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Die Stadtmusikanten

Die, Die keiner wollte
von

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Mytheria

Es ist das Jahr 3 nach Bob.
 

König Bob selbst hatte diese Zeitrechnung eingeführt, und seitdem wurde gezählt – nicht mehr nach Sommern oder Wintern, was ohnehin schwierig geworden wäre, denn die Sommerfeen waren abgeschafft worden. An ihre Stelle trat eine neue Jahreszeit: Solena, eine Zeit, in der explodierendes Gold vom Himmel regnete und die Welt in flackerndem Glanz und Gefahr versank.
 

Seit drei Jahren gab es nun Tage, Wochen und Monate, sauber geordnet, ebenso wie Jahreszahlen.

Einige Monate waren vergangen, seit der Turm in der Geisterstadt spurlos verschwunden war – ebenso wie die verzauberten Dornen, die einst das Dorf ringsum bedroht hatten.

Und bereits ein ganzes Jahr war vergangen, seit Darius Glitzermoor die Herrschaft übernommen hatte. Unter seiner Regierung sammelten sich Gebildete ebenso wie Schurken, und die Schattenseite der Stadt wuchs größer und dunkler mit jedem Tag.
 

Doch all das war Eselmundorius herzlich egal.
 

Er war nicht klug, nicht einmal durchschnittlich – und dennoch schaffte er es immer, seine Arbeit zu erledigen. Er wusste nicht, wann er Geburtstag hatte, geschweige denn, wie lange er schon im Baronshaus arbeitete. Doch auch das spielte nun keine Rolle mehr, seit der Baron tot war und dessen Nichte alles übernommen hatte.
 

Sie war eine eitle Frau, die alles verkaufte, was sie für unnötig hielt. So auch Eselmundorius – oder „Esel“, wie sie ihn mit spöttischem Lächeln nannte, weil sie ihn für so dumm hielt wie eines dieser Tiere.
 

Das Baronshaus selbst war ein langgezogenes, nobles Gebäude mit hohen Fenstern und schweren Türen aus dunklem Holz. Seine Fassade wirkte stolz und unnahbar, als hätte sie bessere Zeiten gekannt und würde nun schweigend über ihren Verfall wachen. Im Inneren hallten Schritte wider, und der Geruch von Staub, alten Teppichen und längst vergangenen Festen lag in der Luft.
 

Die Nichte des Barons hatte lockiges Haar, stets perfekt frisiert, und ein Gesicht, das nie zufrieden schien. Ihre Stimme war scharf wie Glas, ihre Blicke voller Verachtung. Niemand mochte sie – weder die Dienerschaft noch die Händler, die ihr Haus betraten. Und doch herrschte sie über alles, kalt und selbstgefällig, als wäre die Welt einzig dazu da, ihr zu dienen.

Brieftaube außer Gefecht

Seit Tagen kamen Händler und holten Waren ab.

Die Nichte des Barons verkaufte alles, was nicht niet- und nagelfest war, um das Erbe in die Höhe zu treiben. Spiegel, Teppiche, Silberbesteck – sogar die Sklaven verschwanden einer nach dem anderen. Jeder Handschlag war ein Abschluss, jedes Lächeln ein Abschied.
 

„Bald sind wir dran. Wir sollten abhauen.“

Der junge Gärtner lehnte sich auf seine Schaufel und beobachtete, wie die Nichte einem Händler die Hand schüttelte.
 

„Wir sollten brav arbeiten“, murmelte Eselmundorius, während er Unkraut aus dem Boden zog.
 

Er war Ende dreißig, hatte graue Haare, schielte leicht und trug eine viel zu breite Hose, die nur von einem einzelnen Hosenträger gehalten wurde. Sein Blick war leer, aber friedlich.
 

„Bist du blöd?“ zischte der Gärtner. „Hier geht es uns gut – aber woanders werden sie uns nie so gut behandeln. Als Sklaven hat man Pech. Entweder wir fliehen oder wir sterben beim nächsten Verkauf. Ich gehe. Und du solltest das auch tun.“
 

Er legte sein Werkzeug ab und schlich davon, ohne sich umzudrehen.
 

Eselmundorius arbeitete einfach weiter, als wäre nichts geschehen.
 

Er jätete den Garten, half in der Küche, trug Kisten, schrubbte Böden. Er tat alles, was man ihm sagte – ohne nachzudenken. Denken war nie seine Stärke gewesen. In seiner Freizeit fütterte er die Vögel im Garten und genoss die Sonne auf einer alten Holzbank.
 

„Hey! Hilf gefälligst!“

Die Nichte stand im Türrahmen, während die letzten Möbel abtransportiert wurden.
 

„Habe Pause“, sagte Esel ruhig und streute weiter Körner aus.
 

„Habe ich richtig gehört?“ Ihre Stimme wurde scharf. „Du widersprichst mir?“
 

Sie trat näher und hob ihren Stock.

„Siehst du das?“ Sie deutete auf sein Armband. „Das zeigt, dass du ein verdammter Sklave bist. Und weißt du, was Sklaven tun? Arbeiten. Also beweg deinen Hintern, wenn du nicht ausgepeitscht werden willst.“
 

„Aber ich habe Pause“, erklärte er ruhig. „Wir müssen Pausen einhalten. Ich mache meine immer um Punkt zwölf. Bei dieser Bank.“
 

Einen Moment lang war sie sprachlos. Dann lachte sie kalt.

„Bist du dumm? An die Arbeit habe ich gesagt.“
 

Betrübt stand Esel auf und folgte ihr.
 

„So ein nutzloser Sklave bringt nichts ein“, murmelte sie genervt. „Aber egal. Gleich kommt der Händler, dann bin ich dieses Ungeziefer los.“
 

„Warte hier“, befahl sie und ließ ihn vor dem Eingang stehen.
 

Und Esel wartete.

Nicht ein oder zwei Minuten – sondern drei Stunden.

Er bewegte sich nicht, blinzelte kaum, stand einfach da.
 

Die Nichte lachte, als sie ihn später sah.

Wie dumm er doch war.
 

Doch dann kam der Händler.

Sie ging sofort hinunter – und Esel war verschwunden.
 

Stattdessen lag dort eine tote, weiße Taube.
 

„Wer war das?“ fauchte sie in die Runde.

Erst jetzt erkannte sie: eine Brieftaube.
 

Vielleicht endlich die Antwort, auf die sie gewartet hatte. Eine Liste. Das Vermögen. Die Wahrheit.
 

Doch als der Butler die Taube aufhob, war kein Brief da.

Keine Nachricht.

Nur ein gebrochenes Genick.
 

„Vielleicht war es dieser Idiot“, vermutete der Butler. „Der, der hier stundenlang stand. Und jetzt verschwunden ist.“
 

Die Nichte schnaubte.

„Das glaube ich nicht. Der ist zu dumm, um ein Brot zu schmieren. Wie soll er eine Taube töten? Oder einen Brief lesen? Er kann nicht mal seinen Namen schreiben.“
 

Das glaubte sie wirklich.
 

„Boss… Boss!“

Ein Diener rannte panisch auf sie zu.
 

„Alle Sklaven… sie… sie sind weg. Sie laufen einfach davon. Sie meinten, sie wurden freigekauft.“
 

„Schnappt sie!“ schrie sie. „Schnappt sie alle! Keiner darf entkommen! Und findet heraus, was hier vor sich geht!“
 

Eselmundorius konnte nicht lesen.

Er konnte nicht schreiben.
 

Und trotzdem rannte er mit einem breiten Lächeln und einem Brief in der Hand durch die Ackerfelder.
 

„Freiheit…“
 

Dann blieb er stehen.
 

„Was soll ich machen?“ fragte er sich und erinnerte sich an die Worte seines Meisters, als er ihm einst laut vorgelesen hatte – aus einem Buch, das Esel einfach mitgenommen hatte.
 

Lerne die Welt kennen.

Schau sie dir mit eigenen Augen an.
 

Esel nickte langsam und blickte in die Ferne.
 

Ein neues Abenteuer wartete.

Und eine große, unbekannte Welt.

Kalter Hund sagt Hallöchen

Eselmundorius lief einfach weiter.
 

Quer über die Felder, durch kniehohe Halme, über frisch gesetzte Reihen, die ordentlich hätten bleiben sollen. Früher hätte er aufgepasst. Früher hätte er sich entschuldigt, vielleicht sogar die Ähren wieder aufgestellt, als ließe sich das Ungeschehene rückgängig machen.
 

Jetzt war es ihm egal.
 

Der Brief steckte noch immer in seiner Tasche – schwerer, als Papier sein dürfte. Er hatte nicht hineingeschaut. Er wusste, dass er es nicht konnte, und außerdem hatte ihm niemand gesagt, dass er es sollte. Also lief er weiter. Die Sonne stand hoch, der Boden war warm, und irgendwo in der Ferne rief ein Vogel, der frei klang.
 

Esel lächelte.
 

Den Mann, der auf ihn zulief, bemerkte er erst, als es zu spät war.
 

Etwas Dunkles schoss auf ihn zu – hastig, unruhig, mit ständigen Blicken über die Schulter. Eine Aktentasche schlug gegen ein Knie, Schuhe platschten durch feuchte Erde. Der Mann sah nicht nach vorn.
 

Esel sah ihn schon.

Aber sein Körper war langsamer als seine Gedanken.
 

Er wollte ausweichen.

Er wollte stehen bleiben.

Er wollte irgendetwas tun.
 

Stattdessen krachte es.
 

„Autsch“, sagte Esel, als sie ineinanderprallten und beide stolperten.
 

Der Mann fluchte leise, fing sich jedoch schneller, richtete seine Brille und packte Esel am Kopf. Mit erstaunlicher Kraft drückte er ihn nach unten.
 

„Unten bleiben“, zischte er. „Und schön leise.“
 

Esel blieb unten.

Und leise.
 

Das kannte er.
 

Er hörte hastige Schritte in der Ferne. Gedämpfte Stimmen. Suchend. Metall klirrte. Jemand fluchte. Dann entfernten sich die Geräusche wieder.
 

Der Mann lockerte den Griff.
 

Esel hob langsam den Kopf.
 

Jetzt erst sah er ihn richtig: dunkle Haut, scharf geschnittenes Gesicht – und Augen. Auffallend gelb. Wie Bernstein im Schatten. So etwas hatte Esel selten gesehen. Vielleicht noch nie.
 

Der Mann atmete tief durch und ließ ihn los. Er musterte Esel, dann seufzte er erleichtert.
 

„Entschuldigen Sie“, sagte er.
 

Esel runzelte die Stirn.

„Das Sie können Sie gleich vergessen“, sagte er ruhig. „Solche Höflichkeit mag ich nich.“
 

Der Mann blinzelte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, verschwand aber schnell wieder. Die Anspannung blieb, wie ein Schatten unter der Haut.
 

„Schon gut“, sagte er. Dann zögerte er.

„Weißt du… ich bin auf der Flucht. Ich muss mich verstecken. Oder weit, weit weg von hier.“
 

Esel nickte langsam.

Er fragte nicht warum.

Er fragte nicht wovor.
 

Fragen machten die Dinge nur komplizierter.
 

„Ich bin Eselmundorius“, sagte er stattdessen. „Und du?“
 

Der Mann wirkte einen Moment überrascht. Dann entspannte sich seine Haltung ein wenig.
 

„Nenn mich Buddy“, sagte er. „Kennst du vielleicht ein gutes Versteck?“
 

Esel dachte nach.

Es dauerte etwas länger als bei anderen.
 

„Habe einen Unterschlupf“, sagte er schließlich. „Eine Höhle im Wald. Da war seit Tagen niemand.“
 

Buddy hob die Augenbrauen.

„Klingt perfekt.“
 

Sie gingen los.
 

Durch das zertrampelte Feld, dem Waldrand entgegen. Buddy hielt die Aktentasche fest an sich gedrückt und sah sich immer wieder um. Esel lief einfach neben ihm her – pfeifend, ohne Hast, ohne Plan.

Krähenschwarm ist doch gut

Erst als die Sonne längst untergegangen war, erreichten sie die Höhle.
 

Sie hatten einen deutlichen Umweg genommen, doch Buddy war dankbar dafür. Jeder zusätzliche Schritt bedeutete Abstand – und Abstand bedeutete Sicherheit. Er ließ sich auf einen Stein sinken und atmete tief durch.
 

„Und hier kommt wirklich keiner her?“ fragte er noch einmal.
 

„Keiner“, bestätigte Eselmundorius ruhig. „Seit Tagen bin ich allein.“
 

Buddy nickte, noch immer misstrauisch, und ließ den Blick durch die Höhle wandern.

„Hast du was zu essen?“
 

„Pilze.“

Esel hob einfach ein paar vom Boden auf und begann, sie zu essen.
 

Buddy verzog das Gesicht. „Die isst man doch nicht roh. Was ist mit einem Lagerfeuer?“
 

Er ließ seine Aktentasche keine Sekunde los, setzte sie neben sich ab und begann mit den Füßen einen Kreis aus Steinen zu schieben. Esel verstand sofort und half wortlos. Gemeinsam schafften sie es, ein kleines, schwaches Feuer zu entfachen. Die Pilze brutzelten leise.
 

„Wie lange lebst du schon hier?“ fragte Buddy schließlich.
 

Esel zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Ein paar Tage?“
 

Er hatte nichts gezählt. Und selbst wenn – er hätte es sich nicht aufschreiben können.
 

Buddy musterte ihn.

„Weißt du überhaupt irgendwas?“
 

Je länger er mit ihm sprach, desto deutlicher wurde es: Eselmundorius war strohdumm. Ein Wunder der Natur, dass er noch lebte.
 

„Ich bleibe nicht lang“, sagte Buddy schließlich. „Ein oder zwei Tage. Dann bin ich weg. Zu lange ist zu gefährlich.“
 

In dieser Nacht schlief er kaum. Er hielt seinen Koffer fest umklammert, als wäre er ein Schatz – oder ein Fluch.
 

Der Regen setzte ein. Erst leise, dann heftig. Er dauerte die ganze Nacht und den folgenden Tag. Esel konnte keine neuen Pilze sammeln, also teilten sie den letzten Rest. Satt wurde keiner, aber sie verhungerten auch nicht.
 

Als der Regen endlich aufhörte, trat Buddy vor die Höhle.
 

Im Schlamm entdeckte er Fußspuren.
 

Viele.
 

Sein Magen zog sich zusammen.
 

„Danke für den Platz“, sagte er hastig, als er zurückkam. „Aber ich ziehe weiter. Vielleicht sehen wir uns wieder… oder auch nicht.“
 

Er glaubte selbst nicht daran.
 

Esel blieb einfach stehen und winkte, während Buddy verschwand.
 

„Sollte Essen besorgen, bevor er zurückkommt“, dachte Esel und stapfte in den Wald.
 

Dabei sah er eine Krähe mit einer Nuss im Schnabel.
 

„Will auch eine Nuss“, dachte er.
 

Er folgte dem Vogel – in der Hoffnung, er würde ihn zu einer Quelle führen. Bald erreichte er ein Feld, das fast vollständig schwarz war. Ein Krähenschwarm. Der Boden war von Federn übersät, die Luft voller Krächzen.
 

Plötzlich wurde Esel nach unten gezogen.
 

„Was machst du hier?“ flüsterte Buddy, der wie aus dem Nichts neben ihm auftauchte.
 

„Hab Essen gesucht“, erklärte Esel überzeugt. „Die Krähe zeigt mir, wo es Nüsse gibt.“
 

Buddy wurde blass.

„Bist du dumm? Hier gibt es keine Nüsse. Siehst du einen Nussbaum? Und so viele Krähen am Boden sind nie ein gutes Zeichen.“
 

„Krähenschwarm ist doch gut“, sagte Esel. „Wo Vögel sind, gibt es Essen.“
 

Buddy presste sich die Hand an die Stirn.

„Du Holzkopf. Krähen sind der schwarze Tod. Wo viele Krähen sind, gibt es Fleisch. Totes Fleisch. Und manchmal auch das, was es verursacht hat.“
 

„Will keine Nüsse mit Fleisch“, murmelte Esel. „Bin Vegetarier.“
 

Buddy stöhnte leise.

„Mach, was du willst. Aber ich verschwinde.“
 

Er wollte sich gerade zurückziehen, da stand Esel auf und ging auf den Schwarm zu.
 

Plötzlich flogen alle Krähen gleichzeitig auf. Schwarze Federn regneten vom Himmel.
 

„Hey!“, rief Esel. „Gib mir die Nüsse!“
 

In der Ferne rannte eine Gestalt davon.
 

„Was tust du da?!“ zischte Buddy, riss Esel zu Boden und zog ihn ins hohe Gras. „Vielleicht ist sie gefährlich.“
 

Sie warteten.
 

Nichts.
 

„Nicht erwischt“, flüsterte Buddy erleichtert.

