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Der Zar von Tokio

Hiwatari Legacy Story
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
​Liebe Leserinnen und Leser,

​bevor ihr tiefer in die Welt von Kai, Nami und ihrer Familie eintaucht, möchte ich ein paar Worte zu meiner Interpretation der Charaktere verlieren.

​Diese Geschichte ist eine Adult-Romance-Weiterentwicklung des Beyblade-Universums. Meine Protagonisten sind keine Teenager mehr; sie sind Erwachsene in ihren Dreißigern, die als Firmenchefs, Eltern und Ehepartner in einer komplexen Welt bestehen müssen.

​Daraus ergeben sich einige Besonderheiten in meinem Schreibstil:

​Charaktertiefe & Narben: Kai Hiwatari ist ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit. Die Jahre in der Abtei haben Spuren hinterlassen, die auch nach elf Jahren Ehe nicht verschwunden sind. Seine Dynamik schwankt zwischen tiefer, beschützender Zärtlichkeit und einer fast schon animalischen Dominanz. Das ist für mich kein Widerspruch, sondern die Konsequenz aus seiner Geschichte und seinem Beschützerinstinkt für Nami. ​Explizite Intimität: Die körperliche Verbundenheit zwischen den Paaren wird in dieser Story sehr intensiv und detailliert beschrieben. Für mich ist Sexualität hier ein Ausdruck von Heilung, Macht und bedingungslosem Vertrauen. Wem diese Szenen zu weit gehen, dem empfehle ich, diese Passagen zu überspringen oder sich bewusst zu machen, dass dies Teil meiner Vision einer erwachsenen Liebesgeschichte ist. ​Mystik & Biologie: In meiner Welt haben Bit-Beasts und deren Auren einen physischen Einfluss auf die Realität und sogar auf die Biologie der Träger. Dies führt zu Entwicklungen, die über die Grenzen der normalen Schulmedizin hinausgehen.

​Diese Geschichte ist mein Herzensprojekt. Sie ist leidenschaftlich, manchmal hart und oft sehr emotional. Wer bereit ist, Kai jenseits der Arena als den komplexen, besitzergreifenden und liebenden Mann zu sehen, der er geworden ist, den lade ich herzlich ein, mich auf dieser Reise zu begleiten. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hier noch eine Triggerwarnung! Die sexuellen Kapitel sind sehr detailliert und intensiv was von mir auch so beabsichtigt war.
Lese sie dir bitte nur durch wenn du mit sowas in Verbindung mit dem Charakter Kai Hiwatari auch klar kommst! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hier gibt es nun einen kleinen Zeitsprung von einem halben Jahr ♡ Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein kleines aber feines Kapitel ♡ Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Entschuldigt, aber der Humor in diesem Kapitel ist tatsächlich nicht zu 'überlesen' viel Spaß ♡ Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein kleiner Kontrast zu den vorigen Kapiteln und ganz viel Romantik ♡ Komplett anzeigen

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Prolog

Die Ereignisse im staubigen Bunker von Kōto waren mittlerweile Monate her und fühlten sich in der Rückschau fast wie ein böser Traum an, der in der Morgensonne verblasst war. Der Alltag war mit einer angenehmen Beständigkeit in das Ayame-Anwesen eingekehrt. Eine der größten Veränderungen betraf Gou; auf seinen eigenen, sehr bestimmt geäußerten Wunsch hin hatten Kai und Nami beschlossen, ihn von seinem Privatunterricht zu entbinden. Der Junge, der seinem Vater charakterlich so ähnlich war, suchte die Herausforderung unter Gleichaltrigen und besuchte nun eine renommierte Privatschule im Herzen Tokios. Es war ein Schritt in die Normalität, den Kai in seinem Alter nie hatte gehen dürfen.

​Zwei Monate zuvor, im September, hatte bereits Tala seinen 30. Geburtstag gefeiert. Doch wo Kai nun das große Anwesen öffnete, war Tala seinem Wesen treu geblieben. Er hatte lediglich zu einem kleinen, fast schon spartanischen Beisammensein unter Männern in sein neues Penthouse in Shinjuku geladen. Zwischen Umzugskartons und Luminas ersten Dekorationsversuchen hatten sie auf die drei Jahrzehnte angestoßen, die hinter ihnen lagen. Tala hatte nie den Drang verspürt, seine Existenz so imposant zu zelebrieren wie der Zar; ihm genügte das Wissen, dass er nun 140 Quadratmeter Freiheit besaß.

​Doch nun war der 20. November gekommen. Kais Tag.

Der Zar wird 30

​Der Novemberwind fegte mit einer schneidenden Kühle durch die Straßen von Tokio, doch hinter den massiven Mauern des Ayame-Anwesens herrschte eine Atmosphäre von seltener, goldener Wärme. Der Garten war in das sanfte Licht von Papierlaternen getaucht, die wie gefrorene Glühwürmchen zwischen den kahlen Ästen der Ahornbäume hingen.

​Im Inneren des Anwesens legte Graham letzte Hand an das Silberbesteck. Mit seinen Mitte 60 Jahren bewegte er sich mit einer Präzision, die selbst die modernste Technik in den Schatten stellte. Claire Beaumont, das zierliche französische Kindermädchen, trat mit einem Stapel fein säuberlich gefalteter Servietten an ihn heran.

​„Glaubst du, der Herr des Hauses wird die Kerzen auf dem Kuchen tatsächlich ausblasen, oder wird er sie einfach mit einem eisigen Blick zum Erlöschen bringen?“, murmelte sie mit ihrem typisch trockenen Humor.

​Graham rückte eine Gabel um Millimeter nach links. Er warf einen Blick nach oben, wo man das gedämpfte Lachen der Kinder hörte. „Ich vermute, Mademoiselle Claire, dass Master Kai heute Abend so sehr mit der schieren Anzahl an Schwiegereltern und ehemaligen Rivalen beschäftigt sein wird, dass er froh ist, wenn die Kerzen das Einzige sind, was brennt. Seine... energetischen Aktivitäten in den privaten Gemächern in letzter Zeit lassen zumindest darauf schließen, dass seine Lungenkapazität hervorragend ist.“

​Claire zog eine Augenbraue hoch und unterdrückte ein Schmunzeln. „Ah, die Diskretion eines Butlers. Immer wieder erfrischend.“

​Kai stand währenddessen im großen Schlafzimmer vor dem Spiegel und rückte die Manschettenknöpfe seines dunkelgrauen Hemdes zurecht. Mit 30 Jahren wirkte er markanter denn je; die jugendliche Schärfe war einer autoritären, ruhigen Dominanz gewichen.

​Nami trat hinter ihn. Ihr langes, silberweißes Haar floss wie ein Wasserfall über ihren Rücken, und ihre türkisfarbenen Augen leuchteten im warmen Licht der Wandlampen. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und sah sein Spiegelbild an.

​„Du siehst nachdenklich aus für ein Geburtstagskind“, sagte sie leise.

​Kai legte seine Hand über ihre. „Ich überlege nur, wie ich die Kombination aus Tyson, deiner Großmutter und Bryan in einem Raum überlebe, ohne dass das Anwesen danach renoviert werden muss.“

​Nami lachte, ein helles, herzliches Geräusch, das Kais Miene sofort aufhellte. „Es ist dein dreißigster, Kai. Ein Meilenstein. Und sieh uns an – wir haben es geschafft. Keine Schatten mehr.“ Sie beugte sich vor und küsste seinen Nacken. „Und falls Oma Yumi dich zu sehr bedrängt, kannst du ja immer noch deinen 'Zaren-Blick' aufsetzen. Das schüchtert sie meistens für mindestens fünf Minuten ein.“

​„Ich bezweifle, dass das bei deiner Großmutter hilft“, murmelte er, drehte sich um und zog sie fest in seine Arme. „Aber solange du an meiner Seite bist, halte ich alles aus.“
 

​Die Dinner-Party begann mit einer Wucht, wie sie nur die Tachibas und die ehemaligen Bladebreakers entfachen konnten. Hiro Tachiba, imposant und breit gebaut, schüttelte Kai die Hand mit einem festen Griff, der von gegenseitigem Respekt zeugte. Neben ihm wirkte Hilda wie eine zeitlose Erscheinung, ihre rubinvioletten Augen glänzten vor Stolz, während sie ihre Enkelkinder begrüßte.

​„Alles Gute, Kai“, sagte Hiro mit seiner tiefen Stimme. „Dreißig. Ein Alter, in dem ein Mann anfängt, die wahre Bedeutung von Macht und Verantwortung zu verstehen. Aber wie ich sehe, hast du beides fest im Griff.“

​Bevor Kai antworten konnte, wurde die Ruhe durch ein lautes Poltern an der Tür unterbrochen.

​„PLATZ DA FÜR DEN WELTMEISTER!“, rief Tyson, der zusammen mit Hilary, dem aufgedrehten Makoto und ihrer kleinen Tochter hereinplatzte. Tyson sah kaum einen Tag älter aus als mit achtzehn – derselbe unordentliche Schopf, derselbe unstillbare Hunger. „Kai! Alter Kumpel! Dreißig! Jetzt gehörst du offiziell zum alten Eisen, genau wie Tala!“

​Tala, der mit Lumina an seiner Seite bereits an der Bar stand, hob langsam sein Glas. Seine eisblauen Augen blitzten gefährlich, doch ein amüsiertes Zucken um seinen Mund verriet ihn. „Tyson, wenn ich zum alten Eisen gehöre, bist du der Rost, der oben drauf sitzt.“

​Lumina, wunderschön in einem eleganten Kleid, das ihre magentafarbenen Augen betonte, drückte Talas Hand beruhigend. „Ignorier ihn, Tala. Er ist nur neidisch auf dein Penthouse.“

​Die Anwesenheit von Bryan und Spencer verlieh dem Abend eine besondere Note. Die beiden ehemaligen Mitglieder der Abtei wirkten in dem prunkvollen Anwesen fast wie Fremdkörper, doch Kai hatte sie persönlich eingeladen. Bryan lehnte schweigend an einer Säule, sein Blick beobachtend, während Spencer sich leise mit Ray und Mariah unterhielt. Es war ein stummes Abkommen: Die Vergangenheit ruhte, heute zählte nur die Gegenwart.

​Die Kinder sorgten für das nötige Chaos. Gou, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, unterhielt sich mit einer Ernsthaftigkeit mit Max, die alle zum Schmunzeln brachte. Die Zwillinge Ayumi und Ren jagten Makoto durch die Flure, während die kleine Sayuri mit ihren auffälligen magentafarbenen Augen auf dem Schoß von Oma Yumi saß.

​„Ach, dieser Kai!“, rief Oma Yumi lautstark durch den Raum und fächerte sich mit der Hand Luft zu. „So ein herrlicher Mann! Diese Ausstrahlung! Wenn ich fünfzig Jahre jünger wäre, Nami, dann hättest du Konkurrenz bekommen! Er ist so... dominant! Ich kriege direkt Herzrasen!“

​Nami zwinkerte Kai zu, der demonstrativ wegsah und sich lieber in ein Gespräch mit Kenji und Momoko über die neuesten Entwicklungen der Tachibey Academy flüchtete. Noah, Namis jüngerer Bruder, hörte gespannt zu, während Midori und Max bereits Pläne für die nächste Beyblade-Meisterschaft schmiedeten.

​Hana und ihr Mann Zayn hielten derweil die Stellung bei den jüngeren Kindern, während die 9-jährige Akari versuchte, den Zwillingen ein paar Benimmregeln beizubringen – mit mäßigem Erfolg.

​Als das Dinner serviert wurde – eine meisterhafte Komposition aus japanischer Tradition und französischen Einflüssen – wurde es für einen Moment ruhiger. Kenny saß am Ende des Tisches und tippte zwischendurch auf seinem Laptop, vermutlich analysierte er die Kalorienanzahl von Tysons dritter Portion, bis Hilary ihm den Rechner sanft, aber bestimmt zuklappte.

​Kai erhob sich mit seinem Weinglas. Die Gespräche verstummten.

​„Ich bin kein Mann großer Worte“, begann er, und sein Blick glitt über die Gesichter im Raum. Er blieb an Nami hängen, dann an seinen Kindern, seinen Freunden und sogar an seinen einstigen Feinden. „Früher dachte ich, Stärke bedeutet, allein zu stehen. Heute, mit dreißig, weiß ich, dass die wahre Stärke in den Menschen liegt, die man seine Familie nennt. Danke, dass ihr hier seid.“

​Tyson wischte sich demonstrativ eine Träne aus dem Augenwinkel. „Er wird weich! Der eiskalte Kai wird weich!“

​„Noch ein Wort, Tyson“, sagte Kai mit einem gefährlichen Unterton, „und ich lasse dich von Graham vor die Tür setzen.“

​„Es wäre mir ein Vergnügen, Sir“, warf Graham im Vorbeigehen ein, ohne eine Miene zu verziehen.

​Das Gelächter, das folgte, erschütterte die Wände des Ayame-Anwesens. In diesem Moment war Kai Hiwatari nicht mehr der einsame Wolf der Abtei. Er war ein Ehemann, ein Vater, ein Freund und ein Mann, der endlich seinen Platz in der Welt gefunden hatte.

​Während die Feier im großen Salon lauter wurde – angefeuert durch Tysons schallendes Gelächter und Oma Yumis lautstarke Komplimente an jeden attraktiven Mann im Raum – zog sich Kai für einen Moment auf den dunklen Steinbalkon zurück, der an die Bibliothek angrenzte. Die kühle Novemberluft war eine willkommene Abwechslung zur wohligen Wärme und dem schweren Duft des Festmahls.

​Er hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als er die Präsenz spürte. Bryan stand im Schatten der Pergola, die Arme locker verschränkt, den Blick in die Dunkelheit des Gartens gerichtet. Er wirkte in seinem dunklen Anzug immer noch wie ein Raubtier, das nur mühsam gezähmt worden war.

​„Du hast dich gut gehalten, Kai“, sagte Bryan, ohne den Kopf zu drehen. Seine Stimme war immer noch so rau wie damals, ein tiefer Kontrast zur kultivierten Stille des Anwesens. „Dreißig Jahre. Wer hätte gedacht, dass wir beide so alt werden?“

​Kai trat an das Geländer und blickte hinunter auf den Koi-Teich, in dem sich das Licht der Laternen brach. „Die meisten hätten darauf gewettet, dass wir es nicht einmal aus dem Teenageralter schaffen.“

​Bryan stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. Er löste sich aus dem Schatten und trat einen Schritt näher. Sein Blick streifte die hell erleuchteten Fenster des Salons, hinter denen man Nami sehen konnte, wie sie lachend mit Lumina sprach. „Ein Zar in einem Palast, mit einer Königin und einer ganzen Armee von Erben. Es ist fast surreal, dich so zu sehen. Wenn ich an die kalten Betonböden in Russland denke...“

​„Das ist lange her, Bryan“, unterbrach ihn Kai ruhig, doch seine Stimme hatte jene unerschütterliche Autorität, die ihm den Namen Zar eingebracht hatte. „Die Abtei ist Asche. Boris ist tot. Sogar das letzte Echo von ihm ist verstummt.“

​Bryan sah ihn nun direkt an. „Ich habe von der Sache im Bunker gehört. Von dem Klon. Tala hat nicht viel erzählt, aber sein Gesicht sprach Bände. Du hast das letzte Relikt unserer Erschaffung eigenhändig vernichtet.“ Er hielt kurz inne. „Hattest du keine Angst? Nicht vor dem Tod – sondern davor, dass du mit ihm auch den Teil von dir verlierst, der uns damals unbesiegbar gemacht hat?“

​Kai schwieg einen Moment. Er spürte die Wärme des Eherings an seinem Finger. „Diese Art von 'Unbesiegbarkeit' war ein Gefängnis, Bryan. Was ich dort im Bunker beendet habe, war nicht meine Stärke, sondern meine letzte Kette. Die Macht, die ich heute besitze, speist sich nicht aus Zorn oder genetischer Programmierung.“ Er deutete mit einer knappen Geste in Richtung des Salons. „Sie kommt von dort drin.“

​Bryan betrachtete Kai lange, als würde er nach einem Riss in der Fassade suchen, doch er fand nur die absolute Ruhe eines Mannes, der mit sich selbst im Reinen war. „Du bist wirklich der Zar“, murmelte Bryan fast anerkennend. „Nicht weil du über uns herrschst, sondern weil du es geschafft hast, über deine eigene Bestimmung zu triumphieren. Spencer und ich... wir suchen immer noch nach unserem Platz. Aber zu sehen, dass einer von uns diesen Frieden wirklich gefunden hat... es macht die Erinnerungen an die Abtei erträglicher.“

​Kai nickte ihm kurz zu – eine Geste unter Kriegern, die mehr sagte als tausend Worte. „Du bist hier jederzeit willkommen, Bryan. Das Ayame-Anwesen ist kein Ort für Schatten.“

​„Vielleicht“, erwiderte Bryan und ein seltener, fast menschlicher Ausdruck trat in seine Augen. „Aber erst einmal muss ich sehen, wie ich Tyson von dem Buffet wegbekomme, bevor er den Rest allein verdrückt. Und deine Schwiegergroßmutter hat Spencer bereits zweimal 'einen stattlichen jungen Mann' genannt. Ich glaube, er ist kurz davor, durch das Fenster zu flüchten.“

​Ein winziges Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. „Viel Glück dabei. Gegen die Tachiba-Frauen ist selbst ein Bit-Beast machtlos.“
 

​Während die Männer auf dem Balkon über die Vergangenheit philosophierten und Tyson am Buffet lautstark die Vorzüge von Grahams Häppchen pries, hatte sich im Westflügel des Salons eine illustre Runde auf den schweren Samtsesseln zusammengefunden. Nami, Lumina, Hilary und Momoko bildeten einen Kreis, der in das warme Licht des Kamins getaucht war.

​Lumina nippte an ihrem Glas und strich sich eine Strähne ihres silbrigen Haares hinter das Ohr. Ihre magentafarbenen Augen glitten kurz durch den Raum und blieben an der Balkontür hängen, hinter der Kai und Bryan im Schatten standen. Dann sah sie zu Nami.

​„Er sieht heute Abend wirklich zufrieden aus“, bemerkte Lumina leise und lächelte Nami zu. „Aber ich habe gesehen, wie ihr euch den ganzen Abend schon diese Blicke zuwerft. Es ist, als ob ein unsichtbares Band zwischen euch gespannt ist, das jedes Mal vibriert, wenn ihr im selben Raum seid.“

​Nami erwiderte das Lächeln, doch in ihren Augen lag ein Hauch von Wehmut, den nur ihre engsten Freundinnen bemerken konnten. Sie strich sich fast unbewusst über das Handgelenk und suchte erneut Kais Blick. Als er sie für einen kurzen Moment bemerkte und sein Kinn fast unmerklich anhob – jener typische, besitzergreifende und doch zärtliche Blick des Zaren – errötete sie leicht.

​„Es ist nur...“, begann Nami und senkte die Stimme ein wenig, während Momoko sich interessiert vorlehnte und Hilary gerade einen Schluck von ihrem Cocktail nahm. „Kai arbeitet in letzter Zeit unglaublich viel. Seit der Expansion von Tachibey Industries und seinen Verpflichtungen im eigenen Unternehmen kommt er oft erst nach Mitternacht nach Hause. Wir sehen uns kaum noch allein.“

​Momoko legte ihre Hand auf Namis Arm. „Das ist der Fluch der Verantwortung, oder? Kenji geht es ähnlich, auch wenn er versucht, für mich früher Schluss zu machen.“

​Nami nickte und seufzte leise. „Ich weiß. Aber es zehrt an mir. Wir hatten in letzter Zeit kaum noch... echte Intimität. Wir sind beide erschöpft.“ Sie zögerte kurz, dann fügte sie fast schüchtern hinzu: „Das letzte Mal ist jetzt schon fünf Tage her. Das ist für uns die bisher längste Durststrecke. Ich merke richtig, wie die Anspannung zwischen uns wächst, weil uns die Nähe fehlt.“

​In diesem Moment passierte es.

​Hilary, die gerade tief eingeatmet hatte, um ihren Drink zu genießen, verschluckte sich so heftig, dass sie hustend nach vorne sackte. Momoko klopfte ihr geistesgegenwärtig auf den Rücken, während Hilary mit weit aufgerissenen Augen versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

​„Fünf... Tage?!“, brachte Hilary schließlich hervor, ihre Stimme eine Oktave höher als normal. Sie starrte Nami an, als hätte diese gerade verkündet, dass Dragoon fliegen gelernt hatte. „Nami, dein Ernst? Du beschwerst dich über fünf Tage?“

​Nami blinzelte überrascht. „Ist das... viel?“

​Hilary stieß ein fassungsloses Lachen aus und stellte ihr Glas mit einem harten Klirren auf den Tisch. „Schätzchen, ich lebe mit Tyson Granger zusammen! Weißt du, wie es ist, wenn man einen Mann hat, der nach einem harten Trainingstag entweder nur noch Essen oder Schlafen im Kopf hat? Manchmal vergeht bei uns ein ganzer Monat, ohne dass im Schlafzimmer irgendetwas passiert, das über Schnarchen hinausgeht!“

​Lumina kicherte leise in ihre Handfläche, während Momoko schmunzelnd nickte.

​„Ein ganzer Monat?“, fragte Nami ungläubig.

​„Ein ganzer Monat“, wiederholte Hilary entschieden. „Und du sitzt hier, siehst aus wie eine Göttin in Seide und machst dir Sorgen wegen fünf Tagen? Wenn ich Kai so ansehe, wie er dich aus der Ferne fixiert, habe ich eher das Gefühl, dass er dich am liebsten direkt hier vor den Augen deiner Großmutter über den Esstisch werfen würde. Der Mann verzehrt dich doch mit den Augen!“

​Nami spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. „Hilary! Bitte, die Kinder sind im Nebenraum!“

​„Die Kinder hören gar nichts, die streiten sich mit Makoto um die Beyblade-Arena“, erwiderte Hilary trocken. „Aber im Ernst, Nami. Fünf Tage sind bei dem Pensum, das der Zar abliefert, wahrscheinlich sein persönliches Maximum an Selbstbeherrschung. Ich wette meinen Kopf darauf, dass Graham heute Nacht Überstunden machen muss, um das Frühstück später zu servieren, weil ihr beide morgen nicht aus den Federn kommt.“

​Lumina lehnte sich zu Nami und flüsterte ihr zu: „Sie hat recht. Tala ist zwar auch sehr... fordernd, aber Kai? Man sieht ihm an, dass er jede Sekunde zählt, bis die Gäste weg sind. Er ist heute Abend nur physisch bei den Gästen – sein Geist ist schon längst bei dir.“

​Nami sah wieder zu Kai hinüber. Er stand nun allein am Geländer, den Blick starr auf sie gerichtet, als hätte er gespürt, dass sie über ihn sprachen. Sein Blick war dunkel, intensiv und versprach genau das, was Hilary gerade so unverblümt prophezeit hatte.

​Nami spürte ein angenehmes Kribbeln in ihrem Nacken. Vielleicht hatte Hilary recht. Vielleicht war die Sehnsucht, die sie empfand, nur das Vorspiel für das, was der restliche Abend noch bringen würde.
 

Momoko lächelte sanft, während sie an ihrem Tee nippte, doch ihre Augen funkelten belustigt. „Weißt du, Nami, ich glaube, das ist einfach das ‚Hiwatari-Temperament‘. Kenji ist zwar auch leidenschaftlich, aber Kai... er wirkt immer so, als stünde er unter Hochspannung. Momente der Ruhe gibt es bei ihm wohl nur, wenn er sie sich mit Gewalt nimmt. Fünf Tage fühlen sich für euch wahrscheinlich an wie eine Ewigkeit, weil die Intensität zwischen euch sonst so hoch ist.“

​Gerade als Hilary zu einer weiteren ausschweifenden Erklärung über Tysons Schlafgewohnheiten ansetzen wollte, raschelte es hinter ihnen. Der schwere Seidenfächer von Oma Yumi klappte mit einem scharfen Knall zu.

​„Fünf Tage?“, krächzte die alte Dame, die sich mit einer Agilität an die Gruppe herangeschlichen hatte, die man einer fast 90-Jährigen nicht zugetraut hätte. Sie drängte sich mit einem verschmitzten Grinsen zwischen Lumina und Nami auf das Sofa. „Ich habe zwar meine Brille verloren, aber meine Ohren funktionieren noch tadellos, meine Liebe!“

​Nami erstarrte vor Scham, während Hilary hastig versuchte, ihr Gesicht hinter ihrem Cocktailglas zu verbergen.

​„Oma! Du solltest dich doch mit Papa und Mama unterhalten“, stammelte Nami, deren Wangen nun fast die Farbe von Luminas Augen angenommen hatten.

​„Ach, dein Vater redet nur über Aktien und deine Mutter über englischen Gartenbau – langweilig!“, winkte Yumi ab und stupste Nami unsanft mit dem Ellbogen an. „Hör auf zu jammern, Mädchen! Ein Mann wie dieser Kai... dieser Zar... der braucht Reibung! Wenn er fünf Tage lang den Dampf kesselt, dann solltest du heute Nacht besser die stabilen Laken aufziehen lassen. Bei dem Blick, den er dir gerade zuwirft, würde ich an deiner Stelle schon mal die Treppe hochrennen, bevor er dich wie eine Beute über die Schulter wirft!“

​„Oma Yumi!“, rief Nami entsetzt, was Momoko und Lumina in einen heftigen Lachanfall ausbrechen ließ.

​„Was denn?“, rief die Alte unschuldig und fächerte sich theatralisch Luft zu. „Ich sage nur, was wir alle sehen! Der Mann verzehrt dich mit Haut und Haaren. Mein seliger Takeshi war auch so ein Kraftpaket, Gott hab ihn selig, aber gegen Kais Ausstrahlung war er ein laues Lüftchen. Wenn ich diesen Kerl sehe, wie er da steht... so dominant, so unnahbar... da kriege ich selbst mit 90 noch weiche Knie!“

​Sie wandte sich zu Hilary um. „Und was dich angeht, meine Liebe: Wenn dein Tyson einen Monat lang nicht will, dann fütterst du ihn entweder zu gut oder er verbringt zu viel Zeit mit diesem blauen Drachen-Dingens. Ein Mann braucht Feuer im Hintern, keinen Nachtisch!“

​Hilary war nun diejenige, die sprachlos den Mund öffnete, während die Frauenrunde in schallendes Gelächter ausbrach. Sogar Graham, der in sicherem Abstand mit einem Tablett frischer Getränke vorbeischritt, ließ ein kurzes, fast unmerkliches Zucken seiner Mundwinkel zu.

​Nami suchte hilfesuchend Kais Blick draußen auf der Terasse. Er hatte das Lachen der Frauen bemerkt und beobachtete sie nun mit hochgezogener Augenbraue. Als er sah, wie verlegen Nami war und wie seine Schwiegergroßmutter sie bedrängte, stellte er sein Glas ab.

​Ohne ein Wort zu sagen, löste er sich vom Geländer und begann, mit langsamen, raubtierhaften Schritten hinein und auf den Kreis der Frauen zuzusteuern. Die Gespräche in der Runde verstummten augenblicklich.

​„Ich hoffe“, sagte Kai mit seiner tiefen, autoritären Stimme, während er sich hinter Namis Sessel stellte und seine Hände besitzergreifend auf ihre Schultern legte, „dass deine Großmutter dich nicht zu sehr korrumpiert, Nami.“

​Yumi kicherte schrill. „Ach, Kai-Schatz! Wir haben nur über die... Belastbarkeit deiner Arbeitszeiten gesprochen.“

​Kai spürte, wie Nami unter seinen Händen leicht zitterte – nicht vor Angst, sondern vor der plötzlichen Nähe, die sie so vermisst hatte. Er beugte sich tief zu ihr herab, sodass sein Atem ihr Ohr streifte. „Die Gäste werden bald aufbrechen“, murmelte er, laut genug, dass die anderen Frauen es hören konnten. „Und ich habe nicht vor, die nächsten fünf Tage im Büro zu verbringen.“

​Hilary ließ fast ihr Glas fallen, Momoko grinste breit, und Nami wusste in diesem Moment, dass die „Durststrecke“ heute Nacht ein sehr intensives Ende finden würde.

Die Damenrunde hielt kollektiv den Atem an. Es war ungewöhnlich für Kai, sich in die lockeren Plaudereien der Frauen einzumischen, besonders wenn das Thema so... delikat war. Doch er stand dort, die Hände auf Namis Schultern, und strahlte eine Ruhe aus, die im krassen Gegensatz zu dem stand, was seine Worte implizierten.

​Oma Yumi, die als Einzige keine Scheu kannte, legte den Kopf schief und sah zu ihm auf. „Belastbarkeit der Arbeitszeiten, hast du gehört, Kai-Schatz? Wir finden nämlich alle, dass du deine kostbare Zeit viel zu oft in stickigen Sitzungssälen verschwendest, während deine wunderschöne Frau hier vor Sehnsucht fast vergeht.“

​Nami wollte am liebsten im Boden versinken, doch Kai rührte sich nicht. Stattdessen glitt eine seiner Hände von ihrer Schulter langsam ihren Nacken hinauf, wobei sein Daumen sanft über die empfindliche Haut hinter ihrem Ohr strich.

​„Qualität ist wichtiger als Quantität, Yumi“, entgegnete Kai mit einer Stimme, die so tief und ruhig war, dass Hilary unwillkürlich fröstelte. Er sah kurz in die Runde – ein Blick, der Hilary, Momoko und Lumina signalisierte, dass er genau wusste, worüber sie gesprochen hatten. „Manchmal braucht es eine gewisse Distanz, um die notwendige... Intensität für das zu sammeln, was folgt.“

​Hilary prustete leise in ihren Drink. „Intensität? Kai, du redest wie ein Strategiepapier von Tachibey Industries.“

​Ein gefährliches, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. „Ein guter Zar weiß, wann er seine Truppen zurückhält, um im entscheidenden Moment mit voller Kraft zuzuschlagen.“

​Nami spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Die Art, wie er das Wort Kraft betonte, ließ keinen Zweifel daran, dass er die fünf Tage Enthaltsamkeit ebenso gezählt hatte wie sie.

​„Aber jetzt“, fuhr Kai fort und seine Stimme nahm wieder den befehlenden Unterton an, der keinen Widerspruch duldete, „denke ich, dass Tyson kurz davor ist, Graham davon zu überzeugen, dass man Beyblades auch in Suppenschüsseln starten lassen kann. Vielleicht sollte seine Ehefrau nach ihm sehen, bevor das Porzellan meiner Vorfahren zu Bruch geht.“

​Hilary verdrehte die Augen, stand aber gehorsam auf. „Schon gut, schon gut. Ich rette die Schüsseln. Aber Kai...“, sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu, „übertreib es morgen früh nicht beim Training. Du siehst aus, als hättest du heute Nacht genug Sport vor dir.“

​Kai antwortete nicht, aber sein Blick folgte Hilary, bis sie außer Hörweite war. Auch Momoko und Lumina erhoben sich taktvoll, wobei Lumina Nami noch einmal aufmunternd zunickte. Nur Oma Yumi blieb sitzen, bis Kai ihr einen so intensiven, dunklen Blick zuwarf, dass selbst sie ein leises „Huch“ ausstieß, ihren Fächer schnappte und mit einem kichernden „Viel Erfolg bei der... Strategieplanung!“ davonwuselte.

​Es dauerte noch fast eine Stunde, bis die letzten Gäste das Anwesen verlassen hatten. Der Abschied von Hiro und Hilda war förmlich und herzlich zugleich, während Tala beim Gehen Kai nur kurz zunickte – ein stummes Verständnis zwischen den beiden Männern, die beide wussten, dass dieser Abend für den Zaren noch lange nicht zu Ende war.

​Schließlich schloss Graham die schwere Doppeltür des Haupteingangs. Das satte Klicken des Schlosses hallte durch die nun leere, weite Halle.

​„Soll ich das Licht im Salon dimmen, Master Kai?“, fragte Graham mit vollendeter Ausdruckslosigkeit, während Claire bereits dabei war, die letzten Kinder ins Bett zu dirigieren.

​„Nicht nötig, Graham. Wir ziehen uns zurück. Der Rest kann bis morgen warten“, antwortete Kai kurz angebunden.

​Graham verbeugte sich leicht. „Sehr wohl. Ich wünsche eine erholsame Nacht. Oder... eine produktive. Ganz wie es das Protokoll verlangt.“ Er warf Claire einen flüchtigen Blick zu, die nur trocken die Stirn runzelte und verschwand.

​Kai wartete, bis die Schritte der Angestellten verhallt waren. Die Stille im Anwesen war nun fast greifbar, nur unterbrochen vom fernen Ticken einer Standuhr und dem letzten Knistern im Kamin. Er wandte sich zu Nami um, die noch immer am Rand der Treppe stand. Das Licht der Kronleuchter brach sich in ihrem silberweißen Haar.

​Ohne ein Wort trat er auf sie zu. Seine Schritte auf dem Marmorboden waren lautlos. Als er vor ihr stehen blieb, legte er seinen Arm fest um ihre Taille und zog sie so nah an sich, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. Nami legte ihre Hände flach auf seine Brust und spürte das heftige, kontrollierte Schlagen seines Herzens.

​„Fünf Tage“, flüsterte er gegen ihre Lippen. Sein Griff wurde fester, fast fordernd. „Du hättest mir sagen sollen, dass dich die Arbeit so sehr stört. Ich hätte die Konferenz in Okinawa einfach abgesagt.“

​Nami sah zu ihm auf, ihre Augen weit vor Verlangen. „Ich wollte nicht, dass du denkst, ich sei schwach oder... zu bedürftig.“

​Kai schmunzelte. Er hob sie mit einer mühelosen Bewegung hoch, sodass ihre Beine sich um seine Hüften schlangen. „Bedürftigkeit ist ein Wort für Menschen, die nicht wissen, was sie wollen, Nami. Ich weiß genau, was ich will. Und ich habe fünf Tage lang darauf gewartet, es mir zu nehmen.“

​Er trug sie die Treppe hinauf, seine Bewegungen kraftvoll und sicher. In den Korridoren des Ayame-Anwesens waren die Schatten der Vergangenheit längst verschwunden, ersetzt durch eine Hitze, die alles andere verzehrte. Als sie ihr Schlafzimmer erreichten und er die Tür mit dem Fuß hinter sich zustoß, gab es keine Termine mehr, keine Tachiwari-Corporation und keine Gäste.

​Nur noch den Zaren und seine Frau, die in dieser Nacht die verlorene Zeit mit einer Intensität zurückforderten, die selbst Oma Yumis kühnste Prophezeiungen in den Schatten gestellt hätte.

Der Zar und sein Entschluss

Der nächste Morgen brach über Tokio an, doch das Licht, das durch die schweren Samtvorhänge des Hauptschlafzimmers sickerte, war gedämpft und weich. Im Raum hing noch immer der schwere, vertraute Duft von Kais Sandelholz-Parfüm und die elektrische Restwärme einer Nacht, die alles andere als ruhig verlaufen war.

​Nami lag halb auf Kais Brust, ihre Haut fühlte sich nach der Hitze der vergangenen Stunden kühl gegen die Laken an. Sie ließ die Nacht Revue passieren – die Art, wie Kai sie die Treppe hinaufgetragen hatte, die fast schon verzweifelte Gier, mit der sie sich nach den fünf Tagen der Trennung ineinander verkrallt hatten. Jede Berührung war wie ein Befreiungsschlag gewesen, eine Rückeroberung ihres gemeinsamen Raums.

​Sie spürte, wie Kai sich unter ihr bewegte. Seine Hand, groß und schwer, glitt besitzergreifend über ihren Rücken und blieb auf ihrer Hüfte liegen. Er war bereits wach; der Zar schlief selten lange, selbst nach Nächten wie dieser.

​„Du denkst zu viel“, murmelte er, seine Stimme durch den Schlaf noch tiefer und rauer als sonst.

​Nami hob den Kopf und sah in seine dunkelroten Augen, die sie ruhig beobachteten. „Ich dachte nur an gestern Abend. An das, was Hilary und Oma Yumi gesagt haben... und an das, was danach hier drin passiert ist.“ Sie lächelte leicht und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. „Sie hatten recht. Die Anspannung war... enorm.“

​Kai zog sie ein Stück höher, sodass ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war. Ein Schatten von Unzufriedenheit legte sich über seine Züge, was Nami kurz irritierte.

​„Es war nicht genug“, sagte er schlicht.

​Nami blinzelte überrascht. „Nicht genug? Kai, ich glaube, Graham wird heute Morgen absichtlich einen sehr weiten Bogen um diesen Korridor machen.“

​Kai gab ein tiefes Grollen von sich, das fast wie ein Knurren klang. Er drehte sie mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung und stützte sich über sie. Sein Blick brannte sich in ihren.

​„Du hast dich zurückgehalten, Nami“, stellte er fest, und es klang wie eine Anklage. „Ich habe gemerkt, wie du jedes Mal den Atem angehalten oder dein Gesicht in das Kissen gedrückt hast, wenn es zu intensiv wurde. Nur weil du Angst hattest, die Kinder oder das Personal in den Nebenzimmern könnten wieder etwas hören.“

​Nami spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Kai, Gou ist mittlerweile sehr aufmerksam, und die Zwillinge...“

​„Das ist mir egal“, unterbrach er sie rau. Er beugte sich vor, seine Lippen streiften ihre Ohrmuschel. „Ich habe deine Schreie vermisst. Ich wollte hören, wie du meinen Namen schreist, ohne dass du dir dabei auf die Lippen beißt. Diese... kontrollierte Leidenschaft ist nichts für mich. Ich will dich ganz, ohne dass du im Hinterkopf die Zimmertüren der Kinder zählst.“

​Er sah sie wieder an, und die Intensität in seinem Blick war so überwältigend, dass Nami den Atem anhielt.

Sein Blick wurde noch eine Spur dunkler, als er sich auf einen Arm stützte und mit der freien Hand langsam die Konturen ihres Gesichts nachfuhr.

​„Eigentlich“, korrigierte er sie leise, „...erinnere dich an unsere Abmachung. Einmal im Monat gehört das Anwesen uns – und zwar komplett. Die Jagd durch das ganze Haus, ohne Rücksicht auf Verluste.“

​Nami biss sich auf die Unterlippe, als die Erinnerung an dieses Versprechen in ihr aufstieg. Es war eine Tradition, die sie einst nach einem Pokerabend etabliert hatten: Ein Wochenende im Monat, an dem das Ayame-Anwesen Schauplatz ihrer ganz eigenen, privaten Spiele wurde. Doch in den letzten zwei Monaten war das Schicksal gegen sie gewesen. Zuerst hatte die Grippewelle die Kinder fest im Griff gehabt, und als es denen besser ging, hatte es Hiro und Hilda in ihrem eigenen Haus erwischt.

​„Es kam immer etwas dazwischen“, murmelte Nami. „Zuerst Ayumi und Ren, dann der Infekt bei meinen Eltern...“

​„Damit ist jetzt Schluss“, unterbrach Kai sie bestimmt. Er griff nach seinem Smartphone, das auf dem Nachttisch lag, und seine Züge nahmen wieder jene geschäftsmäßige Härte an, die er als Zar an den Tag legte, wenn er eine Verhandlung zu Ende führte. „Ich werde Hiro heute Vormittag anrufen. Er wollte sowieso noch einmal über die neuen Quartalszahlen von Tachibey und Tachiwari sprechen. Bei der Gelegenheit werde ich ihn an seine Pflichten als Großvater erinnern.“

​Nami musste leise lachen. „Du wirst meinen Vater geschäftlich unter Druck setzen, damit er die Kinder nimmt?“

​„Ich werde den Termin für die Übernahme der Kinder für das kommende Wochenende einfordern – von Samstagmorgen bis Sonntagabend. Ohne Wenn und Aber“, erwiderte Kai, während er bereits eine Nachricht tippte. „Ich habe keine Lust mehr auf Ausreden. Wenn er die Enkelkinder so sehr liebt, kann er es am Wochenende beweisen. Und Graham und Claire bekommen ebenfalls frei. Ich will keine diskreten Blicke oder trockenen Kommentare im Hintergrund.“

​Er legte das Handy weg und sah Nami wieder an, wobei sein Blick nun wieder jene gefährliche Sanftheit annahm. „Das kommende Wochenende gehört uns, mein Schatz. Und diesmal wird dich niemand daran hindern, so laut zu sein, wie du willst. Ich sorge dafür, dass der Termin steht.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herab, während im Hintergrund das ferne Geräusch von Gous Schritten auf dem Flur verkündete, dass der Alltag bald wieder an ihre Tür klopfen würde. Aber die Aussicht auf das nächste Wochenende hing nun wie ein süßes Versprechen zwischen ihnen.
 

Das Frühstück im großen Speisesaal des Ayame-Anwesens war eine lebhafte Angelegenheit, die in starkem Kontrast zur nächtlichen Stille stand. Der Duft von frisch gebrühtem Tee, Miso-Suppe und französischen Croissants – eine kulinarische Konzession an Claire – erfüllte den Raum.

​Gou saß aufrecht auf seinem Stuhl, die neue Schuluniform bereits tadellos angelegt. Er studierte aufmerksam eine Zeitung, während er sein Frühstück genoss, und wirkte dabei so sehr wie eine Miniatur-Ausgabe seines Vaters, dass Nami unwillkürlich lächeln musste, als sie den Raum betrat. Die Zwillinge Ayumi und Ren sorgten derweil für Trubel, indem sie versuchten, ihre Löffel in kleine Katapulte zu verwandeln, während die kleine Sayuri vergnügt in ihrem Hochstuhl gluckste.

​Kai betrat den Raum kurz nach Nami. Er trug bereits eine dunkle Anzughose und ein weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe noch offen standen. Graham schien sofort zu spüren, dass die Stimmung seines Herrn heute Morgen besonders entschlossen war. Ohne ein Wort servierte er Kai seinen starken schwarzen Kaffee.

​„Guten Morgen, Vater“, sagte Gou, ohne den Blick von den Nachrichten zu wenden. „Ich habe gesehen, dass die Kurse von Tachiwari heute Morgen leicht gestiegen sind. Ein gutes Omen für deinen Geburtstagstag danach, meinst du nicht?“

​Kai legte eine Hand auf Gous Schulter. „Ein Zar verlässt sich nicht auf Omen, Gou. Er schafft Fakten.“ Er warf Nami einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu, bevor er sein Smartphone entsperrte. „Und ich werde jetzt ein paar familiäre Fakten schaffen.“

​Er trat ans Fenster, das den Blick auf den früh winterlichen Garten freigab, und wählte Hiros Nummer. Es dauerte nicht lange, bis die tiefe Stimme seines Schwiegervaters erklang.

​„Hiro“, begann Kai, und sein Tonfall war der eines Geschäftsmanns, der gerade ein unschlagbares Angebot unterbreitete. „Ich wollte mich noch einmal für gestern bedanken. Aber es gibt da noch eine geschäftliche... und private Angelegenheit für das kommende Wochenende. Wir hatten über die nächtliche Betreuung der Enkelkinder gesprochen. Die Grippewelle ist vorbei, Hiro. Ich erwarte, dass der Transport am Samstagmorgen um neun Uhr steht. Wir haben einiges zu erledigen, das absolute Ruhe im Anwesen erfordert.“

​Am anderen Ende der Leitung war ein kurzes Schweigen zu hören, gefolgt von einem tiefen Lachen. Hiro wusste genau, was Kai meinte. „Du hast nichts von deiner Direktheit verloren, Kai. Schön. Hilda freut sich schon seit Wochen. Wir nehmen sie alle – von Gou bis Sayuri. Aber erwarte nicht, dass ich bei den Quartalszahlen nachgebe, nur weil ich den Babysitter spiele.“

​„Das würde ich nie erwarten“, erwiderte Kai mit einem kühlen Lächeln. „Samstag, neun Uhr. Wir sind uns einig.“

​Er legte auf und steckte das Handy weg. Als er sich umdrehte, sah er, dass Nami ihn beobachtete. Ein funkelndes Glühen lag in seinen Augen.

​„Es ist erledigt“, sagte er leise, nur für sie hörbar. „Das Wochenende gehört uns. Und diesmal gibt es keine Grippe, die uns dazwischen kommt.“

​Nami spürte ein angenehmes Zittern und lächelte herausfordernd. Der Zar hatte gesprochen, und das Schicksal des kommenden Wochenendes war besiegelt.
 

Dass Makoto Granger und Gou Hiwatari dieselbe Schule besuchten, war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer geschäftlichen Neuausrichtung, die Monate zuvor ihren Anfang genommen hatte. Nach der endgültigen Übernahme und Modernisierung des traditionsreichen Granger-Dojos war Tysons Kampfschule förmlich explodiert. Was einst ein bescheidener Ort für Hinterhof-Training gewesen war, hatte sich – nicht zuletzt dank Kais zugesicherter finanzieller Unterstützung und seinem strategischen Rat im Hintergrund – zu einem florierenden Imperium für Kampfsport und Beyblade-Philosophie entwickelt.

​Der wirtschaftliche Erfolg hatte es Hilary und Tyson ermöglicht, für Makoto denselben Bildungsweg zu wählen wie die Hiwataris. So kam es, dass Makoto nun ebenfalls die prestigeträchtige Minato-Privatschule besuchte, auch wenn er aufgrund seines Alters eine Stufe unter Gou stand.

​Die Schule selbst war ein beeindruckender Komplex aus Glas und dunklem Stein, in dem die Kinder der Elite Tokios auf ihre Zukunft vorbereitet wurden. Während die meisten Schüler in Gous Alter noch mit den Tücken der Geometrie oder der Rechtschreibung kämpften, bewegte sich der älteste Sohn der Hiwataris durch die Gänge, als gehörten sie ihm.

​Gou saß an seinem Platz am Fenster der dritten Etage. Sein Rücken war kerzengerade, seine Haltung unerschütterlich. Er trug die dunkelblaue Schuluniform mit einer Eleganz, die selbst die Lehrer beeindruckte. Vor ihm lag kein gewöhnliches Schulbuch, sondern ein komplexes Analyseheft über die kinetische Energie von Beyblades – seine eigene Interpretation des Physikunterrichts.

​„Hiwatari?“, flüsterte ein Mitschüler vom Nebentisch. „Stimmt das, dass dein Vater gestern dreißig geworden ist? Mein Vater sagt, die halbe Wirtschaftselite war in eurem Anwesen.“

​Gou drehte den Kopf nur minimal. Seine dunkelroten Augen fixierten den Jungen mit einer Ruhe, die diesen sofort verstummen ließ. „Es war eine private Feier“, antwortete Gou sachlich, aber mit einer Endgültigkeit, die keine weiteren Fragen zuließ. „Und wir sind hier, um über die Meiji-Restauration zu lernen, nicht über die Gästeliste meines Vaters.“

​Der Lehrer, ein älterer Mann, der normalerweise wenig Geduld mit abschweifenden Schülern hatte, nickte Gou anerkennend zu. Er schätzte den Jungen nicht nur wegen seines Intellekts, sondern wegen dieser unnatürlichen Disziplin. Gou besaß Kais Aussehen und Präsenz, kombiniert mit Namis scharfem Verstand – eine Mischung, die ihn in der Schule fast schon unantastbar machte.

​In der Mittagspause suchte Gou nicht den Trubel der Cafeteria. Er zog sich oft in den ruhigen Bereich des Schulhofs zurück, wo eine alte Steinbank unter einem Kirschbaum stand. Heute jedoch wurde er von Makoto abgefangen, der eine Stufe unter ihm war und wie ein Wirbelwind auf ihn zustürmte. Trotz der unterschiedlichen Klassenstufen hielten die beiden Söhne der Bladebreakers zusammen wie Pech und Schwefel.

​„Gou! Hast du das gesehen?“, rief Makoto aufgeregt und hielt ihm einen mobilen Launcher unter die Nase. Er war das lebhafte Ebenbild seines Vaters, ausgestattet mit einer Energie, die das gesamte Schulgelände zu vibrieren schien. „Mein Vater hat mir gezeigt, wie man den Spin-Winkel beim Start um drei Grad korrigiert! Er sagt, damit bin ich unschlagbar!“

​Gou betrachtete den Launcher, dann sah er Makoto an. Ein winziges, fast unsichtbares Lächeln – das erste an diesem Tag – stahl sich auf seine Lippen. „Ein technischer Vorteil ist nutzlos, Makoto, wenn du nicht die mentale Stärke besitzt, die Flugbahn deines Blades im Geist vorauszuberechnen. Komm heute Nachmittag nach der Schule ins Dojo deiner Eltern. Ich werde dir zeigen, warum dein Vater Recht hat, aber warum du trotzdem gegen mich verlieren wirst.“

​Makoto grinste breit. Er war einer der wenigen, die Gous kühle Art nicht als Arroganz, sondern als Herausforderung verstanden. „Abgemacht! Aber wehe, du bist wieder so streng wie beim letzten Mal!“

​Als Gou später am Nachmittag das Schulgelände verließ und zum schwarzen Wagen ging, in dem Graham bereits auf ihn wartete, spürte er die Blicke der anderen Eltern und Schüler. Er ignorierte sie. Er wusste, wer er war. Er war nicht nur ein Schüler dieser Akademie; er war der Erbe des Namens Hiwatari.

​„Wie war Ihr Tag, Master Gou?“, fragte Graham, während er die Tür des Wagens schloss.

​„Produktiv, Graham“, antwortete Gou knapp und lehnte sich in die Ledersitze zurück. „Aber ich freue mich auf das Wochenende bei Großvater Hiro. Es wird Zeit, dass wir die Zwillinge ein wenig fordern. Sie werden zu weich.“

​Graham beobachtete den Jungen im Rückspiegel und ein seltener Ausdruck von Stolz trat in seine Züge. „Ganz der Vater, Master Gou. Ganz der Vater.“

Jagdfieber

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Der Zar und sein Geheimnis

Der April in Tokio brachte die Kirschblüte mit sich, und mit ihr eine Leichtigkeit, die nach dem langen Winter wie ein Befreiungsschlag wirkte. Im Penthouse von Tala und Lumina in Shinjuku war der Blick auf die Stadt atemberaubend – ein Meer aus zartrosa Blütenblättern, das die grauen Straßenzüge überzog.

​Nami, Momoko und Hilary saßen in der lichtdurchfluteten Lounge um einen niedrigen Glastisch. Lumina hatte feinsten Matcha-Tee und eine Auswahl an kunstvollem Gebäck serviert. Die Stimmung war gelöst; man sprach über Gous schulische Erfolge, Tysons neueste Dojo-Erweiterung und die typischen kleinen Dramen des Alltags.

​Doch Nami bemerkte schon die ganze Zeit, dass Lumina eine ungewöhnliche Energie ausstrahlte. Ihre Augen funkelten mehr als sonst, und immer wieder strich sie sich fast unbewusst eine Strähne hinter das Ohr, wobei sie ein Lächeln unterdrückte.

​„Also, Lumina“, fing Momoko schließlich an und legte den Kopf schief. „Du platzt gleich vor Stolz oder Freude. Raus damit. Was ist los?“

​Lumina stellte ihre Teetasse ab. Ihr Lächeln wurde breiter, fast schon strahlend. „Ich wollte warten, bis wir alle zusammen sind. Letzte Woche war ja mein Geburtstag...“ Sie hielt kurz inne und sah in die Runde. „Tala hat mich an diesem Abend zum Essen ausgeführt. Nur wir zwei. Und danach, als wir wieder hier waren... hat er mich gefragt.“

​„Gefragt? Was gefragt?“, plapperte Hilary dazwischen, die gerade in ein Mandelplätzchen biss.

​Lumina hob langsam ihre linke Hand. An ihrem Ringfinger funkelte ein eleganter, schlichter Platinring mit einem Saphir, der so eisblau war wie Talas Augen. „Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Wir werden heiraten.“

​Stille herrschte im Raum. Hilary erstarrte mitten im Kauen, ihr Plätzchen drohte aus der Hand zu rutschen. Momoko schlug sich die Hände vor den Mund und stieß ein entzücktes Quietschen aus, während Nami aufstand, um ihre Cousine sofort in den Arm zu nehmen.

​„Lumina! Das ist wundervoll!“, rief Nami und drückte sie fest. „Ich freue mich so sehr für euch beide.“

​Hilary schaffte es endlich, zu schlucken. Sie starrte den Ring an, als wäre er ein außerirdisches Objekt. „Warte... Tala? Der Tala? Tala Valkov? Der Mann, der Emotionen normalerweise für eine unnötige Systemstörung hält?“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich bin total verblüfft. Ich meine, ich weiß, wie sehr er dich liebt, Lumina, aber ein Heiratsantrag? Mit Ring und allem? Das hätte ich von ihm niemals erwartet. Er ist doch der Inbegriff von... nun ja, unterkühlter russischer Effizienz.“

​Lumina lachte leise und ihre Wangen röteten sich leicht. „Glaub mir, ich war genauso überrascht. Er war furchtbar nervös, auch wenn er versucht hat, es hinter seiner üblichen Maske zu verbergen. Aber er sagte, dass er sich eine Zukunft ohne mich nicht mehr vorstellen kann. Es war... auf seine Art sehr romantisch.“

​„Tala und romantisch in einem Satz“, murmelte Hilary und grinste dann breit. „Das ist das Highlight des Jahres! Hat Kai schon davon gehört? Ich wette, sein Gesicht war Gold wert.“

​Nami schmunzelte. „Kai weiß es seit gestern. Tala hat ihn unter vier Augen informiert – offiziell, wie es sich für den Zaren und seinen Stellvertreter gehört. Kai war zwar gewohnt wortkarg, aber ich habe gesehen, dass er Tala respektvoll zugenickt hat. Das ist bei Kai praktisch das Äquivalent zu einem Freudentanz.“

​„Wir müssen planen!“, rief Momoko begeistert aus und zückte bereits ihr Smartphone. „Eine Hochzeit im Hause Valkov! Das wird das Event der Saison. Lumina, du musst uns alles erzählen. Wie war der Wortlaut? Hat er wirklich gekniet?“

​Lumina goss schmunzelnd neuen Tee ein. „Nur ein bisschen... aber das bleibt mein Geheimnis.“

Lumina strahlte übers ganze Gesicht, während sie die Reaktionen ihrer Freundinnen genoss. „Es steht auch schon fast alles fest“, fügte sie hinzu und nippte an ihrem Tee. „Wir werden im September heiraten. Tala war es wichtig, dass wir nicht zu lange warten. Die Zeremonie wird in England stattfinden, auf dem Anwesen meiner Eltern. Es ist ein recht stattliches altes Haus mit wunderschönen Gärten – perfekt für eine Spätsommerhochzeit. Und natürlich seid ihr alle mit euren Familien herzlich eingeladen. Tala besteht darauf, dass die alten Weggefährten dabei sind.“

​„England! Wie herrlich“, schwärmte Momoko. „Die Kinder werden es lieben, in einem richtigen Schlossgarten zu spielen.“

​Das Gespräch drehte sich eine Weile um Kleider, Flugverbindungen und die Frage, ob Tyson es schaffen würde, einen ganzen Flug lang ruhig zu sitzen, ohne das Bordmenü zu plündern. Nach einer Weile lehnte sich Lumina jedoch etwas erschöpft in die weichen Polster ihres Sofas zurück und rieb sich flüchtig die Schläfen.

​„Entschuldigt“, sagte sie beiläufig und unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin heute noch ein bisschen mitgenommen und müde von der Jagd letzte Nacht. Ich weiß gar nicht, Nami, wie du das immer machst. Wie erholst du dich eigentlich immer so schnell, wenn Kai dich durch das ganze Anwesen gejagt hat? Ich fühle mich heute, als wäre ich einen Marathon gelaufen.“

​Im Raum wurde es schlagartig still.

​Hilary, die gerade ein weiteres Plätzchen zum Mund führen wollte, hielt inne. Momoko blinzelte verwirrt und sah von Lumina zu Nami. Nami spürte, wie ihr das Blut augenblicklich in die Wangen schoss. Sie starrte konzentriert in ihre Teetasse, als ob die Teeblätter darin die Lösung für diese höchst peinliche Situation enthielten.

​„Die... Jagd?“, wiederholte Hilary langsam. Ihr Blick wurde scharf und ein amüsiertes, aber extrem neugieriges Funkeln trat in ihre Augen. „Was für eine Jagd bitteschön? Lumina, wovon redest du? Haben wir im 21. Jahrhundert etwas verpasst und ihr beide seid unter die Fuchsjäger gegangen?“

​Lumina, die den fragenden Blick von Hilary und das entsetzte Schweigen von Nami bemerkte, wurde plötzlich bewusst, dass sie gerade ein sehr privates Detail ausgeplaudert hatte, das offensichtlich nicht zum allgemeinen Smalltalk der Gruppe gehörte.

​Momoko neigte den Kopf und starrte Nami unverwandt an. „Nami-Schatz? Warum bist du so rot wie eine reife Tomate? Hat Kai etwa... ein Hobby, von dem wir nichts wissen? Hat das was mit diesem 'Zaren'-Ding zu tun?“

​Nami räusperte sich heftig und versuchte, ihre Fassung wiederzuerlangen, während sie Lumina einen verzweifelten „Warum-hast-du-das-gesagt“-Blick zuwarf.

​„Es ist nur... ein Spiel“, murmelte Nami und suchte händeringend nach einer unverfänglichen Erklärung. „Ein bisschen Ausdauertraining... für die Fitness.“

​Hilary prustete los und schlug sich auf den Oberschenkel. „Fitness! Dass ich nicht lache! Nami, du kannst uns viel erzählen, aber wenn der Zar und sein General anfangen, ihre Frauen durch ihre Anwesen zu 'jagen', dann hat das sicher nichts mit Aerobic zu tun.“ Sie beugte sich verschwörerisch vor. „Erzähl schon. Wie weitläufig ist dieses Spiel? Und wer von den beiden ist der rücksichtslosere Jäger?“

​Nami verbarg ihr Gesicht in den Händen, während Lumina verlegen kicherte. Das Thema Hochzeitsplanung war erst einmal erledigt – die Damen hatten eine viel spannendere Spur aufgenommen.

Nami versuchte verzweifelt, die Kontrolle über das Gespräch zurückzugewinnen. „Es ist wirklich nicht so spektakulär, wie ihr denkt“, setzte sie an und strich sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Ihr wisst doch, wie groß das Ayame-Anwesen ist. Wenn man da fangen spielt... mit den Kindern... dann artet das eben in Sport aus.“

​„Mit den Kindern?“, hakte Hilary skeptisch nach und zog eine Augenbraue so hoch, dass sie fast in ihrem Haaransatz verschwand. „Lumina hat gerade gesagt, Tala hat SIE gejagt. Und Tala macht nichts, was keinen strategischen Sinn ergibt – schon gar nicht Fangen spielen mit imaginären Kindern um zwei Uhr morgens.“

​„Vielleicht war es... Verstecken?“, warf Momoko hilfsbereit, aber mit einem verräterischen Glitzern in den Augen ein. „Kai liebt es doch, Dinge zu kontrollieren. Vielleicht kontrolliert er so die... Raumbelegung?“

​Nami spürte, wie die Hitze in ihrem Gesicht nun auch ihren Nacken erreichte. „Genau! Es geht um... Orientierung im Raum. Ein Training für die Sinne. Kai ist sehr darauf bedacht, dass ich mich im Notfall überall im Haus blind zurechtfinde.“

​Hilary lehnte sich triumphierend zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nami, Süße. Wir sind seit Jahren befreundet. Du hast gerade 'Notfall-Orientierungstraining' gesagt, während du aussiehst, als hättest du gerade an einer Starkstromleitung geleckt. Und Lumina sieht aus, als bräuchte sie drei Tage Urlaub in einem Sanatorium.“

​Lumina biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe. „Ich wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen, Nami. Ich dachte nur... weil Kai und Tala sich über alles austauschen, dachte ich, ihr hättet dieses... monatliche Abkommen auch.“

​Nami stöhnte leise auf. Das Wort Abkommen war der letzte Sargnagel für ihre Verteidigungsstrategie. Sie sah in die erwartungsvollen, amüsierten Gesichter von Hilary und Momoko und erkannte, dass jede weitere Ausrede sie nur noch tiefer in den Sumpf der Lächerlichkeit ziehen würde.

​Sie ließ die Schultern sinken und stellte ihre Tasse mit einem resignierten Klappern auf den Tisch. „Na schön. Ihr habt gewonnen.“

​Sie holte tief Luft und sah Hilary direkt an. „Es gibt keine Kinder, es gibt kein Orientierungstraining und es ist verdammt nochmal kein Aerobic. Es ist eine... Tradition. Wenn das Haus leer ist, gehört es uns. Und Kai nimmt das Wort 'Jagd' sehr, sehr wörtlich.“

​Hilary stieß einen schrillen Pfiff aus. „Ich wusste es! Der Zar auf der Pirsch! Und wie weit geht das? Treppe? Bibliothek? Küchentresen?“

​Nami schloss kurz die Augen, während die Bilder in ihrem Kopf aufblitzten – der kühle Stein des Tresens, die staubigen Regale der Bibliothek. „Überall, Hilary. Absolut. Überall.“

​Momoko fächerte sich mit der Hand Luft zu. „Oh mein Gott... und wir dachten immer, Kai wäre der Inbegriff von Disziplin und Etikette.“

​„Das ist er auch“, murmelte Nami und ein kleines, unbewusstes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, trotz der Peinlichkeit. „Aber wenn er mich fängt... dann vergisst er die Etikette sehr schnell. Und er hat eine Ausdauer, die... nun ja, Lumina hat recht. Man ist danach tagelang müde.“

​Hilary grinste so breit, dass es fast schmerzte. „Ich kann es kaum erwarten, Tyson davon zu erzählen. Er wird Kai nie wieder ansehen können, ohne an eine Verfolgungsjagd durch den Weinkeller zu denken.“

​„Wenn du das Tyson erzählst, Hilary“, sagte Nami mit einem plötzlichen, messerscharfen Unterton, der verdächtig nach Kai klang, „dann sorge ich persönlich dafür, dass Kai beim nächsten Training mit Tyson keine Gnade walten lässt. Und du weißt, wie Kai ist, wenn er schlecht gelaunt ist.“

​Hilary hob lachend die Hände. „Schon gut, schon gut! Das Geheimnis des Zarenhofs ist bei mir sicher. Aber Nami...“ Sie zwinkerte ihr zu. „Zehn Sekunden Vorsprung? Wirklich?“

​Nami seufzte und nahm einen großen Schluck Tee. „Manchmal sind es nur fünf. Er ist ein unfairer Jäger.“
 

Während die Damen im Penthouse noch über die Details der „Notfall-Orientierung“ lachten, herrschte im privaten Trainingsraum des Tachiwari-Hauptquartiers eine gänzlich andere Atmosphäre. Hier gab es keinen Tee und kein Gebäck, sondern nur das kalte, künstliche Licht, das auf den polierten Boden fiel, und das metallische Klicken von Beyblades, die mit unmenschlicher Geschwindigkeit gegeneinander prallten.

​Kai und Tala standen sich an der Beystadium-Arena gegenüber. Beide schwiegen. Es war das Schweigen von Männern, die sich seit ihrer Kindheit kannten und keine Worte brauchten, um die Stimmung des anderen zu lesen.

​Tala wirkte konzentrierter als sonst, seine Bewegungen waren präzise, aber es lag eine seltene Ruhe in seinem Blick. Kai hingegen beobachtete seinen Stellvertreter mit verschränkten Armen. Er hatte die Veränderung in Tala bemerkt, seit dieser den Entschluss gefasst hatte, den Ring für Lumina zu kaufen.

​„Du bist unkonzentriert, Tala“, stellte Kai kühl fest, als Talas Blade nach einer unsauberen Kollision kurz ins Taumeln geriet.

​Tala fing seinen Beyblade auf, als dieser aus der Arena sprang, und sah Kai direkt an. „Ich bin nicht unkonzentriert. Ich denke nur an die Logistik für September. Die Reise nach England wird Zeit in Anspruch nehmen.“

​Ein kurzes, fast unmerkliches Zucken umspielte Kais Mundwinkel. „Lumina hat es den Frauen erzählt, nicht wahr?“

​Tala nickte knapp. „Sie haben sich heute Nachmittag getroffen. Ich nehme an, die Planung für die ‚Hochzeit des Jahrzehnts‘ hat bereits begonnen.“ Er hielt inne und strich sich über das Kinn. „Sie wird wahrscheinlich auch Dinge erwähnt haben, die nicht die Hochzeit betreffen. Sie war heute Morgen... erschöpft.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch. Er wusste genau, was Tala meinte. Die subtile Rivalität zwischen den beiden Männern hatte sich über die Jahre in alle Bereiche ihres Lebens ausgedehnt – auch in die Art und Weise, wie sie ihre Territorien führten.

​„Frauen reden viel, wenn sie unter sich sind“, antwortete Kai trocken und trat einen Schritt auf das Fenster zu, das den Blick über das Geschäftsviertel freigab. „Aber solange sie nur reden, ist es kein Problem. Ich hoffe nur, Lumina hat Nami nicht auf falsche Gedanken gebracht. Meine Frau neigt dazu, ihre Fluchtrouten zu optimieren, wenn sie zu viel Zeit mit deinen strategischen Überlegungen verbringt.“

​Tala stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus – eines der seltenen Geräusche echter Erheiterung, die er sich nur bei Kai erlaubte. „Nami braucht keine Tipps von Lumina. Sie ist flinker als du zugibst, Kai. Aber mach dir keine Sorgen. Wenn sie heute Nachmittag zusammen waren, wird Nami jetzt wahrscheinlich damit beschäftigt sein, Hilary und Momoko zu erklären, warum du seit November so viel Wert auf die Statik deines Küchentresens legst.“

​Kai versteifte sich merklich. Er drehte den Kopf langsam zu Tala. „Du hast es ihr erzählt?“

​„Ich habe gar nichts erzählt“, entgegnete Tala ungerührt und steckte seinen Launcher weg. „Aber Lumina ist aufmerksam. Und sie sieht, wie Nami sich bewegt, wenn ihr ein Wochenende allein hattet. Es ist schwer, den ‚Zaren‘ zu verbergen, wenn er seine Spuren hinterlässt.“

​Kai schwieg einen Moment, dann wandte er sich wieder der Arena zu. „Solange Tyson nichts erfährt, ist mir die Meinung der Damen egal. Wenn Granger davon hört, werde ich ihn im Training so lange jagen, bis er vergisst, wie man seinen eigenen Namen schreibt.“

​„Zu spät, schätze ich“, murmelte Tala und sah auf sein Smartphone, das gerade aufleuchtete. „Hilary hat gerade eine Nachricht an die Gruppenmail geschickt. Betreff: ‚Anfrage für ein Fitnesstraining unter Leitung des Zaren‘.“

​Kai schloss die Augen. Er atmete tief durch. Er konnte förmlich hören, wie Tyson irgendwo in der Stadt bereits lautstark lachte.

​„Tala?“, sagte Kai leise.

​„Ja?“

​„Nächstes Mal jagen wir sie gemeinsam. In England. Auf dem Anwesen deiner Schwiegereltern gibt es mehr Platz.“

​Tala grinste – ein gefährliches, wolfsähnliches Grinsen. „Abgemacht, Kai.“
 

Als Kai an jenem Abend das Anwesen betrat, herrschte eine trügerische Stille. Er legte seinen Mantel ab und lockerte seine Krawatte, während seine Schritte auf dem Marmor widerhallten. Er wusste genau, wo Nami war. Er spürte ihre Präsenz im kleinen Salon, wo sie versuchte, sich hinter einem Buch zu verstecken – eine Taktik, die bei ihm noch nie funktioniert hatte.

​Er trat in den Raum und blieb im Türrahmen stehen. Er sagte nichts. Er beobachtete sie einfach nur, bis Nami es nicht mehr aushielt und das Buch ein Stück senkte.

​„Du bist spät“, sagte sie mit einer Stimme, die eine Spur zu unschuldig klang.

​„Und du warst heute Nachmittag sehr gesprächig“, entgegnete Kai ruhig. Er trat langsam in den Raum, seine Augen fixierten sie mit dieser intensiven Schärfe, die sie immer noch zum Zittern brachte. „Tala hat mir von einer interessanten E-Mail erzählt, die Hilary an alle geschickt hat. Etwas über... Fitnesstraining?“

​Nami biss sich auf die Unterlippe und legte das Buch endgültig weg. „Lumina hat es beiläufig erwähnt. Ich habe versucht, es zu retten! Ich habe von Orientierungstraining und Statik gesprochen, aber Hilary... du kennst Hilary. Sie lässt nicht locker, bis sie Blut leckt.“

​Kai blieb direkt vor ihr stehen. Er legte eine Hand an die Rückenlehne ihres Sessels und beugte sich tief zu ihr herab, bis ihre Nasenspitzen sich fast berührten. „Orientierungstraining?“, wiederholte er dunkel. „Ist das die offizielle Bezeichnung für das, was wir in der Bibliothek gemacht haben?“

​„Ich musste irgendetwas sagen!“, verteidigte sie sich, während ihre Wangen erneut eine zartrosa Farbe annahmen. „Sie haben mich angestarrt, Kai. Alle drei. Ich kam mir vor wie bei einem Verhör durch die Geheimpolizei.“

​Kai strich ihr mit dem Daumen über die Wange, eine Geste, die gleichzeitig zärtlich und besitzergreifend war. „Du hast mein bestgehütetes Geheimnis verraten. Jetzt weiß die halbe Welt – oder zumindest der Teil der Welt, den ich am meisten meide –, dass der Zar ein Spiel spielt, das nicht in den Protokollen der Tachiwari-Corporation steht.“

​„Es tut mir leid“, murmelte sie, obwohl ein freches Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie die Situation weniger dramatisch fand als er. „Wirst du mich jetzt bestrafen?“

​Ein gefährliches Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. Er zog sie langsam aus dem Sessel hoch, bis sie fest gegen seinen Körper gepresst stand. „Bestrafen? Nein. Aber da mein Ruf nun ohnehin ruiniert ist, sehe ich keinen Grund mehr, diskret zu sein.“

​Er neigte seinen Kopf zu ihrem Ohr und flüsterte mit dieser rauen, fordernden Stimme, die sie sofort alles andere vergessen ließ: „Wenn Tyson mich das nächste Mal grinsend ansieht, werde ich ihn im Training vernichten. Aber heute Nacht werde ich dafür sorgen, dass du morgen eine wirklich gute Ausrede für deine Müdigkeit brauchst. Und diesmal gibt es keine zehn Sekunden Vorsprung, weil du mich in den ‚Ladyklatsch‘ hineingezogen hast.“

​Er hob sie mühelos hoch, und Nami schlang ihre Beine um seine Taille, während sie leise lachte. „Das ist Erpressung, Kai.“

​„Das“, korrigierte er sie, während er sie bereits in Richtung der Treppe trug, „ist die Vorbereitung auf England. Wir wollen Lumina und Tala doch nicht enttäuschen, wenn sie uns dort auf ihr Anwesen einladen, oder?“

Die Lektion und eine Warnung

Kai Hiwatari war kein Mann, der viel auf die Meinung anderer gab, doch es gab eine Grenze, die niemand ungestraft überschritt: seine Privatsphäre. Und genau diese Grenze war in den letzten achtundvierzig Stunden nicht nur überschritten, sondern mit Anlauf niedergetrampelt worden.

​Es hatte mit Hilarys Nachricht im Gruppenchat begonnen – einer eigentlich harmlosen, wenn auch indiskreten Anfrage bezüglich eines „Fitnesstrainings unter der Leitung des Zaren“. Doch die Katastrophe nahm ihren Lauf, als Tyson, getrieben von seinem unerschütterlichen Mangel an Taktgefühl, eine Sprachnachricht als Antwort schickte.

​Kai saß in seinem Büro, als er die Nachricht abspielte. Ray, Max und sogar Kenny waren im Chat aktiv gewesen, und sie alle hatten gehört, wie Tyson zwischen zwei Bissen eines Sandwiches lautstark losgelacht hatte.

„Fitness-Training?!“, hatte Tysons Stimme durch die Lautsprecher gedröhnt. „Leute, hört ihr das? Kai lässt sich von Nami nackt durchs Haus jagen! Ich wusste ja, dass er unter dem Pantoffel steht, aber dass der Zar jetzt den Marathonläufer für seine Frau spielt, ist das Beste, was ich je gehört habe! Kai, alter Junge, wenn du Hilfe bei der Kondition brauchst, komm zu mir ins Dojo – ich zeig dir, wie man wegrennt, ohne außer Puste zu kommen!“

​Danach war der Chat explodiert. Max hatte lachende Emojis geschickt, Ray einen dezenten, aber vielsagenden Kommentar über „russische Traditionen“ hinterlassen.

​Als Nami Kai am Abend davon erzählte, hatte sie eigentlich gehofft, die Wogen zu glätten. Sie hatte ihm gestanden, dass sie Hilary unmissverständlich gedroht hatte, Kai würde Tyson im Training vernichten, falls Hilary ihm auch nur ein Wort erzählte. Doch Tyson war eben Tyson. Er hatte die Vernunft ignoriert und die Information stattdessen weltweit – oder zumindest innerhalb ihres Freundeskreises – verbreitet.

​Für Kai war das die Freigabe. Nami hatte ihre Drohung ausgesprochen, Hilary hatte sie ignoriert. Damit lag die Verantwortung für das, was nun folgen würde, allein bei Tyson. Kai würde nicht zulassen, dass man ihn auslachte. Er würde Tyson zeigen, was „Jagd“ wirklich bedeutete.
 

​Die neue Trainingshalle der Tachibey Academy war ein Meisterwerk aus Glas, Stahl und modernster Sensortechnik. Sie lag tief im Unterbau des Hauptquartiers, ein steriler, schallisolierter Raum, der nur einem Zweck diente: der Perfektionierung des Beybladings unter extremsten Bedingungen.

​An diesem Nachmittag war die Atmosphäre in der Halle so geladen, dass man das Knistern in der Luft förmlich spüren konnte. Kai stand am Rand der Arena, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick auf den Eingang gerichtet.

​Als sich die pneumatischen Türen öffneten, trat Tyson Granger ein. Er versuchte, sein typisches, breitbeiniges Grinsen aufzusetzen, doch es wirkte seltsam hölzern. Hinter ihm schlich Hilary, die ihm einen Blick zuwarf, der irgendwo zwischen einer Warnung und einer unverhohlenen Drohung schwankte.

​„Hey, Kai! Altes Haus!“, rief Tyson, doch seine Stimme hallte ein wenig zu laut in der weiten Halle wider. „Netter neuer Schuppen, den du hier hast. Ein bisschen... grau, findest du nicht? Ein paar Poster von mir an den Wänden würden den Laden echt aufpeppen!“

​Hilary verdrehte die Augen und verpasste Tyson einen diskreten, aber schmerzhaften Stoß in die Rippen. „Halt den Mund, Tyson“, zischte sie leise.

​Kai rührte sich nicht. Nur seine Augen verengten sich. „Du bist spät, Tyson. Ich dachte schon, du hättest Angst vor einem einfachen Training bekommen.“

​„Angst? Ich?“, Tyson lachte nervös und nestelte an seinem Launcher. „Ich war nur... beschäftigt. Das Dojo, du weißt schon. Viel zu tun.“ Er spürte Hilarys bohrenden Blick im Rücken. Sie hatte ihn den ganzen Weg hierher ermahnt, bloß keine dummen Sprüche über Kais Privatleben zu machen. Sie wusste, dass Nami ihr von der „Jagd“ erzählt hatte, und sie wusste vor allem, dass Kai wusste, dass sie es wusste.

​„Genug geredet“, unterbrach Kai die Stille. Seine Stimme war ruhig, aber sie hatte die Konsistenz von gefrorenem Stahl. „Ich habe Tyson eingeladen, um die neuen Simulationseinheiten der Arena zu testen. Wir kämpfen unter Stufe 7. ‚Arktischer Sturm‘.“

​Tyson schluckte. Stufe 7 bedeutete Windmaschinen, die Orkanstärke erreichten, und eine Bodenbeschaffenheit, die sich sekündlich von spiegelglattem Eis in unebenes Geröll verwandeln konnte. „Klingt... spaßig. Aber sag mal, Kai, ist das Training für die Ausdauer? Ich meine, du scheinst ja in letzter Zeit viel Wert auf... Fitness zu legen. So im Allgemeinen.“

​Hilary erstarrte. Sie sah, wie Kai langsam den Kopf hob.

​„Fitness?“, wiederholte Kai gedehnt.

​„Ja, du weißt schon“, plapperte Tyson weiter, unfähig, die herannahende Katastrophe zu erkennen. „Hilary meinte da sowas von wegen Orientierungstraining im Haus und so... ich dachte mir, wenn du mal Hilfe beim Möbelschleppen brauchst oder wenn du jemanden suchst, der mit dir durch den Garten rennt...“

​„Tyson!“, stieß Hilary hervor, ihr Gesicht eine Maske des Entsetzens.

​Ein dunkles, fast Raubtier-artiges Lächeln erschien auf Kais Lippen. Es war das Lächeln, das seine Gegner normalerweise kurz vor ihrer totalen Niederlage sahen. „Orientierungstraining. Verstehe.“

​Er trat an die Konsole und gab mit schnellen Bewegungen einen Befehl ein. „Wir überspringen Stufe 7. Wir gehen direkt auf Stufe 10. Arktischer Nullpunkt.“

​„Warte, was?“, rief Tyson, doch es war zu spät.

​Die Halle verdunkelte sich augenblicklich. Ein tiefes Grollen erschütterte den Boden. Aus den Seitenwänden der Arena schossen eisige Nebelschwaden hervor, und die Temperatur im Raum fiel innerhalb von Sekunden um zehn Grad. Das Licht in der Mitte der Arena pulsierte nun in einem bedrohlichen Violett.

Nun hatte Tyson keine Wahl. Er schluckte und machte Dragoon in seinem Launcher bereit.

​„Drei... zwei... eins...“, Kais Stimme klang wie ein Todesurteil. „Let it rip!“

​Dranzer und Dragoon schossen mit einer Wucht in die Arena, die Funken sprühen ließ. Doch der Kampf war anders als sonst. Kai wartete nicht auf Tysons Angriff. Er ging sofort in die Offensive, und Dranzer bewegte sich mit einer Aggressivität, die Tyson völlig überrumpelte.

​„Hey! Das ist kein normales Match!“, rief Tyson, während er versuchte, Dragoon in der Spur zu halten. Der Boden unter seinem Beyblade veränderte sich ständig, wurde zu unebenem Terrain, dann zu einer rotierenden Scheibe.

​„Du wolltest etwas über meine Fitness erfahren, Granger?“, Kais Stimme schnitt durch das Heulen der Windmaschinen. „Dann zeig mir, wie lange du durchhältst, wenn der Jäger keine Lust mehr auf Spiele hat.“

​Dranzer schlug immer wieder gegen Dragoon ein, unerbittlich, präzise, vernichtend. Jeder Treffer klang wie ein Hammerschlag. Tyson rannte um die Arena, versuchte verzweifelt, den Überblick zu behalten, während Kai einfach nur dort stand, völlig unbeeindruckt von den künstlichen Orkanböen, die an seinem Mantel rissen. Er wirkte wie eine Statue aus Eis, die nur durch den Willen zur Zerstörung belebt wurde.

​„Kai, komm schon! Das war doch nur ein Witz!“, schrie Tyson gegen den Lärm an.

​„Ich lache nicht“, entgegnete Kai kalt. „Und du wirst auch gleich aufhören zu lachen.“

​Mit einem Mal entfachte Dranzer eine gewaltige Feuersäule, die sich mit dem eisigen Nebel der Arena zu einem zerstörerischen Wirbelsturm verband. Es war die perfekte Demonstration von Kais Kontrolle – und seiner Wut. Dragoon wurde in die Luft geschleudert, prallte gegen die Sicherheitsverglasung und schlug schließlich leblos auf dem Boden auf.

​Stille kehrte in die Halle zurück. Die Maschinen schalteten sich ab, der Nebel verzog sich.

​Tyson stand schwer atmend da, die Knie zitternd. Er sah auf seinen Beyblade hinunter, der immer noch leicht rauchte. „Okay... okay. Ich hab’s kapiert. Kein Wort mehr über... Orientierung.“

​Kai trat auf ihn zu. Er sah Tyson direkt in die Augen, dann wanderte sein Blick zu Hilary, die sich so klein wie möglich machte.

​„England wird kein Urlaub, Granger“, sagte Kai leise. „Wenn du dort auch nur einmal den Mund zur falschen Zeit aufmachst, wird das hier wie ein Aufwärmtraining im Kindergarten wirken. Hast du mich verstanden?“

​Tyson nickte heftig, unfähig zu sprechen.

​„Gut.“ Kai wandte sich ab und ging in Richtung Ausgang. Kurz bevor er die Tür erreichte, hielt er inne, ohne sich umzudrehen. „Und Hilary?“

​„J-ja?“, piepste sie.

​„Sag Nami, ich bin heute Abend etwas früher zu Hause. Für das... Abschlusstraining.“

​Mit diesen Worten verschwand er. Tyson sackte auf die Knie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Mann... was hat der Kerl eigentlich für ein Problem? Ich wollte doch nur nett sein.“

​Hilary sah ihn mitleidig an. „Tyson, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der es schafft, mit einem einzigen Satz ein ganzes Katastrophenszenario heraufzubeschwören. Wir fliegen nach England – und wenn wir dort ankommen, hältst du dich am besten nur in der Nähe des Buffets auf. Weit weg von Kai. Und ganz weit weg von Nami.“

​Tyson seufzte und starrte auf die leere Arena. „Wenigstens gibt es in England Schlösser. Da kann man sich besser verstecken.“

​„Glaub mir“, murmelte Hilary und dachte an das Funkeln in Kais Augen, „vor Kai gibt es kein Versteck. Nicht in Japan, und erst recht nicht in England.“

Ein Urlaub voller Augenrollen

Der September in England zeigte sich von seiner goldenen Seite, als die Vorbereitungen für die Hochzeit von Tala und Lumina ihren Höhepunkt erreichten. Doch bevor die idyllischen Hügel der Cotswolds in Sicht kamen, stand die logistische Herausforderung der Anreise an – und die hätte unterschiedlicher nicht sein können.

​In der exklusiven Lounge des Haneda-Flughafens herrschte gedämpfte Stille. Die Hiwataris und die Tachibas warteten auf das Boarding ihres Privatjets. Kai stand mit Sayuri auf dem Arm am Fenster, den Blick auf die elegante Maschine der Tachiwari-Corporation gerichtet, während Nami die Zwillinge im Zaum hielt. Hiro und Hilda unterhielten sich leise mit Gou, der bereits wie ein kleiner Geschäftsmann in seinem perfekt sitzenden Reiseanzug wirkte. Graham und Claire kümmerten sich im Hintergrund um das Gepäck, das fast ausschließlich aus maßgeschneiderter Abendgarderobe bestand.

​Als sie schließlich abhoben, gab es keinen Stress, keine Warteschlangen und vor allem keinen Mangel an Platz. „Das ist die einzige Art zu reisen, Kai“, seufzte Nami, als sie sich in den breiten Ledersessel zurücklehnte, während eine Flugbegleiterin Champagner und frisch gepressten Saft für die Kinder servierte. Kai nickte nur knapp, sein Blick war bereits auf seinem Laptop fixiert, doch seine Hand ruhte entspannt auf Namis Knie.

​Ganz anders sah es am anderen Ende des Flughafens aus.

​Hilary stand mit den Händen in den Hüften vor dem Check-in-Schalter und starrte ihren Ehemann fassungslos an. „Economy, Tyson? Ernsthaft? Ein elfstündiger Flug nach London in der Economy Class?“

​Tyson grinste breit, während er sich ein Sandwich in den Mund schob. „Komm schon, Hil! Das Geld, das wir hier sparen, können wir in England für echtes englisches Frühstück und Souvenirs ausgeben! Das Dojo floriert zwar, aber man muss doch bodenständig bleiben. Außerdem hat Makoto hinten bei den anderen Kindern viel mehr Spaß.“

​Hilary sah zu Makoto und ihrer zweijährigen Tochter, die bereits versuchten, die Absperrbänder des Flughafens als Lasso zu benutzen. „Ich werde dich auf halber Strecke über Sibirien aus der Luke werfen“, murmelte sie, als sie sich in die endlose Schlange der Reisenden einreihten.

​Währenddessen genossen Max und Midori, sowie Ray und Mariah mit der kleinen Lin, den Luxus der First Class. Max hatte für alle gebucht und lachte fröhlich, als er sah, wie Ray versuchte, Mariah davon abzuhalten, das gesamte Bord-Menü für Lin zu bestellen. Noah, Momoko und Kenji hatten sich ebenfalls für die First Class entschieden, wobei die zweijährige Hina bereits damit beschäftigt war, die Knöpfe an Kenjis Sitz zu testen, bis dieser sich fast waagerecht in die Liegeposition bewegte.
 

​Einen Tag später versammelten sich alle auf dem beeindruckenden Anwesen der Familie Davies. Das Haus war ein architektonisches Juwel aus hellem Sandstein, umgeben von gepflegten Rasenflächen und uralten Eichen.

​Als die Autos vorfuhren, wurden sie bereits erwartet. Eric Davies, Luminas Vater und Hildas jüngerer Bruder, trat aus dem Portal. Er war die personifizierte englische Aristokratie – groß gewachsen, mit demselben markanten, weiß-silbernen Haar wie Hilda und Nami, und Augen in einem tiefen Magenta, die fast violett schimmerten. Seine Präsenz war einnehmend, sein Lächeln von einer natürlichen Herzlichkeit, die sofort jeden Raum einnahm.

​An seiner Seite stand Emily, Luminas Mutter. Sie war eine klassische Schönheit mit hellblondem Haar, das zu einem eleganten Knoten gesteckt war, und klaren, hellblauen Augen, die vor Freude leuchteten.

​„Willkommen in England!“, rief Eric mit einer klangvollen Stimme und breitete die Arme aus. Er schritt auf Hiro zu und die beiden Männer tauschten einen festen Händedruck aus, der von jahrelangem gegenseitigem Respekt zeugte. Dann wandte er sich an Nami. „Meine liebe Nichte. Du wirst von Jahr zu Jahr schöner. Man sieht sofort, dass das japanische Klima dir gut tut.“

​Nami verbeugte sich leicht und lächelte. „Vielen Dank, Onkel Eric. Es ist wunderbar, nach so vielen Jahren wieder hier zu sein.“

​Tyson, der völlig zerknittert und mit Augenringen aus dem Taxi stieg – ein direktes Resultat von elf Stunden in Sitzreihe 45 –, starrte das Anwesen mit offenem Mund an. „Wow... das ist ja noch größer als Kais Hütte.“

​Hilary gab ihm einen heftigen Stoß in die Seite. „Benimm dich, Tyson! Und versuch nicht, den Rasen für Beyblade-Matches zu benutzen, bevor die Begrüßung vorbei ist!“

​Tala stand etwas abseits bei Lumina. Er trug einen dunklen Anzug und wirkte in dieser Umgebung fast wie ein Fremdkörper, doch Lumina hielt seinen Arm fest umschlungen. Eric trat auf Tala zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Die beiden Männer waren fast gleich groß, und der Kontrast zwischen Erics magentafarbenen und Talas eisblauen Augen war faszinierend.

​„Tala“, sagte Eric ernst. „Ich hoffe, du bist bereit. Meine Frau hat bereits die gesamte Nachbarschaft in Aufruhr versetzt. Eine Davies-Hochzeit ist hier ein Staatsereignis.“

​Tala nickte knapp, ein seltener Ausdruck von Respekt in seinen Zügen. „Ich bin bereit, Sir.“

​Während die Diener begannen, die Berge von Gepäck ins Haus zu tragen und die Kinder schreiend über den englischen Rasen tobten, beobachtete Kai die Szene. Er sah zu Eric, dann zu Hiro und schließlich zu Nami. Er wusste, dass dieses Wochenende eine Herausforderung für seine Geduld werden würde – aber inmitten dieser Pracht und der versammelten Familie Davies spürte er, dass selbst der Zar von Tokio gegen den Charme eines englischen Lords und die Hartnäckigkeit seiner eigenen Frau keine Chance haben würde.
 

Der Abend auf Davies Manor begann mit einer Zeremonie, die so nur in den ehrwürdigen Hallen des englischen Adels stattfinden konnte. Der große Speisesaal war mit Kerzenleuchtern aus schwerem Silber geschmückt, und das Licht spiegelte sich in den dunklen Holzvertäfelungen wider.

​Gerade als die Gäste sich im Empfangssalon versammelten, öffneten sich die Flügeltüren am Ende der Galerie. Ein Raunen ging durch die Menge, als John und Alice Davies, Luminas Großeltern väterlicherseits, den Raum betraten. Trotz ihres hohen Alters strahlten sie eine Aura aus, die fast schon übernatürlich wirkte.

​John Davies, das Familienoberhaupt, trug sein silberweißes Haar so stolz wie eine Krone. Seine magentafarbenen Augen, das Markenzeichen der Davies-Linie, blitzten vor Intelligenz und Vitalität. An seiner Seite schritt Alice, eine Frau von zeitloser Eleganz, deren Haltung so aufrecht war, als würde sie jeden Moment zu einem Ball im Buckingham Palace erwartet. Man sah sofort, woher Eric und Hilda ihre markante Attraktivität geerbt hatten.

​„Mutter, Vater“, sagte Eric und verneigte sich leicht, während er seine Eltern zu den Gästen führte.

​John blieb vor Hiro stehen und klopfte ihm auf die Schulter. „Tachiba. Immer noch so stur wie eh und je, wie ich sehe. Schön, dass ihr es über den Ozean geschafft habt.“

​Doch die Aufmerksamkeit verlagerte sich schnell auf die andere Seite der Familie. Luminas Großeltern mütterlicherseits, Arthur und Martha, traten hinzu. Sie waren das genaue Gegenteil der distanzierten Davies-Eleganz. Martha trug eine bunte, gestrickte Stola über ihrem festlichen Kleid und Arthur hatte ein freundliches, rundes Gesicht, das von unzähligen Lachfalten gezeichnet war.

​Kai beobachtete sie aus dem Hintergrund, während er an seinem Champagner nippte. Sein Blick blieb an Martha hängen, die gerade auf Max zustürmte und ihm ungefragt die Wangen tätschelte, während Arthur Tyson in ein Gespräch über die beste Art, Rosen zu züchten, verwickelte.

​Nami, die direkt neben Kai stand, beobachtete das Gesicht ihres Mannes ganz genau. Sie sah, wie sich seine Augenbrauen minimal zusammenzogen und wie sein Blick zwischen Arthur und Martha hin und her wanderte. Ein unterdrücktes Kichern entwich ihr.

​„Worüber lachst du?“, fragte Kai, ohne den Blick von den rüstigen Engländern abzuwenden.

​„Ich kann deine Gedanken lesen, Kai“, flüsterte sie und trat einen Schritt näher an ihn heran. „Du denkst gerade an Oma Yumi und Opa Takeshi, nicht wahr? Martha hat exakt denselben Blick, wenn sie jemanden bemuttern will, und Arthur hat dieses verschmitzte Funkeln, das Takeshi immer hatte, wenn er jemanden auf den Arm nehmen wollte.“

​Kai verzog keine Miene, aber Nami sah das verräterische Zucken in seinem rechten Auge. „Sie sind... laut“, murmelte er nur. „Und sie haben Tyson bereits in ihren Bann gezogen. Eine gefährliche Kombination.“

​Nami kicherte erneut. „Gib es zu, Kai. Sie erinnern dich an zu Hause. Das macht dir Angst, weil du weißt, dass du Martha heute Abend nicht entkommen wirst, wenn sie beschließt, dass du zu blass bist und mehr Roastbeef brauchst.“

​Kai sah zu Martha, die tatsächlich gerade mit einem Teller kleiner Häppchen in ihre Richtung steuerte. Er lehnte sich zu Nami und raunte: „Wenn sie versucht, mir in die Wange zu kneifen, Nami, dann ist die Jagd heute Nacht bereits im Gange – und zwar mit dir als Zielscheibe, nur damit ich mich abreagieren kann.“

​Nami biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen, als Martha sie erreichte. „Oh, ihr zwei seid ja ein wunderschönes Paar! Aber Kai, mein Junge, du siehst so streng aus. Hast du Hunger? Arthur, bring dem jungen Mann etwas von den Scones, er sieht aus, als hätte er im Flugzeug nur Eiswürfel bekommen!“

​Kai schloss für eine Sekunde die Augen und atmete tief durch, während Nami ihm einen aufmunternden, aber schadenfrohen Blick zuwarf. Die Davies-Hochzeit hatte gerade erst begonnen, und der Zar hatte seinen Meister in einer englischen Großmutter gefunden.
 

Das Abendessen im prachtvollen Speisesaal von Davies Manor war eine Studie in Kontrasten. Das schwere Silberbesteck glänzte im Kerzenschein, und die Diener in ihren dunklen Westen bewegten sich so lautlos wie Geister.

​An einem Ende der Tafel saß Tala, flankiert von John und Eric Davies. Es war ein Anblick, der Kai fast ein Grinsen entlockt hätte. Tala, der normalerweise ganze Armeen mit einem Blick zum Schweigen brachte, befand sich in der Zange zweier Generationen englischer Lords.

​„Erzähl mir, Tala“, begann John Davies und fixierte ihn mit seinen magentafarbenen Augen, während er ein Stück Fasan zerlegte. „Meine Enkelin wohnt nun also fest in Japan. Werdet ihr auch in deine Heimat nach Russland reisen? Ich habe gehört, die Winter dort sind... charakterbildend. Wie gedenkst du, meine Enkelin in einem Land warmzuhalten, das mehr Eis als Wärme produziert?“

​Tala blieb gewohnt ruhig, doch Nami sah, wie sich sein Kiefer leicht anspannte. „Lumina ist stärker, als sie aussieht, Sir. Und was die Kälte betrifft – die Häuser in Moskau verfügen über eine hervorragende Heizung und genug Kamine, um England zwei Wochen lang zu wärmen.“

​Eric Davies schmunzelte und nippte an seinem Rotwein. „Es geht nicht nur um das Feuer im Kamin, Junge. Es geht um die Verantwortung. Die Davies-Frauen sind... eigenwillig. Wenn sie unglücklich sind, fangen sie an, das Mobiliar umzudekorieren oder, noch schlimmer, sie fangen an zu politisieren. Bist du bereit für eine Frau, die dir bei deinen strategischen Sitzungen widerspricht?“

​Lumina, die gegenüber saß, zwinkerte Tala ermutigend zu, während dieser knapp nickte. „Ich habe bereits gelernt, dass Widerspruch von Lumina meistens bedeutet, dass ich einen Fehler in meiner Planung übersehen habe. Ich schätze ihre... Eigenwilligkeit.“

​John Davies hob anerkennend eine Braue. „Ein Diplomat. Wer hätte das gedacht.“

​Am anderen Ende der Tafel verlief das Gespräch weitaus weniger zivilisiert. Tyson saß direkt neben Martha, der Großmutter mütterlicherseits.

​„Tyson, Schätzchen, du benutzt die falsche Gabel“, flüsterte Martha lautstark, was Hilary dazu brachte, das Gesicht in den Händen zu verbergen. „Die kleine da ist für den Hummer, die große für das Fleisch. Und nimm den Ellenbogen vom Tisch, sonst stößt du noch den Wein von diesem netten Max um.“

​Tyson, der immer noch sichtlich unter dem Jetlag der Economy Class litt, starrte verzweifelt auf das Arsenal an Besteck vor ihm. „Ich... dachte, man isst das hier einfach?“, murmelte er und versuchte, eine Erbse aufzuspießen, die prompt vom Teller sprang und direkt vor Kai landete.

​Kai starrte die Erbse an, als wäre sie ein persönlicher Affront gegen seine Familienehre. Er hob den Blick und sah Tyson so eisig an, dass dieser fast seinen Löffel verschluckte.

​„Tyson“, sagte Kai leise. „Wenn du noch einmal versuchst, Gemüse als Projektile zu verwenden, sorge ich persönlich dafür, dass du den Rückweg nach Japan schwimmst.“

​„Lass ihn doch, Kai!“, rief Martha und klopfte Tyson munter auf den Rücken. „Der Junge hat Hunger! Er ist so dünn, man kann ihn ja fast durchschauen. Hier, nimm noch eine Portion Yorkshire Pudding.“

​Kai wandte sich hilfesuchend an Nami, die neben ihm saß und sich sichtlich bemühte, ihren Lachanfall zu unterdrücken. „Nami“, raunte er. „Diese Frau ist eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. Sie hat Tyson bereits dazu gebracht, seinen dritten Teller zu füllen, und sie hat mich gerade ‚mein Junge‘ genannt.“

​„Gewöhn dich dran, Kai“, flüsterte Nami zurück und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Schau dir Arthur an.“

​Arthur Davies saß am Kopfende und lachte schallend über einen Witz von Hiro Tachiba. Die beiden älteren Herren hatten sich innerhalb von einer Stunde angefreundet, als hätten sie gemeinsam in den Schützengräben gestanden. Arthur erinnerte wirklich frappierend an den verstorbenen Takeshi – diese herzliche, bodenständige Art, die selbst den unterkühlten Kai dazu brachte, sich ein klein wenig weniger steif zu fühlen.

​Gerade als Kai dachte, er hätte den Abend sicher überstanden, beugte sich Martha zu ihm vor. „Und du, Kai... du hast so schönes Haar. Fast wie meine Lumina. Aber du guckst so ernst. Hast du Verstopfung? Ich habe da einen wunderbaren Tee oben in meinem Zimmer...“

​Nami prustete nun doch laut los, während Kai die Augen schloss und sich fragte, ob es in diesem riesigen Anwesen ein Versteck gab, das Martha nicht finden würde.

​„Siehst du, Kai?“, kicherte Nami. „Die Jagd hat schon begonnen. Nur dass du diesmal die Beute bist – und die Jägerin trägt eine bunte Stola und bietet dir Abführtee an.“

​Kai sah sie mit einem Blick an, der versprach, dass er sich später im Schlafzimmer an ihr rächen würde – zehn Sekunden Vorsprung oder nicht.

Liebe ♡

Die Nacht über Davies Manor war tiefblau und von einer Stille erfüllt, die man im geschäftigen Tokio selten fand. Im Westflügel des Anwesens war es ruhig geworden. Gou, die Zwillinge und die kleine Sayuri waren in einem großen, angrenzenden Zimmer untergebracht, wo Claire – die diese Aufgabe mit der Effizienz einer Generalin und der Sanftmut einer Nanny erledigte – über ihren Schlaf wachte.

​In ihrem eigenen Zimmer war das Licht gedimmt. Kai stand am weit geöffneten Fenster, sein Hemd war aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt. Er blickte hinaus in die Dunkelheit, während das rhythmische, fast meditative Zirpen der Heuschrecken durch die warme Abendluft drang.

​Nami trat von hinten an ihn heran und legte ihre Arme um seine Taille. Sie presste ihre Wange gegen seinen starken Rücken und genoss den vertrauten Duft seiner Haut.

​„Es ist so friedlich hier“, murmelte sie leise.

​Kai legte seine Hände auf ihre und zog sie ein Stück fester an sich. „Ein scharfer Kontrast zum Mittagstisch heute Mittag.“

​Nami lachte leise, doch dann wurde ihr Tonfall nachdenklicher. „Weißt du, woran ich heute den ganzen Tag denken musste? Wenn Tala und Lumina in ein paar Stunden heiraten... ist es bei uns nur noch ein Monat bis zum Oktober. Zehn Jahre, Kai. Unsere Hochzeit jährt sich zum zehnten Mal.“

​Kai drehte sich langsam in ihren Armen um. Er sah auf sie herab, und im fahlen Licht des Mondes wirkten seine Züge weicher als sonst. Er beobachtete, wie sich ihre Wangen bei der Erwähnung des Jubiläums leicht röteten – ein Mädchenhaftes Leuchten, das sie nach all den Jahren nie verloren hatte.

​„Zehn Jahre“, wiederholte er dunkel. „Es kommt mir vor wie ein ganzes Leben, und gleichzeitig wie ein einziger Augenblick.“

​„Es ist verrückt, was alles passiert ist, oder?“, fragte sie und sah zu ihm auf. „Die Kämpfe, die Reisen, der Aufbau der Firma... und unsere Kinder. Wenn man bedenkt, wie alles angefangen hat... wie wir angefangen haben.“

​Kai strich ihr eine silberweiße Strähne aus dem Gesicht. Sein Daumen verharrte kurz an ihrem Kinn. Er antwortete nicht sofort, aber die Intensität in seinem Blick sagte mehr als tausend Worte.

​„Kai“, begann sie leise, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, das im Zirpen der Grillen fast unterging. „Ich weiß, ich sage es oft durch Taten, aber... ich möchte, dass du es hörst. Danke, dass du mein Anker bist. Trotz all der Macht, die du im Außen verkörperst, bist du für mich der Ort, an dem ich ich selbst sein kann. Ich liebe dich heute mehr als an dem Tag, als wir vor dem Altar standen. Du bist mein Leben.“

​Die romantische Schwere ihrer Worte erfüllte den Raum. Kai spürte ein Ziehen in seiner Brust, das kein Geschäftserfolg und kein Sieg jemals auslösen konnte. Er beugte sich vor und fing ihre Lippen in einem Kuss ein, der so zärtlich und voller Hingabe war, dass Nami das Gefühl hatte, zu schweben. Es war kein Kuss der Jagd, sondern einer der tiefsten Verbundenheit.

​Als er sich ein Stück löste, blieben seine Lippen an ihren Lippen haften.

​„Nami“, raunte er, und seine Stimme vibrierte vor echter Emotion. „Du bist die Einzige, die hinter die Maske sieht. Du bist mein Gewissen und mein Herz. Ich sage es vielleicht zu selten, aber du sollst wissen: Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt. Alles, was ich aufgebaut habe, wäre wertlos, wenn du nicht an meiner Seite wärst.“

​Er zog sie eng in seine Arme, gab ihr einen langen Kuss auf die Stirn und für einen Moment gab es nur sie beide, das ferne Zirpen der englischen Hecken und das Wissen, dass zehn Jahre erst der Anfang ihrer Geschichte waren.

Das Zirpen der Heuschrecken draußen schien im Einklang mit dem Herzschlag zu stehen, der zwischen ihnen pulsierte. Kai löste sich nur Zentimeter von ihrer Stirn und sah ihr tief in die Augen. Die Kühle, die er tagsüber wie einen Schutzpanzer trug, war vollkommen geschmolzen. In diesem Moment war er nicht der Zar, nicht der unnahbare Erbe – er war einfach nur der Mann, der diese Frau seit einem Jahrzehnt bedingungslos liebte.

​Sanft glitten seine Hände von ihrer Taille über ihren Rücken nach oben, während er sie mit einer fast ehrfürchtigen Behutsamkeit zu dem großen Himmelbett führte. Das Licht der Nachttischlampe warf lange, weiche Schatten an die Wände des historischen Zimmers.

​Es gab keine Eile, keine Jagd und keinen wilden Rhythmus. Jeder Handgriff war ein Versprechen. Kai entkleidete sie mit einer Langsamkeit, die Nami vor wohliger Erwartung erzittern ließ. Als seine Fingerspitzen über ihre Haut strichen, fühlte es sich an, als würde er eine kostbare Melodie spielen, die nur sie beide kannten.

​„Du bist immer noch so wunderschön“, flüsterte er gegen ihre Lippen, bevor er sie sanft auf die weichen Laken zurücksinken ließ.

​Nami zog ihn zu sich herab, ihre Finger vergruben sich in seinem Haar, während er begann, ihren Körper mit federleichten Küssen zu erkunden. Er ließ sich Zeit an ihrem Hals, verweilte an der Mulde ihres Schlüsselbeins und genoss jedes leise, hingebungsvolle Seufzen, das ihren Lippen entwich. Es war ein Dialog ohne Worte, ein Austausch von Dankbarkeit für die letzten zehn Jahre.

​Als er schließlich mit ihr verschmolz, war es eine Bewegung von vollkommener Harmonie. Nami schlang ihre Arme fest um seinen Nacken und legte den Kopf an seine Schulter. Sie spürte jede seiner Bewegungen, die so tief und bedeutungsvoll waren, als wolle er ihre Seelen miteinander verweben. Das rhythmische Knacken des alten Holzbalkens über ihnen und das ferne Rauschen des Windes in den englischen Eichen bildeten die Kulisse für eine Vereinigung, die weit über das Körperliche hinausging.

​Kai vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, sein Atem ging warm und tief. Er hielt inne, um diesen Moment der absoluten Nähe voll auszukosten. In der Stille des Davies-Anwesens, weit weg von den Verpflichtungen ihres Alltags, fanden sie zueinander wie in der ersten Nacht nach ihrer Hochzeit.

​„Für immer“, hauchte Nami gegen sein Ohr, während die Intensität ihrer Gefühle in eine sanfte, gemeinsame Erlösung gipfelte, die sie beide wie eine warme Welle überrollte.

​Lange Zeit danach lagen sie einfach nur da, eng umschlungen unter der schweren Decke. Kai hielt sie fest in seinem Arm, während Nami ihren Kopf auf seine Brust gebettet hatte und dem ruhiger werdenden Schlag seines Herzens lauschte. Die englische Nachtluft wehte kühl herein, doch in ihrem Zimmer herrschte eine Wärme, die kein Kamin der Welt erzeugen konnte.

In der wohligen Stille, die dem zärtlichen Nachbeben ihrer Vereinigung folgte, hielt Kai sie eng umschlungen. Er genoss das Gefühl ihrer nackten Haut an seiner, während sein Atem sich langsam beruhigte. Plötzlich spürte er ein leichtes Beben an seiner Brust – ein kurzes, unterdrücktes Kichern, das so leise war, dass es fast im Zirpen der Heuschrecken unterging.

​Kai hob den Kopf ein Stück und sah sie schmunzelnd an. „Was ist denn so witzig, mein Schatz?“, fragte er mit seiner tiefen, noch etwas rauen Stimme.

​Nami sah zu ihm hoch, ihre Augen leuchteten im fahlen Mondlicht, und ihre Wangen waren noch immer von der Hitze ihrer Liebe gerötet. „Es ist nur... seltsam“, gab sie leise zu und schmiegte sich noch ein Stück enger an ihn. „Ich liebe es absolut, wenn du dominant bist und mich durch das ganze Haus jagst. Dieser Nervenkitzel, diese wilde Energie... das gehört einfach zu uns.“

​Sie machte eine kurze Pause und strich ihm sanft über die Wangenknochen. „Aber diese intensiven, romantischen und langsamen Momente wie eben... ich glaube, ich liebe sie genauso sehr. Wenn nicht sogar ein kleines bisschen mehr.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch, ein amüsiertes Blitzen in seinen Augen. „Tatsächlich? Warum das?“

​Nami lächelte verschmitzt und zog seinen Kopf zu sich herab, bis ihre Lippen fast die seinen berührten. „Weil du so unglaublich gut küssen kannst, Kai Hiwatari. Du küsst mich so tief und so hingebungsvoll, dass ich allein davon schon komplett den Verstand verliere. Wenn wir es langsam angehen, habe ich viel mehr Zeit, genau das zu genießen.“

​Kai lachte leise, ein tiefes, zufriedenes Geräusch in seiner Brust. „Das ist ein gefährliches Kompliment, Nami. Wenn ich das weiß, komme ich vielleicht öfter in Versuchung, die Jagd abzukürzen und dich einfach nur zu küssen.“

​Er besiegelte ihre Worte mit einem weiteren Kuss – genau so einem, von dem sie gesprochen hatte: lang, zärtlich und so intensiv, dass die Welt um sie herum für einen Moment erneut aufhörte zu existieren. In der Geborgenheit des Davies-Anwesens schliefen sie schließlich ein, fest aneinandergeklammert, bereit für das Chaos des nächsten Morgens und die Pracht des kommenden Ereignisses.

Reine Provokation

Der Morgen der Hochzeit war in ein klares, goldenes Licht getaucht. In einem der herrschaftlichen Ankleidezimmer von Davies Manor herrschte eine fast schon feierliche Stille, die nur vom gelegentlichen Rascheln feiner Stoffe unterbrochen wurde.

​Tala stand vor einem mannshohen Spiegel. Er trug einen tiefdunkelblauen Smoking aus schwerer Seide, der seine kühle Ausstrahlung unterstrich, aber ihm gleichzeitig eine Eleganz verlieh, die weit von seiner üblichen, funktionalen Kleidung entfernt war. Seine Hände, die sonst so sicher einen Launcher hielten, nestelten nun mit einer ungewohnten Konzentration an seiner silbernen Krawatte.

​Kai trat aus dem Schatten des Raumes hervor. Er trug ein klassisches, schwarzes Ensemble, das perfekt saß – die Definition von schlichter Macht. Er beobachtete seinen Stellvertreter einen Moment lang schweigend, bevor er vortrat und Talas Hände sanft beiseite schob, um den Knoten der Krawatte mit ein paar geübten Griffen zu richten.

​„Du siehst aus, als würdest du eher in eine Schlacht ziehen als vor einen Altar“, stellte Kai trocken fest.

​Tala stieß einen kurzen Atemzug aus, der fast wie ein Lachen klang. „Vielleicht ist es dasselbe. Nur dass ich diesmal keinen Rückzugsbefehl geben kann.“ Er sah sein Spiegelbild an, dann das von Kai. „Bist du dir sicher, dass John Davies mich nicht wirklich in der Familiengruft einsperrt, wenn ich beim Jawort zögere?“

​„John Davies ist ein Mann von Prinzipien“, antwortete Kai und strich das Revers von Talas Jackett glatt. „Er würde dich nicht einsperren. Er würde dich wahrscheinlich einfach jagen lassen – und ich bezweifle, dass er dir zehn Sekunden Vorsprung gibt.“

​Ein seltenes Schmunzeln huschte über Talas Gesicht. Er lockerte seine Schultern. „Nami hat also wirklich alles ausgeplaudert. Dass unser kleiner... Zeitvertreib... nun Thema Nummer Eins ist hätte ich nicht erwartet.“

​Kai trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. „Frauen sind die größte Sicherheitslücke in jedem System, Tala. Aber sie sind auch der Grund, warum wir diese Systeme überhaupt aufrechterhalten.“ Sein Blick wurde ernst, fast väterlich, auch wenn er es nie so nennen würde. „Du hast lange genug allein gekämpft. Mit Lumina an deiner Seite wird die Welt... weniger grau. Das weißt du.“

​Tala nickte langsam. „Ich weiß es. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber... ich bin bereit dafür.“

​„Gut“, sagte Kai knapp und klopfte ihm fest auf die Schulter. „Denn Tyson ist bereits unten und versucht, seinen Zylinder als Frisbee zu benutzen. Wenn wir nicht bald auftauchen, hat er das Buffet geplündert, bevor die Braut überhaupt das Haus verlässt.“

​Tala griff nach seiner silbernen Taschenuhr, einem Geschenk von Eric Davies, und steckte sie ein. „Dann lass uns gehen, Zar. Zeigen wir ihnen, wie man eine russische Hochzeit in England feiert.“

​Gemeinsam verließen die beiden Männer den Raum – zwei Krieger, die ihren Frieden gefunden hatten, bereit für den Moment, in dem aus dem Kapitän endlich ein Ehemann werden sollte.
 

In den Gemächern der Braut herrschte eine völlig andere Energie. Während bei den Männern stoische Ruhe dominiert hatte, war die Luft hier erfüllt vom Duft feiner Parfüms, dem Rascheln von Tüll und dem hellen Lachen der Frauen.

​Lumina stand in der Mitte des Raumes, eine Vision in einem Kleid aus zarter Spitze und elfenbeinfarbener Seide, das ihre feinen Züge und ihre hellen Augen perfekt zur Geltung brachte. Emily und Hilda zupften mit Tränen der Rührung in den Augen an ihrem Schleier, während Momoko und Mariah die kleinen Blumenkörbchen der Kinder vorbereiteten.

​Nami trat vor den großen Spiegel, um ihren eigenen Look zu prüfen, und sorgte prompt für ein kurzes Innehalten im Raum. Sie trug eine Robe aus mitternachtsblauer Seide, die so dunkel war, dass sie fast schwarz wirkte – ein perfekter Kontrast zu ihrem silberweißen Haar. Das Kleid war ein Meisterwerk der Schneiderkunst: Hochgeschlossen und mit langen Ärmeln wirkte es auf den ersten Blick streng und aristokratisch, doch der Stoff schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihre Kurven.

​Der wahre Blickfang war jedoch der Rücken. Das Kleid war bis tief zum Kreuz tief ausgeschnitten, wobei nur filigrane, überkreuzte Bänder aus Saphir-Besatz ihre nackte Haut hielten. Bei jeder Bewegung schimmerte die Seide verführerisch, und ein seitlicher Schlitz gab beim Gehen den Blick auf ihre Beine frei. Es war die perfekte Balance zwischen einer kühlen Zarin und einer Frau, die ihre Reize sehr wohl einzusetzen wusste.

​Hilary, die gerade versuchte, ihren eigenen Hut geradezurücken, pfiff leise durch die Zähne, als sie Nami betrachtete.

​„Heiliger Strohsack, Nami“, sagte sie mit einem breiten, vielsagenden Grinsen. Sie trat einen Schritt näher und begutachtete den tiefen Rückenausschnitt. „Ich bin mir absolut sicher, dass du dieses Kleid nur aus einem einzigen Grund trägst: um Kai den Verstand zu rauben und ihn den ganzen Tag lang zu ärgern.“

​Nami warf ihr über die Schulter einen unschuldigen Blick zu, während sie sich ihre Saphir-Ohrringe ansteckte. „Ich weiß gar nicht, was du meinst, Hilary. Es ist ein sehr festliches Kleid für eine Hochzeit im September.“

​„Pah!“, lachte Hilary und zwinkerte Lumina zu. „Festlich? Kai wird keine einzige Sekunde der Zeremonie auf den Pfarrer achten. Er wird nur darauf starren, wie diese Bänder auf deinem Rücken halten. Und das Beste daran ist: Er muss den ganzen Tag lang – vor all diesen Lords und Ladys – gute Miene zum bösen Spiel machen und warten, bis er es dir heute Nacht endlich wieder ausziehen darf. Das ist pure Folter, Nami. Du bist grausam.“

​Lumina kicherte und sah Nami bewundernd an. „Sie hat recht, Nami. Kai wird heute sehr viel Disziplin brauchen. Aber wow... du siehst fantastisch aus.“

​Nami lächelte nun doch verschmitzt und strich den kühlen Stoff ihrer Hüfte glatt. „Ein bisschen Training für seine Selbstbeherrschung kann ihm nicht schaden. Er nennt mich schließlich immer seine ‚Beute‘. Da ist es nur fair, wenn der Jäger mal eine Weile hungern muss, während er das Ziel direkt vor Augen hat.“

​„Du spielst mit dem Feuer“, murmelte Momoko amüsiert, während sie die kleine Hina in ihr Festtagskleidchen steckte. „Aber ich schätze, genau deshalb seid ihr seit zehn Jahren so glücklich.“

​In diesem Moment öffnete Claire die Tür und kündigte an, dass alles vorbereitet ist. Die Frauen griffen nach ihren Blumensträußen, und Nami warf einen letzten Blick in den Spiegel. Sie wusste genau, welchen Blick Kai ihr zuwerfen würde, wenn er sie gleich im Schlossgarten sah – und sie freute sich schon jetzt auf jede einzelne Sekunde seines unterdrückten Verlangens.
 

Der Schlossgarten von Davies Manor glich an diesem Nachmittag einem Gemälde von Monet. Überall blühten spätsommerliche Stauden, und die weißen Stühle für die Gäste waren auf dem makellosen Rasen so präzise ausgerichtet, als hätte Eric Davies sie mit dem Lineal platziert.

​Kai stand neben Tala am Altar, der unter einem Pavillon aus duftenden Kletterrosen errichtet worden war. Sein Gesicht war die Maske vollkommener Beherrschung, während er beobachtete, wie die Gäste ihre Plätze einnahmen. Doch dann öffnete sich das schmiedeeiserne Tor zum inneren Garten, und die Damen der Familie betraten die Szenerie.

​Als Nami erschien, geschah etwas Seltenes: Kais Blick, der normalerweise wie ein Scanner den Raum nach Unregelmäßigkeiten absuchte, fror förmlich ein.

​Er beobachtete, wie sie mit dieser angeborenen Eleganz über den Kiesweg glitt. Das mitternachtsblaue Kleid fing das Sonnenlicht ein und schimmerte bei jedem Schritt. Zuerst sah er nur die kühle Distanz der Zarin – den hohen Kragen, die langen Ärmel, die aristokratische Haltung. Doch als sie sich leicht zur Seite drehte, um der kleinen Sayuri den Weg zu weisen, offenbarte sich der skandalös tiefe Rückenausschnitt und das saphirbesetzte Geflecht auf ihrer nackten Haut.

​Kai spürte, wie sich sein Kiefer so fest anspannte, dass es fast schmerzte. Er sah, wie die Bänder sich bei jeder ihrer Atembewegungen in ihre karamellfarbene Haut drückten. Sein Blick glitt tiefer, dorthin, wo der Stoff tief am Kreuz endete, und für einen Moment vergaß er, wo er war.

​Nami bemerkte seine Starre sofort. Als sie ihre Reihe erreichte, blieb sie kurz stehen und sah direkt zu ihm zum Altar hoch. Sie schenkte ihm kein breites Lächeln, sondern nur ein winziges, fast unmerkliches Hochziehen eines Mundwinkels und einen Blick, der vor Herausforderung nur so sprühte.

​Tala, der neben ihm stand, räusperte sich leise, ohne den Kopf zu drehen. „Konzentration, Zar. Du starrst. Und John Davies beobachtet dich gerade sehr genau.“

​Kai atmete tief durch und zwang sich, den Blick wieder nach vorne zu richten, auch wenn sein ganzer Körper unter dem unterdrückten Verlangen vibrierte. „Ich werde dieses Kleid heute Nacht eigenhändig in Fetzen reißen“, raunte er so leise, dass nur Tala es hören konnte.

​Tala schmunzelte kaum merklich. „Viel Erfolg dabei. Nami weiß genau, wie man einen Krieg gewinnt, ohne eine einzige Waffe zu ziehen.“

​Nami setzte sich majestätisch neben Hilary, die ihr einen triumphierenden Ellbogenstoß in die Rippen versetzte. „Schau ihn dir an“, flüsterte Hilary schadenfroh. „Er sieht aus, als würde er gleich versuchen, die gesamte Zeremonie per Dekret zu verkürzen, nur um dich hier rauszuholen.“

​Nami strich sich den Stoff über dem Knie glatt und sah unschuldig zum Pfarrer. „Geduld ist eine Tugend, Hilary. Kai wird sie heute perfektionieren müssen.“

​Dann setzten die Geigen ein, und die Aufmerksamkeit verlagerte sich auf Lumina, die am Arm ihres Vaters Eric erschien. Doch während die Zeremonie ihren Lauf nahm, spürte Nami den brennenden Blick ihres Mannes im Nacken wie ein physisches Gewicht. Die Jagd hatte in diesem Moment bereits begonnen – ganz ohne Laufen, nur durch die reine Macht der Erwartung.
 

Die Musik der Geigen schwoll zu einem sanften, herzzerreißenden Crescendo an, als Lumina das Ende des Ganges erreichte. Eric Davies übergab seine Tochter mit einem letzten, stolzen Blick an Tala, bevor er sich zu Emily setzte.

​Stille senkte sich über den Garten. Sogar Tyson hielt für einen Moment die Luft an, während die Spätsommersonne durch die Rosenranken des Pavillons tanzte.

​Tala stand kerzengerade da, die Hände vor dem Körper gefaltet. Als Lumina jedoch ihren Schleier zurückschlug und ihn mit diesem strahlenden, bedingungslosen Vertrauen ansah, passierte etwas, das niemand der Anwesenden – am wenigsten Kai – jemals für möglich gehalten hätte. Der „Eispalast“, den Tala Valkov um sein Herz errichtet hatte, bekam Risse.

​Seine sonst so unbewegliche Maske zitterte für den Bruchteil einer Sekunde. Sein Blick wurde weich, fast verletzlich, und ein tiefes, ungläubiges Einatmen war durch die vorderen Reihen zu hören. Er starrte sie nicht einfach nur an; er sah sie so an, als wäre sie das einzige Licht in einer lebenslangen Dunkelheit gewesen.

​Der Pfarrer begann mit der feierlichen Ansprache, doch für die beiden schien die Welt um sie herum zu verschwimmen. Als es an der Zeit für die Gelübde war, räusperte sich Tala. Seine Stimme war tief, aber sie hatte einen rauen Unterton, den man von ihm nicht kannte.

​„Lumina“, begann er, und er nahm ihre Hände in seine. Seine Finger umschlossen ihre zierlichen Hände mit einer Festigkeit, die nach Halt suchte. „Ich habe mein Leben lang geglaubt, dass Stärke bedeutet, niemanden zu brauchen. Dass Mauern Sicherheit bieten. Aber du... du hast diese Mauern nicht eingerissen. Du bist einfach hindurchspaziert, als wären sie gar nicht da.“

​Ein leises Schluchzen war von Martha zu hören, die sich ihr Taschentuch gegen die Augen drückte.

​„Du hast mir gezeigt, dass es einen Frieden gibt, der nichts mit dem Ende eines Kampfes zu tun hat“, fuhr Tala fort, sein Blick fest in den ihren verankert. „Ich verspreche dir, dein Schutz zu sein, dein Anker und dein Partner. In Japan, in England und überall dort, wo wir unsere Wurzeln schlagen. Ich gehöre dir – heute und für alle Zeit.“

​Lumina antwortete mit tränenerstickter Stimme, ihre Worte voller Liebe und Versprechen. Als sie schließlich die Ringe tauschten – der tiefe Saphir an ihrem Finger, das schlichte Platin an seinem –, fühlte es sich an, als würde sich ein Kreis schließen.

​„Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau“, verkündete der Pfarrer lächelnd. „Du darfst die Braut jetzt küssen.“

​Tala zögerte keine Sekunde. Er zog Lumina an sich und küsste sie mit einer Leidenschaft und Erleichterung, die den ganzen Garten erfasste. Ein tosender Applaus brach los. Die Kinder warfen Blumenblüten in die Luft, und sogar John Davies nickte anerkennend, während er sich eine diskrete Träne aus dem Augenwinkel wischte.

​Kai beobachtete die Szene mit einem knappen, aber aufrichtigen Nicken zu Tala. Doch als der erste Trubel sich legte und das frischgebackene Ehepaar den Gang zurückschritt, glitt sein Blick sofort wieder zu Nami.

​Sie stand dort, die Augen feucht vor Rührung, und das mitternachtsblaue Kleid betonte jede Linie ihrer Silhouette, während sie klatschte. In der Hitze des Moments, während alle anderen das Brautpaar feierten, trafen sich ihre Augen. Kai formte mit den Lippen lautlos ein einziges Wort: „Geduld.“

​Nami spürte eine Gänsehaut, die nichts mit der Brise zu tun hatte. Sie wusste, dass das Fest gerade erst begann – und dass der Zar von Tokio den ganzen Abend lang nur darauf warten würde, seine ganz persönliche Eroberung zu feiern.
 

Das Festzelt war ein Traum aus weißer Seide und Kristalllüstern, die im Abendlicht funkelten. Der Duft von Tausenden Lilien und englischen Rosen hing in der Luft, während das Champagner-Gelächter der zweihundert Gäste die Atmosphäre erfüllte.

​Die Tafel war U-förmig aufgebaut. In der Mitte thronte das glückliche Paar, Tala und Lumina, während Kai und Nami direkt daneben platziert waren – eine strategische Entscheidung von Eric Davies, um die „Zarenfamilie“ nah bei sich zu haben.

​Während die ersten Gänge serviert wurden, gab Tyson jegliche Versuche auf, die Etikette zu wahren. Er hatte entdeckt, dass es zu jedem Gang ein anderes, noch köstlicheres Brot gab.

„Hilary, schau dir das an!“, flüsterte er begeistert, während er sich ein Stück Trüffelbutter großzügig auf ein Brötchen strich. „Das ist wie First Class, nur ohne die engen Sitze!“

​Hilary verdrehte die Augen, während sie beobachtete, wie Tyson versuchte, eine Garnele mit dem falschen Messer zu zerteilen. „Tyson, wir sitzen drei Plätze von einem englischen Lord entfernt. Benimm dich wenigstens so lange, bis die Reden vorbei sind!“
 

​Kai hingegen hatte ganz andere Sorgen. Er saß kerzengerade auf seinem Stuhl, die Miene unbewegt, während John Davies gerade zu einer seiner berüchtigten, langatmigen Reden ansetzte. John sprach über die Geschichte der Davies-Familie, über die Tugenden der Treue und die Wichtigkeit von Landbesitz.

​Kai hörte kaum zu. Jedes Mal, wenn Nami sich bewegte, raschelte die mitternachtsblaue Seide ihres Kleides leise an seinem Bein. Er wusste, dass der Rücken ihres Kleides nackt war und nur von diesen dünnen Saphir-Bändern gehalten wurde. Das Bild, wie sie vorhin im Garten vor ihm hergegangen war, brannte wie ein Feuer in seinem Kopf.

​Diskret unter der schweren, weißen Damast-Tischdecke gleiten Kais Finger über den Stoff ihres Kleides an ihrem Oberschenkel. Er spürte, wie Nami bei der ersten Berührung leicht zusammenzuckte und der Griff um ihr Weinglas sich festigte. Er wanderte mit seiner Hand langsam höher, strich über die feine Seide, bis er den Schlitz des Kleides fand und seine warme Haut ihre nackte Wade berührte.

​Nami sah starr nach vorne, ein zartes Lächeln auf den Lippen, während John Davies gerade erklärte, warum Tala ein „ehrenwerter Zuwachs für das Anwesen“ sei. Nur das leichte Zittern ihrer Nasenflügel verriet Kai, dass sie seine Berührung spürte. Sie legte ihre eigene Hand unter den Tisch und versuchte, seine Hand aufzuhalten, doch Kai verflocht seine Finger fest mit ihren und drückte sie gegen sein Bein.

​Er beugte sich leicht zu ihr, als würde er ihr eine Bemerkung zur Rede zuflüstern. „Du spielst ein gefährliches Spiel mit diesem Kleid, Nami“, raunte er, seine Stimme so tief, dass sie eine Gänsehaut auf ihrem Rücken auslöste. „John kann reden, so lange er will. Aber sobald wir diesen Tisch verlassen, gehört jede Sekunde deiner Aufmerksamkeit mir.“

​Nami drehte den Kopf nur ein Stück zu ihm, ihre Augen glitzerten vor Vergnügen und Verlangen. „Ich dachte, der Zar hätte mehr Selbstbeherrschung. Wir sind bei einer Familienfeier, Kai.“

​„Meine Selbstbeherrschung ist vor zwei Stunden im Garten gestorben“, entgegnete er trocken. Er ließ ihre Hand los, nur um seine Fingerspitzen ganz leicht über den tiefen Ausschnitt an ihrem Rücken zu führen.

​Nami unterdrückte ein scharfes Einatmen. In diesem Moment erhob John sein Glas. „Auf das Brautpaar! Auf Tala und Lumina!“

​„Auf das Brautpaar!“, rief die Menge.

​Kai hob sein Glas und sah Nami über den Rand hinweg an. Sein Blick war kein Versprechen mehr – es war eine Feststellung. Er würde dieses Fest nicht bis zum Ende durchstehen, ohne sie zu jagen.
 

Das Orchester im Festzelt stimmte die ersten Takte eines klassischen Walzers an. Das Licht der Kristalllüster wurde gedimmt, während Kerzenleuchter den Raum in ein warmes, tanzendes Gold tauchten. Als das frischgebackene Ehepaar, Tala und Lumina, den Tanzboden für ihren ersten gemeinsamen Walzer betrat, hielt die Menge den Atem an. Tala führte sie mit einer überraschenden Leichtigkeit, sein Blick fest auf sie gerichtet, als gäbe es den Rest der zweihundert Gäste gar nicht.

​Doch kaum war die erste Runde vorbei, forderte die Tradition die anderen Paare auf, sich ihnen anzuschließen.

​Kai erhob sich, ohne Nami aus den Augen zu lassen. Er reichte ihr die Hand, eine Geste, die so herrisch wie elegant war. Nami legte ihre Finger in die seinen, und als sie die Tanzfläche betraten, teilte sich die Menge fast automatisch. Es war, als würde der Zar seinen rechtmäßigen Platz einnehmen.

​Kai legte seine Hand flach auf ihren nackten Rücken. Die Hitze seiner Handfläche auf ihrer Haut war so intensiv, dass Nami für einen Moment der Rhythmus fehlte. Er zog sie eng an sich – enger, als es die strenge englische Etikette eigentlich erlaubte.

​„Du zitterst, Nami“, stellte er leise fest, während er sie in einer fließenden Bewegung über das Parkett führte.

​„Es ist die Kälte der Nachtluft“, log sie, doch ihr Blick verriet sie.

​„Nein“, entgegnete Kai, sein Gesicht nur Millimeter von ihrem entfernt. „Es ist das Wissen, dass meine Hand genau dort liegt, wo du es heute Nachmittag geplant hast. Du wolltest, dass ich spüre, wie nah ich dir bin, ohne dich wirklich besitzen zu können.“

​Er wirbelte sie herum, und das mitternachtsblaue Kleid bauschte sich auf wie eine Woge dunklen Wassers. Der Schlitz öffnete sich und gab den Blick auf ihre Beine frei, was Kai dazu veranlasste, seinen Griff noch einmal zu verstärken. Inmitten der wirbelnden Paare – Tyson, der gerade versuchte, Hilary nicht auf die Füße zu treten, und Eric, der lachend mit Emily tanzte – wirkten Kai und Nami wie ein Fixpunkt aus purer Intensität.

​„Die Jagd beginnt jetzt“, raunte er ihr ins Ohr, während die Geigen zu einem Crescendo ansetzten. „Ich gebe dir keine zehn Sekunden Vorsprung, wenn wir diesen Saal verlassen. Ich werde dich durch diese Gärten jagen, bis du keine Kraft mehr zum Kichern hast.“

​Nami sah ihm fest in die Augen, ein freches, herausforderndes Funkeln in ihrem Blick. „Dann solltest du hoffen, dass deine Ausdauer so gut ist wie dein Ruf, Kai. Denn diese Gärten sind groß und dunkel.“

​Als der Walzer endete, verbeugte sich Kai kurz vor ihr, doch seine Augen ließen sie nicht los. Ohne ein weiteres Wort zu den Gästen zu sagen, legte er seinen Arm fest um ihre Taille und führte sie zielsicher in Richtung der gläsernen Flügeltüren, die hinaus in den dunklen, nebelverhangenen Schlossgarten führten.

​Hilary sah ihnen nach und stieß einen Ellbogen in Tysons Seite. „Da gehen sie. Ich wette, wir sehen die beiden vor dem Frühstück morgen früh nicht wieder.“

​Tyson biss in ein letztes Petit Four. „Solange Kai mich morgen nicht beim Training jagt, kann er im Garten machen, was er will.“

​Draußen im Garten, im Schatten der uralten Eichen und unter dem silbernen Licht des Septembermonds, begann das eigentliche Fest für den Zaren und seine Frau.

Gartenpflege

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Vorfreude

Der Tag der Abreise war gekommen. Drei große, schwarze Limousinen standen in der Auffahrt von Davies Manor bereit, ihre glänzenden Lackoberflächen ein scharfer Kontrast zum ehrwürdigen, hellen Stein des Herrenhauses. Das gesamte Personal hatte sich in einer Reihe aufgestellt, um die Gäste zu verabschieden – auch wenn einige der jüngeren Gärtner immer noch verstohlene Blicke in Richtung der hinteren Gärten warfen und unter vorgehaltener Hand tuschelten.

​Kai beobachtete, wie das Gepäck verladen wurde. Sein Blick glitt zu Tala, der etwas abseits stand und eine ungewöhnliche Anspannung in den Schultern trug. Der sonst so stoische General wirkte, als würde er am liebsten sofort in den Wagen springen und die Reifen quietschen lassen, um die englische Provinz so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

​„Was ist los, Tala?“, fragte Kai mit einem Anflug von trockenem Humor. „Du siehst aus, als hättest du gerade erfahren, dass dein Rückflug gestrichen wurde.“

​Tala massierte sich kurz die Schläfen und warf einen düsteren Blick zurück zum Haus, wo Lumina gerade lachend mit ihrer Mutter Emily plauderte. „Ich bin einfach nur froh, wenn wir wieder im Penthouse in Tokio sind. Ich werde hier seit dem Frühstück mit diesem unerträglichen Getuschel des Personals konfrontiert. Jedes Mal, wenn ich an einem Dienstmädchen vorbeigehe, fängt sie an zu kichern.“

​Ein kurzes, seltenes Grinsen huschte über Talas Gesicht, das jedoch sofort wieder einer grimmigen Miene wich. „Und das Schlimmste ist: Lumina amüsiert sich köstlich darüber. Ich brauche die Anonymität von Tokio, um das hier zu vergessen.“

​Kai klopfte ihm fest auf die Schulter. „Sieh es als Training für deine Nerven, Tala. In Japan traut sich wenigstens niemand, in deiner Gegenwart über deine... nächtlichen Aktivitäten zu kichern.“

​In diesem Moment trat Martha auf die beiden Männer zu. Sie sah von Kai zu Tala, ihre Augen voller mütterlicher Zuneigung, aber auch ein wenig eingeschüchtert von der Aura, die diese beiden attraktiven, aber viel zu ernst dreinblickenden Männer umgab.

​„Ach, ihr zwei“, sagte sie und seufzte dramatisch. „Viel zu hübsch für euer eigenes Wohl, aber Gott im Himmel, ihr blickt beide drein, als hättet ihr gerade den Weltuntergang geplant. Ein Lächeln zum Abschied würde Eric sicher gut tun! Man könnte meinen, ihr hättet hier eine Strafe abgesessen statt einer Hochzeit gefeiert.“

​Kai neigte höflich das Haupt, während Tala sich zu einer knappen Verbeugung zwang. „Es war uns ein Vergnügen, Martha“, erwiderte Kai diplomatisch, auch wenn sein Blick bereits die Auffahrt absuchte.

​Plötzlich hielt eine vierte, besonders imposante Limousine direkt vor der Gruppe. Die Fahrertür schwang auf, und ein Mann in einer tadellosen, dunkelgrauen Livree stieg aus. Seine Haltung war so gerade, als hätte er einen Wirbel aus purem Stahl, und sein Gesichtsausdruck war das Nonplusultra an britischer Zurückhaltung.

​Graham.

​Er schritt um den Wagen herum und öffnete die Tür für die Hiwataris mit einer Präzision, die fast schon choreografiert wirkte. Kai tritt vor und sah seinen langjährigen Vertrauten prüfend an. „Graham. Ich hoffe, dein Urlaub war angenehm und du hast die Zeit in London sinnvoll genutzt.“

​Graham rückte seine weißen Handschuhe zurecht und blickte Kai mit der gewohnt staubtrockenen Miene an. „Es war durchaus... erholsam, Sir. Auch wenn die Qualität des Tees in den Londoner Cafés in meiner Abwesenheit erschreckend nachgelassen hat. Ich bin froh zu sehen, dass Sie es geschafft haben, das Anwesen in einem Stück zu hinterlassen.“

​Nami, die gerade dazustieß, musste sich ein Lachen verkneifen, während Kai nur kurz die Lippen zusammenpresste.

​Martha stand mit offenem Mund daneben und starrte Graham an, als wäre er eine Erscheinung aus einem vergessenen Zeitalter. „Mein Gott, Arthur, schau dir das an!“, rief sie begeistert ihrem Mann zu, der gerade dazugekommen war. „Diese Haltung! Diese Professionalität! Wo bekommt man denn heute noch solch eine stolze Haltung und Professionalität her? Er sieht aus, als hätte er das Empire im Alleingang verwaltet!“

​Graham verneigte sich minimal vor Martha, ohne eine einzige Miene zu verziehen. „Jahre der Disziplin und die unerschütterliche Geduld mit der Familie Hiwatari, Ma'am. Es ist eine Berufung, kein Job.“

​„Beeindruckend“, murmelte Martha und fächerte sich mit der Hand Luft zu. „Einfach beeindruckend.“

​Nach den letzten Umarmungen und Versprechen, sich bald wiederzusehen, stiegen alle in ihre Wagen. Kai und Nami saßen im Fond ihrer Limousine, während Graham den Wagen sanft anfahren ließ.

​Als Davies Manor hinter ihnen im Rückspiegel kleiner wurde, lehnte sich Kai zurück und nahm Namis Hand. „Endlich Ruhe“, murmelte er.

​Nami lächelte und legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Genieße es, solange es anhält, Kai. Der Oktober kommt schneller, als du denkst.“

​„Ich zähle die Tage, mein Schatz“, erwiderte er leise, während der Wagen sie sicher in Richtung Flughafen brachte.
 

Ein paar Wochen später...
 

Zwei Tage vor dem großen Jubiläum war der Shinjuku Gyoen eine Oase der Ruhe inmitten des funkelnden Chaos von Tokio. Die weitläufigen Rasenflächen waren noch saftig grün, und die herbstliche Brise trug den Duft von spätem Jasmin mit sich.

​Auf einer großen, cremefarbenen Picknickdecke herrschte buntes Treiben. Vier Frauen, die über die Jahre eine unerschütterliche Einheit gebildet hatten, genossen den Moment, während ihre Töchter – alle im Alter von etwa zweieinhalb Jahren – die Welt um sich herum auf unsicheren Beinen erkundeten.

​Mariah war sichtlich froh, wieder in Japan zu sein. Sie war sichtlich mit ihrer Kleinen auf der Hochzeit beschäftigt weswegen man sich dort kaum um ein Gespräch untereinander bemüht hatte. Da Ray nun einen wichtigen Termin im BBA-Hauptquartier wahrnehmen musste, hatte sie die Gelegenheit genutzt, um ihre kleine Lin mit zum Picknick zu bringen. Lin sah aus wie die perfekte Fusion ihrer Eltern: Sie hatte Rays markante, schwarze Haare und die wilde Entschlossenheit in ihrem Blick, aber Mariahs sanftes Lächeln und ihre flinken Bewegungen.

​Kana, Hilarys Tochter, war bereits dabei, eine kleine Gruppe von Ameisen mit beeindruckender Lautstärke zu kommandieren – ganz die Mutter. Hina, Namis Nichte und Momokos ganzer Stolz, saß etwas ruhiger da. Sie hatte die Züge von Namis Zwillingsbruder Kenji so deutlich geerbt, dass Nami jedes Mal schmunzeln musste, wenn sie das kleine Mädchen ansah.

​Und dann war da Sayuri, Namis jüngste Tochter. Sie saß mit einem kleinen Stück Melone in der Hand da und plapperte in einer Tour, wobei sie bereits versuchte, die komplexen Sätze ihres Bruders Gou zu imitieren.

​„...Papa...geht... Jagen?“, brabbelte Sayuri plötzlich und sah Nami mit großen Augen an. „Papa sagt... im Wald jagen!“

​Nami verschluckte sich fast an ihrem Eistee. Hilary prustete los und klopfte sich lachend auf den Oberschenkel.

​„Da haben wir’s!“, rief Hilary vergnügt. „Sogar die Kleine weiß schon Bescheid. Kai kann seine Absichten einfach nicht verbergen, wenn er in deiner Nähe ist, Nami.“

​Mariah sah von Lin auf und grinste verschmitzt. „Ich muss gestehen, als ich Hilarys Nachricht damals gelesen und Tysons Sprachmail gehört hatte, musste ich sie sofort anrufen. Ich dachte erst, mein Telefon hätte die Übersetzung falsch angezeigt und ich hätte mich verhört. Eine Jagd im Anwesen? Orientierungstraining? Das klingt so gar nicht nach dem unterkühlten Kai Hiwatari, den ich von früher kenne.“

​Nami verdrehte die Augen, auch wenn ein verräterisches Lächeln ihre Lippen umspielte. „Er hat sich verändert, Mariah. Zumindest privat. Und ja, er hat mir für übermorgen eine Überraschung versprochen. Er ist seit Tagen extrem geheimnisvoll und verschwindet ständig in seinem Arbeitszimmer oder telefoniert mit irgendwelchen Angestellten.“

​„Er wird die ‚Jagd‘ ausschmücken, da bin ich mir sicher“, sagte Momoko sanft, während sie Hina die Haare aus dem Gesicht strich. „Kenji meinte neulich, dass Kai ihn nach der Sicherheit eines bestimmten Ortes gefragt hat, der sehr privat ist. Ich glaube, er will dieses Mal absolut keine Zeugen – keine Gärtner, keine Schwiegereltern und definitiv keine Martha.“

​Nami nippte nachdenklich an ihrem Glas. „Ich habe eine Ahnung, was er plant. Er hat neulich beiläufig erwähnt, dass er die Berge im Herbst besonders reizvoll findet. Wenn ich ihn richtig kenne, hat er bereits ein ganzes Szenario entworfen, um sein Versprechen aus England einzulösen.“

​„Zehn Jahre“, seufzte Mariah wehmütig und beobachtete, wie Lin und Sayuri gemeinsam versuchten, einen bunten Schmetterling zu fangen. „Wer hätte gedacht, dass aus den zwei rebellischsten Geistern des Blade-Sports so ein eingespieltes Team wird?“

​„Ein Team mit sehr... dynamischen Freizeitbeschäftigungen“, ergänzte Hilary augenzwinkernd. „Pass bloß auf, Nami. Wenn er dich diesmal fängt, kommst du wahrscheinlich erst zum elften Hochzeitstag wieder zurück in die Zivilisation.“

​Nami lachte und sah zu Sayuri, die gerade stolz vor dem flatternden Schmetterling stand und „Papa Jäger!“ rief. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste, dass Kai nichts dem Zufall überlassen würde. In zwei Tagen würde der Zar sein Versprechen einlösen – und diesmal gab es kein Entkommen.
 

Zwei Tage später...
 

Die herrschaftliche Eingangshalle des Ayame-Anwesens, die mit ihren dunklen Holztäfelungen und den schweren Seidenteppichen trotz ihrer erst sechzig Jahre die Aura eines jahrhundertealten Schlosses verströmte, war erfüllt vom Trubel der Abreise.

​Claire Beaumont stand mit kerzengerader Haltung neben Graham. Sie rückte ihren Kragen zurecht und sah mit einem kaum merklichen Lächeln auf die Kinder hinunter. „Alors, keine Sorge, Madame Nami“, sagte sie mit ihrem charmanten, aber bestimmten französischen Akzent. „Ich werde dafür sorgen, dass die kleinen Ungeheuer das Haus Ihrer Großeltern nicht komplett in Schutt und Asche legen. Auch wenn Ren und Ayumi bereits Pläne für eine ‚strategische Übernahme‘ des Gartens zu schmieden scheinen.“

​Ayumi und Ren, die neunjährigen Zwillinge, wirbelten noch ein letztes Mal umeinander. Ayumis Haar mit dem markanten Graustich wehte hinter ihr her, während sie versuchte, Ren seinen Rucksack wegzuschnappen. Ihre petrolfarbenen Augen blitzten vor kindlichem Übermut. Ren, der mit seinem eierschalenfarbenen Haar wie eine faszinierende Mischung aus Kai und Nami aussah, lachte wild und wich ihr geschickt aus.

​„Wir werden ganz brav sein, Versprochen!“, rief Ren, wobei sein Grinsen verriet, dass „brav“ ein dehnbarer Begriff war.

​„Genau, wir passen auf Sayuri auf!“, ergänzte Ayumi, während sie die kleine Sayuri kurz an den Händen fasste. Die 2,5-Jährige, die mit ihren weißen Locken und den leuchtend magentafarbenen Augen wie eine kleine Puppe aussah, plapperte fröhlich vor sich hin und hielt sich an Claires Rockzipfel fest.

​Dann trat Gou vor. Mit seinen zehn Jahren wirkte er bereits wie ein junger Zar. Er trug einen dunklen Pullover und sah Kai so ähnlich, dass es fast unheimlich war – nicht nur äußerlich, sondern auch in der ruhigen, fast schon autoritären Art, wie er dastand. Er beobachtete seine Eltern einen Moment lang schweigend, bevor er vortrat.

​Er neigte den Kopf leicht, ein Zug, den er zweifellos von seinem Vater übernommen hatte. „Viel Erfolg in den Bergen“, sagte er mit seiner für ein Kind ungewöhnlich tiefen und klaren Stimme. Er sah Kai direkt in die Augen, und ein wissendes Funkeln trat in seinen Blick. „Ich gehe davon aus, dass Graham alles so diskret wie möglich vorbereitet hat. Wir werden die Großeltern nicht zu sehr strapazieren – ich werde die Zwillinge im Auge behalten, damit sie das Protokoll nicht völlig vergessen.“

​Er wandte sich an Nami und gab ihr einen kurzen, förmlichen Kuss auf die Wange, doch sein Blick blieb bei Kai hängen. „Lass die Eichen in Nagano heil, Vater. Es wäre schade um die Forstwirtschaft dort.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch, sichtlich beeindruckt von der Trockenheit seines Sohnes. „Ich werde es in Erwägung ziehen, Gou.“

​Graham öffnete die schwere Flügeltür. „Die Wagen sind bereit, die Herrschaften.“

​Nami sah zu, wie Claire und Graham die Kinder zum Konvoi führten. Ayumi und Ren balgten sich bereits wieder um den besten Fensterplatz, während Sayuri auf Claires Arm, begeistert den Sicherheitsleuten zuwinkte. Nur Gou drehte sich noch einmal um, hob kurz die Hand und stieg dann mit der Gelassenheit eines Erwachsenen ein.

​Als die Wagen das Tor des Ayame-Anwesens passierten und Ruhe einkehrte, blieb nur die knisternde Spannung zwischen Kai und Nami zurück.

​„Vier Kinder“, murmelte Kai, während er Nami näher an sich zog. „Und jedes einzelne scheint entschlossen zu sein, uns auf seine eigene Weise herauszufordern.“

​„Aber jetzt“, entgegnete Nami und sah ihn herausfordernd an, „sind wir für zwei Tage nur wir beide. Und die Wildnis von Nagano wartet.“
 

​Die Stille, die sich nach dem Aufbruch der Kinder über das Ayame-Anwesen legte, war fast greifbar. Das herrschaftliche Haus wirkte ohne das Lachen der Zwillinge und das Geplapper von Sayuri ungewohnt groß, doch die verbliebene Energie war geladen mit einer Erwartung, die seit Wochen unter der Oberfläche gebrodelt hatte.
 

​Nami stand am Fenster ihres Schlafzimmers und blickte hinaus in den Garten des Anwesens, wo der Herbst die Blätter der Ahornbäume in ein tiefes Rot getaucht hatte. Sie spürte, wie sich die Tür hinter ihr öffnete. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Kai war. Seine Präsenz im Raum veränderte die Atmosphäre sofort – es war, als würde die Luft schwerer und elektrischer werden.

​Kai trat hinter sie. Er trug ein schlichtes, schwarzes Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte.

​„Graham hat alles vorbereitet“, sagte er leise. Seine Stimme vibrierte in der Stille des Zimmers. „Der Wagen bringt uns morgen früh zum privaten Flugplatz. Von dort aus sind wir in weniger als einer Stunde in der Wildnis von Nagano.“

​Nami drehte sich in seinen Armen um. Das weiche Licht der Nachttischlampen betonte die feinen Linien ihres Gesichts. „Du hast wirklich an alles gedacht, oder? Keine Unterbrechungen, keine Pflichten.“

​„Zehn Jahre, Nami“, erwiderte Kai und legte seine Hände fest an ihre Taille. Er zog sie zu sich. „Zehn Jahre, in denen du an meiner Seite gestanden hast. Das hier ist nicht nur ein Jubiläum. Es ist die Einlösung eines Versprechens, das ich dir in jenem Garten in England gegeben habe, als wir Tala und Lumina ausweichen mussten.“

​Sein Blick wanderte langsam über ihr Gesicht, besitzergreifend und voller dunkler Vorfreude. „In Nagano wird es keinen Baum geben, hinter dem du dich verstecken kannst, ohne dass ich dich finde. Und diesmal gibt es keine Verwandten, die uns beim Frühstück mit Fragen löchern.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und spürte die Wärme seines Körpers. „Du klingst sehr siegessicher, Kai. Aber vergiss nicht... ich kenne deine Taktiken mittlerweile ziemlich gut.“

​Kai beugte sich vor, seine Lippen streiften ihre Stirn, bevor er seinen Mund ganz nah an ihr Ohr brachte. „Wissen ist nicht dasselbe wie Handeln, Nami. Morgen wird der Instinkt entscheiden. Und meiner sagt mir, dass die Beute sich nach der Jagd sehnt.“

​Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste, dass Kai dieses Wochenende akribisch geplant hatte, um die Intensität ihrer Beziehung zu zelebrieren. Im Ayame-Anwesen war für heute alles gesagt. Die Koffer waren gepackt, Graham hatte die Anweisungen, und die Welt draußen existierte für sie nicht mehr.

Wie aus einem Liebesroman ♡

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Jubiläum

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Geborgenheit und Familie

Die Morgensonne von Nagano brach sich in den Millionen Regentropfen, die noch an den Kiefernadeln vor dem Fenster hingen, und tauchte das Schlafzimmer in ein klares, fast unwirkliches Licht. In der Villa herrschte eine tiefe, friedliche Stille, die nur vom fernen Zwitschern der Vögel untermalt wurde.

​Nami schlug langsam die Augen auf. Ihr Körper fühlte sich unglaublich schwer an, jede Faser ihrer Muskeln war von einer wohligen Müdigkeit durchtränkt. Doch als sie sich ein wenig bewegte und die kühle Seide der Laken auf ihrer Haut spürte, breitete sich ein tiefes, zufriedenes Leuchten in ihren Augen aus. Es war das Strahlen einer Frau, die bis an ihre Grenzen gefordert worden war und jeden Moment davon genossen hatte.

​Kai, der bereits wach war und sie schweigend beobachtet hatte, rührte sich hinter ihr. Er spürte ihr Erwachen sofort. Mit einer besitzergreifenden, aber zärtlichen Bewegung zog er sie fester in seine Arme, sodass ihr Rücken gegen seine warme, nackte Brust gepresst wurde. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken und atmete den Duft ihrer Haut ein.

​„Guten Morgen, mein Schatz“, raunte er, seine Stimme war vom Schlaf noch tief und rau. Er hielt inne, genoss das Licht, das auf ihr Gesicht fiel, und drehte sie dann sanft zu sich um, damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte. „Ich werde nicht müde, es zu wiederholen: Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt.“

​Nami lächelte, ein weiches, glückliches Lächeln, und legte ihre Hand an seine Wange. „Und ich liebe dich, Kai. Auch wenn du mich gestern fast umgebracht hast.“

​Er lachte leise und küsste ihre Handfläche. „Wir sollten aufstehen. Ich habe gehört, dass das Frühstück bereits auf der Terrasse vorbereitet wird. Die frische Bergluft wird dir gut tun, bevor wir zu Hiro und Hilda fahren.“

​Kai schlug die Decke zurück und stand mit der gewohnten, raubtierhaften Geschmeidigkeit auf. Er reichte Nami die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Nami atmete tief durch, sammelte ihren Willen und stützte sich auf seinen Arm, um aus dem Bett zu gleiten.

​Doch in dem Moment, als sie ihr volles Gewicht auf ihre Füße verlagerte, geschah es.

​Ihre Beine, die sie gestern noch so flink durch die Villa getragen hatten, versagten völlig den Dienst. Sie fühlten sich an wie Pudding, weich und ohne jede Stabilität. Ein unkontrolliertes Zittern lief durch ihre Oberschenkel bis hinunter in die Waden. Nami keuchte überrascht auf, als sie den Halt verlor und nach vorne kippte.

​„Hoppla...“, entwich es ihr, während ihre Knie unter ihr einknickten.

​Doch Kai reagierte blitzschnell. Noch bevor sie den Boden berühren konnte, schlugen seine Arme um sie wie ein Fangnetz aus Stahl. Er fing sie mühelos auf und drückte sie fest gegen sich.

​„Hey...mal langsam...“, sagte er, und ein amüsiertes, aber auch besorgtes Funkeln trat in seine Augen. Er spürte, wie ihre Beine in seinem Griff weiter zitterten, unfähig, sie zu tragen. „Ich glaube, ich habe gestern ein wenig zu viel von dir verlangt. Dein Körper hat nun offiziell entschieden heute zu streiken.“

​Nami krallte sich in seine Schultern, ihr Gesicht leicht gerötet vor einer Mischung aus Erschöpfung und Belustigung über ihre eigene Hilflosigkeit. „Sie zittern einfach... sie wollen nicht stehen“, murmelte sie fassungslos und sah an sich hinunter.

​Kai schüttelte den Kopf und ein stolzes Lächeln glitt über seine Lippen. Er wusste genau, was dieses Zittern bedeutete – es war das letzte Echo der Intensität, mit der er sie gestern besessen hatte. Ohne ein weiteres Wort hob er sie im Brautstil hoch.

​„Dann werde ich dich eben zum Frühstück tragen“, entschied er unnachgiebig. „Und wenn wir bei deinen Eltern ankommen, wirst du dich auf der Fahrt dorthin erst einmal richtig ausruhen müssen. Ich glaube kaum, dass Hiro dich so sehen sollte – er würde mir wahrscheinlich sofort eine Standpauke über die Belastbarkeit seiner Tochter halten.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Hals und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Er würde dich wahrscheinlich einfach nur zu einer Revanche im Schach herausfordern, um dich für meine Puddingbeine büßen zu lassen.“
 

Die Sonne stand nun vollends über den schneebedeckten Gipfeln der japanischen Alpen und verwandelte den Dunst des Regens in einen glitzernden Schleier, der über den Wäldern von Nagano hing. Kai hatte Nami auf die weitläufige Terrasse getragen, die fast wie eine schwebende Plattform über dem Abhang wirkte. Er setzte sie behutsam in einen der tiefen Sessel, die mit dicken, cremefarbenen Polstern ausgelegt waren, und reichte ihr eine Tasse frischen grünen Tee.

​Er selbst lehnte sich mit einer beiläufigen Eleganz gegen das Geländer, den Blick in die Ferne gerichtet, während er einen Schluck Wasser aus seinem Glas nahm.

​„Wie gefällt dir die Villa?“, fragte er ruhig, ohne den Blick von den Bergen abzuwenden. „Jetzt, wo du sie bei Tageslicht und ohne das Adrenalin einer Flucht siehst.“

​Nami atmete die kühle, reine Bergluft tief ein. Der Duft von feuchter Erde, Zirbenholz und der ferne Geruch von Schnee ließen sie innerlich zur Ruhe kommen. „Sie ist atemberaubend, Kai. Alles an diesem Haus ist... perfekt. Die Architektur, die Weite der Räume, das Spiel zwischen dem kalten Stein und dem warmen Holz.“ Sie hielt kurz inne und ließ den Blick über die dichten Wälder unter ihnen schweifen. „Aber am meisten liebe ich die Natur hier oben. Diese Stille, die nur vom Wind unterbrochen wird. Es ist so anders als das geschäftige Treiben in Tokio oder die historische Schwere des Ayame-Anwesens. Hier hat man das Gefühl, über den Dingen zu stehen.“

​Kai nickte langsam, als hätte er genau auf diese Antwort gewartet. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Das freut mich. Denn eigentlich gehört uns das Haus schon seit drei Monaten.“

​Nami erstarrte mit der Teetasse auf halbem Weg zum Mund. Sie sah ihn mit großen Augen an, blinzelte mehrmals und lachte dann unsicher. „Das... das war ein Witz, oder? Du hast die Villa für unser Jubiläum gemietet und willst mich jetzt nur ein bisschen aufziehen.“

​Kai wandte den Kopf und sah sie direkt an. Sein Blick war ruhig, fest und völlig humorlos. „Du weißt genau, Nami, dass ich nicht der Typ für diese Art von Humor bin. Ich meine das absolut ernst. Ich habe die Kaufverträge im Sommer unterzeichnet. Das ist unser Feriendomizil. Ein Ort für uns, für Gou, die Zwillinge und Sayuri, wenn der Trubel in der Stadt zu viel wird.“

​Nami war komplett baff. Sie setzte die Tasse ab, unfähig, das Gewicht dieser Information sofort zu verarbeiten. „Gekauft?“, wiederholte sie fassungslos. „Einfach so? Ohne ein Wort zu sagen?“ Die Freude über den Gedanken, öfter hierher zu kommen, mischte sich mit der plötzlichen Realisation der Größenordnung. „Kai... dieses Haus ist riesig. Es ist moderner und fast noch luxuriöser als unser Anwesen. Es muss ein absolutes Vermögen gekostet haben.“

​Kai nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas, sein Gesichtsausdruck blieb trocken, fast schon geschäftsmäßig, während ein leichter Glanz von Amüsement in seinen Augen aufflackerte. „Es waren nur zwei Millionen“, erwiderte er schlicht.

​Nami starrte ihn an, als hätte er gerade behauptet, er hätte Dranzer gegen ein paar Glasperlen eingetauscht. Eine Mischung aus Unglaube und Belustigung spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. „'Nur' zwei Millionen? Kai, du sagst das, als hättest du im Supermarkt eine Flasche Wein gekauft!“

​Kai zog eine Augenbraue hoch und stellte sein Glas auf dem kleinen Tisch neben sich ab. Er verschränkte die Arme vor der Brust, was seine breiten Schultern unter dem Yukata noch massiver wirken ließ. „Man muss die Relationen sehen, Nami“, rechtfertigte er den Kauf mit einer Sachlichkeit, die sie immer wieder faszinierte. „Die Lage ist einzigartig, die Bausubstanz ist erstklassig und die Privatsphäre hier oben ist unbezahlbar. Marktwirtschaftlich betrachtet ist das Haus mindestens vier Millionen wert. Der Vorbesitzer war in einer... nun ja, dringenden Liquiditätskrise. Ich wäre ein schlechter Geschäftsmann gewesen, wenn ich bei diesem Preis nicht zugeschlagen hätte.“

​Er machte eine kurze Pause und trat einen Schritt auf sie zu, seine Stimme wurde wieder weicher. „Und was den Preis betrifft: Wir können es uns leisten. Ich wollte einen Ort schaffen, der nur uns gehört. Keine Geister der Vergangenheit, keine Protokolle – nur wir und die Kinder.“

​Nami schüttelte den Kopf, ein glückliches Lächeln stahl sich nun doch auf ihr Gesicht. „Du bist unmöglich. Ein Zar, der Schnäppchen jagt.“

​„Ich jage alles, was sich lohnt“, entgegnete er mit einem vielsagenden Funkeln, das sie sofort an die letzte Nacht erinnerte.
 

Die Fahrt von der Villa hinunter ins Tal verlief ruhig. Nami genoss es, sich in die weichen Ledersitze des Wagens zu kuscheln, während Kai mit gewohnter Souveränität den Wagen durch die Serpentinen steuerte. Dieses Mal flogen sie nicht mit dem Heli, sondern fanden ihre Ruhe für ein paar Stunden im Innern des gemütlichen Wagens. Namis Beine kribbelten noch immer leicht, eine bleibende Erinnerung an seine Unnachgiebigkeit, doch die frische Bergluft und der Gedanke an die Kinder ließen ihre Lebensgeister zurückkehren.

​Als sie schließlich einige Stunden später das Haus von Hiro und Hilda erreichten, einem eleganten Anwesen, das Tradition und Moderne perfekt vereinte, war die Stille der Berge sofort vergessen.

​Noch bevor Kai den Motor vollständig abgestellt hatte, schwang die schwere Eingangstür auf.

​„Sie sind da!“, hallte die helle Stimme von Ayumi über den Vorplatz. Die Neunjährige stürmte mit einer Energie nach draußen, die Nami sofort an ihre eigene Wildheit erinnerte. Ihr Haar mit dem markanten Graustich wehte im Wind, und ihre petrolfarbenen Augen leuchteten vor Aufregung. Dicht hinter ihr folgte ihr Zwillingsbruder Ren. Er rannte zwar mit, doch sein Blick war bereits beobachtend, fast schon prüfend, während er die Arme seines Vaters und das Gesicht seiner Mutter scannte, als wollte er sicherstellen, dass alles in Ordnung war.

​Kai stieg aus und fing Ayumi mühelos ab, als sie gegen seine Beine prallte, während Ren sich mit einem kurzen, respektvollen, aber dennoch kindlich-frechen Nicken an Kais Seite gesellte.

​Gou trat mit einer deutlich ruhigeren Gelassenheit aus dem Haus. Er trug ein dunkles Hemd, das ihn wieder einmal fast wie eine Miniaturversion seines Vaters wirken ließ. Seine Ausstrahlung war für sein Alter beängstigend fokussiert. Er lief nicht; er schritt.

​„Willkommen zurück, Vater. Mutter“, sagte er mit einer kühlen Höflichkeit, die jedoch schmolz, als Nami ihn fest in den Arm nahm. Er roch noch nach der Seife seiner Großeltern. „Großvater Hiro hat bereits das Schachbrett aufgebaut, Vater. Er behauptet, er hätte eine neue Strategie gegen deine Eröffnung gefunden.“

​Kai legte seinem ältesten Sohn die Hand auf die Schulter. „Das werden wir ja sehen, Gou. Hast du ihn in meiner Abwesenheit wenigstens ein bisschen herausgefordert?“

„Er hat zweimal gewonnen“, antwortete Gou sachlich, was Kai ein anerkennendes Nicken entlockte.

​In der Tür erschien nun Hilda, die die kleine Sayuri auf dem Arm hielt. Die 2,5-Jährige quasselte vor Vergnügen, als sie ihre Eltern sah. Ihre weißen Locken hüpften bei jeder Bewegung, und ihre magentafarbenen Augen fixierten ihren Vater sofort.

​„Papa!“, rief sie und streckte ihre kleinen Arme aus.

​Kai übernahm die Kleine sofort von Hilda. Es war ein faszinierendes Bild: Der mächtige Zar, dessen Hände gestern noch so unerbittlich gewesen waren, hielt nun dieses zierliche Mädchen mit einer unendlichen Vorsicht fest. Sayuri patschte mit ihren Händen gegen seine Wangen und lachte.

​Hiro Tachiba trat schließlich neben seine Frau. Er sah Nami an, sein Blick war scharf und voller väterlicher Liebe. Er bemerkte sofort den leicht unsicheren Gang seiner Tochter, als sie auf ihn zukam, und ein wissendes, leicht amüsiertes Funkeln trat in seine Augen. Er sah kurz zu Kai, der gerade Sayuri küsste, und dann zurück zu Nami.

​„Es scheint, als hättet ihr die Ruhe in den Bergen... produktiv genutzt“, sagte Hiro trocken, wobei er das Wort 'produktiv' mit einer leichten Betonung versah.

​Nami errötete leicht, gab ihrem Vater aber einen Kuss auf die Wange. „Die Luft in Nagano ist einfach sehr... belebend, Vater.“

​„Das sehe ich“, erwiderte Hiro schmunzelnd. „Hilda hat das Mittagessen fast fertig. Und danach, Kai, werden wir sehen, ob dein Verstand durch die 'Belebung' gelitten hat oder ob du immer noch in der Lage bist, eine anständige Verteidigung aufzubauen.“
 

Während Gou mit einer Konzentration, die seinem Vater in nichts nachstand, die schweren Holzfiguren auf dem handgefertigten Brett im Arbeitszimmer positionierte, ließen sich Kai und Hiro in die ledernen Sessel gegenüber nieder. Das Zimmer duftete nach altem Papier, Tabak und dem fernen Aroma des grünen Tees.

​Hiro wartete, bis Gou den ersten Bauern für Kai gezogen hatte und sich dann leise, fast wie ein Schatten, in eine Ecke des Raumes zurückzog, um das Spiel schweigend zu analysieren.

​„Und?“, begann Hiro, während er seinen eigenen Springer schob. Sein Blick blieb auf das Brett geheftet, doch seine Stimme war von einer väterlichen Neugier geprägt. „Wie hat Nami die Villa gefallen? Hat sie den Schock über den Kaufpreis bereits überwunden?“

​Ein kurzes, amüsiertes Schnauben entwich Kai. Er hatte gewusst, dass Hiro dieses Thema ansprechen würde – schließlich war sein Schwiegervater der Einzige gewesen, dem er die Pläne vor drei Monaten anvertraut hatte. Hiro hatte ihm sogar bei der diskreten Abwicklung des Kaufs geholfen.

​„Sie liebt das Haus, Hiro. Besonders die Lage hat es ihr angetan“, antwortete Kai und schob seinen Läufer nach vorn. „Aber du hattest recht – sie war fassungslos. Sie hielt es für einen Witz, bis ich ihr die Marktwert-Analyse erklärt habe.“

​Hiro lachte leise auf und strich sich über das Kinn. „Nami war schon immer bodenständig, trotz allem. Sie sieht ein Haus nicht als Investment, sondern als Heim. Aber ich wusste, dass Nagano der richtige Ort für sie ist. Es erinnert sie an ihre Wurzeln, fernab von dem künstlichen Licht der Stadt.“ Er machte einen geschickten Zug und sah Kai dann kurz direkt in die Augen. „Du hast ihr einen Rückzugsort geschenkt, Kai. Einen Ort, der keine Narben trägt. Das ist mehr wert als die zwei Millionen, die du dem Vorbesitzer abgejagt hast.“

​„Es ist ein Versprechen an die Zukunft“, ergänzte Kai schlicht.

​Währenddessen spazierten Nami und Hilda langsam durch den perfekt gepflegten Steingarten hinter dem Haus. Die kühle Luft nach dem Regen tat Nami gut, auch wenn sie bei jedem Schritt das leichte Zittern in ihren Muskeln spürte, das sie an Kais Unnachgiebigkeit erinnerte.

​Hilda hielt kurz inne, um eine verblühte Blüte an einem Strauch zu entfernen. „Du strahlst, Nami“, sagte sie sanft, ohne ihre Tochter anzusehen. „Man sieht es dir an, wenn du glücklich bist. Dein Vater und ich waren uns nicht sicher, ob die Zeit in der Villa ausreichen würde, um den Stress der letzten Monate in Tokio abzuschütteln.“

​Nami lächelte und legte den Kopf in den Nacken, um die Sonne auf ihrem Gesicht zu spüren. „Es war genau das, was wir gebraucht haben, Mama. Nur Kai und ich. Ohne Telefon, ohne Termine.“ Sie lachte kurz auf. „Auch wenn ich immer noch nicht fassen kann, dass er dieses riesige Haus einfach gekauft hat. Er ist so unmöglich, wenn es um solche Dinge geht.“

​„Er möchte euch beschützen“, erwiderte Hilda und sah Nami nun mit einem tiefen, mütterlichen Verständnis an. „Kai ist ein Mann, der Sicherheit durch Besitz und Kontrolle schafft. Er baut Mauern, nicht um euch einzusperren, sondern um die Welt draußen zu halten. Aber er tut es jetzt für die Familie, nicht mehr nur für sich selbst. Das ist der große Unterschied zu dem Mann, den du vor zehn Jahren geheiratet hast.“

​Nami nickte langsam. „Ich weiß. Manchmal vergesse ich, wie weit wir gekommen sind. Wenn ich Gou sehe, wie er Kai nacheifert, oder Sayuri, die ihn mit einem einzigen Lächeln entwaffnet... es fühlt sich fast zu perfekt an, um wahr zu sein.“

​Hilda legte ihrer Tochter den Arm um die Schulter. „Genieße es, Nami. Ihr habt hart dafür gekämpft. Und was die Villa betrifft – ich freue mich schon darauf, dort mit den Enkelkindern durch die Wälder zu streifen. Dein Vater hat bereits Pläne für ein Baumhaus im Garten geschmiedet, sobald Kai ihn lässt.“

​Nami lehnte ihren Kopf an Hildas Schulter und spürte eine tiefe Dankbarkeit. Während das ferne Klicken der Schachfiguren aus dem Haus zu ihnen drang, wusste sie, dass sie endlich angekommen war.
 

Das Klacken der schweren Holzfiguren auf dem Brett war das einzige Geräusch im Arbeitszimmer, bis Hiro plötzlich innehielt und seinen Läufer wieder losließ. Er blickte zu Gou, der mit verschränkten Armen und einem fast schon beängstigend fokussierten Ausdruck neben dem Tisch stand.

​„Du hast etwas gesehen, nicht wahr, Gou?“, fragte Hiro mit einem stolzen Funkeln in den Augen.

​Der Junge nickte kaum merklich und trat einen Schritt näher. Er deutete mit dem Finger auf ein Feld am Rand des Brettes. „Wenn Vater den Turm jetzt dort platziert, öffnet er die Diagonale für deinen Springer, Großvater. In drei Zügen wäre sein König exponiert.“

​Kai hielt inne, die Hand bereits am Turm. Er betrachtete das Brett neu, ließ seinen Blick zwischen der Position und dem Gesicht seines Sohnes hin- und herwandern. Ein tiefes, stolzes Schmunzeln breitete sich auf seinen Zügen aus. „Er hat recht“, gab Kai trocken zu und zog seine Hand zurück. Er sah zu Hiro. „Es scheint, als hättest du ihm in den letzten Tagen mehr beigebracht, als ich dachte.“

​Hiro lachte herzlich. „Er lernt schnell, Kai. Er hat deine Gabe, das Schlachtfeld zu überblicken, bevor die erste Figur fällt.“
 

​Draußen im Garten neigte sich der Tag dem Ende zu. Die Luft wurde kühler, und das warme Gold der Abendsonne tauchte die Sträucher in ein tiefes Bernstein. Nami und Hilda kehrten zum Haus zurück, wo Claire bereits damit beschäftigt war, die Taschen der Kinder für die Heimreise zu koordinieren.

​„Attention, Ayumi!“, rief Claire mit ihrem spitzen Akzent, als das Mädchen versuchte, einen besonders schönen Stein aus dem Garten in ihre Tasche zu schmuggeln. „Wir bringen nicht den halben Garten von Monsieur Hiro mit nach Hause. Das Auto ist ein Transportmittel, kein Geologiemuseum.“
 

Die Verabschiedung war lang und herzlich. Hilda drückte jedes Enkelkind fest an sich, und Hiro gab Kai einen festen Händedruck – die stille Anerkennung zweier Männer, die wussten, was es hieß, eine Familie zu schützen.

​Während Claire damit beschäftigt war, die Taschen und die schläfrigen Kinder in den Wagen zu verfrachten, sah Nami zum Tor hinaus. Die Abendluft war klar und trug den Duft von Kiefern und fernen Kaminen mit sich. Obwohl Kai bereits den Wagen für die kurze Fahrt bereitgestellt hatte, legte Nami ihm eine Hand auf den Arm.

​„Kai? Ich würde gerne laufen“, sagte sie leise. „Es sind kaum zehn Minuten bis zum Anwesen. Ich brauche die Bewegung und die kühle Luft, um den Kopf frei zu bekommen.“

​Kai sah sie einen Moment prüfend an, sein Blick glitt kurz zu ihren Beinen, die nach der intensiven Nacht in Nagano immer noch eine leichte Schwäche zeigten. Ein amüsiertes Blitzen trat in seine Augen. „Bist du sicher, dass deine Beine diesen Fußmarsch schon wieder mitmachen, Nami?“

​Sie lachte leise und stieß ihn spielerisch an. „Ich schaffe das schon. Es tut gut, den Boden unter den Füßen zu spüren.“

​Kai nickte und gab Claire ein kurzes Zeichen, mit den Kindern vorzufahren. Dann bot er Nami seinen Arm an, und gemeinsam schritten sie durch das Tor von Hiros Grundstück.

​Der Weg zwischen den beiden Anwesen war gesäumt von alten Steinmauern und hohen Hecken. Es war ein vertrauter Pfad, den Nami schon als Kind unzählige Male gelaufen war. Das Ayame-Anwesen und das Haus ihrer Eltern waren Nachbarn in dieser exklusiven, ruhigen Enklave, und dieser kurze Spaziergang fühlte sich an wie eine Brücke zwischen ihrer Kindheit und ihrem jetzigen Leben als Mutter und Ehefrau.

​„Es ist seltsam“, begann Nami, während sie sich eng an Kais Seite schmiegte. „Wir nutzen so oft die Wagen, fliegen um die halbe Welt, und dabei liegt alles, was mir wichtig ist, nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt.“

​Kai hielt ihre Hand fest umschlossen. „Vielleicht ist das der wahre Luxus, Nami. Nicht die Entfernung, sondern die Nähe zu dem, was man liebt.“

​Als sie schließlich das schwere Eisentor des Ayame-Anwesens erreichten, wirkte das über 60 Jahre alte Haus im Mondschein wie ein schlafender Riese. Die dunklen Holzbalken und die weitläufigen Dächer strahlten eine Beständigkeit aus, die Nami nach dem modernen Luxus der Villa in Nagano seltsam vertraut vorkam. Obwohl es erst sechs Jahrzehnte stand, verlieh die traditionelle Bauweise ihm eine Aura, als wäre es seit Jahrhunderten Teil dieser Erde.

​In der großen Eingangshalle, die mit ihren dunklen Hölzern und dem Geruch nach alten Büchern wie ein Ort aus einer anderen Zeit wirkte, wurden sie vom leisen Gemurmel der Kinder empfangen, die Claire bereits nach oben scheuchte.

​„Vite, vite!“, hörten sie Claires Stimme von der Empore. „Wer zuerst im Pyjama ist, darf morgen entscheiden, was es zum Frühstück gibt – solange es kein Schokoladenfondue ist, Monsieur Ren!“

​Kai und Nami blieben allein in der Halle stehen. Kai zog sie eng an sich und atmete den Duft ihres Haares ein, der sich nun mit der kühlen Abendluft vermischt hatte.

​„Willkommen zu Hause“, flüsterte er.

​Nami lehnte ihren Kopf an seine Brust. „Ein neues Kapitel“, sagte sie leise und sah zu der großen Treppe hinauf.

​„Dasselbe Buch, Nami“, korrigierte Kai sie sanft und küsste sie auf die Schläfe. „Aber wir fangen gerade erst an, die schönsten Seiten zu schreiben.“

​Gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf, während das Ayame-Anwesen sie wie ein alter, weiser Freund in seine schützenden Mauern aufnahm.

Frischfleisch

Zwei Wochen waren vergangen, seit die Stille von Nagano und die luxuriöse Abgeschiedenheit ihrer neuen Villa dem geschäftigen Rhythmus von Tokio gewichen waren. Der Alltag im Ayame-Anwesen war mit der gewohnten Präzision eingekehrt, doch etwas war anders. Kai, der früher oft bis tief in die Nacht im Tachiwari Tower verweilt hatte, bemühte sich nun sichtlich, seine Termine so zu legen, dass er nicht mehr spät nach Hause kam. Er wollte Nami an den Abenden nicht mehr allein lassen – eine stille Geste der Priorität, die Nami unglaublich rührend fand und die ihr zeigte, dass ihre Verbindung durch das Jubiläum eine neue, noch tiefere Ebene erreicht hatte.

​Doch heute forderte das boomende Geschäft der Tachiwari-Corporation seine volle Aufmerksamkeit.
 

Der 44. Stock des Tachiwari Towers roch noch nach frischer Farbe, teurem Teppichboden und dem sterilen Duft fabrikneuer Computerhardware. Die Etage direkt unter Kais privatem Refugium war als offenes Großraumbüro konzipiert worden – ein architektonisches Statement aus Glas und gebürstetem Stahl, das den rasanten Erfolg der Hiwatari-Enterprise widerspiegelte.

​Sato, Kais langjähriger und treuester ehemaliger Assistent, stand in der Mitte des Raumes. Er hatte sich sichtlich gefreut, diese neue Leitungsposition zu übernehmen. Vor ihm hatten sich die zehn neuen Mitarbeiter aufgestellt – eine sorgfältig kuratierte Mischung aus Erfahrung und frischem Ehrgeiz.

​„Ich erwarte absolute Diskretion und Präzision“, erklärte Sato gerade mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Wir sind hier das Rückgrat der strategischen Planung. Wenn oben im 45. Stock eine Entscheidung getroffen wird, muss sie hier bereits in Zahlen gegossen werden, bevor...“

​Sato brach mitten im Satz ab. Sein Rücken straffte sich instinktiv, und sein Blick glitt zur gläsernen Schiebetür, die lautlos zur Seite glitt.

​Die Atmosphäre im Raum veränderte sich augenblicklich. Es war, als wäre die Temperatur um mehrere Grad gesunken, während gleichzeitig die elektrische Spannung zunahm. Kai Hiwatari betrat den Raum.

​Er trug einen maßgeschneiderten, dunkelgrauen Anzug, der so perfekt saß, dass er jede seiner kontrollierten Bewegungen unterstrich. Sein Hemd war von einem makellosen Weiß, der Kragen so steif wie seine Haltung. Er hatte keine Jacke an, die Ärmel waren jedoch nicht hochgekrempelt, sondern mit silbernen Manschettenknöpfen verschlossen. Sein Haar war wie immer perfekt gestylt, und seine Augen – dieses stechende, kühle Rot – scannten die Reihe der neuen Mitarbeiter mit einer Geschwindigkeit, die an ein digitales Erfassungssystem erinnerte.

​„Sir“, sagte Sato und verbeugte sich tief.

​Kai neigte kaum merklich das Haupt. Er blieb zwei Meter vor der Gruppe stehen, die Hände lässig, aber autoritär in den Hosentaschen vergraben. Er sagte nichts. Die Stille dehnte sich aus, wurde schwer und fast körperlich spürbar.

​Besonders am Ende der Reihe, wo die jüngeren Neuzugänge standen, war die Wirkung fatal.

​Yumiko (22), die gerade erst ihren Abschluss in der Tasche hatte, hielt unbewusst den Atem an. Sie hatte Fotos gesehen, aber die physische Präsenz dieses Mannes, diese Mischung aus Gefahr und unermesslicher Macht, raubte ihr schlichtweg die Worte.

​Emi (28), die bereits in zwei anderen Konzernen gearbeitet hatte, versuchte ihre Professionalität zu wahren, doch ihre Augen wanderten immer wieder zu Kais markanten Gesichtszügen und der Art, wie der Stoff seines Anzugs sich über seine breiten Schultern spannte.

​Doch am schlimmsten traf es Hanako (24). Sie stand in der Mitte, und ihr Versuch, unbeteiligt zu wirken, scheiterte kläglich. Ein verräterisches Rot stieg in ihre Wangen, und ihre Augen glänzten vor einer Faszination, die fast schon an Anbetung grenzte. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe und schaffte es nicht, den Blick von Kai abzuwenden, selbst als er seinen Fokus direkt auf ihre Gruppe legte.

​Kai bemerkte es sofort. Sein geschultes Auge für Details registrierte das Zittern ihrer Hände und den gläsernen Blick. Innerlich durchlief ihn eine Welle der Genervtheit. Nach den Tagen in Nagano, nach der tiefen, echten Leidenschaft mit Nami, wirkte dieses plumpe, oberflächliche Begehren dieser jungen Frauen auf ihn wie ein störendes Rauschen. Er verachtete diese Form der Unbeherrschtheit am Arbeitsplatz.

​Doch nach außen hin blieb er der Zar – vollkommen unnahbar, eine Statue aus Eis.

​„Sato“, begann Kai, seine Stimme war leise, aber sie schnitt durch den Raum wie eine Klinge. Er sah keine der Frauen direkt an, sondern fixierte einen Punkt irgendwo hinter ihnen an der Glasfassade. „Ich gehe davon aus, dass die Dossiers für die Übersee-Logistik bis heute Abend 18 Uhr auf meinem Schreibtisch liegen. Fehlerquoten über null Prozent werden nicht akzeptiert.“

​„Natürlich, Sir. Wir sind bereits dabei“, antwortete Sato eifrig.

​Kai ließ seinen Blick nun doch noch einmal kurz über die Neulinge gleiten. Als sein Auge Hanako streifte, die fast schon hypnotisiert wirkte, verengten sich seine Pupillen für den Bruchteil einer Sekunde – ein klares Zeichen seiner Missbilligung, das Hanako jedoch in ihrem jugendlichen Leichtsinn eher als intensives Interesse missdeutete.

​„Disziplin“, sagte Kai schlicht, wobei sein Blick nun wieder Sato galt, „ist das einzige, was uns von der Konkurrenz unterscheidet. Sorgen Sie dafür, dass das hier jedem klar ist. Unnötige... Ablenkungen... haben in diesem Tower keinen Platz.“

​Das Wort „Ablenkungen“ betonte er so dezent, dass nur Sato die wahre Warnung dahinter verstand.

​Ohne ein weiteres Wort, ohne eine Begrüßung oder gar ein Lächeln, drehte Kai sich auf dem Absatz um. Er schritt aus dem Raum, so klanglos und mächtig, wie er gekommen war. Erst als die Glastür hinter ihm zugefallen war, schien der Sauerstoff in den Raum zurückzukehren.

​Hanako stieß einen zittrigen Atemzug aus. „Mein Gott...“, flüsterte sie so leise, dass nur Yumiko es hören konnte. „Er ist... er ist noch viel unglaublicher als in den Nachrichten.“

​Sato räusperte sich lautstark, und sein Blick war nun deutlich strenger als zuvor. Er hatte Kais Signal verstanden. „An die Arbeit. Sofort.“
 

​Nachdem Kai den Raum verlassen hatte, blieb eine seltsame, fast fiebrige Energie im Großraumbüro zurück. Während Sato sich bereits in sein gläsernes Eckbüro zurückgezogen hatte, um die Logistikpläne zu prüfen, standen die drei jüngeren Frauen noch immer in einer kleinen Traube zusammen.

​„Habt ihr das gesehen?“, flüsterte Hanako mit einer Stimme, die immer noch leicht zitterte. Sie hielt sich an der Kante ihres neuen Schreibtisches fest. „Diese Augen... ich dachte immer, die Fotos wären bearbeitet, aber dieses dunkle Rot ist... es ist hypnotisierend. Als würde er direkt in deine Seele sehen.“

​Yumiko nickte heftig. „Und wie er sich bewegt. Er hat diesen Raum nicht einfach nur betreten, er hat ihn eingenommen. Er ist so... unnahbar. Das macht ihn nur noch interessanter.“

​Emi verschränkte die Arme und strich sich eine Strähne hinter das Ohr. „Er wirkt wie aus einer anderen Welt. Kühl, präzise und absolut unbezwingbar. Ich wette, er hat noch nie in seinem Leben die Beherrschung verloren.“

​Hanako kicherte leise, ein verträumter Glanz in ihren Augen. „Ich frage mich, ob er jemals lächelt. Was wohl passieren würde, wenn man es schafft, sein Interesse zu wecken? Stellt euch vor, dieser Blick würde einmal nicht vor Kälte, sondern vor Leidenschaft brennen...“

​„Dann hättest du wahrscheinlich ein ernsthaftes Problem mit der Realität, Schätzchen.“

​Die Stimme war ruhig, tief und klang wie eine kalte Dusche. Die drei jungen Frauen wirbelten herum. Mai, eine 40-jährige erfahrene Strategin, die am Tisch direkt gegenüber saß, hatte ihren Monitor ausgeschaltet und beobachtete die Gruppe mit einem Blick, der eine Mischung aus Amüsement und mitleidiger Strenge war.

​Mai lehnte sich in ihrem ergonomischen Stuhl zurück. „Ihr seid hier bei der Tachiwari-Corporation, nicht in einem Teenie-Drama auf Netflix. Kai Hiwatari ist kein mysteriöser Single, den man 'zähmen' kann.“

​Hanako zog die Brauen hoch. „Wir haben doch nur...“

​„Ihr habt euch wie Schulmädchen benommen, während der CEO direkt vor euch stand“, unterbrach Mai sie trocken. „Glaubt mir, er hat jedes Erröten und jedes Herzrasen bemerkt. Und glaubt mir noch mehr: Es hat ihn nicht beeindruckt, es hat ihn genervt. Für ihn seid ihr in diesem Moment ein Sicherheitsrisiko für die Effizienz der Abteilung gewesen.“

​Mai stand auf, trat einen Schritt näher und senkte ihre Stimme ein wenig, was ihr eine natürliche Autorität verlieh. „Abgesehen davon: Habt ihr eigentlich jemals wirklich die Nachrichten verfolgt oder seid ihr nur auf seinem Business-Profil unterwegs? Dieser Mann ist seit zehn Jahren verheiratet. Fest. Unverrückbar.“

​Emi warf ein: „Na ja, eine Ehe in diesen Kreisen ist oft nur ein Vertrag...“

​Mai lachte kurz und humorlos auf. „Nicht bei ihm. Habt ihr seine Frau jemals gesehen? Nami Hiwatari.“

​Die drei Jüngeren schwiegen. Natürlich kannten sie den Namen, aber in ihrer Fantasie war die Ehefrau meist eine unscheinbare Frau im Hintergrund.

​„Sucht sie mal bei Google, wenn ihr Pause habt“, fuhr Mai fort und ihre Stimme klang nun fast ehrfürchtig. „Es gibt genug Bilder von ihr. Besonders die vom letzten Wohltätigkeitsball in Tokio. Sie ist keine gewöhnliche Frau. Sie ist eine Naturgewalt. Sie hat diese ozeanfarbenen Augen und eine Ausstrahlung, neben der die meisten Models wie graue Mäuse wirken. Und das Wichtigste: Wenn man die beiden zusammen sieht, erkennt man sofort, dass zwischen sie kein Blatt Papier passt. Die Art, wie er sie ansieht...“ Mai hielt kurz inne und sah Hanako direkt an. „...das ist ein Blick, den keine von uns hier im Tower jemals zu Gesicht bekommen wird. Für Kai Hiwatari gibt es nur eine Frau auf diesem Planeten. Und der Rest von uns ist für ihn schlichtweg unsichtbar.“

​Hana schluckte schwer. Die Träumerei in ihrem Gesicht wich einer unterkühlten Ernüchterung.

​„Also“, schloss Mai und deutete auf die wartenden Computerterminals, „hört auf, Luftschlösser zu bauen und fangt an zu arbeiten. Wenn Sato-san sieht, dass ihr eure Quoten wegen Tagträumen nicht erfüllt, sorgt der 'Zar' dafür, dass ihr seine roten Augen heute zum letzten Mal aus der Nähe gesehen habt.“

​Die Gruppe löste sich sofort auf. Ein betretenes Schweigen legte sich über das neue Großraumbüro, während nur noch das schnelle Klicken von Tastaturen zu hören war. Der Zauber war nicht gebrochen, aber die harte Realität der Tachiwari-Corporation hatte Einzug gehalten.
 

Kai verließ den 44. Stock mit schnellen, energischen Schritten. Die gläserne Kabine des privaten Aufzugs schoss lautlos nach oben in den 45. Stock, das Allerheiligste der Tachiwari-Corporation. Sobald er sein Büro betrat – ein riesiger Raum mit dunklem Obsidianboden und einer Fensterfront, die ganz Tokio überblickte – lockerte er mit einer unwirschen Bewegung seine Krawatte.

​Er war immer noch gereizt. Die unverhohlene Faszination in den Augen der jungen Mitarbeiterinnen unten hatte sich wie ein klebriger Film auf seine Stimmung gelegt. Es war diese Art von oberflächlicher Gier, die er zutiefst verabscheute. Er setzte sich hinter seinen massiven Schreibtisch, doch anstatt das Logistik-Dossier zu öffnen, starrte er einen Moment lang auf das gerahmte Foto an der Ecke seines Tisches. Es zeigte Nami in Nagano, das Haar vom Wind zerzaust, mit diesem einen Lächeln, das nur ihm gehörte.

​Ohne lange nachzudenken, griff er zu seinem privaten Handy und wählte ihre Nummer.

​„Kai?“, erklang ihre Stimme nach nur zwei Freizeichen. Sie klang ein wenig überrascht, aber ihre Stimme war warm und hell, ein krasser Gegensatz zu der kühlen Professionalität, die ihn hier umgab. „Ist alles in Ordnung? Es ist ungewöhnlich, dass du dich mitten am Vormittag meldest.“

​Kai lehnte sich in seinem schweren Ledersessel zurück und schloss für einen Moment seine roten Augen. Allein der Klang ihrer Stimme schien den Frost in seinem Inneren zu lösen.

​„Alles bestens“, erwiderte er, und seine Stimme wurde unbewusst eine Oktave tiefer und weicher. „Ich musste nur kurz deine Stimme hören. Ich war gerade unten bei den Neuzugängen im 44. Stock. Sato leitet sie an, aber... die Atmosphäre dort war anstrengend.“

​Nami lachte leise am anderen Ende der Leitung. Sie kannte ihn gut genug, um zwischen den Zeilen zu lesen. „Lass mich raten: Der ‚Zar‘ hat wieder einmal für Schnappatmung gesorgt? Gab es wieder junge Damen, die vergessen haben, wie man atmet, wenn du den Raum betrittst?“

​„Es ist lästig“, gab er trocken zu, doch ein winziges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ihre Unbeherrschtheit ist ineffizient.“

​„Mach dir nichts daraus, Kai. Das legt sich, sobald sie merken, dass du sie zum Frühstück frisst, wenn sie ihre Quoten nicht erfüllen“, scherzte sie, bevor ihr Tonfall fröhlicher wurde. „Aber weißt du was? Das ist ein glücklicher Zufall, dass du anrufst. Ich bin gerade in der Stadt. Ich habe ein paar Besorgungen für Sayuri gemacht und bin momentan nur zwei Straßen vom Tower entfernt.“

​Kai setzte sich schlagartig aufrecht hin. Die Vorstellung, dass sie so nah war, veränderte seine gesamte Planung für den Rest des Vormittags.

​„Du bist hier?“, fragte er, und ein seltenes Funkeln trat in seine Augen.

​„Ja, fast direkt vor deiner Haustür“, erwiderte sie warm. „Ich wollte eigentlich gleich nach Hause fahren, aber wenn der große Boss der Tachiwari-Corporation gerade eine Pause von seinen Bewunderinnen braucht...“

​„Komm hoch“, unterbrach er sie sofort, seine Stimme nun voller ungeduldiger Erwartung. „Ich lasse den Sicherheitsdienst anweisen, dich direkt zum Privatlift durchzuwinken. Ich möchte, dass du mit mir zu Mittag isst. Hier oben. Nur wir beide.“

​„Ich bin in zehn Minuten da, Kai. Ich sag Sato aber noch Hallo.“, versprach sie leise, und er konnte das Lächeln in ihrer Stimme förmlich spüren.

​Als er auflegte, drückte Kai einen Knopf an seiner Gegensprechanlage. „Armon? Meine Frau wird in wenigen Minuten das Gebäude betreten. Sorge dafür, dass der Privatlift bereitsteht. Und sage dem Restaurant im obersten Stock, dass sie das Jubiläumsmenü in mein Büro liefern sollen. Sofort.“

​Er legte das Handy weg, und die Genervtheit des Vormittags war wie weggeblasen. Wenn Nami erst einmal hier war, würde der Tower für einen Moment aufhören, ein Machtzentrum zu sein, und wieder zu einem Ort werden, an dem er einfach nur er selbst sein konnte.
 

Im 44. Stock der Tachiwari-Corporation war die Konzentration gerade erst mühsam zurückgekehrt, als die Glastüren zum Fahrstuhlbereich erneut aufglitten. Doch diesmal war die Aura eine völlig andere. Es war nicht die eisige Kälte des Zaren, sondern eine Welle von Eleganz, Wärme und einer fast schon einschüchternden Schönheit.

​Nami betrat das Großraumbüro. Sie trug ein schlichtes, aber perfekt geschnittenes Kleid in einem tiefen Smaragdgrün, das ihre ozeanfarbenen Augen zum Leuchten brachte. Ihr weißes Haar fiel ihr in perfekt gepflegten Wellen über die Schultern bis hinab über ihr Gesäß. In der Hand hielt sie ein paar kleine Einkaufstüten einer exklusiven Kinderboutique.

​Das Klappern der Tastaturen verstummte fast augenblicklich. Hanako, Yumiko und Emi starrten mit offenem Mund zur Tür. Wenn die Fotos von Nami Hiwatari schon beeindruckend waren, so war die Realität überwältigend.

​Nami bemerkte die Blicke, doch sie schenkte ihnen nur ein flüchtiges, freundliches Lächeln, während sie zielstrebig auf Satos gläsernes Büro zuging.

​„Sato-san!“, rief sie leise, als er gerade aus seinem Büro trat.

​Sato, der gegenüber Kai immer die Haltung eines Soldaten bewahrte, entspannte sich sofort. Ein ehrliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Nami-san! Was für eine angenehme Überraschung. Kai hat mich bereits informiert, dass Sie auf dem Weg nach oben sind.“

​„Ich war ohnehin in der Nähe“, erwiderte sie und trat näher an ihn heran. „Ich wollte nur kurz Hallo sagen und fragen, wie die ersten Stunden mit dem neuen Team laufen. Kai klang am Telefon... nun ja, sagen wir, ein wenig angespannt.“

​Sato warf einen kurzen, vielsagenden Blick über seine Schulter zu der Reihe der neuen Mitarbeiterinnen, die immer noch versuchten, unauffällig zu starren. „Ein paar Anlaufschwierigkeiten bezüglich der... Fokussierung, Nami-san. Aber nichts, was wir nicht in den Griff bekommen.“

​Nami folgte seinem Blick und ihre Augen blieben kurz an Hanako hängen, die immer noch sichtlich mit ihrer Fassung rang. Nami verstand sofort. Sie hatte dieses Funkeln in den Augen junger Frauen schon tausendmal gesehen, wenn es um ihren Ehemann ging. Doch anstatt eifersüchtig zu reagieren, trat ein amüsiertes, fast mitleidiges Blitzen in ihre Augen.

​„Disziplin ist im 45. Stock sehr wichtig, Sato-san. Das wissen Sie am besten“, sagte Nami laut genug, dass es durch den stillen Raum getragen wurde. Sie trat einen Schritt näher zu Sato und legte ihm freundschaftlich eine Hand auf den Arm. „Grüßen Sie mir Ihre Frau. Wir müssen bald wieder gemeinsam essen, wenn der Trubel hier nachlässt.“

​„Sehr gerne, Nami-san. Der Privatlift ist für Sie reserviert.“ Sato verbeugte sich leicht, während er sie zum Aufzug begleitete.

​Bevor Nami in den Lift stieg, drehte sie sich noch einmal kurz um. Ihr Blick streifte die Gruppe der drei jungen Frauen. Es war kein bösartiger Blick, sondern einer voller Souveränität – der Blick einer Frau, die genau wusste, dass sie das Herz des Mannes besaß, den alle anderen nur aus der Ferne bewundern durften.

​Als die Fahrstuhltür sich schloss, herrschte im 44. Stock eine Stille, die man mit einem Messer hätte schneiden können.

​Mai, die ältere Kollegin, tippte ungerührt weiter auf ihre Tastatur, ohne den Kopf zu heben. „Und?“, fragte sie trocken in den Raum hinein. „Immer noch der Meinung, dass diese Ehe nur ein ‚Vertrag‘ ist?“

​Hanako schluckte schwer und starrte auf ihren leeren Monitor. „Sie ist... sie sieht aus wie eine Göttin“, flüsterte sie völlig besiegt. „Und wie sie sich bewegt... als würde ihr der ganze Tower gehören.“

​„Das tut er indirekt auch“, entgegnete Mai und sah nun doch kurz auf. „Und jetzt wisst ihr auch, warum Kai Hiwatari so genervt von euren Blicken war. Wenn man zu Hause eine Frau wie Nami hat, wirkt alles andere wie billiger Plastikschmuck. An die Arbeit, Ladies. Die Show ist vorbei.“

​Oben im 45. Stock glitt die Tür des Privatlifts auf. Kai stand bereits dort, die Hände in den Taschen, der oberste Knopf seines Hemdes nun offen. Sobald er Nami sah, verschwand jede Spur von Kälte aus seinen roten Augen. Er trat auf sie zu, nahm ihr die Tüten ab und legte eine Hand fest in ihren Nacken, um sie zu einem tiefen, besitzergreifenden Kuss zu sich heranzuziehen.

​„Du bist schnell“, raunte er gegen ihre Lippen.

​„Ich wollte meinen Zaren nicht warten lassen“, erwiderte sie lächelnd und legte ihre Arme um seinen Hals. „Übrigens... dein neues Team im 44. Stock ist sehr... aufmerksam.“

​Kai schnaubte leise und führte sie in sein Büro. „Vergiss sie. Sie sind nur Hintergrundgeräusche. Jetzt zählt nur, dass du hier bist.“
 

Das Mittagessen im 45. Stock war von einer Intimität, die in krassem Gegensatz zur kühlen Architektur der Tachiwari-Corporation stand. Während draußen die Sonne über den Wolkenkratzern Tokios glänzte, genossen Kai und Nami die Zweisamkeit. Kai hatte das „Jubiläumsmenü“ kommen lassen – eine Auswahl feinster Köstlichkeiten, die sie an ihre Zeit in Nagano erinnerten.

​„Du hast unten sicher Eindruck hinterlassen“, bemerkte Kai, während er ein Glas Wasser trank und Nami beobachtete. Seine roten Augen wirkten in der hellen Mittagssonne fast wie glühende Rubine, doch ihr Blick war friedlich.

​Nami lächelte verschmitzt und nippte an ihrem Tee. „Ich habe nur Sato-san gegrüßt, Kai. Dass deine neuen Mitarbeiterinnen dabei aufgehört haben zu atmen, war nicht meine Absicht. Aber diese ältere Dame scheint sie gut im Griff zu haben.“

​Kai schnaubte amüsiert. „Wenigstens eine Person mit Verstand in dieser Etage. Ich hoffe, das Thema ist damit erledigt. Ich bezahle sie für Analysen, nicht für Tagträumereien. Ihre Unbeherrschtheit stört den Arbeitsfluss.“

​Nami setzte ihre Tasse ab und lehnte sich mit einem neckischen Funkeln in den Augen zurück. „Weißt du, Kai... ich glaube, du bist einer der ganz wenigen Männer auf dieser Welt, die so etwas als Belastung empfinden. Die meisten Männer in deiner Position würden es als Kompliment an ihr Ego sehen, wenn junge, attraktive Frauen sie so anhimmeln. Es würde sie stolz machen.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch, sein Blick blieb kühl und unbestechlich. „Ego-Bestätigung durch Fremde ist ein Zeichen von Unsicherheit, Nami. Ich brauche keine Bestätigung von Menschen, die nur eine Fassade anstarren und keine Ahnung haben, wer ich wirklich bin.“

​„Ich weiß“, erwiderte sie leise und ihr Lächeln wurde weicher. „Aber es ist trotzdem amüsant. Du stehst da unten wie eine Wand aus Eis, und während sie vor Sehnsucht fast vergehen, denkst du nur darüber nach, wie ineffizient ihr Herzschlag für die Logistik-Dossiers ist. Du bist wirklich unmöglich.“

​„Ich bin effizient“, korrigierte er sie trocken, doch ein seltener Anflug von Wärme glitt über seine Züge, als er über den Tisch griff und ihre Hand kurz drückte. „Außerdem habe ich bereits alles, was ich brauche. Warum sollte ich mich mit Komplimenten von Fremden aufhalten, wenn ich dich habe? Das wäre Zeitverschwendung.“

​Nami lachte leise. „Der Zar der Tachiwari-Corporation – absolut immun gegen Schmeicheleien. Das macht dich vermutlich für diese armen Mädchen noch viel attraktiver, als du ohnehin schon bist.“

​„Dann müssen sie eben lernen, mit ihrer Enttäuschung umzugehen“, schloss Kai das Thema ab, während er sich wieder seinem Essen widmete.

​Sie verbrachten die restliche Stunde mit Gesprächen über die Kinder und die Villa in Nagano, fernab von Geschäftsberichten. Es war diese kleine Insel der Ruhe, die Kai die Kraft gab, den restlichen Tag mit seiner gewohnten, unerbittlichen Präzision zu führen.
 

Stunden später neigte sich der Arbeitstag dem Ende zu. Es war kurz nach 18 Uhr, als die neuen Mitarbeiter des 44. Stocks ihre Sachen packten. Die Dossiers für die Übersee-Logistik waren pünktlich fertiggestellt worden – die Angst vor Kais Missbilligung war ein effektiver Motivator gewesen.

​Hanako, Yumiko und Emi gingen gemeinsam zum Aufzug. Die Aufregung des Morgens war einer tiefen Erschöpfung gewichen, gemischt mit einer neuen Art von Respekt.

​„Ich glaube, ich habe heute mehr gelernt als in meinem ganzen Studium“, murmelte Yumiko, während sie auf den Lift warteten. „Über Logistik... und über die Realität.“

​Hanako sah schweigend auf ihre Hände. „Ich dachte immer, solche Power-Paare gibt es nur in Magazinen. Aber Nami-san... als sie vor uns stand, habe ich mich so klein gefühlt. Nicht, weil sie herablassend war, sondern weil sie einfach diese... Präsenz hat. Sie gehört an seine Seite. Niemand sonst.“

​In diesem Moment hielt ein dunkelgrüner, hochglanzpolierter Wagen mit getönten Scheiben vor dem Haupteingang des Towers, den sie durch die Glasfront der Lobby sehen konnten. Kai und Nami traten fast zeitgleich aus dem Aufzug im Erdgeschoss.

​Die Mitarbeiterinnen blieben im Hintergrund der Lobby stehen und beobachteten die Szene wie ein fernes Schauspiel. Kai hielt Nami die Tür des Wagens auf – eine Geste, die bei jedem anderen Mann gewöhnlich gewirkt hätte, aber bei ihm, dem unnahbaren Zaren, eine tiefe Bedeutung von Schutz und Exklusivität besaß. Bevor er selbst einstieg, legte er eine Hand auf ihr Haar und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Es war ein kurzes, echtes Lachen, das die Strenge des Tachiwari Towers für eine Sekunde durchbrach.

​„Siehst du?“, sagte Mai, die hinter den jüngeren Frauen aufgetaucht war und ebenfalls nach draußen blickte. „Das ist das, was ich meinte. Er ist kein einsamer Wolf, der darauf wartet, gefunden zu werden. Er hat seine Wölfin schon lange gefunden. Und sie bewachen gemeinsam dieses Imperium.“

​Der Wagen rollte lautlos davon und verschwand im dichten Verkehr von Tokio.

​„Kommt jetzt“, sagte Mai und tätschelte Hanako kurz die Schulter. „Morgen früh um acht geht es weiter. Und Hanako? Morgen keine roten Wangen mehr, wenn er reinkommt. Wir haben ein Logistik-Imperium zu führen.“

​Hanako nickte langsam. „Ja, Mai-san. Ich habe es verstanden.“

​Als die Frauen den Tower verließen, war der Himmel über Tokio in ein tiefes Violett getaucht. Der erste Tag in der Tachiwari-Corporation war zu Ende, und in den Köpfen der Neulinge war eines klar geworden: Kai Hiwatari war ein unerbittlicher Boss, ein brillanter Geschäftsmann und ein eiskalter Zar – aber sein Herz war ein Ort, der bereits besetzt war.
 

​Die Dämmerung hatte das Ayame-Anwesen bereits in ein sanftes, bläuliches Licht getaucht, als der dunkelgrüne Bentley knirschend auf der Kiesauffahrt zum Stehen kam. Das alte Haus wirkte mit seinen beleuchteten Fenstern wie ein warmer Hafen nach dem unterkühlten Glanz des Towers.

​Sobald Kai und Nami die schwere Eingangshalle betraten, wurden sie bereits erwartet. Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, stand mit verschränkten Armen am Fuß der großen Treppe. Ihr Blick wanderte prüfend von der Kuckucksuhr an der Wand zu Nami.

​„Ah, da sind sie ja endlich“, begann Claire, ihr französischer Akzent klang heute besonders spitz und ihr Humor so trocken wie ein guter Burgunder. „Ich hatte mich schon gefragt, ob Madame beschlossen hat, die gesamte Stadt Tokio aufzukaufen. Ein ‚kurzer‘ Bummel für Kindersachen, hieß es. Die Kinder haben bereits zu Abend gegessen, und Sayuri hat dreimal nach ihrer ‚Maman‘ gefragt, bevor sie schließlich über ihrem Bilderbuch eingeschlafen ist.“

​Nami löste sich aus Kais Arm und trat ein wenig verlegen lächelnd vor. Sie strich sich eine Strähne ihres weißen Haares hinter die Schulter.

​„Es tut mir leid, Claire“, erklärte sie mit einer Wärme in der Stimme, die keinen Raum für echten Groll ließ. „Ich war tatsächlich schon fast fertig, aber dann habe ich einen kurzen Abstecher in den Tachiwari Tower gemacht, um Kai zum Mittagessen zu besuchen.“ Sie warf ihrem Mann einen vielsagenden Blick über die Schulter zu. „Und wie du siehst, hat der Herr des Hauses entschieden, dass er mich danach nicht mehr gehen lassen wollte. Er hat mich praktisch in seinem Büro gefangen gehalten, bis der Arbeitstag vorbei war.“

​Claire zog eine Augenbraue hoch und sah nun zu Kai. „Gefangen gehalten? Monsieur Hiwatari, ich wusste nicht, dass Entführung nun auch zum Portfolio der Tachiwari-Corporation gehört. Graham hätte sicher eine Meinung zu dieser mangelnden Zeitplanung.“

​Kai, der bei fast jedem anderen Menschen für eine solche Bemerkung nur einen eisigen Blick übrig gehabt hätte, verzog keine Miene. Doch in seinen roten Augen blitzte ein Funken Amüsement auf. Er schätzte Claires Direktheit – sie erinnerte ihn an Grahams unerschütterliche Art.

​„Manchmal erfordern außergewöhnliche Umstände außergewöhnliche Maßnahmen, Claire“, entgegnete Kai mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er trat neben Nami und legte ihr besitzergreifend eine Hand auf die Taille. „Und meine Frau im Büro zu haben, war weitaus produktiver für meine Laune als jedes Logistik-Dossier.“

​Claire schnaubte leise, doch ihre Züge entspannten sich. „Bien sûr. Die Liebe geht vor die Logistik – ein Satz, den ich von Ihnen niemals erwartet hätte, Monsieur. Aber nun gut. Die Kinder schlafen fast alle, außer Gou, der im Arbeitszimmer sitzt und behauptet, er müsse noch eine Schachpartie analysieren, die er heute Morgen gegen seinen Großvater im Kopf verloren hat.“

​Nami lachte leise und schlang ihre Arme um Kais Arm. „Er ist eben ganz der Vater.“

​„Gehen Sie nur“, sagte Claire und machte eine wegscheuchende Geste. „Ich werde in der Küche nachsehen, ob noch etwas Tee übrig ist. Aber morgen, Madame, erwarte ich Sie pünktlich zurück, sonst erzähle ich den Zwillingen, dass der Maman-Bummel-Tag offiziell gestrichen ist.“

​Nami gab Claire im Vorbeigehen einen dankbaren Kuss auf die Wange. Gemeinsam mit Kai stieg sie die Treppe hinauf, während die Stille des 60 Jahre alten Anwesens sie umfing. Der Tower mit seinen neidischen Blicken und den gläsernen Wänden war nun meilenweit entfernt. Hier, innerhalb dieser Mauern, waren sie keine Symbole der Macht, sondern einfach nur ein Paar, das den Tag gemeinsam ausklingen ließ.

Schweres Erbe

​Nachdem Nami sich nach oben verabschiedet hatte, um nach den jüngeren Kindern zu sehen, schritt Kai leise durch den Flur zum Arbeitszimmer. Er öffnete die schwere Holztür und blieb einen Moment im Rahmen stehen. Das Zimmer war nur von einer einzigen Schreibtischlampe und dem glimmenden Rest im Kamin beleuchtet.

​Dort saß Gou. Der Zehnjährige wirkte in dem großen Sessel fast schon erwachsen. Vor ihm stand das schwere Schachbrett aus dem Besitz seines Großvaters Hiro. Gou stützte den Kopf in die Hände, seine Augen – so dunkel und fokussiert wie die seines Vaters – wanderten ununterbrochen über die Figuren.

​„Die Diagonale war der Fehler“, sagte Kai ruhig, während er in den Raum trat.

​Gou schreckte nicht auf. Er hatte das Kommen seines Vaters zweifellos bemerkt. Er nickte langsam, ohne den Blick vom Brett zu wenden. „Großvater hat den Springer geopfert, um meinen Läufer aus der Reserve zu locken. Ich war zu gierig auf den Materialvorteil und habe die Deckung des Königs vernachlässigt.“

​Kai trat hinter seinen Sohn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er spürte, wie Gou unter seiner Berührung ein wenig entspannte, auch wenn seine Haltung diszipliniert blieb. „Gier vernebelt die Strategie, Gou. Ein Opfer ist selten ein Geschenk, meistens ist es ein Köder.“

​„Ich werde es morgen besser machen“, erwiderte Gou bestimmt. Er lehnte sich zurück und sah nun zu seinem Vater auf. In diesem dämmrigen Licht war die Ähnlichkeit zwischen den beiden fast unheimlich – dieselbe kühle Ausstrahlung, derselbe unerschütterliche Wille.

​Einen Moment lang herrschte Schweigen, das nur vom Knistern des Feuers unterbrochen wurde. Dann veränderte sich Gous Gesichtsausdruck. Die analytische Kälte des Schachspielers wich einer leichten, kaum merklichen Unsicherheit.

​„Vater?“, begann er leise.

​„Ja, Gou?“

​„Mein Lehrer... Professor Tanaka... hat heute nach dem Unterricht mit mir gesprochen“, sagte der Junge und verschränkte die Finger ineinander. „Er hat angedeutet, dass er in den nächsten Tagen mit dir und Mutter reden möchte. Er sagte, es gäbe etwas zu besprechen, das über den normalen Lehrplan hinausgeht.“

​Kai verengte seine roten Augen leicht. In seinem Kopf gingen sofort verschiedene Szenarien durch – von Gous Leistungen, die ohnehin weit über dem Durchschnitt lagen, bis hin zu möglichen Problemen mit Mitschülern, die sich von Gous distanzierter Art provoziert fühlen könnten.

​„Hat er einen Grund genannt?“, fragte Kai mit neutraler Stimme.

​Gou schüttelte den Kopf. „Er war sehr diskret. Aber er meinte, es sei wichtig, dass ihr beide dabei seid.“

​Kai nickte langsam. Er wusste, dass Nami sich sofort Sorgen machen würde, aber er spürte, dass bei Gou keine Angst mitschwang, sondern eher eine leise Neugier. Er drückte Gous Schulter etwas fester. „Ich werde es deiner Mutter sagen. Wir werden einen Termin vereinbaren. Mach dir keine Gedanken über das ‚Warum‘, Gou. Was auch immer es ist, wir werden es regeln.“

​„Ich weiß, Vater“, antwortete Gou, und ein kleines, stolzes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

​Kai sah noch einmal auf das Schachbrett. „Und jetzt, ab ins Bett. Ein Strategie-Analytiker braucht Schlaf, wenn er morgen eine Revanche gewinnen will.“

​Gou stand auf, verbeugte sich kurz und verlieh dem Raum eine letzte, respektvolle Stille, bevor er hinausging. Kai blieb allein zurück, den Blick auf den König gerichtet, der auf dem Brett immer noch schutzlos war. Er fragte sich, was der Lehrer wohl zu berichten hatte – in der Welt der Tachiwari-Corporation gab es keine Überraschungen, die er nicht kontrollieren konnte, aber wenn es um seine Kinder ging, war die Unberechenbarkeit ein Faktor, den selbst der Zar nicht ganz ignorieren konnte.
 

Kai verließ das Arbeitszimmer und ging nach oben in das weitläufige Schlafzimmer. Nami stand am Schminktisch und bürstete gerade ihr langes, weißes Haar. Die Bürste glitt in gleichmäßigen Zügen durch die Locken, die ihr in sanften Wellen bis knapp über das Gesäß reichten und im Mondlicht fast silbern schimmerten.

​Sie trug einen seidigen, cremefarbenen Nachtmantel, der ihre Figur umschmeichelte. Als sie Kai im Spiegel kommen sah, legte sie die Bürste beiseite und wandte ihren Kopf ihm mit einem warmen Lächeln zu.

​„War er immer noch bei seiner Analyse?“, fragte sie leise, während Kai näher trat und seine Arme von hinten um sie schlang.

​„Er hat den Fehler in seinem Spiel gefunden“, antwortete Kai und vergrub sein Gesicht kurz in der duftenden Fülle ihres Haares. Er genoss die Ruhe des Augenblicks, bevor er seine Stimme ein wenig senkte. „Allerdings hat er mir noch etwas anderes erzählt. Sein Lehrer, Professor Tanaka, möchte uns sprechen. In den nächsten Tagen.“

​Nami versteifte sich leicht in seinen Armen und drehte sich zu ihm um, die Stirn leicht in Falten gelegt. „Professor Tanaka? Hat Gou etwas angestellt? Oder geht es ihm nicht gut?“

​Kai schüttelte den Kopf und strich ihr beruhigend über die Wange. „Gou weiß es selbst nicht genau. Tanaka war wohl sehr diskret, meinte aber, es sei wichtig, dass wir beide kommen. Es ginge um etwas, das über den normalen Lehrplan hinausreicht.“

​Nami atmete tief durch, drehte sich um und legte ihre Hände auf Kais Brust. „Über den Lehrplan hinaus... das klingt entweder nach einer besonderen Förderung oder nach einem Problem, das er mit Gous Art hat. Du weißt, dass er manchmal sehr... distanziert auf seine Mitschüler wirkt. Er ist eben sehr reif für sein Alter.“

​„Er ist ein Hiwatari“, erwiderte Kai schlicht, doch seine roten Augen blitzten nachdenklich. „Vielleicht ist er in dieser Schule einfach unterfordert. Wir werden hören, was Tanaka zu sagen hat. Ich werde morgenfrüh mein Sekretariat anweisen, einen Termin zu vereinbaren, der uns beiden passt.“

​Nami nickte und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Danke, Kai. Es bedeutet mir viel, dass du dir die Zeit nimmst, trotz der neuen Abteilung im Tower.“

​Kai küssite sie sanft auf die Stirn. „Nichts im Tower ist wichtiger als das, was hier in diesem Haus passiert, Nami. Das habe ich dir versprochen.“

​Er löste den Gürtel ihres Mantels und ließ ihn zu Boden gleiten, während die Sorge um das Schulgespräch für einen Moment in den Hintergrund trat. In der Stille des Ayame-Anwesens zählte nur noch die Nähe des anderen, während draußen die Lichter von Tokio in der Ferne flackerten.
 

Der nächste Morgen im Ayame-Anwesen begann mit jener lebhaften Dynamik, die vier Kinder unweigerlich in ein sechzig Jahre altes Haus brachten. Das Licht der Morgensonne fiel in breiten Bahnen durch die hohen Fenster des Esszimmers und tanzte auf dem dunklen Holz des massiven Tisches.

​Als Kai und Nami den Raum betraten, war die Szenerie bereits im Gange. Claire beaufsichtigte die kleine Sayuri, die mit großer Begeisterung versuchte, ihren Brei methodisch auf dem Tablett ihres Hochstuhls zu verteilen. Die Zwillinge, Ayumi und Ren, saßen sich gegenüber; Ayumi wirbelte eine Locke ihres graustichigen Haares um den Finger, während Ren mit einer Konzentration, die er von seinem Vater geerbt hatte, sein Frühstück verzehrte. Gou saß am Kopfende, die Haltung kerzengerade, und las in einem Wirtschaftsmagazin.

​Graham stand an der Anrichte. Seine Bewegungen waren von einer lautlosen Präzision, als er den Tee eingoss. Jedes Gedeck stand in perfektem Winkel zum nächsten.

​„Guten Morgen“, grüßte Nami die Runde und küsste Sayuri auf die Stirn.

​„Guten Morgen, Madame. Master Kai.“, erwiderte Graham mit einer knappen, respektvollen Verbeugung. Er stellte Kai seinen schwarzen Kaffee hin, ohne dass dieser ein Wort sagen musste. „Ich habe mir erlaubt, für den Master heute ein besonders kräftiges Röst-Aroma zu wählen. In Erwartung eines... arbeitsintensiven Vormittags.“

​Kai neigte den Kopf. „Danke, Graham.“

​Ren und Ayumi begannen gerade ein unterdrücktes Kichern über eine Begebenheit in der Schule, doch ein einziger Blick aus Kais roten Augen genügte, um sie zur Räson zu rufen. Das Kichern erstarb sofort, auch wenn Ayumis petrolfarbene Augen weiterhin vor Übermut blitzten.

​Graham trat einen Schritt zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er wartete einen Moment der Stille ab, bevor er sich diskret an Nami wandte.

​„Madame, Claire erwähnte Ihre verspätete Rückkehr am gestrigen Abend. Ich war bereits im Begriff, die Inventarliste der Tachiwari-Corporation zu prüfen, um festzustellen, ob Madame nun als dauerhafter Bestandteil des Firmenvermögens geführt wird.“

​Nami schmunzelte und nippte an ihrem Tee. „Es war ein ungeplanter Aufenthalt, Graham. Kai hat mich nach dem Mittagessen einfach nicht mehr gehen lassen.“

​„Ein bedauerlicher Mangel an logistischer Flexibilität, wie mir scheint“, bemerkte Graham mit völlig unbewegter Miene. „Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass die Sicherheitsvorkehrungen des Towers so effektiv sind, dass sie selbst die Hausherrin am Verlassen hindern. Ich werde Grahams... Verzeihung... meine Sorge für das nächste Mal entsprechend skalieren.“

​Gou legte sein Magazin beiseite. „Geht ihr heute zu Professor Tanaka?“, fragte er ruhig.

​„Wird Gou etwa von der Schule geworfen?“, platzte es aus Ayumi heraus.

​„Sicher nicht“, warf Ren ein und musterte seinen Bruder kühl. „Wahrscheinlich bekommt er nur einen Preis, weil er den Lehrer beim Schach besiegt hat.“

​„Wir werden heute Nachmittag mit ihm sprechen“, antwortete Nami beruhigend und wechselte einen kurzen Blick mit Kai.

​Graham trat vor, um eine leere Schale wegzuräumen. Seine Effizienz war beinahe hypnotisch. „Ich werde dafür Sorge tragen, dass die Kinder den Wagen für die Schule pünktlich erreichen. Was Ihren Termin betrifft, Master Kai: Ich habe die Aktenmappe bereits im Foyer bereitgelegt. Man sollte einen Pädagogen niemals warten lassen – das hinterlässt den Eindruck einer mangelhaften Erziehung, was in diesem Hause gänzlich indiskutabel wäre.“

​Kai warf dem Butler einen kurzen, prüfenden Blick zu. Er schätzte Grahams diskrete Art, Kritik oder Besorgnis in tadellose Etikette zu verpacken. „Danke, Graham. Wir werden pünktlich sein.“

​„Das wurde auch nicht angezweifelt, Sir“, schloss Graham trocken und verschwand so lautlos, wie er erschienen war, in Richtung der Küche.
 

Das Schulgebäude der exklusiven Privatschule strahlte eine gediegene Ruhe aus. Als Kai und Nami den Korridor zum Lehrerzimmer entlangschritten, ernteten sie neugierige Blicke vom Personal. Kai, in seinem perfekt sitzenden dunklen Anzug, wirkte wie eine unnahbare Machtgestalt, während Nami in ihrem eleganten Etuikleid und dem markanten weißen Haar, das ihr bis zum Gesäß reichte, eine natürliche Autorität und Schönheit ausstrahlte.

​Professor Tanaka erwartete sie bereits. Er war ein älterer Mann mit einer runden Brille und einem Blick, der viel Erfahrung verriet. Er erhob sich höflich, als die beiden eintraten.

​„Mr. Hiwatari, Mrs. Hiwatari. Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig Zeit nehmen konnten“, begrüßte er sie und deutete auf die gepolsterten Stühle gegenüber seinem Schreibtisch.

​„Wir sind gespannt, was Sie uns zu berichten haben, Professor.“, begann Nami freundlich, während Kai sich schweigend setzte und den Lehrer aus seinen roten Augen aufmerksam beobachtete.

​Tanaka faltete die Hände auf dem Tisch. „Lassen Sie mich zuerst über Gous aktuelle Leistungen sprechen. Gou ist... ein außergewöhnlicher Schüler. Nicht nur wegen seiner Noten, die ausnahmslos im obersten Bereich liegen. Es ist seine Art, Probleme zu analysieren. Er besitzt eine strategische Tiefe, die ich in dreißig Jahren im Schuldienst selten bei einem Zehnjährigen gesehen habe.“

​Ein kurzes, stolzes Funkeln trat in Kais Augen, doch er blieb gewohnt beherrscht. „Er lernt schnell“, kommentierte er knapp.

​„Das ist eine Untertreibung“, fuhr Tanaka fort und lächelte dünn. „In Mathematik und den Naturwissenschaften langweilt er sich sichtlich, obwohl er es aus Höflichkeit niemals zeigen würde. Er erledigt Aufgaben für die Oberstufe in der Hälfte der Zeit, die ältere Schüler benötigen. Aber was mich am meisten beeindruckt, ist seine soziale Reife. Er ist distanziert, ja, aber er beobachtet die Dynamiken in der Klasse mit einer Schärfe, die fast schon... beängstigend ist.“

​Nami tauschte einen Blick mit Kai. Sie wusste, dass Gou oft wie ein kleiner Erwachsener wirkte. „Worauf möchten Sie hinaus, Professor?“

​Der Lehrer lehnte sich vor. „Ich habe mich mit der Schulleitung und der psychologischen Abteilung beraten. Wir sind der Meinung, dass wir Gou in seinem jetzigen Umfeld nicht mehr gerecht werden können. Er stagniert intellektuell. Daher schlagen wir offiziell vor, Gou zwei Klassen überspringen zu lassen.“

​Stille erfüllte den Raum. Nami atmete merklich ein. „Zwei Klassen? Das würde bedeuten, dass er mit Zwölfjährigen zusammen unterrichtet wird. Er ist erst zehn.“

​„Physisch und emotional ist er weit genug“, entgegnete Tanaka ruhig. „Tatsächlich glauben wir, dass er sich unter Gleichaltrigen isoliert fühlt, weil ihm die intellektuelle Herausforderung fehlt. Bei den älteren Schülern würde er auf Widerstand und Komplexität stoßen, die ihn fordern. Wir möchten ihn fördern, statt ihn in einer Routine festzuhalten, die ihn unterfordert.“

​Kai, der bisher nur zugehört hatte, ergriff das Wort. Seine Stimme war tief und fest. „Gou ist ein Stratege. Wenn man ihm das Schlachtfeld wegnimmt, verliert er sein Ziel. Ihn zwei Klassen springen zu lassen, wäre die logische Konsequenz aus seinem Potenzial.“ Er sah zu Nami. „Aber die Entscheidung liegt nicht nur bei den Tests oder bei uns. Wir müssen wissen, ob Gou diesen Sprung selbst will.“

​Tanaka nickte. „Das ist korrekt. Aber ich habe vorhin bereits kurz mit ihm gesprochen, ohne ihm Hoffnungen zu machen. Sein einziger Kommentar war: 'Die Herausforderung wäre angemessen.'“

​Nami musste unwillkürlich lächeln. Das klang exakt nach ihrem Sohn. „Zwei Klassen... das ist ein großer Schritt. Er wäre der Jüngste in der gesamten Stufe.“

​„Aber vermutlich der Klügste“, ergänzte Tanaka schlicht.
 

Nami spürte, wie ein warmes Gefühl von Stolz in ihrer Brust aufstieg. Sie sah kurz zu Kai, dessen markantes Profil im kühlen Licht des Büros fast wie gemeißelt wirkte, und erkannte in diesem Moment die Unausweichlichkeit der Situation. Gou war kein gewöhnliches Kind; er trug das Erbe zweier starker Blutlinien in sich, und ihn künstlich zurückzuhalten, wäre wie der Versuch, einen jungen Adler am Boden festzubinden.

​„Wenn Gou wirklich nach seinem Vater kommt“, begann Nami, und ihre Stimme war nun fest und klar, „dann ist diese Herausforderung kein Hindernis für ihn. Es ist der Treibstoff, den er braucht.“ Sie lächelte Professor Tanaka an, auch wenn ein kleiner Rest mütterlicher Sorge in ihren ozeanfarbenen Augen blieb. „Er hat sich schon immer eher an Erwachsenen orientiert als an seinen Spielkameraden. Wenn Sie glauben, dass er bereit ist, dann werden wir ihn dabei unterstützen.“

​Kai neigte leicht das Haupt, eine Geste der endgültigen Zustimmung. „Wir werden heute Abend mit ihm sprechen. Aber ich kenne meinen Sohn. Er wird den Sprung nicht nur akzeptieren, er wird ihn als einen Sieg verbuchen.“

​Als sie später am Nachmittag das Ayame-Anwesen erreichten, herrschte eine ungewöhnliche Stille. Gou wartete bereits im Foyer. Er stand an der großen Treppe, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und beobachtete seine Eltern, als sie eintraten. Sein Blick war ruhig, doch die leichte Spannung in seinen Schultern verriet seine Neugier.

​Graham nahm Kai den Mantel ab, während Claire mit Sayuri im Hintergrund blieb, um den Moment nicht zu stören.

​„Gou, komm mit uns ins Arbeitszimmer“, sagte Kai kurz angebunden, aber nicht unfreundlich.

​Dort angekommen, setzte sich Kai hinter seinen massiven Schreibtisch, während Nami sich auf die Kante des Tisches lehnte, ihr langes Haar floss über ihre Schulter herab.

​„Professor Tanaka hat uns seinen Vorschlag unterbreitet, Gou“, begann Nami sanft. „Er möchte, dass du zwei Klassen überspringst. Er glaubt, dass du intellektuell weit über deiner jetzigen Stufe stehst.“

​Gou verzog keine Miene, doch seine Augen blitzten auf. Er sah direkt zu seinem Vater. „Und was habt ihr geantwortet?“

​Kai lehnte sich zurück und fixierte seinen ältesten Sohn mit seinen dunkelroten Augen. „Wir haben gesagt, dass wir an dich glauben. Aber zwei Klassen zu überspringen bedeutet, dass du mit Schülern konkurrierst, die zwei Jahre älter, größer und erfahrener sind als du. Du wirst dich beweisen müssen – jeden Tag aufs Neue. Es gibt keinen Welpenschutz für einen Hiwatari.“

​Gou straffte den Rücken. Die kühle Entschlossenheit in seinem Gesicht war ein Spiegelbild Kais. „Die älteren Schüler werden mich unterschätzen, Vater. Das ist ein strategischer Vorteil, kein Hindernis. Ich habe mich in meiner Klasse schon lange nicht mehr gefordert gefühlt.“

​Nami trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Wange. „Es geht nicht nur um Strategie, mein Schatz. Es geht auch darum, dass du dich wohlfühlst. Du wirst der Jüngste sein.“

​Gou sah sie an, und für einen Moment blitzte jene tiefe Reife auf, die Tanaka so beeindruckt hatte. „Mutter, ich fühle mich nicht wohl, wenn ich Aufgaben löse, die keine Anstrengung erfordern. Ich möchte wissen, wo meine Grenzen liegen.“

​Kai stand auf und trat neben seinen Sohn. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Gut. Dann ist es entschieden. Ab Montag wirst du in der achten Klasse unterrichtet. Zeig ihnen, dass Alter nur eine Zahl ist, wenn der Verstand scharf genug ist.“

​Gou nickte knapp. „Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.“

​„Enttäusch dich nicht selbst, Gou“, korrigierte Kai ihn ruhig. „Das ist das Einzige, was zählt.“

​Als Gou das Zimmer verließ, um die Neuigkeit wahrscheinlich auf seine ganz eigene, stille Weise zu verarbeiten, sah Nami zu Kai auf. „Er wächst so schnell, Kai. Manchmal habe ich das Gefühl, wir bereiten ihn nicht auf die Schule vor, sondern auf die Übernahme eines Imperiums.“

​„Vielleicht tun wir beides“, erwiderte Kai und zog sie in seine Arme.
 

Der Montagvormittag an der Privatschule war von einer kühlen Geschäftigkeit geprägt. Als Gou den Korridor der achten Klasse betrat, wirkte er in seiner perfekt sitzenden Schuluniform fast wie eine Miniaturversion des Mannes, der morgens den Tachiwari Tower betrat. Während andere Zehnjährige vielleicht nervös an ihren Riemen gezupft hätten, war Gous Gang ruhig und kontrolliert.

​Die Nachricht von dem „Wunderkind“, das zwei Klassen überspringen durfte, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Als er den Klassenraum betrat, verstummten die Gespräche der Zwölf- und Dreizehnjährigen augenblicklich.
 

​In der ersten großen Pause suchte sich Gou einen strategisch günstigen Platz auf einer Steinbank im Innenhof, um in einem Buch über Spieltheorie zu lesen. Er musste nicht lange warten.

​Drei Schüler der achten Klasse, angeführt von einem großgewachsenen Jungen namens Kentaro, bauten sich vor ihm auf. Kentaro war der typische Anführer einer Clique, der seine Position durch physische Präsenz und lautes Auftreten sicherte.

​„Na, sieh mal einer an“, spottete Kentaro und warf einen Schatten auf Gous Buch. „Die Grundschule hat wohl vergessen, ihre Krabbelgruppe abzuschließen. Was suchst du hier, Kleiner? Hast du dich verlaufen oder suchst du den Wickelraum?“

​Seine Begleiter lachten pflichtbewusst. Gou blätterte langsam eine Seite um, ohne aufzusehen. Diese absolute Ignoranz schien Kentaro zu reizen. Er trat einen Schritt näher und stieß mit dem Fuß gegen Gous Schuh. „Ich rede mit dir, Zwerg. Denkst du, weil dein Vater ein hohes Tier in der Tachiwari-Corporation ist, gelten die Regeln hier für dich nicht?“

​Gou schloss das Buch mit einem leisen, trockenen Geräusch. Er sah auf, und sein Blick war so unbewegt, dass Kentaros Lachen ein wenig unsicherer wurde.

​„Die Regeln der Logik gelten überall.“, sagte Gou mit einer Stimme, die für sein Alter ungewöhnlich tief und vollkommen furchtlos klang. Er musterte den älteren Jungen so analytisch, als wäre er ein fehlerhafter Algorithmus. „Du versuchst, eine Dominanz zu etablieren, die auf deiner körperlichen Entwicklung basiert, da du intellektuell bereits merkst, dass du den Anschluss verlierst. Das macht dich nervös. Du suchst dir ein leichtes Ziel, um dein sinkendes Selbstwertgefühl zu kompensieren.“

​Kentaro starrte ihn entgeistert an. „Was... woher willst du das wissen?“

​„Ich beobachte“, erwiderte Gou schlicht. Er stand auf. Obwohl er fast zwei Köpfe kleiner war, schien er den Raum zwischen ihnen vollkommen zu beherrschen. „Außerdem ist dein Vater Vizepräsident bei einem unserer Zulieferer. Ich bin sicher, er fände es äußerst... ineffizient, wenn sein Sohn die Geschäftsbeziehungen gefährdet, indem er sich wie ein unzivilisierter Anfänger benimmt. Eine Beschwerde über dein Verhalten könnte bei der nächsten Vertragsverlängerung der Tachiwari-Corporation ein interessantes Detail sein.“

​Ein eisiges Schweigen legte sich über die kleine Gruppe. Die Drohung war subtil, aber präzise – genau wie Kai es getan hätte. Gou hatte nicht geschrien, er hatte nicht gedroht, ihn zu schlagen. Er hatte Kentaros gesamte soziale und familiäre Sicherheit mit wenigen Sätzen infrage gestellt.

​Kentaro schluckte schwer. Er sah die ruhige Entschlossenheit in Gous dunklen Augen und das absolute Fehlen jeglicher Angst. Er erkannte, dass er es hier nicht mit einem Kind zu tun hatte, sondern mit einem Gegner, der auf einer Ebene kämpfte, die er nicht einmal ansatzweise begriff.

​„Das... das war nur ein Witz“, stammelte Kentaro und trat einen Schritt zurück. „Komm schon, Leute. Der Kleine ist langweilig.“

​Er versuchte, so lässig wie möglich wegzugehen, doch sein hastiger Rückzug sprach Bände. Die anderen Schüler, die die Szene beobachtet hatten, sahen Gou nun mit einer neuen Art von Respekt – und einer gesunden Portion Vorsicht – an.

​Gou setzte sich wieder und öffnete sein Buch genau an der Stelle, an der er aufgehört hatte. Ein winziges, fast unsichtbares Lächeln, das sehr an Nami erinnerte, stahl sich auf seine Lippen. Die Herausforderung war tatsächlich... angemessen.

Gou war gerade dabei, sein Buch wieder in der Tasche zu verstauen, als er bemerkte, dass sich ihm jemand näherte. Es war nicht die aggressive, schwere Aura von Kentaro und seiner Gruppe. Diese Schritte waren leicht, fast zögerlich.

​Er wandte den Kopf und sah Mina. Sie war in seinem Alter, zehn Jahre alt, und war bis zum letzten Freitag seine Klassenkameradin gewesen. Sie hatte dunkles Haar, das sie meistens in zwei ordentlichen Zöpfen trug, und ihre Finger spielten nervös am Saum ihrer Schuljacke.

​„Hallo, Gou“, sagte sie leise. Sie blieb in einem respektvollen Abstand stehen, genau an der Grenze seines persönlichen Raums.

