01. Februar - der Vorhang fällt
Nervös tigert TK umher. Er musste es endlich Owen, seinem Vater, sagen. Er musste den Vorgang fallenlassen, wie man so schön sagte.
„Er wird es verstehen“, versuchte Carlos, ihn zu beruhigen.
„Und wen nicht? Ich bin Feuerwehrmann. Das wollte ich immer sein. Jetzt komme ich damit, dass ich zu den Sanitätern will. Was, wenn er mich dann hasst?“
„Das glaube ich nicht. Dein Vater liebt dich und er wird es verstehen“, erwiderte Carlos.
TK war sich jedoch nicht so sicher. Aber dieses Theater konnte auch nicht weitergehen. Er muss den Weg für sich finden. Zumindest war Carlos auf seiner Seite.
02. Februar - Rap-Battle
Als der Notruf kam, hätte niemand damit gerechnet, was sie erwarten würde. Jeder Einsatz war einzigartig, aber dieser war besonders hervorzuheben, denn er war ungewöhnlich. In der Stadt fand ein Rap-Battle statt. Bis jetzt hatte Owen nicht einmal gewusst, was das überhaupt war. Allerdings war es hier zu Ausschreitungen gekommen. Zwei der Teilnehmer hatten sich geprügelt und damit eine Panik verursacht. Auch die Polizei war bereits vor Ort und versuchte, Ordnung zu schaffen. Gewohnt routiniert gab Owen seine Befehle und seine Leute folgten sofort seinen Anweisungen.
Wenig später waren zwei Rapper verhaftet und drei Leute auf dem Weg ins Krankenhaus.
03. Februar - Teufelsgeiger
Carlos blickte seinen Freund fragend an. Bei dem Wort Überraschung hatte er an etwas anderes gedacht, aber nicht an so ein Konzert.
„Ach komm, das wird gut werden. Ich habe ihn damals in New York gesehen. Man nannte ihn da schon den Teufelsgeiger“, sagte TK.
„Das ist jetzt so ganz meine Musikrichtung“, versuchte es Carlos. Aber TK schüttelte nur den Kopf. „Versuch es doch einfach für mich. Du wirst schon mögen. Es ist ja keine Volksmusik oder sowas.“ So ganz war Carlos nicht überzeugt. Aber für TK würde er es versuchen. Vielleicht war es ja gar nicht mal so schlecht.
04. Februar - Trauermarsch
Das Team um Owen Strand stand aufrecht und in Uniform gekleidet in der Fahrzeughalle. Owen musterte jeden von ihnen und vor allem die Kleidung. Sie würde heute dem kleinen Timmy die letzte Ehre erweisen.
Sie hatten den Jungen nicht retten können. Es war ein tragischer Unfall gewesen, der jedem von ihnen naheging. Auch deswegen hatten Owen auf dem Trauermarsch bestanden. Zudem hatte Timmy die Feuerwehr geliebt.
Das Einsatzfahrzeug war sauber und glänzte dank Paul und Mateo. Beide hatten sich sichtlich Mühe gegeben,
„Dann wollen wir mal. Verabschieden wir uns von dem Jungen.“ Owen nickte seinem Sohn zu, der ruhig neben ihm stand.
05. Februar - Schlagernacht
„Wir sollen was machen?“ Empört stand Marjan neben Owen Strand. „Es ist doch nur Schlager. Schlimmer als Line Dance kann es nicht werden. Das haben wir ja auch gut überstanden“, gab Owen zurück.
Wenn er da an seine ersten Nächte hier in Austin dachte, da hatte er oft getanzt.
„Aber warum Schlager?“ Marja verstand es immer, ich nicht.
„Wir probieren mal was anderes“, gab Owen zurück. „Es wird sicher Spaß machen.“
Da war sich Marjan nicht so sicher.
„Du weißt aber schon, Captain, dass wir in Texas sind, oder?“, meinte Judd. Er stand mit verschränkten Armen an der Wand da.
06. Februar - zweite Geige
Owen stand hinter seinen Leuten, die konzentriert arbeiteten. Eigentlich wollte er bei der Sache ruhig bleiben, doch etwas nagte an ihm. War es wirklich richtig, was Marjan tat? Klar, es war gut, dass die Menschen sahen, was Feuerwehrleute taten. Aber musste sie ständig ihr Handy zücken und alles filmen? Immer alles dokumentieren und es dann anschließend online stellen?
