Prolog
Die Luft im Schrein der Unterwelt war dick von Staub und dem elektrisierenden Nachhall gewaltiger Energien. Yugi kniete auf dem kalten Steinboden, seine Hand zitterte noch immer von dem Moment, als er seine letzte Karte ausgespielt hatte – und sie nicht ausreichte.
Atem stand ihm gegenüber. Sein Blick war nicht von Triumph erfüllt, sondern von einer tiefen, schmerzhaften Trauer. Er hatte das Ritual-Duell gewonnen. Die Strategie des kleinen Yugi war brillant gewesen, doch am Ende hatte die unerbittliche Erfahrung des Pharaos den Sieg davongetragen.
„Es tut mir leid, Atem“, flüsterte Yugi. Seine Stimme brach fast.
Alle Augen richteten sich auf das gewaltige Tor zum Jenseits, das hinter Atem aufragte. Es sollte sich öffnen. Es sollte ihn aufnehmen und seine Seele nach dreitausend Jahren endlich zur Ruhe führen. Doch das Tor blieb verschlossen. Die goldenen Hieroglyphen darauf begannen nicht zu leuchten; stattdessen erzitterte der gesamte Tempel unter einem tiefen, grollenden Lachen, das nicht von dieser Welt stammte.
Aus den tiefsten Schatten hinter den Säulen materialisierte sich eine Gestalt, die selbst das Licht der Millenniumsartefakte zu verschlingen schien. Anubis, der Gott der Totenriten, trat hervor. Sein Schakalskopf hob sich, und seine Augen brannten wie glühende Kohlen.
„Du dachtest, der Sieg würde dir den Weg ebnen, Pharao?“, dröhnte die Stimme der Gottheit. „Du hast deinen Namen gefunden, doch deine Seele ist noch immer unvollständig. Ein König ohne sein wichtigstes Vermächtnis kann die Hallen von Osiris nicht betreten.“
Atem trat schützend vor Yugi, während Joey und die anderen instinktiv zurückwichen. „Ich habe mich meiner Vergangenheit gestellt! Was verlangst du noch von mir?“
„Eine Erinnerung“, antwortete Anubis und streckte eine knöcherne Hand aus. „Eine, die du im Staub der Jahrhunderte verloren hast. Ich gewähre dir eine Frist. Vier Jahre in der Welt der Sterblichen. Vier Jahre in einem Körper aus Fleisch und Blut, den ich dir leihe. Findest du das fehlende Puzzleteil, darfst du erneut vor Yugi Muto treten. Versagst du... wird deine Seele auf ewig im Nichts wandern.“
Bevor Atem antworten konnte, hüllte ihn ein goldenes Feuer ein. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit spürte er nicht nur Energie, sondern Gewicht. Schmerz. Wärme. Er spürte, wie sich seine Lungen füllten und sein Herz einen Rhythmus fand, der nicht mehr der von Yugi war.
Als das Licht erlosch, stand kein Geist mehr vor ihnen. Dort stand ein Mann – physisch greifbar, erschöpft und mit dem Mal einer göttlichen Aufgabe auf der Seele. Das Schicksal hatte nicht geendet; es hatte gerade erst eine neue, gefährliche Richtung eingeschlagen.
Die Stille, die dem göttlichen Erscheinen folgte, war lauter als jeder Schrei. Als die Gruppe aus der kühlen Dunkelheit des Tempels ins grelle Licht der ägyptischen Mittagssonne trat, wirkte die Welt draußen seltsam künstlich. Der Wüstensand brannte unter ihren Sohlen, doch keiner von ihnen spürte die Hitze wirklich.
Joey ging voran, sein Blick starr auf den Horizont gerichtet, als müsste er sich vergewissern, dass die Welt noch an ihrem Platz war. Hinter ihm folgten Tea und Tristan, die Bakura stützten. Der Junge wirkte blass und zerbrechlich, die Last der Schatten, die so lange in ihm gewohnt hatten, war endlich gewichen, doch sie hatte tiefe Spuren hinterlassen. Keiner sprach ein Wort. Was gab es auch zu sagen, wenn man gerade Zeuge geworden war, wie ein Gott die Gesetze von Leben und Tod gebeugt hatte?
Zuletzt traten Yugi und Atem aus dem Schatten des Portals.
Es war ein Anblick, der die anderen dazu brachte, unwillkürlich stehen zu bleiben. Da waren sie – zwei Gestalten, die sich so ähnlich sahen und doch so grundverschieden wirkten. Atem bewegte sich mit einer neuen, fast vorsichtigen Schwere. Sein Körper war nun keine Projektion des Puzzles mehr; er verdrängte die Luft, er warf einen langen, scharfen Schatten auf den Steinboden. Das Gold des Millenniumspuzzles an Yugis Brust schien seinen Glanz verloren zu haben, als wäre die Seele, die darin gewohnt hatte, endgültig in die Realität übergetreten.
Nur wenige Stunden später saßen sie im Bauch eines Flugzeugs, das sie zurück nach Japan bringen sollte. Die Kabine war in ein dämmriges Licht getaucht, das monotone Brummen der Turbinen bildete die Hintergrundmusik für ihre erschöpften Gedanken.
Yugi saß am Fenster und beobachtete, wie die Lichter von Kairo unter ihnen zu kleinen Funken in der Dunkelheit wurden. Neben ihm saß Atem. Er starrte auf seine Hände, ballte sie zu Fäusten und öffnete sie wieder, als könne er immer noch nicht glauben, dass die Sehnen und Muskeln unter seiner Haut wirklich ihm gehorchten.
Das Echo der Ewigkeit
Der Regen trommelte unaufhörlich gegen die Fensterscheiben des Game Shops der Familie Muto. Es war ein schwerer, kühler Regen, der die Lichter von Domino City in verschwommene Neonfarben auflöste. Drinnen war es warm, es roch nach altem Papier, Kunststoff und dem fernen Duft von Tee, doch für Atem fühlte sich die Luft fast zu dicht an.
Er stand am Fenster im oberen Stockwerk und starrte hinaus in die Dunkelheit. Er verschränkte die Arme vor der Brust – und hielt inne. Das Gefühl war immer noch fremd. Er spürte den Stoff seines Hemdes auf der Haut, das leise Heben und Senken seines Brustkorbs und das Pochen seines eigenen Herzens. Ein Herz, das nicht mehr Yugis Rhythmus teilte, sondern seinen eigenen schlug.
„Vier Jahre“, flüsterte er heiser. Seine Stimme klang tiefer in diesem neuen, festen Körper, weniger wie ein Echo aus der Unendlichkeit.
„Atem? Du hast schon wieder seit zehn Minuten kein Wort gesagt.“
Er drehte sich langsam um. Yugi saß am Schreibtisch, die Karten seines Decks vor sich ausgebreitet, doch sein Blick lag besorgt auf seinem Gegenüber. Es war immer noch surreal, sich gegenseitig so direkt anzusehen – auf Augenhöhe, ohne den Filter des Millenniumspuzzles.
„Verzeih mir, Yugi“, antwortete Atem und trat einen Schritt vom Fenster weg. Jede Bewegung fühlte sich schwerer an als in seiner Geistgestalt, bedeutungsvoller. „Ich versuche nur immer noch, die Worte von Anubis zu begreifen. Er sprach von Respekt gegenüber diesem Körper. Als wäre er ein Gefäß, das ich nur geliehen habe, um eine Prüfung zu bestehen, von der ich dachte, ich hätte sie längst hinter mir.“
Yugi legte die Karte, die er hielt, beiseite und stand auf. „Wir dachten, mit deinem Namen wäre alles vollständig. Das Grab des Pharaos, die Steintafeln... alles deutete darauf hin. Was könnte wichtiger sein als dein eigener Name?“
Atem schloss die Augen. Vor seinem inneren Auge materialisierte sich erneut die schattenhafte, furchteinflößende Gestalt des Gottes der Totenriten. Anubis’ Stimme war wie das Knirschen von Wüstensand auf altem Stein gewesen. Eine Erinnerung fehlt noch.
„Es ist sicher kein Name, keine Schlacht und kein Titel“, sinnierte Atem leise. Er trat an den kleinen Tisch und berührte die Oberfläche des Holzes. Er spürte die Maserung, die Kühle. „Ich habe alle Fakten meines Lebens zurückerhalten, Yugi. Ich weiß, wer ich war. Aber vielleicht... vielleicht geht es nicht darum, was ich getan habe, sondern um etwas, das ich gefühlt oder verloren habe, bevor ich das Puzzle versiegelte.“
Er sah auf seine Hände hinunter. Anubis hatte ihm diesen Körper gegeben, damit er den Alltag bestreiten konnte – ein Leben als Mensch, nicht als Pharao oder Geist.
„Glaubst du, die Erinnerung hat etwas mit diesem Leben hier zu tun?“, fragte Yugi leise und trat neben ihn.
Atem blickte auf das Puzzle, das nun still auf dem Tisch lag, seine Macht gebändigt, aber nicht verschwunden. „Vielleicht. Anubis sprach von Dankbarkeit. Vielleicht ist die letzte Erinnerung keine, die in der Vergangenheit liegt, sondern eine, die ich erst jetzt, in diesen vier Jahren, erschaffen muss. Ich habe keine Ahnung...“
Ein Blitz zuckte draußen über den Himmel und erhellte das Zimmer für einen Moment in kaltem Weiß. Atem sah sein Spiegelbild in der Scheibe – die scharfen Züge des Pharaos, die Augen, die so viel gesehen hatten. Zum ersten Mal seit drei Jahrtausenden spürte er nicht nur die Last der Geschichte, sondern die Zerbrechlichkeit der Zeit.
„Vier Jahre bis zu unserem nächsten Duell“, sagte Atem mit einem schwachen, fast wehmütigen Lächeln. „Vier Jahre, um herauszufinden, was mir fehlt, bevor ich endgültig gehen darf.“
Yugi nickte entschlossen und legte seinem Freund – nein, seinem Bruder – eine Hand auf die Schulter. Es war das erste Mal, dass Atem die Wärme einer anderen Hand wirklich physisch spürte, ohne die Barriere einer Seele. Es schickte einen Schauer durch seinen Körper.
„Wir werden es finden“, versprach Yugi. „Egal, was es ist. Wir haben vier Jahre Zeit, Atem. Und dieses Mal müssen wir sie nicht teilen. Wir können sie gemeinsam erleben.“
Atem sah auf die Hand auf seiner Schulter und dann wieder in den Regen hinaus. Die Ungewissheit war wie ein dunkler Schatten, der über seinem neuen Leben hing, doch die physische Präsenz von Yugi an seiner Seite gab ihm einen Anker, den er im Jenseits niemals gefunden hätte.
Ein paar Augenblicke später...
Die staubige Luft im oberen Stockwerk des Game Shops schien unter der Last des Schweigens fast zu vibrieren. Nur das rhythmische Trommeln des Regens gegen die Fensterscheiben und das ferne Summen der Stadt Domino durchbrachen die Stille. Joey, Tea und Tristan standen wie versteinert im Raum. Ihre Augen waren geweitet, die Pupillen noch immer erfüllt von dem goldenen, jenseitigen Licht, das sie erst vor einigen Tagen im Schrein der Unterwelt beinahe geblendet hätte.
Sie hatten alles gesehen. Sie waren Zeugen gewesen, wie das Tor zum Jenseits sich geweigert hatte, den Pharao aufzunehmen. Sie hatten das markerschütternde Grollen gespürt, als Anubis, der Gott mit dem Schakalskopf, aus dem Nichts getreten war und die Realität selbst ins Wanken gebracht hatte. Die Worte der Gottheit – die Warnung vor der fehlenden Erinnerung und die Leihgabe eines physischen Körpers – hallten noch immer in ihren Köpfen wider.
Atem saß auf dem Sofa, die Beine ruhig überschlagen. Er trug eines von Yugis schwarzen T-Shirts, das an seinen Schultern und seinem Brustkorb deutlich spannte. Er war kein bloßes Abbild mehr, keine blasse Projektion aus dem Millenniumspuzzle. Das Licht der Morgensonne, das nun mühsam durch die Wolkendecke brach, warf harte, echte Schatten in die Vertiefungen seines Gesichts und betonte die maskuline Schärfe seiner Züge.
„Leute... ihr starrt schon wieder“, unterbrach Yugi schließlich die beklemmende Stille. Er stand direkt neben Atem, und der physische Kontrast zwischen den beiden war nun, da sie nebeneinander existierten, fast überwältigend. Atem wirkte nicht nur älter, er strahlte eine urtümliche Kraft aus, die das kleine Zimmer fast auszufüllen schien.
Joey war der Erste, der sich bewegte. Er trat mit unsicheren Schritten vor, die Hand halb ausgestreckt, als fürchtete er, bei einer Berührung könnte Atem in Staub zerfallen. Schließlich legte er ihm die Hand fest auf die Schulter. Er drückte zu, erst vorsichtig, dann fester.
„Er ist verdammt nochmal echt. Er ist immer noch hier...“, flüsterte Joey, und seine Stimme schwankte zwischen purem Entsetzen und unbändiger Freude. „Ich spüre seine Knochen. Ich spüre die Wärme seiner Haut. Das ist kein Trick von Anubis, oder? Das ist... das ist wirklich er.“
Atem legte seine Hand auf Joeys und drückte sie kurz. Die Berührung war fest und bestimmt. Ein kleines, fast melancholisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ich versichere dir, Joey, ich spüre die Schwere dieses Körpers mit jedem Atemzug. Anubis hat mir ein Geschenk gemacht, das sich wie eine Last anfühlt, aber es ist real. Ich bin hier. In Fleisch und Blut.“
Tea trat einen Schritt näher, ihre Augen waren feucht vor Tränen, die sie mühsam zurückhielt. „Wir haben gesehen, wie er vor euch erschienen ist. Wir haben gehört, was er gesagt hat. Aber ich kann es immer noch nicht fassen. Vier Jahre... Atem, das ist eine Ewigkeit und doch nur ein Wimpernschlag.“
„Und genau das ist das Problem“, warf Tristan ein, der mit verschränkten Armen an der Tür lehnte, aber seinen Blick nicht von dem Pharao abwenden konnte. „Wir wissen, was passiert ist. Wir waren dabei. Aber was ist mit dem Rest der Welt? Wir können ihn schlecht als ‚altägyptischen König auf Zeitreise‘ vorstellen, wenn wir morgen durch die Straßen von Domino laufen.“
Yugi nickte ernst und trat einen Schritt in die Mitte des Raumes. „Genau darüber haben wir die ganze Nacht gesprochen. Wenn Atem – oder besser gesagt, Yami – hier leben will, ohne die Aufmerksamkeit von Regierungsbehörden oder neugierigen Journalisten auf sich zu ziehen, brauchen wir eine wasserdichte Geschichte. Eine, die jeder glaubt, ohne Fragen zu stellen.“
Atem sah zu Yugi auf. Die beiden hatten die Geschichte bereits gemeinsam entworfen, doch sie nun vor ihren Freunden laut auszusprechen, machte sie erst zur Realität.
„Er wird als mein Bruder auftreten“, erklärte Yugi fest. „Yami Muto. Zwei Jahre älter als ich.“
Joey blinzelte und kratzte sich am Hinterkopf. „Ein Bruder? Ich meine, die Ähnlichkeit ist da, klar. Er sieht aus wie du, nur... nun ja, nach einem extremen Wachstumsschub und einer Menge Training. Aber wo war er die ganze Zeit?“
„Bei unserem Vater“, antwortete Atem ruhig. Seine Stimme klang in diesem neuen Körper tiefer, resonanter. „Yugis Vater lebt seit Jahren im Ausland, weit weg von der Hektik Dominos. Da meine Eltern getrennt lebten, blieb ich bei ihm, während Yugi hier bei seinem Großvater und seiner Mutter aufwuchs. Es gab kaum Kontakt, aber jetzt, da ich mein Studium oder meine Ausbildung beginnen will, bin ich nach Domino zurückgekehrt, um bei meiner Familie zu sein.“
Tea runzelte nachdenklich die Stirn. „Das ist eigentlich genial. Yugis Vater ist für die meisten Leute hier ein Phantom. Niemand weiß genau, wo er ist oder was er tut. Es erklärt die Ähnlichkeit, das Alter und warum ihn bisher niemand gesehen hat. Es gibt der Welt einen Grund, warum er plötzlich hier ist.“
„Yami Muto...“, murmelte Joey und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er schlug Atem freundschaftlich gegen den Oberarm. „Klingt wie ein richtiger Name für einen Kerl, der Karten spielt, als gäbe es kein Morgen. Aber hör zu, wenn du als mein Kumpel Yami durchgehen willst, musst du diesen ‚Ich bin der Herrscher über das Schicksal‘-Blick ein bisschen dämpfen. Normalsterbliche schauen nicht so, als würden sie gerade eine Armee in die Schlacht führen, wenn sie nur nach dem Weg zur nächsten Spielhalle fragen.“
Atem lachte leise, ein tiefes, ehrliches Geräusch, das in seiner eigenen Brust vibrierte. Es war ein neues Gefühl – die Vibration der Stimmbänder in einer echten Kehle zu spüren. „Ich werde mich bemühen, Joseph. Aber die Gewohnheiten von dreitausend Jahren lassen sich nicht einfach an der Garderobe abgeben. Ich muss lernen, wie man ein gewöhnlicher Mensch ist.“
„Wir werden es dir beibringen“, versprach Tea leise und trat neben ihn. Sie sah hinaus auf die Stadt, die nun langsam erwachte. „Aber wir dürfen nicht vergessen, warum Anubis das getan hat. Die vier Jahre sind kein Urlaub. Diese fehlende Erinnerung... wir müssen sie finden.“
Atem wandte seinen Blick wieder durch den Raum. Die Wärme von Joeys Hand auf seiner Schulter und die Sorge in Teas Augen waren nun physische Realitäten. Er war nicht mehr nur ein Passagier in Yugis Seele. Er war ein Akteur in einer Welt, die ihn eigentlich schon längst hätte vergessen sollen.
„Vier Jahre“, wiederholte Atem leise. „Vier Jahre, um eine Lücke in meiner Seele zu füllen, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert. Und vier Jahre, um zum ersten Mal wirklich zu leben, bevor ich Yugi gegenübertrete, um mein Schicksal zu vollenden.“
Yugi legte seine Hand auf Atems freie Schulter. So standen sie da – eine Gruppe von Freunden, verbunden durch ein göttliches Geheimnis, bereit, dem Pharao einen Platz in einer Welt zu schaffen, die nicht mehr die seine war.
Der erste Schritt über die Türschwelle des Game Shops fühlte sich für Atem an wie der Sprung in ein unbekanntes Meer. Als er den Fuß auf den Gehweg setzte, spürte er den harten Widerstand des Asphalts durch die dünnen Sohlen seiner Schuhe. Es war ein gewaltiger Unterschied zu der schwebenden Leichtigkeit, die er als Geist gewohnt war. Jede Unebenheit im Boden, jede Vibration der vorbeifahrenden Autos übertrug sich direkt auf seine Gelenke.
„Alles okay, Yami?“, fragte Yugi, der dicht an seiner Seite ging. Er beobachtete seinen Freund – seinen Bruder – mit einer Mischung aus Stolz und Wachsamkeit.
Atem blieb kurz stehen und atmete tief ein. Die Stadtluft von Domino roch nach Abgasen, feuchtem Beton und dem fernen Aroma von gebratenem Essen aus einem nahegelegenen Imbiss. „Es ist... überwältigend“, gestand er leise. „Die Gerüche sind so viel schärfer. Der Wind auf meinem Gesicht fühlt sich nicht mehr wie ein ferner Hauch an, sondern wie eine echte Berührung.“
Joey und Tristan gingen voraus, fast wie eine inoffizielle Leibgarde, während Tea sich links von Atem einreihte. Sie beobachtete, wie Atem die Augen zusammenkniff, als das grelle Sonnenlicht der Mittagsstunde die regennassen Straßen zum Glitzern brachte.
„Gewöhn dich dran, Großer“, grinste Joey und drehte sich im Gehen um. „Das ist das echte Leben. Kein Schattenreich, kein Puzzle-Vibe. Nur du, wir und eine Menge Leute, die keine Ahnung haben, dass sie gerade neben einem leibhaftigen Pharao herlaufen.“
Während sie durch das Einkaufsviertel schlenderten, bemerkte Atem schnell, dass sich die Blicke der Passanten veränderten. Wenn er früher in Yugis Körper die Kontrolle übernommen hatte, wirkte Yugi auf andere oft nur plötzlich „cooler“ oder „reifer“. Doch nun, da er als eigenständige Person auftrat, war die Wirkung eine ganz andere.
Eine Gruppe junger Frauen, die ihnen entgegenkam, verstummte plötzlich. Ihre Blicke blieben an Atem hängen – an seiner aufrechten, königlichen Haltung, den markanten Gesichtszügen und der intensiven Ausstrahlung, die er trotz seiner modernen Kleidung nicht ganz verbergen konnte. Eine von ihnen errötete und flüsterte ihrer Freundin etwas zu, während sie an ihnen vorbeigingen.
„Siehst du das?“, flüsterte Tristan und stieß Joey mit dem Ellbogen an. „Er ist keine fünf Minuten auf der Straße und zieht schon alle Blicke auf sich. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass ‚Yami Muto‘ der neue Star in Domino wird.“
Atem schien die Aufmerksamkeit kaum zu bemerken. Sein Fokus lag auf den Details. Er blieb vor einem Schaufenster stehen, in dem Dutzende von Fernsehgeräten ausgestellt waren. Überall flimmerten bunte Bilder, Nachrichten und Werbespots.
„Damals in Ägypten“, begann er, ohne den Blick von den Bildschirmen abzuwenden, „war Licht ein Geschenk der Götter oder das Ergebnis von Feuer. Hier.... Menschen aus meiner Zeit würden sagen, es wäre als hätte die Menschheit die Blitze des Himmels eingefangen und in Glasboxen gesperrt.“
„So habe ich das noch nie gesehen“, gab Tea lächelnd zu. „Für uns ist das alles so normal.“
„Für die Menschen aus meiner Zeit wäre es eine andere Art von Magie“, antwortete Atem. Er wandte sich von den Bildschirmen ab und sah seine Freunde an. Seine violetten Augen leuchteten vor Lebenskraft. „Aber Anubis sagte, ich müsse diesen Körper mit Respekt behandeln. Ich glaube, ich verstehe jetzt, was er meinte. Ein Mensch zu sein bedeutet nicht nur, zu atmen. Es bedeutet, Teil dieses lärmenden, bunten Chaos zu sein. Teil der Neuzeit.“
Plötzlich blieb Joey vor einem großen Plakat stehen, das an einer Litfaßsäule klebte. Es war eine Ankündigung für ein lokales Duell-Turnier in der kommenden Woche.
„Hey, seht euch das an!“, rief Joey begeistert. „Das wäre doch die perfekte Gelegenheit, Yami offiziell vorzustellen. Wir melden ihn einfach als Yugis Bruder an, der gerade aus dem Ausland zurück ist. Wenn er dort ein paar Gegner plattmacht, wird niemand mehr an seiner Identität zweifeln. Ein Muto, der nicht duellieren kann, wäre ja auch verdächtig!“
Yugi sah Atem fragend an. „Möchtest du das? Ich meine, wir könnten es auch erst einmal langsam angehen lassen.“
Atem betrachtete das Plakat. Sein Herz machte einen kleinen Sprung – ein physischer Reflex, den er so noch nie gespürt hatte. Die Aufregung des Duells, die Vorfreude auf den Wettbewerb... es fühlte sich in diesem Körper doppelt so intensiv an.
„Ich denke, Joseph hat recht“, sagte Atem, und ein herausforderndes Funkeln trat in seine Augen. „Ein Pharao – oder ein Bruder eines Champions – sollte sich nicht verstecken. Gehen wir dorthin. Ich möchte spüren, wie sich die Karten in meinen eigenen Händen anfühlen.“
Doch während sie weitergingen, spürte Atem für einen kurzen Moment ein Stechen im Nacken. Er blieb stehen und sah sich um. Die Menschenmenge war dicht, das Lachen und Reden der Leute erfüllte die Luft. Doch für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, im Schatten einer Seitengasse eine Gestalt mit einem goldenen Schimmer zu sehen.
Anubis?
„Atem? Was ist los?“, fragte Tea besorgt.
Er schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. „Nichts. Nur... ein Schatten im Augenwinkel. Gehen wir weiter. Ich möchte wissen, wie dieser ‚Burger‘ schmeckt, von dem Joey immer erzählt.“
Die Gruppe lachte und zog ihn weiter, tiefer hinein in sein neues Leben. Doch tief im Inneren wusste Atem, dass die vier Jahre nicht nur aus Sonnenschein und Duellen bestehen würden. Irgendwo da draußen wartete die Erinnerung, die er verloren hatte – und die Zeit tickte bereits.
Die Gruppe hatte kaum die gläsernen Türen des Einkaufszentrums erreicht, als die Luft um sie herum schlagartig kälter zu werden schien. Es war dieses unverkennbare Gefühl von heraufziehendem Stahl und kompromisslosem Stolz, das nur eine Person in ganz Domino City verströmte.
Vor ihnen, flankiert von zwei muskulösen Männern in schwarzen Anzügen, blieb Seto Kaiba stehen. Sein langer, weißer Mantel wehte im Luftzug der Klimaanlage, und seine blauen Augen starrten mit einer Intensität auf die Gruppe, die Joey instinktiv zusammenzucken ließ. Mokuba stand an seiner Seite, die Hände tief in den Taschen, und biss sich nervös auf die Unterlippe.
Kaibas Blick wanderte langsam über die Gruppe, ignorierte Joey und Tristan vollständig und blieb schließlich an der Gestalt hängen, die direkt neben Yugi stand.
Bevor Seto Kaiba den Fuß in das Einkaufszentrum gesetzt hatte, bevor er diesen unerträglichen Muto und seine Gefolgschaft konfrontierte, hatte er gegen die Geister seiner eigenen Erinnerung gekämpft.
Es war erst wenige Tage her, dass sein Verstand beinahe zerbrochen wäre. Er hatte versucht, das Unmögliche mit Technologie zu erzwingen, doch stattdessen war er in die Dunkelheit des Grabes hinabgestiegen. Dort, im fahlen Licht der Fackeln, hatte er mehr gesehen, als ein Mann der Moderne ertragen sollte. Er hatte nicht nur das Duell zwischen Yugi und dem Pharao aus dem Verborgenen beobachtet. Er hatte Momente erlebt, die sich wie Splitter in sein Bewusstsein gebohrt hatten:
Der Geruch von heißem Wüstensand. Das kalte Gold eines Priesterstabes in seiner Hand. Und vor allem das Gesicht des Mannes, dem er einst die Treue geschworen hatte – nicht als Rivale, sondern als Priester Seto.
Er hatte gesehen, wie Anubis aus den Schatten trat und dem Pharao diesen neuen Körper aufzwang. Er hatte die Worte des Gottes gehört. Und doch weigerte sich jede Faser seines rationalen Seins, dies als Realität anzuerkennen.
Als er nun im Hier und Jetzt vor der Gruppe im Einkaufszentrum stand, war sein Herzschlag ruhig, seine Maske perfekt. Nur das leichte Zucken seines Kiefers verriet die Anspannung.
„Was ist das hier für eine Freak-Show, Muto?“, durchbrach Kaiba das Schweigen. Seine Stimme schnitt durch die warme Luft des Atriums wie eine Klinge. Er ignorierte Joey und Tristan vollständig; sein Blick war wie ein Laser auf die Gestalt fixiert, die neben Yugi stand.
Atem erwiderte den Blick ohne zu blinzeln. Er sah nicht nur den modernen CEO vor sich. Er sah die stolzen Züge des Priesters, der einst an seiner Seite gestanden hatte. Die Verbindung zwischen ihnen war wie ein gespanntes Drahtseil, das über Jahrtausende hinweg vibrierte.
„Ich dachte, dein ‚anderes Ich‘ sei dorthin verschwunden, woher es gekommen ist“, fuhr Kaiba fort, während er langsam auf Atem zuging. Sein langer, weißer Mantel wehte hinter ihm her wie die Schwingen eines Raubvogels. „Stattdessen präsentierst du mir hier jemanden, der aussieht wie eine physische Manifestation deiner eigenen Wahnvorstellungen.“
Yugi trat einen Schritt vor, seine Stimme fest, aber vorsichtig. „Kaiba, das ist mein Bruder. Yami Muto. Er ist gerade erst aus dem Ausland zurückgekehrt... von unserem Vater.“
Ein hämisches, fast schmerzhaftes Lachen entwich Kaibas Kehle. „Ein Bruder? Erspar mir deine Märchenstunden, Muto. Glaubst du wirklich, ich erkenne diesen Blick nicht wieder?“ Er blieb nur Zentimeter vor Atem stehen. In diesem Moment waren sie fast gleich groß, zwei polare Kräfte, die den Raum zwischen sich elektrisierten.
Kaiba wusste genau, wen er vor sich hatte. Er hatte ihn im Tempel gewinnen und wiedergeboren sehen. Er hatte die göttliche Aura des Anubis gespürt, die noch immer wie ein schwacher Nachhall an Atems neuem Körper klebte. Doch er würde es niemals laut aussprechen. Die Wahrheit einzugestehen würde bedeuten, zuzugeben, dass Magie und Schicksal realer waren als seine Blue-Eyes White Dragon-Algorithmen.
„Du spielst ein gefährliches Spiel“, flüsterte Kaiba so leise, dass nur Atem ihn hören konnte. Sein Blick brannte sich in die violetten Augen des Pharaos. „Du denkst, ein neuer Körper macht dich zu einem Teil dieser Welt? Du bist ein Relikt, eine Anomalie in meinem System.“
Atem spürte das Pochen seines neuen Herzens – es schlug schnell, voller Adrenalin. Er genoss die Provokation. „Du suchst immer noch nach Logik in den Sternen, Seto Kaiba. Aber du weißt so gut wie ich, dass manche Bande nicht durch Zeit oder Tod getrennt werden können. Egal, wie sehr du dich hinter deinem Imperium versteckst.“
Kaiba verengte die Augen. Das Wort Bande schien ihn physisch zu treffen. Für einen kurzen Moment flackerte in seinem Blick etwas Altes auf, ein Funke von Anerkennung, den der Priester Seto seinem König gegenüber empfunden hatte. Doch so schnell er erschienen war, so schnell löschte Kaiba ihn wieder aus.
„Halt den Mund mit deinem mystischen Geschwafel“, zischte er. Er wandte sich an die ganze Gruppe, seine Stimme wieder laut und herrisch. „Mokuba, wir gehen. Ich habe keine Zeit für Leute, die sich in Kostüme hüllen und behaupten, von den Toten auferstanden zu sein.“
Mokuba, der die ganze Zeit über still geblieben war, sah Atem mit großen, wissenden Augen an, bevor er seinem Bruder folgte. Er wusste, dass Seto log. Er hatte gesehen, wie sein Bruder im Tempel die Faust geballt hatte, als Atem den Körper von Anubis empfing.
„Ich werde dich im Auge behalten, ‚Yami Muto‘“, rief Kaiba über die Schulter, während er davonschritt. „Vier Jahre sind eine lange Zeit. Mal sehen, ob du in dieser Welt überlebst oder ob du unter dem Gewicht deiner eigenen Lüge zusammenbrichst.“
Atem sah ihnen nach. Der Wind der Klimaanlage strich über seine Haut, und zum ersten Mal spürte er die wahre Bedeutung seiner Galgenfrist. Er war nicht nur hier, um eine Erinnerung zu finden. Er war hier, um die Seelen zu konfrontieren, die ihn seit dreitausend Jahren begleiteten – ob sie es wahrhaben wollten oder nicht.
„Er hat Angst“, sagte Yugi leise und trat neben Atem.
„Nein“, antwortete Atem und ein wehmütiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Er hat keine Angst vor mir. Er hat Angst vor dem, was er tief in sich selbst bereits weiß.“
Ein neues, altes Gefühl der Lebendigkeit
Die Glocke über der Tür des Game Shops gab ein helles, vertrautes Pling von sich, als die Gruppe eintrat. Es war ein Geräusch, das Atem tausendfach gehört hatte, während er im Puzzle wohnte, doch heute klang es anders. Es war nicht länger das Signal für einen Besucher von Yugi, sondern das Signal für seine eigene Heimkehr.
Im Laden war es ruhig. Das Licht war gedimmt, und die Regale voller Spiele und Karten warfen lange Schatten auf den Boden. Hinter dem Tresen stand Großvater Solomon und polierte eine alte Sammlervitrine. Als er aufblickte, rutschte ihm die Lesebrille ein Stück tiefer auf die Nase.
„Da seid ihr ja endlich! Ich dachte schon, der Regen hätte euch...“ Er brach mitten im Satz ab. Sein Blick wanderte von Yugi zu der Gestalt, die direkt hinter ihm stand.
Atem blieb im Türrahmen stehen. Er fühlte sich in diesem Moment seltsam nackt. Ohne die schützende Aura der Dunkelheit oder die Unantastbarkeit eines Geistes war er nun dem Urteil des Mannes ausgeliefert, den er jahrelang wie einen eigenen Großvater betrachtet hatte.
„Großvater“, sagte Yugi leise und trat vor.
Solomon Muto legte das Poliertuch langsam beiseite. Er kam hinter dem Tresen hervor, seine Schritte schwer, aber bestimmt. Er blieb vor Atem stehen, der nun fast zwei Köpfe größer war als der alte Herr. Der Großvater sah an ihm herauf, seine Augen kniffen sich zusammen, während er die Züge des Pharaos studierte – die gleiche Entschlossenheit wie bei Yugi, aber gepaart mit einer uralten Tiefe.
„Yami Muto, nehme ich an?“, fragte Solomon mit einer Stimme, die seltsam belegt klang.
Atem neigte den Kopf, eine instinktive Geste königlichen Respekts, die er sofort unterdrückte. „Ja, Großvater. Wenn du mich so nennen möchtest.“
„Komm her, Junge“, brummte Solomon plötzlich und zog Atem in eine kräftige Umarmung.
Atem erstarrte. Er spürte den rauen Stoff von Solomons Weste, den Geruch nach altem Tabak und Kamillentee und die ehrliche, menschliche Wärme. Es war ein überwältigender Moment. In Ägypten war er eine Gottheit gewesen, die man kaum zu berühren wagte; im Puzzle war er ein Schatten. Jetzt war er ein Enkel, der gehalten wurde. Langsam, fast zögerlich, legte er seine Arme um den alten Mann.
„Yugi hat mich vorhin von unterwegs angerufen und mir die... ‚offizielle‘ Geschichte erklärt“, sagte Solomon, während er sich wieder löste, aber seine Hände noch auf Atems Oberarmen liegen ließ. Er sah kurz zu den anderen Freunden hinüber, die betreten schwiegen. „Mein Sohn im Ausland, ein verlorener Bruder... eine gute Geschichte für die Leute da draußen. Aber wir hier drin wissen, wer du bist. Und wir wissen, was es gekostet hat, dich hierzubehalten.“
„Anubis hat uns keine Wahl gelassen, Opa“, warf Joey ein, der die Rührung im Raum wie gewohnt mit Redseligkeit überspielte. „Aber hey, sehen Sie sich ihn an! Er sieht aus, als könnte er das gesamte Blue-Eyes-Team im Alleingang wegtragen.“
„Ruhe, Joey“, schmunzelte Solomon, doch sein Blick blieb ernst, als er Atem wieder ansah. „Du hast vier Jahre, nicht wahr? Vier Jahre, um das zu finden, was fehlt.“
„So ist es“, antwortete Atem. „Ich weiß nicht, wonach ich suche, Großvater. Ich weiß nur, dass ich diese Zeit mit Respekt behandeln muss.“
„Dann fangen wir damit an, dass du dich wie ein Teil dieser Familie fühlst“, entschied Solomon und klatschte in die Hände. „Yugi, hilf deinem Bruder, seine Sachen im oberen Zimmer zu ordnen. Wir haben dort noch das alte Gästebett. Es wird eng werden, aber ein Muto beschwert sich nicht über Platzmangel.“
Später am Abend saßen Yugi und Atem allein im Zimmer. Das Licht der Nachttischlampe warf ein warmes Gelb über die Holzdielen. Yugi hatte Atem einige seiner Kleider geliehen, die zwar etwas zu kurz an den Ärmeln waren, aber für den Moment reichten.
Atem saß auf dem Rand des provisorischen Betts und strich über die Decke. „Es ist seltsam, Yugi. Ich habe in Palästen geschlafen und in der Unendlichkeit des Puzzles existiert. Aber dieses kleine Zimmer... es fühlt sich schwerer an als alles andere. Als würde jeder Gegenstand hier eine Geschichte erzählen, die ich erst noch lernen muss.“
Yugi lächelte und setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl. „Das ist das Leben, Atem. Es besteht aus kleinen Dingen. Morgen fangen wir an, dein Deck zu bauen. Wenn wir dich beim Turnier anmelden, brauchst du Karten, die nur dir gehören. Nicht meine, nicht die des Pharaos... sondern die von Yami Muto.“
Atem sah zu dem leeren Platz an seinem Handgelenk, wo früher die Duel-Disk gesessen hatte. Ein Funke Ehrgeiz entflammte in seinem Inneren. „Eigene Karten. Ein eigener Name. Ein eigener Körper.“ Er sah Yugi direkt an. „Glaubst du, dass wir in diesen vier Jahren die Antwort finden werden?“
Yugi nickte ohne zu zögern. „Wir haben schon schwierigere Rätsel gelöst als das von Anubis. Aber dieses Mal... dieses Mal müssen wir nicht gegen Schatten kämpfen. Wir müssen herausfinden, was es bedeutet, wirklich hier zu sein.“
Der nächste Morgen begann nicht mit dem Ruf eines ägyptischen Herolds, sondern mit dem sanften Klingeln von Yugis Wecker und dem prasselnden Geräusch von frischem Kaffee, der im Erdgeschoss aufgebrüht wurde. Atem saß bereits hellwach auf seinem Bett. Er hatte die halbe Nacht damit verbracht, seine eigenen Hände im fahlen Mondlicht zu beobachten – fasziniert von der Tatsache, dass sie nicht verschwanden, wenn er es wollte.
„Bist du bereit?“, fragte Yugi schlaftrunken, während er sich die Augen rieb.
