Prolog
Im Jahr 3 nach Bob, in einer Welt, in der alte Jahreszeiten abgeschafft und neue Gefahren alltäglich geworden sind, beginnt die Geschichte mit Eselmundorius – einem gutmütigen, einfachen Mann, der nie gelernt hat zu lesen, aber unbeirrbar Befehle befolgt. Als er aus seinem Leben als Sklave „freigekauft“ wird, trägt er nichts bei sich außer einem Brief, dessen Inhalt er nicht kennt, und der festen Überzeugung, dass Freiheit etwas Gutes sein muss.
Auf seiner Flucht trifft Esel auf Buddy, einen klugen, misstrauischen Mann mit Aktenkoffer und vielen Geheimnissen. Buddy lebt vom Stehlen, von schnellen Entscheidungen und davon, nie zu lange zu bleiben. Kurz darauf stößt Hannes zu ihnen – ein rauer Kämpfer mit Narbe, dunklem Humor und einer Vergangenheit, die er lieber totschweigt. Aus Zufall, Not und Missverständnissen bleiben sie zusammen.
Als Kathy, eine scharfsinnige Sängerin mit Witz, Stärke und einem Blick für die Schwächen anderer, zu ihnen stößt, wird aus der Zweckgemeinschaft etwas anderes. Die vier geraten in Mordverdacht, fliehen vor einem wahnsinnigen Fleischer, überleben Gift, Kälte und Hetzjagden – und entdecken dabei, dass sie zusammen stärker sind als allein.
Aus Zufall entsteht eine Band.
Aus der Band wird ein Lebensstil.
Sie ziehen von Dorf zu Dorf, spielen Musik, erzählen ihre Geschichte, singen von Flucht, Freiheit und Zusammenhalt. Kathy zieht die Menschen an, Hannes bläst seine Trompete, Buddy hält den Rhythmus – und die Kontrolle – und Esel lenkt ab, ohne zu begreifen, was im Hintergrund geschieht. Geld kommt herein. Winter vergeht. Vertrauen wächst, auch wenn nicht alles ausgesprochen wird.
Doch die Vergangenheit holt sie ein.
Ein toter Monsterpudel.
Ein gestohlener Kern.
Ein Junge, der zu schnell läuft, zu viel weiß – und zu sehr jemandem ähnelt, der eigentlich nicht existieren dürfte.
Im Waisenhaus erkennen Buddy, Hannes und schließlich auch Kathy, dass dieser Junge mehr ist als ein Dieb. Etwas an ihm passt nicht. Sein Blick, seine Kette, sein Schweigen. Und obwohl er nichts sagt, scheint er alles zu sehen.
Am Ende treffen sie eine Entscheidung, die sie nicht geplant hatten.
Sie fliehen nicht vor ihm.
Sie liefern ihn nicht aus.
Die Band zieht weiter.
Mit einem unfreiwilligen neuen Mitglied –
einem Jungen, der nicht redet,
nicht fragt,
nicht erklärt,
sondern nur beobachtet.
Und während die Musik weiterklingt, bleibt eine Frage offen:
Ob sie ihn gerettet haben –
oder ob er sie alle noch in größere Gefahr bringen wird.
Musikstunde
Der Junge überlegte nicht lange.
Er stand da, die Hände in den Taschen, den Blick schräg, als hätte er längst entschieden.
„Besser als Nonnen“, sagte er schließlich. „Die reden zu viel. Und man darf nix anfassen.“
„Du darfst bei uns auch nicht alles anfassen“, sagte Buddy sofort.
Der Junge grinste schief. „Dann hau ich halt ab.“
Hannes verschränkte die Arme. „Genau das ist der Plan, oder?“
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“
Kathy musterte ihn einen Moment lang, dann nickte sie. „Gut. Dann komm.“
Keine Bedingungen. Kein Vertrag. Kein Versprechen.
Das allein hätte Buddy schon gereicht, um unruhig zu werden.
Sie gingen los.
Der Weg führte weg vom Dorf, weg vom Waisenhaus, weg von Blicken, die zu lange auf ihnen geruht hatten. Der Junge lief zuerst ein paar Schritte hinter ihnen, trat gegen Steine, blieb stehen, rannte wieder vor, als würde er testen, wie weit er gehen konnte, ohne dass jemand etwas sagte.
Niemand sagte etwas.
Esel drehte sich irgendwann um. „Du kannst auch getragen werden“, bot er freundlich an.
Der Junge blinzelte. Dann nickte er sofort. „Okay.“
Er ließ sich hochheben, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Machte es sich bequem, legte den Kopf an Esels Schulter.
„Du bist stark“, sagte er. „Und dumm.“
„Ja“, sagte Esel zufrieden.
Buddy und Hannes gingen nebeneinander. Sagten nichts. Aber ihre Blicke ruhten immer wieder auf dem Jungen. Zu lange. Zu prüfend.
Kathy spürte die Spannung wie einen Knoten zwischen den Schultern.
Nach einer Weile hob sie die Hand. „Pause.“
Sie setzten sich an den Rand einer Lichtung. Gras, ein paar Steine, ein umgestürzter Baum. Nichts Besonderes.
„Wir sollten Musik machen“, sagte Kathy. „Das hilft. Musik bringt Menschen zusammen. Öffnet Herzen.“
Hannes setzte sich schwer auf einen Stein. „Von mir aus.“
Esel holte die Laute hervor. Buddy die Trommel. Hannes die Trompete. Es war ein vertrauter Ablauf.
Nur diesmal war etwas anders.
Sie begannen zu spielen – aber es wollte nicht greifen. Der Rhythmus stolperte. Die Melodie fand keinen Halt. Kathys Stimme setzte an, verlor sich wieder.
Der Junge verzog das Gesicht. „Langweilig.“
„Psst“, machte Esel. „Hör erst.“
Der Junge verdrehte die Augen.
Esel hielt ihm die Laute hin. „Willst du mal?“
Buddy spannte sich an. „Esel—“
Zu spät.
Der Junge griff zu. Zupfte. Zu fest.
Ein hässliches Geräusch. Dann noch eins.
Eine Saite riss. Dann die nächste.
Stille.
„Was soll der Scheiß?!“ fuhr Hannes hoch.
Der Junge wich ein paar Schritte zurück. „War doch eh Schrott, scheiß Musik“
„Du fasst nichts an, was nicht dir gehört!“ Hannes’ Stimme war hart. Zu hart.
Der Junge fauchte zurück: „Halt den Mund! Du bist nicht mein Vater!“
Dann drehte er sich weg und setzte sich abseits ins Gras. Mit verschränkten Armen. Den Blick stur auf den Boden gerichtet.
Stille.
Eine andere diesmal. Schwerer.
Hannes sagte nichts mehr. Er setzte sich langsam wieder hin. Starrte ins Leere.
Kathy trat hinter ihn, legte ihm vorsichtig einen Arm um die Schultern. „Sag’s“, flüsterte sie. „Sprich es aus. Er hört sowieso nicht. Er ist zu weit weg.“
Hannes atmete tief ein. Dann aus.
„Ich kenn diesen Blick“, sagte er leise. „Dieses Weglaufen im Kopf. Dieses… immer bereit sein, alles fallen zu lassen. Dieses rastlose...diese Unruhe. Das erinnert mich an...mich.“
Az stiehlt die Show
„Er ist jung“, sagte Buddy ruhig, „und jeder, der im Leben was durchmacht, hat diesen Blick.“
Er sagte es nicht laut genug, um zu trösten. Aber laut genug, dass alle hörten, was gemeint war.
„Er ist nicht du“, sagte Esel sofort. „Und du bist nicht wie er. Ihr seid zwei verschiedene Personen. Das sieht man doch.“
Hannes musste schmunzeln.
„Stimmt“, sagte er und atmete etwas ruhiger aus.
„Jetzt rede mit ihm“, stieß Kathy ihn noch einmal an.
„Jaja“, murmelte Hannes und stand auf.
Er ging langsam zu dem Jungen hinüber, der abseits im Gras saß, die Arme verschränkt, den Blick stur auf den Boden gerichtet.
„Hey, Junge“, sagte Hannes unbeholfen. „Hast du Hunger?“
Er wusste selbst nicht, wie man so ein Gespräch anfing. Er hatte zu viele Fragen. Und zu viel Angst vor den Antworten.
Der Junge drehte sich einfach weg.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Hannes weiter. „Oder sollen wir dich immer ›Kleiner‹ nennen? Hey, Kleiner… Kleiner…“
Er nervte ihn absichtlich.
„Az“, murmelte der Junge schließlich. Sein Magen knurrte hörbar.
„Ein Name zwischen A und Z. Deswegen Az.“
„Az“, wiederholte Hannes. „Interessanter Name.“
Er setzte sich neben ihn.
„Was ist mit deinen Eltern?“
Keine Antwort.
„Wir sind eine Band“, fuhr Hannes fort. „Und du bist jetzt Teil davon. Ob du willst oder nicht. Weißt du eigentlich, was es bedeutet, dass du die Laute kaputt gemacht hast?“
Az zuckte mit den Schultern. „Mir egal.“
„Das wird dir bald nicht mehr egal sein“, sagte Hannes ruhiger, aber fest. „Spätestens im nächsten Dorf, wenn wir uns keine Herberge leisten können, weil wir nicht spielen können. Oder wenn du Hunger hast.“
„Mir egal“, wiederholte Az gleichgültig. „Such ich halt ’ne neue.“
Hannes schnaubte.
„Träum weiter, Freundchen. Du wirst arbeiten. So lange, bis du die Laute abgearbeitet hast. Danach kannst du machen, was du willst. Aber solange bist du hier. Dafür sorg ich persönlich.“
Keiner von beiden wollte sich trennen. Und keiner sagte das laut.
„Kommt essen!“, rief Kathy.
Sie setzten sich zusammen. Aßen schweigend. Es war zerrüttet, schief, unfertig – und trotzdem wirkten sie für einen Moment wie eine kleine Familie.
Dann machten sie sich auf den Weg ins nächste Dorf, um Vorräte aufzustocken.
„Ohne Laute können wir nicht spielen“, stellte Buddy fest.
Az zeigte keinerlei Schuldgefühl.
„Unterkunft oder Essen – beides wird schwer“, sagte Kathy. Sie lebten oft von einem Tag zum nächsten. Rücklagen hatten sie kaum.
„Ich geh mit Esel jemanden suchen, der die Laute repariert“, entschied Buddy.
„Kathy, du besorgst uns einen Schlafplatz. Und ihr versucht, Geld aufzutreiben.“
Er warf Hannes einen kurzen Blick zu. Er wollte ihm Zeit mit dem Jungen lassen.
„Gute Gelegenheit für dich, die Laute abzuarbeiten“, sagte Hannes und legte Az den Arm um die Schultern.
Die Hand wurde weggeschlagen.
Az rannte einfach los.
„Hey!“, rief Hannes, doch der Junge war schnell. Zu schnell.
Kurz darauf stand Hannes wieder bei den anderen.
„Wo ist er?“, fragte Kathy sofort.
„Weggelaufen“, sagte Hannes. „Schnell wie der Blitz. Sollte aber nicht weit sein.“
„Lasst uns die Leute fragen“, sagte Kathy besorgt. „Ein fremdes Kind fällt schnell auf.“
Buddy sah Hannes an.
„Was hast du gemacht, dass er gleich abhaut? Ich dachte, ihr wollt Freunde werden.“
„Nichts“, sagte Hannes ehrlich und kratzte sich am Hinterkopf.
Plötzlich wurden sie angerempelt.
„Entschuldigung!“, rief jemand, dann noch einer. Viele rannten am ihnen vorbei – Richtung Dorfzentrum.
„Was ist los?“, fragte Hannes. „Hat Kathy schon angefangen zu singen?“
Sie folgten dem Lärm.
Im Dorfzentrum wurde gejubelt. Gelacht. Gefeiert.
Und dort stand Az.
Mitten in der Menge.
Er wurde gefeiert wie ein König – während er Goldstücke verteilte, einfach so, an jeden, der die Hand aufhielt.
„W–was… was tut er da?!“, stammelte Hannes.
Buddy stand mit offenem Mund daneben.
Kathy traute ihren Augen nicht.
Nur Esel lächelte, mitten in der Menge – und ließ sich ebenfalls ein Goldstück geben.
Buh-Rufe
Buddy blieb stehen wie angewurzelt.
Az stand mitten auf dem Dorfplatz, die Hände noch halb erhoben, als hätte er gerade eine Heldentat vollbracht. Um ihn herum jubelten ein paar Leute noch – aber es klang bereits unsicherer, brüchiger.
Hannes’ Mund stand offen.
Kathy blinzelte.
Und Esel …
Esel lächelte.
Az warf noch eine Münze.
Sie landete klimpernd in einer ausgestreckten Hand.
Buddy trat langsam vor, nahm sie zwischen zwei Finger und hielt sie ins Licht.
Ein Moment verging.
Dann sagte er tonlos:
„…Das ist gefälscht.“
Stille.
Er drehte die Münze, als würde er einen Kadaver untersuchen.
„Absoluter Müll.“
Az grinste.
Buddy hob die Stimme.
„Das ist kein echtes Gold! Das ist billiger Schrott!“
Einen Herzschlag lang passierte nichts.
Dann ein erstes:
„Hä?“
Dann Murmeln.
Ein Mann prüfte seine Münze, verzog das Gesicht und warf sie mit einem angewiderten Laut auf den Boden.
„Was soll das?!“
„Falschgeld?!“
„Betrüger!“
Und dann –
„BUH!“
„BUUUUH!“
Die Stimmung kippte wie ein Wagen im Schlamm.
Einige warfen die Münzen auf den Boden, als wären sie plötzlich heiß.
Andere verschwanden hastig in Seitengassen, die Hände fest um die vermeintlichen Goldstücke geschlossen.
„Hey!“, rief Kathy. „Geben Sie das zurück!“
Niemand hörte zu.
Esel hob eine Münze auf, rieb sie an seinem Ärmel und sagte verwundert:
„Aber … aber es glänzt doch! Genau wie das polierte Geld von Buddy!“
Buddy fuhr herum.
„Esel.“
„Es sieht wirklich so aus—“
Buddy presste ihm die Hand auf den Mund.
„Nicht. Jetzt.“
Az begann zu lachen.
Nicht leise.
Nicht vorsichtig.
Er bog sich fast vor Vergnügen – ein freches, respektloses Kinderlachen, mitten in den Buh-Rufen.
Hannes packte ihn am Kragen.
„Was ist so witzig?!“
Az japste, grinste noch immer.
„Warum hast du das getan?!“, fauchte Kathy.
Az zuckte die Schultern.
„Weil ich konnte.“
„Das ist keine Antwort!“
„Doch“, sagte Az. „Ist es.“
Buddy schwieg einen Moment.
Dann seufzte er schwer, als würde er etwas öffnen, das lange verschlossen gewesen war.
„Weil ich aus einer Gaunerfamilie komme.“
Kathy blinzelte.
„Was?“
Buddy sprach weiter, ruhig, sachlich, als wäre es ein Bericht.
„Strukturiertes Verbrechen.“
Er hob eine Hand.
„Regeln. Netzwerke. Immer andere Städte. Viel Beute.“
Kathy starrte ihn an.
„Die Kinder ziehen nach dem sechzehnten Lebensjahr aus“, fuhr Buddy fort.
„Jeder in eine andere Stadt. Eigenes Leben. Eigene Diebstähle. Eigene Namen.“
Kathy flüsterte:
„Wie … ein Clan.“
Buddy nickte.
„Kontakt gibt es kaum. Außer an festen Tagen. Familienfesten.“
Er verzog den Mund.
„Aber ich war seit Jahren nicht dort.“
Kathy sah ihn an, als hätte sie gerade ein fehlendes Puzzleteil gefunden.
Dann sagte sie langsam:
„Eine kriminelle Clanfamilie …“
Sie schnaubte leise.
„Das macht total Sinn.“
ein Wunderkind
„Wir sollten hingehen“, sagte Esel, als wäre es die einfachste Sache der Welt.
Az schien das alles nicht weiter zu interessieren. Obwohl er mehr als genug Gelegenheiten gehabt hätte wegzulaufen, blieb er einfach stehen, die Hände in den Taschen, der Blick leer.
„Wir brauchen Antworten“, sagte Hannes entschieden.
„Ich kenne einen Zauberer“, fügte er hinzu. „Es ist ein Stück zu laufen, aber er könnte uns Antworten beschaffen.“
„Antworten?“, wiederholte Kathy. „Sollten wir nicht erst Fragen haben?“
Im Gegensatz zu Esel hatten alle welche. Viele sogar.
Kathy sah Az an.
„Interessiert dich das wirklich gar nicht? Zum Beispiel, wer deine Eltern sind? Ob du irgendwo noch Familie hast?“
Esel senkte den Blick.