Der Job – die Sicherheit der Menschen – war doch das Wichtigste. Und trotzdem konnte er nicht sagen, ob Marjan falsch lag. Es fühlte sich an, als stünde er zwischen Pflicht und Perfektion, zwischen dem, was wirklich zählte, und dem, was andere sehen wollten.
07. Februar - Flötensolo
Die Sirene heulte noch einmal auf, als der Zug der 126 vor dem Gebäude hielt. „Wo müssen wir hin?“, fragte Owen, kaum dass er ausgestiegen war.
Ein Polizist, leider war es nichts, ein Schwiegersohn Carlos kam zu ihm.
„Die Geräusche kamen von ihnen“, sagte der Mann.
Owen winkte seine Leute zu sich und sie machten sich auf den Weg. Sie eilten durch das Gebäude nach hinten. Vor einer Tür blieb der Polizist stehen und klopfte an.
Zuerst tat sich nichts, bis auf dieses eigenartige Geräusch.
„Deswegen hat man uns gerufen“, sagte der Polizist.
Die Tür öffnete sich und ein Mann mit Flöte trat heraus.
08. Februar - Mix-Tape
Gut gelaunt stand Mateo im Garten und sang schief den Song mit. Judd nahm sich noch ein Bier und ignorierte dabei den mahnenden Blick seiner Frau Grace.
„Was soll das?“, fragte er.
Mateo drehte sich zu ihm um. „Das ist ein Mixtape von früher, ich liebe diese Musik.“ Am liebsten hätte er sie lauter gedreht. Das war genau seine Musik. Sonst mochte er es nicht laut, aber dies hier war in Ordnung.
„Dann mach es leiser“, knurrte Judd. So hatte er sich den Abend nämlich nicht vorgestellt.
TK schmiegte sich an Carlos. So schlimm war es gar nicht mit ihm.
09. Februar - Wolfsgeheul
„Es gibt in Austin keine Wölfe. Schon seit Jahren nicht mehr“, sagte Carlos mit Bestimmtheit.
„Aber ich habe einen gehört. Das war eindeutig ein Wolf“, hielt TK dagegen. Er verstand gar nicht, wie sein Freund auf diese Idee kam.
„Du hast sicher noch nie einen echten Wolf gesehen.“
TK funkelte ihn wütend an. „Na sicher habe ich schon einen Wolf gesehen. Es gibt in New York auch Zoos, weißt du, Schatz. Da kann man diese Tiere bewundern.“
Beide funkelten sich an und Carlos trank schließlich einen Schluck Bier. „Lass uns hier doch mal in den Zoo gehen und Tiere anschauen.“
10. Februar - Mit Pauken und Trompeten
Er fiel mit Pauken und Trompeten, wie man es so schön nannte in die Tiefe.
Ein Schrei war alles, was seine Kollegen noch hörten, dann versank Paul im Wasser. Die anderen lachten und Marjan jubelte. Das Bild würde sie ausdrucken und rahmen lassen. So etwas durfte man sich nicht entgehen lassen.
„Ist er baden gegangen?“, fragte Owen und schüttelte bedauernd den Kopf.
„Der Fall sah nicht gerade filmreif aus“, meinte Judd. Er setzte sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase.
Paul kam prustend wieder nach oben. „Ihr Idioten, was sollte das sein?“ Verärgert sah er seine Freunde und Kollegen an.
11. Februar - die Show stehlen
Da hatte er sich auf einen schönen, ruhigen Tag gefreut und dann passierte das. Aber im Grunde war TK nicht wütend, auch wenn er gerade lieber mit Carlos allein gewesen wäre. Die Doppelschichten und vor allem der Stress der letzten Tage hatten beiden arg zugesetzt.
Dann stand auch noch ihre Hochzeit an. Etwas, worauf beide sich freuten.
Im Moment jedoch konnte er Carlos nur zusehen, der gewohnt routiniert den Einsatz leitete und dem Jungen ein Pflaster anlegte. „So, das war es auch schon. Das nächste Mal passt du besser auf“, bat er.
