den Numina und beiden Völkern. Doch er versuchte sich damit zu beruhigen, dass es schon immer so war. Dass es, vor allem in den Grenzregionen, schon immer zu kleineren Scharmützeln gekommen war, weil irgendein Graf oder Baron mit Ambitionen versucht hatte sie anzugreifen. In den meisten Fällen waren diese Angelegenheiten schnell geregelt gewesen, auch, weil diese Angreifer gegen die Regeln ihres eigenen Landes verstießen und von deren Oberhaupt zur Rechenschaft gezogen wurden. Außerdem…
„Atlantis steht stark“, sagte er schließlich ruhig, aber bestimmt. „Solange ich lebe, wird niemand dieser Stadt schaden.“
Er neigte tief den Kopf, während sich Dartz ihm wieder zuwandte und dann lange schweigend musterte. Dabei waren seine Augen gezeichnet von Sorge und verrieten, dass er dieser Aussage nicht ganz zustimmte. Nicht, weil er Timaeus und seinen Kameraden nicht vertraute, sondern wegen der Nachricht, die darin versteckt war.
„Ich weiß, dass du die Stadt beschützen wirst, Timaeus“, sagte er mit gedämpfter Stimme, „aber vergiss eines nicht: Das Volk hat immer Vorrang. Und auch du bist ein Teil davon. Wenn du dich also in den Kampf stürzt, dann denke bitte auch an deine eigene Sicherheit.“
Ein kaum merkliches Zögern lag in diesen Worten. So, als hätte er sie nicht nur als König gesprochen. Sein Gegenüber jedoch schwieg darauf nur und hielt den Blick gesenkt, denn egal was der amtierende König und alle anderen sagten, er wusste genau wofür er hier war und welche Pflicht für ihn an erster Stelle stand.
Etwas später hatte er sich in eine entlegene Ecke des großen Palastgartens zurückgezogen. Dort, wo dieser in steinerne Terrassen überging. Der Wind roch nach Salz, trug den Geruch des Meeres an diese Stelle, die sich so weit abgewandt vom Trubel der Stadt befand, dass hier eine beruhigende Stille herrschte, die seinen Geist zur Ruhe kommen ließ. Schweigend kniete Timaeus vor einer Steintafel aus schwarzem Marmor; seinen Blick auf dem Namen ruhend, der darauf eingraviert war: Diana. Es war der Name seiner Mutter, welche an dieser Stelle ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Viele Jahre, beinahe zwei Jahrzehnte, war es her, dass er ihr Lächeln das letzte Mal gesehen und ihre liebevolle Stimme gehört hatte. Doch die schönen Erinnerungen an sie wurden überschattet von der Nacht, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte. Obwohl bereits so viel Zeit vergangen war, so hatte er die Bilder noch immer glasklar vor sich, sobald er die Augen schloss.
Da war Blut. Jede Menge davon und überall. Auf dem Boden, seiner Kleidung, seinen Händen. Da war ihr flacher Atem, der immer leiser wurde und von Röcheln durchzogen war. Und da war seine Stimme, die immer wieder flehte, dass sie ihn nicht verlassen sollte. Dass sie durchhalten sollte. Das alles gut werden würde.
„Stirb nicht!“, er hatte gefleht, gehofft, dass seine Worte ein Wunder bewirkten.
Ihr Hand hatte seine Wange berührt, ihn gezwungen ihr in die meerblauen Augen zu sehen, die obgleich sie gleich sterben würde, noch immer diese Wärme ausstrahlten, die ihn immer beruhigt hatte.
„Bitte vergib ihm“, hatte sie geflüstert.
Da war keine Wut, kein Funken von Hass. Nur Liebe. Liebe für denjenigen, der ihr das angetan hatte. Der dafür gesorgt hatte, dass ihr junges Leben bereits so früh endete. Der sie ihm entrissen hatte.
Es waren ihre letzten Worte gewesen, bevor sie ihren letzten Atemzug getan hatte und ihre Seele zu den Göttern entstiegen war.
Timaeus schloss die Augen. Ein scharfer, brennender Schmerz durchzog sie. Er presste die Finger gegen seine Lider, versuchte damit das Leiden zu lindern. Doch er wusste, dass es eigentlich keinen Sinn hatte, der Schmerz nicht einfach so wieder verschwinden würde. Manchmal hatte er das Gefühl, als würde hinter ihnen etwas erwachen. Als würde es sich bewegen und versuchen die Kontrolle zu übernehmen. Vorsichtig massierte er seine Augen durch die geschlossenen Lider und der Schmerz verflog allmählich. Erleichtert atmete er auf und wandte sich wieder dem Grab vor sich zu, auf dem ein Strauß Myosotis⁽**⁾ lag. Die Lieblingsblumen seiner Mutter.
„Wie die Zeit vergeht“, eine tiefe Stimme ließ ihn über seine Schulter blicken.
Ironheart stand hinter ihm. Vom Alter gezeichnet und doch aufrecht und stolz. Timaeus erhob sich augenblicklich und verneigte sich respektvoll, doch sein Gegenüber ließ ihn mit nur einer Handbewegung stoppen, die ihm verriet, dass er nicht so förmlich sein musste.
„Majestät“, sagte er mit überraschter Stimme, doch Ironheart lächelte nur warmherzig.
Er trat neben den jungen Kommandanten und sah auf den schwarzen Grabstein. Sein Blick gezeichnet von Trauer und Mitgefühl: „Du bist ihr sehr ähnlich geworden.“
Timaeus schwieg. Wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er dachte daran, wie Ironheart ihm nach jener Nacht zu sich in den Palast genommen hatte. Wie er ihm ein Zimmer gab. Lehrer. Schutz. Wärme. Ein Zuhause. Er war ihm dankbar für alles, was er für ihn getan hatte. Und doch fragte er sich manchmal, wieso der ehemalige König das alles für ihn getan hatte. Wieso seine Mutter ein Grab in unmittelbarer Nähe des Palastes bekommen hatte. Wieso im Blick seiner Majestät noch immer dieser Schmerz steckte, wenn sie sich hier begegneten. Diese Fragen brannten seit dem Tag, an dem er alt genug war, um das ganze Ausmaß zu verstehen, in seinem Inneren, doch er hatte bisher noch keine Antwort darauf bekommen. Immer, wenn er Ironheart darauf angesprochen hatte, war er ihm ausgewichen. Als wollte dieser verhindern, dass er etwas ganz Bestimmtes erfuhr. Er hatte selber nachgeforscht, doch alle seine Ansätze waren ins Leere gelaufen. Es war wie eine Wahrheit, die niemals ans Licht kommen durfte, die für ihn jedoch immer wichtiger wurde, je mehr versucht wurde, sie zu verbergen.
„Manche Dinge sollten erst erzählt werden, wenn die Zeit dafür reif geworden ist“, sagte Ironheart leise, als hätte er die Gedanken seines Gegenübers gelesen.
Überrascht hob Timaeus den Blick. Die Augen des alten, ehemaligen Königs ruhten wissend auf ihm. Fast traurig.
Ein Windstoß ließ die Bäume rauschen und die beiden Männer in Richtung des Meeres schauen. Weit draußen zog sich ein dunkler Streifen am Horizont entlang, beinahe bedrohlich. Ein kalter Schauer erfasste den jungen Kommandanten und er hatte das Gefühl, dass Dartz böse Vorahnung doch nicht ganz auf seiner Unruhe beruhte.
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Where Paths First Crossed
*~* 03 – Where Paths First Crossed *~*
Der Morgen über Atlantis war klar. Das erste Licht der Sonne lag wie flüssiges Gold auf den weißen Mauern, während aus den unteren Straßen bereits das ferne Murmeln der erwachenden Stadt aufstieg. Händler öffneten ihre Läden, Fischer zogen ihre Netze an Land, und irgendwo läutete eine Glocke den Beginn des neuen Tages ein.
„Damit wären wir fertig“, sagte Timaeus.
Die Besprechung war damit beendet, in welcher Befehle verteilt, Patrouillen eingeteilt und die Überprüfung der Waffen und Vorräte veranlasst wurden. Alles war gesagt, was gesagt werden musste und die Soldaten wurden in ihren täglichen Dienst entlassen. Langsam leerte sich der Raum, doch Timaeus blieb noch einen Moment an Ort und Stelle stehen und blickte auf die ordentlich zusammengerollten Karten auf dem Tisch. Das Wachssiegel, welches er eben noch auf einem Bericht angebracht hatte, kühlte langsam ab. Sobald er sich auf den Weg machen würde, würde er das Schreiben an einen Boten übergeben, der es seiner Majestät bringen würde. Leises Zwitschern ließ ihn hinauf zu einem der offenen Fenster blicken, durch welches die frische Morgenluft hereinströmte. Auf dem Sims hatten es sich einige Vögel bequem gemacht, die freudig hin und hersprangen und dann plötzlich, aufgeschreckt durch ein Geräusch von außen, davonflogen. Ein weiterer Tag war angebrochen, damit ein neuer Schutzauftrag. Er nahm einen kurzen, kräftigen Atemzug und erhob sich dann von seinem Stuhl, bevor er seinen Umhang richtete und nach seinen Handschuhen griff, die neben ihm lagen. Dabei fiel sein Blick auf das Armband an seinem Handgelenk, dass er einen tag zuvor von der Prinzessin geschenkt bekommen hatte, woraufhin sich ein kleines, kaum sichtbares Lächeln auf seinem Gesicht bildete. Doch noch ehe jemand in den Genuss dieses seltenen Moments kommen konnte, hatten sich seine Gesichtszüge bereits wieder versteift. Mit schnellen Handgriffen hatte er die fingerlosen Handschuhe übergestreift und damit das Geschenk wieder verdeckt. So wichtig ihm diese kleine Geste auch war, es war besser, wenn niemand außerhalb der königlichen Familie davon erfahren würde. Noch einmal atmete er kurz durch und trat dann hinaus in den Korridor, wo bereits zwei junge Soldaten auf ihn warteten, die ihn an diesem Tag begleiten würden. Er hatte sich vorgenommen einen Rundgang durch die Stadt zu machen und sich selbst ein Bild von den aktuellen Zuständen zu machen. Nicht aus Misstrauen, sondern weil er sehen wollte, ob sich die Unruhen, von denen König Dartz gesprochen, bereits bis hierhin ausgebreitet hatten. Die beiden Soldaten bezogen sofort Stellung, was der junge Kommandant mit einem wohlwollenden Nicken zur Kenntnis nahm.
„Gehen wir“, befahl er und setzte sich in Bewegung, hinaus auf den Hof, wo ihn die Morgensonne mit ihren warmen Strahlen begrüßte.
Hinaus auf den Platz getreten, bemerkte er am Rand eine kleine Gruppe von Arbeitern, die sich in einem kleinen Kreis zusammengestellt hatten und offensichtlich über etwas zu diskutieren schienen. Er jedoch schenkte ihnen keine große Aufmerksamkeit, sondern schritt unbeirrt und gefolgt von seinen zwei Begleitern über den offenen Hof. Er war gerade im Begriff das Tor der Garnison zu passieren, als ihn die leicht aufgebrachte Stimme seines Kameraden Kritias erreichte und ihn doch dazu veranlasste noch einmal stehen zu bleiben. Leicht erschrocken wandte er sich um und sah noch einmal auf die kleine Gruppe von Arbeitern, die nun den Blick auf eine junge Frau mit weißblauen Haaren freigaben. Diese wirkte ebenso irritiert wie alle Umstehenden und schaute auf den blonden Krieger, der mit schnellen Schritten auf sie zugelaufen kam.
„Was machst du hier, Lysandra?“, fragte dieser viel zu laut und mit etwas zu hoher Stimme, die selbst die anderen Soldaten um die Gruppe herum zu irritieren schien und gleichzeitig für leichte Erheiterung sorgte.
Die junge Frau jedoch zog nur skeptisch eine Augenbraue hinauf und stemmte ihre Arme gegen die Hüfte: „Was regst du dich so auf? Uns wurde zugetragen, dass sich Risse in den Garnisonsunterkünften gebildet haben. Also wurde ich hergeschickt, um mir das anzusehen. Oder willst du, dass euren Soldaten irgendwann die Decke auf den Kopf fällt?“
Ihre Stimme war fest, duldete so gut wie keinen Widerspruch und zeigte damit genau die Wirkung, die sie erreichen wollte, dann Kritias schien darauf keine Erwiderung zu finden.
„Nein, eigentlich nicht“, sagte er nur, woraufhin sich Lysandra wieder von ihm abwandte.
„Na siehst du. Also behindere mich nicht bei der Arbeit“, meinte sie daraufhin nur und blickte wieder auf den Plan, den sie in ihrer Hand hielt. „Deine Arbeit macht sich auch nicht von alleine.“
Kritias schwieg, doch für einen Moment lag auf seinen Lippen ein kaum merkliches Lächeln, mit welchem er sich kurz darauf ohne weitere Worte abwandte. Schweigend hatte Timaeus die Szene beobachtet, doch wandte sich dann langsam wieder ab und setzte seinen Weg fort, während er hinter sich noch Lysandras Stimme vernahm, die ruhig, geduldig und unbeirrbar den Arbeitern Anweisungen gab. So irritierend der kurze Wortwechsel auch gewirkt hatte, ganz fremd war ihm und aus dem Rest der Garnison diese Situation nicht. Kritias und Lysandra kannten sich bereits einige Jahre, und auch wenn sie sich beide alle Mühe gaben, ihre Verbindung nicht zu offensichtlich werden zu lassen, war es doch längst kein Geheimnis mehr. Die junge Architektin tauchte gelegentlich hier auf. Mal wegen eines Bauplans, mal wegen einer Reparatur, manchmal aber auch ohne einen ersichtlichen Anlass. Timaeus hatte dies nie bewertet, immerhin ging es ihn nichts an. Doch trotzdem konnte er nicht leugnen, dass er sich für seinen Kameraden freute. Kritias war ein guter Mann, treuer Freund und ein verlässlicher Krieger, der mehr als einmal bewiesen hatte, dass er sein Leben für Atlantis und seine Gefährten riskieren würde. Wenn jemand das Recht hatte, inmitten all dieser Verantwortung auch etwas persönlichen Glück zu finden, dann wohl er. Der Blick des jungen Kommandanten glitt noch einmal kurz über den Hof, während er weiterging. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, fragte er sich flüchtig, wie es wohl sein musste, jemanden an seiner Seite zu wissen, der einen so ansah wie es die beiden taten; mit einer Mischung aus Trotz, Vertrautheit und stiller Sorge. Mit einem leichten Kopfschütteln jedoch verschwand der Gedanke so schnell wieder, wie er gekommen war. Egal wie sehr ihn dieser Überlegung auch beschäftigen möge, solche Dinge hatten in seinem Leben doch keinen Platz. Er hatte sein Leben voll und ganz der Sicherheit dieses Landes verschrieben. Mit diesem Entschluss richtete er seinen Blick wieder nach vorn und setzte seinen Weg fort, sodass er und seine Begleiter, die nichts von seinen Gedanken mitbekommen hatten, kurz darauf den Hof der Garnison verlassen hatten.
Die Stadt war aufgeweckt wie immer. Von allen Seiten waren laute Stimmen der Händler zu vernehmen, die ihre neusten Waren anpriesen und sich dabei versuchten zu übertönen. Kinder jagten einander zwischen den Menschen hindurch, die sich durch die engen Gassen drängten, und lachten dabei so laut, dass sie hier und da immer wieder deutlich zu vernehmen waren. Frauen unterhielten sich kichernd und tratschten über den neusten Klatscht, den es zu erzählen gab oder feilschten um den besten Preis an einem der unzähligen Stände, während gestandene Männer Waren, Pakete und Holz durch die Massen manövrierten. Es war das ganz normale Stadtleben und doch hatte Timaeus das Gefühl, dass unter den Stimmen ein leiser, kaum greifbarer Ton war. Immer wieder bekam er mit wie Gespräche einen Moment zu früh verstummten, Blicke zu lang über fremde Gesichter glitten und anderen misstrauisch nachsahen. Als würde etwas über allem schweben. Nicht greifbar, aber doch in irgendeiner Weise spürbar. Langsam ging die kleine Gruppe durch die Straßen, seine beiden Begleiter immer einige Schritte hinter ihm, und zogen dabei die Blicke der umstehenden Menschen automatisch auf sich. Eine Frau verneigte sich hastig, als er an ihr vorbeiging, ein Händler nickte ihm respektvoll zu und andere gingen schnell beiseite, um ihnen Platz zu machen. Timaeus erwiderte die höflichen Gesten und nahm die Unsicheren schweigend zur Kenntnis. Er war diesen Abstand gewohnt und doch ging er nicht ganz ohne faden Beigeschmack an ihm vorbei. Doch er schluckte dieses Gefühl herunter und hielt seine stolze Fassade aufrecht.
Am Marktplatz blieb die kleine Gruppe kurz stehen. Die Sonne spiegelte sich in den Wasserläufen, die in der Mitte des Platzes zu einem großen Brunnen führten, und für einen Moment wirkte Atlantis so friedlich, wie es immer gewesen war. Doch diese friedliche Stimmung wurde jäh unterbrochen, als ein lauter, schriller Ruf die Geräusche des Trubels durchschnitt.
„Warte!“
Erschrocken wandte sich der Kommandant um und bemerkte ein kleines Mädchen, dass sich aus der Menge gelöst hatte und quer über den Platz rannte, ohne sich einmal wirklich umzusehen. Zur gleichen Zeit bog eine beladene Kutsche ein, die Pferde noch immer leicht im Trab und damit nicht langsam genug, damit der Kutscher rechtzeitig reagieren konnte. Alles was daraufhin geschah, passierte in kaum mehr als einem Atemzug. Timaeus setzte sich in die Bewegung, bevor der Gedanke völlig geformt war. Mit wenigen Schritten erreichte er das Kind, riss es zur Seite und spürte im selben Moment, wie ihn der Wagen seitlich streifte. Der Schmerz kam verzögert: Ein scharfes Brennen am Unterarm. Die Kuschte hielt erst einige Meter entfernt an und laute Stimmen erhoben sich. Erschrockene Rufe gingen durcheinander, während sich eine Traube um den Ort des Geschehens gebildet hatte. Doch Timaeus ignorierte es – die Blicke, die Stimmen. Stattdessen sah er hinunter zu dem kleinen Mädchen in seinen Armen, welches vollkommen verängstigt wirkte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er mit beruhigender Stimme.
Sie nickte stumm mit Tränen und den Augen und noch immer zitternd.
„Gut“, sanft stellte er die kleine wieder auf ihre Füße, woraufhin sie ihn leicht irritiert musterte.