​„Mina“, erwiderte Gou neutral, aber nicht unfreundlich. Er beobachtete sie genau. Ihre Schultern waren leicht hochgezogen, sie vermied den direkten Blickkontakt für mehr als eine Sekunde, und ihre Wangen hatten einen zartrosa Schimmer. Es war ein vertrautes Muster. Er hatte diese Körpersprache oft bei den Assistentinnen im Tower oder bei Gästen im Ayame-Anwesen beobachtet, wenn sie seinem Vater gegenüberstanden.

​~Interesse gepaart mit Unsicherheit~, analysierte Gou kühl in seinem Kopf.

​„Ich... ich habe gehört, dass du jetzt fest in der achten Klasse bist“, begann sie und sah kurz zu den älteren Schülern hinüber, die Gou vorhin noch bedrängt hatten. „Ich wollte dir nur sagen... dass ich ein wenig traurig war, als ich es erfahren habe. Die Klasse fühlt sich ohne dich irgendwie... anders an. Ruhiger. Aber auch ein bisschen langweiliger.“

​Gou schwieg einen Moment. Er war es gewohnt, dass Menschen ihn bewunderten oder fürchteten, aber Minas einfache, ehrliche Traurigkeit über sein Fehlen war eine Variable, die er nicht in seine strategischen Überlegungen einbezogen hatte.

​„Die akademische Diskrepanz war zu groß, Mina“, erklärte er sachlich. „Ich musste diesen Schritt tun.“

​„Ich weiß“, sagte sie schnell und sah ihn nun doch direkt an. Ihre Augen glänzten ein wenig. „Du bist eben besonders. Das wissen wir alle. Ich wollte nur nicht, dass du gehst, ohne dass ich es dir sage.“

​Gou sah sie an. Er erkannte die Tapferkeit, die es sie kostete, hierher in den Bereich der älteren Schüler zu kommen, nur um ihm das zu sagen. Es war ineffizient, ja – aber es war auch loyal. Und Loyalität war ein Wert, den sein Vater ihm als höchstes Gut beigebracht hatte.

​Ein seltener Impuls von Sanftheit überkam ihn. Er entspannte seine Gesichtszüge und schenkte ihr ein kaum merkliches, aber echtes Lächeln – ein Lächeln, das die Kälte seiner Augen für einen Moment vertrieb und das warme Erbe seiner Mutter durchscheinen ließ.

​„Danke, Mina. Ich schätze deine Aufrichtigkeit“, sagte er leise.

​Die Wirkung war augenblicklich. Das zarte Rosa auf Minas Wangen vertiefte sich in ein leuchtendes Rot, das bis zu ihren Ohren reichte. Sie wirkte für einen Moment völlig sprachlos, fast so, als hätte er ihr ein kostbares Geschenk überreicht.

​„G-gern geschehen!“, stammelte sie, machte eine angedeutete Verbeugung und drehte sich schnell um, um fast schon zurück zu ihrem Teil des Schulhofs zu rennen.

​Gou sah ihr einen Moment nach. Er verstand nun besser, warum sein Vater oft so unnahbar blieb. Solche Reaktionen waren mächtig, aber auch kompliziert. Er nahm seine Tasche auf und machte sich auf den Weg zurück zum Unterricht der achten Klasse. Er hatte heute nicht nur eine Lektion in Macht erteilt, sondern auch eine über die Wirkung von Aufmerksamkeit gelernt.

Meister

​Das Abendlicht fiel in schrägen, goldenen Streifen durch die hohen Fenster des Arbeitszimmers im Ayame-Anwesen. Kai stand am Fenster, den Rücken zur Tür, als er Gous kontrollierte Schritte hinter sich hörte. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Tag für seinen Sohn ein Erfolg gewesen war; die Aura des Jungen war ruhig, fast schon gesättigt.

​Er drehte sich langsam um und fixierte seinen Erstgeborenen mit einem Blick, der keine Schwäche duldete.

​„Du hast heute eine Position bezogen, Gou“, begann Kai, seine Stimme tief und resonant. "Professor Tanaka hat mich vor einer Stunde angerufen. Er hat die Konfrontation auf dem Schulhof aus seinem Büro beobachtet und durch das offene Fenster belauscht. Er hat mir Bericht erstattet, wie ich es von ihm verlangt habe. Er war beeindruckt von deiner Beherrschung gegenüber diesem älteren Jungen.“

​Kai trat einen Schritt auf Gou zu, die Präsenz des Zaren erfüllte den Raum. „Aber unterschätze niemals die Dynamik einer Gruppe. Wissen ist eine mächtige Waffe, aber es ist nicht alles. In der Welt der Oberstufenschüler wirst du auf jene treffen, die versuchen werden, dich nicht wegen deines Verstandes, sondern wegen deines Geistes zu brechen. Sie werden nach Rissen in deinem Fundament suchen.“

​Er legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. „Du musst unerschütterlich sein. Nicht nur, weil du klüger bist, sondern weil du für sie unerreichbar sein musst. Jede Emotion, die du unkontrolliert zeigst, ist ein strategischer Fehler.“

​Gou hörte schweigend zu, seine dunklen Augen fest auf die seines Vaters gerichtet. Er verarbeitete die Worte mit jener blitzschnellen Logik, die ihn auszeichnete. Nach einem Moment der Stille antwortete er:

​„Ich verstehe, Vater. Ich habe heute beobachtet, wie die anderen auf Stärke reagieren. Deine Art der Unerschütterlichkeit... die Wirkung, die du auf Menschen hast, ohne ein Wort zu sagen... das ist für mich erstrebenswert. Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich dich als mein direktes Vorbild sehe und dir in dieser Hinsicht nacheifere? Ich möchte diese Wirkung ebenfalls beherrschen und kontrollieren können.“

​Innerlich durchlief Kai eine seltene Welle der Emotion. Die Direktheit und der tiefe Respekt seines Sohnes berührten einen Teil in ihm, den er meist unter Verschluss hielt. Es war ein Moment absoluter Anerkennung. Doch nach außen hin blieb seine Maske perfekt. Nur ein winziges Zucken in seinem Kiefer verriet die Intensität seiner Gefühle.

​„Ein Vorbild zu wählen ist klug, solange man nicht zu einer Kopie wird“, erwiderte Kai beherrscht. Er wechselte das Thema, um die emotionale Dichte des Gesprächs wieder auf eine sachliche Ebene zu führen. „Sag mir... hörst du die Stimme von Corvus immer noch so deutlich in deinem Kopf? Und hast du mittlerweile die volle Kontrolle über die Aura erreicht, die er ausstrahlt?“

​Gous Blick wurde ernst. Corvus, sein Bit Beast, war eine dunkle, mächtige Entität im innern seiner Seele. „Ich höre ihn, Vater. Deutlicher als je zuvor. Aber ich unterdrücke ihn aktiv. Ich weiß, dass die Menschen in meiner Umgebung Angst vor ihm – und vor mir – hätten, wenn ich die Aura unkontrolliert fließen ließe. Ich halte ihn unter Verschluss.“

​Kai nickte langsam, ein Zeichen düsterer Anerkennung. Er kannte die Last, ein mächtiges Bit Beast zu beherrschen, nur zu gut.

​„Gut. Aber höre mir genau zu: Du wirst dich auf dem Schulhof unter keinen Umständen auf ein Beyblade-Match einlassen“, befahl Kai unmissverständlich. „Die Kraft von Corvus ist kein Spielzeug für gelangweilte Achtklässler. Wir werden erst eine aktuelle Analyse deines Kampfprofils und der Stabilität deiner Aura in der Tachibey Trainingshalle durchführen. Ehe ich nicht sicher bin, dass du die Zerstörungskraft unter Druck kontrollieren kannst, bleibt dein Blade in der Tasche. Verstanden?“

​„Ja, Vater. Ich verstehe“, antwortete Gou gehorsam.

​Kai sah ihn noch einen Moment lang an, bevor er sich wieder zum Fenster wandte. „Dann geh jetzt. Deine Mutter wartet sicher schon mit dem Abendessen. Und Gou...“ Er hielt kurz inne. „Gute Arbeit heute.“

​Ein kurzes Leuchten trat in Gous Augen, bevor er sich verbeugte und das Zimmer verließ.
 

Das Abendessen im Ayame-Anwesen verlief in einer Atmosphäre von kultivierter Ruhe, die jedoch von einer subtilen Spannung unterflogen war. Gou saß ungewöhnlich aufrecht an seinem Platz, während die Zwillinge Ayumi und Ren immer wieder neugierige Blicke zu ihrem großen Bruder warfen. Sie spürten, dass im Arbeitszimmer etwas Wichtiges besprochen worden war.

​Graham servierte den letzten Gang mit seiner gewohnten Diskretion, und erst als die Kinder sich unter Claires Aufsicht nach oben verabschiedet hatten, blieb die Stille zurück, nach der Kai und Nami gesucht hatten.
 

​Nami lehnte sich mit ihrer Teetasse zurück. Ihr weißes Haar floss wie ein Wasserfall über die Lehne des Stuhls bis knapp über ihr Gesäß. Sie beobachtete Kai, der nachdenklich in seinen Tee starrte.

​„Du hast vorhin mit Gou gesprochen“, begann sie sanft. „Und ich habe gesehen, wie er das Zimmer verlassen hat. Er wirkte... gewachsen. Fast so, als hätte er eine wichtige Prüfung bestanden.“

​Kai hob den Blick. Seine roten Augen wirkten im Kerzenlicht dunkler, fast wie glühende Kohlen. „Er hat heute seine erste echte Kraftprobe in der neuen Klasse bestanden. Tanaka hat mich angerufen, kurz bevor ich nach Hause kam. Er hat die Situation auf dem Schulhof beobachtet.“

​Nami stellte ihre Tasse ab, ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich leicht. „Einen Anruf? Was ist passiert? War es die achte Klasse?“

​„Eine Gruppe älterer Schüler wollte ihn einschüchtern. Ein Junge namens Kentaro.“, erklärte Kai mit einer Stimme, die keinerlei Beunruhigung verriet, sondern eher eine kühle Genugtuung. „Tanaka sagte, er habe noch nie ein Kind erlebt, das eine solche Situation mit einer derartigen psychologischen Präzision gelöst hat. Gou hat nicht körperlich gekämpft. Er hat sie dekonstruiert. Er hat ihre Schwächen analysiert und sie gegen sie verwendet – genau so, wie ich es von ihm erwartet habe.“

​Nami atmete tief durch. Einerseits war sie erleichtert, andererseits verspürte sie diesen vertrauten Stich der Sorge. „Er ist erst zehn, Kai. Dass er bereits lernt, Menschen so zu lesen... das ist ein schweres Erbe.“

​„Es ist ein notwendiges Erbe, Nami“, erwiderte Kai fest. Er machte eine kurze Pause, und sein Blick wurde für einen Moment weicher. „Er hat mich heute etwas gefragt. Er möchte mir nacheifern. Er hat mich ausdrücklich als sein Vorbild bezeichnet, weil er diese Wirkung der Unerschütterlichkeit beherrschen will.“

​Nami schwieg einen Moment. Sie wusste, wie viel es Kai bedeutete, auch wenn er es niemals laut aussprechen würde. Dass sein Erstgeborener ihn nicht nur respektierte, sondern ihm in seinem Wesen so nah sein wollte, war die größte Anerkennung, die Kai erhalten konnte.

​„Und was hast du ihm geantwortet?“, fragte sie leise.

​„Ich habe ihn gewarnt, keine Kopie zu werden. Aber ich habe ihm auch klargemacht, dass er sich niemals auf ein Match einlassen darf, bis wir Corvus’ Aura analysiert haben. Er unterdrückt das Bit Beast im Moment aus Angst vor der Wirkung auf andere.“ Kai schüttelte leicht den Kopf. „Er ist sich seiner Macht bereits sehr bewusst. Das ist gut, aber es ist auch gefährlich.“

​Nami trat hinter ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern. „Er hat deinen Verstand und deine Disziplin, Kai. Aber er hat auch ein Herz, das für seine Familie schlägt. Das wird ihn davor bewahren, so einsam zu werden, wie du es früher einmal warst.“

​Kai griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich heran. „Ich werde morgen Abend mit ihm in eine Trainingshalle der Academy gehen. Ich muss sehen, wie stabil die Verbindung zu Corvus wirklich ist.“

​Nami nickte. Sie wusste, dass dieser Moment kommen musste. Es war der Übergang von der Kindheit in die Welt der Verantwortung, die der Name Hiwatari mit sich brachte.

Das sanfte Licht der Wandleuchter fing sich in den weißen Wellen ihres Haares, das wie flüssige Seide über ihren Rücken fiel als Nami sich von Kai löste. Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu – ein Blick, der die mütterliche Sorge der letzten Minuten vollständig vertrieb und durch ein vertrautes, neckisches Blitzen in ihren ozeanfarbenen Augen ersetzte.

​„Der Abend ist spät geworden“, sagte sie leise. „Geht der ‚Zar‘ heute noch einmal seine Dossiers durch, oder kommt er mit mir nach oben?“

​Kai erwiderte ihren Blick, und das Schmunzeln, das nun seine Züge stahl, war eines, das die Welt außerhalb dieses Raumes niemals zu Gesicht bekam. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich mit der geschmeidigen Eleganz eines Raubtieres in Bewegung. Er trat hinter sie, schlang seine starken Arme um ihre Taille und zog sie fest gegen seine Brust.

​„Du solltest übrigens öfter im Büro vorbeischauen“, raunte er, während er sein Gesicht in ihrem Nacken vergrub und den vertrauten Duft ihres Haares einatmete. Seine Hände begannen langsam und besitzergreifend von ihrer Taille nach oben zu wandern, ein klares Zeichen dafür, dass seine Gedanken nicht länger beim Schulrat oder Logistikplänen waren.

​Nami lachte leise und lehnte ihren Kopf zurück gegen seine Schulter, wobei sie die wohlige Wärme seiner Nähe genoss. „Ach ja? Nur damit du mich dann wieder bis zum Abend in deinem Büro einschließt und behauptest, die Sicherheitsprotokolle würden ein Verlassen des 45. Stocks verhindern?“

​„Das neue Sofa war doch bequem...“, entgegnete Kai mit einem tiefen, amüsierten Grinsen direkt gegen ihr Ohr.

​Nami prustete los. Das Lachen schüttelte ihren ganzen Körper, als die Erinnerung an eine ganz bestimmte Episode vor einigen Jahren in ihr hochstieg. „Ein Wunder, dass Sato mir heute noch in die Augen sehen kann“, begann sie zu kichern, während sie sich in seinen Armen umdrehte.

​Sie sah das amüsierte Funkeln in Kais Augen, als er genau wusste, worauf sie anspielte...

​„Er war gezeichnet fürs Leben“, fügte Nami kichernd hinzu. „Als wir endlich herauskamen, war er nicht nur rot wie eine Tomate, sondern hatte tatsächlich Nasenbluten vor lauter Entsetzen und Verlegenheit. Er wusste gar nicht, wohin er starren sollte, außer auf seine eigenen Schuhspitzen.“

​Kai lachte leise auf, ein tiefes, kehliges Geräusch. „Sato hat an diesem Tag gelernt, dass manche Dossiers besser ungelesen und manche Türen besser ungeöffnet bleiben. Aber er ist loyal – er hat danach nie wieder versucht, mich ohne dreimalige Bestätigung über die Gegensprechanlage zu stören.“

​Er hob eine Hand und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, sein Blick wurde nun deutlich dunkler und intensiver. „Was ihn damals schockiert hat, ist heute der Grund, warum ich den 45. Stock am liebsten gar nicht mehr verlassen würde, wenn du dort bist.“

​Nami legte ihre Arme um seinen Hals und zog ihn ein Stück tiefer zu sich herab. „Dann sollten wir Sato morgen vielleicht einen freien Tag gönnen. Er hat die letzten Tage im Tower bereits genug unter deinen neuen Mitarbeiterinnen gelitten.“

​„Gute Idee“, murmelte Kai, bevor er ihre Lippen mit seinen versiegelte und die Erinnerungen an das Büro durch die Realität der Gegenwart im Ayame-Anwesen ersetzte.

Kai löste sich nicht von ihr, sondern begann, sie mit einer spielerischen Bestimmtheit die breite Eichenholztreppe des großen Salons hinaufzudrängen. Nami lachte hell auf, ein Geräusch, das in der nächtlichen Stille des Hauses wie Musik klang. Doch jedes Mal, wenn sie eine Stufe erklommen hatte, hielt er sie erneut fest, seine starken Hände schlossen sich fest um ihre Hüften und zogen sie hart gegen seinen Körper.

​Er verwickelte sie immer wieder in lange, zärtliche und doch fordernde Zungenküsse, die ihr den Atem raubten. Nami spürte, wie ihre Knie weich wurden und sich eine wohlige Hitze in ihrem Unterleib ausbreitete.

​Seit den intensiven Tagen in Nagano hatte sich etwas in Kais Art verändert. Er balancierte nun stetig auf dem schmalen Grat zwischen seiner gewohnten, besitzergreifenden Dominanz und einer fast schon schmerzhaft leidenschaftlichen Zärtlichkeit. Diese neue Facette brachte Nami völlig um den Verstand. Er war nicht mehr nur der kühle Zar und Jäger; er war ein Mann, der genau wusste, welche Knöpfe er bei seiner Frau drücken musste.

​Besonders seine Küsse waren zu einer Waffe geworden. Seit Kai wusste, dass seine Lippen auf den ihren sie vollkommen willenlos machten, zelebrierte er diese Berührungen beinahe endlos. Er kostete jede Sekunde aus, wie sie unter ihm erzitterte, wie ihre Finger sich fest in den Stoff seines Hemdes krallten und wie sie leise gegen seinen Mund wimmerte, wenn er sich für einen Moment zurückzog, nur um sie im nächsten Augenblick noch tiefer zu küssen.

​„Du zögerst es hinaus“, hauchte Nami zwischen zwei Küssen, ihre Stimme nur noch ein heiseres Flüstern. Ihr langes, weißes Haar peitschte bei jeder ihrer Bewegungen sanft gegen seine Arme.

​„Ich genieße die Wirkung“, erwiderte Kai mit dunkler, rauer Stimme. Er sah ihr tief in die ozeanfarbenen Augen, in denen nun pures Verlangen brannte. Er legte eine Hand in ihren Nacken und zwang sie sanft, den Kopf nach hinten zu legen, während er seine Lippen an ihren Hals presste. „Ich genieße es zu sehen, wie sehr du mich willst. Wie dein Körper nach mir schreit.“

​Ein wohliger Schauer lief über ihren Rücken. Seine Lippen wanderten wieder nach oben zu ihrem Mund, und diesmal war der Kuss so fordernd, dass Nami sich gänzlich an ihn lehnen musste, um nicht den Halt zu verlieren. Der Flur oben war nur noch wenige Schritte entfernt, doch in diesem Moment schien der Weg dorthin wie eine Ewigkeit – eine Ewigkeit, die Kai mit jeder Berührung und jedem Kuss zur süßesten Qual machte, die sie sich vorstellen konnte.

​Als sie schließlich die Schwelle zu ihrem Schlafzimmer erreichten, drückte er sie sanft gegen die geschlossene Tür. Seine roten Augen glühten vor Leidenschaft. Die Welt da draußen, die Kinder, der Tower und selbst die Sorge um Gous Aura waren in diesem Moment vollkommen ausgelöscht. Es gab nur noch das rhythmische Schlagen ihrer Herzen und das Versprechen einer Nacht, die die Leidenschaft von Nagano noch einmal aufleben lassen würde.
 

​Der Nachmittag war angebrochen, und die Luft in der privaten Trainingshalle der Tachibey Academy war kühl und still. Das hochmoderne Beystadium in der Mitte der Halle glänzte unter den Halogenscheinwerfern.

​Kai stand mit verschränkten Armen am Rand der Arena. Er hatte sein Sakko abgelegt und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Neben ihm stand Makoto, Tysons Sohn. Gou hatte ausdrücklich darum gebeten, dass Makoto dabei sein sollte – vielleicht als Zeuge, vielleicht aber auch als einziger Gleichgesinnter, der die Last eines mächtigen Erbes wirklich verstehen konnte.

​Gou trat an das Stadium. In seiner Hand hielt er seinen Bey. Die Atmosphäre im Raum veränderte sich merklich; ein schwerer, dunkler Druck begann sich auszubreiten, noch bevor der Kreisel überhaupt die Arena berührt hatte.

​„Du hast Makoto gebeten zu kommen, Gou“, sagte Kai mit einer Stimme, die die Stille durchschnitt. „Ich nehme an, das bedeutet, dass du bereit bist, uns die ungeschönte Wahrheit über deine Verbindung zu Corvus zu zeigen.“

​Gou nickte knapp. Er sah kurz zu Makoto, dann zu seinem Vater. „Ich wollte, dass er sieht, was passiert, wenn ich die Unterdrückung lockere. Es ist... anstrengend geworden, ihn im Zaum zu halten.“

​Kai neigte das Haupt. „Dann zeig es uns. Volle Aura-Entfaltung. Ich will sehen, ob du das Bit Beast nun führst – oder ob es dich führt.“

​Gou nahm seine Kampfposition ein. Seine Augen, die sonst so beherrscht wirkten, begannen in einem tiefen, fast unnatürlichen Schwarz zu glühen. Er atmete tief ein, und plötzlich flackerte das Licht in der Halle.

​„Drei... zwei... eins... LET IT RIP!“
 

Gous Hand schnellte vor. Der Bey schoss mit einem ohrenbetäubenden Zischen in das Stadium. Schon im ersten Moment des Einschlags zitterte der Boden der Trainingshalle. Die Luft begann zu flimmern. Ein gewaltiger, dunkler Druck breitete sich aus, der die Atemwege zuschnürte und die Temperatur im Raum um mehrere spürbare Grade fallen ließ. Die Halogenlampen über ihnen begannen wild zu flackern, als würden sie dem gewaltigen Energiefluss nicht standhalten können.

​Dann, mit einem schrillen, markerschütternden Schrei, der wie ein lautes, metallisches Krächzen klang und bis ins Mark drang, manifestierte sich Corvus.

​Es war ein riesiger Rabe, dessen Umrisse sich aus reiner, dunkelblauer Energie zusammensetzten. Seine Augen glühten in einem bedrohlichen Violett, und von seinem Körper strahlte ein intensives, unheilvolles Licht aus, das die Schatten in den Ecken der Halle tanzen ließ. Seine gigantischen Flügel, die sich über dem Stadium ausbreiteten, schienen die gesamte Halle auszufüllen. Die bloße Präsenz dieses Bit Beasts war erdrückend, eine physische Verkörperung der Zerstörung.

​Makoto, der noch nie ein Bit Beast dieser Größenordnung aus der Nähe erlebt hatte, wich instinktiv einen Schritt zurück. Seine Augen waren weit aufgerissen, und ein Zittern lief ihm durch die Glieder. Er spürte die rohe, unkontrollierte Gewalt, die von Corvus ausging – eine Kraft, die weit über alles hinausging, was er sich hätte vorstellen können. Es war nicht nur Macht; es war Chaos, das drohte, alles zu verschlingen.

​Kai stand unbewegt, seine Augen fixierten Gou, dann Corvus. Ein Ausdruck düsterer Anerkennung, vermischt mit tiefer Sorge, lag auf seinem Gesicht. Er kannte diese Art von Energie. Er wusste, dass sie nicht nur den Gegner, sondern auch den Anwender zerreißen konnte. Corvus war nicht nur groß; er war immerzu wütend. Die Energie war nicht kanalisiert, sondern brodelte ungestüm, drohte, überzulaufen.

​Gou selbst stand da, die Haltung kerzengerade, doch seine Gesichtszüge waren angespannt. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Er hielt die Kontrolle, doch Kai sah, wie seine Hände leicht zitterten. Die violetten Augen von Corvus spiegelten sich in Gous dunklen Pupillen wider, und ein winziger, fast animalischer Ausdruck huschte über das Gesicht des Jungen – ein Spiegelbild des Bit Beasts, das er zu beherrschen versuchte.

​Corvus stieß einen weiteren, ohrenbetäubenden Schrei aus, der die Metallkonstruktion der Halle erzittern ließ, als würde der Rabe mit seinem Krächzen die Mauern zu sprengen versuchen.
 

Kai trat näher an den Rand des Stadiums, die Hitze der dunkelblauen Aura schlug ihm entgegen, doch er wich keinen Millimeter zurück. Er sah die Anstrengung in Gous Gesicht, das Zittern, das durch den Körper seines Sohnes ging.

​„Hör mir zu, Gou“, begann Kai, seine Stimme war ruhig, aber sie trug eine Autorität, die selbst das Kreischen von Corvus für einen Moment übertönte. „Ein Bit Beast dieser Stärke ist kein Werkzeug, das man einfach nur benutzt. Es ist ein Teil deiner Seele. Wenn du es unterdrückst, wird es gegen dich kämpfen. Wenn du es fließen lässt, ohne es zu lenken, wird es dich verzehren. Du musst der Kern des Sturms sein, nicht das Opfer.“

​Kai machte eine kurze Pause und fixierte Gous Blick. „Meistere Corvus. Lerne, seine Zerstörungskraft so präzise zu führen wie eine Klinge. Sobald du die vollständige Kontrolle über diese Aura hast und ich sicher bin, dass du sie in jeder Sekunde beherrschst... darfst du an offiziellen Beyblade-Turnieren teilnehmen.“

​In diesem Augenblick geschah etwas Seltenes: Die antrainierte, kühle Maske auf Gous Gesicht zersplitterte. Die Beherrschtheit, die er sich so mühsam von seinem Vater abgeschaut hatte, wich einem ungläubigen, fast kindlichen Funkeln in seinen Augen. Er starrte Kai an, der Mund leicht geöffnet.

​Es war Gous größter, lang gehegter Wunsch. Er wollte nicht nur spielen; er wollte in die Fußstapfen des Mannes treten, der als der „Kühle Kai“ die Welt des Beybladens erschüttert hatte. Kai war im selben Alter gewesen, als sein Aufstieg in der Welt des Blade-Sports begann. Dass sein Vater ihm nun dieses Tor öffnete, war mehr als nur eine Erlaubnis – es war ein Ritterschlag.

​Kai sah die Erschütterung in seinem Sohn und ein seltener Ausdruck von Stolz stahl sich auf seine Züge. Er hob deutlich einen Mundwinkel zu einem halben Lächeln. Er kannte dieses Feuer. Er hatte es selbst in sich getragen.

​Diese neue Motivation wirkte wie ein Katalysator. Gou atmete tief ein. Sein Blick wurde schlagartig wieder scharf, doch dieses Mal war es kein Kampf gegen Corvus, sondern eine Einladung. ~Es muss sein...~, dachte Gou verbissen. ~Ich werde Champion.~

​Und dann geschah das, womit Kai so schnell nicht gerechnet hatte.

​Anstatt die Aura mühsam zurückzudrängen, riss Gou die Barrieren in seinem Inneren förmlich ein. Er schrie nicht, aber eine lautlose Druckwelle ging von ihm aus. Die dunkelblaue Energie von Corvus, die eben noch wild und chaotisch umhergepeitscht war, zog sich schlagartig zusammen.

​Der riesige Rabe stieß keinen schrillen Schrei mehr aus. Stattdessen begann er zu schrumpfen, wurde dichter und intensiver, bis die dunkelblaue Energie wie flüssiges Feuer direkt in den wirbelnden Bey floss. Das Leuchten wurde so hell, dass Makoto die Augen abschirmen musste.

​Gou streckte die Hand aus, und die Aura von Corvus legte sich wie ein hauchdünner, tiefblauer Schleier um seinen Arm. Es war keine Unterdrückung mehr – es war eine perfekte Synchronisation. Die Verbindung war nun so rein und stabil, dass das Stadium unter der Last der komprimierten Energie anfing zu glühen.

​Kai weitete die Augen. Diese Geschwindigkeit der Anpassung... Gou hatte nicht nur die Anweisung verstanden, er hatte die Essenz der Verbindung in einem einzigen, verzweifelten Moment des Willens erfasst.

​Doch die schiere Menge an Energie, die Gou nun kanalisierte, war für seinen zehnjährigen Körper eine enorme Belastung. Das Stadium fing an, feine Risse zu bilden.

​„Gou, warte!“, rief Kai, als er bemerkte, dass die Energie begann, instabil zu werden, weil Gou zu viel auf einmal wollte.
 

Gou biss die Zähne zusammen, die Muskeln in seinen Unterarmen traten deutlich hervor. Kai war bereits im Begriff einzugreifen, doch dann hielt er inne. Er sah es in Gous Augen. Das dunkle Rot, das Gou von ihm geerbt hatte, begann sich zu wandeln. Es vertiefte sich in ein glühendes, rötliches Violett, das im Takt mit dem Bey im Stadium pulsierte. Dann, für einen Wimpernschlag, leuchteten seine Iris in einem elektrischen Blau auf – derselben Farbe, die Corvus’ Schwingen eigen war.

​Die instabile Energie, die eben noch die Arena zu zerreißen drohte, glättete sich augenblicklich. Der Bey rotierte nun mit einer so mörderischen Geschwindigkeit, dass er fast lautlos wurde. Die dunkelblaue Aura legte sich wie eine zweite Haut um den Kreisel.

​Gou hatte es geschafft. Er hatte Corvus nicht besiegt, er hatte ihn gemeistert.

​Langsam ließ die Intensität nach, und der Bey verlangsamte seine Drehung, bis Gou ihn mit einer sicheren Bewegung auffing. Die Halle versank wieder in relativer Stille, abgesehen vom leisen Knacken des erhitzten Metalls im Stadium.

​„Alter... Gou!“, platzte es aus Makoto heraus. Er war völlig überwältigt und trat mit großen Augen näher. „Das war... das war ja mal absolut krank! Ich meine, ich sehe Dragoon jeden Tag beim Training mit meinem Dad, und das ist schon heftig, aber dein Corvus? Der ist ja mittlerweile wie ein Albtraum auf Speed! Richtig cool, Mann!“

​Ein breites Grinsen stahl sich auf Makotos Gesicht, während er Gou anerkennend gegen die Schulter boxte. „Wie du das im letzten Moment glattgezogen hast... ich dachte echt, uns fliegt die Hütte um die Ohren. Du bist ein echtes Monster im Stadium, weißt du das?“

​Gou atmete schwer, das violette Leuchten in seinen Augen verblasste langsam und kehrte zu seinem gewohnten Dunkelrot zurück. Er wirkte erschöpft, aber in seinem Blick lag eine Zufriedenheit, die Kai fast schon unheimlich war.

​Kai trat zu den beiden Jungen. Er betrachtete die feinen Risse im Boden des Stadiums und dann seinen Sohn. Die Tatsache, dass Gou seine Augenfarbe während der Synchronisation verändert hatte, war ein Zeichen für eine tiefgreifende energetische Verbindung – eine Stufe, die mehr als überfällig war.

​„Du hast die Kontrolle behalten“, stellte Kai fest, und seine Stimme war nun wieder von jener kühlen Sachlichkeit geprägt, hinter der er seinen Stolz verbarg. „Die farbliche Veränderung deiner Augen zeigt, dass Corvus dich als Träger nun vollständig akzeptiert hat. Das ist... beeindruckend, Gou.“

​Er legte seinem Sohn eine Hand auf den Kopf, eine Geste, die Gou fast mehr bedeutete als die Erlaubnis für die Turniere.

​„Aber vergiss nicht“, fügte Kai mit einem Blick auf den zerstörten Rand der Arena hinzu, „Kraft ohne Präzision ist nur Lärm. Wir werden weiter trainieren. Aber was das Turnier angeht... ich stehe zu meinem Wort. Ich werde dich anmelden.“

​Gou sah zu Makoto und dann zu seinem Vater. Das Feuer in ihm brannte nun heller als je zuvor. Der Weg zum Champion hatte offiziell begonnen.
 

​Nachdem Kai die Trainingshalle der Academy verlassen hatte, um sich mit den Trainern über die Sensordaten der Arena auszutauschen, blieben die beiden Jungen allein zurück. Die Academy war hochmodern, die Wände schallisoliert, doch die Luft roch hier nach dem intensiven Training Dutzender Schüler – und nun auch nach dem Ozon, das Gous Entladung hinterlassen hatte.

​Gou wischte sich den Schweiß von der Stirn. Anstatt der üblichen Erschöpfung war sein Gesicht von einer neuen Vitalität beseelt. Er steckte seinen Bey in die Halterung an seinem Gürtel und sah zu Makoto. Es war ein Blick, der nun eine Spur lockerer wirkte – das kühle Schutzschild, das er normalerweise trug, war einer tiefen, fast unerschütterlichen Selbstsicherheit gewichen.

​„Komm“, sagte Gou und deutete zum Ausgang, der auf den großen Campus der Academy führte. „Lass uns hier rausgehen. Ich brauche frische Luft.“

​Als sie über das Gelände der Tachibey Academy schlenderten, bemerkte Makoto die Veränderung an seinem Freund deutlich. Gou wirkte nicht mehr wie der Junge, der ständig unter dem Druck stand, perfekt sein zu müssen. Er wusste jetzt, dass er es war. Er lächelte mehr, und obwohl dieses Lächeln oft nur ein kurzes, wissendes Verziehen der Mundwinkel war, verlieh es ihm eine erschreckende Ähnlichkeit mit Kai. Er strahlte eine Ruhe aus, die fast schon autoritär wirkte.

​„Echt jetzt, Gou“, fing Makoto wieder an und blickte zurück auf das beeindruckende Academy-Gebäude. „Was dein Dad gesagt hat... Turniere! Stell dir das vor. Die Leute werden ausrasten, wenn sie sehen, wie Corvus die Arena zerlegt. Meinst du, wir kommen in denselben Block?“

​Gou lachte leise auf – ein kurzes, kehliges Geräusch, das Makoto fast zusammenzucken ließ, so sehr klang es nach dem Zaren. „Es wäre strategisch unklug von der BBA, uns zu früh gegeneinander antreten zu lassen, Makoto. Sie wollen das große Finale: Hiwatari gegen Granger. Die Geschichte wiederholt sich eben gerne.“

​Er sagte das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass Makoto kurz innehalten musste. Gou klang nicht eingebildet; er klang einfach nur so, als würde er eine unumstößliche Tatsache aussprechen. Er wirkte nun sogar noch ein wenig mehr wie Kai als noch am Morgen – die gleiche unnahbare Aura, die gleiche furchteinflößende Präsenz.

​„Wow, du bist ja richtig selbstsicher geworden“, grinste Makoto. „Sogar noch ein Stück mehr wie dein Alter Herr, wenn er mal wieder jemanden mit einem Blick in Stein verwandelt.“

​„Vielleicht“, erwiderte Gou und blieb stehen, um über den Campus zu blicken, auf dem andere Schüler gerade ihr Training beendeten. „Aber es ist ein gutes Gefühl, nicht mehr nur im Schatten zu stehen. Ich habe Corvus heute gespürt, Makoto. Er wollte nicht mehr ausbrechen... er wollte einfach nur gewinnen. Mit mir zusammen.“

​Er drehte sich zu Makoto um, und seine Augen blitzten kurz violett auf. „Wenn wir auf dem Turnier stehen, werde ich keine Rücksicht nehmen. Auch nicht auf dich, falls wir gegeneinander antreten.“

​Makoto schlug lachend ein. „Das hoffe ich doch! Sonst macht es ja keinen Spaß, dich zu schlagen.“

​Gou lächelte breit – ein seltenes, offenes Lächeln, das zeigte, dass er trotz seiner neuen, dunklen Aura immer noch der Junge war, der seinen Freund schätzte. Doch die neue, raubtierhafte Eleganz in seinen Bewegungen war nun dauerhaft Teil seines Wesens geworden.

Gou

Als der dunkelgrüne Bentley von Kai in die Auffahrt des Ayame-Anwesens rollte, stand Nami bereits auf der Veranda. Das kühle Licht der Dämmerung ließ ihr langes, weißes Haar fast blau schimmern. Sie hatte auf die Rückkehr der drei gewartet, doch als die Türen aufgingen, spürte sie sofort, dass sich die Atmosphäre verändert hatte.

​Kai stieg zuerst aus, gewohnt unnahbar und stolz. Doch direkt hinter ihm folgte Gou.

​Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Es war nicht so, dass Gou anders aussah – er trug noch immer seine gewohnte Kleidung, die nun etwas verknittert war –, aber seine Ausstrahlung war transformiert. Er ging nicht mehr nur neben seinem Vater; er bewegte sich mit derselben raubtierhaften, kontrollierten Eleganz. Als er den Kopf hob und seine Mutter erblickte, lag in seinem Blick eine neue Tiefe, eine Art dunkles Leuchten, das Nami einen Schauer über den Rücken jagte.

​„Willkommen zu Hause“, sagte sie, während die drei die Stufen hinaufstiegen.

​„Mutter“, erwiderte Gou ruhig. Er trat auf sie zu und neigte den Kopf. Früher hätte er sie vielleicht umarmt oder ihr von seinem Tag vorgeschwärmt, doch jetzt blieb er in einem Abstand stehen, der Respekt und eine neue, erwachsene Distanz ausstrahlte. „Das Training war... aufschlussreich.“

​Nami sah zu Kai auf, der neben seinem Sohn stehen geblieben war. Die Ähnlichkeit war in diesem Moment erschreckend. Zwei Generationen von Hiwataris standen vor ihr, beide mit derselben unerschütterlichen Aura der Macht. Kai legte Gou eine Hand auf die Schulter, und die neue Synchronität ihrer Bewegungen war fast schon gespenstisch.

​„Gou hat heute einen großen Schritt gemacht“, sagte Kai, und seine Stimme klang dunkler als sonst. „Er hat Corvus nicht nur kontrolliert. Er hat ihn akzeptiert.“

​„Ich spüre es“, flüsterte Nami. Sie trat einen Schritt vor und legte Gou eine Hand auf die Wange. Er wich nicht zurück, aber sie spürte die Hitze, die immer noch von seiner Aura ausging – ein Nachhall der blauen Flammen. „Du wirkst so... sicher, mein Schatz. Fast schon ein wenig zu sicher.“

​Gou legte seine Hand über die ihre. Sein Griff war fest und entschlossen. „Es gibt keinen Grund mehr für Unsicherheit, Mutter. Vater hat mir erlaubt, an den Turnieren teilzunehmen. Ich werde das Erbe der Hiwataris dort fortführen, wo es hingehört.“

​Er lächelte sie an – ein kurzes, scharfes Lächeln, das so sehr nach Kai aussah, dass Nami für einen Moment glaubte, in die Vergangenheit zu blicken.

​Makoto, der hinter ihnen stand und die Szene beobachtete, räusperte sich leise. „Er ist echt kaum wiederzuerkennen. Er hat die Arena fast in Schutt und Asche gelegt. Ich glaube, mein Dad wird Augen machen, wenn er davon hört.“

​Nami zwang sich zu einem Lächeln, doch innerlich war sie aufgewühlt. Stolz kämpfte mit einer seltsamen Vorahnung. Sie sah ihren kleinen Jungen, der plötzlich kein kleiner Junge mehr war. Die dunkle Seite des Hiwatari-Blutes war erwacht, und sie wusste, dass das Leben im Ayame-Anwesen ab heute eine neue Ernsthaftigkeit erfahren würde.

​„Dann sollten wir dieses Ereignis feiern“, sagte sie schließlich und versuchte, die Leichtigkeit in ihre Stimme zurückzuholen. „Graham hat das Abendessen vorbereitet. Und Ayumi und Ren platzen schon vor Neugier, was ihr so lange in der Academy getrieben habt.“

​Gou nickte. „Ich werde es ihnen erklären. Auf meine Weise.“

​Er ging an ihr vorbei ins Haus, und Nami blieb einen Moment mit Kai allein auf der Veranda zurück. Sie sah ihn fragend an. „Kai... hast du gesehen, wie er mich angesehen hat? Seine Augen...“

​„Ich weiß“, antwortete Kai leise und zog sie kurz an sich. „Er ist bereit, Nami. Er ist ein echter Falke. Und Falken kann man nicht einsperren, wenn sie erst einmal gelernt haben, ihre Schwingen zu gebrauchen.“
 

Der nächste Morgen an der Schule fühlte sich für Gou anders an. Als er durch die großen Flügeltüren des Gebäudes trat, war es, als hätte sich die Frequenz der Welt um ihn herum verschoben. Er trug die Uniform der achten Klasse mit einer Natürlichkeit, als hätte er nie etwas anderes getan.

​Die Nachricht von seiner Machtdemonstration gegen Kentaro am Vortag war bereits legendär, doch heute war es etwas Subtileres, das die Aufmerksamkeit auf ihn zog. Gou strahlte eine Ruhe aus, die fast physisch greifbar war – eine Mischung aus der unnahbaren Arroganz seines Vaters und einer neuen, gefährlichen Selbstsicherheit.

​Als er den Korridor entlangging, verstummten die Gespräche der älteren Schüler. Er bemerkte die Blicke. Es waren nicht mehr nur die neugierigen Blicke auf das „Wunderkind“. Besonders die älteren Mädchen der achten und neunten Klasse blieben stehen oder drehten sich nach ihm um.

​„Ist das der Neue?“, flüsterte eine Dreizehnjährige ihrer Freundin zu, während Gou mit wehendem Blick an ihnen vorbeizog.

„Er sieht aus wie eine junge Version von Kai Hiwatari aus den Nachrichten... aber dieser Blick ist noch viel intensiver.“

​Gou registrierte das Tuscheln, doch er reagierte nicht darauf. Er steuerte direkt auf seinen Platz im Klassenraum zu. Als er sich setzte, bemerkte er, dass zwei Mädchen aus der hinteren Reihe – beide mindestens zwei Jahre älter als er – sich über ihre Tische lehnten, um ihn besser sehen zu können. Sie kicherten hinter vorgehaltenen Händen, doch ihre Augen verrieten eine Mischung aus Faszination und Ehrfurcht.

​In der Pause wiederholte sich das Schauspiel. Gou saß auf derselben Steinbank wie am Vortag, das Buch über Spieltheorie in der Hand, doch er las nicht. Er beobachtete.

​Eine Gruppe von Mädchen aus der zehnten Klasse ging „zufällig“ an ihm vorbei. Eine von ihnen, eine hübsche Schülerin mit langem, dunklem Haar, ließ absichtlich ihr Etui in seiner Nähe fallen. Als Gou aufsah, begegneten ihre Augen den seinen – und sie erstarrte förmlich. Das dunkle, violettstichige Rot seiner Iris wirkte in diesem Moment wie ein Magnet.

​„Oh... entschuldige“, stammelte sie, während sie sich hastig bückte. Ihr Gesicht war tiefrot angelaufen.

​Gou neigte nur ganz leicht den Kopf, ein kühles, fast wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. Er sagte kein Wort, aber die Art, wie er sie ansah, war so souverän, dass das Mädchen fast über ihre eigenen Füße stolperte, als sie eilig zu ihren Freundinnen zurückkehrte.

​„Hast du das gesehen?“, hörte er sie in sicherem Abstand flüstern. „Er hat mich kaum angesehen und ich hatte das Gefühl, ich könnte mich nicht bewegen. Er ist... gruselig, aber auf eine gute Art.“

​Gou schloss sein Buch. Er verstand jetzt, was sein Vater gemeint hatte. Die Wirkung, die er auf andere ausübte, war ein Werkzeug. Er fühlte sich nicht mehr wie ein Zehnjähriger, der versucht, dazuzugehören. Er fühlte sich wie ein Architekt, der die Reaktionen seiner Umgebung nach Belieben steuern konnte.

​Sogar Kentaro hielt heute einen respektvollen Abstand von mindestens fünf Metern ein. Er wagte es nicht einmal, in Gous Richtung zu sehen, während Gou mit einer Aura über den Schulhof schritt, die unmissverständlich klarstellte: Das hier ist mein Territorium.
 

In einer der ruhigeren Ecken des Schulgartens, dort, wo die alten Kirschbäume dichte Schatten warfen, sah Gou sie. Mina stand dort und wartete offensichtlich auf ihn. Als sie ihn bemerkte, zuckte sie zusammen.

​Gou blieb stehen. Er beobachtete sie mit der kühlen Präzision, die er in der Tachibey Academy perfektioniert hatte. Er bemerkte, wie ihre Hände zitterten und wie sie hastig den Blick senkte, als er sie ansah. Die neue, dunkle Aura, die ihn seit der Synchronisation mit Corvus umgab, schien Mina förmlich den Atem zu rauben.

​„Mina“, sagte er schlicht. Seine Stimme klang heute noch eine Nuance tiefer, getragen von einer Selbstsicherheit, die weit über sein Alter hinausging.

​„H-hallo, Gou“, stammelte sie. Sie wagte es kaum, den Kopf zu heben. „Ich... ich wollte nur fragen, ob es dir in der neuen Klasse gefällt. Aber... du wirkst heute so anders. Fast so, als wärst du gar nicht mehr da, wenn man dich ansieht.“

​Gou trat einen Schritt näher. Er spürte die Verwirrung und die fast schmerzhafte Einschüchterung, die von ihr ausging. In seinem Kopf analysierte er die Situation völlig sachlich. Er wusste, dass Mädchen in seinem Alter – oder die älteren Schülerinnen, die ihn den ganzen Vormittag angestarrt hatten – begannen, ein Interesse zu entwickeln, das über Freundschaft hinausging.

​Für ihn selbst war dieses Interesse jedoch immer noch ein rein theoretisches Konzept. Er empfand keine Schmetterlinge im Bauch und noch kein Verlangen nach Aufmerksamkeit dieser Art. Für Gou gab es nur zwei Dinge, die zählten: die Perfektionierung seiner Technik und der Stolz seiner Familie. Er verstand, dass das andere Geschlecht früher mit diesen „sozialen Spielen“ begann, doch für ihn war es im Moment kaum mehr als ein interessantes, biologisches Phänomen, das er bei anderen beobachtete.

​„Ich habe lediglich meine Prioritäten neu geordnet“, antwortete er ruhig. „Die neue Klasse ist eine notwendige Umgebung für meine Entwicklung. Du solltest dich nicht vor Veränderungen fürchten, Mina. Sie sind unvermeidlich.“

​Mina hob kurz den Blick und begegnete seinen Augen. Das violette Leuchten war zwar verschwunden, doch die Intensität seines Blicks war so stark, dass sie sofort wieder wegsah und tiefrot anlief. Sie wirkte völlig verloren in seiner Gegenwart, als würde die schiere Präsenz von Gous neuer Aura ihre eigenen Gedanken auslöschen.

​„Ich... ich verstehe“, flüsterte sie. „Du bist jetzt wohl wirklich ein Großer.“

​Gou schenkte ihr ein kurzes, fast mitleidiges Lächeln – ein Lächeln, das eher die Überlegenheit eines erwachsenen Mannes widerspiegelte als die Sympathie eines Kindes. „Größe ist eine Frage des Willens, nicht des Alters.“

​Er ging an ihr vorbei, ohne zurückzublicken. Er spürte ihre Augen in seinem Rücken, doch er verschwendete keinen weiteren Gedanken daran. Er war kein normaler Zehnjähriger mehr. Er war ein Hiwatari, der gerade erst begonnen hatte, seine Macht zu begreifen.
 

In der Tachibey Academy war die Stimmung an diesem Nachmittag elektrisierend. Die Nachricht, dass der Sohn des 'Zaren' offiziell für die kommenden Qualifikationsturniere gemeldet worden war, hatte die gesamte Schülerschaft in Aufruhr versetzt.

​In der großen Trainingshalle waren drei Haupt-Stadiums aufgebaut. Kai saß auf einer erhöhten Empore, von der aus er das gesamte Geschehen überblicken konnte. Er war heute nicht als Vater hier, sondern als der Mann, der die Standards für die Elite setzte. Neben ihm stand der Chef-Trainer der Academy, der nervös auf sein Klemmbrett starrte.

​Gou trat in die Arena. Er trug das Trainingsoutfit der Academy, doch er wirkte darin wie ein Fremdkörper zwischen all den anderen Schülern, die lautstark lachten oder ihre Beys testeten. Sobald er die Fläche betrat, breitete sich eine Welle des Schweigens aus.

​„Gou Hiwatari gegen die Top 3 der Fortgeschrittenen-Klasse“, verkündete der Trainer mit einer Stimme, die leicht zitterte. „Simultan-Match.“

​Drei Schüler, alle zwischen 14 und 15 Jahre alt, traten vor. Sie waren die Besten der Academy, muskulös und erfahren. Sie tauschten unsichere Blicke aus. Dass sie zu dritt gegen einen Zehnjährigen antreten sollten, empfanden sie einerseits als Beleidigung, andererseits spürten sie die Aura, die von Gou ausging – eine kalte, dunkle Präsenz, die wie Nebel über den Boden der Arena kroch.

​Gou nahm seine Position ein. Er sah nicht einmal zu seinen Gegnern. Sein Blick war starr auf die Mitte des Stadiums gerichtet. Seine Augen hatten bereits diesen rötlich-violetten Schimmer angenommen, der signalisierte, dass Corvus ungeduldig unter der Oberfläche lauerte.

​„Drei... zwei... eins... LET IT RIP!“

​Vier Kreisel schossen in die Arena. Die drei gegnerischen Beys versuchten sofort, Gou in die Zange zu nehmen. Sie koordinierten ihre Angriffe, eine klassische Taktik gegen einen überlegenen Einzelgegner.

​Gou bewegte sich nicht. Er stand da wie eine Statue aus Obsidian. „Erbärmlich“, murmelte er, so leise, dass es nur die Schüler in der ersten Reihe hörten.

​Plötzlich riss er den Arm nach oben. „Corvus! Finstere Schwingen!“

​Ein schrilles, metallisches Krächzen erfüllte die Halle. Die dunkelblaue Aura explodierte förmlich aus dem Stadium. Es war keine ungeordnete Entladung wie am Vortag; es war ein präziser, tödlicher Schlag. Der riesige Rabe manifestierte sich für den Bruchteil einer Sekunde, schlug mit den Flügeln und erzeugte einen Unterdruck, der die drei gegnerischen Beys einfach aus ihrer Bahn riss.

​Es gab drei kurze, trockene Knalle. Die Beys der älteren Schüler wurden mit einer solchen Wucht gegen die Sicherheitsbarriere geschleudert, dass das verstärkte Glas Risse bekam. Sie blieben leblos liegen, während Gous Bey ruhig und majestätisch im Zentrum der Arena weiter rotierte, eingehüllt in einen sanften, blauen Schimmer.

​Die Stille in der Halle war absolut. Die drei Gegner starrten fassungslos auf ihre zertrümmerten Kreisel. Sie hatten nicht einmal gemerkt, was sie getroffen hatte.

​Gou streckte die Hand aus, und sein Bey sprang wie von Geisterhand zurück in seine Handfläche. Er sah kurz auf seine Hand, dann hoch zu seinem Vater auf der Empore.

​Kai hob langsam die Hand und nickte einmal – eine kurze, knappe Geste der absoluten Anerkennung. Keine Kritik, keine Korrektur. Gou hatte die Lektion der Präzision verstanden.

​Gou wandte sich ab und ging an den geschockten Schülern vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er war nicht hier, um Freunde zu finden oder sich zu beweisen. Er war hier, um zu herrschen.
 

Die Nachricht von dem „Schatten des Zaren“ verbreitete sich in der Beyblade-Welt schneller als ein Lauffeuer. Videoaufnahmen von dem Simultan-Match in der Tachibey Academy – obwohl offiziell unter Verschluss – kursierten bereits in den privaten Netzwerken der Profis.

​In einem belebten Dojo in den USA saß Max Tate fassungslos vor seinem Laptop. Er rief sofort per Videochat bei Tyson Granger an, der gerade in seinem Garten in Japan versuchte, Ren und Ayumi davon abzuhalten, den alten Kirschbaum zu erklimmen.

​„Tyson! Hast du das gesehen?“, rief Max aufgeregt in die Kamera, sobald die Verbindung stand. Er hielt sein Tablet in die Linse. „Das ist Kai’s Junge. Er hat drei Top-Schüler der Academy in weniger als fünf Sekunden erledigt. Ohne mit der Wimper zu zucken!“

​Tyson, der eigentlich gerade eine Pause vom Beybladen machte, beugte sich vor. Sein Gesicht wurde ernst, während er die Aufzeichnung betrachtete. Er sah Gous Augen, dieses unheimliche Violett-Rot, und die Art, wie Corvus die Arena dominierte. „Das ist nicht nur Talent, Max“, murmelte Tyson und rieb sich das Kinn. „Das ist... beängstigend. Er bewegt sich exakt wie Kai damals, aber mit einer Kälte, die ich so bei einem Zehnjährigen noch nie gesehen habe.“

​„Sogar sein Blick, Tyson!“, fügte Max hinzu. „Er würdigt seine Gegner keines Blickes. Erinnert dich das an jemanden?“

​Tyson seufzte schwer. „Ja. An den Kai, den wir erst mühsam auftauen mussten."
 

​In China saß Ray Kon auf einem Felsen vor seinem Tempel und betrachtete dasselbe Video auf seinem Smartphone. Er schloss die Augen und atmete die kühle Bergluft ein. Er spürte die Erschütterung im Gleichgewicht. Driger knurrte tief in seinem Inneren.

​„Ein neuer Falke kreist am Himmel“, sagte Ray leise zu sich selbst. Er tippte eine Nachricht in die alte Gruppenchat-Runde der Bladebreakers: „Wir sollten uns bald treffen. Der Junge ist bereit für mehr als nur regionale Turniere. Aber ist die Welt bereit für einen weiteren Hiwatari?“

​Sogar in Russland, in den kalten Büros der russischen BBA-Zentrale, sah Ian Papov die Aufnahmen. Er lachte trocken. „Endlich mal wieder jemand, der keine Angst davor hat, Schrott zu produzieren. Kai hat einen würdigen Erben geschaffen.“

​Während die alten Legenden diskutierten, saß Gou in seinem Zimmer im Ayame-Anwesen und reinigte seinen Bey. Er wusste genau, dass die Welt über ihn sprach. Er spürte die Blicke der Legenden fast physisch, doch es ließ ihn kalt. Er wartete nur auf den Moment, in dem er ihnen nicht mehr nur über Bildschirme, sondern in der Arena gegenüberstehen würde.

​Die Saat des Zaren war aufgegangen, und die gesamte Beyblade-Elite hielt den Atem an.
 

Das private Smartphone in Kais Büro im Ayame-Anwesen vibrierte mit einer Vehemenz, die nur von einer Person stammen konnte. Kai warf einen Blick auf das Display, sah Tysons Namen und ließ es absichtlich noch zweimal summen, bevor er mit einer ruhigen, fast gelangweilten Geste abnahm.

​„Tyson“, sagte Kai knapp.

​„Sag mal, Kai, hast du den Verstand verloren?!“, brüllte Tyson sofort los, seine Stimme so laut, dass Kai den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten musste. „Ich habe das Video aus der Academy gesehen. Was zum Teufel bringst du dem Jungen bei? Er hat diese drei Typen nicht nur besiegt, er hat sie regelrecht seelisch vernichtet! Er sieht aus wie eine Eissäule, Kai. Er ist zehn!“

​Kai trat zum Fenster und blickte hinaus auf den Garten, wo die Schatten der Bäume bereits länger wurden. „Er hat gewonnen, Tyson. Effizient und ohne unnötige Verzögerung. Das ist es, was ein Blader tut.“

​„Das ist es, was du tust!“, konterte Tyson hitzig. „Aber wir dachten alle, dass die Kälte, die du früher hattest, ein Produkt der Abtei war. Wir dachten, Voltaire hätte dich so gebrochen. Aber wenn ich mir Gou ansehe... er hat keine Gehirnwäsche hinter sich. Er hat Nami und ein warmes Zuhause. Warum zur Hölle ist er dann noch kälter als du mit sechzehn?“
 

​Kai schwieg einen Moment, und die Stille am anderen Ende der Leitung wurde schwer. „Das ist der Fehler, den ihr alle immer gemacht habt“, sagte Kai schließlich, seine Stimme nun eisig und absolut sicher. „Ihr wolltet glauben, dass die Abtei mich erschaffen hat. Aber die Wahrheit ist: Die Abtei hat nur das genutzt, was bereits da war. Mein Charakter, meine Art, die Welt zu sehen – das war kein Produkt von Schlägen oder Isolation. Es ist das, was ich bin.“

​Er machte eine kurze Pause, sein Blick verengte sich. „Gou ist mir in dieser Hinsicht eben sehr ähnlich. Er wurde mit dieser Entschlossenheit und dieser Distanz geboren. Ich habe ihn nicht dazu gezwungen, Tyson. Er hat es in sich. Sein Blut, sein Bit Beast... alles an ihm verlangt nach dieser Form von Perfektion. Ich bringe ihm lediglich bei, wie er dieses Feuer kontrolliert, damit es ihn nicht verbrennt.“

​„Aber er braucht doch Freunde, Kai! Er braucht Spaß am Spiel!“, rief Tyson, doch seine Stimme klang nun weniger wütend als vielmehr besorgt.

​„Er hat Makoto und seine Geschwister.“, erwiderte Kai schlicht. „Und was den ‚Spaß‘ angeht: Für Gou bedeutet Spaß, die absolute Kontrolle über das Stadium zu haben. Akzeptiere es, Tyson. Nicht jedes Kind braucht deine laute Art von Begeisterung. Manche Falken fliegen lieber allein und hoch über den anderen.“

​Tyson schnaubte frustriert am anderen Ende. „Du bist unverbesserlich. Aber pass auf, Kai. Wenn er auf dem Turnier so weitermacht, wird er sich Feinde machen, die er mit zehn Jahren noch nicht einschätzen kann.“

​„Lass das meine Sorge sein“, sagte Kai und beendete das Gespräch, ohne auf eine Verabschiedung zu warten.

​Er steckte das Telefon weg und bemerkte eine Bewegung im Türrahmen. Gou stand dort, die Arme verschränkt, sein Blick ruhig und wachsam. Er hatte jedes Wort gehört.

​„War das Onkel Tyson?“, fragte Gou.

​„Er macht sich Sorgen“, antwortete Kai knapp.

​Gou neigte den Kopf, und ein kleiner, fast unmerklicher Schatten eines Lächelns huschte über sein Gesicht. „Sorgen sind eine emotionale Reaktion auf Variablen, die man nicht kontrollieren kann. Er sollte mehr Vertrauen in meine Vorbereitung haben.“

​Kai nickte. „Geh schlafen, Gou. Morgen beginnt die Registrierung für das Turnier.“

Debüt

Der Tag des Qualifikationsturniers in Tokio markierte einen Wendepunkt in der modernen Beyblade-Geschichte. Die Arena war bis auf den letzten Platz besetzt, das Blitzlichtgewitter der Weltpresse verwandelte den Tunnel zum Stadium in ein Meer aus blendend weißem Licht. Bisher hatte die Tachiwari-Corporation die Privatsphäre der Hiwatari-Kinder eisern verteidigt; es gab kaum öffentliche Fotos. Umso größer war der Schockmoment, als die Leinwände in der Halle aufleuchteten.

​Als Gou Hiwatari aus dem Schatten des Spielertunnels trat, ging ein kollektives Raunen durch die Menge, gefolgt von einer fast ehrfürchtigen Stille.
 

​Kommentator A: „Ooooooh ja, meine Damen und Herren! Schnallen Sie sich an und halten Sie Ihre Beys fest! Wir sind hier beim Qualifikationsturnier in Tokio, und ich sage Ihnen: Die Luft brennt! Es ist, als hätten wir eine Zeitmaschine betreten!“

​Kommentator B: „Du hast recht, Jazz. Die Atmosphäre ist am Siedepunkt. Und das liegt an diesem einen Namen auf der Startliste, auf den die ganze Welt gewartet hat. Da ist er!“

​Kommentator A: „Schauen Sie sich das an! Aus dem Schatten des Tunnels tritt er hervor... ist das etwa...? Nein, meine Augen täuschen mich nicht! Es ist Gou Hiwatari! Der Sohn des legendären Zar des Beybladens, Kai Hiwatari!“

​Kommentator B: „Das ist unglaublich. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Der weiße Schal, das Outfit, dieser steinerne Blick... aber seht euch diese blauen Markierungen an! Das ist nicht Kai, das ist die neue Generation. Er wird bereits als der ‚Prinz des Schattens‘ gehandelt.“

​Kommentator A: „Und sein Gegner heute ist kein Geringerer als Ryuho, der ‚Fels des Nordens‘! Ryuho ist bekannt für seinen Iron Rhino. Ein Beyblade, der so massiv ist wie ein Panzer! Ein klassisches Duell: Die unaufhaltsame Kraft gegen die unüberwindbare Verteidigung!“
 

​Gou hatte sich bewusst für einen Auftritt entschieden, der ein Statement war. Er trug ein dunkelblaues, ärmelloses Top unter einer kurz geschnittenen, schwarzen Weste mit hohem Kragen – eine klare Hommage an Kais G-Revolution-Ära. Seine Hosen waren weit geschnitten und praktisch, gehalten von einem massiven Gürtel mit Bey-Halterungen. Doch das markanteste Detail war der lange, weiße Schal, der bei jedem seiner Schritte hinter ihm herwehte wie ein Banner.

​Sein Gesicht war gezeichnet von der Tradition seines Vaters: Auf seinen Wangen prangten blaue Markierungen, doch ihre Form war anders als die Kais. Sie waren schärfer, gezackter, wie die gespreizten Schwingen eines Raben.

​Stanley Dickenson, der als Ehrengast auf der Tribüne saß, ließ vor Schreck seine Teetasse sinken. Sein Schnurrbart zitterte, als er durch seine Brille auf den Jungen starrte. „Es ist... es ist, als wäre die Zeit zurückgedreht worden“, flüsterte er fassungslos. „Aber doch ist da etwas ganz Neues...“

​Denn anders als Kai, der in diesem Alter meist mit einer steinernen Miene und verschränkten Armen die Arena betreten hatte, zeigte Gou eine andere Facette. Er blieb in der Mitte der Bühne stehen, während die Scheinwerfer ihn fixierten. Er verschränkte die Arme nicht; er hielt sie locker an den Seiten, bereit für den Kampf.

​Und dann tat er etwas, das die Menge vollends ausrasten ließ: Er sah direkt in die Hauptkamera und lächelte leicht.

​Es war kein herzliches Lächeln. Es war ein selbstsicheres, herausforderndes und fast schon raubtierhaftes Lächeln. Seine Augen, die im grellen Studiolicht dieses seltsame rötliche Violett ausstrahlten, suchten die Konkurrenz in den Rängen.

​„Mein Name ist Gou Hiwatari“, klang seine Stimme über die Lautsprecher, ruhig und glasklar. „Ich bin nicht hier, um teilzunehmen. Ich bin hier, um das Stadium zu beanspruchen. Wer auch immer gegen mich antritt – stellt sicher, dass ihr bereit seid zu verlieren.“

​Die Zuschauer tobten. Die Kommentatoren überschlugen sich. In der VIP-Loge beobachtete Kai das Spektakel. Er sah den weißen Schal, die blauen Markierungen und das Lächeln seines Sohnes. Er wusste, dass Gou dieses Lächeln gewählt hatte, um die psychologische Dominanz zu perfektionieren – eine Waffe, die Kai selbst früher nur selten eingesetzt hatte.

​Nami, die neben Kai saß, spürte, wie ihr Herz raste. „Er genießt es“, flüsterte sie. „Er genießt die Bühne, Kai.“

​„Er beherrscht sie“, korrigierte Kai leise, während sein Blick nicht von Gou wich.

​An der Startposition wartete bereits sein erster Gegner, ein siebzehnjähriger Profi-Blader, der sichtlich bleich geworden war. Gou trat an den Rand des Stadiums, griff nach seinem Schal, warf das Ende über seine Schulter und zog seinen Bey mit einer Eleganz, die die Fotografen in Ekstase versetzte.
 

Gou stand seinem ersten Gegner gegenüber: Ryuho, ein fast zwei Meter großer Hüne aus dem Norden Japans, dessen kräftige Arme von unzähligen Trainingsstunden gezeichnet waren. Sein Bey, Iron Rhino, war ein massiver Verteidigungstyp, der dafür bekannt war, selbst die heftigsten Angriffe wie eine unerschütterliche Festung abzuhalten.

​„Du siehst vielleicht aus wie dein Vater, Kleiner“, grollte Ryuho und spannte seine Muskeln an, „aber Mode und Gesichtsbemalung gewinnen keine Kämpfe. Mein Nashorn wird dich aus der Arena trampeln!“

​Gou antwortete nicht verbal. Sein herausforderndes Lächeln vertiefte sich nur, während er seinen Bey in den Starter einrastete. Der weiße Schal wehte sanft im Wind.

​„Drei... zwei... eins... LET IT RIP!“

​Die beiden Beys prallten in der Mitte des Stadiums mit einem Funkenregen aufeinander, der die ersten Reihen der Zuschauer zusammenzucken ließ. Iron Rhino bewegte sich keinen Millimeter. Er besetzte das Zentrum wie ein Fels in der Brandung. Gous Bey, Corvus, umkreiste ihn mit rasender Geschwindigkeit, ein dunkelblauer Schatten, der immer wieder blitzschnelle Nadelstiche setzte.

​„Nutzlos!“, rief Ryuho. „Rhino-Shield!“

​Ein erdiger Braunton erfüllte die Arena, als das Bit Beast in Nashorngestalt erschien. Es war ein massives Wesen aus Stein und Panzerplatten, das den Boden des Stadiums unter seinen Hufen beben ließ. Jedes Mal, wenn Corvus einschlug, wurde er von einer unsichtbaren Druckwelle zurückgeworfen. Die Zuschauer hielten den Atem an – war das Wunderkind etwa bereits am Ende seiner Weisheit?

​Gous Augen verengten sich. Das rötliche Violett in seinen Pupillen begann zu pulsieren. Er spürte den Widerstand, die schiere Masse des Gegners. Es war kein leichter Kampf. Ryuho war erfahren und nutzte die Trägheit seines Beys perfekt aus.

​„Du versuchst, eine Mauer mit dem Kopf einzurennen“, spottete Ryuho. „Gib auf!“

​„Eine Mauer?“, Gous Stimme schnitt durch den Lärm der Arena wie ein Eispickel. „Ich sehe keine Mauer. Ich sehe nur ein Ziel, das zu unbeweglich ist, um dem Himmel zu entkommen.“

​Plötzlich änderte Corvus seine Flugbahn. Anstatt frontal anzugreifen, begann er, in spiralförmigen Bewegungen nach oben zu steigen, wobei er die Zentrifugalkraft des Stadiumrandes nutzte.

​„Jetzt, Corvus! Sturzflug aus dem Schattenreich!“

​Ein schriller, metallischer Schrei zerriss die Luft. Das dunkelblaue Leuchten explodierte förmlich. Über dem Stadium manifestierte sich der riesige Rabe. Mit einem gewaltigen Flügelschlag stürzte er steil aus der Höhe herab.
 

Kommentator A: „WOAH! Was für eine dunkle Energie! Corvus erscheint! Ein riesiger schwarzer Rabe, der das Stadion in Schatten hüllt! Das habe ich seit Kais Dranzer-Tagen nicht mehr erlebt, aber die Aura ist... sie ist dunkler, kälter!“
 

Corvus griff nicht den Panzer des Nashorns an, sondern den Punkt, an dem die Rotation am schwächsten war – die Spitze des gegnerischen Beys.
 

​Kommentator B: „Ryuho setzt alles auf sein Rhino-Shield, aber Gou greift von oben an! Eine vertikale Sturzflug-Attacke! Er nutzt die Schwerkraft und die Zentripetalkraft in einer perfekten Kombination!“
 

​Der Aufprall war ohrenbetäubend. Die dunkelblaue Aura von Corvus bohrte sich wie ein Bohrer in das erdige Braun des Nashorns. Staub und Funken flogen meterhoch. Ryuho stemmte sich mit aller Kraft gegen den Druck, Schweiß lief ihm über das Gesicht. „Halt durch, Rhino!“

​Doch Gou machte einen Schritt nach vorne, seine Hand ausgestreckt, als würde er die Energie selbst lenken. „Durchbrich es!“, befahl er eiskalt.

​Die Aura von Corvus verdichtete sich zu einem fast schwarzen Blau. Mit einem letzten, markerschütternden Krächzen durchschlug der Rabe die Verteidigung. Das Nashorn-Bit-Beast löste sich in einem Schrei aus Steinfragmenten auf. Iron Rhino wurde mit einer solchen Wucht aus dem Stadium katapultiert, dass er über die Tribünen hinweg gegen die Betonwand der Halle prallte und dort stecken blieb.
 

​Kommentator B: „Absolut fehlerfrei. Er hat Ryuho nicht nur besiegt, er hat ihn deklassiert. Und schaut euch Gou an... er lächelt! Ein Lächeln, das sagt: ‚Ich habe gerade erst angefangen.‘ Die Konkurrenz für das Landesturnier sollte sich warm anziehen, denn der Schatten des Zaren ist länger, als wir alle dachten!“
 

​Gous Bey kehrte in einer sanften Kurve zu seinem Herrn zurück und sprang präzise in seine geöffnete Hand.

​Totenstille herrschte in der Arena. Dann brach ein ohrenbetäubender Jubel aus. Ryuho starrte fassungslos auf seine leeren Hände, während Gou sich langsam zu den Kameras drehte. Er strich sich den weißen Schal glatt, sein Lächeln war nun noch eine Spur siegessicherer.

​Stanley Dickenson wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Diese Präzision... er hat gewartet, bis das Nashorn seine ganze Kraft in die Defensive gelegt hat, um dann den instabilsten Punkt zu treffen. Das ist kein Zufall. Das ist Genie.“
 

​Gou blickte hoch zur VIP-Loge. Sein Blick traf den seines Vaters. Ein kurzes, wortloses Einverständnis zwischen den beiden Falken.
 

Gou schritt wenig später durch die kühlen, betongrauen Katakomben der Arena. Das Adrenalin pulsierte noch immer in seinen Adern, doch nach außen hin wirkte er so ruhig wie die See vor einem Sturm. Nur das leichte Zittern seiner Finger, die er fest um seinen Bey geschlossen hielt, verriet die enorme energetische Belastung des Kampfes gegen Ryuho.

​„Gou! Warte mal!“

​Er hielt inne und drehte sich langsam um. Makoto kam angerannt, sein Gesicht eine Mischung aus Begeisterung und tiefer Besorgnis. Er stoppte kurz vor Gou und japste nach Luft.

​„Mann, Gou... das war absolut wahnsinnig! Das ganze Stadion steht Kopf. Aber...“, Makoto senkte die Stimme und sah sich nervös um, „hast du gesehen, wer dich vom Spielertunnel aus beobachtet hat? Nicht dein Dad oder die Presse. Ich rede von Kage.“

​Gou neigte den Kopf, sein weißer Schal legte sich über seine Schulter. „Kage? Der Kapitän des Shadow-Zirkels?“

​„Genau der“, Makoto trat einen Schritt näher. „Er ist im nächsten Block. Sein Bit Beast ist eine schwarze Witwe – Obsidian Arachne. Er hat deinen Kampf gegen Ryuho keine Sekunde aus den Augen gelassen. Während alle anderen gejubelt haben, hat er nur gegrinst. Ich hab ihn flüstern hören, dass dein Corvus eine ‚hübsche Beute‘ für seine Netze wäre.“

​Makoto legte Gou eine Hand auf den Arm, sein Blick war todernst. „Gou, Ryuho war Kraft. Kage ist Gift. Er kämpft schmutzig und nutzt die Energie seines Gegners gegen ihn selbst. Je mehr Aura du in den Kampf wirfst, desto stärker wird sein Netz. Er ist darauf spezialisiert, Vögel aus der Luft zu holen.“

​Gou sah auf seine Handfläche, in der sein Bey ruhte. Er spürte die unruhige Energie von Corvus, der nach dem harten Sieg gegen das Nashorn immer noch kampfeslustig war. Ein Schatten legte sich über Gous Gesicht, und für einen Moment leuchteten seine Augen wieder in diesem bedrohlichen Violett auf.

​„Lass ihn sein Netz weben, Makoto“, sagte Gou leise, und seine Stimme hatte diesen kalten Unterton, der selbst seinen besten Freund frösteln ließ. „Spinnen leben im Dunkeln, weil sie das Licht fürchten. Corvus wird nicht in seinem Netz zappeln. Er wird die Spinne mitsamt ihrem Netz verbrennen.“

​Doch Makoto schüttelte den Kopf. „Unterschätz ihn nicht. Er hat bereits drei Profis ins Krankenhaus geschickt, weil er ihre Bit Beasts energetisch ausgesaugt hat. Sei vorsichtig, Gou. Wenn du da draußen die Kontrolle verlierst und zu viel Energie freigibst, spielt das genau in seine Hände.“

​Gou sah Makoto lange an. Dann verzogen sich seine Lippen zu diesem neuen, selbstsicheren Lächeln, das er sich für das Turnier angeeignet hatte. Er boxte Makoto leicht gegen die Schulter – eine Geste, die er sich bei ihm abgeschaut hatte.

​„Danke für die Warnung. Aber ich bin kein normaler Vogel, Makoto. Ich bin ein Hiwatari. Wir werden nicht gefangen. Wir jagen.“

​Er wandte sich ab und verschwand im Halbdunkel des Korridors, der zu den Vorbereitungsräumen führte. Makoto blieb zurück und sah ihm nach. Er wusste, dass Gou sich gerade in eine Ebene begab, in der Warnungen kaum noch Gehör fanden.
 

Das Stadion war in ein unheimliches, violettes Licht getaucht, als Gou die Arena für sein zweites Match betrat. Die Stimmung hatte sich gewandelt; das anfängliche Staunen über seine Ähnlichkeit mit Kai war einer gespannten Erwartung gewichen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Stadiums wartete Kage. Er war hager, trug ein langes, schwarzes Gewand und ein hämisches Grinsen, das seine ungesund blasse Haut faltig erscheinen ließ.

​„Der junge Falke ist also in meine Nähe geflattert“, krächzte Kage und balancierte seinen Bey, Obsidian Arachne, auf der Fingerspitze. „Ich liebe es, wenn meine Beute so viel... Energie mitbringt. Das macht das Festmahl nur süßer.“

​Gou reagierte nicht. Er straffte seinen weißen Schal und trat an die Startlinie. Sein Gesicht war eine Maske aus Eis, doch in seinem Inneren brodelte die dunkle Aura von Corvus, gereizt durch Makotos Warnung.
 

Kommentator A (DJ Jazzman-Stil): „Ooooh yeah! Willkommen zurück, Bey-Fans! Wenn ihr dachtet, die erste Runde wäre heiß gewesen, dann zieht euch jetzt die feuerfesten Handschuhe an! Wir befinden uns im Halbfinale des Blocks B, und die Stimmung ist... UNTER NULL! Warum? Weil der nächste Kämpfer das Licht förmlich aus der Halle saugt!“

​Kommentator B (Der sachliche Experte): „Du sagst es, Jazz. Aus dem linken Tunnel tritt er hervor: Kage, der Anführer des Shadow-Zirkels. Sein Ruf eilt ihm voraus – und er ist alles andere als sauber. Kage ist ein Spezialist für psychologische Kriegsführung und energetische Sabotage.“

​Kommentator A: „Und sein Gegner? Er braucht keine Vorstellung, aber ich gebe sie euch trotzdem! Der Junge mit dem Eis in den Venen, der Prinz des Schattens... GOU HIWATARI! Er sieht heute noch fokussierter aus als gegen Ryuho. Schaut euch diesen Blick an – da ist kein Millimeter Platz für Zweifel!“

​Kommentator B: „Interessantes Detail, Jazz: In Gous Ecke sehen wir nicht seinen Vater Kai, sondern seinen guten Freund und Tyson Grangers Sohn Makoto. Es scheint, als wollte Gou diesen Pfad mit seinen eigenen Leuten beschreiten. Aber kann er Kages Obsidian Arachne standhalten? Dieser Bey ist ein Albtraum für Angriffstypen!“
 

​„Drei... zwei... eins... LET IT RIP!“

​Corvus schoss wie ein dunkelblauer Komet in das Stadium, doch Kages Bey bewegte sich seltsam träge. Er glitt nicht, er schien über die Oberfläche zu krabbeln. Kaum waren sie im Spiel, begann Obsidian Arachne, feine Fäden aus dunkler Energie hinter sich herzuziehen. Innerhalb weniger Sekunden war das gesamte Stadium von einem schimmernden, schwarzen Netz überzogen.

​„Netz der Qual!“, rief Kage aus.

​Als Corvus das Netz berührte, gab es kein lautes Aufprallgeräusch. Stattdessen wurde der Bey schlagartig abgebremst.
 

​Kommentator B: „Und da schießen sie los! Aber Moment mal... was macht Kage da? Er geht nicht in den Angriff. Obsidian Arachne zieht Kreise und hinterlässt... sind das Fäden?!“
 

Die dunkelblaue Aura, die Gous Bey umgab, schien förmlich in die schwarzen Fäden hineingezogen zu werden.

​Gou zuckte zusammen. Er spürte einen stechenden Schmerz in seinem Arm, als wäre er direkt mit dem Bey verbunden. „Was ist das...?“

​„Du fütterst mich, kleiner Hiwatari!“, lachte Kage. „Je mehr Kraft du Corvus gibst, desto fester zieht sich mein Netz zu. Meine Spinne frisst deine Energie!“

​Aus der Mitte des Stadiums manifestierte sich die Schwarze Witwe. Sie war nicht groß, aber ihre acht Augen glühten in einem giftigen Gelb. Sie begann, ihre Beine um die dunkelblauen Flammen von Corvus zu schlingen, und saugte das Leuchten förmlich auf. Gous Bey begann zu taumeln, die Rotation wurde instabil.

​Auf der VIP-Tribüne krallte Nami ihre Finger in das Geländer. „Kai, er saugt ihn aus! Gou muss die Aura zurückziehen!“

​Kai jedoch blieb unbewegt, auch wenn seine Augen sich gefährlich verengten. „Wenn er sie jetzt zurückzieht, verliert er die Rotation sofort. Er muss lernen, dass Macht nicht immer nur Expansion bedeutet.“

​In der Arena kämpfte Gou mit den Tränen der Anstrengung. Sein Gesicht war verzerrt, das rötliche Violett seiner Augen flackerte unkontrolliert. Er spürte, wie Corvus panisch wurde, wie das Bit Beast versuchte, sich mit roher Gewalt zu befreien, was das Netz nur noch stärker machte.

​„Du bist genau wie dein Vater“, spottete Kage, während sein Bey immer schneller wurde, genährt durch Gous Kraft. „Viel zu stolz, um nachzugeben. Und genau dieser Stolz wird dich jetzt ersticken.“

​Gou schloss die Augen. Er erinnerte sich an Kais Worte in der Academy: „Du musst der Kern des Sturms sein, nicht das Opfer.“

​Plötzlich hörte das Zittern in Gous Händen auf. Sein Gesicht glättete sich zu einer beängstigenden Ruhe. Er begriff es. Die Spinne fraß nur das, was er nach außen abgab. Er musste die Energie nicht nach außen schleudern – er musste sie in sich und den Kern seines Beys komprimieren, bis der Druck unerträglich wurde.
 

Kommentator A: „Warte mal... was passiert da unten? Gou hat die Augen geschlossen? Ist er ohnmächtig?! Nein... schaut euch den Bey an! Das blaue Leuchten verschwindet nicht, es... es zieht sich zusammen!“

​Kommentator B: „Das ist Wahnsinn! Er komprimiert die gesamte Energie von Corvus in den Kern des Beys! Die Hitze-Sensoren am Stadiumrand schlagen Alarm! Jazz, das ist physikalisch eigentlich unmöglich! Er verwandelt seinen Bey in eine kleine Sonne!“
 

​„Du willst meine Energie, Kage?“, flüsterte Gou, und seine Augen öffneten sich, nun in einem tiefen, kalten Blau leuchtend. „Dann nimm alles... auf einmal.“
 

Gou biss die Zähne zusammen. Er spürte, wie die Obsidian Arachne wie ein Parasit an seiner Lebenskraft zerrte, doch er leistete keinen Widerstand mehr. Stattdessen atmete er tief aus und visualisierte den unendlichen Raum im Inneren seines Beys.

​„Corvus... zieh dich zurück“, befahl er innerlich.

​Die dunkelblaue Aura, die eben noch wild gegen die klebrigen Fäden des Netzes gepeitscht war, verschwand schlagartig von der Oberfläche des Beys. Kage lachte triumphierend auf. „Schon aufgegeben? Dein Vögelchen hat wohl die Flügel hängen lassen!“

​Doch das Lachen erstarb ihm im Hals, als er sah, dass Gous Bey nicht langsamer wurde. Im Gegenteil: Corvus begann so hochfrequent zu vibrieren, dass er in der Mitte des Netzes fast unsichtbar wurde. Das tiefe Blau der Aura war nicht weg – es war nun im Inneren des Beys konzentriert, komprimiert zu einem winzigen, unendlich dichten Punkt aus purer Zerstörungskraft.

​Gous gesamte Gestalt begann zu leuchten. Sein weißer Schal peitschte im plötzlich aufkommenden Windstoß nach oben, und seine Augen strahlten nun in einem harten, elektrischen Blau, das jede Spur von Kindlichkeit auslöschte.

​„Singularität des Raben!“, rief Gou mit einer Stimme, die die gesamte Arena erzittern ließ.

​In diesem Moment entfesselte er die gesamte Energie auf einen Schlag – nicht nach außen, sondern als eine Implosion der Hitze. Die komprimierte Aura von Corvus wurde so heiß, dass die schwarzen Fäden der Witwe nicht einfach rissen; sie verdampften.
 

Kommentator A: „SINGULARITÄT DES RABEN! Habt ihr das gehört?! Gou hat den Befehl gegeben! BOOOOM! Das Netz verdampft einfach! Es gibt keine Explosion nach außen, es ist eine Implosion der Macht! Kages Fäden lösen sich in Luft auf!“

Ein beißender Geruch nach verbranntem Ozon erfüllte die Luft.

​Kage wich schockiert zurück, seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Das ist unmöglich! Niemand kann so viel Energie auf so engem Raum kontrollieren!“

​Doch Gou war noch nicht fertig. Da das Netz nun weg war, gab es nichts mehr, was die Reibung bremste. Mit der freigesetzten Energie schoss Corvus wie ein Blitz durch die Arena. Er beschrieb keinen Kreis, er schlug Haken wie ein Falke auf der Jagd.

​„Jetzt beenden wir das“, sagte Gou eiskalt.

​Corvus rammte die Obsidian Arachne von unten. Die Wucht war so gewaltig, dass die schwarze Spinne förmlich in der Luft zerfetzt wurde.
 

Kommentator B: „Kages Gesicht... er starrt in den Abgrund! Obsidian Arachne hat nichts mehr, woran sie sich festhalten kann! Corvus schlägt zu – nein, er durchschlägt ihn einfach! Das Bit Beast der Spinne wird regelrecht zerfetzt!“
 

Das Bit Beast löste sich in einem gequälten Kreischen auf. Kages Bey wurde nicht nur aus dem Stadium geschleudert – er zersprang beim Aufprall am Boden in tausend Einzelteile.
 

​Kommentator A: „DAS IST DER SIEG! Kages Bey ist nur noch Schrott! Gou Hiwatari steht im Finale des Qualifikationsturniers! Er hat nicht nur gewonnen, er hat die dunkle Taktik des Shadow-Zirkels einfach weggeschmolzen! Was für ein Match, meine Damen und Herren! Was für ein Talent!“
 

​Stille senkte sich über das Stadion, während die blaue Glut in Gous Augen langsam verblasste. Er atmete schwer, sein weißer Schal sank langsam wieder auf seine Schultern zurück. Er sah auf Kage hinab, der fassungslos vor den Trümmern seines Beys kniete.

​Gou zeigte kein Mitleid. Er zeigte nicht einmal Triumph. Er drehte sich einfach um, den Rücken zum Verlierer gewandt, und fing seinen Bey auf, der mit einem leisen, zufriedenen Surren in seine Hand zurückkehrte.
 

​Auf der VIP-Tribüne lehnte sich Kai langsam zurück. Ein fast unmerkliches, stolzes Lächeln lag auf seinen Lippen. Gou hatte nicht nur gewonnen – er hatte eine Technik angewandt, die selbst für Kai in diesem Alter eine Herausforderung gewesen wäre.

​Stanley Dickenson stand zitternd am Mikrofon. „Meine Damen und Herren... ich glaube, wir sind gerade Zeugen der Geburt einer neuen Legende geworden. Gou Hiwatari hat nicht nur das Match gewonnen, er hat die Regeln des Spiels neu definiert!“

​Gou schritt durch den Tunnel zurück in die Katakomben. Er spürte die Erschöpfung in seinen Knochen, aber sein Geist war klarer als je zuvor. Er war kein kleiner Junge mehr, der im Schatten stand. Er war der Schatten, der das Licht verschlang.
 

Nach dem vernichtenden Sieg gegen Kage war der Name Gou Hiwatari in aller Munde. Das restliche Qualifikationsturnier glich einem Triumphzug, der jedoch von Gous wachsender Kühle und Professionalität geprägt war

Gou besiegte einen weiteren Favoriten, der auf schnelle Ausdauer-Attacken setzte. Doch Gou nutzte die im Kampf gegen Kage gelernte Lektion: Er verschwendete keine Energie mehr. Er fing den Gegner mit minimalen Bewegungen ab und wartete auf den einen, perfekten Moment für einen Konterschlag.

Im Finale traf Gou auf einen strategisch versierten Blader namens Hiroki. Der Kampf dauerte ungewöhnlich lange, da Hiroki versuchte, Gou psychisch zu zermürben. Doch Gou blieb ungerührt. Er beendete das Match nicht mit einer großen Explosion, sondern mit einer präzisen Attacke, die Hirokis Bey exakt an der Achse traf und ihn sofort stoppte.

Gou Hiwatari verließ die Arena als ungeschlagener Sieger des Qualifikationsblocks. Er sicherte sich damit den begehrten Startplatz für das Landesturnier, das in zwei Monaten stattfinden würde.
 

Gou schritt durch den dunkleren Teil des Spielertunnels, weg von den grellen Lichtern und dem ohrenbetäubenden Lärm der Arena. Die Stille der Katakomben legte sich wie eine kühle Decke über ihn, doch sein Körper glühte noch immer unter dem Nachhall der gewaltigen Energieentladungen. Sein weißer Schal war leicht verrutscht, und Schweißperlen rannen an seinen Schläfen hinunter, was die blauen gezackten Markierungen auf seinen Wangen fast wie echte Kriegsbemalung wirken ließ.

​Am Ende des Ganges, im Schatten einer massiven Betonsäule, wartete eine vertraute Gestalt. Kai stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Sein Blick war so undurchdringlich wie eh und je, doch die Luft um ihn herum schien vor Stolz fast zu vibrieren.

​Gou hielt inne. Er atmete tief durch, straffte die Schultern und trat vor seinen Vater. Er suchte Kais Augen, die rötlichen Spiegelbilder seiner eigenen.

​„Du hast ein unnötiges Risiko bei Kage gewählt“, begann Kai. Seine Stimme war ruhig, aber sie hallte in dem leeren Gang mit einer Autorität wider, die keinen Widerspruch duldete. „Die Kompression der Aura auf einen so winzigen Punkt belastet nicht nur den Bey, sondern auch das Nervensystem des Bladers. Wenn dein Timing nur um eine Millisekunde versetzt gewesen wäre, hätte Corvus sich selbst im Inneren des Beys vernichtet.“

​Gou senkte den Kopf nicht. Er hielt dem Blick seines Vaters stand, ein leichtes, immer noch erschreckend selbstsicheres Lächeln auf den Lippen. „Aber das Timing war perfekt, Vater. Ich habe das Netz nicht nur zerrissen – ich habe es als Treibstoff benutzt. Corvus wollte den Sieg... und ich habe ihm den Weg geebnet.“

​Kai löste sich von der Wand und trat einen Schritt auf seinen Sohn zu. Er überragte ihn bei weitem, doch die Präsenz, die Gou ausstrahlte, war der seinen mittlerweile fast ebenbürtig.

​„Präzision unter extremem Druck“, murmelte Kai. Er legte seine Hand auf Gous Kopf, eine Geste, die er nur selten und nur im Privaten zeigte. „Du hast nicht nur gewonnen, Gou. Du hast allen gezeigt, dass es eine Ebene der Macht gibt, die sie niemals erreichen werden. Du hast heute wie ein wahrer Hiwatari gekämpft.“

​Gous Augen leuchteten kurz auf. Das Lob seines Vaters wog schwerer als der Jubel der tausenden Menschen in der Arena.

​„Allerdings“, fuhr Kai fort und seine Stimme wurde wieder geschäftsmäßig, während er Gou den Schal zurechtrückte, „wird die Konkurrenz ab jetzt nicht mehr nur zusehen. Sie werden versuchen, deine Singularität-Technik zu analysieren. Wir werden das Training intensivieren müssen. Morgen früh, fünf Uhr.“

​Gou nickte entschlossen. „Ich werde bereit sein.“

​In diesem Moment bog Nami um die Ecke, gefolgt von einem sichtlich erleichterten Makoto. Als sie ihren Sohn unversehrt sah, fiel alle Anspannung von ihr ab. Sie stürmte auf ihn zu und schlang die Arme um ihn, wobei ihr langes, weißes Haar ihn fast wie einen Kokon einhüllte.

​„Gou! Gott sei Dank geht es dir gut!“, rief sie aus. „Diese Hitze war bis in die Loge zu spüren!“

​Gou ließ die Umarmung zu, doch sein Blick glitt über ihre Schulter hinweg zu Kai. Er sah das kurze, wissende Mundwinkelzucken seines Vaters. Er wusste, dass Nami sich immer sorgen würde, aber er wusste nun auch, dass er den ersten großen Schritt getan hatte, um der Welt zu zeigen, wer der wahre Erbe des Zaren war.
 

Einige Stunden später...
 

Das Ayame-Anwesen war normalerweise ein Ort der Ruhe und Tradition, doch an diesem Abend glichen die ehrwürdigen Hallen eher einem Bienenstock. Das Qualifikationsturnier war erst vor wenigen Stunden zu Ende gegangen, und die Nachricht von Gous triumphalem Einzug in das Landesturnier hatte das Haus bereits erreicht.

​In zwei Monaten würde es um alles gehen – den Titel des Landeschampions. Doch für Ayumi und Ren war das bereits beschlossene Sache.

​„Hast du gesehen, wie Corvus die Spinne einfach weggebrutzelt hat?“, rief Ren und rannte mit ausgebreiteten Armen durch das Esszimmer, wobei er die Flugbewegungen eines Raben imitierte. Sein eierschalenfarbenes Haar stand in alle Richtungen ab, und seine petrolfarbenen Augen leuchteten vor Aufregung. „Bumm! Weg war sie!“

​Ayumi, die ihrer Mutter Nami mit ihrem graustichigen Haar und den klugen, petrolfarbenen Augen so ähnlich sah, saß am Tisch und starrte auf ihr Tablet, auf dem die Wiederholung der „Singularität“ in Dauerschleife lief. „Es war logisch“, sagte sie mit einer Ernsthaftigkeit, die fast gruselig war. „Die Energiedichte war zu hoch. Aber Gou sah dabei echt gruselig aus.“

​„S'il vous plaît! Setzt euch endlich hin, bevor ich den Nachtisch eigenhändig verzehre!“, tönte die Stimme von Claire Beaumont. Das französische Kindermädchen stand mit in die Hüften gestemmten Händen da, während die kleine Sayuri an ihrem Schürzenband zog. Sayuri, mit ihren weißen Locken und den großen magentafarbenen Augen, plapperte ununterbrochen: „Gou-Gou groß! Gou-Gou blau!“

​„Oui, ma petite, Gou-Gou ist sehr groß und sehr blau“, entgegnete Claire mit ihrem trockenen Akzent. „Aber wenn Monsieur Ren nicht sofort aufhört, wie ein flügellahmer Vogel durch mein Esszimmer zu stolpern, wird er die Qualifikation für das Dessert nicht bestehen. C'est la vie.“

​In diesem Moment öffnete sich die schwere Eichentür. Kai und Nami traten ein, gefolgt von Gou.

​Die Stille, die kurzzeitig eintrat, war fast andächtig. Gou trug immer noch seinen weißen Schal, auch wenn er ihn nun lockerer um den Hals geschlungen hatte. Die blauen Markierungen in seinem Gesicht waren abgewaschen, doch die Aura, die er mitbrachte, war eine andere als am Morgen. Er wirkte erwachsener, distanzierter, fast schon wie ein Gast in seinem eigenen Zuhause.

​„Gou!“, schrien Ren und Ayumi gleichzeitig und stürmten auf ihn zu.

​Normalerweise hätte Gou sie genervt weggeschoben, doch heute blieb er stehen und legte Ren eine Hand auf die Schulter, während er Ayumi kurz zunickte. „Spart euch die Energie“, sagte er ruhig, und seine Stimme klang wie ein Echo von Kais Bass. „Das war nur die Qualifikation. Das echte Turnier beginnt erst in zwei Monaten. Da werde ich auf Gegner treffen, gegen die Kage und die Anderen wie Anfänger wirken.“

​„Hört auf ihn“, warf Kai ein, während er sich an das Kopfende des Tisches setzte. Sein Blick schweifte über seine Kinder. „Der Sieg heute war ein notwendiger Schritt, aber der Weg zum Landeschampion ist mit den Trümmern derer gepflastert, die sich zu früh gefreut haben.“

​Nami setzte sich neben Kai und sah zu Claire, die gerade eine dampfende Schüssel auf den Tisch stellte. „Danke, Claire. Ich glaube, wir brauchen alle eine Stärkung nach diesem Tag.“

​„Aber sicher, Madame“, erwiderte Claire und warf Gou einen prüfenden Blick zu. „Herzlichen Glückwunsch, Monsieur Gou. Sie sehen jetzt fast so aus, als könnten Sie Blitze mit den Augen schleudern. Hoffentlich verträgt sich das mit meinem Soufflé.“

​Gou setzte sich. Er war erschöpft, aber sein Geist war bereits zwei Monate in der Zukunft. Er wusste, dass ganz Japan nun über ihn sprach. Er wusste, dass er die Messlatte für das Landesturnier extrem hoch gelegt hatte. Während seine Geschwister plapperten und Claire trockene Witze riss, blickte Gou aus dem Fenster in die Dunkelheit. Er war bereit für den Thron.

Ein ganz normaler Tag

Am nächsten Vormittag glänzte die Glasfassade des Tachiwari Towers in der strahlenden Morgensonne. Nami hatte sich spontan dazu entschlossen, Kai in seinem Büro zu überraschen. Sie trug ein elegantes, fließendes Kleid in einem sanften Cremeton, das einen wunderbaren Kontrast zu ihrem sehr langen, weißen Haar bildete.

​Als sie die Lobby betrat, erntete sie sofort bewundernde Blicke, doch sie steuerte zielstrebig auf die Aufzüge zu, die direkt in die Chefetage der Tachiwari-Corporation führten. Gerade als sie den Bereich der oberen Büros erreichte, stieß sie auf eine kleine Gruppe junger Frauen. Drei Angestellte der Marketing-Abteilung standen mit ihren Kaffeetassen in einer gemütlichen Ecke und unterhielten sich angeregt – bis sie Nami bemerkten.

​„Oh, verzeihen Sie bitte“, sagte Nami mit einem warmen Lächeln, als sie fast mit einer der Damen zusammengestoßen wäre.

​Die drei jungen Frauen erstarrten förmlich. Sie kannten Nami natürlich von den wenigen offiziellen Anlässen, aber sie so hautnah zu erleben, war etwas ganz anderes. Namis Präsenz war das genaue Gegenteil von Kais kühler Distanz; sie strahlte eine Wärme und Sanftheit aus, die den gesamten Flur sofort freundlicher wirken ließ.

​„M-Madame Hiwatari!“, stammelte eine der Frauen, eine junge Assistentin mit Brille. „Bitte entschuldigen Sie uns, wir haben gerade eine kleine Pause gemacht.“

​„Aber das ist doch kein Grund sich zu entschuldigen“, erwiderte Nami freundlich und trat näher. „Bei der harten Arbeit, die ihr hier im Tower leistet, ist ein guter Kaffee lebensnotwendig, nicht wahr?“

​Sie begann ein ungezwungenes Gespräch mit den dreien. Sie erkundigte sich nach ihrer Arbeit, lachte über eine kleine Anekdote, die eine der Frauen über den stressigen Berufsalltag erzählte, und zeigte echtes Interesse an ihrem Wohlbefinden. Ihr trockener Humor, den sie sich über die Jahre bei Claire und Graham abgeschaut hatte, blitzte immer wieder auf, was das Eis sofort brach.

​„Wissen Sie“, flüsterte eine der Angestellten mutig, „wir haben gestern alle das Turnier von Ihrem Sohn Gou im Fernsehen verfolgt. Er war unglaublich! Aber... er wirkt so viel strenger als Sie.“

​Nami lachte leise, ein silbriges Geräusch, das die Frauen völlig verzauberte. „Oh, Gou hat das Feuer seines Vaters geerbt, das stimmt wohl. Aber tief im Inneren hat er auch eine weiche Seite... man muss sie nur unter dem ganzen blauen Eis suchen.“

​Die drei Frauen waren komplett hingerissen. In einer Firma, die so sehr von Disziplin und Kais strenger Führung geprägt war, wirkte Namis Besuch wie ein Sonnenstrahl.

​„Es war mir ein Vergnügen, Sie alle kennenzulernen“, sagte Nami schließlich und schenkte ihnen ein letztes, herzliches Lächeln. „Aber ich sollte jetzt wohl zu meinem Ehemann gehen, bevor er denkt, ich hätte mich im Aufzug verlaufen.“

​Sie zwinkerte ihnen verschmitzt zu und schritt weiter Richtung Kais Büro. Die drei Frauen sahen ihr mit offenen Mündern nach.

​„Sie ist ja ein richtiger Engel“, hauchte die eine. „Kein Wunder, dass selbst der Zar bei ihr weich wird.“

​Nami erreichte schließlich die schwere Tür zu Kais Büro. Sie klopfte nicht einmal, sondern öffnete sie direkt mit einem schelmischen Ausdruck im Gesicht, gespannt darauf, wie Kai reagieren würde, wenn sie seinen Arbeitsrhythmus so charmant unterbrach.
 

Kai saß hinter seinem massiven Schreibtisch aus dunklem poliertem Holz, den Blick fest auf eine Reihe von holografischen Performance-Analysen der Tachiwari-Corporation gerichtet. Seine Miene war konzentriert, die Stirn leicht in Falten gelegt – der Inbegriff des unnahbaren CEOs.

​Als sich die Tür ohne Vorwarnung öffnete, versteifte sich seine Haltung augenblicklich. Er war es gewohnt, dass niemand sein Büro betrat, ohne vorher von drei Vorzimmern gefiltert worden zu sein. Er hob den Kopf, ein tadelndes Wort bereits auf den Lippen, doch als sein Blick auf Nami fiel, erlosch die gewohnte Kälte in seinen Augen augenblicklich.

​„Nami?“, fragte er, und seine Stimme verlor den harten, geschäftsmäßigen Unterton. Er lehnte sich langsam zurück und schaltete die Hologramme mit einer kurzen Handbewegung aus. „Was führt dich hierher? Ist etwas mit den Kindern?“

​Nami schloss die Tür leise hinter sich und lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. „Nichts dergleichen. Ich dachte mir nur, dass der mächtigste Mann der Branche vielleicht mal wieder eine Erinnerung daran braucht, dass es eine Welt außerhalb von Statistiken und Marktanteilen gibt.“

​Kai beobachtete sie, wie sie langsam auf seinen Schreibtisch zukam. Sein Blick glitt über ihr fließendes Kleid und blieb an ihrem Gesicht hängen. Trotz seiner strengen Selbstbeherrschung konnte er ein kurzes, fast unmerkliches Zucken seiner Mundwinkel nicht unterdrücken – das nächste, was bei ihm einem Lächeln glich.

​„Du hast meine gesamte Marketing-Etage lahmgelegt“, stellte er fest, während er auf das interne Überwachungssystem deutete, das ihm kurz zuvor die Aufregung im Flur signalisiert hatte. „Die Damen aus dem Marketing werden vermutlich den Rest des Tages brauchen, um sich von deinem ‚charmanten Überfall‘ zu erholen.“

​„Oh, sie waren sehr nett“, entgegnete Nami unschuldig und blieb direkt vor seinem Tisch stehen. Sie beugte sich leicht vor, ihre langen weißen Haare fielen über ihre Schulter und kitzelten die Oberfläche des Schreibtisches. „Wir haben uns nur über unseren furchteinflößenden Sohn unterhalten. Und darüber, wie sehr er seinem Vater ähnelt.“

​Kai stand langsam auf. Er umrundete den Schreibtisch, bis er direkt vor ihr stand. In der sterilen, technokratischen Umgebung des Towers wirkte Nami wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Er legte seine Hände auf ihre Taille und zog sie ein kleines Stück näher zu sich.

​„Er ähnelt mir zu sehr“, murmelte Kai tief, während er in ihre Augen sah. „Aber er hat Glück, dass er deine Hartnäckigkeit geerbt hat. Sonst wäre er heute Morgen vermutlich nicht schon wieder um fünf Uhr beim Training gewesen.“

​Nami legte ihre Hände auf seine Brust und spürte das ruhige, feste Schlagen seines Herzens. „Er ist ein Hiwatari, Kai. Aber heute Morgen bin ich hier, um den Mann zu besuchen, nicht den Zaren oder den Trainer.“

​Kai atmete tief ein, der Duft ihres Parfüms verdrängte den Geruch von kühler Klimaanlagenluft und Elektronik. Er wusste, dass er eigentlich ein wichtiges Meeting mit der Forschungsabteilung hatte, doch in diesem Moment war ihm das völlig gleichgültig.

​„Dann hast du dein Ziel erreicht“, sagte er leise. „Die Tachiwari-Corporation kann für eine Stunde auf ihren CEO verzichten.“
 

Nami legte den Kopf leicht schief und sah Kai mit einem Blick an, der seine kühle Fassade endgültig zum Schmelzen brachte. Sie griff sanft nach dem Revers seines Jacketts und glättete einen Stoff, der eigentlich schon perfekt saß.

​„Erinnerst du dich?“, flüsterte sie, während sie den Abstand zwischen ihnen fast vollständig aufhob. „Du hast selbst gesagt, ich solle öfter vorbeischauen. Du meintest, mein Besuch würde die Arbeitsmoral heben – oder zumindest deine.“

​Ein leises, amüsiertes Schnauben entwich Kai, doch er entzog sich ihrer Berührung nicht. Seine Hände ruhten fest an ihrer Taille.

​„Und heute Morgen...“, fuhr sie fort, ihre Stimme wurde noch leiser und weicher, „da bin ich aufgewacht und die Seite neben mir war schon wieder kalt. Halb fünf ist verdammt früh, Kai. Ich habe eines deiner Hemden genommen, die noch über dem Stuhl hingen. Ich habe daran gerochen, weil ich diesen ganz speziellen Duft, der nur dir eigen ist, vermisst habe. In diesem Moment hatte ich so ein tiefes Verlangen nach dir, dass ich es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten habe.“

​Kai sah sie intensiv an. Die Erwähnung, dass sie seine Nähe so sehr vermisste, dass sie erneut seine Kleidung suchte, löste etwas in ihm aus, das er vor der Welt – und sogar vor seinen engsten Mitarbeitern – stets verborgen hielt. Er war der Mann aus Eis, der Zar der Beyblade-Welt, doch für Nami war er schlichtweg der Mann, den sie liebte.

​„Das Training für Gou erfordert Disziplin“, sagte er, doch seine Stimme klang belegt, weit weniger fest als sonst. „Aber ich wollte nicht, dass du dich einsam fühlst.“

​Er beugte sich vor, sodass seine Stirn die ihre berührte. Der sterile Tower, die wartenden Manager und die Millionenentscheidungen, die auf seinem Schreibtisch lagen, verblassten in die Bedeutungslosigkeit.

​„Du hättest mich heute morgen aufhalten sollen“, murmelte er gegen ihre Lippen.

​„Und dich von deiner Pflicht abhalten?“, neckte sie ihn sanft, während sie ihre Arme um seinen Nacken schlang. „Das hätte ich niemals getan. Aber dafür musst du jetzt mit den Konsequenzen leben, dass ich hier in deinem Büro stehe und nicht vorhabe, so schnell wieder zu gehen.“

​Kai antwortete nicht mit Worten. Er schloss die Augen und genoss für einen langen Moment einfach nur ihre Gegenwart, den Duft ihres Haares und die Wärme ihres Körpers, die einen so starken Kontrast zu der künstlichen Kälte seines Imperiums bildete. In diesem Moment war der Tachiwari Tower nicht mehr das Zentrum eines Weltkonzerns, sondern lediglich der Ort, an dem er die Frau hielt, die sein Leben im Gleichgewicht hielt.
 

Kai sah ihr nun tief in die Augen, und das kühle Rot seiner Iris schien sich zu verdunkeln, geschwängert von einem Verlangen, das er den ganzen Vormittag hinter geschäftlicher Effizienz verborgen hatte. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, griff er blind nach der Fernbedienung auf seinem Schreibtisch. Mit einem leisen Klicken glitten die schweren, blickdichten Jalousien der riesigen Fensterfronten nach unten und schirmten das Büro von der Außenwelt ab.

​Er trat zur Tür, legte den massiven Riegel um und schaltete die Gegensprechanlage stumm. Niemand würde es wagen, jetzt zu stören.

​„Meine Termine existieren für den Rest des Vormittags nicht mehr“, sagte er mit einer rauen Intensität in der Stimme. Er begann, den Knoten seiner Krawatte mit einer Hand zu lockern, während er mit der anderen Nami wieder fest an sich zog. „Du hast von Hunger nach Nähe gesprochen. Ich werde dafür sorgen, dass du heute vollkommen gesättigt nach Hause gehst.“

​Er warf die Krawatte achtlos über einen der Besuchersessel und löste die obersten Knöpfe seines Hemdes. Seine Bewegungen waren bestimmt, fast schon besitzergreifend, doch als seine Lippen die ihren fanden, war der Kuss von einer überwältigenden Zärtlichkeit geprägt. Es war ein langes, tiefes Kosten, als wollte er jeden Moment des Alleinseins am frühen Morgen wiedergutmachen.

​Kai hob sie mühelos hoch und setzte sie auf die Kante seines massiven Schreibtisches, wobei er die Dokumente und Analysen achtlos zur Seite schob. Er stellte sich zwischen ihre Beine und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, wo er ihren Puls rasen spürte. Seine Hände glitten über den feinen Stoff ihres Kleides, jede Berührung sicher und doch von einem leichten Zittern der Leidenschaft begleitet.

​Immer wieder hielt er inne. Er wollte diesen Moment nicht überstürzen. Er hob ihren Kopf sanft an, strich ihr das weiße Haar aus dem Gesicht und küsste sie mit einer Hingabe, die Nami den Atem raubte. Es war ein langsames, brennendes Feuer. Er kostete ihre Lippen, ihre Kieferpartie, ihre Ohrläppchen, bevor er sich wieder ihren Lippen widmete.

​Als er sich ganz nah an ihr Ohr schmiegte, war sein Atem heiß auf ihrer Haut. „Ich bin so besessen von dir“, flüsterte er mit einer Stimme, die vor unterdrückter Emotion fast brach. „Jeder Morgen ohne dich an meiner Seite ist eine Verschwendung, selbst wenn es für Gous Training ist.“

​Der folgende Akt war geprägt von einer tiefen, fast schmerzhaften Leidenschaft. Kai bewegte sich mit der gleichen kontrollierten Kraft, die er im Stadium zeigte, doch hier war sie rein auf Nami fokussiert. Er verlor sich völlig in ihr, und doch gab es diese Momente der innehaltenen Stille, in denen er sie einfach nur ansah, ihre Wangen streichelte und sie so lange und intensiv küsste, bis die Welt außerhalb dieses Raumes vollständig aufhörte zu existieren.

​In diesem hochmodernen Büro, dem Herzstück eines globalen Imperiums, gab es in diesem Moment nur die Wärme ihrer Körper und das Versprechen einer Nähe, die über alles andere hinausging.
 

Als Kai und Nami etwa eine Stunde später sein Büro verließen, wirkte die Atmosphäre im Flur wie elektrisiert. Kai hatte sein Jackett wieder übergezogen, doch die obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen, und sein Haar war eine Spur unordentlicher als gewöhnlich – ein seltener Anblick von Lockerheit beim „Zaren“.

​Nami war es gewesen, die darauf bestanden hatte, nicht wie üblich die Mahlzeiten diskret in sein Büro liefern zu lassen. „Ich möchte das Licht sehen, Kai, und nicht zwischen Aktenschränken essen“, hatte sie mit einem charmanten, unnachgiebigen Lächeln erklärt.
 

​Das exklusive Restaurant in der obersten Etage des Towers war gut besucht, als sie eintraten. Ein augenblickliches Verstummen legte sich über die Tische, gefolgt von einem ehrfürchtigen Tuscheln.

​Etwa fünf Meter von ihrem Fenstertisch entfernt saßen zwei junge Frauen und ein junger Mann aus der Forschungsabteilung. Sie hatten ihre Mittagspause fast beendet, doch als das Ehepaar Hiwatari Platz nahm, war ihr eigentliches Gesprächsthema vergessen.

​„Schaut euch das an“, flüsterte Yukiko, eine der Forscherinnen, und starrte über den Rand ihrer Teetasse. „Ich habe den CEO noch nie so gesehen. Er sieht... menschlich aus.“

​„Menschlich?“, entgegnete ihre Kollegin Rin leise. „Er sieht aus wie ein Mann, der gerade daran erinnert wurde, dass ihm die Welt gehört – aber nur, weil sie an seiner Seite sitzt. Schau, wie er sie ansieht. Er hört ihr zu, als wäre jedes Wort von ihr eine Offenbarung.“

​Der Kollege, ein junger Ingenieur namens Kenzo, nickte beeindruckt. „Es ist die Körpersprache. Seht ihr, wie er sich zu ihr rüberlehnt? Normalerweise hält er zu jedem mindestens zwei Meter Sicherheitsabstand. Aber bei ihr... er hat seine Hand auf dem Tisch ganz nah an ihrer liegen. Es ist, als würde er ein Kraftfeld um sie beide ziehen.“

​„Und sie?“, schwärmte Yukiko weiter. „Sie strahlt so viel Ruhe aus. Sie hat diese unglaubliche Eleganz, aber wenn sie lacht, sieht man, wie Kai sich fast unmerklich entspannt. Sogar seine Schultern sinken ein Stück tiefer.“

​Tatsächlich beobachtete die gesamte Belegschaft im Raum fasziniert, wie Nami Kai etwas erzählte und dabei spielerisch seine Hand berührte. Kai antwortete nicht viel, aber sein Blick wich keine Sekunde von ihrem Gesicht. Er ignorierte die neugierigen Blicke der Angestellten vollkommen; für ihn existierte in diesem Moment nur die Frau gegenüber, deren weißes Haar im Sonnenlicht der hohen Fenster fast silbrig glühte.

​„Das ist kein normales Paar“, schlussfolgerte Rin mit einem Seufzer. „Das ist... das ist das Herz des Towers. Wenn man sie so sieht, versteht man, warum er so unantastbar wirkt. Er hat bereits alles, was er braucht.“

​An ihrem Tisch bemerkte Nami das Tuscheln der Forscher und warf ihnen ein kurzes, wissendes Lächeln zu, bevor sie sich wieder Kai widmete. „Ich glaube, wir haben die Forschungsabteilung gerade von ihrer Arbeit abgelenkt, Kai.“

​Kai warf einen kurzen, kühlen Blick in die Runde, der die Mitarbeiter sofort dazu brachte, sich wieder hastig ihrem Essen zu widmen. „Sie werden es überleben“, antwortete er trocken, doch sein Blick wurde sofort wieder weich, als er Nami ansah. „Aber du hattest recht. Das Licht hier oben ist besser als im Büro.“
 

Kai neigte sich noch ein Stück weiter über den Tisch, seine kühle Fassade war nun endgültig der eines Mannes gewichen, der vollkommen im Bann seiner Frau stand. Er ignorierte das Klappern von Besteck und das unterdrückte Flüstern im Raum, als er ihr einen federleichten, zärtlichen Kuss auf die Lippen gab.

​„Komm ab jetzt bitte jeden Tag in mein Büro...“, raunte er, und seine Stimme war so tief und privat, dass sie kaum über den Tischrand hinausreichte.

​Fünf Meter weiter hielten Yukiko und Rin gleichzeitig die Luft an. Yukiko presste sich die Serviette fest gegen den Mund, um einen euphorischen Aufschrei zu ersticken, während Rin mit weit aufgerissenen Augen zusah. „Hast du das gesehen?“, flüsterte sie mit bebender Stimme. „Der Zar von Tokio hat gerade öffentlich... das war so unglaublich romantisch!“
 

​Nami genoss den Moment sichtlich. Ein freches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, und mit einer spielerischen Leichtigkeit beugte sie sich vor und gab Kai einen schnellen, liebevollen Kuss auf die Nasenspitze.

​„Aber Kai“, neckte sie ihn leise, während ihre Augen funkelten, „du musst doch arbeiten. Ich lenke dich doch nur ab. Wenn ich jeden Tag komme, wird die Tachiwari-Corporation innerhalb einer Woche im Chaos versinken, weil ihr CEO nur noch Augen für seine Frau hat.“

​„Ablenkung ist gut...“, erwiderte Kai schlicht und fing ihre Lippen für einen zweiten, etwas längeren Kuss ein, der keinen Zweifel an seinen Absichten ließ.

​Nami löste sich schließlich sanft von ihm, ihre Wangen leicht gerötet. Sie warf einen verstohlenen Blick in die Runde und bemerkte die starren Mienen der Mitarbeiter, die krampfhaft versuchten, so zu tun, als würden sie nicht starren.

​„Kai... deine armen Mitarbeiter werden dich nach diesem Mittagessen nicht mehr ernst nehmen“, flüsterte sie und drückte sanft seine Hand. „Du zerstörst gerade deinen Ruf als eiskalter Geschäftsmann.“

​Kai lehnte sich langsam zurück, doch sein Blick blieb fest in ihrem verankert. Er wirkte vollkommen unbeeindruckt von der Wirkung, die er auf seine Belegschaft erzielt hatte. Er legte seine Hand über die ihre und verschränkte seine Finger mit ihren.

​„Warum sollten sie mich nicht mehr ernst nehmen?“, fragte er mit einer Gelassenheit, die seine absolute Autorität unterstrich. „Weil sie sehen, wie sehr ich meine Frau liebe?“

​Er warf einen kurzen, messerscharfen Blick in Richtung des Tisches der Forschungsabteilung. Yukiko und Rin zuckten augenblicklich zusammen und widmeten sich mit einer fast schon komischen Intensität ihrem Salat, doch das Grinsen auf ihren Gesichtern konnten sie nicht ganz verbergen.

​„Wer die Liebe nicht als Stärke begreift, hat in meiner Firma ohnehin nichts verloren“, fügte Kai trocken hinzu.

​Nami lachte leise und schüttelte den Kopf. „Du bist unverbesserlich, Kai Hiwatari.“

​„Nur in deiner Gegenwart“, antwortete er.
 

Der restliche Nachmittag im Tachiwari Tower glich einem Lauffeuer, das sich durch alle Etagen fraß. Von der Logistik im Keller bis hin zur Design-Abteilung in den obersten Stockwerken gab es nur ein Thema. Die Chat-Gruppen der Mitarbeiter glühten förmlich.

​„Hast du es gehört? Er hat sie im Restaurant geküsst. Zweimal!“, tippte Rin an ihre Kolleginnen, während sie eigentlich an einer chemischen Analyse für die neuen Beyblade-Beschichtungen arbeiten sollte. „Und er hat gesagt, er liebt sie. Laut! Vor allen!“

​In der Kaffeeküche der Buchhaltung wurde die Szene bereits so ausgeschmückt, dass Kai angeblich das gesamte Restaurant für Nami reserviert und einen Rosenregen bestellt hätte. Doch die Realität – die schlichte, ehrliche Zärtlichkeit eines Mannes, der sonst wie aus Stein gemeißelt wirkte – war für die Belegschaft weitaus beeindruckender als jedes Klischee.

​Kai selbst kehrte in sein Büro zurück. Nami war nach dem Essen aufgebrochen, um die Kinder gemeinsam mit Claire abzuholen, und hatte eine Atmosphäre hinterlassen, die den Raum völlig verändert hatte. Kai saß an seinem Schreibtisch, und obwohl er sich wieder den Quartalsberichten widmete, war die gewohnte, schneidende Kälte verschwunden. Er wirkte fokussiert, aber gelassen.

​Als sein neuer persönlicher Assistent mit einem Stapel Dokumente eintrat, wagte dieser es kaum, Kai in die Augen zu sehen. Er hatte die Gerüchte natürlich gehört.

​„Sir, hier sind die Entwürfe für die neue Arena in Nagano“, sagte der Assistent mit leicht belegter Stimme.

​Kai nahm die Papiere entgegen. Er bemerkte das Zögern des Mannes und hob kurz den Blick. „Gibt es noch etwas, Morita?“

​„Nein, Sir. Nur... es ist schön, Sie so... zufrieden zu sehen“, platzte es aus dem Assistenten heraus, bevor er vor Schreck über seinen eigenen Mut fast erblasste.

​Kai hielt inne. Er sah den Mann einen Moment lang schweigend an – ein Blick, der früher ausgereicht hätte, um jemanden fristlos zu entlassen. Doch diesmal nickte er nur kurz. „Zufriedenheit ist eine gute Basis für Effizienz. Sorgen Sie dafür, dass das Team das auch so sieht.“

​„Jawohl, Sir!“, stammelte Morita und verschwand fast rückwärts aus dem Zimmer.

​Währenddessen saß Nami im Wagen auf dem Rückweg zum Ayame-Anwesen und musste immer noch lächeln, wenn sie an Kais Gesichtsausdruck im Restaurant dachte. Sie wusste, dass sie heute ein wenig von dem Eispanzer gesprengt hatte, den er in der Firma so sorgfältig pflegte.

​Doch die Ruhe hielt nicht lange an. Als sie das Tor des Anwesens erreichte, sah sie bereits Gou, der mit seiner Schultasche über der Schulter ungeduldig auf der Veranda wartete. Daneben stand Makoto, der nervös mit seinem Launcher spielte. Es war Nachmittag, die Schule war aus, und das Training für das Landesturnier duldete keinen weiteren Aufschub.

​Gous Blick war bereits wieder geschärft. Er sah den Wagen von Graham, doch er suchte nach dem grünen Bentley seines Vaters. Die Romantik des Mittags war in der Welt des jungen Falken bereits wieder der harten Realität der Vorbereitung gewichen.

Klatsch und Tratsch

Eine Stunde später....

Hilarys 28. Geburtstag wurde in Talas und Luminas lichtdurchfluteten Penthouse gefeiert. Es war eine reine „Mädels-Runde“, und die Stimmung war bereits am frühen Nachmittag ausgelassen. Überall standen frische Blumen, und der Duft von edlem Sekt und feinen Patisserie-Törtchen erfüllte die Luft.

​Neben Nami, Lumina, Momoko und Mariah waren zwei weitere Damen anwesend, die Nami bisher noch nicht begegnet war: Saki und Emi. Die beiden kannten Hilary noch aus der Zeit, als Makoto im Kindergarten war, und passten perfekt in die lebhafte Runde.
 

​„Auf das Geburtstagskind!“, rief Mariah und hob ihr Glas. Sie trug ihr pinkes Haar wie immer ein wenig wild und brachte die nötige Energie in die Runde. „Dass du uns weiterhin so auf Trab hältst, Hilary!“

​„Oh, glaub mir, mit Makoto und dem ganzen Dojo-Trubel habe ich gar keine andere Wahl“, lachte Hilary und zwinkerte Nami zu. „Aber heute lassen wir die Jungs mal Jungs sein. Kein Beyblade-Gerede, kein Training – nur wir.“

​Der Nachmittag verlief herrlich unbeschwert. Es wurde viel gelacht, und der Klatsch und Tratsch der High Society und der alten Bekanntenkreis-Geschichten floss fast so schnell wie der Sekt. Saki und Emi stellten sich als sehr sympathisch heraus, auch wenn sie neugierig jedes Detail über das Leben im Ayame-Anwesen aufsaugten.

​Als die Sonne tiefer sank und die Damen bereits bei der dritten Flasche Sekt angekommen waren, rutschte Hilary näher zu Nami auf das Samtsofa. Ihr Blick bekam diesen verräterischen Glanz, den Nami nur zu gut kannte.

​„So, Nami... jetzt mal unter uns“, begann Hilary und grinste breit. Die anderen Damen, inklusive der neugierigen Saki und Emi, beugten sich instinktiv vor. „Wir haben alle die Fotos von eurem Hochzeitsjubiläum in Nagano gesehen. Diese riesige Villa, der Wald, die Abgeschiedenheit...“

​Nami spürte, wie ihre Wangen bereits leicht glühten, was nicht nur am Sekt lag.

„Wir wissen ja alle von eurer... monatlichen Tradition. Lumina hat da ja mal was angedeutet.“

​Lumina errötete leicht und versteckte ihr Gesicht hinter ihrem Glas, während Mariah und Momoko wissend kicherten. Nami hingegen spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Sie warf einen nervösen Blick zu den beiden neuen Damen, Saki und Emi, die mit großen Augen und gespitzten Ohren zuhörten.

​„Hilary, bitte...“, versuchte Nami abzuwehren, doch Hilary ließ nicht locker.

​„Komm schon! Nagano. Zehnjähriges Jubiläum. Ein riesiges Anwesen, weit weg von der Zivilisation“, fuhr Hilary fort, ihre Augen blitzten vor Neugier. „Ich bin mir absolut sicher, dass der Zar dich nicht nur zum Tee Trinken dorthin entführt hat. Gab es wieder... eine Jagd? Hat er dich wieder durch die Gänge gehetzt? Ich will wissen, ob er in dieser riesigen Villa genauso unerbittlich war wie zu Hause.“

​Nami schluckte. Die Bilder von jenem verregneten Vormittag schossen ihr mit einer Intensität in den Kopf, die ihr das Blut in die Wangen trieb. Sie sah Kai vor sich, wie er nackt im Weinkeller stand, wie sein Atem an ihrem Ohr kitzelte und wie er sie schließlich im Dampf des Onsens in die Enge trieb.

​„Es... es gab tatsächlich ein Spiel“, gab Nami schließlich leise zu, unfähig, Hilarys bohrendem Blick länger standzuhalten.

​„Ich wusste es!“, schrie Mariah fast auf und klatschte in die Hände. „Und? Wie war es? Wer hat gewonnen?“

​Saki und Emi rückten noch ein Stück näher. „Eine Jagd?“, fragte Emi fasziniert. „Was genau bedeutet das bei den Hiwataris? Ist das wie Verstecken?“

​Nami war einen Moment lang völlig überfordert. Wie sollte sie diesen Frauen erklären, dass „Verstecken“ bei Kai bedeutete, vollkommen nackt durch ein dreistöckiges Labyrinth zu flüchten, während ein Mann mit der Aura eines Raubtiers jeden ihrer Atemzüge analysierte?

​„Es ist... intensiv“, sagte Nami vorsichtig und suchte nach Worten, die diskret genug für die neuen Bekannten waren. „Kai nutzt die Architektur des Hauses. Er gab mir dreißig Minuten Vorsprung in dieser riesigen Villa. Er wollte, dass ich klug bin, dass ich Fallen stelle.“

​Hilary zog eine Augenbraue hoch. „Und hat er dich gekriegt? Oder hast du den großen Kai Hiwatari im Weinkeller alt aussehen lassen?“

​Nami musste unwillkürlich lächeln, als sie an den Moment dachte, in dem sie im Keller an ihm vorbeigesprintet war. „Ich bin ihm entwischt. Einmal. Ich glaube, das hat seinen Stolz mehr verletzt als alles andere. Er ist mir danach förmlich hinterhergerannt. Ich habe den Zaren noch nie so... außer Atem gesehen.“

​Die Runde brach in schallendes Gelächter aus. „Kai Hiwatari, der seinem ‚Wild‘ hinterherjagt! Das hätte ich zu gerne gesehen!“, prustete Momoko.

​Doch Hilary war noch nicht fertig. „Und die Strafe? Du weißt, worauf ich hinauswill, Nami. Wenn er dich kriegt, ist er nicht gerade für seine Gnade bekannt, oder?“

​Nami nippte schweigend an ihrem Sekt, während sie die Hitze seiner Hände an ihrer Taille und die unerbittliche Intensität der Stunden vor dem Kamin fast körperlich wieder spürte. Die Erinnerung an die elfte Welle der Ekstase, die sie schließlich vollkommen gebrochen hatte, ließ sie kurz erschauern.

​„Sagen wir es so“, flüsterte Nami und sah Hilary direkt an, „Kai hat sehr deutlich gemacht, dass er nach zehn Jahren immer noch der Herr im Haus ist. Er hat dafür gesorgt, dass ich am Ende... absolut keine Kraft mehr hatte, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Er war besessen davon, mir zu zeigen, dass Flucht zwecklos ist.“

​Ein kollektives Raunen ging durch die Gruppe. Saki und Emi sahen Nami nun mit einer Mischung aus Schock und tiefer Bewunderung an.

​„Mensch, Nami“, seufzte Hilary und lehnte sich zufrieden zurück. „Ich wusste doch, dass Nagano heißer war als der ganze Schnee auf den Gipfeln dort oben. Auf den Zaren und seine Jägerin!“
 

Nachdem das Eis durch Namis Geständnisse endgültig gebrochen war, löste sich die letzte Spur von Zurückhaltung in der Runde auf. Der Sekt prickelte, die Törtchen waren fast vergessen, und das Gespräch verlagerte sich auf die Männer, die draußen in der Welt als Helden oder Legenden galten, zu Hause aber ganz andere Seiten zeigten.

​„Ach, Nami, sei froh, dass Kai wenigstens diese... ästhetische Ader hat“, seufzte Hilary und rollte mit den Augen. „Tyson? Wenn der jagt, dann jagt er höchstens das Buffet. Ich muss ihn manchmal regelrecht mit dem Launcher aus dem Bett werfen, damit er pünktlich zum Training kommt. Seine Leidenschaft gilt dem Essen, dem Schlafen und dann – vielleicht – mir. Aber wehe, er hat mal einen Energieschub! Dann ist er wie ein Bulldozer. Romantik? Fehlanzeige. Er plumpst einfach auf mich drauf und nennt es 'Liebesbeweis'.“

​Die Frauen lachten, doch Lumina schüttelte schmunzelnd den Kopf. Sie strich sich eine Strähne hinter das Ohr und sah Nami vielsagend an. „Ich verstehe dich nur zu gut, Nami. Tala ist... nun ja, er wurde in der Abtei trainiert. Das kriegt man nicht aus ihm raus. Wenn wir unsere Jagden haben, ist er wie ein sibirischer Wolf. Er spricht kein Wort. Er starrt mich nur mit diesen eiskalten Augen an, bis ich freiwillig loslaufe.“

​Sie nippte an ihrem Glas. „Und er ist genauso intensiv wie Kai. Wenn er mich in die Enge treibt, gibt es kein Entkommen. Er ist unglaublich dominant. Manchmal habe ich das Gefühl, er will mich nicht nur besitzen, sondern mich komplett in seinem Eis einfrieren, damit ich nirgendwo anders mehr hin kann.“

​Mariah grinste und warf eine Kamelie in die Luft. „Bei Ray ist es eher... akrobatisch. Er ist so flink! Ich denke immer, ich hätte ihn abgehängt, und plötzlich hängt er wie ein Tiger an der Decke oder springt über drei Schränke, um mich zu packen. Es ist weniger düster als bei euren Eisklötzen, aber mein Gott, der Mann hat eine Ausdauer, die einen wahnsinnig macht.“

​Dann räusperte sich Momoko und ein schelmisches Funkeln trat in ihre Augen. „Tja... und dann ist da noch Kenji.“

​Nami erstarrte kurz mit dem Glas an den Lippen. Das war der Moment, den sie am meisten gefürchtet hatte: Klatsch über ihren eigenen Zwillingsbruder.

​„Kenji ist... nun ja“, fuhr Momoko fort und wurde ein wenig rot, „er hat dieses sanfte Gesicht, aber er ist ein Tachiba. Er hat diese stille Intensität. Wenn er mich ansieht, habe ich das Gefühl, er liest meine Gedanken. Und im Schlafzimmer... sagen wir einfach, er weiß ganz genau, wo meine Schwachstellen liegen. Er ist sehr... gründlich.“

​„Momoko, bitte! Er ist mein Bruder!“, rief Nami lachend und hielt sich die Ohren zu, was die anderen nur noch mehr anstachelte.

​Auch Saki und Emi schalteten sich nun ein. „Mein Mann ist Ingenieur“, erzählte Saki amüsiert. „Er versucht alles mit Logik zu lösen. Er hat mir mal eine Excel-Tabelle für unsere 'Quality Time' erstellt. Ich habe sie gelöscht und ihn stattdessen durch den Garten gejagt – er war völlig überfordert, aber am Ende hat es ihm wohl doch gefallen.“

​Emi kicherte. „Meiner ist eher der ruhige Typ, aber wenn das Licht ausgeht, mutiert er zum Kontrollfreak. Er will immer wissen, was ich fühle, jede Sekunde. Es ist süß, aber manchmal auch echt anstrengend.“

​Die Stimmung war gelöst und herzlich. Nami lehnte sich zurück und beobachtete ihre Freundinnen. Trotz der unterschiedlichen Charaktere ihrer Männer – vom impulsiven Tyson über den raubtierhaften Tala bis hin zum strategischen Kai – verband sie alle das Wissen um diese geheimen, leidenschaftlichen Welten, die sie sich mit ihren Partnern aufgebaut hatten.

​Als die Sonne schließlich ganz unterging und die Lichter Tokios durch Hilarys Fenster glitzerten, fühlte Nami sich weniger überfordert und stattdessen geborgen in dieser Gemeinschaft von Frauen, die alle ihre eigenen „Jäger“ zu Hause hatten.
 

Gerade als die Damenrunde über eine besonders amüsante Anekdote von Mariah lachte, vibrierte Namis Handy auf dem gläsernen Couchtisch. Ein kurzer Blick auf das Display genügte, um die Gespräche schlagartig verstummen zu lassen.

​„Der Zar ruft an“, flüsterte Hilary mit einem vielsagenden Grinsen und gab den anderen ein Zeichen, absolut still zu sein.

​Nami nahm das Gespräch an. „Kai? Ist alles in Ordnung?“

​Die Frauen im Raum hielten kollektiv den Atem an. Sie konnten Kais tiefe, sonore Stimme nur als ein entferntes, dunkles Brummen wahrnehmen, doch Namis Reaktion verriet alles. Innerhalb von Sekunden veränderte sich ihre gesamte Haltung. Ihre eben noch lockere Sitzposition wurde straffer, ihr Blick schweifte ab und wurde weich, fast schon träumerisch. Ein zartes Rosa stieg ihr in die Wangen, und sie begann unbewusst, eine Strähne ihres langen, weißen Haares um den Finger zu wickeln.

​„Ich bin noch bei Hilary... Ja, es dauert noch ein wenig“, antwortete sie leise, doch ihre Stimme zitterte minimal.

​Am anderen Ende der Leitung saß Kai in seinem abgedunkelten Büro im Tower, den Blick über das nächtliche Tokio schweifend. „Es dauert zu lange, Nami“, raunte er, und seine Stimme war so tief, dass sie direkt in ihr Mark drang. „Ich sitze hier und rieche noch immer deinen Duft an meinem Revers vom Mittagessen. Wann darf ich dich endlich abholen?“

​Nami biss sich auf die Unterlippe, während sie spürte, wie Hilary und Mariah sie wie zwei Raubvögel beobachteten. Sie drehte sich ein Stück weg, um ihr Gesicht zu verbergen. „Kai, wir haben uns erst vor ein paar Stunden gesehen...“

​„Das ist keine Antwort“, entgegnete er unnachgiebig und seine Stimme bekam diesen prophetischen, herrischen Unterton, den sie so liebte. „Ich warne dich, mein Schatz. Wenn du nicht bald an meiner Seite bist, werde ich diese Penthouse-Party persönlich auflösen. Und wenn ich dich erst einmal im Wagen habe, wird die Fahrt nach Hause sehr... ereignisreich werden. Ich habe keine Lust mehr auf Smalltalk. Ich will dich wieder in meinen Armen spüren, und diesmal werde ich keine dreißig Minuten warten, bis ich dich besitze, Nami.“

​Nami schloss die Augen. Die Art, wie er ihren Namen aussprach, klang wie ein Versprechen auf eine weitere, endlose Nacht. „Du bist unmöglich“, hauchte sie, doch ein sehnsüchtiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Gib mir noch eine halbe Stunde.“

​„Zwanzig Minuten“, korrigierte er sie trocken. „Ich habe heute Abend noch viel mit dir vor. Dinge, nach denen du morgen früh wieder mein Hemd zum Riechen brauchen wirst.“

​Als Nami das Gespräch beendete und das Handy langsam sinken ließ, herrschte im Raum für einen Moment absolute Stille. Ihr Blick war leicht verschleiert, und sie wirkte, als wäre sie bereits halb auf dem Weg zum Wagen.

​„Oh mein Gott!“, platzte es aus Hilary heraus. „Nami, du bist knallrot! Was hat er gesagt? Er hat dich nicht nur gefragt, ob du Brot mitbringst, oder?“

​„Er... er holt mich in zwanzig Minuten ab“, sagte Nami und versuchte krampfhaft, ihre Fassung wiederzuerlangen, während sie ihre Tasche griff.

​Lumina grinste wissend. „An deiner Körpersprache hat man alles abgelesen, Nami. Ich glaube, der Zar hat heute Abend noch eine ganz private Jagd geplant.“
 

Nami blieb wie angewurzelt auf dem Sofa sitzen, das Handy noch fest in der Hand gepresst. Sie kannte Kai; er würde nicht einfach draußen hupen. Er würde die Stufen zum Penthouse hinaufsteigen, klingeln und mit dieser unerschütterlichen Ruhe im Türrahmen stehen, die jeden Raum sofort für sich einnahm.

​Da die Damen durch den Sekt und das Telefonat nun endgültig in Fahrt waren, lehnte sich Lumina mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen zurück. Sie nippte an ihrem Glas und sah in die Runde, während ein schelmisches Grinsen ihre Lippen umspielte.

​„Wisst ihr“, begann Lumina, und ihre Stimme war nun deutlich tiefer und selbstbewusster, „wir reden hier viel über Jagden und Blicke. Aber Tala... er hat eine ganz eigene Art, seine Ausdauer unter Beweis zu stellen. Erst letzte Woche hat er mich dazu gebracht, fünf Mal hintereinander zu kommen. Ich war am Ende so fertig, dass ich dachte, ich schmelze einfach in den Laken weg. Er hat einfach nicht aufgehört, bis er sicher war, dass ich absolut keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.“

​Ein schockiertes, aber höchst amüsiertes Raunen ging durch die Runde. Hilary verschluckte sich fast an ihrem Sekt. „Fünf Mal?! Lumina, du wirkst immer so unschuldig, aber der russische Wolf scheint dich ja ordentlich zu fordern!“

​Nami spürte, wie ihr Gesicht erneut in Flammen aufging. Sie starrte in ihr fast leeres Glas und dachte unwillkürlich an Nagano zurück. Das Bild von Kai, wie er über ihr hockte und unerbittlich mitzählte – zehn Jahre, Nami... – schoss ihr durch den Kopf. Die Erinnerung an das elfte Mal, das sie endgültig über die Klippe ihrer körperlichen Belastbarkeit gestoßen hatte, brannte wie Feuer in ihrem Gedächtnis.

​~Bitte, lasst uns nicht über Zahlen reden~, flehte sie innerlich. Wenn sie jetzt erwähnen würde, dass Kai sie bis zum elften Mal getrieben hatte, bis sie nur noch schluchzend und völlig entkräftet unter ihm lag, würden die Frauen vermutlich den Verstand verlieren – oder sie für den Rest ihres Lebens damit aufziehen.

​„Und wie sieht’s bei dir aus, Mariah?“, bohrte Hilary gnadenlos weiter, während sie sich ein weiteres Törtchen nahm. „Hält Ray mit Tala Schritt, oder ist er eher der Sprinter?“

​„Oh, Ray ist sehr rhythmisch“, lachte Mariah laut auf. „Aber wir zählen nicht! Wir sind froh, wenn wir nach dem dritten Mal noch wissen, wie wir heißen!“

​Nami rutschte unruhig auf ihrem Platz hin und her. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kai müsste jeden Moment klingeln. Sie hoffte inständig, dass das Gespräch nicht noch expliziter wurde, bevor der erlösende Ton der Türklingel sie aus dieser peinlichen, wenn auch amüsanten Situation befreite. Saki und Emi hingen bereits an Luminas Lippen und warteten auf weitere Details aus der russischen Kälteschule.

​Genau in dem Moment, als Momoko den Mund öffnete, um vermutlich etwas über Kenjis Ausdauer zu sagen – was Nami endgültig in die Flucht geschlagen hätte – ertönte ein tiefes, sonores Grollen der Türklingel. Es war kein hektisches Läuten, sondern ein fester, kurzer Druck, der absolute Autorität ausstrahlte.

​„Der Jäger ist da“, flüsterte Hilary und zwinkerte Nami zu.

​Nami sprang fast schon zu schnell auf. „Ich... ich muss wirklich gehen. Danke für den Nachmittag, Mädels!“

​Als sie die Tür öffnete, stand Kai dort. Er trug seinen dunklen Designer-Mantel, die Hände lässig in den Taschen vergraben. Sein Blick glitt an ihr hinunter und blieb an ihrem leicht geröteten Gesicht hängen. Er ignorierte die neugierigen Blicke der Frauen im Hintergrund vollkommen.

​„Entschuldige, es wurden dann doch fünfzehn Minuten.“, sagte er ruhig, doch seine Augen blitzten dunkel. „Ich hoffe, du hast dich ordentlich verabschiedet, denn ich habe nicht vor, dich für den Rest des Wochenendes mit der Außenwelt zu teilen.“

​Nami warf einen letzten, fast gejagten Blick zurück zu ihren Freundinnen, die ihr kollektiv nachwinkten. Sie schlüpfte an Kai vorbei in den Flur, während er die Tür mit einem endgültigen Klicken hinter ihnen schloss.
 

Das schwere Klicken der Penthouse-Tür hallte noch in Namis Ohren nach, während sie Kai zum Aufzug folgte. Die kühle, gefilterte Luft des Flurs tat gut, doch die Hitze in ihrem Gesicht wollte nicht weichen. Kai schwieg, bis sie die Tiefgarage erreichten, wo sein dunkelgrüner Bentley im künstlichen Licht wie ein edler Smaragd schimmerte.

​Er öffnete ihr die Beifahrertür mit einer fast schon rituellen Höflichkeit, doch sein Blick brannte förmlich auf ihrer Haut. Als sie sich in die weichen Ledersitze sinken ließ, umfing sie sofort der vertraute Geruch von teurem Leder und Kais markantem Duft – derselbe Duft, an dem sie immer so sehnsüchtig gerochen hatte.

​Kai stieg ein, startete den Motor, der nur als sachtes Grollen im Hintergrund zu vernehmen war, und lenkte den Wagen geschmeidig hinaus in die nächtlichen Straßen von Tokio. Er fuhr einhändig, die andere Hand ruhte entspannt auf dem Schalthebel, doch seine Aufmerksamkeit war vollkommen auf die Frau neben ihm gerichtet.

​„Du bist seltsam still, Nami“, begann er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Und deine Aura... sie ist aufgewühlt. Worüber haben diese Frauen gesprochen, während ich auf dich warten musste?“

​Nami starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt. Sie spürte, wie ihr Puls wieder schneller schlug. „Es war nur... Mädchenkram, Kai. Wir haben uns unterhalten. Über alles Mögliche.“

​Kai lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch, das in der Enge des Wagens gefährlich nah klang. Er bremste sanft an einer roten Ampel und drehte den Kopf zu ihr. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, registrierte die leichte Röte und die Art, wie sie ihre Hände im Schoß knetete.

​„Mädchenkram?“, wiederholte er und seine Stimme sank um eine Oktave. Er legte seine Hand auf ihr Knie und strich mit dem Daumen über den Stoff ihres Kleides. „Lumina hat wohl wieder von Tala erzählt, nicht wahr? Ich kenne diesen Blick bei dir. Er tritt immer dann auf, wenn du Dinge hörst, die dich an... bestimmte Momente zwischen uns erinnern.“

​Nami biss sich auf die Unterlippe. „Lumina hat erwähnt... dass Tala sehr ausdauernd ist. Dass er sie fünf Mal hintereinander... du weißt schon.“

​Kai hielt inne. Sein Griff um ihr Knie festigte sich unmerklich. Ein dunkles, triumphierendes Blitzen trat in seine roten Augen. Er lehnte sich ein Stück zu ihr herüber, während die Ampel auf Grün sprang, er den Wagen aber noch einen Moment stehen ließ.

​„Fünf Mal?“, raunte er gegen ihre Schläfe. „Das ist alles? Tala sollte in der Abtei wohl doch noch einmal nachsitzen.“

​Er legte den Gang ein und beschleunigte den Bentley mit einer kraftvollen Bewegung. „Du hast doch hoffentlich nicht erwähnt, dass wir in Nagano erst aufgehört haben, als ich bei elf war, oder? Dass du am Ende so weit über dem Abgrund warst, dass du nicht einmal mehr deinen Namen wusstest?“

​Nami schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Stütze. „Natürlich nicht, Kai! Ich hätte mich in Grund und Boden geschämt.“

​„Es gibt keinen Grund für Scham, wenn es um meine Besessenheit von dir geht, Nami“, entgegnete er ruhig, während er den Wagen auf die Autobahn Richtung Heimat steuerte. „Aber die Tatsache, dass dich diese Gespräche so aufwühlen, zeigt mir nur eines: Du bist heute Abend bereits sehr empfänglich für das, was ich dir am Telefon versprochen habe.“

​Er griff nach ihrer Hand und führte sie zu seinen Lippen, wobei er ihren Blick keine Sekunde losließ. „Ich werde dafür sorgen, dass du morgen im Anwesen wieder ganz genau weißt, warum du meine Hemden brauchst, wenn ich nicht da bin. Der Abend hat gerade erst begonnen.“

​Nami spürte ein wohlige Schauer über ihren Rücken laufen. Die Fahrt im Bentley war wie die Ruhe vor dem Sturm – einem Sturm, dem sie sich im Ayame-Anwesen nur zu gerne wieder hingeben würde.
 

Der Bentley glitt fast lautlos durch das massive schmiedeeiserne Tor des Ayame-Anwesens. Die sechzig Jahre alten Mauern lagen im silbrigen Schein des Mondes, und die Villa wirkte in ihrer zeitlosen Pracht wie ein schlafender Riese. Nur ein paar vereinzelte Lichter brannten in den Fluren, und im Westflügel, wo die Kinder schliefen, war es vollkommen dunkel. Claire und Graham hatten offensichtlich dafür gesorgt, dass Ruhe eingekehrt war.

​Kai stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille im Wagen war fast greifbar, nur das leise Knacken des abkühlenden Metalls war zu hören. Er stieg aus, umrundete den Wagen und öffnete Nami die Tür. Als sie aufstand, legte er seinen Arm fest um ihre Taille und führte sie zur schweren Eingangstür.

​Drinnen empfing sie der vertraute Geruch von altem Holz und Bohnerwachs. Das Haus wirkte im Halbdunkel noch weitläufiger, die hohen Decken verloren sich in den Schatten. Kai sprach kein Wort. Er führte sie direkt zur Treppe, seine Schritte hallten dumpf auf dem dunklen Holz wider.

​Im oberen Stockwerk angekommen, passierten sie die Zimmer der Kinder. Kai hielt kurz inne, lauschte auf das gleichmäßige Atmen, das hinter Gous Tür hervordrang, und nickte kaum merklich. Doch sein Fokus kehrte sofort zu Nami zurück. Er führte sie in ihr gemeinsames Schlafzimmer, schloss die Tür hinter ihnen und legte den Riegel um – ein trockenes, endgültiges Geräusch.

​Im Raum brannte nur das sanfte Licht der Nachttischlampen, das den Raum in ein warmes, goldenes Leuchten tauchte. Kai löste seinen Mantel und warf ihn achtlos über einen Sessel. Dann trat er hinter Nami, die vor dem großen Panoramafenster stehen geblieben war und auf den nächtlichen Garten starrte.

​Er legte seine Hände auf ihre Schultern und schob ihren hellen Mantel langsam nach unten, bis er zu ihren Füßen zu Boden glitt. Seine Lippen suchten die empfindliche Stelle an ihrem Nacken.

​„Das Haus schläft, Nami“, raunte er, und seine Stimme vibrierte in der Stille des Raumes. „Niemand wird uns stören.“

​Er drehte sie langsam zu sich um. Sein Blick war nun wieder so dunkel und intensiv wie am Mittag im Tower, doch da war noch etwas anderes – eine prophetische Ruhe. Er begann, den Reißverschluss ihres Kleides mit einer langsamen, fast quälenden Bedachtsamkeit zu öffnen.

​„Du warst heute den ganzen Tag von anderen Menschen umgeben“, fuhr er fort, während er das Kleid über ihre Hüften gleiten ließ. „Du hast ihre Geschichten gehört, ihre Zahlen, ihren Klatsch. Aber jetzt gehört dein Geist und dein Körper wieder ganz allein mir.“

​Er hob ihr Kinn an, sodass sie ihn ansehen musste. „Ich habe dir im Wagen gesagt, dass ich keine dreißig Minuten warten werde. Und ich habe dir gesagt, dass Tala keine Ahnung hat, was Ausdauer bedeutet.“

​Ein schwaches, erregtes Lächeln stahl sich auf Namis Lippen, während sie ihre Arme um seinen Nacken schlang. Die Erschöpfung des Tages war wie weggeblasen, ersetzt durch die vertraute, brennende Sehnsucht nach seiner Nähe.

​„Dann zeig es mir, Kai“, flüsterte sie. „Zeig mir, warum ich nur dich brauche.“

​Kai antwortete nicht mit Worten. Er hob sie hoch und trug sie zum großen Bett, während draußen der Wind sacht durch die alten Bäume des Anwesens strich. Es würde eine lange Nacht werden – eine Nacht, die die Erinnerungen an Nagano nicht nur wachrufen, sondern sie vielleicht sogar noch übertreffen würde.

Anker

Der nächste Morgen brach über dem Ayame-Anwesen mit einer friedlichen Klarheit an. Das erste Licht der Sonne sickerte durch die schweren Vorhänge des Schlafzimmers und zeichnete goldene Streifen auf den dunklen Dielenboden.

​Kai war bereits wach, doch er rührte sich nicht. Er lag auf der Seite, den Kopf auf die Hand gestützt, und beobachtete Nami, die noch tief schlief. Ihr weißes Haar war wie ein seidener Schleier über das Kissen verteilt, und ihr Gesicht wirkte in der Ruhe des Morgens beinahe jugendlich. Die Intensität der vergangenen Nacht hatte Spuren hinterlassen – das leichte Zittern ihrer Lider, die wohlige Schwere ihrer Glieder –, doch Kai verspürte keine Eile, sie zu wecken. Er genoss die seltene Stille, bevor der Imperator und der CEO wieder die Oberhand gewinnen mussten.
 

Unten im Esszimmer hatte Claire Beaumont bereits den Tisch gedeckt. Der Duft von frischen Croissants und starkem Kaffee erfüllte den Raum. Die Zwillinge Ayumi und Ren stürmten bereits die Treppe hinunter, gefolgt von der kleinen Sayuri, die verschlafen an ihrer Puppe zog.

​„Gou und Makoto sind schon wieder unten im Dojo “, bemerkte Ayumi mit einem wissenden Blick zu Ren. „Sie sind genauso verrückt wie Papa.“

​„Es ist das Landesturnier, Ayumi“, entgegnete Ren altklug und strich sich seine eierschalenfarbenen Haare aus der Stirn. „Man gewinnt nicht durch Schlafen.“

​Ein wenig später öffnete sich die Tür zum Flur, und Kai trat ein, gefolgt von einer sichtlich entspannten Nami. Kai trug ein schlichtes schwarzes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, doch die Aura von Autorität umgab ihn wie ein unsichtbarer Mantel. Er ging direkt zu Nami, schob ihr den Stuhl zurecht und legte für einen Moment seine Hand auf ihre Schulter – eine kleine, fast unsichtbare Geste, die den Kindern jedoch nicht entging.

​„Guten Morgen“, sagte Nami lächelnd und goss sich Kaffee ein. Kai sah Nami an, und in seinen roten Augen blitzte kurz die Erinnerung an ihre Worte im Bentley auf.
 

Nach dem lebhaften Frühstück, als die Kinder im Garten verteilt waren und Gou sowie Makoto sich mit neuer Intensität dem frühen Training widmeten, suchten Kai und Nami die Abgeschiedenheit des weitläufigen Gartens, der das Ayame-Anwesen umgab.

​Die Luft war frisch, getragen vom Duft des nassen Grases und der alten Kiefern. Kai ging mit seinen gewohnt ruhigen, raubtierhaften Schritten, die Hände lässig in den Hosentaschen. Nami hatte sich in einen dicken, hellen Cardigan gekuschelt und hakte sich sanft bei ihm unter.

​Sie schwiegen eine Weile, doch Nami spürte noch immer das Prickeln auf ihrer Haut, das die vergangene Nacht hinterlassen hatte. Ein freches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

​„Du warst gestern Abend... bemerkenswert zielstrebig, Kai“, begann sie leise und warf ihm einen schrägen Blick von der Seite zu. „Sogar für deine Verhältnisse war das eine sehr deutliche Ansage. Ich habe das Gefühl, du wolltest sicherstellen, dass ich heute Morgen nicht einmal mehr weiß, wie man ‚Tala‘ buchstabiert.“

​Kai hielt nicht inne, doch ein dunkles, amüsiertes Glimmen trat in seine Augen. „Ich mag es nicht, wenn man meine Effizienz infrage stellt, Nami. Und ich mag es noch weniger, wenn du den Eindruck gewinnst, dass andere Männer auch nur annähernd in meiner Liga spielen.“
 

​Nami lachte leise und drückte seinen Arm ein wenig fester. „Oh, ich glaube, diesen Eindruck hast du gestern Nacht gründlich ausgemerzt. Aber sag mir...“, sie blieb stehen und zwang ihn sanft, sich zu ihr umzudrehen. Sie legte ihre Hände auf seine Brust und sah zu ihm auf, ihre Augen funkelten neckisch. „Hatte das etwas mit meinem erneuten kleinen Geständnis in deinem Büro zu tun? Dass ich mich an deinen Hemden vergreife, wenn du nicht da bist?“

​Kai legte seine Hände auf ihre Taille und zog sie ein Stück näher. Die kühle Maske des CEO war längst verschwunden; sein Blick war intensiv und besitzergreifend.

​„Es hat mich... inspiriert“, gab er mit einer Stimme zu, die so tief war, dass Nami sie als Vibration in ihrer eigenen Brust spürte. „Die Vorstellung, dass du in meiner Abwesenheit so sehnsüchtig nach mir suchst, hat eine Seite in mir berührt, die nach einer sehr direkten Antwort verlangte. Wenn meine Kleidung schon eine solche Wirkung auf dich hat, wollte ich sicherstellen, dass das Original dir keine Ruhe mehr lässt.“

​Er beugte sich vor, bis seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Du hast mich im Büro damit provoziert, Nami. Und du weißt, was passiert, wenn man mich provoziert. Ich wollte, dass du heute Morgen jedes Mal, wenn du dich bewegst, an mich denkst. An meine Hände, an meine Stimme... und daran, dass kein Stoff der Welt das ersetzen kann, was ich mit dir mache.“

​Nami erschauderte wohlig unter seinen Worten. „Das ist dir gelungen“, hauchte sie. „Ich glaube, ich werde heute Mittag wieder ein Hemd von dir brauchen, nur um den Tag zu überstehen, wenn du gleich in die Firma fährst.“

​Kai knurrte leise, ein Geräusch purer Zufriedenheit, und besiegelte das Gespräch mit einem Kuss, der den Frieden des Morgens sofort wieder in Brand setzte.
 

Kai löste sich nur widerwillig von ihren Lippen, seine Hände verweilten noch einen Moment besitzergreifend auf ihrer Taille. Er sah sie an, und in seinem Blick lag dieses dunkle Leuchten, das verriet, dass er am liebsten überhaupt nicht weggefahren wäre.

​„Ich muss los“, sagte er mit einem Hauch von Bedauern in der Stimme, das er nur ihr gegenüber zeigte. „Die Tachiwari-Corporation wartet nicht, auch wenn ich heute andere Prioritäten im Kopf habe.“

​Er strich ihr eine weiße Locke aus dem Gesicht und sein Ausdruck wurde wieder etwas herrischer, aber auf diese neckische, herausfordernde Art, die Nami so liebte.

​„Aber“, fuhr er fort, und seine Stimme wurde wieder tief und vibrierend, „ich erwarte dich heute Mittag wieder im Tower. Und zwar pünktlich. Ich möchte nicht, dass du zu Hause an meinen Hemden riechst, wenn du das Original haben kannst.“

​Nami lachte leise und legte den Kopf schief. „Schon wieder? Du verwöhnst deine Mitarbeiter mit diesem Anblick, Kai. Sie werden sich noch an deinen weichen Kern gewöhnen.“

​Kai zog sie noch einmal fest an sich, seine Augen fixierten die ihren. „Lass das meine Sorge sein. Ich möchte dich beim Mittagessen gegenüber sitzen haben. Ich möchte sehen, wie du unter meinem Blick errötest, während der Rest der Welt glaubt, wir würden über Quartalszahlen sprechen. Und danach...“ er hielt inne und ein gefährliches Grinsen stahl sich auf seine Züge, „...danach werden wir mein Büro abschließen. Ich habe gestern gesagt, dass Ablenkung gut ist. Heute werde ich beweisen, wie gut sie wirklich ist.“

​Er gab ihr einen letzten, kurzen, aber intensiven Kuss, der wie ein Versprechen auf den Nachmittag wirkte.

​„Zieh das Kleid von gestern Abend an, mein Schatz. Ich werde den Bentley vorfahren lassen.“

​Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und schritt mit der gewohnten, unantastbaren Aura des Zaren davon.
 

Nami blieb zurück, das Herz noch immer klopfend, und sah ihm nach. Sie wusste genau, dass dieser Arbeitstag im Tower alles andere als gewöhnlich enden würde.
 

Als Nami einige Stunden später die Lobby des Tachiwari Towers betrat, war die Wirkung fast physisch spürbar. Sie trug genau das Kleid, das Kai verlangt hatte – ein elegantes Stück, das ihre Figur perfekt betonte und dessen Stoff bei jeder Bewegung sacht mitschwang. Ihr weißes Haar floss wie flüssige Seide über ihren Rücken und reichte fast bis zu ihrem Gesäß.

​Schon am Empfang begannen die Köpfe sich zu drehen. Das Getuschel vom Vortag war noch nicht einmal abgeklungen, da war sie schon wieder da.

​Yukiko und Rin saßen zufällig mit ihren Kaffeetassen in der Nähe der Aufzüge und erstarrten förmlich in ihren Bewegungen.

​„Da ist sie wieder“, flüsterte Yukiko, die Tasse auf halbem Weg zum Mund gestoppt. „Schau dir dieses Kleid an. Sie sieht aus wie eine Königin, die gerade ihr Schloss betritt.“

​Rin nickte fast ehrfürchtig. „Und siehst du ihr Lächeln? Sie wirkt so... strahlend. Wenn sie so oben im Büro ankommt, wird der CEO heute keine einzige E-Mail mehr beantworten. Gestern war nur das Aufwärmen, ich sag’s dir.“

​Nami bemerkte die Blicke, doch sie schenkte den beiden Frauen nur ein kurzes, freundliches Nicken, bevor sie den privaten Aufzug des CEOs betrat. Als sich die Türen schlossen, war es, als würde der Sauerstoff im Foyer wieder zurückkehren.

​Oben angekommen, war die Atmosphäre noch konzentrierter. Kai stand am Fenster seines Vorbüros und sprach gerade mit einem leitenden Ingenieur, doch in dem Moment, als Nami den Korridor aus dem Lift betrat, brach er das Gespräch mitten im Satz ab. Sein Blick durch die Glaswand fing den ihren ein – und die Intensität darin ließ Namis Knie kurz weich werden.

​Er entließ den Mitarbeiter mit einer knappen Handbewegung. Der Mann eilte fast schon hinaus und warf Nami beim Vorbeigehen einen entschuldigenden, respektvollen Blick zu.

​Nami trat ein und Kai schloss die Tür hinter ihr als sie gemeinsam sein Büro betraten. Das Geräusch des einrastenden Schlosses war in der Stille des luxuriösen Büros lauter als jeder Donnerschlag.

​„Du bist pünktlich“, stellte Kai fest. Er bewegte sich nicht sofort auf sie zu, sondern betrachtete sie von oben bis unten, wobei sein Blick genau jene Spur verfolgte, die er heute Morgen angekündigt hatte. „Und du trägst das Kleid.“

​„Ich wollte nicht riskieren, dass der Zar persönlich zum Anwesen fährt, um mich zu holen“, neckte sie ihn leise, während sie ihre Tasche auf den Beistelltisch legte.

​Kai trat nun langsam auf sie zu. Die herrische Kühle des Vormittags war einer glühenden Besessenheit gewichen. Er legte seine Hände an ihre Wangen und zwang sie, ihn anzusehen.

​„Vergiss das Mittagessen im Restaurant“, raunte er gegen ihre Lippen. „Ich habe Graham angewiesen, uns hierher etwas Leichtes zu schicken, aber eigentlich habe ich keinen Hunger auf Essen.“

​Er zog sie fest an sich, seine Hände vergruben sich in ihrem langen Haar. „Ich habe den ganzen Vormittag nur daran gedacht, wie du heute Morgen ausgesehen hast. Und an das, was du über meine Hemden gesagt hast.“

​Mit einer fließenden Bewegung hob er sie hoch und setzte sie auf die Kante seines massiven Schreibtisches, wobei er die Stapel von Berichten einfach zur Seite schob. Die glatte Oberfläche des Schreibtisches war kühl gegen ihre Haut, doch Kais Berührungen brannten.

​„Lass uns diese Ablenkung nun zu Ende führen.“, flüsterte er, bevor sein Kuss jede weitere Antwort unmöglich machte. Draußen vor der Tür mochte das Imperium der Tachiwari-Corporation weiterlaufen, doch in diesem Raum existierte in den nächsten Stunden nur noch das Original, das keine Wünsche mehr offen ließ.
 

Das dumpfe, beharrliche Vibrieren von Kais Smartphone auf der glatten Holzoberfläche des Schreibtisches riss die Stille im Büro jäh entzwei. Kai hielt inne, seine Stirn gegen Namis gepresst, während sein Atem noch schwer und unregelmäßig ging. Er war noch immer tief mit ihr vereint, die Hitze des Augenblicks pulsierte noch zwischen ihnen, doch das Display leuchtete unerbittlich auf.

​Er warf einen Blick zur Seite und fluchte leise auf Russisch. „Nicht jetzt...“, knurrte er. Doch als er den Namen auf dem Display sah und die dazugehörige Kurznachricht las, verengten sich seine Augen.

​„Was ist los?“, hauchte Nami, die noch immer versuchte, ihren Puls zu beruhigen.

​„Eine Notfall-Konferenz im Erdgeschoss. Sofort“, antwortete Kai gepresst. Er löste sich nur widerwillig von ihr, ein Ausdruck purer Frustration auf seinem Gesicht. „Dein Vater ist bereits im Konferenzraum. Wenn Hiro Tachiba persönlich erscheint, ohne einen Termin zu haben, brennt die Hütte.“

​Er gab ihr einen letzten, fast schon besitzergreifenden Kuss und strich ihr das zerzauste Haar aus dem Gesicht. „Zieh dich an. Bleib hier oder lauf ein wenig herum, wenn dir danach ist. Ich verspreche dir, ich bin so schnell wie möglich zurück. Wir sind hier noch nicht fertig.“

​Nachdem Kai den Raum verlassen hatte und Nami ihre Kleidung gerichtet hatte, hielt sie es nicht länger in dem stillen Büro aus. Sie verließ die Chefetage und fuhr hinunter in die mittleren Stockwerke. Während sie durch die verglasten Gänge schlenderte, beobachtete sie das hektische Treiben. Mitarbeiter rannten mit Aktenstapeln an ihr vorbei, Telefone klingelten in ohrenbetäubender Frequenz und die Luft schien vor Anspannung förmlich zu flirren.
 

​Ihr fiel auf, wie unersättlich und fordernd Kai in den letzten Tagen gewesen war. Vorgestern, gestern Abend, heute Morgen und gerade eben auf dem Schreibtisch – er schien eine fast schon verzweifelte Gier nach ihrer Nähe zu haben. Es war mehr als nur Leidenschaft; es wirkte wie ein Hunger, den er stillen musste, um nicht den Verstand zu verlieren.

​Schließlich zog es sie in das obere Restaurant des Towers, wo sie Sato, einen langjährigen Vertrauten, ehemaligen Assistenten und nun leitenden Berater der Firma, an einem der hinteren Tische entdeckte. Er sah müde aus, wirkte aber erfreut, sie zu sehen.

​„Nami-san, wie schön, Sie wieder hier zu sehen“, begrüßte er sie und bot ihr einen Platz an.

​„Sato-san, es wirkt heute alles so... extrem“, bemerkte Nami und blickte in die geschäftige Runde.

​Sato seufzte schwer und rieb sich die Schläfen. „Das ist es auch. Die Tachiwari-Corporation erlebt gerade ein Wachstum, das selbst unsere kühnsten Prognosen übersteigt. Wir haben mehr Aufträge für die neue Arena-Technologie und die Landesturnier-Logistik, als wir eigentlich bearbeiten können. Kai-sama hält seit Tagen Konferenzen ab, die bis tief in die Nacht gehen. Der Druck ist immens. Die Konkurrenz schläft nicht, und Ihr Vater Hiro-san stellt extrem hohe Anforderungen an die Sicherheitsprotokolle.“

​Sato sah sie mit einem sanften, wissenden Lächeln an. „Ehrlich gesagt, Nami-san... wir alle sind froh, dass Sie so oft hier sind. Kai-sama ist unter diesem Stress normalerweise wie eine tickende Zeitbombe. Aber wenn Sie im Haus sind, verändert sich seine Aura. Er ist fokussierter, beherrschter.“

​Nami hielt inne, das Glas Wasser in ihrer Hand auf halbem Weg zum Mund. In diesem Moment wurde ihr alles klar. Kai nutzte ihre Anwesenheit nicht nur aus Lust; sie war sein Anker. Jede Berührung, jede Jagd, jedes Mal, wenn er sie in seine Arme zwang, war seine Art, den Wahnsinn des Firmendrucks abzustreifen. Sie war seine Medizin, das einzige Mittel, das seine Laune auf einem Level hielt, das ihn davor bewahrte, die Belegschaft in Stücke zu reißen.

​Er brauchte sie nicht nur als Ehefrau – er brauchte sie als sein emotionales Gegengewicht, um in diesem Sturm aus Zahlen und Verträgen nicht unterzugehen.
 

Nami saß noch einen Moment schweigend da, während Satos Worte in ihrem Kopf nachhallten. Sie sah auf ihre Hände und begriff nun die tiefe Bedeutung seiner fast schon rücksichtslosen Leidenschaft der letzten Tage. Jedes Mal, wenn er sie so fest an sich drückte, dass sie kaum atmen konnte, sog er eigentlich nur die nötige Kraft auf, um wieder in diese Arena aus Glas und Stahl zurückzukehren.
 

​Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre im Restaurant. Es war, als würde die Temperatur im Raum schlagartig sinken und gleichzeitig die Spannung steigen. Das leise Klappern des Geschirrs verstummte, und Nami sah, wie Sato sich instinktiv straffte.

​Am Eingang des Restaurants stand Kai.

​Sein weißes Hemd war am Kragen offen, die Krawatte leicht gelockert, und sein Haar wirkte ein wenig zerzaust, als hätte er sich während der Konferenz mehrfach frustriert hindurchgefahren. Sein Blick war hart, die Kiefermuskeln angespannt, und seine Augen glühten in diesem gefährlichen Dunkelrot, das seinen inneren Aufruhr verriet. Er sah aus wie ein General, der gerade von einem blutigen Schlachtfeld zurückgekehrt war.

​Sein Blick scannte den Raum und blieb sofort an Nami hängen. Ohne Sato oder die anderen anwesenden Mitarbeiter auch nur eines Blickes zu würdigen, schritt er mit langen, energischen Schritten auf ihren Tisch zu. Die Intensität, die von ihm ausging, war so gewaltig, dass die Angestellten an den Nachbartischen fast unwillkürlich ihre Stühle zurückschoben.

​Er blieb direkt vor ihr stehen. Nami wollte gerade aufstehen und ihn fragen, wie die Konferenz mit ihrem Vater verlaufen war, doch sie kam nicht dazu.

​Kai griff nach ihrer Taille und zog sie mit einer solchen Wucht von ihrem Stuhl hoch, dass sie direkt gegen seine harte Brust prallte. Er legte eine Hand fest in ihren Nacken, vergrub seine Finger in ihrem langen, weißen Haar und zwang ihren Kopf sanft, aber unnachgiebig zurück.

​„Ich brauche dich jetzt“, raunte er, und seine Stimme war so rau und tief, dass sie jeden im Umkreis von drei Metern erschauern ließ.

​Dann beugte er sich herab und küsste sie. Es war kein sanfter Kuss des Wiedersehens. Es war ein besitzergreifender, hungriger und absolut schamloser Kuss, der keine Rücksicht auf die Umgebung nahm. Er küsste sie mit einer Leidenschaft, die dem gesamten Raum klarmachte, dass diese Frau sein einziger Ruhepol in einer Welt voller Chaos war.

​Ein kollektives, unterdrücktes Keuchen ging durch das Restaurant. Yukiko und Rin, die ein paar Tische weiter saßen, starrten mit offenem Mund zu ihnen herüber. Sogar Sato senkte diskret den Blick, ein kleines, wissendes Lächeln auf den Lippen.

​Kai ignorierte alles um sich herum. Er presste Nami so fest an sich, als wollte er sie mit seinem eigenen Körper verschmelzen lassen. In diesem Moment war ihm die Etikette der Firma völlig egal. Er brauchte seine Medizin, und er nahm sie sich – mitten im Herzen seines Imperiums.

​Als er sich schließlich keuchend von ihr löste, lehnte er seine Stirn gegen die ihre. Die Härte in seinem Gesicht war nicht verschwunden, aber das flackernde Feuer in seinen Augen war nun ruhiger, gezähmter.

​„Wir gehen“, sagte er heiser, während er ihre Hand nahm und seine Finger fest mit ihren verschränkte. „Ich habe Hiro gesagt, dass der Rest der Welt bis morgen warten kann. Ich bringe dich nach Hause.“
 

Der dunkelgrüne Bentley glitt durch den dichten Abendverkehr Tokios, doch im Inneren des Wagens herrschte eine fast sakrale Stille. Kai hatte das Sakko achtlos auf die Rückbank geworfen. Er hielt das Lenkrad mit einer Hand, während die andere Namis Hand umschlang – seine Finger waren so fest mit ihren verschränkt, als würde er befürchten, sie könnte sich auflösen, wenn er den Griff lockerte.

​Er wirkte immer noch wie unter Strom, sein Profil hart gegen das flackernde Neonlicht der Stadt gezeichnet. Nami beobachtete ihn von der Seite. Sie sah die Müdigkeit in den Winkeln seiner Augen, die er vor seinen Mitarbeitern niemals zeigen würde.

​„Es war wegen der neuen Arena-Technologie für das Landesturnier“, begann er schließlich, und seine Stimme klang belegt, ein wenig erschöpft vom stundenlangen Reden. „Dein Vater... Hiro ist ein Visionär, aber er ist auch ein Perfektionist, der keine Kompromisse eingeht. Er will, dass wir die Sicherheitsbarrieren mit einer neuen magnetischen Dämpfung ausstatten, die selbst die gewaltigsten Bit-Beast-Eruptionen abfängt. Er hat Angst, dass bei der Kraft, die Gou und die anderen Spitzenblader inzwischen freisetzen, die Zuschauer in Gefahr geraten könnten.“

​Er lachte kurz auf, ein trockenes, humorloses Geräusch. „Er hat recht, natürlich. Aber die Umsetzung in dieser kurzen Zeit... es erfordert Ressourcen, die wir eigentlich nicht haben. Er hat mir heute ein Ultimatum gestellt: Entweder wir liefern diese Technologie bis zum Eröffnungstag, oder er zieht die Lizenzen der Tachiba-Gruppe zurück.“

​Nami strich mit ihrem Daumen sanft über seinen Handrücken. „Deshalb war er persönlich da. Er wollte dich nicht nur informieren, er wollte dir zeigen, dass es keinen Spielraum gibt.“

​„Genau“, bestätigte Kai und bog auf die Autobahn ein, wo er den Bentley beschleunigte. „Er weiß genau, wie er mich unter Druck setzen kann. Er nutzt meinen Ehrgeiz gegen mich. Und die Firma... Nami, wir ersticken an unserem eigenen Erfolg. Jeder will ein Stück von Tachiwari, jeder will die Technik, jeder will den Namen.“

​Er atmete tief durch und sein Griff um ihre Hand wurde noch ein Stück fester. „Sato hat dir sicher erzählt, wie es zurzeit aussieht. Ich merke selbst, wie ich mich verändere. Ich werde ungeduldig, aggressiv... fast schon unkontrolliert. Wenn ich im Tower bin, sehe ich nur Probleme, Zahlen und drohende Katastrophen.“

​Er warf ihr einen schnellen, intensiven Blick zu. „Aber dann sehe ich dich. Ich rieche dich an meiner Haut. Und plötzlich ist der ganze Lärm weg. Du bist der einzige Ort, an dem ich nicht der CEO sein muss, der die Welt retten oder ein Imperium führen muss. Deshalb war ich in letzter Zeit so... fordernd.“

​Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste ihre Knöchel mit einer fast schon verzweifelten Zärtlichkeit. „Ich benutze dich mal wieder als meinen Anker, Nami. Es ist egoistisch, ich weiß. Ich ziehe dich in meinen Strudel hinein, nur um selbst nicht unterzugehen.“

​Nami lächelte sanft und rutschte ein Stück näher zu ihm herüber, soweit es die Sitze zuließen. „Kai, ich bin deine Frau. Ich bin nicht nur für die schönen Stunden in Nagano da. Wenn ich deine Medizin gegen diesen Stress bin, dann bin ich das gerne. Ich habe es heute Mittag bei Sato gemerkt – ich möchte, dass du bei mir runterkommst.“

​Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter, während der Bentley in die dunkle Allee einbog, die zum Ayame-Anwesen führte. „Und wenn das bedeutet, dass der Zar mich in der Firma vor allen Leuten küsst oder mich durch das halbe Haus jagt, dann ist das ein Preis, den ich liebend gerne zahle.“

​Kai antwortete nicht sofort, aber sie spürte, wie sich die Anspannung in seinem Körper zum ersten Mal an diesem Tag wirklich löste.
 

Als sie das Tor des Anwesens erreichten, schaltete er den Motor aus und sah sie lange an.

​„Du hast keine Ahnung“, flüsterte er, „wie sehr ich dich liebe. Und wie sehr ich dich jetzt brauche, um diesen Tag endgültig zu vergessen.“
 

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließen sie den Wagen. Die kühle Nachtluft des Anwesens strich an ihnen vorbei, doch sie hielten nicht inne, um die Ruhe des Gartens zu genießen. Kai führte Nami mit festem Griff durch den Seiteneingang direkt in ihren privaten Flügel, um den neugierigen Fragen der Kinder oder dem pflichtbewussten Graham für diesen Moment zu entgehen.

​Sobald die schwere Tür ihres Schlafzimmers hinter ihnen ins Schloss fiel, war die Außenwelt – die Tachiwari-Corporation, das Landesturnier und selbst Hiro Tachibas Forderungen – wie weggewischt.

​Kai hielt sie nicht länger fest. Er trat ein paar Schritte zurück, streifte sein Sakko ab und schleuderte es auf einen Sessel. Dann begann er, mit einer fast schon methodischen Langsamkeit die Knöpfe seines Hemdes zu lösen. Seine Augen ließen Nami dabei nicht aus dem Blick. Es war nicht mehr das aggressive Leuchten aus dem Restaurant; es war eine tiefere, beinahe meditative Intensität.

​„Komm her“, raunte er.

​Nami trat auf ihn zu. Als sie bei ihm ankam, legte sie ihre Hände flach auf seine nackte Brust. Sie spürte, wie sein Herzschlag sich allmählich beruhigte, während die Hitze seiner Haut auf sie überging.

​„Du musst nicht mehr kämpfen, Kai“, flüsterte sie und sah zu ihm auf. „Hier drin gibt es keine Verträge.“

​Kai schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen die ihre. Er atmete ihren Duft tief ein, als wäre es der einzige Sauerstoff, der ihn am Leben hielt. „Ich weiß“, antwortete er heiser. „Aber der Druck... er fühlt sich manchmal an wie eine zweite Haut. Nur du schaffst es, sie mir abzustreifen.“

​Er hob sie hoch, trug sie zum Bett und legte sie mit einer Sanftheit nieder, die im krassen Gegensatz zu seiner fordernden Art in der Firma stand. Er entkleidete sie mit einer Ehrfurcht, als wäre sie ein kostbares Heiligtum, das er nach einer langen Schlacht endlich wiedergefunden hatte.

​In dieser Nacht gab es keine wilde Jagd und kein herrisches Mitzählen der Orgasmen. Stattdessen war es eine langsame, fast schmerzhaft intensive Vereinigung. Kai bewegte sich mit einer Hingabe, die Nami spüren ließ, wie sehr er dieses gegenseitige Verschmelzen brauchte, um seine innere Leere zu füllen. Er küsste jede Stelle ihres Körpers, als wollte er sich vergewissern, dass sie real war – sein Anker im tosenden Ozean seines Lebens.

​Nami hielt ihn fest, ihre Finger in seinen Rücken gekrallt, und gab ihm die Ruhe, nach der er so verzweifelt suchte. Sie war seine Medizin, und sie ließ zu, dass er jede Dosis nahm, die er benötigte.

​Als sie Stunden später eng umschlungen unter der schweren Decke lagen und nur noch das ferne Rauschen des Windes in den alten Bäumen zu hören war, war die Anspannung aus Kais Zügen vollkommen gewichen. Er schlief bereits, seinen Kopf an ihrer Brust, während Nami ihm sanft durch das dunkle Haar strich.

​Der Zar war für heute zur Ruhe gekommen.
 

Am nächsten Vormittag, als Kai bereits wieder in den endlosen Meetings der Tachiwari-Corporation feststeckte, entschied Nami, dass sie nicht länger tatenlos zusehen konnte, wie der Druck ihren Ehemann langsam zermürbte. Sie wusste, dass Kai die Worte ihres Vaters als Drohung aufgefasst hatte, und das passte so gar nicht zu dem Hiro Tachiba den sie kannte.

​Sie ließ sich zum Hauptquartier der Tachibey Industries bringen, einem Gebäude, das weniger kühl und gläsern wirkte als der Tachiwari Tower, sondern eher durch traditionelle Eleganz und eine ruhige, fast zen-artige Atmosphäre bestach.

​Nami wurde sofort in das zwanzigste Stockwerk geführt. Hiro Tachiba saß hinter seinem massiven Schreibtisch aus dunklem Kirschholz, vor ihm ein Stapel Blaupausen für die neuen Arenen. Als er seine Tochter sah, hellte sich sein Gesicht sofort auf. Er stand auf, umrundete den Schreibtisch und schloss sie sanft in die Arme.

​„Nami, mein Kind. Was für eine schöne Überraschung“, sagte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, die immer eine unglaubliche Wärme ausstrahlte. „Möchtest du einen Tee? Du wirkst etwas... aufgewühlt.“

​Nami setzte sich, lehnte den Tee jedoch höflich ab. „Vater, ich komme wegen Kai. Und wegen eurer Konferenz gestern.“

​Hiro setzte sich ihr gegenüber, seine Augenbrauen hoben sich leicht. „Ah, der gestrige Tag. Es war ein langes Gespräch.“

​„Kai kam gestern völlig am Ende nach Hause“, begann Nami, ihre Stimme fest, aber voller Sorge. „Er erzählte mir von dem Ultimatum. Dass du gedroht hättest, die Lizenzen der Tachiba-Gruppe zurückzuziehen, wenn die neue Sicherheits-Technologie nicht rechtzeitig fertig wird. Vater, Kai steht unter enormem Stress. Warum hast du ihn so in die Enge getrieben?“

​Hiro hielt inne. Er sah Nami einen Moment lang schweigend an, dann entwich ihm ein leises, bedauerndes Seufzen. Er legte seine Hände flach auf den Tisch und schüttelte langsam den Kopf.

​„Nami...“, begann er sanft, „Kai hat das völlig falsch verstanden. Oder vielleicht hat sein eigener, unerbittlicher Ehrgeiz meine Worte in eine Drohung verwandelt, die ich niemals ausgesprochen habe.“

​Er beugte sich ein Stück vor. „Ich habe Kai gesagt, dass die Lizenzen für die internationale Vermarktung unter den aktuellen Sicherheitsbedenken der Weltorganisation schwer zu halten wären, wenn wir nicht gemeinsam eine Lösung finden. Ich habe niemals gesagt, dass ich ihm die Lizenzen entziehe. Im Gegenteil, ich habe ihm meine volle Unterstützung und die Ressourcen von Tachibey Industries angeboten, um diese Hürde zu nehmen.“

​Hiro sah aus dem Fenster. „Kai ist wie ein Rennpferd, das nur die Ziellinie sieht. Wenn ich von Hindernissen spreche, hört er nur: ‚Du darfst nicht laufen‘. Er sieht in jedem Hinweis auf Schwierigkeiten einen persönlichen Angriff auf sein Imperium. Er ist so besessen davon, perfekt zu sein, dass er Hilfe oft als Misstrauen missversteht.“

​Hiro stand auf und trat ans Fenster, den Blick in die Ferne gerichtet. „Es tut mir leid, dass er das so empfunden hat. Kai ist für mich wie ein Sohn, und ich schätze seine Leidenschaft über alles. Aber er muss lernen, dass er nicht die ganze Welt allein auf seinen Schultern tragen muss.“

​Er drehte sich wieder zu Nami um und lächelte ihr aufrichtig zu. „Ich werde heute Nachmittag zum Anwesen kommen. Ich werde mich mit ihm zusammensetzen, ganz privat, ohne Anwälte und ohne Akten. Wir werden das klären. Ich möchte nicht, dass mein Schwiegersohn glaubt, sein eigener Schwiegervater würde gegen ihn arbeiten.“

​Nami spürte, wie die Last, die sie seit gestern mit sich herumgetragen hatte, endlich von ihr abfiel. Hiros ruhige, rücksichtsvolle Art war genau das, was Kai jetzt brauchte – nicht als Konkurrenz, sondern als Familie.

​„Danke, Papa“, flüsterte sie. „Ich glaube, wenn er es von dir in Ruhe hört, wird er es verstehen.“
 

Nami hatte das Büro ihres Vaters gerade erst verlassen, als ihr Telefon in der Tasche vibrierte. Sie sah Kais Namen auf dem Display und spürte sofort ein Ziehen in der Brust.

​„Nami“, erklang seine Stimme, und obwohl er versuchte, kontrolliert zu klingen, hörte sie das unterdrückte Grollen und die schiere Anspannung heraus. Es klang, als stünde er kurz davor, eine Wand einzuschlagen. „Wann bist du hier? Die Mittagspause beginnt in zehn Minuten. Ich... ich warte nicht gerne.“

​„Ich bin schon auf dem Weg, Kai“, antwortete sie sanft, während sie bereits auf ihren Wagen zuging in dem Graham wartete. „Ich beeile mich.“

​Die Fahrt zum Tachiwari Tower kam ihr endlos vor, doch als sie schließlich vor den gläsernen Toren vorfuhr, sah sie ihn bereits. Kai stand nicht oben in seinem Elfenbeinturm; er wartete direkt in der imposanten Lobby. Er war die personifizierte Unruhe: Die Hände tief in den Taschen seines Anzugs vergraben, den Blick fest auf den Eingang gerichtet, strahlte er eine Aura aus, die jeden Mitarbeiter in einem Umkreis von zehn Metern dazu brachte, einen respektvollen Bogen um ihn zu machen.

​Als Nami durch die Drehtür trat, fixierten seine roten Augen sie sofort. Die Kälte in seinem Blick schmolz in Sekundenbruchteilen dahin und machte einer fast schon verzweifelten Erleichterung Platz.

​Er wartete nicht, bis sie bei ihm war. Mit langen Schritten überbrückte er die Distanz und packte sie an der Taille, um sie direkt vor den Augen der gesamten Belegschaft an sich zu ziehen. Ein kollektives, atemloses Schweigen legte sich über die Lobby. Die Empfangsdamen hielten inne, Akten wurden vergessen, und Yukiko und Rin, die gerade aus dem Fahrstuhl kamen, blieben wie angewurzelt stehen.

​Kai neigte den Kopf und küsste sie – doch diesmal war es anders als gestern. Es war ein langer, unendlich zarter und dennoch zutiefst leidenschaftlicher Kuss, der so viel mehr sagte als tausend Worte. Es war das öffentliche Bekenntnis seiner tiefsten Sehnsucht.

​Die weiblichen Angestellten schmolzen förmlich dahin. Das Bild des sonst so unnahbaren, kühlen Zaren, der seine Frau so hingebungsvoll und beschützerisch in den Armen hielt, war fast zu viel für die Romantikerinnen im Haus. Als er den Kuss schließlich löste, ließ er sie nicht los. Stattdessen vergrub er sein Gesicht tief in ihrem langen, nach Jasmin duftenden Haar an ihrer Halsbeuge und atmete zitternd ein.

​„Nami...“, murmelte er so leise, dass nur sie es hören konnte, während sein Atem warm auf ihrer Haut brannte. „Ich dachte, dieser Vormittag nimmt niemals ein Ende.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und hielt ihn fest, während sie an seinen Schulter vorbei sah, wie die Mitarbeiter sich mühsam wieder ihrer Arbeit zuwandten – auch wenn das Getuschel nun lauter war denn je. Sie wusste, dass dieser Moment ihm die nötige Ruhe gab, um den Rest des Tages zu überstehen, besonders vor dem Hintergrund dessen, was sie gerade von ihrem Vater erfahren hatte.

​„Komm“, flüsterte sie und strich ihm durch das dunkle Haar. „Lass uns nach oben gehen. Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen.“

​Kai hob den Kopf, sein Blick war nun deutlich friedlicher, auch wenn er ihre Hand beim Gang zum Aufzug so fest hielt, als würde er sie nie wieder loslassen.
 

Oben im Büro angekommen, war die Atmosphäre wie verwandelt. Die schwere Stahltür schluckte das hektische Treiben des Towers, und für einen Moment war nur noch das leise Summen der Klimaanlage zu hören. Kai ließ ihre Hand nicht los, bis sie die Mitte des Raumes erreicht hatten.

​Er wirkte wie ein Mann, der gerade erst aus einer Sauerstoffkammer kommt. Die Aggressivität, die er unten in der Lobby noch wie eine Rüstung getragen hatte, bröckelte Schicht für Schicht weg.

​„Setz dich nicht“, murmelte er heiser, als sie an seinem großen Schreibtisch vorbeikamen. Stattdessen zog er sie zu der tiefen Ledercouch in der Ecke des Büros, von der aus man einen atemberaubenden Blick über die Skyline von Tokio hatte.

​Er setzte sich und zog Nami ohne Umschweife auf seinen Schoß. Sein Bedürfnis nach Körperkontakt war heute fast greifbar. Er legte seine starken Arme um sie, verschränkte die Finger in ihrem Rücken und bettete seinen Kopf an ihrer Schulter. Nami spürte, wie sich seine gesamte Muskulatur allmählich entspannte – ein tiefes, langes Ausatmen entwich seiner Brust.

​„Kein Wort über die Firma“, raunte er gegen ihre Haut. „Keine Zahlen, keine Arenen, kein Turnier. Nur fünf Minuten, Nami. Schenk mir einfach fünf Minuten, in denen ich nur dein Ehemann sein darf.“

​Nami lächelte wehmütig und begann, mit ihren Fingern sanft durch seinen Nacken zu streichen, genau dort, wo seine Verspannungen am schlimmsten waren. Sie spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging, und die fast schon kindliche Art, mit der er sich an sie schmiegte. In diesen Momenten war er nicht der mächtige CEO der Tachiwari-Corporation, sondern ein Mann, der am Rande seiner Kräfte stand und bei ihr Schutz suchte.

​„Ich bin hier, Kai“, flüsterte sie und küsste ihn sanft auf die Schläfe. „Ich gehe nirgendwohin.“

​Die Zeit schien stillzustehen. Draußen zogen Wolken an den Glasfronten vorbei, und unten in der Stadt kämpften Millionen Menschen um Erfolg und Anerkennung, doch hier drinnen zählte nur das gleichmäßige Atmen zweier Menschen. Nami wartete geduldig. Sie wusste, dass sie ihm die Nachricht von ihrem Vater überbringen musste – dass der Krieg, den er gegen Hiro zu führen glaubte, gar nicht existierte –, aber sie respektierte sein Bedürfnis nach dieser zerbrechlichen Stille.

​Nach einer gefühlten Ewigkeit lockerte Kai seinen Griff ein wenig. Er hob den Kopf und sah sie an. Die harten Falten um seinen Mund hatten sich geglättet, und seine Augen waren zwar noch müde, aber wieder klar und fokussiert. Er strich ihr eine weiße Strähne aus dem Gesicht und schenkte ihr ein seltenes, echtes Lächeln.

​„Danke“, sagte er schlicht. Er wirkte nun bereit, zuzuhören. „Du wolltest mir etwas erzählen. Etwas Wichtiges, hast du unten gesagt?“

​Nami atmete tief durch. Jetzt war der Moment gekommen, die dunklen Wolken, die er seit gestern mit sich herumtrug, endgültig zu vertreiben.
 

Nami nahm seine Hände in ihre und sah ihm tief in die Augen. Sie spürte, wie wichtig dieser Moment war – nicht nur für die Firma, sondern für seinen inneren Frieden.

​„Ich war heute Vormittag bei meinem Vater, Kai“, begann sie sanft.

​Sie spürte, wie sich sein Körper bei der Erwähnung von Hiro Tachiba sofort wieder anspannte. Ein Schatten huschte über sein Gesicht, und seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Nami, du solltest dich nicht in diese geschäftlichen Grabenkämpfe einmischen“, sagte er mit einer Spur der alten Härte. „Er hat seine Position gestern klar gemacht.“

​„Nein, Kai. Das hat er eben nicht“, unterbrach sie ihn bestimmt, aber leise. „Du hast ihn gestern völlig missverstanden. Vater hat mir gegenüber betont, dass er niemals daran gedacht hat, dir die Lizenzen zu entziehen. Er liebt dich wie einen Sohn. Seine Worte über die Schwierigkeiten waren keine Drohung – sie waren ein Hilfsangebot, das du in deinem Stolz und deinem Stress als Angriff gewertet hast.“

​Kai erstarrte. Er lockerte seinen Griff um ihre Hände, als hätte er eine elektrische Entladung gespürt. Er starrte sie ungläubig an, seine roten Augen weiteten sich. „Ein Hilfsangebot? Nami, er sprach von Ultimaten, von Sicherheitsbedenken, die das gesamte Turnier gefährden...“

​„Er sprach von der >gemeinsamen< Verantwortung“, korrigierte sie ihn sanft. „Er bietet dir die gesamte Forschungsabteilung von Tachibey Industries an, um die Probleme zu lösen. Er will dich nicht scheitern sehen, Kai. Er will dir den Rücken freihalten, damit du dich auf die Führung konzentrieren kannst, während er die technischen Hürden mit dir zusammen nimmt.“

​Stille breitete sich im Büro aus. Kai wandte den Blick ab und starrte hinaus auf die Stadt. Nami konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Der Mann, der gewohnt war, gegen jeden Widerstand allein anzukämpfen, begriff plötzlich, dass die schwerste Mauer, gegen die er in den letzten 24 Stunden gerannt war, nur in seinem eigenen Kopf existiert hatte.

​Ein langes, tiefes Seufzen entwich ihm. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Ich war so fest davon überzeugt, dass er mich testen will... dass er sehen will, ob ich unter dem Druck einknicke“, murmelte er heiser. „Ich habe Geister gejagt, Nami.“

​„Er kommt heute Nachmittag zum Anwesen“, fügte sie hinzu und legte ihre Hand an seine Wange. „Er will sich mit dir zusammensetzen. Ganz privat. Er will die Brücke wieder aufbauen, die dein Stress gestern eingerissen hat.“

​Kai drehte den Kopf und küsste ihre Handfläche. Die bittere Anspannung, die ihn seit gestern wie eine dunkle Wolke umgeben hatte, schien endgültig zu verfliegen. Er wirkte plötzlich Jahre jünger, fast schon erleichtert.

​„Ich habe Glück, dass ich dich habe“, sagte er leise und zog sie wieder fest in seine Arme. „Ohne dich hätte ich vermutlich heute Nachmittag den Krieg erklärt, wo eigentlich Frieden herrscht.“

Die Frau des CEO

Nachdem Kai die erlösende Nachricht über Hiros wahre Absichten verdaut hatte, kehrte eine fast greifbare Ruhe in sein Büro ein. Er hielt Nami noch eine Weile fest, als wollte er sicherstellen, dass diese neue Realität nicht einfach wieder verschwand. Doch am späten Nachmittag kehrten sie gemeinsam zum Ayame-Anwesen zurück, wo die Atmosphäre deutlich gelöster war als an den Vortagen.

​Als sie durch das Portal traten, wurden sie nicht nur vom Duft eines frühen Abendessens empfangen, sondern auch von einem gut gelaunten Makoto, der gerade mit Gou aus dem Dojo kam. Makoto war mittlerweile fast täglich im Anwesen. Als Tysons Sohn hatte er nicht nur das Talent seines Vaters geerbt, sondern auch dessen unerschütterliche Loyalität und einen tiefen Sinn für Freundschaft. Er sah sich nicht als Konkurrent, sondern als Gous wichtigster Unterstützer und Trainingspartner.

​Obwohl Makoto im Qualifikationsturnier bereits sein erstes Match in seinem Block verloren hatte, trug er keinen Groll in sich. Er sah das frühe Ausscheiden keineswegs als Niederlage, sondern als wertvolle Chance, seine Schwächen zu analysieren und sich für die Zukunft noch weiter zu verbessern.

​„Gou! Makoto!“, rief Nami erfreut, während Kai sich ein wenig den Nacken rieb und die Szenerie beobachtete. Die beiden Jungen wirkten verschwitzt, aber ihre Augen leuchteten.

​Makoto grinste breit während er einen frechen Seitenblick auf Gou warf. „Ihr hättet heute in der Schule dabei sein müssen“, begann er und seine Stimme triefte vor amüsierter Ironie. Da er Kai und Nami schon sein ganzes Leben kannte, pflegte er einen familiären Umgang mit Beiden. „Gou konnte sich kaum vor seinen Fans retten.“

​Gou verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust, doch ein leichtes Rosa stieg ihm in die Wangen – ein seltener Anblick bei dem sonst so beherrschten Jungen. „Übertreib nicht, Makoto“, brummte er.

​„Übertreiben?“, lachte Makoto auf. „Euer Sohn war die letzten Tage der absolute Mittelpunkt auf dem Schulhof. Er war förmlich umringt von Schülern, die ihn wegen seiner Leistungen im Qualifikationsturnier gelobt und bewundert haben. Die Jungs wollten alle wissen, wie er Corvus so kontrolliert... aber die Mädchen...“ Makoto machte eine dramatische Pause und grinste Kai direkt an. „Die Mädchen sind förmlich geschmolzen. Sie standen in Dreierreihen um ihn herum, nur um ein Wort von ihm zu hören oder ein Lächeln zu erhaschen. Er hat jetzt quasi seinen eigenen Fanclub.“
 

​Kai zog eine Augenbraue hoch, und ein trockenes, stolzes Grinsen stahl sich auf seine Lippen. Er sah Gou an, der demonstrativ wegsah und sich für die Struktur der Wandbespannung zu interessieren schien.

​„Ein Fanclub, hm?“, wiederholte Kai ruhig. Er trat auf seinen Sohn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Die Geste war fest und voller Anerkennung. „Genieß es, solange es dich nicht vom Training ablenkt, Gou. Bewunderung ist ein zweischneidiges Schwert – sie kann dich beflügeln oder dich nachlässig machen.“

​Gou sah zu seinem Vater auf, und in seinen roten Augen blitzte derselbe Ehrgeiz, der auch Kai antrieb. „Mich lenkt gar nichts ab, Vater. Sollen sie ruhig reden. Corvus und ich sind erst zufrieden, wenn wir den Pokal in den Händen halten.“

​Nami beobachtete die beiden und musste unwillkürlich an die Szenen im Tower denken. Kai hatte vielleicht seinen „Fanclub“ in der Führungsetage der Tachiwari-Corporation, aber Gou schien bereits in seine Fußstapfen zu treten – sowohl sportlich als auch in seiner Wirkung auf sein Umfeld.
 

​In diesem Moment rollte ein eleganter Wagen vor die Auffahrt. Hiro Tachiba war eingetroffen.

​„Sieht so aus, als würde der Abend noch produktiver werden“, bemerkte Kai, und diesmal schwang kein Groll in seiner Stimme mit, sondern eine ruhige Erwartung. Er sah Nami an und drückte kurz ihre Hand. „Geh schon mal rein. Makoto, Gou – zeigt Hiro später eure Fortschritte. Er wird sicher gerne sehen, wofür wir diese neuen Sicherheitsbarrieren eigentlich brauchen.“

​Während Nami ihren Vater an der Tür empfing und die beiden Männer sich zur Begrüßung die Hände reichten – fest, respektvoll und ohne das Gift des Missverständisses –, kehrte im Ayame-Anwesen ein Gefühl von Stärke und Zusammenhalt zurück, das weit über das Geschäftliche hinausging.
 

Der kleine Salon des Ayame-Anwesens verströmte eine behagliche Wärme. Das Knistern der brennenden Holzscheite war das einzige Geräusch, während Kai zwei Gläser mit schwerem, dunklem Whisky füllte. Er reichte Hiro eines davon und setzte sich in den gegenüberliegenden Ledersessel. Die Anspannung der letzten Tage war zwar gewichen, doch die Ernsthaftigkeit in Kais Zügen blieb.

​Hiro nahm einen bedächtigen Schluck und ließ den Blick durch den Raum schweifen, bevor er ihn wieder auf seinen Schwiegersohn richtete. „Nami war heute bei mir“, begann er ruhig. „Sie hat mir erzählt, wie meine Worte bei dir angekommen sind, Kai. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dir das Gefühl gegeben habe, ich stünde gegen dich.“

​Kai starrte einen Moment lang in das bernsteinfarbene Gold seines Glases. „Ich habe Geister gejagt, Hiro. Ich habe in jedem Satz eine Prüfung vermutet. In der Tachiwari-Corporation kämpfe ich an so vielen Fronten gleichzeitig, dass ich verlernt habe, zwischen einem Angriff und einem Angebot zu unterscheiden.“

​Hiro nickte langsam. „Das Imperium, das du führst, ist gewaltig. Aber vergiss nicht: Wir sind eine Familie. Tachibey Industries und die Tachiwari-Corporation sind durch mehr als nur Verträge verbunden. Die neue Sicherheits-Technologie... ich fordere sie nicht von dir, um dich zu quälen. Ich fordere sie, weil ich weiß, dass nur du und deine Ingenieure in der Lage sind, diesen Standard zu setzen. Ich wollte dir keine Last aufbürden, sondern dich zum Partner bei einer Revolution machen.“

​Kai lehnte sich zurück, und die harten Linien um seinen Mund entspannten sich endgültig. „Nami sagte, du bietest mir deine Forschungsabteilung an.“

​„Ohne Vorbehalte“, bestätigte Hiro mit einem warmen Lächeln. „Meine besten Leute werden ab morgen früh unter deinem Kommando stehen. Wir werden diese magnetische Dämpfung rechtzeitig fertigstellen. Du musst den Druck nicht allein tragen, Kai. Das Turnier soll ein Triumph für Gou und die gesamte neue Generation werden, nicht der Grund für deinen Zusammenbruch.“

​Ein seltenes, fast schon friedliches Schweigen legte sich zwischen die beiden Männer. Kai spürte, wie die bleierne Last der letzten Wochen von seinen Schultern glitt. Er dachte an Nami, die oben bei den Kindern war, und daran, wie sie heute im Büro seine Rettung gewesen war.

​„Ich schulde dir eine Entschuldigung für meine Aggressivität gestern“, sagte Kai schließlich und hob sein Glas.

​Hiro schüttelte den Kopf und stieß mit ihm an. „Du schuldest mir gar nichts, außer vielleicht ein wenig Vertrauen in die Zukunft. Lass uns das Geschäftliche für heute beenden. Ich habe gehört, Gou hat in der Schule für ordentlich Wirbel gesorgt? Makoto klang sehr amüsiert über die weibliche Fangemeinde meines Enkels.“

​Kai lachte leise auf, ein ehrliches, tiefes Geräusch. „Ja, er scheint denselben Fluch zu tragen wie ich. Aber solange er den Fokus behält, werde ich ihn gewähren lassen. Er hat Biss, Hiro. Mehr, als ich in seinem Alter hatte.“

​„Das hat er zweifellos von dir“, entgegnete Hiro schmunzelnd. „Aber die Empathie und das Strahlen... das ist ganz Nami.“

​In diesem Moment klopfte es leise an der Tür, und Nami steckte den Kopf herein. Sie sah die entspannten Mienen der beiden Männer und ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wusste, dass der Krieg im Kopf ihres Mannes endlich vorbei war.
 

Nami wollte sich gerade auf einen der freien Sessel neben den beiden Männern sinken lassen, doch sie kam nicht einmal dazu, die Sitzfläche zu berühren. Kai reagierte mit der Schnelligkeit und Präzision, die er auch als Blader besessen hatte. Er griff nach ihrem Handgelenk und zog sie mit einer kurzen, aber unmissverständlichen Bewegung direkt auf seinen Schoß.

​Ein kurzes Quietschen entwich Nami, doch Kai legte seinen Arm fest um ihre Taille und hielt sie sicher fest, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass seine Ehefrau während einer Besprechung mit seinem Schwiegervater dort saß. Er lehnte sich entspannt zurück und signalisierte damit jedem im Raum, dass sie genau hierher gehörte.

​Hiro, der die Szene mit dem Glas Whisky in der Hand beobachtet hatte, konnte ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken. Er schüttelte langsam den Kopf, während seine Augen vor Vergnügen blitzten.

​„Ich sehe, die Berichte aus dem Tower waren keineswegs übertrieben“, bemerkte Hiro schmunzelnd und nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas.

​Nami spürte, wie die Wärme in ihre Wangen stieg. „Berichte? Vater, was meinst du damit?“

​Hiro lachte leise auf. „Nami, mein Kind, du weißt doch, wie schnell sich Neuigkeiten in der Firma verbreiten. In den Kantinen von Tachibey Industries – und ich bin mir sicher, auch im Tower – wird bereits darüber getuschelt, dass die Frau des CEO beinahe täglich in der Chefetage gesichtet wird. Man sagt, der Zar persönlich warte ungeduldig in der Lobby auf sie, nur um sie vor der versammelten Belegschaft... nun ja, sehr herzlich zu begrüßen.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch, doch anstatt verlegen zu sein, verstärkte er seinen Griff um Nami noch ein wenig. „Die Leute reden viel, wenn sie eigentlich arbeiten sollten“, entgegnete er trocken, doch der triumphierende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Außerdem ist es mein Tower. Wenn ich meine Frau in der Lobby küssen will, dann tue ich das. Es scheint die Arbeitsmoral der männlichen Belegschaft eher zu heben, wenn sie sehen, dass harte Arbeit belohnt wird.“

​„Und die weibliche Belegschaft scheint kollektiv zu schmelzen, wenn man den Gerüchten glaubt“, fügte Hiro zwinkernd hinzu. Er sah Nami liebevoll an. „Aber im Ernst, Kai. Ich bin froh. Ich weiß, dass Nami die Einzige ist, die dich in diesem Sturm aus Zahlen und Projekten erden kann. Dass sie bei dir ist, gibt mir die Gewissheit, dass mein Partner im Tower nicht irgendwann vor lauter Stress die Nerven verliert.“

​Nami lehnte ihren Kopf gegen Kais Schulter und sah ihren Vater lächelnd an. „Er braucht mich eben als seine Medizin, Vater. Und ich achte darauf, dass er seine Dosis bekommt, ob im Tower oder hier.“

​Kai brummte zufrieden und vergrub seine Nase kurz an ihrer Schläfe, wobei er Hiro gegenüber keinerlei Anstalten machte, seine Besessenheit von ihr zu verbergen. In diesem Moment war der kleinen Salon nicht mehr der Ort für Geschäftsstrategien, sondern der Rückzugsort einer Familie, die enger zusammenstand als je zuvor.
 

Hiro stellte sein Glas auf dem Beistelltisch ab und sah Nami nachdenklich an. „Sag mal, Nami... warum arbeitest du eigentlich nicht fest im Tower? Du hast Jahre in unserer Forschungs- und Testabteilung bei Tachibey verbracht. Du kennst die Spezifikationen der Beyblades in- und auswendig und hast mehr Erfahrung in der Branche als die meisten Abteilungsleiter, die Kai dort beschäftigt.“

​Er lehnte sich vor, die Augen voller geschäftlichem Tatendrang. „Man würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Firma bekäme eine ihrer fähigsten Köpfe zurück, und Kai hätte seine 'Medizin' direkt im Nebenbüro, statt auf den Bentley warten zu müssen.“

​Nami musste unwillkürlich schmunzeln. Sie spürte, wie Kai auf dem Sessel unter ihr leicht erstarrte, sein Arm um ihre Taille wurde merklich fester.

​„Das ist ein interessanter Vorschlag, Vater“, begann sie amüsiert und warf Kai einen vielsagenden Blick von der Seite zu. „Tatsächlich habe ich Kai schon vor Jahren vorgeschlagen, eine Position im Tower zu übernehmen. Ich dachte mir damals schon, dass ich ihm viel Arbeit abnehmen könnte.“

​Sie spürte ein tiefes, fast schon warnendes Grollen in Kais Brustkorb und konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. „Aber der große Zar hier war damals alles andere als begeistert. Es scheint, als hätte ihn der Gedanke, offiziell der Chef seiner eigenen Frau zu sein und sie in einem professionellen Umfeld zu kommandieren, irgendwie abgeschreckt.“

​Sie kicherte leise und strich Kai über den Handrücken. „Dabei ist das eigentlich paradox, oder? In allen anderen Lebensbereichen liebt er es, fordernd und dominant zu sein. Er dirigiert mein Leben, er dirigiert unser Zuhause und er lässt keine Sekunde Zweifel daran aufkommen, wer hier das Sagen hat. Aber die Vorstellung, mir im Büro eine Arbeitsanweisung zu geben, scheint sein System kurzzuschließen.“

​Kai räusperte sich, ein seltener Moment, in dem er fast schon ertappt wirkte. Er sah Hiro an, der nun breit grinste, und dann wieder zu Nami.

​„Es ist ein Unterschied, Nami“, brummte er mit seiner tiefsten Bassstimme. „Im Büro brauche ich Mitarbeiter, die meine Befehle ohne Widerworte ausführen. Du... du würdest meine Entscheidungen hinterfragen, du würdest in Meetings wahrscheinlich die Augen verdrehen, wenn ich zu hart durchgreife, und am Ende würde die gesamte Hierarchie des Towers zusammenbrechen, weil jeder merkt, dass die einzige Person, vor der der CEO wirklich kuscht, seine Frau ist.“

​Hiro lachte schallend auf. „Da hast du wohl recht, Kai. Nami war schon immer mein kritischster Geist. Aber vielleicht ist genau das das Korrektiv, das die Tachiwari-Corporation braucht?“

​Kai verengte die Augen und sah Nami an, sein Blick wurde wieder dunkel und besitzergreifend. „Vielleicht. Aber wenn sie im Tower arbeitet, bekommt sie ein Büro mit einer Verbindungstür zu meinem. Und die wird öfter verschlossen sein, als es den Aktionären lieb ist.“

Der Entschluss stand fest, und schon zwei Tage später war es so weit. Nami hatte sich entschieden, die Leitung der Abteilung für „Blade-Resonanz und Sicherheitsästhetik“ zu übernehmen – eine Position, die perfekt die Brücke zwischen Hiros technischen Anforderungen und Kais geschäftlicher Vision schlug.

​Als Nami am Montagmorgen den Tower betrat, trug sie ein perfekt sitzendes, dunkelblaues Etuikleid mit einem gräulichen Blazer, was ihre Eleganz unterstrich, ohne ihre professionelle Aura zu schmälern. Doch was Kai am meisten auffiel, war die unmittelbare Reaktion der Belegschaft.

​Normalerweise herrschte im Foyer eine fast schon klinische Stille, wenn er den Raum betrat. Doch heute war es anders. Die Mitarbeiter am Empfang lächelten nicht nur aus Pflichtgefühl; sie strahlten förmlich.

​„Guten Morgen, Mrs. Hiwatari! Willkommen im Team!“, rief eine junge Assistentin mutig, während Nami freundlich zurückgrüßte und hier und da ein kurzes Gespräch über das Wochenende führte. Sie kannte erstaunlich viele Namen, was Kai – der meistens nur in Kategorien von Effizienz dachte – zutiefst beeindruckte und gleichzeitig ein wenig irritierte.

​Als sie die Chefetage erreichten, wurde der Empfang noch herzlicher. Yukiko und Rin hatten sogar einen kleinen Blumenstrauß auf Namis neuen Schreibtisch gestellt, der sich tatsächlich in einem lichtdurchfluteten Büro direkt neben Kais befand – verbunden durch die berüchtigte schwere Verbindungstür.

​„Vielen Dank, ihr beiden! Ich freue mich sehr auf unsere Zusammenarbeit“, sagte Nami warmherzig. Die beiden Frauen wirkten, als hätten sie gerade im Lotto gewonnen. Mit Nami im Team fühlte sich der sonst so unterkühlte Tower plötzlich menschlicher an.

​Kai beobachtete das Ganze von seiner Bürotür aus, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick war gewohnt hart, doch in seinen Augen blitzte etwas anderes: Ein besitzergreifender Stolz, gemischt mit der Erkenntnis, dass seine Frau innerhalb von zehn Minuten mehr Sympathiepunkte gesammelt hatte als er in zehn Jahren.

​Kaum hatten sich die Assistentinnen zurückgezogen, trat Kai auf Nami zu, schloss die Tür zu ihrem Büro und drückte sie sacht gegen den Türrahmen.

​„Du bist seit zehn Minuten offiziell angestellt und schon jetzt die beliebteste Person im Gebäude“, murmelte er heiser, während er seine Hände auf ihre Taille legte und sie zu sich zog. „Ich sollte dich wegen Aufwiegelung der Belegschaft entlassen.“

​Nami lachte leise und legte ihre Hände auf sein Revers. „Vielleicht solltest du dir einfach eine Scheibe von mir abschneiden, CEO. Ein Lächeln hier und da wirkt Wunder für die Produktivität.“

​Kai beugte sich vor, sein Atem strich über ihre Lippen. „Ich werde nicht lächeln, Nami. Ich werde meine Autorität wahren. Aber ich werde diese Verbindungstür sehr effizient nutzen.“

​Er küsste sie tief und besitzergreifend, als wollte er markieren, dass sie – trotz ihres neuen Titels und ihrer Beliebtheit – immer noch zuerst seine Frau war. Das Klopfen an der Außentür riss sie auseinander.

​„Herr Hiwatari? Die Sitzung mit den Ingenieuren beginnt in zwei Minuten“, ertönte Rins Stimme.

​Kai löste sich widerwillig von ihr, richtete seine Krawatte und warf Nami einen Blick zu, der versprach, dass das Gespräch nach der Sitzung fortgesetzt würde. „Gehen wir, Frau Abteilungsleiterin. Zeigen wir ihnen, dass wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“
 

Der Konferenzraum im obersten Stockwerk war das Herzstück der strategischen Planung. Ein massiver Glastisch dominierte den Raum, umgeben von den leitenden Ingenieuren und Strategen der Tachiwari-Corporation. Die Luft war dick vor Anspannung, denn es ging um die endgültige Abnahme der Prototypen für die magnetische Dämpfung der neuen Arena-Generation.

​Kai saß am Kopfende, die Aura eines unnahbaren Monarchen ausstrahlend. Nami saß zu seiner Rechten, ein Tablet vor sich, den Blick aufmerksam auf die Projektionen an der Wand gerichtet.

​„Die aktuellen Daten zeigen, dass wir die Energieabgabe der Bit-Beasts bei 85 % abriegeln müssen, um die strukturelle Integrität der Sicherheitsbarrieren zu garantieren“, erklärte der Chefingenieur mit leicht zittriger Stimme. „Mr. Hiwatari, wenn wir darüber hinausgehen, riskieren wir Systemausfälle.“

​Kai nickte knapp. „Dann setzen wir die Grenze bei 80 % fest. Sicherheit hat Priorität. Wir können es uns nicht leisten, dass eine Barriere während des Finales bricht. Das ist meine Entscheidung. Bereiten Sie die Protokolle vor.“

​Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Runde. Niemand wagte es, dem Zaren zu widersprechen, wenn er ein Machtwort sprach. Doch plötzlich durchbrach eine ruhige, klare Stimme die Stille.

​„Ich halte das für einen Fehler, Kai.“

​Im Raum herrschte augenblicklich Grabesstille. Die Ingenieure erstarrten; einige wagten kaum zu atmen. Yukiko, die am Rand saß, um Protokoll zu führen, ließ vor Schreck fast ihren Stift fallen. Niemand – absolut niemand – nannte den CEO in einer offiziellen Sitzung beim Vornamen oder stellte seine taktischen Entscheidungen infrage.

​Kai wandte den Kopf langsam zu Nami. Seine Augen verengten sich, und für einen Moment meinte man, das gefährliche Glühen darin zu sehen. „Erklär dich, Nami“, sagte er mit einer Stimme, die so ruhig war, dass sie fast bedrohlich wirkte.

​Nami ließ sich nicht beirren. Sie tippte auf ihr Tablet und schickte eine neue Grafik auf die Leinwand. „Wenn wir bei 80 % abriegeln, beschneiden wir die Essenz des Beybladings. Spitzenblader wie Gou oder auch die internationale Elite brauchen die Resonanz ihrer Bit-Beasts. Wenn die Arena die Energie künstlich drosselt, bricht die Verbindung zwischen Blader und Geist. Das Turnier würde an Qualität und Authentizität verlieren.“

​Sie sah direkt in die Runde und dann zurück zu Kai. „Die Daten von Tachibey Industries zeigen, dass wir die Dämpfung nicht durch Deckelung, sondern durch Ableitung lösen können. Wenn wir die kinetische Energie in die Bodenplatten umleiten, statt sie gegen die Barrieren prallen zu lassen, können wir 100 % zulassen. Es ist komplexer in der Wartung, aber es wahrt den Geist des Sports.“

​Die Ingenieure starrten auf ihre Unterlagen, unfähig, den Blick zu heben. Sie erwarteten einen Ausbruch, eine scharfe Zurechtweisung für diese Anmaßung.

​Doch Kai sagte nichts. Er starrte auf die Grafik, die Nami präsentiert hatte, und dann auf seine Frau. Er sah die Entschlossenheit in ihren Augen, die fachliche Kompetenz, mit der sie sein gesamtes Sicherheitskonzept in Stücke gerissen hatte – und er spürte ein Gefühl, das er in diesem Raum noch nie empfunden hatte: Tiefen Respekt und brennende Bewunderung.

​Ein langsames, fast unmerkliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Es war kein herablassendes Grinsen, sondern der Ausdruck eines Mannes, der erkannt hatte, dass er endlich eine ebenbürtige Partnerin an seiner Seite hatte.

​„Sie hat recht“, sagte Kai schließlich, und seine Stimme hallte kraftvoll durch den Raum. „Wir bauen keine Käfige, wir bauen Sicherheitssysteme und Arenen. Ingenieur, übernehmen Sie die Ableitungs-Modelle von Mrs. Hiwatari. Wir setzen auf 100 %. Die Sitzung ist beendet.“

​Als die Mitarbeiter den Raum fast schon fluchtartig verließen und nur noch Kai und Nami zurückblieben, stand Kai langsam auf. Er umrundete den Tisch, bis er direkt hinter ihr stand. Er beugte sich vor und legte seine Hände auf ihre Schultern, wobei er sich so tief zu ihr herabließ, dass seine Lippen ihr Ohr streiften.

​„Du hast vor versammelter Mannschaft meine Autorität untergraben, Frau Abteilungsleiterin“, raunte er heiser, doch in seiner Stimme schwang kein Zorn mit, sondern pure Faszination. „Aber dein Verstand ist noch schärfer, als ich es in Erinnerung hatte. Du hast mich heute tief beeindruckt.“

​Nami drehte den Kopf leicht zu ihm und lächelte frech. „War die Ablenkung gut genug für dich, CEO?“

​Kai knurrte leise und zog sie vom Stuhl hoch, direkt in seine Arme. „Wenn du so weitermachst, wird die Belegschaft bald nicht mehr nur über Küsse in der Lobby tuscheln. Sie werden anfangen, über ‚taktische Übungen‘ im Büro des CEO zu spekulieren, die verdächtig lange dauern.“

​Er löste eine Hand von ihrer Taille und strich ihr fast schon ehrfürchtig über die Wange. „Ich bin jetzt schon völlig besessen von dir, aber heute hast du mir eine Seite gezeigt, die mich fast um den Verstand bringt. Woher nimmst du dieses Wissen? Das war kein gefährliches Halbwissen, das war präzise Analyse.“

​Nami schmunzelte und lehnte sich entspannt gegen seine starke Brust. „Ganz ehrlich? Aus Langeweile und Interesse, Kai. In den letzten Jahren, wenn du spät im Tower warst oder auf Geschäftsreisen, habe ich angefangen, deine Forschungsberichte zu lesen. Und die meines Vaters sowieso.“

​Sie sah ihn mit einem funkeltem Blick an. „Vergiss nicht, dass ich jahrelang fast täglich gegen den BeyBot bei Tachibey Industries gekämpft habe. Ich habe Prototypen getestet, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren hat. Die Physik der Bit-Beast-Resonanz liegt mir einfach im Blut. Du warst nur derjenige, der dieses Potenzial all die Jahre ungenutzt lassen wollte, weil du mich lieber zu Hause im goldenen Käfig gesehen hast.“

​Kai lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch. „Ein Käfig, den du heute eigenhändig in Stücke gerissen hast. Ich gestehe meinen Fehler ein. Es war törricht von mir, eine solche Waffe in meinem eigenen Arsenal zu ignorieren.“

​Nami wurde wieder ein wenig ernster und legte ihre Hand auf seine Brust. „Aber Kai, wir müssen vorsichtig sein. Du hast meine Entscheidung vorhin sofort akzeptiert. Du musst aufpassen, dass die Leute nicht anfangen zu glauben, dass du mich hier bevorzugt behandelst oder mir blind zustimmst, nur weil ich deine Frau bin. Das würde meine Position untergraben – und deine Autorität gleich mit.“

​Kai verengte die Augen, und das herrische Blitzen des Zaren kehrte für einen Moment zurück. „Lass sie glauben, was sie wollen. Wer deine Argumentation heute gehört hat und immer noch denkt, es sei reine Gefälligkeit, der hat in dieser Firma ohnehin nichts verloren. Ich bevorzuge dich nicht, Nami. Ich erkenne Brillanz an, wenn ich sie sehe. Und wenn diese Brillanz zufällig in dem Kleid steckt, das ich heute Abend eigenhändig ausziehen werde... dann ist das mein Vorzug als CEO.“

​Er beugte sich vor und küsste sie mit einer Intensität, die keinen Zweifel daran ließ, dass die „taktischen Übungen“ kurz bevorstanden.

​„Komm“, flüsterte er gegen ihre Lippen. „Ich glaube, wir müssen die Verbindungstür zu meinem Büro jetzt sehr effizient nutzen. Ich habe plötzlich ein dringendes Bedürfnis nach einer privaten... Erfolgskontrolle.“
 

Der zweite Tag im Tachiwari Tower begann für Nami nicht im bequemen Sessel ihres neuen Büros, sondern direkt in den unterirdischen Testlaboren, wo die Atmosphäre deutlich rauer und technischer war als in der luxuriösen Chefetage.

​Während Kai oben in Verhandlungen mit internationalen Sponsoren steckte, betrat Nami das Labor 4 – das Herzstück der Arena-Entwicklung. Die Ingenieure dort waren Männer der Praxis, die seit Jahren unter Kais unerbittlichem Regiment arbeiteten. Als sie Nami sahen, die heute in einer schlichten, aber eleganten Arbeitshose und einer weißen Bluse erschien, tauschten einige von ihnen skeptische Blicke aus.

​„Mrs. Hiwatari“, begrüßte sie der leitende Techniker, ein hagerer Mann namens Ishida, mit einer Spur von herablassender Höflichkeit. „Wir schätzen Ihren Enthusiasmus aus der gestrigen Sitzung, aber die Ableitungstheorie in die Praxis umzusetzen, ist etwas anderes als eine Grafik auf einem Tablet zu zeigen. Wir kalibrieren gerade den Belastungssimulator. Das ist... nun ja, sehr laut und technisch.“

​Nami lächelte nur dünn. Sie spürte genau, was sie dachten: Die Frau des Chefs spielt Wissenschaftlerin.

​„Dann störe ich Sie hoffentlich nicht, wenn ich mir die Frequenzkurven der magnetischen Spulen ansehe, Ishida“, entgegnete sie ruhig und trat direkt an das Hauptterminal. Ohne zu zögern, tippte sie eine komplexe Befehlsfolge ein, die die Sensoren aktivierte.
 

​„Die Spulen sind auf die Standard-Rotation von 35.000 Einheiten eingestellt“, bemerkte sie, während sie auf den Monitor starrte. „Aber Gous Corvus erreicht in der Spitze 48.000, bei einer unregelmäßigen Wellenlänge. Wenn Sie die Ableitung so lassen, schmilzt Ihnen der Transformator in den ersten drei Sekunden des Finales weg.“

​Ishida trat näher, die Stirn in Falten gelegt. „48.000? Das ist theoretisch unmöglich für einen Blader seines Alters.“

​„Theorie ist das, was passiert, wenn Kai Hiwatari nicht der Vater ist“, konterte Nami trocken. Sie nahm einen Test-Blade von der Konsole, legte ihn in die Abschussvorrichtung und kalibrierte den Simulator manuell um. „Beobachten Sie die Oszillationswerte bei der Energieableitung. Ich habe diese Tests hunderte Male bei Tachibey Industries durchgeführt, als Kai noch dachte, ich würde nur die Prospekte sortieren.“

​Die nächsten zwei Stunden verbrachte sie damit, die Parameter mit einer Präzision anzupassen, die selbst die erfahrensten Techniker sprachlos machte. Sie sprach ihre Sprache – die Sprache der Physik, der Reibungswiderstände und der Bit-Beast-Eruptionen.

​Als Kai gegen Mittag unangekündigt im Labor erschien, um nach dem Rechten zu sehen, bot sich ihm ein Bild, das ihn innerlich vor Stolz fast platzen ließ. Nami stand inmitten der Ingenieure, eine Hand auf dem Schaltpult, während Ishida und seine Kollegen ihr fast schon ehrfürchtig lauschten.

​„...und deshalb müssen wir die Titan-Legierung an den Eckpunkten verstärken“, beendete sie gerade ihre Ausführung.

​„Probleme?“, fragte Kai mit seiner tiefen, autoritären Stimme, während er hinter Nami trat und seine Hand besitzergreifend auf ihre Schulter legte.

​Ishida sah auf und schüttelte fast schon benommen den Kopf. „Ganz im Gegenteil. Mrs. Hiwatari hat gerade einen Konstruktionsfehler in der Wärmeableitung gefunden, der uns das gesamte Projekt hätte kosten können. Wir... wir haben ihre Expertise wohl unterschätzt.“

​Kai sah auf Nami herab. Das Leuchten in seinen Augen war eine Mischung aus „Ich habe es euch ja gesagt“ und ungezügelter Lust auf die Frau, die gerade sein technisches Imperium gerettet hatte.

​„Sie ist eben eine Tachiba“, sagte Kai ruhig, wobei er das Wort fast wie einen Ehrentitel aussprach. „Und sie ist eine Hiwatari. Ich dulde keine Inkompetenz in meiner Familie.“

​Er beugte sich vor und flüsterte ihr so leise ins Ohr, dass es niemand sonst hören konnte: „Wenn du hier unten fertig bist, erwarte ich dich in meinem Büro. Der Berater-Vertrag sieht vor, dass die Abteilungsleiterin den CEO persönlich über die Fortschritte informiert... unter vier Augen.“

Nami verkniff sich merklich ein Grinsen.
 

Als Nami eine Stunde später die Chefetage betrat, war sie noch immer leicht außer Atem von der intensiven Arbeit in den Laboren. Ein paar Strähnen ihres langen, weißen Haares hatten sich aus ihrer Frisur gelöst, und auf ihrer Wange klebte ein winziger dunkler Fleck vom Graphitstaub der Testmaschinen. Doch in ihren Augen funkelte die Zufriedenheit einer Frau, die sich gerade aus eigener Kraft den Respekt einer Männerdomäne erkämpft hatte.

​Kai wartete bereits hinter seinem Schreibtisch, doch als er sie sah, stand er sofort auf. Er schritt auf sie zu, schloss die Verbindungstür mit einem deutlichen Klicken ab und drückte sie sanft, aber bestimmt gegen das kühle Holz.

​„Du hast Ishida und seine Leute völlig fassungslos zurückgelassen“, raunte er heiser. Er nahm sein feines Seidentaschentuch aus der Brusttasche und strich ihr damit zärtlich den Fleck von der Wange, bevor er seine Hand fest in ihrem Nacken vergrub. „Ich konnte das Knistern im Raum fast physisch spüren. Du bist dort unten wie eine Göttin der Technik aufgetreten.“

​Er beugte sich vor und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, atmete tief den Duft ihres Parfüms ein, der sich nun mit dem metallischen Geruch der Labore vermischt hatte. „Es macht mich wahnsinnig, dich so zu sehen. Kompetent, unantastbar und doch so zutiefst mein.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und spürte das vertraute Zittern in seinem Körper – das Zeichen seiner unterdrückten Besessenheit. „Ich habe dir gesagt, dass es mir im Blut liegt, Kai. Aber wir dürfen eines nicht vergessen...“ Sie löste sich ein Stück und sah ihm ernst in die roten Augen. „Es sind nur noch zwei Tage bis zum Landesturnier. Die Zeit rennt uns davon. Wenn die neuen Ableitungsmodule bis dahin nicht perfekt kalibriert sind, haben wir ein Problem.“

​Kai versteifte sich kurz bei der Erwähnung der knappen Frist. Die Last des Turniers kehrte für einen Moment zurück, doch er ließ sie nicht zwischen sie treten. „Ich weiß. Zwei Tage, um die Welt des Beybladings zu verändern. Aber nach dem, was ich heute unten gesehen habe, habe ich keine Zweifel mehr. Mit dir an meiner Seite ist das Scheitern keine Option.“

​Er hob sie mit einer fließenden Bewegung hoch und setzte sie auf seinen Schreibtisch, wobei er die Telefone und Terminkalender achtlos zur Seite schob. „Aber genau deshalb brauchen wir diese Pausen, Nami. Diese zwei Tage werden uns alles abverlangen. Ich brauche meine Medizin jetzt mehr denn je, um den Fokus nicht zu verlieren.“

​Er zog sie fest an sich, seine Küsse wurden fordernder, fast schon verzweifelt vor Verlangen. „Lass die Welt da draußen für die nächsten sechzig Minuten vergessen, dass es eine Tachiwari-Corporation gibt. Hier drin gibt es nur noch uns.“

​Nami erwiderte seinen Kuss mit derselben Intensität.

Kai löste sich kurz von ihr, sein Blick brannte förmlich vor Verlangen, während er ihr mit einer fließenden, fast schon rituellen Bewegung den Blazer von den Schultern streifte und ihn achtlos zu Boden gleiten ließ. Er drängte sie sachte, aber mit dieser unnachgiebigen Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete, rückwärts in die große, schwere Leder-Couch. Das kühle Material gab unter ihrem Gewicht nach, während Kai sich über sie schob, seine Knie links und rechts von ihren Hüften platziert.

​„Zwei Tage noch bis zum Turnier“, raunte er heiser, seine Stimme eine tiefe Vibration in der Stille des Raumes. „Aber jetzt gehört jede Sekunde deiner Aufmerksamkeit mir.“

​Mit einer langsamen, quälend präzisen Bewegung griff er nach dem Träger ihres Kleides und striff ihn sachte über ihre Schulter hinab. Nami hielt den Atem an, während er den Stoff des Ausschnitts Zentimeter für Zentimeter nach unten zog, bis eine ihrer Brüste vollständig befreit war und im sanften Licht des Büros schimmerte.

​Nami erschauderte heftig, als er sich vorbeugte und ohne zu zögern ihren Nippel mit seiner heißen Zunge und seinen fordernden Lippen stimulierte. Ein kurzer, elektrisierender Schlag schien durch ihren gesamten Körper zu fahren. Sie begann lustvoll zu schluchzen, den Kopf in den Nacken geworfen, während sie sich unter seiner Berührung wand. Ihre Finger vergruben sich fest in seinem dunklen Haar, mal um ihn näher heranzuziehen, mal um der überwältigenden Intensität seiner Zärtlichkeit irgendwie standzuhalten.

​Kai hob für einen Moment den Kopf, seine Lippen noch feucht, und sah triumphierend in ihr leicht gerötetes Gesicht. Ein gefährliches, fast schon raubtierhaftes Grinsen stahl sich auf seine Züge, als er sah, wie sehr sie auf ihn reagierte.

​„Ganz ruhig....“, murmelte er, seine Stimme tief und voller dunkler Verheißung. „Ich habe dir doch versprochen, dass ich dich für deine harte Arbeit heute belohnen werde. Und der Zar hält immer sein Wort.“

​Er vergrub seine Hand fest in ihrem weißen Haar an ihrem Hinterkopf und zwang sie, ihn anzusehen, während er seine andere Hand unter den Saum ihres Kleides gleiten ließ. „Du hast heute die Ingenieure dominiert, aber hier auf dieser Couch... hier gelten meine Regeln.“

​Nami antwortete nur mit einem weiteren, tiefen Seufzer, während sie ihre Hüften fordernd gegen seine presste. Die Welt außerhalb der schweren Bürotür – die Termine, die Technik, das herannahende Turnier – war in diesem Moment nicht mehr als ein fernes Echo.

Ein Test und ein Mini-Zar

Als Kai und Nami eine gute Stunde später aus dem privaten Aufzug traten und die weitläufige Lobby betraten, herrschte dort das übliche geschäftige Treiben des späten Nachmittags. Doch wie so oft, wenn der CEO persönlich erschien, verlangsamte sich der Rhythmus des Raumes augenblicklich.

​Kai wirkte wie verwandelt. Sein Hemd war zwar wieder perfekt gerichtet, doch die unterkühlte Distanz, die er normalerweise wie einen Schutzschild trug, war einer fast schon raubtierhaften Zufriedenheit gewichen. Als er die neugierigen Blicke der Mitarbeiter bemerkte, die verstohlen von ihren Bildschirmen und Klemmbrettern aufsahen, reagierte er nicht mit der gewohnten Kälte. Stattdessen ergriff er Namis Hand, verschränkte seine Finger fest mit ihren und zog sie demonstrativ noch ein Stück näher an seine Seite.

​In diesem Moment trafen sich ihre Blicke. Ein leichtes, unglaublich attraktives Lächeln – ein seltener Anblick, der seine harten, markanten Züge augenblicklich erweichte – stahl sich auf sein Gesicht. Es war ein privater Moment inmitten der Öffentlichkeit, der die Umstehenden förmlich den Atem rauben ließ.

​Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

​An den Empfangstresen und in den Sitzecken der Lobby begannen die Damen der Belegschaft kollektiv zu schmelzen.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte Rin zu Yukiko, während sie sich krampfhaft an ihrer Kaffeetasse festhielt. „Er hat gelächelt. Er hat sie wirklich angelächelt. Gott, sie sieht aus wie eine Göttin, und er sieht aus, als würde er jeden töten, der sie nur falsch ansieht. Das ist wie aus einem Film.“

„Sie ist die einzige Person auf der Welt, die diesen Mann zahm kriegt“, murmelte Yukiko ehrfürchtig. „Ich glaube, ich habe gerade vergessen, wie man atmet.“

​Doch nicht nur die Frauen waren beeindruckt. Zwei junge Ingenieure aus der Entwicklungsabteilung, die gerade von den Testlaboren nach oben wollten, blieben wie angewurzelt stehen und beobachteten das Paar, wie es händchenhaltend Richtung Ausgang schritt.

​„Wahnsinn“, flüsterte der eine zum anderen, während sein Blick an Namis elegantem Gang und ihrem langen, schimmernden Haar hängen blieb. „Nami-san ist eine solche Schönheit... es ist fast schon unwirklich. Man muss den Chef definitiv um sie beneiden. Nicht nur, weil sie aussieht wie ein Model, sondern weil sie uns heute im Labor fachlich alle in die Tasche gesteckt hat.“

Sein Kollege nickte langsam, unfähig, den Blick abzuwenden. „Sie ist das perfekte Gegenstück zu ihm. Wenn ich eine Frau wie sie an meiner Seite hätte, würde ich wahrscheinlich auch den ganzen Tag den Tower regieren wollen, nur um abends zu ihr zurückzukehren.“

​Kai, dessen Sinne heute schärfer waren als je zuvor, entging das Getuschel nicht. Er spürte den Neid der Männer und die Bewunderung der Frauen, doch es störte ihn nicht. Im Gegenteil: Er genoss es. Es war sein Imperium, seine Firma – und an seiner Seite ging die einzige Frau, die er jemals als ebenbürtig anerkennen würde.

​Draußen vor den gläsernen Schwingtüren wartete bereits der dunkelgrüne Bentley. Graham hielt die Tür offen, doch bevor Kai Nami einsteigen ließ, blieb er noch einmal stehen und sah sie an, während das Sonnenlicht der späten Nachmittagssonne in ihrem weißen Haar tanzte.

​„Nur noch zwei Tage, mein Schatz.“, sagte er leise, für niemanden sonst hörbar. „Zwei Tage bis zum Sturm. Aber heute haben wir gewonnen.“
 

Der nächste Morgen brach mit einer fieberhaften Betriebsamkeit an. Das Nationalstadion von Tokio, das in nur einem Tag Schauplatz des Landesturniers sein würde, glich einer hochmodernen Festung. Überall wuselten Techniker in den blauen Overalls der Tachiwari-Corporation und den weißen Kitteln von Tachibey Industries umher.

​Inmitten der gewaltigen Arena, direkt am Rand der zentralen Kampfplattform, standen die drei Köpfe hinter dieser technologischen Revolution: Kai, Nami und Hiro.
 

​Kai wirkte heute besonders fokussiert. Er trug ein dunkles Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, und hielt ein digitales Klemmbrett in der Hand, auf dem die Echtzeit-Daten der magnetischen Spulen einliefen. Nami stand direkt an seiner Seite, ihre Finger flogen über die Tastatur ihres Laptops, während sie die Feinabstimmung der Ableitungsmodule überwachte, die sie gestern im Labor so erfolgreich kalibriert hatte.

​Hiro beobachtete das Zusammenspiel der beiden mit einem zufriedenen Lächeln. Er trug seinen traditionellen Mantel und wirkte wie der ruhende Pol in diesem Sturm aus Kabeln und Lasermessgeräten.