Zumindest hoffte er das.

Bunter Vogel auf warmer Erde

Eselmundorius blieb stehen.
 

Der Boden vor ihm war dunkel und feucht – und übersät mit Körpern.
 

„Das sieht nicht appetitlich aus“, sagte er nachdenklich.
 

Es waren Hähne. Viele. Ein Dutzend, vielleicht mehr. Sie lagen verdreht im Gras, die Federn zerzaust, die Hälse unnatürlich geknickt. Manche waren zerpickt, andere wirkten fast friedlich, als hätten sie sich einfach hingelegt, um zu schlafen.
 

Aber tot waren sie alle.

Sehr tot.
 

Buddy blieb abrupt stehen.

„Geh da weg“, sagte er scharf. „Nicht anfassen. Nicht näher ran.“
 

Esel beugte sich trotzdem ein wenig vor, um besser sehen zu können.
 

„Warum?“
 

„Weil tote Tiere Krankheiten haben können. Vogelgrippe. Oder Schlimmeres.“ Buddy schluckte. „Und weil das hier nicht natürlich ist.“
 

Das Wort nicht ließ Esel innehalten.

Er richtete sich wieder auf.
 

„Okay“, sagte er. „Will keine kranken Nüsse.“
 

„Es gibt hier keine Nüsse“, zischte Buddy und zog ihn am Arm weg.
 

Sie entfernten sich schneller, als Esel lieb war. Erst als die toten Hähne außer Sichtweite waren, verlangsamte Buddy das Tempo.
 

„Das war kein Zufall“, murmelte er. „Und kein Tier.“
 

Esel nickte, ohne genau zu wissen, warum.
 

„Dann gehen wir zusammen weiter“, sagte er schließlich.
 

Buddy zögerte. Dann nickte er.

„Zusammen.“
 

Sie waren kaum ein paar hundert Schritte gegangen, als sie es hörten.
 

Geschrei.
 

Kein einzelner Ruf, sondern ein wirres Durcheinander aus Flüchen, Meckern und wütendem Brüllen. Jemand schrie vor Zorn.
 

Esel reagierte sofort.

Er lief los.
 

„Warte—!“ begann Buddy, doch Esel war schon verschwunden.
 

Am Rand des Waldstücks tauchte eine Hütte auf, halb verborgen hinter schiefen Zäunen und dichtem Gestrüpp. Der Boden war festgetreten, die Luft roch nach kalter Asche – und nach Blut.
 

Und dort, an einen Baum gebunden, saß ein Mann.
 

Oranges Haar, zerzaust und schmutzig. Ein kantiges Gesicht mit einem schiefen Grinsen. Über einem Auge zog sich eine frische, gezackte Narbe.
 

Ein bunter Vogel, dachte Esel.

Nicht von der Farbe – vom Wesen her.
 

„Macht mich los“, sagte der Mann leise. „Aber leise.“
 

Esel ging sofort auf ihn zu und griff nach den Fesseln.
 

„Stopp.“

Buddy packte Esels Arm. Seine Stimme war hart.

Er trat näher und musterte den Gefesselten.
 

„Was hast du verbrochen?“
 

Der Mann schnaubte. „Nichts. Gar nichts. Unschuldig wie ein Küken.“
 

Buddy verzog keine Miene.

„Lügst du immer so schlecht oder nur heute?“
 

Das Grinsen wurde breiter. „Kommt drauf an, wer fragt.“
 

In diesem Moment riss Esel die Fessel auf.
 

Der Mann sprang auf –

und rannte.
 

„Oh!“, sagte Esel erfreut. „Er kann laufen.“
 

Und lief hinterher.
 

„Verdammt!“, fluchte Buddy und folgte ihnen zwischen den Bäumen hindurch.
 

Erst außer Sichtweite der Hütte hielt der Mann an. Schwer atmend drehte er sich um, grinste – und verbeugte sich leicht.
 

„Ich bin Hannes“, sagte er. „Und mir wäre gerade fast der Kopf abgehackt worden.“
 

Buddy starrte ihn an.

„…Was?“
 

„Das ist Buddy“, sagte Esel freundlich. „Und ich bin Eselmundorius.“
 

„Natürlich bist du das“, murmelte Hannes und fuhr sich durchs Haar. „Passt.“
 

Er lehnte sich gegen einen Baum, als wäre nichts geschehen.

„Ich bin Hahnenkämpfer“, sagte er abfällig. „Illegal. Gut bezahlt. Ich kämpfe gegen eine ganze Schar wilder, brutaler Hähne.“
 

Buddy deutete auf die Narbe.

„Hühnerfuß. Sauberer Treffer.“
 

„Ein guter Kampf heute“, sagte Hannes stolz. „Hab’s übertrieben. Hab einfach alle getötet.“
 

Esel nickte anerkennend.

„Deshalb waren sie nicht appetitlich.“
 

Hannes lachte kurz.

„Ihr habt sie also gesehen… genau deswegen.“
 

Dann wurde sein Ton dunkler.

„Der Betrieb war nicht begeistert. Keine trainierten Hähne mehr. Keine Kämpfe. Kein Geld.“
 

Er machte eine schneidende Bewegung am Hals.

„Also wollten sie mich köpfen.“
 

Buddy atmete langsam aus.

„Und jetzt?“
 

Hannes zuckte mit den Schultern.

„Jetzt lebe ich noch.“
 

Esel lächelte breit.

„Dann gehen wir wohl zusammen.“
 

Buddy sah beide an.
 

Er wusste schon jetzt, dass das eine sehr schlechte Idee war.

Spürnase nach grünen Scheinchen

„Gut, wir brechen auf“, sagte Hannes und spähte über die Schulter. In der Ferne war noch immer Gebrüll zu hören.

„Vor Anbruch der Dunkelheit müssen wir hier weg sein.“
 

Buddy verzog das Gesicht. Es war nach wie vor eine schlechte Idee, mit diesen beiden unterwegs zu sein. Aber nun war er bereits gesehen worden – und wer gesehen wurde, blieb selten lange unbehelligt.
 

„Habt ihr überhaupt einen Plan?“ fragte er in die Runde.
 

„Einfach der Sonne hinterher“, bestimmte Esel, der das ohnehin schon die ganze Zeit tat.
 

Buddy seufzte.
 

Nach einer Weile des schweigenden Gehens beschwerte sich Hannes: „Ist das langweilig.“
 

„Wir können was spielen“, schlug Esel vor und holte seine Laute hervor. Eine Saite war gerissen, die anderen klangen, als hätten sie sich untereinander zerstritten. Trotzdem spielte er ein paar schiefe Noten und sang dazu.
 

„Lalalala.“
 

„Oh Gott“, stöhnte Buddy und hielt sich die Ohren zu. „Das klingt, als würde gleich jemand sterben.“
 

Hannes lachte. „Erinnert mich an die Kämpfe. So klang die Meute, wenn ich gegen die Hühner angetreten bin.“
 

„Wir brauchen einen Unterschlupf“, sagte Buddy und zeigte auf den Horizont. „Die Sonne geht unter. Oder wollt ihr bis Mitternacht spazieren?“
 

Vor ihnen lag ein kleines Dorf.
 

„Gute Augen“, sagte Esel begeistert. „Lass uns da hin!“
 

Er rannte voraus.
 

„Der ist als Baby sicher zu oft auf den Kopf gefallen“, murmelte Hannes und folgte gemütlich.
 

„Wir haben kein Geld“, erinnerte Buddy. „Oder versteckst du was in dem Aktenkoffer?“
 

„Was da drin ist, geht euch nichts an“, sagte Buddy scharf. „Wir schlafen im Stall. Gratis.“
 

Esel klopfte bereits an die erste Tür.

„Hallo! Wir sind auf der Durchreise und bräuchten einen Unterschlupf. Haben leider kein Geld.“
 

Die Tür wurde ihm wortlos vor der Nase zugeschlagen.
 

„Ist wohl voll“, sagte Esel und ging weiter.
 

„Eselmundorius, lass den Blödsinn“, zischte Buddy, als Esel an einer Tür mit roter Laterne klopfen wollte. „Da würde ich nicht reingehen.“
 

„Lass ihn“, grinste Hannes schadenfroh. „Er lernt es schon.“
 

Die Tür öffnete sich.
 

Eine breite Frau stand im Rahmen, massig wie ein Oger. Ihre Fäuste waren kaum kleiner als ihre Brüste, und ihr Blick war prüfend.
 

„Wir haben kein Geld“, begann Esel ehrlich, „bräuchten aber einen Platz zum Schlafen. Würden alles tun.“
 

„Wirklich alles?“ fragte sie und musterte die Gruppe.
 

Dann zeigte sie auf Buddy. „Ich will dich.“
 

„Na, viel Glück“, grinste Hannes.
 

„Ihr wollt doch ein Bett und Essen, oder?“ Sie winkte Buddy heran.
 

Buddy erkannte das Geschäft sofort. Zu gut sogar.
 

„Mein Freund hier spielt viel lieber als ich“, sagte er schnell und legte Esel den Arm um die Schulter. „Und er ist… sehr ausdauernd.“
 

Esel nickte zustimmend, ohne zu verstehen.
 

„Willst du dich nicht auch austoben?“ fragte Buddy Hannes, hoffend, ihn loszuwerden.
 

„Muss nicht sein“, lehnte Hannes ab.
 

Die Frau zuckte mit den Schultern, packte Esel am Kragen und zog ihn ins Haus.

Die Tür schlug zu.
 

Hannes sah Buddy an.

„Du planst doch was. Dein Blick… genau so schaue ich, wenn ich Beute sehe.“
 

„Sorg für Ablenkung“, flüsterte Buddy. „Ich teile.“
 

Hannes grinste.
 

Drinnen begann er laut Geschichten zu erzählen – von Kämpfen, Siegen und Blut. Immer lauter, immer ausschweifender. Die Aufmerksamkeit war ihm sicher.
 

Buddy schlich sich derweil nach hinten. Er öffnete Schränke, tastete Böden ab.
 

„Irgendwo muss doch mehr sein“, murmelte er. Er wusste, wie solche Häuser funktionierten.
 

Dann fand er es.
 

Ein verstecktes Fach im Boden.
 

„Wusste ich’s doch.“
 

Er stopfte Geld in seinen Aktenkoffer – zwischen Diamanten, Dokumente und andere Dinge, die besser niemand sah. Den Rest verteilte er in seine Brusttaschen. Das würde er später mit Hannes teilen.
 

Draußen nickte er Hannes nur kurz zu.
 

„Und?“, fragte dieser.
 

Buddy reichte ihm Geld. „Ja. Aber wir sollten verschwinden. Der Typ da drin hat gerade die Nacht seines Lebens – und wir auch, wenn wir Glück haben.“
 

Hannes lachte. „Du hast echt eine Spürnase für grüne Scheinchen.“
 

Plötzlich zerriss ein lauter Schrei die Nacht.
 

Buddy erstarrte.

„Scheiße. Haben sie es schon entdeckt?“
 

Doch dann kam Esel aus dem Haus gerannt.
 

Unverletzt.

Strahlend.
 

Und viel zu schnell.

Einsiedlerkrebs

Sie rannten.
 

Erst ungeordnet, dann stolpernd, dann nur noch keuchend. Über schmale Wege, an Zäunen vorbei, durch Matsch und Geröll. Keiner sagte ein Wort, bis die Lungen brannten und die Beine schwer wurden.
 

Erst weit außerhalb des Dorfes blieben sie stehen.
 

„Sieht nicht so aus, als würden wir verfolgt“, stellte Buddy fest und stützte sich auf die Knie.
 

Eselmundorius nickte und lächelte breit. Er war außer Atem, aber zufrieden.

„War ein schöner Abend.“
 

Vor ihnen tauchte ein weiteres Dorf auf. Kleiner. Ruhiger. Lichter flackerten hinter Fenstern, Rauch stieg aus Kaminen. Sie ließen sich auf einen umgestürzten Zaunpfahl sinken.
 

Jetzt erst kam Hannes zu Wort.
 

„Also“, sagte er grinsend und musterte Esel von oben bis unten, „was war da drin eigentlich los?“

Er machte eine kleine Geste mit zwei Fingern.

„Oder hast du nur so’n… Ding? So’n schüchternen Einsiedlerkrebs, der sich bei Gefahr zurückzieht?“
 

Buddy prustete los. Er versuchte, es zu unterdrücken. Erfolglos.
 

Esel runzelte die Stirn.

„Nein“, sagte er ernsthaft. „Die meinten, ich hätte den von einem Pferd.“
 

Hannes blinzelte.

Buddy lachte jetzt offen.
 

„Und?“ hakte Hannes nach. „War’s… schlecht?“
 

Esel überlegte lange. Sehr lange.

„Sie war sehr laut“, sagte er schließlich. „Dann war sie plötzlich zufrieden. Hat gesagt, ich soll jetzt gehen.“
 

Er nickte, als wäre damit alles gesagt.

„War nett. Habe ihr gut geholfen.“
 

Buddy wischte sich Tränen aus den Augen.

„Du weißt schon, was das war, oder?“
 

Esel schüttelte den Kopf.

„Arbeit.“
 

Stille.
 

Dann legte Hannes ihm den Arm um die Schulter.

„Darauf trinken wir.“
 

Sie gingen in die nächste Kneipe.
 

Drinnen war es warm, laut und voll von Stimmen. Sie setzten sich an den Tresen.
 

Und dann sahen sie sie.
 

Die Bedienung war eine Erscheinung: lockiges Haar, das ihr ins Gesicht fiel, grüne Augen, wach und aufmerksam. Auf ihrem Oberarm ein Katzentattoo. Ein tiefer Ausschnitt, der keinerlei Fantasie übrigließ – außer bei denen, die ohnehin zu viel davon hatten.
 

Buddy und Hannes starrten.
 

„Riesige Melonen“, murmelte Hannes ehrfürchtig.
 

Esel hob den Kopf.

„Melonen?“
 

Er drehte sich zur Frau.

„Mein Freund sagt, Sie haben riesige Melonen“, erklärte er höflich. „Aber ich sehe sie nicht. Wo sind sie denn? Ich liebe Obst und habe Hunger.“
 

Einen Moment lang war es still.
 

Dann lachte die Frau kurz auf.

„Du bist ja ein Süßer.“
 

Klatsch.

Klatsch.
 

Ein nasser Lappen traf erst Buddy, dann Hannes mitten ins Gesicht.
 

Und Eselmundorius verstand mal wieder nicht, was er angestellt hatte.

Nachteule

„Was soll die Scheiße?“

Hannes zog sich den nassen Lappen vom Gesicht.
 

„Ihr wart etwas… dreckig“, lachte Kathy, die Kellnerin. „Also? Was wollt ihr?“
 

„Ein weiches Bett“, zählte Eselmundorius gewissenhaft auf, „Wasser zum Waschen, Essen und Trinken. Saubere Kleidung wäre auch schön. Aber das ist wohl zu viel verlangt.“
 

„Aber sicher doch“, sagte Kathy fröhlich – und griff sich einfach das Geld vom Tresen.
 

„Hey… tz.“ Buddy schnalzte mit der Zunge, ließ es aber bleiben, als er Esels bittenden Blick sah.

„Eine Nacht. Nicht länger“, ergänzte er knapp.
 

Kathy warf ihm den Zimmerschlüssel zu.
 

Hannes nahm sein Geld – Buddys Geld – und verschwand grinsend nach oben, begleitet von zwei Damen, die deutlich bessere Laune hatten als das Geldpolster am nächsten Morgen.
 

Esel dagegen war begeistert.

„Ein richtiges Bett!“ Er hüpfte darauf herum, als wäre er wieder ein Kind. Dann legte er sich brav auf eine Seite.

„Ich liege auch ganz ordentlich.“
 

Buddy blieb stehen.

„…Ja. Gut.“

Er war mehr erschrocken als froh.
 

„Ich geh noch was trinken“, murmelte er und floh nach unten.
 

„Kaffee. Schwarz“, bestellte er. Wach bleiben. Aufpassen. Beobachten.
 

Er saß am Fenster, sah Leute kommen und gehen, musterte Gesichter. Vielleicht ergab sich eine neue Gelegenheit. Oder eine Gefahr.
 

Dann flatterte etwas heran.
 

„Was zum—?“

Eine Eule landete auf seinem Tisch. An ihrem Fuß: ein Brief.
 

Eine Briefeule.
 

Buddy löste das Papier, las es – und verbrannte es sofort.

Die Eule blieb.
 

Sie setzte sich auf seinen Aktenkoffer und starrte ihn an, reglos wie eine Statue.
 

„Willst du eine Antwort?“ murmelte Buddy.

Er schrieb keine.
 

Die Eule rührte sich nicht.
 

Später betrat Kathy die Bühne.

Sie sang. Tanzte. Spielte mit Blicken und Bewegungen. Das Publikum jubelte.
 

