Zum Inhalt der Seite

Welt in Scherben

Outtake zu Highway to hell - Olivers POV
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein bisschen was Niedliches, weil mir gerade nach Hochladen ist. Der Rest wird in Kürze auch überarbeitet und hochgeladen.

Widmung: Für Aschra als kleines Trösterchen und Unterstützung zum Gesundwerden.
;)
Hab dich lieb!
♥~

Für alle, die sich immer schon gefragt haben, wie Simon früher so war und wie das mit Oliver und ihm damals so abgelaufen ist: Voilà, hier ist der Anfang.

Enjoy!

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, weil das erste Kapitel ja doch arg kurz war (und weil ich auch einfach nicht länger warten kann ^^°), lade ich jetzt auch schon das zweite Kapitel hoch. Noch mehr Freundschafts-Fluff. Ich hab Simon und Oliver einfach nur lieb.
*beide flausch*

Enjoy, denn das Drama geht erst ab dem nächsten Kapitel so langsam los.

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, wie versprochen gibt's heute auch schon das nächste Kapitel.

Ab hier werden so langsam zwischendurch Taschentücher nötig werden, fürchte ich. Ihr seid gewarnt.

Für Aschra, einfach weil.


Enjoy!

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, hier ist auch schon das nächste Kapitel. Noch eins, das ich eigentlich eher niedlich finde als alles andere. Die Ruhe vor dem Sturm, wenn ihr so wollt.

Ich hoffe, ihr werdet es mögen.

Enjoy!

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, ab jetzt geht das Drama los.
*Taschentücher bereitstell*
Ihr seid gewarnt.

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, weil ich reichlich geschlaucht bin und nicht weiß, ob ich bis nach Mitternacht wach bleiben kann, gibt's hier auch schon mal das nächste Kapitel.

Enjoy, if possible.

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Da der letzte Teil sehr, sehr lang ist, gibt es ihn in mehrere Kapitel gesplittet. Muss mal schauen, wie viele es werden.
*wieder Taschentücher bereitstell*

Kleine Übersetzungen:
kotyonok = Kätzchen
moy zaychik = mein Häschen
Ty probuzhdayesh' vo mne volka = Du weckst den Wolf in mir


Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, hier ist auch der nächste Teil.
*wieder Taschentücher bereitstell*

Karma
Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, hier ist auch schon der letzte Teil. Damit ist diese Story auch durch.

Enjoy!

Karma
Komplett anzeigen

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

10 Jahre

Als ich zehn bin, komme ich in die fünfte Klasse. Mein älterer Bruder Henning und meine Schwester Ruth sind auf der benachbarte Realschule und eigentlich wäre ich auch lieber da hingegangen, aber Papa hat beschlossen, dass wir der Empfehlung meiner Grundschule folgen sollen, also gehe ich als Erster aus unserer Familie aufs Gymnasium. Das Gebäude ist riesig und unbekannt und ich weiß noch nicht, ob es mir hier gefallen wird. Kaum jemand von meiner alten Schule geht hierher, also werde ich wohl nur neue Gesichter in meiner neuen Klasse haben. Und ich bin nicht gut darin, Kontakte zu knüpfen. Ich bin also ziemlich nervös.
 

Sobald ich meinen neuen Klassenraum endlich gefunden habe, stelle ich fest, dass ich nicht der Einzige bin, der schon viel zu früh da ist. Es ist gerade erst Viertel vor acht, aber an der Wand neben der Tür lehnt trotzdem ein Junge, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Er hat seinen Rucksack zwischen seinen Füßen auf dem Boden stehen und streicht sich gerade eine lange schwarze Strähne aus dem Gesicht. Seine Haare sind fast schulterlang und ich bin ein bisschen neidisch. Papa würde mir nie erlauben, meine Haare so lang zu tragen. ›Echte Jungs haben keine langen Haare. Lange Haare sind für Mädchen‹, sagt er immer. Der schwarzhaarige Junge da drüben hat scheinbar weniger strenge Eltern als ich.
 

Als mir auffällt, dass ich ihn anstarre, werde ich rot und senke peinlich berührt den Blick auf meine Schuhspitzen, die noch immer auf der letzten Treppenstufe vor der ersten Etage, in der der Klassenraum liegt, stehen. Leute anzustarren ist unhöflich. Vielleicht sollte ich mich nicht schon am ersten Tag wie ein Idiot benehmen. Und vielleicht sollte ich endlich mal da rauf gehen und mich meinem neuen Klassenkameraden vorstellen. Wenn er hier neben der Tür steht, heißt das doch, dass wir ab heute in die gleiche Klasse gehen, oder?
 

Noch bevor ich meinen Plan in die Tat umsetzen kann, hat der andere Junge mich auch schon bemerkt. Mit schiefgelegtem Kopf mustert er mich und ich schlucke, um den Kloß, der in meinem Hals festsitzt, loszuwerden. "Du gehst in unsere Kirche", ist das Erste, was der Junge zu mir sagt. Und jetzt, wo er mich darauf aufmerksam gemacht hat, weiß ich auch, warum er mir schon auf den ersten Blick so bekannt vorgekommen ist. Das ist Simon. Simon Schwarz, der ältere Sohn des Pfarrers der Kirche, in die meine Familie jeden Sonntag geht. Ich habe ihn schon ziemlich oft gesehen, aber bisher habe ich noch nie mit ihm gesprochen.
 

"Ja", bestätige ich, nicke und nehme doch endlich mal die letzte Stufe. Dann trete ich ans Fenster, bis ich Simon gegenüberstehe, setze meinen eigenen Rucksack ab und stelle ihn auf die Fensterbank. "Ich bin Oliver", stelle ich mich vor und er lächelt kurz. "Simon", erwidert er die Vorstellung und nun nicke ich. "Ich weiß. Ich hab dich schon oft in der Kirche gesehen", gebe ich zu. Simon legt den Kopf schief und sieht mich neugierig an. Seine Augen, stelle ich fest, sind grau. Ein ganz dunkles Grau, fast wie der Himmel kurz vor einem heftigen Gewitter. Irgendwie ungewöhnlich.
 

Bevor einer von uns noch etwas sagen kann, klingelt es und im nächsten Moment wird es voll auf dem Gang. Schüler, die meisten auf diesem Gang hier ebenso neu wie wir, drängen in Massen herein. Simon stößt sich von der Wand ab, nimmt seinen Rucksack und kommt zu mir ans Fenster. Und als unser neuer Klassenlehrer auftaucht, die Tür aufschließt und der inzwischen versammelten Klasse bedeutet, dass wir reingehen sollen, wirft Simon mir einen fragenden Blick zu. "Wollen wir uns nebeneinander setzen?", schlägt er vor und ich nicke erleichtert. Jetzt kann die Schule gar nicht mehr so schlimm werden, davon bin ich überzeugt.
 

Ich bin zehn Jahre alt und ich denke, ich habe gerade einen neuen Freund gefunden.

13 Jahre

Als ich dreizehn Jahre alt bin, erfahre ich, dass ich nach den Sommerferien eine Klassenstufe überspringen soll. Ich werde also nicht in die siebte, sondern in die achte Klasse versetzt – eine Tatsache, die mir gar nicht gefällt. "Ich will keine Klasse überspringen!", beschwere ich mich bei Simon darüber, als wir uns nachmittags auf dem Schulhof treffen. Schmollend lasse ich mich auf eine der Bänke fallen und verschränke die Arme vor der Brust. Ich habe schon mit meinen Eltern darüber zu reden versucht, aber das hat – wie erwartet – nichts genützt. Papa war viel zu stolz auf seinen ›Überflieger‹ von einem Sohn, als dass er mir auch nur wirklich zugehört hätte. ›Du wirst dich da schon eingewöhnen‹, hat er meinen Einwand, dass ich in der neuen Klasse ja niemanden kennen würde, einfach abgeschmettert. ›Und du wirst da sicher auch neue Freunde finden‹, meinte er dann noch und ich weiß ganz genau, dass er damit auf Simon anspielt.
 

Simon und ich sind immer noch die besten Freunde. Seit meinem ersten Schultag vor drei Jahren, als wir uns direkt in der ersten Stunde nebeneinander gesetzt haben, sitzen wir so ziemlich in allen Fächern, die wir gemeinsam haben, zusammen an einem Tisch. Wir sind praktisch unzertrennlich. In der Schule gibt es uns eigentlich nur im Doppelpack. Und mir gefällt das so. Ich verbringe meine Zeit wesentlich lieber mit Simon als mit irgendjemand anderem.
 

In den letzten drei Jahren sind Simons Haare noch ein ganzes Stück länger geworden. Mittlerweile hängen sie bis zur Mitte seines Rückens runter. Seit dem Frühjahr trägt er dazu noch ausschließlich schwarze Kleidung. "Wer schon Schwarz heißt, sollte auch Schwarz tragen, meinst du nicht?", hat er mich neckend gefragt, als ich ihn das erste Mal darauf angesprochen habe, und ich hatte dieser Logik irgendwie nichts entgegenzusetzen.
 

Papa mag Simon nicht. Er ist zwar immer höflich zu ihm, aber ich weiß, dass es ihm lieber wäre, wenn Simon und ich nicht befreundet wären. Allerdings will er Simons Vater, unseren Pfarrer, nicht vor den Kopf stoßen. Das ist wahrscheinlich der einzige Grund, aus dem Papa mir meine Freundschaft mit Simon noch nicht verboten hat. Papa meint, Simon hätte einen schlechten Einfluss auf mich, aber das stimmt ganz und gar nicht. Simon ist ein toller Freund. Und mit ihm kann ich über wirklich alles reden – auch über Dinge, die meine Familie nicht versteht.
 

Allerdings ist Papa nicht der Einzige, der Simon nicht mag. Auch Mama duldet seine Anwesenheit nur, weil er eben der Sohn von Pfarrer Schwarz ist. Daniel findet es ebenso wenig gut, dass ich mit Simon befreundet bin. Henning denkt, dass Simon unverschämt ist. Und Ruth, die sowieso immer bei allem die gleiche Meinung hat wie Henning, behauptet dasselbe. Dabei ist das gar nicht wahr. Simon ist nur ehrlich, aber er ist nie unverschämt oder unhöflich dabei. Er verstellt sich eben nur nicht, um anderen zu gefallen. Er ist immer ganz er selbst. Ich bewundere das. Ich wäre gerne auch so mutig wie er.
 

Nur meine kleine Schwester Alina findet ihn ›cool‹, aber das sagt sie nie laut, wenn der Rest der Familie sie hören kann. Nicht mehr, seit sie vor drei Wochen das ganze Wochenende Hausarrest hatte – nur weil sie gefragt hat, was denn an Simon so schlimm ist, dass Mama und Papa es nicht mögen, wenn er zu uns kommt. ›Das verstehst du nicht‹, hat Mama ziemlich harsch zu ihr gesagt und Papa hat ihr Hausarrest gegeben, weil sie es gewagt hat, noch mal nachzufragen und eine Erklärung zu verlangen. Seitdem stellt Alina unseren Eltern nur noch Fragen, bei denen sie sich sicher ist, dass sie ihr niemand übel nimmt.
 

"Lässt sich aber leider nicht vermeiden", holt Simons Stimme mich wieder aus meinen Grübeleien darüber, dass ich in letzter Zeit irgendwie immer sehr froh bin, wenn ich nicht zu Hause sein muss. Früher war es da nicht so … so erdrückend. Oder vielleicht fällt mir das auch jetzt erst so nach und nach auf. Eigene Meinungen oder eigene Ansichten, die von ihren abweichen, mögen meine Eltern ganz und gar nicht. Und ihre Reaktion auf jede Art von ›Ungehorsam‹ ist Hausarrest, damit wir ›in uns gehen und unsere Fehler einsehen‹ können. Das gelingt mir allerdings immer seltener. Aber ich traue mich auch nicht, das laut zu sagen. Also sage ich lieber gar nichts. Genau wie Alina. Wenn ich Hausarrest habe, kann ich mich schließlich nicht mit Simon treffen. Und das ist ganz furchtbar doof.
 

"Aber du bist ja nicht ganz aus der Welt. Wir sehen uns doch immer noch jeden Tag in den Pausen auf dem Schulhof. Und wir können uns ja auch weiterhin nachmittags und an den Wochenenden treffen." Simon, der noch immer vor der Bank steht, auf der ich sitze, lächelt auf mich herab. Seine grauen Augen leuchten immer, wenn er lächelt, und ich muss ebenfalls lächeln, auch wenn das bei mir schwächer ausfällt als bei ihm. "Trotzdem ist das blöd", beharre ich und er nickt. Dabei verschwindet das Lächeln wieder von seinen Lippen und ich möchte mich gerne selbst dafür ohrfeigen.
 

"Definitiv. Es wird echt komisch sein, im Unterricht nicht mehr neben dir zu sitzen", sagt Simon, seufzt und lässt sich neben mir auf die Bank fallen. Er sitzt jetzt so nah bei mir, dass unsere Schultern sich berühren. Mein Magen fängt an zu kribbeln und ich schwanke zwischen dem Drang, noch ein bisschen näher zu ihm zu rutschen, und dem Impuls, etwas Abstand zwischen uns zu bringen und so den Körperkontakt zu unterbrechen. Letztendlich tue ich allerdings nichts von beidem, sondern versuche stattdessen einfach nur, mein wild pochendes Herz zu beruhigen, aber das gelingt mir nicht.
 

Ich habe ein bisschen Angst, dass Simon mein Herzklopfen hören kann, aber er merkt nichts und ich bin irgendwie zu gleichen Teilen erleichtert und enttäuscht. Ich weiß auch nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist. Seit einer Weile schon ist Simon mir noch wichtiger geworden als früher schon. Wenn ich ihn aus irgendeinem Grund länger als vierundzwanzig Stunden lang nicht sehen kann, dann möchte ich am liebsten direkt zu ihm rennen, nur um mit ihm zu reden oder um ihn lächeln zu sehen. Ist das normal für beste Freunde? Irgendwie bin ich mir da nicht sicher.
 

"Auf jeden Fall", krächze ich etwas heiser und bin wieder gleichermaßen erleichtert wie enttäuscht, als Simon sich weiter nach hinten gegen die Lehne der Bank kippen lässt. Sofort vermisse ich die Wärme, die von seiner Schulter ausging. "Ich hoffe nur, in der neuen Klasse wird's nicht allzu doof", murmele ich, nur um überhaupt was zu sagen. Ich will da wirklich nicht hin. Aber Simon hat mir ja versprochen, dass wir trotzdem weiterhin Zeit miteinander verbringen werden. Und solange ich Simon habe, werde ich das schon irgendwie schaffen.
 

Ich bin dreizehn Jahre alt und werde nach den Sommerferien eine Klasse überspringen, aber mein bester Freund wird immer mein bester Freund bleiben.

14 Jahre

Genau acht Tage nach meinem vierzehnten Geburtstag stirbt meine Großmutter väterlicherseits. Sie war der allerletzte Teil meiner Großeltern, der noch gelebt hat. Meine beiden Großväter und meine andere Großmutter sind schon lange tot – so lange schon, dass ich nicht mal mehr wirklich Erinnerungen an sie habe –, aber Oma Ingrid war immer da. Jedenfalls bis jetzt. Jetzt ist sie nicht mehr da und ich vermisse sie ganz schrecklich.
 

Zu Hause kann ich darüber mit niemandem reden. Die Einzige, die bei uns deshalb weinen darf, ist Alina. Sie ist ja auch erst zwölf. Aber selbst sie muss sich immer wieder anhören, dass sie nicht so eine Heulsuse sein soll – meistens von Ruth oder Mama. Daniel, der letzten Monat zehn geworden ist, und ich dürfen gar nicht weinen. ›Echte Jungs heulen nicht‹, kriegen wir immer wieder zu hören. Daniel schafft das besser als ich. Ich weiß nicht, ob ich meinen kleinen Bruder dafür beneiden oder bemitleiden soll.
 

Meine Eltern weinen auch nicht. Nicht mal Papa, obwohl Oma Ingrid doch seine Mutter war. Er sagt ständig nur solche Dinge wie ›Oma war doch schon ziemlich alt‹ und ›Oma hatte schließlich ein langes, erfülltes Leben‹. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt traurig darüber ist, dass seine Mutter jetzt tot ist. Natürlich stelle ich diese Frage nicht laut. Schließlich will ich keinen Hausarrest aufgebrummt bekommen. Aber ich wette, Oma Ingrid wäre ganz furchtbar enttäuscht, wenn sie wüsste, dass wir ihretwegen nicht traurig sein und sie nicht vermissen dürfen.
 

Ich halte es zu Hause nicht länger aus, also sage ich meinen Eltern, dass ich zu Familie Schwarz gehe. Ich erzähle ihnen, dass ich mit Pfarrer Schwarz für Oma Ingrids Seele beten will. Das finden sie gut, deshalb darf ich gehen. Wenn ich ihnen sagen würde, dass ich eigentlich gar nicht vorhabe, überhaupt mit Pfarrer Schwarz zu sprechen, sondern dass ich einfach nur zu Simon will, weil er der einzige Mensch ist, der mich wirklich versteht, dann dürfte ich sicher nicht aus dem Haus. Mama und Papa können Simon immer noch nicht leiden.
 

Den Weg von uns aus bis zum Pfarrhaus, wo Simon wohnt, renne ich so schnell, dass ich Seitenstechen habe und kaum Luft kriege, als ich dort ankomme. Trotzdem drücke ich auf die Klingel und bin froh, dass es Simons kleiner Bruder Ruben ist, der mir die Tür aufmacht. "Hey, Oliver!", kräht er mir fröhlich entgegen, reißt die Tür weit auf und winkt mir zu, dass ich reinkommen soll. Ich ziehe im Flur meine Schuhe aus, wuschele Ruben kurz durch die Haare, wie ich es immer tue, wenn ich hier zu Besuch bin, und sprinte dann zu Simons Zimmer durch.
 

Die Tür ist geschlossen und er hört nicht gerade leise Musik, daher klopfe ich etwas lauter als sonst. "Was denn?", kommt Simons Stimme durch das Holz. Er klingt ziemlich pampig, aber das ist bei ihm normal, wenn er zu Hause ist. Simon und sein Vater verstehen auch sich nicht besonders gut. Pfarrer Schwarz ist ganz und gar nicht damit einverstanden, wie Simon sich kleidet oder dass er sich weigert, sich seine langen Haare abschneiden zu lassen. Aber das schert Simon kein bisschen. Je mehr sein Vater versucht, ihn von etwas abzubringen, desto energischer hält Simon daran fest. Zwischen den beiden herrscht schon seit einer Weile ein regelrechter Kampf, wessen Wille wohl stärker ist. Und im Moment sieht es ganz so aus, als würde Simon gewinnen.
 

"Ich bin's", gebe ich mich zu erkennen und im nächsten Moment wird die Tür vor meiner Nase aufgerissen. Ich finde mich skeptischen grauen Augen gegenüber und obwohl ich immer noch schrecklich traurig bin wegen Oma Ingrid, fühle ich mich jetzt, wo ich Simon sehe, trotzdem schon ein winziges bisschen besser. Simon sagt nichts, sondern lotst mich erst mal in sein Zimmer, schiebt die Tür hinter uns zu und schließt sie ab. Ich bleibe etwas unschlüssig mitten im Raum stehen. Allerdings nicht lange. Simon schnappt sich meinen Arm, zieht mich zu seinem Bett und bugsiert mich auf die Matratze. Dann lässt er sich neben mich fallen und schaut mich mit schiefgelegtem Kopf fragend an.
 

"Was ist los?", erkundigt er sich erstaunlich sanft dafür, dass er vor weniger als einer Minute eigentlich noch auf eine Konfrontation mit seinem Vater eingestellt war. Wahrscheinlich sieht er mir an, dass es mir gerade gar nicht gut geht. Simon hat wirklich eine Menge Talent dafür, meine Stimmungen einzuschätzen. Er weiß immer ganz genau, wann ich nur so tue, als wäre alles in Ordnung. Er sieht mich – ganz im Gegensatz zu meiner Familie. Von denen weiß niemand, wie es gerade in mir aussieht.
 

"Meine Oma ist gestorben", falle ich ohne Umschweife mit der Tür ins Haus. Und dann tue ich das, was ›echte Jungs‹ eigentlich nicht tun: Ich fange an zu heulen. Ich kann einfach nicht anders. Ich bin so unglaublich traurig, aber zu Hause will das niemand hören. Wenn ich das Thema dort zur Sprache bringe, wird mir immer nur gesagt, dass ich mich doch für Oma freuen soll, weil sie jetzt an einem ›besseren Ort‹ ist. Und das freut mich ja auch wirklich für sie, weil sie jetzt wieder bei Opa Kurt ist, den sie auch nach all den Jahren, die seit seinem Tod vergangen sind, immer noch furchtbar vermisst hat. Trotzdem fehlt sie mir und der Gedanke daran, dass ich sie nie wieder besuchen kann und dass sie mir nie wieder über die Wange streicheln und mir sagen wird, dass sie mich lieb hat, tut unsagbar weh.
 

Simon sagt gar nichts zu meiner Eröffnung, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Im Gegensatz zu mir glaubt er nicht an den Himmel und Jesus und Gott. Das ist noch so eine Sache, wegen der sein Vater und er immer wieder Streit haben. Seit ein paar Wochen trägt Simon nämlich ständig ein Pentagramm an einem Lederband um den Hals. Und letzte Woche hat seine Religionslehrerin Frau Schüller seinen Vater angerufen und zur Schule bestellt, weil Simon seine satanische Bibel mit zur Schule genommen hat, um in der Pause darin zu lesen. Sie hat ihm das Buch weggenommen und es ihm erst zurückgegeben, als Simon unseren Rektor Herrn Beestmer eingeschaltet und gedroht hat, Frau Schüller wegen Diebstahls anzuzeigen. Pfarrer Schwarz war furchtbar wütend deswegen und Simon hatte eine ganze Woche Stubenarrest, aber die satanische Bibel steht trotzdem immer noch deutlich sichtbar auf dem Regalbrett über dem Kopfende seines Bettes.
 

Ohne ein einziges Wort zu verlieren, rutscht Simon auf seinem Bett näher zu mir und nimmt mich einfach in den Arm. Für eine Sekunde versteife ich mich – ich bin das einfach nicht gewohnt; ›echte Jungs‹ wollen schließlich keine Umarmungen –, aber dann sinke ich förmlich gegen ihn, kralle mich in seinem Longsleeve fest und lasse meine ganze Trauer und den ganzen Schmerz über den Verlust meiner Oma einfach raus. Ich beiße mir fest auf die Unterlippe, um bloß keinen Ton von mir zu geben, obwohl das draußen vor der Tür sowieso niemand hören würde. Immerhin läuft Simons Musik immer noch. Trotzdem will ich mir diese Blöße einfach nicht geben. Auch nicht vor ihm.
 

Wie lange ich einfach nur weine, kann ich hinterher nicht sagen. Erst als ich wirklich keine Tränen mehr übrig habe, versuche ich, mich aus Simons Umarmung zu lösen, obwohl ich das eigentlich gar nicht will. Aber ich habe mich nun wirklich lange genug an ihn geklammert. Allerdings lässt Simon mich nicht los, sondern drückt mich stattdessen sogar noch etwas näher an sich. Und dann lässt er sich, noch immer mit mir im Arm, nach hinten fallen, so dass er auf seinem Bett liegt und ich halb ihm auf ihm lande. Wieder versuche ich, von ihm abzurücken, und wieder lässt er das nicht zu. Stattdessen fängt er an, mir durch die Haare und über den Rücken zu streicheln, und ich gebe meinen ohnehin nicht ernstgemeinten Widerstand gegen die Umarmung endgültig auf.
 

Es tut unglaublich gut, so festgehalten zu werden. Und das Beste daran ist, dass es Simon ist, der mich so im Arm hält und dessen Hände so unglaublich sanft mit mir umgehen. So als wäre ich aus Glas. Und vielleicht bin ich das gerade auch. Ich fühle mich jedenfalls irgendwie zerbrechlich und gleichzeitig ein bisschen so, als würde ich schweben. Und das liegt nur an Simon, das weiß ich. Er hat mich schon öfter mal in den Arm genommen oder mich kurz gedrückt, aber er hat mich noch nie so lange festgehalten wie er das jetzt gerade tut. Ich bin immer noch ganz schrecklich traurig wegen meiner Oma, aber ich bin gleichzeitig auch unglaublich froh, dass ich hergekommen bin und dass Simon mir nicht sagt, dass ›echte Jungs‹ keine Gefühle zeigen und nicht heulen dürfen.
 

"Es ist okay, Oliver", murmelt Simon nach einer Weile in meine Haare. "Du kannst immer zu mir kommen, wenn du dich ausweinen willst", bietet er mir an und mein Herz beginnt gleich wieder zu rasen. Simons warmer Atem auf meiner Kopfhaut verursacht ein Kribbeln, das durch meinen ganzen Körper zieht. Am liebsten würde ich für den Rest meines Lebens einfach hier mit ihm in seinem Bett liegen bleiben und mich von ihm im Arm halten lassen.
 

Ich bin vierzehn Jahre alt, meine Oma ist gerade verstorben und mir wird ganz plötzlich klar, dass ich mich in meinen besten Freund verliebt habe.

15 Jahre

"In diesem Jahr gibt es eine stufenübergreifende Klassenfahrt für die neunten und zehnten Klassen." Ich bin fünfzehn Jahre alt und in der zehnten Klasse, als meine Klassenkameraden und ich diese Nachricht von meiner Klassenlehrerin Frau Kowalski erhalten. Sofort bekomme ich Herzrasen und schwitzige Hände. ›Stufenübergreifende Klassenfahrt‹ bedeutet, dass Simon auch dabei sein wird. Ich weiß inzwischen seit mehr als einem Jahr, dass ich in ihn verliebt bin. Und es wird nicht weniger. Egal, was ich auch unternehme, diese Gefühle für ihn gehen einfach nicht weg.
 

Ganz zu Anfang, als ich mir darüber klargeworden bin, was mit mir los ist, habe ich kurzzeitig versucht, auf Abstand zu Simon zu gehen und mich nicht mehr mit ihm zu treffen. Auch in den Pausen in der Schule bin ich ihm aus dem Weg gegangen, aber das habe ich nicht lange durchgehalten. Schon nach drei Tagen hat er mir so sehr gefehlt, dass ich noch vor Unterrichtsbeginn zu ihm gegangen bin und mich bei ihm dafür entschuldigt habe, dass ich ihn mehrere Tage lang ignoriert habe. Aber er hat mir das überhaupt nicht nachgetragen.
 

"Ich bin einfach nur froh, dass du nicht sauer auf mich bist. Ich dachte, es wäre vielleicht ein Fehler gewesen, dich in den Arm zu nehmen. Ich wusste nur nicht, wie ich dich sonst trösten sollte. Wenn Ruben weint, umarme ich ihn auch immer", hat er zu mir gesagt und mein schlechtes Gewissen hat mich beinahe erdrückt. Er hat sich solche Sorgen meinetwegen gemacht, während ich nur daran denken konnte, wie schön es sich angefühlt hat, von ihm im Arm gehalten zu werden. Genau das habe ich ihm auch gesagt – natürlich nicht in diesen Worten; ich habe nur gesagt, dass ich ihm dankbar für den Trost war – und sein erleichtertes Lächeln von damals verfolgt mich bis heute.
 

In der ersten Pause nach der Verkündigung der Klassenfahrt ist Simon ziemlich aufgekratzt deswegen. Im Moment hängt zwischen ihm und seinem Vater der Haussegen mal wieder ganz besonders schief, deshalb freut er sich unbändig auf die Woche, die er nicht zu Hause verbringen muss. Ich freue mich auch auf diese Woche, in der unsere Klassen gemeinsam nach Holland fahren werden. Aber nicht wegen meinen Eltern oder weil ich so gerne mit meiner neuen Klasse wegfahren will. Ich freue mich einfach nur darauf, ganz viel Zeit mit Simon verbringen zu können, ohne dass seine oder meine Eltern uns stören. Das sage ich allerdings nicht laut.
 

Die zwei Monate bis zur Klassenfahrt vergehen einerseits viel zu schnell und andererseits viel zu langsam für meinen Geschmack. Ich bin furchtbar aufgeregt, als meine Familie mich am Abfahrtstag an der Schule abliefert. Simon und seine Familie sind auch schon da, aber meine Eltern halten Abstand und ich traue mich nicht, zu Simon rüber zu gehen, um keinen Ärger zu provozieren. Also bleibe ich, wo ich bin, und höre mit einem halben Ohr Papas Ermahnungen zu, während ich gleichzeitig heimlich beobachte, wie Simon mit seinem kleinen Bruder herumalbert. Ruben und er schneiden sich gegenseitig Grimassen, Ruben lacht laut und ich möchte sehr gerne mit ihm tauschen und derjenige sein, dem Simons sanftes Lächeln gilt. Aber das ist keine gute Idee. Nicht, solange ich immer noch so schrecklich in Simon verliebt bin. Und vor allem nicht, solange meine Familie in der Nähe ist.
 

Für die Fahrt werden wir klassenweise in die Busse verteilt und ich bin gleichermaßen erleichtert und enttäuscht, dass ich die Zeit nicht mit Simon verbringen kann. So sitze ich am Fenster in der vorletzten Reihe, neben mir Christian aus meiner Klasse, der mich zugunsten seiner Kumpels, die auf der anderen Seite des Ganges sitzen, vollkommen ignoriert. Das stört mich allerdings überhaupt nicht. Ich versuche einfach nur, mich auf das Buch zu konzentrieren, das ich mir extra für die Fahrt eingepackt habe, aber das gelingt mir nicht. Meine Gedanken sind die ganze Zeit bei dem Bus, der nach unserem vom Parkplatz der Schule gefahren ist und in dem, wie ich weiß, Simon sitzt. Ob er gerade auch an mich denkt?
 

Als unsere Busse am späten Nachmittag vor der Herberge halten, in der wir die nächste Woche verbringen werden, bin ich einfach nur erleichtert, endlich aussteigen und mir die Beine vertreten zu können. Und weil jetzt keine Eltern hier sind, die mir das verbieten können, schlendere ich, sobald wir uns alle vor dem Eingang der Herberge versammelt haben, näher zu meiner alten Klasse. Simon steht wie immer etwas abseits. Er hat mit den meisten meiner früheren Klassenkameraden nicht viel gemeinsam. Und seit sie wissen, dass er Satanist ist, machen fast alle einen großen Bogen um ihn. Aber mich stört das nicht. Mir ist egal, woran Simon glaubt.
 

"War deine Fahrt auch so ätzend?", erkundige ich mich, sobald ich Simon erreicht habe, und er schmunzelt. "Carolin hat eine halbe Stunde lang immer wieder ihren ganzen Mut zusammengekratzt, aber dann war's schließlich doch Sabrina, die sich getraut hat, mich zu fragen, ob es wahr ist, dass Satanisten Jungfrauen opfern", erzählt er und verdreht die Augen, aber das Schmunzeln bleibt trotzdem auf seinen Lippen. Ich muss ganz stark aufpassen, dass ich ihn nicht zu sehr anschmachte, wenn ihm sein Amüsement so deutlich anzusehen ist.
 

"Und was hast du zu ihr gesagt?", will ich wissen und muss mir bei Simons Antwort ganz arg das Lachen verkneifen. "Ich hab sie gefragt, ob ihre Neugier einen bestimmten Grund hat und ob sie oder Carolin sich vielleicht als Opfer zur Verfügung stellen wollen", sagt er trocken und ich kann mir die geschockten Gesichter der Mädchen bei dieser Aussage nur zu gut vorstellen. Aber ernsthaft, was haben sie erwartet? Simon mag es ganz und gar nicht, wenn man sich über seinen Glauben lustig macht. Ich mag das ja zugegebenermaßen auch nicht. Und ich verstehe zwar vielleicht nicht viel von Satanismus, aber ich weiß durchaus, dass es so was wie Menschenopfer definitiv nicht gibt. Das ist ein ganz dummes, ignorantes Vorurteil – allerdings eins, das meine Eltern leider teilen, weshalb Simon mich nicht mehr zu Hause besuchen darf, seit sie wissen, dass er tatsächlich Satanist ist. Für mich ändert das allerdings absolut gar nichts. Simon ist immer noch Simon. Und er ist immer noch mein bester Freund – und mehr, auch wenn er das nicht weiß.
 

Frau Kowalskis Stimme, die meine Klasse für die Zimmeraufteilung zu sich ruft, holt mich wieder aus den Gedanken, die ich mir viel zu oft mache und die ich einfach nicht abstellen kann. Widerwillig eise ich mich von Simon los und wandere wenig enthusiastisch zu meiner Klasse zurück. Frau Kowalski hat schon damit angefangen, die Namen derjenigen zu verlesen, die sich ein Zimmer teilen sollen. Die Reaktionen darauf reichen von genervt über neutral bis zu erfreut. Ich warte darauf, dass mein Name fällt, aber das passiert nicht. Ich bin absurd erleichtert darüber, dass ich mit keinem meiner Klassenkameraden, mit denen ich ohnehin kaum interagiere, wenn es nicht unbedingt sein muss, auf ein Zimmer gestopft werde.
 

"Und da die 9c ebenso wie wir jeweils eine ungerade Anzahl an Jungs hat, dachte ich mir, dass du dir vielleicht mit einem deiner früheren Klassenkameraden das Zimmer teilen könntest, Oliver", wendet sich Frau Kowalski schlussendlich doch noch an mich und mein Blick huscht unwillkürlich zu meiner alten Klasse. Herr Tennhoff ist offenbar auch gerade mit der Einteilung fertig und spricht mit Simon, was meinen Puls gleich in ungeahnte Höhen treibt. Heißt das vielleicht …?
 

Meine Hoffnung, Befürchtung, wie auch immer man es nennen möchte, wird auch gleich bestätigt, als Herr Tennhoff gemeinsam mit Simon zu uns rüber kommt. In meinem Rücken tuscheln meine Klassenkameraden miteinander, aber das ist mir egal. "Ihr kennt euch doch, oder? Da macht es euch bestimmt nichts aus, euch eine Woche lang das Zimmer zu teilen?" Fragend und hoffnungsvoll zugleich blickt Herr Tennhoff zwischen Simon und mir hin und her, aber mein Hirn ist zu sehr an der Information ›eine Woche lang mit Simon das Zimmer teilen‹ hängen geblieben, als dass ich zu einer vernünftigen Erwiderung fähig wäre.
 