„Mein Besitzer war meine Familie“, sagte er leise. „Wir waren alles für ihn. Besonders, als seine Frau ihn verlassen hat. Mit dem Baby.“
Er schluckte.
„Ich durfte es nie halten.“
„Oh …“, machte Hannes verlegen. „Sowas passiert. Aber er hat dich gut behandelt, oder?“
Er klopfte Esel unbeholfen auf die Schulter.
„Wir sollten zu dieser Bekanntschaft gehen“, sagte Buddy schließlich. „Mehr als keine Antworten können wir nicht bekommen. Besser, als hier herumzusitzen.“
Damit war die Entscheidung gefallen.
Auf dem Weg fragte Buddy:
„Was ist das eigentlich für ein Typ?“
„Ein schräger Einzelgänger“, begann Hannes. „Er lebt in einer Höhle im Wald. Eine Nachteule. Wenn man ihn tagsüber stört, wird er richtig übel. Fast wie ein Vampir. Wer weiß, was für Blut in ihm steckt.“
Kathy runzelte die Stirn.
„Aber“, fuhr Hannes fort, „magisch gesehen ist er ein echtes Wunderkind. Wenn man das so nennen kann.“
„Kennst du ihn überhaupt?“, hakte Kathy nach. „Oder hast du nur von ihm gehört?“
Hannes grinste.
„Jeder hat schon mal von ihm gehört. Irgendwann. Irgendwie. Er hat viele Namen – aber seinen echten kennt fast niemand. Und das gefällt ihm. Er sitzt manchmal am Lagerfeuer und lacht nur: Wie schön, dass mich keiner kennt. Ein schräger Kauz, sag ich euch.“
Er lachte kurz.
„Wir sind eine Zeit lang zusammen gereist. Er hat mir Arbeit verschafft. War ein Deal. Er macht fast alles über Deals.“
Az hörte aufmerksam zu. Zum ersten Mal wirkte er wirklich interessiert.
„Und wie heißt er wirklich?“, fragte er.
Hannes sah ihn überrascht an.
„Interessiert dich das? Dann frag ihn selbst. Vielleicht verrät er es dir. Aber nichts ist umsonst. Nicht mal für mich war es das.“
„Klingt lustig“, sagte Esel ahnungslos.
Sie marschierten weiter. Tage vergingen. Sie machten nur kurze Pausen, stockten ihre Vorräte auf, spielten in Dörfern, besorgten sich etwas Gold – und zogen weiter.
„Sind wir bald da?“, murrte Az irgendwann. Das ständige Laufen ging ihm sichtbar auf die Nerven.
„Der Wald ist nicht mehr weit“, sagte Hannes. „Wir sollten bis zur Dämmerung warten, bevor wir ihn aufsuchen. Dann bekommt jeder die Antworten, die er möchte. Bestimmt.“
„Ich hoffe, du versprichst uns nicht zu viel“, sagte Kathy, noch immer skeptisch. So selbstsicher hatte sie Hannes selten erlebt.
„Dann rasten wir bis zur Dämmerung“, entschied Buddy.
Er machte sich daran, das Lagerfeuer aufzubauen.
Ohrwurm
Das Feuer knisterte leise.
Buddy saß wie immer ein Stück abseits, die Arme verschränkt, den Blick fest in die Glut geheftet, als könnte er dort Antworten finden, bevor jemand die richtigen Fragen stellte.
Kathy hatte die Knie an die Brust gezogen und starrte in den Himmel, wo sich die ersten Sterne zaghaft zeigten.
Hannes schwieg.
Und Az …
Az saß da, als wäre er nur auf Durchreise. Als würde er auf genau den Moment warten, in dem es klug genug wäre, wieder zu verschwinden.
Esel war der Einzige, dem diese Stille zu schwer wurde.
Er rutschte unruhig hin und her, scharrte mit den Füßen, bis er es nicht mehr aushielt.
„Also ich will jetzt los.“
Alle sahen ihn an.
„Ich freu mich schon!“, fuhr er begeistert fort. „Ein Zauberer! Ein schräger Einzelgänger! Das klingt spaßig!“
Hannes schnaubte leise.
„Spaßig“, murmelte er. „Ja. Das passt zu ihm.“
Niemand widersprach.
Sie packten zusammen, fast hastig, als hätten sie Angst, zu lange sitzen zu bleiben – aus Furcht, dass die Gedanken sonst zu laut würden.
Der Wald empfing sie mit feuchter Kälte.
Die Bäume standen dicht beisammen, ihre Kronen verschluckten das letzte Licht des Tages. Der Boden war weich, moosig, und jeder Schritt klang gedämpft, als würden sie durch einen Traum gehen, der nicht ganz real war.
Esel ging vorneweg.
Az trottete hinterher, die Hände tief in den Taschen, der Blick gelangweilt.
Buddy und Hannes sagten kein Wort.
Kathy summte leise vor sich hin, ohne es selbst zu merken.
Dann—
ein Geräusch.
Gesang.
Schief. Krumm. Falsch.
Als hätte jemand nie gelernt, welche Töne zusammenpassen, sich aber trotzdem entschieden, laut zu sein.
„Was …?“ flüsterte Kathy.
Sie blieben stehen.
Zwischen den Stämmen flackerte Licht.
Viele kleine Lichter.
Kerzen? Laternen? Glühwürmchen?
Es sah aus wie ein Fest, das jemand mitten im Wald vergessen hatte.
Esel bekam große Augen.
„Das ist er bestimmt!“
Hannes nickte langsam.
„Passt zu ihm.“
Sie gingen näher.
Der Gesang wurde lauter.
Und dann—
SCHNAPP.
Az machte einen Schritt.
Ein kurzer Ruck.
Und im nächsten Moment war er weg.
„WAS ZUM—?!“
Eine Schlinge zog sich um seinen Fuß, und plötzlich hing er kopfüber in der Luft, baumelnd wie ein erlegtes Tier.
„LASST MICH RUNTER!“
Er zappelte wild.
„Ihr seid doch alle komplett bescheuert!“
Esel riss erschrocken die Arme hoch.
„Oh! Oh nein!“
Kathy trat sofort vor.
„Wir holen dich runter—“
Hannes hatte bereits ein Klappmesser gezogen.
„Stillhalten.“
Doch bevor er schneiden konnte, wurde der Gesang lauter.
Und sehr viel … enthusiastischer.
Eine Stimme schmetterte durch den Wald:
„Hasen, Hasen, lecker fein,
heut wird’s Hasenbraten sein!
Hase im Topf und Hase zum Tee,
ich bin der Beste, juchhee!“
Alle erstarrten.
Az hing plötzlich still.
„…Hase zum Tee?“, murmelte Buddy.
„Das ist krank“, flüsterte Kathy.
„Das ist er“, sagte Hannes trocken.
Die Büsche raschelten.
Dann trat er hervor.
Ein Mann mit krausem, orangefarbenem Haar, als hätte ein Sturm darin gewohnt. Ein Auge hell wie Honig, das andere dunkel wie Moos. Seine Kleidung bestand aus unzähligen Stoffflicken, bunt und wild zusammengenäht. Auf dem Kopf trug er einen riesigen Hut, viel zu groß, geschmückt mit Federn und Glöckchen.
Er blickte nach oben.
„Oh!“
Er klatschte enttäuscht in die Hände.
„Das ist ja gar kein Hase.“
Az fauchte:
„Nein! Du Spinner!“
Der Mann runzelte die Stirn.
Dann wechselte sein Gesichtsausdruck – abrupt, wie umgelegt.
Seine Augen leuchteten.
„Neue Gäste?!“
Er breitete die Arme aus, als würde er gleich zu tanzen beginnen.
„Viele Gäste! Wie toll! Wie wundervoll! Wie aufregend!“
Niemand rührte sich.
Er trat zu Az, schnitt die Schlinge mit einem kleinen Messer durch.
Az plumpste auf den Boden.
„Autsch.“
„Ups!“, sagte der Mann fröhlich. „Fast wie ein Hase gefallen.“
Az wollte etwas sagen, doch Buddy brachte ihn mit einem einzigen Blick zum Schweigen.
Der Mann drehte sich um.
„Kommt! Kommt! Kommt! Ihr seid bestimmt hungrig! Ich hab Tee! Und Gebäck! Und noch mehr Tee!“
Verwirrt folgten sie ihm.
Sie traten aus dem Dickicht—
und standen plötzlich vor einem langen Tisch.
Tee dampfte in unzähligen Tassen. Platten voller Gebäck, Marmelade, Honig, kleine Kuchen, Brot und Obst.
Esel blieb mit offenem Mund stehen.
„So … so viel Essen …“
Der Mann lachte begeistert.
„Natürlich! Gäste müssen essen! Sonst sind sie keine Gäste, sondern nur Menschen im Wald!“
Az murmelte: „Wir sind Menschen im Wald.“
„Pssst“, machte Kathy.
Sie setzten sich vorsichtig.
Der Mann hüpfte beinahe auf seinem Platz.
Dann entdeckte er die Instrumente.
Sein Gesicht begann zu strahlen.
„Eine Band?!“
Er klatschte begeistert.
„Eine Band zur Party! Das ist ja was Neues!“
Buddy räusperte sich.
„Wir spielen aber nicht ohne Bezahlung.“
Der Mann verzog das Gesicht.
„Bezahlung? Geld?“
Er winkte ab, als hätte Buddy ein Schimpfwort benutzt.
„Geld ist nur für die Gierigen.“
Buddy presste die Lippen zusammen.
Hannes beugte sich vor.
„Wir sind nicht wegen Geld hier. Wir suchen Antworten.“
Der Mann wurde still.
Für einen Moment war das Flackern der Kerzen lauter als seine Stimme.
Dann lächelte er wieder.
„Antworten gebe ich.“
Alle hielten den Atem an.
„Aber nur, wenn ich etwas dafür bekomme.“
Kathy hob das Kinn.
„Wir spielen dir ein paar Lieder.“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was?“, fragte Esel.
„Keine Herausforderung“, sagte er ernst.
Er beugte sich vor, seine zweifarbigen Augen glitzernd.
„Ich wünsche mir einen Ohrwurm.“
Buddy blinzelte.
„Einen was?“
„Einen Ohrwurm!“, grinste der Mann breit. „Die kitzeln so schön im Kopf. Man wird sie nicht mehr los. Herrlich!“
Buddy nickte langsam.
„Kathy singt Lieder mit genau diesem Effekt.“
Kathy wurde leicht rot.
Esel hob die Hand.
„Was ist ein Ohrwurm?“
Hannes hielt ihm sofort den Mund zu.
„Nicht.“
Der Mann lachte.
„Also ein Deal!“
Er klatschte einmal laut.
„Ein Ohrwurm …“
Er beugte sich näher.
„… für Antworten.“
Buddy murmelte leise:
„Hoffentlich keine Antworten aus Abfall.“
Schlagernacht mit Murloc
Kathy überlegte einen Moment. Dann stellte sie sich ans andere Ende des Tisches. Buddy setzte sich neben sie, um sie mit der Trommel zu begleiten.
Sie atmete tief durch und begann zu singen. Doch der Mann unterbrach sie sofort:
„Nein … nein … ein Ohrwurm, das ist einfach nur mäh …“
Er lachte schallend.
Kathy war entbrüstet.
„Nicht aufregen … singen wir etwas anderes“, versuchte Hannes die Situation zu retten.
„Ohrwurm … vielleicht etwas, das sich reimt?“ überlegte Buddy und trommelte leicht los.
Doch auch das gefiel dem Mann nicht.
„Das waren gute Songs …“, beschwerte sich Kathy, „und jetzt machst du alles schlecht!“
„Gut, aber kein Ohrwurm. Es sollte zwicken und kitzeln“, erklärte der Mann.
Die drei überlegten, was er wohl damit meinte. Währenddessen setzte sich Az einfach neben ihn und aß gemütlich vom Tisch. Auch Esel gesellte sich dazu.
„Sag mal, wie heißt du überhaupt?“ fragte Az frech, mit vollem Mund.
„Keine Antwort ohne Preis“, wackelte der Mann mit den Fingern.
„Das gehört zur Höflichkeitsform“, versuchte Az ihn zu überlisten.
„Name für Name … wie heißt du denn?“ grinst er frech und beugt sich zu Az vor.
„Az … und nun deinen“, starrt er den Mann ernst an.
„Deinen richtigen Namen.“
„Zuerst dienen“, erwiderte der Mann.
Beide starrten sich lange an, bis der verrückte Mann schließlich aufgab.
„Murloc … naja, einer meiner vielen Namen, hahah … ein murmliges Gefühl, wenn man in ein Loch fällt, Murloc, hahah“, erklärte er lachend.
Az stand auf, lehnte sich an Murlocs Ohr und flüsterte etwas hinein.
„Interessant“, grinste Murloc nur breit.
„Ich will es auch wissen!“, rief Esel eifersüchtig.
„Nichts ohne Preis. Ohrwurm für Antworten – besorg mir einen, und du bekommst eine Antwort auf jede Frage, ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft“, versicherte er Esel.
Esel nickte, stand auf und ging los. Die anderen drei schauten ihm nach, fragten sich nicht, warum er einfach in den Wald geht, und setzten ihre Diskussion fort.
„Er mag keine klassischen Lieder“, stellte Buddy fest.
„Wieso machen wir das überhaupt? Lassen wir es doch. Er verarscht uns. Kann man nicht einfach reden?“, bat Kathy Hannes.
„Er war schon immer so. Wir versuchen es mit einem anderen Song. Vielleicht klappt es diesmal. Einen, der sich reimt und kurz ist, sowas bleibt im Kopf … oder etwas, das sich schlecht reimt, wie sein ‚Hase im Topf‘“, überlegte Hannes laut.
„Wenn wir das nicht schaffen, beantwortet er uns nie etwas – auch nicht in Tagen oder Wochen. Folter funktioniert bei ihm erst recht nicht“, erklärte er weiter.
„Gut … und wer hat Ideen?“, fragte Kathy in die Runde.
„Vielleicht braucht er so etwas wie Eigenlob?“, schlug Buddy verzweifelt vor. Er wollte die Antworten auf seine Fragen, war sich aber unsicher, ob das endlose Rätselraten sich lohnte.
„Gut, letzter Versuch. Sonst versuchen wir es halt woanders“, sagte Kathy entschlossen und richtete ihre Kleidung.
„Warte, mir fällt gerade etwas ein … er liebte immer diese speziellen Lieder … über Liebe, Sehnsucht oder so … das sollten wir versuchen“, schlug Hannes vor.
Kathy hatte keine Ahnung von Schlager, stimmte aber zu und gab ihr Bestes.
„Ja … ich freu mich auf eine Aufführung“, klatschte Murloc in die Hand.
„Seid ihr bereit? Gut … dann geht’s los.“
Kathy atmete tief ein. Mit den Jungs hatte sie alles grob besprochen, den Text sang sie zum ersten Mal. Sie sang von ihrer ersten Liebe, und es klang tatsächlich wie ein kleiner Schlagerhit.
Doch während sie sang, hatte sie einen kurzen Aussetzer, als sie Esel hinter Murloc sah, der versuchte, einen Wurm in dessen Ohr zu stecken. Das brachte sie zum Lachen, doch sie sang weiter, begleitet von Buddy und Hannes.
Murloc zappelte, versuchte sein Ohr zu befreien und jammerte dabei gleichzeitig lachend:
„Ein Wurm im Ohr … ein Ohrwurm …“
Als das Lied zu Ende war, grinste Murloc breit, noch immer leicht zappelnd:
„Ich hab einen Ohrwurm … es kribbelt und zwickt … das hatte ich lange nicht mehr … also, was wollt ihr wissen?“
Alle waren verwirrt – besonders, welchen Ohrwurm er nun meinte: den von Esel oder den von Kathy? Doch das interessierte jetzt niemanden mehr so sehr wie die eine Frage, auf die sie alle warteten.
Trinklied
Alle saßen still.
„Also“, sagte Buddy langsam. „Wie funktioniert das jetzt?“
Murloc blinzelte.
„Wie… was?“
„Deine Antworten“, erklärte Buddy. „Bist du hellsichtig? Siehst du die Zukunft? Oder…“
Murloc brach in schallendes Gelächter aus.
„Hellsichtig! Zukunft!“ Er wedelte mit den Armen, als würde er Fliegen verscheuchen. „Nein, nein, nein… ich sehe nichts.“
„Was dann?“ fragte Kathy.
Murloc tippte sich an die Schläfe.
„Ich spüre.“
Dann an sein Herz.
„Ich fühle.“
Dann zeigte er in die Luft, als würde dort etwas Unsichtbares schweben.
„Ich weiß.“
Buddy runzelte die Stirn. „Das klingt nicht besonders hilfreich.“
Hannes wollte gerade etwas sagen, doch Murloc hob sofort einen Finger.