​„Die Induktionsschleifen sind stabil“, erklärte Nami, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Sie sah zu Hiro auf. „Vater, die Verbindungspunkte zu euren Generatoren halten der Belastung stand. Wir haben die Ableitungsrate auf 98,5 % optimiert. Das bedeutet, die Blader können die volle Zerstörungskraft ihrer Bit-Beasts entfesseln, ohne dass die Zuschauer auch nur ein Zittern in den Tribünen spüren.“

​Kai trat an den Rand der Arena und blickte in den tiefen Abgrund der Mechanik unter den Bodenplatten. „Ich will einen Stresstest“, befahl er mit seiner tiefen, unnachgiebigen Stimme. „Ich gebe mich nicht mit Simulationen zufrieden. Wenn wir am Turniertag eine Fehlfunktion haben, steht nicht nur mein Name auf dem Spiel, sondern die Sicherheit von tausenden Menschen.“

​Er sah zu Hiro. „Sind deine Leute bereit, die Generatoren auf Überlast zu fahren?“

​Hiro nickte bedächtig. „Sie warten nur auf dein Signal, Kai. Wir haben die Sicherheitsreserven von Tachibey Industries mobilisiert. Wenn dieses System heute hält, haben wir den Standard für das Beyblading weltweit neu definiert.“

​Auf Kais Kommando hin begann ein tiefes, vibrierendes Brummen das gesamte Stadion zu erfüllen. Es war ein Geräusch, das man eher in einem Kernkraftwerk als in einer Sportstätte vermutet hätte. Die Luft in der Arena begann förmlich zu flirren, statisch aufgeladen durch die gewaltigen Magnetfelder.

​Nami beobachtete die Anzeigen. Die Graphen schossen in den roten Bereich, die Nadeln tanzten am Limit. „Die Ableitung beginnt... jetzt!“, rief sie über den Lärm hinweg.

​Ein greller blauer Blitz zuckte kurz unter den Bodenplatten auf, als die kinetische Energie in die massiven Erdetanks umgeleitet wurde. Das Stadion bebte für eine Sekunde, doch dann stabilisierte sich alles. Die Sensoren kehrten in den grünen Bereich zurück.

​Kai atmete tief durch. Er sah die Daten, sah die Erleichterung in den Gesichtern der Techniker – und dann sah er Nami an. Er legte eine Hand auf ihren Rücken, eine kurze, aber zutiefst anerkennende Geste. „Du hattest recht. Die Ableitung ist der Schlüssel. Wir haben es geschafft.“

​Hiro trat zu ihnen und legte jeweils eine Hand auf ihre Schultern. „Ein Meisterwerk der Zusammenarbeit. Morgen werden Gou und die anderen auf der sichersten und zugleich mächtigsten Arena kämpfen, die je gebaut wurde.“

​Kai blickte hoch zu den leeren Zuschauerrängen. In seinem Kopf sah er bereits das Finale, hörte das Brüllen der Menge und das Kreischen der Blades. „Ein einziger Tag noch“, murmelte er. „Dann wird sich zeigen, ob die neue Generation bereit ist für diese Freiheit.“
 

Das dumpfe Brummen der Generatoren ebbte langsam ab, doch die Atmosphäre im Stadion blieb geladen. Kai starrte auf die Monitore, seine Stirn in tiefe Falten gelegt. „Die Simulationen sind fehlerfrei“, stellte er fest, „aber ein realer Test unter maximaler Belastung fehlt. Wir brauchen die unberechenbare Energie eines Bit-Beasts, um sicherzugehen, dass die magnetische Dämpfung bei einer echten Kollision nicht kollabiert.“

​Nami, die neben ihm stand, schloss ihren Laptop und sah ihn mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen an. Sie stieß ihm spielerisch den Ellbogen in die Seite. „Dann sollten wir dem System geben, was es verlangt, findest du nicht?“, fragte sie und legte den Kopf schief. „Hast du Dranzer dabei, Kai? Ich jedenfalls trage Pegasus immer in meiner Tasche.“

​Kai hielt inne. Er wandte den Kopf langsam zu ihr, und ein kurzes, fast schon gefährliches Grinsen stahl sich auf seine Züge, als er begriff, worauf sie hinauswollte. Er griff in seine Hosentasche und umschloss das vertraute kühle Metall seines Blades.

​„Du willst es wirklich wissen?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme. Er trat einen Schritt auf sie zu, seine Aura der Dominanz hüllte sie augenblicklich ein. „Ich warne dich. Nur weil du meine Frau bist und dieses System perfektioniert hast, werde ich dich nicht verschonen. Du weißt, dass Dranzer dich aus der Arena fegen wird.“

​Nami lachte hell auf, ein Geräusch voller Vorfreude. „Das werden wir ja sehen, Zar. Es ist Jahre her, dass ich einen richtigen Kampf bestritten habe, aber unterschätze niemals eine Mutter, die ihre eigene Technik testen will.“

​Ein Raunen ging durch das Stadion. Die anwesenden Mitarbeiter der Tachiwari-Corporation und Tachibey Industries hielten inne. Ingenieure ließen ihre Werkzeuge sinken, und die Techniker auf den oberen Rängen traten an das Geländer. Es war, als würde die Zeit stillstehen: Der legendäre Kai Hiwatari gegen seine Frau, die brillante Nami.

​Hiro Tachiba trat ein Stück zurück, ein stolzes Lächeln auf den Lippen, während er die Arme verschränkte. „An die Positionen“, rief er ruhig.

​Kai und Nami nahmen an den gegenüberliegenden Enden der gewaltigen Arena Aufstellung. Das Licht der Stadionscheinwerfer brach sich im dunklen Rot von Kais Augen und im reinen Weiß von Namis Haar.

​„Drei... zwei... eins... Let it Rip!“

​Zwei gewaltige Energieströme entfesselten sich gleichzeitig. Ein feuriges Orange und ein strahlendes Türkis schossen in die Mitte der Arena. Als Dranzer und Pegasus aufeinanderprallten, erbebte die Luft. Die Sensoren an den Rändern der Arena leuchteten sofort dunkelrot auf, als die Bit-Beasts ihre volle Kraft entfalteten.

​Die Mitarbeiter waren wie versteinert. Sie sahen nicht nur einen Test; sie sahen eine Choreografie aus purer Macht und Eleganz. Namis Blade bewegte sich mit einer Leichtigkeit, die niemand von einer „Abteilungsleiterin“ erwartet hätte. Ihre Befehle an Pegasus waren präzise, fast schon tänzerisch. Kai hingegen war der unerbittliche Angreifer, jede Bewegung voller roher Kraft und strategischer Kälte.

​„Schau dir die Ableitungswerte an!“, rief ein Techniker fassungslos. „Das System schluckt die Schockwellen fast vollständig! Man spürt hier am Rand kaum eine Vibration, obwohl dort unten gerade zwei Naturgewalten aufeinanderprallen!“

​Dranzer startete einen massiven Sturmangriff, eine Flammenwand, die die Arena in ein glühendes Licht tauchte. Nami reagierte sofort. „Pegasus! Konter-Rotation!“, befahl sie. Ihr Blade begann, die Energie des Feuers aufzusaugen und in eine blaue Aura umzuwandeln, die den Aufprall mit einer gewaltigen Entladung quittierte.

​Der Lärm war ohrenbetäubend, doch die Sicherheitsbarrieren hielten stand. Die magnetische Dämpfung arbeitete perfekt – sie leitete die überschüssige Energie direkt in den Boden ab, genau wie Nami es berechnet hatte.

​Nach Minuten intensiven Kampfes, in denen keiner dem anderen auch nur einen Zentimeter Boden schenkte, riefen beide ihre Blades gleichzeitig zurück. Die Funken erloschen, und Stille kehrte in die Arena zurück.

​Kai atmete schwer, sein Blick fest auf Nami gerichtet. Er wirkte beeindruckt, fast schon berauscht von ihrem Kampfgeist. Er schritt auf sie zu, ignorierte die klatschenden und jubelnden Mitarbeiter und blieb direkt vor ihr stehen.

​„Du hast dich verbessert“, stellte er heiser fest. Er griff nach ihrer Hand, die noch leicht vom Abschuss zitterte, und führte sie an seine Lippen. „Das System hat bestanden. Und du hast mich gerade daran erinnert, warum ich dich niemals unterschätzen sollte. Aber vorallem auch daran, weswegen ich damals vom ersten Moment an fasziniert von dir war.“

​Nami strahlte ihn an, ihre Augen leuchteten vor Adrenalin. „Das war erst das Aufwärmen, Kai. Wenn Gou morgen diese Arena betritt, wird er die Welt zum Beben bringen.“
 

Als Kai, Nami und Hiro am frühen Abend das Ayame-Anwesen betraten, herrschte dort bereits eine erwartungsvolle Unruhe. Gou und Makoto saßen im großen Wohnzimmer über ihren Blades und Werkzeugen, während die kleine Sayuri auf dem Teppich spielte und Claire Beaumont im Hintergrund leise Anweisungen für das Abendessen gab.

​Sobald sich die Tür öffnete, sprang Makoto auf. Sein Blick huschte sofort zu Kai und Nami, und als er die leichte Röte in Namis Gesicht und das seltene, fast schon raubtierhafte Funkeln in Kais Augen sah, grinste er breit.
 

​„Und?“, rief Makoto ungeduldig, während Gou langsamer aufstand, aber ebenso gespannt wirkte. „Wir haben schon erste Nachrichten auf unseren Handys bekommen. Die Techniker im Stadion scheinen ihre Finger nicht von den sozialen Netzwerken lassen zu können. Es heißt, im Nationalstadion hätte es ein echtes Erdbeben gegeben.“

​Gou trat vor und sah seinen Vater direkt an. Sein Blick wanderte zu dem Blade, das Kai gerade noch beiläufig in seine Hosentasche steckte. „Stimmt es, Vater? Habt ihr das neue System wirklich mit einem echten Match getestet? Dranzer gegen Pegasus?“

​Kai blieb stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, und ein trockenes, stolzes Grinsen zeichnete sich auf seinen Lippen ab. „Es gab keine andere Möglichkeit, die magnetische Dämpfung unter realen Bedingungen zu prüfen. Wir mussten sicherstellen, dass die Arena hält, wenn morgen zwei Bit-Beasts aufeinandertreffen.“

​Gou riss die Augen auf. Die Vorstellung, dass seine Eltern – der legendäre Zar und die Frau, die das gesamte System perfektioniert hatte – höchstpersönlich die Arena eingeweiht hatten, schien ihn elektrisiert zu haben. „Und? Wie war es? Wie fühlt sich der Boden an? Merkt man die Ableitung?“

​Nami trat lächelnd vor und legte ihrem Sohn eine Hand auf die Schulter. Ihr Haar glänzte noch immer von der statischen Aufladung des Kampfes. „Es ist unglaublich, Gou. Man spürt die Kraft von Pegasus, aber die Arena lässt dich nicht gegen eine Wand laufen. Sie schluckt die Schockwellen und gibt dir den Raum, dich voll auf deinen Gegner zu konzentrieren. Du wirst morgen Dinge tun können, die in einer normalen Arena unmöglich wären.“

​Makoto pfiff leise durch die Zähne. „Wahnsinn. Onkel Kai, du hast wirklich gegen Tante Nami gekämpft? Wer hat gewonnen?“

​Kai warf Nami einen kurzen, intensiven Seitenblick zu, in dem so viel Anerkennung und Besessenheit mitschwang, dass Makoto schmunzeln musste. „Es war ein Unentschieden durch Zeitablauf“, brummte Kai, „aber nur, weil wir den Test beenden mussten. Nami hat Techniken angewandt, die selbst mich überrascht haben.“

​Gou griff fest nach seinem Corvus. Die Nachricht vom Kampf seiner Eltern schien seinen eigenen Ehrgeiz nur noch weiter angestachelt zu haben. „Wenn ihr die Arena schon für mich aufgewärmt habt, dann werde ich sie morgen zum Glühen bringen“, sagte er mit einer Entschlossenheit, die exakt an den jungen Kai Hiwatari erinnerte.

​Hiro, der die Szene schweigend beobachtet hatte, trat zu seinem Enkel. „Das wirst du, Gou. Die Technologie ist bereit. Deine Eltern haben heute bewiesen, dass die Grenze nur noch in deinem Kopf existiert.“

​In diesem Moment brach das Eis der Ernsthaftigkeit. Die Zwillinge Ayumi und Ren stürmten herein, gefolgt von Sayuri, die lautstark forderte, dass „Mama und Papa jetzt endlich spielen müssen“. Claire Beaumont kommentierte trocken mit ihrem französischen Akzent: „Wenn der Herr und die Dame sich endlich wie normale Eltern und nicht wie Kriegsgötter benehmen könnten, wäre das Soufflé vielleicht noch zu retten.“

​Kai lachte leise und zog Nami wieder fest an seine Seite. Der Vorabend des Turniers war angebrochen, und im Ayame-Anwesen fühlte es sich zum ersten Mal so an, als ob alle Puzzleteile – die Firma, die Familie und der Sport – perfekt ineinandergriffen.
 

Wenig später herrschte im Schlafzimmer des Anwesens eine fast greifbare Ruhe. Nur das ferne Zirpen der Grillen und das gedämpfte Licht der Nachttischlampe drangen in den Raum. Kai lag auf dem Rücken, den Oberkörper nackt, die Decke nur bis zur Hüfte gezogen. Er genoss die Stille nach diesem ereignisreichen Tag, doch sein Blick war noch immer auf Nami gerichtet, die neben ihm lag.

​Er zog sie sanft an sich und küsste sie tief, ein langer, intensiver Kuss, der nach Sieg und Erleichterung schmeckte. Doch plötzlich, ohne jede Vorwarnung, entwand sich Nami seinem Griff. Mit einer fließenden, fast raubtierhaften Bewegung rollte sie sich über ihn und setzte sich spielerisch auf ihn drauf.

​Kai stieß einen kurzen, überraschten Laut aus, als er sich plötzlich unter ihr wiederfand. Er legte seine Hände auf ihre Oberschenkel und sah zu ihr auf, seine roten Augen leuchteten in der Dunkelheit vor Amüsement und Verlangen.

​Nami beugte sich ein Stück vor, ihr weißes Haar fiel ihr wie ein Vorhang über die Schultern und kitzelte seine Haut. Sie begann, mit dem Zeigefinger langsam und bedächtig seine nackte Brust entlangzufahren, wobei sie jede Kontur seiner antrainierten Muskeln nachzeichnete.

​„Sag mir die Wahrheit, Kai“, flüsterte sie, und ihre Stimme hatte diesen neckischen Unterton, den er so liebte. „Warum hast du dich heute in der Arena so sehr zurückgehalten?“

​Sie hielt ihren Finger genau über seinem Herzen an und sah ihm fest in die Augen. „Ich kenne dich. Ich kenne Dranzer. Und ich weiß ganz genau, dass du mittlerweile doppelt so stark bist wie das, was du mir heute geboten hast. Du hast mit mir gespielt, Zar.“

​Kai atmete tief ein, sein Brustkorb hob und senkte sich unter ihrem Finger. Ein dunkles, wissendes Grinsen stahl sich auf seine Züge. Er griff nach ihrem Handgelenk, hielt ihren Finger fest, zog ihre Hand jedoch nicht weg.

​„Zurückgehalten?“, wiederholte er heiser. Er hob den Kopf ein Stück vom Kissen ab, um ihr näher zu sein. „Ich wollte das Stadion nicht schon einen Tag vor dem Turnier in Schutt und Asche legen, Nami. Außerdem...“ Er machte eine Pause, und sein Blick wurde wieder besitzergreifend. „...hätte ich dich mit voller Kraft aus der Arena gefegt, hättest du heute Abend sicher nicht so gute Laune gehabt. Und ich hatte ganz andere Pläne für diesen Abend, als eine beleidigte Abteilungsleiterin zu trösten.“

​Nami lachte leise und neigte den Kopf. „Oh, wie rücksichtsvoll von dir. Der große Kai Hiwatari nimmt beim Bladen Rücksicht auf die Gefühle seiner Frau?“

​„Nur, wenn es meinen eigenen Zielen dient“, erwiderte er mit einem gefährlichen Glimmen in den Augen. Er ließ ihr Handgelenk los und legte stattdessen beide Hände fest in ihren Nacken, um sie zu sich herunterzuziehen. „Du hast heute bewiesen, dass du eine Expertin bist und in der Arena eine Kriegerin. Aber hier im Bett... hier brauche ich keinen Testlauf mehr. Hier kenne ich jede deiner Reaktionen in und auswendig.“

​Er zog sie ganz zu sich herab, bis ihre Lippen fast die seinen berührten. „Willst du jetzt sehen, wozu ich fähig bin, wenn ich mich nicht zurückhalte?“
 

​Er war der Mann, der Imperien führte und Arenen beherrschte – und so sehr er ihren Intellekt im Tower schätzte, so wenig duldete er es, im Schlafzimmer die Kontrolle zu verlieren. Mit einer kraftvollen, fast raubtierhaften Bewegung, gegen die Nami keinerlei Chance hatte, wandt er sich unter ihr. Bevor sie auch nur begreifen konnte, wie ihr geschah, hatte er ihre Position getauscht.

​Mit einer fließenden Drehung lag Nami wieder unter ihm, ihre Handgelenke von seinen starken Fingern sanft, aber unnachgiebig gegen das Kissen gedrückt. Kai stützte sich über sie, seine schiere körperliche Präsenz raubte ihr wie so oft, augenblicklich den Atem.

​„Ich mag es, wenn du mich herausforderst“, raunte er heiser, während er ihr tief in die Augen sah, „aber vergiss nie, wer hier die Führung übernimmt.“

​Er beugte sich tiefer, bis sein heißer Atem ihre Haut streifte. Nami erschauderte, als er seine Zunge langsam und quälend genüsslich über ihren Hals gleiten ließ, genau entlang der empfindlichen Linie, an der ihr Puls flach und schnell gegen ihre Haut schlug. Er kostete sie aus, als wäre sie der kostbarste Preis, den er je gewonnen hatte.

​„Du willst also wissen, wie viel Kraft ich wirklich habe?“, flüsterte er gegen ihr Ohr, während seine Zähne sacht an ihrem Ohrläppchen knabberten. Seine Stimme war nun nur noch ein tiefes Beben. „Ich werde es dir gerne zeigen. Aber nicht mit einem Beyblade. Ich werde dafür sorgen, dass du morgen früh beim Betreten des Stadions noch genau spürst, dass ich mich heute Nacht kein Stück zurückgehalten habe.“
 

​Nami schluchzte leise auf und bog ihren Rücken durch, während sie seinen Namen hauchte. Jedes Gefühl von Überlegenheit war in diesem Moment geschmolzen – ersetzt durch die brennende Leidenschaft eines Mannes, der sie mit jeder Faser seines Seins besaß. Kai löste den Griff um ihre Handgelenke, nur um seine Finger fest in ihr langes, weißes Haar zu vergraben und sie in einen Kuss zu ziehen, der alles andere als spielerisch war.
 

Der nächste Morgen im Ayame-Anwesen begann mit einer trügerischen Ruhe. Der Nebel hing noch tief über dem herrschaftlichen Garten, doch im Inneren herrschte bereits geschäftige Konzentration. Kai saß am Kopfende des langen Esstisches, die Ärmel seines schwarzen Hemdes hochgekrempelt, während er seinen ersten starken Espresso trank.

​Graham trat mit gewohnt lautlosen Schritten an den Tisch, ein silbernes Tablett in der Hand, auf dem nicht nur das Frühstück, sondern auch das Tablet mit den neuesten Presseschauen lag.

​„Guten Morgen, Sir. Madam“, begann Graham mit seinem unverkennbaren, trockenen britischen Akzent. „Ich hasse es, der Überbringer von Trivialitäten zu sein, aber es scheint, als hätten die Onlinemedien heute Nacht kaum geschlafen. Das mediale Interesse an der neuen Personalstruktur im Tower übersteigt sogar die Prognosen für das Turnier.“

​Er legte das Tablet vor Kai ab. Die Schlagzeile eines großen Wirtschaftsportals sprang ihnen sofort ins Auge: „Der Zar und seine neue Generalin: Nami Hiwatari übernimmt Schlüsselposition im Tachiwari Tower.“

​Graham erlaubte sich ein winziges, fast unsichtbares Lächeln. „Besonders ein Artikel in einem der Boulevardmagazine scheint die Gemüter zu erhitzen. Die Autorin stellt dort die rhetorische Frage: 'Wie kann ein Mann nur so offensichtlich von seiner eigenen Frau besessen sein?' – gefolgt von einer detaillierten Analyse Ihrer gestrigen... nun ja, sehr herzlichen Begrüßung in der Lobby.“

​Nami, die gerade an ihrem Tee nippte, verschluckte sich fast und spürte, wie die Röte in ihre Wangen stieg. Kai hingegen hielt die Tasse kurz vor seinen Lippen inne. Ein leises, zufriedenes Schmunzeln erweichte seine harten Züge, während er den Satz noch einmal las.

​„Besessenheit ist ein Wort für Leute, die keine Leidenschaft kennen, Graham“, brummte Kai trocken, während sein Blick kurz zu Nami glitt – ein Blick, der deutlich machte, dass der Artikel den Kern der Sache ziemlich genau getroffen hatte.

​In diesem Moment trat Gou in den Raum, seinen Corvus bereits fest in der Hand. Er trug sein neues Kampf-Outfit, und die Ähnlichkeit zu Kai war in diesem Licht fast schon wieder erschreckend. Die gleiche aufrechte Haltung, derselbe stechende Blick aus rötlichen Augen.

​„Gou, schau dir das an“, rief Makoto, der bereits mit seinem eigenen Handy am Tisch saß und sichtlich amüsiert war. „Die Presse nennt dich im Vorbericht zum heutigen Match den ‚Mini-Zaren‘. Sie sagen, du seist die perfekte Kopie deines Vaters, nur in einer... handlicheren Ausgabe.“

​Gou verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Er setzte sich an den Tisch und starrte wütend auf seine Cornflakes. „‚Mini-Zar‘?“, wiederholte er mit unterdrücktem Groll in der Stimme. „Das klingt wie eine Spielfigur aus einem Vergnügungspark. Ich kann es kaum erwarten, endlich in die Pubertät zu kommen und diesen Wachstumsschub zu kriegen. Wenn ich erst einmal so groß bin wie Vater, wird niemand mehr das Wort ‚Mini‘ in den Mund nehmen.“

​Kai sah seinen Sohn an, und ein seltener Ausdruck von väterlichem Stolz mischte sich in seinen Blick. „Größe misst man nicht nur in Zentimetern, Gou. Aber wenn es dich beruhigt: Ich war in deinem Alter genauso ungeduldig.“

​„Ich will einfach nur, dass sie meinen Namen sagen, weil ich gewinne“, murmelte Gou und strich über den dunklen Metallring seines Blades. „Nicht, weil ich wie dein kleiner Zwilling aussehe.“

​Nami strich ihrem Sohn sanft über das Haar, was er sich heute – ausnahmsweise – gefallen ließ. „Heute wirst du ihnen beweisen, wer Gou Hiwatari ist. Mini-Zar oder nicht, nach deinem ersten Match im neuen Stadion werden sie nur noch über dein Talent reden.“

​Graham räusperte sich diskret. „Der Wagen steht bereit, Sir. Die Massen vor dem Nationalstadion scheinen bereits jetzt unruhig zu werden. Wenn wir nicht bald aufbrechen, müssen wir uns den Weg vermutlich freikämpfen.“

Let it RIP!

Der dunkelgrüne Bentley glitt wie ein Raubtier durch die Absperrungen, während die Sicherheitskräfte alle Hände voll zu tun hatten, die kreischenden Fanmassen und das Blitzlichtgewitter der Presse zurückzuhalten. Als Kai zuerst ausstieg und Nami die Hand reichte, um ihr aus dem Wagen zu helfen, kochte die Menge förmlich über. Die Kameras hielten jeden Moment fest: Die Eleganz der neuen Abteilungsleiterin und die unnahbare Aura des Zaren.

​Direkt hinter dem VIP-Eingang, in der kühlen, weiten Empfangshalle des Stadions, wartete bereits eine vertraute Gruppe. Tyson Granger stand dort, die Arme verschränkt, neben ihm Hilary, die wie immer ein Auge auf den Zeitplan warf, und Kenny, der bereits wild auf seinem Laptop tippte, um die neuen Arena-Daten zu analysieren.

​Makoto und Gou liefen voraus, doch sie wurden jäh gestoppt, als Tyson sich mit einem theatralischen Seufzer vor seinen Sohn stellte.

​„Na, sieh mal an“, brummte Tyson und sah Makoto mit hochgezogenen Augenbrauen und einem leicht beleidigten Unterton an. „Da ist ja mein Sohn. Sag mal, Makoto... weißt du eigentlich, dass du auch ein eigenes Zuhause hast? Seit dem Qualifikationsturnier hängst du auffällig oft bei den Hiwataris rum. Ich fange schon an zu vergessen, wie dein Gesicht am Frühstückstisch aussieht!“

​Makoto grinste verlegen und kratzte sich am Hinterkopf. „Ach komm schon, Dad. Bei den Hiwataris ist das Training einfach... professioneller. Und Claire kocht fantastisch. Außerdem haben die ein riesiges Anwesen, da verläuft man sich nicht so schnell wie in unserem kleinen Dojo.“

​Tyson schnaubte und warf Kai einen giftigen Blick zu. „Professioneller, soso. Kai, was fütterst du meinem Jungen eigentlich, dass er sein eigenes Elternhaus vergisst? Wahrscheinlich indoktrinierst du ihn mit deiner düsteren Aura.“

​Kai blieb stehen, die Hände lässig in den Taschen, und sah Tyson mit einem arroganten, aber amüsierten Funkeln in den Augen an. „Er weiß eben Qualität zu schätzen, Tyson. Bei uns gibt es Disziplin und erstklassige Technologie. Dinge, die in deinem Haushalt wohl eher Mangelware sind.“

​„He!“, rief Tyson empört, während Hilary nur die Augen verdrehte.

​Nami trat vor und legte Tyson beruhigend eine Hand auf den Arm. „Keine Sorge, Tyson. Wir passen gut auf ihn auf. Er ist wie ein Teil der Familie geworden. Und Gou profitiert sehr von Makotos Energie.“

​Kenny unterbrach das Geplänkel, indem er sein Laptop-Display in die Runde drehte. „Leute, spart euch die Energie für die Arena! Die Sensoren im neuen Stadion spielen verrückt. Nami, diese magnetische Ableitung, die du installiert hast... die Werte sind jenseits von allem, was ich je berechnet habe. Die Menge da draußen spürt, dass heute etwas Historisches passiert.“

​Gou trat vor, sein Blick fest und entschlossen. Er sah kurz zu Makoto und dann zu den Erwachsenen. „Es ist mir egal, wer wo wohnt oder wer wen trainiert hat. Heute zählt nur, dass Corvus zeigt, was er kann.“

​Tyson seufzte, doch dann legte er seinem Sohn die Hand auf die Schulter. „Na gut, na gut.“
 

Das Stadion verdunkelte sich schlagartig, bis nur noch das sanfte blaue Licht der neuen Arena-Begrenzungen die Mitte der Halle säumte. Dann, unter dem ohrenbetäubenden Jubel von zehntausenden Zuschauern, begann die Eröffnungszeremonie. Scheinwerfer schnitten durch die Dunkelheit und beleuchteten nacheinander die Delegationen der verschiedenen Präfekturen Japans.

​Gou stand an der Spitze der Tokioter Delegation. Er atmete die kühle, statisch aufgeladene Luft ein und ließ seinen Blick über die Reihen der Gegner schweifen. Er analysierte sie instinktiv, so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: Haltung, Griff am Starter, die Intensität in den Augen. Da waren die Kraftpakete aus Hokkaido, die flinken Techniker aus Osaka und die geheimnisvollen Blader aus den Bergregionen.

​Inmitten des Trubels trat Mr. Dickenson ans Rednerpult. Trotz seines hohen Alters strahlte er eine ungebrochene Begeisterung für den Sport aus. „Willkommen zu einer neuen Ära des Beybladings!“, rief er, und seine Stimme hallte kraftvoll durch die Arena. „Heute testen wir nicht nur die Stärke der Blader, sondern auch die Grenzen der Technologie. Möge der Geist des Wettbewerbs uns alle leiten!“

​Während Mr. Dickenson über die Werte des Sports sprach, schweifte Gous Blick erneut über die anderen Teams – und blieb hängen.

​In der Delegation aus Kyoto stand eine junge Bladerin, die vollkommen aus dem Rahmen fiel. Sie war etwa in seinem Alter, trug ihr dunkles Haar in einem eleganten, hohen Zopf und hatte Augen, die selbst aus der Ferne eine ungewöhnliche Klarheit besaßen. Sie war zweifellos hübsch, doch es war nicht nur ihr Aussehen, das Gou faszinierte. Es war ihre Aura – eine Mischung aus ruhiger Gelassenheit und einer unterdrückten, fast elektrisierenden Energie, die er so noch nie bei jemandem gespürt hatte.
 

Das Stadion bebte unter den rhythmischen Rufen der Fans, während die lange Eröffnungszeremonie ihren Lauf nahm. Hoch oben in der luxuriösen VIP-Loge der Tachiwari-Corporation herrschte eine angespannte, aber erwartungsvolle Stimmung. Kai saß in der ersten Reihe, die Arme verschränkt, sein Blick unnachgiebig auf die Arena gerichtet. Nami saß direkt neben ihm, elegant und fokussiert, während Tyson, Hilary und Kenny die Plätze dahinter belegt hatten.

​Auch Makoto saß nun bei ihnen in der Loge. Er wirkte ein wenig geknickt, während er zusah, wie die qualifizierten Blader unten aufmarschierten. Er hatte die Qualifikation in einem denkbar knappen Match am Ende doch nicht bestanden – ein harter Schlag für den ehrgeizigen Jungen, der so gerne an der Seite seines besten Freundes gekämpft hätte. Tyson hatte versucht, ihn mit Witzen aufzuheitern, doch Makoto konzentrierte sich lieber darauf, Gou von hier oben aus die Daumen zu drücken.

​Plötzlich öffnete sich die schwere Tür der Loge mit einem gewohnt schwungvollen Stoß. Tala Valkov trat ein, wie immer in seinen markanten Mantel gehüllt, flankiert von Lumina, die trotz der Verspätung eine unerschütterliche Ruhe ausstrahlte.

​„Entschuldigt die Verspätung“, brummte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme und nickte Kai kurz zu. „Die Sicherheitskontrollen am Eingang sind dieses Jahr... besonders gründlich. Man könnte meinen, der Zar persönlich hätte sie entworfen.“

​„Habe ich auch“, entgegnete Kai trocken, ohne den Blick von der Arena abzuwenden, doch ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass er Talas Anwesenheit schätzte.

​Lumina setzte sich neben Nami und legte ihr kurz die Hand auf den Arm. „Es ist ein beeindruckendes Stadion, Nami. Die Energie hier drin ist fast greifbar.“

​Unten auf dem Feld stand Gou immer noch wie versteinert. Mr. Dickenson hielt gerade seine Rede über den Fortschritt und die Verbundenheit der Blader, doch Gous gesamte Aufmerksamkeit galt dem Mädchen aus Kyoto. Sie trug einen dunkelvioletten Kampfanzug, der ihre sportliche Figur betonte, und ihr dunkler Zopf schwang bei jeder ihrer ruhigen Bewegungen sanft mit.

​Gou verstand es einfach nicht. Er war darauf trainiert worden, Schwachstellen zu finden, Flugbahnen zu berechnen und die Psychologie seiner Gegner zu durchschauen. Doch bei ihr blieb sein Verstand leer. Sie war einfach nur... faszinierend. Ihre Haut wirkte im hellen Licht der Scheinwerfer fast porzellanartig, und die Art, wie sie ihren Blade fest in der Hand hielt, zeugte von einer Disziplin, die er sonst nur von seinem Vater kannte.

​„Schau dir Gou an“, flüsterte Tyson in der Loge zu Kai und deutete mit dem Daumen nach unten. „Der Kleine bewegt sich keinen Millimeter. Er starrt dieses Mädchen aus Kyoto an, als hätte sie sein Bit-Beast hypnotisiert.“

​Makoto lehnte sich über das Geländer. „Das ist Kaguya“, murmelte er, halb zu sich selbst, halb zu den anderen. „Man sagt, sie sei die beste Bladerin, die Kyoto seit Jahrzehnten hervorgebracht hat. In den Vorrunden hat sie ihre Gegner nicht einfach nur besiegt – sie hat sie förmlich deklassiert, ohne auch nur einmal die Beherrschung zu verlieren.“

​Nami beobachtete ihren Sohn durch ein schmales Opernglas und lächelte fein. „Er analysiert sie nicht, Makoto. Er bewundert sie. Das ist ein großer Unterschied.“

​Kai knurrte leise, doch sein Blick blieb auf Kaguya haften. „Bewunderung ist in der Arena ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Wenn er gegen sie antreten muss, wird er lernen müssen, diese Faszination in Fokus umzuwandeln.“

​Gou spürte in diesem Moment, wie Kaguya erneut in seine Richtung sah. Diesmal wandte sie den Blick nicht sofort ab. Sie hob leicht ihr Kinn, ein stummer Gruß oder vielleicht eine Herausforderung, die Gou das Blut in den Adern gefrieren und gleichzeitig kochen ließ. Er umklammerte seinen Corvus so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er wusste eines: Er musste gegen sie kämpfen. Er musste herausfinden, wer sie war.
 

Nachdem Mr. Dickenson seine Rede beendet hatte und die Delegationen unter tosendem Applaus in die Katakomben zurückgeführt wurden, herrschte in den Gängen ein gewaltiges Durcheinander. Blader, Trainer und Techniker drängten sich in Richtung der Vorbereitungsräume.

​Gou hatte sich ein wenig von der Gruppe abgesetzt. Er brauchte einen Moment Ruhe, um den Wirbelsturm in seinem Kopf zu ordnen. Er bog in einen ruhigeren Seitenarm des Stadions ein, der zu den Aufwärmzonen führte – und genau dort sah er sie.

​Sie stand an einem großen Fenster, das den Blick auf den inneren Trainingsbereich freigab, und betrachtete konzentriert ihren Blade. Er schimmerte in einem tiefen Amethyst-Ton.

​Gou blieb wie angewurzelt stehen. Sein Herz klopfte schneller als nach einem Zehn-Kilometer-Lauf. Er wollte eigentlich cool wirken, so wie sein Vater, doch als sie den Kopf drehte und ihn aus ihren klaren Augen ansah, brachte er nur ein krächzendes „Hallo“ heraus.

​„Hallo“, antwortete sie ruhig. Ihre Stimme klang weich, aber bestimmt. „Du bist Gou Hiwatari, richtig? Aus dem Team von Tokio.“

​Gou nickte hastig und trat ein paar Schritte näher, hielt aber respektvoll Abstand. „Ja. Und du bist Kaguya aus Kyoto. Makoto hat mir von dir erzählt. Er sagt, du seist... sehr stark.“

​Kaguya neigte den Kopf leicht zur Seite, wodurch ihr dunkler Zopf über ihre Schulter glitt. „Man redet viel, wenn der Tag lang ist. Ich versuche einfach nur, eine gute Verbindung zu meinem Bit-Beast zu halten.“ Sie hielt ihm ihren Blade hin. „Das ist Tsukuyomi.“

​Gou betrachtete das Gehäuse ehrfürchtig. Er sah die feinen Gravuren, die fast wie Mondkrater wirkten. „Er ist schön“, sagte er ehrlich. Dann hielt er ihr seinen Corvus entgegen. „Das ist meiner. Er ist auf Geschwindigkeit und Konter-Angriffe ausgelegt.“

​Die beiden Zehnjährigen standen für einen Moment schweigend da und betrachteten gegenseitig ihre Blades. Es war eine reine, kindliche Form der Anerkennung. Gou bemerkte, dass sie ein wenig kleiner war als er, und dass sie ein kleines Bandglücksbringer an ihrem Starter befestigt hatte.

​„Bist du nervös?“, fragte Kaguya plötzlich und sah ihn direkt an. „Wegen der neuen Arena? Es heißt, dein Vater und deine Mutter hätten sie gebaut.“

​Gou spürte einen kleinen Stich von Stolz. „Ein bisschen. Aber meine Mutter sagt, die Arena gibt uns mehr Freiheit. Ich will wissen, wie hoch Corvus darin fliegen kann.“

​Kaguya lächelte nun richtig, und Gou merkte, wie seine Anspannung ein wenig nachließ. Es war ein hübsches Lächeln, das ihre ganze Ausstrahlung veränderte. „Ich auch. Vielleicht sehen wir uns später in der Endrunde, Gou Hiwatari.“

​„Ganz sicher“, antwortete er mit einer plötzlichen Entschlossenheit, die ihn selbst überraschte. „Ich werde nicht verlieren, bevor ich gegen dich gekämpft habe.“

​Kaguya kicherte leise über seinen Ernst. „Das ist ein Versprechen. Bis dann!“ Sie winkte ihm kurz zu und verschwand mit leichtfüßigen Schritten um die Ecke zu ihrem Team.

​Gou starrte ihr noch einen Moment hinterher, bevor er tief durchatmete. Was er nicht wusste: In der Loge oben hatten Kai und Nami die Szene auf einem der Sicherheitsmonitore genau beobachtet.

​Nami lächelte gerührt und lehnte ihren Kopf an Kais Schulter. „Siehst du? Ganz unschuldig. Er hat ihr sogar seinen Blade gezeigt.“

​Kai brummte tief in seiner Brust, doch sein Blick war weicher geworden. Er erinnerte sich nur zu gut an das erste Mal, als er Nami wirklich wahrgenommen hatte. „Er hat Geschmack“, gab er schließlich knapp zu. „Aber ich hoffe, er erinnert sich daran, dass er diesen Blade morgen auch gegen sie benutzen muss.“
 

Das Stadion erbebte, als der Ansager Gous Namen durch die Lautsprecher brüllte. „Und hier ist er, der Lokalmatador aus Tokio! Gou Hiwatari!“

​Der Lärm war ohrenbetäubend. Gou trat aus dem Tunnel in das strahlende Licht der Arena. Er spürte die tausenden Blicke auf sich, doch sein Fokus war messerscharf. Er warf einen kurzen Blick zur Ehrenloge, wo er Kai und Nami sitzen sah – sein Vater mit dem gewohnt unnahbaren Blick, seine Mutter mit einem ermutigenden Lächeln. Und irgendwo dort unten, in der Wartezone der Kämpfer, wusste er, dass Kaguya zusah.

​Sein Gegner war das genaue Gegenteil von ihm: Daiki aus Nagoya, ein bulliger Junge, zwei Köpfe größer als Gou, mit einem massiven Blade namens Iron Tusk.

„Hör zu, Kleiner!“, rief Daiki und ließ seine Muskeln spielen. „Mir ist egal, wer dein Vater ist. In dieser Arena zählt nur rohe Gewalt. Mein Iron Tusk wird deinen kleinen Vogel einfach zerquetschen!“

​Gou antwortete nicht. Er nahm seine Position am Rand der gläsernen Arena ein. Er spürte die statische Aufladung in der Luft – das Werk seiner Mutter. Das System unter seinen Füßen summte leise, bereit, die gewaltigen Energien aufzunehmen.

​„Drei... zwei... eins... Let it Rip!“

​Beide Blades schossen mit einer Geschwindigkeit in die Mitte, die für die Größe dieser Kreisel abnormal war. Als sie kollidierten, gab es keinen gewöhnlichen metallischen Schlag. Dank der neuen magnetischen Ableitung klang der Aufprall wie ein Donnerhall. Ein blauer Blitz zuckte über den Boden der Arena.

​Daiki ging sofort in die Offensive. „Iron Tusk! Stampede!“

Der schwere Blade raste wie ein wütender Bulle auf Corvus zu. Normalerweise hätte dieser Aufprall die Arena erschüttert und beide Blades unkontrolliert weggeschleudert. Doch Gou spürte, wie das System reagierte. Die Arena „atmete“ mit dem Kampf.

​„Jetzt, Corvus!“, befahl Gou ruhig. „Nutze die Resonanz!“

​Anstatt dem Angriff auszuweichen, nutzte Corvus die magnetischen Wellen des Bodens. Der schwarze Blade vollführte einen perfekten Sprung, direkt über Iron Tusk hinweg, und beschleunigte in der Luft durch die magnetische Abstoßung der Arena-Ränder.

​„Was zum...?!“, stammelte Daiki, als er sah, wie Corvus mit dreifacher Geschwindigkeit von oben herabstürzte.

​Gou streckte den Arm aus, seine Augen leuchteten in einem tiefen Rot, das fast identisch mit dem seines Vaters war. „Corvus! Black Wing Strike!“

​Ein gewaltiger Schatten schien sich über die Arena zu legen, als das Bit-Beast kurzzeitig Form annahm. Der Aufprall war so heftig, dass die Sicherheitsbarrieren hell aufleuchteten, während sie die überschüssige Energie direkt in die Erdetanks ableiteten. Es gab keine Trümmer, keine Gefahr für die Zuschauer – nur pure, kontrollierte Zerstörungskraft.

​Iron Tusk wurde mit einer solchen Wucht gegen den Rand geschleudert, dass er in hohem Bogen aus der Arena flog und direkt vor Daikis Füßen landete, wo er zitternd liegen blieb.

​Stille herrschte im Stadion, bevor die Menge in frenetischen Jubel ausbrach. Gou stand unbeweglich da, den Arm noch immer ausgestreckt. Er atmete ruhig. Er hatte nicht nur gewonnen; er hatte bewiesen, dass er die Vision seiner Eltern perfekt umsetzen konnte.

​In der Loge sah Kai auf die Datenmonitore. „Die Ableitungsrate lag bei 99 %“, murmelte er, sichtlich beeindruckt. Er sah zu Nami und drückte kurz ihre Hand unter dem Tisch. „Dein System funktioniert besser, als wir gehofft hatten. Und er... er beherrscht es bereits.“

​Nami strahlte vor Stolz, doch ihr Blick wanderte zu Kaguya, die unten am Spielfeldrand stand. Das Mädchen aus Kyoto klatschte nicht. Sie starrte Gou einfach nur an, ihr Blick war ernst und voller neuer Anerkennung.

​Gou holte seinen Corvus zurück und verließ die Arena. Als er an Kaguya vorbeiging, nickte er ihr kurz zu – kein protziges Gehabe, nur ein stilles Versprechen, dass er auf sie warten würde.

In den Katakomben des Stadions wurde Gou fast von der schieren Energie empfangen, die dort herrschte. Kaum hatte er die schweren Sicherheitstüren hinter sich gelassen, stürmte Makoto auf ihn zu und verpasste ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter.

​„Das war unglaublich, Gou!“, rief Makoto begeistert, seine Augen leuchteten. „Wie du die magnetische Abstoßung für diesen Sturzflug genutzt hast... das war absolute Weltklasse! Daiki wusste gar nicht, wie ihm geschah!“

​Tyson, Hilary, Kenny, Tala und Lumina stießen kurz darauf zur Gruppe. Tyson trug ein breites, fast schon provokantes Grinsen im Gesicht und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

​„Na toll“, stöhnte Tyson theatralisch, während er zu den anderen sah. „Da haben wir es. Die Hiwatari-Dominanz schlägt wieder zu. Zuerst baut die Mutter das unzerstörbare Stadion, dann fegt der Sohn die Konkurrenz in Rekordzeit weg, und der Vater sitzt oben auf seinem Thron und sieht so aus, als hätte er das alles schon vor zehn Jahren vorausgesehen. Habt ihr Hiwataris eigentlich auch Hobbys, die nichts mit Weltherrschaft zu tun haben?“

​Lumina lachte leise und schüttelte den Kopf. „Tyson, du weißt doch, dass Perfektion bei ihnen zum Frühstück serviert wird.“

​Tala hingegen blieb gewohnt sachlich, auch wenn ein seltener Funke von Anerkennung in seinen kühlen Augen blitzte. Er trat an Gou heran und betrachtete den schwarzen Blade in dessen Hand. „Die Energieableitung war präzise, Gou. Du hast die Arena nicht gegen dich arbeiten lassen, sondern als Teil deines Blades begriffen. Das ist ein taktisches Verständnis, das viele erst mit zwanzig Jahren erreichen.“

​Gou atmete tief durch und versuchte, seine Aufregung zu verbergen. „Danke, Tala. Aber es war erst die Vorrunde. Die richtigen Kämpfe kommen noch.“

​„Er hat recht“, warf Kenny ein, während er nervös auf seinem Laptop herumtippte. „Die Daten von Kaguya aus Kyoto sind gerade reingekommen. Sie hat ihren ersten Kampf ebenfalls in unter dreißig Sekunden beendet. Und Gou... ihre Synchronisationsrate mit Tsukuyomi ist fast identisch mit deiner.“

​Bei der Erwähnung von Kaguyas Namen wurde Gou schlagartig still. Er sah kurz zum Ende des Ganges, wo die Delegation aus Kyoto ihr Quartier bezogen hatte. Das unschuldige Gespräch von vorhin hallte in seinem Kopf nach, doch der Anblick ihres kraftvollen Kampfes auf den Monitoren hatte ihm gezeigt, dass sie eine ernsthafte Bedrohung für seinen Turniersieg war.

​„Hört auf, den Jungen jetzt schon mit Statistiken zu füttern“, unterbrach Hilary Kenny energisch. „Er hat gerade einen großartigen Sieg errungen. Lass uns kurz durchatmen, bevor der nächste Block beginnt.“

​Kai und Nami traten nun ebenfalls in den Gang. Die Menge der Techniker und Assistenten teilte sich respektvoll, als das Paar auf die Gruppe zuging. Kai blieb vor seinem Sohn stehen. Er sagte nichts, doch er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter und drückte sie kurz – eine Geste, die für Kai mehr bedeutete als tausend lobende Worte.

​Nami beugte sich vor und küsste Gou auf die Stirn. „Du warst wunderbar, Schatz. Das System hat genau so reagiert, wie ich es mir erträumt habe, weil du es richtig geführt hast.“

​Gou blickte zu seinen Eltern hoch, dann zu Makoto und seinen Freunden. Er fühlte sich bereit. Doch tief im Inneren wusste er, dass der wahre Test erst kommen würde, wenn er dem Mädchen mit den Amethyst-Augen gegenüberstand.
 

Gou marschierte durch die weiteren Vorrunden und das Viertelfinale wie ein Schatten, der keine Gnade kannte. Sein Weg zum Halbfinale war eine Machtdemonstration, die das Publikum in Atem hielt.
 

• ​Achtelfinale: Gou traf auf einen Spezialisten für Verteidigung aus Fukuoka. Sein Gegner versuchte, Corvus mit einer massiven Barriere zu zermürben. Doch Gou nutzte die neue Arena-Technik seiner Mutter: Er ließ Corvus in einer extrem flachen Bahn rotieren, um die magnetische Reibung zu minimieren, und durchbrach die Verteidigung mit einem gezielten vertikalen Schlag von oben. Sieg in 45 Sekunden.

• ​Viertelfinale: Hier wartete ein Blader, der auf Schnelligkeit setzte. Die Arena glich einem Hagelsturm aus Funken. Gou bewies hier die Ruhe seines Vaters: Er wartete geduldig ab, bis sein Gegner die Kontrolle über die hohe Fliehkraft verlor, und konterte mit einer einzigen, präzisen Kollision, die den gegnerischen Blade direkt in die Fangnetze beförderte.
 

Während Gou seine Kämpfe bestritt, beobachtete er aus den Augenwinkeln immer wieder die Bildschirme. Kaguya war ebenso unaufhaltsam. Ihr Stil war anders – fließend, fast ästhetisch, aber von einer unheimlichen Effizienz. Während Gou die Arena mit roher Energie und Präzision beherrschte, schien Kaguya mit der Arena zu tanzen.
 

Als das Licht im Stadion für das erste Halbfinale gedimmt wurde, herrschte eine fast andächtige Stille. Gou und Kaguya traten gleichzeitig aus ihren Tunneln. In der Loge der Tachiwari-Corporation beugte sich Kai unbewusst ein Stück vor, seine roten Augen fest auf das Mädchen aus Kyoto gerichtet. Er spürte, dass dies der Moment war, in dem Gou zum ersten Mal wirklich an seine Grenzen gehen musste.

​Gou und Kaguya standen sich an der Arena gegenüber. Die unschuldige Schüchternheit aus den Katakomben war verschwunden; jetzt waren sie zwei Krieger.

​„Ich habe mein Versprechen gehalten, Gou“, sagte Kaguya leise, während sie ihren Starter vorbereitete. Ihr dunkler Zopf schwang leicht, als sie sich in Position brachte. „Ich habe gewartet, bis wir beide hier stehen.“

​Gou nickte ernst. Er fühlte das Adrenalin, aber auch diesen seltsamen Respekt. „Ich auch. Aber ich werde nicht zulassen, dass Tsukuyomi meinen Weg beendet. Ich muss gewinnen – für meine Familie und für dieses System.“

​Kaguya lächelte schmal, fast ein wenig traurig. „Das System deiner Mutter ist perfekt, Gou. Aber es ist nur so stark wie der Wille, der es nutzt. Zeig mir deinen Willen.“

​„Drei... zwei... eins... Let it Rip!“

​Zwei gewaltige Lichtsäulen – eine pechschwarz mit purpurnen Rändern, die andere silbern wie das Licht des Mondes – schossen in die Arena. Als sie in der Mitte aufeinanderprallten, gab es keine Explosion. Stattdessen schien das Licht für einen Moment stillzustehen, bevor eine Schockwelle durch das gesamte Stadion raste. Die magnetische Ableitung leuchtete violett auf, als sie die enorme Last der beiden Bit-Beasts verarbeitete.

​Tsukuyomi bewegte sich in eleganten Kreisen, die so perfekt waren, dass sie fast hypnotisch wirkten. Corvus stieß immer wieder herab, doch Kaguya schien seine Flugbahnen vorauszuahnen. Es war kein bloßer Kampf; es war ein taktisches Schachspiel bei Höchstgeschwindigkeit.

​In der Loge hielt Nami den Atem an. „Sie nutzt die magnetischen Felder, um Tsukuyomi fast schwerelos zu machen“, flüsterte sie bewundernd. „Kai, sie spielt mit der Arena, als hätte sie sie selbst entworfen.“
 

In der Arena erreichte die Spannung ihren Siedepunkt. Die Luft knisterte so stark vor elektrostatischer Entladung, dass Gous dunkles Haar leicht zu Berge stand. Er spürte, dass Kaguya den Rhythmus kontrollierte. Jeder Schlag von Corvus wurde von Tsukuyomi mit einer fließenden Bewegung abgeleitet, als würde er gegen Wasser kämpfen.

​Kaguya schloss für einen Moment die Augen, vollkommen eins mit ihrem Blade. „Es tut mir leid, Gou“, flüsterte sie so leise, dass nur er es hören konnte. „Aber ich kann hier nicht stehen bleiben. Tsukuyomi! Phasen-Schatten!“

​Plötzlich geschah etwas Unglaubliches. Tsukuyomi schien sich in der Arena zu vervielfältigen. Durch die extrem hohe Rotationsgeschwindigkeit und die Brechung des Lichts in der magnetisch aufgeladenen Luft sah es so aus, als würden plötzlich fünf silberne Blades gleichzeitig auf Corvus kreisen.

​Gou wirbelte herum, versuchte das Original zu fixieren, doch jeder Angriff ging ins Leere. Tsukuyomi nutzte die magnetischen Abstoßungsfelder der Arena, um in unvorhersehbaren Zick-Zack-Mustern zu springen. Einer der „Schatten“ traf Corvus hart an der Seite, dann der nächste. Gou wurde in die Defensive gedrängt, sein Blade taumelte gefährlich nahe am Rand der Arena.

​In der Loge sprang Tyson auf. „Was zum Geier ist das? Erwischt er sie überhaupt?“

Kenny hämmerte auf seine Tasten. „Sie nutzt die Interferenz der Ableitungsmodule! Sie erzeugt ein visuelles und magnetisches Echo. Gou kämpft gegen Gespenster!“

​Gou spürte, wie Panik in ihm aufsteigen wollte, doch dann hörte er im Geiste die tiefe, ruhige Stimme seines Vaters: „Wenn du den Gegner nicht siehst, vertrau nicht deinen Augen. Vertrau der Arena.“

​Gou schloss ebenfalls die Augen. Er konzentrierte sich nicht auf die silbernen Blitze, sondern auf die Vibrationen unter seinen Füßen. Die Arena, die seine Mutter gebaut hatte, war wie ein Nervensystem. Er spürte den Druckpunkt, wo der echte Blade den Boden berührte.

​„Du denkst, du kannst die Felder gegen mich verwenden?“, rief Gou aus, und seine Aura explodierte in einem dunklen Violett. „Diese Arena gehört meiner Familie! Corvus! Magnetischer Kollaps!“

​Gou ging ein enormes Risiko ein. Er befahl Corvus, seine eigene Rotation schlagartig zu verlangsamen und die gesamte Energie in das magnetische Feld des Blades zu leiten. Es war eine Technik, die den Blade zerstören könnte, wenn die Ableitung versagte.

​Ein gewaltiger Impuls ging von Corvus aus. Für einen Sekundenbruchteil kehrte sich die Polarität der Arena direkt unter den Blades um. Die „Schatten“ von Tsukuyomi lösten sich sofort auf, da die Lichtbrechung gestört wurde. Der echte silberne Blade wurde durch die plötzliche magnetische Anziehung direkt auf Corvus zugesogen – genau so, wie Gou es geplant hatte.

​„JETZT!“, brüllte Gou.

​Corvus beschleunigte aus dem Stand mit der gesamten gespeicherten Energie des Impulses. Die beiden Blades krachten im Zentrum der Arena aufeinander. Ein blendendes weißes Licht erfüllte das Stadion, und die Sicherheitsbarrieren leuchteten in einem warnenden Dunkelrot auf, während sie die gewaltige Schockwelle schluckten.

​Als sich der Staub legte, herrschte Totenstille.

​In der Mitte der Arena drehten sich beide Blades noch. Doch Tsukuyomi hatte einen tiefen Kratzer im Gehäuse und eierte leicht, während Corvus, schwarz und unerbittlich, das Zentrum besetzt hielt.

​Kaguya keuchte, eine Strähne ihres dunklen Haares hatte sich gelöst. Sie sah Gou fassungslos an. Er hatte ihren „unmöglichen“ Tanz nicht nur gestoppt, er hatte die Architektur der Arena selbst als Waffe gegen sie benutzt.

​Oben in der Loge atmete Nami hörbar aus und lehnte sich zitternd zurück. Kai hingegen ließ die verschränkten Arme sinken. Ein schmales, triumphierendes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Er hat das System nicht nur genutzt“, murmelte er stolz. „Er hat es beherrscht.“
 

Kaguya starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Mitte des Spielfelds. Ihr Blade begann nun heftig zu taumeln. Die Spitze kratzte funkenschlagend über den Boden der Arena, ein trockenes, sterbendes Geräusch, das den „Tanz des Mondes“ endgültig beendete. Noch einmal versuchte das Bit-Beast, sich aufzubäumen, doch die Kraft war aufgezehrt. Mit einem letzten, schwachen Kreisel kippte Tsukuyomi zur Seite und blieb exakt drei Zentimeter vor Corvus’ rotierender Schattenaura liegen.

​Der Schiedsrichter hob den Arm: „Aus für Tsukuyomi! Sieger durch Überleben: Gou Hiwatari!“

​Das Stadion explodierte in Jubel, doch für einen Moment existierten nur diese beiden Zehnjährigen in der Stille ihres eigenen Fokus. Kaguya stand völlig reglos da. Ihre Hand, die eben noch fest den Starter umschlossen hatte, sank langsam an ihre Seite.

​Sie wirkte nicht wütend oder am Boden zerstört. Vielmehr lag ein Ausdruck tiefer Erschütterung in ihrem Gesicht – die Erkenntnis, dass jemand ihr Innerstes, ihren Kampfstil, in Sekundenbruchteilen durchschaut und mit purer Entschlossenheit gekontert hatte.

​Gou holte seinen Corvus zurück, der noch immer kraftvoll rotierte, und steckte ihn in seine Tasche. Er atmete schwer, sein Gesicht war schweißüberströmt. Er trat auf die Kante der Arena zu und blickte hinunter zu Kaguya.

​Sie hob ihren Blade auf und strich fast zärtlich über den tiefen Kratzer im Amethyst-Gehäuse. Dann sah sie zu Gou auf. Ihre Augen glänzten leicht, doch sie lächelte – ein echtes, ehrliches Lächeln, das die Rivalität in diesem Moment vollkommen auflöste.

​„Du hast die Welt um uns herum einfach ausgeschaltet, nicht wahr?“, fragte sie leise, während sie zu ihm an den Rand der Plattform trat. „Niemand hat Tsukuyomi jemals so... gezwungen, stehen zu bleiben. Du bist wirklich kein ‚Mini-Zar‘, Gou. Du bist einfach nur du selbst.“

​Gou spürte, wie seine Wangen erneut heiß wurden, doch diesmal wich er ihrem Blick nicht aus. „Es war der härteste Kampf, den ich je hatte, Kaguya. Ohne das System meiner Mutter... hätte ich deinen Schatten nicht fangen können.“
 

​In der Loge oben beobachtete Nami die Szene mit feuchten Augen. „Siehst du das, Kai? Wie respektvoll sie miteinander umgehen? Das ist es, was diesen Sport ausmacht.“

​Kai nickte langsam. Er sah, wie Kaguya Gou die Hand hinhielt und wie sein Sohn sie ohne Zögern ergriff. Es war ein Bild, das die Presse am nächsten Tag als „Die Geburt einer neuen Ära“ betiteln würde. „Er hat nicht nur gewonnen“, stellte Kai fest, seine Stimme tief und fest. „Er hat sich eine ebenbürtige Rivalin gesucht. Das wird ihn weiter bringen als jeder Sieg gegen einen schwächeren Gegner.“

​Kaguya trat einen Schritt näher zu Gou und flüsterte: „Gewinn jetzt auch das Finale. Wenn ich schon verliere, dann nur gegen den Champion.“

​Sie zwinkerte ihm kurz zu, drehte sich um und verließ die Arena mit derselben Eleganz, mit der sie sie betreten hatte. Gou stand da und sah ihr hinterher, während er zum ersten Mal begriff, dass Siege süß waren – aber die Anerkennung von jemandem wie Kaguya sich noch viel besser anfühlte.
 

In den Katakomben des Stadions war der Trubel des Halbfinales bereits in weite Ferne gerückt. Gou saß auf einer Holzbank in einem der privaten Vorbereitungsräume der Tachiwari-Corporation. Er hielt Corvus in den Händen und starrte auf den dunklen Metallring, während er versuchte, sein Herzklopfen zu beruhigen. Der Kampf gegen Kaguya hatte ihn physisch und mental mehr gekostet, als er sich eingestehen wollte.

​Plötzlich öffnete sich die Tür. Kai trat ein. Er trug keine Jacke mehr, die Ärmel seines Hemdes waren immer noch hochgekrempelt, und die kühle, autoritäre Aura, die er in der Loge ausgestrahlt hatte, war einer konzentrierten Ruhe gewichen.

​Er sagte zunächst nichts. Er ging zum Tisch, nahm ein Mikrofasertuch und begann, fast beiläufig, Gous Starter zu reinigen.

​„Du hast gut gekämpft“, begann Kai, ohne den Blick zu heben. Seine Stimme war tief und fest. „Du hast die Arena verstanden. Du hast begriffen, dass sie kein Hindernis ist, sondern eine Erweiterung deines Willens. Das hätte selbst ich in deinem Alter nicht besser gemacht.“

​Gou sah überrascht zu seinem Vater auf. Ein Lob von Kai Hiwatari war seltener als ein blauer Mond. „Aber ich war fast am Ende, Vater. Wenn der magnetische Kollaps nicht funktioniert hätte...“

​„Hätte, wäre, wenn“, unterbrach Kai ihn scharf, aber nicht unfreundlich. Er legte den Starter beiseite und trat direkt vor seinen Sohn. Er legte seine großen Hände auf Gous Schultern und zwang ihn, ihm direkt in die roten Augen zu sehen. „Du hast das Risiko gewogen und dich entschieden. Das ist es, was einen Champion von einem einfachen Blader unterscheidet.“

​Kai beugte sich ein Stück vor, sein Blick wurde intensiver. „Hör mir jetzt gut zu, Gou. Das Finale wird anders. Dein Gegner hat gesehen, was du gegen Kaguya getan hast. Er wird versuchen, dich in eine Falle zu locken, indem er dich dazu bringt, deine Energie zu früh zu verschwenden. Er wird darauf warten, dass du wieder versuchst, die Arena zu manipulieren.“

​Kai griff in seine Tasche und holte Dranzer hervor, hielt ihn zwischen sich und Gou. „Verlass dich nicht nur auf die Technik deiner Mutter. Die Arena gibt dir die Freiheit, aber der Sieg kommt aus deinem Inneren. Wenn du da draußen stehst, vergiss die Sensoren, vergiss die Ableitung, vergiss sogar mich.“

​Er drückte Gous Schultern fest. „Im Finale kämpfst du nicht gegen einen Blader. Du kämpfst gegen die Grenze, die du dir selbst gesetzt hast. Wenn du Corvus abschickst, dann tu es so, als gäbe es kein Morgen. Sei nicht der 'Sohn vom Zaren'. Sei der Mann, der die Arena zum Brennen bringt, weil er es will, nicht weil er es muss.“

​Gou spürte, wie eine neue Welle von Kraft durch seinen Körper schoss. Die Zweifel, die Kaguya in ihm gesät hatte – die Angst vor dem Versagen – verflogen.

​„Ich verstehe, Vater“, sagte Gou mit einer Stimme, die plötzlich viel älter klang.

​Die Tür öffnete sich erneut und Nami trat herein. Sie sah die beiden an – die fast identischen Profile, die geteilte Entschlossenheit. Sie trat zu ihnen und legte ihre Hände auf ihre Rücken.

​„Es ist Zeit“, sagte sie sanft. „Die ganze Welt wartet auf den Champion der neuen Ära.“

​Kai nickte Gou ein letztes Mal zu. „Geh raus und nimm dir, was dir gehört.“
 

Das Finale war kein gewöhnlicher Kampf mehr. Es war eine Inszenierung aus Licht, Schall und purer Willenskraft. Gous Gegner, ein Junge namens Leon aus der Präfektur Kanagawa, war bekannt für seinen unberechenbaren Stil. Sein Blade, Cerberus, war mit einer speziellen Gummibeschichtung ausgestattet, die darauf ausgelegt war, die Energie des Gegners bei jedem Aufprall zu absorbieren, anstatt sie abzuprallen.

​Als Gou die Arena betrat, suchten seine Augen instinktiv einen bestimmten Punkt auf der Tribüne. Dort saß Kaguya. Sie hatte die Arme verschränkt, ihr Blick war fest auf ihn gerichtet. Sie klatschte nicht, sie jubelte nicht – sie wartete.
 

Das Licht im Nationalstadion wurde auf ein Minimum reduziert, bis nur noch die Arena selbst in einem pulsierenden, kühlen Blau leuchtete. Leon stand Gou gegenüber. Er wirkte entspannt, fast schon gelangweilt, während er seinen massiven Cerberus in der Hand wog. „Du hast Kaguya besiegt, weil sie mit dir getanzt hat, Hiwatari“, rief Leon und grinste hämisch. „Aber mein Cerberus tanzt nicht. Er frisst.“

​Gou antwortete nicht. Er fühlte das Gewicht seines Corvus. Er spürte die Augen seines Vaters im Nacken, die wie zwei glühende Kohlen auf ihm lasteten. Er wusste, dass Kai nicht nur einen Sieg erwartete, sondern eine Antwort auf die Frage, wer Gou Hiwatari wirklich war.

​„Drei... zwei... eins... Let it Rip!“

​Der Abschuss war so gewaltig, dass der Boden der Plattform unter Gous Füßen vibrierte. Corvus schoss als schwarzer Strahl in die Arena, während Cerberus wie eine unaufhaltsame Lawine in die Mitte walzte.

​In den ersten Minuten des Kampfes geschah etwas Frustrierendes. Jedes Mal, wenn Gou einen Angriff startete, schien Cerberus den Schlag einfach zu „schlucken“. Die Gummibeschichtung des gegnerischen Blades dämpfte den Aufprall so perfekt, dass Corvus’ Energie verpuffte, während Cerberus durch die Reibung sogar noch an Stabilität gewann.

​„Schau dir das an, Kai“, murmelte Tyson in der Loge und lehnte sich besorgt vor. „Leon nutzt die Energieableitung des Stadions gegen Gou. Er lässt die Arena die Wucht der Schläge schlucken, damit sein Blade nicht weggestoßen wird. Er parkt ihn förmlich im Zentrum!“

​Kai schwieg, doch seine Kiefermuskeln arbeiteten. Er sah, wie sein Sohn unruhig wurde. Gou begann, die magnetischen Felder der Arena impulsartig zu aktivieren, um Cerberus wegzustoßen, doch Leon konterte sofort. Er hielt seinen Blade in einem Winkel, der die magnetische Anziehung nutzte, um sich noch fester am Boden zu „festzusaugen“.

​Gou war in der Defensive. Corvus’ Rotation begann zu flackern. Die Zuschauer hielten den Atem an. War das das Ende der Hiwatari-Siegesserie?

​Gou schloss die Augen. Der Lärm des Stadions verschwamm zu einem fernen Rauschen. Er erinnerte sich an das Gespräch im Schlafzimmer seiner Eltern, das er gestern Abend zufällig mitgehört hatte – wie seine Mutter über die „Seele der Maschine“ gesprochen hatte. Und er erinnerte sich an Kais Worte: „Sei der Mann, der die Arena zum Brennen bringt.“

​Plötzlich riss Gou die Augen auf. Sie leuchteten nicht mehr nur rot – sie schienen zu brennen.

​„Wenn du die Arena als Anker benutzt, Leon... dann werde ich den Boden unter deinen Füßen schmelzen!“, brüllte Gou.

​Anstatt wegzuspringen, steuerte Gou Corvus direkt in das magnetische Zentrum der Arena, genau dorthin, wo Cerberus lauerte. Er aktivierte die maximale Ableitungsrate, aber nicht um Energie abzuführen, sondern um einen Resonanz-Kurzschluss zu provozieren.

​Die Arena begann zu heulen. Ein greller, violetter Lichtbogen spannte sich zwischen den Blades. Nami sprang in der Loge auf.

„Gou, nein! Die Spulen werden überhitzen!“

​Doch Gou hörte sie nicht. Er forcierte die Rotation von Corvus so sehr, dass die Luft um den Blade anfing zu flimmern. Durch die extreme Reibung und die magnetische Überlastung entstand eine Hitzeaura. Die Gummibeschichtung von Cerberus, sein größter Vorteil, wurde plötzlich zu seinem Schicksal: Der Gummi wurde weich, fing an zu kleben und bremste Leon schlagartig aus.

​„Jetzt, Corvus! Zeig ihnen, dass ein Schatten auch verbrennen kann! Black Inferno Wing!“

​Ein gewaltiger schwarzer Schatten, umhüllt von purpurnen Flammen, stieg aus der Arena empor. Es war das Bit-Beast in seiner reinsten, wildesten Form. Mit einem ohrenbetäubenden Knall prallte Corvus gegen den nun trägen Cerberus.

​Die magnetischen Barrieren der Arena leuchteten in einem blendenden Weiß auf, als sie versuchten, die gigantische Entladung zu bändigen. Die Zuschauer in den ersten Reihen spürten einen heißen Windstoß. Es gab eine Explosion aus Licht und Funken, die das gesamte Stadion für Sekundenbruchteile in gleißendes Hell tauchte.

​Als sich das Licht legte, stand Gou keuchend an der Kante der Arena. Seine Kleidung war zerzaust, sein Gesicht rußgeschwärzt.

​In der Mitte der Arena lag Cerberus – oder das, was davon übrig war. Der Blade war in vier Teile zerbrochen, die Gummibeschichtung war geschmolzen und rauchte leise.

​Corvus hingegen drehte sich noch immer. Langsam, fast majestätisch, zog er seine letzten Kreise im Zentrum der Arena, die nun tiefe Brandspuren aufwies. Er hielt die Stellung, bis er schließlich mit einem leisen metallischen Klicken zur Seite kippte.

​Stille. Absolute, fassungslose Stille.

​Dann erhob sich ein Sturm aus Jubel, wie ihn Japan seit der Ära der BBA-Weltmeisterschaften nicht mehr erlebt hatte. Gou Hiwatari hatte nicht nur gewonnen; er hatte die Grenzen dessen, was ein zehnjähriger Blader leisten konnte, gesprengt.

​In der Loge ließ Kai die Arme sinken. Er sah zu Nami, die vor Erleichterung zitterte, und dann hinunter zu seinem Sohn. Ein tiefes, ehrliches Lächeln – ein seltenes Geschenk – breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hob die Faust und grüßte seinen Sohn schweigend.

​Gou sah hoch, sah seinen Vater, seine Mutter und dann Kaguya, die mit tränenfeuchten Augen auf der Tribüne stand und ihm zunickte. Er hatte es geschafft. Er war der Champion.
 

Das Stadion war in ein Meer aus Blitzlichtern und wehenden Fahnen getaucht. Während die Aufräumtrupps die rauchenden Überreste der Arena sicherten, wurde im Zentrum eine massive, kreisförmige Plattform aus dem Boden gefahren.

​Gou stand auf der höchsten Stufe des Podiums. Rechts von ihm Leon, der trotz seiner Niederlage sichtlich beeindruckt war und ihm respektvoll zunickte, und links von ihm Kaguya. Sie sah in ihrem violetten Kampfanzug unter den Scheinwerfern noch strahlender aus als am Vormittag. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie ihm zu – ein Lächeln, das Gou mehr bedeutete als der goldene Pokal, der nun auf einem Samtkissen herangetragen wurde.

​Mr. Dickenson trat vor, sein Gesicht ein einziges strahlendes Lächeln. Doch er hielt inne und sah zur Ehrenloge. Mit einer einladenden Geste bat er Kai und Nami hinunter in die Arena. Ein Raunen ging durch die Menge: Der Zar und die Schöpferin der Arena persönlich sollten die Ehrung vornehmen.

​Kai schritt mit seiner gewohnt unerschütterlichen Ruhe über den gläsernen Boden, Nami an seiner Seite, deren weißes Haar im Wind der Stadionventilatoren wehte. Als sie vor Gou stehen blieben, herrschte eine feierliche Stille.

​Nami trat als Erste vor. Sie legte Gou die offizielle Meisterschaftsmedaille um den Hals. „Ich bin so stolz auf dich, Gou“, flüsterte sie und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Du hast der Technik eine Seele gegeben.“

​Dann trat Kai vor. Er hielt den schweren, goldenen Pokal in den Händen, dessen Design an eine stilisierte Flamme erinnerte. Er sah seinen Sohn lange an. In diesem Moment waren sie nicht Chef und Untergebener oder Trainer und Schüler. Sie waren Vater und Sohn.

​„Du hast heute bewiesen, dass du den Namen Hiwatari nicht nur trägst, sondern ihm neue Ehre verleihst“, sagte Kai mit seiner tiefen, resonanten Stimme, die über die Lautsprecher im ganzen Stadion zu hören war. Er reichte Gou den Pokal. „Behalte dieses Feuer, Gou. Lass es niemals erlöschen.“

​Gou griff nach dem Pokal und hob ihn mit beiden Händen hoch über seinen Kopf. In diesem Moment brachen alle Dämme. Konfetti in den Farben Gold und Schwarz regnete von der Decke, und die Menge skandierte ohrenbetäubend seinen Namen.

​Kaguya trat einen Schritt näher zu ihm auf das Podium und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Genieß es, Champion“, sagte sie leise an seinem Ohr. „Aber gewöhn dich nicht zu sehr an den Platz ganz oben. Nächstes Mal gehört er mir.“

​Gou lachte – ein befreites, glückliches Lachen, das all den Druck der letzten Wochen abfallen ließ. Er sah zu Makoto hinüber, der am Rand der Plattform stand und wild mit den Armen ruderte, und zu den Zwillingen Ayumi und Ren, die von Claire Beaumont kaum zurückgehalten werden konnten und „Gou! Gou!“ schrien.

​Kai legte eine Hand auf Gous Schulter, während Nami sich an Kais andere Seite schmiegte. Die Fotografen drängten sich nach vorne, um dieses historische Bild festzuhalten: Die Hiwatari-Familie, vereint auf dem Gipfel ihres Triumphs, inmitten einer Arena, die eine neue Ära des Beybladings eingeläutet hatte.
 

Bevor die Delegation aus Kyoto zum bereitstehenden Bus aufbrach, gelang es Gou, sich für einen Moment von den Kameras und den Glückwünschen seiner Familie loszueisen. Er fand Kaguya hinter dem Absperrgitter der Athletenzone, wo sie gerade ihre Tasche schulterte.

​Die hektische Atmosphäre der Siegerehrung war hier einer ruhigen, fast intimen Abendstimmung gewichen. Die Scheinwerfer des Stadions waren bereits teilweise gedimmt, und das ferne Echo der abziehenden Massen bildete die Hintergrundmusik für ihr letztes Gespräch an diesem Tag.

​„Kaguya!“, rief Gou und lief auf sie zu. Er hielt den Pokal immer noch fest unter dem Arm, als wäre er ein Teil von ihm.

​Sie blieb stehen und drehte sich um. Ihr dunkler Zopf war ein wenig zerzaust, und auf ihrer Wange klebte noch ein winziger Streifen goldenes Konfetti. „Der Champion persönlich“, sagte sie mit diesem sanften, neckischen Lächeln, das Gou heute schon mehrfach aus dem Konzept gebracht hatte. „Solltest du nicht bei den Journalisten sein und Interviews geben?“

​Gou schüttelte den Kopf und blieb vor ihr stehen. Er wirkte in diesem Moment gar nicht wie der unnahbare Sieger, sondern einfach wie ein zehnjähriger Junge, der nicht wollte, dass der Tag endet. „Das kann warten. Ich wollte... ich wollte dir das hier geben.“

​Er griff in seine Tasche und holte einen kleinen, silbernen Anhänger hervor – ein Ersatzteil für einen Blade-Kern, das er als Glücksbringer trug. Es war nichts Wertvolles, aber es war sein persönliches Maskottchen. „Damit du Tsukuyomi reparieren kannst. Und damit du nicht vergisst, dass wir noch eine Rechnung offen haben.“

​Kaguya nahm den kleinen Anhänger entgegen. Ihre Fingerspitzen berührten dabei kurz seine Hand, was Gou einen kleinen elektrischen Schlag versetzte, der nichts mit Magnetfeldern zu tun hatte. Sie betrachtete das Metallstück und sah ihn dann mit einer Ernsthaftigkeit an, die weit über ihr Alter hinausging.

​„Ich werde es nicht vergessen, Gou Hiwatari“, sagte sie leise. „Wenn wir uns das nächste Mal gegenüberstehen, wird die Arena unter uns beben. Kyoto wird bereit sein.“

​Bevor sie sich umdrehte, trat sie einen Schritt auf ihn zu und drückte ihm einen flüchtigen, federleichten Kuss auf die Wange. Es war eine Geste so rein und unschuldig, wie es nur zwei Zehnjährige sein konnten, die gerade erst begannen, die Welt der Gefühle außerhalb der Arena zu entdecken.

​Gou stand wie versteinert da, seine Wangen brannten nun heißer als seine Inferno-Attacke. Kaguya kicherte leise über seine Reaktion, winkte ihm noch einmal zu und lief dann mit federnden Schritten zu ihrem Teambus.

​„Bis bald, Gou!“, rief sie über die Schulter.

​Gou sah ihr hinterher, bis die Rücklichter des Busses in der Dunkelheit der Tokioter Nacht verschwanden. Er berührte mit den Fingerspitzen die Stelle an seiner Wange und atmete tief durch. Der Sieg fühlte sich jetzt erst vollkommen an.

​Als er zum Bentley zurückkehrte, warteten Kai und Nami bereits. Kai lehnte am Wagen, die Arme verschränkt, und beobachtete seinen Sohn mit einem wissenden Blick. Nami lächelte nur sanft und hielt die Wagentür offen.

​„Bereit nach Hause zu fahren, Champion?“, fragte Kai trocken, wobei er die leichte Röte in Gous Gesicht geflissentlich ignorierte.

​Gou nickte stumm und kletterte auf den Rücksitz zwischen seine Eltern. Kaum war der Wagen angefahren und die Lichter der Stadt zogen wie ein glitzerndes Band an den Fenstern vorbei, spürte er, wie die bleierne Schwere der Erschöpfung über ihn hereinbrach. Sein Kopf sank langsam gegen Kais Schulter.

​Der Zar bewegte sich nicht. Er legte stattdessen seinen muskulösen Arm um seinen Sohn und stützte dessen Kopf, während Nami Gous Hand nahm und sie fest hielt. In der Stille des Luxuswagens, während das Summen des Motors sie in den Schlaf wiegte, wussten beide Elternteile: Das war erst der Anfang. Die nächste Generation war bereit, die Welt aus den Angeln zu heben.

Fünf Monate später...

Fünf Monate waren vergangen, seit Gou den Pokal in den Himmel von Tokio gereckt hatte, und die Welt der Tachiwari-Corporation hatte sich in dieser Zeit grundlegend gewandelt. Es war nun März, die Kirschblüten begannen die Gärten des Anwesens in ein zartes Rosa zu tauchen, und im Tower war Nami längst keine „neue“ Erscheinung mehr. Sie war das Herzstück der Forschungsabteilung geworden, eine Frau, deren brillanter Verstand die technologische Vormachtstellung des Unternehmens zementierte.
 

​Die erste, fast manische Phase von Kais Besitzanspruch im Büro hatte sich über die Monate zu einer tiefen, professionellen Partnerschaft eingespielt. Das fordernde Verhalten, das Kai in den ersten Wochen an den Tag gelegt hatte – dieses unbändige Verlangen, Nami mehrmals täglich als seine persönliche „Medizin“ in sein Büro zu zitieren –, hatte sich normalisiert.

​Die Angestellten im Tower tuschelten zwar immer noch ehrfürchtig, wenn der Zar und seine Generalin gemeinsam den gläsernen Aufzug betraten, doch die Atmosphäre war ruhiger geworden. Die erotische Spannung zwischen ihnen war zwar keineswegs verschwunden – sie war in Kais Blick immer noch so präsent wie am ersten Tag –, doch die Schauplätze ihrer Leidenschaft hatten sich verlagert. Die hitzigen, oft impulsiven Begegnungen auf dem Schreibtisch hinter verschlossenen Türen waren seltener geworden und hatten Platz gemacht für die vertraute Intimität ihres ehelichen Schlafzimmers im Anwesen.

​Dort, im Schutz der alten Mauern des Ayame-Anwesens, nahm sich Kai die Zeit, die ihm im Tower oft fehlte. Er genoss es, Nami ohne den Zeitdruck der nächsten Aufsichtsratssitzung zu besitzen, ihre Nähe in einer Intensität zu spüren, die keine geschäftlichen Unterbrechungen duldete.

​Doch Nami kannte ihren Mann mittlerweile besser als jeder andere. Sie war sein Barometer geworden. Trotz der Normalisierung gab es diese speziellen Tage – Tage, an denen der Druck der Tachiwari-Corporation schwer auf Kais Schultern lastete. Wenn die Konferenzen mit den internationalen Partnern kein Ende nehmen wollten, wenn Hiro Tachiba wieder einmal unmögliche Renditen forderte oder politische Intrigen Kais Geduld prüften, spürte Nami die Veränderung sofort.

​In solchen Momenten kehrte der „Hunger“ zurück.

​Es begann meist mit einer kurzen, knappen Nachricht auf ihrem internen Terminal: „Nami. Mein Büro. Sofort.“

​Wenn sie dann den Raum betrat und das Klicken des Schlosses hinter sich hörte, sah sie es in seinen Augen – dieses dunkle, gefährliche Glühen, das keinen Widerspruch duldete. An diesen Tagen war Kai nicht der kühle Stratege, sondern ein Mann, der seine Frau brauchte, um nicht unter der Last seiner eigenen Macht zu zerbrechen. Sein Verhalten wurde dann wieder fordernd, fast schon besessen. Er suchte ihre Nähe mit einer Dringlichkeit, die keine Worte brauchte, und erinnerte sie in diesen Momenten daran, dass sie – trotz aller Professionalität – sein Anker in der stürmischen Welt des Imperiums war.

​An diesem speziellen Nachmittag im März war es wieder so weit. Kai war seit sechs Stunden in Verhandlungen mit den Vertretern der europäischen Liga gewesen. Als Nami sein Büro betrat, stand er am Fenster und blickte über die Skyline von Tokio. Seine Jacke hing über dem Stuhl, die Krawatte war gelockert.

​„Diese Leute verstehen nichts von Loyalität“, brummte er heiser, ohne sich umzudrehen. „Sie sehen nur Zahlen.“

​Nami trat lautlos an ihn heran und legte ihre Hände auf seinen angespannten Rücken. Sie spürte die harte Muskulatur unter dem feinen Stoff seines Hemdes. „Du hast dich zu sehr reingesteigert.“, sagte sie sanft.

​Kai drehte sich langsam um. Er packte sie an der Taille und zog sie so fest an sich, dass sie seinen unregelmäßigen Herzschlag spüren konnte. Sein Blick brannte sich in ihren. „Ich brauche dich jetzt nicht als meine Abteilungsleiterin, Nami“, raunte er, während er sein Gesicht in ihrem langen, weißen Haar vergrub und den vertrauten Duft einsaugte, der ihn augenblicklich beruhigte. „Ich brauche meine Frau. Jetzt sofort.“

​Nami lächelte wissend und legte ihre Arme um seinen Nacken. Sie wusste, dass die Arbeit heute ruhen würde. Kai hatte seinen Hunger nach Nähe zurückgemeldet, und sie war die Einzige, die ihn stillen konnte.
 

Das Schloss der schweren Stahltür rastete mit einem satten, endgültigen Klicken ein. In dem Moment, als Kai sie gegen die kühle Oberfläche presste, verschwand die Welt der Bilanzen und strategischen Analysen hinter einem dichten Schleier aus Verlangen.

​Nami würde es niemals laut aussprechen – ihr Stolz als brillante Ingenieurin und eigenständige Frau verbot es ihr fast –, doch in der Tiefe ihres Herzens gab es einen Teil, der auf genau diese Momente lauerte. Sie genoss es, wenn Kais unterkühlte Fassade unter dem Druck der Verantwortung Risse bekam und die rohe, dominante Urkraft zum Vorschein kam, die nur sie allein zu bändigen wusste.

​Kai wartete nicht auf Erklärungen. Seine Hände, die eben noch komplexe Verträge unterzeichnet hatten, vergruben sich nun besitzergreifend in ihrem hüftlangen, weißen Haar. Er zog ihren Kopf sanft, aber bestimmt nach hinten, sodass sie gezwungen war, seinen brennenden Blick zu erwidern.

​„Du hast heute zu viel Zeit in den Laboren verbracht“, raunte er gegen ihre Lippen, seine Stimme ein tiefes, gefährliches Grollen. „Ich habe dich den ganzen Tag kaum gesehen.“

​Nami spürte, wie ihr Atem flacher wurde. Sie hätte protestieren können, hätte ihn an die drei Meetings erinnern können, in denen sie direkt neben ihm gesessen hatte. Doch sie schwieg. Sie genoss die Art, wie er ihren Raum einnahm, wie er jeden Zentimeter ihrer Aufmerksamkeit forderte, als wäre sie das Einzige, was in diesem riesigen gläsernen Turm wirklich von Bedeutung war.

​Sie gab sich seinem Hunger vollkommen hin. Jedes Mal, wenn er sie so fordernd an sich zog, fühlte sie sich nicht etwa unterworfen, sondern auf eine Weise begehrt, die ihr das Gefühl gab, das unumstrittene Zentrum seines Universums zu sein. Es war ein machtvolles Spiel der Kräfte: Er war der Zar, der die Tachiwari-Corporation beherrschte, doch in diesem Moment war er vollkommen abhängig von ihr, von ihrer Haut, ihrem Duft und ihrer Bereitschaft, seine leidenschaftlichen Ausbrüche aufzufangen.
 

​Kai hob sie mühelos hoch und setzte sie auf die breite Kante seines massiven Schreibtisches, wobei er Papiere und ein Tablet achtlos zur Seite schob. Seine Küsse waren fordernd, fast schon verzweifelt in ihrer Intensität, als wollte er den Stress der letzten Stunden förmlich aus seinem System brennen.

​Nami schlang ihre Beine um seine Taille und zog ihn noch enger an sich. Sie liebte diese Seite an ihm – den Mann, der sich nahm, was er wollte, ohne zu fragen. In der Sicherheit ihrer Ehe und der tiefen Liebe, die sie verband, war diese Dominanz für sie kein Zwang, sondern ein höchst erotisches Kompliment. Sie spürte, wie die Anspannung in Kais Körper langsam nachließ, während er sich in ihr verlor, wie sein Herzschlag sich an ihren anpasste.

​Stunden später, als die Sonne bereits tiefrot hinter den Wolkenkratzern von Shinjuku versank, saßen sie gemeinsam im Fond des Bentley. Die Hitze des Nachmittags war einer angenehmen Erschöpfung gewichen. Kai hielt ihre Hand fest in seiner, den Daumen sanft über ihre Knöchel streichend, während er wieder vollkommen die Beherrschung über sich zurückgewonnen hatte.

​„Wir sind spät dran“, stellte er trocken fest, doch in seinem Blick lag eine Zufriedenheit, die Nami ein Lächeln entlockte.

​„Die Kinder werden es uns verzeihen“, antwortete sie leise und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Und Gou ist sowieso zu sehr mit Makoto und seinen Briefen aus Kyoto beschäftigt, um die Zeit zu bemerken.“

​Kai brummte zustimmend. Er war wieder der ruhige Fels, doch die Erinnerung an ihre Begegnung brannte noch immer wie ein süßes Geheimnis zwischen ihnen.

Als der Bentley sanft durch die Tore des Ayame-Anwesens glitt und die Kieselsteine unter den Reifen knirschten, brach Kai das behagliche Schweigen. Er räusperte sich – ein untypisches Zeichen von Zögern bei einem Mann, der sonst jede Entscheidung mit absoluter Bestimmtheit traf.

​„Nami“, begann er, und seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich. Er sah nicht zu ihr, sondern starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Kirschbäume des Gartens. „Ich muss in zwei Tagen kurzfristig nach Singapur. Es gab Komplikationen mit dem neuen Logistik-Zentrum dort. Die Konferenz ist unumgänglich.“

​Er hielt kurz inne, bevor er das bittere Ende des Satzes aussprach: „Ich werde fünf Tage weg sein.“

​Nami sagte nichts. Es war, als wäre die warme Luft im Wagen schlagartig gefroren. Fünf Tage. Das klang in ihren Ohren nicht nach einer Arbeitswoche, sondern nach einer Ewigkeit. Seit sie wieder fest an seiner Seite war, waren sie niemals länger als höchstens zwei Tage voneinander getrennt gewesen. Sie erinnerte sich noch lebhaft an die zwei Tage, die er geschäftlich in Seoul verbracht hatte – es war die reinste Folter gewesen. Damals hatte sich das große Anwesen leer und kalt angefühlt, und nachts hatte sie sich schlaflos auf seiner Seite des Bettes zusammengerollt, nur um seinen Duft auf dem Kopfkissen zu suchen.

​Kai spürte ihr Schweigen. Er wandte den Kopf und sah sie an, und in seinen roten Augen spiegelte sich derselbe Widerwillen wider, den sie empfand. Er hasste den Gedanken, sie allein zu lassen, fast so sehr wie sie es hasste, ihn gehen zu lassen. Sein Hunger nach ihrer Nähe, der sich heute Nachmittag so deutlich entladen hatte, war auch eine unbewusste Reaktion auf die bevorstehende Trennung gewesen.

​„Fünf Tage“, wiederholte sie schließlich leise, und ihre Stimme zitterte kaum merklich.

​„Ich habe versucht, es zu verkürzen“, sagte Kai und griff nach ihrer Hand, wobei er seine Finger fest mit ihren verschränkte. Seine Griffigkeit war fast schmerzhaft intensiv. „Aber die Verhandlungen sind zäh. Ich will dieses Projekt abschließen, damit wir danach wieder Ruhe haben.“

​Als der Wagen vor dem Haupthaus hielt, sah Nami durch die Fenster die Lichter brennen. Sie hörte das ferne Lachen von Gou und Makoto, die wahrscheinlich immer noch über Strategien brüteten, und das helle Quietschen von Sayuri. Das Leben im Anwesen ging weiter, doch für sie fühlte es sich an, als würde ein Teil ihres Herzens in zwei Tagen in ein Flugzeug steigen.

​Kai stieg aus, umging den Wagen und öffnete ihr die Tür. Er reichte ihr nicht einfach nur die Hand, sondern zog sie sofort eng an sich, sobald sie stand. „Ich werde jede Stunde anrufen, Nami. Und Claire wird hier sein, Tyson und Hilary kommen auch vorbei...“

​„Das ist nicht dasselbe, Kai“, unterbrach sie ihn und sah zu ihm auf.

​„Ich weiß“, raunte er und küsste sie mit einer Besitzergreifung, die deutlich machte, dass er die nächsten 48 Stunden jede Sekunde nutzen würde, um sich an ihr „satt“ zu essen, bevor die große Leere von Singapur begann.
 

Diese Ankündigung hing wie ein schwerer Schatten über dem Abend, und während Kai beim Abendessen versuchte, die Kinder mit seltenen Anekdoten aus seiner eigenen Profi-Zeit abzulenken, reifte in Nami ein Plan. Sie wusste, dass Kai in Singapur in einem sterilen Hotelzimmer sitzen würde, umgeben von kühlen Marmorwänden und endlosen Akten – fernab von der Wärme, die sie ihm gab.

​Am nächsten Morgen im Tower war die Atmosphäre im 45. Stockwerk elektrisch. Die Vorbereitungen für Kais Abreise liefen auf Hochtouren, Assistenten eilten mit Dokumenten hin und her, und Kai selbst war in seinem Büro in eine letzte, hitzige Telefonkonferenz vertieft.

​Nami nutzte die Mittagspause, in der Kais Sekretariat meist kurz besetzt war. Sie betrat sein Büro nicht wie üblich als die disziplinierte Abteilungsleiterin. Unter ihrem eleganten Business-Kostüm trug sie ein Set aus tiefschwarzer Spitze, das sie erst vor Kurzem erworben hatte – ein krasser Kontrast zu ihrer sonst so professionellen Aura.
 

​Als Kai das Gespräch beendete und genervt das Headset auf den Tisch warf, sah er Nami im Türrahmen stehen. Er wollte gerade ansetzen, sich über die Inkompetenz der Logistik-Partner zu beschweren, doch die Art, wie sie ihn ansah, ließ ihn verstummen. Sie schloss die Tür, und das vertraute Klicken des Schlosses schien dieses Mal lauter zu hallen.

​„Nami? Ich habe eigentlich nur zehn Minuten, bevor Hiro mit den Verträgen kommt...“, begann er, doch seine Stimme verlor an Festigkeit, als sie langsam auf ihn zuging.

​Sie trat hinter seinen massiven Schreibtisch, legte ihre Hände auf seine Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich weiß, dass du gehen musst, Kai“, flüsterte sie, während ihr langes, weißes Haar wie ein Vorhang um sie beide herabfiel und den Duft ihres Parfüms direkt in seine Sinne trug. „Aber ich möchte, dass du etwas mitnimmst. Eine Erinnerung, die dich durch diese fünf Nächte trägt.“
 

​Sie löste langsam die obersten Knöpfe ihrer Bluse, gerade genug, um ihm einen Blick auf die schwarze Spitze und die blasse Haut darunter zu gewähren. Kai atmete scharf ein. Er packte sie an den Hüften und zog sie grob zwischen seine Knie, sein Blick war nun vollkommen dunkel vor Verlangen.

​„Du spielst wie immer ein gefährliches Spiel.“, raunte er, und seine Hände krallten sich in den Stoff ihres Rocks. „Ich fliege in weniger als 24 Stunden. Wenn ich jetzt anfange, werde ich morgen vielleicht gar nicht in dieses Flugzeug steigen.“

​„Dann sorge dafür, dass du dich an jedes Detail erinnerst“, antwortete sie mutig und legte ihre Lippen auf seine.

​In diesen gestohlenen Momenten im Tower gab es keine Tachiwari-Corporation mehr. Nami gab sich ihm mit einer Intensität hin, die Kai fast den Verstand raubte. Es war ihre Art, ihm zu sagen: Ich gehöre dir, egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen. Sie genoss seine gewohnte Dominanz, die heute gepaart war mit einer fast verzweifelten Zärtlichkeit, weil sie beide wussten, dass dies einer der letzte Momente der Nähe für eine für sie lange Zeit sein würde.

​Bevor sie das Büro wieder verließ, um sich für das Meeting mit Hiro zurechtzumachen, schlüpfte sie unbemerkt an Kais Reisegepäck, das bereits in der Ecke stand. Sie legte ein kleines, handgeschriebenes Kärtchen in seinen Passhalter – ein Kärtchen, das nur ein einziges Wort enthielt, geschrieben in ihrer feinen Handschrift: „Heimkehr“. Dazu legte sie ein kleines Seidenband, das sie in ihrem Haar getragen hatte und das noch immer dezent nach ihr duftete.

​Als Kai wenig später mit Hiro Tachiba am Konferenztisch saß, wirkte er nach außen hin wie der gewohnt kühle, unnahbare Zar. Doch Nami, die ihm gegenüber saß und professionell die technischen Daten präsentierte, sah das kleine Zucken in seinem Kiefer und das gelegentliche, dunkle Blitzen in seinen Augen, wenn ihr Blick den seinen streifte.

​Sie hatte ihren Zweck erfüllt: Er würde in Singapur physisch anwesend sein, aber sein Geist und sein Hunger würden jede Sekunde zurück nach Tokio, zurück zu ihr rasen.

Besessen

​Der Morgenhimmel über dem privaten Terminal der Tachiwari-Corporation war von einem unnatürlichen, blassen Violett, als der dunkelgrüne Bentley direkt vor dem wartenden Jet zum Stehen kam. Das leise, hohle Heulen der Turbinen in der Ferne wirkte wie ein unheilvoller Soundtrack für das, was Nami bevorstand.

​Kai saß neben ihr im Fond, seine Hand hielt ihre so fest umschlossen, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er hatte den ganzen Morgen kaum ein Wort gesprochen. Die kühle, stählerne Maske des Zaren war fest zementiert, doch Nami spürte das Beben in seiner Muskulatur. Für die Welt war er der mächtige CEO, der zu einer entscheidenden Konferenz aufbrach; für sie war er der Mann, der gerade gegen seinen eigenen Instinkt ankämpfte, sie nicht einfach mit sich zu reißen.

​„Wir sind da, Sir“, sagte Graham leise.

​Kai reagierte nicht sofort. Er starrte auf ihre verschränkten Hände. „Fünf Tage“, wiederholte er mit einer Stimme, die so tief und rau war, dass sie Nami bis in die Knochen erschütterte. „Seoul war schrecklich, Nami. Aber das hier... das fühlt sich falsch an.“

​Als sie ausstiegen, schlug ihnen die kühle Morgenluft entgegen. Eine Gruppe von Leibwächtern in dunklen Anzügen und die beiden Piloten standen in respektvollem Abstand an der Gangway. Es war ein Szenario voller Protokoll und Etikette, doch als Kai vor Nami stehen blieb, schien die gesamte Umgebung zu verblassen.

​Nami sah zu ihm auf. Sein dunkler Reisemantel ließ ihn noch größer, noch unnahbarer wirken. Sie versuchte, ein tapferes Lächeln zu erzwingen. „Es sind nur 120 Stunden, Kai. Wenn du zurückkommst, blühen die Kirschbäume im Garten vollends.“

​„Hör auf, es rational zu begründen“, unterbrach er sie harsch, doch sein Blick war voller Schmerz. Er scherte sich nicht länger um die Anwesenheit seiner Angestellten. Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung packte er sie an den Oberarmen und zog sie so eng gegen seine Brust, dass ihr der Atem stockte.

​Er vergrub sein Gesicht in der Beuge ihres Halses, dort, wo ihr Puls raste. Nami schloss die Augen und krallte ihre Finger in den schweren Stoff seines Mantels. Sie konnte den vertrauten Duft seines Körpers und die Wärme seiner Haut riechen – ein Geruch, der für sie „Zuhause“ bedeutete und den sie nun fünf quälende Tage vermissen musste.

​„Ich will nicht gehen“, raunte er gegen ihre Haut, ein Geständnis, das er vor niemand anderem jemals abgelegt hätte. Seine Lippen streiften ihr Ohr, sein Atem war heiß. „Ich will dich bei mir haben. In jeder Sitzung, in jedem verdammten Hotelzimmer.“
 

​Er löste sich ein Stück, nur um ihr Gesicht in seine großen Hände zu nehmen. Sein Daumen strich über ihre Unterlippe, sein Blick brannte förmlich vor Besitzanspruch. In diesem Moment war keine Spur mehr von dem professionellen Partner zu sehen. Er war der Mann, der seine Medizin brauchte, und die Aussicht auf den Entzug machte ihn fast unberechenbar.

​Er küsste sie – nicht sanft, nicht als Abschied, sondern fordernd und tief, als wollte er seinen Namen in ihre Seele brennen. Es war ein Kuss, der nach Verlangen und einer leisen Verzweiflung schmeckte. Nami gab sich ihm vollkommen hin, ignorierte die kühle Brise und die neugierigen Blicke der Besatzung. Sie wollte diese Hitze speichern, wollte sie in sich aufsaugen, um die kommenden Nächte zu überstehen.

​Als er sich schließlich löste, waren seine roten Augen dunkel vor unterdrückter Emotion. Er strich ihr eine weiße Strähne aus dem Gesicht. „Warte nicht auf meinen Anruf. Ich werde dich erreichen, sobald die Räder den Boden berühren.“

​Er drehte sich um, die Kiefer fest zusammengepresst, und stieg die Stufen hinauf, ohne sich noch einmal umzusehen. Nami wusste, warum: Wenn er stehen geblieben wäre, hätte er es nicht geschafft, das Flugzeug zu betreten.

​Nami stand wie angewurzelt auf dem Asphalt, während die schwere Luke mit einem hydraulischen Zischen ins Schloss fiel. Das Geräusch klang in ihren Ohren wie das Schließen einer Gefängnistür. Sie beobachtete, wie der Jet langsam zur Startbahn rollte.

​Die Stille, die zurückblieb, war ohrenbetäubend.

​Sie drehte sich um und ging mechanisch zurück in das Flughafengebäude. Ihr Herz fühlte sich schwer an, wie aus Blei. Erst als sie die gläsernen Türen hinter sich gelassen hatte und die Anonymität der Wartehalle erreichte, merkte sie, wie sehr sie zitterte.

​Sie suchte die Toiletten auf, drückte die Tür einer Kabine zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalten Fliesen. Die erste Träne brannte sich ihren Weg über ihre Wange, und dann gab es kein Halten mehr. Es war nicht nur Trauer; es war die überwältigende Erkenntnis, wie sehr sie mit diesem Mann verschmolzen war. Ohne ihn fühlte sie sich unvollständig, als hätte man ihr ohne Vorwarnung den Sauerstoff entzogen.

​Sie kauerte sich auf den Boden, presste die Stirn gegen ihre Knie und weinte lautlos, während draußen das ferne Dröhnen der startenden Maschine ihr signalisierte, dass Kai nun endgültig außer Reichweite war.
 

In der Enge der Kabine fühlte sich das Schluchzen an wie ein Echo ihrer eigenen Einsamkeit. Nami presste die Handfläche gegen ihren Mund, um das Geräusch zu ersticken, doch ihre Schultern bebten unkontrolliert. Mit zitternden Fingern fischte sie ihr Smartphone aus der Tasche. Das Display leuchtete hell auf und zeigte das Hintergrundbild: Kai und sie, aufgenommen an einem ruhigen Abend im Garten. Der Kontrast zwischen diesem Glück und der aktuellen Leere war unerträglich.

​Sie wählte die Nummer ihres Vaters. Hiro Tachiba war der Einzige, dem sie jetzt ihre ungeschönte Verletzlichkeit zeigen konnte.

​„Nami?“, erklang seine tiefe, sonore Stimme fast augenblicklich. „Ich dachte, du wärst gerade dabei, das Imperium zu leiten, während dein Ehemann in den Wolken schwebt.“

​„Papa...“, hauchte sie nur, und beim Klang seiner Stimme brachen alle Dämme. Ein erstickter Laut entwich ihrer Kehle.

​Am anderen Ende der Leitung herrschte sofort Stille. Das leichte Rascheln von Papieren verstummte. „Nami? Schatz, was ist los? Ist etwas mit den Kindern? Hat Claire angerufen? Ist mit dem Jet...“

​„Nein, nein“, unterbrach sie ihn mit brüchiger Stimme, während sie sich eine Träne von der Wange wischte, nur damit sofort zwei neue folgten. „Es ist nur... er ist weg, Papa. Er ist gerade erst abgeflogen und ich... ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Es sind fünf Tage. Ich weiß, wie lächerlich das klingt. Ich bin eine erwachsene Frau, eine Mutter, eine Ingenieurin... aber es tut so weh. Ich sitze hier auf der Flughafentoilette und heule mir die Augen aus.“
 

​Ein leises, warmes Seufzen drang durch die Leitung. Nami konnte sich förmlich vorstellen, wie Hiro in seinem Sessel am Fenster saß und sich nachdenklich über das Kinn strich.

​„Es klingt nicht lächerlich, Nami“, sagte er sanft, ohne jede Spur von Spott. „Du liebst einen Mann, der wie eine Naturgewalt ist. Wenn er geht, hinterlässt er ein Vakuum. Das ist der Preis für eine Liebe, die so absolut ist wie eure. Kai ist nicht nur dein Mann, er ist dein Gegenpol. Wenn er weg ist, verliert deine Welt für einen Moment das Gleichgewicht.“

​Nami lehnte den Kopf gegen die kalte Kabinenwand. „Ich fühle mich so schwach. Er war so fordernd in letzter Zeit, so hungrig nach meiner Nähe... und jetzt ist da einfach nur Stille.“

​„Schwäche?“, Hiro lachte leise auf, ein kurzes, trockenes Glucksen. „Nami, du bist eine Tachiba. Wir sind nicht schwach, wir sind leidenschaftlich. Und Kai? Der Junge sitzt wahrscheinlich gerade in seinem Ledersessel über den Wolken, starrt auf ein Glas Wasser und verflucht jeden einzelnen Kilometer, den das Flugzeug zwischen euch bringt.“

​Hiro hielt kurz inne. Nami hörte, wie er einen Schluck Tee trank. Als er wieder sprach, hatte seine Stimme diesen verschmitzten Unterton, den er immer hatte, wenn er im Begriff war, die Regeln zu brechen.

​„Hör mir zu, Nami. Warum sitzt du eigentlich noch auf dieser Toilette und bemitleidest dich selbst? Du hast die Ressourcen der mächtigsten Corporation Japans im Rücken. Du bist die Tochter des Vorsitzenden und die Frau des Zaren.“

​„Was meinst du?“, fragte sie verwirrt und schnäuzte leise in ein Taschentuch.

​„Ich mache dir einen Vorschlag – und sieh es als väterlichen Befehl an: Pack deine Sachen. Nicht die für das Büro, sondern die, die Kai den Verstand rauben. Ich werde Tyson und Hilary anrufen; sie wollten die Kinder sowieso besuchen. Claire wird die Festung zusammen mit Graham halten. Und ich... ich werde höchstpersönlich deine Termine für die nächsten vier Tage blockieren oder selbst wahrnehmen.“

​Nami hielt den Atem an. „Papa, das kannst du nicht...“

​„Ich bin der Vorsitzende, ich kann alles“, unterbrach er sie vergnügt. „Flieg ihm hinterher, Nami. Nimm den nächsten Linienflug nach Singapur. Überrasch ihn heute Nacht. Stell dir sein Gesicht vor, wenn er die Tür öffnet und denkt, er müsse die Nacht mit einem Aktenstapel verbringen, und stattdessen stehst du dort.“

​Er lachte jetzt offen. „Es ist absolut verrückt, unprofessionell und völlig impulsiv. Mit anderen Worten: Es ist perfekt. Kai braucht keine fünf Tage Disziplin, er braucht seine Medizin. Und du brauchst deinen Anker. Also, hör auf zu weinen und buch das Ticket!“

​Ein kleines Lächeln stahl sich auf Namis Lippen, mitten durch die Tränen hindurch. Die Vorstellung, die starren Protokolle der Tachiwari-Corporation einfach zu ignorieren, nur um bei ihm zu sein, gab ihr ein plötzliches Gefühl von Freiheit.

​„Danke, Papa“, flüsterte sie.

​„Nicht danken, fliegen!“, rief Hiro. „Und sag Kai, wenn er sich beschwert, soll er sich bei seinem Schwiegervater melden. Ich wollte ihn sowieso mal wieder beim Schach schlagen.“
 

Nami trat aus dem Flughafengebäude, und obwohl ihre Augen noch leicht gerötet waren, wirkte ihre Haltung nun wie unter Strom gesetzt. Der grüne Bentley stand nun in der Parkbucht, Graham lehnte mit der gewohnten, unerschütterlichen Ruhe an der Fahrertür. Als er Nami sah, die untypisch hastigen Schrittes auf ihn zukam, richtete er sich sofort auf.

​„Ist etwas nicht in Ordnung, Madame?“, fragte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, während er ihr die Tür aufhielt.

​„Ganz im Gegenteil, Graham“, sagte sie, während sie auf den Rücksitz rutschte und ihr Handy bereits wieder in der Hand hielt, um die Flugportale zu checken. „Wir fahren sofort zurück zum Anwesen. Ich muss packen. Mein Flug nach Singapur geht in vier Stunden.“

​Graham hielt für einen winzigen Sekundenbruchteil inne – eine Ewigkeit für einen Mann seines Formats. Er sah sie durch den Rückspiegel an, und ein feines, fast unsichtbares Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er kannte die Dynamik zwischen seinen Herrschaften nur zu gut; er hatte das Knistern im Wagen auf dem Hinweg gespürt, das so dicht war, dass man es fast hätte schneiden können.

​„Eine höchst... vernünftige Entscheidung, wenn ich das anmerken darf, Madame“, erwiderte er trocken, während er den Motor startete. „Der Herr des Hauses schien mir heute Morgen ohnehin etwas unpässlich ob der Trennung.“

​Graham steuerte den schweren Wagen mit einer Präzision und Geschwindigkeit durch den Tokioter Verkehr, die grenzwertig war, ohne dabei jemals die Eleganz zu verlieren. Nami saß hinten und tippte fieberhaft auf ihrem Telefon.

​„Ich habe das Ticket“, rief sie fast triumphierend aus, als die Bestätigung auf dem Bildschirm aufleuchtete. „Aber die Zeit ist knapp.“

​„Machen Sie sich keine Sorgen um den Verkehr, Madame. Ich kenne Abkürzungen, die selbst den Navigationssystemen der Tachiwari-Corporation verborgen geblieben sind“, kommentierte Graham gelassen, während er den Bentley geschickt an einer Kolonne Lastwagen vorbeischob.

​Nami lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Ihr Herz raste. Die Entscheidung fühlte sich berauschend an. Die letzten Monate waren so sehr von Pflichten, Meetings und der ständigen Präsenz des „Zaren“ geprägt gewesen, dass dieser Akt der spontanen Rebellion sich anfühlte, als würde sie sich ein Stück ihrer eigenen Wildheit zurückholen – nur um sie Kai zu Füßen zu legen.

​Als sie am Ayame-Anwesen vorfuhren, sprang Nami fast aus dem Wagen, noch bevor Graham die Tür ganz öffnen konnte. „Graham, lass den Motor laufen oder bleib zumindest abrufbereit. Ich brauche maximal zwanzig Minuten!“

​Sie stürmte durch die Eingangshalle, vorbei an einer sichtlich verdutzten Claire Beaumont, die gerade Sayuri auf dem Arm trug.

„Madame? Sind Sie krank? Warum sind Sie nicht in der Arbeit?“, rief Claire mit ihrem starken französischen Akzent hinterher.

​„Ich verreise, Claire! Papa weiß Bescheid!“, rief Nami über die Schulter, während sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf rannte.

​In ihrem Ankleidezimmer angekommen, riss sie einen eleganten Lederkoffer aus dem Schrank. Sie packte nicht wie für eine Geschäftsreise. Sie ignorierte die steifen Hosenanzüge. Stattdessen flogen fließende Kleider aus Seide, ihre feinste Unterwäsche und der Duft, den Kai an ihr so liebte, in den Koffer. Sie handelte instinktiv, getrieben von dem Wissen, dass jede Minute, die sie hier verlor, eine Minute weniger in seinen Armen in Singapur bedeutete.

​Als sie wieder nach unten kam, stand Graham bereits mit einem Regenschirm an der Tür, obwohl es nicht regnete – es war seine Art zu signalisieren, dass er bereit war.

​„Madame, wir haben noch exakt zwei Stunden und vierzig Minuten bis zum Abflug. Wenn wir jetzt aufbrechen, haben Sie sogar noch Zeit für einen Kaffee in der Lounge“, sagte er und nahm ihr den Koffer ab.

​Nami sah ihn dankbar an. „Danke, Graham. Wirklich.“

​„Gern geschehen, Madame. Es wäre mir ein Vergnügen, dem Master sein Gesicht zu sehen – sofern er dann überhaupt fähig ist, ein solches zu machen.“
 

Inmitten der hastigen Vorbereitungen hielt Nami inne. Das Bild der kleinen Sayuri, die mit großen, neugierigen Augen auf Claires Arm saß und das ungewohnte Chaos beobachtete, riss sie für einen Moment aus ihrem Tunnelblick.

​Sie konnte nicht einfach gehen, ohne ihrer Jüngsten ein Wort des Abschieds zu schenken. Nami trat auf Claire zu, die immer noch im Flur stand. Die französische Nanny sah Nami prüfend an; sie erkannte das vertraute Glühen in den Augen ihrer Herrin – es war dasselbe Feuer, das auch in Kai brannte.

​„Gib sie mir bitte kurz, Claire“, bat Nami leise.

​Sie nahm das zierliche Mädchen in die Arme. Sayuri, die Nami mit ihrem lockigen, weißen Haar und den leuchtenden magentafarbenen Augen so unheimlich ähnlich sah, patschte mit ihren kleinen Händen neugierig gegen Namis Wangen. Der weiche Duft nach Babypuder und Geborgenheit stach Nami für einen Moment ins Herz.

​„Es tut mir leid, mein kleiner Engel“, flüsterte Nami und drückte ihr Gesicht sanft gegen die Stirn ihrer Tochter. „Mama muss kurz verreisen. Papa hat... Papa hat sein Herz zu Hause vergessen, und ich muss es ihm bringen.“

​Sayuri lächelte, als verstünde sie die poetische Schwere hinter den Worten ihrer Mutter nicht, aber sie spürte die Aufregung. Nami küsste sie innig auf beide Wangen. „Sei lieb zu Claire und deinen Geschwistern. In ein paar Tagen sind wir beide wieder da. Dann bringen wir dir etwas Schönes aus dem Süden mit.“

​„Papa?“, fragte Sayuri mit ihrer noch etwas unsicheren Stimme und legte den Kopf schief.

​„Ja, Papa“, antwortete Nami mit einem wehmütigen Lächeln. „Ich gehe zu Papa.“

​Sie reichte die Kleine zurück an Claire. Die Nanny nickte wissend und rückte Sayuri auf ihrer Hüfte zurecht. „Machen Sie sich keine Sorgen um die Kinder, Madame. Gehen Sie zu Ihrem Mann. Eine leidenschaftliche Mutter ist eine glückliche Mutter, n'est-ce pas? Wir kommen hier zurecht. Und Monsieur Gou wird die Zwillinge schon im Zaum halten, wenn ich mit dem Kochlöffel drohe.“

​Nami warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf Sayuri, griff nach ihrem Mantel und ihrem Koffer und trat hinaus in die Freiheit, die Graham ihr mit dem wartenden Bentley versprach.
 

​Als Nami schließlich im Flugzeug saß und die Triebwerke beim Start in den Sitz drückten, fühlte sie sich wie in einer Blase zwischen den Welten. In der First-Class-Kabine war es ruhig, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm.

​Sie lehnte den Kopf gegen das kühle Fenster und beobachtete, wie die Lichter von Tokio unter ihr zu einem funkelnden Teppich verschwammen. Sie dachte an Kai. Wo er wohl gerade war? Wahrscheinlich befand er sich mitten über dem Ozean, gefangen in der Stille seines Privatjets, unwissend, dass sie nur wenige Stunden hinter ihm war.

​Sie stellte sich vor, wie er in seinem Hotelzimmer ankommen würde – diese sterile, luxuriöse Einsamkeit, die er so sehr hasste, wenn sie nicht bei ihm war. Der Gedanke, sein Gesicht zu sehen, wenn er sie dort vorfinden würde, ließ ein angenehmes Kribbeln durch ihren Körper laufen.
 

Die Erschöpfung des Morgens war wie weggeblasen, ersetzt durch eine fieberhafte Vorfreude, die jede Faser ihres Seins elektrisierte.

Als das Taxi vor dem altehrwürdigen „Raffles Hotel“ hielt, war es in Singapur bereits spät am Abend. Die tropische Luft war schwer und feucht, gesättigt vom Duft exotischer Blüten und dem fernen Grollen eines abziehenden Gewitters. Nami trat in die prachtvolle, koloniale Lobby, in der die Zeit stillzustehen schien – doch für sie raste sie.

​Bevor sie sich an die Rezeption wandte oder gar den Fahrstuhl zu Kais Suite im 42. Stock bestieg, suchte sie die luxuriösen Waschräume im Erdgeschoss auf. Sie wusste, dass sie nach dem langen Flug und der emotionalen Achterbahnfahrt des Morgens nicht so vor ihn treten konnte, wie sie es wollte.

​In dem mit Marmor und Gold verzierten Waschraum war sie allein. Das kühle Licht der Kristallleuchter spiegelte sich in den großen Wandspiegeln wider. Nami stellte ihren Koffer ab und betrachtete ihr Ebenbild. Ihre Augen waren nicht mehr verweint, aber sie wirkte blass, und ihr weißes Haar hatte durch die Reise etwas von seinem gewohnten Glanz verloren.

​Mit einer fast rituellen Langsamkeit begann sie, sich frisch zu machen. Sie wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser, um die Müdigkeit zu vertreiben, und trug mit präzisen Strichen ihr Make-up neu auf – dezent, aber wirkungsvoll, so wie Kai es an ihr liebte. Sie bürstete ihr langes Haar, bis es wie ein seidiger, weißer Wasserfall über ihre Schultern floss und den leichten Duft von Jasmin und Sandelholz verströmte, den sie noch im Anwesen aufgelegt hatte.

​Sie wechselte ihre Schuhe gegen elegante Absätze aus ihrem Koffer und richtete den Sitz ihres Kostüms. Während sie sich im Spiegel betrachtete, spürte sie, wie das Adrenalin zurückkehrte. Sie war nicht länger die Ingenieurin, die vor einigen Stunden noch Tränen vergossen hatte; sie war die Frau des Zaren, die gekommen war, um ihren Platz an seiner Seite einzufordern.

​Mit klopfendem Herzen trat sie an den Empfang. Dank ihres Status als Vorstandsmitglied der Tachiwari-Corporation und Kais Ehefrau war es ein Leichtes, die Zimmerkarte für seine Suite zu erhalten, ohne dass er benachrichtigt wurde.

​Der gläserne Aufzug glitt lautlos in die Höhe. Mit jedem Stockwerk, das auf der Anzeige aufleuchtete, wurde der Druck in ihrer Brust stärker. Sie stellte sich Kai vor – wahrscheinlich saß er dort oben in der Dunkelheit, umgeben von Luxus, den er nicht genießen konnte, weil die Einsamkeit an ihm nagte.

​Als der Aufzug im 42. Stock hielt und die Türen sich öffneten, war der Flur in ein gedämpftes, warmes Licht getaucht. Der dicke Teppich schluckte das Geräusch ihrer Schritte. Nami ging den langen Korridor entlang, bis sie vor der massiven Doppeltür der Präsidentensuite stand.
 

​Sie hob die Hand, um die Karte gegen den Sensor zu halten, doch dann hielt sie inne. Ihre Finger zitterten leicht. In diesem Moment wurde ihr die volle Tragweite ihrer Impulsivität bewusst. Was, wenn er gerade mitten in einem Telefonat war? Was, wenn er ihre Anwesenheit als Störung seiner Konzentration empfand?

​Doch dann erinnerte sie sich an den Abschied am Rollfeld. Sie erinnerte sich an das tiefe Grollen in seiner Stimme, als er sagte: „Ich hasse jede Sekunde davon.“

​Sie atmete tief ein, sammelte ihren Mut und hielt die Karte vor das Lesefeld. Ein leises, mechanisches Klicken ertönte. Das Licht am Schloss sprang von Rot auf Grün. Die Tür war entriegelt.

​Leise, fast so, als wolle sie ein schlafendes Tier nicht wecken, drückte sie die Klinke nach unten und schob die schwere Tür einen Spaltbreit auf.

​Der Raum dahinter war fast vollkommen dunkel. Nur die gigantische Glasfront bot einen atemberaubenden Blick auf das Lichtermeer von Singapur. Und dort, in einem der tiefen Ledersessel am Fenster, sah sie den Umriss eines Mannes. Kai. Er starrte hinaus in die Nacht, ein Glas Whisky in der Hand, die Gestalt starr und einsam, genau wie sie es sich vorgestellt hatte.

​Nami trat lautlos in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Das Klicken des Schlosses hallte im stillen Raum wider wie ein Paukenschlag.

​Kai bewegte sich nicht sofort. „Ich habe gesagt, ich will nicht gestört werden“, grollte seine Stimme durch die Dunkelheit, rau und voller unterdrückter Gereiztheit. Er glaubte offensichtlich, es sei der Zimmerservice.

​Nami sagte nichts. Sie blieb einfach im Schatten stehen und wartete darauf, dass er sich umdrehte.
 

Kai verharrte noch einen Moment in seiner starren Position. Er wirkte in der Dunkelheit der Suite wie eine Statue aus Onyx, die Schultern unnatürlich angespannt. Als keine Antwort erfolgte, stellte er das Glas mit einem harten Klirren auf den Beistelltisch und erhob sich langsam.

​„Hören Sie schlecht? Ich sagte...“

​Er drehte sich um, die Worte bereits als scharfe Zurechtweisung auf den Lippen, doch die Sätze starben in der kühlen Nachtluft Singapurs. Sein Blick fiel auf die Gestalt an der Tür. Im fahlen Licht der Stadt, das hinter ihm durch die Fensterfront brach, sah er erst nur die vertrauten Umrisse, das Schimmern des langen, weißen Haares, das in der Dunkelheit fast wie Eigenlicht wirkte.

​Einen Wimpernschlag lang glaubte er, sein Verstand spiele ihm einen grausamen Streich. Dass sein Hunger nach ihr, seine beinahe physische Qual der letzten Stunden, eine Halluzination erschaffen hatte. Er blinzelte, seine dunkel roten Augen weiteten sich, und er machte einen unsicheren Schritt nach vorne.

​„Nami?“, es war kein Befehl, es war ein fragendes, fast ungläubiges Hauchen.

​„Ich konnte nicht so lange warten, Kai“, sagte sie leise. Ihre Stimme war der letzte Beweis, den er brauchte.

​Was dann geschah, war kein kühler Empfang des Zaren. Es war der Zusammenbruch eines Damms. Kai überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei raubtierhaften Schritten. Er packte sie nicht grob, wie er es sonst oft tat, sondern schlang seine Arme mit einer solchen Wucht um sie, dass sie den Atem anhielt. Er drückte sein Gesicht in ihre Halsbeuge und atmete ihren Duft ein, als wäre er ein Ertrinkender, der endlich die Oberfläche erreicht hatte.
 

​Nami spürte, wie er am ganzen Körper zitterte. Es war ein tiefes, inneres Beben, das all die Anspannung der letzten Monate und den Schmerz des heutigen Abschieds löste. In diesem Moment war er nicht der unnahbare CEO der Tachiwari-Corporation. Er war ein Mann, der gerade seine Seele zurückerhalten hatte.

​„Danke“, raunte er gegen ihre Haut, seine Stimme belegt vor Emotion. „Danke, dass du gekommen bist.“

​Es war ein seltenes Wort aus seinem Mund, doch in diesem dunklen Hotelzimmer in Singapur trug es die ganze Schwere seiner Liebe. Er hob den Kopf und sah sie an. Seine Augen glühten nicht vor Zorn über den Regelbruch, sondern vor einer tiefen, ehrlichen Dankbarkeit. Er hielt ihr Gesicht mit beiden Händen fest, seine Daumen strichen fast ehrfürchtig über ihre Wangenknochen.

​„Ich saß hier und habe die Minuten gezählt“, gestand er heiser. „Ich wusste nicht, wie ich fünf Tage überstehen sollte, ohne den Verstand zu verlieren. Du bist wahnsinnig, Nami... vollkommen wahnsinnig, hierher zu fliegen.“

​„Wir sind wohl beide nicht ganz bei Sinnen, wenn es um uns geht“, antwortete sie und legte ihre Hände über seine.

​Die Dankbarkeit und die Erleichterung in seinem Blick begannen sich nun zu wandeln. Das weiche Licht in seinen Augen wich jenem dunklen, fordernden Glühen, das Nami so sehr an ihm liebte. Er hatte sie wieder. Sie war hier, in seinem Revier, tausende Kilometer von den Verpflichtungen in Tokio entfernt.

​„Wenn du denkst, dass du dieses Zimmer die nächsten Fünf Tage verlässt, hast du dich geirrt“, sagte er, und die gewohnte Dominanz kehrte in seine Stimme zurück, diesmal jedoch gepaart mit einer Zärtlichkeit, die sie bis ins Mark erschütterte.

​Er hob sie mühelos hoch, wobei Nami die Beine instinktiv um seine Hüften schlang, und trug sie weg von der Tür, hinein in die schützende Dunkelheit der Suite. Die Einsamkeit von Singapur war in einem einzigen Moment verflogen, ersetzt durch die brennende Gewissheit, dass sie zusammengehörten – egal, was die Welt oder die Terminkalender sagten.
 

Der nächste Morgen in Singapur erwachte nicht mit dem schrillen Läuten eines Weckers oder dem hektischen Klopfen eines Assistenten. Er begann mit dem sanften, goldenen Licht der Tropensonne, das durch die schweren Seidenvorhänge der Suite sickerte und Staubkörner in der Luft zum Tanzen brachte.

​In dem riesigen Bett des „Raffles“ herrschte eine tiefe, fast heilige Stille. Kai war bereits wach, doch er hatte sich nicht bewegt. Er lag auf der Seite, den Kopf auf den Arm gestützt, und beobachtete Nami beim Schlafen. In diesem privaten Moment war jede Spur der kühlen „Zaren“-Maske verschwunden. Sein Blick war weich, erfüllt von einer Ruhe, die er nur in ihrer Gegenwart fand.

​Nami rührte sich leise. Die Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase, und als sie die Augen öffnete, blickte sie direkt in das tiefe Rot von Kais Augen. Einen Moment lang war sie desorientiert – die fremde Umgebung, das Rauschen der Klimaanlage –, doch dann spürte sie die vertraute Wärme seines Körpers neben sich und die Erinnerung an die letzte Nacht kehrte mit einer wohligen Hitze zurück.

​„Guten Morgen, Wahnsinnige“, raunte Kai. Seine Stimme war vom Schlaf noch tief und rau, ein Klang, der Nami sofort eine Gänsehaut bescherte.

​„Guten Morgen, Zar“, antwortete sie lächelnd und streckte sich katzenhaft unter der kühlen Laken. „Wie spät ist es?“

​„Spät genug, dass mein erstes Meeting bereits ohne mich begonnen hat“, erwiderte er völlig gleichgültig. Er griff nach einer Strähne ihres weißen Haares und wickelte sie sich langsam um die Finger, als wollte er sicherstellen, dass sie wirklich physisch anwesend war.

​Nami schreckte kurz auf. „Kai! Du kannst das nicht ausfallen lassen, deshalb bist du doch hier!“

​„Ich bin der CEO, Nami“, sagte er mit jener unerschütterlichen Arroganz, die ihn auszeichnete, während er sich über sie beugte und sie sanft in die Kissen zurückdrückte. „Die Welt wird nicht untergehen, wenn ich mich zwei Stunden verspäte. Und nach gestern... nach dem, was du getan hast, um hier zu sein... glaubst du wirklich, ich lasse dich jetzt einfach allein, um über Logistikquoten zu diskutieren?“
 

​Er küsste sie – ein langsamer, tiefer Kuss, der nach dem Versprechen eines ganzen Tages schmeckte. Es war keine fordernde Geste der Dominanz, sondern ein Akt der puren Dankbarkeit. In der Stille der Suite, weit weg von den neugierigen Blicken des Towers und dem Trubel des Anwesens, fühlte es sich an, als existierten nur sie beide.

​Nami genoss die Art, wie er ihren Körper mit seinen Händen erkundete, als müsste er jede Kurve neu kartografieren. Sie spürte, dass sein Hunger nach ihr durch die gestrige Vereinigung nicht gestillt, sondern nur noch tiefer geworden war. Doch es war ein friedlicher Hunger, frei von der verzweifelten Anspannung des Abschieds.

​„Du hast mir komplett den Verstand geraubt, als du gestern in der Tür standest“, gestand er leise gegen ihre Stirn. „Ich war kurz davor, den Whisky durch das Fenster zu werfen und den Jet für den Rückflug bereitmachen zu lassen.“

​Nami lachte leise und schlang ihre Arme um seinen Nacken. „Dann war mein Timing wohl genau richtig.“
 

​Irgendwann, viel später, rollte der Zimmerservice einen dezenten Wagen mit frischen Früchten, duftendem Kaffee und Gebäck vor die Tür. Kai nahm das Tablett entgegen und schob den Wagen ans Bett, wobei er strikt darauf achtete, dass niemand einen Blick in das Zimmer werfen konnte.

​Sie saßen gemeinsam im Bett, umgeben von zerwühlten Laken, und teilten sich eine Mango, während draußen das moderne Singapur zum Leben erwachte. Es gab keine Telefone, keine E-Mails, nur das leise Klappern der Kaffeetassen und das gelegentliche, tiefe Lachen Kais, wenn Nami ihm von Grahams Fahrstil auf dem Weg zum Flughafen erzählte.

​In diesen Stunden wurde Nami klar, dass ihr Vater recht gehabt hatte: Diese „Verrücktheit“ war kein Zeichen von Schwäche, sondern der Klebstoff, der ihr gemeinsames Imperium zusammenhielt.
 

Gegen elf Uhr morgens siegte schließlich die geschäftliche Notwendigkeit über die private Idylle, doch Kai war nicht bereit, den Preis der Trennung erneut zu zahlen. Während er sich sein maßgeschneidertes Hemd zuknöpfte, beobachtete er Nami durch den Spiegel. Sie saß noch immer auf der Bettkante, gehüllt in einen der flauschigen Bademäntel des Hotels, und sah ihm mit einem melancholischen Lächeln zu.

​„Zieh dich an“, sagte er plötzlich, ohne sich umzudrehen.

​Nami blinzelte überrascht. „Wie bitte? Kai, das Meeting ist hochoffiziell. Es geht um die neuen Hafen-Terminals der Tachiwari-Corporation. Ich stehe nicht auf der Gästeliste.“

​Kai drehte sich um, zog seine Krawatte fest und trat auf sie zu. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr fest in die Augen. „Du bist die leitende Ingenieurin für Magnet-Resonanz-Technologie und Vorstandsmitglied. Wenn ich sage, dass wir eine technische Beraterin vor Ort brauchen, dann wird niemand es wagen, das zu hinterfragen.“ Ein kurzes, arrogantes Zucken umspielte seine Mundwinkel. „Und ich werde keine Sekunde meiner Zeit in einem Konferenzraum verschwenden, während ich weiß, dass du hier oben bist und ich dich nicht sehen kann.“

​Zwanzig Minuten später betraten sie gemeinsam die Lobby. Nami hatte sich in einen schlichten, aber hochgradig eleganten Hosenanzug geworfen, den sie in weiser Voraussicht eingepackt hatte. Ihr weißes Haar war streng und professionell nach hinten gebunden, doch der leichte Glanz auf ihrer Haut verriet jedem, der genau hinsah, dass sie nicht gerade erst aus einem Flugzeug gestiegen war.

​Als sie im Konferenzzentrum ankamen, erstarrte die Delegation der singapurischen Partner förmlich. Niemand hatte mit der Anwesenheit der „Frau des Zaren“ gerechnet. Kai ignorierte das Raunen im Raum. Er rückte Nami eigenhändig den Stuhl direkt neben seinem Platz zurecht – eine Geste, die in der kühlen Geschäftswelt einer öffentlichen Liebeserklärung gleichkam.

​Das Meeting war zäh. Es ging um hunderte Millionen Dollar, um Zollbestimmungen und Tiefsee-Verankerungen. Kai saß da, die Arme verschränkt, das Gesicht eine Maske aus Stein, während er die Argumente der Gegenseite mit scharfen Einwürfen zerpflückte.

​Nami übernahm den technischen Teil. Wenn sie sprach, herrschte absolute Stille. Ihre Fachkompetenz war so entwaffnend, dass selbst die skeptischsten Projektplaner ehrfürchtig nickten. Doch während sie mit kühler Logik über die Stabilität von Legierungen referierte, spürte sie Kais Hand, die unter dem massiven Mahagonitisch ihren Oberschenkel fand.

​Seine Finger strichen langsam über den feinen Stoff ihrer Hose. Es war eine geheime Botschaft, ein Anker in der sterilen Welt des Business. Jedes Mal, wenn sie kurz innehielt, um Luft zu holen, spürte sie seinen Blick auf sich – nicht den des Geschäftspartners, sondern den des Mannes, der sie heute Nacht wieder ganz für sich allein haben wollte.

​Als das Meeting nach drei Stunden endete und die Verträge zur Unterzeichnung vorbereitet wurden, atmete Kai zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Singapur tief durch. Er wirkte nicht mehr wie der gejagte, gereizte Mann vom Vorabend. Die Anwesenheit seiner „Medizin“ hatte ihm eine Souveränität verliehen, die die Verhandlungen in Rekordzeit zum Abschluss gebracht hatte.

​„Gute Arbeit, Mrs. Hiwatari“, sagte er förmlich, als sie den Raum verließen, doch seine Augen blitzten vor Vergnügen. Sobald sie den geschützten Bereich des Aufzugs erreichten, zog er sie ohne Vorwarnung gegen die Glaswand.

​„Du warst brillant“, raunte er. „Aber jetzt gehört die technische Beraterin wieder ganz allein mir. Den Rest des Tages streichen wir.“

​Nami lachte und legte ihren Kopf an seine Brust. „Und was sagen wir meinem Vater, wenn er nach den Protokollen fragt?“

​„Wir sagen ihm, dass die Verhandlungen... intensiv waren“, erwiderte Kai und küsste sie, während der Aufzug sie zurück in ihre private Welt im 42. Stock trug.

Der Doppelgänger

Der zweite Tag in Singapur brachte die erste harte Realitätsprobe für ihre gemeinsame Flucht. Die Delegation aus Dubai war für ihre strengen, konservativen Protokolle bekannt, und Kai hatte Nami bereits beim Frühstück mit düsterer Miene erklärt, dass ihre Anwesenheit bei diesem speziellen Termin mehr diplomatischen Schaden anrichten würde, als sein Stolz verkraften könnte.

​„Ich hasse es“, hatte er kurz angebunden gemurrt, während er seine Manschettenknöpfe mit unnötiger Gewalt schloss. „Aber diese Männer leben in einer anderen Welt. Wenn du den Raum betrittst, konzentrieren sie sich nicht mehr auf die Zahlen, sondern nur noch auf den 'Fauxpas', eine Frau am Verhandlungstisch zu haben.“

​Nami hatte nur gelächelt und ihm die Krawatte gerichtet. „Es ist okay, Kai. Ich werde den Tag nutzen, um Singapur zu erkunden. Wir sehen uns heute Abend.“

​Nachdem Kai in einer Limousine zum Finanzdistrikt davongerauscht war, tauschte Nami ihren Hosenanzug gegen ein leichtes, ärmelloses Sommerkleid aus fließender Seide und ihre bequemsten Sandalen. Singapur empfing sie mit einer schwülen Umarmung.

​Sie schlenderte zuerst durch die Gardens by the Bay. Die gigantischen „Supertrees“ ragten wie außerirdische Pflanzen in den azurblauen Himmel. Nami genoss die Anonymität. Hier war sie nicht die Vizepräsidentin der Tachiwari-Corporation oder die Ehefrau des Zaren – sie war einfach eine Touristin mit langem weißem Haar, die das Spiel von Licht und Schatten auf den exotischen Blättern bewunderte.

​Doch egal, wie beeindruckend die Architektur des Cloud Forest auch war, ihre Gedanken wanderten ständig zurück zu Kai. Sie fragte sich, ob er gerade ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf den Tisch tippte oder ob er die kühle Maske des Geschäftsmanns perfekt aufrechterhielt.

​Gegen Mittag zog es sie in die Orchard Road, die berühmte Einkaufsmeile. Die glitzernden Schaufenster der Luxusmarken erinnerten sie an die sterile Welt des Towers, doch inmitten des Trubels fühlte sie sich seltsam allein. In Tokio war sie ständig von Menschen umgeben – ihren Kindern, Claire, Graham, den Ingenieuren. Hier, in der Fremde, wurde ihr bewusst, wie sehr Kai ihr Anker war. Ohne ihn wirkte die bunte Pracht der Stadt fast ein wenig blass.

​Sie kaufte kleine Geschenke für die Kinder:

• ​Ein filigranes Modell des Merlion für Gou.

• ​Bunte, handbemalte Drachen für die Zwillinge Ayumi und Ren.

• ​Ein seidenes Kleidchen mit gestickten Schmetterlingen für die kleine Sayuri.
 

​Als sie sich gerade in einem kleinen Café in Chinatown niedergelassen hatte, um einen kühlen Limettensaft zu trinken, vibrierte ihr Handy. Es war keine Nachricht, sondern ein Anruf.

​„Kai?“, meldete sie sich sofort.

​„Diese Männer sind unerträglich“, erklang seine Stimme, tief und voller unterdrückter Gereiztheit. Nami hörte im Hintergrund das gedämpfte Gemurmel von Stimmen – er musste sich kurz entschuldigt haben, um sie anzurufen. „Sie reden seit zwei Stunden über Prestige, aber kommen nicht zum Punkt. Wo bist du?“

​„In Chinatown, in einem kleinen Teehaus“, antwortete sie und musste bei seinem herrischen Tonfall lächeln. „Geht es dir gut?“

​„Mir fehlt meine Beraterin“, raunte er, und seine Stimme wurde eine Nuance weicher, fast privat. „Ich bin in einer Stunde fertig. Ich lasse dich abholen. Wir essen heute Abend nicht im Hotel. Ich habe ein Restaurant am Wasser reserviert. Nur wir beide. Keine Aktionäre, keine Protokolle.“

​„Ich freue mich darauf, Kai.“

​„Ich mich auch, Nami. Mehr als ich zugeben sollte.“

​Als sie auflegte, fühlte sich die Hitze Singapurs plötzlich viel erträglicher an. Der Tag allein war eine interessante Erfahrung gewesen, aber er hatte ihr nur eines bestätigt: Egal wie weit sie reiste, ihr Platz war an seiner Seite – ob am Verhandlungstisch oder bei einem einsamen Spaziergang durch die Tropen.
 

Die Mittagssonne Singapurs brannte gnadenlos auf die Orchard Road nieder, doch die Klimaanlagen der luxuriösen Einkaufszentren spiehen kühle Luftwellen auf die Gehwege, die den Spaziergang erträglich machten. Nami schlenderte mit ruhigen Schritten am Rande des Trubels entlang. Die Tüten mit den Geschenken für Gou, die Zwillinge und Sayuri baumelten an ihrem Arm und erinnerten sie bei jedem Schritt an das Zuhause, das sie für diese fünf Tage hinter sich gelassen hatte.

​Sie fühlte sich seltsam leicht, fast losgelöst von den starren Hierarchien der Tachiwari-Corporation, bis ihr Blick an einem Schaufenster hängen blieb. Es war eine Galerie für moderne Kunst, in der eine Skulptur aus geschliffenem Glas das Sonnenlicht in tausend prismatische Farben brach. Nami blieb stehen, neigte den Kopf leicht zur Seite und beobachtete, wie das Lichtspiel über die glatten Oberflächen tanzte.

​In diesem Moment der Stille veränderte sich die Atmosphäre um sie herum.
 

​Es war kein Geräusch, das sie zuerst wahrnahm, sondern ein Gefühl. Eine plötzliche Schwere in der Luft, eine elektrische Spannung, die so vertraut war, dass sich die feinen Härchen auf ihren Armen aufstellten. Es war jene dominante, unterkühlte Präsenz, die sie normalerweise spürte, wenn Kai einen Raum betrat – eine Aura von unumstößlicher Autorität und raubtierhafter Aufmerksamkeit.

​Noch bevor sie sich umdrehte, durchfuhr sie ein wohliger Schauer der Erwartung. Hatte er das Meeting mit den Aktionären früher beendet? War er ihr gefolgt, um sie zu überraschen?

​„Entschuldige bitte, aber ich musste dich einfach ansprechen.“

​Die Stimme war tief, voll resonant und klang wie Samt über Feuer. Sie hatte genau jene raue Eleganz, die sie an Kais Stimme so liebte, doch der Akzent war eine Nuance weicher, fast ein wenig melodischer.
 

​Nami drehte sich herum, ein Lächeln bereits auf den Lippen, das Wort „Kai“ schon fast geformt. Doch das Lächeln gefror, und der Name blieb ihr wie ein trockener Kloß im Hals stecken. Sie wich unbewusst einen halben Schritt zurück, ihre Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen.

​Vor ihr stand ein Mann, der eine fast schmerzhafte Inspiration ihres Ehemannes zu sein schien.

​Er war genauso groß wie Kai, seine Schultern ebenso breit und kraftvoll unter dem Stoff eines perfekt sitzenden, dunklen Hemdes gezeichnet. Seine Haut war von jenem aristokratischen, fast marmornen Blass, das sie an Kai so faszinierte. Doch es war sein Gesicht, das ihr den Atem raubte. Die markante Kinnlinie, die gerade Nase und die hohen Wangenknochen waren fast identisch, als hätte ein Bildhauer versucht, Kais Gesichtszüge aus dem Gedächtnis nachzuempfinden und dabei eine etwas weichere, aber ebenso gefährliche Version geschaffen.

​Sein Haar war nicht dunkelgrau wie das ihres Mannes, sondern von einem tiefen, satten Schwarz, das im Sonnenlicht bläulich schimmerte. Die Frisur war der von Kai sehr ähnlich, wenn auch die Spitzen weniger aggressiv in die Stirn fielen.
 

​Was Nami jedoch am meisten erschreckte, war sein Blick. Der Fremde sah sie mit einer Intensität an, die Kais besitzergreifender Art in nichts nachstand. Doch seine Augen waren nicht dunkelrot. Sie besaßen einen blassen, fast ätherischen Aubergineton – ein rötliches Violett, das in der Sonne Singapurs wie geschliffener Amethyst wirkte.

​Einen Herzschlag lang war Nami davon überzeugt, dass sie den Verstand verloren hatte. Dass die Hitze und die Sehnsucht nach Kai eine Halluzination erschaffen hatten, die nun leibhaftig vor ihr stand. Die Ähnlichkeit war zu groß für einen Zufall, zu nah an der Realität, um nicht als Bedrohung empfunden zu werden.

​„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte der Mann, und ein kleiner, kühler Schatten eines Lächelns huschte über seine Lippen – ein Lächeln, das Kais spöttischer Art so unheimlich ähnlich war, dass Nami das Zittern in ihren Händen kaum noch kontrollieren konnte.

​Er trat einen Schritt näher, und Nami spürte erneut diese Aura, die sie förmlich einhüllte. Es war nicht Kai, aber es war jemand, der aus derselben dunklen Materie geschnitzt zu sein schien.
 

Nami spürte, wie ihr Puls bis in die Fingerspitzen hämmerte. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, und griff fester nach den Trageschlaufen ihrer Einkaufstüten, um das verräterische Zittern ihrer Hände zu verbergen. Die kühle Logik einer Ingenieurin kämpfte gegen das instinktive Unbehagen an, das dieser Fremde in ihr auslöste.

​„Ich... verzeihen Sie“, sagte sie schließlich, ihre Stimme nun deutlich fester, auch wenn sie noch immer eine Nuance zu hoch klang. „Ihre Erscheinung hat mich einen Moment lang überrumpelt. Ich bin nicht gewohnt, dass Fremde mich auf offener Straße so unvermittelt ansprechen.“

​Der Mann mit den auberginenfarbenen Augen neigte den Kopf ein wenig zur Seite, eine Geste, die so erschreckend identisch mit Kais Angewohnheit war, wenn er jemanden analysierte, dass Nami unwillkürlich die Luft anhielt.

​„Ein ungewöhnlicher Anblick verdient ein ungewöhnliches Vorgehen, findest du nicht?“, entgegnete er. Sein Tonfall war ruhig, fast schon sanft, doch darunter schwang eine Autorität mit, die keine Widerrede duldete. „Außerdem sind wir uns nicht ganz so fremd, wie du vielleicht glaubst, Nami Hiwatari.“
 

​Nami erstarrte. Das Geräusch der hupenden Taxis und das Stimmengewirr der Orchard Road schienen schlagartig in weite Ferne zu rücken. Sie hatte sich nicht vorgestellt. Sie trug keinen Namensanstecker, und sie war sich absolut sicher, dass sie in diesem fließenden Sommerkleid keinerlei Dokumente bei sich trug, die für einen Passanten sichtbar gewesen wären.

​„Woher wissen Sie meinen Namen?“, fragte sie scharf. Ihre Verteidigungshaltung kehrte zurück, die Distanz der Vizepräsidentin der Tachiwari-Corporation legte sich wie ein Schutzschild um sie.

​Der Fremde lachte nicht, aber seine Augen schienen für einen Moment dunkler zu werden, das blasse Aubergine vertiefte sich zu einem Schatten. „Ich weiß vieles. Ich weiß, dass du vor zwei Tagen Hals über Kopf aus Tokio geflohen bist, weil die Trennung von deinem... Gatten... unerträglich wurde. Ein recht impulsiver Schritt für eine Frau, die sonst so sehr auf Präzision und Kalkül setzt, meinst du nicht?“

​Ein Schauder lief Nami über den Rücken. Dieser Mann wusste nicht nur ihren Namen, er kannte ihre jüngsten Bewegungen. Er wusste von ihrer Flucht nach Singapur, einer Entscheidung, die sie erst vor wenigen Stunden getroffen hatte.
 

​„Wer sind Sie?“, verlangte sie zu wissen und trat nun einen bewussten Schritt auf ihn zu, anstatt zurückzuweichen. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen, nicht hier, nicht im helllichten Tag. „Und was gibt Ihnen das Recht, meine privaten Angelegenheiten zu verfolgen?“

​Der Mann blieb vollkommen ungerührt von ihrem Vorstoß. Er musterte sie mit einer Mischung aus Bewunderung und etwas, das Nami als wehmütige Anerkennung deutete.

​„Nennen wir mich einen interessierten Beobachter“, antwortete er vage. „Jemand, der die Dynamik zwischen den Hiwataris und den Tachibas schon sehr lange studiert. Es ist faszinierend zu sehen, dass die weiße Rose tatsächlich in der Lage ist, den Zaren zu bändigen. Oder ist es eher so, dass du dich seiner Dominanz so sehr hingibst, dass er gar nicht merkt, wie sehr er von dir abhängt?“

​Nami presste die Lippen zusammen. Die Art, wie er über ihre Beziehung sprach – über Dinge, die sie sich selbst kaum einzugestehen wagte –, war grenzüberschreitend. Die Aura dieses Mannes fühlte sich nun nicht mehr nur wie eine Inspiration von Kai an; sie fühlte sich an wie eine Bedrohung, die direkt aus den Schatten seiner eigenen Vergangenheit stammte.

​„Du solltest zurück in dein Hotel gehen, Nami“, fuhr er fort, seine Stimme nun wieder kühl und distanziert. „Kai wird bald von seinem Treffen mit den Herren aus Dubai zurückkehren. Er ist heute besonders gereizt, wie du dir sicher vorstellen kannst. Es wäre doch schade, wenn er dich hier... in Begleitung... vorfindet.“

​Bevor Nami antworten konnte, bevor sie ihn fragen konnte, woher er Kais Zeitplan kannte, trat der Fremde zurück. Er verschmolz mit einer Eleganz mit dem Strom der Passanten, die so vollkommen war, dass es fast so wirkte, als hätte er nie dort gestanden.

​Nami blieb allein vor dem Schaufenster zurück. Die bunten Farben der Glasskulptur wirkten plötzlich blass und bedeutungslos. Sie spürte nur noch den brennenden Wunsch, so schnell wie möglich zu Kai zu gelangen – zum echten Kai, dessen Wärme sie kannte, auch wenn er eine Naturgewalt war.

Nami wartete nicht auf ein Taxi. Die Orchard Road, die eben noch so glitzernd und einladend gewirkt hatte, fühlte sich nun wie ein Labyrinth aus Spiegeln an, in dem hinter jeder Ecke das Gesicht dieses unheimlichen Fremden lauern konnte. Mit fliegendem Atem und den fest umklammerten Einkaufstüten hastete sie zurück zum „Raffles“. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, nicht vor Erschöpfung, sondern vor einer instinktiven Unruhe, die sie nicht abschütteln konnte.

​Als sie die kühle, palastartige Lobby des Hotels betrat, hielt sie nicht an, um sich zu sammeln. Sie steuerte direkt auf die goldenen Fahrstühle zu. Ihre Gedanken rasten: Wer war dieser Mann? Woher kannte er die Details ihrer Ehe? Und warum sah er aus wie eine dunklere, verzerrte Version des Mannes, den sie liebte?

​Sie drückte hastig den Knopf für den 42. Stock. Das leise Pling des ankommenden Aufzugs klang wie eine Erlösung. Die Türen glitten lautlos auf, doch Nami kam nicht dazu, einzusteigen.
 

​Aus der Kabine stürmte eine Gestalt mit einer solchen Wucht heraus, dass Nami keine Chance zum Ausweichen hatte. Sie prallte hart gegen eine breite, unnachgiebige Brust. Die Einkaufstüten entglitten ihren Fingern und landeten mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppich, während starke Hände nach ihren Oberarmen griffen, um sie vor dem Sturz zu bewahren.

​„Verdammt noch mal, pass doch auf, wo du—“, setzte die dunkle, raue Stimme zu einer harschen Zurechtweisung an, brach dann aber abrupt ab.

​Nami sah auf und blickte direkt in das brennende Rubinrot von Kais Augen.

​Er trug noch seinen Anzug, doch die Krawatte war gelockert und sein Haar wirkte zerzaust, als wäre er sich mehrfach mit den Fingern hindurchgefahren. Sein Gesicht war eine Maske aus unterdrücktem Zorn und einer tief sitzenden Besorgnis, die er nur mühsam hinter seiner Arroganz verbarg.

​„Nami?“, stieß er hervor. Sein Griff um ihre Arme verstärkte sich, fast so, als wollte er sicherstellen, dass sie keine Halluzination war. „Wo zum Teufel warst du? Ich habe versucht dich anzurufen, fünfmal! Ich war gerade auf dem Weg nach unten, um das gesamte Viertel auf den Kopf zu stellen.“
 

​Nami zitterte. Die Wärme seiner Hände und die vertraute, besitzergreifende Aura, die von ihm ausging, ließen die Kälte, die der Fremde hinterlassen hatte, langsam weichen. Sie lehnte sich erschöpft gegen ihn, vergrub ihr Gesicht für einen Moment an seiner Schulter und atmete den Geruch von teurem Tabak und seinem vertrauten Duft ein.

​Kai spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sein Körper spannte sich an wie eine Stahlfeder. Er schob sie ein Stück von sich weg, um ihr in das blasse Gesicht zu sehen. Seine Augen verengten sich.

​„Du bist eiskalt, Nami. Und du zitterst“, stellte er fest, seine Stimme nun gefährlich leise und kontrolliert – jener Tonfall, den er benutzte, wenn er kurz davor war, jemanden zu vernichten. Er blickte über ihre Schulter hinweg in die Lobby, sein Blick suchte instinktiv nach einer Bedrohung. „Was ist passiert? Hat dich jemand belästigt?“

​Nami schluckte schwer. Sie sah die Sorge in seinem Blick, die so untrennbar mit seinem Besitzanspruch verbunden war. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie gerade einem Mann begegnet war, der wie sein Zwilling aus einer anderen Welt wirkte?

​„Ich... ich habe jemanden getroffen, Kai“, flüsterte sie. „Auf der Orchard Road. Er... er sah dir so ähnlich. Es war beängstigend.“

​Kais Kiefer mahlte. Er zog sie ohne ein weiteres Wort zurück in den Aufzug und drückte auf das oberste Stockwerk. Erst als die Türen sich schlossen und sie in der Privatsphäre der Kabine waren, zog er sie fest in seine Arme und presste ihren Kopf gegen seine Brust.

​„Erzähl mir alles“, befahl er heiser. „Jedes einzelne Wort.“
 

In der Sicherheit der Suite, hoch über den Lichtern Singapurs, war die Stille fast greifbar. Kai hatte Nami behutsam auf das Sofa geführt, ihr jedoch kaum Raum gelassen; er saß so nah bei ihr, dass sie die Hitze spüren konnte, die von seinem Körper ausging. Seine Hände ruhten schwer auf ihren Knien, während sie mit brüchiger Stimme von der Begegnung berichtete.

​„Er sah aus wie du, Kai. Nicht exakt, aber... die Art, wie er stand, seine Aura. Und diese Augen. Sie waren nicht rot wie deine, sondern hatten diesen tiefen Aubergineton, wie dunkler Wein.“
 

​In dem Moment, als das Wort „Aubergine“ über ihre Lippen kam, spürte Nami eine Veränderung an ihm, die subtiler war als jeder Schrei. Kais Finger krallten sich für einen winzigen Sekundenbruchteil fest in den Stoff ihrer Hose. Seine gesamte Muskulatur versteifte sich schlagartig, als wäre er in Eis gegossen worden. Es war eine instinktive, körperliche Reaktion – ein kurzes Aufflackern von echtem Schock, das er nicht schnell genug unterdrücken konnte.

​Nami kannte ihn zu gut. Sie sah, wie sich seine Pupillen kurz weiteten und sein Kiefer so fest mahlte, dass man das Knirschen fast hören konnte.

​„Kai?“, fragte sie leise und legte ihre Hand auf seine. „Du weißt, von wem ich rede, oder?“

​Es dauerte einen Moment zu lang, bevor Kai antwortete. Er atmete tief durch, und als er den Kopf zu ihr wandte, war die kühle, undurchdringliche Maske des Zaren wieder perfekt an ihrem Platz. Seine Augen waren wieder zu schmalen, rubinroten Schlitzen verengt, die keinerlei Emotion preisgaben.

​„Ein Mann, der mir ähnlich sieht?“, wiederholte er mit einer Stimme, die so trocken und emotionslos klang, dass sie fast künstlich wirkte. Er stieß ein kurzes, spöttisches Schnauben aus. „Nami, Singapur ist voll von Leuten, die versuchen, sich mit fremden Federn zu schmücken. Die Tachiwari-Corporation hat Feinde, und mein Gesicht ist in jedem Wirtschaftsblatt der Welt zu sehen. Wahrscheinlich ein billiger Trick der Konkurrenz, um dich zu verunsichern.“

​Er stand auf und begann, unruhig im Raum auf und ab zu gehen, wobei er den Blickkontakt mied. „Dass er deinen Namen kannte? Spione, Nami. Wenn wir nach Singapur fliegen, wissen das mehr Leute, als mir lieb ist. Er wollte dich provozieren, mehr nicht.“

​Nami beobachtete ihn genau. Kai war ein Meister der Täuschung, doch sie spürte die Unruhe, die wie ein dunkler Strom unter seiner kontrollierten Oberfläche floss. Er versuchte, es als banale Industriespionage abzutun, doch sein Schweigen über die spezifischen Details – die Augenfarbe, die Aura – war ohrenbetäubend.

​„Er wusste von Dubai, Kai. Er wusste, dass du heute gereizt sein würdest“, setzte sie nach, ihre Stimme voller Zweifel.

​Kai hielt inne und starrte aus dem Fenster auf die Skyline. Seine Silhouette wirkte in diesem Moment einsam und seltsam bedrohlich. „Industriespione sind gut in ihrem Job. Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen lassen. Niemand tritt dir mehr zu nahe, ohne dass meine Männer es wissen.“

​Er drehte sich zu ihr um, und für einen Moment blitzte etwas in seinem Blick auf, das wie unterdrückte Wut oder vielleicht sogar... Furcht wirkte. Doch er unterdrückte es sofort. Er trat auf sie zu, zog sie hoch und hielt sie fest umschlossen.

​„Vergiss ihn“, raunte er gegen ihr Haar, doch sein Griff war fast schon schmerzhaft fest. „Er ist nichts. Nur ein Schatten, der versucht hat, Licht zu stehlen. Du bist hier bei mir. Das ist alles, was zählt.“

​Nami lehnte den Kopf an seine Brust, doch das ungute Gefühl in ihrer Magengrube blieb. Kai log sie nicht direkt an, aber er verschwieg ihr etwas – etwas, das so tief in seiner eigenen Vergangenheit oder seiner Familie verwurzelt war, dass selbst der Zar davor zurückschreckte, es beim Namen zu nennen.

Späte Wahrheit

Nami kannte Kai zu gut, um seiner beiläufigen Erklärung Glauben zu schenken. Die Art, wie er sich versteift hatte – dieser winzige Riss in seiner sonst so unantastbaren Souveränität –, brannte in ihrem Gedächtnis wie ein Brandmal. Kai war kein Mann, der wegen eines bloßen „Industriespions“ die Beherrschung verlor.

​Als Kai am nächsten Morgen früh aufbrach, um ein versöhnliches Frühstück mit den Investoren aus Dubai zu führen, täuschte Nami Kopfschmerzen vor.

​„Ich bleibe heute lieber im Hotel und ruhe mich aus“, sagte sie, während sie sich tiefer in die Kissen zurückzog.

​Kai musterte sie lange, seine roten Augen suchten in ihrem Gesicht nach Anzeichen einer Lüge. Er schien kurz davor, den Termin abzusagen, doch sein Stolz und die geschäftliche Notwendigkeit siegten. „Ruh dich aus. Ich lasse zwei Männer vor der Tür postieren. Geh nicht raus, Nami. Versprich es mir.“

​„Ich verspreche es“, log sie leise.
 

​Kaum war das Klicken der Suite-Tür verhallt, sprang Nami auf. Sie wusste, dass sie nicht durch die Lobby gehen konnte, ohne Kais Leibwächter zu alarmieren. Doch das „Raffles“ war ein weitläufiges Anwesen mit vielen verborgenen Gängen.
 

Nami wartete keine Sekunde länger. Das brennende Verlangen nach Antworten war stärker als die Loyalität gegenüber Kais Befehlen. Sie wusste, dass Kai die Suite überwachen ließ, also nutzte sie den schmalen Verbindungsgang für das Hotelpersonal, den sie am Morgen bei ihrer Erkundung entdeckt hatte. Mit einem über die Schultern geworfenen Seidentuch, das ihr auffälliges weißes Haar verbarg, schlüpfte sie durch eine unscheinbare Seitentür hinaus in die feuchte Hitze Singapurs.

​Doch kaum hatte sie den ersten Häuserblock umrundet, spürte sie das vertraute Kribbeln im Nacken. Sie kannte die Taktiken von Kais Sicherheitsleuten – diskret, effizient und fast unsichtbar. Als sie kurz in das Spiegelbild einer Schaufensterscheibe blickte, sah sie zwei Männer in unauffälligen dunklen Polohemden, die mit verdächtiger Präzision in sicherem Abstand hinter ihr blieben.

​Verdammt, Kai... du lässt mir wirklich keine Luft zum Atmen, dachte sie grimmig.
 

​Nami beschleunigte ihren Schritt. Sie bog abrupt in eine belebte Seitenstraße ein und sah direkt neben dem prachtvollen Hotelkomplex ein kleines, charmantes Café mit einer dicht bewachsenen Terrasse. Ohne zu zögern, schlüpfte sie zwischen den eng stehenden Tischen hindurch und ließ sich auf einen Platz im hinteren Bereich fallen, der durch eine große Farnpflanze geschützt war.

​In dem Moment, als die beiden Sicherheitsmänner um die Ecke bogen und suchend den Gehweg scannten, griff Nami nach der überdimensionalen, laminierten Speisekarte, die auf dem Tisch lehnte.

​Sie riss die Karte hoch und verbarg ihr Gesicht vollständig dahinter. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Durch einen winzigen Spalt zwischen der Karte und dem Rand des Tisches beobachtete sie die Schatten der Männer, die nur wenige Meter an ihrem Tisch vorbeihasteten.

​„Sie ist weg“, hörte sie einen von ihnen fluchen, seine Stimme nur ein gedämpftes Murmeln im Straßenlärm. „Wenn der Boss erfährt, dass wir sie verloren haben, können wir uns einen neuen Job suchen.“

​Nami hielt die Karte noch minutenlang oben, bis die Schritte der Männer endgültig verhallt waren. Ihr Atem ging stoßweise. Sie wagte es kaum, die Deckung aufzugeben, als plötzlich eine tiefe, melodische Stimme direkt vor ihrem Tisch erklang.

​„Ein interessantes Versteck. Aber für eine Frau mit deinem Haar ist eine Speisekarte leider nur ein schwacher Schutz gegen jemanden, der weiß, wonach er sucht.“

​Erschrocken ließ Nami die Karte sinken.

​Direkt vor ihr, auf dem Stuhl gegenüber, saß er. Der Mann mit den auberginenfarbenen Augen. Er hatte eine Tasse schwarzen Tee vor sich stehen, aus der noch leichter Dampf aufstieg, als hätte er hier schon die ganze Zeit gewartet. Sein dunkles Haar schimmerte im Schatten der Terrasse fast bläulich, und sein Blick war so intensiv, dass Nami für einen Moment vergaß, wie sie atmen sollte.

​„Du hast Mut, Nami“, sagte er leise, und dieses Mal schwang eine ehrliche Anerkennung in seinem Ton mit. „Sich vor den Hunden des Zaren zu verstecken, erfordert Nerven aus Stahl. Oder eine gewisse Verzweiflung.“

​Nami straffte den Rücken. Die Angst war verflogen, ersetzt durch eine kühle Entschlossenheit, die sie sich jahrelang an Kais Seite angeeignet hatte. Sie legte die Speisekarte ruhig auf den Tisch und sah ihm direkt in die seltsamen, violett-roten Augen.

​„Ich bin nicht verzweifelt“, entgegnete sie fest. „Ich bin neugierig. Wer sind Sie? Und warum versuchen Sie so verzweifelt, Kais Schatten zu spielen?“

​Der Fremde lächelte, doch es war ein trauriges, kaltes Lächeln. „Ich spiele nicht, Nami. Ich bin das, was übrig bleibt, wenn man das Licht wegnimmt. Und was Kai betrifft... glaubst du wirklich, er hat dir alles erzählt?
 

Nami hielt den Atem an, bereit für eine düstere Offenbarung über geheime Experimente oder verbotene Blutlinien. Doch statt einer finsteren Beichte legte der Mann den Kopf in den Nacken und begann zu lachen.

​Es war ein tiefes, kehliges Lachen, das noch eine Spur dunkler und resonanter klang als das von Kai. Aber im Gegensatz zu Kais oft spöttischem oder kühlem Lachen schwang hier eine unerwartete Herzlichkeit mit, die Nami vollkommen aus dem Konzept brachte. Als er sich wieder beruhigte, sah er sie mit genau jenem intensiven, besitzergreifenden Blick an, den sie nur zu gut kannte – jenen Blick, der keine Distanz duldete.

​„Ein Schatten? Ein dunkler Klon?“, wiederholte er und schüttelte amüsiert den Kopf, während er sich ein wenig über den kleinen Cafétisch zu ihr vorlehnte. Sein Blick glitt spielerisch über ihre Gesichtszüge. „Glaubst du wirklich an so einen Schwachsinn, Nami? Dass die Welt ein billiger Science-Fiction-Roman ist, in dem irgendwo im Keller der Tachiwari-Corporation Kopien von uns gezüchtet werden?“
 

~Wenn der wüsste...~

​Er musterte sie nun unverhohlen, und Nami spürte, wie eine wohlige, aber auch beunruhigende Hitze in ihre Wangen stieg.

​„Aber ich muss zugeben...“, fuhr er leise fort, und sein Tonfall wurde eine Nuance ernster, fast schon bewundernd. „Ich kann jetzt verdammt gut verstehen, warum Kai so besessen von dir ist. Es ist nicht nur dein Aussehen.“ Er machte eine vage Geste in Richtung ihres Körpers. „Du hast eine Wirkung, die man nicht erklären kann. Etwas an dir zieht die Dunkelheit in den Herzen mancher Menschen an – und gleichzeitig scheint es sie zu besänftigen. Kein Wunder, dass der Zar dich wie seinen kostbarsten Schatz unter Verschluss hält.“

​Nami wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, sichtlich irritiert über seine amüsierte Arroganz, als die friedliche Atmosphäre des Cafés jäh zerschmettert wurde.
 

​BAMM!
 

​Die schwere Glastür des Cafés schwang mit einem ohrenbetäubenden Knall auf und knallte gegen den Stopper an der Wand. Das Gespräch im Raum verstummte schlagartig. Nami fuhr herum, doch sie wusste bereits, wer dort stand, noch bevor sie ihn sah.

​In der Türrahmung zeichnete sich die dunkle, bedrohliche Silhouette von Kai ab. Seine Aura war in diesem Moment keine bloße Präsenz mehr, sie war eine physische Gewalt, die den Raum flutete. Sein Blick war pures, flüssiges Rubinrot, und das weiße Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte, spannte sich über seinen bebenden Muskeln.

​Er sah nicht aus wie ein Geschäftsmann. Er sah aus wie ein Gott des Krieges, der bereit war, jeden in Stücke zu reißen, der es gewagt hatte, seine Frau zu berühren oder ihr auch nur zu nahe zu kommen. Sein Blick fixierte zuerst Nami, voller Erleichterung und brennendem Zorn zugleich, bevor er sich mit tödlicher Präzision auf den Mann mit den auberginenfarbenen Augen richtete.

​„Nami. Weg von ihm. Sofort“, grollte Kais Stimme, so tief und gefährlich, dass die Kaffeetassen auf den Nachbartischen leise zu klirren begannen.

Nami hielt den Atem an. Die Spannung im Raum war so physisch greifbar, dass die Luft zwischen den beiden Männern förmlich zu flimmern schien. Kai stand da wie eine gespannte Stahlfeder, bereit, jeden Moment vorzuschnellen, während der Fremde mit einer aufreizenden Langsamkeit seine Teetasse absetzte.

​Der Unbekannte erhob sich. Er bewegte sich mit der gleichen geschmeidigen Eleganz wie Kai, doch in seinen Bewegungen lag eine Spur mehr Gelassenheit, fast so, als würde ihn die mörderische Aura seines Gegenübers eher amüsieren als beeindrucken.

​„Mladshiy brat“, sagte der Fremde leise, doch seine Stimme trug durch das gesamte, nun totenstille Café.

​Nami zuckte zusammen. Obwohl sie der russischen Sprache nicht mächtig war, stach ihr das Wort Brat – Bruder – mitten ins Herz. Es war eine Information, die alles veränderte. Ein Bruder? Kai hatte nie erwähnt, dass es jemanden gab.

​Kai machte einen Schritt auf den Tisch zu, seine Augen leuchteten in einem fast unnatürlichen Rot. „Chto ty zdes' delayesh'?“, stieß er hervor, die Worte wie Giftpfeile spuckend. Sein Russisch klang hart, autoritär und von einem tief sitzenden Groll durchtränkt.

​Der Fremde lachte leise und antwortete in derselben Sprache. Nami schnappte nur Fetzen auf – Worte wie Semeystvo (Familie) und Dostoyaniye (Besitz) –, während die beiden Männer sich in einem rasanten, verbalen Duell um die Ohren schlugen. Kai versuchte sichtlich, die Beherrschung zu wahren, seine Knöchel traten weiß an seinen geballten Fäusten hervor, während der Fremde – offensichtlich sein Bruder – fast schon spöttisch auf ihn herabsah.

​„Du hast dich nicht verändert, Kai“, wechselte der Fremde plötzlich zurück, als wollte er sicherstellen, dass Nami jedes Wort verstand. „Immer noch der Zar, der glaubt, er könne die ganze Welt in einen Käfig sperren. Aber du vergisst: Schatten lassen sich nicht einsperren.“
 

​Kai ignorierte die Provokation seines Bruders und fixierte stattdessen Nami. „Ich habe dir gesagt, du sollst in der Suite bleiben“, sagte er, und seine Stimme bebte vor einer Mischung aus Erleichterung darüber, dass sie unversehrt war, und einer rasenden Eifersucht, die er kaum zügeln konnte. Er trat zwischen sie und den Fremden, sein Rücken wie ein unüberwindbarer Wall aus Muskeln und dunklem Stoff.

​Der Bruder machte eine einladende Geste mit der Hand. „Komm schon, Kleiner. Sei kein so schlechter Gastgeber. Ich habe mich gerade erst mit deiner bezaubernden Frau unterhalten. Sie hat weitaus bessere Manieren als du.“

​Kai wirbelte halb herum, seine Augen blitzten gefährlich. „Rühr sie nicht an. Sprich nicht mit ihr. Wenn ich dich noch einmal in ihrer Nähe sehe, wird Singapur dein letzter Halt gewesen sein.“

​Der Fremde sah Kai einen Moment lang schweigend an, sein Blick aus auberginenfarbenen Augen war nun ernst, fast ein wenig traurig, bevor er wieder zu Nami sah. „Pass gut auf sie auf, Kai. Solche Herzen sind selten – besonders in unserer Familie.“

​Mit einer fließenden Bewegung griff der Fremde nach seiner Jacke, warf ein paar Geldscheine auf den Tisch und ging an Kai vorbei zum Ausgang. Er rempelte Kais Schulter nur ganz leicht an, eine letzte Provokation, die den Zaren fast dazu brachte, zuzuschlagen, doch Kai blieb stehen, die Zähne so fest zusammengepresst, dass sein Gesicht schmerzhaft angespannt wirkte.
 

​Erst als die Tür des Cafés wieder ins Schloss gefallen war, löste sich Kais Starre. Er wirbelte zu Nami herum, packte sie an den Schultern und suchte in ihrem Gesicht nach Verletzungen oder Zeichen von Schock.

​„Hat er dich angefasst? Hat er dir wehgetan?“, presste er hervor, seine Stimme rau und voller unterdrückter Panik.

​Nami sah ihn nur an, ihr Verstand versuchte immer noch, das Wort Brat einzuordnen. „Kai... wer war das? Wer ist dieser Mann, der dich 'Bruder' nennt?“

​Kai schloss für einen Moment die Augen, und Nami sah zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Singapur eine tiefe Erschöpfung in seinen Zügen. Er antwortete nicht sofort, sondern zog sie einfach fest in seine Arme, als wollte er sie vor der bloßen Existenz dieses Mannes abschirmen.
 

In der geschützten Stille ihrer Suite war die Atmosphäre so schwer wie der heraufziehende Tropensturm draußen über dem Hafen von Singapur. Kai war nicht der Typ für schwache Nerven oder nervöse Gesten – er hatte in seinem Leben noch nie zu einer Zigarette gegriffen, da er jede Form von körperlicher Schwäche oder Abhängigkeit verabscheute. Stattdessen schritt er mit einer unterdrückten Wut zum Kristall-Dekanter auf dem Sideboard. Das Glas klirrte leise, als er sich einen großzügigen Schluck Whiskey einschenkte und ihn in einem einzigen, harten Zug hinunterstürzte. Das Brennen in seiner Kehle schien die einzige Sache zu sein, die ihn in diesem Moment davon abhielt, die Einrichtung zu zertrümmern.

​Nami saß auf der Bettkante, die Hände fest in den Schoß gelegt. Ihr Kopf dröhnte von den Eindrücken der letzten Stunde. „Er hat dich Bruder genannt“, flüsterte sie in die schwere Stille hinein. „Und er hat es auf Russisch gesagt.
 

​Kai starrte einen Moment lang auf das leere Glas in seiner Hand, bevor er es mit kontrollierter Kraft abstellte. Er drehte sich langsam zu ihr um, sein Blick war düster und von einer tiefen, schmerzhaften Ehrlichkeit geprägt. „Sein Name ist Vladimir. In Russland nennen sie ihn Vlad. Er ist mein Halbbruder.“

​Nami spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Ein Zittern lief durch ihren Körper, das nichts mit der Klimaanlage zu tun hatte. „Ein Halbbruder? Kai, wir sind seit fast elf Jahren verheiratet. Wir haben vier Kinder zusammen... und du hast mir nie mit einem einzigen Wort erzählt, dass es jemanden wie ihn gibt?“ Entsetzen und ein tief sitzender Vorwurf schwangen in ihrer Stimme mit. „Wie konntest du ein so gewaltiges Geheimnis vor mir verbergen? Ich dachte, wir hätten keine Geheimnisse mehr voreinander.“
 

​Kai trat einen Schritt auf sie zu, die Verzweiflung in seinem Blick kämpfte gegen seinen Stolz. „Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich es selbst jahrelang nicht wusste, Nami. Ich habe die Wahrheit erst vor drei Jahren erfahren.“

​Er begann im Raum auf und ab zu gehen, seine Bewegungen unruhig wie die eines Raubtiers im Käfig. „Ich habe ihn ein einziges Mal in meiner ganz frühen Kindheit gesehen – eine blasse, neblige Erinnerung, kaum mehr als ein flüchtiger Schatten in den Korridoren. Dann verschwand er spurlos aus meinem Leben. Jahre später, in der Abtei in Russland... da tauchte er plötzlich wieder auf. Er war fünf Jahre älter als ich, stärker, bereits gezeichnet von der Härte dieses Ortes. Wir lebten dort einige Zeit zusammen, trainierten im selben Eis, unter denselben grausamen Bedingungen.“

​Kai hielt inne und sah sie direkt an, seine Augen glühten in einem gequälten Rubinrot. „Die anderen Kinder dort... sie haben uns ständig verglichen. Sie sagten, wir sähen uns ähnlich, wir hätten dieselbe Ausstrahlung, denselben unnahbaren Blick. Aber ich wusste es damals nicht besser. Ich hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt Geschwister haben könnte. Für mich war er nur ein weiterer Konkurrent, den ich hassen lernte.“
 

​Nami sah ihn fassungslos an, während sie versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. „Und wie hast du es dann herausgefunden?“

​„Aus dem Nachlass meines Großvaters“, antwortete Kai heiser. „Obwohl Voltaire schon Jahre tot war, schickten mir seine Anwälte plötzlich Kisten mit alten Akten aus Russland in den Tower. Es war sein privates Giftarchiv, welches wohl erst später entdeckt wurde. Tief vergraben in diesen Papieren fand ich ein Dokument, das niemals existieren sollte. Eine Akte über einen Jungen namens Vladimir.“

​Er trat ganz nah an sie heran. „Er ist der uneheliche, niemals anerkannte Sohn meines Vaters Susumu. Er stammte aus einer Affäre mit einer Russin namens Anja – eine Verbindung, die mein Vater hatte, kurz bevor er meine Mutter kennenlernte und sie heiratete. Mein Vater hat ihn verleugnet, und Voltaire hat ihn in der Abtei versteckt, um ihn wie mich zu einer Waffe der Hiwatari-Blutlinie zu schmieden. Erst als ich diesen Namen in der Akte las, begriff ich mit einem Schlag, dass der Vlad aus der Abtei mein eigen Fleisch und Blut ist.“
 

​Kai nahm Namis Gesicht in seine großen Hände. Seine Daumen strichen fast flehend über ihre Wangenknochen, während sein Blick versuchte, um Vergebung zu bitten. „Er war nie wirklich Teil meines Lebens, Nami. Und ich wollte niemals, dass er es wird. Ich habe ihn bereits in der Abtei verabscheut, und diese Abneigung ist mit jedem Jahr gewachsen. Er ist das personifizierte Erbe, das ich hinter mir lassen wollte.“

​Er atmete schwer aus. „Aber er lässt mich nicht los. Er taucht immer wieder auf – bei internationalen Konferenzen, bei exklusiven Galas. Er ist der CEO einer gewaltigen russischen Firma, ein Imperium aus Stahl und Blut, genau wie ich. Er hat mich heute im Café 'Bruder' genannt, nur um mich zu demütigen, um mir zu zeigen, dass er weiß, wer du bist und wie viel du mir bedeutest.“

​Kai drückte seine Stirn gegen ihre. „Dass er dich angesprochen hat... dass er dich in dieses Gespräch verwickelt hat, während ich bei diesen verdammten Aktionären festsaß... das ist eine Grenzüberschreitung, die ich nicht ungesühnt lassen werde.“

​Nami sah in seine Augen und erkannte zum ersten Mal die wahre Last, die Kai mit sich herumtrug. Vladimir war nicht nur ein Verwandter; er war die lebende Erinnerung an die Sünden seines Vaters und die Grausamkeit seines Großvaters. Ein Spiegelbild, das Kai daran erinnerte, dass man vor seiner eigenen Blutlinie niemals ganz fliehen konnte.
 

Obwohl Kais Hände noch immer ihre Wangen hielten und seine Sorge fast greifbar war, brannte in Nami ein Feuer, das er nicht so einfach löschen konnte. Die Information über Vlad war wie ein Riss in dem Fundament, auf dem sie ihr gemeinsames Leben aufgebaut hatten. Kai wollte den Schatten vertreiben, indem er ihn ignorierte oder vernichtete – doch Nami wusste als Ingenieurin, dass man ein Problem nicht löst, indem man die Augen davor verschließt.

​Als Kai sich später am Abend in den Nebenraum zurückzog, um mit finsterer Miene Sicherheitsberichte anzufordern und seinen Stab in Tokio zu kontaktieren, nutzte Nami die Stille.

​Sie setzte sich nicht an den Laptop – das wäre zu auffällig gewesen. Stattdessen nutzte sie ihr Smartphone und griff auf ein verschlüsseltes Netzwerk zu, das sie für die Kommunikation mit den IT-Spezialisten der Tachiwari-Corporation verwendete. Wenn Vlad CEO einer russischen Großmacht war, musste er Spuren hinterlassen haben.

​Sie suchte nach dem Namen der Firma, die Kai erwähnt hatte: „Severnaya Stal & Energo“.

​Innerhalb weniger Minuten fluteten Informationen ihren Bildschirm. Vladimir Ivanov – dort geführt unter dem Namen seines mütterlichen Erbes, da Susumu ihn nie anerkannt hatte – war in der russischen Wirtschaft als „Der Schneeleopard“ bekannt. Seine Methoden galten als noch rücksichtsloser als die Kais, doch was Nami wirklich stutzig machte, waren die aktuellen Logistikdaten der Firma.

​„Warum investiert eine russische Energiefirma ausgerechnet jetzt massiv in Singapur?“, murmelte sie leise vor sich hin.
 

​Sie fand heraus, dass Vlad am späten Abend eine private Veranstaltung im Marina Bay Sands besuchen würde – weit weg von den Augen der Öffentlichkeit. Nami wusste, dass sie Kai niemals davon überzeugen konnte, sie dorthin zu lassen. Er würde sie eher im Hotelsafe einsperren, als sie noch einmal in Vlads Nähe zu wissen.

​Doch sie musste wissen, was er wirklich wollte. Wollte er Kai ruinieren? Oder war sein Interesse an ihr, der „weißen Rose“, mehr als nur eine Provokation?

​Sie wartete, bis Kai unter der Dusche war. Das Rauschen des Wassers gab ihr das nötige Zeitfenster. Sie schlüpfte in ein elegantes, mitternachtsblaues Abendkleid, das sie eigentlich für das Abendessen mit Kai eingepackt hatte, und steckte ihr weißes Haar kunstvoll hoch. Sie hinterließ eine kurze Nachricht auf dem Nachttisch:

​„Ich brauche frische Luft. Such mich nicht – ich bin in Sicherheit. Wir müssen lernen, einander wieder vollkommen zu vertrauen, Kai. Auch wenn es um Vladimir geht.“
 

​Eine halbe Stunde später stand Nami auf der Aussichtsplattform des Marina Bay Sands. Der Wind zerrte an ihrem Kleid, und unter ihr glitzerte Singapur wie ein Meer aus Diamanten. Sie musste nicht lange suchen.

​Vlad stand an der Reling, ein Glas Champagner in der Hand, und starrte auf das Meer hinaus. Er trug keinen Anzug mehr, sondern einen Kaschmirpullover, der ihn weniger wie einen CEO und mehr wie einen gefährlichen Raubzug-Anführer wirken ließ. Als er ihr Herannahen bemerkte, drehte er sich nicht sofort um.

​„Ich wusste, dass du kommst“, sagte er mit jener tiefen, melodischen Stimme, die Nami bereits im Café so irritiert hatte. „Kai ist ein Narr. Er glaubt, er könne dich beschützen, indem er dich anlügt. Er merkt nicht, dass du die Einzige bist, die stark genug ist, die Wahrheit zu ertragen.“

​Er drehte sich nun ganz zu ihr um, und das kühle Licht der Stadt ließ seine Augen fast violett leuchten. „Also, Nami. Was willst du wirklich wissen? Über die Abtei? Über unseren gemeinsamen Vater? Oder warum ich wirklich hier bin?“

​Nami trat einen Schritt näher, ihre Angst war einer kalten Neugier gewichen. „Ich will wissen, warum du ausgerechnet jetzt auftauchst. Nach all den Jahren. Und warum du meine Nähe suchst, statt Kai direkt gegenüberzutreten.“

​Vlad lächelte – ein Lächeln, das so schmerzhaft an Kai erinnerte, dass es Nami fast das Herz zerriss. „Weil Kai endlich lernen muss, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Die Enttäuschung und der Sieg

Nami wollte gerade zur Antwort ansetzen, doch ein langsames, rhythmisches Klatschen schnitt durch die feuchte Nachtluft und ließ sie augenblicklich verstummen. Sie wirbelte herum.

​Kai schritt gemächlich aus dem Schatten der SkyPark-Architektur hervor. Er trug seinen besten, tiefschwarzen Maßanzug, der in dem künstlichen Licht der Plattform fast wie eine Rüstung wirkte. Keine einzige Strähne seines dunklen Haares saß falsch, und seine Aura war so kontrolliert und eisig, dass sie den warmen Tropenwind zu verdrängen schien.

​Er blieb ein paar Meter vor ihnen stehen und senkte die Hände. Sein Blick glitt kurz zu Vlad, bevor er sich auf Nami fixierte. Es war ein kalter, leicht enttäuschter Blick – keine blinde Wut, sondern eine Form von stillem Vorwurf, die Nami wie ein physischer Stich ins Herz traf.

​„Glaubst du eigentlich immer noch nicht, dass ich dich gut genug kenne, Nami?“, fragte er mit einer Stimme, die so ruhig war, dass sie gefährlicher wirkte als jeder Schrei. „Glaubst du ernsthaft, ich wäre so blöd zu glauben, dass du einfach aufgibst oder dich schlafen legst, wenn es so viele Informationen zu holen gibt? Wenn es ein Rätsel zu lösen gilt?“

​Er trat einen Schritt näher, die Hände nun lässig in den Hosentaschen. „Natürlich habe ich im Bad bemerkt, wie du dich rausgeschlichen hast. Und natürlich bin ich dir direkt hinterhergekommen.“

​Vlad, der die ganze Zeit über an der Reling gelehnt hatte, hob beschwichtigend die Hände. Ein kurzes, amüsiertes Funkeln trat in seine auberginenfarbenen Augen, doch er erkannte den Ernst der Lage. Er wollte die Situation nicht weiter eskalieren lassen – zumindest nicht heute Nacht.

​„Ganz ruhig, kleiner Bruder“, sagte Vlad mit jener dunklen, fast samtigen Stimme. „Lass deinen Frust nicht an ihr aus. Sie ist nur ihrer Natur gefolgt.“

​Er stieß sich von der Reling ab und machte einen Schritt auf Kai zu, wobei er respektvoll Distanz wahrte. „Ich bin nicht hier, um deine Frau zu stehlen oder dein Imperium zu stürzen. Ich logiere in einem Hotel nur ein paar Blocks von hier, ich habe meine eigenen Konferenzen zu führen. Dass wir zur selben Zeit in Singapur sind, war ein reiner Zufall – ein makaberer Scherz des Schicksals, wenn du so willst.“

​Kai schwieg, doch seine Kiefermuskulatur spannte sich gefährlich an.

​„Ich habe Nami in der Stadt gesehen“, fuhr Vlad fort. „Mein Firmen-Interface ist mit einer KI gekoppelt, die jede Pressebewegung und jede Erwähnung der Hiwarari-Familie in Echtzeit filtert. Es war ein Kinderspiel, euch zu lokalisieren. Ich sah die Chance, Kai. Eine Chance, endlich wieder ein Gespräch zu erzwingen, nachdem du mich jahrelang wie einen Aussätzigen abgeblockt hast. Ich will nur reden, mehr nicht.“

​Kai sah seinen Halbbruder lange an. Das Rubinrot seiner Augen schien die Dunkelheit der Nacht aufzusaugen. Es war offensichtlich, dass er jedes Wort von Vlad auf die Goldwaage legte. Der Verdacht, dass dies alles eine groß angelegte Inszenierung war, stand noch immer im Raum, doch Vlads entwaffnende Ehrlichkeit – so untypisch für einen Hiwatari – schien Kai für einen Moment aus dem Konzept zu bringen.

​„Du willst reden?“, wiederholte Kai hämisch. „Nach all der Zeit in der Abtei, nach all den Jahren des Schweigens, suchst du dir ausgerechnet diesen Moment in Singapur aus, um den Familienmenschen zu spielen?“

​„Es gibt Dinge, die man nicht per E-Mail bespricht, Kai“, antwortete Vlad ernst. Er warf Nami einen kurzen Blick zu. „Und ich dachte, deine Frau wäre vielleicht die Einzige, die vernünftig genug ist, dir klarzumachen, dass ich kein Feind bin. Zumindest kein Feind, gegen den du kämpfen musst.“
 

Kai starrte Vlad noch einige Sekunden lang schweigend an, während der Wind vom Meer her kräftiger wurde. Man konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Sein Misstrauen war ein tief verwurzelter Instinkt, doch Namis Anwesenheit und ihr fragender Blick schienen ihn schließlich dazu zu bewegen, die Mauer ein winziges Stück sinken zu lassen.

​„Eine halbe Stunde“, sagte Kai schließlich, die Worte scharf wie Glas. „Keine Sekunde länger. Und wir gehen in die Bar hier im Hotel. Ich werde nicht mit dir durch die halbe Stadt fahren.“
 

​Minuten später saßen sie in einer abgelegenen Ecke der hoteleigenen Bar, die so hoch gelegen war, dass man das Gefühl hatte, über den Wolken zu schweben. Kai saß steif und mit verschränkten Armen da, sein Blick fest auf seinen Bruder gerichtet, während er Nami so nah an seiner Seite positioniert hatte, dass kein Zweifel an seinem Besitzanspruch bestand.

​Nami fühlte sich wie der ruhende Pol in einem energetischen Sturm. Sie beobachtete beide Männer: Kai, der wie eine geladene Waffe wirkte, und Vlad, der entspannt an seinem Drink nippte und die Umgebung mit einer fast schon arroganten Gelassenheit musterte.

​„Also“, begann Kai ohne Umschweife. „Rede. Warum hast du den Aufwand betrieben, uns hier aufzuspüren?“
 

​Vlad stellte sein Glas ab. Die Amethysttöne in seinen Augen wirkten im gedämpften Licht der Bar tiefer, fast schon melancholisch. „Ich werde älter, Kai. Und unsere Familie... nun, du weißt selbst, dass wir nicht gerade für unsere Langlebigkeit bekannt sind, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen. Susumu und Voltaire sind tot. Wir sind die Letzten, die dieses Blut in sich tragen.“

​Er lehnte sich ein Stück vor. „Ich habe keine Kinder. Kein Erbe. Nur meine Firma. In den letzten Jahren habe ich gesehen, wie du die Tachiwari-Corporation umgestaltet hast. Du hast etwas geschafft, was ich nicht für möglich hielt: Du hast eine Familie gegründet, die tatsächlich... funktioniert.“ Sein Blick glitt kurz zu Nami. „Ich wollte sehen, ob du immer noch der verbitterte Junge aus der Abtei bist oder ob du bereit bist, die Vergangenheit dort zu lassen, wo sie hingehört – im Eis Russlands.“
 

​Kai schnaubte verächtlich, doch Nami spürte, wie sich der Griff seiner Hand um ihre Finger ein wenig lockerte. Vlads Worte schienen einen wunden Punkt getroffen zu haben.

​„Du willst also Verbrüderung?“, fragte Kai hämisch. „Nachdem du mich jahrelang provoziert hast?“

​„Ich wollte deine Aufmerksamkeit“, korrigierte Vlad ihn ruhig. „Provokation ist die einzige Sprache, die du fließend sprichst, Kai. Ich dachte, du verstehst das. Ich bin nicht hier, um Anteile zu fordern oder dein Leben zu ruinieren. Ich wollte nur, dass du weißt: Wenn der Tag kommt, an dem die Geister der Vergangenheit – oder die alten Feinde unseres Großvaters – wieder auftauchen, stehst du nicht allein da.“

​Nami ergriff das Wort, ihre Stimme sanft, aber bestimmt. „Du hättest uns einfach kontaktieren können, Vlad. Ohne das ganze Theater in der Stadt.“

​Vlad lachte kurz auf, ein dunkler, ehrlicher Klang. „Und Kai hätte mich sofort vom Sicherheitsdienst entfernen lassen. Gib es zu, Nami – das hier war der einzige Weg, wie er mir tatsächlich zugehört hätte.“

​Kai antwortete nicht direkt. Er leerte seinen Whiskey und stand auf, was signalisierte, dass die Zeit abgelaufen war. Er sah Vlad noch einmal tief in die Augen. „Ich vertraue dir immer noch nicht weiter, als ich dich werfen kann, Vlad. Aber... ich werde dich nicht sofort verhaften lassen, wenn ich deinen Namen in meinen Systemen sehe.“

​Es war kein Friedensvertrag, aber für einen Hiwatari war es das Äquivalent zu einer herzlichen Umarmung.
 

Der Rückweg zur Suite verlief in einer drückenden, fast schon physisch schmerzhaften Stille. Kai ging mit schnellen, harten Schritten voran, während Nami ihm kaum folgen konnte. Sobald die Tür der Suite hinter ihnen ins Schloss fiel, entlud sich die aufgestaute Spannung.

​Kai drehte sich herum, sein Gesicht eine Maske aus eisiger Kälte. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, herrschte er sie an, und seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch den Raum. „Dich heimlich mit ihm zu treffen? Mit einem Mann, über den ich dir erst vor Stunden gesagt habe, wie gefährlich er ist?“

​Nami wollte ansetzen, um sich zu erklären, doch Kai ließ ihr keinen Raum. „Du hast mein Vertrauen und meine Sicherheitsvorkehrungen missachtet, als wäre es ein Spiel! Du hast dich wissentlich in Gefahr begeben, nur um deine Neugier zu befriedigen! Vielleicht hättest du doch lieber in Tokio bleiben sollen, dann hätte ich mir so einen Ärger sicher erspart.“

​Sein Blick war erfüllt von einer tiefen Enttäuschung, die weit über bloßen Zorn hinausging. Doch in dem Moment, als er die Worte aussprach, sah er Namis Gesicht im harten Licht der Suite. Ihr Blick war nicht rebellisch oder trotzig; er war zutiefst verletzt. Ihre Augen schimmerten von Tränen, die sie mühsam zurückhielt, und ihr Mund bebte leicht. In ihrem Gesicht spiegelte sich der Schmerz darüber wider, dass er – der Mann, für den sie alles riskiert hatte – sie in diesem Tonfall behandelte, als wäre sie eine Ungehorsame Untergebene und nicht seine Frau.

​Reue durchflutete Kai augenblicklich. Das Rot seiner Augen verblasste zu einem matten Glühen, und er hob die Hand, um nach ihr zu greifen. „Nami, ich... das wollte ich nicht...“, begann er heiser, seine Stimme nun brüchig und voller Bedauern.

​Doch es war zu spät.

​Bevor er sie erreichen oder seinen Satz beenden konnte, wandte Nami sich ab. Ohne ein Wort zu sagen, rannte sie an ihm vorbei, stieß die Tür zum Badezimmer auf und schlug sie mit einer Wucht hinter sich zu, die durch die ganze Suite hallte. Das deutliche Klick des Schlosses war wie ein finaler Schlag.

​Kai stand allein im Wohnzimmer, die Hand noch immer in der Luft ausgestreckt. Er starrte auf die geschlossene Tür, hinter der er nun das unterdrückte Schluchzen hörte, das ihm das Herz zerriss. Er hatte die Situation völlig falsch eingeschätzt. Er hatte versucht, sie durch Dominanz zu schützen, und hatte dabei das Einzige beschädigt, was ihm wichtiger war als sein Stolz: ihre Verbindung.

​Er trat langsam auf die Badezimmertür zu und legte die Stirn gegen das kühle Holz. „Nami?“, flüsterte er, und seine Stimme war nun vollkommen frei von jener Härte, die sie eben noch so verletzt hatte. „Bitte... mach auf. Es tut mir leid.“
 

Kai rührte sich nicht von der Stelle. Die schwere Stille der Suite wurde nur durch das leise, herzzerreißende Schluchzen unterbrochen, das durch die Tür drang. Er presste seine Handfläche flach gegen das dunkle Holz, als könnte er so die Distanz zwischen ihnen überbrücken.

​„Nami, bitte“, flüsterte er erneut, und dieses Mal klang seine Stimme rau, fast flehend. Er sank langsam auf die Knie und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badezimmertür, genau dort, wo er sie auf der anderen Seite vermutete. „Ich bin ein Narr. Ich war so besessen davon, dich vor ihm zu schützen, dass ich vergessen habe, wer du bist. Dass du meine Partnerin bist.“

​Er verbrachte die nächsten Stunden auf dem Boden, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Er dachte an Vlad, an die Abtei und an die Angst, die ihn dazu getrieben hatte, die einzige Person zu verletzen, die ihm Halt gab.

​Es war gegen drei Uhr morgens, als Kai das leise, beinahe zögerliche Klicken des Schlosses hörte. Er sprang sofort auf, seine Glieder waren steif von der langen Nacht auf dem Boden, doch sein Blick war hellwach.

​Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, und Nami trat heraus. Kai blieb wie angewurzelt stehen. Nami sah ihn an, und in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Sie fühlte sich schrecklich – ihre Augen waren rot und geschwollen, ihr Gesicht vom Weinen fleckig und ihr langes weißes Haar, das ihr sonst so seidig bis zum Gesäß reichte, war völlig zerzaust und ungekämmt.

​Doch als ihr Blick auf Kai fiel, raubte es ihr fast den Atem. Er strahlte selbst in diesem Moment der Reue eine Dominanz und Schönheit aus, der sie sich niemals entziehen konnte. Es war fast unfair, wie perfekt er wirkte, während sie sich wie ein Häufchen Elend fühlte.

​Nami straffte sich so gut es ging. „Keine Entschuldigungen mehr, Kai“, sagte sie leise, aber mit einer Bestimmtheit, die keine Widerrede duldete. „Ich verzeihe dir, weil ich weiß, dass es deine Angst war, die gesprochen hat. Aber ich habe eine Bedingung.“

​Kai nickte stumm, seine roten Augen fixierten sie mit einer Intensität, die ihre Knie weich werden ließ. „Wenn wir nach Tokio zurückkehren, wird Vlad kein Geheimnis mehr sein. Wir teilen alles – jede Akte, jede Erinnerung. Keine Alleingänge mehr, um mich zu ‚schonen‘. Wir sind ein Team, Kai. Entweder ganz oder gar nicht.“

​Kai schluckte schwer, sein Blick wurde weich. „Ganz, Nami. Nur noch ganz.“

​Kaum waren die Worte ausgesprochen, verließ Nami die letzte Kraft, die sie für ihre kühle Fassade gebraucht hatte. All der Stolz und der Schmerz der vergangenen Stunden lösten sich auf. Sie machte den letzten Schritt auf ihn zu und ließ sich einfach gegen seine breite Brust fallen.

​Ihre Arme schlangen sich fest um seinen Oberkörper, und sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hemd. In dem Moment, als sie seinen vertrauten Duft einatmete – diese Mischung aus kühler Eleganz und seiner ganz eigenen, warmen Note –, spürte sie, wie die Anspannung von ihr abfiel. Sie war einfach nur unendlich froh um seine Nähe, um das feste Pochen seines Herzens unter ihrem Ohr.

​Kai schloss seine Arme um sie, als wollte er sie nie wieder loslassen. Er hob sie ein Stück an, drückte sie fest an sich und küsste ihr zerzaustes Haar. In dieser Umarmung, mitten in der Nacht in Singapur, war Vlad weit weg. Es gab nur noch sie beide.
 

„Du willst alles wissen?“, fragte er heiser, während er mit seinen langen Fingern vorsichtig die Knoten aus ihrem zerzausten, weißen Haar strich. Nami nickte an seiner Brust.
 

​Und so begann er zu erzählen. Er sprach über die Abtei, über das unerbittliche Training im Eis und wie Vlad damals schon wie ein Geist durch die Gänge wandelte – immer ein Stück schneller, ein Stück kälter. Er erzählte ihr von den Dokumenten Voltaires, die belegten, dass Voltaire Vlad niemals als Enkel angesehen, sondern ihn nur als „Ersatzteil“ betrachtet hatte, falls Kai jemals versagen sollte.

​Kai sprach leise, seine Stimme vibrierte in seinem Brustkorb, gegen den Nami sich lehnte. Es war das erste Mal, dass er die Scham und den Zorn über seine Herkunft nicht niederkämpfte, sondern einfach fließen ließ. Nami hörte zu, wie die Puzzleteile einer zerbrochenen Familie sich vor ihr ausbreiteten, und sie verstand nun, dass Kais Zorn auf Vlad eigentlich ein Zorn auf das Schicksal war, das ihn niemals ganz freigeben wollte.

​Als Kai endete, war die Luft in der Suite geladen mit einer tiefen, schmerzhaften Intimität. Er sah auf sie herab, sein Blick wanderte über ihr verheultes Gesicht, das in seinen Augen trotz allem das Schönste war, was er jemals in seinem Leben erblicken durfte.

​„Ich hatte immer solche Angst, dich in dieses Gift hineinzuziehen, Nami“, gestand er, und es war das ehrlichste Geständnis, das er seit langem abgelegt hatte.

​Nami hob den Kopf. Sie legte ihre Hand an seine Wange. „Du ziehst mich nicht hinein, Kai. Ich stehe bereits mitten darin. Weil ich dich liebe.“

​Dieser Moment der absoluten Verletzlichkeit schlug um in eine tiefe, verzweifelte Sehnsucht. Kai beugte sich vor und küsste sie – zuerst vorsichtig, fast fragend, doch als Nami den Kuss mit einer hungrigen Intensität erwiderte, brach der letzte Damm.

​Es war kein bloßer körperlicher Akt; es war eine emotionale Entladung. In ihren Bewegungen lag die ganze Verzweiflung der Nacht, die Angst vor dem Verlust und das grenzenlose Vertrauen, das sie mühsam wieder aufgebaut hatten. Kai berührte sie mit einer Ehrfurcht, die im krassen Gegensatz zu seiner sonstigen Dominanz stand. Er wollte jede Träne, die sie wegen ihm vergossen hatte, mit seinen Küssen tilgen.

​Nami spürte seine Hitze, seine Stärke und die Art, wie er sich ihr vollkommen hingab, als gäbe es außer ihr nichts auf dieser Welt. In der Dunkelheit der Suite, fernab von Tokio und dem Tower der Tachiwari-Corporation, fanden sie zueinander auf eine Weise, die tiefer ging als jemals zuvor. Es war eine Versöhnung, die nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Seelen wieder miteinander verschweißte.

​Als sie schließlich erschöpft und eng umschlungen in den Laken lagen, während das erste fahle Licht des Morgens durch die Vorhänge drang, war das Schweigen zwischen ihnen nicht mehr schwer. Es war friedlich. Kai hielt sie so fest, als wäre sie sein einziger Anker in einer stürmischen See.

​„Wir fliegen morgen nach Hause“, flüsterte er gegen ihre Stirn. „Zu den Kindern. Und wir werden bereit sein, wenn er kommt.“

​Nami schloss die Augen, eingehüllt in seinen Duft und die Sicherheit seiner Arme. Sie wusste, dass der Kampf gegen Vlad noch kommen würde, aber in diesem Moment war sie einfach nur glücklich, wieder ganz bei ihm zu sein.
 

Nach der emotionalen Entladung der Nacht fühlte sich die Suite am nächsten Morgen seltsam friedlich an, fast so, als hätte der Sturm die Luft gereinigt. Die warme Morgensonne Singapurs sickerte durch die schweren Vorhänge und tanzte auf dem zerwühlten Laken. Kai hielt Nami immer noch fest umschlungen, sein Gesicht in ihrem weißen Haar vergraben.

​„Ich muss heute Vormittag zum letzten Meeting“, raunte er gegen ihre Haut, seine Stimme noch rau vom Schlaf und den intensiven Gesprächen der Nacht. „Die Verträge müssen unterzeichnet werden. Und heute Abend findet das Abschlussbankett statt. Es ist eine förmliche Angelegenheit, Nami. Ich möchte, dass du an meiner Seite bist. Mehr als je zuvor.“
 

​Kai brach früh auf. Er wirkte wieder wie der unnahbare CEO, doch bevor er die Tür schloss, warf er Nami einen Blick zu, der nur für sie bestimmt war – voller Wärme und einem tiefen, wortlosen Versprechen.

​Nami verbrachte den Vormittag damit, sich zu sammeln. Sie ließ sich ein langes Bad ein, um die Spuren der Erschöpfung aus ihren Gliedern zu vertreiben. Während sie im heißen Wasser lag, dachte sie an Vlad. Sie fürchtete ihn nicht mehr als Monster, sondern sah in ihm nun das komplexe, dunkle Spiegelbild ihres Mannes. Sie wusste, dass sie heute Abend wieder auf ihn treffen würde.

​Am Nachmittag kam Kai zurück. Er wirkte zufrieden, die Verhandlungen waren perfekt gelaufen. Doch als er Nami sah, die bereits damit begonnen hatte, sich für den Abend zurechtzumachen, hielt er inne. Er trat hinter sie an den Frisiertisch, legte seine großen Hände auf ihre Schultern und beobachtete sie im Spiegel.

​„Du bist wunderschön.“, sagte er leise. Er nahm eine Bürste und begann mit fast schon andächtiger Vorsicht, ihr langes, weißes Haar zu kämmen, das ihr fast bis zum Gesäß reichte. Es war ein seltener, intimer Moment der Stille zwischen ihnen. „Lass uns diesen letzten Abend in Singapur zu unserem machen. Egal, wer dort auftaucht."

​Das Bankett fand im legendären Ballsaal des Raffles-Hotels statt. Überall glänzten poliertes Mahagoni, schweres Kristall und der Duft von exotischen Lilien hing in der Luft. Die Crème de la Quelle der asiatischen und europäischen Wirtschaft war anwesend.

​Nami trug ein bodenlanges, fließendes Kleid aus silbergrauer Seide, das ihre Figur betonte und ihre ozeanfarbenen Augen zum Leuchten brachte. Kai, in einem perfekt sitzenden Smoking, wich keine Sekunde von ihrer Seite. Er führte sie durch den Raum, stellte sie den wichtigsten Partnern vor und legte dabei immer wieder schützend seine Hand an ihren Rücken.

​Mitten im Smalltalk über Logistikketten und Marktanteile veränderte sich die Atmosphäre. Nami spürte es zuerst – ein kühler Zug, eine Präsenz, die wie ein Schatten in den Raum glitt.
 

​Vlad tauchte wie aus dem Nichts an der Bar auf, ein Glas Champagner in der Hand. Er trug ebenfalls einen Smoking, was die Ähnlichkeit zu Kai fast unheimlich machte. Die Gäste um ihn herum hielten unbewusst Abstand, als spürten sie die gefährliche Aura, die er ausstrahlte.

​Als er Kai und Nami sah, neigte er den Kopf und schlenderte mit jener raubtierhaften Eleganz auf sie zu.

​„Ein beeindruckender Abschluss, Kai“, sagte Vlad, und seine dunkle Stimme war selbst im Lärm der Musik deutlich zu hören. „Die Tachiwari-Corporation hat sich teuer verkauft. Susumu wäre stolz gewesen... oder neidisch.“

​Kai spannte sich an, doch er verlor nicht die Beherrschung. Er griff nach Namis Hand und verschränkte seine Finger fest mit ihren. „Das Geschäft ist abgeschlossen, Vlad. Wir fliegen morgen.“

​Vlad lachte leise, ein dunkler, fast herzlicher Klang, der Nami an den Moment im Café erinnerte. „Ich weiß. Ich wollte mich nur verabschieden. Und mich bedanken.“ Er sah Nami direkt in die Augen. „Danke, dass du ihn nicht hast erfrieren lassen, Nami. Er war schon immer ein wenig zu steif für seinen eigenen Stolz.“

​„Was willst du wirklich, Vlad?“, fragte Kai kühl.

​„Nur das hier“, antwortete Vlad und hob sein Glas. „Ich wollte sehen, ob das, was du in Tokio aufgebaut hast, stark genug ist, um mich auszuhalten. Und ich muss sagen... ich bin beeindruckt. Ich werde in den nächsten Monaten in Moskau sein, Kai. Die Geschäfte dort erfordern meine volle Aufmerksamkeit. Aber ich werde zusehen. Aus der Ferne.“

​Er trat einen Schritt näher zu Kai und flüsterte etwas auf Russisch, das Nami nicht verstand, das Kai jedoch dazu brachte, die Augen kurz zu schließen und tief durchzuatmen. Es klang nicht wie eine Drohung, sondern wie eine Anerkennung unter Gleichen.
 

​Nachdem Vlad sich mit einer fast schon theatralischen Verbeugung zurückgezogen hatte, führte Kai Nami hinaus auf die Terrasse. Der Lärm des Banketts wurde leiser, ersetzt durch das Zirpen der Grillen und das ferne Rauschen der Stadt.

​Sie standen an der Brüstung, die warme Tropenluft Singapurs umhüllte sie wie ein weicher Mantel. Kai zog sie von hinten eng an sich, seine Arme umschlangen ihre Taille.

​„Ich bin froh, dass er geht“, gestand er und legte sein Kinn auf ihre Schulter. „Aber ich bin auch froh, dass du hier bist. Dass du das alles mit mir durchgestanden hast.“

​Nami drehte sich in seinen Armen um. Sie sah die Lichter der Stadt, die sich in seinen dunkelroten Augen spiegelten. „Wir sind ein Team, Kai. Das hast du mir versprochen.“

​„Das habe ich“, erwiderte er. Er beugte sich vor und küsste sie, ein langer, intensiver Kuss. Über ihnen explodierte in diesem Moment ein Feuerwerk – ein goldener Regen, der den Himmel über Singapur in Brand setzte und das Ende ihrer Reise markierte.

​Sie blieben noch lange dort stehen, eng umschlungen, während das Lichtspektakel ihre Gesichter erhellte. Der Schatten von Vlad war nicht verschwunden, aber er war nun ein Teil ihrer Geschichte, den sie gemeinsam tragen würden.
 

Nami lehnte sich gegen die kühle Steinbrüstung der Terrasse, während der Nachhall des Feuerwerks noch leise in den Ohren dröhnte. Sie betrachtete Kais Profil, das von den bunten Lichtern der fernen Skyline Singapurs abwechselnd in tiefes Blau und glühendes Rot getaucht wurde. Die Begegnung mit Vlad hallte in ihr nach, wie ein dunkler Akkord in einer ansonsten harmonischen Sinfonie.

​„Kai?“, unterbrach sie die Stille. Er brummte leise als Antwort und verstärkte seinen Griff um ihre Taille, als wollte er sicherstellen, dass sie nicht wieder in die Nacht verschwand.

​Ein Spiel der Gene

​„Es ist wirklich unglaublich“, begann Nami nachdenklich und strich mit den Fingerspitzen über den Stoff seines Smokings. „Ich habe ihn heute Abend genau beobachtet, als er neben dir stand. Wie er sich bewegt, wie er den Kopf neigt... sogar die Art, wie er sein Glas hält. Es ist fast unheimlich, wie ähnlich ihr euch seht, obwohl ihr nur Halbbrüder seid. Man könnte meinen, ihr wärt aus demselben Guss geformt worden.“

​Kai starrte einen Moment lang hinaus auf die glitzernde Bucht, bevor er den Kopf leicht neigte. Ein trockenes, fast schon amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Genetik ist ein seltsames Werkzeug, Nami“, entgegnete er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Sie fragt nicht nach Papieren oder rechtmäßigen Ehen. Sie nimmt sich einfach, was sie will.“ Er drehte sich ein Stück zu ihr und sah ihr direkt in die Augen. „Sieh dich und Lumina an. Ihr seid nur Cousinen, und doch... wenn ihr nebeneinander steht, wirkt ihr manchmal wie Spiegelbilder. Manchmal schlägt das Blut eben so hart durch, dass Nuancen wie 'halb' oder 'entfernt' keine Rolle mehr spielen. Bei Vlad und mir hat Voltaire eben dafür gesorgt, dass nur das härteste Material überlebt. Vielleicht ist das die Ähnlichkeit, die du siehst.“

​Nami schauderte leicht bei der Erwähnung des Großvaters, doch Kais Worte leuchteten ihr ein. Es war die Aura der Hiwatari, die beide Männer wie eine zweite Haut trugen – eine Mischung aus Arroganz, Disziplin und einer verborgenen Tiefe.

​Ein Versprechen für die Heimkehr

​Die Feier im Ballsaal neigte sich dem Ende zu. Die letzten Gäste verließen die Terrasse, und das ferne Rauschen der Stadt wurde zum einzigen Begleiter. Kai löste eine Hand von ihrer Taille und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.

​„Lass uns gehen“, sagte er leise. „Wir haben morgen einen langen Flug vor uns. Und ich habe das Gefühl, dass das Leben in Tokio ab jetzt ein anderes Tempo haben wird.“

​Sie kehrten in ihre Suite zurück, doch der Schlaf wollte sich noch nicht einstellen. Das Wissen, dass sie am nächsten Tag wieder in ihre Rollen als Eltern von vier Kindern und Führer eines Weltkonzerns schlüpfen würden, ließ sie die letzte gemeinsame Nacht in der Fremde noch bewusster genießen.

​„Kai?“, murmelte sie, als sie bereits im Bett lagen und er sie von hinten fest umschlungen hielt. „Wirst du mir wirklich die Akten zeigen? Alles, was du über seine Mutter und die Zahlungen von Voltaire weißt?“

​„Ich halte meine Versprechen, Nami“, antwortete er gegen ihren Nacken, und sie spürte die Vibration seiner Stimme in ihrem eigenen Körper. „Ich will nicht, dass du dich noch einmal hinter einer Speisekarte verstecken musst, um Antworten zu finden. Wenn du das Gift unserer Familie sehen willst, dann zeige ich es dir. Aber ich werde da sein, um das Gegengift zu sein.“

​Nami schloss die Augen, erfüllt von einer tiefen Zufriedenheit. Die Reise nach Singapur hatte als geschäftliche Notwendigkeit begonnen, war zu einer Zerreißprobe für ihre Ehe geworden und endete nun als das stärkste Bündnis, das sie je geschmiedet hatten.

Der eiskalte Boss, ganz warm

Das dumpfe Dröhnen der Triebwerke des Privatjets bildete eine konstante, fast meditative Kulisse, während sie in den luxuriösen Ledersesseln über den Wolken in Richtung Tokio glitten. Kai hatte die Beleuchtung in der Kabine gedimmt, sodass nur die indirekten Spotlights die edlen Holzarmaturen in ein warmes Licht tauchten. Auf dem Tisch zwischen ihnen lag keine vergilbte Papiermappe, sondern Kais schwarzes Tablet. Die Akten waren digitalisiert und hinter mehreren Sicherheitsebenen verschlüsselt – ein digitales Archiv des Schreckens, das Kai nun für sie entsperrt hatte.

​Nami scrollte schweigend durch die Dokumente. Ihre ozeanfarbenen Augen wanderten über die hochauflösenden Scans alter russischer Berichte, Geburtsurkunden und die kalten, präzisen Notizen seines Großvaters Voltaire, die in messerscharfer Typografie auf dem Bildschirm leuchteten. Sie las über Anja Ivanova und die streng geheimen Dossiers über Vladimir, während Kai beobachtete, wie sie die dunkle Geschichte seiner Herkunft in sich aufnahm. Er hielt ein Glas Whiskey in der Hand, rührte es aber kaum an; das Eis darin war längst geschmolzen.
 

​„Nami“, begann er leise und unterbrach die Stille der Kabine. Er stellte das Glas beiseite und lehnte sich vor, die Unterarme auf den Knien abgestützt, während das bläuliche Licht des Tablets seine markanten Gesichtszüge betonte. „Ich wollte noch etwas sagen... über das, was in der Suite passiert ist. Nachdem wir von der Bar kamen....“

​Nami hielt mitten in einer digitalen Akte über Vlads Zeit in der Abtei inne und hob den Blick. Sie sah die Reue, die immer noch wie ein tiefer Schatten in seinen rubinroten Augen lag.

​„Ich war so wenig Widerspruch von dir gar nicht gewohnt“, gestand er mit einem schmalen, fast verlegenen Lächeln, das seine sonst so unerschütterliche Fassade für einen Moment bröckeln ließ. „Normalerweise fährst du mir direkt über den Mund, wenn ich zu herrisch werde. Du bietest mir Paroli, du kämpfst mit Worten, die so scharf sind wie meine eigenen. Aber als ich dich so angefahren habe... bist du einfach weinend ins Bad geflüchtet. Es hat mich vollkommen kalt erwischt.“ Er hielt kurz inne und musterte sie aufmerksam, als suchte er in ihrem Gesicht nach einer Antwort, die er in der Nacht nicht finden konnte. „Du wirktest so schnell... so unglaublich verletzt von meinen Worten. Ich habe mich gefragt, ob ich eine Grenze überschritten habe, von der ich nicht wusste, dass sie dort existiert. Es hat mir das Herz zerrissen, dich so zu sehen.“
 

​Nami hielt das Tablet für einen Moment still in den Händen. Sie atmete tief durch und suchte nach den richtigen Worten, um das Chaos ihrer Gefühle zu ordnen. „Du hast recht, Kai“, gab sie leise zu. „Normalerweise würde ich mich wehren. Normalerweise würde ich den Kopf heben und dir Kontra geben, bis wir beide außer Atem sind. Aber in diesem Moment... war es einfach zu viel. Es war wie eine Lawine, die über mir zusammengeschlagen ist.“

​Sie sah aus dem kleinen Fenster des Jets in die unendliche Schwärze der Nacht, in der nur die Positionslichter an den Tragflächen rhythmisch blinkten, bevor sie ihren Blick wieder auf ihn richtete. „Es waren nicht nur deine Worte oder dein Tonfall, auch wenn sie mich wie Schläge getroffen haben. Es war diese erdrückende Enttäuschung darüber, dass du so etwas Gewaltiges wie einen Bruder vor mir verborgen hattest. Ich fühlte mich plötzlich wie eine Fremde in deinem Leben, als hättest du einen ganzen Teil deiner Seele vor mir eingemauert.“

​Ihre Stimme zitterte ganz leicht bei der Erinnerung an die bittere Kälte in der Suite. „Und du musst bedenken... wir streiten sonst nie. Es ist jahrelang her, dass wir so etwas wie eine echte, hässliche Auseinandersetzung hatten. Unser Leben war so harmonisch, so eingespielt, dass ich mich in dieser Sicherheit gewiegt habe. Als du mich dann so behandelt hast, als wäre ich eine ungehorsame Untergebene und nicht deine Frau, war ich schlichtweg überfordert. Mein Verstand hat ausgesetzt. Mein Herz wusste in diesem Moment nicht, wohin mit dem Schmerz, außer zur Tür hinaus in die Einsamkeit des Badezimmers.“
 

​Kai nahm ihre Hand über dem Tisch, die Finger noch kühl vom Tablet, und umschloss sie fest. „Das wird nicht wieder vorkommen“, versprach er, und dieses Mal klang es nicht wie eine bloße Entschuldigung, sondern wie ein Schwur, der tiefer reichte als alle geschäftlichen Verträge, die er in Singapur unterzeichnet hatte. „Ich habe vergessen, dass Harmonie kein Freibrief für Geheimnisse ist. Ich wollte dich schützen, aber ich habe dich nur isoliert.“

​Er deutete mit dem Kinn auf das leuchtende Display vor ihr. „Dort auf dem Server steht alles. Wie Voltaire Vlad als Drohmittel gegen meinen Vater benutzte. Wie er ihn in der Abtei heimlich filmen und protokollieren ließ, um zu sehen, ob er das 'bessere' Erbgut in sich trug, falls ich jemals den Gehorsam verweigern sollte. Es ist eine hässliche Geschichte, Nami. Voller Verrat und Kälte. Aber sie gehört jetzt uns beiden. Du hast jedes Passwort, jeden Zugang.“

​Nami nickte langsam und spürte, wie die letzte Anspannung der vergangenen Tage von ihr abfiel. Sie richtete ihren Fokus wieder auf das Tablet und wischte zur nächsten Seite, um mehr über die Verbindung zwischen der Tachiwari-Corporation und Vlads russischem Imperium zu erfahren.

Nami scrollte weiter durch die digitalen Dokumente, während die Lichtreflexe des Tablets in ihren ozeanfarbenen Augen tanzten. Sie hielt bei einem verschlüsselten Protokoll inne, das die Machtverhältnisse innerhalb der Familie zum Zeitpunkt von Kais Bruch mit Voltaire dokumentierte.

​„Kai“, begann sie leise, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, „du hast dich damals definitiv gegen deinen Großvater aufgelehnt. Du hast die Ketten gesprengt, die er dir angelegt hatte. Aber was passierte in diesem Moment mit Vlad? Wenn er als dein ‚Ersatz‘ gedacht war, hätte Voltaire ihn doch genau dann aktivieren müssen, als du ihm den Gehorsam verweigert hast.“

​Kai starrte einen Moment lang auf sein Whiskeyglas, in dem sich das sanfte Licht der Kabine brach. Ein düsteres Lächeln glitt über seine Züge.

​„Das war Voltaires Plan“, antwortete er mit belegter Stimme. „Aber er hatte die Rechnung ohne die Ivanovs gemacht – die Familie von Vlads Mutter. In dem Moment, als ich begann, mich offen gegen Voltaire zu wehren und mein eigenes Leben aufzubauen, wurde die Lage in der Abtei instabil. Die Ivanovs nutzten das Chaos und die schwindende Kontrolle meines Großvaters über die russischen Zweige aus. Sie holten Vlad dort raus, noch bevor Voltaire ihn vollständig als Waffe gegen mich in Stellung bringen konnte.“

​Er machte eine kurze Pause und strich sich über den Nacken. „Danach verschwand er jahrelang von der Bildfläche. Es war, als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Erst als die Nachricht von Voltaires Tod um die Welt ging, schien es, als hätten die Ivanovs ihn langsam aus der Versenkung auftauen lassen. Er tauchte plötzlich Jahre später als CEO von Severnaya Stal & Energo auf, mit einem Kapitalstock und einer Rückendeckung, die er unmöglich allein hätte aufbauen können.“

​Nami hielt inne. Ein Gefühl von seltsamer Erleichterung mischte sich unter ihre Sorge. „Das heißt...“, murmelte sie, „Vlad war nicht ganz allein. Er hatte jemanden. Im Gegensatz zu dir, der sich ganz allein gegen Voltaire stellen musste, schien er einen kleinen Teil Familie gehabt zu haben, die ihn liebte – oder ihn zumindest genug schätzte, um ihn aus der Abtei zu retten.“

​Kai nickte knapp. „Es sieht ganz danach aus. Die Ivanovs sind ein alter, stolzer Clan. Sie haben ihn aufgenommen, als Voltaire ihn fallen lassen wollte.“

​Nami betrachtete das Porträt von Vlad auf dem Bildschirm. Trotz dieser neuen Information blieb eine brennende Frage in ihrem Kopf zurück, ein Rätsel, das die Akten nicht lösen konnten.

​„Aber Kai...“, sagte sie nachdenklich, „wenn seine Mutter und ihre Familie ihn liebten... weshalb kam er dann überhaupt erst in die Abtei? Warum haben sie zugelassen, dass ein Kind an einen Ort wie diesen gebracht wird, nur um als Schatten von jemand anderem zu existieren?“

​Kai sah sie an, und in seinem Blick lag die bittere Erkenntnis über die Grausamkeit ihrer Welt. „Das ist eine Frage, auf die selbst diese Akten keine Antwort geben, Nami. Voltaire hatte viele Wege, Menschen zu zwingen. Vielleicht war es ein Opfer, vielleicht ein Arrangement.“

​Nami schloss das Tablet und spürte, wie sich ein fester Entschluss in ihr formte. Sie wusste, dass sie diese Antwort niemals von Kai oder aus einem digitalen Archiv erhalten würde. Sie musste Vlad selbst fragen. Irgendwann, wenn sie ihm erneut gegenüberstand – nicht mehr als die eingeschüchterte Ehefrau seines Bruders, sondern als die Frau, die nun das gesamte Bild kannte.
 

Einige Stunden später...

Das kühle, vertraute Grau des Tokioter Morgens empfing sie wie ein schützender Schleier, als der Wagen durch die schmiedeeisernen Tore des Ayame-Anwesens rollte. Das nun fast 70 Jahre alte Anwesen thronte in seiner zeitlosen Pracht vor ihnen; seine Architektur und die dunklen Holzelemente wirkten, als stammten sie aus einer Ära vor hunderten von Jahren. Für Nami fühlte es sich an, als würde sie nach einer Reise durch ein Minenfeld endlich wieder festen Boden unter den Füßen spüren.
 

​Kaum war die schwere Eingangstür aus massiver Eiche ins Schloss gefallen, wurde die ehrwürdige Stille des Hauses von dem gewohnt lebhaften Lärm der Kinder zerrissen.

​Ayumi und Ren stürmten als Erste die Treppe hinunter, ein Wirbelwind aus eierschalenfarbenem Haar und flinken Bewegungen. Ayumi, deren Haar diesen charakteristischen Graustich hatte, und ihr Bruder Ren mit seinen hellen Wellen warfen sich ihren Eltern entgegen. Ihre petrolfarbenen Augen funkelten vor Aufregung, während sie durcheinanderplapperten.

​„Mama! Papa! Ren hat versucht, den Koi-Karpfen das Fliegen beizubringen!“, rief Ayumi aus, während sie sich an Namis Rock hängte.

„Stimmt gar nicht! Ich wollte nur sehen, wie hoch sie springen können!“, konterte Ren und umklammerte Kais Bein.

​Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, folgte ihnen mit der fast dreijährigen Sayuri auf dem Arm. Sayuri, die mit ihrem weißen Lockenkopf und den magentafarbenen Augen wie eine Miniaturversion ihrer Mutter und ihrer Großcousine Lumina aussah, streckte sofort ihre Ärmchen nach Nami aus.

​„Ah, enfin!“, kommentierte Claire mit ihrem unverkennbaren Akzent und einem trockenen Lächeln, das ihren Humor verriet. „Ich dachte schon, ich müsste das Haus eigenhändig gegen diese kleinen Barbaren verteidigen, während Sie in der Sonne Singapurs baden. Sayuri hat nach Ihnen verlangt, Madam – und die Zwillinge... nun ja, sie sind die Zwillinge.“

​Gou stand etwas abseits am Fuß der Treppe. Mit seinen zehn Jahren wirkte er in diesem Moment erschreckend erwachsen. Sein gräulich blau schimmerndes Haar lag perfekt, und sein Blick – eine exakte Kopie von Kais – ruhte aufmerksam auf seinen Eltern. Er hatte die Aura und die Ausstrahlung seines Vaters bereits fast vollständig geerbt; ruhig, beobachtend, fast ein wenig zu weise für sein Alter.

​Er wartete geduldig, bis die stürmische Begrüßung der Kleinen abgeklungen war, dann trat er vor. Er reichte seinem Vater die Hand und ließ sich von seiner Mutter kurz umarmen, doch sein Blick blieb prüfend.

​„Willkommen zurück“, sagte er dezent, während er eine Augenbraue hochzog. „Sag mal, Mutter... Vater... könnt ihr es wirklich nicht einmal fünf Tage ohne einander aushalten? Claire hat uns erzählt, dass du überstürzt aufgebrochen bist, um ihm nachzureisen. Ich dachte, in Singapur ginge es nur um trockene Verträge der Tachiwari-Corporation.“

​Kai lachte leise, ein seltener Moment echter Gelassenheit, und legte seinem ältesten Sohn die Hand auf die Schulter. „Manche Verträge erfordern eben eine ganz besondere Präsenz, Gou. Und deine Mutter ist nun mal die beste Beraterin, die ich mir vorstellen kann.“

​Wenig später versammelte sich die Familie im großen Speisesaal. Das Licht der tief hängenden Kronleuchter spiegelte sich auf der dunklen Tafel, auf der Graham bereits ein opulentes Abendessen serviert hatte. Der Duft von geschmortem Rindfleisch und frischen Kräutern erfüllte den Raum.

​Graham bewegte sich mit der Präzision eines Uhrwerks um sie herum, füllte Gläser und achtete darauf, dass jeder Wunsch erfüllt wurde, noch bevor er ausgesprochen war. Trotz seiner diskreten Art lag eine spürbare Loyalität in jeder seiner Gesten.

​Gou, der immer noch über die plötzliche Abreise seiner Mutter nachgrübelte, wandte sich während des Hauptgangs an Graham. „Graham, findest du nicht auch, dass die Entscheidung meiner Mutter sehr... impulsiv war? Claire meinte, es hätte kaum Zeit für das Kofferpacken gegeben.“

​Graham hielt kurz inne, die Weinkaraffe in der Hand. Er rückte seine Handschuhe zurecht und sah Gou mit einem Blick an, der vor britischer Trockenheit und unerschütterlicher Ergebenheit nur so strotzte.

​„Junger Herr Gou“, begann Graham mit seiner tiefen, resonanten Stimme, „Impulsivität ist ein Wort, das Unbedachtheit impliziert. Ich hingegen würde es als Entschlossenheit bezeichnen. Madam hat instinktiv erkannt, dass ihre Anwesenheit an der Seite des Masters vonnöten war. In den hohen Kreisen, in denen sich Ihre Eltern bewegen, sind Entscheidungen oft eine Frage von Sekunden, nicht von Stunden.“

​Er machte eine kleine Verbeugung in Namis Richtung. „Es ist die Loyalität und die unerschütterliche Entscheidungsfreude der Madam, welche das Fundament dieses Hauses sichert. Ein Master braucht seine Madam ebenso sehr wie ein Schiff seinen Kompass – gerade wenn die Gewässer stürmisch werden. Ich verteidige jede Entscheidung, die zum Wohl der Familie getroffen wird, ohne Vorbehalt.“

​„Bien dit, Graham“, warf Claire ein und nippte an ihrem Wasser. „Er wird noch zum Poeten, wenn er so weitermacht.“

​Nami warf Graham einen dankbaren Blick zu. Sie spürte, wie Kai unter dem Tisch ihre Hand ergriff und ihre Finger fest drückte. Die Wärme seiner Hand erinnerte sie an ihr neues Bündnis. In diesem Moment, umgeben von ihren vier Kindern, dem trockenen Humor von Claire und der unerschütterlichen Treue Grahams, fühlte sich die Gefahr durch Vlad weit entfernt an – auch wenn sie wusste, dass der Schatten nur darauf wartete, wieder hervorzutreten.
 

Der nächste Morgen in Tokio brach mit einem strahlenden, fast schon klinisch reinen Sonnenlicht an, das die Glasfronten der Wolkenkratzer in gleißendes Silber tauchte. Als der grüne Bentley lautlos vor dem Haupteingang des Towers hielt, schien die Luft in der riesigen Lobby förmlich zu vibrieren. Schon beim Aussteigen richteten sich die Blicke der Passanten auf das Paar, das wie eine unaufhaltsame Naturgewalt aus dem Wagen trat.

​Die schweren Glastüren schwangen auf und Kai und Nami traten ein. Sofort legte sich eine andächtige Stille über die riesige, marmorne Halle, nur um Sekunden später einem tuschelnden Raunen zu weichen. Sie wirkten wie zwei Wesen aus einer anderen Welt, die gemeinsam ihr Territorium beanspruchten. Kai, in einem perfekt geschnittenen, anthrazitfarbenen Anzug, strahlte eine Macht aus, die jeden im Raum instinktiv den Rücken straffen ließ. An seiner Seite schritt Nami, deren weißes Haar im hellen Deckenlicht fast übernatürlich schimmerte und ihr in seidigen Wellen bis knapp über das Gesäß reichte.

​„Willkommen zurück, Mr. Hiwatari. Willkommen zurück aus Singapur, Mrs. Hiwatari“, tönte es fast im Chor.

​Die Sicherheitsleute am Empfang nahmen Haltung an und verbeugten sich respektvoll, während sie ihre Zugangskarten bereits bereithielten. Mitarbeiter, die gerade auf dem Weg zu den Fahrstühlen waren, hielten inne. Überall sah man lächelnde Gesichter und ehrfürchtiges Kopfnicken. Besonders die weibliche Belegschaft schien förmlich dahinzuschmelzen. Es war nicht nur Kais bloße Erscheinung; es war die subtile, aber unmissverständliche Art, wie er Nami behandelte. Immer wieder suchte seine Hand wie ganz beiläufig ihre Taille – ein kleiner Druck, eine schützende Geste, die so viel mehr aussagte als jede offizielle Bekanntmachung. Wenn er sich kurz zu ihr hinunterbeugte und ihr ein seltenes, echtes Lächeln schenkte, löste das eine sichtbare Welle der Euphorie unter den Beobachtern aus.

​Nami bemerkte die starrenden Blicke und das kollektive Seufzen, das fast wie ein sanfter Windzug durch die Lobby ging. Sie lehnte sich ein Stück zu ihm und scherzte leise: „Sag mal, Kai... meinst du, die Belegschaft wird sich jemals an uns gewöhnen? Man könnte meinen, wir wären eine seltene Spezies im Zoo. Sogar die Security sieht aus, als hätten sie gerade eine Erscheinung. Ich bin doch schon seit Monaten ein Teil des Teams.“
 

​Kai, dessen Laune durch Namis bloße Anwesenheit – trotz der dunklen Schatten von Vlad – wie immer in ungeahnte Höhen schoss, hielt mitten in der Lobby inne. Anstatt trocken darauf zu antworten, packte er sie plötzlich fester an der Taille und zog sie mit einer schnellen, besitzergreifenden Bewegung ganz nah an sich, sodass ihr Oberkörper gegen seine feste Brust stieß.

​Nami stieß einen kleinen, überraschten Laut aus. Ihr Herz klopfte schneller, als sie die vertraute Wärme seines Körpers spürte und merkte, wie hunderte Augenpaare nun wie gebannt auf sie fixiert waren. „Kai, was tust du?“, flüsterte sie, während ihre Wangen leicht erröteten. „Alle starren uns an! Wir sind in der Zentrale deines Weltkonzerns!“

​Kai sah auf sie herab, seine dunkelroten Augen funkelten voller Amüsement und tiefer Zuneigung. Er ignorierte die neugierigen Blicke der Sekretärinnen und das Staunen der jungen Praktikanten vollkommen. „Lass sie starren“, entgegnete er trocken, seine Stimme tief und vollkommen unbeeindruckt von der Kulisse. „Die Euphorie wird schon irgendwann abebben. Im Moment geiern sie eben nur darauf, wie ich mich komplett anders verhalte als sonst. Ich habe kein Problem damit, wenn jeder Einzelne hier sieht, dass du der Grund dafür bist, warum ich heute nicht jeden feuern will, der mir in den Weg kommt.“

​Bevor Nami antworten konnte, senkte er den Kopf. Vor den Augen der versammelten Belegschaft, mitten in seinem eigenen Imperium, unter den Augen der Sicherheitsleute und Berater, zog er sie in einen zärtlichen, zutiefst romantischen Kuss. Es war kein flüchtiger Gruß, sondern eine leidenschaftliche Bestätigung ihres Bündnisses, das in Singapur neu geschmiedet worden war.

​In der Lobby hätte man eine Stecknadel fallen hören können, bevor die Stimmung kippte – weg von der ehrfürchtigen Stille, hin zu einer Welle der Begeisterung, die völlig unerwartet in einem donnernden Applaus der Mitarbeiter gipfelte. Einige Frauen hielten sich die Hände vor den Mund, andere lächelten breit, und sogar einer der älteren Sicherheitsmänner schmunzelte gerührt.

​Nami löste sich prustend aus dem Kuss und begann unkontrolliert zu lachen, als sie die klatschende Menge sah. Das war so untypisch für den sonst so kühlen, effizienzgetriebenen Tachiwari Tower, dass es fast surreal wirkte.

​Kai hingegen, dessen Geduld mit der öffentlichen Zurschaustellung nach seinem eigenen Vorstoß nun schlagartig am Ende war, verzog das Gesicht. Er wirkte genervt von dem plötzlichen Trubel, den er selbst ausgelöst hatte, aber in seinen Augen blitzte immer noch die Belustigung über Namis Lachen auf.

​„Genug jetzt mit dem Theater“, brummte er, ergriff ihre Hand und zog sie mit schnellen Schritten fluchtartig in Richtung der exklusiven Express-Aufzüge.

​„Das war allein dein Verdienst, Herr CEO!“, rief Nami lachend, während sie fast über ihre eigenen Füße stolperte, um mit seinem rasanten Tempo schrittzuhalten.

​„Ruhe auf den billigen Plätzen!“, entgegnete Kai, während er den Code für den privaten Fahrstuhl drückte. Sobald sich die Türen schlossen und sie vom Lärm und den Jubelrufen der Lobby isoliert waren, lehnte er sich gegen die verspiegelte Wand und atmete tief durch. Er sah Nami an, die sich immer noch die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte, und schüttelte den Kopf. „Ab morgen gibt es Gehaltskürzungen für exzessives Klatschen während der Arbeitszeit. Wir haben hier schließlich einen Ruf zu verlieren.“

​Nami grinste ihn nur frech an. „Zu spät, Kai. Der Ruf als eiskalter Boss ist seit eben Geschichte.“

Geschäftliches Treiben

Das lautlose Gleiten des Express-Aufzugs war das einzige Geräusch, das die plötzliche Stille zwischen ihnen füllte. Als die Türen im obersten Stockwerk aufschwangen, betraten sie eine Welt aus Glas, gebürstetem Stahl und einem Panorama, das ganz Tokio in seiner morgendlichen Geschäftigkeit umfasste. Hier oben, im Allerheiligsten der Tachiwari-Corporation, herrschte normalerweise eine fast sakrale, kühle Atmosphäre – doch heute schien die Energie zwischen Kai und Nami die Räume förmlich zu elektrisieren.

​Kai führte Nami direkt in sein weitläufiges Büro. Er warf sein Sakko achtlos über den schweren Ledersessel und lockerte mit einer flinken Bewegung seine Krawatte, während er zum bodentiefen Fenster schritt. Er blickte kurz schweigend auf die Ameisenstraßen der Stadt hinab, die Arme verschränkt, bevor er sich mit einem entschlossenen Ausdruck zu ihr umdrehte. Sein Blick war nun wieder geschäftsmäßig scharf, aber die tiefe Zuneigung und das unerschütterliche Vertrauen, das in Singapur neu gefestigt worden war, schwangen in jeder seiner Bewegungen mit.

​Nami blieb am massiven Schreibtisch stehen. Sie betrachtete die integrierten Monitore, auf denen bereits die ersten Datenströme und globalen Marktanalysen flackerten. Kai trat auf sie zu und aktivierte mit einem autorisierten Scan seines Fingerabdrucks ein hochkomplexes, verschlüsseltes Interface auf seinem Tablet.

​„Singapur hat mir eines klargestellt, Nami“, begann er, und seine Stimme war ruhig und fest. „Ich kann und will dich nicht mehr nur als meine Ehefrau behandeln, die im Hintergrund die Fäden zieht. Wir führen dieses Leben gemeinsam, und das bedeutet, dass unser Imperium auch dein Imperium ist. Dein Verstand ist zu brillant, um ihn nur für private Projekte zu nutzen.“

​Er schob ihr das Tablet über die glatte Schreibtischoberfläche zu. Auf dem Display leuchteten drei neue, goldfarben markierte Zugriffsbereiche auf, die bisher ausschließlich Kai selbst vorbehalten waren: R&D Strategic Development, Global Infrastructure Assets und – das Herzstück – Cyber Security Overwatch.