Glücklicherweise hat Simon kein solches Problem. "Ganz und gar nicht", lässt er Herrn Tennhoff und Frau Kowalski wissen und beide Lehrer wirken gleichermaßen erleichtert – Herr Tennhoff wohl hauptsächlich deshalb, weil er seinen ›Problemschüler‹ Simon für die kommende Woche versorgt weiß. Ich bin zu gleichen Teilen begeistert und entsetzt. Eine ganze Woche lang nur Simon und ich, alleine in einem Zimmer! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das unbeschadet überstehen werde. Aber obwohl ich ein bisschen Angst um meine geistige Gesundheit habe, würde ich um nichts in der Welt auf die Gelegenheit verzichten wollen, ungestört Zeit mit Simon verbringen zu können.
 

Während ich immer noch reichlich abgelenkt bin, lässt Simon sich schon mal den Schlüssel für unser Zimmer aushändigen. Zusammen mit allen anderen Mitschülern holen wir unser Gepäck aus den Bussen und machen uns dann auf den Weg in die Herberge, nachdem unsere Lehrer uns noch eben informiert haben, dass wir uns doch bitte mit dem Einräumen beeilen sollen, weil es in einer halben Stunde schon Abendessen gibt. Den Rest des Abends, erfahren wir noch, haben wir danach zu unserer freien Verfügung.
 

Unser Zimmer ist schnell gefunden. Gemeinsam hieven Simon uns ich unsere Reisetaschen in den Raum und packen unser Zeug in die schmalen Kleiderschränke. Dann beziehen wir zusammen unsere Betten mit dem mitgebrachten Bettzeug und machen uns pünktlich auf den Weg zum Speisesaal. Dabei reden wir nicht, aber das ist auch gar nicht nötig. Simon und ich verstehen uns auch ohne Worte ganz prima. Und wir konnten schon immer auch gut zusammen schweigen.
 

Das Abendessen rauscht größtenteils an mir vorbei. Ich bin unglaublich nervös und schaffe es kaum, mehr als ein paar Bissen zu mir zu nehmen. Ich schmecke allerdings nichts und könnte hinterher nicht mal sagen, was ich da eigentlich gegessen habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein komisches Verhalten Simon nicht entgeht. Er wirft mir jedenfalls hin und wieder mal einen fragenden Blick zu, bohrt allerdings dankenswerterweise nicht nach. Jedenfalls noch nicht jetzt. Das, denke ich bei mir, kommt wahrscheinlich später, wenn wir alleine sind.
 

Nach dem Abendessen verteilen sich unsere Mitschüler auf die ›Unterhaltung‹, die hier in der Herberge geboten wird. Es gibt einen Aufenthaltsraum mit Brettspielen und ein paar Büchern, einen Billardraum und einen weiteren Raum, in dem zwei Tischtennisplatten stehen. Simon und ich wechseln nur einen langen Blick und beschließen dann, dass wir auf nichts davon wirklich Lust haben. Ich habe immer noch mein Buch, in dem ich während der Fahrt nicht wirklich weitergekommen bin.
 

"Lass uns verschwinden", schlägt Simon vor und ich nicke nur und folge ihm. Dabei rast mein Herz wieder einmal, als wäre ich gerade einen Marathon gerannt. Aber das ist ja nichts Neues mehr. Das geht jetzt schon seit über einem Jahr so. Und auch wenn ich es nicht wirklich kontrollieren kann, ich habe inzwischen gelernt, es zumindest zu ignorieren und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das klappt nur bei Simon nicht so richtig. Er kennt mich zu gut, um mir diese Scharade abzukaufen.
 

Bevor wir den Speisesaal verlassen können, löst sich Vanessa aus der Gruppe ihrer Freundinnen und kommt zu uns rüber. Vanessa ist in Simons Klasse, die früher auch mal meine war. Ihre Eltern sind ziemlich gut mit meinen Eltern befreundet. Und immer, wenn meine Eltern ihre Familie einladen oder wir bei Vanessas Familie eingeladen sind, werde ich aufgefordert, Zeit mit Vanessa zu verbringen. Ich glaube, meine Eltern erwarten, dass ich ihnen irgendwann erzähle, dass Vanessa meine Freundin ist. Aber das möchte ich nicht. Ich mag Vanessa. Sie ist wirklich nett und bestimmt auch ganz hübsch, aber ich möchte nicht mit ihr zusammen sein. Das wünsche ich mir schließlich schon bei jemand anderem, auch wenn das aussichtslos ist. Trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut.
 

"Spielst du eine Runde Tischtennis mit uns, Olli?" Vanessa sieht mich fragend und auch ein bisschen hoffnungsvoll an. Ihre Wangen sind ganz leicht gerötet und ich denke, sie mag mich vielleicht ein bisschen mehr als ich sie mag. So auf die Art, wie meine Eltern wollen, dass ich sie mag. Vielleicht ist sie sogar in mich verliebt. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber das kann ich ihr nicht sagen. Und ich kann ihr auch nicht sagen, dass ich es eigentlich nicht mag, wenn sie mich ›Olli‹ nennt. Sie macht das ja auch nur, weil meine ganze Familie – mit Ausnahme von Alina – das auch tut. Meine Eltern und meine Geschwister wissen zwar, dass ich das nicht so toll finde, aber das interessiert sie kein Stück. Simon und Ruben sind die Einzigen, die mich ›Oliver‹ nennen, weil sie wissen, dass mir das lieber ist. Selbst Pfarrer Schwarz sagt nur deshalb ›Oliver‹ zu mir, weil er Abkürzungen nicht mag.
 

"Mach ruhig. Ich geh schon mal vor." Simon weiß ganz genau, wie schlecht ich Nein sagen kann. Und er weiß auch, dass Vanessas und meine Eltern wollen, dass Vanessa und ich zusammenkommen und später mal heiraten und Kinder miteinander kriegen. Ich will das alles nicht, aber davon habe ich bisher nicht mal Simon erzählt. Wenn ich bei ihm bin, rede ich so wenig wie möglich über Vanessa. Vielleicht glaubt er deshalb jetzt, dass ich sie auch mag, und möchte mir so ein bisschen unter die Arme greifen. Ich würde ihm gerne sagen, dass ich diese Art von Hilfe nicht will, aber er hat sich schon abgewandt und macht sich auf den Weg zu unserem Zimmer. Ich würde ihm eigentlich nur zu gerne folgen, lasse stattdessen aber trotzdem zu, dass Vanessa sich an meinen Arm hängt und mich so zu den Tischtennisplatten zieht.
 

Als ich es endlich doch noch schaffe, mich von Vanessa und ihren Freundinnen loszueisen, ist es schon fast halb elf. Eigentlich sollten wir alle zwar seit zehn Uhr schon in unseren Zimmern sein, aber daran hält sich heute Abend niemand. Aber das scheint die Lehrer kein bisschen zu stören. Trotzdem habe ich es ziemlich eilig, endlich in mein Zimmer zu kommen. Ich bin nicht wirklich müde und hoffe, dass Simon auch noch wach ist, damit wir vielleicht noch ein bisschen reden können. Und irgendwie will ich mich auch bei ihm entschuldigen, weil ich so viel Zeit mit Vanessa verbracht und ihn alleine gelassen habe. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen deswegen.
 

Simon liegt schon in seinem Bett, als ich das Zimmer betrete. Allerdings ist das Licht noch an und er hat ein Buch in der Hand. "Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat", entschuldige ich mich anstelle einer Begrüßung und Simon wirft mir über sein Buch hinweg einen Blick zu, den ich nicht zu deuten weiß. Ein paar Sekunden lang sagt er gar nichts, dann lächelt er und schüttelt den Kopf. "Schon gut", sagt er und mir fällt ein riesiger Steinbrocken vom Herzen.
 

Ich schnappe mir eben meine Schlafsachen und meinen Kulturbeutel und verschwinde damit in dem Badezimmer, das zu unserem Zimmer gehört. Irgendwie schon ziemlich toll, dass es hier keine Gemeinschaftsduschen gibt. Unser Bad ist zwar wirklich winzig, aber wenigstens sind wir hier ungestört und müssen nicht mit den anderen Jungs zusammen duschen. Das ist etwas, was ich so gar nicht gebrauchen kann. Mich nimmt in meiner Klasse sowieso niemand wirklich ernst, einfach weil ich ein Jahr jünger bin als die anderen. Das hat sich auch nach fast zwei Jahren nicht geändert. Ich bin immer noch ein Außenseiter.
 

Nachdem ich meine Zähne geputzt und mich umgezogen habe, gehe ich wieder zurück in unser Zimmer. Simon hat sich mittlerweile aufgesetzt und hockt im Schneidersitz auf seinem Bett. Sein Buch liegt neben ihm und ich werfe einen neugierigen Blick auf den Titel. Allerdings ist es kein Roman, wie ich erwartet hatte, sondern ein Sachbuch über Namen und ihre Bedeutungen. Einen Moment lang bin ich versucht, Simon danach zu fragen, warum er sich dafür interessiert und ob er mir sagen kann, was ›Oliver‹ bedeutet, aber schlussendlich spreche ich diese Frage doch nicht laut aus.
 

Einer der Gründe dafür ist Simons seltsam eindringlicher Blick, mit dem er mich mustert. Er sagt jedoch nichts. Und je länger er schweigt, desto nervöser werde ich. Fahrig streiche ich mir durch die Haare, krabbele in mein Bett und setze mich so hin, dass ich mich an die Wand in meinem Rücken lehnen und Simon auf seinem Bett ansehen kann. Meine Decke ziehe ich mir über die Beine, aber den Vorsatz, mein Buch zu nehmen und noch etwas zu lesen, verwerfe ich ganz schnell wieder. Irgendwie ist die Stimmung hier im Zimmer gerade sehr merkwürdig. Viel zu angespannt. Und ich weiß nicht, wie ich das ändern soll.
 

Bevor ich allerdings überhaupt etwas sagen oder unternehmen kann, ergreift Simon doch wieder das Wort. "Vanessa mag dich", teilt er mir mit, was spätestens nach dem heutigen Abend wirklich schmerzhaft offensichtlich ist, und ich nicke schwach. "Ich weiß", erwidere ich etwas kläglich und fahre mir seufzend mit beiden Händen durchs Gesicht. Eigentlich ist das ein Thema, über das ich nicht unbedingt reden möchte, aber für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät.
 

"Ich mag sie auch", gebe ich daher zu und ziehe eine unglückliche Grimasse. "Aber nicht … so", füge ich noch mit einer vagen Handbewegung hinzu, aber Simon versteht offenbar ganz genau, was ich damit meine. Und ich habe kurz den Eindruck, dass er irgendwie erleichtert über meine Worte zu sein scheint. Aber das ist sicher nur Wunschdenken meinerseits, nichts weiter.
 

Simon zögert einen Moment, dann schlägt er seine Decke zurück und steht auf. "Kann ich zu dir rüberkommen?", fragt er, obwohl er schon längst auf dem Weg ist. Vor meinem Bett bleibt er stehen und sieht mich von oben herab an. Sein Blick ist wieder so seltsam intensiv und mir wird heiß, aber ich nicke trotzdem und rücke ein Stück zur Seite, damit er zu mir ins Bett rutschen kann. Wie vorhin setzt er sich auch jetzt im Schneidersitz auf die Matratze und mein Herz dreht allein aufgrund der Tatsache, dass er mir so furchtbar nah ist, beinahe durch. Simons Augen kleben die ganze Zeit an meinem Gesicht und seine Nähe schlägt mir auf die Stimmbänder. Ich bekomme kein Wort heraus.
 

Eine gefühlte Ewigkeit lang sieht Simon mich wieder nur schweigend an. Er scheint irgendetwas zu suchen oder auf etwas zu warten, aber da ich nicht weiß, was das sein könnte, kann ich ihm nicht entgegenkommen. Das ist allerdings auch gar nicht nötig. "Ich mag dich auch, Oliver", sagt er nämlich plötzlich und mir bleibt das Herz stehen. Seine Stimme klingt dabei so ernst, dass ich jetzt erst recht nicht mehr weiß, wie ich reagieren soll. Passiert das hier gerade wirklich? Und meint Simon wirklich das, was ich hoffe, was er mir mit diesen Worten zu sagen versucht?
 

"Und zwar schon ziemlich lange. Und nicht nur wie einen Freund. Ich mag dich … mehr. Viel, viel mehr", fährt Simon fort und ich kann nicht glauben, was ich da höre. Kann das wirklich wahr sein? Kann es wirklich sein, dass das, was ich mir seit über einem Jahr wünsche, tatsächlich in Erfüllung geht? "Eigentlich wollte ich dir das nie sagen", durchbricht Simons Stimme meine Gedanken. "Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, damit zufrieden zu sein, nur dein bester Freund zu sein. Aber das ist nicht mehr genug für mich, Oliver. Ich will mehr. Ich will richtig mit dir zusammen sein."
 

Ich kann kaum fassen, was Simon da sagt. "Aber … ich bin … kein Mädchen", stammele ich völlig überfahren das Erste, was mir in den Sinn kommt, und mein Herz dreht endgültig komplett durch, als Simons Mundwinkel zu zucken beginnen. Allerdings lacht er mich nicht für meinen unglaublich dummen Kommentar aus, obwohl das durchaus gerechtfertigt wäre, sondern lächelt nur nachsichtig. "Das trifft sich gut. Ich mag nämlich keine Mädchen. Jedenfalls nicht so", erklärt er mir dann. "Ich bin schwul, Oliver. Und eigentlich versuche ich dir gerade zu sagen, dass ich schon seit fast zwei Jahren in dich verliebt bin."
 

Mein Kopf ist vollkommen leergefegt. Ich kriege kein Wort über die Lippen und sicher starre ich Simon unglaublich dämlich an. Aber dafür kann ich nichts. Ich kann einfach nicht fassen, was er gerade gesagt hat. Hat er mir wirklich erzählt, dass er in mich verliebt ist und mit mir zusammen sein will? So richtig? Er will nicht mehr nur mein bester Freund sein, sondern mein fester Freund? Soll das heißen, dass er all die Dinge mit mir tun möchte, an die zu denken ich mir das ganze letzte Jahr über verboten habe, weil ich dachte, dass er nie so fühlen könnte wie ich? Und dabei ist das gar nicht wahr, denn er fühlt genauso. Sogar schon viel länger als ich. Zwei Jahre! Simon hat gesagt, er ist seit zwei Jahren in mich verliebt! Ich kann es einfach nicht fassen.
 

"Oliver?", reißt Simon mich wieder aus meinen kreiselnden Gedanken. Seine Stimme, stelle ich abwesend fest, während ich noch immer in einer riesigen Seifenblase aus Glücksgefühlen schwebe, klingt irgendwie ein bisschen unsicher, was die Seifenblase direkt wieder zum Platzen bringt. Und erst jetzt fällt mir auf, dass ich bisher noch gar nichts zu seinem Geständnis gesagt habe. Simon kann ja gar nicht wissen, dass es mir genauso geht wie ihm. Wie auch, wenn die Worte immer noch in meinem Kopf feststecken?
 

"Ich mag dich auch", ringe ich mir also ab und muss mich erst mal räuspern, weil meine eigene Stimme sehr heiser und belegt klingt. Noch einmal sehe ich Simon in die Augen, dann nehme ich all meinen Mut zusammen und spreche doch endlich das aus, was ich eigentlich mit ins Grab nehmen wollte. "Mehr als das. Ich bin auch ganz schrecklich in dich verliebt. Ich weiß gar nicht so genau, wann das eigentlich angefangen hat, aber ich hab's gemerkt, als du mich wegen meiner Oma getröstet hast. Deshalb war ich danach auch so komisch und bin dir aus dem Weg gegangen. Ich dachte, dann geht das vielleicht wieder weg. Aber es ist nicht weggegangen und ich hab dich ganz furchtbar vermisst und musste dich unbedingt wiedersehen. Und ich dachte auch, dass es besser ist, nur dein Freund zu sein als dich ganz zu verlieren. Du bist der Einzige, der mich wirklich sieht und versteht und der mich nicht zu irgendwas machen will, was ich nicht bin. Und genau deshalb hab ich mich in dich verliebt. Einfach weil du du bist und weil du toll bist und weil …"
 

Simons Zeigefinger auf meinen Lippen unterbricht meinen Redeschwall sehr effektiv. "Ich würde dich nie ändern wollen, Oliver. Ich hab mich schließlich genau so, wie du bist, in dich verliebt", sagt er, zögert kurz und zieht seinen Finger wieder zurück. "Darf ich … dich küssen?", fragt er dann leise und mein Herz, das vorhin ausgefallen ist, nimmt seinen Dienst mit fünffacher Geschwindigkeit wieder auf. Ich habe einen dicken Kloß im Hals und bekomme jetzt sicher kein Wort mehr heraus, deshalb nicke ich nur stumm.
 

Simon richtet sich auf, krabbelt auf allen Vieren etwas näher zu mir und sieht mich noch mal sehr intensiv an. Und im nächsten Moment drückt er seine Lippen sanft und fragend auf meine und in meinem Magen explodiert ein Feuerwerk. So oft habe ich mir das hier erträumt, habe es mir vorgestellt und nie zu hoffen gewagt, dass es wirklich mal passieren würde. Und die Realität ist so unglaublich viel besser als alle Fantasien, die ich jemals vom Küssen hatte. Simons Lippen sind warm und weich und ich stelle benebelt fest, dass von Simon geküsst zu werden eindeutig das schönste Gefühl der Welt ist.
 

Ich bin fünfzehn Jahre alt, habe gerade meinen allerersten Kuss von dem Menschen bekommen, in den ich schon seit über einem Jahr verliebt bin, und könnte nicht glücklicher sein.

16 Jahre

Die Sommerferien fangen einfach nur wunderbar an, als ich sechzehn Jahre alt bin. Der heutige Ferientag, knapp zwei Wochen nach Beginn der Ferien, ist warm, aber nicht zu heiß, die Sonne scheint und ich bin einfach nur rundum glücklich. Nächste Woche fahren Simon und ich zusammen auf eine Ferienfreizeit. Drei Wochen lang nur er und ich und keine neugierigen Geschwister oder nervige Eltern. Nur wir beide – gut, und wenigstens ein Dutzend andere Jungs und Mädchen, die auch mitfahren, aber die sind mir alle vollkommen gleichgültig. Simon und ich haben schon beschlossen, dass wir beide uns ein Zelt teilen werden. Und dann werden wir jede Nacht zusammen verbringen, drei ganze Wochen lang. Ich kann es kaum noch erwarten!
 

Seit unserer gemeinsamen Klassenfahrt nach Holland sind inzwischen schon sieben Monate vergangen. Sieben Monate, in denen Simon und ich heimlich zusammen sind. Der Einzige, der von uns weiß, ist Simons kleiner Bruder. Ich hatte anfangs zugegebenermaßen etwas Angst, dass Ruben sich verplappern könnte, aber er ist viel zu stolz darauf, dass er in Simons und mein Geheimnis eingeweiht ist. Er hat uns hoch und heilig geschworen, dass er niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen verraten wird – nicht mal seinem besten Freund. Und wenn Ruben seinem großen Bruder etwas verspricht, dann hält er das Versprechen auch.
 

Und nicht nur das. Ruben hat schon ein paar Mal den Auskuck für uns gegeben und uns gewarnt, wenn jemand in unsere Nähe gekommen ist, der nichts von uns wissen sollte. Der Kleine ist echt gut darin, Leute abzulenken und so dafür zu sorgen, dass Simon und ich nicht in einer verfänglichen Situation erwischt werden. Immerhin kann ich wegen meiner Familie nicht mal in der Öffentlichkeit Simons Hand halten, obwohl ich mir oft nichts sehnlicher wünsche. Aber ich weiß ganz genau, dass meine Eltern und meine Geschwister das nicht verstehen und vor allem nicht gut finden würden. Und Simon weiß das auch, deshalb drängt er mich nie. Ich weiß, dass er gerne offen zeigen würde, dass wir beide zusammen sind, aber ich kann das einfach nicht. Und ich habe den besten Freund der Welt, denn er versteht das und ist mir auch nicht böse deswegen.
 

Trotzdem ist es ganz und gar nicht leicht für mich, meine Finger bei mir zu behalten, wenn Simon in meiner Nähe ist. Ich bin einfach so wahnsinnig verliebt, dass ich am liebsten ständig bei ihm sein und ihn berühren und küssen möchte. Genau deshalb freue ich mich auch so auf die Ferienfreizeit. Da kennt uns niemand und wir werden sicher öfter mal eine Gelegenheit finden, ganz alleine zu sein, damit wir Händchen halten oder ein paar Küsse austauschen können. Das würde ich gerne viel, viel öfter tun, als wir das aktuell tun können, aber wir müssen hier zu Hause nun mal leider sehr vorsichtig sein.
 

Das war auch schon auf der Klassenfahrt nach Holland so. Trotzdem haben wir es nach unserer Aussprache am ersten Abend immer mal wieder geschafft, uns für eine Weile davonzustehlen, um einfach nur ungestört zusammen zu sein. Und ich bin jedes Mal aufs Neue vor Aufregung fast vergangen, wenn Simon meine Hand genommen hat. Manchmal, wenn er das irgendwo in der Fußgängerzone gemacht hat, haben uns die Leute schon neugierig oder auch mal etwas schief angesehen, doch das war uns völlig egal. Aber das war Holland und hier ist nun mal hier. Hier ist das alles nicht so einfach.
 

Genau deshalb nutze ich trotzdem jede Gelegenheit, Zeit mit Simon zu verbringen, auch wenn wir leider längst nicht so oft alleine sein können, wie wir das gerne hätten. Wie heute zum Beispiel. Morgen steht ein Fest auf dem Kirchenvorplatz an und sowohl Simon als auch ich haben uns freiwillig gemeldet, um bei den Aufbauarbeiten zu helfen. Meine Eltern sind sehr stolz auf mein Engagement für unsere Gemeinde. Sie haben keine Ahnung, dass ich das nicht für die Gemeinde tue, sondern nur, um Simon sehen zu können.
 

Gemeinsam mit noch ein paar anderen Helfern sind Simon und ich gerade dabei, die langen Tapeziertische, auf denen bei solchen Gelegenheiten immer die Snacks und Getränke aufgestellt werden, aus dem Lager zu holen. Frau Pohl, die bei solchen Festen immer für das leibliche Wohl sorgt und die wohl leckersten Waffeln der Welt backt, dirigiert uns, damit wir die Tische so platzieren, wie sie sie braucht. Und als wir damit fertig sind und nur noch die Tischdecken fehlen, bedenkt sie uns alle mit einem dankbaren Lächeln. "Dafür habt ihr alle euch morgen eine Extrawaffel verdient", verspricht sie und mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen. Frau Pohls Waffeln schmecken einfach köstlich – viel besser als die, die meine Mutter macht. Aber das werde ich Mama garantiert nie sagen.
 

Simon, dem mein Gesichtsausdruck nicht entgeht, fängt an zu lachen. "Gierlapp", tituliert er mich amüsiert und ich möchte ihn dafür eigentlich unbedingt küssen, aber das geht ja jetzt nicht. Viel zu viele mögliche Zuschauer. Ich grummele unhörbar in meinen nicht vorhandenen Bart und stapfe vor in Richtung Lager, um schon mal damit anzufangen, die Bierzelt-Garnituren rauszuholen. Die werden immerhin für morgen auch gebraucht. Und ich brauche jetzt dringend eine Ablenkung, weil ich sonst ganz bestimmt noch durchdrehe.
 

Simon und Jakob, einer der anderen Freiwilligen, folgen mir und zu dritt haben wir die Garnituren recht schnell aufgestellt. Wir brauchen alles in allem nicht mehr als eine halbe Stunde. Und während Jakob loszieht, um nachzuschauen, wo er vielleicht sonst noch gebraucht wird, geht Simon zurück ins Lager, um dort zu prüfen, ob wir auch wirklich alles raus geholt haben, was für morgen nötig ist. Ich zögere nur ein paar Sekunden, dann folge ich ihm. Das ist die Gelegenheit, endlich mal ein bisschen mit Simon alleine zu sein. Wir haben zwar nicht viel Zeit und müssen extrem vorsichtig sein, weil meine Eltern hier auch irgendwo herumlaufen, aber das ist mir gerade egal. Ein paar Minuten Zweisamkeit werden schon nicht schaden.
 

Sobald ich den Lagerraum erreicht habe, sehe ich mich erst kurz sichernd um, dann verschwinde ich im Inneren und schiebe die Tür hinter mir zu. Der Raum hat nur zwei kleine, sehr hoch oben gelegene Fenster, daher ist es hier drin recht schummrig. Aber das Licht reicht mir trotzdem aus, um Simon zu finden. Er lehnt an der Wand gegenüber der Tür und das kleine, zufriedene Grinsen, das sein Gesicht ziert, schreit förmlich danach, von mir von seinen Lippen geküsst zu werden.
 

Mit drei langen Schritten überbrücke ich die Distanz zwischen uns, presse Simon gegen die Wand in seinem Rücken und schmiege mich so nah an ihn, dass nicht mal ein Haar noch Platz zwischen uns hätte. Und dann tue ich endlich das, was ich schon den ganzen Tag tun will: Ich küsse Simon. Er gibt ein absolut hingerissenes Geräusch von sich, krallt seine Hände in meine Haare und intensiviert den Kuss. Mir wird schrecklich heiß und im nächsten Moment bin ich derjenige von uns, der sich rücklings gegen die Wand gedrückt wiederfindet. Ich unternehme jedoch nichts dagegen, sondern genieße es einfach nur, Simon endlich, endlich wieder so nah zu sein.
 

Als Simon nach einer viel zu kurzen Ewigkeit wieder von mir ablässt, sind wir beide so außer Atem, als hätten wir versucht, die hundert Meter in unter zwei Sekunden zu sprinten. Noch immer ist Simon mir so verteufelt nah, dass ich nichts mehr will, als ihn noch mal zu küssen. Am liebsten würde ich nie wieder damit aufhören. "Wir sollten langsam wieder da rausgehen, bevor jemand nach uns sucht", murmelt Simon und die Tatsache, dass seine Stimme so kratzig klingt, weil wir gerade noch wild geknutscht haben und weil er, genau wie ich, am liebsten weitermachen möchte, verschafft mir eine Gänsehaut.
 

"Ich weiß", nuschele ich zurück. Meine Stimme ist nicht weniger rau als Simons. Es lässt mich ganz und gar nicht kalt, wenn wir uns küssen. "Noch zwei Minuten, ja?", bettele ich wider besseren Wissens und kann förmlich dabei zusehen, wie Simons Widerstand aufgrund meines Blicks binnen Sekunden schmilzt wie ein Schneeball auf einer heißen Herdplatte. "Eine Minute", schränkt er heiser ein und küsst mich direkt wieder, um jeglichen Protest meinerseits im Keim zu ersticken.
 

Beim zweiten Mal lösen wir uns noch deutlich widerwilliger voneinander. Uns beiden ist klar, dass wir uns nicht ewig hier drin verstecken können. Dabei würden wir genau das zu gerne tun. Ich möchte wirklich nur zu gerne einfach hier im Lagerraum bleiben und den Rest der Welt aussperren, wenn das bedeutet, dass ich Simon auch weiterhin so nah sein und ihn berühren und küssen kann, so oft und so lange ich will. Die Woche bis zur Ferienfreizeit kommt mir jetzt gerade vor wie ein unüberwindbares Hindernis.
 

"Wir müssen jetzt echt wieder da raus", flüstert Simon, die Stimme der Vernunft, gegen meine Lippen, drückt mir noch einen kurzen Kuss auf und löst sich dann doch von mir. Er lässt mich jedoch nicht vollends los, sondern streicht mir mit einem Lächeln über die Wange. Ich muss ebenfalls lächeln und will ihm gerade sagen, wie schrecklich lieb ich ihn habe und wie unsagbar glücklich ich bin. Und das ist genau der Moment, in dem alles den Bach runtergeht.
 

Die Tür des Lagerraums fliegt auf und Simon und ich fahren ertappt auseinander, aber natürlich sind wir nicht schnell genug. Mein Herz rast und als ich erkenne, wer uns beide so gefunden hat, verliert mein Gesicht sämtliche Farbe. Ausgerechnet Pfarrer Schwarz! Der Blick seiner grauen Augen, die Simons so ähnlich sind und die gerade jetzt doch so viel kälter wirken, ist eine Mischung aus Überraschung und Verachtung. Ich fühle mich, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über mir ausgekippt. Mein Mund wird trocken und ich weiß, ich bekomme jetzt kein einziges Wort heraus.
 

"Von dir hätte ich so etwas nicht erwartet, Oliver." Pfarrer Schwarz klingt zutiefst enttäuscht von mir, aber in seiner Stimme schwingt auch noch etwas anderes mit – etwas, das ich nicht einordnen kann. Sein Blick wandert zu Simon weiter und die Art, wie er seinen Sohn ansieht, jagt mir einen eisigen Schauer über den Rücken. Oh Gott, wenn er meinen Eltern erzählt, dass er Simon und mich zusammen und ganz alleine hier im Lagerraum gefunden hat …!
 

Obwohl Simon sonst keine Gelegenheit auslässt, einen Streit mit seinem Vater vom Zaun zu brechen, schweigt er jetzt und ich erkenne dumpf, dass er das höchstwahrscheinlich nur deshalb tut, um mich zu schützen. Er hält sich absichtlich zurück und sagt kein Wort, damit sein Vater nichts unternimmt, was mir schaden könnte. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Aber scheinbar ist es nicht genug, denn Pfarrer Schwarz dreht sich mit einem abfälligen Schnauben von uns weg und ich weiß einfach, dass das nichts Gutes bedeuten kann.
 

"Was, wenn …?" Ich schaffe es nicht mal, meine größte Angst in Worte zu kleiden. Mit zittrigen Beinen stoße ich mich von der Wand in meinem Rücken ab und stürze aus dem Lagerraum, vorbei an Simon. Ich kann hören, wie er mir folgt, aber ich sehe mich nicht nach ihm um. Stattdessen lasse ich meinen Blick hektisch über den Kirchenvorplatz schweifen, bis ich Pfarrer Schwarz gefunden habe. Und bei seinem Anblick zieht sich in meinem Inneren alles zusammen. Ich spüre nur noch blankes Entsetzen, denn natürlich steuert er zielsicher auf meine Eltern zu, die gerade noch beim Aufbau eines der Pavillons mit anpacken.
 

Ohne dass ich mich bewusst dafür entscheide, fange ich an zu rennen. Ich muss meine Eltern unbedingt vor Pfarrer Schwarz erreichen. Vielleicht kann ich die Katastrophe dann noch verhindern. Allerdings stehen die ganzen Bierzelt-Garnituren, die wir vorhin aufgestellt haben, genau in meinem Weg, und der Slalom, den ich um diese Hindernisse machen muss, verschafft Pfarrer Schwarz den entscheidenden Vorsprung. Bis ich am Pavillon bin, hat er meine Eltern schon erreicht. Und der Blick, mit dem mein Vater mich bedenkt, als er mich kommen sieht, ist so zornig, wie ich es bei ihm noch nie gesehen habe.
 

"Ich dachte, das sollten Sie wissen", sagt Pfarrer Schwarz gerade und als er auch in meine Richtung blickt, zucke ich zusammen. Sein Blick ist jetzt sogar noch kälter als vorhin im Lagerraum. "Ich wollte nicht riskieren, dass mein Sohn Ihren Sohn mit seinen … Anwandlungen beeinflusst und verdirbt", fügt er noch hinzu und die Art, wie er das Wort ›Anwandlungen‹ betont, sagt mir ganz genau, worüber er spricht. Es sagt mir, dass er ganz genau weiß, wie Simon und ich fühlen, und dass er uns genauso dafür verabscheut, wie meine Eltern es tun werden, wenn sie erst einmal begriffen haben, dass ich auch solche ›Anwandlungen‹ habe.
 

"Ich bin nicht wie Simon!", sprudelt es aus mir heraus und die Verzweiflung in meiner Stimme ist eindeutig nicht zu überhören. Aber meine Worte sind nicht mal gelogen. Ich bin wirklich nicht wie Simon. Ich bin nicht so mutig wie er. Ich bin viel zu feige, um zu ihm und zu uns und zu meinen Gefühlen für ihn zu stehen. Das schaffe ich einfach nicht. Nicht, wenn mein Vater und auch meine Mutter mich ansehen, als wäre das das Allerschlimmste, was ich ihnen und unserer Familie antun könnte.
 

"Und was habt ihr dann im Lager gemacht?", fragt mein Vater streng und ich schlucke hart. "W-Wir haben nur nachgeschaut, ob wir auch nichts vergessen haben", stammele ich. Mein Puls rast immer noch, meine Handflächen sind feucht und ich traue mich nicht, mich umzusehen und nachzuschauen, wer diese Diskussion hier alles mitbekommt. Mein einziger Gedanke ist, dass ich unbedingt schleunigst Schadensbegrenzung betreiben muss. Meine Eltern dürfen auf keinen Fall glauben, dass Simon und ich etwas anderes sind als einfach nur Freunde.
 

"Bei geschlossener Tür?", will meine Mutter spitz wissen und der Unglaube in ihrer Stimme ist wie eine Ohrfeige. "Die Tür ist zugefallen! Dafür können wir doch nichts!", verteidige ich mich und bete wie noch nie zuvor in meinem Leben, dass meine Eltern mir glauben und dass Gott mir diese kleine Notlüge verzeiht. Aber er kann doch ganz sicher nicht wollen, dass alles, was Simon und ich bisher so sorgfältig geheim gehalten haben, jetzt und hier auf diese scheußliche Art ans Licht gezerrt wird, oder?
 

"Wir gehen nach Hause", beschließt mein Vater dunkel und der verkniffene Zug um seinen Mund sagt mir deutlicher als alle Worte der Welt, dass mir eine Menge Hausarrest bevorsteht. Unsanft werde ich am Arm gefasst und mitgeschleift. Ich unternehme jedoch nichts gegen den harten Griff, sondern lasse es einfach nur geschehen. Und als ich einen kurzen Blick über meine Schulter werfe, landen meine Augen unweigerlich bei Simon, der neben seinem Vater steht und das Ganze unleugbar mitbekommen hat.
 

Sofort wird mir übel. Simon hat jedes Wort gehört. Er hat gehört, wie ich ihn praktisch verleugnet habe, wie ich gesagt habe, dass ich nicht so bin wie er. Und ganz sicher hat er genau verstanden, was ich damit impliziert habe. Er mag schwul sein, ich bin es nicht. Der Ausdruck, der in seinen grauen Augen liegt, sagt überdeutlich, dass er ganz genau begriffen hat, was das, was ich gerade getan habe, für uns bedeutet.
 

Nur zu gerne möchte ich mich losreißen, zu ihm zurück sprinten und mich bei ihm entschuldigen, aber das kann ich nicht. Dafür ist der schraubstockartige Griff meines Vaters zu fest und außerdem fühlen sich meine Beine gleichzeitig an, als wären sie aus Gummi und mit Blei ausgegossen. Ich schaffe es kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und das Letzte, was ich noch sehe, bevor mein Vater mich um die nächste Ecke zerrt, ist, wie Pfarrer Schwarz Simon eine Hand auf die Schulter legt, die Simon gleich wieder abschüttelt. Der Blick, mit dem er seinen Vater bedenkt, ist voller Abscheu.
 