„Stopp.“
Alle verstummten.
„Ihr habt alle verschiedene Fragen“, sagte er leise. „Doch am Ende… kann ich euch nur eine Antwort geben.“
„Eine?“ wiederholte Kathy.
Murloc nickte langsam.
„Eine Antwort, die auf alles passt.“
Verwirrte Blicke.
Az kaute schweigend an einem Keks.
„Euch verbindet etwas“, fuhr Murloc fort. „Ein Knotenpunkt. Eine Person.“
Buddy erstarrte.
„Ihr seid euch nicht zufällig über den Weg gelaufen.“
Hannes’ Stimme war rau. „Was meinst du damit?“
Murloc grinste schief.
„Es ist eine Geliebte.“
Er beugte sich vor.
„Eine Herrin.“
Noch näher.
„Eine beste Freundin.“
Seine Stimme wurde fast singend.
„Eine Schwester…“
Buddy schluckte.
„Eine Mutter.“
Stille.
„Was soll das heißen?“ fragte Buddy scharf.
Murloc klatschte plötzlich in die Hände.
„Mehr sagt er nicht! Mehr sagt er nicht!“ sang er wie ein Kind.
„Das ist doch Schwachsinn“, murmelte Kathy – aber ihr Blick war nachdenklich.
Murloc sprang auf.
„Trinken!“ rief er. „Trinken macht die Gedanken weich!“
Er schnappte sich eine Kanne und begann, sich selbst einzuschenken.
„Auf Tee, auf Freunde, auf Knoten, die sich niemals entladen! Wenn der Kopf so schwer wie ein Steinchen wird, dann singt man, bis die Seele schwirrt!“
Esel klatschte begeistert.
„Oh, ein Lied!“
Er stimmte sofort mit ein, völlig ahnungslos.
Buddy saß steif da.
Kathy griff nach seiner Hand.
„Deine Schwester…“ flüsterte sie. „Az… Hannes’ Vergangenheit… das passt doch irgendwie.“
Buddy atmete langsam aus.
„Ja“, murmelte er. „Das hab ich auch gedacht.“
Er sah zu Az.
Dann zu Hannes.
Dann wieder zu Az.
„Esel hatte eine Herrin“, sagte Buddy tonlos. „Du hast sicherlich eine beste Freundin.“
Kathy nickte zögerlich.
„Hatte ich“, sagte sie leise. „Aber wir haben uns auseinandergelebt.“
Buddy sah sie an.
„Warum?“
Kathy lachte kurz, bitter.
„Sie hat irgendeinen Typen kennengelernt. Kurz darauf war sie schwanger. Allein. Und dann…“
Sie hob die Schultern.
„Dann hat sie irgendeinen Reichen geheiratet.“
Buddy erstarrte.
Etwas klickte.
Er stand langsam auf. Sein Stuhl kratzte über den Waldboden.
Hannes blickte hoch.
„Buddy…?“
Buddy ging um den Tisch.
Dann packte er Hannes am Kragen und zog ihn hoch.
„Scheiße“, zischte er.
„Was—?“ stammelte Hannes.
Buddy schlug ihm ins Gesicht.
„Du hattest was mit meiner Schwester!“
Hannes taumelte zurück.
„Was?! Nein!“
Buddy schlug noch einmal.
„Verdammt doch!“
„Buddy, hör auf!“ rief Kathy.
Hannes hob die Arme.
„Ich weiß nicht, wovon du redest!“
„Doch, weißt du!“ brüllte Buddy. „Du weißt es ganz genau!“
Sie stürzten ineinander.
Fäuste.
Flüche.
Ein Tischbein krachte.
Gebäck flog.
Murloc juchzte.
„Prügelei! Das ist ja besser als Musik!“
Esel sang weiter:
„Auf Tee, auf Freunde—“
„ESEL, HALT DEN MUND!“ schrie Kathy.
Az saß still.
Er hatte irgendwann etwas aus einer Tasse probiert.
Etwas, das nicht nach Tee schmeckte.
Seine Augen wurden schwer.
Sehr schwer.
Während Buddy und Hannes sich prügelten, als würde die Welt davon abhängen…
Rutschte Az langsam zur Seite.
Legte den Kopf an den Tischrand.
Und schlief ein. Tief und fest.
Er verpasste die Show, die ihm wahrscheinlich am besten gefallen hätte.
Sonne, Apfelbäume und Bass
„Als Dank für die Show“, lachte Murloc verspielt und pustete der Gruppe ein feines, schimmerndes Pulver entgegen.
„Was ist… das?“ murmelte Kathy – und sank schon im selben Atemzug zur Seite.
„Erinnert euch… erinnert euch, was euch verbindet. Seht die Antwort selbst“, sagte Murloc geheimnisvoll.
Hannes hatte Buddy noch immer am Kragen gepackt. Als das Pulver sie erreichte, ließ er nicht los.
Gemeinsam kippten sie um.
Eng umeinander verschlungen.
Ungewollt.
Und dennoch fast… liebenswert.
Dann wurde alles hell.
Die Sonne strahlte grell vom Himmel.
Ein kleiner Junge lag im Gras, die Augen geschlossen, das Gesicht der Wärme entgegengestreckt. Schwarzes Haar, lang gewachsen, zu einem Zopf gebunden. Seine Haut gebräunt von vielen Sommertagen.
„Hey, aufwachen.“
Ein Mädchen beugte sich über ihn.
Er blinzelte. „Ist es schon so weit?“
„Ja. Also komm. Unser Vater erwartet uns.“
Er setzte sich auf. War deutlich größer als sie, besonders als er aufstand. Gemeinsam gingen sie auf ein Haus zu, in dessen Garten ein Fest stattfand.
Menschen lächelten ihn an. Klopften ihm auf die Schulter. Lobten ihn.
Doch man hörte nichts.
Kein Wort.
Als wäre die Welt auf stumm geschaltet.
Das Mädchen reichte ihm ein Glas.
„Hier. Trink.“
Sie stießen an.
Er nahm einen Schluck.
Sofort wurde ihm schwindelig.
Sie grinste. Frech. Fast spöttisch.
Und alles verschwamm.
Kathy erwachte unter einem Apfelbaum.
Als würde ein Film einfach weiterlaufen.
Dasselbe Mädchen war wieder da. Nur älter. Reifer.
„Kathy, ich werde heiraten“, sagte sie und hielt ihr die Hand hin. Ein schwerer Ring funkelte am Finger.
„Und deine Schwangerschaft? Weiß er davon? Wolltest du nicht mit mir auf die Bühne?“ Kathy trat näher.
„Das ist doch unwichtig. Er hat Geld“, lachte sie.
„Aber… wirst du so glücklich? Du wirst nicht frei sein.“
Der Name des Mädchens fiel nie. Als wäre er herausgeschnitten.
„Komm, lass uns den Tag genießen.“ Sie warf Kathy einen Apfel zu. „Später mache ich uns einen Kuchen.“
Noch ein Apfel flog.
Kathy fing ihn nicht.
Als sie ihn vom Boden aufhob, veränderte sich die Welt.
Ein Raum.
Warmes Licht.
Das Mädchen – jetzt eine Frau – lag erschöpft in den Kissen. Schweiß auf der Stirn. Tränen in den Augen.
Neben ihr kniete ein Mann und hielt ihre Hand fest. Seine Kleidung verriet Reichtum, seine Haltung Stolz.
„Du schaffst das“, flüsterte er aufgeregt. „Ich bin hier.“
Ein letzter Schrei.
Dann – ein kleines, glitschiges Bündel Leben.
Dunkles Haar. Kräftige Stimme.
„Es ist ein Mädchen“, verkündete der Arzt.
Der Mann lachte laut auf.
„Eine Tochter! Erzählt allen, dass wir nun eine Prinzessin haben!“ rief er begeistert in Richtung Tür.
Er beugte sich über das Bett, küsste die Stirn seiner Frau.
„Unsere kleine Prinzessin.“
Er sprang auf, voller Energie.
„Zur Feier des Tages spiele ich dein geliebtes Lied!“
Er holte ein seltsames Instrument hervor – groß, mit dicken Saiten. Neu. Kaum jemand hatte so etwas je gesehen.
Er strich über das Holz.
Ein tiefer, vibrierender Ton erfüllte den Raum.
Ungewohnt. Kraftvoll.
„Ich nenne es Bass“, erklärte er stolz. „Eselmundorius meinte, weil es klingt, als würde jemand ständig ‚Bass‘ rufen! Hahaha!“
Er begann zu spielen. Tiefe, eigenartige Klänge, die durch den Raum rollten wie sanfte Donner.
Die Frau lächelte schwach.
Esel stand am Fußende des Bettes. Seine Augen hingen an dem kleinen Mädchen. Vorsichtig trat er näher.
Er würde sie gern halten.
Ganz vorsichtig.
Doch die Frau hob den Blick.
Kalt.
Warnend.
Esel blieb stehen.
Und die Musik des Basses vibrierte weiter – tief, warm, unausweichlich – als würde sie sich in alles eingraben.
In Wände.
In Herzen.
In Erinnerungen.
Hut und Fliegerjacke im Scheinwerferlicht
Sie erwachten langsam.
Keiner sprach.
Die Prügelei – all das – fühlte sich an wie durch Nebel betrachtet. Verwischt. Weit weg. Nur ein dumpfer Kopfschmerz und ein seltsames Kribbeln im Nacken erinnerten daran, dass etwas geschehen war.
„Die Party ist vorbei…“
Murlocs Stimme wehte aus dem Wald. Krumm. Murmelnd. Kaum greifbar.
„Keine Stimmung mehr… ich kontrollier jetzt… Fallen… Hasen zum Frühstück… alles in Ordnung… ihr könnt hier das Lager aufschlagen…“
Seine Worte zerfielen zwischen den Bäumen.
Dann war er weg.
Die Jungs sahen sich an.
Wortlos.
Fast erschrocken darüber, wie ruhig alles plötzlich war.
„Na dann…“, murmelte Hannes.
Und das war’s.
Sie bauten das Lager auf. Sammelten Holz. Spannten ein kleines Zelt. Bewegungen automatisch, beinahe mechanisch.
Erst als alles stand, kniete Kathy sich zu Az.
Sie rüttelte ihn sanft.
„Az… ich muss dir eine Frage stellen.“
Er öffnete die Augen. Schwer vom Schlaf.
„Mhm?“
Kathy zögerte nur einen Moment.
„Bist du eigentlich… ein Mädchen, Az?“
Seine Augen wurden groß. Erst Schock. Dann etwas wie Erleichterung.
Langsam nickte er.
„Ja… aber niemand darf es wissen. Woher weißt du das?“
Kathy lächelte schwach.
„Frauen spüren so etwas.“
Sie musterte ihn.
„Warum sagst du dann, du seist ein Junge?“
Az zuckte mit den Schultern.
„So lebt es sich besser. Keiner sorgt sich. Man wird respektiert. Alles ist einfacher.“
Ein nüchterner Ton. Kein Drama.
Kathy nickte verstehend.
„Keine Sorge. Ich sag nichts. Das musst du selbst entscheiden.“
Sie stand auf.
Ging zu Hannes. Legte ihm eine Hand auf die Schulter und zog ihn ein Stück vom Feuer weg.
„Was hast du geträumt?“
Hannes atmete aus.
„Von meiner Ex.“
Sein Blick verlor sich in den Flammen.
„Sie trug eine Fliegerjacke. Und einen Hut. Sah cool aus… aber ich wusste, sie hatte ihn von einem neuen Typen. Ich hab Schluss gemacht. Sie war sowieso so anhänglich…“
Er schluckte.
„Sie war wütend.“
Kathy runzelte die Stirn.
„Meine beste Freundin trug immer so eine Jacke.“
Hannes sah sie an.
„Was willst du damit sagen?“
Kathy trat näher. Ihre Stimme war leise, aber fest.
„Du hast Buddy gehört. Du hattest etwas mit seiner Schwester. Mit meiner besten Freundin.“
Eine Pause.
„Und Az… ist dein Kind, Hannes.“
Die Worte hingen zwischen ihnen wie eine gezogene Saite.
Hannes drehte langsam den Kopf.
Az saß am Feuer. Still. Beobachtend.
Nur die Augen bewegten sich – wach, aufmerksam.
Alles schien plötzlich ineinanderzupassen.
Die Fliegerjacke.
Das Gartenfest.
Das Baby.
Der Bass.
„Es passt“, murmelte Kathy. „Wir müssen herausfinden, wo sie lebt. Wir sollten sie besuchen. Esel könnte etwas wissen. Oder Az.“
Sie sah wieder zu dem Kind am Feuer.
„Auch wenn wir noch immer nicht wissen, warum Az nicht bei ihr ist.“
Hannes sagte lange nichts.
Sein Blick wanderte über das Lager. Über Buddy. Über das Feuer.
Dann wieder zu Az.
Sein Atem ging schwer.
Schließlich nickte er. Kaum sichtbar.
Es schien… das Richtige zu sein.
Oder zumindest das Einzige, das noch Sinn ergab.
Yum-Yum Popcorn – Das Wiegenlied
Während die anderen das Zelt aufbauten, summte Esel vor sich hin.
Es passte vorne und hinten nicht zusammen.
Der Takt sprang plötzlich um. Die Melodie wechselte mitten im Satz.
Es klang, als hätte jemand drei verschiedene Lieder genommen und sie grob zusammengenäht.
„Esel“, fragte Kathy schließlich und hielt inne, „was ist das für ein seltsames Lied? Der Rhythmus stolpert ja dauernd.“
„Das ist das Wiegenlied von meinem Meister“, sagte Esel ganz selbstverständlich. „Musste plötzlich daran denken.“
Er lächelte verträumt.
„Yum-yum po…“
Die anderen tauschten Blicke. Das ergab überhaupt keinen Sinn.
Az jedoch wurde plötzlich aufmerksam. Sie kam näher.
„Woher kennst du dieses Lied?“
Ihre Stimme klang neugierig. Und noch etwas anderes. Etwas Drängendes.
„Das? Das ist von meinem Meister und seiner Frau“, erklärte Esel begeistert. „Sie haben es für ihr Kind gesungen.“
„Dann sing es ganz“, sagte Hannes, halb amüsiert, halb interessiert. „Wenn es von dir kommt, kann es nur Unsinn sein.“
„Okay!“
Esel griff nach seiner Laute und stimmte sie kurz.
Und dann begann er – völlig unpassend für ein Wiegenlied:
„Yum-yum po, yum-yum po,
wir essen ein kleines Popcorn, yami yami yami.
So süß wie dieses Kind,
salzig wie diese Tränen, yami yami yami…“
Er sang es fröhlich, fast hüpfend.
Hannes musste lachen. „Das klingt, als hätte es ein Kind erfunden.“
„Hat es auch“, sagte Buddy leise.
Er kannte das Lied.
Zu gut.
Seine Schwester hatte es gesungen. Immer dann, wenn er als Junge wegen ihrer Hänseleien geweint hatte. Sie hatte ihn damit aufgezogen. Verspielt. Gemein. Liebevoll.
„Sing weiter“, drängte Az plötzlich. Sie trat näher, zog sogar leicht an Esels Ärmel. „Bitte. Sing weiter.“
Hannes sah sie scharf an. „Kennst du das Lied etwa?“
Az hielt inne. Sammelte sich.
„Ich? … Nein. Ich fand es nur interessant.“
Hannes lächelte schief.
„Ein Lied von einem Kind für ein Kind.“
Az warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Weiter“, sagte nun auch Hannes. „Ich will wissen, wie es endet.“
Esel kratzte sich am Kopf.
„Mehr weiß ich nicht.“
Er wiederholte nur die Strophe, immer wieder, leicht variierend, wie er es eben in Erinnerung hatte.
Az hörte aufmerksam zu. Zu aufmerksam.
Hannes setzte sich neben sie.
„Was ist dein Ziel?“
„Ziel?“ Az zuckte mit den Schultern. „Hab keins.“
„Jeder hat eins“, sagte Hannes ruhig. „Deshalb reisen wir doch.“
„Ich will ans andere Ende der Welt und einen Brief abgeben“, sagte Esel sofort stolz.
Buddy setzte sich dazu, den letzten Hering ins Zelt geschlagen.
„Mit einem Ziel lebt es sich leichter. Ich will frei sein. In einer großen Stadt leben. Einfach frei.“
„Ich werde eine berühmte Sängerin“, erklärte Kathy mit einem schiefen Lächeln. „In einer großen Stadt. Auf einer großen Bühne.“
Sie sah Az an.
„Und du? Willst du deine Eltern finden?“
Das hätte gepasst. Dachte sie.
Doch Az schüttelte den Kopf.
„So was brauch ich nicht mehr.“
Stille.