Alle – bis auf Buddy.
 

Nach dem Auftritt setzte sie sich zu ihm. Bier. Dann noch eins.
 

„Na? Wo sind deine Männer?“

Sie redete weiter, ohne Luft zu holen. „Wie fandest du meinen Auftritt? Großartig, oder?“
 

„Die jubeln für die Show“, sagte Buddy trocken. „Nicht für den Gesang.“
 

Kathy grinste.

„Süßes Haustier. Deine Eule? Die sind teuer. Besonders so zutrauliche.“
 

Sie stupste die Eule an. Die Eule blieb.
 

„Und gibt’s Trinkgeld, wenn ich dir noch was zeige?“ neckte sie ihn.
 

Buddy schob ihr seinen Kaffee hin.

„Trink. Das tut dir besser.“
 

Er stand auf.

„Ich geh schlafen.“
 

„Hey!“, protestierte Kathy. „Du kannst mich doch nicht allein lassen! Und mein Trinkgeld? Komm schon—“
 

Seufzend blieb Buddy stehen. Er konnte sie nicht einfach so lassen.
 

Sie schlief ein, noch bevor sie im Bett lag.
 

Leider mit einem Griff, aus dem er sich nicht mehr befreien konnte.
 

So verbrachte Buddy die Nacht im falschen Zimmer.
 

Als Bezahlung steckte er sich eine teure Kette ein.

„Fair“, murmelte er.
 

Am Morgen riss Tumult sie aus dem Schlaf.
 

Rufe. Lärm. Wut.
 

Buddy griff sofort nach seinem Aktenkoffer.
 

Unten im Schankraum herrschte Chaos.
 

„Er war als Letztes bei ihr!“ rief jemand und zeigte auf Esel.

„Der gehört zu ihm!“
 

Esel wurde gefesselt.

Hannes gleich mit.
 

„Ihr bleibt hier, bis die Wachen kommen!“ befahl ein Gast.
 

„Wir haben nichts getan“, sagte Hannes gelassen und trank den Kaffee vom Tisch.

„Buddy holt uns da schon raus. Irgendwie überleb ich immer.“
 

„Ihr habt eine unschuldige Frau getötet!“ brüllte jemand.
 

Hannes wurde beschüttet. Bier. Noch mehr Bier.

Er lachte.
 

Buddy und Kathy sahen sich an.
 

„Welche Frau?“ fragte Buddy.
 

„Er gehört zu denen!“ rief jemand und zeigte auf ihn.
 

Kathy schüttelte den Kopf.

„Seid ihr alle besoffen? Der da ist voller Blut.“

Sie deutete auf einen Mann, der gerade hereinkam. Rot von Kopf bis Fuß.
 

„Bewegt euch“, zischte Buddy.

Er wollte hier raus. Sofort.
 

Und schlimmer noch:

Alle glaubten jetzt, sie gehörten zusammen.

Schwarzes Schaf

„Die gehört doch zu denen!“
 

Der Ruf kam aus der Menge – laut, sicher, und viel zu schnell.
 

„Die Kellnerin! Die steckt mit drin!“

„War ja klar!“

„Die war schon immer komisch!“
 

Kathy erstarrte einen Herzschlag lang. Dann lachte sie hart auf.

„Ach, jetzt bin ich es also auch?“
 

Ein Mann trat vor. „Du warst doch schon immer das schwarze Schaf hier. Wer weiß, was du dem armen Kerl übergeschüttet hast. Tierblut vielleicht. Passt doch zu dir.“
 

Kathy wurde schlagartig ernst.

„Genug“, sagte sie kalt. „Hier sitzen mindestens zwanzig Leute, die bezeugen können, dass ich den ganzen Abend hinterm Tresen stand.“
 

Sie deutete mit dem Daumen über die Schulter.

„Und die Nacht? Die habe ich mit ihm verbracht.“
 

Alle Blicke wanderten zu Buddy.
 

Hannes’ Augen wurden groß.

„…Respekt“, murmelte er. „Hätte ich dir nicht zugetraut.“
 

Buddy schwieg.
 

Kathy trat näher an ihn heran, beugte sich scheinbar beiläufig vor und flüsterte:

„Hinterm Tresen. Messer. Befrei sie, sobald es losgeht.“
 

Buddy nickte kaum sichtbar. Keine Zeit für Fragen.
 

Dann drehte sich Kathy wieder zur Menge.

„Ihr spinnt doch alle“, sagte sie laut. „Keiner von uns hat irgendwen umgebracht.“
 

Sie ging hinter den Tresen, bückte sich und zog eine kleine Holzkiste hervor. Öffnete sie.
 

Feiner, grauer Staub.
 

„Buddy“, sagte sie ruhig, „Luft anhalten.“
 

Sie holte tief Luft.

„Und für alle anderen—“
 

Pffft.
 

„—Gesundheit!“
 

Das Pulver schoss in die Luft.
 

Einen Herzschlag lang war Stille.
 

Dann explodierte der Raum.
 

„HATSCHI!“

„HAAATSCHOO!“

„Verdammt— HATSCHI!“
 

Niespulver.
 

Überall. Augen tränten, Stimmen kippten, Menschen stolperten, hielten sich die Nasen, fluchten, niesten erneut.
 

Buddy bewegte sich sofort.
 

Ein Griff.

Das Messer.

Ein Schnitt – dann noch einer.
 

Die Fesseln fielen.
 

Kathy riss die Hintertür auf.

„Raus! Los!“
 

Sie rannten.
 

Hannes und Esel niesten ununterbrochen.

„Hatschi— das— hatschi— ist gemein!“

„Meine Nase brennt!“
 

Buddy sog die kalte Nachtluft ein.

„Danke“, sagte er knapp.
 

Erst draußen, weit genug vom Dorf entfernt, blieben sie stehen.
 

„Wir sollten hier weg“, sagte Kathy hart. „Schnell.“
 

Sie ging einfach los.
 

„Die machen das immer“, fuhr sie fort, während sie marschierte. „Schieben mir irgendwas zu. Ich war schon alles: Diebin, Hexe, Betrügerin. Aber Mord?“

Sie ballte die Fäuste.

„Das reicht mir.“
 

Keiner widersprach.
 

Hannes sah ihr nach.

„Die hat Stil.“
 

Esel nickte ernst.

„Und tolles Zauberpulver.“
 

Buddy schloss zu ihnen auf.

„Allein lassen wir sie auf keinen Fall.“
 

Und so gingen sie weiter.
 

Zu viert.

Brummbär

„Und? Was habt ihr nun vor?“

Kathy verschränkte die Arme. Man merkte ihr an, dass sie selbst keine Ahnung hatte, wohin der Weg führen sollte.

„Ich fand die Stadt eigentlich ganz nett. Gutes Geld, wenig Belästigungen. Dann kommt ihr einmal vorbei – und alles ist Chaos.“
 

„Bist du eine Hexe?“ fragte Esel plötzlich.
 

Kathy blinzelte. „Bitte was?“
 

„Meine Augen brennen immer noch von deinem Zauberpulver“, jammerte Esel und rieb sich die Nase.
 

„Wir sollten zu einem Fluss“, sagte Buddy nüchtern. „Den Mist auswaschen. Und dann klären, was da eigentlich passiert ist. Wer ist gestorben? Und warum ist mein ganzes Geld weg?“
 

„Ja, danke fürs Erinnern“, knurrte Hannes, der ebenfalls tränende Augen hatte. „Großartige Nacht.“
 

Am Flussufer machten sie schließlich Halt. Das Wasser war kalt, klar, und tat den gereizten Augen gut. Für einen Moment war es still.
 

„Also“, begann Hannes und zählte an den Fingern ab, „zurück können wir nicht. Geld haben wir keines. Und vermutlich werden wir gesucht.“
 

„Gesucht?“ Esel hob den Kopf. „Spielen wir Verstecken?“
 

„Ja“, sagte Buddy trocken. „Mit allen.“
 

Kathy lachte leise und zog Esel an sich. „Du bist einfach zuckersüß. Wie ein Baby.“

Sie knetete seinen Kopf zwischen ihre Arme. Hannes sah neidisch weg.
 

„Konzentration, Leute“, mahnte Buddy. „Wir brauchen einen Plan.“
 

„Wir sollten uns trennen“, schlug Hannes vor. „Zu viert fallen wir auf.“
 

„Aber wir spielen doch zusammen“, sagte Esel erschrocken. „Du darfst nicht gehen.“
 

Kathy legte Hannes eine Hand auf den Arm. „Bleib doch noch. Oder willst du nicht mit mir spielen?“

Hannes war sofort überzeugt.
 

Buddy seufzte. „Dann eben gemeinsam. Nächstes Dorf. Geld beschaffen. Und raus aus dem Land.“
 

„Ich hab Hunger“, meldete Esel.
 

„Im Dorf“, sagte Buddy und scheuchte sie los, als wäre er tatsächlich der Anführer.
 

Sie liefen Stunden. Esel pflückte unterwegs alles, was irgendwie essbar aussah. Kathy schimpfte wie eine besorgte Mutter.
 

„Wie hat er eigentlich früher überlebt?“ murmelte sie.
 

„Eselmundorius“, fragte sie schließlich, „wo hast du früher gelebt? Wer hat sich um dich gekümmert?“
 

Esel dachte nach.

„Ganz weit weg. Bei meinem Meister. Dann ist er gestorben. Ich bekam diesen Brief.“ Er klopfte auf seine Tasche. „Ein Freund meinte, ich müsse ihn dringend jemandem bringen. Letzter Befehl vom Meister. Also bin ich gelaufen. Und gelaufen.“
 

„Weißt du überhaupt, was drinsteht?“ fragte Hannes skeptisch und griff nach dem Brief.
 

„Da sitzt jemand“, unterbrach Buddy.
 

Esel rannte sofort los.
 

„Esel, warte!“ rief Kathy und blieb zurück, die Männer vor sich.
 

Im Gras lag ein Mann. Groß, breit, ungepflegt. Er roch nach Alkohol und Erde.
 

„Hey“, sagte Esel freundlich und rüttelte ihn. „Ihm geht’s schlecht.“
 

„Ein Säufer“, stellte Buddy fest. „Entweder Räuber oder Obdachloser. Wo der ist, ist meist ein Dorf.“
 

„RUHE…“, brummte der Mann. „Kopfweh…“
 

„Er sieht aus wie ein Bär“, flüsterte Esel ehrfürchtig.
 

Hannes hielt ihn zurück. „Der wird uns umbringen. Wir gehen weiter. Jetzt.“
 

Kathy nickte. „Gute Idee.“
 

„Aber wir müssen helfen“, protestierte Esel. „Er hat Kopfweh. Und sein Hund könnte weglaufen.“
 

„Hund?“ Buddy runzelte die Stirn. „Der hat keinen—“
 

Esel zeigte ins Gebüsch.
 

Dort stand eine weiße Bergziege.
 

Alle schwiegen.
 

„Wenn das sein Hund ist“, sagte Hannes langsam, „dann will ich wissen, was er trinkt.“
 

Der Mann brummte wieder.

Und öffnete ein Auge.

Dicker Fisch

Langsam richtete er sich auf.
 

Es knirschte, als würde ein Felsen zum Leben erwachen. Seine Schultern waren breit, der Bart wirr, und der Geruch von Alkohol und Schweiß hing wie eine Wolke um ihn.
 

Sein Blick fiel sofort auf Kathy.
 

„Was machen drei so dumme Typen mit so einer bezaubernden Frau?“ knurrte er. „Habt ihr sie gefangen?“
 

Hannes stemmte die Hände in die Hüften.

„Wir sind Kollegen.“
 

Esel holte tief Luft, um etwas zu sagen.
 

„Denk ans Spiel“, zischte Buddy sofort.
 

Der Mann trat einen Schritt näher.

„Zu schön für Kollegen. So eine gehört nicht zu euch. Ihr haltet sie fest.“
 

Kathy verschränkte die Arme.

„Seh ich gefesselt aus?“

Ihr Blick war kühl. „Ich bin sowas wie ihre Sekretärin.“
 

„Sekretärin wovon?“ Der Mann baute sich bedrohlich vor ihr auf.
 

Esel strahlte.

„Wir sind eine Band! Kathy ist unsere Sekretärin und Sängerin!“

Er zog stolz seine Laute hervor. „Wir machen Musik.“
 

Der Mann schnaubte.

„Dann soll sie singen. Sonst melde ich euch.“
 

Kathy blinzelte.

Dann lächelte sie langsam.
 

„Na gut“, sagte sie leise. „Ein Schlaflied.“
 

Sie begann zu singen.
 

Ihre Stimme war weich und warm, wie ein Sommerabend am Wasser. Sie sang von einem dicken, trägen Fisch, tief unten im Fluss. Satt und zufrieden, mit rundem Bauch. Wie er von der Strömung gewiegt wurde, immer langsamer, immer tiefer, bis selbst das Wasser still zu stehen schien.
 

Der Mann schwankte.
 

Gähnte.
 

Seine Knie gaben nach.
 

Im nächsten Moment lag er im Gras und schnarchte wie ein Bär im Winterschlaf.
 

Alle starrten ihn an.
 

„Das… hat funktioniert“, flüsterte Hannes.
 

„Wir müssen weg. Jetzt“, sagte er sofort.
 

Sie liefen, bis ihre Schritte wieder leiser wurden und der Wald sie verschluckte. Erst dann blieben sie stehen.
 

„Das… hat wirklich funktioniert“, murmelte Hannes erneut.
 

Buddy sah zu Esel.

„Das war tatsächlich schlau. Deine erste wirklich gute Idee überhaupt.“
 

Esel richtete sich stolz auf.

„Ich hatte auch schon andere gute Ideen“, sagte er ernst.

„Zum Beispiel, dass man Pilze essen kann. Und dass Krähen vielleicht Nüsse haben. Und dass man Leute fragen soll, ob sie Melonen haben.“
 

Hannes stöhnte.

„Du lernst es nie.“
 

„Aber Musiker sein ist gut“, fuhr Esel unbeirrt fort.

„Man reist, bekommt Essen, Leute klatschen, und man darf laut sein, ohne Ärger zu kriegen. Kathy singt, ich spiele Laute, Hannes macht Krach mit… was auch immer er findet, und Buddy passt auf, dass uns keiner beklaut. Oder dass wir jemanden beklauen. Weiß nicht genau.“
 

Kathy lachte.
 

„Und ich könnte Kleider tragen mit Glitzer“, schwärmte Esel weiter.

„Und Hüte. Große Hüte. Vielleicht mit Federn. Und wir schlafen in Gasthäusern und nicht mehr in Höhlen. Und ich muss nie wieder arbeiten, nur spielen und essen.“
 

Buddy schloss kurz die Augen.
 

„…Geld würde es ja einbringen“, sagte er schließlich trocken.

Bergziege

„Ich hab eine Laute und kann spielen“, sagte Eselmundorius stolz und hielt das Instrument hoch.
 

„Ja“, lachte Hannes trocken. „Leute kannst du damit verschrecken.“
 

„Das besprechen wir im nächsten Dorf“, entschied Buddy in einem Tonfall, der klang, als wäre er der Anführer. „Ohne Plan und ohne Geld brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren.“
 

„Kommandier uns nicht rum“, schnalzte Hannes mit der Zunge. „Aber ganz Unrecht hast du leider nicht.“
 

„Auf, auf“, sagte Esel – und lief einfach los.
 

„Hey! Du weißt doch gar nicht, wo es hingeht!“, rief Kathy ihm nach und wollte ihn aufhalten, doch am Ende folgten sie ihm trotzdem.
 

Nach einer Weile hielt sich Esel den Bauch.

„Hab Hunger.“
 

In diesem Moment raschelte es im Gebüsch.
 

„Essen!“
 

Und ehe jemand reagieren konnte, rannte Esel los und verschwand im Grün.
 

Stille.
 

Buddy blieb stehen und starrte auf das wackelnde Gebüsch.

„…Der kommt irgendwann zurück“, sagte er schließlich und setzte sich an einen Baum. „Hoffe ich.“
 

Hannes ließ sich daneben fallen und schloss die Augen.

„Weck mich, wenn er tot ist.“
 

Zeit verging.
 

„Sollten wir nicht langsam nach ihm sehen?“ nörgelte Kathy. „Ich will heute nicht wieder ohne warmes Wasser schlafen.“
 

Buddy seufzte. „Na gut. Weit wird er nicht sein.“
 

Sie gingen dem Rascheln nach.
 

Dann blieben sie abrupt stehen.
 

„Was…?“ Buddy blinzelte.

„Ist das eine Ziege?“ fragte Hannes fassungslos.
 

Vor ihnen öffnete sich eine kleine Lichtung. Alles war grün. Sattes Gras, niedriges Gebüsch, Sonnenflecken auf dem Boden.
 

In der Mitte stand eine weiße Bergziege.
 