​„Ich habe die Zugriffsrechte heute Morgen auf dem Weg hierher angepasst“, erklärte er. „Du übernimmst ab sofort die Leitung für die allgemeine Cyber-Sicherheit des gesamten Konzerns. Unsere Serverarchitektur, die Verschlüsselungsprotokolle für die globale Kommunikation und die Abwehr von Industriespionage liegen nun in deiner Hand. Ich möchte, dass du die Verteidigungslinien der Tachiwari-Corporation neu definierst.“

​Nami starrte auf die blinkenden Symbole und die gewaltigen Datenmengen, die nun unter ihrer Kontrolle standen. Doch anstatt sofort zuzugreifen, hielt sie inne. Sie blickte von dem Tablet auf zu Kai, der sie erwartungsvoll musterte.

​„Kai, das ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis“, begann sie leise, und ihre Stirn legte sich in kleine Falten der Nachdenklichkeit. „Aber ich habe Bedenken. Ich möchte niemandem seinen Arbeitsplatz wegnehmen. Es gibt Abteilungsleiter und Experten, die jahrelang hart gearbeitet haben, um diese Positionen zu erreichen. Wenn ich jetzt hier einfach reinspaziere und ihre Posten beanspruche, würde das nur Unruhe und Groll in der Belegschaft schüren.“

​Sie legte eine Hand sanft auf seinen Unterarm. „Es wäre mir lieber, wenn ich diesen Verantwortlichen beratend zur Seite stehe. Ich möchte als eine Art übergeordnete Instanz fungieren – eine Instanz, die Schwachstellen aufdeckt und neue Strategien entwickelt, aber die operative Leitung bei den Leuten belässt, die ihren Job beherrschen. Ich will das Team stärken, nicht ersetzen.“

​Kai hielt einen Moment inne. Sein Blick wurde weich, und ein Ausdruck von echtem Respekt trat in seine Augen. Er hatte in seiner Welt der harten Hierarchien oft vergessen, wie wichtig die moralische Integrität und das Feingefühl gegenüber Untergebenen waren.

​„Du hast recht“, sagte er schließlich und legte seine Hand über ihre. „Daran habe ich in meinem Eifer, dich vollständig zu integrieren, nicht gedacht. Es ist beachtlich, dass du mich daran erinnerst, Nami. Deine Empathie ist eine Qualität, die ich oft vernachlässige.“ Er nickte langsam. „Gut, machen wir es so: Du wirst die offizielle ‚Chief Strategy & Security Consultant‘. Du stehst über den Abteilungen, berichtest nur mir und hast die Befugnis, jede Entscheidung zu prüfen und zu lenken, ohne die Struktur darunter zu zerschlagen. So bleibt die Moral im Team hoch, und wir haben trotzdem deine Brillanz als Sicherheitsnetz.“

​Nami lächelte erleichtert. „Damit kann ich sehr gut leben.“

​Er neigte sich vor und küsste sie sanft auf die Stirn, bevor er ihr einen Stuhl heranzog. „Dann an die Arbeit, Beraterin. Schau dir die Integritätsberichte der Hauptserver an. Ich möchte bis zum Mittagessen wissen, wo du die Schwachstellen in unserer aktuellen Firewall siehst.“

​Nami spürte ein Kribbeln der Vorfreude. Sie setzte sich in den bequemen Sessel, zog das Tablet zu sich und begann bereits mit flinken Fingern, die ersten Sicherheitsprotokolle zu analysieren. Kai setzte sich ihr gegenüber und vertiefte sich in seine eigenen Unterlagen. Das Büro fühlte sich plötzlich belebt und vollständig an – ein Ort, an dem zwei Naturgewalten nun in perfekter Harmonie zusammenarbeiteten.
 

Gegen frühen Nachmittag packte Nami ihre Sachen zusammen. Das leise, stetige Surren der Hochleistungsserver in Kais Büro war über Stunden die einzige Begleitmusik ihrer Arbeit gewesen. Sie hatte bereits die ersten Lanzetten in die veralteten Verschlüsselungsalgorithmen einiger Außenstellen getrieben und war mit ihrem Fortschritt mehr als zufrieden. Es fühlte sich gut an, ihre technischen Fähigkeiten wieder in den Dienst der Familie zu stellen.

​Kai wollte gerade aufstehen, um mit ihr zum Aufzug zu gehen, als sein privates Telefon vibrierte. Ein kurzer Blick auf das Display genügte, um seine Kiefermuskulatur gefährlich anspannen zu lassen. „Der Vorstand aus London“, brummte er und warf Nami einen entschuldigenden, sichtlich genervten Blick zu. „Das wird ein paar Minuten dauern, sie haben Fragen zur Umstrukturierung der Logistik. Geh schon vor, ich treffe dich unten in der Lobby. Ich will nicht, dass wir zu spät zum Dojo kommen – Gou ist bei seinem Training extrem ungeduldig, und ich möchte keine Minute davon verpassen.“

​Nami lächelte verständnisvoll und drückte kurz seine Hand, bevor sie ihre Tasche schulterte. „Kein Stress, Kai. Ich warte unten auf dich. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“
 

​Unten angekommen, steuerte Nami zielstrebig auf den kleinen, eleganten Café-Stand zu, der sich in einer Nische der gewaltigen Lobby befand. Der Duft von frisch gemahlenen Bohnen und feinem Tee mischte sich hier mit der kühlen Klimaanlagenluft des Towers. Sie bestellte sich einen Matcha Latte, beobachtete kurz die präzisen Bewegungen des Baristas und nahm das dampfende Getränk entgegen.

​Mit dem Becher in der einen und ihrem Tablet in der anderen Hand suchte sie sich einen Platz auf einem der ausladenden, anthrazitfarbenen Design-Sofas im hinteren Bereich der Lobby. Von hier aus hatte sie einen perfekten Blick auf die gläsernen Fahrstühle, die wie leuchtende Kapseln an der Wand auf- und abgleiteten, und das geschäftige Treiben am Empfang.

​Sie schlug ihr Tablet wieder auf. Die Sicherheitsberichte ließen ihr einfach keine Ruhe; sie wollte eine bestimmte Sequenz der Firewall-Protokolle noch einmal prüfen, die ihr vorhin im Büro verdächtig vorgekommen war. Während sie konzentriert über den Bildschirm wischte und ihr langes, weißes Haar wie ein seidiger Wasserfall über ihre Schulter floss und fast die Sitzfläche des Sofas berührte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Veränderung in der Atmosphäre.

​Es war dieses vertraute, fast elektrische Gefühl von Blicken, die auf der Haut brannten. Nami hob den Kopf nicht sofort, sondern beobachtete die Spiegelung der Lobby in der dunklen Oberfläche ihres Tablets, während sie einen kleinen Schluck von ihrem Matcha nahm. Zwei junge Damen, offensichtlich Praktikantinnen aus dem Marketing oder der PR-Abteilung, standen nur wenige Meter entfernt hinter einer dekorativen Marmorsäule. Sie hielten Klemmbretter fest umschlungen und taten so, als würden sie ihre Termine für den Nachmittag besprechen, doch ihre Köpfe waren eng zusammengesteckt und ihre Augen wanderten in einem fast schon komischen Rhythmus immer wieder zu Nami zurück.

​„Das ist sie also...“, flüsterte die eine, eine junge Frau mit einer strengen Brille und einem akkuraten Dutt, laut genug, dass die Worte im weiten Raum der Lobby bis zu Nami getragen wurden.

„Ja, die Frau, die den eiskalten Hiwatari zum Schmelzen bringt“, erwiderte die andere mit einem unterdrückten, fast schon hysterischen Kichern und einer Mischung aus unverhohlenem Neid und tiefer Bewunderung im Blick. „Hast du vorhin den Kuss gesehen? Ich dachte für einen Moment, ich halluziniere oder sehe ein perfekt gerendertes Hologramm. Er hat sie angesehen, als wäre sie das Einzige auf dieser Welt, was in diesem Tower von Bedeutung ist. Gott, sie ist so... anders, als ich sie mir vorgestellt habe.“

​Nami unterdrückte ein amüsiertes Schmunzeln und konzentrierte sich scheinbar wieder auf ihre Daten. Sie spürte förmlich, wie die beiden sie regelrecht scannten – von ihren eleganten Schuhen über den Schnitt ihres Kleides bis hin zu der unglaublichen Länge ihres Haares. Es war, als suchten sie nach dem geheimen Code, nach dem unsichtbaren Algorithmus ihrer Wirkung auf den sonst so unnahbaren und oft gefürchteten CEO. Es war ein seltsames, fast bizarres Gefühl, das lebende Gesprächsthema Nummer eins in einem globalen Imperium zu sein, das normalerweise nur aus kalten Zahlen, harten Fakten und effizienter Disziplin bestand.

​Sie nahm einen weiteren, langsamen Schluck von ihrem Matcha und tat so, als wäre sie völlig in ihre Arbeit vertieft, während sie innerlich bereits die Zeit stoppte. Die Blicke der Frauen wurden intensiver, fast schon dreist in ihrer Neugier, und Nami fragte sich mit einem stillen Lachen im Herzen, ob sie wohl den Mut aufbringen würden, sie tatsächlich anzusprechen, oder ob sie beim ersten Anzeichen von Kais Erscheinen wie aufgeschreckte Rehe in die Bürogänge flüchten würden.
 

Plötzlich veränderte sich die Frequenz in der weitläufigen Lobby des Tachiwari Towers. Es war kein lautes Geräusch, eher eine kollektive Verspannung der Anwesenden, ein ungeschriebenes Gesetz der Aufmerksamkeit, das immer dann in Kraft trat, wenn der Master des Towers die Bildfläche betrat. Das leise, fast schon melodische Ping des privaten Express-Aufzugs schnitt durch das allgemeine Gemurmel der Lobby, und die beiden jungen Frauen an der Marmorsäule zuckten beinahe synchron zusammen.

​Kai trat heraus. Er hatte sein Sakko bereits wieder angezogen, doch er trug es offen, was ihm eine ungewohnt dynamische, fast schon informelle Aura verlieh. Sein Blick scannte die weite Halle mit der Präzision eines Falken, der sein Ziel bereits vor dem ersten Flügelschlag fixiert hatte. Als seine dunkelroten Augen Nami auf dem Sofa fanden, veränderte sich sein gesamter Gesichtsausdruck auf eine Weise, die für jeden Beobachter offensichtlich war. Die harte, unnachgiebige Linie seines Mundes wurde weicher, und der kühle Raubtierblick wich einer tiefen, fast schmerzhaft sanften Vertrautheit.

​Er steuerte geradewegs auf sie zu, seine Schritte hallten rhythmisch und bestimmt auf dem polierten Marmorboden. Die beiden jungen Frauen erstarrten regelrecht in ihrer Bewegung. Nami, die den Blick nun dezent vom Tablet hob, erkannte nun an der spezifischen, hellblauen Farbe ihrer Namensschilder sofort, dass es sich tatsächlich um Praktikantinnen handelte – junge Talente, die wahrscheinlich erst seit wenigen Wochen im Konzern waren und für die der Anblick des legendären Kai Hiwatari in einem so privaten Moment wie eine Erscheinung aus einer anderen Galaxie wirken musste.

​Nami konnte sehen, wie die Praktikantin mit der Brille fast vergaß zu atmen, während Kai an ihnen vorbeiging, ohne sie auch nur einen flüchtigen Blick zu würdigen. Für ihn existierte in diesem gewaltigen Raum aus Glas und Stahl in diesem Moment nur die Frau mit dem langen weißen Haar und dem Matcha-Becher.

​„Tut mir leid, dass es länger gedauert hat als geplant“, sagte er mit seiner tiefen, leicht rauen Stimme, während er unmittelbar vor ihr stehen blieb. Ohne Zögern streckte er seine Hand aus und strich mit den Fingerspitzen eine verirrte, seidige Strähne ihres Haares hinter ihre Schulter. „London kann sehr... hartnäckig sein, wenn es um die Quartalsmargen geht. Sie lassen nicht locker, bis sie jede Dezimalstelle verstanden haben.“

​Nami schloss ihr Tablet mit einem leisen Klicken und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung vom Sofa. „Schon gut, Kai. Ich hatte ja Gesellschaft“, erwiderte sie leise und warf einen amüsierten, vielsagenden Blick in Richtung der Säule. Die beiden Praktikantinnen taten nun so, als müssten sie mit höchster Konzentration ein völlig belangloses Dokument auf einem ihrer Klemmbretter studieren, während sie bereits begannen, sich mit hektischen, kleinen Schritten unauffällig in Richtung der hinteren Bürogänge zurückzuziehen.

​Kai folgte ihrem Blick kurz und zog eine Augenbraue hoch, wobei sich ein kleiner, spöttischer Winkel in seinem Mundwinkel bildete. „Haben sie dich belästigt?“, fragte er trocken, doch sein Tonfall war eher belustigt als drohend, was die Erleichterung der flüchtenden Praktikantinnen sicher ins Unermessliche gesteigert hätte.

​„Nein, ganz und gar nicht. Sie haben nur... anthropologische Studien betrieben“, scherzte Nami und hakte sich mit einer vertrauten Geste bei ihm unter. „Ich glaube, ich bin heute das wichtigste Forschungsprojekt der gesamten Tachiwari-Corporation. Die hellblauen Namensschilder da drüben schienen jedenfalls sehr an den Details interessiert zu sein.“

​Kai schnaubte leise, ein Geräusch zwischen Amüsement und gespielter Genervtheit, und führte sie in Richtung des massiven Hauptausgangs. Schon von weitem sah man, wie die Sicherheitsleute die schweren Glastüren mit einer synchronen Verbeugung aufhielten, während draußen der dunkelgrüne Bentley bereits mit laufendem Motor wartete. Die gesamte Lobby schien den Atem anzuhalten, bis das Paar das Gebäude verlassen hatte.

​Sobald sie im geschützten, nach Leder duftenden Fond der Limousine saßen und der Wagen sich sanft in den dichten, flirrenden Tokioter Nachmittagsverkehr einfädelte, lockerte Kai seinen Griff um ihre Hand nicht. Er sah sie von der Seite an, während die Lichter der Stadt an ihnen vorbeizogen. „Du wirst dich wohl oder übel an diese Aufmerksamkeit gewöhnen müssen, Nami. Jetzt, wo du offiziell Teil der strategischen Führung bist, werden sie jedes deiner Lächeln und jedes meiner Worte auf die Goldwaage legen. Besonders die Neuen suchen nach Hinweisen, wie man den Boss bändigt.“

​„Solange du mich weiterhin so in der Lobby küsst, wie heute Morgen, haben sie zumindest genug Gesprächsstoff für die nächsten drei Mittagspausen“, konterte sie frech und sah ihn herausfordernd an.

​Kai lachte, ein tiefes, ehrliches Lachen, das die restliche Anspannung des Telefonats mit London endgültig wegwischte. „Darauf kannst du dich verlassen. Ich habe nicht vor, meine Begeisterung für meine neue Beraterin zu verstecken.“ Er wurde wieder etwas ernster, sein Blick wanderte kurz zu seiner Armbanduhr. „In zwanzig Minuten sind wir am Granger-Dojo. Gou und Makoto werden wahrscheinlich schon ungeduldig auf der Matte stehen. Ich bin gespannt, wie Gou sich heute schlägt – er hat mich heute Morgen beim Frühstück schon dreimal gefragt, ob wir beide pünktlich zum Training kommen werden.“

​Nami lehnte ihren Kopf an seine Schulter und genoss die seltene Stille im Auto. „Er eifert dir so sehr nach, Kai. Aber er hat auch diese tiefe, analytische Ruhe, die er wohl von mir hat. Es ist eine faszinierende Mischung, ihm beim Kämpfen zuzusehen.“

​„Es ist die Mischung, die unser Haus führen wird, wenn wir es eines Tages nicht mehr tun“, erwiderte Kai leise, während der Wagen die geschäftigen Stadtviertel von Tokio durchfuhr.

Der Zar im Dojo

Das Granger-Dojo im Herzen Tokios war an diesem Nachmittag eine Oase der Vertrautheit inmitten der pulsierenden Metropole. Während im hinteren Bereich, abgetrennt durch die schweren, hölzernen Schiebetüren, das rhythmische Stampfen auf den Matten und die gedämpften, kraftvollen Kiai-Rufe von Gou und Makoto zu hören waren, saßen die Damen im vorderen Bereich auf den weich gepolsterten Tatami-Matten beisammen.

​Nami genoss die seltene Auszeit mit ihren engsten Freundinnen. Hilary, Momoko und Lumina waren gekommen, um Nami nach ihrer überstürzten „Flucht“ nach Singapur standesgemäß ins Kreuzverhör zu nehmen. Der Duft von frischem Jasmintee und süßen Mochi erfüllte die Luft und vermischte sich mit dem herben Aroma des alten Holzes, das für das Dojo so charakteristisch war.
 

​„Ich sage es euch, diese Woche ohne Nami war wie ein Krimi, bei dem die letzte Seite fehlt“, scherzte Hilary und goss sich mit einer schwungvollen Bewegung eine weitere Tasse Tee ein. Sie wirkte wie immer energiegeladen, ihre dunklen Augen funkelten vor unverhohlener Neugier. „Claire war kurz davor, die Kinder eigenhändig im Zierteich des Anwesens zu parken, damit sie wenigstens für fünf Minuten Ruhe geben. Die Zwillinge haben das Haus regelrecht auf den Kopf gestellt.“

​Lumina, die Nami – wie Kai es im Jet so treffend bemerkt hatte – mit ihrem hellen Haar und den feinen Gesichtszügen tatsächlich verblüffend ähnlich sah, schmunzelte und strich sich eine seidige Strähne hinter das Ohr. „Lass sie, Hilary. Wir wissen alle, dass Nami nur deshalb nach Singapur geflogen ist, um Kai vor den gierigen Augen der Business-Ladies zu retten. Wie war er denn nun, dein unterkühlter CEO? Immer noch so unnahbar wie eh und je, oder haben die Tropen sein Eis zum Schmelzen gebracht?“

​Nami lachte leise und nippte an ihrem Tee, während sie die wohlige Wärme des Getränks genoss. „Sagen wir so: Er war... sichtlich überrascht, mich zu sehen. Aber wir hatten eine sehr produktive Zeit. In jeder Hinsicht.“

​Momoko lehnte sich mit einem verträumten, fast schon sehnsüchtigen Seufzen zurück. „Ich finde es einfach nur romantisch. Kai Hiwatari, der eiskalte Krieger der Wirtschaft, und seine wunderschöne Frau in der exotischen Kulisse von Singapur. Das ist wie eine Szene aus einem Hollywood-Film, nur in echt.“

​Im Hintergrund lief ein moderner Flachbildfernseher, der dezent in die Holzwand des Vorraums eingelassen war. Er war auf lautlos gestellt; ein Nachrichtensender zeigte normalerweise nur endlose Reihen von Börsenkursen oder Wetterkarten für den asiatischen Raum. Doch plötzlich wechselte das Bild mit einem harten Schnitt zu einem grellen, pulsierenden Banner in leuchtendem Pink und Gold: "BREAKING ENTERTAINMENT NEWS – THE ICE KING MELTS".

​Hilary, die gerade einen großen Schluck heißen Tee im Mund hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Ihr Blick klebte förmlich am Bildschirm. Man sah eine leicht verwackelte, aber dennoch kristallklare Handyaufnahme, die offensichtlich heute Morgen in der Lobby des Tachiwari Towers gemacht worden war. Es war die Szene, die Nami noch so lebhaft im Gedächtnis war: Man sah Kai, wie er Nami besitzergreifend an der Taille packte, sie mit einer kraftvollen Bewegung an sich zog und sie vor der gesamten, fassungslosen Belegschaft mit einer Leidenschaft küsste, die selbst durch das digitale Rauschen des Bildschirms spürbar war.

​Pruuuuust!

​Ein feiner Nebel aus Jasmintee schoss aus Hilarys Mund direkt über den kleinen, kostbaren Lacktisch. Sie hustete heftig und rang nach Luft, während sie blindlings nach der Fernbedienung tastete, die halb zwischen den Sitzkissen vergraben war.

​„Hilary! Um Himmels willen! Das gute Holz!“, rief Momoko erschrocken aus und versuchte verzweifelt, ihre Mochi vor der Tee-Fontäne zu retten.

​„Die... die Fernbedienung! Schnell! Ich muss das hören!“, keuchte Hilary, riss das Gerät schließlich an sich und hämmerte mit dem Daumen auf die Lautstärketaste, als hinge ihr Leben davon ab.

​„...dieses Video geht seit genau zwanzig Minuten auf allen sozialen Plattformen viral! Wir sehen hier den sonst so kamerascheuen und als unnahbar geltenden Kai Hiwatari, CEO der mächtigen Tachiwari-Corporation, in einem Moment ungeahnter, fast schon skandalöser Leidenschaft in seiner eigenen Firmenzentrale! Augenzeugen berichten von einem spontanen, minutenlangen Applaus der gesamten Belegschaft. Ist das der Beginn einer neuen Ära für den Konzern? Hat die sanfte, aber bestimmte Hand seiner Frau den legendären Eisberg nun endgültig bezwungen?“

​Hilary starrte mit offenem Mund auf das Standbild, das nun Kais Gesicht in einer extremen Großaufnahme zeigte – genau diesen einen, flüchtigen Moment, in dem sein Blick weich wurde und er Nami so unendlich liebevoll ansah, kurz bevor er sie küsste. Dann wirbelte Hilary zu Nami herum. Ihre Augen waren so groß wie Untertassen, und ihr Gesicht war eine einzige Maske aus Schock und Begeisterung.

​„Nami!“, schrie sie fast hysterisch auf, wobei ihre Stimme in ungeahnte Höhen schoss. „Du sitzt hier seelenruhig bei uns im Dojo, trinkst Tee und isst Gebäck, während dein Mann das gesamte japanische Internet und die nationale Presse in den absoluten Ausnahmezustand versetzt?! Er hat dich in der Lobby geküsst! Vor den Augen aller Mitarbeiter! Kai! Hiwatari! Gott, hast du die Gesichter der Praktikantinnen im Hintergrund gesehen? Die sind ja fast in Ohnmacht gefallen!“

​Momoko hielt sich die Wangen, ihr Gesicht war mittlerweile knallrot vor Aufregung. „Oh mein Gott... er sieht so unglaublich gut dabei aus. Wie er sie festhält... so beschützerisch und gleichzeitig so fordernd...“

​Lumina betrachtete das Video mit einem wissenden, aber sichtlich beeindruckten Lächeln. „Nami, das wird morgen auf jedem Cover des Landes stehen. Sogar die seriösen Wirtschaftszeitungen werden einen Weg finden, darüber zu berichten. Er hat heute vor aller Welt mal wieder markiert, wem sein Herz und sein Imperium gehören. Das ist eine Ansage an jeden Konkurrenten da draußen.“

​Nami spürte, wie ihr die Hitze unaufhaltsam ins Gesicht stieg. Sie hatte gewusst, dass Kais Ausbruch Aufmerksamkeit erregen würde, aber dass eine der Praktikantinnen – oder wer auch immer das Handy gehalten hatte – so schnell geschaltet und das Video ins Netz gestellt hatte, war ihr in diesem Ausmaß nicht klar gewesen.

​„Ich... ich habe ihm noch gesagt, er soll es nicht tun“, stammelte sie, während sie versuchte, das Lachen zu unterdrücken, das in ihr aufstieg, weil Hilarys vollkommen aufgelöste Reaktion einfach zu köstlich war. „Aber ihr kennt Kai. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann zieht er es durch. Ihm ist die Meinung der Presse oder der Welt vollkommen egal, solange er seinen Standpunkt klargemacht hat.“

​„Egal?!“, kreischte Hilary und fächelte sich mit der Hand hektisch Luft zu. „Nami, jede Frau in diesem Land wird dich morgen entweder abgrundtief hassen oder als neue Göttin verehren! Schau dir diesen Kuss doch mal an! Das ist kein flüchtiger 'Hallo-Schatz-Kuss', das ist ein 'Du-gehörst-mir-und-jeder-einzelne-Mensch-in-diesem-Gebäude-soll-es-wissen-Kuss'! Ich sterbe! Ich sterbe hier und jetzt den romantischen Tod im Granger-Dojo!“

​In diesem Moment schwang die schwere Schiebetür zum hinteren Trainingsbereich mit einem kräftigen Ruck auf. Makoto und Gou traten heraus, beide sichtlich verschwitzt, die Wangen gerötet vom harten Sparring, mit weißen Handtüchern um den Nacken. Sie hielten beide abrupt inne, als sie die vollkommen hysterische Hilary, die nach Luft ringende Momoko und das eingefrorene Riesenbild von Kais leidenschaftlichem Kuss auf dem Bildschirm sahen.

​Gou zog eine Augenbraue hoch, ein Ausdruck, der ihn in diesem Moment wie eine exakte Kopie seines Vaters wirken ließ. Er sah erst zum Fernseher, dann zu seiner erröteten Mutter und schüttelte langsam den Kopf.

​„Ich hab’s euch doch beim Essen schon gesagt“, murmelte er trocken zu Makoto, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. „Fünf Tage ohne einander... und kaum sind sie zurück, führen sie sich auf wie zwei frisch verliebte Teenager, die zum ersten Mal sturmfrei haben. Peinlich ist das.“

​Makoto hingegen grinste breit und verschränkte die Arme vor der Brust, während sein Blick amüsiert zwischen dem Fernseher und Nami hin- und herwanderte.
 

Bevor Hilary zu einer weiteren, noch dramatischeren Analyse des Kusses ansetzen konnte, knallte die Eingangstür des Dojos mit einer Wucht auf, die nur eine Person in ganz Tokio ankündigte. Tyson Granger stürmte herein, die Kappe wie immer schief auf dem Kopf, und sah sich mit einem Gesichtsausdruck völliger Verwirrung um.

​„Was ist denn hier für ein Aufstand?!“, rief er, während er sich den Staub von seinem Trainingsanzug klopfte. „Ich stehe draußen bei den Sandsäcken und denke, im Dojo bricht ein Feuer aus, so wie Hilary hier rumschreit! Man hört dich bis zur Hauptstraße, Hil!“

​Hilary würdigte ihn keines Blickes, sondern deutete mit zitterndem Finger auf den riesigen Bildschirm, auf dem das Video in der Endlosschleife lief. Tyson blinzelte, trat näher an den Fernseher und kniff die Augen zusammen. Es dauerte genau drei Sekunden, bis sein Mund weit offen stand.

​„Ist das... Kai?!“, stieß er hervor und zeigte mit dem Finger auf das Display. „Der Kai Hiwatari? Unser Kai? Der Typ, der normalerweise eine Firewall um sein Privatleben hat, die dicker ist als die der Zentralbank? Er küsst Nami... mitten in der Lobby?!“ Tyson begann ungläubig zu lachen und schlug sich auf den Oberschenkel. „Mann, Kai, du alter Romantiker! Das muss ich aufnehmen und ihm den Rest seines Lebens unter die Nase reiben!“

​„Tyson!“, zischte Hilary und versuchte, ihn beiseite zu schieben. „Das ist kein Material für deine Witze, das ist das Ereignis des Jahrzehnts!“

​Genau in diesem Moment, als Tyson gerade zu einem spöttischen Kommentar gegenüber Nami ansetzen wollte, verdunkelte sich der Türrahmen erneut. Eine kühle, autoritäre Präsenz füllte den Raum, noch bevor man den Mann dazu sah.

​Kai trat ein. Er hatte sein Sakko inzwischen abgelegt und die Ärmel seines Hemdes hochgerollt, was seine muskulösen Unterarme und die markante Statur betonte. Sein Blick war ruhig, fast schon herausfordernd, als er die Szenerie überblickte: Die hysterische Hilary, die errötete Momoko, den lachenden Tyson und das verräterische Video auf dem Schirm.

​Die Lautstärke im Raum sank schlagartig um mehrere Dezibel. Selbst Tyson verstummte für einen Moment, als er Kais dunkelrote Augen sah, die gefährlich amüsiert blitzten.

​„Ich wusste gar nicht, dass mein Privatleben mittlerweile zum Standardprogramm des Granger-Dojos gehört“, sagte Kai mit seiner tiefen, trockenen Stimme. Er ging gemessenen Schrittes auf Nami zu, ignorierte die gaffenden Freunde vollkommen und legte seine Hand besitzergreifend auf ihre Schulter.

​Hilary fand als Erste ihre Sprache wieder, auch wenn sie immer noch halb am Hyperventilieren war. „Kai! Erklär uns das! Das ganze Land redet darüber! Was ist in dich gefahren? In der Lobby?! Vor den Praktikantinnen?! Damals bei diesem Shooting war das ja schon grenzwertig.“

​Kai sah kurz zum Fernseher, auf dem er gerade Nami leidenschaftlich küsste, und zuckte dann unbeeindruckt mit den Achseln. „Die Praktikantinnen haben jetzt wenigstens etwas, worüber sie in ihren Berichten schreiben können“, entgegnete er kühl. „Und was den Kuss angeht... ich dachte, nach all den Jahren wüsstet ihr, dass ich mir von niemandem vorschreiben lasse, wann und wo ich meine Frau küsse. Schon gar nicht von einer Handvoll Kameras.“

​Tyson prustete los. „Komm schon, Kai! Gib’s zu, der Tropenkoller aus Singapur hat dir das Hirn vernebelt! Du siehst da drin aus wie ein Hauptdarsteller aus einer Telenovela!“

​Kai bedachte Tyson mit einem Blick, der einen schwächeren Mann auf der Stelle hätte einfrieren lassen, doch Tyson grinste nur breiter. „Wenn du so weitermachst, Tyson, werde ich dafür sorgen, dass das nächste Video, das viral geht, eines ist, in dem du nach fünf Sekunden Sparring mit mir auf den Matten landest“, drohte Kai ohne jegliche Schärfe, was die Vertrautheit zwischen den beiden nur unterstrich.

​Nami sah zu Kai auf und konnte ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. Trotz des Trubels und der Peinlichkeit war da dieser Stolz in ihr – der Stolz auf einen Mann, der so sehr zu ihr stand, dass er die Welt um sich herum einfach ausblendete.

​Gou, der das ganze Spektakel mit verschränkten Armen beobachtet hatte, trat nun einen Schritt vor. „Können wir jetzt mit dem Training weitermachen?“, fragte er trocken und sah seinen Vater an. „Oder wollt ihr euch hier noch eine Stunde lang gegenseitig eure Liebeserklärungen im Fernsehen anschauen? Ich habe Makoto versprochen, ihm heute noch zu zeigen, wie man einen vernünftigen Konter setzt.“

​Kai sah seinen Sohn an, und ein Funken Stolz blitzte in seinen Augen auf. „Gou hat recht. Genug mit dem Klatsch.“ Er wandte sich an die Damen und Tyson. „Genießt die Show, solange sie läuft. Wir sind auf der Matte.“
 

Sobald die schwere Schiebetür mit einem satten Klacken ins Schloss gefallen war und die Männer – Kai, Tyson, Makoto und ein sichtlich genervter Gou – wieder im Trainingsbereich verschwunden waren, entlud sich die angestaute Spannung im Vorraum wie ein Gewitter.

​Hilary wirbelte zu Nami herum, die Fernbedienung immer noch wie ein Zepter in der Hand. „So!“, verkündete sie und ihre Augen blitzten vor Vergnügen. „Jetzt, wo die Testosteron-Brigade weg ist, Butter bei die Fische, Nami! Wir haben das Video gesehen, aber wir wollen wissen, was wirklich passiert ist. Man küsst seine Frau nicht einfach so aus heiterem Himmel vor der versammelten Belegschaft, wenn nicht vorher etwas ganz Besonderes vorgefallen ist.“

​Nami seufzte belustigt und strich sich das lange, weiße Haar über die Schulter, während sie versuchte, wieder eine seriöse Miene aufzusetzen. „Es ist wirklich nichts Spektakuläres passiert, Hilary. Wir kamen einfach nur im Tower an, und die Atmosphäre war... nun ja, wie ich schon sagte, wie im Zoo. Alle haben gestarrt, als wären wir ein Wunderwerk der Natur.“

​„‚Einfach nur angekommen‘, sicher“, spöttelte Momoko und rutschte auf ihrer Matte näher heran. „Nami, wir kennen Kai. Er ist der König der Selbstbeherrschung. Dieser Kuss war kein Versehen, das war eine strategische Besetzung! Hat er in Singapur vielleicht zu viel Sonne abbekommen? Oder hast du ihm dort etwas in den Tee gemischt?“

​Lumina kicherte und goss Nami frischen Tee ein. „Ich glaube eher, er wollte ein Statement setzen. Hast du gesehen, wie er dich festgehalten hat? Er hat dich praktisch der ganzen Welt präsentiert. Und jetzt erzähl uns von der Firma – Kai hat doch vorhin etwas von ‚neuer Beraterin‘ gemurmelt. Heißt das, du hast jetzt ein eigenes Büro im Olymp der Tachiwari-Corporation?“

​Nami nippte an ihrem Tee und entschied sich, einen Teil der Wahrheit preiszugeben. „Tatsächlich hat Kai mir heute Morgen die Leitung für die allgemeine Cyber-Sicherheit und die strategische Entwicklung übertragen. Ich habe jetzt vollen Zugriff auf die Protokolle.“

​Ein kollektives Luftschnappen ging durch die Runde. „Cyber-Sicherheit?“, wiederholte Hilary mit offenem Mund. „Das ist doch das Herzstück! Er hat dir buchstäblich die Schlüssel zum Tresor gegeben. Kein Wunder, dass die Praktikantinnen ausflippen. Die denken wahrscheinlich, du bist die neue Kaiserin von Tokio.“

​„Ich habe ihm gesagt, dass ich niemandem den Posten wegnehmen will“, ergänzte Nami schnell. „Ich fungiere eher als Beraterin im Hintergrund. Aber die Blicke in der Lobby... das war wirklich extrem. Zwei junge Mädchen mit hellblauen Namensschildern haben sich regelrecht hinter einer Säule versteckt, um uns zu beobachten. Sie dachten wohl, ich höre sie nicht, wie sie über Kais ‚Schmelzpunkt‘ debattieren.“

​„Oh Gott, ich wäre zu gerne dabei gewesen!“, rief Momoko aus und hielt sich die Wangen. „Und was hat er gesagt, als er gemerkt hat, dass alle starren?“

​Nami lächelte bei der Erinnerung. „Er hat mich einfach fester gepackt und meinte trocken, dass die Leute eben darauf geiern würden, wie er sich anders verhält als sonst – und dass er kein Problem damit hat, wenn jeder sieht, dass ich der Grund dafür bin.“

​Die Frauen schwiegen für einen Moment, sichtlich berührt von dieser unerwarteten Offenheit des sonst so verschlossenen Kai Hiwatari. Sogar Hilary wirkte für eine Sekunde fast schon andächtig, bevor ihr schelmisches Grinsen zurückkehrte.

​„Nami, du hast echt das Unmögliche geschafft“, sagte Hilary schließlich und hob ihre Teetasse wie zu einem Toast. „Du hast aus dem gefährlichsten Geschäftsmann Japans einen Mann gemacht, der seine Liebe wie eine Trophäe vor sich herträgt. Aber sag mal... unter uns... wie fühlt es sich an, wenn er dich vor all diesen Leuten so ansieht? Hat man da nicht weiche Knie?“

​Nami spürte, wie sie erneut errötete, doch diesmal war es kein peinliches Rot, sondern eines voller Stolz. „Man fühlt sich... unbesiegbar“, gestand sie leise.

​„Na toll“, brummte Hilary und lehnte sich theatralisch zurück. „Und ich muss mich morgen mit Tyson über die richtige Konsistenz von Proteinshakes streiten. Das Leben ist so ungerecht!“

​Lachen brach in der Runde aus, während im Hintergrund das dumpfe Geräusch eines Körpers zu hören war, der im Trainingsraum hart auf die Matte schlug – gefolgt von Kais ruhiger, aber unnachgiebiger Stimme, die Gou zur Korrektur seiner Beinarbeit aufforderte.
 

Hilary hielt es nicht mehr auf ihrem Platz aus. Die Neugier war stärker als jede Etikette. „Ich muss sehen, ob das Training genauso intensiv ist wie der Kuss“, zischte sie und schlich auf Zehenspitzen zur schweren Schiebetür, die den gemütlichen Vorraum vom eigentlichen Dojo trennte.

​Nami, Momoko und Lumina folgten ihr mit einem unterdrückten Kichern. Hilary legte den Finger auf die Lippen und schob die Tür nur einen winzigen Spalt weit auf – gerade genug, um einen Blick auf das Geschehen auf den Matten zu erhaschen.
 

​Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ selbst die gesprächige Hilary verstummen. Kai hatte nun auch sein Hemd abgelegt. Sein Oberkörper, gezeichnet von jahrelangem, unerbittlichem Training, schimmerte unter dem hellen Licht der Deckenlampen von einem dünnen Schweißfilm. Jede Muskelfaser an seinem Rücken und seinen breiten Schultern arbeitete mit einer Präzision, die fast schon beängstigend war. Er bewegte sich mit der geschmeidigen Eleganz eines Raubtiers, während er Gou umkreiste.

​„Oh mein Gott...“, flüsterte Momoko hinter Namis Schulter und hielt sich die Hand vor den Mund. „Ich vergesse jedes Mal, dass er unter diesen Anzügen so aussieht.“

​Gou stand ihm gegenüber, ebenfalls ohne Oberteil, und es war faszinierend zu sehen, wie sehr der fast Elfjährige bereits die Physis seines Vaters widerspiegelte. Er war drahtig, sehnig und hielt die Deckung mit einer eisernen Disziplin, die man bei einem Kind in seinem Alter selten sah.

​„Konzentrier dich, Gou“, erklang Kais Stimme, tief und hallend im weiten Raum. „Lass dich nicht von meiner Präsenz einschüchtern. Such die Lücke in meiner Verteidigung, nicht in meinem Blick.“

​Gou atmete schwer, seine Augen – die exakte Kopie von Kais rubinrotem Blick – waren fest auf die Brust seines Vaters fixiert. Mit einem unterdrückten Schrei stieß er vor, eine schnelle Kombination aus Schlägen, die Makoto, der am Rand stand und aufmerksam beobachtete, anerkennend nicken ließ. Kai blockte die Angriffe mit minimalen Bewegungen ab, als würde er lediglich eine lästige Fliege verscheuchen, doch in seinen Augen blitzte Stolz auf.

​„Besser“, kommentierte Kai trocken. Er fing einen Tritt von Gou ab, hielt sein Bein für eine Sekunde fest und zwang den Jungen so, das Gleichgewicht zu halten. „Aber deine Hüfte ist zu steif. Wenn du die Kraft nicht aus der Mitte holst, ist der Schlag nur halb so viel wert.“

​Nami beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Bewunderung und einer tiefen, inneren Ruhe. Sie sah die Zukunft in Gous entschlossenen Bewegungen.

​Hilary lehnte sich so weit vor, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. „Nami“, flüsterte sie, ohne den Blick abzuwenden, „ich nehme alles zurück. Ich verstehe jetzt, warum du heute Morgen in der Lobby nicht weggelaufen bist. Wenn dieser Mann mich so anpacken würde... ich würde glatt vergessen, wie man buchstabiert.“
 

Kaum waren die Worte über ihre Lippen gekommen, schien Hilary die Tragweite ihrer Aussage zu realisieren. Sie erstarrte förmlich. Die Erkenntnis, dass sie gerade über einen ihrer ältesten Freunde – den Mann, den sie seit ihrer Jugend kannte und dessen oft schwierige Art sie schon so oft verflucht hatte – in einer so... unverblümten Weise gesprochen hatte, traf sie wie ein Schlag.

​Sie fuhr sofort beschämt zusammen, ihr Gesicht nahm eine Farbe an, die selbst das kräftigste Karminrot der Wanddekoration blass aussehen ließ. „Oh Gott“, stammelte sie und hielt sich erschrocken die Hände vors Gesicht, während sie fast über ihre eigenen Füße stolperte, um vom Türspalt zurückzuweichen. „Das habe ich nicht laut gesagt, oder? Bitte sagt mir, dass ich das nur gedacht habe! Das ist mir so schrecklich peinlich... ich kenne Kai seit wir Kinder waren, ich sollte so was niemals... oh, ich will im Erdboden versinken!“

​Lumina und Momoko konnten sich nicht mehr halten und prusteten leise los, während Nami ihre Freundin sanft am Arm berührte, auch wenn sie selbst ein belustigtes Funkeln in den Augen nicht verbergen konnte.
 

​Lumina lächelte fein. „Es ist nicht nur die Kraft, Hilary. Schau dir an, wie er Gou ansieht. Er fordert ihn extrem, aber er würde ihn niemals fallen lassen. Das ist die wahre Stärke der Hiwataris.“

​Plötzlich hielt Kai inne, als hätte er einen sechsten Sinn für Zuschauer. Er drehte den Kopf leicht in Richtung der Türspalte. Ein kaum merkliches, amüsiertes Zucken legte sich auf seine Mundwinkel.

​„Wenn ihr da draußen fertig seid mit dem Spionieren, meine Damen“, rief er, ohne die Position zu verändern, „könnte Tyson jemanden gebrauchen, der ihm hilft, seine Kinnlade vom Boden aufzusammeln. Er starrt nämlich auch schon seit fünf Minuten.“

​Tyson, der auf der anderen Seite des Dojos an einem Sandsack lehnte, fuhr erschrocken zusammen. „Hey! Ich habe nur die Technik analysiert!“

​Hilary schob die Tür mit einem Ruck ganz auf und trat erhobenen Hauptes herein, als wäre sie nie weggewesen. „Analysiert, dass ich nicht lache! Wir wollten nur sicherstellen, dass ihr das Dojo nicht abreißt.“

​Nami trat hinter ihr hervor und traf Kais Blick. In diesem wortlosen Austausch zwischen ihnen, über die Köpfe ihrer Freunde und ihres Sohnes hinweg, lag mehr Wahrheit als in jedem viralen Video.

Verheißung

Kai lockerte seine Haltung und gab Gou mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass die Trainingseinheit fürs Erste unterbrochen war. Gou, dessen Brust sich schwer vom harten Atmen hob, griff dankbar nach einer Wasserflasche, während er dennoch keinen Moment den Blick von seinem Vater abwandte – diese Mischung aus Erschöpfung und tiefem Respekt war in seinem Gesicht fast greifbar.

​Kai nahm sich ein weißes Handtuch von der Bank und rieb sich flüchtig über den nackten, schweißnassen Oberkörper, bevor er mit langsamen, raubtierhaften Schritten auf die Damenrunde zusteuerte. Die Luft um ihn herum schien noch immer von der Hitze des Kampfes zu flirren. Hilary, die eben noch so große Töne gespuckt hatte, machte unbewusst einen halben Schritt zurück, als Kai unmittelbar vor Nami zum Stehen kam.
 

​Er ignorierte das Kichern von Momoko und das vielsagende Grinsen von Tyson vollkommen. Kai beugte sich zu Nami hinunter, seine Hand legte sich wie ganz selbstverständlich an ihre Taille – ein Griff, der so fest und sicher war, dass Hilarys Wangen augenblicklich wieder das leuchtende Rot annahmen, das sie gerade erst mühsam losgeworden war.

​Kai neigte den Kopf nah an Namis Ohr, sodass sein Atem ihre Haut streifte. Sein Flüstern war tief und nur für sie bestimmt, doch die plötzliche Stille im Dojo ließ Hilary, die ohnehin die Ohren spitzte wie ein Luchs, jedes Wort förmlich aufsaugen wollen.

​„Ich hoffe dir gefällt was du siehst...“, raunte er, und seine Stimme vibrierte leise an ihrem Hals. „Dieses Training bringt mein Blut in Wallung....freu dich schonmal auf heute Abend.“

​Nami sah ihm fest in die Augen. Der Ernst in seinem Blick bildete einen krassen Gegensatz zu der intimen Geste, mit der er sie hielt. Sie lächelte kaum merklich.
 

​Kai richtete sich wieder auf, ein kühles Lächeln auf den Lippen, als er bemerkte, wie Hilary förmlich über den Tatami-Rand kippte, um auch nur einen Fetzen des Gesprächs aufzuschnappen.

​„Hat es für deine... Studien gereicht, Hilary?“, fragte er trocken und zog eine Augenbraue hoch.

​Hilary fuhr zusammen, fuchtelte hektisch mit den Händen und versuchte, ihre Haltung zurückzugewinnen. „Ich... ich weiß gar nicht, was du meinst, Kai! Ich habe nur geschaut, ob du Gou nicht zu hart rannimmst! Aber sag mal... war das gerade eine geheime Botschaft? Geht es um die Firma? Oder um... private Pläne für heute Abend?“ Sie zwinkerte Nami mit einer Mischung aus Neugier und Schalk zu, unfähig, ihren Klatsch-Instinkt auch nur für eine Sekunde zu unterdrücken.

​Kai schnaubte leise, drehte sich um und warf das Handtuch zielsicher auf die Bank. „Das geht dich gar nichts an, Hilary. Aber du kannst Tyson ja helfen, seine Beinarbeit zu korrigieren. Die ist nämlich fast so instabil wie dein Schweigegelübde.“

​„Hey!“, rief Tyson empört vom Sandsack herüber, was die allgemeine Stimmung wieder auflockerte.

​Nami sah Kai hinterher, wie er zurück zu Gou ging. Sie wusste, dass die Idylle des Dojos nur die Ruhe vor dem Sturm war, den sie heute Abend in gewohnter Dynamik entfesseln würden.
 

Kai warf einen Blick auf die Uhr an der Wand des Dojos, während er sich wieder Gou zuwandte, der bereits ungeduldig mit den Füßen scharrte. „Nami“, rief er über die Schulter, seine Stimme nun wieder im gewohnt ruhigen, aber bestimmten Kommandoton. „Wir brechen in zwanzig Minuten auf. Ich will, dass wir zu Hause sind, bevor die Zwillinge das Abendessen zur Schlachtplatte erklären.“

​Er gönnte ihr ein kurzes, fast unmerkliches Lächeln, das nur sie sehen konnte. „Setz dich noch einmal zu den Damen und trink deinen Tee zu Ende. Du hast heute genug geleistet, Beraterin.“

​Nami nickte amüsiert über seine direkte Art und kehrte in den kleinen Vorraum zurück, während hinter ihr das rhythmische Geräusch von Gous Kicks gegen Kais Unterarme wieder einsetzte. Die Damen machten es sich sofort wieder auf den Tatami-Matten bequem, und Momoko goss eifrig frischen Tee nach.
 

​Die Atmosphäre war zunächst entspannt, doch Nami bemerkte, wie Hilary plötzlich innehielt. Ihr Blick wurde scharf, und sie stellte ihre Tasse mit einem vernehmlichen Klacken auf den Lacktisch. Ein schelmisches, fast schon gefährliches Funkeln trat in ihre Augen.

​„Wisst ihr“, begann Hilary und lehnte sich mit verschränkten Armen vor, „jetzt, wo wir hier so gemütlich sitzen und Nami nicht mehr auf dem Sprung nach Singapur ist... da fällt mir wieder etwas ein. Etwas, das mich seit Tagen wurmt.“

​Lumina und Momoko sahen neugierig auf. Nami spürte, wie ihr Puls einen kleinen Sprung machte. Sie wusste genau, worauf Hilary anspielte.

​„Erinnert ihr euch an meinen Geburtstag in Luminas Penthouse?“, bohrte Hilary weiter und fixierte Nami mit ihrem Blick. „Nachdem Kais Anruf kam und bevor du so überstürzt aus der Tür gerannt bist, als stünde das Anwesen in Flammen? Wir waren gerade bei einer sehr... pikanten Fragerunde. Und du, meine Liebe, bist uns die Antwort auf die letzte Frage schuldig geblieben.“

Nami versuchte, ihr Gesicht unter Kontrolle zu halten, während sie an ihrem Tee nippte. „War da was? Ich kann mich kaum erinnern, es war so viel los an dem Abend...“

​„Oh, komm schon, Nami! Versuch nicht, die Unschuldige zu spielen!“, unterbrach Hilary sie mit einem triumphierenden Lachen.
 

Hilary beugte sich vor, die Augen schmal und voller Schalk. „Du hattest gerade erst zugegeben, dass es in der Villa in Nagano tatsächlich ein Spiel gab. Dass Kai dir dreißig Minuten Vorsprung in diesem dreistöckigen Labyrinth gegeben hat, nur um dich dann wie ein Raubtier zu hetzen. Du sagtest, du hättest ihn im Weinkeller einmal alt aussehen lassen, was seinen Stolz so sehr verletzte, dass er dich förmlich durch das Haus gejagt hat, bis er dich im Dampf des Onsens in die Enge trieb.“

​„Und dann“, warf Momoko mit einem verträumten Seufzen ein, „kam dieser Anruf von ihm. Er sagte dir am Telefon, dass er deinen Duft noch an seinem Revers riechen könne und dass er dich in zwanzig Minuten abholt. Du warst danach wie verwandelt, Nami. So... aufgewühlt.“
 

​Hilary hielt inne und fixierte Nami mit einem Blick, der keine Flucht zuließ. „Lumina hat damals erzählt, dass Tala sie fünfmal hintereinander zum Schmelzen gebracht hat. Sie nannte ihn einen sibirischen Wolf. Und du... du hast damals geschwiegen. Aber dein Gesicht hat Bände gesprochen. Wir wollten wissen, wie oft der ‚Zar‘ seine Ausdauer unter Beweis gestellt hat, bevor du am Ende absolut keine Kraft mehr hattest, dich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.“

​Nami nippte an ihrem Tee, während die Bilder von jenem Abend in Nagano mit einer Intensität zurückkehrten, die ihr das Blut in die Schläfen trieb. Sie sah Kai wieder vor sich, wie er nackt im Weinkeller gestanden hatte, wie er im Bentley auf dem Rückweg vom Penthouse seine Hand auf ihr Knie gelegt und geraunt hatte, dass Tala wohl noch einmal nachsitzen müsse.
 

​Nami schüttelte entschieden den Kopf, ihr langes weißes Haar schwang dabei wie ein Vorhang um ihre Schultern. „Hilary, das ist wirklich... das ist Privatsphäre. Kai wäre fassungslos, wenn er wüsste, dass wir hier über solche Details sprechen. Er legt Wert auf Diskretion, das weißt du.“

​„Diskretion?“, schnaubte Hilary belustigt. „Der Mann, der dich heute Morgen vor zweihundert Angestellten fast auf dem Empfangstresen verschlungen hätte? Der Zug ist abgefahren, Liebes!“

​„Das war etwas anderes“, entgegnete Nami schnell, wobei ihr Blick nervös zur Schiebetür huschte, hinter der sie das dumpfe Aufschlagen von Körpern auf die Matten hörte. Sie wusste genau, dass Kai ihr dieses Geheimnis niemals verzeihen würde. Er genoss es, dass die Welt ihn für einen eiskalten Stein hielt, während nur sie die unersättliche, fast besessene Hitze kannte, die er in ihren privaten Stunden entfesselte. „Ich werde nichts weiter sagen. Es war ein schöner Urlaub, die Villa war groß, das Spiel war spannend. Ende der Geschichte."

​Hilary lehnte sich mit einem wissenden Grinsen zurück. Sie kannte Namis Schwachstelle: ihren analytischen Verstand und ihren Stolz auf Kais Überlegenheit. „Schon gut, schon gut“, sagte Hilary beschwichtigend und hob die Hände. „Ich verstehe. Kai ist eben ein vielbeschäftigter Mann. Wahrscheinlich ist er nach so einem Tag im Büro einfach froh, wenn er im Bett seine Ruhe hat. Ich meine, bei der Verantwortung... wer hat da schon die Ausdauer für mehr als ein schnelles ‚Gute Nacht‘?“

​Sie warf Momoko einen vielsagenden Blick zu. „Lumina hat ja erzählt, dass Tala sie fünfmal hintereinander in den Wahnsinn getrieben hat. Fünfmal! Das ist die russische Schule. Wahrscheinlich ist Kai einfach... nun ja, ein bisschen eingerostet im Vergleich zu einem Wolf wie Tala. Er ist eben eher der strategische Typ, kein Ausdauersportler im Schlafzimmer.“

​Nami hielt die Tasse kurz vor ihren Lippen inne. Ein feiner Zug von Amüsement legte sich um ihre Augenwinkel, gepaart mit einer gefährlichen Kühle. Sie durchschaute Hilarys Plan sofort. „Wirklich, Hilary?“, fragte sie leise. „Glaubst du ernsthaft, ich wäre so dumm, auf diese plumpe Provokation einzugehen? Du versuchst, meinen Stolz zu kitzeln, damit ich Kais Ehre verteidige und dir die Zahlen liefere, die du so brennend hören willst. Aber so einfach bin ich nicht zu knacken.“

​Hilary biss sich auf die Lippe, doch ihr Kampfgeist war geweckt. Sie gab nicht auf. „Okay, Nami. Du hast recht, du bist brillant. Also machen wir es anders. Du musst es gar nicht aussprechen. Ich weiß ja, wie sehr du an deiner... Loyalität zum Zaren hängst.“

​Hilary rutschte ein Stück näher und senkte die Stimme. „Ich werde einfach ganz langsam zählen. Ganz unschuldig. Du musst nichts sagen, kein Wort. Ich schaue dir nur in die Augen.“

​Nami wollte protestieren, wollte das Thema endgültig beenden, doch Hilary hatte bereits begonnen. Es war, als würde eine Uhr ticken.

​„Eins... zwei... drei...“, begann Hilary, ihre Augen fest auf Namis Gesicht fixiert. Nami blieb vollkommen reglos, ihre Miene eine Maske aus kühler Beherrschung. „Vier... fünf...“ Bei der Zahl fünf, Talas persönlicher Rekord, zuckte Nami nicht einmal mit der Wimper. Ein Hauch von Verachtung für diese niedrige Zahl lag fast in ihrer Aura.

​„Sechs... sieben... acht... neun...“, fuhr Hilary fort. Die Luft im Raum schien dünner zu werden. Momoko und Lumina hielten den Atem an. Nami starrte in ihren Tee, fest entschlossen, keine Regung zu zeigen. Sie dachte an Nagano, an das prasselnde Kaminfeuer und Kais unerbittliche Augen.

​„Zehn...“ Hilary machte eine kunstvolle Pause. Nami hielt die Luft an, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.

​„Elf.“

​In diesem winzigen Bruchteil einer Sekunde geschah es. Die Erinnerung an jenen Moment, als sie vollkommen gebrochen und ekstatisch unter Kai gelegen hatte, als er die elfte Welle mit einer prophetischen Ruhe vollendet hatte, war zu stark. Nami zuckte ganz kurz unbewusst zusammen, ihre Finger krallten sich minimal fester um die Keramiktasse und ihre Pupillen weiteten sich für einen Herzschlag.

​„ELF!“, schrie Hilary fast triumphierend auf und klatschte in die Hände. „Ich wusste es! Bei elf hast du gezuckt! Oh mein Gott, Nami! Elf Mal?!“

​Nami setzte die Tasse mit einem harten Knall auf den Lacktisch ab. Die Beherrschung war dahin, nun, da das Zeichen gegeben war. Die Hitze flutete ihr Gesicht in einem tiefen Karminrot. „Hilary, das ist... du bist unmöglich!“, stieß sie hervor.

​„Elf Mal...“, krächzte Hilary schließlich, während ihr eigener Schock über die Zahl nun den Triumph ablöste. „Hintereinander? In einer Nacht? Nami, wie lebst du überhaupt noch?“

​Nami sank in sich zusammen und hielt sich die Hand vor das brennende Gesicht. „Er hat nicht aufgehört“, flüsterte sie, nun doch von der Erinnerung übermannt. „Er war wie besessen. Er wollte mir zeigen, dass es in seinem Haus keine Flucht gibt. Dass er nach zehn Jahren nicht schwächer geworden ist, sondern nur... gieriger. Bei der elften Welle wusste ich nicht einmal mehr, wer ich bin. Ich konnte mich nicht mehr rühren, ich konnte nur noch schluchzen, während er mir sagte, dass ich nun endlich genau da sei, wo er mich haben wollte.“

​Stille. Absolute, fassungslose Stille legte sich über den kleinen Raum. Hilary lehnte sich langsam zurück, ihr Gesicht eine Mischung aus absolutem Schock und tiefer Ehrfurcht. „Elf... Gott, Nami. Kai ist keine Naturgewalt, er ist eine Katastrophe. Wenn er das nächste Mal vor mich tritt, werde ich ihn nie wieder mit denselben Augen ansehen können.“

​Nami starrte verzweifelt in ihren Tee. „Bitte... sagt ihm niemals, dass ihr das wisst. Er würde sicherstellen, dass ich die zwölfte Welle auch noch kennenlerne, nur um mich für mein loses Mundwerk zu bestrafen.“
 

In diesem Augenblick, als das Wort „elf“ noch wie ein elektrisches Echo im Raum nachhallte und Hilarys fassungsloser Gesichtsausdruck die schiere Ungläubigkeit widerspiegelte, glitt die Schiebetür zum Dojo erneut auf.

​Diesmal war es kein hastiges Öffnen. Es war eine langsame, fast schon zeremonielle Bewegung, die eine unmissverständliche Autorität ausstrahlte. Kai stand im Rahmen, und die Szenerie, die sich ihm bot, war ein Bild der absoluten Entlarvung. Nami, die das Gesicht in den Händen verbarg; Hilary, die mit offenem Mund dastarrte; und Lumina, die sichtlich versuchte, wieder zu atmen.
 

​Kai war nun vollkommen ruhig. Der Schweiß auf seinem nackten Oberkörper war angetrocknet und glänzte matt unter den Deckenlichtern. Er hielt seinen Blick nicht gesenkt, sondern ließ ihn mit einer schneidenden Präzision durch die Runde wandern. Das intensive körperliche Training hatte seine Dominanz auf ein Niveau gehoben, das den kleinen Raum förmlich auszufüllen schien.

​Nami spürte seinen Blick auf sich, noch bevor sie aufsah. Als sie es schließlich wagte, begegnete sie seinen rubinroten Augen. Da war kein Zorn, sondern etwas weitaus Gefährlicheres: ein tiefes, wissendes Amüsieren. Er hatte nicht jedes Wort hören müssen; er kannte seine Frau, er kannte Hilary, und er verstand die Körpersprache in diesem Raum perfekt.

​Kai trat einen Schritt in den Raum, was Hilary dazu veranlasste, instinktiv noch ein Stück zurückzuweichen. Er blieb unmittelbar vor Nami stehen.

​„Gou ist fertig mit dem Umziehen“, sagte er, seine Stimme war tief und vibrierte vor unterdrückter Intensität. Er beugte sich langsam zu Nami hinunter, stützte seine Handkante auf den Lacktisch ab und zwang sie allein durch seine Anwesenheit, ihn anzusehen.

​Sein Blick glitt kurz zu Hilary, die krampfhaft versuchte, so auszusehen, als hätte sie gerade nur über das Wetter gesprochen. „Du hast heute ein erstaunliches Durchhaltevermögen bewiesen, Hilary“, stellte er trocken fest. „Es ist beeindruckend, mit welcher... mathematischen Präzision du dich für Dinge interessierst, die dich eigentlich nichts angehen.“

​Hilary schluckte hörbar und brachte kein Wort heraus. Kai wandte sich wieder Nami zu. Er legte zwei Finger unter ihr Kinn und hob es an, bis sie gezwungen war, die dunkle Glut in seinen Augen zu sehen.

​„Und du, Nami...“, raunte er so leise, dass es fast nur für sie bestimmt war, auch wenn die anderen jedes Wort wie einen Schwamm aufsaugten. „Du solltest wissen, dass manche Zahlen eine ganz eigene Dynamik entwickeln, wenn man sie ausspricht – oder auch nur an sie denkt.“

​Er ließ ihr Kinn los, doch der Druck seiner Präsenz blieb. Ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen, als er bemerkte, wie sehr Nami unter seinem Blick wohlig zitterte. Er genoss ihre Verlegenheit, weil er genau wusste, dass sie ihn soeben auf ein Podest gehoben hatte, das keine der anderen Frauen jemals wieder infrage stellen würde.

​„Wir gehen“, befahl er ruhig. „Ich habe das Gefühl, dass diese... statistische Erhebung bei dir eine gewisse Unruhe hinterlassen hat. Und da ich keine halben Sachen mag, werden wir heute Abend dafür sorgen, dass deine Erinnerungen an Nagano eine sehr gründliche... Aktualisierung erfahren.“

​Er warf einen letzten, fast mitleidigen Blick in die Runde der Frauen. „Genießt euren Tee, Damen. Aber seid vorsichtig mit den Zahlen. Manche führen zu Konsequenzen, die weit über eure Vorstellungskraft hinausgehen.“

​Nami stand wie in Trance auf, ihre Beine fühlten sich bereits jetzt schwach an. Als sie Kai zum Bentley folgte, wusste sie: Er hatte jedes Zucken, jede Geste und jede Zahl genau registriert. Und er würde sie heute Nacht im Ayame-Anwesen spüren lassen, dass er nicht nur bei elf aufhören konnte – sondern dass er gerade erst angefangen hatte, seine Dominanz als der wahre Herr im Haus zu zementieren.
 

Das schwere Klicken der Bentley-Tür klang wie ein endgültiger Schlussstrich unter den Nachmittag im Dojo. Sobald Nami in den tiefen, duftenden Ledersitz gesunken war, umschloss sie die kühle, fast klinische Stille des Wagens. Kai stieg ein, und sofort veränderte sich der Sauerstoffgehalt im Innenraum; seine Präsenz nach dem Training war so massiv, dass die Luft förmlich zu knistern schien.

​Gou saß hinten, die Kopfhörer fest auf den Ohren, vollkommen abgeschottet. Kai startete den Motor, doch er fuhr nicht sofort los. Er legte beide Hände oben auf das Lenkrad, seine Armmuskeln spannten sich unter der Haut, und er starrte einen Moment lang einfach nur geradeaus durch die Windschutzscheibe.
 

​Nami saß kerzengerade daneben. Sie spürte ein heftiges Ziehen in ihrem Unterleib, eine Mischung aus Nervosität und einer tiefen, brennenden Vorfreude, die sie mühsam zu verbergen suchte. Sie wusste, dass Kai diese harte, dominante Maske jetzt trug – die Maske des Zaren, der über einen Verrat urteilt. Sie liebte dieses Schauspiel. Sie liebte es, wie er seine Macht demonstrierte, obwohl sie genau wusste, dass unter dieser kühlen Oberfläche eine unendliche Leidenschaft und Liebe für sie brannte. Aber sie durfte jetzt nicht lächeln. Ein Lächeln würde die Spannung entschärfen, den Moment seiner „Bestrafung“ korrumpieren.

​Sie biss sich leicht auf die Innenseite ihrer Wange und zwang sich zu einem Blick, der Reue und Unterwerfung signalisierte. Sie wollte, dass er glaubte, sie hätte Angst vor seiner Konsequenz – denn nur dann würde er die Rolle bis zum Äußersten spielen. Auch wenn er sie lang genug kannte um zu wissen, dass sie eine beachtliche Schwäche für seine Dominanz hatte.

​„Elf, Nami?“, durchbrach seine Stimme die Stille. Sie war so tief und trocken, dass sie fast schmerzhaft war. Er sah sie nicht an, doch sein Profil wirkte wie aus dunklem Granit gemeißelt. „Du hast es ihnen wirklich auf dem Silbertablett serviert.“

​„Ich wollte nicht...“, begann sie mit brüchiger Stimme, innerlich jedoch jubelnd über die Kälte in seinem Ton. „Hilary hat mich in die Enge getrieben.“

​Kai legte den Gang ein und lenkte den Wagen mit einer fließenden, fast raubtierhaften Bewegung aus der Parklücke. „Du hast mich in die Enge getrieben“, korrigierte er sie ruhig. Er steuerte den Bentley auf die Autobahn, die Lichter der Metropole huschten wie Sternschnuppen über sein Gesicht. „Du hast ein Bild von mir gezeichnet, das Begehrlichkeiten weckt. Und du hast ein Versprechen gegeben, das ich nun einlösen muss.“

​Er nahm eine Hand vom Lenkrad und legte sie auf ihren Oberschenkel. Sein Griff war nicht sanft; er war besitzergreifend, seine Finger gruben sich fest in den Stoff ihres Kleides. Nami hielt den Atem an. Die Hitze seiner Hand brannte durch den Stoff, eine direkte Erinnerung an seine körperliche Überlegenheit nach dem Dojo-Besuch.

​„Du hast vorhin gezuckt, als ich über Zahlen sprach.“, fuhr er fort, und nun glitt sein Blick zu ihr – rot, glühend und vollkommen unlesbar. „Deine Körperreaktion hat dich verraten. Du hast an Nagano gedacht. Du hast daran gedacht, wie du unter mir lagst, unfähig zu flüchten.“

​Nami presste die Knie zusammen, was seinen Griff nur noch verstärkte. Sie zwang sich, wegzusehen, um das verräterische Funkeln in ihren Augen zu verbergen. Es war so unglaublich erotisch, wie er jedes Detail analysierte, wie er sie wie ein strategisches Ziel behandelte.

​„Die zwölfte Welle, Nami“, raunte er, während er den Wagen kraftvoll beschleunigte. „Du hast sie heute im Dojo selbst heraufbeschworen. Ich werde heute Nacht nicht bei elf aufhören, nur weil ich denke, dass du am Ende bist. Ich werde erst aufhören, wenn du absolut keine Erinnerung mehr an diese Zahl hast. Wenn nur noch ich in deinem Kopf existiere.“

​Nami schloss die Augen. Sie genoss die fast unheimliche Ruhe in seiner Stimme, die wie die Ruhe vor einem Hurrikan wirkte. Sie wusste, dass er heute Nacht keine Gnade kennen würde, und genau darauf hatte sie den ganzen Tag gewartet. Sie hielt die Maske der Gejagten aufrecht, während in ihrem Inneren bereits das Feuer der zwölften Welle loderte.

Die Zwölfte Welle

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Kreuzverhör

Nami genoss die Ruhe, die das Ayame-Anwesen ausstrahlte, während sie langsam ihr Frühstück verzehrte. Doch die Stille hielt nicht lange an. Schon bald drangen die hellen Stimmen der Kinder aus dem Garten durch das geöffnete Fenster nach oben. Mit schmerzenden Gliedern, aber einem zufriedenen Lächeln, zwang sie sich schließlich aus dem Bett. Eine heiße Dusche half, die schlimmste Steifheit aus ihren Beinen zu vertreiben, auch wenn jeder Schritt sie immer noch an die zwölfte Welle erinnerte.

​Unten im Garten bot sich ihr ein lebhaftes Bild. Gou stand mit ernster Miene auf dem Rasen und versuchte, den Zwillingen Ayumi und Ren die richtige Beinarbeit für einen Konter zu erklären.

„Nein, Ren! Du musst den Schwerpunkt tiefer legen, wie Dad es gesagt hat!“, korrigierte Gou seinen Bruder, während Ayumi kicherte und versuchte, Gou mit einem Büschel Gras abzulenken. Die kleine Sayuri watschelte mit ihren weißen Locken begeistert hinterher und hielt ein buntes Spielzeug fest umklammert.

​Nami ließ sich auf einer der schattigen Bänke nieder. Ihre Bewegungen waren vorsichtig und langsam, was Graham, der mit einem Tablett kühler Limonade herantrat, mit einem wissenden, aber diskreten Nicken quittierte.

„Ein herrlicher Tag, Madame“, bemerkte er trocken. „Master Kai scheint gestern Abend sehr... inspirierende Anweisungen hinterlassen zu haben. Gou ist heute besonders eifrig.“

​Nami nippte an ihrer Limonade und wollte gerade antworten, als das ferne Grollen eines Motors auf dem Kiesweg zu hören war. Sie runzelte die Stirn. Kai wurde erst am Abend zurückerwartet, und Gäste waren nicht angekündigt.

​Wenig später tauchten zwei wohlbekannte Gestalten um die Ecke des Anwesens auf. Hilary, die eine überdimensionale Sonnenbrille trug, und Lumina, die fast schon entschuldigend lächelte.

​„Überraschung!“, rief Hilary und schwang ihre Handtasche. „Wir konnten einfach nicht warten. Nachdem du uns gestern so überstürzt verlassen hast und heute nicht im Tower erschienen bist, mussten wir nach dem Rechten sehen. Und wir wollten wissen, ob die ‚Zahlen‘ heute Morgen noch stimmen.“

​Nami spürte, wie die Röte sofort wieder in ihre Wangen schoss. Sie versuchte aufzustehen, um die Damen zu begrüßen, doch ihre Beine zitterten verräterisch. Sie musste sich nach einem halben Zentimeter sofort wieder setzen, was Hilary natürlich nicht entging.

​„Oh mein Gott!“, platzte es aus Hilary heraus, während sie die Sonnenbrille herunterzog. „Lumina, schau dir das an! Sie kann kaum stehen! Nami, hat er dich etwa...“

​„Hilary! Bitte!“, unterbrach Nami sie hastig und warf einen nervösen Blick zu den Kindern, die neugierig näher kamen. „Ich bin nur... ein wenig müde. Das Training gestern war anstrengend.“

​Lumina setzte sich sanft neben Nami und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Nami, wir haben gestern gesehen, wie Kai dich aus dem Dojo geführt hat. Er hatte diesen Blick... diesen russischen Blick, den Tala bekommt, wenn er beschlossen hat, dass Diskussionen vorbei sind.“

​Hilary beugte sich vor, ihre Augen blitzten vor Neugier. „Komm schon, Nami. Wir sind unter uns – wenn man von Graham und den Mini-Hiwataris absieht. Gestern war das Thema ‚Elf‘. Aber heute... heute siehst du aus, als hätte der Zar die gesamte Verfassung neu geschrieben. War es die zwölfte? Hat er die Grenze gesprengt?“

​Nami versuchte, ihre Fassung zu bewahren, während Gou misstrauisch die Runde musterte. „Vater hat gesagt, wir sollen Mutter nicht stören, sie braucht Ruhe“, warf der fast Elfjährige mit fast derselben Ausstrahlung wie sein Vater ein.

​Hilary schnaubte. „Dein Dad hat ganz recht, Kleiner. Aber wir sind hier, um sicherzustellen, dass sie diese Ruhe auch mit dem richtigen Klatsch genießt.“ Sie wandte sich wieder Nami zu und flüsterte: „Schau dich an. Du strahlst mehr als nach den Flitterwochen. Er hat es getan, nicht wahr? Er hat dir gezeigt, dass er keine Grenzen kennt.“

​Nami sah in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Freundinnen und dann zu ihren Kindern. Sie dachte an Kais zärtlichen Kuss am Morgen und an seine unerbittliche Macht in der Nacht zuvor.

​„Sagen wir einfach“, begann Nami leise und ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen, „dass Kai Hiwatari sehr viel Wert darauf legt, dass seine Statistiken... immer auf dem neuesten Stand sind. Und ja, Hilary... die Zahl Elf ist ab heute offiziell veraltet.“

​Hilary stieß einen unterdrückten Schrei aus und Lumina schüttelte fassungslos den Kopf. In diesem Moment wurde Nami klar, dass sie dieses Geheimnis zwar geteilt hatte, aber die wahre Tiefe dessen, was zwischen ihr und Kai existierte, für immer hinter den Mauern des Ayame-Anwesens bleiben würde – egal wie oft Hilary versuchte, die Zahlen zu zählen.
 

Das Gold des späten Nachmittags begann bereits in ein tiefes Violett überzugehen, als das vertraute, kraftvolle Schnurren des Bentleys auf der Auffahrt die Gespräche im Garten verstummen ließ. Hilary und Lumina tauschten einen vielsagenden Blick aus, während Nami unwillkürlich die Schultern straffte – eine instinktive Reaktion auf die Ankunft des Hausherrn.

​Kai kam nicht etwa durch das Haus. Er wählte den Weg um den Seitenflügel herum, direkt über den Rasen. Er trug noch immer sein Sakko, doch die Krawatte war gelockert und der oberste Knopf seines Hemdes offen. Er wirkte weniger wie ein gestresster CEO und mehr wie ein Raubtier, das nach einem langen Tag in sein Revier zurückkehrt.

​Sein Blick fiel sofort auf die kleine Gruppe unter dem Pavillon. Er blieb einige Meter entfernt stehen, die Hände lässig in den Hosentaschen, und musterte die Szene mit einer arroganten Ruhe, die Hilary sofort das Wort im Hals stecken ließ.

​„Dad!“, rief Ren und wollte auf ihn zulaufen, doch Gou legte seinem jüngeren Bruder eine Hand auf die Schulter.

„Lass ihn erst ankommen, Ren“, sagte Gou mit einer Ernsthaftigkeit, die Kai ein kurzes, stolzes Nicken entlockte.

​Kai trat nun näher an den Tisch heran. Er ignorierte Hilary und Lumina zunächst vollkommen und konzentrierte sich nur auf Nami. Er trat hinter sie, legte seine großen Hände auf ihre Schultern und beugte sich hinunter. Nami schloss die Augen, als sie seinen kühlen, maskulinen Duft wahrnahm. Er küsste sie nicht einfach nur; er drückte seine Lippen mit einer besitzergreifenden Langsamkeit auf ihre Schläfe, gerade lange genug, um den Anwesenden zu zeigen, dass sie sein absolutes Territorium war.

​„Ich hatte nicht in Erinnerung, dass wir heute einen Pressetermin im Garten angesetzt haben“, sagte Kai schließlich, wobei seine Stimme tief und gefährlich ruhig durch die Abendluft schnitt. Er richtete sich auf, ließ die Hände aber fest auf Namis Schultern liegen, als wollte er sicherstellen, dass sie sich nicht bewegte.

​Hilary räusperte sich und versuchte, ihre übliche Schlagfertigkeit wiederzufinden. „Wir wollten nur sehen, wie es Nami geht, Kai. Sie wirkte... nun ja, ein wenig mitgenommen heute Morgen.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch. Sein Blick glitt langsam seitlich über Namis Gesicht, das unter seinen Händen sichtlich errötete, und dann zurück zu Hilary. Ein dunkles, fast schon spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Mitgenommen?“, wiederholte er das Wort mit einer Präzision, die Hilary zusammenzucken ließ. „Nami ist nicht mitgenommen. Sie genießt lediglich die Privilegien einer Ehefrau, deren Mann seine Versprechen hält.“

​Er verstärkte den Druck auf ihre Schultern minimal, ein stummes Signal, das nur Nami verstand. „Ich bin überrascht, dass ihr noch hier seid. Ich dachte, nach dem gestrigen Tag hättet ihr genug Material zum Auswerten. Oder seid ihr gekommen, um die heutige... Fortsetzung zu protokollieren?“

​Lumina lächelte verlegen und stand auf. „Wir wollten gerade gehen, Kai. Wir wollen euch nicht weiter stören.“

​„Eine kluge Entscheidung“, entgegnete Kai trocken. Er wartete nicht, bis sie sich verabschiedeten, sondern sah zu Graham, der im Hintergrund wartete. „Graham, begleite die Damen zum Ausgang. Und sorge dafür, dass die Kinder ins Haus gehen. Claire soll mit dem Abendessen beginnen.“

​Als Hilary an Kai vorbeiging, wagte sie es noch einmal, den Kopf zu heben. „Elf war gestern, nicht wahr, Kai?“

​Kai sah sie nicht einmal an. Er blickte nur auf Nami hinab, die den Kopf leicht in den Nacken gelegt hatte, um ihn anzusehen. „Zahlen sind etwas für Leute, die keine Phantasie haben, Hilary“, sagte er leise, aber so, dass es jeder hörte. „Und was Nami und mich betrifft... wir haben heute Nacht aufgehört zu zählen.“

​Erst als die Freundinnen verschwunden waren und die Kinder unter Gous Führung ins Haus trotteten, lockerte Kai seinen Griff. Er zog Nami hoch, und als ihre Beine erneut leicht nachgaben, fing er sie mühelos auf und hielt sie eng an seinem Körper.

​„Du hättest ihnen nichts sagen dürfen“, raunte er gegen ihre Lippen, doch sein Tonfall war nicht mehr drohend, sondern voller dunkler Leidenschaft. „Aber ich muss gestehen... der Gedanke, dass sie nun wissen, wie absolut ich dich besitze, gefällt mir mehr, als ich zugeben möchte.“

​Nami schlang die Arme um seinen Hals. „Sie wissen nichts“, flüsterte sie. „Sie kennen nur die Zahlen. Aber sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, wenn du mich ansiehst, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.“

​Kai lachte leise und hob sie hoch, um sie ins Haus zu tragen. „Dann sorgen wir dafür, dass das so bleibt. Die Nacht ist noch jung, Nami. Und ich habe noch ein paar Lektionen übrig, die weit über das hinausgehen, was Hilary zählen kann.“
 

Das prasselnde Kaminfeuer im kleinen Salon war die einzige Lichtquelle, die goldene Reflexe auf die dunklen Mahagoniwände warf. Die Atmosphäre war tiefenentspannt, fast schon andächtig, ein scharfer Kontrast zu der geladenen Elektrizität der vorangegangenen Nacht. Nami saß auf Kais Schoß, ihre Beine seitlich über seine kräftigen Oberschenkel geschlagen, während sie die wohlige Wärme seines Körpers durch den feinen Stoff seines Hemdes spürte.

​Kai, der normalerweise wie eine unerschütterliche Statue aus Disziplin wirkte, hatte seinen Kopf erschöpft an ihre Schulter gelehnt. Seine Augen waren geschlossen, während Nami mit ihren langen Fingern sanft seinen Nacken massierte. Sie spürte, wie die harte Muskulatur, die durch das gestrige Training im Dojo und den heutigen Stress im Tower noch immer angespannt war, unter ihren rhythmischen Berührungen allmählich nachgab.

​„Es war unerträglich“, murmelte Kai gegen ihre Haut, seine Stimme war nur ein tiefes Vibrieren, das Nami bis in die Knochen spürte. „Ich habe heute jede Minute gezählt, Nami. Der Tower ohne dich... er fühlt sich tot an.“

​Nami lächelte und strich über den Haaransatz in seinem Nacken, während sie das Gefühl genoss, ihn so schutzlos und ehrlich zu erleben. „Du übertreibst, Kai. Du hast das Unternehmen jahrelange allein geführt, bevor ich mein eigenes Büro bezogen habe.“

​„Das war vorher“, entgegnete er rau und hob den Kopf leicht an, um sie aus seinen müden, rubinroten Augen anzusehen. „Jetzt, wo du deinen eigenen Bereich leitest, ist deine Abwesenheit wie ein Systemfehler. Ich bin heute Morgen an deinem Büro vorbeigegangen. Die Tür war zu, das Licht aus. Es hat sich angefühlt, als würde ein Teil meiner eigenen Effizienz fehlen.“

​Er neigte den Kopf leicht zur Seite und ein Schatten von dunklem Amüsement legte sich auf seine Züge. „Deine neue Sekretärin... Miya? Sie ist völlig überfordert ohne dich. Sie stand heute Morgen mit einem Stapel Akten vor deiner verschlossenen Tür und sah aus, als stünde sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Als ich ihr sagte, dass du heute nicht kommst, ist ihr fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen. Aber sie war nicht die Einzige.“

​Ein trockenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich bin zur Mittagszeit durch die Logistik-Abteilung gegangen. Es war totenstill, Nami. Die Leute trauen sich kaum zu atmen, wenn sie wissen, dass ich schlechte Laune habe und du nicht da bist, um die Wogen zu glätten. Ohne dich als... Puffer... herrscht dort pures Entsetzen. Einer der Analysten ist sogar fast gegen eine Glastür gelaufen, weil er so damit beschäftigt war, mir panisch aus dem Weg zu gehen.“

​Nami lachte leise auf, das Geräusch klang hell und herzlich im stillen Salon. „Du machst ihnen also immer noch so viel Angst? Du solltest wirklich an deiner Ausstrahlung arbeiten, wenn ich mal nicht da bin.“
 

​„Ich sorge für Disziplin“, korrigierte er sie prompt mit einem arroganten Funkeln in den Augen, das jedoch sofort wieder erlosch, als er sie ansah. Er wurde wieder ernst und strich mit dem Daumen über ihre Wange, seine Berührung war nun federleicht und voller Zärtlichkeit.

​„Aber die Wahrheit ist... ich habe meine eigene Disziplin heute kaum aufrechterhalten können. Jeder Blick auf den leeren Platz neben mir – in den Meetings, beim Essen, sogar im Aufzug – hat mich daran erinnert, warum er leer war. Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht, Nami. An das, was ich gestern Nacht mit dir getan habe... wie du unter mir gezittert hast... und daran, wie sehr ich es kaum erwarten konnte, wieder hier zu sein, um zu sehen, ob es dir gut geht.“

​Er drückte sie ein Stück fester an sich und atmete tief ihren Duft ein. „Ich habe alle weggeschickt, die nach dir gefragt haben. Ich wollte nicht, dass sie dich stören. Ich wollte, dass du schläfst und dich erholst, nachdem ich so unnachgiebig zu dir war.“

​Nami spürte, wie die Wärme seines Geständnisses sie mehr erfüllte als jeder Triumph. Sie verstärkte den Druck ihrer Finger an seinem Hinterkopf und zog ihn noch ein Stück näher an sich, während das Feuer im Kamin langsam herunterbrannte.

​„Morgen gehen wir gemeinsam“, versprach sie leise. „Ich will dich nicht noch einmal einen ganzen Tag mit verängstigten Analysten allein lassen. Und ich möchte wieder in meinem Büro sitzen, während ich weiß, dass du nur ein paar Türen weiter bist.“

​Kai atmete schwer aus und ließ sich ganz in ihre Umarmung sinken, wobei er seinen Kopf wieder an ihre Schulter schmiegte. „Gut. Denn ich habe nicht vor, meine Zeit damit zu verschwenden, Leuten beim Zittern zuzusehen, wenn ich stattdessen dich ansehen könnte.“

Das Feuer im Kamin war zu einer sanften, rötlichen Glut heruntergebrannt, die den Salon in ein behagliches, halbdunkles Licht tauchte. Kai löste seinen Kopf von ihrer Schulter und sah Nami lange an. Der unerbittliche „Zar“ des Vormittags war vollends verschwunden; was blieb, war ein Mann, der in der Stille seines Zuhauses die tiefste Form der Zuneigung fand.

​„Genug geredet für heute“, raunte er. Seine Stimme war nun weich, fast wie Samt. Er schob seine Hände unter ihre Knie und ihren Rücken und hob sie mit einer Leichtigkeit von seinem Schoß, als wäre sie aus feinstem Porzellan.

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, während er sie langsam aus dem Salon und die breite Treppe hinauf trug. Jeder seiner Schritte war bedacht, fast so, als wollte er jede unnötige Erschütterung vermeiden, um ihren erschöpften Körper zu schonen.

​Im Schlafzimmer angekommen, legte er sie nicht einfach nur auf das Bett. Er setzte sie behutsam ab und begann, sie mit einer fast rituellen Langsamkeit zu entkleiden. Da war keine Spur mehr von der fordernden Dominanz der letzten Nacht. Seine Berührungen waren federleicht, fast ehrfürchtig. Er küsste jede Stelle ihrer Haut, die er freilegte – ihre Schultern, das Schlüsselbein, die Innenseite ihrer Handgelenke.

​„Heute Nacht gehört nur der Erholung, mein Schatz“, flüsterte er gegen ihre Haut. Er schlüpfte zu ihr unter die kühle Seidendecke und zog sie eng in seine Arme. Nami spürte seinen Herzschlag, der nun ruhig und stetig gegen ihren Rücken klopfte.

​Er bettete ihren Kopf auf seinen Arm und deckte sie beide sorgfältig zu. Kai begann, mit seinen Fingerspitzen sanfte Kreise auf ihrem Rücken zu ziehen, eine Geste, die so beruhigend wirkte, dass Nami spürte, wie die letzte Anspannung aus ihren Gliedern wich.

​„Schlaf jetzt“, murmelte er und drückte einen federleichten Kuss auf ihren Scheitel. „Ich bin hier. Und morgen früh... morgen früh gehen wir gemeinsam in den Tower. Ich werde dich nicht mehr aus den Augen lassen.“

​Nami atmete tief seinen vertrauten Duft ein und ließ sich in die Dunkelheit gleiten. Es war diese Seite von Kai, die nur sie kannte – die romantische, fast schon beschützende Tiefe eines Mannes, der bereit war, für sie die Welt brennen zu lassen, sie aber im Privaten auf Händen trug. In der Stille des alten Anwesens, geschützt von den massiven Mauern und Kais Armen, fand sie den tiefsten Schlaf seit Langem.

Quälende Verführung

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Ein Gespräch unter Generälen

Pünktlich um elf Uhr glitt der Bentley erneut auf den Vorplatz des Tachiwari-Towers. Als Kai und Nami den Wagen verließen, war von der Erschöpfung der Nacht nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Die wenigen Stunden Schlaf und die intensive Nähe schienen eine fast greifbare Aura von Macht und Vitalität um sie beide gewebt zu haben.

​Nami wirkte in ihrem saphirblauen Kleid, das sie nun mit einer passenden, taillierten Jacke ergänzt hatte, wie das lebendig gewordene Ebenbild von Eleganz. Kai führte sie mit einer Selbstverständlichkeit durch die Lobby, die keinen Zweifel daran ließ, dass er nicht nur die Firma, sondern auch die Frau an seiner Seite mit absoluter Leidenschaft regierte.
 

Der Vormittag im Tower war bereits in vollem Gange, doch die Atmosphäre in der Chefetage unterschied sich drastisch von der unterkühlten Stille der letzten Tage. Als Kai und Nami den gläsernen Korridor betraten, wirkte es, als würde eine Welle aus Energie und unerschütterlichem Selbstbewusstsein vor ihnen herrollen. Nami strahlte eine Ruhe aus, die nach der intensiven Nacht im Arbeitszimmer und dem kurzen, tiefen Schlaf fast schon übernatürlich wirkte.

​Miya, die bereits seit Stunden an ihrem Schreibtisch saß, sprang auf, als die Fahrstuhltüren aufglitten. Sie hielt ihr Tablet fast schon krampfhaft fest, ihre Augen weit vor Aufregung.
 

​„Mister, Misses! Endlich sind Sie da“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich weiß, der Vorfall in der Lobby ist bereits einige Tage her, aber das Internet vergisst nicht. Ganz im Gegenteil – es ist gerade erst richtig explodiert!“

​Kai blieb stehen, die Hand noch immer besitzergreifend auf Namis Rücken. Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich dachte, die Presse hätte sich nach den ersten Schlagzeilen wieder auf die Quartalszahlen gestürzt.“

​„Weit gefehlt, Mr. Hiwatari.“, erwiderte Miya und aktivierte den Bildschirm des Tablets. „Ein Praktikant hat den Kuss aus einem anderen Winkel mit dem Handy gefilmt und auf Social Media hochgeladen. Es wurde über Nacht millionenfach geteilt.“

​Sie zeigte ihnen einen Ausschnitt aus einer bekannten Morgenshow. Auf dem Bildschirm war das Paar zu sehen: Kai, wie er Nami mitten in der geschäftigen Lobby zu sich herangezogen und sie mit einer Intensität geküsst hatte, die nichts mehr mit gesellschaftlichen Konventionen zu tun hatte. Die Moderatorin des Beitrags strich sich eine Locke aus dem Gesicht und sah fast schon sehnsüchtig in die Kamera.

​„Es ist das Video, das ganz Japan den Atem raubt“, kommentierte die Sprecherin. „Drei Tage später wird die Frage, die unter dem Clip steht, zum meistgenutzten Hashtag des Landes. In einer Welt voller kalkulierter Ehen und kühler Geschäftsbeziehungen fragen sich Millionen von Zuschauern: ‚Wie kann ein Mann nach über zehn Jahren Ehe noch immer so sehr von seiner eigenen Frau besessen sein?‘ Psychologen und Beziehungsexperten rätseln bereits über das Geheimnis der Hiwataris.“
 

​Nami beobachtete den Beitrag, und ein helles, fast schon triumphales Lachen entwich ihr. Sie sah zu Kai auf, dessen Miene eine Mischung aus kühler Arroganz und einem sehr privaten Amüsement widerspiegelte. Er wirkte keineswegs beschämt; eher so, als würde er die Bestätigung seiner Dominanz genießen.

​„Hör dir das an, Kai“, sagte Nami und legte ihre Hand auf seinen perfekt gestärkten Hemdärmel. „Sogar Psychologen werden bereits konsultiert, um deine Unersättlichkeit zu erklären. Die ganze Nation rätselt über uns.“

​Sie trat einen Schritt näher zu ihm, während Miya diskret auf ihre Unterlagen starrte, um den Moment nicht zu stören. „‚Besessen von der eigenen Frau‘... weißt du, was mir gerade einfällt? Wir sollten uns diesen Satz rechtlich schützen lassen. Ein Patent für die Tachiwari-Corporation. Wir könnten eine ganz neue Sparte eröffnen: Die Hiwatari-Methode für absolute Hingabe.“

​Kai schmunzelte, ein tiefes, gefährliches Geräusch, das Nami in den Knochen spürte. Er fing ihre Hand ein und drückte sie so fest, dass es fast schmerzte – ein stummes Zeichen, dass seine Besessenheit in diesem Moment, hier im Flur, bereits wieder gefährlich nahe an der Oberfläche brodelte.

​„Ein Patent würde suggerieren, dass man es kopieren kann, Nami“, raunte er, während er sich zu ihr hinunterbeugte, ohne Rücksicht darauf, wer sie sah.

Doch nun flüsterte er.„Aber was zwischen uns passiert – was gestern Nacht auf meinem Schreibtisch passiert ist – das lässt sich nicht in Worte fassen oder in Slogans pressen. Die Presse nennt es Besessenheit. Ich nenne es schlicht und einfach die einzige Art, wie ich dich behandeln kann.“

​Er richtete sich wieder auf und wandte sich an die sichtlich beeindruckte Miya. „Sorgen Sie dafür, dass keine Presseanfragen zu unserem Privatleben durchgestellt werden. Wenn sie wissen wollen, wie man so besessen sein kann, sollen sie sich ein Beispiel an meiner Effizienz nehmen. Und jetzt bringen Sie uns den Kaffee. Wir haben zu tun.“

​Nami lachte noch immer leise, während sie in ihr Büro schlüpfte. „Vergiss den Kaffee nicht, Miya. Der Zar braucht heute viel Energie, wenn er seinem Ruf als ‚besessener Ehemann‘ auch heute Abend wieder gerecht werden will.“

​Kai sah ihr nach, ein stolzes, raubtierhaftes Lächeln auf den Lippen, bevor er sein eigenes Büro betrat. Der Tower mochte zwar der Ort für Geschäfte sein, doch für Kai war er heute nur die Bühne, auf der er seine wertvollste Eroberung den ganzen Tag lang im Auge behalten würde.
 

Ein wenig später...

Das Telefon auf Kais massivem Schreibtisch vibrierte mit einem tiefen, unnachgiebigen Ton, der die konzentrierte Stille im Büro durchschnitt. Kai, der gerade dabei war, eine Reihe von hochsensiblen Akquisitionsverträgen der Tachiwari-Corporation zu unterzeichnen, hielt inne. Er warf einen Blick auf das Display, und als er den Namen sah, verengten sich seine Augen leicht. Er drückte auf Lautsprecher, lehnte sich in seinem schweren Ledersessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

​„Tala“, sagte Kai knapp. Seine Stimme war ruhig, doch er war sofort voll konzentriert. „Ich nehme an, die Academy steht noch, oder rufst du an, um mir zu sagen, dass einer der neuen Prototypen das Testgelände in Schutt und Asche gelegt hat?“

​„Die Academy steht, und wir testen gerade die neuen Hochfrequenzschutzbarrieren für die kommende Saison“, erklang Talas raue Stimme am anderen Ende der Leitung. Der Hintergrundlärm der Tachibey Academy war deutlich zu vernehmen – das charakteristische, metallische Kreischen von Beyblades, die mit unglaublicher Geschwindigkeit in den Trainingsschalen aufeinanderprallten, und das dumpfe Vibrieren der schweren Testmaschinen. In der Academy wurden nicht nur Blader ausgebildet; es war das technologische Herzstück ihrer Verteidigung, wo jede neue Technik unter extremen Bedingungen geprüft wurde.

​„Ich rufe wegen der BBA-Gala am Wochenende an“, fuhr Tala fort. „Stanley hat mich zum dritten Mal heute kontaktiert. Er ist nervös. Es geht um die Platzierung der Sponsoren und die Akquise der neuen Unternehmen. Du weißt, dass sie von der Tachiwari-Corporation erwarten, dass du den Lead übernimmst.“

​Kai registrierte die Worte, aber er hörte die kalte Schärfe in Talas Tonfall, die weit über den üblichen Widerwillen gegen Gala-Pflichten hinausging.

​„Du klingst, als hättest du gerade eine Packung Rasierklingen verschluckt, Tala“, bemerkte Kai trocken. Er legte den Montblanc-Füller beiseite. „Was ist los?“

​Am anderen Ende war das Geräusch einer massiven Stahltür zu hören, die ins Schloss fiel – Tala war in sein schallisoliertes Büro im Herzen der Academy gegangen. „Es ist die Gästeliste, Kai. Ich bin sie durchgegangen, um die Sicherheitsvorkehrungen für unsere Leute abzugleichen. Und da stand ein Name. Ein Name, den ich seit sicher mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr gelesen habe.“

​Tala spie den Namen förmlich aus: „Vladimir Ivanov. Dieser schleimige Bastard. Ich dachte, nach dem Zusammenbruch der alten Strukturen in Russland wäre er endgültig in der Versenkung verschwunden. In der Abtei war er schon damals derjenige, der immer genau wusste, wem er das Messer in den Rücken rammen musste.“

​Kai versteifte sich merklich. Das rubinrote Funkeln in seinen Augen vertiefte sich. Er erinnerte sich nur zu gut an die Begegnung in Singapur, als Nami ihm völlig aufgelöst von einem Mann mit auberginenfarbenen Augen berichtet hatte, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. Er erinnerte sich an das Gespräch im Café, als Vladimir ihn provokant „Mladshiy brat“ – kleiner Bruder – genannt hatte.

​Tala wusste nichts davon. Er kannte Vladimir nur als den „Vlad“ aus der Abtei, einen Rivalen unter vielen Kindern, die im Eis Russlands zu Waffen geschmiedet worden waren. Er wusste nichts davon, dass Vladimir der uneheliche Sohn von Susumu Hiwatari war – und damit Kais Halbbruder.
 

​„Er ist zäh, Tala“, erwiderte Kai kontrolliert. „Leute wie er warten nur im Schatten. Aber er hat sich geschnitten, wenn er glaubt, dass er in Tokio auf sicherem Boden steht.“

​Kai rieb sich über die Nasenbrücke. Er konnte dieses Gespräch nicht am Telefon führen. Wenn Vladimir als CEO von Severnaya Stal & Energo auf der Gala erschien, war das eine direkte Herausforderung.
 

​„Hör zu, Tala“, sagte Kai, und sein Tonfall wurde eine Spur weicher. „Lass die Berichte für heute gut sein. Ich möchte, dass du heute Abend ins Anwesen zum Abendessen und auf einen Drink kommst. Wir setzen uns in den kleinen Salon und besprechen, wie wir mit Ivanov verfahren. Es gibt Details zu dieser Sache... die wir nicht am Telefon besprechen sollten.“

​Tala schnaubte am anderen Ende. „Ein Drink? Ich brauche eher ein Zielfernrohr, Kai. Aber gut. Wenn du sagst, es gibt Details, dann werde ich da sein. Ich bin gegen acht bei euch“, sagte Tala kurz angebunden.

​Kai legte das Telefon beiseite. Die Vergangenheit, die er in Singapur so verzweifelt vor Nami als „Industriespionage“ abgetan hatte, stand nun direkt vor den Toren der Tachiwari-Corporation. Vladimir Ivanov, der „Schneeleopard“, war zurückgekehrt – und diesmal würde Kai ihm nicht erlauben, noch einmal Namis Herz mit seinen dunklen Wahrheiten zu vergiften.

Kai lehnte sich zurück, während die Verbindungstür zwischen den Büros leise aufglitt. Nami trat ein, eine schmale Akte in der Hand, und blieb für einen Moment stehen. Sie war eine Expertin darin, die feinsten Regungen in seinem Gesicht zu lesen. Die fast spielerische, besitzergreifende Energie, die sie noch heute Morgen im Fahrstuhl geteilt hatten, war einer kühlen, berechnenden Härte gewichen.

​„Kai?“, fragte sie leise und trat näher an den Schreibtisch. Sie legte die Akte ab, doch ihr Blick blieb an seinen Augen hängen, die in einem dunklen, fast warnenden Rubinrot leuchteten. „War das Tala am Telefon?“

​Kai nickte langsam. Er schaltete den Lautsprecher aus und legte das Handy beiseite. Er wollte sie nicht anlügen – nicht mehr, nachdem Singapur fast einen Keil zwischen sie getrieben hatte –, aber er musste seine Worte mit Bedacht wählen.

​„Tala hat die Gästeliste für die BBA-Gala abgeglichen“, sagte er, seine Stimme tief und vollkommen kontrolliert. Er stand auf, umrundete den Schreibtisch und blieb direkt vor ihr stehen. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, ein Griff, der gleichzeitig erdend und beschützend war. „Er hat einen Namen gefunden, Nami. Vladimir Ivanov wird als Vertreter seines russischen Energiekonsortiums anwesend sein.“

​Nami versteifte sich unter seinen Händen. Der Name allein reichte aus, um die Erinnerung an die schwüle Hitze der Orchard Road und die unheimliche Begegnung im Café zurückzuholen. Sie spürte wieder dieses Kribbeln im Nacken, das sie immer empfand, wenn die Schatten der Vergangenheit nach ihnen griffen.

​„Er kommt nach Tokio?“, flüsterte sie. „Nach allem, was er in Singapur gesagt hat... nach der Art, wie er dich provoziert hat?“

​„Er sucht die Konfrontation, Nami. Er will nicht mehr nur ein Schatten in Russland sein. Er will sicher das Licht der Tachiwari-Corporation nutzen, um seine eigene Legitimität zu untermauern“, erklärte Kai. Er beugte sich vor, bis seine Stirn die ihre berührte. „Ich habe Tala für heute Abend ins Anwesen eingeladen. Wir werden im kleinen Salon alles besprechen. Ich möchte keine Geheimnisse mehr, die uns angreifbar machen. Nicht vor Ivanov.“

​Nami schloss die Augen und atmete tief ein. Sie spürte Kais Herzschlag durch sein Hemd, fest und unerschütterlich. „Du denkst, er wird versuchen, die Gala zu nutzen, um... was genau zu tun?“

​„Er wird sicher versuchen, Unruhe zu stiften. In der Firma, im Verband und vielleicht sogar in unserer Familie. Ich weiß nicht ob ich ihm seine Worte von 'Verbrüderung' wirklich abkaufen kann.“, antwortete Kai grimmig. „Aber er vergisst eines: Das hier ist mein Territorium. Und Tala und ich haben in der Abtei gelernt, wie man Wölfe vertreibt, die sich in die Stadt wagen.“

​Er löste eine Hand von ihrer Schulter und strich ihr sanft über die Wange, eine Geste, die einen krassen Kontrast zu der mörderischen Entschlossenheit in seinem Blick bildete. „Wir gehen heute früher nach Hause. Ich möchte bei Gous Training dabei sein, bevor Tala kommt. Wir brauchen heute Nachmittag ein wenig Normalität, bevor wir uns den Dämonen stellen.“

​Nami nickte stumm. Sie wusste, dass der Abend im Anwesen lang werden würde. Wenn Tala und Kai zusammenkamen, um über die Abtei und Vladimir zu sprechen, würde die Luft im kleinen Salon vor alten Rechnungen brennen.
 

Später am Abend...

Das Klirren von feinem Silber auf Porzellan und das gedämpfte Gemurmel der Kinder erfüllten das herrschaftliche Esszimmer des Anwesens. Der massive Eichentisch, groß genug für eine ganze Delegation, wirkte fast schon intim unter dem warmen Schein des großen Kristallleuchters. Graham bewegte sich mit der lautlosen Präzision eines Schattenkriegers um die Stühle, während er den Hauptgang servierte.

​Tala saß auf der rechten Seite von Kai, den Rücken zum Fenster, das den Blick auf den dunklen Garten freigab. Er wirkte in der familiären Umgebung fast schon zahm, doch das wachsame Funkeln in seinen kalten Augen verriet, dass er die Umgebung ebenso scannte wie ein Testgelände in der Tachibey Academy.

​An der Längsseite des Tisches herrschte ein kontrolliertes Chaos. Die Zwillinge Ayumi und Ren lieferten sich ein leises Wortgefecht darüber, wer beim heutigen Beyblade-Training die bessere Verteidigungslinie gehalten hatte. Ayumi, deren petrolfarbene Augen im Kerzenlicht fast leuchteten, strich sich eine Strähne ihres graustichigen Haares aus der Stirn und sah ihren Bruder herausfordernd an. Ren, der mit seinen eierschalenfarbenen Haaren und demselben intensiven Blick wie eine junge Version seines Vaters wirkte, stocherte ungerührt in seinem Gemüse.

​Die kleine Sayuri, gerade einmal drei Jahre alt, saß in ihrem Hochstuhl am Ende des Tisches. Mit ihren weißen Locken und den großen Augen sah sie Nami so ähnlich, dass es Kai jedes Mal einen Moment innehalten ließ. Sie lächelte vergnügt, während das französische Kindermädchen Claire Beaumont mit unbewegter Miene versuchte, einen Klecks Püree von Sayuris Wange zu retten.

​„Sayuri, ma petite, wir essen, wir malen keine abstrakte Kunst auf das Tischtuch“, bemerkte Claire mit ihrem trockenen, französischen Akzent. Sie warf einen Blick zu Graham. „Ich fürchte, der künstlerische Drang in diesem Haus übersteigt manchmal die Kapazitäten der Waschküche.“

​Graham neigte leicht den Kopf. „In der Tat, Mademoiselle Beaumont. Es scheint ein allgemeiner Drang zu sein, Spuren zu hinterlassen – ob nun mit Püree oder... durch andere Aktivitäten.“

​Kai warf Graham einen scharfen Blick zu, doch bevor er etwas sagen konnte, meldete sich Gou zu Wort. Gou hatte bisher geschwiegen und seine Eltern mit einer Intensität beobachtet, die Tala sichtlich amüsierte.

​„Es ist bemerkenswert“, begann Gou mit jener tiefen, sachlichen Stimme, die so erschreckend nach Kai klang. Er legte sein Besteck mit klinischer Präzision parallel auf den Tellerrand. „Wie unterschiedlich die Lärmtoleranz in diesem Flügel des Hauses ist. Ayumi und Ren haben heute Morgen behauptet, sie hätten wie Steine geschlafen. Sayuri ist ohnehin in ihrer eigenen Welt.“

​Ayumi sah von ihrem Teller auf. „Ich habe geträumt, ich hätte ein neues Bit-Beast gezähmt! Warum sollte ich aufwachen? Es war absolut still.“

​Ren nickte zustimmend. Kai schmunzelte.

„Die Zwillinge könnten im Epizentrum eines Erdbebens schlafen, Gou. Das weißt du doch.“

​Gou schnaubte leise, ein Geräusch, das er eins zu eins von seinem Vater übernommen hatte. „Ein Erdbeben wäre diskreter gewesen als das, was gestern Nacht im Arbeitszimmer vor sich ging. Ich wollte mir eigentlich die alten Enzyklopädien holen, aber die Tür war verriegelt. Und die Geräusche, die man durch das massive Holz gehört hat... nun ja. Wenn ein Presslufthammer neben den Zwillingen wüten würde, würden sie vielleicht nicht aufwachen, aber ich habe jedes Detail mitbekommen.“

​Er sah seinen Vater direkt an, dessen Kiefer nun sichtlich mahlte. „Du siehst heute Morgen erschöpft aus, Vater. Und Mutter... nun, sie wirkt, als hätte sie die Logistik-Probleme der gesamten Corporation im Alleingang gelöst. Oder als hätte sie eine sehr intensive... 'Arbeitssitzung' hinter sich.“

​Nami führte leicht beschämt ihr Weinglas zu den Lippen, um ein verräterisches Lächeln zu verbergen, während sie spürte, wie die Hitze der Erinnerung an den Schreibtisch erneut in ihr aufstieg.

​Tala lehnte sich zurück und betrachtete Gou mit unverhohlener Anerkennung. Er nahm einen Schluck von seinem Wodka und stellte das Glas mit einem kleinen Knall ab. „Weißt du, Gou“, sagte er rauh, aber mit einem amüsierten Unterton, der so kinderfreundlich wie möglich klingen sollte. „In der Tachibey Academy bringen wir den Rekruten bei, dass man manchmal mit maximaler Intensität trainieren muss, um die Technik zu perfektionieren. Dein Vater ist ein Perfektionist. Wenn er eine... 'Sitzung' abhält, dann nutzt er jede Ressource, um das Ziel zu erreichen. Das nennt man operative Exzellenz.“

​„Operative Exzellenz“, wiederholte Gou trocken und warf einen Blick zu Graham. „Ist das der offizielle Begriff für das Verrücken von schweren Mahagonimöbeln um zwei Uhr morgens, Graham?“

​„Es ist eine Form der... strategischen Neuausrichtung, Master Gou“, antwortete Graham, während er Sayuri ein neues Lätzchen umband. „In diesem Haus wird viel Wert auf die Festigkeit der Einrichtung gelegt. Es ist beruhigend zu wissen, dass die Qualität der neuen Möbel selbst den leidenschaftlichsten... Verhandlungen standhält.“

​Claire Beaumont stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. „Ah, l'amour et la stratégie. In Frankreich sagen wir, ein Haus ohne Lärm ist ein Haus ohne Leben. Aber vielleicht sollte Monsieur Hiwatari das nächste Mal die Statik des Schreibtisches prüfen, bevor er die 'Strategie' vertieft.“

​Kai sah von Tala zu Gou und schließlich zu Nami. Sein Blick war eine Mischung aus väterlicher Strenge und jenem besitzergreifenden Stolz, den er nie ganz ablegen konnte. „Gou, deine Beobachtungsgabe ist exzellent. Aber lerne, dass ein wahrer Hiwatari seine Informationen als Druckmittel nutzt und sie nicht einfach beim Sashimi verschleudert. Wenn du eine Stunde früheres Training morgen willst, hättest du das diskreter verhandeln müssen.“

​Gou neigte den Kopf, ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen. „Ich dachte, die Anwesenheit von Onkel Tala erhöht den Marktwert meiner Information.“

​„Der Junge wird uns alle noch ruinieren, Kai“, lachte Tala und klopfte auf den Tisch. „Oder er übernimmt den Laden früher, als dir lieb ist.“

​Nami legte ihre Hand sanft auf Kais Unterarm unter dem Tisch und drückte ihn leicht. Die Normalität dieses Familienessens war die Ruhe vor dem Sturm, den Vladimir Ivanov mit sich bringen würde. Doch für diesen Moment genoss sie das freche Funkeln in den Augen ihres Ältesten und die trockenen Kommentare ihres Personals, die alle genau wussten, dass das Anwesen gestern Nacht Zeuge einer ganz eigenen Art von Imperiumsbildung geworden war.
 

Die schwere Tür zum kleinen Salon schloss sich wenig später mit einem satten Klicken und sperrte die häusliche Unruhe des restlichen Anwesens aus. Hier drinnen roch es nach altem Leder, teurem Holz und dem herben Aroma des Wodkas. Kai lehnte am Kaminsims, das lodernde Feuer warf tanzende, rubinrote Reflexe in seine Augen, während Nami sich mit eleganter Müdigkeit in einen der Samtsessel sinken ließ.

​Tala starrte in sein Glas, doch seine Schultern bebten leicht. Dann drang ein tiefes, kehliges Lachen aus seiner Brust. Kai zog die Brauen zusammen. „Was ist so witzig, Tala? Ich dachte, wir wären hier, um über die Rückkehr eines mörderischen Relikts aus der Abtei zu sprechen.“

​Tala wischte sich ein Grinsen aus dem Gesicht, doch seine Augen blitzten vor Belustigung. „Gou“, stieß er hervor. „Der Junge ist eine verdammte Kopie von dir, Kai. Er hat dich vor deiner gesamten Familie auflaufen lassen. ‚Verrücken von Mahagonimöbeln‘... Er hat jedes Detail mitbekommen.“

​Tala nahm einen großen Schluck und sah Kai dann spitzbübisch von der Seite an. „Aber im Ernst, Kai... Ich wusste ja, dass du nach Singapur Nachholbedarf hattest. Aber die Geschichten, die man so hört, sind noch beeindruckender als Gous Beschwerden.“

​Kai versteifte sich. „Worauf willst du hinaus?“

​Tala lehnte sich mit einem trockenen Schmunzeln zurück. „Lumina hat mir vor ein paar Tagen etwas erzählt. Wir standen in der Küche unseres Penthouses, und sie erwähnte ganz beiläufig – fast schon mit diesem provozierenden Unterton, den sie von dir gelernt hat –, dass du Nami in dieser einen Nacht zwölf multiple Orgasmen beschert hast. Zwölf, Kai. Ich muss zugeben, ich war beeindruckt. Das ist selbst für unsere Verhältnisse eine... beachtliche statistische Ausreißerquote.“

​Er hielt inne und sein Grinsen wurde breiter, während Kai Nami einen kurzen, intensiven Blick zuwarf, die sofort errötete.

​„Aber du kennst mich“, fuhr Tala fort, und seine Stimme wurde rauer. „Blöderweise hat mich das dazu angespornt, meinen alten Kameraden zu übertreffen. Ich konnte es nicht auf mir sitzen lassen, dass der Zar neue Rekorde aufstellt, während ich mich mit dem Standard zufrieden gebe. Ich musste meiner Frau klarmachen, dass fünf Mal keine Grenze für mich ist – und schon gar keine für sie.“

​Tala schüttelte amüsiert den Kopf und sah auf sein Glas hinunter. „Es war so intensiv, dass Lumina jetzt einige Tage – bis heute – krankgeschrieben ist. Sie kann kaum geradeaus laufen, geschweige denn in der Academy Rekruten drillen. Sie verflucht deinen Namen, Kai, weil dein ‚Ehrgeiz‘ indirekt dazu geführt hat, dass sie ihr Bett seit 48 Stunden nicht mehr verlassen konnte.“
 

​Kai schnaubte verächtlich, doch ein winziges, triumphales Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Es war kein Wettbewerb, Tala. Es war schlichte Notwendigkeit.“

​„Sag das Luminas Beinen“, erwiderte Tala trocken.
 

Nami beobachtete Tala über den Rand ihres Glases hinweg. Als er die Geschichte mit den zwölf Wellen und Luminas darauffolgender „Dienstunfähigkeit“ erzählte, konnte sie ein kurzes, ungläubiges Prusten nicht unterdrücken. Ein helles Rot stieg ihr in die Wangen, und sie schüttelte langsam den Kopf, während sie versuchte, die Fassung zu bewahren.

​„Tala, du bist wirklich unmöglich“, murmelte sie mit einem amüsierten Funkeln in den ozeanfarbenen Augen. „Dass du aus allem einen Wettkampf machen musst... Lumina wird dich umbringen, wenn sie erfährt, dass du das hier im Salon ausbreitest. Und Kai...“ Sie warf ihrem Mann einen amüsierten Seitenblick zu. „Deine ‚Rekorde‘ scheinen eine sehr kostspielige Wirkung auf die Einsatzbereitschaft unserer besten Ausbilder zu haben.“

​Doch dann veränderte sich ihre Miene. Die spielerische Röte wich einer nachdenklichen Blässe, als Kai das Foto von Vladimir auf den Tisch legte. Nami stellte ihr Glas ab und richtete sich auf. Sie spürte, wie die Kälte der Abtei, die in Talas Worten mitschwang, den Raum erfüllte.
 

Doch Kais Miene blieb hart. Die Heiterkeit erstarb. „Genug davon. Wir müssen über Vladimir sprechen. Er war in Singapur und hat mich provoziert, Tala. Er sah mich an und sagte: 'Mladshiy brat'."

​Tala hielt inne, das Glas auf halbem Weg zum Mund. Er runzelte die Stirn. „Mladshiy brat? Kleiner Bruder?“, wiederholte er und schüttelte den Kopf. „Er hat schon immer gern Spiele gespielt, Kai. Er wollte dich nur aus der Reserve locken. Das ist typisch für diesen arroganten Bastard.“

​Kai trat einen Schritt auf Tala zu, sein Blick war so ernst und finster, dass Tala das Glas abstellte. „Es war kein Spiel, Tala. Vladimir ist mein fünf Jahre älterer Halbbruder. Er ist Susumus unehelicher Sohn.“

​Die Stille, die daraufhin im Salon herrschte, war fast physisch greifbar. Tala erstarrte. Seine Augen weiteten sich, und er starrte das Foto an, als würde er Vladimir zum ersten Mal wirklich sehen. Er atmete tief ein und aus, während die Information in seinem Kopf die Erinnerungen an die Zeit in der Abtei völlig neu ordnete.

​„Susumus Sohn...“, flüsterte Tala schließlich. Er rieb sich fassungslos über das Gesicht. „Gott verdammt, Kai...“ Er blickte wieder auf das Bild, auf die auberginenfarbenen Augen und die markante Kieferlinie. „Ich bin geschockt, das bin ich wirklich. Aber... wenn ich ehrlich zu mir selbst bin...“ Er hielt inne und sah Kai direkt an. „Ich habe es damals in der Abtei insgeheim geahnt. Wir alle haben es irgendwie gespürt. Die Ähnlichkeit war zu erschreckend, um nur ein seltsamer Zufall zu sein. Die Art, wie er kämpfte, wie er den Raum dominierte, wie er aussah... es war dasselbe Blut.“

​Tala schüttelte den Kopf. „Voltaire hat ihn also die ganze Zeit als Ersatz in der Hinterhand gehalten. Ein Hiwatari im Schatten, falls du jemals versagen solltest. Er hat sich immer für etwas Besseres gehalten, ein verstoßener Prinz im Eis.“

​Tala sah Kai direkt an. „Wenn das wahr ist, Kai... dann kommt er sicher nicht wegen der BBA-Gala nach Tokio. Er kommt, um seinen Platz am Tisch der Tachiwari-Corporation einzufordern. Und er wird nicht eher Ruhe geben, bis er das Imperium sieht, das ihm seiner Meinung nach zusteht. Er wird versuchen, dich dort zu treffen, wo du am verwundbarsten bist: bei deiner Familie.“

​Kai legte seine Hand flach auf das Foto von Vladimir. „Wir werden ihn auf der Gala empfangen. Aber nicht als Bruder. Sondern als das, was er ist: ein Eindringling. Tala, ich möchte, dass du die Sicherheitsleute der Academy in den Tower und zur Gala integrierst. Ich will Männer, die wissen, wie man einen Schatten aus der Abtei erkennt, bevor er zusticht.“
 

„Wartet“, ergriff Nami das Wort, ihre Stimme sanft, aber mit einer Bestimmtheit, die die beiden Männer sofort aufhorchen ließ. Sie sah von Kai zu Tala. „Bevor wir ihn als das Monster abstempeln, das das Imperium stürzen will... Kai, erinnere dich an das, was er in Singapur gesagt hat. Ich war dabei. Ich habe ihn gesehen, als du noch im Schatten standest.“

​Sie lehnte sich vor und legte ihre Hand auf die Akte, direkt neben das Bild des Mannes, der Kai so ähnlich sah.

​„Vlad wirkte nicht wie jemand, der eine feindliche Übernahme plant“, fuhr sie fort. „Er hat ausdrücklich gesagt, dass er keine Unruhe stiften will. Er hätte uns in Singapur vernichten können – er wusste alles über unsere Bewegungen. Aber er wollte nur reden. Er sagte, er wollte deine Aufmerksamkeit, Kai. Er hat jahrelang versucht, Kontakt aufzunehmen, und du hast ihn abgeblockt.“

​Tala schnaubte, doch Nami ließ sich nicht beirren.

​„Vielleicht geht es ihm gar nicht um Macht“, sagte sie fest und blickte Kai direkt in die Augen. „Er sprach davon, dass er älter wird. Dass er keine Erben hat. Er wirkte... fast schon melancholisch. Er bewundert das, was du hier aufgebaut hast – eine Familie, die tatsächlich funktioniert. Vielleicht sucht er keine Schlacht, sondern schlichtweg die Anerkennung des einzigen Blutes, das ihm noch geblieben ist. Er sagte, Provokation sei die einzige Sprache, die du fließend sprichst. Vielleicht war Singapur nur sein Versuch, dich dazu zu bringen, überhaupt erst hinzuhören.“

​Kai schwieg lange, sein Blick fest auf Namis Hand auf der Akte geheftet. Die Worte seines Halbbruders – „Ich bin nicht hier, um dein Imperium zu stürzen“ – hallten in seinem Kopf wider.

​„Du bist zu gütig, Nami“, sagte Tala schließlich leise, aber ohne die übliche Härte. „In der Abtei gab es keine Melancholie. Es gab nur Strategie.“

​„Oder Einsamkeit“, konterte Nami ruhig. „Kai, du hast mir versprochen, dass wir ein Team sind. Dass wir keine Geheimnisse mehr haben. Wenn wir Vladimir auf der Gala begegnen, sollten wir nicht nur mit gezogenen Waffen antreten. Wir sollten bereit sein zu hören, was er wirklich will – jenseits der Provokation.“

​Kai legte seine Hand über die ihre. Das rubinrote Glühen seiner Augen war nun weicher, fast nachdenklich. „Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen nicht lockern, Nami. Ein Wolf bleibt ein Wolf, auch wenn er behauptet, er sei einsam. Aber... ich werde ihn nicht sofort verhaften lassen. Wir werden sehen, ob er die Wahrheit spricht, wenn er vor uns steht.“

​Tala nickte grimmig und hob sein Glas in einer stummen Geste des Einverständnisses. Die Fronten waren geklärt: Absolute Wachsamkeit, gepaart mit dem winzigen Funken einer Chance auf eine Wahrheit, die jenseits von Verrat lag.

Die Verwechslung

Der Tag der BBA-Gala rückte unaufhaltsam näher, doch im Tachiwari Tower herrschte die gewohnt kühle, effiziente Geschäftigkeit eines Imperiums. Die Luft in der Chefetage war elektrisiert von der bevorstehenden Großveranstaltung. Während Kai sich in seinem Büro verschanzt hatte, um eine Serie von dringenden Telefonaten mit den europäischen Zweigstellen zu führen, entschied Nami, dass sie eine kurze Auszeit vom digitalen Zahlenmeer auf ihrem Tablet brauchte.

​Sie glitt mit dem gläsernen Aufzug nach unten in die weitläufige, futuristische Lobby. Das sanfte Licht der Deckenstrahler brach sich in den polierten Marmorböden. Nami steuerte zielsicher auf den exklusiven Caféstand im hinteren Bereich zu.

​„Einen Matcha Latte, bitte. Hafermilch“, sagte sie gedankenversunken, während ihre Finger bereits wieder über das Display ihres Tablets wischten, um die letzten Sicherheitsberichte von Tala zu checken.

​Sie wartete auf ihr Getränk, den Blick fest auf die Grafiken gerichtet, als sich die Atmosphäre um sie herum schlagartig veränderte. Es war nicht so, dass es laut wurde – im Gegenteil. Es fühlte sich an, als würde der Sauerstoff im Raum schwerer werden, geladen mit einer dunklen, einnehmenden Aura, die sie nur allzu gut kannte.

​„Man sollte sich nicht so sehr in der digitalen Welt verlieren, Nami. Man übersieht sonst die wirklich interessanten Begegnungen in der Realität.“

​Die dunkle, melodische Stimme ließ Nami förmlich zusammenfahren. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Vor Schreck entglitt ihr der frisch servierte Becher, doch noch bevor der grüne Tee den Boden berühren konnte, schnappte eine Hand zu. Mit einer einzigen, unheimlich schnellen und präzisen Bewegung fing der Mann den Becher auf. Kein Tropfen schwappte über.

​Nami starrte in ein Gesicht, das sie beinahe dazu zwang, den Namen ihres Mannes zu rufen. Doch die Augen waren auberginenfarben, nicht rubinrot.

​„Vlad“, hauchte sie, während ihr Puls raste.

​Vladimir Ivanov stand mitten in der Lobby der Tachiwari-Corporation. Er trug einen dunkelgrauen Mantel über einem maßgeschneiderten Anzug und lächelte sie charmant an, als wäre er hier lediglich auf einen nachmittäglichen Plausch vorbeigekommen.

​„Ich glaube, das hier gehört dir“, sagte er ruhig und reichte ihr den Matcha Latte zurück. Seine Finger streiften die ihren ganz leicht – ein kühles, berechnendes Signal.

​Nami blickte sich panisch um. Die Lobby war voll mit Angestellten, Sicherheitsleuten und Besuchern. Doch niemand schien Notiz von ihm zu nehmen. Im Gegenteil, die Menschen, die an ihnen vorbeieilten, neigten respektvoll den Kopf.

​„Wie zum Teufel bist du hier reingekommen?“, fragte sie entsetzt und leise, während sie ihn zu einer abgelegenen Sitzgruppe aus Leder drängte. „Die Sicherheitsprotokolle... der Gesichtsscan... das ist unmöglich!“

​Vlad grinste übermütig, ein Ausdruck, der seine Ähnlichkeit zu Kai nur noch mehr betonte. Er wirkte in diesem Moment wie der dunkle Zwilling aus einer anderen Dimension.

​„Deine Sicherheitsleute sind sehr gründlich, das muss ich Kai lassen“, erwiderte er amüsiert. „Aber sie haben ein entscheidendes Problem: Sie vertrauen der Technologie mehr als ihrem eigenen Instinkt. Als ich durch die Schranke trat, hat das System mich sofort erkannt. Der Wachmann hat nicht einmal hingesehen. Er hat nur salutiert, mich als ‚Mr. Hiwatari‘ begrüßt und mir einen schönen Nachmittag gewünscht.“

​Er lehnte sich entspannt zurück und verschränkte die Arme. „Sie haben mich schlichtweg mit meinem kleinen Bruder verwechselt, Nami. Es ist fast schon beleidigend einfach, sich in seinem Imperium zu bewegen, wenn man das richtige Gesicht trägt.“

​Nami spürte, wie ihr die Knie zitterten. Die Vorstellung, dass dieser Mann ungehindert bis in die Herzkammer ihrer Firma spazieren konnte, nur weil er Kais genetisches Ebenbild war, war beängstigend.

​„Du spielst mit dem Feuer, Vlad“, sagte sie mit wiedergewonnener Schärfe in der Stimme. „Wenn Kai erfährt, dass du hier bist, wird keine diplomatische Immunität der Welt ihn davon abhalten, dich eigenhändig aus diesem Gebäude zu werfen.“

​„Dann sollte er vielleicht seine Biometrie-Software aktualisieren“, konterte Vlad leichthin. Sein Lächeln verblasste ein wenig und machte Platz für jene Ernsthaftigkeit, die Nami schon in Singapur bemerkt hatte. „Ich wollte nicht stören. Ich wollte nur sehen, wie sich die Luft hier anfühlt, bevor wir uns morgen Abend offiziell gegenüberstehen. Es riecht nach Erfolg, Nami. Und nach einer Menge harter Arbeit.“

​Er stand auf, noch bevor sie antworten konnte. „Genieß deinen Matcha. Wir sehen uns auf der Gala. Sag Kai... er soll den Sicherheitsdienst nicht feuern. Er soll ihnen nur beibringen, auf die Augen zu achten. Das ist der einzige Ort, an dem wir uns wirklich unterscheiden.“

​Mit einer eleganten Drehung verschwand er in der Menge der Lobby, so lautlos und selbstverständlich, als hätte er schon immer dazugehört. Nami blieb zurück, den Matcha fest umklammert, während ihr Blick nach oben zum Büro ihres Mannes wanderte. Sie wusste, dass sie ihm das sofort sagen musste – doch sie wusste auch, dass Kais Zorn den Tower heute Nachmittag zum Erbeben bringen würde.

Nami stürmte beinahe die Tür zum Büroflur auf, ihren Matcha Latte noch immer fest in der Hand, als hätte sie eine Waffe bei sich. Ihre Atmung ging flach, und als sie das Vorzimmer passierte, ignorierte sie Miyas fragenden Blick komplett. Sie riss die Tür zu Kais Büro auf.

​Kai legte gerade den Hörer auf, sein Gesicht eine Maske aus kühler Konzentration. Er sah auf, und sofort verengten sich seine Augen, als er den Ausdruck in Namis Gesicht sah. Er stand auf, noch bevor sie ein Wort sagen konnte.

​„Nami? Was ist passiert?“

​„Er ist hier, Kai“, stieß sie hervor. „Mitten in der Lobby. Er ist einfach an den Scannern vorbeispaziert.“

​Kais Körper versteifte sich augenblicklich. Das Rubinrot seiner Augen flammte gefährlich auf. „Wer? Ivanov?“

​„Ja. Er hat mich unten beim Café abgefangen. Die Wachen haben ihn als ‚Mr. Hiwatari‘ begrüßt und ihn einfach durchgewinkt. Er sieht dir zu ähnlich, Kai. Die Systeme haben ihn für dich gehalten.“

​Ein unterdrücktes Grollen entwich Kais Kehle. Er umrundete den Schreibtisch mit raubtierhafter Geschwindigkeit. „Wo ist er? Wohin ist er gegangen?“, herrschte er sie an, während er bereits sein Tablet griff, um die internen Sicherheitsprotokolle zu überschreiben. „Und wieso zum Teufel hast du ihn nicht aufgehalten, durch meine Firma zu spazieren, als wäre es sein verdammter Spielplatz?“

​„Ich war geschockt, Kai! Er ist innerhalb von Sekunden in der Menge verschwunden“, verteidigte sie sich, während sie bereits hinter ihm her rannte.

​Kai wartete nicht auf den Aufzug. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf und stürmte nach unten, Nami direkt an seinen Fersen. Während sie die Stockwerke wechselten und durch die gläsernen Abteilungen der Logistik- und IT-Sparte hasteten, tippte Kai wie besessen auf seinem Tablet.

​„Ich jage sein biometrisches Signal... wenn das System glaubt, ich sei an zwei Orten gleichzeitig, muss es eine Fehlermeldung geben“, zischte er. Angestellte sprangen zur Seite, als der Zar mit schnellen Schritten an ihnen vorbeistürmte, die Miene so finster, dass sich niemand traute, auch nur zu atmen.

​„Ebene 4... Kantine... nein, er bewegt sich weiter“, murmelte Kai. Er stoppte abrupt vor einem Terminal in der Forschungsabteilung und hackte sich in den Live-Feed der Kameras. Seine Finger flogen über den Bildschirm, Fenster mit verschiedenen Blickwinkeln öffneten und schlossen sich in Millisekunden.

​„Da!“, rief Nami und deutete auf einen kleinen Monitor, der das Besuchercafé im Atrium der sechsten Etage zeigte.

​Kai erstarrte. Sein Kiefer mahlte so hart, dass man das Knirschen fast hören konnte.

​Auf dem Bildschirm war Vladimir zu sehen. Er saß vollkommen entspannt an einem der runden Glastische, die Beine lässig überschlagen. Er hielt eine weiße Porzellantasse in der Hand und schien den Blick über die architektonische Meisterleistung des Towers zu genießen. Er wirkte nicht wie ein Eindringling; er wirkte wie ein Mann, der gerade eine wohlverdiente Pause in seinem eigenen Imperium machte. Er hob die Tasse leicht an, genau in die Richtung der Kamera, als wüsste er exakt, dass Kai in diesem Moment zusah.

​„Er gönnt sich einen Kaffee“, brachte Nami fassungslos heraus. „Mitten in deiner Sicherheitszone.“

​Kai schlug das Tablet mit einer Wucht zu, die wie ein Schuss durch den Raum hallte. Er sah Nami an, und in seinem Blick lag eine mörderische Entschlossenheit. „Er will meine Aufmerksamkeit? Die kann er haben.“

​Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und steuerte auf das Atrium zu. Die Luft im Tower schien vor Spannung zu knistern – der echte Zar war auf dem Weg, seinen Schatten zu stellen.
 

Das Atrium der sechsten Etage war ein Meisterwerk aus Glas und Stahl, durchflutet von Tageslicht, das normalerweise eine Atmosphäre von Transparenz und Fortschritt vermittelte. Doch als Kai die Flügeltüren aufstieß, fühlte es sich an, als würde eine Kaltfront in den Raum ziehen.

​Nami folgte ihm, den Atem anhaltend. Sie sah, wie die ersten Angestellten in der Nähe des Cafés erstarrten. Sie blickten von dem Mann am Tisch zu dem Mann, der gerade mit eiskaltem Blick den Raum betrat – und wieder zurück. Ein ungläubiges Raunen ging durch die Reihen. Es war, als würde die Realität Risse bekommen.

​Kai hielt drei Meter vor dem Tisch an. Er sagte kein Wort. Er stand einfach nur da, die Arme vor der Brust verschränkt, die Aura so schwer und erdrückend wie eine herannahende Gewitterfront. Das Rubinrot seiner Augen glühte in einer Intensität, die selbst die hellen Deckenstrahler überstrahlte.

​Vlad setzte die Tasse mit einer langsamen, fast schon aufreizenden Bedächtigkeit auf die Untertasse ab. Das feine Klirren von Porzellan auf Glas war das einzige Geräusch in der plötzlich eingetretenen, schmerzhaften Stille des Atriums. Er blickte auf, und ein schmales, arrogantes Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Die Röstung ist exzellent, Kai“, sagte Vlad ruhig, seine Stimme trug mühelos durch den Raum. „Ein wenig herb im Abgang, genau wie der Empfang in diesem Gebäude. Aber ich schätze die Beständigkeit deiner Auswahl.“

​„Raus“, sagte Kai. Es war kein Schrei. Es war ein tiefer, mörderischer Befehl, der keinen Widerspruch duldete.

​Vlad lachte leise und stand auf. Er war exakt so groß wie Kai, trug dieselbe unerschütterliche Haltung zur Schau. Die Umstehenden hielten den Atem an; es war, als sähe man einem Mann dabei zu, wie er sein eigenes dunkles Spiegelbild herausforderte.

​„Immer so ungeduldig“, erwiderte Vlad und strich sich den grauen Mantel glatt. Er trat einen Schritt auf Kai zu, bis sie sich fast gegenüberstanden – zwei Raubtiere aus demselben Wurf, getrennt nur durch die Farbe ihrer Augen, der Farbe ihrer Haare und die Jahre im Eis. „Ich wollte nur sicherstellen, dass dein Sicherheitsdienst lernt, zwischen dem Original und der verbesserten Version zu unterscheiden. Betrachte es als... kostenloses Consulting meinerseits.“

​Kai trat noch ein Stück näher, seine Stimme war nun ein gefährliches Wispern, das nur Vlad und die dicht hinter Kai stehende Nami hören konnten. „Wenn du noch einmal einen Fuß in dieses Gebäude setzt, ohne dass ich dich persönlich durch die Tür schleife, wirst du erfahren, warum Voltaire mich als seinen Nachfolger gewählt hat und nicht dich. Ich bin nicht der 'kleine Bruder', Vlad. Ich bin derjenige, der dich wieder in die Versenkung schickt, aus der du gekrochen bist.“

​Vlad hob amüsiert eine Braue und warf Nami einen kurzen, fast schon entschuldigenden Blick zu. „Er hat immer noch dieses Feuer, nicht wahr? Pass auf, dass er den Tower nicht niederbrennt, bevor die Gala morgen Abend beginnt.“

​Er wandte sich wieder an Kai, und für einen Moment blitzte etwas in seinen auberginenfarbenen Augen auf, das weder Spott noch Arroganz war, sondern eine kühle, bittere Anerkennung. „Wir sehen uns morgen, Kai. In voller Montur. Mal sehen, ob die Welt bereit ist für zwei Hiwataris an einem Abend.“

​Mit einer lässigen Handbewegung im Vorbeigehen verließ Vlad das Atrium. Die Menge teilte sich wie das Rote Meer; niemand wagte es, den Mann aufzuhalten, der das Gesicht ihres Herrschers trug.

​Kai blieb wie versteinert stehen, den Blick fest auf den Rücken seines Bruders gerichtet, bis dieser in den Aufzug glitt. Er spürte Namis Hand auf seinem Rücken, ein Anker in der tobenden Brandung seines Zorns.

​„Miya!“, rief Kai, ohne sich umzudrehen. Die Sekretärin, die bleich am Rand des Geschehens stand, zuckte zusammen. „Rufen Sie den Sicherheitschef. Sofort. Und sagen Sie ihm, wenn er in fünf Minuten nicht in meinem Büro ist, braucht er seine Schlüsselkarte gar nicht erst abzugeben – ich werde sie eigenhändig zerbrechen.“

​Er drehte sich zu Nami um. Sein Gesicht war bleich vor unterdrückter Wut, doch als er ihren besorgten Blick sah, milderte sich die Härte in seinen Augen für einen Bruchteil einer Sekunde.

​„Er hat Recht mit einer Sache“, sagte Kai heiser. „Die Welt ist nicht bereit für das, was morgen Abend passieren wird. Aber wir werden es sein.“
 

Der Morgen der Gala brach über Tokio herein, doch die strahlende Sonne schien am Tachiwari-Tower kläglich zu scheitern. Die Atmosphäre in der Lobby war so dickflüssig vor Anspannung, dass man sie beinahe mit einem Messer hätte schneiden können.

​Schon als die schweren Glastüren aufschwangen und Kai das Gebäude betrat, schien die Temperatur schlagartig um zehn Grad zu sinken. Er trug ein tiefschwarzes Hemd, die Ärmel leicht hochgerollt, und sein Blick war so finster, dass die Empfangsdame unwillkürlich den Atem anhielt und den Blick senkte. Nami schritt an seiner Seite, ihre Hand fest in seine Armbeuge eingehakt – weniger aus Zierde, sondern vielmehr als der einzige Anker, der verhinderte, dass der Zar heute Morgen eine Schneise der Verwüstung durch seine eigene Belegschaft zog.

​Direkt am vorderen Gate, dort wo gestern die fatale Verwechslung stattgefunden hatte, stand nun eine Gestalt, die allein durch ihre Präsenz jeden Fluchtinstinkt weckte. Armon, Kais langjähriger Sicherheitschef, ein zwei Meter großer, massiger Koloss von einem Mann, stand dort mit verschränkten Armen. Normalerweise koordinierte er die Einsätze aus seinem schallisolierten Büro im Untergeschoss, doch heute war er Kais persönliche Antwort auf das gestrige Versagen. Sein kahler Kopf glänzte im Deckenlicht, und seine Augen scannten jede Bewegung mit der Präzision eines Terminal-Radars.

​Kai hielt kurz vor ihm inne. Er sagte kein Wort, doch der Blick, den er Armon und den umliegenden Wachleuten zuwarf, sprach Bände. Es war der Blick eines Mannes, der am liebsten die gesamte Abteilung per Dekret aufgelöst hätte.

​„Mr. Hiwatari“, dröhnte Armons Bass, während er sich leicht verbeugte. „Die Protokolle wurden auf manuelle Doppel-Verifikation umgestellt. Niemand passiert dieses Gate, ohne dass ich persönlich die Retina-Struktur abgleiche.“

​Kai schnaubte nur verächtlich, ein kurzes, gefährliches Geräusch. Er würdigte die zitternden Wachmänner keines Blickes, als er sie passierte. Dass sie heute Morgen überhaupt noch ihre Ausweise besaßen, hatten sie einzig und allein Nami zu verdanken, die bis spät in die Nacht auf Kai eingeredet hatte, dass Massenentlassungen kurz vor einer Welt-Gala nur für noch mehr Instabilität und schlechte Presse sorgen würden.

​Im gläsernen Aufzug, der sie in die Chefetage brachte, versuchte Nami erneut, das Eis zu brechen. Sie stellte sich direkt vor ihn, legte ihre Hände flach auf seine Brustplatte und zwang ihn, sie anzusehen.

​„Kai, hör auf damit“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Du verbreitest so viel Angst, dass die Leute vor lauter Zittern erst recht Fehler machen. Armon ist da, Tala ist informiert. Wir haben die Kontrolle zurück.“

​Kai legte seine Hände auf ihre Taille, doch sein Griff war hart, fast besitzergreifend. „Die Kontrolle, Nami? Mein eigener Sicherheitsdienst hat gestern vor einem Schatten salutiert. Er ist durch dieses Gebäude spaziert wie ein Eigentümer. Das ist kein Fehler, das ist Inkompetenz, die normalerweise mit dem sofortigen Ende der Karriere bestraft wird.“

​„Ich weiß“, erwiderte sie und strich ihm sanft über den Kiefer, um die harte Linie seines Gesichts zu mildern. „Aber wir brauchen sie heute Abend fokussiert. Wenn du sie jetzt wie Aussätzige behandelst, verlieren wir ihre Loyalität. Tu es für mich. Lass den Zorn an Vlad aus, wenn wir ihn heute Abend auf dem Parkett treffen, aber lass ihn nicht den Tower vergiften.“

​Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Er genoss die Wärme ihrer Haut, doch die dunkle Wolke über seinem Gemüt wollte sich nicht verziehen. Der Gedanke, dass Vlad denselben Sauerstoff wie er atmete, dass er Nami gestern so nahe gekommen war, brannte wie Säure in seinen Adern.

​„Ich verspreche nichts“, raunte er, während die Fahrstuhltür mit einem leisen Pling aufglitt. „Aber ich werde versuchen, niemanden zu feuern... solange sie mir heute nicht im Weg stehen.“

​Als sie den Korridor zu ihren Büros betraten, sprang Miya sofort auf, wirkte aber, als wolle sie sich am liebsten hinter ihrem Schreibtisch verstecken. Die schlechte Laune des Zaren war legendär, doch heute war sie von einer Qualität, die selbst die hartgesottensten Manager der Tachiwari-Corporation dazu veranlasste, ihre Meetings kurzfristig in „E-Mail-Korrespondenz“ umzuwandeln.
 

Nami beobachtete ihn, während er an seinem massiven Schreibtisch saß und mit einer beinahe beängstigenden Intensität auf die Monitore starrte. Die Anspannung in seinen Schultern war so greifbar, dass die Luft im Raum zu vibrieren schien. Sie wusste, dass keine Worte der Welt diesen Zorn besänftigen konnten – es gab nur ein einziges Ventil für die aufgestaute Energie des Zaren.

​Sie schloss die schwere Bürotür mit einem vernehmlichen Klicken ab und betätigte den Schalter, der die gläsernen Fronten zum Vorzimmer hin auf Knopfdruck undurchsichtig werden ließ. Das kühle Büro wurde augenblicklich zu einer isolierten Festung.

​„Kai“, hauchte sie und legte ihre Hände auf seine angespannten Schultern.

​Er reagierte nicht sofort, sein Blick blieb starr auf einen Sicherheitsbericht fixiert. „Ich habe keine Zeit für Pausen, Nami. Die Gala beginnt in wenigen Stunden und ich will jedes Detail...“

​„Vergiss die Details für einen Moment“, unterbrach sie ihn sanft. Sie beugte sich vor und ließ ihr langes, weißes Haar wie einen Vorhang über seine Schultern gleiten, während sie ihre Lippen gefährlich nah an sein Ohr brachte. „Du bist so geladen, dass du den ganzen Tower in Brand stecken könntest. Wenn du mit dieser Energie heute Abend auf die Gala gehst, wirst du Vlad genau das geben, was er will: Einen Gegner, der unkontrolliert ist.“

​Sie spürte, wie er unter ihren Berührungen lang ausatmete. Ihre Hände glitten von seinen Schultern hinunter zu seiner Brust, wo sie das heftige Pochen seines Herzens spüren konnte.

​„Lass den Zorn los“, flüsterte sie und begann, die obersten Knöpfe seines schwarzen Hemdes mit quälender Langsamkeit zu öffnen. „Konzentrier dich auf etwas anderes. Auf mich.“

​Kai fing ihre Hand ab, sein Griff war fest, fast schmerzhaft, als er sie zwang, vor ihn zu treten. Seine Augen glühten in einem Rubinrot, das dunkler und hungriger war als alles, was sie heute Morgen gesehen hatte. Der Zorn über Vlad war noch da, doch er begann sich in eine andere, weitaus gefährlichere Form von Verlangen zu verwandeln.

​„Ich muss mich irgendwie abreagieren...“, raunte er, seine Stimme war nur noch ein tiefes Grollen. Er zog sie ruckartig an sich, bis sie zwischen seinen Knien stand. „Du weißt genau, dass ich heute keine Geduld für Spielchen habe.“

​„Dann sei nicht geduldig“, entgegnete sie herausfordernd und fuhr mit ihren Fingerspitzen über seine Lippen. „Sei der Zar. Nimm dir, was dir gehört, und lass den Rest der Welt vor der Tür warten. Reagier dich an mir ab...“

​Das war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Kai stieß seinen Stuhl zurück, packte sie an der Taille und hob sie mit einer Leichtigkeit auf den massiven Schreibtisch, wobei die fein säuberlich gestapelten Dokumente und sein Tablet achtlos beiseite gefegt wurden. Die „operative Exzellenz“, die Gou gestern Abend noch so scharfzüngig kommentiert hatte, kehrte mit voller Wucht zurück.

Der Zar und sein Bruder

Zwei Stunden später herrschte im Büro eine vollkommen andere Atmosphäre. Die Luft war noch immer schwer, doch das mörderische Glimmen in Kais Augen war einer kühlen, raubtierhaften Gelassenheit gewichen. Er stand vor dem bodentiefen Fenster und rückte seine Manschettenknöpfe zurecht. Der schwarze Smoking saß wie eine zweite Haut, und sein Gesichtsausdruck war nun der eines Mannes, der bereit war, ein Imperium nicht nur zu führen, sondern zu verteidigen.
 

Bevor sie den Tower endgültig in Richtung des glanzvollen Abends verlassen konnten, zog sich Nami in ihr angrenzendes Büro zurück. Kai wartete im Flur, die Arme verschränkt, während er mit Armon die letzten Details der Funkfrequenzen besprach, doch seine Augen blieben auf die geschlossene Tür seiner Frau fixiert.

​Im Inneren herrschte eine beinahe feierliche Stille. Das Kleid, das sie für diesen Abend gewählt hatte, war kein bloßes Kleidungsstück – es war ein Statement absoluter Souveränität.

​Es war ein nachtschwarzes, bodenlanges Abendkleid, gefertigt aus schwerem Seiden-Crêpe, das jede ihrer Bewegungen mit einer fast flüssigen Eleganz unterstrich.

Das Kleid war vollkommen schulterfrei, was ihre zierlichen Schlüsselbeine und die stolze Haltung ihres Nackens betonte. Das Dekolleté war tief ausgeschnitten, mutig und dennoch von einer zeitlosen Eleganz, die genau die Grenze zwischen Provokation und Klasse wahrte.

Ein dramatischer Beinschlitz reichte bis hoch zum Oberschenkel und gab bei jedem Schritt den Blick auf ihre Beine in den schwarzen Stilettos frei. Ihr langes, weißes Haar floss wie ein silberner Wasserfall über ihren Rücken und bildete einen harten, faszinierenden Kontrast zum tiefen Schwarz des Stoffes.

​Als Nami die Tür öffnete und zurück in den Flur trat, verstummte das Gespräch zwischen Kai und Armon augenblicklich. Der massige Sicherheitschef neigte respektvoll das Haupt, während Kai wie angewurzelt stehen blieb.

​Kais Blick wanderte langsam über die freien Schultern seiner Frau, verharrte am tiefen Ausschnitt und glitt schließlich den Beinschlitz hinunter. Das mörderische Glimmen in seinen Augen, das den ganzen Tag über von Zorn gespeist worden war, verwandelte sich in ein dunkles, besitzergreifendes Verlangen. Er trat auf sie zu, seine Schritte schwer und entschlossen.

​„Du willst es ihm heute Abend nicht leicht machen, wegzusehen, hm?“, raunte er, während er seine Hand fest an ihre Taille legte. „In diesem Kleid wirst du nicht nur die Blicke meines Bruders auf dich ziehen, sondern die der gesamten Nation.“

​„Lass sie ruhig alle sehen, was sie niemals haben werden, Kai“, antwortete sie leise und legte eine Hand an seine Wange. „Heute Abend gibt es keine Zweifel mehr.“

​Der Bentley glitt lautlos vor den festlich beleuchteten Eingang. Als Kai aus dem Wagen stieg und Nami die Hand reichte, explodierte das Licht der Fotografen förmlich. Das Paar in Schwarz wirkte wie eine unbezwingbare Einheit – der Zar in seinem Smoking und die Frau in dem schwarzen, tief ausgeschnittenen Kleid, die wie eine dunkle Göttin an seiner Seite schritt.
 

„Mr. Hiwatari! Ein Kommentar zum Video aus der Lobby?“

„Mrs. Hiwatari, ist das tiefe schwarz eine Botschaft an die Konkurrenz?“

​Kai ignorierte die Fragen vollkommen. Er legte seinen Arm fest um ihre Taille und führte sie den roten Teppich hinauf. Sein Blick scannte die Umgebung, die Balkone und die Eingänge. Er wusste, dass Tala und seine Männer bereits in Position waren.

​Doch als sie die schweren Flügeltüren zum Ballsaal passierten und der Zeremonienmeister ihre Namen verkündete, spürte Nami es wieder. Dieses vertraute, kühle Kribbeln im Nacken.

​Am anderen Ende des Raumes, erhöht auf der Empore, stand eine Gestalt, die einen identischen Smoking trug. Vlad hielt ein Champagnerglas in der Hand und beobachtete ihren Einzug mit einem Blick, der so intensiv war, dass man ihn über die Distanz hinweg spüren konnte. Er erhob sein Glas in einem lautlosen Toast.
 

Vlad stellte sein Glas auf das Tablett eines vorbeigehenden Kellners und begann, sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen. Die Gäste teilten sich wie vor einer herannahenden Gefahr.

​„Hier kommt er“, flüsterte Nami, während sie Kais Arm noch fester drückte.

​Kai straffte die Schultern, sein Gesicht wurde zu einer Maske aus unnachgiebigem Stahl. „Lass ihn kommen. Er wird heute Abend lernen, dass Schatten verblassen, wenn sie auf das Licht treffen – oder auf mich.“
 

Vlad bewegte sich mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Mannes durch den Saal, dem die Welt bereits gehört. Das Raunen der Gäste schwoll an und ebbte wieder ab, als er schließlich direkt vor Kai und Nami stehen blieb. Das Licht der Kristallleuchter fing sich in seinen auberginenfarbenen Augen, die nun vor unverhohlenem Amüsement blitzten.

​Er ignorierte Kai für einen Moment vollkommen und ließ seinen Blick stattdessen langsam und mit einer fast schon unverschämten Gründlichkeit über Nami gleiten. Von ihrem weißen Haar über die nackten Schultern bis hin zu dem tiefen Ausschnitt ihres schwarzen Kleides.

​„Kai, ich muss meine Einschätzung von gestern revidieren“, begann Vlad, seine Stimme dunkel und melodisch, laut genug, um die neugierigen Ohren der Umstehenden zu erreichen. „Ich sagte, der Tower riecht nach Erfolg. Aber erst jetzt verstehe ich, dass das wahre Juwel deines Imperiums nicht aus Glas und Stahl besteht.“

​Er trat einen Schritt näher, was Kai dazu veranlasste, Nami noch ein Stück fester an sich zu ziehen, seine Finger gruben sich fast schon warnend in ihren Rücken.

​„Dieses Kleid...“, fuhr Vlad fort und neigte leicht den Kopf, während sein Blick an Namis Dekolleté hängen blieb. „Es ist eine Beleidigung für jeden anderen Gast hier. Es macht den Rest des Raumes schlichtweg unsichtbar. Man könnte fast meinen, du hättest es gewählt, um mich daran zu erinnern, was mir in der Kälte der Abtei alles vorenthalten wurde.“

​Er sah Nami direkt in die Augen, ein charmantes, aber gefährliches Lächeln auf den Lippen. „Du siehst atemberaubend aus, Nami. Schwarz steht einer Hiwatari eben am besten – es ist die Farbe unserer Seelen, findest du nicht auch?“

​Kai machte einen drohenden Schritt nach vorn, die rubinrote Glut in seinen Augen war nun so intensiv, dass es fast schmerzhaft war, ihn anzusehen. „Genug der Komplimente, Vlad. Du hast heute Morgen bereits genug Territorium markiert. Wenn du hier bist, um über Nami zu reden, ist das Gespräch beendet, bevor es begonnen hat.“

​Vlad lachte leise, ein kühler, ehrlicher Klang. „Immer so territorial, kleiner Bruder. Ich bewundere deine Beständigkeit.“

​Aus dem Augenwinkel sah Nami eine Bewegung an einer der Säulen. Tala stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine Maske aus professioneller Kälte. Er hielt ein kleines Funkgerät in der Hand und beobachtete die Interaktion der beiden Brüder wie ein Raubtier, das nur auf den Befehl zum Zuschlagen wartete. Seine Anwesenheit war eine stumme Warnung: Ein falscher Schritt von Vlad, und die Gala würde in einem sehr unschönen Szenario enden.

​Nami legte ihre Hand beruhigend auf Kais Unterarm, bevor er die Beherrschung verlor. Sie sah Vlad kühl an. „Die Farbe meiner Seele steht nicht zur Debatte, Vlad. Aber wenn du hier bist, um über das Erbe zu sprechen, das du in Singapur erwähnt hast, dann solltest du das Niveau deiner Unterhaltung vielleicht über meine Kleidung hinausheben.“

​Vlads Lächeln vertiefte sich, doch diesmal lag ein Funken echter Anerkennung darin. „Scharfsinnig. Genau wie ich es in Erinnerung hatte.“ Er wandte sich wieder an Kai, sein Tonfall wurde schlagartig sachlicher. „Schön. Reden wir über das Wesentliche. Und über das Blut, das uns verbindet, ob es dir gefällt oder nicht.“
 

Vlad trat noch einen Schritt näher, wobei er die Distanzlosigkeit fast schon als Waffe einsetzte. Er ignorierte Kais warnendes Knurren und fixierte Nami mit einem Blick, der nun weit über oberflächliches Begehren hinausging. In seinen auberginenfarbenen Augen spiegelte sich eine düstere Faszination wider, die die Luft zwischen ihnen förmlich zum Knistern brachte.

​„Weißt du, Nami“, begann er, und seine Stimme sank in ein gefährliches, melodisches Raunen, „ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen. Als ich dir das erste Mal in Singapur gegenüberstand, war ich... überrascht. Du bist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Egal, wie sehr ich mich auf meine Geschäfte konzentrieren wollte, dein Gesicht, deine Ausstrahlung – sie blieben wie ein Brandmal in meinem Verstand.“

​Er warf Kai einen kurzen, fast mitleidigen Blick zu, bevor er weitersprach. „Ich bin fast sechsunddreißig Jahre alt. Ich kenne Verlangen. Ich kenne das Gefühl, mir einfach das zu nehmen, was ich will, weil ich die Macht dazu habe. Aber das hier war anders. Es war kein bloßer Hunger. Es war das Gefühl einer aufsteigenden Besessenheit, die ich zuvor noch nie bei einer Frau verspürt hatte. Es hat mich stutzig gemacht. Ein Hiwatari lässt sich nicht von Emotionen kontrollieren, es sei denn... es gibt eine tiefere Ursache.“

​Kais Hand auf Namis Rücken versteifte sich spürbar. Er spürte, wie die Nackenhaare sich ihm aufstellten.

​„Ich habe angefangen zu forschen“, fuhr Vlad ungerührt fort, während er langsam an seinem Champagner nippte. „Ich wollte wissen, was meinen ‚kleinen Bruder‘ so sehr an diese eine Frau gekettet hat, dass er bereit war, sein gesamtes Wesen für sie zu ändern. Ich fand heraus, dass du, Kai, vor fast genau dreizehn Jahren in Tibet warst. Ein Ort, der nicht gerade für Urlaubsreisen bekannt ist, wenn man aus der Abtei kommt.“

​Vlad machte eine kurze Pause und genoss die Wirkung seiner Worte. „Ich bin dorthin gereist. In die eisigen Höhen, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Und dort, in einem abgelegenen Kloster, fand ich ein Buch welches mir einer der Mönche gab. Ein uraltes Relikt, das die Geschichte von Aethernitas und Pegasus beschrieb. Die Legende der ewigen Verbindung, die über das Fleischliche hinausgeht. Die Legende deines Bit Beasts, Nami.“

​Kai spürte, wie ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Die Erinnerungen an die Zeit in Tibet, an die schmerzvollen Prüfungen und das Training, ebenso wie die alten Bücher über Bit Beast Magie, blitzten vor seinem inneren Auge auf. Er war komplett überrumpelt. Dass Vlad so tief gegraben hatte, dass er das bestgehütete Geheimnis ihrer Verbindung berührt hatte, traf ihn wie ein physischer Schlag.

​„Was soll das, Vlad?“, stieß Kai hervor, seine Stimme war rau und gefährlich leise. Er trat so nah an seinen Bruder heran, dass sich ihre Smokingjacken fast berührten. „Was hat dieses Thema hier zu suchen? Das hier ist eine BBA-Gala, kein Okkultisten-Treffen. Wenn du glaubst, du kannst mit alten Märchen Unruhe stiften, hast du dich geschnitten.“

​Vlad lächelte nur, ein dünnes, überlegenes Lächeln, das seine Ähnlichkeit zu Kai in diesem Moment fast unerträglich machte. „Es sind keine Märchen, wenn man die Auswirkungen direkt vor sich sieht, Kai. Ich wollte nur verstehen, warum ich dasselbe spüre. Warum mein Blut und mein Verstand auf sie reagiert, als wäre sie der Schlüssel zu etwas, das uns beiden gehört. Aethernitas... eine Ewigkeit, die man nicht teilen kann, oder etwa doch?“

​Nami sah von einem Bruder zum anderen. Das Schwarz ihres Kleides schien das Licht des Saales aufzusaugen, während sie die Schwere der Worte begriff. Vlad sprach nicht nur von Verknalltheit oder Macht – er sprach von der Bestimmung, die sie und Kai verband, und er behauptete, dasselbe Band zu spüren.
 

Kais Augen scannten den Raum, einige immer noch neugierig blickende Gäste ruhten mit ihren Augen auf den beiden so ähnlich sehenden Männern im Smoking.

„Wenn wir schon über so etwas reden, schlage ich vor, dass wir uns einen ruhigeren Ort suchen. Einen Ort, weg von diesen erdrückenden Blicken..."

Das Klirren der Gläser und das ferne Gemurmel der Gala-Gäste wurden schlagartig leiser, als die schwere, vergoldete Flügeltür hinter den dreien ins Schloss fiel. Der Korridor war weitläufig, gesäumt von antiken Statuen und gedämpftem Licht – ein steriler, kühler Kontrast zu der aufgeladenen Atmosphäre im Ballsaal.

​Nami atmete tief durch. Das Schwarz ihrer Seide raschelte leise, während sie versuchte, die Fassung zu bewahren. Sie stand zwischen den beiden Männern, die wie zwei Spiegelbilder einer dunklen Macht wirkten. Kai wirkte wie eine zum Zerreißen gespannte Bogensehne; seine Augen fixierten Vlad mit einer Mischung aus mörderischem Misstrauen und einer tief sitzenden Unruhe, die er mühsam hinter seiner Maske aus Stein verbarg.

​„Schön“, begann Kai, seine Stimme hallte hart von den Marmorwänden wider. Er verschränkte die Arme vor der Brust und baute sich schützend vor Nami auf. „Wir sind allein. Jetzt rede Klartext, Vlad. Wie viel von diesem esoterischen Unsinn hast du dir in Tibet zusammenreimt und was bezweckst du damit?“

​Vlad lehnte sich mit einer fast schon aufreizenden Eleganz gegen eine der Marmorsäulen. Er schenkte seinem Bruder kaum Beachtung, sondern wandte sich direkt an Nami. Sein Blick war nun vollkommen ruhig, fast schon analytisch, als würde er ein seltenes Phänomen betrachten.

​„Nami“, sagte er leise, und der Klang ihres Namens aus seinem Mund ließ Kai die Kiefer mahlen. „Du bist eine faszinierende Frau. Aber sag mir... kann es sein, dass du eine Bit-Beast-Trägerin bist? Trägst du eine dieser Wesenheiten in dir?“

​Nami zuckte zusammen. Ein eisiger Schauer lief über ihren Rücken. Ihr Herzschlag beschleunigte sich so sehr, dass sie glaubte, er müsse unter dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides sichtbar sein. Das war ihr bestgehütetes Geheimnis. Nur ein winziger Kreis an Vertrauten wusste, dass sie und Pegasus eins waren, dass sie durch eine Verschmelzung miteinander verbunden waren, die weit über das hinausging, was normale Blader kannten. Dass Vlad dies mit einer so beiläufigen Frage ans Licht zerrte, raubte ihr fast den Atem.

​Vlad bemerkte ihr Erschrecken und ein schmales, wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich dachte es mir. Das erklärt die Intensität. Also... weißt du, was ein Seelenanker ist? Und weißt du, was genau er auslöst?“

​Nami blinzelte. Das Wort Seelenanker hallte in ihrem Gedächtnis wider. Sie hatte es vor über zehn Jahren gehört, als Kai ihr von Seeleneffekten erzählte. Er hatte damals erklärt, dass Pegasus ihr durch die Verschmelzung eine Aura verlieh, die ihren Körper schneller heilen ließ und ihre körperliche Ausstrahlung nach außen positiv beeinflusste. Es klang damals wie ein Geschenk, ein Schutzschild.

​Doch Vlad war noch nicht fertig. Er trat einen Schritt auf sie zu, die Auberginentöne seiner Augen leuchteten im gedämpften Licht. „Kai hat dir damals sicher nicht die ganze Wahrheit erzählt, oder? Er wusste sicher, was der Haupteffekt deiner Aura war, denn er hatte es direkt gespürt.“

​Nami sah zu Kai. Er war bleich geworden, das Rubinrot seiner Augen flackerte unruhig. In diesem Moment erkannte sie: Er hatte ihr tatsächlich etwas verschwiegen.

​„Pegasus hat dir nicht nur Licht geschenkt, Nami“, fuhr Vlad ungerührt fort. „Er hat dich zu einem Anker gemacht. Deine Aura enthält eine Komponente, die die Dunkelheit und die Traumata bestimmter Menschen – Menschen wie uns – wie ein Magnet anzieht. Und nicht nur das: Sie tilgt diese Schatten. Sie absorbiert den Schmerz und die Schwärze, solange diese Menschen nur lange genug in deiner Nähe sind. Du bist ein wandelndes Heilmittel für verrottete Seelen. Du machst ihn geradezu süchtig nach dir, wenn nicht sogar besessen.“

​Nami wusste dies natürlich, doch war sie überrascht, das Vlad darüber Bescheid wusste. „Was sagst du da?“, flüsterte sie, sich leicht dumm stellend. Sie wollte wissen wieviel er noch wusste.

​„Ich sage, dass ich in Singapur wie erstarrt bin, weil meine Seele nach diesem Anker geschrien hat als ich das erste Mal vor dir stand. Ich wollte dich aufeinmal so sehr...“, sagte Vlad und seine Stimme wurde rauer. „Ich habe dreißig Jahre lang nur die Kälte der Abtei in mir gespürt, und plötzlich war da diese Wärme, die versprach, das Gift in mir zu neutralisieren. Jetzt verstehst du auch Kais ‚Besessenheit‘, oder? Er braucht dich zum Überleben...um zu heilen.“

​Kai trat so plötzlich nah an sie heran, dass sie seine Hitze spüren konnte. Er ignorierte Vlad nun vollkommen. Er nahm ihre Hände in seine, und sein Griff war verzweifelt. „Nami, hör mir zu. Ja, Hiro hat mir das damals erzählt. Und ja, dein Anker ist real. Aber ich habe es dir im Detail verschwiegen, weil ich wusste, was du jetzt denkst. Ich wusste, dass du dich fragen würdest, ob du mich mit deiner Aura manipulierst. Ob ich dich auch ohne diesen Effekt geliebt hätte.“

​Er drückte ihre Hände fester. „Ich wollte keine Zweifel säen, Nami. Denn was ich fühle, ist Liebe. Der Anker hat nur den Weg geebnet. Er hat die Mauern eingerissen, die Boris und Voltaire in mir errichtet hatten, damit ich überhaupt fähig war, etwas zu empfinden. Aber er hat mich nicht manipuliert. Die Entscheidung, dich zu lieben, dich zu heiraten und diese Familie mit dir zu gründen, war meine. Ganz allein meine.“

​Vlad beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Zynismus und einer seltsamen, fast schon schmerzhaften Sehnsucht. „Ein schönes Plädoyer, Kai. Aber die Tatsache bleibt: Du hast sie im Unklaren gelassen. Du hast den Anker genutzt, um deinen eigenen Frieden zu finden, während sie nicht wusste, dass sie die Last deiner Vergangenheit für dich trägt.“

​Kai fuhr herum, seine Stimme war nun ein gefährliches Grollen. „Sie trägt keine Last, Vlad. Wir tragen sie zusammen. Und jetzt verschwinde, bevor ich vergesse, dass du derselben Blutlinie entstammst wie ich.“
 

Nami sah zu Kai, der bleich geworden war. Die nackte Angst in seinem Blick war fast greifbar. Doch statt wie von Vlad erwartet, entsetzt zu sein, trat Nami einen Schritt auf ihren Mann zu und legte ihm sanft eine Hand auf die Brust.

​„Kai, hör auf dir Vorwürfe zu machen. Das ist doch vollkommen in Ordnung.“, sagte sie ruhig, und ihre Stimme war fest. Sie blickte ihn liebevoll an. „Ich weiß es schon lange. Vater hat es mir erzählt, als wir einmal alleine waren im kleinen Salon. Er hat mir schon vor Jahren alles über den Anker und die Wirkung auf deine Aura erklärt und dass das auch der Grund war, wieso er uns zusammengebracht hat. Als Versprechen an deinen Vater. Ein Versprechen nach dir zu sehen und dich zu retten.“

​Kai starrte sie fassungslos an. „Du... du wusstest es? Die ganze Zeit? Dass du wirklich und wahrhaftig meine Medizin und meine Heilung bist?“

​„Ja“, flüsterte sie.

Kais Blick senkte sich ein Stück. „Und ich habe dir nichts gesagt, weil ich dachte, dass du dich danach quälst. Ich wollte nicht, dass du glaubst, unsere Liebe sei nur ein Produkt dieses Effekts und dass du ohne ihn weniger wert wärst."
 

„Es ist mir egal, Kai. Es ist mir egal, ob ich deine Medizin bin. Wenn ich diejenige bin, die das Gift in deiner Seele tilgen kann, dann bin ich das liebend gerne – bis an unser gemeinsames Lebensende. Diese Liebe glüht bereits so tief und voller Besessenheit, dass es unmöglich ist, etwas anderes zu behaupten. Du hast mich gefunden. Und ich habe dich gewählt.“
 

​Stille breitete sich aus, bis plötzlich ein langsames, rhythmisches Klatschen ertönte.

​Vlad klatschte voller Anerkennung, ein schmales Lächeln auf den Lippen. „Beeindruckend“, sagte er und stieß sich von der Säule ab. „Nami, ich muss sagen: Ich bin wahrhaft beeindruckt. Du bist wirklich der Engel, den mein Bruder gebraucht hat. Jemand, der die Wahrheit von Anfang an kennt und sie dennoch umarmt.“

​Er trat einen Schritt näher, seine Aura war nun weniger bedrohlich. „Ich gebe zu, ich bin neidisch. Aber ich gebe auch zu, dass ich in meiner Jugend mehr Glück hatte als Kai. Mit zwölf wurde ich aus der Abtei von der Familie meiner Mutter, den Ivanovs, befreit, während Kai noch dort bleiben musste und Voltaire ausgeliefert war. Die Ivanovs waren gut zu mir. Und obwohl ich Traumata davongetragen hatte... konnte ich ein wenig heilen. Wenn auch nicht so weit, um jemals wirklich Liebe zuzulassen, obwohl es in all den Jahren genug Chancen darauf gegeben hätte.“

​Er wandte sich wieder Nami zu. „Ich habe in Singapur nicht über meine Absichten gelogen. Und ja, ich spüre diese gewaltige Anziehung zu dir – dieser Anker in dir schreit nach Heilung und meiner Dunkelheit. Aber ich kann diese Gefühle kontrollieren. Ich würde niemals versuchen, dich ihm wegzunehmen. Nicht nur, weil er mein Bruder ist, sondern weil ich jetzt sehe, dass du das niemals zulassen würdest. Deine Loyalität ist absolut.“

Er rückte seinen Smoking zurecht und neigte leicht das Haupt. „Kai hat gefunden, was mir verwehrt blieb.“

​Kai atmete tief aus, die Anspannung wich einer tiefen Ehrfurcht vor der Frau an seiner Seite. Er zog Nami fest an sich und küsste sie vor den Augen seines Bruders – ein Kuss, der den endgültigen Anspruch auf ihre gemeinsame Zukunft besiegelte.
 

Kai löste sich nur langsam von ihren Lippen, seine Stirn noch einen Moment lang gegen die ihre gelehnt. In diesem Korridor, fernab der Kameras, war er kein Zar und kein CEO, sondern einfach nur ein Mann, der in ihr seinen Frieden gefunden hatte. Vlad beobachtete sie weiterhin, sein Blick nun frei von der anfänglichen Provokation, stattdessen lag eine nachdenkliche Schwere in seinen Augen.

​Nami atmete zittrig aus. Sie fühlte Kais Herzschlag gegen ihre Handfläche, doch die Worte seines Bruders ließen sie nicht los. Die Erwähnung der gütigen Ivanovs, die ihn gerettet hatten, wirkte wie ein Fremdkörper in der düsteren Chronik der Abtei.

Sie wandte den Kopf zu Vlad. Ihr weißes Haar streifte dabei Kais Smoking, während sie den älteren Bruder mit einem Blick fixierte, der nun von tiefer Empathie und schmerzhafter Neugier geprägt war.

Die Ehrlichkeit in seinen Worten war entwaffnend, doch ein Detail in seiner Erzählung hinterließ einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Verstand. Sie trat einen Schritt vor, weg von der schützenden Wärme Kais, und fixierte Vlad mit einem Blick, der keine Ausflüchte duldete.

​„Es gibt da etwas, das ich nicht verstehe, Vlad“, begann sie leise, und ihre Stimme schnitt durch die kühle Stille des Korridors. „Du sagst, die Familie deiner Mutter – die Ivanovs – seien so gütig zu dir gewesen. Du sprichst von ihnen mit Respekt, fast mit Sehnsucht. Aber wenn sie so viel Macht und Herz besaßen...“

​Sie machte eine kurze Pause, ihre Augen suchten in seinem Gesicht nach einer Antwort, die er vielleicht selbst nicht aussprechen wollte.

​„...wieso warst du dann überhaupt in der Abtei? Warum hat diese so ‚gütige‘ Familie zugelassen, dass ein kleiner Junge, Jahre seines Lebens in dieser Hölle verbringt? Wer hat dich dort hineingesteckt und dich Voltaire und seinen Experimenten überlassen, während sie zusahen?“

​Vlads entspannte Haltung gefror augenblicklich. Das charmante Lächeln erlosch und seine Züge wurden so hart und unnachgiebig wie der Marmor hinter ihm. Er atmete langsam ein, und für einen Moment war das einzige Geräusch das Ticken einer antiken Standuhr am Ende des Flurs.

​„Meine Mutter“, antwortete er schließlich, und das Wort klang wie ein unterdrückter Fluch. „Sie war eine Ivanov, ja. Aber sie war auch eine Frau, die von der schieren Präsenz und dem dunklen Versprechen der Hiwataris korrumpiert worden war. Sie glaubte an das, was Voltaire predigte: Dass aus Schmerz wahre Stärke erwächst. Und sie selber trug Schmerz in sich, weil sie von Susumu für Kais Mutter verlassen wurde.“

​Er ballte die Faust in seiner Tasche, ein kurzes Aufblitzen von altem, kindlichem Zorn in seinen Augen. „Die Ivanovs wussten jahrelang nicht, wo ich war. Sie dachten, ich würde in einem Elite-Internat erzogen werden. Meine Mutter hat mich dort hineingesteckt, Nami. Sie wollte den perfekten Erben erschaffen, um Susumu einen Grund zu geben, sich wieder für sie zu entscheiden. Dabei wusste sie nicht einmal, dass Susumu die Vorgehensweise von Voltaire scharf kritisierte und sie damit nur ins Leere griff. Erst als sie starb, fanden die Ivanovs die Wahrheit über mich heraus und holten mich mit aller Gewalt da raus.“

​Er sah kurz zu Kai, ein schmerzhaftes Band des gemeinsamen Leids blitzte zwischen den Brüdern auf.

​„Wir wurden beide geopfert, Kai. Ich für den Ehrgeiz und dem gebrochenem Herz einer Frau und du für den Wahnsinn eines alten Mannes der sich unser Großvater schimpfte. Der Unterschied ist nur: Meine Retter kamen nach zwölf Jahren. Deine... kamen nie. Bis du sie selbst vernichtet hast.“
 

Stille breitete sich aus, so schwer, dass man sie förmlich greifen konnte. Nami spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Die Grausamkeit dieser Familie war kein Zufall – sie war ein System gewesen, das selbst vor den eigenen Kindern nicht haltgemacht hatte.
 

​Kai drückte ihre Hand so fest, dass es fast schmerzte. Seine Augen leuchteten in einem dunklen Rubinrot, während er seinen Bruder ansah. In diesem Moment schien der Groll für einen Augenblick der gemeinsamen Erkenntnis zu weichen, dass sie beide nur Trümmerteile einer zerstörten Welt waren – und dass Nami der einzige Anker war, der verhinderte, dass sie darin versanken.

Die Stille im Korridor war nun nicht mehr drückend, sondern von einer kühlen, berechnenden Schärfe erfüllt. Nami spürte, wie sich Kais Griff um ihre Hand lockerte, doch nicht aus Distanz, sondern weil sein Geist bereits in den Angriffsmodus gewechselt war. Sie sah zu ihm auf, sah das Beben in seinem Kiefer und die tiefe Nachdenklichkeit in seinem Blick.

​„Kai?“, flüsterte sie und suchte sein Auge. „Was gedenkst du jetzt zu tun?“

​Kai antwortete nicht sofort. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er Vlad fixierte, als würde er eine komplexe Gleichung lösen. In seinem Kopf ratterte es spürbar; man konnte fast sehen, wie er die Risiken gegen den Nutzen abwog. Schließlich lockerte er seine Haltung, rückte die Revers seines Smokings zurecht und trat einen halben Schritt auf seinen Bruder zu.

​„Ich traue dir immer noch nicht, Vlad“, begann Kai, und seine Stimme war so schneidend wie eine Rasierklinge. „Kein Stück. Die Geschichte deiner Kindheit ändert nichts an der Tatsache, dass du ein Raubtier bist, das in mein Revier eingedrungen ist. Aber ich bin kein Narr.“

​Er deutete mit einer knappen Geste in Richtung der verschlossenen Flügeltüren, hinter denen das gedämpfte Blitzlichtgewitter der Fotografen zu erahnen war.

​„Unser gemeinsames Erscheinen im Ballsaal hat bereits eine Lawine losgetreten. Die offiziellen Fotografen der BBA und die Weltpresse zerreißen sich in diesem Moment sicher bereits die Mäuler. Wenn wir jetzt getrennt dort rausgehen oder dich als Fremden behandeln, füttern wir nur die Spekulationen und die Leute fangen an zu graben. Und Spekulationen sind Gift für das Geschäft.“

​Vlad zog eine Augenbraue hoch, ein amüsiertes Funkeln in den Augen. „Worauf willst du hinaus, kleiner Bruder?“

​„Wir beenden das Versteckspiel“, erklärte Kai kühl. „Hier und jetzt. Ich werde dich offiziell als meinen Bruder anerkennen und dich der Weltpresse vorstellen. Wir präsentieren eine geschlossene Front der Hiwatari-Blutlinie.“ Er machte eine kurze Pause und fixierte Vlad noch intensiver. „Denn das ist es doch, was du eigentlich willst, oder? Du willst die Legitimität. Du willst, dass die Welt sieht, dass die Tachiwari-Corporation und dein russisches Imperium keine Konkurrenten sind, sondern eine Allianz bilden, die niemand in dieser Branche ignorieren kann.“

​Ein kurzes, beeindrucktes Schweigen folgte. Vlad starrte Kai an, dann entwich ihm ein leises, kehliges Lachen, das fast schon anerkennend klang.

​„Scharfsinnig, Kai. Wirklich beeindruckend“, gab Vlad zu und neigte leicht das Haupt. „Du hast meine Ziele für diesen Abend schneller seziert, als ich es erwartet hätte. Die Allianz unserer Unternehmen ist der Grundstein für etwas, das weit über diese Gala hinausgeht. Dass du bereit bist, deinen Stolz der Strategie zu opfern, beweist mir, dass du den Thron der Hiwataris zu Recht innegehst.“

​„Nenn es nicht Opfer“, entgegnete Kai hart. „Nenn es Kontrolle. Ich kontrolliere das Narrativ, bevor es uns kontrolliert.“

​Nami sah zwischen den beiden Männern hin und her. Die Ähnlichkeit in ihrer Denkweise war in diesem Moment erschreckend. Trotz des Misstrauens, trotz der dunklen Vergangenheit, waren sie beide Architekten der Macht.

​„Dann ist es entschieden“, sagte Nami und legte ihre Hand wieder auf Kais Arm, diesmal als Zeichen der Stärke. „Wir gehen da raus und zeigen ihnen, dass ein Hiwatari niemals allein steht.“

​Kai sah sie an, und für einen Moment kehrte die Wärme in seine Augen zurück. Dann wandte er sich wieder Vlad zu, sein Gesicht wurde zur unnahbaren Maske des Zaren. „Rück deine Krawatte zurecht, Vlad. Wir haben ein Imperium zu präsentieren.“
 

​Dann wandte er sich erneut zu Nami, ein schneller, aber bedeutungsvoller Blick, der ihr die unerschütterliche Loyalität versprach, die er für sie empfand. Nami erwiderte den Blick, legte ihre Hand in seine und straffte sich. Sie war bereit.

​Mit einer synchronen Bewegung griffen Kai und Vlad nach den schweren, vergoldeten Türgriffen. Ein leises Klicken, dann schwangen die massiven Flügeltüren auf und gaben den Blick auf den opulenten Ballsaal frei. Das Rauschen der Gala-Gäste, das eben noch gedämpft gewesen war, schwoll zu einem ohrenbetäubenden Gemurmel an, das sofort verstummte, als die drei Gestalten im Türrahmen erschienen.

​Ein Blitzlichtgewitter explodierte förmlich. Die Kameras der offiziellen Fotografen und der anwesenden Presse feuerten unaufhörlich, tauchten den Saal in ein stakkatoartiges, gleißendes Licht.

​Im Zentrum dieser plötzlichen Aufmerksamkeit standen sie: Nami, die in ihrem nachtschwarzen, tief ausgeschnittenen Seidenkleid wie eine dunkle Göttin wirkte, ihr langes, weißes Haar floss wie ein silberner Wasserfall über ihre nackten Schultern. An ihrer Seite Kai, der Zar selbst, sein schwarzer Smoking saß makellos. Sein gräulich-blau schimmerndes Haar war perfekt gestylt, und seine maskulinen, aber doch weicheren Gesichtszüge waren nun zu einer unnahbaren Maske aus Stahl geformt. Die rubinrote Glut seiner Augen blitzte unter den schweren Lidern hervor, ein klares Signal seiner unbezwingbaren Präsenz.

​Doch es war der Mann neben ihm, der die größte Verwirrung und Faszination auslöste. Vlad. Er trug einen identischen schwarzen Smoking, doch seine Erscheinung war eine Studie in Kontrast und dunklerer Intensität. Seine Gesichtszüge waren noch eine Spur maskuliner, schärfer geschnitten als die Kais, fast wie gemeißelt. Sein Haar war so dunkel, dass es fast schwarz wirkte, doch im Blitzlicht schimmerte es mit einem tiefen, bläulichen Glanz, der ihm eine fast übernatürliche Aura verlieh. Aber es waren seine Augen, die die Aufmerksamkeit fesselten: Auberginenfarben, die je nach Lichteinfall in einem satten Weinrot schimmerten und eine undurchdringliche Tiefe verrieten. Er war die dunklere, schärfere Spiegelung Kais, eine gefährliche Schönheit, die nun neben dem bekannten Zaren stand.

​Kai legte seinen Arm fest um Namis Taille, ein Zeichen des Besitzanspruchs, das die Welt sehen sollte. Er hob seine Hand und legte sie auf Vlads Schulter – eine Geste, die so öffentlich und so unerwartet war, dass selbst das Raunen der Menge für einen Moment verstummte. Die Augen der Fotografen waren weit aufgerissen, die Mikrofone reckten sich wie hungrige Schlangen empor.
 

Kai steuerte nun direkt auf das Podium zu, auf dem das Mikrofon für die Eröffnungsrede bereitstand. Er wartete nicht, bis die Stille perfekt war – seine bloße Präsenz erzwang sie.

​„Meine Damen und Herren, geschätzte Partner der Tachiwari-Corporation und der BBA“, begann Kai, seine Stimme tief und so fest wie das Fundament seines Towers. Er blickte nicht auf seine Notizen, sondern direkt in die Linsen der Kameras. „Der heutige Abend markiert nicht nur einen wirtschaftlichen Meilenstein. Er markiert die Rückkehr eines Teils dieser Familie, der viel zu lange im Schatten verborgen blieb.“

​Ein Raunen ging durch die Menge. Kai machte eine knappe Geste mit der Hand, und Vlad trat vor, bis er direkt neben ihm stand. Die Ähnlichkeit war nun, unter den Scheinwerfern, so unbestreitbar, dass einige Gäste sichtlich erschraken.

​„Ich stelle Ihnen Vladimir Ivanov-Hiwatari vor“, verkündete Kai, und der Name Hiwatari hallte wie ein Donnerschlag durch den Saal. „Mein Bruder. Der Kopf des Ivanov-Konsortiums in Moskau und ab heute ein strategischer Partner der Tachiwari-Corporation. Wir werden die Märkte zwischen Asien und Europa nicht länger getrennt voneinander führen. Das Blut der Hiwatari ist nun wieder vereint."

​Nami beobachtete das Spektakel von der Seite des Podiums aus. Sie sah das Entsetzen in den Gesichtern der Konkurrenten und die gierige Faszination der Reporter. Kai hatte gerade das politische Spielfeld gesprengt. Indem er Vlad offiziell als Bruder anerkannte, hatte er aus einer potenziellen Bedrohung die mächtigste Allianz der modernen Wirtschaftswelt geschmiedet.

​Vlad trat ans Mikrofon, ein charmantes, aber kühles Lächeln auf den Lippen. „Es ist mir eine Ehre, nach so vielen Jahren wieder an der Seite meines Bruders zu stehen“, sagte er auf Russisch, bevor er auf japanisch fortfuhr. „Kai hat ein Imperium aufgebaut, das auf Stärke und Loyalität basiert. Ich bin hier, um sicherzustellen, dass diese Fundamente unerschütterlich bleiben.“

​Sein Blick glitt kurz zu Nami hinunter – ein kurzes, fast unmerkliches Nicken der Anerkennung für die Frau, die das Unmögliche möglich gemacht hatte.

​Nach der Ankündigung wurde das Buffet eröffnet, doch niemand dachte ans Essen. Tala, der im Hintergrund alles überwacht hatte, trat nun aus dem Schatten einer Säule näher an Nami heran. Er wirkte sichtlich entspannt, auch wenn seine Hand immer noch in der Nähe seines Sakkos ruhte.

​„Ein verdammt riskanter Schachzug, Nami“, murmelte er trocken. „Aber ich muss sagen... das Gesicht der Presse war es wert. Der Zar hat gerade die Weltordnung neu geschrieben.“

​„Er hat nicht nur die Weltordnung geschrieben, Tala“, antwortete Nami leise, während sie beobachtete, wie Kai und Vlad nun gemeinsam von einer Gruppe Staatsmänner umringt wurden. „Er hat seine Vergangenheit nun endgültig besiegt.“

​Später am Abend, als die Musik wieder einsetzte, forderte Kai Nami zum Tanz auf. Mitten auf der Tanzfläche, unter den Augen der Welt, hielt er sie fest umschlungen.

​„Ich liebe dich.“, raunte er gegen ihre Schläfe, während sie sich im Rhythmus bewegten. „All die Jahre hast du diese Last für mich getragen, ohne ein Wort zu sagen.“

​„Ich habe sie nicht getragen, Kai“, erwiderte sie und sah zu ihm auf, das Rubinrot seiner Augen wirkte nun friedlich. „Ich habe sie von Anfang an geliebt, weil sie mir die Fähigkeit gab dir eine Hilfe zu sein und dich für meine Liebe zu dir, empfänglich zu machen. Ich liebe sie genauso wie ich dich liebe. Der Anker hält uns nicht fest – er sorgt nur dafür, dass wir nicht verloren gehen.“

​Kai küsste sie, ungeachtet der Kameras und des Protokolls. Der Schatten von Vlad war noch da, er würde immer da sein, aber er war kein Feind mehr. Er war ein Teil der Dunkelheit, die sie gemeinsam ins Licht geführt hatten.

Der Zar, sein Schatten und der General

Das sanfte Licht des Samstagmorgens sickerte wie flüssiges Gold durch die schweren Samtvorhänge des Hauptschlafzimmers im Ayame-Anwesen. Es war der Morgen nach der großen Gala, und die Nachwirkungen dieses glanzvollen, aber hochexplosiven Abends hingen noch wie ein schweres Parfum in der Luft. Die Anspannung der öffentlichen Auftritte, die lauernden Blicke und das Blitzlichtgewitter der Presse hatten sich in der vergangenen Nacht in einer Entladung aus purer Leidenschaft gebrochen.

​Die Nacht war, wie immer zwischen ihnen, von einer fast schmerzhaften Intensität gewesen. In der Abgeschiedenheit ihres Zimmers gab es keine Masken mehr, keine Tachiwari-Corporation und keine diplomatischen Spielchen – nur noch das Verlangen, das nach all den Jahren nicht abgeklungen war, sondern durch die ständige äußere Bedrohung nur noch befeuert wurde.

​Nami regte sich träge unter der seidenen Bettdecke. Ihr langes, weißes Haar war völlig zerzaust und bildete einen starken Kontrast zu den dunklen Kissenbezügen; einzelne Strähnen klebten an ihrer Stirn, während das Haar bis weit über ihr Gesäß hinunterreichte und sich wie ein schützender Kokon um sie gewickelt hatte. Sie spürte die vertraute Wärme von Kais Körper neben sich.

​Langsam, fast ehrfürchtig, schob Kai sich über sie. Er stützte sein Gewicht auf seine Unterarme, sodass sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt war. Seine roten Augen, die in der Morgendämmerung beinahe wie glühende Kohlen wirkten, brannten sich in ihren Blick. Er musterte jede Nuance ihres Gesichts, als würde er sich vergewissern wollen, dass sie nach der gestrigen Konfrontation mit Vlad wirklich sicher hier in seinem Bett lag.

​Ohne ein Wort zu sagen, senkte er den Kopf. Seine Küsse waren anfangs federleicht und zärtlich, eine lautlose Entschuldigung für die Rauheit der Nacht zuvor. Er kostete ihre Lippen aus, wanderte zu ihrem Kiefer und vergrub sein Gesicht kurz in der Beuge ihres Halses, wo er tief ihren Duft einatmete.

​„Ich liebe es“, flüsterte er mit einer Stimme, die vom Schlaf und dem Nachklang der Leidenschaft tief und rau war, „...dass ich so vollkommen besessen von dir bin. Es gibt keinen Moment am Tag, an dem du nicht meinen Verstand beherrschst.“

​Ein schwaches, wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihre Hände flach auf seine breite Brust legte und die Beständigkeit seines Herzschlags spürte. „Meine Besessenheit für dich ist wenn nicht noch größer.“, entgegnete sie leise, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zuließ. „Du bist mein Anker. Gestern Abend... und für immer.“

​Kais Blick verdunkelte sich, und das Zärtliche wich augenblicklich wieder jener fordernden Intensität, die Nami so gut kannte. Seine Küsse wurden drängender, seine Hände glitten besitzergreifend über ihre Taille, und Nami spürte, wie ihr eigener Körper sofort wieder reagierte. Die Welt um sie herum begann zu verblassen, das Anwesen, die Verpflichtungen, die Kinder – alles schien meilenweit entfernt.

​Doch die Realität suchte sich ihren Weg mit einem heftigen Knall.

​Die schwere, kunstvoll geschnitzte Holztür des Schlafzimmers wurde mit einer Wucht aufgestoßen, die das gesamte Zimmer erzittern ließ. Kai hielt mitten in der Bewegung inne, sein Körper versteifte sich über ihrem.

​In der Türöffnung stand die knapp dreijährige Sayuri. Ihr weißes, lockiges Haar war ein wildes Nest um ihren Kopf, und ihre magentafarbenen Augen leuchteten hellwach und aufmerksam. Seit ihrem letzten Entwicklungsschub war sie nicht nur gewachsen, sie schien auch alles um sich herum mit einer fast unheimlichen Präzision aufzusaugen. Sie plapperte nicht mehr nur; sie führte echte Unterhaltungen und verstand oft viel mehr, als ihren Eltern lieb war.

​Sie legte den Kopf schief und betrachtete das Szenario im Bett mit unverhohlener Neugier. Dass ihr Vater so dicht über ihrer Mutter schwebte, schien sie sichtlich zu überraschen.

​„Papa? Warum liegst du auf Mama?“ fragte sie mit einer Klarheit, die Nami die Schamesröte ins Gesicht trieb. „Mama sieht eingequetscht aus.“

​Kai schloss für einen Moment die Augen und stieß einen langen, kontrollierten Seufzer aus. Die leidenschaftliche Stimmung war innerhalb einer Sekunde verpufft. Er löste sich langsam von Nami, ohne sie jedoch ganz loszulassen, und sah über seine Schulter zu seiner jüngsten Tochter.

​Nami zog die Bettdecke ein Stück höher und sah Kai mit einem halb verzweifelten, halb amüsierten Blick an. Sie neigte ihren Kopf zu seinem Ohr und flüsterte so leise, dass die kleine Sayuri es nicht hören konnte:

​„Kai... warum hast du die Tür nicht abgeschlossen?“
 

Kai verharrte einen Moment lang völlig unbeweglich, während er versuchte, seinen Gesichtsausdruck von unterdrückter Leidenschaft auf „verantwortungsbewusster Vater“ umzustellen. Er war ein Mann, der Weltkonzerne leitete und sich in hitzigen Gefechten behauptet hatte, doch gegen die entwaffnende Logik einer Dreijährigen fühlte er sich plötzlich seltsam unbewaffnet.

​Er löste sich endgültig von Nami, setzte sich auf die Bettkante und fuhr sich mit einer Hand durch das zerzauste Haar. Sein Unterleib verdeckt von einer weißen Bettdecke. Sayuri war mittlerweile ein paar Schritte näher gekommen und betrachtete ihn erwartungsvoll mit ihren großen, magentafarbenen Augen.

​„Ich...“, begann Kai und räusperte sich, um seine Stimme wieder in eine normale Tonlage zu bringen. Er warf Nami einen hilfesuchenden Blick zu, doch sie hatte sich das Kissen vors Gesicht gedrückt, um ihr unkontrolliertes Kichern zu verbergen. Von ihr war keine Hilfe zu erwarten.

​„Ich habe Mama nur... aufgeweckt, Sayuri“, sagte er schließlich und versuchte, so autoritär wie möglich zu klingen. „Es ist Samstag, und wir müssen sehen, ob sie gut geschlafen hat.“

​Sayuri legte den Kopf auf die andere Seite. „Aber Mama war schon wach. Ich hab sie lachen gehört. Und du hast sie nicht aufgeweckt, du hast sie festgehalten wie Dranzer den anderen Kreisel.“

​Nami prustete hinter dem Kissen hervor. Sayuri war viel zu aufmerksam.

​„Das war... ein Ringkampf“, schob Kai hastig nach, wobei er spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg. „Ein morgendlicher... Sport. Um zu sehen, wer stärker ist. Weißt du, wir müssen fit bleiben für den Tag.“

​Sayuri runzelte die Stirn und trat bis direkt an die Bettkante. „Sport im Schlafanzug? Ohne Turnschuhe?“ Sie sah an Kais nacktem Oberkörper hinauf und dann zu Nami, die nun mühsam versuchte, eine seriöse Miene aufzusetzen. „Und warum hast du sie dann geküsst? Küsst man beim Sport auch? Macht Gou das beim Training auch mit Makoto?“

​Kai erstarrte. Die Vorstellung, dass sein Sohn Gou beim Nachmittagstraining solche Techniken anwenden könnte, ließ seine väterlichen Schutzinstinkte sofort Alarm schlagen.

​„Nein! Um Himmels willen, nein!“, platzte es aus ihm heraus. „Das ist... das ist eine ganz spezielle Übung, die nur Mama und Papa machen dürfen. Das nennt man...die 'Motivations-Methode'. Damit Mama schneller aufsteht.“

​Nami zog eine Augenbraue hoch und sah ihn spöttisch an. „Ach, die Motivations-Methode? Ist das dein Ernst, Kai?“

​Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu, der jedoch durch seine zerzausten Haare jegliche Drohwirkung verlor. Sayuri schien die Erklärung jedoch zu akzeptieren, zumindest für den Moment. Sie kletterte mit einer flinken Bewegung aufs Bett und schob sich genau zwischen ihre Eltern.

​„Dann mach mich auch motiviert, Papa!“, forderte sie und hielt ihm ihre Wange hin. „Ich will Frühstück. Claire sagt, es gibt heute Crêpes, aber nur wenn du und Mama endlich aus der Höhle kommt.“

​Kai seufzte geschlagen, beugte sich vor und gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Na gut, die Mission ist beendet. Die Motivations-Methode hat gewonnen.“

​Er blickte über Sayuris Kopf hinweg zu Nami, und für einen kurzen Augenblick blitzte das Versprechen in seinen roten Augen auf, dass er das Thema „abgeschlossene Tür“ heute Abend definitiv noch einmal sehr gründlich mit ihr besprechen würde.
 

Schließlich stiegen sie die breite Marmortreppe hinab, die kleine Sayuri fest an ihren Händen. Die Dreijährige hüpfte bei jedem zweiten Schritt und plapperte ununterbrochen über die Crêpes, die Claire versprochen hatte. Kai wirkte in seinem dunklen Shirt wieder wie der Herr des Hauses, auch wenn seine Haare noch die Spuren von Namis Fingern aus der vergangenen Nacht verrieten. Nami hingegen strahlte eine ruhige Eleganz aus; ihr weißes Haar war zu einem lockeren Zopf geflochten, der ihr schwer über den Rücken bis knapp über das Gesäß fiel.

​„Wann genau wollte Vlad eigentlich auftauchen?“, fragte Nami leise, während sie die Stufen hinunterstiegen. Ihr Blick glitt kurz zu Kai, in dessen Augen beim Namen seines Bruders sofort wieder die gewohnte Wachsamkeit aufflackerte.

​„Er hat sich für den Mittag angekündigt“, antwortete Kai, und seine Stimme klang wieder fester, geschäftsmäßiger. „Er will die Details der Allianz besprechen, die wir gestern Abend so öffentlichkeitswirksam verkündet haben. Aber nach dem Auftritt gestern... wird er wohl kaum diskret durch den Hintereingang kommen.“

​Als sie das weitläufige Esszimmer betraten, herrschte dort bereits reges Treiben. Die Fensterfront gab den Blick auf die weitläufigen Gärten des Anwesens frei, die im hellen Sommerlicht fast wie ein Gemälde wirkten. Am langen Eichentisch saßen bereits die restlichen Kinder. Gou, der seinem Vater mit jedem Jahr ähnlicher sah, diskutierte leise mit Makoto am Telefon über eine neue Strategie für das Nachmittagstraining, während die Zwillinge Ayumi und Ren in ein digitales Spiel vertieft waren, das sie auf ihren Tablets spielten.

​Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, schenkte gerade Saft ein und kommentierte Sayuris Erscheinen mit einem trockenen: „Ah, das kleine Monster ist endlich wach. Ich dachte schon, wir müssten die Crêpes an die Statuen im Garten verfüttern.“

​An der Spitze des Tisches, etwas abseits vom kindlichen Trubel, stand Graham. Der Butler des Hauses war wie immer die Personifizierung von Diskretion und Effizienz. Vor ihm lag ein Tablet, dessen Bildschirm von Schlagzeilen nur so wimmelte.

​„Guten Morgen, Sir. Madame“, grüßte Graham mit einer knappen Verbeugung. Sein Blick wanderte kurz zu Kais zerzaustem Haar, doch er verzog keine Miene. „Ich habe mir erlaubt, die Presseschau bereits vorzubereiten. Es scheint, als hätten Sie gestern Abend für eine... nun ja, nachhaltige Erschütterung der Medienlandschaft gesorgt.“

​Er schob das Tablet diskret über die Tischplatte in Kais Richtung. „Ein Blick darauf wäre höchst ratsam, bevor der Besuch eintrifft. Die Artikel sind, gelinde gesagt, vielfältig.“

​Kai setzte sich und zog das Tablet zu sich heran, während Nami sich neben ihn lehnte und über seine Schulter blickte. Die Schlagzeilen waren kaum zu übersehen:

• ​Wirtschafts-Giganten vereint: Tachiwari-Corporation und Ivanov-Konsortium verkünden Allianz. Die Geburtsstunde eines neuen Weltmonopols?

• ​Der verlorene Hiwatari: Wer ist der geheimnisvolle Vladimir? Kai Hiwatari präsentiert seinen Bruder und schockiert die High Society.

​Doch Graham hatte nicht übertrieben – es blieb nicht bei der Wirtschaft. Er tippte mit dem Finger auf ein Lifestyle-Magazin, das ein hochauflösendes Foto von Vlad auf der Gala zeigte. Er sah darauf fast aus wie eine dunkle Statue, die auberginenfarbenen Augen starr in die Kamera gerichtet.

• ​Der Zar aus dem Osten: Ist Vladimir Ivanov-Hiwatari der begehrteste Junggeselle der Welt? Alles über den Mann, der selbst Kai Hiwatari die Show stahl.

​„Sie thematisieren sogar, ob er Single ist“, murmelte Nami und konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, als sie sah, wie Kais Kiefer sich anspannte. „Die Presse scheint regelrecht schockiert von seiner... Ausstrahlung zu sein.“

​„Ausstrahlung?“, grollte Kai leise und scrollte weiter. „Sie nennen ihn das 'Gegenstück zum Zaren'. Als wäre ein Hiwatari in der Stadt nicht schon genug für die Schlagzeilen.“

​„Man schreibt auch über dich.“, sagte Nami und deutete auf ein Bild von ihnen beiden, wie sie Hand in Hand den Saal betraten. Das Schwarz ihres Kleides und sein Smoking wirkten auf dem Foto wie eine unbezwingbare Einheit. „Sie nennen uns das 'Dunkle Power-Paar Japans'. Aber die Neugier auf Vlad... die wird uns heute Nachmittag noch einiges an Nerven kosten.“

​Graham räusperte sich diskret. „In der Tat. Es stehen bereits drei Kamerateams vor den Toren des Anwesens, die hoffen, einen Blick auf den ‚neuen‘ Bruder zu erhaschen. Ich habe das Sicherheitspersonal bereits angewiesen, die Privatsphäre der Familie mit Nachdruck zu schützen.“

​Kai legte das Tablet weg, sein Blick wurde hart. „Lass sie warten. Wenn Vlad heute Mittag kommt, wird er sehen, dass dieses Anwesen eine Festung ist – und kein Zirkus für die Boulevardpresse.“
 

​Nachdem Kai das Tablet beiseitegelegt hatte, herrschte eine geschäftige Betriebsamkeit im Anwesen. Während die Kinder nach oben eilten, um sich fertig zu machen, und Claire Sayuri bereits für den Garten anzog, trat Armon, der Sicherheitschef der Tachiwari-Corporation, mit gewohnt stoischer Miene ins Esszimmer. Er neigte kurz den Kopf vor Kai und Nami.

​„Sir, der Konvoi von Monsieur Ivanov hat das Stadtgebiet verlassen und nähert sich dem äußeren Sicherheitsring“, berichtete Armon ruhig. „Die Presse vor dem Tor wird unruhig. Es sind mittlerweile fünf Übertragungswagen und ein Dutzend Fotografen. Sie blockieren fast die gesamte Zufahrtsstraße.“

​Kai erhob sich, seine Präsenz nahm den Raum sofort ein. „Ich will nicht, dass auch nur ein einziger Blitzlichtstrahl die Privatsphäre meiner Kinder berührt, Armon. Sorgen Sie dafür, dass der Empfang reibungslos verläuft.“

​„Bereits in die Wege geleitet, Sir.“

​Wenig später bot sich vor dem großen Haupttor des Ayame-Anwesens ein Bild absoluter Disziplin. Als die drei schwarzen Limousinen von Vlads Delegation in die Allee einbogen, schwärmten die Reporter wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm aus. Kameras wurden hochgehalten, Mikrofone in Richtung der getönten Scheiben gereckt. Doch Armons Sicherheitsleute bildeten eine lebende Mauer.

​Mit einer Präzision, die nur durch jahrelanges Training bei der Tachiwari-Corporation möglich war, flankierten zwei Sicherheitsfahrzeuge Vlads Wagen. Die massiven Eisenflügel des Tores schwangen exakt in dem Moment auf, als der Konvoi die Einfahrt erreichte. Bevor ein Journalist auch nur nah genug heranlaufen konnte, um den Fokus seiner Kamera scharf zu stellen, hatten Armons Männer die Lücke bereits mit einer Kette aus schwarzen SUVs geschlossen.

​Das Blitzen der Kameras prallte wirkungslos an den dunklen Flanken der Fahrzeuge ab. Innerhalb von Sekunden glitt Vlads Wagen durch das Tor auf das sichere Gelände des Anwesens. Die schweren Tore schlossen sich mit einem tiefen, endgültigen Grollen hinter ihnen und sperrten den Lärm und die Hektik der Außenwelt aus. Im Inneren des Anwesens herrschte augenblicklich wieder jene fast unwirkliche Stille, die nur von dem fernen Knirschen der Reifen auf dem feinen Kies der Auffahrt unterbrochen wurde.
 

Nami und Kai standen auf der breiten Veranda, als die Tür des Wagens aufging. Vlad stieg aus und strich sich den schweren Mantel glatt. Im klaren Tageslicht von Tokio wurde seine Erscheinung erst richtig greifbar.

​Auf den ersten Blick wirkte er wie eine dunklere, fast schon archaische Version von Kai. Während Kai die schneidende Präzision eines geschmiedeten Schwertes ausstrahlte, wirkte Vlad wie roher Fels. Sein Gesicht war ein klein wenig maskuliner, die Kieferpartie noch markanter ausgeprägt. Seine Augen hatten exakt dieselbe Form wie die von Kai – diese raubtierhafte, fokussierte Linie –, doch ihre Farbe war faszinierend fremdartig: ein tiefes Aubergine, ein dunkles Weinrot, das bei jedem Lichteinfall einen intensiven violetten Stich bekam. Sein Haar, das so dicht und eigenwillig wie das seines Bruders war, schimmerte in der Sonne nicht gräulich wie das von Kai, sondern in einem bläulichen Schwarz, so tief wie eine Winternacht in Sibirien.

​„Er sieht aus wie Papa, nur... älter“, flüsterte eine Stimme hinter ihnen.

​Gou, der fast elfjährige Stammhalter, war als Erster nach draußen geschlüpft. Er starrte Vlad mit verschränkten Armen an, seine Haltung eine exakte Kopie von Kais defensiver Dominanz. Dicht hinter ihm drängten sich die Zwillinge: Ayumi, deren petrolfarbene Augen vor Neugier blitzten, während ihr Haar mit dem leichten Graustich im Wind wehte, und Ren, dessen eierschalenfarbenes Haar einen harten Kontrast zu seinem ernsten Gesicht bildete. Ganz hinten klammerte sich die kleine Sayuri an das Bein ihres Vaters, ihre magentafarbenen Augen groß und wachsam unter den weißen Locken.
 

​Vlad blieb am Fuß der Treppe stehen. Sein Blick glitt über die Kinder, und für einen Moment verlor sein Gesicht die antrainierte Kälte der Abtei. Er sah die Genetik der Hiwataris vor sich – gemischt mit der Lichtgestalt von Nami.

​„Also“, sagte Vlad, seine dunkle Stimme hallte im Hof wider. „Das ist also die nächste Generation. Man hat mir nicht gesagt, dass ich gegen eine kleine Armee antreten muss.“

​„Wir sind keine Armee“, entgegnete Gou kühl und trat eine Stufe vor. „Wir sind eine Familie. Und wer bist du?“

​Kai legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. „Gou, das ist Vladimir. Er ist mein Bruder. Dein Onkel.“

​Ein kollektives Luftholen ging durch die Gruppe. Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, trat mit Sayuri auf dem Arm aus dem Schatten der Tür hervor. Sie betrachtete den Gast mit ihrem gewohnt trockenen Humor. „Mon Dieu, noch einer von der Sorte“, murmelte sie mit ihrem schweren Akzent. „Ich hoffe, Monsieur Vlad hat bessere Manieren beim Frühstück als sein Bruder, sonst brauche ich mehr Kaffee.“

​Vlad lachte – ein ehrliches, tiefes Lachen, das Nami zum Lächeln brachte. Er stieg die Stufen hinauf und blieb vor Kai stehen. „Du hast ein schönes Heim, Kai. Es riecht nicht nach Konzern. Es riecht nach... Leben.“

​Nami trat vor und legte Vlad eine Hand auf den Arm. „Willkommen in der Familie, Vlad. Ich bin sicher, die Kinder werden dich gebührend beschäftigen.“
 

​Während Ayumi und Ren bereits begannen, Vlad mit Fragen über Russland und seine Firma zu löchern, und Sayuri vorsichtig nach seinem glänzenden Mantel fasste, sah Kai seinen Bruder an. Der Groll war nicht verschwunden, aber die Akzeptanz war da.

​„Komm rein“, sagte Kai knapp, doch der Ton war einladend. „Aber wenn du Gou Blödsinn über die Abtei erzählst, fliegst du schneller raus, als du ‚Ivanov‘ sagen kannst.“

​„Abgemacht“, erwiderte Vlad grinsend.

​In diesem Moment, im hellen Sonnenlicht des Anwesens, war der Seelenanker von Nami stärker denn je. Sie hatte nicht nur Kai geheilt, sondern eine Brücke zu einem Mann geschlagen, der Jahre lang geglaubt hatte, er bräuchte niemanden. Das Erbe der Hiwataris war nicht länger eine Last aus Schmerz und Verrat – es war eine Geschichte, die gerade erst neu geschrieben wurde.
 

Kai und Vlad standen gerade im weitläufigen Wohnzimmer, dessen antike Einrichtung und dunkle Holzbalken Vlad sichtlich beeindruckten, während die Zwillinge ihn mit Fragen über sibirische Wölfe löcherten.
 

​Als die Tür plötzlich aufging, traten Tala und Lumina herein.

„Das ist ja wohl ein schlechter Scherz, Kai“, herrschte Tala seinen ehemaligen Teamkollegen an, ohne zur Begrüßung auch nur Luft zu holen. „Dein Sicherheitspersonal ist gut, aber gegen diesen Wahnsinn da draußen brauchen wir demnächst einen Panzer.“

​Lumina, deren weißes Haar durch das hastige Aussteigen leicht zerzaust war, trat neben ihn und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Sie wirkte sichtlich erschöpft. „Nami, Kai... verzeiht die Verspätung. Wir haben fast zehn Minuten gebraucht, um überhaupt durch das Tor zu kommen. Die Presse blockiert alles.“

​„Zehn Minuten?“, echote Kai und legte die Stirn in Falten.

​„Es ist ein verdammter Pressezirkus“, knurrte Tala und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Fotografen hängen an den Scheiben wie die Geier. Armon hatte alle Hände voll zu tun, die Meute wieder unter Kontrolle zu bringen, damit wir überhaupt die Auffahrt hochfahren konnten. Ich hoffe, dein Bruder genießt die Show, die er da draußen verursacht hat.“

​Er warf Vlad einen vernichtenden Blick zu. Dieser hatte das Spektakel mit einem amüsierten Hochziehen der Augenbrauen beobachtet.
 

​Lumina, deren weißes Haar fast denselben Schimmer hatte wie das von Nami und deren Ausstrahlung ebenso sanft wie bestimmt war, steuerte nun auf ihre Cousine zu. „Nami! Was für eine Nacht“, sagte sie lächelnd und schloss Nami in eine herzliche Umarmung.

​Vlad erstarrte mitten in der Bewegung. Er stieß einen unterdrückten, überraschten Laut aus und seine auberginefarbenen Augen weiteten sich merklich. Sein Blick pendelte fassungslos zwischen Nami und Lumina hin und her.

​„Mein Gott, Kai“, entwich es ihm, während er sichtlich amüsiert war. „Gibt es hier ein Nest? Ich nehme alles zurück, was ich gestern über deinen Sicherheitsdienst gesagt habe.“ Er trat einen Schritt vor und deutete scherzhaft auf Lumina. „Diese Dame wäre sicher auch ohne Probleme an jedem Scanner vorbeimarschiert. Wenn man sie neben Nami stellt, wirkt selbst das beste biometrische System wie ein Spielzeug. Sie sieht ihr unglaublich ähnlich.“

​Lumina löste sich aus der Umarmung und schenkte Vlad ein höfliches, aber leicht distanziertes Lächeln, während Tala hinter ihr stehen blieb. Tala wirkte wie eh und je – wie eine Statue aus Eis. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt, und sein Blick war kalt auf Vlad fixiert. In der Abtei waren die beiden nie grün miteinander gewesen; Vlad war schon damals zu arrogant und zu sehr der „bevorzugte“ Ivanov gewesen, während Tala sich seinen Platz mit Blut und Schweiß erkämpft hatte.

​Vlad bemerkte Talas plötzliche steife Haltung sofort. Ein schelmisches, fast schon boshaftes Funkeln trat in seine weinroten Augen. Er liebte es, Leute aus der Reserve zu locken, besonders jemanden, der so beherrscht war wie der ehemalige Anführer der Blitzkrieg Boys.

​„Ah, Tala“, rief Vlad und breitete die Arme aus, als wollte er einen alten Freund begrüßen, wohl wissend, dass Tala ihn am liebsten gegen die Wand schleudern würde. „Immer noch das Gesicht wie eine sieben Tage anhaltende russische Sturmfront und ein Temperament wie ein Alpha-Wolf? Du hast dich kein Stück verändert. Immer noch der loyale Wachhund des Zaren? Aber breit bist du geworden. Was ein bisschen Training ausmacht, unglaublich.“

​Tala verengte die Augen zu Schlitzen. „Ivanov“, erwiderte er knapp und seine Stimme klang wie brechendes Eis. „Ich sehe, das Exil hat dein loses Mundwerk nicht geheilt.“

​„Und ich sehe, die Jahre in Japan haben deinen Humor nicht gerade verbessert“, zog Vlad ihn auf und trat einen Schritt näher, um ihn spielerisch an der Schulter zu rempeln, was Tala mit einem gefährlichen Grollen quittierte. „Komm schon, Bleich-Gesicht. Wir sind jetzt eine große, glückliche Familie. Willst du mir nicht wenigstens zeigen, wo Kai den guten Wodka versteckt hat, bevor ich anfange, den Kindern russische Schimpfwörter beizubringen?“

​Ayumi kicherte im Hintergrund, während Kai sich die Schläfen massierte. „Vlad, wenn du ihn weiter reizt, wird Tala dich zerlegen, und ich werde nicht eingreifen“, warnte Kai trocken.

​„Oh, das würde ich gerne sehen“, warf Claire Beaumont von der Seite ein, während sie ein Tablett mit Tee abstellte. „Ein bisschen Sport würde Monsieur Ivanov sicher gut tun. Er sieht aus, als hätte er zu viel Zeit in gepolsterten Sesseln verbracht.“

​Vlad lachte schallend. „Die Nanny hat Biss! Das gefällt mir.“ Er wandte sich wieder Tala zu, der immer noch kein Lächeln zustande brachte, aber zumindest die Arme sinken ließ. „Na los, Tala. Trink mit mir. Auf die alten Zeiten in der Kälte, die wir Gott sei Dank hinter uns gelassen haben.“

​Nami sah zu Lumina und beide Frauen mussten schmunzeln. Es war ein seltsames Bild: Der stolze Zar, sein provokanter Bruder und der eiskalte Tala, alle vereint unter dem Dach des Ayame-Anwesens.
 

Das Mittagessen im großen Speisesaal war eine lebhafte Angelegenheit. Der lange Holztisch war mit japanischen Köstlichkeiten gedeckt, doch der Fokus lag nicht auf dem Essen, sondern auf dem Mann mit den violett schimmernden Augen am Ende der Tafel.

​Vlad hatte es sich sichtlich gemütlich gemacht. Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und erzählte mit einer ausladenden Gestik, die so gar nicht zu der sonst so steifen Hiwatari-Art passen wollte.

​„…und da saß ich nun“, berichtete Vlad gerade, während die Kinder mit offenem Mund lauschten, „mitten in der sibirischen Tundra. Mein Großvater Ivanov hatte beschlossen, dass ich erst dann ein wahrer Erbe bin, wenn ich eine Woche lang allein in einer Jagdhütte überlebe. Draußen waren es minus vierzig Grad, die Wölfe heulten so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstand, und das Einzige, was ich zum Feuermachen hatte, war ein nasser Baumstamm und mein eigener Stolz.“

​„Und hast du das Feuer anbekommen?“, fragte Ren aufgeregt, seine petrolfarbenen Augen groß vor Bewunderung.

​„Natürlich“, zwinkerte Vlad. „Ich habe den Baumstamm so lange böse angestarrt, bis er vor lauter Angst von selbst angefangen hat zu brennen. Genau wie euer Vater das mit seinen Gegnern im Beyblade-Stadion macht.“

​Gou zog eine Augenbraue hoch, ein exaktes Ebenbild von Kai. „Vater starrt sie nicht nur an. Er zerschmettert sie.“

​„Ah, der loyale Sohn“, lachte Vlad und warf Kai einen spöttischen Blick zu. „Dein Vater war in der Abtei immer der Musterschüler. Er hat nie gelacht, nie gespielt. Er war wie ein kleiner Computer aus Eis. Ich musste ihm erst beibringen, wie man sich heimlich in die Küche schleicht, um den Köchen die Piroggen zu stehlen.“

​„Du hast ihm was beigebracht?“, fragte Ayumi kichernd und sah zu Kai, der sichtlich bemüht war, seine Fassung zu wahren.

​Kai legte sein Besteck mit einem vernehmlichen Klack auf den Rand seines Tellers. „Vlad übertreibt maßlos. Er war derjenige, der erwischt wurde, und ich war derjenige, der ihn aus der Arrestzelle holen musste, damit Voltaire nichts merkt.“

​Tala, der neben Lumina saß und schweigend seinen Tee trank, schnaubte leise. „Du hast ihn nicht rausgeholt, Kai. Du hast nur gehofft, dass sie ihn dort vergessen, damit du endlich Ruhe vor seinen Geschichten hast.“

​Vlad lachte schallend und deutete mit seinem Stäbchen auf Tala. „Hört ihr das? Der Eismann spricht! Tala war damals so stur, dass er lieber drei Tage im Schnee geschlafen hätte, als zuzugeben, dass ihm kalt war. Einmal habe ich ihm ein brennendes Stück Kohle in seinen Schal gewickelt, nur um zu sehen, ob er überhaupt auftaut.“

​Talas Miene wurde noch finsterer. „Du hättest fast meine Jacke in Brand gesteckt, du Idiot.“

​„Aber du hast dich bewegt, nicht wahr?“, entgegnete Vlad ungerührt.

​Nami beobachtete das Spektakel mit einem warmen Gefühl im Herzen. Es war ein seltsames, fast surreales Bild. Lumina saß neben ihr und hielt unter dem Tisch ihre Hand, während sie sich amüsierte Blicke zuwarfen. Die Kinder waren vollkommen fasziniert von ihrem „neuen“ Onkel, der so viel Farbe und Chaos in das sonst so disziplinierte Haus brachte.

​„Onkel Vlad?“, meldete sich die kleine Sayuri mit ihrer zarten Stimme zu Wort. Sie hielt ihr kleines Stofftier fest umklammert. „Hast du auch ein Bit-Beast wie Papa?“

​Stille trat am Tisch ein. Kai und Tala hielten inne. Vlad sah das kleine Mädchen an, und für einen Moment war da kein Spott mehr in seinen Augen, sondern eine tiefe, fast wehmütige Ehrlichkeit.

​„Nein, kleine Blume“, sagte er leise. „Ich habe kein Bit-Beast. In meiner Welt kämpft man eher mit Zahlen und Worten. Aber ich habe gesehen, was die Kraft eines Bit-Beasts bewirken kann – besonders wenn es von einem so reinen Herzen wie dem deiner Mutter getragen wird.“

​Er sah zu Nami und dann zu Kai. „Ihr habt hier etwas aufgebaut, das keine Abtei der Welt jemals hätte erschaffen können. Ich fange an zu verstehen, warum Kai Japan nie verlassen wollte.“

​Kai entspannte seine Schultern ein wenig. Er sah seinen Bruder an, und auch wenn noch viele Jahre des Misstrauens zwischen ihnen lagen, war das Band heute ein Stück fester geknüpft worden.

​„Gou“, sagte Kai plötzlich und sah seinen ältesten Sohn an. „Nach dem Essen gehen wir ins Dojo. Ich denke, dein Onkel möchte sehen, wie weit dein körperliches Training ist. Und Tala... du wirst als Schiedsrichter fungieren. Damit Vlad nicht schummelt.“

​„Ich? Schummeln?“, rief Vlad empört, doch sein Grinsen verriet ihn. „Ich nenne es taktischen Vorteil!“

Besprechung

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Mittagessen mit dem Schatten des Zaren

Das russische Restaurant in Ikebukuro war ein Ort von schwerer, dunkler Eleganz. Samtrote Vorhänge, schwere Eichenmöbel und das gedämpfte Licht von Kristalllüstern schufen eine Atmosphäre, die perfekt zu der Aura passte, die die drei Personen am Ecktisch verströmten.

​Vlad saß entspannt da, ein Glas eiskalten Premium-Wodkas in der Hand, und beobachtete seinen Bruder und Nami mit einem Blick, der viel zu wachsam für jemanden war, der angeblich nur „zufällig“ vorbeigeschaut hatte. Kai wirkte nach außen hin wie die personifizierte Beherrschung, doch die Art, wie er Nami gelegentlich eine Strähne hinter das Ohr schob oder seine Hand kurz auf ihrem Unterarm ruhen ließ, verriet dem geübten Auge eine tiefere Entspannung – oder vielleicht eine vorangegangene Entladung.

​„Wunderbares Borschtsch“, bemerkte Vlad beiläufig und legte den Löffel beiseite. Sein Blick wanderte zu Nami, die in ihrem dunkelblauen Etuikleid eine Ruhe ausstrahlte, die Kai oft fehlte. „Ich muss sagen, Nami, dein Büro im Tower hat eine faszinierende Energie. Sehr... konzentriert.“

​Nami lächelte höflich, doch ihre Augen verengten sich um einen Bruchteil. „Danke, Vlad. Ich lege Wert auf eine produktive Umgebung.“

​Vlad lachte leise, ein dunkles, kehliges Geräusch. Er drehte sein Glas zwischen den Fingern. „Produktiv... ja, das ist ein Wort dafür. Wisst ihr, ich habe in Russland gelernt, dass man die Aura eines Raumes nicht nur sieht, sondern fühlt. Als ich heute Mittag meine Hand auf deinen Schreibtisch stützte, Kai... da war da eine Schwingung in der Luft. Eine ganz bestimmte Frequenz von... Intensität. Eine Aura die...Dunkelheit anzieht.“

​Kai hielt sein Glas mitten in der Bewegung fest. Sein Blick wurde hart, das Rubinrot seiner Augen schien dunkler zu werden. „Du bildest dir Dinge ein, Vlad. Die Klimaanlage im Tower ist nur sehr leistungsstark.“

​„Vielleicht“, erwiderte Vlad ungerührt und lehnte sich vor, wobei seine auberginefarbenen Augen gefährlich blitzten. „Aber diese spezielle Aura... sie war hitzig. Fast schon elektrisch. Sie erinnerte mich an die Momente in der Abtei, wenn man wusste, dass gleich etwas Großes, etwas Unaufhaltsames passiert. Nur war sie heute Mittag viel... persönlicher.“

​Er warf Nami einen Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, dass er genau wusste, wer die Quelle dieser Schwingung gewesen war. „Es ist eine Gabe, Kai. Manche nennen es Intuition, ich nenne es Antennen für die Wahrheit. Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr deine Frau dich... beeinflusst. Selbst wenn sie gar nicht im Raum zu sein scheint.“

​Kai spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Er wusste, dass Vlad ihn provozierte, dass er das Spiel mit den Andeutungen genoss. Er suchte unter dem Tisch nach Namis Hand und drückte sie fest – eine stumme Kommunikation zwischen ihnen.

​„Du solltest weniger Zeit mit dem Lesen von Auren verbringen und dich mehr auf die Zahlen von Severnaya konzentrieren“, konterte Kai kühl.

​Vlad hob kapitulierend die Hände, doch das arrogante Grinsen verschwand nicht von seinen Lippen. „Oh, die Zahlen stimmen, Bruder. Aber die Menschen hinter den Zahlen sind viel interessanter. Vor allem, wenn sie denken, sie hätten ihre Masken perfekt zurechtgerückt.“ Er hob sein Glas in Richtung der beiden. „Auf die internen Besprechungen. Mögen sie immer so... ertragreich sein.“

​Nami hob ihr Glas mit einer Eleganz, die keine Schwäche zeigte. „Auf die Familie, Vlad. Und darauf, dass manche Geheimnisse genau das bleiben, was sie sind: privat.“
 

Vlad lehnte sich noch ein Stück weiter zurück, ein amüsiertes Funkeln in seinen weinroten Augen, während er den letzten Rest seines Wodkas bedächtig genoss. Er schien die wachsende Spannung bei seinem Bruder regelrecht aufzusaugen.

​„Weißt du, Kai“, begann er mit dieser samtigen, fast schon spöttischen Stimme, „wenn ich sehe, wie... effizient du nach deinem kurzen Abstecher in Namis Büro plötzlich bist, überlege ich ernsthaft, mein eigenes Personalmanagement in Moskau zu überdenken. Vielleicht schaffe ich mir eine neue Sekretärin an. Eine, die speziell darauf ausgelegt ist, mich bei zu viel Firmenstress wieder runterzubringen. Ganz auf die... Nami-Art.“

​In diesem Moment riss der Geduldsfaden, der Kais Beherrschung in den letzten zwei Tagen mühsam zusammengehalten hatte. Er knallte sein Weinglas nicht laut, aber mit einer solchen kontrollierten Wucht auf den schweren Holztisch, dass der Wein darin gefährlich schwankte. Die Luft am Tisch schien schlagartig zu gefrieren.

​„Es reicht, Vlad“, sagte Kai. Seine Stimme war nicht laut, aber sie war so trocken und scharf wie eine Rasierklinge, die durch Seide schnitt. Er fixierte seinen Bruder mit einem Blick, der in der Abtei Männer in die Knie gezwungen hätte. „Hör auf mit diesen verdammten Andeutungen und rede endlich Klartext, wenn du schon meinst, den Detektiv spielen zu müssen.“

​Nami spürte den Zorn, der in Kai brodelte, und legte beruhigend ihre Hand auf seinen Arm, doch er ließ den Blick nicht von Vlad ab.

​„Ich habe es satt“, fuhr Kai gnadenlos fort, während seine Stimme ein gefährliches Unterton-Grollen annahm. „Es reicht mir schon, dass Graham zu Hause meint, seine diskret-trockenen Kommentare über unser Privatleben wie Giftpfeile durch das Anwesen werfen zu müssen. Ich brauche nicht auch noch einen Bruder, der meint, er müsste unter meinen Schreibtisch kriechen, nur um seine Neugier zu befriedigen.“

​Vlad stutzte für einen Moment, dann brach er in ein schallendes, ehrliches Lachen aus, das einige der anderen Gäste im Restaurant kurz aufblicken ließ. „Der Butler auch?“, prustete er. „Ich mag diesen Mann immer mehr. Er hat Geschmack.“

​Doch als er Kais unnachgiebige Miene sah, wurde er wieder etwas ernster, auch wenn das belustigte Glitzern in seinen Augen blieb. Er stellte sein Glas ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

​„Klartext? Gut, Kai. Du willst es, du kriegst es“, sagte Vlad und lehnte sich vor. „Ich bin nicht blind. Und ich habe – wie du weißt – ein verdammt gutes Gespür für Schwingungen. Als ich in das Büro kam, hat die Luft regelrecht gebrannt. Der Geruch von Namis Parfüm, ihre Aura die mich verführt, deine Haltung, das leichte Zittern deiner Hände... und die Tatsache, dass Nami 'sich frisch machen' war, während du an ihrem Platz saßt wie ein Raubtier, das gerade seine Beute bewacht.“

​Er zuckte mit den Schultern. „Ich wollte dich nur ein wenig aus der Reserve locken. Es ist amüsant zu sehen, dass der große Kai Hiwatari immer noch so leicht zu entflammen ist. Aber keine Sorge, Bruder. Dein Geheimnis – und Namis Talent für... Stressbewältigung – ist bei mir sicher. In Russland wissen wir Diskretion zu schätzen, wenn sie mit solcher Leidenschaft einhergeht.“

​Kai starrte ihn noch einige Sekunden schweigend an, bevor er langsam ausatmete. Die Anspannung in seinen Schultern wich nicht ganz, aber das mörderische Funkeln in seinen Augen milderte sich zu einem grimmigen Akzeptieren ab.

​„Wenn du das nächste Mal klopfst“, knurrte Kai, „und niemand antwortet... dann geh einfach weg, Vlad. Für dein eigenes Seelenheil.“

​Nami schmunzelte und nippte entspannt an ihrem Wein. „Er hat recht, Vlad. Nicht jede 'interne Besprechung' ist für die Protokollführung geeignet.“
 

Vlad lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Das spöttische Grinsen verschwand und wich einer analytischen Kälte, die Kai nur zu gut kannte. Es war der Blick eines Mannes, der hinter die Fassade der physischen Welt blickte.

​„Lass uns den Scherz beiseitelegen, Kai“, sagte Vlad leise, während er sein leeres Glas fixierte. „Es gibt da noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht durch bloße Logik erklären kann.“

​Er hob den Blick und sah Kai direkt in die Augen. Diesmal suchte er nicht nach einer Reaktion auf eine Provokation, sondern nach einer Antwort auf eine tieferliegende Frage.

​„Dein Rot...“, begann Vlad und deutete vage auf Kais Augen. „Es hat sich verändert. Ich dachte zuerst, es sei das Licht im Dojo oder die Reflexion der Glaswände im Tower. Aber ich habe dich jetzt drei Tage lang beobachtet, bei jedem Lichteinfall, von der Morgensonne bis zum gedämpften Licht dieses Restaurants. Dieses Rot in deinen Augen... es ist nicht das Rot, das wir aus der Abtei kennen. Es ist kräftiger. Tiefer. Es glüht von innen heraus, als würde dort ein ständiges Feuer brennen.“

​Kai schwieg, sein Gesicht blieb eine unlesbare Maske, doch Nami spürte, wie er sich neben ihr versteifte.

​„Und es ist nicht nur die Farbe“, fuhr Vlad unbeeindruckt fort. „Deine Aura ist seltsam herrisch. Fast schon brennend. Früher war deine Präsenz wie Eis – scharf, schneidend und unnahbar. Aber jetzt... jetzt fühlt es sich an, als würde man vor einem aktiven Vulkan stehen. Man spürt die Hitze, noch bevor man dich sieht.“

​Vlad verschränkte die Finger und legte sie auf die Tischkante. „Sag mir, Kai... kann es sein, dass du etwas Ähnliches wie Nami erlebt hast? Eine Verschmelzung? Ist Dranzer nicht mehr nur ein Geist in deinem Blade, sondern ein Teil deiner Seele geworden? Ich spüre eine Verbindung zwischen euch, die über das normale Maß eines Bladers weit hinausgeht.“

​Nami sah von Vlad zu Kai. Sie wusste um die tiefe Verbindung zwischen Kai und seinem Bit-Beast, doch Vlads Beobachtungsgabe war beängstigend präzise. Er hatte den Kern getroffen: Kai war nicht mehr nur der Besitzer von Dranzer; die jahrzehntelange symbiotische Beziehung und die extremen Kämpfe hatten Spuren hinterlassen, die physisch sichtbar waren.

​Kai nahm einen langsamen Schluck von seinem Wein, bevor er antwortete. Seine Stimme war ruhig, fast schon beiläufig, doch seine Augen leuchteten in diesem Moment so intensiv, dass Vlad unbewusst blinzelte.

​„Die Abtei hat uns gelehrt, Bit-Beasts als Werkzeuge zu benutzen“, sagte Kai schließlich. „Aber Werkzeuge nutzen sich ab. Dranzer und ich... wir haben uns gegenseitig geschliffen. Wenn du eine Veränderung siehst, dann liegt das vielleicht daran, dass ich aufgehört habe, die Kraft zu unterdrücken, die ich jahrelang vor der Welt versteckt habe.“

​Vlad schürzte die Lippen. „Ein schöner diplomatischer Satz, Kai. Aber wir beide wissen, dass es mehr ist als das. Du bist kein gewöhnlicher Mensch mehr. Du bist das Gefäß für etwas Uraltes und Mächtiges.“ Er warf einen Blick auf Nami. „Und ich schätze, dass deine Frau die Einzige ist, die dieses Feuer löschen kann, bevor es den ganzen Raum in Brand steckt. Kein Wunder, dass du im Büro so... intensiv warst.“

​Kai stellte das Glas ab. „Glaub was du willst, Vlad. Solange dieses Feuer mir hilft, die Tachiwari-Corporation und meine Familie zu schützen, ist es mir egal, wie du es nennst.“
 

Vlad nickte langsam, als würde er ein komplexes Puzzle in seinem Kopf vervollständigen. Er wirkte nicht erschrocken über Kais Worte, eher bestätigt in einer lang gehegten Theorie.

​„Es ist interessant, dass du das sagst“, begann Vlad und senkte seine Stimme noch ein Stück, sodass sie kaum mehr als ein Raunen war, das unter dem Gemurmel der anderen Gäste unterging. „In Russland, in den tiefen Archiven der Severnaya, gibt es Berichte über die Blader der ersten Generation – jene, die ihre Bit-Beasts nicht nur gerufen, sondern mit ihnen gelebt haben. Es scheint gar nicht so unüblich zu sein, wie die Wissenschaft uns weismachen will. Nach Jahrzehnten der Resonanz beginnt die Barriere zwischen Mensch und Wesen zu bröckeln.“

​Er warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass kein Kellner in Hörweite war.

​„Ich habe ähnliche Phänomene bei einigen der alten Garde in Moskau beobachtet“, fuhr er fort. „Männer, deren Körpertemperatur konstant erhöht ist, oder deren Reflexe die menschliche Biologie spotten oder die plötzliche perfektionierte Physis. Aber bei dir, Kai... bei dir ist es durch Dranzers Natur als Phönix besonders extrem. Du verbrennst buchstäblich von innen heraus.“

​Sein Blick wurde ernst, fast schon warnend.

​„Es ist gut, dass nur sehr wenige Menschen in eurem Umfeld über eure wahre Natur Bescheid wissen – über deine und die von Nami. Die Welt da draußen ist noch nicht bereit für das, was aus euch geworden ist. Sie würden euch entweder als Götter fürchten oder als Anomalien einsperren wollen.“

​Vlad nahm einen letzten Schluck und sah seinen Bruder fest an. „Dass ihr euch gefunden habt, ist wohl die einzige Rettung. Nami ist der Ozean, der deine Flammen kühlt, bevor du zu Asche zerfällst und der Anker der die Dunkelheit in deinem Herzen zügelt. Ohne sie wärst du wahrscheinlich schon vor Jahren in deinem eigenen Feuer wahnsinnig geworden.“

​Kai schwieg lange. Er wusste, dass Vlad recht hatte. Die Hitze, die er oft spürte, dieser Drang nach Dominanz und Zerstörung, wurde nur durch Namis Gegenwart in eine produktive, schützende Kraft kanalisiert.

​„Die Welt muss es nicht verstehen“, sagte Kai schließlich mit einer Endgültigkeit, die das Thema abschloss. „Sie muss nur wissen, dass man sich besser nicht mit uns anlegt.“

​Vlad lachte leise und schob seinen Stuhl zurück. „Ein typischer Kai-Satz. Effizient und bedrohlich.“ Er stand auf und knöpfte sein Sakko zu. „Ich fliege morgen früh um sechs. Aber denkt an mein Versprechen: Einmal im Monat bin ich hier. Ich will sehen, wie Gou und die anderen sich entwickeln. Und ich will sicherstellen, dass ihr den Tower bis dahin nicht versehentlich abgefackelt habt – bei euren 'internen Besprechungen'.“
 

Vlad hielt in seiner Bewegung inne, eine Hand bereits auf der Rückenlehne seines Stuhls. Sein Blick wurde noch einmal messerscharf, als er sich Kai wieder zuwandte.

​„Eines lässt mir jedoch keine Ruhe, Kai“, sagte er, und seine Stimme klang nun völlig frei von Spott. „Ich habe Gou beim Training beobachtet. Die Präsenz, die von seinem Blade ausgeht... sie ist gewaltig. Für einen Jungen in seinem Alter ist das eigentlich unmöglich. Woher zum Teufel hat er ein so mächtiges Bit Beast? Das ist kein gewöhnlicher Geist, den man in einem Laden kauft oder durch Zufall findet.“
 

​Kai sah seinen Bruder ruhig an. In seinen Augen flackerte kurz das rubinrote Glühen auf, als würde Dranzer auf die Erwähnung der Macht seines Sohnes reagieren.

Obwohl sie in den letzten Tagen eine Allianz geschmiedet hatten und Vlad die Kinder sichtlich ins Herz geschlossen hatte, war da immer noch dieser antrainierte Instinkt in Kai. Die Jahre der Kälte und des Verrats in der Abtei ließen sich nicht in wenigen Tagen wegwischen. Er traute Vlad noch immer nicht zu einhundert Prozent. Das Geheimnis um Gous Ursprung und die Verschmelzung der Energien war zu kostbar, zu gefährlich, um es jetzt schon preiszugeben.

​Kai nahm einen langsamen Schluck von seinem Wein, sein Gesicht eine unbewegliche Maske aus Stein. Er ließ Vlad einen Moment zappeln, während die Stille am Tisch fast greifbar wurde.

​„Gou hat seinen Weg gefunden, so wie wir alle unseren Weg finden mussten, Vlad“, antwortete Kai schließlich mit einer kühlen Endgültigkeit, die jedes weitere Nachbohren im Keim erstickte. Er stellte das Glas mit einem leisen Klicken ab. „Aber was die Details angeht... darüber werden wir ein anderes Mal reden. Vielleicht an einem Tag, an dem die Allianz zwischen uns mehr als nur ein paar Tage alt ist.“

​Vlad hob eine Braue, und ein kurzes, wissendes Lächeln huschte über seine Lippen. Er erkannte das Misstrauen in Kais Stimme – er respektierte es sogar, da er selbst nicht anders gehandelt hätte. „Verstehe“, murmelte er und nickte langsam. „Der Zar hütet seine Geheimnisse. Klug. Ich kann warten, Kai.“

​Er klopfte seinem Bruder fest auf die Schulter, ein Zeichen von Respekt, das Kai nur mit einem knappen Nicken quittierte.

Nachdem Vlad das Restaurant mit einem letzten, amüsierten Blick verlassen hatte, kehrte eine fast greifbare Ruhe an ihren Tisch zurück. Das schwere Gemurmel der anderen Gäste und das leise Klirren von Besteck schienen in den Hintergrund zu treten, während die beiden in ihrer eigenen, privaten Blase zurückblieben.

​Kai lockerte seinen Griff um sein Glas und wandte sich Nami zu, die neben ihm auf der tiefen, dunkelroten Samt-Eckbank saß. Ohne ein Wort zu sagen, legte er einen Arm um ihre Schultern und zog sie fest an sich, bis sie mit dem Rücken gegen seine breite Brust gelehnt war. Er umschloss ihre Hände mit seinen und begann, mit seinen Daumen in langsamen, beruhigenden Bewegungen über ihre Handrücken zu streicheln.

​Die aggressive Aura des „Zaren“, die Vlad eben noch provoziert hatte, war wie weggeblasen. Übrig blieb eine tiefe, fast melancholische Zärtlichkeit. Kai neigte den Kopf und drückte Nami einen sanften, langen Kuss auf die Wange, direkt unterhalb ihres Schläfenhaars.