Das Feuer knackte.
Az blickte in die Flammen.
„Ich will nur wissen, wie das Lied endet“, sagte sie schließlich leise.
„Ich will das Ende von Yum-Yum Popcorn hören.“
Und plötzlich war es kein albernes Lied mehr.
Sondern etwas, das fehlte.
A-Hörnchens Mix-Tape
Esel kratzte sich am Kopf, als würde er in irgendeiner staubigen Ecke seines Gehirns nach dem Rest des Liedes wühlen.
„Mehr weiß ich nicht“, hatte er gesagt.
Aber dann …
Dann kam doch noch etwas.
Ganz leise summte er weiter. Zögerlich. Unsicher. Als hätte er Angst, eine Erinnerung kaputt zu machen.
„Yum-yum po … yum-yum po …“
Az lag halb zusammengerollt im Gras, die Augen offen, starr in die Flammen gerichtet.
Esel sang schief. Aber ehrlich.
„… wenn du mal allein bist, dann denk an mich,
ich bin ein Popcornstern, ich leuchte nur für dich …
Yami yami … schlaf jetzt ein, kleines Kind,
du sollst nicht wein’n …“
Az blinzelte.
Einmal.
Dann noch einmal.
Ihre Lippen pressten sich fest zusammen.
Plötzlich stand sie auf.
So abrupt, als hätte sie sich verbrannt.
„Ich geh schlafen“, murmelte sie.
„Okay“, sagte Esel sofort freundlich. „Gute Nacht, Az.“
Keine Antwort.
Az legte sich ins Gras, den Rücken zu ihnen, zog die Knie an.
Und kaum eine Minute später wurde ihr Atem ruhig.
Als hätte sie nur darauf gewartet, endlich wegzudriften.
Esel gähnte.
„Dann … schlaf ich auch.“
Er rollte sich zusammen wie ein zufriedenes Tier – und war genauso schnell eingeschlafen.
Zurück blieben nur die drei.
Das Feuer knackte.
Buddy starrte lange in die Glut. Dann sagte er leise:
„Ich … entschuldige mich.“
Hannes hob eine Braue.
„Wofür?“
Buddy schnaubte trocken.
„Für die Prügelei. Ich hab überreagiert.“
Hannes’ Mundwinkel zuckten.
„Du? Überreagiert? Niemals.“
Kathy musste schmunzeln.
„Irgendwie seid ihr jetzt wirklich eine Familie.“
Buddy sah sie irritiert an.
„Was?“
„Na ja“, sagte sie und lehnte sich zurück. „Papa und Onkel.“
Hannes’ Blick wurde sofort tödlich.
„Nicht witzig.“
Kathy grinste breit.
Hannes deutete mit dem Kinn auf sie.
„Du wärst doch selbst am liebsten Tante von dem kleinen.“
„Oh ja“, sagte Kathy ohne zu zögern. „Das wäre ich wirklich.“
Ein kurzer Moment Stille.
Dann sagte Hannes beiläufig:
„Wäre ja möglich … wenn du Buddy heiraten würdest.“
Es klang wie ein Witz.
Aber Buddy verschluckte sich beinahe an der Luft.
Kathy wurde knallrot.
„Hannes!“
Buddy räusperte sich so laut, als wollte er den ganzen Wald übertönen.
„Themawechsel.“
Hannes grinste zufrieden.
Buddy zwang sich zur Ruhe.
„Wir sollten rausfinden, ob wir irgendwas über Az erfahren. Wenigstens den richtigen Namen.“
Kathy nickte sofort.
„Ja. Das hilft uns weiter, wenn wir nach deiner Schwester suchen.“
Buddy senkte die Stimme.
„Und ohne, dass Esel davon mitbekommt. Er will sicher ungern direkt zu seiner … alten Stelle zurück.“
„Er würde es nicht schlimm finden“, meinte Hannes ruhig. „Er mag nur das Gefühl nicht, zurückzugehen, ohne seine Aufgabe erfüllt zu haben.“
Er stand auf.
Und bevor Kathy reagieren konnte, griff er nach Az’ kleinem Rucksack.
„Hannes“, flüsterte sie scharf. „Das darfst du nicht.“
„Entspann dich“, murmelte er nur.
Buddy sagte nichts.
Er beobachtete.
Hannes öffnete den Rucksack vorsichtig.
Nicht viel war darin.
Ein Stück Brot.
Ein paar Beeren.
Ein kleiner, glatter Stein.
Und dann …
Ein Bündel Papier.
Zusammengebunden mit einem dünnen Band. Nicht ordentlich. Eher so, als hätte jemand es heimlich immer wieder ergänzt.
Hannes zog es heraus.
Auf der Vorderseite stand in krakeligen Buchstaben:
A-Hörnchens Mix-Tape
Kathy runzelte die Stirn.
„Mix … was?“
Hannes schnaubte leise.
„Tape nennt man manchmal einfach eine Sammlung.“
Er hob das Bündel leicht an.
„Wie ein Strauß aus Liedern. Durcheinander. Verschiedene Stücke, die zusammengehören, weil jemand sie so wollte.“
Kein richtiges Buch.
Lose Seiten, mit einem Band zusammengehalten.
Liederfetzen. Reime. Einzelne Zeilen. Manche nur ein Satz. Manche ganze Strophen. Ein wildes Sammelsurium.
Ein Mixtape eben.
„A-Hörnchen“, murmelte Hannes.
Buddy seufzte leise.
„Meine Schwester liebt Hörnchen.“
„Was?“ fragte Hannes.
„Gebäck. Tiere. Alles.“
Kathy lächelte weich.
„Dann ist das wohl Az’ Spitzname.“
Hannes blätterte durch die Seiten.
„Also fängt der Name wirklich mit A an.“
„Das hilft nicht besonders“, sagte Buddy.
Er nahm das Bündel vorsichtig aus Hannes’ Händen.
Sein Blick wurde ruhiger. Nachdenklicher.
„Vielleicht …“, murmelte er, „kannst du ein paar der Lieder singen, Kathy.“
Sie hob die Augenbrauen.
„Was soll das bringen?“
Buddy klopfte leicht auf das Papier.
„Az hat auf das Popcorn-Lied reagiert.“
Kathy sah wieder zu der schlafenden Gestalt im Gras.
„Du meinst, Musik lockert ihre Zunge.“
„Ich meine“, sagte Buddy leise, „Musik ist vielleicht das Einzige, was sie nicht komplett wegschieben kann.“
Kathy nickte langsam.
Sie nahm das Bündel.
Blätterte vorsichtig durch die Seiten.
Das Feuer warf flackernde Schatten über das Papier.
Und irgendwo zwischen den krakeligen Zeilen lag vielleicht nicht nur ein Name.
Sondern eine Wahrheit.
Hinter der Bühne gefangen
Jede Nacht übte Kathy heimlich.
Während die anderen schliefen oder Wache hielten, saß sie am Rand des Feuers, das A-Hörnchens Mix-Tape auf den Knien, und murmelte Zeilen vor sich hin. Manche Lieder waren nur Fetzen. Manche klangen wie halbe Erinnerungen. Keines war fertig.
Und jedes schien ein Puzzlestück zu sein.
Als sie schließlich das nächste Dorf erreichten, blieb Kathy abrupt stehen.
„Das ist kein Dorf“, murmelte sie.
Vor ihnen erhob sich eine Stadt.
Groß. Belebt. Mit hohen Fassaden, geschwungenen Balkonen und Türmen, die an etwas Märchenhaftes erinnerten – wie aus einer alten Geschichte über ein Schloss und ein Biest.
Und doch lag etwas Düsteres darüber.
„Wir füllen nur Vorräte auf und gehen sofort weiter“, sagte Buddy ruhig.
Kathy nickte sofort.
„Mir gefällt die Aura nicht.“
Esel dagegen ging ohne Zögern weiter.
„Oh! Die haben alle komische Stöcke!“
Er zeigte auf die Menschen in den Straßen.
In dem Moment verstummte das Stimmengewirr.
Und dann—
drehten sich alle Köpfe gleichzeitig zu ihnen.
„…Das scheint, als wären alle blind“, murmelte Hannes. Er lächelte schief. „Oder ich hab mir gerade umsonst Sorgen gemacht.“
„Blind vielleicht“, sagte Kathy leise. „Aber nicht ahnungslos.“
Da stand plötzlich eine ältere Frau hinter ihnen.
Niemand hatte sie kommen hören.
Sie trug viele kleine Glöckchen an ihrem Gürtel. In ihrer Hand ein langer Stab. Ihre Augenhöhlen waren glatt verheilt – leer.
Und doch wirkte ihr Blick durchdringender als jeder sehende.
„Wir können uns gut wehren“, sagte sie ruhig. „Auch ohne Augen.“
Die Gruppe erstarrte.
„Was führt euch zu uns?“ fragte sie freundlich. „Instrumente tragt ihr. Seid ihr Barden?“
Az versteckte sich kurz hinter Hannes, trat dann aber trotzig wieder hervor.
„Ja. Wir sind eine Band“, sagte Esel stolz. „Wir spielen für Geld.“
„Wie schön“, lächelte die Frau. „Neue Musik ist selten geworden. Kommt. Spielt im Zentrum. Wir haben noch eine Bühne.“
Sie ging voraus. Ihre Glöckchen klingelten leise bei jedem Schritt.
Die Stadt wirkte von Nahem noch merkwürdiger.
Die Dächer waren geflickt mit dunklem Holz, Stoffresten und Teerplatten. Kein Haus glich dem anderen. Von oben würde es aussehen wie vernarbte Haut.
Wenn der Wind durch die Gassen zog, pfiffen die Dächer.
Als würden sie flüstern.
Die Menschen bewegten sich erstaunlich sicher. Sie zählten Schritte. Klopften mit ihren Stöcken. Manche trugen kunstvolle Masken. Andere ließen ihre leeren Augenhöhlen offen.
Kinder liefen barfuß durch die Gassen.
Und sie starrten nicht.
Sie lauschten.
„Sie hören alles“, flüsterte Kathy.
„Umso besser“, murmelte Hannes. „Dann reicht gute Musik.“
Nur Buddy blieb angespannt. Als würde er auf etwas warten.
Im Zentrum angekommen, stellten sie sich auf die Bühne.
„Wie geprobt“, sagte Buddy leise.
Die Musik begann.
Kathy sang klar und stark. Hannes begleitete. Buddy hielt den Rhythmus. Esel spielte mit überschäumender Begeisterung.
Die Menge lauschte.
Nicht ein Zwischenruf.
Nicht ein falsches Geräusch.
Nur konzentriertes Hören.
Währenddessen schlich Az durch die Reihen.
Leise.
Geschickt.
Ein Beutel hier. Eine Münze dort.
Die Blinden bemerkten nichts.
Oder so glaubte sie.
Als sie sich mit der Beute zurückziehen wollte, griff plötzlich eine Hand nach ihrem Arm.
Fest.
Ein zweiter Griff presste ihr den Mund zu.
„Wir hören alles, Kleine“, flüsterte die Stimme der alten Frau direkt an ihrem Ohr.
Die Glöckchen klingelten leise.
„Gold klimpert anders als Musik.“
Az versuchte sich loszureißen.
Vergeblich.
„Du wirst jetzt brav mit uns warten“, sagte die Frau.
Obwohl die Dorfbewohner blind waren, arbeiteten sie mit erschreckender Präzision. Seile wurden angelegt. Knoten festgezogen. Kein Zögern.
Als hätten sie ein drittes Auge.
Az wurde hinter die Bühne gebracht.
Gefesselt.
Bewacht von der Glockenfrau und zwei schweigsamen Begleitern.
Von dort hörte sie weiter die Musik.
Hörte, wie Kathy sang.
Wie Esel zu enthusiastisch spielte.
Wie Buddy den Takt hielt.
Und sie begriff langsam—
Hier war niemand wirklich blind.
Sie saß im Schatten der Bühne.
Gefangen.
Und zum ersten Mal seit Langem war sie nicht diejenige, die die Fäden zog.
Engelsstimme
Die Musik verklang.
Ein letzter Akkord hing in der Luft, dann brach Applaus los. Kein wildes Johlen – eher ein geschlossenes, ruhiges Klatschen, wie eine Welle aus Händen.
Buddys Blick glitt sofort über die Menge.
Dann zu Hannes.
„Wo ist Az?“
Hannes blinzelte, als würde ihm erst jetzt auffallen, dass jemand fehlte.
Esel zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht isst er irgendwo.“
Buddy stieg von der Bühne.
„Az!“ Seine Stimme war leise, aber scharf. „Az, hör auf mit dem Mist.“
Keine Antwort.
Eine Stimme ertönte neben ihnen.
„Sucht ihr etwas?“
Die Glockenfrau stand da, den Stock locker in der Hand. Ihre Glöckchen klirrten kaum hörbar.
Buddy trat vor.
„Wir suchen das Kind, das mit uns reist.“
Ein schmales Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Das unartige Mädchen meint ihr.“
Hannes schnaubte sofort.
„Das ist ein Junge.“
Die Frau hob leicht den Kopf, als würde sie ihn direkt ansehen.
„Wir sind blind“, sagte sie ruhig, „aber nicht dumm.“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
„Schritte. Atem. Herzschlag.“ Sie neigte den Kopf. „Offensichtlich ein Mädchen.“
Hannes sah Buddy an.
Kathy schluckte schwer.
„Wo ist sie?“ fragte Kathy schließlich leise.
Die Frau tippte einmal mit dem Stock auf den Boden.
„Hinter der Bühne. Dort, wo sie hingehört, wenn sie glaubt, sie könne uns bestehlen.“
Dann, schärfer:
„Wer sind ihre Eltern?“
Wind strich durch die vernarbten Dächer.
Stille.
Kathy trat vor.
„Ich“, sagte sie schnell. „Ich bin ihre Mutter.“
Buddy drehte den Kopf zu ihr.
Kathy zwang sich zu einem Lächeln.
„Mein Kind ist… schwierig. Eine Phase.“
Ein leises Lachen.
„Sie ist nicht dein Kind.“
Kathy erstarrte.
„Das hört man.“
Hannes machte einen Schritt nach vorn.
„Aber… es ist mein So—“
Er stockte.
Etwas rutschte an seinen Platz.
„Meine Tochter“, korrigierte er heiser. „Es war nur ein Kinderstreich. Bitte.“
Die Frau nickte langsam.
„Das ist der Vater.“
Hannes zuckte zusammen.
„Die Sorge in deiner Stimme verrät dich.“
Ein Raunen ging durch die Hörenden.
„Az reist erst seit Kurzem mit uns“, murmelte Hannes.
„Dann soll sie mit euch Musik machen“, sagte eine zweite Stimme.
Eine jüngere Frau trat vor. Ihre Haltung war aufrecht, fast stolz.
„Lasst sie singen“, sagte sie. „Wenn sie singt, lassen wir sie frei. Wenn nicht, holen wir die Polizei. Eine Lektion schadet nicht.“
Buddy ballte die Faust.
Hannes wollte widersprechen—
Doch Schritte erklangen hinter der Bühne.
Az wurde hervorgeführt.
Gefesselte Hände.
Ihr Gesicht war still. Zu still.
Ihr Blick fand Hannes.
Verwirrung lag darin.
Und etwas anderes.
Alle wussten es nun.
Sie war ein Mädchen.
Und Hannes’ Stimme hatte sie verraten.
Kathy trat vor.
„Az… bitte.“
Az hob trotzig das Kinn.
Doch ihre Augen flackerten.
„Du kennst die Lieder“, sagte Kathy leise.
Ein Zittern ging durch Az’ Schultern.
Die Menge schwieg.
Still.
Man hörte nur Atem.
Dann atmete Az ein.
Und sang.
Ihre Stimme war klar.
Nicht schrill. Nicht kindlich.
Sondern hell – wie Glas im Sonnenlicht.
Engelsgleich.
Die Stadt hielt den Atem an.
Selbst die Dächer schienen nicht mehr zu flüstern.
Hannes stand wie versteinert.
Und in seinem Gesicht lag für einen winzigen Moment etwas, das er sonst nie zeigte.
Stolz.
Vielleicht auch Erkennen.
Das kleine Streifenhörnchen sang.
Und niemand wagte es, sie zu unterbrechen.
Flötensolo
Die Dorfbewohner waren wie verzaubert.
„Ein Engel… sie ist ein Engel“, hauchte die alte Dame mit den Glöckchen.
Dann hob sie den Kopf.
„Ich hätte eine große Bitte an euch.“
Es klang weniger wie eine Bitte – mehr wie etwas, das man besser nicht ablehnte.
Hannes’ Augen verengten sich.
„Zuerst soll sie singen, jetzt noch was? Das hört ja nie auf.“
Buddy legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Wir hören es uns wenigstens an.“
Kathy war längst bei Az, kniete sich zu ihr und schloss sie in die Arme.
