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Ihre stille Sicht

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöchen, ich bin seit Beginn des Jahres in dem Spiel Heartopia versunken. Es ist so fcking CUTE.
Und natürlich gibt es NPCs und einer von ihnen ist Vanya, unser Mentor wenn es ums Angeln geht und er ist ganz vernarrt in Meerjungfrauen, auch wenn er noch nie eine gesehen hat (aber es muss sie geben!).
Ein andere NPC ist Joan und sie gibt uns den Traum zu schreiben und Bücher zu veröffentlichen.
Die Kombination führte zu dieser kurzen Story. Kurz, weil ich keine Ausdauer habe und auch kurz, weil die Bücher in Heartopia wirklich nur kurz sein dürfen. It's a match!
Es ist nicht erforderlich die Figuren oder das Spiel zu kennen, um die Story zu lesen. Die erzählende Figur ist von mir. :>
Ich wünsche ganz viel Spaß! Komplett anzeigen

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Winterfrost

Durch die spiegelnde Oberfläche fällt weiches Mondlicht, bevor sie die Augen schließt und den Kopf hinausstreckt. Hinaus aus dem Meer, an die stille Oberfläche. Die Stille behagt ihr nicht, und so wagt sie sich nur bis zur Nasenspitze aus dem Wasser, um weiterhin die Strömungen und Lebewesen des Meeres wahrzunehmen. So bleibt sie verbunden und fühlt sich sicher.

Sie blinzelt. Tropfen lösen sich aus ihren Wimpern, während ihre Sicht scharf wird und sie über die Meeresoberfläche hinweg bis zum Strand sehen kann. In der Ferne erkennt sie nur Silhouetten, kann jedoch erahnen, dass Oberflächenwesen den Strand entlanglaufen, in verschiedene Richtungen. Es ist wie ein Schattenspiel für sie.

Sie treibt sanft mit den Wellen voran und lenkt mit ihrer Flosse in Richtung der Felsen, bei denen sie geschützt den Strand beobachten kann. Mehrere Oberflächenwesen finden sich in Gruppen zusammen, schmale Arme liegen über ihren Schultern. Mit diesen Dingen ist sie vertraut. Eine gespannte Linie, die still ins Meer greift und Leben aus seiner Schwerkraft zieht. Im Wasser irritieren sie der Geruch und die fehlende Resonanz von Leben. Es fühlt sich falsch an.

Für gewöhnlich hält sie Abstand und leitet manchmal Fische fort von dem trügerischen Geruch. Doch in diesem Jahr, während der Tiefe, beobachtet sie. Durch das Meer spürt sie, wie die Resonanz der Fische in der Bucht zerfasert. Es ist kalt, und sie bewegen sich langsamer. Ihre Kohärenz zerfällt.

Zwischen den aus dem Rhythmus geratenen Fischen tritt etwas hinzu. Gleichmäßig, klar, pulsierend, aber emotional leer und körperlos. Fremd, doch anziehend. Die Fische kommen näher, dann folgen der trügerische Geruch und das Ziehen aus der Luft. Wieder und wieder.

Sie erschaudert, doch bleibt und nimmt wahr. Jeder Fisch, der durch die Meeresoberfläche bricht, schimmert im Mondlicht — scharf und reflektierend. Die Resonanz des Wassers wird klarer und lebendiger. Ihre Glieder entspannen sich.

Die Fische werden von den Oberflächenwesen in Behälter gelegt, und sie erkennt einen unter ihnen, etwas größer und heller. Er erzeugt die Resonanz, die zu perfekt und emotionslos ist, mit einem Ding, das er ins Wasser wirft. Sie nahm es bereits an verschiedenen Stellen des Meeres wahr, und immer ist er in der Nähe.

Er sieht nach den kranken Fischen. Sie kann sie nicht mehr spüren, stellt sich jedoch vor, wie sie Angst fühlen. Er versucht zu helfen, sagt sie sich selbst. Das weiß sie. Nicht, weil er es ihr sagt — sie hat es gesehen, ihn beobachtet.

Bleiben die Fische im Meer, breitet es sich weiter aus. Sie und andere des Wassers versuchen, belastete Zonen zu umschwimmen und Schwärme von ihnen fortzuführen. Damit können sie die Ausbreitung eindämmen, doch für bereits infizierte Fische können sie nichts tun.

Sie wünscht sich, dass er etwas tun kann.

Fisch-Lockgerät

Sie weiß nicht mehr, wann sie die Resonanz mit dem perfekten Klang zum ersten Mal wahrgenommen hatte. Er war klar und gleichmäßig gewesen, frei von jeder Regung lebendiger Präsenz, und doch hatte es gewirkt, als versuche er, sich der Stimme des Meeres anzupassen. Die Neugier war groß gewesen, dennoch war sie auf Abstand geblieben.

Verschiedene Meerwesen wurden von der Resonanz angezogen, und bald hatte sie verstanden; dort, wo der perfekte Klang erschien, folgten kurz darauf der falsche Geruch von Nahrung und eine Spannung im Wasser, ohne natürliche Bewegung. Das war Signal genug gewesen, um nicht zu nah heranzuschwimmen. Und doch war es zu verlockend, um es zu ignorieren. Aus sicherer Entfernung hatte sie versucht zu begreifen, was im Meer geschah.

