Ne fremdartije Jaß / Ein fremdartiger Gast
Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Abend in der Geisterstadt. Während sich auf den Straßen Geister, Menschen und Götter um die mehr oder weniger zwielichtigen Stände drängten oder in den Spielhöllen mehr als ihr Hab und Gut verloren, herrschte im Tempel der Tausend Lichter eine friedliche Stimmung.
Xie Lian rollte sich völlig geschafft vom Altar herunter, doch noch bevor seine Füße auf dem Boden auftrafen, schnellte eine kräftige, schlanke Hand vor und hielt ihn fest.
„Gege, wo willst du hin?“
„San Lang! Hast du nicht gehört? Metzger Zhu und der Hahnengeist erwarten heute Besuch.“
Hua Cheng machte sich nicht einmal die Mühe sich aufzurichten. Er hob lediglich die Augenbraue über seinem gesunden linken Auge und nörgelte: „Ich wüsste nicht, was das mit uns zu tun haben sollte. Diese niederen Geister können warten. Komm wieder her, gege, ich bin einsam.“
Xie Lian wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Du bist unverbesserlich, San Lang“, seufzte er und tätschelte ihm liebevoll den Kopf.
„Selbstverständlich, deine Beobachtungsgabe ist unübertroffen.“
Xie Lian hatte sich auch nach etlichen Jahren nicht vollends an die spitzbübische Art Hua Chengs gewöhnt und spürte, wie seine Ohren warm wurden. „Lenk nicht ab. Die beiden haben uns eingeladen, es wäre unhöflich nicht zu erscheinen. Außerdem bin ich neugierig. Ich habe noch nie einen Geist aus dem fernen Déguó getroffen. Der Eber-Metzger sagt, es wäre ein wandernder Geist, der Zeit seines Lebens vor Langeweile fast verging. Nach seinem Tod erkundet er nun die Welt und wird nicht eher Frieden finden, bis er auch den hintersten Winkel erkundet hat. Es muss ein seltsamer Geselle sein.“
Hua Cheng schwang nun ebenfalls die Beine über die Altarkante. „Déguó, das Land der Tugend? Frag doch mich, gege. Zwar war ich noch nie weit außerhalb dieses Landes, geschweige denn dort, doch einige Geschichten haben mich immerhin erreicht.“
„Natürlich haben sie das, du weißt ja fast alles“, lobte Xie Lian.
„In Déguó gibt es viele seltsame Geschöpfe und eine noch seltsamere Sprache. Vielleicht haben sich meine Untertanen mit einem Heinzelmännchen angefreundet. Wenn du wirklich so neugierig bist, werden wir natürlich zu diesem Treffen gehen. Aber nur, wenn du danach bei mir bleibst“, forderte der Geisterkönig.
Was für ein Schlitzohr, nie vergisst er seinen eigenen Vorteil, dachte der Kronprinz.
Und so war es beschlossene Sache. Geisterkönig und Gott richteten sich her, sodass niemand vermutet hätte, dass sie sich vor wenigen Augenblicken noch auf dem Altar herumgewälzt hatten und traten hinaus auf die wimmelnden Gassen der Geisterstadt.
Wie üblich scharten sich sofort Horden von kleinen Geistern um sie.
„Chengzu! Chengzu! Wohin geht Ihr und Euer großer Bruder?“
„Wollt Ihr eine Mahlzeit einnehmen? Mein Stand wurde gerade neu eröffnet! Es gibt Suppe vom zweiköpfigen Schaf, eine Delikatesse!“
„Meine Herren, wollt ihr nicht die Fruchtbarkeitspillen kosten?“
„Oder meinen Liebestrank? Ich habe die Formel verbessert, jetzt wirkt er garantiert!“, versuchte es ein katzenköpfiges Wesen.
„Du Idiot, jeder weiß, dass Chengzu und sein großer Bruder so etwas nicht nötig haben!“, schalt sofort ein anderer Geist, dessen Hals in einer beachtlichen Schleife verdreht war.
„Beachte sie nicht“, erinnerte Hua Cheng Xie Lian, der auch nach all den Jahren etwas überfordert von der Begeisterungsfähigkeit der Geistertraube war. Zu höflich, um die enthusiastische Meute einfach zu ignorieren, nickte er unverbindlich in verschiedene Richtungen. Weder Xie Lian noch die kleinen Geister konnten sich so recht voneinander abwenden, sodass erst ein strenges „Verschwindet!“ von ihrem Herrn für ihre Zerstreuung sorgte. Nun war die Gasse wie leergefegt.
Unbehelligt erreichten sie den Verkaufsstand des Schweine-Metzgers. Sofort erfüllte ein strenger Blutgeruch die Luft. Beim ersten Anblick der heruntergekommenen Bude hatte Xie Lian vor makaberer Faszination kaum den Blick abwenden können. Seine Neugierde hatte ihm von Metzger Zhu sogleich einen lautstarken Rüffel eingeheimst. Für einen ehemaligen Kronprinz wirkte ein Stand, an dem Menschenfleisch dargeboten wurde makaber. Doch Zhu war nicht zimperlich. Zwar war er wohl einst ein Schwein gewesen, dass man geschlachtet hatte und sein Groll auf die Menschen, die ihm und seinen Kumpanen den Tod gebracht hatten schien grenzenlos, doch ebenso hatte er für die Einweihung von Xie Lians Schrein Schweine- und Hühnchenfleisch zubereitet. Ja, einmal hatte er voller Ehrerbietung sogar angeboten, sich eins seiner alten Beine abzuhacken, damit sein Chengzu und dessen ehrenwerter Gast schlemmen konnten. Natürlich hatte sich Xie Lian mit etwas Reisbrei begnügt. Insgesamt war es in der Geisterstadt, abgesehen von Hua Chengs Jile Haus, schwierig an Essen zu kommen, das man bedenkenlos verzehren wollte. Geister entwickelten nun einmal merkwürdige Vorlieben. Glücklicherweise waren sie nicht zum Essen gekommen – hoffte er zumindest.
Nachdem ein Kunde mit extrem langen Fingern den Stand verließ, entdeckte der Inhaber seine Gäste. „Chengzu, Eure Hoheit, da seid ihr ja!“, grölte der kräftige Geist und winkte mit seinem Metzgerbeil.
Xie Lian bemühte sich höflich, die verdächtig langgliedrigen Fleischstücke nicht anzustarren, die an Haken von der Decke baumelten.
„Kikeriki!“, tönte es irgendwo hinter den Kulissen und Xie Lian vermutete, dass der Hahnengeist gerade badete. Dass er dies allerdings im Laden des Eber-Metzgers tat, war neu.
„Der Hahengeist und ich haben unsere Geschäfte zusammengelegt“, grunzte Zhu. „Ich verkaufe mein Fleisch und er kocht hinten seine Suppe. An der Rückseite des Stands ist die Ausgabe, dort können unsere Kunden essen. Oder gleich im Inneren, offenbar ist seine besondere Zubereitungsmethode mittlerweile sehr beliebt bei den Gästen.“
Tatsächlich wehte in diesem Moment der schmierige Küchenvorhang zur Seite und enthüllte besagten Hahnengeist, der ihnen fröhlich zuwinkte.
Der Eber-Metzger verzog das Gesicht, was seine beängstigend großen Hauer betonte. „Verstehe das wer will… Egal, wir haben sogar ein gemeinsames Gericht kreiert. Wenn Chengzu und sein großer Bruder kosten möchten, werde ich sogleich ein schönes Stück Fleisch heraussuchen…“
„Nicht nötig“, rettete Hua Cheng die Situation und Xie Lian verspürte große Dankbarkeit.
Dann besann er sich auf den Grund für ihr Kommen: „Mh, sagtest du nicht, ihr hättet Besuch?“
„Gege, sieh nur da unten“, meinte Hua Cheng und zog behutsam an Xie Lians Hand.
Gleichzeitig ertönte aus dieser Richtung ein seltsames Geräusch. „Passt ens op, he unge ben ich! Hät ehr Tomate op de Aure?“ / „Passt mal auf, hier unten bin ich! Habt ihr Tomaten auf den Augen?“
Erstaunt senkte Xie Lian den Blick und tatsächlich, ein kleines Männlein saß auf einem ebenso kleinen Hocker und kaute auf einer schwarzen Wurst herum.
„Er spricht unsere Sprache nicht so gut, deshalb bedient er sich seiner eigenen. Es ist verrückt, irgendwie kann man sie verstehen, wenn man nur lang genug hinhört!“, krähte der Hahnengeist und rieb sich tüchtig mit Salz ein, was durch den Vorhang bestens zu erkennen war.
Erfreut beugte sich Xie Lian ein wenig herab. „Mein Name ist Xie Lian.“
„Dat weeß isch doch, dat weeß isch doch. Nümmes jeiht en de Jeisterstädtche, ohne de Kamelle vum jroße Schengzo un däm jefallene Kriechsjott ze hüre.“ / „Niemand geht in die Geisterstadt, ohne die Geschichte des großen Chengzu und des gefallenen Kriegsgottes zu hören.“
Hua Cheng runzelte die Stirn, die Temperatur um ihn herum fiel um einige Grad.
„Och, isch meinte natörlisch de widderopjestiejene Kriechsjott. Maach kei Fisimatente, Jung!“/“Ach, ich meinte natürlich den wiedaufgestiegenen Kriegsgott. Beruhige dich!“, beschwichtigte das Männchen hastig und wedelte mit der Wurst.
„Schon gut, nennt mich wie ihr möchtet. Ihr seid also ein… Heinzelmännchen?“, fragte Xie Lian und versuchte gleichzeitig Hua Cheng zu beschwichtigen, indem er ihm sanft auf den Arm klopfte.
„Jawoll, isch ben Pitter Cassius Appollonius, sieh erfreut.“ / „Jawohl, ich bin Pitter Cassius Appollonius, sehr erfreut.“ Seine Stimmte klang trotz des kleinen Körpers wie umherpolternde Felsen.
„Welch seltsamer Name“, schnaubte Hua Cheng.
„Dort wo der herkommt, ist alles seltsam“, grunzte der Metzger. "Aber das werdet ihr schon noch merken. Jetzt seid aber erst einmal unsere Gäste!“
Xie Lian wurde schlagartig blass. Seine eigenen Kochkünste bewirkten bereits Schreckliches, doch Speisen aus Zhus Laden durfte man nicht anrühren, wenn man nicht in den Kannibalismus abrutschen wollte wie sein Vetter Qi Rong.
„Seine Hoheit wird nichts aus diesem dreckigen Loch anrühren“, knurrte Hua Cheng.