„Du warst unglaublich“, flüsterte sie.
Az versteifte sich kurz – ließ es dann zu.
„Also?“, fragte Buddy ruhig. „Worum geht es?“
Die Glockenfrau trat näher.
„Geht ins Schloss“, sagte sie. „Und singt dort. Oder bringt… ihr bei, wie es geht.“
Hannes runzelte die Stirn.
„Wem?“
„Der Musikerin“, antwortete die Frau. „Jeden Abend hören wir es. Diese Flöte.“
Ihre Stimme vibrierte. „Kein Ton trifft den anderen. Es ist… grausam.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Menge.
Die Blinden hörten alles.
Und was vom Schloss den Berg hinabklang, war unerträglich.
„Ein normaler Mensch würde das nicht hören“, murmelte Kathy.
„Wir sind keine normalen Menschen“, sagte die Frau ruhig.
Buddy zögerte.
„Ich weiß nicht, ob—“
„Ein Schloss?“ unterbrach Esel begeistert. „Natürlich gehen wir hin! Vielleicht treffen wir den König!“
Hannes stöhnte.
„Esel, hör auf, einfach allem zuzustimmen!“
„Wir sind sowieso schon hier“, versuchte Buddy zu schlichten. „Vielleicht… bekommen wir wenigstens Geld.“
Az hob leicht den Kopf.
„Ein Schloss klingt interessant.“
Sie ließ unterwegs unauffällig ein paar Münzen aus der gemeinsamen Kasse verschwinden – nur um sie alten Dorfbewohnern in die Taschen zu stecken.
Buddy bemerkte es.
Deshalb zählte er sein eigenes Geld inzwischen heimlich.
Der Weg zum Schloss war steil.
Der Wind wurde stärker.
„Der Schloss wirkt ziemlich verlassen“, stellte Kathy fest.
„Ja“, murmelte Buddy.
Plötzlich öffnete sich die Tür.
Ein schlanker Mann trat heraus. Elegant. Aufrecht. Sein Gesicht erinnerte an einen höflichen Kronleuchter in Menschengestalt.
„Tut mir leid. Wir empfangen keine Gäste.“
„Wir wurden geschickt“, sagte Buddy ruhig. „Wir sind Musiker.“
Esel hielt stolz seine Laute hoch.
„Wir spielen dem König etwas vor!“
Der Mann verzog kaum merklich das Gesicht.
„Wir haben bereits eine Musikerin.“
„Genau deswegen sind wir hier“, sagte Kathy scharf. „Bevor dem Dorf noch die Ohren abfallen.“
Und sie ging einfach hinein.
Az folgte ihr sofort.
„Aber— das geht nicht!“, protestierte der Mann, doch Hannes und Buddy traten bereits ein.
Im großen Saal stand eine Frau.
Breit. Schwer geschminkt. In Stoff gehüllt, der mehr Glanz als Geschmack hatte.
Sie musterte die Gruppe.
„Wer ist das?“
„Wir sind Musiker“, sagte Esel fröhlich.
Die Frau lachte spitz.
„So etwas brauche ich nicht. Ich bin schon da.“
Sie hob ihre Flöte – eine dicke, verzierte Röhre, die eher wie eine Zimtstange aussah.
„Meine Stunde beginnt.“
Dann spielte sie.
Der erste Ton war schief.
Der zweite schlimmer.
Kein Rhythmus. Kein Gefühl. Nur schrille, schneidende Laute, die durch den Saal rissen wie rostige Nägel über Glas.
Hannes hielt sich die Ohren zu.
„Das ist grauenhaft!“
Die Frau stoppte abrupt.
„Wie wagst du es, mich zu unterbrechen?“
Ihre Stimme war nun schärfer als ihr Spiel.
„Ihr seid hier nichts. Landstreicher.“
Sie musterte sie von oben bis unten.
„Ungeziefer. Nein – Krümel.“
Sie trat einen Schritt näher.
„Und Krümel haben leise zu sein.“
Stille breitete sich aus.
Kathy trat vor.
Ganz langsam nahm sie ihre Maske ab.
Ihr Blick war nicht laut.
Nicht schrill.
Aber gefährlich ruhig.
„Musik“, sagte sie leise, „ist nichts, das man mit Gewicht erzwingt.“
Az stand hinter ihr.
Und lächelte ganz schmal.
Denn sie wusste—
Das hier war noch lange nicht vorbei.
Trauermarsch
Kathy wartete keinen Herzschlag länger.
Sie begann zu singen.
So mühelos, dass es fast unfair war.
Die Bediensteten am Rand des Saals erstarrten.
Einer ließ sogar ein Tablett sinken, ohne es zu merken.
Die Flötenspielerin blinzelte.
„Was… was soll das?!“
Kathy sang weiter.
Der Ton schwebte durch den Saal, weich wie Samt.
Az stand zunächst nur da.
Dann sah sie, wie sich das Gesicht der Musikerin verzog.
Wie sich Wut durch ihre Schminke fraß.
Und etwas in ihr klickte.
Sie trat neben Kathy.
Zögerte.
Dann sang sie.
Ihre Stimme war heller. Klarer.
Sie legte sich über Kathys wie Sonnenlicht auf Wasser.
Die beiden Stimmen verschmolzen.
Im Saal war plötzlich nichts mehr außer Musik.
Die Flötenspielerin stand da, als hätte man ihr den Thron unter den Füßen weggezogen.
„HALT!“
Sie schlug mit der Flöte auf den Boden.
„Hört sofort auf!“
Doch sie hörten nicht auf.
„Ich bin hier der Kuchen!“
Stille.
Nur Gesang.
„ICH bin der Kuchen mit Sahne und Kirschen!“
Sie zeigte wild auf die Gruppe.
„Und ihr seid nur die Krümel! Krümel, die man wegwischt!“
Die Bediensteten wirkten… begeistert.
Und das merkte sie.
Ihre Augen huschten von Gesicht zu Gesicht.
Da war Staunen.
Da war Bewunderung.
Nicht für sie.
Für die Krümel.
Die Musikerin wurde rot.
„ICH habe so viel für dieses Königreich getan!“
Sie schlug sich dramatisch auf die Brust.
„Ich habe den Trauermarsch begleitet!“
Kathy hielt einen Ton – so ruhig, dass er wie Spott klang.
„Als der König starb!“
Az’ Stimme vibrierte kurz.
Aber sie sang weiter.
Die Frau wedelte mit der Flöte wie mit einem Zepter.
„Ich habe eure Trauer getragen! Ich habe diesen Posten verdient!“
In der Nähe räusperte sich der schlanke Mann, der sie hereingelassen hatte.
Er verzog leicht den Mund.
„Angestellt haben wir sie nur, weil ihr grausiges Geflöte die Trauer so sehr übertönt hat.“
Stille.
„Freude hat dabei niemand empfunden.“
Für einen Moment war es totenstill.
Dann prustete Hannes los.
Ein echtes, unkontrolliertes Lachen.
„Oh bei allen Göttern—“
Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Die Musikerin wirbelte herum.
„WAS?!“
Hannes trat vor.
Und bevor sie reagieren konnte, nahm er ihr die Flöte einfach aus der Hand.
Wie einem Kind ein gefährliches Messer.
Er betrachtete sie prüfend.
„So ein Mist“, sagte er trocken.
„GIB SIE ZURÜCK!“
„Lern ein anderes Instrument“, meinte er achselzuckend.
„Oder lass es dir beibringen.“
Sie zitterte.
Vor Wut.
Vor Demütigung.
„Ich bin der KUCHEN!“
„Du bist höchstens ein trockener Keks“, murmelte Buddy.
Kathy ließ den letzten Ton verklingen.
Az ebenfalls.
Er hing noch einen Atemzug in der Luft.
Dann klatschte jemand.
Langsam.
Rhythmisch.
Alle Köpfe drehten sich zur großen Treppe.
Dort stand ein Junge.
Nicht älter als Az.
In viel zu feinen Kleidern.
Eine Krone saß schief auf seinem Kopf – als hätte man sie ihm gerade erst aufgesetzt.
Er strahlte.
„Nochmal!“
Er klatschte begeistert.
„Das war wunderschön!“
Die Musikerin erstarrte.
Die Bediensteten knieten sofort.
„Eure Majestät…“
Der Junge winkte ab.
Seine Augen funkelten.
Er sah direkt zu Az.
Fast, als hätte er nur sie gehört.
„Du singst wie ein Engel“, sagte der kleine König.
Az wurde ganz still.
Und ihre Wangen färbten sich rot.
Diva
Die Flötenspielerin war nicht nur eine Diva.
Sie war seine Diva.
Schon als Yugo noch ein Baby gewesen war, hatte sie an seiner Wiege gestanden.
Mit ihrer schiefen Flöte.
Mit übertriebener Hingabe.
Als das echte Königspaar verschwand und die entfernte Verwandtschaft plötzlich wichtig wurde, war sie es gewesen, die am lautesten verkündet hatte:
„Er ist geboren für die Krone!“
Und nun trug er sie.
Nicht ganz passend.
Ein wenig zu groß.
Aber er trug sie.
„Wir sollten alle etwas essen. Wir haben Gäste.“
Yugo stand noch oben auf der Treppe, das Licht hinter ihm wie ein falscher Heiligenschein. Sein Blick löste sich nicht von Az.
„Was wünscht ihr euch?“
„Kartoffeln!“, rief Esel sofort.
Yugo lächelte amüsiert.
„Kartoffeln sollt ihr bekommen.“
Dann reichte er Az die Hand.
„Ich zeige dir später gern das Schloss. Aber lass uns erst essen gehen, mein schöner Engel.“
Az’ Blick huschte zu Hannes.
Dann zu Kathy.
Fragend.
Kathy nickte leicht und grinste. Junge Schwärmereien fand sie rührend.
„Solchen Gästen sollten wir kein Krümelchen geben, Majestät“, zischte die Diva scharf. „Was wird die Stadt denken, wenn wir sie auch noch aufnehmen?“
„Sei still“, sagte Yugo ruhig – aber mit einer Schärfe, die nicht zu seinem Gesicht passte.
„Sie soll alles bekommen, was sie möchte.“
Dann wieder sanft zu Az:
„Also sag ruhig, was du willst.“
Er führte sie elegant zum Tisch.
„Ihr seid meine ersten Gäste. Bitte nehmt Platz.“
Hannes setzte sich langsam.
Buddy ebenfalls.
Beide mit diesem Blick, der sagte: Hier stimmt etwas nicht.
„Wo sind deine Eltern?“, fragte Hannes schließlich.
Yugo faltete die Hände ordentlich.
„Wenn Ihr das Königspaar meint – sie sind nicht hier. Meine Familie hat den Thron übernommen. Als ältester Sohn gehört er nun mir.“
Er lächelte höflich.
„Entschuldigt. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Yugo la Belle von Bestia.“
Der Name klang wie ein Erbe, das er nie ganz selbst gewählt hatte.
Das Essen verlief still.
Hannes und Buddy beobachteten jedes Detail.
Yugo hingegen hatte nur Augen für Az.
„Gerne könnt ihr eine Nacht bleiben“, sagte er schließlich. „Als Dank für eure Unterhaltung.“
Er stand auf.
„Komm. Ich zeige dir das Schloss.“
Kein „Bitte“.
Kein „Darf ich“.
Nur ein Handzeichen.
Az folgte. Einen Schritt Abstand.
Direkt hinter ihnen: die Diva.
„Sollen wir sie wirklich gehen lassen?“, murmelte Hannes.
„Er scheint nichts Böses zu wollen“, sagte Kathy ruhig. „Und ich hätte wirklich gern ein Bad.“
„Verfolg sie, wenn du dir Sorgen machst“, meinte Buddy trocken. „Ich folge lieber Kathys Rat.“
Ein vernünftiges Bett klang verlockend.
Esel half bereits beim Abräumen. Alte Muster starben nie.
Yugo führte Az durch lange Flure.
Vergoldete Spiegel.
Teppiche, die jedes Geräusch schluckten.
Schließlich öffnete er eine schwere Glastür.
Der Rosengarten im Wintergarten.
Überall Rosen.
Rot. Weiß. Dunkel wie getrocknetes Blut.
In der Mitte – unter einer Glasglocke – eine einzige verwelkte Rose.
„Wie lautet dein Name?“, fragte Yugo leise.
„Az…“
„Nein“, sagte er ruhig. „Dein richtiger Name. Der, den deine Mutter dir gab.“
Az sah die Rose an.
Dann ihn.
„Möchtest du ihn wirklich wissen?“
Ein kleines, trotziges Lächeln.
„Was, wenn er deine Illusion von allem zerstört?“
Yugo trat näher.
„Dann zerstör sie.“
Stille zwischen Glas und Dornen.
Az atmete tief ein.
„Gut“, sagte sie leise.
„Mein Name ist…“
A-Hörnchen möchte Ritter werden
Der Wintergarten roch nach Erde und süßer Fäulnis.
Az sah die verwelkte Rose unter der Glasglocke an.
„Gut“, sagte sie leise.
„Mein Name ist… Azelia.“
Yugo lächelte langsam.
„Azelia.“
Er ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen.
„Das leitet sich sicher von der Azalee ab.“
Az hob eine Augenbraue.
„Ihr habt Blumenkunde im Schlossunterricht?“
„Natürlich.“ Er richtete sich ein wenig auf. „Die Azalee steht in der Blumensprache für Selbstbeherrschung. Für Würde. Für Zurückhaltung trotz innerem Feuer.“
Sein Blick wurde weicher.
„Das passt.“
Az verschränkte die Arme.
„Ich bin kein Blumentopf.“
„Nein“, sagte er ruhig. „Du bist eher… eine mit Dornen.“
Hinter ihnen raschelte Stoff.
Die Diva trat näher, ihre Schritte messerscharf im Kies.
„Majestät“, säuselte sie, „es ist unangebracht, so lange mit Fremden zu verweilen.“
„Ich entscheide, was angebracht ist“, sagte Yugo ruhig.
Sie presste die Lippen zusammen.
„Solchen Gästen sollte man kein Krümelchen gewähren.“
Yugo drehte sich leicht zu ihr.
„Sei still.“
Die Diva erstarrte.
„Ich möchte mit Az allein sprechen“, sagte er.
Ein kurzer Moment, in dem die Machtverhältnisse im Raum sichtbar wurden.
Dann neigte sie den Kopf.
„Wie Ihr wünscht.“
Sie verschwand – nicht weit, aber außer Hörweite.
Stille blieb zurück.
Nur das leise Tropfen von Kondenswasser an der Glasdecke.
Yugo sah Az an.
„Erzähl mir von dir.“
Az zögerte.
Dann setzte sie sich auf die steinerne Umrandung eines Rosenbeets.
„Ich bin abgehauen.“
Er wartete.
„Meine Mutter wollte eine Dame aus mir machen.“
Sie verzog den Mund. „Hübsch. Leise. Mit geradem Rücken, benehmen und gesenktem Blick...für ihre zwecke“
Sie griff nach einem Rosenblatt und zerdrückte es zwischen den Fingern.
„Aber ich bin keine Dame.“
„Nein“, sagte Yugo leise.
„Ich will kämpfen“, fuhr sie fort. „Abenteuer erleben. Draußen sein. Ich will lernen, wie man kämpft. Wie man nicht wegläuft.“
Sie sah ihn direkt an.
„Ich wollte immer sowas wie ein Ritter werden.“
Ein Lächeln zog über Yugos Gesicht.
„Ein Ritter also“, sagte er nachdenklich. „Und keine Prinzessin.“
„Ganz bestimmt keine Prinzessin.“
Er nickte langsam.
„Das finde ich gut.“
Az musterte ihn.
„Gut?“
„Ich hätte lieber eine Königin an meiner Seite, die stark ist. Mutig. Die widerspricht.“
Er sah kurz zur Tür, durch die die Diva verschwunden war.
„Kein verträumtes Mädchen, das nur lächelt.“
Az verstand.
Zu gut.
„Du meinst sie.“
Er antwortete nicht.
Aber er musste es auch nicht.
Stille.
Ein Windstoß ließ die Glasglocke leise klirren.
Yugo trat näher.
Langsam.
Vorsichtig.
Als würde er sich einem wilden Tier nähern.
„Du bist anders“, sagte er leise.
Az wurde warm im Gesicht.
Das gefiel ihr nicht.
Er hob die Hand.
Zögerte.
Und beugte sich vor.
Nicht fordernd.
Az zuckte zurück.
Schüttelte sich leicht, als müsste sie einen Gedanken abschütteln.
„Das ist zu früh.“
Yugo hielt inne.
„Wir kennen uns nicht.“
Er seufzte.
Ein bisschen enttäuscht.
„Ich dachte, du bist anders.“
Az stand auf.