Kurz darauf kam ihre Mutter angerannt, die sie weinend und zugleich schimpfend in den Arm schloss, bevor sie sich an ihn wandte, um ihm zu danken. Zögerlich und leicht verängstigt, als sie dabei in seine Augen blickte. Sofort wandte sich der junge Kommandant ab und nickte nur, ehe er sich durch die Menschen drängte, die noch immer gaffend im Kreis standen und nicht so ganz zu verstehen schienen, was da gerade geschehen war.
„Ihr seid verletzt“, erklang eine ruhige, feste Stimme hinter ihm, als er noch nicht einmal ganz seine beiden Soldaten erreicht hatte.
Er erstarrte minimal und bemerkte dann eine junge Frau, die sich ebenfalls aus der Masse herauslöste und dabei den Trubel hinter sich vollkommen ignorierte. Sie trug ein schlichtes weißes Kleid. Um ihre schlanke Taille trug sie einen Ledergürtel, der mit einzelnen goldenen Elementen verziert war und an dem kleine Säckchen hingen, in denen sie offensichtlich etwas transportierte. Ihre langen braunen Haare waren zu einem lockeren Zopf gebunden und fielen ihr über den Rücken. Sie bedachte ihn mit einem ruhigen Blick, der weder Angst noch große Ehrfurcht zeigte, mit blauen Augen, die die Farbe des Meeres widerspiegelten. Irritiert über ihre Worte blickte Timaeus kurz auf seinen Unterarm, an dem sich ein langer, blutender Kratzer abbildete, der den Ärmel seiner Uniform dunkel färbte.
„Das ist nicht“, sagte er knapp und wollte einem weiteren Gespräch damit aus dem Weg gehen.
„Doch!“
Da war kein Zweifel in ihrer Stimme zu hören und noch ehe er widersprechen konnte, hatte sie bereits seinen Arm vorsichtig, aber entschlossen ergriffen und ihn einige Schritte beiseite geführt. Weg vom Lärm der Straße und Näher an einen der Kanäle heran, in denen frisches Wasser floss.
„Verzeiht“, sagte sie dann plötzlich knapp und riss daraufhin den Teil seines Ärmels auf, welcher eh bereits in Mitleidenschaft gezogen worden war, um so einen Besseren Blick auf die Wunde zu haben. „Sie ist zum glück nicht sehr tief, aber blutet stark.“
Alles weitere arbeitete sie schweigend und automatisiert ab. Ihre Hände arbeiteten ruhig und routiniert, als hätte sie solche Situationen bereits hunderte Male erlebt. Vorsichtig reinigte sie die Wunde mit einem sauberen Tuch, dass sie zuvor in den Kanal getaucht hatte, und griff dann in einen der kleinen Beutel an ihrer Taille, um einen Verband heraus zu nehmen. Vorsichtig wickelte sie diesen um die Verletzung, die sie zuvor mit einem weiteren sauberen Tuch abgedeckt hatte. Timaeus unterdessen wusste in diesem Moment nicht, wie er darauf reagieren sollte. Nicht einmal, als sein Ärmel gänzlich zerrissen wurde, hatte er einen Ton herausgebracht. Dazu war er viel zu sehr von der routinierten Art der jungen Frau gefangen, mit welcher sie sich an die Versorgung seines Armes gewagt hatte. Gebannt beobachtete er, wie sie mit flinken Handgriffen den Verband verschlossen hatte und bemerkte deshalb nicht, wie sie plötzlich den Blick ob.
„Wunderschön“, holte ihre Stimme ihn wieder in die Realität.
Seine türkisblauen Augen trafen auf ihre Meerblauen und in diesem Moment realisierte er erst einmal, dass sie ihm direkt ins Gesicht blickte und das erkannte, was er immer versuchte zu verbergen. Doch sie wich seinem Blick nicht aus, sondern begegneten ihm mit Offenheit und Neugier, nicht mit Angst oder Misstrauen, wie er es sonst immer gewohnt war. Und zum zweiten Mal an diesem Tag wusste er nicht, was er sagen sollte. Viel zu sehr irritierten ihn ihre Worte und ihr Blick.
„Eirene“, rief eine Stimme aus der Menge. „Wo steckst du?“
Der Blickkontakt endete schlagartig, als sich die Brünette abwandte und in die Richtung sah, aus der sie die Stimme vernommen hatte. Sie seufzte einmal leise, als würde sie sich erst jetzt wieder erinnern, wo sie war und wandte sich ihm dann noch einmal kurz zu.
„Ich muss gehen“, sagte sie knapp und drehte sich um. „Bitte verzeiht, dass ich Euren Ärmel zerrissen habe, aber es ging nicht anders. Bitte achtet darauf, dass die Wunde sauber bleibt und wascht sie regelmäßig mit klarem Wasser aus.“
Sie trat einen Schritt zurück und schenkte ihm ein kleines, beinahe entschuldigendes Lächeln. Dann war sie fort und Timaeus blieb zurück. Die Geräusche der Stadt kehrten nur langsam zurück. Stimmen, Schritte, das Rollen der Räder. Das alles war für einen Moment um ihn herum verschwunden, ohne dass er es wirklich bemerkt hatte. Umso mehr trafen ihn die lauten Geräusche, als er wieder in der Realität angekommen war. Er blickte auf seinen verbundenen Arm und merkte erst jetzt, dass es nicht die Verletzung war, die ihn aus der Fassung gebracht hatte, sondern dieses Mädchen, dass wie ein Frühlingssturm plötzlich vor ihm erschienen und genauso schnell wieder verschwunden war. Er wusste nicht, wie lange er dort noch stand, nur, dass ihm zum ersten Mal sein vielen Jahren das Gefühl blieb, dass etwas begonnen hatte, das er weder geplant hatte, noch verhindern konnte. Und irgendwo zwischen den Stimmen der Händler und dem Rauschen des Wassers hatte er das Gefühl, ihre Stimme noch leise vernehmen.
„Kommandant!“, die Stimme eines der beiden Soldaten ließ ihn aus seinen Gedanken zurückkehren und sich kurz umblicken.
Die Straßen hatten sich längst wieder beruhigt und jeder der Anwesenden hier ging unbeirrt seinen Tätigkeiten nach. Der Beinaheunfall, der noch vor wenigen Minuten für Aufruhr gesorgt hatte, war bereits wieder vergessen. Im Augenwinkel erkannte er seine beiden jungen Begleiter, die ihn offensichtlich gesucht hatten. Sie wirkten besorgt, doch schienen beruhigt, als sie ihn unversehrt vorfanden.
„Verzeiht den Aufruhr“, sagte er daraufhin nur, doch die jungen Männer schüttelten nur den Kopf.
Einer der Beiden jedoch blickte auf seinen verbundenen Arm, was ihm nicht verborgen blieb.
„Es ist alles in Ordnung. Nur ein Kratzer“, meinte er und bemerkte im gleichen Moment, wie sich die angespannte Haltung des jungen Mannes wieder löste. „Lasst uns weitergehen.“
Ein synchrones Nicken folgte, woraufhin sich die kleine Gruppe wieder auf den Weg machte und ihre Patrouille fortführte. Doch kaum waren sie einige Straßenzüge weitergezogen und hatten den Lärm des Marktes hinter sich gelassen, bemerkten sie eine weitere kleine Menschentraube, sie sich vor ihnen gebildet hatte. Stimmen wurden Laut, weshalb Timaeus misstrauisch wurde. Mit schnellen, festen Schritten ging er auf den Pulk von Menschen zu und schob einige von ihnen beiseite, um so ins Zentrum zu gelangen. Dort erkannte er zwei Männer, die sich gegenüberstanden, kaum mehr als eine Armlänge voneinander entfernt. Der eine trug schlichte Kleidung eines Handwerkers, seine Hände noch staubig vom Stein. Der andere wirkte auf den ersten Blick kaum anders, doch etwas an seiner Haltung, an der stillen Schwere seines Blickes, verriet, dass er anders war. Timaeus betrachtete ihn einen Moment länger und bemerkt die etwas spitzeren Ohren, die bei einem einfachen Blick nicht auffallen würden, jedoch seine Herkunft verrieten.
Ein Numen.
Timaeus war alarmiert. Wenn sich ein Mensch und einer der Numina so gegenüberstanden, konnte das nichts Gutes bedeuten. Vor allem, wenn sich noch weitere um sie herum versammelt hatten.
„Verschwindet von hier! Ihr seid eine Gefahr für uns Menschen“, rief der Handwerker aufgebracht. „Ich habe es gesehen. Einer von euch hat meinen Bruder angegriffen! Ohne Grund!“
Der Numen blieb ruhig und schüttelte den Kopf: „Das mag sein. Aber ich war es nicht. Ich kenne deinen Bruder nicht einmal.“
„Lügner! Ihr seid alle gleich!“
Ein paar Stimmen aus der Menge wurden lauter. Nervös. Unsicher. Niemand trat dazwischen, doch sie alle hatten verbal etwas dazu beizutragen. Ein lautes Gewirr aus Stimmen ging durch die Menge, die in Timaeus‘ Kopf hämmerten, wie Steinmetzwerkzeug auf Stein. Als die Stimmen lauter wurden trat er vor und sofort verstummten alle um ihn herum. Es reichte bereits, wenn man ihn erkannte, um die aufgeheizte Stimmung wieder etwas abzukühlen.
„Was ist hier los?“ Sein Blick auf die hier Anwesenden war ernst und verlangte klare Antworten, keine Ausflüchte.
Der Handwerker schluckte, doch sein Zorn war noch nicht verschwunden: „Mein Bruder wurde gestern verletzt. Und ich weiß, dass es einer von diesen Numina war.“
Der junge Kommandant lauschte ruhig den Worten und wandte sich dann ruhig an den Beschuldigten: „Und Ihr?“
Dieser zögerte: „Es stimmt, dass einige meines Volkes sich in letzter Zeit… anders verhalten. Doch ich war es nicht. Ich war nicht einmal dort und kenne besagte Person nicht.“
Timaeus ließ den Blick über beide Männer schweifen und wandte sich dann an den Handwerker: „Ihr sagtet Euer Bruder wurde angegriffen. Habt Ihr genau gesehen, dass es dieser Mann war, der ihn verletzt hat?“
Der Angesprochene stutzte: „N-nein. Das nicht… aber mir wurde gesagt, das es einer von ihnen war.“
„Beschuldigungen helfen niemandem“, sagte der Kommandant ruhig. „Und Schuldige findet man nicht, indem wahllos Verdächtigungen ausspricht. Wenn Ihr keine Beweise dafür habt, dass es genau dieser Mann war, der Euren Bruder verletzt hat, so solltet Ihr von ihm ablassen.“
Der Handwerker atmete schwer, senkte schließlich den Blick und wandte sich böse murmelnd von ihnen ab: „Kein Wunder, dass er diesem Numen hilft. Habt ihr seine Augen gesehen. Er ist einer von ihnen.“
Die Worte waren leise, doch Timaeus hatte sie trotzdem vernommen. Er blickte noch einmal böse zu dem Handwerker, welcher unverzüglich zusammenzuckte und dann von dannen stolperte. Der junge Kommandant atmete einmal tief durch, um seine aufkommende Wut zu unterdrücken, immerhin war er solche Kommentare bereits gewohnt. Es war nicht das erste Mal, dass ihm unterstellt wurde, er würde zu den Numina gehören, obwohl er wusste, dass es anders war. Ein weiterer Fluch, den seine Augen mit sich brachten. Noch einmal nahm er einen kräftigen Atemzug und wandte sich dann dem Numen zu, der noch immer neben ihm stand und ihn überrascht ansah.
„Ihr solltet nun auch gehen“, sagte Timaeus anschließend.
Etwas erschrocken zuckte der Angesprochene zusammen, doch nickte dann und ging mit einer zögerlichen Verbeugung. Daraufhin löste sich auch die Menge auf, während Timaeus an Ort und Stelle stehen blieb, um den Abzug aller Parteien zu beobachten. Um ihn herum nahmen die Geräusche der Stadt wieder ihren gewöhnlichen Rhythmus ein, doch gewöhnlich fühlte sich für ihn nun nichts mehr an.
„Kommandant?“ Einer der jungen Soldaten, die das Geschehen aufmerksam beobachtet hatten, trat vorsichtig näher.
„Ja?“
Der junge Mann kratzte sich verlegen am Nacken: „Ich verstehe das nicht… die Numina waren doch immer friedlich. Auch ich habe Freunde unter ihnen. Warum sollte es nun plötzlich anders sein, nur weil einige von ihnen plötzlich… ihr Verhalten ändern? Deshalb sind doch nicht gleich alle böse.“
Timaeus antwortete nicht sofort. Sein Blick wanderte von dem Soldaten weg über die Dächer der Stadt, hinaus zum fernen Meer.
„Da stimme ich dir zu“, sagte er schließlich leise. „Doch leider sind die Menschen so gestrickt, dass sie sich schnell ein Vorurteil bilden. Besonders dann, wenn Dinge passieren, die sie sich nicht erklären können. Sie suchen dann die für sie einfachste Lösung.“
„Ich hoffe, dass das alles keine Vorboten für etwas schlimmeres sind“, sagte der junge Mann besorgt.
„Das hoffen wir alle“, sagte der Ältere. „Aber dafür sind wir ja hier. Nicht wahr?“
Der Soldat nickte langsam, auch wenn er offensichtlich noch immer ratlos war. Für Timaeus jedoch war das Thema erst einmal beendet, sodass er sich abwandte und wieder in Bewegung setzte. Doch in seinem Inneren konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass Atlantis selbst den Atem anhielt.
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The Space between Words
*~* 04 – The Space between Words *~*
Einige Tage waren ins Land gezogen, seit Timaeus der jungen Heilerin auf der Straße begegnet war, doch verändert hatte diese Begegnung nichts. Alles ging seinem gewohnten Gang. Die Garnison arbeitete wie immer, Patrouillen wurden eingeteilt, Berichte geschrieben und Waffen geprüft. Doch manchmal war da ein kurzer Moment, in dem Timaeus‘ Blick unbewusst in die Ferne schweifte. Als habe er die Hoffnung, dass Eirene jeden Augenblick neben ihm erscheinen würde; so wie es vor einigen Tagen der Fall gewesen war. Das jedoch geschah nicht und dann erwischte er sich dabei, enttäuscht zu seufzen, nur um die Gedanken gleich darauf mit einem Kopfschütteln beiseitezuschieben und sich einzureden, dass er für solcherlei Dinge keine Zeit hatte. Auch an diesem Morgen war sein Blick mehr als einmal kurz in Richtung der Stadt gewandet, ohne wirklich zu wissen, wieso er derart Hoffnungen überhaupt hegte.
Der Übungsplatz lag im hellen Vormittagslicht, während der Klang von Stahl auf Stahl durch die Luft hallte. Langsam schritt Timaeus die Reihen der Soldaten ab und beobachtete jede ihrer Bewegungen.
„Höher“, sagte er ruhig zu einem jungen Rekruten. „Wenn der Gegner euch hier trifft, seid ihr tot.“
Der Soldat korrigierte hastig seine Haltung und der Ältere nickte knapp, bevor er weiterging. Wieder glitt sein Blick für einige Sekunden vom Geschehen weg und es brauchte einiges an Konzentration, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Dabei war er jedoch sorgsam darauf bedacht, dass keinem, insbesondere den jungen Soldaten, sein merkwürdiges Verhalten auffiel. Niemand sollte etwas von seiner inneren Unruhe bemerken, die ihn aktuell umtrieb und von der er keine Ahnung hatte, woher sie genau kam. Doch leider hatte er dabei nicht die Aufmerksamkeit seiner beiden langjährigen Kameraden bedacht, die ihn aus der Ferne beobachteten.
Gelangweilt stand Hermos am Rand des Übungsplatzes; die Arme hinter dem Kopf verschränkt und immer wieder lauthals gähnend, als hätte er die halbe Nacht nicht geschlafen. Doch sein Blick lag dabei aufmerksam auf Timaeus, der den jungen Soldaten Anweisungen gab. Neben ihm stand Kritias mit vor Brust verschränkten Armen. Dieser hatte sich mit einem Offizier über die aktuelle Lage in der Stadt ausgetauscht und diesen dann mit einem weiteren Auftrag weggeschickt, als Hermos das Wort ergriff:
„Findest du nicht auch, dass sich Timaeus merkwürdig verhält? Er versucht es zu verbergen, aber… naja… in sowas war er noch nie wirklich gut.“
Sein langjähriger blonder Freund und Kamerad sah kurz aus dem Augenwinkel zu ihm hinüber und wandte sich dann wieder der Person zu, über die es gerade ging. Diese war gerade zu einem weiteren jungen Rekruten gewandert und hatte weitere Anweisungen gegeben, um dessen Haltung zu verbessen.
Schweigend beobachtete er seinen Kameraden für einen Moment, ehe er sein Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagerte und dann leise seufzte: „Er wirkt abwesend. Da stimme ich dir zu.“
„Nicht wahr? Das ist so gar nicht seine Art. Wo er doch sonst immer so… korrekt ist…“, meinte Hermos. Auch er änderte seinen Stand und legte dann seinen Finger ans Kinn: „Das ganze begann nach seinem Rundgang durch die Stadt. Meinst du, da ist etwas passiert? Sein Arm war danach immerhin verletzt.“
„Ich habe bereits mit den beiden Soldaten gesprochen, die ihn begleitet haben“, sagte Kritias und erklärte, was diese ihm zu dem Beinaheunfall zwischen dem Mädchen und der Kutsche erzählt hatten. „Danach war Timaeus wohl plötzlich verschwunden und als sie ihn gefunden haben war sein verletzter Arm bereits behandelt worden. Mehr konnten sie aber auch nicht dazu sagen.“
„Wirklich merkwürdig…“, seufzte der brünette Krieger und ließ dann seinen Blick über die Umgebung schweifen. Dabei fiel ihm eine Bewegung im Augenwinkel auf. „Hm?“
„Was ist los?“, fragte der Blonde, doch bekam nicht sofort eine Antwort und sah deshalb zu dem Brünetten hinüber.
Dieser grinste jedoch nur breit und setzte sich plötzlich in Bewegung: „Offensichtlich haben wir Besuch…“
Mit diesen Worten entfernte er sich vom Übungsplatz und ließ seinen Kumpel Kritias irritiert und ratlos zurück.