​„Er hat ein zu gutes Auge“, brummte Kai leise, seine Stimme vibrierte angenehm an ihrem Nacken. „Er sieht Dinge, die er eigentlich nicht sehen sollte. Dass er das mit Gou bemerkt hat... das gefällt mir nicht.“

​Nami legte ihren Kopf zurück an seine Schulter und schloss für einen Moment die Augen, während sie die vertraute Hitze seines Körpers genoss. „Er ist dein Bruder, Kai. Er ist aus demselben Holz geschnitzt wie du. Aber du hast richtig gehandelt. Er muss sich sein Vertrauen erst noch verdienen, Allianz hin oder her.“

​Sie spürte, wie Kai tief einatmete, seine Brust hob und senkte sich schwer gegen ihren Rücken. Ein kurzes, trockenes Lachen entwich ihm.

​„Und die Sache im Büro...“, murmelte er, während er seine Stirn kurz gegen ihre Haare lehnte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals in die Situation komme, mich vor meinem Halbbruder für meine eigene Frau rechtfertigen zu müssen, während du... nun ja.“ Er drückte ihre Hände ein wenig fester. „Es war verdammt knapp, Nami. Wenn er einen Schritt weiter gegangen wäre...“

​Nami schmunzelte und drehte ihren Kopf ein Stück, sodass sie sein Profil sehen konnte. „Dann hätte er eben gelernt, dass der Zar nicht nur im Konferenzraum die Regeln bestimmt. Aber gib es zu, Kai... der Nervenkitzel hat dir gefallen. Sonst hättest du mich danach nicht so... nachdrücklich gegen die Wand gedrückt.“

​Kai sah sie aus den Augenwinkeln an, das rubinrote Glühen in seinen Augen war jetzt weich und voller Verlangen. „Du bist genauso schlimm wie ich...“, erwiderte er trocken, doch der Kuss, den er ihr diesmal auf den Hals gab, sprach eine ganz andere Sprache. „Aber du hast recht. Es hat mich wahnsinnig gemacht. Und ich schätze, genau das wolltest du.“
 

Nachdem sie das Restaurant gute fünfzehn Minuten später verlassen hatten, glitt der Bentley zurück durch den dichten Tokioter Verkehr. Die kurze, fast schon intime Flucht aus dem Alltag endete an der Tiefgarage des Tachiwari Towers. Sobald die Aufzugtüren sich im 45. Stock öffneten, schlüpften beide wieder in ihre Rollen: Kai, der unnahbare CEO, und Nami, die brillante Marketing-Direktorin.

Am späten Nachmittag musste Kai sein Büro verlassen, um ein paar Details mit der IT-Abteilung im unteren Flügel zu klären. Auf dem Rückweg führte ihn sein Pfad durch das lichtdurchflutete Großraumbüro der Marketing-Abteilung.

​Schon von weitem sah er sie. Nami stand an einem der gläsernen Besprechungstische, einen dicken Bericht in der Hand, während sie sich angeregt mit zwei jüngeren Angestellten unterhielt. Doch die Art, wie sie den beiden Frauen zuhörte – aufmerksam, auf Augenhöhe und mit einem ehrlichen Interesse –, war genau das, was Kai an ihr so bewunderte. Er lief ein wenig näher blieb jedoch einen Moment im Schatten eines Pfeilers stehen und beobachtete sie. Sein Herz schwoll vor Stolz an; sie war nicht nur seine Frau und die Mutter seiner Kinder, sie war das schlagende Herz dieses Unternehmens, das die Menschen mit ihrer Wärme band, während er sie mit seiner Stärke führte.

​Die beiden Angestellten bemerkten Kai zuerst. Als sie den „Zaren“ dort stehen sahen, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick intensiv auf ihre Gruppe gerichtet, erstarrten sie förmlich. Ihre Gesichter wurden blass, und sie verbeugten sich hastig, in der Erwartung, dass der Chef einen Fehler im Bericht oder eine Nachlässigkeit in ihrer Arbeit gefunden hatte. Die Atmosphäre im Umkreis von fünf Metern wurde schlagartig kühler.

​Nami, die die Veränderung in der Körpersprache ihrer Kolleginnen bemerkte, runzelte kurz die Stirn und drehte sich langsam um. Als ihr Blick auf Kai fiel, veränderte sich ihr gesamter Gesichtsausdruck. Die professionelle Strenge wich einem weichen, frechen Lächeln, das nur für ihn bestimmt war. Es war ein Lächeln, das von der gemeinsamen Mittagspause und den Geheimnissen erzählte, die sie teilten.

​„Kai“, sagte sie schlicht, ihre Stimme klar und fest.

​Kai löste die verschränkten Arme. Er erwiderte ihr Lächeln nicht vollends – das hätte nicht zu seinem Image im Tower gepasst –, aber seine Mundwinkel zuckten für einen winzigen Moment nach oben, und das Rubinrot in seinen Augen leuchtete kurz warm auf. Ein kaum merkliches Nicken folgte, eine stumme Anerkennung ihrer Arbeit und ihrer Präsenz.

​Die beiden Damen starrten fassungslos zwischen den beiden hin und her. Sie hatten den Chef oft gesehen, aber dieser eine, fast zärtliche Blick, den er Nami zugeworfen hatte, war wie ein Mythos, den sie nun mit eigenen Augen gesehen hatten.

​„Arbeiten Sie weiter“, sagte Kai trocken im Vorbeigehen, seine Stimme wieder gewohnt herrisch, doch der Unterton war bei weitem nicht so eisig wie üblich.

​Nami sah ihm nach, das Lächeln immer noch auf den Lippen, während sie sich wieder dem Bericht zuwandte. „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Social-Media-Kampagne...“
 

Einige Stunden später am Nachmittag...

Der schwere, dunkelgrüne Bentley glitt wie ein Schatten durch die verregneten Straßenschluchten von Tokio. Das monotone Trommeln des Regens auf das Panoramadach schuf eine schützende Barriere gegen die lärmende Außenwelt. Im Innenraum roch es nach teurem Leder und dem dezenten Duft von Namis Lilien-Parfüm.

​Kai saß entspannt in den Polstern, eine Hand am Lenkrad, während die andere Namis Hand suchte. Er umschloss ihre schmalen Finger mit seiner großen, warmen Hand und begann, ihren Handrücken mit dem Daumen in langsamen, bedächtigen Kreisen zu streicheln. Die Hitze, die Vlad im Restaurant so treffend beschrieben hatte, floss nun sanft und stetig zwischen ihnen hin und her.

​„In zwei Wochen ist es so weit“, durchbrach Kai schließlich die angenehme Stille. Seine Stimme war tief und klang im geschlossenen Raum des Wagens fast wie ein sanftes Timbre. „Dein dreißigster Geburtstag, Nami.“

​Er warf ihr einen kurzen, flüchtigen Seitenblick zu, bei dem das rubinrote Glühen in seinen Augen für einen Moment weich wurde. „Ich habe mir den Kopf zerbrochen. Sag mir... was wünscht sich eine Frau, die bereits ein Imperium mitregiert und deren Familie das Mächtigste ist, was ich je gekannt habe?“

​Nami lehnte ihren Kopf gegen die weiche Kopfstütze und sah ihn aus den Augenwinkeln an. Ein zufriedenes, fast schon verträumtes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie beobachtete, wie die Neonlichter Tokios über Kais markantes Profil tanzten.

​„Ich habe schon alles, was ich mir je erträumt habe, Kai“, antwortete sie leise, aber mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Die Kinder, dieses Leben mit dir... Sogar Vlad, der uns als Familie anerkennt. Es gibt kein materielles Geschenk auf dieser Welt, das dies übertreffen könnte.“

​Kai lächelte – ein seltenes, ehrliches Lächeln, das nur ihr vorbehalten war. Er hob ihre Hand an seine Lippen und drückte einen sanften, langen Kuss auf ihre Haut.

​„Ich wusste dass du das sagst...“, murmelte er gegen ihre Handfläche, bevor er sie wieder senkte, sie aber weiterhin festhielt. „Aber ich möchte diesen Tag nicht einfach verstreichen lassen. Wie wäre es, wenn wir uns eine Auszeit nehmen? Nur wir zwei. Ein ganzer Tag im Zentrum von Tokio – keine geschäftlichen Anrufe, keine Termine, keine Bodyguards im Nacken.“

​Er sah kurz nach vorn, als würde er die Route in seinem Kopf planen. „Wir schlendern durch Shibuya, Ginza..., essen irgendwo, wo uns niemand kennt, und am Abend...“ Er hielt kurz inne und ein funkeln trat in seine Augen. „... gehen wir ins Blue Velvet tanzen. So wie in den alten Zeiten, bevor die Welt so kompliziert wurde.“

​Nami spürte ein warmes Kribbeln bei der Erwähnung des Clubs. Das Blue Velvet war schon immer ihr Ort gewesen – dunkel, exklusiv und voller Erinnerungen an die Anfänge ihrer Leidenschaft.

​„Tanzen im Blue Velvet?“, wiederholte sie amüsiert. „Bist du sicher, dass der 'Zar der Tachiwari-Corporation' bereit ist, sich wieder unter das einfache Volk zu mischen?“

​„Für dich“, erwiderte Kai trocken, während er den Bentley geschickt in die Auffahrt zum Ayame-Anwesen lenkte, „würde ich sogar im Regen tanzen. Aber das Blue Velvet hat den Vorteil, dass sie dort meinen Lieblingsdrink und eine Tanzfläche haben, auf der ich dich endlich wieder so halten kann, wie ich es heute Mittag im Büro vorhatte, bevor Vlad uns unterbrochen hat.“

​Nami lachte leise und drückte seine Hand fest. „Abgemacht, Monsieur Hiwatari. Ich freue mich darauf.“

30er Geburtstag mit einem Hauch Nostalgie

​Die Morgensonne stahl sich sanft durch die schweren Samtvorhänge des Hauptschlafzimmers im Anwesen und tanzte auf dem weißen Laken. Nami regte sich schläfrig und genoss die ungewohnte Stille – Kai hatte sich für heute strikt frei genommen, keine Termine, kein Tower. Doch die Stille war trügerisch.

​Draußen auf dem Flur war ein unterdrücktes Kichern zu hören, gefolgt von einem heftigen „Pst!“ und dem leisen Klappern von Porzellan. Dann schwang die Tür einen Spaltbreit auf. Gou führte die Prozession an, mit der ernsten Miene seines Vaters, während er ein Tablett mit dampfendem Tee und frischen Croissants balancierte. Hinter ihm stolperten die Zwillinge Ayumi und Ren, die fast darüber stritten, wer die Vase mit den frischen Lilien halten durfte, und ganz am Ende watschelte die kleine Sayuri, die sich mühsam an einer selbst gemalten Karte festklammerte.

​„Alles Gute zum Geburtstag, Mama!“, riefen sie im Chor, als sie das Bett stürmten.

​Kai, der bereits wach war und den Kopf auf den Arm gestützt hatte, schmunzelte und rückte die Kissen für Nami zurecht. „Ich glaube, mit der Ruhe ist es erst einmal vorbei“, murmelte er und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe, bevor die Kinder das Bett mit Krümeln, Blumen und Umarmungen fluteten.
 

„Und alles Gute zum elften Geburtstag für dich, Gou!“, fügte Nami strahlend hinzu und streckte die Arme nach ihrem ältesten Sohn aus.

​Es war eine Tradition im Hause Hiwatari: Mutter und Sohn teilten sich diesen besonderen Tag. Während Nami heute die Dreißig erreichte, trat Gou offiziell in sein elftes Lebensjahr ein. Er stellte das Tablett vorsichtig auf den Nachttisch und ließ sich von Nami fest in den Arm nehmen. Kai legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter und drückte sie fest – eine stumme Geste der Anerkennung zwischen zwei Männern, die sich von Jahr zu Jahr ähnlicher wurden.
 

​Mitten in diesem Chaos aus Kinderlachen und Geburtstagsglück vibrierte Namis Handy auf dem Nachttisch. Sie fischte es zwischen den Decken hervor. „Es ist Lumina“, sagte sie überrascht und nahm ab.

​„Alles Liebe, Geburtstagskind!“, tönte Luminas helle Stimme aus dem Lautsprecher. „Hör zu, ich weiß, Kai hat dich heute für sich beansprucht, aber ich kann dich doch nicht dreißig werden lassen, ohne mit dir anzustoßen. Hast du Lust auf einen schnellen Kaffee in unserem Stammcafé in Ginza? Nur ein Stündchen vor dem Mittagessen?“

​Nami warf einen Blick auf Kai, der gerade Sayuri davon abhielt, den Tee über die Bettdecke zu gießen. „Ach Lumina, das ist lieb, aber eigentlich verbringe ich den Tag heute mit Kai und...“

​Bevor sie den Satz beenden konnte, griff Kai mit einer schnellen Bewegung nach dem Handy und nahm es ihr aus der Hand. Sein Blick war ruhig, aber bestimmt.

​„Lumina?“, sagte er in das Telefon, während Nami ihn verblüfft ansah. „Das passt eigentlich ganz gut. Ich habe noch ein paar Vorbereitungen für heute Abend zu treffen, die Nami nicht sehen soll. Aber ich gebe dir maximal zwei Stunden. Ich werde sie um Punkt elf Uhr am Café abholen, damit wir unser Programm fortsetzen können. Verstanden?“
 

Er warf Nami ein vielsagendes, fast schon verboten attraktives Grinsen zu.
 

​Ein kurzes Lachen war am anderen Ende zu hören, bevor Kai das Gespräch beendete und das Handy zurücklegte. Er sah Nami an, sein Blick weichte merklich auf.

​„Zwei Stunden“, wiederholte er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
 

„Zieh dich an, mein Schatz. Claire hilft den Kindern unten, die letzten Vorbereitungen für Gous Freunde zu treffen. Makoto und Rin werden pünktlich sein, und ich möchte, dass du vorher ein wenig Zeit für dich hast, bevor ich dich ausführe und heute Abend in das Blue Velvet entführe.“
 

​Nami lächelte, beeindruckt von seiner Effizienz, und zog ihn ein Stück zu sich herab. „Du planst also hinter meinem Rücken, Monsieur Hiwatari?“

​„Immer“, erwiderte er trocken.

„Denkst du wirklich, zwei Stunden reichen Lumina, um mir alle Neuigkeiten der letzten Wochen zu erzählen?“

​„Sie wird sich beeilen müssen“, erwiderte Kai und zog sie für einen kurzen, intensiven Kuss in seine Arme. „Denn ab elf Uhr gehört die Zeit wieder ausschließlich dem Geburtstagskind.“
 

Das Café in Ginza war eine Oase der Ruhe inmitten des quirligen Tokioter Vormittags. Lumina saß bereits an ihrem Stammplatz am Fenster und winkte Nami aufgeregt zu, als diese das Lokal betrat.

​Nami hatte sich für diesen Vormittag bewusst gegen die kühle Eleganz der Marketing-Direktorin entschieden. Sie trug einen kurzen, figurbetonten Off-Shoulder-Overall in einem zarten Rosé, der an den Säumen mit verspielten Rüschen besetzt war – ein Outfit, das sie so auch in ihrer Jugend getragen hatte. Es betonte ihre schlanke Figur und ließ ihre Haut fast wie karamelles Porzellan wirken, während ihr weißes Haar, das ihr bis knapp über das Gesäß reichte, bei jedem Schritt sanft mitschwang. Passende Pumps in derselben Nuance rundeten den Look ab und verliehen ihr eine jugendliche Frische, die in starkem Kontrast zu der Macht stand, die sie normalerweise im Tower repräsentierte.

​„Dreißig!“, rief Lumina ihrer Cousine entgegen, kaum dass Nami sich gesetzt hatte. Sie hob ihr Glas Champagner und musterte Nami mit einem bewundernden Blick. „Du siehst aus wie achtzehn, Nami! Dieser Overall... er erinnert mich an die Zeit, als wir noch keine Imperien leiten mussten. Du hast dir dieses junge Strahlen wirklich bewahrt.“

​Nami lachte leise und stieß mit ihrer Cousine an. „Danke, Lumina. Ich wollte mich heute einfach nicht wie die 'Frau CEO' fühlen. Zumindest für die zwei Stunden, die Kai uns gewährt hat.“

​Lumina lehnte sich vor, ihre Augen blitzten neugierig. „Apropos Kai. Er klang am Telefon... nun ja, wie er eben klingt. Aber da war dieser Unterton. Sag mal, bilde ich mir das ein, oder ist seine Ausstrahlung in letzter Zeit noch intensiver geworden? Er wirkt, als würde er den Raum nicht nur betreten, sondern ihn energetisch in Brand setzen. Sogar durch das Telefon spürt man diese Hitze.“

​Nami nippte an ihrem Glas und spürte, wie eine leichte Wärme in ihre Wangen stieg, während sie an das Erlebnis im Büro dachte. „Du bildest dir das nicht ein. Er verändert sich. Vlad hat es neulich im Restaurant auch bemerkt.“

​„Und wie gehst du damit um?“, fragte Lumina mit einem vielsagenden Grinsen. „Ich meine, ein Mann, der buchstäblich vor Leidenschaft glüht...“

​„Ich bin die Einzige, die nah genug an das Feuer herantreten kann, ohne sich zu verbrennen“, erwiderte Nami schlicht, doch in ihrem Blick lag eine Tiefe, die Lumina für einen Moment verstummen ließ. „Er ist fordernder geworden, ja. Und seine Dunkelheit braucht einen Anker. Ohne mich würde dieses Feuer ihn wahrscheinlich irgendwann verzehren. Aber genau das macht es so intensiv zwischen uns.“
 

Nami nippte nachdenklich an ihrem Champagner, während das Gespräch eine vertraulichere Wendung nahm. Sie lehnte sich ein Stück vor, ein freches Funkeln in den Augen, das Lumina sofort signalisierte, dass nun die wirklich interessanten Themen auf den Tisch kamen.

​„Aber genug von Kais feuriger Aura“, sagte Nami leise und senkte die Stimme. „Lass uns über Tala reden. Sag mir... bereust du es eigentlich, dass du ihm damals das Geheimnis der zwölften Welle erzählt hast? Ich weiß noch genau, wie Hilary mich ausgequetscht hat, bis ich zugegeben habe, dass Kai diese beinahe besessene Motivation entwickelt hat, mich so oft hintereinander zum Höhepunkt zu treiben, bis mein Körper einfach kapitulierte.“

​Lumina prustete beinahe in ihren Kaffee, doch dann verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck in eine Mischung aus Stolz und gespielter Erschöpfung. „Bereuen? Nein. Aber ich hätte wissen müssen, dass man einem Mann wie Tala so etwas nicht erzählt, ohne eine Lawine loszutreten. Er hat das natürlich sofort als persönliche Herausforderung gesehen. Er lässt sich doch nicht von deinem Zar in Sachen Ausdauer und Dominanz übertrumpfen.“

​Nami kicherte und stützte ihr Kinn auf die Handfläche. „Und? Wie ist der Stand der Dinge bei euch?“

​Lumina verdrehte amüsiert die Augen. „Nun ja, Tala hat danach nur trocken angemerkt, dass er keine Zahlen nennen muss, um seinen Punkt zu machen. Er sagte mir damals mit diesem unerträglich stolzen Blick, dass es wohl reicht, wenn ich jetzt erst einmal ein paar Tage kaum laufen könne. Er ist genauso schlimm wie Kai – dieser Konkurrenzkampf scheint sich bei den beiden bis ins Schlafzimmer zu ziehen.“

​Beide Frauen lachten herzlich über die Absurdität ihrer Männer, die selbst in ihrer Leidenschaft noch wie die Anführer der alten Blade-Generation agierten.

​Es war mittlerweile halb elf. Die Sonne schien warm auf die Straßen von Ginza, und der angrenzende Park mit seinen gepflegten Wegen und den schattigen Bäumen wirkte verlockend. Nami spürte, dass sie nach dem langen Sitzen und dem Champagner ein wenig Bewegung brauchte.

​„Weißt du was? Lass uns doch eine Runde durch den Park laufen“, schlug Nami vor. „Die Luft ist herrlich.“

​Sie zückte ihr Handy und tippte eine kurze Nachricht an Kai: „Bin mit Lumina im angrenzenden Park für einen kleinen Spaziergang. Holst du mich dort ab? Der Parkeingang beim Brunnen um 11 Uhr. Kuss.“

​Sie steckte das Handy weg, strich sich den rosèfarbenen Overall glatt und erhob sich. Gemeinsam mit Lumina verließ sie das Café. Die leichte Brise im Park spielte mit ihrem hüftlangen weißen Haar, während sie langsam die Wege entlangschlenderten. Nami genoss die Freiheit des Augenblicks, auch wenn sie genau wusste, dass in weniger als dreißig Minuten der dunkelgrüne Bentley vorfahren würde – und mit ihm ein Mann, der wahrscheinlich schon jetzt die Sekunden zählte, bis er sein „Geburtstagskind“ wieder unter seiner Kontrolle hatte.
 

​„Du ahnst ja gar nicht, was da draußen wieder los ist, Nami“, hatte Lumina belustigt gesagt und ihr das Handy unter die Nase gehalten. „Schau dir das an. Die Paparazzi-Fotos von euch beiden aus der Mittagspause vor dem Restaurant sind bereits viral gegangen. Es gibt sogar einen neuen Hashtag, der gerade alles sprengt: #EinMannBesessenVonSeinerFrau.“

​Nami hatte einen kurzen Blick auf das Display geworfen. Man sah Kai, wie er sie im Vorbeigehen fast schon beschützerisch an der Taille hielt, sein Blick so intensiv auf sie gerichtet, dass die Kamera das rubinrote Glühen seiner Augen fast wie ein Nachglühen eingefangen hatte.

​Lumina lachte leise. „Die Leute im Netz drehen völlig durch. Sie analysieren jeden Zentimeter seiner Körpersprache. Sag mal, liest du dir diese ganzen Online-Artikel eigentlich noch durch? Da gibt es ganze Foren, die nur über die ‚Dynamik der Hiwataris‘ philosophieren.“

​Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und strich sich eine Strähne ihres weißen Haares hinter das Ohr. „Ganz ehrlich? Ich habe es mir vor einiger Zeit komplett abgewöhnt. Es wurde mir einfach zu viel.“

​Sie hielt kurz inne und ein leichtes, fast verlegenes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ich weiß noch, wie wild es zuging, als Kai und ich dieses gemeinsame Unterwäsche-Shooting für diese exklusive Unterwäsche-Linie hatten. Damals waren die Artikel und Kommentare teilweise so... nun ja, explizit und ausschweifend, dass ich beschlossen habe, mein Privatleben nicht mehr durch die Linse fremder Menschen zu betrachten. Was zwischen uns passiert, braucht keinen Feed und keine Klicks.“

​Lumina nickte verstehend. „Das Shooting war ja auch legendär. Ich glaube, die halbe männliche Weltbevölkerung war neidisch auf Kai, und die weibliche Hälfte wollte an deiner Stelle sein. Aber ich verstehe dich. Wenn man das Feuer jeden Tag live zu Hause hat, braucht man keine Kommentare in den sozialen Medien, die einem das erklären.“
 

Als Nami mit Lumina den breiten Kiesweg in der Nähe des Brunnens entlangschlenderte, sah sie ihn. Kai hatte den Wagen offenbar am Parkrand abgestellt und kam ihr nun zu Fuß entgegen. Die Mittagssonne brach sich in den Baumkronen und warf tanzende Schatten auf seinen Weg.

​Nami blieb unwillkürlich stehen. Es war ein seltener Anblick: Kai Hiwatari, mitten in der Stadt, am helllichten Tag, ohne die schützende Hülle einer Limousine oder die Mauern des Towers. Er trug eine dunkle, locker sitzende Hose und ein schwarzes, eng anliegendes Shirt – eine ungewohnte Wahl, da er im Alltag fast ausschließlich maßgeschneiderte Hemden bevorzugte. Das elastische Material betonte die harten Konturen seiner Brust und Schultern, und für einen Moment fühlte Nami sich Jahre zurückversetzt. In diesem schlichten Outfit wirkte er wieder wie der junge Mann, den sie damals kennengelernt hatte; gefährlich, athletisch und von einer rohen Attraktivität, die nichts mit seinem Status als CEO zu tun hatte.

​Lumina stieß Nami leise mit dem Ellbogen an und raunte: „Gütiger Himmel, Nami... er sieht aus, als wäre er gerade aus einem deiner Träume von früher entsprungen.“

​Kai blieb ein paar Schritte vor ihnen stehen. Sein Blick war intensiv und wanderte langsam, fast schon tastend, über ihren roséfunkelnden Overall. Ein seltenes, amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, was seine Züge schlagartig weicher machte.

​„Diesen Overall...“, begann er mit seiner tiefen, leicht rauen Stimme. Das Rubinrot seiner Augen leuchtete im Tageslicht beinah unwirklich kräftig. „... den habe ich seit über zehn Jahren nicht mehr an dir gesehen.“

​Er trat noch einen Schritt näher, ignorierte die neugierigen Blicke einiger Passanten völlig und legte Nami eine Hand auf die Taille. „Es scheint, als hätten wir heute Morgen beide denselben Einfall gehabt, was die Wahl unserer Kleidung angeht. Zurück zu den Anfängen?“

​Nami legte ihm die Hände auf die Brust und spürte die Hitze, die er ausstrahlte, selbst durch den Stoff des schwarzen Shirts. „Es fühlte sich heute einfach richtig an. Keine Kostüme, keine Rollen. Nur wir.“

​Kai nickte und sah kurz zu Lumina, der er ein knappes, aber respektvolles Nicken schenkte. „Ich nehme sie jetzt mit, Lumina. Die zwei Stunden sind um.“

​„Schon gut, Kai“, lachte Lumina und hob abwehrend die Hände. „Ich weiß, wann ich gegen den Zaren keine Chance habe. Viel Spaß euch beiden!“

​Als Lumina sich verabschiedete und in die entgegengesetzte Richtung davonging, zog Kai Nami enger an sich. Er hielt sein Versprechen: keine Bodyguards, keine Anrufe. „Heute gibt es keine Tachiwari-Corporation“, murmelte er ihr ins Ohr, während sie sich langsam in Richtung Parkausgang in Bewegung setzten. „Nur ein ganz normaler Pärchentag in Tokio. Wir gehen essen, wir laufen durch die Stadt... und heute Abend gehört die Tanzfläche im Blue Velvet uns. So wie früher.“

​Nami genoss das Gefühl, seinen starken Arm um ihre Taille zu wissen, während sie wie zwei ganz normale Verliebte durch das Herz der Metropole schlenderten. Es war das schönste Geburtstagsgeschenk, das er ihr machen konnte: ein Stück Unbeschwertheit in einer Welt, die sie beide oft genug forderte.

Kai führte Nami behutsam aus dem Park, seine Hand ruhte dabei fest und besitzergreifend auf ihrem unteren Rücken. Es war ein seltsames, fast berauschendes Gefühl für beide, sich so ungeschützt unter die Menschen zu mischen. In Shibuya angekommen, tauchten sie in das tosende Meer aus Menschen, Leuchtreklamen und dem ständigen Summen der Stadt ein.

​Obwohl sie versuchten, als „ganz normales Ehepaar“ durchzugehen, war die Wirkung, die sie auf ihre Umgebung hatten, ungebrochen. Kai in seinem engen schwarzen Shirt und der lockeren Hose strahlte eine maskuline Dominanz aus, die die Passanten unbewusst dazu brachte, ihnen Platz zu machen. Nami an seiner Seite, in ihrem frechen rosėfarbenen Overall und mit dem weißen Haar, das wie ein Wasserfall über ihren Rücken floss, wirkte wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

​„Siehst du das?“, flüsterte Nami amüsiert, als sie an den Schaufenstern der Luxusläden in der Omotesando-Dōri vorbeischlenderten. „Die Leute starren immer noch. Ich glaube, wir können uns einfach nicht verstecken, Kai.“

​Kai warf einen kurzen Blick auf eine Gruppe Jugendlicher, die sie mit offenem Mund beobachteten, und zog Nami nur noch ein Stück enger an sich. „Sollen sie starren“, brummte er trocken. Ein gefährliches, aber zufriedenes Funkeln lag in seinen Augen. „Solange sie nur schauen und nicht stören.“

​Sie machten Halt an einem kleinen, versteckten Stand für Takoyaki – weit weg von den gehobenen Restaurants, die sie sonst besuchten. Kai kaufte eine Portion, und sie teilten sich die heißen Teigbällchen direkt auf der Straße, lachend und völlig losgelöst von den Verpflichtungen ihres Imperiums. Nami beobachtete ihn dabei, wie er sich entspannte; die Härte in seinen Zügen war nicht verschwunden, aber sie war heute von einer tiefen Zuneigung zu ihr überlagert.

​„Es ist fast so, als wären wir wieder achtzehn“, sagte Nami leise, während sie seinen Arm streifte.

​„Nur dass ich dich diesmal am Ende des Tages nicht nach Hause bringen muss, sondern du bereits dort bist“, erwiderte Kai mit dieser tiefen, rauen Stimme, die bei Nami immer noch eine Gänsehaut verursachte.

​Der Nachmittag verging wie im Flug. Sie schlenderten durch Harajuku, ließen sich vom bunten Treiben mitziehen und genossen die Anonymität, die ihnen ihre Kleidung zumindest teilweise gewährte. Doch je tiefer die Sonne sank und den Himmel über Tokio in ein brennendes Orange tauchte, desto mehr veränderte sich die Energie zwischen ihnen.
 

In Harajuku angekommen, tauchten sie tiefer in die verwinkelten Gassen abseits der überfüllten Takeshita Street ein. Kai hatte seine Hand nun fest in ihre geschoben, ihre Finger waren untrennbar miteinander verschränkt. Es war eine schlichte Geste, doch für Nami fühlte sie sich in diesem Moment monumental an.

​Während sie so durch das bunte Treiben schlenderten, überkam Nami ein seltsames, fast überwältigendes Gefühl. Sie blickte auf ihre verschränkten Hände und dann hinauf zu Kai, dessen Profil im weichen Nachmittagslicht fast schon unwirklich scharf wirkte. Es war verrückt – sie waren seit beinahe elf Jahren verheiratet, hatten vier Kinder großgezogen und gemeinsam Kriege im Geschäftsleben sowie auf dem Beystadium ausgefochten. Doch heute, in diesem rosafarbenen Overall und an der Seite dieses Mannes im schlichten schwarzen Shirt, fühlte sie sich wieder wie das Mädchen von damals.

​Die Schmetterlinge in ihrem Bauch, von denen sie dachte, sie seien längst einer tiefen, beständigen Vertrautheit und Liebe gewichen, flatterten plötzlich wild und ungestüm. Es war diese Mischung aus Nostalgie und der ungebrochenen, starken Leidenschaft, die Kai immer noch in ihr auslöste. Ihre Wangen röteten sich leicht, und sie konnte ein verträumtes Lächeln nicht unterdrücken.

​Kai, dessen Sinne ohnehin immer auf sie geeicht waren, bemerkte die Veränderung sofort. Er hielt inne, mitten auf einem etwas ruhigeren Gehweg, der von Kirschbäumen gesäumt war, deren Blätter im Wind raschelten. Er drehte sich zu ihr um, seine Augen suchten die ihren und fanden dort die unverschleierte Antwort auf seine unausgesprochene Frage. Er wusste genau, worüber sie nachdachte, weil er dasselbe fühlte: Diese zeitlose Verbindung, die niemals alt wurde.

​Ohne ein Wort zu sagen, legte er seine Hände an ihre Taille und zog sie sanft, aber bestimmt zu sich heran. Nami legte ihre Hände flach auf seine Brust, spürte das feste Pochen seines Herzens und die Hitze, die durch sein Shirt drang.

​Kai neigte den Kopf und küsste sie. Es war kein besitzergreifender oder fordernder Kuss, wie er ihn oft im Tower oder im Schlafzimmer gab. Es war ein langer, langsamer und unbeschreiblich zarter Kuss.

​Nami spürte, wie ihre Knie weich wurden. Die Schmetterlinge in ihrem Inneren schienen nun regelrecht zu explodieren. Als sich ihre Lippen schließlich voneinander lösten, suchte sie Halt, indem sie ihre Stirn gegen seine lehnte. Sie hielt die Augen fest geschlossen, während ihr Atem flach und schnell gegen seine Haut stieß.

​„Nami...“, flüsterte Kai, seine Stimme war nur noch ein tiefes, raues Beben direkt an ihren Lippen. Er atmete ihren Duft ein, als wäre er eine Droge. „Ich liebe dich über alles. Mehr als ich jemals in Worte fassen könnte.“

​Er machte eine kurze Pause, und sie spürte, wie seine Hände an ihrer Taille ein klein wenig fester zudrückten. „Und die Art, wie du mich gerade angesehen hast... diese Reaktion von dir... sie macht mich gerade komplett wahnsinnig.“

​Nami öffnete die Augen und blickte in das glühende Rubinrot seiner Iris, das nun von einer tiefen Emotionalität erfüllt war. In diesem Moment war der „Zar“ verschwunden – da war nur noch der Mann, der ihr Herz vor zwölf Jahren gestohlen hatte.
 

Der Rückweg zum Wagen verlief fast schweigend, doch es war eine Stille, die vor Elektrizität nur so knisterte. Kai hielt ihre Hand so fest, als würde er befürchten, dass dieser Moment der puren Nostalgie zerbrechen könnte, wenn er losließe. Als sie den Bentley erreichten und die Türen hinter ihnen ins Schloss fielen, fühlte sich die plötzliche Ruhe im Innenraum fast wie ein Heiligtum an.

​Kai startete den Motor, der mit einem dumpfen Grollen zum Leben erwachte, doch er fuhr nicht sofort los. Er sah Nami von der Seite an – ihr Haar war durch den Wind im Park und in Harajuku leicht zerzaust, ihre Lippen waren von seinem Kuss noch immer leicht geschwollen und gerötet. Das Rubinrot in seinen Augen glühte im Schatten des Wagens dunkler, konzentrierter.

​„Bereit für das nächste Kapitel dieses Tages?“, fragte er leise.

​Nami nickte und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel, wo sie die harten Muskeln unter dem Stoff seiner Hose spürte. „Mehr als bereit.“

​Die Fahrt zum Ayame-Anwesen führte sie raus aus dem glitzernden Zentrum Tokios, hinein in die ruhigeren, grüneren Randbezirke. Während die Sonne wie ein riesiger, blutroter Ball hinter der Skyline versank und den Himmel in violette und tiefblaue Nuancen tauchte, beobachtete Nami, wie die Lichter der Stadt nach und nach angingen. Das Gefühl der Schmetterlinge war geblieben, hatte sich aber nun in eine angenehme, erwartungsvolle Vorfreude verwandelt.

​Als sie schließlich durch das schwere Eisentor des Anwesens rollten und die geschotterte Auffahrt zum 70 Jahre alten Herrenhaus hinauffuhren, sahen sie schon von weitem, dass im Dojo noch Licht brannte. Das Anwesen wirkte in der Dämmerung mit seiner traditionellen Architektur und den modernisierten Akzenten wie eine Festung der Ruhe.

​Noch bevor Kai den Motor ganz abgestellt hatte, flog die Tür zum Haus auf. Gou stürmte heraus, gefolgt von Makoto und Rin. Beide Jungs bis auf die schüchtern blickende Rin, waren schweißgebadet, ihre Trainingskleidung klebte an ihren Körpern, aber ihre Augen leuchteten vor Begeisterung.

​„Mama! Vater! Ihr seid zurück!“, rief Gou, während er auf den Wagen zulief. Er blieb kurz vor der Fahrertür stehen und musterte seinen Vater mit einem neugierigen Blick. „Vater... du trägst ein Shirt? Und keinen Anzug?“

​Kai stieg aus, ein kurzes, fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen. Er wirkte in diesem Moment so entspannt und gleichzeitig so kraftvoll, dass selbst die Jungen kurz innehielten. „Es ist ein besonderer Tag, Gou. Wie war das Training?“

​Makoto trat vor, wischte sich den Schweiß von der Stirn und verbeugte sich respektvoll vor Nami und Kai. „Gou ist unerbittlich. Er hat uns Techniken gezeigt, die wir noch nie gesehen haben. Er meinte, sie kämen direkt aus dem Tower-Training.“

​Nami stieg ebenfalls aus und Gou umarmte sie ungewohnt stürmisch.

​Kai legte seinem Sohn eine Hand auf den Kopf. „Gut. Dann verschwindet jetzt unter die Dusche, ihr drei. Wir ziehen uns ebenfalls um. Wir haben noch ein Date im Blue Velvet.“

​Gou grinste wissend zu Makoto rüber. Sie kannten diese Blicke zwischen den Eltern. „Verstanden, Vater. Viel Erfolg beim Tanzen.“

Das Innere des Ayame-Anwesens empfing sie mit der gewohnten, ehrwürdigen Stille, die nur gelegentlich vom fernen Lachen der Kinder aus dem Garten unterbrochen wurde. Claire war bereits dabei, die kleine Sayuri bettfertig zu machen, während die Jungen polternd in Richtung der Duschen verschwanden.

​Kai und Nami stiegen die breite Treppe zum Hauptschlafzimmer hinauf. Im Zimmer angekommen, schloss Kai die Tür hinter sich mit einem leisen Klicken ab. Die Atmosphäre änderte sich augenblicklich. Das sanfte Abendlicht der Dämmerung fiel durch die Fenster und tauchte den Raum in ein tiefes Violett.

​Nami trat vor den großen, antiken Spiegel. Sie atmete tief durch, das Gefühl der Schmetterlinge aus Harajuku war nun einer knisternden, erwachsenen Spannung gewichen. Sie öffnete den Schrank und griff nach einem Kleiderbügel.

​„Ich dachte, heute Abend verzichte ich mal auf die lange Abendrobe“, sagte sie leise und hielt ein Kleid hoch, das selbst für ihre Verhältnisse gewagt war. Es war ein kurzes, nachtblaues Seidenkleid mit feinen Spaghettiträgern, das kaum bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Der Rücken war tief ausgeschnitten, und der Stoff schimmerte wie die Oberfläche des Ozeans bei Nacht.

​Kai, der bereits dabei war, sein schwarzes Shirt über den Kopf zu ziehen, hielt inne. Sein Blick fixierte das Kleid und dann Nami. Die Muskeln an seinem Rücken spielten unter der Haut, und die Hitze, die er ausstrahlte, schien den Raum innerhalb von Sekunden aufzuheizen. Das Rubinrot in seinen Augen war nun wieder dieses dominante, besessene Leuchten.

​„Wenn du dieses Kleid im Blue Velvet trägst...“, begann er mit einer Stimme, die so tief war, dass Nami sie im Magen spürte, „... werde ich den ganzen Abend keinen Millimeter von deiner Seite weichen. Ich werde jeden Mann eigenhändig aus dem Club werfen, der es wagt, dich auch nur eine Sekunde zu lang anzusehen.“

​Nami lächelte herausfordernd und schlüpfte aus ihrem Overall. Sie streifte das kühle Seidenkleid über ihren Körper, das sich wie eine zweite Haut an ihre Kurven schmiegte. „Dann ist es ja gut, dass ich nur mit dir tanzen will, Kai.“

​Sie drehte ihm den Rücken zu und hielt ihr langes, weißes Haar zur Seite, um den Reißverschluss freizugeben. „Hilfst du mir?“

​Kai trat hinter sie. Seine Präsenz war wie eine physische Wand aus Hitze. Er legte seine großen, warmen Hände auf ihre nackten Schultern, und Nami konnte nicht verhindern, dass ein Schauer über ihren Rücken lief. Er küsste sanft die empfindliche Stelle an ihrem Nacken, bevor seine Finger zum zierlichen Reißverschluss am unteren Rücken wanderten.

​Er zog ihn nicht sofort hoch. Stattdessen strichen seine Daumen über die zarte Haut ihrer Wirbelsäule, langsam und bedächtig, genau so, wie er es vorhin im Park versprochen hatte. Seine Berührung war nun wieder fordernder, elektrisierend.

​„Du machst mich wahnsinnig, Nami“, raunte er gegen ihre Haut, während er den Verschluss schließlich mit einer langsamen Bewegung schloss. Er legte seine Arme von hinten um ihre Taille und zog sie fest gegen seine harte Brust. Im Spiegel trafen sich ihre Blicke – der kühle Ozean und das lodernde Feuer. „Dreißig Jahre alt... und du hast noch nie schöner ausgesehen.“

​Er drehte sie in seinen Armen um, seine Hände wanderten tiefer zu ihren Hüften, während er sie intensiv musterte. „Lass uns gehen, bevor ich meine Meinung ändere und wir den Abend doch lieber hier verbringen.“

​Nami lachte leise und legte ihm die Hände in den Nacken. „Der Zar hat Angst vor seiner eigenen Leidenschaft?“

​„Nein“, entgegnete er und gab ihr einen kurzen, brennenden Kuss. „Der Zar fordert heute nur sein Recht ein. Auf allen Ebenen.“
 

Der schwarze Sportwagen kam mit einem tiefen Grollen direkt vor dem hell erleuchteten Eingang des Blue Velvet zum Stehen. Der Wagen war kaum zum Stillstand gekommen, als der Clubbesitzer bereits persönlich herbeieilte, um ihnen die Türen zu öffnen.

​Kai stieg aus, nun wieder in einer dunklen, perfekt sitzenden Hose und einem schwarzen Hemd, dessen oberste Knöpfe er offen gelassen hatte. Er wirkte gefährlich, elegant und absolut herrisch. Er reichte Nami die Hand und half ihr aus dem Wagen. In ihrem kurzen, nachtblauen Seidenkleid, das bei jeder Bewegung verführerisch schimmerte, war sie der Inbegriff von Schönheit.

​Als sie auf den Eingang zugingen, suchte Kai nicht ihren Rücken, sondern griff gezielt nach ihrer Hand. Er hatte heute in Harajuku gespürt, wie sehr Nami diese einfache, aber tiefe Geste der Verbundenheit genoss – die verschränkten Finger, die stumme Kommunikation ihrer Haut. Es war ein Zeichen von Gleichberechtigung und Nähe, das weit über seinen üblichen Besitzanspruch hinausging.

​Die Türsteher verbeugten sich tief, während das Paar den edlen, in gedämpftes blaues Licht getauchten Eingangsbereich durchschritt. Der Bass der Musik vibrierte bereits in ihren Brustkörben. Kai führte Nami zielsicher an der wartenden Menge vorbei in Richtung des exklusiven VIP-Bereichs, der die Tanzfläche von oben überblickte.

​Doch als sie die schweren Vorhänge zur großen Lounge beiseite schoben, passierte es.

​Ein lauter Knall echote durch den Raum, und plötzlich regnete es glitzerndes Konfetti in allen Farben des Regenbogens auf sie herab.

​„ÜBERRASCHUNG!“, schallte es ihnen aus einem Dutzend vertrauter Kehlen entgegen.

​Nami zuckte kurz zusammen, bevor sie vor Staunen die Hand vor den Mund schlug. Kai blieb stehen, sein Gesicht eine Maske der Beherrschung, doch in seinen Augen blitzte ein seltenes, zufriedenes Amüsement auf. Er drückte Namis Hand ein wenig fester – er war natürlich eingeweiht gewesen.

​Als sich der Konfettinebel lichtete, traute Nami ihren Augen kaum. In der Mitte der luxuriösen Lounge standen Lumina und Tala, beide mit einem wissenden Grinsen. Tala hielt ein Glas Champagner und nickte Kai respektvoll zu.

​Daneben strahlten Namis Bruder Kenji und Momoko, die sichtlich froh waren, die Beiden wiederzusehen. Doch der größte Schock für Nami kam von der Gruppe direkt dahinter.

​Ray und Mariah waren extra aus China eingeflogen! Ray wirkte so ruhig und gelassen wie eh und je, während Mariah Nami bereits entgegenstürmte, um sie zu umarmen.

​Und als wäre das nicht genug, traten Max und Midori, Namis jüngere Schwester, aus dem Schatten. „Alles Gute, große Schwester!“, rief Midori lachend. Die beiden waren tatsächlich den weiten Weg aus den USA gekommen, um diesen Tag mit ihnen zu feiern.

​Sogar Tyson und Hilary waren da, wobei Tyson bereits dabei war, sich lautstark über das Buffet zu freuen, während Hilary versuchte, ihn zur Räson zu bringen. Und im Hintergrund, fast schon hinter einem Laptop verschwindend, winkte Kenny schüchtern in die Runde.

​„Du... du hast sie alle hergeholt?“, flüsterte Nami und sah zu Kai auf, während ihr Tränen der Freude in die Augen stiegen.

​Kai neigte leicht den Kopf zu ihr. „Ich sagte doch, es wird ein besonderer Tag. Der Zar lässt seine Frau nicht ohne ihre engsten Verbündeten dreißig werden.“

​Die Musik im Club wechselte zu einem treibenden, aber eleganten Beat, und die Gruppe stürmte auf Nami zu, um sie zu beglückwünschen. Es war ein Wiedersehen der alten Blade-Generation, wie es seit Jahren nicht mehr stattgefunden hatte.
 

Die VIP-Lounge des Blue Velvet war erfüllt von einem Lärmpegel, den man dort selten erlebte. Tyson lachte schallend und hatte bereits den ersten Teller vom Buffet in der Hand, während er wild gestikulierend auf Kai zuging.

​„Kai! Alter Junge!“, rief Tyson und schlug ihm beinahe auf die Schulter, bevor er vor Kais kühlem Blick im letzten Moment innehielt. „Jetzt, wo wir alle hier sind... was hältst du von einer kleinen Trainingseinheit unten im Keller des Clubs? Da gibt es ein kleines Bey Stadium. Nur so wie früher? Dragoon brennt darauf, Dranzer mal wieder zu zeigen, wer der Boss auf dem Stadium ist!“

​Kai rührte sich nicht einen Millimeter von Namis Seite. Er hielt ihre Hand weiterhin fest umschlossen, während sein Daumen fast gedankenverloren über ihren Handrücken strich. Das rubinrote Glühen in seinen Augen war heute Abend nicht eisig, sondern von einer tiefen, glühenden Intensität erfüllt.

​„Heute wird nicht gekämpft, Tyson“, erwiderte Kai trocken, doch seine Stimme hatte einen ungewohnt entspannten Unterton. „Heute gibt es nur eine Person, die meine volle Aufmerksamkeit hat. Und die steht direkt neben mir.“

​Hilary tauschte einen vielsagenden Blick mit Mariah und Midori aus. „Seht euch die beiden an“, flüsterte sie grinsend. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie haben sich gerade erst auf dem Schulhof kennengelernt und trauen sich nicht, den anderen loszulassen.“

​„Es ist mehr als das“, bemerkte Mariah und beobachtete, wie Kai Nami ein Glas Champagner reichte, wobei seine Finger ihre Haut einen Moment zu lang berührten. „Die Atmosphäre zwischen ihnen... sie ist mal wieder so dicht, man könnte sie mit einem Messer schneiden. Sie wirken nicht wie ein Ehepaar nach elf Jahren. Sie wirken wie zwei Menschen, die gerade erst begriffen haben, dass sie ohne den anderen nicht atmen können.“

​Nami spürte die neugierigen und amüsierten Blicke ihrer Freunde, doch es war ihr egal. Die Schmetterlinge, die in Harajuku erwacht waren, tobten immer noch in ihrem Bauch. Jedes Mal, wenn Kai sich zu ihr hinunterbeugte, um ihr etwas zuzuflüstern, oder wenn sein Arm sich fest um ihre Taille schlang, um sie näher an sich zu ziehen, fühlte sie diesen elektrisierenden Funken.

​Max lachte und stieß mit Midori an. „Ich sag’s euch, die Luft brennt! Wenn Kai Nami noch einmal so ansieht, fangen die Eiswürfel in unseren Gläsern an zu schmelzen.“

​Tala, der mit Lumina etwas abseits stand, beobachtete seinen alten Rivalen mit einem wissenden, fast schon respektvollen Lächeln. Er kannte die Hitze, von der Vlad gesprochen hatte, nur zu gut. Er sah, wie Kai Nami vor der Gruppe abschirmte – nicht aus Unhöflichkeit, sondern aus einem tiefen, instinktiven Bedürfnis heraus, an ihrem Geburtstag jede Sekunde ihrer Nähe aufzusaugen.

​„Er ist besessen“, murmelte Tala zu Lumina. „Aber auf die bestmögliche Weise.“

​Kai ignorierte Tysons Sprüche über eine Revanche und beugte sich zu Namis Ohr, sein Atem heiß gegen ihre Haut. „Sie merken es alle“, flüsterte er, und ein freches, dunkles Funkeln trat in seine Augen. „Sie merken, dass ich dich heute Abend am liebsten gar nicht teilen würde. Sollen wir ihnen den Gefallen tun und runter auf die Tanzfläche gehen, bevor Tyson noch auf die Idee kommt, hier ein Beystadium aufzubauen?“

​Nami sah ihn strahlend an, ihr Herz klopfte schneller. „Nichts lieber als das, Zar.“

​Als Kai sie zur Tanzfläche führte, verstummten die Gespräche für einen Moment. Die gesamte alte Garde sah zu, wie der früher so unnahbare Kai Hiwatari seine Frau hielt, als wäre sie sein kostbarster Besitz und sein einziger Halt zugleich. Die Leidenschaft, die zwischen ihnen pulsierte, war für jeden im Raum greifbar – ein Feuer, das nach all den Jahren nicht erloschen war, sondern heller brannte als je zuvor.
 

Als Kai Nami die Stufen zur Tanzfläche hinunterführte, schien sich die Energie im Blue Velvet schlagartig zu verdichten. Die Musik wechselte zu einem Track mit einem schweren, hypnotischen Beat, der den Boden unter ihren Füßen zum Beben brachte. Das blaue Licht der Scheinwerfer brach sich auf Namis seidigem Kleid und ließ ihr weißes Haar fast wie flüssiges Silber erscheinen.

​Sobald sie die Mitte der Fläche erreichten, zog Kai sie ohne Zögern an sich. Er legte seine Hände fest auf ihre Hüften und zog sie so nah heran, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. Nami legte ihre Arme um seinen Nacken, ihre Finger spielten mit dem Haar an seinem Hinterkopf. Sie begannen sich im Rhythmus des Basses zu bewegen – eng, synchron und mit einer Intensität, die die Luft um sie herum zum Knistern brachte.

​Nami sah zu ihm auf, ein freches, breites Grinsen auf den Lippen. „Sag mal, Kai...“, hauchte sie gegen den Lärm der Musik, „was ist heute eigentlich los mit dir? Die letzten Jahre musste ich dich fast anflehen, die VIP-Lounge zu verlassen. Du wolltest nie auf die Tanzfläche, egal wie sehr ich gebettelt habe. Was hat sich geändert?“

​Kai sah sie an, das Rubinrot seiner Augen leuchtete im Rhythmus der Stroboskoplichter auf. Er beugte sich so tief zu ihr, dass seine Lippen ihr Ohrläppchen streiften. „Ich habe heute Morgen in Harajuku begriffen, dass ich viel zu viel Zeit damit verschwendet habe, der 'Zar' zu sein, anstatt einfach nur dein Mann“, flüsterte er mit seiner tiefen, rauen Stimme. „Und ehrlich gesagt... ich genieße es viel zu sehr, wie dich in diesem kurzen Kleid jeder ansieht und gleichzeitig jeder weiß, dass du mir gehörst.“

​Nami spürte ein angenehmes Zittern. Sie wusste, dass er diese kleinen Gesten und neckischen Kommentare nur für sie reservierte, weil er genau wusste, wie sehr sie diese Seite an ihm liebte.

​„Du bist unmöglich. Früher haben dich die Blicke gestört.“, flüsterte sie zurück, während sie ihre Stirn an seine lehnte.

​„Zeiten ändern sich...und vielleicht“, raunte er und biss ihr sanft ins Ohr, was ihr einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. „...bin ein einfach ein unmöglicher Mann, der dich über alles liebt. Und ich habe nicht vor, dich heute Abend auch nur für einen Song loszulassen.“

​Die Blicke der anderen Gäste im Club waren wie festgenagelt auf das Paar gerichtet. Normalerweise kannten die Leute Kai Hiwatari nur aus den Wirtschaftsnachrichten – unterkühlt, distanziert, unnahbar. Teilweise auch aus der Klatschpresse wo er mit seinem Blick und seinen öffentlichen Liebesbekenntnissen zu seiner Frau auffällt. Ihn hier zu sehen, wie er sich so hingebungsvoll und voller Leidenschaft mit eben dieser Frau bewegte, war für viele eine Sensation. Frauen flüsterten hinter vorgehaltenen Händen bewundernd über seine Ausstrahlung, während die Männer neidische Blicke auf Nami warfen, die in Kais Armen regelrecht aufblühte.

​Oben auf der VIP-Empore lehnten Tyson, Ray und die anderen am Geländer. Tyson schüttelte nur fassungslos den Kopf. „Ich fass es nicht. Seht euch Kai an. Der Typ sieht aus, als hätte er gerade im Lotto gewonnen und würde den Jackpot am liebsten sofort mit nach Hause nehmen. Vor ein paar Jahren musste man ihn hier auf die Tanzfläche schleifen.“

​„Er hat seinen Anker vor langer Zeit gefunden“, sagte Ray leise und lächelte weise. „Und heute Abend lässt er das Feuer einfach mal brennen.“

​Unten auf der Tanzfläche war die Welt um Kai und Nami herum vollkommen verschwunden. Der Beat pulsierte in ihren Körpern, und während Kai ihr weitere Liebeserklärungen und schmutzige kleine Versprechen ins Ohr flüsterte, fühlte Nami sich lebendiger als je zuvor. Es war der perfekte Abschluss für einen Tag, der als nostalgischer Spaziergang begonnen hatte und nun in einem Feuerwerk der Gefühle endete.

Eine spontane Jagd am Ende des Abends

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Gespannte Nerven am Morgen

Das weiche, goldene Licht des Vormittags sickerte durch die schweren Vorhänge des Hauptschlafzimmers und legte sich wie ein schützender Schleier über das riesige Bett. In der Stille des Raumes war nur das ruhige, gleichmäßige Atmen der beiden zu hören.

​Nami blinzelte verschlafen. Ihr Körper fühlte sich an wie Watte – schwer, angenehm taub und erfüllt von einer tiefen, wohligen Zufriedenheit. Sie spürte die Hitze von Kais Körper direkt hinter sich. Er hatte sie im Schlaf fest an sich gezogen, sein Arm lag schwer und besitzergreifend über ihrer Taille, seine Hand ruhte flach auf ihrem Bauch.
 

​Sie drehte sich ganz langsam in seinem Griff um, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken, doch als sie aufsah, blickten sie bereits zwei rubinrote Augen an. Sie waren noch etwas getrübt vom Schlaf und dem Nachhall des Alkohols, aber der Fokus war bereits wieder da.

​„Guten Morgen, Zar“, hauchte sie und strich ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn.

​Kai antwortete nicht sofort. Er gab lediglich ein tiefes, kehliges Brummen von sich und vergrub sein Gesicht für einen Moment in der Mulde ihres Halses. Nami spürte, wie er tief einatmete. Er wirkte ruhiger als sonst, auch wenn sie die leichte Spannung in seinen Kiefermuskeln bemerkte – ein untrügliches Zeichen dafür, dass sein Kopf die gestrige Shot-Runde mit Tala und Tyson doch nicht ganz ungestraft gelassen hatte.

​„Du bist wach“, stellte er heiser fest. Seine Hand wanderte ein Stück tiefer, seine Finger strichen langsam über ihre Hüfte, genau dorthin, wo er gestern Nacht seine Male hinterlassen hatte.

​Nami genoss die Berührung, doch als sie spürte, wie sein Griff fester wurde und sein Blick dieses vertraute, ehrgeizige Glimmen annahm, hielt sie seine Hand sanft fest. Sie kannte ihn. Kai war ein Perfektionist, auch im Bett. Wenn sie ihm jetzt das Kompliment machte, das ihr auf der Zunge lag, würde sein Stolz ihn dazu treiben, sofort zu beweisen, dass er es heute Morgen noch einmal steigern konnte.

​Aber heute war ihr Körper eine einzige, glückliche Kapitulation und seiner sicherlich ebenfalls...

​„Kai…“, flüsterte sie und zog sein Gesicht zu sich herab, um ihn weich zu küssen. „Es war unglaublich gestern Nacht. Wirklich.“

​Sie sah das triumphierende Blitzen in seinen Augen, die sofortige Bereitschaft, sie erneut unter sich zu begraben. Doch bevor er ansetzen konnte, schüttelte sie lächelnd den Kopf.

​„Aber fass das bitte nicht als Aufforderung auf“, fügte sie leise lachend hinzu. „Ich bin vollkommen glücklich und… absolut am Ende meiner Kräfte. Wenn du mich jetzt nochmal so rannimmst wie im Teezimmer, müssen mich die Kinder heute Nachmittag im Rollstuhl zum Essen schieben.“
 

​Kai hielt inne. Er stieß einen langen, schweren Seufzer aus, der halb Genervtheit und halb Erleichterung war. Er ließ sich zurück in die Kissen sinken und legte sich einen Arm über die Augen. „Der Alkohol macht die Sache nicht einfacher...selbst wenn ich wollte...“, gab er zu, seine Stimme ein raues Knurren. „Mein Schädel fühlt sich an, als hätte Tyson versucht, Dragoon darin zu parken.“

​Nami kicherte und kuschelte sich eng an seine starke, nackte Seite. „Dann ist es vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, dir das hier zu sagen…“

​Kai nahm den Arm vom Gesicht und sah sie misstrauisch von der Seite an. „Was hast du getan, Nami?“

​„Ich habe gestern Abend… im Blue Velvet… alle eingeladen“, gestand sie mit einem entschuldigenden Lächeln. „Zum gemeinsamen Kater-Frühstück. Hier im Anwesen. Um elf Uhr geht es los.“

​Kai schloss die Augen und stöhnte tief auf, ein Geräusch purer Resignation. „Alle? Inklusive Tyson? In diesem Haus? An meinem freien Vormittag?“

​„Er ist dein bester Freund, Kai“, erinnerte sie ihn neckisch und biss ihm sanft in die Schulter. „Und Tala ist auch dabei. Ihr könnt euch gegenseitig bemitleiden, während Graham und Claire uns mit Sarkasmus füttern.“

​„Ich werde Tyson eigenhändig im Koi-Teich ertränken, wenn er zu laut lacht“, murmelte Kai, zog sie aber trotzdem wieder fest an sich und gab ihr einen langen, besitzergreifenden Kuss auf die Schläfe. „Aber gut. Wenn es dich glücklich macht… werde ich so tun, als wäre ich ein geselliger Mensch.“
 

​„Du bist ein wunderbarer Ehemann“, flüsterte sie.
 

​„Ich bin ein verkaterteter Ehemann mit zu vielen Gästen“, korrigierte er sie trocken, während er seine Hand wieder auf ihrem Rücken ruhen ließ und die letzten Minuten der Ruhe genoss, bevor das Chaos im Erdgeschoss seinen Lauf nehmen würde.
 

Das Sonnenlicht flutete durch die hohen Fenster des Speisesaals im Anwesen und tanzte auf dem antiken Silberbesteck, das Graham mit gewohnter Präzision aufgelegt hatte. Es war kurz nach elf Uhr, und die Luft war erfüllt vom Duft nach frisch geröstetem Kaffee, Miso-Suppe und französischen Croissants – ein kulinarisches Zugeständnis an Claire Beaumonts Herkunft.

​Nami saß bereits am Kopfende, in einen seidenen Morgenmantel gehüllt. Obwohl sie sich nach der Nacht im Teezimmer noch immer etwas weich in den Knien fühlte, wirkte sie erholt. Kai hingegen saß neben ihr und starrte mit einer Miene, die Granit Konkurrenz gemacht hätte, in seine schwarze Kaffeetasse. Das Rubinrot seiner Augen wirkte heute Morgen besonders intensiv, was vermutlich an der Kombination aus Schlafmangel und dem russischen Durchhaltevermögen lag.

​Die Tür schwang auf und Tyson stolperte herein, die Sonnenbrille tief im Gesicht vergraben. Er stöhnte leise auf, als das Klappern einer Untertasse in seinen Ohren wie eine Explosion widerhallte.

​„Guten Morgen, Champion“, erklang Grahams Stimme, so trocken wie ein guter Sherry. Er hielt ein Tablett mit einem Glas eiskaltem Wasser und einer verdächtig grünlichen Flüssigkeit bereit. „Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Elixier zuzubereiten. Es basiert auf einem alten Familienrezept – oder auf dem, was ich im Garten unter dem Rasenmäher gefunden habe. Die Wirkung ist identisch.“

​„Nicht so laut, Graham...“, wimmerte Tyson und ließ sich auf einen Stuhl sinken.

​Gou, der seinem Vater in diesem Moment erschreckend ähnlich sah – von der verschränkten Armhaltung bis hin zur kühlen Aura –, beobachtete den Weltmeister mit unverhohlener Skepsis. „Onkel Tyson, du siehst aus, als hätte Dragoon einen kritischen Systemfehler erlitten und wäre danach von einem Lastwagen überrollt worden.“

​„Gou, sei höflich“, ermahnte Nami ihn milde, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen.
 

​In diesem Moment betrat Claire den Raum, die kleine Sayuri auf dem Arm, die fröhlich an einer Locke von Claires Haar zog. Hinter ihr wuselten die Zwillinge Ayumi und Ren hervor, die bereits verdächtig viel Energie für diese Uhrzeit versprühten.

​„Ah, Monsieur Granger“, sagte Claire mit ihrem schweren französischen Akzent und einem Blick, der Tyson förmlich sezierte. „Es ist faszinierend. In Frankreich sagt man, der Wein sei das Blut der Erde. Bei Ihnen scheint der Tequila gestern eher der Klebstoff für Ihre Gehirnzellen gewesen zu sein. Sie sind sehr... wie sagt man... unbeweglich?“

​„Er ist im Energiesparmodus, Claire“, fügte Gou trocken hinzu, während er sich ein Stück Toast nahm. „Papa hat gesagt, wer beim Trinken verliert, muss am nächsten Tag mit den Konsequenzen leben. Ich schätze, die Konsequenz ist, dass sein Kopf gerade versucht, zu explodieren.“

​Kai hob langsam den Blick von seiner Tasse und sah zu Tyson hinüber. Ein fast unmerkliches, schadenfrohes Zucken umspielte seine Mundwinkel. „Du lebst noch? Ich dachte, wir müssten dich heute Morgen aus dem Blue Velvet kratzen.“

​„Halt den Mund, Kai“, brummte Tyson und trank Grahams grünes Gebräu in einem Zug aus, nur um sofort das Gesicht zu verziehen. „Was ist da drin?!“

​„Hoffnung, Sir“, erwiderte Graham ungerührt. „Und eine beträchtliche Menge Meerrettich.“
 

​Nach und nach füllte sich der Raum. Tala und Lumina erschienen, wobei Tala – wie zu erwarten – wirkte, als hätte er die Nacht in einer Kryokammer verbracht: perfekt gepflegt und absolut ungerührt.

​„Ich sehe, die Tachiwari-Corporation hat die nächtliche Offensive überlebt“, bemerkte Tala und nickte Kai zu. Sein Blick glitt kurz zu Nami und dann zu den roten Malen an ihrem Hals, die der Seidenmantel nicht ganz verbarg. Er hob eine Braue, sagte aber nichts.

​„Wir haben überlebt“, antwortete Nami und goss Mariah Tee ein. „Auch wenn die Nacht nach dem perfekten Abend am Ende doch sehr… intensiv war.“

​Gou sah von seiner Mutter zu seinem Vater und wieder zurück. Sein junger, aber messerscharfer Verstand schien die Atmosphäre zwischen den beiden genau zu registrieren.
 

​Graham trat mit der lautlosen Eleganz eines Schattens an den Tisch und stellte eine Platte mit geräuchertem Lachs ab. Sein Gesicht war wie immer eine unlesbare Maske aus Pflichtbewusstsein, doch seine Augen blitzten amüsiert.

​„Ich hoffe, Sie haben alle gut geruht“, begann Graham mit seiner gewohnt sonor-trockenen Stimme. Er hielt kurz inne und rückte Kais Besteck um einen Millimeter nach links. „Ich musste heute Morgen feststellen, dass das Teezimmer einer… sagen wir… recht unorthodoxen Umgestaltung unterzogen wurde. Es ist erstaunlich, wie weit ein Wandschirm fliegen kann, wenn er im Weg steht. Und ich war mir nicht bewusst, dass wir den massiven Eichentisch nun als… Ablagefläche für Kleidung im gesamten Raum nutzen.“

​Er blickte diskret in die Runde, wobei sein Auge kurz auf Kais Hand verweilte, die noch immer leicht gerötete Knöchel aufwies. „Ich habe die Seidenreste, die ich dort fand, diskret entsorgt. Ich nehme an, das Kleid war ohnehin nicht mehr für eine zweite Reinigung vorgesehen.“

​Gou, der gerade konzentriert sein Ei köpfte, hob nicht einmal den Blick, als er Grahams Kommentar aufgriff. Der Elfjährige besaß die unheimliche Gabe, die Aura seines Vaters zu imitieren, während er die Direktheit seiner Mutter nutzte.

​„Das erklärt zumindest die akustische Kulisse“, bemerkte Gou trocken. Er legte den Löffel beiseite und sah Kai direkt an. „Ich dachte erst, Tyson hätte versucht, sein Beyblade-Training im Haus fortzusetzen. Der Lärmpegel war beachtlich – ein konstantes, rhythmisches Schlagen gegen die Holzwände. Ich habe Ren und Ayumi erzählt, es sei ein sommerliches Gewitter, aber das Poltern der Möbel war für ein lokales Wetterphänomen doch sehr… stationär auf das Teezimmer begrenzt.“

​Ein amüsiertes, fast unhörbares Schnauben entwich Claire, die gerade Sayuri ein Stück Apfel reichte. „Ah, oui“, warf sie ein, während sie Tyson ein Glas eiskaltes Wasser hinstellte, als wäre es eine Strafe. „Ein sehr leidenschaftliches Gewitter. Ich musste die Kinder zweimal davon abhalten, nachzusehen, ob das Dach noch fest sitzt.“

​Nami spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg, und versteckte ihr Gesicht hinter ihrer Teetasse. Kai hingegen hob langsam den Kopf. Sein Blick traf den seines Sohnes. Anstatt in Verlegenheit zu geraten, verzog er keine Miene, doch in seinen roten Augen glühte ein Funken von Stolz und dunklem Amüsement.

​„Es war ein langer Abend, Gou“, erwiderte Kai mit einer Stimme, die so tief und rau war, dass Tyson neben ihm zusammenzuckte. „Manchmal müssen eben… architektonische Anpassungen vorgenommen werden, um die nötige Energie zu kanalisieren. Du solltest lernen, dass manche Siege mehr Einsatz erfordern als ein Beyblade-Match.“

​„Ich verstehe, Vater“, antwortete Gou ungerührt und schmierte sich Marmelade auf seinen Toast. „Nächstes Mal werde ich Graham bitten, die Wandschirme im Voraus festzuschrauben. Das würde die Aufräumarbeiten für das Personal erheblich verkürzen.“

​Graham neigte den Kopf um genau drei Grad. „Ein exzellenter Vorschlag, junger Herr Gou. Ich werde es auf die Liste für die nächste 'Jagdsaison' setzen.“

​Tyson, der bisher nur mühsam geatmet hatte, wagte es nun, die Sonnenbrille einen Zentimeter zu heben. „Könntet ihr… bitte aufhören, über vibrierende Tische zu reden? Mein Kopf bringt mich um.“

​„Trinken Sie Ihr Elixier, Monsieur Granger“, kommandierte Claire trocken. „Bevor Gou anfängt, Ihnen die physikalischen Kräfte von Reibung und Aufprallenergie zu erklären.“
 

Tala, der bisher mit einer fast schon arroganten Gelassenheit an seinem Espresso genippt hatte, stellte die Tasse nun lautlos ab. Ein schmales, kühles Lächeln kräuselte seine Lippen, während er den Blick zwischen Kai und dem völlig derangierten Tyson hin- und herwandern ließ.

​„Es ist immer wieder erfrischend zu sehen, dass sich manche Dinge nie ändern“, bemerkte Tala mit seiner unerschütterlichen, russischen Ruhe. Er sah zu Gou und nickte ihm anerkennend zu. „Dein Sinn für Beobachtung ist tadellos, Gou. In der Abtei hätten wir solche... akustischen Auffälligkeiten als taktisches Manöver zur Desorientierung des Gegners eingestuft. Dass dein Vater dieses Prinzip nun auf das Mobiliar des Teezimmers anwendet, zeugt von einer gewissen kreativen Weiterentwicklung.“

​Kai warf Tala einen Blick zu, der Glas hätte schneiden können. „Tala, wenn du versuchst, witzig zu sein, lass es. Es steht dir nicht.“

​„Ich versuche nicht, witzig zu sein, Kai. Ich genieße lediglich die Tatsache, dass ich heute Morgen in der Lage bin, geradeaus zu schauen, während unser ehemaliger Weltmeister hier versucht, mit seinem Rührei zu kommunizieren“, erwiderte Tala trocken und lehnte sich entspannt zurück. „Außerdem ist es faszinierend: Dein Durchhaltevermögen scheint direkt proportional zur Menge des konsumierten Alkohols zu steigen. Ein interessantes biologisches Phänomen.“

​In diesem Moment schwang die schwere Flügeltür erneut auf und Hilary trat ein, gefolgt von Mariah. Während Mariah zwar blass, aber gefasst wirkte, sah Hilary aus, als hätte sie die letzte Nacht in einem Wirbelsturm verbracht.

​„Entschuldigt die Verspätung“, murmelte Hilary und ließ sich auf den erstbesten freien Stuhl sinken. Sie rieb sich die Schläfen. „Ich musste die Kinder erst bei den Großeltern abliefern. Makoto wollte unbedingt wissen, warum sein Vater gestern Nacht versucht hat, einen Pizzakarton mit Dragoon herauszufordern. Ich hatte keine schlüssige Antwort.“

​Mariah seufzte und legte Nami eine Hand auf die Schulter. „Nami, Ray lässt sich entschuldigen. Er hat so starke Kopfschmerzen, dass er es nicht einmal geschafft hat, die Vorhänge zu öffnen. Er meinte, wenn er sich bewegt, würde sein Gehirn die Seiten wechseln.“

​„Das Telefon steht auch nicht still“, warf Nami seufzend ein und hielt ihr Smartphone hoch, auf dem mehrere Nachrichten aufleuchteten. „Max und Midori haben gerade geschrieben, genau wie Kenji und Momoko. Sie lassen sich alle entschuldigen. Sie sind... wie sie es ausdrückten... 'vollkommen zerstört'.“

​Kai massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Die Kombination aus Grahams Berichten über zerstörte Wandschirme, Gous physikalischen Analysen der letzten Nacht und dem ständigen Eintreffen neuer Hiobsbotschaften über den Zustand seiner Freunde strapazierte seine ohnehin dünne Geduld.

​„Großartig“, brummte Kai, wobei seine Stimme gefährlich tief vibrierte. „Das Anwesen verwandelt sich also offiziell in eine Erholungsstation für unfähige Trinker. Wenn das so weitergeht, lasse ich Graham den Garten mit Absperrband versiegeln.“

​„Oh, Monsieur Kai, seien Sie nicht so... wie sagt man... grumpy“, warf Claire ein und reichte Mariah ein Croissant. „Es ist doch charmant. Ein Schlachtfeld der Freundschaft. Dass Ray im Bett bleibt, ist nur vernünftig. In seinem Alter sollte man wissen, wann die weiße Flagge zu hissen ist.“

​„Ray ist im selben Alter wie ich, Claire“, knurrte Kai.

​„Genau das meine ich“, erwiderte sie mit einem unschuldigen Lächeln und strich Sayuri über das Haar.

​Gou sah von seinem Vater zu Tala. „Onkel Tala, wenn Vater so schlechte Laune hat, liegt das dann am Alkohol oder daran, dass Graham seine 'Ablagefläche' im Teezimmer geräumt hat?“

​Tala gluckste leise – ein seltenes Geräusch. „Wahrscheinlich beides, Gou. Dein Vater hasst es, wenn man seine Reviermarkierungen entfernt. Vor allem, wenn sie aus Seide bestehen.“

​Kai schlug flach mit der Hand auf den Tisch, was Tyson fast vom Stuhl springen ließ. „Graham! Mehr Kaffee. Sofort. Und bring Tala etwas, das ihn zum Schweigen bringt. Vielleicht einen Lappen.“

​„Sehr wohl, Sir“, antwortete Graham ungerührt. „Ich werde sehen, ob ich in der Vorratskammer etwas finde, das den Herrn vorübergehend... mundtot macht. Möglicherweise einen besonders zähen russischen Zwieback.“
 

Das Klappern des Bestecks und das leise Murmeln am Tisch wurden jäh unterbrochen, als die schwere Glocke des Ayame-Anwesens erneut durch die Halle hallte. Kai verzog das Gesicht und presste die Kiefer zusammen.

​„Wenn das noch ein verkateter Weltmeister ist, der an meine Tür hämmert, werfe ich ihn persönlich in den Koi-Teich“, knurrte er und massierte sich die Schläfen.

​Graham, der gerade dabei war, Tysons leeres Elixier-Glas abzuräumen, neigte den Kopf mit stoischer Gelassenheit. „Ich bezweifle, dass derjenige die Koordination besäße, die Glocke so... rhythmisch zu betätigen, Sir. Das klingt nach jemandem mit deutlich mehr überschüssiger Energie.“

​Mit gemessenen Schritten verließ der Butler den Raum. Nur Augenblicke später hörte man das energische Klackern von Absätzen auf dem Parkett, das wie Maschinengewehrfeuer näher kam.

​„Darlings! Wo ist meine Kaiserin?! Happy Birthday!“, schallte eine Stimme durch den Flur, die so viel Volumen besaß, dass Tyson jammernd den Kopf auf die Tischplatte sinken ließ.

​Marcella wirbelte in den Speisesaal, eingehüllt in einen Mantel aus Federn und Seide, der in diesem ehrwürdigen Raum so deplatziert wirkte wie ein Neonlicht in einem Tempel. Ihr Assistent stolperte hinterher, beladen mit iPads und Stoffmustern.

​„Marcella“, sagte Nami und versuchte, ein Lächeln aufzubringen, während sie ihren Morgenmantel etwas enger zog. „Wir fangen gerade erst an zu... überleben. Was führt dich her?“

​„Das Schicksal, Schätzchen! Und ein Vertrag, der so heiß ist, dass er mir die Fingernägel verbrennt!“, rief Marcella und ignorierte die frostige Aura, die von Kai ausging. Sie baute sich vor Nami auf und legte ihr dramatisch die Hände auf die Schultern. „Nami, wir spielen dieses Spiel nun schon seit Jahren. Ich bettele, ich flehe, ich biete dir meine Erstgeborenen an – und du sagst immer: 'Vielleicht später, Marcella'. Aber 'später' ist heute Morgen um acht Uhr abgelaufen!“
 

​Sie schnippte mit den Fingern, und ihr Assistent hielt Nami ein Tablet unter die Nase.

​„L’Etoile hat die Verkaufszahlen der Kampagne damals gesehen. Die Welt will nicht nur Bilder, Nami. Die Welt will die Kaiserin endlich nach Jahren in Bewegung sehen! In zwei Wochen. Hier in Tokio. Die Grand Finale Show. Du auf dem Laufsteg, als das Gesicht der neuen Kollektion.“

​Nami blinzelte überrascht. „Marcella, ich bin kein Laufstegmodell. Ich bin mitlerweile dreißig und Mutter von vier Kindern...“

​„Und du siehst besser aus als jede Zwanzigjährige, die nur von Salatblättern lebt!“, unterbrach Marcella sie energisch. „Es ist die Chance, deine Karriere auf den absoluten Thron zu heben.“
 

​Kai, der bisher schweigend seinen Kaffee getrunken hatte, hob langsam den Blick. „Sie hat bereits eine Karriere, Marcella. Sie arbeitet mit mir im Tachiwari Tower und hat das Anwesen.“

​„Oh, Kai-Bärchen, sei nicht so... CEO-mäßig“, zwitscherte Marcella, doch ihr Blick wurde geschäftsmäßig. „Es geht um die 'Night Orchid'-Linie. Die Spitze ist handgeklöppelt, die Seide transparent wie Morgentau...“

​„Transparent?“, wiederholte Kai, und seine Stimme sank in eine Tonlage, die selbst Tala kurz aufhorchen ließ.

​„Es ist Unterwäsche, Kai!“, rief Marcella begeistert aus. „Hauchzarte, sündhafte Unterwäsche! Nami wird das Finale bestreiten. Nur sie, die Scheinwerfer und ein Hauch von Nichts.“

​Die Stille, die nun am Tisch einkehrte, war absolut. Tyson hob sogar die Sonnenbrille, um Kais Reaktion in Zeitlupe zu genießen. Kai stellte seine Tasse mit einem derart kontrollierten Knall ab, dass die Untertasse einen feinen Riss bekam.

​„Nein“, sagte Kai. Es war kein Vorschlag, es war ein Urteil. „Auf gar keinen Fall. Ich habe zugestimmt, dass sie Fotos macht, weil das Set geschlossen und ich dabei war. Aber ich lasse meine Frau nicht in Unterwäsche vor tausend schreienden Mode-Leuten und Blitzlichtgewittern über einen Laufsteg spazieren.“

​„Es ist Kunst, Kai!“, versuchte Marcella es erneut.

​„Es ist eine Einladung für jeden Perversen auf diesem Planeten, meine Frau anzustarren“, konterte Kai, während das Rubinrot seiner Augen gefährlich aufleuchtete. Er sah zu Nami. „Sag mir nicht, dass du das ernsthaft in Erwägung ziehst.“

​Nami sah zwischen dem funkelnden iPad und dem sichtlich gereizten Kai hin und her. Gou, der die Szene mit analytischem Interesse verfolgte, räusperte sich diskret.

​„Wenn ich die Marktwert-Analyse der Tachiwari-Corporation richtig im Kopf habe“, bemerkte Gou trocken und nahm einen Schluck Saft, „würde dieser Auftritt den Aktienwert von Mutters Image um 400 % steigern. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Vater den Laufsteg stürmt und den Lichttechniker verprügelt, liegt bei etwa 98 %.“

​„Danke, Gou“, brummte Kai. „Graham, bringen Sie Marcella einen Tee – und danach zeigen Sie ihr den Weg zur Tür.“

​„Aber Schätzchen!“, rief Marcella verzweifelt. „Nami, sag doch was!“
 

Nami beobachtete das Spiel der Muskeln in Kais Kiefer. Sie wusste, dass er kurz davor war, Marcella mitsamt ihren Stoffmustern eigenhändig vor die Tür zu setzen. Doch in ihr regte sich eine Mischung aus Abenteuerlust und dem Bedürfnis, die Kontrolle über ihr eigenes Bild zurückzugewinnen – und vielleicht auch ein wenig der Wunsch, den kühlen Zaren aus der Reserve zu locken.

​Sie erhob sich langsam, die Seide ihres Morgenmantels raschelte leise. Die Blicke der gesamten Tafel – von Tysons neugierigem Starren bis zu Talas amüsiertem Beobachten – folgten ihr. Sie trat hinter Kais Stuhl, legte ihre Hände auf seine Schultern und spürte die enorme Spannung, die von ihm ausging.

​„Marcella, gib uns einen Moment“, sagte Nami ruhig, während sie sich zu Kai hinunterbeugte.

​Sie neigte ihren Kopf, bis ihre Lippen fast sein Ohr berührten. Ihr Atem kitzelte seine Haut, und sie spürte, wie er unwillkürlich den Atem anhielt.

​„Hör mir zu, Kai“, flüsterte sie so leise, dass die anderen am Tisch nur ein unverständliches Hauch wahrnehmen konnten. „Ich werde eine Bedingung bezüglich des Vertrags stellen. Das Unterwäsche-Set, das mir am besten gefällt – oder besser gesagt, das, welches dir an mir am besten gefällt –, werde ich behalten.“

​Sie spürte, wie er sich versteifte, doch sie fuhr unbeirrt fort, ihre Stimme sank in ein gefährlich sanftes Timbre. „Und ich verspreche dir... ich werde es bei der nächsten Jagd tragen. Nur für dich. In einer Nacht, in der kein Blitzlichtgewitter und keine Zuschauer uns stören.“

​Kai schloss für einen Moment die Augen. Die Vorstellung von Nami in hauchzarter, Spitze, während sie sich allein in der Abgeschiedenheit eines ihrer Anwesen befanden, kollidierte heftig mit seinem grimmigen Beschützerinstinkt. Er war sichtlich am Kämpfen. Sein Stolz wollte ein kategorisches „Nein“, aber sein Verlangen brüllte bereits „Ja“.
 

​Er öffnete die Augen wieder, die rubinrote Glut war noch immer da, doch sie wirkte nun fokussierter, dunkler. Er löste sich sanft aus ihrer Umarmung und sah Marcella an, die mit angehaltenem Atem auf ein Wunder wartete.

​„Ich werde meine Frau nicht drängen, etwas nicht zu tun, das sie will. Sie kann frei entscheiden...“, begann Kai, seine Stimme war wieder fest, doch der mörderische Unterton gegenüber Marcella war einer kühlen Distanz gewichen. „Aber ich werde das auch nicht ungeprüft unterschreiben.“

​Marcella wollte gerade triumphierend aufschreien, doch Kai hob die Hand. „Spar dir das Kreischen. Ich werde mir die Entwürfe ansehen. Jedes einzelne Stück. Und ich werde die Sicherheitsvorkehrungen am Set persönlich abnehmen. Keine Hintertüren, keine unbefugten Fotografen.“

​Er sah kurz zu Nami, ein kurzer, intensiver Blickkontakt, der mehr sagte als tausend Worte. „Ich werde es mir bis heute Abend überlegen, Marcella. Komm um acht Uhr wieder. Und bring Graham nicht dazu, dich vorher gewaltsam entfernen zu müssen.“

​„Acht Uhr! Perfekt! Ein Traum!“, rief Marcella, die genau wusste, dass ein „Ich überlege es mir“ bei Kai Hiwatari bereits ein halber Sieg war. Sie klatschte in die Hände und wirbelte herum. „Darlings, ihr werdet es nicht bereuen! Die Modewelt wird brennen!“

​Gou beobachtete, wie Marcella aus dem Raum fegte, gefolgt von ihrem schwer atmenden Assistenten. Er sah zu seinem Vater, der wieder zu seinem Kaffee gegriffen hatte, die Hand jedoch etwas fester um den Griff geschlossen als nötig.

​„Vater“, bemerkte Gou trocken, während er sich ein weiteres Stück Lachs nahm. „Deine Verhandlungstaktik hat sich geändert. Früher hättest du das Tablet einfach zerbrochen.“

​„Man lernt dazu, Gou“, erwiderte Kai, ohne den Blick von seinem Kaffee zu heben. „Manche Schlachten gewinnt man nicht durch Zerstörung, sondern durch... strategisches Abwarten.“

​Tyson schnaubte leise in sein Elixier-Glas. „Strategisches Abwarten? Du willst nur sehen, wie die Spitze aussieht, bevor du 'Ja' sagst, Alter.“

​„Tyson“, sagte Kai, und die Temperatur im Raum schien schlagartig um zehn Grad zu sinken. „Noch ein Wort, und du testest die Flugfähigkeit des Eichentisches.“

​Nami setzte sich wieder auf ihren Platz und lächelte zufrieden. Sie wusste, dass der Abend interessant werden würde.

Die Wette

Der Vormittag war in eine träge, hitzeflimmernde Mittagszeit übergegangen. Die Gäste hatten sich nach und nach verabschiedet – Tyson mit einem Eisbeutel im Nacken, Tala mit einem letzten, kühlen Kopfnicken und Mariah mit dem festen Vorsatz, Ray erst einmal für vierundzwanzig Stunden schlafen zu lassen.

​Am Nachmittag lastete die Sommerhitze schwer und drückend über dem Anwesen. Die Luft vibrierte regelrecht, und das ferne Zirpen der Zikaden war das einzige Geräusch, das die fast schon meditative Stille unterbrach.

​Unter dem weitläufigen, schattigen Pavillon im Garten saßen Kai und Nami eng beisammen in einem der ausladenden Korbsessel. Die dicken Polster schluckten jede Bewegung, während sie den Kindern zusahen. Das große Planschbecken war das Zentrum des Geschehens: Gou, Ayumi und Ren lieferten sich eine erbarmungslose Wasserschlacht mit Spritzpistolen, während die kleine Sayuri vergnügt im flachen Wasser patschte und laut lachte, wenn ihre Geschwister eine Fontäne in die Luft jagten.
 

​Nami hatte ihren Kopf an Kais starke Schulter gelehnt. Sein Arm lag schwer und schützend um sie, seine Finger spielten geistesabwesend mit einer Strähne ihres langen, fast das Gesäß erreichenden Haares.

​„Sag mir die Wahrheit, Kai“, begann Nami leise, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch gegen das Zikadenzirpen. „Willst du wirklich, dass ich das absage? Die Vorstellung, dass ich halbnackt über einen Laufsteg stolziere, während hunderte von Menschen mich angaffen... behagt dir das so gar nicht?“

​Kai schwieg einen Moment. Sein Blick folgte dem eierschalenfarbenen Schopf von Ren, der gerade versuchte, Gou aus dem Hinterhalt nass zu spritzen. „Es ist nicht so, dass ich dir nicht vertraue und das weißt du....“, antwortete er schließlich. „Es ist eher die Tatsache, dass ich die Gier dieser Leute kenne. Ich hasse den Gedanken, dass sie dich wie eine Trophäe betrachten, die sie mit ihren Augen ausziehen dürfen.“

​Nami schmunzelte und sah zu ihm auf. „Ich muss es nicht tun, Kai. Ich fand den Gedanken amüsant – ein Abenteuer, eine Abwechslung zum Büroalltag im Tower. Aber wenn du dich damit unwohl fühlst, dann lasse ich es. Das ist es mir nicht wert.“

​Kai neigte den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Das Rubinrot seiner Iris wirkte im hellen Tageslicht fast wie flüssiges Feuer. „Du darfst deine eigenen Entscheidungen treffen, Nami. Ich will nicht der Ehemann sein, der seine Frau einsperrt, nur weil er seinen Beschützerinstinkt nicht unter Kontrolle hat.“

​„Das weiß ich doch...“, erwiderte sie sanft und legte ihre Hand an seine Wange. „Aber mir ist wichtig, dass du dich wohl fühlst. Du bist mein Partner, und dein Seelenfrieden ist mir wichtiger als jeder Laufsteg der Welt. Außerdem...“ Sie hielt inne und verzog das Gesicht. „Es wäre wohl auch ziemlich unprofessionell. Ich habe eine leitende Position in der Tachiwari-Corporation. Wenn meine Angestellten später Videos von mir in Reizwäsche auf YouTube sehen... ich weiß nicht, ob mich in der nächsten Vorstandssitzung noch jemand ernst nimmt.“
 

​Kai stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, das eher wie ein dunkles Grollen klang. „Unprofessionell? Nami, du vergisst, wer wir sind. Und du vergisst die Kampagnen von damals.“

​Er rückte ein Stück ab, um sie besser ansehen zu können. „Erinnerst du dich an das Shooting im Studio? Die Unterwäsche-Linie für 'L’Etoile'? Wir beide zusammen auf dieser verdammten Matratze. Ich in nichts als Boxershorts und du... du in einem Hauch von Nichts, wie Marcella es nennen würde. Wir haben uns vor der Kamera geküsst und rumgeschmust, als gäbe es kein Morgen. Diese Bilder gingen um die Welt, Nami. Die hängen heute noch in den Köpfen der Leute.“

​Nami errötete leicht bei der Erinnerung. „Das war etwas anderes. Das war Kunst... und wir waren zusammen.“

​„Es ist immer noch in den Köpfen“, fuhr Kai fort, und ein gefährlicher Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich habe erst letzte Woche einen Spind in der Entwicklungsabteilung im Tower räumen lassen. Einer der jungen Ingenieure hatte sich ein Poster an die Innenseite seiner Tür geklebt. Es war eines deiner Solo-Bilder aus dieser Kampagne. Du in dieser lasziven Pose, den Blick direkt in die Kamera...“

​In diesem Moment trat Graham mit lautlosen Schritten an den Sessel heran und hielt ein Tablett mit frischem, kühlem Fruchtsaft bereit. Nami griff gerade nach ihrem Glas und nahm einen großen Schluck, als Kai diesen Satz beendete.

​Sie verschluckte sich prompt. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte sie, während Graham mit stoischer Ruhe eine Serviette reichte.

​„Du... was hast du getan?“, brachte sie hervor, während ihre Augen tränten.

​„Ich habe den Spind räumen lassen und ihm klargemacht, dass die Tachiwari-Corporation kein Ort für private Schrein-Anbetungen der Geschäftsführung ist“, erwiderte Kai völlig ungerührt. „Er arbeitet jetzt in der Außenstelle in Hokkaido. Dort ist es kühler. Das hilft beim Denken.“

​Nami starrte ihn fassungslos an. „Kai! Der arme Mann! Nur wegen eines alten Werbefotos?“

​„Es war mein Eigentum auf dem Bild, Nami“, brummte er und nahm sich ebenfalls einen Saft von Grahams Tablett. „Und ich teile nicht gern. Schon gar nicht mit der Entwicklungsabteilung.“

​Graham neigte den Kopf um die obligatorischen drei Grad. „Ich habe mir erlaubt, die restlichen Spinde ebenfalls diskret zu überprüfen, Sir. Es scheint, als gäbe es in Hokkaido bald eine deutliche personelle Aufstockung.“

​Nami sank lachend in die Kissen zurück. „Ihr seid unmöglich. Beide.“

​„Es ist fast acht Uhr, Madame“, bemerkte Graham und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. „Marcella wird jeden Moment... wie Sie zu sagen pflegen... anrauschen. Soll ich die schweren Geschütze in Form von extra starkem Espresso vorbereiten, oder bevorzugen Sie die direkte Konfrontation im Foyer?“

​Kai sah auf die Uhr und dann zu dem Torweg, hinter dem bereits das ferne Geräusch eines heranfahrenden Wagens zu hören war.

​„Bring sie ins Arbeitszimmer, Graham“, befahl Kai, und seine entspannte Nachmittags-Aura wich sofort der kühlen, autoritären Präsenz des Zaren. „Ich will dieses Thema heute Abend beenden. Bevor noch mehr Leute nach Hokkaido ziehen müssen.“
 

Kai stellte das Glas Saft mit einer langsamen, fast bedrohlichen Ruhe auf dem kleinen Tischchen ab. Die Hitze des Nachmittags schien in diesem Moment zu stehen, während das ferne Lachen der Kinder im Garten zu einer Hintergrundmelodie verschwamm. Er bot Nami seine Hand an, um ihr aus dem tiefen Korbsessel zu helfen, und zog sie mit einer fließenden Bewegung eng an sich.

​Nami sah zu ihm auf, ihre Augen blitzten vor Übermut. Sie spürte die Hitze seines Körpers und den besitzergreifenden Griff an ihrer Taille. „Bevor wir reingehen und Marcella gegenübertreten... wie wäre es mit einer kleinen Wette, Zar?“, hauchte sie, ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen.

​Kai hob eine Braue. „Eine Wette? Du weißt, dass ich ungern verliere, Nami.“

​„Oh, ich weiß“, erwiderte sie und strich ihm mit dem Handrücken über die Wange. „Hör zu: Ich sage Marcella zu. Ohne Widerrede. Natürlich erst, nachdem wir die Entwürfe geprüft haben. Aber... wenn du es schaffst, die nächsten drei Tage vollkommen enthaltsam zu bleiben, dann sage ich die Show ohne Wenn und Aber ab. Dann gehört die nächste Woche nur uns – ganz ohne Laufsteg.“

​Kai erstarrte mitten in der Bewegung. Er sah sie an, als hätte sie gerade vorgeschlagen, die Tachiwari-Corporation an Tyson zu verschenken. Ein ungläubiger Ausdruck trat in seine rubinroten Augen.

​„Drei Tage?“, wiederholte er mit einer Stimme, die gefährlich tief klang. Er schnaubte leise. „Du stellst das so dar, als wäre ich derjenige, der hier ein Problem mit der Selbstbeherrschung hat. Wieso tust du so, als würde alles immer nur von mir ausgehen?“

​Er zog sie ein Stück näher. „Du bist genauso fordernd wie ich, Nami. Der einzige Unterschied ist, dass du immer nur darauf wartest, dass ich die Führung übernehme, damit du dich fallen lassen kannst. Und jetzt willst du mich herausfordern?“

​Nami grinste verlegen, ihre Wangen röteten sich unter seinem intensiven Blick mehr als durch die Sommerhitze. „Du kannst es gerne eine Herausforderung nennen, wenn du dich traust.“

​In diesem Moment veränderte sich etwas in Kais Gesicht. Das Ungläubige wich einem hämischen, fast raubtierhaften Grinsen. Er beugte sich zu ihr hinunter, seine Lippen streiften fast ihr Ohr, doch er berührte sie nicht mit der Haut.

​„Drei Tage sind lächerlich“, flüsterte er heiser. „Wenn wir das machen, dann richtig. Eine ganze Woche, Nami. Eine Woche lang werde ich dich nicht anrühren.“

​Nami wollte gerade den Mund öffnen, um zu protestieren – sieben Tage waren eine Ewigkeit –, doch Kai unterbrach sie sofort, indem er den Zeigefinger nur Millimeter vor ihre Lippen hielt, ohne sie zu berühren.

​„Und damit meine ich: gar nichts“, fuhr er gnadenlos fort. „Keine Küsse. Keine Zärtlichkeiten. Keine Berührungen im Vorbeigehen. Absolute Distanz. Wenn ich leiden soll, dann leidest du mit mir. Wir werden sehen, wer von uns beiden zuerst einknickt.“

​Er sah sie abwartend an, ein triumphierendes Funkeln in den Augen. Er kannte sie zu gut. Er wusste, dass sie seine Nähe brauchte wie die Luft zum Atmen. Je süchtiger er nach ihrer Haut war, desto abhängiger war sie von seinen Küssen, von der Art, wie er sie hielt, wenn die Welt draußen zu laut wurde.

​Nami schluckte schwer. Sie bereute ihren Vorschlag in derselben Sekunde, in der er die Bedingungen verschärft hatte. Kai hatte den Spieß nicht nur umgedreht, er hatte ihn ihr direkt ins Herz ihrer eigenen Sehnsucht gerammt. Eine ganze Woche ohne ihn? Ohne seine Lippen auf ihren? Ohne das Gefühl seiner starken Arme?

​„Eine Woche...“, wiederholte sie leise, ihre Stimme klang plötzlich weit weniger sicher.

​„Eine Woche“, bestätigte er trocken und löste seinen Griff um ihre Taille so abrupt, dass sie sich fast ein wenig verloren fühlte. Er trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, die kühle Aura des Zaren wieder vollkommen hergestellt. „Die Wette gilt ab jetzt. Gehen wir rein. Marcella wartet sicher schon im Arbeitszimmer.“

​Er machte eine einladende Geste zur Tür, doch er berührte sie nicht einmal beim Vortreten. Nami sah ihm hinterher, wie er mit festen Schritten zum Haus ging, und spürte bereits jetzt ein Ziehen in ihrer Brust. Sie hatte gehofft, ihn zu bändigen – stattdessen hatte sie sich selbst in einen Käfig aus Verlangen gesperrt.

​Drinnen im Arbeitszimmer war die Atmosphäre bereits geladen. Marcella saß auf einem der antiken Sessel, ihre iPads ausgebreitet wie strategische Karten vor einer Schlacht. Graham stand im Hintergrund, bereit, den Espresso zu servieren, der wohl bitterer nötig war als je zuvor.

​„Darlings! Da seid ihr ja!“, rief Marcella und sprang auf. „Seid ihr bereit, Geschichte zu schreiben?“

​Kai setzte sich an seinen massiven Schreibtisch, ohne Nami eines Blickes zu würdigen. „Zeig uns die Entwürfe, Marcella“, sagte er kühl. „Wir haben viel zu besprechen. Und wir haben... neuerdings sehr viel Zeit für geschäftliche Angelegenheiten.“

​Nami setzte sich ihm gegenüber, ihr Herz klopfte bis zum Hals. Der Blick auf die hauchzarten Spitzen-Entwürfe auf dem Tablet machte die Sache nicht einfacher. Besonders nicht, wenn sie daran dachte, dass Kai sie in dieser Spitze eine Woche lang nur aus der Ferne würde ansehen durfte...

Die Luft im Arbeitszimmer knisterte, als Marcella ein triumphierendes Lächeln auflegte. Sie hatte die iPads beiseitegeschoben und ein handgroßes Etui aus tiefblauem Samt geöffnet. Darin ruhte ein Oberteil der „Night Orchid“-Kollektion: hauchzarte, tiefschwarze Spitze, die wie ein feines Spinnennetz gewirkt war und nur das Nötigste bedeckte. Silbrig glitzernde Stickereien zogen sich wie funkelnde Ranken über das Material.

​„Schätzchen! Das ist das Herzstück der Kollektion“, rief Marcella begeistert und hob das Oberteil vorsichtig heraus, als wäre es ein unbezahlbares Kunstwerk. „Es ist die Essenz der Nachtorchidee – mysteriös, verführerisch, unwiderstehlich.“

​Kai lehnte sich in seinem Chefsessel zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick war undurchdringlich, doch Nami spürte die brennende Intensität, die von ihm ausging. Die Wette hatte begonnen, und jeder Augenblick war eine Bewährungsprobe.

​„Wir müssen es an dir sehen, Nami“, fuhr Marcella fort und hielt ihr das Spitzenteil entgegen. „Kannst du es mal eben überziehen? Nur für einen Moment. Damit wir sehen, wie es sich an deinen Kurven schmiegt.“

​Nami zögerte. Ihr Blick glitt zu Kai, dessen Miene noch immer eine undurchdringliche Maske war. Doch in seinen rubinroten Augen sah sie ein verräterisches Glühen, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Er genoss ihre Verlegenheit, und das spornte sie an.

​„Gerne, Marcella“, sagte Nami mit einem koketten Lächeln, das nur für Kai bestimmt war. Sie stand auf und nahm das Oberteil entgegen. Unter ihrem dünnen Sommerkleid trug sie einen schlichten, champagnerfarbenen Seiden-BH. Das spitze Oberteil würde sich direkt darüberlegen.

​Sie drehte Kai den Rücken zu und zog das zarte Stück Stoff über ihren Kopf. Die Kühle der Spitze auf ihrer Haut war ein prickelndes Gefühl, doch die Hitze, die von Kais Blick ausging, war intensiver. Als sie sich wieder zu Marcella drehte, sah sie, wie das Material sich perfekt an ihre Formen schmiegte, die Schultern frei ließ und einen tiefen V-Ausschnitt bildete, der gerade genug Einblick gewährte, um die Fantasie anzuregen.

​„Fantastisch! Die Passform ist makellos!“, rief Marcella. „Siehst du, Kai-Bärchen? Das ist pure Magie!“

​Kai schwieg. Seine Augen fixierten Nami, wanderten langsam über die Spitze, die ihre Brust betonte, über ihre schlanken Arme, die von dem hauchzarten Stoff umspielt wurden. Er registrierte jeden kleinen Stich, jede funkelnde Applikation, jede Kurve ihres Körpers. Doch er rührte sich nicht. Er saß da, ein König auf seinem Thron, und beobachtete seine Königin, die sich in seiner Gegenwart in ein verführerisches Geschöpf verwandelte.

​Nami genoss die Macht des Augenblicks. Sie spürte, wie ihr eigenes Verlangen wuchs, wie die fehlende Berührung von Kai die Anspannung zwischen ihnen nur noch verstärkte. Sie spielte mit einem der silbrigen Stickereien auf der Spitze, ihre Bewegungen waren fließend und elegant.

​„Es ist sehr... ätherisch“, sagte Nami und sah direkt in Kais Augen, ihre Stimme war nur ein Hauch. „Man fühlt sich fast, als würde man nichts tragen.“

​Kai stieß ein leises, raues Geräusch aus, das zwischen einem Schnauben und einem tiefen Seufzer lag. „Es ist… funktional, Marcella“, sagte er schließlich, seine Stimme war tief und kontrolliert, aber es lag eine vibrierende Unterströmung darin, die Nami klar hörte. „Die Qualität des Materials scheint den Anforderungen zu entsprechen. Die Sichtlinien…“ Er stockte kurz, sein Blick verweilte auf der tiefen Linie, die Nami zeigte. „… sind präzise.“

​Marcella, blind für das subtile Machtspiel, nickte begeistert. „Genau! Präzise Verführung! Ich wusste, du würdest es verstehen, Kai-Bärchen!“

​Kai ignorierte Marcella. Sein Blick bohrte sich in Nami. „Zieh es aus, Nami“, befahl er leise, seine Stimme war so tief, dass sie nur für sie bestimmt war. „Bevor wir zu den eigentlichen Vertragsdetails kommen, möchte ich keine weiteren... Ablenkungen.“

​Nami sah ihm noch einen Moment in die Augen, ein freches Lächeln auf ihren Lippen. Sie wusste, dass sie ihn in diesem Moment gequält hatte. Sie drehte sich langsam um und zog das Spitzenteil vorsichtig aus. Die kleine Geste, wie sie es zurück in Marcellas Hände legte, war fast eine Performance für Kai.

​„Setzen wir uns“, sagte Kai und deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. „Graham, bring uns die Kopien des Vertrags. Und Marcella... wir müssen über die Bilder der Modenschau sprechen. Ich möchte eine vollständige Liste der anwesendek Fotografen und Redakteure. Und eine Klausel, die mir das Vetorecht über jede Veröffentlichung einräumt.“

​Marcella sah ihn überrascht an. „Aber Kai-Bärchen, das ist doch absurd! Das ist ein Standardvertrag!“

​„Es gibt keine Standardverträge, wenn es um meine Frau geht“, erwiderte Kai eiskalt. „Und wenn du versuchst, die Sache zu beschleunigen, werde ich den gesamten Deal platzen lassen. Wir haben die ganze Nacht Zeit. Oder die ganze Woche. Wir haben ja neuerdings sehr viel Geduld.“ Sein letzter Satz war ein kaum hörbares Raunen, das nur Nami verstand.

​Nami setzte sich wieder. Sie spürte, wie die Wette ihre Dynamik verändert hatte. Kai war nicht nur ihr Liebhaber und Ehemann; er war auch der eiskalte Geschäftsmann, der seine Macht dazu nutzte, sie auf seine Art zu verführen – durch Kontrolle und Entzug. Und sie wusste, dass die nächsten Tage eine der größten Herausforderungen ihrer Beziehung werden würden.
 

Nami strich sich ihr langes, weißes Haar über die Schulter und lehnte sich mit einer fast kätzischen Geschmeidigkeit in den Sessel zurück. Ein kleines, wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie beobachtete, wie Kai versuchte, seine Aufmerksamkeit krampfhaft auf die Paragraphen des Vertrags zu lenken.

​Sie kannte ihn. In den elf Jahren ihrer Ehe war dies ihr liebstes Spiel geworden: Ein Tanz am Abgrund der Selbstbeherrschung. Kai liebte es, sie mit kleinen, banalen Gesten in den Wahnsinn zu treiben – die Art, wie er die Ärmel seines Hemdes hochrollte, wenn er konzentriert war, oder wie er ihr „ganz nebenbei“ bei einer ihrer vielen Konferenzen, diesen einen berühmten Blick zu warf.

​Doch heute hatte sie die Oberhand, und sie genoss es in vollen Zügen.

​„Nun, Marcella“, unterbrach Nami den Redeschwall der Agentin, während sie ein Bein über das andere schlug. Der Saum ihres leichten Sommerkleides rutschte dabei ein Stück höher, eine Bewegung, die sie so langsam ausführte, dass sie Kais Blick förmlich spüren konnte, der für den Bruchteil einer Sekunde von dem Papierstapel zu ihren Knien zuckte. „Ich denke, die Klausel bezüglich der Exklusivität der Backstage-Fotos ist verhandelbar. Meinst du nicht auch, Kai?“

​Sie beugte sich ein wenig vor, stützte das Kinn auf die Hand und sah ihn aus großen, unschuldigen Augen an. Sie wusste genau, dass das Licht der Schreibtischlampe die Umrisse ihres Schlüsselbeins betonte – genau die Stelle, die er so gerne küsste.

​Kai presste die Lippen zusammen. Sein Kiefer mahlte. Er schlug die Vertragsmappe mit einem Geräusch zu, das in der Stille des Raumes wie ein kleiner Peitschenknall wirkte.

​„Nichts an diesem Vertrag ist verhandelbar, solange meine Sicherheitsbedenken nicht ausgeräumt sind“, erwiderte er. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, so kontrolliert, dass es fast schmerzte. Er sah sie nicht an, sondern fixierte einen Punkt auf der Wand hinter ihr. „Marcella, nehm diese Liste mit. Ich will die Biografien jedes einzelnen Lichttechnikers sehen, der Nami zu nahe kommt.“

​„Jeden Lichttechniker?!“, kreischte Marcella fassungslos. „Kai-Bärchen, das sind dreißig Leute! Das ist eine Modenschau, keine geheime Militäroperation im Tachiwari Tower!“

​„Für mich gibt es da keinen Unterschied“, gab Kai trocken zurück. Er griff nach seinem Kuli und begann, eine Notiz an den Rand zu kritzeln. Er tat dies mit einer solchen Intensität, dass die Mine das Papier fast durchstieß.

​Nami sah zu, wie seine Sehnen an den Unterarmen hervortraten. Sie spürte, wie die Hitze im Raum weiter anstieg, was nicht nur an der drückenden Sommerluft draußen lag. Die Wette war erst ein paar Stunden alt, und doch fühlte es sich an, als würde der Sauerstoff im Zimmer knapp werden.

​Nami stand langsam auf, trat um den Schreibtisch herum und blieb direkt hinter Kais Sessel stehen. Sie legte ihre Hände auf die Rückenlehne, ohne ihn zu berühren, doch sie war nah genug, dass er ihren Duft wahrnehmen musste – dieses dezente Parfüm aus Vanille und Jasmin, das er so sehr liebte.

​„Vielleicht bist du ein wenig zu streng mit der armen Marcella, Liebling“, flüsterte sie und neigte sich so weit vor, dass ihre Haarspitzen fast seine Schulter kitzelten. Sie sah über seine Schulter auf den Vertrag. „Lass uns doch erst einmal sehen, wie die erste Anprobe der kompletten Kollektion läuft. Wir könnten das hier im Anwesen machen... ganz privat.“

​Kai hielt inne. Sein ganzer Körper war wie eine gespannte Feder. Er spürte ihre Nähe, das leise Rascheln ihres Kleides, die Wärme, die von ihr ausging. Ein normaler Mann wäre jetzt herumgewirbelt und hätte sie in die Arme geschlossen. Aber Kai war kein normaler Mann. Er war ein Kämpfer, ein Stratege – und im Moment war er ein verdammt sturer Ehemann, der keine Niederlage akzeptieren würde.

​„Eine private Anprobe ist eine exzellente Idee“, sagte er, ohne sich zu rühren. Seine Stimme war wieder vollkommen ruhig, fast schon geschäftsmäßig kühl, was Nami kurz stutzen ließ. „Dann kann Graham nämlich direkt die Beleuchtung kontrollieren. Marcella, bring alles morgen Nachmittag her. Und Nami...“

​Er drehte nun doch den Kopf, nur ein kleines Stück, sodass seine rubinroten Augen in ihre trafen. Es war ein Blick voller Herausforderung, dunkel und heiß.

​„Vergiss nicht: Morgen fängt der Tag sehr früh an. Wir haben viel Arbeit im Tower vor uns. Ohne jegliche... Unterbrechungen.“

​Ein hämisches Grinsen huschte über seine Lippen. Er hatte gemerkt, dass Nami versuchte, ihn aus der Reserve zu locken, und er genoss es offensichtlich, ihr zu zeigen, dass seine Willenskraft aus Eisen war – zumindest für den Moment.

​Nami biss sich auf die Unterlippe. Er war gut. Verdammt gut.
 

Der Abend im Ayame-Anwesen fühlte sich seltsam hohl an, als die Dunkelheit schließlich über die Gärten hereinbrach. Die drückende Hitze des Tages war geblieben, und die Luft im Haus stand schwer und unbeweglich.

​Nami stand im oberen Flur vor der Tür ihres Schlafzimmers, die Hand bereits auf der Klinke, in Erwartung, dass Kai wie gewohnt hinter ihr auftauchen würde, um sie mit diesem besitzergreifenden Griff an der Taille ins Zimmer zu ziehen. Doch als sie sich umwandte, stand er drei Schritte entfernt. Seine Hände waren tief in seinen Hosentaschen vergraben, die Schultern straff, die Haltung distanziert.

​„Ich fahre noch einmal los“, sagte er unvermittelt. Seine Stimme war glatt und bar jeder Emotion, wie ein perfekt geschliffener Diamant.

​Nami blinzelte überrascht. „Jetzt? Es ist fast elf Uhr, Kai.“

​„Tala hat angerufen. Er ist im Penthouse und hat ein paar Leute da. Wir spielen eine Runde Poker.“ Er legte den Kopf schräg, sein Blick war so kalt wie das Eis der Abtei, in der er einst trainiert hatte. „Warte nicht auf mich. Es könnte spät werden.“

​Nami spürte einen regelrechten Stich in ihrer Brust. Poker? Mit Tala? In elf Jahren Ehe war es fast nie vorgekommen, dass Kai sie an einem Abend wie diesem allein ließ – erst recht nicht nach einer Nacht wie der letzten im Teezimmer. Normalerweise wäre er jetzt damit beschäftigt, ihr die Haare aus dem Nacken zu streichen oder sie mit seinem Blick zu fixieren, bis sie weiche Knie bekam. Doch jetzt stand er da, als wäre sie nur eine flüchtige Bekannte.

​Sie vermisste ihn. Jetzt schon. Sie vermisste das Gewicht seiner Hand auf ihrem unteren Rücken, das Kitzeln seines Atems, wenn er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub, um ihren Duft einzuatmen. Die plötzliche Leere zwischen ihnen fühlte sich unnatürlich an.

​Kai beobachtete sie genau. Er sah das winzige Zögern in ihren Augen, das leichte Beben ihrer Unterlippe, das sie nicht ganz unterdrücken konnte. Ein triumphierendes Glimmen blitzte tief in seinen rubinroten Augen auf.

​„Was ist los, Nami?“, fragte er leise, und ein Hauch von Spott schwang in seiner Stimme. „Hast du etwa schon genug von deiner eigenen Wette? Wir sind noch nicht einmal bei Tag eins angekommen.“

​Diese Worte waren wie ein Weckruf für ihren Stolz. Nami fing sich augenblicklich. Sie straffte den Rücken, warf ihr langes, weißes Haar mit einer eleganten Bewegung über die Schulter und schenkte ihm ihr kühlstes, charmantestes Lächeln – das Lächeln einer Frau, die eine Tachiwari-Corporation mitleitete.

​„Ganz im Gegenteil.“, erwiderte sie honigsüß. „Ich finde es rührend, dass du dich zu Tala flüchten musst, um deine Selbstbeherrschung zu wahren. Viel Erfolg beim Poker. Hoffentlich verlierst du nicht dein gesamtes Kleingeld – du wirst es brauchen, um mir nach der Woche ein sehr teures Versöhnungsgeschenk zu kaufen.“

​Sie drückte die Klinke nieder und trat ins Zimmer. „Gute Nacht, Kai. Amüsier dich gut.“

​Sie schloss die Tür mit einem präzisen, leisen Klicken hinter sich. Erst als sie allein im dunklen Raum stand, atmete sie zittrig aus. Gott, er war so stur. Aber sie würde nicht einknicken. Wenn er Poker spielen wollte, sollte er Poker spielen.

​Draußen im Flur starrte Kai noch einige Sekunden auf die geschlossene Tür. Seine Hände in den Taschen ballten sich zu Fäusten. Sein Gesicht war eine Maske aus Stein, doch innerlich tobte ein Sturm. Er wollte nicht pokern. Er wollte durch diese Tür gehen und ihr zeigen, wie wenig ihn diese Wette interessierte, indem er sie einfach nahm. Aber sein Stolz war seine stärkste Rüstung.

​Er wandte sich abrupt um und schritt die Treppe hinunter.
 

Als Nami am nächsten Morgen den Frühstückssaal betrat, war die Atmosphäre bereits von einer fast komischen Anspannung geprägt. Kai saß am Tisch, bereits perfekt gekleidet in einem dunklen Hemd, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgerollt. Er las in einigen Berichten, während Graham mit der gewohnten Präzision den Kaffee einschenkte.

​Gou saß seinem Vater gegenüber und beobachtete die Szenerie mit der analytischen Kälte eines Schachgroßmeisters. Als Nami sich setzte und Kai sie lediglich mit einem knappen, förmlichen Nicken begrüßte, ohne wie sonst ihre Hand zu küssen oder sie auch nur länger als eine Sekunde anzusehen, hob Gou eine Augenbraue.

​„Guten Morgen, Mutter“, sagte Gou trocken. Er sah zu seinem Vater, der fast schon aggressiv in seinem Kaffee rührte. „Ist das Haus heute Morgen in eine Schweige-Abtei umgewandelt worden? Oder haben wir ein neues Experiment zum Thema 'Wie man seine Aura auf den Gefrierpunkt senkt'?“

​„Dein Vater hat gestern wohl zu viel Poker gespielt, Gou“, antwortete Nami gelassen und griff nach einer Honigmelone. „Er übt noch an seinem Pokerface.“

​Kai hob langsam den Blick. „Mein Pokerface ist perfekt, Nami. Ich habe Tala gestern Abend jeden einzelnen Yen abgenommen, den er besaß.“

​„Beeindruckend“, bemerkte Graham, während er Nami den Tee einschenkte. „Dann wird die heutige Anprobe mit Madame Marcella sicherlich... ein höchst diszipliniertes Ereignis. Ich habe bereits den großen Spiegelsaal im Westflügel vorbereitet. Dort ist die Akustik exzellent – man hört jedes... unterdrückte Seufzen.“

​Nami verschluckte sich fast an ihrer Melone, während Kai Graham einen Blick zuwarf, der den Butler auf der Stelle hätte zu Stein erstarren lassen müssen. Doch Graham rückte lediglich Kais Gabel um einen Millimeter nach rechts.

​„Der Nachmittag wird sehr interessant werden, Vater“, fügte Gou hinzu und biss in seinen Toast. „Ich habe Makoto versprochen, dass er nach dem Training vorbeikommen kann. Er möchte unbedingt sehen, wie die Sicherheitsvorkehrungen der Tachiwari-Corporation für eine Modenschau aussehen. Oder geht es heute eher um die psychologische Belastbarkeit der Geschäftsführung?“

​Kai legte das Tablet weg. „Gou, konzentrier dich auf die Schule und dein Training. Und sorge dafür, dass Makoto im Garten bleibt. Der Westflügel ist heute gesperrt.“

​Nami sah ihren Mann an. Sie konnte die Spannung in seinem Nacken sehen. Die Wette fraß an ihm, genau wie an ihr. Und der Tag hatte gerade erst begonnen.

Distanz

Der dunkelgrüne Bentley glitt mit der gewohnten, lautlosen Eleganz durch die Straßenschluchten von Tokio in Richtung des Tachiwari Towers. Im Fond des Wagens herrschte eine Stille, die so dickflüssig war, dass man sie mit einem Skalpell hätte zerschneiden müssen.

​Normalerweise war die Fahrt zum Tower ihre gemeinsame Zeit. Kai saß meistens am Steuer, eine Hand auf ihrem Knie oder ihren Nacken massierend, während sie die Termine des Tages besprachen. Heute jedoch saß er mit beiden Händen am Lenkrad, den Blick starr auf die Straße gerichtet.

​Nami beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sein Kiefer war so fest angespannt, dass sie die Muskeln arbeiten sah. Er wirkte wie eine Raubkatze in einem viel zu kleinen Käfig.

​„Du hast Tala also wirklich ausgenommen?“, brach Nami schließlich das Schweigen, ihre Stimme ein sanftes Gurren, das absichtlich die Ruhe im Wagen störte.

​„Er war unkonzentriert“, antwortete Kai einsilbig, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Ein Fehler, den ich mir heute nicht erlauben werde.“

​Nami schmunzelte. „Oh, wir sind also wieder im Kampfmodus? Ich dachte, wir führen ein Unternehmen, keinen Krieg.“

​„In dieser Woche ist der Unterschied marginal“, brummte er. Er spürte, wie sie sich ein Stück näher schob. Nur ein kleines Stück. Aber in der Enge des Bentley wirkte jeder Zentimeter wie ein Kilometer.

​Als sie die Lobby des Towers betraten, war die Aura des „Power-Paares“ wie immer perfekt. Die Angestellten verneigten sich tief, während das Echo ihrer Schritte auf dem polierten Marmor widerhallte. Doch wer sie kannte, bemerkte die kleine Änderung: Kai hielt ihr nicht die Tür auf, indem er die Hand flach auf ihren Rücken legte, um sie sanft hindurchzuleiten. Er trat einfach zur Seite, die Hände in den Taschen, und ließ ihr einen fast schon unhöflich großen Sicherheitsabstand.

​Im obersten Stockwerk angekommen, trennten sich ihre Wege zu ihren jeweiligen Büros – normalerweise mit einem kurzen Kuss oder einer Berührung der Fingerspitzen.

​„Wir sehen uns zur Mittagskonferenz, Kai“, sagte Nami und blieb stehen. Sie wartete. Nur eine Sekunde.

​„Bis später...“, erwiderte er kühl, nickte ihr kurz zu und verschwand in seinem Büro, ohne sich noch einmal umzusehen.

​Nami atmete tief durch. ~Okay, Kai. Wenn du es so willst.~
 

​Der Konferenzraum war voll besetzt. Abteilungsleiter, Analysten und Ingenieure starrten auf die Hologramme der neuen Beyblade-Prototypen. Nami saß am langen Eichentisch, Kai ihr genau gegenüber am Kopfende.

​Während der Chefentwickler über die Rotationsstabilität referierte, nutzte Nami ihre ganz eigenen Waffen. Sie hatte für den Tag eine cremefarbene Seidenbluse gewählt, die bei jeder Bewegung leise raschelte. Sie spielte gedankenverloren mit ihrem Kugelschreiber, ließ ihn über ihre Lippen gleiten, während sie so tat, als würde sie konzentriert auf die Grafiken starren.

​Sie bemerkte, wie Kais Blick immer wieder von den Hologrammen abwich. Seine Augen fixierten ihren Hals, die Stelle, an der die Seide ihrer Bluse sanft ihre Haut berührte. Er versuchte, zuzuhören, aber seine Notizen auf dem Block vor ihm bestanden mittlerweile nur noch aus tiefschwarzen, aggressiven Linien.

​„Was denken Sie über die Materialdichte, Mr. Hiwatari?“, fragte der Entwickler hoffnungsvoll.

​Kai starrte Nami an. Sein Blick war dunkel, fast drohend. „Die Dichte... ist im Moment mein geringstes Problem“, erwiderte er mit einer Stimme, die so rau war, dass der Entwickler nervös an seinem Kragen nestelte. „Sorgen Sie dafür, dass die Reibungspunkte minimiert werden. Wir wollen keine... unnötige Hitzeentwicklung.“

​Nami zog eine Augenbraue hoch und unterdrückte ein Lachen. Er benutzte tatsächlich Firmensprache, um seine eigene Frustration auszudrücken.
 

​Gegen 15 Uhr klopfte es an Namis Bürotür. Kai trat ein. Er hielt eine Mappe in der Hand, wirkte aber, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Er blieb mitten im Raum stehen, gute zwei Meter von ihrem Schreibtisch entfernt.

​„Ich fahre jetzt zum Anwesen“, sagte er kurz angebunden. „Gou hat Training und Marcella wird früher dort sein, um die Lichtinstallationen im Spiegelsaal zu testen.“

​Nami lehnte sich in ihrem Sessel zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf – eine Pose, von der sie wusste, dass sie ihre Silhouette betonte. „Schon so früh? Ich dachte, du wolltest noch die Quartalszahlen prüfen.“

​„Das kann ich auch von zu Hause aus“, knurrte er. Er sah sie an, und für einen Moment bröckelte die Maske aus Eis. Der Hunger in seinen Augen war so deutlich, dass Nami fast die Wette vergessen hätte. Er wollte sie – hier, jetzt, auf diesem verdammten Schreibtisch.

​Aber er rührte sich nicht. Er drehte sich stattdessen auf dem Absatz um. „Komm nicht zu spät. Makoto ist auch da, und ich will nicht, dass die Kinder den Garten in ein Schlachtfeld verwandeln, während Marcella ihre Stoffe ausbreitet.“

​Als die Tür ins Schloss fiel, grinste Nami triumphierend. Er hielt es im Büro nicht mehr aus, weil er dort ständig an sie denken musste. Die Flucht nach Hause war sein Versuch, sich abzulenken – aber dort wartete erst recht die Falle.
 

Der späte Nachmittag tauchte den Tachiwari Tower in ein tiefes, glühendes Orange, als der dunkelgrüne Bentley lautlos vor dem Haupteingang zum Stehen kam. Nami trat aus den kühlen Glastüren in die noch immer stehende Hitze der Stadt. Sie war überrascht, Graham am Steuer zu sehen – normalerweise fuhr sie nachmittags selbst mit einem der Firmenwagen, wenn Kai bereits mit dem Bentley vorausgefahren war.

​Graham stieg mit der ihm eigenen, unerschütterlichen Würde aus und hielt ihr die Fondtür offen. Sein Gesicht war wie immer eine Maske aus professioneller Gelassenheit, doch Nami meinte, in seinen Augen einen Funken jenes trockenen Amüsements zu erkennen, das er sich nur im engsten Familienkreis erlaubte.

​„Vielen Dank, Graham“, sagte Nami, während sie auf das weiche Leder sank. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du mich abholst.“

​Graham schloss die Tür, nahm auf dem Fahrersitz Platz und steuerte den Wagen mit einer fließenden Bewegung in den dichten Verkehr Tokios. Es herrschte eine kurze Stille, nur unterbrochen vom leisen Summen der Klimaanlage.

​„Der Herr des Hauses bat mich darum, Madame“, begann Graham, ohne den Blick vom Rückspiegel abzuwenden. „Er äußerte die Befürchtung, Sie könnten durch die... geschäftliche Belastung im Tower zu erschöpft sein, um sicher durch den Feierabendverkehr zu navigieren. Wobei ich den Eindruck gewann, dass seine Sorge weniger Ihrer Fahrtüchtigkeit galt als vielmehr dem Wunsch, Ihre Ankunft im Anwesen um genau dreiundzwanzig Minuten zu beschleunigen.“

​Nami schmunzelte und lehnte den Kopf gegen die Stütze. „Hat er das gesagt?“

​„Nicht in so vielen Worten, Madame“, erwiderte Graham trocken. „Er hat lediglich drei Kugelschreiber zerbrochen, während er auf Ihren Zeitplan starrte, und mich dann mit einem Blick hinausgeschickt, der darauf hindeutete, dass jede weitere Sekunde Ihrer Abwesenheit die Statik des Anwesens gefährden könnte.“

​Er hielt an einer roten Ampel und korrigierte seine Position am Lenkrad um einen Millimeter. „Darf ich ganz diskret anfragen, Madame... ob wir uns auf eine Woche von außergewöhnlicher... sagen wir... atmosphärischer Dichte einstellen müssen? Claire hat bereits begonnen, die Kinder vermehrt im Ostflügel zu beschäftigen, da die Aura des Herrn im Westflügel derzeit dazu neigt, Blumen welken zu lassen.“

​Nami lachte leise auf. „Wir haben eine Wette laufen, Graham. Eine Woche lang... absolute Distanz.“

​Ein kurzes, fast unmerkliches Heben von Grahams Augenbrauen war im Rückspiegel zu sehen. „Eine Woche? Eine mutige Entscheidung, Madame. Wenn ich mir die Freiheit erlauben darf: Die letzte Person, die versucht hat, den Herrn eine Woche lang von etwas fernzuhalten, das er begehrt, war ein russischer General in der Abtei. Man sagt, der Mann habe seine Karriere danach freiwillig in einer sehr abgelegenen Wetterstation beendet.“

​„Kai ist stur“, gab Nami zu, während sie beobachtete, wie die Vororte von Tokio näher rückten. „Aber ich bin es auch.“

​„Zweifellos“, pflichtete Graham ihr bei. „Es ist jedoch faszinierend zu beobachten. Master Kai hat in den letzten zwei Stunden die alten Bände im kleinen Salon neu sortiert, die Sicherheitskameras am Tor des Anwesens dreimal neu kalibrieren lassen und Marcella bereits zweimal gedroht, ihre Stoffmuster als Poliertücher für den Bentley zu verwenden. Es scheint, als würde seine... Energie... nach einem Ventil suchen, das die Wette ihm derzeit verweigert.“

​Er lenkte den Wagen durch die schmiedeeisernen Tore des Anwesens.

​„Ich habe vorsorglich eine beträchtliche Menge Baldriantee bereitgestellt“, fügte Graham hinzu, während er vor dem Haupthaus hielt. „Für den Fall, dass die Kombination aus Madame Marcellas Extravaganz und Ihrer... sagen wir... strategischen Zurückhaltung dazu führt, dass der Herr beschließt, das Mobiliar des Spiegelsaals eigenhändig umzugestalten.“

​Als Graham ihr die Tür öffnete, sah er sie kurz an. „Viel Erfolg, Madame. Ich werde Claire anweisen, die Kinder vom Spiegelsaal fernzuhalten. Es sei denn, Sie wünschen Zeugen für Ihren triumphalen Sieg über die Willenskraft des Zaren.“
 

Als Nami wenig später die schweren Flügeltüren zum Spiegelsaal aufstieß, schlug ihr eine Welle aus Licht, Wärme und purer Hektik entgegen. Der Saal, der sonst für seine stille Erhabenheit bekannt war, wirkte wie das Epizentrum eines modischen Hurrikans.

​Überall standen Kleiderständer mit hauchzarter Seide, Marcella wirbelte mit einer Schere zwischen den Zähnen und glitzernden Stecknadeln in der Hand umher, während zwei Assistenten versuchten, riesige Scheinwerfer so auszurichten, dass das Licht die polierten Marmorböden nicht zu sehr blendete.

​Und mittendrin stand Kai.

​Er wirkte in diesem Meer aus Rüschen und Spitze so deplatziert wie ein schwarzer Panther in einem Blumenladen. Er hatte das Sakko abgelegt, die Ärmel seines schwarzen Hemdes waren noch immer hochgerollt, und er starrte mit einer Miene auf ein tiefrotes Seidenkleid, als wolle er es allein durch die Intensität seines Blickes entflammen.

​„Ah, die Kaiserin ist da!“, schrie Marcella auf, als sie Nami erblickte. „Darlings, stoppt alles! Das Licht! Wir brauchen das Licht auf ihr!“

​Kai drehte sich um. Sein Blick traf Namis, und für einen Moment schien die Zeit im Saal einzufrieren. Das rubinrote Leuchten in seinen Augen war so dunkel, dass es fast schwarz wirkte. Natürlich nur metaphorisch. Kai musterte sie von den Haarspitzen bis zu den Absätzen ihrer Schuhe, und Nami konnte die körperliche Anstrengung förmlich spüren, die es ihn kostete, nicht einfach auf sie zuzugehen und die Distanz zu überbrücken.

​„Du bist spät“, stellte er fest. Seine Stimme war rau und vibrierte so tief in seiner Brust, dass Nami es bis in ihre Zehenspitzen spürte.

​„Graham hat sich strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten“, erwiderte sie unschuldig und trat näher, wobei sie darauf achtete, einen großzügigen Sicherheitsabstand zu wahren. „Wie ich sehe, hast du Marcella noch nicht eigenhändig vor die Tür gesetzt.“

​„Ich war kurz davor“, knurrte Kai, während er die Hände hinter seinem Rücken verschränkte – vermutlich, um sicherzustellen, dass er sie nicht unbedacht benutzte. „Diese Frau versucht, Scheinwerfer in Winkeln aufzustellen, die die Privatsphäre meiner Frau massiv gefährden.“

​„Oh, Kai-Bärchen, sei nicht so dramatisch!“, zwitscherte Marcella und drückte Nami ein Bündel aus nachtblauer Spitze und schwerem Samt in die Hand. „Hier, Schätzchen. Das 'Midnight-Couture'-Set. Geh hinter den Wandschirm und zieh es an. Wir müssen sehen, wie das Blau mit deinen Augen spielt.“

​Nami warf Kai einen vielsagenden Blick zu. „Hinter den Wandschirm? Aber Kai hat doch die Sicherheitsvorkehrungen geprüft. Er weiß sicher genau, welche Winkel... sicher sind.“

​Kai presste die Lippen so fest zusammen, dass sie eine schmale Linie bildeten. „Geh einfach, Nami“, presste er hervor.

​Während Nami hinter dem verzierten Wandschirm verschwand, trat eine ungewöhnliche Stille in den Saal. Man hörte nur das leise Rascheln von Stoff und das entfernte Klacken von Beyblades im Garten, wo Gou und Makoto offensichtlich ihr Nachmittagstraining absolvierten.

​Kai stand wie versteinert da. Er fixierte den Rand des Wandschirms, als könnte er durch das Holz sehen. Jedes Geräusch von Namis Bewegungen – das Öffnen eines Reißverschlusses, das Gleiten von Seide über Haut – schien in seinen Ohren wie ein Donnerhall zu widerhallen.

​„Marcella“, sagte Kai plötzlich, ohne den Blick vom Wandschirm abzuwenden. „Wenn ein einziges Foto von dieser Anprobe den Raum verlässt, werde ich dafür sorgen, dass du den Rest deiner Karriere damit verbringst, Essen in einer Kantine auszugeben.“

​„Immer so charmant...“, murmelte Marcella, doch sie wirkte zum ersten Mal sichtlich eingeschüchtert.

​Dann trat Nami hervor.

​Das nachtblaue Set war eine Provokation aus Stoff. Der Samt schmiegte sich an ihre Hüften, während die Spitze am Dekolleté so fein war, dass sie fast mit ihrer karamellen Haut verschmolz. Ihr langes, weißes Haar fiel in schweren Wellen über ihren Rücken und bildete einen scharfen Kontrast zum dunklen Blau.

​Sie blieb im vollen Licht der Scheinwerfer stehen und sah Kai direkt an. „Und? Entspricht das deinen... technischen Spezifikationen?“

​Kai antwortete nicht. Er atmete schwer durch die Nase. Er konnte spüren, wie sein Stolz und sein Verlangen einen erbitterten Kampf in seinem Inneren austrugen. Er wollte sie packen, sie gegen einen der riesigen Spiegel drücken und ihr zeigen, was er von technischen Spezifikationen hielt. Aber die Wette... die verdammte Wette.

​„Die Farbe ist... akzeptabel“, sagte er schließlich mit einer Stimme, die klang, als hätte er Sand geschluckt.

​In diesem Moment flogen die Türen auf. Gou und Makoto stürmten herein, beide verschwitzt und mit ihren Beyblades in der Hand.

​„Vater, Makoto behauptet, dass seine neue Angriffs-Rotation...“, Gou brach mitten im Satz ab. Er sah seine Mutter in der sündigen Spitze, sah seinen Vater, der aussah, als stünde er kurz vor einer Kernschmelze, und sah Marcella, die hysterisch mit den Händen fuchtelte.

​Makoto blieb neben Gou stehen und blinzelte. „Äh... stören wir bei einer geschäftlichen Krisensitzung?“

​Gou musterte die Szene mit seinem unheimlichen Gespür für die Dynamik seiner Eltern. Er sah die Distanz zwischen ihnen und das unterdrückte Feuer in Kais Augen. Ein langsames, wissendes Grinsen – das exakte Ebenbild von Kais Lächeln – breitete sich auf seinem Gesicht aus.

​„Nein, Makoto“, sagte Gou trocken und verschränkte die Arme. „Ich glaube, wir sind Zeugen eines historischen Experiments zum Thema 'Menschliche Willenskraft gegen absolute Provokation'.“ Er sah zu Kai. „Vater? Deine Kiefermuskeln zucken. Ist das ein neues taktisches Manöver?“

​Kai wandte den Blick mühsam von Nami ab und fixierte seinen Sohn. „Gou. Makoto. In den Garten. Sofort.“

​„Wir gehen ja schon“, sagte Gou ungerührt, während er Makoto am Ärmel nach draußen zog. „Aber falls das Haus heute Nacht anfängt zu vibrieren, weiß ich: Die Willenskraft hat verloren.“

​Die Tür knallte hinter den Jungen zu. Nami biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen, während Kai aussah, als würde er am liebsten den nächsten Scheinwerfer zertrümmern.

​„Können wir jetzt weitermachen?“, fragte Nami mit unschuldiger Stimme. „Ich hätte da noch ein Set in Smaragdgrün...“

zwitscherte Marcella.
 

Das smaragdgrüne Set war schließlich der Gnadenstoß. Die Seide hatte einen tiefen, juwelenartigen Glanz, der Namis ozeanfarbene Augen fast zum Leuchten brachte, während die filigrane schwarze Spitze an den Rändern wie feine Schatten auf ihrer Haut lag. Als sie sich im Licht der Scheinwerfer langsam drehte, um Marcella den Rückenausschnitt zu präsentieren, der bis fast zum Gesäß reichte, war das einzige Geräusch im Raum das rhythmische Ticken der großen Standuhr und Kais schwerer werdender Atem.

​Kai starrte sie an. Er sah, wie das Licht auf dem Stoff spielte, sah die Eleganz jeder ihrer Bewegungen und vor allem sah er dieses amüsierte, triumphierende Funkeln in ihrem Blick. Sie wusste genau, was sie tat. Sie spielte auf seiner Klaviatur wie eine Virtuosin.

​Plötzlich stieß Kai seinen Stuhl so heftig zurück, dass er mit einem hässlichen Quietschen über den Marmor scharrte.

​„Genug“, sagte er. Seine Stimme war nicht mehr nur rau, sie war eisig und absolut.

​Marcella zuckte zusammen und hielt mitten in einer Geste inne. „Aber Kai-Bärchen, wir haben noch die 'Rose-Gold'-Linie und die...“

​„Ich sagte: Genug“, unterbrach er sie, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Er griff nach seinem Sakko, das über einer Stuhllehne hing, und warf es sich mit einer fast schon gewaltsamen Präzision über die Schulter. Sein Blick war fest auf Nami fixiert, die vollkommene Gelassenheit ausstrahlte. „Mir ist gerade eingefallen, dass ich ein wichtiges Dokument in der Entwicklungsabteilung im Tower vergessen habe. Ich werde heute Überstunden machen und die Nacht im Büro verbringen. Es gibt... Sicherheitsanalysen, die keinen Aufschub dulden.“

​Nami zog eine Braue hoch. Ein kleines, freches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. „Überstunden, Kai? Am späten Abend? Ich dachte, du hättest alles unter Kontrolle.“

​„Ich habe alles unter Kontrolle, Nami“, erwiderte er, während er bereits auf die Tür zuschritt. Er blieb kurz stehen, den Rücken zu ihr gewandt, die Schultern so gespannt, dass man meinte, sie müssten jeden Moment zerreißen. „Aber die Belastungstests erfordern meine volle Konzentration. Ohne Ablenkung.“

​Er wartete keine Antwort ab. Mit wehendem Sakko über der Schulter verließ er den Spiegelsaal. Sekunden später hörte man das kraftvolle Aufheulen eines Motors in der Auffahrt. Er brauchte wohl die Geschwindigkeit, um den Kopf frei zu bekommen.

​Marcella blinzelte verwirrt in die plötzliche Stille. „Was war das denn? Ist er krank? Er sah aus, als würde er gleich jemanden... oder etwas... fressen wollen.“

​Nami lachte leise und begann, die smaragdgrünen Träger von ihren Schultern gleiten zu lassen, während sie wieder hinter den Wandschirm trat. „Oh nein, Marcella. Ihm geht es ausgezeichnet. Er ist nur... sehr engagiert bei seiner Arbeit.“

​Sie trat kurz darauf in ihrem normalen Kleid wieder hervor und strich sich das Haar glatt. „Machen wir für heute Schluss. Ich finde die Entwürfe fantastisch. Um ehrlich zu sein... ich freue mich schon riesig auf die Modenschau. Es wird das aufregendste Event des Jahres – in jeder Hinsicht.“

​Marcella strahlte. „Wunderbar! Dann ist es abgemacht! Ich schicke dir die finalen Termine für die Probe, morgen.“

​Als Nami wenig später aus dem Spiegelsaal trat, begegnete sie Graham im Flur. Er hielt ein Tablett mit einem Glas eiskaltem Wasser bereit.

​„Der Herr hat das Anwesen mit einer Geschwindigkeit verlassen, die selbst Tyson Granger in Erklärungsnot gebracht hätte, Madame“, bemerkte Graham trocken. „Soll ich seinen Assistenten im Tower anweisen, die Kaffeemaschine auf Dauerbetrieb zu stellen? Oder gehen wir davon aus, dass er versucht, die Nacht durch exzessives Studium von Quartalszahlen zu überleben?“

​„Lass ihn ruhig arbeiten, Graham“, antwortete Nami vergnügt und nahm das Glas entgegen. „Er braucht die Herausforderung. Aber sag Claire, sie soll morgen ein besonders nahrhaftes Frühstück vorbereiten. Ich habe das Gefühl, der zweite Tag unserer Wette wird für ihn noch anstrengender als der erste.“

​Graham neigte den Kopf. „Sehr wohl, Madame. Ich werde auch dafür sorgen, dass der Tower heute Nacht gut bewacht wird. Nicht, dass der Herr in seinem aktuellen Zustand beschließt, die Wände neu zu streichen, um seine überschüssige Energie zu kanalisieren.“
 

Die Nacht im Ayame-Anwesen war von einer schweren, fast greifbaren Stille erfüllt. Das ferne Zirpen der Zikaden war längst verstummt, und nur das Ticken der großen Standuhr in der Halle hallte rhythmisch durch die dunklen Flure.

​Es war kurz nach zwei Uhr morgens, als Kai die schwere Eichentür des Hauptschlafzimmers lautlos aufstieß. Er hatte die letzten Stunden im Tower verbracht, vergraben in Sicherheitsanalysen und Bilanzen, in der vergeblichen Hoffnung, dass die trockene Logik der Zahlen das Feuer in seinem Blut löschen würde. Sein Sakko hing ihm locker über der Schulter, die obersten Knöpfe seines Hemdes waren offen, und sein Gesicht wirkte gezeichnet von einer Müdigkeit, die tiefer saß als bloßer Schlafmangel.

​Er trat in den Raum, seine Schritte auf dem dicken Teppich völlig lautlos. Das silberne Licht des Mondes fiel durch die hohen Fenster und legte sich wie flüssiges Quecksilber über das riesige Bett. Kai hielt inne.

​Nami lag dort, halb auf der Seite, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Sie hatte die Decke im Schlaf weggestrampelt – die Hitze der Nacht war noch immer drückend. Sie lag vollkommen nackt da, ihre Haut schimmerte im Mondlicht wie feinster, karamellener Alabaster. Ihr langes, weißes Haar ergoss sich wie ein Seidenstrom über das dunkle Laken und verdeckte nur spärlich die Rundung ihrer Hüfte. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, ihre Lippen waren leicht geöffnet, und ihr Gesichtsausdruck war von einer Reinheit und Ruhe, die Kai fast den Atem raubte.

​Er stand wie angewurzelt da. Sein Blick wanderte über ihren Körper, registrierte jede sanfte Kurve, das zarte Heben und Senken ihrer nackten Brust. Er konnte den dezenten Duft von Vanille und ihrer warmen Haut wahrnehmen, der in der Luft hing. In diesem Moment war die Wette vergessen. Sein ganzer Körper spannte sich an, seine Hand ballte sich unwillkürlich zu einer Faust. Er wollte sich nur zu ihr legen, sie an sich ziehen, ihr Gesicht in seinem Nacken spüren.

​Doch dann blitzte die Erinnerung an ihr triumphierendes Lächeln im Spiegelsaal vor seinem inneren Auge auf. Er wusste, dass sie ihn genau hier haben wollte – am Rande des Wahnsinns.

​„Verdammt noch mal, Nami…“, flüsterte er, seine Stimme ein heiseres, gequältes Knurren, das in der Stille des Raumes fast gewaltsam wirkte.

​Er zwang sich, den Blick abzuwenden. Es war eine körperliche Qual, sich von ihr wegzubewegen, als würde er gegen eine unsichtbare Strömung ankämpfen. Er drehte sich abrupt um und verließ den Raum, wobei er die Tür mit einer kontrollierten Härte schloss, die gerade noch nicht laut genug war, um sie zu wecken.

​Draußen im Korridor lehnte er seinen Kopf gegen das kühle Holz der Türverkleidung und schloss die Augen. Er fluchte leise auf Russisch, dunkle, raue Worte, die seinen Frust widerspiegelten. Er konnte jetzt nicht schlafen, nicht in diesem Bett, nicht mit diesem Bild im Kopf.

​Er ging die Treppe runter in sein Arbeitszimmer. Der Raum roch nach altem Papier, Leder und schwerem Tee. Ohne das Licht einzuschalten, warf er sein Sakko auf einen Sessel und ließ sich auf die breite Ledercouch fallen. Sie war bequem, ja, aber sie war nicht Nami. Er starrte in die Dunkelheit, seine Kiefermuskeln arbeiteten.

​Morgen. Morgen würde er den Spieß umdrehen. Er würde nicht mehr nur reagieren. Wenn sie dachte, sie könnte ihn mit ihrer Nacktheit und ihrer Unschuld im Schlaf mürbe machen, dann hatte sie den Zaren unterschätzt. Er nahm sich fest vor, ihren Willen während der Arbeitsstunden im Tower systematisch zu brechen, bis sie es war, die ihn anflehte, die Wette zu beenden.
 

​Als Nami am nächsten Morgen den Frühstückssaal betrat, wirkte sie erfrischt und strahlend, unwissend über den nächtlichen Besuch. Kai saß bereits am Tisch. Er wirkte müde, doch seine Aura war so scharf wie eine frisch geschliffene Klinge.

​„Gut geschlafen, Zar?“, fragte sie beiläufig, während sie sich setzte und Graham ihr den Tee einschenkte.

​Kai hob langsam den Blick von seiner Zeitung. Er sah sie an – nicht flüchtig, sondern mit einer Intensität, die sie fast frösteln ließ. „Hervorragend, mein Schatz. Ich hatte eine sehr… aufschlussreiche Nacht. Ich habe viel über unsere Effizienz im Tower nachgedacht. Und über die Art, wie wir… Meetings führen.“

​Nami zog eine Braue hoch. „Meetings? Klingt spannend.“

​„Das wird es“, erwiderte er mit einem schmalen, fast grausamen Lächeln.

​Im Tower angekommen, herrschte eine knisternde Spannung. Kai rief Nami keine zehn Minuten nach ihrer Ankunft in sein Büro.

​„Wir müssen die Sicherheitsklauseln für Marcella finalisieren“, sagte er, als sie den Raum betrat. Er saß hinter seinem massiven Schreibtisch, doch anstatt sie auf den Stuhl gegenüber zu weisen, deutete er auf den Platz direkt neben sich. „Komm her, Schatz. Ich möchte, dass wir die Entwürfe auf dem großen Bildschirm gemeinsam nocheinmal durchgehen. Ebenso den Vertrag...Zeile für Zeile.“

​Nami trat an seinen Schreibtisch. Als sie sich neben ihn setzte, drehte Kai seinen Sessel so weit zu ihr, dass seine Knie ihre Beine einschlossen. Er berührte sie nicht mit den Händen, aber er war so nah, dass sie die Hitze seines Körpers wie einen Ofen spürte.

​„Hier“, sagte er und deutete auf das Hologramm, das über dem Schreibtisch schwebte. Er beugte sich so weit vor, dass seine Schulter gegen ihre drückte. „Dieser Bereich des Rückenausschnitts bei dem smaragdgrünen Set. Er ist zu tief. Findest du nicht?“

​Er sprach leise, seine Stimme war ein tiefes Vibrieren, das direkt in ihre Haut zu kriechen schien. Während er sprach, wanderte sein Blick nicht zum Hologramm, sondern zu ihrem Hals, zu dem feinen Pulsieren an ihrer Schläfe. Er atmete ihren Duft ein, sichtlich genießend, wie sie unter seiner Nähe unruhig wurde.

​„Kai…“, begann sie, ihre Stimme klang ein wenig brüchig.

​„Was ist?“, fragte er unschuldig, doch seine Augen blitzten triumphierend. Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, bis seine Lippen nur Millimeter von ihrem Ohr entfernt waren. „Störe ich dich bei der Arbeit? Ich dachte, wir sind Profis. Wir besprechen hier nur… Geschäftsdetails.“

​Er ließ seine Hand ganz langsam über die Tischplatte gleiten, bis seine Fingerspitzen nur einen Hauch von ihrem Handgelenk entfernt waren. Er berührte sie nicht. Er hielt die Spannung, ließ sie in der Ungewissheit zappeln, ob er die Regel brechen würde. Er spielte mit ihr, genau wie sie es gestern im Spiegelsaal getan hatte – nur dass seine Methode viel direkter, viel fordernder war.
 

Nami spürte, wie die Hitze ihre Wangen flutete. Dieser Duft – es war dieses seltene, schwere Parfum, das er nur zu den exklusivsten Anlässen trug oder wenn er wusste, dass er sie damit um den Verstand bringen konnte. Es roch nach Zedernholz, kaltem Rauch und etwas zutiefst Männlichem, das seinen natürlichen Geruch nicht überdeckte, sondern ihn wie einen Verstärker in den Raum trug.

​Jeder Atemzug von ihr wurde schwerer, flacher. Kai bemerkte es sofort; sein Blick verengte sich, und ein dunkles, zufriedenes Glühen trat in seine Augen. Er wusste, dass er sie genau dort hatte, wo er sie wollte. Als sie spürte, wie ein verräterisches Ziehen durch ihren Unterleib schoss und die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen zunahm, hielt sie es nicht mehr aus.

​„Ich... ich muss noch kurz in die PR-Abteilung.“, stieß sie hervor und stand so abrupt auf, dass ihr Sessel fast umkippte. Ohne Kai noch einmal anzusehen, floh sie regelrecht aus dem Büro.

​Draußen im Vorraum blieb sie einen Moment stehen und presste die Hand auf ihr Herz, das gegen ihre Rippen hämmerte wie ein eingesperrtes Tier.

​„Madame?“, erklang die besorgte Stimme von Miya, ihrer Assistentin. Die junge Frau trat mit einem Klemmbrett an sie heran und musterte Nami mit gerunzelter Stirn. „Alles in Ordnung? Sie sind so... blass und gleichzeitig so rot. Gab es einen Streit mit dem Herrn?“

​Nami atmete zittrig aus und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Nein, Miya. Kein Streit. Nur... eine sehr anstrengende Besprechung.“

Nami ignorierte den besorgten Blick ihrer Assistentin und steuerte fast fluchtartig auf die silbernen Türen des Fahrstuhls zu. Sie drückte den Knopf für die PR-Abteilung so heftig, als hinge ihr Leben davon ab. Ihr Herz raste noch immer, und der Duft von Kais Parfum schien ihr wie ein unsichtbarer Schleier gefolgt zu sein.

​Gerade als sich die Türen schließen wollten, schob sich eine starke Hand dazwischen. Die Sensoren reagierten sofort, und die Türen glitten zischend wieder auf.

​Kai trat ein. Er wirkte völlig gefasst, fast schon unheimlich ruhig. Er trug sein Sakko nun wieder über der Schulter, und sein weißes Hemd spannte sich über seine Brust. Er sah Nami nicht an, während er auf das Panel drückte – die Etage für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die ganz unten im Tower lag, unter der Lobby.

​„Ich dachte, du hättest noch Dokumente zu prüfen“, sagte Nami mit einer Stimme, die viel fester klingen sollte, als sie sich anfühlte.

​„Die Forschung hat Priorität“, erwiderte er kühl, während der Fahrstuhl lautlos anfuhr. „Die Prototypen für die neuen Beyblade-Entwürfe der Tachibey müssen abgenommen werden.“

​Sie standen nebeneinander in der kleinen, verspiegelten Kabine. Der Fahrstuhl des Tachiwari Towers war schnell, doch in diesem Moment fühlte sich jede Sekunde wie eine Ewigkeit an. Kai stand so nah bei ihr, dass sie die Wärme spüren konnte, die von seinem Körper ausging. Sein Parfum füllte den engen Raum aus, bis es das Einzige war, was Nami noch wahrnahm.

​Plötzlich hob Kai die Hand. Nami hielt den Atem an, erwartete eine Berührung, vielleicht an ihrer Wange oder ihrem Hals. Doch Kai drückte lediglich auf den roten Stopp-Knopf. Der Fahrstuhl ruckte kurz und blieb zwischen zwei Etagen stehen. Das Licht flackerte kurz und schaltete dann auf die gedimmte Notbeleuchtung um, was den Raum in ein intimes, fast goldenes Licht tauchte.

​„Was tust du da?“, flüsterte Nami. Die Stille im Fahrstuhlschacht war absolut.

​Kai drehte sich nun zu ihr. Er machte einen Schritt auf sie zu, bis sie mit dem Rücken gegen die kühle Spiegelwand stieß. Er stützte beide Hände links und rechts von ihrem Kopf gegen das Glas. Er berührte sie nicht – kein Zentimeter seiner Haut traf die ihre –, aber er hielt sie gefangen in dem Käfig seiner Arme.

​„Wir müssen über Effizienz sprechen, Nami“, raunte er. Seine Stimme war jetzt so tief, dass sie wie ein Bass in ihrem Brustkorb vibrierte. Er beugte sich vor, bis seine Nasenspitze fast die ihre berührte. „Ich sehe, wie dein Herz gegen deine Bluse hämmert. Ich spüre, wie dein Atem zittert. Und ich weiß genau, wonach du dich gerade sehnst.“

​Er neigte den Kopf zur Seite und vergrub sein Gesicht fast in ihrer Halsbeuge, atmete tief ihren Duft ein, vermischt mit der Aufregung, die von ihr ausging. „Du denkst, du gewinnst diese Wette, weil du dich nackt im Bett präsentierst? Das war ein Anfängerfehler. Wahre Qual entsteht nicht durch das, was man sieht, sondern durch das, was man fast spüren kann, aber nicht darf.“

​Er sprach direkt gegen ihre Haut, sein heißer Atem ließ sie unwillkürlich erzittern. „Stell dir vor, wie es wäre, wenn ich jetzt die Regeln brechen würde. Wenn ich meine Hände unter deine Haare schieben und dich zum Schweigen bringen würde. Ich wette, dass jedes einzelne Wort von mir, dich genau in diesem Moment nur noch feuchter macht. Nur ein Kuss, Nami. Nur einer, und dieser ganze Wahnsinn hätte ein Ende.“

​Nami krallte ihre Finger in den Stoff ihres Rockes. Die feuchte Hitze zwischen ihren Beinen wurde fast unerträglich, und sie musste den Drang unterdrücken, sich einfach gegen ihn zu lehnen. Er war so nah, so verdammt nah.

​Kai lachte leise, ein dunkles Geräusch. „Du bist kurz davor einzuknicken, oder? Ich kann es riechen. Du willst, dass ich verliere, damit du bekommst, was du willst.“

​Er wich ein winziges Stück zurück, gerade so viel, dass er ihr wieder in die Augen sehen konnte. Das hämische Grinsen auf seinen Lippen war purer Triumph. „Aber ich werde nicht derjenige sein, der abbricht. Ich werde dich den ganzen Tag weiter so ansehen. Ich werde im nächsten Meeting direkt neben dir sitzen. Und heute Abend werde ich wieder in unser Zimmer kommen. Und ich werde dir beim Schlafen zusehen, bis du vor Sehnsucht aufwachst.“

​Mit einer fließenden Bewegung löste er sich von ihr, drückte den Stopp-Knopf wieder hinein und der Fahrstuhl setzte sich ruckelnd wieder in Bewegung.

​„PR-Abteilung“, sagte er sachlich, als die Türen sich Sekunden später öffneten. Er machte eine einladende Geste, ohne sie zu berühren, sein Gesicht wieder eine Maske aus professioneller Kälte. „Wir sehen uns später zur Abnahme in der Forschung. Verspäte dich nicht.“

​Nami trat mit weichen Knien aus dem Fahrstuhl. Sie hörte, wie sich die Türen hinter ihr schlossen und Kai weiter in die Tiefe des Towers fuhr. Sie stand im hell erleuchteten Flur der PR-Abteilung, umgeben von geschäftigen Mitarbeitern, und versuchte verzweifelt, wieder zu Atem zu kommen.

​Kai hatte den Einsatz erhöht. Er spielte nicht mehr nur mit ihrer Sehnsucht – er nutzte sie als Waffe gegen sie.
 

„Mrs. Hiwatari?"

Nami fuhr plötzlich so heftig zusammen, dass die Mappe in ihrer Hand fast zu Boden geglitten wäre. Ihr Herz, das gerade noch im Rhythmus von Kais rauer Stimme gegen ihre Rippen geschlagen hatte, setzte einen Schlag aus.

​„Mrs. Hiwatari? Geht es Ihnen gut? Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen“, fragte eine der Damen, eine junge Assistentin namens Saki, und trat besorgt einen Schritt näher. Die andere, die Abteilungsleiterin der PR, hielt ein Tablet mit Entwürfen für die Pressemitteilung der neuen Beyblade Prototypen bereit.

​„Ich… ja, alles bestens“, brachte Nami hervor. Sie zwang sich, die Schultern zu straffen und die kühle Fassade der Geschäftsführung wiederherzustellen, doch ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren noch immer eine Oktave zu hoch. „Die Klimaanlage im Fahrstuhl scheint defekt zu sein. Es ist… sehr stickig dort drin.“

​„Oh, das tut uns leid! Ich werde sofort die Haustechnik informieren“, sagte Saki eifrig. „Aber wir brauchen dringend Ihre Freigabe für die Vermarktung der neuen Beyblade Prototypen. Die Fans warten auf die ersten Spezifikationen und das Design.“

​Nami starrte auf das Tablet, doch anstatt der technischen Details der Beyblades sah sie vor ihrem geistigen Auge nur Kais rubinrote Augen, die sie im halbdunklen Fahrstuhl fixiert hatten. Die Hitze in ihrem Körper wollte einfach nicht weichen. Sie spürte noch immer das Phantom seines Atems an ihrem Hals.

​~Reiß dich zusammen, Nami,~ befahl sie sich innerlich. ~Er will genau das. Er will, dass du die Beherrschung verlierst.~

​„Die Entwürfe für die Prototypen sind… in Ordnung“, sagte sie knapp, ohne wirklich hinzusehen. „Schicken Sie es an mein Büro. Ich muss jetzt weiter in die Forschungsabteilung. Mein Mann wartet.“

​„Natürlich, Madame. Der Herr ist bereits vor Fünf Minuten dort unten eingetroffen. Er wirkte laut der Ingeniuere dort unten … sehr konzentriert“, bemerkte die Abteilungsleiterin mit einem vielsagenden Lächeln. „Sollen wir Ihnen ein Wasser bringen lassen?“

​„Nein, danke. Das wird nicht nötig sein“, erwiderte Nami, drehte sich um und steuerte auf die Treppen zu. Den Fahrstuhl wollte sie unter keinen Umständen noch einmal nehmen – nicht, solange die Gefahr bestand, dass er dort lauerte oder allein die Erinnerung an seine Arme sie wieder ins Wanken brachte.

Das rhythmische Klacken ihrer Absätze auf dem Metall der Stufen half ihr, ihren Puls mühsam wieder in den Griff zu bekommen, während sie die Etagen hinunter in die Forschungsabteilung eilte.

​Als sie die schwere Sicherheitsschleuse zur Forschungs- und Entwicklungsabteilung passierte, schlug ihr die gewohnt sterile, kühle Luft entgegen. Das Labor war das genaue Gegenteil zum kreativen Chaos der PR-Abteilung: klinisch rein, beleuchtet von bläulichem LED-Licht, das jeden Schatten gnadenlos auslöschte.

​Kai war bereits dort. Er stand am Ende des Raumes vor einem riesigen, gläsernen Testbecken. Er hatte das Sakko abgelegt, die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellenbogen gerollt, was die Sehnen an seinen Unterarmen hervortreten ließ. Um ihn herum wuselten Ingenieure, die nervös auf ihre Tablets starrten.

​„Dichte der Bit-Chips prüfen“, befahl Kai, ohne sich umzusehen. Seine Stimme war in der sterilen Akustik des Labors noch dunkler als sonst. „Wenn die Zentrifugalkraft bei 15.000 Umdrehungen pro Minute nicht stabil bleibt, ist der gesamte Prototyp Schrott.“

​Nami trat an seine Seite, hielt aber die vorgeschriebene Distanz von zwei Metern ein. „Ich sehe, die Forschung macht Fortschritte“, sagte sie, wobei sie versuchte, ihre Stimme so geschäftsmäßig wie möglich klingen zu lassen.

​Kai drehte langsam den Kopf. Sein Blick war wie ein Laser, der über ihr Gesicht glitt und schließlich an ihrem Hals hängen blieb – genau dort, wo er vor wenigen Minuten im Fahrstuhl seinen heißen Atem gelassen hatte. Ein Muskel in seinem Kiefer arbeitete heftig. „Wir testen die Belastungsgrenzen, Nami. In jeder Hinsicht.“

​Einer der Chefentwickler, Dr. Arisawa, räusperte sich nervös. „Mr. Hiwatari, Mrs. Hiwatari... wir sind bereit für den Hochgeschwindigkeitstest des 'Tachibey-Alpha'. Wir haben die Reibungskoeffizienten an den Angriffsringen minimiert, genau wie Sie es gestern gefordert haben.“

​„Starten Sie“, sagte Kai, ohne den Blick von Nami abzuwenden.

​Zwei Beyblades schossen in die Arena. Das kreischende Geräusch von Metall auf Metall erfüllte den Raum. Funken sprühten, und die Rotation war so schnell, dass die Blades nur noch als verschwommene Kreise aus Chrom und Kobaltblau zu erkennen waren.

​„Die Hitzeentwicklung ist stabil“, meldete Arisawa. „Die Kühlung hält.“

​„Nicht gut genug“, knurrte Kai. Er trat einen Schritt näher an die Arena – und damit unweigerlich näher an Nami. Er beugte sich vor, um die Rotation zu beobachten, wobei sein Arm den Stoff ihres Kostüms nur um Millimeter verfehlte. Nami konnte die Hitze spüren, die von seinem Körper ausging, ein krasser Kontrast zur klimatisierten Kälte des Labors.

​„Die Reibung erzeugt immer noch zu viel Widerstand“, fuhr Kai fort, seine Stimme nun leiser, nur für sie bestimmt. „Es ist wie bei allem, was man zu lange unterdrückt. Die Energie muss irgendwohin. Wenn sie keinen Ausweg findet, explodiert das System."

Nami spürte, wie die Kühle des Raumes gegen die Hitze in ihrem Inneren ankämpfte. Kai nutzte die gesamte Szenerie des Labors – die rohe Kraft der Beyblades, das klinische Licht –, um den Druck auf sie zu erhöhen. Er war hier in seinem Element, der unangefochtene Herrscher über Technik und Zerstörung.

​Kai griff nach einem der Prototypen, der gerade aus der Arena geschleudert worden war. Das Metall war noch heiß. Er hielt es in der Hand, als würde er den Schmerz gar nicht spüren, und trat nun so nah vor sie, dass sie seinen Herzschlag fast spüren konnte. Er hielt ihr den glühenden Beyblade entgegen, seine Fingerknöchel weiß.

​„Spürst du die Restwärme, Nami? Das ist das Problem mit Prototypen. Sie sehen von außen perfekt und unantastbar aus… aber im Inneren kochen sie.“ Er ließ den Beyblade in den Auffangbehälter fallen. Das metallische ☆Kling☆ hallte wie ein Urteil durch den Raum.

​„Ich habe noch Termine oben“, sagte Nami schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Sie hielt seinem brennenden Blick stand, doch ihre Knie fühlten sich an wie Pudding.

​„Fliehst du schon wieder?“, fragte er leise, ein triumphierendes Blitzen in seinen roten Augen. „Zuerst der Fahrstuhl, jetzt das Labor. Dir gehen die Räume aus, in denen du dich vor mir verstecken kannst.“

​Er trat zur Seite, um ihr den Weg freizugeben. Als sie an ihm vorbeiging, flüsterte er so leise, dass kein Techniker es hören konnte: „Zähl die Stunden bis heute Abend. Ich werde zusehen, wie du im Mondlicht schläfst. Und ich werde keinen einzigen Zentimeter Abstand halten, wenn ich dich in meinen Träumen berühre.“

​Nami verließ die Forschungsabteilung mit klopfendem Herzen. Sie wusste eines sicher: Kai hatte den Krieg in die heiligen Hallen der Tachiwari-Corporation getragen, und sie hatte kaum noch Verteidigungslinien übrig.
 

Wenig später im Anwesen...

Das Abendessen verlief unter den wachsamen Augen von Gou, Ayumi, Ren und der kleinen Sayuri. Die Kinder spürten, dass zwischen ihren Eltern eine Energie herrschte, die man fast hören konnte – wie das Summen eines Hochspannungsmastes. Kai war ungewöhnlich schweigsam, während Nami die Konversation leitete, als wäre nichts gewesen.

​Später am Abend, als die Kinder im Bett waren und das Haus zur Ruhe kam, stand Nami auf dem Balkon ihres Schlafzimmers und blickte in den Garten. Sie trug nur ein hauchzertes Seidennachthemd.

​Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Kai trat aus den Schatten des Zimmers auf den Balkon. Er blieb an der Brüstung stehen, einen guten Meter von ihr entfernt, und blickte ebenfalls in die Nacht.

​„Morgen ist Tag vier“, sagte er leise.

​„Ich weiß“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

​„Die Kinder haben heute gefragt, warum du und ich uns nicht mehr küssen, wenn wir uns begrüßen“, fuhr er fort, seine Stimme war nun völlig ruhig, fast schon nachdenklich. „Ich habe Gou gesagt, dass wir gerade ein Training absolvieren.“

​Nami schmunzelte. „Und was hat er dazu gesagt?“

​„Er meinte, wenn das ein Training ist, dann wäre es das härteste, das er je gesehen hat. Härter als alles, was er bei mir oder Tyson erlebt hat.“ Kai drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht lag im Schatten, doch seine Augen leuchteten im Mondlicht. „Er hat recht, Nami. Es ist die Hölle.“

​Er machte keine Anstalten, die Wette zu brechen, doch die Offenheit in seiner Stimme war ein neues Level der Intimität.

Kapitulation

Der vierte Tag begann mit einer Stille, die sich bleiern über das Ayame-Anwesen legte. Die Nacht zuvor war für beide eine Zerreißprobe gewesen. Nach ihrem kurzen Gespräch auf dem Balkon war Kai wortlos ins Zimmer zurückgekehrt, doch er hatte sich nicht auf die Couch im Arbeitszimmer gelegt. Stattdessen hatte er sich demonstrativ auf seine Seite des Bettes gebettet, den Rücken zu Nami gewandt.

​Stundenlang hatten sie so dagelegen – Rücken an Rücken, getrennt durch kaum dreißig Zentimeter Matratze, die sich in dieser Nacht wie ein unüberwindbarer Abgrund anfühlten. Nami hatte seinen schweren, kontrollierten Atem gehört und die Hitze gespürt, die sein Körper ausstrahlte. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte und das leise Rascheln der Seide ihres Nachthemds die Stille durchschnitt, spürte sie, wie Kai sich versteifte. Er war wach gewesen, genau wie sie, gefangen in einem Zustand zwischen Erschöpfung und brennendem Verlangen. Irgendwann im Morgengrauen musste er aufgestanden sein, denn als das erste Licht des vierten Tages durch die Vorhänge brach, war sein Platz leer und die Bettdecke akkurat zurückgeschlagen.

​Im Tower setzte sich dieses Spiel der Distanz fort, doch auf eine weitaus grausamere Weise.

​Den ganzen Vormittag über bekam Nami ihren Mann nicht zu Gesicht. Normalerweise kreuzten sich ihre Wege mindestens ein Dutzend Mal – beim Kaffee in der Lounge, bei kurzen Absprachen zwischen den Büros oder durch die gläsernen Wände der Konferenzräume. Doch heute schien Kai ein Geist zu sein.

​„Wo ist mein Mann, Miya?“, fragte Nami gegen elf Uhr ungeduldig, als sie zum dritten Mal vor verschlossener Bürotür stand.

​„Der Herr ist in einer dringenden Videokonferenz mit der europäischen Niederlassung, Madame“, antwortete Miya pflichtbewusst, mied aber Namis Blick. „Danach hat er einen Außentermin bei den Zulieferern für die neuen Bit-Beast-Chassis angekündigt.“

​Nami biss sich auf die Lippe. Er wich ihr aus. Sie spürte es bis in die Fingerspitzen. Jedes Mal, wenn sie einen Raum betrat, in dem er kurz zuvor gewesen sein musste – erkennbar an dem verweilenden Hauch seines schweren Parfums –, war er bereits wieder verschwunden. Es war eine psychologische Kriegsführung, die sie mürbe machte. War er an seinem Limit? Hatte die Szene im Forschungslabor gestern seine Mauern so sehr erschüttert, dass er ihre Nähe physisch nicht mehr ertragen konnte? Oder war dies sein nächster strategischer Zug, um sie durch Entzug in den Wahnsinn zu treiben?

​In der Mittagspause versuchte sie es in der Kantine der Führungsebene, doch Graham, der heute einige private Angelegenheiten für Kai im Tower regelte, fing sie diskret ab.

​„Der Herr lässt ausrichten, dass er sein Mittagessen in der Forschungsabteilung einnimmt, Madame“, sagte Graham mit seiner gewohnt unerschütterlichen Miene. „Er betonte, dass die Kalibrierung der neuen Beyblade-Prototypen seine ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert. Er bat mich zudem, Ihnen mitzuteilen, dass Sie die PR-Strategie für heute Nachmittag ohne ihn finalisieren sollen.“

​Nami funkelte den Butler an. „Hat er das?“

​„In der Tat. Er wirkte dabei… außerordentlich konzentriert auf eine Wand etwa zehn Zentimeter über meinem Kopf“, fügte Graham trocken hinzu. „Es scheint, als würde der vierte Tag eine Phase der… totalen Isolation einleiten.“

​Der Nachmittag wurde zur Qual. Nami saß in Meetings, diskutierte über Marketingbudgets und Sponsorenverträge, doch ihre Gedanken schweiften ständig ab. Sie ertappte sich dabei, wie sie auf den Fluren nach seinem Schatten suchte, wie sie bei jedem Geräusch eines vorbeifahrenden Bentley-Motors zum Fenster eilte. Die Sehnsucht, die er mit seinem Verschwinden in ihr schürte, war schmerzhafter als seine provokante Nähe im Fahrstuhl.

​Sie vermisste das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie vermisste die dunkle Glut in seinen Augen, die ihr den Atem raubte. Ohne seine Präsenz fühlte sich der gewaltige Tower leer und steril an.

​Gegen 17 Uhr hielt sie es nicht mehr aus. Sie wusste, dass Kai noch im Haus sein musste. Sie steuerte zielstrebig auf das Archiv zu, in der Hoffnung, ihn dort bei den alten Unterlagen zu finden, die er für die Sicherheitsprüfung erwähnt hatte. Doch als sie die Tür aufriss, fand sie nur einen leeren Raum vor.

​Frustriert kehrte sie in ihr Büro zurück, nur um dort eine kurze, handgeschriebene Notiz auf ihrem Schreibtisch zu finden. Die Handschrift war unverkennbar seine – scharfkantig, präzise, fast aggressiv in das Papier gedrückt:

​„Bin direkt zum Training mit Gou und Makoto gefahren. Wir sehen uns beim Abendessen. Versuch nicht, mich zu finden, Nami. Die Zeit arbeitet für mich.“

​Nami zerknüllte das Papier mit einem unterdrückten Fluchen. Er spielte mit ihr. Er entzog ihr das Einzige, was sie im Moment wollte: seine Gegenwart. Er zwang sie dazu, sich vorzustellen, was er gerade tat, wie er sich bewegte, wie er beim Training schwitzte – und mit jedem Gedanken daran wuchs der Hunger in ihr.
 

Nami stand bereits kurz vor dem Ausgang des Towers, den Schlüssel für den Firmenwagen der Tachiwari-Corporation fest in der Hand, als sie förmlich abgefangen wurde. Es war nicht Miya allein; eine kleine Gruppe von Mitarbeitern – vom Chefanalysten bis hin zur Leiterin der Logistik – stand dort mit besorgten, fast schon verzweifelten Mienen.

​„Madame Hiwatari, bitte...“, begann der Logistikleiter und wischte sich nervös den Schweiß von der Stirn. „Könnten Sie... vielleicht mit dem Herrn sprechen? Er war heute den ganzen Tag über... nun ja, unberechenbar.“

​Nami hielt inne und zog eine Augenbraue hoch. „Unberechenbar? Inwiefern?“

​„Er ist wie früher“, flüsterte eine junge Frau aus der Grafikabteilung fast ehrfürchtig. „Bevor Sie fest im Tower angefangen haben. Er ist herrisch, seine Kommentare sind scharf wie Rasierklingen, und er hat die gesamte Strategieabteilung dreimal hintereinander ihre Berichte umschreiben lassen, nur weil ihm der Wortlaut nicht 'autoritär' genug war. Niemand traut sich mehr in sein Büro.“

​Nami unterdrückte ein schiefes Lächeln. Sie verstand sofort. Kai kanalisierte seinen Frust über die Enthaltsamkeit in pure, drakonische Disziplin. Ohne das Ventil ihrer Nähe war er wieder zum gefürchteten „Zaren“ geworden, der keine Fehler duldete und dessen bloße Aura die Raumtemperatur um zehn Grad senken und gleichzeitig zum Kochen bringen konnte.

​„Wir machen uns Sorgen, Madame“, fuhr der Analyst fort und senkte die Stimme. „Es gibt Gerüchte... man fragt sich, ob bei Ihnen beiden alles in Ordnung ist. Normalerweise ist der Herr nach dem Mittagessen mit Ihnen... nun ja, wesentlich ausgeglichener. Aber heute war er wie eine geladene Waffe.“

​In der Firma war es ein offenes Geheimnis: Nami war der einzige Mensch auf der Welt, der Kai Hiwatari bändigen konnte. Alle wussten, dass seine gute Laune – oder zumindest seine professionelle Geduld – direkt proportional zur Zeit stand, die er mit seiner Frau verbrachte. Dass er sie heute den ganzen Tag gemieden hatte, wirkte auf die Belegschaft wie ein drohendes Unwetter.

​„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte Nami mit einer Ruhe, die sie selbst kaum verspürte. „Der Herr hat nur eine sehr... intensive Woche. Es liegt nicht an der Firma und auch nicht an unserer Ehe. Es ist lediglich ein... internes Projekt, das ihm viel abverlangt.“

​Sie verabschiedete sich und trat hinaus zum Wagen. Die Worte der Mitarbeiter hallten in ihr nach. Kai litt offensichtlich genauso sehr wie sie, doch seine Art zu leiden bestand darin, die Welt um ihn herum brennen zu sehen.
 

​Als sie schließlich die Auffahrt hochfuhr und das vertraute Bild im Garten sah – Kai, oberkörperfrei, die Muskeln im Abendlicht glänzend, während er Gou und Makoto gnadenlos drillte –, wurde ihr klar, dass er sich auch hier nicht entspannte.

​Nami stand wenig später oben an der Terrasse, die Arme verschränkt. Das weiße Haar wehte leicht im Wind.

​Er wusste, dass sie da war. Er würdigte sie keines Blickes, doch die Aggressivität in seinen Bewegungen nahm zu. Er war ein Raubtier, das kurz davor stand, die Gitterstäbe seines Käfigs zu verbiegen.

​„Gou! Schneller!“, herrschte er seinen Sohn an, ohne den Blick abzuwenden. „Du verlässt dich zu sehr auf die Defensive! Wenn du nicht angreifst, gibst du die Kontrolle ab!“

​Nami beobachtete ihn schweigend. Der vierte Tag neigte sich dem Ende zu, und sie spürte, dass die Grenze erreicht war. Kai war schlecht gelaunt, herrisch und kurz davor, die gesamte Belegschaft – und vielleicht auch sie – in den Wahnsinn zu treiben.
 

​Das Abendessen verlief in einer fast unerträglichen Spannung. Kai saß am Kopfende des Tisches wie eine Statue aus Granit. Die Kinder wagten kaum zu sprechen, selbst die sonst so wilden Zwillinge Ayumi und Ren tuschelten nur leise, während sie ihre Suppe löffelten.

​Später am Abend, als die Dunkelheit das Anwesen vollends verschluckt hatte, suchte Nami die Konfrontation. Sie wollte nicht mehr warten. Sie ging in sein Arbeitszimmer, wo er vor einem Stapel Dokumenten saß, die Lampe war das einzige Licht im Raum.

​„Die Mitarbeiter im Tower haben Angst vor dir, Kai“, sagte sie schlicht und blieb in der Tür stehen.

​Kai hob den Kopf. Das Licht der Schreibtischlampe warf harte Schatten auf sein Gesicht. „Sie sollen ihre Arbeit machen. Angst ist ein guter Motivator für Präzision.“

​„Du bist unerträglich“, entgegnete sie und trat einen Schritt näher in den Lichtkegel. „Du flüchtest dich in deine alte Kälte, nur weil du es nicht aushältst, mich nicht zu berühren.“

​Kai legte den Stift weg. Er stand langsam auf. Die Enge des Raumes schien sofort zuzunehmen. Er kam um den Schreibtisch herum, blieb aber genau zwei Schritte vor ihr stehen. Sein Duft, dieser verstärkte Eigengeruch, umhüllte sie sofort.

​„Du hast diese Wette gewollt“, sagte er leise. „Du wolltest sehen, wie ich leide. Aber unterschätz mich nicht. Ich kann dieses Haus und den gesamten Tower in Schutt und Asche legen, bevor ich nachgebe. Wenn du willst, dass ich wieder 'nett' zu den Angestellten bin... dann weißt du, was du tun musst.“

​Er sah sie herausfordernd an. Er bot ihr den Ausstieg an, doch sein Blick verriet, dass er sie im selben Moment mit Haut und Haaren verschlingen wollte.
 

Nami spürte, wie ihr das Herz schwer wurde. Sie hatte sich bereits halb abgewandt, die Hand an der kühlen Klinke der Bürotür, als die Erkenntnis sie wie ein physischer Schlag traf. In der Hitze des Gefechts, in all dem amüsierten Spiel mit Reizen und Provokationen, hatte sie das Wichtigste vergessen: Kais innere Dunkelheit.

​In den letzten elf Jahren war ihre Nähe für ihn weit mehr gewesen als nur körperliches Verlangen. Sie war sein Anker, das Licht, das die Schatten seiner Vergangenheit in Schach hielt. Ohne ihre „heilende“ Aura, ohne die kleinen, alltäglichen Berührungen, die seinen Geist beruhigten, stieg die alte Kälte in ihm unaufhaltsam wieder auf. Das war der Grund für sein drakonisches Verhalten im Tower; er verlor ohne sie die Verbindung zu seiner Menschlichkeit.

​Ein tiefes Bedauern wallte in ihr auf. Sie wollte die Wette nicht gewinnen, wenn der Preis dafür war, dass er sich selbst wieder in dieser Dunkelheit verlor.

​Sie drehte sich um, die Lippen bereits geöffnet, um seinen Namen zu sagen, um ihm zu erklären, dass sie diesen Teil ihrer Verbindung vollkommen unterschätzt hatte – dass es ihr leidtat.

​Doch Kai war schneller. Er stand noch immer im Halbschatten seines Schreibtisches, die Arme verschränkt, das Gesicht wie aus Stein gehauen. Seine rubinroten Augen blitzten in der Dunkelheit auf.

​„Spar es dir, Nami“, schnitt er ihr das Wort ab. Seine Stimme war so schneidend und emotionslos, wie sie sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. „Ich weiß ganz genau, was du jetzt denkst. Du bildest dir ein, dass ich ohne dein 'Licht' in mir selbst zusammenbreche. Dass ich wie ein Ertrinkender nach deiner Aura schnappe.“

​Er trat aus dem Schatten auf sie zu, blieb aber kurz vor ihr stehen. Die Kälte, die von ihm ausging, war fast schmerzhaft. „Ich bin nicht so abhängig von dir, wie du in deiner Arroganz vielleicht glaubst. Ich habe Jahrzehnte in der Dunkelheit überlebt, bevor du in mein Leben getreten bist. Ich kann es auch weiterhin.“

​Ohne ein weiteres Wort, ohne eine einzige Berührung oder einen letzten Blick, schritt er an ihr vorbei. Der Luftzug seines Körpers streifte ihre Haut, kälter als die Nachtluft draußen. Das leise Klicken der Tür, als er das Zimmer verließ, hallte in der Stille nach wie ein finales Urteil.

​Das saß.

​Nami stand allein im dunklen Arbeitszimmer, die Stille lastete schwer auf ihren Schultern. Er hatte sie genau dort getroffen, wo es am meisten wehtat: bei ihrem Wunsch, für ihn nicht nur eine Ehefrau, sondern seine Rettung zu sein. Er hatte ihre Sorge als Arroganz abgetan und sie eiskalt abblitzen lassen.
 

​Die darauffolgende Nacht war die schlimmste von allen. Kai kam gar nicht erst ins Schlafzimmer. Nami lag hellwach im großen Bett, starrte an die Decke und lauschte auf jedes Geräusch im Haus. Sie fühlte sich leer und seltsam einsam, obwohl ihre Kinder nur ein paar Zimmer weiter schliefen.

​Am nächsten Morgen war die Stimmung am Frühstückstisch eisig. Kai war bereits fertig, als Nami herunterkam. Er trug einen perfekt sitzenden, schwarzen Anzug – seine Rüstung für den Tower. Er wechselte kein Wort mit ihr, gab nur Gou eine knappe Anweisung für das Nachmittagstraining und verließ das Haus, noch bevor Nami ihren ersten Schluck Tee getrunken hatte.

​Selbst Claire Beaumont, das Kindermädchen, bemerkte die Veränderung. Sie servierte den Zwillingen ihre Cornflakes mit einer Miene, die noch trockener war als sonst.

​„Monsieur Kai sieht heute aus, als hätte er zum Frühstück Reißnägel gegessen“, bemerkte sie mit ihrem charmanten französischen Akzent, während sie Sayuri ihren Teller hinstellte. „Und Madame... Sie sehen aus, als hätten Sie die ganze Nacht versucht, ein Puzzle ohne Teile zu lösen. Wenn das so weitergeht, werde ich die Kinder wohl in den Bunker schicken müssen, bevor die Tachiwari-Explosion das ganze Anwesen mitreißt.“

​Nami presste die Lippen zusammen.
 

Der fünfte Tag im Tower fühlte sich an wie ein Leichenschmaus. Kai behandelte Nami in den Meetings mit einer klinischen Höflichkeit, die schlimmer war als jeder Streit. Er nannte sie „Madame Hiwatari“ oder schlicht „Nami“, doch sein Blick glitt an ihr vorbei, als wäre sie aus Glas. Keine Provokation, keine Hitze – nur absolute, leere Stille.

​Gegen 15 Uhr brach alles in ihr zusammen. Die Stärke, der Stolz, die Wette – es bedeutete nichts mehr im Vergleich zu dem eisigen Abgrund, der sich zwischen ihnen aufgetan hatte.

​Nami stieß die Tür zu seinem Büro auf. Kai saß hinter seinem Schreibtisch, die Silhouette hart gegen das Panoramafenster abgezeichnet. Sie schloss die Tür hinter sich und ließ sich, während ihre Knie nachgaben, zitternd mit dem Rücken gegen das dunkle Metall sinken. Sie rutschte langsam daran hinunter, bis sie auf dem Boden saß, die Hände in den Schoß gelegt, die unkontrolliert bebten.

​Kai hielt nicht einmal inne. Seine Feder kratzte weiter über ein Dokument. Die Stille im Raum war so schwer, dass Nami kaum atmen konnte.

​„Du hast gewonnen, Kai“, presste sie mit einer Stimme hervor, die so brüchig war, dass sie kaum wie ihre eigene klang. „Ich gebe auf. Du hast gewonnen.“

​Erst jetzt hielt die Feder inne. Kai hob langsam den Blick. Doch da war kein Triumph. Da war nur diese unendliche, diamantene Kälte, die ihr Herz zu Eis gefrieren ließ. Er sah sie an, als wäre sie eine geschäftliche Variable, die nicht mehr funktionierte. Dieser Blick tat so unglaublich weh – schlimmer als jeder Entzug, schlimmer als jeder Kampf –, dass der Damm in ihrem Inneren brach.

​Ein erstickter Laut entwich ihrer Kehle, und dann begann Nami hemmungslos zu schluchzen. Dicke, heiße Tränen rannen ihr über die Wangen und fielen auf ihre Seidenbluse. Sie verbarg ihr Gesicht nicht, sie ließ den Schmerz einfach fließen.

​In diesem Moment weiteten sich Kais Augen ungläubig. Die Feder entglitt seinen Fingern und rollte über den Schreibtisch, doch er bemerkte es nicht. Er hatte mit ihrem Zorn gerechnet, mit ihrem Stolz, vielleicht sogar mit einer weiteren Verführung – aber nicht mit dieser vollkommenen, schutzlosen Verzweiflung.

​„Komm zu mir zurück… bitte“, schluchzte sie, ihre Stimme erstickt von den Tränen. Sie sah ihn flehend an, ihre Augen gerötet und nass. „Komm einfach zurück. Ich halte das nicht mehr aus. Ich vermisse dich so sehr… ich vermisse deine Nähe, deine Küsse… ich vermisse alles an dir. Es tut so weh, Kai… bitte, lass mich nicht allein in dieser Kälte.“

​Kai starrte sie an, und für einen Moment war es, als würde man zusehen, wie eine meterdicke Eisschicht unter der Hitze einer Sonne zerspringt. Die Maske des Zaren zerfiel. Seine Mundwinkel zuckten, und das rubinrote Feuer in seinen Augen kehrte mit einer Intensität zurück, die den gesamten Raum zu entflammen schien.

​Er stieß seinen Sessel so heftig zurück, dass er gegen die Fensterfront prallte. Mit drei langen, raubtierhaften Schritten überquerte er den Raum. Er wartete keine Sekunde länger.

Er sank vor ihr auf die Knie, direkt dort wo sie zitternd gegen die Tür lehnte. Seine großen Hände, die eben noch so kühl und distanziert gewirkt hatten, schossen vor und umschlossen ihre Wangen mit einer wohligen Sanftheit. Seine Haut brannte auf der ihren.

​Ganz behutsam, während sein Blick nun voller Reue und tiefer, dunkler Leidenschaft an ihren Zügen hing, wischte er ihr mit seinen Daumen die dicken Tränen von den Wangen. Er sagte kein Wort, doch das Zittern in seinen Fingerspitzen verriet ihr mehr als jede Entschuldigung.

​Er beugte sich vor und zog sie in einen langen, zärtlichen Kuss. Es war kein fordernder Ausbruch, sondern eine tiefe, fast ehrfürchtige Geste der Heilung. In dem Moment, als seine Lippen die ihren berührten, erstarb ihr Schluchzen. Das verzweifelte Beben ihres Körpers ebbte ab und machte einer wohligen, schweren Wärme Platz, die sich von ihrer Brust bis in ihre Zehenspitzen ausbreitete.

​Nami atmete seinen Duft ein – diesen schweren, männlichen Geruch, den sie so schmerzlich vermisst hatte – und spürte, wie ihre Welt endlich wieder in ihre Angeln gehoben wurde. Kai löste den Kuss nur um Millimeter, seine Stirn ruhte an ihrer, und er atmete ihren Atem ein, als wäre er seine einzige Lebensquelle.

​„Genug, Nami“, raunte er gegen ihre Lippen. „Keine Tränen mehr. Nie wieder.“

​Er schloss die Augen und presste sein Gesicht für einen Moment fest gegen ihre Wange, während er sie einfach nur hielt. Die Dunkelheit, die ihn beinahe verschlungen hätte, war augenblicklich verschwunden, vertrieben durch die reine Präsenz seiner Frau.

​„Ich bin ein Narr gewesen zu glauben, ich könnte das ohne dich“, gestand er leise, und der Stolz in seiner Stimme war vollkommen verschwunden. „Gott, ich habe dich so sehr vermisst, dass es sich anfühlte, als würde ich innerlich ersticken.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn wieder zu sich, während sie den Kopf an seine starke Schulter lehnte. Der Krieg war vorbei.

Nun half Kai ihr auf die Beine. Nami stand nun vor ihm, gelehnt an der massiven Tür.

​„Nami“, seufzte er, und sein Griff in ihrem langen, weißen Haar festigte sich sanft. Er zog ihren Kopf ein Stück zurück, sodass sie gezwungen war, in die lodernde Glut seiner Augen zu blicken. „Wenn ich dich nicht jetzt in dieser Sekunde spüre... wenn ich diese verdammte Distanz nicht jetzt sofort vernichte, dann explodiere ich. Mein ganzer Körper brennt, seit du diesen Raum betreten hast.“

​Er presste seinen Körper sanft, aber bestimmt gegen ihren, ihre Hüften an seine geschmiegt, und sie konnte jede einzelne seiner angespannten Muskelpartien durch den Stoff seines Anzugs spüren. Die Hitze, die von ihm ausging, war berauschend, doch es war eine Hitze, die Schutz und Geborgenheit versprach.

​Nami legte ihre Hände an seinen Nacken, die Finger in seinen dunklen Haaren vergraben, und zog ihn noch ein Stück näher, bis ihre Lippen seine Haut streiften. „Mir geht es genauso“, hauchte sie gegen seinen Hals, während ihr eigener Puls raste. „Ich fühle mich wie eine Ertrinkende. Lass los.... Lass mich fühlen, dass du mir gehörst. Dass du wieder bei mir bist. Ich brauche das Gefühl, wieder ganz bei dir zu sein.“

​Das war der Startschuss.

​Kais Beherrschung zerbarst in tausend Stücke, doch es war ein kontrolliertes Zerbrechen, ein Loslassen, das Raum für tiefe Gefühle schuf. Mit einem unterdrückten Stöhnen, das eher nach tiefer Erleichterung klang, zog er sie erneut in einen Kuss. Es war kein forderndes In-sich-aufnehmen, sondern ein sanftes Ankommen, ein Wiederfinden nach langer Irrfahrt. Seine Lippen streichelten ihre, schmeckten die Salzigkeit ihrer Tränen, die Süße ihrer Sehnsucht.

​Seine Hände wanderten zärtlich über ihren Rücken, strichen über die feine Seide ihrer Bluse, nicht reißend, sondern liebkostend. Er schloss die Tür behutsam hinter ihnen ab und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich verschlossen war, bevor er sich wieder ihr zuwandte, seine Bewegungen langsam und bedacht, als wolle er sie auf keinen Fall überfordern.

​Er löste den Kuss nur, um ihr tief in die Augen zu blicken, seine Pupillen weiteten sich vor Zärtlichkeit. „Mein Anker...“, flüsterte er, seine Stimme rau und heiser. „Niemals wieder diese Kälte zwischen uns. Niemals wieder.“
 

Kai atmete tief ein, als wolle er ihren Duft für immer in seinen Lungen speichern. Er löste sich nicht von ihr, sondern hob sie behutsam hoch ehe er sie mit langsamen, sicheren Schritten zu dem großen, schweren Ledersofa trug, das in der hinteren Ecke des Büros im Halbschatten stand.

​Er bettete sie sanft auf das kühle, dunkle Leder, doch bevor das Verlangen die Oberhand gewann, hielt er inne. Er stützte sich über sie, seine Arme wie ein Käfig aus Schutz und Wärme um sie geschlossen. Sein Blick war nun vollkommen klar, das Eis endgültig geschmolzen. Er begann, sie zu küssen, langsam und zärtlich. Er küsste ihre Stirn, ihre Augenlider, ihre Wangen, die noch immer von den Tränen glänzten, und schließlich ihre Lippen. Es war ein Versprechen in Form einer Berührung.

​„Ich liebe dich.“, raunte er gegen ihren Mund, seine Stimme tief und belegt von den Emotionen der letzten Tage. „Ich liebe dich mehr als mein Leben. Es wird niemals mehr solch eine Distanz geben. Ich war ein Narr zu glauben, ich könnte diese Kälte und Dunkelheit kontrollieren. Ich bin süchtig nach dir... nach deinem Licht, nach deiner Haut. Ohne dich verliere ich mich selbst.“

​Nami sah zu ihm auf, ihre Augen strahlten in einem tiefen ozeanen Türkis, das nun von vollkommenem Vertrauen erfüllt war. Sie hob ihre Hand und strich ihm sanft durch die dunklen Haare, bevor sie sein Gesicht zu sich hinunterzog.

​„Ich bin besessen von dir, Kai Hiwatari“, flüsterte sie mit einem schwachen, glücklichen Lächeln. „Ich werde dich nie wieder loslassen. Nicht für eine Wette, nicht für den Stolz. Du bist mein Leben, und ich gehöre dir – ganz und gar.“

​Die Kleidung wurde zu einer Nebensache, die sie gemeinsam abstreiften, bis nichts mehr zwischen ihnen stand. Die Leidenschaft entzündete sich langsam, genährt von der tiefen emotionalen Erleichterung.

​Als Kai sich schließlich mit ihr vereinte, hielt er mitten in der Bewegung inne. Er schloss die Augen, den Kopf in den Nacken gelegt, und verharrte vollkommen still. Er genoss die schiere Überwältigung dieses Moments – die Wärme, die Enge und das unbeschreibliche Gefühl, nach tagelanger Provokation endlich wieder eins mit ihr zu sein. Auch Nami hielt den Atem an, ihre Finger krallten sich sanft in den muskulösen Rücken ihres Mannes, während eine Welle der Vollkommenheit durch ihren Körper rollte.

​Ein langes, tiefes und unendlich zufriedenes Seufzen entwich ihrer Kehle. Sie lehnte ihren Kopf zurück in die weichen Polster des Sofas und flüsterte mit geschlossenen Augen: „Endlich...“

​Kai beugte sich vor, um das Flüstern von ihren Lippen zu stehlen. Was folgte, war kein Kampf mehr, sondern ein gemeinsames Ankommen, eine Ekstase, die aus der tiefsten Seele kam und die Schatten der letzten fünf Tage restlos vertrieb.

Der anfänglich sanfte Rhythmus wandelte sich schleichend, als die aufgestaute Sehnsucht der letzten Tage die Oberhand gewann. Das Sofa knarrte leise unter Kais kraftvollen Bewegungen, die nun schneller und fordernder wurden. Es war, als müssten sie die verlorene Zeit der letzten 120 Stunden in diesen wenigen Augenblicken komprimieren. Jede Berührung, jeder heftige Stoß brannte die Erinnerung an die Kälte weg, bis nur noch die sengende Hitze ihrer Körper übrig blieb.

​Nami warf den Kopf zurück, ihr weißes Haar floss wie glühende Seide über das dunkle Leder. Ihre Stimme, die eben noch geflüstert hatte, wurde zu einem unkontrollierten Schluchzen, das sich mit Kais schwerem, tiefem Atem mischte.

Die Intensität steigerte sich unaufhaltsam, bis die Welt um sie herum zu einem einzigen Punkt aus Licht und Gefühl schrumpfte. In einer letzten, überwältigenden Welle der Ekstase klammerten sie sich aneinander, als wären sie die einzigen zwei Menschen auf der Welt, während die befreiende Entladung sie beide vollkommen erschöpfte und gleichzeitig heilte.
 

​Minuten später herrschte eine friedliche Stille im Raum. Kai half Nami auf, seine Bewegungen nun wieder von jener besorgten Sanftheit geprägt, die er nur ihr gegenüber zeigte. Er richtete ihre Kleidung mit fast schon ritueller Sorgfalt, bevor er sich selbst seinen Anzug wieder überstreifte. Die eiskalte Maske des Zaren war verschwunden; sein Gesicht wirkte entspannt, seine Züge weicher, auch wenn das Feuer in seinen roten Augen noch immer nachglühte.

​Als sie gemeinsam aus dem Büro traten, hand in hand, blieb die Zeit auf der Führungsebene förmlich stehen.

​Miya, die gerade einige Akten sortierte, ließ beinahe einen Hefter fallen. Sie starrte auf ihre Vorgesetzten – Nami, deren Haar zwar wieder gerichtet war, deren Augen aber ein verräterisches Glühen besaßen, und Kai, der seinen Arm fest und besitzergreifend um die Taille seiner Frau gelegt hatte während die andere Hand die ihre hielt.

​Der Logistikleiter, der vorhin noch vor Angst gezittert hatte, kam gerade um die Ecke und erstarrte. Kai blieb kurz stehen und sah dem Mann direkt in die Augen. Doch statt der erwarteten „Rasierklingen“ erntete der Mitarbeiter ein knappes, fast schon menschliches Nicken.

​„Feierabend für heute“, sagte Kai mit seiner tiefen, autoritären Stimme, in der jedoch kein Gramm Aggression mehr mitschwang. „Geben Sie der Belegschaft den Rest des Nachmittags frei. Wir haben wichtigere Termine.“

​Ein Raunen ging durch das Vorzimmer, während das Paar zum Aufzug schritt.
 

Als sie den Fahrstuhl im Erdgeschoss verließen, öffneten sich die Türen zur gewaltigen, gläsernen Lobby des Tachiwari-Towers. Normalerweise war dies ein Ort der geschäftigen Eile, des Klackerns von Absätzen auf poliertem Marmor und des gedämpften Gemurmels wichtiger Telefonate. Doch als Kai und Nami heraustraten, schien eine unsichtbare Welle der Veränderung durch die Halle zu fluten.

​Kai hielt Nami nicht nur an der Hand; er hielt sie so nah bei sich, dass kein Blatt Papier zwischen ihre Körper gepasst hätte. Sein Arm lag schwer und schützend um ihre Taille, seine Finger tief in den Stoff ihres Kleides gegraben. Das Personal an den Empfangstresen und die Sicherheitsleute an den Schranken hielten inne. Sie alle hatten den „Zaren“ am Vormittag erlebt – eine dunkle Wolke aus unterdrücktem Zorn und unberechenbarer Kälte. Doch der Mann, der jetzt durch die Lobby schritt, strahlte eine andere Art von Macht aus: eine ruhige, satte Zufriedenheit, die fast schon greifbar war.

​Mitten in der prachtvollen Halle, direkt unter dem gigantischen Logo der Tachiwari-Corporation, blieb Kai plötzlich stehen. Die Angestellten hielten den Atem an, einige blieben wie angewurzelt stehen. Kai drehte Nami sanft zu sich um, legte eine Hand an ihren Hinterkopf und zog sie vor den Augen der gesamten Belegschaft in einen tiefen, berauschenden Kuss.

​Es war kein kurzes Abschiedsküsschen, sondern eine öffentliche Proklamation. Nami schlang die Arme um seinen Nacken, ihr weißes Haar leuchtete im hellen Licht der Lobby-Strahler auf, während sie den Kuss mit derselben Leidenschaft erwiderte. Sie musste deutlich ein Grinsen unterdrücken. Ein kollektives Raunen ging durch die Menge – es war kein Getuschel aus Bosheit, sondern ein gemeinsames Aufatmen. Jemand in der Logistikabteilung begann leise zu lächeln, und die Anspannung, die wie eine Glocke über dem Tower gehangen hatte, löste sich in Wohlgefallen auf. Jeder wusste: Wenn der Herr seine Frau öffentlich so küsste, war der Frieden im Imperium wiederhergestellt.

​Kai löste sich nur langsam von ihr, ein fast unmerkliches, aber triumphierendes Blitzen in seinen roten Augen.
 

Als sie durch die schweren Glastüren nach draußen traten, stand der dunkelgrüne Bentley bereits mit laufendem Motor da, die polierte Karosserie glänzte im schwindenden Tageslicht. Der Parkwächter hielt die Fahrertür offen und verneigte sich tief, wobei er ein schmales Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.

​Kai half Nami auf den Beifahrersitz, schloss die Tür mit einem satten Geräusch und schwang sich dann selbst hinter das Steuer. Sobald er saß, griff er nach Namis Hand und verflocht seine Finger fest mit ihren, während er den Wagen mit einem kräftigen Aufheulen des Motors vom Bordstein lenkte.

​Kai fuhr mit einer Souveränität, die seine innere Ruhe widerspiegelte. Der dichte Verkehr von Tokio schien für ihn heute kein Hindernis zu sein; er manövrierte den schweren Wagen mühelos durch die Straßen. Immer wieder suchte seine Hand während der Fahrt ihren Oberschenkel oder ihr Haar, als müsse er sich im Sekundentakt versichern, dass sie wirklich da war. Ein tiefes, zufriedenes Schmunzeln lag auf seinen Lippen – ein Ausdruck, den man an ihm fast nur sah, wenn er eine Schlacht gewonnen hatte. Und in gewisser Weise hatte er das: Er hatte den Kampf gegen seine eigene Dunkelheit gewonnen, und der Preis war schöner, als jeder geschäftliche Erfolg es je sein könnte.

​„Du siehst schrecklich zufrieden aus für jemanden, der gerade eine Wette verloren hat“, bemerkte Nami leise und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.

Kai warf ihr einen schnellen, intensiven Blick von der Seite zu, während seine Hand auf ihrem Oberschenkel ein Stück höher glitt und sie fest drückte. Ein arrogantes, aber unendlich charmantes Funkeln trat in seine roten Augen.

​„Ich habe die Wette nicht verloren, mein Schatz.“, korrigierte er sie mit einer tiefen, rauen Stimme, in der das Echo ihrer gemeinsamen Ekstase noch mitschwang. „Erinnere dich an die Regeln. Ich habe nicht gebettelt, ich habe dich nicht angefleht und ich bin nicht schwach geworden. Du warst es, die in mein Büro gekommen ist. Du warst es, die unter der Kälte zusammengebrochen ist und gesagt hat: 'Du hast gewonnen'.“

​Er legte den nächsten Gang ein, und das satte Grollen des Bentley-Motors untermalte seine Worte. „Du hast nachgegeben, meine Schöne. Und auch wenn ich zugeben muss, dass ich kurz davor war, den Tower eigenhändig zu zerlegen, warst du diejenige, die die weiße Fahne geschwenkt hat.“

​Nami zog die Augenbrauen hoch und wollte gerade zu einer schlagfertigen Antwort ansetzen, doch Kai kam ihr zuvor. Er nahm kurz die Hand vom Lenkrad, fing ihr Kinn ein und zwang sie, ihn anzusehen, während er den Wagen sicher durch eine Kurve steuerte.

​„Aber keine Sorge“, raunte er, und sein Lächeln wurde breiter, fast schon räuberisch. „Ich werde dich nicht zu sehr damit aufziehen. Der Sieg fühlt sich in deinen Armen ohnehin viel besser an als auf dem Papier. Außerdem... die Art, wie du um mich gefleht hast, war Entschädigung genug für die letzten fünf Tage.“

​Nami schnaubte amüsiert, lehnte sich aber tiefer in den luxuriösen Ledersitz. „Du bist und bleibst ein arroganter Zar, Kai.“

​„Dein Zar“, entgegnete er trocken und lenkte den Wagen schließlich durch das große, schmiedeeiserne Tor des Ayame-Anwesens.
 

​Die Reifen knirschten auf dem Kies der Auffahrt, als der Bentley vor dem prachtvollen Haupteingang zum Stehen kam.

​Claire Beaumont stand bereits mit Sayuri auf dem Arm auf der obersten Stufe der Veranda. Neben ihr lugten Ayumi und Ren neugierig hinter einer Säule hervor. Claire beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie Kai aus der Fahrertür stieg. Sie sah, wie er um den Wagen herumging, Nami die Tür öffnete und sie fast schon galant herausreichte – wobei sein Blick so besitzergreifend auf seiner Frau ruhte, dass Claire nur trocken die Stirn runzelte.

​Als die beiden die Stufen hinaufstiegen, blieb Kai vor dem Kindermädchen stehen. Die dichte, dunkle Aura, die er heute Morgen noch wie eine Rüstung getragen hatte, war einer entspannten, fast schon siegreichen Ausstrahlung gewichen.

​„Guten Abend, Claire“, sagte Kai mit einer Gelassenheit, die die Französin fast aus der Fassung brachte.

​Claire rückte sich den weißen Kragen zurecht und sah von Kai zu Nami und wieder zurück. „Ah, der Herr hat sich also entschieden, die Reißnägel gegen Champagner einzutauschen?“, bemerkte sie mit ihrem unverkennbaren Akzent und einem trockenen Hochziehen der Braue. „Ich hatte bereits überlegt, die Kinder vorsichtshalber in den Keller umzuquartieren, falls Sie heute Abend die Villa in Schutt und Asche legen.“

​Kai lachte tatsächlich kurz auf – ein tiefes, ehrliches Geräusch, das Gou, der gerade in der Tür auftauchte, überrascht innehalten ließ.

​„Nicht nötig, Claire. Die... strategischen Differenzen wurden beigelegt“, antwortete Kai. Er nahm Claire die kleine Sayuri ab, die sofort freudig nach seinen dunklen Haaren griff und ihn umarmte. „Und ich habe Hunger. Sorge doch bitte mit Graham dafür, dass das Abendessen bald serviert wird. Ich habe heute viel Energie verbraucht.“

​Claire warf Nami einen vielsagenden Blick zu, der Bände sprach. „Das sehe ich, Monsieur. Madame sieht aus, als hätte sie gerade ein Gewitter überlebt und die Sonne direkt danach gefunden.“
 

Das Abendessen im Ayame-Anwesen verlief in einer Atmosphäre, die in krassem Gegensatz zur eisigen Stille des Vorabends stand. Der gewaltige Eichentisch, der sonst oft wie ein Schlachtfeld unbeantworteter Fragen wirkte, war nun erfüllt vom Klappern des Silbers und dem lebhaften Geplapper der Kinder.

​Kai saß an seinem gewohnten Platz, doch seine Haltung war vollkommen verändert. Er wirkte nicht mehr wie eine Statue aus Granit, sondern wie ein Herrscher, der nach einem langen Feldzug endlich Frieden gefunden hatte. Während er Sayuri kleine Stücke von seinem Teller anbot, ruhte seine freie Hand fast ununterbrochen auf Namis Hand, die auf dem Tisch lag. Es war, als müsse er den physischen Kontakt jede Sekunde aufrechterhalten.

​Ayumi und Ren beobachteten ihre Eltern mit großen, aufmerksamen Augen. Ayumi, deren petrolfarbene Augen im Kerzenlicht glänzten, tauschte einen vielsagenden Blick mit ihrem Bruder Ren aus.

​„Wir dachten schon, ihr hättet euch nicht mehr lieb“, platzte es plötzlich aus Ayumi heraus. Sie senkte den Kopf ein wenig, ihr graustichiges Haar fiel ihr ins Gesicht. „Die letzten Tage... Papa war so gruselig. Er hat kaum mit uns geredet und dich, Mama, hat er angesehen, als wärst du Luft.“

​Ren nickte heftig, seine eierschalenfarbenen Haare wippten dabei. „Ja, wir hatten echt Angst. Es war so kalt im Haus, dass wir uns kaum getraut haben, laut zu lachen. Wir dachten, ihr lasst euch vielleicht... scheiden oder so was.“

​Nami spürte einen Stich in ihrer Brust. In ihrem Spiel mit Reizen und Machtansprüchen hatten sie fast vergessen, welche Wellen ihre Distanz in den Herzen ihrer Kinder geschlagen hatte. Sie wollte gerade ansetzen, um sie zu beruhigen, doch Kai war schneller.

​Er legte das Besteck beiseite und sah seine Kinder nacheinander an. Sein Blick war ernst, aber unendlich warm. „Hört mir zu“, sagte er mit seiner tiefen Bassstimme, die nun eine beruhigende Autorität ausstrahlte. „Es gibt nichts auf dieser Welt, das mich jemals dazu bringen würde, eure Mutter weniger zu lieben. Manchmal... spielen Erwachsene Spiele, die dumm sind. Wir waren beide stur, und wir haben zugelassen, dass unser Stolz die Fenster in diesem Haus mit Eis beschlägt.“

​Er drückte Namis Hand so fest, dass sie die Hitze seiner Haut spürte. „Das wird nicht wieder vorkommen. Eure Mutter ist mein Anker. Ohne sie bin ich verloren, das habe ich in den letzten Tagen schmerzhaft gelernt.“

​Gou, der mit seiner fast identischen Ausstrahlung wie sein Vater am Tisch saß, hatte die Szene schweigend beobachtet. Er kaute langsam zu Ende, legte seine Serviette akkurat neben seinen Teller und sah Kai direkt in die Augen. Sein Blick war trocken, fast schon ein wenig gelangweilt – ein typischer Zug, den er von Kai geerbt hatte.

​„Und was sollte dieses ganze Theater die letzten Tage eigentlich genau bezwecken?“, fragte Gou mit einer Sachlichkeit, die für einen Elfjährigen fast schon beängstigend war. „Du hast das Training im Garten fast in einen Kriegsschauplatz verwandelt, Vater. Und im Tower haben die Leute wahrscheinlich Wetten abgeschlossen, wann du den ersten Mitarbeiter entlässt. Nur wegen einer... strategischen Differenz? Das klingt nach einer sehr ineffizienten Zeitverschwendung für jemanden, der die Tachiwari-Corporation leitet.“

​Ein kurzes, amüsiertes Schweigen senkte sich über den Tisch. Claire Beaumont, die im Hintergrund gerade den Wein nachschenken wollte, unterdrückte ein trockenes Husten, während Nami sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

​Kai hob eine Augenbraue und sah seinen ältesten Sohn an. Er sah in Gou sich selbst – die gleiche unnachgiebige Logik, die gleiche Schärfe. „Effizienz ist nicht immer das Ziel, wenn es um das Herz geht, Gou“, antwortete Kai ruhig. „Manchmal muss man erst spüren, wie es ist, zu erfrieren, um die Wärme wieder richtig schätzen zu können. Aber du hast recht... es war ein Theater. Eines, das ich nicht noch einmal aufführen werde.“

​„Gut“, stellte Gou fest und widmete sich wieder seinem Dessert. „Dann können wir ja morgen im Training wieder normal arbeiten, ohne dass du versuchst, mich durch die Steinmauer zu jagen.“

​Kai schmunzelte und warf Nami einen Blick zu, der Bände sprach. Die Kinder spürten, dass die Gefahr vorüber war. Ayumi und Ren begannen sofort wieder, sich gegenseitig zu necken, und das Lachen kehrte in das Ayame-Anwesen zurück.
 

​Später, als die Kinder im Bett waren und die Villa in die nächtliche Ruhe eintauchte, standen Kai und Nami auf dem großen Balkon ihres Schlafzimmers. Die sommerliche aber dennoch kühle Nachtluft strich über Namis langes Haar, doch sie fror nicht – Kai stand hinter ihr, seine Arme fest um ihre Taille geschlungen, sein Gesicht in ihrem Nacken vergraben.

​„Elf Jahre alt und er durchschaut mich bereits wie ein offenes Buch“, brummte Kai gegen ihre Haut.

​„Er ist eben dein Sohn“, flüsterte Nami und lehnte sich gegen seine starke Brust. „Und er hat recht. Wir waren ineffizient.“

​„Vielleicht“, raunte Kai und drehte sie in seinen Armen um, um ihre Lippen in der Dunkelheit zu finden. „Aber die Versöhnung... die war jede Sekunde der Ineffizienz wert.“

Nami löste sich ein kleines Stück aus seiner Umarmung, blieb aber im Kreis seiner Arme stehen. Sie sah zu ihm auf, ihre Augen ein wenig dunkler, während sie mit den Fingern über das Revers seines Hemdes strich.

​„Kai...“, begann sie leise, und ihre Stimme trug die Ernsthaftigkeit ihres Versprechens. „Ich habe mein Wort nicht vergessen. Ich habe nachgegeben, ich habe die Wette verloren. Morgen früh werde ich Marcella als Erstes anrufen und meinen Auftritt als Model absagen. Ich weiß, wie sehr dich dieses Kleid und die öffentliche Aufmerksamkeit stören. Das war das Versprechen, das ich dir gegeben habe – und ich werde es halten. Der Sieg gehört dir.“

​Sie suchte seinen Blick, bereit, den Stolz ihrer Karriere für den Frieden zwischen ihnen beiseitezuschieben. Ein kleiner Teil von ihr war wehmütig, doch die Angst, ihn wieder in die Dunkelheit der letzten Tage zu verlieren, wog schwerer als jedes Blitzlichtgewitter.

​„Du musst dir keine Sorgen mehr machen, dass die Welt sieht, was nur dir gehört“, fügte sie grinsend hinzu und legte ihre Hand flach auf sein Herz.

​Kai blieb einen Moment vollkommen still. Das Mondlicht fing sich in seinem rubinroten Blick, der nun etwas nachdenklicher, aber ungemein intensiv wirkte. Er legte seine Hand über ihre, presste sie fest gegen seine Brust, als wolle er sicherstellen, dass sie die Macht spürte, die sie über ihn hatte.

„Stimmt“, raunte er, und ein dunkles, fast raubtierhaftes Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Du hast verloren. Und der Einsatz war, dass du die Modenschau absagst und dieses... durchsichtige Etwas, das sie ein Kleid nennen, niemals vor den Augen der Weltöffentlichkeit trägst.“

​Nami nickte langsam und lehnte ihre Stirn gegen seine Brust. Sie spürte das rhythmische Schlagen seines Herzens. „Ich werde morgen früh direkt anrufen und absagen. Ein Deal ist ein Deal. Ich werde den Zar nicht noch einmal herausfordern – zumindest nicht diese Woche.“ Sie lächelte.

​Kai hob ihre Kinnlade mit zwei Fingern an, sodass sie ihn ansehen musste. Ein arrogantes, aber unverkennbar zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Nein“, sagte er schlicht.

​Nami blinzelte überrascht. „Nein? Kai, ich habe aufgegeben. Du hast den Sieg davongetragen. Willst du mich jetzt etwa quälen, indem du mich zwingst, meinen Rückzug vor der Presse zu rechtfertigen?“

​„Ganz im Gegenteil“, entgegnete er, und seine Stimme wurde noch eine Spur tiefer. „Du wirst auftreten. Du wirst auf diesen Laufsteg gehen und die Welt daran erinnern, wer die Herrin des Anwesens ist. Aber es gibt eine Planänderung.“

​Er strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe. „Ich habe bereits vor ein paar Tagen, ein paar Telefonate geführt. Die Tachiwari-Corporation ist nun offiziell der Hauptsponsor dieser Modenschau. Das bedeutet, ich bestimme die Sicherheitsvorkehrungen vollens – und die Gästeliste.“

​Nami lachte fassungslos auf. „Du hast die ganze Show gekauft, nur weil du eifersüchtig warst?“

​„Ich kaufe das was sich lohnt, Nami. Und ich schütze, was mein ist. Außerdem hat das nichts mit Eifersucht zu tun. Sowas habe ich nicht nötig.“, erwiderte er ohne eine Spur von Reue. „Du wirst laufen. Aber du wirst nicht allein dort sein. Ich werde in der ersten Reihe sitzen. Und jeder Mann in diesem Saal wird genau wissen, dass der Blick, den du über deine Schulter wirfst, nur mir gilt. Ich will, dass sie dich sehen. Ich will, dass sie vor Neid erblassen, während sie begreifen, dass du die einzige Frau bist, die den Zaren in die Knie gezwungen hat – und dass ich der Einzige bin, der dich heute Nacht wieder in dieses Bett trägt.“

​Sein Griff an ihrer Taille wurde fordernder. „Das ist deine Strafe für die Wette: Du musst die Bewunderung der Welt ertragen, während ich daneben stehe und allen zeige, wem dein Herz gehört. Gefällt dir dieser Plan besser?“

​Nami schlang ihre Arme fest um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. „Du bist unverbesserlich, Kai Hiwatari. Aber ja... dieser Plan gefällt mir wesentlich besser.“

​„Gut“, knurrte er gegen ihre Lippen, bevor er sie wieder küsste.

„Denn ich habe nicht vor, dich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Weder auf dem Laufsteg... noch davor.“

Reue

​Die Nacht über dem Ayame-Anwesen am Rande von Tokio war friedlich, doch während Nami in einen tiefen, erschöpften Schlaf gefallen war, blieb Kai wach. Er lag auf dem Rücken, den Arm um sie geschlungen, während ihr gleichmäßiger Atem seine Haut streifte. In der Dunkelheit wirkten seine Gedanken schärfer, fast so unerbittlich wie sein Verhalten in den vergangenen Tagen.

​Sein Blick wanderte zur Decke. Er ließ das Gespräch im Arbeitszimmer Revue passieren – jenen Moment, als er Nami mit kalkulierter Grausamkeit weggestoßen hatte.

​„Ich bin nicht so abhängig von dir, wie du in deiner Arroganz vielleicht glaubst.“

​Die Worte hallten in seinem Kopf nach und fühlten sich nun, in der Wärme ihrer Nähe, wie Gift an. Er wusste, dass es eine Lüge gewesen war. Eine Lüge, geboren aus der schieren Panik, dass sie recht haben könnte. Dass sie die Macht besaß, seine gesamte mühsam errichtete Festung mit einem einzigen besorgten Blick zum Einsturz zu bringen.

​Es fraß ihn innerlich auf, dass er ihre ehrliche Sorge – ihre Liebe – als Arroganz abgetan hatte. Er hatte sie dort getroffen, wo sie am verletzlichsten war: bei ihrem Wunsch, sein Licht zu sein. In Wahrheit war es nicht ihre Arroganz gewesen, die ihn wütend gemacht hatte, sondern seine eigene Unfähigkeit, sich die Qual einzugestehen, die das Fernsein von ihr in ihm auslöste. Er war herrisch und destruktiv geworden, weil der Entzug ihrer Aura ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Er hatte die Welt um sich herum brennen lassen wollen, nur weil er die Kälte in seinem eigenen Inneren nicht mehr kontrollieren konnte.

​Kai sah auf Nami hinunter. Das Mondlicht betonte die feinen Linien ihres Gesichts. Er spürte einen fast schmerzhaften Stich von Reue. Er war der „Zar“, ein Mann, der Imperien leitete und keine Schwäche duldete, doch gegenüber dieser Frau fühlte er sich klein. Eine einfache Entschuldigung würde nicht ausreichen. Worte waren für Kai oft nur Schall und Rauch; er glaubte an Taten, an Fakten. Er hatte sie mit Worten tief verletzt, und er wusste, dass er einen Weg finden musste, diese Narbe zu heilen, der über ein bloßes „Es tut mir leid“ hinausging.

​Sein Griff um sie festigte sich unbewusst. Er hatte die Modenschau gesponsert, um sie zu schützen und seinen Besitzanspruch zu markieren, ja – aber tief in seinem Inneren war es auch der erste Schritt einer Wiedergutmachung und dem Eingeständnis, dass er von Anfang an, gegen sie verloren hatte.. Er wollte ihr die Bühne geben, die sie verdiente, und ihr gleichzeitig zeigen, dass er bereit war, als ihr Beschützer in der ersten Reihe zu stehen, anstatt sie in den Schatten zu drängen.

​Doch das war erst der Anfang. Kai schwor sich in dieser Nacht, dass er die Dunkelheit nie wieder als Waffe gegen sie einsetzen würde. Er hatte gesehen, wie sie an der Bürotür zusammengebrochen war, und dieses Bild hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt wie glühendes Eisen.

​„Niemals wieder“, flüsterte er so leise, dass nur die Nacht es hören konnte.
 

​Es war Sonntag. Ein sanftes, goldenes Licht flutete über die Gartenanlagen am Rande von Tokio. Die Modenschau war nur noch sechs Tage entfernt – der kommende Samstag würde für sie beide ein wichtiger Meilenstein werden.

​Kai war bereits wach, lange bevor der Rest des Hauses zum Leben erwachte. Er beobachtete Nami, die noch immer tief in den Kissen schlummert. Kai genoss diese Stille, auch wenn das Wissen um seine harten Worte im Arbeitszimmer noch immer schwer auf ihm lastete.

​Er wusste, dass Nami ihm verziehen hatte, als sie in seinen Armen einschlief, aber Kai war kein Mann, der sich mit einem einfachen „Schwamm drüber“ zufriedengab. Er wollte die Kälte, die er gesät hatte, durch Taten auslöschen.

​Als Nami schließlich erwachte, war die Seite neben ihr im Bett bereits leer, doch sie war nicht kalt. Ein herrlicher Duft von frisch gebrühtem Jasmintee und warmem Gebäck erfüllte das Zimmer. Auf ihrem Nachttisch stand nicht nur ihr Lieblingstee, sondern auch eine einzelne, tiefrote Kamelie in einer filigranen Glasvase. Daneben lag ein kleiner, handbeschriebener Zettel in Kais scharfer Handschrift:

​„Ich bin im Garten beim Training mit Gou. Nimm dir Zeit. Der Tag gehört dir.“
 

​Keine Entschuldigung, noch nicht. Aber eine Geste der Fürsorge, die Kai sonst oft Graham oder Claire überließ.
 

​Unten im Esszimmer war die Stimmung bemerkenswert gelöst. Kai kam gerade mit Gou vom morgendlichen Drill herein. Er war verschwitzt, sein schwarzes Tanktop klebte an seinen muskulösen Schultern, doch sein Blick suchte sofort Nami, als sie den Raum betrat.

​Normalerweise wäre er direkt unter die Dusche gegangen oder hätte sich sofort seinen Berichten gewidmet. Doch stattdessen blieb er stehen. Er ging auf sie zu, legte eine Hand fest in ihren Nacken und gab ihr einen Kuss auf die Stirn – lang, intensiv und voller stummem Bedauern. Es war eine Geste, die vor den Kindern und Claire deutlich machte: Du bist meine Priorität.
 

​„Gut geschlafen?“, fragte er leise, seine Stimme war rau vom Training, aber ohne jede Schärfe.

​„Sehr gut“, erwiderte Nami und suchte in seinen roten Augen nach der gewohnten Dominanz. Sie fand sie, aber sie war nun gepaart mit einer fast demütigen Aufmerksamkeit.
 

​Den restlichen Sonntag hielt Kai sich an seinen Plan. Er suchte nicht die große Konfrontation. Er drückte seine Reue durch Präsenz aus.

Im Arbeitszimmer: Als Nami ihre eigenen Unterlagen für die Modenschau am Samstag sichtete, klopfte es leise. Kai trat ein, brachte ihr ohne ein Wort ein Glas kühles Wasser und legte für einen Moment seine Hand auf ihre Schulter. Ein anerkennendes Nicken, ein kurzer Druck seiner Finger, dann ging er wieder.

Die kleinen Dinge: Er sorgte dafür, dass die Kinder den Nachmittag mit Graham verbrachten, damit Nami in Ruhe mit Marcella die letzten Details für den Samstag besprechen konnte. Er hielt ihr den Rücken frei, ohne dass sie darum bitten musste.

​Kai spürte den Drang, alles sofort wiedergutzumachen, doch er zwang sich zur Geduld. Er wollte, dass sie in jedem Moment dieser Woche spürte, dass er ihr ergebener Beschützer war.

​Am späten Nachmittag beobachtete Nami ihn vom Fenster aus, wie er mit Sayuri im Garten spielte. Der Anblick des mächtigen Mannes, der die Welt in Schutt und Asche legen konnte und nun behutsam die kleine Tochter auffing, ließ ihr Herz weich werden.

​Kai hob den Blick und sah Nami am Fenster stehen. Er lächelte nicht breit, aber die Intensität seines Blickes sprach Bände. Es war ein Blick, der sagte:
 

Ich weiß, was ich gesagt habe. Und ich werde dir den Rest meines Lebens zeigen, wie falsch ich lag.
 

Der Montag im Tachiwari-Tower unterschied sich fundamental von dem düsteren, gewittergeladenen Klima der Vorwoche. Als der dunkelgrüne Bentley pünktlich vor dem Haupteingang hielt, war die Luft nicht mehr von Anspannung erfüllt, sondern von einer fast schon greifbaren Harmonie.

​Kai stieg aus, umging den Wagen und öffnete Nami die Tür – eine Geste, die er zwar oft vollführte, die heute jedoch von einer besonderen Sanftheit begleitet wurde. Er reichte ihr die Hand, und als sie ausstieg, hielt er sie einen Moment länger fest als nötig.
 

​Schon beim Durchschreiten der Lobby war das veränderte Klima spürbar. Kai trug seinen maßgeschneiderten, dunklen Anzug mit der gewohnten Autorität, doch die „Eiszeit-Aura“ war verschwunden. Stattdessen hielt er seine Hand schützend auf Namis unterem Rücken, während sie gemeinsam zum Aufzug schritten.

​Die Damen am Empfang und die Mitarbeiterinnen in den gläsernen Büros der unteren Etagen tauschten sofort vielsagende Blicke und verstohlene Lächeln aus.

​„Habt ihr das gesehen?“, flüsterte eine junge Assistentin aus der Personalabteilung ihrer Kollegin zu, während sie so tat, als würde sie Akten sortieren. „Wie er sie wieder ansieht... Er wirkt überhaupt nicht mehr wie der 'Zar' von letzter Woche. Er sieht eher aus wie ein Leibwächter, der von seiner eigenen Schutzbefohlenen völlig verzaubert ist.“

​„Und wie er ihr vorhin die Strähne aus dem Gesicht gestrichen hat, bevor der Aufzug zugegangen ist“, schwärmte eine andere. „Dass er wieder so... aufmerksam ist. Es ist, als hätte er in den letzten Tagen begriffen, was er beinahe aufs Spiel gesetzt hätte.“

​Normalerweise arbeiteten beide oft getrennt durch ihre Mittagspause, um Zeit aufzuholen. Doch heute hatte Kai angeordnet, dass kein Meeting zwischen 12 und 13 Uhr stattfinden durfte.

​Als sie die VIP-Lounge betraten, um gemeinsam zu essen, fiel den anwesenden Führungskräften sofort auf, dass Kai seinen Stuhl nicht wie üblich distanziert positionierte. Er rückte ihn nah an Nami heran. Während des Essens suchte er immer wieder ihre Nähe – eine Hand auf ihrer Stuhllehne, ein leises Wort in ihr Ohr, das sie zum Lächeln brachte.

​Miya, die einige Dokumente zur Unterschrift hereinbrachte, hielt kurz inne. Sie sah, wie Kai Nami ein Stück ihres Lieblings-Sushi anbot und dabei einen Blick auf sie richtete, der so voller Hingabe und stummem Bedauern war, dass es Miya fast die Sprache verschlug.
 

​„Der Herr wirkt heute... sehr präsent, Madame“, bemerkte Miya später diskret zu Nami, als sie kurz allein im Büro waren. „Die Damen in der Buchhaltung wetten bereits darauf, ob er Ihnen heute Abend einen ganzen Blumenladen nach Hause schickt. Sie sind alle ganz entzückt, dass der 'große Kai Hiwatari' offensichtlich seine weiche Seite wiedergefunden hat.“
 

​Kai wusste natürlich, dass er beobachtet wurde, doch es war ihm gleichgültig. Sein Fokus lag ausschließlich auf Nami. Er wollte nicht nur, dass sie sich sicher fühlte, sondern dass sie in jeder Sekunde spürte, dass er seine harten Worte vom Arbeitszimmer – dieses grausame „Ich brauche dich nicht“ – zutiefst verabscheute.

​Immer wieder, wenn sie sich auf den Gängen des Towers begegneten, blieb er kurz stehen, ignorierte die neugierigen Blicke der Angestellten und suchte den Augenkontakt zu seiner Frau. Ein kurzes Schmunzeln, ein sanftes Streifen ihrer Hand im Vorbeigehen – kleine Gesten, die für Kai wie Gebete der Verzeihung waren.

​Gegen Nachmittag fand Nami ein kleines, in dunkles Samt gehülltes Kästchen auf ihrem Schreibtisch. Es gab keine Karte dazu, nur den Inhalt: Ein filigranes Armband aus Weißgold mit einem ozeanfarbenem Saphir, der exakt die Farbe ihrer Augen im Sonnenlicht widerspiegelte.

​Sie wusste: Das war erst der zweite Tag seiner Tage langen Wiedergutmachung.
 

Nami klopfte nicht. Sie trat direkt in Kais Büro, das in der Nachmittagssonne Tokios in ein warmes Licht getaucht war. Kai saß an seinem Schreibtisch, die Silhouette scharf vor dem Panoramafenster, doch als er sie bemerkte, legte er sofort den Stift weg. Die kühle Effizienz, die er eben noch ausgestrahlt hatte, weichte augenblicklich auf.

​Nami trat an seinen Tisch, das neue Weißgold-Armband glänzte an ihrem Handgelenk, während sie ihn mit einem liebevollen Schmunzeln ansah.

​„Du solltest wissen“, begann sie amüsiert, „dass Miya mir eben gesteckt hat, dass dein Verhalten heute das Hauptthema in der Kaffeeküche ist. Die Belegschaft ist wieder mal regelrecht entzückt von deiner... sanften Art. Einige Damen scheinen kurz davor zu sein, einen Fanclub zu gründen.“

​Kai hob eine Braue, doch in seinen roten Augen blitzte kein Zorn, sondern ein seltenes, echtes Vergnügen auf. „Sollen sie reden. Solange sie ihre Berichte pünktlich abliefern, ist mir ihr Getuschel gleichgültig.“

​Nami trat näher und hob ihr Handgelenk. „Und danke für das hier, Kai. Es ist wunderschön. Aber es ist wirklich nicht nötig. Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest. Wir haben die Wette beide gewollt, und wir haben beide die Konsequenzen gespürt.“

​Kai schwieg einen Moment. Dann stand er langsam auf, schob seinen Stuhl zurück und umrundete den massiven Schreibtisch, bis er direkt vor ihr stand. Er überragte sie, seine Präsenz nahm den Raum ein, doch es war keine einschüchternde Macht, sondern eine schutzsuchende Nähe.

​„Da liegst du falsch, Nami“, sagte er mit einer Stimme, die so tief und ernst war, dass sie ihr durch Mark und Bein ging. Er ergriff ihre Hände und hielt sie fest. „Diese Worte... dass ich dich nicht brauche, dass ich ohne dein Licht überleben kann... sie waren leichtfertig. Ich habe sie dir wie eine Waffe um die Ohren geschlagen, nur um meinen eigenen Stolz zu retten. Das war nicht richtig. Es war die größte Lüge, die ich dir in elf Jahren Ehe jemals erzählt habe.“

​Er sah ihr fest in die Augen, und Nami konnte das tiefe Bedauern sehen, das noch immer in ihm arbeitete. „Ich kann nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Diese Worte waren giftig, und ich will nicht, dass auch nur ein Hauch dieses Giftes zwischen uns bleibt.“

​Nami sah ihn lange an. Dann löste sie eine Hand aus seinem Griff, legte sie an seine Wange und strich mit dem Daumen über die markante Kieferlinie ihres Mannes. Sie zog ihn sanft zu sich hinunter und küsste ihn.

​„Kai“, flüsterte sie gegen seine Lippen, „ich kenne dich schon so unendlich lange. Ich wusste in dem Moment, als du es ausgesprochen hast, dass du es nicht ernst meinst. Ich wusste, warum du es gesagt hast. Du warst am Ende deiner Kräfte, genau wie ich. Du hast dich in die einzige Verteidigung geflüchtet, die du seit deiner Kindheit kennst: Kälte und Isolation. Ich nehme dir das nicht übel. Ich liebe dich dafür, dass du überhaupt so viel für mich fühlst, dass es dich so sehr aus der Bahn werfen kann.“

​Kai schloss für einen Moment die Augen und lehnte seine Stirn gegen ihre. Ein tiefes Aufatmen entwich seiner Brust, als würde eine schwere Last von ihm abfallen.

​„Trotzdem“, raunte er, und seine Arme schlangen sich besitzergreifend um ihre Taille, um sie ganz nah an sich zu ziehen. „Ich werde es nicht dabei belassen. Diese Woche gehört dir. Ich will dich jeden einzelnen Tag bis zur Modenschau spüren lassen, wie viel du mir bedeutest. Ich will, dass du keinen Zweifel mehr daran hast, dass du mein Leben bist. Jede Geste, jedes Geschenk... es ist mein Weg, dir zu zeigen, dass ich ohne dich nicht nur in der Dunkelheit wäre – sondern dass ich gar nicht existieren würde.“

​Er hob ihren Kopf an und sah sie mit einer Intensität an, die ihr den Atem raubte. „Sechs Tage, Nami. Sechs Tage, in denen ich dir beweisen werde, dass der Zar sein Herz für immer an dich verloren hat.“
 

Der Dienstag begann für Nami mit einer weiteren Überraschung. Als sie die Augen öffnete, fand sie auf ihrem Kopfkissen keinen Zettel, sondern eine kleine, kunstvoll gestaltete Einladungskarte aus schwerem, cremefarbenem Papier.

​„Mittagspause heute um 13 Uhr. Lass dich von Miya zum Dachgarten des Towers führen.“
 

​Nami musste lächeln. Er zog es also wirklich durch.

​Der Vormittag im Tower verlief geschäftig. Die Vorbereitungen für die Modenschau am Samstag liefen auf Hochtouren. Überall in der Marketingabteilung sah man kleine Plakate, auf denen das Logo der Kampagne und der Modenschau zu sehen war – nun mit dem dezenten Logo der Tachiwari-Corporation als Hauptsponsor in der Ecke.

​Punkt 13 Uhr stand Miya mit einem fast schon verschwörerischen Lächeln in Namis Tür. „Wenn Madame mir bitte folgen würden? Der Herr erwartet Sie bereits.“

​Sie fuhren in die oberste Etage, weit über die Büroräume hinaus, zu einem privaten Bereich. Als sich die Türen zum Dachgarten öffneten, blieb Nami kurz der Atem weg. Dieser Ort war erst vor zwei Wochen fertiggestellt worden – es war ihre eigene Idee gewesen, eine grüne Oase inmitten des Beton-Dschungels von Tokio zu schaffen, um den Mitarbeitern und sich selbst einen Rückzugsort zu bieten. Dass Kai ausgerechnet diesen Ort für ihr privates Mittagessen gewählt hatte, berührte sie tief.

​Der Garten war prachtvoll. Überall blühten winterharte Pflanzen, und in der Mitte, unter einem eleganten Pavillon, war ein Tisch für zwei Personen gedeckt. Es gab kein Personal – nur Kai. Er stand am Geländer, den Blick über die Skyline gerichtet, das Sakko abgelegt und die Ärmel seines Hemdes leicht hochgekrempelt. Als er Nami bemerkte, drehte er sich um. Das harte Licht der Mittagssonne ließ seine roten Augen fast glühen, doch sein Gesichtsausdruck war weich.

​„Ich dachte, wir nutzen deine Schöpfung endlich einmal gebührend“, sagte er und trat auf sie zu, um ihr den Stuhl zurechtzurücken.

​„Kai... das ist wunderschön“, hauchte Nami und sah auf das exquisite Arrangement aus Meeresfrüchten und leichten Vorspeisen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich so schnell mit dem Dachgarten anfreundest. Du hieltest ihn anfangs für... 'unnötigen sentimentalen Platzverbrauch'.“

​„Ich revidiere mein Urteil“, erwiderte er trocken, während er sich ihr gegenübersetzte. „In der richtigen Gesellschaft ist dieser Platz unbezahlbar.“

​Während des Essens sprachen sie über die Show. Kai hörte ihr aufmerksam zu, als sie von den neusten Änderungen am Ablauf erzählte. Doch seine Aufmerksamkeit galt nicht dem geschäftlichen Aspekt. Er beobachtete, wie sie sprach, wie sie lachte, und jedes Mal, wenn sie seine Hand berührte, festigte sich sein Griff.

​„Ich möchte, dass du am Samstag glänzt, mein Schatz.“, sagte er plötzlich und unterbrach sie sanft. „Nicht weil ich die Show gewisserweise besitze, sondern weil du es verdienst. Ich will, dass du weißt, dass ich dort sein werde, um dich zu unterstützen – nicht um dich zu kontrollieren. Mein Stolz steht deiner Brillanz nicht mehr im Weg.“

​Es war ein großes Geständnis für einen Mann wie ihn. Nami spürte, wie die letzten Reste der Unsicherheit, die seine harten Worte im Arbeitszimmer hinterlassen hatten, endgültig verschwanden.
 

​Als sie den Dachgarten wieder verließen, bemerkten sie, dass einige Angestellte aus den Fenstern der gegenüberliegenden Büros verstohlen herübergesehen hatten. Das Bild des mächtigen Kai Hiwatari, der seiner Frau in einem privaten Dachgarten den Hof machte, würde zweifellos das nächste große Thema im Tower sein.

​Doch Kai schien es heute darauf anzulegen, das Bild des unterkühlten Konzernchefs endgültig zu demontieren. Auf dem Weg zurück in die Führungsetage hielten sie kurz in der Abteilung für PR und Marketing an, um die letzten Entwürfe der Pressemitteilung zu sichten.

​Die gesamte Abteilung erstarrte förmlich, als das Ehepaar Hiwatari eintrat. Kai, der seinen Arm fest um Namis Taille gelegt hatte, blieb neben dem Schreibtisch der Chefdesignerin stehen. Anstatt jedoch mit scharfen Kommentaren die Arbeit zu kritisieren, wie es sonst seine Art war, wartete er geduldig, bis Nami ihre Anmerkungen gemacht hatte.