Doch Hahnengeist und Schweine-Metzger brachen nur in grölendes Lachen aus. „Keine Angst, keine Angst, heute gibt es eine Sonderaktion zu Ehren unseres weitgereisten Gastes.“
„Jawoll!“, bekräftigte Pitter und schnipste seinen Wurstzipfel auf die Straße.
Während die beiden Standbetreiber offenbar irgendwelche dubiosen Speisen zubereiteten, setzte sich Xie Lian zu dem seltsamen Heinzelmännchen. Hua Cheng ließ sich jedoch nicht dazu herab. Wachsam stand er hinter seinem Gott und schoss jedem Passanten, der zu neugierig schaute, böse Blicke zu. Bald schon waren sie vollkommen ungestört in der Gasse.
„Nie hätt isch jedaach, eenmol de leeve Jott höchstpersönlich zo treffe.“ / „Nie hätte ich gedacht, einmal den lieben Gott höchstpersönlich zu treffen“, seufzte Pitter. „Er seid anders, als isch et mir vorgestellt han.“ / „Ihr seid anders, als ich es mir vorgestellt habe.“
„Nun ja, vielleicht denkt ihr eher an Pei Ming oder Fengxin…“
„Hä? Wä es dann dat? Mehrere Jötter?“ / „Hä? Wer ist denn das? Mehrere Götter?“
„Selbstverständlich. Niemand bei Verstand glaubt an euer Märchen von einem allmächtigen Gott“, erklärte Hua Cheng. „Allerdings ist mein gege der Stärkste, er kommt also an das was du gewohnt bist heran.“
Pitter raufte sich den langen weißen Bart. „Jo…su es et.“ / „Ja… so ist es.“
Xie Lian verdrehte die Augen und erkundigte sich, was den Fremden in die Geisterstadt verschlagen habe.
Sofort baute Pitter sich auf, als würde er eine gewichtige Rede halten. „Dat es e jode Froch, ming Jung. Als Heinzelmännche en Kölle hät mer et wirklich net luftich! Kölle es zwor ming liebche Jebootsstadt, ävver de Lück wesse effe net mieh, wat sich jehööt! Mir Heinzelmänner sin de jode Siel vum Hus, mir malooche de janzen Daach un de Naach. Putzen, kochen, Wäsche maache, Nihe, reparieren, wat mer sich all esu unger Hausarbeit vorstellt. Un wat krijje mer doför? Anerkennung un Luhn. Ich leev Halve Hahn. Ming ahl Familich maach de beste.“ / „Das ist eine gute Frage, mein Junge. Als Heinzelmännchen in Köln hat man es wirklich nicht leicht! Köln ist zwar meine geliebte Geburtsstadt, aber die Leute wissen einfach nicht mehr, was sich gehört! Wir Heinzelmänner sind die guten Seelen des Hauses, wir arbeiten den ganzen Tag und die Nacht. Putzen, kochen, Wäsche machen, Nähen, reparieren, was man sich alles so unter Hausarbeit vorstellt. Und was bekommen wir dafür? Anerkennung und Lohn. Ich liebe Halve Hahn. Meine alte Familie macht den besten.“
„Ein belegtes Brötchen erscheint mir ein schwacher Lohn“, stellte Hua Cheng fest.
Doch Pitter schüttelte den Kopf. „En Kölle wesse der Löck wie mer jut iss. Dat werdet och ehr direktemang erfahren!“ / „In Köln wissen die Leute wie man gut isst. Das werdet auch ihr gleich erfahren!“
Bitte nicht!, dachten Geisterkönig und gottgefälliger Kronprinz gleichzeitig.
„Na jo, jedenfalls wie dat esu es, kumme un jonn gehen de Minsche. Irgendwann gab et kei Halve Hahn un söns och nix mieh. Do han ich beschlossen, de Welt ze bereisen, mer hätt jo söns nix Sinnvolles ze dun.“ / „Na ja, jedenfalls wie das so ist, kommen und gehen die Menschen. Irgendwann gab es kein Halve Hahn und sonst auch nix mehr. Da habe ich beschlossen, die Welt zu bereisen, man hat ja sonst nichts Sinnvolles zu tun.“
Xie Lian fühlte sich plötzlich in die eigene Vergangenheit zurückversetzt und schwieg betreten, bis ihn etwas Hartes, Kaltes in die Seite stieß. „He, ming Jung, probier ens dat!“ / „Hier, mein Junge, probierens das!“
Hua Chengs Auge begann rot zu glühen und das Gefühl in Xie Lians Seite wich einem lauten Klirren, gefolgt von einem verzweifelten jammern: „Ei, wat sull dann dat? Wie kanns do et waaje dat jode Kölsch esu verschütte? Dat jode Zeuch es hinüber!“ / „Ei, was soll denn das? Wie kannst du es wagen das gute Kölsch! Das gute Zeug ist hinüber!“
Tatsächlich war der staubige Boden nun mit dunklen Scherben und einer süßlichherb duftenden Flüssigkeit getränkt. „San Lang, beruhige dich“, bat er und strich Hua Cheng über den Arm, was dieser mit einem zufriedenen Brummen quittierte. „Fürs erste werde ich dich verschonen. Solltest du seine Hoheit allerdings nochmal ohne Erlaubnis berühren wirst du es bereuen“, erklärte der Geisterkönig kalt.
„Pardon, pardon, ich wollt ding Hätzche net attakeere ov esu… bei uns es mer halt flott vertraut.“ / „Pardon, pardon, ich wollte dein Herzchen nicht angreifen oder so… bei uns ist man halt schnell vertraut“, stammelte Pitter und sah sich unauffällig nach einem Fluchtweg um.
„Macht Euch keine Sorgen, San Lang ist nur stets um meine Sicherheit besorgt“, beteuerte Xie Lian.
„Ja, und außerdem kann man vor mir ohnehin nicht davonrennen“, fügte Hua Cheng hinzu, während ein silberner Schmetterling drohend vor Pitters Gesicht auf und ab gaukelte.
„En löblich Eijenschaaf. Dat muss wahre Leeve sin.“ / „Eine löbliche Eigenschaft. Das muss wahre Liebe sein.“
Xie Lian errötete ein wenig, spürte allerdings auch ein wenig Stolz in sich aufsteigen.
„Wisst ehr, bei m’r en Kölle jit et viele wie üch. Net dat ich dat kapeere künnt, ävver jede Jeck is anders. Jedenfalls, wann ehr jet över m’r Heinelmännche verston wollt, müsst ehr uns Bier drinke, he!“ / „Wisst ihr, bei uns in Kölle gibt es viele wie euch. Nicht dass ich das verstehen könnte, aber jeder Mensch ist anders. Jedenfalls, wenn ihr etwas über uns Heinzelmänner verstehen wollt, müsst ihr unser Bier trinken, hier!“ Wie durch Zauberhand hielt er zwei neue Flaschen in der Hand, entkorkte sie mit den Zähnen und füllte die goldgelbe Flüssigkeit in zwei hohe Glasgefäße. „He, zwei Stange Kölsch för üch Turteltäubche, zom wärm weede! Ehz dann kann mer sich esu rischtsich staats Schwanks us däm Lääve kalle.“ / „Hier, zwei Stangen Kölsch für euch Turteltäubchen, zum warm werden! Erst dann kann man sich so richtig schön Schwanks aus dem Leben erzählen.“
Aus alter Gewohnheit ergriff Hua Cheng beide Stangen und roch skeptisch daran.
„He do fiese Möpp, dat es net all för dich, gönnst de dinge Schätzche nix Joodes?“ / „He du fieser Kerl, das ist nicht alles für dich, gönnst du deinem Schätzchen nichts Gutes?“
„Ich trinke keinen Alkohol, das ist verboten in meiner… nun ja es ist schlecht für meine spirituellen Kräfte“, versuchte Xie Lian zu erklären, doch Pitter schien ehrlich gekränkt. „Dat es endoch kei Alkohol, Jung. Dat es flüssijes Brot. Kumm allt, drink eene met! He Scheng, jev im endlich dat Kölsch!“ / „Das ist doch kein Alkohol, Junge. Das ist flüssiges Brot. Komm schon, trink eins mit! He, Scheng (Schäng heißt eigentlich Johann oder ähnliches, klingt aber für Pitter wie Cheng), gib ihm endlich das Kölsch!“
Die beiden wechselten einen Blick. Hua Cheng nippte rasch an einem Glas, zuckte die Achseln und überreichte es ihm. „Es scheint sicher zu sein.“
Neugierig trank Xie Lian einen Schluck. Er hatte schon weitaus schlimmeren Alkohol probiert, dieses Bier konnte er sogar ohne Würgreiz hinunterschlucken.
„Denks do etwa, dat wör Jeft?!! Dat es de Siel vun Kölle!“ / „Denkst du etwa, das wäre Gift?! Das ist die Seele von Köln!“
„Dat schmeckt wal eher noh Waschwasser!“ / „Das schmeckt wohl eher nach Waschwasser!“, spottete Hua Cheng und sein Auge weitete sich vor Entsetzen.
Schlagartig schleuderte Xie Lian beide Gläser weit fort. „Sän Lang!“ / „San Lang!“ rief er und schlug sich prompt die Hände vor den Mund.
„Wat för ne hinterhältije Zauber.“ / „Was für ein hinterhältiger Zauber“, zischte der Geisterkönig und zog E-Ming, dessen rotes Auge wild rotierte, als hätte der Krummsäbel gleich ein ganzes Fass Kölsch geleert. „Maach, dat et aufhööt!“ / „Mach, dass es aufhört!“
Erst als sein Geliebter sich schützend vor den armen Pitter warf, verstaute Hua Cheng ihn wieder an seiner Hüfte.
„Isch ben mr secher, dat der Wirkung net ewich anhält, ov?“ / „Ich bin mir sicher, dass die Wirkung nicht ewig anhält, oder?“, fragte Xie Lian.
„Ähm… isch woß net. D'r Schweinskerl un de Gockel rädde och widder normal… Noh a pärche Stunde sullt all erüvver sin.“ / „Ähm… ich weiß nicht. Der Schweinskerl und der Gockel reden auch wieder normal… Nach ein paar Stunden sollte alles vorbei sein.“
Wie um seiner These zu widersprechen, schallte auf einmal aus der Küche hervor: „Ävver dat Bier es brutäns süffig. Wä däht sich dann met enem am Daach zufriedenjebe? Außerdem es dat Festmahl direktemang parat un dozo muß getrunken weede!“ / „Aber das Bier ist wirklich süffig. Wer würde sich denn mit einem am Tag zufriedengeben? Außerdem ist das Festmahl gleich bereit und dazu muss getrunken werden!“
„Tjö, de kölsche Siel kann nimmes wiederstohn. Wä de Bier drinkt, trächt dat Hätz op d’r Zung.“ / „Tja, der kölschen Seele kann niemand wiederstehen. Wer dieses Bier trinkt, trägt das Herz auf der Zunge“, murmelte Pitter, aber er sah weniger betreten als gerührt aus, seine Sprache in der Fremde zu hören.