Sobald meine Eltern und ich zu Hause ankommen, bewahrheitet sich, was ich schon befürchtet habe. Mein Vater überhäuft mich mit Vorwürfen, gegen die ich mich nicht zu verteidigen wage, und verkündet schlussendlich, dass ich für die nächsten zwei Wochen Stubenarrest habe, um ›in mich zu gehen und um Vergebung und darum zu beten, dass Gott mir meine Verfehlung verzeiht‹. Die Ferienfreizeit wird selbstverständlich abgesagt. Ich fühle mich einfach nur grauenhaft und wünsche mir nichts mehr, als zu Simon gehen und mich bei ihm für das, was ich gesagt habe, entschuldigen zu können, aber das wird mir mindestens zwei Wochen lang nicht möglich sein.
 

Mit hängenden Schultern schlurfe ich in mein Zimmer, lasse mich bäuchlings auf mein Bett fallen und als ich höre, wie mein Vater von außen den Schlüssel in meiner Zimmertür dreht und mich so einschließt, presse ich mein Gesicht in mein Kissen und lasse meinen Tränen freien Lauf. Und wenn ›echte Jungs‹ hundertmal nicht heulen. Ich bin, wenn es nach der Definition meines Vaters geht, ja sowieso kein ›echter Junge‹. ›Echte Jungs‹ wollen schließlich Mädchen küssen und nicht ihren besten Freund.
 

Die darauffolgenden zwei Wochen sind pure Folter. Ich habe absolut keine Möglichkeit, Simon zu erreichen. Wenn meine Eltern mich überhaupt mal aus meinem Zimmer lassen, wird jeder meiner Schritte genauestens überwacht. Ich darf höchstens ins Bad oder ins Esszimmer, aber selbst das Wohnzimmer zu betreten wird mir nicht erlaubt. Das Haus kann ich gar nicht verlassen. Allerdings wird zu meiner unendlichen Erleichterung der Grund dafür, warum ich auf diese Art bestraft werde, nicht vor meinen Geschwistern breitgetreten. Henning, Ruth, Alina und Daniel sind zwar verwundert darüber, was ausgerechnet ich wohl ausgefressen haben mag, dass ich zwei Wochen unserer Sommerferien fast nur in meinem Zimmer verbringen muss, aber keiner von ihnen fragt nach dem Grund dafür. Sie alle haben mitbekommen, dass das Ganze wohl irgendetwas mit Simon zu tun hat, und das scheint ihnen als Erklärung auszureichen.
 

Als die Zeit des Stubenarrests endlich vorbei ist, wage ich es trotzdem kaum, nach draußen zu gehen. Ich habe schreckliche Angst davor, Simon zu begegnen, aber ich will ihn auch unbedingt wiedersehen und ihn anflehen, mir zu verzeihen und mir das, was ich gesagt habe, nicht übelzunehmen. Ich meine, er hat doch gesehen, wie meine Eltern schon allein auf den Verdacht, ich könnte vielleicht … schwul … sein, reagiert haben. Ganz sicher versteht er, warum ich das einfach leugnen musste.
 

Drei Tage lang hadere ich mit mir, dann verlasse ich das Haus zum ersten Mal wieder. Und sobald ich mir sicher bin, dass mir niemand aus meiner Familie folgt, sprinte ich wie von Furien gehetzt zur nächsten Telefonzelle, die ich finden kann. Mit zitternden Fingern wähle ich Simons Nummer, weil ich mich nicht traue, zu ihm nach Hause zu gehen. Nicht wenn Pfarrer Schwarz auch da ist und mich wahrscheinlich gar nicht zu Simon lassen wird. Aber ich muss mit ihm reden. Unbedingt. Ich muss!
 

Bei jedem Tuten in der Leitung hämmert mein Herz mir bis zum Hals. Ich habe panische Angst, dass Pfarrer Schwarz ans Telefon geht und sofort weiß, dass ich am anderen Ende der Leitung bin, und dass er das dann gleich wieder meinen Eltern erzählt. Sehr zu meiner Erleichterung ist es allerdings nicht Pfarrer Schwarz, sondern Ruben, der den Anruf entgegen nimmt. "Simon?", flüstert er fragend in den Hörer und ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter. "Nein, ich bin's. Oliver", erwidere ich dann ebenso leise und bin sofort alarmiert, als Ruben daraufhin hörbar schnieft. "Was ist passiert?", frage ich halb panisch und Ruben atmet zittrig durch.
 

"Simon ist w-weg. A-Abgehauen. Er … er hat ein paar Sachen mitgenommen und … Wir haben k-keine Ahnung, w-wo er ist. E-Er ist schon seit zwei Wochen wie vom Erdboden v-verschluckt. Paps hat eine V-Vermisstenanzeige aufgegeben. Mama weint die ganze Zeit und n-niemand sagt mir, was eigentlich los ist. Simon hat … hat sich bei mir entschuldigt. Nachts. I-Ich hab in seinem Bett gepennt, weil er so traurig war wegen … wegen dir. Er hat zwar nichts gesagt, aber ich hab's ihm angesehen. Und dann, als ich m-morgens wach geworden bin, w-war er einfach nicht mehr d-da."
 

Ich kann hören, dass Ruben jetzt richtig weint, und ich möchte ihn nur zu gerne trösten. Gleichzeitig fühle ich mich absolut grauenhaft. Das ist alles einzig und allein meine Schuld! Simon ist weg und das nur, weil ich so ein elender Feigling war und meine Familie, die mich niemals richtig akzeptieren wird, wenn sie erfährt, wie ich wirklich denke und fühle, über ihn gestellt habe – über den einzigen Menschen, dem ich immer wichtig war und für den ich mich nie verbiegen musste.
 

Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können. Wenn ich ihm doch bloß nicht in den blöden Lagerraum gefolgt wäre! Dann wäre das alles nie passiert. Dann wären wir jetzt gemeinsam auf der Ferienfreizeit und würden unsere Zweisamkeit und unsere drei Wochen Freiheit von seinem Vater und meiner Familie in vollen Zügen genießen. Stattdessen ist Simon verschwunden und offenbar weiß niemand, wo er ist.
 

"Ruben, es tut mir so leid!", entschuldige ich mich bei Simons kleinem Bruder. "Das ist nicht deine Schuld", kommt sofort die geschniefte Absolution durch die Leitung und Ruben atmet ein paar Mal tief durch, ehe er weiterspricht. "Das ist nur Paps' Schuld. Er hat Simon tierisch angepflaumt und ihm Stubenarrest gegeben, aber Simon hat ihn einfach stehen lassen und ist aus dem Haus gestürmt. Abends ist er dann zurückgekommen, aber er hat weder mit Mama noch mit Paps auch nur ein Wort gewechselt. Er ist direkt in sein Zimmer gegangen und ich bin ihm nach geschlichen. Er … er hat mir erzählt, was am Nachmittag passiert ist."
 

Ruben klingt entschuldigend und das bricht mir nur noch mehr das Herz. "Deshalb bin ich auch bei ihm geblieben. Ab-Aber das hat auch nichts genützt. Er ist trotzdem abgehauen. Und … Ich will bloß, dass ihm nichts passiert und dass er ganz schnell wieder nach Hause kommt!" Wieder kann ich praktisch hören, wie Ruben in Tränen ausbricht. Und das ist schlimmer als die ganzen letzten zwei Wochen Stubenarrest. Zu wissen, dass Simon meinetwegen von zu Hause weggelaufen ist – nur wegen dem, was ich gesagt und getan habe –, tut viel mehr weh als alle Vorwürfe und Strafaktionen meiner Eltern. Das habe ich doch nicht gewollt!
 

Ich weiß absolut nicht, was ich noch sagen kann. Alles, was mir einfällt, klingt wie dumme, billige Plattitüden, die Ruben ganz bestimmt nicht helfen werden. ›Simon geht's bestimmt gut‹ und ›Er kommt sicher bald nach Hause‹ sind im Augenblick wohl kaum angemessen. Nicht, wenn Simon schon seit zwei Wochen verschwunden ist und sich bis jetzt noch nicht mal bei seinem kleinen Bruder gemeldet hat.
 

So sehr ich mir auch das Hirn zermartere, ich habe keine Ahnung, wo er sein könnte. Simon und ich haben zwar in den letzten Monaten oft darüber gesprochen, von hier wegzugehen, wenn wir beide erst mal achtzehn sind, aber konkrete Pläne, die über ›so weit wie möglich weg von hier, damit wir ungestört zusammen sein können‹ hinausgehen, haben wir nie gemacht. Wir dachten immer, wir hätten ja noch so viel Zeit. Und jetzt ist Simon verschwunden und ich fühle mich total hilflos.
 

Ruben kämpft am anderen Ende der Leitung hart um seine Fassung. Ich kann fühlen, wie mir auch Tränen in die Augen steigen, aber ich wische sie energisch weg. Nach allem, was ich verbockt habe, habe ich ja wohl kein Recht zu heulen. "Wenn … wenn Simon nach Hause kommt, sag ich dir Bescheid, okay? Irgendwie krieg ich das hin. Und dann vertragt ihr euch bestimmt wieder", murmelt Ruben nach mehreren Minuten hoffnungsvoll und ich habe einen dicken Kloß im Hals, der auf meine Stimmbänder drückt.
 

"Mhm", ist daher alles, was ich erwidern kann, aber das scheint ihm zu genügen. "Simon kommt bestimmt bald zurück und dann ist alles wieder gut", bekräftigt Ruben noch mal und ich ziehe eine Grimasse, die er zum Glück nicht sehen kann. Ich hoffe wirklich, dass er Recht hat, aber ich habe Angst, daran zu glauben. Ich weiß nicht, ob ich das, was ich getan habe, jemals wiedergutmachen kann.
 

"Paps kommt. Ich melde mich, wenn ich was weiß", flüstert Ruben und im nächsten Moment ist die Leitung tot. Wie lange ich stumm auf den tutenden Hörer starre, weiß ich nicht. Irgendwann lege ich ihn wieder wieder auf die Gabel und schleiche mit hängenden Schultern zurück nach Hause. Ich weiß nicht, wohin ich sonst gehen sollte, also verkrieche ich mich wieder in meinem Zimmer. Und dort nehme ich mir einen Block und einen Kuli und fange an, einen Brief an Simon zu schreiben, in dem ich ihm alles erkläre.
 

Aus dem einen Versuch, alles, was mich bewegt, in Worte zu fassen, werden schnell mehrere. Ich verlasse mein Zimmer auch weiterhin nur, wenn es Essen gibt oder ich ins Bad muss. Die Briefe verstecke ich zusammengefaltet unter meiner Matratze, damit meine Eltern sie nicht finden. Und an den Sonntagen, wenn meine Familie zur Kirche geht, gehe ich mit. Dabei versuche ich jedes Mal, mich so klein wie möglich zu machen, denn wann immer Pfarrer Schwarz mich sieht, trifft mich ein Blick, der deutlicher als alle Worte der Welt sagt, dass das alles meine Schuld ist.
 

Simon bleibt alles in allem fast bis zum Ende der Sommerferien verschwunden. Erst drei Tage vor Ferienende klopft es plötzlich an mein Zimmerfenster und als ich es öffne, streckt Ruben seinen Kopf in den Raum, nachdem er sich mit einem kurzen Rundblick versichert hat, dass ich alleine bin. "Simon ist wieder zu Hause. Seit vorgestern", erzählt er mir, aber statt der Erleichterung, die ich erwartet habe, sieht Ruben furchtbar bedrückt aus. "Paps und er streiten jetzt sogar noch mehr als vorher. Und gestern hat Simon gesagt, dass er wieder weggehen will", lässt er mich weiter wissen und sein Gesicht sieht aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ich schlucke hart und weiß nicht, was ich denken soll.
 

"Jetzt gerade ist Mamas Tante Gloria bei uns. Sie wollte irgendwas mit Paps und Mama und Simon besprechen, deshalb dachte ich, ich komm eben zu dir und sag dir Bescheid. Das hatte ich dir ja versprochen." Ruben wischt sich hastig über die Augen und versucht zu lächeln, aber das misslingt ihm gründlich. Mir ist ebenso wie ihm zum Heulen zumute, aber ich gebe mir die größte Mühe, mir das nicht anmerken zu lassen.
 

"Danke, Ruben." Ich fühle mich immer noch fürchterlich, aber wenigstens ist Simon jetzt wieder da. Und wenn die Ferien vorbei sind und die Schule wieder losgeht, werde ich einfach in der ersten Pause zu ihm gehen und mit ihm reden. Und vielleicht wird dann ja wirklich alles wieder gut, so wie Ruben hofft. Wirklich daran glauben kann ich zwar nicht, aber ich klammere mich trotzdem an die Hoffnung wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Wenn wir nur miteinander reden können, können wir bestimmt alles irgendwie klären.
 

Dazu kommt es allerdings nicht. Am Montag, dem ersten Schultag nach den Ferien, bin ich schon über eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn an der Schule in der Hoffnung, Simon abfangen zu können, aber er taucht nicht auf. Ich komme zu spät zum Deutschunterricht, weil ich so lange wie möglich vor der Eingangstür warte. Aber meine Verspätung ist mir egal. Auch der Unterricht rauscht komplett an mir vorbei, ohne einen Eindruck zu hinterlassen. Ich höre nicht zu, schreibe nicht mit und reagiere entgegen meiner sonstigen Gewohnheit auch erst nach der dritten oder vierten Ansprache, wenn Frau Gleisters mich etwas fragt.
 

Sobald es zur Pause klingelt, bin ich der Erste, der aus dem Raum stürzt. Ich suche den ganzen Schulhof ab, aber ich kann Simon nirgendwo finden. So ergeht es mir auch in der zweiten Pause nach je einer Stunde Biologie und einer Stunde Physik. Und mit jeder Minute, die ich Simon nicht finden kann, werde ich fahriger und nervöser. Ist er vielleicht krank? Oder ist er, wie Ruben gesagt hat, wirklich wieder abgehauen und deshalb heute nicht in der Schule? Der Gedanke, dass es so sein könnte, macht mich fast krank vor Sorge. Was ist nur los?
 

In der Fünf-Minuten-Pause nach der fünften Stunde halte ich es nicht länger aus. Ich haste aus meinem Klassenraum und stürme den Gang entlang bis zu dem Raum, in dem meine frühere Klasse untergebracht ist. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung ist Herr Tennhoff schon da. Und während der Rest meiner alten Klasse noch mit Quatschen beschäftigt ist, bitte ich Herrn Tennhoff nach draußen und sehe ihn fragend und eindringlich an, sobald er die Tür des Klassenzimmers hinter uns zugeschoben hat.
 

"I-Ist Simon heute nicht da?", erkundige ich mich mit zitternder Stimme. Herr Tennhoff seufzt abgrundtief und schüttelt dann langsam den Kopf. Der Blick, mit dem er mich bedenkt, ist seltsam mitleidig, aber darauf gehe ich nicht weiter ein. "Simon ist nicht mehr in meiner Klasse, Oliver. Er hat die Schule gewechselt", sagt er und zieht mir damit vollends den Boden unter den Füßen weg. "W-Wie bitte?", stammele ich ungläubig und Herr Tennhoff seufzt erneut.
 

"Ich habe auch erst heute Morgen davon gefahren. Soweit ich mitbekommen habe, ist Simon vor ein paar Tagen umgezogen und besucht deshalb jetzt auch eine andere Schule. Das hat mir jedenfalls Herr Beestmer", unser Rektor, "so gesagt. Mehr wusste er leider auch nicht. Herr Schwarz war wohl am Telefon sehr kurz angebunden und hat nur die nötigsten Informationen hinterlassen. Ich weiß leider genauso wenig wie du, Oliver", teilt er mir mit und klingt dabei ehrlich bedauernd. Im Gegensatz zu vielen der anderen Lehrer, die ein Problem mit Simons Aussehen und seinem Glauben hatten, war Herr Tennhoff immer fair und hat ihn nie auf sein Äußeres reduziert.
 

"Danke", murmele ich matt, sobald die Information, dass Simon nicht mehr wiederkommen wird, richtig in mein Hirn gesickert ist. Ich fühle mich komplett taub. Ich war so sehr davon überzeugt, dass wir das, was vor gut vier Wochen passiert ist, bestimmt klären können, wenn wir nur miteinander reden. Und jetzt ist das nicht möglich, weil Simon nicht mehr auf unsere Schule geht. Wenn Pfarrer Schwarz nicht mal Herrn Beestmer gegenüber genauere Angaben gemacht hat, wie soll ich ihn dann finden, um mich bei ihm zu entschuldigen?
 

Vielleicht, flüstert ein leises Stimmchen in meinem Kopf, weiß Ruben ja, wo sein großer Bruder jetzt ist und wie ich ihn kontaktieren kann. Aber was mache ich, wenn Ruben das zwar weiß, es mir aber nicht verrät, weil Simon mich nicht mehr sehen will? Nach allem, was ich ihm angetan habe, könnte ich ihm das nicht verdenken. Und auch wenn Ruben mich mag, er würde sich meinetwegen niemals gegen den Wunsch seines Bruders stellen. Wenn Simon keinen Kontakt mehr zu mir will, dann werde ich ihn nicht erreichen können.
 

Tatsächlich dauert es noch fast fünf Monate, bis ich Simon das nächste Mal sehe. Und das ist reiner Zufall. Pfarrer Schwarz, das weiß ich inzwischen, hat Ruben jeglichen Kontakt zu Simon komplett verboten. Ruben weiß nicht mal, wo genau sein großer Bruder aktuell wohnt. Er ist furchtbar wütend auf seinen Vater und furchtbar traurig wegen der ganzen Sache, aber davon lässt sich Pfarrer Schwarz nicht erweichen. Er ist der Meinung, ›so ist es besser‹. Ich halte das für Unsinn, genau wie Ruben, aber auf uns hört keiner der Erwachsenen.
 

Meine Eltern sind, wie nicht anders erwartet, natürlich der gleichen Meinung wie Pfarrer Schwarz. Jetzt, wo der ›Störfaktor‹ Simon nicht mehr da ist, werde ich auch nicht mehr so streng überwacht. Immerhin gibt es ja in meinem Umfeld jetzt niemanden mehr, der mich mit seinen ›Anwandlungen‹ verderben könnte. Immer, wenn Mama oder Papa so etwas sagen, möchte ich am liebsten laut schreien, aber das tue ich selbstverständlich nie. Ich bin immer noch ein Feigling, der es nicht über sich bringt, zu sich selbst zu stehen. Dafür habe ich viel zu große Angst. Wenn ich jemals zugeben sollte, dass ich eigentlich niemals heiraten möchte, dann wären die Konsequenzen sicher noch viel, viel schlimmer als nur zwei Wochen eingeschlossen in meinem Zimmer verbringen zu müssen. Ich will mir lieber gar nicht vorstellen, was meine Eltern in so einem Fall mit mir tun würden.
 

Ich habe die Hoffnung, Simon jemals wiederzusehen, schon fast vollständig aufgegeben, als ich ihm an einem Nachmittag auf dem Rückweg von der Bücherei doch noch über den Weg laufe. Im ersten Moment traue ich meinen Augen kaum und glaube an eine Halluzination, aber als diese Halluzination anfängt zu lachen, weiß ich, dass ich mich nicht geirrt habe. Dieses Lachen würde ich überall wiedererkennen! Mein Herz beginnt zu rasen, meine Handflächen werden feucht und ohne dass ich es will, legt sich ein Lächeln auf meine Lippen – das erste seit fast sechs Monaten. Seit ich das mit Simon so versaut habe, gab es für mich keinen Grund mehr zu lächeln, aber jetzt kann ich einfach nicht anders.
 

Simon hat mich noch nicht bemerkt. Aber gerade als ich die letzten paar Meter, die uns noch trennen, überbrücken will, fällt mir auf, dass er nicht alleine ist. Sehr nah neben ihm läuft ein anderer Junge, der ungefähr in unserem Alter sein muss. Seine Kleidung ist ebenso schwarz wie Simons, seine ebenfalls schwarzen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht und auf seinen schwarz geschminkten Lippen liegt ein breites, ansteckendes Grinsen, während er auf Simon einredet. Links in der Unterlippe hat er ein Piercing und seine Fingernägel sind auch pechschwarz lackiert.
 

Das ist es allerdings nicht, was mich mitten in der Bewegung innehalten lässt, als wäre ich vor eine unsichtbare Mauer gerannt. Nein, das liegt daran, dass dieser unbekannte Junge Simons Hand hält – ganz selbstverständlich, so als wäre absolut nichts dabei. Als wäre es völlig normal, mitten in der Innenstadt Hand in Hand mit einem anderen Jungen herumzulaufen. Und die beiden wirken auch tatsächlich so, als wäre das für sie nichts Besonderes. Ob dieser unbekannte Junge eigentlich auch nur ahnt, wie glücklich er sich schätzen kann, dass er Simons Hand halten darf? Und ob er ahnt, wie sehr ich mir wünsche, auch so mutig zu sein, und wie gerne ich mit ihm tauschen würde? Wohl eher nicht. Die Zwei haben mich ja immer noch nicht gesehen.
 

Der Anblick der beiden zusammen, Simon mit diesem fremden Jungen, versetzt mir einen schmerzhaften Stich mitten ins Herz. Eigentlich möchte ich mich zu gerne auf dem Absatz umdrehen und von hier verschwinden, bevor einer von beiden mich doch noch bemerkt, aber ich kann mich nicht rühren. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, schaffe ich es auch nicht, den Mund zu halten. "Simon?", rutscht es mir heraus und ich würde mich nur zu gerne dafür ohrfeigen, als sowohl Simon als auch dieser fremde Junge – ist das Simons neuer Freund? – zu mir herumfahren.
 

Simon starrt mich mehrere Sekunden lang einfach nur an und ich kann sehen, wie er die Hand des anderen Jungen etwas fester drückt. "Oliver", sagt er dann leise und mit einem undeutbaren Unterton, und der Kopf des anderen Jungen, der Simon gerade noch fragend angesehen hat, ruckt zu mir herum. "Oliver?", fragt er und tritt noch einen halben Schritt näher zu Simon. Dabei lässt er mich nicht aus den Augen und sein Blick sagt mehr als deutlich, dass er nicht allzu viel von mir hält.
 

Ich würde zu gerne irgendetwas sagen oder tun, aber mein Kopf ist wie leergefegt. Ich weiß, ich wollte mich bei Simon entschuldigen, wenn ich ihm das nächste Mal begegne, aber ich bringe kein Wort über die Lippen – besonders nicht unter dem abschätzigen Blick von Simons … Begleiter. Er starrt mich fast schon feindselig an und ich wünschte, ich hätte geschwiegen und die beiden einfach nur an mir vorbeigehen lassen. Wieso musste ich Simon ansprechen? Und wieso kann ich jetzt nichts von all dem, was ich ihm schon seit einem halben Jahr sagen will, auch tatsächlich laut aussprechen? Warum bin ich immer noch der gleiche elende Feigling wie vor sechs Monaten?
 

Scheinbar steht Simons … Freund nicht der Sinn danach, noch länger hier in der Kälte – wir haben inzwischen schließlich schon Januar – rumzustehen. Nach einem letzten verächtlichen Blick in meine Richtung dreht er sich zu Simon herum, packt ihn mit seiner freien Hand im Nacken und zieht ihn zu sich, um ihn zu küssen. Auf den Mund. Mitten in der Innenstadt. So, wie ich es mir immer erträumt und mich nie getraut habe. Und als Simon auf den Kuss eingeht und ihn erwidert, spüre ich, wie meine Augen anfangen zu brennen.
 

Das war ja wohl mehr als deutlich. Ich verstehe auch ohne Worte, dass es endgültig vorbei ist und dass es kein Zurück mehr zu dem gibt, was Simon und ich hatten. Das habe ich komplett versaut. Und er hat scheinbar in der Zwischenzeit jemanden gefunden, der sich nicht schämt, offen zu ihm und seinen Gefühlen für ihn zu stehen. Jemanden, der nicht so feige ist wie ich. Jemanden, der Simon nicht verleugnet und ihm nicht so wehtut. Und so schmerzhaft es auch ist, das mitansehen zu müssen, ich bin trotzdem irgendwie erleichtert. Wenigstens einer von uns ist glücklich. Nach allem, was ich ihm angetan habe, hat Simon das eindeutig verdient.
 

Ohne abzuwarten, bis die beiden sich wieder voneinander lösen, drehe ich mich um und gehe zurück in die Bücherei. So, wie ich mich jetzt gerade fühle, kann ich nicht nach Hause gehen. So würde mir jeder ansehen, was gerade passiert ist. Und das will ich nicht. Ich schlängele mich durch Reihen über Reihen an Bücherregalen, bis ich einen Tisch in der hintersten Ecke gefunden habe. Dort lege ich meine ausgeliehenen Bücher ab, lasse mich auf einen der Stühle fallen, ohne meine Jacke auszuziehen, und vergrabe mein Gesicht in meinen Jackenärmeln.
 

Zum Glück ist hier hinten niemand, der mich so sehen kann. Trotzdem beiße ich mir auf die Unterlippe, um nur ja keinen Ton von mir zu geben, während ich die Tränen einfach laufen lasse. Bis ich später nach Hause gehe, muss ich mich wieder im Griff haben und mich wieder hinter der Fassade ›braver Sohn‹ verstecken. Zu Hause darf niemand mitbekommen, was heute passiert ist und was ich gerade erfahren habe.
 

Ich bin sechzehn Jahre alt und habe meine erste Liebe und meinen besten Freund gleichzeitig endgültig verloren.

17 Jahre

"Also ich finde, die hier sind wirklich sehr hübsch. Die passen zu Vanessa." Die Stimme meiner großen Schwester Ruth reißt mich aus meinen Gedanken und ich zwinge mich, meine Aufmerksamkeit, die mal wieder abgeschweift ist, auf die Ringe zu lenken, die sie mir gerade zeigt. Ich stehe mit Ruth und Alina in einem Juweliergeschäft, damit die beiden mir dabei helfen, Verlobungsringe zu finden, die Vanessa auch wirklich mögen wird.
 

Meine Mutter war der Meinung, ich solle ihr einfach den Verlobungsring von Oma Ingrid schenken, den ich nach ihrem Tod geerbt habe, aber das will ich nicht. Diesen Ring trage ich stattdessen selbst. Früher habe ich ihn an einer Kette um den Hals getragen. Inzwischen habe ich ihn mir auf meinen linken kleinen Finger geschoben. Den winzigen Diamanten, der den Ring ziert, habe ich nach innen gedreht, so dass man von außen nur das schmale Band aus Weißgold sehen kann. Ich weiß, dass Vanessa den Ring nur zu gerne tragen würde, aber ich kann mich einfach nicht davon trennen. Immerhin ist er das Einzige, was ich von meiner Oma noch habe. Deshalb ja auch dieser Ausflug zum Juwelier heute.
 

Ohne wirkliches Interesse betrachte ich die Ringe, die Ruth ausgesucht hat. Sie sind aus poliertem Gold, mit eingravierten diagonalen Linien verziert und der Damenring hat drei kleine weiße Steine. Wahrscheinlich Diamanten. Das würde jedenfalls den Preis erklären. Billig sind sie nicht gerade, aber ich habe auf jeden Fall genug Geld dabei. Schließlich bin ich heute hergekommen, damit ich endlich ›Nägel mit Köpfen‹ machen kann, wie Papa immer wieder von mir verlangt. Er meint, Vanessa habe lange genug darauf gewartet, dass ich endlich ›meinen Kopf aus dem Arsch ziehe‹ und tue, was ein ›echter Mann‹ nun mal tut.
 

Ich habe im letzten Jahr wirklich alles versucht, um es zu verhindern, aber so langsam gehen mir die Ausreden aus, warum ich es für keine gute Idee halte, Vanessa zu heiraten. ›Ich will Vanessa nicht heiraten, weil ich gar keine Frau heiraten will. Ich bin schwul‹, ist etwas, was ich einfach nicht über die Lippen bekomme. Immer noch nicht. Ich bin auch mit siebzehn, fast achtzehn Jahren immer noch ein elender Feigling, der es nicht fertig bringt, seiner Familie gegenüber zuzugeben, wie er wirklich denkt und fühlt.
 

"Ich finde sie hässlich. Viel zu protzig", mischt Alina sich in das Gespräch und meine Betrachtung der Ringe ein und als ich sie ansehe, liegt in ihren Augen ein verächtlicher Ausdruck. "Aber Vanessa werden sie garantiert gefallen. Die steht doch auf so was", fährt sie in einem abfälligen Tonfall fort und wedelt in Richtung der Auslage mit den Ringen. Alina ist vor ein paar Wochen sechzehn geworden. Und sie mag Vanessa nicht. Damit ist sie aus unserer Familie allerdings die Einzige.
 

Henning predigt mir immer wieder, was ich doch für ein Glück habe, weil Vanessa nur Augen für mich hat. Ruth redet ständig von ihrer ›zukünftigen Schwägerin‹ und ihrer ›baldigen neuen Schwester‹. Daniel ist wild entschlossen, dass für ihn später nur ein Mädchen in Frage kommt, das so genauso ›hübsch und perfekt‹ sein soll wie Vanessa. Mamas Augen glänzen immer, wenn die Sprache auf Vanessa kommt, und sie fantasiert bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darüber, was für ›süße Enkelchen‹ Vanessa und ich möglichst bald nach unserer Hochzeit, die in ihren Augen nicht früh genug stattfinden kann, produzieren werden. Selbst Papa ist ganz begeistert von der Aussicht, Vanessa als Schwiegertochter zu haben. Alina ist die Einzige, die gegen Vanessa ist. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt.
 

"Dann ist es wohl beschlossene Sache", füge ich mich mit einem innerlichen Seufzen in mein Schicksal und gebe der Dame hinter dem Tresen, die den ganzen Austausch zwischen meinen Schwestern und mir schweigend und mit einem einstudierten Kundenservice-Lächeln beobachtet hat, zu verstehen, dass wir uns entschieden haben. Nachdem wir noch eben die Ringgrößen abgeglichen haben, bekomme ich die Ringe in zwei kleinen Kästchen verpackt überreicht und schiebe sie direkt in meine Hosentaschen.
 

Gemeinsam mit meinen Schwestern verlasse ich danach das Juweliergeschäft wieder, um nach Hause zu gehen. Ruth ist ganz außer sich vor lauter Aufregung. Sie malt sich den Antrag und Vanessas und meine Zukunft in den schillerndsten Farben aus. Alina stapft missmutig neben uns her, die Hände tief in den Taschen ihres Mantels vergraben, und sagt kein einziges Wort. Sie ignoriert Ruths Euphorie so offensichtlich, dass ich mich frage, was genau ihr wohl für eine Laus über die Leber gelaufen sein mag.
 

"Was ist los?", erkundige ich mich schließlich, als wir an einer Ampel stehen bleiben. Ruth ist noch immer so in ihre Wunschvorstellungen von meiner Zukunft verstrickt, dass sie nicht mal bemerkt, dass Alina und ich sie beide gerade nicht beachten. Alina wirft mir einen überrascht-fragenden Blick zu und irgendwo tut es weh, dass meine kleine Schwester glaubt, dass sie mit mir genauso wenig reden kann wie mit sonst jemandem aus unserer Familie. Ich bedenke sie mit einem bemüht aufmunternden Lächeln, aber der Ausdruck ihrer Augen bleibt skeptisch. Ihr Blick huscht erst kurz zu Ruth, bevor sie mich wieder ansieht.
 

"Vanessa passt nicht zu dir", sagt sie dann so leise, dass sie über die Geräusche der vorbeifahrenden Autos kaum zu verstehen ist. "Sie ist ja sicher ganz nett und so, aber sie ist die Falsche für dich, Oliver", bekräftigt sie noch mal und ich frage mich unwillkürlich, wann meine kleine Schwester so aufmerksam geworden ist. Hat sie mir etwa meinen Widerwillen gegen das, was Vanessas und meine Familie wollen, irgendwie angesehen? Hat sie gemerkt, dass ich jedes Mal, wenn die Sprache darauf kommt, dass Vanessa und ich das ›perfekte Paar‹ sind, am liebsten laut schreien oder zumindest widersprechen möchte? Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich in einer Blase aus Wasser feststecken. Und wenn ich versuche, den Mund aufzumachen und das zu sagen, was ich wirklich denke, dann kann mich niemand verstehen, weil man das, was unter Wasser gesprochen wird, nun mal an der Luft nicht hören kann.
 

"Zu spät. Jetzt hab ich schon die Ringe", murmele ich und Alina schnaubt abfällig. "Es ist noch nicht zu spät. Du kannst immer noch zurückgehen und sie umtauschen", sagt sie und hat damit gleichermaßen Recht wie Unrecht. Ja, theoretisch könnte ich mich jetzt umdrehen, die Ringe beim Juwelier zurückgeben und mein Geld zurückbekommen. Aber in der Praxis geht das nicht. Ruth würde sofort wissen wollen, warum ich so etwas ›Unsinniges‹ tue. Und ich wüsste nicht, was ich darauf antworten könnte – nichts außer dieser einen Wahrheit, die ich nicht laut aussprechen kann.
 

"Du weißt, dass das nicht geht", erwidere ich daher nur und Alina seufzt abgrundtief. "Ja, ich weiß", nuschelt sie und wirkt so niedergeschlagen, dass ich ihr nach kurzem Zögern einen Arm um die Schultern lege. Dafür trifft mich ein überraschter Blick aus den blauen Augen, die Alina und ich gemeinsam haben. Wir beide sind die Einzigen aus unserer Familie, die Mamas blaue Augen geerbt haben. Henning, Daniel und Ruth haben alle drei Papas braune Augen abbekommen.
 

"Lass uns nach Hause gehen", schlage ich sanft vor und dirigiere Alina über die Straße, ohne sie loszulassen. Ruth ist bei der letzten Grünphase, die Alina und ich offenbar verpasst haben, schon rüber gegangen und blickt uns ungeduldig entgegen. "Da seid ihr ja endlich! Beeilt euch doch mal! Wir haben heute noch so viel zu tun, bevor die Fischers nachher vorbeikommen", treibt sie uns zur Eile an und beim Gedanken daran, dass Vanessa und ihre Familie nachher zum Essen bei uns sein werden, verknotet sich mein Magen.
 