Atem nickte, ein entschlossenes Funkeln in seinen Augen. „Es ist Zeit, Yugi. Wenn ich als dein Bruder beim Turnier antreten will, kann ich nicht mit deinem Deck spielen. Die Welt muss sehen, dass Yami Muto seinen eigenen Pfad beschreitet.“
Nach einem schnellen Frühstück führte Großvater Solomon sie in das Allerheiligste des Ladens: das Lagerarchiv. Hier stapelten sich tausende von Karten in Holzkisten und Glasvitrinen, sortiert nach Seltenheit, Attributen und Typen. Der Geruch nach Druckerschwärze und alter Pappe lag schwer in der Luft – für Atem war es der Duft einer neuen Ära.
„Hier sind sie“, sagte Solomon und klopfte auf eine schwere Eichenkiste. „Das sind meine persönlichen Reserven. Viele davon sind Raritäten, die ich über Jahrzehnte gesammelt habe. Such dir aus, was zu deiner Seele spricht, Yami.“
Atem trat an die Kiste. Er schloss die Augen und ließ seine Hand über die Oberflächen der Karten gleiten. Er suchte nicht mit der Logik eines Strategen, sondern mit dem Gespür eines Königs für seine Untertanen. Er wartete auf das vertraute Ziehen in seiner Brust, das Anzeichen einer spirituellen Verbindung.
Plötzlich hielt er inne. Er zog eine Karte heraus, die ein tiefes, violettes Leuchten auszustrahlen schien.
„Der Dunkle Magier?“, fragte Yugi überrascht.
Atem betrachtete das Bild seines treuesten Gefährten. „Er ist mehr als eine Karte, Yugi. Er ist die Verbindung zu Mahad, zu meiner Vergangenheit. Aber...“ Er hielt die Karte gegen das Licht. „In diesem Deck wird er nicht meine einzige Stütze sein. Ich spüre, dass ich Krieger brauche, die sowohl die Stärke des alten Ägyptens als auch die Dynamik der Moderne verkörpern.“
Stunden vergingen, in denen die beiden Brüder über Strategien debattierten. Atem entschied sich für ein Deck, das auf „Chaos-Attributen“ basierte – eine Mischung aus Licht und Finsternis. Es symbolisierte perfekt seine aktuelle Existenz: Das Licht des neuen Lebens, das ihm Anubis geschenkt hatte, und die Finsternis seiner 3000-jährigen Gefangenschaft.
„Sieh dir diese hier an“, schlug Yugi vor und reichte ihm eine Karte: „Black Luster Soldier - Envoy of the Beginning“.
Atem nahm die Karte entgegen. Das Bild des legendären Kriegers schien ihn direkt anzusehen. „Ein Krieger, der aus dem Gleichgewicht von Licht und Schatten geboren wurde... Ja, er wird mein General sein.“
Er fügte Karten hinzu, die seine Verbundenheit zum Militär und zum Schutz seines Volkes widerspiegelten: Breaker the Magical Warrior, um gegnerische Zauber zu bannen, und Chaos Sorcerer, um das Feld zu kontrollieren. Doch als er das Deck fast fertiggestellt hatte, zögerte er. Er spürte eine Lücke.
„Etwas fehlt noch“, murmelte Atem. „Ein Anker. Etwas, das nicht aus der Vergangenheit stammt, sondern für meine vier Jahre hier steht.“
Er stöberte weiter, bis sein Blick auf eine unscheinbare Karte fiel, die in einer Ecke der Kiste lag. Es war eine Zauberkarte: „Exchange of the Spirit“.
Atem hielt inne. Das Bild zeigte den Austausch von Lebensenergie. „Diese Karte... sie erinnert mich an den Pakt mit Anubis. An das geliehene Leben. Sie wird mich daran erinnern, dass jeder Spielzug, jedes Duell und jeder Atemzug in diesem Körper ein Geschenk ist, das ich mit Dankbarkeit behandeln muss.“
Yugi beobachtete ihn schweigend. Er sah, wie Atem die Karten fast zärtlich in schwarze Schutzhüllen schob. Das war kein Deck eines rachsüchtigen Pharaos mehr. Es war das Deck eines Mannes, der bereit war, für seine Zukunft zu kämpfen.
„Es ist fertig“, verkündete Atem schließlich. Er fächerte das Deck vor sich auf. 40 Karten, die nun seine Identität bildeten. „Morgen beim Turnier wird die Welt Yami Muto kennenlernen. Und ich werde spüren, ob meine Verbindung zu diesen Karten stark genug ist, um das Schicksal herauszufordern.“
„Und ich werde direkt neben dir stehen“, sagte Yugi und legte seine Hand auf das Deck seines Bruders. „Wir werden zeigen, dass die Muto-Brüder unschlagbar sind.“
Draußen am Himmel verzogen sich die letzten Regenwolken und machten einem klaren, kalten Blau Platz. Doch im Schatten des Ladens, tief unten im Fundament des Gebäudes, glaubte Atem für einen Moment das leise Ticken einer Sanduhr zu hören. Die Zeit lief. Und sein erstes Duell in diesem neuen Leben rückte unaufhaltsam näher.
Das lokale Turnier fand in einer der modernsten Hallen von Domino City statt – ein Gebäude aus Glas und Stahl, das in der Nachmittagssonne glänzte. Überall wimmelte es von Duellanten, das Summen von Duel-Disks und das aufgeregte Gemurmel der Zuschauer erfüllten die Luft. Es war die perfekte Bühne für das offizielle Debüt von „Yami Muto“.
Die Anmeldung am Empfangstresen verlief reibungsloser, als Atem erwartet hatte. Yugi stand an seiner Seite, während der Mitarbeiter hinter dem Computer die Daten abglich.
„Yami Muto... zwei Jahre älter als der amtierende Champion... Herkunft: Ausland“, murmelte der Mann und sah kurz von seinem Bildschirm auf, um Atem zu mustern. Er schluckte sichtlich, als er in die intensiven, violetten Augen des Pharaos blickte, die eine Autorität ausstrahlten, die so gar nicht zu einem einfachen „Rückkehrer“ passen wollte. „Alles klar. Du bist in Block B eingeteilt. Dein erstes Duell beginnt in zehn Minuten auf Plattform 4.“
Als sie durch die Menge zur Plattform gingen, bemerkte Atem das Flüstern, das ihnen folgte wie eine Bugwelle.
„Ist das wirklich Yugis Bruder?“
„Er sieht aus wie er, aber... verdammt, hast du diese Ausstrahlung gesehen?“
„Er wirkt, als würde er den Boden unter seinen Füßen besitzen.“
Joey und Tristan warteten bereits an der Plattform, während Tea nervös an ihrem Schal nestelte. „Bist du bereit, Yami?“, fragte sie leise.
Atem sah auf die Duel-Disk an seinem linken Arm – ein brandneues Modell, das Solomon ihm heute Morgen geschenkt hatte. Das kühle Metall fühlte sich schwer und real an. „Ich bin bereit, Tea. Es ist seltsam... mein Herz schlägt so schnell, dass ich es bis in die Fingerspitzen spüre. Das ist es also, was ihr fühlt, wenn ihr unter Druck steht.“
„Das nennt man Adrenalin, Kumpel!“, grinste Joey und drückte ihm die Daumen. „Zeig ihnen, aus welchem Holz ein Muto geschnitzt ist!“
Sein erster Gegner war ein junger Mann namens Kenji, ein aufstrebender Duellant mit einem mechanischen Deck, der bereits siegessicher auf der Plattform wartete. Als er Atem sah, verzog er das Gesicht zu einem überheblichen Lächeln.
„Also du bist der ‚große Bruder‘?“, spottete Kenji, während er seine Duel-Disk aktivierte. „Nur weil du Yugis Gesicht hast, heißt das nicht, dass du sein Talent geerbt hast. Ich werde dich in drei Zügen von dieser Plattform fegen!“
Atem trat vor. Er sagte nichts. Er nahm seine Startkarten auf und das vertraute Gefühl der Verbundenheit mit seinem Deck durchströmte ihn. Doch diesmal war es anders. Die Karten in seiner Hand waren keine Werkzeuge eines Schicksals, das er erfüllen musste; sie waren die Gefährten seines neuen Lebens.
„Duell!“, riefen beide gleichzeitig.
Kenji begann aggressiv. Er beschwor schnell zwei Cyber-Soldaten und legte eine verdeckte Karte. „Das war’s schon für dich, Anfänger! Greif mich an, wenn du dich traust!“
Atem betrachtete seine Hand. Er spürte die Energie von Licht und Finsternis, die in seinen Karten pulsierte. „Mein Zug“, sagte er, und seine Stimme hallte mit einer tiefen Resonanz über die Plattform, die Kenjis Grinsen augenblicklich einfrieren ließ. „Zuerst aktiviere ich den Effekt meines Chaos-Zauberers, indem ich ein Licht- und ein Finsternis-Monster aus meinem Friedhof verbanne, die ich durch meine Zauberkarte Törichtes Begräbnis dorthin gesendet habe.“
Die Halle schien den Atem anzuhalten. Zwei Lichtsäulen – eine tiefschwarz, die andere strahlend weiß – schossen aus dem Boden und verschmolzen zu einer Gestalt in wirbelnden Roben.
„Was ist das für eine Beschwörung?“, stammelte Kenji.
„Dies ist der Pfad, den ich gewählt habe“, antwortete Atem kühl. „Ich beschwöre den Chaos-Zauberer! Und sein Effekt erlaubt es mir, dein stärkstes Monster sofort aus diesem Duell zu entfernen!“
Mit einer Handbewegung Atems löste sich Kenjis stärkste Maschine in digitale Pixel auf. Der junge Duellant trat einen Schritt zurück, die Überlegenheit in seinen Augen wich purer Verwirrung. Atem bewegte sich mit einer Präzision und Eleganz, die weit über das hinausging, was ein normaler Highschool-Schüler leisten konnte.
„Und nun“, fuhr Atem fort, während er eine weitere Karte in den Schlitz seiner Disk schob, „beende ich dieses Duell mit der Stärke derer, die mir seit Anbeginn der Zeit folgen. Erscheine, Dunkler Magier!“
Das Erscheinen des Magiers löste einen Sturm der Begeisterung unter den Zuschauern aus. Es war Yugis Signatur-Monster, doch in Atems Händen wirkte der Magier fast noch bedrohlicher, noch majestätischer.
„Angriff! Dark Magic Attack!“
Der Lichtstrahl fegte Kenjis verbleibende Lebenspunkte in Sekunden auf Null. Die Hologramme erloschen, und in der Halle wurde es für einen Moment totenstill, bevor donnernder Applaus losbrach.
Atem senkte den Arm. Er atmete tief ein und spürte, wie der Schweiß auf seiner Stirn perlte. Er war erschöpft, aber er fühlte sich so lebendig wie noch nie zuvor. Er sah zu Yugi hinunter, der am Rand der Plattform stand und ihm zunickte. In Yugis Augen lag kein Neid, nur tiefer Stolz.
Doch als Atem von der Plattform steigen wollte, bemerkte er eine Bewegung auf dem Balkon im Obergeschoss. Dort, im Halbschatten, stand eine Gestalt im weißen Mantel. Seto Kaiba beobachtete ihn, die Arme vor der Brust verschränkt. Er klatschte nicht. Er rührte sich nicht. Er starrte Atem nur an, als wollte er die Seele hinter dem Fleisch mit bloßen Augen finden.
Atem erwiderte den Blick für einen Moment, bevor Kaiba sich wortlos umdrehte und im Schatten verschwand.
„Das war erst der Anfang“, flüsterte Atem zu sich selbst. Das Turnier hatte er gewonnen, doch das wahre Duell – das Duell um seine verlorene Erinnerung und sein Recht, in dieser Welt zu existieren – hatte gerade erst begonnen.
Die Nacht über Domino City war ruhig geworden. Im Zimmer der Muto-Brüder brannte kein Licht mehr, nur das ferne blaue Glimmen der Straßenlaternen sickerte durch die Vorhänge. Yugis Atemzüge waren gleichmäßig und tief, doch für Atem gab es keinen traumlosen Schlaf.
Sobald er die Augen schloss, wich die Vertrautheit des Zimmers einer unendlichen Leere. Er stand nicht mehr auf Dielenboden, sondern auf feinem, aschefarbenem Sand. Der Himmel über ihm war nicht schwarz, sondern von einem tiefen, blutigen Violett, in dem keine Sterne leuchteten.
„Du hast dich schnell an das Gewicht deines Fleisches gewöhnt, Pharao.“
Die Stimme war wie das Reiben von trockenem Pergament. Atem wirbelte herum. Aus dem Nebel materialisierte sich Anubis. Seine Gestalt war riesig, sein Schakalskopf thronte unbeweglich auf den massiven Schultern, und der goldene Schmuck an seinem Körper glänzte in einem Licht, das keine Quelle hatte.
Atem spürte, wie sein Herz in der Traumgestalt raste – ein Echo seines neuen Körpers. „Anubis. Du hast mir eine Frist gesetzt, aber du hast mir kein Ziel gegeben. Ich habe meinen Namen, ich habe meine Taten. Was kann eine Seele noch besitzen, das ihr den Weg ins Jenseits ebnet?“
Der Gott trat einen Schritt näher. Der Geruch von Myrrhe und Verwesung schlug Atem entgegen. Anubis lachte nicht, doch in der Tiefe seiner Kehle grollte es wie herannahender Donner.
„Glaubst du, das Jenseits verlangt nach Fakten? Glaubst du, Osiris wiegt die Taten gegen die Wahrheit? Das Herz ist es, das gewogen wird, Atem. Und deines... deines trägt eine Last, die du nicht einmal benennen kannst.“
Atem ballte die Fäuste. „Gib mir einen Hinweis. Wenn meine Zeit begrenzt ist, dann lass mich nicht im Dunkeln wandern!“
Anubis neigte den Kopf. Seine bernsteinfarbenen Augen fixierten den Pharao. „Du suchst nach einem Stein, wo du nach einem Windhauch suchen solltest. Höre wohl zu, denn die Zeit flieht wie Sand durch die Finger eines Skeletts.“
Der Gott erhob seine Hand, und der Nebel um sie herum begann sich zu wirbeln. Anubis sprach nun in Versen, die wie ein Fluch und ein Segen zugleich klangen:
„Dort, wo der Geist im Körper ruht,
verblasst der Glanz von Gold und Mut.
Suche nicht nach dem, was die Krone band,
sondern nach dem, was schwand, als kein Auge es fand.
Ein Garten blüht im tiefsten Frost,
wo die Seele vergaß, was sie einst gekost’.
Ein Hauch, der die Sinne im Sturm bezwingt,
bevor die Stille den Abschied bringt.“
„Ein Garten? Ein Hauch?“, wiederholte Atem verwirrt. „Was meinst du damit? Geht es um ein verlorenes Land? Eine Gabe?“
Anubis Gestalt begann sich aufzulösen, als würde er vom Wind der Wüste davongetragen. „Du bist ein König, der alles wusste, aber nichts begriff. Wenn der Duft dich findet, wird das Herz sich erinnern. Wenn das Herz sich erinnert, wird der Schmerz dich führen. Suche den Ursprung des unsichtbaren Pfades, Pharao... bevor der vierte Winter das Licht für immer löscht.“
„Warte!“, rief Atem und griff nach dem verschwindenden Gott.
Mit einem heftigen Ruck fuhr Atem in seinem Bett hoch. Sein T-Shirt war schweißgeklebt, sein Atem ging stoßweise. Er saß in der Dunkelheit und starrte auf seine zitternden Hände. Das Zimmer roch nach Staub und altem Papier – nach dem Game Shop. Doch in seinem Geist hing noch immer dieses seltsame Rätsel.
Ein Garten im Frost? Ein Hauch, der die Sinne bezwingt?
Er sah zu Yugi hinüber, der sich im Schlaf unruhig bewegte. Atem wusste, dass dieses Rätsel nichts mit Duellkarten oder ägyptischen Kriegen zu tun hatte. Es war etwas Subtileres. Etwas, das mit dem zu tun hatte, was er als Mensch empfand, nicht als Herrscher.
Leise stand er auf und trat ans Fenster. Er öffnete es einen Spalt breit. Die kühle Nachtluft strömte herein. Er schloss die Augen und versuchte, etwas zu riechen – doch da war nur der metallische Geruch der Stadt und der ferne Ozean.
„Wenn der Duft dich findet...“, echote die Stimme in seinem Kopf.
Atem wusste noch nicht, dass er nach einem Gefühl suchte, das er vor dreitausend Jahren tief in sich verschlossen hatte – eine Emotion, die so flüchtig war wie der Duft einer Blume, die nur eine Nacht lang blüht.
Hauch des Vergessens
Der nächste Morgen war klar und frisch. Atem hatte kaum mehr geschlafen. Die Worte von Anubis kreisten in seinem Kopf wie hungrige Falken. Während Yugi unten im Laden seinem Großvater half, suchte Atem nach einer Gelegenheit, Tea allein zu sprechen. Er fand sie im kleinen Park nahe der Schule, wo sie oft vor dem Unterricht kurz innehielt, um die Ruhe zu genießen.
Sie saß auf einer Bank, den Blick auf die ersten Knospen der Frühlingsblumen gerichtet. Als sie Atem bemerkte – in seiner neuen, physischen Gestalt, die noch immer eine fast unnatürliche Eleganz ausstrahlte –, lächelte sie warm.
„Du siehst nachdenklich aus, Yami“, sagte sie und rückte ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen. „Oder sollte ich dich jetzt immer so nennen, wenn wir draußen sind?“
Atem setzte sich. Er spürte die Kühle der Holzbank und das sanfte Kitzeln des Windes in seinem Haar. „Der Name spielt keine Rolle, Tea. Es ist die Zeit, die mich drängt.“ Er zögerte kurz, dann sah er sie direkt an. „Ich hatte eine Vision. Anubis ist mir im Traum erschienen.“
Teas Lächeln verblasste und wich einer besorgten Miene. „Was hat er gesagt? Geht es um die Erinnerung?“
Atem nickte und wiederholte leise die Verse des Rätsels. Als er bei der Stelle mit dem „Garten im tiefsten Frost“ und dem „Hauch, der die Sinne bezwingt“ ankam, hielt er inne. „Ich verstehe es nicht, Tea. Ich war ein König. Ich habe Kriege geführt und über ein Weltreich geherrscht. Aber dieses Rätsel... es spricht eine Sprache, die ich nicht kenne.“
Tea hörte schweigend zu. Sie schloss für einen Moment die Augen, als würde sie versuchen, die Worte in sich nachklingen zu lassen. „Ein Garten im Frost... und ein blumiger Duft“, murmelte sie. „Weißt du, Yami, Blumen sind seltsame Wesen. Wir schenken sie uns bei Beerdigungen und bei Hochzeiten. Sie stehen für die vergänglichsten Momente des Lebens.“
Sie drehte sich zu ihm um. „Anubis sprach nicht von einer Schlacht, die du vergessen hast. Er sprach von etwas, das ‚schwand, als kein Auge es fand‘. Vielleicht geht es nicht um eine große Tat. Vielleicht geht es um ein Gefühl, das du dir selbst nie erlaubt hast, als du auf dem Thron saßt.“
Atem runzelte die Stirn. „Ein Gefühl?“
„Denk an den Duft“, fuhr Tea sanft fort. „Gerüche sind der direkteste Weg zu unseren Erinnerungen. Ein bestimmter Duft kann dich sofort an einen Ort zurückversetzen, an dem du vor Jahren warst, ohne dass du darüber nachdenken musst. Er umgeht den Verstand und trifft direkt das Herz.“
Sie griff in ihre Tasche und holte ein kleines Fläschchen mit Lavendelöl heraus, das sie oft zur Entspannung benutzte. Sie öffnete es und hielt es ihm unter die Nase. „Was fühlst du, wenn du das riechst?“
Atem atmete den schweren, blumigen Duft ein. „Es ist... beruhigend. Aber es ist nicht das, was Anubis meinte. Sein Rätsel klang schmerzhafter. Sehnsüchtiger.“
„Dann suchst du nach etwas Speziellem“, sagte Tea und ihre Stimme wurde leiser. „Vielleicht nach einer Blume, die es in Ägypten gab? Oder nach einem Duft, den eine bestimmte Person trug? Jemand, der dir nahestand, bevor du dein Leben für das Puzzle gabst?“
Atem erstarrte. Ein kurzes, stechendes Bild blitzte vor seinem inneren Auge auf: Ein wehender Vorhang aus feiner Seide, das Gold der Abendsonne über dem Nil und eine Gestalt, deren Gesicht im Gegenlicht verschwamm. Ein Duft von Lotus und etwas anderem, Süßerem, lag in der Luft. Aber so schnell das Bild gekommen war, war es auch wieder fort.
„Tea...“, flüsterte Atem und seine Stimme zitterte leicht. „Ich glaube, du hast recht. Es geht um jemanden. Aber wer könnte es sein? Meine Priester? Mein Vater? Oder jemand, dessen Namen die Geschichte absichtlich gelöscht hat?“
„Wir werden es herausfinden“, versprach Tea und legte ihre Hand auf seine. Die Wärme ihrer Haut war ein krasser Gegensatz zu der kühlen Vision von Anubis. „Aber du musst lernen, nicht nur mit deinem Kopf zu suchen. Du musst fühlen. Dieser Körper, den du jetzt hast... er ist nicht nur zum Duellieren da. Er ist da, um dich an das zu erinnern, was es bedeutet, menschlich zu sein. Und Menschen duften nach Erinnerungen.“
Atem sah auf ihre verbundenen Hände. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr fühlte er nicht nur den Druck der Zeit, sondern ein leises, schmerzhaftes Sehnen in seiner Brust. Das Rätsel hatte begonnen, sich zu entfalten, doch der Weg führte tief in die Dunkelheit seines eigenen, einst so einsamen Herzens.
Ein Jahr war vergangen, seit Anubis seine schattige Gestalt im Schrein der Unterwelt offenbart hatte. In Domino City hatte sich viel verändert. Für Yugi, Joey, Tea und Tristan markierte dieses Jahr das Ende einer Ära. Die feierliche Abschlusszeremonie der High School lag hinter ihnen, die Zeugnisse waren eingerahmt, und die Aufregung über den bevorstehenden Wechsel an die Domino University erfüllte ihre Gespräche.
Für Atem – der Welt nun fest als Yami Muto bekannt – war dieses Jahr ein Jahr der Extreme gewesen.
Auf der einen Seite war sein Name in der Duell-Welt zu einer Legende herangewachsen. Er hatte an regionalen Turnieren teilgenommen und Gegner mit einer Präzision besiegt, die selbst die Profi-Liga aufhorchen ließ. Er hatte seinen eigenen Stil perfektioniert, eine unaufhaltsame Mischung aus strategischer Kälte und leidenschaftlicher Verbundenheit zu seinen Karten. Doch so laut der Applaus in den Hallen auch war, so ohrenbetäubend war die Stille in seinem Inneren.
Seit jenem Traum, in dem Anubis ihm das Rätsel um den blumigen Duft aufgegeben hatte, war nichts mehr geschehen. Keine Visionen. Keine Zeichen. Kein Flüstern aus dem Jenseits.
Der Alltag war zu seinem größten Gegner geworden. Während seine Freunde morgens mit schweren Rucksäcken und lachend zur Schule aufbrachen, blieb Atem zurück. Er saß oft stundenlang am Fenster des Game Shops und beobachtete den Regen oder die pralle Sonne, unfähig, seinen Platz in diesem fremden Rhythmus zu finden. Er verbrachte Nachmittage im Park, wanderte zwischen den Bäumen umher und suchte verzweifelt nach jenem Duft, den Tea erwähnt hatte, doch die Stadt bot ihm nur den Geruch von Beton und Abgasen. Die Isolation nagte an ihm; er war ein König ohne Reich, ein Krieger ohne Schlachtfeld, gefangen in einer Warteschleife des Schicksals.
Eines Mittags trafen sie sich alle im großen Food-Court des Einkaufszentrums. Es war eine jener seltenen Pausen zwischen den Vorbereitungen für das erste Uni-Semester.
„Ich sage euch, die Kurse für Archäologie an der Domino Uni sollen fantastisch sein“, erzählte Yugi begeistert, während er an seinem Limonadenglas drehte. „Professor Yoshimori hat mir schon ein paar Bücher empfohlen.“
Atem stocherte lustlos in seinem Essen. Die Lebendigkeit seiner Freunde schien ihn heute besonders schmerzlich an seine eigene Stagnation zu erinnern.
„Du bist heute extrem ruhig, Yami“, bemerkte Joey und schob sich ein Stück Pizza in den Mund. „Sogar für deine Verhältnisse. Hast du wieder über diese Karten-Kombination von gestern nachgedacht?“
Atem legte die Stäbchen beiseite und sah in die Runde. „Es ist nicht das Spiel, Joey. Es ist... die Leere. Seit einem Jahr habe ich keinen Hinweis mehr erhalten. Anubis schweigt. Während ihr euch weiterentwickelt, während ihr Pläne für die Universität schmiedet und eure Zukunft gestaltet, fühle ich mich, als würde ich auf der Stelle treten. Ich sitze im Laden, ich gehe im Park spazieren... und ich warte auf einen Schatten, der nicht auftaucht.“
Er senkte den Blick. „Ich habe das Gefühl, ich verschwende die Zeit, die mir geliehen wurde. Ich bin ein Fremdkörper in eurem Alltag.“
Tea legte ihre Hand sanft auf seinen Arm. „Das stimmt nicht, Yami. Du bist ein Teil von uns. Aber ich verstehe, was du meinst. Du brauchst eine Aufgabe, die über das nächste Duell hinausgeht.“
„Wisst ihr was?“, platzte Tristan plötzlich heraus und sah von seinem Handy auf. „Warum kommst du eigentlich nicht einfach mit uns? An die Uni.“
Atem blinzelte überrascht. „An die Universität? Tristan, ich habe keine formale Bildung in dieser Welt. Ich existiere offiziell erst seit einem Jahr in den Akten.“
„Ach was, wir haben doch die Muto-Connection!“, grinste Joey breit. „Opa Solomon hat doch gute Kontakte, und dein Name als Duellant ist so groß, dass sie dich wahrscheinlich allein wegen des Prestiges nehmen würden. Yugi studiert Archäologie – wer könnte da ein besserer Tutor sein als der Typ, der die Geschichte selbst miterlebt hat?“
Yugis Augen leuchteten auf. „Das ist eine großartige Idee! Yami, denk doch mal nach. Wenn die Erinnerung, die du suchst, nicht zu dir kommt, während du wartest... vielleicht findest du sie dort? Zwischen all dem Wissen, den Büchern und den Menschen. Du wärst nicht mehr allein im Laden. Du wärst einer von uns.“
Atem sah von einem zum anderen. Die Vorstellung, eine Universität zu besuchen – ein Ort des Lernens, den es in seiner Zeit so nicht gegeben hatte – löste ein unbekanntes Kribbeln in ihm aus. Vielleicht war das die Antwort auf die Stagnation.
„Ein Student...“, murmelte Atem, und zum ersten Mal seit Wochen umspielte ein echtes Lächeln seine Lippen. „Ein Pharao im Hörsaal. Anubis sagte, ich solle diesen Körper mit Respekt behandeln und das Leben erfahren. Vielleicht gehört das Studium dazu.“
„Dann ist es abgemacht!“, rief Tea erfreut. „Wir helfen dir bei der Anmeldung. Wir machen dich zum modernsten Studenten, den Domino City je gesehen hat.“
Atem nickte langsam. Er spürte, wie die Last der vergangenen Monate ein wenig von seinen Schultern wich. Er wusste noch nicht, dass die Universität genau der Ort war, an dem das Schicksal sein Schweigen brechen würde – und dass der blumige Duft dort auf ihn wartete, wo er ihn am wenigsten vermutete.
Der Campus der Domino University war ein lebhaftes Labyrinth aus modernen Glasbauten und altehrwürdigen Steinfassaden. Es war der erste Tag des Wintersemesters, und die Luft war erfüllt vom Lachen der Studenten, dem Rascheln von Papier und der allgemeinen Aufregung eines Neuanfangs.
Atem, nun offiziell als Student der Geschichtswissenschaften eingeschrieben, passte sich der Umgebung erstaunlich gut an. Er trug eine dunkle Jeans und eine schlichte, dunkelblaue Jacke, die seine athletische Statur betonte. Dennoch war da diese Aura um ihn – ein tiefes Selbstbewusstsein und eine Ruhe, die ihn aus der Masse der hektischen Erstsemester heraushob.
Yugi lief aufgeregt plappernd neben ihm her, während sie das Hauptgebäude der Fakultät für Archäologie und Geschichte betraten. „Die erste Vorlesung ist im großen Auditorium, Yami. Professor Yoshimori wird eine Einführung in die Dynastien des Alten Reiches geben. Das wird für dich wahrscheinlich wie eine Reise in die eigene Kindheit sein!“
Atem lächelte schwach. „Ich bin gespannt, wie die moderne Wissenschaft meine Ära interpretiert, Yugi.“
Sie betraten die große Vorhalle, ein beeindruckendes Atrium mit hohen Decken und einfallendem Sonnenlicht. Es war vollgestopft mit Menschen, die sich zu ihren Kursen drängten. Doch mitten in diesem Chaos, zwischen dem Geruch von Kaffee, Druckertinte und Parfüm, geschah es.
Plötzlich blieb Atem stehen. Es war, als hätte ihn ein Blitz getroffen, obwohl kein Donner zu hören war.
Ein Duft wehte an ihm vorbei. Er war zart, fast ungreifbar, aber von einer Intensität, die seine Sinne für einen Moment vollständig ausschaltete. Es war kein gewöhnliches Parfüm der Moderne. Es war die Süße von Lotus, vermischt mit der schweren Wärme von Sandelholz und einem Hauch von etwas Frischem, Blumigem, das er nicht benennen konnte.
Sein Herz machte einen schmerzhaften Satz gegen seine Rippen – ein heftiges Pochen, das ihm den Atem raubte. Vor seinem inneren Auge zuckten Bilder auf: Goldene Wände, die im Fackellicht tanzten. Der kühle Wind einer Wüstennacht. Eine sanfte Stimme, die seinen Namen flüsterte, lange bevor er ihn vergessen hatte.
„Yami? Alles okay?“, hörte er Yugis ferne Stimme, doch sie klang, als wäre sie unter Wasser.
Atem ignorierte ihn. Sein gesamter Körper war nun auf diesen einen Reiz fixiert. Er wirbelte herum, seine Augen suchten fieberhaft die Menge ab. Wer trug diesen Duft? Wer war gerade an ihm vorbeigegangen?
Dort! Am Ende des Flurs, kurz vor den großen Flügeltüren zum Park, sah er den Rücken einer Person. Eine Gestalt mit langem, blondem Haar, gehüllt in einen hellen Mantel, die gerade dabei war, das Gebäude zu verlassen. Jede Faser seines Seins schrie ihm zu, dass dies die Quelle war.
„Warte!“, rief Atem, ohne es zu wollen. Seine Stimme war befehlerisch, die Stimme eines Königs, der Gehorsam verlangte.
Er stürmte los, drängte sich an überraschten Studenten vorbei. Er musste wissen, wer das war. Er musste diesen Duft wieder einfangen, bevor seine Lungen ihn verbrauchten. Er erreichte die Türen und stieß sie auf.
Draußen empfing ihn die frische Herbstluft. Ein Windstoß fegte über den Campus und wirbelte trockene Blätter auf. Atem blieb stehen, die Augen weit aufgerissen, sein Herz hämmerte in seinem Hals.
Der Duft war weg.
Wie weggewischt. Der Wind hatte das flüchtige Aroma davongetragen und nur den neutralen Geruch von herbstlicher Erde zurückgelassen. Die Person, die er gesehen hatte, war in der Menge der Studenten auf dem weiten Platz verschwunden. Es gab keine Spur mehr, keinen Hinweis.
Atem stand wie versteinert auf den Stufen des Portals. Die Welt um ihn herum, die gerade noch so real und greifbar gewirkt hatte, fühlte sich plötzlich wieder wie ein Traum an.
„Yami! Was war das denn?“, keuchte Yugi, der ihn schließlich eingeholt hatte und völlig außer Atem war. „Du bist einfach losgerannt... du hast ausgesehen, als hättest du einen Geist gesehen.“
Atem senkte langsam den Kopf. Er ballte seine Hände zu Fäusten. Die Enttäuschung, die ihn durchflutete, war so physisch und schwer, dass er sich fast setzen musste.
„Der Duft, Yugi“, flüsterte er heiser. „Anubis' Rätsel... es hat mich gerade eben gefunden.“
Yugi wurde schlagartig ernst. Er sah sich auf dem Campus um, doch da war nichts Außergewöhnliches zu sehen. „Bist du sicher? Nach einem ganzen Jahr?“
„Ich bin mir absolut sicher“, antwortete Atem. Er sah wieder auf den Platz hinaus, seine Augen nun erfüllt von einer neuen, brennenden Entschlossenheit. „Es war kein Zufall. Jemand hier an dieser Universität trägt die Antwort in sich. Und ich werde nicht ruhen, bis ich herausfinde, wer es ist.“
Er wusste es noch nicht, aber der blumige Hauch war der erste Riss in der Mauer seines Vergessens. Die Galgenfrist hatte nun wirklich begonnen, und der Einsatz war höher als jedes Duell, das er je bestritten hatte.
Auf der Fährte
Die erste Vorlesung bei Professor Yoshimori verging für Atem wie in Trance. Er saß im hinteren Teil des Auditoriums, sein Notizblock blieb leer. Während der Professor über die Grabbeigaben der 18. Dynastie referierte, kreisten Atems Gedanken nur um jene flüchtige Gestalt im Atrium.
Wer war sie? Das Profil, das er im Augenwinkel erhascht hatte, kam ihm schmerzhaft vertraut vor, doch sein Verstand weigerte sich, den Namen preiszugeben. Es war, als läge eine dicke Schicht Wüstensand über diesem speziellen Teil seiner Erinnerung.
„Yami, du hast die ganze Zeit nur ins Leere gestarrt“, flüsterte Yugi, als sie nach der Vorlesung durch die Gänge der Universität schlenderten. „Glaubst du, diese Person ist auch ein Student?“
„Ich weiß es nicht, Yugi. Aber der Duft... er war nicht nur eine Erinnerung. Er war ein Ruf“, antwortete Atem ernst. Er hielt inne, als sie an einem schwarzen Brett vorbeikamen, das vollgestopft war mit Flyern für verschiedene Clubs und Arbeitsgruppen.
Sein Blick blieb an einem schlichten, handgeschriebenen Zettel hängen:
„Arbeitsgruppe für antike Botanik und Ätherische Öle – Suche nach den verlorenen Düften des Nils.“
Treffen heute Nachmittag im Gewächshaus der Fakultät.
„Dort“, sagte Atem und deutete auf den Zettel. „Das kann kein Zufall sein. Antike Botanik... Düfte des Nils. Es ist, als hätte Anubis mir den Weg mit Brotkrumen markiert.“
Am Nachmittag machten sie sich auf den Weg zu den botanischen Gärten der Universität. Die Gewächshäuser waren beeindruckende Glaskonstruktionen, in denen das Klima verschiedener Kontinente simuliert wurde. Als Atem die schwere Glastür zum Bereich „Nordafrika & Orient“ aufstieß, schlug ihm eine feuchte, warme Hitze entgegen, die ihn sofort an die Ufer des Nils erinnerte.
Die feuchte, schwere Hitze des Gewächshauses schien wie eine unsichtbare Wand. Yugi folgte ihm dicht auf den Fersen. Atem hielt inne, seine Lungen füllten sich mit der warmen Luft, und seine Augen suchten fieberhaft zwischen den riesigen Blättern der Papyrusstauden und den hängenden Lianen nach einer Gestalt.
„Dort hinten“, flüsterte Yugi und deutete auf eine Gruppe von Studenten, die um einen langen Labortisch versammelt waren.
Atem spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Die Arbeitsgruppe für antike Botanik war in vollem Gange. Auf dem Tisch standen unzählige Glasphiolen, Destillationsapparate und Tiegel mit getrockneten Kräutern. In der Luft lag ein Sammelsurium an Gerüchen: das herbe Aroma von Weihrauch, die stechende Frische von Minze und die erdige Note von Myrrhe.
Doch als Atem näher trat, blieb das befreiende Gefühl aus, das er im Atrium gespürt hatte. Er schloss die Augen, atmete tief durch die Nase ein und versuchte, jene eine, göttliche Note zu isolieren – den blumigen Hauch der blauen Seerose, vermischt mit jener unerklärlichen Süße, die sein Herz im Flur fast zum Stillstand gebracht hatte.
Nichts.
Was er hier roch, war künstlich, rekonstruiert, fast klinisch. Es waren die chemischen Bestandteile einer Geschichte, aber nicht die Seele einer Erinnerung.
„Kann ich euch helfen?“, fragte eine junge Studentin mit Brille und hochgestecktem Haar, die gerade ein ätherisches Öl in eine Ampulle füllte. Sie sah aufmerksam zu Atem auf, und für einen Moment war da wieder diese Verwirrung in ihrem Blick, die so viele Menschen zeigten, wenn sie der intensiven Ausstrahlung des Pharaos begegneten. „Ihr seid keine Mitglieder der Arbeitsgruppe, oder?“
Atem zwang sich zu einer ruhigen Stimme, doch die Enttäuschung schwang in jedem Wort mit. „Wir haben den Zettel am schwarzen Brett gesehen. Ich suche nach einem ganz bestimmten Duft. Er war... alt. Ägyptisch. Lotus und etwas, das ich nicht benennen kann.“
Die Studentin lächelte entschuldigend. „Du suchst wahrscheinlich nach der Blauen Seerose, dem Nymphaea caerulea. Wir versuchen seit Monaten, ein authentisches Extrakt herzustellen, aber die modernen Züchtungen haben nicht mehr das Aroma der Antike. Was du hier riechst, ist nur eine Annäherung. Niemand an dieser Uni hat bisher den ‚echten‘ Duft des Nils rekonstruieren können. Er gilt als verloren.“
Atem spürte, wie sich eine kalte Leere in seiner Brust ausbreitete. Die Hoffnung, die ihn wie ein Feuer durch das Universitätsgebäude getrieben hatte, erlosch augenblicklich. Der Botanik-Club war eine Sackgasse. Eine logische, moderne Erklärung für etwas, das jenseits der Wissenschaft lag.
„Verstehe“, antwortete er knapp. Er drehte sich um, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
„Yami, warte!“, rief Yugi und eilte ihm hinterher, als er das Gewächshaus fast fluchtartig verließ. Draußen im Flur trafen sie auf Tea und Joey.
