Ich bin wirklich absolut umwerfend, nicht wahr?
An diesem frühen Nachmittag besaß das ohnehin ominöse Spiel zwischen den dämmrigen Lichtern und den lauernden Schatten im Büro des Corrosio-Clans eine noch unheilvollere Note. Gipson zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt, immerhin war er selbst ein Teil dieser bedrohlichen Atmosphäre, die alles beherrschte.
Wie üblich stand er wenige Meter hinter dem Schreibtisch von Ravan, an dessen rechter Seite, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, mit einer strammen, aufrechten Haltung. Seine Mimik hart und unnachgiebig wie Stahl. Links von Ravan lag sein Pokémon-Partner Cerapendra auf dem Boden, jedoch hatte auch dieser eine aufrechte, äußerst wachsame Position eingenommen, jederzeit dazu bereit sofort zu reagieren, sollte sein Trainer nur kurz mit den Fingern schnipsen.
Vor dem Schreibtisch, in angemessener Entfernung, standen vier jüngere Mitglieder des Corrosio-Clans. Allesamt Frauen, die abwechselnd angespannt versuchten ihre Nervosität herunterzuschlucken. Anderen wäre diese subtile Körpersprache gewiss nicht aufgefallen, doch Gipson bemerkte es. Ravan sicherlich ebenso, ganz zu schweigen von Cerapendra. Aus ihrer Sicht zitterten die anderen geradezu wie Espenlaub, aus einem gutem Grund. Sie waren hier, weil sie dem Clan eine Menge Ärger gemacht hatten.
Seit mehreren Minuten strafte ihr Boss sie deswegen mit frostigem Schweigen. Dafür schienen seine gelben Augen aber feurige Funken zu versprühen, die einen jederzeit spontan in Flammen aufgehen lassen könnten, ähnlich wie Tetraphosphor. Beides machte die Stimmung im Raum noch erdrückender, einzig für die vier Unruhestifter.
Laut einigen Berichten und Beschwerden hatten sie sich mit ein paar einflussreichen Gruppierungen in der Stadt angelegt. Genauer gesagt mit Der Faust der Gerechten, Illumina Citys Gesellschaft der Kampf-Connaisseure und, zu allem Überfluss, auch noch mit der Polizei. Kein Wunder also, dass Ravan vor Wut am liebsten wortwörtlich Gift versprüht hätte. Eigentlich konnten sie sich glücklich schätzen, weil er bislang eher ruhig geblieben war, doch Gipson bemerkte auch die Anspannung bei Ravan. Seine Körperhaltung war leicht verkrampft.
Schließlich brach ihr Boss das Schweigen und seine strenge Stimme durchschnitt wie die tödlich scharfen Klingen eines Gladimperio die Luft: „So, wer von euch glaubt, mir irgendwie klarmachen zu können, was euch zu diesen absurd lächerlichen Taten getrieben hat?“
Erschrocken hielten die Frauen den Atem an, gefolgt von kläglichen Lauten, die an Erstickende erinnerte, denen jeglicher Sauerstoff geraubt wurde. Ungeduldig wippte Ravan kaum merklich mit dem Fuß, der auf seinem linken Knie lag, während seine Hände gefaltet auf seinem Schoß ruhten. Sicher glaubte er nicht an eine halbwegs nachvollziehbare Erklärung, wollte ihnen jedoch trotzdem die Möglichkeit dazu einräumen, bevor er sie mit seinem Unmut zweifelsohne vollkommen überrollen würde.
Eine der Frauen – groß, schlank, grüne Augen, weinrotes und langes, gewelltes Haar – räusperte sich unruhig und trat einen Schritt vor. „Wir wollten nur dabei helfen, den Namen unseres Clans zu stärken. Damit jeder ihn fürchtet und sich niemand herausnimmt, er hätte mehr zu sagen als wir.“
Die erste Wutader trat auf Ravans Stirn hervor.