Nicht nur meine Familie erwartet, dass ich endlich ›das Richtige tue‹. Auch Vanessa und ihre Eltern warten ungeduldig darauf, dass ich ihr endlich einen Antrag mache. Dafür habe ich schließlich eben auch die Ringe gekauft. Trotzdem sorgt das Wissen, was ich nachher tun werde, dafür, dass mir übel wird. Ich will das nicht, verdammt! Aber ich sehe auch keinen anderen Ausweg. Jedenfalls keinen, der nicht dafür sorgen würde, dass mich meine ganze Familie hasst. Und das ertrage ich einfach nicht.
 

Viel zu schnell für meinen Geschmack sind wir wieder zu Hause. Und natürlich will dort erst mal jeder die Ringe sehen. Meine Brüder interessieren sich zwar weniger dafür, aber sie sind beide auch der Meinung, dass Vanessa begeistert sein wird. "Vor allem, weil du endlich deinen Arsch hoch kriegst", kommentiert Henning und grinst mich breit an. Papa klopft mir zufrieden auf die Schulter, Mama verdrückt ein paar Tränen der Rührung und ich komme mir mit jeder verstreichenden Minute mehr vor wie ein Gefangener auf dem Weg zum Schafott. Wie ein glücklicher ›Bräutigam in spe‹ fühle ich mich jedenfalls definitiv nicht. Mir ist eher so, als würde ich auf meinen persönlichen Weltuntergang hinsteuern. Aber jetzt ist es eindeutig zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen.
 

Bevor die Fischers kommen, verkrümele ich mich noch mal kurz in mein Zimmer. Dort hole ich die beiden Ringschatullen aus meinen Hosentaschen. Die mit dem Ring für mich wandert ungeöffnet in die oberste Schublade meines Nachtschranks. Ich habe nicht vor, den Ring auch wirklich zu tragen. Allein bei dem Gedanken an das Schmuckstück dreht sich mir der Magen um und ich fühle in mir einen ungeheuren Widerwillen, aber das kann ich nicht mehr ändern. Der Zug ist definitiv abgefahren. Ich habe mich mit dem Ringkauf heute endgültig festgelegt, wie meine Zukunft aussehen wird. Vanessa und ich werden nach unserem Abitur heiraten und unsere Familien – mit Ausnahme von Alina und mir – werden sehr glücklich darüber sein.
 

Und irgendwann werden wir Kinder zusammen haben. Das ist vielleicht der einzige Lichtblick, den meine aktuellen Zukunftsaussichten mir bringen. Ich liebe Kinder. Und ich möchte sehr gerne selbst Kinder haben, auch wenn ich es damit bei weitem nicht so eilig habe wie meine Eltern. Aber wenn es nach mir ginge, würde ich diese imaginären Kinder auch nicht gemeinsam mit Vanessa großziehen, sondern mit einem anderen Mann. Das ist allerdings ein ausgesprochenen gefährlicher Gedanke, den ich ganz schnell wieder beiseite zu schieben versuche.
 

Trotzdem taucht für einen Moment Simons Gesicht ungebeten vor meinem inneren Auge auf und sehe wieder das sanfte Lächeln, das immer nur für seinen kleinen Bruder reserviert war. Simon ist ein toller großer Bruder für Ruben gewesen. Und ich kann nicht umhin, mir vorzustellen, dass er sicher auch ein toller Vater wäre. Nicht so streng und unnachgiebig wie sein oder mein Vater. Er würde sein Kind nicht einengen, sondern ihm den Freiraum lassen, sich so zu entwickeln, wie es möchte. Und wenn sein Kind ihm irgendwann mal erzählt, dass er oder sie schwul oder lesbisch oder bi oder trans oder was auch immer ist, würde Simon sein Kind nie dafür verachten, sondern würde es auf seinem Weg lieben und unterstützen.
 

Mit einem innerlichen Seufzen schüttele ich den Kopf und rubbele unwirsch über meine linke Brustseite, aber auch das kann den Herzschmerz nicht wegwischen. Aber das habe ich auch nicht erwartet. Wer auch immer behauptet hat, dass Zeit alle Wunden heilt, hat eindeutig gelogen. Auch nach über einem Jahr tut es immer noch weh zu wissen, was ich mit meiner Feigheit zerstört habe. Der einzige Trost für mich ist das Wissen, dass Simon nicht so alleine ist wie ich, sondern dass er jemanden hat, der ihn so lieben kann, wie er das verdient hat. Das hätte ich nie geschafft.
 

Ich seufze ein weiteres Mal, rappele mich wieder von meinem Bett auf und schiebe die Schatulle mit Vanessas Ring zurück in meine Hosentasche. Es fühlt sich an, als wäre darin ein Bleigewicht, das meine Füße am Boden festhält. Aber als aus dem Flur die aufgeregte Stimme meiner Mutter zu mir herüberschallt, straffe ich mich und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht, während ich mich auf den Weg mache, um Vanessa und ihre Familie zu begrüßen. Jetzt wird es also Ernst.
 

Vanessa hat sich heute ganz besonders in Schale geworfen. Sie trägt ein knielanges dunkelblaues Wollkleid, ihre Haare hat sie hochgesteckt und sie strahlt mich so offensichtlich an, dass mir schon wieder übel wird. Davon lasse ich mir aber nichts anmerken. Ich mache ihr einfach nur ein Kompliment, wie es alle von mir erwarten, und ziehe im Esszimmer ihren Stuhl zurecht, damit sie sich setzen kann. Dann nehme ich auf dem Stuhl neben ihr Platz und versuche zu ignorieren, dass sie mit ihrem Stuhl ein Stückchen näher zu mir rutscht, so dass unsere Arme sich während des Essens immer wieder mal ›rein zufällig‹ berühren.
 

Vom Abendessen bekomme ich nicht allzu viel mit. Ich beschränke mich wie so oft darauf, nur die Beilagen zu essen. Ich bin seit acht Monaten Vegetarier, aber das interessiert in meiner Familie niemanden. Als ich ihr von meiner Entscheidung erzählt habe, meinte meine Mutter nur, dass sie beim Kochen keine Rücksicht auf meine ›unsinnigen Sonderwünsche‹ nehmen wird. Aber das hatte ich auch nicht erwartet. Ich weiß immerhin schon lange, dass es meine Eltern nicht im Geringsten kümmert, was ich denke und fühle und was ich mag oder nicht mag.
 

Als das Essen sich dem Ende nähert und meine Mutter den Nachtisch serviert, fange ich immer wieder auffordernde Blicke von Vanessas und meinen Eltern auf. Auch Hennings Blicke könnten nicht deutlicher sein. Ich schaffe es kaum, die rote Grütze herunterzuwürgen, obwohl ich sie sonst eigentlich sehr gerne esse. Aber jetzt gerade habe ich einen dicken Kloß im Hals. Ich weiß, was alle heute noch von mir erwarten. Die Ringschatulle brennt mir förmlich ein Loch in die Tasche und wenn ich könnte, würde ich jetzt am liebsten weglaufen. Aber das geht nicht, das ist mir klar, also räuspere ich mich, nachdem auch Vanessa ihr Schälchen geleert hat. Auf ihrer Unterlippe klebt noch ein winziger Tropfen rote Grütze und ich denke bei mir, dass ich, wenn ich ein ›echter Junge‹ wäre, wohl jetzt sehr unanständige Gedanken hätte. Oder zumindest den unwiderstehlichen Drang, diesen Tropfen von Vanessas Lippen zu küssen. Aber ich fühle nichts dergleichen, sondern nur eine dumpfe Resignation.
 

Weil ich absolut keinen Wert darauf lege, Zuschauer bei dem zu haben, was ich heute noch hinter mich bringen muss, räuspere ich mich erneut und sehe Vanessa fragend an. "Kann ich dich kurz unter vier Augen sprechen?", bitte ich sie und sie strahlt mich an, als hätte jemand die Sonne auf ihrem Gesicht angeknipst. Sie nickt mit geröteten Wangen und ich stehe hastig auf und verlasse schnell das Esszimmer, damit niemand auf die Idee kommt, uns zu folgen, um bei dieser Farce zuzusehen.
 

"Wenn ihr in dein Zimmer geht, lass die Tür offen, Olli!", ruft mein Vater uns mahnend hinterher und Vanessa, die mir folgt, kichert leise. Ich verdrehe nur die Augen und bin froh, dass sie das nicht sehen kann. In all der Zeit, die ich Vanessa jetzt schon kenne, hatte ich nie den Drang, irgendetwas mit ihr zu tun, das es rechtfertigen würde, meine Zimmertür zu schließen. Und gerade heute werde ich ganz bestimmt nicht damit anfangen. Nur weil ich diesen blöden Ring in der Tasche habe, den ich ihr gleich geben werde, heißt das nicht, dass sich an meinen Gefühlen oder meinen Wünschen irgendetwas geändert hat.
 

"Ja, Papa", rufe ich trotzdem brav zurück, aber ich nehme Vanessa gar nicht erst mit in mein Zimmer. Stattdessen halte ich im Wohnzimmer an und drehe mich zu ihr um. Sie steht keinen haben Meter von mir entfernt, hat die Hände vor ihrem Bauch verschränkt und sieht mich so erwartungsvoll an, dass mich eine neue Welle der Übelkeit erfasst. Zum Glück habe ich jahrelange Übung darin, mir meine wahren Gedanken und Gefühle nicht anmerken zu lassen.
 

Ohne weiteres Vorgeplänkel ziehe ich die Ringschatulle aus meiner Tasche, öffne sie und halte sie Vanessa entgegen. "Willst du mich heiraten?", frage ich sie und wundere mich ein wenig darüber, dass meine Stimme so klar und deutlich und erstaunlich selbstsicher klingt, obwohl ich mich ganz und gar nicht so fühle, und dass man mir nicht anhört, wie sehr ich das hier eigentlich nicht tun will. "Ja! Oh Gott, ja, Olli! Ja, ja, ja!", quietscht Vanessa, klatscht vor lauter Begeisterung in die Hände und sieht so überglücklich aus, dass ich direkt wieder ein schlechtes Gewissen bekomme.
 

Mir ist bewusst, dass sie wirklich in mich verliebt ist, aber ich kann diese Gefühlsregung einfach nicht erwidern, auch wenn ich es noch so sehr versuche. Und als Vanessa mir überschwänglich um den Hals fällt und mir einen Kuss auf die Wange gibt, weil ich schnell den Kopf etwas zur Seite drehe, damit sie nicht versehentlich meine Lippen trifft, kämpfe ich mühsam den Drang nieder, sie eilig von mir weg zu drücken. Stattdessen löse ich mich einfach nur sanft aus ihrer Umklammerung und schiebe den Ring auf ihren Finger, sobald sie mir strahlend ihre Hand hinhält.
 

"Meinen Ring hab ich in meinem Nachtschrank. Ich will nicht riskieren, dass ich ihn verliere. Dafür ist er zu wichtig", erkläre ich ihr nur halb wahrheitsgemäß, als sie fragend auf meine leere Hand blickt, und sie nickt verstehend. Und ehe ich etwas dagegen unternehmen kann, hat sie sich auch schon bei mir eingehakt und schleift mich zurück ins Esszimmer, wo alle uns gespannt entgegen starren.
 

"Sie hat ›Ja‹ gesagt", verkünde ich, was niemanden am Tisch wirklich überrascht, und gebe mir die größte Mühe, Alinas mitleidigem Blick auszuweichen. Der Rest meiner Familie und auch Vanessas Eltern gratulieren uns überschwänglich und meine Mutter eilt in die Küche, um den Sekt, den sie extra für diesen Anlass kalt gestellt hat, zu holen. Und obwohl sie eigentlich noch nicht alt genug dafür sind, bekommen Daniel und Alina jeder auch einen winzigen Schluck, die Daniel heimlich und von unseren Eltern unbemerkt beide trinkt, weil Alina ihr Glas nicht anrührt.
 

Ich selbst nippe nur an meinem eigenen Sektglas und schiebe es dann ebenso beiseite wie meine kleine Schwester das getan hat. Ich mache mir nichts aus Sekt. Generell ist Alkohol nichts für mich. Ich mag den Nachgeschmack auf der Zunge einfach nicht. Aber das ist natürlich auch etwas, das in meiner Familie keinen interessiert. Als gerade niemand hinschaut, tausche ich daher schnell mein Glas mit Daniels und er sieht mich daraufhin an, als hätte ich ihm damit das beste Geschenk aller Zeiten gemacht. Eigentlich bin ich zwar nicht unbedingt dafür, meinem minderjährigen Bruder dabei zu helfen, Alkohol zu trinken, aber dieses eine Mal mache ich eine Ausnahme. So hat wenigstens einer von uns etwas, worüber er sich an diesem verkorksten Abend freuen kann.
 

Die Feier unserer Verlobung zieht sich bis kurz vor Mitternacht. Wie alle es von mir erwarten, begleite ich Vanessa noch bis zum Auto, als ihre Familie sich langsam zum Aufbruch bereit macht. Um zu verhindern, dass ich sie doch noch küssen muss, umarme ich sie einfach nur, als wir den Wagen erreicht haben, und erkläre dann Herrn und Frau Fischer, dass ich es nicht richtig finde, Vanessa zu küssen, weil wir nun mal noch nicht verheiratet sind. Herr Fischer ist über diese Erklärung meinerseits sehr erfreut und auch Frau Fischer nickt mir zufrieden lächelnd zu. Einzig Vanessa sieht ein bisschen enttäuscht aus, aber ich tue, als würde ich das nicht bemerken. Es ist auch so schon schwer genug, die ganze Zeit heile Welt zu spielen.
 

Sobald die Fischers losgefahren sind und ich das Haus wieder betreten habe, klopft mein Vater mir wie schon heute Nachmittag auf die Schulter und lässt sich lang und breit darüber aus, wie sehr er sich darüber freut, dass ich endlich vernünftig geworden bin und eingesehen habe, dass Vanessa besser für mich ist als meine bisherigen ›Verfehlungen‹. Ich zucke bei dieser Anspielung auf Simon und mich ungewollt zusammen, aber zu meiner Erleichterung bemerkt er das nicht. Stattdessen dreht er sich zu meiner Mutter um, die gemeinsam mit Ruth bereits angefangen hat, Vanessas und meine Hochzeit zu planen, obwohl wir beide noch längst nicht mit der Schule fertig sind.
 

Ich höre nur mit halbem Ohr zu und sage gar nichts zu diesem Thema. Meine Meinung ist hier schließlich ohnehin nicht gefragt. Meine Mutter und meine Schwester werden das Ganze wohl höchstens noch mit Vanessa und ihrer Mutter besprechen. Was für Wünsche ich für meinen ›großen Tag‹ habe, interessiert niemanden. Aber das stört mich auch nicht weiter. Mir ist ehrlich gesagt ziemlich egal, wie dieser Tag ablaufen wird. Viel mehr graut es mir jetzt schon vor der Hochzeitsnacht. Ich darf nicht zu intensiv darüber nachdenken, sonst wird mir direkt wieder schlecht. Wenn das so weitergeht, habe ich sicher schon ein Magengeschwür, noch bevor ich überhaupt verheiratet bin.
 

Als ich das Gerede über Brautkleider, Musik, Blumenschmuck, Hochzeitstorten, Brautsträuße und das ganze Drumherum nicht länger ertrage, informiere ich meine Familie leise darüber, dass ich schlafen gehen werde. "Der Tag war immerhin ganz schön nervenaufreibend", begründe ich das und lüge damit noch nicht mal. Nervenaufreibend war der Tag für mich wirklich. Ich fühle mich wie gerädert und kann irgendwie immer noch nicht so ganz glauben, dass ich das wirklich durchgezogen habe.
 

Nach einem kurzen Besuch im Badezimmer schiebe ich meine Zimmertür hinter mir zu, schlüpfe in meinen Pyjama und lasse mich auf mein Bett fallen. Zögerlich ziehe ich meine Nachttischschublade auf, hole die Ringschatulle heraus und hadere kurz mit mir, ehe ich sie öffne. Mein Blick fällt auf den glänzenden Goldreifen und ich muss mehrmals hart schlucken, um zu verhindern, dass mir mein Mageninhalt doch noch wieder hochkommt.
 

Ich habe es tatsächlich getan. Ich habe mich tatsächlich mit Vanessa verlobt. Nächstes, spätestens übernächstes Jahr werde ich verheiratet sein. Mit zitternden Fingern schließe ich die Ringschatulle, schiebe meine Nachttischschublade wieder zu und rolle mich in meine Bettdecke ein. Ich drehe dem Nachttisch den Rücken zu und schließe meine Augen, aber an Schlaf ist nach allem, was heute passiert ist, nicht zu denken.
 

Ich bin siebzehn Jahre alt, mache in ein paar Monaten mein Abitur und anstatt mich zu fühlen, als würde ich am Anfang stehen, habe ich das Gefühl, mein Leben ist vorbei.

18/19 Jahre I

"Dann auf gute Zusammenarbeit, Herr Schultheiß. Oder stört es Sie, wenn ich ›Oliver‹ sage? Wir duzen uns eigentlich alle hier in der Agentur." Das Lächeln, mit dem meine zukünftige Chefin mich bedenkt, ist wirklich freundlich und ganz und gar nicht geschäftsmäßig. Ich muss gestehen, sie ist mir ungemein sympathisch. Ich war vor dem persönlichen Vorstellungsgespräch – telefonischen Kontakt hatten wir schon öfter – ziemlich nervös, aber das hatte sich schon binnen der ersten paar Minuten direkt erledigt.
 

Frau Orlova ist wirklich sehr, sehr nett. Ihr und ihrem Bruder gehört die Werbeagentur, in der ich ab der kommenden Woche neben meinem Grafikdesign-Studium ein Praktikum absolvieren werde. Ein bezahltes Praktikum noch dazu. Ich bin wirklich ein ziemlicher Glückspilz, weil mir noch niemand aus meinem Studiengang diesen Platz hier vor der Nase weggeschnappt hat. Einige andere haben sich zwar auch beworben, aber von denen wurde niemand genommen. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist, aber ich bin ungemein froh darüber. So kann ich nicht nur die Theorie lernen, sondern das Gelernte auch direkt praktisch anwenden und Erfahrungen sammeln, die ich später in meinem Studium und auch danach ganz sicher brauchen werde.
 

"Das stört mich überhaupt nicht", gebe ich daher mit einem eigenen Lächeln zurück und das Lächeln auf Frau Orlovas Lippen weicht einem schelmischen Grinsen, das sie mir gleich noch sympathischer macht. "Das freut mich sehr, Oliver. Ich denke, du wirst sehr gut in unser Team passen. Ich bin übrigens Tasha", stellt sie sich vor, erhebt sich von dem Stuhl, in dem sie während des Vorstellungsgesprächs gesessen hat, und ich tue es ihr gleich. "Eigentlich Natasha, aber Tasha ist mir lieber", fährt sie fort und ich nicke nur und folge ihr heraus aus ihrem Büro, damit sie mich, wie sie sagt, ihrem Team schon mal vorstellen kann. Ich bin nervös und aufgeregt, aber das legt sich auch jetzt erstaunlich schnell für meine Verhältnisse.
 

"Oh, Verstärkung! Das ist ja super!", freut sich der erste meiner zukünftigen Kollegen, der mir von Tasha als ›Antoine‹ vorgestellt wird. Seine Haut ist von einem sehr, sehr dunklen Braun, genau wie seine Augen hinter der eckigen Brille, und er hat Dreadlocks, die bis fast zu seiner Hüfte reichen. Um seine Augen herum sind deutliche Lachfältchen sichtbar und als er aufsteht, um mich richtig zu begrüßen, muss ich aufschauen, denn Antoine ist fast einen ganzen Kopf größer als ich. Ich hoffe, dass ich ihn nicht so anstarre, wie es mir gerade vorkommt. Aber auch wenn ich das tue, gibt er mir nicht das Gefühl, dass ich etwas Gravierendes falsch gemacht habe.
 

"Ich freue mich schon darauf, hier eine Menge zu lernen", sage ich ehrlich und werde dafür mit einem strahlenden Lächeln Antoines belohnt. "Tasha, den behalten wir. Den mag ich jetzt schon!", beschließt er und Tasha lacht, während ich rot anlaufe. Solche Komplimente bin ich einfach nicht gewohnt – vor allem nicht von Menschen, die mich eigentlich überhaupt nicht kennen. Ich hoffe nur, dass ich seinen anscheinend positiven ersten Eindruck von mir auch aufrechterhalten kann. Ich werde mir auf jeden Fall die größte Mühe geben.
 

Nachdem wir uns von Antoine verabschiedet haben, lerne ich auch noch den Rest des Teams kennen. Ida, Dan, Kimmy, Enzo und Vera machen alle einen netten Eindruck und das vertreibt meine Nervosität noch mehr. Dan wirkt zwar gestresst und auch ein bisschen genervt, weil er gerade an letzten Änderungen für einen Kundenauftrag sitzt, aber Kimmy lässt mich gleich wissen, dass ich das bloß nicht persönlich nehmen soll, weil Dans akute Einsilbigkeit nichts mit mir zu tun hat.
 

"Dan ist auch bloß so pissig, weil dieser spezielle Kunde gefühlt alle zwei Minuten seine Meinung ändert. Das Ganze hätte letzte Woche schon fertig sein können, wenn dieser Dummbeutel … äh, ich meine natürlich, dieser nette Mensch mit minimalen Entscheidungsfindungsproblemen", verbessert sie sich rasch mit einem Seitenblick zu Tasha, aber das Grinsen bleibt dabei trotzdem auf ihren Lippen und auch Tasha schmunzelt, "sich endlich mal dauerhaft festlegen würde." Verschwörerisch blinzelt Kimmy mir zu und ich fühle mich jetzt schon nicht mehr wie ein Fremder, sondern als würde ich bereits dazugehören. Kimmy streicht sich ihre knallrosa gefärbten Haare aus dem Gesicht, aber die Strähnen sind so kurz, dass sie direkt wieder in ihre Ausgangsposition zurückfallen.
 

"Ich hatte ihm angeboten, dass ich den Kunden übernehmen kann, aber das wollte Dan ja nicht. Selbst schuld", mischt Vera sich mit einem Achselzucken ein und schüttelt den Kopf. Sie ist rein optisch die Älteste aus dem Team und macht auf den ersten Blick eher den Eindruck einer Bankkauffrau. Ihre grauen Haare sind zu einem geraden, kinnlangen Bob geschnitten und sie trägt ein Ensemble aus schwarzem Rock und ebensolchem Blazer mit weißer Bluse. Der einzige Farbtupfer ist der pfirsichfarbene Seidenschal, den sie sich locker um den Hals geschlungen hat. Ein bisschen erinnert sie mich an meine strenge ehemalige Deutschlehrerin Frau Gleisters, aber ihr leises Lachen macht den Eindruck direkt wieder zunichte.
 

"Mit mir hätte der sich das garantiert nicht erlaubt", sagt sie und Enzo, ein recht rundlicher, südländischer Typ mit wilden, unordentlichen Locken, nickt zustimmend. "Das stimmt, bella", pflichtet er ihr bei und dreht sich dann mit Schwung mitsamt dem Bürostuhl, auf dem er sitzt, herum, so dass er mich ansehen kann. "Mit unserer bella legt sich niemand freiwillig an. Sie ist wie ein Feldwebel", klärt er mich auf und Vera wirft ihm einen entrüsteten Blick zu, aber das Zucken ihrer Mundwinkel verrät, dass sie das ganz und gar nicht ernst meint.
 

"Das stimmt. Wenn du mal mit einem besonders schwierigen Kunden konfrontiert wirst und nicht weiter weißt, frag einfach Vera um Hilfe. Sie staucht die Kunden schon wieder auf die richtige Größe zurecht", steigt Ida, die Letzte im Bunde, ebenfalls in das Gespräch ein. Sie sieht in dem knöchellangen grünen Kleid, das sie trägt, und mit ihren langen, offenen, sehr hellen blonden Haaren ein bisschen aus wie eine Fee. Ihre Augen sind genauso grün wie ihr Kleid und ihr Lächeln hat etwas Spitzbübisches. Ihre Worte haben einen Akzent, den ich nicht recht einordnen kann.
 

"Und das mache ich gerne", versichert Vera mir und Tasha neben mir schüttelt leise lachend den Kopf. "Du siehst, Oliver, ab nächster Woche hast du es mit lauter Verrückten zu tun. Und für einen Rückzieher ist es zu spät. Den Vertrag hast du schließlich schon unterschrieben", witzelt sie und wedelt mit besagtem Vertrag, den sie die ganze Zeit in der Hand hält. "Gut, der braucht für die Gültigkeit noch die Unterschrift meines Bruders, aber das hast du gar nicht gehört, nicht wahr?"
 

"Gehört? Was denn gehört? Hast du", ich stolpere kurz über die ungewohnt vertrauliche Anrede, fange mich aber schnell wieder, "etwa irgendwas gesagt?", gehe ich dann auf den Scherz ein und kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen, als meine baldigen Kollegen daraufhin alle in fröhliches Gelächter ausbrechen. Doch, ich glaube, ich werde mich hier sehr, sehr wohl fühlen. Am liebsten würde ich jetzt schon anfangen. Ich bin ganz kribbelig, aber auf eine gute Art und Weise. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf etwas gefreut.
 

"Komm, wir holen uns noch eben Alyoshas Unterschrift", wendet Tasha sich an mich, sobald alle sich wieder etwas erholt haben. Dann geht sie vor zu dem Büro, das ganz am anderen Ende der Agentur liegt und scheinbar ihrem Bruder gehört. Dort angekommen öffnet sie direkt ohne zu zögern die Tür und betritt den dahinterliegenden Raum, ohne auch nur einen Gedanken ans Anklopfen zu verschwenden. Ich folge ihr, schiebe die Tür hinter uns zu und blinzele überrascht, als ich mich umdrehe, um Tashas Bruder zu begrüßen. Das Bild, das sich mir bietet, hatte ich so definitiv nicht erwartet.
 

Auf der schneeweißen Ledercouch, die zusammen mit zwei Sesseln in einer Ecke des Büros steht, sitzt ein kleiner Junge. Er muss ungefähr vier oder fünf Jahre alt sein. Seine Beine baumeln von der Couch herab und seine Augen sind von dem gleichen hellen Blau wie Tashas Augen. Auch sonst sieht er ihr ausgesprochen ähnlich. Einzig seine Haare sind eher hellbraun als so dunkel wie die Tashas und auch ihres Bruders, der im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Couchtisch hockt und gerade schwer damit beschäftigt ist, ein Gebilde aus Lego zusammenzustecken. Oder zumindest versucht er es, aber er scheint nicht sehr viel Erfolg damit zu haben.
 

Tashas Mundwinkel zucken, als sie das sieht. Ihr Bruder hat uns scheinbar noch gar nicht bemerkt. Der kleine Junge hingegen beobachtet mich mit unverhohlener Neugier, aber als Alyosha leise in einer Sprache zu fluchen beginnt, die ich nicht verstehe, dreht der Kleine den Kopf zu ihm. "So was sagt man nicht, Onkel Alyosha", belehrt er ihn streng, ehe er wieder zu mir umschwenkt. "Du bist neu", stellt er dann ganz richtig fest und ich muss schmunzeln.
 

"Ja. Ich bin Oliver", stelle ich mich vor und der Kleine lächelt mich breit und ohne Scheu an. "Ich bin Nikita, aber du darfst Nika zu mir sagen, wenn du willst. Kannst du Lego bauen?", fragt er mich interessiert und bedenkt seinen Onkel mit einem enttäuschten Blick. "Onkel Alyosha hat zwei linke Hände", beschwert er sich über die offenbar mangelnden Fähigkeiten seines Onkels und ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht zu lachen. Das käme bei meinem zukünftigen Chef sicher nicht gut.
 

"Mein kleiner Bruder und ich haben früher oft mit Lego gespielt", gebe ich zu und Nikita beginnt zu strahlen. "Dann kannst du das bestimmt viel besser als Onkel Alyosha!", vermutet er, rutscht von der Couch und umrundet eilig den Couchtisch. Im nächsten Moment werde ich auch schon an der Hand gepackt und zur Couch gezogen. Nikita schubst mich auf die Sitzfläche, klettert neben mich und beginnt dann damit, die Legosteine und die Anleitung von seinem Onkel weg und auf unsere Seite des Couchtisches zu ziehen.
 

"Kannst du das zusammenbauen?", fragt er, sieht mich aus seinen großen hellblauen Augen bittend an und ich könnte nicht mal dann noch ›Nein‹ sagen, wenn ich das wirklich wollen würde. "Ich kann es versuchen", erwidere ich stattdessen, sehe mir den Anfang des Gebildes und die Anleitung an und nehme nach kurzem Überprüfen erst mal die falsch verbauten Legosteine wieder ab. "Gibst du mir mal den grünen Achter an?", wende ich mich dann an Nikita, zeige ihm anhand der Anleitung, welchen Stein wir brauchen, und binnen kürzester Zeit sind wir beide vollauf damit beschäftigt, Nikitas Lego, das offenbar einen Kaktus samt Blumentopf darstellen soll, wenn es fertig ist, zusammenzubauen.
 

Ich fühle mich daran erinnert, wie ich vor gefühlten Ewigkeiten zusammen mit meinem kleinen Bruder immer seine Lego-Sets zusammengebaut habe, weil Daniel alleine einfach zu ungeduldig dafür war. Nikita ist da allerdings ganz anders. Er hört mir sehr aufmerksam zu, wenn ich ihm sage, welche Steine wir als nächstes brauchen, und sucht diese sehr gewissenhaft aus dem Haufen, der auf dem Tisch liegt, heraus. Als der Kaktus schließlich fertig ist und Nikita die Blüte obendrauf gesteckt hat, sieht er mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Begeisterung an, der dafür sorgt, dass meine Wangen sich rot färben.
 

"Du kannst das wirklich viel besser als Onkel Alyosha. Kannst du ab jetzt bitte öfter herkommen und mit mir Lego bauen?", fragt er und erst Tashas Lachen macht mich darauf aufmerksam, dass ich eigentlich nicht mit ihr hier hereingekommen bin, um mit ihrem Sohn mit Lego zu spielen, sondern weil wir die Unterschrift ihres Bruders auf meinem Arbeitsvertrag brauchen. Sofort schießt mir noch mehr Blut in die Wangen. Verlegen räuspere ich mich und wage nicht so recht, zu Tasha und Alyosha, die inzwischen gemeinsam vor seinem Schreibtisch stehen, herüberzusehen.
 

"So schnell ersetzt du mich also, kotyonok?", wendet Alyosha sich gespielt getroffen an seinen Neffen und der nickt ohne zu zögern. "Ich hab dich immer noch lieb, Onkel Alyosha, aber Oliver kann viel besser Lego bauen als du. Und er sagt dabei auch nicht so viele schlimme Wörter", erwidert er und ich kann fühlen, wie meine Gesichtsfarbe noch einen Touch dunkler wird. Tasha scheint das Ganze urkomisch zu finden. Mir hingegen ist das so wahnsinnig peinlich, dass ich mich jetzt erst recht nicht mehr traue, ihren Bruder anzusehen.
 

"Tut mir leid", murmele ich beschämt und schlucke hart, als Alyoshas Füße sich von seinem Schreibtisch lösen und auf die Couch, auf der ich immer noch sitze, zukommen. Er lässt sich in den Sessel, der auf meiner Seite der Couch steht, fallen, und als ich einen kurzen Seitenblick riskiere, sehe ich, dass er keinesfalls verärgert zu sein scheint. Stattdessen wirkt er eher amüsiert. Ich schlucke noch einmal und hebe dann doch den Blick. Ewig ausweichen kann ich ihm schließlich nicht. Nicht, wenn ich ab nächster Woche wirklich hier anfangen will.
 

Stechend blaue Augen, genauso hell wie Tashas und Nikitas, mustern mich unverhohlen und ein Schmunzeln umspielt Alyoshas Lippen. Mein Herzschlag gerät vollkommen aus dem Takt. Ich fühle mich wie vom Blitz getroffen und bete inständig, dass mir niemand ansieht, was mir gerade durch den Kopf schießt. "Ich glaube, wenn ich das gebaut hätte, wäre es jetzt ein Elefant", sagt Alyosha mit einem kurzen Blick zu dem Kaktus, den Nikita gerade voller Stolz seiner Mutter präsentiert, als wäre sie nicht beim Entstehungsprozess dabei gewesen. Ich höre jedoch nur mit halbem Ohr zu, wie er ihr atemlos vor Aufregung erzählt, dass er und ich den Kaktus zusammen gebastelt haben und dass ich ihn nicht wie sein Onkel Alyosha immer nur zuschauen lassen habe.
 

"Ich bin nicht besonders gut darin, diese Anleitungen zu verstehen." Wieder sieht Alyosha mich durchdringend an und ich habe Mühe, eine Erwiderung zu finden. "Das … ist gar nicht so schwer", murmele ich mit belegter Stimme und als Alyosha mich daraufhin angrinst, weiß ich endgültig nicht mehr, wie mir geschieht. "Na, du wirst ja ab nächster Woche genug Gelegenheit haben, mir das beizubringen, moy zaychik", neckt er mich und ich würde zu gerne fragen, wie er mich da gerade genannt hat, aber ich bringe die Frage nicht über die Lippen.
 

"Alexei!" Tashas Tonfall klingt mahnend und im nächsten Moment staucht sie ihren Bruder zusammen. Wieder verstehe ich kein Wort, wage aber auch nicht, mich einzumischen. Ich weiß ja nicht einmal, worum es eigentlich geht. Nikita, der mir meine Verwirrung scheinbar ansieht, setzt sich wieder neben mich auf die Couch. "Wenn Onkel Alyosha was ausgefressen hat, schimpft Mama immer auf Russisch mit ihm", klärt er mich auf und ich werfe einen Blick zu den beiden, die vollkommen vergessen zu haben scheinen, dass Nikita und ich auch noch da sind. Tasha gestikuliert wild auf ihren Bruder ein und Alyosha macht ein paar Mal den Versuch, etwas zu sagen, aber sie lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
 

"Das kann dauern", sagt Nikita altklug, zieht einen kleinen blauen Rucksack mit aufgedruckten bunten Dinosauriern zu sich und kramt darin herum. Sein Gesicht hellt sich auf, als er findet, was er offenbar gesucht hat, und im nächsten Moment bekomme ich ein kleines Buch in die Hand gedrückt. "Magst du mit mir darin lesen, bis Mama damit fertig ist, Onkel Alyosha auszuschimpfen?", fragt Nikita und nach einem weiteren Blick zu Tasha und Alyosha, die immer noch in ihre Diskussion vertieft sind und uns nicht weiter beachten, nicke ich. Nikita rutscht auf der Couch zurück, bis er sich neben mir an die Rückenlehne lehnen kann, und sobald er bequem sitzt, schlage ich das Buch auf und beginne zu lesen. Das habe ich früher auch oft für Daniel und Alina gemacht, als die beiden noch klein waren.
 