Viel verstörender als der Kölsch-Zauber war ohnehin das Rumoren aus der Küche. Bald lüpfte sich der Vorhang und ein sichtlich angetrunkener Metzger Zhu balancierte ein riesiges Ungetüm auf einer silbernen Platte heraus. Xie Lian erstarrte und taumelte in Hua Chengs starke Arme. Es sah aus wie ein riesiger Berg grausam zerhackten Fleisches, über und über gespickt mit hundert kleinen Schwertern, sodass nicht einmal mehr das Gesicht richtig zu erkennen war. Xie Lian krallte sich in die rote Seide von Hua Chengs Robe und zitterte so stark, dass er ohne dessen festen Griff zu Boden gesunken wäre. Schwarze Flecken tanzten vor seinem Gesichtsfeld. Mit einem Mal war er wieder im verlassenen Tempel, wehrlos und gefesselt, während zahlreiche Augen ihn mit einer kranken Hoffnung anstarrten.
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***********Hier die rein Hochdeutsche Version***********
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Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Abend in der Geisterstadt. Während sich auf den Straßen Geister, Menschen und Götter um die mehr oder weniger zwielichtigen Stände drängten oder in den Spielhöllen mehr als ihr Hab und Gut verloren, herrschte im Tempel der Tausend Lichter eine friedliche Stimmung.
Xie Lian rollte sich völlig geschafft vom Altar herunter, doch noch bevor seine Füße auf dem Boden auftrafen, schnellte eine kräftige, schlanke Hand vor und hielt ihn fest.
„Gege, wo willst du hin?“
„San Lang! Hast du nicht gehört? Metzger Zhu und der Hahnengeist erwarten heute Besuch.“
Hua Cheng machte sich nicht einmal die Mühe sich aufzurichten. Er hob lediglich die Augenbraue über seinem gesunden linken Auge und nörgelte: „Ich wüsste nicht, was das mit uns zu tun haben sollte. Diese niederen Geister können warten. Komm wieder her, gege, ich bin einsam.“
Xie Lian wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Du bist unverbesserlich, San Lang“, seufzte er und tätschelte ihm liebevoll den Kopf.
„Selbstverständlich, deine Beobachtungsgabe ist unübertroffen.“
Xie Lian hatte sich auch nach etlichen Jahren nicht vollends an die spitzbübische Art Hua Chengs gewöhnt und spürte, wie seine Ohren warm wurden. „Lenk nicht ab. Die beiden haben uns eingeladen, es wäre unhöflich nicht zu erscheinen. Außerdem bin ich neugierig. Ich habe noch nie einen Geist aus dem fernen Déguó getroffen. Der Eber-Metzger sagt, es wäre ein wandernder Geist, der Zeit seines Lebens vor Langeweile fast verging. Nach seinem Tod erkundet er nun die Welt und wird nicht eher Frieden finden, bis er auch den hintersten Winkel erkundet hat. Es muss ein seltsamer Geselle sein.“
Hua Cheng schwang nun ebenfalls die Beine über die Altarkante. „Déguó, das Land der Tugend? Frag doch mich, gege. Zwar war ich noch nie weit außerhalb dieses Landes, geschweige denn dort, doch einige Geschichten haben mich immerhin erreicht.“
„Natürlich haben sie das, du weißt ja fast alles“, lobte Xie Lian.
„In Déguó gibt es viele seltsame Geschöpfe und eine noch seltsamere Sprache. Vielleicht haben sich meine Untertanen mit einem Heinzelmännchen angefreundet. Wenn du wirklich so neugierig bist, werden wir natürlich zu diesem Treffen gehen. Aber nur, wenn du danach bei mir bleibst“, forderte der Geisterkönig.
Was für ein Schlitzohr, nie vergisst er seinen eigenen Vorteil, dachte der Kronprinz.
Und so war es beschlossene Sache. Geisterkönig und Gott richteten sich her, sodass niemand vermutet hätte, dass sie sich vor wenigen Augenblicken noch auf dem Altar herumgewälzt hatten und traten hinaus auf die wimmelnden Gassen der Geisterstadt.
Wie üblich scharten sich sofort Horden von kleinen Geistern um sie.
„Chengzu! Chengzu! Wohin geht Ihr und Euer großer Bruder?“
„Wollt Ihr eine Mahlzeit einnehmen? Mein Stand wurde gerade neu eröffnet! Es gibt Suppe vom zweiköpfigen Schaf, eine Delikatesse!“
„Meine Herren, wollt ihr nicht die Fruchtbarkeitspillen kosten?“
„Oder meinen Liebestrank? Ich habe die Formel verbessert, jetzt wirkt er garantiert!“, versuchte es ein katzenköpfiges Wesen.
„Du Idiot, jeder weiß, dass Chengzu und sein großer Bruder so etwas nicht nötig haben!“, schalt sofort ein anderer Geist, dessen Hals in einer beachtlichen Schleife verdreht war.
„Beachte sie nicht“, erinnerte Hua Cheng Xie Lian, der auch nach all den Jahren etwas überfordert von der Begeisterungsfähigkeit der Geistertraube war. Zu höflich, um die enthusiastische Meute einfach zu ignorieren, nickte er unverbindlich in verschiedene Richtungen. Weder Xie Lian noch die kleinen Geister konnten sich so recht voneinander abwenden, sodass erst ein strenges „Verschwindet!“ von ihrem Herrn für ihre Zerstreuung sorgte. Nun war die Gasse wie leergefegt.
Unbehelligt erreichten sie den Verkaufsstand des Schweine-Metzgers. Sofort erfüllte ein strenger Blutgeruch die Luft. Beim ersten Anblick der heruntergekommenen Bude hatte Xie Lian vor makaberer Faszination kaum den Blick abwenden können. Seine Neugierde hatte ihm von Metzger Zhu sogleich einen lautstarken Rüffel eingeheimst. Für einen ehemaligen Kronprinz wirkte ein Stand, an dem Menschenfleisch dargeboten wurde makaber. Doch Zhu war nicht zimperlich. Zwar war er wohl einst ein Schwein gewesen, dass man geschlachtet hatte und sein Groll auf die Menschen, die ihm und seinen Kumpanen den Tod gebracht hatten schien grenzenlos, doch ebenso hatte er für die Einweihung von Xie Lians Schrein Schweine- und Hühnchenfleisch zubereitet. Ja, einmal hatte er voller Ehrerbietung sogar angeboten, sich eins seiner alten Beine abzuhacken, damit sein Chengzu und dessen ehrenwerter Gast schlemmen konnten. Natürlich hatte sich Xie Lian mit etwas Reisbrei begnügt. Insgesamt war es in der Geisterstadt, abgesehen von Hua Chengs Jile Haus, schwierig an Essen zu kommen, das man bedenkenlos verzehren wollte. Geister entwickelten nun einmal merkwürdige Vorlieben. Glücklicherweise waren sie nicht zum Essen gekommen – hoffte er zumindest.
Nachdem ein Kunde mit extrem langen Fingern den Stand verließ, entdeckte der Inhaber seine Gäste. „Chengzu, Eure Hoheit, da seid ihr ja!“, grölte der kräftige Geist und winkte mit seinem Metzgerbeil.
Xie Lian bemühte sich höflich, die verdächtig langgliedrigen Fleischstücke nicht anzustarren, die an Haken von der Decke baumelten.
„Kikeriki!“, tönte es irgendwo hinter den Kulissen und Xie Lian vermutete, dass der Hahnengeist gerade badete. Dass er dies allerdings im Laden des Eber-Metzgers tat, war neu.
„Der Hahengeist und ich haben unsere Geschäfte zusammengelegt“, grunzte Zhu. „Ich verkaufe mein Fleisch und er kocht hinten seine Suppe. An der Rückseite des Stands ist die Ausgabe, dort können unsere Kunden essen. Oder gleich im Inneren, offenbar ist seine besondere Zubereitungsmethode mittlerweile sehr beliebt bei den Gästen.“
Tatsächlich wehte in diesem Moment der schmierige Küchenvorhang zur Seite und enthüllte besagten Hahnengeist, der ihnen fröhlich zuwinkte.
Der Eber-Metzger verzog das Gesicht, was seine beängstigend großen Hauer betonte. „Verstehe das wer will… Egal, wir haben sogar ein gemeinsames Gericht kreiert. Wenn Chengzu und sein großer Bruder kosten möchten, werde ich sogleich ein schönes Stück Fleisch heraussuchen…“
„Nicht nötig“, rettete Hua Cheng die Situation und Xie Lian verspürte große Dankbarkeit.
Dann besann er sich auf den Grund für ihr Kommen: „Mh, sagtest du nicht, ihr hättet Besuch?“
„Gege, sieh nur da unten“, meinte Hua Cheng und zog behutsam an Xie Lians Hand.
Gleichzeitig ertönte aus dieser Richtung ein seltsames Geräusch. „Passt mal auf, hier unten bin ich! Habt ihr Tomaten auf den Augen?“
Erstaunt senkte Xie Lian den Blick und tatsächlich, ein kleines Männlein saß auf einem ebenso kleinen Hocker und kaute auf einer schwarzen Wurst herum.
„Er spricht unsere Sprache nicht so gut, deshalb bedient er sich seiner eigenen. Es ist verrückt, irgendwie kann man sie verstehen, wenn man nur lang genug hinhört!“, krähte der Hahnengeist und rieb sich tüchtig mit Salz ein, was durch den Vorhang bestens zu erkennen war.
Erfreut beugte sich Xie Lian ein wenig herab. „Mein Name ist Xie Lian.“
„Niemand geht in die Geisterstadt, ohne die Geschichte des großen Chengzu und des gefallenen Kriegsgottes zu hören.“
Hua Cheng runzelte die Stirn, die Temperatur um ihn herum fiel um einige Grad.
“Ach, ich meinte natürlich den wiedaufgestiegenen Kriegsgott. Beruhige dich!“, beschwichtigte das Männchen hastig und wedelte mit der Wurst.