Unsicher stand Eirene in unmittelbarer Nähe des Übungsplatzes und schaute hinüber zu den Reihen von Soldaten, die sich dort aufhielten; immer in der Hoffnung, dass man sie nicht entdeckte. Mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht wieder umzukehren. Denn wenn man sie erst einmal hier entdecken würde, dann war ihr eine Strafe sicher. Immerhin war es Zivilisten verboten, sich dem Übungsplatz der königlichen Armee zu nähern. Es sollte sowohl dem Schutz der Bevölkerung, als auch dem der Soldaten dienen, denn niemand konnte sagen, ob sich nicht jemand mit bösen Absichten näherte. Und doch war sie nun hier. Nach langer Überlegung hatte sie sich endlich hierher getraut, in der Hoffnung denjenigen zu finden, den sie sein einigen Tagen suchte. Sie hatte es bereits an der Garnison direkt versucht, doch hatte sich nie mehr als ein paar Fuß in die Nähe getraut, denn die Soldaten, die das Tor bewachten blickten immer sehr düster drein. Außerdem war es der einfachen Bevölkerung auch verboten ohne Grund dort hinein zu gehen. Nebenbei hatte sie immer wieder auf die Patrouillen geachtet, die durch die Stadt gingen, um die Sicherheit zu gewähren, doch auch dort war gesuchte Person nicht noch einmal dabei gewesen. So war ihr also keine andere Wahl geblieben, als hierher zu kommen und ihr Glück hier zu versuchen. Dabei fand sie den Vorwand für ihr Auftauchen mittlerweile mehr als bröckelig und doch war ihr nichts Besseres eingefallen. Unsicher drückte sie das kleine Bündel mit frischen Verbänden und einer selbst angerührten Salbe an ihre Brust und ließ ihren Blick wieder schweifen. Sie erkannte Soldaten, die sich in einem unsichtbaren Rhythmus beinahe synchron bewegten, gegeneinander mit Holzschwertern kämpften oder einfach nur still am Rand standen und das Geschehen auf dem Platz beobachteten. Untermalt wurde dieses Bild von einem Stimmengewirr, dass durch die Luft hallte und aus Befehlen, Anweisungen, Getuschel und den angestrengten Lauten der Soldaten während ihrer Übungen bestand. Plötzlich jedoch blickte sie auf, als sie eine ihr bekannte Stimme vernahm, die alles weitere durchschnitt; klar und deutlich. Und endlich sah sie ihn… den Soldaten, dessen Verletzung sie einige Tage zuvor behandelt hatte, nachdem dieser ein kleines Mädchen vor einem Unfall bewahrt hatte. Er hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Nicht weil der das Kind gerettet hatte und auch nicht, weil er nicht wirkte, wie ein einfacher Soldat, sondern wegen seiner Augen, die sie in ihren Bann gezogen hatten. Deren ungewöhnliche Form sich ihr ins Gedächtnis gebrannt hatte. Die so klar waren, wie das Wasser in einer Quelle und doch wirkten, als hätten sie bisher einiges an Leid erfahren. Wie gebannt starrte sie auf das Szenario vor sich, konnte den Blick nicht von dem jungen Mann nehmen, der vor seinen Rekruten stand und ihnen Anweisungen gab, die sofort ohne Widerworte umgesetzt wurden, und dann weiterging. Mit aufrechtem Gang und stolzem Schritt. Ihn umgab eine Würde, die sie bisher bei noch niemand anderen gesehen hatte und doch hatte sie das Gefühl, dass heute etwas in seinen Bewegungen störte. So, als wäre er nicht vollkommen bei der Sache, sondern von irgendetwas abgelenkt.
„Unbefugte haben hier keinen Zutritt“, erklang plötzlich eine männliche Stimme von der Seite.
Erschrocken und mit einem erstickten Schrei zuckte die junge Frau zusammen und machte einen Satz zur Seite, was dem Brünetten jedoch nur ein amüsiertes Lachen abrang.
„Wenn du hier herumschleichst, dann denkt noch jemand du wärst eine Spionin“, sagte er anschließend mit einem schiefen Grinsen. „Also sprich schnell und sag mir, was du hier machst.“
Es wurde still zwischen den Beiden. Mit großen Augen starrte Eirene den Soldaten in der rot-schwarzen Rüstung an, der mit lockerer Haltung und verschränkten Armen neben ihr stand und nicht so wirken, als würde er sie jeden Augenblick bestrafen wollen. Trotzdem war die junge Frau starr vor Angst der Konsequenzen, die ihr Auftauchen hier mitziehen konnten. Doch auch nach einigen Sekunden der Stille machte der Mann neben ihr keine Anstalten sie in irgendeiner Weise zu bestrafen oder einen seiner Vorgesetzten zu holen, um diese von diesen übernehmen zu lassen.
„Na?“, fragte er noch einmal nach, dieses Mal mit in die Höhe gehobener Augenbraue.
„Ich… also…“, stotterte sie und versuchte eine gute Ausrede zu finden. Doch egal was ihr einfiel, es schien nicht ausreichend genug, um ihre Anwesenheit zu erklären.
Hinzu kam, dass die goldgelben Augen ihres Gegenübers, die fest auf sie gerichtet waren, sie noch nervöser machten und ihre Anspannung damit eher steigerten. So versteifte sie sich nur noch mehr und griff fester um die Dinge in ihren Händen, woraufhin ihr jedoch plötzlich das Döschen mit der Salbe aus den Fingern rutschte.
„Oh nein“, rief sie erschrocken aus.
Schnell wollte sie nach dem Gegenstand greifen, doch durch die anderen Dinge in ihren Händen war dies fast unmöglich. Zudem war sie noch immer viel zu steif, um richtig reagieren zu können, weshalb sie das Gefäß bereits zerbrochen auf dem Boden vor sich sah. Doch entgegen dem reagierte der brünette Soldat unglaublich schnell und hatte das Döschen kurz darauf bereits mit einem gekonnten Griff aufgefangen, bevor es auf dem Boden zerschellen konnte.
„Hoppla“, er richtete sich wieder auf und betrachtete den Gegenstand in seiner Hand. „Ist das eine Salbe?“
Fragend wanderte sein Blick von dem Gefäß in seiner Hand zu der jungen Frau, woraufhin ihm erst jetzt die Dinge in ihren Händen aufzufallen schienen, die sie bei sich trug. Erneut legte sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, während er sich wieder aufrichtete und der jungen Frau die Salbe reichte.
„Da läuft der Hase lang“, murmelte er dann und blickte aus dem Augenwinkel hinüber zu Timaeus, der von alledem nichts mitbekommen hatte.
Dann räusperte er sich und wandte sich wieder gänzlich der jungen Frau zu: „Kann es sein, dass du diejenige bist, die Timaeus‘ Verletzung behandelt hat?“
„Ti-Timaeus?“, fragte Eirene irritiert.
„Na er“, grinsend hob Hermos den Daumen und richtete ihn hinter sich auf das Feld.
Überrascht über diese vollkommen gewöhnliche Geste, die sie einem Soldaten der königlichen Armee nicht zugetraut hatte, folgte sie dem Fingerzeig ihres Gegenübers, woraufhin ihr Blick auf den schwarzhaarigen Soldaten fiel, wegen dem sie überhaupt erst hergekommen war. Sofort war ihr Blick wieder von ihm gefesselt, woraufhin sie nicht einmal mehr mitbekam, wie das Grinsen in Hermos Gesicht noch breiter wurde.
„Sein Name ist also Timaeus“, ging ihr dabei durch den Kopf und schrak erneut auf, als sie die aufgeregte Stimme des brünetten Soldaten vernahm: „Ich wusste es doch!“
Irritiert sah sie ihn an, doch kam nicht mehr dazu nachzufragen, was er damit meinte, denn plötzlich erklang eine weitere männliche Stimme, die sich ihnen näherte.
„Was treibst du hier Hermos?“, fragte sie ernst. „Wer ist diese Frau?“
Wieder zuckte Eirene zusammen und erblickte dann einen blonden Soldaten in blau-schwarzer Rüstung, der auf die beiden zugelaufen kam. Mit seinen tiefblauen Augen blickte er sie ernst an, dabei sei Misstrauen nicht verbergend.
„Der Grund für Timaeus‘ Verhalten, würde ich sagen“, grinste Angesprochener schief.
„Wie soll ich das verstehen?“
„Wirst du schon sehen“, sagte der Brünette und rannte plötzlich los. „Hey Timaeus!“
„Was hat der Idiot jetzt schon wieder vor?“, murrte Kritias genervt, während er seinem Kameraden nachblickte und dann aber aus dem Augenwinkel zu der jungen Frau neben sich sah, die der Brünette ebenso irritiert zurückgelassen hatte.
Sie wirkte eingeschüchtert und blickte ebenso immer wieder aus dem Augenwinkel zu ihm hinüber, bevor sie sich ganz schnell wieder abwandte, sobald sie seinen Blick bemerkte. Im Grund war es genau das, was er mit seinem Auftreten erreichen wollte, immerhin war das Betreten dieses Teils der Stadt einfachen Bürgern untersagt. Und doch tat er ihr in diesem Moment etwas leid. Offensichtlich schien sie einen Grund gehabt zu haben, sich auf die Gefahr einer Bestrafung einzulassen. Sein Blick fiel auf die Gegenstände in ihren Händen, die sie an ihre Brust drückte und damit versuchte ihre Unsicherheit irgendwie in den Griff zu bekommen. Es handelte sich um Verbandszeug und allmählich hatte er auch eine Ahnung davon, was Hermos meinte und wieso er so gezielt auf ihren Kameraden zugelaufen war. Aus diesem Grund seufzte er leise und erhob dann wieder die Stimme, dieses Mal aber weniger streng:
„Ihr könnt von Glück reden, dass Hermos Euch entdeckt hat. Wärt ihr einem einfachen Soldaten oder einem der anderen Kommandanten in die Arme gelaufen, so hätte das für Euch böse enden können. Es ist nur Hermos kindlicher Naivität zu verdanken, dass Ihr nun unbeschadet davonkommen werdet.“
Erschrocken blickte Eirene auf und daraufhin noch einmal in die dunkelblauen Augen ihres Gegenübers, welche nun weniger streng und einschüchtern wirkten. Sofort nickte sie und presste ein Danke über ihre Lieben, dass sie mit einer leichten Verbeugung unterstrich. Als der Blonde daraufhin seinen Blick wieder zum Übungsplatz richtete, wandte auch sie sich wieder in diese Richtung und erkannte dann, wie Hermos bei dem Schwarzhaarigen angekommen war, der auf dessen Worte sehr irritiert wirkte und dann erschrocken zu ihnen hinüberblickte. In diesem Moment trafen sich erneut ihre Blicke, was die junge Frau kurz zusammenzucken ließ. Trotz der Entfernung konnte sie doch diese wunderschönen Augen erkennen, die sie so sehr in ihren Bann gezogen hatten, dass sie sie nicht wieder vergessen konnte. Ein angenehmer Schauer lief ihr über den Rücken und verschwand in dem Moment, als ihr Blickkontakt abrupt abbrach, als sich Timaeus seinen Soldaten zuwandte, um diesen eine ungewollte Pause zu gewähren. Dann wandte er sich ab und kam mit festen Schritten auf sie zu. Nach nur wenigen Sekunden hatte er die Distanz zwischen ihnen überwunden und stand einen Augenblick später direkt vor ihr. Schweigend starrten sie sich an, während ihr Gegenüber offensichtlich versuchte herauszufinden, wieso sie sich einer solchen Gefahr aussetzte.
„Ihr hättet nicht hierherkommen sollen“, durchbrach er die Stille kurz darauf mit ernster, aber besorgter Stimme, in der jedoch auch noch etwas anderes mitschwang.
Überrascht sah Eirene zu dem jungen Kommandanten auf, in dessen Stimme sie eindeutig auch eine leichte Freude wiedererkannt haben wollte, und in dessen Augen sich trotzdem Sorge spiegelte. Sie war so gebannt von dem Bild vor sich, dass sie einen Moment brauchte, um zu reagieren. Erst als sie bemerkte, wie ihr langsam die Scham ins Gesicht stieg reagierte sie wieder und hielt Timaeus schnell das Bündel in ihren Händen entgegen, während sie den Blick gen Boden richtete, um die Röte zu verbergen.
„Ich dachte, dass der Verband vielleicht noch einmal gewechselt werden sollte. Und… ich habe eine Salbe angemischt, die verhindert, dass Narben zurück bleiben…“
Timaeus schwieg einen Moment und blickte etwas irritiert auf die ihm dargebotenen Verbände vor sich: „Das…. Wäre nicht nötig gewesen.“
„Ich weiß“, antwortete Eirene etwas unsicher, da der Vorwand, um herzukommen, nun endgültig zerbrach. „Aber… ich wollte sicher sein.“
Stille breitete sich aus, die mit jeder Sekunde unangenehmer wurde, vor allem, da sie beide von dem blonden und brünetten Krieger aufmerksam beobachtet wurden. Und plötzlich empfand Eirene ihre Idee hierhergekommen zu sein, als dumm. Dabei wollte sie ihn doch unbedingt wiedersehen. Diesen Mann mit den außergewöhnlichen Augen, der so kühl und distanziert wirkte und doch so, als würde ihm etwas fehlen, und der ihr seit dem Tag ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie hatte sich gefreut ihn endlich gefunden haben, doch je länger das Schweigen zwischen ihnen anhielt, desto unsicherer wurde sie. Das Selbstbewusstsein, welches sie sonst an den Tag legte, bröckelte und sie wusste nicht einmal wieso. Nach einiger Zeit schluckte sie schwer und hob langsam wieder den Kopf. Sie wollte sein Gesicht sehen und erkennen, was er gegebenenfalls dachte. Doch noch bevor sich ihre Blicke treffen konnten, wurde es plötzlich unruhig auf dem Übungsplatz.
Laute Rufe hallten über das Feld und ließen die junge Frau, sowie die drei Kommandanten in diese Richtung blicken. In der Ferne erkannten sie daraufhin eine Gruppe von Soldaten, die stürmisch auf den Übungsplatz zugelaufen kamen. Erst als sie diesen erreicht hatten, erkannte man, dass zwei von ihnen einen Verwundeten stützten. Blut sickerte durch den Stoff seiner Kleidung und tropfte auf den sandigen Boden, hinterließ eine Spur auf dem Weg, den sie gegangen waren.
„Holt schnell einen Heiler“, rief einer von ihnen. „Ein Notfall!“
Noch bevor irgendjemand weiter reagiert hatte, war Eirene bereits in Bewegung. Ohne darüber nachzudenken hatte sie Timaeus plötzlich die Dinge, die sie ihm ohnehin geben wollte, in die Arme gedrückt und war losgelaufen.
„Bringt etwas zum Unterlegen und legt ihn dann hierhin“, rief sie den Soldaten bestimmt zu.
Ihre Stimme war wieder klar, fest und frei von jeder Unsicherheit. Die Soldaten um sie herum blickten sie einen Moment irritiert an, doch folgten ihr dann instinktiv und taten wie geheißen. Einer der höherstehenden Soldaten schnallte seinen Umhang ab und legte ihn auf die Stelle, die Eirene ihm geheißen hatte, während die anderen den Verletzten darauf ablegten. Sofort kniete sich die junge Frau neben den jungen Mann und gab Anweisungen, ihm die Rüstung abzunehmen, damit sie ihn besser behandeln konnte. Nachdem dies geschehen war, ging sie sofort ans Werk. Mit einem beherzten Griff packte sie den Stoff an der verwundeten Stelle und riss diesen, wie auch damals Timaeus‘ Ärmel, auf. Dann holte sie ein paar saubere Tücher aus den Säckchen an ihrem Gürtel und presste diese auf die Wunde.
„Hier! Drück so stark drauf, wie du kannst, damit die Blutung unterbunden wird“, band sie einen nebenstehenden Soldaten mit ein und wandte sich dann an einen anderen. „Holt sauberes Wasser und beeilt euch.“
Ohne Widerworte gehorchten die Männer und rannten los, während sich Eirene weiter um die Wunde des Verletzten kümmerte.
„Was ist passiert?“, fragte Timaeus einen der Soldaten, die den Verwundeten hergebracht hatten.
Erschöpft saß er auf dem Boden und beobachtete, wie die junge Frau, die eine Außenstehende war, um das Leben ihres Kameraden kämpfte.
„Wir waren auf Patrouille im westlichen Wald“, keuchte er. „Plötzlich wurden wir angegriffen…“
„Von einem wilden Tier?“, hakte Hermos nach. „Die Wunde sieht aus, als hättet ihr gegen einen Bären gekämpft…“
„Wenn es nur so gewesen wäre“, sagte ein anderer Soldat, dessen Gesicht kreidebleich war. „Es war einer von unseren Leuten. Er… er… plötzlich veränderte sich ein Blick… es wirkte, als wisse er nicht mehr wer wir sind… plötzlich rastete er aus… er war wie von Sinnen…“
Timaeus, Kritias und Hermos wurden hellhörig und tauschten einen besorgten Blick. Sie wussten sofort, was diese Aussagen zu bedeuten hatte. Auch innerhalb der königlichen Armee gab es Numina, die als Menschen unter ihnen lebten und die dem König von Atlantis ihre Treue geschworen hatten. Dass auch ihr Verhalten sich plötzlich änderte, bedeutete nichts Gutes. Sollte sich die Nachricht unter ihren Männern verbreiten, dass selbst die eigenen Kameraden zur potenziellen Gefahr werden konnten, so würde dies zu Unsicherheit und Zwietracht innerhalb der Armee führen. Das wiederum würde die militärische Macht von Atlantis schwächen und neue Angreifer auf den Plan rufen, die versuchen würden ihr Reich zu überfallen. Noch dazu war immer noch nicht klar, wieso die Numina sich plötzlich so veränderten und wieso es nur einige traf, aber nicht alle.
„Er wird es schaffen“, holte Eirenes Stimme die drei Krieger wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Sofort waren ihre Blicke auf sie und den verwundeten Soldaten gerichtet, welcher nun wieder etwas entspannter wirkte. Offensichtich hatte sie es nicht nur geschafft die Blutung zu stoppen, sondern auch seine Schmerzen etwas zu lindern. Um sie herum war es schlagartig still geworden. Die Soldaten, welche eben noch von der jungen Frau umhergescheucht wurden, und ihre Kameraden standen um sie herum und beobachteten sie. Nicht misstrauisch oder ablehnend, sondern respektvoll.
Timaeus trat neben sie.
„Danke“, sagte er. Dieses Mal wirkte seine Stimme nicht distanziert, sondern war voller Respekt und Dankbarkeit.