„Und? War sie es?“, fragte Tea hoffnungsvoll.
Atem schüttelte den Kopf. Sein Blick war finster, seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Nein. Es war nur Chemie. Nur Pflanzen. Nichts von dem, was ich vorhin gespürt habe, war dort drin.“ Er schlug mit der Faust gegen die Wand, nicht fest, aber voller unterdrückter Frustration. „Ich war mir so sicher. Der Duft war so real, Yugi. Er war physisch! Er hat mich gerufen!“
„Hey, ganz ruhig, Kumpel“, sagte Joey und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht war es nur ein Windzug, der von irgendwo anders herkam? Die Uni ist riesig.“
„Es war kein Windzug der Natur, Joey“, entgegnete Atem und sah seine Freunde an. In seinen Augen lag ein Schmerz, der dreitausend Jahre alt schien. „Es war eine Präsenz. Jemand ist an mir vorbeigegangen, und diese Person trägt den Schlüssel zu meiner Vergangenheit bei sich. Aber wer auch immer es war... sie ist nicht hier, um in Töpfen mit Kräutern zu rühren.“
Er sah den langen Korridor hinunter, der nun im fahlen Licht des späten Nachmittags lag. Die Studentenmassen hatten sich gelichtet. Die Stille der Universität wirkte plötzlich bedrohlich.
Genau in diesem Moment, als sie sich zum Gehen wandten, geschah es erneut. Für den Bruchteil einer Sekunde, nur für die Dauer eines einzigen Atemzugs, wehte eine winzige Spur dieses Duftes an ihm vorbei. Er kam nicht aus dem Gewächshaus.
Atem erstarrte. Er hielt den Atem an, die Augen weit aufgerissen.
„Da ist es wieder“, flüsterte er.
Er wollte loslaufen, doch der Duft verschwand so schnell, wie er gekommen war – fast so, als würde jemand mit ihm spielen. Ein flüchtiger Hauch, der ihn verspottete.
„Ich finde dich“, schwor Atem leise. „Wer auch immer du bist, was auch immer du vor mir verbirgst... Anubis hat mir vier Jahre gegeben. Und ich werde jede Sekunde davon nutzen, um dich aus den Schatten zu ziehen.“
Die Gruppe stand schweigend da. Sie spürten, dass die Jagd nun erst richtig begonnen hatte. Die Person, nach der Atem suchte, war kein Geist der Vergangenheit – sie war hier, in dieser Stadt, an diesem Ort. Und sie schien zu wissen, wie man unauffindbar bleibt.
Zwei Wochen waren vergangen, seit der flüchtige Hauch im Treppenhaus Atems Welt erschüttert hatte. Vierzehn Tage, in denen er jede freie Minute damit verbrachte, die Gänge der Universität zu patrouillieren, in den Bibliotheken nach Querverweisen zu suchen und die Schatten der archäologischen Abteilung zu beobachten.
Doch die Stille war zurückgekehrt. Kein Duft, kein Zeichen, kein Flüstern.
Die herbstliche Kälte hatte Domino City nun fest im Griff. Atem saß mit seinen Freunden in der Cafeteria der Universität. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch über die Riten der Balsamierung, doch seine Gedanken waren meilenweit entfernt. Er wirkte wachsam, seine Augen scannten ununterbrochen die Menschenmenge, die an ihrem Tisch vorbeizog. Er war wie ein Raubtier, das auf eine Fährte wartete, die der Regen weggewaschen hatte.
Was er dabei völlig übersah, war die Wirkung, die er selbst auf seine Umgebung ausübte.
Schon seit sie den Campus vor zwei Wochen zum ersten Mal betreten hatten, war „Yami Muto“ das Gesprächsthema Nummer eins in den Frauen-Wohnheimen. Während Atem in Gedanken versunken durch die Flure schritt, blieben Studentinnen stehen, unterbrachen ihre Gespräche und sahen ihm mit unverhohlener Bewunderung nach. Seine tiefe, autoritäre Stimme und diese rätselhafte, fast unnahbare Melancholie in seinen Augen wirkten wie ein Magnet.
Joey Wheeler hatte sich das Ganze nun genau vierzehn Tage lang schweigend – und mit wachsender Fassungslosigkeit – angesehen. Doch als gerade eine Gruppe von Erstsemesterinnen kichernd am Tisch vorbeiging und eine von ihnen beinahe über ihren eigenen Rucksack stolperte, weil sie den Blick nicht von Atem abwenden konnte, platzte ihm endlich der Kragen.
„Okay, das reicht jetzt!“, rief Joey und schlug flach mit der Hand auf den Plastiktisch, sodass Tristans Eistee gefährlich schwankte.
Atem schreckte aus seiner Trance auf. Sein Blick war sofort scharf und fokussiert. „Was ist los, Joey? Hast du etwas gesehen? Eine Gestalt? Ein Schatten?“
Joey stöhnte genervt auf und fuhr sich mit der Hand durch sein blondes Haar. „Nein, verdammt noch mal! Ich hab keinen Schatten gesehen, aber ich sehe seit zwei Wochen eine ganze Armee von Mädels, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehen, nur weil du in derselben Postleitzahl atmest!“
Atem runzelte die Stirn, sichtlich verwirrt. „Ich verstehe nicht, wovon du redest.“
„Natürlich tust du das nicht!“, spottete Joey und deutete vage in den Raum. „Alter, hast du eigentlich bemerkt, dass die Blondine da drüben am Kaffeeautomaten gerade versucht hat, dir mit ihren Augen eine Liebeserklärung zu morsen? Oder dass das Mädchen am Nebentisch ihren Salat seit zehn Minuten nicht mehr angerührt hat, weil sie Angst hat, beim Kauen unvorteilhaft auszusehen, falls du zufällig in ihre Richtung schaust?“
Tea kicherte hinter ihrer Hand, während Tristan nur grinsend den Kopf schüttelte.
„Joey hat recht, Yami“, sagte Tea amüsiert. „Du hast eine unglaubliche Fangemeinde hier auf dem Campus. Die Mädchen nennen dich den ‚geheimnisvollen Prinzen der Geschichte‘. Es gibt sogar schon Gerüchte, dass du aus einer adligen Familie aus Europa stammst, die untergetaucht ist.“
Atem sah kurz in die Runde und dann fast ungläubig zu den Mädchen, die Joey erwähnt hatte. Tatsächlich wandten sich zwei von ihnen sofort errötend ab, als sein Blick sie streifte.
„Das ist... irrelevant“, sagte Atem schließlich mit seiner gewohnt tiefen, ruhigen Stimme und wandte sich wieder seinem Buch zu. „Ich bin nicht hier, um die Aufmerksamkeit von Fremden zu suchen. Ich bin hier, um eine Antwort zu finden. Mein Herz gehört einer Erinnerung, die ich noch nicht greifen kann. Diese Ablenkungen bedeuten mir nichts.“
„‚Irrelevant‘, sagt er!“, rief Joey und warf theatralisch die Hände in die Luft. „Kumpel, andere Typen würden ihre gesamte Rare-Card-Sammlung hergeben, um nur ein Zehntel von dem Vibe zu haben, den du einfach so verströmst, während du über alten Mumien brütest! Du merkst gar nicht, wie gut du es hast, jetzt, wo du nicht mehr nur ein Geist im Puzzle bist.“
Ein schwaches, wehmütiges Lächeln erschien auf Atems Lippen. Er schloss das Buch. „Vielleicht hast du recht, Joey. Ich besitze nun die Fähigkeit, gesehen zu werden. Ich besitze einen Körper, der Reaktionen hervorruft. Aber für mich ist das alles nur eine Kulisse. Der einzige Mensch, der für mich zählt, ist derjenige, der diesen Duft trägt. Alles andere ist nur Rauschen.“
Tristan wurde ernst. „Zwei Wochen sind eine lange Zeit, Yami. Glaubst du wirklich, die Person ist noch hier auf dem Campus?“
Atem stand auf und hängte sich seine Tasche über die Schulter. Sein Blick wanderte zum Fenster, wo die Sonne langsam hinter den Universitätsgebäuden versank. „Sie ist hier. Ich spüre es in meinen Knochen. Sie beobachtet mich, so wie ich nach ihr suche. Vielleicht wartet sie darauf, dass ich bereit bin. Oder sie spielt ein Spiel, dessen Regeln ich erst noch lernen muss.“
„Na toll“, brummte Joey, während er aufstand. „Ein göttliches Versteckspiel und eine Horde verknallter Studentinnen. Dein Leben als Normalsterblicher ist echt anstrengend, weißt du das?“
Atem antwortete nicht, doch als sie die Cafeteria verließen, blieb er für einen Moment im Schatten des Portals stehen. Er schloss die Augen und suchte die Luft ab. Erneut gab es keinen blumigen Hauch. Doch tief in seiner Brust spürte er ein Ziehen – eine Vorahnung, dass die Stille nicht mehr lange anhalten würde.
Der stille Beobachter
Es geschah während eines banalen Wechsels zwischen zwei Vorlesungen. Atem stand mitten auf dem belebten Korridor, als die Luft sich plötzlich veränderte. Es war kein sanftes Wehen mehr; es war eine regelrechte Woge. Der Duft von blauer Seerose und Sandelholz hüllte ihn ein, so dicht und präsent, dass er für einen Moment glaubte, den Wüstensand unter seinen Füßen zu spüren.
„Yami?“, setzte Yugi an, doch Atem war bereits weg.
Ohne Rücksicht auf Verluste stürmte er los. Sein langer Mantel wirbelte hinter ihm her, während er sich durch die Massen drängte. Er hörte das entrüstete Aufkeuchen einiger Studenten, denen er ausweichen musste, und bemerkte die irritierten Blicke der Mädchen, die ihn eben noch bewundert hatten und ihn nun völlig entgeistert anstarrten. Er sah nichts davon. In seinem Tunnelblick gab es nur die Fährte.
Der Duft führte ihn direkt in die alte Zentralbibliothek der Universität. Er stieß die schweren Flügeltüren auf, dass sie gegen die Stopper knallten. Ein empörtes „Pst!“ der Bibliothekarin ignorierte er völlig. Er rannte regelrecht durch die Gänge, seine Stiefel hallten auf dem Parkett, während er an endlosen Reihen von Lederbänden vorbeijagte. Er hielt die Luft an, aus Angst, der Duft könnte wieder versiegeln, doch je tiefer er in die abgelegenen Ecken der historischen Abteilung vordrang, desto intensiver wurde das Aroma. Es war nun so stark, dass es fast schmerzte.
In einer schmalen Gasse zwischen zwei deckenhohen Regalen für antike Mythologie kam er abrupt zum Stehen. Seine Sohlen quietschten auf dem Boden.
Dort stand sie.
Seitlich zu ihm gewandt, starrte ein junges Mädchen auf die Buchrücken. Sie war von einer zierlichen, fast zerbrechlichen Gestalt, doch unter ihrem schlichten Pullover zeichneten sich weiche, weibliche Kurven ab. Was Atem jedoch den Atem raubte, war ihr Haar: Eine Lawine aus hellblonden, welligen Locken ergoss sich über ihren Rücken und reichte bis weit über ihr Gesäß hinunter – ein seidiger Wasserfall, der im fahlen Licht der Bibliothek fast silbern schimmerte.
Atem stand wie angewurzelt da. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, als wollte es aus seiner Brust springen. Er wusste nicht, ob sie die Frau aus seinen Visionen war – das Bild in seinem Inneren war noch immer wie durch einen Schleier aus Staub verzerrt –, aber sein Körper wusste es. Jede Faser seiner neuen Existenz schrie: Sie ist es. Der Duft ging zweifellos von ihr aus; er war hier so konzentriert, dass Atem glaubte, die Wärme der ägyptischen Sonne auf seiner Haut zu spüren.
Er wollte ihren Namen rufen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Er machte einen unbewussten Schritt auf sie zu.
In diesem Moment bewegte sie sich. Sie hob den Kopf, und Atem sah zum ersten Mal ihr Gesicht. Sie war wunderschön, mit einer Haut so blass wie Alabaster. Doch es waren ihre Augen, die ihn völlig entwaffneten: Sie waren nicht blau oder braun, sondern leuchteten in einem klaren, strahlenden Rot – wie zwei geschliffene Rubine.
Sie schien ihn noch nicht bemerkt zu haben, so sehr war sie in die Titel der Bücher vertieft. Atem wollte gerade den Mund öffnen, um sie anzusprechen, als die Stille der Bibliothek durch ein zutiefst menschliches Geräusch unterbrochen wurde.
Das Mädchen zuckte kurz zusammen, kniff die Augen zu und musste plötzlich laut und heftig niesen.
„Hatschi!“
Es war ein so unerwartetes, fast niedliches Geräusch in dieser hochemotionalen Szene, dass Atem für eine Sekunde aus seiner Starre gerissen wurde. Sie schüttelte kurz den Kopf, wobei ihre langen, blonden Haare wie ein Vorhang schwangen, und kramte eilig in ihrer Tasche nach einem Taschentuch. Dabei murmelte sie etwas Unverständliches vor sich hin und rieb sich die Nase, wobei ihre roten Augen nun direkt auf ihn fielen.
Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Das Taschentuch halb aus der Tasche gezogen, starrte sie Atem an. Ein Ausdruck von reinem Erstaunen trat in ihr Gesicht, und für einen Wimpernschlag glaubte Atem, in ihren roten Augen einen Funken des Wiedererkennens zu sehen – einen Funken, der älter war als die Universität, die Stadt und die Zeit selbst.
Sie rieb sich mit dem Handrücken die Nase, während ihre strahlend roten Augen ihn leicht irritiert musterten.
„Tut mir leid“, sagte sie und stimmte ein kurzes, verlegenes Lachen an, das so gar nicht zu der Grabesstille der Bibliothek passte. „Ich lag die letzten zwei Wochen mit einer fiesen Erkältung flach im Bett, aber dieses Niesen will einfach noch nicht aufhören. Der Staub hier ist wie ein persönlicher Angriff auf meine Nebenhöhlen.“
Atem brachte kein Wort heraus. Er suchte in ihren roten Augen nach einem Funken, nach einem Echo des Priesters Seto oder der Magierin Mana – nach irgendetwas, das ihm verriet, dass sie wusste, wer er war. Doch da war nichts. Ihr Blick war klar, neugierig und vollkommen ahnungslos. Für sie war er kein wiedergeborener Pharao. Er war nur ein Fremder, der sie in einer abgelegenen Ecke der Bibliothek in die Enge getrieben hatte.
Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, wobei ihre hellblonden, bodenlangen Haare wie flüssiges Licht über ihre Schulter glitten. „Ich bin übrigens Yuki. Yuki Minato. Und du bist...?“
Sie wartete. Eine Sekunde verging. Dann zwei. Atem starrte sie weiterhin an, unfähig, die Distanz zwischen seiner inneren Vision und dieser lebendigen, schnupfengeplagten jungen Frau zu überbrücken. Sein Mund war leicht geöffnet, seine Augen geweitet – die königliche Beherrschung, die er seit zwei Wochen mühsam gewahrt hatte, war vollkommen in sich zusammengebrochen.
Yuki zog eine Augenbraue hoch. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen, und sie bemühte sich sichtlich, nicht zu erröten, obwohl die Intensität seines Blickes jede andere Studentin auf dem Campus vermutlich in Ohnmacht hätte fallen lassen. Sie bewahrte jedoch bewundernswerte Ruhe.
„Sag mal“, unterbrach sie das Schweigen schließlich mit einer Prise sanftem Spott in der Stimme, „stellst du dich Mädchen immer so vor? Den Blick starr auf sie gerichtet und den Mund offen, als hättest du gerade eine Erscheinung?“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, was die sanften Kurven ihrer zierlichen Gestalt betonte. „Ich weiß ja, dass ich lange weg war, aber ich dachte nicht, dass ich mittlerweile wie ein Museumsstück wirke.“
Atems Verstand schaltete sich mühsam wieder ein. Das Wort Museumsstück traf ihn wie ein physischer Schlag. Er schluckte trocken und zwang sich, die Spannung aus seinen Schultern zu lösen. Er war der Pharao, der Herrscher über das Schicksal – und er ließ sich gerade von einem Mädchen mit einer Erkältung aus dem Konzept bringen.
„Verzeih mir, Yuki Minato“, sagte er endlich. Seine Stimme klang tiefer als beabsichtigt, rau vor unterdrückter Emotion. Er machte einen halben Schritt zurück, um ihr mehr Raum zu geben, auch wenn jede Faser seines Körpers dagegen protestierte, die Nähe zu diesem Duft aufzugeben. „Ich... ich habe dich gesucht. Beziehungsweise, ich habe nach diesem Aroma gesucht, das du verströmst.“
Yuki blinzelte überrascht. Sie hob ihren Arm und schnupperte kurz an ihrem Ärmel. „Mein Parfüm? Oh, das ist ein altes Rezept meiner Großmutter. Sie sagt immer, es rieche nach ‚verlorener Zeit‘, aber ich finde einfach, es riecht gut nach Blumen. Deswegen hast du mich so angestarrt? Wegen eines Duftes?“
Sie lachte wieder, ein helles, klares Geräusch. „Du bist wirklich seltsam. Aber auf eine... interessante Art. Wie heißt du eigentlich? Oder muss ich dich ‚der stumme Beobachter aus Regal 4‘ nennen?“
Atem spürte, wie Wärme in sein Gesicht stieg – ein Gefühl, das er in diesem neuen Körper noch immer hasste und liebte zugleich. „Mein Name ist Yami. Yami Muto.“
„Yami“, wiederholte sie den Namen langsam, als würde sie ihn auf der Zunge prüfen. „Klingt mysteriös. Passend zu deinem Auftritt.“
Sie griff nach einem der Bücher im Regal, einem schweren Band über die Riten des alten Ägyptens, und drückte es sich gegen die Brust. „Nun, Yami Muto, danke für das Kompliment zu meinem Duft. Aber wenn du mich entschuldigst, ich muss dieses Buch noch ausleihen, bevor ich den nächsten Niesanfall bekomme und die ganze Bibliothek aufschrecke.“
Sie wollte an ihm vorbeigehen, doch als ihre Schulter fast die seine streifte, blieb sie kurz stehen. Ihre roten Augen suchten seine. „Wir sehen uns sicher mal wieder auf dem Campus. Vielleicht schaffst du es beim nächsten Mal, ein ganzes Wort herauszubringen, bevor ich niesen muss.“
Mit einem flüchtigen Lächeln und einem sanften Wehen ihrer langen, blonden Haare verschwand sie um die Ecke des Regals. Zurück blieb nur der betäubende Duft von Lotus und Sandelholz – und ein Pharao, der zum ersten Mal begriff, dass seine Suche nach der Vergangenheit ihn direkt in die komplizierteste Herausforderung der Gegenwart geführt hatte:
Ein Mädchen, das keine Ahnung hatte, wer sie war, aber sein Herz bereits mit einem einzigen Niesen aus der Fassung gebracht hatte.
Atem stand noch einen Moment wie angewurzelt zwischen den staubigen Buchrücken, während sein Herzschlag wie die Trommeln eines herannahenden Heeres gegen seine Brust schlug. Er konnte sie nicht einfach so gehen lassen. Nicht nach einem Jahr des Schweigens. Nicht, wenn dieser Duft die einzige Brücke zu seiner verlorenen Seele war.
Mit einem tiefen Atemzug zwang er sich zur Bewegung. Er folgte ihr in einigem Abstand, wobei er versuchte, so unauffällig wie möglich zu bleiben – was ihm mit seiner Statur und der unbewussten Aura eines Herrschers jedoch kaum gelang. Er beobachtete, wie sie am Schalter das Buch auslieh und dann das Gebäude verließ.
Draußen auf dem sonnendurchfluteten Campus-Vorplatz wurde Yuki bereits von drei ihrer Freundinnen erwartet. Sie lachten und redeten wild durcheinander, während Yuki sich wieder einmal die Nase rieb. Atem hielt sich im Schatten der Säulen des Bibliotheksportals verborgen, doch als die Gruppe sich in Bewegung setzte, folgte er ihnen instinktiv.
Er war so darauf fixiert, den blumigen Hauch nicht zu verlieren, dass er nicht bemerkte, wie auffällig er eigentlich war.
„Yuki“, flüsterte eine ihrer Freundinnen, eine junge Frau mit kurzem braunem Haar, und warf einen nervösen Blick über die Schulter. „Ich will dich ja nicht beunruhigen, aber... da ist ein Typ, der uns folgt. Und er sieht verdammt intensiv aus.“
Yuki blieb stehen und drehte sich langsam um. Ihre Freundinnen taten es ihr nach. Doch in dem Moment, als sie sahen, wer da im Halbschatten der Säulen stand, veränderte sich die Stimmung schlagartig. Das Misstrauen wich einem kollektiven, unterdrückten Keuchen.
„Oh mein Gott“, hauchte die Zweite und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. „Das ist er... der ‚geheimnisvolle Prinz‘ aus der Geschichtsfakultät. Yami Muto.“
Die drei Freundinnen erröteten fast simultan und begannen sofort, sich gegenseitig anzustoßen und hinter ihren Händen zu tuscheln. Die Überraschung war ihnen ins Gesicht geschrieben. Dass ausgerechnet der unnahbarste Student der Universität ihrer kränkelnden Freundin Yuki folgte, grenzte in ihren Augen an eine Sensation.
Nur Yuki blieb vollkommen gelassen. Sie verschränkte die Arme, wobei die langen, hellblonden Haare sanft im Wind wehten, und sah Atem mit einem belustigten Funkeln in ihren roten Augen direkt an.
„Na, sieh mal einer an“, rief sie laut genug, dass es über den Platz schallte. „Vom stummen Beobachter zum Schattenläufer innerhalb von fünf Minuten? Das ist eine beachtliche Karriere, Yami Muto.“
Ihre Freundinnen sahen entsetzt zwischen Yuki und Atem hin und her – entsetzt darüber, wie respektlos und mutig Yuki mit dem Uni-Schwarm umging.
Atem spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. In Ägypten hätten Menschen den Boden geküsst, auf dem er wandelte, doch hier wurde er von einem Mädchen mit roten Augen vor versammelter Mannschaft zur Rede gestellt. Er trat aus dem Schatten hervor, seine Bewegungen waren hölzern, und zum ersten Mal in seinem neuen Leben fühlte er sich nicht wie ein Pharao, sondern wie ein Junge, der beim Naschen ertappt worden war.
„Ich... ich wollte nicht aufdringlich sein“, begann er, und seine Stimme brach ganz leicht, was er sofort mit einem Räuspern zu korrigieren versuchte. Seine Hände wanderten nervös in seine Jackentaschen. „Es ist nur... du erwähntest das Rezept deiner Großmutter. Den Duft. Ich wollte fragen, ob... ob dieses Rezept aus einer bestimmten Region stammt? Vielleicht aus Ägypten?“
Er wusste, wie schwach diese Erklärung klang. Er sah, wie Yukis Freundinnen ihn mit großen Augen anstarrten, als hätte er gerade in einer fremden Sprache gesungen.
Yuki zog eine Augenbraue hoch und machte einen Schritt auf ihn zu. „Du verfolgst mich über den halben Campus, nur um über botanische Familienrezepte zu plaudern? Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall, weißt du das?“
Sie trat noch näher, und der Duft hüllte ihn wieder ein, so stark, dass er fast die Augen schließen wollte. „Meine Freundinnen denken wahrscheinlich gerade, du willst mich um ein Date bitten, und du fragst nach Inhaltsstoffen für Parfüm.“ Sie schüttelte den Kopf, doch ihr Lächeln wurde weicher. „Komm schon, Yami. Wenn du wirklich so besessen von diesem Duft bist, dann sag es einfach ehrlich, anstatt dich wie ein Detektiv im Gebüsch zu verstecken.“
Atem schluckte schwer. Er war sichtlich nervös, sein Blick wich kurz ihrem intensiven Rot aus. „Es ist für mich... mehr als nur ein Duft, Yuki Minato. Es ist ein Rätsel, das ich lösen muss. Bitte, versteh das nicht falsch.“
Yuki lachte leise und wandte sich wieder ihren völlig fassungslosen Freundinnen zu. „Keine Sorge, Mädels, er ist harmlos. Nur ein bisschen... speziell.“ Sie sah Atem noch einmal über die Schulter an. „Morgen Mittag in der Mensa. Wenn du bis dahin deine Sprache wiederfindest, erzähle ich dir vielleicht mehr über meine Oma. Aber wehe, du versteckst dich wieder hinter einer Säule!“
Mit einem frechen Augenzwinkern zog sie ihre errötenden Freundinnen mit sich, die immer noch fassungslos zurückblickten. Atem blieb allein auf dem Platz zurück, das Herz noch immer im Hals schlagend. Er hatte sich blamiert, er hatte seine Würde als König kurzzeitig im Staub der Bibliothek verloren – aber er hatte eine Einladung. Und er hatte einen Namen: Yuki Minato.
Gemeinsame Zeit und Peinlichkeiten
Atem verbrachte die Nacht fast schlaflos. In seinem Kopf ging er jedes mögliche Szenario durch, als würde er einen Schlachtplan entwerfen. Er analysierte ihre Worte, ihren Tonfall und vor allem die Tatsache, dass sie absolut nichts von ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu wissen schien.
Am nächsten Morgen war er ungewöhnlich schweigsam. Als Yugi ihn beim Frühstück fragte, ob er Lust hätte, nach den Vorlesungen im Game Shop an einem neuen Deck-Konzept zu arbeiten, wich Atem aus. „Ich habe... noch ein paar Recherchen in der Bibliothek vor mir, Yugi. Nimm es mir nicht übel.“
Yugi sah ihn mit einem leicht besorgten, aber verständnisvollen Blick an. „Schon gut, Yami. Du wirkst in letzter Zeit so fokussiert. Ich hoffe, du findest, wonach du suchst.“
Atem fühlte einen kurzen Stich des schlechten Gewissens. Er hatte seinen Freunden gegenüber noch nie Geheimnisse gehabt, doch dieses Mal war es anders. Dieses Mysterium war so zerbrechlich, dass er fürchtete, es könnte wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn zu viele Augen darauf gerichtet waren. Er musste zuerst selbst verstehen, wer Yuki Minato war.
Die Mensa der Universität war zur Mittagszeit ein Ort des absoluten Chaos. Das Klappern von Tabletts, das Geschrei hunderter Studenten und der Geruch von frittiertem Essen bildeten eine Kulisse, die Atem normalerweise verabscheute. Doch heute bemerkte er nichts davon.
Er war zehn Minuten zu früh da. Er hatte sich einen Tisch in einer etwas ruhigeren Ecke gesucht, von dem aus er den Eingang im Blick hatte. Vor ihm lag ein aufgeschlagener Notizblock. Er hatte sich tatsächlich Punkte notiert:
• Herkunft des Duftes klären.
• Bedeutung des Namens Minato in historischen Kontext setzen.
• Herausfinden, ob sie Visionen oder Träume hat.
Er wirkte eher wie ein General, der auf eine staatstragende Verhandlung wartete, als wie ein junger Mann, der sich mit einer Kommilitonin traf. Sein Rücken war kerzengerade, seine Miene ernst und konzentriert.
„Ist das ein Protokoll für eine Zeugenvernehmung oder willst du wirklich mit mir essen?“
Atem zuckte leicht zusammen. Er hatte nicht bemerkt, wie Yuki sich genähert hatte. Sie trug heute einen dicken, dunkelroten Strickpullover, der perfekt mit ihren Augen harmonierte, und ihre endlos langen, blonden Haare waren zu einem lockeren Zopf geflochten. Sie hielt ein Tablett mit einer einfachen Schüssel Nudelsuppe in der Hand.
„Yuki“, sagte er und stand hastig auf – eine Geste, die in der Mensa völlig deplatziert wirkte, aber in seinem Blut lag. „Ich... ich habe nur einige Gedanken sortiert.“
Yuki schob ihr Tablett auf den Tisch und setzte sich, während sie ihn belustigt musterte. „Setz dich wieder hin, Yami. Du machst mich ja ganz nervös mit deinem königlichen Gehabe. Die Leute starren uns schon wieder an.“
Atem setzte sich, sichtlich bemüht, seine Nervosität hinter einer Maske aus Beherrschung zu verbergen. „Verzeih mir. Ich wollte das Gespräch professionell angehen.“
„Professionell?“, lachte Yuki und schüttelte den Kopf. Sie nahm ihre Stäbchen und rührte in ihrer Suppe. „Wir sind an der Uni, nicht beim Geheimdienst. Aber gut, Herr Profi-Ermittler. Du wolltest etwas über das Rezept meiner Großmutter wissen.“
Atem neigte sich leicht vor. „Ja. Du sagtest, sie nenne es den Duft der ‚verlorenen Zeit‘. Das ist eine sehr spezifische Bezeichnung. Woher stammt deine Familie, Yuki? Gibt es eine Verbindung nach Ägypten oder in den Nahen Osten?“
Yuki kaute nachdenklich und sah ihn dann mit ihren strahlend roten Augen an. „Eigentlich nicht. Meine Familie lebt seit Generationen hier in Japan und teilweise in Australien. Aber meine Oma... sie ist ein bisschen exzentrisch. Sie behauptet immer, dass Seelen wie Blumen sind – manche blühen nur einmal in tausend Jahren. Sie mischt dieses Öl selbst aus alten Kräutern, die sie im Garten zieht. Sie sagt, der Duft schütze vor dem Vergessen.“
Sie hielt inne und beobachtete, wie Atem jedes Wort förmlich in sich aufsaugte. „Warum bedeutet dir das so viel, Yami? Du hast diesen Blick... als würde dein ganzes Leben davon abhängen.“
Atem spürte, wie seine sorgfältig vorbereitete Strategie ins Wanken geriet. Er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen – nicht über Anubis, nicht über das Jenseits und nicht über den Pharao. „Ich... ich habe jemanden verloren“, sagte er schließlich, und es war keine Lüge. „Und dieser Duft ist das Einzige, was mir geblieben ist. Als ich ihn bei dir roch, dachte ich für einen Moment, die Zeit wäre stehengeblieben.“
Ein sanfter Ausdruck trat in Yukis Gesicht. Die Belustigung wich einer aufrichtigen Empathie. „Das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass es so ernst ist.“ Sie legte ihre Stäbchen beiseite. „Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute nicht niesen muss. Vielleicht wollte der Duft dich einfach nur finden.“
Sie sah ihn einen Moment lang schweigend an, ihre roten Augen wirkten in diesem Licht fast nachdenklich. „Weißt du, Yami... du bist ganz anders als die anderen Jungs hier. Du wirkst, als würdest du ständig eine schwere Krone tragen, die niemand außer dir sehen kann. Du solltest versuchen, in diesen vier Jahren – oder wie lange du auch immer hier bist – mal tief durchzuatmen.“
Atem erstarrte. Vier Jahre. Woher wusste sie das? Hatte sie ihn belauscht? Oder war es nur ein Zufall, eine Redewendung? Sein Herzschlag beschleunigte sich. „Warum sagst du gerade ‚vier Jahre‘?“
Yuki blinzelte und lachte dann kurz auf. „Keine Ahnung. Das ist nur so ein Gefühl. Vier Jahre ist die Zeit eines Studiums, oder? Eine Phase, in der man sich neu erfindet. War das etwa ein Volltreffer?“
Sie lächelte ihn an, und für einen Moment war da wieder jene Wärme, die Atem völlig entwaffnete. Er spürte, dass er bei ihr vorsichtig sein musste, aber gleichzeitig zog ihn jede ihrer Bewegungen tiefer in ihren Bann. Sie war ein normales Mädchen, ja – aber sie trug eine Magie in sich, die sie selbst nicht begriff.
„Vielleicht“, antwortete er vage und zwang sich zu einem leichten Lächeln. „Du hast eine ungewöhnliche Intuition, Yuki Minato.“
„Das sagen viele“, erwiderte sie zwinkernd. Sie griff nach ihrem Buch und ihrem Tablett. „Ich muss jetzt leider los zu meinem nächsten Kurs. Aber wenn du mehr über die ‚verlorene Zeit‘ erfahren willst... ich bin morgen Nachmittag wieder in der Bibliothek. Diesmal ohne Erkältung, hoffentlich. Lass uns doch dort ein wenig zusammen lernen...vielleicht verrate ich dir dann mehr..“
Sie stand auf und schenkte ihm noch einen letzten Blick aus ihren roten Augen, bevor sie sich in die Menge der Studenten mischte. Atem blieb zurück, den Notizblock vor sich, der nun völlig nutzlos wirkte. Die strategische Verhandlung war zu einer Begegnung geworden, die ihn mehr Fragen kostete, als sie beantwortet hatte.
Das Schicksal nahm am nächsten Tag eine fast schon spielerische Wendung. Atem war pünktlich in der Bibliothek, doch anstatt sich in die dunklen Ecken der Archäologie-Abteilung zurückzuziehen, wartete Yuki bereits am Eingang auf ihn. Das goldene Sonnenlicht des Nachmittags fiel durch die hohen Fenster und ließ ihre blonden Haare wie ein Feld aus reifer Seide leuchten.
„Es ist viel zu schön draußen, um zwischen staubigen Papieren zu hocken“, verkündete Yuki, kaum dass Atem vor sie getreten war. Sie schwang sich ihre Tasche über die Schulter. „Komm schon, Yami. Wir suchen uns einen Platz auf der großen Wiese beim Uhrturm. Da lernt es sich viel besser.“
Atem, der eigentlich geplant hatte, sie über die Herkunft ihrer Großmutter auszuquetschen, nickte nur stumm. Er folgte ihr nach draußen, wo der Campus pulsierte.
Was er jedoch nicht bemerkte – oder gekonnt ignorierte –, war die Welle der Erschütterung, die sie beide auslösten. Während sie nebeneinander über das Gras schritten, blieben Gruppen von Studenten stehen. Die Mädchen, die Atem seit zwei Wochen aus der Ferne angehimmelt hatten, starrten Yuki mit einer Mischung aus Unglauben und brennendem Neid nach. Wer war dieses Mädchen, das es geschafft hatte, den „unnahbaren Prinzen“ aus seinem Elfenbeinturm zu locken?
Doch die größte Fassungslosigkeit spielte sich etwa zwanzig Meter hinter einem dicken Busch ab.
„Das... das kann nicht sein“, stammelte Joey Wheeler, der fast sein Fernglas fallen ließ. Er, Yugi, Tea und Tristan hatten sich im Gebüsch verschanzt, nachdem sie bemerkt hatten, dass Atem sich verdächtig oft „alleine zum Lernen“ absetzte.
„Joey, geh ein Stück zur Seite, ich sehe nichts!“, zischte Tea und versuchte, über seine Schulter zu spähen.
Joey starrte wie hypnotisiert auf Yuki. „Leute... seht euch das an. Ich dachte immer, Atem hätte nur Augen für alte Steine und Duellkarten. Aber das Mädel da... die ist keine Zehn von Zehn. Die ist eine Elf! Woher hat er die? Hat er die auch aus einer antiken Vase beschworen?“
Yugi lächelte unsicher. „Sie sieht wirklich nett aus. Aber seht euch Yami an... er wirkt so steif. Er weiß überhaupt nicht, was er mit seinen Händen machen soll.“
Draußen auf der Wiese ließ sich Yuki derweil auf ihre Decke fallen und breitete ihre Bücher aus. Atem setzte sich ihr gegenüber, den Rücken so gerade, als würde er immer noch auf einem Thron sitzen.
„Entspann dich, Yami“, lachte Yuki und reichte ihm eine Packung Pocky-Sticks. „Du siehst aus, als würdest du gleich eine Kriegserklärung unterschreiben. Hier, probier mal. Das hilft beim Denken.“
Atem betrachtete das Gebäck mit tiefer Skepsis, als wäre es ein unbekanntes Artefakt. Er nahm vorsichtig einen Stab entgegen. „Ich bin es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit... zu speisen, während ich studiere.“
„Du bist wirklich aus einer anderen Welt, oder?“, scherzte Yuki, ohne zu wissen, wie nah sie der Wahrheit kam. Sie öffnete ihr Geschichtsbuch. „Also, wir müssen über die ptolemäische Ära sprechen. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht wieder so finster zu gucken, wenn ich dir eine Frage stelle.“
Atem spürte, wie sein Herzschlag sich beruhigte. Der Duft von Yuki vermischte sich mit dem Geruch von frisch gemähtem Gras. Er beobachtete, wie sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr schob und dabei konzentriert die Zeilen las. Für einen Moment vergaß er Anubis, die vier Jahre und das Rätsel. Er war einfach nur ein Student, der neben einem wunderschönen Mädchen saß.
Doch der Frieden hielt nicht lange. Ein paar Meter weiter standen drei Studentinnen, die Atem regelmäßig Liebesbriefe in sein Schließfach gesteckt hatten.
„Sie passt überhaupt nicht zu ihm“, zischte eine von ihnen laut genug, dass es zu den beiden herüberwehte. „Seht euch nur diese Haare an... viel zu lang. Und diese Augen... das sieht ja fast unheimlich aus.“
Yuki hielt inne. Sie hatte es gehört. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, und sie senkte den Kopf ein Stück tiefer über ihr Buch.
Atem, dessen Gehör durch jahrelange Kämpfe geschärft war, versteifte sich. Seine Augen blitzten gefährlich auf. Die Aura des Pharaos, die er mühsam unterdrückt hatte, loderte für einen Moment auf. Er sah zu den Mädchen hinüber – ein Blick, der kälter war als das Grab von Sethos – und sie verstummten augenblicklich, als hätten sie gerade in den Lauf einer geladenen Waffe geblickt.
„Yami?“, fragte Yuki leise. „Ist alles okay?“
Er wandte sich ihr wieder zu, und sein Blick wurde sofort weich. „Es ist nichts, Yuki. Manche Menschen verstehen nicht, was wahre Schönheit und Seltenheit bedeuten. Sie fürchten das, was sie nicht begreifen können.“
Yuki sah ihn überrascht an, und ein leichtes Erröten überzog nun doch ihre Wangen. „Das war... ziemlich poetisch für jemanden, der eben noch ein Protokoll führen wollte.“
Hinter dem Busch biss Joey derweil in seine eigene Faust, um nicht laut loszuschreien. „Habt ihr das gesehen?! Er hat sie verteidigt! Unser Pharao wird weich! Das ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen!“
Joey Wheeler besaß viele Talente, aber Subtilität gehörte definitiv nicht dazu. Während Yugi und Tea noch versuchten, ihn am Kragen seiner Jacke zurückzuhalten, hatte Joey sich bereits wie ein schlecht getarnter Geheimagent durch das Unterholz gewühlt.