„Wir haben das für Sie gemacht, Boss!“, ereiferte sich eine andere Frau, deren schwarze Haarspitzen violett gefärbt waren. Im Gegensatz zu ihrer Vorrednerin war sie eher klein und etwas mollig, mit eisblauen Augen. „Alle sollen wissen, dass der Corrosio-Clan über diese Stadt herrscht!“
„Genau!“ Eine gut trainierte Frau mit lockigen, braunen Haaren und pinken Strähnen, fand nun auch den Mut zu sprechen. Ihre honigfarbenen Augen glühten vor Leidenschaft. „Wir wollten gerne von uns aus tätig werden und zeigen, dass wir alles für diesen Clan geben!“
„Absolut alles!“, bestätigte die vierte Person im Bunde – drei hochgebundene Zöpfe, glattes, blondes Haar, dunkle Augen, Hornbrille sowie ein zierlicher Körper.
„Tss!“, stieß Ravan ungehalten aus.
Ein Laut, der verriet, dass ihr Boss diese Unterhaltung als riesengroße Zeitverschwendung betrachtete und darüber höchst unzufrieden war.
„Idioten!“, schimpfte er laut. Noch eine Wutader trat hervor, sein Gesicht zeigte die berüchtigte Fratze des Zorns. „Ihr habt offensichtlich überhaupt nichts verstanden! Haltet ihr das etwa für ein Spiel?! Seltsam, ich habe bisher nirgendwo auf dem Gelände unseres Clansitzes ein farbenfrohes Klettergerüst oder eine lustige Rutsche gesehen. Woran mag das wohl liegen?!“
Von Ravans Ausbruch angestachelt, verlieh Cerapendra diesen Worten mit einem tiefen Grollen, das entfernt an einen Drachen erinnerte, noch mehr Nachdruck. Daraufhin wichen die vier Mitglieder leise wimmernd zurück, jedoch nur wenige Schritte, da sie wussten, dass sie bloß noch mehr Probleme bekämen, sollten sie nun die Flucht ergreifen.
„Falls ihr den Corrosio-Clan für einen albernen Spielplatz gehalten habt, ist es mir eine Freude, euch hiermit zu enttäuschen“, fuhr Ravan fort, wobei er sich mehr und mehr in Rage redete. „Das einzige, das ihr für mich getan habt, sind noch mehr lästige Scherereien, mit denen ich mich jetzt herumplagen darf. Und wofür? Für nichts! Wir haben es schon lange nicht mehr nötig, uns einen Namen zu machen und schon gar nicht auf solch eine plumpe Weise. Ihr habt mich nicht nur enttäuscht, sondern auch noch in der gesamten Stadt blamiert!“
Ungerührt wohnte Gipson dem Ganzen bei und beobachtete die Reaktionen der Frauen. Nach und nach murmelten sie reumütige Entschuldigungen. Zwei von ihnen wagten es nicht einmal mehr, ihrem Boss in die Augen zu schauen. Innerhalb von Sekunden waren sie zu winzigen Fermiculas zusammengeschrumpft und von Ravans Giftspitzen empfindlich getroffen, ihr Panzer zerschmolz wie warme Butter. Jede einzelne von ihnen bedauerte sichtlich, Ravan derart verärgert zu haben.
„Da ihr großspurig behauptet, absolut alles für mich zu tun“, sagte dieser kühl, „dürft ihr das gerne beweisen, indem ihr jede Strafe mit Stolz ertragt und euch endlich richtig nützlich macht! Vielleicht lernt ihr dann auch, was es wirklich bedeutet, ein Mitglied unseres Clans zu sein.“
Ravans Blick wurde noch eine Spur giftiger und er richtete betont langsam seine Brille. „Zukünftig finden außerdem keine eigenmächtige Aktionen mehr statt. Haben wir uns verstanden?“
Rasch nickte die Frauen ergeben. Darauf schnaubte er genervte und hob eine Hand, mit der er fordernd zu wedeln anfing. „Jetzt verschwindet! Los, los! Für heute will ich euch nicht mehr sehen. Ihr werdet morgen früh genug erfahren, welche Strafe euch blüht. Verlasst euch darauf.“
Abermals nickten alle verstehend und verneigten sich knapp, bevor sie hektisch herumfuhren, um in den Aufzug zu verschwinden. Kurz darauf hatten sie das Büro verlassen, zurück blieben nur Ravan, Gipson und Cerapendra. Letzterer wandte sich seinem Trainer zu und lehnte sich mit dem Kopf näher zu ihm, begleitet von einem beruhigenden Brummen. Ohne zu zögern lenkte Ravan die erhobene Hand in seine Richtung und strich seinem Pokémon zärtlich über die Stirn, was dafür sorgte, dass Cerapendra entspannt die Augen schloss.