Eirene nickte nur und sah zu ihm auf. Erneut trafen sich ihre Blicke. Nicht schüchtern oder irritiert, sondern voller Vertrauen. Und für einen Moment schien die Zeit zwischen ihnen stehen zu bleiben. Ada war etwas, dass zwischen ihnen zu entstehen schien, dass jedoch keiner der beiden wirklich benennen konnte.
Die Stille auf dem Platz wurde plötzlich jäh unterbrochen, als sich eine Stimme über den Platz erhob: „Was ist hier geschehen?“
Sie war nicht extrem laut, doch sie genügte, um das Getuschel verstummen zu lassen, welches im Begriff war aufzukommen. General Theron trat zwischen den Männern hindurch, der graue schwere Umhang bei jeder Bewegung schwingend, während sein Blick ruhig über die Szene glitt. Erst über den verletzten Soldaten auf dem Boden, dann über die Blutspuren im Sand, dann zu Eirene, deren Hände noch immer voller Blut waren und in ihrem Schoß ruhten, wo sie das weiße Kleid besudelten. Timaeus war der Erste, der wieder reagierte. Er trat auf den General zu und hob die Hand, als Zeichen dafür, dass nur der General hören sollte, was geschehen war. Dieser verstand und beugte sich zu dem jungen Mann vor, welcher ihm das Geschehen erklärte. Gebannt starrten alle Anwesenden auf den gestandenen General, dessen Gesichtsausdruck jedoch keinen Einblick auf seine Gedanken preisgab.
„Diese junge Frau hat sich um unseren Kameraden gekümmert und seine Wunden versorgt, sonst wäre er vielleicht schon seinen Verletzungen erlegen“, beendete der junge Kommandant seinen Bericht nun etwas lauter, während er auf Eirene deutete.
„Ich verstehe“, sagte Theron ruhig und blickte wieder auf den Verwundeten. „Bringt ihn auf die Krankenstation, damit sich unser Heiler weiter um ihn kümmern kann.“
Er trat an Eirene heran, welche Platz gemacht hatte, damit ihr Patient abtransportiert werden konnte und sich dann vor dem General verbeugte, der ihr Respekt einflößte. Plötzlich legte sich eine kräftige Hand auf ihre Schultern und ließ sie erschrocken aufblicken.
„Gut reagiert, junge Dame. Ich danke dir für deinen Einsatz“, sagte er schließlich und wandte sich dann wieder von ihr ab.
Überrascht blickte Eirene ihm nach, während sie spürte, wie die Spannung um sie herum langsam begann sich zu lösen. Unbewusst wischte sie ihre Hände an ihrem Stofftuch ab und schaffte es doch nicht das gesamte Blut loszuwerden, welches daran klebte. Erst in diesem Moment wurde ihr wieder richtig bewusst, wo sie sich befand: Mitten auf dem Übungsplatz, dessen Betreten Zivilisten eigentlich verboten war. Timaeus trat wieder neben sie und sie blickte auf. Von ihrer Unsicherheit war nichts mehr zu spüren, stattdessen war da wieder die selbstbewusste junge Frau, die auch seine Wunde vor einigen Tagen verarztet hatte.
„Er wird durchkommen“, sagte sie leise zu ihrem Gegenüber. „Aber die Wunde muss sauber gehalten werden. Sagt das bitte eurem Heiler.“
Timaeus nickte: „Danke.“
Dieses Mal blieb das Wort zwischen ihnen einen Moment länger stehen und noch einmal trafen sich für kurze Zeit ihre Blicke. Doch dieses Mal war es Eirene, die den Blickkontakt unterbrach, indem sie den Kopf neigte und sich dann zum Gehen wandte.
„Ich sollte jetzt wohl besser gehen“, sagte sie anschließend. „Denkt bitte auch an die Versorgung eurer Wunde. In dem kleinen Gefäß ist eine Salbe, die vor Entzündungen schützt und hilft Narben zu vermeiden. Nutzt sie.“
Damit hatte sie sich auf den Weg gemacht und niemand hielt sie auf. Doch es folgten ihr mehr Blicke, als sie selbst wirklich bemerkte.
„Timaeus, Kritias, Hermos“, erneut durchschnitt Therons Stimme die Ruhe. „Kommt.“
Er wartete nicht, ob sie folgten, als er sich etwas vom Übungsfeld entfernte, damit die einfachen Soldaten ihr Gespräch nicht mitbekamen. Die drei schlossen sich ihm wenig später an, fern genug vom restlichen Treiben, dass ihre Worte nicht weitergetragen wurden.
„Das ist nicht der erste Bericht dieser Art“, sagte der General ohne Umschweife. „In den letzten Tagen sind ähnliche Meldungen eingetroffen. Angriffe ohne Anlass. Männer, die sich plötzlich gegen ihre eigenen Leute wenden.“
Kirtias‘ Stirn zog sich zusammen: „Also keine Einzelfälle… wenn sich das unter den Männern herumspricht, dann bricht Chaos aus.“
„Und genau das ist das Problem“, bestätigte Theron ruhig. „Wir müssen dafür sorgen, dass sich unter den Männern kein Misstrauen bildet.“
„Wenn wir nur den Grund dafür wüssten“, seufzte Hermos.
Timaeus hörte schweigend zu, während sein Blick über das Feld wanderte, hinüber zu den Mauern der Stadt, die stolz und fest in den Himmel ragten. In seinem Kopf formte sich eine Vermutung, doch er behielt sie für sich. Er wollte sie nicht aussprechen, aus Angst, dass genau das Misstrauen unter den Soldaten schüren würde. Doch alle Vorfälle, die bisher gemeldet wurden, hatten mit Leuten zu tun, die dem Volk der Numina angehörten. Ob es ihr Blut war, dass zu diesen Veränderungen führte? Und wenn es so war, wieso geschah dies so plötzlich, nach so vielen Jahren des Friedens? Gab es einen Auslöser? Ein Anlass, auf den ihr Blut vielleicht reagierte? Und wieso betraf es nur einige von ihnen und nicht alle? So viele Fragen, doch er wusste auf keine eine Antwort.
„Wir müssen wachsam bleiben. Achtet genauer auf die Aufteilung eurer Truppen. Unauffällig. Ihr müsst dafür sorgen, dass kein Unmut inmitten der Gruppe entsteht. Solange, bis wir herausgefunden haben, was der Auslöser ist“, befahl Theron.
Timaeus kam es vor, als habe sein alter Meister seine Gedanken gelesen. Er hatte es nicht offen ausgesprochen, doch die drei Krieger wussten genau was er meinte und nickten nur auf den Befehl. Damit war für den General das Gespräch beendet. Mehr gab es im Moment nicht für ihn zu sagen, sodass er sich abwandte und zurück in die Stadt kehrte.
Später, als die Sonne im Begriff war am Horizont zu verschwinden und die Umgebung in ein zartes Orange tauchte, hatte sich Timaeus auf der Mauer der Garnison eingefunden. Unter ihm lag Atlantis, hell im Licht der Abendsonne strahlend, geschäftig und lebendig. So friedlich, dass es beinahe unwirklich erschien. Doch er konnte die Geschehnisse dieses Tages nicht ausblenden. Immer wieder wanderten seine Gedanken zurück zu dem verwundeten Soldaten und den Worten seiner Kameraden, die erzählten, dass er von einem von ihnen angegriffen wurde. Besagter Angreifer war verschwunden. Niemand wusste, wohin er gegangen war, nachdem er seinen Mitstreiter angegriffen hatte und General Theron hielt es für besser nicht nach ihm zu suchen, um seine Soldaten zu schützen. Eine verzwickte Situation. Doch zwischen all den unangenehmen Sachen schlich sich noch jemand anderes in seine Erinnerungen. Er dachte an die meerblauen Augen von Eirene, die ihn erst unsicher, dann mit solcher Selbstsicherheit ansahen, dass er nicht wusste, wie genau er darauf reagieren sollte. Unwillkürlich wanderte sein Blick zum Tor der Garnison, aber dort erkannte er nur die beiden Wachen, die ihren Dienst taten. Natürlich war sie nicht dort. Wieso auch? Ein leises Seufzen glitt über seine Lippen, während er den Blick gen Himmel wandte und nicht wusste, ober er erleichtert darüber sein sollte oder nicht. Und zum ersten Mal in seinem Leben waren es nicht drohende Gefahren, die seinen Geist nicht zur Ruhe kommen ließen, sondern diese junge Heilerin, die ihm mit so viel Offenheit und Selbstbewusstsein gegenübertrat, dass ihm jedes Mal die richtigen Worte fehlten.
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Between Duty and Desire
*~* 05 – Between Duty and Desire *~*
Die Sonne stand bereits hoch über der Garnison, als ein unübliches Streitgespräch am Haupttor Timaeus‘ Aufmerksamkeit erregte. Er war gerade auf dem Weg zum Lazarett, um den verletzten Soldaten erneut zu befragen, als er die helle, entschlossene Stimme hörte, die so gar nicht zum rauen Ton der Wachen passen wollte, die ihm aber mehr als bekannt vorkam. Es war noch nicht einmal ein ganzer Tag vergangen, seit er sie das letzte Mal gehört hatte. Dieses Mal wirkte sie jedoch leicht aufgebracht, was ihn erst recht dazu veranlasste, nachzusehen was gerade am Tor los war.
„Ich sagte bereits, dass ich dem verletzten Soldaten von gestern eine Heilsalbe bringen möchte, mit der seine Wunde versorgt werden sollte, um Entzündungen zu verhindern“, erklärte Eirene mit Nachdruck.
In ihren Händen hielt sie ein kleines tönernes Gefäß, ähnlich dem, welches sie am Vortag Timaeus gegeben hatte. Ihr gegenüber stand die Wache Kael, ein hünenhafter Mann, der ihr unnachgiebig den Weg versperrte.
„Befehl ist Befehl, junge Frau. Zivilisten haben ohne ausdrückliche Erlaubnis keinen Zutritt“, sagte er mit tiefer, aber doch recht ruhiger Stimme.
Verstimmt blickte die junge Frau ihn daraufhin an, in der Hoffnung, dass sie ihn damit nun doch noch irgendwie beiseite zwingen konnte; leider ohne Erfolg.
Timaeus trat unterdessen aus dem Schatten des Torbogens hervor: „Gibt es ein Problem, Kael?“
Sofort strafte Angesprochener seine Haltung und grüßte den ihm höhergestellten Krieger, der jedoch beinahe eineinhalb Köpfe kleiner war als er selbst: „Kommandant! Diese Frau versucht, sich Zutritt zum Lazarett zu verschaffen.“
Der Kleinere der beiden wandte sich Eirene zu, in deren Blick ein Funken Erleichterung aufblitzte, den sie jedoch versuchte sogleich wieder unter einer professionellen Maske zu verbergen.
„Ich wollte lediglich nach dem Mann sehen, dem ich gestern geholfen habe“, erklärte sie darauf so neutral, wie es ihr in diesem Moment möglich war; denn unter ihrer ernsten Miene freute sie sich über das Aufeinandertreffen mit dem Kommandanten. Beinahe hätte sie es schon als Schicksal betitelt, dass er ausgerechnet in diesem Moment auftauchte, als sie ihn am nötigsten brauchte. Und doch wusste sie, dass sie sogar eigentlich darauf gehofft hatte.
Der junge Mann, welcher ihre Gedanken in Beschlag genommen hatte, sah unterdessen zwischen ihr und der Wache hin und her und seufzte dann leise: „Sie ist unter meiner Verantwortung hier. Ich bürge für sie. Lass sie passieren.“
Kael nickte knapp, wenn auch sichtlich überrascht. Er straffte noch einmal seine Haltung und trat dann einen Schritt beiseite, um so der jungen Frau Einlass zu gewähren. Schweigend beutete Timaeus ihr daraufhin, ihm zu folgen. Kaum hatte sich der junge Kommandant abgewandt legte sich ein kleines triumphales Lächeln auf ihre Lippen, mit welchem sie die Wache bedachte, die ihr nur einen bösen Blick nachwarf, während sie Timaeus folgte.
In der Sanitätsstation schlug ihnen der scharfe Geruch von Kräutern und Essig entgegen. Arcas, der oberste Garnisonsheiler, der seine besten Jahre jedoch schon lange hinter sich hatte, war so in seine Aufzeichnungen vertieft, als sie eintraten, dass er sie zuerst gar nicht mitbekam. Erst als die schwere Holztür hinter ihnen ins Schloss fiel, blickte der alte Mann auf und zu dem unerwarteten Besuch. Er hielt inne, als er die fremde Frau bemerkte, und seine Miene verfinsterte sich etwas.
„Was soll das, Kommandant? Das hier ist ein militärischer Bereich, kein Marktplatz für Kräuterweiber“, sagte er ziemlich abwertend.
Eine finstere Miene legte sich auf Eirenes Gesicht, immerhin hatte sie einem der Männer hier das Leben gerettet. Nun als einfache Kräuterfrau abgestempelt zu werden, kratzte an ihrem Stolz als Heilerin. Doch bevor sie etwas sagen konnte und damit die Situation eskalierte, schaltete sich Timaeus bereits ein.
„Ihrem beherzten Eingreifen ist es zu verdanken, dass unser Kamerad gestern nicht gestorben ist, Arcas“, entgegnete er ruhig. „Und sie bringt eine Salbe, die helfen könnte, damit seine Wunden besser heilen. Ich bürge für ihre Kompetenz.“
Der alte Mann schnaubte abwertend, nahm das Gefäß jedoch entgegen und roch skeptisch daran. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte man das Gefühl einen erstaunten Ausdruck in seinen Augen sehen zu können, doch er verschwand so schnell wieder, dass man ihn als Einbildung hätte abtun können. Dann nickte er, immer darauf bedacht sich nichts weiter anmerken zu lassen.
„Fein. Aber nur zehn Minuten. Er braucht Ruhe.“ Damit hatte sich Arcas wieder von den beiden abgewandt und zu seinem Schreibtisch begeben.
Timaeus sah ihm mit einem leisen „Danke“ auf den Lippen nach, bevor er Eirene erneut bedeutete ihr zu folgen, um sie zu dem Soldaten zu führen.
Dieser war inzwischen wieder bei Bewusstsein, aber sein Gesicht war blass und erinnerte damit an die Marmorwände des Palastes in der Morgensonne. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, die bezeugten, dass es ihm noch immer schlecht ging, doch als er Eirene erkannte, stahl sich ein schwaches Lächeln auf seine bleichen Lippen.
„Ihr seid es… danke für… gestern“, krächzte er schwach.
„Ich bin froh euch bei Bewusstsein zu sehen“, antwortete die junge Frau freundlich darauf. „Wahrt Bettruhe, damit ihr wieder zu Kräften kommt.“
Ein schwaches Nicken folgte, bevor Timaeus die Gelegenheit nutzte, um ein paar weitere Fragen zu dem Vorfall vom Vortag zu stellen. Doch die Antworten blieben genauso wage, wie zuvor.
„Er war einer von uns… aber sein Blick… als wäre er nicht mehr er selbst gewesen“, flüsterte der Soldat, ehe ihn die Erschöpfung wieder übermannte.
Schweigend legte Timaeus einen Finger an sein Kinn und schloss die Augen. Nichts neues. Kein Anhaltspunkt, der sie zu dem merkwürdigen Verhalten der Numina führte. Sie drehten sich im Kreis und je länger dieser Zustand anhielt, je mehr Vorfälle geschahen, desto größer war die Gefahr, dass Chaos in ihren eigenen Reihen ausbrach und das Gefüge zum Einsturz brachte. Genau das musste unter allen Umständen verhindert werden, doch solange sie keine Antworten auf ihre Fragen bekamen, war es unmöglich zu handeln.
Eirene beobachtete Timaeus aus dem Augenwinkel, schwieg jedoch. Sie wusste nicht genau, was gerade vor ging, doch dass etwas nicht stimmte, war ihr bewusst. Das Verhalten der Soldaten am Vortag, das Getuschel, was ihr zu Ohren gekommen war, konnte sie nicht ignorieren. Doch sie sprach es vor dem Kommandanten nicht an. Er schien sich ohnehin schon eine ganze Weile mit dem Thema zu beschäftigen, denn die Ringe unter seinen Augen schrieben Bände. Er war erschöpft und sie machte sich Sorgen, dass er es übertreiben würde. Natürlich war sie sich seiner Position bewusst, doch nicht nur in ihrer Funktion als Heilerin machte ihr sein Zustand Sorge. Mit Sicherheit würde er irgendwann zusammenbrechen, wenn er sich nicht mehr Ruhe gönnte. Doch auch hier sagte sie nichts dazu, hoffte nur, dass er es selbst merken würde. Oder einer seiner Vorgesetzten.
„Die zehn Minuten sind rum“, erklang Arcas‘ Stimme aus dem Nebenzimmer und ließ sie damit aus ihren Gedanken schrecken, ebenso wie Timaeus.
Beide tauschten einen kurzen, flüchtigen Blick, bevor sie sich erhob, damit sie wieder gehen konnten.
Als sie das Lazarett verließen und zurück zum Tor gingen, erkannten sie bereits Kritias und General Theron, die in ein Gespräch vertieft waren. Kritias lehnte lässig am Pfosten des Tores und blickte auf, als er Timaeus in seinem Augenwinkel bemerkte. Irritiert hob er eine Augenbraue, als er die junge Frau neben seinem Kameraden bemerkte, und ein vielsagendes Funkeln blitzte in seinen Augen auf.
„Kritias. General“, grüßte Timaeus mit einer leichten Verbeugung seines alten Meisters gegenüber.
„Du siehst schrecklich aus, Timaeus“, stellte Kritias unverblümt fest. „Die Ringe unter deinen Augen könnten als eigene Stadtmauern durchgehen.“
Ein böser Blick traf den Blonden, doch Theron lachte daraufhin nur amüsiert: „Er hat recht, Timaeus. Ihr seht aus, als hättet Ihr seit Tagen nicht geschlafen.“
Er ließ einen flüchtigen Blick über Eirene schweifen, bevor er sich wieder seinem ehemaligen Schüler zuwandte: „Ihr solltet Euch etwas Ruhe gönnen. Der Tag ist friedlich. Deshalb entbinde ich Euch für den Rest des Tages von eurem Dienst.“
Erschrocken blickte Timaeus auf: „Aber…“
„Das ist ein Befehl“, sagte Theron, der sich bereits abgewandt hatte und in Richtung der Generalsräume gelaufen war. „Nutzt den Tag zur Regeneration.“
Irritiert wanderte der Blick des Schwarzhaarigen vom Rücken des Generals zu Kritias, der sich von dem Pfosten abstieß und mit den Schultern zuckte: „Er hat Recht. Nimm dir heute frei.“
Ohne eine Antwort seines Freundes abzuwarten, wandte auch er sich ab und ging von dannen. Zurück blieben Eirene und ein vollkommen überrumpelter Timaeus, der nicht so wirklich wusste, wie er darauf reagieren sollte. Freie Tage hatte er zuletzt als einfacher Soldat in Anspruch genommen und schon damals waren sie für ihn nur vergeudete Zeit, da er sie meistens nur in seinem Zimmer verbracht hatte. Wie man ausspannte, wusste er im Grunde nicht einmal.