Ruhig. Gelassen.
 

Und darunter lag Eselmundorius.
 

Er lag auf dem Rücken im Gras, wie ein Kind, das sich unter einen Tisch gerollt hatte. Die Beine angewinkelt, die Hände locker im Grün. Sein Gesicht war entspannt, die Augen halb geschlossen.
 

Er trank.
 

Ganz selbstverständlich.
 

Nicht hastig, nicht gierig – einfach so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ab und zu machte er ein leises, zufriedenes Geräusch. Die Ziege rührte sich nicht, kaute langsam und ließ es geschehen.
 

„…Nicht zu fassen“, flüsterte Buddy.
 

Esel hob den Kopf.

„Ja, wollt ihr auch Milch?“
 

„Wo ist die Herde?“ fragte Kathy und sah sich um. „Die gehört bestimmt jemandem.“
 

„Dem Brummbär“, strahlte Esel und kuschelte sich an die Ziege.
 

„Dem Säufer?“ Buddy runzelte die Stirn. „Wie kommst du auf den Blödsinn?“
 

„Der hatte nur Alkohol“, nickte Hannes. „Sonst nichts.“
 

„Doch“, sagte Esel überzeugt. „Sie war bei ihm. Dachte zuerst, sie ist der Hund.“
 

Er blickte hoffnungsvoll auf.

„Können wir sie behalten?“
 

„Nein“, sagten alle drei gleichzeitig.
 

Esel verzog das Gesicht.

„Aber sie gibt Milch. Und sie ist allein.“
 

„Sie ist uns hinterhergerannt“, sagte Buddy müde. „Nicht ausgesetzt. Das gibt nur Ärger.“
 

Buddy rieb sich die Schläfen.

„…Esel. Was isst sie da eigentlich?“
 

Kathy erstarrte.

„Was ist das?“
 

„Schnee“, sagte Esel und zog weißes Pulver aus der Tasche. „Hatte noch was einstecken.“
 

„Das ist kein Schnee!“

Kathy riss ihm das Pulver aus der Hand.
 

„Aber es ist weiß“, erklärte Esel ruhig. „Und löst sich im Wasser auf. Wie Schnee.“
 

Kathy starrte das Pulver an.

Ihr teures Schminkpuder. Mehrere Goldmünzen wert.
 

„Wir sollten gehen“, knurrte Hannes. „Dank Esel stirbt das Vieh noch, und dann haben wir richtig Ärger. Eine Ziege aus einer Herde zu töten ist eine Todsünde.“
 

„Gehen wir“, sagte Buddy.
 

Hannes zog Esel mit sich.
 

Esel drehte sich noch einmal um, streckte die Arme aus.

„Nein, Ziegi…“
 

Die Ziege meckerte leise.
 

Und folgte ihnen trotzdem.

Froschkonzert

Der Weg führte sie an einen kleinen Teich.
 

Das Wasser war dunkelgrün und träge, Seerosen lagen darauf wie verstreute Teller. In den Binsen saß es voller Frösche. Ihr Quaken lag wie ein wirres Geflüster in der Luft – unregelmäßig, durcheinander, als könnten sie sich nicht einigen, wer jetzt anfangen sollte.
 

Am Ufer spielten Kinder.
 

Drei Stück. Barfuß, schlammige Knie, zerzauste Haare. Sie hockten im Gras und machten Froschgeräusche nach.
 

„Quaaak.“

„Quak-quak-quaaak.“

„Krrr… quaaa.“
 

Es klang furchtbar.
 

Eines der Kinder hatte eine kleine Handtrommel und schlug begeistert darauf ein. Ohne Takt, ohne Gnade. Mal zu schnell, mal zu langsam, mal einfach irgendwo dazwischen.
 

Esel blieb wie angewurzelt stehen.
 

Seine Augen begannen zu leuchten.
 

„Das ist… Musik“, flüsterte er ehrfürchtig.
 

Kathy lächelte weich. „Das ist süß. Die wollen die Frösche zum Mitsingen bringen.“
 

Hannes verzog das Gesicht. „Wenn die Frösche das hören, ziehen sie freiwillig um.“
 

Buddy rieb sich die Schläfe. Das unregelmäßige Getrommel hämmerte ihm direkt in den Kopf.

„Das tut weh“, murmelte er. „Da ist kein Rhythmus.“
 

Das Kind trommelte weiter, die anderen quakten im Chor – komplett daneben.
 

Esel klatschte begeistert.

„Nochmal! Das klang wie eine kranke Ente, die tanzen will!“
 

Buddy hielt es nicht mehr aus. Er trat vor, kniete sich zu dem Kind und tippte mit dem Finger auf die Trommel.
 

„So“, sagte er ruhig. „Hör zu.“
 

Er schlug einen einfachen, gleichmäßigen Takt.

Dumpf.

Dumpf.

Dumpf-dumpf.

Dumpf.
 

Die Kinder verstummten.
 

Dann begann eines vorsichtig, im Takt zu quaken. Ein zweites fiel ein. Kurz darauf quakten alle – gemeinsam, fast wie ein kleiner Chor.
 

Die Frösche im Teich antworteten.
 

Quak.

Quak-quak.

Quaaak.
 

Es war tatsächlich … schön.
 

Buddy trommelte weiter. Die Kinder lachten, hüpften, quakten im Rhythmus. Selbst Hannes musste sich eingestehen, dass es jetzt erträglich war.
 

Esel stand mit offenem Mund da.

„Buddy … du kannst Musik machen!“
 

Buddy blickte kurz auf.

„Ich kann zählen. Mehr nicht.“
 

„Nein!“ rief Esel begeistert. „Das ist ein Instrument, kein Mathe! Du bist Musiker!“
 

Er lief zu dem Kind mit der Trommel.

„Darf ich? Darf Buddy sie haben? Er spielt so toll! Die Frösche haben sogar geantwortet!“
 

Das Kind überlegte. Dann zeigte es auf die Bergziege, die gelangweilt am Gras knabberte.
 

„Ich will die.“
 

„Ja“, sagte Hannes sofort.
 

„Natürlich“, nickte Buddy.
 

„Sofort“, sagte Kathy – und erst danach merkte sie, was sie gesagt hatte.

„Moment mal—“
 

Esel strahlte.

„Aber nur ausleihen! Die Ziege kommt bestimmt zurück. Sie macht nur Urlaub.“
 

Das Kind dachte kurz nach, dann nickte es zufrieden und reichte die Trommel.
 

Kathy seufzte.

„Ich wollte die Ziege sowieso nicht. Die stinkt.“
 

So gingen sie weiter.
 

Ohne Ziege.

Mit Trommel.
 

Und Esel trug sie, als wäre es der größte Schatz der Welt.

Schlangengift

„Wir haben uns verlaufen“, fauchte Kathy. „Warum habt ihr die Kinder nicht nach dem Weg gefragt?“
 

„Wir haben uns nicht verlaufen“, sagte Hannes ruhig.
 

„Doch! Schau dich um!“ Sie breitete die Arme aus. „Wald. Nichts als Wald. Kein Dorf, keine Straße. Oder willst du mir erzählen, die Kinder schlafen hier zwischen Moos und Wurzeln?“
 

Sie war stinksauer. Sie wollte saubere Kleidung, ein richtiges Bett – und jemanden, der sich um sie kümmerte.
 

„Spiel dich nicht so auf“, zuckte Hannes mit den Schultern. „Wir kommen schon ins nächste Dorf.“
 

„Wir gehen spazieren und machen Musik“, sagte Esel fröhlich. „Ist doch schön.“
 

„Ich will ein Bett“, zischte Kathy. „Und kein altes Moos.“
 

„Und ich will ein Königreich“, konterte Buddy trocken. „Deswegen jammere ich auch nicht. Wir gehen einfach weiter, dann kommen wir schon an.“
 

Er würde niemals zugeben, dass sie sich verlaufen hatten. Nicht unter seiner Führung.
 

Es wurde dunkel.
 

„Wir bleiben hier“, entschied Buddy schließlich und entzündete ein Lagerfeuer.
 

„Wie Obdachlose“, murrte Kathy. „Und wer ist meine Matratze?“

Sie grinste frech.
 

„Oh“, sagte sie und strich Hannes über die Brust, „das würdest du doch gern machen.“
 

„I-ich… bin sehr unbequem“, stammelte Hannes und wich zurück.
 

„Keine Sorge“, sagte er hastig und klopfte Buddy auf die Schulter. „Deine Mädchen fass ich nicht an.“
 

Buddy verdrehte die Augen.
 

„Hab viel Moos geholt“, sagte Esel stolz. „Oder du kannst auf mir liegen. Bin nicht weich, aber meine Schenkel sind bequem.“
 

Kathy lachte.

Dank Esels Sammelwut bekam sie schließlich tatsächlich das luxuriöseste Moosbett, das man sich im Wald vorstellen konnte.
 

Nach gegrillten Pilzen legten sie sich schlafen. Hannes und Buddy wechselten sich mit der Wache ab.
 

Später, tief in der Nacht, regte sich Kathy.
 

„Oh“, flüsterte sie schlaftrunken. „Da hat es wohl jemand nötig.“
 

Sie griff nach hinten.
 

Und berührte keine Haut.
 

Sie schrie.
 

Ein schriller, panischer Laut, der den Wald zerriss.
 

„Was ist passiert?!“

Hannes war sofort auf den Beinen.

Esel riss seine Laute hoch, als wäre sie eine Waffe.
 

„D-da… da ist was“, stotterte Kathy und zeigte auf ihr Moosbett.
 

Buddy hielt eine Fackel näher.
 

Im flackernden Licht sahen sie sie.
 

Eine Schlange.
 

Klein. Schwarz. Die Augen blutrot glänzend.
 

„Ist die süß“, sagte Esel.
 

Er ging sofort auf sie zu.
 

„Bleib weg!“, rief Buddy scharf. „Die ist giftig. Ein Bekannter von mir ist an so einem Biss sofort gestorben.“
 

„Ach was“, sagte Esel ruhig und kniete sich hin. „Das ist nur ein Märchen. Schlangen sind nett. Die beißen nicht. Die haben nur Angst.“
 

„Du bist lebensmüde“, seufzte Hannes. „Oder dumm. Wahrscheinlich beides.“
 

„Ihr wollt mich doch veräppeln!“ rief Kathy wütend. „Ich hätte sterben können! Bin gespannt, wie ihr das wiedergutmacht!“
 

Esel lächelte sanft.

„Schau, wie zahm sie ist.“
 

Er hob die Schlange vorsichtig auf seinen Arm.
 

Buddy, Hannes und Kathy traten instinktiv zurück.
 

„Jetzt langsam runterlassen“, sagte Buddy leise. „Und dann weggehen. Ganz ruhig.“
 

Die Schlange wand sich.
 

Ihre Zunge zuckte.
 

Und dann—

Quietschtier

„Lass sofort los, du Dummkopf!“ schrie Hannes.
 

Esel zuckte zusammen.

Sein Denken war wie immer einen Moment zu langsam – doch diesmal gehorchte er sofort. Er öffnete die Hände.
 

Die Schlange fiel.
 

Für einen Herzschlag war alles still.
 

Dann zischte sie.
 

Ein leiser, scharfer Laut. Erschrocken. Wütend. Ein schwarzer Blitz im flackernden Feuerlicht. Sie schnellte vor, direkt auf die drei zu.
 

Kathy hatte keine Zeit auszuweichen.
 

Ein stechender Schmerz bohrte sich in ihren Unterschenkel.
 

Sie schrie.
 

Kein Wort. Kein Ruf.

Ein roher, panischer Laut, der durch den Wald schnitt.
 

Die Schlange war im nächsten Moment verschwunden, lautlos im Gebüsch, als hätte es sie nie gegeben.
 

„Kathy!“

Buddy war sofort bei ihr, fing sie auf, als ihre Beine nachgaben. „Bleib bei mir. Nicht hinlegen. Nicht wegkippen.“
 

Hannes fluchte. Laut. Wüst.

„Verdammte Scheiße! Das ist tödliches Gift! Das hab ich doch gesagt!“
 

Kathy zitterte. Ihre Haut wurde fahl.

„Es… es brennt…“, brachte sie hervor.
 

Buddy legte sie vorsichtig auf den Boden, riss ein Stück Stoff von seinem Ärmel und band es oberhalb der Wunde ab. Dann kniete er sich hin, presste den Mund auf die Bissstelle und begann, das Gift auszusaugen.
 

Er spuckte es sofort wieder aus.

Immer wieder.

Ohne zu zögern.
 

Sein Gesicht war rot, nicht nur vor Anstrengung. Ihre Haut war warm, weich – und roch trotz Tagen im Wald noch schwach nach Seife. Der Gedanke traf ihn ungewollt. Er schüttelte ihn ab und machte weiter.
 

„Wir müssen sie zu einem Arzt bringen!“ rief Hannes. „Jetzt sofort!“
 

Ein paar Schritte entfernt stand Esel.
 

Dann setzte er sich langsam hin.
 

Er zog die Knie an, presste die Hände vors Gesicht.
 

„Als ich zehn war…“, murmelte er mit zittriger Stimme, „da hatte ich ein Quietschtier.“
 

Niemand hörte zu.
 

„Eine Schlange. Schwarz. Sie sah genauso aus.“

Seine Stimme brach.

„Die war lieb. Hat nie gebissen. Die hat nur gequietscht, wenn man draufgedrückt hat…“
 

„Das war eine Puppe!“ fauchte Hannes. „Keine verdammte Giftschlange!“
 

Esel hörte ihn kaum.
 

Er starrte auf seine Hände.
 

Er verstand es jetzt.
 

Wegen ihm.

Weil er sie losgelassen hatte.
 

Seine Schultern begannen zu beben.
 

„Ich… ich wollte doch nur zeigen, dass sie nett ist“, flüsterte er.

„Ich wollte nicht, dass sie wehtut…“
 

Kathy stöhnte leise vor Schmerz.
 

Buddy sah kurz zu Esel hinüber.
 

„Reiß dich zusammen“, sagte er ruhig. Nicht hart. Nicht sanft. Nur klar.

„Du kannst dich später fertig machen. Jetzt müssen wir sie retten.“
 

Hannes kniete neben Kathy, die Zähne zusammengebissen.
 

„Wenn sie stirbt“, knurrte er leise, „dann bring ich dich um, Esel.“
 

Esel ließ die Hände sinken.
 

Seine Augen waren nass.
 

Zum ersten Mal in seinem Leben verstand er,

dass Dummheit töten konnte.

Bärenstark

„Nehmt die Sachen“, befahl Buddy knapp und stopfte hastig alles zusammen.
 

„Tu einmal was Nützliches und trag Kathy“, fauchte Hannes Esel an. Seine Stimme war hart, voller Wut.
 

Esel sagte nichts.
 

Er beugte sich einfach hinunter, schob einen Arm unter Kathys Knie, den anderen unter ihren Rücken – und hob sie mit einem einzigen, ruhigen Schwung hoch.
 

Mühelos.
 

„Beeilung“, rief Hannes und rannte los.
 

Esel folgte ihm sofort, Kathy fest an sich gedrückt. Keiner von ihnen dachte darüber nach, wie selbstverständlich es war, dass Esel sie trug, als wäre sie leicht wie ein Sack Moos. Sie liefen schneller, tiefer in den Wald hinein, bis endlich Lichter zwischen den Bäumen auftauchten.
 

Eine Stadt.
 

Kathy keuchte, als würde sie selbst laufen. Ihre Finger gruben sich in Esels Hemd, klammerten sich an seine Brust.
 

„Oh—“, stieß Esel kurz hervor.
 

„Was ist los?“ Buddy und Hannes waren sofort bei ihm.
 

„Verkraftest du es?“, knurrte Hannes und deutete auf Kathys Griff. „Das ist wohl das Mindeste nach dem, was du angerichtet hast.“
 

Er ging weiter, ohne sich umzudrehen.
 

„Da! Ich sehe ein Dorf!“ rief er und rannte voraus.
 

Sie stürmten hinein.
 

„Wir brauchen einen Heiler!“, rief Buddy in die Runde. „Sofort!“
 

Die Menschen blieben stehen, musterten die Gruppe misstrauisch. Blut. Hektik. Fremde. Für sie sah es aus wie Ärger – oder schlimmer.
 

Da hob ein kleines Mädchen die Hand.
 

„Ich kenne einen Heiler“, sagte sie. Ihre Kleidung war zerrissen, die Füße schmutzig. Eine Bettlerin.

„Ein Gold. Dann zeige ich euch den Weg.“
 

Hannes’ Gesicht verhärtete sich.

„Willst du uns verarschen? Unsere Frau ist in Lebensgefahr!“
 

Das Mädchen hielt seinem Blick stand.

„Also ist sie euch nicht mal ein Gold wert?“
 

Bevor Hannes antworten konnte, trat Esel vor und drückte dem Kind etwas in die Hand.
 