„Joey, nein! Bleib hier!“, zischte Yugi, aber es war zu spät.
Gerade als die Atmosphäre zwischen Atem und Yuki eine fast schon friedliche Tiefe erreicht hatte, geschah es. Ein lautes Knacken von trockenen Zweigen, ein unterdrückter Fluch und plötzlich stolperte Joey Wheeler direkt hinter ihrem Baum hervor. Er tat so, als würde er gerade ganz zufällig joggen, obwohl er eine Jeans und eine viel zu weite Jacke trug.
„Oh! Hehe! Wer hätte das gedacht!“, rief Joey und blieb mit theatralischem Erstaunen vor der Picknickdecke stehen. Er atmete schwer und wischte sich übertrieben den Schweiß von der Stirn. „Yami! Alter Kumpel! Was für ein unglaublicher Zufall, dich hier auf dieser riesigen Wiese, an genau diesem Baum zu treffen!“
Atem schloss für einen Moment die Augen. Er spürte, wie eine Ader an seiner Schläfe pulsierte. Die Aura des Pharaos, die eben noch die neidischen Mädchen vertrieben hatte, wurde nun von einer tiefen, existenziellen Peinlichkeit abgelöst.
„Joey“, sagte Atem mit einer Stimme, die so trocken war wie die Wüste Gobi. „Was tust du hier?“
„Ich? Ich... äh... ich mache Intervalltraining!“, log Joey schamlos und warf einen Blick auf Yuki, die ihn sofort wieder völlig aus dem Konzept brachte. Aus der Nähe betrachtet, waren ihre roten Augen und die endlosen blonden Haare noch beeindruckender. Er erstarrte förmlich. „Wow.“
Yuki sah zu dem blonden Wirbelwind auf, der gerade ihr ruhiges Lernen unterbrochen hatte. Sie wirkte nicht verärgert, sondern eher amüsiert. „Dein Freund?“
„Leider ja“, murmelte Atem und rieb sich die Nasenwurzel.
Joey fing sich wieder, räusperte sich lautstark und richtete seine Jacke. Er setzte sein breitestes Grinsen auf und hielt Yuki die Hand hin. „Joey Wheeler! Der beste Freund, Duell-Partner und Mentor dieses griesgrämigen Typen hier. Und du musst... die berühmte Yuki sein, von der er uns überhaupt nichts erzählt hat!“
Atem warf Joey einen Blick zu, der Granit hätte schmelzen können, doch Joey war immun gegen pharaonische Drohgebärden.
Yuki lachte und schlug in Joeys Hand ein. „Yuki Minato. Schön dich kennenzulernen, Joey. Mentor, sagst du? Bringst du ihm bei, wie man Leute in der Bibliothek anstarrt?“
Joey prustete los. „Ha! Siehst du, Yami? Sie hat dich durchschaut! Sie ist nicht nur hübsch, sie ist auch noch blitzgescheit. Eine glatte Elf auf der Richterskala!“
Atem spürte, wie ihm die Hitze bis in die Haarspitzen stieg. „Joey, ich glaube, Tristan und Yugi suchen dich drüben beim Uhrturm.“
„Ach, die können warten!“, winkte Joey ab und ließ sich – zum Entsetzen von Atem – einfach ungefragt an den Rand der Decke plumpsen. Er schnappte sich einen Pocky-Stick. „Also Yuki, erzähl mal. Wie hältst du es mit dem Typen hier aus? Er redet doch sicher nur über Ramses den Zweiten oder wie man einen ‚Blauäugigen Weißen Drachen‘ fachgerecht zerlegt, oder?“
Yuki amüsierte sich prächtig. Sie warf Atem einen neckischen Blick zu. „Eigentlich ist er bisher sehr höflich. Ein bisschen steif, aber er hat mich vor ein paar zickigen Mädchen verteidigt. Er ist wie ein Ritter aus einem alten Film.“
„Ein Ritter!“, johlte Joey und klopfte Atem auf die Schulter, der daraufhin fast seinen Tee verschüttete. „Hörst du das, Yami? Du bist ein Ritter! Ich sag’s ja immer, der Typ hat zu viel Zeit in dunklen Kammern verbracht.“
In diesem Moment tauchten auch Yugi, Tea und Tristan aus ihrem Versteck auf. Sie sahen ein, dass die Tarnung aufgeflogen war, und näherten sich entschuldigend.
„Tut uns leid, Yami“, sagte Yugi verlegen und kratzte sich am Hinterkopf. „Joey war einfach nicht zu bremsen.“
Atem sah seine gesamte Freundesgruppe um die kleine Decke versammelt. Der intime Moment mit Yuki war dahin, doch als er sah, wie Yuki ohne Berührungsängste mit Tea über ihre Haarpflege zu plaudern begann und Tristan Witze über Joeys „Jogging-Outfit“ riss, lockerte sich etwas in ihm.
Yuki schien die Gesellschaft zu genießen. Sie strahlte eine Natürlichkeit aus, die die peinliche Situation völlig auflöste. Doch während sie lachte, bemerkte Atem, wie sie kurz innehielt und sich unauffällig an die Schläfe fasste, als hätte sie einen plötzlichen stechenden Schmerz. Das Lächeln blieb auf ihren Lippen, aber ihre roten Augen wirkten für einen Sekundenbruchteil abwesend, fast so, als würde sie ein Echo hören, das niemand sonst vernahm.
Zwischen den Zeilen
Die folgenden Wochen an der Domino University verstrichen in einer für Atem ungewohnten, aber berauschenden Leichtigkeit. Der Herbst hatte die Bäume auf dem Campus in ein flammendes Gold und tiefes Rostrot getaucht, und fast jeden Nachmittag sah man das ungleiche Paar – den ernsthaften, majestätisch wirkenden Yami und die lebhafte Yuki mit ihrem silberblonden Haarschleier – über die Wege spazieren.
Sie schlenderten durch das Einkaufszentrum, wo Atem mit stoischer Geduld zusah, wie Yuki kleine, nutzlose Accessoires bewunderte, oder sie saßen in einem der modernen Cafés der Stadt. Atem lernte, das laute Lachen der Menschen nicht mehr als Lärm, sondern als Melodie des Lebens zu begreifen. Yuki brachte ihm bei, dass man ein Eis essen konnte, ohne dabei über die logistischen Probleme der ptolemäischen Versorgungslinien nachzudenken. In diesen Momenten, wenn sie gemeinsam durch die Fußgängerzone liefen und Yuki ihm begeistert von den exzentrischen Geschichten ihrer Großmutter erzählte, fühlte sich die Last der vier Jahre fast federleicht an.
Doch die Realität des Campus-Lebens ließ sich nicht vollständig ausblenden. Atem war für viele Studentinnen immer noch der unerreichbare Traum, und dass er seine Zeit fast ausschließlich mit Yuki verbrachte, war ein Stachel im Fleisch vieler Verehrerinnen.
An einem kühlen Dienstagnachmittag wartete Atem im Korridor der Geschichtsfakultät auf Yuki. Er lehnte mit verschränkten Armen an einer Steinsäule, den Blick nach innen gerichtet. Wie so oft hatte er seine Umgebung fast vollständig ausgefiltert; für ihn gab es in diesem Moment nur das rhythmische Ticken der Wanduhr und das Warten auf jenen blumigen Duft, der Yukis Ankunft ankündigte.
„Entschuldigung... Yami?“
Die Stimme war sanft, fast ein wenig brüchig, und zwang Atem dazu, seine mentalen Schutzschilde zu senken. Er blickte auf. Vor ihm stand ein Mädchen, das er, obwohl er sie fast täglich in den Vorlesungen gesehen haben musste, nie bewusst wahrgenommen hatte. Sie war zweifellos hübsch, mit kunstvoll frisiertem dunklem Haar und einem perfekt abgestimmten Outfit, das ihre schmale Taille betonte.
Sie spielte nervös mit einer Locke und sah zu Boden, bevor sie den Blick wieder zu ihm hob – ein Blick, der eine Mischung aus Schüchternheit und kalkulierter Bewunderung war.
„Ja?“, antwortete Atem kurz angebunden, aber höflich.
„Ich bin Mai aus deinem Archäologie-Kurs“, begann sie und trat einen Schritt näher, was Atem instinktiv dazu veranlasste, sich noch gerader aufzurichten. „Ich... ich wollte das hier eigentlich nicht tun. Ich finde es schrecklich peinlich, aber ich hatte gehofft, dass du vielleicht irgendwann einmal meine Blicke bemerkst. Ich schaue dich schon seit Wochen an, in jeder Vorlesung, in jeder Pause... aber du scheinst einfach durch mich hindurchzusehen.“
Sie seufzte leise und legte eine Hand auf ihr Herz, als wäre sie zutiefst gekränkt. „Eigentlich wollte ich warten, bis du den ersten Schritt machst. Aber da du wohl lieber in deinen Büchern oder in anderen... Welten versinkst, dachte ich, ich nehme meinen Mut zusammen. Hättest du Lust, am Freitag mit mir auszugehen? Ich kenne ein neues französisches Bistro in der Innenstadt.“
Atem betrachtete sie einen Moment lang schweigend. Er spürte ihre Selbstbewusstheit hinter der Maske der Verletzlichkeit. In einer anderen Welt hätte er vielleicht die Eleganz ihres Auftritts gewürdigt, doch in dieser Welt war sein Herz bereits besetzt – auch wenn er es sich selbst noch nicht in aller Deutlichkeit eingestanden hatte.
„Ich danke dir für dein Interesse, Mai“, sagte er mit seiner tiefen, resonanten Stimme, die keinen Raum für Interpretationen ließ. „Aber ich muss ablehnen. Meine Zeit und meine Aufmerksamkeit gehören bereits jemand anderem. Es wäre unaufrichtig, dir etwas anderes zu suggerieren.“
Das Mädchen biss sich auf die Lippe, ihre Wangen röteten sich vor echter Scham, die nun ihre gespielte Gekränktheit überlagerte. „Gehört sie... diesem Mädchen? Yuki?“
„Das ist irrelevant“, antwortete Atem kühl. „Wichtig ist nur, dass ich kein Interesse an einem Date habe. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“
Hinter der Ecke des Korridors, verborgen hinter einer schweren Holztür, stand Yuki. Sie hatte eigentlich auf ihn zustürmen wollen, um ihm von ihrer bestandenen Zwischenprüfung zu erzählen, doch das Gespräch hatte sie innehalten lassen. Sie drückte den Rücken gegen die kalte Wand und hielt den Atem an.
Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus – eine Mischung aus Triumph, den sie gegenüber der arroganten Mai empfand, und einer tiefen, warmen Erschütterung über Atems Worte. Meine Aufmerksamkeit gehört bereits jemand anderem.
Sie wusste, wie sehr die anderen Mädchen sie beneideten. Sie kannte das Getuschel hinter ihrem Rücken. Aber zu hören, wie Atem – dieser unnahbare, königliche Mann – sie so entschieden verteidigte, ohne ihren Namen überhaupt nennen zu müssen, ließ ihr Herz in einem Rhythmus schlagen, den sie bisher nur aus kitschigen Romanen kannte.
Sie wartete, bis sie hörte, wie Mai mit schnellen, wütenden Schritten davoneilte. Dann atmete sie tief durch, strich sich die Haare glatt und trat mit einem breiten, fast schon zu unschuldigen Lächeln um die Ecke.
„Da bist du ja, Yami!“, rief sie und tat so, als hätte sie nichts mitbekommen. „Hast du lange gewartet? Professor Yoshimori hat uns ewig aufgehalten.“
Atem sah sie an, und sofort verschwand die Kälte aus seinem Blick. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen, während er sich von der Säule abstieß. „Nicht zu lange, Yuki. Aber die Zeit scheint immer langsamer zu vergehen, wenn du nicht da bist.“
Yuki spürte, wie sie errötete, doch sie lachte es weg und hakte sich spontan bei ihm unter – eine Geste, die sie sich mittlerweile immer öfter erlaubte. „Komm schon, Schmeichler. Joey und die anderen warten im Einkaufszentrum. Es gibt dort diesen neuen Spieleladen, und Joey hat behauptet, er könnte dich in einem Blind-Duell schlagen. Das will ich sehen!“
Atem lachte leise, ein ehrliches, tiefes Geräusch. Während sie gemeinsam den Korridor entlangliefen, fühlte er ihren Arm in seinem und den Duft von Lotus in der Luft. Er wusste immer noch nicht genau, welches Band sie aus der Vergangenheit verband, aber er wusste, dass er in der Gegenwart keinen Zentimeter von ihrer Seite weichen wollte.
Und während sie das Gebäude verließen, merkte er nicht, dass Yuki seinen Arm ein kleines bisschen fester drückte als sonst.
Das Einkaufszentrum von Domino City war an diesem Nachmittag ein Ameisenhaufen aus Lichtern, Geräuschen und Menschenmassen. Es war ein Ort, den Atem früher als vollkommen chaotisch empfunden hätte, doch heute, mit Yuki an seiner Seite, wirkte die Reizüberflutung fast wie ein lebendiges Gemälde.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief Joey schon von Weitem, als er die beiden am Brunnen im Atrium entdeckte. Er stand dort mit Yugi, Tea und Tristan, und wie üblich fuchtelte er bereits mit einem Stapel Duellkarten in der Luft herum. „Ich dachte schon, Yami hätte sich in der Bibliothek einschließen lassen, um die Staubmilben nach ihren Vorfahren zu befragen!“
Yuki kicherte und löste ihren Arm von Atems, um die anderen zu begrüßen. „Tut mir leid, Joey. Die Geschichtsfakultät ist eben ein Labyrinth. Aber ich habe ihn sicher hierher gelotst.“
„Schön, dass ihr es geschafft habt“, sagte Yugi lächelnd, auch wenn sein Blick kurz und forschend zwischen Atem und Yuki hin- und herwanderten. Er bemerkte die subtile Veränderung in der Aura seines anderen Ichs – eine Sanftheit, die er so nur selten gesehen hatte.
„Genug der Höflichkeiten!“, drängte Joey und marschierte in Richtung des großen Spieleladens im obersten Stockwerk. „Heute wird Geschichte geschrieben! Das ultimative Blind-Duell! Keine Strategie, kein langes Überlegen – nur das reine Vertrauen in die Karten! Wer verliert, muss der gesamten Truppe eine Runde Riesen-Eisbecher spendieren!“
Atem hob eine Augenbraue. „Du bist dir deiner Sache sehr sicher, Joey. Hast du vergessen, dass das Glück dem Tüchtigen hold ist?“
„Glück? Pustekuchen!“, grinste Joey, während sie den Laden betraten, der vollgestopft war mit Postern von Monstern und Reihen von glänzenden Karten-Boostern. „Das hier ist Intuition!“
Während Joey und Atem sich an einem der Spieltische gegenüberstanden und die Aufmerksamkeit der anderen Kunden auf sich zogen, beobachtete Yuki das Geschehen mit leuchtenden Augen. Sie verstand die Feinheiten des Spiels nicht so gut wie die anderen, aber sie liebte es, Atem in seinem Element zu sehen. Die Art, wie er die Karten hielt, als wären sie wertvolle Relikte, und die absolute Konzentration in seinem Blick faszinierten sie.
„Er ist wirklich gut, oder?“, flüsterte Yuki zu Tea, die neben ihr stand.
„Er ist der Beste“, antwortete Tea mit einem warmen Lächeln. „Aber siehst du, wie er dich immer wieder aus dem Augenwinkel ansieht? Normalerweise vergisst er alles um sich herum, wenn er duelliert. Sogar uns. Aber heute... heute scheint er einen Anker im Hier und Jetzt zu haben.“
Yuki spürte ein angenehmes Kribbeln im Nacken. Tatsächlich fing Atem ihren Blick auf, bevor er seine nächste Karte verdeckt auf das Feld legte, und schenkte ihr ein kaum merkliches, aber vielsagendes Nicken.
Das Duell war ein einziges Spektakel aus Joeys lautstarken Ausrufen und Atems ruhiger Überlegenheit. Trotz des „Blind“-Modus schien Atem eine Verbindung zu seinem Deck zu haben, die Joey schier in den Wahnsinn trieb. Am Ende reichte ein einziger, gut platzierter Spielzug, um Joeys Lebenspunkte auf Null zu setzen.
„WAS?!“, schrie Joey auf, während Yugi und Tristan vor Lachen fast zusammenbrachen. „Das ist geschummelt! Du hast Röntgenaugen, Yami! Das gibt’s doch nicht!“
„Es nennt sich Vertrauen, Joey“, sagte Atem gelassen und stand auf. Er wandte sich an die Gruppe, doch sein Blick blieb an Yuki hängen. „Und ich glaube, wir haben uns alle einen sehr großen Eisbecher verdient. Auf Joeys Rechnung.“
Nach dem Trubel im Spieleladen schlenderten sie gemeinsam durch die hell erleuchteten Gänge des Zentrums. Die Clique verteilte sich ein wenig; Joey und Tristan stritten sich bereits darüber, welche Eissorten die besten waren, während Tea und Yugi ein paar Schaufenster betrachteten.
Atem und Yuki ließen sich etwas zurückfallen. Sie gingen an einem eleganten Juweliergeschäft vorbei, in dessen Fenster schwere Goldketten und Edelsteine auf Samtkissen glänzten. Yuki blieb kurz stehen. Ihr Blick blieb an einem kleinen, filigranen Anhänger hängen – eine silberne Lotusblüte, in deren Mitte ein kleiner roter Stein funkelte, der fast exakt die Farbe ihrer Augen hatte.
„Er ist wunderschön“, murmelte sie eher zu sich selbst.
Atem trat hinter sie. Er sah das Schmuckstück und dann das Spiegelbild von Yukis Gesicht im Glas. In diesem Moment überkam ihn ein überwältigendes Gefühl von Déjà-vu. Er sah nicht das moderne Einkaufszentrum. Er sah eine sonnendurchflutete Terrasse, den Duft von Nilwasser in der Nase, und er sah sich selbst, wie er einer Frau, deren Gesicht noch immer im Schatten lag, ein ähnliches Geschenk überreichte.
„Er würde perfekt zu dir passen“, sagte er leise. Seine Stimme war so nah an ihrem Ohr, dass Yuki leicht zusammenzuckte, aber nicht zurückwich.
Sie lachte verlegen und schüttelte den Kopf, wobei ihre langen Haare über ihren Rücken schwangen. „Viel zu teuer für eine Studentin, Yami. Außerdem... ich brauche keine Diamanten, um mich an schöne Momente zu erinnern.“
Sie sah ihn an, und in der Tiefe ihrer rubinroten Augen sah Atem etwas, das ihn mehr erschütterte als jede Vision. Es war eine reine, unverfälschte Zuneigung.
„Komm schon“, sagte sie und griff nach seiner Hand, um ihn weiterzuziehen. „Bevor Joey das ganze Geld für Streusel ausgibt!“
Die Wärme ihrer Hand in seiner fühlte sich für Atem richtiger an als alles andere in diesen zwei Wochen. Während sie zu den anderen aufschlossen, wurde ihm klar, dass er vielleicht noch nicht wusste, wer sie vor dreitausend Jahren gewesen war – aber er wusste ganz genau, wer sie jetzt für ihn war. Sie war das Licht, das die Schatten seiner Vergangenheit vertrieb.
In der Eisdiele saßen sie schließlich alle an einem großen runden Tisch. Joey schmollte zwar noch ein wenig wegen seiner Niederlage, aber beim Anblick der gigantischen Becher mit Sahne und Früchten war sein Groll schnell vergessen. Es wurde viel gelacht, Witze wurden gerissen, und für einen Moment war Atem einfach nur ein junger Mann unter Freunden.
Als Yuki sich gerade über ein Stück Schokolade in ihrem Eis hermachte, bemerkte sie wieder dieses kurze Stechen in ihrem Kopf. Sie schloss kurz die Augen und presste die Lippen zusammen.
Atem, der sie keine Sekunde aus den Augen ließ, legte sofort seine Hand auf ihren Unterarm. „Yuki? Geht es dir nicht gut?“
Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie einen lästigen Gedanken vertreiben, und lächelte ihn dann wieder an, auch wenn es ein wenig blasser war als zuvor. „Nur ein kurzer Schwindel. Wahrscheinlich zu viel Zucker auf einmal. Mach dir keine Sorgen, mein Ritter.“
Doch Atem machte sich Sorgen. Er spürte, dass hinter ihrem Lächeln etwas verborgen lag – eine Verbindung, die sie beide vielleicht noch nicht ganz verstanden, die aber langsam begann, an die Oberfläche zu drängen.
Schwindende Distanz
Ein paar Tage nach den Ereignissen im Einkaufszentrum, schlich sich ein wenig mehr Privatsphäre in den Alltag. Tea hatte vorgeschlagen einen Koch und Filmeabend bei Yugi Zuhause abzuhalten.
Der Duft im Game Shop war an diesem Abend eine abenteuerliche Mischung aus altem Papier, den Gewürzen der Küche im oberen Stockwerk und – wie immer, wenn sie den Raum betrat – dem blumigen Hauch von Yukis Parfüm. Großvater Solomon hatte sich bereits mit einem verschmitzten Lächeln in seine eigenen Gemächer zurückgezogen, nicht ohne Atem vorher viel Erfolg beim „Bändigen der Töpfe“ zu wünschen.
In der kleinen Küche herrschte ein kontrolliertes Chaos. Atem hatte sich eine einfache schwarze Schürze umgebunden – ein Anblick, bei dem Yuki, die auf der Arbeitsplatte saß und zusah, wie er fachmännisch Zwiebeln schnitt, das Schmunzeln nicht unterdrücken konnte.
„Du machst das mit einer Präzision, als würdest du ein Ritual zur Rettung der Welt durchführen, Yami“, neckte sie ihn und schwang ihre Beine. Ihr langes Haar war heute zu einem hohen Dutt gebunden, aus dem ein paar silberblonde Strähnen in ihren Nacken fielen.
Atem hielt kurz inne und sah sie über seine Schulter hinweg an. Sein Blick war warm. „Kochen ist eine Form von Alchemie, Yuki. Ein falscher Schritt und die Harmonie der Aromen ist zerstört.“
In diesem Moment polterte es an der Tür. Tea und Yugi traten ein, beladen mit Tüten voller frischem Obst und Getränken.
„Wir sind da! Und wir haben den Nachtisch gerettet!“, rief Tea fröhlich. Sie trug eine helle Strickjacke und wirkte in der vertrauten Umgebung des Game Shops vollkommen entspannt. Yugi lief direkt neben ihr, und während er die schweren Tüten auf den Küchentisch stellte, passierte es: Ganz unbewusst legte Tea ihre Hand auf Yugis Rücken, um an ihm vorbeizukommen, und er schenkte ihr ein kurzes, fast schüchternes Lächeln, das sie mit einem schnellen Drücken seines Unterarms erwiderte.
Es war eine Geste, die nur eine Sekunde dauerte, aber Yuki, die die Welt oft mit der Aufmerksamkeit einer Künstlerin beobachtete, entging sie nicht.
„Was gibt es heute?“, fragte Yugi eifrig, um die leichte Röte in seinen Wangen zu überspielen, die auftrat, wann immer Tea ihm so nahe war.
„Ein ägyptisch inspiriertes Curry“, antwortete Atem. „Aber ich könnte Hilfe beim Decken des Tisches gebrauchen.“
Während des Essens war die Stimmung ausgelassen. Joey und Tristan hatten heute abgesagt, was den Abend ungewohnt ruhig und intim machte. Es wurde gelacht und über die neuesten Eskapaden an der Uni berichtet. Doch je länger der Abend dauerte, desto mehr beobachtete Yuki das Paar gegenüber von sich.
Sie bemerkte, wie Yugi Tea ganz selbstverständlich das Wasser nachfüllte. Sie sah, wie Tea seine Sätze beendete, als würden sie dieselben Gedanken teilen. Es war eine tiefe, vertraute Harmonie, die weit über normale Freundschaft hinausging. Sie wusste nicht, dass sich Yugi und Tea bereits ihr halbes Leben kannten...
Schließlich lehnte Yuki sich mit einem verschmitzten Funkeln in ihren roten Augen zurück. „Sagt mal, ihr zwei...“, begann sie und deutete mit dem Löffel abwechselnd auf Yugi und Tea. „Wie lange seid ihr eigentlich schon so ein süßes Paar, ohne es uns offiziell zu sagen?“
Die Stille, die daraufhin folgte, war fast schon komisch. Yugi erstarrte mitten in der Bewegung, sein Glas auf halbem Weg zum Mund. Tea verschluckte sich fast an ihrem Curry und wurde augenblicklich so rot wie die Tomaten auf dem Tisch.
Atem hielt ebenfalls inne. Er sah von Yuki zu Yugi und dann zu Tea. Ein leises, wissendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er hatte es schon lange gespürt, aber er war zu diskret gewesen, um es anzusprechen.
„Y-Yuki!“, stammelte Yugi, sein Gesicht nun in einem tiefen Scharlachrot. „Ich... wir... also...“
Tea rettete die Situation, indem sie sich räusperte und verlegen eine Haarsträhne hinter ihr Ohr schob. „Ist es so offensichtlich?“, fragte sie leise und sah Yugi kurz von der Seite an.
Yuki lachte hell auf. „Offensichtlich? Tea, ihr strahlt so viel gemeinsame Energie aus, dass man davon die gesamte Beleuchtung im Game Shop betreiben könnte. Die Art, wie ihr euch anseht... das kann man nicht verstecken.“
Yugi senkte den Blick auf seinen Teller, ein glückliches, wenn auch verlegenes Lächeln auf den Lippen. Er griff unter dem Tisch nach Teas Hand. „Wir... wir haben uns nie wirklich hingesetzt und es offiziell gemacht. Es ist einfach nach den gemeinsamen Jahren passiert. Nach all den Kämpfen und der Zeit... wurde uns klar, dass wir nicht mehr ohneeinander sein wollen.“
„Das ist wunderbar“, sagte Atem leise. Seine Stimme war voller aufrichtiger Freude für seinen kleinen Bruder. „Ihr verdient dieses Glück mehr als jeder andere.“
Yuki beobachtete die Szene, und ein wehmütiger Glanz trat in ihre rubinroten Augen. Sie sah zu Atem hinüber, der sie bereits ansah. In diesem Moment fühlte sie wieder jenes Ziehen in ihrer Brust – eine Sehnsucht, die sie nicht benennen konnte.
Später, als sie beim Abwaschen halfen, standen Atem und Yuki für einen Moment allein an der Spüle. Yugi und Tea waren bereits im Wohnzimmer und suchten einen Film aus.
„Das war mutig von dir, es einfach so anzusprechen“, murmelte Atem, während er einen Teller abtrocknete.
Yuki zuckte mit den Schultern, während sie ihre Hände im warmen Seifenwasser bewegte. „Das Leben ist zu kurz für Ungewissheit, Yami. Wenn zwei Seelen zusammengehören, sollten sie es auch wissen dürfen. Findest du nicht?“
Sie sah ihn an, und der Dampf des heißen Wassers stieg zwischen ihnen auf, wie ein Nebel aus der Vergangenheit. Atem trat einen Schritt näher, so nah, dass er die Wärme ihres Körpers spüren konnte.
„Ja“, sagte er heiser. „Das finde ich auch.“
Er hob seine Hand und strich ihr ganz sanft eine verirrte, Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen berührten für einen Sekundenbruchteil ihre Wange, und Yuki hielt den Atem an. In diesem Moment gab es keine anderen Studenten, keinen Neid und keine Geheimnisse. Da war nur das Klappern der Teller im Hintergrund und das überwältigende Gefühl, dass sie beide auf eine Wahrheit zusteuerten, die alles verändern würde.
Das gedimmte Licht im Wohnzimmer des Game Shops schuf eine Atmosphäre, die meilenweit entfernt war von den kühlen Marmorhallen Ägyptens oder dem hektischen Treiben der Universität. Der einzige Lichtquell war das flackernde Leuchten des Fernsehers, auf dem ein alter Abenteuerfilm lief – ein Klassiker, den Yugi ausgesucht hatte.
Atem und Yuki saßen auf dem Sofa, während Yugi und Tea es sich auf den großen Sitzkissen auf dem Boden gemütlich gemacht hatten. Der Raum war erfüllt vom leisen Knistern einer Schale Popcorn und dem fernen Rauschen des Regens, der gegen die Fensterscheiben trommelte.
Yuki beobachtete das Geschehen auf dem Bildschirm nur halbherzig. Ihr Blick wanderte immer wieder seitlich zu Boden, zu dem Paar vor ihnen. Seit ihrem kleinen „Geständnis“ am Esstisch wirkte die Luft zwischen Yugi und Tea verändert – befreiter, als wäre eine unsichtbare Barriere gefallen.
Als der Film seinen emotionalen Höhepunkt erreichte und die Musik anschwoll, sah Yuki aus dem Augenwinkel, wie Tea sich ganz langsam und instinktiv zur Seite neigte. Ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, schmiegte sie ihren Kopf an Yugis Schulter. Yugi zögerte keine Sekunde; er legte seinen Arm um sie und zog sie ein Stück näher an sich heran, wobei er seinen Kopf ganz leicht gegen ihren lehnte.
Es war eine Geste von so tiefer, stiller Vertrautheit, dass Yuki schlucken musste. In diesem Moment wirkten die beiden nicht wie zwei junge Leute, die gerade erst ihre Liebe entdeckt hatten, sondern wie zwei Seelen, die nach einer unendlich langen Reise endlich im sicheren Hafen angekommen waren.
Ein warmes, fast schmerzhaftes Gefühl breitete sich in Yukis Brust aus. Sie fühlte sich wie eine Voyeurin eines Glücks, das so rein war, dass es fast heilig wirkte. Unbewusst rückte sie auf dem Sofa ein Stück näher an Atem heran.
Atem hatte die Bewegung von Yugi und Tea ebenfalls bemerkt. Er saß völlig ruhig da, doch seine Aura war nachdenklich. Er spürte Yukis Nähe, die Wärme, die von ihr ausging, und den Duft der Lotusblüte, der in der halbdunklen Stube noch intensiver zu sein schien. Er fragte sich, ob er in seinem früheren Leben jemals einen solchen Moment des Friedens gekannt hatte – ohne die Last einer Krone, ohne die Verantwortung für ein ganzes Volk.
Vorsichtig, fast so als fürchtete er, den Zauber des Augenblicks zu brechen, legte Atem seine Hand auf die Polsterung des Sofas, direkt neben Yukis Hand.
Yuki spürte die Annäherung. Ihr kleiner Finger streifte ganz leicht seinen Handrücken. Anstatt zurückzuweichen, hob sie ihre Hand und ließ ihre Finger in seine gleiten. Es war keine große Geste, kein dramatisches Geständnis, aber in der Stille des Raumes fühlte es sich an wie ein Erdbeben.
Atem schloss für einen Moment die Augen. Die Berührung ihrer Haut löste ein Echo in ihm aus, das tiefer ging als jede Vision zuvor. Es war kein Bild von Gold oder Sand, sondern das reine Gefühl von Zugehörigkeit.
Yuki lehnte ihren Kopf vorsichtig gegen seine starke Schulter, genau so, wie sie es eben bei Tea beobachtet hatte. Sie spürte den weichen Stoff seines Pullovers und das gleichmäßige Pochen seines Herzens.
„Ist das das Leben, von dem du mir erzählt hast, Yami?“, flüsterte sie so leise, dass nur er es hören konnte. „Diese kleinen Momente, in denen die Welt draußen einfach aufhört zu existieren?“
Atem neigte seinen Kopf zu ihr, seine Lippen nur Zentimeter von ihrem Haar entfernt. „Ich fange erst an zu begreifen, dass genau diese Momente das Einzige sind, was wirklich zählt, Yuki.“
Draußen tobte der Regen, doch im kleinen Wohnzimmer über dem Game Shop schien die Zeit für einen Moment stillzustehen. Während Yugi und Tea in ihre eigene Welt versunken waren, fanden auch Atem und Yuki in der Dunkelheit zueinander – zwei Fragmente einer Geschichte, die gerade erst begann, neu geschrieben zu werden.
Das Wochenende war vorüber, doch die Atmosphäre des gemeinsamen Filmabends hing noch wie ein goldener Schleier über den Gängen der Universität. Für Yuki hatte sich die Welt in den letzten Tagen verschoben. Alles wirkte farbintensiver, das Licht der tiefstehenden Herbstsonne, das durch die hohen Glasfronten der Fakultät fiel, schien nur für sie und Atem zu leuchten.
Sie trafen sich am Montagmorgen vor dem großen Uhrturm, dem inoffiziellen Herzstück des Campus. Als Yuki ihn von Weitem entdeckte – seine markante Silhouette gegen den kühlen, stahlblauen Himmel, den Kragen seiner dunklen Jacke leicht hochgeschlagen –, spürte sie dieses vertraute, fast beängstigende Flattern in ihrem Unterleib. Es war, als hätte sie einen Schwarm Schmetterlinge verschluckt, die nun wild gegen ihre Rippen schlugen.
Jedes Mal, wenn ihr Blick seinen traf, fühlte sie diesen elektrisierenden Schlag. Ihr Herz raste in einem Rhythmus, den kein Mediziner der Welt als „normal“ eingestuft hätte.
„Guten Morgen, Yuki“, sagte er, als sie vor ihm zum Stehen kam. Seine Stimme war tief und sanft, getragen von einer Resonanz, die tief in ihre Knochen drang.
„Morgen, Yami“, antwortete sie, und zu ihrem Entsetzen klang ihre Stimme eine Oktave höher als sonst. Sie versuchte, seinem Blick standzuhalten, doch die Intensität seiner violetten Augen – dieses tiefe, wissende Leuchten – war einfach zu viel.
In dem Moment, als er sie anlächelte, spürte Yuki, wie die Hitze unaufhaltsam in ihre Wangen schoss. Es war kein sanftes Rosa; es war ein tiefes, verräterisches Scharlachrot, das sich von ihrem Hals bis zu ihren Ohren ausbreitete. Sie fluchte innerlich über ihre helle Alabasterhaut, die jedes Gefühl wie eine Leuchtreklame nach außen trug. Das taffe Mädchen, war aufeinmal ganz leise...
Atem bemerkte es sofort. Ein amüsiertes Blitzen trat in seine Augen, und ein kurzes, fast lautloses Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Es war keine auslachende Geste, sondern eine voller Zärtlichkeit, doch für Yuki war es der Gnadenstoß für ihre Fassung.
„Ist dir warm, Yuki?“, fragte er mit einer Unschuld in der Stimme, die so offensichtlich gespielt war, dass es fast schon eine Provokation darstellte. Er trat einen Schritt näher, was den Raum zwischen ihnen auf ein gefährliches Minimum reduzierte. „Dein Gesicht ist ganz rot. Geht es dir nicht gut? Hast du wieder einen Rückfall deiner Erkältung?“
Er stellte sich absichtlich dumm, legte den Kopf leicht schief und musterte sie mit einer Neugier, die Yuki komplett aus dem Konzept brachte. Sie wusste, dass er genau wusste, was er mit ihr anstellte. Die arrogante Sicherheit des Pharaos blitzte hinter der Maske des besorgten Studenten hervor.
„Das ist unfair!“, stieß sie hervor und stupste ihn mit dem Zeigefinger gegen seine feste Brust, was jedoch nur dazu führte, dass sie die Wärme seines Körpers noch deutlicher spürte. „Hör auf damit, Yami Muto. Du weißt ganz genau, dass du der Grund bist.“
Atem lachte nun leise auf, ein dunkles, wohliges Geräusch, das Yuki eine heftige Gänsehaut über die Arme jagte. Sie zitterte ganz leicht, unfähig, diese körperliche Reaktion zu unterdrücken. „Ich? Was habe ich denn getan? Ich stehe nur hier und begrüße meine... Begleiterin.“
Er senkte seine Stimme, bis sie nur noch ein Raunen war, das direkt an ihrem Ohr vibrierte. „Vielleicht ist es ja der Duft, der mich so unvorsichtig macht. Oder vielleicht ist es die Tatsache, dass ich heute Nacht von nichts anderem geträumt habe als von dem Moment, in dem du deinen Kopf an meine Schulter gelehnt hast.“
Yuki schloss für eine Sekunde die Augen. Die Kombination aus seinem Duft, der Kühle der Morgenluft und der Hitze seiner Worte war berauschend. Sie fühlte sich, als würde sie auf einem schmalen Grat zwischen zwei Welten balancieren. Ihr Herz hämmerte so laut gegen ihren Brustkorb, dass sie sicher war, er müsse es hören können.
„Du bist ein Tyrann“, murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen, während sie spürte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken aufstellten. Seine Nähe war wie ein Magnetfeld, dem sie sich nicht entziehen konnte – und auch gar nicht wollte.
„Vielleicht“, gab er zurück, und sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Wange. „Aber ein Tyrann, der ohne dein Lächeln keinen einzigen seiner Tage sinnvoll verbringen könnte.“
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie ihn direkt an. Die Neckerei war aus seinem Gesicht verschwunden und durch eine Ernsthaftigkeit ersetzt worden, die so tief war, dass ihr für einen Moment der Atem stockte. In seinen Augen lag ein Versprechen, eine uralte Verbundenheit, die keine Worte brauchte.
Yuki atmete tief durch, um ihr rasendes Herz wenigstens ein bisschen zu beruhigen. Sie griff nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen, so wie sie es im Dunkeln auf dem Sofa getan hatten. „Komm schon, du unmöglicher Mann. Wir kommen zu spät zur Vorlesung. Und wenn du mich weiter so ansiehst, vergesse ich wahrscheinlich sogar meinen eigenen Namen.“
Atem drückte ihre Hand fest und ließ sich von ihr mitziehen, während er im Stillen den Sieg über ihre Beherrschung genoss. Er wusste, dass dieses Spiel aus Nähe und Distanz, aus Erröten und Schmunzeln, erst der Anfang war. Doch eines war sicher: Die Schmetterlinge in Yukis Bauch hatten ihren Gegenpart in der Ruhe gefunden, die Atem nur in ihrer Gegenwart empfand.
Gemeinsam schritten sie über den Campus, zwei Seelen, die sich im Hier und Jetzt gefunden hatten, während die Schatten der Vergangenheit für einen kurzen, kostbaren Moment im hellen Licht ihrer Zuneigung verblassten.