„Vielleicht…“, begann Eirene leise, während sie vorsichtig zu ihm aufsah, „…könnten wir ein Stück durch die Stadt gehen? Die frische Luft wird Euch besser tun als die stickigen Mauern der Garnison.“
Timaeus zögerte, spürte jedoch den drängenden Blick von Kritias im Rücken.
„Einverstanden“, sagte er schließlich.
Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf Eirenes Lippen, während ihre Augen von Erleichterung gezeichnet waren. Auch wenn der freie Tag für den jungen Kommandanten wie eine Strafe zu wirken schien, war sie froh darüber, dass er ihm auferlegt wurde. Denn seinen müden Augen zufolge, war es dringend notwendig gewesen.
Die Straßen von Atlantis waren voller Leben. Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten lachend zwischen den Ständen hindurch, und irgendwo spielte jemand auf einer Flöte eine einfache Melodie. Es war laut, aber voll von Wärme und Freude. Und obwohl er dieses Bild schon des Öfteren gesehen hatte, so war es seltsam fremd. Es fühlte sich anders an, nicht in der Position eines Soldaten durch die Stadt zu spazieren, sondern als einfacher Bürger. Noch immer folgten ihm Blicke, aber es waren weniger, als sonst und sie fühlten sich auch weniger unwohl an. Während sie durch die Gassen des Marktplatzes schlenderten, fiel Timaeus‘ Blick auf eine ihm bekannte Person, die sich vor einem Markstand positioniert hatte; jedoch ohne seine auffällige schwarz-rote Rüstung.
„Hermos“, ging ihm der kurze Gedanke durch den Kopf, während ihm einfiel, dass auch er heute einen freien Tag hatte.
„Jetzt hör mir mal zu. Wenn du dich noch einmal bedienst, ohne zu bezahlen, verkaufe ich deine Rüstung als Altmetall, Hermos!“, erklang plötzlich eine helle, aufgebrachte Stimme.
Kurz darauf erkannte Timaeus eine junge Frau mit langen, gewellten, blonden Haaren, die ihr gegenüber mit violetten Augen anstarrte, in denen sich mehr Angriffslust, als Wut widerspiegelten.
„Ach Calsita… als ob du die loswerden würdest“, lachte der Angesprochene daraufhin nur und biss genüsslich in einen Apfel, den er offensichtlich stibitzt hatte.
Die Blonde verschränkte die Arme vor der Brust und schnalzte laut mit der Zunge: „Da hast du recht. Da steckt so viel Ego drin, das würde jedes Regal zum Einsturz bringen!“
Überrumpelt von dieser Schlagkräftigkeit verschluckte sich der Brünette an seinem Apfel, was ihm nur einen weiteren Spruch der jungen Frau einbrachte.
Neben sich hörte Timaeus unterdessen ein leises Lachen, welches sich Eirene nicht verkneifen konnte, die diese Szene gemeinsam mit ihm beobachtet hatte.
„Das war wirklich schlagkräftig“, lachte Eirene. „Nach gestern hätte ich nicht gedacht, dass ihn sowas aus der Ruhe bringen würde.“
„Calsita ist die Einzige, die Hermos wirklich Paroli bieten kann. Aber ich glaube, er genießt das auch“, erklärte Timaeus mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, während er sich für seinen Kameraden freute. Jemanden zu haben, der einen am Boden hielt, war wichtig und er gönnte es dem Brünetten.
Noch immer mit einem kleinen, kaum sichtbaren Lächeln auf den Lippen wandte er sich daraufhin ab und schritt weiter. Eirene folgte ihm.
„Kennt ihr euch schon lange?“, fragte sie anschließend und bemerkte daraufhin den fragenden Blick des jungen Mannes neben sich. „Ich meine Euch und die anderen beiden Kommandanten.“
„Es sind schon einige Jahre. Wir haben gemeinsam als Soldaten gedient und auch gemeinsam den Weg als Kommandanten eingeschlagen. Sie sind zuverlässige Krieger. Ich würde mein Leben in ihre Hände legen, ohne darüber nachzudenken“, erklärte Timaeus ruhig.
„Ehrlich gesagt hatte ich gestern ein wenig Angst“, gestand die Brünette. „Besonders Kritias wirkte… bedrohlich. Aber… wenn nicht sie mich entdeckt hätten, sondern jemand anderes, wäre es wohl böse ausgegangen.“
Sie lachte ein wenig verlegen und wandte sich dann wieder dem Weg vor sich zu. Plötzlich stolperte ein Kind direkt vor ihnen über einen der unebenen Pflastersteine und begann jämmerlich zu weinen. Sofort hatte Eirene reagiert und war zu ihm gelaufen und auf die Knie gegangen. Mit sanften Worten und einer flinken Bewegung ihrer Hände beruhigte sie den Jungen und versorgte den kleinen Kratzer an seinem Knie. Sekunden später rannte er auch schon wieder lachend davon, während ihm die junge Heilerin nachwinkte.
„Ihr seid eine begnadete Heilerin, Eirene“, bemerkte Timaeus daraufhin leise. „Warum arbeitet ihr nicht in einer der großen Heilstuben der Stadt?“
Das Lächeln der Brünetten verblasste ein wenig und sie schwieg, während sie eine Strähne ihres Haares hinter das Ohr schob: „Es gibt keinen Heiler, der mich einstellen würde. Alles, was ich weiß, habe ich von meiner Großmutter gelernt. Sie war wunderbar und eine begnadete Heilerin, aber die Leute nannten sie verrückt, weil sie Dinge sah, die andere ignorierten. Wenn es nach meinen Eltern ginge, dann würde ich Händlerin werden oder einen reichen Mann heiraten… aber das Leben hinter einem Verkaufsstand oder eines Heimchens ist nichts für mich. Deshalb war ich immer bei meiner Großmutter und lernte dort ihr Handwerk.“ Sie sah zu Boden. „Aber sie ist vor drei Monaten gestorben. Seither helfe ich nur noch dort, wo es gerade nötig ist.“
Timaeus spürte einen Stich in der Brust: „Es ist ein Jammer, dass man Euer Talent verkennt. Ihr verdient mehr als das.“
Sein Gegenüber lächelte dankend und schüttelte den Kopf, als wollte sie die Melancholie vertreiben, und wechselte dann bewusst das Thema: „Und ihr? Was treibt einen Mann wie Euch in die Armee? Ist es die Pflicht?“
Der junge Kommandant schwieg und blickte in die Ferne, als müsse er erst einmal überlegen, wie viel er von seinem Inneren wirklich preisgeben könne: „Ich verdanke der Königsfamilie sehr viel. Ich möchte einfach dieses Reich beschützen, das mein Zuhause ist.“
Eirene lauschte seinen Worten und schwieg, bemerkte aber, dass es noch mehr geben musste, dass zu seiner Entscheidung geführt hatte, er jedoch nicht darüber sprechen wollte. So gerne sie auch noch etwas nachgehakt hätte, um mehr zu erfahren, sie hielt sich zurück. Für einen Moment war in seinen Augen sowas wie Schmerz aufgeblitzt. Mit Sicherheit waren die Erinnerungen an diese Zeit etwas, worüber er nicht nachdenken wollte. Aus diesem Grund beließ sie es dabei und erhob sich aus ihrer hockenden Position.
„Wollen wir weitergehen?“, fragte sie daraufhin mit einem kleinen Lächeln und bekam ein sanftes Nicken als Antwort.
Ihr Weg führte sie weiter zu dem Teil des Palastgartens, der für die Bevölkerung freigegeben war und dessen Blumenpracht in voller Blüte stand. Die Stimmung zwischen ihnen war wieder ausgelassen. Der melancholische Ton, der noch einige Minuten zuvor zwischen ihnen geherrscht hatte, war verschwunden. Stattdessen begann Eirene über kuriose Ereignisse zu berichten, die sie während der Arbeit in der Heilstube ihrer Großmutter mitbekommen hatte. Sie erzählte von einem alten Fischer, der der festen Überzeugung war, dass seine gebrochene Hand nur durch eine ganz bestimmte Suppe geheilt werden. Jeden Tag war er bei ihrer Großmutter aufgetaucht und hatte sie um diese Mahlzeit gebeten.
„Und hat es geholfen?“, fragte Timaeus mit einem belustigten Unterton.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete Eirene trocken und mit einem Schulterzucken. „Aber er schien die Suppe sehr genossen zu haben. Ich glaube ja, dass er meine Großmutter mochte.“
Für einen Moment wurde es still, während der junge Mann sie leicht irritiert anblickte. Dann brach ein herzhaftes, tiefes Lachen aus ihm heraus, dass vollkommen frei und unverstellt klang. Ein Geräusch, das in der Garnison so gut wie nie zu hören war. Eirene sah ihn überrascht an. Ihre Augen strahlten vor Entzücken, doch sie sagte nichts. Sofort war ihr bewusst, dass sie dieses Lachen niemals vergessen würde. Sie würde es in Ehren halten, in ihrem Herzen einschließen, denn sie wusste, dass sie es so schnell nicht wieder hören würde. Dieser Moment gehörte nur ihr allein.
Für einige Sekunden beobachtete sie noch den jungen Mann, der für einige Minuten die stolze Hülle eines Kriegers fallen ließ und sich in dem Moment des lockeren Beisammenseins verlor, ehe sie, angesteckt von ihrem Gegenüber, ebenfalls in das herzhafte Lachen einstieg.
Als die Dämmerung Atlantis in violettes Licht tauchte, erreichten sie den Straßenzug, der die junge Frau in ihr trautes Heim führen würde. Die Luft zwischen ihnen war aufgeladen und ein unausgesprochenes Geständnis lag auf ihren Lippen, doch keiner wagte es, den ersten Schritt zu tun.
„Ich danke Euch für diesen schönen Tag, Eirene“, bedankte sich Timaeus mit leiser Stimme.
Niemals im Leben hätte er geahnt, dass er eine solche Ablenkung seines sonst so strengen Alltags hätte gebrauchen können. Tatsächlich fühlte er sich weniger angespannt als noch am Morgen. Er hatte den Tag wirklich genossen und bereute es sogar ein wenig, sie nun wieder gehen lassen zu müssen. Doch er zeigte ihr das nicht, versuchte seine distanzierte Hülle aufrecht zu erhalten, die jedoch beinahe wieder gebrochen wäre, als er in ihre blauen Augen blickte, die ihn so sehr an das weite Meer erinnerten.
Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht: „Ich habe zu danken, dass Ihr euch Zeit für mich genommen habt, Timaeus.“
Schweigend sahen sie sich an. Ein stiller Beweis für das Band, das begann sich zwischen ihnen zu knüpfen. Plötzlich jedoch versteifte Timaeus. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er spürte einen stechenden, hasserfüllten Blick im Nacken, als würde ihn jemand aus den Schatten heraus beobachten. Ruckartig wirbelte er herum, die Hand instinktiv am Griff seines Schwertes. Doch die Gasse hinter ihm war leer. Nur der Wind wirbelte etwas Staub auf.
„Was ist los?“, fragte Eirene besorgt und legte eine Hand auf seinen Arm, was dazu führte, dass er seine Anspannung wieder ein wenig verlor.
Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe, auch wenn sein Herz noch immer raste. Erneut sah er in die Dunkelheit, doch dort war nichts.
„Nichts… nur eine Einbildung. Die Erschöpfung fordert wohl doch ihren Tribut“, versuchte er eine beruhigende Erklärung zu finden und schenkte ihr dann ein nicht ganz so ernst gemeintes Lächeln.
Sie bemerkte es, sagte jedoch nichts dazu, sondern seufzte nur: „Dann solltet Ihr Euch dringend zur Ruhe begeben. Und damit meine ich nicht, Euch in Eure Schreibstube zurückzuziehen.“
Ihr Blick war mahnend und doch nicht ganz ernst. Viel mehr lag etwas Schelmisches darin, doch Timaeus spielte das Spiel mit. Mit einem Nicken verabschiedete er sich und wandte sich zum Gehen. Doch während er zur Garnison zurückkehrte, konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass die Schatten von Atlantis an diesem Abend ein Stück länger geworden waren.
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Echoes of Discord
*~* 06 – Echoes of Discord *~*
Zwei Wochen waren vergangen, seit die friedliche Stille von Atlantis durch den Marschbefehl an die Westgrenze zerrissen worden war. Was als einfache Überprüfung begonnen hatte, war schnell in ein blutiges Chaos gemündet, als aus dem angrenzenden Wald eine Horde wildgewordener Männer auftauchte, deren Verstand von irgendetwas benebelt zu sein schien. In ihren Augen fehlte jeglicher Glanz. Stumpf blickten sie in eine Richtung, immer vorwärts auf ihre vermeintlichen Feinde zu. Mit teilweise einfachsten Waffen griffen sie die Soldaten der atlantischen Armee an und schafften es, das Überraschungsmoment ausnutzend und diese für kurze Zeit zurückzudrängen. Doch gegen die Schwerter der Soldaten kamen sie letzten Endes kaum an und kurz darauf überlagerte der metallische Geruch von Blut die Front, während die Luft schwer von Staub war.
Timaeus stand am Rand des Lagers und beobachtete, wie seine Männer einen gefangenen Numen heranbrachten. Der Mann, der wie ein einfacher Handwerker wirkte, wand sich in seinen Fesseln, während Schaum vor seinem Mund stand und er den Kommandanten mit aufgerissenen Augen anstarrte, als wäre er ein Wesen aus einer fremden Welt. Für einen Moment hatte Timaeus das Gefühl einen grünen Schimmer in den stumpfen Augen erkennen zu können, doch so schnell es erschienen war, so schnell war es auch wieder verschwunden, weshalb er es als Einbildung abtat. Trotzdem war er sich sicher, dass es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Aufstand handelte. Es wirkte, als hätten diese Männer ihren Verstand an eine dunkle, unsichtbare Macht verloren. Immer weiter wand sich der Numan in seinen Fesseln, bevor ihm plötzlich Blut aus dem Mund spritzte und er bewusstlos in sich zusammensackte, als wäre jegliche Lebensenergie aus ihm entwichen. Erschrocken waren die Soldaten beiseite gesprungen und blickten nun auf den leblosen Körper zwischen ihnen, der in seinem eigenen Blut lag.
Mit schnellen Schritten hatte Timaeus die Distanz zu ihnen überbrückt: „Was ist passiert?“
„Er ist plötzlich zusammengebrochen“, antwortete einer der jungen Soldaten etwas überfordert.
Der Kommandant war auf die Knie gegangen und hatte sein Ohr so nah wie möglich an das Gesicht des Mannes gehalten, ehe er den Kopf schüttelte: „Er ist tot.“
Betroffen blickten sich alle an. Keiner konnte sich erklären, was in diesem Moment passiert war, denn bis auf seine gefesselten Gliedmaße und einigen kleineren Wunden, war er nicht schwer verletzt gewesen. Tatsächlich hatten sie akribisch darauf geachtet ihn lebend zu fangen, denn damit wollten sie herausfinden, wieso er sich so merkwürdig verhielt. Doch nun war es zu spät.
„Verdammt“, ging es Timaeus durch den Kopf, während er den toten Mann vor sich betrachtete.
Äußerlich waren keine Wunden zu erkennen, die zu diesem Tod hätten führen können, jedenfalls nicht so schnell, weshalb die Frage blieb, was mit ihm überhaupt geschehen war. Im Augenwinkel bemerkte er plötzlich ein grünliches Schimmern und er blickte auf die Hände des Toten, die nun offen auf dem Boden lagen. Daneben erkannte er ein kleines Objekt: ein scharfkantiger Stein, der in einem giftigen Grün leuchtete. Timaeus runzelte die Stirn, während er den kleinen Gegenstand aufhob und betrachtete. Ihm war, als hätte er einen solchen Stein schon einmal irgendwo gesehen. War es an einem der einfachen Waffen ihrer Gegner? Oder als Brosche an einem der Umhänge ihrer Kommandanten? Gehörte es zum Teil ihrer Ausrüstung? Oder war es ein ritueller Talisman? Merkwürdig war es allemal. Dass Soldaten ihre Rüstungen mit schimmernden Steinen schmückten, ob nun als Auszeichnung oder als Zeichen von Status, war nichts Ungewöhnliches. Doch selten hatte alle Soldaten einer Armee genau den gleichen. Besonders, wenn es sich dabei um einen so ungewöhnlichen handelte. Angestrengt starrte er auf den Splitter in seiner Hand und spürte dann, wie die Umgebung um ihn herum begann zu schwanken. Ein stechender Schmerz zog durch seine Augen, weshalb er zusammenzuckte. In diesem Moment rutschte ihm der Stein aus seiner Hand und fiel zu Boden, wo er zu Staub zerfiel und vom Wind davongetragen wurde. Instinktiv hatte Timaeus mit der linken Hand an seine Augen gefasst und wollte damit den Schmerz etwas lindern, doch es brauchte einige Minuten, ehe dieser wieder verflog. Wie angewurzelt blieb er noch einige Zeit so stehen; konnte sich nicht erklären, was da gerade geschehen war und hatte das Gefühl, als habe etwas versucht seinen Geist zu übernehmen. Es war nur leise gewesen, doch er hatte ein Flüstern vernommen; kaum mehr ein Hauch, doch er hatte die Worte klar verstanden: „Gib mir deine Last… und ich gebe dir Kraft“. Was auch immer diese Stimme war, es hatte ihn mit Kraft locken wollen, auf eine Seite, von der er nicht einmal erahnen konnte, was dort auf ihn wartete. Als er endlich wieder in der Lage war sich zu rühren und seine Hand von seinem Gesicht zu nehmen, starrte er auf die Stelle, an welcher der Stein zu Staub geworden war. Eine böse Vorahnung überkam ihm. Was, wenn das merkwürdige Verhalten dieser Männer auf diesen Stein zurückzuführen war? Sollte diese Stimme nicht nur Einbildung gewesen sein, dann wäre es eine logische Erklärung. Der Gedanke daran ließ ihn erschaudern, doch bevor er ihn weiter ausführen konnte, wurde er wieder ins Hier und Jetzt gerufen, als es im Lager unruhig wurde.