​Einmal, als Nami sich über einen Entwurf beugte, legte Kai ganz natürlich seinen Kopf kurz an ihre Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das sie leise auflachen ließ. Die anwesenden Damen im Marketing hielten kollektiv den Atem an. Es war diese Mischung aus seiner unantastbaren Dominanz und der offensichtlichen Hingabe an seine Frau, die sie völlig faszinierte.

​„Mr. Hiwatari scheint... heute sehr gute Laune zu haben“, wagte die Designerin zu bemerken, als Nami eine Korrektur unterschrieb.

​Kai sah die Frau direkt an, und ein schmales, fast schon arrogantes Lächeln umspielte seine Lippen. „Gute Arbeit verdient ein angenehmes Umfeld. Und Mrs. Hiwatari hat heute meine ungeteilte Aufmerksamkeit.“

​Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern führte Nami wieder hinaus. Kurz vor dem Aufzug zog er sie in eine Nische, weit weg von den Kameras und den Augen der Mitarbeiter.

​„Tag drei.“, raunte er gegen ihr Ohr und gab ihr einen berauschenden Kuss, der den Mittagstisch fast vergessen ließ. Er genoss es sichtlich, seine Liebe so offen zu zeigen, auch wenn er wusste, dass es das Büro-Getuschel für Wochen befeuern würde. „Und ich habe noch lange nicht genug davon, allen zu zeigen, was du mir bedeutest.“
 

​Nami sah ihm nach, als er schließlich in Richtung seines Büros verschwand. Er ging wieder aufrecht, mit der Kraft eines Herrschers, doch für sie war er in diesen Tagen vor allem eines: ein Mann, der alles tat, um das Herz seiner Frau wieder ganz zu heilen.
 

Der Dienstagabend im Ayame-Anwesen klang ruhig aus. Das sanfte Licht der Designerlampen im Wohnzimmer warf warme Schatten auf die Holzböden, während draußen die Lichter von Tokio wie ein fernes Sternenmeer glitzerten.

​Nami saß auf dem Sofa und blätterte durch die letzten Details für Samstag, als Kai den Raum betrat. Er hatte sein Hemd gegen ein lockeres, schwarzes Shirt getauscht und wirkte so entspannt, wie sie ihn selten an einem Wochentag sah. Er setzte sich zu ihr, nahm ihr sanft das Tablet aus der Hand und legte es auf den Couchtisch.

​„Genug für heute“, sagte er leise und zog sie in seinen Arm, sodass sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen konnte.

​„Es gibt noch so viel zu tun, Kai...die Designerin ist nervös wegen der Sitzordnung“, murmelte sie, genoss aber die Wärme, die er ausstrahlte.

​„Sie wird es überleben. Aber du brauchst eine Pause“, entgegnete er und strich ihr langsam über das lange, weiße Haar. „Morgen ist Mittwoch. Ich habe bereits veranlasst, dass deine Termine im Tower verschoben oder von Miya delegiert werden. Du hast morgen frei.“

​Nami hob überrascht den Kopf. „Frei? Kai, wir haben noch vier Tage bis zur Show und ich habe noch so viel zu tun.“

​Ein amüsiertes Blitzen trat in seine roten Augen. „Genau deshalb. Ich möchte, dass du einen Tag lang nicht über Sitzordnungen, Stoffe oder Sponsoren nachdenkst. Ich möchte, dass du dir einen entspannten Tag im Zentrum von Tokio gönnst – mit Gleichgesinnten.“

​Er machte eine kurze Pause und sah sie bedeutungsvoll an. „Ich habe Hilary bereits kontaktiert – über Tyson, was mich übrigens ein sehr anstrengendes Telefonat gekostet hat, da Tyson nicht aufhören konnte, über sein neues Dojo-Upgrade zu reden. Aber Hilary war sofort hellauf begeistert. Sie meinte, ein 'Tratschtag', wie sie es nannte, sei längst überfällig.“

​Nami lachte fassungslos auf. „Du hast Hilary angerufen? Du, der Zar, hast ein Kaffeeklatsch-Date für mich arrangiert?“

​„Ich habe lediglich meine strategischen Kontakte genutzt, um sicherzustellen, dass meine Frau die bestmögliche Ablenkung bekommt“, erwiderte er mit gespielter Arroganz, doch sein Lächeln verriet ihn. „Sie wird dich morgen Vormittag treffen. Geht shoppen, trinkt überteuerten Tee, lästert über uns Männer – tut, was auch immer ihr tut, um den Kopf frei zu bekommen.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Hals und sah ihn gerührt an. Sie wusste, wie viel Überwindung es ihn kostete, sich in solche „trivialen“ sozialen Angelegenheiten einzumischen, nur um ihr eine Freude zu machen. Es war ein weiterer Beweis dafür, wie sehr er darum bemüht war, die Kälte seiner Worte wiedergutzumachen.

​„Das ist unglaublich lieb von dir, Kai. Wirklich“, hauchte sie und gab ihm einen sanften Kuss.

​„Ich erwarte allerdings einen ausführlichen Bericht darüber, wie sehr Hilary sich über Tysons Unordnung beschwert hat“, fügte er trocken hinzu, während er sie enger an sich zog. „Das steigert meine Laune ungemein.“

​Nami kuschelte sich wieder an ihn. „Ich werde mein Bestes tun. Aber ich werde dich vermissen, wenn ich den ganzen Tag in der Stadt bin.“

​„Du wirst mich nicht vermissen“, raunte er gegen ihre Schläfe. „Denn wenn du am späten Nachmittag zurückkommst, werde ich hier sein. Und ich habe nicht vor, dich für den Rest des Abends aus diesem Haus zu lassen.“
 

Der Mittwochvormittag im Zentrum von Tokio strahlte in strahlendem Sonnenschein, während sich das geschäftige Treiben der Metropole um eine kleine, exklusive Teelounge im Stadtteil Ginza drehte. Kai hatte nicht zu viel versprochen: Der Tag gehörte Nami, und sie hatte die Einladung direkt ausgeweitet.

​Als Nami die Lounge betrat, wurde sie bereits mit lautem Winken empfangen. Hilary saß bereits an einem großzügigen Rundtisch, flankiert von Momoko und Lumina. Die Atmosphäre war sofort elektrisierend.

​„Da ist sie ja! Die Frau, die den Zaren erneut gezähmt hat!“, rief Hilary lachend und sprang auf, um Nami herzlich zu umarmen. „Tyson hat mir erzählt, Kai hätte ihn angerufen – er klang wohl so entspannt, dass Tyson dachte, er hätte den falschen Hiwatari am Apparat.“

​Nami setzte sich und bestellte erst einmal einen starken Matcha Latte. „Er gibt sich wirklich Mühe“, gab sie lächelnd zu und strich über das Weißgold-Armband an ihrem Handgelenk.

Hilary nippte an ihrem Earl Grey und musterte Nami dabei über den Rand ihrer Tasse hinweg mit einem Blick, der so scharf war wie zu ihren besten Zeiten als Team-Managerin.

​„Schön und gut, Nami“, begann Hilary und stellte die Tasse mit einem vernehmlichen Klirren ab. „Aber jetzt mal Butter bei die Fische. Tyson hat mir erzählt, dass Makoto neulich nach dem Training völlig verstört nach Hause kam. Er meinte, die Luft im Anwesen sei so dick gewesen, dass man sie mit einem Beyblade hätte spalten können. Irgendetwas von einer Szene im Spiegelzimmer hat er gemurmelt… Eine Anprobe?“

​Momoko und Lumina hielten gleichzeitig inne, die Kuchengabeln auf halbem Weg zum Mund.

​„Spiegelzimmer? Anprobe?“, wiederholte Momoko neugierig. „Nami, wir wussten ja nicht mal, dass du wieder vorhast bei so einem Modeding mit zu machen.“

​Nami atmete tief durch und spürte, wie ihre Wangen leicht warm wurden. „Es war… kompliziert. Ich habe ein Angebot von Marcella angenommen. Ich werde am Samstag bei einer großen Gala als Model laufen. Das Finale.“

​„Du? Als Model?“, Lumina klatschte begeistert in die Hände. „Das ist fantastisch! Aber warte… Kai und eine Modenschau? Der Mann, der schon die Krise bekommt, wenn ein Fotograf zu nah an euer Grundstück rückt?“

​Nami lachte trocken. „Genau da liegt der Hund begraben. Kai war… not amused. Um es milde auszudrücken. Er fand die Unterwäsche, die ich tragen soll, sagen wir mal… unangemessen für die Ehefrau eines Hiwatari.“

​„Unangemessen?“, Hilary grinste schief. „Lass mich raten: zu viel Haut, zu wenig Stoff, und Kai ist der Kragen geplatzt?“

​„Er ist nicht nur geplatzt, Hilary. Er ist explodiert“, gestand Nami und rührte geistesabwesend in ihrem Tee. „Wir hatten eine Wette abgeschlossen. Sieben Tage Enthaltsamkeit und absolute Distanz. Wenn ich gewinne, darf ich laufen und er muss in der ersten Reihe sitzen und lächeln. Wenn er gewinnt, sage ich ab.“

​Ein kollektives Luftschnappen ging durch die Runde.

​„Sieben Tage? Mit Kai Hiwatari im selben Haus?“, Momoko schüttelte fassungslos den Kopf. „Das ist kein Spiel, das ist psychologische Kriegsführung! Wie habt ihr das überlebt?“

​„Ehrlich gesagt? Fast gar nicht“, gab Nami zu und ihre Stimme wurde leiser. „Die Szene im Spiegelzimmer, von der Makoto sprach… das war der Moment, als Kai mich in dem Kleid des Finales sah. Er wollte die Wette dort fast abbrechen, mit Gewalt. Es war unglaublich intensiv. Wir haben uns gegenseitig in den Wahnsinn getrieben. Er ist im Tower zum 'Zaren' mutiert, hat die Leute schikaniert, nur weil er seinen Frust nicht an mir auslassen konnte.“

​„Typisch Kai“, kommentierte Hilary trocken, doch ihr Blick war mitfühlend. „Wenn er nicht bekommt, was er will, brennt die Welt. Und wie ist es ausgegangen? Wer hat gewonnen?“

​Nami senkte den Blick auf ihr funkelndes Armband. „Ich habe kapituliert. Am fünften Tag im Tower. Ich konnte die Kälte nicht mehr ertragen, die er zwischen uns aufgebaut hat. Er hat angefangen, sich innerlich von mir zu distanzieren, und das… das hat mir das Herz gebrochen. Ich bin in seinem Büro zusammengebrochen und habe aufgegeben.“

​„Oh, Nami…“, Lumina legte tröstend eine Hand auf ihren Arm. „Aber wenn du aufgegeben hast… warum findet die Show dann trotzdem statt? Und warum sponsert er sie jetzt?“

​Nami lächelte nun wieder breiter, ein Funkeln trat in ihre türkisfarbenen Augen. „Weil er Kai Hiwatari ist. Er hat gewonnen, ja. Aber als er mich am Boden sah, ist seine ganze harte Fassade zerbrochen. Er hat begriffen, dass sein Sieg nichts wert ist, wenn er mich dabei verliert. Doch er hatte den Sponsorenvertrag bereits einige Tage vor meiner Kapitulation unterschrieben, da er sich sicher war, dass er zuerst einknickt und ich nicht aufgebe. Er ist jetzt der Hauptsponsor. Ich laufe – aber zu seinen Bedingungen. Mit seiner Security, seiner Gästeliste und ihm direkt vor der Nase, damit jeder sieht, dass ich nur ihm gehöre.“

​Hilary schüttelte lachend den Kopf. „Dieser Mann ist unmöglich. Erst alles kurz und klein schlagen und dann das ganze Event kaufen, nur um seinen Stolz zu retten und dich gleichzeitig glücklich zu machen. Das ist so… Kai.“

​„Und das Armband?“, fragte Momoko und deutete auf das Handgelenk.

​„Teil seiner Wiedergutmachung“, erklärte Nami. „Er fühlt sich schlecht wegen der Dinge, die er im Affekt gesagt hat. Er will mich die ganze Woche spüren lassen, wie leid es ihm tut. Er ist wieder wie ausgewechselt – aufmerksam, zärtlich, fast schon… romantisch.“

​„Genieß es, solange es anhält“, riet Hilary grinsend. „Aber wir werden am Samstag da sein. Ich will dieses Kleid sehen, das Kai fast um den Verstand gebracht hat. Wenn es ihn dazu bringt, eine ganze Modenschau zu kaufen, muss es entweder ein Meisterwerk sein oder… sehr, sehr durchsichtig.“

​Die Frauen lachten gemeinsam, und für den Rest des Nachmittags drehten sich die Gespräche um Mode, die Eskapaden ihrer Männer und die Vorfreude auf den Samstag. Nami fühlte sich so leicht wie seit Wochen nicht mehr. Es tat gut, den Druck der letzten Tage abzulassen und zu wissen, dass sie die Unterstützung ihrer Freundinnen hatte.
 

Als Nami am späten Nachmittag nach Hause kam, war die Sonne bereits dabei, hinter den Hügeln am Rande Tokios unterzutauchen. Die Luft war kühl, doch im Haus brannte bereits der Kamin.
 

Kai stand auf der Veranda, Sayuri auf dem Arm, während Gou im Hintergrund noch ein paar letzte Runden drehte. Sobald Nami ausstieg, kam Kai ihr entgegen. Er reichte Sayuri an Claire weiter nur um Nami danach fest in seine Arme zu schließen.

​„Und?“, raunte er, während er seinen Kopf in ihrem Nacken vergrub. „Hat Hilary genug gelästert? Ist mein Ruf als gefürchteter Konzernchef endgültig ruiniert?“

​Nami lachte und schmiegte sich an ihn. „Absolut. Sie halten dich alle für einen hoffnungslosen Romantiker, Kai Hiwatari.“

​„Ein schreckliches Schicksal“, erwiderte er trocken, doch er hob sie kurz hoch und küsste sie erneut leidenschaftlich vor den Augen der Kinder und des Personals. „Willkommen zu Hause.“
 

​Der Donnerstagmorgen kündigte sich durch die ersten zaghaften Sonnenstrahlen an, die durch die schweren Vorhänge des Schlafzimmers im Ayame-Anwesen drangen. Nami blinzelte schläfrig, ihr Körper fühlte sich schwer und entspannt an, die Wärme der Decken umhüllte sie wie ein Kokon.

​Sie spürte eine Bewegung neben sich. Kai war bereits wach, doch anders als an den Tagen zuvor, war er nicht aufgestanden, um zu trainieren oder erste Telefonate zu führen. Er lag auf der Seite, den Kopf auf die Hand gestützt, und beobachtete sie mit einem Blick, der so intensiv war, dass Nami augenblicklich hellwach wurde.

​„Guten Morgen“, hauchte sie, die Stimme noch rau vom Schlaf. Sie wollte sich gerade strecken und Anstalten machen aufzustehen, doch Kai legte seine freie Hand fest auf ihre Hüfte und hielt sie an Ort und Stelle.

​„Bleib liegen“, raunte er. Seine Stimme war tief und besitzergreifend. „Die Welt kann heute Morgen ohne uns untergehen.“

​Nami lächelte und versuchte dennoch, sich ein Stück aufzurichten. „Kai, wir müssen heute früh in den Tower.“

​Sie kam nicht weiter. Kai beugte sich über sie, seine Hand glitt von ihrer Hüfte in ihren Nacken und er zog sie sanft, aber unnachgiebig zu sich hoch. Seine Küsse begannen an ihrem Kiefer, wanderten zu ihrem Ohr und schließlich zu ihren Lippen. Es waren keine flüchtigen Morgengrüße. Er küsste sie langsam, fast schon quälend tief, als wollte er jeden Millimeter ihres Wesens neu beanspruchen.

​Wann immer Nami versuchte, den Kuss halbherzig zu lösen oder ein kicherndes Wort des Protests einzuwenden, vertiefte er ihn nur noch mehr. Seine Lippen waren fordernd, doch die Zärtlichkeit, mit der er sie berührte, nahm ihr jede Kraft zum Widerstand. Er benutzte keine Gewalt, aber die strategische Langsamkeit seiner Küsse – die Art, wie er ihre Unterlippe zwischen seine Zähne nahm und sie dann wieder mit seiner Zunge beruhigte – war weitaus effektiver.

​Er wollte, dass sie blieb. Er wollte, dass sie ihre Termine, den Tower und sogar die Modenschau für diesen einen Moment vergaß.

​„Du hast keine Eile...und ich auch nicht.“, murmelte er gegen ihre Lippen, während seine Hand nun langsam über ihre Flanke strich und sie noch enger an seinen warmen Körper zog. „Ich habe Miya gestern schon gesagt, dass du erst am Nachmittag kommst. Der Vormittag gehört nur uns.“

​Nami spürte, wie ihr eigener Wille langsam schmolz wie Wachs im Feuer. Kais Plan ging auf; die fordernde Tiefe seiner Berührungen sorgte dafür, dass das Bett am Rande von Tokio plötzlich zum einzigen Ort auf der Welt wurde, der von Bedeutung war. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, vergrub ihre Finger in seinem dunklen Haar und gab sich dem Rhythmus seiner Küsse hin.

​„Hör nicht auf...“, flüsterte sie zwischen zwei Atemzügen, während sie sich tiefer in die Kissen sinken ließ und ihn näher an sich zog.

​„Ich bin ein Mann, der fünf Tage verloren hat“, erwiderte er, und in seinen roten Augen blitzte für einen Moment jenes gefährliche Verlangen auf, das Nami so sehr an ihm liebte. „Und ich habe nicht die Absicht, auch nur eine weitere Sekunde davon zu verschwenden.“

​Er neigte den Kopf erneut zu ihr, und diesmal gab es kein Zögern mehr. Der Donnerstagmorgen im Anwesen begann nicht mit Hektik oder Arbeit, sondern mit der stillen, leidenschaftlichen Bestätigung, dass die Eiszeit endgültig vorbei war.

Ein Tag voller Ereignisse

Das Frühstück im kleinen Salon des Anwesens verlief in einer fast schon unwirklich friedlichen Atmosphäre. Die Kinder waren bereits auf dem Weg zur Schule oder spielten in einem anderen Teil des Hauses, sodass Kai und Nami einen Moment der Ruhe genossen. Kai wirkte nach dem intensiven Morgen im Schlafzimmer gelassen, seine Hand ruhte oft auf ihrer, während sie gemeinsam Tee tranken.

​Plötzlich unterbrach das ferne Klingeln an der schweren Eingangstür die Stille. Kurze Zeit später trat Graham ein, ein flaches, tiefschwarzes Paket mit dem goldenen Prägesiegel von Miyako Bouvier auf einem silbernen Tablett tragend.

​„Ein Kurier so früh am Morgen?“, murmelte Nami überrascht und nahm das Paket entgegen.

​Kai hob eine Braue. Sein Blick auf das Paket war sofort wachsam, fast schon skeptisch. „Miyako? Die Frau meldet sich normalerweise nur über drei Mittelsmänner, wenn überhaupt.“

​Nami öffnete vorsichtig das Siegel und zog eine kleine, handbeschriebene Notiz hervor. Während sie las, huschte ein ungläubiges Lächeln über ihr Gesicht.

​„Liebe Nami, die Welt wartet auf das Finale, aber ich möchte ihnen einen flüchtigen Blick auf die Zukunft schenken. Anbei ein Ausblick auf meine nächste Kollektion. Würdest du dieses Set zusätzlich vor dem großen Finale präsentieren? Es braucht eine Frau mit deiner Aura, um diese Farben zum Leben zu erwecken. – M.B.“
 

​Nami hob den Inhalt aus der schwarzen Seidenpapierschicht. Ein Raunen entwich ihren Lippen. Es war ein Set aus hauchdünner, nachtblauer Spitze – ein BH, ein passender Slip und dazu gehörende halterlose Strümpfe. Das Besondere war die filigrane Bestickung: In der Spitze waren winzige, regenbogenfarben schimmernde Fäden und Perlen eingearbeitet, die je nach Lichteinfall wie das Nordlicht auf dunklem Wasser funkelten.

​Sie sah zu Kai hoch, dessen Miene sich augenblicklich verfinstert hatte. Er starrte auf die schimmernde Spitze in ihren Händen, und man konnte förmlich sehen, wie in seinem Kopf die alte Schutzmauer wieder hochfahren wollte. Das war noch weniger Stoff als beim Finalkleid.

​Nami legte die Spitze behutsam zurück und suchte seinen Blick. Sie wollte keinen neuen Streit, aber sie wollte auch das Vertrauen spüren, das sie sich in den letzten Tagen mühsam zurückerobert hatten.

​„Kai“, begann sie sanft und trat um den Tisch herum zu ihm. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern. „Miyako bittet mich darum. Es wäre eine Ehre, aber... ich möchte nicht, dass du dich am Samstag damit unwohl fühlst.“

​Sie neigte den Kopf und ein herausforderndes Blitzen trat in ihre türkisfarbenen Augen. „Ich schlage vor, ich ziehe es jetzt kurz an. Wir gehen hoch in den Spiegelsaal, und ich zeige es dir. Nur du und ich. Bevor wir in den Tower fahren, möchte ich wissen, was du davon hältst.“

​Kai schwieg einen langen Moment. Seine roten Augen fixierten das nachtblaue Set und wanderten dann langsam zu seiner Frau hinauf. Der „Zar“ in ihm kämpfte sichtlich mit dem verliebten Ehemann. Schließlich legte er seine Hände an ihre Taille und zog sie fest gegen sich.

​„Du spielst wie immer mit dem Feuer, Nami“, raunte er, und seine Stimme war gefährlich tief. „Du weißt genau, was dieser Anblick nach dem heutigen Morgen mit meiner Beherrschung anstellen wird.“

​Er stand langsam auf, ohne sie loszulassen. Ein besitzergreifendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Gut. Zeig es mir. Zeig mir, was diese Designerin glaubt, der Welt präsentieren zu müssen. Aber sei dir bewusst... wenn es mir zu viel ist, wird es diese Kiste nicht mehr verlassen.“

​Nami lächelte, nahm das Paket und führte ihn die Treppe hinauf zum Spiegelsaal, während die Vorfreude und eine leichte Nervosität in ihrer Brust hämmerten.
 

Die schweren Flügeltüren des Spiegelsaals schwangen lautlos auf. Dieser Raum war das Herzstück des Anwesens, eine architektonische Hommage an Licht und Reflexion. Die Wände bestanden fast ausschließlich aus deckenhohen, antiken Spiegeln mit goldenen Rahmen, die das einfallende Vormittagslicht in tausend Facetten brachen.

​Kai blieb in der Mitte des Raumes stehen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, sein Blick war finster und zugleich voller unterdrückter Erwartung. Er beobachtete Nami im Spiegel, wie sie hinter den eleganten, handbemalten Paravent trat. Das Rascheln von Seidenpapier und das leise Gleiten von Stoff war das einzige Geräusch in der erhabenen Stille des Saals.

​„Ich warne dich, Nami“, rief er mit rauer Stimme durch den Raum. „Wenn das Set nur aus Versprechen und Luft besteht, lasse ich dich am Samstag nicht einmal in die Nähe des Laufstegs.“

​Ein leises, glockenhelles Lachen war die einzige Antwort. Dann trat sie hervor.

Kai ging langsam auf sie zu. Seine Schritte hallten auf dem Parkett, ein langsamer, bedrohlicher Rhythmus. Er umkreiste sie schweigend, genau wie er es bei einem geschäftlichen Rivalen tun würde, den er gleich vernichten wollte – doch diesmal war es die reine Bewunderung, die ihn antrieb.

​Er blieb direkt hinter ihr stehen. Im Spiegel vor ihnen trafen sich ihre Blicke. Seine großen Hände legten sich auf ihre nackten Schultern, und der Kontrast zwischen seiner dunklen Präsenz und ihrer ätherischen Erscheinung in der schimmernden Spitze war atemberaubend.

​„Miyako ist eine manipulative Teufelin“, flüsterte er gegen ihr Ohr, während sein warmer Atem eine Gänsehaut auf ihrem Dekolleté verursachte. Er ließ seine Hand langsam hinabgleiten, über die Kurve ihres Rückens bis hin zu den Abschlüssen der Strümpfe an ihren Oberschenkeln. Er berührte die regenbogenfarbenen Perlen, die unter seinen Fingern zu glühen schienen. „Sie wusste genau, was dieses Licht mit dir macht. Sie wusste, dass ich dich niemals bitten könnte, das hier zu verstecken.“

​Er drehte sie sanft um, sodass sie ihn direkt ansah. Seine roten Augen brannten nun vor Verlangen, gepaart mit einem tiefen, fast schmerzhaften Stolz.

​„Siehst du das, Nami?“, er deutete auf die unzähligen Spiegelbilder um sie herum. „Das ist es, was ich am Samstag tun werde. Ich werde dort sitzen und der ganzen Welt dabei zusehen, wie sie versucht, ihre Augen von dir abzuwenden – und kläglich scheitert. Es ist eine Qual, dich so zu sehen und zu wissen, dass andere diesen Anblick teilen dürfen.“

​Er legte seine Hand flach auf ihren Bauch, genau dort, wo die Spitze des Slips begann. „Aber das hier“, er drückte sie fest gegen seinen Körper, sodass sie die harte Linie seines Gürtels und die Hitze seines Körpers spürte, „das hier gehört nur mir. Die Welt bekommt das Licht, aber ich bekomme die Frau.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und sah zu ihm auf. „Heißt das, ich darf es tragen?“

​Kai lachte leise, ein dunkles, vibrierendes Geräusch. „Du wirst es tragen. Und ich werde dafür sorgen, dass die Beleuchtung exakt so eingestellt ist wie hier in diesem Raum. Wenn du diesen Laufsteg betrittst, sollen sie alle vor Ehrfurcht erstarren.“

​Er beugte sich vor und küsste sie – ein Kuss, der nach Besitz, Vergebung und dem absoluten Versprechen von Treue schmeckte. Es war der endgültige Bruch mit der Kälte der Vorwoche.

​„Zieh dich an, Nami“, raunte er schließlich gegen ihre Lippen, obwohl er sie noch immer nicht losließ. „Bevor ich meine Meinung ändere, dich hier im Spiegelsaal einschließe und Miya sage, dass die Modenschau wegen... technischer Probleme ausfällt.“

​Nami löste eine Hand aus seinem Griff. Ihre Finger glitten langsam über das Revers seines maßgeschneiderten Sakkos hinauf zu seinem Nacken, während die andere Hand flach auf seiner Brust liegen blieb, wo sie das hämmernde, wilde Schlagen seines Herzens spürte. Ein wissendes, fast schon sündiges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie den Kopf ein wenig schräg legte.

​„Schau mich an, Kai“, flüsterte sie, ihre Stimme war nun ein dunkles Versprechen, das die kühle Luft des Saals zum Vibrieren brachte. „Du hast gesagt, dieser Vormittag gehört nur uns. Und du hast gesagt, du willst mir zeigen, wie sehr du mich brauchst.“

​Sie hielt seinen Blick fest, während sie seine Hand nahm und sie langsam an ihre Taille führte, dorthin, wo die nachtblaue Spitze auf ihre bloße Haut traf. Die regenbogenfarbenen Perlen schimmerten zwischen seinen Fingern wie gefangenes Licht.

​„Glaubst du wirklich, dass wir jetzt einfach so in den Wagen steigen können?“, fragte sie leise und trat noch diesen einen entscheidenden Millimeter näher, bis sie die Hitze seines Körpers durch den Stoff seines Hemdes spürte. „Glaubst du, ich kann mich jetzt anziehen und so tun, als wäre nichts, nachdem du mich so angesehen hast? Ich schlage vor, wir nehmen uns diese zehn Minuten... in denen du mir beweist, dass du dieses Set viel lieber ausziehst, als es an mir zu bewundern.“

​Noch während sie sprach, begannen ihre Finger, die obersten Knöpfe seines Hemdes zu lösen. Es war keine Bitte, es war eine sanfte, aber unmissverständliche Forderung.

​Ein tiefes, gefährliches Lachen entrang sich Kais Brust – ein Geräusch, das halb Knurren, halb Seufzer war. Er ergriff ihre Handgelenke, nicht um sie zu stoppen, sondern um die Intensität ihrer Berührung zu kontrollieren. Seine Beherrschung, die er über Jahre wie einen Panzer perfektioniert hatte, zerbrach in diesem Augenblick mal wieder endgültig.

​„Zehn Minuten?“, raunte er, und seine Stimme klang wie brüchiges Eis. „Wenn ich erst einmal anfange, diese Spitze von deiner Haut zu lösen, wird keine Uhr der Welt mich dazu bringen, rechtzeitig im Tower zu sein.“

​Er wartete keine Antwort mehr ab. Mit einer plötzlichen, kraftvollen Bewegung schlang er seine Arme um sie und hob sie hoch, wobei das feine Material der Strümpfe über das dunkle Tuch seiner Anzughose glitt. In den unzähligen Spiegeln um sie herum vervielfachte sich dieser Moment der Hingabe ins Unendliche – ein Wald aus Reflexionen, in dem nur sie beide existierten.

​Kai trug sie nicht zum Ausgang, sondern zu dem breiten, mit schwerem Samt bezogenen Diwan, der in einer Nische des Saals stand. Er legte sie behutsam, aber mit einer besitzergreifenden Bestimmtheit auf den dunklen Stoff, der den perfekten Kontrast zu ihrem weißen Haar und der schimmernden Spitze bildete.

​„Ich werde dieses Set nicht einfach nur ausziehen“, flüsterte er, während er über ihr verharrte und seine Krawatte mit einem Ruck lockerte. „Ich werde dafür sorgen, dass du bei jedem Schritt auf diesem Laufsteg am Samstag spürst, wie meine Hände heute auf deiner Haut lagen. Du wirst die Blicke der anderen ertragen, weil du weißt, dass niemand außer mir weiß, wie sich diese Spitze unter den Fingern anfühlt.“

​Kai zelebrierte jede Bewegung, jeden freigelegten Zentimeter ihrer Haut, als wäre es ein heiliges Ritual der Wiedergutmachung, das weit über körperliches Begehren hinausging.

Die Stille des Raumes wurde nur noch vom hastigen Rhythmus ihrer Atemzüge unterbrochen. Kai betrachtete sie, wie sie dort auf dem dunklen Samt lag – ein Bild aus Licht, Schatten und dieser sündhaft schönen, nachtblauen Spitze, die bei jeder Bewegung ihrer Brust regenbogenfarben aufglühte.

​Er ließ sich Zeit. Seine Finger, sonst so sicher und kühl beim Unterzeichnen von Millionenverträgen, zitterten fast unmerklich, als er den ersten filigranen Verschluss des BHs löste. Das leise Klick des Metalls hallte in den Spiegeln wider. Er schob den zarten Stoff beiseite und legte ihre Haut frei, die unter seinem Blick zu brennen schien.

​„Du hast keine Vorstellung davon“, raunte er, während er sich hinunterbeugte und seine Lippen die empfindliche Stelle unter ihrem Schlüsselbein fanden, „wie sehr mich der Gedanke an diese Distanz gequält hat.“

​Seine Küsse waren tief und fordernd, eine Mischung aus angestautem Verlangen und dem tiefen Bedürfnis, jede Spur der vergangenen Kälte erneut auszulöschen. Nami wand sich unter ihm, ihre Finger krallten sich in das dunkle Haar in seinem Nacken, während sie ihn noch enger an sich zog. Die Kühle des Samts unter ihrem Rücken und die Hitze seines Körpers über ihr bildeten einen berauschenden Kontrast.

​Mit einer geschmeidigen Bewegung löste er die Haltebänder der Strümpfe. Das leise Geräusch von Spitze auf Haut war in der Weite des Saals fast ohrenbetäubend. Kai verharrte einen Moment, seine Hand strich über die bloße Haut ihres Oberschenkels, genau dort, wo das regenbogenfarbene Muster geendet hatte. Er sah ihr direkt in die Augen – seine rotglühend vor Leidenschaft, ihre weit und dunkel vor Verlangen.

​„Alles an dir gehört mir“, flüsterte er mit einem dunklen Grinsen, bevor er seine eigene Kleidung mit ungeduldigen Bewegungen abstreifte.

​Als er sich schließlich ganz mit ihr vereinte, war es kein Akt der Dominanz, sondern eine vollkommene Verschmelzung. In den unzähligen Spiegeln um sie herum sah Nami ihre Körper – ein Ineinandergreifen von hell und dunkel, von weißem Haar, das sich über den dunklen Diwan ergoss, und Kais muskulöser Silhouette. Jede Bewegung spiegelte sich tausendfach wider, als würde das gesamte Anwesen an ihrer Versöhnung teilhaben.

​Kai bewegte sich mit einer langsamen, fast schon schmerzhaften Intensität in ihr. Er wollte nicht, dass es schnell endete; er wollte, dass sie jede Sekunde der wiedergewonnenen Nähe in sich aufsaugte. Seine Hände hielten ihre fest, die Finger ineinander verschränkt, während er seinen Kopf an ihre Schläfe legte und ihren Namen wie ein Gebet flüsterte.

​Nami spürte, wie die letzte Anspannung der vergangenen Woche von ihr abfiel. Das war kein bloßes Begehren – es war Kai, der ihr ohne Worte sagte, dass er ohne sie verloren war.

​Minuten später lagen sie noch immer eng umschlungen auf dem Diwan. Das Set von Miyako Bouvier lag vergessen auf dem Parkett, ein Haufen aus blauer Seide und schimmernden Perlen. Kai hielt sie fest, sein Atem beruhigte sich langsam an ihrem Hals, während er eine Strähne ihres Haares aus ihrem Gesicht strich.

​„Ich glaube“, murmelte er heiser, „wir sind jetzt offiziell sehr spät dran für den Tower.“

​Nami lachte leise, ein erschöpftes, aber glückliches Geräusch. Sie schmiegte sich an seine Brust und spürte sein starkes Herz unter ihrer Wange. „Das war es wert. Jeden einzelnen Moment.“

​Kai küsste ihre Stirn und sah sich im Saal um. Er sah ihr gemeinsames Spiegelbild – zufrieden, vereint und unbesiegbar. „Lass sie warten. Der Hauptsponsor und sein Star-Model entscheiden selbst, wann die Probe beginnt.“
 

​Es war fast zwei Stunden später als ursprünglich geplant, als der dunkelgrüne Bentley vor dem Tachiwari-Tower zum Stehen kam. Die Mittagssonne stand bereits hoch am Himmel, und die Glasfassade des Gebäudes glühte förmlich.

​Als Kai und Nami die Lobby betraten, herrschte augenblicklich eine ehrfürchtige Stille. Kai hatte sein Sakko wieder übergestreift, doch die gewohnte, steife Krawatte fehlte – sein Hemdkragen stand offen, was ihm eine ungewohnt vitale, fast schon gefährlich entspannte Ausstrahlung verlieh. Nami schritt an seiner Seite, ihr weißes Haar perfekt frisiert, doch in ihren Augen lag ein Glanz, den man nicht mit Make-up imitieren konnte.

​Jeder Mitarbeiter, der ihnen begegnete, spürte es: Die Atmosphäre zwischen den beiden hatte sich von einer versöhnlichen Ruhe in eine unerschütterliche, kraftvolle Einheit verwandelt.

​Im Büro wurden sie bereits von Miya erwartet, die diskret auf die Uhr an der Wand blickte, sich jedoch hütete, einen Kommentar abzugeben. „Der Zeitplan hat sich leicht verschoben, Mr. Hiwatari. Die Logistikberichte aus Moskau sind eingetroffen, und die finale Freigabe für die Sicherheitszone in der Fabrik benötigt Ihre Unterschrift.“

​Kai nickte knapp. „Zwei Stunden, Miya. Mehr Zeit haben wir hier nicht. Mrs. Hiwatari und ich müssen zur Location.“

​Während Kai sich mit der Effizienz eines Raubtiers durch die Stapel an Dokumenten arbeitete, klärte Nami die letzten Details der Gästeliste. Trotz des geschäftlichen Drucks suchten ihre Blicke immer wieder den anderen. Ein kurzes Lächeln über den Schreibtisch hinweg, ein flüchtiges Streifen der Finger, als Kai ihr ein Dokument reichte – die Leidenschaft vom Vormittag schwang in jeder ihrer Gesten mit.

​Pünktlich nach zwei Stunden verließen sie den Tower wieder. Die Fahrt führte sie weg vom glitzernden Zentrum Tokios in ein industrielles Viertel am Hafen, wo eine riesige, alte Fabrik aus rotem Backstein stand. Das Gebäude war von Grund auf saniert und in eine hochmoderne Event-Location verwandelt worden, die den rauen Charme der Industrie mit dem Luxus der Tachiwari-Corporation verband.

​Schon bei der Einfahrt auf das Gelände sah man die massive Präsenz der Sicherheitskräfte. Kai warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster. „Meine Leute haben alles abgeriegelt. Niemand betritt diesen Ort ohne Einladung oder Spezialfreigabe.“

​Als sie ausstiegen, kam ihnen Marcella entgegen. Sie wirkte sichtlich nervös. „Gott sei Dank, ihr seid da! Die Proben für die Lichtshow laufen bereits. Und...“, sie senkte die Stimme ehrfürchtig, „Miyako Bouvier ist bereits in der Maske. Sie ist heute Morgen persönlich eingetroffen, um die Anpassung des neuen Sets zu überwachen.“

​Kai legte seinen Arm besitzergreifend um Namis Taille. „Dann lassen wir die Dame nicht länger warten.“

​Das Innere der Fabrik war atemberaubend. Wo früher Maschinen dröhnten, erstreckte sich nun ein tiefschwarzer, hochglanzpolierter Laufsteg, der von gigantischen Stahlträgern flankiert wurde. Hunderte von Scheinwerfern hängten an der Decke, bereit, die Szenerie in ein Meer aus Farben zu tauchen.

​In einer der improvisierten Luxus-Logen im Backstage-Bereich wartete eine kleine, zierliche Frau in einem schlichten, schwarzen Rollkragenpullover – Miyako Bouvier. Sie war bekannt dafür, niemals Interviews zu geben, doch als sie Nami sah, traten ihre scharfen, dunklen Augen hervor.

​„Nami“, sagte sie mit einer Stimme, die wie trockenes Pergament klang. „Ich habe gehört, es gab... Verzögerungen im Zeitplan.“ Ihr Blick glitt kurz zu Kai, dessen Miene sich sofort wieder in die Maske des unnahbaren Zaren verwandelte. Miyako lächelte fein. „Aber wie ich sehe, hat die Verzögerung deinem Teint gutgetan.“

​Kai trat einen Schritt vor, seine rote Augen fixierten die Designerin. „Das Set, das Sie geschickt haben, ist gewagt, Mrs. Bouvier. Sogar für meine Begriffe.“

​Miyako wich seinem Blick nicht aus. „Gewagt ist nur ein anderes Wort für unvergesslich, Mr. Hiwatari. Wollen wir sehen, ob die Realität hält, was die Entwürfe versprechen?“

​Nami sah zwischen den beiden Kontrahenten hin und her und legte Kai eine Hand auf den Unterarm, um die aufkeimende Spannung zu mildern. „Ich werde mich umziehen. Kai, du solltest dir die Lichtprobe von der Tribüne aus ansehen. Ich möchte wissen, wie die regenbogenfarbenen Perlen auf die Distanz wirken.“

​Kai sah sie an, sein Blick wurde für einen Moment weich, bevor er sich wieder Miyako zuwandte. „Ich werde in der ersten Reihe sitzen. Und ich werde sehr genau darauf achten, wie das Licht fällt.“
 

Der Backstage-Bereich der Fabrik war ein kontrolliertes Chaos aus Kleiderstangen, Make-up-Koffern und hektischen Assistenten. Doch als Nami hinter dem schweren Vorhang hervortrat, schien die Zeit für einen Moment stillzustehen.

​Sie trug nun nicht mehr nur die hauchdünne Spitze. Miyako hatte das Set durch ein Paar mörderisch hoher Stilettos ergänzt, die aus demselben nachtblauen Seidensamt gefertigt waren wie die Details des BHs. Die Absätze waren so fein wie Nadeln und ließen Nami noch ein Stück größer und ihre Beine schier endlos wirken.

​Miyako Bouvier trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schräg und nickte langsam. „Die Schuhe geben dir die Raubtier-Eleganz, die das Set braucht, Nami. Jetzt geh da raus. Ich will sehen, wie der Stahl dieser Halle auf deine Aura reagiert.“

​Nami trat aus der Dunkelheit des Backstage-Bereichs direkt auf den tiefschwarzen, spiegelglatten Laufsteg. In dem Moment, als ihre Absätze das erste Mal auf dem harten Boden aufschlugen – ein metallisches, rhythmisches Klick-Klick – flammten die Scheinwerfer über ihr auf.

​In der riesigen, halbdunklen Halle saß nur ein einziger Mann in der Mitte der ersten Reihe: Kai.

​Er saß dort, die Beine überschlagen, die Arme auf den Armlehnen ausgebreitet, wie ein Herrscher in seiner Loge. Als Nami in das gleißende Licht trat, sah sie, wie er sich unbewusst aufrichtete. Sein Blick fixierte sie mit einer Intensität, die die Distanz zwischen ihnen augenblicklich überbrückte.

​Nami begann ihren Walk. Durch das Training der letzten Tage und die emotionale Befreiung des Vormittags bewegte sie sich mit einer neuen, fast schon provokanten Sicherheit. Die regenbogenfarbenen Perlen auf der nachtblauen Spitze fingen das Licht der Deckenstrahler ein und warfen tanzende Farbflecken an die rauen Backsteinwände der Fabrik. Bei jedem Schritt, bei jedem Wiegen ihrer Hüften, funkelte sie wie eine Galaxie inmitten der industriellen Kälte.

​Kai beobachtete jede Bewegung. Er sah, wie die hohen Absätze die Spannung in ihren Waden betonten und wie ihr weißes Haar bei jedem Turn am Ende des Laufstegs wie eine Fahne hinter ihr herwehte.

​Es waren nicht viele Leute anwesend – ein paar Lichttechniker auf den Gerüsten und Marcellas engstes Team –, doch die Wirkung war fatal. Ein junger Techniker am Mischpult vergaß für einen Moment, den Regler nach oben zu schieben, während er mit offenem Mund zusah.

​Kai entging das nicht. Sein Blick schoss kurz zu dem Mann am Mischpult, und die Kälte in seinen roten Augen war so eisig, dass der Techniker augenblicklich zusammenzuckte und seinen Blick starr auf seine Monitore richtete.

​Nami erreichte erneut das Ende des Laufstegs, direkt vor Kai. Sie blieb stehen, die Hände leicht auf den Hüften, und blickte auf ihn hinunter. In diesem Licht, in dieser Spitze und auf diesen Absätzen, wirkte sie wie seine ebenbürtige Königin.

​Miyako Bouvier, die im Schatten des Vorhangs stand, flüsterte leise vor sich hin: „Perfekt. Sie ist nicht nur ein Model. Sie ist eine Naturgewalt.“

​Kai stand langsam auf. Er ignorierte die Designerin und die Techniker. Er trat an die Kante des Laufstegs, sodass er Nami fast berühren konnte.

​„Die High Heels...“, begann er heiser, seine Stimme hallte durch die weite Halle. Er ließ seinen Blick von ihren Füßen langsam an ihren Beinen hochwandern, bis er wieder ihre Augen traf. „Sie verändern alles. Sie geben dir eine Dominanz, die selbst mich für einen Moment vergessen lässt, dass wir uns heute Morgen noch in den Kissen gewälzt haben.“

​Er trat noch einen Schritt näher, sein Gesicht nun auf Höhe ihrer Knie. Er legte seine Hand kurz an ihre Wade, ein kurzer, brennender Kontakt vor den Augen der wenigen Anwesenden.

​„Du wirst sie alle in den Wahnsinn treiben.“, raunte er, laut genug, dass nur sie es hören konnte. „Aber vergiss nie: Die Welt sieht die Show. Ich sehe die Wahrheit dahinter.“

​Nami lächelte ihm siegessicher entgegen.
 

Kai verharrte mit der Hand an ihrer Wade, während die elektrische Spannung zwischen ihnen fast greifbar war. Doch das tiefe, insistierende Brummen in seiner Sakkotasche durchschnitt die Stille der Fabrikhalle wie eine unwillkommene Klinge.

​Kai ignorierte es zuerst. Sein Blick war nach wie vor auf Nami fixiert, auf das Schimmern der regenbogenfarbenen Perlen und die Art, wie sie auf den mörderischen Absätzen vor ihm thronte. Doch das Telefon hörte nicht auf.

​Mit einem unterdrückten Fluch löste er sich von ihr und zog das Gerät hervor. Er wollte es bereits wegdrücken, doch als er den Namen auf dem Display las, verengten sich seine Augen zu Schlitzen.
 

Kai hielt das Telefon fest umklammert, seine Knöchel traten weiß hervor. Das „Problem“, von dem er eben noch ausgegangen war, hatte sich gerade als eine weitaus persönlichere Überraschung entpuppt.

​„Was willst du, Vlad?!“, zischte Kai, doch seine Stimme verlor an Schärfe und wich einer tiefen Irritation. „Woher hast du überhaupt diese Nummer?“

​„Beruhige dich, kleiner Bruder“, erklang die sonore, leicht amüsierte Stimme von Vladimir Ivanov am anderen Ende. „Ich bin im Tower. Deine wunderbare Angestellte Miya war erst sehr pflichtbewusst, aber als ich ihr erklärte, dass ich nicht vorhabe, das Foyer ohne ein Gespräch mit dir zu verlassen, hat sie mir gesteckt, dass du bei einer... ‚Probe‘ bist.“

​Kai erstarrte. Er warf einen schnellen Blick zu Nami. „Vladimir? Was zum Teufel machst du in Tokio? Du wolltest erst in drei Monaten kommen.“

​Ein leises, kehliges Lachen drang aus dem Hörer. „Pläne ändern sich, Kai. Vor allem, wenn die Allianz zwischen der Tachiwari-Corporation und meinem Unternehmen Severnaya Früchte trägt. Ich habe die Berichte über das Sponsoring der Modenschau erhalten. Ein ungewöhnlicher Schachzug für dich – bis ich las, wer das Starmodel ist.“

​Kais Blick verdunkelte sich augenblicklich. Sein Griff um das Handy wurde noch fester. „Hüte deine Zunge, Vlad.“

​„Oh, keine Sorge“, fuhr Vladimir unbeeindruckt fort, sein Tonfall war nun voller Ironie. „Ich wollte mir nur nicht entgehen lassen, wie du dein gesamtes Imperium in ein Mode-Event verwandelst, nur um deine Frau im Rampenlicht zu sehen. Ich dachte mir, wenn Nami nach all den Jahren wieder zur Mode zurückkehrt, sollte die Familie in der ersten Reihe sitzen. Ich bin bereits auf dem Weg zu deiner kleinen Fabrik. Wir sehen uns in zehn Minuten.“

​Bevor Kai antworten konnte, ertönte das Besetztzeichen. Er starrte das Display fassungslos an, bevor er das Telefon wegsteckte und zu Nami aufblickte, die die Spannung in seiner Haltung längst bemerkt hatte.

​„Was ist los?“, fragte sie und trat an die Kante des Laufstegs.

​„Mein Halbbruder ist in der Stadt“, sagte Kai grimmig. „Vladimir ist in Tokio. Er hat vom Sponsoring erfahren und davon, dass du läufst. Er ist in zehn Minuten hier.“

​Nami zog die Brauen hoch. Vladimir Ivanov war bekannt für seinen ausschweifenden Lebensstil und seinen scharfen Verstand, aber auch für eine gewisse Arroganz, die Kai oft auf die Probe stellte. „Hierher? In die Fabrik?“

​„Er will sich die Show nicht entgehen lassen“, knurrte Kai. Er sah an Nami hinunter. Sein Beschützerinstinkt schlug laut Alarm. „Zieh dir etwas über, Nami. Sofort. Ich will nicht, dass er dich so sieht, bevor ich ihm klargemacht habe, wo seine Grenzen liegen.“

​Miyako Bouvier, die das Gespräch aus der Entfernung mitverfolgt hatte, trat aus dem Schatten. Ein schmales Lächeln lag auf ihren Lippen. „Ein weiterer Hiwatari-Ableger? Wie amüsant. Aber Mr. Hiwatari hat recht – die Wirkung sollte für den Samstagabend aufgespart werden. Es wäre eine Verschwendung, das Pulver heute schon bei der Verwandtschaft zu verschießen.“

​Nami lächelte Kai beruhigend zu, auch wenn sie die aufziehende Gewitterwolke auf seinem Gesicht sah. „Keine Sorge, Kai. Ich werde mich umziehen. Aber du solltest dich darauf vorbereiten, dass dein Bruder nicht der Einzige sein wird, der am Samstag genau hinsieht.“

​Kai antwortete nicht. Er sah ihr nach, wie sie im Backstage-Bereich verschwand, und wandte sich dann dem Eingang der Halle zu. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Wenn Vladimir glaubte, er könne einfach so in Kais sorgsam aufgebautes privates Refugium platzen, würde er heute eine Lektion in Sachen Territorium erhalten.
 

Das Echo von Vlads Schritten hallte bereits durch den weiten Eingangsbereich der Fabrik, noch bevor er im Hauptraum sichtbar wurde. Das Geräusch war rhythmisch und selbstbewusst. Kai stand am Rand des Laufstegs, die Arme fest vor der Brust verschränkt, sein Blick starr auf den Eingang gerichtet.

​Dann trat er ins Licht der Scheinwerfer.

​Es war, als würde man in einen leicht verzerrten Spiegel blicken. Vladimir trug einen dunkelgrauen Mantel aus feinster Wolle über einem schwarzen Maßanzug. Sein bläulich schimmerndes Haar war perfekt frisiert, und als er das Licht der Halle betrat, leuchteten seine auberginenfarbenen Augen kurz weinrot auf. Er stoppte etwa drei Meter vor Kai, ein amüsiertes, charmantes Lächeln auf den Lippen.

​„Kai“, sagte er, und seine Stimme war so tief, dass sie fast in den Stahlträgern der Halle zu vibrieren schien. „Ich muss sagen, der industrielle Chic steht dir. Es passt zu deiner... ungeschliffenen Art.“

​Kai verzog keine Miene. „Du hättest dich anmelden sollen, Vladimir. Ich mag keine Überraschungen, vor allem nicht, wenn sie ungebeten in meine privaten Angelegenheiten platzen.“

​Vladimir lachte leise und sah sich in der riesigen Halle um. Sein Blick blieb am Laufsteg hängen, dann wanderte er zu Miyako Bouvier, die im Hintergrund alles beobachtete. „Privat? Du kaufst eine ganze Modenschau, lässt das Logo von Tachiwari auf jedes Banner drucken und nennst es privat? Du wirst weich, kleiner Bruder. Oder einfach nur besessen.“

​Er trat einen Schritt näher, sein Blick wurde intensiver. „Wo ist sie? Ich habe im Tower gehört, dass Nami die Hauptattraktion ist. Man sagt, ihre Aura sei nur noch... anziehender geworden.“

​Kai trat ihm in den Weg, seine roten Augen blitzten gefährlich. „Nami zieht sich um. Und du wirst dich zügeln, Vlad. Wir sind hier nicht in einem deiner Clubs in St. Petersburg.“

​In diesem Moment öffnete sich der Vorhang zum Backstage-Bereich. Nami trat heraus, wieder in ihrer privaten Kleidung – einer eleganten, schlichten Kombination, die ihre Figur dennoch betonte. Ihr weißes Haar floss über ihre Schultern. Als sie Vladimir sah, blieb sie kurz stehen, ein höfliches, aber distanziertes Lächeln auf den Lippen.

​„Vladimir“, sagte sie ruhig und ging auf die beiden Männer zu. „Was für eine Überraschung. Wir haben dich erst in ein paar Monaten erwartet.“

​Vladimir trat sofort an Kai vorbei, ignorierte das drohende Knurren seines Bruders und nahm Namis Hand. Er beugte sich tief darüber und deutete einen Kuss an, wobei seine dunklen Augen sie für einen Moment zu lange fixierten. „Nami. Verzeih mein plötzliches Erscheinen. Aber als ich hörte, dass die schönste Frau Japans – nein, der Welt – auf die Bühne der Mode zurückkehrt, konnte ich nicht in Russland bleiben. Deine Aura... sie ist immer noch der einzige Ort, an dem man wirklich Ruhe findet.“

​Kai legte seine Hand fest auf Namis Schulter und zog sie ein Stück zu sich. Die Dominanz im Raum war nun so dicht, dass die Techniker im Hintergrund nervös zu tuscheln begannen.
 

Kai atmete tief durch. Er kannte Vladimirs Spielchen nur zu gut. Sein Halbbruder war wie ein Raubtier, das jede Lücke in der Verteidigung nutzte, um Unruhe zu stiften. Dass Vlad es liebte, die Wirkung seiner tiefen Stimme und seines Charmes an Nami zu testen, war ein leidiges Thema, doch Kai war heute zu erfüllt von der Nähe zu seiner Frau, als dass er sich auf dieses plumpe Niveau herabließ. Dennoch blieb seine Hand fest auf Namis Schulter – eine stumme, aber unmissverständliche Reviermarkierung.

​Vladimir richtete sich auf, ließ Namis Hand jedoch nur langsam los. Sein Blick glitt prüfend durch die weite, industrielle Halle. „Ein beeindruckendes Setting, Kai. Aber sag mir...“, er machte eine ausladende Geste, „...wo sind all die anderen Models? Ich hatte gehofft, heute schon einen Blick auf die Konkurrenz werfen zu können. Oder ist das hier eine reine Privatvorstellung für den Gatten?“

​Nami, die die Spannung zwischen den beiden Brüdern mildern wollte, antwortete ohne großes Nachdenken: „Die anderen sollten in den nächsten zehn Minuten hier eintreffen. Marcella hat die Generalprobe für den Nachmittag angesetzt, damit die Laufwege...“

​Mitten im Satz stockte sie. Sie spürte, wie sich Kais Finger auf ihrer Schulter für einen winzigen Moment anspannten. Als sie zu ihm aufsah, traf sie ein Blick aus seinen rubinroten Augen, der so vielsagend und dunkel war, dass ihr das nächste Wort im Halse stecken blieb.

​Es war dieser eine spezielle Blick – eine Mischung aus „Warum gibst du ihm diese Information?“ und „Jetzt wird er das Gebäude nicht mehr verlassen“.

​Vladimir entging dieser Moment natürlich nicht. Ein amüsiertes Glitzern trat in seine auberginenfarbenen Augen, und er strich sich mit einer eleganten Bewegung über sein schwarzes, bläulich schimmerndes Haar. „In zehn Minuten?“, wiederholte er mit einer Stimme, die nun noch eine Spur tiefer und charmanter klang. „Das trifft sich ja hervorragend. Dann habe ich ja genau rechtzeitig den Weg hierher gefunden.“

​Er wandte sich wieder Kai zu, das arrogante Grinsen deutlich auf den Lippen. „Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich bleibe, oder? Als Partner deines Imperiums bin ich quasi verpflichtet, die Qualität des Marketings zu überprüfen. Und was gibt es Besseres zu beurteilen als eine Parade von Models, angeführt von deiner charmanten Frau?“

​Kai presste die Kiefer aufeinander. Er verfluchte innerlich Namis Ehrlichkeit. „Die Probe ist eine rein technische Angelegenheit, Vladimir. Sie wäre für jemanden mit deinem... Anspruch... sicher extrem langweilig.“

​„Langeweile ist ein Fremdwort in deiner Nähe, Kai“, entgegnete Vlad glatt und sah dann wieder zu Nami, wobei sein Blick nun deutlich weicher und beinahe hypnotisch wurde. „Vor allem, wenn man die Gelegenheit hat, die heilende Aura der Hausherrin in dieser rauen Umgebung zu bewundern. Es ist fast schon poetisch, findest du nicht auch?“

​Nami biss sich leicht auf die Unterlippe. Sie bereute ihren voreiligen Satz bereits. Kai würde Vladimir nun keine Sekunde mehr aus den Augen lassen, und die ohnehin schon geladene Stimmung in der Fabrik drohte, bei der Ankunft der anderen Models völlig zu eskalieren.
 

​Das rhythmische Klick-Klick von Absätzen auf dem polierten Metall des Laufstegs riss Kai und Nami aus ihrem Moment mit Vladimir. Aus dem halbdunklen Bereich der Halle trat eine Frau ins Licht, deren bloße Präsenz die Luft gefrieren ließ.

​Es war Misha Petrova.

​Sie trug einen eisgrauen Mantel, und ihr Gang war die Perfektion eines Topmodels. Ihr schwarzes Haar glänzte unter den Scheinwerfern, und ihre hellgrauen, eisigen Augen fixierten die Gruppe am Ende des Laufstegs. Nami spürte, wie Kai neben ihr förmlich zu Stein erstarrte. Die Erinnerung an jenen Tag im Tower, als er sie vor seinem Büro demütigte, um seine unerschütterliche Loyalität zu Nami zu demonstrieren, stand wie eine unsichtbare Mauer im Raum.

​Misha stoppte. Ihr Teint war so blass wie der von Kai, und ihre Schönheit war der von Nami fast ebenbürtig – doch sie war von einer kühleren, schärferen Natur. Als sie Kai erblickte, sah Nami ihr die Nervosität an; das Wissen, dass sie damals als gebrochenes „Häufchen Elend“ von Armon aus dem Gebäude geworfen worden war, brannte noch immer in ihr.

​„Mr. Hiwatari...“, sagte sie, wobei sie sichtlich bemüht war, ihren russischen Akzent zu unterdrücken. „Man sagte mir, der neue Sponsor sei anspruchsvoll.“

​Kai trat einen halben Schritt vor Nami, eine Geste der totalen Ablehnung. „Misha. Was tust du hier? Du stehst nicht auf der Liste.“

​Bevor die Spannung eskalieren konnte, trat Vladimir vor. Seine auberginenfarbenen Augen leuchteten weinrot auf, als er Misha musterte. Er wandte seinen kühlen, durchdringenden Blick an – jenen Blick, der normalerweise jede Frau sofort in seinen Bann zog. Er genoss die Provokation sichtlich.

​„Na sieh mal an“, raunte Vlad mit seiner tiefen Stimme und trat direkt in Mishas Sichtfeld. „Man hat mir viel über die Talente der Petrova erzählt, aber die Realität ist... weitaus beeindruckender.“

​Er ließ seinen Blick langsam an ihr hochwandern, provokant und voller unverhohlenem Interesse. Misha, die den eisigen Blick Kais kaum ertrug, fand in Vladimirs dominanter Präsenz einen unerwarteten Anker. Sie wich seinem Blick nicht aus; im Gegenteil, ein schmales, herausforderndes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie schien von der dunklen, charmanten Energie des älteren Hiwatari-Bruders keineswegs abgeneigt.

​„Vladimir Ivanov“, stellte er sich vor, ohne die Augen von ihr zu lassen. „Ich schätze, wir werden bei dieser Show sehr viel Zeit miteinander verbringen müssen.“

​Kai presste die Kiefer aufeinander. Dass ausgerechnet sein Bruder nun anfing, mit der Frau zu flirten, die einst versucht hatte, seine Ehe zu zerstören, war die Krönung dieses Vormittags.

Kai sah fassungslos dabei zu, wie Vladimir keine Anstalten machte, die Distanz zu Misha zu wahren. Im Gegenteil, Vlad trat noch ein Stück näher, bis er fast den Saum ihres eisgrauen Mantels berührte. Die Luft im Raum war so dick vor Spannungen, dass man sie fast greifen konnte.

​„Vladimir, das ist nicht der richtige Zeitpunkt“, knurrte Kai, seine Stimme war kaum mehr als ein tiefes Warnen. „Misha ist hier, um zu arbeiten, und du bist hier, weil du offensichtlich zu viel Freizeit hast.“

​Vladimir ignorierte seinen Bruder komplett. Er legte den Kopf leicht schräg und suchte Mishas hellgraue Augen. Sein Blick war nicht nur bewundernd, sondern durchdringend – er schien direkt hinter ihre kühle Fassade blicken zu wollen. „Arbeit kann so... ermüdend sein, findest du nicht auch, Misha?“, raunte er, und seine tiefe Stimme verlieh ihrem Namen einen fast schon sündigen Klang. „Vor allem, wenn man in der Gesellschaft von Männern ist, die Schönheit nicht zu würdigen wissen, sondern sie nur als... Komplikation betrachten.“

​Misha, die die herbe Ablehnung von Kai noch immer wie eine Narbe auf der Seele trug, schien unter Vladimirs Aufmerksamkeit förmlich aufzublühen. Ihre Nervosität schwand und wich einem berechnenden Stolz. Sie wusste genau, wie sehr es Kai reizen musste, wenn sein Bruder – der ihm so ähnlich sah – nun genau das tat, was Kai damals so angewidert zurückgewiesen hatte.

​„Vielleicht“, entgegnete Misha und unterdrückte ihren Akzent nun fast perfekt, während sie Vlad ein kühles, aber einladendes Lächeln schenkte. „Manchmal braucht es einen Ivanov, um das zu schätzen, was ein Hiwatari ignoriert.“

​Kai spürte, wie sein Blut in den Adern kochte. Er legte seinen Arm noch fester um Namis Taille, als wollte er sicherstellen, dass sie von diesem giftigen Flirt unberührt blieb. Nami beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Sorge und analytischer Ruhe. Sie sah, wie Misha Vladimir als Schutzschild benutzte und wie Vlad die Gelegenheit genoss, Kai zu zeigen, dass er sich nahm, was er wollte.

​„Genug davon“, unterbrach Kai die Szene scharf. In diesem Moment kamen die anderen Models – eine Gruppe von sechs Frauen – lärmend und lachend durch den Haupteingang in die Halle, gefolgt von Marcella und ihrem Team.

​Die Ankunft der anderen brach den Bann. Kai nutzte den Moment und zog Nami ein paar Schritte weg. „Ich will nicht, dass du in ihrer Nähe bist“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Weder in seiner, noch in ihrer.“

​Nami sah ihn sanft an und legte eine Hand auf seine Brust. „Kai, ich bin das Starmodel. Wir müssen professionell bleiben. Aber ich verspreche dir... ich lasse mich von Mishas Anwesenheit nicht provozieren.“

​Vladimir hatte Misha unterdessen bereits den Arm angeboten, um sie zum Catering-Bereich zu führen, während die anderen Models neugierig zu dem neuen, charismatischen Mann an der Seite der Petrova schielten.

Der sündige Bruder

Die Atmosphäre in der alten Fabrikhalle war nun bis zum Zerreißpunkt gespannt. Marcella klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit der eintreffenden Models zu forcieren, doch die Augen der jungen Frauen klebten förmlich an der Szenerie am Rande des Laufstegs.

​Dass dort zwei Männer standen, die sich fast bis zum Verwechseln ähnlich sahen – beide mit dieser aristokratischen Blässe und der Aura unnahbarer Macht –, sorgte für ein unterdrücktes Tuscheln in der Gruppe. Während Kai wie ein dunkler Fels neben Nami stand, verkörperte Vladimir die charmante, raubtierhafte Variante dieses Typs.

​„Ist das sein Bruder?“, flüsterte ein junges französisches Model ihrer Kollegin zu. „Gott, er sieht aus wie die sündige Version des Zaren.“

​Kai bekam das Getuschel am Rande mit und presste die Lippen zusammen. Er war innerlich zerrissen. Einerseits kochte sein Beschützerinstinkt bei dem Gedanken, dass Vladimir Nami gleich in den provokanten Outfits von Miyako Bouvier sehen würde – in der hauchdünnen, nachtblauen Spitze und dem fast transparenten Kleid. Andererseits spürte er eine seltsame, fast schon ironische Erleichterung. Solange Vlads auberginenfarbene Augen an Misha Petrova hingen, war Nami zumindest vor den direkten, zweideutigen Avancen seines Bruders sicher.

​„Lass uns anfangen!“, rief Marcella. „Nami, du machst den Auftakt mit dem Bouvier-Set. Misha, du folgst direkt danach mit der Hauptkollektion.“

​Nami trat hinter den Paravent, während Kai sich wieder in die erste Reihe setzte. Vladimir nahm direkt neben ihm Platz, Misha noch immer fest im Blick, die sich gerade ihren Mantel von einer Assistentin abnehmen ließ.

​Als Nami den Laufsteg in der nachtblauen Unterwäsche und den mörderischen Stilettos betrat, ging ein hörbares Raunen durch die Gruppe der anderen Models. Sie waren alle Profis, doch Nami besaß diese „ätherische“, fast überirdische Aura, die in Kombination mit der sündigen Spitze eine Wirkung entfaltete, der sich niemand entziehen konnte.

​Vladimir pfiff leise durch die Zähne. „Kai... ich nehme alles zurück. Wenn das deine Art von 'Sponsoring' ist, sollte ich öfter in Japan investieren.“

​Kai warf ihm einen vernichtenden Blick von der Seite zu. „Halt den Mund, Vlad.“

​Nami schritt den Laufsteg ab, ihre Bewegungen flüssig und voller Stolz. Die anderen Models starrten sie mit einer Mischung aus Neid und unverhohlener Bewunderung an. Sie sahen nicht nur eine Frau in Unterwäsche; sie sahen die Ehefrau des mächtigsten Mannes im Raum, die sich keinen Millimeter von der Kälte der Umgebung beugen ließ.
 

​Dann war Misha an der Reihe. Sie wollte beweisen, dass sie nicht mehr das gedemütigte Mädchen von damals war. In einem hautengen, fast transparenten, silbernen Seidenminikleid aus der regulären Kollektion schoss sie förmlich auf den Laufsteg. Ihr Gang war aggressiver, raubvogelartiger als der von Nami. Sie suchte ständig den Blickkontakt – zuerst zu Kai, den sie jedoch nur mit kalter Ignoranz strafte, und dann zu Vladimir.

​Vladimir lehnte sich entspannt zurück. Als Misha am Ende des Laufstegs stoppte und sich mit einer fließenden Bewegung zu ihm drehte, hob er langsam sein Kinn. Seine weinroten Augen blitzten auf. Er applaudierte nicht, aber er schenkte ihr ein langsames, anerkennendes Lächeln, das Misha sichtlich beflügelte.

​„Sie hat Feuer“, murmelte Vladimir, gerade laut genug, dass Kai es hören konnte. „Ein wenig beschädigt, ein wenig gefährlich... genau mein Geschmack.“
 

​Die übrigen Models, die nun nacheinander ihre Runden drehten, wirkten im Vergleich zur russischen Schönheit und der ätherischen Nami fast wie Statisten. Die Hierarchie war klar definiert: Nami war die unangefochtene Königin, Misha die gefährliche Herausforderin, und die beiden Hiwatari-Brüder waren die Richter über dieses glitzernde Imperium.

​Marcella und Miyako schienen zufrieden, doch die Spannung zwischen den Hauptakteuren war so hoch, dass die Lichttechniker nervös an ihren Pulten hantierten.

​„Nami, mach dich bereit für das Finalkleid!“, kommandierte Miyako Bouvier aus dem Hintergrund.

​Kai versteifte sich. Jetzt kam der Teil, vor dem er am meisten Angst hatte – und auf den er sich gleichzeitig am meisten freute. Er spürte, wie Vladimir sich neben ihm ebenfalls aufsetzte, das Interesse in seinem Blick nun hellwach.
 

Kai lehnte sich nun jedoch mit einer kühlen Gelassenheit zurück, die Vladimir fast schon irritierte. Normalerweise hätte Kai bei jedem Blick, den sein Bruder auf Nami warf, die Beherrschung verloren, doch die Dynamik hatte sich verschoben. Kai beobachtete fast amüsiert, wie Misha auf dem Laufsteg alles gab, um Vlads Aufmerksamkeit zu halten. Für Kai war Misha in diesem Moment genau das: ein willkommener „Knochen zum Spielen“, der seinen Bruder beschäftigt hielt und ihn davon ablenkte, Nami zu nahe zu kommen.

​Doch dann wurde es in der Halle schlagartig still.

​Marcella gab das Zeichen, und die Scheinwerfer konzentrierten sich auf einen einzigen Punkt am Ende des Laufstegs. Nami trat hervor.
 

​Das Kleid von Miyako Bouvier war kein Kleid mehr – es war eine Herausforderung an die Schwerkraft und den Anstand. Der nachtblaue Spitzenstoff war so fein, dass er auf ihrer Haut fast unsichtbar wirkte. Er endete so knapp über ihren Pobacken, dass jede ihrer fließenden Bewegungen die Grenze zum Skandalösen streifte. Die silbernen Akzente, die sich wie feine Blitze über den Stoff zogen, lenkten den Blick unweigerlich auf ihre Kurven.

​Besonders der Brustbereich war ein Meisterwerk der Verführung: Um die Nippel herum war die Spitze gerade so dicht gewebt, dass das Nötigste verdeckt blieb, während die volle, perfekte Rundung ihrer Brüste durch den transparenten Stoff für jeden im Raum deutlich erkennbar war. Bei jedem Schritt schwang das Kleid minimal mit, und der hauchdünne, nachtblaue Tanga darunter ließ keinen Zweifel an ihrer makellosen Silhouette.

​Ein kollektives Luftholen ging durch die Reihe der anderen Models. Das französische Model von vorhin hielt sich die Hand vor den Mund, während die anderen mit einer Mischung aus Schock und tiefer Bewunderung starrten. So viel Mut und so viel Schönheit in einem einzigen Outfit hatten sie noch nie gesehen.

​Vladimir erstarrte. Sein amüsiertes Lächeln verschwand und wich einem Ausdruck ungläubiger Anerkennung. Seine auberginenfarbenen Augen weiteten sich, und für einen Moment vergaß er sogar Misha, die mitlerweile neben ihm stand. Er warf Kai einen Seitenblick zu, der vor stummer Anerkennung nur so strotzte. „Kai...“, flüsterte er heiser, „...du bist entweder der mutigste Mann der Welt oder ein absoluter Wahnsinniger, sie so vor die Kameras zu lassen.“

​Kai antwortete nicht sofort. Seine Augen brannten förmlich auf Nami. Er spürte das vertraute Ziehen in seiner Brust, das besitzergreifende Verlangen, das ihn heute Morgen im Spiegelsaal schon übermannt hatte. Doch er blieb äußerlich vollkommen ruhig. Er ließ sich nicht provozieren – nicht von Vlads Kommentar und nicht von Mishas giftigem Blick. Er genoss die Wirkung, die seine Frau auf den Raum hatte. Er wusste, dass sie dieses Kleid nur für ihn mit diesem Stolz und dieser Hingabe trug.

​Nami erreichte das Ende des Laufstegs. Sie stand direkt vor den beiden Brüdern, die Arme leicht angewinkelt, das Kinn erhoben. Das silberne Licht der Scheinwerfer fing sich in den Akzenten ihres Kleides und ließ sie wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wirken.

​Misha, die nun völlig im Schatten stand, biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es fast blutete. Ihre hellgrauen Augen blitzten vor Zorn. Sie hatte versucht, mit Aggressivität zu punkten, doch Nami hatte den Raum mit reiner, sündiger Eleganz erobert.

​„Genug gesehen?“, fragte Nami mit einer Stimme, die so sanft und doch so bestimmt war, dass sie die Stille der Halle wie Samt durchschnitt. Sie sah Kai direkt an, ein kleines, wissendes Lächeln auf den Lippen.

​Kai stand langsam auf. Er ignorierte Vladimir, er ignorierte Misha und die gaffenden Models. Er trat an die Kante des Podests, griff nach Namis Hand und drückte einen festen Kuss auf ihre Knöchel.

​„Die Probe ist beendet“, sagte er laut und deutlich, seine Stimme duldete keinen Widerspruch. „Marcella, wir sind fertig für heute. Samstagabend gehört die Bühne ihr. Aber der Rest dieses Tages gehört uns.“
 

Vladimir Ivanov war ein Mann, der eine Gelegenheit erkannte, wenn sie ihm direkt in die Arme lief. Er spürte die brodelnde Hitze, die von seinem Bruder ausging – eine Mischung aus Stolz und der dringenden Notwendigkeit, Nami endlich den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen. Kai war am Rande seiner Beherrschung, und Vlad fand das köstlich amüsant.

​Doch Vlad war auch ein Taktiker. Er wusste, wann es Zeit war, das Feld zu räumen, um das eigene Vergnügen zu maximieren. Er wandte sich Misha zu, die immer noch wie erstarrt neben ihm stand, ihre hellgrauen Augen voller unterdrücktem Zorn auf Nami gerichtet.

​„Misha, Liebes“, raunte Vlad, und seine tiefe Stimme schnitt durch ihre Verbitterung wie ein warmes Messer durch Eis. Er legte seine Hand fest an ihre Taille und drückte sie leicht an sich – eine Geste, die sowohl besitzergreifend als auch einladend war. „Ich glaube, wir beide haben hier genug gesehen. Diese Halle wird mir langsam zu... familiär.“

​Misha sah zu ihm auf. In seinen auberginenfarbenen Augen sah sie keine Demütigung wie bei Kai, sondern ein dunkles, hungriges Interesse, das ihrem verletzten Ego genau das gab, was es brauchte.

​„Was schlägst du vor?“, fragte sie, während sie versuchte, ihren kühlen Stolz zurückzugewinnen.

​„Ein Dinner. In meiner privaten Suite im Hotel“, antwortete Vlad mit einem charmanten, aber gefährlichen Lächeln. Er warf Kai einen spöttischen Blick zu. „Keine Sorge, kleiner Bruder. Ich nehme die Kleine mit. Ich werde dafür sorgen, dass Misha übermorgen in absoluter Bestform ist – mental wie körperlich.“

​Kai erwiderte den Blick seines Bruders mit einer eisigen Ruhe. „Tu, was du nicht lassen kannst, Vladimir. Hauptsache, ihr seid aus meinem Sichtfeld.“

​Vladimir lachte leise, ein dunkles Grollen, das Misha eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Er bot ihr seinen Arm an. „Komm, Misha. Lassen wir die Eheleute allein mit ihrem... Marketing-Material.“

​Die beiden verließen die Halle mit einer Arroganz, die fast genauso viel Aufmerksamkeit erregte wie Namis Auftritt zuvor. Die anderen Models starrten ihnen nach, während Marcella im Hintergrund hektisch Anweisungen gab, um die restliche Probe irgendwie zu Ende zu führen.

​Doch für Kai und Nami war die Welt um sie herum bereits verschwunden. Sobald die schweren Stahltüren der Fabrik hinter Vladimir und Misha zugefallen waren, lockerte Kai seinen Griff um Namis Hand nicht. Er zog sie stattdessen fest gegen sich, ungeachtet der Tatsache, dass sie immer noch dieses sündhafte, transparente Kleid trug.

​„Wir gehen auch.“, sagte er heiser. Er wartete nicht einmal, bis sie sich umziehen konnte. Er griff nach seinem Sakko, das er über die Schultern gelegt hatte, und warf es ihr über, sodass die nachtblaue Spitze und ihre nackte Haut zumindest vor den neugierigen Blicken der Techniker geschützt waren.

​„Kai, meine Sachen...“, protestierte Nami leise, während sie versuchte, auf den hohen Absätzen mit seinem schnellen Schritt mitzuhalten.

​„Miya wird sie einsammeln lassen“, unterbrach er sie, während er sie bereits zum Ausgang drängte. „Ich habe heute genug geteilt, Nami. Mit Vladimir, mit Misha, mit diesen gaffenden Models. Ich will dich jetzt an einem Ort haben, an dem keine Spiegel und keine Kameras sind. Nur ich und du.“
 

Kai führte Nami mit festem Griff aus der kühlen Fabrikhalle hinaus in die späte Nachmittagssonne. Sein Sakko lag schwer auf ihren Schultern und verdeckte das Nötigste des provokanten Kleides, doch bei jedem ihrer Schritte blitzten ihre langen Beine und die mörderischen Absätze unter dem dunklen Stoff hervor.

​Der dunkelgrüne Bentley stand bereit, das Chrom glänzte im Gegenlicht.
 

Kai öffnete die Beifahrertür für Nami. Er wartete, bis sie sich in das weiche Leder gleiten ließ, wobei das kurze Kleid gefährlich weit hochrutschte. Er verharrte einen Moment, den Blick auf ihre Beine geheftet, bevor er die Tür mit einem satten Schlag schloss. Er umrundete den Wagen mit raubtierhafter Energie, stieg auf die Fahrerseite und ließ den Motor aufheulen.

​Das kraftvolle Grollen des Achtzylinders schien die Anspannung im Wagen nur noch zu verstärken. Kai legte den Gang ein und jagte den Bentley vom Fabrikgelände, weg von den gaffenden Augen der Security und den Schatten seiner Vergangenheit.

​Die Fahrt durch die Außenbezirke von Tokio verlief schweigend, doch es war ein Schweigen, das unter Hochspannung stand. Kai hielt das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein Blick war starr auf die Straße gerichtet, doch seine Aura war so besitzergreifend, dass Nami die Hitze fast körperlich spürte.

​An einer roten Ampel am Rande der Stadt hielt er plötzlich an. Er löste eine Hand vom Lenkrad und legte sie schwer auf Namis Oberschenkel, genau dorthin, wo sein Sakko endete und die nachtblaue Spitze ihre Haut berührte. Seine Finger krallten sich leicht in den feinen Stoff.

​„Vladimir glaubt, er hätte ein Spiel gewonnen, weil er Misha mitgenommen hat“, raunte er, ohne sie anzusehen. Er fixierte das Rot der Ampel, als wollte er es mit seinem Blick zum Schmelzen bringen. „Aber das Einzige, woran ich denken kann, seit du diesen Laufsteg betreten hast, ist, dass ich jede Sekunde gehasst habe, in der sein Blick auf deinem Körper lag.“

​Er drehte den Kopf zu ihr. Seine roten Augen glühten in der einsetzenden Dämmerung des Wageninneren. „Er mag mein Bruder sein, aber er versteht nicht, dass du keine Trophäe bist, die man ausstellt. Du bist meine Existenz, Nami. Und dieses Kleid... dieses verdammte Kleid wird an diesem Abend mein Untergang sein.“

​Nami legte ihre Hand über seine, spürte das Pochen seiner Adern unter seiner kühlen Haut. „Ich habe es nur für dich getragen, Kai. In der Fabrik waren hunderte Lichter, aber ich habe nur deines gespürt.“

​Die Ampel sprang auf Grün. Kai gab Gas, der Bentley schoss nach vorne in Richtung des Anwesens. Er fuhr schneller als gewöhnlich, als wolle er die Zeit selbst überholen, um sie endlich hinter den schützenden Mauern ihres Zuhauses zu wissen.

​Als sie schließlich die Tore des Anwesens am Rande Tokios passierten und die Kiesauffahrt zum Haus hinauffuhren, bremste Kai den Wagen scharf ab. Er schaltete den Motor aus, und für einen Moment war es totenstill im Wagen. Nur das Ticken des abkühlenden Metalls war zu hören.

​Kai löste seinen Gurt, beugte sich über die Mittelkonsole und packte mit beiden Händen ihr Gesicht. Er küsste sie mit einer Intensität, die nach Verzweiflung und absolutem Anspruch schmeckte.

​„Wir gehen jetzt rein“, flüsterte er gegen ihre Lippen.

Er wartete nicht einmal, bis sie das Haus betreten hatten. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung packte er Nami und warf sie sich über die Schulter.

​Nami stieß einen kurzen, überraschten Schrei aus, als die Welt plötzlich kopfstand und sie gegen Kais harten Rücken gepresst wurde. „Kai!“, rief sie, wobei sie instinktiv versuchte, sein Sakko, das immer noch über ihr lag, festzuhalten. „Lass mich runter! Ich trage kaum mehr als einen Tanga unter diesem Hauch von Nichts... die Kinder könnten uns sehen!“

​Doch Kai hielt sie mit einem eisernen Griff fest, seine Hand ruhte fest auf der Rückseite ihrer Oberschenkel, direkt auf der glatten, kühlen Haut. Er schritt mit raubtierhafter Sicherheit die Stufen zum Eingangsportal hinauf.

​„Die Kinder sind nicht hier, Nami“, erwiderte er, und sein Atem ging ruhig, trotz der Last auf seinen Schultern. „Ich habe bereits heute Mittag durch ein Paar Anrufe dafür gesorgt, dass wir ungestört sind. Claire ist mit Sayuri und den Zwillingen im Park, sie werden vor dem Abendessen nicht zurück sein. Und Gou...“ – er machte eine kurze Pause, während er die schwere Eingangstür des Anwesens aufstieß – „...Gou ist bei Makoto im Granger Dojo. Er trainiert hart, genau wie er es versprochen hat.“

​Er trat in die weitläufige, stille Empfangshalle des Ayame-Anwesens. Das 70 Jahre alte Gebäude wirkte in der Dämmerung noch ehrwürdiger, die dunklen Holztäfelungen und antiken Möbel strahlten eine zeitlose Ruhe aus. Doch die Atmosphäre zwischen den beiden war alles andere als ruhig.

​Kai setzte sie nicht ab. Er trug sie direkt auf die breite Treppe zu, die nach oben führte. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde riskieren, dass unser Abend unterbrochen wird?“, raunte er, während seine Schritte auf dem alten Holz hallten. „Ich habe dir im Spiegelsaal gesagt, dass ich dir beweisen werde, wie sehr ich dich brauche. Die Tage, in denen ich mich für meine Worte der letzten Woche entschuldige, sind noch lange nicht vorbei, Nami. Ich fange gerade erst an.“

​Nami spürte, wie die Hitze seines Körpers durch den dünnen Stoff auf sie überging. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Trotz der ungewohnten Position über seiner Schulter fühlte sie sich vollkommen sicher – und gleichzeitig auf eine berauschende Weise ausgeliefert.

​„Du bist unmöglich“, murmelte sie gegen seinen Rücken, doch in ihrer Stimme schwang kein echter Vorwurf mit. Sie ließ ihre Hände locker über sein Hemd gleiten und spürte die harten Muskeln darunter.

​„Ich bin der Mann, den du dir ausgesucht hast“, entgegnete er trocken, während er das obere Stockwerk erreichte und zielstrebig auf ihre privaten Gemächer zuging. Er trat die Tür zum Schlafzimmer auf und schloss sie mit dem Fuß hinter sich. Erst jetzt ließ er sie langsam an seinem Körper hinuntergleiten, bis ihre Füße den weichen Teppich berührten, ihre Körper jedoch weiterhin eng aneinandergepresst blieben.

​Er nahm ihr das Sakko von den Schultern und warf es achtlos beiseite. Sein Blick wanderte über das nachtblaue, transparente Kleid, das im gedimmten Licht des Raumes fast noch sündiger wirkte als in der Fabrik.

Doch die raubtierhafte Energie der letzten Stunden war plötzlich einer tiefen, fast schmerzhaften Zärtlichkeit gewichen. Er senkte den Kopf und küsste sie – nicht fordernd, sondern so zart, als bestünde sie aus Glas. Dann legte er seine Stirn an ihre und schloss für einen Moment die Augen. Ein kurzes, beinahe verlegenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, ein Ausdruck, den die Welt niemals am „Zaren“ zu sehen bekommen würde.

​„Nami...“, raunte er heiser, während seine Daumen sachte über ihre Wangenknochen strichen. „Habe ich es heute mal wieder übertrieben? Wirke ich manchmal nicht... zu besessen von dir? Dieser Besitzanspruch, den ich vor Vladimir und all den anderen zur Schau stelle...“ Er hielt kurz inne und atmete tief ein. „Früher hat mich nichts aus der Fassung gebracht. Ich war ein Mann der Logik, der Kontrolle. Eine Statue aus Eis. Andere Männer in meiner Position wären vermutlich stolz, wenn ihre Frau von der halben Welt so bewundert würde. Aber ich... ich will die Welt am liebsten aussperren.“

​Nami spürte einen Kloß im Hals. Dass Kai so offen über seine innere Zerrissenheit und seine Verletzlichkeit sprach, berührte sie tiefer als jede leidenschaftliche Geste. Sie legte ihre Hände auf seine und sah ihm fest in die roten Augen.

​„Kai, hör mir zu“, sagte sie sanft, aber mit unerschütterlicher Bestimmtheit. „Deine besitzergreifende Art ist für mich eines der größten Komplimente überhaupt. Ich genieße es, dass du diesen Anspruch an mich stellst, weil ich weiß, woher er kommt. Ich bin genauso besitzergreifend wie du – ich zeige es nur anders. Ich zeige es durch meine Präsenz an deiner Seite, durch mein Selbstbewusstsein und vor allem durch das vollkommene Vertrauen, das ich in dich habe. Ich muss keine Reviermarkierungen setzen, weil ich weiß, wer du bist.“

​Sie strich ihm eine Strähne seines Haares aus der Stirn. „Vergleiche dich niemals mit mir oder mit anderen Männern. Du bist ganz anders geprägt als sie. Dein Leben, deine Verantwortung, deine Vergangenheit... es ist nur natürlich, dass du so bist, wie du bist. Und genau deswegen liebe ich dich so sehr. Nicht trotz deiner Ecken und Kanten, sondern wegen ihnen.“

​Sie hielt inne, ihr Blick wurde ernst und forschend. „Kai... sag es mir noch einmal. Ist es für dich wirklich okay, dass ich übermorgen dort mitlaufe? Wenn du nur ein Wort sagst, wenn es dich zu sehr quält, sage ich sofort ab. Nichts ist mir wichtiger als dein Seelenfrieden.“

​Kai sah sie lange an. Ein komplexes Geflecht aus Emotionen spiegelte sich in seinen Augen wider. Er löste eine Hand von ihrem Gesicht und fuhr sachte über den Saum des nachtblauen Spitzenkleides an ihrer Schulter.

​„Das ist das Paradoxon, Nami“, gestand er mit einem schiefen Lächeln. „Ich will, dass du dort mitläufst. Ich will, dass du diesen Laufsteg betrittst und die Welt sieht, was für eine wunderschöne, starke Frau ich an meiner Seite habe. Ich platze fast vor Stolz, wenn ich dich sehe. Aber gleichzeitig...“ Er verfinstert seine Miene kurz. „Gleichzeitig denke ich an die Gedanken der anderen Männer im Publikum. Ich weiß, wie sie dich ansehen werden, und diese Gedanken ekeln mich an. Ich will, dass sie dich bewundern, aber ich will nicht, dass sie dich begehren. Ein unmöglicher Wunsch, ich weiß.“

​Er zog sie wieder enger an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Hals, atmete ihren Duft ein. „Lauf für mich, Nami. Übermorgen. Sei das Licht, das sie alle blendet. Und wenn es vorbei ist, gehörst du wieder ganz mir allein.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihn fest an sich. In der Stille ihres Schlafzimmers, weit weg von den Lichtern Tokios.
 

Einige Minuten später...

Das weiche Licht der Stehlampen tauchte den großen Salon des Anwesens in eine warme, goldene Atmosphäre. Draußen war es mittlerweile leicht dunkel, und die Stille des leeren Hauses legte sich wie eine schützende Decke um sie. Kai und Nami saßen eng aneinandergeschmiegt auf dem tiefen Samtsofa – ein Bild der Vertrautheit, das in krassem Gegensatz zu den kühlen, professionellen Momenten in der Fabrik stand.

​Anstatt der Nachrichten oder eines Films lief auf dem großen Bildschirm ein altes Archiv-Tape: Die Weltmeisterschaften von vor über fünfzehn Jahren.

​Man sah den jungen Kai, wie er mit versteinerter Miene und wehendem Schal vor dem Beystadium stand. Sein Blick war damals schon genauso durchdringend wie heute, doch er strahlte eine Einsamkeit aus, die Nami heute noch das Herz zusammenzog. Auf dem Bildschirm schoss Dranzer mit einer gewaltigen Feuerfontäne durch die Arena und fegte den Gegner gnadenlos hinweg.

​Nami beobachtete die Aufnahmen schweigend, den Kopf an Kais Schulter gebettet. „Weißt du“, begann sie leise, während sie mit ihren Fingern die Linien seiner Handfläche nachfuhr, „als ich ein junges Mädchen war und dich in diesen Kämpfen sah... da dachte ich immer, ich wollte eines Tages genauso unerschütterlich und stark werden wie du.“

​Kai wandte den Blick vom Fernseher ab und sah sie an. Ein kleiner Schatten von Nostalgie und Überraschung lag in seinen Zügen.

​„Du wirktest wie ein Fels“, fuhr sie fort, ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen. „Nichts schien dich aus der Ruhe zu bringen. Du warst so kontrolliert, so unnahbar. Ich habe dich regelrecht bewundert für diese Stärke.“ Sie hielt kurz inne und lachte leise über ihre eigenen Erinnerungen. „Ich weiß noch genau, wie ich mich mit sechzehn gefühlt habe. Ich dachte damals ernsthaft, dass ich sowieso niemals in deine Welt passen würde. Ich hielt mich für viel zu laut, viel zu extrovertiert... zu viel von allem für jemanden, der so perfekt beherrscht war wie du.“

​Kai ließ ein tiefes, raues Lachen hören, das fast wie ein Schnurren klang. Er zog sie ein Stück fester an sich. „Zu laut? Zu extrovertiert?“, wiederholte er und schüttelte den Kopf. „Nami, genau das war es, was ich damals gebraucht habe. Du warst kein Störfaktor in meiner Welt – du warst das einzige Licht, das sie hell genug gemacht hat, damit ich überhaupt darin leben wollte.“

​Er sah zurück zum Bildschirm, wo sein jüngeres Ich gerade den Sieg davontrug, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. „Dieser Junge dort... er war nicht stark. Er war nur sehr gut darin, sich zu verstecken. Er hatte keine Ahnung, dass wahre Stärke darin liegt, jemanden so nah an sich heranzulassen, dass er die Kontrolle verlieren kann.“

​Er küsste sie sanft auf die Schläfe, während im Fernsehen der Jubel der Menge brandete. „Ich bin froh, dass deine sechzehnjährige Version sich geirrt hat. Meine Welt wäre verdammt leer ohne dein ‚Lautsein‘.“
 

Die friedliche Stille im Salon wurde plötzlich jäh durch das vertraute Geräusch schwerer Eichentüren und das helle, übermütige Lachen zweier Kinderstimmen unterbrochen. Kai und Nami schreckten nicht hoch – sie kannten den Rhythmus ihres Zuhauses zu gut –, aber die intime Blase, die sie um sich herum aufgebaut hatten, dehnte sich aus, um Platz für das Chaos ihrer Familie zu machen.

​„Wir sind zurück! Mama, Papa!“, rief Ayumi, während sie und Ren bereits in den Salon stürmten, ihre Beyblades noch fest in den kleinen Händen umklammert.

​Claire Beaumont folgte ihnen, die Haare ein wenig zerzaust, aber mit ihrem unverwüstlichen französischen Charme. Auf ihrem Arm schlummerte die kleine Sayuri, deren weiße Locken sanft gegen Claires Schulter wippten.

​„Je suis désolée, Monsieur Hiwatari, Madame“, sagte Claire mit ihrem markanten Akzent und einem trockenen Schmunzeln. „Ich wollte pünktlich sein, aber diese beiden kleinen Monster haben im Park eine regelrechte Arena eröffnet. Sie mussten unbedingt jedem Kind zeigen, dass das Blut der Hiwataris in ihren Adern fließt. Ein Duell jagte das nächste.“

​Kai stand auf, seine Züge wurden augenblicklich weicher, als er auf Claire zuging und ihr die schlafende Sayuri mit einer geübten, behutsamen Bewegung abnahm. Das kleine Mädchen vergrub ihr Gesicht in Kais Hemd und murmelte etwas Unverständliches, während ihre magentafarbenen Augen kurz aufflackerten und dann wieder fest zufielen.

​„Es ist schon halb acht, Claire. Es ist okay“, sagte Nami lächelnd und strich Ren über das wirre Haar, während dieser ihr aufgeregt von einem besonders spektakulären Finish erzählte.

​In diesem Moment trat Graham mit der ihm eigenen, lautlosen Eleganz um die Ecke. Er richtete sein Revers und sah mit unbewegter Miene in die Runde.

​„Ein ereignisreicher Abend, wie mir scheint“, bemerkte er trocken. „Ich darf Sie wissen lassen, dass der junge Herr Gou heute Nacht bei den Grangers verweilen wird. Er wird morgen früh direkt mit Makoto zur Schule fahren.“

​Graham hielt kurz inne und ein winziges, fast unmerkliches Funkeln trat in seine Augen, als er sich darauf vorbereitete, seinen ältesten Schützling zu zitieren. „Gou bat mich ausdrücklich, Ihnen auszurichten – und ich zitiere wortwörtlich: ‚Da wir am Nachmittag so subtil wie eine Dampfwalze aus dem Haus gedrängt wurden, ziehe ich es vor, diese Nacht nicht in einem vibrierenden Haus zu verbringen. Mein Training erfordert Schlaf, keine seismischen Aktivitäten.‘“

​Nami spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Kai hingegen, der Sayuri immer noch fest im Arm hielt, hob lediglich eine Augenbraue.

​„Er wird seinem Vater immer ähnlicher“, kommentierte Kai trocken, wobei ein Hauch von Stolz in seiner Stimme mitschwang. „Scharfsinnig und eine Spur zu frech für sein Alter.“

​„Er hat eben eine gute Beobachtungsgabe, Monsieur“, fügte Claire hinzu und konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen, während sie Ayumi und Ren in Richtung der Badezimmer dirigierte. „Allez, ihr zwei! Händewaschen und ab ins Bett, bevor euer Vater euch noch als Trainingspartner für Gou einteilt.“

​Graham verneigte sich leicht vor Nami und Kai. „Ich werde das Abendessen für Sie beide im kleinen Speisezimmer anrichten lassen, falls Sie nach den... seismischen Erschütterungen des Nachmittags noch Hunger verspüren.“
 

​Als Graham und Claire mit den Kindern verschwunden waren, blieb Nami mit Kai im nun wieder ruhigen Salon zurück. Sie sah zu ihm auf, wie er dort stand – das mächtige Oberhaupt der Tachiwari-Corporation, der gerade noch in der Fabrik die Welt erzittern ließ und nun so vorsichtig war, seine schlafende Tochter nicht zu wecken.

​„Ein vibrierendes Haus?“, wiederholte sie leise und biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen. „Wir müssen an unserer Diskretion arbeiten, Kai.“

​Kai sah von Sayuri zu Nami und grinste – ein echtes, jungenhaftes Grinsen. „Vielleicht. Oder Gou muss lernen, dass sein Vater sich für nichts entschuldigt, was er in seinem eigenen Haus tut.“

Der Ersatz

Der Freitagmorgen brach über dem Ayame-Anwesen mit einem sanften, goldenen Licht an, das durch die schweren Seidenvorhänge des Schlafzimmers sickerte. Nami blinzelte verschlafen und spürte sofort die vertraute, wohlige Wärme an ihrem Rücken. Sie lag in Kais Armen, sein Körper war wie ein schützender Kokon um sie geschlungen.

​Sobald er spürte, dass sie wach war, vergrub er sein Gesicht in ihrem Nacken und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die empfindliche Haut hinter dem Ohr. „Guten Morgen“, raunte er mit einer Stimme, die vom Schlaf noch tief und rau war.

​Nami drehte sich in seinen Armen um und sah in seine rubinroten Augen, die sie bereits hellwach und voller Zuneigung musterten. Ein leises Kichern entwich ihrer Kehle. „Ich muss immer noch an Gous Worte denken, die Graham gestern zitiert hat“, gestand sie und strich ihm eine Strähne seines dunklen Haares aus der Stirn. „Ein ‚vibrierendes Haus‘... Gott, das ist so peinlich. Dabei hat das Haus gestern, wenn überhaupt, nur am Morgen vibriert.“

​Nami konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sie brach in ein helles, klares Lachen aus, das durch das stille Zimmer hallte. Sie hielt sich den Bauch, während sie sich kaum einkriegte bei der Vorstellung, wie ihr elfjähriger Sohn mit stoischer Miene solche Beobachtungen anstellte.

​Kai schmunzelte mit, ein amüsiertes Blitzen in seinen Augen. „Der Junge ist viel zu aufmerksam für sein eigenes Wohl“, brummte er und zog sie wieder ein Stück enger an sich.

​Nami beruhigte sich langsam, doch ein schelmisches Funkeln blieb in ihren Augen zurück. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken, zog ihn neckisch zu sich herunter und sah ihn herausfordernd an. „Was meinst du, Kai? Sollen wir dem Ruf gerecht werden und das Haus an diesem Morgen nicht auch vibrieren lassen? Immerhin ist Gou ja noch bei den Grangers...“

​Kais Grinsen wurde augenblicklich dunkler und raubtierhafter. Er wartete keine Sekunde länger. Mit einer kraftvollen, geschmeidigen Bewegung rollte er sich über sie und stützte sich auf seine Unterarme, sodass er sie unter sich fixierte.

​„Du weißt genau, dass du mich das nicht zweimal fragen musst.“, hauchte er gegen ihre Haut, während er anfing, ihren Hals mit heißen Küssen zu bedecken. „Wenn meine Frau ein vibrierendes Haus will, dann soll sie eins bekommen.“
 

Er hatte sich an diesem Morgen ungewöhnlich viel Zeit gelassen, sie mit seinen Zungenküssen in den Wahnsinn zu treiben, und das leise, ungeduldige Winseln, das Nami zwischen den Küssen von sich gegeben hatte, war wie Öl im Feuer seiner Leidenschaft gewesen.

​Doch das jähe Kracks der schweren Holztür, die gegen den Stopper prallte, schnitt die Luft wie eine Sense.
 

Kai erstarrte mitten in der Bewegung. Er war gerade erst tief in sie eingedrungen, und die berauschende Hitze ihres gemeinsamen Rhythmus hatte gerade begonnen, alles andere auszublenden.
 

​Am Türrahmen stand die kleine Sayuri. Mit ihren mittlerweile drei Jahren war sie ein aufgewecktes Mädchen, das seine Umgebung genau beobachtete und bereits sehr gut und flüssig reden konnte. Ihre weißen Locken waren völlig zerzaust, sie trug ihren hellrosa Pyjama und hielt ihren Stoffbären fest an die Brust gepresst. Ihre großen, magentafarbenen Augen blinzelten neugierig in das gedimmte Zimmer.

​„Papa? Mama? Seid ihr schon wach?“, fragte sie mit ihrer klaren Stimme. „Ich habe Hunger und Claire schläft noch.“

​Kai schloss für einen Moment die Augen und vergrub sein Gesicht in Namis Halsbeuge. Er atmete schwer, sein ganzer Körper war unter Hochspannung, während er versuchte, seinen Atem zu kontrollieren. Er rührte sich keinen Millimeter, um die Decke nicht zu verschieben.

​„Kai...“, flüsterte Nami so leise, dass nur er es hören konnte. Ihr Gesicht war gerötet, halb von Lust, halb von dem plötzlichen Adrenalinschub der Unterbrechung. „Du hast schon wieder vergessen, die Tür abzuschließen...“

​„Ich weiß....“, presste Kai hervor, seine Stimme klang wie reibender Stein. Er spürte, wie Nami unter ihm ein unterdrücktes Kichern kaum zurückhalten konnte, was die Situation für ihn nur noch „schwieriger“ machte. Immerhin waren sie beide bis zum Hals von der schweren Daunendecke verdeckt, sodass Sayuri nur zwei Köpfe sah, die eng beieinander lagen.

​„Süße, Mama und Papa schlafen noch ein ganz kleines bisschen“, sagte Nami mit bewundernswert ruhiger Stimme in den Raum hinein, während sie unter der Decke Kais Hand suchte und sie fest drückte. „Geh schon mal runter zu Graham in die Küche. Er hat sicher schon die Erdbeeren für dein Müsli geschnitten.“

​Sayuri legte den Kopf schräg und trat einen Schritt näher. „Aber warum hat das Bett so komisch gewackelt? Es sah aus, als würde es tanzen.“

​Kai biss sich so fest auf die Unterlippe, dass er fast Blut schmeckte. Nami hingegen biss sich auf die Innenseite ihrer Wange, um nicht laut loszuprusten.

​„Das... das ist nur das alte Holz, Schatz“, antwortete Nami schnell. „Das Haus ist sehr alt, weißt du noch? Es... knarrt manchmal am Morgen, wenn der Wind weht.“

​„Das klingt aber lustig“, bemerkte Sayuri, gähnte dann aber herzhaft, drehte sich um und schlurfte mit ihrem Bären im Schlepptau den Flur entlang. „Okay, Ich gehe Graham suchen. Aber beeilt euch mit dem Schlafen!“

​Man hörte das deutliche Patsch-Patsch ihrer Füße auf dem Dielenboden, gefolgt von Grahams ferner Stimme, die sie im Korridor in Empfang nahm. Erst als die Tür zur Küche unten hörbar ins Schloss fiel, ließ Kai ein langes, frustriertes Stöhnen gegen Namis Haut los. Er rührte sich immer noch nicht, die körperliche Verbindung zwischen ihnen war immer noch pulsierend und fordernd.

​„Das alte Holz? Der Wind?“, wiederholte er rau und sah Nami mit einem Blick an, der halb amüsiert und halb voller Qual war. „Dein Ernst?“

​Nami konnte sich nicht mehr halten und lachte leise auf, während sie ihr Gesicht an seiner Brust barg. „Mir ist nichts Besseres eingefallen! Aber jetzt... Herr CEO... hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du stehst jetzt auf und schließt diese Tür ab, oder du musst damit leben, dass ich den Rest des Morgens über das ‚knarrende alte Holz‘ lachen werde.“

​Kai grinste nun doch, obwohl die Anspannung in seinen Lenden kaum auszuhalten war. Er gab ihr einen kurzen, harten Kuss. „Ich schließe die Tür ab. Und dann zeige ich dir mal, wie sehr dieses alte Holz wirklich knarren kann.“
 

Kai zögerte keine Sekunde mehr. Mit einer so kraftvollen wie frustrierten Bewegung löste er sich von Nami, was ihr ein leises, enttäuschtes Seufzen entlockte. Er schwang seine Beine aus dem Bett und stand in seiner vollen, athletischen Nacktheit im fahlen Morgenlicht. Sein Körper war gespannt wie eine Bogensehne, während er mit schnellen, lautlosen Schritten zur Tür eilte.

​Das schwere Schloss klickte mit einem satten, endgültigen Geräusch ins Gehäuse. Kai drehte den Schlüssel zweimal um, als wollte er sicherstellen, dass nicht einmal ein Geist dieses Zimmer nun noch betreten konnte. Er lehnte die Stirn für einen kurzen Moment gegen das kühle Holz der Tür und atmete tief durch, um das Pochen in seinen Schläfen zu beruhigen.

​„Abgeschlossen“, brummte er, während er sich umdrehte.

​Nami lag immer noch in den Kissen, das Laken nur halb über ihren Körper gezogen. Ihr Haar war über die Matratze ausgebreitet wie ein Teppich aus weißer Seide. Sie beobachtete ihn mit einem Blick, der nun keine Spur von Belustigung mehr enthielt, sondern nur noch pures, unverhohlenes Verlangen.

​Kai kehrte zum Bett zurück, doch er legte sich nicht einfach wieder zu ihr. Er krabbelte langsam über das Fußende auf sie zu, seine Augen leuchteten in einem gefährlichen Rubinrot. Er sah aus wie ein Raubtier, das seine Beute fixiert.

​„Wo waren wir stehen geblieben?“, raunte er, während er ihre Knöchel packte und sie sanft, aber bestimmt ein Stück zu sich heranzog. „Ach ja... das tanzende Bett.“

​Er beugte sich über sie und stützte seine Hände links und rechts von ihrem Kopf auf. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war fast berauschend. Nami schlang ihre Beine um seine Hüften und zog ihn wieder tief in sich hinein. Ein zufriedener Laut entwich Kais Kehle, als er die feuchte Wärme spürte, die ihn willkommen hieß.

​„Kai...“, hauchte sie und krallte ihre Finger in seine Schultern.

​„Ganz genau“, flüsterte er gegen ihre Lippen, bevor er sie wieder mit einem Kuss zum Schweigen brachte.

​Er begann sich in ihr zu bewegen, erst langsam und quälend tief, dann immer schneller und fordernder. Die spielerische Leichtigkeit des Morgens war einer rohen, ehrlichen Leidenschaft gewichen. Jeder Stoß war ein Versprechen, jede Berührung eine erneute Entschuldigung für die Distanz während ihrer damaligen Wette. Das alte Anwesen war still, doch in diesem Zimmer schien die Zeit stillzustehen, während sie sich ineinander verloren, bis die Welt um sie herum in einem Rausch aus Farben und Empfindungen versank.
 

Nachdem sie sich noch eine Weile in der Stille und der wohligen Erschöpfung des Morgens aneinandergeklammert hatten, zwangen der Hunger und die elterliche Pflicht sie schließlich doch aus den Federn.

​Als Kai und Nami kurze Zeit später die breite Treppe des Anwesens hinunterstiegen, empfing sie bereits der Duft von frischem Kaffee und warmem Gebäck. Im Esszimmer herrschte das gewohnt kontrollierte Chaos eines Freitagmorgens. Graham schenkte gerade Orangensaft ein, während Claire versuchte, Ren davon abzuhalten, sein Müsli mit einem Beyblade-Starter umzurühren.

​„Guten Morgen, die Herrschaften“, bemerkte Graham mit unbewegter Miene, als er Kai und Nami eintreten sah. „Schön zu sehen, dass das... 'alte Holz' den Windstößen des Morgens standgehalten hat.“

​Nami spürte, wie ihre Wangen erneut heiß wurden, und sie konzentrierte sich sehr intensiv darauf, Sayuri einen Kuss auf den Kopf zu geben. Kai hingegen zog lediglich einen Stuhl zurück, setzte sich und warf Graham einen Blick zu, der irgendwo zwischen Warnung und amüsiertem Respekt lag.

„Papa!“, rief Ren mit vollem Mund. „Gou hat gestern gesagt, dass Ayumi und ich unsere neuen Blades heute Nachmittag in Onkel Tysons Dojo mitbringen sollen.“

​Kai schmunzelte hinter seiner Zeitung. „Na, das klingt ja direkt nach einer Herausforderung.“

​„Mama, du siehst heute hübsch aus“, bemerkte Ayumi und legte den Kopf schräg. „Deine Augen funkeln so. Freust du dich auf die Show morgen?“

​Nami lächelte ihre Tochter warm an und nahm einen Schluck Kaffee. „Ja, mein Schatz. Ich freue mich sehr. Aber heute Nachmittag freue ich mich erst einmal darauf, deinen Geschwistern zuzusehen.“
 

Der Vormittag wich der geschäftigen Routine, die das Leben an der Spitze der Tachiwari-Corporation forderte. Nachdem sie sich von den Kindern verabschiedet hatten, glitt der Bentley fast lautlos durch den dichten Verkehr in Richtung des Stadtzentrums von Tokio.

​Kai saß am Steuer, seine Miene war wieder die des konzentrierten CEO, doch seine rechte Hand ruhte nicht auf dem Schalthebel, sondern auf Namis Oberschenkel. Er strich mit dem Daumen in langsamen, beruhigenden Kreisen über den Stoff ihres Kleides. Nami lächelte, legte ihre Hand über seine und verschränkte ihre Finger fest mit seinen.

​Die Glasfassaden der Wolkenkratzer spiegelten sich im Lack des Wagens, während eine ungewöhnliche, fast spirituelle Stille zwischen ihnen einkehrte.

​„Kai?“, unterbrach Nami das Schweigen leise. Ihr Blick war auf die vorbeiziehende Stadt gerichtet. „Hat Dranzer eigentlich mal wieder zu dir gesprochen? Ich meine... so richtig?“ Sie hielt kurz inne. „Pegasus hat sich seit Jahren nicht mehr in meinen Gedanken gezeigt. Es ist, als wäre er in einen tiefen Schlaf gefallen.“

​Kai schwieg einen Moment, seine Augen fixierten die Straße, während sein Griff um ihre Finger für einen Sekundenbruchteil fester wurde. „Nein“, antwortete er schließlich, und seine Stimme klang nachdenklich. „Ich habe Dranzers metallene Stimme auch seit Jahren nicht mehr gehört. Früher war er ständig da – eine mahnende Präsenz, ein Feuer, das nie ganz erlosch.“

​Er warf ihr einen kurzen Seitenblick aus seinen roten Augen zu. „Ich gehe davon aus, dass es daran liegt, dass es keine wirkliche Gefahr mehr seit Biovolt gab. Die Bit-Beasts sind Krieger der Seele. Wenn es keinen Anlass gibt, einzugreifen oder zu warnen, ziehen sie sich in den Kern unserer Existenz zurück. Es ist ein gutes Zeichen, Nami. Es bedeutet, dass wir – und die Welt um uns herum – endlich zur Ruhe gekommen sind.“

​Nami nickte langsam, doch ihre Gedanken wanderten weiter. „Trotzdem... es fühlt sich manchmal einsam an, findest du nicht? Fast so, als würde ein Teil der eigenen Geschichte verblassen.“ Sie sah ihn an, ihre Miene wurde etwas besorgter. „Gou trägt diese Last bereits mit Stolz, aber Sayuri... sie wurde ebenfalls mit einem Bit-Beast in ihrer Seele geboren, genau wie er. Ich frage mich oft, wann es sich bei ihr wohl zeigen wird. Sie ist erst drei, aber sie ist so... feinfühlig.“

​Kai schwieg nun länger. Die Vorstellung, dass auch seine jüngste Tochter bald die spirituelle Schwere eines Bit-Beasts spüren würde, ließ seinen Kiefer sich kurz anspannen.

​„Bei Gou fing es an, als er sechs Jahre alt war“, merkte er schließlich an. „Damals, als er das erste Mal im Training in die Enge gedrängt wurde, was er nicht akzeptieren wollte und die Energie im Raum sich plötzlich veränderte. Vielleicht ist es bei Sayuri ähnlich. Vielleicht braucht es einen Moment der absoluten Entschlossenheit oder eine große Emotion, um den Funken zu wecken.“

​Er löste die Hand kurz von ihrer, um eine Kurve zu nehmen, und legte sie dann sofort wieder zurück. „Aber ich hoffe, sie hat noch Zeit. Ich möchte, dass sie so lange wie möglich einfach nur ein Kind sein kann, ohne die Stimme einer uralten Macht in ihrem Kopf.“

​Nami drückte seine Hand. „Das hoffe ich auch. Aber wenn es soweit ist, wird sie ihren großen Bruder und ihren Vater haben, die ihr zeigen, wie man damit umgeht.“
 

​Der Tower der Tachiwari-Corporation tauchte vor ihnen auf, ein Gigant aus Glas und Stahl, der in den Himmel ragte. Der Arbeitstag wartete, doch für einen Moment blieb das Echo der Bit-Beasts in der Kabine des Wagens hängen – eine Erinnerung daran, dass sie mehr waren als nur ein mächtiges Ehepaar.
 

Als der Bentley in die unterirdische Garage des Tachiwari-Towers glitt, war die geschäftige Aura des Imperiums bereits spürbar. Kai und Nami betraten die marmorierte Lobby. Doch noch bevor sie die privaten Aufzüge zu Kais Büroetage erreichten, bemerkten sie die ungewöhnliche Unruhe unter den Mitarbeiterinnen.

​Getuschel und bewundernde Blicke folgten einer Gestalt, die lässig an einem der massiven Pfeiler lehnte. Es war Vladimir. Seit die Medien vor einigen Monaten publik gemacht hatten, dass der ältere Hiwatari-Bruder nach seiner letzten Affäre wieder Single war, galt er als der begehrteste Junggeselle der internationalen Wirtschaftselite. Dass seine Firma eine Allianz mit der Tachiwari-Corporation eingegangen war, machte ihn zu einem regelmäßigen – wenn auch oft unvorhersehbaren – Gast im Tower.

​„Du scheinst die Produktivität meiner Sekretärinnen allein durch deine Anwesenheit zu halbieren“, bemerkte Kai trocken, als sie auf ihn zugingen.

​Vladimir stieß sich vom Pfeiler ab, ein amüsiertes Blitzen in den weinroten Augen. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, der so dunkel war wie seine Absichten, und schenkte Nami ein charmantes Zuzwinkern, bevor er Kai ansah.

​„Ein wenig Ablenkung hat noch niemandem geschadet, kleiner Bruder“, entgegnete er mit seiner dunklen melodischen Stimme. Er begleitete sie in den Aufzug. „Ich bin eigentlich nur hier, um dir ein kurzes Update zum morgigen Abend zu geben. Es gibt da nämlich eine... kleine Komplikation im Ablaufplan.“

​Nami sah ihn fragend an. „Was für eine Komplikation? Miyako sagte gestern, alles sei perfekt.“

​Vladimir legte den Kopf schräg, und ein arrogantes, fast schon triumphierendes Grinsen huschte über seine Lippen. „Es geht um deine russische Kollegin. Es könnte sein, dass Misha Petrova morgen Abend nicht über den Laufsteg stolzieren kann.“

​Nami blieb der Mund vor Überraschung fast offen stehen. „Was? Ist sie krank? Gab es einen Unfall?“

​Vladimir lachte leise, ein dunkles Grollen, das Nami eine Gänsehaut bescherte. Er strich sich eine dunkle Strähne aus der Stirn und sah Kai direkt an, der bereits die Augen verengte, weil er genau ahnte, worauf das hinauslief.

​„Man könnte sagen, dass ICH passiert bin“, sagte Vlad ohne jede Spur von Reue. „Ich war gestern Abend vielleicht ein wenig... leidenschaftlicher, als es ihre körperliche Verfassung für einen professionellen Walk erlaubt. Ich bin mir nicht sicher, ob Misha bis morgen Abend wieder richtig und stabil laufen kann. Zumindest nicht in diesen mörderischen Absätzen, die ihr für sie vorgesehen habt.“

​In der Kabine des Aufzugs herrschte einen Moment lang fassungsloses Schweigen. Kai schüttelte nur langsam den Kopf, ein Ausdruck von tiefem Zynismus auf seinem Gesicht. „Du hast sie also innerhalb einer Nacht außer Gefecht gesetzt, nur um dein Ego zu füttern? Marcella wird dich umbringen, wenn sie kein Ersatzmodel findet.“

​„Ach, Misha hat es genossen“, erwiderte Vlad ungerührt. „Aber sie ist nun mal...zerbrechlicher, als sie tut.“

​Nami sah zwischen den Brüdern hin und her. Sie spürte eine Mischung aus Belustigung über Vlads Dreistigkeit und echtem Mitleid für Misha – auch wenn diese versucht hatte, ihre Ehe zu zerstören. Aber vor allem war sie erleichtert. Ohne Misha auf dem Laufsteg würde der morgige Abend deutlich friedlicher verlaufen.

​„Du bist unmöglich, Vladimir“, murmelte Nami, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

​„Ich bin ein Hiwatari“, korrigierte er sie sanft, während die Aufzugstür sich öffnete. „Wir machen keine halben Sachen. Weder im Geschäft, noch im Schlafzimmer.“

Wie Recht er doch hatte...
 

​Nami schwieg einen Moment und legte den Kopf schräg, während ihre Gedanken sichtlich arbeiteten. Sie kaute kurz auf ihrer Unterlippe, ein Zeichen höchster Konzentration, bevor sie ihre Überlegung schließlich laut aussprach.

​„Wenn Misha wirklich ausfällt, brauchen wir jemanden, der die Präsenz hat, um diese Lücke zu füllen, ohne das Gleichgewicht der Kollektion zu stören“, begann Nami langsam und sah Kai und Vlad abwechselnd an. „Ich denke da an Lumina. Sie ist meine Cousine und wäre perfekt dafür."

​Kai zog eine Braue hoch.
 

„Lumina?“, wiederholte Kai nachdenklich. „Sie ist stark und selbstbewusst. Aber Nami... sie hat absolut keine Modelerfahrung. Sie stand noch nie auf einem Laufsteg dieser Größenordnung. Und wir müssten sie überhaupt erst einmal fragen, ob sie das für uns tun würde.“

​Nami lächelte zuversichtlich. „Das stimmt, sie ist kein Profi, aber sie hat das selbe Blut in sich wie ich. Sie hat dieses natürliche Strahlen, das die Leute fesselt. Und sie ist mit Tala verheiratet – sie weiß, was es heißt, unter Druck zu stehen und im Rampenlicht zu glänzen. Wenn ich sie frage und ihr erkläre, in welcher Klemme wir stecken, wird sie uns nicht hängen lassen. Sie liebt Herausforderungen.“

​Vladimir zog eine Braue hoch, sichtlich beeindruckt von Namis Vorschlag. „Die Frau vom Zar... und die Frau von Valkov. Das würde der Presse natürlich eine ganz neue Story liefern. Zwei fast identische Schönheiten auf einem Laufsteg, eine hell karamellfarben, die andere blass wie der Mond. Es wäre ästhetisch... brillant.“ Ein arrogantes Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Und ich müsste mich nicht schuldig fühlen, wenn ich sie nach der Show zum Tanzen ausführe... oh, warte. Tala würde mich wahrscheinlich auf der Stelle eliminieren.“

​Kai warf seinem Bruder einen vernichtenden Blick zu. „Tala würde dich nicht nur eliminieren, er würde keine Spuren hinterlassen. Also bleib verdammt noch mal höflich.“ Er wandte sich wieder Nami zu. „Wenn du glaubst, dass sie es schafft, ohne professionelles Training innerhalb von 24 Stunden einen perfekten Walk hinzulegen... dann ruf sie an. Wir haben nichts zu verlieren, außer der Perfektion der Show.“

​Nami nickte und zückte bereits ihr Smartphone. „Ich werde sie sofort anrufen. Wenn sie zusagt, kann Marcella heute Nachmittag noch ein Crash-Kurs-Fitting mit ihr machen. Sie wird das schaffen, Kai. Sie strahlt noch heller als ich, wenn sie erst einmal Feuer gefangen hat.“

Nami suchte sich ein ruhigeres Plätzchen am Fenster der Führungsetage, während Kai und Vlad im Hintergrund leise weiter über geschäftliche Details diskutierten. Sie wählte Luminas Nummer und hielt sich das Telefon ans Ohr, wobei sie unwillkürlich lächeln musste. Es dauerte nur zwei Töne, bis eine fröhliche, helle Stimme abhob.

​„Nami! Was für eine Überraschung!“, erklang Luminas Stimme, und man konnte das breite Grinsen förmlich durch die Leitung hören. „Suchst du jemanden, der dich vor der großen Show morgen noch einmal richtig ablenkt? Tala sagt gerade, ich soll dich nicht zu lange aufhalten, weil du sicher im Stress versinkst.“

​Nami lachte leise. „Tala hat wie immer recht, aber eigentlich rufe ich aus einem ganz anderen Grund an. Lumina, ich brauche dich. Wir haben eine mittelschwere Katastrophe – oder eine Gelegenheit, je nachdem, wie man es sieht. Misha Petrova fällt womöglich aus, und ich möchte, dass du ihren Platz einnimmst, falls es nötig werden sollte.“

​Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment lang absolute Stille. Dann hörte Nami ein unterdrücktes, tiefes Brummen im Hintergrund – das war eindeutig Tala.

​„Ich?“, platzte es schließlich aus Lumina heraus. Ihr Strahlen schien selbst über das Telefon zuzunehmen. „Nami, ich bin fast einen Kopf kürzer als du... okay, nein, wir sind fast gleich groß, aber ich habe noch nie gemodelt! Ich laufe mitlerweile in Turnschuhen oder Ballerinas durch Shinjuku, nicht in Zehn-Zentimeter-Absätzen über einen gläsernen Laufsteg vor der Weltpresse!“

​„Du hast die Ausstrahlung, Lumina“, beharrte Nami sanft. „Du siehst mir zum Verwechseln ähnlich, und das Konzept der Show würde durch dich eine ganz neue Ebene erreichen. Du wärst mein blasses Gegenstück, das Mondlicht zu meinem Sonnenuntergang. Und Marcella wird dich in zwei Stunden so trimmen, dass du läufst wie eine Göttin.“

​Nami hörte nun Talas Stimme deutlich im Hintergrund, trocken und gewohnt kühl: „Lumina, sag ihr, dass du kein Kleiderständer bist. Wir wollten morgen Abend eigentlich nur zuschauen und danach essen gehen.“

​Lumina schien das Telefon kurz wegzuhalten, und Nami hörte ein energisches: „Tala, sei nicht so ein Spielverderber! Das ist eine Herausforderung!“ Dann war sie wieder bei Nami. „Er verdreht gerade die Augen, Nami. Er findet die Idee absurd, aber ich sehe in seinem Blick, dass er auch ein bisschen neugierig ist, wie ich mich schlagen würde. Aber bist du sicher? Ich will deine Show nicht ruinieren.“

​„Du wirst sie nicht ruinieren, du wirst sie krönen“, sagte Nami mit absoluter Überzeugung. „Komm in den Tower. Jetzt gleich. Wir machen das Fitting und den ersten Walk-Test. Tala kann mitkommen und Kai Gesellschaft leisten, während wir arbeiten.“

​Lumina quietschte fast vor Aufregung. „Okay... okay, ich mache es! Ich ziehe mir was Ordentliches an und wir sind in zwanzig Minuten da. Aber wehe, ich falle vornüber in die Fotografen, Nami!“

​„Das wirst du nicht. Ich passe auf dich auf“, versprach Nami und legte auf.

​Sie drehte sich zu Kai und Vladimir um, ein triumphierendes Leuchten in den Augen. „Sie kommt. Und sie bringt Tala mit. Ich hoffe, der Tower ist auf zwei Hiwatari-Brüder und einen sehr beschützerischen Valkov gleichzeitig vorbereitet.“

​Kai atmete tief durch und ein leichtes, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Das wird ein interessanter Nachmittag. Ich sollte vorsichtshalber den Vorrat an gutem Scotch im Büro auffüllen lassen.“
 

Die Aufregung im Tower war fast greifbar, als die Aufzugstüren der Chef-Etage erneut aufglitten. Es war nicht zu übersehen, dass zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten das Gebäude betreten hatten.

​Lumina trat als Erste heraus, und ihr Erscheinen sorgte augenblicklich für ein kollektives Innehalten im Vorraum. Mit ihrem silbrig weißen Haar, das im hellen Licht des Towers fast leuchtete, und ihren markanten magentafarbenen Augen war sie die perfekte, wenn auch blassere Spiegelung von Nami. Sie trug ein elegantes, aber lässiges Outfit, das ihre Ähnlichkeit zu ihrer Cousine nur noch unterstrich. Ihr Grinsen war breit und strahlend – eine lebendige Energie, die den Raum sofort füllte.

​Dicht hinter ihr folgte Tala Valkov. Seine unterkühlte, fast schon bedrohliche Aura bildete den perfekten Kontrast zu Luminas Strahlen. Sein eisiger Blick streifte die anwesenden Mitarbeiterinnen, die ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und unverhohlener Bewunderung anstarrten. Er wirkte in seinem dunklen Mantel und der unnahbaren Miene wie ein Krieger, der sich nur widerwillig in diese Welt aus Glas und Mode begeben hatte.

​„Wir sind da!“, verkündete Lumina und steuerte direkt auf Nami zu, um sie herzlich zu umarmen. „Tala hat den ganzen Weg über gemurmelt, dass das die schlechteste Idee seit der Erfindung von Diät-Wodka ist, aber hier sind wir!“

​Tala blieb stehen und nickte Kai und Vladimir kurz zu. Sein Blick blieb einen Moment länger an Vlad hängen, was die Warnung von vorhin – dass er keine Spuren hinterlassen würde – nur allzu real erscheinen ließ. „Hiwatari“, sagte er knapp zur Begrüßung. „Ich hoffe, du hast wirklich guten Scotch, Kai. Ich werde ihn brauchen, wenn ich meiner Frau dabei zusehen muss, wie sie lernt, in Stelzen zu laufen.“

​Vladimir lachte, doch es klang eine Spur vorsichtiger als sonst. „Valkov. Schön, dass du dich aus deinem Penthouse gewagt hast. Keine Sorge, Lumina wird die Show stehlen – falls sie nicht vorher mein Ego bricht.“

​Nami löste sich aus der Umarmung und sah ihre Cousine bewundernd an. „Du siehst fantastisch aus, Lumina. Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend, wenn wir so nebeneinander stehen. Marcella wartet schon im Atelier. Sie ist... nun ja, sie ist Marcella. Sei bereit für ein paar harte Stunden.“

​Lumina zwinkerte ihr zu. „Ich habe jahrelang mit Tala trainiert, Nami. Eine Modeschöpferin kann mich nicht erschrecken.“

​Während die Frauen sich in Richtung des Ateliers wandten, bedeutete Kai den Männern, ihm in sein Büro zu folgen. „Gehen wir, Tala. Vladimir hat schon genug Unheil angerichtet für heute. Lassen wir die Profis – und die Naturtalente – ihre Arbeit machen.“

In Kais weitläufigem Büro im obersten Stockwerk des Towers herrschte eine Atmosphäre, die man als schwerfälligen, respektvollen Waffenstillstand bezeichnen konnte. Kai goss den schweren, goldfarbenen Scotch in drei Kristallgläser, während sich die Männer in die tiefen Ledersessel sinken ließen.

​Tala nahm sein Glas entgegen, lockerte seinen schwarzen Rollkragen und lehnte sich mit einem unterkühlten Seufzen zurück. „Eigentlich wäre heute mein freier Tag“, bemerkte er, während er das Glas leicht schwenkte. „Ich hatte geplant, den Vormittag im Dojo der Tachibey Academy zu verbringen, nur für mich, ohne dass mich ein Dutzend Schüler anstarrt und auf Anweisungen wartet. Der Alltag als Leiter der Academy lässt kaum Raum für Stille. Aber Lumina hatte andere Pläne. Und wenn sie so strahlt, ist es schwerer, 'Nein' zu sagen, als einen Beyblade-Angriff von Dranzer zu blocken.“

​Vladimir, der mit einer fast schon provozierenden Lässigkeit in seinem Sessel fläzte, betrachtete Tala über den Rand seines Glases hinweg. Ein amüsiertes, arrogantes Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Du bist ein weicher Mann geworden, Valkov“, spöttelte Vlad, doch der Unterton von echtem Respekt war nicht zu überhören. „Folgst deiner Frau wie ein treuer Begleiter in den Tower. Aber sag mir... weißt du eigentlich, was genau auf dieser Modenschau morgen vorgestellt wird? Hast du die Entwürfe gesehen oder weißt du, worum es bei der 'Orchid-Night' geht?“

​Tala sah ihn ausdruckslos an. Seine blauen Augen waren so kalt wie die russische Tundra. „Mode hat mich bis heute nicht interessiert, Vladimir. Für mich sind Kleider dazu da, den Körper zu schützen oder bei offiziellen Anlässen nicht negativ aufzufallen...oder um sie auszuziehen. Warum sollte ich wissen, ob es Seide oder Wolle ist? Warum fragst du mich das?“

​Vlad lachte leise, ein dunkles Grollen, das Kai dazu veranlasste, ebenfalls den Blick zu heben. Kai wusste genau, worauf sein Bruder hinauswollte.

​„Weil, mein lieber Tala“, begann Vlad und lehnte sich vor, „die Kollektion von Miyako Bouvier nicht einfach nur Kleidung ist. Es ist eine Hommage an die Ästhetik. Und deine Frau... deine wunderschöne, unschuldige Lumina... wird morgen Abend Outfits tragen, die so konzipiert sind, dass sie so gut wie nichts der Fantasie überlassen. Transparente Stoffe, Spitze, Schnitte, die maximal bis zur Hüfte reichen.“

​Vlad grinste breiter, als er sah, wie Talas Kiefer sich unmerklich anspannte. „Du hast dich heute darüber beschwert, dass du deinen freien Tag opfern musstest. Warte ab, bis du morgen Abend im Publikum sitzt und zusiehst, wie tausend Kameras und die gesamte Weltelite deine Frau in Stoffen bestaunen, die kaum dicker sind als ein Spinnennetz. Kai hat gestern schon fast den Tower abgerissen, als er Nami in dem blauen Spitzenmodell sah.“

​Tala schwieg einen Moment lang. Er trank seinen Scotch in einem Zug aus und stellte das Glas mit einem harten Klick auf den Glastisch. Er sah Kai an, der nur trocken nickte, als wolle er sagen: Willkommen in meinem Club.

​„Transparente Stoffe?“, wiederholte Tala leise, und seine Stimme war nun gefährlich ruhig. „Kai, ich hoffe für dich, dass deine Security morgen Abend verdammt gut ist. Denn wenn jemand Lumina zu lange anstarrt, wird es mir völlig egal sein, wie exklusiv dieses Event ist.“

Kai schenkte Tala wortlos nach. Er verstand die unterkühlte Wut in Talas Stimme nur zu gut; es war derselbe besitzergreifende Instinkt, der ihn den ganzen Morgen über schon begleitet hatte.

​„Beruhig dich, Tala“, sagte Kai, während er sein eigenes Glas hob, doch sein Blick war ebenso finster wie der des Russen. „Ich teile die Begeisterung nicht, glaub mir. Ich habe gestern bereits miterlebt, wie Nami in einem dieser Kleider – wenn man es überhaupt so nennen kann – durch die Fabrikhalle gelaufen ist. Mein erster Impuls war es, jeden einzelnen Assistenten dort eigenhändig hinauszuwerfen.“

​Er nahm einen Schluck und sah Tala fest an. „Aber wir wissen beide, wer diese Frauen sind. Nami und Lumina... sie lassen sich nicht einsperren. Wenn sie sich entscheiden, diese Bühne zu betreten, dann tun sie es mit einer Souveränität, die uns eigentlich stolz machen sollte. Auch wenn es uns innerlich zerreißt, dass die halbe Welt dabei zusieht.“

​Vladimir schmunzelte und goss sich nun selbst noch einmal nach. „Hört euch an. Die zwei mächtigsten Männer die ich kenne klingen wie eifersüchtige Teenager. Genießt es doch einfach. Es ist Kunst, Tala. Und deine Frau ist morgen mit das wertvollste Kunstwerk im Raum.“

​Tala warf Vlad einen Blick zu, der Glas hätte schneiden können. „Wenn du es noch einmal ‚Kunst‘ nennst, Vladimir, sorge ich dafür, dass du morgen Abend die Show durch eine Sonnenbrille betrachten musst, um deine blauen Augen zu verstecken.“ Er wandte sich wieder an Kai. „Wie sieht dein Sicherheitskonzept aus? Ich will keine Paparazzi, die Backstage herumschleichen, und ich will keine lüsternen Kommentare in der ersten Reihe.“

​Kai nickte knapp. „Die Tachiwari-Security stellt den inneren Ring. Niemand kommt ohne biometrischen Scan in den Backstage-Bereich. Und was die Gäste angeht: Es ist eine Einladungsliste. Wer sich nicht benimmt, verliert nicht nur seinen Platz in der Halle, sondern auch jegliche geschäftliche Verbindung zu uns. Ich habe Marcella außerdem angewiesen, dass die Beleuchtung so gesetzt wird, dass man auf den Fotos mehr Silhouette als... Details sieht.“

​Tala schien ein wenig besänftigt, auch wenn seine Hand immer noch fest um das Kristallglas geschlossen war. „Gut. Trotzdem werde ich morgen Abend direkt am Ende des Laufstegs sitzen. Nur damit jeder im Raum weiß, zu wem sie zurückkehrt, sobald das Licht ausgeht.“

​Kai hob sein Glas in einer stummen Geste der Verbrüderung. „Dort werde ich auch sitzen. Wir werden vermutlich die zwei finstersten Gesichter in der gesamten Front Row sein.“
 

Währenddessen an einem anderen Ort des Towers...

Das Treffen im provisorischen Atelier im zehnten Stock war ein regelrechter Wirbelsturm gewesen. Als Lumina den Raum betreten hatte, war Marcella für einen Moment die sprichwörtliche Kinnlade heruntergefallen. Ebenso Myiako. Die Designerin war völlig überwältigt von der blassen Schönheit mit den magentafarbenen Augen, die wie ein ätherisches Echo von Nami wirkte.

​„Mon Dieu... diese Knochenstruktur! Dieses Licht!“, hatte Marcella ausgerufen. Und zu aller Überraschung hatte Lumina die mörderischen High Heels, die man ihr reichte, mit einer traumwandlerischen Sicherheit bestiegen. Bevor sie Talas Frau wurde und sich mehr dem ruhigen Leben in Shinjuku und der Academy widmete, war sie oft auf High Heels unterwegs gewesen. Ihr Walk war zwar noch ungeschliffen, aber sie besaß eine natürliche Grazie, die Marcella fast Tränen der Rührung in die Augen trieb während Miyako nur zufrieden nickte. Sie schien sogar zufrieden, dass Lumina Mishas Platz einnahm.

​Nun, zwei Stunden später, gönnten sich die beiden Cousinen eine wohlverdiente Pause. Sie saßen in der weitläufigen, gläsernen Lobby des Towers an einem kleinen Marmortisch nahe des hauseigenen Caféstandes. Beide hielten einen dampfenden Matcha Latte in den Händen.

​„Ich sage dir, Nami, Marcella ist eine Naturgewalt“, lachte Lumina und rieb sich unauffällig den Fußrücken. „Aber diese Kleider... sie sind wunderschön. Ich fühle mich darin wie eine Mondgöttin, auch wenn Tala wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommt.“

​Nami grinste. „Er wird sich nicht mehr einkriegen, glaub mir. Aber du machst das großartig, Lumina.“

​Plötzlich trat ein junger Kurier in einer auffälligen Uniform an ihren Tisch. Er wirkte ein wenig nervös, während er auf sein Klemmbrett starrte. „Entschuldigen Sie... sind Sie Mrs. Hiwatari?“, fragte er und blickte zwischen den beiden Frauen hin und her. „Der Sicherheitschef vorn am Haupttor hat auf Sie gezeigt.“

​Nami stellte ihren Becher ab und lächelte den jungen Mann freundlich an. „Ja, das bin ich. Kann ich Ihnen helfen?“

​Der Kurier nickte eifrig und gab ein kurzes Zeichen in Richtung des massiven Haupteingangs. Im nächsten Moment schwangen die Glastüren auf und eine Gruppe von Mitarbeitern einer Logistikfirma betrat die Lobby. Sie trugen riesige, prachtvolle Blumensträuße und kunstvolle florale Arrangements herein – ein Meer aus tiefroten Rosen, weißen Lilien und seltenen Orchideen.

​Die gesamte Belegschaft in der Lobby hielt inne. Mitarbeiter blieben stehen, Sekretärinnen tuschelten und selbst die Sicherheitsleute am Empfang konnten ein Staunen nicht unterdrücken. Der Duft der frischen Blumen füllte innerhalb von Sekunden die riesige Halle.

​Der Kurier schaute noch einmal auf sein Klemmbrett und räusperte sich laut genug, damit es fast jeder hören konnte. „Hier steht: Eine Überraschung von Mr. Hiwatari an seine Frau. Als Zeichen seiner tiefsten Liebe und Anerkennung für die morgige Show.“

​Nami saß für einen Moment völlig sprachlos da. Ihre Wangen röteten sich leicht, während sie zusah, wie die Arrangements um ihren Tisch herum aufgestellt wurden, bis sie und Lumina fast in einem Wald aus Blüten saßen.

​Lumina strahlte übers ganze Gesicht und klatschte leise in die Hände. „Oh mein Gott, Nami! Der ‚eisige‘ Kai Hiwatari hat das ganze Blumenviertel von Tokio aufgekauft! Das ist ja fast schon... romantisch-aggressiv.“

​Nami lachte leise, ihr Herz klopfte schneller. Sie wusste, dass Kai kein Mann der großen Worte in der Öffentlichkeit war, aber diese Geste – mitten in seinem eigenen Tower, vor den Augen all seiner Angestellten – war eine unmissverständliche Ansage.

​„Er wollte wohl sicherstellen, dass jeder hier weiß, wem dieser Tag gehört“, murmelte Nami und strich über die samtigen Blätter einer roten Rose.

​In diesem Moment traten Kai, Tala und Vladimir aus dem privaten Aufzugsbereich in die Lobby. Sie blieben stehen und betrachteten das florale Spektakel. Vladimir pfiff anerkennend durch die Zähne, während Tala lediglich eine Augenbraue hob und Kai leicht spöttisch ansah.

​Kai ging mit langsamen, sicheren Schritten auf Nami zu. Er ignorierte die gaffenden Mitarbeiter völlig. Er trat an ihren Tisch, beugte sich zu ihr hinunter und legte seine Hand auf ihre Schulter.

​„Ich dachte mir, das Atelier braucht ein wenig Farbe“, sagte er trocken, doch seine Augen verrieten ihn – sie brannten vor Zuneigung.
 

Nami erhob sich langsam aus ihrem Sessel, während sie immer noch von dem Duft der unzähligen Blüten umhüllt war. Die gesamte Lobby schien den Atem anzuhalten; es war kein unbekannter aber dennoch seltener Anblick, den kühlen CEO der Tachiwari-Corporation so demonstrativ galant zu erleben.

​Sie trat einen Schritt auf ihn zu, legte ihre Hände flach auf seine Brust und sah zu ihm auf. „Kai... das ist... überwältigend. Hast du vor, den gesamten Tower in ein Gewächshaus zu verwandeln?“ sie grinste.

​Kai legte seine Arme um ihre Taille und zog sie ein Stück enger an sich, völlig ungeachtet der Tatsache, dass Vladimir, Tala und die halbe Belegschaft zusahen. Ein fast unmerkliches, schiefes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.

​„Eigentlich“, gestand er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, „hatte ich die Anweisung gegeben, die Blumen diskret in dein Büro zu bringen, bevor du von der Pause zurückkehrst. Ich wollte, dass du sie dort in Ruhe vorfindest.“ Er warf einen kurzen, kühlen Blick zu dem Kurier, der sofort wieder Haltung annahm. „Aber wie es scheint, hält mein Logistik-Team wenig von Diskretion. Jetzt erregt es wohl wesentlich mehr Aufsehen, als mir lieb ist.“

​Nami lachte leise und stellte sich auf die Zehenspitzen. „Ich glaube, das Aufsehen ist dir insgeheim völlig egal, solange ich lächle.“

​Kai beugte sich zu ihr hinunter. Seine Lippen streiften ihr Ohr, und sein heißer Atem ließ einen wohligen Schauer über ihren Nacken laufen. Er senkte die Stimme so weit, dass kein Mikrofon und kein neugieriger Mitarbeiter ihn hören konnte.

​„Betrachte diese Rosen als erneute Entschuldigung für meine eisigen Worte letzte Woche“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich wollte nicht, dass auch nur ein Hauch von Kälte zwischen uns bleibt, bevor du morgen die Bühne betrittst.“

​Nami spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Die Erinnerung an ihre Distanz verblasste endgültig unter der Intensität seiner Nähe. Sie löste sich ein Stück von ihm, nur um sein Gesicht in ihre Hände zu nehmen und ihn vor den Augen aller Anwesenden leidenschaftlich zu küssen. Es war kein flüchtiger Kuss, sondern ein klares Statement – eine Antwort auf seine Blumen und seine Entschuldigung.

​Ein Raunen ging durch die Lobby, und Lumina stieß ein begeistertes „Ja!“ aus, während sie Tala am Arm rüttelte. „Siehst du das, Tala? Das nenne ich Romantik im Hiwatari-Stil!“

​Tala brummte nur etwas Unverständliches, doch ein leichtes Schmunzeln konnte er sich nicht verkneifen, während Vladimir demonstrativ applaudierte. „Bravo, kleiner Bruder! Du hast offiziell die Messlatte für alle Ehemänner in diesem Gebäude in unerreichbare Höhen gelegt.“

​Kai löste sich schließlich von Nami, seine Augen leuchteten in einem dunklen, zufriedenen Rubinrot. Er ignorierte Vladimirs Kommentar und sah nur sie an. „Gehen wir essen. Ich glaube, wir alle haben nach diesem Vormittag einen starken Drink und etwas Ruhe verdient, bevor der Wahnsinn morgen losgeht.“

Destillierte Dunkelheit

Das exklusive Restaurant in Shinjuku lag in den obersten Stockwerken eines Wolkenkratzers und bot einen atemberaubenden Blick über die beeindruckende Skyline Tokios. In einer privaten Nische, abgeschirmt von neugierigen Blicken, ließen die fünf den Tag bei erstklassigem Sashimi und Champagner ausklingen.

​Lumina, die sichtlich aufgekratzt war, strahlte über das ganze Gesicht. „Ich sage euch, dieses Kleid von Marcella... es ist wie eine zweite Haut aus Mondschein. Wenn ich morgen über diesen Laufsteg gehe, wird Tala wahrscheinlich vergessen, wie man atmet.“

​Tala, der gerade ein Stück feinsten Otoro-Thunfisch genoss, hob langsam den Blick. Sein Gesicht blieb gewohnt stoisch, doch seine Augen blitzten gefährlich amüsiert. „Ich werde nicht vergessen zu atmen, Lumina. Ich werde nur sehr genau darauf achten, wer sonst noch vergisst zu atmen – und ob ich diese Personen nach der Show aus dem Saal befördern muss.“

​Kai, der seinen Arm besitzergreifend über die Rückenlehne von Namis Stuhl gelegt hatte, blickte kurz auf seine Uhr und dann zu Nami. Die Zärtlichkeit in seinem Blick wich für einen Moment der väterlichen Pflicht.

​„Vergiss bei all der Aufregung um die Show nicht, dass wir heute Nachmittag noch eine Verabredung haben“, sagte er ruhig. „Wir schauen im Granger-Dojo vorbei. Gou hat darum gebeten, dass wir bei seinem Training dabei sind, um ihn zu unterstützen. Er nimmt die Vorbereitung auf sein nächstes Turnier sehr ernst.“

​Nami lächelte und legte ihre Hand auf Kais Unterarm. „Natürlich. Ich würde es für nichts auf der Welt verpassen wollen, unseren Großen in Aktion zu sehen.“

​Plötzlich räusperte sich Vladimir lautstark und stellte sein Champagnerglas mit einem vernehmlichen Klicken ab. Ein breites, fast schon zu unschuldiges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

​„Das Granger Dojo? Das klingt ja nach einem wunderbaren Familienausflug“, warf er ein und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Wisst ihr was? Ich komme mit. Ich habe die Kinder seit meiner Ankunft in Japan noch nicht gesehen und schließlich will ich ja ein guter Onkel sein.“

​Kai zog eine Augenbraue hoch und warf seinem Bruder einen Blick zu, der Bände sprach. „Ein guter Onkel? Seit wann liegt dir etwas an pädagogischer Präsenz, Vlad? Ich dachte, dein Nachmittag bestünde eher daraus, die Hotelbar unsicher zu machen.“

​Vladimir lachte, ein dunkles, melodisches Grollen. „Ach Kai, sei nicht so zynisch. Gou ist ein Hiwatari, er hat Talent. Und ich will sehen, ob er den Kampfgeist seines Vaters geerbt hat oder ob er... nun ja, ob er ein wenig Anleitung von jemandem braucht, der die Dinge nicht ganz so verbissen sieht wie du.“

​Tala schmunzelte trocken in sein Glas. „Ein guter Onkel... das ich das noch erleben darf. Tyson wird begeistert sein, einen weiteren Hiwatari in seinem Dojo zu haben, der die Atmosphäre mit seiner Arroganz füllt.“

​Nami wechselte einen amüsierten Blick mit Lumina. Sie wusste, dass Vladimirs Anwesenheit im Dojo entweder für zusätzliche Motivation bei Gou sorgen oder in einem absoluten Chaos enden würde – besonders wenn Tyson Granger erneut auf den älteren Hiwatari-Bruder traf.

​„Na gut“, entschied Nami schmunzelnd. „Dann ist es abgemacht. Erst das Training bei Tyson, und danach können wir uns alle mental auf die 'Orchid-Night' vorbereiten.“
 

Das Mittagessen neigte sich dem Ende zu, und die entspannte Atmosphäre der privaten Nische löste sich langsam auf, als die Realität der verschiedenen Verpflichtungen wieder in den Vordergrund rückte.

​Tala erhob sich als Erster, rückte seinen dunklen Mantel zurecht und reichte Nami die Hand, bevor er Lumina mit einer besitzergreifenden Geste zu sich zog. „Wir sehen uns morgen.“, sagte er knapp in Richtung Kai, wobei ein kurzes, respektvolles Nicken den Abschied besiegelte. Lumina strahlte Nami noch einmal an, ihre magentafarbenen Augen leuchteten vor Vorfreude. „Ich übe im Penthouse heimlich weiter den Walk!“, rief sie über die Schulter, während Tala sie bereits sanft, aber bestimmt Richtung Ausgang manövrierte.

​Vladimir blieb noch einen Moment sitzen, den Rest seines Champagners im Glas schwenkend. Er beobachtete die beiden mit einem spöttischen Lächeln, bevor er sich ebenfalls erhob. „Ein herrlich dramatisches Paar“, kommentierte er trocken. Er strich sich die dunklen Haare aus der Stirn und sah Kai an. „Ich werde mich jetzt erst einmal in mein Hotel zurückziehen. Ich muss doch sehen, wie es der armen Misha geht – oder ob sie mittlerweile genug Kraft gesammelt hat, um aus meiner Suite zu flüchten.“

​Ein arrogantes Funkeln trat in seine Augen, während er sich das Sakko zuknöpfte. „Schick mir die Adresse des Dojos per Mail, Kai. Ich möchte pünktlich sein, um den ‚Onkel-Pokal‘ zu gewinnen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte er lässig ab und verschwand mit der Eleganz eines Raubtieres aus dem Restaurant.

Der Rest des Nachmittags war dem gewidmet, was die Tachiwari-Corporation zu einem Weltmarktführer machte: harte, operative Arbeit, die nichts mit den glitzernden Stoffen der Modenschau zu tun hatte.

​In der Chef-Etage trennten sich ihre Wege für ein paar Stunden. Nami zog sich in ihr Büro zurück, um sich durch einen Berg von Berichten der Logistikabteilung zu arbeiten. Es ging um neue Vertriebswege in Europa und die Optimierung der Produktionsketten für die nächste Generation von High-Tech-Blades. Sie saß konzentriert am massiven Schreibtisch während sie Zahlenkolonnen prüfte und Videokonferenzen mit den Managern in Übersee führte. Ihre Professionalität war schneidend scharf – hier war sie nicht die Muse oder das Model, sondern die strategische Partnerin an Kais Seite.

​Kai hingegen befand sich im großen Konferenzraum. Die Stimmung dort war deutlich kühler. Er saß am Kopfende der langen Glastafel, während die Abteilungsleiter für Forschung und Entwicklung ihm die Prototypen der neuen Beyblade-Systeme vorstellten.

​„Die Ausfallquote bei maximaler Drehzahl liegt immer noch bei 2%“, erklärte ein leitender Ingenieur nervös.

​Kai sah ihn aus seinen rubinroten Augen an, die Kälte in seinem Blick ließ den Mann fast verstummen. „Zwei Prozent sind zwei Prozent zu viel“, entgegnete Kai ruhig, doch seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch den Raum. „Tachiwari steht für Perfektion. Wenn ein Blade auf dem Feld versagt, versagt mein Name. Gehen Sie zurück ans Reißbrett. Ich will keine Entschuldigungen, ich will Ergebnisse.“
 

​Er verbrachte die nächsten Stunden damit, Verträge zu unterzeichnen und die Sicherheitsberichte für die globalen Serverstrukturen der Corporation zu prüfen. Es war ein trockenes, forderndes Geschäft, doch Kai bewegte sich darin mit derselben tödlichen Präzision, die er früher im Beystadium gezeigt hatte.

​Gegen 15:45 Uhr klopfte er leise an Namis Tür. Er fand sie vor ihrem Laptop, eine Hand an der Schläfe, während sie gerade ein Dokument finalisierte.

​„Genug für heute“, sagte er sanft und trat hinter sie, um seine Hände auf ihre Schultern zu legen. Er spürte die leichte Anspannung in ihren Muskeln und begann, sie mit sanftem Druck zu massieren. „Die Kinder warten. Und ich habe Vladimir die Adresse geschickt – wir sollten dort sein, bevor er Tyson in den Wahnsinn treibt.“

​Nami schloss die Augen und genoss die Berührung für einen Moment. „Du hast recht. Die Zahlen laufen uns nicht weg, aber Gous Training fängt gleich an.“
 

Das Bild vor dem Granger-Dojo bot eine fast schon absurde Kulisse, als der grüne Bentley von Kai und Nami in die ruhige Seitenstraße einbog.

​Vladimir lehnte mit einer Arroganz, die ganze Stadtviertel hätte füllen können, gegen die hölzerne Außenwand des traditionellen Gebäudes. Er trug immer noch seinen sündhaft teuren Anzug, der in der bodenständigen Umgebung des Dojos wirkte wie ein Fremdkörper. Ihm gegenüber stand Tyson Granger, die Arme vor der Brust verschränkt und ein sichtlich genervtes Zucken in seinem rechten Auge.

​„Ich sage dir, Vladimir, wenn du noch einmal behauptest, dass mein Trainingsplan für die Kinder ‚altbacken‘ ist, dann darfst du deine glänzenden Schuhe gleich mal im Beystadium testen“, knurrte Tyson, während er drohend einen Schritt auf den älteren Hiwatari zuging.

​Vlad lachte nur leise, ein kühles, melodisches Geräusch, und rückte sich die Manschettenknöpfe zurecht. „Tyson, mein Bester, du bist eine Legende, keine Frage. Aber wir leben im Zeitalter der Tachiwari-Technologie. Ein bisschen mehr... sagen wir, ‚russische Härte‘ und weniger ‚Herzblut-Gerede‘ würde der Effizienz des Jungen guttun. Gou hat das Potenzial, die Welt zu dominieren, nicht nur lokale Nachbarschaftsturniere zu gewinnen.“

​„Er ist ein Kind!“, herrschte Tyson ihn an. „Und er soll die Seele des Spiels begreifen, bevor er sich mit deiner Art von Weltherrschaft rumschlägt!“

​In diesem Moment stiegen Kai und Nami aus dem Wagen. Kai schüttelte nur den Kopf, als er das vertraute Bild der beiden Streithähne sah. „Immer noch dabei, die Nachbarschaft zu unterhalten, Vlad?“, fragte Kai trocken, während er auf sie zuging.

​Tyson hellte sich sofort auf, als er Nami sah. „Nami! Gott sei Dank, bring deine Schwiegerfamilie zur Vernunft, bevor ich Dragoon auf sie hetze.“

​Nami lachte und gab Tyson eine freundschaftliche Umarmung. „Tut mir leid, Tyson. Er hat heute seinen ‚guten Onkel‘-Tag deklariert. Wir werden das wohl gemeinsam durchstehen müssen.“

​Bevor die Diskussion weitergehen konnte, glitt die schwere Schiebetür des Dojos mit einem satten Geräusch zur Seite. Gou trat heraus, seinen Beyblade fest in der Hand, gefolgt von den Zwillingen Ayumi und Ren, die sich bereits gegenseitig neckten.

​Gou hielt inne, als er seine Eltern erblickte. Er stürmte nicht los; stattdessen blieb er mit einer für sein Alter ungewöhnlichen Beherrschtheit stehen. Seine Augen, so intensiv wie die seines Vaters, musterten die Anwesenden mit kühler Präzision.

​„Mutter, Vater“, sagte er mit einer ruhigen, festen Stimme und verneigte sich leicht, wobei er die förmliche Etikette des Hauses Hiwatari perfekt wahrte. „Es freut mich aufrichtig, dass ihr die Zeit gefunden habt, trotz der intensiven Vorbereitungen für die morgige Gala persönlich anwesend zu sein. Es bedeutet mir viel.“

​Er wandte seinen Blick zu Vladimir, und ein Hauch von intellektueller Neugier blitzte in seinen Augen auf. „Onkel Vladimir. Dein Erscheinen ist eine Überraschung. Ich nehme an, die Neugier auf den Stand meiner technischen Fortschritte hat dich dazu bewogen, Russland früher als geplant zu verlassen?“

​Vladimir lachte nun ehrlich amüsiert und trat einen Schritt vor. „Du bist wirklich dein Vater in Kleinformat, Gou. Mit elf Jahren bereits so wortgewandt... man könnte fast vergessen, dass du noch in die Schule gehst.“ Er legte Gou eine Hand auf die Schulter, doch der Junge zuckte nicht einmal. „Ich wollte sehen, ob du heute den Boden mit deinen Gegnern aufwischst. Zeig mir, dass das Training bei diesem Hitzkopf hier“, er deutete vage auf Tyson, „deine analytische Schärfe nicht abgestumpft hat.“

​Gou straffte die Schultern, sein Kiefer spannte sich an – ein Spiegelbild von Kais Mimik, wenn er herausgefordert wurde. „Tysons Methoden mögen unkonventionell und emotional geleitet sein, Onkel Vlad, aber sie bieten eine notwendige Balance zu meiner eigenen, eher rationalen Herangehensweise. Ich lade dich ein, dir selbst ein Bild von der resultierenden Synergie zu machen. Bitte, kommt herein.“

​Kai beobachtete seinen Sohn mit unverhohlenem Stolz, auch wenn sein Gesichtsausdruck gewohnt unbewegt blieb. „Du hast das Wort, Gou. Gehen wir.“
 

Das Innere des Dojos roch nach poliertem Holz, Schweiß und jener ganz besonderen Energie, die nur durch jahrelanges, hartes Training entsteht. Gou schritt zielstrebig auf das zentral aufgestellte Beystadium zu. Er bewegte sich mit einer ökonomischen Anmut, die er zweifellos von Kai übernommen hatte – keine Bewegung war verschwendet, kein Blick ziellos.

​„Da mein reguläres Pensum bereits abgeschlossen ist, schlage ich eine Demonstration unter verschärften Bedingungen vor“, erklärte Gou sachlich, während er seinen Blade in den Launcher legte. Er sah dabei nicht aus wie ein elfjähriger Junge, sondern wie ein Feldherr vor der Schlacht. „Onkel Tyson, würdest du mir die Ehre erweisen? Ich habe die Zentrifugalkraft-Berechnungen für den Angriffsmodus meines Blades angepasst.“

​Tyson grinste breit, sichtlich herausgefordert. „Du hörst ihn, Kai. Der Junge ist bereit für den Champion.“ Er trat an die andere Seite des Stadiums.

​Kai, Nami und Vladimir stellten sich an den Rand, während Ayumi und Ren ehrfürchtig verstummten. Gou schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch und konzentrierte sich. In diesem Augenblick veränderte sich die Atmosphäre im Raum. Es war, als würde die Temperatur um ein paar Grad sinken – jene kalte, kontrollierte Aura, die Kai berühmt gemacht hatte, manifestierte sich nun in seinem Sohn.

​„3... 2... 1... Let it rip!“, erscholl es im Dojo.

​Gous Blade schlug mit einer Präzision im Stadium auf, die Vladimir die Augenbrauen hochziehen ließ. Anstatt Tyson direkt anzugreifen, hielt Gou seinen Blade in einer perfekten Kreisbahn am äußeren Rand. Er analysierte Tysons Bewegungen, sein Blick war starr auf das Zentrum fixiert.

​„Interessant“, murmelte Vladimir leise zu Kai. „Er wartet nicht nur. Er provoziert Tyson durch seine Inaktivität dazu, die Mitte preiszugeben.“

​Tyson griff an, Dragoon stürmte vor, doch in dem Moment, als der Kontakt unvermeidlich schien, gab Gou einen kurzen, präzisen Befehl. Sein Blade vollführte einen hakenförmigen Ausweichschritt – eine taktische Brillanz, die Gous Verständnis für Physik und Timing demonstrierte. Er nutzte Tysons eigene Wucht gegen ihn, leitete die Energie ab und konterte mit einem Schlag, der Dragoon fast aus dem Ring schleuderte.

​Gou korrigierte seinen Stand nicht, er blieb völlig ruhig. „Deine Aggressivität ist vorhersehbar, Tyson. Sie basiert auf der Annahme, dass ich den direkten Schlagabtausch suche. Aber mein Ziel ist die Destabilisierung deiner Rotationsachse durch minimale Kontaktpunkte.“

​Vladimir verstummte tatsächlich für einen Moment. Er sah den Jungen an und dann seinen Bruder Kai. „Er spielt kein Spiel“, stellte Vlad fest, und seine Stimme hatte ihren spöttischen Unterton verloren. „Er führt eine Exekution durch Berechnungen durch. Er ist... beängstigend effizient, Kai.“

​Kai nickte nur knapp, doch in seinen Augen glühte die Anerkennung. „Er verlässt sich nicht auf das Glück. Er beherrscht die Arena.“

​Nami beobachtete ihren Sohn mit einer Mischung aus Stolz und einer leisen Sorge. Sie sah das Feuer in ihm, aber auch die Kälte des Hiwatari-Erbes. Gou hatte das Battle unter Kontrolle, doch was sie am meisten beeindruckte, war die Ruhe, mit der er das Stadium verließ, nachdem das Battle in einem Unentschieden endete – ein Ergebnis, das er offensichtlich genau so geplant hatte, um die Belastungsgrenzen seines Blades zu testen.

​„Ich hoffe, diese Demonstration war aufschlussreich für deine Analysen, Onkel Vladimir“, sagte Gou und verneigte sich erneut, ohne auch nur außer Atem zu sein.
 

Gou verstaute seinen Blade mit gewohnter Sorgfalt in seinem Etui, als Makoto vortrat. Die beiden Jungen verband eine tiefe Freundschaft, die oft als ruhiger Pol in der sonst so turbulenten Dynamik ihrer Familien fungierte.

​„Beeindruckende Analyse, Gou“, bemerkte Makoto mit einem anerkennenden Nicken und breitem Grinsen. „Aber deine Konzentration hat dich körperlich steif werden lassen. Gehen wir rüber in den zweiten Saal? Eine Runde Kendo?“

​Gou sah seinen Freund kurz an, wog den Vorschlag ab und nickte dann knapp. „Ein valider Punkt, Makoto. Mentale Schärfe ohne körperliche Ausgeglichenheit führt zu vorzeitiger Ermüdung. Gehen wir.“ Ohne ein weiteres Wort zu den Erwachsenen verschwanden die beiden in Richtung der hinteren Räumlichkeiten des Dojos.

​Während die Zwillinge Ayumi und Ren bereits begonnen hatten, das Beystadium für ihre eigenen, deutlich lauteren Spiele in Beschlag zu nehmen, zog sich der Rest der Gruppe in das angrenzende Teezimmer zurück. Es war ein schlichter Raum mit Tatami-Matten und dem beruhigenden Duft von grünem Tee, der in krassem Gegensatz zu der gerade erlebten Intensität stand.

​Kai und Nami nahmen gegenüber von Tyson und Vladimir Platz. Eine Weile herrschte Schweigen, während Tyson den Tee einschenkte.

​„Der Junge macht mir manchmal Angst“, brach Tyson schließlich das Schweigen und rieb sich den Nacken. „Er ist elf, aber wenn er im Stadium steht, fühle ich mich, als würde ich gegen eine Maschine kämpfen, die jedes meiner Atome berechnet. Woher nimmt er diese... diese absolute Kälte?“

​Vladimir lehnte sich zurück, sein Blick wanderte zum Fenster, durch das man die Schatten der trainierenden Jungen im Nachbarsaal erahnen konnte. Dann wandte er sich direkt an Kai, und sein Gesichtsausdruck war ungewöhnlich ernst, fast schon analytisch.

​„Sag mal, Kai“, begann Vlad mit gesenkter, aber schneidender Stimme. „Glaubst du an genetisches Echo? Oder besser gesagt: an spirituelle Vererbung?“

​Kai zog eine Augenbraue hoch und fixierte seinen Bruder mit einem kühlen Blick. „Worauf willst du hinaus, Vladimir?“

​„Es ist nur ein Gedanke“, fuhr Vlad ungerührt fort. „Wir alle wissen, wie du früher warst. Bevor Nami dich... nun ja, ‚zivilisiert‘ hat. Diese tiefe, zerstörerische Dunkelheit, die du in dir getragen hast – das Erbe der Abtei und die Kälte der Hiwatari. Nami hat diese Dunkelheit in dir neutralisiert, aber Energie verschwindet nicht einfach, Kai.“

​Nami spürte, wie sich ihr Magen leicht zusammenzog, und sie suchte Kais Hand unter dem Tisch.

​„Könnte es sein“, sprach Vlad den Gedanken gnadenlos aus, „dass diese gefilterte Dunkelheit bei seiner Zeugung direkt in ihn hinein geflossen ist? Es ist doch mehr als auffällig. Er unterscheidet sich grundlegend von Ayumi, Ren oder der kleinen Sayuri. Er trägt diese ursprüngliche Hiwatari-Kälte in einer Reinheit in sich, die selbst dich in diesem Alter in den Schatten stellt. Er ist wie ein Destillat deines früheren Ichs...unseres Ichs – nur ohne deinen früheren Zorn, dafür mit dreifacher Intelligenz.“

​Kai starrte Vladimir sekundenlang ungläubig an. In seinem Blick mischten sich Entrüstung und jener scharfe Zynismus, den er für Vlads extremere Theorien reserviert hatte.

​„Das ist absurd, Vladimir“, entgegnete Kai schließlich, seine Stimme klang wie reibender Stein. „Du versuchst, biologische Fakten und Erziehung mit pseudowissenschaftlicher Metaphysik zu erklären, nur um deine eigene Faszination für das Düstere zu füttern.“

​„Vielleicht“, erwiderte Vlad und zuckte mit den Schultern, während er seinen Tee nippte. „Aber schau ihn dir an. Er ist kein normales Kind. Er ist ein Raubtier, das gelernt hat, höfliche Sätze zu bilden. Es war nur so ein Gedanke, Bruder. Aber sag mir nicht, dass du dich nicht auch manchmal fragst, was wirklich hinter dieser Fassade aus Kalkül steckt.“

​Nami drückte Kais Hand fester. Sie sah, wie sehr die Worte bei ihm arbeiteten, auch wenn er es niemals zugeben würde.

Sie spürte, wie die Luft im Raum dünner wurde. Kais Kiefer war so fest angespannt, dass sie fast das Knirschen hören konnte, und Vlad beobachtete seinen Bruder mit jener unerträglichen Selbstgefälligkeit, die er immer an den Tag legte, wenn er einen wunden Punkt getroffen hatte.

​Sie stellte ihre Teetasse mit einem absichtlich harten Klacken auf den Tisch, um die frostige Stille zu durchbrechen.

​„Vladimir, das reicht“, sagte sie ruhig, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. Sie sah dem älteren Hiwatari direkt in die Augen. „Du sprichst über Gou, als wäre er ein Laborexperiment oder ein Fluch aus der Vergangenheit. Er ist ein Junge, kein ‚Destillat von Dunkelheit‘.“

​Sie wandte ihren Blick zu Kai, der immer noch starr auf seinen Bruder fixiert war, und legte ihre Hand sanft auf seine Wange, um seinen Fokus zurück zu ihr zu holen.

​„Gou ist nicht kalt, weil er von irgendeiner Dunkelheit besessen ist“, fuhr sie fort, nun wieder weicher. „Er ist ein Analytiker. Er beobachtet die Welt mit einer Intensität, die wir vielleicht nicht immer verstehen, aber er tut es mit einer unglaublichen Integrität. Ja, er ist Kai sehr ähnlich – er hat denselben Stolz und dieselbe Ernsthaftigkeit. Aber er hat auch ein tiefes Mitgefühl, das er nur nicht so plakativ zeigt wie andere Kinder. Er beschützt seine Geschwister mit einer Hingabe, die nichts mit Kälte zu tun hat.“

​Tyson nickte langsam und kratzte sich am Hinterkopf. „Da hat sie recht, Vlad. Der Junge ist zwar ein kleiner Professor im Stadium, aber wenn Ren sich das Knie aufschlägt oder Ayumi ihren Blade verliert, ist Gou der Erste, der zur Stelle ist. Er analysiert dann zwar erst mal die Wunde, aber er geht nicht weg, bis alles wieder okay ist.“

​Nami lächelte Tyson dankbar zu und sah dann wieder zu Vlad. „Er unterscheidet sich von den Zwillingen, weil er die Bürde des Erstgeborenen trägt. Er spürt die Erwartungen, die auf dem Namen Hiwatari lasten, viel deutlicher als die Kleinen. Was du als Dunkelheit bezeichnest, Vladimir, ist in Wahrheit Disziplin und ein extrem hoher Anspruch an sich selbst. Er filtert nicht Kais Vergangenheit – er formt seine eigene Zukunft.“

​Kai atmete tief durch und die Anspannung in seinen Schultern löste sich merklich. Er legte seine Hand über Namis, die immer noch auf seiner Wange ruhte, und sah Vlad mit einem nun wieder kühlen, aber gefassten Blick an.

​„Du hast eine blühende Fantasie, Vlad.“, sagte Kai trocken. „Vielleicht solltest du weniger Zeit damit verbringen, über meine DNA zu philosophieren, und mehr damit, sicherzustellen, dass dein eigenes Leben nicht nur aus Provokationen besteht. Gou ist mein Sohn. Und er wird seinen Weg gehen, ohne dass du ihn in eine Schublade aus deiner russischen Nostalgie steckst.“

​Vladimir hob die Hände in einer Geste der Kapitulation, doch das amüsierte Funkeln in seinen Augen blieb. „Schon gut, schon gut. Ich wollte die Idylle nicht zerstören. Es ist nur... faszinierend zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln.“
 

Nami beobachtete durch die geöffnete Schiebetür, wie Gou und Makoto im zweiten Saal das Kendo-Training begannen. Trotz der Ernsthaftigkeit seiner Bewegungen gab es einen entscheidenden Unterschied zu der düsteren Entschlossenheit, die Kai in seiner Jugend ausgezeichnet hatte: Gou hatte sichtlich Freude an der Herausforderung.

​Als Makoto einen besonders geschickten Treffer landete, der Gou fast aus dem Gleichgewicht brachte, blitzte kein Zorn in den Augen des Jungen auf. Stattdessen verharrte er kurz, ein ehrliches, schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen, und er stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus.

​„Beeindruckend, Makoto. Deine Schwerpunktverlagerung war unvorhersehbar“, bemerkte Gou, während er sein Holzschwert neu ausrichtete. Sein Blick war hell und lebendig, weit entfernt von der emotionalen Taubheit, die Kais frühe Jahre geprägt hatte.

​Nami schlich sich wieder in die Runde im Teezimmer, ein triumphierender Glanz in den Augen. „Er lächelt. Er hat Spaß. Er genießt den Wettbewerb und die Kameradschaft.“

​Sie sah zu Kai. Er erinnerte sich nur zu gut an die bittere Kälte seiner eigenen Ausbildung in der Abtei – ein Ort, an dem ein Lächeln als Schwäche galt und Freude unbekannt war. Gou hingegen war in einem Haus voller Liebe und Lachen aufgewachsen, und das spiegelte sich in seinem Wesen wider. Er war zwar ein Hiwatari, aber er war kein Gefangener seines Namens.

​„Er hat eine Wahl, die ich damals nicht hatte“, sagte Kai leise, fast mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Er kämpft, weil er es will, nicht weil er muss. Das ist der entscheidende Unterschied.“

​Tyson grinste und klopfte lautstark auf den Tisch. „Ganz genau! Er ist ein Genie, sicher, aber er ist ein glückliches Genie. Und jetzt Schluss mit der düsteren Philosophie. Wir haben morgen einen großen Tag vor uns.“

Eine Stunde später...

Das Ayame-Anwesen strahlte im Licht der Abenddämmerung eine zeitlose Ruhe aus, als die Kolonne der Wagen hinter dem schweren Eisentor hielt. Drinnen war es alles andere als still. Kaum hatte sich die Haustür geöffnet, kam die kleine Sayuri wie ein kleiner, weißhaariger Wirbelsturm den Flur entlanggelaufen.

​„Papa! Mama!“, rief sie mit ihrer hellen Stimme. Sie ignorierte alle anderen und steuerte direkt auf Kai zu, der instinktiv in die Knie ging, um sie aufzufangen. Sie klammerte sich an seinen Hals, ihre magentafarbenen Augen leuchteten vor Freude. „Du warst so lange weg, Papa!“

​Kai hob sie mühelos hoch, ein seltenes, weiches Lächeln auf den Lippen, das nur seinen Kindern vorbehalten war. Als sie sich kurz darauf im großen Esszimmer niederließen – Graham hatte ein beeindruckendes Buffet mit japanischen und russischen Spezialitäten vorbereitet – bestand Sayuri darauf, auf Kais Schoß zu sitzen. Der sonst so unnahbare CEO der Tachiwari-Corporation schnitt ihr geduldig kleine Stücke vom gedämpften Fisch, während sie mit ihren Beinen baumelte.

​Nami beobachtete die Szene mit einem wohligen Gefühl, bevor ihr Blick zu Vladimir wanderte, der sich gerade ein Glas Wein einschenkte und die familiäre Idylle mit gewohntem Zynismus betrachtete.

​„Vladimir“, begann Nami und lehnte sich mit einem Glas Wasser zurück. „Du meintest heute Mittag, du wolltest nach Misha sehen. Wie ist die Lage im Hotel? Hat sie sich beruhigt, oder müssen wir morgen mit einer sehr wütenden Russin Backstage rechnen?“

​Vladimir schwenkte seinen Wein und ein maliziöses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sauer ist gar kein Ausdruck, Nami. Sie hat mich mit einer Vase beworfen, als ich die Suite betrat. Sie ist außer sich, weil ihre Beine immer noch zittern und sie beim Versuch, in ihren geliebten Absätzen zum Fahrstuhl zu gehen, kläglich gescheitert ist.“

​Nami zog eine Braue hoch. „Nun ja, sie hätte theoretisch noch knapp vierundzwanzig Stunden Zeit, sich zu erholen. Mit genügend Kühlung und Ruhe könnte sie morgen Abend vielleicht doch...“

​„Oh, das habe ich bedacht“, unterbrach Vlad sie trocken. „Sie hat mir dasselbe gesagt. Sie wollte unbedingt auftreten, nur um dir und Lumina die Show zu stehlen. Also habe ich getan, was ein Hiwatari tun muss: Ich habe Verhandlungen geführt.“

​Kai sah von Sayuri auf, seine Augen verengten sich. „Welche Art von Verhandlungen, Vlad?“

​„Ich habe sie verführt“, erklärte Vlad mit einer so beiläufigen Ehrlichkeit, dass Nami fast an ihrem Tee erstickte. „Ich habe ihr hoch und heilig versprochen, dass wir den Nachmittag ganz entspannt angehen und ich sie diesmal nicht überfordern würde. Ich war sehr überzeugend. Sie hat mir geglaubt.“

​Er nahm einen genüsslichen Schluck Wein und zuckte mit den Schultern. „Natürlich habe ich gelogen. Sagen wir einfach... Misha wird morgen Abend definitiv nicht in der Lage sein, einen Laufsteg zu betreten. Sie wird froh sein, wenn sie schmerzfrei bis zum Buffet kommt. Sie ist offiziell außer Gefecht gesetzt.“

​Nami schüttelte fassungslos den Kopf, während sie ein Lachen unterdrückte. „Du bist wirklich skrupellos, Vladimir.“

​„Ich habe nur das Problem an der Wurzel gepackt“, erwiderte er ungerührt. „Jetzt haben wir Platz für Lumina, und die Show bleibt in der Familie. Kein Grund, mir zu danken.“

Nami stellte ihr Glas ab und sah Vladimir mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und dunkler Belustigung an. „Du hast sie also nicht nur aus dem Weg geräumt, sondern sie regelrecht sabotiert. Warum der ganze Aufwand? Nur um Marcella in den Wahnsinn zu treiben oder weil du Misha einfach nicht mehr sehen kannst?“

​Vladimir lehnte sich bequem zurück, legte einen Arm über die Rückenlehne seines Stuhls und beobachtete, wie Sayuri auf Kais Schoß zufrieden an einer Erdbeere knabberte. Ein arrogantes, aber tiefenentspanntes Lächeln umspielte seine Lippen.

​„Ganz ehrlich, Nami? Zu Beginn war das gar nicht mein Plan“, gab er unumwunden zu. „Ich hatte keine gezielte Sabotage im Sinn, als ich sie gestern in meine Suite einlud, ich wollte ihr lediglich an die Wäsche. Aber während der Verhandlungen wurde mir klar, wie viel... ästhetischer die Show wäre, wenn man diese falsche russische Schlange durch jemanden mit echtem Feuer ersetzt. Ich wollte Lumina zusammen mit dir auf diesem Laufsteg sehen. Die optische Synergie zwischen euch beiden ist einfach zu perfekt, um sie einer Misha Petrova zu überlassen.“

​Er hielt kurz inne und ein verräterisches Funkeln trat in seine Augen. „Und mal ganz abgesehen vom geschäftlichen Nutzen... ich hatte einfach verdammt viel Spaß dabei, im Bett mal wieder so richtig die Sau rauszulassen. Es war eine körperliche Notwendigkeit. Ich war seit Monaten nicht mehr so tiefenentspannt wie heute Nachmittag.“

​„Du bist ein Monster, Vlad“, murmelte Nami, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.

​Vladimir ignorierte den Kommentar und wandte sich direkt an seinen Bruder. Er musterte Kais ruhige, fast schon sanfte Art mit Sayuri und die Art, wie er Nami ansah. „Schau dich doch an, Kai. Erzähl mir nicht, dass es bei dir anders ist. Wir Hiwataris brauchen dieses Ventil. Ich sehe es dir an – du bist heute sicher auch wesentlich erträglicher als noch letzte Woche. Nami scheint ihren Job als ‚Blitzableiter‘ für dein Temperament ja hervorragend zu erledigen.“

​Kai hob langsam den Kopf. Er schenkte seinem Bruder einen eisigen, warnenden Blick aus seinen rubinroten Augen, doch er widersprach ihm nicht. Die Erinnerung an den Morgen und das „vibrierende Haus“ war noch zu präsent, als dass er Vlads Theorie der körperlichen Entspannung hätte leugnen können.

​„Iss deinen Fisch, Vladimir“, sagte Kai nur mit einer gefährlich leisen Stimme. „Und pass auf, dass du dich nicht an deinen eigenen Lügen verschluckst. Außerdem sitzen hier Kinder mit am Tisch. Also bitte etwas Diskretion.“

​„Keine Lügen, nur Beobachtungen...außerdem weiß der Großteil deiner Kinder doch noch gar nicht worüber wir reden, also entspann dich.“, erwiderte Vlad ungerührt und hob sein Weingut in einer spöttischen Geste. „Auf die Familie. Und auf die Beine meiner Frauen, die morgen hoffentlich stabiler sind als die von Misha.“

Kai legte die Gabel weg und sah Vladimir mit einer kühlen, beinahe klinischen Präzision an, während Sayuri sich nun zufrieden an seine Brust lehnte. „Deine Analyse hinkt, Vladimir“, bemerkte Kai trocken. „Du warst letzte Woche überhaupt nicht im Tower. Also spiel dich nicht als Beobachter meiner Launen auf.“

​Vladimir lachte leise, ein dunkles, amüsiertes Grollen, und nippte an seinem Wein, bevor er Kai über den Rand des Glases hinweg ansah. „Ich muss nicht physisch anwesend sein, um zu wissen, wann du die Belegschaft wie einen Trupp Sträflinge behandelst, kleiner Bruder. Ich habe hervorragende Ohren in diesem Gebäude, und die Berichte über deine... sagen wir, ‚eisige Effizienz‘ letzte Woche waren sehr aufschlussreich, als ich gestern im Tower war und nach dir gesucht hatte. Die Sekretärinnen haben mir alles erzählt, nachdem ich ihnen ein nettes Lächeln und ein paar liebe Worte geschenkt hatte.“

​Er stellte das Glas ab und grinste Kai dreist an. „Außerdem...man braucht kein Genie zu sein, um zu merken, wenn der große Kai Hiwatari unter Strom steht. Und heute? Heute wirkst du fast schon... zahm. Ein Wunder, was ein wenig körperlicher Ausgleich bewirken kann, nicht wahr?“

​Kai schenkte ihm einen Blick, der einen schwächeren Mann in Flammen gesetzt hätte, doch Vlad war gegen Kais Aura immun.

​Nachdem das Abendessen beendet war und Graham sowie Claire die Kinder – unter einigem Protest von Ren und Ayumi – nach oben gebracht hatten, kehrte endlich Ruhe in das Anwesen ein. Vladimir hatte sich mit einer Flasche feinstem Cognac verabschiedet, nicht ohne Nami noch einmal zuzuzwinkern.

​Kai und Nami traten wenig später hinaus in den Garten. Die sommerliche Nachtluft war mild und roch nach feuchter Erde und den späten Blüten des Anwesens. Die Lichter von Tokio glimmten am Horizont wie ein ferner Feuersturm, doch hier, am Rande der Stadt, herrschte eine fast sakrale Stille.

​Sie gingen schweigend bis zum kleinen Steinteich. Kai blieb stehen und legte seine Arme von hinten um Nami, wobei er sein Kinn auf ihrer Schulter ablegte.

​„Er ist ein arroganter Bastard“, murmelte Kai gegen ihr Ohr, seine Stimme nun völlig frei von der geschäftlichen Härte. „Aber leider hat er ein Talent dafür, die Dinge beim Namen zu nennen.“

​Nami lehnte ihren Kopf zurück und schloss die Augen, während sie seine Wärme genoss. „Er provoziert gerne, Kai. Aber er hat recht damit, dass wir heute beide... entspannter sind. Auch wenn seine Methoden bei Misha mehr als fragwürdig waren.“ Sie lachte leise. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass er sie regelrecht außer Gefecht gesetzt hat, nur damit Lumina laufen kann.“

​„Das ist Vladimir“, sagte Kai und drehte sie in seinen Armen zu sich um. Seine roten Augen leuchteten im fahlen Mondlicht. „Er zerstört, was ihm nicht passt, und baut es nach seinen Wünschen wieder auf. Aber morgen geht es nicht um ihn. Morgen geht es um dich. Und um Lumina.“

​Er strich ihr eine weiße Strähne aus dem Gesicht. „Bist du bereit? Die ganze Welt wird zusehen.“

​Nami lächelte, legte ihre Hände in seinen Nacken und sah ihn fest an. „Mit dir in der ersten Reihe? Ich war noch nie bereiter.“
 

Kai zog Nami noch ein Stück enger an sich, während die Stille des Gartens sie wie ein schützender Mantel umhüllte. Er beugte sich vor und küsste sie – erst zärtlich, fast vorsichtig, dann immer tiefer und fordernder, als wollte er den Geschmack ihrer Nähe für die bevorstehenden anstrengenden Stunden der Modenschau konservieren.

​Als er sich schließlich ein wenig löste, blieb er ihr so nah, dass seine Lippen bei jedem Wort ihre Haut streiften. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und flüsterte ihr heiß ins Ohr: „Hast du eigentlich auf das Datum geachtet? Morgen ist die Mitte des Monats.“

​Nami spürte, wie ihr Herzschlag bei seinen Worten augenblicklich beschleunigte. Sie wusste genau, was das bedeutete.

​„Eigentlich wäre das das Wochenende, an dem wir die Kinder bei deinen Eltern ‚abladen‘“, raunte er weiter, während sein Griff um ihre Taille merklich fester wurde, fast schon besitzergreifend. „Das Wochenende, an dem ich dich durch dieses Anwesen jage, bis du keine Kraft mehr zum Weglaufen hast.“

​Ein dunkles, kehliges Lachen entrann seiner Brust. Er drückte seinen Körper fest gegen ihren, und Nami konnte die unterdrückte Spannung in seinen Muskeln spüren. „Ich muss Vladimir in einem Punkt recht geben: Ich bin nach einer Jagd am zufriedensten. Die Intensität, die Jagd, das Gefühl, dich endlich zu stellen und zu nehmen... es gibt nichts, was mich mehr erdet.“

​Er küsste die empfindliche Stelle unter ihrem Ohr und fügte mit einer Spur von dunklem Amüsement hinzu: „Und ich bin verdammt froh, dass Vlad absolut keine Ahnung von diesem speziellen Hobby hat. Er glaubt, er wüsste alles über uns, aber das hier... das gehört nur uns.“

​Nami schauerte wohlig in seinen Armen. Sie legte den Kopf in den Nacken, suchte seinen Blick und strich mit ihren Fingern sanft über seine Lippen. Ein schelmisches, versprechendes Lächeln trat auf ihre Lippen.

​„Die Show morgen wird uns viel abverlangen, Kai“, flüsterte sie zurück, ihre Stimme belegt von der plötzlichen Hitze zwischen ihnen. „Aber ich verspreche dir: Sobald der Trubel vorbei ist, gehört das nächste Wochenende nur uns beiden. Keine Kameras, keine Termine, kein Vladimir. Nur du, ich und die Jagd.“

​Kai sah sie aus seinen rubinroten Augen an, in denen nun ein gefährliches, hungriges Feuer brannte. Er gab sich mit diesem Versprechen für den Moment zufrieden, presste seine Stirn gegen ihre und atmete tief ihren Duft ein.

Die Show beginnt

Am Nachmittag zuvor in einem anderen Teil der Stadt...
 

In der luxuriösen Suite des Grand Hotels herrschte eine Atmosphäre, die man nur als „hochgradig toxisch“ beschreiben konnte. Misha lag vergraben unter seidenen Laken, das Gesicht in die Kissen gepresst, während sie russische Flüche murmelte, die selbst einen Hafenarbeiter hätten erröten lassen.

​Vladimir hingegen stand in seinem makellosen Hemd am Fenster und genoss die Aussicht auf den Tokyo Tower. Er wirkte so frisch und erholt, als käme er gerade von einem einwöchigen Wellness-Urlaub in den Alpen. Mit einer beiläufigen Eleganz nippte er an seinem Espresso.

​„Du bist ein Teufel, Vladimir. Ein arroganter Teufel!“, zischte Misha, als sie versuchte, sich aufzusetzen. Ein schmerzverzerrtes Gesicht später sickerte sie wieder in die Matratze zurück. Ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, und der bloße Gedanke an die 12-Zentimeter-Absätze, die Miyako für sie vorgesehen hatte, löste Übelkeit aus. „Du hast das mit Absicht getan. Du wusstest genau, dass ich morgen diesen Laufsteg betreten muss!“

​Vladimir drehte sich langsam um, ein amüsiertes Funkeln in seinen dunklen Augen. Er trat ans Bettende und betrachtete sie mit einer Mischung aus Spott und gespieltem Mitleid.

​„Misha, Liebes, mäßige deinen Ton“, sagte er sanft, doch seine Stimme troff vor Ironie. „Ich habe dich zu absolut gar nichts gezwungen. Wenn ich mich recht entsinne, warst du es, die meinte, ich solle bloß nicht aufhören. Du warst sehr... enthusiastisch.“

​Misha warf ein Kissen nach ihm, das er mühelos mit einer Hand auffing. „Du hast gelogen! Du hast gesagt, wir lassen es heute ruhig angehen!“

​„Oh, das habe ich versucht“, entgegnete Vlad trocken und legte das Kissen ordentlich auf einen Sessel. „Aber ich war wohl einfach zu gut mit meinen Küssen und meinen kleinen... Neckereien. Du konntest der Versuchung nicht widerstehen, und wer könnte es dir verübeln? Es ist ein Hiwatari-Fluch. Wir sind einfach zu mitreißend, wenn wir uns erst einmal gehen lassen.“

​Er trat näher und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn, während sein Grinsen breiter wurde. „Sieh es positiv: Du sparst dir den Stress des Rampenlichts und die giftigen Kommentare von Marcella. Es wurde bereits veranlasst, dass Lumina deinen Platz einnimmt. Sie und Nami werden ein wunderbares Bild abgeben.“

​Misha starrte ihn fassungslos an. „Welche Lumina? Lumina Valkov? Das war dein Plan! Du hast mich für deine Familie geopfert!“

​„Geopfert ist so ein hässliches Wort“, korrigierte er sie beiläufig, während er sich sein Sakko überwarf und einen Blick in den Spiegel warf. Er rückte seine Krawatte zurecht und sah verdammt zufrieden mit sich selbst aus. „Ich würde eher sagen, ich habe dir eine Nacht und einen Nachmittag voller Ekstase geschenkt, die du so schnell nicht vergessen wirst. Dass du danach nicht mehr laufen kannst, ist lediglich ein... biologischer Kollateralschaden. Das konnte ja nun wirklich Niemand vorraussehen.“

​Er nahm seine Autoschlüssel vom Nachttisch und zwinkerte ihr zu. „Ich schicke dir später eine Flasche Champagner und ein paar Kühlpads aufs Zimmer. Genieß die Ruhe, Misha. Ich muss los – ich will nicht verpassen, wie mein Bruder reagiert, wenn er sieht, dass ich heute der entspannteste Mann im ganzen Dojo bin.“

​Mit einem letzten, arroganten Lächeln verließ er die Suite und hinterließ eine zutiefst frustrierte, aber körperlich völlig erschöpfte Misha.
 

Zurück zum Tag danach...der Tag der Show....
 

Während das Ayame-Anwesen noch in der kühlen Stille des Morgengrauens lag, pulsierte das Leben in Shinjuku bereits. In dem luxuriösen Penthouse, das einen weiten Blick über die gläsernen Giganten des Viertels bot, war die Nacht für Lumina schon vor Stunden zu Ende gewesen.

​Lumina stand vor dem riesigen Ganzkörperspiegel in ihrem Ankleidezimmer. Das Licht der Morgensonne brach sich in den Glasfronten und tauchte ihre blasse Haut in ein fast unnatürliches Leuchten. Sie trug lediglich einen hauchdünnen, seidenen Morgenmantel, der ihre Ähnlichkeit zu Nami in diesem Moment fast schon unheimlich machte.

​Tala lehnte im Türrahmen, eine Tasse starken, schwarzen Kaffee in der Hand. Er beobachtete seine Frau schweigend. Sein Blick wanderte über ihre Silhouette, und auch wenn er mitlerweile die Ruhe selbst war, spürte er eine leichte Anspannung bei dem Gedanken an den heutigen Abend.

​„Du hast den Walk jetzt schon zum zehnten Mal im Geist korrigiert, Lumina“, sagte er mit seiner tiefen, rauen Stimme. „Setz dich und trink etwas. Du wirst heute noch genug stehen.“

​Lumina drehte sich zu ihm um, ihre magentafarbenen Augen blitzten vor Aufregung, und dieses für sie so typische, strahlende Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Ich kann nicht sitzen, Tala! Marcella hat gesagt, dieses Kleid verzeiht keinen einzigen Millimeter Unsicherheit. Und da Misha jetzt ‚zufällig‘ ausfällt, liegt der Fokus doppelt auf mir und Nami.“

​Sie trat auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine Brust, wobei sie ihn herausfordernd ansah. „Gesteh es ein: Du hast nur Angst, dass ich auf dem Laufsteg zu gut aussehe und die Sicherheitsmänner dich zurückhalten müssen, wenn die Fotografen durchdrehen.“

​Tala stellte die Tasse auf einer Kommode ab und legte seine Hände an ihre Taille. Sein Griff war fest, eine stumme Erinnerung an seinen Besitzanspruch. „Ich habe keine Angst vor Fotografen, Lumina. Aber die Vorstellung, dass du in diesem... ‚Hauch von Mondschein‘, wie du es nanntest, vor tausend Menschen stehst, gefällt mir immer weniger.“

​Er beugte sich zu ihr hinunter, seine Stimme wurde zu einem gefährlichen Flüstern. „Vielleicht sollte ich Vladimir nacheifern und dich ebenfalls ‚außer Gefecht‘ setzen, bevor wir das Haus verlassen.“

​Lumina lachte hell auf und legte den Kopf in den Nacken. „Nette Idee, mein attraktiver Beschützer, aber im Gegensatz zu Misha weiß ich, wie man mit einem Valkov verhandelt. Außerdem hat Nami mich bereits als Partnerin fest eingeplant. Willst du sie etwa enttäuschen?“

​Tala knurrte leise, doch sein Blick wurde weicher. Er wusste, dass er sie nicht aufhalten konnte – und tief im Inneren war er stolz auf ihre Ausstrahlung, auch wenn er es vorzog, diese Schönheit für sich allein zu haben. „Niemals. Aber beschwer dich nicht, wenn ich dich nach der Show schneller aus der Fabrikhalle bringe, als Marcella ‚Couture‘ sagen kann.“

​Lumina drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. „Abgemacht. Aber jetzt... ich muss Nami anrufen. Wir müssen die Synchronität der Schritte noch einmal besprechen. Die Welt soll heute Abend zwei Schönheiten sehen, die sie nie wieder vergisst.“
 

Der Abend der „Orchid-Night“ war gekommen, und die Atmosphäre vor der Location war bereits Stunden vor Beginn elektrisierend. Das rohe Mauerwerk und die rostigen Stahlträger bildeten den perfekten, harten Kontrast zu der fließenden Seide und der zerbrechlichen Eleganz von Miyako Bouviers Kollektion.

​Dutzende von Scheinwerfern schnitten durch die einsetzende Dämmerung und tauchten die Backsteinfassade in ein tiefes Violett. Ein endlos langer roter Teppich rollte sich von der Bordsteinkante bis zu den massiven Doppeltüren der Halle aus, flankiert von Absperrungen, hinter denen sich die internationale Presse wie ein Rudel hungriger Wölfe drängte.

​Als der dunkelgrüne Bentley der Hiwataris vorfuhr, explodierte das Blitzlichtgewitter.

​Kai stieg zuerst aus. Er trug einen maßgeschneiderten, schwarzen Anzug, dessen Stoff das Licht der Blitze fast aufzusaugen schien. Seine Ausstrahlung war so unterkühlt und autoritär, dass die vorderste Reihe der Fotografen instinktiv einen halben Schritt zurückwich. Er reichte Nami die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen.

​Nami war die personifizierte Eleganz. In einem schlichten, aber hochmodernen Mantel, der ihre Figur betonte, stieg sie aus, ihr silberweißes Haar perfekt frisiert. Sofort schossen die Mikrofone der Reporter über die Absperrung.

​„Mr. Hiwatari! Einen Moment bitte!“

„Nami, werden wir Sie heute wirklich auf dem Laufsteg sehen?“

„Bitte beantworten sie ein paar Fragen!“

​Kai ignorierte die Fragen mit einer derartigen Souveränität, dass es fast schon beleidigend wirkte. Sein Blick war starr nach vorne gerichtet, eine Hand fest in Namis Rücken, während er sie zielsicher durch das Chaos aus Licht und Lärm steuerte. Er war nicht hier, um Interviews zu geben; er war hier, um sein Revier und seine Frau zu markieren.

​Kurz vor dem Eingang wartete der sprichwörtliche Fels in der Brandung: Armon, Kais Sicherheitschef. Mit seinen zwei Metern Körpergröße und den Schultern eines Preisboxers wirkte er in seinem schwarzen Anzug wie eine unüberwindbare Mauer. Sein ungerührtes aber ernstes Gesicht blieb völlig unbewegt, während er das digitale Tablet in seiner gewaltigen Hand hielt.

​„Abend, Sir. Ma’am“, brummte Armon, als Kai und Nami ihn erreichten. Sein Blick scannte die Umgebung in Sekundenbruchteilen, bevor er die Gästeliste auf dem Screen abhakte. Er nickte den Sicherheitsleuten an den Türen zu, die sofort den Weg freigaben. „Alles gesichert. Die VIP-Lounge ist bereit.“

​„Gute Arbeit, Armon“, erwiderte Kai knapp.

Nur wenige Augenblicke später rollte ein weiterer Wagen vor – ein tiefschwarzer Sportwagen, dem Tala und Lumina entstiegen. Das Blitzlichtgewitter nahm noch einmal an Intensität zu, als die Presse die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Lumina und Nami bemerkte.

​Lumina genoss das Bad in der Menge sichtlich. Sie schenkte den Kameras ein strahlendes, fast schon provokantes Lächeln, während Tala, der wie ein finsterer Schatten an ihrer Seite ging, seine Hand besitzergreifend auf ihre Hüfte legte. Sein Blick signalisierte jedem Fotografen unmissverständlich, dass ein zu nahes Herantreten gesundheitsschädlich enden würde.

​„Sieh dir das an, Tala“, flüsterte Lumina, während sie elegant über den Teppich schritt. „Man könnte meinen, wir wären die Hauptattraktion.“

​„Für mich bist du das einzige, was zählt“, brummte Tala zurück, während er Armon am Eingang zunickte. Die beiden Männer tauschten einen kurzen, respektvollen Blick aus – zwei Krieger, die die Sicherheit ihrer Kreise absolut ernst nahmen.

​Als letztes traf Vladimir ein. Er kam alleine, wirkte unverschämt gut gelaunt und trug ein hämisches Grinsen zur Schau, während er den Reportern im Vorbeigehen lässig zuwinkte, ohne eine einzige Frage zu beantworten. Er passierte Armon mit einem spöttischen „Immer noch so wortkarg, Armon?“, worauf der Sicherheitschef lediglich mit einem reglosen Starren antwortete.
 

In der exklusiven VIP-Lounge herrschte ein gedämpftes Licht, das von gläsernen Champagner-Pyramiden reflektiert wurde. Kai, Tala und Vladimir standen bereits in einer lockeren, aber atmosphärisch aufgeladenen Runde, während die Kellner in fast lautloser Präzision die Gläser füllten.

​Gerade als Nami den Rand ihres Glases an die Lippen setzen wollte, hielt sie inne. Eine tiefe, ruhige Stimme, die sie überall auf der Welt erkannt hätte, schnitt durch das Gemurmel der geladenen Gäste.

​„Ich hatte gehofft, dass wir pünktlich genug sind, um euch vor dem großen Chaos noch zu erwischen.“

​Nami wirbelte herum. „Vater? Hana?“

​Ein paar Meter entfernt stand Hiro Tachiba, in einem perfekt sitzenden, traditionellen Anzug, der seine Autorität unterstrich. An seiner Seite stand Hana, Namis ältere Schwester. Nami stellte ihr Glas beiseite und eilte auf sie zu. Es war Monate her, dass sie sich gesehen hatten, da Hanas Leben als Anwältin und Mutter in Osaka sie meist voll in Anspruch nahm.

​Hana war eine Erscheinung, die selbst in diesem Raum voller Prominenz für ein kurzes Schweigen sorgte. Sie war minimal größer als Nami und besaß dieselbe weiblich grazile, fast identische Figur. Ihr silbrig weißes Haar war – im Gegensatz zu Namis Wellen – vollkommen glatt und fiel wie ein schwerer Seidenvorhang bis hinunter zu ihrem Gesäß. Ihre amethystfarbenen Augen leuchteten auf, als sie Nami umarmte.

​„Die Überraschung scheint geglückt zu sein“, sagte Hiro mit einem seltenen Schmunzeln. Er wandte sich an die Gruppe und nickte Kai respektvoll zu. „Die Plätze auf der Gästeliste waren knapp, und deine Mutter ist ohnehin kein Fan von solch lautstarken Veranstaltungen. Deshalb hat Hana ihren Mann und die Mädchen für ein Wochenende in Osaka gelassen, um mich zu begleiten.“

​Vladimir, der bisher schweigend im Hintergrund gestanden hatte, trat nun einen Schritt vor. Sein Blick wanderte von Nami zu Hana und blieb dort hängen. Er musterte sie mit einer unverhohlenden, fast schon raubtierhaften Intensität, die Nami sofort ein ungutes Gefühl in der Magengegend bescherte. Es war dieser ganz spezielle „Hiwatari-Blick“, den sie nur zu gut kannte.

​Bevor die Stille unangenehm werden konnte, ergriff Hiro die Initiative. Er bemerkte Vladimirs starren Blick, blieb aber vollkommen gelassen und trat auf ihn zu.

​„Sie müssen Vladimir sein, Kais Bruder“, sagte Hiro mit einer verbindlichen Höflichkeit und reichte ihm die Hand. „Mein Name ist Hiro Tachiba, CEO von Tachibey Industries und Vorstandsvorsitzender von Tachiwari. Es ist mir ein Vergnügen, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“

​Vladimir riss seinen Blick mühsam von Hana los und erwiderte den Händedruck, wobei sein arrogantes Lächeln sofort wieder an seinen Platz zurückkehrte. „Tachiba. Ein Name, der in der Branche Gewicht hat. Und wie ich sehe, scheint Schönheit in Ihrer Familie eine genetische Grundvoraussetzung zu sein.“

​Hana erwiderte Vlads Blick mit der kühlen Distanz einer erfahrenen Anwältin, was sein Interesse sichtlich nur noch mehr schürte.
 

In der Lounge entstand ein Bild von seltener Ästhetik, als sich die drei Frauen mit den silbrig weißen Haaren in der Mitte des Raumes zusammenfanden. Hana und Lumina umarmten sich herzlich; als Cousinen hatten sie schon immer eine besondere Verbindung gehabt, auch wenn die Distanz zwischen Osaka und Shinjuku Treffen selten machte.

​„Du siehst umwerfend aus, Lumina“, sagte Hana mit ihrer ruhigen, melodischen Stimme. „Nami hat mir erzählt, dass du heute Abend das Zepter übernimmst.“

​Vladimir nutzte den Moment, in dem Hana sich aus der Umarmung löste, und trat einen Schritt näher an sie heran. Er neigte den Kopf leicht, sein Blick war nun weniger raubtierhaft, dafür voller Kalkül. „Ich muss korrigieren, was ich vorhin sagte“, begann er mit seiner tiefen, samtigen Stimme. „In Ihrer Gegenwart wirkt selbst der teuerste Champagner dieses Hauses wie abgestandenes Wasser. Es ist fast schon eine Beleidigung für die Ästhetik, dass Sie in Osaka ‚feststecken‘, Hana.“

​Nami und Kai wechselten einen besorgten Blick – sie erwarteten, dass die kühle Anwältin Vladimir mit einem scharfen Kommentar in die Schranken weisen würde. Doch zu ihrer absoluten Überraschung geschah das Gegenteil. Hana sah Vladimir direkt in die Augen, und für einen flüchtigen, intensiven Moment erwiderte sie sein Spiel. Ihr Blick wurde fast schon verführerisch, ein gefährliches Glimmen in ihren amethystfarbenen Augen, das Vladimir für eine Sekunde tatsächlich aus dem Konzept brachte. Dann, so schnell wie es gekommen war, fiel die Maske der Unnahbarkeit wieder an ihren Platz.

​„Ein charmanter Vergleich, Vladimir“, erwiderte sie kühl, doch mit einem kaum merklichen Lächeln. „Aber passen Sie auf, dass Sie sich nicht am Glas schneiden.“

​Bevor Nami die Situation weiter analysieren konnte, spürte sie den sanften Druck ihres Vaters am Ellbogen. Hiro führte sie ein paar Schritte weg von der Gruppe, in den Schatten einer großen Monstera-Pflanze. Sein Gesicht wirkte plötzlich gealtert, die Falten um seine Augen tiefer.

​„Nami, hör mir kurz zu“, flüsterte er, während er darauf achtete, dass Hana sie nicht beobachtete. „Ich möchte, dass du heute Abend in den Pausen ein Auge auf deine Schwester hast. Sei für sie da.“

​Nami runzelte die Stirn, die Sorge stieg in ihr auf. „Vater, was ist los? Ich dachte, sie wäre nur für die Show hergekommen.“

​„Sie ist schon seit zwei Tagen bei uns Zuhause.“, gestand Hiro leise. „Sie ist regelrecht aus Osaka geflohen. Es gibt... erhebliche Probleme zwischen ihr und Zayn. Es steht anscheinend nicht gut um ihre Ehe.“

​Nami starrte ihn entsetzt an. Zayn und Hana galten immer als das perfekte Paar. „Was? Warum? Hat er ihr etwas getan? Was ist passiert?“

​Hiro hob abwehrend die Hand und sah besorgt zu Hana hinüber, die gerade ein Glas Champagner von einem Kellner entgegennahm. „Nicht hier, Nami. Nicht jetzt. Hana wollte nicht, dass ich überhaupt etwas sage, aber ich mache mir Sorgen um diese... plötzliche Waghalsigkeit in ihrem Blick. Sie soll es dir nach der Show selbst erzählen. Ich weiß leider nicht viel. Konzentrier dich jetzt auf deinen Auftritt, aber behalte sie im Kopf.“
 

Nami spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Die Worte ihres Vaters hallten wie ein dumpfer Glockenschlag in ihrem Kopf wider. Hana, die Felsenfeste, die kühle Strategin der Familie, die ihre juristischen Schlachten in Osaka mit derselben Souveränität schlug, mit der Kai die Tachiwari-Corporation führte – ausgerechnet ihre Ehe sollte vor dem Trümmerhaufen stehen?

​„Ich verstehe“, brachte Nami mühsam hervor und suchte den Blick ihrer Schwester, die gerade mit einer fast schon unheimlichen Eleganz an ihrem Champagner nippte. „Ich werde auf sie achten, Vater. Versprochen.“

​Hiro drückte ihre Hand ein letztes Mal fest, bevor er sich wieder der Gruppe anschloss, als wäre nichts gewesen. Nami hingegen fühlte sich, als stünde sie plötzlich im Auge eines Sturms. Sie musste Backstage, Marcella würde bereits die Minuten zählen, aber ihre Beine fühlten sich schwer an.

​Während Nami versuchte, ihre Fassung zu bewahren, hatte Vladimir die Lücke, die Hiro hinterlassen hatte, bereits gefüllt. Er trat so nah an Hana heran, dass er den Duft ihres Parfüms – etwas Herbes, Dunkles, das perfekt zu ihrer Ausstrahlung passte – wahrnehmen konnte.

​„Sie wirken heute Abend wie jemand, der nicht nur zur Unterhaltung hier ist, Hana“, stellte Vladimir fest, seine Stimme ein tiefes, vibrierendes Raunen. Er ignorierte die anderen Gäste vollkommen. „In Ihren Augen liegt eine Unruhe, die so gar nicht zu Ihrer perfekten Fassade passen will.“

​Hana hob das Kinn, ihre amethystfarbenen Augen funkelten im gedämpften Licht. „Vielleicht langweilt mich die Perfektion einfach nur, Vladimir. Oder vielleicht habe ich festgestellt, dass Fassaden dazu da sind, eingerissen zu werden.“

​Sie sah ihn an – nicht wie eine Anwältin einen Klienten sieht, sondern wie eine Frau, die gerade alles verloren hat und beschließt, dass die Regeln von gestern heute keine Gültigkeit mehr haben. Vladimir lächelte, ein echtes, raubtierhaftes Lächeln. Er erkannte den Schmerz hinter ihrem Stolz, und es faszinierte ihn.

​„Ein riskanter Gedanke“, erwiderte er und trat noch ein Stück näher. „Aber ich habe eine Schwäche für Risiken. Sagen Sie mir... was würde passieren, wenn ich heute Abend beschließe, diese Fassade ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen?“

​Hana lachte leise, ein kühles, fast schon gefährliches Geräusch. „Dann sollten Sie sicherstellen, dass Sie stark genug sind, um das zu ertragen, was darunter liegt.“

​Nami wollte gerade den VIP-Bereich verlassen, um durch die schwere Eisentür in den Backstage-Bereich zu schlüpfen, als eine starke Hand sich um ihr Handgelenk legte. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Kai war. Er hatte sie seit dem Gespräch mit Hiro nicht aus den Augen gelassen.

​Er zog sie sanft in eine kleine Nische hinter einem schweren Samtvorhang, weg von den neugierigen Blicken der High Society.

​„Was ist los?“, fragte er ohne Umschweife. Seine roten Augen suchten ihre, und seine Stimme war erfüllt von jener intuitiven Sorge, die er nur ihr gegenüber zeigte. „Dein Puls rast, und du bist blass. Was hat dein Vater gesagt?“

​Nami lehnte sich für einen Moment gegen seine feste Brust und atmete tief seinen vertrauten Duft ein. „Es ist Hana“, flüsterte sie. „Sie ist nicht nur zu Besuch hier. Sie ist vor Zayn geflohen. Vater sagt, ihre Ehe steht vor dem Aus, aber er wollte mir nicht sagen, warum.“

​Kai spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Er kannte Zayn – ein wohlhabender Geschäftsmann, oberflächlich charmant, aber in Kais Augen immer ein wenig zu glatt. „Probleme in Osaka also. Das erklärt Vladimirs plötzliche Fixierung. Er riecht das Blut im Wasser.“

​Er legte seine Hände an ihr Gesicht und zwang sie, ihn anzusehen. „Hör mir zu, Nami. Du kannst Hana jetzt nicht helfen, indem du dir den Kopf zerbrichst. In zehn Minuten beginnt die Show. Marcella und Miyako zählen auf dich, Lumina zählt auf dich. Und ich sitze da draußen und warte darauf, meine Frau auf diesem Laufsteg zu sehen.“

​Er beugte sich vor und küsste sie fest, fast schon fordernd, um ihre Gedanken in die Gegenwart zurückzuholen. „Geh da jetzt raus. Sei die Göttin, für die Marcella dich hält. Wir kümmern uns um Hana, sobald das Licht ausgeht. Ich werde Armon anweisen, ein Auge auf Vladimir zu haben. Er wird heute Abend keine Grenzen überschreiten, dafür sorge ich.“

​Nami nickte langsam, die Entschlossenheit kehrte in ihren Blick zurück. „Danke, Kai. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.“

​„Das wirst du nie herausfinden müssen“, erwiderte er trocken, doch mit einer unendlichen Tiefe in der Stimme. Er strich ihr noch einmal über die Wange. „Und jetzt geh. Zeig ihnen, wer eine Hiwatari ist.“

​Mit einem letzten, tiefen Atemzug riss Nami die Backstage-Tür auf. Drinnen schlug ihr die Hitze von Haarspray, Parfüm und purer Hektik entgegen. Marcella stand bereits schreiend vor einer Assistentin, während Lumina in einem Wirbel aus Seide und Nadeln feststeckte. Der Abend hatte offiziell begonnen.
 

Das Licht in der gewaltigen Halle erlosch so abrupt, dass das verbliebene Murmeln des Publikums augenblicklich in eine erwartungsvolle Stille umschlug. Nur das schwache Glimmen der Notbeleuchtung markierte noch die Umrisse des massiven, T-förmigen Laufstegs aus geschliffenem Beton.

​Plötzlich durchbrach ein tiefer, vibrierender Bass die Stille. Es war kein gewöhnlicher Soundtrack; es war ein rhythmischer, fast industrieller Beat, der perfekt mit der rauen Ästhetik der Fabrikhalle harmonierte. Dann flammten die Scheinwerfer auf – gleißendes, kühles Weiß, das den Laufsteg in ein unnatürliches Licht tauchte.

​In der ersten Reihe saßen die Männer, als wären sie Teil einer unantastbaren Phalanx.

​Kai saß in der Mitte, die Beine übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt. Sein Gesicht war eine Maske aus Stein, doch seine rubinroten Augen waren unnachgiebig auf den Vorhang am Ende des Stegs fixiert. Direkt neben ihm saß Tala, dessen Aura mindestens ebenso bedrohlich wirkte. Er wirkte wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung, die Finger seiner rechten Hand trommelten kaum merklich auf seinem Knie – ein Zeichen seiner unterdrückten Anspannung, Lumina gleich vor all diesen Menschen zu sehen.

​Auf der anderen Seite von Kai saß Vladimir. Er hatte sich lässig zurückgelehnt, doch sein Fokus lag nicht auf dem Laufsteg. Er hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und flüsterte Hana etwas ins Ohr, die direkt neben ihm Platz genommen hatte. Hana saß kerzengerade, ihre Hände im Schoß gefaltet, die amethystfarbenen Augen starr nach vorne gerichtet. Trotz ihrer beherrschten Fassade wirkte sie durch Vladimirs Nähe wie eine Saite, die kurz vor dem Zerreißen stand.

​Dann öffnete sich der schwere Samtvorhang.

​Nami trat ins Licht. Ein kollektives, atemloses Inhalieren ging durch die Menge. Miyako Bouvier hatte für den Eröffnungswalk ein Meisterwerk der Verführung entworfen, das Namis Körper wie eine zweite Haut umschloss. Es war ein fast transparentes, nachtblaues Spitzenkleid, dessen zarte florale Muster nur bis knapp über ihre Pobacken reichten. Silberne Akzente, feine Stickereien und winzige Applikationen, zogen sich wie ein schimmerndes Netz über ihre Haut.

​Um die Nippel herum war die Spitze verdichtet, ein raffinierter Schleier, der gerade genug verhüllte, um die Fantasie anzuregen, während die sanften Rundungen ihrer Brüste leicht durchschimmerten. Der Stoff, wenn man ihn denn so nennen konnte, war so fein, dass er im Scheinwerferlicht tanzte und jede Bewegung ihres Körpers mit einer fast schon sündigen Eleganz betonte. Dazu trug sie nachtblaue halterlose Strümpfe, die hoch auf ihren Oberschenkeln endeten und die Kurven ihrer Beine perfekt betonten.

​Nami bewegte sich mit einer Präzision, die jeden im Saal vergessen ließ, dass sie noch nie zuvor auf einem Laufsteg lief. Ihr Blick war kühl, distanziert und von einer erhabenen Schönheit, die eine fast unerträgliche Anziehungskraft ausstrahlte. Als sie den vordersten Punkt des Laufstegs erreichte, genau vor Kai, hielt sie für den Bruchteil einer Sekunde inne.

​In diesem Moment existierte das Blitzlichtgewitter der Fotografen nicht mehr. Es gab nur noch ihren Blick, der Kais Augen suchte und fand. Ein stummes Versprechen, eine geteilte Stärke, die weit über die Show hinausging. Ein Funke, der nur zwischen ihnen existierte, und doch so hell brannte, dass er selbst in dieser gleißenden Beleuchtung sichtbar war.

​Kai verzog keine Miene, doch Nami sah das kurze, intensive Aufleuchten in seinen Augen – jene unbedingte Anerkennung und den Besitzanspruch, den er nur ihr schenkte. Der sonst so unnahbare CEO war in diesem Moment nur der Mann, der seine Frau bewunderte.

​Bevor sie sich umdrehte, trat eine zweite Gestalt aus dem Schatten hinter dem Vorhang. Lumina. In einem Outfit, das das exakte farbliche Gegenstück zu Namis Erscheinung bildete: ein strahlendes, fast schon blendendes Silberweiß. Auch sie trug ein Spitzenkleid von ähnlicher Schnittführung und Transparenz, doch bei ihr wirkte es weniger geheimnisvoll und mehr wie pures, ungezähmtes Feuer. Ihre magentafarbenen Augen strahlten eine wilde, fast provozierende Freude aus.

​Als die beiden silberhaarigen Frauen sich in der Mitte des Laufstegs trafen, ihre Schritte perfekt synchronisiert, entstand ein Bild von solcher Macht, dass selbst die abgebrühtesten Modejournalisten ihre Notizblöcke sinken ließen. Sie waren wie zwei Seiten derselben Medaille – die dunkle, kontrollierte Eleganz und das strahlende, unbändige Feuer, beide in atemberaubender, sündiger Spitze gehüllt.

​Tala presste die Lippen zusammen, seine Augen bohrten sich in Luminas Gestalt. Sie spürte seinen Blick und schenkte ihm im Vorbeigehen ein winziges, provokantes Augenzwinkern, das nur er sehen konnte. Sein Griff um die Armlehne des Stuhls verstärkte sich merklich; er war sichtlich versucht, aufzustehen und sie von der Bühne zu holen, doch er beherrschte sich.

​Vladimir hingegen beobachtete das Spektakel mit einem amüsierten Lächeln, bevor er seinen Blick wieder Hana zuwandte. Er lehnte sich noch näher zu ihr und raunte, während der Bass der Musik durch ihre Körper vibrierte: „Ihre Schwester ist ein Kunstwerk, Hana. Ein sündhaft schönes. Aber ich habe das Gefühl, dass die wahre Sensation heute Abend nicht auf dem Laufsteg stattfindet, sondern direkt hier neben mir.“

​Hana reagierte nicht sofort, doch Nami sah im Vorbeigehen, wie ihre Schwester die Augen für einen Moment schloss, als würde sie versuchen, in der Dunkelheit der Musik zu verschwinden, bevor sie sie wieder öffnete und Vlads Blick standhielt.
 

Nachdem Nami und Lumina den Standard für den Abend gesetzt hatten, öffnete sich der Vorhang für den Rest der Kollektion. Es war ein Paradebeispiel für Miyako Bouviers Vision von „ästhetischer Sünde“.

​Die Models, allesamt internationale Top-Größen, schritten in einem mörderischen Tempo über den Catwalk. Einige trugen hauchdünne Sets aus schwarzer Spitze und Seide, kombiniert mit filigranen Körperketten aus Platin, die bei jedem Schritt leise auf der Haut klirrten. Andere präsentierten smaragdgrüne BH- und Tangakombinationen, die so tief geschnitten waren, dass sie die Anatomie des weiblichen Körpers fast vollständig offenbarten, gehalten nur durch schmale Bänder, die sich kunstvoll um Taille und Hüften schlangen.

​Besonders provokant waren die Entwürfe mit Halterlosen Strümpfen, deren Spitzenabschlüsse oft mit den Initialen der Kollektion bestickt waren. Die Models bewegten sich mit einer unterkühlten Arroganz, die Blicke des Publikums herausfordernd, während der harte Industrial-Beat die Wände der Fabrikhalle zum Beben brachte.

​Als der letzte Beat des ersten Teils abrupt verstummte und die Lichter in ein sanftes, gedimmtes Bernstein wechselten, setzte das Getuschel im Saal sofort ein.

​Kai und Tala blieben wie versteinert sitzen, während um sie herum die High Society nach Champagner und Erfrischungen verlangte. Vladimir war bereits mit Hana in Richtung der Bar verschwunden, was die beiden Männer für einen Moment allein ließ.

​Kai lockerte seine Krawatte um einen Millimeter – für seine Verhältnisse eine Geste extremer Unruhe. Er sah nicht zu Tala, sondern starrte auf den leeren Laufsteg, als würde er dort immer noch das Nachbild von Namis sündigem Spitzenkleid sehen.

​„Miyakos Entwürfe waren... grenzwertig“, sagte Kai schließlich mit einer Stimme, die so trocken war wie ein alter Sherry.

​Tala stieß ein kurzes, humorloses Schnauben aus. Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht und sah dann zu Kai rüber. In seinen Augen lag jene dunkle Frustration, die nur ein Mann versteht, der gerade zusehen musste, wie seine Frau sich der halben Welt in kaum mehr als einem Hauch von Silber präsentierte.

​„Grenzwertig ist eine verdammt höfliche Untertreibung, Kai“, brummte Tala düster. „Ich war kurz davor, den Laufsteg zu stürmen und Lumina in meinen Mantel zu wickeln. Wenn ich daran denke, dass jeder Fotograf in diesem Raum gerade hochauflösende Bilder von ihren... Kurven gemacht hat, möchte ich die Speicherchips einzeln fressen.“

​Kai nickte kaum merklich. „Ich verstehe das Gefühl. Aber Nami liebt diese Seite an sich. Den Stolz, die Kontrolle. Sie weiß genau, was sie tut.“ Er hielt kurz inne und ein gefährliches Funkeln trat in seine roten Augen. „Trotzdem werde ich am Montag sicherstellen, dass die Tachiwari-Rechtsabteilung jedes einzelne Bild prüft, bevor es veröffentlicht wird. Wer zu viel zeigt, bekommt Post.“

​Tala griff nach einem Glas Wasser, das ein Kellner ihm reichte, und trank es in einem Zug leer. „Gute Idee. Ich werde Armon sagen, er soll die Jungs an den Ausgängen anweisen, die Linsen der Kameras im Auge zu behalten. Wer zu gierig wird, fliegt.“

​Die beiden Männer schwiegen für einen Moment, geeint in ihrem stillen, besitzergreifenden Zorn, der untrennbar mit ihrer Bewunderung für die Frauen verbunden war, die sie liebten.

​„Wir haben noch einen zweiten Teil vor uns“, bemerkte Kai und sah auf seine Uhr.

​„Ich weiß“, erwiderte Tala grimmig. „Und wenn Lumina noch weniger anhat als eben, trage ich sie persönlich aus dieser Halle, bevor der Applaus einsetzt.“
 

Nami wartete nicht, bis der Applaus im Saal ganz abgeklungen war. Sie ignorierte Marcellas euphorische Rufe und schlüpfte, nur mit einem seidigen Kimono über ihrer sündigen Laufsteg-Wäsche, durch den Seiteneingang in den VIP-Bereich. Ihr Blick suchte die Menge ab, bis sie das silberne Glatt Haar ihrer Schwester entdeckte.

​Hana stand gerade allein an einem Stehtisch, ihr Blick war distanziert, während sie das Glas in ihrer Hand drehte. Vladimir war ein paar Meter entfernt in ein Gespräch mit einem Investor verwickelt, behielt sie aber wie ein Raubtier im Auge.

​Nami packte Hana am Arm und zog sie ohne ein Wort in eine dunkle, mit Samt ausgekleidete Nische hinter der Bar.

​„Nami? Was ist denn—“, begann Hana, doch Nami unterbrach sie sofort.

​„Vater hat es mir erzählt, Hana. Er hat mir gesagt, dass du aus Osaka weg bist, dass du seit zwei Tagen bei ihm wohnst. Was ist mit Zayn?“

​Hanas Gesicht versteinerte für einen Moment. Entsetzen blitzte in ihren amethystfarbenen Augen auf, gefolgt von einer tiefen Resignation. „Er hat es dir gesagt? Jetzt? Ausgerechnet heute Abend?“, flüsterte sie bitter. Sie presste die Lippen zusammen und sah sich kurz um, um sicherzugehen, dass Vlad sie nicht gefunden hatte. Dann wandte sie sich wieder ihrer Schwester zu.

​„Es ist vorbei, Nami. Schon seit vier Monaten. Vor einer Woche ist er endlich ausgezogen. Wir lassen uns scheiden.“

​Nami spürte, wie ihr die Luft wegblieb. „Scheiden? Aber warum? Ihr wart... ihr wart das Paar, zu dem alle aufgesehen haben.“

​Hana lachte kurz auf, ein trockenes, schmerzhaftes Geräusch. „Ja, die Fassade war perfekt. Bis ich vor vier Monaten früher nach Hause kam. Ich habe sie erwischt, Nami. In unserem Schlafzimmer. Er hat mich mit dem Kindermädchen betrogen – dem Mädchen, das seit zwei Jahren bei uns lebt, das ich wie ein Familienmitglied behandelt habe.“

​„Oh Gott...“, hauchte Nami. Die Vorstellung von diesem Verrat in Hanas eigenem Heim war unerträglich. „Hana, warum hast du nichts gesagt? Wir sind Schwestern! Du hättest jederzeit zu mir kommen können. Ich hätte Kai gebeten, seine besten Anwälte...“

​Hana legte Nami sanft eine Hand auf die Wange. Ihr Blick war warm, aber erfüllt von einer Müdigkeit, die Nami das Herz brach. „Genau deswegen, kleine Schwester. Du hast eine perfekte Welt, Nami. Du hast Kai, du hast die Kinder, du hast dieses Leben, für das du so hart gekämpft hast. Ich wollte deine Welt nicht mit meinem Schmutz erschüttern. Es war ein langer, schmerzhafter Prozess, und ich musste ihn erst einmal allein bewältigen.“

​Nami kämpfte gegen die Tränen an, die in ihren Augen brannten. Die Wut auf Zayn und der Schmerz um Hana vermischten sich zu einem brennenden Kloß in ihrer Kehle. „Ich wollte dir den Abend nicht verderben“, fuhr Hana leise fort und strich Nami eine Träne weg, bevor sie fließen konnte. „Das war nicht meine Absicht. Ich habe Vater extra gesagt, er soll schweigen. Ich wollte einfach nur hier sein, dich sehen und für einen Moment vergessen, dass mein Leben in Trümmern liegt.“

​Nami atmete zittrig ein. Sie wollte Hana umarmen und nie wieder loslassen, doch sie hörte bereits Vlads Stimme, die sich der Nische näherte. „Hana, hör mir zu“, sagte Nami hastig und ihre Stimme wurde ernst. „Sei vorsichtig mit Vladimir. Er ist... er ist nicht wie andere Männer. Er riecht Schwäche und Verletzlichkeit über Meilen hinweg. Er wird versuchen, dich zu benutzen, um seine eigenen Spiele zu spielen.“

​Hana straffte die Schultern, und für einen Moment kehrte die kühle, scharfe Anwältin zurück. Sie sah in die Richtung, aus der Vladimir kam, und ein gefährlicher Glanz trat in ihre Augen.

​„Ich bin nicht schwach, Nami. Ich bin vielleicht verletzt, aber ich bin immer noch eine Tachiba“, entgegnete sie fest. „Und was Vladimir angeht... ich liebe Herausforderungen. Vielleicht ist ein Mann, der keine Regeln kennt, genau das, was ich jetzt brauche, um wieder etwas zu spüren. Ich bin alt genug, um meine eigenen Fehler zu machen.“

​In diesem Moment schob Vladimir den Vorhang beiseite. Sein Blick glitt von Nami zu Hana, und ein wissendes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Störe ich ein Familiendrama? Oder besprecht ihr nur, wie man mich am besten loswird?“

​Hana trat aus der Nische, direkt auf ihn zu. „Wir haben uns nur über die Qualität des Champagners unterhalten, Vladimir. Er ist... akzeptabel.“

​Nami sah ihnen nach, wie sie gemeinsam zurück in die Lounge gingen. Sie musste zurück zum Umziehen, doch ihr Herz war schwer.

Spotlight

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Selbstreflektion

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Beute auf Zeit

In einer Suite des Grand Hotels, hoch über den noch immer glitzernden Lichtern Tokios, herrschte eine völlig andere Atmosphäre. Das fahle Licht des frühen Morgens stahl sich durch die schweren Samtvorhänge und tauchte den Raum in ein kühles Blaugrau.

​Hana schlug langsam die Augen auf. Ihr erster Impuls war es, sich zu strecken, doch die Bewegung blieb auf halbem Weg stecken. Ihr ganzer Körper fühlte sich seltsam schwer an, wie in Watte gepackt, und gleichzeitig durchzog sie eine tiefe, fast betäubende Entspannung, die sie so noch nie erlebt hatte. In ihrem Kopf ordneten sich die Fragmente der vergangenen Nacht nur mühsam: der VIP-Bereich, Vladimirs provozierendes Lächeln, die Fahrt im Sportwagen und schließlich der Moment, in dem alle Mauern ihrer anwaltlichen Beherrschung gefallen waren.

​Das ferne Rauschen von Wasser drang an ihr Ohr. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite und sah, dass die Tür zum luxuriösen Badezimmer einen Spalt breit offen stand. Vladimir war bereits wach und stand unter der Dusche.

​Hana atmete tief durch. Sie wollte nicht einfach im Bett liegen bleiben, wenn er herauskam – ihr Stolz verlangte nach einer gewissen Form von Souveränität. Sie schlug die Decke zurück und versuchte, sich aufzurichten. Doch in dem Moment, als sie ihre Füße auf den kühlen Boden stellte und ihr Gewicht auf ihre Beine verlagerte, geschah etwas Unvorhersehbares.

​Ihre Beine gaben einfach nach.

​Mit einem unterdrückten Keuchen sackte sie zurück. Ihre Muskeln zitterten unkontrolliert, als wären sie aus Wackelpudding. Sie war komplett überfordert; so ein Kontrollverlust über ihren eigenen Körper war der disziplinierten Hana zuvor noch nie passiert. Selbst nach den anstrengendsten Tennismatches oder Marathon-Sitzungen in der Kanzlei war sie immer Herrin ihrer Bewegungen geblieben.

​Sie versuchte es ein zweites Mal, krallte ihre Finger in die Seidenlaken und stemmte sich hoch, doch das Zittern in ihren Oberschenkeln wurde nur noch schlimmer. Entgeistert und mit klopfendem Herzen setzte sie sich zurück auf die Bettkante. In der Stille des Zimmers kamen die Erinnerungen an die Nacht mit voller Wucht zurück – Vladimirs unerbittliche Energie, seine Dominanz und die Art, wie er sie immer wieder an ihre Grenzen getrieben hatte. Eine brennende Röte stieg ihr ins Gesicht, als ihr klar wurde, wie unglaublich erfüllend diese Nacht gewesen war. Er hatte nicht nur ihren Körper beansprucht, er hatte ihre Seele aus der Kälte von Osaka gerissen.

​In genau diesem Moment verstummte das Rauschen des Wassers. Hana griff nach der Bettdecke um sie vor ihren nackten Körper zu halten. Kurze Zeit später schwang die Badezimmertür auf und Vladimir trat heraus. Er war nur mit einem tiefsitzenden Handtuch um die Hüften bekleidet, seine Haut war noch feucht und dampfte leicht in der kühlen Zimmerluft. Er trocknete sich mit einem kleinen Handtuch die dunklen Haare, blieb dann aber stehen, als er Hana auf der Bettkante sitzen sah.

​Sein Blick wanderte von ihren zerzausten, silbrig weißen Haaren hinunter zu ihren zitternden Knien. Ein langsames, gefährliches und zugleich wissendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

​„Guten Morgen.“, raunte er, und seine Stimme klang noch tiefer als am Abend zuvor. Er warf das kleine Handtuch achtlos auf einen Sessel und kam mit dieser raubtierhaften Eleganz auf sie zu, die ihr schon am Abend zuvor den Atem geraubt hatte. „Ich sehe, die Schwerkraft ist heute Morgen nicht unbedingt auf deiner Seite. Hast du etwa versucht aufzustehen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen?“

​Hana versuchte, einen kühlen Blick aufzusetzen, doch die Pupillen ihrer Augen waren noch immer geweitet von der Nachwirkung der Nacht. „Ich... ich weiß nicht, was los ist“, presste sie hervor, während sie vergeblich versuchte, das Zittern ihrer Beine zu verbergen.

​Vladimir blieb direkt vor ihr stehen, packte sie sanft am Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Das, meine liebe Hana, ist das Resultat einer Nacht, in der du endlich aufgehört hast, nur zu funktionieren. Gefällt dir das Gefühl, so wehrlos zu sein? Dich beherrschen zu lassen?“

Vladimir ließ sein Handtuch achtlos zu Boden gleiten, ohne auch nur einen Funken Scham zu zeigen, und griff nach seinem seidenen Morgenmantel, den er sich offen über die breiten Schultern hängte.

​Hana zwang sich, seinen Blick zu halten, obwohl ihr Herz wie wild gegen ihre Rippen hämmerte. Sie straffte ihren Rücken, so gut es die zitternde Muskulatur zuließ, und legte ihre Maske als unterkühlte Top-Anwältin an.

​„Das gestern...“, begann sie, ihre Stimme klang brüchig, also räusperte sie sich und versuchte es erneut mit mehr Schärfe. „Das war ein Fehler, Vladimir. Eine emotionale Kurzschlussreaktion auf eine stressige Woche. Ich hätte niemals mit dir hierher kommen dürfen. Es wird sich nicht wiederholen.“

​Vladimir hielt mitten in der Bewegung inne. Er fixierte sie mit seinen dunklen Augen, in denen nun ein gefährliches Funkeln erwachte. Er liebte Herausforderungen, und Hanas plötzliche Distanz war wie Benzin in seinem ohnehin schon lodernden Feuer. Er trat erneut einen Schritt näher, bis seine Knie fast ihre berührten, und beugte sich so weit vor, dass sein Schatten sie vollkommen einhüllte.

​„Ein Fehler?“, wiederholte er leise, fast zärtlich, doch der Unterton war pures Raubtier. „Du nennst die erste Nacht, in der du wirklich geatmet hast, einen Fehler? Du lügst, Hana. Du lügst mich an, und was noch schlimmer ist, du belügst dich selbst.“

​Bevor sie antworten konnte, legte er seine großen, warmen Hände auf ihre zitternden Oberschenkel. Hana zuckte zusammen, als die Hitze seiner Haut sie erfasste. Er begann, mit seinen Daumen langsame, kreisende Bewegungen auf ihrem empfindlichen Fleisch zu beschreiben, genau dort, wo die Belastung der Nacht am deutlichsten zu spüren war.

​„Hör auf damit“, hauchte sie, doch es klang mehr wie ein Flehen als wie ein Befehl.

​„Warum?“, raunte er und schob seine Hände langsam höher, Zentimeter für Zentimeter, während er seinen Kopf senkte, bis seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Dein Körper erinnert sich an jede Sekunde, Hana. Er zittert nicht vor Erschöpfung, er zittert vor Verlangen nach mehr. Du warst sicher eingesperrt in einem Käfig aus Pflichten und Enttäuschungen. Ich habe die Tür nur aufgemacht.“

​Er begann, ihren Hals entlang zu küssen, kleine, brennende Küsse, die genau die Stellen trafen, an denen er in der Nacht zuvor sein Zeichen hinterlassen hatte. Hana schloss die Augen, ihr Kopf sank unwillkürlich nach hinten. Sie hasste es, wie schnell er ihre Verteidigung durchbrach, wie ihr Körper sofort wieder auf seine bloße Nähe reagierte.

​„Du brauchst das hier“, flüsterte er gegen ihre Haut, während seine Hand nun gefährlich weit nach oben glitt. „Du brauchst jemanden, der dich nicht bittet, sondern der dich nimmt. Jemand, der keine Angst vor deiner Stärke hat. Sag mir noch einmal, dass es ein Fehler war, während ich dich daran erinnere, wie du heute Nacht meinen Namen geschrien hast.“

​Er biss ihr sanft ins Ohrläppchen und Hana entwich ein leises, verräterisches Schluchzen. Ihre Standhaftigkeit schmolz dahin wie Eis in der Morgensonne Tokios.

Vladimir spürte das Zittern, das nun nicht mehr nur von physischer Erschöpfung rührte, sondern von der nackten Erregung, die Hana so verzweifelt zu unterdrücken versuchte. Er genoss diesen Moment – den Kampf zwischen ihrem scharfen Verstand und ihrem hungernden Körper.

​„Siehst du?“, raunte er, während er seine Hände nun fest um ihre Taille schloss und sie mit einer einzigen, flüssigen Bewegung zurück in die Kissen drückte. Er folgte ihr sofort, schob sich zwischen ihre Knie und stützte sich über ihr auf, sodass sein offener Morgenmantel ihre nackte Haut streifte. „Dein Verstand sagt 'Fehler', aber dein Herz schlägt so fest gegen meine Brust, dass es das ganze Hotel aufwecken könnte.“

​Hana keuchte auf, als sein Gewicht sie wieder in die Matratze presste. „Vladimir, ich... ich meine es ernst. Ich bin eine verheiratete Frau, ich habe eine Karriere, ich...“

​„Du bist eine Frau, die nach Nähe hungert.“, unterbrach er sie barsch, aber mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen. Er packte ihre Handgelenke und drückte sie über ihrem Kopf in die Laken, genau wie Kai es bei Nami getan hatte – die Dominanz der Brüder war in diesem Moment identisch. „Dein sogenannter Ehemann ist eine Erinnerung an ein Leben, das dich fast umgebracht hätte. Sonst wärst du niemals hier. Ich bin die Realität.“

​Er senkte den Kopf und vergrub sein Gesicht in ihrem Hals, während seine Knie ihre Beine noch weiter auseinanderzwangen.Hana wand sich unter ihm, doch es war kein Fluchtversuch mehr; es war ein Suchen nach Kontakt. Die Kühle ihrer moralischen Bedenken verdampfte unter der Hitze seiner Haut.

​„Sag es“, befahl er dunkel, während er seine Lippen gegen ihre Halsschlagader presste. „Sag mir, dass du willst, dass ich diesen 'Fehler' noch einmal begehe. Sag mir, dass du mich brauchst, um den Schmerz den man in deinen Augen sieht, zu vergessen.“

​Hana krallte ihre Finger verzweifelt in seine Handgelenke. Tränen der Überforderung und der puren Lust stiegen in ihre amethystfarbenen Augen. Der Widerstand brach endgültig. Sie war müde vom Kämpfen, müde vom Funktionieren.

​„Verdammt seist du, Vladimir...“, hauchte sie, und dann, lauter und mit einer fast schon aggressiven Hingabe: „Ja. Mach es. Bring mich dazu, alles zu vergessen.“

​Ein triumphierendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, bevor er sie mit einem Kuss zum Schweigen brachte, der keinen Raum mehr für Zweifel ließ. In dieser Suite im Grand Hotel gab es keine Anwältin mehr und keine betrogene Ehefrau – nur noch eine Frau, die in den Armen eines Mannes, der keine Grenzen kannte, ihre eigene Befreiung fand.

Er nahm sie erneut, langsamer diesmal, aber mit einer Intensität, die sicherstellte, dass sie auch den restlichen Tag nicht an Aufstehen denken würde.
 

Vladimir hatte Hana nicht nur physisch besiegt; er hatte sie demaskiert. Er bewegte sich über ihr mit einer unerbittlichen, fast grausamen Präzision, die keinen Zentimeter ihres Körpers unberührt ließ. Er las ihre Reaktionen, das feine Zittern ihrer Haut und das Stocken ihres Atems, als wäre sie ein Buch, das er bereits in- und auswendig kannte.

Hana, die jahrelang nur die verhaltene, fast schon klinische Intimität mit Zayn gekannt hatte – ihrem ersten und einzigen Mann –, war vollkommen wehrlos gegen dieses Ausmaß an Lust. Sie wusste nicht einmal, dass ihr Körper zu solchen Reaktionen fähig war. Als er sie schließlich über die Klippe stieß, geschah es wie die Nacht zuvor, mit einer Wucht, die ihr erneut die Sinne raubte.