Auch Ravans Haltung lockerte sich allmählich, obwohl er nach einer Weile einen tiefen Seufzer ausstieß – und die Wutadern sich hartnäckig auf seiner Stirn hielten. „Was für ein unnötiger Ärger das wieder ist ...“
Gipson musste sich ein Schmunzeln verkneifen, was er zu überspielen versuchte, indem er mit Daumen und Zeigefinger über sein Kinn rieb. Dummerweise waren seinem Boss sämtliche seiner typischen Gesten und Bewegungsmuster bekannt, weshalb er ihm einen eindringlichen Blick zuwarf.
„Darf ich fragen, was dich an dieser Sache so sehr amüsiert?“, hakte er nach.
Wenigstens glättete sich Ravans Stirn nun ein wenig, wie Gipson feststellte.
„Ihnen kann ich einfach nichts vormachen, Boss“, entgegnete er anerkennend. „Ich finde es nur immer wieder erstaunlich, wie stark intensive Gefühle Menschen zu unvernünftigen Entscheidungen treiben. Insbesondere, wenn es um Sie geht.“
Stirnrunzelnd – diesmal erschienen nur Falten, keine Wutadern – hielt Ravan dabei inne, Cerapendra zu streicheln, was dieser sogleich beklagte und die Hand seines Trainers mehrmals anstupste. Vorerst ohne Erfolg.
„Drückst du dich bitte mal klarer aus?“, verlangte Ravan.
Einstudiert professionell faltete Gipson die Hände wieder hinter seinem Rücken, um sich in keiner Weise erneut zu verraten. „Viele neue Mitglieder versuchen zu Beginn angestrengt, Ihre Gunst zu erlangen. Weil Sie sehr beliebt sind. Das liegt an Ihrer Ausstrahlung.“
Anhand einer bestimmten Regung in Ravans Gesicht erkannte Gipson, dass er verstanden hatte, wovon er sprach. Scheinbar genervt rollte er mit den Augen und tat Cerapendra den Gefallen, ihm noch mehr Streicheleinheiten zu schenken.
Anschließend lächelte Ravan selbstzufrieden. „Was soll ich sagen? Ich bin wirklich absolut umwerfend, nicht wahr?“
Gipson schloss die Augen und deutete seinerseits ein Lächeln nur an. „Das würde garantiert niemand abstreiten, Boss.“
„Natürlich nicht. Dafür müsste man schon blind sein.“ Eine Pause folgte. „Ich wäre trotzdem dankbar, wenn das nicht andauernd für noch mehr Arbeit sorgen würde. Gutes Aussehen ist manchmal ein Fluch.“
Nach diesen Worten lachte Ravan amüsiert auf, weshalb Gipson die Augen wieder öffnete, um ihn anzuschauen. Derart gelassen, fast unbekümmert, erlebte man ihn schließlich nicht oft. So zeigte er sich nicht jedem. Umso dankbarer war Gipson, eine der wenige Ausnahmen zu sein.
„Nicht nur für Sie“, merkte er dann an – dabei klang seine Stimme noch rauer als sonst, was auch ihn selbst überraschte. „Für alle, die Ihnen verfallen, ist es vermutlich auch kein Vergnügen.“
„Weil sie den Fehler machen, sich romantischen Hirngespinsten hinzugeben“, entgegnete Ravan ernst. „Egal, wer mir verfällt, ich habe für so etwas keine Zeit. Der Corrosio-Clan steht an erster Stelle.“
„Hört, hört.“ Diesmal konnte Gipson sich nicht davon abhalten zu schmunzeln. „Dabei behaupten Sie immer, Sie wollten den Posten als Anführer niemals haben.“
„Wollte ich auch nicht.“ Ein letztes Mal tätschelte Ravan Cerapendras Kopf, bevor er sich von seinem Stuhl, der eigentlich viel zu groß für ihn war, erhob. „Aber ich verabscheue es, andere zu enttäuschen.“
Bei diesen Worten warf er Gipson einen bedeutungsvollen Blick zu, den er etwas überrumpelt erwiderte. Erst recht, weil Ravan ihn danach wortlos mit sich winkte, während er, von ihnen aus gesehen, zur rechten Sitzecke des Raumes schritt. Zusammen mit Cerapendra folgte Gipson ihm, ohne irgendwelche Fragen zu stellen.