„Ein Angriff von Norden!“, rief einer seiner Soldaten aufgebracht.
Sofort war Timaeus wieder vollends da und setzte sich in Bewegung, während er seinen Untergebenen Befehle zurief, um das Lager zu schützen und die feindlichen Angreifer zurückzudrängen.
Nicht viel später stieß er mit Verstärkung zum Trupp am nördlichen Rand des Lagers und fand dort ein heilloses Durcheinander vor.
„Haltet die Stellung“, rief er, während er mit seinem Schwert einen Angreifer aufhielt, der sich auf ihn gestürzt hatte. „Drängt sie zurück!“
Mit Kraft stieß er den jungen Mann von sich, der zurückstrauchelte und ihn dann mit stumpfen Augen anblickte. Nur mit Mühe schaffte es Timaeus sein Unbehagen zu unterdrücken, als er merkte, dass der Gegner vor ihm ein Junge war; noch nicht einmal annährend alt genug, um sich wirklich von der Brust seiner Mutter zu lösen. Doch er wirkte kaum mehr menschlich. Seine Bewegungen waren ruckartig, beinahe, als wisse er nicht mehr, wie man sich richtig bewegte. Und doch war er unglaublich schnell, was es Timaeus schwer machte, eine Strategie gegen ihn zu finden. Ihn zu töten war nicht seine Intention und doch wusste er nicht, wie er der Situation anders entgehen konnte. In seinem Kopf ratterte es, während er unzählige Strategien durchging und doch keine passende fand, sodass er den Angreifer in seinem Augenwinkel erst bemerkte, als es bereits zu spät war. Mit einer schnellen Bewegung versuchte er auszuweichen, doch trotz allem durchzog kurz darauf ein scharfer Schmerz seine rechte Seite. Timaeus taumelte einen Schritt zurück, fing sich jedoch im selben Moment wieder. Diese Chance nutzten seine zwei Angreifer und stürzten sich auf ihn. Er hob den Arm und blockte mit seinem Schwert den nächsten Angriff, ließ die Kraft daran abgleiten und nutzt die Öffnung für einen gezielten und präzisen Schlag, der beide junge Männer zu Boden zwang. Dann war es für einen Moment still um ihn herum. Nur sein eigner schwerer Atem war zu hören. Langsam senkte er den Blick und bemerkt, wie sich dunkles Rot auf seiner Kleidung ausbreitet. Doch die Wunde wirkte auf den ersten Blick nicht tief, weshalb er sie vorerst ignorierte und sich dann wieder dem Kampfgeschehen um sich herum zuwandte:
„Vorwärts!“
Der Kampf endete genauso abrupt, wie er begonnen hatte und hinterließ letzten Endes nichts weiter als Erschöpfung und Verluste.
*~*
Die Rückkehr nach Atlantis glich einem Trauermarsch. Mit letzter Kraft schleppten sich die Soldaten durch die Tore der Garnison und brachen dann vor Erschöpfung oder aufgrund ihrer Wunden zusammen, sobald sie den Innenhof erreicht hatten.
„Kommandant Timaeus und seine Einheit sind zurück! Holt die Heiler!“, rief einer der wachhabenden Soldaten.
Kurz darauf begann lautes Treiben, das aus wirren Rufen und den klappernden Geräuschen der Rüstungen bestand, in das sich plötzlich das vertraute Weiß der Heilgewänder mischte, die sich auf dem Innenhof verteilten und sich um die Verletzten zu kümmerten. Mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht stieg Timaeus von seinem Pferd und ließ dann seinen Blick schweifen, um sich einen kurzen Überblick zu verschaffen. Plötzlich hielt er inne, als ihn der vertraute Geruch von Lavendel streifte. Irritiert sah er sich um und erkannte dann unter den herbeieilenden Helfern ein Gesicht, das so gar nicht in die raue Umgebung der Garnison passte: Eirene. Auch sie sah sich um, versuchte sich so einen Überblick der Situation zu verschaffen, und traf dabei über das Chaos hinweg seinen Blick. Für einen winzigen Moment schien die Welt um sie herum zu verstummen und er erkannte die tiefe Erleichterung in ihren meerblauen Augen und das sanfte Zittern ihrer Lippen, das mehr sagte als tausend Worte es je konnten. Doch so ergreifend dieser Moment auch war, so schnell war er auch schon wieder dabei, denn die junge Frau war sich ihrer Pflicht mehr als bewusst und unterbrach den Blickkontakt wieder, als ein Soldat neben ihr in sich zusammensackte. Sofort war ihre Aufmerksamkeit wieder im Hier und Jetzt und sie verfiel wieder in ihre ihr zugeteilte Rolle als Heilerin. Unbewusst berührte Timaeus die Schnittwunde an seiner Seite, die von seinem staubigen Umhang verdeckt war, während er erleichtert feststellte, dass sie seine eigene Verletzung wohl nicht bemerkt hatte. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie sich womöglich zuerst auf ihn gestürzt hätte, wo seine Untergebenen doch weitaus stärker gezeichnet waren als er. Aufmerksam beobachtete er die junge Frau, die sich mit einer Professionalität in ihre Arbeit stürzte, die Timaeus zutiefst beeindruckte.
„Kommandant“, erklang die vom Alter gezeichnete Stimme des Garnisonsheiler, die ihn aus seinen Gedanken riss.
Unbemerkt war dieser an ihn herangetreten und bedachte ihn mit einem scharfen Blick, der den sonst so kühn wirkenden Kommandanten zusammenzucken ließ.
„Mitkommen“, sagte er anschließend, während er sich abwandte. „Sofort!“
Damit hatte Arcas bereits jegliche Art von Widerworten oder Beschwichtigungen im Keim erstickt, sodass Timaeus nichts andere übrigblieb, als ihm zu folgen.
Nur wenige Minuten später befand er sich im Lazarett und ließ sich dort von Arcas behandeln. Dieser arbeitete gründlich und vielleicht war gerade deshalb die Behandlung auch alles andere als angenehm für den jungen Mann, doch er versuchte keine Miene zu verziehen und sich nichts anmerken zu lassen.
„Ihr seid nicht unsterblich“, mahnte der alte Mann, während der die Wunde säuberte. „Daran solltet Ihr denken, wenn Ihr euch so unbesonnen in irgendwelche Kämpfe stürzt. Es gibt Menschen, die trauern würden, wenn Ihr nicht zurückkehren würdet.“
Irritiert über die Worte des Heilers hob Timaeus eine Augenbraue und sah sein Gegenüber fragend an. Dieser machte jedoch unbeirrt weiter und tat so, als hätte er nichts dergleichen gesagt, was die Situation nur noch merkwürdiger machte. Stille breitete sich aus, während der junge Kommandant versuchte aus den Worten Arcas‘ schlau zu werden, der mit letzten Handgriffen einen Verband anlegte und sich dann abwandte. Schweigend betrachtete er den Rücken des Heilers, der begonnen hatte, seine Utensilien wegzuräumen.
Nach einigen Minuten wollte er sich schlussendlich seufzend erheben, da er mit keiner weiteren Antwort mehr gerechnet hatte, als Arcas doch plötzlich noch einmal die Stimme erhob: „Sie arbeitet gut.“
Irritiert sah Timaeus auf, während sich der Heiler ihm wieder zuwandte und dann hinüber in ein benachbartes Zimmer zeigte, in dem Eirene gerade dabei war einige Verbände zu wechseln.
„Seit Eurem Aufbruch an die Westgrenze hat sie sich beinahe jeden Tag vor dem Tor der Garnison herumgetrieben und sich mit den Wachen angelegt. Wollte wissen, wie es den verwundeten Soldaten geht und wann Eure Einheit zurückkehrt. Sie hat verdammt viel Unruhe gestiftet“, brach Arcas nun endgültig sein Schweigen.
Überrascht wandte sich Timaeus in die gezeigte Richtung, wodurch er immer wieder Eirenes braunes Haar erkennen konnte, wenn sie hin und herlief.
„Um die Wachen zu entlasten habe ich sie unter meine Fittiche genommen“, brummte der Heiler, in dessen Augen jedoch so etwas wie Anerkennung blitzte. „Das Mädchen hat Talent. Sie weiß sofort was zu tun ist, ohne dass man ihr alles vorkauen muss, und sie kennt sich erstaunlich gut mit Kräuterkunde aus. Mit der Erlaubnis des Königs habe ich sie eingestellt.“
Der Blick des Kommandanten ging so schnell zurück zu Arcas, dass ihm beinahe schwindelig wurde, als er die Worte des alten Giftmischers vernahm, der sonst so kühl wirkte, dass die meisten jungen Heiler Angst vor ihm hatten und sich nicht trauten, bei ihm in die Lehre zu gehen. Dass Eirene es geschafft hatte ihn für sich zu gewinnen, erfüllte Timaeus dann doch irgendwie mit Stolz. Gleichzeitig empfand er tiefe Dankbarkeit für den alten Mann, der es Eirene endlich ermöglichte, offiziell als Heilerin zu arbeiten.
So gut es ging deutete Timaeus eine Verbeugung an: „Ich danke Euch für Eure Gutmütigkeit, Arcas.“
Das Gespräch wurde unterbrochen, als schwere Schritte über den Steinboden hallten. General Theron und der ehemalige König Ironheart betraten den Raum, was die Heiler für einen Moment innehalten ließ. Auch Eirene, die gerade mit einer Schüssel hereinkam, um frisches Wasser zu holen, stoppte und blickte auf die zwei respekteinflößenden Männer, die nur leicht mit dem Kopf nickten, um sie zu begrüßen, ehe sie sich an Timaeus wandten. Dieser war, so schnell es in seinem Zustand ging, aufgestanden und hatte sich tief verbeugt.
„Schon gut, Timaeus. Hebe dein Haupt“, sagte Theron, was den Jüngeren wieder aufblicken ließ. „Es tut mir leid, dass wir dir kaum Zeit zum atmen lassen, aber wir müssen reden. Kritias und Hermos sind von ihren Patrouillen zurück und bereits auf dem Weg zu König Dartz. Auch du wirst erwartet, deshalb sind wir gekommen, um dich zu holen.“
„Ich verstehe“, nickte der junge Mann und folgten dann den beiden Älteren, welche sich bereits abgewandt und das Lazarett verlassen hatten.
Dabei kam er an Eirene vorbei, die ihn mit großen, besorgten Augen anblickte. Da die Zeit für lange Gespräche fehlte, streifte er beim Vorbeigehen nur vorsichtig ihren Arm, um ihr zu bedeuten, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, ehe er endgültig ging.
Die Besprechung im Thronsaal war von einer drückenden Schwere geprägt. Das Gold der Wände schien im Licht der untergehenden Sonne weniger hell zu strahlen und die Luft im Saal schien zum Greifen gespannt. Die Gruppe aus sechs Männern, bestehend aus den drei Kommandanten, Dartz, Ironheart und General Theron, stand um einen großen Tisch herum, auf dem mehrere Karten und Berichte aufgebreitet waren.
„Es breitet sich aus“, berichtete Kritias, nachdem er von einigen Vorfällen innerhalb der Stadt berichtet hatte, die in den letzten Tagen geschehen waren.
„Und das könnte der Grund dafür sein…“, sagte Hermos und warf dann einen kleinen, zerbrochenen Splitter auf den Tisch. „Diesen grünen Stein fand ich nach einem Scharmützel im Wald. Als ich ihn aufhob, zerbrach er, als hätte er alle seine Energie verloren.“
Timaeus versteifte sich, als er den scharfkantigen Stein erkannte, der beinahe genauso aussah, wie der, den er im Lager an der Westgrenze bei dem Mann gefunden hatte. Dieses Mal jedoch ging von ihm kein Glanz aus. Er war vollkommen stumpf.
Er schluckte schwer: „Ich habe sie auch gesehen. An der Westgrenze. Die Numina, die uns angegriffen haben, trugen sie an ihren Waffen oder Rüstungen. Auch mir ist einer davon in die Hände gefallen, aber nachdem ich ihn berührte, zerfiel er zu Staub.“
„Was für ein merkwürdiger Stein“, Ironheart griff nach dem Splitter auf dem Tisch und betrachtete ihn. „Ist bestätigt, dass das Verhalten der Numina mit diesem Stein in Verbindung steht?“
„Leider nicht…“, schüttelte Hermos den Kopf. „Es war nicht möglich einen von ihnen lebend gefangen zu nehmen.“
Theron brummte nachdenklich, während er sich mit den Fingern durch seinen Bart strich: „Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Situation weiter zu beobachten. Habt ein wachsames Auge darauf.“
Ein allessagender Blick traf die drei Kommandanten, die pflichtbewusst nickten. König Dartz hatte unterdessen während der gesamten Unterhaltung geschwiegen. Er war an das Fenster getreten und hatte seinen Blick in die Ferne gerichtet, beinahe so, als würde er dort etwas sehen, das den anderen verborgen blieb. Besorgt blickte Timaeus zu seinem König, während sich ein ungutes Gefühl in seiner Brust ausbreitete, dass einer schlimmen Vorahnung glich.
Als sie den Saal verließen, wurde Timaeus nach wenigen Metern bereits abgefangen. Chris stand an einem der großen Fenster und blickte ihn mit verschränken Armen vor der Brust und düsterem Blick an.
„Du bist ein Narr, Timaeus“, sagte sie unverblümt, was den jungen Kommandanten kurz zusammenzucken ließ.
Ein leises Kichern erklang hinter seinem Rücken, weshalb er sich seinen beiden Kameraden mit einem bösen Blick zuwandte, die sich offensichtlich über ihn lustig machten. Sofort verstummte sie, doch das Grinsen auf ihren Gesichtern blieb, während sie sich von ihm verabschiedeten.
„Arcas hat mir berichtet, dass du verletzt wurdest.“, schimpfte die Brünette und ließ ihn deshalb wieder zu dieser blicken. „Muss man dich erst irgendwo anketten, damit man sich um dich keine Sorgen machen muss?“
„Ihr sollt doch nicht ins Lazarett gehen, Prinzessin“, mahnte Timaeus, um damit das Thema zu wechseln, bemerkte jedoch, dass es keinen Sinn machte. „Es ist keine schlimme Verletzung, Prinzessin. Euer Geschenk hat mich vor Schlimmerem beschützt.“
Mit diesen Worten erreichte er genau die Reaktion, die er sich erhofft hatte, als er das breite Lächeln der Prinzessin erkannte, die sich offensichtlich darüber freute, dass ihr Armband seinen Zweck erfüllt hatte.
„Da bin ich aber froh“, sagte sie fröhlich, doch noch immer lag etwas Sorge in ihrem Blick. „Doch bitte versprich mir, dass du auf dich Acht gibst.“
Überrascht blicke der Ältere die Prinzessin an, doch nickte dann: „Ich verspreche es Euch, Prinzessin.“
Am frühen Abend suchte Timaeus die Einsamkeit auf der hohen Mauer der Garnison. Die Stadt unter ihm begann zu leuchten, wie ein Juwel im Abendrot und doch brachte ihm dieser Anblick keine innere Ruhe. Er hatte das Gefühl, dass sich irgendwo etwas regte. Etwas Gefährliches, das den Frieden mit einem Mal zu Fall bringen könnte. Auch das Verhalten seines Königs beschäftigte ihn. Dartz war während der Besprechung ungewöhnlich still gewesen. Timaeus hoffte, dass es nur die Sorge um die Sicherheit der Stadt war, die den König umtrieb, doch für einen Moment hatte er das Gefühl gehabt, als würde etwas in Dartz‘ Augen aufblitzen. Er schüttelte den Kopf. Nein. Vielleicht war es auch nur Einbildung gewesen. Er war erschöpft gewesen, gezeichnet von der Reise und seiner Verletzung. Wahrscheinlich hatte er nur gedacht etwas gesehen zu haben. Viel wichtiger war die Frage, was es mit den grünen Steinen auf sich hatte, die plötzlich aufgetaucht waren. Sie wirkten wie ein Vorbote auf etwas, das noch folgen sollte. Ein zucken ging durch seine Augen, gefolgt von leichtem Schmerz, der jedoch erträglicher war als noch auf dem Schlachtfeld.
„Ihr solltet Euch schonen, Kommandant“, holt ihn eine liebliche Stimme aus seinen Gedanken, die auch sogleich den Schmerz verschwinden ließ.
Langsam drehte er sich um, auch wenn er sie bereits am Klang ihrer Schritte erkannt hatte. Eirene trat neben ihn an die Zinne und bedachte ihn mit einem allessagenden Blick.
„Es ist nur ein Kratzer“, sagte er ruhig und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihm kurz zuvor nicht gut ging.
„Ein Kratzer, der genäht werden musste“, gab sie zurück und sah ihn fest. Doch nur kurz darauf wurde ihr Blick wieder weich: „Aber… ich bin froh, dass Ihr zurück seid.“
Der Kommandant schwieg einen Moment und sah hinunter auf die geschäftige Straße. „Ich freue mich, dass Ihr hier eine Aufgabe gefunden habt, Eirene. Eure Leidenschaft für Medizin ist hier richtig platziert. Aber die Garnison ist wahrlich kein Ort, an dem sich eine junge Frau aufhalten sollte.“
Die Brünette lachte leise. Ein Geräusch, das die Kälte des Abends vertrieb. „Ich kann mich durchsetzen. Außerdem ist bisher jeder auf seine Art nett zu mir gewesen, auch wenn sie mir noch nicht ganz vertrauen.“
Sie machte eine Pause und blickte hinunter auf den Innenhof, wo sich die Nachtwache für ihren Dienst bereit machte: „Das hier… habe ich im Grund Euch zu verdanken. Ihr habt euch bereits mehrmals für mich verbürgt, weshalb Meister Arcas erst in Betracht gezogen hat meine Fähigkeiten zu prüfen.“
Timaeus sah sie überrascht an. Er wollte widersprechen, doch als sie sich ihm mit einem lächelnden Gesicht zuwandte, blieben die Worte aus. Es herrschte eine Schwingung zwischen ihnen, die stärker war als das Klirren von Waffen oder dem politischen Sturm, der sich am Horizont zusammenbraute. Für diesen einen Moment gab es keine Kämpfe, keine wild gewordenen Numina und keine merkwürdigen grünen Steine, sondern nur das Wissen, dass sie sich von nun an jeden Tag wiedersehen würden.