Als wir mit dem Buch durch sind, hebt Nikita seinen Kopf, den er im Verlauf der Geschichte irgendwann an meinen Arm gelehnt hat, und sieht mich kritisch an. "Du kannst richtig gut lesen. Aber du musst noch lernen, die Stimmen nachzumachen", teilt er mir entwaffnend ehrlich seine Meinung mit und ich wuschele ihm schmunzelnd durch die Haare, ohne wirklich darüber nachzudenken, was ich da eigentlich gerade tue. "Ich gelobe Besserung", versichere ich ihm und bekomme im nächsten Moment Nikitas rechten kleinen Finger vor die Nase gehalten. "Versprochen?", bohrt er nach und ich verhake meinen kleinen Finger mit seinem. "Versprochen", erwidere ich ernst und zucke erschrocken zusammen, als Tasha ein Quietschen entfährt. Wieder laufe ich flammend rot an, aber ich lasse Nikitas Finger erst los, als er seine Hand zurückzieht, um sein Buch wieder in den Rucksack zu packen.
 

Tasha ist allerdings nicht die Einzige, die meine Interaktion mit ihrem Sohn scheinbar schon seit einer Weile beobachtet hat. Auch Alyoshas Blick ruht auf Nikita und mir und als er merkt, dass ich ihn ansehe, verziehen sich seine Lippen zu einem sanften Lächeln, das meinen Herzschlag direkt wieder aus dem Takt bringt. In seinen stechend blauen Augen liegt ein Ausdruck, den ich nicht zu deuten weiß. Unter diesem Blick wird mir heiß und ich räuspere mich, brauche aber trotzdem noch fast eine Minute, bis meine Stimme mich nicht länger im Stich lässt.
 

"Ich … sollte so langsam gehen", murmele ich und fange mir dafür ein enttäuschtes Schmollen von Nikita ein. "Jetzt schon?", fragt er und seufzt schwer, als seine Mutter ihm sanft durch die Haare streicht. "Oliver kann schließlich nicht hier übernachten", informiert sie ihn und er runzelt nachdenklich die Stirn, ehe er mich wieder ansieht. "Aber du kommst doch wirklich wieder, oder? Für Lego und wegen der Stimmen und so?", hakt er nach und ich kann nicht anders, ich muss lächeln. Nikita ist wirklich niedlich.
 

"Ab nächster Woche arbeite ich doch sowieso hier. Da wird sich bestimmt mal irgendwann Zeit zum Vorlesen und für Lego finden", sichere ich ihm zu und auf mein Versprechen hin strahlt er übers ganze Gesicht. "Und dann kannst du Onkel Alyosha auch das mit den Anleitungen zeigen. So, wie du mir das vorhin gezeigt hast. Dann wird er bestimmt auch besser im Lego bauen", schlägt er voller Enthusiasmus vor und Alyoshas Lachen, das diese Worte zur Folge haben, geht mir durch und durch. Ich versuche, das viel zu angenehme Kribbeln, das sich in meinem Körper ausbreitet, zu verdrängen, aber das gelingt mir nicht.
 

"Da du jetzt ja offenbar einen Experten gefunden hast, um meine Unzulänglichkeit auszugleichen, kotyonok, kann ja eigentlich gar nichts mehr schief gehen." Alyosha klingt eindeutig amüsiert und Nikita sieht sehr zufrieden mit sich selbst aus, wohl weil seine Mutter und sein Onkel nichts dagegen haben, dass ich mich auch in Zukunft weiter hin und wieder mit ihm beschäftige. Und ich muss zugeben, dass ich mich darauf irgendwo schon freue. Ich habe Kinder schon immer gemocht.
 

Trotzdem wird es für mich langsam Zeit, nach Hause zu fahren, daher rappele ich mich von der Couch auf. "Also dann … Bis nächste Woche Montag", verabschiede ich mich und schlucke, als Alyosha mir die unterschriebene Ausführung meines Arbeitsvertrages reicht. "Bis Montag. Wir freuen uns schon", sagt er mit einem weiteren Lächeln und ich schaffe es zu meiner eigenen Verwunderung tatsächlich irgendwie, eine Verabschiedung für Tasha, Nikita und den Rest meiner zukünftigen Kollegen, denen ich auf dem Weg nach draußen noch begegne, zu stammeln. Alyoshas Lächeln bekomme ich dabei die ganze Zeit nicht aus dem Kopf – auch nicht, als ich schon längst zu Hause in meinem Bett liege.
 

Als ich am Montag in der Agentur ankomme, werde ich genauso herzlich begrüßt wie am Tag meines Vorstellungsgesprächs. Niemand hier gibt mir das Gefühl, der unerwünschte Neue zu sein, der von nichts eine Ahnung hat. Stattdessen nehmen mich praktisch alle unter ihre Fittiche. Es findet sich immer jemand, der meine Fragen beantwortet, und im Gegenzug bemühe ich mich, den anderen zu helfen, wo immer ich kann. Ich mag die Atmosphäre wirklich. Das Arbeiten ist zwar stressig, aber trotzdem herrscht eine tolle Stimmung im Team.
 

Besonders von Antoine, der selbst auch Grafikdesign studiert hat, lerne ich eine Menge für die Praxis. Nur Dan braucht länger, um mit mir warmzuwerden, aber, versichert er mir irgendwann, als ich schon fast zwei Monate in der Agentur arbeite, das liegt nicht an mir. Er ist, wie er sagt, einfach nur sozial inkompetent und wird deshalb oft für arrogant oder verschlossen gehalten, obwohl er einfach nur nicht weiß, wie er sich in sozialen Situationen verhalten soll. Aber nachdem das geklärt ist, finden wir auch einen Weg, ohne weitere Schwierigkeiten zusammenzuarbeiten.
 

Obwohl ich alle meine Kolleginnen und Kollegen mag, sind die Tage, an denen Nikita nach dem Kindergarten in der Agentur vorbeischaut und bleibt, bis Tasha Feierabend macht, meine persönlichen Highlights. Nikita ist der erklärte Liebling von allen, das ist nicht zu leugnen. Aber, erfahre ich von Vera, immerhin kennen sie alle Nikita praktisch seit seiner Geburt und haben ihn aufwachsen sehen – mit Ausnahme von Kimmy, die erst seit etwa zwei Jahren hier arbeitet. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Kleine selbst den sonst so schweigsamen Dan aus der Reserve locken kann.
 

Ich kann nicht abstreiten, dass ich mich jedes Mal wahnsinnig freue, wenn Nikita sich in meiner Pause zu mir setzt und mir etwas von seinem Tag erzählt oder mir ein Bild zeigt, das er im Kindergarten gemalt hat. Hin und wieder bringt er auch tatsächlich eins seiner Lego-Sets mit, damit wir sie gemeinsam aufbauen können. Meistens schleift er mich damit dann in das Büro seines Onkels, das ich nie ohne Herzrasen und feuchte Hände betreten kann.
 

Nicht immer hat Alyosha die Zeit, sich zu uns zu setzen, aber oft genug pausiert er das, woran auch immer er gerade arbeitet, hockt sich zu Nikita und mir auf die Couch und lässt sich geduldig erklären, wie genau man Lego-Anleitungen lesen muss. Ich bin jedes Mal furchtbar nervös, wenn Alyosha mir so nah kommt. Ich weiß ganz genau, was mit mir los ist, aber ich weigere mich, das auch nur vor mir selbst einzugestehen. So lange ich es nicht anerkenne, ist es auch nicht wahr. Ich will diese Gefühle nicht, denn ich weiß ganz genau, dass sie nichts als Scherereien bringen. Wieder und wieder sage ich mir das wie ein Mantra, aber es hilft nicht.
 

Außerdem habe ich ja auch noch Vanessa. Meine Verlobte. Die Verlobte, deren Existenz ich sofort komplett vergesse, wann immer Alyosha mir in die Augen sieht. Ich muss mich jedes Mal förmlich von diesem Eisblau losreißen und mich gewaltsam wieder daran erinnern, dass diese Gefühle und Wünsche meinerseits eine ganz schlechte Idee sind, eben weil es Vanessa und meine Familie gibt. Aber das ist gar nicht so einfach.
 

Alyosha hat so eine Art, mich anzusehen, dass ich mich fühle, als ob ich der einzige Mensch wäre, den er noch wahrnimmt. So, als wäre ich der Mittelpunkt des Universums oder ein besonders faszinierendes Rätsel, das er zu ergründen versucht. Das ist aber nicht nur dann so, wenn Nikita und ich in seinem Büro sind, sondern auch, wenn das ganze Team zusammen über einem Auftrag brütet. Immer wenn Alyosha mich über den großen Tisch im Konferenzraum hinweg ansieht, dann fühle ich mich, als würde er sich nur noch auf mich fokussieren und auf nichts anderes mehr. Er verwirrt mich und ich weiß, ich sollte Abstand zu ihm halten, aber das schaffe ich einfach nicht.
 

An einem Donnerstagabend schließlich ist es soweit und die Stimmung zwischen uns kippt. Den ganzen Vormittag über – ich hatte heute keine Vorlesungen, also bin ich direkt zur Agentur gefahren, um auszuhelfen – bis zum frühen Nachmittag haben wir alle zusammen beim Brainstorming im Konferenzraum zusammen gesessen. Die Agentur hat einen wirklich großen, sehr wichtigen Auftrag an Land gezogen. Jeder weiß, wie viel auf dem Spiel steht, und jeder bringt sich zu hundert Prozent ein. Ich kann zwar vielleicht noch nicht allzu viel beisteuern, aber auch ich tue, was ich kann. Dieser Auftrag hat zudem den positiven Nebeneffekt, dass ich sehr wenig Zeit zu Hause verbringen muss und daher auch Vanessa kaum sehe. Sie bedauert das zwar, aber ich bin insgeheim einfach nur froh darüber.
 

Enzo, Kimmy, Dan, Ida und schließlich auch Vera und Antoine verabschieden sich nach und nach in den wohlverdienten Feierabend. Irgendwann sind Tasha, Alyosha und ich die Einzigen, die noch übrig sind. Tasha bietet mir an, dass ich auch gerne gehen kann, aber ich lehne dankend ab. Ich habe es nicht eilig, Feierabend zu machen. Ich bin deutlich lieber hier in der Agentur als zu Hause bei meiner Familie. Zu dritt brüten wir also weiter über dem gewünschten Konzept, feilen an Entwürfen und verwerfen eine Idee nach der anderen.
 

Zwischendurch rauft Alyosha sich immer wieder die Haare und meine Finger kribbeln jedes Mal, wenn ich das sehe, weil ich die braunen Strähnen nur zu gerne wieder glatt streichen würde. Und dann möchte ich mit den Fingerspitzen über seinen Dreitagebart wandern bis zu seinen Lippen und … Mit aller Macht zwinge ich meine Gedanken weg von diesem gefährlichen Terrain und zurück zu dem Entwurf, über den wir gerade noch die Köpfe zerbrochen haben. Diese Dinge sollte ich wirklich nicht denken. Und ich sollte sie mir auch nicht vorstellen oder erträumen oder wünschen oder …
 

Innerlich frustriert aufseufzend ermahne ich mich zum sicherlich hunderttausendsten Mal, dass ich das lieber ganz schnell wieder vergessen sollte. Ich kann mir solche Wunschträume einfach nicht leisten. Nicht mit meiner Familie und Vanessa. Ich sollte mich glücklich schätzen, dass mein Vater mich bisher noch nicht ermahnt hat, weil ich im Moment so viel Zeit bei der Arbeit und so wenig Zeit mit Vanessa verbringe. Zu meinem Glück ist er der Meinung, dass es nicht schaden kann, schon mal ein ›kleines Polster‹ anzulegen, damit Vanessa und ich nicht ganz mittellos dastehen, wenn wir erst verheiratet sind.
 

Unwillig, weiter darüber nachzudenken, schüttele ich den Kopf und merke dadurch erst mit Verspätung, dass Tasha gerade mit ihrem Handy telefoniert. "Ja. Ja, ist gut. Okay … Nein, das ist kein Problem … Ungefähr zwanzig Minuten brauche ich, dann bin ich da." Damit beendet sie das Gespräch, steckt ihr Handy wieder ein und steht hektisch auf, was ihr gar nicht ähnlich sieht. "Ist alles in Ordnung?", erkundigt Alyosha sich besorgt, ehe ich eine Frage stellen kann, und Tasha nickt etwas zerstreut.
 

"Ja, mehr oder weniger. Aber Nikita hat sich gerade übergeben. Wahrscheinlich hat er sich im Kindergarten etwas eingefangen. In den letzten Tagen gab es da mehrere Fälle von Magen-Darm. Und er hat nach mir gefragt, deshalb hat Anja", das ist Tashas Babysitterin, die sich um Nikita kümmert, wenn Tasha so wie heute länger arbeiten muss, "angerufen. Sie wollte wissen, wann ich nach Hause komme", erklärt sie, während sie schon dabei ist, eilig ihre Tasche zu packen und sich ihre Jacke zu schnappen.
 

"Ihr solltet auch langsam Schluss machen für heute", sagt sie noch und ist auch schon aus dem Raum gerauscht, ohne die Besserungswünsche für Nikita, die sowohl Alyosha als auch ich aussprechen, noch mitzubekommen. Die Tür des Konferenzraumes fällt hinter ihr ins Schloss und mir wird bewusst, dass ich zum allerersten Mal, seit ich hier angefangen habe, mit Alyosha ganz alleine bin. Bisher war immer noch jemand anders dabei – meistens Nikita –, aber heute ist außer Alyosha und mir niemand mehr hier. Alle anderen sind schon lange weg. Ich sollte mir daran wohl ein Beispiel nehmen und mich schleunigst auf den Heimweg machen.
 

Etwas fahrig packe ich meine Sachen zusammen und stehe auf, aber als ich mich zum Gehen wenden will, fällt mein Blick auf Alyosha, der in der Zwischenzeit zum Fenster getreten ist und durch die Scheibe in die beginnende Dunkelheit starrt, ohne etwas von dem, was dort draußen vor sich geht, wahrzunehmen. Es ist eindeutig nicht zu übersehen, dass er sich Sorgen um seinen Neffen macht, und irgendwie kann ich mich jetzt nicht mehr einfach so verdrücken. Nicht, wenn er so aussieht.
 

Anstatt also den Raum ebenso zu verlassen wie Tasha, lege ich meine Sachen auf dem Stuhl ab, auf dem ich gerade noch gesessen habe. Dann überbrücke ich die wenigen Schritte, die mich noch vom Fenster trennen, und lehne mich rücklings an die Scheibe, so dass ich Alyosha ins Gesicht sehen kann. "Morgen oder übermorgen ist Nikita wieder auf den Beinen", sage ich leise, bekomme aber im ersten Moment keine Reaktion. Erst nach fast einer Minute wendet Alyosha mir seine Aufmerksamkeit zu. "Das kannst du nicht wissen", sagt er ein wenig barsch und sieht mich wieder so intensiv an, als würde er in meinen Kopf schauen und ergründen wollen, was darin jetzt gerade vor sich geht. Ich bin ungemein froh, dass er meine Gedanken nicht lesen kann. Er darf niemals erfahren, was ich denke, wenn ich ihn ansehe.
 

"Wissen vielleicht nicht, aber vermuten", antworte ich und wundere mich ein wenig darüber, dass meine Stimme fest und sicher klingt, obwohl ich innerlich ein zitterndes Bündel Unsicherheit bin. "Ich habe einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester. Kinder werden schnell mal krank – gerade wenn sie im Kindergarten sind –, aber sie sind fast immer auch genauso schnell wieder fit. Daniel hat sich früher, als er noch klein war, so ziemlich alles eingefangen, was damals im Kindergarten gerade umgegangen ist. Windpocken, Magen-Darm, Erkältungen – er hat sich grundsätzlich mit allem angesteckt. Aber meistens war er nach zwei, drei Tagen wieder auf den Beinen. Nur die Windpocken haben ihn für eine ganze Woche ausgeknockt. Aber Kinder sind zäher und widerstandsfähiger als man denkt", bemühe ich mich, Alyoshas Sorgen ein wenig zu zerstreuen. Mir ist klar, dass das wahrscheinlich nicht wirklich funktionieren wird, aber ich will es wenigstens versuchen.
 

Wieder beobachtet Alyosha mich einfach nur stumm, nachdem ich geendet habe. Er sieht allerdings jetzt schon nicht mehr ganz so angespannt aus. Seine starre Haltung hat sich kaum merklich gelockert und ein winziges Lächeln legt sich auf seine Lippen. Ich bin unsagbar froh, dass ich das Fenster in meinem Rücken habe, denn unter Alyoshas intensivem Blick wird mir schon wieder heiß und meine Beine fühlen sich an, als bestünden sie aus Pudding.
 

"Du bist wirklich unglaublich, moy zaychik", ist das Erste, was ich nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens zu hören bekomme. Seine Stimme klingt amüsiert und irgendwie liebevoll – wie immer, wenn er diese russischen Worte zu mir sagt – und mein Herzschlag gerät vollkommen aus dem Takt. Und noch immer löst Alyosha seine Augen nicht von meinem Gesicht. Stattdessen tritt er noch einen Schritt näher zu mir, so dass ich die Wärme, die von ihm ausgeht, fast schon fühlen kann. Mein Blick huscht zu seinen Lippen und als diese sich zu einem weiteren Lächeln verziehen, setzt irgendetwas in meinem Gehirn aus. Ohne darüber nachzudenken, dass das hier ein Fehler ist und dass ich das auf keinen Fall tun sollte, kralle ich meine Hände in Alyoshas Weste, zerre ihn so zu mir und presse meine eigenen Lippen auf seinen Mund.
 

Für einen Moment ist Alyosha überrumpelt von meiner Aktion, aber nur einen Sekundenbruchteil später übernimmt er die Kontrolle und küsst mich so heftig und so verlangend, dass mir gleichzeitig schwindelig und unglaublich heiß wird. Mir entkommt ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Stöhnen liegt. Normalerweise würde ich mich unsagbar dafür schämen, aber für Scham habe ich aktuell keine Gehirnkapazitäten mehr übrig. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, mit meinen Händen über Alyoshas Seiten, seinen Rücken und seine Arme zu fahren, um so viel von ihm zu berühren, wie ich nur kann. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was ich hier tue, aber es fühlt sich so gut, so richtig an, dass ich einfach nicht aufhören kann. Ich wünsche mir das hier schon so lange. Genau genommen kann ich, seit ich Alyosha zum ersten Mal gesehen habe, an kaum etwas anderes denken als nur an ihn.
 

Als wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit atemlos voneinander trennen, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass ich nicht mehr am Fenster lehne. Stattdessen finde ich mich breitbeinig sitzend auf dem Konferenztisch wieder, Alyosha direkt vor mir und mir so nah, dass ich ganz genau fühlen kann, wie sehr ihm das hier gefällt. Sein Blick ist jetzt noch intensiver als jemals zuvor. Ich habe keine Ahnung, wie er mich vom Fenster weg und auf den Tisch manövriert hat, aber das ist mir auch vollkommen egal. Ich will mir im Moment keine Fragen stellen, will nicht denken, sondern nur noch fühlen.
 

Aus diesem Grund packe ich Alyosha im Nacken und ziehe ihn für einen weiteren Kuss zu mir. Und während wir uns wieder und wieder küssen, als wären wir zwei Verdurstende in der Wüste und der jeweils andere der lebensrettende Schluck Wasser, sind meine Finger bereits damit beschäftigt, die Knöpfe seiner Weste und seines Hemdes zu öffnen. Ich murre unwillig, als Alyosha von mir ablässt, aber als er meinen Pullover fast schon grob packt und ihm mir in einer fließenden Bewegung über den Kopf zieht, verstehe ich. Stechend blaue Augen wandern von meinem Gesicht und meinen Lippen über meinen entblößten Oberkörper und saugen sich schlussendlich förmlich in meinem Schritt fest. Mir entfährt ein Stöhnen, das ich einfach nicht zurückhalten kann, und dieses Geräusch entlockt Alyosha ein raues, kehliges Lachen. "Du machst mich wahnsinnig, moy zaychik", murmelt er gegen meine Lippen, lässt mir aber keine Zeit für eine Erwiderung. Wieder küsst er mich halb um den Verstand und als er zeitgleich seine Hand in meine Hose schiebt, vergeht mir endgültig das Denken.
 

Das setzt erst wieder so richtig ein, als ich mich danach halb auf dem Konferenztisch, halb in Alyoshas Armen wiederfinde. Und als mir bewusst wird, was wir gerade getan haben, läuft mein ganzes Gesicht schlagartig flammend rot an. Alyosha lacht leise gegen meinen Hals, als er das merkt, und das Geräusch geht mir durch und durch. "Fürs Schämen ist es ein bisschen zu spät, findest du nicht, moy zaychik?", fragt er neckend und ich schlucke hart. "Ja, schon, aber … ich hab das noch nie gemacht", gestehe ich kaum hörbar und kneife meine Augen ganz fest zusammen, als Alyosha mein Gesicht in seine Richtung dreht.
 

"Bitte sieh mich an, moy zaychik", verlangt er sanft und so gerne ich mich auch weigern möchte, das schaffe ich einfach nicht. Nicht bei diesem Tonfall. Beschämt blicke ich zu ihm und bekomme eine Gänsehaut, als er mir sanft und zärtlich ein paar verschwitzte blonde Strähnen aus der Stirn streicht. "Warum hast du mir das nicht vorher gesagt? Dann wäre ich sanfter gewesen", sagt er und klingt tatsächlich, als würde er bereuen, was hier gerade passiert ist. Aber das ist das Letzte, was ich will. Er soll ganz bestimmt kein schlechtes Gewissen haben. Nicht wegen dem, was wir gerade getan haben. Ich habe es doch gewollt! Und zwar mehr, als ich jemals irgendetwas gewollt habe.
 

"Das wollte ich doch gar nicht. Das war … schön. Mehr als schön. Ich … hab mir das schon so oft ausgemalt, aber ich …" Ich breche ab, weil ich gar nicht so recht weiß, was ich hier eigentlich zu sagen versuche. Und jetzt, wo ich tatsächlich zum ersten Mal das hatte, was ich mir schon seit Jahren zu wollen verboten habe, wird mir bewusst, dass das hier keine Zukunft hat. So sehr ich mir auch wünsche, dass es anders wäre, es ist nun mal, wie es ist. Meine Eltern und Vanessa und meine Geschwister haben sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst, nur weil ich es in der letzten halben Stunde geschafft habe, ihre Existenz vollkommen zu verdrängen.
 

Obwohl es mir unglaublich schwer fällt, löse ich mich aus Alyoshas Armen und setze mich auf. Dabei verziehe ich kurz das Gesicht. Das Sitzen fühlt sich ein bisschen seltsam an, aber das ignoriere ich für den Moment. Darüber kann ich auch noch nachdenken, wenn ich zu Hause in meinem Bett liege. "Wir können das nie wieder tun", lasse ich Alyosha wissen, ohne ihn anzusehen. Hinter mir raschelt es und im nächsten Moment sitzt er auch schon neben mir. Allerdings berührt er mich jetzt nicht und ich bin einerseits unglaublich erleichtert und andererseits unsagbar enttäuscht darüber.
 

"Warum nicht, moy zaychik?", fragt er und das Wissen um die Antwort, die ich ihm geben muss, tut mir fast körperlich weh. "Weil ich … verlobt bin. Mit einer Frau", erkläre ich mit belegter Stimme, atme noch mal tief durch und erzähle Alyosha dann restlos alles, was er über mich und mein … Dilemma wissen muss. Ich erzähle ihm, dass ich vor über zwei Jahren schon mal einen Freund hatte, und ich erzähle ihm auch, was damals passiert ist und wie ich meine Beziehung geleugnet habe, um dem Zorn meiner Familie zu entgehen. Ich erzähle ihm von der Homophobie meiner Eltern und davon, dass sie mich so lange immer wieder zu Vanessa hin gedrängt haben, bis ich ihr letztes Jahr schlussendlich den Heiratsantrag gemacht habe.
 

"Ich liebe Vanessa nicht, aber ich kann nicht … Ich kann meiner Familie nicht sagen, dass ich … schwul bin. Sie würden mich hassen, wenn sie davon wüssten, und das ertrage ich nicht. Sie sind immerhin meine Familie", schließe ich meine Erzählung etwas kläglich. Die ganze Zeit beim Reden traue ich mich nicht, Alyosha anzusehen, sondern starre stur geradeaus auf den hellen Teppich, mit dem der Konferenzraum ausgelegt ist. Ich will die Enttäuschung darüber, dass ich so feige bin, einfach nicht in seinen Augen sehen. Es ist auch so schon schwer genug, dass ich jetzt endlich weiß, wie es sich anfühlt, wirklich begehren und begehrt zu werden, während mir doch gleichzeitig nur zu bewusst ist, dass das eine einmalige Sache bleiben muss. Anders geht es einfach nicht.
 

"Ich weiß, wie du dich fühlst", durchbricht Alyoshas Stimme meine mentale Selbstgeißelung. Zögerlich wende ich mich ihm doch wieder zu und finde auf seinen Lippen ein derart bitteres Lächeln, wie ich es an ihm vorher noch nie gesehen habe. "Meine Eltern haben den Kontakt zu mir komplett abgebrochen, als ich ihnen von meiner Homosexualität erzählt habe. Ich hatte nur das ›Glück‹, wenn man es denn so nennen will, dass Tasha beinahe zeitgleich mit mir in Ungnade gefallen ist, weil sie mit Nikita schwanger geworden ist, ohne verheiratet zu sein oder auch nur eine Heirat mit dem Vater ihres Kindes in Erwägung zu ziehen. Unsere Eltern sind streng orthodox und konnten weder einen homosexuellen Sohn noch eine unverheiratete, alleinerziehende Tochter dulden. Ich habe seit Jahren nichts mehr von ihnen gehört. Sie haben auch ihren Enkelsohn bisher nicht kennen gelernt. Für sie sind Tasha und ich tot", erzählt er mir und ich schlucke hart. Davon wusste ich bisher nichts. Und es macht überdeutlich, warum das mit Alyosha und mir einfach nicht gut gehen kann. Meine Eltern, das weiß ich ganz genau, würden nicht besser reagieren als seine Eltern, wenn sie jemals davon erfahren sollten, was ich heute getan habe und wie ich wirklich fühle.
 

"Es tut mir leid, Alyosha", murmele ich bedrückt und rutsche vom Konferenztisch, um meine überall verstreute Kleidung aufzuheben und mich wieder anzuziehen. Alyosha tut es mir gleich, aber ehe ich meine Sachen nehmen und den Raum verlassen kann, hält er mich am Oberarm fest und dreht mich zu sich herum. Er legt mir zwei Finger unters Kinn und zwingt mich so mit sanfter Gewalt, ihn anzusehen. "Ich werde nicht verlangen, dass du deiner Familie von uns erzählst. Und ich werde auch nicht verlangen, dass du dich von deiner Verlobten trennst. Aber bitte, moy zaychik, wirf das hier – wirf uns – nicht einfach so weg", appelliert er an mich und ich habe der eindringlichen Bitte in seinen blauen Augen nichts entgegenzusetzen.
 

"Ich weiß nicht, ob ich jemals soweit sein werde, dass ich offen dazu stehen kann, dass ich … was zwischen uns ist", gebe ich ehrlich zu und befürchte halb, dass Alyosha von mir ablässt und mir sagt, dass es sich dann für ihn nicht lohnt und dass es das einfach nicht wert ist, aber er sagt nichts von alldem. Stattdessen nimmt er mein Gesicht in beide Hände, streicht mir mit den Daumen über die Wangen und schenkt mir ein Lächeln, das ich nach meinen Worten ganz sicher nicht verdient habe. "Das ist mir bewusst, moy zaychik. Und es ist mir egal. Ich will dich, und ich nehme, was immer du mir geben kannst."
 

Ich habe einen dicken Kloß im Hals, der mir das Atmen und das Sprechen erschwert, daher nicke ich auf Alyoshas Worte einfach nur und schließe mit einem zittrigen Seufzen die Augen, als er sich zu mir beugt und mich küsst – sanft dieses Mal, nicht so stürmisch und verlangend wie davor. "Komm, ich fahre dich nach Hause, moy zaychik", sagt er, sobald er sich wieder von mir löst. Allerdings lässt er mich nicht vollständig los, sondern greift nach meiner Hand und verschränkt seine Finger mit meinen. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich bin kaum in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzen. So lasse ich mich von Alyosha einfach nur zu seinem Wagen ziehen, steige wie in Trance ein und nenne ihm meine Adresse.
 

Die Fahrt vergeht schweigend, aber das Schweigen ist nicht unangenehm. Wann immer wir an einer Ampel anhalten, legt Alyosha seine Hand auf mein Bein und lächelt mich an, wenn ich ihn daraufhin überrascht und mit brennenden Wangen ansehe. "Ty probuzhdayesh' vo mne volka, moy zaychik", sagt er irgendwann, als wir vielleicht noch zwei Kreuzungen von unserem Ziel entfernt sind. Ich verstehe die Worte zwar nicht, aber das Grinsen, das dabei auf Alyoshas Lippen liegt, ist mehr als eindeutig und sorgt dafür, dass mir noch mehr Blut ins Gesicht schießt.
 

Viel zu schnell für meinen Geschmack haben wir das Haus, in dem meine Familie lebt, auch schon erreicht. Alyosha parkt seinen Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ich bin ihm absurd dankbar dafür, obwohl ich das nicht laut ausspreche. Verlegen sehe ich ihn an und er bedenkt mich mit einem Blick, bei dem mir gleich wieder heiß wird. "Ich würde dich jetzt zu gerne küssen, moy zaychik", sagt er und ich schlucke hart. Einerseits würde ich das auch gerne tun, aber andererseits wage ich es nicht, weil wir viel zu nah an meinem Zuhause sind.
 

"Aber damit werde ich warten bis morgen – auch wenn Geduld eigentlich nicht meine große Stärke ist." Alyosha grinst und zwinkert mir zu. Ich habe Mühe, mit meinen zittrigen Fingern den Anschnallgurt zu lösen, und stolpere mehr aus dem Wagen als dass ich laufe. Sobald ich die Beifahrertür zugeschlagen habe, startet Alyosha sein Auto und macht sich auf den Heimweg. Ich zwinge mich, ihm nicht sehnsüchtig nachzublicken. Stattdessen überquere ich die Straße und nutze die Zeit, die ich bis zur Haustür brauche, um mich für meine Familie zu wappnen.
 

Sehr zu meiner Erleichterung ist kaum noch jemand wach, als ich reinkomme. Einzig mein Vater sitzt noch im Wohnzimmer und sieht fern, aber er nickt mir nur knapp zu und fragt zum Glück nicht danach, warum ich erst so spät zurück bin. Ich wünsche ihm hastig eine gute Nacht und beeile mich, in mein Zimmer zu kommen. Dort schnappe ich mir meinen Pyjama und verschwinde damit schleunigst im Bad, um erst mal auch noch die letzten Spuren dessen, was Alyosha und ich vorhin getan haben, abzuwaschen. Ich erlaube mir allerdings nicht, die Dusche zu lange auszudehnen, denn sonst würde mein Vater sicher nachfragen, was ich hier tue und warum ich so lange brauche. Ich wasche mich im Eiltempo, trockne mich ab und ziehe meinen Pyjama über. Dann gehe ich zurück in mein Zimmer, krieche dort in mein Bett und wickele mich in meine Decke ein.
 

Und jetzt, wo ich allein im Dunkeln liege, überrollt mich das, was heute geschehen ist, mit der Wucht einer Dampfwalze. Hitze schießt mir in die Wangen und ich kneife meine Augen fest zu, aber das lässt die Bilder nur noch deutlicher werden. Ich habe tatsächlich mit Alyosha geschlafen. Und ich war derjenige, der den ersten Schritt gemacht hat, einfach weil ich in diesem Moment an nichts anderes mehr denken konnte als daran, endlich seine Lippen auf meinen zu spüren. Mit allem, was nach diesem ersten Kuss passiert ist, hatte ich zwar nicht gerechnet, aber ich bereue es auch nicht. Ich weiß, das sollte ich, aber ich kann einfach nicht. Wie könnte ich etwas bereuen, das sich so richtig angefühlt hat?

18/19 Jahre II

Während der nächsten vier Monate schwebe ich förmlich auf Wolken. Ich bin bemüht, mir davon nichts anmerken zu lassen, aber ich fürchte, dass ich meine ungewohnt gute Laune nicht so gut verbergen kann, wie ich das gerne möchte. Sogar meiner Familie fällt auf, dass ich für meine Verhältnisse verdächtig oft lächele, aber ich nutze mein gut laufendes Studium und meinen Job als Ausreden, wo immer es geht. Und wenn das nicht mehr hilft, deute ich an, dass es möglicherweise mit Vanessa zusammenhängen könnte – ein Fehler, denn mein Vater hält mir, als ihm das zu Ohren kommt, erst mal eine fast zweistündige Gardinenpredigt darüber, dass ich mich nicht gehen lassen und mich auch weiterhin wie ein ›Gentleman‹ verhalten soll und nicht wie ein ›verdammter Wilder‹.
 

Ich nicke brav an all den richtigen Stellen, verspreche ihm hoch und heilig, dass ich mich selbstverständlich daran halten werde, und schaffe es irgendwie sogar, nicht die Augen zu verdrehen. Ich habe immer noch absolut kein solches Interesse an Vanessa. Und jetzt, wo ich weiß, wie es wirklich sein kann, ist mir auch mehr als bewusst, dass ich diese Art von Interesse niemals für sie werde aufbringen können. Ich nehme mir fest vor, nach einer Möglichkeit zu suchen, wie ich die Verlobung möglichst unbeschadet lösen kann, aber mir fällt einfach keine Lösung ein.
 

Allerdings sind diese Gedanken auch immer dann nebensächlich, wenn ich in der Agentur bin. Es ist nicht leicht, aber ich schaffe es irgendwie doch, professionell zu bleiben – jedenfalls so lange, wie Alyosha und ich nicht alleine in einem Raum sind. Und wir finden immer wieder Gelegenheiten, uns beide unbemerkt von den anderen davonzustehlen und uns irgendwo in einem leeren Büro oder einmal sogar im Treppenhaus zu treffen, um wild und hemmungslos zu knutschen. Manchmal sogar … mehr.
 

Und ich bereue keines dieser heimlichen Stelldicheins. Im Gegenteil. Ich genieße jedes einzelne davon, koste jede Sekunde, die ich in Alyoshas Gegenwart verbringen kann, voll aus. Ich mache Überstunden, wann immer ich kann, aber nicht immer verbringe ich diese Zeit auch wirklich mit arbeiten. Ein wenig regt sich hin und wieder mein schlechtes Gewissen, aber ein paar Küsse von Alyosha schaffen es jedes Mal aufs Neue mühelos, diesen kleinen Störenfried zum Schweigen zu bringen.
 