Unterwegs zog Ravan mit fließenden Bewegungen die Jacke aus und warf sie gezielt über die Rückenlehne des langen, schwarzen Ledersofas, auf dem er sich schließlich niederließ. Dort lockerte er mit einem Handgriff auch die weiße Krawatte an seinem Hals etwas und klopfte dabei auf den leeren Platz neben sich.
... Das war ungewöhnlich.
Cerapendra konnte Ravan mit dieser Aufforderung nicht meinen, denn der bevorzugte es stets, sich in der Nähe auf den Boden zu legen, was er auch bereits tat. Also musste dieser Befehl an Gipson gerichtet sein. Statt Ravan lange warten zu lassen, nahm er neben diesem Platz und bemühte sich, seine Irritation zu verbergen.
„Wie töricht“, kommentierte Ravan auf einmal.
Nun war Gipson derjenige, der die Stirn runzelte. „Was ist töricht?“
„Jeder, der glaubt, dass ich neben meiner Rechten Hand noch jemanden benötigen würde. Dass jemand anderes diesen Platz einnehmen könnte.“
Ungläubig weiteten sich Gipsons Augen etwas. „Boss?“
Stöhnend lehnte Ravan sich bei ihm an und verschränkte die Arme, wobei er die Augen schloss. „Ich werde mit einigen richtig unausstehlichen Leuten reden müssen, um die Wogen zu glätten. Dafür brauche ich all meine Nerven, also gönne ich mir etwas Schlaf. Sei so gut und pass solange auf.“
„J-jawohl, Boss“, versicherte Gipson – verärgert, dass er etwas die Fassung verlor.
Obendrein schmunzelte Ravan darüber auch noch sichtlich zufrieden, womit er Gipson nur noch mehr aus dem Konzept brachte. In solchen Momenten wurde wieder deutlich, wie gefährlich es war, diesem Mann nahe zu sein. Schon vor langer Zeit hatte er das bemerkt, doch da war es schon zu spät gewesen. Dieses bittersüße Gift zerfraß ihn seitdem langsam innerlich, egal, wie sehr Gipson versuchte es aufzuhalten, aber es war nicht mehr rückgängig zu machen.
Auch er war von Ravans Charme vergiftet worden.
Im Grunde bereute Gipson es nicht.
Während der stahlharte Panzer um sein Herz erneut durch das Gift geschädigt wurde, betrachtete er Ravan nachdenklich, der ziemlich schnell eingeschlafen war. Wie Gipson wusste, gelang ihm das nur, solange er sich vollkommen sicher fühlte.
Ohne die Jacke wirkte Ravan in diesem violetten Hemd erschreckend dürr und zerbrechlich, dabei wusste Gipson zu gut, dass er genau das nicht war. Im Gegenteil. Er kannte niemanden, der so stark war wie Ravan, vor allem sein Wille. Der schlanke Körperbau war daher ziemlich irreführend und doch faszinierend, vermutlich weil er einen solchen Gegensatz zu Ravans Wesen darstellte.
Allerdings löste Gipson den Blick lieber von ihm, um ihn in Ruhe schlafen zu lassen.
Sei so gut und pass solange auf.
Nötig wäre das eigentlich nicht, immerhin war Cerapendra noch hier. Wahrscheinlich würde Ravan behaupten, er wolle seinem Pokémon auch einen Mittagsschlaf gönnen, sollte man ihn danach fragen. Allerdings glaubte Gipson, sein Boss wollte ihm nur auf diese Weise zeigen, wie wichtig er diesem war. Dabei wäre das nicht nötig gewesen.