„Schon gut, nennt mich wie ihr möchtet. Ihr seid also ein… Heinzelmännchen?“, fragte Xie Lian und versuchte gleichzeitig Hua Cheng zu beschwichtigen, indem er ihm sanft auf den Arm klopfte.
„Jawohl, ich bin Pitter Cassius Appollonius, sehr erfreut.“ Seine Stimmte klang trotz des kleinen Körpers wie umherpolternde Felsen.
„Welch seltsamer Name“, schnaubte Hua Cheng.
„Dort wo der herkommt, ist alles seltsam“, grunzte der Metzger. "Aber das werdet ihr schon noch merken. Jetzt seid aber erst einmal unsere Gäste!“
Xie Lian wurde schlagartig blass. Seine eigenen Kochkünste bewirkten bereits Schreckliches, doch Speisen aus Zhus Laden durfte man nicht anrühren, wenn man nicht in den Kannibalismus abrutschen wollte wie sein Vetter Qi Rong.
„Seine Hoheit wird nichts aus diesem dreckigen Loch anrühren“, knurrte Hua Cheng.
Doch Hahnengeist und Schweine-Metzger brachen nur in grölendes Lachen aus. „Keine Angst, keine Angst, heute gibt es eine Sonderaktion zu Ehren unseres weitgereisten Gastes.“
„Jawoll!“, bekräftigte Pitter und schnipste seinen Wurstzipfel auf die Straße.
Während die beiden Standbetreiber offenbar irgendwelche dubiosen Speisen zubereiteten, setzte sich Xie Lian zu dem seltsamen Heinzelmännchen. Hua Cheng ließ sich jedoch nicht dazu herab. Wachsam stand er hinter seinem Gott und schoss jedem Passanten, der zu neugierig schaute, böse Blicke zu. Bald schon waren sie vollkommen ungestört in der Gasse.
„Nie hätte ich gedacht, einmal den lieben Gott höchstpersönlich zu treffen“, seufzte Pitter. „Ihr seid anders, als ich es mir vorgestellt habe.“
„Nun ja, vielleicht denkt ihr eher an Pei Ming oder Fengxin…“
„Hä? Wer ist denn das? Mehrere Götter?“
„Selbstverständlich. Niemand bei Verstand glaubt an euer Märchen von einem allmächtigen Gott“, erklärte Hua Cheng. „Allerdings ist mein gege der Stärkste, er kommt also an das was du gewohnt bist heran.“
Pitter raufte sich den langen weißen Bart. „Ja… so ist es.“
Xie Lian verdrehte die Augen und erkundigte sich, was den Fremden in die Geisterstadt verschlagen habe.
Sofort baute Pitter sich auf, als würde er eine gewichtige Rede halten. „Das ist eine gute Frage, mein Junge. Als Heinzelmännchen in Köln hat man es wirklich nicht leicht! Köln ist zwar meine geliebte Geburtsstadt, aber die Leute wissen einfach nicht mehr, was sich gehört! Wir Heinzelmänner sind die guten Seelen des Hauses, wir arbeiten den ganzen Tag und die Nacht. Putzen, kochen, Wäsche machen, Nähen, reparieren, was man sich alles so unter Hausarbeit vorstellt. Und was bekommen wir dafür? Anerkennung und Lohn. Ich liebe Halve Hahn. Meine alte Familie macht den besten.“
„Ein belegtes Brötchen erscheint mir ein schwacher Lohn“, stellte Hua Cheng fest.
Doch Pitter schüttelte den Kopf. „In Köln wissen die Leute wie man gut isst. Das werdet auch ihr gleich erfahren!“
Bitte nicht!, dachten Geisterkönig und gottgefälliger Kronprinz gleichzeitig.
„Na ja, jedenfalls wie das so ist, kommen und gehen die Menschen. Irgendwann gab es kein Halve Hahn und sonst auch nix mehr. Da habe ich beschlossen, die Welt zu bereisen, man hat ja sonst nichts Sinnvolles zu tun.“
Xie Lian fühlte sich plötzlich in die eigene Vergangenheit zurückversetzt und schwieg betreten, bis ihn etwas Hartes, Kaltes in die Seite stieß. „Hier, mein Junge, probierens das!“
Hua Chengs Auge begann rot zu glühen und das Gefühl in Xie Lians Seite wich einem lauten Klirren, gefolgt von einem verzweifelten jammern: „Ei, was soll denn das? Wie kannst du es wagen das gute Kölsch! Das gute Zeug ist hinüber!“
Tatsächlich war der staubige Boden nun mit dunklen Scherben und einer süßlichherb duftenden Flüssigkeit getränkt. „San Lang, beruhige dich“, bat er und strich Hua Cheng über den Arm, was dieser mit einem zufriedenen Brummen quittierte. „Fürs erste werde ich dich verschonen. Solltest du seine Hoheit allerdings nochmal ohne Erlaubnis berühren wirst du es bereuen“, erklärte der Geisterkönig kalt.
„Pardon, pardon, ich wollte dein Herzchen nicht angreifen oder so… bei uns ist man halt schnell vertraut“, stammelte Pitter und sah sich unauffällig nach einem Fluchtweg um.
„Macht Euch keine Sorgen, San Lang ist nur stets um meine Sicherheit besorgt“, beteuerte Xie Lian.
„Ja, und außerdem kann man vor mir ohnehin nicht davonrennen“, fügte Hua Cheng hinzu, während ein silberner Schmetterling drohend vor Pitters Gesicht auf und ab gaukelte.
„Eine löbliche Eigenschaft. Das muss wahre Liebe sein.“
Xie Lian errötete ein wenig, spürte allerdings auch ein wenig Stolz in sich aufsteigen.
„Wisst ihr, bei uns in Kölle gibt es viele wie euch. Nicht dass ich das verstehen könnte, aber jeder Mensch ist anders. Jedenfalls, wenn ihr etwas über uns Heinzelmänner verstehen wollt, müsst ihr unser Bier trinken, hier!“ Wie durch Zauberhand hielt er zwei neue Flaschen in der Hand, entkorkte sie mit den Zähnen und füllte die goldgelbe Flüssigkeit in zwei hohe Glasgefäße. „Hier, zwei Stangen Kölsch für euch Turteltäubchen, zum warm werden! Erst dann kann man sich so richtig schön Schwanks aus dem Leben erzählen.“
Aus alter Gewohnheit ergriff Hua Cheng beide Stangen und roch skeptisch daran.
„He du fieser Kerl, das ist nicht alles für dich, gönnst du deinem Schätzchen nichts Gutes?“
„Ich trinke keinen Alkohol, das ist verboten in meiner… nun ja es ist schlecht für meine spirituellen Kräfte“, versuchte Xie Lian zu erklären, doch Pitter schien ehrlich gekränkt. „Das ist doch kein Alkohol, Junge. Das ist flüssiges Brot. Komm schon, trink eins mit! He, Scheng (Schäng heißt eigentlich Johann oder ähnliches, klingt aber für Pitter wie Cheng), gib ihm endlich das Kölsch!“
Die beiden wechselten einen Blick. Hua Cheng nippte rasch an einem Glas, zuckte die Achseln und überreichte es ihm. „Es scheint sicher zu sein.“
Neugierig trank Xie Lian einen Schluck. Er hatte schon weitaus schlimmeren Alkohol probiert, dieses Bier konnte er sogar ohne Würgreiz hinunterschlucken.
„Denkst du etwa, das wäre Gift?! Das ist die Seele von Köln!“
„Das schmeckt wohl eher nach Waschwasser!“, spottete Hua Cheng und sein Auge weitete sich vor Entsetzen. *jetzt sprechen alle Kölsch*
Schlagartig schleuderte Xie Lian beide Gläser weit fort. „San Lang!“ rief er und schlug sich prompt die Hände vor den Mund.
„Was für ein hinterhältiger Zauber“, zischte der Geisterkönig und zog E-Ming, dessen rotes Auge wild rotierte, als hätte der Krummsäbel gleich ein ganzes Fass Kölsch geleert. „Mach, dass es aufhört!“
Erst als sein Geliebter sich schützend vor den armen Pitter warf, verstaute Hua Cheng ihn wieder an seiner Hüfte.
„Ich bin mir sicher, dass die Wirkung nicht ewig anhält, oder?“, fragte Xie Lian.
„Ähm… ich weiß nicht. Der Schweinskerl und der Gockel reden auch wieder normal… Nach ein paar Stunden sollte alles vorbei sein.“
Wie um seiner These zu widersprechen, schallte auf einmal aus der Küche hervor: „Aber das Bier ist wirklich süffig. Wer würde sich denn mit einem am Tag zufriedengeben? Außerdem ist das Festmahl gleich bereit und dazu muss getrunken werden!“
„Tja, der kölschen Seele kann niemand wiederstehen. Wer dieses Bier trinkt, trägt das Herz auf der Zunge“, murmelte Pitter, aber er sah weniger betreten als gerührt aus, seine Sprache in der Fremde zu hören.
Viel verstörender als der Kölsch-Zauber war ohnehin das Rumoren aus der Küche. Bald lüpfte sich der Vorhang und ein sichtlich angetrunkener Metzger Zhu balancierte ein riesiges Ungetüm auf einer silbernen Platte heraus. Xie Lian erstarrte und taumelte in Hua Chengs starke Arme. Es sah aus wie ein riesiger Berg grausam zerhackten Fleisches, über und über gespickt mit hundert kleinen Schwertern, sodass nicht einmal mehr das Gesicht richtig zu erkennen war. Xie Lian krallte sich in die rote Seide von Hua Chengs Robe und zitterte so stark, dass er ohne dessen festen Griff zu Boden gesunken wäre. Schwarze Flecken tanzten vor seinem Gesichtsfeld. Mit einem Mal war er wieder im verlassenen Tempel, wehrlos und gefesselt, während zahlreiche Augen ihn mit einer kranken Hoffnung anstarrten.
Fiere op kölsche Aat / Feiern auf kölsche Art
Xie Lian schauderte. Er konnte das kalte Eisen der Klinge, die immer wieder in jede Stelle seines Körpers eindrang wieder spüren. Am Ende musste er einen ganz ähnlichen Anblick geboten haben wie das gespickte Hackfleisch auf Zhus Platte.
„Gege?“, flüsterte Hua Cheng. Sorge und Wut wischten jeglichen kölschen Dialekt aus seiner Stimme fort. Das vertraute Gesicht riss Xie Lian aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. „Soll ich dieses Ungeziefer in Grund und Boden stampfen?“
„Warum sind es so viele Schwerter?“, ächzte Xie Lian.