Mehr als ein Gold.
 

„Nimm alles“, sagte er leise. „Zeig uns den Weg. Es war mein Fehler. Ich zahle.“
 

Er sah kurz zu Buddy und Hannes. Seine Stimme zitterte nicht.
 

Das Mädchen riss die Augen auf, drehte sich um – und rannte los.
 

Sie führte sie zu einem halb zerfallenen Haus am Rand des Dorfes. Die Fenster waren blind, das Dach schief, die Tür von Moos überwachsen.
 

„Da“, sagte sie. „Dort lebt der beste Heiler überhaupt.“
 

„Danke“, sagte Esel sofort. „Danke.“
 

Ohne zu zögern marschierte er mit Kathy auf das Haus zu.
 

„Hey, warte!“ Hannes packte nach seinem Arm. „Das ist doch Blödsinn! Als ob hier ein Heiler lebt! Wir suchen einen richtigen!“
 

Esel ging einfach weiter.
 

Hannes zog – und merkte, dass er ihn nicht halten konnte.
 

Nicht einmal ansatzweise.
 

„Nein“, sagte Esel stur. „Sie braucht Hilfe. Und hier ist der beste Heiler der Welt.“
 

„Was stimmt nicht mit dir?“ Hannes starrte ihn an.

„Und seit wann bist du so stark?“
 

Esel antwortete nicht.
 

Er drückte die Tür auf.
 

Und trat ein.

Seesternfunkeln

Der Heiler sah nicht aus wie jemand, dem man sein Leben anvertrauen wollte.
 

Sein Bart war verfilzt, die Augen zu wach, zu klar. Seine Finger waren gelb verfärbt von Kräutern, Rauch und Dingen, die man lieber nicht genau wissen wollte. In der Hütte hing ein Geruch aus Moder, Salz, verbranntem Zucker und etwas Metallischem. Überall standen Fläschchen, Schalen, Knochen, getrocknete Pflanzen, Gläser mit trübem Inhalt.
 

Chaos.

Und doch hatte alles seinen Platz.
 

Esel trat ohne Zögern vor.
 

„Schlangenbiss“, sagte er ruhig.
 

Der Mann blinzelte langsam. Dann nickte er.

„Leg sie auf den Tisch.“
 

Mit einer einzigen Bewegung fegte er alles vom Tisch: ein Bündel Federn, ein zerbrochenes Astrolabium, getrocknete Fischköpfe, eine Kerze in Menschengestalt, ein Glas voller Zähne. Alles krachte zu Boden.
 

Buddy und Hannes standen stumm daneben.

Kathy war kreidebleich. Ihr Atem ging flach.
 

„Es war eine schwarze Schlange“, sagte Esel leise. „Mit roten Augen.“
 

Der Heiler murmelte etwas Unverständliches.
 

Dann holte er eine braune Paste aus einem Tontopf. Zäh. Dunkel. Glänzend. Er goss Wasser dazu und rührte alles in einer alten, angeschlagenen Kaffeetasse um. Das Gemisch wurde dünnflüssiger, schimmerte seltsam.
 

Er nahm getrocknete Muscheln. Zermahlte sie.

Dann kleine, zerbrochene Seesterne. Zermalmte auch sie.
 

Das Pulver funkelte im Kerzenlicht, als er es in die Tasse rührte. Wie Sand mit Sternen darin. Wie schwarzer Kaffee, in dem etwas Lebendiges glitzerte.
 

Dann strich er die Paste auf Kathys Wunde.
 

Sie schrie.
 

Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging.
 

„Hör auf!“ rief Buddy und machte einen Schritt nach vorn. „Du bringst sie um!“
 

„Brennt“, murmelte der Heiler ruhig. „Brennt heißt, es lebt. Brennt heißt, es schließt sich.“
 

Kathy wimmerte, ihr Körper verkrampfte sich.
 

„Das ist Folter!“ fauchte Buddy.
 

„Sie stirbt sonst“, sagte der Mann nur und drückte die Paste fester auf die Haut.
 

Dann hob er die Tasse an ihre Lippen.

„Trink. Trink, Kind. Es brennt. Es heilt. Brennt. Heilt. Brennt. Heilt.“
 

Er flößte ihr den Rest ein.
 

Hannes verzog angewidert das Gesicht.
 

Esel kniete neben Kathy, hielt ihre Hand.

„Bitte… bitte…“, flüsterte er immer wieder.
 

Langsam ließ der Krampf nach.

Ihr Atem wurde ruhiger.

Die graue Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ein Hauch von Rosa kehrte in ihre Wangen zurück.
 

Sie schlief ein.
 

Tief.
 

Der Heiler lehnte sich zurück.

„Sie wird einen Tag schlafen“, sagte er. „Dann lebt sie.“
 

Esel atmete hörbar aus. Seine Schultern sanken.
 

„Danke“, sagte er leise.

„Danke… danke… danke…“
 

Fast verbeugte er sich.
 

„Was willst du dafür? Geld? Alles, was wir haben.“
 

Der Heiler schüttelte den Kopf.

„Kein Geld. Aber Arbeit.“
 

Er öffnete eine Tür.
 

Dahinter lag ein Raum, bis zur Decke vollgestopft mit Kisten, alten Möbeln, Netzen, Flaschen, Knochen, Stoffresten, Schrott und Staub. Ein Meer aus Dingen, die niemand mehr brauchte.
 

„Ausmisten“, sagte der Heiler. „Drei starke Hände. Behaltet, was ihr wollt. Hauptsache, der Krempel kommt weg. Vielleicht findet ihr sogar einen Schatz.“
 

Hannes stöhnte.

Buddy musterte den Berg schweigend.
 

Esel nickte sofort.
 

„Machen wir“, sagte er.

„Alles.“

Ferkel

„Wir machen das erst, wenn sie wirklich aufwacht“, sagte Hannes misstrauisch.

Er verschränkte die Arme. „Warum sollten wir dir vertrauen? Wir kennen nicht mal deinen Namen.“
 

Buddy nickte zustimmend. „Er hat recht.“
 

„Er hat Kathy gerettet“, sagte Esel ruhig. „Ich hab dafür bezahlt. Und es brennt, also heilt es.“
 

Damit war das für ihn geklärt.
 

Er packte sich ohne weiteres Zögern das erste große Teil aus dem Raum und schleppte es hinaus. Staub wirbelte auf.
 

Buddy und Hannes blieben bei Kathy sitzen. Ihr Atem war ruhig, gleichmäßig – aber sie wachte nicht auf.
 

„Ich such einen richtigen Heiler“, knurrte Hannes schließlich und ging hinaus.
 

„Schlafen ist Heilen“, sagte der Heiler streng. „Und sie bleibt, bis der Raum leer ist.“
 

Am Abend kam Hannes zurück.
 

„Keiner will helfen“, schimpfte er. „Nur weil wir Fremde sind. Scheißdorf.“

Dann wurde er leiser. „Wie geht’s ihr?“
 

„Sie atmet ruhig“, sagte Buddy. „Lebt noch. Das ist schon mal gut.“
 

Er deutete in die Ecke.

„Esel schläft im Müll. Hat den ganzen Tag gearbeitet.“
 

Tatsächlich lagen am nächsten Morgen deutlich weniger Berge im Raum. Buddy und Hannes halfen nun auch mit. Der Müll wurde nicht weniger – aber sie arbeiteten jeden Tag daran.
 

Am Nachmittag regte sich Kathy.
 

Alle waren sofort bei ihr.
 

„Wie fühlst du dich?“ fragte Buddy.
 

Hannes starrte sie an. „Der Heiler… der ist echt.“
 

Kathy war schwach, aber ihre Haut hatte wieder Farbe.

„Wo…?“
 

„In einem Dorf“, erklärte Buddy ruhig. „Ein Heiler hat dich vom Gift gerettet.“
 

Esel trat näher.

„Tut mir leid“, sagte er leise.
 

„Weg“, murmelte Kathy. „Ich brauch Schlaf.“
 

Esel beugte sich vor, legte ihr sanft die Hand auf die Stirn.

„Schlaf.“
 

Und tatsächlich schlief sie sofort wieder ein.
 

Das motivierte Hannes. Er räumte schneller, härter. Der Müll verschwand Stück für Stück. Kathy hatte Zeit, sich zu erholen, während die drei schufteten.
 

„Gold!“ rief Hannes plötzlich.
 

Buddy sah hin. „Als ob.“
 

Hannes zog etwas hervor – und verzog das Gesicht.

„Mist. Nur eine Trompete.“
 

Er wollte sie wegwerfen.
 

„Für die Band!“ rief Esel begeistert, schnappte sie sich und pustete hinein.
 

Pfffff.
 

Eine fette, schwarze Staubwolke schoss heraus und hüllte Buddy und Hannes ein.
 

Beide husteten, waren von Kopf bis Fuß schwarz.
 

„Ihr seht aus wie Ferkel“, lachte Kathy schwach, während sie gerade ihren Stärkungstrank trank.
 

„Was kannst du eigentlich?“ knurrte Hannes, nahm Esel die Trompete ab.

„Die gehört gewaschen. So wie wir jetzt – dank dir.“
 

Er behielt sie trotzdem.
 

„Im Garten ist ein Brunnen“, sagte der Heiler und reichte ihnen Tücher. „Raus mit euch.“
 

Nach weiteren drei Tagen war der Raum endlich leer.
 

Die Schuld war beglichen.
 

„Also“, sagte Buddy und sah in die Runde. „Was habt ihr gefunden?“
 

Einer nach dem anderen zeigte seine Beute aus dem Ausmisten.
 

Und langsam, sehr langsam, begann sich ein neuer Plan zu formen.

Alpakaflausch

Ein paar Tage waren vergangen, seit sie das Haus des Heilers verlassen hatten.
 

Sie waren weitergezogen, tiefer ins Land hinein, und jeder trug nun mehr Gepäck als zuvor – und mehr Hoffnung.
 

Buddy hatte ein kleines Bündel Schmuckstücke bei sich, sorgfältig in ein Tuch gewickelt: Ringe, Ketten, ein Armreif mit grünen Steinen.

„Sieht teuer aus“, murmelte er immer wieder. „Im nächsten größeren Ort lasse ich das schätzen.“
 

Hannes hatte die Trompete behalten. Anfangs aus Trotz. Dann aus Neugier. Und inzwischen aus echter Freude. Wann immer sie Rast machten, übte er. Er blies Töne in den Himmel – sauber, sicher, mit Gefühl. Fast wie ein Profi.
 

Esel hingegen hatte nichts für sich behalten.
 

Beim Ausmisten hatte er eine dicke, weiche Jacke aus Alpakafell gefunden. Tagelang hatte er sie gereinigt, gebürstet und gelüftet, bis sie nicht mehr nach Stall, Staub oder fremdem Schweiß roch, sondern nur noch nach Wolle und Wind.
 

Am Abend, als es merklich kälter wurde, trat er zu Kathy.
 

„Für dich“, sagte er und hielt ihr die Jacke hin. „Wegen… wegen der Schlange. Und weil kalt ist.“
 

Kathy blinzelte. Dann legte sie sich das Fell um die Schultern.
 

Weich.

Warm.

Wunderschön.
 

„Esel…“, murmelte sie, brach ab und lachte leise. Dann zog sie ihn kurz an sich.

„Danke.“
 

Von da an trug sie die Jacke mit sichtbarem Stolz.
 

Die Gruppe hatte sich zu etwas Neuem zusammengefunden: einer Band.

Esel an der Laute, Hannes an der Trompete, Buddy an der Handtrommel – und Kathy als Sängerin.
 

Einen Namen hatten sie noch nicht, aber an jedem Abend, wenn sie am Lagerfeuer probten, war die Luft erfüllt von Musik, Lachen und dem Knistern der Flammen. Und selbst wenn Esel manchmal die falschen Töne traf, passte alles irgendwie zusammen.
 

Heute war ihr erster richtiger Auftritt.
 

Sie hatten ein kleines Dorf erreicht, das gerade sein jährliches Eisblütenfest feierte. Die Straßen waren bunt geschmückt, die Luft roch nach Zucker, gebrannten Nüssen und Holzfeuer. Ein leichter Frost legte sich über die Dächer, während Kinder zwischen den Ständen umherliefen und lachten.
 

Kathy zog ihre neue Jacke enger um sich und stellte sich stolz auf die kleine, improvisierte Bühne.
 

Esel grinste von der Seite, die Laute bereit.
 

Hannes hob die Trompete, schloss kurz die Augen.
 

Buddy schlug den Rhythmus auf der Handtrommel an.
 

„Bereit?“ flüsterte er.
 

„Bereit!“, riefen die anderen im Chor.
 

Esel zupfte die ersten Akkorde.
 

Die Musik füllte den Platz, und Hannes spielte seine Trompete so kraftvoll und klar, dass die Menschen sofort stehen blieben. Jeder Ton war präzise, schwungvoll und voller Gefühl.
 

Kathy begann zu singen.
 

Ihre Stimme war warm und klar, sie trug mühelos über den Platz hinweg. Buddy hielt den Rhythmus, Esel begleitete sie auf der Laute, und gemeinsam erschufen sie eine Klangfülle, die das ganze Dorf in Staunen versetzte.
 

Die Menschen klatschten, einige tanzten, Kinder sprangen im Takt auf und ab.
 

Hannes spielte eine Passage besonders lang und hoch – Jubel brandete auf.
 

Kathy nickte ihm anerkennend zu.

„Du bist echt gut, Hannes.“
 

Esel strahlte über beide Ohren.

„Dann sind wir jetzt richtige Musiker!“, rief er begeistert, wie ein Kind, das gerade etwas Großes begriffen hatte.
 

Buddy grinste.

„Ja. Und das ist erst der Anfang.“
 

Das Eisblütenfest glitzerte um sie herum, und ihre Musik zog sich wie ein warmer Lichtstrahl durch den kalten Abend.
 

Sie waren nicht länger nur Flüchtlinge und Abenteurer.
 

Sie waren eine Band.
 

Und als der letzte Ton verklang, klatschten die Dorfbewohner lautstark.

Hannes verbeugte sich, Kathy lächelte, Esel hüpfte vor Freude auf und ab – und Buddy nickte zufrieden.

Katzenjammer

Die Feier dauerte bis tief in die Nacht.
 

Sie wurden bejubelt, beschenkt, herumgereicht wie etwas Besonderes. Es gab Essen, Getränke, Lachen, Versprechen. Hannes erzählte jedem, der es hören wollte, dass sie bald berühmt sein würden. Buddy rechnete im Kopf bereits, was das alles wert sein könnte. Esel strahlte einfach nur.
 

Kathy allerdings zog sich zurück. Sie ging ins Gasthaus, denn sie hatte keine Lust, wie die Jungs oder irgendwelche Tiere auf dem Boden zu schlafen.
 

Am Morgen war Esel der Erste, der wieder auf den Beinen war.
 

„Kathy! Kathy! Wir wollen essen und feiern! Buddy sagt, wir haben richtig abgeräumt, und Hannes meint, wir werden berühmt!“

Voller Begeisterung stürmte er zu ihrem Zimmer und klopfte.
 

Keine Antwort.
 

„Kathy?“

Er öffnete die Tür.
 

Das Zimmer war leer.
 

Das Bett unbenutzt.

Keine Kleidung.

Kein Geld.
 

Esel spürte, wie ihm der Bauch schwer wurde.
 

„Esel!“, zischte Buddy hinter ihm. „Was ist los? Du weckst die halbe Herberge.“
 

„Kathy ist weg“, sagte Esel leise. „Zimmer leer. Alles.“
 

Buddy rannte die Treppe hinauf, sah sich um, durchsuchte jede Ecke. Dann blieb er stehen.
 

„Kein Geld. Keine Sachen. Kein Zeichen.“
 

Sie setzten sich an einen Tisch. Hannes rieb sich das Gesicht.

„Warum sollte sie abhauen? Das ergibt keinen Sinn.“
 

„Vielleicht ist etwas passiert“, flüsterte Esel. „Vielleicht braucht sie Hilfe.“
 

Buddy schüttelte den Kopf.

„Das Zimmer wurde nicht benutzt. Sie hat nichts dagelassen. Keine Spuren eines Kampfes. Keine Entführung.“

Er atmete aus.

„So sieht es aus, als wäre sie freiwillig gegangen.“
 

Esel starrte ihn an.
 

„Ohne uns“, fügte Buddy hinzu. „Sie hat uns betrogen.“
 

In diesem Moment kam eine Frau auf sie zugestürmt.

„Wo ist eure Freundin? Die Sängerin!“
 

„Weg“, knurrte Hannes.
 