Nach etwas mehr als vier Monaten ist der Riesenauftrag, an dem wir alle so hart gearbeitet haben, endlich beendet. Tasha und Alyosha laden am Freitag nach dem Abgabetag all ihre Angestellten und deren Familien ein, um auf diesen erledigten Großauftrag anzustoßen und das Gelingen zu feiern. Der Kunde war extrem zufrieden mit dem Endergebnis und hat der Agentur bereits weitere Aufträge für die Zukunft in Aussicht gestellt. Alle sind extrem gut drauf und auch ich freue mich unbändig auf diesen Abend.
 

Der einzige Wermutstropfen für mich ist, dass nicht nur meine gesamte Familie anwesend ist, sondern auch Vanessa und ihre Eltern. Meine Eltern haben darauf bestanden, dass wir die Fischers mitnehmen, ›damit deine Kollegen deine Verlobte auch endlich mal kennen lernen können‹, wie sie sagen. Mir ist absolut keine Ausrede eingefallen, deshalb habe ich mich schlussendlich einfach in das Unvermeidliche gefügt und Vanessa gefragt, ob sie und ihre Eltern uns heute nicht begleiten wollen.
 

Vanessa war überglücklich über meine Einladung und hängt nun schon den ganzen Abend strahlend an meinem Arm. Ich schaffe es kaum, sie mal für fünf Minuten abzuschütteln, wenn ich zur Toilette muss. Und sie wird nicht müde, sich bei allen meinen Kollegen als ›Ollis Verlobte‹ vorzustellen und ihnen zu erzählen, wie stolz sie auf mich ist und wie sehr sie sich auf weitere solche Abende mit ihnen freut, wenn wir erst mal verheiratet sind. Dan betrachtet sie mit einem sehr pikierten Gesichtsausdruck, aber seinen Einwand – "Oliver mag es nicht, ›Olli‹ genannt zu werden"; das wissen alle meine Kollegen und sie halten sich alle daran –, schmettert sie einfach nur mit einem Kichern ab.
 

"Ach was. Olli macht das nichts aus. Nicht wahr, Olli?", fragt sie mich und sieht mich abwartend an. Ich antworte nur mit einer vagen Kopfbewegung, die alles und nichts bedeuten kann, und Vanessa nimmt das natürlich gleich als Zustimmung. "Sag ich doch!", trumpft sie auf und ich ziehe sie mit einem entschuldigenden Lächeln von Dan weg, denn er sieht aus, als wolle er ihr sehr lang und ausführlich erklären, warum sie im Unrecht ist. Und so schön ich es auch finde, dass er mich mittlerweile genug mag, um für mich in die Bresche zu springen, das brauche ich heute Abend so gar nicht.
 

Ich bin den halben Abend mit dem vergeblichen Versuch beschäftigt, Vanessa mal für ein paar Minuten bei ihren oder meinen Eltern zu lassen, damit ich mit Alyosha sprechen kann. Er steht gerade bei Enzo und seiner Familie und sieht immer mal zu mir herüber, aber bisher haben wir noch keine Gelegenheit gehabt, ungestört miteinander zu reden. Er wusste zwar vorher, dass meine Eltern mich genötigt haben, Vanessa mitzubringen, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn das stört. Ich würde ihm gerne erklären, dass ich keine andere Wahl hatte und dass es mir auch lieber wäre, wenn sie nicht hier wäre, aber ich komme einfach nicht dazu.
 

Wenn ich nicht gerade von Vanessa mit Beschlag belegt werde, bin ich damit beschäftigt, die teils doch recht abfälligen Kommentare meines Vaters und meines ältesten Bruders so weit wie möglich zu entschärfen. Hennings ›Spaghettifresser‹, wenn er von Enzo spricht, ist wie eine Ohrfeige. Enzo ist ein gutmütiger, absolut liebenswerter Mensch, der donnerstags immer irgendwelche Leckereien für die Mittagspause mitbringt, die seine ›Nonna Alba‹ extra für uns alle zubereitet hat, ›damit die bambini alle groß und stark werden‹, wie er sie immer zitiert. Ja, er mag ein bisschen rundlich sein und auch etwas ausladender gestikulieren beim Reden – besonders wenn er von etwas total begeistert ist –, aber das ist doch noch lange kein Grund, solche abwertenden Äußerungen über ihn zu tätigen.
 

Ich schäme mich unsäglich für Hennings Verhalten und auch für jedes zustimmende Nicken meiner Eltern und bete die ganze Zeit, dass keinem meiner Kollegen irgendwas davon zu Ohren kommt. Niemand hat so etwas verdient. Und schon gar nicht die Menschen, die mich gleich vom ersten Tag an so herzlich in ihre Mitte aufgenommen und mir so viel beigebracht haben. Aber natürlich traue ich mich nicht, das auch laut zu sagen. Wie immer. Ich bin und bleibe ein elender Feigling.
 

Zu meiner Erleichterung stehen meine Familie und die Fischers etwas abseits von meinen Kollegen, so dass wir – hoffentlich – sicher davor sind, dass Enzo oder einer der anderen etwas hören müssen, was sie nicht hören sollen. So unauffällig wie möglich sehe ich mich immer wieder nach Alyosha um, aber der hat sich mittlerweile zu Ida und ihren Partnern gesellt. Ida ist, wie ich inzwischen weiß, pansexuell und in einer polyamoren Beziehung mit noch drei weiteren Personen.
 

Im ersten Moment war es ein regelrechter Schock für mich, das zu hören, und Idas Ansichten haben mein Weltbild ganz gehörig ins Wanken gebracht. Aber ich hatte in den letzten Monaten öfter mal Gelegenheit, mit ihr darüber zu reden. Sie geht sehr frei und offen damit um, dass sie und ihr Lebensmodell nicht den gängigen Normen entsprechen, und ich habe von ihr einiges über sexuelle Identitäten und auch über Polyamorie gelernt. Für mich selbst wäre das zwar keine Art zu leben, aber das ist ja auch eine individuelle Entscheidung. Jeder Mensch sollte das für sich selbst festlegen können.
 

Ich zum Beispiel wünsche mir eigentlich nichts mehr, als jetzt gerade gemeinsam mit Alyosha bei Ida und ihren Partnern stehen und seine Hand halten zu können. Die Fünf prosten sich gerade gegenseitig zu, Alyosha sagt etwas, Ida lacht darüber und ich frage mich unwillkürlich, ob ich jemals den Mut haben werde, so frei wie sie einfach nur ich selbst zu sein. Wenn ich bedenke, dass ich mich hier bei meiner Familie praktisch verschanze und mir die größte Mühe gebe, meine Eltern insbesondere von Vera und ihrer spitzen Zunge fernzuhalten, bezweifle ich das doch stark.
 

Gute zwei Stunden schaffe ich es noch irgendwie, meine Familie einigermaßen in Schach zu halten. Dann kommt Tasha irgendwann zu uns herüber, legt mir eine Hand auf den Arm und bedenkt mich mit einem warmen Lächeln, ehe sie sich an meine Eltern wendet und ihnen erklärt, wie froh sie über die Entscheidung ist, mich eingestellt zu haben. "Oliver ist eine absolute Bereicherung für unser Team", sagt sie und ich kann nichts gegen die Röte tun, die mir bei diesem Lob ins Gesicht kriecht. Trotzdem muss ich ebenfalls lächeln. Und als selbst mein Vater mich mit einem Ausdruck von Stolz, den ich sonst nur selten von ihm zu sehen bekomme, ansieht, fühle ich mich einfach nur großartig.
 

Tasha verabschiedet sich nach einem kurzen Seitenblick zu Vanessa, die ganz schön eifersüchtig aussieht, obwohl Tasha ja nun wirklich nichts weiter ist als meine Chefin. Trotzdem klebt Vanessa nach Tashas kurzem Besuch nur noch stärker an mir und ich schaffe es jetzt erst recht nicht mehr, ihre Hand von meinem Arm zu lösen. Immer wieder habe ich das Gefühl, Alyoshas brennende Blicke in meinem Rücken zu spüren, aber ich wage es jetzt definitiv nicht mehr, mich zu ihm umzudrehen und ihn anzusehen. Ich habe ein ganz mieses Gefühl in der Magengegend, wie eine schlimme Vorahnung, aber ich versuche es nach Kräften zu ignorieren. Ich will mir nicht den Abend davon kaputt machen lassen, dass ich mich unnötig verrückt mache.
 

Dass meine Ahnung nur allzu richtig und meine Sorge keinesfalls unnötig ist, merke ich keine zehn Minuten nach Tashas Weggang. Sie unterhält sich gerade mit Vera und ihrem Mann – Heinz, ein wirklich netter Mensch, den ich schon mal kennen gelernt habe, als er Vera abends abgeholt hat, um mit ihr Essen zu gehen – und ich zucke zusammen, als meine Mutter mich darauf aufmerksam macht, dass Alyosha auf dem Weg zu uns ist. Sofort fängt mein Herz an zu rasen und ich versuche ein weiteres Mal subtil, Vanessas Hand von meinem Arm zu lösen, aber ihr Klammergriff ist einfach zu fest.
 

Ich traue mich noch immer nicht, mich umzudrehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Alyosha hat die Traube um Vanessa und mich schon erreicht und der Blick, den ich auffange, lässt mich schwer schlucken. In seinen hellen Augen liegt ein undeutbarer Ausdruck, aber bevor ich etwas sagen kann, hat er sich auch schon mit dem gleichen charmanten Lächeln, mit dem er jeden Kunden um den Finger wickeln kann, an Vanessas und meine Eltern gewandt.
 

Ich bekomme jedoch nicht wirklich mit, was er genau zu ihnen sagt, denn in meinen Ohren rauscht das Blut. Und noch bevor ich in irgendeiner Form reagieren kann, ist Vanessas Hand doch endlich von meinem Arm verschwunden. Stattdessen zieht Alyosha mich zu sich und sieht mich wieder so intensiv an, dass in meinem Inneren alles zu kribbeln beginnt. Und im nächsten Moment küsst er mich. Mitten im Konferenzraum. In genau dem Konferenzraum, in dem wir uns vor vier Monaten zum ersten Mal geküsst haben. Und wie jedes Mal gehe ich auch jetzt fast schon reflexhaft auf den Kuss ein, erwidere ihn mit der gleichen verzweifelten Leidenschaft und komme erst wieder sehr unsanft in der Realität, in der wirklich jeder das hier gesehen hat, an, als Vanessa anfängt zu kreischen. Hektisch löse ich mich von Alyosha und trete einen Schritt zurück, wage aber nicht, mich nach meinen Kollegen und ihren Familien umzusehen.
 

"Deshalb wolltest du mich nie küssen! Von wegen warten bis zur Hochzeitsnacht!", schreit Vanessa mich an, holt aus und verpasst mir eine schallende Ohrfeige. Meine Wange brennt und mir schießen Tränen in die Augen, aber ich beiße die Zähne fest zusammen und schaffe es irgendwie, diese Tränen wieder hinunterzuschlucken. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll, aber ›grauenvoll‹ passt eigentlich ziemlich gut auf meinen aktuellen Gemütszustand.
 

Vanessa ist allerdings nicht die Einzige, die mich anschreit. Nach einer Schrecksekunde, während derer Frau Fischer einen Arm um ihre heftig schluchzende Tochter legt und sie eilig nach draußen führt, gefolgt von Herrn Fischer, der mich auf dem Weg aus dem Konferenzraum heraus mit einem furchtbar enttäuschten Blick bedenkt, so als könne er nicht glauben, was er da gerade gesehen hat, fängt auch mein Vater an, mich mit Vorwürfen und Beleidigungen zu überhäufen.
 

"Ich habe ja schon immer gewusst, dass du total verkorkst bist! Schon seit dieser Sache damals!", ereifert er sich und redet sich immer mehr in Rage, während ich einfach nur dastehe wie ein begossener Pudel und alles über mich ergehen lasse. Was soll ich auch sagen? Er hat ja Recht. Ich war immer einer dieser ›ekelhaften Perversen‹, wie er es – wieder einmal – bezeichnet. Und das werde ich auch immer sein. Keine Ehe und keine Vanessa der Welt könnten das ändern.
 

"Ich glaub's einfach nicht! Da hast du die perfekte Frau und dann so was! Mein eigener Bruder – eine dreckige Schwuchtel. Widerlich!", springt Henning Papa direkt bei und Ruth nickt zustimmend. "Ekelhaft", sagt sie angewidert. Ihr Gesicht ist von Abscheu verzerrt und sie macht zwei Schritt rückwärts, so als hätte ich eine schlimme Krankheit und als müsste sie Sicherheitsabstand zu mir wahren, um sich nicht damit anzustecken. Mama sagt gar nichts, aber sie sieht so entsetzt und enttäuscht von mir aus, dass mir das einen weiteren Stich versetzt, der noch schlimmer schmerzt als Vanessas Ohrfeige. Auch Alina schweigt, aber ihre Augen sind riesengroß und ihr Gesicht ist leichenblass. Mehrmals scheint es, als würde sie etwas sagen wollen, aber letztendlich schlägt sie doch nur die Augen nieder und bleibt stumm.
 

Daniel hingegen schüttelt sich, als hätte er etwas unendlich Widerwärtiges gesehen. "Komm mir bloß nie wieder zu nah! Du bist ja ekelhaft!", blafft er mich an und im nächsten Moment schießen mir wieder Tränen in die Augen, weil er mich anspuckt. Mitten im Konferenzraum, vor allen meinen Kollegen, spuckt mein kleiner Bruder mir verächtlich auf den Pullover. "Ich will dich nie wiedersehen!", zischt er mir zu, dreht sich auf dem Absatz um und stürmt aus dem Raum.
 

Ich bin so geschockt und gelähmt von dem, was hier gerade passiert, dass ich absolut nichts unternehmen kann. Ich registriere auch nur am Rande, dass Tasha mit entschlossenen Schritten zu mir kommt, mir eine Hand auf die Schulter legt und sich dann zwischen mich und meinen Vater schiebt, der noch immer Verwünschungen auf mich ausstößt, die ich durch das Rauschen in meinen Ohren kaum mehr wahrnehme.
 

"Sie unterlassen dieses Geschrei auf der Stelle und verlassen sofort das Gebäude. Ansonsten werde ich die Polizei verständigen und Sie wegen Beleidigung, Ruhestörung und Hausfriedensbruch anzeigen." Tashas Stimme klingt leise, aber unverkennbar drohend. Für mich ergeben ihre Worte zwar gerade keinen wirklichen Sinn, aber für meinen Vater scheinbar schon, denn er wirft mir noch einen verächtlichen Blick zu und legt dann seinen Arm um Mamas Schultern.
 

"Glaub bloß nicht, dass du trotz deiner Verfehlungen heute noch nach Hause kommen kannst! Noch mal kannst du uns solche Lügen nicht auftischen! Mir ist egal, wo du von jetzt an schläfst, aber unter meinem Dach dulde ich so etwas wie dich nicht!" Damit schiebt er Mama nach draußen. Henning und Ruth folgen meinen Eltern auf dem Fuß und Ruth packt Alina, die kurz zögert, grob am Oberarm, um sie mit sich zu zerren.
 

Mich trifft noch ein letzter, von Abscheu geprägter Blick Ruths, dann fällt die Tür des Konferenzraums hinter meiner Familie zu und lässt mich mit meinen Kollegen und der Gewissheit, dass alle Ängste und Befürchtungen, die ich jemals hatte, gerade wahr geworden sind, alleine. Ich habe keine Familie mehr. Ich kenne meinen Vater nur zu gut. Er wird mich ganz sicher nicht wieder zu Hause herein lassen, auch wenn ich ihn auf Knien anflehe. Nicht nach dem, wovon er gerade Zeuge geworden ist.
 

Nach diesem Ausbruch meiner Familie wage ich nicht, irgendjemandem hier im Raum in die Augen zu sehen. Ich schäme mich unsäglich, deshalb halte ich meinen Blick auf den Teppich gesenkt. In meinem Kopf dreht sich alles und es bleibt nur Platz für einen Gedanken: Warum? Alyosha hat mir in den vergangenen Monaten wieder und wieder versichert, dass er mich versteht und dass er bereit ist zu warten. War das alles nichts weiter als eine Lüge?
 

Als meine Gedanken an diesem Punkt ankommen, blicke ich doch wieder auf. Alyosha steht noch immer neben mir und beobachtet mich mit einem unergründlichen Ausdruck in den Augen. Ich habe keine Ahnung, was er gerade denkt, aber ich muss einfach wissen, warum er das getan hat. Warum hat er mich so vor meiner Familie und Vanessa bloßgestellt? Was hat er davon?
 

"Warum, Alyosha?", frage ich erstickt und merke zu meinem Entsetzen, wie meine Stimme bricht und meine Sicht verschwimmt. "Warum hast du das getan?" Ich verstehe das einfach nicht. Hat er mich wirklich in den letzten vier Monaten nur belogen? Hat er das hier vielleicht sogar geplant? Hat er nur auf eine Gelegenheit für die ultimative Erniedrigung gewartet? Falls ja, dann hat er sein Ziel auf jeden Fall erreicht.
 

"Jetzt musst du dich nicht mehr verstecken. Jetzt bist du frei. Du solltest mir dankbar sein." Alyoshas Antwort auf meine Fragen ist wie eine weitere Ohrfeige. Dankbar? Er erwartet, dass ich ihm dankbar bin? Wofür? Dafür, dass er mich gerade meine Familie gekostet hat? Dafür, dass ich jetzt niemanden mehr habe – nicht mal mehr ein Zuhause? Dafür, dass ich nicht den leisesten Hauch einer Ahnung habe, wie es jetzt weitergehen soll? Dafür soll ich dankbar sein?
 

Ich kann Alyosha nach seinen Worten nur ungläubig anstarren. Der Mann, der mir in den letzten Monaten so vertraut geworden ist, ist ganz plötzlich ein Fremder. Diesen Mann – den Mann, der von mir offenbar ernsthaft Dankbarkeit erwartet dafür, dass er mein ganzes Leben mit einem einzigen Kuss in einen Scherbenhaufen verwandelt hat – kenne ich nicht. Und ich bin mir mit einem Mal auch nicht mehr sicher, ob ich ihn überhaupt jemals gekannt habe. Vielleicht ist das hier ja der wahre Alyosha. Was weiß ich schon?
 

"Ich kündige. Fristlos", sind die ersten Worte, die mir nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens über die Lippen kommen. Alyosha sieht tatsächlich überrascht aus, aber ich kann ihn einfach nicht mehr länger ansehen, deshalb drehe ich mich von ihm weg und wende mich an Tasha. Die Blicke meiner anderen Kollegen und ihrer Familien, die immer noch anwesend sind und diese ganze Katastrophe mitansehen mussten, ignoriere ich, so gut ich kann.
 

"Es tut mir leid", lasse ich Tasha wissen, dann mache ich auf dem Absatz kehrt und verlasse erst den Konferenzraum und dann die Agentur, solange meine eigenen Beine mich noch tragen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll, aber das ist mir im Moment auch egal. Ich will gerade einfach nur so viel Abstand wie möglich zwischen mich und dieses Gebäude bringen, wo ich bis gestern noch so viele schöne Erinnerungen und Erfahrungen gesammelt habe. Aber das ist jetzt vorbei. Ich kann nicht mehr dahin zurück. Nie wieder.
 

Ich kann spüren, wie mir beim Gedanken daran, Tasha und Nikita und auch Antoine, Vera, Enzo, Kimmy, Ida und Dan aufzugeben, wieder Tränen in die Augen steigen. Aber dieses Mal halte ich sie nicht auf. Ich lasse sie einfach über meine Wangen laufen und mache mir nicht mal die Mühe, sie wegzuwischen. Warum auch? Hier ist im Moment sowieso niemand, der mich so sehen könnte. Und wenn schon. Was macht das jetzt noch aus? Gar nichts.
 

Wie lange ich einfach nur durch die Dunkelheit wandere, weiß ich nicht. Ich kann den Weg kaum erkennen und mein Zeitgefühl ist mir völlig abhanden gekommen. Ich lande erst wieder unsanft in der grässlichen Realität, als mich eine Hand sanft am Arm festhält und so verhindert, dass ich einfach ohne festes Ziel weiterlaufe. "Hier bist du, Oliver", holt mich Idas Stimme aus meiner Trance und als ich mich ihr zuwende, liegt auf ihren Lippen ein mitfühlendes Lächeln.
 

"Komm. Du kannst erst mal bei uns schlafen", bietet sie an. "Ich habe mit den anderen gesprochen und wir haben beschlossen, dass wir dich nicht alleine lassen werden. Und morgen, wenn du erst mal etwas Schlaf hattest, werden wir planen, wie es weitergeht", fährt sie fort und zieht mich mit sanfter Gewalt mit sich, als ich mich nicht sofort in Bewegung setze. Betäubt folge ich ihr und bin absurd erleichtert, als wir am Ende der Straße einen Kombi ansteuern und nicht zurück zum Parkplatz der Agentur laufen müssen. Das hätte meine Kräfte jetzt bei weitem überstiegen.
 

Ida stellt mir noch kurz ihre Partner – Freya, Matthis und Ayaz – vor, dann schiebt sie mich neben Freya auf die Rückbank des Kombis. Matthis, der vorne auf dem Fahrersitz sitzt, dreht sich zu mir um und sieht mich fragend an. "Gibst du uns eben deine alte Adresse? Dann fahren wir noch schnell deine Sachen abholen", sagt er und ich schaffe es kaum, an dem Kloß in meinem Hals vorbei die Anschrift meiner Familie zu nuscheln. Matthis dreht sich wieder nach vorne um und folgt den Anweisungen, die Ayaz, der die Adresse bei Google Maps eingegeben hat, ihm nennt.
 

Die Fahrt rauscht größtenteils an mir vorbei. Die Vier unterhalten sich zwar leise, aber mir stellt dankenswerterweise niemand Fragen. Ich wüsste auch nicht, ob ich derzeit in der Lage wäre, irgendwelche Antworten zu geben, die Sinn machen. In meinem Kopf herrscht gleichzeitig Hochbetrieb und gähnende Leere und ich weiß absolut nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich bin solche Fürsorge von Menschen, die mich eigentlich kaum bis gar nicht kennen, einfach nicht gewöhnt und habe daher keine Ahnung, wie ich reagieren soll.
 

Keine zwanzig Minuten später lande ich unsanft wieder in der Realität, als der Kombi vor dem Haus meiner Eltern anhält. Ida, Freya, Matthis und Ayaz schnallen sich ab und steigen gemeinsam mit mir aus. Ida und Freya nehmen mich wie vorhin im Auto fast schon schützend in ihre Mitte, während Matthis und Ayaz sozusagen die Vorhut und das Schlusslicht bilden. Matthis drückt auf die Klingel und als mein Vater die Tür öffnet, grinst er ihn unbekümmert an.
 

"N'Abend. Wir sind bloß hier, um Olivers Zeug zu holen. Wir stören auch nicht lange", sagt er lässig und schiebt sich einfach an meinem fassungslosen Vater vorbei, ohne eine Einladung oder auch nur eine Antwort abzuwarten. "Komm, Oliver", sagt Ida sanft, hakt sich bei mir ein und zieht mich mit sich ins Innere des Hauses, als meine Füße sich weigern, sich unter dem wütenden Blick meines Vaters auch nur einen einzigen Schritt vorwärts zu bewegen.
 

Als Papas Blick auf Ayaz fällt, der als Letzter das Haus betritt, verziehen sich seine Lippen verächtlich. Es ist nicht zu übersehen, was er denkt, aber Ayaz beachtet meinen Vater gar nicht, sondern folgt gemeinsam mit Matthis einfach nur Ida, Freya und mir zu meinem Zimmer. Dort angekommen nimmt Freya ihren Rucksack ab und fördert eine Menge Stoffbeutel aus dem Inneren zutage. "Na, ist es wirklich so schlecht, immer Taschen dabei zu haben?", wendet sie sich neckend an ihre Partner und Matthis lacht leise.
 

"Ist ja gut. Ich werd mich nie wieder darüber lustig machen", verspricht er hoch und heilig, dann schnappt er sich die ersten paar Taschen und fängt ohne Umschweife damit an, meinen Kleiderschrank auszuräumen, während die anderen mit dem Rest, der sich in meinem Zimmer befindet, weitermachen. Ich beobachte das Ganze vollkommen überfahren und muss mir selbst erst einen mentalen Tritt verpassen, ehe ich mich aus meiner Starre lösen und mir ebenfalls eine der Taschen nehmen kann. Mechanisch räume ich ein, was mir vor die Finger kommt, ohne wirklich wahrzunehmen, was ich da überhaupt einpacke.
 

Ein leises Räuspern von der Zimmertür her lässt mich innehalten und ein Blick über meine Schulter offenbart Alina, die sich an den Türrahmen drückt. Sie wirft einen sichernden Blick in Richtung Wohnzimmer, ehe hastig sie mein Zimmer betritt. Zwei Schritte vor mir bleibt sie stehen und reckt mir ihre geballte Faust entgegen. Ich bin etwas verwirrt, aber als ich meine eigene Hand ausstrecke, öffnet sie ihre Finger und im nächsten Moment purzelt Vanessas Verlobungsring in meine Handfläche. "Sie hat ihn weggeworfen. Du kannst ihn sicher verkaufen. Du wirst das Geld brauchen", sagt sie leise, dreht sich eilig um und ist im nächsten Moment auch schon wieder aus meinem Zimmer verschwunden.
 

Ich starre eine volle Minute auf den goldenen Ring in meiner Hand, dann trete ich zu meinem Nachttisch und hole die Schatulle mit ›meinem‹ Verlobungsring heraus. Ich öffne sie, lasse Vanessas Ring hineingleiten und schiebe das geschlossene Kästchen dann zu dem anderen Zeug in die Tasche, die mittlerweile schon ziemlich voll ist. Alina hat nicht Unrecht. Jetzt, wo ich keinen Job mehr habe, werde ich wirklich jeden Cent brauchen können.
 

Bevor mir beim Gedanken an das, was vorhin passiert ist, wieder die Tränen kommen können, atme ich einmal tief durch und räume dann auch noch den Rest aus meinem Nachttisch. Dann greife ich unter meine Matratze und hole die Briefe an Simon, die ich dort schon seit knapp zwei Jahren verstecke, heraus. Alles wandert in die Tasche und bis ich damit fertig bin, haben Ida, Matthis, Ayaz und Freya auch meine Schränke und die Kommode vollständig leer geräumt. Nichts in diesem Raum deutet jetzt noch darauf hin, dass es bis heute morgen noch mein Zimmer war. "Wir können", lasse ich die Anderen wissen und Ida hakt sich wie schon vorhin bei mir ein. Freya, die zwei der vollgestopften Taschen trägt, tritt an meine andere Seite und Matthis und Ayaz, die die restlichen Tüten schleppen, folgen uns.
 

Meine Eltern sind beide im Flur, als wir das Haus zu fünft wieder verlassen. "Einen scheußlichen Abend noch", wünscht Matthis, der dieses Mal das Schlusslicht bildet, heiter. "Wer sich seinem eigenen Kind gegenüber so engstirnig und arschig verhält, hat keine schönen Abende mehr verdient", findet er und lacht laut, als mein Vater die Tür krachend hinter uns ins Schloss wirft. "Dein Vater ist ein homophobes, rassistisches Arschloch", teilt er mir mit, was ich schon seit Jahren weiß, und ich nicke nur. Ganz kurz zucken meine Mundwinkel, aber für ein richtiges Grinsen reicht es nicht aus. Im Moment glaube ich irgendwie auch nicht, dass ich jemals wieder genug Energie zum Lächeln oder Grinsen übrig haben werde.
 

Eine gute Stunde später finde ich mich auf einer Schlafcouch in der Wohnung wieder, die Ida, Freya, Ayaz und Matthis sich teilen. Die Vier haben sich gemeinsam in eins der Schlafzimmer zurückgezogen. Ich bin gleichzeitig vollkommen fertig, total erschlagen von den Ereignissen des heutigen Tages, und viel zu wach. An Schlaf, das weiß ich, wird in dieser Nacht nicht zu denken sein. Nicht nach allem, was passiert ist. Dafür drehen sich meine Gedanken viel zu sehr im Kreis. Nur an Alyosha zu denken verbiete ich mir rigoros. Das tut einfach zu weh – so weh, dass ich mich schlussendlich auf den Bauch drehe, mein Gesicht in das geborgte Kissen presse und meinen Tränen schon wieder freien Lauf lasse.
 

Ich bleibe insgesamt fast zwei Wochen bei Ida und ihren Partnern. Es fällt mir schwer, mich in diesem neuen Leben, das ich so nie gewollt habe, zurechtzufinden. In den ersten vier, fünf Tagen bekomme ich überhaupt nichts hin. Ich gehe nicht zu meinen Vorlesungen, sondern bleibe einfach nur auf der Schlafcouch hocken und starre blicklos aus dem Fenster. Solange ich es schaffe, an gar nichts zu denken, ist alles einigermaßen erträglich. Aber so kann es nicht ewig weitergehen, das ist mir klar. Allerdings kann ich mich einfach nicht dazu aufraffen, mehr als nur das Allernötigste zu tun. Selbst zum Essen müssen die Vier mich beinahe zwingen.
 

Es ist Ayaz, der mich schlussendlich aus meiner Lethargie reißt. Am fünften Tag nach meiner Ankunft setzt er sich nachmittags, nachdem er Feierabend hat, zu mir auf die Schlafcouch und sieht mich mit seinen dunklen Augen so lange an, bis ich ihm endlich doch meine volle Aufmerksamkeit zuwende. "Meine Familie hat sich von mir losgesagt, als sie von der Sache mit Matthis erfahren haben. Dass es auch Ida und Freya gibt, hat sie nicht weiter interessiert. Sie waren viel zu angewidert davon, dass ich tatsächlich auch mit einem Mann zusammen bin", sagt er leise. Er wartet allerdings keine Erwiderung meinerseits ab, sondern spricht gleich weiter.
 

"Es ist scheiße und hart und es tut weh, aber es ist deine neue Realität. Und du musst lernen, damit zu leben. Das ist schwer und schmerzhaft, das leugne ich gar nicht. Du wirst oft straucheln und du wirst dir unzählige Male wünschen, dass es wieder so wäre wie früher. Aber das wird es nie wieder. Ich sage das nicht, um dich zu verletzen. Ich sage das, um dir zu helfen. ›Was wäre, wenn …?‹-Gedanken ziehen dich nur noch mehr runter. Du brauchst jetzt ein Ziel. Geh wieder zur Uni. Nimm dein Studium wieder auf. Du hast zu hart dafür gearbeitet, um das schleifen zu lassen."
 

Zaghaft lächelt er mich an, aber ich kann diese Geste nicht erwidern. Das scheint er allerdings auch gar nicht zu erwarten. "Es wird nicht von einem Tag auf den anderen besser. Aber es wird Schritt für Schritt bergauf gehen – wenn du denn diesen ersten Schritt machst. Das kann niemand für dich tun. Wir möchten dich gerne unterstützen, aber wir können dein Leben nicht für dich leben. Das kannst nur du. Und du bist stärker als du jetzt gerade glaubst."
 

Wieder trifft mich ein kleines Lächeln. "Es wird schwere Zeiten geben, aber auch gute Zeiten. Du wirst hin und wieder verzweifelt oder wütend sein. Du wirst heulen und schreien und alles kurz und klein schlagen wollen. Aber du wirst auch wieder lachen. Vielleicht noch nicht heute und morgen, aber irgendwann. So ist das Leben. Manchmal ist die größte Scheiße, der einem passiert, eine riesige Chance. Und manchmal ist die Scheiße einfach nur Scheiße. Das kann man aber erst wissen, wenn man sich durch diese Scheiße durchgekämpft und sie hinter sich gelassen hat. Von vorne und mittendrin sieht es halt alles einfach nur wie Scheiße aus."
 

Obwohl ich es eigentlich nicht will, biegen sich meine Mundwinkel nach diesen Worten doch nach oben. Zwar nur minimal, aber es ist ein Anfang. Ein erster Schritt, sozusagen. Gut, es ist ein sehr wackliger Schritt, aber der erste Schritt ist ja immer der schwerste, nicht wahr? "Du hast Recht", murmele ich und muss mich erst mal räuspern. Man merkt meiner Stimme definitiv an, dass ich sie in den letzten Tagen nicht wirklich benutzt habe. "Morgen gehe ich wieder zu meinen Vorlesungen. Und dann sollte ich mir eine Wohnung suchen. Ich kann euch schließlich nicht ewig auf der Tasche liegen", beschließe ich und Ayaz' Lächeln vertieft sich noch etwas.
 

"Genau darüber wollten wir sowieso mit dir sprechen. Eine Freundin von Freya will zu ihrem Freund ziehen und sucht jemanden, der ihre Wohnung übernimmt. Laut Freya ist sie absolut winzig, aber sie ist bereits möbliert und hat einen Balkon. Und sie ist auch nicht allzu teuer. Freya hat die Nummer des Vermieters von ihrer Freundin bekommen. Vielleicht kannst du sie dir ja einfach mal unvoreingenommen ansehen. Und wenn es nicht passt, findest du etwas anderes", schlägt er vor und ich nicke.
 

"Das klingt gut", stimme ich zu und kann fühlen, wie sich ein winzig kleines bisschen Hoffnung in mir breit macht. Nach der Leere und dem Abgrund der letzten Tage ist das mehr als ungewohnt und ich wage nicht, mir zu viel davon zu versprechen, aber Ayaz hat wirklich Recht. Ich kann mich nicht bis in alle Ewigkeit hier bei ihm und seinen Partnern verkriechen. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass ich lerne, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
 

Und, beschließe ich, ich werde damit anfangen, dass ich die Verlobungsringe verkaufe, wie Alina mir vorgeschlagen hat. Ich habe zwar noch einiges gespart von dem, was ich in der Agentur verdient habe – dadurch, dass ich bislang noch bei meiner Familie gewohnt habe, habe ich keine großen Ausgaben gehabt –, aber die Ringe brauche ich nun wirklich nicht mehr. Sie sind nichts weiter als eine unangenehme Erinnerung, die ich nur zu gerne loswerden möchte. Und wenn ich damit vielleicht schon einen Teil meines neuen Lebens finanzieren kann, dann erfüllen sie zumindest noch einen Zweck.
 