Der Junge nickte und eilte schnellen Schrittes davon.
12. Februar - Zugabe
Die Menge jubelte und skandierte immer wieder: „Zugabe“.
Genau wie TK und Carlos. Die Band war recht bekannt in Texas und es machte Spaß, zu der Musik zu feiern. Der Sänger stand winkend auf der Bühne. Selbst aus der Entfernung sah TK, wie er schwitzte.
„Ihr wollt eine Zugabe?“, rief der Sänger.
Sofort wurde die Menge noch lauter, auch wenn dies kaum möglich sein sollte. Auch Carlos klatschte begeistert mit. „Das war eine gute Idee“, rief TK laut.
Sein Mann wandte sich ihm zu. „Da hast du recht.“ So ließ es sich leben. Ein paar freie Tage und gute Musik.
13. Februar - Engelsstimme
Der Einsatz war glimpflich abgelaufen und eigentlich sollte sie zurück zur Wache fahren, aber dann hatte der Junge begonnen zu singen.
Es war als Dank gedacht, dass sie seine Mutter gerettet hatten.
„Er hat eine Engelsstimme“, flüsterte Marjan ergriffen.
Im Gegensatz zu sonst war sie den Tränen nahe. Auch Owen berührte die Stimme. So etwas hatte er schon lange nicht mehr gehört.
Marjan wischte sich über die Augen und TK reichte ihr ein Taschentuch. Nur Judd schien sich wenig dafür zu interessieren. Er sah auf seine Uhr und hoffte, dass seine Schicht bald zu Ende war. Das war nicht seins.
14. Februar - Diva
Paul Strickland konnte eine echte Diva sein – und zwar von der Sorte, die es mit Leidenschaft zelebrierte.
Das lag nicht daran, dass er vielleicht Hunger hatte – auch wenn die anderen ihn genau damit gerne aufzogen. Nein, Paul hatte einfach einen ausgeprägten Sinn für Dramaturgie. Wenn er schmollte, dann richtig. Wenn er beleidigt war, dann mit Haltung.
Auch jetzt war Paul verärgert. Heute war schließlich Valentinstag – der Tag der großen Gesten, der perfekten Auftritte, der romantischen Inszenierungen – und er hatte ein Date.
Man mochte es kaum glauben, aber er wollte diesen Tag nicht alleine verbringen. Aber der Job ging eben vor.
15. Februar - Vier Hände am Klavier
Austin brachte TK immer noch Überraschungen. Wenn er ehrlich war, hatte er nicht damit gerechnet, dass es hier noch andere Bars gab, die eben nicht nur Country anboten.
Jetzt saß er zusammen mit Carlos in einer stilvollen Lounge, in der zwei Pianisten spielten. Die beiden Männer waren wirklich gut – ihre Finger glitten mühelos über die Tasten, während gedämpftes Licht und leises Stimmengewirr den Raum erfüllten.
Als sein Partner sich neben ihn setzte und der Pianist plötzlich in ein bekanntes Lied wechselte, staunte der Sanitäter nicht schlecht.
„Auf einen schönen Abend, mein Schatz“, sagte Carlos und prostete ihm zu. Das war Leben.
16. Februar - Scheinwerferlicht
Carlos stand ungerne im Scheinwerferlicht oder auch in der Aufmerksamkeit. Er machte seine Arbeit und wollte damit für Gerechtigkeit sorgen. Alles andere war Nebensachen. Aber so einfach war es leider nicht.
Jetzt stand er zusammen mit seiner Partnerin im Büro ihres Vorgesetzten. Dieser lächelte und reichte ihnen die Hand. „Das haben Sie beide gut gemacht. Dank Ihrer unermüdlichen Arbeit konnten wir die Drogenbande festnehmen. Das war gute Arbeit“, lobte er.
Carlos zwang sich zu einem Lächeln. Sein Vater wäre sicher sehr stolz auf ihn. Vielleicht konnte er später mit TK essen gehen, dann konnten sie noch etwas feiern. „Danke Sir.“
17. Februar - Backgroundsänger
Es war kein Geheimnis, dass man in ihrem Job ein Ventil brauchte – etwas, um den Stress auszusperren. Manche taten es mit Sport, andere mit Meditation, und wieder andere suchten sich ein neues Hobby.