„Wo ist mein Kind?“ Die Frau packte ihn am Arm. „Meine Tochter war bei euch! Diese Frau wollte aufpassen! Wo ist sie?!“
 

„Keine Ahnung“, fauchte Hannes und riss sich los. „Schläft bestimmt unter einem Tisch. Wir haben andere Sorgen als dein Gör. Pass besser auf.“
 

Die Frau schrie. Andere mischten sich ein. Schließlich wurde sie hinausgeführt.
 

Stille.
 

„Wir sollten sie suchen“, sagte Esel entschlossen.

„Sie hat den Mantel noch. Sie mag uns. Wir müssen sie finden.“
 

Buddy schwieg einen Moment.

„Sie ist bestimmt schon aus dem Dorf raus. Ohne Pferde holen wir sie nicht ein.“
 

Hannes seufzte.

„Aber… für eine Frau ist es gefährlich, allein zu reisen.“
 

Er nickte langsam.

„Esel hat recht. Wir gehen.“
 

Sie diskutierten lange, in welche Richtung sie überhaupt suchen sollten. Keiner wusste, wohin Kathy gehen würde.
 

Kathy erwachte im Dunkeln.
 

Es war kalt.

Eiskalt.
 

Sie war froh, den Mantel zu tragen. Trotzdem zitterte sie.
 

„Mein Kopf…“, murmelte sie und tastete nach einer Beule. „Wo bin ich?“
 

Sie richtete sich auf. Der Raum war groß, die Wände feucht, der Atem bildete kleine Wolken.
 

„Hallo?“ rief sie. „Ist hier jemand?“
 

Stille.
 

Dann erkannte sie, was um sie herum lag.
 

Fisch.

Fleisch.

Kisten.

Alles eingefroren.
 

„Ein Gefrierhaus…“, flüsterte sie. „Eismagie… damit alles frisch bleibt. Aber warum bin ich hier?“
 

Sie fand eine Tür. Zog daran.
 

Verschlossen. Von außen.
 

„Hallo!“, rief sie panisch. „Lasst mich raus!“
 

Sie hüpfte, stampfte, rieb sich die Arme, um nicht zu erfrieren.
 

„Buddy!“

„Hannes!“

„Esel!“
 

Ihre Stimme hallte nur zurück.
 

Die Kraft verließ sie langsam. Schließlich hockte sie sich in eine Ecke, zog den Mantel eng um sich und begann leise zu singen – mehr für sich selbst als aus Hoffnung. Um nicht den Verstand zu verlieren.
 

Plötzlich ein Schlag von draußen gegen die Tür.
 

„Ruhe!“, brüllte eine Stimme. „Dieses Katzenjammer kann sich ja keiner anhören.“
 

Schritte. Dann Stille.
 

„Was willst du?!“ schrie Kathy verzweifelt. „Ich gebe dir alles! Aber lass mich raus!“
 

Keine Antwort.
 

Nur die Kälte.
 

Und ihr leiser Gesang, der langsam im Frost erstickte.

Versuchskaninchen

Der Morgen war grau und kalt.
 

Das Dorf wirkte, als hätte es die Feier der letzten Nacht bereits vergessen. Die bunten Bänder hingen schlaff, zertretene Reste von Nüssen und Papier klebten im Matsch. Niemand wollte sich erinnern.
 

Buddy, Hannes und Esel gingen von Haus zu Haus.
 

„Habt ihr unsere Freundin gesehen?“, fragte Buddy immer wieder.

„Sängerin. Lockenkopf. Helle Jacke aus Fell.“
 

Die Antworten waren ausweichend.
 

„Gestern Abend noch auf dem Platz.“

„Spät in der Nacht Richtung Herberge.“

„Heute früh nicht mehr.“
 

Eine alte Frau schüttelte den Kopf.

„Ich hab sie singen gehört, da war es schon dunkel. Danach nichts mehr.“
 

Kathy fror.
 

Die Kälte kroch in jede Faser ihres Körpers, selbst durch den warmen Mantel. Ihre Lippen waren blau, die Finger taub, der Atem schmerzte in der Brust.
 

Die Tür ging auf.
 

Der Mann kam wieder.
 

Schwere Schritte. Ruhiger Atem. Der Geruch von Blut, Rauch und etwas Süßlichem, das sie nicht einordnen wollte.
 

„Warum… warum ich?“ flüsterte sie.
 

Er musterte sie, langsam, gründlich – wie ein Stück Ware.
 

„Kräftig“, sagte er.

„Gesund. Gute Haut. Gutes Fleisch.“

Er nickte zufrieden. „Man sieht sofort, was taugt.“
 

Kathy schluckte schwer.
 

„Und… das Kind?“, brachte sie hervor. „Das Mädchen von gestern…“
 

Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Ungeduld. Ärger.
 

„Zart“, sagte er kurz. „Sehr zart. Ich wollte sehen, wie empfindlich so etwas ist. Wie lange es Kälte aushält. Wie schnell es bricht.“
 

Kathy wurde schwindlig.
 

„Du… hast…“
 

„Genug“, unterbrach er sie ruhig.

„Du bist stärker. Ein besseres Versuchsstück.“
 

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie presste die Hand vor den Mund, kämpfte gegen das Würgen an.
 

In ihrem Kopf hämmerte nur ein Gedanke:
 

Ich darf nicht sterben.

Nicht hier.
 

Draußen gaben die drei fast auf.
 

„Wir laufen im Kreis“, knurrte Hannes. „Kein Mensch weiß was. Jeder redet Mist.“
 

Esel stand plötzlich still.
 

„Sie ist irgendwo“, sagte er leise. „Sie ist noch da. Ich spür das.“
 

Da öffnete sich die Tür eines schiefen Hauses.
 

Eine alte Frau trat heraus. Der Rücken krumm, die Augen scharf wie Messer.
 

„Ihr sucht die Sängerin“, sagte sie ohne Begrüßung.
 

Alle drei sahen sie an.
 

„Und das Mädchen“, fügte sie hinzu.
 

Buddy trat einen Schritt näher. „Wissen Sie etwas?“
 

Die Alte senkte die Stimme.
 

„Ich weiß, wer immer so schaut.“
 

„Wie schaut?“ fragte Hannes.
 

„Wie ein Wolf auf ein Lamm“, sagte sie. „Er mustert die Frauen. Die Hüften. Den Hals. Die Haut.“
 

Sie spuckte auf den Boden.
 

„Der Fleischer.“
 

Stille.
 

„Er steht oft morgens am Kühlhaus“, fuhr sie fort. „Tut so, als würde er Ware prüfen. Aber seine Augen… die prüfen anderes.“
 

Esel wurde bleich.
 

Buddy nickte langsam. Seine Stimme war ruhig, fast kalt.
 

„Wo ist sein Laden?“

Herdentier

Die Jungs machten sich sofort auf den Weg zum Fleischer.
 

Sein Laden lag am anderen Ende des Dorfes, auf einem kleinen Hügel abseits der Häuser. Nicht, weil er schlecht arbeitete – im Gegenteil. Sondern weil viele nicht sehen wollten, wie Tiere geschlachtet wurden. Oder schlimmer: die Monster, die Abenteurer manchmal extra herbrachten, um sie zerlegen zu lassen.
 

Viele Kinder hatte das verstört.

Also stand der Laden dort oben.
 

Der Fleischer verdiente gut. Er stellte keine Fragen. Er verarbeitete jedes Fleisch – genau so, wie man es wollte.
 

„Ob er wirklich jedes Fleisch hat?“ murmelte Esel nachdenklich.

„Goldfleisch… oder Wolkenfleisch…“
 

„Der wird gefürchtet“, sagte Hannes leise. „Und wer so lebt, ist kein guter Mensch.“

Er dachte an den Moment zurück, als man ihm den Kopf abhacken wollte, weil er alle Hähne getötet hatte. Fleischer zahlten gut – aber er hätte nie dort eingekauft. Man wusste nie, was wirklich in einer Wurst steckte.
 

„Bleibt wachsam“, sagte Buddy. „Wir sind hier nicht wegen Fleisch.“
 

Kathy fror.
 

Die Kälte hatte ihren Körper längst durchdrungen. Selbst der warme Mantel half kaum noch. Ihre Lider wurden schwer, die Glieder taub.
 

Sie versuchte wach zu bleiben.
 

Dann spürte sie, wie sie hochgehoben wurde.
 

Ein großer, schwerer Mann. Behaart. Der Gestank von Blut, Fleisch und Schweiß brannte in ihrer Nase. Sie wollte schreien – aber kein Laut kam heraus.
 

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einem kalten Boden.
 

Um sie herum: Runen. In den Stein geritzt, glühend schwach. In einer Ecke Knochen und Fleischreste. In der anderen: Käfige. Tiere. Einige lebend. Einige nicht mehr.
 

„Was… was hast du vor?“

Zum ersten Mal sah sie ihren Entführer richtig.
 

Doch es war nicht er allein, der sie erschreckte.
 

Es war alles.
 

„Ein Auftrag“, sagte der Fleischer zufrieden.

„Diesmal klappt es.“
 

Er holte Pulver hervor, Schalen, ein Messer.
 

„Was… was soll klappen?“ flüsterte Kathy und suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg. Es gab nur eine Tür.
 

Als sie einen Schritt aus dem Runenkreis machte, fuhr ein scharfer Schmerz durch ihren Körper.
 

Sie schrie.
 

„Bald“, sagte er ruhig. „Ganz bald.“
 

Er schob ihr ein scharfes Werkzeug zu.

„Das Kind war ein Misserfolg. Zu schwach. Aber du… du hast die Kälte überlebt.“
 

Er lachte leise.

„Diesmal klappt die Fusion.“
 

Neben ihm lag etwas Schleimiges. Lebendig. Pulsierend. Mit weißen, wolligen Knötchen am Körper.
 

Kathy begriff.
 

Ihr wurde schlecht.
 

„N-nein… bitte…“, weinte sie. „Tu das nicht.“
 

„Keine Sorge“, sagte er sanft. „Alles wird gut. Du wirst ein Hybrid. Ist das nicht wunderbar?“
 

Er schlug ein Buch auf, begann Pulver zu streuen, Worte zu murmeln.
 

Dann—
 

Kling.
 

Eine Glocke.
 

Der Fleischer hielt inne. Hörte.
 

Von oben kam eine Stimme.
 

„Hallo? Hey? Ist hier jemand?“
 

Esel.
 

Der Fleischer lächelte.

„Nicht weglaufen“, murmelte er und ging nach oben.
 

„Hallo“, sagte Esel freundlich, als hätte er sich verlaufen.

„Wir suchen unsere Freundin. Ist sie hier?“
 

„Ich kenne keine Frau“, sagte der Fleischer ruhig. „Ihr müsst genauer sein.“
 

Hannes wollte hinter den Tresen greifen.
 

„Hygienevorschriften“, unterbrach ihn der Mann scharf. „Nur für Mitarbeiter. Wenn ihr nichts kauft – raus.“
 

„Doch“, sagte Esel plötzlich. „Wir wollen Fleisch.“
 

Buddy verstand sofort.

„Ja. Das Beste, was ihr habt. Für eine kleine Feier. Schaf… Ziege… vielleicht Monsterfleisch?“
 

Der Blick des Fleischers veränderte sich.
 

„Wie wollt ihr euer Schaf?“ fragte er leise.
 

„Flauschig“, rief Esel begeistert. „Und süß!“
 

Hannes schlug sich innerlich gegen den Kopf.
 

„Sagt das doch gleich“, sagte der Fleischer und öffnete den Tresen. „Hier entlang.“
 

Sie folgten ihm nach unten.
 

Der Fleischer redete dabei, fast fröhlich.

„Es ist noch nicht fertig, aber es sollte klappen. Dank der Vorauszahlung ging alles schneller. Sklaven haben viele Vorteile… und sie ist wirklich außergewöhnlich.“
 

„Was hast du getan?“ flüsterte Hannes Buddy zu.
 

Dann sahen sie es.
 

Kathy.
 

Am Boden. Im Runenkreis.
 

„Kathy!“

Esel rannte los – und prallte gegen die unsichtbare Barriere.
 

„Nicht berühren“, sagte der Fleischer ruhig.

„Jetzt, wo alle da sind, können wir fortfahren.“
 

„Was soll das werden?“ fragte Buddy kalt.
 

„Eure Bestellung“, antwortete der Mann.

„Flauschiges, sexy Schafsfleisch für die Herde. Ihr habt mir doch dieses Exemplar gebracht.“
 

Er drehte sich um.
 

Weiter kam er nicht.
 

Hannes schlug zu.
 

Der Fleischer sackte bewusstlos zusammen.
 

„Jetzt!“, rief Hannes. „Weg hier!“
 

Er wischte hektisch die Runen vom Boden.

„Nur verbunden wirken sie!“
 

Buddy half Kathy auf.

„Du hast eiskalte Hände. Geht’s dir?“
 

Esel kam dazwischen und hob sie hoch – vorsichtig, fast ehrfürchtig.
 

„Ich trag dich“, sagte er leise.
 

Kathy schlang die Arme um seinen Hals.
 

„Danke…“, flüsterte sie.

„Danke euch… mir geht es ein kleines bisschen besser.“
 

Und zum ersten Mal seit dem Gefrierhaus glaubte sie, dass sie wirklich überleben würde.

Kuhwaschtag

Sie blieben nicht.
 

Noch bevor der Morgen richtig hell wurde, erzählte Buddy den Dorfbewohnern, was im Gefrierhaus geschehen war. Vom verschwundenen Mädchen. Von den Runen. Von dem, was der Fleischer vorhatte.
 

Die Gesichter wurden bleich. Flüstern ging um. Worte wurden weitergetragen. Als die vier das Dorf verließen, sahen sie hinter sich Lichter aufleuchten – Fackeln. Viele. Eine wütende, entschlossene Menge, die den Hügel zum Laden hinaufzog.
 

Was dort oben geschah, erfuhren sie nie.
 

Kathy war noch zu schwach, um selbst zu gehen. Esel trug sie, Schritt für Schritt, ohne zu klagen. Ihr Körper war immer noch kalt, trotz des warmen Mantels.
 

Nach einer Weile entdeckten sie am Rand des Weges eine große, alte Holzwanne, vermutlich von einem Bauern vergessen.
 

„Die ist gut“, sagte Buddy. „Wenn wir Wasser heiß machen, kann sie sich aufwärmen.“
 

Sie schleppten die Wanne zu einer kleinen Lichtung, machten Feuer und begannen, Wasser zu erhitzen.
 

Kathy lehnte erschöpft an einem Baum. Die Augen geschlossen. Der Atem flach, aber ruhig.
 

Hannes beugte sich zu Buddy und grinste schief.

„Na, wenn wir schon beim Waschen sind… ich könnte ihr ja bei den Eutern helfen.“
 

Buddy warf ihm einen Blick zu, kalt wie Eis.

„Fass sie nicht an, du Idiot.“
 

Hannes lachte leise.

„Gib’s doch zu. Du bist bis über beide Ohren in die Kleine verliebt.“
 

Bevor Buddy etwas erwidern konnte, meldete sich Esel verwirrt zu Wort:
 

„Welche Kuh? Wo ist die Kuh mit den Eutern? Wenn wir waschen, will ich helfen, damit sie richtig sauber wird. Euter müssen glänzen, sonst ist die Kuh traurig.“
 

Kathy öffnete ein Auge – und musste trotz allem lächeln.
 

„Esel“, sagte sie ruhig, „Hannes redet nicht von einer echten Kuh. Er macht einen dummen Scherz über meinen Körper. Das ist alles.“
 

Esel nickte langsam.

„Ah. Dann gibt es gar keine Kuh. Schade. Ich hätte sie gern sauber gemacht.“
 

Das Wasser war inzwischen warm.
 

„Die beiden sollen Essen suchen“, sagte Kathy leise. „Ich brauche nur Wärme. Mehr nicht.“
 

Buddy und Hannes zogen murrend los.
 

Esel half Kathy vorsichtig in die Wanne. Reichte ihr Wasser, damit sie sich aufwärmen konnte. Er wusch ihr den Rücken, behutsam, so wie man einem verletzten Freund hilft – ohne Hast, ohne falsche Gedanken.
 

„Du zitterst weniger“, stellte er fest. „Das ist gut. Dann bist du bald wieder stark.“
 

Kathy schloss die Augen.

„Danke, Esel. Du passt besser auf mich auf als jeder Palastdiener.“
 

Er lächelte stolz.
 

Währenddessen stapften Hannes und Buddy durch den Wald.
 

„Natürlich“, knurrte Hannes. „Natürlich darf ausgerechnet Esel bei ihr bleiben.“
 

Buddy sagte nichts.

Aber sein Gesicht war noch immer leicht gerötet.

Bienenstich

Hannes und Buddy streiften durch den Wald.
 

Hannes blickte immer wieder über die Schulter zurück, als könne er durch die Bäume hindurchsehen.
 

„Vergiss sie endlich“, sagte Buddy trocken und suchte mit den Augen den Boden nach Essbarem ab.
 