Für das Auftreten der fremden Resonanz hatte es kein Muster gegeben. Unterschiedliche Küsten, verschiedene Zeiten. Nur der Klang, das Ziehen aus der Ferne und seine Dauer waren im gleichen Rhythmus geblieben.

Als sie aus den Impulsen und Bewegungen des Wassers keine neuen Informationen mehr lesen konnte, hatte sie den Blick hinauf zur Oberfläche gewagt. Für gewöhnlich mied sie es aufzutauchen. Die Stille über dem Meer fühlte sich unerträglich an. Dazu kam ein Kribbeln auf ihrer Haut, nicht schmerzhaft, doch irritierend.

Den schmalen Arm, der ins Wasser tastete und Meereswesen aus seiner Schwerkraft zog, kannte sie. Sie wusste, dass er zu einem Oberflächenwesen gehörte, und so war sie nicht überrascht gewesen, eines zu sehen.

Trotzdem hatte es sich anders angefühlt.

Er war geblieben, lange nachdem der perfekte Klang verstummt war. Da hatte sie sich näher gewagt. Immer noch außer Sichtweite, immer noch verborgen, doch für sie nah genug, um ihn besser wahrzunehmen.

Sie hatte ihn nicht fühlen können, aber seine Bewegungen wirkten ruhig und geschmeidig. Lange hatte er am Meer verweilt. Einmal war sie nahe genug gekommen, um das Heben seines Brustkorbs und die Bewegung seiner Schultern zu erkennen; langsam und beständig.

Das Wasser um sie herum war ruhig gewesen. Ihre eigenen Glieder hatten sich entspannt, und sie war geblieben, still zwischen den Strömungen.

Erst später, als sie bereits auf dem Rückweg ins Meer gewesen war, hatte sie bemerkt, dass sich ihre eigene Atmung seinem Rhythmus angepasst hatte.

Und das war angenehm gewesen.

Kristallfischen

Sie spürt Verantwortung. Das dürfte gar nicht sein.

Von den Felsen aus ist sie viel zu weit entfernt, um ein Oberflächenwesen vollständig wahrnehmen zu können. Sie kann nur mit den Augen beobachten und doch spürt sie Verantwortung.

In seinem Tun. In seinen Bewegungen.

Das Eingreifen der Oberflächenwesen ins Meer ist für sie fremd und grob. Die Art, wie sie Leben aus der Schwerkraft ziehen, wie sie Gerüche hinterlassen und Spannungen im Wasser erzeugen. Dennoch versteht sie, dass es ihre Weise ist zu überleben. Satt zu werden.

Doch was er tut, geht darüber hinaus.

Er bewegt sich achtsam und zielgerichtet. Seine Hände sind umsichtig, wenn er die kranken Fische aufnimmt, die Schultern bleiben gerade, wenn er hinaus auf das Meer blickt. Seine Bewegungen tragen keine Hast.

Verantwortung. Fürsorge.

Impulsiv schlägt sie mit ihrer Flosse Wellen und verschwindet im Meer. Unter der Oberfläche kann sie ihn nicht mehr sehen, doch sie weiß, wo er ist und dass er hilft. Seine Präsenz bleibt wie ein schwacher Abdruck in ihr zurück.

Sie bewegt sich durch die Strömungen, tastet mit ihrem Körper nach Resonanzen. Die Bucht ist kalt. Schwärme sind zerfasert. Manche Fische bewegen sich langsamer, verlieren ihre Kohärenz, treiben aus dem gemeinsamen Rhythmus. Sie spürt ihre Schwäche, ihre Unruhe.

Sie kann nicht tun, was er tut.

Ihre Hände greifen nicht. Sie führt und lenkt. Wenn sie Schwärme aus kontaminierten Bereichen fortlotsen kann, dann vielleicht auch einzelne Fische zu ihm führen.

Sie weiß nicht, ob es hilft. Sie weiß nur, dass sie es versuchen muss.

Und während sie wieder in die Tiefe gleitet, trägt das Meer ihre Entscheidung weiter.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Vielen Dank fürs Lesen. ♥

Es ist der Story vermutlich kein Stück anzumerken, ich möchte trotzdem betonen, dass es mich den Schlaf von zwei Nächten gekostet hat, um mir über eine Meerjungfrau Gedanken zu machen. Ich hab dazu viel mehr Input gesammelt als der Output gebraucht hätte, aber irgendwie war ich da dann drin.
Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen habe ich sehr lieb und in dem Kontext hier habe ich mich an die Disney's Ariel Serie erinnert mit der stummen Meerjungfrau Gabriella. Das war eine schöne Folge. ♥ Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Von:  Mitternachtsblick
2026-02-17T07:23:13+00:00 17.02.2026 08:23
Sehr stimmungsvoll und ich mochte es, wie du in die nichtmenschliche Perspektive eingetaucht bist und den Fokus auf nichtmenschliche Empfindung gelegt hast!
Antwort von: Norrsken
17.02.2026 16:46
Dankeschön 🥹 das ist super lieb von dir. 💕
In so eine ganz andere Wahrnehmung reinkommen, fand ich super schwer, aber war auch spannend vom schreiben.


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