Gipson verstand, dass auch er niemals die Art von Beziehung mit Ravan führen würde, die er sich insgeheim vielleicht wünschte. Zumindest nicht in naher Zukunft. Der Anführer des Corrosio-Clans wollte sich mit aller Kraft einzig für diesen einsetzen und das bewunderte Gipson sehr. Ihm läge nichts ferner, als Ravan in irgendeiner Form von seinen Zielen und Wünschen abzulenken.
Zumal Gipson bereits etwas viel Wertvolleres besaß, als das, wonach die Frauen – eine hübscher und einzigartiger als die andere – und zahlreiche andere Verehrer sich sehnten.
Ihm gehörte Ravans Vertrauen, auf einer tieferen Ebene als alles, was irgendein Verlangen ihm geben könnte. Das wusste Gipson mehr als zu schätzen, es erfüllte ihn mit Glück. Denn Liebe war ein Gift, das sich schnell verflüchtigen konnte. Vertrauen dagegen bot eine stabile Basis, wie der Stahl. Genau das wollte Gipson für Ravan sein.
So lange, wie dieser es zulassen würde.
Reicht dir ein Schlüssel nicht?
Ein gewöhnlicher Tag brach im Sitz des Corrosio-Clans an, so schien es ...
Gipson stand vor dem großen Ganzkörperspiegel in seinem Zimmer und richtete noch ein letztes Mal konzentriert seine Kleidung, besonders die goldene, massive Krawatte. Das äußere Erscheinungsbild trug unbestreitbar maßgeblich dazu bei, wie man von anderen wahrgenommen wurde und bildete somit einen entscheidenden Grundstein für die Persönlichkeit, die man transportieren wollte. Darum kontrollierte er jeden Morgen peinlich genau, ob alles anständig saß und seine Richtigkeit hatte.
Als Rechte Hand vom Boss durfte er sich keinerlei Nachlässigkeiten erlauben, das verbot ihm sein Stolz und die Leidenschaft, mit der er diesen Posten auslebte. Außerdem wäre es unverschämt und anmaßend, von den Clan-Mitgliedern Disziplin zu erwarten, wenn er als Teil der führenden Kraft nicht selbst als gutes Beispiel glänzte.
Panzaeron saß nicht weit entfernt auf der stabilen Stangenvorrichtung, die eigens für ihn eingebaut worden war, und beobachtete ihn aufmerksam. Als Gipson sich zu ihm drehte und ihn fragend ansah, um sich seine abschließende Meinung einzuholen, klirrte sein Partner-Pokémon unzufrieden mit den stählernen Flügeln.
Darauf richtete Gipson verstehend noch ein wenig die goldenen Zacken, die aus der Brusttasche seiner Jacke lugten und an die Schwingen von Mega-Panzaeron erinnern sollten.
„Gut so?“, fragte Gipson ernst.
Erst als Panzaeron danach nickte, schmunzelte Gipson etwas.
Ein metallisches Klimpern sorgte dafür, dass er seinen Blick zu Clavion lenkte, der mit tanzenden Bewegungen durch den Raum schwebte, schon seit einer Weile. Genauer gesagt war er seit gestern Abend auffallend gut gelaunt, was Gipson in seinem Fall verwunderte, da sie eine intensive Trainingssession mit Ravan abgehalten hatten – denn sie durften niemals nachlässig werden und mussten immer in Form bleiben. Jedenfalls war Clavion meistens eher weniger begeistert davon, er kämpfte nicht allzu gerne.
Woher rührte also auf einmal diese gute Laune, trotz des anstrengenden Trainings?
Fordernd streckte Gipson die Hand aus. „Clavion, wir müssen gleich los.“
Weiterhin fröhlich klimpernd flog der Kleine zu ihm und ließ sich zufrieden auf seiner Handfläche nieder.
„Ich wünschte, einige unserer Leute würden mit so viel Freude ihren Pflichten nachkommen“, merkte er für sich an, während er Clavion nachdenklich betrachtete. „Worüber freust du dich eigentlich so sehr?“
Gestern Abend war Gipson nach dem Training zu müde gewesen und hatte sich nicht weiter damit beschäftigt. Immerhin ging es Clavion gut, also hatte er sich keine Gedanken deswegen gemacht. Nun war er aber doch neugierig.