„Bist du nicht neugierig?“ grinste Hannes. „Sie ist im Wasser. Nackt.“
 

Buddy blieb stehen.

„Jetzt reicht’s. Wir finden was zu essen und gehen zurück. Vielleicht hast du dann was anderes im Kopf.“
 

„Psst.“

Buddy hob die Hand.
 

Ein Wildschwein.
 

Ohne ein Wort nickten sie sich zu. Wie alte Jagdgefährten gingen sie auseinander, nahmen Position ein. Als das Tier kurz stehen blieb, nutzte Hannes die Chance und sprang vor.
 

Was er nicht sah: einen Bienenstock im Gras.
 

Das Wildschwein krachte hinein, der Stock kippte – und augenblicklich füllte sich die Luft mit wütendem Summen.
 

Hannes rannte los.
 

„Wir treffen uns am Lager!“, rief Buddy ihm nach.
 

Er wartete, bis das Summen verklungen war, dann schleppte er das erlegte Tier zurück.
 

Als Buddy am Lager ankam, sah er Hannes und Esel streiten.
 

Esel saß in der Holzwanne, in der zuvor Kathy gebadet hatte.
 

„Was machst du da drin?!“ fuhr Hannes ihn an.
 

Esel sprang sofort heraus.

„Tut mir leid. Ich wollte niemanden wütend machen.“
 

„Was ist das Problem?“ fragte Buddy müde. Er ahnte bereits, dass es nichts Wichtiges war.
 

„Kathy hat gesagt, ich soll rein“, erklärte Esel schlicht.
 

„Ja, ja“, knurrte Hannes und kratzte sich. „Mach lieber frisches Wasser. Ich brauch was gegen diese Stiche.“
 

In dem Moment kam Kathy aus dem Gebüsch, den Alpakamantel fest um sich gezogen.
 

„Wer von euch war das?“ fragte sie scharf.

„Wo sind meine Kleider?“
 

Ihr Blick blieb an Hannes hängen.
 

„Was glotzt du so? Ich war’s nicht! Und wieso waschen, wenn das Original da ist?“ verteidigte er sich hastig.
 

„Ich bin gerade erst gekommen“, sagte Buddy beschwichtigend. „Wo hattest du sie zuletzt? Wir finden sie.“
 

Kathy seufzte genervt.

„Ihr seid kindisch. Behaltet sie. Wer weiß, wofür ihr sie schon benutzt habt.“
 

Dann musterte sie Hannes genauer.

„Was ist mit dir passiert?“
 

„Bienen“, murmelte er.
 

„Hast du die Stacheln entfernt?“

Sie machte eine knappe Handbewegung. „Komm.“
 

Hannes grinste Buddy zu und folgte ihr.
 

„Zeig“, sagte Kathy und sah sich zuerst seinen Arm an, dann seinen Hals.

„Das tut weh, aber du überlebst.“
 

„Das waren nicht alle“, gab Hannes zu.
 

Er zeigte auf weitere Stiche, die er beim Rennen abbekommen hatte.
 

„Die hatten wohl ein gemeinsames Ziel“, meinte Kathy trocken. „Sehr ehrgeizig.“
 

Sie arbeitete ruhig, konzentriert, zog vorsichtig die Stacheln heraus.
 

Hannes hielt still.
 

Zu still.
 

Er dachte, dass Bienenstiche sich noch nie so… erträglich angefühlt hatten. Vielleicht lag es an der Nähe. Vielleicht an der Wärme. Vielleicht daran, dass Kathy ihm gerade mehr Aufmerksamkeit schenkte, als er verdient hatte.
 

„Fertig“, sagte sie schließlich. „Du bist kein Held, aber du lebst.“
 

„Dann war’s das Opfer wert“, grinste er.
 

Kathy verdrehte die Augen, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
 

Am Feuer wartete Esel mit dem Essen.
 

Buddy sah die beiden an, schüttelte kaum merklich den Kopf – und dachte, dass das hier komplizierter wurde, als ihm lieb war.
 

Und irgendwo im Wald summte es noch leise nach.

Hummeln im Hintern

Das Feuer knisterte leise. Fett tropfte zischend vom gebratenen Fleisch in die Glut, und der Wald roch nach Rauch, Wärme und satt machender Ruhe. Sie saßen im Kreis, aßen schweigend, jeder für sich beschäftigt mit Gedanken, die schwerer waren als der Tag.
 

Dann räusperte sich Kathy.
 

„Wisst ihr“, sagte sie leise, „im Gefrierhaus hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Wenn man da sitzt und glaubt, man stirbt … merkt man plötzlich, wie wenig man eigentlich über die Menschen weiß, mit denen man reist.“
 

Buddy sah ins Feuer.

„Vergangenheit ist Vergangenheit.“
 

Kathy schnaubte leise.

„Blödsinn. Die Vergangenheit hört nicht einfach auf. Die steckt in einem drin. In jedem Schritt, den man macht.“
 

Hannes grinste.

„Jetzt wird’s philosophisch.“
 

„Nein“, sagte sie ruhig. „Ehrlich.“

Sie sah jeden der drei an. „Ich will, dass jeder ein Geheimnis erzählt. Eins, das die anderen noch nicht kennen.“
 

Stille.
 

Dann hob Esel die Hand.
 

„Ich fang an“, sagte er fröhlich.

„Als ich klein war, hab ich mal einen ganzen Korb vergorenes Obst gegessen. Ich dachte, das schmeckt nur komisch. Danach hab ich gelacht, bin umgefallen, hab versucht, mit einem Baum zu reden und war überzeugt, er sei mein Bruder.“
 

Hannes prustete los.

„Das ist kein Geheimnis. Das ist einfach… typisch Esel.“
 

„Doch“, sagte Esel ernst. „Ich hab dem Baum versprochen, ihn zu besuchen. Hab ich nie getan.“
 

Kathy musste lächeln, dann wurde sie stiller.
 

„Mein Geheimnis …“

Sie zögerte kurz.

„Ich hatte mal etwas mit jemandem, der deutlich älter war als ich. Kein Abenteuer. Eine richtige, heimliche Beziehung. Sehr intensiv. Sehr dumm. Und sehr lehrreich.“
 

„Lehrreich?“ Hannes hob eine Augenbraue. „War er dein Lehrer?“
 

Kathy verdrehte die Augen.

„Ja. Und vielleicht hab ich nur deswegen meinen Abschluss geschafft.“
 

„Überrascht bin ich nicht“, meinte Hannes grinsend. „So hübsch wie du bist, sammeln sich die Kerle von selbst.“

Er nickte zu ihr. „Mein Geheimnis hat auch mit einer Frau zu tun.“
 

„Feigling“, sagte Kathy. „Ganz oder gar nicht.“
 

Hannes seufzte.

„Na gut. Es gab mal eine, die wollte mich unbedingt. Zu sehr. Hochzeit, Haus, Kind, alles. Und sie hat versucht, dem Schicksal ein bisschen nachzuhelfen.“
 

„Du meinst …?“ fragte Buddy kühl.
 

Hannes nickte.

„Als ich’s gemerkt hab, bin ich abgehauen. War mir zu gefährlich. Schade eigentlich.“

Er grinste schief. „Sie war verrückt. Aber schön. Fast so schön wie du.“
 

Er zwinkerte Kathy zu.
 

„Fast“, sagte sie trocken.
 

Sie lachten. Redeten noch eine Weile über alte Fehler, verpasste Chancen und darüber, wie seltsam Menschen werden können, wenn Gefühle im Spiel sind.
 

Buddy saß die ganze Zeit still da. Sein Blick ruhte im Feuer, als würde er dort etwas suchen.
 

„Und dein Geheimnis?“ fragte Esel schließlich.
 

Buddy sah auf. Öffnete den Mund.
 

Und schloss ihn wieder.
 

Das Feuer knackte.
 

Die Nacht wurde tiefer.
 

Und etwas Ungesagtes blieb zwischen ihnen stehen.

Heißer Hecht

Kathy und Esel schliefen bereits.
 

Esel hatte sich zusammengerollt, als wäre der Waldboden sein Bett schon immer gewesen. Kathy lag ein Stück abseits, fest in den Mantel gehüllt, ihr Atem ruhig und gleichmäßig.
 

Buddy saß am Feuer, stocherte mit einem Stock in der Glut und hielt Wache. Die Flammen warfen zuckende Schatten über sein Gesicht.
 

Hannes setzte sich neben ihn.
 

„Ein bisschen neugierig bin ich ja schon“, sagte er grinsend. „Was ist eigentlich dein Geheimnis? Außer, dass du Leute beklaust.“
 

Buddy warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Die beiden schlafen.“
 

„Eben“, meinte Hannes. „Bester Zeitpunkt.“
 

Buddy seufzte. „Nichts Besonderes.“
 

„Ach komm“, hakte Hannes nach. „Eine Frau? Geld? Mord?“
 

Buddy rührte langsam im Feuer.

„Du gibst keine Ruhe, was? Gut. Ich erzähl’s dir. Aber danach schweigst du.“
 

Hannes hob die Hand. „Ehrenwort.“
 

„Es war letztes Weihnachten“, begann Buddy leise.

„Eine reiche, wunderschöne Frau. Alison.“
 

„Hab ich’s doch gewusst“, grinste Hannes. „Eine Frau.“
 

„Nicht ganz“, korrigierte Buddy. „Eher… ihr Vermögen.“
 

Er erzählte von einer Party, zu der er eigentlich nicht eingeladen gewesen war. Von funkelnden Lichtern, Musik, teurem Wein – und davon, wie Alison ihn entdeckt hatte.
 

„Sie nannte mich einen heißen Hecht“, sagte Buddy trocken.

„Und dann kam eins zum anderen.“
 

Hannes nickte wissend. „Und sie wurde danach… ärmer.“
 

Buddy erwiderte nichts, aber sein Schweigen bestätigte alles.
 

„Die größte Schwäche von uns Männern“, sagte Hannes zufrieden.
 

Buddy richtete seine Brille und starrte ins Feuer.

„Vielleicht.“
 

Rückblende – vor einem Jahr
 

Buddy hatte sich sorgfältig vorbereitet.
 

Es war eine Weihnachtsfeier der oberen Kreise. Gastgeberin: Alison Rufto die Zweite von Liddel. Eine Familie, absurd reich und berüchtigt dafür, dass jede Frau darin Alison hieß.
 

Und für ihre Kaninchen.
 

Jeder Gast bekam eines geschenkt. Ob er wollte oder nicht.
 

Buddy hatte sich hineingeschlichen, wie so oft. Er wollte nur ein bisschen stehlen. Ein Ring. Eine Kette. Vielleicht zwei.
 

Dann wurde er entdeckt.
 

Alison war vierundzwanzig, mit schneeweißem Haar und tiefblauen Augen. In ihrem Blick lag etwas Unruhiges, fast Wahnsinniges – aber sie lächelte freundlich.
 

„Du gefällst mir“, hatte sie gesagt.

„Komm mit. Keine Sorge um deine Hände.“
 

Ihr Zimmer war… eigenartig.
 

Überall weiße Kaninchen. Auf Kissen, Decken, dem Bett. Sie bewegten sich leise, warm, lebendig. Alison ließ sich zwischen ihnen nieder, als wären sie nichts weiter als lebende Polster.
 

„Ich mag schöne Dinge“, sagte sie.

„Eine Herzogin sollte nur schöne Dinge haben. Und meine Tochter Alison ist wunderschön.“
 

Die Nacht war seltsam. Intensiv. Und etwas, das Buddy lieber verdrängte, obwohl es auch… gut gewesen war.
 

Am Morgen nahm er, was offen herumlag. Edelsteine, achtlos verteilt wie Kiesel. Und verschwand.
 

Alison hatte es bemerkt.
 

Sie hatte die Wachen auf ihn gehetzt.
 

Nicht aus Wut.
 

Sondern weil sie ihn behalten wollte.
 

Buddy schwieg.
 

Das Feuer knackte leise.
 

Hannes sah ihn eine Weile an.

„Also doch eine Frau.“
 

Buddy atmete langsam aus.

„Und ein Fehler.“
 

Über ihnen wurde der Himmel heller, während die Nacht langsam zurückwich.

Katze im Sack

Die Sonne war schon ein gutes Stück über den Bäumen, als Hannes und Buddy immer noch am schwächer werdenden Feuer saßen.
 

„Unglaublich“, murmelte Hannes. „Kathy und Esel pennen, als hätten sie eine Nacht in Seide verbracht. Sonnenaufgang komplett verpasst.“
 

„Sie haben viel durchgemacht“, sagte Buddy ruhig.
 

Hannes grinste schief.

„Du auch. Und du schläfst nicht.“
 

Einen Moment war nur das Knistern der letzten Glut zu hören.
 

Dann beugte sich Hannes ein Stück näher.

„Sag mal… gab es eigentlich jemals eine Frau, die du wirklich mochtest? Nicht nur für eine Nacht. Ich meine richtig.“
 

Buddy antwortete sofort:

„Nein.“
 

Doch sein Blick wanderte unwillkürlich zu Kathy.
 

Hannes folgte seinem Blick und schmunzelte.

„Das sieht sogar ein Blinder.“
 

„Sie hat kein Interesse“, sagte Buddy knapp.
 

„Und du?“
 

Buddy schwieg kurz, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich auch nicht. Zumindest… nicht so.“
 

„Warum klingt das wie eine Lüge, die du dir selbst erzählst?“ stichelte Hannes „Du schaust, als hättest du gerade eine Katze im Sack vor dir. Neugierig… aber Angst, den Sack aufzumachen.“
 

Buddy sah wieder ins Feuer.

„Weil ich sie mag. Zu sehr, um sie da mit reinzuziehen.“

Er atmete tief durch.

„Mein Leben ist nichts für Sesshaftigkeit. Ich klaue, ich verschwinde, ich lebe mit einem Fuß im Gefängnis. Ich werde mich nicht erwischen lassen – aber falls doch, soll niemand mit mir untergehen. Schon gar nicht sie.“

Hannes lehnte sich zurück.

„Du bist ja richtig edel geworden.“
 

„Realistisch“, korrigierte Buddy.
 

Hannes’ Augen funkelten.

„Aber stell dir mal vor… was, wenn sie ausnahmsweise den Spieß umdreht? Wenn die Katze mal den Jäger bestiehlt. Nicht die Börse – sondern das Herz.“
 

Buddy verzog das Gesicht.

„Das wird nicht passieren, denke ich.“
 

„Frauen tun für ihren Liebsten die verrücktesten Dinge“, meinte Hannes grinsend.
 

„Stell dir vor: ein Gaunerpaar. Sie singt, alle starren sie an – und währenddessen räumst du die Taschen leer. Perfektes Team.“
 

Buddy musste unwillkürlich lächeln, ganz kurz.
 

„Ein schöner Gedanke“, gab er leise zu und sah wieder zu Kathy hinüber.
 

„Aber auch ein gefährlicher. An so einen Quatsch sollte ich nicht mal denken.“
 

Er stand auf, klopfte sich den Staub von der Hose.

„Ich such uns ein paar Beeren fürs Frühstück.“
 

„Flucht vor Gefühlen?“, rief Hannes ihm lachend nach.
 

Buddy antwortete nicht mehr.
 

Er ging zwischen die Bäume, die Hände in den Taschen, den Blick auf den Boden gerichtet – und obwohl er nur nach Essen suchte, war es Kathys Gesicht, das ihm nicht aus dem Kopf ging.

Sturer Esel

Buddy kam mit einer Handvoll Beeren zurück – und einem Hasen, der noch vor wenigen Minuten deutlich lebendiger gewesen war.
 

„Frühstück“, sagte er knapp.

Kathy streckte sich ausgiebig. Ihr Shirt rutschte hoch, ein Stück Bauch blitzte hervor. Sie gähnte genüsslich.
 

„Macht euch fertig“, sagte Buddy streng. „Wir sollten beim Frühstück einiges besprechen.“

Kathy grinste.
 

„Warum so grummelig? … Ah, ich weiß. Du wolltest mehr sehen, oder?“
 

Sie zog das Shirt ein kleines Stück höher.
 

„Ja, das wollte er“, kommentierte Hannes trocken und starrte gleich mit.
 

Buddy seufzte, drehte sich demonstrativ weg.
 

„Hört auf. Das ist nicht das Thema.“
 

Sie setzten sich im Kreis. Der Hase brutzelte über dem Feuer.

„Also“, begann Buddy. „Wie wollt ihr in Zukunft leben?“

Stille.
 

„Wieso auf einmal?“ fragte Hannes skeptisch.
 

„Weil wir fast gestorben wären“, antwortete Buddy ruhig. „Mehrmals. Und festgestellt haben, dass wir uns kaum kennen. Das kann man später ändern. Aber was wir jetzt wollen – das sollten wir wissen.“
 

Kathy nickte langsam.
 