Tatsächlich bin ich am nächsten Morgen pünktlich an der Uni und in meinen Vorlesungen. Ich organisiere mir die Unterlagen der Tage, die ich verpasst habe, kopiere mir die Mitschriften einiger hilfreicher Kommilitonen und bringe mich erst mal auf den neuesten Stand. Und am Nachmittag mache ich mich in der Innenstadt auf die Suche nach einem Goldankauf, um die Ringe zu verkaufen. Ich hole mir verschiedene Angebote ein und verkaufe die Ringe schließlich dort, wo ich das Meiste für sie bekomme. Zwar liege ich trotzdem deutlich unter dem Preis, den ich damals beim Juwelier bezahlt habe, aber das hatte ich auch nicht anders erwartet. Und jetzt, wo ich die Ringe los bin, fühle ich mich mit einem Mal ein ganzes Stück leichter.
 

Innerhalb der folgenden Woche vereinbare ich einen Termin mit dem Vermieter der Wohnung, in der Freyas Freundin aktuell noch wohnt. Wobei Silja, wie Freya mir erzählt, als sie mich zu dem Termin fährt, eigentlich schon beinahe bei ihrem Freund eingezogen ist. Ihre Sachen hat sie schon alle komplett mit zu ihm genommen. Sie ist nur alle paar Wochen überhaupt in der Wohnung – was ja der Grund ist, warum sie sie komplett aufgeben möchte. Der Vermieter Herr Petrosch ist sehr nett und auch wenn die Wohnung nur zwei wirklich kleine Zimmer, eine ebenso winzige Küche und ein Bad nur mit Dusche hat, ist sie preislich trotzdem unschlagbar.
 

Herr Petrosch und ich werden uns recht schnell einig und nur zwei Tage, nachdem ich den Mietvertrag unterschrieben habe, helfen Matthis, Ayaz und Freya mir auch schon beim Einzug. Ida ist wegen eines neuen Auftrags in der Agentur sehr eingespannt und kann nicht mithelfen. Bei der Erwähnung der Agentur zucke ich zusammen, beiße mir hart auf die Unterlippe und versuche, den schmerzhaften Stich zu ignorieren, den mir das Wissen verschafft, dass dieser Teil meines Lebens inzwischen auch unter ›Vergangenheit‹ läuft. Aber das kann ich nicht ändern. Nicht nach allem, was passiert ist. Es ist wirklich höchste Zeit, das hinter mir zu lassen und nach vorne zu schauen.
 

Dazu gehört auch, mich nach einem neuen Job umzusehen. Ewig werde ich von meinen Ersparnissen schließlich nicht leben können. Allerdings fällt es mir schwer, mir vorzustellen, mich in einer anderen Werbeagentur oder etwas ähnlichem zu bewerben. Ich weiß nicht, ob ich dafür schon bereit bin. Aus diesem Grund bin ich auch sehr erleichtert, als mir der Zufall in Gestalt einer Kommilitonin zu Hilfe kommt. Mona beschwert sich in der Mensa bitterlich darüber, dass es in dem Coffeeshop, in dem sie jobbt, derzeit drunter und drüber geht, weil Personal fehlt. Ein kurzes Gespräch später habe ich mich mit ihr für den frühen Abend nach den Vorlesungen verabredet, um sie zu diesem Coffeeshop zu begleiten und zu schauen, ob der Job vielleicht etwas für mich ist. Und zu Beginn der dritten Woche, seit mein Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde, habe ich einen neuen Job als Barista, meine erste eigene Wohnung, und auch in meinem Studium bin ich wieder auf dem aktuellen Stand.
 

Wie Ayaz mich gewarnt hatte, habe ich gute und schlechte Tage. Manchmal schwankt meine Stimmung sogar mehrmals am Tag. Meistens bin ich einfach nur froh, wenn ich nach den Vorlesungen und meinen Schichten im Coffeeshop in meiner Wohnung in mein Bett fallen kann und sofort einschlafe. Die Nächte, in denen ich keinen Schlaf finde, sondern stundenlang wach liege, an die Decke starre und an all das denke, was ich verloren habe, sind die schlimmsten.
 

Ich vermisse meine Familie, auch wenn ich genau weiß, dass sie wahrscheinlich froh sind, mich los zu sein, und dass mich nie so akzeptieren würden, wie ich nun mal bin. Der beste Beweis dafür ist wohl Daniel. Nachdem ich mich aufgerafft hatte, mein Studium wiederaufzunehmen, war ich an einem vorlesungsfreien Dienstagmorgen an Daniels und Alinas Schule – eine Aktion, die ich im Nachhinein nur als riesige Dummheit meinerseits bezeichnen kann.
 

Sobald mein Bruder mich am Zaun erkannt hat, hat er mich über den halben Schulhof hinweg angeschrien. "Verpiss dich bloß! Mit so einem widerlichen Arschficker wie dir will ich nichts zu tun haben!", hat er so laut gebrüllt, dass alle seine Mitschüler, die gerade auch auf dem Hof waren, uns angestarrt haben. "Weißt du, was du tun solltest? Du solltest dich am besten heute noch umbringen. In die Hölle kommst du sowieso. Und so bist du schon früher da und ich muss deine ekelhafte Visage nie wieder ansehen."
 

Seinem Gesichtsausdruck nach hielt Daniel das für eine ganz tolle Idee. Ich hingegen konnte kaum glauben, was ich da gehört habe. Ich fühlte mich einfach nur taub und leer und bin ohne eine Erwiderung gegangen. Ich habe nicht einmal versucht, Alina zu kontaktieren. Von ihr auch noch solche oder ähnliche Dinge zu hören hätte mir den Rest gegeben. An diesem Dienstag habe ich mich – nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal – in den Schlaf geheult. Seitdem versuche ich, jegliche Gedanken an meine Familie zu vermeiden, aber leider gelingt mir das nicht immer.
 

Beinahe zwei Monate lang schwanke ich immer wieder zwischen ›Es ist, wenn auch nicht wirklich gut, so doch wenigstens okay‹ und ›Ich ertrage das einfach nicht mehr‹. Ich bin froh, dass ich schon seit Jahren sehr gut darin bin, meinen inneren Aufruhr hinter einer ruhigen Fassade zu verbergen. Ich habe immer noch sporadischen Kontakt zu Ida, Matthis, Freya und Ayaz, aber ich will die Vier nicht noch weiter mit meinen Problemen belästigen. Zwar schaffe ich es nicht, sie anzulügen und ihnen weiszumachen, dass es mir gut geht, aber zumindest glauben sie mir, dass ich jeden Tag so nehme, wie er kommt, und irgendwie weitermache.
 

Samstags ist im Coffeeshop jede Woche die Hölle los. Das ist einer der Gründe, warum ich persönlich die Samstagsschichten ganz besonders mag. Es ist ungemein anstrengend, aber das bedeutet auch, dass ich nach Feierabend normalerweise so erschöpft bin, dass ich direkt einschlafe, kaum dass ich die Decke über mich gezogen habe. Und in solchen Nächten träume ich üblicherweise auch nicht, was wiederum bedeutet, dass mein Schlaf nach einer Samstagsschicht fast immer deutlich erholsamer ist als an anderen Tagen.
 

Mit den Gedanken schon dabei, am Sonntagmorgen erst ein bisschen auszuschlafen, bevor ich meine Unterlagen für die kommende Woche durcharbeiten werde, kritzele ich den Namen des Kunden, der gerade zur Theke getreten ist, auf den Einwegbecher, ohne ihm wirklich ins Gesicht zu sehen. Es ist so viel los, dass ich auch den einzelnen Namen, die ich notiere, keine große Beachtung schenke. Dafür fehlt schlicht und ergreifend die Zeit. So erlebe ich eine mehr als unangenehme Überraschung, als Mona mir die letzten drei Ordern zuschiebt. Zwei Kundinnen habe ich sehr schnell mit ihren Kaffees versorgt. Als ich den dritten Namen lese, stocke ich kurz und schüttele dann innerlich über mich selbst den Kopf.
 

"Für Simon?", frage ich in die Runde, doch als der so Angesprochene von dem Tisch, an dem er auf seine Bestellung gewartet hat, aufsteht, habe ich das Gefühl, einen Geist zu sehen. "Ja, hier", sagt er und beim Klang der Stimme, die ich seit drei Jahren nicht mehr gehört habe – nicht seit diesem Januartag, als er mir zusammen mit seinem neuen Freund begegnet ist –, schlucke ich hart, versuche aber trotzdem, professionell zu bleiben.
 

"Hier, bi–", fange ich an, aber als ich Simon doch noch richtig ins Gesicht sehe, schaffe ich es einfach nicht, weiterzusprechen. Stattdessen kann ich fühlen, wie ich blass werde, und der Kaffeebecher fällt mir aus meinen plötzlich taub gewordenen Fingern. Der Kaffee verteilt sich teils auf dem Tresen, teils auf dem Boden dahinter, und ich bemerke abwesend, dass auch ein paar Spritzer des heißen Gebräus auf meiner Jeans landen. Das alles registriere ich aber nur wie durch Watte. Ich kann mich nicht rühren und lande erst wieder ausgesprochen unsanft in der Realität, als Mona mir ihren Ellbogen in die Rippen stößt.
 

"Entschuldigung, es geht gleich weiter", sagt sie an die Schlange am Tresen gewandt und bedenkt Simon dann mit einem entschuldigenden Lächeln. "Den Kaffee ersetzen wir selbstverständlich. Einen kleinen Moment noch, bitte", sagt sie. Simon nickt nur, aber sein Blick hängt weiterhin an mir und er sieht mich an, als sei er sich nicht sicher, was genau mein Problem ist.
 

Bevor er eine Frage stellen kann, drückt Mona mir ein Tuch in die Hand, damit ich die Sauerei, die ich gerade verursacht habe, beseitigen kann. Und sobald der Ansturm etwas abgeflaut ist, staucht sie mich direkt zusammen, aber das kann ich ihr nicht mal übel nehmen. Heute ist so viel zu tun und ich sorge für noch mehr Arbeit, einfach weil ich jemanden wiedersehe, mit dem ich hier ganz und gar nicht gerechnet habe. Was in aller Welt macht Simon hier?
 

"Mensch, Olli, was war denn gerade los mit dir?", holt Monas Frage mich aus meinen Selbstvorwürfen und ich kann sehen, wie Simon, der sich gerade umdrehen und zu seinem Tisch zurückgehen wollte, mitten in der Bewegung innehält. Ungläubig schaut er zu Mona und mir herüber, und als er ein mehr als überrascht klingendes "Oliver?" von sich gibt, schlucke ich hart, riskiere einen vorsichtigen Blick über den Tresen hinweg und nicke verlegen.
 

"Die Welt ist wirklich ganz schön klein", ist Simons Antwort darauf, aber da ich nicht weiß, was ich dazu sagen könnte, bleibe ich stumm und widme mich einfach nur weiter dem Wegputzen des Kaffeeflecks. Dabei atme ich unwillkürlich auf, als ich höre, wie Simons Schritte sich doch wieder entfernen. Ich wische die braune Pfütze vom Boden und vom Tresen, aber gegen die Flecken auf meiner Jeans kann ich im Moment nicht viel machen. Das muss warten, bis ich wieder zu Hause bin.
 

Nachdem ich mit dem Putzen fertig bin, gebe ich mir die größte Mühe, mich als Ausgleich für meine Tolpatschigkeit so nützlich wie möglich zu machen. Ich räume die Auslage mit den Snacks auf, nehme Bestellungen entgegen und gebe sie aus. Dabei hoffe ich die ganze Zeit, dass Mona Simon zu sich ruft, sobald sein Kaffee fertig ist, und dass ich ihm nicht noch mal unter die Augen treten muss. Aber natürlich kommt es ganz anders.
 

"Hier. Bring das mal eben zu dem Kunden, der gerade deinetwegen so lange warten musste." Damit bekomme ich Simons Ersatz-Kaffee in die Hand gedrückt und wünsche mich ans andere Ende der Welt. Allerdings sagt Monas ungnädiger Blick mir deutlicher als alle Worte der Welt, dass sie nicht zulassen wird, dass ich mich vor der Verantwortung für meinen Patzer drücke.
 

Ich atme tief durch, dann mache ich mich mit zögerlichen Schritten auf den Weg zu Simons Tisch. Sein Blick ist aus dem Fenster gerichtet und ich warte ein paar Sekunden, aber er bemerkt mich nicht. Aus diesem Grund räuspere ich mich leise und kann nur mit allergrößter Mühe verhindern, dass mir auch der zweite Kaffeebecher aus der Hand fällt, als Simon mich ohne Vorwarnung direkt ansieht. Seine Augen, stelle ich abwesend fest, sind noch genauso sturmgrau wie früher.
 

"D-dein … dein Kaffee", nuschele ich kaum hörbar, und stelle mit zitternden Fingern eilig den Becher auf die Tischplatte, bevor mir doch noch ein weiteres Unglück passiert. Noch mehr Ärger brauche ich heute wirklich nicht. Trotzdem kann ich ein Zusammenzucken nicht verhindern, als Simon mich ansieht. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich erwarte, aber das, was er schlussendlich zu mir sagt, war es definitiv nicht. "Danke, Oliver", bekomme ich zu hören und kann ihn nur aus großen Augen anstarren. Mit Ausnahme seines kleinen Bruders war Simon früher fast der Einzige, der mich nie ›Olli‹ genannt hat – einfach aus dem Grund, weil er wusste, dass ich das nicht besonders mag.
 

"Wofür?", erkundige ich mich verdutzt und Simon hebt mit einem Schmunzeln auf den Lippen den Kaffeebecher an. "Für den Kaffee", beantwortet er meine unglaublich dumme Frage und ich versuche zu lächeln, aber das gelingt mir einfach nicht. Stattdessen, fürchte ich, wird nur eine ziemlich merkwürdige, misslungene Grimasse daraus.
 

"Ich … muss dann jetzt … wieder arbeiten", murmele ich entschuldigend und mache, dass ich wieder zurück hinter den sicheren Tresen komme. Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich mich Simon gegenüber verhalten soll. Über drei Jahre lang habe ich ihn nicht gesehen. Und alles, was davor passiert ist und von dem ich dachte, dass ich darüber hinweg bin, ist plötzlich wieder so präsent, dass ich ungemein froh bin, als Mona mich nach hinten schickt, damit ich schon mal mit den Vorbereitungen für morgen anfangen kann. Wahrscheinlich will sie nur keine weiteren Ausfälle meinerseits provozieren, aber das ist mir nur recht. Ich verschwinde schleunigst im hinteren Bereich und verrichte meine Arbeit besonders akribisch. Mehr Grund für Kritik will ich Mona heute wirklich nicht geben.
 

Als ich endlich Feierabend habe, ist Simon schon längst wieder weg. Gemeinsam mit Mona kümmere ich mich noch um die letzten Aufräumarbeiten und während sie die Maschinen für morgen schon mal vorbereitet, bringe ich noch eben den Müll raus. Dann verlassen wir gemeinsam den Coffeeshop. Und zeitgleich mit dem Zufallen der Tür ist auch meine Schonfrist vorbei, denn Mona sieht mich neugierig an. "Sag mal, was war denn da heute los mit dir? Du bist doch sonst nicht so schreckhaft. Und so gruselig war der Typ nun auch wieder nicht. Eigentlich sah der ziemlich cool aus", überfällt sie mich und ich schlucke hart.
 

"Das … war ein ehemaliger Klassenkamerad von mir. Ich hab ihn seit über drei Jahren nicht mehr gesehen und das hat mich ziemlich überrascht", gebe ich zu und bete inständig, dass ich mich damit nicht ungewollt verraten und mehr über mich preisgegeben habe, als ich wollte. Aber scheinbar ist mir zumindest jetzt das Glück hold, denn Mona findet daran offensichtlich nichts Ungewöhnliches. Stattdessen nickt sie einfach nur. "Okay, dann ist das irgendwo verständlich. Sah er denn früher so anders aus?", bohrt sie neugierig weiter und ich schüttele den Kopf.
 

"Nicht wirklich." Gut, so spitz gefeilt wie heute waren Simons Nägel früher nicht, aber er hat sie schon zu unserer gemeinsamen Schulzeit hin und wieder mal schwarz lackiert – immer dann, wenn es ihm gelungen ist, seinen Nagellack vor seinem Vater zu verstecken. Pfarrer Schwarz hat es gar nicht gerne gesehen, dass Simon so etwas ›Weibisches‹ getan hat, aber das hat Simon in keinster Weise gestört. Er hat jeden Ausbruch seines Vaters diesbezüglich einfach ignoriert – so, wie er alle Anweisungen seines Vaters ignoriert hat, die ihm nicht gefallen haben. Ich weiß noch ganz genau, wie sehr ich das immer an ihm bewundert habe.
 

"Dann verstehe ich aber wirklich nicht, warum dich das so wahnsinnig erschreckt hat." Mona legt den Kopf schief und bedenkt mich mit einem fragenden Blick. Ich zucke nur mit den Schultern und hoffe, dass sie mir nicht ansieht, wie unangenehm mir dieses Thema eigentlich ist. "Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, ihn heute hier zu sehen. Ich war nur etwas überfahren, das ist alles", wiegele ich hab und bekomme dafür einen weiteren skeptischen Blick. Zum Glück lässt sie das Thema dann aber doch endlich ruhen und schwenkt stattdessen auf eine Hausarbeit um, die sie für die übernächste Woche noch fertigmachen muss und bei der sie etwas feststeckt. Ich nicke an den entsprechenden Stellen, murmele hier und da eine Zustimmung und trage ansonsten nicht mehr viel zu der Unterhaltung bei.
 

Ich bin regelrecht erleichtert, als die Bushaltestelle endlich in Sicht kommt. Mona nimmt zwar die gleiche Buslinie, aber sie fährt in die entgegengesetzte Richtung. Ich verabschiede mich noch kurz von ihr, dann sprinte ich los, um meinen eigenen Bus nicht zu verpassen. Und als ich es endlich bis nach Hause in meine kleine Wohnung geschafft habe, bin ich einfach nur noch vollkommen erschöpft. Ich entledige mich meiner Kleidung und stopfe sie in den Wäschekorb mit dem festen Vorsatz, morgen zu waschen. Dann statte ich dem Bad noch einen kurzen Besuch ab, ehe ich ins Bett krieche. Und als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich endlich alleine bin und in meinem Bett liege, kommen all die Erinnerungen, an die ich nicht denken will, wieder hoch. Dieses Mal quälen mich jedoch nicht die Gedanken an meine Familie, sondern all das, was zwischen Simon und mir passiert und schief gelaufen ist. Abgrundtief seufzend stelle ich mich auf eine weitere schlaflose Nacht ein. Zum Glück ist morgen Sonntag.

18/19 Jahre III

Meine nächste Begegnung mit Simon findet auf den Tag genau vier Wochen nach unserem ersten Treffen im Coffeeshop statt – und damit genau an dem Tag, an dem Alyosha sehr zu meinem Leidwesen herausfindet, wo ich arbeite. Ich bin gerade mit meiner Schicht durch und bringe den Müll nach draußen, als ich von hinter mir eine Stimme höre, die mich sofort erstarren lässt. "Moy zaychik." Nur diese zwei Worte, aber sie reichen vollkommen aus, um die Wunde, die sich gerade minimal geschlossen hatte, wieder aufzureißen. Obwohl ich es nicht will, beginne ich zu zittern und mich überschwemmen Erinnerungen daran, wie oft er mir diese Worte ins Ohr geflüstert hat. Ich weiß immer noch nicht, was sie bedeuten, aber sie nach all der Zeit wieder zu hören tut einfach unsagbar weh.
 

"Oliver …", kommt es seltsam flehend von Alyosha, als ich nicht reagiere, aber ich drehe mich auch jetzt nicht zu ihm um. Ich kann ihn einfach nicht ansehen. Das übersteigt meine Kraft gerade bei weitem. Ich fühle mich, als könnte ich jeden Moment einfach so zusammenbrechen. Unglücklicherweise steht Alyosha genau zwischen mir und dem Ausgang der Sackgasse, in der unsere Mülltonnen stehen. Um zu meinem Bus zu kommen, werde ich also definitiv an ihm vorbeigehen müssen. Aber wie, frage ich mich, soll ich das schaffen, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich nicht von der Stelle rühren kann?
 

"Nein!" Ich weiß nicht, wie ich es schaffe, dieses eine Wort über die Lippen zu bringen. "Ich will nicht mit dir sprechen. Geh bitte", fordere ich Alyosha auf, aber, denke ich zynisch, natürlich ignoriert er diese Aufforderung meinerseits vollkommen. "Lass uns reden", sagt er stattdessen, ohne mein hektisches Kopfschütteln zu beachten. Ich will nicht mit ihm reden, verdammt! Ich will ihn nie wiedersehen und am liebsten einfach nur vergessen, dass ich ihm jemals begegnet bin und dass er mir für ein paar Monate die Illusion dessen gegeben hat, was ich mir immer gewünscht habe. Ich hätte eigentlich damals schon wissen müssen, dass das zu gut war, um wahr zu sein. So ist es doch immer in meinem Leben. Das, was ich mir wünsche, bekomme ich höchstens für ein paar flüchtige Augenblicke. Behalten kann ich es nie.
 

Mit einer Mischung aus Verzweiflung, Schmerz und Wut drehe ich mich doch noch zu Alyosha um. Wieder verschlägt mir sein Anblick kurz die Sprache, aber ich zwinge mich, nicht darauf zu achten, wie gut und gleichzeitig irgendwie fertig er aussieht. "Lass mich endlich in Ruhe!", fauche ich ihn stattdessen an und lehne mich an die Wand in meinem Rücken, weil mir unter dem Blick dieser hellen blauen Augen trotz allem, was zwischen uns passiert ist, schon wieder ganz anders wird. Alyosha tigert unruhig am Anfang der Sackgasse hin und her.
 

"Oliver, moy zaychik, bitte lass mich doch erklären", fleht er mich förmlich an. Wieder zerwühlt er seine Haare wie an dem Abend im Konferenzraum, an dem alles seinen Anfang genommen hat, und auf meinen Lippen erscheint ein bitteres Lächeln. Hätte ich damals schon gewusst, dass meine Dummheit der Anfang vom Ende war, hätte ich sie trotzdem begangen? Oder wäre ich klüger gewesen und hätte mich rechtzeitig verzogen? Hätte ich auf all das, was zwischen uns passiert ist, verzichtet, um mir den aktuellen Herzschmerz zu ersparen?
 

Mitten in diese Überlegungen hinein höre ich eine Stimme, mit der ich hier und heute absolut nicht gerechnet habe. "Hier steckst du, Oliver. Da kann ich vorne ja lange auf dich warten", sagt Simon und klingt ganz so, als wären wir verabredet gewesen. Alyosha würdigt er keines Blickes. Stattdessen sieht er mich unverwandt an. "Bist du soweit?", wirft er mir praktisch einen Rettungsring hin und ich bin tatsächlich verzweifelt genug, diese unerwartete Hilfe anzunehmen. Ohne Alyosha irgendeine Erklärung zu liefern, wer Simon ist und warum er hier offenbar auf mich gewartet hat, dränge ich mich an der Wand entlang auf Simon zu. Dabei bemühe ich mich, so gerade und aufrecht wie möglich zu laufen und Alyosha nicht sehen zu lassen, wie sehr sein Auftauchen hier mich aus der Bahn geworfen hat.
 

Simon lotst mich bis zu einem Parkplatz in der Nähe und dort zu einem pechschwarzen Wagen, der ihm scheinbar gehört. Ich versuche, ihm zu erklären, dass ich zurück zur Bushaltestelle muss, aber das lässt er nicht gelten. Stattdessen beschließt er, mich nach Hause zu fahren. Und in dem Moment, in dem er mir erklärt, dass er mich auch ein Stück von ›zu Hause‹ entfernt absetzen kann, damit mir seinetwegen kein Ärger mit meiner Familie blüht, schießen mir wieder Tränen in die Augen. "Ich … wohne nicht mehr bei meinen Eltern", gestehe ich leise und wage es nicht, Simon dabei anzusehen. Was mag er jetzt von mir denken, wo ich hier wie ein Häufchen Elend vor ihm stehe und beinahe anfange zu heulen?
 

Was auch immer er denken mag, er sagt nichts, sondern öffnet einfach nur die Beifahrertür für mich und wartet, bis ich eingestiegen bin, mich angeschnallt und ihm meine neue Anschrift genannt habe. Dann startet er seinen Wagen und ich wende mein Gesicht schnell dem Beifahrerfenster zu, damit Simon nicht sieht, dass ich die Tränen einfach nicht länger zurückhalten kann. Warum musste Alyosha ausgerechnet heute am Coffeeshop auftauchen? Und warum war Simon auch wieder da?
 

Während der gesamten Fahrt zu meinem neuen Zuhause fällt zwischen uns nicht ein einziges Wort. Simon sagt nichts und stellt auch keine Fragen und ich bin ihm absurd dankbar dafür. Trotzdem wage ich es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen – und das nicht nur, damit er nicht sieht, dass ich laut der Definition meines Vaters auch heute noch kein ›echter Junge‹ bin. Nicht wie meine Brüder, die beide ganz genauso geworden sind, wie er das immer wollte.
 

"Wir sind da", dringt irgendwann Simons Stimme in meine Gedanken und ich schrecke zusammen. Hastig wische ich mir über die Augen, obwohl ich ganz genau weiß, dass es dafür eigentlich schon längst zu spät ist. Simon sind die Tränenspuren in meinem Gesicht garantiert nicht entgangen, aber er ist ebenso taktvoll wie früher und stellt immer noch keine Fragen. Jedenfalls nicht die offensichtlichen Fragen, mit denen ich gerechnet habe. Stattdessen beobachtet er mich einfach nur einen Moment lang und legt dann den Kopf schief. "Willst du darüber reden?", unterbreitet er mir ein Angebot, mit dem ich ganz und gar nicht gerechnet habe. Überrascht erwidere ich seinen Blick, aber außer leichter Besorgnis – meinetwegen, geht es mir verwirrt durch den Kopf – kann ich in seinen dunkelgrauen Augen nichts weiter lesen.
 

Unsicher schlucke ich. "I-Ich weiß nicht", ringe ich mir ab und Simons nächste Worte sind so typisch für ihn, dass ich alle Vorsicht in den Wind schlage. "Deine Entscheidung, Oliver", lässt er mir den Freiraum, das Gespräch anzunehmen oder abzulehnen und ich kann nicht glauben, wie leicht mir die Entscheidung plötzlich fällt. Dennoch schaffe ich es nicht, verbal zuzustimmen, daher nicke ich nur zaghaft und mein Herz beginnt zu rasen, als Simon sich daraufhin tatsächlich abschnallt und aussteigt. Ich tue es ihm gleich, nehme ihn mit in meine Wohnung und biete ihm dort erst mal Ersatz für den Kaffee an, den er im Coffeeshop gekauft, aber gerade in seinem Auto vergessen hat, ehe ich mich mit ihm in mein Wohnzimmer setze.
 

Genau dieser Kaffee ist es schließlich, der die Stimmung endgültig zum Kippen bringt. Simon macht mir ein Kompliment dafür, nachdem er ihn probiert hat, und in diesem Moment brechen bei mir endgültig alle Dämme. Ich schlinge meine Arme um meine angezogenen Beine, vergrabe mein Gesicht an meinen Knien und schäme mich unsäglich dafür, dass ich hier das heulende Elend gebe, obwohl ich Besuch habe. Was in aller Welt soll Simon denn jetzt von mir denken? Dafür ist er sicher nicht mit nach oben gekommen. Aber was, frage ich mich, will er dann hier? Warum hat er mich hergefahren und warum hat er mir angeboten, mit ihm zu reden? Wir sind keine Freunde mehr. Wir sind nichts mehr. Alles, was wir jemals waren, habe ich mit meinen dummen, panischen Worten vor drei Jahren komplett kaputtgemacht.
 

"T-Tut mir … leid", schluchze ich noch immer ohne aufzusehen und erschrecke mich im nächsten Moment halb zu Tode, als Simon ganz plötzlich nicht mehr wie eben noch im Sessel sitzt, sondern neben mir. Und wie damals, als ich wegen meiner Oma bei ihm war, nimmt er mich einfach nur kommentarlos in den Arm. So, als wäre das keine große Sache. Als wäre es selbstverständlich. Normal. So, als wäre es okay, auf diese Art Trost zu spenden. Und wie damals schon tut diese Umarmung einfach nur unglaublich gut – so gut, dass ich die Tränenflut jetzt erst recht nicht mehr stoppen kann.
 

Wie damals sagt Simon allerdings auch jetzt nichts dazu, dass ich ›flenne wie ein Mädchen‹ und mich ganz und gar nicht benehme wie ein ›echter Kerl‹. Er lässt es einfach nur zu, dass ich mich bei ihm ausweine, obwohl ich dazu eigentlich gar kein Recht mehr habe. Nicht nach allem, was ich ihm angetan habe. Nicht, wo er doch jetzt zu einem Anderen gehört – einem, der ihn so lieben kann, wie er das verdient hat. Einem, der ihm nicht nur dieses billige Imitat einer Beziehung geben kann, das er von mir bekommen hat, weil ich zu feige war und bin, zu meinen wirklichen Gefühlen zu stehen.
 

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich mich so gehen lasse und einfach nur in Simons Hemd heule. Er stößt mich jedoch nicht weg, obwohl ich das eigentlich verdient hätte. "Was ist los, Oliver?", fragt er einfach nur und seine Stimme klingt so sanft und verständnisvoll, dass ich mich unwillkürlich noch schlechter fühle. Wie kann er nach allem, was ich getan habe und was er meinetwegen durchmachen musste – ich habe keinesfalls vergessen, dass sein Vater ihm meinetwegen den Umgang mit Ruben untersagt hat –, trotzdem so unglaublich nett zu mir sein? Das habe ich wirklich nicht verdient.
 

"Ich weiß nicht … w-wo ich anfangen soll", murmele ich irgendwann, als ich mich endlich wieder einigermaßen unter Kontrolle habe, rücke ein Stück von Simon weg und hangele erst mal nach einem Taschentuch. Und dann, nachdem ich mir innerlich noch einen Ruck gegeben habe, beginne ich zu erzählen. Erst stockend, dann immer flüssiger kommen die Worte über meine Lippen. Ich erzähle Simon von meiner Familie, von meinem Studium, von Alyosha, von Vanessa und von dem Rauswurf, den Alyoshas Kuss provoziert hat. Simon unterbricht mich nicht ein einziges Mal, sondern lässt mich einfach nur reden, was mir gerade in den Sinn kommt.
 

Als ich bei Alyoshas Worten angelangt bin, mit denen er mir den Kuss zu ›erklären‹ versucht hat – ›Jetzt musst du dich nicht mehr verstecken. Jetzt bist du frei. Du solltest mir dankbar sein.‹ –, kann ich mir ein bitteres Geräusch nicht verkneifen. "Dankbar? Dafür dass er alles zerstört hat? Dafür, dass er mir meine Familie genommen hat? Dafür, dass meine Eltern jetzt von mir angewidert sind und dass Henning und Ruth nicht mehr mit mir reden? Und dafür, dass Daniel mir, als ich ein paar Tage später an seiner und Alinas Schule war, um mit ihnen zu sprechen, quer über den Schulhof an den Kopf geworfen hat, dass er mit mir ›widerlichem Arschficker‹ nichts mehr zu tun haben will und dass ich mich am besten gleich umbringen soll, weil ich ja sowieso in die Hölle komme? Dafür soll ich dankbar sein?", frage ich, wage es aber nicht, Simon anzusehen. Ich könnte es ihm nicht verdenken, wenn er das als ausgleichende Gerechtigkeit empfinden würde für das, was ich ihm damals angetan habe.
 

Aber das tut er nicht. "Er ist eindeutig zu weit gegangen. Da kann er definitiv keine Dankbarkeit von dir erwarten. Weder Alkoholkonsum noch Eifersucht rechtfertigen das", sagt er stattdessen sehr entschieden und ich sehe ihn auf diese Worte hin ungläubig an. Meint er das wirklich ernst? "Eifersucht?", frage ich zweifelnd nach und blinzele, um meine noch immer von Tränen verschleierte Sicht wieder etwas zu klären. Simon nickt nur. "So klingt das für mich. Er hat vorher gesagt, dass er dich versteht, aber er hat Vanessa und dich nie zusammen gesehen, oder?", erkundigt er sich und ich kann nur den Kopf schütteln.
 

"Nein." Das hat Alyosha ja wirklich nicht. "Dann war er angetrunken und eifersüchtig. Nicht unbedingt die beste Kombination für logische, durchdachte Entscheidungen. Aber auch alkoholbedingt verminderte Zurechnungsfähigkeit aufgrund von Eifersucht rechtfertigt in keinster Weise, was er dir angetan hat", findet Simon und ich kann ihn nur eine Weile stumm anstarren, ehe ich mich dazu durchringe, ihm zu erzählen, was weiter passiert ist.
 

Ich erzähle von meiner fristlosen Kündigung und davon, dass ich mir mehr aus Verzweiflung den Job als Barista gesucht habe. Jegliche Erwähnung von Ida und ihren Partnern und der Zeit, in der ich mich bei den Vieren praktisch verkrochen habe, spare ich allerdings aus. Darüber zu reden schaffe ich heute einfach nicht mehr. Ich fühle mich auch so schon total ausgelaugt. Und trotzdem kann ich nicht leugnen, dass es irgendwie auch gut getan hat, über alles zu reden, was in den letzten Monaten passiert ist.
 

"Wann hat dich das letzte Mal jemand so richtig in den Arm genommen?", überrascht Simon mich mit einer weiteren Frage, die ich nie erwartet hätte. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und versuche, die Erinnerung an die letzte Umarmung von Alyosha zu verdrängen. "Vor drei Monaten", gebe ich trotzdem mit belegter Stimme zu und versuche, die Tränen, die mir wieder in die Augen steigen wollen, zurück zu blinzeln. "Und davor … Vor drei Jahren. Du warst der Letzte, der mich jemals wirklich umarmt hat. Bevor … bevor ich mit dir Schluss gemacht hab", gebe ich leise zu und finde mich im nächsten Moment auch schon in einer weiteren Umarmung Simons wieder.
 

"Du kannst ruhig weinen", errät er meinen Gemütszustand genau wie früher und ich gebe der Verlockung nach, drücke mich ganz nah an ihn heran und klammere mich an seinem Hemd fest. Simons Finger in meinen Haaren und auf meinem Rücken tun einfach nur gut. Ich weiß, ich sollte das hier nicht tun, sollte ihn nicht so ausnutzen, sondern mich lieber entschuldigen und ihn wieder zu seinem Freund gehen lassen, aber ich schaffe es einfach nicht, ihn loszulassen. Stattdessen krieche ich förmlich in ihn hinein und heule mir die ganze Trauer, Verzweiflung, Wut und Angst der letzten Monate – oder vielmehr der letzten Jahre – von der Seele. Es tut so unglaublich gut, einfach festgehalten zu werden, dass ich die Tränen nicht aufhalten kann. Simon sagt nichts, sondern ist einfach nur da und dieses Wissen ist schmerzhaft und tröstlich zugleich.
 