„Wat?! Schwääter?! Dat sin Salzstangen, do Blötschkopp!“ / „Was?! Schwerter?! Das sind Salzstangen, du Dummkopf!“, kreischte Pitter, der die neuerliche Spannung in der Luft kaum ertrug. „Dat es en Spezialität us meiner Moderschpott. Wä fürchtet sich dann für enem Mettigel?“ / „Das ist eine Spezialität aus meiner Heimat. Wer fürchtet sich denn vor einem Mettigel?“
„Weg damit!“, zischte Hua Cheng und das Fleischungetüm zerfiel umgehend zu einem Häuflein Asche.
„Ah… Chengzu!“, jaulte der Ebermetzger verzweifelt und warf sich auf die Knie. „Isch han Üch verärgert, wie kann isch dat je widder joodmaache?“ / „Ich habe Euch verärgert, wie kann ich das je wieder gutmachen?“
Hua Cheng setzte gerade zu einer vernichtenden Antwort an, als Xie Lian sich eng an ihn schmiegte. „San Lan… es geht schon… ist schon wieder gut. Es ist… nur… ein Igel“, hauchte er. Schwer atmend festigte er seinen Stand und fing sich wieder. „Vielleicht ist es an der Zeit mit der Vergangenheit aufzuräumen. Metzger Zhu, entschuldigt die Vernichtung Eurer… Kreation. Habt Ihr vielleicht noch eine zweite Platte vorbereitet?“
„Ehr kennt misch zo jood, Ör Hoheit.“ / „Ihr kennt mich zu gut, Eure Hoheit“, schniefte Zhu gerührt und galoppierte unter zahlreichen Verbeugungen zurück in die Küche.
„Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, wollte Hua Cheng besorgt wissen und löste sich nur zögernd von seinem Gott.
„Nun, ich lebe seit über 800 Jahren und nie hat mich irgendein Essen in die Flucht geschlagen, ganz zu schweigen in den verlassenen Tempel zurückbefördert. San Lang, was wäre ich für ein Gott, wenn ich mich dem geschlagen geben würde?“
„Jenau!“ / „Genau!“, frohlockte Pitter und knallte eine neue Stange Kölsch vor den beiden auf den Tresen. „Ehr werdet blecke ming leever Jott, d'r Genuss des Mettigels weed Üch en d'r Himmele aufsteigen losse. Kümmert Üch net öm dat rohe Aussehen, dat Gode steckt em Scheck!“ / „Ihr werdet sehen mein lieber Gott, der Genuss des Mettigels wird euch in den Himmel aufsteigen lassen. Kümmert euch nicht um das rohe Aussehen, das Gute steckt im Geschmack!“
Xie Lian bezweifelte dies, doch wie er schon gesagt hatte, ihn hatte noch nie ein Essen in die Flucht geschlagen, außer vielleicht in seinen Jahren als Kronprinz, doch danach hatte er weit schlimmeres als ein bisschen rohes Fleisch gegessen. Hua Cheng war immer noch skeptisch, würde Metzger Zhu sich eine neuerliche Ungebührlichkeit leisten, wäre es womöglich zu spät, um ihn vor dem Zorn des Geisterkönigs zu retten. Deshalb bemühte sich Xie Lian beim Anblick des neuen Mettigels um eine neutrale Miene.
Der Ebermetzger trug seine Kreation strahlend vor Stolz aber mit der Vorsicht eines geprügelten Hundes herbei und platzierte sie auf dem Tresen. „Esu, ming Häre, et es angerichtet“ / „So, meine Herren, es ist angerichtet.“
„Su es et!“ / „So ist es!“, krähte der Hahnengeist, der plötzlich hinter ihm auftauchte und einen Korb mit gebackenen, goldgelben Brötchen auf dem Kopf balancierte.
Vorsichtig näherte sich Xie Lian dem Ungetüm. Tatsächlich, in dem Fleischklumpen steckten keine kleinen Schwerter, sondern winzig dünne Gebäckstangen, an denen Salzkristalle klebten und der Schweinemetzger hatte dem Tier sogar ein Gesicht aus schwarzen Flusskieseln als Augen und einem Stück Zwiebelring als Mund gebastelt. Auf dem Kopf trug er eine Krone aus weiteren Zwiebelringen. Eigentlich wirkte es wirklich wie ein sehr roter, aber immerhin freundlich lächelnder Igel mit Knopfaugen.
Pitter klopfte sich aufgeregt auf die Schenkel. „Flöck, gebt däm Jott en Brütche, domet hä probeere kann!“ / „Schnell, gebt dem Gott ein Brötchen, damit er probieren kann!“
Bevor der Hahnengeist ein Messer zücken konnte, um dem Befehl Folge zu leisten, schoss E-Ming mit einem Sirren aus der Scheide. Kunstvoll zerteilte er fünf Brötchen und schien sehr zufrieden mit seiner Darbietung. Hua Cheng versetzte ihm nur einen kleinen Klaps, offenbar schien er über das Eigenleben der magischen Waffe nicht so erbost wie gewöhnlich.
Staunend starrte Pitter das Schwert an. „Su wat jitt et ävver net en Kölle.“ / „So was gibt es aber nicht in Köln“, behauptete er.
E-Ming schien dies völlig kaltzulassen, sein rotes Auge weigerte sich, den Heinzelmann auch nur eines Blickes zu würdigen.
Unterdessen bereiteten die beiden Köche die fragwürdige Spezialität vor. Bald hielten Xie Lian und Hua Cheng ein Mettbrötchen gespickt mit Salzstangenfragmenten und beladen mit dicken Zwiebelringen in der Hand. Allein die Nähe zu dem Brötchen trieb einem die Tränen in die Augen und Xie Lian fragte sich kurz, ob er vielleicht doch das erste Mal von einem Gericht in die Flucht geschlagen werden würde. Doch als er sah, wie das Heinzelmännchen einen beherzten Bissen nahm und schließlich selig lächelte, fasste er sich ein Herz. Vorsichtig versenkte er seine Zähne in der rohen Masse. Sofort explodierte der Zwiebelgeschmack in seinem Mund. Mit Tränen in den Augen und hustend vertilgte er das Brötchen. Er konnte schlicht keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn an die traumatische Erinnerung denken. Es war bei weitem nicht so schlecht, wie er erwartet hatte, aber höchst befremdlich und intensiv.
Pitter puhlte sich strahlend ein Fleischfetzchen zwischen den Zähnen hervor. „Na sühst de ming Jung, jöttlich net wohr? De Öllich müsse richtich brenne!“ / „Na siehst du mein Junge, göttlich nicht wahr? Die Zwiebeln müssen richtig brennen!“
Hua Cheng, der sich ebenfalls keine Blöße geben wollte, beendete sein Mettbrötchen kurz nach Xie Lian. „Großer Bruder, ich bevorzuge deine Kochkünste“, sagte er nur und Xie Lian winkte ab. Hua Cheng war verrückt nach seinen Kreationen, die andere fast um den Verstand brachten. Manchmal hatte er den dumpfen Verdacht, dass der Geisterkönig einfach unglaublich widerstandsfähig war und ihm mit dem Lob seiner Gerichte einfach eine Freude machen wollte.
„Ävver noch sin m'r net fädich!“ / „Aber noch sind wir nicht fertig!“, verkündete Pitter. „Hahnenjeis, bring d'r Halven Hahn un de Flönz! / „Hahnengeist, bring den Halven Hahn und die Flönz!“
Doch dieser tat nicht wie ihm geheißen, sondern brachte ihnen neue Teller, dieses Mal war das Brötchen aus dunklem Teig, darauf eine dicke Käsescheibe und obenauf natürlich die obligatorischen Zwiebeln. Daneben lag eine schwarz-rote schrumpelige Wurst, die der ähnelte die sich Pitter bereits zu Anfang ihres Zusammentreffens in den Mund gestopft hatte.
Anstelle sich zu beschweren jauchzte der Heinzelmann auf und schob sich das ganze Käsebrötchen auf einmal in seinen kleinen Mund. Als er den irritierten Blick der Gäste bemerkte, kaute er schnell zu Ende und lachte. „Ha, habt Ehr jeglöv, et jöv noh däm janze Mett och noch Hähnchenbraten? Halve Hahn es e Röggelche met ener Schiev Kies drop, Ehr Gierschlünder. Esu kann mer Imis emmer komplizeere!“ / „Ha, habt ihr geglaubt, es gäbe nach dem ganzen Mett auch noch Hähnchenbraten? Halve Hahn ist ein Röggelchen mit einer Scheibe Käse drauf, ihr Gierschlünder. So kann man Neulinge immer verwirren!“
Xie Lian erwartete fast, dass Hua Cheng wieder auf den Zwerg losgehen wollte, doch der nippte nur entspannt an seinem Kölsch und verdrehte das Auge. „Gege, isch han endoch jesaat, a Brütche es a schläch Luhn för Hausarbeit. Isch han allt viele Geschichten över Deguo jehööt, ävver de Merkwürdigkeiten selvs ze erleben es jet völlig anderes“ / „Gege, ich habe doch gesagt, ein Brötchen ist ein schlechter Lohn für Hausarbeit. Ich habe schon viele Geschichten über Deguo gehört, aber diese Merkwürdigkeiten selbst zu erleben ist etwas völlig anderes“, gab er zu und nahm den neuerlichen Kölschausbruch erstaunlich gelassen hin.
„Isch kann üch noch mächtich mieh Merkwürdigkeiten zeije!“ / „Ich kann euch noch viel mehr Merkwürdigkeiten zeigen“, prahlte Pitter und hielt plötzlich einen schwarzen Kasten in den Händen. „Dat es ming Quetsche. En Kölle es mol widder Fastelovend un och wann Isch he en d'r Wickde met üch neuen Freunden herrlich feiere, fehlt noch jet janz entscheidendes!“ /
„Das ist meine Quetsche. In Köln ist mal wieder Karneval und auch wenn ich hier in der Ferne mit euch neuen Freunden herrlich feiere, fehlt noch etwas ganz entscheidendes!“ Er breitete die Arme aus, die das seltsame Objekt festhielten und plötzlich ertönte eine langsame merkwürdig mitreißende Melodie. Pitter summte zufrieden mit, ehe er plötzlich rief: „Wat steiht ehr do eröm? Stellt üch net esu aan, en meiner Moderschpott plaatze der Löck sich jetz schunkelnd en d'r Ärm lijje!“ / „Was steht ihr da herum? Stellt euch nicht so an, in meiner Heimat würden die Leute sich jetzt schunkelnd in den Armen liegen!“
Diese Forderung lag eindeutig unter Hua Chengs Würde und Xie Lian war sich auch nicht so sicher, ob er jemand anderem als ihm in den Armen liegen sollte, doch das Heinzelmännchen schien seine Bedenken zu bemerken.