Und dann fiel ihm etwas auf, das ihn stutzen ließ.
Zwischen all den vertrauten Schlüsseln befand sich einer, der neu war – und doch viel zu vertraut für Gipson.
„Das ... kann nicht sein“, flüsterte er ungläubig.
Ein edler, pechschwarzer Schlüssel, dessen Kopf wie das Symbol des Corrosio-Clans geformt war. Filigrane Form und doch äußerst robust. Eigentlich sollte es ihn nur ein Mal geben, weil er zu der wohl wichtigsten Tür im gesamten Gebäude gehörte. Ravans Zimmer.
Entweder amüsierte Clavion seine Verwirrung oder er war einfach nur weiterhin überaus vergnügt, so, wie sein Gesicht strahlte.
Allerdings wusste Gipson noch nicht, was er davon halten sollte. „Wie kommst du denn zu diesem Schlüssel?“
Diese Frage verwirrte offensichtlich nun Clavion, der ihn nur anblinzelte. War die Antwort etwa so eindeutig? Sollte das heißen, Ravan selbst hatte diesen Schlüssel Gipsons Clavion anvertraut? Geklaut hatte letzterer ihn mit Sicherheit nicht, dafür war er zu gut erzogen und besaß auch Respekt gegenüber Ravan. Jemand anderem war es bestimmt auch nicht gelungen, ihn an sich zu nehmen – und wenn doch, warum sollte diese Person ihn anschließend Clavion geben?
Es gab nur einen Weg, eine klare Antwort zu finden.
Also rief Gipson als nächstes seine Pokémon in ihre Bälle zurück, kontrollierte noch einmal, ob er alles hatte und verließ anschließend sein Zimmer. Zu dieser Zeit war das Frühstück fällig, doch mit etwas Glück erwischte er Ravan noch vorher. Zügig schritt Gipson durch die Gänge, auf denen um diese Uhrzeit mehr los war als sonst, weil die meisten Clan-Mitglieder noch im Gebäude waren.
Glücklicherweise erkannten die anderen aber, wie eilig Gipson es hatte, weshalb ihn niemand aufhielt, auch nicht mit knappen Grüßen. Dadurch erreichte Gipson kurz darauf den Bereich, in dem sich Ravans Zimmer befand. Jenes von Gipson lag diesem am nächsten, also hatte er keinen weiten Weg zurücklegen müssen.
Tatsächlich konnte er Ravan dort auf dem Gang abfangen, von dem er mit einem Lächeln empfangen wurde, durch das er normalerweise seine Beute nur in falscher Sicherheit wiegen wollte. In seinen Augen blitzte zudem ein Funke auf, der anderen garantiert einen Schauer über den Rücken gejagt hätte, während Gipson direkt erkannte, dass Ravan schlicht amüsiert war.
„Boss, ich-“
„Guten Morgen, Gipson“, unterbrach er ihn, betont ruhig. „Es kann nicht gesund sein, so früh schon mit Hektik in den Tag zu starten. Deine Haltung lässt ganz schön zu wünschen übrig. Du willst mich doch wohl nicht blamieren?“
„Natürlich nicht!“ Rasch räusperte Gipson sich und war darum bemüht, etwas gefasster zu sein. „Ich wollte Sie nur dringend vor dem Essen sprechen.“
Ravans Augen verengten sich lauernd. „Was kann bloß so wichtig sein, dass du meinen Morgenablauf durcheinander bringst?“
Kaum hatte er diese Frage gestellt, wurde Gipson zu spät bewusst, in was für eine unangenehme Situation er sich selbst gebracht hatte. Nicht nur, dass er tatsächlich Ravans morgendlichen Ablauf zum Stocken brachte, er wusste auch nicht so recht, wie er die Sache mit dem Schlüssel anbringen sollte.
Wäre es nicht zu forsch, zu fragen, ob Ravan ihn Clavion gegeben hatte? Schließlich war es nicht so, als würde Gipson den Schlüssel nicht haben wollen, im Gegenteil, nur wüsste er gerne ... warum genau er ihn nun hatte. Denn wenn Clavion ihn aufbewahrte, gehörte er im Prinzip jetzt auch Gipson, oder? Machte er sich letztendlich zu viele Gedanken darüber?