Wie lange ich mir dieses Mal die Augen aus dem Kopf heule, kann ich hinterher nicht sagen. Irgendwann versiegen die Tränen endlich, aber ich mache keine Anstalten, Simon wieder loszulassen. Und obwohl er merken muss, dass ich nicht mehr weine, rückt er nicht von mir ab. Er hält mich einfach nur weiterhin fest. Ganz genau so, wie er es früher in so einer Situation auch immer getan hat. "Jetzt hab ich dich total voll geheult", nuschele ich peinlich berührt in den mittlerweile pitschnassen Stoff von Simons Hemd, aber er nimmt mir das scheinbar nicht übel.
 

"Nicht schlimm. Ruben macht das auch öfter", bekomme ich zur Antwort und versuche, die erneut aufwallenden Tränen aufzuhalten, aber das schaffe ich nicht. Es tut mir so unglaublich leid, dass Simon Ruben meinetwegen nicht mehr sehen darf. Und außerdem tut es weh zu wissen, dass Ruben, im Gegensatz zu Daniel, nie ein Problem mit Simons sexueller Orientierung hatte. Ruben würde seinem Bruder nie den Tod wünschen. Dafür liebt er ihn viel zu sehr. Und mein kleiner Bruder? Er hasst mich und ekelt sich vor mir – nur weil ich nicht mit Frauen schlafen will, sondern mich zu Männern hingezogen fühle.
 

Zu meiner grenzenlosen Erleichterung schaffe ich es dieses Mal schneller, mich wieder unter Kontrolle zu bringen. Um nicht in Versuchung zu kommen, mich noch länger wie eine Klette an Simon zu hängen, rücke ich ein Stück von ihm weg und versuche mich an einem Lächeln, das es allerdings nicht wirklich auf meine Lippen schafft. "Das … tat gut", gestehe ich verlegen, aber Simon übergeht die Peinlichkeit komplett. "Ich weiß", erwidert er schlicht und ich ringe einen Moment mit mir selbst, dann spreche ich doch endlich die Worte aus, die ich ihm schon seit drei Jahren unbedingt sagen will.
 

"Es tut mir so leid, Simon. Alles. Das hier heute und … und damals." Eigentlich habe ich noch viel mehr zu sagen, aber die Worte schaffen es einfach nicht über meine Lippen. Das ist wahrscheinlich die mieseste Entschuldigung aller Zeiten, aber Simon … lächelt einfach nur. "Schon okay", ist seine einzige Reaktion. "Ich kann's verstehen. Konnte ich damals schon. Und ich war nie wirklich sauer auf dich", fährt er fort und zieht eine Grimasse, die ich nur zu gut kenne. "Dasselbe kann ich allerdings nicht über ihn sagen", gesteht er mir und ich muss schlucken, um den Kloß, der sich bei seinen Worten in meinem Hals gebildet hat, loszuwerden.
 

"Dein Vater …", fange ich an, werde aber unterbrochen, noch ehe ich meinen Gedanken überhaupt zu Ende führen kann. "Onkel", berichtigt Simon mich und meine Augen weiten sich. "Onkel? Wie, Onkel?", frage ich völlig verwirrt. Simon streicht sich mit einem Seufzen ein paar Strähnen seiner immer noch langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, ehe er mich wieder ansieht. "Das hab ich letztes Jahr im Dezember erfahren", sagt er dann und schockiert mich damit nur noch mehr. "Da stand plötzlich der Bruder des Mannes, den ich als meinen ›Vater‹ kannte, vor meiner Tür und wollte mit mir reden und mich kennen lernen, weil ich sein Sohn bin."
 

Wieder verzieht Simon das Gesicht, aber ehe ich eine Frage formulieren kann, spricht er auch schon weiter. "Jürgen – so heißt mein leiblicher Vater – ist Ulrichs jüngerer Bruder und war mit meiner Mutter verlobt, bevor ich geboren wurde. Die beiden wollten eigentlich gemeinsam nach Venezuela auswandern, aber meine Mutter hat ein paar Wochen vor dem geplanten Abflugdatum gemerkt, dass sie mit mir schwanger war. Und anstatt ihrem Verlobten davon zu erzählen, hat sie einfach nur einen Rückzieher bezüglich der Auswanderung gemacht, aber nie eine Erklärung für die plötzliche Weigerung geliefert. Irgendwann haben sie sich so zerstritten, dass Jürgen schlussendlich ganz alleine nach Venezuela geflogen ist. Und in ihrer Verzweiflung darüber, dass sie unverheiratet und schwanger war, hat meine Mutter sich Ulrich anvertraut und der hat ihr angeboten, sie zu heiraten, damit ihr Kind einen Vater hat", führt er weiter aus und ich sehe ihm mehr als deutlich an, dass er lieber vaterlos aufgewachsen wäre als mit Pfarrer Schwarz als ›Vater‹.
 

Wenn ich dachte, dass mich diese Informationen schon schockieren, dann ist das doch ein Witz gegen das, was Simon mir als nächstes erzählt. "Aber die größte Ironie daran ist, dass ich vor einer Weile durch meinen leiblichen Vater erfahren habe, dass Ulrich eigentlich sehr viel verständnisvoller uns beiden gegenüber hätte sein können, wenn er nur gewollt hätte, weil er eigentlich nämlich selbst schwul ist", lässt er mich wissen und ich traue meinen Ohren kaum. Das kann doch wohl nicht wahr sein, oder? Pfarrer Schwarz soll … schwul sein? So wie … so wie Simon und … ich? Diese Worte klingen so seltsam, so falsch, dass ich Schwierigkeiten habe, sie zu glauben. Skeptisch sehe ich Simon an, aber er lacht mich nicht aus. Eigentlich wirkt er eher ziemlich angefressen, aber das kann ich ihm nicht verdenken. Wenn das wirklich wahr ist, dann …
 

"Ulrich und Jürgen waren früher auf einer reinen Jungenschule und da ist wohl was zwischen Ulrich und einem seiner Mitschüler gelaufen. Aber offenbar ist er nicht wirklich mit seinen Gefühlen und seinen Wünschen klar gekommen, also hat er wohl für sich selbst beschlossen, dass Schwule der ›Feind‹ sind", holt Simons Stimme mich wieder aus meinen wirren Gedankengängen. Ich brauche eine Weile, bis ich die Tragweite des Gesagten begreife. Aber als ich mich an den Blick erinnere, mit dem Pfarrer Schwarz Simon und mich damals bedacht hat, als er uns im Lager erwischt hat, beginnt plötzlich alles, auf grässliche Art und Weise einen Sinn zu machen, den ich früher nie sehen konnte. Ich habe mich so oft gefragt, ob er seinen Sohn wirklich so sehr gehasst hat, dass er ihm und mir mit dieser Aktion weh tun wollte, aber jetzt, nach Simons Erläuterung, erschließen sich mir Zusammenhänge, die ich früher nicht gesehen habe. Und jetzt begreife ich auch, welche Emotion ich damals neben der Abscheu noch in seinen Augen gesehen habe: Eifersucht.
 

"Das heißt, er … er hat meinen Eltern damals nur davon erzählt, weil er … weil er neidisch war? Auf uns? Weil wir glücklich miteinander waren? Wie krank ist das denn?!", bringe ich irgendwie heraus und weiß nicht, ob ich geschockt, stinksauer, beides oder gar nichts von beidem bin. "Er hat versucht, dein und mein Leben zu ruinieren, nur weil er uns das nicht gegönnt hat, was er sich selbst nicht erlauben wollte? Ich fass es nicht!", mache ich meinem Ärger Luft und an Simons Lippen zupft ein winziges Schmunzeln.
 

"So ungefähr hab ich auch reagiert. Nur vielleicht nicht ganz so zurückhaltend", gesteht er mir und sieht tatsächlich etwas verlegen aus, als ich ihm einen fragenden Blick zuwerfe. "Ich hab die Fernbedienung meiner Anlage mit voller Wucht an die Wand gepfeffert und damit Jürgen und Murray halb zu Tode erschreckt. Ich war unglaublich wütend und kurz davor, mich in meinen Wagen zu schmeißen und zu Ulrich zu fahren, um ihn zur Rede zu stellen. Es hat verdammt lange gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte." Was ich, wenn ich ehrlich bin, nur zu gut nachvollziehen kann.
 

Simon lehnt sich an die Rückenlehne meiner Couch und scheint einen Moment in seine Erinnerungen abzutauchen. "Weißt du, nach diesem Scheiß, den er sich damals geleistet und der zu unserer Trennung geführt hat, hab ich nachts, nachdem Ruben in meinem Bett eingeschlafen war, ein paar Klamotten gepackt und bin abgehauen", erzählt er mir dann mit einem etwas verunglückten Lächeln, was ich durch Ruben eigentlich schon weiß. Ich komme allerdings nicht dazu, etwas in der Art zu erwähnen. "Ich bin mit dem Zug nach Holland gefahren. Dahin, wo wir im Jahr vorher auf Klassenfahrt waren. Allerdings hatte ich kein Geld für ein Herbergszimmer, also hab ich am Strand geschlafen. War ja warm genug in den Sommerferien."
 

Diese Eröffnung schockiert mich. Ich habe mich immer gefragt, wohin Simon wohl verschwunden sein könnte. Ich habe mir das Hirn zermartert, aber auf Holland wäre ich nie im Leben gekommen. Dabei war die Woche, die wir dort verbracht haben, wirklich die bis zu dem Zeitpunkt schönste Zeit meines – und, wie Simon mir irgendwann kurz nach der Klassenfahrt gestanden hat, auch seines – Lebens. Genau deshalb wollten wir ja damals zusammen auf diese Ferienfreizeit fahren.
 

"Die Nächte waren schon schön. Die Tage hingegen weniger. Ich bin ein paar Mal fast von der Polizei erwischt worden. Zum Glück sprechen viele ältere Holländer Deutsch. Und die, die kein Deutsch verstehen, verstehen meistens Englisch. Ich hab mich mehr oder weniger gut durchschlagen können, bis die Polizei mich irgendwann dummerweise doch noch aufgegriffen hat. Und da ich leider meinen Ausweis dabei hatte und es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vermisstenanzeige gab, wurde ich natürlich wieder nach Deutschland zurückgebracht."
 

Bei diesen Worten erdrückt mich mein schlechtes Gewissen beinahe. "Das war nicht deine Schuld", kommt Simon meiner Entschuldigung energisch zuvor und sieht mich eindringlich an, ehe er weiterspricht und mir erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass er schlussendlich von zu Hause ausgezogen ist. Einen Teil dieser Geschichte kenne ich zwar schon durch Ruben, aber jetzt Simons Sicht zu hören ist etwas ganz anderes. Und als er mit dem Umgangsverbot endet, das Pfarrer Schwarz über seine beiden Söhne, von denen offenbar nur einer wirklich sein Sohn ist, verhängt hat, wage ich es kaum, Simon anzusehen. Er mag zwar sagen, dass das nicht meine Schuld war, aber wenn ich damals nicht so leichtsinnig gewesen und Simon ins Lager gefolgt wäre – oder wenn ich einfach nur auf ihn gehört und ihn früher wieder gehen lassen hätte –, dann wäre das alles nie passiert.
 

"Er hatte schon immer das Talent, mit seinen Strafen ganz genau da zu treffen, wo es besonders weh tut." Simons Lippen verziehen sich zu einem bitteren Lächeln, das mir an ihm ganz und gar nicht gefällt. "Wie mies ist das denn? Ruben und du, ihr wart doch immer … Ihr habt doch immer extrem aneinander gehangen", murmele ich, schlucke hart und schaffe es nicht, Simon weiterhin anzusehen. Das Wissen, dass mich zumindest eine Mitschuld an dieser Strafe trifft, ist alles andere als leicht zu ertragen.
 

"Zum Glück hatte ich Hilfe, so dass ich mich hin und wieder doch mal heimlich mit ihm treffen konnte", reißt Simon mich wieder aus meiner gedanklichen Selbstgeißelung. "Hilfe?", frage ich nach und Simon nickt mir zu. "Ja, von Flo", sagt er und lächelt. Als mir klar wird, wen er mit ›Flo‹ offenbar meint, senke ich den Blick und kann fühlen, wie ich rot werde. Ein wenig erwarte ich fast, dass Simon mich damit aufzieht, dass ich sicherlich aussehe wie eine reife Tomate, aber er tut nichts dergleichen. Stattdessen erzählt er mir einfach nur, wie sein Freund es geschafft hat, hinter dem Rücken von Pfarrer Schwarz dafür zu sorgen, dass Simon und Ruben zumindest heimlich weiterhin Kontakt miteinander halten und sich wenigstens ab und zu sehen konnten. Noch immer plagt mich mein schlechtes Gewissen, aber ich erlaube mir dennoch ein winziges Lächeln.
 

"Das ist wirklich nett von ihm", ist das Einzige, was mir dazu einfällt, und Simon nickt erneut. "Ja, Flo ist schon ein prima Kerl", erzählt er mir mit einem weiteren Lächeln. Ich hadere einen Moment mit mir, aber so ganz kann ich meine Neugier nicht im Zaum halten. "Seid ihr … immer noch zusammen?", frage ich peinlich berührt und schaue sicherlich sehr irritiert drein, als Simon das verneint. "Schon länger nicht mehr, nein. Wir sind mittlerweile nur noch befreundet. Flo hat schon seit einer Weile einen neuen Freund und ich …", beginnt er, beendet den Satz jedoch nicht.
 

Jedenfalls nicht sofort. "Ich bin seit ein paar Monaten wieder Single", sagt er schließlich und seine ganze Haltung drückt überdeutlich aus, dass das kein angenehmes Thema für ihn ist. "Ich war eine Weile mit einem Klassenkameraden meines Bruders zusammen. Jan. Aber ich war einfach nicht der Richtige für ihn, also hab ich mich von ihm getrennt", erzählt er weiter und das klingt wirklich alles andere als schön. Eigentlich hört es sich eher so an, als ob Simon mit der Trennung ganz schön hadert. Ich würde gerne mehr wissen, aber ich verkneife mir jegliche Nachfragen.
 

"Das klingt auch nicht besonders toll", kommentiere ich einfach nur und seufze abgrundtief. "Scheint, als hätten wir beide kein Glück in der Liebe, oder?", schiebe ich noch hinterher und bekomme ein mattes Nicken von Simon. "Sieht ganz so aus", sagt er und seufzt ebenfalls, aber nur kurz darauf verändert sich sein Gesichtsausdruck und er schmunzelt minimal. "Ich bin aber nicht komplett solo. Das hier ist mein Mitbewohner", teilt er mir mit, holt sein Handy hervor und sucht kurz etwas. Dann hält er mir das Handy hin und als ich einen vorsichtigen Blick auf das Display werfe, finde ich dort eine ganze Menge Bilder von einer ziemlich molligen grau-schwarz getigerten Katze. Unwillkürlich erinnere ich mich daran, dass Simon sich früher schon immer eine Katze gewünscht hat, aber sein Va- … sein Onkel hat ihm nie ein Haustier erlaubt. Und er hat seine Weigerung auch niemals in irgendeiner Form plausibel erklärt. Irgendwie schön zu wissen, dass Simon sich seinen Wunsch mittlerweile doch erfüllt hat.
 

Während ich anfange, die Bilder größer zu machen, damit ich sie besser betrachten kann, erzählt Simon mir von seinem ›Mitbewohner‹, der offenbar ein Kater namens Murray ist. Und er ist wirklich unheimlich niedlich. Aber mindestens genauso niedlich ist die Tatsache, dass Simon hunderte Bilder von seinem Kater auf dem Handy hat. Wenn man ihn so sieht, traut man ihm das gar nicht zu, aber seine Stimme klingt unheimlich warm, liebevoll und begeistert, wenn er von Murray erzählt. Es ist nicht zu überhören, dass er wirklich sehr an seinem pelzigen Mitbewohner hängt. Und das freut mich irgendwie ungemein.
 

Die Bilder schwanken zwischen zuckersüß und urkomisch. Scheinbar ist Murray wirklich gut darin, sich in irgendwelche Ecken zu quetschen, für die er eigentlich zu groß oder auch ein bisschen zu dick ist. Und Simon, scheint mir, nutzt jede sich bietende Gelegenheit, ihn dabei zu fotografieren. Aber das kann ich ihm nicht verdenken. Ich würde es an seiner Stelle wahrscheinlich nicht anders machen. Und ich muss gestehen, dass es schön ist, Simon so lebhaft zu sehen. Er gestikuliert ungewohnt ausladend, während er von den ›Abenteuern‹ seines Katers erzählt, und ich muss irgendwann tatsächlich so sehr lachen, dass mir wieder Tränen über die Wangen laufen.
 

"Das … klingt anstrengend … für dich", bringe ich mühsam heraus. Simon nickt gespielt betrübt und reizt mich damit gleich wieder zum Lachen. Das tut wirklich gut, das kann ich nicht leugnen. "Ist es auch. Aber ich würde es nicht ändern wollen. Ich bin froh, dass ich ihn aus dem Tierheim zu mir geholt hab", gesteht Simon, sieht mich einen Moment lang seltsam an und überrascht mich dann schon wieder. "Du kannst ja mal vorbeikommen und Murray kennenlernen, wenn du Lust hast", bietet er mir an und ich bin sicher, ich starre ihn auf diese Worte hin unglaublich dämlich an.
 

"Ist das dein Ernst?", frage ich unsicher nach und in meinem Hals bildet sich ein dicker Kloß, als Simon ohne zu zögern nickt. "Selbstverständlich. Sonst hätte ich das Angebot nicht gemacht", erwidert er und ich zögere kurz, ehe ich schließlich doch nicke. Dabei versuche ich zu lächeln, aber ich bin mir nicht sicher, ob mir das gelingt. "Wenn … wenn das für dich wirklich okay ist und ich dich nicht … störe", schränke ich ein und wundere mich ein bisschen über die wahnsinnige Erleichterung, die ich fühle, als Simon das gleich verneint. Kann ich echt so viel Glück haben, dass er mir das, was ich verbockt habe, tatsächlich nicht nachträgt und auch wirklich wieder Kontakt zu mir haben will? Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe.
 

"Tust du nicht", versichert Simon mir erneut und grinst ganz leicht. "Du solltest nur keine Klamotten tragen, an denen du keine Katzenhaare haben willst, wenn du bei mir vorbeikommst. Murray ist der Meinung, dass jeder, der meine Wohnung betritt, einzig und allein deshalb zu mir kommt, um ihn zu streicheln und nach Möglichkeit auch mit Leckerchen vollzustopfen. Schüchtern ist er ganz und gar nicht", werde ich informiert und kann mir ein leises Lachen nicht verkneifen.
 

"Du verstehst es wirklich, mir den Besuch bei dir schmackhaft zu machen", erwidere ich amüsiert und Simons Grinsen vertieft sich. "Was soll ich sagen? Ich bin halt einfach gut", kontert er und ich kann ihm da nur zustimmen. "Das warst du schon immer", lasse ich ihn wissen, aber ehe ich mich wieder in einer Spirale aus schlechtem Gewissen und Entschuldigungen verlieren kann, reicht Simon mir sein Handy. "Speicherst du mir deine Nummer ein?", bittet er mich und ich nehme das Handy etwas überfahren entgegen, um seiner Bitte nachzukommen. Dann rufe ich mich selbst kurz an. "So … hab ich auch direkt deine Nummer", nuschele ich überflüssigerweise und kann es Simon nicht mal verdenken, als er daraufhin ein wenig grinst. Das war aber auch wirklich offensichtlich.
 

Trotzdem neckt er mich nicht weiter, sondern schließt das Thema mit einem "Gut" ab, nimmt sein Handy zurück und tippt kurz darauf herum. Gleich danach vibriert mein Handy und als ich einen Blick auf das Display werfe, finde ich dort Simons Adresse. "Sag mir einfach Bescheid, wann's für dich am besten ist. Ich arbeite meistens in Wechselschichten, manchmal auch bis acht Uhr abends. Und hin und wieder muss ich auch samstags ran. Aber wir finden sicher einen Tag, wo es für uns beide passt", sagt er dann und klingt so ehrlich und zuversichtlich, dass ich ihn nur fassungslos anstarren kann.
 

"Was ist?", erkundigt er sich daraufhin amüsiert und ich muss mich erst mal räuspern. "Du … du meinst das wirklich ernst, oder? Du bist mir wirklich nicht böse. Und du … du willst wirklich wieder Kontakt zu mir, obwohl ich mich damals wie ein Feigling und ein … ein Arschloch benommen und dich – uns – so vehement verleugnet habe", kleide ich dann meine Zweifel in Worte, aber auch jetzt wird Simon nicht ärgerlich. Eher im Gegenteil. Sein Blick wird wieder ganz sanft und ich streiche mir fahrig durch die Haare.
 

"Ich hab dir das nie nachgetragen, Oliver", entgegnet er. "Das heißt nicht, dass es nicht weh getan hat. Aber mir war immer klar, warum du so gehandelt hast. Du hattest ja gar keine andere Wahl. Es gab immer nur eine Person, der ich das alles zum Vorwurf gemacht habe, aber das warst nie du. Wenn er uns nicht bei deinen Eltern angeschwärzt hätte, wäre das immerhin alles nie passiert. Aber Ulrich wollte mir unbedingt eins auswischen – einfach weil ich mich nie versteckt habe. Ich wusste schon mit dreizehn, dass Mädchen mich auf sexuellem Gebiet kein bisschen interessieren. Und er ist nie damit klargekommen, dass ich keinen Hehl daraus gemacht habe."
 

"Ich erinnere mich." Wie könnte ich auch nicht? "Ich hab dich immer beneidet. Ich wäre gerne auch so mutig gewesen wie du. Du hast dich von deinem Va- … von ihm nie unterkriegen lassen. Ganz egal, was auch immer er versucht hat, er ist gegen dich einfach nicht angekommen. Das hab ich immer unheimlich bewundert", lasse ich ihn wissen, was ich damals wahrscheinlich nie deutlich genug gemacht habe. Aber ich habe, was diese Sache betrifft, immer zu Simon aufgeblickt.
 

"Ich war immer schon stur. Deutlich sturer als er", sagt Simon darauf nur und mir entfährt ein Seufzen. "Ja, ich weiß. Er hat alles Mögliche versucht, um dir seine Meinung und seine Ansichten aufzuzwingen und du hast das alles einfach immer vollkommen ignoriert und überhört. Ich … ich hab mir oft vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich genauso mutig wäre und mich so gegen meine Eltern aufgelehnt hätte, aber ich hab mich nie getraut. Und als … nachdem dein … dein Onkel uns bei meinen Eltern angeschwärzt hat, hat Papa mir Stubenarrest gegeben. Zwei Wochen lang. Er hat mich fast permanent in meinem Zimmer eingeschlossen. Ich durfte nur zum Essen rauskommen oder wenn ich ins Bad musste."
 

Das ist das erste Mal, dass ich über diese Strafaktion spreche. Davon habe ich nicht mal Alyosha erzählt. Vielleicht, schießt es mir durch den Kopf, hätte ich das tun sollen. Möglicherweise hätte diese Katastrophe dann niemals stattgefunden. Aber, wie Ayaz mir gesagt hat, ›Was wäre, wenn …?‹-Gedanken bringen mich nicht weiter. Was passiert ist, ist passiert. Das lässt sich nicht mehr ändern – ganz egal, wie sehr ich mir das auch manchmal wünsche.
 

Simon sieht bei meinen Worten geschockt und, wenn ich mich nicht irre, auch verdammt wütend aus. Ich gebe ihm allerdings keine Gelegenheit, irgendwie zu reagieren, sondern spreche gleich weiter. "Und nachdem ich endlich wieder wieder raus durfte und mich auch vor die Tür getraut hab, hab ich von einer Telefonzelle aus bei euch zu Hause angerufen. Ich hatte Ruben dran und er hat mir dann erzählt, dass du weg warst. Er hat mir versprochen, dass er mir Bescheid gibt, wenn du wieder nach Hause kommst. Und das hat er auch gemacht. Ich … ich hab am ersten Schultag nach den Ferien auf dich gewartet, um mit dir zu reden, aber ich konnte dich nicht finden. Nach der fünften Stunde hab ich Herrn Tennhoff gefragt, wo du bist, und er hat mir erzählt, dass du umgezogen bist und die Schule gewechselt hast. Mehr wusste er auch nicht. Ich dachte damals, dass ich dich nie wiedersehen würde und mich nie bei dir entschuldigen könnte."
 

"Und dann hast du mich ausgerechnet mit Flo gesehen." Simon seufzt und ich kann das bittere Lächeln, das sich bei der Erinnerung auf meine Lippen legt, nicht unterdrücken. "Ja, das war … unschön", gebe ich zu und lasse meine Augen kurz durch das Wohnzimmer schweifen, ehe ich Simon wieder anblicke. "Es hat weh getan, euch beide zusammen zu sehen und zu wissen, dass er dir das geben konnte, was ich mich nie getraut hätte. Aber ich … ich war auch froh darüber, dass wenigstens du glücklich warst", gestehe ich leise und hoffe, dass Simon mir glaubt, dass ich diese Worte auch genauso meine, wie ich sie gesagt habe. Ja, es war schmerzhaft, ihn mit diesem Flo zu sehen und zu wissen, dass ich alles zwischen uns ruiniert hatte, aber ich war auch wirklich froh darüber, dass Simon meinetwegen nicht komplett den Glauben an die Liebe verloren hat. Das hätte ich wirklich nicht gewollt.
 

"Du warst schon immer verdammt selbstlos, Oliver", sagt Simon leise, aber das kann ich so nicht stehen lassen. "Das stimmt doch gar nicht", widerspreche ich daher, aber Simons Zeigefinger auf meinen Lippen hindert mich äußerst effektiv daran, noch mehr zu sagen. "Doch, tut es", beharrt er auf seiner Meinung. "Du hast dich immer für alle aufgeopfert und nie etwas dafür verlangt", schiebt er noch hinterher und ich würde das gerne verneinen, aber sein Finger liegt noch immer auf meinen Lippen und ich wage es irgendwie nicht, mich zu rühren oder ihn wegzuschieben.
 

"Und wenn das für dich okay ist, dann würde ich mich ab jetzt gerne öfter mit dir treffen. Wir haben immerhin drei Jahre aufzuholen", sagt er dann und bei diesen Worten kann ich nicht verhindern, dass mir wieder Tränen in die Augen steigen. Kann das wirklich so einfach sein? Kann Simon mir wirklich einfach so verzeihen, dass ich so viel kaputt gemacht und sein Leben in ein solches Chaos gestürzt habe? "Warum?", entfährt es mir zusammen mit einem Schluchzen und im nächsten Moment nimmt Simon mich schon wieder ganz fest in den Arm.
 

"Weil wir immer Freunde waren, seit unserer ersten Begegnung damals auf dem Flur vor dem Klassenzimmer. Und weil du einen Freund genauso gebrauchen kannst wie ich. Du hast mir gefehlt, Oliver", höre ich ganz nah an meinem Ohr und in Simons Stimme schwingt so viel Ehrlichkeit mit, dass ich gar nicht anders kann als ihm zu glauben. "Du … hast mir auch … gefehlt", schniefe ich und klammere mich noch stärker an ihm fest, lasse ihn jedoch sofort los, als er ein schmerzliches Zischen von sich gibt.
 

"I-Ich wollte dir nicht weh tun", stammele ich erschrocken und sehe etwas furchtsam in Simons Gesicht, aber er sieht nicht sauer aus. Stattdessen lächelt er einfach nur. "Alles okay. Ich war heute nur beim Nachstechen für mein Tattoo und du hast mich etwas unglücklich erwischt. Ist aber nicht so schlimm", lässt er mich wissen und ich sinke erleichtert in mich zusammen, was dazu führt, dass Simon mich direkt wieder zu sich zieht, so dass ich mich wie gerade an ihn lehnen kann. Dieses Mal bin ich allerdings vorsichtiger und lasse meine Hände einfach nur an seinen Seiten. Schließlich will ich ihm ganz sicher keinen Grund geben, das hier zu bereuen. Nicht jetzt.
 

Ich habe keine Ahnung, wie lange wir einfach so auf meiner Couch sitzen bleiben. Wir reden nicht mehr, aber gerade ist das auch gar nicht nötig. Für den Moment ist erst mal alles gesagt. Und alles Weitere können wir auch beim nächsten Mal besprechen, wenn wir uns sehen. Ich lasse mir diese Worte innerlich auf der Zunge zergehen. Beim ›nächsten Mal‹. Weil es ein ›nächstes Mal‹ geben wird. Weil Simon mich tatsächlich wiedersehen will. Weil er mich nicht hasst. Weil er wieder mit mir befreundet sein will. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was das für mich bedeutet.
 

Simon macht sich erst auf den Heimweg, als es draußen schon stockfinster ist. Sobald er seine Stiefel und seinen Mantel wieder angezogen hat, hält er mit der Türklinke in der Hand noch mal inne und dreht sich halb zu mir um. "Was hältst du von nächster Woche Samstag? Da hab ich frei", bietet er mir an und ich kann nichts gegen das Lächeln tun, das sich bei diesem Angebot auf meine Lippen legt. Aber das will ich auch gar nicht. "Gerne. Ich arbeite nächsten Samstag nur vormittags. Um zwei hab ich Feierabend", erwidere ich und nun lächelt auch Simon.
 

"Gut. Ich hol dich ab, okay? Kann aber sein, dass mein Bruder und Chris auch da sind. Kommt drauf an, ob die beiden noch was anderes vorhaben. Ruben kommt meistens an meinen freien Samstagen für eine Weile vorbei", erklärt er mir und ich beiße mir auf die Unterlippe. "Würde ich da denn nicht irgendwie stören?", frage ich unsicher, aber Simon schüttelt direkt den Kopf. "Garantiert nicht. Du weißt doch, dass Ruben dich mag", sagt er, lässt die Türklinke los und zieht mich noch mal zu sich.
 

Ich zögere nur einen Sekundenbruchteil, dann kralle ich meine Hände in das Leder seines Mantels und vergrabe mein Gesicht noch ein letztes Mal für heute an seiner Brust. "Warum …?", frage ich nuschelnd und von Simon kommt ein leises Lachen. "Weil du ausgesehen hast, als würdest du noch eine Umarmung brauchen. Und weil ich ganz genau weiß, wie gut es tut, einfach mal in den Arm genommen zu werden", sagt er schlicht und dieser Logik kann ich nicht widersprechen. Simon hat ja Recht. Es tut wirklich verdammt gut, so festgehalten zu werden – so gut, dass es mir ungemein schwer fällt, ihn wieder loszulassen. Aber, sage ich mir, nächste Woche sehen wir uns ja schon wieder. Ich kann nicht verhehlen, dass ich mich jetzt schon darauf freue.
 

"Du solltest langsam wirklich los", murmele ich und Simon bedenkt mich mit einem letzten Lächeln, dann zieht er die Tür doch endlich auf und ist gleich darauf auch schon im Hausflur verschwunden. Ich widerstehe dem Drang, ihm nachzusehen. Stattdessen schiebe ich die Tür zu und räume erst mal die Kaffeetassen wieder in die Küche – hauptsächlich, damit ich nicht auf den Balkon trete und einen Blick auf den Parkplatz werfe, um nach Simons Auto Ausschau zu halten. Ich spüle die Tassen, trockne sie ab und stelle sie wieder zurück in den Küchenschrank. Danach gehe ich ins Bad, mache mich bettfertig und stutze beim Blick in den Spiegel nach dem Zähneputzen. Meine Augen sind rot und geschwollen, aber der Anblick ist für mich nichts Neues mehr. Was allerdings neu ist, ist das Lächeln, das trotz allem auf meinen Lippen liegt.
 

Ich bin inzwischen neunzehn Jahre alt und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit habe ich in meiner näheren Zukunft etwas, worauf ich mich wirklich freuen kann.


Nachwort zu diesem Kapitel:
So, ich hoffe, es hat euch gefallen. Freu mich immer über Feedback, aber das wisst ihr ja.
;)

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Auch hier wie immer: Freu mich über jegliches Feedback zu meinem Geschreibsel.

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Na, wer hat das nicht kommen sehen? Bitte einmal die Hände heben.
:D

Ich hab die beiden immer noch wahnsinnig lieb. Und ich möche mich gerne dafür schlagen, was ich sie noch durchmachen lasse. Ich bin eine elende Sadistin.
.____.

Feedback ist immer gerne gesehen.

Man liest sich.

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
*seufz*
Hach, sie sind ja so niedlich!
♥___♥
Macht das, was als nächstes kommt, irgendwie nur schlimmer. Ich bin so fies.
>___<

Feedback freut das Schreiberherz, also immer gerne her damit.
:)

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Feedback ist wie immer gerne gesehen.

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Das war's auch schon wieder. Tut Oliver euch auch so leid wie mir?
>__<

Feedback freut das Schreiberherz, also immer gerne her damit.

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Die nächsten Teile gibt's so nach und nach.

Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Man liest sich!

Karma
Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich hoffe, der (doch insgesamt ziemlich lange) Einblick in Olivers Innenleben hat euch gefallen. Würde mich freuen, wenn ihr mich wissen lasst, was ihr so denkt.

Man liest sich an anderer Stelle sicherlich mal wieder.

Karma
Komplett anzeigen

Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (2)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Q
2026-02-07T05:17:04+00:00 07.02.2026 06:17
Ok, das macht neugierig auf die fortsetzung. Gelungen.

Stilistisch würde ich die letzten Sätze etwas eindampfen:

"Jetzt kann die Schule gar nicht mehr so schlimm werden. Daran glaube ich ganz fest.
Ich bin zehn Jahre alt und ich glaube, ich habe gerade einen neuen Freund gefunden."

würde ich einstampfen zu:
"Jetzt kann die Schule gar nicht mehr so schlimm werden."

Begründung: Zweimal "glauben" in kurzer Zeit und der Leser ist ja nicht doof und versteht, dass so ein Angebot
eine ungemeine Erleichterung ist.
Antwort von: Karma
07.02.2026 08:36
Hupsi, ist mir beim Lesen gar nicht aufgefallen. Ich schaue am Sonntag noch mal drüber. Danke für den Hinweis und den Kommentar.
🙂
Von:  Aschra
2026-02-06T19:29:08+00:00 06.02.2026 20:29
Okay, das war wirklich sehr sehr niedlich.
Da ich aber so ein bisschen weiß wie es weitergehen wird, wird mir gerade das Herz ziemlich schwer.
Die beiden tun mir unheimlich leid und gerade Simon habe ich doch so unheimlich lieb.
Danke dir Süße 😘
Antwort von: Karma
06.02.2026 20:30
Ja, die beiden müssen noch durch einiges durch.
*beide knuddel*
Aber ich mach's wieder gut ... irgendwie ... glaube ich ...
-__-


Zurück