​Zwei intensive Höhepunkte überrollten sie in so kurzer Folge, dass ihr Nervensystem zu kapitulieren schien. Hana begann laut und unkontrolliert zu schluchzen – ein schnelles, gehetztes Geräusch tiefer emotionaler und physischer Überforderung. Sie bekam kaum noch Luft, ihre Brust hob und senkte sich in einem panischen Rhythmus. Ihre Augen waren halb geschlossen, der Blick starr gegen die weiße Zimmerdecke gerichtet, während bunte Lichter vor ihrem inneren Auge tanzten.

​Als Vladimir sich schließlich quälend langsam aus ihr zurückzog, entwich ihr ein scharfer, fast schmerzhafter Atemzug. Die plötzliche Leere fühlte sich an wie ein Kälteschock. Sie sah zu, wie er sich mit der nonchalanten Eleganz eines Raubtiers vom Bett erhob, sein Körper gezeichnet von der Anstrengung, aber ungebrochen.

​Hana lag da, unfähig sich zu rühren, und fühlte sich tief gespalten. Einerseits war sie vollkommen überwältigt von der Erfüllung, die er ihr jedesmal geschenkt hatte; andererseits hasste sie sich in diesem Moment nur noch mehr für ihre eigene Schwäche. Sie hasste es, dass er mit einer einzigen Nacht und einem einzigen Morgen, das mühsam errichtete Fundament ihres Lebens zum Einsturz gebracht hatte.
 

Hana war noch wie benebelt, als sie Vladimirs gedämpfte Stimme in der Ferne der Suite vernahm. Als sie wieder komplett bei Sinnen war, hatte Vladimir das Telefon bereits wieder aufgelegt. Er hatte mit einer herrischen Selbstverständlichkeit ein Frühstück geordert, das für eine ganze Kanzlei gereicht hätte, während Hana noch immer versuchte, ihre Würde – und ihre Bettdecke – zusammenzuhalten.

​„Du...kannst nicht einfach...entscheiden, dass ich hierbleibe, Vladimir“, zischte sie, während sie versuchte, ihre zitternden Beine unter der Decke zu ordnen und ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. „Meine Eltern warten. Nami wartet. Ich habe Verpflichtungen.“

​Vladimir trat an das Ende des Bettes, schob die Hände in die Taschen seines seidenen Morgenmantels und sah auf sie herab wie ein König auf eine besonders widerspenstige Untertanin. „Deine einzige Verpflichtung heute Morgen besteht darin, aufzuhören, mir Märchen zu erzählen“, erwiderte er ruhig, doch seine dunklen Augen blitzten gefährlich. „Du nennst es einen 'Fehler', aber dein Körper schreit nach der Wahrheit. Du gehst nirgendwohin. Betrachte es als Hausarrest, bis du es zugibst.“

​Hana schnaubte empört. „Hausarrest? Ich bin eine erwachsene Frau und eine der erfolgreichsten Anwältinnen des Landes! Du kannst mich nicht einsperren!“

​„Ich sperre dich nicht ein“, korrigierte er sie mit einem arroganten Lächeln, während er sich langsam wieder auf die Bettkante setzte und seinen Arm über ihr ausstreckte, um sie in seinen Schatten zu zwingen. „Ich bewahre dich nur davor, beim ersten Schritt in der Lobby zusammenzubrechen. Und nebenbei genieße ich es, wie du versuchst, gegen das zu kämpfen, was du gestern Nacht so verzweifelt gesucht hast.“

​Er beugte sich vor, bis seine Nasenspitze die ihre fast berührte. „Sag es, Hana. Sag, dass diese Nacht und dieser Morgen genau das war, was du gebraucht hast, um dich wieder lebendig zu fühlen. Sag, dass kein Mann dich zuvor so angesehen hat, wie ich es tue. Wenn du ehrlich zu mir bist, darfst du vielleicht zum Kaffee aufstehen. Vielleicht.“

​Hana presste die Lippen zusammen. Ihr Stolz war eine mächtige Festung, doch Vladimir hatte bereits begonnen, die Mauern mit seinen bloßen Blicken einzureißen. Sie spürte, wie die Hitze seines Körpers sie erneut einlullte, wie der Duft nach Sandelholz und kühlem Moschus ihre Sinne vernebelte.

​In diesem Moment klopfte es dezent an der Suite-Tür. Das Frühstück war da.

​„Das ist der Room-Service“, raunte Vladimir, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Er griff nach ihrer Hand und führte sie an seine Lippen, wobei er ihren Blick hielt. „Ich werde jetzt den Servierwagen holen und dem Personal sagen, dass wir nicht gestört werden wollen. Wir haben den ganzen Tag Zeit, Hana. Und ich verspreche dir... wenn wir hier fertig sind, wirst du dich an den Namen deines...Mannes in Osaka nicht einmal mehr erinnern können.“

​Hana wollte widersprechen, sie wollte ihn wegstoßen, doch als er ihre Hand losließ und zur Tür ging, fühlte sie sich plötzlich seltsam leer. Sie sank zurück in die Kissen und starrte an die Decke. Sie wusste, dass Nami und Kai im Ayame-Anwesen genau wussten, wo sie war. Und sie wusste, dass Vladimir nicht eher ruhen würde, bis er jeden Zentimeter ihrer Seele ebenso besessen hatte wie ihren Körper.

Wenig später kehrte Vladimir von der Tür zurück, einen silbernen Servierwagen vor sich herschiebend, auf dem Porzellan leise klirrte. Er ignorierte Hanas frostigen Blick und begann, mit einer fast schon meditativen Ruhe den Tisch am Fenster zu decken. Der Duft von starkem Espresso, frischen Beeren und Räucherlachs füllte den Raum.

​Er griff nach Hanas Seidenmorgenmantel, der über einem Sessel lag, kam zum Bett und hob sie mit einer Leichtigkeit hoch, die sie erneut an ihre momentane Hilflosigkeit erinnerte. Er wickelte sie ein, als wäre sie eine kostbare Porzellanfigur, und setzte sie auf den gepolsterten Stuhl am Fenster.

​„Essen, Hana“, befahl er schlicht und schob ihr eine Tasse Kaffee hin. „Du brauchst Energie für das, was ich heute noch mit dir vorhabe.“

​Hana umklammerte die Tasse. Sie starrte hinaus auf die Skyline von Tokio, die im hellen Morgenlicht fast friedlich wirkte. „Du bist so unglaublich arrogant“, flüsterte sie, doch die Schärfe in ihrer Stimme war einem Zittern gewichen.

​„Und du bist so unglaublich einsam“, konterte Vladimir, während er sich ihr gegenüber setzte und sie unverwandt fixierte. „Erzähl mir von Osaka. Erzähl mir von diesem Ehemann, der es zugelassen hat, dass eine Frau wie du zu Eis erstarrt, nur um nicht zu zerbrechen.“

​Hana wollte ausweichen, sie wollte eine sarkastische Bemerkung über die Unverschämtheit seiner Frage machen, doch die Intensität in seinen dunklen Augen wirkte wie ein Wahrheitsserum. Der Damm, den sie über Monate – vielleicht Jahre – mühsam aufrechterhalten hatte, begann zu bröckeln.

​„Es gab keinen großen Knall“, begann sie leise, und ihre amethystfarbenen Augen wurden dunkel vor Schmerz. „Es war ein langsames Sterben. Zayn... er hat mich nicht geschlagen, er hat mich nicht einmal angeschrien. Er hat mich einfach nur ignoriert. Ich war die perfekte Vorzeigefrau für seine Karriere, die Mutter seiner Kinder, die erfolgreiche Anwältin. Aber für ihn war ich nach der Geburt der zweiten Tochter nur noch eine Funktion. Ein Möbelstück in seinem perfekt durchgeplanten Leben.“

​Sie lachte kurz und bitter auf. „Und dann kam der Verrat. Nicht einmal leidenschaftlich, sondern sachlich. Eine Affäre mit dem Kindermädchen, weil sie ihn 'bewundert', während ich ihn 'herausfordere'. Er hat mich betrogen, Vladimir, und das Schlimmste war, dass es ihm nicht einmal leid tat. Er sagte, ich sei zu stark, zu kühl... zu viel für ihn.“

​Sie sah Vladimir direkt an, und Tränen glitzerten in ihren Augen. „Gestern Nacht... als du mich so angesehen hast, als wolltest du mich bei lebendigem Leibe verschlingen... da habe ich zum ersten Mal seit Jahren gespürt, dass ich noch existiere. Dass ich nicht nur eine Funktion bin.“

​Vladimir schwieg für einen Moment. Die Arroganz war aus seinen Zügen gewichen, ersetzt durch eine dunkle, gefährliche Ernsthaftigkeit. Er erhob sich, trat hinter sie und legte seine großen Hände auf ihre Schultern. Seine Daumen strichen beruhigend über ihre Schlüsselbeine.

​„Er war ein Narr“, raunte er an ihrem Ohr. „Er hat versucht, eine Göttin zu einem Haustier zu machen, weil er mit deiner Kraft nicht umgehen konnte. Aber ich habe keine Angst vor deiner Stärke, Hana. Ich will sie brechen, ja – aber nur, damit du darunter wieder atmen kannst.“

​Er neigte ihren Kopf sanft nach hinten, bis sie ihn ansehen musste. „Du wirst nicht nach Osaka zurückkehren, außer um deine Sachen zu holen. Das hier war kein Fehler. Es war deine Rettung. Such dir eine Wohnung...oder ein Haus. Fang dein Leben neu an.“
 

Hana starrte ihn an, die Tasse Kaffee noch immer fest zwischen ihren Fingern umschlossen, als wäre sie ihr letzter Anker in der Realität. Vladimirs Worte hallten wie Donnerschläge in dem luxuriösen Zimmer nach. „Du wirst nicht nach Osaka zurückkehren.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er über ihr gesamtes Leben verfügte, schnürte ihr die Kehle zu.

​„Du verstehst das nicht“, entgegnete sie, und diesmal schwang kein Zorn in ihrer Stimme mit, sondern eine tiefe, erschöpfte Traurigkeit. „Ich will keine neue Beziehung, Vladimir. Ich kann das einfach noch nicht. Ich war fast zwanzig Jahre mit diesem Mann zusammen. Mein ganzes Erwachsenenleben war auf ihn und unsere Familie ausgerichtet. Ja...“ Sie senkte den Blick auf den schwarzen Spiegel ihres Kaffees. „Ich habe diese Nacht gebraucht. Mehr als ich zugeben wollte. Aber mehr als das ertrage ich im Moment nicht. Mein Herz ist keine Baustelle, die man einfach über Nacht saniert.“

​Sie hob den Kopf, und ihre amethystfarbenen Augen blitzten trotz der Tränen entschlossen auf. „Außerdem habe ich zwei Töchter. Sie sind in Osaka, sie gehen dort zur Schule, sie haben dort ihr Leben. Sie sind meine absolute Priorität. Ich kann nicht einfach alles hinwerfen, nur weil ein attraktiver Fremder mir in Tokio den Kopf verdreht hat.“

​Vladimir, der hinter ihr gestanden hatte, ließ seine Hände von ihren Schultern gleiten. Er trat langsam um ihren Stuhl herum, bis er sich gegen das Fensterbrett lehnte, das strahlende Morgenlicht im Rücken, das seine Silhouette fast übernatürlich groß erscheinen ließ. Ein leises, amüsiertes Schmunzeln legte sich auf seine Lippen – ein Ausdruck, der Hana völlig aus dem Konzept brachte.

​„Du hast mich missverstanden, Hana“, sagte er ruhig, und seine Stimme hatte diesen rauen, beinahe spöttischen Unterton. „Ich will keine Beziehung mit dir.“

​Hana blinzelte, die Zurückweisung traf sie unerwartet hart, auch wenn sie genau das gefordert hatte.

​„Für so etwas war ich noch nie der Typ“, fuhr er fort, während er sie mit einer Intensität musterte, die sie bis in die Knochen spürte. „Ich bin ein Freigeist. Ich sah mich noch nie in einem Gefängnis namens Beziehung, in dem meine Person und mein Geist exklusiv nur für eine Frau reserviert sind. Ich brauche keine Verpflichtungen, keine Jahrestage und keine Rechenschaftsberichte.“

​Er machte einen Schritt auf sie zu, beugte sich über den Tisch und griff nach einer einzelnen Strähne ihres silbrig weißen Haares. „Aber das hier? Das zwischen uns? Das ist etwas anderes. Ich schlage dir vor, dass wir Spaß haben können, so oft du willst. Ich gebe offen zu: Du bist eine unglaublich schöne Frau. Deine Stärke, gepaart mit dieser unberührten Unschuld, die du noch immer ausstrahlst... es bringt mich ein wenig um den Verstand.“

​Sein Grinsen wurde breiter, fast schon ein wenig grausam in seiner Offenheit. „Sag mir, Hana... kann es sein, dass du in deinem Leben noch nicht viele Männer hattest? Dass dein Ex-Mann bis jetzt der Einzige war, der in den Genuss dieses unglaublichen Körpers gekommen ist?“

​Hana spürte, wie die Hitze erneut in ihre Wangen schoss. Sie wollte empört antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.

​„Deine Reaktionen...“, raunte er, während sein Blick langsam über ihre in den Morgenmantel gehüllte Gestalt glitt. „Sie waren so überrascht, so euphorisch. Es wirkte nicht wie die Reaktion einer Frau, die schon alles gesehen hat. Es wirkte, als hättest du gestern Nacht Neuland betreten.“

​Hana fühlte sich nackter als in dem Moment, als er ihr die Decke weggezogen hatte. Er las in ihr wie in einer Akte, die sie jahrelang unter Verschluss gehalten hatte. Sie stellte die Tasse mit einem leisen Klirren auf den Tisch.

​„Woher wusstest du das alles?“, fragte sie leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Woher wusstest du von Anfang an – im VIP-Bereich, im Auto – dass mich etwas quält? Man kann mir das unmöglich so angesehen haben. Wir kannten uns nicht einmal fünf Minuten.“

​Vladimir nahm sich ein Stück vom Räucherlachs, kaute langsam und schien die Frage zu genießen. „Ich habe eine sehr gute Beobachtungsgabe, Hana. Das ist in meiner Welt eine Überlebensnotwendigkeit. Es stimmt, ich kannte dich nicht persönlich. Aber ich kenne Nami. Und als ich hörte, dass du ihre ältere Schwester bist, konnte ich es schlichtweg nicht fassen.“

​Er trat ganz nah an sie heran, so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Stirn spürte.

​„Ich sah dich dort stehen und ich sah diesen Schmerz. Diese Einsamkeit, die du wie einen unsichtbaren Mantel um dich getragen hast. Da ist diese wunderschöne Frau, die Nami so ähnlich sieht, dass es fast schmerzt – und doch wirktest du, als hättest du vergessen, wie man lacht. Ich wusste, wie alt Nami ist, und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Frau wie du niemanden hat, der irgendwo auf sie wartet. Dass du hier in Tokio bist, ganz allein, mit diesem verlorenen Blick... das passte nicht zusammen.“

​Er legte seine Hand sanft an ihre Wange, sein Daumen strich über ihren hell karamellfarbenen Hautton. „Du bist wie eine seltene Blume, die man in einen dunklen Keller gestellt hat. Und ich? Ich habe nur das Fenster geöffnet.“

​Hana schloss die Augen. Der Kontrast zwischen seiner arroganten Ablehnung einer festen Bindung und dieser fast schon unheimlichen Empathie verwirrte sie zutiefst. „Du bist ein gefährlicher Mann, Vladimir“, flüsterte sie.

​„Vielleicht“, erwiderte er leise und zog sie sanft an ihrem Morgenmantel ein Stück näher zu sich hoch. „Aber ich bin der einzige Mann hier, der dich nicht anlügt. Also... was sagst du? Kein Gefängnis. Nur wir beide, wann immer das Verlangen zu groß wird. Deine Töchter bleiben deine Priorität, und ich bleibe deine... Fluchtmöglichkeit.“

​Hana sah in seine dunklen Augen und wusste, dass sie eigentlich Nein sagen müsste. Doch ihr Körper, der noch immer von seinen Berührungen vibrierte, gab ihr eine ganz andere Antwort.
 

Hana nahm einen kleinen Schluck von dem starken Espresso, der ihre Lebensgeister weckte, während sie Vladimirs Vorschlag in ihrem Kopf hin und her wog. Sein Blick ruhte auf ihr, abwartend und mit dieser fast schon unerträglichen Selbstsicherheit.

​„Du vergisst einen entscheidenden Punkt, Vladimir“, sagte sie und stellte die Tasse mit einem fast schon anwaltlichen Klacken zurück auf die Untertasse. „Du bist kein unbeschriebenes Blatt. Ich habe Berichte über dich im Fernsehen gesehen – dein Gesicht ist mir nicht unbekannt. Soweit ich weiß, lebst du in Russland und leitest dort dein Imperium. Du bist nur alle paar Monate für kurze Zeit in Tokio.“

​Ein leichtes, skeptisches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie sich tiefer in den Seidenmantel hüllte. „Wie stellst du dir das also vor? Wenn ich wirklich einmal diesen... 'Ausbruch' brauche, von dem du sprichst, bist du Tausende von Kilometern entfernt in einer anderen Zeitzone. Das klingt eher nach einem logistischen Albtraum als nach einer unbeschwerten Affäre.“

​Vladimir lachte leise, ein dunkles, kehliges Geräusch, das Hana eine Gänsehaut über die Arme jagte. Er lehnte sich entspannt zurück und verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust.

​„Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Dein Verstand arbeitet schnell, Hana, das gefällt mir“, erklärte er. „Es stimmt, mein Hauptsitz ist in Russland. Aber als CEO meines Unternehmens und durch die strategische Allianz mit Kais Tachiwari-Corporation habe ich den Luxus, meine Zeit völlig frei einzuteilen. Ich bin nicht mehr an einen Schreibtisch in Moskau gebunden.“

​Er fixierte sie mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. „Ich habe entschieden, den Rest des Monats hier in Japan zu bleiben. Vielleicht hier in Tokio, vielleicht in Osaka – wo auch immer es mich hinführt. Ich werde ein freies Büro im Tower beziehen, von dem aus ich meine Geschäfte in Russland remote manage. Das bedeutet für dich: Einen Monat lang bin ich auf Abruf. Ich bin hier, wann immer du mich willst. Und am Ende dieses Monats kannst du entscheiden, ob du dieses Spiel weiterführen willst oder ob du zurück in dein Eishaus in Osaka kehrst.“

​Hana schwieg. Der Gedanke, dass er einen ganzen Monat lang in ihrer Nähe sein würde – greifbar, fordernd und ohne die Maske der bürgerlichen Moral – war ebenso beängstigend wie berauschend. Doch ein Schatten legte sich über ihr Gesicht.

​„Und was passiert“, begann sie langsam, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, „wenn ich mich... in dich verliebe? Wenn diese 'Flucht' Gefühle weckt, die ich nicht kontrollieren kann?“

​In diesem Moment veränderte sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Die spielerische Überlegenheit in Vladimirs Gesicht erlosch. Seine Züge wurden starr, und sein Blick verwandelte sich in das eiskalte Anthrazit eines gefrorenen Sees. Die Kälte, die er nun ausstrahlte, war so physisch spürbar, dass Hana unwillkürlich fröstelte.

​„Wenn du dich in mich verliebst, Hana“, sagte er mit einer Stimme, die so scharf wie eine Rasierklinge war, „werde ich das Ganze sofort beenden. In derselben Sekunde.“

​Er beugte sich vor, die Kälte in seinen Augen brannte sich in ihre amethystfarbenen Iris. „Sag mir... ist es schon passiert? Hast du dich etwa bereits in mich verliebt? Denn wenn ja, rate ich dir dringend: Zieh dich an, sobald deine Beine dich tragen können, und verschwinde. Lauf so weit weg du kannst, für dein eigenes Seelenwohl. In meiner Welt ist kein Platz für das, was du unter Liebe verstehst.“

​Hana spürte, wie ihr Stolz durch diese eiskalte Abfuhr wie durch einen Adrenalinschub zurückkehrte. Die Taffheit der Top-Anwältin, die vor Gericht keine Miene verzog, war plötzlich wieder da. Sie straffte die Schultern und sah ihm direkt in die Augen, ohne zu blinzeln.

​„Mach dir keine Hoffnungen, Vladimir“, konterte sie mit einer schneidenden Sachlichkeit, die seiner eigenen in nichts nachstand. „Ich weiß sehr wohl, was Liebe ist. Ich habe fast zwanzig Jahre lang geglaubt, die wahre Liebe gefunden zu haben. Ich habe alles gegeben, nur um am Ende vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Ich bin momentan gar nicht fähig zu lieben – mein Herz ist dafür viel zu taub.“

​Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Und selbst wenn ich es wäre... glaubst du ernsthaft, ich würde mich in jemanden wie dich verlieben? Einen Mann, der keine Bindungen zu kennen scheint, der Frauen wie Trophäen sammelt und Gefühle als Schwäche abtut? Ich bin verletzt, Vladimir, nicht wahnsinnig.“

​Einen Moment lang herrschte absolute Stille zwischen ihnen. Dann entspannte sich Vladimirs Gesicht langsam. Die eiskalte Maske schmolz dahin und machte Platz für seine gewohnte, arrogante Zufriedenheit. Ein triumphierendes Blitzen kehrte in seine Augen zurück.

​„Gut“, sagte er schlicht und griff nach seinem Messer, um sich ein weiteres Stück Lachs abzuschneiden. „Dann haben wir eine Übereinkunft. Keine Lügen, keine Versprechen, kein Herzschmerz. Nur Fleisch und Geist.“

​Er reichte ihr ein kleines Stück Gebäck über den Tisch, seine Finger streiften die ihren, und trotz ihrer harten Worte spürte Hana den vertrauten Funkenflug.

​„Iss jetzt“, befahl er wieder sanfter, aber dennoch herrisch. „Wir haben noch viel vor heute, und ich habe nicht vor, dich vor dem späten Nachmittag aus dieser Suite zu entlassen.“
 

Hana nahm das Gebäck entgegen, doch ihre Finger zitterten noch immer leicht – diesmal war es jedoch nicht mehr die reine Erschöpfung, sondern die elektrische Spannung, die Vladimirs eiskalte Ansage hinterlassen hatte. Er hatte eine Grenze gezogen, so scharf wie eine Klinge, und seltsamerweise gab ihr das eine perverse Form von Sicherheit. In einer Welt, in der ihr Ehemann sie jahrelang mit Gleichgültigkeit und sanften Lügen zermürbt hatte, war Vladimirs brutale Ehrlichkeit fast schon erfrischend.

​Der restliche Vormittag in der Suite verging in einer seltsamen Mischung aus dekadenter Ruhe und knisternder Atmosphäre. Vladimir bewies, dass er nicht nur ein Raubtier im Bett war, sondern auch ein Mann, der die Stille beherrschte. Während Hana ihren Kaffee trank und langsam wieder zu Kräften kam, beobachtete sie ihn dabei, wie er tatsächlich für einige Minuten sein Smartphone zur Hand nahm.

​Sein Gesichtsausdruck war dabei konzentriert, die Stirn leicht in Falten gelegt, während er knappe Anweisungen auf Russisch in das Gerät tippte. Hana ertappte sich dabei, wie sie die Linien seines Rückens und die Kraft in seinen Schultern unter dem seidenen Morgenmantel studierte. Er wirkte in diesem Moment wie ein General, der aus der Ferne eine Schlacht lenkte – effizient, unnahbar und absolut tödlich.

​„Du starrst mich an, Hana“, sagte er, ohne den Blick vom Display zu heben. Ein schmales Grinsen stahl sich auf seine Lippen. „Analysierst du mich bereits für dein nächstes Plädoyer?“

​„Ich versuche nur zu verstehen, wie ein Mann wie du überhaupt eine Allianz mit jemandem wie Kai eingehen konnte“, konterte sie und biss demonstrativ in ein Croissant. „Ihr scheint beide... nun ja, sehr einnehmende Persönlichkeiten zu sein. Da ist normalerweise kein Platz für zwei Alphas im selben Raum.“

​Vladimir legte das Telefon beiseite und sah sie an. „Kai und ich verstehen uns, weil wir beide wissen, was Macht bedeutet – und was sie kostet. Aber wir unterscheiden uns in einem Punkt wesentlich: Kai hat etwas gefunden, für das er bereit ist, sesshaft zu werden. Er hat Nami. Er hat diese Familie. Ich hingegen...“ Er machte eine ausladende Geste zum Fenster, das den Blick auf das endlose Häusermeer Tokios freigab. „...ich besitze lieber die Welt, als mich von einem winzigen Teil davon besitzen zu lassen.“

​Er erhob sich und trat hinter ihren Stuhl. Er beugte sich tief zu ihr herab, seine Hände legten sich fest auf die Armlehnen ihres Stuhls, sodass sie zwischen seinem Körper und dem Tisch gefangen war. Sein Duft nach Sandelholz und dem teuren Duschgel des Hotels umhüllte sie wie ein schwerer Samtvorhang.

​„Aber heute“, raunte er an ihrem Hals, „gehört mir nur dieser Raum. Und alles, was darin ist.“

​Hana spürte, wie ihr Atem flacher wurde. Die Taffheit, die sie eben erst mühsam zurückgewonnen hatte, begann unter seiner unmittelbaren Nähe wieder zu bröckeln. „Du sagtest, du hättest noch viel vor“, erinnerte sie ihn mit einem letzten Rest an Widerstandskraft. „Ich dachte, wir sprechen über geschäftliche Dinge oder...“

​„Geschäfte?“, unterbrach er sie und küsste die empfindliche Stelle hinter an ihrer Schulter, was Hana unwillkürlich zusammenzucken ließ. „Das hier ist kein Geschäft, Hana. Das ist eine Lektion in Sachen Freiheit.“

​Er griff nach ihrer Hand und zog sie sanft, aber bestimmt vom Stuhl hoch. Zu ihrer Überraschung stellten sich ihre Beine zwar noch immer etwas wackelig an, hielten ihr Gewicht jedoch wieder. Vladimir führte sie nicht zurück zum Bett, sondern zu der großen, freistehenden Badewanne, die in einer Nische mit Panoramafenster stand. Er hatte bereits begonnen, das Wasser einzulassen; der Dampf stieg auf und vermischte sich mit dem Aroma von Badeölen, die nach Zeder und Zitrus dufteten.

​„Entspann dich“, befahl er leise, während er ihr half, den Morgenmantel von den Schultern gleiten zu lassen. „Ich werde dir zeigen, dass man seinen Körper nicht nur bis zur Erschöpfung fordern, sondern ihn auch feiern kann. Wir haben noch Stunden, bevor die Welt da draußen wieder Ansprüche an dich stellt.“

​Hana ließ es geschehen. In diesem Moment, hoch über Tokio, weit weg von den Trümmern ihrer Ehe in Osaka und den Erwartungen ihrer Familie im Ayame-Anwesen, gab sie sich der Illusion hin, dass dieser Monat tatsächlich ein Ausbruch sein könnte.

​Doch während Vladimir sie in das warme Wasser gleiten ließ und sich zu ihr gesellte, blieb ein kleiner, warnender Teil ihres Anwaltsgehirns wach. Er hatte gesagt, er würde es beenden, wenn sie sich verliebte. Und Hana fragte sich, ob das Zittern in ihrer Brust wirklich nur von der körperlichen Aufregung rührte – oder ob die Scherben ihres Herzens bereits anfingen, sich nach diesem unmöglichen Mann auszurichten.

Entscheidungen

​Der schwarze Wagen war kaum mehr als ein Schatten, der lautlos vor dem massiven, eisernen Tor des Anwesens zum Stehen gekommen war. Vladimir saß entspannt hinter dem Steuer, den Motor im Leerlauf, während er Hana von der Seite her musterte. Er hatte sie mit einer fast schon grausamen Unpünktlichkeit zurückgebracht, doch sein Blick war alles andere als verabschiedend.

​„Na los, Anwältin“, raunte er, und sein dunkles Grinsen war im dämmrigen Licht des Wagens nur halb zu sehen. „Schaffst du es überhaupt bis zum Haus? Deine Beine zittern immer noch so sehr, dass ich fast fürchten muss, du brichst auf halbem Weg im Kies ein.“

​Hana straffte den Rücken, obwohl jeder Muskel in ihren Oberschenkeln bei der kleinsten Bewegung protestierte. „Ich bin durchaus wieder in der Lage zu laufen, Vladimir. Unterschätze meine Ausdauer nicht.“

​Vladimir lachte leise, ein kehliges Geräusch. „Oh, ich unterschätze dich keineswegs. Im Gegenteil, ich bin beeindruckt, was dein Körper aushält. Andere Frauen, die ich hatte, brauchten nach einer solchen Nacht zwei Tage Bettruhe.“

​Hana spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. Mit einer Mischung aus echter Entrüstung und einem neckischen Impuls gab sie ihm einen kleinen Faustschlag gegen seinen harten Bizeps. Vladimir quittierte den Angriff nicht mit Abwehr, sondern mit einem noch dunkleren, wissenden Grinsen.

​„Ich ziehe mich fürs Erste zurück“, erklärte er dann, plötzlich wieder der kühle Stratege. „Es wäre seltsam, wenn wir beide zusammen aufkreuzen und man dir die Nacht an den Knien ansieht. Ruf mich an, wenn du etwas brauchst. Oder wenn die Sehnsucht nach... Freiheit zu groß wird.“

​Hana stieg aus, ohne ein weiteres Wort zu sagen, knallte die Tür zu und hörte, wie der Wagen hinter ihr anfuhr. Es war Sonntag, Punkt drei Uhr nachmittags. Die Luft am Rande von Tokio war warm und klar, ein krasser Gegensatz zu der stickigen, aufgeladenen Atmosphäre der Suite im Grand Hotel.

Hana, trat durch die kleine eiserne Seitentür des massiven Tores.

​Während sie auf das Anwessn zuging, die kleine Stufen zum Eingang hinauf schritt und schließlich die schwere Glocke betätigte, überkam sie ein Schwindelgefühl, das nichts mit dem Kreislauf zu tun hatte. Sie starrte auf das Holz der Tür und sah nicht die Maserung, sondern die Bilder der letzten Stunden vor ihrem inneren Auge.

​Das Bad. Vladimir hatte sie nicht einfach nur gewaschen; er hatte sie erneut in Besitz genommen. Sie erinnerte sich, wie das heiße, nach Zeder und Zitrus duftende Wasser ihre Haut umschmeichelt hatte, während er hinter ihr saß. Seine Hände, groß und unerbittlich, hatten nicht aufgehört, ihre Brüste zu liebkosen, sie zu kneten und zu formen, während das seifige Wasser jede Berührung gleitend und unerträglich intensiv gemacht hatte. Er hatte seinen Kopf in ihre Halsbeuge gelegt, seine Lippen hatten kleine Brände auf ihrer Haut hinterlassen.

​Sie war am Ende nur noch ein schwer atmendes, vor Erregung vibrierendes Bündel gewesen, das sich in der Wanne gegen seine breite Brust presste, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Und dann, als sie dachte, sie könne nicht noch mehr fühlen, war seine Hand unter die Wasseroberfläche geglitten. Zwischen ihren Beinen hatte er mit nur wenigen, präzisen Handgriffen dafür gesorgt, dass sie die Welt um sich herum völlig vergaß.
 

​An der Haustür des Anwesens stehend, verfluchte Hana das warme, ziehende Gefühl, das sich augenblicklich wieder in ihrem Schoß ausbreitete. Sie presste die Lippen zusammen und versuchte, die Maske der unnahbaren Hana aus Osaka wiederzufinden.

​In diesem Moment öffnete sich die Tür.

​Graham stand vor ihr, tadellos wie eh und je, die Miene professionell neutral. „Willkommen zurück, Madame.“, sagte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er trat zur Seite, um sie hereinzulassen, doch sein geschulter Blick entging nicht, wie unsicher ihr Stand war. Als Hana einen Schritt über die Schwelle machte und ihre Knie für einen Moment verräterisch nachgaben, blieb sein Gesichtsausdruck zwar unbewegt, doch in seinen Augen blitzte ein Funken von Erkenntnis auf, den er jedoch sofort diskret verbarg.

​„Bitte folgen Sie mir in den großen Salon“, fuhr Graham fort, als wäre nichts gewesen. „Madame Nami erwartet Sie bereits dort. Ich muss erwähnen, dass Sie heute wohl etwas unstabil auf ihren Beinen ist – wenn sie mir doch bitte folgen würden.“

​Hana biss sich auf die Innenseite der Wangen. Grahams trockener Humor war manchmal fast so gefährlich wie Vladimirs Direktheit. „Vielen Dank, Graham. Das ist wohl... die Erschöpfung der Show gestern.“, presste sie hervor.

​„Natürlich, Madame. Bitte hier entlang.“

​Er führte sie durch die hohen Flure des 70 Jahre alten Anwesens. Hana folgte ihm, jeden Schritt bewusst setzend, während die silbrigen Haare ihr bis zum Gesäß wippten. Sie wusste, dass im Salon nicht nur Nami wartete, sondern auch die Wahrheit, die sie vor ihrer Schwester nur schwer verbergen konnte.
 

Hana atmete tief durch, bevor sie die Schwelle zum großen Salon überschritt. Die Atmosphäre im Ayame-Anwesen war wie immer von einer zeitlosen Eleganz geprägt, doch heute wirkte die Stille für Hanas aufgewühlte Sinne fast ohrenbetäubend.

​Als sie den Raum betrat, sah sie Nami am Fenster sitzen. Das Sonnenlicht des späten Nachmittags verfing sich in ihrem silbrig weißen Haar. Nami sah auf, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das jedoch sofort von einem Ausdruck ehrlicher Besorgnis abgelöst wurde. Nami stützte sich auf die Armlehnen ihres Sessels und versuchte aufzustehen, um ihre Schwester zu begrüßen, doch sie sank sofort wieder mit einem leisen Keuchen zurück in die Kissen. Ihre Bewegungen wirkten hölzern, ihre Beine schienen ihr den Dienst zu versagen.

​Hana unterdrückte ein schmerzhaftes Ziehen in ihren eigenen Oberschenkeln und setzte sich ihr gegenüber. Das leise Knarren des Polsters war das einzige Geräusch im Raum.

​„Wo sind die Kinder?“, fragte Hana, um die drückende Stille zu durchbrechen. Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren belegt.

​Nami schenkte ihr ein mattes, aber liebevolles Lächeln. „Kai ist mit Ayumi, Ren und Gou ins Granger Dojo gefahren. Er meinte, die drei müssten etwas Energie loswerden, und er wollte, dass ich ein wenig Ruhe habe. Claire ist mit Sayuri oben im Spielzimmer. Es ist... ungewohnt still hier, nicht wahr?“

​Nami musterte ihre ältere Schwester eingehend. Sie bemerkte die leichte Rötung auf Hanas Wangen, das beinahe unmerkliche Zittern ihrer Hände und diesen amethystfarbenen Glanz in ihren Augen, der so völlig untypisch für die kühle Anwältin aus Osaka war. Nami schwieg eine Weile, gab Hana den Raum, selbst zu sprechen, doch die Stille dehnte sich aus, bis Hana sie nicht mehr ertrug.

​„Nami...“, begann Hana leise und strich sich eine glatte, weiße Strähne aus dem Gesicht. „Ist Kai eigentlich... sehr fordernd?“

​Nami blinzelte überrascht über die Direktheit der Frage.

​Hana fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten, ihr Blick verlor sich im leeren Kamin. „War es für dich all die Jahre normal, solch eine Intensität an Liebe und Hingabe von einem Mann zu spüren? Ich muss es zugeben... ich war oft neidisch. Auf die Blicke, die Kai dir immer geschenkt hat. Blicke, die selbst durch die Linse der Pressefotografen noch wie Feuer wirkten und in Foren diskutiert wurden. Seine öffentlichen Liebesbekundungen, seine Küsse... er hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er dich begehrt.“

​Ein kleines, wehmütiges Lächeln stahl sich auf Hanas Lippen. „Ich erinnere mich sogar noch an dieses offensichtlich sündige Gespräch zwischen euch in meinem Badezimmer vor einigen Jahren. Ich dachte wirklich, Oma Yumis Herzschrittmacher würde jeden Moment explodieren als diese das Gespräch belauscht hatte, so aufgeladen war die Luft zwischen euch beiden.“

​Nami spürte nun sehr genau, worauf Hana hinauswollte. Die Parallelen zu Kais Bruder waren zu offensichtlich, um sie zu ignorieren. Sie beugte sich vorsichtig vor, soweit ihr eigener erschöpfter Körper es zuließ.

​„Hana“, fragte Nami leise und legte ihre Hand auf die ihrer Schwester. „Hast du heute Nacht etwas erlebt, das... sehr intensiv war?“

​Nami wusste bisher kaum etwas über das Innenleben von Hanas Ehe. Nach außen hin wirkten Hana und Zayn immer wie das perfekte Power-Paar: erfolgreich, stabil, repräsentabel. Sie hatte nie geahnt, dass hinter der Fassade der Villa in Osaka eine emotionale Eiszeit herrschte. Sie wusste nicht, dass ihre Beziehung in den letzten Jahren nur noch eine freundschaftliche Distanz war, ein steriles Nebeneinander, bei dem es nur noch darum ging, alle paar Monate mechanisch einen Trieb zu befriedigen.

​Hana sah ihre jüngere Schwester an, und die Maske der Top-Anwältin zerbrach endgültig. „Zayn hat mich nie so angesehen, Nami. Nie“, gestand sie mit brüchiger Stimme. „Für ihn war Intimität eine Aufgabe, die man effizient erledigt. Er hat mich wie eine Funktion behandelt, nicht wie eine Frau. Er nannte mich 'stark' und 'kühl', aber er hat nie versucht, das Eis zu brechen. Er hat es als Entschuldigung benutzt, um sich distanzieren zu können – und am Ende hat er mich mit dem Kindermädchen betrogen, weil sie ihn 'bewundert', während ich ihn angeblich nur 'herausfordere'.“

​Sie atmete zittrig aus. „Und dann begegne ich Vladimir. Einem Mann, der keine Versprechen gibt, der keine Liebe will und der mich doch in einer einzigen Nacht mehr hat fühlen lassen, als Zayn in zwanzig Jahren.“

​Nami drückte Hanas Hand fest. Sie sah den Schmerz und die gleichzeitige Befreiung in den Augen ihrer Schwester. Die Realität von Hanas Leben in Osaka erschütterte sie tief, doch gleichzeitig verstand sie nun, warum Vladimir einen so verheerenden Eindruck hinterlassen hatte.
 

Nami hörte weiter schweigend zu, während ihre Augen immer trauriger wurden. Sie kannte die Intensität der Hiwatari-Männer nur zu gut – sie wusste, wie es war, von einem Mann begehrt zu werden, der einen bis in die tiefsten Schichten der Seele beanspruchte. Doch sie kannte auch den Unterschied zwischen Kais beschützender Leidenschaft und der unberechenbaren Wildheit seines Bruders.

​„Hana“, begann Nami sanft, ihre Stimme war voll von einer Weisheit, die sie durch ihre Jahre mit Kai gewonnen hatte. „Kai ist intensiv, ja. Er ist fordernd und manchmal fast besessen. Aber bei ihm gibt es immer ein Auffangnetz. Hinter all der Dominanz steht ein Mann, der mich liebt, als wäre ich sein eigenes Leben. Aber Vladimir... er ist anders. Er ist ein Sturm, der keine Rücksicht darauf nimmt, was er zerstört, wenn er weiterzieht. Ich glaube nicht, dass es klug ist, dich ihm noch weiter hinzugeben. Du bist zu verletzt, um gerade klar denken zu können. Dein Herz liegt in Scherben, und du suchst Heilung an einem Ort, der nur aus scharfen Kanten besteht.“

​Nami machte eine kurze Pause und fixierte ihre Schwester. „Hat er irgendetwas gesagt? Gab es Versprechen?“

​Hana lachte kurz und humorlos auf, während sie sich tiefer in den Sessel drückte. „Versprechen? Ganz im Gegenteil. Er hat mir vorgeschlagen, seine Affäre zu sein. Ein Monat in Tokio, völlig unverbindlich. Nur Fleisch und Geist, wie er es nannte. Und ich habe zugestimmt.“

​Nami riss entsetzt die Augen auf. „Hana, nein! Tu das nicht. Bitte. Das wird dir am Ende nur noch mehr das Herz brechen. Du begibst dich in eine Arena mit einem Raubtier, während du nicht einmal eine Rüstung trägst.“

​Doch Hana schüttelte energisch den Kopf. Ihre amethystfarbenen Augen funkelten jetzt nicht mehr vor Traurigkeit, sondern vor einer trotzigen Entschlossenheit.

​„Du verstehst das falsch, Nami. Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich weine nicht wegen Vladimir“, sagte sie, und eine einsame Träne stahl sich über ihre Wange, die sie sofort wegwischte. „Ich weine, weil ich fast zwanzig Jahre meines Lebens an einen Mann verschwendet habe, der mich nie wirklich gesehen hat. Ich weine um die Zeit, in der ich dachte, Kälte sei normal, während es da draußen Männer gibt, die... die einen zum Atmen bringen. Ich weiß, was du denkst. Du denkst, ich werde mich in ihn verlieben, wenn ich weiterhin die Nächte mit ihm verbringe. Aber das stimmt nicht.“

​Hana beugte sich vor, ihre Stimme wurde fest. „Für mich ist er lediglich ein Mittel zum Zweck. Er ist das Gegengift zu Zayns Gleichgültigkeit. Er ist eine Ablenkung, ein Weg, den Schmerz zu betäuben, bis ich wieder ich selbst bin. Mehr nicht.“

​Nami sah ihre Schwester lange an, und in ihrem Blick lag ein tiefes Mitleid. Sie kannte dieses Gefühl, die Sucht nach der Intensität, die nur ein Mann dieses Schlages bieten konnte.

​„Das sagst du jetzt, Hana“, entgegnete Nami mit erschreckender Klarheit. „Aber wenn Vladimir auch nur halb so ist wie Kai... dann wirst du nicht einfach nur abgelenkt sein. Du wirst anfangen, süchtig danach zu werden. Süchtig nach dem Gefühl, so absolut begehrt zu werden. Und ehe du dich versiehst, wirst du emotional abhängig von einem Mann, der keine Liebe kennt und der dich in dem Moment fallen lässt, in dem du eine Hand nach ihm ausstreckst. Er wird dich nicht heilen, Hana. Er wird dich nur daran gewöhnen, dass Schmerz und Lust dasselbe sind.“

​In diesem Moment hörte man draußen das ferne Knirschen von Kies und das vertraute, kraftvolle Aufheulen eines Motors. Kai und die Kinder waren zurück.
 

„Tante Hana!“, rief Ayumi, die wie ein kleiner Wirbelwind auf ihre Tante zustürmte, dicht gefolgt von Ren und Gou. Die drei Kinder brachten eine Lebendigkeit in den Raum, die Hana für einen Moment fast den Atem raubte. Sie versuchte zu lächeln, strich Gou über den Kopf und fing Ayumi in einer Umarmung auf, doch ihr Körper fühlte sich hölzern an.

​Während die Kinder auf Hana einredeten, betrat Kai den Raum. Seine Präsenz war wie immer raumgreifend, doch sein Blick galt augenblicklich nur einer Person. Mit dieser raubtierhaften, aber zugleich zutiefst liebevollen Eleganz steuerte er auf Namis Sessel zu.

​Hana beobachtete die Szene mit einem Herzen, das sich anfühlte, als würde es von einer kalten Hand zusammengedrückt. Kai beugte sich zu Nami hinunter, legte seine Hände an ihre Taille und zog sie mit einer einzigen, zärtlichen Bewegung aus dem Sessel nach oben in seine Arme. Er hielt sie fest, als wäre sie das Kostbarste auf dieser Welt.

​„Fühlst du dich besser?“, raunte er, laut genug, dass Hana es hören konnte. Seine Stimme war tief und voller Fürsorge. Er hob eine Hand, strich Nami sanft eine widerspenstige Locke hinter das Ohr und sah ihr in die Augen – ein Blick, der so voller Hingabe war, dass Hana wegschauen musste. Dann senkte er den Kopf und küsste Nami lang und zärtlich auf die Lippen. Es war kein flüchtiger Gruß, sondern eine tiefe Bestätigung ihrer Verbindung.

​Hana fühlte sich plötzlich wie eine Eindringling in einem Heiligtum. Der Kontrast zwischen der liebevollen Intensität, die sie hier sah, und der eiskalten, fordernden Leidenschaft, die sie vor wenigen Stunden in Vladimirs Suite erlebt hatte, war unerträglich. Sie spürte, wie die Tränen der Überforderung erneut drohten, ihren Weg an die Oberfläche zu finden.

​„Ich... ich muss gehen“, stieß Hana hervor und löste sich sanft, aber bestimmt von den Kindern.

​Nami sah sie besorgt über Kais Schulter hinweg an, doch Hana vermied ihren Blick. „Ich muss zu meinen Eltern...“, fuhr sie hastig fort, während sie ihre Tasche griff. „Sie warten schon seit gestern Abend auf mich. Ich war viel zu lange weg.“

​Kai löste sich ein Stück von Nami, hielt sie aber immer noch schützend im Arm. Er musterte Hana kurz, sein Blick war scharf und analysierend, als könnte er die Spuren seines Bruders an ihr riechen. „Soll ich dich nicht kurz rüberfahren, Hana?“, fragte er ruhig. „Es wäre kein Problem.“

​Hana winkte hastig ab, bereits auf dem Weg zur Tür. „Nein, nein, danke, Kai. Das ist nicht nötig. Die zehn Minuten Fußweg schaffe ich auch alleine. Das Wetter ist schön und ich brauche... ich brauche dringend frische Luft.“

​Sie wartete keine Antwort mehr ab. Mit schnellen, fast schon fluchtartigen Schritten verließ sie den Salon. Jeder Schritt erinnerte sie schmerzhaft an Vladimir, an das Zittern ihrer Beine und an das gefährliche Spiel, auf das sie sich eingelassen hatte. Als sie ins Freie trat und die kühle Nachmittagsluft einatmete, fühlte sie sich so einsam wie noch nie in ihrem Leben – gefangen zwischen einem Leben, das bereits gestorben war, und einer Zukunft, die nur aus Schatten bestand.
 

Hana legte den kurzen Weg zwischen den Anwesen, trotz zitternder Knie, fast mechanisch zurück. Die milde Luft half ein wenig, den Nebel in ihrem Kopf zu lichten, doch das Brennen in ihren Muskeln blieb eine konstante Erinnerung an Vladimirs unnachgiebige Art.

​Als sie schließlich vor dem großen, modernen Anwesen ihrer Eltern stand, atmete sie noch einmal tief durch. Es war ein imposantes Gebäude, moderner als das Ayame-Anwesen, aber dennoch von einer traditionellen Schwere geprägt. Gerade als sie ihren Schlüssel aus der Tasche kramte und ihn ins Schloss stecken wollte, schwang die Tür von innen auf.

​Noah stand im Rahmen und füllte ihn fast vollständig aus. Mit seinen zwanzig Jahren war der jüngste der Tachiba-Geschwister mittlerweile auf fast 1,90 Meter herangewachsen. Er war unverschämt gutaussehend und besaß jene jugendliche Nonchalance, die Hana in ihrem jetzigen Zustand absolut nicht gebrauchen konnte. Als einziger der Kinder, der noch im Elternhaus lebte, genoss er sichtlich seine Rolle als inoffizieller „Türsteher“.

​Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türpfosten und musterte seine älteste Schwester mit leichtem Argwohn. Sein Blick glitt an ihr herunter und blieb an ihren Knien hängen.

​„Na, sieh mal an“, sagte er mit einer Stimme, die viel zu tief für sein Alter klang. „Die verlorene Tochter kehrt heim. Wo warst du eigentlich die ganze Nacht? Und sag mal... warum zittern deine Beine so? Hast du einen Marathon hinter dir oder was?“

​Hana spürte, wie ein rötlicher Schimmer auf ihre Wangen stahl. Sie wusste, dass Noah eine gefährlich gute Beobachtungsgabe besaß, genau wie Nami. Sie schnaubte verächtlich und drängte sich mit einer schroffen Bewegung an ihrem kleinen Bruder vorbei ins Haus.

​„Sei nicht so frech, Noah“, entgegnete sie scharf, während sie versuchte, ihren Gang so stabil wie möglich aussehen zu lassen. „Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und eine erwachsene Frau. Ich brauche ganz sicher keinen solchen Blick von einem Zwanzigjährigen, der noch bei Mama wohnt und nichts Besseres zu tun hat, als seine große Schwester an der Tür zu verhören.“

​Noah folgte ihr in die Eingangshalle, sichtlich belustigt über ihre gereizte Reaktion. Er hob abwehrend die Hände, ein freches Grinsen auf den Lippen.

​„Ganz ruhig, Anwältin“, versuchte er sie halbherzig zu beruhigen, während er seinen Gang ihrem Tempo anpasste. „Ich wollte ja nur sichergehen, dass du nicht von den Lichtern Tokios verschluckt wurdest. Was ist dir denn bitteschön für eine Laus über die Leber gelaufen? Du bist ja giftiger als eine Kobra nach dem Winterschlaf.“

​Hana blieb stehen und funkelte ihn aus ihren amethystfarbenen Augen an. In diesem Moment wirkte sie tatsächlich wie eine Frau, die kurz davor war, jemanden im Gerichtssaal – oder im heimischen Flur – in Stücke zu reißen. Doch tief im Inneren wusste sie, dass Noahs Neugier nur die Spitze des Eisbergs war. Wenn erst ihre Eltern anfingen zu fragen, würde ihre mühsam errichtete Fassade noch härteren Prüfungen standhalten müssen.
 

Die Stille im Wohnzimmer des Tashiba-Anwesens war fast greifbar. Es war eine jene Momente, in denen die Luft so dick vor unausgesprochenen Fragen hing, dass Hana das Gefühl hatte, kaum atmen zu können.

​Hiro Tashiba saß in seinem schweren Ledersessel, das Licht einer Stehlampe fiel auf die Sonntagszeitung in seinen Händen. Er wirkte in seinem hellen Hemd und der lockeren, dünnen Hose entspannt, doch Hana kannte ihren Vater zu gut. Er war ein Mann, der durch Beobachtung regierte. Als er den Blick hob, sagte er zunächst kein Wort. Seine Augen, die so viel Ähnlichkeit mit denen seiner Töchter hatten, musterten Hana eingängig – sie scannten ihre Haltung, die leichte Rötung ihrer Wangen und das verräterische Zittern ihrer Hände, die sie nun fest in ihrem Schoß verschränkte.

​In diesem Moment trat Hilda Tashiba aus der weitläufigen Küche. Der Duft von frischem Tee folgte ihr, während sie die Tasse mit einer eleganten, fast zeremoniellen Ruhe trug. Sie hielt kurz inne, als sie Hana sah, wechselte einen schnellen, lautlosen Blick mit ihrem Ehemann und setzte ihren Weg fort.

​Niemand sagte ein Wort. Das Ticken der Wanduhr und das leise Klirren von Hildas Teetasse auf dem Beistelltisch waren die einzigen Geräusche. Sogar Noah hielt sich im Hintergrund ungewöhnlich zurück, lehnte im Türrahmen und beobachtete das stumme Tribunal mit verschränkten Armen.

​Hana fühlte sich unter den Blicken ihrer Eltern wie eine Verdächtige im Kreuzverhör. Ihr ganzer Körper schrie nach Ruhe, nach einer dunklen Ecke, in der sie die Ereignisse mit Vladimir verarbeiten konnte, doch hier, im Zentrum ihrer Familie, gab es kein Versteck.
 

​Schließlich gab sie sich einen Ruck. Mit einer steifen Bewegung, die jeden protestierenden Muskel in ihren Beinen ignorierte, durchquerte sie den Raum und setzte sich Hiro direkt gegenüber auf das große Sofa. Sie spürte, wie sie in den weichen Polstern versank, was das Zittern ihrer Knie nur noch schwerer kontrollierbar machte.

​Sie hielt dem forschenden Blick ihres Vaters stand, das Kinn leicht gehoben, während sie die Arme eng an ihren Körper presste. Die Maske der erfolgreichen Anwältin war zwar brüchig, aber sie war alles, was ihr in diesem Moment noch blieb.

​„Hallo, Vater. Mutter“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war so kontrolliert, wie sie es nur irgend schaffen konnte.

​Hiro legte die Zeitung langsam auf seine Knie ab. „Du bist spät, Hana“, stellte er fest, und seine Stimme war ruhig, fast sanft, aber mit jenem Unterton, der keinen Widerspruch duldete. „Wir hatten eigentlich mit dir zum Frühstück gerechnet.“
 

Hiro legte die Zeitung nun endgültig beiseite. Die Stille im Raum war so dicht, dass man das ferne Ticken einer Uhr im Flur hören konnte. Er betrachtete Hana, die ihm gegenüber auf dem Sofa versunken war – eine Frau, die normalerweise Haltung wie eine Rüstung trug, und die nun sichtlich Mühe hatte, ihre Knie ruhig zu halten.

​„Nami erzählte uns heute Morgen beim Frühstück eine interessante Geschichte“, begann Hiro ruhig. Er verschränkte die Finger und stützte die Ellbogen auf die Knie, womit er den Abstand zu Hana verringerte. Sein Blick war nicht anklagend, aber von einer schmerzhaften Klarheit. „Sie sprach davon, dass du eine 'Herausforderung' angenommen hättest. In sehr 'fordernden Händen'.“

​Hana spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Sie verfluchte Namis loses Mundwerk, auch wenn sie wusste, dass ihre Schwester es wahrscheinlich nur getan hatte, um die Wogen vorab zu glätten.

​Noah, der immer noch im Türrahmen lehnte, stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. „Fordernde Hände? Das erklärt das Zittern. Hat er dich etwa durch ganz Tokio gejagt, Hana?“

​„Noah, schweig“, sagte Hiro, ohne den Blick von Hana abzuwenden. Die Autorität in seiner Stimme ließ den Jüngsten sofort verstummen. Hiro wandte sich wieder seiner ältesten Tochter zu. „Ich habe gestern Abend im VIP-Bereich gesehen, wie Vladimir dich angesehen hat. Und ich habe gesehen, wie du reagiert hast. Etwas, das ich bei Zayn in zwanzig Jahren nicht beobachtet habe.“

​Hilda stellte ihre Tasse mit einem leisen Klappern ab. „Hana, wir machen dir keine Vorwürfe wegen Zayn. Wir wissen, wie es um eure Ehe steht. Aber... ein Hiwatari?“ Sie sah besorgt zu ihrem Mann. „Wir haben heute Morgen bei Kai und Nami mal wieder gesehen, was das bedeutet. Kai musste sie die Treppe hinuntertragen, weil sie nicht mehr laufen konnte. Und Graham sprach bereits von der 'instabilen Statik' des Westflügels.“

​Hana schloss kurz die Augen. Die Erinnerung an Grahams Worte vorhin an der Tür – dass Nami heute „etwas unstabil auf den Beinen“ sei und sie tatsächlich nicht aufstand – ergab plötzlich einen völlig neuen, sündigen Sinn. Wenn Kai seine Frau bereits so forderte, dass die Kinder über „vibrierende Wände“ rätselten, was bedeutete das dann für sie und Vladimir?

​„Ich möchte es von dir hören, Hana“, fuhr Hiro fort, seine Stimme war nun wieder weicher. „Nicht von Nami und nicht durch Andeutungen. Warst du bei ihm? Warst du bei Vladimir?“

​Hana atmete tief ein. Sie merkte, wie die Hitze ihres Geständnisses gegenüber Nami nun auch hier, vor ihrem Vater, Raum griff. Die kühle Maske der Anwältin war nicht mehr aufrechtzuerhalten, wenn Hiro sie so ansah – als würde er direkt in die Trümmer ihrer Existenz blicken.

​„Ja“, sagte sie schließlich, und das Wort klang wie ein Befreiungsschlag in der Stille des Raumes. „Ich war bei ihm. Im Grand Hotel.“

​Ein kollektives, fast unhörbares Einatmen ging durch den Raum. Noah pfiff leise durch die Zähne.

​„Er hat mir Dinge gesagt, Vater... Dinge über mein Leben in Osaka, die ich mir selbst nie eingestehen wollte“, fuhr Hana fort, ihre Stimme wurde fester, während sie Hiro direkt in die Augen sah. „Er hat das Fenster geöffnet, in einem Keller, in dem ich jahrelang festsaß. Ja, meine Beine zittern. Und ja, ich kann kaum stehen. Aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten habe ich nicht das Gefühl, nur zu funktionieren.“

​Hiro schwieg lange. Er dachte an sein eigenes Lachen heute Morgen am Frühstückstisch, als er zu Kai gesagt hatte, dass eine Tachiba-Tochter wohl nicht ausreiche, um den Hunger der Hiwatari-Brüder zu stillen. Er sah die amethystfarbenen Augen seiner Tochter, die nun trotz der Erschöpfung ein Feuer in sich trugen, das er längst für erloschen gehalten hatte.

​„Ein Sturm, der alles mitreißt“, murmelte Hiro, genau wie er es am Morgen zu Nami gesagt hatte. Er erhob sich langsam und trat auf Hana zu. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter – eine Geste, die gleichzeitig Schutz und Anerkennung war. „Ich hoffe nur, Hana, dass du stark genug bist, in diesem Sturm nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Denn Vladimir ist kein Mann, der dich auffängt, wenn du fällst. Er ist der Grund, warum du fällst.“

​Hana sah zu ihrem Vater auf. Sie dachte an Vladimirs eiskalte Absage an die Liebe und an ihr eigenes Versprechen, ihn nur als „Gegengift“ zu nutzen. „Ich weiß, Vater“, flüsterte sie. „Aber vielleicht ist das Fallen genau das, was ich gerade brauche.“

Hiro schmunzelte nun tatsächlich, ein Ausdruck tiefer väterlicher Weisheit und einer Spur von Resignation gegenüber dem Schicksal, das die Hiwatari-Männer über seine Töchter brachten. „Du bist alt genug, um zu wissen, was du willst, Hana“, sagte er leise und drückte kurz ihre Schulter. „Aber pass auf dich auf. Männer wie Vlad... sie nehmen sich, was sie wollen, ohne nach dem Preis zu fragen, den andere dafür zahlen.“

​Hana nickte stumm. Die Wärme seiner Hand linderte für einen Moment die innere Unruhe. „Ich werde morgen zurück nach Osaka gehen“, erklärte sie, und allein bei dem Gedanken an die sterile Villa und das schweigende Haus fühlte sie einen Kloß im Hals. „Ich muss zu Akari und Mirai. Aber...“ Sie hielt inne und starrte auf ihre verschränkten Finger. „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Ich fühle mich in Osaka plötzlich so allein. Der Gedanke, in dieses Leben zurückzukehren, erstickt mich fast.“

​Hiro und Hilda tauschten einen schnellen, sorgenvollen Blick aus. Es war jene lautlose Kommunikation, die sie über Jahrzehnte perfektioniert hatten. Hilda stellte ihre Tasse endgültig beiseite und rückte ein Stück näher.

​Hiro räusperte sich und brach erneut die Stille mit einer Bestimmtheit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Dann tu es nicht, Hana. Geh zurück, hol die Mädchen und zieh hierher, in dein Elternhaus. Nur für eine kleine Weile, bis du wieder festen Boden unter den Füßen hast.“

​Hana sah auf, ihre Amethystaugen geweitet vor Überraschung.

​„Deine Geschwister sind schon lange ausgezogen“, fuhr Hiro fort und machte eine Geste durch den weitläufigen Raum. „Außer Noah ist hier niemand mehr, und Platz haben wir mehr als genug. Akari und Mirai könnten hier mit ihren Cousins und Cousinen aufwachsen, Nami ist direkt ein paar Straßen weiter im Ayame-Anwesen.“

​Hana schüttelte hastig den Kopf und winkte überfordert ab. „Vater, das... das kann ich nicht. Ich bin eine gestandene Frau, ich kann doch nicht mit Mitte dreißig zurück zu meinen Eltern ziehen. Wie sähe das denn aus? Was würden die Leute in Osaka sagen? Außerdem habe ich dort eine Kanzlei zu leiten. Ich kann meine Mandanten nicht einfach im Stich lassen.“

​„Dann gib die Leitung ab“, unterbrach Hiro sie ruhig, aber mit dieser geschäftlichen Schärfe, die ihn so erfolgreich gemacht hatte. „Verkauf deine Anteile oder lass einen Partner die operative Führung übernehmen. Ich brauche ohnehin eine neue, loyale Rechtsvertreterin bei Tachibey Industries hier in Tokio. Jemandem, dem ich blind vertrauen kann.“

​Er beugte sich vor und suchte ihren Blick. „Überleg es dir, Hana. Du musst diesen Kampf gegen Zayn und die Leere in deinem Leben nicht allein führen. Du brauchst jetzt den Beistand deiner Familie – und vielleicht auch die räumliche Distanz zu allem, was dich in Osaka krank gemacht hat.“

​Hana starrte ihn an, sprachlos über die Radikalität seines Vorschlags. In ihrem Kopf rasten die Gedanken: Die Mädchen in Tokio, die Nähe zu Nami, die Arbeit in Vaters Imperium... und Vladimir. Wenn sie hier bliebe, wäre sie eine Zeit lang in seiner Reichweite. Genau das, was er mit seinem „Hausarrest“-Vorschlag und dem Büro im Tower bezweckt hatte.

​Noah, der das Ganze grinsend mitverfolgt hatte, stieß sich vom Türrahmen ab. „Komm schon, Hana. Stell dir vor, wie wir Zayn gemeinsam die Papiere servieren. Das wäre ein Fest.“

​Hana antwortete nicht, aber das Zittern ihrer Beine schien für einen Moment nachzulassen, ersetzt durch das Pochen einer Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern könnte.
 

Es war kurz nach zehn Uhr abends im Ayame-Anwesen. Die Kinder schliefen bereits tief und fest. Im großen Schlafzimmer brannte nur eine einzige, dimmbare Lampe, die den Raum in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht tauchte.

​Nami lag eng an Kais starke Brust geschmiegt, ihr Kopf ruhte in der Beuge seiner Schulter. Sie spürte das regelmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs und die wohlige Hitze, die sein Körper ausstrahlte. Kais Hand bewegte sich in einer langsamen, meditativen Geste über ihren nackten Arm, seine Fingerspitzen kraulten sacht ihre Haut, ein vertrautes Zeichen seiner Zuneigung.

​Nach der Unruhe des Nachmittags, als Hana überstürzt aufgebrochen war und die Kinder Nami mit Berichten über das Training im Dojo bestürmt hatten, war diese Stille fast greifbar. Sie hatten seither kaum ein Wort über Hana oder Vladimir verloren; die Pflichten als Eltern hatten den Raum für Spekulationen eingenommen. Doch nun, in der Intimität der Nacht, kamen die Gedanken zurück.

​Kai hielt in seiner Bewegung inne und neigte den Kopf leicht zu ihr. „Du bist heute Abend sehr still, mein Schatz“, raunte er, und seine tiefe Stimme vibrierte gegen ihre Schläfe. Er löste seinen Arm ein wenig, um ihr in das Gesicht sehen zu können, seine rubinroten Augen suchten ihren Blick. „Worüber haben du und Hana vorhin geredet, bevor ich mit den Kindern hereinkam? Du wirktest... aufgewühlt.“

​Nami atmete tief ein und schloss für einen Moment die Augen. Der Duft nach Sandelholz, der Kai immer umgab, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, doch die Sorge um ihre Schwester wog schwer.

​„Sie hat mir alles erzählt, Kai“, flüsterte sie und strich mit ihren Fingern über die Narben auf seinem Handrücken. „Über Osaka. Über Zayn. Es ist viel schlimmer, als ich dachte. Er hat sie nicht nur ignoriert, er hat sie systematisch emotional erfrieren lassen. Und dann die Affäre mit dem Kindermädchen... Hana hat jahrelang in einer Hülle gelebt.“

​Sie sah ihn an, ihre ozeanfarbenen Augen voller Ernsthaftigkeit. „Und dann kam Vladimir. Er hat sie heute Morgen vor dem Tor abgesetzt. Er hat ihr vorgeschlagen, seine Affäre zu sein – für einen Monat, hier in Tokio. Ohne Verpflichtungen, ohne Liebe. Und Hana... sie hat zugestimmt. Sie denkt, sie braucht ihn nur als Ablenkung, als Mittel gegen den Schmerz.“

​Kai blieb einen Moment still, sein Blick wurde unlesbar und kühl wie der eines Raubtiers, das die Witterung aufnimmt. Ein kurzes, fast unmerkliches Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel, doch es war keine Belustigung, sondern eher eine dunkle Anerkennung der Natur seines Bruders.

​„Einen Monat“, wiederholte er leise. „Typisch Vladimir. Er zieht eine Grenze, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat.“ Er fuhr fort, ihren Arm zu kraulen, doch sein Griff wurde eine Spur fester. „Du glaubst nicht, dass sie das unbeschadet übersteht, oder?“

​Nami schüttelte den Kopf und schmiegte sich wieder enger an ihn. „Sie denkt, sie kann ihr Herz heraushalten. Aber ich habe sie gesehen, Kai. Sie zitterte nicht nur vor Erschöpfung, sie hat dieses Leuchten in den Augen, das sie völlig verwirrt. Wenn Vladimir nur halb so fordernd ist wie du...“ Sie hielt inne und sah ihn verschmitzt, aber auch besorgt an. „...dann wird sie anfangen, süchtig danach zu werden. Sie wird emotional abhängig von einem Mann, der ihr klipp und klar gesagt hat, dass er sie fallen lässt, sobald Gefühle im Spiel sind. Ich habe Angst, dass er sie vollends bricht, statt sie zu heilen.“

​Kai schwieg, während er ihren Blick hielt. Er wusste genau, wovon Nami sprach. Er wusste, wie es war, eine Frau so sehr zu wollen, dass man bereit war, ihre Welt aus den Angeln zu heben. Doch im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er Nami nicht nur genommen, er war auch geblieben, um die Trümmer wieder aufzubauen.

​„Vladimir kennt keine Gnade, wenn er eine Beute fixiert hat. Er ist genauso wie Tala früher war.“, sagte Kai schließlich dunkel. „Aber unterschätze Hana nicht. Sie ist eine Tachiba. Vielleicht ist sie die Erste, die Vladimir dazu bringt, seine eigenen Regeln zu hassen.“

Kai hielt in seiner Bewegung inne, die Hand flach auf Namis Arm. Die Information über den „einen Monat“ sickerte langsam durch, und Nami konnte spüren, wie sich sein ganzer Körper unter ihr anspannte. Das sanfte Kraulen wich einer steinernen Starre.

​„Ein ganzer Monat“, wiederholte er, und seine Stimme war nun deutlich kühler. „Das bedeutet, er plant sicher, sich für diese gesamte Zeit im Tower einzunisten. Er wird mein Hauptquartier sicher als sein persönliches Jagdrevier missbrauchen, während er so tut, als würde er 'Geschäfte' koordinieren.“

​Ein dunkles Grollen klang in seiner Brust nach. Kai war ein Mann, der sein Revier und seine Privatsphäre über alles schätzte. Die Vorstellung, Vladimir vier Wochen lang täglich im Nacken zu haben – und dabei genau zu wissen, dass sein Bruder jede freie Sekunde nutzte, um Namis Schwester systematisch zu korrumpieren – ließ ihn innerlich kochen. Er schätzte seinen Bruder mitlerweile, aber er kannte dessen arrogante Dominanz zu gut.

​Mit einer abrupten Bewegung wollte Kai sich aufsetzen. Er griff bereits in Richtung des Nachttisches, um sein Smartphone zu holen. „Ich werde ihm jetzt klarmachen, dass er sich ein Hotelbüro suchen kann. Ich habe nicht vor, den Sittenwächter für seine Eskapaden im Tachiwari-Tower zu spielen.“

​Doch bevor er das Gerät zu fassen bekam, legte Nami ihre Hand sanft auf sein Handgelenk. Sie spürte das Pochen seines Pulses und die unterdrückte Energie in seinem Griff.

​„Kai, nein. Lass es“, beschwichtigte sie ihn leise und zog ihn sanft zu sich zurück. „Es ist schon nach zehn Uhr. Er wird ohnehin nicht rangehen oder dich nur provozieren. Und wenn du ihn jetzt vergraulst, treibst du ihn vielleicht nur noch weiter in die Anonymität, wo wir Hana gar nicht mehr im Blick haben.“

​Sie wartete, bis sein Blick wieder den ihren traf. Die rubinroten Augen funkelten noch immer vor Verärgerung, doch unter ihrem sanften Druck gab er langsam nach.

​„Bitte“, raunte sie und schmiegte sich wieder eng an ihn, wobei sie ihr Bein über seine Hüfte legte, um ihn festzuhalten. „Bleib hier. Ich möchte noch ein wenig mit dir reden. Wir haben heute kaum Zeit für uns gehabt, ohne dass ein Kind oder ein Familiendrama dazwischenkam.“

​Kai stieß einen tiefen, ergebenen Seufzer aus und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Er legte den Arm wieder um sie, doch seine Kiefermuskeln arbeiteten noch immer. „Du hast wie immer eine gefährliche Art, mich zu bändigen, Nami“, murmelte er, während sein Blick sich allmählich wieder etwas weicherte. „Aber du hast recht. Vladimir wird morgen auch noch da sein. Und die Ansage, die ich ihm verpassen werde, wird persönlich im Tower ohnehin viel effektiver sein.“

​Er zog sie noch ein Stück näher, bis kein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. „Worüber möchtest du noch reden? Wenn es nicht um meinen Bruder oder deine Schwester geht, bin ich ganz Ohr.“

Nami genoss das Gewicht seines Arms und die vertraute Geborgenheit, die nur er ihr schenken konnte. Sie löste sich ein kleines Stück von seiner Brust, um sein Gesicht im schwachen Licht besser sehen zu können. Ihre Finger strichen sacht über seine Wangenknochen, hinunter zu seinem Kinn.

​„Ich habe heute Hana beobachtet, als du mich hochgehoben und geküsst hast“, begann sie leise, und ein Schatten von Melancholie legte sich über ihre Züge. „Sie sah so... verloren aus. Und es hat mich daran erinnert, wie zerbrechlich das alles ist. Was wir haben.“

​Kai sah sie schweigend an, seine Augen wirkten in der Dunkelheit wie glühende Kohlen, nur ein winziger Funke Rot glimmte darin. „Es ist nicht zerbrechlich, Nami. Es ist das Fundament von allem, was ich tue.“

​„Ich weiß“, erwiderte sie und lächelte schwach. „Aber sie hat mich gefragt, ob es für mich all die Jahre normal war, diese Intensität zu spüren. Diese Hingabe. Und mir wurde klar, dass ich es manchmal als viel zu selbstverständlich hinnehme, dass du mich so ansiehst, als gäbe es keine andere Frau auf der Welt. Dass du mir öffentlich zeigst, wer ich für dich bin, egal was die Presse oder die Corporation sagt.“

​Sie hielt kurz inne und suchte nach den richtigen Worten. „Hana war neidisch, Kai. Nicht auf den Luxus oder den Namen, sondern auf das Feuer. Sie hat fast fünfzehn Jahre in einem Haus gelebt, in dem es nur funktioniert hat. Und ich... ich habe mich gefragt, ob ich dir jemals genug zurückgegeben habe. Für all die Male, in denen du mich getragen hast – metaphorisch und heute Morgen ganz wörtlich.“

​Kai ergriff ihre Hand, die immer noch an seinem Gesicht ruhte, und küsste ihre Handfläche. Der Kuss war warm und besitzergreifend.

​„Du gibst mir alles zurück, indem du hier bist“, raunte er. „Du bist der einzige Grund, warum ich dieses Leben so führe, wie ich es tue. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich genau wie Vladimir – ein Mann, der nur nimmt, was er will, und dann weiterzieht, weil nichts einen bleibenden Wert hat. Du hast mir einen Anker gegeben.“

​Er zog sie wieder ganz eng an sich, sodass sein Atem ihre Stirn streifte. „Dass Hana neidisch ist, ist verständlich. Aber sie sucht das Feuer jetzt an einem Ort, der sie verbrennen könnte. Wir haben unseres gemeinsam gezähmt, mein Schatz. Das ist der Unterschied.“

​Nami schloss die Augen und atmete seinen Duft ein. Die Unruhe des Tages begann endgültig von ihr abzufallen. „Ich liebe das was wir haben so sehr“, flüsterte sie. „Und ich liebe es, dass du auch nach all den Jahren und vier Kindern immer noch nicht genug von mir bekommst.“

​Kai lachte leise, ein tiefes, vibrierendes Geräusch in seiner Brust, das Nami Gänsehaut bescherte. „Ich werde nie genug von dir bekommen. Wenn wir achtzig sind, werde ich dich immer noch die Treppen hochtragen, wenn deine Beine nachgeben. Verlass dich darauf.“

Kai küsste sie tief, ehe Nami über den Satz laut loslachen konnte.

Zwanzig Minuten

​Der nächste Morgen im Tachiwari-Tower begann mit einer elektrisierenden Spannung, die weit über den üblichen geschäftigen Rhythmus der Konzernzentrale hinausging. Als Kai und Nami die gläserne Lobby betraten, war das gewohnte, respektvolle Tuscheln der Angestellten deutlich intensiver und aufgeregter als sonst.

​Der Grund dafür stand mit dem Rücken zum monumentalen Empfangstresen und blickte gelassen auf seine Armbanduhr: Vladimir.

​Er trug einen perfekt geschnittenen, anthrazitfarbenen Anzug, der seine beeindruckende Statur betonte. Sein tiefschwarzes Haar mit dem markanten bläulichen Schimmer war in einer Frisur gestylt, die der seines jüngeren Bruders Kai verblüffend ähnelte, was die familiäre Ähnlichkeit nur noch bedrohlicher unterstrich. Seine gesamte Ausstrahlung schrie nach einer gefährlichen Art von Autorität. Die Blicke der Sekretärinnen und jungen Manager klebten förmlich an ihm. Es gab bereits wilde Gerüchte, die wie Lauffeuer durch die Abteilungen rasten: Dass der berüchtigte ältere Bruder des CEOs für die nächsten vier Wochen ein eigenes Büro im obersten Stockwerk beziehen würde. Man spekulierte über feindliche Übernahmen, geheime Fusionen oder eine strategische Neuausrichtung der Tachiwari-Corporation. Niemand im Raum ahnte auch nur ansatzweise, dass der wahre Grund für diesen Aufenthalt keine Aktie, sondern eine Frau war – und dass diese Frau die Schwester der Ehefrau seines jüngeren Bruders war.

​Kai blieb einige Schritte vor seinem älteren Bruder stehen. Sein Griff um Namis Hand festigte sich unbewusst. Seine rubinroten Augen verengten sich, während er Vladimir musterte, der nun langsam den Kopf hob und die beiden mit einem arroganten, wissenden Lächeln bedachte.

​„Guten Morgen, Kai. Nami“, sagte Vladimir, und seine Stimme trug diesen provokanten Unterton, der Kai bereits nur beim Gedanken daran, am Vorabend im Bett hatte kochen lassen. „Pünktlich wie die Uhr. Beeindruckend.“

​Nami spürte, wie Kai neben ihr hart wurde wie Stein. Das Flüstern in der Lobby verstummte schlagartig. Jeder spürte, dass hier zwei Naturgewalten aufeinanderprallten.

​„Vladimir“, erwiderte Kai mit einer Stimme, die so kalt war, dass sie das Glas der Lobby hätte springen lassen können. „Ich hätte nicht gedacht, dass du es so eilig hast, dein neues... Arbeitsumfeld zu inspizieren. Die Angestellten reden sich bereits hörbar die Köpfe heiß über deine Anwesenheit.“

​Vladimir zuckte nur leicht mit den Achseln und trat einen Schritt auf sie zu, wobei er Nami einen kurzen, fast prüfenden Blick zuwarf, bevor er seinen jüngeren Bruder wieder fixierte. „Lass sie reden. Gerüchte sind gut für den Aktienkurs. Und was meinen Aufenthalt angeht... ich habe mich entschieden, dass die Aussicht von deinem Tower aus genau das ist, was ich für meine nächsten Projekte brauche.“

​„Projekte?“, warf Nami vorsichtig ein, wobei sie versuchte, die Wogen zu glätten, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

​Vladimir grinste nun breiter, ein Raubtierlächeln, das direkt an Hana adressiert schien, auch wenn sie nicht im Raum war. „Sagen wir einfach, ich habe eine sehr komplexe 'Herausforderung' gefunden, die meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Und ich mag es nicht, weit weg von meiner Arbeit zu sein.“

​Kai trat einen halben Schritt vor, seine Präsenz dominierte nun den Raum und drängte die neugierigen Blicke der Angestellten zurück. „Wir gehen jetzt in mein Büro, Vladimir. Sofort. Wir haben Dinge zu klären, die nicht für die Ohren der Lobby bestimmt sind.“

​„Nach dir, kleiner Bruder“, erwiderte Vladimir spöttisch und machte eine einladende Geste Richtung Aufzüge.

​Während sie sich in Bewegung setzten, spürte Nami die brennende Neugier der Belegschaft in ihrem Rücken. Das Spiel hatte offiziell begonnen.
 

Der private Aufzug glitt lautlos in die oberste Etage. Die Spannung in der kleinen Kabine war so massiv, dass Nami das Gefühl hatte, die Luft würde knistern. Als sich die Türen öffneten, schritt Kai mit harten Schritten voran in sein weitläufiges Büro, Vladimir folgte ihm mit einer aufreizenden Lässigkeit, die Hände in den Hosentaschen seines Anzugs vergraben.

​Sobald die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, drehte Kai sich um. Das Panorama von Tokio erstreckte sich hinter ihm, doch sein Fokus lag allein auf seinem älteren Bruder.

​„Erklär mir eins, Vlad“, begann Kai, und seine Stimme war gefährlich leise. „Was bezweckst du wirklich mit diesem Monat hier im Tower? Du weißt genau, dass ich es hasse, wenn du dich in meine operative Basis einmischst. Du hast eigene Büros, eigene Firmenzentralen. Warum hier?“

​Vladimir schritt zum Fenster und blickte hinunter auf die Stadt, als gehöre sie ihm. Ein amüsiertes weinrotes Glühen lag in seinen dunklen auberginefarbenen Augen. „Ich dachte, das läge auf der Hand, Kai. Ich schätze die Effizienz. Warum Zeit mit Pendeln verschwenden, wenn die... Ablenkung... direkt hier in der Stadt ist? Außerdem ist es doch schön, wenn die Familie zusammenarbeitet, nicht wahr?“

​„Lass den Unsinn“, knurrte Kai. Er trat einen Schritt auf ihn zu, die rubinroten Augen blitzten zornig. „Es geht um Hana. Du benutzt meinen Tower als Basis für deine Jagd auf meine Schwägerin. Du hast ihr dieses absurde Angebot gemacht, ein Monat als Affäre. Du ziehst sie in ein Spiel hinein, von dem du genau weißt, dass sie es nicht gewinnen kann.“

​Vladimir drehte sich langsam um. Sein Grinsen verschwand und wich einem Ausdruck von kühler, fast klinischer Neugier. „Gewinnen? Wer spricht von Gewinnen? Ich gebe ihr, was sie braucht, Kai. Das, was ihr werter Ehemann in Osaka ihr jahrelang verweigert hat. Ich wecke sie auf. Dass ich dabei dein Büro als mein Hauptquartier nutze, ist lediglich ein strategischer Vorteil. Ich bin gerne nah am Geschehen.“

​Nami, die bisher still an der Tür gewartet hatte, trat nun vor. „Vladimir, sie ist meine Schwester. Sie ist keine deiner üblichen Eroberungen, die man nach vier Wochen einfach austauscht. Sie ist verletzt, sie ist mitten in einer Trennung – du nutzt ihre Schwäche aus.“

​Vladimir sah Nami an, und für einen Moment blitzte etwas wie Anerkennung in seinem Blick auf. „Ich nutze nicht ihre Schwäche aus, Nami. Ich nutze ihr Verlangen. Und glaub mir, Hana hat weit mehr davon, als sie sich selbst eingesteht. Sie hat gestern Nacht mehr gelebt als in ihrem gesamten letzten Jahrzehnt.“

​Er wandte sich wieder an seinen jüngeren Bruder. „Reg dich nicht auf, Kai. Ich werde deinen Tower nicht niederbrennen. Ich werde lediglich dafür sorgen, dass dieser Monat für uns alle... unvergesslich bleibt. Und was Hana angeht: Sie ist erwachsen. Sie hat 'Ja' gesagt. Akzeptier es.“

​Kai ballte die Fäuste. Die Arroganz seines älteren Bruders war oft schwer zu ertragen, doch in diesem Moment war es die Sicherheit, mit der Vladimir über Hana sprach, die ihn am meisten provozierte.

​„Wenn du sie brichst, Vlad“, sagte Kai mit einer Endgültigkeit, die keinen Zweifel ließ, „dann wird dieser Tower nicht groß genug für uns beide sein. Egal, wer von uns der Ältere ist.“

​Vladimir lachte kurz auf, ein dunkles, kehliges Geräusch. „Drohungen unter Brüdern. Wie erfrischend. Aber jetzt... zeig mir mein Büro. Ich habe einen Termin mit einer sehr fähigen Anwältin vorzubereiten. Ich möchte sicherstellen, dass mein Arbeitsplatz... angemessen ist.“
 

Nami beobachtete das angespannte Kräftemessen der beiden Brüder noch einen Moment länger. Die Luft im Raum schien förmlich zu vibrieren, aufgeladen von der unterdrückten Dominanz zweier Männer, die es gewohnt waren, die Welt nach ihrem Willen zu formen. Da sie wusste, dass Kai nun ohnehin keinen Blick für geschäftliche Details von ihrer Seite hatte, entschied sie sich für einen diskreten Rückzug.

​„Ich lasse euch beide dann mal allein“, sagte sie leise, doch weder Kai noch Vladimir wandten den Blick voneinander ab. „Ich habe in meinem eigenen Büro genug zu tun.“

​Sie trat zur Seitentür, die ihr Büro direkt mit dem von Kai verband. Als sie die Klinke drückte und eintrat, blieb sie für einen Moment wie angewurzelt stehen. Ein tiefer, wohliger Atemzug füllte ihre Lungen mit dem betörenden Duft hunderter Blumen. Rosen, Lilien und Dutzende andere exotische Blüten in den prachtvollsten Farben schienen den Raum regelrecht übernommen zu haben.

​Kais Entschuldigung und seine überwältigende Liebesbekundung vom vergangenen Freitag waren mittlerweile alle wunderschön in ihrem Büro aufgestellt worden. Es waren so viele Arrangements, dass man beim ersten Blick tatsächlich meinen konnte, man stünde mitten in einem kleinen, exklusiven Blumenladen. Die zarten Blütenblätter leuchteten im Morgenlicht und bildeten einen sanften Kontrast zur modernen, kühlen Einrichtung des Towers.

​Nami warf noch einmal einen Blick zurück durch die offenstehende Tür zu Kai und Vlad. Kai war jedoch schon wieder so tief in eine hitzige Diskussion mit seinem älteren Bruder vertieft, dass er ihren Blick nicht einmal bemerkte. Seine rubinroten Augen funkelten, während er Vladimir mit einer Geste unmissverständlich klarmachte, was er von dessen Plänen hielt.

​Nami schmunzelte und schloss die Verbindungstür leise. Sie ließ die beiden Streithähne für eine Weile unter sich und schritt zu ihrem Schreibtisch, wobei sie im Vorbeigehen sacht mit den Fingerspitzen über die kühlen Blätter einer weißen Lilie strich. Ein zufriedenes Seufzen entwich ihr, während sie sich in ihren Stuhl sinken ließ und ihre tägliche Arbeit aufnahm.

​Ein amüsiertes Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Sie kannte ihren Mann nur zu gut. Sie wusste, dass Kais Nerven heute durch Vladimirs Anwesenheit bis zum Äußersten beansprucht werden würden – und sie wusste ebenso genau, dass er sie ohnehin bald über die Sprechanlage in sein Büro rufen würde, um sich an ihr abzureagieren und die angestaute Frustration in Leidenschaft umzuwandeln.
 

Vladimir bezog sein neues Reich mit der Effizienz eines Eroberers. Das Büro, das Kai ihm zähneknirschend überlassen hatte, war großzügig, modern und bot einen fast schon unverschämten Blick über das glitzernde Shinjuku. Doch Vladimir würdigte die Aussicht keines Blickes. Er warf sein Sakko achtlos über den Designstuhl und lockerte seine Krawatte, während er sich in den schweren Ledersessel sinken ließ.

​Ein dunkles, siegessicheres Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als sein Handy auf dem massiven Mahagonischreibtisch vibrierte. Er griff danach und entsperrte das Display.
 

​WhatsApp von: Hana

„Bist du nun tatsächlich schon im Tower? Falls ja... hättest du am Mittag Zeit für mich? Ich bin gerade im Büro meines Vaters bei Tachibey Industries fertig geworden. Ich könnte in zwanzig Minuten bei dir sein...“

​Vladimir lehnte sich zurück und starrte einen Moment auf die Nachricht. Er konnte fast das Zögern spüren, das sie beim Tippen dieser Zeilen empfunden haben musste – diesen inneren Kampf zwischen ihrer Vernunft als Anwältin und dem Verlangen, das er in ihr entfacht hatte.

​Er tippte eine Antwort, seine Finger bewegten sich schnell und präzise über das Glas.

​An: Hana

„Pünktlichkeit ist eine Tugend, die ich sehr schätze, Hana. Ja, ich bin im 45. Stock – Kais Territorium. Die Sicherheitsleute haben deine Daten bereits. Komm direkt hoch. Ich erwarte dich in zwanzig Minuten. Und Hana... trag nichts, was dich zu viel Zeit beim Ausziehen kostet. Wir haben nur die Mittagspause.“
 

​Er legte das Handy weg und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Er wusste, dass diese Nachricht sie nervös machen würde, dass ihr Herzschlag sich beschleunigen würde, während sie im Fahrstuhl nach oben fuhr. Er genoss die Vorstellung, wie sie gleich durch diese Tür treten würde – die kühle Fassade der Tachiba-Tochter aufrechtzuerhaltend, während sie innerlich bereits vor ihm kapitulierte.

​Draußen im Flur konnte er gedämpft Kais Stimme hören, der wahrscheinlich gerade einen seiner Abteilungsleiter zusammenstauchte, um seinen Frust über Vladimirs Anwesenheit abzulassen. Vladimir schmunzelte. Kai mochte der König dieses Towers sein, aber für die nächsten vier Wochen gehörte das wertvollste Juwel in der Nähe dieses Gebäudes ganz allein ihm.

​Er blickte auf die Uhr. Neunzehn Minuten. Das Spiel ging weiter.
 

Hana atmete flach, während sie die imposante Lobby des Tachiwari-Towers durchquerte. Die Architektur war atemberaubend, doch was Hana viel deutlicher spürte, war die fast schon greifbare Schockwelle, die ihr Erscheinen auslöste.

​Wohin sie auch trat, erstarrten die Gespräche. Die Angestellten hielten in ihren Bewegungen inne, Kaffeebecher verharrten auf halbem Weg zum Mund. Hana war an Blicke gewöhnt – als erfolgreiche Anwältin und als Tashiba-Tochter war sie es gewohnt, Räume zu dominieren. Doch hier war es anders. Die Fassungslosigkeit in den Gesichtern rührte von der verblüffenden Ähnlichkeit zu der Frau, die sie alle kannten: Nami. Hana und Nami teilten denselben hellen Karamellton der Haut, dieselbe elegante Figur und jenes Gesicht, das wie aus Elfenbein geschnitzt wirkte. Der einzige offensichtliche Unterschied war Hanas glattes, silbrig weißes Haar, das ihr wie ein Wasserfall bis zum Gesäß reichte, während Namis Haar sich in lockigen Wellen um ihren Körper legte.

​Vor den Sicherheitsbarrieren blieb sie stehen. Armon, der zwei Meter große Sicherheitschef, überragte sie wie eine Mauer aus Granit. Sein kahler Kopf glänzte im Deckenlicht. Er verog keine Miene, doch Hana sah das leichte Zucken seiner Augenlider. In seinem „Oberstübchen“ ratterte es sichtlich – er glich das Gesicht vor ihm mit den Zugangsberechtigungen ab, die Vladimir ihm vor wenigen Minuten geschickt hatte.

​„Mrs. Hiwatari... Verzeihung, Miss Tashiba“, korrigierte er sich mit einem minimalen Nicken und gab den Weg frei. „45. Stock. Der Master erwartet Sie bereits.“

​Hana bedankte sich mit einer kühlen, professionellen Geste. Sie spürte, wie Armons Blick ihr noch nachhing, während sie auf die Aufzüge zuging. Sie wusste, dass sie noch mehr Aufmerksamkeit erregte als Lumina, deren Blässe und magentafarbene Augen sie immer ein Stück weit als die „Cousine“ markierten. Hana hingegen wirkte wie ein Spiegelbild Namis, das lediglich eine andere Form von Strenge und Disziplin ausstrahlte.

​Als sie vor dem Aufzug wartete und den Knopf drückte, schluckte sie einmal schwer. Die Nacht in ihrem alten Kinderzimmer war lang gewesen. Umgeben von den Erinnerungen an ihre Jugend hatte sie stundenlang wachgelegen und die Trümmer ihrer Ehe mit Zayn betrachtet. Doch die Tränen waren versiegt. Was blieb, war eine neu gewonnene, fast schon gefährliche Entschlossenheit.

​Sie hatte sich gefestigt. Ihre Souveränität, die gestern im Grand Hotel noch unter Vladimirs Zugriff geschmolzen war, saß wieder wie eine perfekt geschneiderte Rüstung. Sie hatte sich vorgenommen, dieses Spiel nicht nur mitzuspielen, sondern es nach ihren Regeln zu genießen. Wenn sie schon eine Affäre war, dann würde sie jede Sekunde davon auskosten – ohne Scham und ohne die Angst, sich zu verlieren.

​Der Aufzug öffnete sich mit einem leisen Pling. Hana trat ein, sah ihr Spiegelbild in den polierten Messingwänden und strich sich die langen, weißen Haare glatt.

​~20 Minuten waren es~, dachte sie, während der Fahrstuhl fast lautlos in die Höhe schoss. ~20 Minuten bis zur totalen Hingabe~.

​Sie wusste, dass sie auf dem Weg durch den 45. Stock zwangsläufig an Kais Büro vorbei musste. Die Vorstellung, dass ihr Schwager nur eine Wand entfernt sein würde, während sie sich Vladimir hingab, beschleunigte ihren Puls, doch sie ließ sich nichts anmerken. Als die Türen im 45. Stock aufgleiteten, trat sie mit dem festen Schritt einer Frau heraus, die genau weiß, was sie will – und wer sie heute sein würde.
 

Hana bog um die Ecke des weitläufigen Flurs, der zu den Büros der Geschäftsleitung führte. Ihr Ziel war die schwere Tür am Ende des Ganges, hinter der sie Vladimir vermutete. Doch bevor sie den Bereich von Kais und Namis Büros passieren konnte, trat eine junge Frau mit einem Stapel Tablets direkt in ihren Weg.

​Die Angestellte erstarrte mitten im Schritt. Ihre Augen weiteten sich, als sie Hana sah, und ein verzücktes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

​„Oh, Mrs. Hiwatari. Da sind Sie ja wieder“, sprudelte sie hervor, ohne Hana überhaupt die Chance zu geben, den Irrtum aufzuklären. „Ich wollte ihnen nachher die neuen Prototypen-Berichte in Ihr Büro bringen. Aber ich muss es Ihnen einfach sagen: Dieser Duft... man riecht die Rosen und Lilien schon bis zum Aufzug.“

​Hana hielt inne, ihre Miene blieb kontrolliert, doch innerlich versetzte ihr die Erwähnung der Blumen einen kleinen Stich. Sie wusste von der Versöhnungsgeste, die Kai für Nami arrangiert hatte. Nami wusste es noch nicht, aber natürlich gab es mal wieder Videos der Szene im Netz.

​„Es ist so unglaublich romantisch“, schwärmte die junge Frau weiter, ihre Augen glänzten vor Begeisterung. „Wir in der Entwicklung reden seit Freitag von nichts anderem mehr. Wie Mr. Hiwatari Sie am Freitagabend in der Lobby empfangen hat... diese Liebesbekundung vor allen Leuten... das war wie in einem Film. Sie sind wirklich zu beneiden, so einen Mann an Ihrer Seite zu haben, der Ihnen seine Hingabe so offen zeigt.“

​Hana spürte, wie ihre Souveränität kurz ins Wanken geriet. Die Worte der Dame trafen genau den wunden Punkt, den sie gestern bereits im Gespräch mit Nami gespürt hatte: Den Neid auf eine Liebe, die keine Schatten und keine Verstecke brauchte. Während Nami in einem Meer aus Blumen badete und von ihrem Ehemann öffentlich vergöttert wurde, schlich Hana sich hierher, um die heimliche Affäre des Halbbruders zu sein.

​„Vielen Dank“, erwiderte Hana schließlich mit einer Stimme, die so sanft und warm klang, wie sie es von Nami gewohnt war, um die Situation nicht unnötig zu komplizieren. „Es war in der Tat... sehr aufmerksam von ihm.“

​„Das war es!“, kicherte die Angestellte. „Ich lass Sie dann mal weiter zu Ihrem Termin. Einen schönen Tag noch, Madame!“

​Die junge Frau eilte an Hana vorbei. Hana blieb einen Moment stehen und atmete tief durch. Der kurze Moment hatte sie daran erinnert, warum sie hier war. Sie suchte nicht das Blumenmeer und die öffentlichen Schwüre – sie suchte die rohe, ehrliche Intensität, die ihr das Gefühl gab, überhaupt noch zu existieren.

​Sie straffte die Schultern, strich ihr glattes Haar zurück und legte die letzten Meter zu Vladimirs Tür zurück. Sie klopfte nicht. Sie drückte die Klinke nach unten und trat ein.

​Vladimir saß hinter dem massiven Schreibtisch, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, ein Glas Wasser vor sich. Er sah nicht überrascht aus. Sein Blick glitt langsam an ihr hoch, von ihren Schuhen über die perfekt sitzende Kleidung bis hin zu ihren amethystfarbenen Augen.

​„Pünktlich auf die Sekunde, Hana“, stellte er fest, und seine Stimme war so tief und vibrierend, dass das eben empfundene Unbehagen sofort von einer vertrauten Hitze verdrängt wurde. „Und? Wie fühlt es sich an, durch den Tower zu laufen und für deine Schwester gehalten zu werden, während du auf dem Weg zu mir bist?“
 

Hana schloss die Tür hinter sich, ohne den Blick von Vladimir abzuwenden. Das Klicken des Schlosses hallte im Raum nach und markierte die Grenze zwischen der Welt da draußen, in der sie die perfekte Tashiba-Tochter sein musste, und diesem Raum, der nur ihren dunkelsten Sehnsüchten gehörte.

​„Es fühlt sich vertraut an“, entgegnete sie ruhig, während sie auf seinen Schreibtisch zuging. Ihre Stimme war fest, kein Zittern verriet die innere Aufwallung, die die Begegnung im Flur ausgelöst hatte. „Verwechselt zu werden ist mein tägliches Brot. Aber die Bewunderung, die Nami entgegenschlägt, ist neu in ihrer Intensität. Sie badet in Blumen und öffentlicher Hingabe, Vladimir.“

​Sie blieb direkt vor seinem Schreibtisch stehen und stützte die Hände auf die glatte Mahagonioberfläche, sodass sie sich leicht zu ihm vorbeugte. „Aber wenn du glaubst, dass mich das verunsichert, irrst du dich. Nami hat ihr Blumenmeer. Ich habe die Realität. Und im Gegensatz zu meiner Schwester brauche ich kein Publikum für das, was ich tue.“

​Ein gefährliches Funkeln trat in ihre amethystfarbenen Augen. „Du hast mir geschrieben, ich solle nichts tragen, was zu viel Zeit beim Ausziehen kostet.“ Ein langsames, provokantes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich habe mich an die Anweisung gehalten. Aber vielleicht solltest du dich fragen, ob du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen, wenn ich diese Souveränität, die du so gerne brichst, heute gegen dich verwende.“

​Vladimir beobachtete sie mit der regungslosen Aufmerksamkeit eines Raubtiers. Er bemerkte die Veränderung in ihrer Ausstrahlung – die Zerbrechlichkeit des gestrigen Morgens war einer kühlen Entschlossenheit gewichen. Er schob sein Glas Wasser beiseite und erhob sich langsam. Seine beeindruckende Statur überragte sie sofort, doch Hana wich keinen Millimeter zurück.

​„Ganz schön spitzzüngisch, Hana“, raunte er, während er um den Schreibtisch herumtrat und so nah vor ihr stehen blieb, dass sie die Hitze seines Körpers spürte. „Gestern warst du eine Ertrinkende, die nach einem Anker gesucht hat. Heute stehst du hier und forderst mich heraus. Gefällt dir die Rolle der geheimen Sünde so gut?“

​„Vielleicht gefällt es mir einfach, dass du der Einzige bist, der nicht die 'perfekte Hana' in mir sieht“, erwiderte sie. Sie griff nach seiner Krawatte und zog ihn ein Stück tiefer zu sich herab. „Und jetzt hör auf zu reden, Vladimir. Du hast gesagt, wir haben nur die Mittagspause. Verschwende sie nicht mit psychologischen Analysen.“

​Vladimir stieß ein tiefes, kehliges Lachen aus, bevor seine Hand in ihren Nacken schnellte und er sie zu sich heranzog. „Ich werde dir diese Souveränität Schicht für Schicht nehmen, Hana. Bis nichts mehr übrig ist außer das, was du wirklich bist.“

Ventil

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Aus dem Schatten

Zwei Wochen waren vergangen, seit Vladimir seinen Eroberungszug im Tachiwari-Tower angetreten hatte. Der Alltag in der Konzernzentrale hatte sich auf eine seltsame, fast schon unheimliche Weise normalisiert. Die Angestellten hatten gelernt, den eisigen Korridor im 45. Stock zu meiden, wenn die beiden Hiwatari-Brüder gleichzeitig im Gebäude waren. Die Atmosphäre war wie ein gespannter Draht – hocheffizient, aber jederzeit bereit, unter der Last der unterdrückten Dominanz zu zerreißen.

​Doch während Vladimir im Tower seine Macht zementierte, war die Kontrolle über sein wichtigstes „Projekt“ – Hana – ins Wanken geraten.

​Hana hatte sich genau weitere drei Tage lang von seinem perfiden Spiel treiben lassen. Sie hatte den Wechsel zwischen seiner kalten, fordernden Dominanz und den Momenten tiefer, fast berauschender Hingabe hingenommen. Doch am vierten Tag war sie ohne ein Wort der Erklärung nach Osaka verschwunden. Sie hatte den Spieß mit einer Präzision umgedreht, die selbst Vladimir unvorbereitet traf. In Osaka hatte sie ihre Kanzleiangelegenheiten mit kühler Professionalität geregelt und ihre Sachen gepackt.

​Der Streit mit Zayn war kurz und vernichtend gewesen. Inmitten der Trümmer ihrer Ehe hatte sie ihm mit einer eiskalten Entschlossenheit klargemacht, dass sie die Kinder mit nach Tokio zu ihren Eltern nehmen würde. Sie hatte ihm einen Blick zugeworfen, der keinen Raum für Widerstand ließ: „Versuch bloß nicht, mich aufzuhalten.“
 

​Vladimir war mittlerweile sichtlich gereizt. Sechs Tage lang hatte er absolut nichts von ihr gehört. Keine WhatsApp, kein Anruf, kein Rückzug. Er spürte, wie sie ihre Souveränität Stein für Stein wieder aufbaute. Wenn sie antwortete, dann nur in knappen, fast schon geschäftlichen Sätzen, die ihn wie Peitschenhiebe trafen, oder sie strafte ihn mit eisernem Schweigen. Sie signalisierte ihm unmissverständlich: Ich brauche dich nicht.
 

​Vladimir hasste die innere Unruhe, die ihn nachts nicht schlafen ließ. Er ertappte sich dabei, wie er auf sein Handy starrte, nur um es dann wütend beiseite zu legen. Er wollte es sich nicht eingestehen, doch er begann sie zu brauchen – ihre Widerworte, ihren Stolz, ihre Gegenwart. Nein, dachte er grimmig, während er in seinem Büro im 45. Stock stand und auf das nächtliche Tokio blickte, ~sie soll schon sehen, was sie davon hat.~

​Die Gelegenheit zur Revanche stand kurz bevor: Die BBA-Gala. Ein hochkarätiges Event, zu dem die Führungsriege von Tachibey Industries, die Elite der Tachiwari-Corporation und er selbst als CEO von Severnaya eingeladen waren.

​Vladimir lockerte seine Krawatte und ein dunkles, berechnendes Grinsen kehrte auf sein Gesicht zurück. Er wusste, dass Hana dort sein würde – als Tochter von Hiro Tashiba und als Schwester von Nami. Er überlegte bereits, mit welcher Begleitung er erscheinen sollte, um den Stachel der Eifersucht so tief wie möglich in ihr Fleisch zu treiben. Er wollte sehen, wie ihre mühsam errichtete Fassade der Unabhängigkeit unter seinem Blick zerbrach, wenn er sich einer anderen Frau widmete.

​Er würde sie daran erinnern, wer in diesem Spiel die Regeln aufstellte. Oder zumindest redete er sich das ein, während sein Herz bei dem Gedanken an ihre amethystfarbenen Augen einen Schlag aussetzte.
 

Einige Tage später...

Das Blitzlichtgewitter am Eingang des Grand Ballroom war fast ohrenbetäubend, doch Vladimir schritt hindurch, als wäre er allein in einem dunklen Wald. Er hatte sich im letzten Moment gegen eine Begleitung entschieden. Der Gedanke, eine austauschbare Schönheit an seinem Arm zu haben, hatte ihn plötzlich angewidert. Er wollte frei sein, um sich voll und ganz auf sein Ziel zu konzentrieren: Hana.

​Er hatte sich vorgenommen, den Abend strategisch anzugehen. Ein kleiner Flirt hier, ein intensiver Blick dort – er wollte die Fäden ziehen und Hana aus dem Konzept bringen, sobald sie den Raum betrat. Er wollte sehen, wie der Schmerz über sein Desinteresse in ihre amethystfarbenen Augen trat.

​Doch als er sie schließlich in der Menge entdeckte, erstarrte er innerlich.

​Hana stand in einer Gruppe mit Nami und Lumina. Sie trug ein Kleid, das ihre Figur perfekt betonte, doch es war nicht die Kleidung, die Vladimir den Atem raubte. Es war ihre Ausstrahlung. Die schwere, melancholische Last, die sie in den letzten Wochen wie einen unsichtbaren Mantel getragen hatte, schien verschwunden zu sein. Sie lachte – ein echtes, gelöstes Lachen, das ihre ganze Erscheinung zum Leuchten brachte. Sie wirkte nicht wie eine Frau, die gerade eine schmerzhafte Trennung hinter sich hatte, sondern wie jemand, der endlich wieder gelernt hatte zu atmen.

​~Verdammt~ fluchte er innerlich, während er an seinem Drink nippte. Ihr Lächeln war berauschend. Es war wunderschön. Und es war völlig unabhängig von ihm.

​Er beobachtete, wie sie sich von der Gruppe löste und in seine Richtung steuerte, um zum Buffet zu gelangen. Vladimir straffte die Schultern, setzte seine maskenhafteste, überlegenste Miene auf und wartete darauf, dass ihre Blicke sich trafen. Er war bereit für den Moment, in dem ihre Souveränität ins Wanken geraten würde.

​Hana kam näher. Der vertraute Duft ihrer Haut wehte zu ihm herüber. Sie war nur noch einen Meter von ihm entfernt.

​Doch anstatt kurzzuhalten oder ihn auch nur mit einem Wimpernschlag zu würdigen, ging sie einfach an ihm vorbei. Sie unterhielt sich angeregt mit einem vorbeigehenden Geschäftspartner ihres Vaters, ein charmantes Lächeln auf den Lippen, und würdigte Vladimir keines einzigen Blickes. Es war, als wäre er für sie nicht mehr als eine weitere Säule in diesem Ballsaal.

​Der Stich, den er in seiner Brust spürte, war so unerwartet und scharf, dass er beinahe das Glas in seiner Hand zerbrochen hätte. Er würde es sich niemals eingestehen, nicht einmal vor sich selbst, aber dieses ignorierte Vorbeigehen traf ihn härter als jede verbale Ohrfeige.

​Sie hatte den Spieß nicht nur umgedreht – sie hatte das Spielfeld verlassen und ihn allein im Regen stehen lassen.

​Vladimir starrte ihr nach, wie ihre silbrig weißen, glatten Haare bei jedem Schritt über ihren Rücken tanzten. Seine Kaltblütigkeit war für einen Moment wie weggewischt. Er hasste es, wie sehr er jetzt wollte, dass sie sich umdrehte. Er hasste es, dass er sie jetzt mehr begehrte als in dem Moment, als sie schreiend an seiner Wand gelehnt hatte.
 

Vladimir hielt es nicht länger aus. Die Ignoranz brannte auf seiner Haut wie Säure. Er beobachtete genau, wie Hana sich ein Glas Champagner nahm und für einen Moment allein auf den Balkon hinaustrat, um die kühle Nachtluft Tokios einzuatmen. Er fackelte nicht lange. Mit raubtierhafter Zielstrebigkeit folgte er ihr, schob die schwere Glastür hinter sich zu und schnitt ihr den Rückweg ab.

​Hana drehte sich langsam um. Das Licht der Stadt spiegelte sich in ihren amethystfarbenen Augen, doch als sie ihn sah, zuckte sie nicht einmal zusammen. Kein Herzklopfen, das ihren Hals erzittern ließ, kein nervöses Nesteln an ihrem Kleid.

​„Hana“, sagte er, und seine Stimme war ein tiefes Grollen, geladen mit all der Frustration der letzten zwei Wochen. „Hör auf mit diesem Theater. Du läufst an mir vorbei, als wäre ich Luft. Denkst du wirklich, du kannst das einfach so beenden? Denkst du, dein Schweigen ändert etwas an dem, was zwischen uns im Tower passiert ist?“

​Er trat einen Schritt näher, wollte sie wie gewohnt mit seiner bloßen Präsenz einschüchtern, doch Hana blieb stehen wie ein Fels in der Brandung. Sie nahm einen ruhigen Schluck von ihrem Champagner, sah ihn fast schon mitleidig an und schenkte ihm dann ein schmales, ehrliches Lächeln.

​„Theater, Vladimir?“, fragte sie sanft. „Das ist kein Theater. Das ist einfach nur... Frieden. Ich danke dir übrigens.“

​Vladimir hielt inne. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. „Du dankst mir? Wofür? Dass ich dir gezeigt habe, wie sehr du mich willst?“

​„Nein“, erwiderte sie und trat einen Schritt auf ihn zu, bis sie ihm direkt in die dunklen, weinroten Augen sah. „Ich danke dir für deine Kälte. Für all die Momente, in denen du mich wie ein Objekt behandelt hast, für deine Distanz und deine Arroganz nach dem Sex. Weißt du, Vladimir... du hast mir damit einen riesigen Gefallen getan.“

​Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick wurde weicher, fast nachdenklich. „Ich gebe zu: Wenn es mehr Momente gegeben hätte wie damals im Grand Hotel... in der Badewanne. Wenn du öfter diesen Funken Menschlichkeit und Wärme gezeigt hättest, den du so verzweifelt zu verstecken suchst... dann hätte ich mich vielleicht wirklich in dich verliebt. Ich wäre dir verfallen und hätte mich in deiner Welt verloren. Aber das war ja von Anfang an eh nicht von dir gewollt.“

​Sie zuckte leicht mit den Schultern und ihr Lächeln wurde breiter, fast befreit. „Du konntest nicht aus deiner Haut. Deine Kälte war mein Rettungsanker. Sie hat mich immer wieder daran erinnert, dass das hier nur eine Affäre ist. Ein Spiel. Und so ist es glücklicherweise für uns alle nicht passiert. Ich nehme meine Freiheit mit nach Hause, Vladimir. Und du? Du behältst deine Kälte.“

​Sie stellte ihr Glas auf die Brüstung des Balkons, strich ihm im Vorbeigehen fast schon mitleidig über den Arm – eine Berührung, die ihn mehr schmerzte als jeder Schlag – und ließ ihn stehen.

​Vladimir rührte sich nicht. Er starrte hinaus in die Dunkelheit, während ihre Worte wie giftige Pfeile in seinem Stolz steckten. Er hatte gewonnen, dachte er. Er hatte sie nicht an sich gebunden, er hatte sein Herz geschützt, er hatte die Kontrolle behalten. Aber warum fühlte es sich dann plötzlich so an, als hätte er alles verloren?

​Er hörte das leise Klicken der Balkontür, als sie wieder in den warmen, hellen Ballsaal trat. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste Vladimir Ivanov nicht, was sein nächster Zug sein sollte.
 

Vladimir stand wie versteinert auf dem Balkon, während die kühle Nachtluft an seinem maßgeschneiderten Sakko zerrte. Er verstand es einfach nicht. Sein Verstand, dieses sonst so scharfe, analytische Instrument, fühlte sich an wie ein blockiertes Getriebe.

​Fast zwanzig Jahre lang war sein Leben ein einziger Reigen aus flüchtigen Begegnungen gewesen. One-Night-Stands, kurze Nummern in Hotelzimmern oder maximal Affären, die ein paar Wochen andauerten, bis die Frau langweilig wurde oder anfing, Forderungen zu stellen. Er war derjenige, der ging. Er war derjenige, der die Regeln festlegte und die Türen hinter sich zuschlug.

​Doch Hana war anders.

​Sie war die erste Frau, die es gewagt hatte, ihm so die Stirn zu bieten – nicht mit lautem Zorn, sondern mit dieser verfluchten, sanften Aufrichtigkeit. Sie hatte ihn nicht nur durchschaut, sie hatte ihn aussortiert. Zum ersten Mal in seinem Leben war Vladimir derjenige, der zurückgelassen wurde. Weggeworfen wie ein Spielzeug, das seinen Zweck erfüllt hatte.
 

​Wieso nur ärgerte ihn das so sehr?
 

​Allein die Tatsache, dass es ihn ärgerte, versetzte ihn in Rage. Er presste die Kiefer so fest zusammen, dass es in seinen Ohren knackte. Er war Vladimir, der CEO von Severnaya, der Mann, vor dem selbst Kai manchmal den Atem anhielt. Er sollte sich erleichtert fühlen. Keine Bindung, keine Komplikationen, kein Liebesdrama. Aber stattdessen fühlte sich sein Inneres an wie ein offenes Schlachtfeld.

​Er straffte sich, fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar und trat zurück in den Ballsaal. Er musste seine Fassade wahren.

​Als er den Raum betrat, traf sein Blick sofort auf Kai, der ein paar Meter entfernt mit einem Glas Whisky stand. Sein jüngerer Bruder hatte die Szene auf dem Balkon zweifellos bemerkt. Kai beobachtete ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und einer fast schon beängstigenden Intensität. Er sah die winzigen Risse in Vladimirs Maske – die Art, wie seine Augen unruhig durch den Raum nach Hana suchten, die Anspannung in seinen Schultern.

​Kai trat langsam auf seinen älteren Bruder zu, ein kühles, wissendes Lächeln auf den Lippen. Er sagte kein Wort, doch sein Blick sprach Bände: „Willkommen in der Realität, Vlad. Du hast mit dem Feuer gespielt, und diesmal bist du derjenige, der die Brandwunden davonträgt.“

​Vladimir wich dem Blick seines Bruders nicht aus, doch innerlich tobte er. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern pochte. Er wollte jemanden anschreien, etwas zerschmettern, aber stattdessen nahm er sich mechanisch ein neues Glas vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners.

​Er sah Hana am anderen Ende des Saals. Sie unterhielt sich lachend mit Lumina und Nami. Sie sah nicht ein einziges Mal in seine Richtung. Und in diesem Moment begriff Vladimir etwas, das er niemals für möglich gehalten hätte: Die Kälte, die er so sorgsam als seine Waffe perfektioniert hatte, war heute Abend zu seinem eigenen Gefängnis geworden.

Er wollte nicht verlieren. Er weigerte sich, dieses Gefühl der Leere als endgültig zu akzeptieren. Wenn Hana behauptete, seine Kälte hätte sie gerettet, dann würde er ihr zeigen, wie egal sie ihm wirklich war. Er würde die alte Ordnung wiederherstellen – hier und jetzt.

​Sein Blick schweifte wie der eines Adlers über die Menge, bis er an einer attraktiven Frau hängen blieb, die schon den halben Abend versucht hatte, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie war eine Erbin aus einem der Tachibey-Subunternehmen, jung, elegant und sichtlich beeindruckt von der düsteren Aura des Severnaya-CEOs.

​Mit einem kalkulierten Lächeln steuerte er auf sie zu. Er war der charmante Jäger, der er immer gewesen war. Er verwickelte sie in ein Gespräch, ließ seine Stimme tief und vibrierend klingen und schenkte ihr genau das Maß an Aufmerksamkeit, das eine Frau normalerweise dazu brachte, in seinen Armen zu schmelzen. Er sorgte dafür, dass sie sich in einer Position befanden, die für Hana, Nami und Lumina unübersehbar war.

​Er legte der jungen Frau die Hand an die Taille, beugte sich tief zu ihr und flüsterte ihr etwas Belangloses ins Ohr, während er aus den Augenwinkeln zu Hana hinüberschielte. Er wartete auf den Blick. Auf das Zusammenziehen ihrer Augenbrauen. Auf einen Funken von Eifersucht oder Schmerz.

​Aber es kam nichts.

​Hana lachte gerade über etwas, das Lumina erzählt hatte. Sie sah in seine Richtung, doch ihr Blick glitt über ihn und seine Begleitung hinweg, als wären sie Teil der Wanddekoration. Es gab kein Innehalten, kein Zögern. Nichts.

​Vladimir spürte die Hand der Frau an seinem Arm, roch ihr Parfüm, das viel zu süßlich war, und hörte ihr helles Lachen. Doch in ihm rührte sich absolut nichts. Jede Berührung fühlte sich hölzern an, jedes Wort, das er sprach, klang in seinen eigenen Ohren aschefarben und hohl. Die Routine, die ihm zwanzig Jahre lang Befriedigung verschafft hatte, war plötzlich... geschmacklos.

​Er sah Hana an, wie sie mit einer natürlichen Anmut durch den Raum glitt, und die Erkenntnis traf ihn wie ein physischer Schlag: Er wollte nicht die Bewunderung dieser Erbin. Er wollte nicht das leichte Spiel. Er wollte die Frau, die ihm gerade gesagt hatte, dass er seine Menschlichkeit zu gut versteckt hatte.

​„Verzeihen Sie mir“, unterbrach er die junge Frau mitten im Satz, seine Stimme so eisig, dass sie sichtlich zusammenzuckte. „Ich habe dringende geschäftliche Angelegenheiten zu klären.“

​Ohne auf ihre Antwort zu warten, ließ er sie stehen. Er steuerte direkt auf die Bar zu, ignorierte die amüsierten Blicke von Kai und Nami und bestellte sich einen doppelten Whisky. Das Spiel der Provokation war kläglich gescheitert. Er hatte versucht, Hana eifersüchtig zu machen, doch am Ende war er derjenige gewesen, der sich einsamer fühlte als je zuvor – umgeben von tausend Menschen und doch völlig isoliert durch die Mauern, die er selbst um sich herum errichtet hatte.
 

Später am Abend, als sich die Gala langsam dem Ende neigte und die ersten Gäste den prunkvollen Saal verließen, fanden Nami und Hana einen ruhigen Moment auf einer der abgelegenen Terrassen des Grand Hotels. Der Lärm der Feier war hier nur noch als gedämpftes Summen wahrnehmbar, und der kühle Nachtwind spielte mit Hanas silbrig weißen Haaren.

​Nami beobachtete ihre Schwester von der Seite. Sie hatte gesehen, wie Hana Vladimir eiskalt hatte stehen lassen, und sie hatte die verzweifelten, fast schon mitleiderregenden Versuche des Severnaya-CEOs bemerkt, Hana durch billige Flirts zu provozieren.

​„Du warst unglaublich heute Abend“, sagte Nami leise und trat neben Hana an die Brüstung. „Ich habe noch nie gesehen, dass jemand Vladimir so aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Nicht einmal Kai schafft das so konsequent.“

​Hana lächelte schwach, doch es war kein triumphierendes Lächeln. Es lag eine tiefe Melancholie darin. „Es war kein Sieg, Nami. Es war einfach nur die Wahrheit.“

​„Er hat versucht, dich eifersüchtig zu machen“, bemerkte Nami und schüttelte den Kopf. „Es war fast schon peinlich mitanzusehen. Er wirkte wie ein trotziges Kind, das nicht wahrhaben will, dass sein Lieblingsspielzeug nicht mehr funktioniert.“

​Hana seufzte und blickte auf die funkelnden Lichter Tokios hinunter. „Weißt du, was das Traurige ist? Er tut mir leid. Wirklich leid.“

​Nami zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Mitleid? Für Vladimir? Den Mann, der dich im Tower fast zerbrochen hätte?“

​„Ja“, antwortete Hana fest. „Denn während dieser Zeit... in den wenigen menschlichen und zärtlichen Momenten, die er zugelassen hat – wie damals im Hotel oder in kurzen Augenblicken danach –, habe ich etwas gesehen. Unter dieser Fassade aus Stein, unter all der Arroganz und dem Machtanspruch, lebt ein Mensch, der sich selbst völlig verloren hat. Vladimir lebt ein Leben aus Lügen. Er hat sich so sehr in seiner Rolle als emotionsloses Raubtier verfangen, dass er gar nicht mehr weiß, wie man wirklich fühlt.“

​Sie wandte sich Nami zu, und ihre amethystfarbenen Augen wirkten in der Dunkelheit fast dunkelviolett. „Er wäre sicher ein wunderbarer Mensch, Nami. Ein tiefgründiger, loyaler und warmherziger Mann. Aber er hat sich entschieden, diesen Teil von sich zu begraben, um unantastbar zu sein. Er ist der Gefangene seines eigenen Rufs.“

​Nami schwieg einen Moment. Sie dachte an Kai, der seine eigene Dunkelheit durch ihre Liebe und Aura gezähmt hatte, und blickte dann zurück auf den hell erleuchteten Saal, in dem Vladimir wahrscheinlich immer noch an der Bar saß und versuchte, seine Wunden mit Whisky zu betäuben.

​„Glaubst du, er kann sich ändern?“, fragte Nami schließlich.

​Hana schüttelte langsam den Kopf. „Ich weiß es nicht. Sicher nicht, solange er Angst vor seiner eigenen Menschlichkeit hat. Ich musste gehen, um mich selbst zu retten. Aber es bricht mir ein kleines bisschen das Herz zu wissen, wer er sein könnte, wenn er nur den Mut dazu hätte.“
 

Der nächste Morgen im Tachiwari-Tower war von einer schweren, fast bleiernen Stille geprägt. Vladimir war bereits vor Sonnenaufgang in seinem Büro erschienen. Er hatte weder geschlafen noch sich umgezogen; das weiße Hemd vom Vorabend war an den Ärmeln hochgekrempelt, die obersten Knöpfe offen. Er starrte auf das Panorama von Shinjuku, doch seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Hanas Worte. ~Ein Leben aus Lügen~

​Ein kurzes, festes Klopfen riss ihn aus seiner Starre. Kai trat ein. Er trug bereits wieder einen perfekt sitzenden Anzug, doch seine Miene war ungewohnt ernst, frei von dem üblichen spöttischen Unterton, mit dem er seinen älteren Bruder normalerweise bedachte.

​Kai schloss die Tür hinter sich und blieb in der Mitte des Raumes stehen. Er musterte Vladimirs zerzauste Erscheinung, die leere Whiskykaraffe auf dem Tisch und die dunklen Schatten unter seinen Augen.

​„Du siehst schrecklich aus, Vlad“, stellte Kai fest. Es war keine Beleidigung, sondern eine kühle Bestandsaufnahme.

​Vladimir lachte kurz und humorlos auf, ohne sich umzudrehen. „Hast du dich hergeschlichen, um deinen Sieg zu genießen? Um zu sehen, wie der große Bruder an einer Frau scheitert, die er eigentlich nur brechen wollte?“

​Kai trat ans Fenster und stellte sich neben ihn. Er blickte ebenfalls hinaus auf die Stadt. „Ich bin nicht hier, um zu triumphieren. Ich bin hier, weil Nami mir erzählt hat, was Hana gestern Abend gesagt hat. Über dich. Über deine... Menschlichkeit.“

​Vladimir versteifte sich. „Sie redet Unsinn. Sie versucht nur, sich die Affäre schönzureden, indem sie mir eine Tiefe andichtet, die nicht existiert.“

​„Wirklich?“, Kai wandte den Kopf und fixierte seinen Bruder mit seinen rubinroten Augen. „Ich kenne dich mein halbes Leben, Vladimir. Ich habe gesehen, wie du Mauern um dich herum gebaut hast, die höher sind als dieser Tower. Du hast dich entschieden, das Raubtier zu sein, weil du glaubst, dass Gefühle dich schwach machen, so wie es in der Abtei gelehrt wurde. Aber schau dich an. Du bist hier, in meinem Büro, völlig am Ende, weil eine Frau dich nicht mehr begehrt, sondern dich durchschaut hat.“

​Vladimir schwieg, seine Kiefermuskeln arbeiteten heftig.

​„Hana hat recht“, fuhr Kai leise fort. „Du lebst eine Lüge. Du denkst, Macht und Kälte sind alles, was zählt. Ich dachte das auch, bevor Nami kam. Ich dachte, ich müsste alles kontrollieren, um sicher zu sein. Aber die Wahrheit ist: Du kontrollierst gar nichts. Du unterdrückst nur. Und Hana ist die Erste, die den Mut hatte, dir den Spiegel vorzuhalten.“

​Vladimir drehte sich nun langsam zu Kai um. Sein Blick war nicht mehr provozierend, sondern erschöpft. „Was willst du damit sagen, Kai? Dass ich mich ändern soll? Dass ich plötzlich der liebevolle Familienmensch werden soll, während mein Imperium darauf wartet, dass ich eine Schwäche zeige?“

​„Ich sage, dass du aufhören musst, vor dir selbst wegzulaufen“, erwiderte Kai fest. „Hana liebt dich nicht, Vlad. Aber sie hat das Beste in dir gesehen – einen Teil von dir, den du selbst fast erfolgreich umgebracht hast. Wenn du so weitermachst wie bisher, wirst du am Ende alles haben, was man mit Geld kaufen kann, aber du wirst die einsamste Seele in diesem verdammten Land sein.“

​Kai legte seinem Bruder kurz die Hand auf die Schulter – eine seltene Geste der Verbundenheit. „Überleg dir gut, ob du dieses 'Leben aus Lügen' wirklich bis zum Ende führen willst. Denn die Zeit für vier Wochen Affären läuft ab, aber die Chance, ein echter Mensch zu sein, hast du nur jetzt.“

​Kai verließ das Büro, ohne auf eine Antwort zu warten. Vladimir blieb allein zurück. Die Worte seines Bruders hallten in der Leere des Raumes nach und vermischten sich mit dem Echo von Hanas Lachen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten fühlte sich die Stille in seinem Büro nicht mehr machtvoll an, sondern erdrückend.
 

Vladimir starrte minutenlang auf den Bildschirm seines Handys. Seine Finger schwebten über der Tastatur, zögerten, zuckten zurück. Er, der Milliardenverträge mit einem Federstrich besiegelte, fand keine Worte für eine einfache Nachricht. Jede Formulierung wirkte in seinem Kopf entweder zu arrogant oder zu schwach.

​Schließlich tippte er, ohne weiter nachzudenken – ein seltener Moment, in dem er seinem Impuls den Vorzug vor der Strategie gab.
 

​An: Hana

„Ich will nicht streiten. Ich will dich nicht provozieren. Ich möchte dich treffen – nur um zu reden. Ohne Spiele. Ohne Forderungen. Bitte.“
 

​Das „Bitte“ am Ende kostete ihn mehr Überwindung als alles andere, was er in den letzten zwei Wochen getan hatte. Es war ein Riss in seinem Panzer, den er selbst geschlagen hatte.
 

​Die Minuten des Wartens dehnten sich wie Stunden. Er sah, wie die Nachricht zugestellt wurde. Er sah, wie sie gelesen wurde. Und dann passierte nichts. Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Schreibtisch, unfähig, das Schweigen länger zu ertragen. Doch gerade, als er aufstehen wollte, vibrierte es.
 

​Von: Hana

„Morgen Nachmittag. 15:00 Uhr. Im Shinjuku Gyoen National Garden. An der alten Teehütte. Öffentlich, Vladimir. Keine Hotels, keine verschlossenen Türen.“
 

​Ein öffentlicher Park. Ein Ort, an dem er keine Kontrolle über die Umgebung hatte. Ein Ort, an dem er nicht das Raubtier in seinem Revier sein konnte. Er schluckte schwer und tippte eine kurze Bestätigung.
 

​Am nächsten Tag war der Himmel über Tokio von einem blassen, kühlen Blau. Vladimir war viel zu früh da. Er trug keinen Anzug, sondern einen schlichten dunklen Mantel und einen Rollkragenpullover – ein ungewohnt informeller Anblick für den Mann, der sonst nur in Maßarbeit existierte. Er lief die Pfade entlang, vorbei an den herbstlichen Bäumen, bis er die alte Teehütte erreichte.

​Hana wartete bereits. Sie lehnte an einem Holzgeländer und beobachtete die Karpfen im Teich. Ihr silbrig weißes Haar war zu einem schlichten Zopf gebunden, und sie trug einen hellen Mantel, der sie fast wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wirken ließ.

​Als er näher trat, wandte sie den Kopf. Ihr Blick war ruhig, fast klinisch, aber nicht feindselig.

​„Du bist pünktlich“, stellte sie fest, genau wie er es bei ihrem ersten Treffen im Tower getan hatte. Doch diesmal schwang kein Spott in ihrer Stimme mit.

​„Hana“, begann er und merkte, dass seine Kehle trocken war. Er blieb in gebührendem Abstand stehen. „Ich... ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast. Und über das, was Kai mir gestern an den Kopf geworfen hat.“

​Hana schwieg und wartete ab. Sie machte es ihm nicht leicht. Sie bot ihm keine Brücke an; er musste sie selbst bauen.

​„Du hast recht gehabt“, sagte er schließlich, und die Worte fühlten sich schwer an wie Blei. „Mein ganzes Leben ist eine Konstruktion. Ich habe so lange so getan, als wäre ich aus Stein, dass ich irgendwann vergessen habe, dass man darunter auch ersticken kann. Die Kälte, von der du gesprochen hast... sie war mein Schutz. Aber gegen dich war sie meine größte Niederlage.“

​Er sah sie direkt an, und zum ersten Mal war da kein weinrotes Glühen von Zorn oder Lust in seinen Augen, sondern eine nackte, fast schmerzhafte Ehrlichkeit. „Ich bin nicht hier, um dich zurückzugewinnen. Ich glaube nicht, dass ich im Moment fähig bin, ein 'wunderbarer Mensch' zu sein, wie du es nanntest. Aber ich wollte, dass du weißt, dass du die Erste warst, die das Licht unter dem Stein gesehen hat. Und ich... ich weiß nicht, wie ich damit weitermachen soll.“
 

​Hana trat einen Schritt auf ihn zu. Die Distanz zwischen ihnen war immer noch da, aber die Mauer war brüchig geworden. „Das ist der erste ehrliche Satz, den ich je von dir gehört habe, Vladimir“, sagte sie leise.
 

Vladimir atmete tief ein. Die kühle Herbstluft brannte in seinen Lungen, doch sie fühlte sich klarer an als die stickige Pracht seines Büros. Er sah Hana an – ihre aufrechte Haltung, ihre unerschütterliche Ruhe – und zum ersten Mal fühlte er sich nicht wie ein Jäger, sondern wie jemand, der vor einem Richter steht.

​„Ich habe Angst, Hana“, gab er leise zu, und das Geständnis klang in seinen eigenen Ohren wie ein Verrat an allem, wofür die Namen Ivanov und Hiwatari standen. „Ich habe Angst, dass unter der Maske nichts mehr übrig ist. Dass ich sie so lange getragen habe, bis mein wahres Gesicht darunter verkümmert ist. Wenn ich aufhöre, der Mann aus Stein zu sein... wer bleibt dann noch? Ein Schatten? Ein Wrack?“

​Hana trat noch einen Schritt näher. Die Distanz zwischen ihnen war nun so gering, dass er die leichte Wärme spüren konnte, die von ihr ausging. Sie legte den Kopf schräg, ihr Blick war forschend, fast schon herausfordernd.

​„Das wirst du nur herausfinden, wenn du aufhörst, dich hinter deinem Imperium zu verstecken“, antwortete sie. „Du willst, dass ich dir glaube? Dass ich diese... Affäre... nicht nur als einen weiteren dunklen Fleck in meiner Biografie sehe?“

​Vladimir nickte langsam. „Ja. Das will ich.“

​Hana straffte die Schultern. „Dann beweise es mir, Vladimir. Beweise mir, dass du der Mensch sein kannst, den ich in diesen winzigen Momenten aufblitzen sah. Beweise es nicht mit teuren Geschenken, mit Machtspielen oder mit flüchtigen Versprechen im Dunkeln.“

​Sie legte ihm eine Hand auf die Brust, genau dorthin, wo sein Herz unter dem schweren Mantel unruhig schlug. „Fang an, die Wahrheit zu sagen. Fang an, loyal zu sein – nicht nur zu deinen Firmen, sondern zu den Menschen, die dir wichtig sind. Zeig mir, dass du fähig bist, jemanden anzusehen, ohne sofort nach einer Schwachstelle zu suchen, die du ausnutzen kannst.“

​Sie entzog ihm ihre Hand wieder, doch der Abdruck schien auf seiner Haut zu brennen. „Ich ziehe in meine neue Wohnung in Tokio. Ich fange mein Leben mit meinen Kindern neu an. Wenn du wirklich Teil einer Welt sein willst, in der man nicht nur aus Lügen besteht, dann musst du diesen Weg allein beginnen. Du musst lernen, ein Mensch zu sein, bevor du erwartest, dass ich dir wieder vertraue.“

​Vladimir sah sie lange an. Das war kein Vertrag, den man unterzeichnen konnte. Es war eine lebenslange Aufgabe. „Und wenn ich es schaffe?“, fragte er heiser. „Darf ich dich dann wiedersehen?“

​Hana schenkte ihm ein Lächeln, das weder kühler Trotz noch leidenschaftliches Verlangen war, sondern pure Hoffnung. „Tokio ist groß, Vladimir. Aber wir bewegen uns in denselben Kreisen. Wenn du dich wirklich änderst... werde ich es als Erste bemerken. Beweise es mir.“

​Sie wandte sich um und ging den Pfad entlang zurück zum Ausgang des Parks. Diesmal eilte er ihr nicht nach. Er blieb stehen und beobachtete, wie ihre helle Gestalt zwischen den Bäumen verschwand. Die Welt um ihn herum war dieselbe geblieben, doch in seinem Inneren hatte sich etwas verschoben. Die Maske war nicht weg, aber sie hatte Risse bekommen, durch die das erste Mal seit zwanzig Jahren echtes Licht fiel.
 

Einige Wochen später herrschte im 45. Stock des Tachiwari-Towers eine Atmosphäre, die man fast als „tauwetterähnlich“ beschreiben konnte. Vladimir war immer noch da, doch die Aura der rücksichtslosen Kälte, die er wie einen Schutzschild vor sich hergetragen hatte, war einer nachdenklichen, fast schon greifbaren Ruhe gewichen.

​Es war später Nachmittag, als Vladimir ohne Voranmeldung vor Kais Büro stand. Die Sekretärin wollte ihn gerade routiniert ankündigen, doch er hob nur kurz die Hand – eine Geste, die weniger wie ein Befehl und mehr wie eine Bitte um Diskretion wirkte. Er klopfte an.

​„Rein“, erklang Kais Stimme, gewohnt kurz angebunden.

​Als Vladimir eintrat, sah Kai von seinen Berichten auf. Er erwartete eine neue Provokation oder eine aggressive geschäftliche Forderung für das Severnaya-Quartal. Doch Vladimir blieb ruhig im Türrahmen stehen.

​„Ich habe eine Entscheidung getroffen, Kai“, begann Vladimir. Er trat auf den Schreibtisch zu, legte aber nicht wie üblich die Hände besitzergreifend auf die Oberfläche, sondern blieb in respektvollem Abstand stehen. „Severnaya wird die geplante feindliche Übernahme der Logistik-Sparte von Tachibey Industries fallen lassen.“

​Kai blinzelte. Sein Blick wurde schlagartig scharf. „Was? Das war dein strategisches Hauptziel für dieses Jahr. Du hast Monate in die Vorbereitung gesteckt, um Hiro Tashiba unter Druck zu setzen.“

​„Ich weiß“, erwiderte Vladimir ruhig. Ein schwaches, fast müdes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Aber es war ein Spiel, Kai. Ein Machtspiel, um zu beweisen, dass ich es kann. Es hätte Hanas und Namis Vater geschadet und deine Familie unnötig unter Stress gesetzt. Es gibt keinen sachlichen Grund dafür, außer meinem eigenen Ego.“

​Kai lehnte sich langsam in seinem Sessel zurück. Er suchte in den weinroten Augen seines Bruders nach dem Haken, nach der versteckten Falle. Doch er fand nichts außer einer entwaffnenden Ernsthaftigkeit.

​„Du gibst eine Milliarden-Chance auf, nur um... Rücksicht zu nehmen?“, fragte Kai ungläubig.

​„Ich fange an, die Wahrheit zu sagen, so wie Hana es verlangt hat“, sagte Vladimir. Er griff in seine Tasche und holte ein kleines, schlichtes Dossier hervor, das er auf den Tisch legte. „Das sind die Pläne für eine Kooperation statt einer Übernahme. Es ist fairer, nachhaltiger und... es ist das Richtige. Ich möchte, dass du es Hiro vorschlägst. Nicht als Drohung von Severnaya, sondern als Angebot von mir.“

​Kai starrte auf das Dossier, dann wieder zu seinem Bruder. Zum ersten Mal seit ihrem Erwachsenwerden sah er nicht den Rivalen oder das Raubtier vor sich. Er sah seinen Bruder.

​„Sie hat dich wirklich verändert, oder?“, fragte Kai leise.

​Vladimir wandte sich zum Gehen, hielt aber an der Tür noch einmal inne. „Sie hat mich nicht verändert, Kai. Sie hat mir nur gezeigt, dass ich die Wahl habe. Und heute habe ich mich entschieden, kein Arschloch zu sein. Sag Nami... sag ihr, dass ich heute Abend nicht im Tower sein werde. Ich habe vor, den Abend mit etwas zu verbringen, das nichts mit Aktienkursen zu tun hat.“

​Als die Tür hinter Vladimir ins Schloss fiel, blieb Kai einen Moment völlig reglos sitzen. Er schüttelte langsam den Kopf, ein ehrliches Schmunzeln auf den Lippen. Er griff zum Telefon, um Nami in ihr Büro nebenan zu rufen. Er wusste, dass sie diese Nachricht kaum glauben würde.

​Draußen, auf dem Weg zum Aufzug, fühlte sich Vladimirs Schritt leichter an. Er hatte gerade ein Imperium an Einfluss aufgegeben, aber zum ersten Mal fühlte er sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen wirklich gehören.
 

Das Abendessen im Ayame-Anwesen war an diesem Abend ungewöhnlich ruhig. Die Kinder waren bereits oben bei Claire, und im Esszimmer verbreitete das warme Licht der Kerzen eine friedliche Atmosphäre, die im krassen Gegensatz zu der geschäftlichen Bombe stand, die Kai vorhin im Tower platziert hatte.

​Nami legte ihr Besteck beiseite und sah Kai abwartend an. „Du hast den ganzen Abend dieses seltsame Funkeln in den Augen, Kai. Was hat Vladimir heute in deinem Büro wirklich gewollt? Du hast nur gesagt, es ginge um Tachibey Industries.“

​Kai nahm einen Schluck Wein und lehnte sich zurück. „Er hat den Angriff auf das Logistik-Unternehmen deines Vaters abgeblasen, Nami. Er hat mir die Pläne für eine friedliche Kooperation übergeben, statt die feindliche Übernahme durchzuziehen.“

​Nami erstarrte mitten in der Bewegung. „Feindliche Übernahme?“, wiederholte sie fassungslos. Ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Kai, wie kann das sein? Severnaya hat eine Allianz mit der Tachiwari-Corporation. Wir sind Partner. Wie konnte er überhaupt in Erwägung ziehen, das Unternehmen meines Vaters anzugreifen, während er unter deinem Dach arbeitet? Das ist... das ist Hochverrat an unserer Familie!“

​Kai hob beschwichtigend die Hand. „Beruhige dich, mein Schatz. Technisch gesehen ist Severnaya ein eigenständiges Konstrukt. Die Allianz bezieht sich auf globale Märkte, nicht auf lokale Akquisitionen. Vladimir hat Lücken gesucht – und gefunden. Er wollte Hiro unter Druck setzen, um seine Macht in Japan zu demonstrieren. Er hat es als rein geschäftliches Schachspiel betrachtet.“

​„Ein Schachspiel mit dem Erbe meines Vaters?“, Nami schüttelte den Kopf, ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Hat er überhaupt kein Gewissen? Er sitzt mit uns am Tisch, er flirtet mit meiner Schwester und im Hintergrund schärft er das Messer für meinen Vater?“

​„Er hatte es vor“, korrigierte Kai sie sanft, wobei sein Blick ernst wurde. „Das ist der entscheidende Punkt. Der Vladimir, den wir kennen, hätte das gnadenlos durchgezogen. Er hätte uns angelächelt, während er die Papiere unterschreibt. Aber heute... heute kam er zu mir und hat es gestoppt. Er hat zugegeben, dass es nur für sein Ego war. Er hat das Dossier vernichtet, Nami.“

​Nami ließ die Information langsam einsinken. Der Zorn wich einer tiefen Verwirrung. „Er hat es gestoppt, weil es 'das Richtige' war? Das sind Worte, die in Vladimirs Wortschatz bisher gar nicht existierten.“

​„Hana hat ihn dort getroffen, wo es wehtut: bei seinem Stolz“, sagte Kai und ein Hauch von Respekt schwang in seiner Stimme mit. „Sie hat ihm den Spiegel vorgehalten, und er hat angefangen, die hässliche Fratze darin zu hassen. Er versucht tatsächlich, sich zu beweisen. Nicht mit Worten gegenüber ihr, sondern mit Taten gegenüber uns.“

​Nami atmete zittrig aus und strich sich eine Locke ihres weißen Haares hinter das Ohr. „Wenn er das wirklich ernst meint... wenn er bereit ist, Milliarden für einen Funken Anstand zu opfern... dann hat Hana mehr erreicht, als wir alle für möglich gehalten haben.“

​„Vielleicht“, murmelte Kai und beobachtete, wie die Kerzenflamme im leichten Luftzug tanzte. „Aber er hat noch einen sehr langen Weg vor sich. Ein Leben aus Lügen lässt sich nicht an einem Nachmittag korrigieren. Aber es ist ein Anfang.“
 

Stille...

Nami hielt inne, das Glas Wein in ihrer Hand zitterte leicht. „Ich verstehe es einfach nicht, Kai“, flüsterte sie und blickte ihn suchend an. „Wie kann das sein? Eine einzige Frau schafft es in nur zwei Wochen, dieses... Monster aus Eis zum Schmelzen zu bringen? Was keine andere Frau in zwanzig Jahren geschafft hat? Nicht einmal seine engsten Vertrauten?“

​Kai schwieg. Er stellte sein Glas ab und sah Nami einfach nur an. Sein Blick war tief, voller ungesagter Wahrheiten und einer Wärme, die er nur ihr gegenüber zeigte. Die Stille im Raum wurde schwerer, während das Feuer im Kamin leise knackte.

​„Glaubst du wirklich, es war Zufall, dass ich ihm das Büro direkt neben deinem gegeben habe?“, fragte er schließlich mit beiläufiger, fast schon geheimnisvoller Stimme.

​Nami blinzelte überrascht. „Ich dachte, es wäre wegen der Logistik... damit ihr euch schneller abstimmen könnt.“

​Kai schüttelte langsam den Kopf. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Nein, Nami. Ich habe es aus einem ganz bestimmten Grund getan. Wegen dir.“

​Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand in seine, seine Daumen strichen sacht über ihre Haut. „Wegen deiner Aura. Du hast diese Gabe, Nami. Deine Anwesenheit, deine Art zu sein... sie besänftigt die Dunkelheit im Inneren einer Seele. Du drängst den Schatten so weit zurück, dass plötzlich Platz für etwas anderes entsteht. Platz für Gefühle, die man jahrelang erfolgreich begraben hat. Vlad hatte dies von Anfang an gespürt.“

​Er hielt inne und sein Blick wurde noch intensiver. „So wie bei mir damals. Als ich dich traf, war ich innerlich nicht viel anders als er. Ich war eine Maschine, getrieben von Zorn und dem Bedürfnis nach Kontrolle. Aber deine Nähe hat mich gezwungen, hinzusehen. Und genau das ist Vladimir passiert.“

​Nami sah ihn fassungslos an. „Du meinst... ich habe ihn vorbereitet?“

​„Deine Aura hat die Risse in seinem Panzer verursacht, noch bevor er Hana überhaupt das erste Mal im Tower sah“, erklärte Kai ruhig. „Du hast den Boden bereitet, auf dem Hana dann säen konnte. Hana ist dir so ähnlich, Nami – nicht nur im Aussehen, sondern in dieser unerschütterlichen Stärke. Ohne deinen Einfluss im Büro nebenan hätte er sie wahrscheinlich einfach nur zerstört. Aber so... so hatte er keine Chance.“

​Nami lehnte sich zurück, tief bewegt von Kais Worten. Die Vorstellung, dass ihre reine Präsenz die eisige Welt des Vladimir Ivanov bereits im Vorfeld ins Wanken gebracht hatte, war überwältigend.

​„Er hat gespürt, was wir haben“, fuhr Kai fort. „Und zum ersten Mal in seinem Leben hat er begriffen, dass Macht allein ein verdammt armseliger Ersatz für das ist, was er jeden Tag bei uns sieht.“

Die andere Seite

Hana rührte nachdenklich in ihrem Tee und blickte aus dem Fenster ihres neuen Wohnzimmers. Sie hatte das Angebot ihres Vaters, Hiro Tashiba, abgelehnt, mit den Mädchen zurück in die Wärme ihres Elternhauses zu ziehen. So sehr sie die Unterstützung ihrer Eltern schätzte, so sehr brauchte sie jetzt diesen eigenen Raum – diese vier Wände, die nicht nach ihrer Kindheit und erst recht nicht nach Zayn rochen. Es war ihr erster Akt echter Unabhängigkeit seit Jahren.

​„Ich habe ihn gestern im Park getroffen, Nami“, gestand sie leise, während sie den Blick von der Tokioter Skyline abwandte. „Und ich muss ehrlich zugeben... es war das Schwerste, was ich seit Langem getan habe, ihn dort einfach stehen zu lassen.“

​Nami neigte den Kopf und beobachtete ihre Schwester aufmerksam. „Wieso? Hat er wieder versucht, dich zu manipulieren?“

​„Nein, genau das ist es ja“, Hana schüttelte den Kopf, ihre amethystfarbenen Augen schimmerten feucht. „Er war aufrichtig. Er hat zugegeben, dass er Angst hat. Dass er nicht weiß, wer er ohne seine Maske überhaupt ist. Seine Worte waren voller Reue, Nami. Er tat mir wieder so unendlich leid. Ich wollte ihn am liebsten einfach nur umarmen und ihm sagen, dass alles gut wird.“

​Sie seufzte schwer und strich sich eine Strähne ihres glatten, weißen Haares aus dem Gesicht. „Ich würde ihm gerne eine Chance geben. Wirklich. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll, ohne mich ihm sofort wieder auf einem Silbertablett zu präsentieren. Er ist ein Jäger, Nami. Wenn ich zu schnell nachgebe, verfällt er vielleicht wieder in seine alten Muster.“

​Hana senkte den Blick und ihre Stimme wurde brüchiger. „Und dann ist da noch die Sache mit Zayn. Nach allem, was er mir angetan hat... nach der Kälte und der emotionalen Vernachlässigung in Osaka... weiß ich einfach nicht, ob ich wirklich schon bereit bin, mein Herz wieder so weit zu öffnen. Erst recht nicht für einen Mann wie Vladimir, der ebenfalls so viel Dunkelheit in sich trägt.“

​Nami griff über den Tisch und drückte Hanas Hand fest. „Hör mir zu, Hana. Dass du zögerst, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von gesundem Verstand. Dass du dir diese eigene Wohnung gesucht hast, statt zurück unter Vaters Dach zu schlüpfen, beweist doch, wie stark du bist. Du schaffst dir gerade dein eigenes Fundament.“

​Sie schenkte ihrer Schwester ein aufmunterndes Lächeln. „Aber Kai hat mir gestern etwas erzählt. Vladimir hat den Angriff auf Vaters Firma abgeblasen. Er hat ein Milliardenprojekt geopfert, nur um uns – und vor allem dir – zu zeigen, dass er es ernst meint. Er fängt an, Opfer zu bringen, die nichts mit Sex oder Macht zu tun haben. Er hat begriffen, dass er dich mit seinem Geld nicht kaufen kann.“

​Nami lehnte sich ein Stück vor. „Du musst dich ihm nicht auf einem Silbertablett präsentieren. Gib ihm keine Chance auf eine Affäre, sondern eine Chance auf Freundschaft. Triff ihn an öffentlichen Orten. Geh mit ihm essen, geh spazieren, rede mit ihm. Lass ihn beweisen, dass er dein Tempo aushalten kann. Ein Mann, der dich wirklich will, wird warten. Und ein Mann, der lernen will, ein Mensch zu sein, braucht jemanden, der ihm den Weg zeigt, ohne ihn gleich zu tragen.“

​Hana sah Nami lange an, und ein Funken Hoffnung kehrte in ihren Blick zurück. „Du meinst, ich soll die Regeln bestimmen? In meiner Wohnung, zu meinen Zeiten?“

​„Absolut“, bestärkte Nami sie. „Du bist diejenige mit der Macht, Hana. Nicht weil du ihn dominierst, sondern weil du die Einzige bist, die ihm das geben kann, wonach er sich insgeheim sehnt: echte Nähe. Lass ihn zappeln, lass ihn lernen. Und wenn du merkst, dass er wieder in den alten Steinblock erstarrt... dann schließt du einfach die Tür deiner neuen Wohnung hinter dir zu. Du hast jetzt dein eigenes Reich, Hana. Du brauchst ihn nicht – und genau das ist deine größte Stärke.“
 

Wenig später am Abend...

Hana saß auf ihrem neuen Sofa, umgeben von der beruhigenden Stille ihrer Wohnung. Die Mädchen schliefen bereits, und das sanfte Licht einer Stehlampe warf lange Schatten auf den Parkettboden. Sie hielt ihr Handy in der Hand und starrte auf den Kontakt "Vladimir".

​Sie dachte an Namis Worte.
 

Du bestimmst die Regeln.
 

Bisher hatte Vladimir das Spielfeld, die Zeit und die Intensität diktiert. Wenn sie ihm wirklich eine Chance geben wollte, musste sie ihn aus seiner Komfortzone locken – weg von den dunklen Büros und den anonymen Hotelzimmern, hin zu etwas, das er vermutlich mehr fürchtete als alles andere: Alltäglichkeit.

​Sie tippte die Nachricht mit ruhigen Fingern:
 

​„Ich habe gehört, was du für meinen Vater getan hast. Danke, Vladimir. Das bedeutet mir viel. Wenn du wirklich reden willst, ohne Masken... ich bin morgen Abend mit den Kindern in einem kleinen Park in der Nähe meiner Wohnung. Wir werden danach bei einem Italiener um die Ecke essen. Du kannst uns begleiten, wenn du möchtest. Aber sei gewarnt: Es wird laut, chaotisch und absolut unglamourös sein.“
 

​Sie drückte auf Senden und legte das Handy weg. Sie bot ihm kein privates Treffen an, keinen Wein in ihrer neuen Wohnung und erst recht kein Schlafzimmer. Sie bot ihm an, Teil ihres realen Lebens zu sein – inklusive ihrer Töchter. Das war der ultimative Test. Wenn er nur die "Anwältin Hana" wollte, würde er absagen. Wenn er die Frau Hana wollte, musste er auch die Mutter akzeptieren.

​Es dauerte keine zwei Minuten, bis die Antwort kam.
 

​Von: Vladimir

„Ich kenne mich mit laut und chaotisch nicht sehr gut aus. Aber ich werde da sein. Schick mir die Adresse.“
 

​Hana atmete tief durch. Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr wie eine Beute, sondern wie die Architektin ihrer eigenen Zukunft.
 

Am nächsten Tag...
 

Hana stand am Rand des kleinen Spielplatzes in der Nähe ihrer neuen Wohnung. Die herbstliche Sonne warf lange, goldene Schatten über den Sandkasten und tauchte die Szenerie in ein warmes, fast friedliches Licht. Sie beobachtete ihre Töchter und fühlte eine tiefe Ruhe, die sie in Osaka schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es war die Freiheit, die sie sich mühsam erkämpft hatte.

​Akari, ihre Älteste, war mit ihren elf Jahren bereits fast so groß wie Nami. Sie hatte die klugen, wachsamen Augen ihrer Mutter und ein ruhiges Temperament, das sie in diesem Moment nutzte, um auf einer Bank zu sitzen und in einem Buch zu lesen – ab und zu warf sie jedoch einen schützenden Blick zu ihrer kleinen Schwester. Mirai, gerade erst fünf Jahre alt geworden, war das genaue Gegenteil. Sie war ein Wirbelwind aus Energie und lachte laut, während sie versuchte, die Schaukel immer höher in den Himmel zu treiben, ihr weißes Haar flatterte dabei wild im Wind.

​Hana spürte Vladimirs Anwesenheit, noch bevor sie ihn sah. Die Luft schien sich zu verdichten, als würde die Kälte seiner Welt in die Wärme des Parks eindringen. Als sie sich umwandte, sah sie ihn am Ende des gepflasterten Weges.

​Er wirkte in dieser Umgebung vollkommen surreal. Sein maßgeschneiderter, dunkelblauer Mantel, die perfekt sitzende Hose und die handgefertigten Lederschuhe schrien nach Vorstandsetagen und privaten Lounges, nicht nach dem Duft von feuchtem Laub und dem Quietschen von Spielgeräten. Er blieb einige Schritte entfernt stehen, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Sein Blick war nicht der eines Jägers, sondern eher der eines Mannes, der vor einem komplizierten Rätsel steht, dessen Lösung er unbedingt finden will, aber die Regeln nicht kennt.

​„Du bist wirklich gekommen“, sagte Hana leise, als sie auf ihn zuging. „Ich dachte, die Aussicht auf Sandburgen und Kindermenüs würde dich abschrecken.“

​Vladimir sah sie an. Seine weinroten Augen wirkten im weichen Nachmittagslicht weniger bedrohlich, fast schon suchend. „Ich habe gesagt, dass ich kommen würde. Und ich lerne schnell, Hana... auch wenn ich zugeben muss, dass das hier außerhalb meiner bisherigen Erfahrungen liegt.“

​Sein Blick glitt zu den Mädchen, die nun aufmerksam wurden.

​Mirai sprang von der Schaukel ab, landete etwas holprig im Sand und rannte auf ihre Mutter zu, stoppte dann aber abrupt. Akari legte ihr Buch beiseite und trat ebenfalls näher. Beide Mädchen verharrten gleichzeitig in einer seltsamen Starre. Ihre Augen weiteten sich, und für einen Moment herrschte absolute Stille.

​„Onkel Kai?“, murmelte Mirai verwirrt und legte den Kopf schief.

​Auch Akari wirkte für einige Sekunden völlig fassungslos. Die Ähnlichkeit war im ersten Moment überwältigend. Die Statur, die markanten Gesichtszüge, die Aura von Macht – es war fast so, als stünde ihr Onkel vor ihnen. Doch dann begann Akari, ihn genauer zu scannen. Ihr Blick glitt über seine aberginefarbenen fast weinroten Augen, die so anders waren als Kais rubinrotes Leuchten. Sie bemerkte die Nuancen in seinem Haar und die etwas härteren Linien um seinen Mund.

​„Nein“, sagte Akari schließlich mit fester Stimme und hielt Mirais Hand fest. „Das ist nicht Onkel Kai. Er sieht ihm nur sehr ähnlich.“

​Mirai blinzelte und kniff die Augen zusammen, während sie Vladimir weiterhin unverwandt anstarrte.

„Aber er sieht genau so aus!“, rief sie aus, ihre magentafarbenen Augen blitzten neugierig. „Ganz genau so! Nur die Augen sind... dunkler. Wieso siehst du Onkel Kai so ähnlich? Bist du ein Geist?“

​Ein tiefes, fast unhörbares Lachen entwich Vladimirs Kehle. Er ging langsam in die Hocke, um auf Augenhöhe mit der Fünfjährigen zu sein. Es war eine Geste der Demut, die Hana ihm niemals zugetraut hätte. Er machte sich klein, um für das Kind weniger bedrohlich zu wirken.

​„Nein, kleine Maus, ich bin kein Geist“, sagte er, und seine Stimme war tief, aber ohne die übliche Kälte. Er blickte kurz zu Hana hoch, als suchte er nach Erlaubnis, bevor er Mirai wieder direkt ansah. „Ich sehe ihm so ähnlich, weil ich sein Bruder bin.“

​Stille legte sich über den kleinen Spielplatz. Selbst Akari ließ den Arm ihrer Schwester los und trat einen Schritt näher, die Stirn in Falten gelegt.

​„Onkel Kais Bruder?“, wiederholte Mirai mit offenem Mund. „Aber... Onkel Kai hat nie gesagt, dass er noch einen Bruder hat. Er hat nur uns.“

​Vladimir zuckte kaum merklich mit den Schultern, doch sein Blick wirkte für einen Moment seltsam trüb. „Das liegt daran, dass wir uns sehr lange nicht gesehen haben. Manchmal verlieren sich Brüder aus den Augen, so wie man ein Spielzeug im hohen Gras verliert.“

​„Und jetzt hat Mama dich wiedergefunden?“, fragte Mirai unschuldig.

​Vladimir sah zu Hana auf, und das weinrote Leuchten in seinen Augen brannte mit einer Intensität, die sie bis in die Knochen spürte. „Ja“, antwortete er leise. „Deine Mutter hat mich gefunden, als ich selbst nicht wusste, wo ich war.“

​Akari verschränkte die Arme vor der Brust. Sie war weniger leicht zu beeindrucken als ihre kleine Schwester. „Wenn du sein Bruder bist, bist du dann auch unser Onkel?“, fragte sie skeptisch. „Onkel Kai ist sehr stark. Und er beschützt uns immer.“

​Vladimir erhob sich langsam und rückte seinen Mantel zurecht. Er sah Akari direkt an, mit jenem Respekt, den er normalerweise nur ebenbürtigen Geschäftspartnern zollte. „Ob ich ein Onkel für euch sein darf, müssen die Zeit und eure Mutter entscheiden. Aber was das Beschützen angeht...“ Sein Blick glitt kurz über den Park, als würde er die Umgebung unbewusst nach Gefahren scannen. „Darin bin ich sogar noch besser als mein Bruder.“

​Mirai, die das Konzept von Familienverhältnissen längst wieder gegen ihren Hunger eingetauscht hatte, griff mutig nach dem Ärmel seines teuren Mantels. „Wenn du Onkel Kais Bruder bist, dann musst du auch mit uns Nudeln essen. Onkel Kai isst immer ganz viel!“

​Vladimir starrte auf die kleine Hand an seinem Arm. Ein leises, fast wehmütiges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Dann werde ich wohl mein Bestes geben müssen, um mit seinem Appetit mitzuhalten.“
 

​Hana beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Wehmut und Hoffnung. Vladimir wirkte hilflos, ja, aber er hielt den Blick der Kinder aus. Er wich nicht zurück.
 

Das kleine italienische Restaurant war gemütlich, erfüllt vom Duft nach frischem Basilikum und Knoblauch. Es war weit entfernt von den sterilen Gourmet-Tempeln, in denen Vladimir normalerweise verkehrte. Mirai saß auf einer Sitzerhöhung und malte konzentriert mit Wachsmalstiften auf der Papiertischdecke, während Akari mit einer fast erwachsenen Ruhe die Speisekarte studierte.

​Vladimir saß ihnen gegenüber. Er hatte seinen Mantel abgelegt und wirkte in seinem dunklen Rollkragenpullover immer noch dominant, aber die harten Kanten seiner Präsenz schienen durch das gedämpfte Licht und das unbeschwerte Geplapper der Kinder abgemildert.

​Hana beobachtete ihn über den Rand ihres Weinglases hinweg. Sie sah, wie er Akari beim Bestellen beobachtete – mit einer Mischung aus Respekt vor ihrer Reife und einer Spur von Verwirrung über die familiäre Dynamik.

​„Vladimir?“, durchbrach Hana die geschäftige Geräuschkulisse des Restaurants.

​Er hob den Blick und sah sie direkt an. „Ja?“

​„Ich frage mich schon den ganzen Tag etwas“, begann sie und stellte ihr Glas ab. „Du bist jetzt seit mehr als zwei Monaten hier in Japan. Ursprünglich sollte dein Aufenthalt im Tower nur von kurzer Dauer sein, um die Allianz mit Tachiwari zu festigen. Hast du in Russland keine Verpflichtungen? Severnaya ist ein riesiges Imperium – führt es sich wirklich von selbst, während du hier in Parks spazieren gehst und Nudeln isst?“

​Vladimir schwieg einen Moment. Er spürte Akaris Blick auf sich ruhen; die Elfjährige hatte aufgehört zu lesen und lauschte aufmerksam.

​„Ich habe fähige Leute in Moskau“, sagte er schließlich, und seine Stimme war ruhig, fast nachdenklich. „Moderne Kommunikation erlaubt es mir, die Fäden von überall aus zu ziehen. Aber die Wahrheit ist...“ Er hielt inne und blickte kurz zu Mirai, die gerade mit einem roten Stift eine Sonne auf den Tisch malte. „Die Wahrheit ist, dass ich meine Prioritäten verschoben habe.“

​Er sah wieder zu Hana. „Russland ist mein Fundament, aber es ist auch ein Ort, an dem jede Interaktion auf Macht und Angst basiert. Hier in Tokio... durch Kai, durch Nami und vor allem durch dich... habe ich etwas entdeckt, das ich in zwanzig Jahren in Russland nicht gefunden habe.“

​„Und was wäre das?“, fragte Hana leise.

​„Einen Grund, die Maske abzunehmen“, antwortete er unumwunden. „In Moskau würde niemand wagen, mir zu sagen, dass ich langweilig bin oder dass ich kalt wirke. Dort bin ich eine Statue. Hier fange ich an zu merken, dass Statuen verdammt einsam sind. Meine Verpflichtungen dort laufen weiter, aber mein Interesse gilt im Moment dem, was hier in diesem Raum passiert.“

​Hana spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Es war eine gefährlich ehrliche Antwort.

​„Das ist ein hoher Preis für ein bisschen Menschlichkeit“, bemerkte sie, wobei sie versuchte, ihre Stimme fest zu halten.

​„Ein Preis, den ich bereit bin zu zahlen“, erwiderte er, und zum ersten Mal wirkte sein Blick nicht wie der eines Strategen, sondern wie der eines Mannes, der endlich eine Richtung gefunden hatte.
 

Das Essen verlief erstaunlich harmonisch. Vladimir beobachtete fast fasziniert, wie Mirai ihre Spaghetti mit einer Begeisterung verspeiste, die jeden Fleck auf ihrem Shirt ignorierte, während Akari ihn immer wieder in kurze, aber präzise Gespräche über die Tachiwari-Corporation verwickelte. Er antwortete ihr mit einem Respekt, den er normalerweise nur erwachsenen Geschäftspartnern entgegenbrachte, was Hana insgeheim beeindruckte.

​Doch die gelöste Stimmung fand ein jähes Ende, als Hanas Handy auf dem Tisch vibrierte. Ein kurzes, aggressives Aufleuchten des Displays riss sie aus dem Moment.

​Hana erstarrte. Ihr Blick glitt zum Bildschirm, und sofort wich die Farbe aus ihrem Gesicht.

​„Zayn“, stand dort in leuchtenden Buchstaben. Darunter die erste Zeile einer Nachricht: „Ich bin in Tokio. Wir müssen reden. Sofort. Ich weiß, wo du wohnst.“

​Vladimir, dessen Sinne zeitlebens auf die kleinsten Veränderungen in seiner Umgebung geeicht waren, bemerkte ihr plötzliches Zittern sofort. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und die eben noch mühsam mürbe gemachte Kälte kehrte in seinen Blick zurück – diesmal jedoch nicht gegen Hana gerichtet, sondern schützend.

​„Hana?“, fragte er, und seine Stimme war nun wieder das tiefe, autoritäre Grollen des Severnaya-CEOs. „Was ist passiert?“

​Hana legte das Handy hastig mit dem Display nach unten auf den Tisch, doch ihre Finger zitterten so stark, dass sie beinahe ihr Wasserglas umgestoßen hätte. Akari sah sofort von ihrem Teller auf, ihre Augen weit vor Sorge. Sie kannte diesen Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter nur zu gut aus ihrer Zeit in Osaka.

​„Es ist nichts“, log Hana schwach, doch ihr Blick flackerte nervös zur Tür des Restaurants, als würde sie erwarten, dass ihr Ex-Mann jeden Moment hereinplatzte.

​Vladimir reichte über den Tisch und legte seine große Hand flach über ihre zitternden Finger. Es war kein Besitzanspruch, sondern ein massiver, unerschütterlicher Anker. „Lüg mich nicht an, Hana. Und vor allem: Hab keine Angst. Nicht, wenn ich hier bin.“

​Hana sah zu ihm auf. Der Kontrast war atemberaubend – eben noch hatte er unbeholfen mit Mirai über Nudelsorten gesprochen, nun stand dort wieder der Mann, der keine Skrupel kannte, wenn es darum ging, sein Territorium zu verteidigen.

​„Zayn ist hier“, flüsterte sie schließlich. „In Tokio. Er... er will mich sehen. Er sagt, er weiß, wo meine neue Wohnung ist.“

​Ein gefährliches Glühen trat in Vladimirs weinrote Augen. Er löste seine Hand von ihrer, griff stattdessen nach seinem eigenen Telefon und tippte eine kurze Nachricht an seinen Sicherheitsdienst, der diskret einige Straßen weiter wartete.

​„Er wird dich nicht sehen. Und er wird deiner Wohnung nicht einmal nahekommen“, sagte Vladimir mit einer Endgültigkeit, die keinen Widerspruch duldete. Er wandte sich an Akari, seine Stimme wurde augenblicklich weicher, aber nicht weniger bestimmt: „Akari, kümmere dich um deine Schwester. Wir gehen jetzt.“

​Die gemütliche Atmosphäre des Italieners war verflogen. Als sie das Restaurant verließen, hielt Vladimir Hana fest am Arm, während seine Augen die dunkle Straße scannten. Der „menschliche“ Vladimir war für diesen Moment wieder in den Hintergrund getreten, um Platz für den Beschützer zu machen, der bereit war, jeden zu vernichten, der den Frieden dieser Frau störte.
 

Die kühle Abendluft Tokios schlug ihnen entgegen, als sie das Restaurant verließen. Vladimir hatte seinen Arm mitlerweile schützend um Hanas Schultern gelegt, während Akari fest die Hand der kleinen Mirai hielt. Sie waren kaum ein paar Schritte auf dem Bürgersteig gegangen, als eine Gestalt aus dem Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand trat.

​Zayn.

​Er sah abgekämpft aus, sein Anzug wirkte zerknittert, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Verzweiflung und verletztem Stolz. Als er Hana sah, hellte sich sein Gesicht für einen Moment auf, doch als sein Blick auf Vladimir fiel, der wie ein unüberwindbarer Fels neben ihr stand, verfinsterten sich seine Züge augenblicklich.

​„Hana“, sagte er, und seine Stimme klang heiser. „Ich habe überall nach dir gesucht. Wir müssen reden. Unter vier Augen.“

​Hana blieb stehen. Sie zitterte nicht mehr. Der erste Schock über seine Nachricht war einer kalten, klaren Entschlossenheit gewichen. Sie löste sich sanft aus Vladimirs Umarmung und trat einen Schritt vor. „Es gibt nichts mehr zu bereden, Zayn. Ich habe dir in Osaka alles gesagt. Die Scheidungspapiere liegen bei deinem Anwalt. Unterschreib sie einfach.“

​„Ich werde sie nicht unterschreiben!“, herrschte Zayn sie an, doch es fehlte ihm an Autorität. „Ich habe mich letzte Woche doch entschuldigt, Hana! Der Seitensprung... es war ein Fehler, ja, aber ich liebe dich. Wir sind eine Familie. Du kannst nicht einfach alles wegwerfen, nur weil du verletzt bist.“

​Hana sah ihn mit einer Ruhe an, die ihn sichtlich verunsicherte. „Ja, du hast dich entschuldigt! Nach fast fünf Monaten weil du Angst vor einer Scheidung hast! Ich werfe nichts weg, Zayn. Ich hole mir nur mein Leben zurück. Es geht nicht nur um den Betrug. Es geht um die Jahre der Kälte, in denen ich für dich nur ein Accessoire deiner Karriere war. Ich bin nicht mehr die Frau, die darauf wartet, dass du sie bemerkst.“

​Zayn lachte bitter auf und deutete mit einer aggressiven Geste auf Vladimir. „Und deshalb suchst du dir sofort Ersatz? Einen schlechten Kai-Doppelgänger? Glaubst du wirklich, er ist besser? Er ist eine Kopie, Hana. Eine gefährliche noch dazu.“

​Er wollte einen Schritt auf Hana zugehen, seine Hand ausgestreckt, als wollte er sie am Arm packen. Doch bevor er sie erreichen konnte, schob sich Vladimir lautlos, aber mit einer Wucht zwischen sie, die Zayn abrupt stoppen ließ.

​Vladimir war fast exakt so groß wie Zayn, doch die Aura, die er ausstrahlte, ließ den anderen Mann plötzlich klein wirken. Vlad schrie nicht. Er verfiel nicht in blinde Wut. Er stand einfach nur da, die Hände in den Taschen seines Mantels, den Rücken kerzengerade, und fixierte Zayn mit seinen dunklen, weinroten Augen.

​„Geh einen Schritt zurück“, sagte Vladimir. Seine Stimme war leise, fast sanft, aber sie besaß die schneidende Kälte eines sibirischen Winters.

​„Wer glaubst du, wer du bist?“, knurrte Zayn, doch seine Stimme überschlug sich leicht unter Vlads intensivem Blick. „Das ist eine Familienangelegenheit.“

​„Du hast keine Familie mehr hier in dieser Stadt“, entgegnete Vladimir ruhig. Er trat einen winzigen Schritt näher, bis er Zayn fast berührte. Die schiere Präsenz des Severnaya-CEOs schien den Raum um Zayn herum zu verengen. „Hana hat dir eine klare Antwort gegeben. Jedes weitere Wort von dir ist eine Belästigung. Und ich bin nicht hier, um zu diskutieren.“

​Vladimir senkte die Stimme noch weiter, sodass nur Zayn ihn hören konnte, doch der einschüchternde Effekt war für alle spürbar. „Du nennst mich einen Doppelgänger? Dann solltest du wissen, dass ich im Gegensatz zu meinem Bruder weit weniger Geduld mit Männern habe, die nicht wissen, wann sie verloren haben. Wenn du noch einmal versuchst, sie oder ihre Töchter zu kontaktieren, werde ich dafür sorgen, dass dein Leben in Osaka in sich zusammenbricht, noch bevor du den Flughafen erreichst. Finanziell, beruflich, gesellschaftlich. Ich werde dich nicht schlagen, Zayn. Ich werde dich auslöschen.“

​Zayn starrte in diese Augen, die keine Gnade kannten, und zum ersten Mal begriff er, dass er es hier nicht mit einem gewöhnlichen Rivalen zu tun hatte. Der Terror stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wich einen Schritt zurück, dann noch einen.

​Er blickte zu seinen Töchtern, in der Hoffnung auf einen Funken Mitgefühl. Doch Akari sah ihn nur kühl an, ihren Arm schützend um Mirai gelegt, die sich eng an ihre große Schwester drückte. In ihren Augen lag kein Heimweh, nur Ablehnung.

​„Geh, Papa“, sagte Akari leise, aber bestimmt. „Wir wollen jetzt nach Hause.“

​Zayn stand einen Moment lang völlig fassungslos da, besiegt von der Stärke seiner Frau, der Ablehnung seiner Kinder und der unerschütterlichen Macht des Mannes, der nun ihren Schutzraum bildete. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand fast hastig in der Dunkelheit der Straße.

​Vladimir atmete tief durch und die Spannung in seinen Schultern löste sich merklich. Er wandte sich zu Hana um, die ihn mit einem Ausdruck beobachtet hatte, der irgendwo zwischen Bewunderung und tiefer Nachdenklichkeit lag. Er hatte Zayn nicht einmal berührt, und doch hatte er den Kampf gewonnen.
 

​Nachdem Zayn in der Dunkelheit der Tokioter Seitenstraßen verschwunden war, blieb eine schwere Stille zurück. Der Park wirkte plötzlich wieder wie ein normaler Park, doch die Energie zwischen den Erwachsenen war noch immer hochgeladen. Vladimir löste den Blick von der Stelle, an der Zayn verschwunden war, und wandte sich Hana zu. Die harte Maske des Beschützers bröckelte nur langsam.

​„Es ist vorbei...“, sagte er, und seine Stimme war zwar ruhig, aber immer noch von einer unterschwelligen Autorität geprägt. „Ich bringe euch nach Hause. Ich möchte sichergehen, dass ihr ungestört in eure Wohnung kommt und dass niemand dort auf euch wartet.“

​Hana nickte nur stumm. Sie war dankbar für seine Entschlossenheit. Die kurze Fahrt in seinem Wagen verlief ruhig; Akari und Mirai saßen auf der Rückbank, wobei Mirai bereits im Halbschlaf gegen ihre große Schwester lehnte. Vladimir schwieg, während sein Blick immer wieder wachsam in den Rückspiegel glitt, um sicherzustellen, dass ihnen niemand folgte.

​Als sie vor dem modernen Apartmentkomplex hielten, in dem Hana ihr neues Reich bezogen hatte, stieg Vladimir aus und begleitete sie bis direkt vor die Wohnungstür im fünften Stock. Er wartete geduldig, bis Hana aufgeschlossen hatte und die schläfrigen Mädchen im Inneren verschwunden waren.

​„Du bist sicher“, sagte er leise und trat einen Schritt zurück in den hell erleuchteten Flur des Hauses. Er rückte seinen Mantel zurecht und sah sie an – seine weinroten Augen wirkten in diesem Moment seltsam distanziert, als wollte er ihr nach dem Chaos mit Zayn sofort wieder den nötigen Freiraum geben. „Ich werde meinen Sicherheitsdienst für die Nacht unten vor dem Gebäude positionieren. Schlaf gut, Hana.“

​Er wollte sich bereits abwenden, um zum Aufzug zu gehen, doch Hana spürte ein plötzliches, starkes Bedürfnis, ihn nicht gehen zu lassen. Nicht jetzt. Die Aufregung des Abends zitterte noch in ihren Gliedern, und die Vorstellung, allein mit ihren Gedanken in der Stille der Wohnung zu sein, war unerträglich.

​„Vladimir?“, rief sie und griff nach seinem Arm. Ihre Finger schlossen sich fest um den feinen Stoff seines dunklen Mantels.

​Er hielt inne und sah über seine Schulter zu ihr zurück. Sein Blick war fragend, fast schon überrascht von ihrer Berührung.

​„Komm noch mit rein“, sagte sie leise, wobei sie versuchte, die Unsicherheit in ihrer Stimme zu verbergen. „Nur auf ein Glas Wein. Zum Reden. Ich glaube... ich möchte heute Abend nicht sofort allein sein.“

​Ein kurzes Flackern ging durch sein Gesicht – eine Mischung aus Zögern und einem tiefen Einverständnis. „Nur zum Reden?“, wiederholte er mit einem angedeuteten Schmunzeln.

​Hana lächelte schwach, aber bestimmt. „Nur zum Reden. Ich habe noch viele Fragen an dich, Vladimir.“

​Er nickte langsam, trat über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich, während Hana ihn in ihr neues Zuhause führte.
 

Akari und Mirai waren nach der Aufregung des Abends schnell eingeschlafen, erschöpft von den vielen Eindrücken.

​Hana lehnte im Türrahmen des Kinderzimmers und beobachtete Vladimir, der noch einen Moment am Fußende von Mirais Bett stehen geblieben war. Das warme Licht des Flurs fiel auf sein Profil und ließ die harten Züge weicher erscheinen. Als er sich umdrehte und leise auf sie zukam, schenkte sie ihm ein ehrliches Lächeln.

​Sie gingen zurück ins Wohnzimmer, wo Hana zwei Gläser Wein einschenkte, während Vladimir sich auf das Sofa setzte. Er wirkte in der alltäglichen Umgebung ihrer Wohnung immer noch wie ein Fremdkörper, aber die Bedrohlichkeit, die er Zayn gegenüber ausgestrahlt hatte, war vollkommen verschwunden.

​„Du warst heute Abend erstaunlich“, begann Hana leise und reichte ihm ein Glas. „Dafür, dass du behauptet hast, keine Erfahrung mit Kindern zu haben, gehst du ziemlich gut mit ihnen um. Mirai hat dich am Ende sogar Onkel Vlad genannt.“

​Vladimir nahm das Glas entgegen und betrachtete nachdenklich den dunkelroten Wein. „Kinder sind ehrlich“, sagte er schlicht. „Sie reagieren auf das, was man ausstrahlt, nicht auf das, was man sagt. Es ist... entwaffnend. Aber ich habe heute mehr über mich gelernt als in den letzten zehn Jahren in einem Konferenzraum.“

​Hana setzte sich ihm gegenüber und zog die Beine an. Ihr Blick wurde ernster, während sie ihn beobachtete. „Vladimir, ich muss dich etwas fragen. Es beschäftigt mich schon lange.“

​Er hob den Kopf und fixierte sie mit seinen weinroten Augen. „Frag mich.“

​„Wieso warst du am Anfang im Hotel so zärtlich zu mir?“, fragte sie geradeheraus. „Du hast mich gehalten, als wäre ich zerbrechlich. Aber zwei Tage später im Tower... da warst du wie aus Eis. Du warst so kalt und distanziert, dass es mich völlig verwirrt hat. Es war, als hätte ich einen völlig anderen Mann vor mir. Als hättest du zwei Gesichter.“

​Vladimir schwieg lange. Er stellte sein Glas auf den Couchtisch und verschränkte die Finger. Sein Blick glitt für einen Moment zum Fenster hinaus auf die Lichter von Tokio, bevor er sie wieder ansah.

​„Ich war wütend, Hana“, gab er schließlich mit einer Offenheit zu, die sie überraschte. „Aber nicht auf dich. Auf mich selbst.“

​Hana runzelte die Stirn. „Auf dich selbst? Warum?“

​„Als ich im Tower auf dich wartete, habe ich gemerkt, wie sehr ich mich darauf freute, dich zu sehen“, erklärte er leise, und seine Stimme klang beinahe rau. „Dieses Gefühl... diese Erwartung... es hat mich erschreckt. In meiner Welt ist Vorfreude eine Schwäche. Ein Riss in der Rüstung.“

​Er atmete schwer aus. „Ich dachte, wenn ich dir mit Kälte begegne, könnte ich die Kontrolle zurückgewinnen. Ich wollte verhindern, dass ich dir aus Versehen wieder zu viel Zärtlichkeit gebe. Denn deine Worte im Hotel... was du am Sonntagmorgen gesagt hast...“

​„Was meinst du?“, flüsterte sie.

​„Du hast gefragt, was wäre, wenn du dich in mich verlieben würdest“, sagte er, und die Intensität in seinem Blick brannte förmlich auf ihrer Haut. „Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte nicht, dass du dich in mich verliebst, Hana. Nicht in einen Mann wie mich.“

​Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich fühlte mich schuldig. Irgendwie fühlte ich mich bereits schuldig für das, was ich dir antun könnte, obwohl zwischen uns emotional noch gar nichts wirklich passiert war. Ich wollte dich schützen – vor mir selbst. Und die einzige Art, wie ich wusste, dich zu schützen, war, dich wegzustoßen.“

​Hana spürte, wie sich ein Knoten in ihrer Brust löste. Die Kälte im Tower war kein Desinteresse gewesen, sondern Angst. Die Angst eines mächtigen Mannes vor seinen eigenen Gefühlen.
 

Hana sah ihn lange an. In ihrem Inneren tobte ein Sturm aus widersprüchlichen Gefühlen. Seine Offenheit, diese fast schon schmerzhafte Ehrlichkeit über seine eigene Angst, grub sich tief in ihr Herz. Es war so viel einfacher gewesen, ihn als den gefühllosen Eisblock zu betrachten – gegen Kälte konnte sie sich mit Stolz wappnen. Doch diese Weichheit, die er jetzt zeigte, diese Spur von Verletzlichkeit in seinen weinroten Augen, machte ihn gefährlicher als jede Drohung. Sie fühlte sich unweigerlich zu ihm hingezogen, ein magnetisches Ziehen, das sie fast dazu brachte, die Distanz auf dem Sofa zu überbrücken.

​Doch die Erinnerung an Zayn, an die Jahre der emotionalen Achterbahnfahrt, war noch zu frisch. Sie durfte nicht wieder zur Beute werden.

​„Vladimir“, begann sie, und ihre Stimme war fest, obwohl ihr Herz raste. „Ich schätze deine Ehrlichkeit mehr, als ich sagen kann. Aber ich muss dir etwas klarmachen: Ich habe gerade erst angefangen, wieder zu atmen. Nach Jahren mit Zayn brauche ich keinen Mann, der mich aus 'Schutz' wegstößt oder der entscheidet, was gut für mich ist, indem er Mauern hochzieht.“

​Sie stellte ihr Glas ab und sah ihn direkt an. „Wenn wir das hier versuchen... dieses Kennenlernen... dann verlange ich absolute Transparenz. Keine Masken mehr. Keine strategische Kälte, um Gefühle zu kontrollieren. Wenn du Angst hast, sag es mir. Wenn du wütend bist, sag es mir. Aber lass mich nicht im Dunkeln stehen. Ich brauche jemanden, der neben mir steht, nicht jemanden, der mich aus der Ferne dirigiert.“

​Vladimir beobachtete sie intensiv. Er schien jedes ihrer Worte abzuwägen. „Ein Versprechen auf absolute Wahrheit“, wiederholte er leise. „In meiner Welt ist das ein Todesurteil. Aber für dich...werde ich lernen, diese Regel zu brechen.“

​Ein kleiner Teil von Hanas Anspannung löste sich, und die Atmosphäre im Raum wurde merklich leichter. Sie spürte, wie der Schutzwall, den sie den ganzen Abend aufrechterhalten hatte, ein wenig bröckelte. Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sie an den Abend der Gala dachte.

​„Wenn wir schon bei der Wahrheit sind...“, meinte sie und nippte an ihrem Wein. „Ich muss zugeben, dass ich auf der Gala ziemlich eifersüchtig war, als du diese Dame so charmant angesprochen hast. Ich konnte es nur verdammt gut überspielen.“

​Vladimir hielt inne, sein Glas auf halbem Weg zu den Lippen. Ein langsames, fast schon triumphierendes Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er stellte das Glas weg und lehnte sich ein Stück vor, ein verschmitztes Funkeln in den Augen.

​„Eifersüchtig, Hana?“, fragte er mit seiner tiefen, samtigen Stimme. „Heißt das etwa, dass du dich am Ende doch schon längst in mich verliebt hast?“

​Hana lachte leise und schüttelte den Kopf, wobei ihr langes, weißes Haar seidig über ihre Schultern glitt. „Halt mal die Luft an, Vladimir. Ganz so einfach mache ich es dir nicht.“

​Sie sah ihn über den Rand ihres Glases hinweg an, und ihr Blick wurde wieder weicher, fast schon herausfordernd. „Sagen wir so: Du warst mir an diesem Abend einfach nicht ganz so egal, wie ich behauptet habe. Aber verliebt? Nein. Aber...“, sie hielt kurz inne und schenkte ihm ein vielsagendes Lächeln, „...du bist auf einem sehr guten Weg, mich dazu zu bewegen. Wenn du auf dem Niveau bleibst, das du heute gezeigt hast – dieser Mischung aus dem Beschützer und dem Mann, der sich traut, menschlich zu sein –, dann stehen deine Chancen gar nicht so schlecht.“

​Vladimir lehnte sich zurück, sichtlich zufrieden mit dieser Antwort. Die Spannung zwischen ihnen war nicht mehr bedrohlich, sondern knisternd und voller Versprechen.

Ein ruhiger Abend

Eine Woche war vergangen, seit Zayn wie ein geschlagener Hund aus dem kleinen Park in der Nähe von Hanas Wohnung verschwunden war. Eine Woche, in der sich der Staub über den Trümmern von Hanas altem Leben in Osaka langsam gelegt hatte.

​Nami stand am bodentiefen Fenster von Kais Büro im obersten Stockwerk des Tachiwari-Towers und beobachtete, wie die untergehende Sonne die Glasfassaden der Stadt in ein tiefes Orange tauchte. Hinter ihr saß Kai an seinem massiven Schreibtisch, doch anstatt wie üblich Zahlenkolonnen zu analysieren, ruhte sein Blick auf seiner Frau.

​„Sie haben es diese Woche wieder getan“, sagte Nami leise, ohne sich umzudrehen.

​„Das Museum?“, fragte Kai, wobei ein Hauch von Amüsement in seiner tiefen Stimme mitschwang.

​„Ja. Sie sind drei Stunden lang durch die Galerie für zeitgenössische Kunst spaziert“, antwortete Nami und drehte sich nun zu ihm um. Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. „Gestern war es ein kleines Café in Shibuya. Sie haben nur geredet, Kai. Stundenlang. Keine überstürzte Leidenschaft, kein Drama. Nur... Annäherung.“

​Kai lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und verschränkte die Arme. Die rubinrote Intensität seiner Augen wirkte heute entspannt. „Mein Bruder überrascht mich. Ich hatte erwartet, dass er versucht, Hana mit Macht und materiellen Dingen zu überrollen, sobald er merkt, dass er sie wirklich will. Aber er hält sich zurück. Er gibt ihr den Raum, den sie braucht.“

​Nami trat an den Schreibtisch und stützte sich mit den Händen auf die kühle Oberfläche. „Es ist mehr als das. Hast du ihn diese Woche hier im Tower beobachtet?“

​Kai nickte langsam. „Es ist den Angestellten aufgefallen. Die weibliche Belegschaft ist regelrecht irritiert. Er flirtet nicht mehr. Er ist immer noch dieser charmante, gutaussehende Mann mit dem gefährlichen Lächeln, aber da ist eine neue Diskretion. Eine Höflichkeit, die keine Hintergedanken mehr suggeriert. Er wahrt eine Distanz, die fast schon... respektvoll ist.“

​„Er meint es ernst“, schlussfolgerte Nami. „Hana hat mir erzählt, dass er sogar darüber nachdenkt, eine japanische Niederlassung von Severnaya hier in Tokio zu eröffnen. Er will nicht mehr nur für ein paar Wochen bleiben. Er will Wurzeln schlagen, wo sie ist.“

​Die Veränderungen betrafen jedoch nicht nur Vladimir. Hana hatte in den letzten sieben Tagen Nägel mit Köpfen gemacht. Mit der Entschlossenheit einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte, hatte sie ihre Kanzlei in Osaka an einen langjährigen Geschäftspartner überschrieben. Der endgültige Schnitt. Nun war sie offiziell bei Tachibey Industries eingestellt – dem Familienunternehmen ihres Vaters Hiro. Es war ein Neuanfang unter ihren eigenen Bedingungen, in der Nähe ihrer Schwester und in der Stadt, die sich immer mehr wieder wie ihre wahre Heimat anfühlte.

​Kai erhob sich und trat hinter Nami. Er legte seine großen Hände auf ihre Schultern und zog sie sanft gegen sich. „Es ist seltsam“, murmelte er an ihrem Ohr. „Zuerst dachte ich, sein Hiersein würde alles zerstören, was wir uns aufgebaut haben. Aber stattdessen scheint er gerade zu lernen, was es bedeutet, ein Teil von etwas zu sein, das größer ist als sein eigenes Ego.“

​Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Brust und schloss die Augen. „Er lernt es von Hana. Und vielleicht auch ein bisschen von uns.“

​„Vielleicht“, erwiderte Kai, während sein Griff sich festigte. „Aber ich werde ihn trotzdem im Auge behalten. Severnaya in Tokio... das wird den Markt erschüttern. Und mein Bruder bleibt ein Raubtier, auch wenn er gerade lernt, die Krallen einzuziehen.“

​Nami drehte sich in seinen Armen um und sah zu ihm auf. „Glaubst du, er schafft es? Glaubst du, er kann wirklich dieser Mann sein, den Hana in ihm sieht?“

​Kai sah lange in ihre ozeanfarbenen Augen, bevor er antwortete. „Er hat den ersten Schritt getan, indem er sich verletzlich gezeigt hat. Der Rest hängt davon ab, ob er die Geduld aufbringt, die Hana verlangt. Aber wenn ich sehe, wie er sie ansieht... dann habe ich zum ersten Mal seit zwanzig Jahren das Gefühl, dass mein Bruder tatsächlich ein Herz besitzt.“
 

Hana glättete ihren dunkelgrauen Hosenanzug und strich sich eine einzelne, widerspenstige Strähne ihres glatten, weißen Haares hinter das Ohr. Vor ihr ragte das Gebäude von Tachibey Industries auf – das Vermächtnis ihres Vaters, Hiro Tachiba. Es war ein seltsames Gefühl, dieses Foyer heute nicht als Besucherin, sondern als leitende Justiziarin zu betreten.

​Ihr erster Tag. Ein Neuanfang, der sich nach Freiheit anfühlte, auch wenn das Gewicht der Verantwortung auf ihren Schultern lastete.

​In ihrem neuen Büro im 22. Stock duftete es nach frischen Blumen und neuem Leder. Kaum hatte sie ihre Tasche abgestellt, klopfte es. Ihr Vater trat ein, ein stolzes Lächeln auf den Lippen, das seine sonst so strengen Züge abmilderte.

​„Hana. Es erfüllt mich mit großer Freude, dich endlich hier zu haben“, sagte Hiro und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß, dass du der Kanzlei in Osaka viel geopfert hast, aber Tachibey braucht deinen Scharfsinn.“

​„Danke, Vater. Ich bin bereit“, antwortete sie ruhig. Doch als er das Zimmer verließ, blieb eine kleine Unsicherheit zurück. Sie war nun die „Tochter des Chefs“ – sie musste doppelt so hart arbeiten, um sich den Respekt der Belegschaft zu verdienen.

​Gegen Mittag vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Vladimir.

​Von: Vladimir

„Ich hoffe, die Aktenberge bei Tachibey Industries sind nicht allzu hoch. Falls dich jemand ärgert: Denk daran, dass du die Frau bist, die einem Severnaya-CEO die Stirn geboten hat. Ein paar Abteilungsleiter sollten dagegen ein Kinderspiel sein. Ich bin heute Nachmittag in der Nähe deines Büros. Wenn du eine Pause brauchst, schau aus dem Fenster.“
 

​Hana musste unwillkürlich lächeln. Er hielt sich an ihre Abmachung – keine Masken, kein Druck. Doch er fand Wege, seine Präsenz subtil spürbar zu machen. Sie trat ans Fenster und sah hinunter auf den Vorplatz. Dort, am Rande des geschäftigen Treibens, parkte eine schwarze Limousine. Vladimir lehnte nicht lässig dagegen, wie er es früher getan hätte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er saß im Inneren, unsichtbar für die Welt, aber Hana wusste, dass er dort war. Er war einfach da. Er war ihr Rückhalt, ohne sie zu bevormunden.

​Diese neue Art seiner Zuneigung – diskret, fast schon demütig im Hintergrund – war es, die ihre Mauern Stein für Stein abtrug.

​Am späten Nachmittag wurde sie jedoch direkt gefordert.

Ein schwieriger Vertrag mit einem Zulieferer stand an, und die Gegenseite versuchte, sie mit juristischen Taschenspielertricks einzuschüchtern. Hana lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die amethystfarbenen Augen kühl und präzise.

​„Meine Herren“, unterbrach sie den Wortschwall des gegnerischen Anwalts. „Wir können diese Diskussion abkürzen. Entweder Sie akzeptieren die Klausel zur Qualitätssicherung von Tachibey, oder ich beende dieses Meeting hier und jetzt. Mein Vater schätzt Loyalität, aber ich schätze Fakten. Und die Fakten sprechen gegen Sie.“

​Die Männer am Tisch starrten sie fassungslos an. In diesem Moment war sie nicht mehr die „Tochter“, sondern die messerscharfe Anwältin, die Vladimir im Hotel so fasziniert hatte.

​Als sie das Büro am Abend verließ, fühlte sie sich erschöpft, aber zum ersten Mal seit Jahren wieder im Einklang mit sich selbst. Im Foyer wartete Vladimir. Er hielt keinen protzigen Blumenstrauß, er stand einfach nur dort, den Mantel über den Arm gelegt.

​„Hana“, sagte er und kam ihr entgegen. Er wahrte den nötigen Abstand, doch sein Blick verriet alles. „Du siehst aus, als hättest du heute ein paar Schlachten gewonnen.“

​„Vielleicht“, erwiderte sie und trat mit ihm hinaus in die kühle Abendluft. „Es war ein guter Tag, Vladimir. Ein wirklich guter Tag.“
 

Als Hana an jenem Abend aus dem gläsernen Portal von Tachibey Industries trat, fühlte sie sich leichter als in den vergangenen Jahren in Osaka. Die kühle Abendluft Tokios war erfrischend, und der Anblick von Vladimir, der entspannt neben ihr her lief, gab ihr ein ungewohntes Gefühl von Sicherheit.

​„Bereit für das Familientreffen?“, fragte er leise, während er ihr die Wagentür öffnete.

​„Mehr als das“, antwortete Hana mit einem Lächeln. „Ich habe meine Mädchen heute wirklich vermisst.“

​Die Fahrt zum Ayame-Anwesen verlief in einer angenehmen, fast vertrauten Stille. Das sanfte Licht der Armaturenbeleuchtung warf Schatten auf Vladimirs markantes Profil. Er fuhr konzentriert, doch ab und zu glitt sein Blick zu Hana hinüber. Es war keine Jagd mehr, sondern eine stille Anerkennung ihrer Anwesenheit. Hana genoss es, wie die Stadtlichter an ihnen vorbeizogen, während sie sich mental auf den Trubel im Anwesen vorbereitete.

​Als sie schließlich durch das schwere Tor des 70 Jahre alten Ayame-Anwesens fuhren, wirkte das Gebäude im Mondschein majestätisch und zeitlos. Es strahlte eine Beständigkeit aus, die Hana in diesem Moment sehr willkommen war. Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, hörte man schon das gedämpfte Lachen aus dem Inneren.

​Die große Tafel im Speisesaal war reich gedeckt. Der Duft von frisch zubereitetem japanischem Curry und gedämpftem Fisch erfüllte den Raum. Kai saß am Kopfende, Nami ihm gegenüber, und die Kinder sorgten für eine lebhafte Geräuschkulisse. Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, huschte mit ihrem gewohnt trockenen Humor um den Tisch und sorgte mit kurzen, französischen Kommentaren dafür, dass die Gläser gefüllt blieben während Graham diskret ein paar Scheiben Brot verteilte.

​Hana beobachtete ihre Töchter. Akari wirkte bereits viel entspannter als noch vor einer Woche, während die kleine Mirai kaum stillsitzen konnte. Unter der Woche verbrachte Mirai ihre Tage hier im Anwesen zusammen mit der zweijährigen Sayuri. Die beiden Mädchen hatten sich unter Claires Aufsicht bereits angefreundet, während die älteren Geschwister – Gou, Ayumi, Ren und Akari – die Schulbank drückten.

​„Akari“, unterbrach Hana das allgemeine Geplapper und sah ihre Älteste liebevoll an. „Erzähl mir von deiner neuen Schule. Wie war die erste Woche? Du bist ja jetzt in der selben Schule wie Gou.“

​Akari legte ihre Stäbchen beiseite und ihre amethystfarbenen Augen leuchteten auf. „Sie ist ganz anders als in Osaka, Mama. Die Lehrer sind strenger, aber die anderen Schüler sind sehr interessiert. Ich habe schon zwei Mädchen im Mathe-Club kennengelernt. Und Onkel Kai hat recht behalten – das Sportprogramm ist fantastisch.“

​Kai nickte ihr kurz zu, ein seltenes Zeichen seiner Anerkennung.

​Doch die friedliche Atmosphäre wurde plötzlich durchbrochen, als die fünfjährige Mirai mit einer Gabel voller Reis in der Hand inne hielt und Vladimir mit großen Augen anstarrte. Vladimir, der gerade dabei war, sich an das lockere Familiengespräch zu gewöhnen, bemerkte den fixierten Blick des kleinen Mädchens sofort.

​„Vladimir?“, plapperte Mirai unverblümt los. „Bist du jetzt eigentlich unser neuer Papa?“

​Am Tisch wurde es schlagartig still. Hana verschluckte sich fast an ihrem Tee und Nami versuchte mühsam, ein Grinsen zu unterdrücken, während sie zu Kai schielte. Vladimir hielt inne, sein Löffel schwebte kurz in der Luft. Die Weigerung seiner sonst so perfekten Selbstbeherrschung war für einen Sekundenbruchteil in seinen geweiteten Augen zu sehen.

​Doch Mirai war noch nicht fertig. Mit der unschuldigen Logik einer Fünfjährigen setzte sie noch einen drauf: „Und wenn du unser neuer Papa bist... bekomme ich dann auch noch ein kleines Geschwisterchen? So wie Sayuri? Das wäre toll, dann hätte ich jemanden zum Spielen, wenn Sayuri schläft!“

​Hana spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie wagte es kaum, Vladimir anzusehen. Kai hingegen lehnte sich mit einem höchst amüsierten Gesichtsausdruck zurück und beobachtete seinen Bruder dabei, wie dieser versuchte, eine Antwort auf die wohl schwierigste Frage seiner bisherigen Karriere zu finden.
 

Es war das erste Mal, dass Nami den mächtigen CEO von Severnaya vollkommen sprachlos sah.

​„Ma foi...“, murmelte Claire im Hintergrund mit ihrem unverwechselbaren französischen Akzent und einem trockenen Grinsen. „Das Kind ist effizient. Sie kommt direkt zum Punkt, nicht wahr?“

​Hana spürte, wie die Hitze ihre Wangen weiter hinaufkletterte, bis sie fast denselben Hautton wie das rote Curry auf ihrem Teller hatte. Sie wollte gerade einschreiten, um Mirai zu erklären, dass man solche Fragen nicht beim Abendessen stellte, doch Vladimir fing sich. Er legte sein Besteck langsam ab und wandte sich ganz dem kleinen Mädchen zu. Die Arroganz, die ihn normalerweise umgab, war einer sanften Ernsthaftigkeit gewichen.

​„Mirai“, begann er, und seine Stimme war tief und ruhig. Er warf Hana einen kurzen, fast entschuldigenden Blick zu, bevor er das Kind wieder ansah. „Ein Papa zu sein, ist eine sehr große Aufgabe. Man wird das nicht von heute auf morgen, nur weil man zusammen Nudeln isst. Das braucht Zeit... und eine Menge Mut. Außerdem...hast du bereits einen Papa und er wäre sicher traurig, wenn er dies nicht mehr sein dürfte.“

​Er machte eine kurze Pause und ein seltenes, verschmitztes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Und was das Geschwisterchen angeht... ich glaube, deine Mutter hat im Moment erst einmal genug damit zu tun, dass du und Akari euch hier in Tokio wohlfühlt. Aber wer weiß? Die Zukunft ist manchmal wie ein Überraschungsei. Man weiß nie genau, was drin ist, bis man es aufmacht.“

​Hanas Herz setzte einen Schlag aus. Es war keine direkte Absage, aber auch kein falsches Versprechen. Es war eine Antwort, die Mirais Neugier stillte, ohne Hana in Bedrängnis zu bringen. Doch Kai konnte es sich nicht verkneifen, die Situation noch ein wenig auszureizen.

​„Hörst du das, Vladimir?“, warf Kai trocken ein und lehnte sich entspannt zurück. „Der große Severnaya-Boss, vor dem ganz Moskau zittert, wird von einer Fünfjährigen in die Enge getrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Tag noch erlebe, an dem du bei einer Verhandlung über Familienplanung so ins Schwitzen gerätst.“

​Ein leises Lachen ging um den Tisch. Sogar Gou und die Zwillinge kicherten, während Sayuri begeistert in die Hände klatschte und mit lachte, einfach nur, weil alle lachten.

​„Halt den Mund, Kai“, entgegnete Vladimir ohne echte Schärfe, während er sich wieder seinem Essen widmete. Doch er wirkte nicht verärgert. Es war ein seltsames Gefühl von Zugehörigkeit, das er so noch nie erlebt hatte.

​Nach dem Essen, als die Kinder von Claire nach oben gebracht wurden, um sich bettfertig zu machen, saßen die Erwachsenen noch bei einem Glas Wein auf der Terasse des Anwesens. Die kühle Nachtluft trug den Duft von Kiefern und altem Holz zu ihnen herüber.

​„Sie liebt dich, weißt du?“, sagte Hana leise zu Vladimir, während sie ihren Wein schwenkte. Sie saßen ein Stück abseits von Kai und Nami. „Mirai fragt solche Dinge nicht jeden. Sie hat dich bereits in ihr Herz geschlossen.“

​Vladimir sah hinaus in den dunklen Garten des Anwesens. „Es ist beängstigend, Hana“, gab er zu, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Diese Art von Verantwortung... sie wiegt schwerer als jedes Milliardenprojekt.“

​Er sah sie an, und im fahlen Mondlicht wirkten seine weinroten Augen fast sanft. „Aber ich fange an zu glauben, dass es das Gewicht wert ist.“

​Nami beobachtete die beiden von der anderen Seite aus und drückte Kais Hand. Alles fühlte sich in diesem Moment richtig an. Der Sturm war vorüber, und auch wenn noch viele Fragen offen waren, herrschte zum ersten Mal seit Wochen echter Frieden im Anwesen.
 

Als der Abend sich dem Ende neigte, verabschiedeten sich Hana und ihre Töchter herzlich von der Familie. Akari und Mirai, die bereits sichtlich müde waren, trotteten gemeinsam mit ihrer Mutter zum Wagen, der in der Auffahrt des Anwesens wartete. Das warme Licht der Außenlaternen warf lange Schatten auf den Kiesweg.

​Vladimir blieb jedoch noch einen Moment an der massiven Eingangstür stehen. Er sah Hana nach, die gerade Mirai half, auf den Rücksitz zu klettern, und wandte sich dann Nami und Kai zu. Seine sonst so kühle Maske war in diesem Moment völlig abgelegt.

​„Nami“, sagte er leise, und seine Stimme trug eine Aufrichtigkeit, die für einen Mann seiner Herkunft selten war. „Ich möchte mich bei dir bedanken. Mir ist klar, dass du diejenige bist, die all das hier erst möglich gemacht hat. Ohne dich... ohne das, was du ausstrahlst, würde ich wahrscheinlich immer noch in meinem kalten Turm sitzen und gar nichts fühlen. Du hast mir eine Freiheit gegeben, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert.“
 

~Er hat es also bemerkt...~
 

​Nami schenkte ihm ein sanftes Lächeln und legte den Kopf schief. „Gern geschehen, Vladimir. Aber die Entscheidung, dein Herz zu öffnen, hast du ganz allein getroffen.“

​Vladimir nickte kaum merklich, dann glitt sein Blick zu Kai. Ein kurzes, wissendes Schmunzeln trat auf seine Lippen. „Und du...“, sagte er zu seinem Bruder. „Es war schlau von dir, mein Büro im Tower direkt neben das von Nami zu legen. Ich habe es am Anfang nicht verstanden. Ich dachte, es sei nur eine geschäftliche Anordnung. Aber vor einigen Tagen ist es mir klar geworden. Der Effekt... er ist subtil, aber gewaltig.“

​Er hielt kurz inne und sah fast schon nachdenklich aus. „Ich bin allerdings überrascht. Ich dachte immer, die Nähe zu Nami müsste physisch viel größer sein, um in den Genuss dieser übernatürlichen Aura zu kommen. Dass ein paar Meter durch eine Wand hindurch ausreichen, um ein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen...“

​Kai, der lässig im Türrahmen lehnte und den Arm um Namis Taille gelegt hatte, sah seinen Bruder mit einem dunklen, beinahe mitleidigen Blick an.

​„Ein paar Meter reichen völlig aus, um den Prozess zu starten, Vladimir“, erklärte Kai ruhig. „Ihre Aura ist wie ein Magnetfeld. Wenn man einmal darin ist, beginnt sie, alles neu auszurichten.“

​Doch dann veränderte sich Kais Gesichtsausdruck. Die Überlegenheit wich einer tiefen, fast schon schmerzhaften Ernsthaftigkeit. „Nur bei mir ist es mittlerweile anders. Ich habe erst letztens mal wieder auf die harte Tour erfahren müssen, dass bei mir ein paar Meter auf Dauer nicht mehr ausreichen. Wenn ich zu lange von ihr getrennt bin, fängt es an, mich innerlich zu zerreißen. Vier Tage sind das Maximum, ehe die Dunkelheit wieder aufkeimt.“

​Er sah kurz zu Nami hinunter und drückte sie ein Stück fester an sich. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich seit über zwölf Jahren ununterbrochen unter dieser Aura lebe. Ich bin nicht mehr an weniger gewöhnt. Meine Seele kommt mit der Distanz wohl nicht mehr klar. Ich brauche den direkten Kontakt, um stabil zu bleiben. Je näher, desto intensiver spüre ich den Effekt.“

​Vladimir beobachtete die beiden schweigend. Er sah die Abhängigkeit, die Kai beschrieb, aber er sah auch die unendliche Stärke, die daraus hervorging. „Ein hoher Preis für diesen Frieden“, murmelte er.

​„Ein Preis, den ich jeden Tag wieder zahlen würde“, entgegnete Kai ohne Zögern.

​Vladimir nickte ein letztes Mal, verabschiedete sich und ging mit festen Schritten zum Auto. Als er losfuhr und die Rücklichter in der Dunkelheit verschwanden, blieb Kai noch einen Moment stehen und atmete den Duft von Namis Haar ein, als müsste er seine Reserven sofort wieder auffüllen.
 

Nachdem Vladimirs Wagen in der Dunkelheit verschwunden war, herrschte eine beinahe andächtige Stille auf der Veranda des Anwesens. Das Zirpen der Grillen und das ferne Rauschen der Stadt bildeten die Kulisse für die Gedanken, die nun in Nami arbeiteten. Sie lehnte sich noch ein Stück enger an Kai, spürte die massive Wärme seines Körpers, doch sein Geständnis gegenüber seinem Bruder hallte in ihr nach.

​„Kai?“, begann sie leise, während sie ihren Blick auf seine Hand legte, die immer noch fest an ihrer Taille ruhte.

​„Hm?“, brummte er und vergrub seine Nase für einen Moment erneut an ihrem Hals, als würde er tief einatmen.

​„Deine Worte vorhin... zu Vladimir“, sagte sie und drehte sich in seinem Arm um, damit sie ihm direkt in die rubinroten Augen sehen konnte. „Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich hatte es beinahe vergessen, weil es für uns so normal geworden ist. Aber... fühlst du dich wirklich nicht manchmal seltsam dabei? So abhängig von meiner Aura zu sein? Dass ein paar Meter Distanz auf längere Zeit schon ausreichen, um dich aus dem Gleichgewicht zu bringen?“

​Kai sah sie einen Moment lang schweigend an. Sein Blick war weich, beinahe zärtlich. Ein kurzes, ehrliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen – jenes Lächeln, das er nur für sie reservierte.

​„Niemals“, antwortete er ohne das geringste Zögern. Er legte seine Hand an ihre Wange und strich mit dem Daumen über ihre Haut. „Es ist keine Abhängigkeit, die mich schwächt, Nami. Es ist die Verbindung, die mich erst zu dem Mann gemacht hat, der ich heute bin. Ohne dieses 'Magnetfeld', wie ich es genannt habe, wäre ich nur eine leere Hülle aus Ehrgeiz und Kälte. Ich genieße es, so fest an dich gebunden zu sein.“

​Nami erwiderte das Lächeln, doch ihre Miene wurde kurz darauf ernster. Ein Schatten legte sich über ihre petrolfarbenen Augen. „Aber Kai... was ist, wenn die Welt nicht immer so gnädig ist? Was würde passieren, wenn ich irgendwann... vor dir sterben würde?“

​Kai erstarrte. Der Ausdruck in seinen Augen wandelte sich schlagartig von Zärtlichkeit zu einem tiefen, fast schmerzhaften Entsetzen. Die bloße Vorstellung schien ihm wie ein physischer Schlag in die Magengrube zu versetzen. Er atmete schwer aus und schloss für einen Moment die Augen, als müsste er ein Bild vertreiben, das er nicht ertragen konnte.

​„Nami...“, flüsterte er, und seine Stimme klang plötzlich rau. Er öffnete die Augen wieder und sah sie mit einer Intensität an, die ihr einen kleinen Schubs im Herzen versetzte. Er verstand ihre Sorge vollkommen; es war die Angst einer Frau, die ihren Mann liebte und wusste, wie tief die Wurzeln ihrer Seelen miteinander verflochten waren.

​„Ich hoffe inständig, dass ich das niemals herausfinden muss“, sagte er mit einer Endgültigkeit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Die Welt ohne dein Licht wäre für mich kein Ort, an dem ich existieren möchte. Aber wir werden nicht über den Tod sprechen. Nicht heute. Und nicht in den nächsten fünfzig Jahren.“

​Bevor sie etwas erwidern konnte, bewegte er sich mit jener blitzschnellen Eleganz, die ihn auszeichnete. Mit einem kräftigen Ruck hob er sie im Brautstil hoch. Nami stieß einen kleinen Überraschungsschrei aus und schlang instinktiv ihre Arme um seinen Nacken.

​Er hielt sie mühelos, als würde sie nichts wiegen, und sah ihr tief in die Augen, während er sie langsam über die Schwelle zurück ins Haus trug.

​„Erinnerst du dich an mein Versprechen?“, fragte er mit einem dunklen, herausfordernden Unterton, in dem wieder sein gewohntes Selbstbewusstsein mitschwang. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich auch mit achtzig Jahren immer noch genau so durch dieses Haus tragen werde. Und ich habe nicht vor, mein Wort zu brechen. Du wirst mich noch eine sehr, sehr lange Zeit ertragen müssen, mein Schatz.“

​Nami lachte leise, die Sorge aus ihrem Gesicht verschwand und machte einer tiefen Geborgenheit Platz. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, während er sie die Treppe hinauf trug. „Abgemacht, Kai. Aber beschwer dich dann nicht über deinen Rücken.“

​„Mein Rücken wird das kleinste Problem sein“, entgegnete er trocken, während er die Tür zu ihrem Schlafzimmer mit dem Fuß aufstieß.

Drei Monate

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Der Zar wird 32

​Die Tage nach der Nacht im Büro waren ein berauschender Wirbelwind aus neu entdeckter Nähe und der Herausforderung, zwei Welten miteinander zu verknüpfen. Nachdem sie die erste Nacht gemeinsam in Vladimirs Penthouse verbracht hatten – während Mirai und Akari sicher im Ayame-Anwesen bei Nami und Kai übernachteten –, änderte sich der Rhythmus ihrer Begegnungen.

​Vladimir bestand darauf, die kommenden Nächte bei Hana in ihrer Wohnung zu verbringen. Er wollte nicht, dass sie ihre Töchter öfter als nötig allein ließ, und er wollte Teil ihres echten Lebens sein, nicht nur der Mann in einem gläsernen Turm in Hanzomon.

​Doch der Wechsel vom luxuriösen, schallisolierten Penthouse in Hanas familiäre Wohnung brachte ganz neue Herausforderungen mit sich. Vladimir, der kühle Severnaya-CEO, fand sich plötzlich in einer Welt aus Schulrucksäcken, Kuscheltieren und der ständigen Präsenz zweier neugieriger Mädchen wieder.

​„Du bist wieder da!“, rief die kleine Mirai am zweiten Abend, als er mit Hana zur Tür herein kam. Vladimir, der sonst nur mit Leibwächtern und harten Geschäftsleuten zu tun hatte, kniete sich mit einer fast schon rührenden Ungeschicklichkeit zu ihr hinunter und überreichte ihr eine kleine russische Holzfigur, die er extra besorgt hatte.

​Besonders nachts wurde es jedoch... kompliziert. In der Wohnung herrschte eine ganz andere Hellhörigkeit als in seinem Büro oder in seinem Penthouse. Vladimir war Hana gegenüber nun von einer fast schon schmerzhaften Sanftheit und Romantik. Er verwöhnte sie mit kleinen Gesten, kochte morgens Kaffee und hinterließ ihr Zettel mit russischen Liebesbekundungen auf dem Küchentisch. Doch wenn die Kinder im Zimmer nebenan schliefen, wurde ihr Verlangen zu einem gefährlichen Spiel mit der Stille.

​Hana musste oft ihr Gesicht in das Kissen pressen oder ihre Hand über ihren Mund legen, um ihr Keuchen zu ersticken, wenn er sie im Schutz der Dunkelheit liebte. Vladimir genoss diese heimliche Intensität sichtlich; das amüsierte Blitzen in seinen weinroten Augen, wenn er ihr ganz nah war und sie zur absoluten Stille zwang, trieb Hana fast in den Wahnsinn.
 

​„Es ist viel schwieriger, sich zu beherrschen, wenn ich weiß, dass wir nicht laut sein dürfen“, raunte er ihr eines Nachts ins Ohr, während er sie an den Rand der Ekstase trieb.
 

​Trotz der räumlichen Enge blühte die Romantik zwischen ihnen auf. Er war nicht mehr nur der fordernde Liebhaber, sondern ein Mann, der versuchte, sich in das Herz ihrer kleinen Familie zu schleichen. Er las den Mädchen Geschichten vor – mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme, die selbst Hana jedes Mal Gänsehaut bescherte – und sorgte dafür, dass Hana sich nach den langen Kanzleistunden vollkommen bei ihm fallen lassen konnte.

​Als der 20. November schließlich vor der Tür stand, war die Spannung zwischen ihnen nicht verschwunden, sondern hatte sich in eine tiefe, ruhige Gewissheit verwandelt. Sie waren kein bloßes Experiment mehr; sie waren eine Einheit.
 

Einige Tage später herrschte im Ayame-Anwesen eine festliche, beinahe magische Stimmung. Der Garten war mit dezenten Lichtern geschmückt, und das alte Haus atmete Geschichte und Leben. Es war Kais 32. Geburtstag, und die gesamte Familie war zusammengekommen.

​Hana und Vladimir kamen gemeinsam an. Schon als sie durch die Tür traten, war die Veränderung zwischen ihnen für niemanden zu übersehen. Es war nicht so, dass sie sich ständig berührten, aber die Art wie sie nebeneinander standen, wie sich ihre Blicke trafen und die Ruhe, die sie ausstrahlten, sprach Bände. Der "Hunger" war einer tiefen, zufriedenen Verbundenheit gewichen.

​Nami, die gerade Sayuri auf dem Arm hielt, tauschte einen schnellen, wissenden Blick mit Kai aus. Kai, der als Geburtstagskind heute ungewöhnlich entspannt wirkte, beobachtete seinen Bruder. Er sah das leichte Leuchten in Vladimirs Augen und die Art, wie er unbewusst immer in Hanas Nähe blieb.
 

Doch die idyllische Ruhe wurde jäh unterbrochen, als eine kleine, aber energische Gestalt sich den Weg durch die Gesellschaft bahnte.

​Oma Yumi, stolze 90 Jahre alt und mit einem Geist, der so scharf war wie das Katana eines Vorfahren, blieb abrupt vor Vladimir stehen. Sie legte den Kopf in den Nacken, rückte ihre Brille zurecht und musterte den hochgewachsenen Mann von den maßgeschneiderten Schuhen bis hinauf zu seinem markanten Gesicht.

​„Gütiger Himmel“, krächzte sie, während ein verschmitztes, fast schon sündiges Lächeln ihre Lippen umspielte. „Nami, Schätzchen, warum hast du mir verschwiegen, dass Kai noch ein Exemplar im Keller versteckt hat, das aussieht wie eine verbotene Mitternachtsfantasie seiner selbst?“

​Nami unterdrückte ein Prusten und drückte die kleine Sayuri fester an sich, während Kai amüsiert an seinem Champagner nippte. Er kannte diese Momente. Er hatte Jahre damit verbracht, Oma Yumis spitze Bemerkungen über seine eigene Erscheinung mit stoischer Ruhe zu ertragen. Jetzt war er mehr als bereit, den Scheinwerfer an seinen Bruder abzugeben.

​Oma Yumi trat einen Schritt näher an Vladimir heran und tätschelte ihm – für eine alte Dame bemerkenswert zielsicher – den Oberarm. „Diese Schultern... So breit, dass man ein ganzes Teeservice darauf abstellen könnte. Und dieser Blick! Junger Mann, wären meine Gelenke nicht so eingerostet, würde ich dich auf der Stelle entführen und wir würden nach Paris durchbrennen.“
 

​Kai beobachtete Vladimir genau und erwartete, dass sein Bruder peinlich berührt wegschauen oder mit seiner üblichen kühlen Distanz reagieren würde. Vlads Gesichtszüge blieben für einen Moment starr, die Überraschung deutlich in seinen dunklen Augen geschrieben. Doch dann geschah etwas Unerwartetes.

​Ein langsames, gefährlich charmantes Lächeln breitete sich auf Vladimirs Gesicht aus. Er beugte sich tief hinunter, nahm Yumis runzlige Hand in seine und hauchte einen galanten Kuss auf ihre Knöchel, ohne den Blick von ihren funkelnden Augen abzuwenden.

​„Paris klingt verlockend, Madame“, entgegnete er mit seiner tiefen, samtigen Stimme, die ein leichtes Zittern durch die alte Dame schickte. „Aber ich fürchte, ich müsste das Tempo drosseln, damit die anderen Herren der Stadt eine faire Chance haben, nicht vor Neid zu erblassen, wenn sie mich mit der schönsten Frau Japans an meiner Seite sehen.“

​Oma Yumi stockte der Atem. Für eine Sekunde war die sonst so schlagfertige Matriarchin tatsächlich sprachlos. Ihre Wangen nahmen einen zarten Rosaton an, der fast so hell leuchtete wie die Lampions im Garten. Nami befürchtete, dass Oma Yumis Herzschrittmacher jeden Moment aufpiepte, doch die alte Dame schien sich wieder zu fangen.

​„Oh...“, hauchte sie und fächerte sich mit der freien Hand Luft zu. „Er hat nicht nur die Statur eines Gottes, er hat auch die Zunge eines Teufels. Hana, Kindchen, pass gut auf diesen hier auf. Wenn du ihn nicht willst, nehme ich ihn als meinen persönlichen Leibwächter – vorzugsweise für die Nachtstunden.“

​Hana, die daneben stand und das Schauspiel mit einer Mischung aus Amüsement und Stolz beobachtet hatte, legte Vladimir ganz natürlich eine Hand auf den Rücken. Die Verbundenheit zwischen ihnen war fast greifbar; der frühere „Hunger“, diese rastlose Suche in ihren Augen, war einer ruhigen Gewissheit gewichen.

​„Ich glaube, ich behalte ihn erst einmal selbst, Oma“, sagte Hana leise und tauschte einen Blick mit Vladimir aus, der Bände über die vergangenen Nächte und die neu gefundene Tiefe ihrer Beziehung sprach.

​Kai trat zu ihnen, ein seltenes, ehrliches Grinsen auf den Lippen. „Willkommen im Club, Vlad. Sie ist offiziell deine größte Herausforderung heute Abend.“

​„Ich habe schon schwierigere Verhandlungen geführt“, erwiderte Vladimir trocken, doch sein Blick kehrte sofort zu Hana zurück, als suchte er bei ihr seinen Anker.
 

Hiro Tachiba trat mit einem entschuldigten Lächeln heran, das eine Mischung aus väterlicher Nachsicht und leichter Beschämung widerspiegelte. Er legte seiner Mutter sanft die Hand auf die Schulter, um sie behutsam ein Stück von Vladimir wegzumanövrieren, bevor sie noch auf die Idee kam, seine Bauchmuskeln zu zählen.

​„Mutter, bitte“, lachte Hiro leise und schüttelte den Kopf. „Lass den armen Mann doch zumindest erst einmal in Ruhe ankommen, bevor du ihn mit deinen Heiratsanträgen überfällst.“ Er wandte sich mit einem fast schon demütigen Nicken an Vladimir. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Vladimir. Meine Mutter vergisst manchmal, dass nicht jeder Mann ein diplomatisches Training absolviert hat, um ihre... nun ja, sehr direkte Art zu parieren.“

​Doch Vladimir winkte gelassen ab, sein Blick glitt amüsiert zurück zu der 90-Jährigen, die ihm noch immer mit einem frechen Funkeln in den Augen zunickte.

​„Keine Entschuldigung nötig, Hiro-san“, erwiderte Vladimir mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, die keinerlei Anzeichen von Unbehagen zeigte. „Im Gegenteil, ich fand die Dame äußerst erfrischend. Ehrlichkeit ist eine Qualität, der man in meinen Kreisen viel zu selten begegnet. Ihre Gesellschaft ist ein angenehmer Kontrast zu der sonst so steifen Etikette.“

​Oma Yumi schnaubte amüsiert und klopfte Hiro auf den Arm. „Siehst du? Der Junge hat Geschmack und Verstand. Lerne von ihm, Hiro!“

​Hiro lachte nun herzhaft und schien sichtlich erleichtert über Vladimirs lockere Reaktion. Er wechselte das Thema zum Geschäftlichen, während sie langsam in Richtung der Terrasse schlenderten.

​„Erzähl mir, Vladimir, wie läuft es in Hanzomon?“, fragte Hiro interessiert. „Das Gebäude ist beeindruckend, aber ein neues Hauptquartier in dieser Größenordnung zu beziehen, ist sicher kein leichtes Unterfangen.“

​Vladimir nickte und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei der Stoff seines Sakkos sich über seinen breiten Schultern spannte – ein Anblick, den Oma Yumi aus dem Augenwinkel natürlich sofort wieder registrierte.

​„Es ist ein Prozess“, gab Vladimir zu. „Noch ist nicht alles vollständig eingerichtet. Die IT-Infrastruktur steht, aber es fehlt noch an dem letzten Schliff in der Innenausstattung. Ich bin momentan kräftig dabei, neues Personal einzustellen – die Auswahlkriterien sind streng, aber wir brauchen die Besten für den japanischen Markt.“

​Er machte eine kurze Pause und ein kleiner Funke von Stolz trat in seine Augen. „Interessanterweise haben sich sogar einige meiner langjährigen Mitarbeiter aus Russland gemeldet. Sie wollen nachkommen und mich hier in Tokio unterstützen. Es bedeutet mir viel, loyale Leute um mich zu haben, die das System bereits kennen.“

​„Das spricht für deine Führung“, bemerkte Hiro anerkennend. „In Japan ist Loyalität das höchste Gut, aber dass sie den weiten Weg aus Moskau auf sich nehmen, zeigt, wie sehr sie dir vertrauen.“

​In diesem Moment gesellte sich Hana wieder zu ihnen, ein Glas Wein in der Hand, und stellte sich ganz selbstverständlich an Vladimirs Seite. Der subtile Duft ihres Parfüms schien ihn sofort zu entspannen.
 

Kai, der das Gespräch mit einem amüsierten Funkeln in seinen roten Augen verfolgt hatte, trat nun einen Schritt näher. Er hielt sein Glas locker in der Hand und stellte sich so neben Vladimir, dass die Ähnlichkeit der beiden Halbbrüder, trotz der unterschiedlichen Ausstrahlung, fast schmerzhaft deutlich wurde.

​„Loyale Mitarbeiter aus Russland, soso“, warf Kai mit einer hochgezogenen Augenbraue ein. Sein Tonfall war trocken, doch in seinen Zügen lag die seltene Entspannung eines Mannes, der sich im Kreise seiner Familie sicher fühlte. „Pass auf, Vlad. Wenn du so weitermachst, hast du in Hanzomon bald einen ganzen ‚Harem‘ an treuen Gefolgsleuten, die für dich durchs Feuer gehen. Erst wickelst du Oma Yumi um den Finger, und jetzt lässt du deine alte Garde einfliegen? Du scheinst eine gefährliche Anziehungskraft zu entwickeln.“

​Vladimir quittierte die Spitze seines Bruders mit einem kurzen, kehlihen Lachen. „Loyalität ist kein Harem, Kai. Es ist eine Währung, die man sich hart erarbeiten muss. Aber ich gebe zu, es macht die Sache in einer fremden Stadt einfacher, wenn man weiß, wer einem den Rücken freihält.“

​„Da hat er recht“, mischte sich Hana leise ein und legte Vladimir eine Hand auf den Unterarm. Die Geste war klein, aber sie wirkte wie ein Anker. „Stabilität ist genau das, was das Büro in Hanzomon jetzt braucht. Und Vladimir ist... nun ja, er ist sehr überzeugend, wenn er jemanden für sich gewinnen will.“

​In diesem Moment ertönte aus dem Hintergrund das helle, melodische Lachen von Nami. Sie stand am Kopf der langen Tafel, die unter den Köstlichkeiten bog, die Claire und das Küchenteam vorbereitet hatten.

​„Das Buffet ist eröffnet!“, rief sie in die Runde, während Sayuri auf ihrer Hüfte begeistert in die Hände klatschte und jubelte. „Bevor Oma Yumi sich entscheidet, Vladimir als Hauptgang zu verspeisen, sollten wir uns lieber an den Hummer und das Sushi halten!“

​Ein allgemeines Lachen ging durch die Gruppe. Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, stand mit gewohnt unbewegter Miene neben dem Buffet und rückte eine silberne Servierzange zurecht.

​„Mon Dieu“, murmelte sie mit ihrem charmanten, trockenen Akzent, gerade laut genug, dass Kai es hören konnte. „Wenn die Leidenschaft in dieser Familie weiter so steigt, brauche ich keinen Ofen mehr, um das Soufflé warmzuhalten. Es ist... wie sagt man? Électrique.“

​Kai grinste Claire flüchtig zu, bevor er Hana und Vladimir den Vortritt zum Buffet ließ. Der Garten war nun in ein warmes, goldenes Licht getaucht, und der Duft von frischen Lilien vermischte sich mit dem Aroma der feinen Speisen. Es war ein seltener Moment des Friedens für die Tachiwari-Corporation und die Familie.

​Während sie sich setzten, beobachtete Kai, wie Ayumi und Ren bereits versuchten, Vladimir in ein Gespräch über russische Kampfjets oder Eishockey zu verwickeln, während Gou mit der Gelassenheit seines Vaters daneben saß und seinen Onkel genauestens studierte.
 

Die Tafel war festlich gedeckt, das schwere Silber glänzte im Schein der Lampions, und der Duft von frisch zubereitetem Kobe-Beef und feinstem Sushi erfüllte die Abendluft. Graham, der wie immer mit einer fast schon unheimlichen Präzision hinter Kais Stuhl materialisierte, goss den Wein nach. Seine Bewegungen waren so flüssig, als bestünde er aus mechanischen Teilen, doch sein Blick war wachsam wie eh und je.

​„Ein exzellenter Jahrgang, Sir“, murmelte Graham, während er Vladimirs Glas füllte. Er hielt kurz inne und musterte den Russen mit einer Mischung aus professioneller Anerkennung und britischer Distanz. „Ich nehme an, die Herrschaften in Hanzomon bevorzugen eher... kräftigere Spirituosen? Ich habe vorsichtshalber den Wodka temperiert, falls das japanische Klima Ihrer Konstitution zu sehr zusetzt.“

​Vladimir schmunzelte. „Danke, Graham. Aber ich glaube, dieser Wein wird dem Anlass vollauf gerecht.“

​„Wie Sie wünschen, Sir“, erwiderte Graham mit einer kaum merklichen Verbeugung. „Obwohl ich anmerken muss, dass die Intensität der familiären Zuneigung an diesem Tisch heute Abend ausreicht, um ein kleines Dorf in Sibirien zu beheizen. Da wäre ein kühlerer Tropfen vielleicht ratsam gewesen.“

​Ein unterdrücktes Lachen ging um den Tisch. Selbst Kai konnte sich ein schmales Lächeln nicht verkneifen.
 

Das Klirren von Grahams Weinkaraffe am Rand eines Glases war das einzige Geräusch, das die kurze, fast ehrfürchtige Stille unterbrach, nachdem Vladimir seine Pläne für Hanzomon dargelegt hatte.

​Tala Valkov, der bis dahin schweigend neben Lumina gesessen und die Szenerie mit der Wachsamkeit eines Falken beobachtet hatte, hob sein Glas. Sein markantes Gesicht, das oft so undurchdringlich wirkte wie eine Festung, entspannte sich um Nuancen.

​„Russische Verstärkung in Tokio“, stellte Tala fest, und seine Stimme hatte diesen rauen Unterton, der jahrelange Erfahrung verriet. „Ein kluger Schachzug, Vlad. In einer Stadt, die niemals schläft, braucht man Leute, die das Konzept von 'Feierabend' ohnehin für einen Übersetzungsfehler halten.“

​Lumina, die neben ihm saß, strahlte ein Grinsen übers ganze Gesicht – jenes typische, auffällige Strahlen, das sie von Nami unterschied. Sie tauschte einen blitzschnellen, vielsagenden Blick mit Hilary aus. Ihre magentafarbenen Augen funkelten vor Vergnügen, als sie sah, wie Hana unbewusst näher an Vladimir rückte.

​„Oh, ich glaube, die 'Verstärkung' ist hier längst angekommen“, flüsterte Lumina laut genug, dass es am Tisch Wellen schlug. Sie zwinkerte Hana zu, deren silbrig weißes Haar im Kerzenlicht fast wie flüssiges Metall wirkte. „Nicht wahr, Hana? Die Kanzlei der Tachibey wird wohl bald eine Zweigstelle in Hanzomon brauchen, nur um die... rechtlichen Angelegenheiten der neuen Mitarbeiter zu klären.“
 

​Tyson, der gerade dabei war, sich eine beachtliche Portion Sushi auf den Teller zu laden, lachte herzhaft auf. „Rechtliche Angelegenheiten? Lumina, du denkst zu kompliziert! Wenn Vlad Leute aus Russland einfliegen lässt, dann sicher nicht, um Akten zu sortieren. Ich wette, die Jungs können ein Eishockey-Team aufstellen, das die gesamte Tachiwari-Corporation im Alleingang übers Eis fegt.“

​Er wandte sich direkt an Vladimir. „Aber sag mal, Vlad, haben die auch jemanden dabei, der vernünftigen Borschtsch kochen kann? Nichts gegen Kais exzellente Küche hier, aber manchmal braucht ein Mann etwas, das Mark und Bein wärmt, wenn der Wind von der Bucht her weht.“

​Graham, der gerade hinter Tyson auftauchte, um eine leere Schale wegzuräumen, verzog keine Miene. „Ich versichere Ihnen, Master Tyson, dass die Küche des Ayame-Anwesens durchaus in der Lage ist, Temperaturen zu erzeugen, die über den Gefrierpunkt hinausgehen. Sollten Sie jedoch eine Suppe bevorzugen, in der der Löffel senkrecht stehen bleibt, werde ich das beim nächsten Mal berücksichtigen. Ich nehme an, die Verdauung eines russischen Bären ist bei Ihnen ohnehin Grundvoraussetzung.“

​Tyson verschluckte sich fast vor Lachen, während Hilary nur den Kopf schüttelte und Tyson einen warnenden, aber liebevollen Blick zuwarf. Sie lehnte sich zu Nami hinüber. „Siehst du das auch?“, flüsterte sie und deutete mit einer minimalen Kopfbewegung auf das Paar des Abends.
 

​Nami nickte langsam. Die Art, wie Vladimir und Hana nebeneinander saßen, war anders als bei ihrem letzten Treffen. Da war kein vorsichtiges Abtasten mehr. Es war eine Einheit. Hana wirkte in ihrer fast identischen Figur zu Nami heute Abend noch präsenter, ihre Amethyst-Augen ruhten mit einer Sanftheit auf Vladimir, die Kai ein kurzes, wissendes Lächeln entlockte.

​„Graham hat recht“, bemerkte Kai trocken und sah von Tala zu Vladimir. „Die Luft hier ist heute so geladen mit 'loyaler Verbundenheit', dass wir uns die Lampions eigentlich hätten sparen können.“

​„In der Tat, Sir“, ergänzte Graham, während er nun diskret vor Kai stehen blieb. „Die Stromrechnung der Tachiwari-Corporation wird es Ihnen danken. Es ist wahrlich rührend zu sehen, wie die Herren Valkov und Ivanov ihre... Reviere abstecken, während die Damen bereits die gesamte Nachfolgeplanung im Blick haben.“

​Vladimir hob sein Glas in Richtung Tala und Tyson. „Kein Eishockey-Team, Tyson. Zumindest noch nicht. Aber vielleicht jemand, der dir zeigt, wie man Wodka trinkt, ohne danach drei Tage lang die Wände entlanglaufen zu müssen.“

​Tala zog eine Augenbraue hoch. „Das ist ein Versprechen, Vlad. Ich werde dich beim Wort nehmen, sobald die Büros in Hanzomon eingeweiht werden.“

​Lumina kicherte und stieß Tala sanft mit der Schulter an. „Hör auf zu knurren, Tala. Genieß lieber den Moment. Schau dir Hana an – sie sieht aus, als hätte sie gerade das größte Plädoyer ihres Lebens gewonnen.“

​Hana lächelte nur, ein ruhiges, zufriedenes Lächeln, und legte ihren Kopf für einen winzigen Augenblick an Vladimirs Schulter.
 

Das festliche Abendessen neigte sich dem Ende zu, während die Gespräche zwischen den Erwachsenen tiefer und die Witze von Tyson und Tala entspannter wurden. Inmitten dieses harmonischen Stimmengewirrs löste sich eine kleine, energische Gestalt von ihrem Platz.

​Sayuri, die mit ihren dreieinhalb Jahren bereits eine erstaunliche Wortgewandtheit an den Tag legte, marschierte mit der Zielstrebigkeit einer kleinen Herrscherin um die lange Tafel herum. Ihr weißes Lockenhaar wippte bei jedem Schritt, und ihre magentafarbenen Augen – ein Erbe, das sie mit Lumina teilte – fixierten nur ein Ziel.
 

​„Papa!“, rief sie aus, als sie Kais Stuhl erreichte. Sie streckte ihre kleinen Ärmchen fordernd nach oben. „Ich möchte auf deinen Schoß. Ich will auch alles sehen!“

​Kai, der gerade noch in ein ernstes Gespräch mit Vladimir über die Sicherheitsstrukturen in Hanzomon vertieft war, hielt mitten im Satz inne. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich augenblicklich. Die kühle Distanz, die er im Geschäft oft wie eine Rüstung trug, schmolz dahin, als er die Kleine behutsam unter den Armen packte und auf seinen Schoß hob.

​Nami beobachtete die Szene mit einem weichen Lächeln. Sie lehnte sich ein Stück zu Hana und Vladimir hinüber, während sie beobachtete, wie Sayuri sofort begann, Kais Krawatte nach ihrem Gutdünken zurechtzurücken.

​„Es ist zwecklos“, erklärte Nami leise amüsiert. „Seit ein paar Wochen ist sie wieder ein absolutes Papakind. Ich bin nur noch gut genug, um das Essen zu servieren wenn Claire es nicht macht oder die Schuhe zuzubinden. Sobald Kai den Raum betritt, existiert für sie niemand anderes mehr.“

​„Sie hat eben Geschmack, die kleine Dame“, warf Graham ein, der gerade mit einer Auswahl an Digestifs herantrat. Er beugte sich diskret zu Sayuri hinunter. „Möchte die junge Prinzessin vielleicht ein Stückchen Melone, oder ist sie zu sehr damit beschäftigt, die Autorität ihres Vaters zu untergraben?“

​Sayuri sah Graham mit einem hochmütigen, aber herzlichen Blick an, der fast wie eine Miniatur-Version von Kai wirkte. „Melone ist gut, Graham. Aber Papa hält sie für mich.“
 

​Tala beobachtete die Interaktion mit einem rauen Lächeln. „Du hast sie gut im Griff, Kai. Oder eher sie dich.“

​„Definitiv Letzteres“, gab Kai trocken zurück, während Sayuri ihren Kopf gegen seine Brust lehnte und mit ihren kleinen Fingern über den feinen Stoff seines Sakkos strich. Er legte seinen Arm schützend um sie, und für einen Moment wirkte der mächtige Chef der Tachiwari-Corporation einfach nur wie ein Mann, der an seinem 32. Geburtstag genau dort war, wo er hingehörte.