Beschämend unbeholfen kratzte Gipson sich am Hinterkopf. „Also, ich wollte nur fragen, ob Sie vielleicht irgendetwas vermissen, Boss.“
„Irgendetwas“, wiederholte Ravan ungeduldig. „Ja, meine Nerven, wenn du nicht mit der Sprache herausrückst.“
Gipson schluckte ein wenig. „Ihren Zimmerschlüssel. Haben Sie den noch?“
„Da ich gerade eben mein Zimmer abgeschlossen habe, würde ich auch hier mal auf Ja tippen“, entgegnete Ravan flapsig, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. „Seit wann bist du denn so gierig? Reicht dir ein Schlüssel nicht? Willst du auch noch meinen haben?“
Eigentlich sollte Gipson ihm folgen, nur war er im ersten Augenblick zu überrumpelt von diesen Worten und konnte ihm nur überrascht hinterher starren. Allerdings besann er sich wenig später und lief seinem Boss hinterher, den er schnell eingeholt hatte.
Mit einer Frage erklärte Gipson ihm seine Verwirrung: „Ich dachte, es gibt nur einen Schlüssel für Ihren Privatbereich?“
... Privatbereich.
Richtig, mit einem Schlüssel hatte Gipson nun Zugang zu einem Ort, den sonst niemand betreten durfte. Ravans Zuflucht, an dem er sich fallenlassen und Seiten von sich offenbaren konnte, von denen keiner etwas ahnte. Damals hatte Gipson ihn kreuz und quer durch die Stadt gejagt und niemals erwischt. Jetzt gab Ravan ihm sogar die Möglichkeit, jederzeit sein Reich betreten zu können? Einfach so?
„Einfach so“, bestätigte Ravan.
Erstaunt erwiderte Gipson den eindringlichen Blick, mit dem sein Boss ihn eben problemlos gelesen hatte.
„Tss~.“ Mit dem Anflug eines Grinsens zuckte Ravan mit den Schultern. „Mach doch kein Drama draus. Dann gibt es jetzt halt zwei Schlüssel. Ist das ein Problem?“
„... Nein“, erwiderte Gipson langsam. „Überhaupt nicht.“
„Na also, warum nicht gleich so?“ Zufrieden richtete Ravan seine Brille. „Ich werde mir noch eine Strafe für diese unnötige Hektik überlegen. Komm heute Abend also in mein Zimmer.“
„Ich soll wirklich in Ihr Zimmer kommen?“
Eigentlich war Gipson davon ausgegangen, dass der Besitz dieses Schlüssel rein symbolischer Natur war – oder für Notfälle, falls es eben doch nötig sein sollte, Ravans Privatbereich zu betreten. Niemals hätte er erwartet, dort tatsächlich Einlass zu erhalten, noch dazu so früh. Außerdem könnte Ravan ihm die Strafe auch einfach im Büro mitteilen.
Dieser stöhnte genervt. „Prima, nun habe ich sie echt verloren! Was glaubst du denn, wozu ich Clavion den Schlüssel gegeben habe? Aus Jux und Tollerei? Das gibt eine doppelte Strafe für dich.“
„J-ja, Boss“, murmelte Gipson darauf entschuldigend.
Danach schwiegen sie über dieses Thema, auch weil sie bald wieder auf andere Clan-Mitglieder trafen, die davon nichts mitbekommen sollten. Nur konnte Gipson sein Herz nicht dazu bringen, dieses Gift leise zu ertragen, mit dem Ravan ihn um den Verstand brachte. Abermals erlitt der stahlharte Panzer noch mehr Schaden. Wie sollte er es schaffen, sich zukünftig nicht gänzlich davon zerfressen zu lassen, wenn sein Boss solche Aktionen brachte? Das war ein großes Problem.
Für heute ... akzeptierte Gipson dieses Gefühl trotzdem vorerst und freute sich über diesen weiteren Vertrauensbeweis von Ravan. Selbstverständlich in einem angemessenen Rahmen.