„Du machst jetzt was?“, fragte TK überrascht nach.
„Ich werde Backgroundsänger. Nichts Großes, aber ich denke, das wäre gut für mich. Michelle hat mich mitgenommen, und es hat Spaß gemacht“, gab Owen zurück. Darüber konnte TK nur den Kopf schütteln.
„Ich wusste gar nicht, dass du singen kannst.“ Sein Vater zuckte mit den Schultern. „Ich kann ja nur die Lippen bewegen.“ Owen grinste, denn das konnte er.
18. Februar - Wiegenlied
Es gab sicherlich nicht viel, was Judd nicht konnte. Zumindest gab er gern damit an, dass er viele Dinge beherrschte – vor allem im Haushalt. Das Kochen übernahm Grace, seine Frau, aber um den Rest kümmerte er sich.
Dass er allerdings einmal mit einem Baby auf dem Arm auf dem Sofa sitzen würde, um dem Kleinen ein Wiegenlied zu singen, daran hatte er nie gedacht.
Jetzt saß er da, das Baby sanft auf seinem Arm, den kleinen Körper gegen seine Brust gedrückt. Das winzige Gesichtchen wirkte völlig entspannt, während Judd leise summte. Die Stimme war nicht perfekt, ein wenig kratzig, aber das Baby gähnte zufrieden und schloss die Augen.
Grace saß daneben auf dem Teppich und lächelte ihn an, während sie das kleine Lächeln ihres Kindes beobachtete. „Du machst das besser, als ich gedacht hätte“, flüsterte sie.
Judd schmunzelte, streichelte über den weichen Kopf des Babys und sah Grace an. „Ich glaube, ich habe ein verborgenes Talent entdeckt.“
„Du hast viele verborgene Talente“, erwiderte sie leise, und für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen – nur die kleine Familie auf dem Sofa, eingehüllt in Ruhe und Wärme.
Das Baby rührte sich kaum, ließ sich von Judds Stimme wiegen, und Judd konnte nicht anders, als leise zu lachen. „Na gut, vielleicht singe ich nicht jedes Mal so schön wie heute. Aber für dich und für ihn mach ich alles.“
Grace rückte ein Stück näher, legte die Hand sanft auf seine Schulter, und für Judd war klar: Kein Beruf, kein Alltag, kein Chaos der Welt konnte diesen Moment übertreffen.
19. Februar - Bass
Sie hörten den Alarm schon auf der Straße. Gewohnt routiniert wies Carlos seine Kollegen an.
Vor eineinhalb Stunden hatten sich die Nachbarn über den Lärm beschwert, und die Zentrale hatte daraufhin zwei Einsatzfahrzeuge geschickt. In diesem Viertel gab es schon lange Probleme – von Drogen über Prostitution bis hin zu Waffengewalt.
Mit der Waffe in der Hand marschierte Carlos auf das Haus zu und hoffte, dass alles gutgehen würde. Kurz dachte er an seinen Mann TK und fragte sich, ob sie vielleicht noch die Feuerwehr brauchen würden. Bei diesen Leuten wusste man nie. Die Musik wurde lauter und sie stürmten los.
20. Februar - Ohrwurm
Gut gelaunt trommelte TK mit den Fingern auf der Tischplatte. Leise summte er ein Lied, das sich einfach nicht aus seinem Kopf verbannen ließ.
„Ein neuer Ohrwurm?“, fragte Carlos und brachte ihm eine Tasse Kaffee.
„Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf“, murmelte TK. „Sag mal, wollen wir nicht mal wieder tanzen gehen? Nur wir beide? Also ohne den Rest vom Team.“
Die letzten Wochen waren für alle stressig gewesen. „Na klar, gerne. Das waren wir schon lange nicht mehr. Und ja, gerne ohne die anderen.“
Die Idee klang gut. TK grinste und küsste ihn, während er weiter summte.
21. Februar - Hinter der Bühne
„Das Feuer ist dort hinter der Bühne ausgebrochen“, erklärte der Mann und rang die Hände in einer hilflosen Geste.