„No maach endoch net esu a entfesselt Flabes, ming Jung! Schunkele es jroßartig, ohne Schunkeln kei Fastelovend! Loss, hakt üch bei mr unger, et jeht janz leech! Ehr seht eh scheer all us als wärt ehr verkleidet, ziert üch net esu!“ / „Nun mach doch nicht so ein entsetzes Gesicht, mein Junge! Schunkeln ist großartig, ohne Schunkeln kein Karneval! Los, hakt euch bei mir unter, es geht ganz leicht! Ihr seht eh schon alle aus als wärt ihr verkleidet, ziert euch nicht so!“
Zögerlich trat Xie Lian an die rechte, während der Hahengeist mit dem Ebermetzger an die linke Seite des wunderlichen Geistes trat.
Hua Cheng hängte sich seufzend an Xie Lian.
Pitter bewegte wieder seine Quetschkommode und entlockte ihr die seltsam fremdartige Melodie.
Geister und Götter wiegten sich langsam im Takt der Musik hin und her. Irgendwann schmetterte Pitter einen merkwürdigen Text von Prinzen, Jungfrauen und Bauern. „Einmol Prinz zo sin, en Kölle am Rhing…“ / „Einmal Prinz zu sein, in Köln am Rhein…“
Das Lied endete schließlich in sehr einseitigem Gejubel des kleinen Männchens und alle lösten sich rasch wieder voneinander.
„Warum riechst du eigentlich so komisch?“, fragte der Hahnengeist und schüttelte befremdet seine Federn aus.
„Komisch säht hä? Dat es 4711 Eau de Cologne! Ene berühmter Dau, d'r en de janze Welt bekannt sin sullt.“ / „Komisch sagt er? Das ist 4711 Eau de Cologne! Ein berühmter Duft, der in der ganzen Welt bekannt sein sollte.“
Für Xie Lian roch dieser berühmte Duft, der nun auch an seiner Robe klebte eher abstoßend, aber Vorlieben waren bekanntlich verschieden.
Er konnte auch gar nicht weiter überlegen, welcher Menschenschlag solche Gerüche schätzte, denn Pitter fummelte wieder aufgeregt an seiner Quetsche.
„Esu jetz maache mer en Polonäs!“ / „So jetzt machen wir eine Polonaise!“, verkündete er. „He, leever Jott, leg ding Häng op ming Scholdere, genauso! Un de Scheng, küss dohinger. Un dat Viechszeugs och dobei!“ / „Hier, lieber Gott, leg deine Hände auf meine Schultern, genauso! Und du Scheng, kommst dahinter. Und das Viechszeugs auch dabei!“
Jeder Protest stieß auf taube Ohren, denn das Heinzelmännchen setzte sich sogleich in Bewegung und grölte aus vollem Hals: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hätt Doosch“ / „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst!“ Wie auch immer Pitter von Köln zum Sultan kam, der Zug aus Geistern und einem Gott lief langsam aber stetig die Gasse hinunter, geführt vom bestgelauntesten Sänger der Welt.
Mit leisem Entsetzen bemerkte Xie Lian, dass sie sich vom verlassenen Stand des Ebermetzgers geradewegs in die belebteren Gegenden der Geisterstadt bewegten. Xie Lian warf einen verzweifelten Blick zu Hua Cheng, er würde sicherlich nicht begeistert sein, wenn seine Untertanen ihn in dieser merkwürdigen Karawane sahen, doch der schenkte ihm nur ein schiefes Lächeln, während sich sogar E-Ming im Takt des Liedes wiegte. Er fand doch nicht etwas Gefallen an diesem Karnevalsbrauch?
Die Straße füllte sich zusehends mit schnatternden Schaulustigen. „Ah, he es endlich ens widder jet loss, e Veedel janz noh mingem Scheck! Kummt, maat all met! Mir jonn en e Weetschaf, d'r Köbes sull m'r all met Bier versorje!“ / „Ah, hier ist endlich mal wieder was los, ein Viertel ganz nach meinem Geschmack! Kommt, macht alle mit! Wir gehen in eine Kneipe, der Köbes soll uns alle mit Bier versorgen!“
Schon bald reichte die Polonaise um mehrere Häuserblocks und zog geradewegs zur Spielhölle. Die Besucher des zwielichtigen Etablissements staunten nicht schlecht ob der ausgelassenen Geisterschlange, die johlend ihre Glücksspiele unterbrach. Einige wollten zornig aufbegehren, doch sobald sie ihren Chengzu und seinen Gott entdeckten, pressten sie verwirrt die Münder zusammen.
Einzig eine elegante, aber freizügig gekleidete Frau mit viel zu stark geschminktem Gesicht wagte einen empörten Ausruf: „Chengzu, was geht hier vor?“ Es war Jian Lan, eine bekannte Geisterprostituierte, die Xie Lian bereits mehrmals in Verlegenheit gestürzt hatte, doch ob ihrem schweren Schicksal konnte er ihr nicht recht böse sein.
Hua Cheng kam nicht in die Bedrängnis zu antworten, da Pitter abrupt sein Akkordeonspiel beendete, sich mit seiner winzigen Statur vor Jian Lan aufbaute und polterte: „Luur endoch net esu ähnz drein! Mir fiere Fastelovend, do es mer fidel un jesellig. He, drink ens Oberjärijes met!“ /„Schau doch nicht so ernst drein! Wir feiern Karneval, da ist man ausgelassen und Gesellig. Hier, trink ein Kölsch mit!“ Wie von Zauberhand erschien eine Bierstange in seiner Hand, doch die Frau schnaubte nur abfällig.
Sie wandte sich ab um den Trubel zu verlassen, doch da eilte das Heinzelmännchen um sie herum. „Na, sei endoch net direktemang esu injeschnaapp. De bes a schmuck Mädche. Ah, isch woß, loß msich disch bütze!“ / „Na, sei doch nicht gleich so eingeschnappt. Du bist ein hübsches Mädchen. Ah, ich weiß, lass mich dich bützen (küssen)!“
Was auch immer er damit meinte, er stellte sich auf Zehenspitzen und drückte der verdutzten Jian Lan einen dicken Schmatzer auf die Wange.
Für einen Augenblick wurde alles still. Dann ertönte ein wildes Fauchen.
Pitter schrie auf.
Xie Lian sprang schützend vor.
Der Fötusgeist hatte sich in den Gewändern seiner Mutter versteckt, bis Pitter ihr zu nahegekommen war. Dann hatte er sich auf den aufdringlichen Heinzelmann stürzen wollen, doch Xie Lian hatte dies dank seiner überlegenen Kampfkunst gerade noch verhindert.
Nun krallte sich das bleichgesichtige Kind in die Rockfalten seiner Mutter und starrte alle anderen hasserfüllt nieder.
„Wat es dat dann för e Düvel“ / „Was ist das denn für ein Teufel“, ächzte Pitter, während der Ebermetzger ihm belustigt aufhalf.
„Met dänne zwie solltest do dich nötzer net anläje.“ / „Mit den beiden solltest du dich besser nicht anlegen“, grunzte er.
„Er meint es nicht böse“, beschwichtigte Xie Lian Mutter und Kind. „Er kommt von weit her und ihre Bräuche sind… ein wenig exotisch.“ Als Entschädigung drückte er dem Fötusgeist eine abgebrochene Salzstange, die in seine weiten Ärmel gefallen war, in die Hand.
Sofort verschlang der abscheuliche Säugling das Gebäckstück, dann gab er Ruhe und versteckte sich wieder unter Jian Lans Gewändern.
Ein kollektives Aufatmen ging durch die Menge. Pitter fing sich schnell wieder und sprang auf einen der umstehenden Spieltische. „Su, jetz höht mr all ens zo! Hück es Fastelovend un dat muss jefiert wääde. Minger neue Fründe,“ / „So, jetzt hört mir alle mal zu! Heute ist Karneval und das muss gefeiert werden. Meine neuen Freunde“, er deutete auf den Ebermetzger und den Hahnengeist, wääde üch met kölsche Jekösch versorje un för jede he es mieh als jenoch Kölsch do.“ / „werden euch mit kölschen Spezialitäten versorgen und für jeden hier ist mehr als genug Kölsch da.“ Er schnippte mit den Fingern und plötzlich hielt jeder der Anwesenden Geschöpfe ein Bier in der Hand.
Mit dieser Gabe benötigte es keine weitere Überzeugungskraft. „Kölle Alaaf!“ Die Geistermeute wusste nicht, was der Fremde meinte, doch das kümmerte niemanden. Begeistertes Grölen erhob sich. Für einen Abend war das Glücksspiel vergessen und wich dem Geist des Karnevals. Das Kölsch floss in Strömen, es wurde zum Klang von Karnevalsliedern geschunkelt und hin und wieder marschierte eine Polonaise von einer Länge durch die Spielhölle, die in der ganzen Geisterstadt noch nie jemand gesehen hatte.
Und Xie Lian und Hua Cheng? Die gaben sich ebenfalls geschlagen und wurden von Pitter zu Prinz Karneval und Jungfrau gekrönt.
Der morgen danach begann mit höllischen Kopfschmerzen und dem gewöhnungsbedürftigen Duft von 4711 vermischt mit Kölsch, der einfach nicht aus Haar und Roben verschwinden wollte.
„Diese Kölner können scheinbar nur zwei Dinge: seltsam reden und saufen“, stellte Hua Cheng mit einer Mischung aus Verachtung und ehrlicher Verwunderung fest, während Xie Lian wie erschlagen von der gestrigen Aufregung an seiner Seite lag.
„Das ist wohl Karneval“, murmelte er.
„Jetzt muss ich mich die nächsten Wochen mit der Frage herumschlagen, wann der verehrte Gast aus fernen Landen uns wieder mit seiner Anwesenheit beehrt…“
„Die Geister hatten ihren Spaß und du hast neues Wissen“, gähnte Xie Lian. „Und Metzger Zhu und der Hahnengeist einen neuen Verkaufsschlager… die Flönz und der Mettigel passen vom Aussehen perfekt zu ihrem restlichen Angebot.“
„Wohl wahr. Aber ich bin froh, dass wir jetzt wieder unsere Ruhe haben“, meinte Hua Cheng und legte einen Arm um seinen Gott.