„Ich bin anders“, sagte sie fest.
„Und genau deshalb werfe ich mich keinem König um den Hals.“
Ihr Blick war klar.
„Nicht bevor ich nicht drüber nachgedacht habe.“
Ein Moment.
Dann wandte sie sich zur Tür.
„Wir sehen uns morgen früh.“
Und ging.
Yugo blieb im Wintergarten zurück.
Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle! Spielt die zweite Geige
Der Morgen kommt schneller, als der Bande lieb ist.
Buddy hat die Schatzkammer noch nicht gefunden, obwohl er sich sicher ist, dass es irgendwo eine gibt. Kathy genießt das weiche Bett, das sie seit Tagen nicht mehr hatte. Auch Esel freut sich über die große Auswahl an Essen. Nur Hannes ist etwas beunruhigt.
„Wir sollten aufbrechen“, sagt Hannes und packt beim Frühstück etwas Proviant ein.
„Wir sollten noch bleiben, wenigstens ein paar Tage.“ Kathy will den Luxus noch etwas genießen.
„Ich stimme Kathy zu“, sagt Buddy ohne Zögern.
„Doch auch nur, weil du mit ihr schlafen willst“, ist Hannes beleidigt, weil er den Kürzeren zieht.
„Ich sag euch, irgendwas stimmt hier nicht“, flüstert er extra leise, damit die Bediensteten nichts hören.
„Du machst dir nur Sorgen um deine Tochter. Statt zu schmollen solltest du mit ihr Zeit verbringen.“ Sie zeigt auf Az, die mit dem König die ganze Zeit redet und scheinbar Spaß hat.
„Hey Hannes, wenn du darauf keine Lust hast, dann hilf mir lieber. Ich rieche es … Gold. Aber nur wo?“ Buddy klopft ihm auf die Schulter.
Etwas betrübt geht Hannes dann doch mit Buddy mit.
„Findest du es nicht komisch, dass wir alles machen dürfen? Er kennt uns nicht, wir sind nicht wirklich berühmt, und trotzdem dürfen wir durch das Schloss gehen, als wäre es unseres?“ Er ist schon etwas irritiert.
„Das liegt doch auf der Hand … Az hat ihn um den Finger gewickelt. Erste Liebe macht blind. Wir borgen uns etwas Geld und reisen dann ab. Wird für beide eine gute Erfahrung“, bleibt Buddy ruhig.
Beide wandern durch das Schloss in der Hoffnung, die Schatzkammer zu finden.
„Hey … hast du das gesehen?“ Hannes zeigt ins Nichts.
„Nein … was denn? Siehst du schon Geister?“ lacht Buddy.
„Nein, da war ein Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle … der trug einen Schlüssel mit einem Diamanten, ganz sicher.“ Hannes läuft los.
„Jetzt warte. Was redest du eigentlich?“ Buddy folgt ihm – und tatsächlich finden sie ein Haarknäuel mit Augen, das durch die Gegend hüpft.
„Tatsächlich. Und ich dachte, du wirst verrückt“, ist Buddy wirklich überrascht.
„Kennst du die nicht? Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle. Wir nannten die immer Burgle. Nervige Dinger“, erklärt Hannes.
„A… was?“ Buddy schüttelt nur den Kopf und versucht, es aufzuheben.
„Aufpassen! Wenn sie einen nicht mögen … beißen sie“, warnt Hannes – zu spät.
„Verdammt … aber der Schlüssel! Ich glaub, das ist das, was wir suchen.“ Buddy nickt Hannes zu, und beide machen sich wieder auf die Jagd.
So merken sie nicht, dass sie den ganzen Tag einem Haarbüschel hinterherlaufen.
(Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle ist ein Haarbüschel mit Augen.)
„Wir haben ihn!“ Beide halten den Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle in den Händen und wollen gerade den Schlüssel abnehmen, als Kathy angelaufen kommt.
„Hey Kathy, schau, was wir gefangen haben!“ Buddy zeigt auf das Haarbüschel.
„Das ist doch unwichtig … Az und der König haben sich geküsst!“, sagt sie außer Atem.
„Was?!“, sagen Buddy und Hannes gleichzeitig.
So wurde die aufregende Jagd nach dem Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle plötzlich zur Nebensache.
Taktlos – zu viele Bälle
Buddy war nicht gut drauf.
Hannes auch nicht.
Beide standen im Flur wie zwei Gewitterwolken mit Beinen.
„Ein Kuss“, sagte Buddy fassungslos.
„Die Kleine hat den König geküsst.“
„Wieso hast du sie nicht aufgehalten?“, fragten Hannes und Buddy gleichzeitig.
Kathy blinzelte zwischen ihnen hin und her.
„Es ging schnell“, verteidigte sie sich. „Und es sah nicht so aus, als würde gleich geheiratet werden.“
„Sie ist noch viel zu jung fürs Küssen“, knurrte Hannes.
„Definitiv“, murmelte Buddy düster. „Viel. Zu. Jung.“
„Ihr übertreibt ein wenig“, sagte Kathy trocken.
Doch Hannes war schon unterwegs.
„Das klären wir.“
Buddy folgte. Kathy seufzte und ging hinterher.
Das Haarbüschel mit dem unaussprechlichen Namen war augenblicklich vergessen.
Im Garten fanden sie die beiden.
Az und Yugo standen unter den Rosen.
Händchen haltend.
Buddy blieb abrupt stehen.
„Auseinander.“
Yugo sah auf.
Az nicht.
„Du hast mir gar nichts zu sagen“, murrte sie.
„Du bist meine Tochter“, sagte Hannes. „Und du hörst auf mich. Und auf deinen Onkel.“
Az drehte sich langsam zu ihm um.
Ihre Augen blitzten.
„Wir sind doch erst seit Kurzem eine Familie“, sagte sie kühl. „Das zählt nicht.“
Hannes atmete schwer durch.
„Was stellst du dir eigentlich vor?“, fragte er. „Willst du Königin werden?“
„Das würde mich freuen“, sagte Yugo sofort.
Az wurde rot.
Und drückte leicht seine Hand.
Buddy trat dazwischen.
„Das geht nicht. Du bist jung. Du warst noch nie verliebt. Erste Liebe funktioniert nie.“
„Ist mir egal“, sagte Az trotzig.
„Doch, ist es“, entgegnete Buddy. „Du weißt gar nicht, worauf du dich einlässt.“
Hannes trat einen Schritt näher.
„Du willst so ein Leben nicht“, sagte er ruhiger. „Ständig Bälle ausrichten, obwohl du so taktlos bist und gar nicht tanzen kannst.“
Az riss die Augen auf.
„Ich bin nicht taktlos!“
„Im Tanzen schon“, murmelte Buddy.
„Lächeln, obwohl du nicht willst“, fuhr Hannes fort. „Höflich sein. Eingesperrt im Schloss. Gefangen zwischen Etikette und Erwartungen.“
Az schüttelte den Kopf.
„Das stimmt nicht.“
Yugo nickte eifrig.
„Es wäre anders. Das verspreche ich.“
Buddy lachte trocken.
„Nein. Genau so ist das Leben als Königin.“
Stille.
Az’ Gesicht veränderte sich.
Von Rot. Zu Trotz. Zu Wut.
Sie riss ihre Hand los.
„Ihr seid doch alle total blöd!“
Dann stürmte sie davon.
Die Rosen wackelten, als sie vorbeirannte.
Kathy warf den Männern einen Blick zu, der alles sagte.
„Taktlos“, murmelte sie.
Und folgte Az.
Kleiner Tofu – Mit Pauken und Trompeten
Az versteckte sich in einem der vielen Gästezimmer des Schlosses.
Kathy suchte überall nach ihr, doch das Schloss war groß – zu groß.
Mit angezogenen Knien saß Az auf dem Bett, den Kopf darin vergraben.
„Mein ganzes Leben lang hat er sich nicht für mich interessiert“, murmelte sie vor sich hin. „Und jetzt plötzlich? Wer’s glaubt.“
Ein leises Geräusch ließ sie aufblicken.
„Aaah?“
Vor ihr auf dem Teppich saß ein kleines, rundes Knäuel mit Augen.
„Wer bist denn du?“
Vorsichtig nahm sie es in die Hände. Sofort schmiegte es sich an sie.
„Süß … bist du auch allein?“
Das Knäuel machte ein leises, brummendes Geräusch.
„Eigentlich bin ich nicht allein“, fuhr Az fort und seufzte. „Aber mein Vater ist überhaupt nicht so, wie Mutter ihn beschrieben hat. Ich dachte, ich wäre ihm egal. Er wusste nicht mal, wer ich bin. Und jetzt spielt er sich plötzlich auf.“
Das Haarbüschel gab ein leises „Ääm“ von sich, als würde es aufmerksam zuhören.
Az lächelte schwach.
„Du bist lieb. Danke. Du erinnerst mich an meine alte Katze. Sie hatte die gleiche Farbe.“
Sie streichelte es vorsichtig. „Darf ich dich Tofu nennen?“
„Ääm!“, machte das Knäuel fröhlich.
„Also gut, Tofu“, sagte sie leise. „Wo kommst du eigentlich her? So etwas wie dich habe ich noch nie gesehen.“
Plötzlich sprang Tofu aus ihren Händen, hüpfte zur Tür – und drehte sich immer wieder um, als wollte er, dass sie ihm folgt.
„Wo gehen wir hin?“
Neugierig folgte Az ihm durch verwinkelte Gänge, hinter Statuen entlang, bis sie hinter einer riesigen Ritterfigur einen schmalen Durchgang entdeckte – getarnt wie ein Schatten im Stein.
Am Ende stand eine prunkvolle Tür.
Az blieb stehen.
„Wow … aber wie komme ich da rein?“
Sie rüttelte am Griff. Verschlossen.
„Gruu“, machte Tofu und schüttelte sich, sodass etwas in seinem Fell aufblitzte.
Ein Schlüssel.
„Du bist ja unglaublich“, flüsterte Az.
Sie nahm den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss – und drehte ihn.
Mit einem tiefen, schweren Klicken öffnete sich die Tür.
Und dahinter—
Gold.
Nicht nur ein bisschen.
Nicht nur Truhen.
Sondern Berge.
Goldmünzen türmten sich wie Dünen in einer glitzernden Wüste. Ketten aus Edelsteinen hingen wie eingefrorene Sonnenstrahlen von offenen Truhen. Kronen lagen achtlos auf Samtkissen, als wären sie Spielzeug. Diamanten funkelten wie gefangene Sterne im Schein der Fackeln.
Der Raum schimmerte, als hätte jemand ein Stück Sonnenuntergang eingesperrt.
Az hielt den Atem an.
„Hier gibt es genug Gold für alle …“
Tofu sah sie mit seinen runden Augen an.
„Weißt du was? Wir sollten das mit den Dorfbewohnern teilen. Ihnen geht es schlecht. Alle wirken müde. Und das Essen sah hart aus wie Stein. Wenn wir ihnen etwas abgeben, geht es ihnen besser.“
Sie ging ein paar Schritte zwischen den Schätzen hindurch.
„Und wenn der König weniger Gold hat … dann ist er auch nur noch ein normaler Dorfbewohner.“
Sie blieb stehen.
„Dann müsste ich keine Königin werden.“
Sie wurde sofort rot.
„Nicht, dass ich das vorhatte. Oder bei ihm bleiben wollte!“
Tofu machte ein unschuldiges Geräusch.
Az steckte sich einige Goldstücke und ein paar Diamanten in die Taschen. Dann noch ein paar mehr. Als ihre Taschen schwer hingen, nickte sie entschlossen.
„Kennst du zufällig einen Weg ins Dorf, wo uns keiner sieht?“
Tofu hüpfte los.
Während Kathy weiter suchte und Buddy und Hannes von ihr zur Rede gestellt wurden – und nun ebenfalls mit suchten – half sogar Yugo bei der Suche. Er hatte Sorge. Echte Sorge.
Az hingegen schlich sich mit Tofu ins Dorf.
Dort stellte sie sich auf einen kleinen Brunnenrand.
„Hallo?“ rief sie.
Nichts.
Sie versuchte zu pfeifen. Es klang eher wie ein hustender Vogel.
„Na toll.“
Dann nahm sie ein langes Grashalmstück, klemmte es zwischen ihre Finger und pustete hindurch.
Ein klarer, trompetenähnlicher Ton hallte durch das Dorf.
Überrascht sah sie auf ihre Hände.
Noch einmal.
Diesmal spielte sie eine kleine, einfache Melodie.
Tofu saß auf ihrem Kopf und wippte begeistert mit. Aus ihm kam ein fröhliches „Kjuuu“, das sich fast wie eine zweite Stimme anhörte.
Und obwohl Az dachte, sie müsse laut rufen—
hatte sie vergessen, dass dieses Dorf ausgezeichnete Ohren hatte.
Fenster öffneten sich.
Türen knarrten.
Und langsam begannen sich die Dorfbewohner zu versammeln.
Gefangener Teufelsgeiger mit Krümel
Die Dorfbewohner standen dicht gedrängt um den Brunnen.
Az schluckte. Tofu saß wie eine kleine, flauschige Krone auf ihrem Kopf.
„Also …“ begann sie und räusperte sich. „Ich habe Geld. Viel Geld. Gold. Für alle.“
Ein Murmeln ging durch die Menge, während Az ihren Plan erklärte.
Sie griff in ihre Taschen und ließ Münzen klimpernd in ihre Hand fallen.
„Ihr sollt nicht mehr mit hartem Brot kämpfen müssen. Niemand soll frieren. Niemand soll hungrig sein. Wenn wir teilen, kann dieses Dorf glücklich sein.“
Sie atmete tief ein.
„Und wenn ihr glücklich seid … dann kann ich das vielleicht auch sein.“
Einen Moment lang war es still.
Dann brach Jubel aus.
Hände tasteten nach ihren Armen – dankbar, überwältigt. Manche lachten, manche weinten. Tofu machte ein begeistertes „Kjuuu!“ und hüpfte beinahe von ihrem Kopf.
Az grinste breit.
Siehst du, dachte sie. So einfach geht das.
Da löste sich eine bekannte Stimme aus der Menge.
„Junge Liebe.“
Az drehte sich um.
Die alte Dame, die sie gleich am ersten Tag getroffen hatte, trat langsam näher. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen, doch ihr Lächeln war warm.
„Das ist schön. Und süß“, sagte sie sanft. „Ich wünsche dir viel Erfolg.“
Az strahlte. „Danke. Ich hoffe, dass sich für euch alle alles zum Guten wendet.“
Die alte Frau nickte langsam.
„Aber Geld allein macht nicht glücklich.“
Az blinzelte. „Naja … es hilft doch?“
„Es hilft“, stimmte die Frau zu. „Doch was wir uns am meisten wünschen, ist nicht Gold.“
Sie hob leicht den Kopf.
„Wir wollen wieder sehen können.“
Die Worte legten sich schwer zwischen sie.
Az’ Lächeln verblasste. „Ich verstehe das. Wirklich. Aber …“
Sie sah auf die Münzen in ihrer Hand.
„Da kann man doch nichts machen.“
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
„Oh doch. Es gab einmal jemanden.“
Az hob den Blick.
„Vor vielen Jahren kam ein Geiger ins Dorf. Man nannte ihn den Teufelsgeiger.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
„Aber er war nicht böse“, fuhr die Frau fort. „Nur teuflisch gut. Seine Musik war wie Medizin. Wenn er spielte, fühlte man Wärme in den Augen. Licht hinter geschlossenen Lidern. Manche sagten, sie hätten Schatten gesehen. Umrisse.“
Az’ Herz begann schneller zu schlagen.
„Er kam mit seinem kleinen Sohn“, sagte die Frau leise. „Ein fröhlicher Junge. Kaum größer als ein Sack Mehl.“
Tofu machte ein empörtes Geräusch.
„Doch der damalige König wollte nicht, dass dieses Dorf stark wird. Nicht, dass es Hoffnung schöpft.“
Ihre Stimme wurde härter.
„Also ließ er den Geiger holen. Und sperrte ihn ins Verlies. Gemeinsam mit dem Kind.“
Az wich einen Schritt zurück.
„Er hat … ein Kind eingesperrt?“
„Ja.“
Stille.
„Das ist viele Jahre her“, sagte die Frau. „Der Junge müsste jetzt ungefähr in deinem Alter sein.“
Sie seufzte.
„Ein Leben lang eingesperrt.“
Az’ Hände ballten sich zu Fäusten.
Also war doch etwas faul am Königshaus.
„Das können wir nicht einfach so lassen“, sagte sie fest.
Die alte Dame lächelte schwach. „Vielleicht gibt es jetzt eine Möglichkeit.“
Az hob den Kopf.
„Der gemeine König ist tot. Und der neue …“
Die Frau lächelte vielsagend.