Owen nickte und rückte den Helm zurecht. „Alle raus aus dem Gebäude?“, fragte er.
„Die meisten! Aber das Technikteam war noch drinnen, als—“
„TK!“, rief Owen scharf und wandte sich um. „Du gehst mit mir. Judd, sichert den hinteren Ausgang. Niemand geht mehr rein, verstanden?“
Ein zustimmendes Nicken, dann setzte sich alles in Bewegung.
Schon beim Betreten des Gebäudes schlug ihnen beißender Rauch entgegen. Die Luft war heiß. Es knisterte bedrohlich, und das dumpfe Krachen von fallendem Material hallte durch die Halle.
22. Februar - harmonisch
Die Stimmung im Team war zu seiner großen Freude harmonisch. Seine Leute verstanden sich gut, und dafür war Owen dankbar. Nach dem Einsatz saßen sie in der Wache zusammen, noch immer ein wenig rußverschmiert, aber entspannt. TK lehnte am Tisch und diskutierte lachend mit Mateo, während Carlos sich einen Kaffee einschenkte.
„Guter Job heute“, sagte Owen ruhig in die Runde.
Ein zustimmendes Murmeln folgte. Keine großen Worte, nur dieses selbstverständliche Vertrauen, und das war gut. Owen ließ den Blick über sein Team schweifen. Sie waren mehr als Kollegen. Und genau das machte sie stark.
Mit ihnen hatte er wirklich viel Glück.
23. Februar - Buh-Rufe
Schon von weitem hörte das Team rund um Owen Strand die Buh-Rufe der Menge. Auf der doch recht großen Bühne spielte keine Band mehr. Die Musik war abgestellt und die Mitglieder der Band standen an der Seite. Owen ließ routiniert den Blick schweifen. Erst dann gab er seine Anweisungen an seine Leute.
„Bringt die Leute weg“, forderte er. Dann wandte er sich an Carlos, seinen Schwiegersohn. „Seht zu, dass der Band nichts passiert.“ Die Stimmung war aufgeheizt. Die Buh-Rufe hatten sich in Hetzschreie verwandelt. Wenn sie nicht schnell handelten, würde es zu einer Schlägerei kommen, das stand fest.
24. Februar - Musikstunde
Er hatte schon viele Tatorte gesehen, doch eine Musikschule? Das war neu.
Carlos spürte, wie sich seine Stirn in Falten legte, während seine Kollegen die Eltern festhielten. Der Mann vor ihnen tobte, schrie und fluchte, jeder Versuch, ihn zu beruhigen, prallte ab. Sein Widerstand war wild, unkontrollierbar – und trotzdem konnte Carlos die Situation nur mit einem resignierten Kopfschütteln beobachten. Die anderen Eltern waren aber auch nicht besser. Was sollten nur die Kinder denken?
Bis jetzt wusste er nicht einmal, was der Anlass gewesen war. Aber das würden sie später auf der Wache klären. Die Kinder standen starr an der Seite.
25. Februar - Star Allüren
TK zog die Handschuhe aus und warf sie in einen Behälter. Die Frau hatte sich endlich beruhigt und saß nun still.
„Ich sage nur: Star-Allüren. Manche verstehen es einfach nicht“, meinte Paul.
TK legte den Kopf schief und seufzte. Die ältere Dame trug einen teuren Morgenmantel und war geschminkt, als wäre sie 16 Jahre alt.
„Wagen Sie es ja nicht, Bilder zu machen! Ich sehe schrecklich aus und werde Sie alle verklagen!“, rief sie.
Owen Strand hob eine Augenbraue und schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Das gehört nicht zu unserem Job“, sagte er und wandte sich von der Frau ab.
26. Februar - Wunderkind
Owen blätterte langsam durch das alte Fotoalbum, ließ die Finger einen Moment auf den vergilbten Seiten ruhen und seufzte leise.
„Weißt du, TK“, sagte er schließlich, ohne aufzusehen, „deine Mutter hat immer gesagt, du wärst ein Wunderkind.“
Seine Stimme war dabei weicher, fast nachdenklich – als würde jede Erinnerung zwischen den Fotos noch einmal lebendig werden.
TK setzte sich zu ihm. „Ich und ein Wunderkind? Ich bin nicht musikalisch oder so veranlagt“, gab er zurück.