Xie Lian lachte. „Zumindest hat sich dieser seltsame Kölsch-Fluch gelegt.“
Ein gefährliches Grinsen breitete sich auf Hua Chengs Gesicht aus. „Bist du dir sicher, gege? Ich habe gestern in der Tat viele Dinge gelernt, die ich lieber wieder vergessen würde, aber ein paar neue Worte in dieser fremden Sprache werde ich freudig im Gedächtnis behalten.“
„Oh bitte nicht, San Lang…“
„Warum denn nicht? Dieser Brauch mit dem Bützen zum Beispiel gefällt mir im Nachhinein doch recht gut…“
Fern ab vom Tempel der Tausend Lichter, hinter den Toren der Geisterstadt wanderte eine kleine Gestalt alleine einen Pfad ins Ungewisse entlang. Doch ein seltsamer Frohgemut schien von ihr auszugehen, während sie das seltsame Instrument in ihren Händen betätigte und ihm quietschende Laute entlockte. Och, wat wor dat widder ene jelungene Avstecher“ / „Ach, was war das wieder ein gelungener Abstecher“, brummelte das Heinzelmännchen in seinen langen Bart. Mit blitzenden Augen dachte er an die feiernde Geistermeute zurück. „Ich ben nur ne Kölsche Jung
un mie Hätz, dat litt mer op d'r Zung…“ / „Ich bin nur ein kölscher Junge… und mein Herz das liegt mir auf der Zunge…“, summte er.
Und wenn die Bewohner der Geisterstadt eines nach diesem absonderlichen Abend bestätigen konnten, dann das.
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*****************Hier die rein hochdeutsche Version*****************
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Xie Lian schauderte. Er konnte das kalte Eisen der Klinge, die immer wieder in jede Stelle seines Körpers eindrang wieder spüren. Am Ende musste er einen ganz ähnlichen Anblick geboten haben wie das gespickte Hackfleisch auf Zhus Platte.
„Gege?“, flüsterte Hua Cheng. Sorge und Wut wischten jeglichen kölschen Dialekt aus seiner Stimme fort. Das vertraute Gesicht riss Xie Lian aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. „Soll ich dieses Ungeziefer in Grund und Boden stampfen?“
„Warum sind es so viele Schwerter?“, ächzte Xie Lian.
„Was?! Schwerter?! Das sind Salzstangen, du Dummkopf!“, kreischte Pitter, der die neuerliche Spannung in der Luft kaum ertrug. „Das ist eine Spezialität aus meiner Heimat. Wer fürchtet sich denn vor einem Mettigel?“
„Weg damit!“, zischte Hua Cheng und das Fleischungetüm zerfiel umgehend zu einem Häuflein Asche.
„Ah… Chengzu!“, jaulte der Ebermetzger verzweifelt und warf sich auf die Knie. „Ich habe Euch verärgert, wie kann ich das je wieder gutmachen?“
Hua Cheng setzte gerade zu einer vernichtenden Antwort an, als Xie Lian sich eng an ihn schmiegte. „San Lan… es geht schon… ist schon wieder gut. Es ist… nur… ein Igel“, hauchte er. Schwer atmend festigte er seinen Stand und fing sich wieder. „Vielleicht ist es an der Zeit mit der Vergangenheit aufzuräumen. Metzger Zhu, entschuldigt die Vernichtung Eurer… Kreation. Habt Ihr vielleicht noch eine zweite Platte vorbereitet?“
„Ihr kennt mich zu gut, Eure Hoheit“, schniefte Zhu gerührt und galoppierte unter zahlreichen Verbeugungen zurück in die Küche.
„Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, wollte Hua Cheng besorgt wissen und löste sich nur zögernd von seinem Gott.
„Nun, ich lebe seit über 800 Jahren und nie hat mich irgendein Essen in die Flucht geschlagen, ganz zu schweigen in den verlassenen Tempel zurückbefördert. San Lang, was wäre ich für ein Gott, wenn ich mich dem geschlagen geben würde?“
„Genau!“, frohlockte Pitter und knallte eine neue Stange Kölsch vor den beiden auf den Tresen. „Ihr werdet sehen mein lieber Gott, der Genuss des Mettigels wird euch in den Himmel aufsteigen lassen. Kümmert euch nicht um das rohe Aussehen, das Gute steckt im Geschmack!“
Xie Lian bezweifelte dies, doch wie er schon gesagt hatte, ihn hatte noch nie ein Essen in die Flucht geschlagen, außer vielleicht in seinen Jahren als Kronprinz, doch danach hatte er weit schlimmeres als ein bisschen rohes Fleisch gegessen. Hua Cheng war immer noch skeptisch, würde Metzger Zhu sich eine neuerliche Ungebührlichkeit leisten, wäre es womöglich zu spät, um ihn vor dem Zorn des Geisterkönigs zu retten. Deshalb bemühte sich Xie Lian beim Anblick des neuen Mettigels um eine neutrale Miene.
Der Ebermetzger trug seine Kreation strahlend vor Stolz aber mit der Vorsicht eines geprügelten Hundes herbei und platzierte sie auf dem Tresen. „So, meine Herren, es ist angerichtet.“
„So ist es!“, krähte der Hahnengeist, der plötzlich hinter ihm auftauchte und einen Korb mit gebackenen, goldgelben Brötchen auf dem Kopf balancierte.
Vorsichtig näherte sich Xie Lian dem Ungetüm. Tatsächlich, in dem Fleischklumpen steckten keine kleinen Schwerter, sondern winzig dünne Gebäckstangen, an denen Salzkristalle klebten und der Schweinemetzger hatte dem Tier sogar ein Gesicht aus schwarzen Flusskieseln als Augen und einem Stück Zwiebelring als Mund gebastelt. Auf dem Kopf trug er eine Krone aus weiteren Zwiebelringen. Eigentlich wirkte es wirklich wie ein sehr roter, aber immerhin freundlich lächelnder Igel mit Knopfaugen.
Pitter klopfte sich aufgeregt auf die Schenkel. „Schnell, gebt dem Gott ein Brötchen, damit er probieren kann!“
Bevor der Hahnengeist ein Messer zücken konnte, um dem Befehl Folge zu leisten, schoss E-Ming mit einem Sirren aus der Scheide. Kunstvoll zerteilte er fünf Brötchen und schien sehr zufrieden mit seiner Darbietung. Hua Cheng versetzte ihm nur einen kleinen Klaps, offenbar schien er über das Eigenleben der magischen Waffe nicht so erbost wie gewöhnlich.
Staunend starrte Pitter das Schwert an. „So was gibt es aber nicht in Köln“, behauptete er.
E-Ming schien dies völlig kaltzulassen, sein rotes Auge weigerte sich, den Heinzelmann auch nur eines Blickes zu würdigen.
Unterdessen bereiteten die beiden Köche die fragwürdige Spezialität vor. Bald hielten Xie Lian und Hua Cheng ein Mettbrötchen gespickt mit Salzstangenfragmenten und beladen mit dicken Zwiebelringen in der Hand. Allein die Nähe zu dem Brötchen trieb einem die Tränen in die Augen und Xie Lian fragte sich kurz, ob er vielleicht doch das erste Mal von einem Gericht in die Flucht geschlagen werden würde. Doch als er sah, wie das Heinzelmännchen einen beherzten Bissen nahm und schließlich selig lächelte, fasste er sich ein Herz. Vorsichtig versenkte er seine Zähne in der rohen Masse. Sofort explodierte der Zwiebelgeschmack in seinem Mund. Mit Tränen in den Augen und hustend vertilgte er das Brötchen. Er konnte schlicht keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn an die traumatische Erinnerung denken. Es war bei weitem nicht so schlecht, wie er erwartet hatte, aber höchst befremdlich und intensiv.
Pitter puhlte sich strahlend ein Fleischfetzchen zwischen den Zähnen hervor. „Na siehst du mein Junge, göttlich nicht wahr? Die Zwiebeln müssen richtig brennen!“
Hua Cheng, der sich ebenfalls keine Blöße geben wollte, beendete sein Mettbrötchen kurz nach Xie Lian. „Großer Bruder, ich bevorzuge deine Kochkünste“, sagte er nur und Xie Lian winkte ab. Hua Cheng war verrückt nach seinen Kreationen, die andere fast um den Verstand brachten. Manchmal hatte er den dumpfen Verdacht, dass der Geisterkönig einfach unglaublich widerstandsfähig war und ihm mit dem Lob seiner Gerichte einfach eine Freude machen wollte.
„Aber noch sind wir nicht fertig!“, verkündete Pitter. „Hahnengeist, bring den Halven Hahn und die Flönz!“
Doch dieser tat nicht wie ihm geheißen, sondern brachte ihnen neue Teller, dieses Mal war das Brötchen aus dunklem Teig, darauf eine dicke Käsescheibe und obenauf natürlich die obligatorischen Zwiebeln. Daneben lag eine schwarz-rote schrumpelige Wurst, die der ähnelte die sich Pitter bereits zu Anfang ihres Zusammentreffens in den Mund gestopft hatte.
Anstelle sich zu beschweren jauchzte der Heinzelmann auf und schob sich das ganze Käsebrötchen auf einmal in seinen kleinen Mund. Als er den irritierten Blick der Gäste bemerkte, kaute er schnell zu Ende und lachte. „Ha, habt ihr geglaubt, es gäbe nach dem ganzen Mett auch noch Hähnchenbraten? Halve Hahn ist ein Röggelchen mit einer Scheibe Käse drauf, ihr Gierschlünder. So kann man Neulinge immer verwirren!“
Xie Lian erwartete fast, dass Hua Cheng wieder auf den Zwerg losgehen wollte, doch der nippte nur entspannt an seinem Kölsch und verdrehte das Auge. „Gege, ich habe doch gesagt, ein Brötchen ist ein schlechter Lohn für Hausarbeit. Ich habe schon viele Geschichten über Deguo gehört, aber diese Merkwürdigkeiten selbst zu erleben ist etwas völlig anderes“, gab er zu und nahm den neuerlichen Kölschausbruch erstaunlich gelassen hin.
„Ich kann euch noch viel mehr Merkwürdigkeiten zeigen“, prahlte Pitter und hielt plötzlich einen schwarzen Kasten in den Händen.