​Lumina tauschte einen schnellen Blick mit Hilary aus. „Ist es nicht erstaunlich?“, flüsterte sie. „Wenn man Kai damals vor etlichen Jahren gesehen hätte... und jetzt sitzt er da mit einer kleinen Kopie von Nami auf dem Schoß und lässt sich von ihr die Welt erklären.“

​„Das ist die Macht der Gene – und der Hartnäckigkeit“, bemerkte Hilary schmunzelnd und sah zu Tyson, der gerade versuchte, Sayuri mit einer Grimasse zum Lachen zu bringen.

​Vladimir betrachtete seinen Bruder und die kleine Nichte mit einem nachdenklichen Ausdruck. Es war, als würde er in Kais Leben ein mögliches Bild seiner eigenen Zukunft mit Hana sehen. Hana schien seine Gedanken zu erraten; sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie sanft, während ihr Blick zwischen Sayuri und Vladimir hin und her glitt.

​Oma Yumi, die ihren Sake mit Genuss austrank, nickte zufrieden. „Ein guter Vater ist wie ein alter Baum“, philosophierte sie mit einem verschmitzten Seitenblick auf Vladimir. „Er gibt Schatten, aber er lässt die Kleinen hoch hinaus klettern. Vladimir, du solltest dir Notizen machen. Ich erwarte innerhalb der nächsten Jahre weitere Urenkel, die meine Geduld auf die Probe stellen.“

​Vladimir räusperte sich, während ein seltener Anflug von Verlegenheit über sein Gesicht huschte, was Tyson natürlich sofort mit einem lauten Lachen quittierte.
 

Während Sayuri eingewickelt in eine Decke, auf Kais Arm schließlich friedlich eingeschlummert war und ihren Kopf gegen seine Schulter gebettet hatte, zogen sich die drei Männer in eine ruhigere Ecke der Veranda zurück. Der schwere Duft von teuren Zigarren und der kühle Nachtwind schufen eine Atmosphäre, in der die Masken der Geschäftsmänner fielen und Platz für eine seltsame, maskuline Vertrautheit machten.

​Kai nippte an seinem Whiskey und sah Tala direkt an. „Was ist eigentlich mit euch, Tala?“, fragte er ohne Umschweife. „Lumina und du seid jetzt eine ganze Weile verheiratet. Habt ihr euch mittlerweile entschieden, ob ihr euch auch einen kleinen Schreihals in euer Penthouse in Shinjuku holt, oder bleibt es bei der Ruhe?“

​Tala lachte leise und schüttelte den Kopf, während sein Blick kurz zu Lumina glitt, die drinnen ausgelassen mit den anderen Frauen lachte. „Lumina strahlt jedes Mal, wenn sie Sayuri sieht, aber wir genießen die Freiheit noch. Doch wenn ich sehe, wie du hier als Klettergerüst endest, Kai... wer weiß.“ Er wandte sich mit einem herausfordernden Grinsen an Vladimir. „Und was ist mit dir, Ivanov? Jetzt, wo du in Hanzomon Wurzeln schlägst und Hana kaum noch aus den Augen lässt... hättest du gerne einen eigenen Thronfolger?“

​Vladimir schwieg einen Moment und betrachtete die Glut seiner Zigarre. „Ich war dem Gedanken nie abgeneigt“, gab er mit einer Offenheit zu, die Kai überraschte. „Aber ich hielt es in meiner Welt niemals für möglich. Ich fühlte mich nie fähig, eine feste Bindung einzugehen – und für mich war das immer die Voraussetzung, um Kinder in diese Welt zu setzen. Ich wollte kein Kind, das in der Kälte aufwächst, die mich umgab.“

​Kai starrte in sein Glas und ein schiefes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ich wollte ursprünglich gar keine Kinder. Ich dachte nie, dass ich ein guter Vater sein könne.“, gestand er trocken.

​Vladimir hob erstaunt die Brauen. „Gar keine? Du hast vier Stück, Kai. Und du siehst nicht gerade so aus, als würdest du sie wieder hergeben wollen.“

​„Stimmt“, erwiderte Kai und strich Sayuri fast unbewusst über den Rücken. „Aber die Wahrheit ist: Geplant waren nur die Zwillinge – oder zumindest einer von ihnen. Gou und Sayuri... waren Unfälle.“

​Vladimir schnaubte amüsiert. „Unfälle? Bei deiner Präzision? Was ist passiert? Ist das Kondom zweimal geplatzt?“

​Kai sah seinen Bruder mit einem blick an, der so trocken war, dass er beinahe staubte. Er nahm einen Schluck Whiskey, bevor er antwortete.

​„Nein“, entgegnete er ruhig. „Das Problem ist die Aura meiner Frau. Wir haben über die Jahre festgestellt, dass Namis Bit Beast Aura nicht nur Dunkelheit und Kälte verdrängen kann. Sie scheint auch... biologische Tatsachen zu überschreiben. Ich war sterilisiert, Vladimir. Medizinisch gesehen war es also eigentlich unmöglich.“

​Vladimir starrte seinen Bruder fassungslos an.

​„Du willst mir sagen...“, begann Vladimir ungläubig.

​„Ich will dir sagen“, unterbrach Kai ihn mit tiefer Stimme, „dass ihre Aura Sterilisationen einfach rückgängig macht, wenn sie sich tief in ihrem Inneren stark genug ein Kind von mir wünscht. Ihr Körper und ihre Kraft entscheiden das einfach über meinen Kopf hinweg. Wenn Nami ein Kind will, bekommt sie eins. Die Biologie hat gegen sie keine Chance.“

​Vladimir sah von Kai zu Nami, die im Haus gerade lachte, und dann zurück zu seinem Bruder. Ein Schauder des Respekts lief über seinen Rücken. „Dann sollte ich wohl froh sein, dass Hana keine Bit Beast Aura ausstrahlt.“, murmelte er halb im Scherz, halb in ehrfürchtiger Anerkennung der Macht.

Er dachte an die letzten Nächte mit Hana im Penthouse und an die Intensität, mit der sie sich einander hingegeben hatten.

​„Wenn ihre Aura medizinische Eingriffe einfach... auslöscht“, begann Vladimir vorsichtig und senkte die Stimme noch ein Stück weiter, „wie zum Teufel verhütet ihr dann seit Sayuri? Oder spielst du jeden Abend russisches Roulette mit der Geburtenrate?“

​Kai stieß einen schweren Seufzer aus und rieb sich mit der freien Hand die Schläfe, während Sayuri im Schlaf leise gegen seine Schulter gluckste. „Ich habe mich ein drittes Mal sterilisieren lassen“, gestand er trocken.

​Tala prustete in seinen Whiskey und musste sich am Geländer der Veranda festhalten. „Ein drittes Mal? Kai, der Chirurg muss doch denken, du hast ein Rad ab.“

​„Der Chirurg stellt keine Fragen, wenn man ihn gut genug bezahlt. Außerdem war das erste Mal eh in Russland. Ich war mur zweimal beim Selben.“, entgegnete Kai ungerührt, auch wenn ein Funken echter Sorge in seinen Augen aufflackerte. „Aber die Wahrheit ist: Ich bin mir trotzdem nicht sicher. Ich hoffe einfach inständig, dass Nami mit vier Kindern nun wirklich zufrieden ist. Wir haben darüber gesprochen, und sie sagt, unsere Familie sei komplett.“

​Er machte eine kurze Pause und warf einen Blick durch die Glastür zu seiner Frau, die gerade Sayuris leeres Glas beiseite stellte. „Aber bei Nami weiß man nie. Wenn sie Sayuri ansieht oder wenn sie sieht, wie die Jungs wachsen, flammt manchmal dieser ganz bestimmte Blick in ihren Augen auf. Und wenn dieser Blick kommt... dann weiß ich, dass meine Biologie gegen ihren Willen wieder den Kürzeren ziehen könnte. Es ist, als würde ihr Unterbewusstsein die Realität einfach umprogrammieren.“

​Vladimir lachte trocken auf, ein kurzes, raues Geräusch, das in der kühlen Nachtluft verhallte. Er schüttelte langsam den Kopf und sah zu Hana hinüber, die drinnen gerade eine lebhafte Geste machte.

​„Dann habe ich ja noch einmal Glück gehabt“, murmelte Vladimir, und man hörte die Erleichterung in seiner Stimme deutlich heraus. „Hana ist zwar eine Naturgewalt für sich, aber Gott sei Dank hat nur Nami diese... schöpferische Aura. Hana mag die klügste Frau sein, die ich je getroffen habe, aber sie überschreibt wenigstens nicht die Gesetze der Biologie, nur weil sie sich etwas wünscht.“

​Kai warf seinem Bruder einen Seitenblick zu, in dem ein Funken brüderlicher Bosheit blitzte. „Verlass dich nicht zu sehr darauf, Bruder. Sie ist zwar keine Bit Beast Trägerin mit übernatürlichen Kräften, aber sie ist eine Tachiba. Und wenn sie etwas will, findet sie einen Weg – ganz ohne Magie.“

​Tala grinste breit und hob sein Glas in Vladimirs Richtung. „Er hat recht. Ob Aura oder nicht, in dieser Familie bist du sowieso geliefert. Aber wenigstens musst du dir bei Hana keine Sorgen machen, dass eine Sterilisation spontan verheilt.“

​„Ein schwacher Trost, aber ich nehme ihn“, erwiderte Vladimir und entspannte sich sichtlich.

​Die Feier neigte sich schließlich dem Ende zu. Die herbstliche Kälte kroch nun merklich unter das Dach der Veranda, und im Inneren des Anwesens waren die meisten Kinder bereits in ihre Zimmer verschwunden oder schliefen auf den Sofas.

​Hana trat nach draußen und legte Vladimir ihre Hand auf den Arm. „Es ist spät, Vladimir. Wir sollten die Mädchen nach Hause bringen.“

​Vladimir nickte und legte seine Hand über ihre. Er sah Kai noch einmal tief in die Augen – ein stummes Einverständnis unter Männern, die beide auf ihre Weise von diesen außergewöhnlichen Schwestern gezähmt worden waren. „Danke für die Einladung, Kai. Und für die... Warnung.“

​Kai nickte nur knapp, während er die schlafende Sayuri noch etwas fester an sich drückte.
 

​An der Haustür verabschiedeten sich die Schwestern. Nami hielt Hana einen Moment länger fest und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das Hana zum Lachen brachte und sie leicht erröten ließ. Vladimir beobachtete die Szene vom Wagen aus und spürte eine tiefe Zufriedenheit. Er hatte ein Imperium in Japan aufgebaut, aber das, was er hier im Ayame-Anwesen gefunden hatte, wog schwerer als jeder Börsenkurs.

​Als die Lichter von Vladimirs Wagen die Auffahrt hinunterrollten, schloss Kai die schwere Eichentür und verriegelte sie. Stille kehrte in das 70 Jahre alte Gemäuer zurück.

​Nami trat an seine Seite und schmiegte sich an seinen freien Arm. „Worüber habt ihr Männer da draußen eigentlich so ernsthaft gesprochen?“, fragte sie unschuldig, während sie zu ihm hochsah.

​Kai sah sie an, und in seinen rubinroten Augen flackerte ein Funken von jenem „Entsetzen“, das er vorhin gegenüber Vladimir erwähnt hatte. „Über Wirtschaft, Nami. Nur über die Wirtschaft und das Geschäft.“

​Er beugte sich vor und küsste ihre Stirn.

Sayuris Bit Beast

Zwei Wochen nach Kais zweiunddreißigstem Geburtstag herrschte im Tachiwari-Tower reges Treiben. Das Geschäft florierte, die Allianz mit Vladimirs neuem Standort in Hanzomon festigte sich zusehends, und im Büro des CEO herrschte eine seltene, konzentrierte Ruhe. Nami stand am Fenster von Kais Büro und blickte über die Skyline von Tokio, während Kai am massiven Schreibtisch ein Dokument prüfte. ​Die Stille wurde jäh durch das schrille Klingeln von Namis Smartphone unterbrochen. Sie zog es aus ihrer Tasche und stutzte kurz, als sie den Namen auf dem Display las. ​„Claire?“, murmelte sie und nahm den Anruf entgegen. „Ist etwas passiert? Eigentlich wolltet ihr doch...“ ​Kai hob den Kopf, als er den alarmierten Unterton in Namis Stimme hörte. Er legte den Füller beiseite und fixierte seine Frau mit seinen rubinroten Augen. ​„Madame Nami...“, Claires Stimme am anderen Ende zitterte leicht, was für die sonst so stoische Französin vollkommen untypisch war. Man hörte im Hintergrund den Wind und das ferne Rauschen der Stadt. „Ich... ich weiß nicht genau, wie das passieren konnte. Es ging so schnell.“ ​Nami spürte, wie ihr das Blut in den Adern fror. „Claire, beruhig dich. Was ist los? Wo seid ihr?“ ​„Wir sind im Shinjuku Gyoen Park“, erklärte Claire hastig. „Es war ein herrlicher Tag, und wir konnten den Tachiwari-Tower von hier aus so klar sehen. Sayuri hat darauf gezeigt, und ich... ich habe ihr gesagt, dass Mama und Papa dort drin arbeiten und dass ihr von oben auf uns herabblicken könnt.“ ​Kai war mittlerweile aufgestanden und trat mit düsterer Miene an Namis Seite. Er schaltete das Handy auf Lautsprecher. ​„Und dann?“, fragte Kai mit einer Stimme, die vor unterdrückter Anspannung fast bedrohlich klang. ​„Mirai ist gestürzt“, fuhr Claire fort, und man hörte ihre Selbstvorwürfe in jedem Wort. „Sie hat sich das Knie aufgeschlagen und geweint. Ich war nur einen Moment abgelenkt, um nach ihr zu sehen. Ich hörte Sayuri noch sagen: 'Ich will Papa besuchen gehen!'. Ich dachte mir nichts dabei, doch als ich aufblickte... sah ich sie nur noch von weitem. Sie ist losgerannt in Richtung des Ausgangs, der zum Tower führt. Sie rennt unglaublich schnell für ihre dreieinhalb Jahre... Ich habe versucht, ihr nachzurufen, aber sie war bereits in der Menschenmenge verschwunden.“ ​Nami hielt sich am Rand des Schreibtischs fest. Shinjuku Gyoen war riesig, und obwohl der Tachiwari-Tower wie ein Leuchtturm über dem Park thronte, lagen dazwischen befahrene Straßen und das endlose Labyrinth der Großstadt. ​„Sie will zu mir?“, wiederholte Kai leise, und in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Stolz und blankem Entsetzen auf. Sayuri war zwar ein kluges Kind, aber sie war erst drei. Für sie sah der Tower nah aus, doch der Weg dorthin war lebensgefährlich. ​„Claire, bleib bei Mirai!“, wies Nami sie an, während sie bereits ihre Handtasche griff. „Ruf die Parkaufsicht an. Kai und ich kommen sofort.“ ​
 

Kai hatte bereits sein Sakko gegriffen und tippte hektisch einen Code in sein internes Sicherheitssystem. „Ich lasse die Überwachungskameras im Umkreis des Parks scannen. Wenn sie den Park verlassen hat, müssen wir sie finden, bevor sie die Hauptstraße erreicht.“ Nami spürte, wie ihr Herz einen schmerzhaften Schlag aussetzte. Das Blut wich aus ihrem Gesicht, während sie das Handy so fest umklammerte, dass ihre Hand schmerzte. ​„Claire, wie weit warst du im Park?“, presste Nami hervor. Ihre Stimme zitterte nun unkontrolliert. ​„Noch gar nicht weit, Madame“, kam die verzweifelte Antwort. Man hörte im Hintergrund das Schluchzen der kleinen Mirai, die den Schrecken des Kindermädchens spürte. „Wir waren erst wenige hundert Meter hinter dem Eingangstor. Als ich aufsah, war sie schon fast wieder am Ausgang. Sie hat diesen Blick gehabt... diesen absolut entschlossenen Blick von Monsieur Kai. Sie ist nicht einfach weggelaufen, sie ist auf einer Mission!“
 

​Kai, der jedes Wort über den Lautsprecher mitgehört hatte, fluchte leise auf Russisch. Sein Kiefer war so fest angespannt, dass die Muskeln darunter hervortraten. „Wenn sie schon am Tor war, als Claire sie das letzte Mal sah...“, er rechnete im Kopf blitzschnell mit der kühlen Präzision eines Strategen, „...dann ist sie jetzt bereits seit mindestens drei bis vier Minuten auf freiem Fuß. Nami, die erste große Kreuzung liegt direkt vor diesem Ausgang.“ ​Nami schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie ist drei, Kai! Sie ist winzig! Zwischen all den Pendlern und den hohen Autos an der Ampel sieht sie doch niemand!“ ​„Claire!“, befahl Kai nun mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Bleib genau dort, wo du bist. Beweg dich keinen Millimeter weg, damit wir dich finden. Wir schicken sofort ein Team der Tower-Security zu deinem Standort, um Mirai zu sichern und den Park abzusuchen, falls sie doch umgekehrt ist.“ ​Er beendete das Gespräch, noch bevor Claire antworten konnte, und riss die Tür zu seinem Vorzimmer auf und brüllte in sein eigenes Handy.
 

„Armon! Alarmstufe Rot. Meine Tochter ist allein im Bereich Shinjuku Gyoen unterwegs. Ich will alle Kameras der Tachiwari-Corporation, die auf die Außenseite und die angrenzenden Straßen gerichtet sind, auf Gesichtserkennung für meine Tochter. Sofort!“ ​Nami stürmte bereits auf den privaten Aufzug zu, ihre Gedanken rasten. Sie sah Sayuri vor ihrem inneren Auge: die weißen Locken, die im Wind wippten, das kleine rote Mäntelchen, das sie heute Morgen so stolz angezogen hatte, und diese magentafarbenen Augen, die starr auf den Tower gerichtet waren. ​„Sie denkt, es ist ein Spiel“, flüsterte Nami, als sie in den Fahrstuhl stiegen. „Sie sieht den Tower und denkt, er ist nah genug, um ihn zu Fuß zu erreichen. Sie hat keine Vorstellung von Verkehr oder Gefahr.“ ​Kai drückte mit einer Heftigkeit auf den Knopf, dass das Metall fast nachgab. „Sie ist eine Hiwatari. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ignoriert sie alles andere. Genau das ist das Problem.“ Er sah auf sein Tablet, auf dem nun die ersten Live-Feeds der Überwachungskameras einspeisten. „Da!“, rief er plötzlich und hielt Nami das Gerät hin. ​

Ein körniges Bild einer Verkehrskamera an der großen Kreuzung vor dem Parkausgang flimmerte auf. Zwischen den Beinen von Dutzenden Geschäftsleuten in dunklen Anzügen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde ein kleiner, heller Fleck auf. Ein Kind mit weißem Haar, das gerade die Bordsteinkante erreichte, während die Fußgängerampel auf Rot umsprang. ​„Sie läuft über Rot!“, schrie Nami auf und krallte ihre Finger in Kais Arm. ​Auf dem Bildschirm sah man, wie die Masse der Menschen stehen blieb, doch die kleine, ungestüme Gestalt lief einfach weiter, direkt auf die Fahrbahn, auf der die Autos gerade begannen, zu beschleunigen.
 

Nami und Kai rannten durch die große Lobby, hinaus auf den Vorplatz des Towers um Richtung Straße zu stürzen. Sayuri stand mitten auf der sechsspurigen Fahrbahn. Ein schwerer schwarzer SUV beschleunigte gerade, der Fahrer blickte vermutlich auf sein Navigationsgerät, während das kleine Mädchen im roten Mantel völlig verloren zwischen den riesigen Reifen und dem harten Asphalt wirkte. ​Nami stieß einen erstickten Schrei aus, ihre Hände flogen zu ihrem Mund. In diesem Moment geschah etwas, das die Naturgesetze von Tokio aus den Angeln hob. ​Ein plötzlicher, gewaltiger Impuls pulsierte durch die Luft – eine Schockwelle aus reinem, gleißendem Licht, die nicht von Nami oder Kai ausging, sondern direkt aus dem Zentrum der Kreuzung. Es war ein tiefes, vibrierendes Summen, das durch Mark und Bein ging. ​
 

Der tosende Lärm von Shinjuku war verstummt. Das Quietschen der Reifen, das Hupen, das Stimmengewirr der Tausenden Pendler – alles war schlagartig weggebrochen. ​Die Autos auf der Kreuzung standen wie festgewurzelt, mitten in der Bewegung. Ein aufgewirbeltes Blatt verharrte unbeweglich in der Luft. Ein Vogel über ihnen schien an unsichtbaren Fäden am Himmel zu hängen. Die Zeit selbst war zu Glas erstarrt. ​„Kai... siehst du das?“, flüsterte Nami fassungslos. Sie bewegten sich mit normaler Geschwindigkeit durch eine Welt aus Statuen. Als Bit-Beast-Träger waren sie wohl die Einzigen, deren innere Energie sie gegen diesen massiven Stillstand immunisierte. ​

Mitten auf der Fahrbahn, genau vor dem Kühler des schwarzen SUV, stand Sayuri. Doch sie wirkte nicht mehr wie ein verängstigtes Kind. Um sie herum pulsierte eine hellmagenta, fast weiße Aura, die so intensiv war, dass der Asphalt unter ihren kleinen Füßen leicht zu glühen schien. Ihre magentafarbenen Augen leuchteten in einem unnatürlichen Licht, und ihr kleiner Körper zitterte unter der Last der Energie, die sie unbewusst freigesetzt hatte. ​„Ihre Aura...“, brachte Kai hervor, seine Stimme rau vor Ehrfurcht und Schrecken. „Sie ist erwacht. Mit dreieinhalb Jahren... sie friert die Zeit ein, um sich zu schützen.“
 

​Kai wartete keine Sekunde länger. Er rannte los, schlüpfte zwischen den wie erstarrt dastehenden Autos hindurch, deren Motoren lautlos liefen, aber keine Kraft mehr auf die Räder übertrugen. Er erreichte Sayuri in Sekunden, riss sie vom Boden hoch und presste sie so fest an seine Brust, dass er ihr Herzklopfen spüren konnte. ​In dem Moment, als Kais Haut die von Sayuri berührte, brach der Effekt. Die magentafarbene Aura zog sich mit einem lautlosen Knall in das Kind zurück. ​Das Quietschen der Bremsen, das Brüllen der Motoren und der Lärm der Stadt explodierten förmlich wieder in ihren Ohren. Der SUV-Fahrer riss das Lenkrad herum und kam nur Zentimeter von der Stelle zum Stehen, an der Sayuri gerade noch gestanden hatte. ​„Was zum Teufel...!“, schrie der Fahrer aus dem Fenster, unfähig zu begreifen, was gerade passiert war. Für ihn war es nur ein Wimpernschlag gewesen – ein Kind war plötzlich auf der Straße aufgetaucht und im nächsten Moment in den Armen eines Mannes verschwunden. ​Kai stand schützend über seiner Tochter am Straßenrand, sein Atem ging stoßweise. Nami erreichte die beiden keuchend, ihre Augen voller Tränen. Sie legte ihre Hände auf Kais Rücken und sah hinunter auf Sayuri. ​Die Kleine blinzelte benommen, das Leuchten in ihren Augen war verschwunden, und sie sah ihren Vater mit einer Mischung aus Erschöpfung und reinem Triumph an. ​„Papa“, piepste sie stolz und legte ihr Köpfchen an seine Schulter. „Ich hab dich gesucht. Der Turm war so weit weg.“ ​
 

Kai schloss die Augen, vergrub sein Gesicht in ihren weißen Locken und zitterte am ganzen Körper. „Du hast uns fast zu Tode erschreckt, kleiner Schatz“, murmelte er heiser. Er sah Nami an, und in seinem Blick lag eine tiefe Sorge. Kai hielt Sayuri fest umschlossen, als wäre sie ein zerbrechlicher Schatz, den er soeben den Klauen des Schicksals entrissen hatte. Während die ohrenbetäubende Kakofonie der Kreuzung wieder über sie hereinbrach, neigte er sich zu Nami und flüsterte ihr mit gepresster, fast kühler Stimme ins Ohr: „Keine Szene hier draußen, Nami. Atme durch. Wir gehen einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf das lenken, was hier gerade physikalisch passiert ist.“ ​Nami nickte mechanisch, obwohl ihre Knie noch immer weich wie Wachs waren. Sie zwang sich, die Tränen der Erleichterung zurückzuhalten und folgte Kai durch die dichte Menschenmenge, die bereits wieder achtlos an ihnen vorbeiströmte. ​
 

Als sie die imposanten Glastüren des Tachiwari-Towers durchschritten, änderte sich die Atmosphäre augenblicklich. Der kühle Marmor und die gedämpfte Akustik der Lobby bildeten den perfekten Rahmen für den Auftritt des CEO. Doch heute war es nicht Kais einschüchternde Präsenz, die die Blicke auf sich zog. ​Es war das Kind in seinen Armen. ​Sayuri war das perfekte Ebenbild ihrer Mutter: Die wilden, lockigen weißen Haare wippten bei jeder Bewegung ihres Vaters, und ihre großen, leuchtend magentafarbenen Augen strahlten eine kindliche Unschuld aus, die im krassen Gegensatz zu der Macht stand, die sie vor wenigen Minuten entfesselt hatte. ​Ein kollektives, entzücktes Raunen ging durch die Reihen der weiblichen Angestellten. Die Damen am Empfang, die normalerweise wie Statuen der Effizienz wirkten, unterbrachen ihre Gespräche. ​„Oh mein Gott, schauen Sie sich das an“, flüsterte eine junge Sekretärin ihrer Kollegin zu, während sie fast den Hörer ihres Telefons fallen ließ. „Sie sieht aus wie eine kleine Fee... genau wie Madame Nami, nur mit dieser frechen Art.“ ​„Und wie Monsieur Kai sie hält“, hauchte die andere, während ihr Herz sichtlich schmolz. „Der unnahbare Boss und diese wunderschöne kleine Mini-Nami... das ist das Süßeste, was ich je in diesem Tower gesehen habe.“ ​

Oben im obersten Stockwerk angekommen, schloss Kai die massive Tür seines Büros und verriegelte sie mit einem vernehmbaren Klicken. Erst jetzt ließ er die Anspannung aus seinen Schultern weichen. Er setzte Sayuri vorsichtig auf den weichen Teppich, doch die Kleine ließ seinen Ärmel erst nach einem Moment los. ​Nami sank in einen der schweren Ledersessel und vergrub das Gesicht kurz in ihren Händen, bevor sie zu ihrer Tochter aufsah. Sayuri wirkte keineswegs traumatisiert; im Gegenteil, sie schien von der Energie ihres eigenen Ausbruchs regelrecht aufgeputscht zu sein. Sie begann sofort, neugierig an den silbernen Brieföffnern auf Kais Schreibtisch herumzufummeln.
 

​„Also, Sayuri“, begann Nami mit einer Stimme, die noch immer leicht bebte. „Erklär uns das bitte. Warum bist du einfach weggelaufen? Claire hatte schreckliche Angst.“ ​Sayuri hielt inne und sah ihre Mutter mit einem absolut ernsthaften Blick an. „Aber Mama, ich wollte Papa doch besuchen! Claire hat auf den großen Turm gezeigt und gesagt, dass ihr beide da drin seid und auf alles aufpasst. Und der Turm sah so nah aus!“ ​Sie breitete ihre kleinen Arme weit aus. „Ich wollte ganz schnell sein wie ein Blitz. Ich wollte Papa überraschen, damit er sich freut, wenn ich plötzlich in seinem Zimmer stehe.“ ​Kai saß auf der Kante seines Schreibtisches und beobachtete sie intensiv. Er spürte noch immer das leichte Prickeln auf seiner Haut – der Rest der gewaltigen Zeit-Aura, die Sayuri ausgestoßen hatte. ​„Du warst sehr schnell, kleiner Schatz“, sagte er leise und zog sie zwischen seine Knie. „Aber du hättest fast einen Unfall gehabt. Hast du gesehen, wie die Autos auf dich zugekommen sind?“ ​Sayuri schüttelte den Kopf, ihre weißen Locken flogen hin und her. „Nein, Papa. Alles war ganz leise und friedlich. Ich hab gewollt, dass sie warten, bis ich drüben bin. Und dann haben sie gewartet. Sie haben sich gar nicht mehr bewegt, wie in meinem Bilderbuch, wenn ich die Seite nicht umblättere.“ ​Nami tauschte einen bleichen Blick mit Kai. Das war keine Einbildung. Sie hatte die Welt mit ihrem Willen buchstäblich angehalten. ​„Sie hat keine Ahnung, was sie da getan hat“, flüsterte Nami. „Kai, sie ist dreieinhalb Jahre alt. Wenn sie die Zeit einfrieren kann, nur weil sie über die Straße will... was passiert, wenn sie mal richtig wütend wird oder Angst hat?“ ​
 

Kai strich Sayuri über das Haar. Seine Züge waren hart, doch seine Augen voller Sorge. „Das bedeutet, dass wir sie nicht mehr aus den Augen lassen dürfen. Und wir müssen herausfinden, ob diese Kraft noch andere Überraschungen für uns übrig hält. Er sah zu Nami, die blass in ihrem Sessel saß und das Geschehen mit einer Mischung aus mütterlicher Angst und der analytischen Distanz einer Bit-Beast-Trägerin beobachtete. ​„Wir müssen wissen, ob das ein einmaliger Reflex war, ausgelöst durch Todesangst, oder ob sie bereits eine bewusste Verbindung zu dieser Kraft hat“, flüsterte Kai. Er wollte Sayuri nicht erschrecken, doch die kühle Professionalität des Tachiwari-Chefs blitzte in seinen rubinroten Augen auf. ​Er griff langsam nach hinten auf seinen Schreibtisch. Zwischen seinen Fingern hielt er einen edlen, tiefschwarze Schreibfüller, den er normalerweise für wichtige Unterschriften nutzte. ​„Sayuri, mein Schatz“, sagte er mit einer sanften, aber fokussierten Stimme. „Du hast gesagt, die Autos haben gewartet wie in deinem Bilderbuch. Kannst du das nochmal machen?“ ​Sayuri legte den Kopf schief. Ihre magentafarbenen Augen fixierten die Feder. „Warten lassen?“, piepste sie. ​„Ich werde diesen Stift jetzt loslassen“, erklärte Kai. „Ich möchte, dass du versuchst, ihn ganz fest anzuschauen. Wenn du willst, dass er wartet, bevor er den Boden berührt... dann sag es ihm in deinem Kopf.“ ​Nami beugte sich vor, ihr Atem stockte. „Kai, sie ist ein Kleinkind, kein Laborobjekt...“ ​„Ich muss es wissen, Nami“, unterbrach er sie kurz angebunden, ohne den Blick von seiner Tochter abzuwenden. ​Kai hob den Füller hoch über den Kopf der Kleinen. Sayuri starrte das schwarze Objekt an, ihre kleinen Fäuste ballten sich. Sie wirkte plötzlich unnatürlich konzentriert, ein kleiner Fels in der Brandung des riesigen Büros. ​Kai ließ den Füller los. ​Normalerweise wäre das schwere Ding sofort zu Boden gefallen. Doch in dem Moment, als Kais Finger den Kontakt verloren, geschah es wieder. Ein fast unhörbares Klick, wie das Einrasten eines Schlosses, hallte durch den Raum. ​Der Füller blieb stehen. ​Er hing exakt zehn Zentimeter unter Kais Hand in der Luft, völlig unbeweglich, als wäre er in unsichtbares Harz eingegossen worden. Es gab kein Trudeln, keine Vibration. Die Zeit für diesen speziellen Gegenstand war einfach erloschen. ​Sayuri kniff die Augen fest zusammen. ​„Sie... sie hält sie fest“, hauchte Nami und stand ungläubig auf. Sie trat näher und wollte nach dem Füller greifen, doch Kai hielt sie am Handgelenk fest. ​„Nicht berühren. Wir wissen nicht, wie stabil das Feld ist“, warnte er. Er beobachtete, wie ein winziger Schweißtropfen an Sayuris Schläfe hinunterlief. „Genug, Sayuri. Lass los. Es ist gut.“ ​In dem Moment, als Kai das Kommando gab, entspannte sich das Kind. Das Leuchten erlosch, und der Füller vollendete seinen Fall, als wäre nie etwas passiert, und landete mit einem leisen Ploppen auf dem Teppich.
 

Kai starrte auf den Boden, als könnte er dort die Antwort auf das Unmögliche finden. Er hob den Füller auf und drehte ihn langsam zwischen seinen Fingern, bevor er den Blick wieder auf Sayuri richtete. ​„Vielleicht hat sich die Aura gerade erst durch den extremen Schockmoment auf der Straße entfaltet“, sagte er leise zu Nami, während er seine Hand schützend auf Sayuris Kopf legte. „Es ist möglich, dass die Kraft noch völlig instabil ist und sich erst festigen muss, so wie bei uns damals. Ein solcher Ausbruch in diesem Alter ist eigentlich kaum vorstellbar, aber die Lebensgefahr muss etwas in ihr getriggert haben.“ ​Er kniete sich wieder vor seine Tochter, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Sein Blick war nun nicht mehr forschend, sondern weich und besorgt. ​
 

„Sayuri“, begann er ruhig. „Kannst du das schon lange? Hast du schon mal früher bemerkt, dass Dinge einfach stehen bleiben, wenn du es willst?“ ​Sayuri sah ihren Vater aus ihren großen Magentaugen an und schüttelte langsam den Kopf, wobei ihre weißen Locken wippten. Sie wirkte selbst ein wenig erstaunt über das, was gerade passiert war. ​„Nein, Papa“, piepste sie leise. „Ich wusste gar nicht, dass ich das kann. Aber als ich auf der Straße war und die großen Autos so laut waren... da war da plötzlich eine nette Stimme in meinem Kopf.“ ​Nami hielt den Atem an und trat einen Schritt näher. „Eine Stimme, Schatz? Was hat die Stimme gesagt?“ ​Sayuri lächelte ein wenig, als würde sie an etwas Schönes denken. „Sie hat gesagt: 'Keine Angst. Du kannst sie anhalten. Sag ihnen einfach, dass sie warten sollen.' Und dann hab ich das gemacht. Und dann war alles ganz leise.“ ​Kai und Nami tauschten einen vielsagenden Blick aus. Das bedeutete, dass Sayuri nicht nur eine passive Kraft besaß, sondern dass ihr Bit-Beast bereits aktiv mit ihr kommunizierte. Kai und Nami verharrten in tiefer Stille, während sie versuchten, die Tragweite von Sayuris Worten zu begreifen. Dass ein Bit-Beast so früh und so klar mit seinem Träger kommunizierte, war selbst für ihre Verhältnisse außergewöhnlich. ​Nami kniete sich nun ebenfalls zu Sayuri auf den weichen Teppich, um auf gleicher Augenhöhe mit ihr zu sein. Sie nahm die kleinen Hände ihrer Tochter in ihre und strich sanft über ihre Fingerknöchel. ​„Diese Stimme, Sayuri...“, begann Nami behutsam. „Ist sie jetzt gerade auch da? Klingt sie wie jemand, den du kennst, oder ist sie ganz neu?“ ​
 

Sayuri legte den Kopf schief und schien in sich hineinzulauschen. Ein kleiner Schatten von Konzentration huschte über ihr Gesicht. „Sie ist jetzt ganz leise“, flüsterte sie. „Sie klingt wie... wie warmer Wind im Garten. Und sie ist sehr lieb. Sie sagt, ich soll mich ein bisschen ausruhen, weil ich so viel Kraft gebraucht habe.“ ​Kai beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Misstrauen und Erleichterung. Als Träger von Dranzer wusste er, dass die Verbindung zu einem Bit-Beast oft eine Last sein konnte, besonders wenn es um so gewaltige Mächte wie die Zeitmanipulation ging. ​„Hat sie dir auch ihren Namen verraten?“, fragte Kai mit tiefer Stimme. „Die Stimme in deinem Kopf... wie möchte sie genannt werden?“ ​Sayuri kicherte kurz, ein helles, unbeschwertes Geräusch, das die düstere Atmosphäre im Büro für einen Moment vertrieb. „Sie hat gesagt, ich darf sie 'Chronos' nennen, wenn ich sie rufen will.“ ​Nami erstarrte förmlich. Chronos. Der Name war in den alten Legenden tief mit der Zeit und der Unendlichkeit verwoben. Sie sah zu Kai auf und sah in seinem Blick dieselbe Erkenntnis: Das war keine gewöhnliche Elementarkraft. ​„Chronos...“, wiederholte Kai leise. Er spürte, wie Dranzer tief in seinem Inneren unruhig wurde, als würde das Bit-Beast die Präsenz einer uralten Macht in dem kleinen Mädchen spüren. „Sayuri, hat Chronos dir gesagt, dass du das mit dem Anhalten öfter machen sollst?“ ​„Nur wenn es gefährlich ist“, antwortete Sayuri prompt und gähnte dann ausgiebig. Die Anstrengung der letzten Stunde forderte nun ihren Tribut. „Sie sagt, ich muss erst noch wachsen, bevor wir richtig spielen können.“ ​Nami zog Sayuri sanft in ihre Arme und drückte sie fest an sich. „Das ist gut, Schatz. Chronos hat recht. Du musst erst noch wachsen.“ Sie sah Kai über Sayuris Schulter hinweg an. „Wir müssen vorsichtig sein, Kai. Wenn Chronos jetzt schon so präsent ist, wird Sayuri Dinge sehen und fühlen, die ein Kind in ihrem Alter niemals verarbeiten sollte.“ Das schwere Klicken des Schlosses kündigte Besuch an, noch bevor die Tür sich öffnete. Armon, Kais zwei Meter großer Sicherheitschef, dessen massive Statur im Türrahmen fast den gesamten Lichteinfall schluckte, trat ein. Er wirkte wie eine unüberwindbare Mauer, doch sein Blick war respektvoll gesenkt, als er Claire und die kleine Mirai in das Allerheiligste des Towers führte. ​„Sir, Madame“, sagte Armon mit seiner tiefen Bassstimme und trat beiseite. „Ich habe sie wie befohlen direkt von unten abgeholt.“ ​Claire wirkte, als wäre sie in den letzten dreißig Minuten um Jahre gealtert. Ihr sonst so akkurater Dutt war leicht zerzaust, und ihre Augen waren gerötet. Die kleine Mirai, Hanas Tochter, hielt sich fest an Claires Hand. Sie hatte ein großes Pflaster auf dem Knie und blickte neugierig mit ihren amethystfarbenen Augen durch das riesige Büro. ​Nami stand sofort auf und nahm Claire bei den Händen. „Gott sei Dank, ihr seid da.“ ​„Madame Nami, Monsieur Kai... es tut mir so unendlich leid“, flüsterte Claire mit ihrem schweren französischen Akzent. „Ich habe nur eine Sekunde nicht hingesehen...“ ​„Schon gut, Claire“, unterbrach Kai sie mit einer seltenen Sanftheit in der Stimme. Er deutete auf die große, dunkelbraune Ledercouch. „Setz die Mädchen erst einmal hin. Wir müssen reden.“ ​Armon verbeugte sich kurz und zog sich lautlos zurück, um die Tür von außen zu bewachen.
 

Während Claire Mirai und die mittlerweile wieder recht muntere Sayuri auf die Couch hob und ihnen ein Tablet mit ihren liebsten Trickfilmen hinhielt, kehrte eine trügerische Normalität in den Raum zurück. Die bunten Bilder auf dem Bildschirm und das leise Gekicher der beiden Cousinen bildeten einen scharfen Kontrast zu dem Ernst der Lage. ​Claire wusste genau, wem sie diente. Sie war nicht nur ein Kindermädchen; sie war eine Vertraute, die das Geheimnis der Bit Beasts kannte. Sie wusste um Kais Verschmelzung mit Dranzer, Namis Verschmelzung mit Pegasus und dass auch Gou bereits als Träger von Corvus geboren worden war. Bei Sayuri war es immer nur eine Frage der Zeit gewesen, wann das Erbe erwachen würde. ​Kai und Nami stellten sich an den Rand des Fensters, weit genug weg von den Kindern, und erzählten Claire mit gedämpfter Stimme alles – von der roten Ampel, dem SUV und dem Moment, als die Welt zu Glas erstarrte. ​„Die Zeit?“, hauchte Claire und bekreuzigte sich unbewusst. „Sie hat die Zeit angehalten? Mon Dieu... ich wusste, dass sie besonders ist, aber das... das ist eine Macht, die selbst für ein göttliches Wesen schwer zu tragen ist.“ ​„Es war kein Zufall, Claire“, sagte Nami leise und sah zu Sayuri hinüber, die gerade Mirai etwas auf dem Tablet erklärte. „Sie hat mit ihrem Bit Beast gesprochen. Sie nennt es Chronos. Und es hat ihr geholfen, bevor sie wusste, was sie da tut.“ ​Claire sah von einem zum anderen. „Was bedeutet das für uns? Wir können sie kaum noch in einen normalen Park lassen, wenn sie bei jeder Gefahr die Welt einfriert.“ ​Kai verschränkte die Arme vor der Brust, sein Blick war starr auf seine Tochter gerichtet. „Es bedeutet, dass wir sie nicht mehr wie ein normales Kind behandeln können. Sie ist jetzt eine Trägerin. Und Chronos ist bereits wach.“

Kleine Autorität

Kai nickte Claire kurz zu, ein stummes Signal, dass für heute genug Aufregung herrscht. „Claire, nimm Mirai mit und fahr sie direkt zu Hana. Ich möchte, dass ihr sicher zu Hause seid, bevor die Rushhour beginnt.“

​Gerade als Claire die Taschen der Mädchen zusammenpackte, vibrierte Kais Telefon auf dem Schreibtisch. Es war die interne Leitung von Armon. „Sir, Hiro Tachiba ist soeben im Foyer eingetroffen. Er hat das Sicherheitspersonal ignoriert und ist direkt in Ihren Privat-Aufzug gestiegen. Er wirkt... äußerst zielstrebig. Er wird in etwa dreißig Sekunden bei Ihnen sein.“

​Kai und Nami tauschten einen überraschten Blick. Hiro war ein seltener Gast im Tachiwari-Tower; seine Zeit gehörte fast ausschließlich der Leitung von Tachibey Industries. Dass er unangemeldet erschien, verhieß meist nichts Gutes.

Sie beobachteten die geschlossene Tür, während sie auf das angekündigte Erscheinen von Hiro warteten. Trotz der modernen Technik des Towers und Armons Warnung war es das respektvolle, fast bedächtige Klopfen an der schweren Tür, das die Ankunft des Tachiba-Oberhaupts endgültig markierte.

​„Herein“, sagte Kai mit fester Stimme.

​Hiro trat ein. Er trug seinen gewohnt dunklen, maßgeschneiderten Anzug, doch sein Gesicht wirkte müde, gezeichnet von einer Erschütterung, die nichts mit den Aktienkursen von Tachibey Industries zu tun hatte. Er schloss die Tür hinter sich, bevor er sich Sayuri und Mirai zuwandte. Ein kurzes, ehrliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als die Mädchen ihn stürmisch begrüßten, doch seine Augen blieben ernst.

​Nachdem Claire sich anschließend zusammen mit Mirai verabschiedet hatte und die Tür endgültig ins Schloss gefallen war, kehrte eine fast andächtige Stille in den Raum zurück. Hiro strich sich über die Stirn und atmete tief durch.

​„Nami, Kai... ich wäre nicht so überstürzt hierhergekommen, wenn es nicht unumgänglich wäre“, begann er leise. Er sah Sayuri an, die nun wieder auf der Couch saß, und man konnte die Ehrfurcht in seinem Blick fast greifen. „Mitten in einer Besprechung passierte es. Ich saß am Schreibtisch, als ich diese Schockwelle spürte. Es war kein gewöhnliches Beben. Es war, als würde das Gefüge der Welt für einen Moment den Atem anhalten.“

​Er trat näher an das Fenster und blickte hinaus auf das Häusermeer von Shinjuku. „In diesem Moment hat Aetherion zu mir gesprochen. Seit Jahren... seit so vielen Jahren war er still. Ich dachte schon, die Verbindung wäre endgültig verblasst“

​Nami sah ihren Vater überrascht an. Dass auch er in den letzten Jahren kaum noch Kontakt zu seinem Bit Beast gehabt hatte, war eine Information, die er bisher stets für sich behalten hatte.

​„Aetherion hat zu dir gesprochen?“, hauchte Nami. Der mächtige Greif ihres Vaters galt unter den Trägern als eine Art Weiser, eine Kreatur, die durch ihren direkten Draht zur Welt der Bit Beasts Dinge wahrnehmen konnte, die den anderen Beasts verborgen blieben.

​„Er hat alles gesehen“, fuhr Hiro fort und wandte sich wieder zu ihnen um. „Er hat mir von der Kreuzung erzählt. Er spürte Chronos. Die Energie war so gewaltig, dass sie durch die ganze Stadt vibrierte. Sayuris Bit Beast ist erwacht, und es hat die Zeit selbst gebeugt.“

​Hiro trat auf Kai zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah die tiefe Anspannung in den Zügen seines Schwiegersohns. „Aetherion hat mir gesagt, ich soll euch beruhigen. Er sagt, Sayuris Aura ist durch diesen plötzlichen, gewaltigen Ausbruch momentan noch instabil. Es ist wie eine Welle, die noch nachschwingt. Aber es ist nichts, was ihren Körper dauerhaft schädigen wird. In den nächsten Tagen wird sich die Energie setzen und festigen.“

​Er blickte wieder zu der kleinen Sayuri, die völlig unschuldig auf das Tablet tippte. „Sie ist die Trägerin eines Bit Beasts welches sich Chronos nennt. Das ist eine Verantwortung, die wir uns alle nicht hätten vorstellen können. Aber Aetherion ist wachsam. Er wird über sie wachen, so gut er kann.“

​Kai spürte, wie sich ein Teil der eisigen Last in seiner Brust löste, auch wenn die Sorge um die Zukunft blieb. Dass Hiro und Aetherion als Mentoren zur Verfügung standen, war ein unschätzbarer Vorteil.
 

Die angespannte Stille im Büro wurde erneut durch das diskrete, aber beharrliche Vibrieren von Kais Smartphone unterbrochen. Kai warf einen genervten Blick auf das Display. Wieder die interne Leitung aus dem Erdgeschoss. Wieder Armon.

​„Was ist es jetzt noch, Armon?“, fragte Kai, seine Stimme ein warnendes Knurren.

​„Sir“, begann Armon am anderen Ende, und für einen Mann seiner Statur klang er ungewöhnlich zögerlich. „Hier steht Ihr Butler, Graham, vor dem Sicherheitsbereich. Er bittet um Einlass. Er hat einen kleinen Jungen bei sich.“ Armon hielt kurz inne. „Der Junge blickt mich äußerst finster an, Sir. Er behauptet steif und fest, er sei Ihr Sohn Gou. Er verlangt, sofort zu Ihnen gebracht zu werden.“

​Kai rieb sich mit der freien Hand die Schläfe und stieß einen schweren Seufzer aus. „Armon, warum rufst du mich deswegen an und lässt sie nicht einfach durch? Man sieht doch auf den ersten Blick, dass Gou mein Sohn ist!“

​Am anderen Ende der Leitung herrschte für einige Sekunden absolutes Schweigen.
 

Armon, der zwei Meter große Hüne, der normalerweise jede Situation mit stoischer Ruhe meisterte, war sichtlich aus dem Konzept gebracht. Er starrte hinunter auf den Jungen, der mit verschränkten Armen vor ihm stand. Gou trug zwar seine Schuluniform, doch sein Blick, die Haltung seines Kopfes und diese unterkühlte, autoritäre Aura waren eine fast beängstigende Kopie seines Vaters. Nicht zu vergessen sein Äußeres, welches Kai bis aufs Haar glich. Armon sprach es nicht aus, aber er war schlichtweg verwirrt gewesen, plötzlich vor einer Elfjährigen-Version seines Bosses zu stehen, die ihn mit einer solchen Selbstverständlichkeit musterte.

​„Ich... ich wollte nur absolut sichergehen, Sir“, antwortete Armon schließlich, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte. Wie sein Chef war auch er kein Mann der vielen Worte. „Ich wollte sicherstellen, dass ich die beiden ohne Vorankündigung passieren lassen darf, da ja bereits Mr. Tashiba bei Ihnen im Büro ist. Ich schicke sie sofort hoch.“

​Kai legte auf und sah kopfschüttelnd zu Nami und Hiro. „Gou ist unten. Er scheint die Schule vorzeitig verlassen zu haben. Graham hat ihn wohl abgeholt.“

​Nur kurze Zeit später klopfte es erneut – diesmal war es das vertraute, rhythmische Klopfen von Graham. Als Kai wieder ein lautes "Herein" ausstieß, trat der Butler ein, gefolgt von Gou. Während Graham wie gewohnt dezent im Hintergrund blieb, schritt Gou mit einer Zielstrebigkeit in den Raum, die für sein Alter ungewöhnlich war.

​Sayuri sprang sofort von der Ledercouch auf, das Tablet völlig vergessend. „Gou! Schau mal, ich bin im Büro von Papa!“, rief sie begeistert.

​Gou beachtete die freudige Begrüßung seiner Schwester erst einmal nicht. Er blieb mitten im Raum stehen, sein Blick wanderte von Sayuri zu seinen Eltern und blieb schließlich bei seinem Großvater Hiro hängen. Gou spürte die verbliebene Energie im Raum – das bittere, metallische Prickeln, das Chronos’ Ausbruch hinterlassen hatte.

​Er legte den Kopf schief und sah Hiro direkt in die Augen. „Du hast es also auch gespürt, Großvater?“, fragte Gou mit einer Stimme, die viel zu ernst für einen Elfjährigen klang. „Aetherion ist wach, nicht wahr? Ich habe sein Brüllen bis in den Klassenraum gehört, als es passierte.“

​Hiro nickte langsam, sichtlich beeindruckt von der Wahrnehmung seines Enkels. „Du hast recht, Gou. Die Schockwelle war gewaltig.“

​Gou wandte sich nun Sayuri zu. Er trat auf sie zu und legte ihr ganz kurz eine Hand auf den Kopf, eine Geste, die gleichzeitig beschützend und prüfend wirkte. „Du hast die Welt angehalten, kleine Schwester“, murmelte er leise.
 

Gou stand mit einer unerschütterlichen Ruhe im Raum, die selbst Kai in diesem Alter kaum besser hätte zur Schau stellen können. Er blickte zu seiner kleinen Schwester, dann zu seiner Mutter, die ihn erwartungsvoll ansah.

​„Corvus hat es mir mitten im Unterricht zugeflüstert“, erklärte Gou mit seiner klaren, ernsten Stimme. „Er war plötzlich ganz laut und sagte, dass ein neues Bit Beast erwacht sei – eines mit einer uralten, schweren Macht. Aber ich musste gar nicht auf ihn warten, um es zu begreifen. Ich habe die Aura selbst gespürt. Es hat sich angefühlt, als würde die Luft im Klassenzimmer plötzlich gefrieren.“

​Er sah kurz zu Graham, der bestätigend nickte. „Ich habe dem Lehrer gesagt, dass ich auf die Toilette muss, und bin direkt rausgegangen. Ich habe Graham angerufen, damit er mich abholt. Ich wusste sofort, dass es Sayuri war. Niemand sonst hat diese Farbe in seiner Energie.“

​Nami trat einen Schritt auf ihren Sohn zu, ihre Augen weit vor Erstaunen. Dass die Verbindung zwischen Gou und Corvus so unmittelbar und beständig war, berührte sie zutiefst, löste aber auch eine leise Wehmut in ihr aus.

​„Gou... spricht Corvus immer zu dir?“, fragte sie leise und suchte seinen Blick. „Ist er jeden Tag bei dir?“

​Gou nickte ganz selbstverständlich, als wäre es das Natürlichste der Welt. „Er ist immer da, Mutter. Seit dem Tag, an dem er in mir erwacht ist, höre ich sein Flüstern. Manchmal sind es nur Warnungen, manchmal zeigt er mir Dinge, die ich sonst übersehen würde. Er ist nie wirklich still.“

​Nami schwieg und legte unbewusst eine Hand auf ihre Brust, genau dorthin, wo sie die Essenz von Pegasus wusste. In ihrem Inneren breitete sich eine sehnsüchtige Frage aus:
 

Wann wirst du wieder zu mir sprechen?
 

Sie erinnerte sich an die Zeiten, in denen Pegasus' Stimme ihr Anker gewesen war, doch seit geraumer Zeit herrschte dort nur eine warme, schützende Stille. Wenn Hiro nun Aetherions Stimme wieder hörte und Sayuri bereits mit Chronos kommunizierte, fragte sie sich, ob der Tag näher rückte, an dem auch ihr eigener Gefährte sein Schweigen brechen würde.

​Kai beobachtete seine Frau genau und schien ihre Gedanken zu erraten. Er trat an ihre Seite und legte ihr eine Hand auf die Schulter, während sein Blick zurück zu Gou wanderte.

​„Wenn Corvus immer da ist“, sagte Kai mit einem Anflug von Stolz in der Stimme, „dann hast du das Flüstern heute richtig gedeutet. Du hast gut reagiert, Gou.“

​Hiro beobachtete das Zusammenspiel der Generationen mit einem nachdenklichen Ausdruck. „Es scheint, als würde sich der Schleier zwischen unseren Welten und der Welt der Bit Beasts wieder heben. Wenn die Kinder bereits so früh eine so tiefe Verbindung haben, müssen wir darauf vorbereitet sein, dass sich auch unsere alten Gefährten Dranzer und Pegasus bald wieder zu Wort melden.“

Gou trat einen Schritt näher an die Ledercouch heran, auf der Sayuri saß. Er ignorierte die Trickfilme auf dem Tablet und sah seine kleine Schwester mit diesem intensiven, fast schon prüfenden Blick an, den er von Kai geerbt hatte.

​„Hör zu, Sayuri“, begann er leise, und seine Stimme hatte diesen ruhigen, belehrenden Unterton, den er oft annahm, wenn er ihr etwas Wichtiges erklären wollte. „Wenn Chronos wieder zu dir spricht, darfst du nicht erschrecken. Es fühlt sich am Anfang an wie ein Kitzeln hinter den Ohren oder wie ein Gedanke, von dem du weißt, dass er nicht dein eigener ist. Corvus sagt mir immer, dass wir nicht mit ihnen sprechen müssen wie mit echten Menschen. Du musst nur fühlen, was sie wollen.“

​Sayuri legte den Kopf schief und sah Gou mit großen Augen an. „Wie Fühlen, Gou?“

​„Wie wenn du weißt, dass es gleich regnet, obwohl die Sonne noch scheint“, erklärte er geduldig. „Wenn Chronos flüstert, dann hör nicht nur auf die Worte. Spür auf dein Herz. Wenn es schwer wird, will sie die Zeit anhalten. Wenn es leicht wird, will sie sie laufen lassen. Du bist der Chef, Sayuri. Nicht die Stimme.“

​Nami beobachtete das Gespräch ihrer Kinder mit einer Mischung aus Stolz und tiefer Nachdenklichkeit. Sie wandte sich an Kai, der immer noch mit verschränkten Armen am Fenster stand.

​„Kai“, sagte sie leise, während sie zu ihm trat. „Ich habe überlegt... vielleicht sollten wir Sayuri die nächsten Tage nicht im Anwesen lassen, sondern sie direkt hierher mit in den Tower nehmen. Hier haben wir sie unter ständiger Beobachtung, und wir können sofort reagieren, falls ihre Aura wieder instabil wird.“

​Kai hob eine Augenbraue. „Sie hier im Büro zu haben, während wir die Tachiwari-Corporation leiten?“

​„Wir nehmen Claire mit“, schlug Nami vor. „Sie kommt mit Sayuri hierher in den Tower. Claire kann sich in dem Nebenraum oder in der Lounge um sie und die Spiele kümmern, während wir arbeiten. So sind sie in unserer Nähe, Armon und seine Leute sichern das Gebäude, und keiner von uns beiden muss seine Arbeit vernachlässigen, nur um nach dem Rechten zu sehen. Es ist sicherer, als wenn sie im weitläufigen Anwesen sind, während wir hier in Shinjuku festsitzen.“

​Kai blickte von Nami zu Sayuri, die gerade versuchte, Gous Hand zu fangen, und dann zu Hiro, der zustimmend nickte. Die Vorstellung, seine Tochter in Reichweite zu haben, beruhigte den kontrollbewussten Teil seines Wesens.

​„In Ordnung“, entschied Kai schließlich. „Graham, sag Claire Bescheid. Sie soll sich darauf vorbereiten, die nächsten Tage ihren Dienst hier im Tower zu verrichten. Ich werde Armon anweisen, einen der angrenzenden Räume als Spielzimmer für die Kinder herzurichten. Wenn Chronos sich rührt, will ich der Erste sein, der es erfährt.“

​Hiro lächelte dünn. „Eine kluge Entscheidung. Die Nähe zu euch beiden wird Sayuris Aura helfen, sich schneller zu erden. Und wer weiß... vielleicht ist die Präsenz von so vielen Bit Beasts an einem Ort genau das, was Pegasus braucht, um endlich auch wieder seine Stimme zu erheben.“
 

​Der nächste Morgen begann für die Belegschaft des Tachiwari-Towers mit einer Überraschung, die das übliche kühle Geschäftsklima völlig auf den Kopf stellte. Während Kai und Nami wie gewohnt in ihrem perfekt abgestimmten Business-Outfit durch die Lobby schritten, war es die kleine Gestalt zwischen ihnen, die alle Blicke auf sich zog.

​Claire hatte ihr ganzes diplomatisches Geschick und ihren Sinn für Ästhetik genutzt, um Sayuri für ihren „Bürodienst“ einzukleiden. Die Kleine trug ein feines, dunkelblaues Kleidchen aus Samt mit einem schneeweißen Spitzenkragen, dazu farblich passend kleine weiße Kniestrümpfe und glänzende Lackschühchen. Ihr silberweißes, lockiges Haar war mit einer kleinen, dunkelblau farbenen Schleife teilweise zurückgesteckt, was ihr Gesicht – das so sehr dem von Nami ähnelte – noch mehr strahlen ließ.

​Als die Fahrstuhltüren im obersten Stockwerk aufglitten, hielt die gesamte Vorzimmer-Etage kurz den Atem an. Die weiblichen Angestellten, die sonst mit gesenkten Köpfen über ihren Berichten brüteten, schmolzen beim Anblick der kleinen „Prinzessin“ förmlich dahin.

​„Oh mein Gott...“, flüsterte eine der Assistentinnen, während sie die Hände vor das Gesicht schlug. „Sie sieht aus wie eine lebendig gewordene Puppe.“

​Sayuri genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Mit einem stolzen Lächeln und funkelnden Augen winkte sie den Damen zu, während sie fest an Kais Hand blieb. Kai versuchte, sein gewohntes Pokerface zu wahren, doch das leichte Zucken in seinem Mundwinkel verriet, dass er den Stolz über seine wunderschöne Tochter kaum verbergen konnte.

​Während Claire in einem angrenzenden Raum, welcher eigentlich für Akten reserviert war, ein kleines Paradies aus Kuscheltieren und Malbüchern aufbaute, begann für Kai und Nami der Ernst des Arbeitsalltags.
 

Doch Sayuri hatte ihre eigenen Pläne.
 

​Kaum hatte Kai die erste Videokonferenz mit den europäischen Partnern gestartet, hörte man ein leises Tapp-Tapp-Tapp auf dem steinernen Boden. Trotz Claires Bemühungen war Sayuri viel zu neugierig auf das, was „Papa“ in diesem großen Raum mit den vielen Bildschirmen tat.

​„Papa?“, ertönte eine helle Stimme mitten in einer wichtigen Ausführung über Marktanalysen.

​Kai hielt inne. Die Geschäftspartner auf dem Bildschirm – gestandene Männer in London und Paris – starrten irritiert, dann amüsiert auf den kleinen Kopf mit den weißen Locken, der plötzlich am unteren Bildrand auftauchte. Sayuri hatte es geschafft, an Claire vorbeizuhuschen und sich unter Kais Schreibtisch durchzuschmuggeln.

​Nami, die gerade aus ihrem eigenen Büro durch die Seitentür trat, unterdrückte ein Lachen. Sie sah, wie Kai kurz die Augen schloss, tief durchatmete und dann – für alle Anwesenden völlig untypisch – Sayuri mit einer fließenden Bewegung hochhob und sie kurzerhand auf seinen Schoß setzte.

​„Das ist meine Tochter“, sagte er knapp zu den verblüfften Partnern in Europa, als wäre es das Normalste der Welt, eine Dreijährige in einem Multimillionen-Dollar-Meeting dabeizuhaben. „Fahren Sie fort.“

​Sayuri saß mucksmäuschenstill, die Hände brav auf den Tisch gelegt, und beobachtete mit ihren magentafarbenen Augen die flackernden Lichter auf den Bildschirmen. Sie schien die Ernsthaftigkeit der Situation zu spüren – oder vielleicht war es auch Chronos, die in ihrem Inneren ruhig blieb und die Atmosphäre des Towers aufsaugte.
 

Gegen Mittag legte sich die erste geschäftige Unruhe im obersten Stockwerk. Kai schloss die letzte Akte, während Nami ihre Handtasche griff. Sayuri saß immer noch auf Kais Schoß, die kleinen Hände mittlerweile mit einem Malstift beschäftigt, den sie auf einem Notizblock ausprobiert hatte.

​„Komm, kleiner Schatz“, sagte Nami sanft und trat an Kais Schreibtisch. „Wir gehen jetzt etwas essen.“

​Sie wandten sich an Claire, die gerade aus dem umfunktionierten Aktenraum trat, um nach ihrer Schützling zu sehen. „Möchtest du mit uns nach oben ins Firmenrestaurant kommen, Claire?“, fragte Nami höflich.

​Claire lächelte dankbar, schüttelte aber den Kopf. „Vielen Dank, Madame, aber ich brauche nach diesem ereignisreichen Vormittag eher einen starken schwarzen Kaffee. Ich werde hinunter in die Lobby gehen und mir dort einen Moment Ruhe gönnen. Gehen Sie ruhig als Familie allein – Sayuri hat sich heute ohnehin vorbildlich benommen.“
 

​Nami beobachtete, wie Sayuri sofort Kais Hand griff, als dieser aufstand. Die Kleine strahlte ihren Vater an, als wäre er das Zentrum ihres Universums. Nami bemerkte gerührt, dass Sayuri sich den ganzen Morgen über nur deshalb so unglaublich lieb und geduldig verhalten hatte, weil sie ununterbrochen in Kais Nähe sein durfte. Ein richtiges Papakind, das jede Sekunde der Aufmerksamkeit ihres sonst so beschäftigten Vaters genoss.
 

​Das Firmenrestaurant im obersten Stockwerk des Tachiwari-Towers war ein Ort gläserner Eleganz. Als die drei eintraten, verstummten die Gespräche an den Tischen für einen Moment. Kai, der wie immer eine kühle, fast unantastbare Autorität ausstrahlte, führte seine Tochter an der Hand, als wäre sie seine wertvollste Verbündete.

​Sie nahmen an einem Ecktisch im Bereich der Führungsebene mit Blick über ganz Tokio Platz. Während Sayuri eifrig in der Speisekarte blätterte, als könne sie die komplexen Gerichte bereits lesen, lehnte Nami sich ein Stück zu Kai vor. Die Atmosphäre im Restaurant war geladen mit respektvollen Blicken der anderen Manager, die ihren Chef in dieser neuen, weichen Rolle beobachteten.

​Nami senkte die Stimme zu einem verführerischen Flüstern und raunte ihm ins Ohr: „Weißt du eigentlich, wie unglaublich sexy es ist, dich hier in deinem Reich mit deiner Tochter zu sehen? Die Atmosphäre des Towers,... und dann diese Sanftheit ihr gegenüber.“

​Sie warf einen kurzen Blick in die Runde und lächelte wissend. „Ich bin übrigens nicht die Einzige, die das so sieht, Kai. Schau dir die Gesichter an. Männer, die so souverän mit Kindern umgehen, versprühen noch einmal eine ganz andere, tiefere Aura von Autorität. Es steht dir verdammt gut.“

​Kai erwiderte ihren Blick, und für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte das vertraute, dunkle Feuer in seinen rubinroten Augen auf, das nur ihr galt. Er legte seine Hand kurz über Namis auf den Tisch, während Sayuri freudig verkündete, dass sie unbedingt „Nudeln wie bei Oma Yumi“ wollte. Er neigte sich ein Stück näher zu Nami, sein warmer Atem kitzelte ihre Haut und bildete einen berauschenden Kontrast zu der kühlen, klimatisierten Luft des Restaurants. Ein gefährliches, neckisches Funkeln trat in seine rubinroten Augen.

​„Pass auf, was du sagst, mein Schatz“, flüsterte er mit rauer, dunkler Stimme zurück. „Du weißt genau, dass ich das Büro die nächsten Tage sicher nicht abschließen kann, solange Claire und Sayuri nebenan sind. Bring mich bloß nicht dazu, dich in einen der Besenschränke zu ziehen.“ Er hielt kurz inne und musterte sie intensiv. „Außerdem ist das doch kein neuer Anblick für dich. Du siehst mich jeden Tag mit ihr.“

​Nami biss sich lächelnd auf die Unterlippe, ihre Augen leuchteten. „Da hast du recht“, entgegnete sie leise, während sie seinen Blick hielt. „Ich sehe dich jeden Tag im Anwesen oder draußen im Garten mit ihr. Aber eben noch nie hier, Kai. Nicht im Tower. Hier, wo du dich gegenüber der Belegschaft normalerweise so diskret und distanziert verhältst, wirkt dieser Kontrast tausendmal stärker. Es macht dich... umso verführerischer, ohne dass du an Macht verlierst. Und das ist eine sehr gefährliche Mischung.“

​Kai wollte gerade antworten, als die private Atmosphäre am Tisch durch ein räusperndes Geräusch unterbrochen wurde.

​Ein mittelalter Manager in einem perfekt sitzenden, grauen Anzug – ein Mann namens Asakawa, der die Logistikabteilung mitleitete – war von seinem Tisch aufgestanden und an ihr Ende des Raumes getreten. Er wirkte sichtlich nervös, getrieben von dem Drang, sich beim CEO einzuschmeicheln, unterschätzte jedoch völlig die private Dynamik dieses Mittagessens.

​„Mr. Hiwatari, verzeihen Sie die Störung beim Essen“, begann Asakawa mit einer tiefen Verbeugung, die fast schon unterwürfig wirkte. „Ich wollte nur kurz anmerken, wie bezaubernd Ihre Tochter ist. Ein wahres Abbild von Mrs. Hiwatari “

​Er wandte sich mit einem gönnerhaften Lächeln an die kleine Sayuri, die gerade vorsichtig ihre Nudeln auf die Gabel drehte. „Und, kleine Dame? Gefällt es dir im großen Turm deines Vaters? Später, wenn du groß bist, darfst du vielleicht auch hier arbeiten, wenn du immer brav auf Papa hörst.“

​Asakawa machte den Fehler, den viele Erwachsene bei Kindern machten: Er sprach von oben herab, als wäre Sayuri nur ein hübsches Accessoire. Er ahnte nicht, dass er gerade die Aufmerksamkeit einer dreijährigen Zeit-Wächterin geweckt hatte.

​Sayuri hielt in ihrer Bewegung inne. Die Gabel mit den Nudeln schwebte auf halbem Weg zu ihrem Mund. Sie hob den Kopf und fixierte Asakawa mit ihren magentafarbenen Augen. In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Die Luft um den Tisch herum schien für einen Sekundenbruchteil schwerer zu werden.

​„Ich höre nicht auf Papa, weil ich muss“, sagte Sayuri mit einer Klarheit und einer Kälte in der Stimme, die Sato das Lächeln im Gesicht gefrieren ließ. „Ich höre auf ihn, weil er der Anführer ist. Und du...“ Sie legte den Kopf schief, und für einen Moment leuchtete das Magenta ihrer Augen fast so dunkel wie Kais Rubinrot. „...du solltest deine Logistik-Berichte für nächsten Monat lieber schneller fertig machen. Sie sind unordentlich.“

​Asakawa zuckte sichtlich zusammen. Er trat einen Schritt zurück, als hätte das kleine Mädchen ihn körperlich gestoßen. Er wusste nichts von Chronos oder Auren, aber er spürte instinktiv, dass von diesem Kind eine Autorität ausging, die der seines Chefs in nichts nachstand.

​Nami und Kai tauschten einen schnellen, alarmierten Blick. War das eine unbewusste Eingebung von Chronos gewesen?

​„Vielen Dank, Asakawa“, unterbrach Kai die peinliche Stille mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Sie haben meine Tochter gehört. Ich erwarte die Berichte morgen früh auf meinem Schreibtisch. Guten Appetit noch.“

​Asakawa stammelte eine Entschuldigung, verbeugte sich noch tiefer als zuvor und fast stolperte er zurück zu seinem Tisch.

​Kai sah zu Sayuri hinunter, die nun ganz seelenruhig ihre Nudeln aß, als wäre nichts geschehen. „Woher wusstest du das mit seinen Berichten, kleiner Schatz?“, fragte er leise.

​Sayuri schluckte und lächelte ihn unschuldig an. „Die Stimme hat gesagt, er ist ein Zappelphilipp und seine Papiere sind durcheinander. Ich mag es nicht, wenn er mich wie ein Baby behandelt, Papa.“

​Nami spürte ein leichtes Zittern in ihren Fingerspitzen. Chronos schützte Sayuri nicht nur vor Autos – sie schützte auch ihren Stolz.

Späte Wahrheit

Kai unterdrückte ein stolzes Schmunzeln, das nur Nami wirklich als solches erkennen konnte. Er legte seine Serviette beiseite und sah Sayuri ernst, aber mit einer sanften Wärme in den Augen an.

​„Du hast recht, kleiner Schatz“, begann er ruhig. „Niemand sollte dich wie ein Baby behandeln, denn du bist eine Hiwatari. Aber du musst lernen, dass deine Worte hier im Tower wie Blitze sind. Wenn du sie wahllos schleuderst, erschreckst du die Leute mehr, als es nötig ist.“

​Er strich ihr eine weiße Locke aus der Stirn. „Chronos gibt dir Wissen, das andere nicht haben. Das ist ein Geschenk, aber auch eine Waffe. Ein Anführer benutzt seine Waffe nur, wenn es absolut notwendig ist. Verstehst du? Behalt das Flüstern der Stimme erst einmal für dich, es sei denn, Mama oder ich fragen dich danach. Wir wollen doch nicht, dass die Leute hier denken, du hättest Zauberkräfte, sonst können sie vor lauter Zittern gar nicht mehr arbeiten.“

​Sayuri nickte bedächtig, während sie eine weitere Nudel aufspießte. „Verstanden, Papa. Ich sage es nur noch dir und Mama. Und Gou.“

​Nami beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Erleichterung und tiefer Faszination. Kai lehrte sie bereits jetzt die Kunst der Diskretion und Machtführung – Lektionen, die andere erst Jahrzehnte später lernten. Doch die Präzision, mit der Chronos Sayuri Informationen über die Qualität von Logistikberichten lieferte, war beunruhigend.

​„Sie lernt schnell“, flüsterte Nami Kai zu, während sie ihren Wein hob. „Vielleicht zu schnell. Chronos scheint nicht nur die Zeit zu biegen, sondern auch die Wahrheit hinter den Dingen zu sehen.“

​Nach dem Essen kehrte die kleine Familie in die Chefetage zurück. Schon auf dem Weg durch die Flure bemerkte Nami das veränderte Getuschel. Asakawa hatte zweifellos bereits in der Kantine verbreitet, dass die kleine Tochter des CEO Dinge wusste, die sie eigentlich nicht wissen konnte. Die Blicke der Angestellten waren nun nicht mehr nur verzückt, sondern von einer gehörigen Portion Ehrfurcht und einer Spur Angst geprägt.

​Als sie Kais Büro erreichten, kam ihnen Claire  entgegen. Sie wirkte erfrischt, hielt aber inne, als sie die Gesichter von Kai und Nami sah.

​„Ist etwas passiert?“, fragte sie mit hochgezogenen Brauen. „Sie sehen aus, als hätte Sayuri gerade eine feindliche Übernahme angekündigt.“

​„Nicht ganz“, erwiderte Kai trocken und öffnete die Tür zu seinem Büro. „Aber sie hat Asakawa dazu gebracht, seine Berichte bis morgen früh fertigzustellen. Ich sollte sie öfter mit zu den Abteilungsleitern nehmen.“

​Bevor sie sich jedoch wieder der Arbeit widmen konnten, klopfte es leise an der Tür. Es war Armon. Er trat nicht ganz ein, sondern blieb im Rahmen stehen.

​„Sir, Madame. Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Graham ist gerade mit Gou zurückgekehrt, der darauf besteht, den Nachmittag ebenfalls hier im Tower zu verbringen. Er sagt... die Aura im Ayame-Anwesen fühle sich ohne Sayuri 'unruhig' an.“

​Nami lächelte. Die Geschwisterbande war stärker als jede räumliche Distanz. „Lass ihn hoch, Armon. Wo zwei Hiwatari-Kinder sind, macht ein drittes den Raum auch nicht viel unruhiger.“
 

Während Kai wenig später in ein Telefonat mit der New Yorker Börse vertieft ist und Sayuri leise mit ihren Figuren auf dem Teppich spielte, überkam Nami eine plötzliche, bleierne Müdigkeit. Sie ließ sich in Kais großen, schweren Ledersessel sinken und schloss nur für einen Moment die Augen.
 

Nami spürte, wie die Geräusche des geschäftigen Towers – das gedämpfte Klicken der Tastaturen, Kais sonore Stimme am Telefon und das leise Lachen von Sayuri – immer weiter in die Ferne rückten. Eine angenehme Schwere legte sich auf ihre Glieder, während sie in Kais großem Sessel nach hinten sank. Die Welt um sie herum verschwamm zu einem Nebel aus Licht und Schatten, bis sie schließlich ganz verschwand.

​Als sie die Augen wieder öffnete, befand sie sich an einem Ort, den sie fast schon vergessen geglaubt hatte. Sie stand inmitten der Seelensphäre, jenem metaphysischen Raum, in dem Zeit und Distanz keine Bedeutung besaßen. Der Boden unter ihren Füßen war unsichtbar, glatt wie polierter Kristall, und reflektierte einen Himmel, der in endlosen Nuancen von indigoblauem Samt und goldenen Nebelschleiern pulsierte. Es war still hier, doch es war eine lebendige Stille, aufgeladen mit der reinen Essenz ihrer Existenz.

​Aus der Unendlichkeit des schimmernden Raums trat eine Gestalt hervor. Mit jedem Schritt, den das Wesen auf sie zumachte, wurde Namis Herz leichter. Es war Aethernitas, die wahre, menschliche Gestalt von Pegasus. Er sah aus wie ein Traum aus einer längst vergangenen Ära – ein unglaublich schöner junger Mann mit langem, fließendem weißem Haar, das im imaginären Wind der Sphäre wie flüssiges Silber tanzte. Seine Augen, von einem leuchtenden, fast überirdischen Türkis, fixierten sie mit einer Wärme, die sie bis in ihr tiefstes Inneres erschütterte. Er trug altertümliche, schneeweiße Gewänder, deren Saum mit feinen Goldakzenten bestickt war, die bei jeder Bewegung sanft aufleuchteten.

​Aethernitas blieb direkt vor ihr stehen. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, als er die Hand hob, als wollte er die Vertrautheit zwischen ihnen nach all den Jahren der Stille wieder besiegeln.

​„Nami“, begann er, und seine Stimme klang wie ein harmonischer Akkord, der direkt in ihrem Bewusstsein widerhallte. „Es ist lange her. Ich möchte mich bei dir entschuldigen, dass ich so lange nicht mehr mit dir geredet habe. Doch wisse, dass es kein böser Wille war.“

​Er machte eine kleine, anmutige Geste mit der Hand, die den gesamten Raum umfasste. „Es gab schlichtweg keinen Grund für mich, einzugreifen. Es herrschte Frieden, und es gab keinerlei Gefahr, die mein oder Dranzers Erwachen erforderte. Dranzer und ich haben uns bewusst dazu entschieden, uns zurückzuziehen. Wir wollten nicht als aktive, mahnende Begleiter in deinen und Kais Gedanken verweilen, sondern euch die Freiheit schenken, euer Leben als Menschen und Eltern ganz ohne unser ständiges Flüstern zu genießen.“

​Nami wollte antworten, doch die Rührung schnürte ihr die Kehle zu. Aethernitas trat noch einen Schritt näher, und sein Blick wurde nun deutlich ernster, während das Türkis seiner Augen tiefer zu leuchten begann.

Er beobachtete Nami mit einer Sanftheit, die nur ein Wesen besitzen konnte, das die Jahrhunderte überdauert hatte. Er erkannte die tiefe, nagende Sorge in ihren Augen, die wie ein dunkler Schleier über ihrem mütterlichen Stolz lag. Die Angst um Sayuri war fast greifbar in der klaren Luft der Seelensphäre.

​„Hab keine Angst, Nami“, sagte er ruhig, und sein türkisfarbener Blick schien das Zittern ihrer Seele zu glätten. „Ich sehe deine Sorge wegen des kleinen Mädchens. Chronos ist zweifellos mächtig – sie ist eine Urgewalt, ja – aber sie birgt keinerlei Gefahr für Sayuri oder für euch. Was du heute erlebt hast, war das Echo eines ungefilterten Erwachens. Sobald sich ihre Aura in den nächsten Tagen gefestigt hat, wird Sayuri nicht mehr in der Lage sein, so viel von ihrer Macht unkontrolliert nach außen zu strahlen. Sie wird wieder ein ganz normales Kind sein, das spielt und lacht.“

​Er machte eine kleine Pause und legte den Kopf schief. „Es sei denn, sie gerät erneut in eine solch intensive Situation, in der sie von übermächtigen Emotionen übermannt wird. Aber sorge dich nicht: Eine alltägliche Situation, ein kleiner Streit oder ein Missgeschick werden dafür nicht ausreichen. Ihr Herz muss wahrhaftig erschüttert werden, damit Chronos die Barrieren erneut durchbricht. Du kannst unbesorgt sein.“

​Nami atmete zittrig aus, doch das Gefühl der Erleichterung wich sofort einer neuen Welle von Fragen, die ihr schon lange auf der Seele brannten. Aethernitas erkannte das Lodern ihrer Neugier sofort. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wartete geduldig.

​„Warum besitzen Ayumi und Ren keine Bit-Beast-Aura?“, fragte Nami schließlich, ihre Stimme in der Weite der Sphäre kaum mehr als ein Flüstern. „Und... war ich es wirklich? Habe ich mit meiner Aura damals Kais Biologie umgeschrieben, um das Unmögliche möglich zu machen?“

​Plötzlich trat eine schwere, fast greifbare Stille zwischen sie. Das Schimmern der Seelensphäre schien für einen Moment innezuhalten. Aethernitas sah sie lange an, bevor er schwer seufzte. Es war kein Seufzen der Genervtheit, sondern eher eines der Komplexität.

​„Überleg doch einmal kurz, Nami“, sagte er leise. „Was unterscheidet Gou und Sayuri grundlegend von den Zwillingen?“

​Nami senkte den Blick auf den spiegelglatten Boden und ließ ihre Gedanken zurückschweifen zu jenen Momenten, die ihr Leben verändert hatten. Sie dachte an die Umstände der Empfängnis, an die Überraschung und das Wunder.

​„Liegt es daran...“, begann sie zögerlich, „dass Gou und Sayuri in jenen Momenten gezeugt wurden, als Kais Sterilisation aus scheinbar übernatürlichen Gründen aufgehoben war? Sie waren Wunder, die sich ihren Weg gesucht haben. Während die Zwillinge... sie waren bewusst geplant. Wir wollten sie von ganzem Herzen, und der Weg für sie war bereits bereitet.“

​Aethernitas lächelte, und dieses Lächeln war sowohl stolz als auch voller Geheimnisse. Er nickte langsam.

​„Du bist der Wahrheit sehr nahe, Nami. Was jedoch die Aura betrifft, die dieses Wunder letztlich zweimal bewerkstelligt hat...“, er hielt kurz inne und sah in die Ferne, dorthin, wo in der Unendlichkeit der Sphäre vielleicht Dranzers Präsenz wartete. „...darauf werde ich dir heute noch keine genaue Antwort geben. Nicht, ehe Dranzer nicht selbst mit deinem Ehemann gesprochen hat. Es ist nicht alles so, wie es am Anfang scheint, wie du vielleicht selbst schon lange ahnst. Die Verbindung zwischen dir und Kai ist weit mehr als nur das Verschmelzen zweier Auren.“

​Er trat noch einmal näher und legte ihr symbolisch eine Hand auf die Schulter, obwohl sie keine physische Berührung spüren konnte. „Alles zu seiner Zeit, Nami. Kehre jetzt zurück. Dein Anführer wartet auf dich und er hat die Antwort für dich.“
 

Nami schlug die Augen auf. Das grelle Licht des Nachmittags, das durch die riesigen Glasfronten des Towers fiel, blendete sie für einen Moment. Sie saß immer noch in Kais schwerem Ledersessel, ihr Herz klopfte ruhig, aber bestimmt. Die Kühle des Büros und der vertraute Duft nach teurem Papier und Kais Parfum holten sie schlagartig in die Realität zurück.

​Sie atmete tief durch und strich sich die silberweißen Haare aus der Stirn. Es fühlte sich nicht wie ein Traum an; die Begegnung mit Aethernitas war realer gewesen als alles andere.

​Gegenüber von ihr saß Kai an seinem Schreibtisch. Er hatte das Telefonat beendet, doch er arbeitete nicht. Er saß vollkommen unbeweglich da, die Unterarme auf die Tischplatte gestützt, die Hände ineinander verschränkt. Seine Augen waren geschlossen, und seine Züge wirkten seltsam angespannt, fast so, als würde er gegen einen inneren Druck ankämpfen.

​Nami spürte es sofort. Die Luft im Raum hatte sich verändert. Es war dieselbe energetische Dichte, die sie gerade in der Seelensphäre verlassen hatte. Ein vertrautes Prickeln schoss ihr durch die Wirbelsäule – Hitze, die nicht von der Sonne kam.

​„Kai?“, flüsterte sie leise.

​Kai reagierte nicht sofort. Ein kleiner Schweißtropfen rann an seiner Schläfe hinunter. Dann, ganz langsam, öffnete er die Augen. Das Rubinrot seiner Iris schien förmlich zu glühen, dunkler und intensiver als je zuvor. Er stieß einen langen, kontrollierten Atemzug aus.

​„Er war da, Nami“, sagte er, und seine Stimme klang tiefer, belegt von einer Macht, die jahrelang geschlummert hatte. „Dranzer... ich habe ihn gesehen. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hat er seinen Flügel über meinen Geist gelegt.“

​Nami stand weich auf und trat an seinen Schreibtisch. Sie legte ihre Hand auf seine, die sich sofort um ihre Finger schloss. Seine Haut war heiß, fast fiebrig.

​„Aethernitas war auch bei mir“, gestand sie leise. „Ich war in der Seelensphäre, Kai. Er hat sich entschuldigt... er sagte, sie hätten uns den Frieden gegönnt, solange keine Gefahr bestand. Aber jetzt, mit Sayuri...“

​Kai sah sie intensiv an. „Er hat also auch mit dir gesprochen. Dranzer war zunächst... kryptisch. Er hat mir Dinge gezeigt, Bilder von dem Tag, an dem die Sterilisation aufgehoben wurde. Er sagte, es wäre an der Zeit, dass ich die ganze Wahrheit erfahre, wie es damals wirklich war.“

​Nami schluckte schwer. Die Worte von Aethernitas hallten in ihrem Kopf wider: Es ist nicht alles so, wie es am Anfang scheint.

​„Er hat mir dasselbe gesagt, Kai. Er meinte, er könne mir nicht alles erklären, bevor Dranzer nicht mit dir geredet hat. Er hat mich gefragt, was Gou und Sayuri von den Zwillingen unterscheidet.“ Sie hielt kurz inne und sah zu Sayuri, die immer noch friedlich spielte. „Es hat mit den Momenten zu tun, in denen sie empfangen wurden. Mit der Aura, die dich geheilt hat.“

​Kai stand langsam auf. Er überragte sie, und die Präsenz von Dranzer, die ihn nun wie ein unsichtbarer Mantel umgab, war fast erdrückend. Er trat um den Schreibtisch herum und zog sie eng an sich.

Er schwieg lange, während er die Informationen verarbeitete, die Dranzer ihm in dieser kurzen, intensiven Trance offenbart hatte. Als er schließlich seinen Blick senkte, lag ein Ausdruck in seinen Augen, den sie selten bei ihm sah: eine Mischung aus Demut und tiefem Bedauern.

​Die Hitze, die von ihm ausging, war fast physisch greifbar, ein Nachbeben der feurigen Präsenz von Dranzer.

​„Nami“, begann er mit belegter Stimme, „Dranzer war sehr deutlich. Er hat zugegeben, dass es am Ende doch meine eigene Aura war. Meine eigene Aura hat die Sterilisation rückgängig gemacht und meine Zeugungsfähigkeit wiederhergestellt.“

​Nami wollte gerade etwas erwidern, doch er hob sanft die Hand, um fortzufahren.

​„Aber es geschah nicht isoliert“, fuhr er fort, und sein Blick wurde noch intensiver. „Es passierte nur, weil Dranzers Aura in jenem Moment vollkommen mit der Aura von Pegasus verschmolz. Sie arbeiteten praktisch zusammen, wie ein einziger Organismus. Dranzer erklärte mir, dass dieser energetische Durchbruch nur möglich war, weil zwei ähnliche Kräfte aufeinanderprallten: Dein tiefster, reinster Wunsch nach einem Kind traf auf meine eigene, tief unterdrückte Schuld. Ich wusste um deinen Wunsch, und der Schmerz darüber, ihn dir nicht erfüllen zu können...zu wollen, hatte in mir eine Art Resonanz erzeugt durch die mein Körper und meine Aura, unbewusst auf deinen Wunsch reagierten um ihn dir letztendlich doch zu erfüllen“ er schmunzelte. „Und das gleich zwei Mal."

​Er nahm ihre Hände in seine. Seine Finger zitterten ganz leicht.

​„Wir waren also beide ‚schuld‘ an diesem Wunder“, sagte er leise. Er sah ihr direkt in die Augen, und die harte Maske des Tachiwari-CEO fiel für einen Moment vollkommen ab. „Nami... es tut mir leid. Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Damals, als wir erfuhren, dass du mit Sayuri schwanger warst, habe ich dich im ersten Moment dafür verantwortlich gemacht. Ich dachte, deine Aura hätte mich wieder eigenmächtig umschrieben, ohne mein Wissen. Ich habe dir die ‚Schuld‘ für dieses übernatürliche Eingreifen gegeben, dabei war es mein eigenes Inneres, das auf dich reagiert hat.“

​Nami spürte, wie eine Träne über ihre Wange rollte. Die jahrelange, leise Ungewissheit und der Vorwurf, der damals zwischen ihnen im Raum gestanden hatte, lösten sich in diesem Moment in Wohlgefallen auf.

​„Bitte entschuldige dich nicht, Kai. Das ist nun schon über vier Jahre her. Wir haben es gemeinsam getan.“, flüsterte sie und drückte seine Hände. „Unsere Auren haben nur das umgesetzt, was unsere Herzen schon lange wussten.“

​Gou, der immer nun bereits an der Tür stand, beobachtete seine Eltern mit einem Blick, der viel zu weise für einen elfjährigen Jungen war. Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte langsam.

​„Corvus sagt, dass Liebe eine Energieform ist, die Niemand ganz versteht. Vorallem keine göttlichen Wesen.“, warf er trocken ein, wobei sein Gesichtsausdruck fast eine Kopie von Kais gewohntem Ernst war. „Aber er sagt auch, dass dieses ‚Zusammenspiel‘ der Grund ist, warum Sayuri und ich so sind, wie wir sind. Wir sind aus einer Explosion von zwei Urkräften entstanden. Die Zwillinge hingegen... sie sind das Ergebnis eurer Ruhe. Deshalb sind sie frei von diesem Flüstern.“

​Kai sah zu seinem Sohn und dann zurück zu Nami. Die Erkenntnis sickerte langsam ein: Ihre Familie war kein Zufall, sondern ein fein gewobenes Netz aus menschlichem Verlangen und der uralten Macht ihrer Bit Beasts.

Kai hielt Namis Hände noch einen Moment länger fest, als wolle er sicherstellen, dass die Last der Vorwürfe vor vier Jahren wirklich gänzlich von ihren Schultern abgefallen war. Das Büro, das sonst ein Ort strategischer Kälte und geschäftlicher Härte war, wirkte nun seltsam friedlich, fast so, als hätte die Kraft ihrer Auren auch die Wände des Towers beruhigt.

​„Genug für heute“, sagte Kai schließlich. Seine Stimme hatte wieder ihre gewohnte Festigkeit gefunden, doch der weiche Unterton, der nur seiner Familie galt, blieb. Er löste eine Hand von Nami und strich sich kurz durch das dunkle Haar. „Ich habe nicht die Absicht, den restlichen Nachmittag mit Bilanzen zu verbringen, während sich die Welt in uns gerade neu geordnet hat.“

​Er wandte sich zu Gou um, der immer noch aufmerksam an der Tür stand, und dann zu Sayuri, die bemerkt hatte, dass die Spannung im Raum nachgelassen hatte. Sie sah mit großen, neugierigen Augen zu ihren Eltern auf.

​„Gou, sag Graham, er soll den Wagen vorfahren lassen“, wies Kai seinen Sohn an. „Und Claire soll Sayuris Sachen zusammenpacken. Wir verlassen den Tower.“

​Nami sah ihn überrascht, aber dankbar an. „Möchtest du wirklich jetzt schon gehen? Es ist erst früher Nachmittag.“

​„Der Markt in New York wird auch ohne mich eröffnen, Nami“, erwiderte er mit einem schmalen, fast jungenhaften Lächeln, das sie an ihre gemeinsamen Tage während der Turniere erinnerte. „Heute zählt nur, dass wir als Familie zusammen sind. Ich möchte mit euch nach Hause. Wir sollten unseren Kindern heute Abend unsere volle Aufmerksamkeit schenken.“
 

​Als die kleine Gruppe wenig später die Chefetage verließ, war die Atmosphäre im Vorzimmer wie elektrisiert. Die Angestellten beobachteten schweigend, wie der sonst so unermüdliche CEO, flankiert von seiner wunderschönen Frau und den beiden Kindern, die den Tower heute in Atem gehalten hatten, auf den Aufzug zuging.

​Kai trug Sayuri auf dem Arm, die ihren Kopf vertrauensvoll an seine Schulter lehnte. Gou schritt mit einer unerschütterlichen Würde neben seiner Mutter her.

​Unten in der Lobby wartete Armon bereits am Ausgang. Er öffnete die schweren Glastüren und verbeugte sich tief, als die Familie den Tower verließ. Die Wintersonne von Tokio empfing sie mit einer ungewohnten Wärme, die perfekt zu Namis innerem Zustand passte.

​Während sie zum bereitstehenden Wagen gingen, hielt Nami kurz inne und blickte hoch zum Glasdach des Towers, hinter dem sie eben noch mit Aethernitas gesprochen hatte. Sie spürte eine neue Kraft in sich – Pegasus war nicht mehr nur ein stiller Begleiter; er war wieder ein Teil von ihr.

​„Worüber denkst du nach?“, fragte Kai leise, während er Sayuri vorsichtig auf dem Rücksitz anschnallte.

​„Darüber, dass das erst der Anfang ist“, antwortete Nami und sah ihn zärtlich an. „Jetzt, wo sie alle wieder wach sind... wird das Leben im Anwesen sicher nie wieder so sein wie vorher.“

​Kai schloss die Wagentür und trat zu ihr. Er legte einen Arm um ihre Taille und küsste sie kurz auf die Stirn. „Solange wir die Antworten gemeinsam finden, ist mir jede Veränderung recht.“
 

Das goldene Licht der tiefstehenden Wintersonne suchte sich seinen Weg durch die kahlen Äste der uralten Bäume im Garten des Ayame-Anwesens. Obwohl es erst früher Nachmittag war, kündigte der frostige Hauch in der Luft bereits den frühen Einbruch der Dunkelheit an. In den geschützten Ecken des weitläufigen Gartens hielten sich noch Reste des ersten Dezemberschnees, der wie Puderzucker auf den Steinlaternen und den gefrorenen Teichrändern glitzerte.

​Trotz der Kälte ließ es sich Sayuri nicht nehmen, in ihrem dicken, cremefarbenen Wollmantel über den harten Rasen zu flitzen. Kai, der seinen schweren Business-Mantel gegen eine dunkle Strickjacke getauscht hatte, folgte ihr mit ruhigen Schritten. Es war ein fast surrealer Anblick: Der Mann, der noch vor wenigen Stunden über Milliarden-Dollar-Deals entschieden hatte, hockte sich nun in den kalten Sand, um seiner Tochter dabei zu helfen, ein kleines Nest aus trockenen Zweigen für die "Wintervögel" zu bauen. Seine Bewegungen waren behutsam, seine ganze Aufmerksamkeit galt den kleinen Händen Sayuris, die eifrig mit dem gefrorenen Boden kämpften.

​Nami beobachtete die Szene durch die bodentiefen Glasfronten des Wintergartens, während sie mit den Zwillingen auf der beheizten Polsterbank saß. Ayumi und Ren kuschelten sich in weiche Decken, während Nami ihnen – ganz ohne die metaphysische Schwere des Vormittags – vom Alltag im Tachiwari-Tower erzählte. Sie lachten über ihre Schilderung der strengen Sicherheitskontrollen und die riesige Kantine, die so groß war wie eine Schulturnhalle. Nami genoss diese Normalität; sie und Kai hatten stillschweigend beschlossen, Ayumi und Ren noch nicht in die Geheimnisse um Chronos und die Rückkehr der Bit Beasts einzuweihen. Es war Anfang Dezember, die Zeit der Lichter und der Vorfreude, und sie wollten diesen beiden unbeschwerten Seelen ihren Frieden lassen, solange es irgendwann nötig wurde.

​Die Tür zum Garten glitt auf und Kai trat herein, die Kälte des Winters klebte noch an seiner Kleidung, während er die strahlende Sayuri zurück in die Wärme des Hauses führte. Er steuerte direkt auf Nami zu. Ohne ein Wort des Grußes stellte er sich hinter sie, während sie noch den Zwillingen eine Geschichte erzählte. Nami spürte, wie er seine Arme fest um ihre Taille schlang und ihren Rücken mit sanfter Gewalt gegen seine breite, warme Brust drückte. Die Hitze, die von ihm ausging – ein Überbleibsel von Dranzers neu erwachtem Feuer –, bildete einen berauschenden Kontrast zu der kühlen Winterluft, die noch in seinem Haar hing. Kai neigte den Kopf und drückte seine Lippen mit einer besitzergreifenden Intensität gegen die empfindliche Stelle an ihrem Hals, direkt unter dem Ohr.

​Ein trockenes, fast schon mechanisches Geräusch unterbrach die Stille: Das Umblättern einer Buchseite.

​Gou saß im Sessel gegenüber, die Beine übereinandergeschlagen, und starrte mit einer Miene, die Kai bis ins Detail glich, auf seine Lektüre. „Ich habe mir übrigens mittlerweile Oropax in meinen Nachttisch gelegt“, stellte er mit einer Stimme fest, die so flach und unterkühlt war, dass sie fast schon parodistisch wirkte. „Damit ich nachts wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekomme, ohne von der... energetischen Entladung... im Elternflügel geweckt zu werden.“ Er hob den Blick und fixierte seinen Vater mit einem kühlen, rubinroten Funkeln. „Ich kenne diesen speziellen Ausdruck in deinem Gesicht mittlerweile nur zu gut, Vater. Besonders wenn du Mutter so berührst wie jetzt gerade. Er ist das zuverlässigste Vorzeichen für eine sehr schlaflose Nacht für das restliche Haus.“

​Nami spürte, wie die Hitze in ihr Gesicht stieg, während sie versuchte, ein amüsiertes Husten zu tarnen. Doch bevor sie reagieren konnte, tauchte Graham wie ein Geist hinter Kais Schulter auf, ein silbernes Tablett mit dampfendem Kakao in den Händen.

​„Eine überaus weise und vorausschauende Investition des jungen Herrn“, kommentierte der Butler, während er die Tassen mit einer Präzision platzierte, die an Chirurgie grenzte. Sein Gesichtsausdruck blieb so unbewegt wie eine Steinmaske. „Ich selbst habe bereits diskret die Schalldämmung im Westflügel inspiziert. Effizienz in der Nachtruhe ist schließlich die Grundlage für ein funktionierendes Anwesen, Sir. Man möchte ja nicht, dass die Belegschaft am Morgen durch... unvorhergesehene akustische Intensitäten... übermüdet ist.“

​Ayumi und Ren hielten sich die Tassen vor die Gesichter und starrten mit betont geweiteten Augen hinein, als gäbe es dort unten ein großes Geheimnis zu entdecken. Sie blieben stumm, doch Nami bemerkte das verräterische Zittern ihrer Schultern und den schnellen, wissenden Blick, den sie mit Gou tauschten. Sie waren erst zehn, und sie spielten die Rolle der Unwissenden perfekt, aber die Art, wie Ren sich ein Grinsen verkneifen musste, verriet Nami, dass sie mittlerweile sehr genau erahnten, worüber ihr großer Bruder und Graham da eigentlich redeten.

​Kai jedoch ließ sich nicht im Geringsten beirren. Er verstärkte den Griff um Namis Taille nur noch, sein Blick fordernd und völlig unbeeindruckt von der Kritik seines Sohnes. Ein gefährliches, amüsiertes Funkeln blitzte in seinen Augen auf, als er Gou direkt ansah.

​„Vorbereitung ist alles, Gou“, erwiderte Kai mit einem Timbre in der Stimme, das keinen Zweifel an seinen Absichten für den Abend ließ. „Du hast von den Besten gelernt. Und Graham... danke für den Kakao. Er wird die nötige Energie liefern.“
 

Der große Speisesaal des Ayame-Anwesens war am Abend in das warme, flackernde Licht des massiven Kamins getaucht. Draußen hatte die Dunkelheit des frühen Dezembers das Land vollends verschluckt, und der Frost zeichnete feine Eisblumen an die Ränder der Fenster. Das Knacken der brennenden Holzscheite bildete die gemütliche Kulisse für ein Abendessen, das nach den Erschütterungen des Tages genau die richtige Dosis Normalität versprach.

​Graham hatte ein herzhaftes Wintermenü serviert, doch die Aufmerksamkeit der Kinder lag weniger auf dem Braten als vielmehr auf der vorangegangenen Unterhaltung im Wintergarten.

​Ayumi rührte nachdenklich in ihrem Kartoffelstampf, bevor sie den Kopf hob und Gou mit einem fast schon zu unschuldigen Blick fixierte. „Gou?“, begann sie mit ihrer hellen Stimme. „Wenn du sagst, dass du Oropax brauchst… sind das die blauen aus Schaumstoff oder die aus Wachs? Weil Ren meinte vorhin, dass die aus Wachs viel besser abdichten, wenn es im Haus… ‚unruhig‘ wird.“

​Ren nickte eifrig und unterdrückte ein schelmisches Grinsen, während er sich ein Stück Fleisch aufspießte. „Genau. Wir haben uns nämlich gefragt, ob wir vielleicht auch welche brauchen. Manchmal hört es sich im Flur so an, als würde Papa im Schlaf trainieren. Oder als würde er Möbel rücken. Sehr schwere Möbel.“

​Nami verschluckte sich fast an ihrem Wein und musste sich hastig die Serviette vor den Mund halten, während ihre Wangen nun endgültig die Farbe von Kais Augen annahmen. Sie wagte es nicht, Kai anzusehen, der völlig ungerührt weiterschneidete, als würde man gerade über das Wetter diskutieren.

​Gou legte sein Besteck mit einer Präzision ab, die fast schon beängstigend war. Er sah seine jüngeren Geschwister der Reihe nach an. „Die aus Wachs sind in der Tat effektiver bei tieffrequenten Vibrationen“, antwortete er mit einer Sachlichkeit, die eines Professors würdig gewesen wäre. „Aber für eure Zwecke sollten die aus Schaumstoff reichen. Ihr schlaft am Ende des Ganges. Ich hingegen habe das zweifelhafte Privileg, die akustische Druckwelle als Erster abzubekommen, wenn Vater beschließt, Mutter seine… Wertschätzung… auszudrücken.“

​„Akustische Druckwelle“, wiederholte Ren leise und sah zu Ayumi rüber. Die beiden Zehnjährigen tauschten einen Blick aus, der alles andere als unwissend war. „Klingt nach einer Menge Wertschätzung.“

​Graham, der gerade den Wein nachschenkte, neigte den Kopf dezent in Richtung der Zwillinge. „Ich darf versichern, dass die bauliche Substanz des Hauses trotz der Leidenschaft Ihrer Eltern stabil bleibt. Dennoch, junge Dame, junger Herr, ich habe vorsorglich eine Packung für Ihre Nachttische bereitgelegt. Man sollte stets auf das Unerwartete vorbereitet sein – oder auf das allzu Erwartbare.“

​Kai hob nun doch den Kopf. Sein Blick wanderte von Graham zu Gou und blieb schließlich bei den Zwillingen hängen. Ein dunkles, amüsiertes Grollen drang aus seiner Kehle – ein halbes Lachen, das eher wie eine Warnung klang.

​„Es ist schön zu sehen, dass ihr euch so viele Gedanken um meine… Fitness… macht“, sagte Kai trocken. Er griff unter dem Tisch nach Namis Hand und drückte sie fest. „Vielleicht solltet ihr heute Abend besonders tief schlafen. Der Wintermorgen beginnt früh, und ich erwarte euch alle pünktlich beim Frühstück. Mit oder ohne Oropax.“

​Sayuri, die das Gespräch zwar mitbekommen, aber in ihrer kindlichen Welt ganz anders interpretiert hatte, klatschte plötzlich in die Hände. „Ich will auch Wachs-Ohren! Damit ich die Geister nicht höre, wenn sie im Zimmer tanzen!“

​Nami lachte nun doch befreit auf, auch wenn ihr Herz immer noch klopfte. „Keine Sorge, mein Schatz. Die einzigen Geister, die hier heute Nacht tanzen, sind… nun ja, sie bleiben im Elternflügel.“

​Das Abendessen verlief weiter in einer Atmosphäre aus unterdrücktem Gekicher der Zwillinge und der gewohnt kühlen Dominanz Kais, die an diesem Abend jedoch eine besonders warme Note besaß.
 

Nachdem das Geschirr weggeräumt war und sich die Kinder – unter einigem Gekicher und dem demonstrativen Rascheln von Oropax-Packungen – in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, kehrte eine fast greifbare Stille in das Ayame-Anwesen ein. Nur das leise Knistern des sterbenden Kaminfeuers im kleinen Salon begleitete das Heulen des kalten Dezemberwinds, der gegen die schweren Fensterscheiben drückte.

​Nami saß auf dem weichen Teppich vor dem Kamin, die Beine angewinkelt, und starrte in die tanzenden Flammen. Sie trug einen dicken Kaschmirpullover, doch die eigentliche Wärme kam von Kai, der sich direkt hinter sie gesetzt hatte. Seine Beine umschlossen sie, während sie sich gegen seine Brust lehnte.

​„Die Kinder werden viel zu schnell erwachsen“, murmelte Nami und lächelte in die Dunkelheit des Raumes. „Dass Gou mittlerweile so… direkt ist, hätte ich vor einem Jahr noch nicht gedacht.“

​Kai antwortete nicht sofort. Stattdessen spürte sie, wie er seine Hände unter ihren Pullover gleiten ließ. Seine Fingerspitzen waren rau und heiß auf ihrer Haut, ein elektrisierender Kontrast zur kühlen Winternacht draußen. Er strich langsam über ihre Taille nach oben, während er seinen Kopf neigte und seine Lippen gefährlich nah an ihr Ohr brachte.

​„Gou hat ein Talent dafür, die Dinge beim Namen zu nennen“, flüsterte Kai, und seine tiefe Stimme vibrierte gegen ihren Rücken. „Ein Erbe, das er zweifellos von mir hat.“

​Er begann, ihren Hals mit kurzen, fordernden Küssen zu bearbeiten, wobei er genau jene Stellen fand, die Nami den Atem raubten. Seine Hände wurden bestimmter, und das neckische Funkeln in seiner Aura, das sie schon den ganzen Tag über gespürt hatte, schlug nun endgültig in ein loderndes Verlangen um.

​„Und um ehrlich zu sein…“, fuhr er rau fort, während seine Zähne ganz sacht an ihrem Ohrläppchen knabberten, „hatte der Junge von Anfang an recht. Jedes einzelne Wort, das er beim Abendessen gesagt hat, war eine punktgenaue Vorhersage.“

​Nami stieß ein leises, zittriges Lachen aus und lehnte ihren Kopf in den Nacken, direkt gegen seine Schulter, um ihm mehr Raum zu geben. „Ach ja? Du gibst also zu, dass du vorhast, die neue Schalldämmung heute Nacht auf die Probe zu stellen?“

​„Ich gebe zu, dass ich nicht die Absicht habe, diskret zu sein“, erwiderte Kai gegen ihre Haut. Seine Hände wanderten weiter, und er drehte sie in seinen Armen mit einer fließenden Bewegung zu sich um, sodass sie rittlings auf seinem Schoß saß. Seine rubinroten Augen brannten vor einer Intensität, die die Hitze des Kamins verblassen ließ. „Du wusstest es doch auch, mein Schatz. Seit dem Moment im Tower, als du mir diese Dinge ins Ohr geflüstert hast, gab es kein Zurück mehr.“

​Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und vergrub ihre Finger in seinem dunklen Haar. „Ich wusste es natürlich“, hauchte sie und zog ihn näher zu sich. „Ich wusste es schon, als ich dich im Restaurant beobachtet habe. Aber ich mag es, wenn du es zugibst.“

​Kai schmunzelte, ein dunkles, triumphierendes Lächeln, bevor er sie an sich drückte und den Kuss forderte, auf den sie beide den ganzen Tag gewartet hatten. Er wanderte von ihren Lippen über ihre Kieferlinie, bis zu ihrem Hals.

Kai löste seine Lippen nur für einen Wimpernschlag, um Nami mit einer gleichermaßen kraftvollen wie behutsamen Bewegung nach hinten zu drücken. Sie sank tief in den dicken, flauschigen Teppich ein, während er sich über sie schob und sich auf seine Unterarme stützte, um sie unter sich gefangen zu halten.

​Seine rubinroten Augen fixierten sie mit einem Hunger, der keinen Zweifel daran ließ, dass die prophezeite "akustische Druckwelle" kurz bevorstand. Er ließ seine Hand langsam von ihrer Wange hinunter zu ihrem Schlüsselbein gleiten, wobei er den Stoff ihres Pullovers nur knapp mit den Fingerspitzen streifte, was eine Gänsehaut auf ihrem gesamten Körper auslöste.

​„Du hast den ganzen Tag lang darauf gewartet, nicht wahr?“, hauchte er. „Im Restaurant, im Büro… du hast genau gewusst, was diese Blicke in mir auslösen. Und jetzt, wo die Kinder ihre Ohren versiegelt haben, gibt es niemanden mehr, der dich vor mir rettet. Vor der...Wertschätzung die ich dir ausdrücken will, wie Gou es so treffend beschrieben hat“

​Er neigte sich vor und begann, eine Spur aus brennenden Küssen entlang ihrer Kieferpartie zu ziehen, bis er den empfindlichen Punkt hinter ihrem Ohr erreichte. „Er ist wirklich mein Sohn“, neckte er sie weiter, während sein warmer Atem ihre Haut kitzelte. „Er hat diese analytische Gabe. Er sieht die Fakten: Er weiß, dass ich heute Nacht keine halben Sachen machen werde.“

​Nami wand sich unter ihm, ihre Finger krallten sich in den weichen Teppich, während sie den Wahnsinn der Erregung spürte, den er mit jeder Bewegung und jedem Wort weiter schürte. „Dann solltest du… aufhören zu reden, Kai“, brachte sie atemlos fast schluchzend hervor. Kai grinste dunkel und fing ihre Lippen erneut in einem leidenschaftlichen Kuss ein.

Das letzte bisschen neckischer Distanz in seinen Zügen verrauchte, ersetzt durch eine rohe, animalische Intensität, die keine Worte mehr brauchte. Er packte ihre Handgelenke und drückte sie über ihrem Kopf in den Teppich, während er sein Gewicht vollends auf sie verlagerte. Die Reibung seiner Kleidung gegen ihre Haut, die Hitze seines massiven Körpers und der besitzergreifende Glanz in seinen Augen trieben Nami an den Rand des Wahnsinns.

​Er verschwendete keine Sekunde mehr. Seine Bewegungen waren nun von einer zielstrebigen Effizienz und einem tiefen Hunger geprägt.

Die ohnehin schon schwere Luft im Salon schien sich weiter zu verdichten, während das Feuer im Kamin nur noch ein rötliches Glimmen von sich gab, das Kais Züge in gefährliche Schatten tauchte. Er löste eine seiner Hände von ihren Handgelenken, nur um mit langsamen, fast schon quälend bedächtigen Fingern den Saum ihres schweren Kaschmirpullovers zu fassen.

​„Du hast es wieder so eilig, mein Schatz“, raunte er gegen ihre Lippen, wobei sein Atem sich mit ihrem vermischte. „Aber ich habe mir heute vorgenommen, mal wieder jede einzelne Sekunde davon auszukosten. Ich möchte sehen, wie du unter mir vor Lust wahnsinnig wirst, Schicht für Schicht. Aber keine Sorge...ich lasse dich nicht allzu lange zappeln.“

​Mit einer fließenden Bewegung zog er ihr den weichen Stoff über den Kopf. Die kühle Nachtluft des Raumes traf auf ihre erhitzte Haut und entlockte ihr ein unwillkürliches Zittern, doch die Kälte hielt nicht lange an. Kai betrachtete sie einen Moment lang mit einer Intensität, die sie fast physisch berührte. Sein Blick glitt über ihre Schultern hinunter zu dem zarten Spitzen-BH, der kaum verbarg, wie sehr ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte.

​Er beugte sich vor, seine Lippen nur Millimeter von ihrem Dekolleté entfernt. „Wunderschön“, murmelte er, bevor er den Verschluss mit blinder Sicherheit öffnete. Als der Widerstand fiel und der Stoff zur Seite glitt, gab er den Blick auf ihre volle, vollkommen nackte Brust frei. Nami archte ihren Rücken leicht nach oben, ein stummes Flehen nach seiner Berührung, während ihre silberweißen Locken sich wie Seide auf dem dunklen Teppich ausbreiteten.

​Kai ließ sie jedoch noch einen Moment weiter zappeln. Er stützte sich auf eine Hand und betrachtete das Spiel des Feuerscheins auf ihrer karamellfarbenen Haut. Dann neigte er den Kopf. Er begann mit der Spitze seiner Zunge ganz sachte über die Rundung ihrer Brust zu fahren. Nami stieß ein heiseres Keuchen aus und krallte ihre freien Finger in seine Schultern, als die feuchte Wärme seiner Zunge einen elektrischen Schlag durch ihr gesamtes Nervensystem sandte.

​Er arbeitete sich langsam vor, umschloss ihre empfindlichen Nippel erst nur mit den Lippen, um sie dann mit neckischen, kreisenden Bewegungen seiner Zunge in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit zu rücken. Jedes Mal, wenn Nami versuchte, seinen Kopf näher an sich zu ziehen, um mehr von diesem brennenden Gefühl zu bekommen, wich er ein Stück zurück, nur um an der anderen Seite fortzufahren.

​„Kai…“, brachte sie hervor, ihre Stimme kaum mehr als ein gebrochenes Flüstern. Ihre ozeanfarbenen Augen waren halb geschlossen und glänzten feucht vor Ekstase.

​Er hob den Kopf, ein dunkles Funkeln in seinen rubinroten Augen. „Ich fange gerade erst an.“

​Er senkte seinen Kopf erneut, diesmal fordernder, und saugte sich an ihr fest, während seine Hand tiefer glitt, um den Bund ihrer Hose zu lösen. Die langsame Verführung war nun endgültig in ein loderndes Feuer umgeschlagen, das drohte, das gesamte Anwesen in Schutt und Asche zu legen.

Erneut entwich Kai ein dunkles, triumphierendes Schmunzeln, als er spürte, wie Nami unter seinen Berührungen förmlich erzitterte. Er genoss die Macht, die er in diesen Momenten über ihre Sinne hatte – wie er sie mit einer Mischung aus fast schon grausamer Langsamkeit und rauer Leidenschaft an den Abgrund drängte.

​Er löste sich nur widerwillig von ihren Brüsten, seine Lippen hinterließen eine brennende Spur aus feuchter Wärme auf ihrem Dekolleté, während er sich ein Stück aufrichtete. Mit einem Ruck, der seine kraftvollen Schultern unter dem dunklen Hemd anspannte, griff er nach dem Verschluss ihrer Hose.

​„Du bist bereits wieder so aufgeheizt, mein Schatz“, flüsterte er grinsend, seine rubinroten Augen fixierten sie, während er den Stoff langsam über ihre Hüften nach unten schob. „Man könnte meinen, das Feuer im Kamin käme allein von dir.“

​Jeder Zentimeter Haut, den er freilegte, wurde von seinem Blick förmlich verschlungen. Als er die Hose schließlich ganz entfernte und sie nur noch in ihrem feinen, spitzenbesetzten Slip vor ihm lag, hielt er einen Moment inne.

​Nami atmete stoßweise, ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem wilden Rhythmus. „Kai… hör auf zu starren…“, presste sie hervor, wobei ihre Stimme vor Verlangen zitterte.

​„Ich starre nicht, ich bewundere nur meine wunderschöne Frau in Extase“, erwiderte er mit einer besitzergreifenden Schärfe in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

​Er beugte sich wieder über sie, diesmal jedoch tiefer. Seine Hände glitten an ihren Oberschenkeln hinauf, die Finger gruben sich sacht in ihr Fleisch, während er seine Zunge erneut einsetzte. Diesmal neckte er nicht nur ihre Brüste, sondern fuhr in langen, langsamen Zügen an ihrem Bauch entlang nach oben, bis er wieder eine ihrer harten Nippel erreichte. Er umschloss sie fest mit seinem Mund und saugte rhythmisch daran, während seine Hand den zarten Slip mit einer fast beiläufigen, aber endgültigen Bewegung ihre Beine hinab zog.

​Ein lautes, ungefiltertes Schluchzen entwich ihr, das in der Stille des großen Anwesens widerhallte. Sie war nun vollkommen nackt, schutzlos unter ihm, und die Extase hatte sie so fest im Griff, dass die Welt außerhalb dieses Zimmers aufgehört hatte zu existieren.

​Kai hob den Kopf, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Das dunkle Verlangen in seinem Blick war nun fast greifbar. „Gou hatte absolut Recht“, flüsterte er rauchig, während er begann, sein eigenes Hemd mit einer Hand aufzuknöpfen, ohne den Blick von ihr zu lassen. „Die Schalldämmung in den Ohren der Kinder, wird heute Nacht Schwerstarbeit leisten müssen.“

​Er befreite sich mit einer ungeduldigen Bewegung von seiner Oberbekleidung und entblößte seinen muskulösen, von harten Linien gezeichneten Oberkörper.
 

Kai verharrte erneut einen Moment, seine muskulösen Arme links und rechts von ihrem Kopf in den Teppich gestemmt, während sein nackter Oberkörper die Hitze ihrer Haut förmlich aufsaugte. Er sah auf sie hinab, sein Blick glitt langsam von ihrem vor Ekstase gezeichneten Gesicht hinunter zu der Stelle, an der seine Hand nun mit besitzergreifender Vertrautheit zwischen ihre Schenkel glitt.

​Ein dunkles, fast schon gefährliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, als er die intensive Feuchtigkeit spürte, die bereits ihre Haut benetzte. Er ließ seine Finger nicht sofort eindringen, sondern strich nur ganz sacht, fast schon quälend oberflächlich über ihre Mitte, um die Reaktion ihres Körpers zu provozieren.

​„Es ist wirklich immer wieder unglaublich“, hauchte er. Er hob seine Hand ein Stück, sodass die silbrigen Fäden ihrer Erregung im schwachen Licht des glimmenden Kamins schimmerten. „Wie feucht du immer wirst… nur weil ich dich ein wenig necke. Dein Körper verrät mir jedes Mal aufs Neue, wie sehr du mich willst, noch bevor ich überhaupt richtig angefangen habe.“

​Nami stieß ein abgehacktes, hilfloses Keuchen aus und versuchte, ihr Becken gegen seine Hand zu drücken, doch er hielt sie mit seinem Gewicht unnachgiebig am Boden.

​„Weißt du“, fuhr er fort, während er sich wieder tiefer zu ihr neigte und seine Nasenspitze an ihrer entlangstreifen ließ, „nach all den Jahren hätte ich nicht gedacht, dass mir dieses langsame Spiel so viel Freude bereiten würde. Früher wollte ich dich einfach nur nehmen, dich fordern, bis du nichts mehr anderes kennst als mich. Aber jetzt…“ Er hielt inne und biss ihr sacht in die Unterlippe, bevor er mit der Zunge darüber fuhr. „Jetzt liebe ich es, zuzusehen, wie du unter meinen Worten und diesen kleinen Berührungen förmlich zerfließt. Zu sehen, wie du um das bittest, was ich dir ohnehin geben werde.“

​Er spreizte ihre Beine mit seinen Knien weiter auseinander, wobei die Reibung seiner rauen Haut gegen ihre Innenseite, Nami die Augen schließen ließ. Er genoss ihre Hilflosigkeit, das Zittern ihrer Muskeln und das wilde Pochen ihres Herzens.

​„Du bist so bereit für mich, nicht wahr?“, flüsterte er, während er nun endlich den Druck seiner Finger erhöhte und sie tiefer in das warme, feuchte Zentrum ihres Verlangens gleiten ließ. „Gous Oropax waren definitiv keine schlechte Investition.“

​Nami krallte ihre Nägel in seinen Rücken, ein kurzer, scharfer Schmerz, den er mit einem tiefen, zufriedenen Grinsen quittierte. Die Atmosphäre im Anwesen war nun bis zum Zerreißen gespannt, geladen mit einer Leidenschaft, die keine Grenzen mehr kannte.

Er verschwendete keine Zeit mehr. Seine Finger bewegten sich nun mit einer unbarmherzigen Präzision in ihr, fanden die Stellen, die sie zum Schluchzen brachten, und massierten sie mit einem Rhythmus, der keinen Raum für Widerstand ließ.

​Das Knacken des Holzes in den fernen Fluren und das sanfte Rauschen des Windes draußen vor den schweren Vorhängen wurden von dem hastigen Klang ihres Atems verschluckt. Nami warf den Kopf zurück, ihre silbernen Locken ergossen sich wie ein glänzender Wasserfall über den hellen Teppich, während sie vergeblich versuchte, einen festen Halt zu finden.

​„Kai....“, presste sie hervor, doch ihre Stimme brach, als er den Druck noch einmal intensivierte.

​„Schau mich an, mein Schatz“, befahl er mit rauer, dominanter Sanftheit. Seine roten Augen glühten in der Dunkelheit des Zimmers, fixierten sie und ließen sie nicht los, während er das Tempo steigerte. Er beobachtete fasziniert, wie sich ihre Pupillen weiteten und ihr ganzer Körper unter der schieren Intensität seiner Berührung zu beben begann.

​Es dauerte keine Minute, bis die Spannung ihren unerträglichen Scheitelpunkt erreichte. Nami versteifte sich, ihr Rücken wölbte sich instinktiv vom Teppich ab, und ein heiserer Schrei erstarb in ihrer Kehle, als die erste Welle des Organsmus durch sie hindurchbrach. Die Hitze explodierte förmlich zwischen ihnen. Kai spürte das pulsierende Zucken ihrer inneren Muskeln, die sich fest um seine Finger klammerten, bevor sie sich in einer heftigen Kaskade über seine Hand ergoss.

​Keuchend sackte sie in den Teppich zurück, die Augen noch immer nur halb offen, während ihr Körper von den Nachbeben geschüttelt wurde. Kai zog seine Hand langsam zurück, die Haut glänzend von ihrer Erregung, und betrachtete sein Werk mit einem Blick, der vor Besitzanspruch und dunkler Zärtlichkeit nur so strotzte. Ein gefährliches Funkeln in seinen Augen.

​„Du weißt...das war erst der Anfang, mein Engel“, raunte er und schob sich zwischen ihre noch immer zitternden Schenkel. „Ich fange gerade erst an.“

Er befreite sich mit einer schnellen, fast ungeduldigen Bewegung von dem letzten Rest seiner Kleidung, während sein Blick keine Sekunde von Namis Gesicht wich.

​Er positionierte sich zwischen ihren weit gespreizten Schenkeln um diese mit einem sanften aber herrischen Griff, ein Stück nach oben gegen ihren Bauch zu heben. Danach stützte er sich auf seine muskulösen Unterarme, sodass sein massiver Körper sie fast vollständig unter sich begrub. Die Hitze, die von ihm ausging, war nun so überwältigend, dass Nami das Gefühl hatte, die Flammen des Kamins stünden direkt in ihrem Schlafzimmer.

​„Schrei ruhig so laut du kannst“, raunte er, seine Stimme so tief und gefährlich wie ein herannahendes Gewitter.

​Mit einem einzigen, kraftvollen Stoß drang er tief in ihr überreiztes Inneres ein und füllte sie vollkommen aus. Nami stieß einen gellenden Schrei aus, der den kleinen Salon erfüllte und bis in die verwinkelten Flure des alten Anwesens hallte. Es war kein Schrei des Schmerzes, sondern eine rein akustische Entladung all der aufgestauten Erregung und der Überreizung. Ihre Finger krallten sich so fest in seinen Rücken, dass sie feine rote Linien auf seiner Haut hinterließ, doch Kai schien das nur noch mehr anzustacheln.

​Er begann, sich in ihr zu bewegen – rhythmisch, fordernd und mit einer Wucht, die das schwere Gebälk des Hauses fast erzittern ließ. Jedes Mal, wenn sein Körper gegen ihren schlug, entwich Nami ein weiteres, unkontrolliertes Schluchzen. Sie war vollkommen in seiner Welt gefangen, verloren in der Reibung, der Hitze und dem besitzergreifenden Rhythmus, den er ihr diktierte.

​Kai neigte sich vor, seine Lippen fanden wieder ihren Hals, während er seine Stöße beschleunigte. „Hörst du das?“, keuchte er gegen ihre Haut, sein Atem heiß und gejagt. „Das ist das Geräusch, von dem Gou gesprochen hat. Und ich werde nicht aufhören, bis du heiser und komplett am Ende bist.“

​Nami konnte nicht antworten, sie konnte nur den Kopf in den Nacken werfen, ihre silberweißen Locken peitschten über den Teppich, während sie sich dem Wahnsinn ergab. Die „akustische Druckwelle“, die ihr Sohn so scherzhaft prophezeit hatte, war nun bittere Realität geworden.

Kais Rhythmus wurde nun immer unbarmherziger, ein gnadenloses Staccato aus roher Kraft und tiefer, besitzergreifender Leidenschaft. Er stemmte sich mit seinen massiven Armen hoch, um Nami dabei zuzusehen, wie sie unter ihm förmlich den Verstand verlor. Ihre ozeanfarbenen Augen waren voll von Extase und glänzend, fixiert auf das glühende Rubinrot in seinem Blick, während ihre Fingernägel sich tief in seine muskulösen Schultern gruben.

​„Soll ich etwa aufhören?“, keuchte er. „Bist du etwa schon am Ende, mein Schatz?“

​„Hör nicht...auf!“, schrie sie es fast heraus, während eine erste Welle der Ekstase durch ihren Körper rollte und ihre inneren Muskeln sich krampfhaft um ihn schlossen. Dieser letzte Funke war der Auslöser, der auch Kais mühsam aufrechterhaltene Beherrschung endgültig sprengte. Mit einem letzten, tiefen Stoß vergrub er sein Gesicht in der Beuge ihres Halses und entlud all die aufgestaute Energie des Tages in sie. Ein lautes Knurren entrang sich seiner Kehle, das sich mit Namis langgezogenem, zittrigem Seufzen zu einer einzigen, gewaltigen Klangwelle verband, die fast physisch gegen die Wände des Salons zu drücken schien.

​Minutenlang war nur noch ihr schweres, gejagtes Atmen zu hören, das sich langsam dem Takt des sterbenden Feuers anpasste. Kai ließ sein Gewicht vorsichtig auf sie sinken, ohne sie jedoch zu erdrücken, und vergrub sein Gesicht in ihrem seidigen, silberweißen Haar, das überall auf dem Teppich verstreut lag.

​Schließlich löste er sich ein Stück, stützte sich auf seine Ellbogen und sah auf sie hinab. Namis Haut schimmerte feucht im fahlen Licht, und ein erschöpftes, aber unendlich glückliches Lächeln lag auf ihren Lippen.

​„Ich glaube...“, flüsterte sie heiser und strich ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn, „Gou wird morgen beim Frühstück ein sehr wissendes Grinsen tragen.“

​Kai stieß ein leises, trockenes Lachen aus und küsste ihre Nasenspitze. „Falls er wirklich was gehört hat...aber soll er nur. Solange er weiß, dass sein Vater immer hält, was er verspricht.“

​Er rollte sich zur Seite und zog sie fest in seine Arme, sodass ihr Rücken gegen seine breite Brust gepresst war. Sie verharrten so einige Minuten, den Atem wieder kontrollierend....

Nami drehte ihren Kopf ein Stück zur Seite, um ihn aus den Augenwinkeln anzusehen. Ein herausforderndes Funkeln trat in ihr Blickfeld, trotz der wohligen Erschöpfung, die ihre Glieder eigentlich schwer gemacht hatte.

​„War das heute wirklich schon alles, mein Schatz?“, fragte sie leise, ihre Stimme war noch immer belegt und rau. Sie spürte die harten Konturen seines Körpers an ihrem Rücken und wusste genau, dass ein Mann wie er nach einem Tag voller unterdrückter Spannung und stressigen Ereignissen selten mit nur einer Entladung zufrieden war. „Ich bin überrascht, dass du schon aufhörst. Normalerweise bist du nach solchen Tagen... fordernder. Vielleicht bin ich es schlichtweg gewohnt, dass du mehr Ausdauer beweist.“

​Einen Moment lang herrschte Stille, in der nur das Pfeifen des Windes zu hören war. Dann spürte sie, wie Kai ein kurzes Lachen ausstieß, das direkt in ihre Wirbelsäule wanderte. Er löste die Umarmung nicht, sondern begann stattdessen, ihren Nacken mit langsamen, feuchten Küssen zu bearbeiten. Seine Zähne knabberten sacht an der empfindlichen Stelle, an der ihre Schulter in den Hals überging.

​„Du bist heute wohl unersättlich, hm?“, murmelte er gegen ihre Haut, und sie konnte das schelmische Grinsen in seiner Stimme förmlich hören.

​„Ich habe lediglich eine kurze Pause gemacht, um sicherzugehen, dass dein Herz nicht stehen bleibt“, flüsterte er ihr ins Ohr, wobei seine Lippen ihre Haut streiften. „Die Nacht ist noch jung, und wenn ich ehrlich bin... hast du für meinen Geschmack vorhin ein wenig zu leise geschrien. Das kann ich so nicht stehen lassen. Das kratzt an meinem Stolz.“

​Nami wollte gerade zu einer schlagfertigen Antwort ansetzen, doch er unterbrach sie, indem er seine Hand fest um ihre Taille schlang und sie wieder näher an sich zog.

​„Schließlich“, fuhr er rau fort, während er seine Hüfte wieder fordernd gegen ihre drückte und sie spüren ließ, dass er alles andere als fertig war, „müssen wir die Oropax der Kinder auch richtig testen. Es wäre doch schade, wenn Gou sie umsonst gekauft hätte.“

​Ein wohliger Schauer lief über ihren Rücken, als sie begriff, dass das neckische Spiel nun in die nächste, weitaus intensivere Runde ging.

Mit einer fließenden, kraftvollen Bewegung schob er seinen unteren Arm unter ihrem Körper durch, hob sie ein Stück an und umfasste mit seiner großen Hand fest ihre oben liegende Brust. Seine Finger gruben sich besitzergreifend in das weiche Fleisch, während er mit der anderen Hand nach ihrem oberen Bein griff und es etwas nach oben zog, um sich den Weg zu ebnen.

​Nami keuchte auf, als sie spürte, wie er ihren Rücken noch fester gegen seine breite Brust presste. Sie spürte jede einzelne Muskelpartie seines Oberkörpers, die sich nun anspannter anfühlte als zuvor. Er ließ sie keine Sekunde im Zweifel darüber, dass die „Pause“ nun endgültig vorbei war.

​„Dann schauen wir mal, wie laut ich dich heute noch zum Schreien bekomme...“, flüsterte er dunkel.

​Ohne weitere Warnung schob er sich von hinten mit einem tiefen, kontrollierten Stoß wieder in sie hinein. Das Gefühl der plötzlichen Fülle raubte Nami erneut den Atem, und ein erstickter Laut entwich ihrer Kehle. Kai nutzte den Moment ihrer Überraschung aus und begann, mit seiner Zunge langsam und genüsslich ihren Nacken entlangzufahren, wobei er an der Stelle verweilte, an der ihre Pulsader wild unter der Haut pochte.

​Der Kontrast zwischen der feuchten, weichen Zunge an ihrem Hals und der nun erneuten harten, rhythmischen Bewegung seines Unterkörpers trieb Nami augenblicklich wieder an den Rand des Wahnsinns. In dieser Position war sie ihm vollkommen ausgeliefert; sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie spürte seine triumphale Aura und das tiefe, zufriedene Vibrieren in seiner Brust bei jedem Stoß.

​„Das hast du jetzt davon...“, raunte er grinsend gegen ihre Haut, während er sein Tempo steigerte und sie mit seinem Arm noch enger an sich zog. „Jetzt sorge ich wirklich dafür, dass man dich im ganzen Haus hören kann.“

​Nami warf den Kopf nach hinten gegen seine Schulter, ihre silberweißen Locken kitzelten sein Gesicht, während sie ihre Hand auf seine legte, die ihre Brust hielt. Die Ekstase baute sich diesmal viel schneller und heftiger auf, genährt von der vorangegangenen Orgasmen, der Vertrautheit ihrer Körper und der unbändigen Lust, die Kai in jede einzelne Bewegung legte.

Er spürte, wie sich jeder Muskel in Namis Körper bis zum Zerreißen spannte. Ihre Fingernägel gruben sich in seinen Arm, der ihre Brust wie ein Schraubstock umschloss, während ihr Kopf nach hinten gegen seine Lippen wippte. Das langsame, neckische Spiel war längst einer rohen, unbändigen Gewalt gewichen.

​„Kai... ich kann nicht...ich.., Kai!“, schluchzte sie, und das Geräusch war so voller Verzweiflung und Verlangen, dass es die ohnehin schon geladene Luft im Salon förmlich zerriss. Ihre Stimme zitterte, brach fast weg, während sie unter ihm bebte. Sie versuchte, sich instinktiv dem überwältigenden Gefühl zu entziehen, das in ihr aufstieg, doch Kai dachte nicht daran, sie gehen zu lassen.

​Ein dunkles, triumphierendes Grinsen stahl sich erneut auf seine Züge. Er genoss ihre totale Hingabe, das Zeichen seiner absoluten Dominanz über ihre Sinne. Er verstärkte den Griff um ihre Taille und ihre Brust noch einmal, presste sie so hart gegen sich, dass ihre Körper zu einer einzigen, bebenden Einheit verschmolzen.

​„Du entkommst mir nicht“, grollte er heiß an ihr Ohr. „Spür genau, was du mit mir machst...Schrei!.“

​Mit einer brutalen Präzision maximierte er seine Stöße, stieß so tief und heftig in sie hinein, dass das schwere Teppichfutter unter ihnen knirschte. Das Schluchzen in Namis Kehle schwoll an, wurde höher und dringlicher, bis es schließlich die letzte Barriere durchbrach. In dem Moment, als ihr Körper erneut in einer gewaltigen Welle der Ekstase explodierte, entlud sich all ihre aufgestaute Energie in einem langen, ungefilterten Schrei, der so laut und klar war, dass er die Stille des gesamten Anwesens wie eine Glasglocke zerspringen ließ.

​Kai hielt ihren windenden und zuckenden Körper unnachgiebig fest, während auch er den Rand des Abgrunds erreichte. Mit einem letzten, markerschütternden Stoß und einem triumphierenden Knurren ergab er sich dem gemeinsamen Höhepunkt. Sein ganzer Körper bebte unter der Wucht der Entladung.

​Sekundenlang schien die Zeit im Anwesen stillzustehen. Nur das ferne Heulen des Windes und das heftige, fast schmerzhafte Keuchen der beiden Verliebten erfüllte den Raum. Nami lag vollkommen erschlafft in seinen Armen, während Kai seinen Kopf auf ihrer Schulter ablegte und den Duft ihrer Haut tief einatmete. Die Oropax der Kinder hatten heute Nacht definitiv Schwerstarbeit leisten müssen.

Er bemerkte, wie Nami Mühe hatte, ihren Atem zu kontrollieren. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in hastigen, flachen Zügen, und in ihrem Inneren spürte er noch immer das leichte, rhythmische Krampften ihrer Muskeln. Doch trotz der körperlichen Erschöpfung wirkte ihr Gesichtszug vollkommen gelöst; sie schloss die Augen und ein tiefer, fast glückseliger Ausdruck von Zufriedenheit breitete sich auf ihren Zügen aus.

​Als er sich schließlich langsam aus ihr herauszog, entwich ihr ein kurzes, tiefes Seufzen – eine Mischung aus Erleichterung und dem Bedauern über den Verlust der unmittelbaren Nähe. Von der Seite liegend sank sie zurück auf den Rücken. Ihre silberweißen Locken bildeten einen wilden, glänzenden Kranz auf dem dunklen Teppich des Salons, während das letzte Glimmen des Kaminfeuers ihre karamellfarbene Haut in ein weiches, bronzenes Licht tauchte.

​Kai beugte sich über sie, die Arme links und rechts neben ihrem Kopf aufgestützt. Ein triumphierendes, aber auch zutiefst zärtliches Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Er beobachtete, wie ihre Lider flatterten, und stellte fest, dass dieser letzte Höhepunkt sie mal wieder förmlich zerrissen hatte. Sie wirkte zerbrechlich und zugleich kraftvoll in ihrer Hingabe. „Der letzte war wohl etwas heftig, oder?"

​Nami wollte etwas erwidern, doch als sie den Mund öffnete, kam statt Worten nur ein heiseres, kehliges Lachen heraus, das schnell in ein erschöpftes Keuchen überging. Kai wartete nicht lange; er griff nach ihren Händen und half ihr sanft, aber bestimmt nach oben. Doch als sie versuchte, festen Stand zu finden, gaben ihre Knie nach – sie zitterten so stark, dass sie sich sofort wieder an seine muskulösen Unterarme klammern musste. Sie musste erneut lachen. Denn dieser Anblick war keine Seltenheit nach ihrer jahrelangen gemeinsamen Intensität.

​„Ich hab dich“, murmelte er tief. Ohne ein weiteres Wort hob er sie hoch und bettete ihren Kopf gegen seine Schulter.

​Während er sie die Treppe hinauf in Richtung ihres Schlafzimmers trug, wobei seine Schritte schwer und sicher auf dem alten Holz widerhallten, sah er auf sie hinab. Sein Grinsen wurde breiter, fast schon ein wenig frech.

​„Du warst laut genug, mein Schatz“, flüsterte er, während er den Korridor durchschritt, in dem die Kinder hinter verschlossenen Türen schliefen – oder es zumindest versuchten. „Ich bin mehr als zufrieden mit der akustischen Bestätigung meiner... Wertschätzung.“

Nami lachte erneut auf und strich ihm über die Wange. „Da bin ich aber froh"

Ein ganz normaler Arbeitstag

Das fahle Licht des Wintermorgens sickerte nur zögerlich durch die hohen Fenster des Anwesens. Drinnen herrschte eine tiefe Stille, die nur vom fernen Knirschen des Schnees auf den Ästen im Garten unterbrochen wurde.

​Nami blinzelte verschlafen. Die Wärme unter der schweren Decke war so einnehmend, dass sie sich noch ein Stück enger an die feste Gestalt neben sich schmiegte. Kai war bereits wach – das spürte sie an der Veränderung seines Atems und der Art, wie sein Arm sie mit einem winzigen Ruck näher zog. Sie hob den Kopf und sah in sein Gesicht. Sein Haar war völlig zerzaust, was ihm eine Sanftheit verlieh, die er der Welt niemals zeigte. Seine roten Augen wirkten in der Morgendämmerung wie glühende Kohlen, die noch von der Intensität der vergangenen Nacht zehrten.

​„Guten Morgen“, flüsterte sie mit schlaftrunkener Stimme. Sie hob die Hand und strich ihm eine widerspenstige Strähne aus der Stirn.

​Kai gab ein tiefes, zufriedenes Schmunzeln von sich, das in seiner Brust vibrierte. Er neigte den Kopf und drückte einen langen, weichen Kuss in ihre Handfläche. „Guten Morgen“, raunte er zurück. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, als wollte er sicherstellen, dass sie nach den leidenschaftlichen Stunden der Nacht wieder ganz im Hier und Jetzt angekommen war.

​„Kai?“, begann sie leise und zeichnete die Konturen seiner Wangen nach. „Wir nehmen Sayuri heute wieder mit in den Tower, oder? Ich habe Claire schon Bescheid gegeben. Wir sollten sie noch eine Weile beobachten“

​Kai atmete tief durch, und ein seltener Stolz trat in seinen Blick. „Ja. Nach dem, was die letzten Tage passiert ist, gibt es ohnehin kein Zurück mehr. Die ganze Belegschaft redet sicher noch immer über ihren Auftritt.“ Ein trockenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Asakawa hat seine Berichte seit dem Vorfall im Restaurant jedenfalls in Rekordzeit und fehlerfrei noch am selben Tag abgeliefert. Die Angst vor den magentafarbenen Augen meiner Tochter scheint ein hervorragender Motivator zu sein.“

​Nami kicherte leise und kuschelte ihr Gesicht an seine Schulter. „Sie ist eben eine echte Hiwatari. Aber du hast ihr ja versprochen, dass sie wieder mit darf, wenn sie brav ist. Und sie war so unglaublich lieb, wie sie auf deinem Schoß saß und die Konferenzen beobachtet hat... auch wenn sie zwischendurch die Wahrheit über die unordentlichen Berichte ausgeplaudert hat.“

​„Sie hat den Blick für das Wesentliche“, stellte Kai fest. „Genau wie du. Ich mag es, wenn sie im Büro ist. Es erinnert mich daran, wofür ich diesen ganzen Konzern eigentlich leite.“ Er zog Nami ein Stück höher, bis ihre Lippen fast die seinen berührten. „Aber heute sorgen wir dafür, dass sie nicht wieder an die Marketing-Entwürfe kommt. Ich will nicht nochmal erklären müssen, warum das Firmenlogo plötzlich Schleifen trägt.“

​Nami lachte befreit auf. „Abgemacht. Ich werde immer mal wieder zusammen mit Claire, ein Auge auf sie haben, während du den großen Boss spielst. Und wir sollten Gou fragen, ob er nach der Schule wieder nachkommen will. Er meinte ja, dass die Aura im Anwesen ohne seine kleine Schwester unruhig sei.“

​„Er hat einen Beschützerinstinkt, der fast so anstrengend ist wie meiner“, brummte Kai, doch der Unterton war voller Liebe. Er beugte sich vor und gab ihr einen tiefen, zärtlichen Kuss, der den Tag besiegelte. „Steh auf, mein Schatz. Der Tower wartet auf die kleine Prinzessin und ihre Mutter.“

​Wie aufs Stichwort hörte man draußen im Flur das helle Lachen von Sayuri und das Getrappel kleiner Füße auf dem Holzfußboden. Der Alltag im Anwesen war erwacht, doch die Verbundenheit zwischen Kai und Nami schien an diesem Morgen stärker denn je.
 

Das morgendliche Tokio erwachte in einem silbrigen Winterlicht, als der dunkelgrüne Bentley von Kai und Nami vor dem hoch aufragenden Tachiwari-Tower vorfuhr. Die Schneereste der letzten Nacht glitzerten noch auf den Dächern und an den Fenstersimsen, doch drinnen, in der makellosen Lobby aus Glas und poliertem Marmor, herrschte bereits geschäftiges Treiben.

​Als die schwere Glastür sich geräuschlos hinter ihnen schloss, war es wieder die kleine Gestalt zwischen Kai und Nami, die die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sayuri trug heute ein hellrosa Kleidchen mit einem kleinen, weißen Rüschenkragen und dazu passende weiße Strumpfhosen und lackglänzende Spangenschuhe. Ihre silberweißen Locken waren zu zwei kleinen Zöpfen gebunden, die ihr Gesicht mit den großen magentafarbenen Augen noch runder und unschuldiger wirken ließen.

​Die Mitarbeiter, die durch die weitläufige Lobby eilten, verlangsamten unwillkürlich ihre Schritte. Männer in maßgeschneiderten Anzügen und Frauen in eleganten Kostümen, die sonst nur Blicke der geschäftigen Ernsthaftigkeit tauschten, strahlten nun ein sanftes Lächeln aus. Man tuschelte und zeigte diskret auf das Trio, das wie ein Bild aus einer Hochglanzzeitschrift wirkte.

​Am Empfangstresen saß wie immer Frau Hibari, eine ältere Dame mit sorgfältig frisiertem grauen Haar und einer unfehlbaren Seriosität, die selbst in den stressigsten Momenten des Towers nie wich. Doch beim Anblick der kleinen Sayuri schmolz ihre professionelle Fassade dahin. Sie faltete die Hände und lächelte so warm, dass es fast die kühle Luft in der Lobby erwärmte.

​„Guten Morgen, Mr. und Mrs. Hiwatari“, sagte Frau Hibari mit einer Stimme, die ungewohnt sanft klang. Dann beugte sie sich leicht über den Tresen und zwinkerte Sayuri zu. „Und guten Morgen, unsere kleine Prinzessin! Schön, dass du uns heute wieder mit deinem Besuch beehrst. Du siehst ja wieder ganz entzückend aus!“

​Sayuri, die fest Kais Hand hielt, genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Sie lächelte strahlend, und ihre magentafarbenen Augen funkelten vor Freude. Sie wusste genau, wie sie die Herzen der Erwachsenen im Tower zum Schmelzen bringen konnte. Sie drehte ihren Kopf zuerst zu Kai und dann zu Nami, als wollte sie alle in ihre kleine Vorstellung einbeziehen.

​„Ich hab Papa und Mama ganz doll lieb! Ich gehe gerne mit zur Arbeit!“, rief sie mit ihrer hellen, unschuldigen Stimme, die in der großen Lobby widerhallte. Sie drückte Kais Hand noch fester und schmiegte sich einen Moment an sein Bein. „Und ich bin Papas Prinzessin!“

​Kai versuchte, sein übliches Pokerface zu bewahren, doch seine Mundwinkel zuckten verräterisch, und ein warmer Schimmer trat in seine roten Augen. Er legte seine freie Hand kurz auf Sayuris Kopf, eine Geste, die unmissverständlich seinen Stolz zeigte.

​Nami lächelte Frau Hibari dankbar zu. „Sie ist heute Morgen besonders charmant“, sagte sie leise. „Ich glaube, sie genießt es, wieder hier zu sein.“

​Frau Hibari nickte zustimmend, ihre Augen glänzten. „Das merkt man, Mrs. Hiwatari. Ein wahrer Sonnenschein, der den ganzen Tower erhellt.“
 

​Während sie sich dem Fahrstuhl näherten, waren die Blicke der Angestellten nun noch verzückter. Sayuri hatte es geschafft, die kühle, geschäftige Atmosphäre des Tachiwari-Towers in einen Ort der kindlichen Freude und Zuneigung zu verwandeln – zumindest für diese paar Minuten des morgendlichen Auftritts. Kai, der sonst meist jede Form von persönlicher Aufmerksamkeit mied, ließ es entspannt geschehen. Er führte seine kleine Prinzessin mit einer Ruhe und einem Stolz an der Hand, die alle erahnen ließ, dass es für diese strahlende, weißhaarige Zeit-Wächterin eine ganz besondere Ausnahme gab.
 

Während sie auf den Aufzug warteten, dessen goldene Digitalanzeige die Stockwerke hinunterzählte, schien sich um die kleine Familie eine unsichtbare Blase der Ruhe zu bilden. Sayuri stand zwischen ihnen, wippte vergnügt auf ihren Lackschuhen und summte eine kleine Melodie, während sie das bunte Treiben in der Lobby beobachtete. Sie fühlte sich sichtlich wohl in ihrer Rolle als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

​Kai sah von seiner Tochter auf zu Nami. Das kühle Licht der Deckenstrahler fing sich in ihrem silberweißen Haar und ließ ihre hellen, karamellfarbenen Wangen schimmern. Trotz des professionellen Business-Outfits strahlte sie eine Wärme aus, die den perfekten Gegenpol zu seiner distanzierten Aura bildete.

​Plötzlich legte Kai seine Hand an Namis Taille und zog sie mit einer besitzergreifenden, aber unendlich sanften Bewegung zu sich heran. Bevor Nami reagieren konnte, senkte er den Kopf und schloss seine Lippen über den ihren. Es war ein langer, zarter Kuss, der nach der Leidenschaft der vergangenen Nacht schmeckte, aber gleichzeitig die tiefe Beständigkeit ihrer Ehe in sich trug.

​Ein unterdrücktes, kollektives Luftholen ging durch die Lobby. Mehrere Angestellte hielten in der Bewegung inne, und Frau Hibari am Empfang verbarg ein gerührtes Lächeln hinter ihrer Hand. Es war kein Geheimnis im Tower, dass der als unnahbar geltende Kai Hiwatari seiner Frau mit einer fast schon legendären Loyalität ergeben war, doch solche öffentlichen Bekundungen von Zärtlichkeit waren selten aber umso wirkungsvoller.

​Als er sich langsam von ihr löste, blieben seine Lippen nur Millimeter von ihrem Ohr entfernt. Sein warmer Atem kitzelte ihre Haut und schickte einen vertrauten Schauer über ihren Rücken.

​„Wenn wir heute schon wieder so viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen“, flüsterte er mit seiner rauen, dunklen Stimme, während sein Blick tief in ihre ozeanfarbenen Augen tauchte, „dann darf meine wunderschöne Frau definitiv nicht zu kurz kommen.“

​Nami spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg, und sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Kai... die Leute starren uns an“, hauchte sie, ohne sich jedoch aus seinem Griff zu lösen.

​Ein gefährlich charmantes Funkeln trat in seine rubinroten Augen. Er strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe und neigte den Kopf ein Stück weiter zu ihr. „Lass sie starren“, raunte er leise. „Ich bin für meine Hingabe gegenüber meiner Frau in diesem Tower ja eh schon mehr als bekannt. Da kann ich ihnen auch gleich einen Grund geben, morgen noch mehr zu tuscheln.“

​Sayuri, die den Moment bemerkt hatte, ließ Kais Hand kurz los und umklammerte stattdessen die Beine ihrer Eltern, indem sie ihre kleinen Arme so weit wie möglich um beide schlang. „Mama und Papa haben sich sooo lieb!“, verkündete sie lautstark und sah mit einem triumphierenden Strahlen zu den wartenden Angestellten hoch, als wollte sie sagen:
 

Seht her, das gehört alles mir.
 

​In diesem Moment öffneten sich die Fahrstuhltüren mit einem hellen Pling. Kai löste sich nicht sofort, sondern schenkte Nami noch einen letzten, intensiven Blick, bevor er Sayuri wieder an die Hand nahm und sie gemeinsam in die verspiegelte Kabine traten. Während die Türen zugleiten und sie nach oben in die Chefetage trugen, blieb in der Lobby eine Belegschaft zurück, die für einen Moment vergessen hatte, dass sie eigentlich in einem der mächtigsten Wirtschaftskonzerne Japans arbeitete.
 

Als die Türen im obersten Stockwerk sanft aufglitten, empfing sie die vertraute, kühle Eleganz der Chefetage. Doch heute fühlte sich der Korridor weniger wie ein steriler Geschäftsbereich und mehr wie die Bühne für Sayuris kleinen Siegeszug an.

​In Kais weitläufigem Büro angekommen, steuerte Sayuri sofort auf den massiven Schreibtisch aus Metall und Glas zu. Während Claire im Nebenraum bereits die „Einsatzbasis“ für Spielzeug vorbereitete, kletterte Sayuri mit einer Selbstverständlichkeit auf Kais großen Lederstuhl, die Nami jedes Mal aufs Neue schmunzeln ließ.

​„Ich helfe heute Papa wieder beim Arbeiten!“, verkündete die Kleine und strich mit ihren winzigen Fingern über die glatte Oberfläche des Touch-Displays, das in den Tisch eingelassen war.

​Kai, der normalerweise niemanden an seinen Arbeitsplatz ließ, beobachtete sie mit verschränkten Armen und einem Ausdruck, der zwischen Resignation und purer Zuneigung schwankte. Er trat hinter den Stuhl, legte seine großen Hände auf die Rückenlehne und neigte sich zu ihr. „Nur gucken, Prinzessin. Nicht drücken, sonst kaufen wir aus Versehen eine Reederei irgendwo am Ende der Welt, die wir gar nicht brauchen.“

​Nami beobachtete die Szene von der Tür aus. „Sie hat deinen Blick für das Wesentliche, Kai. Sie sucht wahrscheinlich schon nach den Logistik-Berichten, um zu sehen, ob Asakawa heute fleißiger war.“

​Nachdem Claire es wenig später geschafft hatte, Sayuri mit einer Packung neuer Buntstifte und einem Malbuch in die gemütliche Sitzecke am Fenster zu locken, kehrte eine trügerische Ruhe ein. Einige Stunden geschäftlicher Atmosphäre war in die beiden Büros der Eheleute eingekehrt.

Nami trat an Kais Schreibtisch und reichte ihm ein Tablet mit den neuesten Zahlen der Tachiwari-Corporation.

​„Hier sind die Statistiken für die neuen Beyblade-Komponenten, die wir in Russland testen“, sagte sie geschäftsmäßig, doch ihre Augen suchten die seinen.

​Kai nahm das Tablet nicht sofort entgegen. Stattdessen griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie sanft um den Schreibtisch herum in seinen Bereich. Er setzte sich auf die Kante der Tischplatte und zog sie zwischen seine Beine. Die kühle Luft des klimatisierten Raums bildete einen scharfen Kontrast zur Hitze, die von ihm ausging.

​„Die Zahlen können warten“, raunte er, während er seine Arme fest um ihre Taille schlang. Sein Blick wanderte zu Sayuri, die vertieft in ihr Malbuch war, und dann zurück zu Nami. „Ich habe heute Morgen in der Lobby nicht gelogen. Diese Hingabe... sie ist nicht nur eine Show für die Angestellten.“

​Er beugte sich vor und drückte seine Stirn gegen die ihre. „Du siehst heute fantastisch aus, mein Schatz. Diese Farbe steht dir.“

​Nami legte ihre Hände auf seine Schultern und spürte die festen Muskeln unter dem teuren Stoff seines Sakkos. „Du bist heute unglaublich gut gelaunt. Liegt das etwa an Sayuri? Du machst es mir wirklich schwer, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, Kai. Wenn du mich so ansiehst, vergesse ich glatt, dass wir hier in einer der wichtigsten Firmen des Landes sind.“

​„Das ist der Plan...und ja meine Laune ist heute tatsächlich ziemlich gut.“, erwiderte er mit einem dunklen Grinsen. Er stahl sich einen kurzen, tiefen Kuss, der Nami für einen Moment die Welt um sie herum vergessen ließ. Seine Lippen waren fordernd, doch die Zärtlichkeit der vergangenen Nacht schwang immer noch mit.
 

​Gerade als Nami sich aus seiner Umarmung lösen wollte, um wenigstens den Anschein von Professionalität zu wahren, vibrierte Kais Handy. Armon war dran.

​„Entschuldigen Sie die Störung, Sir. Gou ist gerade unten angekommen. Er wurde von Graham gebracht und weigert sich beharrlich, im Wartebereich zu bleiben. Er meinte, er müsse nachsehen, ob Sayuri den Tower schon 'übernommen' hat.“

​„Lass ihn hoch, Armon."
 

Wenig später trat Gou ein.

Er trug seine Schuluniform, wirkte aber trotz seines jungen Alters in der Umgebung des Towers vollkommen deplatziert – eher wie ein junger Thronfolger, der sein Erbe inspiziert. Sein Blick so scharf wie der seines Vaters, scannte den Raum und blieb an Sayuri hängen.

​„Hey, Prinzessin“, sagte er und steuerte direkt auf seine Schwester zu. „Hast du Papa schon geholfen, die Leute zu erschrecken?“

​Sayuri sah auf und strahlte. „Gou! Guck mal, ich hab Papa gemalt. Und Mama. Und dich!“

​Kai löste sich von Nami, behielt aber eine Hand auf ihrer Hüfte, während er seinen Sohn beobachtete. „Du bist früh dran, Gou. Hast du deine Hausaufgaben bereits erledigt, oder suchst du nur eine Ausrede, um dem Training heute Nachmittag zu entgehen?“

​Gou grinste frech. „Hausaufgaben sind fertig, Vater. Und das Training... nun ja, ich dachte, hier im Tower lerne ich vielleicht eine andere Art von Kampf kennen.“

​Nami sah zwischen ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn hin und her und spürte eine tiefe Wärme in ihrer Brust.

Gou stand dort mit einer Lässigkeit, die so sehr nach seinem Vater schlug, dass es fast schon unheimlich war.

​„Gou?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem liebevollen Lächeln. „Ist die Schule denn schon aus? Es ist doch erst kurz vor Mittag.“

​Gou zuckte trocken mit den Schultern und rückte seine Schultasche zurecht. „Zwei Lehrer sind krank gemeldet. Mathe und Geschichte sind ausgefallen, und da die Vertretung ohnehin nur Arbeitsblätter verteilt hätte, durften wir früher gehen. Ich dachte mir, bevor ich im Anwesen rumsitze, schaue ich hier nach dem Rechten.“

​Nami nickte verstehend und warf Kai einen vielsagenden Blick zu. „Na, das passt ja eigentlich ganz gut. Wir wollten ohnehin gleich hoch in das Restaurant gehen. Dann kannst du uns begleiten und wir essen alle gemeinsam als Familie.“

​Gous Blick wanderte kurz zu Kais Hand, die immer noch besitzergreifend auf Namis Hüfte ruhte, und dann zurück in die Gesichter seiner Eltern. Er verzog keine Miene, doch in seinen Augen blitzte ein amüsiertes, wenn auch leicht genervtes Funkeln auf.

​„Das wäre nett“, entgegnete Gou mit derselben trockenen Art, die Kai so oft an den Tag legte. „Aber es wäre noch netter, wenn ihr beide das verliebte Geplänkel wenigstens heute ein wenig eindämmen könntet. Wenn ich später im Restaurant schon die ehrfürchtigen und neugierigen Blicke der gesamten Belegschaft ertragen muss, brauche ich nicht auch noch meine Eltern, die sich vor versammelter Mannschaft wie frisch Verliebte aufführen.“

​Kai stieß ein kurzes, schnaubendes Lachen aus und drückte Namis Hüfte noch einmal kurz, bevor er die Hand schließlich löste. Er trat einen Schritt auf seinen Sohn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

​„Gewöhn dich dran, Gou“, raunte Kai mit einem gefährlich charmanten Grinsen. „In diesem Tower gehört deine Mutter mir, und ich habe nicht vor, das vor irgendwem zu verstecken. Aber für dich werde ich versuchen, mich heute Mittag... professionell zu verhalten. Zumindest für die ersten zehn Minuten.“

​Nami rollte spielerisch mit den Augen und trat zu Sayuri, um ihr beim Aufräumen der Malstifte zu helfen. „Hör nicht auf ihn, Gou. Er liebt es einfach, sein Revier zu markieren. Komm, Sayuri, wir gehen essen."
 

​Gemeinsam verließ die Familie das Büro. Als sie durch das bereits leere Vorbüro auf den Korridor schritten – Kai voran, gefolgt von Nami mit Sayuri an der Hand und Gou, der mit verschränkten Armen und einem unerschütterlichen Blick die Flanken deckte – wirkte es weniger wie ein privater Ausflug und mehr wie der Aufmarsch einer Dynastie.
 

Der gläserne Aufzug glitt lautlos in die oberste Etage, und während die Skyline von Tokio hinter ihnen immer imposanter wurde, beobachtete Nami ihren Sohn im Spiegelbild der Kabine. Es war immer wieder erschreckend, wie sehr Gou seinem Vater glich. Er stand da, die Füße schulterbreit auseinander, das Kinn leicht gehoben, die Arme vor der Brust verschränkt – eine exakte Kopie von Kais ikonischer Haltung.
 

​Die dunklen silberblauen Haare fielen ihm in derselben widerspenstigen Weise in die Stirn, und seine Augenform besaß diese raubtierhafte Schärfe, die Kai so unnahbar machte. Doch während Kais Augen in einem hellen Rubinrot beinah leuchteten, war Gous Blick dunkler, ein tiefes, fast samtenes Granatrot, das Nami stark an ihren Schwager Vladimir mit seinen weinroten Augen erinnerte.

​Nami bemerkte mit einem wehmütigen Lächeln, wie groß er bereits geworden war. In nur einem halben Jahr würde er zwölf werden, und der kindliche Babyspeck war längst einer harten, sehnigen Statur gewichen. Das gnadenlose Training mit Kai und die Stunden an der Beystadium-Arena hatten seine Schultern verbreitert und seine Züge markanter werden lassen. Er war kein kleiner Junge mehr; er war ein junger Mann im Werden, der die Last und den Stolz des Namens Hiwatari bereits mit beeindruckender Würde trug.

​Als sich die Türen zum Firmenrestaurant öffneten, trat eine plötzliche Stille ein. Es war eine Sache, den CEO mit seiner bezaubernden kleinen Tochter zu sehen, aber die Präsenz von Gou verlieh der Szene eine völlig neue Gravitas.

​„Siehst du das, Gou?“, flüsterte Nami ihm zu, während sie seinen Arm streifte. „Die Leute schauen nicht nur wegen Sayuri. Sie sehen in dir die Zukunft.“

​Gou verzog keine Miene, doch seine Augen scannten den Raum mit einer Präzision, die er sich zweifellos bei den morgendlichen Trainingseinheiten angeeignet hatte. „Sie schauen, weil sie sich fragen, ob ich genauso streng werde wie Vater“, murmelte er trocken zurück.

​Kai, der die kleine Sayuri nun wieder an der Hand hielt, führte sie zu ihrem Stammplatz am Fenster. Er hielt sich tatsächlich an sein Versprechen: Er mied es, Nami vor den Augen der Vorstandsmitglieder erneut in eine halbe Umarmung zu ziehen, doch die Art, wie er ihr den Stuhl zurechtrückte und seine Hand für einen Sekundenbruchteil länger als nötig auf ihrer Schulter ruhen ließ, sprach Bände.

​Die Kellner eilten herbei, als ginge es um ein Staatsbankett. Während Sayuri bereits eifrig erklärte, dass sie heute „ganz viel Nachtisch“ verdient habe, beobachtete Nami, wie Gou sich setzte. Er bewegte sich mit einer flüssigen Eleganz, die keine verschwendete Energie kannte.

​„Du hast dich heute gut geschlagen, Gou“, sagte Kai plötzlich, während er die Speisekarte aufschlug, ohne den Blick von seinem Sohn zu wenden. „Ich habe heute Morgen von Graham gehört, dass du heute Morgen im Dojo schon vor der Schule an deiner Beinarbeit gefeilt hast. Das ist die Einstellung, die ich erwarte.“

​Gou nickte knapp. Ein seltenes, kurzes Aufblitzen von Anerkennung zeigte sich in seinem Blick. „Ich will nicht, dass man sagt, ich ruhe mich auf dem Namen Tachiwari aus, Vater.“

​Nami spürte einen Kloß im Hals. Sie sah die Härte in Gous Zügen, aber auch die tiefe Loyalität, die er für Kai empfand. Er wollte nicht nur wie Kai aussehen – er wollte ihm ebenbürtig sein. Sie legte ihre Hand auf Gous und drückte sie sanft.

​„Du bist ein Hiwatari, Gou“, sagte sie weich. „Aber vergiss nicht, dass du heute auch einfach nur ein Sohn sein darfst, der mit seinen Eltern und seiner Schwester isst.“

​Gou sah sie an, und für einen Moment weichte der strenge „Mini-Kai“-Blick auf und machte Platz für das Kind, das seine Mutter über alles liebte. „Schon gut, Mutter. Aber wenn Vater anfängt, dich wieder so anzusehen, als gäbe es kein Morgen, bestelle ich den teuersten Saft auf der Karte als Entschädigung.“

​Kai schnaubte kurz und trocken auf. „Abgemacht, Sohn. Aber rechne damit, dass die Rechnung heute lang wird.“
 

Das Essen war gerade serviert worden, und die Familie genoss die seltene Geschlossenheit inmitten des gläsernen Turms, als sich ein Schatten über ihren Tisch legte. Ein älterer Herr mit markantem, grauem Schnurrbart und einem Anzug, der so teuer war, dass er fast schon dezent wirkte, war an sie herangetreten.

​Es war Lord Robert von der Tachiwari-Partnergesellschaft aus London, ein Mann, der Kai bereits seit dessen frühen Beyblade-Tagen kannte und der selten Emotionen zeigte. Doch als er seinen Blick von Kai auf Gou wandte, hielt er mitten in der Bewegung inne.
 

​„Gütiger Himmel“, entfuhr es Lord Robert, und er vergaß für einen Moment jegliche britische Etikette. Er setzte seine Brille ab, rieb sich die Augen und starrte Gou an, als hätte er einen Geist gesehen. „Kai... ich dachte für einen Moment, wir wären zurück im Jahr 2001. Es ist... es ist absolut verblüffend.“

​Gou legte sein Besteck mit einer Präzision nieder, die Lord Robert nur noch mehr erschütterte. Er sah den alten Geschäftspartner mit diesem typischen, leicht gelangweilten, aber hochkonzentrierten Blick an, der Kais Markenzeichen war.

​„Lord Robert“, sagte Kai ruhig und deutete auf seinen Sohn. „Darf ich vorstellen? Mein ältester Sohn, Gou. Und das ist meine jüngste Tochter Sayuri.“

​Lord Robert schüttelte nur langsam den Kopf, während er sich wieder fassierte. „Gou... Sie müssen mir verzeihen. Ich habe Ihren Vater in Ihrem Alter gesehen, und die Ähnlichkeit ist fast schon erschreckend. Die Haltung, die Augen... sogar die Art, wie Sie die Gabel halten. Es ist, als hätte man die Zeit zurückgedreht."

​Gou neigte den Kopf ein Stück zur Seite – eine Geste, die Kai oft machte, wenn er jemanden analysierte. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Lord Robert“, antwortete Gou mit einer Stimme, die für sein Alter bereits bemerkenswert fest und tief klang. „Mein Vater hat erwähnt, dass Ihre Logistik-Verbindungen in Europa unübertroffen sind.“

​Lord Robert lachte trocken auf, ein Geräusch voller Respekt. „Und den Verstand hat er auch geerbt! Kai, ich warne dich. Wenn dieser Junge erst einmal volljährig ist, wird er die Hälfte deiner Abteilungsleiter zum Frühstück verspeisen, wenn sie nicht sputen.“

​Nami beobachtete die Szene mit einem stolzen Lächeln. Sie sah, wie Gou die Anerkennung des erfahrenen Geschäftsmanns mit einer kühlen Selbstverständlichkeit entgegennahm, die deutlich machte, dass er bereits wusste, wer er war. Die Härte in Gous Zügen, die durch das tägliche Training immer deutlicher wurde, verlieh ihm eine Aura von Autorität, die für einen Elfjährigen fast schon einschüchternd wirkte.

​„Er hat noch viel zu lernen“, warf Kai ein, doch der Unterton in seiner Stimme war alles andere als kritisch. Er legte eine Hand auf den Tisch, und für einen kurzen Moment begegneten sich die Blicke von Vater und Sohn. Es war ein lautloses Einverständnis zwischen zwei Kriegern.

​Lord Robert verbeugte sich leicht vor Nami. „Mrs. Hiwatari, ich gratuliere Ihnen. Ein solches Erbe weiterzuführen, erfordert Stärke. Und bei diesem Anblick habe ich keinen Zweifel daran, dass die Zukunft der Tachiwari-Corporation in sehr fähigen – und sehr vertrauten – Händen liegt.“

​Als Lord Robert sich wieder zurückzog, sah Gou ihm kurz nach. „Er ist beeindruckt, weil ich aussehe wie du“, stellte er fest.

​„Nein, Gou“, entgegnete Kai und nahm einen Schluck von seinem Wasser. „Er ist beeindruckt, weil du ihn angesehen hast, als würdest du bereits entscheiden, ob du ihn nächste Woche noch als Partner behältst. Das ist kein Aussehen, das ist Präsenz.“

​Nami strich Gou sanft über den Rücken. „Und jetzt iss dein Gemüse, kleiner Anführer“, neckte sie ihn leise. „Selbst zukünftige CEOs brauchen Vitamine.“
 

Als die kleine Familie gesättigt den Rückweg in Kais Büro angetreten hatte, ergab sich nur wenige Augenblicke später direkt eine Gelegenheit für Gou, um seine Souveränität unter Beweis zu stellen. Kai wurde durch einen dringenden Anruf aus der Forschungsabteilung im Erdgeschoss angefordert – ein Problem mit den neuen Prototypen, das nur er persönlich mit den Technikern klären konnte.

​„Nami, ich bin in zehn Minuten wieder da“, sagte Kai, während er sein Sakko kurz zurechtrückte und Gou einen vielsagenden Blick zuwarf. „Gou, du bleibst hier. Setz dich an meinen Schreibtisch und achte darauf, dass niemand meine Unterlagen durcheinanderbringt. Betrachte es als... Wachdienst.“

​Gou nickte nur knapp, sein Gesichtsausdruck wurde augenblicklich ernst. Er wartete, bis die Tür hinter seinem Vater zugefallen war, und schritt dann mit einer Ruhe zum massiven Lederstuhl, die Nami den Atem raubte. Er setzte sich nicht einfach hinein; er nahm den Platz ein.
 

​Nami saß mit Sayuri auf dem Sofa am Fenster, als es erneut klopfte. Bevor sie reagieren konnte, trat ein junger, sichtlich gestresster Assistent herein. Er hielt einen Stapel Dokumente in den Händen und starrte so intensiv auf das oberste Blatt, dass er erst aufblickte, als er direkt vor dem Schreibtisch stand.

​„Mr. Hiwatari, ich habe hier die unterschriebenen Freigaben für die...“ Er stockte mitten im Satz. Sein Mund klappte auf.

​Dort, im Sessel des mächtigsten Mannes der Firma, saß kein Kai Hiwatari. Dort saß eine jüngere, fast identische Version mit demselben schneidenden Blick und derselben unnahbaren Aura. Gou hatte die Arme auf die Lehnen gelegt und sah den Assistenten aus seinen dunklen, granatroten Augen an, die im Schatten des Büros fast schwarz wirkten.

​„Mein Vater ist gerade in einem Termin“, sagte Gou mit einer Stimme, die so kontrolliert und tief war, dass der Assistent unwillkürlich die Schultern straffte. „Kann ich Ihnen helfen, oder ist es so vertraulich, dass es bis zu seiner Rückkehr warten muss?“

​Der Assistent schluckte schwer. Er hatte von dem Sohn des Chefs gehört, aber der Anblick des Jungen, dessen Gesichtszüge bereits die Härte eines erfahrenen Kämpfers annahmen, war einschüchternd. Gous Blick war so analytisch und direkt, dass der Mann völlig vergaß, dass er mit einem Elfjährigen sprach.

​„Es... es geht um die Materialfreigabe für die Testläufe in Nagoya“, stammelte der Assistent. „Wir brauchen die Unterschrift bis 14 Uhr.“

​Gou neigte den Kopf ein Stück zur Seite – exakt wie Kai. Er streckte die Hand aus. „Lassen Sie mich die Zusammenfassung sehen. Wenn die Eckdaten mit dem Budgetplan übereinstimmen, den mein Vater heute Morgen geprüft hat, lege ich sie ihm zur sofortigen Unterschrift bereit, sobald er eintritt.“

​Nami beobachtete fasziniert, wie der Assistent dem Jungen tatsächlich das Dokument reichte. Gou überflog die Zeilen mit einer Konzentration, die man normalerweise nur bei Beyblade-Strategien sah. Sein Training schien ihm eine Disziplin verliehen zu haben, die weit über sein Alter hinausging.

​„Hier“, sagte Gou und deutete auf eine Zeile im Kleingedruckten. „Die Transportkosten sind um 5 % höher als im Entwurf vom Montag. Warum?“

​Der Assistent zuckte zusammen. „Äh... die Treibstoffzuschläge, Sir... ich meine, junger Herr...“

​„Korrigieren Sie die Notiz am Rand, bevor mein Vater es sieht“, sagte Gou kühl und schob das Blatt zurück. „Er mag keine unbegründeten Abweichungen. Kommen Sie in fünf Minuten wieder.“
 

​Als der Assistent fast fluchtartig das Büro verließ, atmete Nami leise aus. „Gou... das war... beeindruckend.“

​Gou entspannte seine Haltung nur minimal und sah zu seiner Mutter hinüber. In diesem Moment blitzte ein kleines, fast unmerkliches Lächeln in seinen Augen auf. „Er war unvorbereitet, Mutter. Vater sagt immer, man darf niemals Schwäche zeigen, wenn man ein Ziel erreichen will.“

​In diesem Moment öffnete sich die Tür und Kai trat wieder ein. Er sah den flüchtenden Assistenten und schließlich seinen Sohn, der immer noch in seinem Sessel saß. Ein kurzer Blick auf die Dokumente auf dem Tisch genügte ihm, um die Situation zu erfassen.

​Kai sagte nichts. Er trat lediglich an den Schreibtisch, legte eine Hand auf Gous Schulter und sah ihn an. Es war kein Lob nötig; das stolze Funkeln in Kais rubinroten Augen war Bestätigung genug.

​„Gute Arbeit, Gou“, sagte Kai schließlich leise. „Aber jetzt räum meinen Platz. Wir haben noch ein Imperium zu führen.“

​Nami beobachtete, wie Gou aufstand und Kai den Sessel überließ. Sie sah die beiden an – den Mann, den sie liebte, und den Jungen, der in seine Fußstapfen trat – und wusste, dass der Name Hiwatari niemals verblassen würde.

Ein Abend der Vergangenheit

Das neue Jahr war erst wenige Wochen alt, doch in Hanzomon pulsierte das Leben mit einer Intensität, die selbst für Tokios Verhältnisse außergewöhnlich war. Es war Mitte Januar, und die klirrende Kälte des Winters wurde durch das strahlende Leuchten des Severnaya-Towers fast vergessen. Vladimir hatte gewartet, bis das letzte Mitglied seiner „alten Garde“ aus Moskau eingetroffen war, bevor er die Tore für die offizielle Einweihung öffnete.

​Das Foyer des Severnaya-Hauptquartiers war ein Statement aus Glas, poliertem Stahl und dunklem Marmor. Überall sah man Männer und Frauen in perfekt sitzenden Anzügen, die eine Aura von Effizienz und unterkühlter Macht ausstrahlten. Es war unverkennbar: Der russische Gigant war nicht mehr nur zu Gast in Japan – er hatte sich ein Denkmal gesetzt.
 

​Vladimir stand auf der Galerie im ersten Stock und blickte hinunter auf die eintreffenden Gäste. Er trug einen tiefschwarzen Dreiteiler, der seine imposante Statur perfekt betonte. An seiner Seite, in einem eleganten, mitternachtsblauen Kleid, das wie eine zweite Haut saß, stand Hana. Ihr langes, glattes weißes Haar war zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur gebändigt, die ihren Nacken und die amethystfarbenen Augen betonte.

​„Du wirkst heute Abend wie ein Imperator, der sein Reich begutachtet“, raunte Hana ihm zu, während sie ihren Arm in seinen schlang.

​Vladimir legte seine Hand auf ihre und drückte sie sanft. „Dieses Reich bedeutet mir nichts, wenn die Kaiserin nicht an meiner Seite ist“, erwiderte er mit jenem tiefen Grollen, das Hana noch immer jedes Mal eine Gänsehaut bescherte.

​Die schwere Glastür öffnete sich, und eine Gruppe von Männern trat ein, die sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. An der Spitze marschierten Bryan und Spencer. Die Jahre als Hauptverantwortliche Testblader und Trainer unter Talas Führung in der Tachibey Academy hatten sie gezeichnet – breitere Schultern, kühlere Blicke, aber die vertraute, unbezwingbare Aura der alten Abtei-Tage war geblieben.

​Tala trat ihnen entgegen und begrüßte sie mit einem kurzen, festen Nicken. „Bryan. Spencer. Schön, dass ihr euch aus der Academy losreißen konntet.“

​Bryan grinste schief, eine Geste, die in seinem harten Gesicht fast fremd wirkte. „Vladimir macht keine halben Sachen, was? Dieses Gebäude sieht aus, als könnte es einen Atomangriff überstehen.“

​„Das muss es auch, wenn Tyson und seine Meute hier öfter auftauchen“, fügte Spencer trocken hinzu und rückte sein Revers zurecht.
 

Das Foyer des Severnaya-Towers war an diesem Abend nicht nur ein Ort geschäftlicher Repräsentation, sondern ein Schmelztiegel zweier völlig gegensätzlicher Philosophien. Auf der einen Seite standen die russischen Kader: Männer und Frauen in maßgeschneiderten, dunklen Anzügen, deren Gesichter so unbewegt waren wie die sibirische Tundra. Sie bewegten sich mit einer mechanischen Effizienz, sprachen in gedämpften Tönen und hielten ihre Weingläser, als wären es strategische Instrumente.

​Ihnen gegenüber stand die „alte Garde“. Bryan, Spencer und Tala brachten eine ganz andere Energie in den Raum – eine, die nach altem Eisen, hartem Training und dem unerschütterlichen Stolz der Abtei roch. Sie standen nicht einfach nur da; sie besetzten den Raum. Bryan lehnte mit einer lässigen Gefährlichkeit an einer Marmorsäule, während Spencer die vorbeihuschenden Kellner mit der Präzision eines Falken beobachtete. Für sie war diese Gala kein bloßes Fest, sondern eine Parade der Stärke.

​Inmitten dieser spannungsgeladenen Mischung aus kühler Konzernlogik und unterdrückter Kriegermentalität bildeten Kai und Nami das unbestrittene Zentrum.

​Kai stand wie ein Fels in der Brandung. Sein anthrazitfarbener Anzug war von einer schlichten Perfektion, die keine Dekoration brauchte. Er hielt kein Glas, seine Hände waren entspannt hinter seinem Rücken verschränkt, und sein Blick wanderte langsam durch den Raum. Er strahlte eine solche Autorität aus, dass selbst die ranghöchsten Abteilungsleiter aus Moskau unbewusst die Haltung strafften, wenn er in ihre Nähe kam.
 

Er war der „Zar von Tokio“, der ruhende Pol, dessen bloße Anwesenheit ausreichte, um die hitzigen Gemüter der alten Abtei-Gesellen im Zaum zu halten.

​Nami hingegen war das Licht, das die Schatten dieses maskulinen Machtgefüges aufbrach. Ihr Kleid aus fließender, smaragdgrüner Seide bildete einen atemberaubenden Kontrast zu Kais dunkler Erscheinung. Während Kai die Distanz wahrte, suchte Nami die Nähe.

​„Ich habe gehört, Sie vermissen den russischen Winter, Herr Sokolow?“, fragte sie mit einem Lächeln, das so warm war, dass es das Eis in den Augen des Chefbuchhalters augenblicklich schmelzen ließ.

​Der Mann, ein hagerer Russe, der den ganzen Abend noch kein Wort herausgebracht hatte, blinzelte überrascht. „Es... es ist wahr, Madame. Die Kälte in Japan ist... anders.“

​„Dann lassen Sie uns hoffen, dass die Herzlichkeit unserer Familie Ihnen als Ersatz dient“, entgegnete Nami sanft und legte ihm für einen Sekundenbruchteil die Hand auf den Unterarm.

​Kai beobachtete die Szene aus dem Augenwinkel. Er sah, wie die Schultern des Buchhalters sanken, wie sich seine Mimik entspannte. Es war das alte Spiel: Wo er mit seiner bloßen Präsenz Dominanz markierte, baute Nami Brücken. Sie war die einzige Person im Raum, die es wagte, diese hochgradig effizienten Severnaya-Maschinen als Menschen zu behandeln – und sie reagierten darauf wie Blumen, die sich der Sonne entgegenstreckten.
 

​Gerade als die Stimmung am entspanntesten schien, traten Bryan und Spencer näher an Kai heran. Die drei Männer bildeten einen Kreis, der so viel Testosteron und gemeinsame Geschichte ausstrahlte, dass die Gäste in der unmittelbaren Umgebung unwillkürlich einen Schritt zurückwichen.

​„Er hat sich gemacht, der große Bruder“, murmelte Bryan und deutete mit dem Kinn in Richtung Vladimir, der gerade mit Hiro Tachiba sprach. „Aber er hat immer noch diesen Blick, Kai. Den Blick von jemandem, der weiß, dass man in dieser Welt nur überlebt, wenn man der Jäger ist. Das ihr wirklich Brüder seid...ts...so richtig glauben, kann ich es immer noch nicht. Obwohl es ja tatsächlich nicht zu übersehen ist.“

​Kai sah zu Vladimir und dann zu Hana, die gerade lachend eine Geschichte erzählte. „Er ist kein einsamer Jäger mehr, Bryan. Er hat ein Rudel gefunden. Und das macht ihn gefährlicher als je zuvor.“

​Spencer nickte langsam. „Und wir sind hier, um sicherzustellen, dass niemand das Revier markiert, der hier nicht hingehört.“
 

Die Atmosphäre in der Lounge des Severnaya-Towers war mittlerweile so dicht, dass man sie fast mit dem Messer hätte schneiden können. Der Geruch von teurem Leder, Zigarrenrauch und dem berauschenden Duft von Namis Parfüm vermischte sich mit der kühlen, metallischen Aura der Männer, die hier das Sagen hatten.

​Kai stand nun etwas abseits der Hauptgruppe, die Arme vor der Brust verschränkt, während Bryan und Spencer ihn in ein Gespräch über die neuesten Test-Ergebnisse der Academy verwickelten. In diesem Moment öffnete sich die doppelflügelige Tür zur VIP-Lounge erneut, und Vladimir straffte unmerklich die Schultern.

​„Sasha“, murmelte Vladimir, und ein seltenes, echtes Lächeln der Anerkennung trat auf seine Züge. „Du hast es geschafft.“
 

​Sasha war ein Mann, dem man seine Herkunft ansah. Er war kaum kleiner als Vladimir, mit kurzem Haar, dunklem Haar und Augen, die so grau waren wie der russische Winterhimmel. Er war einer der wenigen Abtei-Zöglinge, die den Sprung in die oberste Etage der russischen Geschäftswelt geschafft hatten, ohne dabei ihre mörderische Effizienz zu verlieren. Als wichtiger Partner von Severnaya war er das Bindeglied zu den Märkten im Osten.

​An seiner Seite ging seine Ehefrau, Valeria. Sie war eine klassische Schönheit – blass, mit tiefschwarzem Haar und einem Gesicht, das wie aus Porzellan gemeißelt wirkte. Doch während Sasha mit der selbstbewussten Arroganz eines Mannes eintrat, der sich seinen Platz an der Spitze erkämpft hatte, wirkte Valeria merkwürdig befangen.

​Nami, die gerade ein Gespräch mit Hana beendet hatte, löste sich aus der Gruppe und trat auf die Neuankömmlinge zu. Ihre intuitive Wahrnehmung – jene feine Antenne für Schwingungen im Raum – schlug sofort Alarm.

​„Herzlich willkommen in Tokio“, sagte Nami warm und trat in den Kreis. Sie sah, wie Sasha Vladimir die Hand schüttelte und die beiden Männer in ein schnelles, russisches Gespräch verfielen. Doch ihr Blick blieb an Valeria hängen.

​Die Russin hatte Nami kaum bemerkt. Ihr gesamter Fokus lag auf einem einzigen Punkt im Raum: auf Kai.

​Valeria starrte ihn an. Es war kein bloßes Interesse und auch kein gewöhnliches Flirten. Es war eine Mischung aus blanker Nervosität und einem tief sitzenden, fast schon ehrfürchtigen Entsetzen. Nami beobachtete, wie Valeria unbewusst an ihrem Perlenkollier nestelte und ihr Atem flacher wurde. Als Kai den Blick kurz hob und seine rubinroten Augen die ihren streiften, sah Nami, wie Valeria zusammenzuckte und eine Spur blasser wurde, als sie ohnehin schon war.

​„Ist alles in Ordnung, Valeria-san?“, fragte Nami leise und trat so in Valerias Sichtfeld, dass sie die Verbindung zu Kai unterbrach.

​Valeria schreckte auf. Ihre Augen huschten zu Nami, und für einen Moment sah Nami darin eine tiefe Unsicherheit. „Oh... ja. Verzeihen Sie, Madame Hiwatari. Die... die Reise war lang. Und der Turm ist sehr... beeindruckend.“

​Nami lächelte, doch ihre Augen blieben wachsam. Sie spürte, dass Valeria nicht von der Architektur beeindruckt war. Sie war von Kai beeindruckt – oder eher von dem, was er repräsentierte.

​Kai bemerkte die Unruhe natürlich sofort. Er löste sich von Bryan und Spencer und trat mit jener lautlosen, raubtierhaften Eleganz auf die Gruppe zu, die ihn so gefährlich machte.

​„Sasha“, sagte Kai knapp. Er ignorierte Valeria zunächst völlig, was die Frau nur noch nervöser zu machen schien.

​„Kai. Es ist lange her“, erwiderte Sasha und nickte respektvoll. „Ich habe gehört, du hast Japan fest im Griff. Aber ich sehe, die Gerüchte über deine... Präsenz haben nicht übertrieben.“

​Valeria stand nun direkt neben ihrem Mann. Als Kai sie schließlich ansah – ein kühler, analytischer Blick, der durch Mark und Bein ging – senkte sie fast augenblicklich den Kopf.

​„Meine Frau Valeria“, stellte Sasha sie vor. „Sie hat viel über die Legenden der Abtei gehört. Ich glaube, sie hat nicht erwartet, dem 'Zaren' persönlich gegenüberzustehen.“

​Valerias Hand zitterte leicht, als sie Kai die Hand zum Gruß reichte. Nami beobachtete die Szene genau. Sie sah, wie Kai die Hand der Frau nur ganz kurz hielt, seine Augen wie glühende Kohlen in ihrem Gesicht.

​„Legenden sind oft geschönt, Sasha“, meinte Kai trocken, doch sein Blick blieb auf Valeria fixiert. „Manche Schatten der Vergangenheit sind in der Realität weitaus dunkler, als man es sich in Russland erzählt.“

​Valeria schluckte schwer. Sie wirkte wie ein Kaninchen vor der Schlange. Nami spürte, dass hier mehr im Spiel war als nur Ehrfurcht. Valeria wusste etwas – oder sie erkannte in Kai jemanden wieder, vor dem sie sich jahrelang gefürchtet hatte.
 

Das Schweigen, das in der VIP-Lounge des Severnaya-Towers über den Anwesenden hing, war plötzlich nicht mehr nur geschäftlich. Es war ein Echo aus einer Zeit, die Kai und Tala längst hinter sich gelassen glaubten – eine Zeit aus St. Petersburg, geprägt von Kälte, Zorn und einer emotionalen Rohheit, die keine Rücksicht auf Verluste nahm.

​Kai spürte, wie sich Namis Aufmerksamkeit auf ihn fokussierte. Er legte seine Hand flach auf ihren Rücken, eine Geste, die gleichzeitig Schutz bot und um Erdung bat. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken signalisierte er ihr, dass sie sich für einen Moment zurückziehen mussten.

​Ein Gespräch unter vier Augen

​Sie traten in eine Nische hinter einer schweren Säule, wo das gedämpfte Licht der Stadtlandschaft Tokios durch das Glas fiel. Nami sah ihn an, ihre Ozean-Augen spiegelten die Lichter der Metropole wider, aber ihr Blick war klar und fordernd.

​„Du hast gesehen, wie sie dich ansieht, Kai“, begann sie leise. „Sie zittert, als würde sie einen Geist sehen. Oder einen Henker.“

​Kai atmete tief ein, seine Züge waren hart wie Granit. „Es ist die Valeria, Nami. Die Frau, von der ich dir damals bei unserem ersten Pokerabend erzählt habe. Diejenige, bei der ich damals in Russland meine einzige Regel gebrochen habe.“

​Nami stockte der Atem. Die Erinnerung an Talas Erzählung kam blitzartig zurück: Das verzweifelte Mädchen in St. Petersburg, die zweite Nacht, die eigentlich nur ein verzweifelter Versuch war, Tränen mit Leidenschaft zu ersticken, und die Flucht in Talas dunkle Arme.

​„Sie ist Sashas Frau?“, flüsterte Nami fassungslos. „Nach all den Jahren... sie ist zurück in diesem Kreis?“

​„Sasha war damals eng mit Bryan befreundet...ich glaube also schon, dass er es weiß“, entgegnete Kai trocken. „Dass er sie geheiratet hat, ist strategisch brillant oder wahnsinnig. Aber sie hat offensichtlich nicht vergessen, was damals in meinem Apartment und anschließend im Treppenhaus von St. Petersburg endete. Für sie bin ich nicht der CEO der Tachiwari-Corporation. Für sie bin ich immer noch der Siebzehnjährige, der sie ohne ein Wort verlassen hat, während sie in Talas Apartment Zuflucht vor der Kälte suchte.“

​Vom anderen Ende des Raumes aus beobachtete Tala die Szene. Er hielt sein Glas Scotch so fest, dass es fast zu Knacken begann. Sein Blick traf Kais über die Distanz hinweg – ein eisiges, blaues Leuchten, das Bände sprach. Es war kein triumphierender Blick, sondern einer, der die gemeinsame Schuld und die dunkle Vergangenheit anerkannte.

​Tala wusste genau, was Valeria in diesem Moment durchmachte. Er war derjenige gewesen, der sie damals „aufgefangen“ hatte – mit einer Härte, die sie fast zerbrochen hätte. Dass sie nun als Ehefrau eines Geschäftspartners vor ihnen stand, war eine Ironie des Schicksals, die selbst für ihre Verhältnisse makaber war.
 

Nami sah zurück zu Valeria, die nun krampfhaft versuchte, Sashas Arm festzuhalten, während dieser sich angeregt mit Spencer unterhielt. Spencer, der die Geschichte ebenfalls kannte, hielt sich auffällig im Hintergrund, doch sein Blick war wachsam. Er war damals am Flughafen dabei gewesen, als Kai nach Japan verschwand.

​„Sie hat Angst, Kai“, sagte Nami bestimmt. „Nicht nur vor dir...ihren alten Gefühlen. Sie hat Angst vor dem, was diese Begegnung mit ihrem jetzigen Leben macht. Wenn Sasha merkt, dass sie immer noch so auf dich reagiert...“

​„Sasha weiß es bestimmt“, unterbrach Kai sie. „Er benutzt sie vielleicht sogar als Test. Um zu sehen, ob ich immer noch der Mann von damals bin.“

​In diesem Moment löste sich Valeria von Sashas Seite. Sie schien die Toilette aufsuchen zu wollen, doch ihr Weg führte zwangsläufig an der Nische vorbei, in der Kai und Nami standen. Als sie bemerkte, dass sie direkt auf die beiden zulief, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihre Augen weiteten sich, und ein leises Schluchzen drohte ihre Kehle zu verlassen.

Kai, dessen analytischer Verstand selbst in hochemotionalen Momenten wie ein Uhrwerk funktionierte, beobachtete Sasha nun genauer.

​Er sah, wie Sashas Blick immer wieder zu Tala glitt – hart, prüfend und mit einer unterschwelligen Feindseligkeit, die nichts mit Kai zu tun hatte. Als Sasha Valeria ansah, lag darin kein Argwohn gegenüber Kai, sondern eine besitzergreifende Sorge.

​Kai neigte sich zu Nami und raunte ihr zu: „Sasha weiß es nicht. Er weiß nichts von mir und St. Petersburg. Aber er weiß von Tala. Er sieht in ihm den Mann, der seine Frau damals fast zerstört hätte.“

​Nami verstand sofort. Das Puzzle setzte sich zusammen: Valeria hatte Sasha wohl nur die halbe Wahrheit erzählt – die dunkle Zeit bei Tala, aber nicht den Auslöser, der sie überhaupt erst in dessen Arme getrieben hatte. Für Sasha war Tala das Monster, während Kai lediglich der unnahbare Bruder seines Geschäftspartners war.
 

​Nami fackelte nicht lange. Bevor die Situation im Raum eskalieren konnte, trat sie auf Valeria zu, die noch immer wie versteinert in der Nähe der Säule stand. Mit einer sanften, aber unnachgiebigen Geste legte Nami ihr die Hand auf den Rücken.

​„Kommen Sie, Valeria. Die Klimaanlage hier drin ist etwas zu stark eingestellt, finden Sie nicht? Lassen Sie uns ein wenig frische Luft schnappen“, sagte Nami laut genug, dass Sasha es hören konnte. Sasha nickte Nami dankbar zu, in der Annahme, die charmante Gastgeberin kümmere sich um das Unwohlsein seiner Frau.

​Sie führte Valeria hinaus in einen der weitläufigen, menschenleeren Korridore des Towers. Hier draußen war es still, nur das leise Summen der Technik war zu hören. Das Licht war gedimmt und spiegelte sich auf dem dunklen Marmorboden.

​Sobald sie außer Sichtweite waren, brach Valeria fast zusammen. Sie stützte sich gegen die kühle Wand, Tränen glitzerten in ihren Augen.
 

Nami stand ihr gegenüber, die Hände entspannt vor dem Körper verschränkt. Sie beobachtete die Russin mit dieser ruhigen, fast schon analytischen Sanftheit, die Kai immer so sehr an ihr bewunderte.

​„Es tut mir leid, Madame Hiwatari“, begann Valeria hastig, ihre Stimme zitterte, während sie versuchte, den Augenkontakt zu vermeiden. „Ich... ich glaube, der Jetlag macht mir mehr zu schaffen, als ich dachte. Die Zeitumstellung von Moskau nach Tokio... mir ist plötzlich schwindelig geworden. Bitte entschuldigen Sie mein seltsames Verhalten da drinnen. Ich...ich wollte ihren Mann nicht so anstarren...“

​Es war eine perfekte Lüge, professionell vorgetragen, doch für Nami war sie so durchsichtig wie Glas. Sie sah die nackte Panik in Valerias Augen, die nichts mit Schlafmangel zu tun hatte.

​„Der Jetlag“, wiederholte Nami leise und trat einen Schritt näher. „Ein langer Flug kann in der Tat alte Geister wecken, nicht wahr?“

​Valeria stockte der Atem. Bevor sie antworten konnte, hörten sie das rhythmische Klicken von Absätzen auf dem Marmor.

​„Nami? Da bist du ja! Ich dachte schon, du hättest dich...“ Lumina bog um die Ecke und verstummte sofort, als sie die Szenerie sah. Ihr gewohnt strahlendes Lächeln verblasste, als sie Valerias aufgelöstes Gesicht bemerkte. Ihre magentafarbenen Augen huschten zwischen den beiden Frauen hin und her. „Ist alles okay? Ich hab dich gesucht.“

​Nami sah kurz zu ihrer Cousine und nickte dann Valeria zu. „Valeria leidet unter der Reise. Aber ich glaube, es ist mehr als nur die Zeitverschiebung.“

​Lumina trat näher, ihre Neugier war geweckt, doch sie spürte sofort die schwere Energie im Raum. „Du bist Sashas Frau, richtig?“

​Valeria nickte schwach. „Ich... ich sollte wirklich zurück zu meinem Mann. Er macht sich sicher Sorgen.“

​„Wovor haben Sie solche Angst, Valeria?“, fragte Nami nun direkt, ohne die Fassade der Höflichkeit weiter aufrechtzuerhalten. „Vor meinem Mann? Oder vor dem Mann, der neben ihm steht?“

​Valeria schrumpfte förmlich zusammen. „Sie verstehen nicht... Sasha, er ist ein stolzer Mann. Er weiß von meiner Zeit mit Tala Valkov. Er hasst ihn dafür. Aber er weiß nicht, dass... dass es Kai war, der mich zuerst...“ Sie brach ab, ihre Stimme versagte.

​Lumina riss die Augen auf. Der Name „Valeria“ löste bei ihr sofort die Erinnerung an den Pokerabend im Anwesen aus. Die Geschichte über die „zweite Nacht“ und den emotionalen Zusammenbruch in St. Petersburg.

​„Warte mal“, murmelte Lumina und trat ganz nah an Valeria heran. „Du bist die Valeria? Diejenige, die...“

​„Lumina“, mahnte Nami sanft, doch Valeria hatte es bereits verstanden.

​Die Russin sah die beiden Frauen fassungslos an. „Ihr... ihr wisst es? Beide?“

​Nami legte ihr nun ganz ruhig die Hand auf die Schulter. „Mein Mann hat keine Geheimnisse vor mir, Valeria. Und Tala hat Lumina alles erzählt. Sie müssen sich hier nicht verstellen. Wir wissen von St. Petersburg. Wir wissen von der Nacht, in der Kai seine Regeln brach, und wir wissen von dem, was danach bei Tala geschah.“

​Valeria schien die Luft auszugehen. Die Scham, die sie jahrelang wie einen Panzer getragen hatte, wurde plötzlich von der Offenheit dieser beiden Frauen durchbrochen.

​„Es ist okay“, sagte Nami mit einer Festigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Sie sind hier sicher. Weder Kai noch Tala werden ein Wort darüber verlieren. Aber Sie müssen verstehen: Sasha sucht den Konflikt mit Tala, weil er denkt, Tala sei der Ursprung Ihres Schmerzes. Kai hat bemerkt, dass Ihr Mann keine Ahnung von seiner Rolle in der Geschichte hat.“

​Lumina verschränkte die Arme und sah Valeria mitleidig an. „Mensch, kein Wunder, dass du aussiehst, als hättest du einen Geist gesehen. In diesem Raum stehen die zwei Männer, die dein Leben mit sechzehn in Trümmer gelegt haben. Das ist kein Jetlag, das ist ein verdammter Albtraum.“

​Valeria begann leise zu weinen, doch diesmal wirkte es eher befreiend. „Ich dachte immer, wenn ich Japan betrete, würde die Erde aufreißen und mich verschlucken. Und jetzt stehe ich hier mit ihren Frauen...“

​„Wir sind nicht nur 'ihre' Frauen'“, korrigierte Lumina sie mit einem frechen Grinsen, das die Stimmung etwas auflockerte. „Wir sind diejenigen, die diese Monster gezähmt haben. Wenn jemand weiß, wie man mit ihrer Kälte umgeht, dann wir.“

​Nami reichte Valeria ein feines Seidentaschentuch. „Trocknen Sie Ihre Tränen. Wir gehen jetzt gemeinsam da rein. Sasha wird denken, wir hätten über Mode oder die Architektur des Towers gesprochen. Und Kai und Tala... nun, sie werden sich benehmen. Dafür werden wir sorgen.“
 

Sasha trat an den Tisch, an dem Kai und Tala nun fast allein standen. Er ignorierte Kai und fixierte Tala. „Valkov“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich habe viel über deine Methoden gehört. Man sagt, du hättest dich in Japan 'gezähmt'. Aber wenn ich sehe, wie meine Frau reagiert, wenn sie nur in deine Nähe kommt, frage ich mich, ob ein Wolf jemals seine Reißzähne verliert.“

​Tala lehnte sich langsam zurück. Ein dunkles, fast schon sadistisches Funkeln trat in seine Augen – genau jener Blick, der Valeria damals in den Wahnsinn getrieben hatte. Er genoss die Provokation. Er war bereit, die Rolle des Sündenbocks für Kai zu spielen, wie er es schon so oft getan hatte.

​Kai beobachtete das Ganze mit eiskalter Präzision.
 

„Du schweigst, Valkov?“, zischte Sasha. „Keine arrogante Antwort? Kein Kommentar dazu, wie du junge Frauen in Russland behandelst?“

​Tala nippte an seinem Scotch, seine Augen leuchteten gefährlich blau. Er genoss die Rolle des Bösewichts. Er sah Kai an, ein stummes Angebot:
 

Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Soll ich ihm sagen, wer sie wirklich gebrochen hat?
 

​Kai schüttelte fast unmerklich den Kopf. Er trat vor und stellte sich zwischen die beiden. „Sasha. Wir sind hier, um eine Eröffnung zu feiern, nicht um über zehn Jahre alte Geschichten aus St. Petersburg aufzuwärmen, die du ohnehin nur vom Hörensagen kennst.“
 

​In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Nami, Lumina und Valeria traten ein. Valeria wirkte blass, aber ihre Haltung war aufrechter. Nami und Lumina flankierten sie wie zwei Leibwächterinnen aus Seide und Stahl.

​Sashas Blick flog sofort zu seiner Frau. „Valeria? Geht es dir besser?“

​Nami lächelte Sasha strahlend an. „Viel besser, Sasha-san. Es war nur die trockene Luft im Tower. Wir haben uns gerade über die besten Wellness-Oasen in Tokio ausgetauscht. Ihre Frau braucht einfach ein wenig Ruhe nach der langen Reise.“

​Kai fing Namis Blick auf und sah die winzige Bestätigung in ihren Augen. Sie hatte die Situation im Griff.
 

Sasha wirkte sichtlich beruhigt, als er Valeria sah, die nun wieder festen Boden unter den Füßen zu haben schien. Er legte ihr besitzergreifend den Arm um die Taille, während sein Blick noch einmal eisig zu Tala hinüberglitt.

​„Wir werden uns jetzt zurückziehen“, erklärte Sasha mit jener harten Förmlichkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Meine Frau braucht die Ruhe, die Nami-san erwähnt hat. Vladimir, Kai... danke für die Einladung. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen, wenn die geschäftlichen Details anstehen.“

​Valeria wagte es nicht, Kai oder Tala direkt anzusehen. Sie senkte den Kopf, ein kurzes, flüchtiges Nicken in Richtung Nami und Lumina, das mehr Dankbarkeit ausdrückte, als Worte es jemals gekonnt hätten. Dann verschwanden sie durch die schweren Flügeltüren, gefolgt von zwei russischen Leibwächtern, die wie Schatten hinter ihnen herglitten.
 

​Stille legte sich über die kleine Gruppe in der VIP-Lounge. Das schwere Klacken der Tür schien das Ende eines Kapitels zu markieren, das eigentlich schon vor zehn Jahren hätte abgeschlossen sein sollen.

​Tala starrte noch einen Moment auf den leeren Platz, an dem Sasha gestanden hatte, bevor er sein Glas in einem Zug leerte. Er wirkte nicht wütend; vielmehr umgab ihn eine Aura von düsterer Amüsiertheit.

​Kai trat einen Schritt näher an ihn heran. Er verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete seinen Bruder aus dem Augenwinkel. „Sag mal, Tala“, begann Kai, und seine Stimme war so trocken wie der teuerste Wermut. „Macht es eigentlich Spaß, den alleinigen Sündenbock zu spielen?“

​Tala stellte das Glas mit einem harten Klack auf den Marmortresen und drehte sich langsam zu Kai um. Ein schmales, gefährliches Grinsen stahl sich auf seine Lippen.

​„Einer muss den Job ja machen, Hiwatari“, erwiderte Tala heiser. „Und seien wir ehrlich: Mir kauft man das Monster deutlich eher ab als dir in deinem maßgeschneiderten Designer-Anzug. Außerdem...“ Er hielt kurz inne und sein Blick wurde dunkler. „Ich war damals das Monster. Ich habe ihr den Rest gegeben. Ob du nun den Zünder betätigt hast oder nicht, spielt für Sasha keine Rolle. Für ihn bin ich das Ende der Geschichte.“

​Lumina trat an Talas Seite und legte ihm eine Hand auf den Oberarm. Sie spürte die Anspannung in seinen Muskeln. „Du hättest es ihm sagen können“, murmelte sie. „Du hättest Kai mit in den Abgrund ziehen können.“

​Tala lachte leise und rau auf. „Und das Geschäft mit Severnaya riskieren? Sasha ist ein guter Partner, solange er glaubt, er wisse, wer sein Feind ist. Wenn er erfahren würde, dass der große Kai Hiwatari derjenige war, der seine Frau im Treppenhaus hat stehen lassen... dann hätten wir hier heute Abend keinen Champagner getrunken, sondern Blut vergossen.“

​Kai verzog keine Miene, doch in seinen roten Augen flackerte ein Funken Anerkennung für Talas Loyalität – so verdreht sie auch sein mochte. „Sasha wird es irgendwann erfahren“, prophezeite Kai kühl. „Die Wahrheit in Russland hat die Angewohnheit, genau dann aufzutauchen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann.“
 

Gerade als die bleierne Schwere der Vergangenheit den Raum endgültig zu erdrücken drohte, flog die schwere zweiflügelige Tür zur VIP-Lounge mit einem Schwung auf, der die Sicherheitsriegel erzittern ließ.

​„Da seid ihr ja!“, dröhnte Tysons Stimme durch den Raum, so laut und unbeschwert, als hätte er gerade ein Beyblade-Turnier und nicht nur ein Buffet gewonnen. Er marschierte herein, flankiert von Bryan und Spencer, die hinter ihm wirkten wie zwei professionelle Aufpasser, die kurz davor waren, die Geduld zu verlieren.

​Tyson hielt eine bereits halb leere Flasche eines sündhaft teuren russischen Wodkas in der einen Hand und drei Shotgläser, die er zwischen den Fingern der anderen jonglierte.

​„Mensch, Kai, Tala! Ihr versteckt euch hier oben, während unten die Party des Jahrhunderts steigt!“, rief Tyson und baute sich strahlend vor der Gruppe auf. Er bemerkte weder die eisige Miene von Tala noch den dunklen Blick von Kai. „Ich hab gerade mit Bryan gewettet, dass er nicht mal die Hälfte von dem Zeug hier verträgt, ohne russische Volkslieder zu singen. Aber Spencer meint, Bryan hätte gar keine Stimmbänder, sondern nur Drähte im Hals.“

​Er knallte die Gläser auf den Marmortresen, genau dorthin, wo Tala gerade noch sein Glas mit düsteren Gedanken umklammert hatte. „Los jetzt! Wir brauchen ein Schiedsgericht. Vladimir, du als Gastgeber musst doch wissen, ob dieser Wodka wirklich so 'severnaya' – also eiskalt – ist, wie das Logo verspricht, oder ob ihr hier nur gefiltertes Leitungswasser aus dem Sumida-Fluss ausschenkt!“

​Die Stille, die auf Tysons Ausbruch folgte, war für einen Moment fassungslos. Tala starrte Tyson an, als würde er überlegen, ob er ihn vom Balkon werfen oder ihn für seine Ignoranz bewundern sollte.

​Vladimir, der bis dahin schweigend in der Nähe von Hana gestanden hatte, trat nun langsam vor. Er verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust, rückte sein Sakko zurecht und musterte Tyson mit einem Blick, der irgendwo zwischen tiefster Resignation und wissenschaftlicher Neugier schwankte.

​Er wandte den Kopf minimal zur Seite, ohne Tyson aus den Augen zu lassen, und sah Kai an.

​„Kai“, begann Vladimir mit seiner tiefen, trockenen Stimme, die in der plötzlichen Ruhe des Raumes wie das Knistern von gefrierendem Eis klang. „Erinnere mich bitte noch einmal daran... weswegen genau haben wir ihn eingeladen? Ich scheine den Grund in den letzten fünf Minuten vollständig vergessen zu haben.“

​Kai rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Schläfen, während Nami neben ihm ein unterdrücktes Kichern in ihre Handfläche flüchtete.

​„Ich glaube“, entgegnete Kai ungerührt, während er einen Seitenblick auf Tyson warf, der gerade versuchte, Bryan ein Glas in die Hand zu drücken, „der offizielle Grund war 'familiäre Verpflichtung' und die Hoffnung, dass das Buffet ihn für mindestens vier Stunden zum Schweigen bringt. Offensichtlich habe ich die Kapazität seines Magens und die Reichweite seiner Lunge unterschätzt.“

​Tala schnaubte amüsiert und die dunkle Wolke über seinem Kopf schien sich durch Tysons schiere, stumpfe Energie tatsächlich ein wenig zu verziehen. „Er ist wie eine Naturkatastrophe, Vlad. Man kann ihn nicht verhindern, man kann nur hoffen, dass die Versicherung den Schaden am Ende übernimmt.“

​Tyson, der die Beleidigungen wie Komplimente abperlen ließ, hielt Vladimir ein gefülltes Glas hin. „Hör auf zu philosophieren, Zar! Trink mit uns, oder hast du Angst, dass die kleine Anwältin hier dich danach nach Hause tragen muss?“

​Hana zog eine Augenbraue hoch und tauschte einen wissenden Blick mit Nami. „Oh, Tyson“, sagte sie mit einem gefährlich süßen Lächeln. „Ich glaube, Vladimir ist der Letzte, um den du dir Sorgen machen musst. Aber wenn du so weitermachst, wird Bryan dir gleich zeigen, wie man Wodka als Treibstoff für einen gezielten Wurf benutzt.“

​Bryan, der die ganze Zeit wortlos hinter Tyson gestanden hatte, knackte einmal kurz mit den Nackenwirbeln. Seine Augen fixierten Tyson mit einer Kälte, die selbst den Wodka hätte gefrieren lassen. „Füll ein, Granger“, knurrte er. „Und dann bete, dass dein Magen so groß ist wie deine Klappe.“
 

Kai nutzte den Moment, in dem Tyson lautstark versuchte, Spencer die Regeln eines Trinkspiels zu erklären, das zweifellos in einer Katastrophe enden würde. Mit einem unauffälligen Griff an Namis Hand und einem vielsagenden Blick in Richtung der gläsernen Flügeltüren, die zum weitläufigen Balkon führten, signalisierte er ihr seinen Rückzug.

​Draußen empfing sie die klirrende Januarluft von Hanzomon. Der Kontrast war immens: Drinnen die schwere, parfümierte Luft, das Gelächter und Tysons polternde Stimme – hier draußen nur das ferne Rauschen Tokios und die schneidende Kälte der Nacht.

​Nami fröstelte kurz in ihrem smaragdgrünen Seidenkleid, doch sie musste nicht lange warten. Kai trat hinter sie, ein massiver Wall aus vertrauter Wärme. Er schlang seine Arme sanft um ihre Taille und zog sie mit dem Rücken fest gegen seine Brust. Seine Körperwärme sickerte sofort durch den dünnen Stoff ihres Kleides und vertrieb das Zittern.

​„Endlich“, murmelte er gegen ihr Haar, während er sein Kinn auf ihrer Schulter ablegte. Sein Atem war warm an ihrem Ohr. „Wenn ich noch eine Minute länger mit Granger in einem Raum geblieben wäre, hätte ich nicht für die Unversehrtheit des Inventars garantieren können.“

​Nami lachte leise und lehnte ihren Kopf entspannt nach hinten gegen seine Schulte. Sie genoss die Stille, die nur durch das ferne Echo der Stadt unterbrochen wurde. Hier oben, im obersten Stockwerk des Severnaya-Towers, fühlten sie sich für einen Augenblick vollkommen allein, weit weg von den Schatten Russlands und den Pflichten ihrer Namen.

​„Er meint es nicht böse, Kai“, sagte sie sanft und legte ihre Hände auf seine Unterarme, die sie fest umschlossen hielten. „Er ist der Einzige, der es schafft, die Spannung in diesem Raum zu brechen, ohne dass jemand dabei ein Messer ziehen muss.“

​„Er ist eine wandelnde Lärmbelästigung“, entgegnete Kai trocken, doch der aggressive Unterton in seiner Stimme war verschwunden. Er hielt sie eine Weile schweigend fest und blickte über die funkelnde Skyline, doch Nami spürte, dass ihn noch etwas anderes beschäftigte als Tysons Lautstärke.

​Nach einem Moment spürte sie, wie sich sein Griff minimal festigte. Seine Stimme wurde leiser, fast schon geschäftsmäßig, aber mit einem Unterton von echtem Interesse.

​„Was ist auf dem Flur passiert, Nami?“, fragte er ruhig. „Du und Lumina... ihr wart eine ganze Weile mit Valeria draußen. Was habt ihr ihr gesagt?“

​Nami schloss kurz die Augen und erinnerte sich an das blasse, verängstigte Gesicht der Russin im schumrigen Licht des Korridors. Sie spürte Kais Herzschlag an ihrem Rücken, fest und stetig.

​„Sie war am Ende, Kai“, antwortete sie ehrlich. „Sie dachte, sie müsste eine Rolle spielen, die sie fast zerreißt. Sie hatte Angst vor dir, vor Tala... und vor allem davor, dass Sasha die ganze Wahrheit erfährt. Sie hat versucht, es auf den Jetlag zu schieben, aber Lumina und ich haben die Fassade schnell eingerissen.“

​Sie machte eine kurze Pause und strich sanft über seine Ärmel. „Wir haben ihr gesagt, dass wir es wissen. Dass wir die Geschichte aus St. Petersburg kennen – jede einzelne Nacht. Ich glaube, es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie nicht verurteilt wurde, weil sie damals schwach war.“

​Kai schwieg einen Moment. Er verarbeitete die Tatsache, dass seine Frau – die Frau, die er über alles liebte – die Scherben seiner eigenen Vergangenheit aufgesammelt hatte, um sie wieder zusammenzusetzen.

​„Und wie hat sie reagiert?“, wollte er wissen.

​„Sie hat geweint“, sagte Nami leise. „Aber es waren keine Tränen der Angst mehr. Es war Erleichterung. Lumina war... nun ja, Lumina. Sie hat ihr auf ihre ganz eigene Art klargemacht, dass wir keine Angst vor eurer Vergangenheit haben. Dass wir diejenigen sind, die wissen, wie man mit dem 'Zaren' und dem 'Wolf' umgeht.“

​Nami drehte sich in seinen Armen um, sodass sie ihn ansehen konnte. Die kühlen Lichter der Stadt spiegelten sich in seinen roten Augen wider. Sie legte ihre Hände an seine Wangen und lächelte ihn zärtlich an.

​„Sie weiß jetzt, dass ihr Geheimnis bei uns sicher ist. Und ich glaube, sie hat zum ersten Mal gesehen, dass du nicht mehr der Junge bist, der sie damals im Treppenhaus hat stehen lassen. Du bist jetzt der Mann, der eine Familie beschützt. Meine Familie.“

​Kai sah sie lange an, seine Miene wie immer undurchdringlich, doch in seinem Blick lag eine Tiefe, die nur für sie bestimmt war. Er beugte sich vor und drückte seine Stirn gegen ihre.

​„Du hast eine Gabe, Dinge zu heilen, von denen ich dachte, sie müssten für immer bluten, Nami“, murmelte er heiser. „Ich weiß nicht, ob ich Valeria diesen Frieden jemals hätte geben können.“

​„Dafür hast du ja mich“, flüsterte sie, bevor sie ihn küsste, während der kalte Wind von Tokio um sie herum wehte, sie aber in ihrem privaten Kokon aus Wärme vollkommen unberührt ließ.
 

Kai vertiefte den Kuss, seine Hände glitten von ihrer Taille zu ihrem Rücken und zogen sie noch ein Stück enger an sich, als wolle er die Welt um sie herum vollständig aussperren. Es war einer dieser Momente, in denen die Kälte des Januars gegen die Hitze zwischen ihnen keine Chance hatte. Als er sich schließlich langsam von ihren Lippen löste, lag in seinen Augen ein warmer, fast schon sanfter Glanz, den er nur ihr gegenüber offenbarte.

​Nami lächelte ihn verliebt an, ihre Wangen waren von der kühlen Nachtluft und der Nähe zu ihm leicht gerötet. Sie gab ihm noch einen kurzen, neckischen Kuss auf die Lippen, ehe sie leise kicherte.

​„Ich finde dich ja wirklich unglaublich heiß, Kai“, flüsterte sie grinsend und schmiegte sich noch einmal kurz an seine Brust, „aber mir wird trotzdem langsam wirklich kalt hier draußen. Mein Kleid ist definitiv nicht für sibirische Verhältnisse auf Tokioter Balkonen gemacht.“

​Kai schmunzelte, ein seltenes, echtes Ausdruck von Vergnügen auf seinen Zügen. „Wollen wir zur Bar ins Foyer gehen?“, fragte er überraschend.

​Nami blinzelte und sah ihn mit großen Augen an. „Die Bar im Foyer? Ich dachte, du wolltest eher nach Hause fliehen. Du wirkst, als hättest du dein Kontingent an sozialen Interaktionen für dieses Quartal heute Abend bereits aufgebraucht – besonders nach dem Auftritt von Tyson.“

​Kai antwortete nicht sofort, sondern legte seinen Arm schützend um ihre Schultern und führte sie sanft durch die schwere Glastür zurück in die wohltemperierte Stille des Korridors. Erst als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel und der Lärm der Stadt verstummte, sah er sie an.

​„Ich halte es sicher noch ein wenig aus“, sagte er mit einem vielsagenden Blick. „Ich weiß schließlich, dass du Spaß auf solchen Veranstaltungen hast, mein Schatz. Ich möchte nicht derjenige sein, der dich zu früh nach Hause schleppt, nur weil ich Grangers Stimme nicht mehr ertrage.“ Er hielt kurz inne und ein kleiner Funke von Respekt blitzte in seinen Augen auf. „Außerdem bin ich mir sicher, dass Mr. Dickenson und dein Vater sie gerne noch sehen wollen, ehe wir beide zurück ins Anwesen fahren. Hiro hat schon den ganzen Abend diesen Blick drauf, als würde er darauf warten, seine Tochter noch einmal für sich zu haben.“
 

​Als sie das Foyer erreichten, war die Atmosphäre deutlich gelöster als oben in der VIP-Lounge. Die monumentale Architektur des Severnaya-Towers wirkte bei Nacht noch beeindruckender; das Licht der Kronleuchter brach sich im polierten Boden wie auf einer Eisfläche.

​Am Fuße der großen Marmortreppe stand eine Gruppe, die unterschiedlicher nicht hätte sein können. Mr. Dickenson, in seinem ewigen, tadellosen hellen Anzug, lachte herzlich über eine Bemerkung von Hiro Tashiba. Hiro wirkte in seinem dunklen Anzug wie der Inbegriff des japanischen Geschäftsmannes – diszipliniert, stolz, aber mit einem weichen Blick, sobald seine Tochter den Raum betrat.

​„Ah, da sind sie ja!“, rief Mr. Dickenson und hob sein Glas. „Ich dachte schon, der Tower hätte euch beide verschluckt. Kai, mein Junge, Vladimir hat gute Arbeit geleistet!Das ist ein Meisterwerk von einem Hauptquartier. Sogar der Tee hier schmeckt nach Erfolg.“

​Hiro trat einen Schritt vor und legte Nami kurz die Hand auf die Schulter, ein seltener öffentlicher Moment der Zuneigung. „Nami. Du siehst blendend aus. Dein Mann scheint dich gut zu pflegen, auch wenn er heute Abend aussieht, als würde er lieber einen Gletscher besteigen als Hände zu schütteln.“

​Kai neigte leicht den Kopf. „Hiro. Stanley. Es freut mich, dass Sie geblieben sind.“
 

​Während Nami in ein angeregtes Gespräch mit Mr. Dickenson über die Zukunft der Beyblade-Liga in Europa verwickelt wurde, standen Kai und Hiro ein Stück abseits. Die beiden Männer, die durch Nami verbunden waren, teilten ein stilles Verständnis für Macht und Verantwortung.

​„Stanley hat Recht. Vladimir hat wirklich gute Arbeit geleistet“, bemerkte Hiro und sah zu seinem Schwiegersohn. „Aber ich weiß, dass die Tachiwari-Corporation der Anker ist, der dieses Schiff hier in japanischen Gewässern hält. Ich bin stolz darauf, wie ihr beide das handhabt, Kai.“

​Kai nickte knapp. „Es ist notwendig, Hiro. Die Zeiten ändern sich. Wir brauchen starke Allianzen.“

​„Und starke Frauen“, fügte Hiro hinzu und blickte zu Nami, die gerade hell auflachte. „Pass weiterhin gut auf sie auf. Die Welt der Hiwataris und Tashibas kann manchmal sehr dunkel sein.“

​„Das tue ich“, erwiderte Kai leise, und in seinem Tonfall lag eine Endgültigkeit, die keinen Zweifel zuließ.
 

Das Gespräch mit ihrem Vater und Mr. Dickenson zog sich noch eine Weile hin, geprägt von Anekdoten über die alten Zeiten der Profiliga und kühnen Visionen für die Tachiwari-Corporation. Kai stand währenddessen wie ein stiller Wächter an Namis Seite. Er beteiligte sich nur sporadisch an der Unterhaltung, doch seine Präsenz war so massiv, dass sie den Raum zwischen ihnen und den anderen Gästen wie eine unsichtbare Barriere abschirmte.

​Eine Stunde verging, in der sich die Reihen im Foyer langsam lichteten. Die russischen Geschäftspartner wirkten nach dem reichlichen Wodka-Genuss deutlich redseliger, und das anfänglich kühle Marmor-Ambiente war einer fast schon familiären Feierstimmung gewichen. Ehe andere Partner Kai noch mehr in ihren Smalltalk ziehen konnten, spürte Nami plötzlich seine warme, feste Hand in ihrer. Der Druck war sanft, aber bestimmt. Er zog sie ein Stück näher an sich und flüsterte ihr so leise ins Ohr, dass es nur für sie bestimmt war, dass er jetzt doch gerne gehen würde, wenn es ihr recht wäre.

​Die ältere Dame, eine Gattin eines Moskauer Investors, die Nami noch gegenüberstand und gerade über die Opernhäuser in Europa referierte, hielt mitten im Satz inne. Sie errötete leicht, als sie sah, wie Kai seiner Frau einen zärtlichen, fast schon besitzergreifenden Kuss auf die Schläfe gab. Es war ein seltener Moment, in dem der „Zar“ seine Maske aus Eis fallen ließ und der Welt zeigte, wo sein wahrer Fokus lag.

​Nami lächelte glücklich und sah zu ihm auf. Ihre Amethyst-Augen funkelten im Licht der Kronleuchter. „Natürlich, Kai. Lass uns gehen.“

​Sie verabschiedete sich mit ihrer gewohnt herzlichen Art von der Dame, die noch immer sichtlich gerührt von der kleinen Geste war. Dann winkte sie ihrem Vater und Mr. Dickenson zum Abschied zu. Hiro Tashiba erwiderte das Winken mit einem stolzen Lächeln, während Mr. Dickenson ihnen vergnügt mit seinem Glas zuprostete.

​Gemeinsam schritten sie durch das imposante Foyer zur Garderobe. Kai nahm ihr den schweren Mantel ab und hielt ihn ihr mit einer fließenden Bewegung auf. Als er ihr in den Mantel half, spürte Nami kurz seine Fingerspitzen an ihrem Nacken – eine Berührung, die eine wohlige Gänsehaut über ihren Rücken jagte.

​Als sie die schweren Glastüren des Severnaya-Towers hinter sich ließen, schlug ihnen die eiskalte Nachtluft von Hanzomon entgegen. Die Straßen waren ruhiger geworden, und das künstliche Licht der Wolkenkratzer spiegelte sich auf dem Asphalt. Direkt vor dem Eingang wartete bereits der schwarze Wagen. Graham stand wie immer tadellos an der geöffneten Fondtür, den Blick diskret in die Ferne gerichtet, doch sein feines Lächeln verriet, dass er ihre Ankunft bemerkt hatte.

​Bevor sie jedoch einstiegen, hielt Kai inne. Er zog Nami noch einmal fest an sich, mitten auf dem breiten Gehweg unter dem strahlenden Logo des Towers. Er legte seine Arme um ihren Rücken und vergrub sein Gesicht kurz in ihrem Haar, ehe er sie ansah. Seine rubinroten Augen wirkten in der Dunkelheit fast glühend.

​„Ich liebe dich so sehr, Nami“, sagte er mit einer Intensität, die sie bis in die Knochen spürte. „Dass ich manchmal vergesse, dass es eine Welt vor dir gab. Eine Welt ohne dieses Licht.“

​Nami blinzelte zunächst überrascht. Solche unvermittelten Liebeserklärungen von Kai waren kostbare Momente, die ihr Herz jedes Mal aufs Neue zum Schmelzen brachten. Sie löste eine Hand und nahm seine Wangen sanft in ihre Hände, während ihr Atem in der Kälte kleine weiße Wolken bildete. Sie küsste ihn kurz, aber voller Hingabe.

​„Und ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt, Kai“, sagte sie leise und sah ihm tief in die Augen. „Ich weiß, dass all diese russischen Menschen dort drin heute Abend ein wenig Vergangenheit in dir zurückgeholt haben. Die Schatten, die Erinnerungen an St. Petersburg... ich habe es gespürt. Aber wir lassen das jetzt alles wieder hinter uns. Hier draußen gibt es nur uns.“

​Kai atmete tief ein, als würde er die Last der letzten Stunden mit der winterlichen Luft aus seinen Lungen pressen. Er legte seine Hand über ihre, die noch immer an seiner Wange ruhte, und nickte langsam. Die Härte in seinem Gesicht wich einem Ausdruck tiefer Ruhe.

​Graham räusperte sich leise und trocken, ein Geräusch, das in der Stille der Nacht fast wie ein Kommentar wirkte. „Verzeihen Sie die Störung, Sir, Madame. Aber wenn wir noch länger in dieser Kälte verweilen, wird Claire morgen früh nicht nur die Kinder bändigen müssen, sondern auch zwei Patienten mit schweren Erkältungen pflegen dürfen. Und wir wissen alle, dass ihr französisches Mitgefühl für kranke Ehemänner... sagen wir, begrenzt ist.“

​Nami lachte hell auf und das letzte bisschen Anspannung verflog. „Du hast recht, Graham. Bring uns nach Hause.“

​Kai schmunzelte und führte sie zum Auto. Während der Wagen lautlos durch die nächtlichen Straßen Tokios in Richtung des Ayame-Anwesens glitt, saßen sie schweigend Hand in Hand auf dem Rücksitz. Die Lichter der Stadt zogen wie bunte Streifen an den Fenstern vorbei, doch ihr Fokus lag nur auf der Wärme des anderen. Sie wussten, dass zu Hause vier Kinder in ihren Betten schlummerten und eine Welt auf sie wartete, die weitaus heller war als jeder russische Winter.
 

Das Ayame-Anwesen lag in der nächtlichen Stille wie ein schlafender Wächter am Rande von Tokio. Das 70 Jahre alte Gebäude, das mit seinem europäischem Stil, dunklen Holzbalken und den traditionellen Ziegeln eher wie ein Relikt aus einer jahrhundertealten Epoche wirkte, wurde vom silbernen Mondlicht sanft umspielt. Als Grahams Wagen knirschend auf dem Kiesweg zum Stehen kam, brannte nur im ersten Stock und in der Küche noch ein gedimmtes Licht.

​Kai stieg aus und reichte Nami die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Die Kälte hier draußen, fernab der Betonhitze des Stadtzentrums, war noch reiner und bissiger.

​„Endlich“, murmelte Nami, während sie ihren Mantel enger um sich zog und die vertraute Silhouette ihres Zuhauses betrachtete.

​Als sie die schwere Eichentür öffneten, schlug ihnen der Duft von Bienenwachs, altem Holz und einem Hauch von Lavendel entgegen. Es war die Seele des Hauses, die sie willkommen hieß. In der großen Halle, deren dunkle Holztäfelung im fahlen Licht tiefe Schatten warf, stand Claire Beaumont. Die französische Nanny trug einen eleganten, aber schlichten Morgenrock und hielt ein Buch in der Hand. Ihr Blick über den Rand ihrer Lesebrille war so trocken wie der Champagner im Severnaya-Tower.

​„Ah, die Herrschaften kehren aus dem russischen Exil zurück“, sagte sie mit ihrem unverkennbaren Akzent. „Ich hatte bereits erwogen, eine Suchaktion zu starten, aber Graham versicherte mir, dass Monsieur Hiwatari lediglich gegen die Zeitverschwendung durch Smalltalk kämpft.“

​„Die Kinder?“, fragte Kai knapp, während er seinen Mantel an die Garderobe hängte, doch sein Blick verriet seine Ungeduld, sie zu sehen.

​„Die Engel schlafen“, erwiderte Claire und schloss ihr Buch. „Gou hat bis zuletzt versucht, wach zu bleiben, um Ihnen die neuen Verteidigungsstrategien zu erklären, die er heute Nachmittag mit Makoto entwickelt hat. Er ist schließlich auf dem Teppich in seinem Zimmer zusammengesackt. Die Zwillinge... nun ja, Ayumi und Ren haben versucht, Sayuri beizubringen, wie man Beyblade-Abschussgeräusche perfekt imitiert. Ein ohrenbetäubender Erfolg, Madame.“

​Nami schmunzelte und stieg die knarrende Holztreppe hinauf, Kai dicht hinter ihr. Sie bewegten sich wie Schatten durch die Korridore, bis sie das Kinderzimmer erreichten.

​Zuerst schauten sie bei Gou herein. Der Elfjährige lag ausgestreckt auf seinem Bett, ein Strategiebuch über Beyblades noch immer in Reichweite seiner Hand. Er sah Kai so ähnlich, dass es Nami jedes Mal den Atem raubte – dieselbe entschlossene Stirn, selbst im Schlaf. Kai trat an das Bett und zog die Decke ein Stück höher, seine Hand ruhte für eine Sekunde fast ehrfürchtig auf dem Kopf seines Sohnes.

​Im Nachbarzimmer herrschte das kreative Chaos der Zwillinge. Ayumi und Ren schliefen fast synchron, ihre Köpfe in entgegengesetzte Richtungen gedreht. Ayumis Haar mit dem feinen Graustich lag wie ein seidiger Fächer auf dem Kissen. Ren hielt im Schlaf fest einen Beyblade umschlungen.

​„Sie werden morgen früh eine Menge Energie haben“, flüsterte Nami und drückte Kai sanft den Arm.

​Zuletzt betraten sie das kleine Zimmer von Sayuri. Die Zweieinhalbjährige war das vollkommene Ebenbild von Nami – weiße Locken umrahmten ihr friedliches Gesicht. Als Kai sich über das Gitterbett beugte, öffnete sie für einen winzigen Moment ihre magentafarbenen Augen, blinzelte ihn schlaftrunken an und murmelte ein kaum hörbares „Papa“, bevor sie sich wieder einkuschelte.

​Kai versteifte sich kurz, ein kleiner Ruck ging durch seine Schultern. Er sah zu Nami, und in diesem Moment war jede Spur des unnahbaren Geschäftsmanns verschwunden. In seinen roten Augen lag eine Verletzlichkeit, die nur sie sehen durfte.

​„Alles okay?“, hauchte sie.

​„Ja“, antwortete er heiser und führte sie leise aus dem Zimmer zurück in ihren eigenen Trakt. „Es ist nur... nach einem Abend wie diesem, mit all diesen Geistern der Abtei und den kalten Blicken der Vergangenheit... ist das hier fast zu viel Realität, um wahr zu sein.“

​Im Schlafzimmer angekommen, öffnete Nami das Fenster einen Spalt breit, um die frische Nachtluft hereinzulassen. Sie drehte sich zu Kai um, der bereits sein Sakko abgelegt hatte.

​„Das ist die einzige Realität, die zählt, Kai“, sagte sie fest. „Die Tachiwari-Corporation, der Severnaya-Tower, sogar Sasha und Valeria... das sind nur Bühnenbilder. Das hier“, sie deutete auf die geschlossenen Türen der Kinderzimmer, „ist das Stück.“

​Kai trat an sie heran, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie mit einer tiefen, verlangenden Zärtlichkeit. „Dann bin ich froh, dass du die Regie führst, Nami.“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Weiter geht's in der Fortsetzung ♡♡♡

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Kommentare zu dieser Fanfic (4)

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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von: haki-pata
2026-02-12T21:43:20+00:00 12.02.2026 22:43
Ob wir je erleben, Vladimir fällt mit seiner provokanten Arroganz - oder arroganten Provokation - noch einmal tüchtig auf's Gesicht?
Hat er niemals mit Konsequenzen zu rechnen, die ihn treffen und verletzen?

Ganz ehrlich? Von ihm habe ich mittlerweile genug gelesen und bin durchaus bereit, die Geschichte hier für mich abzubrechen.
Antwort von:  Soralina
12.02.2026 23:08
Oh und es war definitiv geplant, dass er aufs Gesicht fällt...aber so richtig
Von: haki-pata
2026-02-06T22:37:47+00:00 06.02.2026 23:37
Irgendwie war es vorhersehbar, Nami ist diejenige, die zuerst nachzugeben hat.
Vermutlich besser so. Andernfalls wäre es in vielerlei Hinsicht zu Brüchen gekommen.
Meiner Meinung nach hat Kai seine Frau durchaus noch um ein ernsthaftes und von Herzen kommendes Verzeihen zu bitten.
Das, was sie ihm Gutes tut, nannte er Arroganz - und hat sie damit erheblich verletzt.
Davon abgesehen habe ich nicht gelesen, genau das tat ihm leid. Denkt er etwa wirklich so? Im hintersten Winkel seiner Gedanken?
Antwort von:  Soralina
07.02.2026 08:40
Kai wird sich dessen tatsächlich später noch bewusst und entschuldigt sich genau für diese Worte ;))) danke für deinen Kommentar ♡
Von:  Sonora86
2026-01-21T08:22:07+00:00 21.01.2026 09:22
Hey, ein wirklich tolles Kapitel! Direkt am Anfang hat mich der trockene Humor des Butlers abgeholt – ich musste echt schmunzeln. Der Satz „dass seine Lungenkapazität hervorragend ist“ war einfach genial XD

Auch Tysons Auftauchen hat mir sehr gefallen, das ist einfach typisch er und bringt sofort Schwung in die Hütte. lach Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie die Kids dort Chaos verbreiten und wie es insgesamt zugeht – echt lustig zu lesen.

Dein Stil ist wirklich gut und so detailliert, dass man sich alles wunderbar bildlich vorstellen kann. Mein absoluter Lieblingssatz in deiner Geschichte ist:
„Früher dachte ich, Stärke bedeutet, allein zu stehen. Heute, mit dreißig, weiß ich, dass die wahre Stärke in den Menschen liegt, die man seine Familie nennt. Danke, dass ihr hier seid.“
Ich finde, das war die beste Stelle im mittleren Kapitelbereich.

Wobei ich auch sagen muss, dass die Schlafzimmer-Unterhaltungen der Frauen ebenfalls sehr gut und witzig waren. Das Ende hat mir auch richtig gefallen – da ist die Durststrecke von Nami ja endlich vorbei, hehe. Echt gut geschrieben! Und das Ende lässt natürlich auf viel *patpat* *hust* hoffen.

Wird das nächste Kapitel adult oder überspringst du den Akt?
Ich hoffe, mein Kommentar konnte dir etwas helfen und dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wenn du Zeit und Lust hast, würde ich mich sehr über einen Gegenkommentar freuen. ✖✐✖
Antwort von:  Soralina
21.01.2026 10:31
Danke, danke für deinen schönen und sehr ausführlichen Kommentar. Ich freue mich immer riesig über so viel Input ♡ freue dich schonmal auf ein sehr ausführliches Adult-Kapitel in nächster Zeit. Das neue 'normale' Kapitel ist bereits hochgeladen und gibt schonmal einen Ausblick auf die gute alte Jagd ;)
Von:  Sonora86
2026-01-21T07:41:39+00:00 21.01.2026 08:41
Ein ruhiger, reifer Prolog mit schöner Atmosphäre. Mir gefällt besonders, wie du Normalität und Alltag nach den Ereignissen betonst – das wirkt glaubwürdig und gibt den Figuren Tiefe. Die kleinen Details zu Gou und Tala sind sehr stimmig, und der letzte Satz baut leise Spannung auf. Macht definitiv Lust weiterzulesen.
Antwort von:  Soralina
21.01.2026 08:43
Ich bedanke mich für diesen wundervollen Kommentar. Es freut mich sehr, dass bereits der Anfang der Story Anklang findet ♡ Liebe Grüße ♡


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