Das Auditorium der Geschichtsfakultät war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Professor Yoshimori vorne am Pult bereitete seine Folien vor, doch die wahre Sensation spielte sich in der vorletzten Reihe ab.
Atem und Yuki saßen nebeneinander. Während der Professor über die sozialen Strukturen des Mittleren Reiches referierte, passierte etwas, das für jeden Beobachter im Raum offensichtlicher war als die Hieroglyphen an der Wand: Der unnahbare Atem hatte sich verwandelt.
Früher war seine Haltung die eines einsamen Denkmals gewesen – aufrecht, distanziert, die Augen oft in eine unbestimmte, schmerzliche Ferne gerichtet. Doch heute wirkte er lebendig. Seine Schultern waren entspannter, und immer wieder neigte er den Kopf zu Yuki, um ihr etwas zuzuflüstern oder eine ihrer Anmerkungen mit einem Lächeln zu quittieren, das so warm war, dass es das kühle Neonlicht des Saals zu überstrahlen schien. Er bemerkte gar nicht, wie oft seine Hand ganz „zufällig“ die ihre auf dem Tisch berührte oder wie sein Blick an ihr hängen blieb, selbst wenn er vorgab, dem Professor zuzuhören.
Hinter ihnen saßen Yukis Freundinnen – die mit dem kurzen braunen Haar, die Sportliche und die Schüchterne mit der Brille. Sie starrten die beiden seit Beginn der Vorlesung mit weit aufgerissenen Augen an, unfähig, dem eigentlichen Unterricht zu folgen.
„Habt ihr das gesehen?“, flüsterte die Braunhaarige und fuchtelte nervös mit ihrem Kugelschreiber. „Er hat ihr gerade den Stift aufgehoben und ihr dabei... ich schwöre es... über die Finger gestrichen!“
„Und er lächelt“, hauchte die Zweite fassungslos. „Der Typ, der normalerweise aussieht, als würde er über das Ende der Welt nachdenken, sieht jetzt aus, als hätte er im Lotto gewonnen. Nur dass sein Hauptgewinn blonde Haare hat.“
Gleichzeitig waren die giftigen Blicke von Mai und ihrer Clique, die ein paar Reihen weiter vorne saßen, fast physisch spürbar. Mai starrte so verbissen auf ihr leeres Notizblatt, dass sie beinahe das Papier durchlöcherte. Jedes Mal, wenn Yuki leise lachte und Atem daraufhin noch näher an sie heranrückte, ging ein hörbares Zischeln durch die Reihen der neidischen Studentinnen.
Als die Vorlesung schließlich endete und das Auditorium in das typische Geräusch von zuklappenden Laptops und raschelnden Taschen versank, packte Atem seine Sachen mit einer fast königlichen Gelassenheit zusammen.
„Ich treffe mich kurz mit Yugi am Ausgang“, sagte er zu Yuki und schenkte ihr einen Blick, der so intensiv war, dass Yuki wieder dieses Flattern im Bauch spürte. „Warte hier auf mich.“
„Klar“, antwortete sie lächelnd.
Kaum war Atem außer Hörweite und hatte den Saal verlassen, stürzten die drei Freundinnen wie ein eingespieltes Sondereinsatzkommando auf Yuki zu. Sie kesselten sie förmlich an ihrem Platz ein.
„YUKI MINATO!“, schrie die Braunhaarige fast, wobei sie gerade noch rechtzeitig ihre Stimme dämpfte, um nicht die Aufmerksamkeit des Professors zu erregen. „Raus mit der Sprache! Jetzt sofort!“
Yuki blinzelte überrascht. „Was? Was ist denn los?“
„Was los ist?!“, flüsterte die Sportliche und fuchtelte wild mit den Händen. „Du sitzt da zwei Stunden lang neben dem begehrtesten Mann des gesamten Campus, und er führt sich auf wie ein verliebter Teenager! Hast du gesehen, wie er dich ansieht? Yuki, das ist kein ‚wir lernen nur zusammen‘-Blick mehr. Das ist ein ‚ich würde für dich eine Pyramide bauen‘-Blick!“
„Wir sind alle fast gestorben vor Neid!“, fügte die Schüchterne hinzu, deren Brille vor Aufregung fast beschlug. „Sogar Mai ist grün im Gesicht. Erzähl uns alles! Habt ihr euch geküsst? Hat er dir seine ewige Treue geschworen? Warum ist er plötzlich so... so menschlich?!“
Yuki spürte, wie die Röte wieder in ihr Gesicht stieg. Sie versuchte, ihre Sachen zu ordnen, doch ihre Hände zitterten ein wenig vor unterdrückter Freude. „Leute, ganz ruhig... es ist einfach... wir verstehen uns gut.“
„GUT VERSTEHEN?!“, die Braunhaarige flippte förmlich aus vor Begeisterung und schlug sich die Hände auf die Wangen. „Yuki, der Typ ist der Inbegriff von Melancholie und Coolness, und bei dir schmilzt er dahin wie Eis in der Wüste! Er weicht dir keinen Zentimeter von der Seite. Du hast den unnahbaren Prinzen gezähmt!“
Yuki lachte verlegen und schüttelte den Kopf, wobei ihre langen Haare schwangen. „Er ist nicht gezähmt. Er ist einfach nur... Yami. Und ja, er ist wunderbar.“
Die Freundinnen quietschten leise auf und begannen, Yuki mit Fragen zu bombardieren, während diese versuchte, sich ihren Weg zum Ausgang zu bahnen. Doch tief im Inneren genoss Yuki jede Sekunde. Sie wusste, dass sie etwas Besonderes hatten – etwas, das weit über das Getuschel im Hörsaal hinausging.
Als sie schließlich durch die Tür trat und Atem sah, der dort an der Wand lehnte und auf sie wartete, während die Herbstsonne sein Profil scharf zeichnete, wusste sie: Ihre Freundinnen hatten recht. Er sah sie an, als wäre sie das einzige Licht in seiner langen, dunklen Geschichte.
Der späte Nachmittag tauchte den Campus nun in ein weiches, honigfarbenes Licht. Die meisten Studenten waren bereits auf dem Weg nach Hause oder in die Wohnheime, und so fanden Atem und Yuki eine einsame Bank am Rande des kleinen Sees, der zum Unigelände gehörte. Das Wasser war spiegelglatt und warf das warme Leuchten der untergehenden Sonne zurück.
Sie saßen nah beieinander, die Schultern berührten sich fast. Eine angenehme Stille lag zwischen ihnen, nur unterbrochen vom fernen Rauschen der Stadt und dem Rascheln der letzten Herbstblätter, die über den Asphalt tanzten.
Yuki fühlte sich, als stünde sie unter Strom. Das Gespräch mit ihren Freundinnen hallte noch in ihrem Kopf nach, doch viel lauter war das Pochen ihres eigenen Blutes. Sie versuchte, den Enten auf dem See zuzusehen, doch ihr Blick wurde wie von einem Magneten immer wieder zu dem Mann neben ihr gezogen.
Sie beobachtete sein Profil, die scharfe Linie seines Kiefers und die Art, wie das Sonnenlicht in seinen violetten Augen funkelte. Doch dann blieb ihr Blick hängen. An seinen Lippen.
Sie waren schmal, aber wohlgeformt, und hatten eine Festigkeit, die gleichzeitig eine ungeahnte Sanftheit versprach. Yuki fragte sich unwillkürlich, wie sie sich wohl anfühlen würden. Wären sie kühl wie der Wind oder warm wie die Sonne auf ihrer Haut? Würden sie so autoritär schmecken, wie seine Stimme klang, oder so süß wie das Geheimnis ihrer gemeinsamen Vergangenheit?
Sie schluckte trocken und zwang sich, wegzusehen, nur um eine Sekunde später wieder dorthin zu starren. Es war wie ein Zwang. Jedes Mal, wenn er sprach, beobachtete sie die Bewegung seines Mundes, fast so, als würde sie die Worte nicht hören, sondern direkt von seinen Lippen ablesen wollen.
Atem bemerkte ihre Unruhe. Er spürte, wie ihr Blick auf ihm brannte, und er war sich der Richtung dieses Blickes nur zu gut bewusst. Er genoss die Spannung, die zwischen ihnen knisterte – dieses feine, unsichtbare Seil, das sich mit jedem Moment, den sie schwiegen, enger zog.
„Hast du Hunger, Yuki?“, fragte er leise, doch seine Stimme hatte diesen rauen Unterton, der ihr sofort wieder eine Gänsehaut bescherte.
Yuki schreckte aus ihren Gedanken auf. „W-was? Nein... ich meine, nicht wirklich.“
Sie sah ihn an, und in diesem Moment war sie so nah, dass sie die feinen Fältchen an seinen Augenwinkeln sehen konnte. Ihr Blick rutschte wieder nach unten, fixierte seinen Mund. Sie merkte, wie sie den Atem anhielt.
Atem neigte seinen Kopf ein Stück zu ihr. Sein Lächeln war nun nicht mehr spöttisch, sondern von einer entwaffnenden Ernsthaftigkeit. „Du bist heute sehr still. Und du siehst mich an, als hättest du eine Frage, die du dich nicht traust zu stellen.“
Er machte eine kleine Pause, und seine Stimme sank zu einem tiefen Flüstern herab. „Oder suchst du nach etwas Bestimmtem?“
Yuki spürte, wie die Welt um sie herum verschwamm. Da war nur noch er. Sein Duft, seine Wärme und diese Lippen, die nun nur noch eine Handbreit von ihren eigenen entfernt waren. Sie fühlte die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die nun zu einem wahren Sturm anschwollen.
„Ich...“, begann sie, doch ihre Stimme versagte. Sie leckte sich unbewusst über die Lippen, eine nervöse Geste, die Atems Augen für einen Moment dunkler werden ließ.
„Es ist unfair, Yami“, flüsterte sie schließlich, ihre Stimme kaum hörbar. „Wie du mich ansiehst. Wie du da sitzt. Es macht es mir unmöglich, klar zu denken.“
Atem hob seine Hand. Ganz langsam, als wollte er ihr jede Chance zur Flucht lassen, legte er seine Fingerspitzen an ihr Kinn und hob ihr Gesicht ein Stück an. Seine Berührung war federleicht, aber sie brannte wie Feuer auf ihrer Haut.
„Dann hör auf zu denken, Yuki“, raunte er. „Lass das Gestern und das Morgen für einen Moment los. Hier gibt es nur uns.“
Sein Daumen strich ganz sanft über ihre Unterlippe, und Yuki zitterte unter der Berührung. Ihr Herz raste so heftig, dass sie glaubte, es müsse jeden Moment aussetzen. Sie schloss die Augen, unfähig, die Intensität seines Blickes noch länger zu ertragen, und wartete auf den Moment, in dem die Distanz zwischen ihnen endgültig schwinden würde.
Schmerz der Erinnerung
Atem spürte das Pochen seines eigenen Blutes in seinen Schläfen, ein Rhythmus, der so alt war wie die Zeit selbst. Er sah sie an, sah das Zittern ihrer Lider und die Art, wie ihr Blick immer wieder zu seinem Mund glitt.
~Wartet sie auf einen Kuss? ~
Die Frage brannte in seinem Verstand wie eine heilige Flamme. Sein Verlangen nach ihr war kein flüchtiger Impuls, keine einfache Verliebtheit, wie er sie bei den Studenten auf dem Campus beobachtete. Was er für Yuki empfand, war schwerer, tiefer – es war eine aufrichtige, gewaltige Liebe, die wie ein Echo durch drei Jahrtausende hallte. Er kannte ihren Duft, er kannte das Licht in ihren Augen, und doch fehlte ihm das letzte Puzzleteil ihrer gemeinsamen Geschichte.
Würde er die Antwort finden, wenn er sie küsste? Würde die Berührung die Mauern seines Vergessens endgültig einreißen?
Er zögerte. Der Pharao in ihm, der gewohnt war, jede Konsequenz abzuwägen, dachte einen Herzschlag zu lange nach.
Yuki öffnete die Augen. Das weiche Leuchten, das eben noch darin gelegen hatte, wich einem Ausdruck von jäher Ernüchterung. Ein stechender Schmerz aus Enttäuschung und purer, brennender Peinlichkeit schoss durch ihre Züge. Sie glaubte, sie hätte sich getäuscht. Sie glaubte, sie hätte mehr in seine Nähe hineingelesen, als da war.
„Ich... ich sollte gehen“, stammelte sie, ihre Stimme brüchig. Sie riss sich los und stand so hastig auf, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße stolperte. Sie wollte nur noch weg, flüchten vor der drückenden Stille und dem Gefühl, sich vor ihm bloßgestellt zu haben.
„Yuki, warte!“
Atem reagierte schneller als sein Verstand. Mit der Präzision eines Kriegers schnellte er hoch. Seine Hand schloss sich fest, aber sicher um ihr Handgelenk. Er spürte ihre Haut, die so heiß war wie seine eigene. Mit einem festen Ruck zog er sie zu sich zurück.
Yuki drehte sich um, die Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben, ihre Lippen waren leicht geöffnet, um zu protestieren – doch das Wort starb in ihrer Kehle.
Atem ließ ihr keine Zeit mehr zum Denken. Er überbrückte die letzte Distanz, legte seine Hand fest in ihren Nacken und zog sie in einen tiefen, leidenschaftlichen Kuss.
Es war, als würde eine Welt explodieren. In dem Moment, als ihre Lippen sich trafen, verstummte das Rauschen der Stadt, das Fließen des Wassers, ja sogar der Wind schien inne zu halten. Der Kuss schmeckte nach Sehnsucht, nach Jahrtausenden des Wartens und nach einer Wahrheit, die so hell war, dass sie alles andere überstrahlte.
Atem spürte, wie Yuki unter der Intensität des Kusses erstarrte, nur um sich im nächsten Augenblick mit einem leisen Seufzen gegen ihn zu lehnen. Ihre Hände krallten sich in den Stoff seiner Jacke, während sie den Kuss mit einer Intensität erwiderte, die ihm fast den Verstand raubte. Es war kein sanftes Tasten; es war die Vereinigung zweier Seelen, die sich im Ozean der Zeit endlich wiedergefunden hatten.
Das Echo des Kusses hallte nicht nur in ihren Herzen, sondern durchbrach mit der Wucht eines einstürzenden Dammes die letzten Mauern in Atems Verstand. In dem Moment, als ihre Lippen aufeinandertrafen, explodierte die Dunkelheit in seinem Kopf in einem gleißenden, goldenen Licht.
Bilder rasten an ihm vorbei, schneller als das Licht: Der Geruch von brennendem Myrrhe-Harz, das ferne Rauschen des Nils bei Nacht und das Klirren von Gold. Und mittendrin – sie. Er sah sie in weißem, feinem Leinen, die rubinroten Augen voller Tränen, während er selbst eine Entscheidung traf, die sie beide für Jahrtausende entzweien sollte. Er sah Tränen auf dem Wüstensand, hörte einen verzweifelten Schrei, der seinen Namen rief, und plötzlich war da ein Name, der sich wie ein Brandmal in seine Seele grub.
Er wusste es wieder. Er wusste, wer sie war. Er wusste, was er ihr angetan hatte und warum Anubis von einem „Garten im tiefsten Frost“ gesprochen hatte.
Der Kuss endete, doch die Welt, in die Atem zurückkehrte, war nicht mehr dieselbe. Er löste sich von Yuki, und für einen Wimpernschlag zitterten seine Hände an ihren Schultern. Eine Welle aus so tiefer, erstickender Traurigkeit und Reue schlug über ihm zusammen, dass er am liebsten auf die Knie gesunken wäre. Sein Herz fühlte sich an, als würde es unter der Last der wiedergewonnenen Wahrheit zerbrechen.
Doch er war ein Pharao. Er hatte gelernt, Schmerz zu verbergen, während sein Reich brannte.
Yuki blinzelte, ihre Lippen waren noch leicht geschwollen von der Leidenschaft des Kusses, und in ihren roten Augen spiegelte sich eine verwirrte, glückliche Benommenheit wider. Sie bemerkte nicht, wie Atems Blick für eine Sekunde ins Leere starrte, als hätte er gerade den Abgrund der Unterwelt gesehen.
Atem zwang seine Gesichtsmuskeln zur Ruhe. Er schluckte den bitteren Geschmack der Vergangenheit hinunter und setzte eine Maske aus ruhiger Beherrschung auf, die so perfekt war, dass selbst seine engsten Freunde sie nicht hätten durchschauen können. Nur das leichte Beben in seiner Stimme, das er mühsam kontrollierte, hätte ihn verraten können.
„Yuki“, sagte er, und seine Stimme klang beängstigend gefasst. Er trat einen kleinen Schritt zurück, was die plötzliche Kälte zwischen ihnen fast schmerzhaft spürbar machte. „Verzeih mir. Das war... unerwartet.“
Yuki sah ihn überrascht an. Das Strahlen in ihrem Gesicht wich einer leichten Verunsicherung. „Yami? Ist alles okay? Du siehst plötzlich so... bleich aus.“
„Es ist nichts“, log er, und jedes Wort fühlte sich an wie ein Verrat an dem, was sie gerade geteilt hatten. Er zwang sich zu einem schwachen Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte. „Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich etwas Wichtiges erledigen muss. Ich habe ein Buch in meinem Spind an der Universität vergessen, das ich heute Abend für eine Recherche von Professor Yoshimori unbedingt brauche.“
Er griff nach ihrer Hand, doch sein Griff war nun fest und funktional, nicht mehr zärtlich. „Es ist besser, wenn wir jetzt zurückgehen. Die Sonne geht unter, und es wird kühl.“
Yuki spürte, dass sich die Atmosphäre innerhalb von Sekunden radikal verändert hatte. Der magische Moment war nicht nur vorbei – er war wie weggewischt von einer sachlichen Dringlichkeit, die sie nicht verstand. Ein Teil von ihr wollte ihn fragen, was er in dem Kuss gesehen hatte, denn sie selbst hatte ein seltsames Ziehen gespürt, ein fernes Echo von Trauer, das ihr die Kehle zugeschnürt hatte. Aber Atems abweisende, perfekte Haltung ließ keine Fragen zu.
„Oh... natürlich“, sagte sie leise und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. „Das Buch. Wir sollten nicht trödeln, wenn es so wichtig ist.“
Sie gingen nebeneinander her, zurück in Richtung der Campus-Gebäude. Atem schritt mit langen, entschlossenen Schritten voran, den Blick starr nach vorn gerichtet. In seinem Inneren schrie alles danach, sie wieder in den Arm zu nehmen und um Verzeihung zu bitten – für damals und für jetzt. Doch er wusste, dass er die Wahrheit erst allein verarbeiten musste. Die Last der Erinnerung war ein Gift, das er ihr noch nicht zumuten konnte.
Während sie durch die Schatten der Universität schritten, hallte in Atems Kopf nur ein einziger Gedanke wider: ~Ich habe dich gefunden. Und Osiris helfe mir, ich weiß jetzt, warum ich dich vergessen musste.~
Atem erreichte die Schließfächer im Untergeschoss der Fakultät, ein Ort, der zu dieser Stunde verlassen und von langen, tanzenden Schatten erfüllt war. Das kalte Metall der Spinde reflektierte das spärliche Licht der Notbeleuchtung.
„Warte hier einen Moment, Yuki“, sagte er, seine Stimme so kontrolliert, dass sie fast mechanisch klang. Er sah sie nicht an, als er die Kombination seines Schlosses drehte.
Sobald er die schwere Metalltür aufschwenkte und sich so positionierte, dass sie sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, brach die Maske. Atem presste die Stirn gegen das kühle Metall im Inneren des Spinds. Er schloss die Augen, und die Flutwelle der Erinnerung, die er eben noch mühsam eingedämmt hatte, riss ihn mit einer unerbittlichen Gewalt in die Tiefe.
Arelia.
Der Name hallte in seinem Geist wider wie der Schlag eines Gongs. Er sah sie vor sich, nicht als Studentin Yuki, sondern als Arelia – das Mädchen, das dazu bestimmt gewesen war, als Königin an seiner Seite über das Doppelreich zu herrschen. Er erinnerte sich an die Nächte auf den Balkonen des Palastes, das ferne Singen der Sklaven und das Versprechen, das sie einander gegeben hatten. Eine Liebe, die stärker war als der Tod.
Doch dann kam die Finsternis. Zorc, die Schatten, das drohende Ende der Welt.
Er sah sich selbst, wie er vor ihr stand, das Millenniumspuzzle bereits in seinen Händen. Er wusste, dass er sein Leben und seine Seele opfern musste, um das Böse zu versiegeln. Er wusste, dass er für alle Ewigkeit in das goldene Gefängnis des Puzzles wandern würde.
Er erinnerte sich an ihr Gesicht, verzerrt vor unvorstellbarem Leid, als sie begriff, dass er sie verlassen würde. Er erinnerte sich an ihre Hände, die sich flehend in sein Gewand krallten. Sie hätte den Schmerz seines Verlustes nicht überlebt; ihr Geist wäre unter der Last der Einsamkeit und der Trauer zerbrochen.
Und so hatte er die grausamste Entscheidung seines Lebens getroffen. Er, der Pharao, hatte das Millenniumssiegel gerufen. Er sah das goldene Licht vor seinem geistigen Auge aufblitzen, als er es direkt auf ihre Stirn richtete. Er hatte ihren Geist belegt, ihre Gedanken in Ketten gelegt.
„Vergiss mich, Arelia“, hatte er geflüstert, während sein eigenes Herz in tausend Stücke zersprang. „Vergiss unsere Liebe. Vergiss, dass ich jemals existiert habe.“
Er hatte nicht nur sie gezwungen zu vergessen. Er hatte das Licht des Siegels auch gegen sich selbst gewandt, um den Schmerz ihrer Trennung in den tiefsten Abgrund seiner Seele zu verbannen, damit er die Kraft fände, das Opfer zu bringen. Er hatte ihre Existenz aus den Weiten Ägyptens, aus den Köpfen von Seto, Mahad und all seinen Untertanen gelöscht. Er hatte sie zu einem Geist gemacht, der niemals existiert haben durfte, nur um sie vor der Qual der Erinnerung zu schützen.
Ein ersticktes Schluchzen entrann seiner Kehle, das er im letzten Moment in ein schweres Atmen verwandelte, damit Yuki draußen nichts bemerkte. Die Reue brannte wie flüssiges Gold in seinen Adern. Er hatte ihr damals die Wahl genommen. Er hatte sie allein gelassen in einer Welt, die sie nicht mehr verstand, mit einem leeren Loch in ihrer Seele, das er selbst hineingerissen hatte.
Und nun war sie hier. Yuki Minato. Arelia. Wiedergeboren in dieser Zeit, noch immer mit dem Duft der blauen Seerose behaftet, den er einst so geliebt hatte.
Atem krallte seine Finger in das Metallregal im Spind, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Er musste sich fangen. Er durfte es ihr nicht sagen – noch nicht. Das Siegel, das er ihr damals auferlegt hatte, war so mächtig, dass ein plötzlicher Schock ihren Verstand gefährden könnte.
Er atmete tief durch, zwang sein Herz, langsamer zu schlagen, und zog ein wahlloses Buch aus dem Fach. Mit einer Kraftanstrengung, die ihn mehr kostete als jeder Kampf gegen die Schatten, setzte er wieder seine Maske auf.
Er schloss den Spind mit einem metallischen Knall, der in der Stille des Ganges unnatürlich laut widerhallte. Als er sich zu ihr umdrehte, war sein Gesicht wieder eine Maske aus Stein, auch wenn seine Augen eine Spur dunkler wirkten als zuvor.
„Ich habe es“, sagte er knapp und hielt das Buch fest umklammert. „Lass uns gehen, Yuki. Es ist spät.“
Yuki stand einige Meter entfernt und beobachtete ihn mit einem Blick, der so voller Sorge und unausgesprochener Fragen war, dass Atem fast erneut eingeknickt wäre. Sie spürte, dass etwas Ungeheuerliches passiert war, aber sie wusste nicht, wie sie ihn erreichen sollte.
Die Luft auf dem Campus war mittlerweile empfindlich kühl geworden. Der Abendhimmel über Domino City hatte sich in ein tiefes, samtenes Violett verwandelt, das nur durch das kalte Weiß der Straßenlaternen durchbrochen wurde. Atem schritt schweigend neben Yuki her, das Buch unter seinem Arm wie einen Schild tragend.
Jeder Schritt fühlte sich für ihn wie ein Gang zum Schafott an. Die Nähe zu ihr, die eben noch pure Glückseligkeit gewesen war, war nun eine Quelle unerträglicher Qual. Er konnte den Duft der Seerose nicht mehr riechen, ohne das Bild der weinenden Arelia im Wüstensand vor sich zu sehen. Er war ihr Mörder gewesen – nicht ihres Körpers, aber ihrer Identität, ihrer Liebe und ihrer Geschichte.
Yuki brach das Schweigen erst, als sie das Haus ihrer Großmutter erreichten, in dem sie lebte. Sie blieb vor dem schmiedeeisernen Tor stehen und sah ihn an. Das Licht einer nahen Laterne fing sich in ihren rubinroten Augen und ließ sie glühen wie die Steine, die er ihr einst in Ägypten geschenkt hatte.
„Yami“, sagte sie leise. Ihr Tonfall war nicht mehr verunsichert, sondern von einer sanften Bestimmtheit. „Ich weiß nicht, was in diesem Moment am See passiert ist. Aber ich spüre, dass du dich gerade von mir entfernst, obwohl du direkt vor mir stehst.“
Atem erstarrte. Er wollte ihr widersprechen, wollte eine weitere Ausrede finden, doch sein Herz rebellierte gegen die Lüge. Er sah sie an und sah durch Yuki hindurch direkt in Arelias Seele. Der Schmerz in seiner Brust war so physisch, dass er kaum atmen konnte.
„Es ist nur die Uni, Yuki“, sagte er, und seine Stimme klang so hohl, dass er sich selbst davor erschreckte. „Ich bin erschöpft. Das ist alles.“
Yuki trat einen Schritt auf ihn zu. Sie hob ihre Hand, als wollte sie seine Wange berühren, doch Atem wich unbewusst ein Stück zurück. Ihre Hand verharrte in der Luft, bevor sie sie langsam sinken ließ. Ein Ausdruck tiefer Traurigkeit huschte über ihr Gesicht.
„Lüg mich nicht an“, flüsterte sie. „Nach diesem Kuss... da war etwas. Ich habe es auch gefühlt. Als hätte ich etwas Wichtiges verloren.“
Atem schluckte schwer. Das Siegel arbeitete gegen ihn, der Kuss schien wohl einen Riss hinterlassen zu haben. Eine Schwachstelle. Die Nähe der beiden Seelen begann, die alten Barrieren zu erschüttern. Wenn er jetzt nachgab, wenn er sie erneut in den Arm nahm, könnte die Wahrheit wie ein unkontrollierter Flächenbrand ausbrechen. Er durfte sie nicht gefährden. Nicht noch einmal.
„Du solltest reingehen, Yuki“, sagte er barsch, um die Weichheit in seinem Inneren zu ersticken. „Es ist spät und du brauchst Schlaf. Wir sehen uns morgen in der Vorlesung.“
Er wartete nicht auf ihre Antwort. Er drehte sich um und ging los, die Schritte hart auf dem Asphalt. Er hörte nicht, wie sie leise seinen Namen rief. Er hörte nur das hämmernde Echo seiner eigenen Schuld.
Als er außer Sichtweite war, blieb er im Schatten einer Gasse stehen und stützte sich gegen eine Wand. Die Beherrschung des Pharaos zerfiel zu Staub. Er presste die Hand auf sein Herz, als könnte er so das Pochen der Vergangenheit unterdrücken.
~Ich habe sie vergessen lassen, damit sie lebt,~ dachte er verzweifelt. ~Und jetzt bin ich es, der an der Erinnerung zugrunde geht.~
Er wusste, dass er diesen Kampf nicht allein führen konnte. Er brauchte Antworten, die nicht in seinen Visionen lagen. Er musste wissen, wie er das Siegel lösen konnte, ohne ihren Verstand zu zerstören. Er blickte zum Nachthimmel hinauf und flüsterte einen Namen, den er seit Jahrtausenden nicht mehr gerufen hatte.
„Osiris... gib mir die Kraft, das Unrecht wiedergutzumachen, das ich im Namen der Liebe begangen habe.“
Eine Stunde später im Hause Muto...
Das Zimmer im Obergeschoss des Game Shops war nur vom fahlen Licht einer kleinen Schreibtischlampe erhellt. Draußen peitschte nun der Regen gegen die Scheiben, doch drinnen herrschte eine Stille, die so schwer war, dass Yugi kaum zu atmen wagte. Er saß auf seinem Bett und beobachtete Atem, der am Fenster stand und in die Dunkelheit starrte. Seine Silhouette wirkte in diesem Moment zerbrechlicher, als Yugi sie je gesehen hatte.
„Yami?“, fragte Yugi leise. „Du hast seit deiner Rückkehr kein Wort gesagt. Was ist passiert?“
Atem drehte sich langsam um. Sein Gesicht war bleich, und in seinen violetten Augen lag ein Schmerz, der so tief ging, dass Yugi unwillkürlich die Luft anhielt.
„Ich weiß es jetzt, Yugi“, begann Atem, und seine Stimme klang rau, fast gealtert. „Ich weiß, wer sie ist. Und ich weiß, warum Anubis mich mit dieser Aufgabe betraut hat.“
Er trat einen Schritt ins Licht der Lampe und begann zu erzählen. Er berichtete von Arelia, von der Liebe, die ihr junges Leben im alten Ägypten bestimmt hatte, und von der grausamen Nacht, in der er ihr mit dem Millenniumssiegel den Verstand geraubt hatte. Er erzählte von der Sünde, die er begangen hatte – das Verändern einer fremden Seele, ein Eingriff in das göttliche Gefüge, den selbst ein Pharao nicht hätte vornehmen dürfen.
„Mir wurde klar, Yugi... selbst wenn ich durch das Tor ins Jenseits geschritten wäre, nachdem du mich im rituellen Duell besiegt hättest... ich wäre niemals zur Ruhe gekommen. Die Waage des Osiris hätte mein Herz schwerer als die Feder der Maat gewogen. Nicht wegen meiner Taten als Herrscher, sondern wegen dieser einen Last, die ich tief in mir vergraben hatte. Ich hatte die Existenz einer Frau ausgelöscht, nur um meinen eigenen Schmerz zu lindern und sie vor der Trauer zu bewahren.“
Yugi starrte ihn fassungslos an. „Du hast ihr Gedächtnis versiegelt... aus Liebe?“
„Ja“, flüsterte Atem und presste die Faust gegen seine Brust. „Ich dachte, ich schütze sie. Doch Anubis hat mir die Augen geöffnet. Das Versiegeln einer fremden Erinnerung ist eine Sünde gegen die Götter. Es ist ein Garten im tiefsten Frost – eine Seele, die nicht blühen kann, weil ein Teil von ihr im Eis gefangen ist. Er hat mich zurückgeschickt, damit ich die Waagschalen wieder ins Gleichgewicht bringe. Ich muss das Unrecht wiedergutmachen.“
Atem begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, seine Schritte hallten dumpf auf dem Holzboden. „Aber wie soll ich das tun, Yugi? Wenn ich das Siegel breche, wenn ich Yuki Minato sage, dass sie Arelia ist... dann zerstöre ich ihr gesamtes Leben in dieser Zeit. Sie hat eine Familie, eine Identität, eine Zukunft als Studentin. Wenn die Erinnerungen an dreitausend Jahre Leid, an meinen Tod und unsere gemeinsame Zeit über sie hereinbrechen, könnte ihr Verstand zerbrechen. Ich habe ihr damals die Wahl genommen, und wenn ich das Siegel jetzt löse, nehme ich ihr vielleicht ihren Frieden.“
Yugi stand auf und legte seinem anderen Ich eine Hand auf die Schulter. „Aber Yami... sie spürt es doch bereits. Du hast gesagt, sie hat diesen Schatten gefühlt. Du kannst keine ganze Seele für immer unter Verschluss halten. Irgendwann wird die Wahrheit von selbst nach draußen drängen, und dann ist es vielleicht zu spät.“
Atem blieb stehen und sah Yugi verzweifelt an. „Ich habe solche Angst, ihr wieder wehzutun. Ich liebe sie, Yugi. Es ist keine Verliebtheit, es ist diese uralte, alles verzehrende Liebe. Aber genau diese Liebe ist es, die mich zögern lässt. Ist es egoistisch von mir, ihr die Wahrheit zurückzugeben, nur damit mein Herz auf der Waage leichter wird? Oder ist es meine Pflicht, ihr ihre wahre Identität zurückzugeben, egal wie hoch der Preis ist?“
Er sank auf den Stuhl an Yugis Schreibtisch und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich stehe vor der Wahl zwischen zwei Sünden: Schweigen und sie in einer Lüge leben lassen – oder sprechen und riskieren, sie zu zerbrechen.“
Yugi schwieg einen Moment, während der Regen draußen immer stärker wurde. Er verstand nun die Schwere der Aufgabe. Es ging nicht nur darum, eine Frau zu finden. Es ging darum, eine verlorene Seele zu heilen, die er selbst verwundet hatte.
Atem hob den Kopf aus seinen Händen und blickte in die Ferne, als würde er durch die Wände des Zimmers direkt in den brennenden Horizont der Vergangenheit schauen. Ein wehmütiges Lächeln, das fast schmerzhaft wirkte, stahl sich auf seine Lippen.
„Sie war keine Ägypterin, Yugi“, begann er leise, und seine Stimme nahm den erzählenden Tonfall eines Chronisten an. „Arelia war eine Prinzessin aus dem Norden, aus einem Land jenseits der großen Handelsrouten. Mein Vater, Pharao Aknamkanon, stand tief in der Schuld ihres Vaters. Es war ein Gefallen aus den frühen Jahren seiner Herrschaft, ein Beistand im Krieg, den er niemals ganz vergelten konnte. Die Vermählung war der Schlussstein eines Vertrages, der den Frieden zwischen unseren Völkern für Generationen sichern sollte.“
Yugi hörte gebannt zu, während Atem sich wieder zum Fenster wandte, wo die Regentropfen wie Tränen an der Scheibe herabliefen.
„Wir waren noch Kinder“, fuhr Atem fort. „Sie war erst Vierzehn, als ihre Karawane die Tore von Theben erreichte. Ich war Fünfzehn, gerade erst zum Kronprinzen ernannt und voller Hochmut. Ich wollte keine politische Braut, die ich mir nicht selbst ausgesucht hatte. Und sie... sie war noch viel schlimmer.“
Ein kurzes, echtes Lachen entwich Atems Kehle bei der Erinnerung. „Sie hasste die Hitze Ägyptens, sie hasste den Staub und sie hasste die Tatsache, dass sie ihr grünes Heimatland für einen ‚König des Sandes‘ verlassen musste, wie sie mich bei unserer ersten Begegnung nannte. Sie war eigensinnig, stolz und hatte ein Mundwerk, das selbst die Hohepriester zum Schweigen brachte.“
„Das klingt irgendwie nach Yuki“, warf Yugi schmunzelnd ein.
Atem nickte langsam. „Ja. Dieser Funke... er war schon damals da. Wir haben uns die ersten Monate nur gestritten. Ich erinnere mich an einen Abend in den Palastgärten, an dem sie mir einen Becher Traubensaft über das Gewand schüttete, nur weil ich behauptet hatte, ihre blonden Haare sähen aus wie vertrocknetes Getreide. Wir sträubten uns mit jeder Faser gegen die Entscheidung unserer Väter. Wir schworen uns, einander niemals zu lieben, nur um den Verträgen zu trotzen.“
Seine Miene wurde wieder ernst, die Wärme in seiner Stimme wich einer tiefen Melancholie. „Aber der Palast war groß und einsam. In den Nächten, wenn die Last der Verantwortung uns beide zu erdrücken drohte, begannen wir zu reden. Wir merkten, dass wir beide Gefangene desselben Schicksals waren. Aus dem Trotz wurde Respekt, aus dem Respekt wurde Freundschaft... und schließlich eine Liebe, die so absolut war, dass sie die Götter selbst erzittern ließ. Als ich schließlich zum Pharao gekrönt wurde, war sie nicht mehr nur eine politische Notwendigkeit. Sie war mein Herz. Meine Sonne.“
Er presste die Stirn gegen die kühle Scheibe. „Und genau das ist es, was mich jetzt so quält, Yugi. Ich habe sie damals aus ihrem Land geholt, ihr eine neue Heimat gegeben, nur um sie am Ende in eine bodenlose Dunkelheit zu stoßen. Ich habe sie zweimal ihrer Identität beraubt: Einmal für mein Land, und einmal für mein Gewissen.“
Yugi trat näher und legte seine Hand auf das kühle Glas neben Atems Hand. „Aber Yami, wenn ihr euch damals gegen alle Widerstände gefunden habt... glaubst du nicht, dass diese Liebe stark genug ist, um auch die Wahrheit dieser Welt zu ertragen? Vielleicht ist Yuki Minato genau deshalb hier – nicht nur, damit du deine Sünde büßen kannst, sondern damit ihr endlich das Ende schreiben könnt, das euch damals verwehrt blieb.“
Atem schwieg lange. „Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus, Yugi. Aber das Millenniumssiegel ist kein Spielzeug. Es ist eine starke Fessel. Und ich weiß nicht, ob ich derjenige sein darf, der sie löst.“
Das Siegel bricht
Yuki fühlte sich schwer. Sie brauchte unbedingt Jemanden zum Reden. Jemanden, der Yami gut kannte. Also traf sie sich mit Tea um ihre Gedanken in Worte und Gefühle fassen zu können.
Das kleine Café unweit des Campus war an diesem Vormittag fast leer. Draußen peitschte der Regen gegen die großen Fensterscheiben und hüllte die Welt in ein trübes Grau, was die warme, gemütliche Atmosphäre im Inneren nur noch verstärkte. Tea saß an einem kleinen runden Tisch und beobachtete besorgt, wie Yuki gedankenverloren mit ihrem Löffel im Milchschaum ihres Kaffees rührte.
Yuki wirkte blasser als sonst. Die lebhafte Energie, die sie normalerweise ausstrahlte, war einem nachdenklichen, fast schon schmerzlichen Ausdruck gewichen.