„Das ist meine Quetsche. In Köln ist mal wieder Karneval und auch wenn ich hier in der Ferne mit euch neuen Freunden herrlich feiere, fehlt noch etwas ganz entscheidendes!“ Er breitete die Arme aus, die das seltsame Objekt festhielten und plötzlich ertönte eine langsame merkwürdig mitreißende Melodie. Pitter summte zufrieden mit, ehe er plötzlich rief: „Was steht ihr da herum? Stellt euch nicht so an, in meiner Heimat würden die Leute sich jetzt schunkelnd in den Armen liegen!“
Diese Forderung lag eindeutig unter Hua Chengs Würde und Xie Lian war sich auch nicht so sicher, ob er jemand anderem als ihm in den Armen liegen sollte, doch das Heinzelmännchen schien seine Bedenken zu bemerken.
„Nun mach doch nicht so ein entsetzes Gesicht, mein Junge! Schunkeln ist großartig, ohne Schunkeln kein Karneval! Los, hakt euch bei mir unter, es geht ganz leicht! Ihr seht eh schon alle aus als wärt ihr verkleidet, ziert euch nicht so!“
Zögerlich trat Xie Lian an die rechte, während der Hahengeist mit dem Ebermetzger an die linke Seite des wunderlichen Geistes trat.
Hua Cheng hängte sich seufzend an Xie Lian.
Pitter bewegte wieder seine Quetschkommode und entlockte ihr die seltsam fremdartige Melodie.
Geister und Götter wiegten sich langsam im Takt der Musik hin und her. Irgendwann schmetterte Pitter einen merkwürdigen Text von Prinzen, Jungfrauen und Bauern. „Einmol Prinz zo sin, en Kölle am Rhing…“ / „Einmal Prinz zu sein, in Köln am Rhein…“
Das Lied endete schließlich in sehr einseitigem Gejubel des kleinen Männchens und alle lösten sich rasch wieder voneinander.
„Warum riechst du eigentlich so komisch?“, fragte der Hahnengeist und schüttelte befremdet seine Federn aus.
„Komisch sagt er? Das ist 4711 Eau de Cologne! Ein berühmter Duft, der in der ganzen Welt bekannt sein sollte.“
Für Xie Lian roch dieser berühmte Duft, der nun auch an seiner Robe klebte eher abstoßend, aber Vorlieben waren bekanntlich verschieden.
Er konnte auch gar nicht weiter überlegen, welcher Menschenschlag solche Gerüche schätzte, denn Pitter fummelte wieder aufgeregt an seiner Quetsche.
„So jetzt machen wir eine Polonaise!“, verkündete er. „Hier, lieber Gott, leg deine Hände auf meine Schultern, genauso! Und du Scheng, kommst dahinter. Und das Viechszeugs auch dabei!“
Jeder Protest stieß auf taube Ohren, denn das Heinzelmännchen setzte sich sogleich in Bewegung und grölte aus vollem Hals: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hätt Doosch“ / „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst!“ Wie auch immer Pitter von Köln zum Sultan kam, der Zug aus Geistern und einem Gott lief langsam aber stetig die Gasse hinunter, geführt vom bestgelauntesten Sänger der Welt.
Mit leisem Entsetzen bemerkte Xie Lian, dass sie sich vom verlassenen Stand des Ebermetzgers geradewegs in die belebteren Gegenden der Geisterstadt bewegten. Xie Lian warf einen verzweifelten Blick zu Hua Cheng, er würde sicherlich nicht begeistert sein, wenn seine Untertanen ihn in dieser merkwürdigen Karawane sahen, doch der schenkte ihm nur ein schiefes Lächeln, während sich sogar E-Ming im Takt des Liedes wiegte. Er fand doch nicht etwas Gefallen an diesem Karnevalsbrauch?
Die Straße füllte sich zusehends mit schnatternden Schaulustigen. „Ah, hier ist endlich mal wieder was los, ein Viertel ganz nach meinem Geschmack! Kommt, macht alle mit! Wir gehen in eine Kneipe, der Köbes soll uns alle mit Bier versorgen!“
Schon bald reichte die Polonaise um mehrere Häuserblocks und zog geradewegs zur Spielhölle. Die Besucher des zwielichtigen Etablissements staunten nicht schlecht ob der ausgelassenen Geisterschlange, die johlend ihre Glücksspiele unterbrach. Einige wollten zornig aufbegehren, doch sobald sie ihren Chengzu und seinen Gott entdeckten, pressten sie verwirrt die Münder zusammen.
Einzig eine elegante, aber freizügig gekleidete Frau mit viel zu stark geschminktem Gesicht wagte einen empörten Ausruf: „Chengzu, was geht hier vor?“ Es war Jian Lan, eine bekannte Geisterprostituierte, die Xie Lian bereits mehrmals in Verlegenheit gestürzt hatte, doch ob ihrem schweren Schicksal konnte er ihr nicht recht böse sein.
Hua Cheng kam nicht in die Bedrängnis zu antworten, da Pitter abrupt sein Akkordeonspiel beendete, sich mit seiner winzigen Statur vor Jian Lan aufbaute und polterte: „Schau doch nicht so ernst drein! Wir feiern Karneval, da ist man ausgelassen und Gesellig. Hier, trink ein Kölsch mit!“ Wie von Zauberhand erschien eine Bierstange in seiner Hand, doch die Frau schnaubte nur abfällig.
Sie wandte sich ab um den Trubel zu verlassen, doch da eilte das Heinzelmännchen um sie herum. „Na, sei doch nicht gleich so eingeschnappt. Du bist ein hübsches Mädchen. Ah, ich weiß, lass mich dich bützen (küssen)!“
Was auch immer er damit meinte, er stellte sich auf Zehenspitzen und drückte der verdutzten Jian Lan einen dicken Schmatzer auf die Wange.
Für einen Augenblick wurde alles still. Dann ertönte ein wildes Fauchen.
Pitter schrie auf.
Xie Lian sprang schützend vor.
Der Fötusgeist hatte sich in den Gewändern seiner Mutter versteckt, bis Pitter ihr zu nahegekommen war. Dann hatte er sich auf den aufdringlichen Heinzelmann stürzen wollen, doch Xie Lian hatte dies dank seiner überlegenen Kampfkunst gerade noch verhindert.
Nun krallte sich das bleichgesichtige Kind in die Rockfalten seiner Mutter und starrte alle anderen hasserfüllt nieder.
„Was ist das denn für ein Teufel“, ächzte Pitter, während der Ebermetzger ihm belustigt aufhalf.
„Mit den beiden solltest du dich besser nicht anlegen“, grunzte er.
„Er meint es nicht böse“, beschwichtigte Xie Lian Mutter und Kind. „Er kommt von weit her und ihre Bräuche sind… ein wenig exotisch.“ Als Entschädigung drückte er dem Fötusgeist eine abgebrochene Salzstange, die in seine weiten Ärmel gefallen war, in die Hand.
Sofort verschlang der abscheuliche Säugling das Gebäckstück, dann gab er Ruhe und versteckte sich wieder unter Jian Lans Gewändern.
Ein kollektives Aufatmen ging durch die Menge. Pitter fing sich schnell wieder und sprang auf einen der umstehenden Spieltische. „So, jetzt hört mir alle mal zu! Heute ist Karneval und das muss gefeiert werden. Meine neuen Freunde“, er deutete auf den Ebermetzger und den Hahnengeist, „werden euch mit kölschen Spezialitäten versorgen und für jeden hier ist mehr als genug Kölsch da.“ Er schnippte mit den Fingern und plötzlich hielt jeder der Anwesenden Geschöpfe ein Bier in der Hand.
Mit dieser Gabe benötigte es keine weitere Überzeugungskraft. „Kölle Alaaf!“ Die Geistermeute wusste nicht, was der Fremde meinte, doch das kümmerte niemanden. Begeistertes Grölen erhob sich. Für einen Abend war das Glücksspiel vergessen und wich dem Geist des Karnevals. Das Kölsch floss in Strömen, es wurde zum Klang von Karnevalsliedern geschunkelt und hin und wieder marschierte eine Polonaise von einer Länge durch die Spielhölle, die in der ganzen Geisterstadt noch nie jemand gesehen hatte.
Und Xie Lian und Hua Cheng? Die gaben sich ebenfalls geschlagen und wurden von Pitter zu Prinz Karneval und Jungfrau gekrönt.
Der morgen danach begann mit höllischen Kopfschmerzen und dem gewöhnungsbedürftigen Duft von 4711 vermischt mit Kölsch, der einfach nicht aus Haar und Roben verschwinden wollte.
„Diese Kölner können scheinbar nur zwei Dinge: seltsam reden und saufen“, stellte Hua Cheng mit einer Mischung aus Verachtung und ehrlicher Verwunderung fest, während Xie Lian wie erschlagen von der gestrigen Aufregung an seiner Seite lag.
„Das ist wohl Karneval“, murmelte er.
„Jetzt muss ich mich die nächsten Wochen mit der Frage herumschlagen, wann der verehrte Gast aus fernen Landen uns wieder mit seiner Anwesenheit beehrt…“
„Die Geister hatten ihren Spaß und du hast neues Wissen“, gähnte Xie Lian. „Und Metzger Zhu und der Hahnengeist einen neuen Verkaufsschlager… die Flönz und der Mettigel passen vom Aussehen perfekt zu ihrem restlichen Angebot.“
„Wohl wahr. Aber ich bin froh, dass wir jetzt wieder unsere Ruhe haben“, meinte Hua Cheng und legte einen Arm um seinen Gott.
Xie Lian lachte. „Zumindest hat sich dieser seltsame Kölsch-Fluch gelegt.“
Ein gefährliches Grinsen breitete sich auf Hua Chengs Gesicht aus. „Bist du dir sicher, gege? Ich habe gestern in der Tat viele Dinge gelernt, die ich lieber wieder vergessen würde, aber ein paar neue Worte in dieser fremden Sprache werde ich freudig im Gedächtnis behalten.“
„Oh bitte nicht, San Lang…“
„Warum denn nicht? Dieser Brauch mit dem Bützen zum Beispiel gefällt mir im Nachhinein doch recht gut…“
Fern ab vom Tempel der Tausend Lichter, hinter den Toren der Geisterstadt wanderte eine kleine Gestalt alleine einen Pfad ins Ungewisse entlang. Doch ein seltsamer Frohgemut schien von ihr auszugehen, während sie das seltsame Instrument in ihren Händen betätigte und ihm quietschende Laute entlockte. „Ach, was war das wieder ein gelungener Abstecher“, brummelte das Heinzelmännchen in seinen langen Bart. Mit blitzenden Augen dachte er an die feiernde Geistermeute zurück. „Ich bin nur ein kölscher Junge… und mein Herz das liegt mir auf der Zunge…“, summte er.
Und wenn die Bewohner der Geisterstadt eines nach diesem absonderlichen Abend bestätigen konnten, dann das.