„Nun ja. Du sagst, er sei sehr angetan von dir.“
Az wurde knallrot. „Das— das ist doch—“
Tofu machte ein unschuldiges „Ääm“.
Die Frau lachte leise. „Vielleicht hört er auf dich.“
Az atmete tief durch. Ihr Herz pochte.
Gold war leicht gewesen.
Aber das hier—
Das war größer.
Sie nickte entschlossen. „Ich finde heraus, wo das Verlies ist. Und was wirklich passiert ist.“
„Sei vorsichtig, Liebes.“
Az sprang vom Brunnenrand. Tofu klammerte sich fest.
„Vorsicht ist langweilig!“, rief sie – auch wenn ihr Magen ein kleines, nervöses Flattern nicht ganz unterdrücken konnte.
Dann lief sie los.
Zurück zum Schloss.
Wolfsgeheule über gelbe Blumen
Im Schloss wurde Az bereits erwartet.
Yugo stand im großen Flur, unruhig, als hätte er schon eine Weile gewartet. Als er sie sah, atmete er hörbar auf.
„Wo warst du?“ fragte er sofort. „Ich habe dich vermisst. Ich habe mir Sorgen gemacht. Draußen ist es gefährlich. Im Wald gibt es Wölfe, Monster … du darfst nicht allein hinausgehen.“
Seine Stimme klang nicht königlich.
Sie klang ehrlich besorgt.
Az sah ihn einen Moment lang schweigend an.
„… Zeig mir das Verlies.“
Yugo blinzelte. „Das Verlies?“
„Das ist doch uninteressant, dreckig und nichts für Kinder“, warf Diva scharf ein, die wie immer keinen Schritt von seiner Seite wich.
Az verschränkte die Arme. „Darf ich wirklich nicht?“
Sie machte große Augen.
Yugo sah unsicher zu Diva.
„Lass uns hingehen“, sagte er schließlich. „Ich will es auch einmal sehen.“
Diva hob das Kinn. „Es wurde noch nicht gereinigt. Ich sorge mich um Eure Gesundheit. Dort gibt es viel Staub und Insekten.“
Yugo zögerte.
„Tut mir leid, Az. Aber ich möchte wirklich nicht, dass du krank wirst.“
Az sagte nichts mehr.
Doch ihr Blick verriet, dass das Thema für sie noch nicht erledigt war.
In der Nacht schlich sie durch die dunklen Gänge des Schlosses.
Tofu hüpfte lautlos neben ihr her.
„Wenn ich es allein finde, kann mir keiner im Weg stehen“, murmelte sie.
„Yugo? Was machst du denn hier?“ fragte sie überrascht.
Er grinste schief. „Womöglich dasselbe wie du.“
Sie musterte ihn.
„Du willst ins Verlies.“
„Und du auch“, antwortete er leise. „Also gehen wir gemeinsam. Ich beschütze dich, falls etwas kommt.“
Bei diesen Worten sträubte sich Tofus Fell, als wolle er sagen: Nein, ich beschütze sie.
Az musste lachen. Yugo auch.
Gemeinsam stiegen sie die kalten Steinstufen hinab.
Der Keller war dunkel. Staub lag in der Luft. Ein paar leere Gitterzellen standen offen, rostig und verlassen.
Aber es gab kein Blut.
Keine Ketten.
Keine Skelette.
Keine Gefangenen.
„Nichts?“ flüsterte Az.
Sie trat in eine der Zellen.
„Und der Gefangene?“
Yugo schüttelte langsam den Kopf. „Hier gibt es keine Gefangenen. Ich habe noch nie jemanden einsperren lassen.“
Seine Stimme klang verletzt.
„Die Dorfbewohner kommen auch nicht her. Ich …“
Er zögerte.
„Ich wünschte, ich hätte eine bessere Beziehung zu ihnen. Immerhin bin ich ihr König.“
Az sah ihn an.
Nicht den Thron.
Nicht die Krone.
Nur den Jungen.
„Also bitte“, sagte er leise und nahm ihre Hände. „Hilf mir. Du musst keine Königin werden – noch nicht. Aber hilfst du mir, die Dorfbewohner wieder glücklich zu machen? Vielleicht … mögen sie mich dann eines Tages.“
Sein Blick war offen. Unsicher.
Az spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Ich denke darüber nach“, sagte sie vorsichtig.
Später in derselben Nacht schlich Az erneut hinaus.
Dieses Mal allein.
Mit Taschen voller Gold.
Im Dorf verteilte sie heimlich die Münzen vor Türen und Fenstern. Die goldenen Taler glänzten im Mondlicht.
Auf ihnen prangte das Wappen der Königsfamilie –
eine Blume.
Im Schein des Mondes wirkte sie wie eine leuchtende, gelbe Blume auf dem dunklen Boden.
Tofu saß auf ihrer Schulter und hielt Wache.
Plötzlich durchschnitt ein langes Heulen die Nacht.
Ein Wolf.
Dann noch einer.
Az erstarrte.
Das Heulen kam aus dem Wald.
Und es klang näher, als ihr lieb war.
Vier Hände am Klavier, ohje
Das Wolfsgeheul hallt noch nach.
Ein Schatten löst sich aus dem Wald.
Ein Wolf. Groß. Gelbe Augen.
Tofu plustert sich auf wie ein beleidigtes Sofakissen.
Dann knackt es im Gebüsch.
Ein zweiter Wolf tritt hervor.
Sie bewegen sich langsam. Kreisend.
Az dreht sich. Einer links. Einer rechts.
„Das ist ungünstig“, murmelt sie.
Eine Stimme ertönt hinter ihr.
„Ich wusste, dass ich dich nicht allein lassen kann!“
Yugo stolpert hinter einem Haus hervor. Nicht majestätisch. Eher wie jemand, der über seine eigene Umhangkante gestürzt ist.
„Du?!“
„Natürlich ich!“
„Du solltest im Schloss sein!“
„Du auch!“
Die Wölfe knurren.
„Hast du einen Plan?“ flüstert Az.
Yugo hebt das Kinn. „Natürlich.“
Er holt tief Luft.
Und stößt einen Ton aus.
Nicht königlich.
Nicht würdevoll.
Sondern laut.
Sehr laut.
Eine Mischung aus erschrockenem Hahn und jemandem, der versehentlich auf eine sehr heiße Suppe pustet.
„HROOOOAAAH!“
Der Wald verstummt.
Die Wölfe zucken zurück. Verwirrt.
Az starrt ihn an. „Was war das?“
„Ich… wollte größer klingen.“
Für einen Moment scheint es zu funktionieren. Die Wölfe weichen einen Schritt zurück.
Dann merken sie: Da ist kein Riese. Kein Monster.
Nur zwei Kinder. Rücken an Rücken.
Zähne blitzen im Mondlicht.
„Jetzt?“ fragt Az.
„Jetzt.“
Und dann beginnt das, was man später vielleicht als Flucht bezeichnen würde.
Oder als schlecht koordinierte Ballettprobe.
Az rennt los.
Yugo rennt auch.
Leider in die entgegengesetzte Richtung.
Sie prallen zusammen.
„Links!“ ruft Az.
„Dein links oder mein links?!“
Tofu quietscht empört und klammert sich an Az’ Kragen.
Sie stolpern über eine Wurzel.
Yugo packt Az’ Hand.
Az zieht ihn mit.
„Wir müssen synchron laufen!“ ruft Yugo.
„Das ist kein Klavierduett!“ faucht Az.
Doch genau so fühlt es sich an.
Wie Vier Hände am Klavier.
Ohje.
Wenn einer zieht, drückt der andere.
Wenn einer springt, bleibt der andere hängen.
Wenn einer rechts denkt, denkt der andere links.
Sie schaffen es über einen kleinen Abhang. Rutschen. Rollen. Kreischen. Würdevoll ist anders.
Die Wölfe hinter ihnen.
Nicht hetzend.
Spielend.
Az rappelt sich auf. „Plan B!“
„Was ist Plan B?!“
„Schneller sein als Plan A!“
Sie rennen weiter, diesmal nebeneinander. Ohne Ziehen. Ohne Reißen.
„Nicht führen!“ ruft Az.
„Ich führe nicht!“
„Doch!“
„Ich begleite!“
„Das ist kein Konzert!“
Ein Wolf springt näher.
Yugo greift nach einem Ast und wirbelt ihn herum wie ein Dirigent ohne Orchester.
Az wirft Goldmünzen in die Dunkelheit.
Sie klimpern über Steine.
Die Wölfe halten inne.
Das Geräusch.
Metall auf Erde.
Sie schnüffeln.
Zögern.
Az packt Yugo. „Jetzt!“
Sie rennen.
Diesmal im gleichen Takt.
Unbeholfen. Atemlos. Lachend aus purer Panik.
Erst als die Schlossmauern in Sicht kommen, wagen sie es stehenzubleiben.
Die Wölfe bleiben am Waldrand zurück
Ist er nicht niedlich? der Bäckgroundsänger
„Das war knapp“, keuchte Az, als sie endlich außer Atem stehen blieb.
Das Schloss war wieder in Sicht. Die Wölfe waren verschwunden.
Yugo beugte sich vor und stützte die Hände auf seine Knie.
„Niemand darf davon erfahren“, sagte er zwischen zwei Atemzügen. „Sonst bekommen wir beide Ärger.“
Az nickte sofort. Auch sie hatte keine Lust auf noch mehr Ärger.
„Aber wir müssen noch mehr Gold verteilen“, sagte sie nach einer kurzen Pause.
Auch wenn sie noch immer Angst vor den Wölfen hatte, wollte sie Yugo weiterhin helfen.
Yugo sah kurz zum dunklen Wald.
„Stimmt … wenn sie schon so verflucht sind, sollten sie wenigstens etwas Glück bekommen.“
Er überlegte kurz.
„Aber heute ist es zu gefährlich. Du hast schon einiges verteilt. Morgen sind die Wölfe bestimmt weitergezogen. Und wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Schloss sind, sollte nichts passieren.“
Az nickte.
Der Plan klang vernünftig.
Am nächsten Morgen sprach die Gruppe beim Frühstück über das Wolfsgeheul der Nacht.
„So können wir nicht weiterziehen“, sagte Buddy ruhig. „Eine Nacht im Wald und wir sind Wolfsfutter. Wir sollten bleiben, bis die Wölfe weitergezogen sind.“
Auch wenn ihm das sichtlich nicht gefiel, nickten die anderen.
So entschied die Gruppe, noch etwas länger im Schloss zu bleiben –
den Luxus eines weichen Bettes, eines warmen Bades und guten Essens zu genießen.
Während sie aßen, fiel Hannes’ Blick plötzlich auf Az.
Genauer gesagt auf das kleine Fellknäuel neben ihr.
„Was ist das?“, fragte er misstrauisch. „Und wieso hast du das noch?“
Az strahlte.
„Das? Das hat einen Namen und heißt Tofu. Ist er nicht niedlich?“
Sie streichelte das kleine Wesen, das sofort fröhlich quietschte.
Hannes verzog das Gesicht.
„Das wirst du nicht behalten.“
Az drückte das Fellknäuel fest an sich.
„Doch. Er gehört zu mir.“
Hannes seufzte schwer.
„Das ist ein Aaaaaughibbrgubugbugrguburgle. Die sind nicht niedlich. Die können gefährlich werden. Also gib ihn her.“
Er griff nach dem Tier.
Doch Tofu fauchte plötzlich. Sein Fell stellte sich auf und verwandelte sich in kleine, spitze Nadeln, die Hannes direkt in die Finger stachen.
„Aua!“
Az funkelte ihn an.
„Du machst ihm Angst!“
Sie streichelte Tofu beruhigend.
„Ganz ruhig … alles gut.“
Das Fell glättete sich wieder.
„Er hört auf mich“, sagte Az stolz. „Und ich kümmere mich ganz lieb um ihn. Versprochen. Also darf ich ihn behalten?“
Sie würde ihn ohnehin behalten – egal, was Hannes sagte.
Hannes sah sie lange an.
Dann seufzte er.
„Du fütterst ihn. Du machst seinen Mist weg. Und wenn er stirbt, begräbst du ihn auch.“
Az nickte eifrig.
Doch Hannes war noch nicht fertig.
„Und mit Mist meine ich jede Scheißerei, die er macht. Egal wie groß.“
Er beugte sich etwas näher zu ihr.
„Und wenn deine Verantwortung jemanden umbringt … sind es deine Toten. Verstanden?“
Er klang streng.
Aber in seinen Augen lag trotzdem Sorge.
Az nickte.
„Er ist ganz lieb. Er würde nie jemandem etwas antun.“
Sie hob Tofu hoch.
„Außerdem ist er mein Backgroundsänger. Was sagst du dazu, Tofu?“
Tofu machte ein fröhliches „Kjuuu!“ und hüpfte begeistert.
Az musste lachen.
Beide kicherten und summten eine kleine Melodie vor sich hin, als würden sie wirklich üben.
Hannes rieb sich nur die Stirn.
Az grinste.
Am frühen Abend bereitet Az alles für ihren nächtlichen Ausflug vor.
„Also, Tofu … als Backgroundsänger musst du mich unterstützen. Das heißt auch bei unserer geheimen Mission.“
Sie beugte sich verschwörerisch zu ihm.
„Heute nehmen wir Diamanten.“
Tofu machte ein zustimmendes Geräusch.
„Und diesmal erwischt uns kein Wolf.“
Star Allüren greift an
Az wartete, bis im Schloss langsam Ruhe einkehrte.
Beim Abendessen hatte sie Yugo noch freundlich angelächelt.
„Heute gehe ich nicht mehr raus“, hatte sie gesagt. „Zu gefährlich.“
Yugo hatte erleichtert genickt.
Und genau deshalb schlich sie sich jetzt durch den dunklen Flur.
„Er würde sich nur wieder Sorgen machen“, flüsterte sie zu Tofu. „Und wir sind ja nur kurz weg.“
Tofu machte ein zustimmendes „Kjuu“.
Draußen war die Nacht still.
Unheimlich still.
Kein Rascheln im Wald.
Kein Wolfsgeheul.
Nur das Knirschen ihrer Schritte auf dem Weg ins Dorf.
„Siehst du?“ murmelte Az. „Alles ruhig.“
Im Dorf brannte hier und da noch ein Licht hinter den Fenstern. Als Az die ersten Diamanten vor eine Tür legte und leise klopfte, öffnete sich ein Fenster.
„Du bist es“, flüsterte eine Stimme überrascht.
Az grinste und hielt den funkelnden Stein hoch "habe hier einen Diamanten für jeden von euch"
Ein leises Raunen ging durchs Haus.
Die Tür wurde kurz geöffnet, Hände tasteten nach dem Stein.
„Danke, Kind.“
Doch kaum hatten sie den Diamanten, schloss sich die Tür wieder hastig.
Riegel schoben sich vor.
Fensterläden klappten zu.
„Sie haben Angst“, murmelte Az.
Tofu machte ein leises, nachdenkliches Geräusch.
Haus für Haus verteilte sie die Steine. Und jedes Mal dasselbe: Freude – und sofort wieder verschlossene Türen.
Als sie das letzte Haus verließ und sich umdrehte—
erschrak sie.
Drei Wölfe standen auf der Straße.
Still.
Kein Knurren.
Kein Heulen.
Sie waren einfach da.
Ihre Augen glühten im Mondlicht.
„… Oh.“
Tofu stellte sich auf.
Sein Fell plusterte sich, und er machte seine üblichen kleinen Geräusche.
„Kjuuu! Ääm!“
Az schluckte.
„Wir sind geliefert, Tofu“, sagte sie leise. „Hier ist nichts zum Verteidigen… und ich habe Angst.“
Tofu machte plötzlich einen langen, singenden Ton.
Den Ton kannte Az.
Er machte ihn immer, wenn sie sang.
„Was?“ flüsterte sie.
Tofu quietschte wieder.
Und wieder.
„Du willst… helfen?“
Tofu nickte begeistert.
Az starrte ihn an.
„Du bist so klein. Du kannst nichts ausrichten, Tofu.“
Die Wölfe bewegten sich langsam näher.
„Hör auf mit deinen Star-Allüren.“
Doch Tofu quietschte empört.
Dann sprang er von Az’ Arm.
„Tofu!“
Das kleine Fellknäuel rollte direkt auf die Wölfe zu.
Die Tiere blieben stehen.
Tofu plusterte sich auf.
Sein Fell wurde hart.
Stachelig.
Und plötzlich—
plopp plopp plopp
Fielen mehrere kleine Stacheln aus seinem Fell auf den Boden.
Wie eine Handvoll Nadeln.
Die Wölfe knurrten.
Dann sprinteten sie los.
Direkt auf Az zu.
Doch ihre Pfoten trafen zuerst auf die Stacheln.
Ein Jaulen zerriss die Nacht.