„Tea“, begann Yuki leise, ohne aufzusehen. „Ich habe Yami nie erzählt, warum ich eigentlich hier in Domino bin. Also, warum ich wirklich aus Australien weggegangen bin.“
Tea stellte ihre Tasse ab und schenkte ihr ihre volle Aufmerksamkeit. „Ich dachte, wegen des Studiums?“
Yuki schüttelte den Kopf und eine blonde Strähne löste sich aus ihrem Zopf. „Das war die offizielle Version für meine Eltern. Aber die Wahrheit ist... vor etwa anderthalb Jahren fing es an. Ich hatte diese Träume. Jede Nacht. Ich sah Sand, ich hörte Stimmen in einer Sprache, die ich nicht verstand, und ich fühlte diese... diese alles verzehrende Sehnsucht. Ein Ziehen in meiner Brust, das mich nachts weinend aufwachen ließ. Es war, als würde ein Teil von mir irgendwo hier in Domino nach mir rufen.“
Sie hob den Blick und sah Tea mit ihren rubinroten Augen direkt an, in denen nun eine tiefe Verwirrung schimmerte. „Deshalb bin ich zu meiner Großmutter gezogen. Ich musste einfach nach Domino kommen. Und seit ich Yami getroffen habe... Tea, seine Worte, sein Tonfall, sogar die Art, wie er mich gestern am See ansah... es kommt mir so seltsam vertraut vor. Als hätte ich das alles schon einmal erlebt. Aber wenn ich versuche, danach zu greifen, ist da nur eine kalte Wand in meinem Kopf.“
Tea schluckte schwer. Sie wusste alles. Sie wusste von dem Pharao, vom Jenseits und von der Last, die Atem trug. Es zerriss ihr fast das Herz, ihre Freundin so leiden zu sehen, doch sie hielt sich an das Versprechen, das sie Yugi gegeben hatte. Sie durfte nichts verraten.
„Vielleicht“, sagte Tea vorsichtig und legte ihre Hand auf Yukis, „ist das Schicksal manchmal lauter als unser Verstand. Du solltest nicht versuchen, die Wand mit Gewalt einzureißen, Yuki. Wenn es eine Verbindung gibt, wird sie sich zeigen.“
Wenig später, als Yuki sich zu einer Vorlesung verabschiedet hatte, traf Tea auf Atem. Er lehnte an einer Säule im Korridor, das Buch fest an sich gepresst, die Miene so verschlossen wie eine Grabkammer.
„Wir müssen reden, Yami. Jetzt sofort“, zischte Tea und packte ihn am Arm, um ihn in eine ruhige Nische hinter der Bibliothek zu ziehen.
Atem sah sie mit einem müden, fast gehetzten Blick an. „Tea, ich habe gerade keine Kraft für—„
„Spar dir das!“, unterbrach sie ihn barsch. Ihre Augen blitzten vor Entschlossenheit. „Ich habe gerade mit Yuki gesprochen. Sie ist vor anderthalb Jahren nur hierhergekommen, weil sie Visionen hatte. Sie träumt von Sand und Stimmen, Yami. Sie spürt das Loch, das du in ihrer Seele hinterlassen hast, schon viel länger, als du denkst. Seit dem Zeitpunkt an dem du das Duell gegen Yugi gewonnen hattest und ein Teil dieser Welt wurdest.“
Atem erstarrte. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.
„Sie hat mir gesagt, dass sie gegen eine Wand in ihrem Kopf läuft, wenn sie versucht, sich zu erinnern“, fuhr Tea fort, ihre Stimme wurde nun weicher, aber nicht weniger eindringlich. „Du denkst, du schützt sie, indem du schweigst. Aber du quälst sie nur noch mehr. Das Siegel, das du gewirkt hast... es hält nicht mehr. Es bricht, Yami. Weil ihre Seele sich weigert, dich zu vergessen.“
Atem presste den Rücken gegen die kalte Steinwand. Die Worte von Tea schlugen wie Hammerschläge auf ihn ein. Er erinnerte sich an das Stechen in Yukis Schläfe am Tag des Picknicks, an ihren Schwindel in der Eisdiele und an die Tränen, die sie gestern fast vergossen hätte.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine spirituelle Wahrnehmung. Zum ersten Mal überhaupt versuchte er, die energetische Verbindung zum Milleniumssiegel zu spüren – und er erschrak zutiefst. Er sah es in seinem Geist: Das goldene Siegel des Pharaos, das einst makellos und unzerstörbar über ihrem Bewusstsein gelegen hatte, war von feinen, leuchtenden Rissen durchzogen. Es vibrierte unter dem Druck ihrer wiedergewonnenen Gefühle.
Tea hatte recht. Das Siegel brach. Die Unterdrückung der Wahrheit war nicht mehr möglich, ohne dass Yuki physischen oder psychischen Schaden nahm. Das Eis im „Garten im tiefsten Frost“ begann zu schmelzen, aber das Schmelzwasser drohte alles zu überfluten.
„Es ist also wahr“, flüsterte Atem, und eine einzelne Träne der Erkenntnis stahl sich aus seinem Augenwinkel. „Ihre Liebe ist stärker als meine Magie.“
„Du musst es lösen, bevor es gewaltsam zerbricht“, drängte Tea. „Du musst ihr die Wahl zurückgeben, die du ihr vor dreitausend Jahren genommen hast.“
Atem atmete zittrig aus. Die Last der Entscheidung drückte ihn nieder, doch er wusste, dass er nicht länger weglaufen konnte. Wenn das Siegel von innen heraus brach, war es kein Schutz mehr – es war eine Gefahr.
Der Vorlesungstag neigte sich dem Ende zu, doch für Atem hatte die Zeit seit dem Gespräch mit Tea aufgehört, in Stunden und Minuten zu fließen. Er stand im Schatten des großen Torbogens am Haupteingang der Universität, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick war starr auf die Menge der herausströmenden Studenten gerichtet, doch innerlich bereitete er sich auf das schwerste Duell seines Lebens vor – ein Duell gegen die Vergessenheit.
Als er Yuki entdeckte, wie sie allein die Stufen herabstieg, wirkte sie zerbrechlich. Ihr Blick war gesenkt, ihre Schritte schwerer als sonst. Der Glanz, den sie einige Tage zuvor noch ausgestrahlt hatte, war von einer tiefen Nachdenklichkeit überschattet.
Atem löste sich von der Wand und trat ihr direkt in den Weg. „Yuki.“
Sie zuckte leicht zusammen und hob den Kopf. Als sie in seine Augen sah, die nun wieder diese unnatürliche, violette Tiefe besaßen, blieb sie wie angewurzelt stehen. „Yami... ich dachte, du hättest noch Vorlesungen.“
„Komm mit mir“, sagte er nur. Es war keine Bitte, es war die dunkle, autoritäre Stimme eines Mannes, der es gewohnt war, dass ihm das Schicksal gehorchte.
Yuki zögerte. „Ich sollte eigentlich nach Hause. Meine Oma wartet und nach gestern... nach dem Kuss... ich weiß nicht, ob ich das gerade kann, Yami.“
Atem trat einen Schritt näher. Die kühle Abendluft zwischen ihnen schien plötzlich zu flirren. Er griff nach ihrer Hand – nicht so fest wie am Spind, sondern mit einer drängenden Sanftheit. „Ich weiß, dass du Fragen hast, die dir den Schlaf rauben. Ich weiß von den Träumen, Yuki. Ich weiß von der Wand in deinem Kopf, gegen die du seit anderthalb Jahren rennst.“
Yukis Augen weiteten sich. „Woher... woher weißt du das?“
„Weil ich derjenige bin, der diese Wand gebaut hat“, flüsterte er so leise, dass es im Wind fast unterging. „Bitte. Vertrau mir ein letztes Mal. Ich muss dir etwas zeigen, das sich nicht mit Worten erklären lässt. Es gibt einen Ort, an dem die Steine die Wahrheit flüstern.“
Yuki sah ihn lange an. Sie spürte das vertraute Ziehen in ihrer Brust, diese magnetische Kraft, die sie schon immer zu ihm gezogen hatte. Trotz der Angst und der Verwirrung nickte sie langsam. „Gut. Ich komme mit.“
Die Fahrt zum Domino City Museum verlief in einem beklemmenden Schweigen. Sie fuhren mit der Straßenbahn, da das Museum am anderen Ende der Stadt war. Atem saß starr neben ihr, seine Gedanken waren bereits in einer anderen Zeit. Er spürte, wie das Siegel in ihrem Geist unter der bloßen Nähe zu ihm vibrierte. Es war, als würde ein Damm unter dem Druck eines gewaltigen Ozeans ächzen.
Das Museum lag in der Abenddämmerung fast majestätisch da, seine hohen Säulen warfen lange Schatten auf den Vorplatz. Atem hatte mit dem Kurator, einem alten Bekannten von Professor Yoshimori, arrangiert, dass sie nach den offiziellen Öffnungszeiten eintreten durften. Er führte sie zielsicher durch die dunklen, menschenleeren Korridore der ägyptischen Abteilung. Der Geruch von altem Stein und Staub lag in der Luft.
Als sie schließlich vor der großen Steintafel standen, die das Duell zwischen dem Pharao und dem Priester Seto darstellte, blieb Atem stehen. Sein ganzer Körper schien unter einer unsichtbaren Last zu beben. Er wandte sich ihr zu. Das kalte Licht der Galerie ließ seine Züge hart erscheinen, doch als er in ihre rubinroten Augen sah, schmolz die Maske des Stoikers. Sein Blick wurde unendlich weich, durchtränkt von einer Traurigkeit, die Jahrtausende alt war.
„Yuki“, begann er, und seine Stimme hallte sanft von den Steinwänden wider. „Verzeih mir. Mein Verhalten... die Kälte... ich wollte dich nur schützen. Doch ich habe begriffen, dass Schweigen kein Schutz ist, sondern ein Gefängnis.“
Bevor sie antworten konnte, trat er einen Schritt auf sie zu. Seine Hand hob sich und er legte seine Fingerspitzen ganz leicht auf ihre Stirn, genau dorthin, wo das unsichtbare Siegel brannte. Ein leuchtendes Auge, das Milleniumsymbol erschien auf ihrer Haut.
„Schließ die Augen“, flüsterte er.
In dem Moment, als sie es tat, veränderte sich die Welt. Die Kühle des Museums wich einer trockenen, duftenden Hitze. Das Echo ihrer Schritte auf Marmor wurde zum leisen Rascheln von feinem Sand und Leinen. Als Yuki die Augen wieder öffnete, schrie sie beinahe auf.
Sie standen nicht mehr im Museum. Sie befanden sich in einem prachtvollen Palastraum, dessen Wände mit leuchtenden Hieroglyphen und Gold verziert waren. Durch die offenen Balkone sah man den Nil, der im Licht eines gigantischen Vollmonds wie flüssiges Silber glänzte. Doch die größte Veränderung lag vor ihr.
Atem stand dort, doch er war nicht mehr der Student in der modernen Jacke. Ein tiefblauer, schwerer Umhang fiel von seinen Schultern, gehalten von goldenen Fibeln. Er trug die königlichen Gewänder des alten Ägyptens, den prunkvollen Brustschmuck und die Krone des Pharaos auf seinem Haupt. Sein Teint war nachgedunkelt, tief sonnengebräunt durch die unerbittliche Sonne der Wüste. Seine Aura war so gewaltig, so königlich, dass Yuki unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
„Yami...?“, stammelte sie, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie spürte ein gewaltiges Reißen in ihrem Kopf, als würde eine Mauer aus dickem Eis unter der Hitze dieser Erscheinung zerbersten.
„Hör mir zu, Arelia“, sagte er, und bei der Nennung ihres wahren Namens durchzuckte sie ein elektrischer Schlag. Er trat nicht näher, um sie nicht noch mehr zu erschrecken. „Wir waren keine Fremden. Wir waren eins. Diese Geschichte, die du in deinen Träumen suchst... sie ist wahr. Du warst meine Königin, meine Seele. Und ich habe dich verraten.“
Ruhig, mit einer Stimme, die vor unterdrücktem Schmerz zitterte, erzählte er ihr alles. Er sprach von der arrangierten Ehe, von ihrem gemeinsamen Lachen in diesen Gärten und schließlich von der Sünde der Versiegelung.
„Ich konnte deinen Schmerz nicht ertragen, als ich gehen musste“, gestand er, und Tränen glänzten in seinen Augen. „Also habe ich Gott gespielt. Ich habe deine Erinnerung gestohlen. Ich habe die Frau, die ich liebte, ausgelöscht, um mein Gewissen zu beruhigen. Das ist meine Sünde, Arelia. Ich habe dich in einen Garten im tiefsten Frost gesperrt, in dem nichts wachsen konnte.“
Yuki hielt sich den Kopf, Tränen liefen über ihre Wangen. Die Bilder begannen zurückzukehren – Bruchstücke von Gold, der Geruch von Myrrhe, das Gefühl seiner Hand in ihrer vor dreitausend Jahren. Atem trat nun ganz nah an sie heran. Er sah die Risse in ihrer Wahrnehmung, sah, wie das Siegel nur noch an einem seidenen Faden hing.
„Ich bitte dich nicht nur um Verzeihung für das, was ich getan habe“, hauchte er. „Ich bitte dich, wieder du selbst zu sein. Wähle mich, oder wähle dein Leben als Yuki – aber tue es mit deinem ganzen Herzen.“
Ganz sanft legte er seine Handfläche erneut flach auf ihre Stirn. Ein warmes, goldenes Licht ging von seinen Fingern aus. „Löse dich“, befahl er leise. „Arelia, erwache.“
Mit einem Geräusch, das nur in ihren Seelen zu hören war, zerbrach das Siegel. Die Wand in ihrem Kopf stürzte ein, und die Flutwelle aus dreitausend Jahren Liebe, Verlust und Sehnsucht riss Yuki Minato mit sich fort, während Arelia in ihre Augen zurückkehrte.
Das Gold des pharaonischen Gewandes vor ihren Augen begann zu verschwimmen, während die kalten Museumswände endgültig weichen mussten. In Yukis – nein, in Arelias – Geist brach ein Damm aus Licht und Farben. Die Erinnerungen fluteten zurück, so plastisch und lebendig, als wären sie erst gestern geschehen.....
Die gleißende Mittagssonne Ägyptens brannte auf den hellen Sandstein des Palastes, doch in den schattigen Arkaden war es kühl. Arelia schlich geduckt an den Wachen vorbei, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie trug einen schweren, staubgrauen Mantel aus grobem Leinen, dessen Kapuze sie tief in ihr Gesicht gezogen hatte. Sie wollte nur einmal atmen – ohne das Protokoll, ohne die Dienerinnen, die jeden ihrer Schritte überwachten.
Was sie nicht bemerkte: Im Schatten einer massiven Säule lehnte Atem. Er hatte die Arme verschränkt und beobachtete sie mit einem amüsierten, fast zärtlichen Funkeln in den Augen. Er wusste genau, was sie vorhatte. Anstatt sie aufzuhalten, warf er sich selbst eine einfache, dunkle Kluft über und folgte ihr mit der lautlosen Grazie eines Jägers. Da sie als Prinzessin aus dem Norden kaum jemandem im Volk bekannt war, konnte sie es sich leisten, die Kapuze fallen zu lassen, sobald sie die Tore des Palastbezirks hinter sich gelassen hatte.
Atem hielt Abstand, während er beobachtete, wie sie über den großen Marktplatz von Theben schlenderte. Ihr Anblick raubte ihm fast den Atem. Sie blieb an den Ständen der Gewürzhändler stehen, ließ sich den Duft von Zimt und Kreuzkümmel in die Nase steigen und lachte über das bunte Treiben der Gaukler. Ihre Augen strahlten in einem reinen, unverfälschten Glück, das er im Palast nur selten an ihr sah. In diesem Moment war der Zorn ihrer ersten Begegnungen längst vergessen; sie waren Freunde geworden, Verbündete in einem goldenen Käfig.
Doch die Idylle hielt nicht an.
Drei Männer mit finsteren Mienen und gierigen Blicken hatten sich aus der Menge gelöst. Sie fixierten die fremde Schönheit, deren Kleidung zwar schlicht war, deren Haltung aber von Reichtum sprach. Atem spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er sah, wie Arelia, abgelenkt von den Eindrücken, in eine falsche Abzweigung einbog.
Sie lief tiefer in das Labyrinth der Stadt, bis sie vor einer hohen, fensterlosen Mauer zum Stehen kam. Eine Sackgasse. Als sie sich umdrehte, versperrten ihr die drei Männer bereits den Weg. Einer von ihnen grinste dreckig und wollte gerade seine Hand nach ihrem Arm ausstrecken.
„Was haben wir denn da für ein verlorenes Vögelchen?“, raunte er.
Doch bevor er sie berühren konnte, geschah alles blitzschnell.
Ein Schatten schlug wie ein Blitz zwischen Arelia und die Männer ein. Ohne ein Wort zu sagen, durchbrach der Fremde die Formation der Gruppe mit einer Wucht, die zwei der Männer zur Seite taumeln ließ. Bevor Arelia begreifen konnte, wer sie da gepackt hatte, spürte sie einen festen, warmen Griff um ihr Handgelenk.
„Lauf!“, zischte eine tiefe, vertraute Stimme.
Er riss sie mit sich. Gemeinsam rannten sie durch die staubigen, engen Gassen. Arelia spürte den Wind in ihren Haaren und das harte Pflaster unter ihren Füßen. Nach einer Ewigkeit, als das Poltern der Verfolger hinter ihnen verblasste, zog er sie mit einem Ruck in eine winzige, dunkle Nische zwischen zwei Lehmhäusern.
Sie standen so eng beieinander, dass sie seinen schnellen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Draußen rannten die drei Männer fluchend an ihrem Versteck vorbei, ihre Schritte verhallten in der Ferne. Sie waren sicher.
In der plötzlichen Stille der engen Nische riss sich die Gestalt die Kapuze vom Kopf.
Arelia keuchte auf. Die scharfen Züge des Pharaos, sein durchdringender Blick und das königliche Feuer in seinen Augen ließen sie schlucken. Er sah sie nicht als Freund an, sondern als ihr Herrscher – und als ein Mann, der gerade um ihr Leben gebangt hatte.
„Was bei den Göttern hast du dir dabei gedacht?!“, herrschte er sie an, seine Stimme war leise, aber von einer autoritären Schärfe, die sie erzittern ließ. Er drückte sie leicht gegen die Wand, seine Hände links und rechts von ihrem Kopf, sodass sie nirgendwohin ausweichen konnte. „Du schleichst dich ohne Schutz aus dem Palast? In eine Gegend, die du nicht kennst? Hast du deinen Verstand am Nilufer liegen lassen, Arelia?“
Sein Blick brannte sich in ihren, und obwohl er sie maßregelte, sah sie in der Tiefe seiner Augen die nackte Angst, die er um sie ausgestanden hatte.
Arelia sah zu ihm auf. Das Feuer seines Zorns war noch in seinen Augen zu sehen, doch die Schärfe in seiner Stimme war verflogen, als er sah, wie heftig sie zitterte – nicht nur vor Schreck, sondern vor der schieren Intensität seiner Gegenwart.
„Es tut mir leid, Atem“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach beinahe. „Ich wollte nur... ich wollte nur einmal sehen, wie das Leben wirklich ist. Ohne die Mauern. Ohne die Masken.“
Sie hob den Kopf ein Stück höher, und in diesem Moment wurde die Enge der Nische zu einer Falle der Sinne. Ihr Atem ging schnell und flach. Da sie so dicht beieinanderstanden, konnte Atem die Wärme spüren, die von ihrem Körper ausging. Er sah, wie sich ihr Brustkorb unter dem groben Leinenmantel hob und senkte, und er konnte das wilde Pochen ihres Herzens fast sehen, so heftig schlug es gegen ihre Rippen.
Atem bemerkte es sofort. Sein Blick glitt von ihren Augen hinunter zu ihrem Hals, wo die Schlagader verräterisch schnell pulsierte. Ein wissendes, fast berauschtes Funkeln trat in seine Züge. Er war ihr so nah, dass er das Gold seines eigenen Brustschmucks leise gegen den Stoff ihres Mantels klirren hörte.
„Dein Herz raste noch nie so sehr, wenn wir im Palast gestritten haben, Arelia“, raunte er, und seine Stimme hatte nun jenen tiefen, samtigen Unterton, der ihr die Knie weich werden ließ.
Es wurde unerträglich heiß in dem kleinen Versteck. Atem versuchte, sich ein Stück zur Seite zu schieben, um ihr Raum zu geben und sie aus der Umklammerung zwischen der Wand und seinem Körper zu befreien. Doch die Nische war zu schmal. Als er sich drehte, um sich seitlich hinauszuschieben, verhedderte sich sein schwerer Umhang für einen Moment, und er wurde stattdessen noch dichter gegen sie gedrückt.
Sein Gesicht war nun nur noch Millimeter von ihrem entfernt. Er konnte den Duft von Seerose und Sonne in ihrem Haar riechen, und sein Blick blieb unweigerlich an ihren Lippen hängen, die vor Aufregung leicht bebten.
In dieser Sekunde geschah etwas Seltsames. Das wilde Hämmern in der Stille der Nische wurde lauter, rhythmischer, fast schon betäubend. Es war ein heftiger Doppelschlag, der durch ihre eng aneinandergepressten Körper vibrierte.
Atem hielt inne. Er wusste plötzlich nicht mehr, ob es sein eigenes Herz war, das so außer Kontrolle geraten war, oder ob es das ihre war, das durch ihn hindurchhallte. Die Grenze zwischen ihnen schien in der Hitze dieses Moments zu schmelzen. Es war kein Pharao mehr, der eine Prinzessin maßregelte – es waren zwei Seelen, die in der Dunkelheit eines Verstecks begriffen, dass der Stolz, den sie so lange als Schutzschild getragen hatten, endgültig zerbrochen war.
Er rührte sich nicht. Er hätte wegsehen können, er hätte den letzten Schritt ins Freie tun können, doch er verharrte dort, gefangen im Bann ihrer Nähe, während das gemeinsame Rasen ihrer Herzen den Takt für eine Zukunft vorgab, die sie beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht wagten, in Worte zu fassen.
Atem starrte sie an, und in diesem Augenblick rutschte ihm die königliche Beherrschung einfach weg. Er sah nicht die störrische Prinzessin, die ihm den Saft über das Gewand geschüttet hatte; er sah das Licht, das in ihren Augen tanzte, und die sanfte Kurve ihrer Lippen.
„Du bist so wunderschön...“, flüsterte er, und seine Stimme klang beinahe fassungslos, als wäre er selbst von dieser Erkenntnis überrumpelt worden. „Es ist beinahe beängstigend, wie schön.“
Arelia spürte, wie ihr das Blut augenblicklich in die Wangen schoss. Ein tiefes, brennendes Rot breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie suchte verzweifelt nach ihrem gewohnten Trotz, doch er war unauffindbar.
„Hör auf...“, brachte sie hervor, während sie versuchte, seinen brennenden Blick zu meiden. „Hör auf, solche Dinge zu sagen, Atem. Das ziemt sich nicht für einen Pharao.“
Doch Atem dachte nicht daran, zurückzuweichen. Im Gegenteil: Er trat noch ein Stück näher. Er hob beide Hände und stützte sie erneut flach gegen die Mauer, direkt neben ihrem Gesicht, wodurch er sie vollkommen in seinen Schatten hüllte. Sein Körper war ein Käfig aus Wärme und Kraft.
Arelia spürte, wie ihr Atem immer schneller ging. Die Luft in der Nische schien knapp zu werden. Sie konnte das Gold seines Schmucks riechen, den Duft von Zedernholz und den herben Geruch der Wüste, der an seiner Haut haftete.
„Verzeih...“, raunte er, doch es klang nicht wie eine Bitte um Entschuldigung, sondern wie das Eingeständnis einer unvermeidbaren Kapitulation.
Ehe Arelia reagieren konnte – ehe sie auch nur einen Gedanken fassen konnte, um ihn wegzustoßen oder ihn näher heranzuziehen –, veränderte er seine Haltung. Er legte seine Unterarme schwer auf die Mauer neben ihrem Kopf ab und schloss sie so endgültig in seinen Armen ein. Er senkte seinen Blick, suchte ihre Lippen und küsste sie.
Es war ihr erster Kuss, und er fühlte sich an wie eine Erschütterung des gesamten Kosmos. Es war kein vorsichtiges Tasten, sondern ein tiefer, fordernder Kuss, der all den unterdrückten Stolz und die versteckten Sehnsuchten der letzten Monate in sich trug. In diesem Moment in der staubigen Gasse von Theben wurde aus zwei Seelen ein Bund, der Zeit und Raum trotzen sollte.
Zurück im Museum.
Yuki – nun vollständig Arelia – taumelte einen Schritt zurück, als die Vision der Erinnerung endete. Die kühle, sterile Luft der ägyptischen Ausstellung des Museums fühlte sich plötzlich wie ein Fremdkörper auf ihrer Haut an. Sie presste die Finger auf ihre Lippen, die immer noch zu kribbeln schienen, genau wie in jener Gasse vor dreitausend Jahren.
Sie sah zu Atem auf. Er stand immer noch da, der Pharao in seinen prachtvollen Gewändern, die Augen voller Reue und einer unendlichen Hoffnung.
„Der Kuss in der Gasse...“, hauchte sie, und Tränen der Rührung und des Schmerzes liefen ihr über das Gesicht. „Das war der Moment, in dem alles begann. Und du... du hast mir das weggenommen? Du hast uns weggenommen...“
Ihre Stimme zitterte, während die Wucht der wiedergewonnenen Gefühle sie fast überwältigte. Sie erinnerte sich nun nicht nur an die Liebe, sondern auch an den Moment der Versiegelung, an die Kälte des Vergessens, die er ihr auferlegt hatte.
Sie sah ihn an, sah den Mann hinter der Krone, der aus lauter Verzweiflung und dem Wunsch, sie zu schützen, seine eigene Seele verstümmelt hatte. Und sie konnte nicht anders.
Mit einem erstickten Laut, der halb Schluchzen, halb Erleichterung war, überbrückte sie die letzte Distanz. Sie warf sich in seine Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, genau dort, wo sein Herz in demselben rasenden Rhythmus schlug wie damals in der Gasse von Theben. Ihre Hände krallten sich in den schweren, blauen Samt seines Umhangs, als fürchtete sie, er könne sich jeden Moment wieder in Luft und Schatten auflösen.
„Du Narr“, brachte sie hervor, während ihre Tränen den kostbaren Stoff seiner königlichen Gewänder benetzten. „Du törichter, geliebter Narr... wie konntest du nur glauben, dass das Vergessen besser wäre als der gemeinsame Schmerz?“
Atem erstarrte für einen Herzschlag, bevor er seine Arme mit einer fast schmerzhaften Festigkeit um sie schlang. Er presste sein Gesicht in ihr Haar und schloss die Augen, während ein tiefes Beben durch seinen Körper ging. In diesem Moment fiel die Last von dreitausend Jahren Reue von seinen Schultern ab. Sie hatte ihn nicht verstoßen. Sie war zurück.
„Verzeih mir, Arelia“, raunte er gegen ihre Schläfe, seine Stimme brüchig vor Emotionen. „Ich wollte dir die Welt zu Füßen legen, doch stattdessen habe ich sie dir weggenommen.“
Während sie sich so festhielten, begann die magische Kulisse um sie herum zu wanken. Das goldene Licht des ägyptischen Vollmonds, das eben noch auf den Nil gefallen war, flackerte wie eine sterbende Kerzenflamme. Die massiven Säulen des Palastes verloren ihre Konturen und wurden durchsichtig, wie Nebel, der von der Morgensonne vertrieben wird. Der Duft von Myrrhe und warmem Sand wich langsam dem kühlen, sterilen Geruch des Museums.
Die Illusion löste sich Schicht für Schicht auf. Die prunkvollen, blauen Gewänder an Atems Körper verblassten und machten Platz für den schlichten Stoff seiner modernen Kleidung. Das Gold der Krone zerrann zu Lichtfunken, bis nur noch sein wildes Haar übrig blieb.
Doch während die Welt um sie herum in die Realität des modernen Domino City zurückglitt, blieb eines konstant: die Wärme ihres Kusses und die Gewissheit, dass sie sich nie wieder verlieren würden.
Als das letzte Flimmern der Vergangenheit erloschen war, standen sie wieder vor der Steintafel im Museum. Das kalte Neonlicht der Deckenleuchten spiegelte sich auf dem polierten Boden. Sie waren wieder Yuki und Yami – und doch waren sie so viel mehr.
Atem löste sich ein kleines Stück von ihr, nur um ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen. Sein Daumen strich vorsichtig die Tränen von ihren Wangen. „Bist du noch da?“, fragte er leise, seine Augen suchten ihre, in Sorge, dass Yuki die Oberhand gewonnen haben könnte.
Yuki – Arelia – lächelte durch ihre Tränen hindurch und legte ihre Hände auf seine. „Ich bin hier, Atem. Ich bin ganz hier. Und ich werde nirgendwo mehr hingehen.“ dann...küsste er sie.
Zwei Seelen
Nach dem Kuss, der sich wie die endgültige Versiegelung ihres neuen Schicksals anfühlte, lösten sie sich nur langsam voneinander. Die Stille im Museum war nun nicht mehr drückend, sondern voller Frieden. Das kalte Neonlicht schien für einen Moment weniger hart, während sie Hand in Hand durch die ägyptische Abteilung zurück zum Ausgang schritten.
Sie sprachen kaum. Es gab zu viel zu fühlen, zu viel zu ordnen. Jedes Mal, wenn ihre Finger sich streiften, schickte es eine Welle der Bestätigung durch ihre Körper:
~Es ist wahr. Wir sind hier. Wir sind eins.~
Draußen empfing sie die kühle Nachtluft von Domino City. Der Regen hatte aufgehört, und die nassen Straßen reflektierten die bunten Lichter der Stadt wie Mosaiksteine.
„Ich begleite dich nach Hause“, sagte Atem leise. Sein Tonfall war nicht mehr befehlend, sondern von einer schützenden Zärtlichkeit geprägt. Er wollte sie in dieser Nacht keine Sekunde länger als nötig allein lassen, wissend, wie schwer die Flut der neuen Erinnerungen auf ihren menschlichen Geist drücken konnte.
Sie gingen zu Fuß, um die Zeit zu dehnen. Yuki – sie fühlte sich immer noch wie Yuki, aber mit der Tiefe und Weisheit von Arelia – lehnte ihren Kopf kurz an seine Schulter. „Alles sieht anders aus, Yami. Die Lichter, die Autos... es ist, als würde ich die Welt zum ersten Mal mit zwei Augenpaaren gleichzeitig sehen.“
Atem drückte ihre Hand. „Ich weiß. Es wird Zeit brauchen, bis die Bilder der Vergangenheit aufhören, die Gegenwart zu überlagern. Aber ich bin bei dir. Dieses Mal bleibe ich.“
Als sie das Haus ihrer Großmutter erreichten, blieb Yuki vor dem Gartentor stehen. Sie sah zu dem beleuchteten Fenster im Obergeschoss hinauf. „Meine Großmutter... sie hat immer gesagt, ich würde finden, wonach ich suche, wenn ich nur mutig genug bin, hinzusehen. Ich glaube, sie wusste es die ganze Zeit.“
Atem sah sie an, und in seinen Augen spiegelte sich das Wissen um die Ewigkeit. „Vielleicht gibt es Menschen, deren Sicht nicht von der Zeit getrübt wird.“
Er zog sie noch einmal kurz in seine Arme, atmete den Duft ihres Haares ein, der nun nicht mehr nur nach Seerose, sondern nach ihrer gemeinsamen Identität schmeckte. „Schlaf gut, Arelia. Morgen beginnt eine Zeit, in der wir uns nicht mehr verstecken müssen.“
Yuki spürte, wie die kühle Nachtluft versuchte, die wohlige Wärme zu vertreiben, die der Kuss und die Erinnerungen in ihr hinterlassen hatten. Als Atem Anstalten machte, ihre Hand loszulassen, um sich zu verabschieden, schloss sie ihre Finger nur noch fester um seine. Das Gefühl der drohenden Trennung – selbst wenn es nur für ein paar Stunden bis zum nächsten Morgen war – löste eine panische Resonanz in ihrer Seele aus. Es war das Echo von damals, das Echo des Augenblicks, als er sie im Sand der Wüste zurückgelassen hatte.
„Geh nicht“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.
Atem hielt inne. Er sah die Angst in ihren rubinroten Augen, eine Angst, die er selbst nur zu gut kannte. Er wollte ihr sagen, dass er nur ein paar Straßen weiter bei Yugi sein würde, doch er sah, dass logische Argumente gegen dreitausend Jahre Sehnsucht keine Chance hatten.
„Bitte, bleib bei mir“, ergänzte sie, nun etwas fester. „Nur für diese Nacht. Ich... ich habe das Gefühl, wenn ich dich jetzt gehen lasse, bricht die Realität wieder auseinander. Ich muss wissen, dass du auch noch da bist, wenn ich morgen früh die Augen öffne.“
Atem sah sie lange an. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, dass seine Taten von damals ihr heute noch solche Angst einjagten. Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste ihre Knöchel. „Wenn du mich brauchst, bleibe ich.“
Sie schlichen leise durch das Haus, um ihre Großmutter nicht zu wecken, obwohl Yuki das seltsame Gefühl hatte, dass die alte Dame genau wusste, wer in dieser Nacht unter ihrem Dach Zuflucht suchte.
In Yukis Zimmer brannte nur eine kleine Lampe, die den Raum in ein bernsteinfarbenes Licht tauchte. Es war ein seltsamer Kontrast: Die modernen Poster an den Wänden, die Lehrbücher auf dem Schreibtisch – und mitten darin der Pharao, dessen bloße Anwesenheit den Raum mit einer zeitlosen Gravitas füllte.
Sie legten sich gemeinsam auf das schmale Bett, noch immer in ihrer Alltagskleidung, da keiner von ihnen das Bedürfnis verspürte, diese Verbindung für auch nur eine Sekunde zu unterbrechen. Atem zog sie eng an seine Brust, sodass ihr Rücken gegen ihn gepresst war. Er schlang seine Arme um sie und bettete sein Kinn auf ihre Schulter.
„Ich bin hier“, raunte er in die Stille des Zimmers. „Hörst du meinen Herzschlag? Er schlägt nur für dich. Seit dem ersten Tag in Theben und durch jede Sekunde der Dunkelheit im Puzzle.“
Yuki schloss die Augen und legte ihre Hände auf seine Unterarme. Das rhythmische Pochen seines Herzens war wie ein Anker. Die schweren, quälenden Träume der letzten anderthalb Jahre schienen plötzlich meilenweit entfernt. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Domino fühlte sich die Leere in ihrer Brust nicht mehr wie ein schwarzes Loch an, sondern wie ein Raum, der mit Licht gefüllt worden war.
„Erzähl mir noch etwas“, bat sie leise, während sie langsam in den Schlaf hinüberglitt. „Erzähl mir von den Gärten... von der Zeit, bevor der Schatten kam.“
Und so flüsterte Atem ihr in der Dunkelheit von Domino City Geschichten aus einer untergegangenen Welt ins Ohr – von den blühenden Lotosblumen im Palastteich, vom Lachen der Diener und von der ersten Nacht, in der sie gemeinsam die Sterne beobachtet hatten, ohne sich dabei zu streiten.
Seine Stimme war das Letzte, was sie hörte, bevor sie in einen tiefen Schlaf sank. Und Atem hielt die ganze Nacht über Wache, die Augen fest auf das Fenster gerichtet, bereit, jeden Dämon der Vergangenheit zu vertreiben, der es wagen sollte, ihren Frieden zu stören.
Der Schlaf, der eigentlich Heilung bringen sollte, wurde für Yuki in dieser Nacht zu einer Reise durch das Feuer. Während ihr Körper sicher in Atems Armen ruhte, raste ihr Geist zurück in den Moment, den Atem so verzweifelt aus ihrer Seele hatte tilgen wollen.
Im Traum war die Luft nicht kühl wie in Domino City, sondern schwer von Rauch, Blut und dem metallischen Geruch von Magie.
Arelia stand am Rande des Schlachtfeldes. Der Himmel über Ägypten war nicht mehr blau, sondern von einer unnatürlichen Finsternis verschlungen, die von den Schatten Zorcs ausging. Sie sah Atem – er stand einige Meter von ihr entfernt, das Millenniumspuzzle leuchtete in einem gleißenden, fast schmerzhaften Gold auf seiner Brust. Sein Gesicht war gezeichnet von Erschöpfung, aber seine Augen trugen eine Entschlossenheit, die ihr das Herz zerriss.
„Atem, nein!“, schrie sie im Traum, doch ihre Stimme wurde vom Tosen der Schatten verschlungen.
Er wandte sich ein letztes Mal zu ihr um. In diesem Blick lag alles: die Liebe der Jahre im Palast, die gemeinsamen Nächte, die Zukunft, die sie niemals haben würden. Er wusste, dass der Preis für die Rettung der Menschheit seine Seele war – und seine Existenz in ihrem Gedächtnis.
„Es gibt keinen anderen Weg, Arelia“, hallte seine Stimme in ihrem Kopf, ruhig und unendlich traurig. „Wenn ich bleibe, brennt die Welt. Wenn ich gehe, lebst du.“
Sie rannte auf ihn zu, wollte seine Hand greifen, ihn festhalten, ihn zurück in das Licht der Sonne ziehen. Doch in dem Moment, als ihre Fingerspitzen seine Haut berührten, begann er sich aufzulösen. Er wurde zu reinem, goldenem Licht.
„Ich liebe dich mehr als mein Reich...vergiss mich..“, flüsterte er, während er das Siegel rief, welches ihren Verstand besetzte.
Das Letzte, was sie in ihrem Traum sah, war das Aufleuchten des Milleniumszeichen auf seiner Stirn, bevor eine unendliche, eiskalte Schwärze über sie hereinbrach. Ein Schrei der Verzweiflung entwich ihrer Kehle – ein Schrei, der dreitausend Jahre lang im Eis ihres Herzens gefangen gewesen war.
„Arelia! Yuki! Wach auf!“
Yuki schreckte mit einem heftigen Ruck hoch. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, ihre Haare klebten an ihrer Stirn. Sie keuchte nach Luft, als wäre sie gerade erst aus tiefem Wasser aufgetaucht.
Atem hielt sie fest an den Schultern, seine Augen weit vor Sorge. Er hatte ihren Kampf im Schlaf gespürt, ihr Wimmern und das verzweifelte Flüstern seines Namens. Das fahle Licht des frühen Morgens fiel durch die Vorhänge und tauchte das Zimmer in ein graues Zwielicht.