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Lavender and Steel
*~* 07 – Lavender and Steel *~*
Die Sonne von Atlantis stand im Zenit und tauchte die weißen Marmorsäulen der Garnison in ein blendendes Licht. Konzentriert saß Timaeus an seinem Schreibtisch in seiner Schreibstube und protokolierte die Berichte, die ihm in den letzten Tagen zugetragen hatte. Die Situation innerhalb der Stadt hatte sich zwar wieder etwas beruhigt, doch immer wieder tauchten in den Wäldern rund um die Stadt Numina auf, die von allen guten Geistern verlassen schienen. Sie alle einte, dass ihre Augen vollkommen stumpf waren, ohne jeglichen Glanz darin, und dass ihre Bewegungen nicht mehr menschlich wirkten. So, wie er es bereits auf dem Schlachtfeld mitbekommen hatte, bewegten sich diese verwirrten Numina, als würden sie von etwas gesteuert werden und trotzdem waren sie so unglaublich schnell, dass die Soldaten, denen sie begegneten, ihre Schwierigkeiten hatten mit der Situation umzugehen. So war es auch immer noch nicht gelungen einen von ihnen lebend in Gewahrsam zu nehmen, um herauszufinden, woran diese armen Geschöpfe litten. Eine beunruhigende Besonderheit hatten sie jedoch auch noch gemein: Sie alle waren in Besitz eines dieser grünen Steine gewesen. Der königlichen Armee war es gelungen eine der Steine einzusammeln, doch noch immer war das Geheimnis dahinter nicht gelöst. Bei der Untersuchung der Steine, die nicht gleich nach einer Berührung zerfallen waren, ergab sich, dass in ihnen keinerlei Energie enthalten war. So wurde er von den Magiern des Landes als einfacher Stein abgetan, der ihren Gegnern wohl als Talisman dienen sollte. Doch so richtig glauben konnte Timaeus das nicht. Immer wieder musste er an die Stimme denken, die er vernommen hatte, als er einen der Steine auf dem Schlachtfeld aufgehoben hatte, bevor er zu Staub zerfallen war. Das ungute Gefühl, dass der Stein etwas mit dem Sinnenwandel der Numina zu tun haben könnte, wollte einfach nicht weichen.
„Urgh“, ein stechender Schmerz zog durch seine Augen, weshalb er den Blick von seinen Unterlagen nahm.
Er schloss die Augen und massierte mit dem Zeigefinder und dem Daumen seiner rechten Hand vorsichtig seine Nasenwurzel, in der Hoffnung den Schmerz damit etwas zu lindern; so wie er es immer tat, wenn dieses Phänomen bei ihm auftrat. Er konnte sich gar nicht mehr so richtig erinnern, wann es angefangen hatte, doch schon lange begleitete ihn dieses Ziehen hinter seinen Augen. Meistens dann, wenn er angestrengt über etwas nachdachte oder sich wie jetzt, Sorgen um etwas machte, was die Sicherheit des Königreiches bedrohen konnte. Deshalb tat er es in der Regel als Erschöpfung ab, auch wenn er sich trotzdem keine Auszeit nahm, damit es besser wurde. Trotzdem hatte er für sich eine Erklärung für diese Schmerzen gefunden. Doch in letzter Zeit häuften sie sich. Es war mehr geworden und auch wenn er wusste, dass er mehr arbeitete als sonst, so kam ihm die Häufigkeit des Auftretens der Schmerzen doch merkwürdig vor. Er drückte noch etwas doller auf seine Nasenwurzel, doch er hatte nicht das Gefühl, dass es damit, wie sonst auch, besser wurde. Ein leichter Wind erhob sich in dem kleinen Zimmer und trug den sanften Geruch von Lavendel zu ihm. Beinahe instinktiv atmete er einmal tief ein, nahm das Aroma der beruhigenden Pflanze vollkommen in sich auf, und mit einem Mal ließ der Druck hinter seinen Augen nach, bis nur noch ein leichtes Pochen zurückblieb.
„Ihr arbeitet zu viel“, erklang kurz darauf eine mahnende weibliche Stimme, die dem jungen Kommandanten einen angenehmen Schauer über den Rücken jagte.
Vorsichtig öffnete er die Augen und blickte auf. Eirene stand in der Tür zu seiner Schreibstube, eine Hand an ihre Hüfte gepresst, während sie in der anderen einen einfachen Keramikbecher hielt, aus dessen innerem sanft Dampf aufstieg. Mit besorgten blauen Augen blickte sie auf den jungen Mann, der noch immer in der gleichen Position dasaß, wie wenige Minuten zuvor, als sie hereingekommen war. Es war Zufall gewesen, dass sie genau in diesem Moment hereingetreten war, doch es bestätigte ihr nur seinen aktuell schlechten Zustand, der ihr Sorgen bereitete.
„Ich verstehe, dass Ihr Eurer Position als Kommandant gerecht werden müsst, aber ich bitte Euch, mehr auf Euch acht zu geben“, sagte sie schließlich, während sie leise die Tür hinter sich schloss und dann langsam auf ihn zutrat. „Bitte macht häufiger Pausen und versucht genügend Schlaf zu bekommen.“
Vorsichtig stellte sie ihm den Becher in ihrer Hand auf den Tisch: „Das ist ein Tee, den ich aus beruhigenden Kräutern wie Lavendel und Kamille gemacht habe. Er sollte Euch helfen, damit Ihr euch etwas entspannend könnt.“
Überrascht sah Timaeus auf das Gefäß vor sich, von dem ein angenehmer, beruhigender Duft ausging. Dann sah er wieder zu der jungen Frau vor sich, die ihn zwar lächelnd, aber noch immer mit Sorge in den Augen anblickte. Leise seufzend lehnte er sich zurück, während seine Finger langsam von seiner Nasenwurzel herabglitten. Das Pochen war noch da, doch die bloße Präsenz von Eirene schien den Raum zu weiten, der ihm eben noch so eng und stickig vorgekommen war. Er betrachtete den aufsteigenden Dampf des Tees, dann hob er den Blick zu ihr. Sein Lächeln war müde, aber von einer ehrlichen Wärme, die er seinen Soldaten gegenüber selten zeigte.
„Es scheint, als hättet Ihr eine Gabe dafür, genau dann zu erscheinen, wenn die Schatten in diesem Raum zu lang werden, Eirene“, sagte er leise mit einer Stimme, die etwas rauer als gewöhnlich klang.
Er streckte die Hand aus, zögerte dabei einen Moment und umschloss dann den warmen Keramikbecher. Die Wärme des Tees sickerte in seine Handfläche und vertrieb die Kälte, die das Protokollieren der düsteren Berichte, sowie seiner Gedanken, hinterlassen hatte. Mit der anderen Hand schob er einen der Berichte beiseite, die noch offen herumlagen und das seltsame Verhalten der Numina beschrieb. Sie musste davon nichts erfahren. Noch nicht jedenfalls.
„Vielleicht habt Ihr recht“, gestand er und strich sich dann eine seiner silbergrauen Strähnen aus dem Gesicht. „Die Verwaltung der Garnison verlangt einem mehr ab, als man vermuten mag. Es sind… unruhige Zeiten. Die Männer reden viel, wenn der Tag lang ist, und ich muss dafür sorgen, dass aus Gerüchten keine Panik wird.“
Er sah sie wieder an, und sein Blick wurde weicher, fast schon suchend. Er genoss es, dass sie nicht nach den Einzelheiten fragte, auch wenn er in ihren klugen Augen lesen konnte, dass sie die allgemeine Anspannung längst bemerkt hatte.
„Wie macht Ihr das?“, fragte er stattdessen, um das Thema von den Berichten wegzulenken. „Ihr seid den ganzen Tag im Lazarett unterwegs, konfrontiert mit dem Leid der Soldaten, und dennoch tragt ihr diesen Frieden in Euch. Ein einfacher Tee scheint für Euch die Lösung für Dinge zu sein, für die ich stundenlang Pläne entwerfe.“
„Nun, manchmal ist ein Tee auch die einfachste Lösung“, meinte sie mit einem kleinen Lächeln. „Meist reicht schon der Moment, in dem man sich den Tee schmecken lässt, um seine Anspannung fallen zu lassen.“
Leicht überrascht über diese doch recht schlagfertige Antwort auf seine eher rhetorische Frage blickte Timaeus sein Gegenüber an, doch lächelte dann wieder. Er schob die restlichen Berichte sorgsam beiseite und wies auf den freien Platz gegenüber seinem Schreibtisch. Wenn auch nur für ein paar Minuten, so wollte er genau diesen benannten Moment der Ruhe für sich nutzen.
„Setzt Euch doch einen Augenblick“, bat er sie. Es war keine Anweisung des Kommandanten, sondern die Bitte eines Mannes, der für ein paar Herzschläge lang vergessen wollte, was draußen in den Wäldern rund um die Stadt herum lauerte. „Erzählt mir doch von Eurer Arbeit. Wie ich hörte habt Ihr Euch schon gut hier in der Garnison eingelebt. Die Männer berichteten mir von Eurem strengen Regiment im Lazarett. Man sagte mir, Ihr hättet gestern sogar den Quartiermeister zurechtgewiesen, weil die Verbände nicht sauber genug waren.“
Seine Stimme war nicht sehr ernst. Viel mehr klang sie etwas erheitert, was gleichzeitig auch zu dem leicht schelmischen Funkeln in seinen Augen passte. Gerade wollte er nicht über stumpfe Augen und grüne Steine sprechen, sondern nur das sanfte Aroma von Lavendel riechen und ihre Stimme hören.
Mit Adleraugen hatte Eirene die Bewegungen beobachtete, mit denen der junge Mann vor ihr die Pergamente beiseitegeräumt hatte. Sie war nicht blind für die Anspannung in seinen Schultern oder die dunklen Ringe unter seinen Augen, doch sie entschied sich, nicht nachzubohren. So, wie sie es bereits seit dem Tag ihrer ersten Begegnung gehalten hatte. Natürlich waren ihr die merkwürdigen Dinge aufgefallen, die um sie herum passiert waren: Die verletzten Soldaten, die Gerüchte, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten und davon erzählten, dass es die Numina seien, die plötzlich durchdrehten, und die Angespanntheit, die seit der Rückkehr von Timaeus‘ Einheit von der westlichen Grenze, herrschte. Es war nichts, was man nicht mitbekommen würde, wenn man nur aufmerksam genug war. Doch sie sagte nichts dazu und ließ den jungen Kommandanten in dem Glauben, dass sie nichts dergleichen wüsste. Sie wusste, dass er damit nur versuchte ihr keine Sorgen zu machen und sie zu schützen. Ein ritterlicher Zug, der sie ebenso rührte wie besorgte. Vorerst jedoch wollte sie das Spiel mitspielen, weshalb sie mit einem leisen Lächeln ihr Kleid glattstrich und sich auf den angebotenen Stuhl sinken ließ.
„Der Quartiermeister ist ein sturer Mann, das stimmt“, begann sie mit einer gespielten Strenge in ihrer Stimme, die ihre Augen jedoch zum Leuchten brachte. „Aber auch er musste einsehen, dass man Wunden nicht mit gutem Zureden heilt, sondern mit Sauberkeit und Disziplin. Er hat mir heute Morgen versprochen, die neuen Leinentücher persönlich zu prüfen. Ich hoffe er hält sich daran.“
Sie lehnte sich ein Stück vor und sah ihn ernsthaft an. Ihr Blick wanderte kurz zu seinen Händen, die den Becher hielten.
„Was den Frieden angeht, von dem ihr spracht… es ist kein Geheimnis, Timaeus. In der Heilstube meiner Großmutter und auch hier im Lazarett lerne ich, dass man den Schmerz nicht immer sofort besiegen kann. Manchmal muss man ihn einfach annehmen und dem Körper den Raum geben, den er braucht, um wieder zu Kräften zu kommen. Das gilt nicht nur für Fleisch und Blut.“
Sie machte eine kurze Pause und senkte ihre Stimme ein wenig, sodass sie fast vom Rascheln des Windes draußen übertönt wurde.
„Ihr versucht, die ganze Welt auf Euren Schultern zu tragen, damit wir anderen im Licht wandeln können. Das ist ehrenhaft. Aber vergesst nicht, dass auch ein Kommandant einen Ort braucht, an dem er die Rüstung ablegen darf. Wenn dieser Tee heute dieser Ort für Euch ist, dann bin gerne bereit ihn Euch des Öfteren zu bringen.“
Sie sah ihn einen Moment lang schweigend an. In ihrem Blick lag ein tiefes Verständnis, bevor sie wieder zu einem leichteren Tonfall überging: „Und nun trinkt, bevor er kalt wird. Ich habe gestern nicht den ganzen Nachmittag Kräuter im Garten der Garnison gesammelt, damit Ihr ihn nur als Handwärmer benutzt.“
Timaeus spürte, wie sich ein echtes Lachen in seiner Brust regte. Das erste seit Tagen. Er hob den Becher und nahm einen Schluck. Die Wärme des Tees breitete sich sogleich in seinem Inneren aus, ebenso der Geschmack, der herb und süß zugleich war, genau wie das Gespräch mit ihr.
Er hatte gerade den Becher abgesetzt und wollte etwas erwidern, als die schwere Holztür zur Schreibstube mit einem schwungvollen Knall aufsprang. Ein kleines, braunhaariges Energiebündel wirbelte herein, gefolgt von einem deutlich zu großen Schatten, der sich als völlig außer Atem geratener königlicher Leibwächter entpuppte. Prinzessin Chris stürmte auf den Schreibtisch zu. Sie trug ein feines Kleid, das jedoch an den Knien bereits leichte Grasflecke aufwies, während ihr Haar vom Rennen vollkommen zerzaust war.
„Welch seltenes Geräusch drang da gerade an meine Ohren?“, sprach sie in einer für ihr Alter ungewöhnlichen Art. „Der sonst so ernste Drache hat gelacht! Jetzt bin ich froh, dass ich Großvater hierher begleitet habe, denn so konnte ich Zeuge dieses seltenen Moments werden.“
„Prinzessin“, überrascht von dem plötzlichen Auftauchen des kleinen Mädchens, ließ Timaeus beinahe den Becher mit dem restlichen Tee fallen.
„Großvater und General Theron grübeln schon wieder über langweiligen Landkarten, deshalb habe ich mich auf die Suche nach dir gemacht“, sprudelte es aus der Brünetten heraus, als sie direkt vor seinem Tisch zum Stehen kam. Sie hielt erst inne, als sie Eirene bemerkte, die ihm gegenüber auf dem Stuhl saß und sie mit großen blauen Augen betrachtete.
Chris legte den Kopf schief. Ihre großen Augen wanderten neugierig von Timaeus zu Eirene und zurück zum Schreibtisch, bevor sich ein breites, unschuldiges Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete, als sie den Teebecher sah.
„Oh“, machte sie und kicherte. „Machst du Pause, Timaeus? Dabei schimpft Großvater immer, dass du nie Pausen machst und irgendwann bestimmt mal alt und schrumpelig wirst.“
Sie trat näher an Eirene heran, völlig unbeeindruckt von der steifen Etikette der Erwachsenen, die sich verbeugt hatte, sobald sie richtig registriert hatte, wer eigentlich vor ihr stand: „Und wer bist du? Hast du Timaeus einen Zaubertrank gebracht, damit er nicht schrumpelig wird?“
Timaeus war derweil aufgestanden, leicht überfordert mit der aufgedrehten Art der kleinen Prinzessin. Mit einer schnellen Bewegung verdeckte er die restlichen Berichte mit einem leeren Pergament und blickte dann zu der Leibwache, die an der Tür salutierte und entschuldigend dreinsah.
„Prinzessin Chris“, sagte er anschließend mit fester Stimme, die aber deutlich weicher klang als sonst. „Was macht Ihr hier? Ich hatte Euch doch gesagt, dass Ihr nicht in die Garnison kommen sollt.“
„Ich habe Großvater zu einer Besprechung begleitet. Aber General Theron schaut schon seit einigen Tagen so finster, als hätte er saure Milch getrunken.“, Chris winkte ab und wandte sich wieder Eirene zu, wobei sie die Distanz zwischen ihnen fast völlig ignorierte. „Wie heißt du?“
Eirene war nun ebenfalls aufgestanden und neigte respektvoll das Haupt, wobei ein echtes, amüsiertes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Die Unbefangenheit der kleinen Prinzessin war erfrischend. Es gab also doch Dinge im Leben des jungen Kommandanten, die ihn vollkommen aus dem Konzept brachten und ihn damit seine sonst so ernste und steife Fassade fallen ließen, auch wenn man ihm ansah, wie unangenehm es ihm war. Eirene jedoch genoss diesen Moment und es beruhigte sie, dass es offensichtlich doch noch Dinge gab, die ihn von seinen düsteren Gedanken abgelenkten. Noch einmal blickte sie kurz zu dem jungen Mann, an welchen mittlerweile die Leibwache der Prinzessin herangetreten war, um sich zu entschuldigen, bevor sie sich wieder der brünetten Prinzessin zuwandte:
„Mein Name ist Eirene, Eure Hoheit. Und nein, es war kein Zaubertrank, nur ein ganz normaler Kräutertee.“
„Eirene… welch schöner Name“, Chris trat noch einen Schritt näher und senkte ihre Stimme.
Für einen Moment wanderte ihr Blick noch einmal zurück zu Timaeus, der noch immer mit der Leibwache redete, bevor sie sich wieder an die Brünette wandte: „Kann dein Tee auch Traurigkeit heilen, Eirene?“
Überrascht sah die Erwachsene das kleine Mädchen an und ahnte dann bereits, worauf sie hinauswollte. Ihr war der Blick der kleinen Prinzessin in Richtung Timaeus nicht entgangen. Auch sie hatte bereits gemerkt, dass in den Augen des jungen Kommandanten nicht nur Stolz und Ehrgefühl zu sehen waren, sondern manchmal auch eine tiefe Traurigkeit und Einsamkeit.
„Wisst Ihr, Prinzessin… manche Wunden brauchen mehr als nur Salben“, antwortete sie nach einer kurzen Pause. „Sie brauchen vor allem Zeit. Und jemanden, der keine Angst davor hat den Schmerz zu teilen.“
Mit großen braunen Augen schaute die Prinzessin Eirene an und lächelte dann breit: „Dann hoffe ich, dass du dieser Jemand für Timaeus sein kannst.“
Verlegen zuckte die Erwachsene zusammen und spürte dann, wie ihre Wangen und Ohren begannen vor Scham zu glühen. Das Lächeln von Chris verwandelte sich in ein breites Grinsen, ehe sie sich abwandte und dann zu ihrer Leibwache ging, um diesem zu bedeuten, dass sie nun wieder gehen würden.