Die Wölfe sprangen zurück.
Einer humpelte.
Ein anderer leckte panisch seine Pfote.
Die Spitzen waren schärfer als Dornen.
Die Tiere winselten vor Schmerz, stolperten rückwärts.
Und zogen sich schließlich jaulend in den Wald zurück.
Stille.
Az stand wie angewurzelt.
Dann rannte sie zu Tofu und hob ihn hoch.
„Du hast mich gerettet!“
Sie drückte ihn fest an sich.
„Du bist gar nicht gefährlich!“
Tofu machte ein stolzes „Kjuu!“
Az grinste breit.
„Du bist ein Lebensretter!“
Guitar Hero riecht nach Zitronen
„Jetzt nichts wie weg.“
Az rannte los und hielt Tofu fest an sich gedrückt. Zurück zum Schloss.
Doch der Weg führte durch den Wald.
Und auch wenn Tofu die Wölfe kurz außer Gefecht gesetzt hatte, wusste Az, dass das nicht lange reichen würde.
Schon bald hörte sie wieder das Jaulen.
Es kam näher.
„Nicht stehen bleiben…“, murmelte sie zu sich selbst und zwang ihre Beine weiterzulaufen.
Der Wald wirkte in der Nacht noch dunkler als sonst.
Die Bäume ragten wie schwarze Schatten in den Himmel.
Äste knarrten im Wind.
Der Boden war voller Wurzeln und nasser Blätter.
Zwischen den Stämmen glühten immer wieder Augen im Dunkeln.
Wolfsgeheul hallte durch die Nacht.
Tofu zappelte nervös in ihren Armen.
„Kjuu… kjuu…“
Das kleine Fellknäuel drehte sich nach hinten und machte warnende Geräusche.
Az wagte einen Blick über die Schulter.
Der erste Wolf war bereits wieder da.
„Keine Sorge“, keuchte sie. „Diesmal beschütze ich dich.“
Sie versuchte schneller zu laufen.
Doch ihre Beine brannten bereits.
„Wir hätten wirklich nicht allein gehen sollen…“
Az suchte verzweifelt nach einem Versteck.
Ein Felsen. Ein Baumloch. Irgendetwas.
Doch der Wald bot nichts.
Also blieb sie stehen.
Mit einem Stock bewaffnet drehte sie sich um.
Der Wolf trat aus dem Schatten.
Dann noch einer.
Und noch einer.
Az schluckte.
„I-ich habe keine Angst!“, rief sie laut.
Als könnten die Wölfe sie verstehen.
„Sucht euch doch jemanden mit eurer Stärke!“
Auch wenn sie einmal Ritter werden wollte –
gegen hungrige Wölfe zu kämpfen fühlte sich plötzlich ganz anders an.
Der erste Wolf sprang.
Az riss den Stock hoch.
Mit mehr Glück als Verstand schaffte sie es, den Angriff abzuwehren.
Der Wolf landete neben ihr.
Der nächste kam.
Sie duckte sich.
Der Stock sauste durch die Luft.
Ein Knurren. Ein Jaulen.
Äste brachen. Laub wirbelte auf.
Az stolperte rückwärts, wich Zähnen aus, sprang zur Seite, schlug wieder zu.
Der Stock traf Fell, Boden, manchmal auch einen Wolf.
Doch jedes Mal kam ein neuer Angriff.
Kratzer brannten auf ihren Armen.
Ihre Hände zitterten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit stand nur noch ein Wolf vor ihr.
Der größte.
Az keuchte schwer.
Der Stock in ihrer Hand war fast zerbrochen.
Tofu hing erschöpft in ihren Armen und sah inzwischen mehr aus wie ein nasser, verfilzter Sack als wie ein stolzes Fellknäuel.
Der Wolf knurrte tief.
Az hob den Stock ein letztes Mal.
„Komm doch!“
Der Wolf sprang.
Az wich aus.
Doch ihr Fuß blieb an einer Wurzel hängen.
Sie stürzte.
Der Wolf nutzte den Moment.
Er sprang direkt auf sie zu.
Az riss den Stock nach oben.
Ein harter Aufprall.
Ein Schrei. Ein Jaulen.
Dann rollte der Wolf zur Seite und blieb liegen.
Der Stock war gebrochen.
Az auch fast.
„… Geht es dir gut?“, flüsterte sie und sah sofort zu Tofu.
Mehr als zu sich selbst.
Blut färbte ihre Brust dunkel.
Nicht tödlich.
Aber schlimm genug.
Tofu machte ein schwaches Geräusch.
Az versuchte aufzustehen.
Doch ihre Beine gaben nach.
„Wir sollten… weiter…“
Sie schaffte es kaum noch zu sprechen.
Schließlich sank sie einfach zurück auf den kalten Waldboden.
„Nur kurz… ausruhen…“
Ihre Augen wurden schwer.
Der Wind wurde kälter.
Ein paar weiße Flocken fielen langsam vom Himmel.
Der erste Schnee.
Az lächelte schwach.
„Weißt du…“, murmelte sie.
„Meine Mutter hat mir mal erzählt… dass mein Vater Gitarre spielen kann…“
Sie blinzelte müde.
„Genau so… wie du riechst…“
Sie atmete langsam aus.
„Nach Zitrone.“
Tofu versuchte sie aufzuwecken.
„Kjuu… kjuu…“
Doch Az antwortete nicht mehr.
Sie schlief tief und fest.
Der Schnee landete leise auf ihrem Haar.
Goldhamster fällt den Vorhang
„Da drüben liegt sie!“
Buddy stolperte fast über eine Wurzel, als er durch den dunklen Wald zeigte.
Zwischen den Bäumen, halb im Schnee, lag eine kleine Gestalt.
Hannes’ Herz setzte einen Schlag aus.
„Az!“
Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr und ging sofort auf die Knie. Vorsichtig drehte er sie auf den Rücken.
Ihr Gesicht war blass.
Ihr Atem flach.
„Sie blutet stark“, sagte Buddy leise.
Hannes antwortete nicht. Seine Hände zitterten bereits, als er den zerrissenen Stoff ihrer Kleidung anhob und die Wunden sah.
„Verdammt…“
Tofu quietschte schwach neben ihr und kroch sofort auf Az’ Brust.
Hannes schluckte.
„Wir bringen sie ins Schloss. Sofort.“
Er hob sie hoch, als wäre sie federleicht, obwohl sein Rücken protestierte.
„Buddy, los!“
Sie rannten.
Der Wald rauschte an ihnen vorbei.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln.
„Hannes…“, begann Buddy vorsichtig.
„Nicht jetzt!“
Hannes’ Stimme war rau.
Er drückte Az enger an sich.
„Bleib bei mir, Kleines“, murmelte er. „Du hast doch immer so große Pläne… jetzt ist nicht die Zeit schlappzumachen.“
Als sie endlich das Schloss erreichten, war bereits Bewegung im Hof.
Lichter wurden angezündet.
Türen aufgerissen.
„Ein Arzt!“, rief Buddy.
Ein älterer Mann wurde aus seinem Zimmer geholt und sofort zu Az geführt.
Die nächsten Minuten fühlten sich an wie Stunden.
Verbände.
Wasser.
Blut.
Flüsternde Stimmen.
Schließlich richtete sich der Arzt auf.
„Sie lebt.“
Hannes’ Schultern sanken ein Stück.
„Die Wunden sind ernst. Sie hat viel Blut verloren und ist erschöpft. Sie braucht Ruhe.“
„Wann wacht sie auf?“, fragte Hannes leise.
Der Arzt zuckte leicht mit den Schultern.
„Wenn ihr Körper bereit ist.“
Dann ließ er Hannes allein mit ihr.
Das Zimmer war still.
Nur das leise Knacken des Kaminfeuers erfüllte den Raum.
Az lag im Bett, bleich, mit frischen Verbänden um Brust und Arme.
Tofu saß zusammengerollt auf der Decke und machte ab und zu ein leises, besorgtes Geräusch.
Hannes zog einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett.
Lange sagte er nichts.
Er betrachtete einfach nur ihr Gesicht.
Dann seufzte er.
„Du musst stark sein“, murmelte er schließlich.
Seine Stimme war leise, fast brüchig.
„Verdammt noch mal… ich brauch dich doch.“
Er fuhr sich durchs Haar.
„Du bist so ein Dickkopf.“
Ein kleines, trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Komplett wie ich.“
Er lehnte sich etwas näher zu ihr.
„Weißt du… als ich ein Kind war, haben sie mich Goldhamster genannt.“
Er schnaubte leise.
„Weil ich klein war. Und irgendwie immer Glück hatte.“
Sein Blick wurde wieder ernst.
„Ich bin aus jedem Mist rausgekommen. Immer.“
Er sah auf ihre Hand.
Zögernd nahm er sie in seine.
„Du musst das auch schaffen. Du kommst doch nach mir…“
Seine Stimme wurde rau.
„Ich hätte… gern noch eine Chance, dein Vater sein zu können.“
Die Worte hingen schwer im Raum.
„Nicht nur so halb. Nicht nur irgendwie.“
Er schluckte.
„So richtig.“
Sein Daumen strich vorsichtig über ihre Finger.
„Ich möchte gern alles nachholen. Die Jahre. Den ganzen Mist.“
Ein langer Atemzug.
„Wir könnten uns streiten. Uns anschreien. Uns nerven.“
Ein schwaches Lächeln.
„So wie echte Familien das eben machen.“
Sein Blick wurde weich.
„Aber dafür musst du aufwachen.“
Er drückte ihre Hand ein wenig fester.
Tofu machte ein leises „Kjuu“ und kuschelte sich näher an Az.
Hannes blieb einfach sitzen.
Und wartete.
Lebensmittel in Backetäschchen während ein Rap-Battle
Az wirkte, als hätte sie einen Albtraum hinter sich, als sie erwachte. Hannes’ Gesicht war von Erleichterung gezeichnet, beinahe ungeduldig.
„Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?“ bombardierte er sie sofort mit Fragen.
„…Mir geht’s gut…“ flüsterte Az und setzte sich vorsichtig auf.
„Warte, nicht so schnell! Deine Wunden…“ half Hannes ihr auf, doch Az schüttelte nur den Kopf.
„Mir bleibt nicht viel Zeit“, sagte sie leise.
„Was meinst du? Wir haben genug Zeit. Ruh dich aus“, blieb Hannes ruhig.
Doch Az lächelte sanft, griff nach seiner Hand und sagte:
„Ich muss gehen … das weißt du, oder? …Ich hab dich gehört. Komm mit … wenn du es wirklich so meinst … lass uns von vorne anfangen. Mit Mama.“
Hannes blickte sie verwirrt an.
„Wohin? Az, ich hab wirklich keine Ahnung, was du da redest.“
Az lächelte nur geheimnisvoll.
„Es wird ein Abschied ohne Worte. Kein Zurück. Aber vereint.“
Sie umarmte ihn sanft.
„Werde erst einmal gesund … dann gehen wir überall hin, wo du möchtest. Ich bin froh, dass du aufgewacht bist.“
„Also … kommst du mit?“ fragte sie noch einmal.
Hannes nickte langsam.
„Ja. Ich folge dir überall hin. Und wenn ich dann deine Mutter sehen kann, wäre das bestimmt auch nicht schlecht.“
Er würde sich gerne entschuldigen – dafür, dass er damals einfach weggelaufen war.
„Dann lass uns gehen“, sagte Az.
Ein helles Licht umgab beide.
„Was murmelst du da?“ erschrak Hannes.
„Es geht in unser neues Zuhause.“
Mit einem Wimpernschlag landeten sie in einem goldenen Palast. Es war still und zugleich vertraut. Der Boden war eine riesige, weiche Wolke.
„Wilmmphf… kompf.“
Ein großer Mann mit vollem Mund sah sie an.
„Beachtet den gar nicht“, sagte eine Frau mit goldenen Flügeln und einem Adlerkopf. „Ach meine Süße, schön dich wiederzusehen!“
Az wurde sofort umarmt.
„Wo sind wir hier?“ fragte Hannes.
Die Frau lächelte.
„Das ist das Land der Götter. Wir haben euch lange beobachtet. Durch den Mut, die Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft dieses kleinen Mädchens hat der Gott der Götter entschieden, ihr ebenfalls einen Titel zu verleihen.“
Sie deutete auf Az.
„Sie ist von nun an die Göttin der Spenden. Und als Wunsch durfte sie einen mitnehmen. Es gibt kein Zurück. Ihr seid wiedergeboren.“
Hannes und Az wurden herumgeführt und bekamen alles erklärt.
Schließlich trafen sie Az’ Mutter, die vor nicht allzu langer Zeit verstorben war und eigens für Az herbeigerufen worden war.
Gemeinsam blickten sie in ein kleines Vogelbad aus Gold.
Darin spiegelte sich die Welt der Sterblichen.
Und sie sahen das Schloss.
Als das Licht im Zimmer verschwand, stürmten die anderen hinein.
Doch alles, was sie fanden, waren zwei leblose Körper.
Kathy brach sofort in Tränen aus.
Auch der Prinz war am Boden zerstört.
Er verstand nicht, wie das passieren konnte.
Nach langem Grübeln kam er zu einem einzigen Schluss.
Gift.
Es musste Gift gewesen sein. Nur Az und Hannes waren gestorben.
Niemand sonst.
Der Prinz ließ sofort ein Grab errichten.
Az bekam das größte und schönste Grab, das das Schloss je gesehen hatte.
Doch der Anblick brach ihm das Herz.
In seiner Trauer warf er schließlich jeden aus dem Schloss.
Er konnte niemandem mehr vertrauen.
Und langsam wurde sein Herz kalt.
So kalt, dass man später begann, ihn bei einem anderen Namen zu nennen.
Jack Frost.
Ein Mann mit einem Herz aus Eis.
Einem Herzen, das niemand mehr auftauen konnte.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Esel und spuckte ein paar Nüsse aus seinem Mund. Seine Taschen waren vollgepackt.
Buddy seufzte.
„Wir müssen herausfinden, was passiert ist. Zwei Menschen sterben nicht einfach so. Besonders Hannes war kerngesund.“
Esel blickte traurig zum Schloss.
„…Wir sollten sie nicht alleine lassen.“
Buddy schüttelte den Kopf.
„Dann pass du auf das Schloss auf.“
Er sah zu Kathy.
„Wir gehen.“
Und so zogen Buddy und Kathy weiter.
Monate vergingen.
Als sie schließlich zurückkehrten, fanden sie Esel zufällig wieder.
Er lebte inzwischen in einer kleinen Hütte im Wald, nicht weit vom Schloss entfernt.
Und eines Nachts geschah etwas Seltsames.
Eine Gestalt erschien vor der Hütte.
Breite Hosen.
Taschen voller Essen.
Es war Hannes.
Die Gruppe wollte ihn sofort umarmen.
Doch ihre Arme glitten einfach durch ihn hindurch.
Wie durch Nebel.
Hannes grinste.
Und begann zu rappen.
„Yo yo yo—
was geht ab, alte Crew, ich steh vor eurer Tür,
hab Snacks in der Hose und bin plötzlich wieder hier.
Yo—
nicht erschrecken, Leute, ich bin nur noch halber Mann,
mehr so Nebel mit Hut, der euch besuchen kann.
Yo—
oben bei den Göttern läuft das Leben ziemlich krass,
hab ein Battle verloren und jetzt trag ich diesen Spaß.“
Buddy blinzelte.
„Warum klingst du so doof?“
Hannes seufzte – und rappte weiter.
„Yo—
lange Story, hört zu, das ist echt kein Witz,
ich hab ein Battle verloren, jetzt hab ich diesen Sitz.
Yo—
Strafe vom Himmel, zehn Jahre nur im Reim,
alles was ich sage muss jetzt Rap-mäßig sein."
Die Gruppe lachte und weinte gleichzeitig.
Sie redeten lange über alte Zeiten.
Über ihre Reisen.
Über die Monate der Trennung.
Und Hannes erzählte von Az und ihrer Mutter, wie sie sich nun endlich wiedergefunden hatten.
Seine Gestalt wurde langsam durchsichtiger.
Doch seine Stimme blieb ruhig.
„Yo—
passt auf euch auf, lebt weiter, habt Spaß im Leben,
wir schauen von oben zu, können euch manchmal Segen geben.
Yo—
vergesst uns nicht, doch bleibt nicht in der Zeit stehen,
denn Freundschaft bleibt bestehen – auch wenn wir uns nicht mehr sehen.“
Dann verschwand er.
Der Wald wurde wieder still.
Und im Dorf erzählte man sich noch viele Jahre später eine Geschichte.
Von einem Mädchen, das Gold brachte.
Von einem Prinzen, dessen Herz zu Eis wurde.
Und von einer Göttin.
Az.
Der Göttin des Geldes und Spende.