Yuki starrte ihn an, ihre rubinroten Augen flackerten zwischen Panik und Erkenntnis. Für einen Moment sah sie nicht den jungen Mann in moderner Kleidung vor sich, sondern den Pharao, der im goldenen Licht verging.
„Du bist gegangen...“, brachte sie mühsam hervor, ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. „Du hast mich einfach stehen gelassen. In der Dunkelheit. Ich habe dich gerufen, Atem... ich habe dich so sehr gerufen, dass meine Seele wund wurde, aber du hast mich vergessen lassen, wer ich war.“
Die Wucht dieser spezifischen Erinnerung – der Schmerz des endgültigen Opfers – traf sie nun mit voller Härte. Die Liebe war da, ja, aber auch der tiefe, traumatische Schmerz des Verlassenwerdens.
Atem zog sie wortlos in seine Arme und wiegte sie sanft hin und her. Er drückte sein Gesicht gegen ihren Nacken. „Ich weiß“, flüsterte er heiser. „Ich weiß, meine Königin. Ich trage diesen Schmerz seit dem Moment, als ich im Puzzle erwachte, auch wenn ich es vergas. Es war die grausamste Tat meiner Herrschaft, und ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, dir zu zeigen, dass ich nie wieder loslassen werde.“
Yuki klammerte sich an sein Hemd, ihr Schluchzen wurde leiser, während die Realität des Zimmers langsam den Albtraum verdrängte. Ihr Gedächtnis ordnete sich mühsam; die Puzzleteile der antiken Welt fügten sich schmerzhaft in ihr modernes Leben ein.
Draußen zwitscherten die ersten Vögel, ein friedliches Geräusch, das in krassem Gegensatz zu den apokalyptischen Bildern in ihrem Kopf stand.
Als Atem und Yuki wenig später den Game Shop der Mutos betraten, schlug ihnen sofort die vertraute, warme Atmosphäre von Yugis Zuhause entgegen. Doch die Ruhe hielt nicht lange an. Oben im Wohnzimmer herrschte bereits reger Betrieb: Joey und Tristan waren offensichtlich schon früh bei Yugi aufgekreuzt, um über das nächste große Duell-Turnier zu fachsimpeln.
Als die beiden den Raum betraten, verstummten die Gespräche schlagartig. Yugi, der gerade Karten sortierte, blickte auf und ein Strahlen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er sah sofort, dass etwas anders war – die Art, wie Atem und Yuki nebeneinander standen, wie ihre Schultern sich fast wie zufällig berührten, und das leuchtende Wissen in ihren Augen.
„Yami! Yuki! Da seid ihr ja“, rief Yugi erfreut, doch sein Blick wurde schnell wissend. „Du warst die ganze Nacht weg, Atem. Ich hab mir schon fast Sorgen gemacht.“
Joey, der gerade herzhaft in einen Donut beißen wollte, hielt inne. Seine Ohren schienen sich förmlich aufzustellen. „Moment mal... ‚die ganze Nacht weg‘?“, wiederholte er mit vollem Mund, bevor er den Donut auf den Teller feuerte und ein breites, schelmisches Grinsen aufsetzte.
Tristan verschränkte die Arme und zog eine Augenbraue hoch. „Und sie kommen zusammen hier an. Im selben Outfit wie gestern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, was?“
Joey sprang vom Sofa auf und baute sich mit den Händen in den Hüften vor Atem auf. „Na, schau an! Unser Pharao ist also unter die Nachtschwärmer gegangen! Erzähl mal, Kumpel – hast du ihr die ägyptischen Sternbilder erklärt oder habt ihr euch eher mit der... ähm... ‚praktischen Geschichte‘ befasst?“ Er zwinkerte Yuki so übertrieben zu, dass er fast ein Auge verlor.
„Joey!“, rief Tea, die gerade mit einer Kanne Tee aus der Küche kam, und versuchte streng zu klingen, doch auch sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie sah Atem an und ein kurzes Nicken zwischen ihnen bestätigte ihr, dass ihre Worte von gestern Früchte getragen hatten.
Atem spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. In der Nische von Theben war er furchtlos gewesen, doch gegen Joeys Neckereien fühlte er sich seltsam wehrlos. „Joey, es ist nicht so, wie du... ich meine, es war eine sehr emotionale Nacht. Wir hatten viel aufzuarbeiten.“
„Oh, ‚aufzuarbeiten‘!“, spottete Joey und stieß Tristan mit dem Ellenbogen an. „Hör dir das an, Tristan! ‚Aufgearbeitet‘ haben sie es! War es eine harte Arbeit, Yami? Brauchst du vielleicht ein Nickerchen? Du siehst ein bisschen erschöpft aus, aber irgendwie... sehr zufrieden!“
Yuki wurde knallrot und starrte auf ihre Schuhspitzen. „Joey, hör auf damit. Es ist... kompliziert.“
„Kompliziert ist mein zweiter Vorname, Schätzchen!“, lachte Joey und legte Atem einen Arm um die Schultern. „Komm schon, Kumpel, lass mich nicht hängen. Hat der große Pharao endlich den Mut gefunden, seine Königin zu erobern, oder müssen wir dir noch Nachhilfe in moderner Romantik geben?“
Tristan grinste trocken. „Ich glaube, die Nachhilfe hat er sich gestern Abend selbst besorgt, Joey. Schau dir die beiden doch an. Die strahlen mehr als das Millenniumspuzzle im Sonnenlicht.“
Atem atmete tief durch und versuchte, seine königliche Fassung zurückzugewinnen, was jedoch kläglich scheiterte, als er Joeys grinsendes Gesicht sah. Yugi trat schließlich schmunzelnd dazwischen. „Lass sie in Ruhe, Joey. Ich glaube, sie haben uns wirklich etwas Wichtiges zu erzählen. Und diesmal betrifft es nicht nur uns, sondern die ganze Geschichte.“
Joeys Grinsen wurde etwas weicher, aber die Schelmerei verschwand nicht ganz aus seinen Augen. „Na gut, na gut. Ich bin ja schon still. Aber eins sag ich dir, Yami: Wenn du nächstes Mal Überstunden machst, sag Bescheid. Ich hätte dir sonst ein paar Tipps für das perfekte Frühstück im Bett gegeben!"
Atem spürte, wie der Raum sich verdichtete. Die neckischen Kommentare von Joey verhallten, als er einen Blick mit Yuki tauschte. Sie nickte ihm ermutigend zu, ihre Hand suchte kurz die seine und drückte sie fest. Er wusste, dass er diesen Freunden – seiner Familie in dieser Zeit – die volle Wahrheit schuldete.
Er löste sich sanft aus Joeys Umklammerung und trat in die Mitte des Zimmers. Seine Haltung veränderte sich; die Verlegenheit wich jener ruhigen, majestätischen Aura, die ihn umgab, wenn das Schicksal der Welt auf dem Spiel stand. Joey und Tristan spürten den plötzlichen Ernst der Lage und verstummten sofort.
„Ich habe euch viel zu erklären“, begann Atem, und seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich. „Die Geschichte, die ich euch über meine Rückkehr erzählt habe... sie war nicht vollständig. Anubis hat mich nicht ohne Grund zurückgesandt. Es ging nicht nur um ein ungelöstes Rätsel.“
Er sah zu Yuki, die neben Tea auf dem Sofa Platz genommen hatte. „Ihr kennt sie als Yuki Minato. Aber in meinem ersten Leben, vor dreitausend Jahren, war sie Arelia. Sie war meine Königin, meine Vertraute... und das Opfer meiner größten Sünde.“
Ein kollektives Luftholen ging durch den Raum. Joey klappte der Unterkiefer herunter, und Tristan starrte Yuki an, als sähe er sie zum ersten Mal. Yugi hingegen senkte den Blick; er hatte es bereits gewusst.
„Damals, als die Schatten über Ägypten hereinbrachen“, fuhr Atem fort, während er langsam auf und ab ging, „konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass sie unter meinem Tod leiden würde. Ich wollte sie vor der Trauer bewahren. Also nutzte ich die Macht des Millenniumssiegels, um ihre Erinnerungen an mich und an unsere Liebe auszulöschen. Ich habe ihre Seele versiegelt und sie in eine Welt des Vergessens geschickt.“
Er hielt inne und sah seine Freunde nacheinander an. „Ich dachte, ich schütze sie. Doch Anubis zeigte mir die Wahrheit: Das Verändern einer fremden Seele, das Auslöschen der Identität eines Menschen... das ist ein Verbrechen gegen die göttliche Ordnung. Meine Waagschale des Herzens wäre niemals im Gleichgewicht gewesen. Ich hätte das Jenseits niemals in Frieden betreten können, während ein Teil von Arelias Seele im ewigen Frost gefangen war.“
„Deshalb ist sie hierhergekommen?“, fragte Tristan leise. „Wegen des Siegels?“
„Sie wurde hergezogen“, bestätigte Atem. „Ihre Seele hat gegen die Fesseln gekämpft, die ich ihr angelegt hatte. Und meine Aufgabe war es, dieses Unrecht wiedergutmachen. Gestern Nacht im Museum... habe ich das Siegel endgültig gebrochen. Sie weiß jetzt alles.“
Stille herrschte im Raum. Joey, der eben noch Witze gerissen hatte, wirkte nun sichtlich bewegt. Er trat vor und sah zwischen Atem und Yuki hin und her. „Mann, Yami... das ist ja eine krasse Nummer. Ich dachte schon, meine Familiengeschichten wären kompliziert, aber das hier schlägt alles.“
Er wandte sich an Yuki. „Also bist du jetzt... eine echte ägyptische Königin? Muss ich mich verbeugen oder so?“
Yuki lachte leise, obwohl ihre Augen noch von den Tränen der Nacht gerötet waren. „Nein, Joey. Ich bin immer noch Yuki. Aber ich bin auch Arelia. Die Mauer in meinem Kopf ist weg, und ich bin einfach nur froh, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, verrückt zu werden.“
Yugi trat zu Atem und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Du hast das Richtige getan, Atem. Auch wenn es wehgetan hat, die Wahrheit ist immer besser als eine Lüge, die einen beschützt.“
„Ich weiß“, sagte Atem und ein leises, befreites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Und ich danke euch, dass ihr an meiner Seite seid. Anubis hat mir eine Chance gegeben, die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Aber viel wichtiger ist: Er hat mir die Chance gegeben, das Mädchen wiederzufinden, das ich niemals hätte loslassen dürfen.“
Joey grinste schon wieder, obwohl er sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischte. „Na schön, Majestät. Aber das ändert nichts daran: Wenn du sie nochmal so lange entführst, bringst du gefälligst Pizza für alle mit, wenn du zurückkommst!“
Opfer der Unendlichkeit
Das warme Licht im Wohnzimmer der Mutos schien plötzlich zu flimmern. Ein eisiger Windhauch, den nur Atem wahrnehmen konnte, strich durch den Raum und ließ die Nackenhaare des Pharaos aufstellen. Die Stimmen seiner Freunde um ihn herum wurden dumpf, wie unter Wasser, als eine tiefe, hallende Stimme direkt in seinem Bewusstsein erklang.
„Du hast das Gleichgewicht wiederhergestellt, König der Könige“, dröhnte das Organ von Anubis, so schwer wie Grabplatten. „Die Seele ist befreit, die Sünde gesühnt. Doch wisse: Jede Tat im Gefüge des Schicksals hat ihren Preis. Da die Aufgabe früher erfüllt wurde, als die Vorsehung es vorsah, zieht sich der Kreis schneller zusammen. Deine verbleibenden zwei Jahre verkürzen sich um zwei Monate. Die Sanduhr läuft schneller, Atem.“
Atem taumelte einen Schritt zurück und presste die Hand gegen seine Schläfe. Das goldene Leuchten in seinen Augen flackerte unruhig.
„Yami? Was ist los?“, rief Yugi sofort und trat besorgt an seine Seite. Auch Yuki sprang auf, ihre Augen weit vor Schreck. „Atem, du bist ganz bleich!“
Atem atmete schwer. Der Schock saß tief. Gerade erst hatte er die Frau, die er liebte, vollständig zurückgewonnen, und im selben Moment erinnerte ihn der Gott des Todes an die Unausweichlichkeit seines Endes. Die Freude über den Moment wurde von der grausamen Realität der Zeit erstickt.
Er sah auf seine zitternden Hände, dann in die Gesichter seiner Freunde und schließlich zu Yuki, deren wiedergewonnene Erinnerungen sie nun noch verwundbarer für den kommenden Abschied machten. Er konnte es nicht für sich behalten. Nicht mehr.
„Das war Anubis“, sagte er mit einer Stimme, die so hohl und endgültig klang, dass Joey das Grinsen augenblicklich verging.
„Was will dieser Typ noch von dir?“, fragte Joey grimmig. „Hat er nicht schon genug Unruhe gestiftet?“
Atem sah Yuki direkt an, und der Schmerz in seinem Blick war kaum zu ertragen. „Er hat mir mitgeteilt, dass sich meine Zeit in dieser Welt verkürzt hat. Weil ich das Siegel gelöst und die Aufgabe erfüllt habe, wurden meine verbleibenden zwei Jahre um zwei Monate gekürzt. Die Götter fordern ihren Tribut für die verfrühte Erlösung.“
Stille breitete sich aus, so schwer, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.
„Verkürzt?“, flüsterte Yuki. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie taumelte einen Schritt zurück, als hätte Atem sie körperlich getroffen. „Zwei Jahre? Atem... wovon sprichst du?“
Atem schloss schmerzgequält die Augen. Er hatte gehofft, diesen Teil der Wahrheit noch ein wenig länger für sich behalten zu können, um ihr die erste Zeit des Glücks nicht zu stehlen. „Arelia... die Mission, die Anubis mir gab... sie war von Anfang an zeitlich begrenzt. Er gewährte mir vier Jahre in dieser Welt, um das Unrecht an deiner Seele wiedergutzumachen. Danach... danach hätte ich ins Jenseits zurückkehren müssen. Zwei Jahre sind bereits fast verstrichen...“
Yuki starrte ihn fassungslos an. Die Tränen, die eben noch vor Erleichterung geflossen waren, gefroren in ihren Augen. „Zwei Jahre? Du hattest ohnehin nur zwei Jahre?“ Ihre Stimme wurde lauter, brüchiger. „Und jetzt sind es durch das Lösen des Siegels nur noch zwei Monate? Das ist... das ist ein schlechter Scherz! Du hast mir meine Identität zurückgegeben, du hast mich gerettet, und die Götter bestrafen dich dafür, indem sie uns die Zeit stehlen?“
Sie presste die Hände auf ihre Brust, genau dorthin, wo sie die Verbindung zu ihm so intensiv spürte. „Ich habe mich gerade erst erinnert! Ich habe gerade erst begriffen, wer wir füreinander sind! Und jetzt sagst du mir, dass wir nur noch acht Wochen haben, bevor du wieder im Licht verschwindest?“
Atem trat auf sie zu und nahm ihre Hände in seine. Sie waren eiskalt. „Es ist keine Bestrafung in ihren Augen, Arelia. Es ist die Ordnung. Aber für mich... für uns...“ Er brach ab. Der Gedanke daran, was mit ihr geschehen würde, wenn er erneut durch das Tor schritt – diesmal ohne das schützende Vergessen –, zerriss ihm das Herz.
„Zwei Monate...“, murmelte Tristan betroffen und sah zu Boden. „Das ist verdammt wenig Zeit, wenn man bedenkt, worum es hier geht.“
Yuki sah Atem an, und in ihrem Blick mischte sich der Schmerz mit einer flammenden Wut auf die Ungerechtigkeit des Schicksals. „Ich werde das nicht akzeptieren. Nicht nach dreitausend Jahren des Wartens. Ich lasse dich nicht nach acht Wochen wieder gehen, Atem. Nicht dieses Mal!“
Joey ballte die Fäuste. „Das lassen wir nicht zu! Es muss einen Weg geben, diesen Anubis umzustimmen. Wir haben schon gegen Götter gekämpft, wir schaffen das nochmal!“
Doch Atem schüttelte nur langsam den Kopf. Er kannte die Gesetze der Unterwelt besser als jeder andere. „Gegen die Zeit eines Gottes kann man nicht kämpfen, Joey. Ich wollte euch die Wahrheit sagen, damit wir keine Sekunde mehr verschwenden.“
Er sah Yuki an, und in diesem Moment wurde ihm klar: Die eigentliche Prüfung begann erst jetzt. Er musste einen Weg finden, sie auf das Ende vorzubereiten, ohne ihr die Lebensfreude zu rauben, die sie gerade erst wiedergefunden hatte.
Inmitten der bedrückenden Stille, die das Wohnzimmer erfüllte, veränderte sich Atems Blick plötzlich. Das Violett seiner Augen leuchtete mit einer Intensität auf, die Joey und Tristan unwillkürlich einen Schritt zurückweichen ließ. Es war nicht mehr der gejagte Blick eines Mannes, der sich seinem Schicksal ergab. Es war das Feuer eines Pharaos, der bereit war, gegen die Gesetze der Unterwelt selbst aufzubegehren.
„Anubis ist der Wächter der Tore und der Vollstrecker der Aufgaben“, begann Atem leise, fast wie zu sich selbst. „Aber er ist nicht der Richter. Er ist nicht derjenige, der über das endgültige Schicksal einer Seele entscheidet.“
Er sah Yuki an, die ihn mit verweinten Augen beobachtete. Ein Funke Hoffnung entzündete sich in ihm.
„Ich muss mit Osiris sprechen“, erklärte er bestimmt. „Wenn meine Sünde darin bestand, das Gefüge der Seelen zu stören, und ich diese Sünde nun wiedergutgemacht habe... dann ist die Waagschale im Gleichgewicht. Osiris ist der Gott des Jenseits, aber er ist auch der Gott der Erneuerung und des Lebens.“
Yugi trat einen Schritt vor. „Du meinst, du willst ein Urteil von ihm verlangen? Aber Yami, das ist gefährlich. Niemand betritt die Hallen der Maat ungestraft, solange er noch einen Körper in dieser Welt hat.“
„Ich habe keine Wahl, Yugi“, entgegnete Atem fest. „Wenn Anubis die Zeit verkürzt, dann tut er das nach den alten Gesetzen. Aber die Umstände unserer Rückkehr sind beispiellos. Ich werde Osiris nicht um eine Verlängerung bitten. Ich werde um eine Wandlung bitten.“
Atem trat ganz nah zu Yuki und legte seine Hände an ihre Wangen. Sein Blick war so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, er könne direkt in ihre Seele sehen. „Vielleicht gibt es einen Weg, den wir bisher nicht in Betracht gezogen haben. Ein Leben, in dem ich nicht nur ein Schatten auf Zeit bin. Ein Deal, der es mir erlaubt, als Teil dieser Welt an deiner Seite zu bleiben – nicht als Pharao, sondern als der Mann, der ich heute bin.“
Joey pfiff leise durch die Zähne. „Du willst dich echt mit dem Oberboss der Toten anlegen? Kumpel, du hast echt Mut.“
„Es ist kein Übermut, Joey. Es ist Notwendigkeit“, sagte Atem, ohne den Blick von Yuki abzuwenden. „Ich kann sie nicht noch einmal zurücklassen. Nicht jetzt, wo sie alles weiß. Das wäre die grausamste Tat von allen.“
Yuki legte ihre Hände über seine. „Wenn du gehst, um mit ihm zu sprechen... nimm mich mit. Meine Seele gehört zu deiner. Wenn wir ein Urteil verlangen, dann sollten wir es gemeinsam tun.“
Atem nickte sanft mit dem Kopf. „Ich werde das Millenniumspuzzle nutzen, um eine Brücke zu schlagen. Ich muss wissen, ob es eine Gnade gibt, die über die bloße Sühne hinausgeht.“
Er wandte sich an Yugi. „Wir müssen das Ritual vorbereiten. Ich werde in die Tiefe meines Geistes herabsteigen, dorthin, wo die Grenzen zwischen den Welten dünn sind. Ich werde Osiris gegenübertreten und ihn fragen, was ein Herz wert ist, das bereit ist, für die Liebe auf seine göttliche Bestimmung zu verzichten.“
Die Atmosphäre im Raum war nun elektrisiert. Der Schock über die Zeitverkürzung war einer grimmigen Entschlossenheit gewichen. Sie würden nicht kampflos zusehen, wie der Sand in der Uhr verrann.
Der Entschluss stand fest. Die Gruppe machte sich auf den Weg zum Domino City Museum, doch diesmal war die Atmosphäre von einer grimmigen Hoffnung geprägt. Atem erinnerte sich an eine bestimmte Leihgabe, die erst vor kurzem in der ägyptischen Sektion eingetroffen war: Das Zepter von Abydos, ein Artefakt, das direkt dem Kult des Osiris gewidmet war.
Während sie durch die belebten Straßen eilten, hielt Joey schließlich nicht mehr an sich. Er sah Atem von der Seite an, während seine Stirn sich in Falten legte.
„Sag mal, Yami“, begann Joey und kratzte sich am Hinterkopf. „Da ist eine Sache, die ich nicht kapiere. Seit du wieder hier bist, hast du doch eigentlich keine Millenniumsgegenstände mehr mit echter Power – außer vielleicht dem Puzzle, das eher eine Verbindung ist. Wie zur Hölle konntest du dann gestern dieses Siegel knacken? Und diese ganze Palast-Illusion von der Yuki erzählt hat... Ich dachte, deine Magie wäre mit dem Duell gegen Yugi größtenteils flöten gegangen.“
Atem sah kurz zu Yuki, die seine Hand hielt, bevor er Joey antwortete. Sein Blick war ruhig. „Du hast teilweise recht, Joey. Die gewaltige Macht, die ich als Pharao befehligte, ist größtenteils weg. Aber Magie ist kein Gefäß, das man einfach leert. Es gibt einen Funken in mir, einen Teil meines Ba, der niemals ganz erlöschen wird, solange ich in dieser oder der anderen Welt existiere.“
Er machte eine kurze Pause, während sie die Stufen zum Museum erklommen. „Was Yuki betrifft: Das Siegel war meine eigene Schöpfung. Es war mit ihrer Lebensenergie und ihrer Seele verwoben. Um es zu lösen, musste ich keine neue Magie erschaffen. Ich habe die Energie des Siegels in ihr selbst angezapft. Ich habe die Macht, die ich vor dreitausend Jahren dort hineingelegt hatte, gegen sich selbst verwendet.“
„Und der Palast?“, fragte Tristan neugierig. „Das sah wohl verdammt echt aus, so wie Yuki es beschrieben hat.“
„Das war eine Projektion ihrer und meiner gemeinsamen Erinnerungen“, erklärte Atem. „Durch das Aufbrechen des Siegels wurde eine enorme Menge an gespeicherter Energie frei. Ich habe diesen Strom lediglich kanalisiert, um ihr die Wahrheit vor Augen zu führen. Es war die Magie unserer gemeinsamen Vergangenheit, die uns diese Bilder geschenkt hat.“
Yuki drückte seine Hand etwas fester. Sie verstand nun, dass sie selbst der Schlüssel zu ihrer Befreiung gewesen war.
Schließlich erreichten sie die schweren Türen des Museums. Atem wandte sich an die Gruppe. „Das Zepter wird mir helfen, die Tore zu den Hallen der Maat weit genug zu öffnen, um gehört zu werden. Aber seid gewarnt: Sobald ich die Verbindung herstelle, wird die Grenze zwischen den Welten verschwimmen. Bleibt wachsam.“
Sie betraten das Museum, das in der Abendstille fast wie ein Tempel wirkte. Atem führte sie zielsicher zur Vitrine im Zentrum des Raumes, in der das uralte Gold des Osiris-Artefakts unter den Scheinwerfern schimmerte.
Atem trat an die Glasvitrine heran, in der das Zepter von Abydos auf einem dunklen Samtkissen ruhte. Das Gold des Artefakts wirkte unter dem künstlichen Licht des Museums fast matt, doch für Atems spirituelle Augen pulsierte es in einem tiefen, jenseitigen Smaragdgrün – der Farbe des Osiris, der Farbe der Wiedergeburt.
„Bleibt zusammen“, befahl Atem leise, während er seine Hand auf das kühle Glas legte.
Eigentlich hätte ein Alarm erschrillen müssen, doch als Atem seine verbliebene Magie kanalisierte, schien die Technik des 21. Jahrhunderts vor der Macht des alten Ägyptens zu kapitulieren. Die Lichter im Museum flackerten und erloschen dann vollständig, bis nur noch das unnatürliche Glimmen des Millenniumspuzzles und die grünliche Aura des Zepters den Raum erhellten.
Mit einem leisen Knacken wich das Glas. Atem griff nach dem Zepter. In dem Moment, als seine Finger das uralte Metall berührten, ging ein heftiger Stoß durch den Raum.
„Woah!“, rief Joey und klammerte sich an Tristan fest, als der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren begann. „Was passiert hier? Ist das ein Erdbeben?“
„Nein“, keuchte Yuki, die trotz der Kälte, die plötzlich von den Wänden ausging, nicht von Atems Seite wich. „Die Welt... sie verändert sich.“
Dicke, silbrig-graue Nebelschwaden quollen aus den Schatten der Statuen hervor und krochen über den Boden. Der Geruch von feuchter Erde und Grabesruhe erfüllte die Luft. Die modernen Museumswände begannen zu flimmern und machten Platz für die Umrisse gigantischer, steinerner Säulen, die ins Unendliche zu ragen schienen.
Plötzlich war das Flüstern da. Tausende Stimmen in einer vergessenen Sprache hallten von den Wänden wider – das Murmeln der Ahnen, die Zeugen dieses Sakrilegs wurden.
Atem schloss die Augen. Seine Gestalt begann zu flimmern; für Sekundenbruchteile sahen die Freunde nicht mehr den jungen Mann, sondern den Pharao in seiner vollen Pracht, umhüllt von einem goldenen Schein. Er hob nun das Zepter hoch über seinen Kopf.
„Osiris!“, rief Atem, und seine Stimme hallte nicht im Raum, sondern direkt in den Seelen der Anwesenden wider. „Herr der Ewigkeit, Richter der Seelen! Ich, Atem, Sohn des Horus, trete vor dich, nicht als Toter, der um Einlass bittet, sondern als Lebender, der um Gerechtigkeit fleht!“
Der Nebel vor ihnen verdichtete sich zu einem gewaltigen Tor aus purem Schatten. In der Mitte dieses Tores erschien ein einzelnes, riesiges Auge, das alles zu durchleuchten schien. Ein kalter, majestätischer Druck lastete plötzlich auf ihren Lungen.
„Ich biete mein Herz auf der Waage der Maat an!“, schrie Atem gegen den aufkommenden Wind an, der nun durch die Galerie raste. „Nicht für meinen Ruhm, sondern für die Seele, die ich zu Unrecht band! Erscheine und richte über den Deal, den ich vorschlage!“
Yuki spürte, wie eine unsichtbare Kraft sie fast von den Füßen riss, doch sie krallte ihre Finger in Atems Gewand. In diesem Moment öffnete sich das Schattentor, und ein Licht, das schwärzer als die Dunkelheit war, brach hervor. Eine Gestalt, so groß wie das Museum selbst, begann sich aus dem Nichts zu formen – die Umrisse des thronenden Gottes Osiris.
Die Brücke ist geschlagen...
Das Schattentor bebte, und die Präsenz, die aus der Finsternis trat, war so gewaltig, dass Joey und Tristan unwillkürlich auf die Knie sanken. Selbst Yugi hielt sich keuchend an einer Vitrine fest. Nur Yuki blieb stehen, gestützt durch die Verbindung zu Atem, während sie in das unendliche Schwarz blickte, das die Gestalt des Osiris formte.
Die Stimme des Gottes erklang nicht als Geräusch, sondern als eine Erschütterung des Seins. „Pharao... du wagst es, die Hallen des Gerichts zu rufen, während dein Herz noch im Fleisch schlägt? Was kann ein Sterblicher bieten, das dem Herrn der Ewigkeit nicht bereits gehört?“
Atem senkte das Zepter nicht. Er stand aufrecht, die Augen flammend vor Entschlossenheit. Er wusste, dass er nun alles auf eine Karte setzen musste.
„Ich biete dir das Einzige, was du nicht erzwingen kannst: Meinen freien Willen und meine Ewigkeit!“, rief Atem, und seine Stimme schnitt durch das Flüstern der Toten. „Hör mich an, Osiris! Ich verzichte auf meinen Platz im Feld der Binsen. Ich gebe meine Unsterblichkeit auf, die mir als rechtmäßiger Herrscher zusteht. Ich verzichte darauf, als Gott unter Göttern zu wandeln.“
Ein Raunen ging durch den Nebel, als hätten die Ahnen selbst über dieses unglaubliche Opfer erschrocken aufgeatmet. Yuki wollte protestieren – der Preis war unvorstellbar hoch –, doch die Kraft in Atems Aura brachte sie zum Schweigen.
„Ich verlange keinen Thron und keine Macht“, fuhr Atem fort. „Ich verlange lediglich eine Lebenszeit von fünfzig Jahren in dieser Welt. Fünfzig Jahre als einfacher Mensch, an der Seite der Seele, die ich einst verriet. Und wenn diese Zeit verstrichen ist... wenn mein sterbliches Haar grau und mein Körper müde ist... dann darfst du meine Seele für dich beanspruchen. Nicht als König, der in Ehren empfangen wird, sondern als dein Diener, auf ewig gebunden an dein Reich, ohne Hoffnung auf die glorreiche Ruhe der Götter.“
Stille trat ein. Sogar der wirbelnde Nebel schien innezuhalten. Osiris’ gigantische Umrisse beugten sich tiefer herab, und das Auge im Tor fixierte Atem mit einer Kälte, die das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Du würdest die Ewigkeit im Licht gegen fünf Jahrzehnte im Staub eintauschen?“, hallte die Stimme des Gottes wider. „Du würdest dein göttliches Erbe wegwerfen für die vergängliche Berührung einer sterblichen Frau?“
Atem sah zu Yuki. In seinem Blick lag eine Zärtlichkeit, die stärker war als jede Magie. „Fünfzig Jahre mit ihr sind mehr wert als zehntausend Jahre ohne sie im Paradies. Das ist mein Urteil. Das ist mein Deal.“
Yuki spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Er gab alles auf. Er gab seine Seele für ein gemeinsames Leben mit ihr.
Das Auge des Osiris leuchtete grell auf. „Der Preis ist hoch, Pharao. Wenn du diesen Bund eingehst, gibt es kein Zurück. Die Sanduhr des Anubis wird durch die Kette des Schicksals ersetzt. Fünfzig Jahre... kein Tag mehr. Und danach gehört dein Ka mir.“
Atem nickte ohne Zögern. „Ich akzeptiere.“
Plötzlich schoss ein Strahl aus smaragdgrünem Licht aus dem Zepter direkt in Atems Brust und verband sich mit dem Gold des Millenniumspuzzles. Ein gewaltiger Donnerschlag erschütterte das Museum, und für einen Moment war alles in ein blendendes Weiß getaucht.
Neues Leben
Das blendende Weiß, das die ägyptische Galerie des Museums geflutet hatte, zog sich langsam zurück wie eine abebbende Flut. Die Stille, die darauf folgte, war nicht länger die Grabesruhe des Jenseits, sondern eine lebendige, schwere Stille.
Atem sank in die Knie, das Zepter von Abydos entglitt seinen Fingern und klirrte leise auf den Marmorboden. Er keuchte schwer, sein ganzer Körper bebte unter der Wucht der Entscheidung. Yuki war sofort bei ihm, ihre Arme schlangen sich um ihn, um seinen Sturz aufzufangen.
„Atem!“, rief sie verzweifelt.
Sie spürte das vertraute Pochen seines Herzens gegen ihre Brust und die Wärme seiner Haut, die sie schon in der Nacht zuvor gespürt hatte. Doch etwas war grundlegend anders. Es war nicht mehr das geliehene Leben eines zurückgekehrten Geistes, der an einer unsichtbaren Leine des Jenseits hing. Die Aura der Unsterblichkeit, diese kühle, göttliche Distanz, die ihn trotz seines Körpers immer umgeben hatte, war verschwunden.
Atem schlug die Augen auf. Das violette Leuchten war einem tiefen, menschlichen Amethyst-Ton gewichen. Er sah Yuki an, und zum ersten Mal wirkte sein Blick nicht wie der eines zeitlosen Herrschers, sondern wie der eines Mannes, der die Endlichkeit seines Daseins nun bis in die Knochen spürte.
„Es ist vollbracht...“, flüsterte er, und seine Stimme klang rauer, geerdeter. Er hob eine Hand und berührte ihr Gesicht. „Ich spüre keine Verbindung mehr zum Feld der Binsen, Arelia. Die Tore sind für mich geschlossen. Das Band, das mich jederzeit hätte zurückreißen können, ist zerrissen.“
Er atmete zittrig ein, und es fühlte sich anders an als zuvor. Jeder Atemzug war nun kein Geschenk der Götter auf Zeit mehr, sondern ein Teil seiner eigenen, begrenzten Lebenskraft.
Yugi, Joey und Tristan traten zögerlich näher. Joey schniefte lautstark und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Kumpel... du hast es echt getan“, brachte Joey hervor. „Du hast die Ewigkeit für uns – für sie – weggeschmissen. Du bist jetzt echt einer von uns. Ein Sterblicher.“
Tristan legte Joey eine Hand auf die Schulter, während er Atem ehrfürchtig ansah. „Keine Götter mehr, keine Missionen von Anubis. Nur noch... wir.“
Atem lächelte schwach, während er sich mit Yukis Hilfe mühsam aufrichtete. „Fünfzig Jahre“, sagte er leise und sah in die Runde. „Ein ganzes Leben. Ich habe meinen Platz unter den Göttern gegen einen Platz an deiner Seite eingetauscht, Yuki. Und ich habe diesen Handel mit Freuden unterschrieben.“
Yuki hielt ihn fest umschlungen. Die Information über die verkürzten zwei Monate war weggewischt von der gewaltigen Realität dieses Opfers. Er war nun kein Pharao mehr, der auf Erden wanderte, sondern ein Mensch, der mit ihr alt werden würde.
Als sie das Museum verließen, war die Nacht über Domino City hereingebrochen. Die Stadt wirkte für Atem nun völlig anders. Vorher war sie eine Zwischenstation gewesen, ein Ort für eine Aufgabe. Jetzt war sie sein Zuhause – für den Rest seiner Tage.
„Wo werden wir hingehen?“, fragte Yuki leise, während sie eng an seiner Seite durch die kühle Nacht spazierten.
Atem blieb stehen und blickte hoch zum Mond. „Überallhin, wo du willst, Yuki. Wir haben keine Paläste mehr und keine magischen Verpflichtungen. Nur uns beide. Und fünfzig Jahre Zeit, um alles nachzuholen, was wir in dreitausend Jahren verpasst haben.“
In dieser Nacht kehrten sie nicht sofort nach Hause zurück. Sie gingen zum Strand, dorthin, wo das Meer gegen die Küste von Domino schlug. Sie saßen im Sand, und Atem beobachtete die Wellen mit einer neuen Ruhe. Der Pakt mit Osiris war die schwerste Last, die er je getragen hatte, doch in Yukis Armen fühlte sie sich leichter an als jede goldene Krone. Er war nun endlich frei – frei, um zu leben und irgendwann, an ihrer Seite, zu sterben.
Nachdem die erste Last der Entscheidung von ihnen abgefallen war und die kühle Meeresbrise ihre erhitzten Gemüter beruhigt hatte, machten sie sich schließlich auf den Weg zu Yukis Haus. Das Haus ihrer Großmutter wirkte in der Dunkelheit wie ein stiller Hafen. Leise schlichen sie hinein, um die alte Dame nicht zu wecken, und suchten Zuflucht in der Vertrautheit von Yukis Zimmer. Es war eine Nacht ohne Albträume, erfüllt von der schlichten Gewissheit, dass sie nun wirklich eine gemeinsame Zukunft besaßen.
Doch der Morgen kam schnell. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer in Gold tauchten, löste Atem sich vorsichtig aus der Umarmung der schlafenden Yuki. Er beobachtete sie einen Moment lang, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und spürte die neue, menschliche Verantwortung für dieses gemeinsame Leben.
Er musste sich sammeln. Er musste den Übergang von der göttlichen Welt in dieses neue, profane Leben auch physisch vollziehen. Leise verließ er das Haus und machte sich auf den Weg zu den Mutos.
Als er den Game Shop erreichte, war Yugi bereits wach. Ohne viele Worte verstand sein „anderes Ich“, was Atem brauchte. Im Badezimmer der Mutos ließ Atem das heiße Wasser über seinen Körper laufen. Es war, als würde der letzte Staub der Ewigkeit von ihm abgewaschen. Er duschte lange, genoss das Gefühl der Wassertropfen auf seiner sterblichen Haut und kleidete sich anschließend frisch ein – in einfache, moderne Kleidung, die Yugi ihm bereitgelegt hatte.
Als er in den Spiegel sah, sah er nicht mehr den Pharao von Ägypten. Er sah einen jungen Mann, der bereit war, den heutigen Montag an der Universität als das zu beginnen, was er nun für die nächsten fünfzig Jahre sein würde: Ein Mensch an der Seite der Frau, die er liebte.
Der Montagmorgen an der Universität von Domino City fühlte sich für Yuki merkwürdig vertraut und doch völlig fremd an. Sie lehnte am großen schmiedeeisernen Haupttor und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Ihr Blick suchte die Menge nach der markanten Gestalt ab, die nun nicht mehr nur ihr Pharao, sondern ihr Lebensgefährte für die nächsten fünfzig Jahre war.
„Na, sieh mal einer an. Unsere kleine Träumerin steht wieder im Weg herum und wartet vergeblich.“
Yuki straffte die Schultern, als Mai und ihre Clique auf sie zukamen. Mai blieb direkt vor ihr stehen, die Arme verschränkt. Ihr Blick war giftig; sie musterte Yuki von oben bis unten, und in ihren Augen blitzte jener bittere Neid auf, den sie schon seit Wochen mit sich herumtrug. Mai hatte schon lange ein Auge auf den geheimnisvollen Yami geworfen, doch egal wie sehr sie sich in Szene setzte, er schien sie einfach nicht wahrzunehmen. Nicht zu vergessen, seine Abfuhr gegenüber ihrer Frage bezüglich eines Dates. Dass ausgerechnet die stille Yuki seine Aufmerksamkeit besaß, war für Mai unerträglich.