„Großvater wird bestimmt böse sein“, seufzte sie wie beiläufig und schenkte Timaeus einen letzten Blick. „Pass gut auf Eirene auf, Timaeus. Sie ist ein wertvoller Schatz.“
Noch ehe der Kommandant etwas darauf hätte erwidern können, war die Prinzessin bereits wieder aus seiner Schreibstube verschwunden und ließ die beiden Erwachsenen vollkommen überrumpelt zurück. Zwischen diesen breitete sich daraufhin betroffenes Schweigen aus. Keiner wusste so recht, was er nun zu dieser Situation sagen sollte. Viel zu tief saß die Scham von einem kleinen Mädchen so aus der Reserve gelockt zu werden. Timaeus starrte auf die Papiere auf seinem Tisch, unfähig, Eirene in die Augen zu sehen. Dieser jedoch ging es nicht wirklich anders. Unruhig spielte sie an ihrem goldenen Armreif herum, als würde er sie in diesem Moment nur stören.
„Entschuldigt. Die Prinzessin ist… sehr aufgeweckt“, versuchte der junge Mann kurz darauf seine Fassung mit einem Räuspern zurückzuerlangen.
Die brünette junge Frau schüttelte den Kopf. „Sie sieht Dinge, die andere übersehen“, entgegnete sie leise. „Sie fragte mich, ob mein Tee auch Traurigkeit heilen kann.“ Langsam trat sie einen Schritt auf ihn zu: „Sie fragte wegen Euch. Tragt ihr eine Traurigkeit in Euch, die keine Medizin heilen kann?“
Sofort straffte Timaeus die Schultern. Das vertraute Gefühl der Isolation kehrte zurück, sein Schutzschild gegen die Welt.
„Verzeiht Eirene, aber ich muss nun weiter meiner Arbeit nachgehen. Das solltet Ihr auch, bevor Arcas nach Euch suchen lässt.“ Er wandte sich ab und blickte auf den Stapel von Berichten, den er zuvor bearbeitet hatte. Ganz deutlich spürte er ihren Blick auf seinem Rücken, der warm war wie die Sonne von Atlantis und doch so schmerzhaft wie die Wahrheit selbst. Nach einem kurzen Moment der Stille, in der sie ihn nur ruhig angesehen hatte, verbeugte sie sich leicht und verließ dann das Zimmer. Als die schwere Holztür wieder zurück ins Schloss fiel, ballte er die Hand zur Faust. So sehr er die gemeinsame Zeit mit Eirene genoss, er musste aufpassen, dass sein Panzer, den er in all den Jahren aufgebaut und aufrecht gehalten hatte, nicht zerbrach, wie ein fragiler Spiegel. Die Hoffnung, die die junge Frau in sein Leben brachte, fühlte sich an wie ein Verrat an seiner eigenen Natur. Er war ein Krieger, ein Schutzschild des Reiches. Er hatte einen Schwur gegeben. Den Schwur das Königreich bis zum Ende seiner Tage zu beschützen. Doch je mehr er versuchte die Distanz zu ihr zu wahren, desto fester schlangen sich die goldenen Fäden um sein Herz. Und er wusste, dass er absolut nichts dagegen tun konnte, denn es gab Dinge, die man selbst mit eiserner Willenskraft nicht ändern konnte. Doch genau das machte ihm mehr Angst als jeder Gegner auf der Welt.
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Shadows Between Us
*~* 08 – Shadows Between Us *~*
Die Heilstube der Garnison war in das weiche, flackernde Licht einiger Kerzen getaucht. Es war die Stunde, in der die meisten Soldaten bereits in ihren Quartieren schliefen und nur das gelegentliche Vorbeimarschieren der Wachhabenden die Stille durchschnitt. Eirene saß an dem langen Arbeitstisch, der aus massivem Holz bestand und den zumeist ihr Meister Arcas für sich beanspruchte, und sortierte mit mechanischen Bewegungen getrocknete Kräuter, die sie die letzten Tage vorbereitet hatte. Doch ihre Gedanken waren noch immer auf der anderen Seite der Garnison, in der staubigen Schreibstube des Kommandanten. Noch immer sah sie sein Gesicht vor sich und den Moment, in dem er seine Rüstung verbal wieder festgezogen und sie weggeschickt hatte. Sie spürte keinen Zorn über seine schroffen Worte, doch spürte ein schweres Ziehen in ihrer Brust, dass eine Mischung aus Mitgefühl und einer tiefen, unbenannten Sehnsucht war.
„Tragt ihr eine Traurigkeit in Euch, die keine Medizin heilen kann?“, hatte sie ihn gefragt.
Die Antwort darauf hatte in seinem Schweigen gelegen und in der Art, wie er die Schultern gestrafft hatte, als wolle er die ganze Last von Atlantis allein gegen sie verteidigen. Die Prinzessin hatte recht gehabt. Timaeus war wie ein Drache, der einen Schatz bewachte. Nur dass dieser Schatz sein eigenes, verwundbares Herz war, das er hinter Mauern aus Pflichtgefühl und eisernem Gehorsam verborgen hielt.
Eine Erinnerung aus der Zeit, in der sie in der Heilstube ihrer Großmutter geholfen hatte kehrte zurück. Sie sah die alte Frau wieder vor sich, wie sie mit weisen, trüben Augen über ein ähnliches Bündel an Kräutern gebeugt war.
„Eirene“, hatte sie mit einer Stimme gesagt, die wie trockenes Pergament klang, „die schwierigsten Wunden sind nicht die, die sichtbar sind und bluten. Es sind jene, die im Verborgenen gären, hinter Mauern aus Stolz und Schweigen. Ein Heiler, der nur den Körper sieht, ist wie ein Seemann, der nur die Wellen betrachtet, aber den Abgrund darunter ignoriert.“
Damals hatte Eirene nur genickt, doch erst jetzt, angesichts der verschlossen Miene von Timaeus, da begriff sie die wahre Bedeutung dieser Worte. Er blutete nicht, zumindest nicht äußerlich. Aber der Abgrund in seinem Inneren war tief genug, um eine ganze Stadt zu verschlingen. Mit einem entschlossenen Funkeln in den Augen griff sie nach einem kleinen Stoffbeutel, den sie am Nachmittag angefertigt hatte. Wenn sie den Schmerz nicht aus seinem Herzen schneiden konnte, so würde sie ihm zumindest den Duft des Friedens schenken. Mit leicht zittrigen Fingern füllte sie eine Handvoll Lavendel hinein. Der Duft stieg ihr in die Nase. Derselbe, der am Vormittag für einen kurzen, magischen Moment den Schmerz aus seinen Augen vertrieben hatte. Vorsichtig fügte sie Baldrianwurzel hinzu. Ein starkes Kraut gegen Schlaflosigkeit, von der sie wusste, dass sie ihn nachts heimsuchte. Sie wusste, dass er sie weggestoßen hatte, um die Distanz zu wahren, aber sie wusste auch, dass er den Schutz, den sie ihm bot, dringender brauchte als sein Schwert.
„Man kann niemanden zwingen, die Rüstung abzulegen“, flüsterte sie leise zu sich selbst, während sie den Beutel mit einer aus Goldfäden gedrehten Krodel fest verschnürte. „Aber man kann dafür sorgen, dass er nicht vergisst, wie es ist, darunter zu atmen.“
Sie löschte die Kerzen an ihrem Arbeitsplatz und ein Frösteln zog sich über ihre nackten Oberarme. Die Dunkelheit der Heilstube fühlte sich plötzlich kühl an, genau wie die Vorahnung, die sie seit Tagen begleitete. Irgendetwas lauerte in den Schatten von Atlantis. Etwas, das weder mit Salben noch mit Kräutern zu heilen war. Sie griff nach ihrem Tuch, dass sie über die Lehne des Stuhles gelegt hatte, und warf es sich über die Schultern, um so die Kühle der Nacht etwas erträglicher zu machen und setzte sich dann in Bewegung. Mit dem kleinen Beutel fest in der Hand gepresst, verließ sie das Lazarett. Sie würde ihn nicht einfach so in diese Nacht entlassen. Nicht ohne ein Zeichen, dass er in seinem Kampf nicht allein war.
Eirene trat aus dem Schatten des Lazaretts in den kühlen Nachthauch des Innenhofs. Die Fackeln an den Wänden flackerten unruhig und warfen lange, tanzende Schatten auf das Pflaster. Sie musste nicht lange suchen, um diese bestimmte Person zu finden. Timaeus stand am Tor und gab einer Gruppe von jungen Soldaten letzte Anweisungen für ihre Nachtwache. Sein Blick war dabei nicht direkt auf die jungen Männer gerichtet, sondern verlor sich irgendwo in der Ferne, während er sich seine fingerlosen Handschuhe überzog, um sich selbst für einen letzten Rundgang bereit zu machen. Die Entschlossenheit in seiner Haltung wirkte wie ein unüberwindbarerer Wall, doch Eirene hielt nicht inne. Als die Soldaten sich von ihm entfernten näherte sie sich Timaeus mit ruhigen Schritten, während ihr doch gleichzeitig das Herz bis zum Hals schlug.
Er hörte das leise Rascheln ihres Kleides, noch bevor er sich zu ihr umwandte, und straffte die Schultern.
„Eirene“, sagte er in einem Tonfall, der eine Mischung aus Überraschung und jener mühsam aufrechterhaltenen Strenge war, mit der er sie zuvor aus der Schreibstube entlassen hatte. „Ich dachte, Ihr wärt bereits auf dem Weg nach Hause.“
„Das war ich auch“, entgegnete sie ruhig und blieb einen Schritt vor ihm stehen. Die kühle Nachtluft trug den metallischen Geruch seiner Rüstung zu ihr, der nun mit dem sanften Aroma der Kräuter in ihrer Hand kämpfte. „Aber ich konnte nicht gehen, ohne Euch das hier zu geben.“
Sie streckte die Hand aus und bot ihm den kleinen gefüllten Stoffbeutel an. Timaeus blickte auf das unscheinbare Päckchen hinunter, als wäre es eine unbekannte Waffe. Er zögerte einen kleinen Moment. Seine Finger verharrten kurz in der Luft, bevor er den Beutel langsam entgegennahm. Dabei streiften seine Fingerspitzen kurz ihr Handgelenk. Ein kaum merkliches Zittern ging durch seine Hand, doch er zog sie nicht zurück.
„Lavendel und Baldrian“, erklärte sie leise, während sie seinen Blick suchte, der im fahlen Licht der Fackeln beinahe silbern glühte. „Legt es unter Euer Kissen oder atmet den Duft ein, wenn die Gedanken zu laut werden. Ihr seht aus, als hättet Ihr vergessen, wie es ist, ohne Eure Rüstung zu atmen.“
Für einen Herzschlag lang bröckelte seine Maske. In der Stille des Hofes schien das schwere Pochen seines Herzens fast hörbar zu sein. Er umschloss den Beutel fest, als wolle er die Wärme, die noch von Eirenes Händen daran haftete, bewahren.
„Ich… danke Euch, Eirene“, brachte er schließlich hervor mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein Flüstern, frei von jedem militärischen Befehlston.
„Schlaft gut, Timaeus“, sagte sie sanft, schenkte ihm ein letztes, vielsagendes Lächeln und wandte sich dann ab, um den Hof zu verlassen.
Timaeus blieb allein zurück. Er sah ihr nach, bis die Dunkelheit sie verschlungen hatte. Dann hob er den Beutel ein kleines Stückchen an und sofort stieg ihn der wohltuende Duft der beiden Kräuter in die Nase. Er war eine Offenbarung. Ein Verspechen von Frieden inmitten eines drohenden Sturms. Er wusste, dass er die Distanz wahren sollte, und er dankte ihr, dass sie diese nun ebenfalls gewahrt hatte, doch in diesem Moment fühlten sich die goldenen Fäden, von denen er zuvor in der Schreibstube gedacht hatte, fester denn je um sein Herz geschlungen an.
Etwas später stieg er die schmalen Steinstufen zur äußeren Stadtmauer hinauf. Seine Schritte hallten einsam auf dem kalten Boden wider, ein rhythmisches Metall-auf-Stein, das ihn normalerweise beruhigte. Doch in letzter Zeit sorgte es nur für noch mehr Anspannung. Schon seit längerem hatte er das Gefühl beobachtet zu werden. So, als würde etwas in den Schatten ein eine passende Gelegenheit warten ihn anzugreifen. Anfangs hatte er es seiner Erschöpfung zugeschrieben, doch je länger ihn dieses Gefühl begleitete, desto mehr war er sich sicher, dass dort etwas war. Doch egal, wie oft er sich auch umsah, er konnte in seiner unmittelbaren Nähe keinen Beobachter erkennen. Timaeus erreichte die letzte Stufe und trat auf den schmalen Gang. Sein Blick wanderte hinunter in die Stadt. Die Nacht über Atlantis war an diesem Abend ungewöhnlich still, fast so, als würde die Insel selbst den Atem anhalten. Vorsichtig lehnte er sich gegen die kühlen Zinnen und ließ seinen Blick schweifen. In seiner Hand hielt er noch immer den kleinen Stoffbeutel. Er hob ihn an sein Gesicht und atmete den beruhigenden Duft von Lavendel und Baldrian tief ein. Zum ersten Mal seit Jahren erlaubte er sich den Gedanken an ein Leben jenseits des Schwertes. Ein Leben, in dem er nicht nur der „Kommandant mit den Drachenaugen“ war. Eirene war durch die Mauern geschlüpft, die er so sorgfältig um sein Herz errichtet hatte und von denen er dachte, dass niemals ein Mensch sie überwinden könnte. Sein Blick ging zum Himmel, der an diesem Abend mondlos, aber sternenklar war. Er erkannte einige wenige Sternenbilder, die ihm als Kind beigebracht wurden und von denen er doch nicht mehr so ganz wusste, wie sie benannt wurden. Timaeus legte den Kopf in den Nacken und suchte in dem funkelnden Meer aus Sternen nach einem Anhaltspunkt, der nichts mit Krieg zu tun hatte. Er erinnerte sich an eine der Nächte in einer Zeit, bevor sein Vater verschwunden war. Eine Zeit, die sich in seinem Gedächtnis wie ein verblasstes Fresko anfühlte.
Sein Vater hatte ihn auf die Schultern gehoben, damit er über die Brüstung des Balkons sehen konnte.
„Siehst du den Jäger dort oben, Timaeus?“, hatte die tiefe, ruhige Stimme an seinem Ohr geraunt. „Ein Krieger wacht nicht nur über das Land, sondern auch über jene, die schwächer sind als er. Erwarte keinen Dank, nur die Gewissheit, das Richtige getan zu haben.“
Timaeus hatte damals zu dem Jungen hinübergeblickt, der im Schatten der Tür gestanden und mit finsterer Miene zugesehen hatte: Sein älterer Bruder, der vor vielen Jahren ebenso verschwunden war, wie sein Vater kurz zuvor. Zwischen ihnen hatte es damals eine Distanz gegeben. Ein Graben aus Schweigen, den Timaeus nie zu überbrücken vermocht hatte und auch nie wirklich verstand. Vielleicht war er damals auch einfach noch zu klein gewesen, um die Gefühle seines älteren Bruders zu verstehen. Er hatte versucht sich ihm anzunähern, doch er wurde immer wieder zurückgewiesen und wusste nicht einmal wieso. Dabei waren sie aus demselben Blut. Er schloss für einen Moment die Augen. Sein Vater war lange fort, und die Erinnerung an seinen Bruder war ein wunder Punkt, den er in dieser Nacht nicht berühren wollte. Das Wissen über Sterne war längst durch Schlachtpläne und die Namen gefallener Soldaten ersetzt worden.
In seiner Faust knisterte der Stoffbeutel von Eirene. Ihr Lavendel war wie ein schwaches Echo jener fernen Nacht, ein sanfter Gegenentwurf zu der Härte, die sein Leben seit dem Tod seiner Mutter bestimmt hatte.
Plötzlich überlief ihn ein Schauer, doch dieser war nicht der kühlen Nachtluft geschuldet. Es war ein plötzlicher Druck in der Atmosphäre, ein instinktiver Warnreiz, den er seit seiner Kindheit kannte. Er löschte die nahegelegene Fackel mit einer schnellen Bewegung und spähte in die Dunkelheit. Draußen, nicht unweit der Garnison, versteckt zwischen Büschen erkennte er etwas. Eine hochgewachsene, dunkle Silhouette stand dort vollkommen unbeweglich und schien ihn anzustarren. Timaeus‘ Herz begann schneller zu schlagen, und ein dumpfes Pochen in seinen Schläfen kündigte das vertraute Ziehen hinter seinen Augen an, das auftrat, wenn seine Sinne sich unnatürlich schärften. Angespannt lehnte er sich etwas vor, versuchte noch mehr zu erkennen, doch der mondlosen Nacht geschuldet, war dies schwierig. Dann blinzelte er kurz und daraufhin war der Schatten verschwunden. So als wäre er nie da gewesen. Ein leichter Schwindel überkam ihn, weshalb er sich mit der Hand an den Kopf fasste und diesen leicht schüttelte, während er spürte, wie seine Knochen schwer wurden. Der Schlafmangel forderte allmählich seinen Tribut.
„Nur die Müdigkeit“, flüsterte er sich heiser zu.
Noch ein letztes Mal, bevor er sich auf den Rückweg machen würde, wanderte sein Blick gen Horizont. Dort, wo das Schwarz des Meeres mit dem Himmel verschmolz, sah er plötzlich ein seltenes Phänomen: Ein schwaches, giftiges Grün zuckte für einen Herzschlag lang auf, wie der Blitz eines weitentfernten Gewitters. Das dazugehörige Grollen blieb jedoch aus. Ein kalter Windstoß kam auf und brachte einen Geruch mit sich, der nicht nach Salz, sondern nach altem Staub und verbrannter Erde schmeckte. Instinktiv legte Timaeus eine Hand auf den Griff seines Schwertes. Er wusste nicht, wer ihn aus der Finsternis beobachtet hatte, aber er spürte, dass der Frieden, der aktuell über Atlantis lag, nur die Stille vor dem Ausbrauch eines Vulkans war. In diesem Moment festigte sich in ihm sein Entschluss: Er würde dieses Reich beschützen… und sie, auch wenn es ihn seine Freiheit, seinen Rang oder seine eigene Menschlichkeit kosten würde.
Einige Meilen entfernt, verborgen in den Ruinen eines verlassenen Vorpostens, blitzte ein Paar Augen auf in denen sich ein giftiger grüner Schein gebildet hatte. Augen, in denen nur noch der Wunsch nach Vergeltung brannte. Sie waren auf die Hauptstadt gerichtet, der Feste, deren Mauern schon bald von einer unheimlichen Macht erschüttern werden sollte.
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