„Das musst du auch nicht. Du bist immerhin unser Sohn und konntest schon als Knirps Türen öffnen“, lachte Owen. Oh ja, er liebte seinen Sohn einfach.
27. Februar - Taktlos
„Das war mehr als nur unangebracht, Marjan“, sagte Owen scharf.
Marjan blinzelte, dann verschränkte sie trotzig die Arme vor der Brust. „Ich war nicht taktlos. Ich war ehrlich.“
Owen atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. „Er wird dich anzeigen.“
„Und?“ Ihre Augen funkelten. „Er hat unsere Arbeit behindert. Wir retten Leben, Owen. Wenn jemand im Weg steht, sage ich das.“
Ein kurzer Moment Stille hing zwischen ihnen – Spannung, die noch nicht ganz verflogen war. Natürlich verstand er sie und das auch nur zu gut. Er konnte mit solchen Leuten auch nicht gut umgehen. Aber es gab sie eben immer.
28 - Februar - Trinklied
Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont und tauchte die Feuerwache 122 in ein warmes, goldenes Licht. Der Asphalt auf dem Hof speicherte noch die Hitze des Tages, irgendwo zirpten Grillen. Endlich Feierabend.
Das Wetter war zu gut, um sofort nach Hause zu gehen. Also hatten sie den Grill angeworfen, Bier kaltgestellt und die Bierbänke nach draußen geschleppt. Es roch nach Holzkohle, nach Sommer – und nach Freiheit für ein paar Stunden.
Carlos stellte Judd eine Bierflasche vor die Nase. „Eiskalt. Hab extra die gute Kühlbox genommen.“
Judd grinste. „Du bist ein Held.“ Er stieß die Flasche gegen Carlos’ eigene. „Grace hat mir offiziell frei gegeben. Zitat: ‚Benimm dich.‘“
„Oh, das wird schwierig“, mischte sich Paul ein und ließ sich auf die Bank fallen. „Mit uns als Gesellschaft?“
TK schnaubte amüsiert, während er Pappteller verteilte. „Wir sind kultiviert.“
In genau diesem Moment ließ Paul einen lauten Rülpser hören.
„Sehr kultiviert“, murmelte Carlos trocken.
Gelächter brandete auf, und für einen Augenblick war da nichts außer diesem leichten, sorglosen Gefühl. Keine Sirenen. Kein Rauch. Keine Notrufe.
Owen trat mit einer Schale Salat nach draußen. „Nicht nur Fleisch, Leute. Wir sind hier nicht im Mittelalter.“
„Sprich für dich“, sagte Judd und drehte ein Steak auf dem Grill. „Ich fühle mich sehr wohl im Mittelalter.“
„Du wärst der Dorfschmied“, warf TK ein.
„Nein“, korrigierte Carlos grinsend. „Der Sheriff.“
Paul hob sein Bier. „Auf Sheriff Judd!“
„Auf uns“, verbesserte Owen ruhiger.
Sie stießen an. Glas klirrte gegen Glas.
Für Außenstehende war es nur ein kleiner Grillabend. Für sie war es mehr. Es war das Durchatmen nach Schichten, die alles abverlangten. Es war das Wissen, dass man sich blind vertrauen konnte. Dass man füreinander ins Feuer ging – wortwörtlich.
TK lehnte sich zurück und sah in die Runde. „Schon verrückt, oder? Wie viel man zusammen erlebt.“
Judd nickte langsam. „Und wie oft wir verdammt viel Glück hatten.“
Für einen Moment wurde es still. Nicht schwer. Nur bewusst.
Dann klatschte Paul in die Hände. „So! Wer verliert jetzt glorreich beim Cornhole? Ich fordere Carlos heraus!“
„Du gehst unter“, grinste Carlos und sprang auf.
„Verlierer holt die nächste Runde!“
„Deal!“
Das Lachen kehrte zurück, laut und echt. Die Sonne war inzwischen fast verschwunden, und über ihnen färbte sich der Himmel in Rosa und Violett.
Und während die ersten Sterne auftauchten, wussten sie alle: Solche Abende waren selten. Aber sie waren genau das, was sie brauchten.