„Sag mal, Yuki“, begann Mai mit honigsüßer, aber bösartiger Stimme, während ihre Freundinnen im Hintergrund kicherten. „Läuft es wohl nicht mehr so rund im Paradies? Man erzählt sich im Wohnheim, dass Yami langsam die Lust an dir verliert. Es kriselt wohl gewaltig, was?“
Yuki zog eine Augenbraue hoch. „Ich weiß nicht, wer solche Märchen verbreitet, Mai.“
„Oh, wirklich?“, Mai trat einen Schritt näher, ein triumphierendes Funkeln in den Augen. „Man hat euch beide vor ein paar Tagen im Spindkorridor gesehen. Die Stimmung schien ja mehr als angespannt zu sein – fast so, als hättet ihr euch kaum noch etwas zu sagen. Er sah aus, als wollte er so schnell wie möglich weg von dir. Hast du ihn etwa mit deiner Anhänglichkeit vertrieben?“
Die Clique kicherte pflichtbewusst. Mai genoss den Moment sichtlich. In ihrer Vorstellung war die angespannte Atmosphäre im Korridor – die eigentlich Atems verzweifeltem Ringen mit dem Siegel und der Wahrheit geschuldet war – das Zeichen einer zerbrechenden Beziehung. Eine Chance für sie, den Platz an seiner Seite einzunehmen.
Yuki sah Mai ruhig an. Sie erinnerte sich an jenen Moment im Korridor; es war der Tag gewesen, an dem Atem fast daran zerbrochen wäre, ihr die Wahrheit zu verschweigen. Mais Versuch, diesen Schmerz als Desinteresse umzudeuten, wirkte fast schon lächerlich.
„Du solltest nicht alles glauben, was du aus der Ferne beobachtest, Mai“, erwiderte Yuki gelassen. „Manchmal ist Stille kein Zeichen von Distanz, sondern von tiefer Verbundenheit.“
„Träum weiter, Schätzchen“, spottete Mai und warf ihr langes Haar über die Schulter. „Ein Mann wie er braucht eine Frau, die ihm gewachsen ist, keine kleine Studentin, die ihn mit ihren Sorgen erstickt.“
Yuki wollte gerade antworten, als die Menge um sie herum plötzlich ruhiger wurde. Mai erstarrte mitten in einer weiteren giftigen Bemerkung, ihr Blick wanderte über Yukis Schulter und ihre Pupillen weiteten sich.
Atem kam auf sie zu. Er bewegte sich mit einer neuen, menschlichen Erdung, die ihn nur noch anziehender machte. Sein Blick war wie ein Laser auf Yuki fixiert. Er ignorierte Mai und die Clique vollkommen, als wären sie Schatten an einer Wand. Er blieb vor Yuki stehen, legte seine Hand ganz natürlich an ihre Taille und zog sie ein Stück näher an sich.
„Verzeih die Verspätung“, sagte er leise, und der warme Klang seiner Stimme ließ Mais Eifersucht sichtlich zur Wut umschlagen. „Ich musste Zuhause noch etwas erledigen.“
Dann wandte er den Kopf nur ein kleines Stück zur Seite. Sein Blick streifte Mai – kurz, kühl und ohne jedes Interesse. Es war jene vernichtende Art von Gleichgültigkeit, die Mai mehr verletzte als jeder Streit. Er wandte sich sofort wieder Yuki zu und gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe, als wolle er vor aller Welt zeigen, wem sein Herz und seine verbleibenden fünfzig Jahre gehörten.
Atem schien die feindselige Präsenz von Mai und ihrer Clique aufeinmal vollkommen auszublenden. Für ihn existierte in diesem Moment nur Yuki. Er verstärkte den Druck seiner Hand an ihrer Taille ein wenig und beugte sich so tief zu ihr herab, dass seine Lippen fast ihr Ohr berührten. Sein warmer Hauch kitzelte ihre Haut und schuf eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen und der Außenwelt.
„Arelia“, flüsterte er mit einer Stimme, die so tief und samten war, dass sie Yuki durch Mark und Bein ging. „Kannst du dich noch an unsere erste Nacht im Palast erinnern? Die Nacht direkt nach unserer Vermählung, als die Lotusblüten im Garten ihren Duft verströmten?“
Yuki hielt inne. Die Erinnerung blitzte in ihrem Geist auf – die Hitze der ägyptischen Nacht, die seidenen Laken und das Versprechen in seinen Augen, das nun, dreitausend Jahre später, immer noch dasselbe war.
„Ich jedenfalls erinnere mich sehr genau daran“, fuhr er fort, wobei sein Flüstern nun eine fast gefährliche Intensität annahm. „Und ich muss gestehen... wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt es mir schwer, mich hier vor all diesen Menschen zu beherrschen.“
Yuki schoss das Blut augenblicklich in die Wangen. Ihr gesamtes Gesicht leuchtete in einem tiefen Scharlachrot auf, und sie spürte, wie ihre Knie weich wurden. Sie stieß ein nervöses, aber unendlich belustigtes Lachen aus und legte eine Hand gegen seine Brust, um ihn spielerisch auf Distanz zu halten.
„Hör auf damit... nicht hier!“, zischte sie, während sie versuchte, ihren Blick zu senken, um die schiere Hitze in ihren Augen zu verbergen.
Mai und ihre Clique standen wie versteinert da. Obwohl sie kein einziges Wort von dem verstanden hatten, was Atem geflüstert hatte, war die Veränderung in der Luft mit Händen zu greifen. Die Atmosphäre war plötzlich nicht mehr nur angespannt, sondern von einer derart elektrisierenden, fast schon greifbaren Erotik erfüllt, dass es den umstehenden Mädchen die Sprache verschlug.
Zu sehen, wie dieser sonst so distanzierte, majestätische Mann seine Yuki mit einer solchen Intimität und Leidenschaft behandelte, dass sie förmlich in seinen Armen dahinschmolz, war zu viel für die Clique. Mai, die eben noch so große Reden über Atems angebliches Desinteresse geschwungen hatte, spürte, wie ihr eigenes Gesicht heiß wurde. Sie starrte die beiden an, unfähig wegzusehen, während ihr Neid sich mit einer tiefen Beschämung mischte.
Die anderen Mädchen begannen ebenfalls zu erröten und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen, völlig verstört von der plötzlichen Sinnlichkeit, die von dem Paar ausging. Die giftigen Kommentare von vorhin wirkten nun vollkommen deplatziert und kindisch.
Atem löste sich langsam von Yuki, ein triumphierendes, fast schon raubtierhaftes Funkeln in seinen amethystfarbenen Augen. Er warf Mai keinen einzigen Blick zu, als er Yukis Hand ergriff und sie sanft in Richtung des Universitätsgebäudes zog.
„Komm“, sagte er laut genug, damit die anderen es hören konnten. „Wir haben eine Vorlesung, die wir nicht verpassen sollten. Auch wenn mir tausend andere Dinge einfallen, die ich lieber mit dir tun würde.“
Yuki schüttelte lachend den Kopf, immer noch tiefrot im Gesicht, und ließ sich bereitwillig mitziehen. Sie ließen eine völlig fassungslose Mai zurück, die mit offenem Mund am Tor stand und zum ersten Mal in ihrem Leben begriff, dass sie gegen die Bindung dieser beiden Seelen niemals eine Chance haben würde.
Sobald sie die schweren Schwingtüren des Hauptgebäudes passiert hatten und der giftige Blick von Mai und ihrer Clique hinter ihnen verschwunden war, löste sich Yuki für einen Moment aus Atems Griff. Ihr Gesicht glühte noch immer in einem kräftigen Scharlachrot, das bis zu ihren Ohrläppchen reichte.
Mit einem gespielten Schmollmund und einem belustigten Funkeln in den Augen verpasste sie ihm einen sanften Stoß in die Seite. „Atem!“, stieß sie hervor und versuchte, streng zu klingen, was ihr jedoch völlig misslang. „War das wirklich nötig? Du hast die armen Mädchen völlig verstört! Ich glaube, Mai hat vergessen, wie man atmet.“
Atem lachte leise. Er blieb stehen, drehte sich zu ihr und griff erneut nach ihrer Taille, um sie fest an sich zu ziehen. „Es hatte genau die Wirkung, die diese Mädchen verdient haben, findest du nicht?“, erwiderte er amüsiert. Sein Blick wurde weicher, als er ihr eine lose Haarsträhne hinter das Ohr schob. „Was ist so schlimm daran, der Welt zu zeigen, wem mein Herz gehört? In Ägypten hätten sie den Staub von deinen Sandalen geküsst. Hier... müssen sie eben lernen, dass du unantastbar für ihre kleinen Spielchen bist.“
Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Die Überlegenheit wich einer fast schon jungenhaften Ehrlichkeit. Er beugte sich wieder zu ihr herab und senkte die Stimme zu einem gefährlich sanften Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Außerdem... habe ich vorhin nicht gelogen, Yuki. Die Erinnerung an unsere Vermählung... sie ist in meinem Kopf lebendiger als je zuvor. Und ich gestehe dir, dass mich der Gedanke gerade körperlich sehr beeinflusst.“
Yuki spürte, wie eine neue Hitzewelle über sie hereinbrach. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment läutete die Glocke zur ersten Vorlesung. „Du bist unmöglich“, murmelte sie verlegen, ergriff seine Hand und zog ihn hastig in Richtung des Hörsaals.
Wenig später saßen sie in der vollbesetzten Vorlesung über antike Mythologie – ein Thema, das Atem heute besonders ironisch vorkam. Der Professor dozierte vorne über die Bedeutung der Sonnenbarke des Ra, während um sie herum das unaufhörliche Klappern von Laptops und das Rascheln von Notizblöcken zu hören war.
Atem versuchte aufrichtig, dem Professor zu folgen. Er hatte ein Tablet vor sich liegen und machte sich Notizen, doch seine Konzentration war brüchig. Er spürte Yukis Nähe neben sich, ihren Duft und die Wärme ihres Arms, der fast seinen berührte.
Yuki beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sie sah, wie er angestrengt versuchte, den Ausführungen des Professors über „fiktive Gottheiten“ zuzuhören, während er selbst vor wenigen Stunden noch mit Osiris verhandelt hatte. Ein schelmisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Unter dem Sichtschutz des Tisches gleitete ihre Hand zu seinem Oberschenkel und sie begann, mit ihren Fingerspitzen kleine, kreisende Bewegungen über den Stoff seiner Hose zu zeichnen.
Atem erstarrte mitten im Satz. Sein Stift hielt über dem Tablet inne. Er warf ihr einen warnenden, aber zutiefst amüsierten Blick von der Seite zu. Yuki schaute jedoch ganz unschuldig nach vorne, als würde sie jedes Wort des Professors eifrig aufsaugen.
Er atmete schwer durch und versuchte, seinen Blick wieder auf den Beamer zu richten. Doch als Yukis Hand ein Stück höher wanderte, entwich ihm ein unterdrücktes, kehliges Geräusch. Ein paar Studenten in der Reihe vor ihnen drehten sich neugierig um.
„Gibt es ein Problem, Mr. Muto?“, fragte der Professor und sah über seine Brille hinweg zu Atem.
Atem räusperte sich hastig und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg – ein Gefühl, das er als Pharao selten gekannt hatte, das ihm als Mensch aber nun allzu vertraut wurde. „Nein, Professor. Alles in Ordnung. Nur ein... interessanter Aspekt der Theorie.“
Yuki kicherte lautlos in ihre Handfläche, während sie ihre Hand langsam zurückzog, aber nicht ohne ihm zum Abschied noch einmal sanft zuzudrücken. Atem sah sie an, und in seinen Augen loderte ein Versprechen, das sie wissen ließ, dass die Revanche für diese kleine Provokation folgen würde, sobald sie wieder allein waren.
Der Moment der spielerischen Neckerei wurde jäh unterbrochen, als Professor Yoshimori ein neues Set Folien auf den Beamer warf. Das Licht im Hörsaal wurde gedimmt, und das Rascheln im Raum ebbte ab, als das Thema auf dem Bildschirm erschien: „Die Herrscher der 18. Dynastie: Glanz und Schatten einer Ära.“
Atem spürte, wie sich sein ganzer Körper anspannte. Das war nicht mehr bloße Mythologie oder abstrakte Theorie – das war sein Leben. Seine Regierungszeit. Seine Familie.
Der Professor begann über die Errungenschaften der Pharaonen zu sprechen, doch als er zu den „verlorenen Herrschern“ und den Lücken in den Königslisten kam, passierte etwas Seltsames. Atem sah die Rekonstruktionen von Palästen und Statuen, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Er hörte, wie Yoshimori über die politischen Motive der damaligen Zeit spekulierte, und musste an einigen Stellen unwillkürlich den Kopf schütteln.
Yuki bemerkte sofort, wie sich seine Miene veränderte. Sein Blick wurde tief, fast schmerzlich fernweh-geplagt. Er sah nicht mehr das Tablet vor sich, sondern die staubigen Straßen von Theben. Unter dem Tisch suchte sie nun nicht mehr neckisch, sondern tröstend seine Hand und verschränkte ihre Finger fest mit seinen.
„Es ist seltsam, oder?“, flüsterte sie ihm kaum hörbar zu.
„Er spricht über mich, als wäre ich eine mathematische Gleichung, die man nicht lösen kann“, antwortete Atem leise, ohne den Blick vom Beamer abzuwenden. „Dabei vergisst er den Geruch des Wüstensands und das Blut, das für diesen Frieden vergossen wurde.“
Als die Vorlesung schließlich endete und das laute Einpacken der Studenten den Raum füllte, wirkte Atem noch für einen Moment wie in Trance. Erst als Yuki ihn sanft am Arm berührte, kehrte er ganz in die Gegenwart zurück.
Draußen im Korridor war die Luft kühler, doch die Spannung zwischen ihnen war durch die Vorlesung nur noch weiter angestiegen.
Atem zog Yuki ohne ein Wort in eine ruhige Nische hinter einer großen Steinsäule, fernab der strömenden Studentenmassen.
Er blockierte ihren Weg, indem er beide Hände links und rechts von ihrem Kopf gegen die Wand stützte, und baute sich vor ihr auf. Sein Blick war nun wieder dunkel und intensiv, die Melancholie der Vorlesung war einer brennenden Präsenz gewichen.
„Du spielst ein gefährliches Spiel, Yuki“, raunte er, und seine Stimme vibrierte vor unterdrückter Leidenschaft. Er erinnerte sie an den Moment im Hörsaal. „Mich in aller Öffentlichkeit so herauszufordern... besonders wenn der Professor über meine eigene Vergangenheit doziert...“
Yuki blickte zu ihm auf, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Das verspielte Grinsen war noch da, aber ihre Atmung ging schwerer. „Ich wollte nur sehen, wie standhaft der große Pharao in der modernen Welt ist“, neckte sie ihn leise. „Aber du wirktest so... abgelenkt.“
Atem beugte sich näher, bis seine Nasenspitze die ihre berührte. „Ich bin wieder ein Mensch aus Fleisch und Blut, Arelia. Vergiss das nicht. Die Beherrschung, die ich im Palast lernen musste, schmilzt in deiner Nähe schneller als Eis in der Wüste.“
Er senkte seinen Kopf zu ihrem Hals und flüsterte direkt gegen ihre Haut: „Wenn wir später allein sind, werde ich dir zeigen, dass solche Provokationen Konsequenzen haben. Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit, aber ich habe nicht vor, auch nur eine Minute davon ungenutzt zu lassen.“
Yuki schloss die Augen und lehnte ihren Kopf gegen die kühle Wand hinter ihr, während sie seinen warmen Hauch auf ihrer Haut spürte. In diesem Moment war Mai vergessen, die Uni vergessen und sogar die Last der Geschichte vergessen. Es gab nur noch das Hier und Jetzt.
„Ich freue mich auf die Konsequenzen“, flüsterte sie zurück und legte ihre Arme um seinen Nacken.
Atem löste sich nur langsam von ihr, ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen, als er ihre Hand nahm und sie durch die Gänge der Universität nach draußen führte. Die kühle Brise des Nachmittags tat gut nach der hitzigen Atmosphäre im Hörsaal und der Nische.
An einem Brunnen auf dem Campusgelände sahen sie von Weitem eine vertraute Gestalt. Yugi saß auf der steinernen Umrandung, ein Buch auf dem Schoß, doch er blickte sofort auf, als er die beiden sah. Sein Gesicht hellte sich auf, doch sein Blick wanderte sofort zu ihren ineinander verschränkten Händen und dann zu Yukis immer noch leicht geröteten Wangen.
„Hey, ihr beiden!“, rief Yugi und klappte sein Buch zu. Als sie näher kamen, kniff er die Augen ein wenig zusammen und ein schelmisches Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Na, wie war die Vorlesung bei Yoshimori? Ich hab gehört, er wollte heute über die 18. Dynastie sprechen.“
Yuki räusperte sich verlegen, während Atem sich neben Yugi auf den Brunnenrand setzte, die Haltung entspannt, aber mit einem Funkeln in den Augen, das Yugi nur zu gut kannte.
„Es war... aufschlussreich“, antwortete Atem trocken. „Obwohl Professor Yoshimori einige sehr gewagte Theorien über meine Regierungszeit aufgestellt hat. Er scheint zu glauben, dass ich eine Vorliebe für bürokratische Reformen hatte, dabei war ich zu der Zeit eher damit beschäftigt, nicht von Schattenmonstern gefressen zu werden.“
Yugi lachte herzlich. „Das ist das Problem mit Historikern, Atem. Sie sehen nur die Scherben, nicht das Feuer, das sie geformt hat.“ Er warf einen schnellen Blick zu Yuki und dann zurück zu seinem anderen Ich. „Aber sag mal... habt ihr im Hörsaal eigentlich aufgepasst? Du wirkst irgendwie... weniger wie ein Student, der gerade aus einer Geschichtsstunde kommt, und mehr wie jemand, der gerade einen kleinen Sieg errungen hat.“
„Oh, er hat definitiv einen Sieg errungen“, warf Yuki ein und warf Atem einen spielerischen Blick zu. „Vor allem gegen die Geduld des Professors und gegen Mais Clique am Haupttor.“
Yugi zog die Augenbrauen hoch. „Mai? Oh je. Hat sie wieder versucht, Gift zu verspritzen?“
Atem zuckte die Achseln, eine Geste, die jetzt so vollkommen menschlich und lässig wirkte. „Sie hat es versucht. Aber ich glaube, sie hat heute gelernt, dass manche Mauern zu hoch sind, um sie einzureißen. Und dass die Vergangenheit manchmal eine Macht besitzt, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen kann.“
Yugi beobachtete die beiden schmunzelnd. Er spürte die veränderte Energie zwischen ihnen – dieses tiefe, fast greifbare Knistern, das seit dem Pakt mit Osiris alles überlagerte. „Ich freue mich für euch“, sagte er ernst, und seine Stimme wurde weicher. „Es ist seltsam zu sehen, wie du hier sitzt, Atem, und dich über Professoren beschwerst, anstatt über das Schicksal der Welt zu grübeln. Es steht dir gut.“
Atem sah seinen Partner an, und für einen Moment war da wieder diese tiefe, wortlose Verbundenheit zwischen den beiden Seelen, die sich so lange ein Herz geteilt hatten. „Danke, Yugi. Ohne dich wäre ich nie an diesen Punkt gekommen.“
Wenig später am Abend...
Als sie die Haustür zum Haus von Yukis Großmutter erreichten, war die Luft zwischen ihnen so aufgeladen, dass jedes zufällige Streifen ihrer Hände wie ein elektrischer Schlag wirkte. Yuki nestelte hastig mit dem Schlüssel am Schloss, während Atem direkt hinter ihr stand und sie die Hitze seines Körpers im Rücken spüren konnte.
Kaum schwang die Tür auf, drang der vertraute Duft von frisch gebrühtem Tee und gebackenen Reiskuchen aus der Küche zu ihnen herüber.
„Yuki? Bist du das, Liebes?“, erklang die sanfte, neugierige Stimme ihrer Großmutter aus dem Wohnzimmer. „Ich habe gerade den Tisch gedeckt, und Yami ist sicher auch hungrig...“
Yuki und Atem wechselten einen blitzartigen Blick. So sehr sie die alte Dame schätzten, in diesem Moment war Smalltalk über das Abendessen das Letzte, wozu sie in der Lage waren.
„Wir gehen nur kurz nach oben, Oma! Wir haben... ähm... ganz viel für die Uni nachzuarbeiten!“, rief Yuki mit einer Stimme, die eine Oktave zu hoch klang.
Ohne eine Antwort abzuwarten, packte sie Atems Hand und zog ihn förmlich die hölzerne Treppe hinauf. Atem unterdrückte ein amüsiertes Lachen, während seine Stiefel polternd die Stufen nahmen. Sie stolperten fast in Yukis Zimmer im ersten Stock, und kaum dass sie die Schwelle überschritten hatten, drückte Yuki die Tür zu und ließ das Schloss mit einem deutlichen Klick einschnappen.
Atem lehnte sich gegen die geschlossene Tür und atmete tief durch. „Für die Uni nacharbeiten, hm?“, neckte er sie, während ein dunkles, raubtierhaftes Funkeln in seinen Augen aufblitzte.
Yuki wirbelte zu ihm herum, das Gesicht immer noch tiefrot von der überstürzten Flucht. „Hättest du dich etwa unten hingesetzt und seelenruhig Tee getrunken, während du mich so ansiehst wie den ganzen Nachmittag?“, konterte sie außer Atem.
„Sicherlich nicht“, gestand er. Er trat einen Schritt auf sie zu, verkleinerte den Abstand zwischen ihnen, bis sie seinen Herzschlag fast durch seine Kleidung spüren konnte. Die verspielte Leichtigkeit wich augenblicklich einer tiefen Ernsthaftigkeit. Er legte seine Hände an ihre Wangen und hob ihr Gesicht an, sodass sie ihm direkt in die amethystfarbenen Augen sehen musste.
„Ich habe im Hörsaal nicht gelogen.“, flüsterte er, und seine Stimme war nun so tief und samten, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Die Erinnerung an unsere Vermählung... sie brennt in mir. Dreitausend Jahre lang war sie nur ein blasser Schatten, ein Fragment in einem kalten Jenseits. Aber jetzt, mit diesem Körper, mit diesen Sinnen...“
Er beugte sich vor, bis seine Lippen fast ihre berührten. „Ich kann mich kaum beherrschen, wenn ich daran denke, dass wir nun wirklich die Zeit haben, die uns damals geraubt wurde.“
Yuki schlang ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn das letzte Stück zu sich herab. Die Welt außerhalb dieses Zimmers – die Großmutter in der Küche, die Uni, die Schatten der Vergangenheit – alles verblasste.
In dieser Nacht, im geschützten Raum von Yukis Zimmer, löste Atem das Versprechen ein, das er ihr im Korridor der Universität gegeben hatte. Es war kein königliches Protokoll mehr nötig, kein göttlicher Segen. In der Dunkelheit, nur vom fahlen Mondlicht beschienen, das durch das Fenster fiel, entdeckten sie sich neu. Jede Berührung war eine Bestätigung seines Opfers und jede Liebkosung ein Versprechen für die kommenden fünfzig Jahre. Atem genoss die neue Intensität seiner menschlichen Sinne – das weiche Gefühl ihrer Haut und die Gewissheit, dass dies erst der Anfang ihres gemeinsamen Lebens war.
Der nächste Morgen brach mit einem sanften, goldenen Licht an, das durch die Vorhänge von Yukis Zimmer sickerte. Für Atem war es das erste Mal seit Jahrtausenden, dass er nicht durch die kühle Präsenz des Millenniumspuzzles oder einen Ruf aus dem Jenseits geweckt wurde, sondern durch das einfache, warme Gewicht von Yukis Kopf auf seiner Schulter.
Er lag einen Moment vollkommen still und genoss das Gefühl, einfach nur zu 'sein'. Doch als Yuki sich verschlafen regte und Anstalten machte, aufzustehen, um dem Klappern von Geschirr in der Küche nachzugehen, schlangen sich seine Arme fest um ihre Taille.
Mit einem überraschten Aufschrei wurde Yuki zurück in die Kissen gezogen. Atem rollte sich über sie, hielt ihre Handgelenke sanft fest und vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken.
„Atem!“, stieß sie lachend hervor, während sie versuchte, sich spielerisch aus seiner Umklammerung zu winden. „Lass los, wir müssen aufstehen. Großmutter wartet unten mit dem Frühstück!“
„Soll sie warten“, raunte er mit einer Stimme, die noch tief und rau vom Schlaf war. Er hob den Kopf ein Stück und sah sie aus halbgeschlossenen Augen an, ein gefährlich charmantes Lächeln auf den Lippen. „Ich habe dreitausend Jahre gewartet, um diesen Morgen mit dir zu haben. Glaubst du wirklich, eine Schüssel Reis kann mich jetzt von dir trennen?“
Yuki kicherte und strich ihm über die Wange, doch sie versuchte standhaft zu bleiben. „Sie wird sich ihren Teil denken, wenn wir nicht bald auftauchen. Wir sind gestern schon wie zwei Diebe die Treppe hochgerannt.“
„Dann lassen wir sie eben denken“, entgegnete er unbeeindruckt. Er begann, kleine, neckische Küsse auf ihre Kieferlinie zu setzen, was Yuki unwillkürlich erzittern ließ. „Vielleicht erzähle ich ihr einfach, dass der große Pharao beschlossen hat, den heutigen Tag zur nationalen Feiertagsruhe im Bett zu erklären.“
„Du bist unmöglich“, murmelte sie, obwohl sie ihren Kopf zur Seite legte, um ihm mehr Platz zu machen. „Der Pharao hat in diesem Haus gar nichts zu sagen, hier regiert meine Großmutter.“
Atem lachte leise gegen ihre Haut. „Dann ist es gut, dass ich nur noch ein einfacher Mensch bin, der hoffnungslos in ihre Enkelin verliebt ist.“ Er gab ihr noch einen letzten, intensiven Kuss, bevor er sie widerwillig losließ. „Na gut. Das Frühstück rettet dich... für den Moment.“
Atem wollte sich gerade geschlagen geben und sich aufrichten, um dem Duft von Miso-Suppe und gebratenem Ei nachzugeben, doch er hatte Yukis Entschlossenheit unterschätzt.
Als er den Druck seiner Arme lockerte, geschah das Gegenteil von dem, was er erwartet hatte. Yuki schlang ihre Arme fest um seinen Nacken und zog ihn mit einer überraschenden Kraft wieder zu sich hinab, bis ihre Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. Ihr Atem ging flach, und in ihren Augen loderte ein Feuer, das die morgendliche Müdigkeit vollkommen verdrängt hatte.
„Glaubst du wirklich, du kannst mich jetzt einfach so allein lassen?“, flüsterte sie, und ihre Stimme war nun weit weg von dem lachenden Protest von eben. „Nachdem du mich mit deinem Flüstern und deinen Küssen so weit gebracht hast?“
Sie drückte ihren Körper enger an seinen, und Atem spürte das heftige Hämmern ihres Herzens. „Mein Körper brennt wegen dir, Atem. Wenn du jetzt gehst, lasse ich dich nicht einfach so davonkommen. Der Pharao mag aufgegeben haben, aber ich noch lange nicht.“
Atem erstarrte für einen Moment, völlig überrumpelt von ihrer Direktheit. Ein dunkles Lachen der Zufriedenheit entwich seiner Kehle. Das spielerische Funkeln in seinen Augen wich einer brennenden Intensität. Er stützte sich auf seine Ellbogen und sah sie an, als wäre sie das einzige Wunder auf dieser Welt.
„Ich dachte, die Großmutter regiert dieses Haus“, raunte er, während seine Finger ihre Taille nun mit festem Griff umschlossen. „Aber ich sehe, dass ich mich in der wahren Herrscherin getäuscht habe.“
Er beugte sich tiefer, seine Lippen streiften ihre, während er ihr leise ins Ohr flüsterte: „Das Frühstück kann kalt werden. Die Götter mögen mir fünfzig Jahre gegeben haben, aber ich fange lieber sofort damit an, jede einzelne Sekunde davon an dich zu verlieren.“
Yuki antwortete nicht mehr mit Worten. Sie zog ihn vollends zu sich herab und besiegelte ihr Versprechen. Das Klappern der Teller von unten wurde zu einem fernen, bedeutungslosen Hintergrundgeräusch, während die Zeit in diesem sonnendurchfluteten Zimmer für einen weiteren, langen Moment stillzustehen schien.
Als sie schließlich – deutlich später als beabsichtigt – die Treppe hinunterstiegen, war das Licht im Flur bereits heller und die Mittagsnähe fast greifbar. Yuki versuchte, sich die Bluse glattzustreichen und ihre Haare zu bändigen, während Atem hinter ihr herging. Er wirkte vollkommen entspannt, fast schon triumphierend, und sein Gang hatte diese ruhige Sicherheit eines Mannes, der genau wusste, dass er sein Schicksal bezwungen hatte.
Unten in der Küche war das ursprüngliche Frühstück bereits abgeräumt, doch auf dem Tisch standen zwei sorgfältig abgedeckte Teller und eine frische Kanne Tee. Großmutter Minato saß am Küchentisch und las in einer Zeitung, die Lesebrille tief auf der Nase.
Als sie das junge Paar bemerkte, blickte sie über den Rand ihrer Brille hinweg. Ihr Lächeln war so breit und wissend, dass Yuki am liebsten auf der Stelle im Boden versunken wäre.
„Guten Morgen... oder sollte ich lieber sagen: Guten Tag, ihr zwei?“, flötete die Großmutter vergnügt. „Ich habe das Omelett warmgehalten, aber ich fürchte, der Reis ist inzwischen ein wenig fest geworden. Die ‚Studien‘ müssen ja unglaublich intensiv gewesen sein.“
„Oma, bitte...“, murmelte Yuki und setzte sich hastig an den Tisch, wobei sie krampfhaft vermied, Atem anzusehen, der sich seelenruhig neben sie gleiten ließ.
Atem hingegen nahm die Situation mit königlicher Gelassenheit hin. Er schenkte Yuki Tee ein und sah dann die Großmutter direkt an. „Es gab einige... unvorhergesehene Details in der historischen Analyse, die wir klären mussten, Großmutter Minato. Die Zeit verfliegt einfach, wenn man sich in ein Thema vertieft.“
Die alte Dame kicherte und klappte die Zeitung zusammen. „Natürlich, Yami. Ich erinnere mich auch an solche ‚Analysen‘ aus meiner Jugend.“ Sie stand auf und legte Yuki sanft eine Hand auf die Schulter. „Ich freue mich für dich, Kleines. Du strahlst mehr als die Morgensonne. Und du Yami, siehst aus als hättest du endlich aufgehört zu suchen..“
Atem hielt für einen Moment inne, das Stäbchen in der Hand. Er sah Yuki an, die gerade vorsichtig von ihrem Omelett probierte, und dann zurück zur Großmutter. „Ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe. Und ich habe nicht vor, es jemals wieder loszulassen.“
Die Großmutter nickte zufrieden und begann, in der Spüle zu hantieren. „Gut so. Dann esst jetzt, damit ihr wenigstens die Nachmittagsvorlesung schafft. Yoshimori würde es sicher seltsam finden, wenn sein bester Student wegen ‚historischer Erschöpfung‘ fehlt.“
Yuki musste trotz ihrer Verlegenheit laut loslachen. Unter dem Tisch suchte sie Atems Bein mit ihrem Fuß und drückte ihn sanft, während sie ihr Frühstück genossen. Es war der alltäglichste und zugleich wunderbarste Moment ihres neuen Lebens.
Epilog
Ägypten....vor 3000 Jahren
Der große Tempel von Amun-Ra in Karnak erstrahlte unter der Mittagssonne in einer Pracht, die das menschliche Auge fast blendete. Die gewaltigen Pylone waren mit Bannern aus reinem Leinen geschmückt, und der Boden war mit den Blütenblättern von zehntausend Lotusblumen bedeckt.
Atem stand auf dem Podest vor dem Allerheiligsten. Er trug die Pschent, die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. Sein Oberkörper war nackt, bis auf den schweren, juwelenbesetzten Wesekh-Kragen, der wie eine zweite Haut aus Gold auf seinen Schultern lag. Seine Haut war mit kostbaren Ölen eingerieben, die in der Sonne glänzten, und sein Blick war starr nach vorne gerichtet – die Maske eines Gottes. Doch innerlich raste sein Herz.
Dann ertönten die silbernen Trompeten.
Die Menge der Priester und Adligen teilte sich, und Arelia erschien am Ende der Säulenhalle. Sie wurde auf einer vergoldeten Sänfte getragen, doch für den letzten Weg zum Altar stieg sie herab. Ihr Kleid war ein Meisterwerk aus plissiertem, fast transparentem Leinen, das mit winzigen Goldplättchen bestickt war, die bei jedem Schritt wie flüssiges Licht klangen. Ihr Gesicht war hinter einem feinen Schleier aus Gazeseide verborgen, doch als sie die Stufen zu Atem hinaufstieg, spürte er ihre Präsenz wie eine Welle aus Wärme.
Der Hohepriester trat vor und hob ein Gefäß mit geweihtem Nilwasser.
„Vor den Augen des Ra, der die Welt erleuchtet, und unter dem Schutz der Isis, der Mutter aller Könige, binden wir diese zwei Seelen“, erscholl seine Stimme in der gewaltigen Halle.
Atem trat einen Schritt auf sie zu. Er nahm ihre Hände in seine – eine Geste, die für das Volk die Vereinigung zweier Reiche symbolisierte, für ihn aber die Übergabe seines gesamten Seins bedeutete. Er hob den Schleier. Als er in ihr Gesicht sah, das durch die kunstvolle Schminke mit dem Kohl um die Augen noch majestätischer wirkte, verschwand die Welt um ihn herum.
„Ich, Atem, Sohn des Aknamkanon, nehme dich an meine Seite“, sprach er mit einer Stimme, die so fest war, dass sie von den Tempelwänden widerhallte. „Du bist der Hauch in meiner Lunge und das Licht in meinem Schatten. Solange der Nil fließt und die Sterne am Firmament wandern, soll mein Thron der deine sein.“
Arelia sah ihm direkt in die Augen, ein leichtes, beinahe unmerkliches Zittern in ihren Fingern verriet ihre Erregung. „Ich, Arelia, nehme dich als meinen Herrn und meinen Gefährten. Mein Ka soll an das deine gebunden sein, in diesem Leben und in jedem, das darauf folgt.“
Der Hohepriester legte ein Band aus geflochtenem Golddraht um ihre ineinandergelegten Hände und goss das heilige Wasser darüber. In diesem Moment brach die Menge draußen in einen Jubel aus, der wie Donner durch den Tempel rollte.
Atem neigte den Kopf und küsste ihre Stirn – ein Bruch des strengen Protokolls, der die Priester kurz erschauern ließ, aber das Volk in Ekstase versetzte. Er war nun nicht mehr nur ihr König. Er war ihr Ehemann.
Die Zeremonie dauerte noch Stunden an, mit Opfergaben und Gebeten, doch für Atem und Arelia gab es nur diesen einen Moment, in dem ihre Augen sich trafen und sie wussten: Das Schicksal hatte sie unzertrennlich gemacht.
Der Palast von Theben glühte unter dem Purpur der untergehenden Sonne wie ein geschliffener Rubin. Der Duft von Myrrhe und schwerem Wein hing in der warmen Abendluft, vermischt mit dem Jubel der Menge, der noch immer von den äußeren Toren heraufschallte. Die Hochzeitsfeierlichkeiten hatten Tage angedauert, doch nun, da der silberne Wagen des Mondes den Himmel bestieg, war es still geworden.
Atem stand auf dem Balkon der königlichen Gemächer. Er trug das zeremonielle weiße Leinengewand, die Brustplatte aus Gold und Lapislazuli war schwer, doch sie war nichts gegen die Last der Krone, die er für diesen privaten Moment abgelegt hatte. Er war der Pharao, das lebende Ebenbild des Ra, doch als er das leise Rascheln von Seide hinter sich hörte, fühlte er sich plötzlich nur wie ein Mann.
Arelia trat aus den Schatten des Raumes hervor. Ihr Haar war mit goldenen Perlen durchflochten, und die feine ägyptische Baumwolle ihres Kleides war so dünn, dass sie im Mondlicht fast durchsichtig wirkte. Sie blieb stehen, ihre Augen suchten die seinen – jene Augen, die er heute in Yuki wiedererkannte.
„Die Götter haben uns ihren Segen gegeben, Atem“, flüsterte sie, während sie auf ihn zutrat. „Doch ich sehe einen Schatten in deinem Blick. Hast du Angst vor dem, was die Zukunft bringt?“
Atem wandte sich ihr vollends zu. Er griff nach ihren Händen; sie waren warm und dufteten nach Lotusöl. „Ich habe keine Angst vor Kriegen oder Göttern, Arelia. Ich fürchte nur die Endlichkeit. Dass ein Leben nicht ausreicht, um dir alles zu geben, was ich für dich empfinde.“
Er zog sie sanft näher, bis ihr Körper den seinen berührte. In dieser Nacht war kein Platz für Protokolle oder die kühle Distanz eines Herrschers. Er löste den schweren Goldschmuck von ihrem Hals, Stück für Stück, bis nur noch die reine Schönheit der Frau vor ihm stand, die er mehr liebte als seinen eigenen Thron.
„Dann lass uns diese Nacht der Ewigkeit stehlen“, antwortete sie leise und legte ihre Arme um seinen Nacken.
Er hob sie hoch und trug sie zu dem mit feinsten Stoffen bereiteten Lager. In den Gärten des Palastes öffneten die Lotusblüten ihre Kelche für den Mond, und das ferne Rauschen des Nils sang das Schlaflied für eine Welt, die für einen Moment stillstand. Es war eine Nacht der Entdeckungen, in der die Grenzen zwischen Pharao und seiner Königin verschwammen, bis nur noch zwei Seelen übrig blieben, die sich ein Versprechen gaben, das stärker war als der Tod.
Als der Morgen graute und das erste Licht die Hieroglyphen an den Wänden vergoldete, lag Arelia in seinen Armen. Atem beobachtete sie beim Schlafen und schwor sich bei jedem Gott, den er kannte, dass er sie niemals verlassen würde. Er wusste damals noch nicht, dass das Schicksal andere Pläne hatte – und dass er dreitausend Jahre später seine eigene Unsterblichkeit wegwerfen würde, nur um dieses Gefühl von Wärme und Zugehörigkeit für lächerliche fünfzig Jahre zurückzuerhalten.