„Durch die Musik haben wir Geld verdient. Mehr als erwartet.“

Sie zögerte kurz. „Ich könnte darauf verzichten… aber ich will mit euch Musik machen.“
 

Esel hob sofort die Hand.

„Ich will Musik machen. Mit euch. Wir verdienen Geld und kaufen ein Haus. Ein großes Haus.“
 

„Natürlich“, lachte Hannes. „Der Esel denkt gleich in Immobilien.“

„Aber er hat recht“, sagte Buddy nachdenklich.
 

„Wir wollten Geld verdienen. Und es lief gut. Vielleicht sollten wir… Lieder schreiben.“
 

Alle sahen sich an.
 

„Über uns“, sagte Kathy leise.
 

„Über das, was wir erlebt haben. Wie wir uns getroffen haben. Wie wir zusammengekommen sind.“

„Ohne… gewisse Details“, ergänzte Buddy trocken.
 

Esel nickte begeistert.
 

„Wir singen, wie ich euch gefunden hab. Und einfach mitgenommen.“
 

Und so entstand ihr erstes Lied.

Die Leute liebten es.
 

Sie reisten von Dorf zu Dorf, sangen ihre Geschichte, spielten, lachten. Sie kamen durch den Winter, ohne zu frieren, ohne zu hungern.
 

Sie sangen

.

Sie tranken.
 

Und wenn alle betrunken schliefen, verschwand das Geld.
 

Esel lenkte ab – ohne zu wissen, was die anderen taten.
 

Er erzählte, spielte, lachte.

Zuerst waren es nur Buddy und Hannes.
 

Dann erwischte Kathy sie.
 

Sie sah sie an.
 

Seufzte.
 

Und machte mit.
 

„Einen wunderschönen guten Morgen!“ rief Buddy eines Tages laut auf dem Marktplatz.
 

„Wir sind die Bremer Stadtmusikanten!“
 

„nun lasst mich euch Esel vorstellen" gibt Buddy den andern das Signal zum starten

"Ein grauer Stolperer traf einen treuen Hund,

sie rannten gemeinsam vor der Welt davon.

Ein krähender Kämpfer schloss sich ihnen an,

mit Narben im Gefieder, doch stolz wie ein Hahn.

Gejagt von Krallen, schon fast verloren,

da kam eine Katze, mutig und schlau.

So fanden wir uns, ganz ohne Plan –

vier Fremde, ein Weg, und keiner mehr allein."
 

Sie spielten zusammen. Nicht perfekt. Nicht sauber.
 

Aber ehrlich genug – und Kathy war schön, und die Geschichte gut.
 

„Heute haben wir wieder etwas eingenommen“, sagte Buddy abends und teilte jedem seinen Anteil zu.
 

„Bleiben wir ein paar Tage hier“, sagte Kathy grinsend.
 

„Ich brauche neue Kleidung. Besonders Unterwäsche. Kommt wer mit?“
 

„Ja“, sagte Hannes sofort.

„Also… ja“, murmelte Buddy.

Und so blieben sie.
 

Doch von Monat zu Monat wurde Buddy stiller. Angespannter.

Und Kathy merkte es längst.

Keiner sprach es an.
 

Dabei stand es längst unausgesprochen zwischen ihnen.

Besonders seit jenem einen Tag im Winter.

Mäusemelken

„Mäuse?“ fragte Esel und hielt den Beutel mit Münzen hoch, als könnte etwas daraus fliehen.

„Warum heißen die Mäuse?“
 

Hannes grinste. „Weil sie klein sind und überall herumliegen.“
 

„Und weil sie weg sind, wenn man nicht aufpasst“, ergänzte Buddy.
 

Kathy nickte.

„Gibt ja den Ausruf: das ist ja zum Mäusemelken", sagte sie. „Das ist doch genau das, was wir machen. Wir melken die Leute.“
 

Esel runzelte die Stirn.

„Menschen… melken?“
 

„Bildlich“, sagte Buddy trocken.
 

„Also nehmen wir ihnen Geld ab, während sie glücklich sind“, fasste Kathy zusammen.

„Und am Ende wundern sie sich, warum der Beutel leer ist.“
 

"Menschen melken", murmelt Esel ehrfürchtig "das klingt so anstrengend."
 

Der Platz war gut gefüllt an diesem Abend. Zu viele Stimmen, zu wenig Ordnung. Genau richtig.

Doch sie waren nicht allein.
 

Ein Mann stand bereits auf der kleinen Bühne, als sie ankamen.

Locker angelehnt, die Laute nur lose gehalten, mehr Zierde als Werkzeug. Er wirkte nicht wie jemand, der sich anstrengte – eher wie jemand, der wartete, dass andere es für ihn taten.
 

Schwarze Haare, ein schmales, selbstsicheres Lächeln.
 

Sein Blick blieb an Kathy hängen.

Länger als nötig.
 

„Na sowas“, sagte er, als hätte er sie erwartet.

„Eine Katze mitten unter Musikanten.“
 

„Ich bin keine Katze“, entgegnete Kathy automatisch.
 

Er trat näher, musterte sie offen.

„Doch“, sagte er ruhig. „Das sieht man. Du bewegst dich wie eine.“
 

Buddy blieb stehen.
 

„Wer bist du?“ fragte er.
 

Der Mann zog den Hut.

„Milo. Aber die meisten nennen mich Kater.“
 

„Warum?“ fragte Hannes.
 

Milo lächelte, ohne den Blick von Kathy zu lösen.

„Weil ich herumstreuner wie eine Kater“
 

Kathy lachte leise.

„Charmant.“
 

„Bequem“, sagte Buddy leise.
 

Milo tat, als hätte er es nicht gehört.
 

„Ich will mit euch auftreten“, sagte er stattdessen.

„Ich zieh die Leute an. Ihr macht den Rest.“
 

„Du spielst?“ fragte Buddy.
 

„kurz aber phänomenal“, sagte Milo lässig.

„Reicht. Danach gehört der Abend euch.“
 

Kathy zögerte.

„Und die Einnahmen?“
 

„Fünfzig-fünfzig“, meinte Milo, als sei es selbstverständlich.
 

Buddy verzog keine Miene.
 

Milo beugte sich näher zu Kathy.
 

„Du hast etwas, das Leute hält. Ich geb ihnen nur den ersten Blick.“
 

Buddy räusperte sich scharf.
 

„Wir entscheiden das gemeinsam.“
 

„Nur ein Lied“, sagte Milo.

„Wenn’s nichts ist, geh ich.“
 

Die Truppe war einverstanden, einige aber eher widerwillig.
 

Milo sang.

Kurz.

Kaum mehr als ein Einstieg, ein paar sichere Töne, dann trat er zurück, als hätte er seinen Teil erfüllt.
 

Die Leute klatschten höflich.
 

Dann kamen die Stadtmusikanten.
 

Kathy sang.

Hannes spielte.

Esel sprang, redete, lenkte ab.

Buddy bewegte sich durch die Menge, sammelte, verschwand, tauchte wieder auf.
 

Milo stand am Rand.

Er sang nicht mehr.

Er spielte nicht mehr.

Er lächelte, prostete zu, lehnte sich an einen Pfosten, als gehöre ihm der Platz.
 

Und immer wieder beugte er sich zu Kathy.

„Du trägst das alles.“

„Ohne dich wär’s halb so voll.“

„Würde am liebsten nur ein Lied für dich spielen.“
 

Buddy sah, wie er sprach.

Wie wenig er tat. Wie viel er flirtete.
 

Als der Platz leerer wurde, zählte Buddy schweigend.

Der Beutel war schwer.
 

„Mein Anteil?“ fragte Milo gut gelaunt.
 

Buddy reichte ihm die Münzen und murmelt etwas unverständliches vor sich hin.
 

„Das war eine tolle Show.“

Milo wog den Beutel, zufrieden.
 

Er sah Kathy an, zwinkerte.

„Vielleicht sehen wir uns im nächsten Dorf wieder.“
 

Kathy sagte nichts, errötete abet leicht.
 

Buddy drehte sich weg.

Und wusste:

Dieser Kater hatte sich satt gefressen – ohne je wirklich zu jagen. Und könnte eine Menge Ärger bereiten.

Pudels Kern

„Wir sollten weiterreisen“, schlug Hannes vor, während er den Rucksack schulterte.

„Aber in eine andere Richtung als dieser Streuner. Nicht, dass wir uns gegenseitig das Geschäft kaputtmachen.“

Buddy nickte. „Genau das dachte ich auch.“

„Wieso eigentlich?“ warf Kathy ein. „Warum laden wir ihn nicht einfach in die Band ein? Wir waren doch ein gutes Team.“

Buddy verzog das Gesicht. Das passte ihm ganz und gar nicht.

„Nein“, sagte Esel sofort.

Alle sahen ihn an.

„Ich spiele Laute.“

Das war für ihn Argument genug.

Hannes lachte. „Ja genau. Nur du spielst Laute.“

„Und wir sollten nichts durcheinanderbringen, was gerade gut funktioniert“, ergänzte Buddy schnell.

Kathy trat näher, streichelte Buddy provokant über das Kinn.

„Ihr seid Spießer. Ihr wollt einfach nicht teilen.“

Buddy wich ihrem Blick aus.

Sie packten ihre Sachen und machten sich auf den Weg.

„Ihr solltet das klären“, murmelte Hannes Buddy im Gehen zu.

„Da gibt es nichts zu klären“, antwortete Buddy knapp.

„Sicher?“ Hannes verschränkte die Arme. „Ich bin nicht so dumm wie Esel. Früher oder später müsst ihr zum Kern der Sache.“

„Kern?“ fragte Esel, der nur halb zugehört hatte. „Wollt ihr Pflanzen?“

„Nein“, stöhnte Hannes. „Ein anderer Kern.“

„Welcher denn?“ fragte Esel neugierig.

Hannes überlegte kurz.

„Ein Monsterkern“, sagte er dann. „Die bringen viel Geld. Finden wir so einen, müssen wir nicht mehr singen.“

„Diamanten wären auch okay“, ergänzte Buddy trocken. „Kern der Steine.“

„Es gibt viele Kerne auf der Welt“, sagte Kathy geduldig.

Esel nickte begeistert.

„Oh! Dann holen wir uns einen Kern.“

Und noch bevor jemand reagieren konnte, stapfte er los.

„Kern… Kern…“, murmelte er und sah sich im Wald um.

„Er scheint Spaß zu haben“, meinte Hannes.

Die anderen drei gingen weiter Richtung Dorf.

Sie erreichten das Dorf gegen Abend.

Nichts Besonderes: eine staubige Hauptstraße, eine Herberge mit schiefem Schild, ein Brunnen, an dem Kinder spielten. Aber nach Tagen auf der Straße fühlte es sich an wie Luxus.

„Hier bleiben wir“, entschied Buddy. „Nur eine Nacht.“

Keiner widersprach.

Drinnen roch es nach Eintopf, Holzrauch und alten Geschichten. Sie bekamen zwei kleine Zimmer und eine Bank am Rand der Schankstube.

Langsam entspannte sich jeder auf seine Weise.

Buddy setzte sich in eine ruhige Ecke, öffnete seinen Aktenkoffer. Münzen klirrten leise, Schmuckstücke wurden sortiert, gezählt, neu verpackt. Seine Stirn glättete sich dabei. Ordnung beruhigte ihn.

Hannes ging nach draußen. Er trainierte im Hof, schlug gegen einen Pfosten, machte Liegestütze, Dehnübungen. Sein Atem wurde ruhig, kontrolliert. Kraft half ihm, den Kopf frei zu bekommen.

Kathy blieb drinnen, ließ sich einen Becher Wein bringen, dann noch einen. Sie streckte die Beine aus, genoss es, nichts leisten zu müssen. Später lachte sie mit ein paar Dorfbewohnern, sang ein halbes Lied, nur für sich.

Esel verschwand.

Man fand ihn eine Stunde später draußen, auf dem Dorfplatz. Er spielte mit den Kindern. Fangenspielen, Kreisel drehen, Unsinn erzählen. Er zeigte ihnen, wie man aus zwei Stöcken ein „Instrument“ macht, das furchtbar klang. Die Kinder liebten es.

„Du bist komisch“, sagte ein Junge.

„Weiß ich“, antwortete Esel stolz.

Die Nacht verging ruhig.

Zu ruhig.

Am nächsten Morgen lag Nebel über dem Dorf.

Esel war der Erste, der draußen war.

Er wollte nur kurz zum Brunnen. Frische Luft. Vielleicht wieder Kinder.

Stattdessen fand er den Pudel.

Reglos. Blut im Fell. Der Körper falsch verdreht, als hätte ihn jemand weggeworfen.

Esel blieb stehen.

Esel stand plötzlich still.

Vor ihm lag ein toter Pudel.

Groß, zottelig, mit schwarzen, verfilzten Locken. Das Fell war blutig, der Körper reglos.

Als Hannes ihm folgte und die Szene sah, stockte ihm der Atem.

„Was hast du getan?!“ zischte er und sah sich panisch um.

„Ich war das nicht“, sagte Esel sofort. Seine Hände waren blutig.

„Er lag schon da. Ich hab nur geschaut, welchen Kern er hat.“

Buddy und Kathy kamen ebenfalls näher.

„Wo kommt überhaupt ein Pudel her?“ murmelte Buddy. „Die gibt’s hier normalerweise nicht.“

„Das ist deine Sorge?“ rief Kathy entsetzt. „Nicht, dass Esel mit blutigen Händen neben einem toten Monster steht?“

„Das gibt Ärger“, sagte sie dann ernst.

„Pudel sind kleine Monster, aber sie treten oft in Rudeln auf. In Städten sind sie verboten. Wenn hier einer tot liegt…“

„Habt ihr wenigstens den Kern?“ fragte Hannes. „Den müssen wir abgeben, sonst glaubt uns keiner.“

Plötzlich raschelte es.

Ein Kind, das sich hinter einem Baum versteckt hatte, rannte panisch davon.

„Der hat ihn!“ rief Hannes. „Ganz sicher!“

„Esel, komm!“

Er packte ihn am Arm. „Wir folgen ihm. Ihr klärt euer… Problem.“

„Wir haben kein Problem“, sagten Buddy und Kathy gleichzeitig.

Sie sahen sich an.

Und schauten sofort wieder weg.

„Er ist flink“, fluchte Hannes, als das Kind im Unterholz verschwand.

Hinter ihm rannte Esel her –

mit blutigen Händen,

keuchend,

und fest entschlossen, endlich diesen Kern zu finden.

Ohne zu wissen, was er damit wirklich auslöste.

Eisbär

Buddy ging vorneweg, mit dieser Haltung, die keine Diskussion zuließ.

Nicht wütend. Nicht panisch. Einfach… abgeschlossen.
 

„Wir reden später darüber“, sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Jetzt kümmern wir uns darum, dass wir hier nicht als Monsterkiller enden.“
 

Kathy hatte nichts dagegen. Sie war ungewöhnlich ruhig seit dem Fund. Vielleicht, weil sie wusste, wann Widerstand zwecklos war. Vielleicht, weil sie merkte, dass Buddy genau dann mauerte, wenn er innerlich schon Entscheidungen getroffen hatte.
 

„Dann sagen wir jemandem Bescheid“, meinte sie nur. „Jemand Offizielles.“
 

So landeten sie beim Dorfpolizisten.
 

Das Wachhaus war klein, gedrungen, aus grauem Stein gebaut. Hinter einem schweren Schreibtisch saß ein Mann, der aussah, als wäre er aus Winter gemacht: breit, rundlich, dick eingepackt, mit einem Bart wie Raureif. Seine Uniform spannte ein wenig über dem Bauch, und er bewegte sich langsam, bedächtig – als hätte er alle Zeit der Welt. Oder keine mehr.
 

Er sah auf die Uhr.

Seufzte.

Dann sah er sie an.
 

„Ich hab noch zehn Minuten“, sagte er. „Dann ist Feierabend.“
 

Kathy musterte ihn, legte den Kopf schief.

„Grummelig“, murmelte sie. „Wie ein Eisbär. Kurz vor dem Winterschlaf.“
 

Der Mann verzog keine Miene.
 

Buddy trat vor. Ruhig. Sachlich. Er erklärte vom Pudel. Vom Kern. Vom Kind. Kein Drama, keine Ausschmückung.
 

„Wenn ihr Märchen erzählen wollt, geht zum Wirt“, sagte er kühl. „Wenn ihr Ärger habt, seid präzise.“
 

"Das ist aber kein Märchen!", sagt Kathy
 

Der Eisbär hörte zu. Zumindest körperlich. Seine Augen sagten etwas anderes.
 

„Monsterkerne sind wichtig“, sagte er schließlich. „Sehr wichtig. Und Kinder klauen keine Kerne.“
 

„Dieses schon“, erwiderte Kathy trocken.
 

„Nein“, sagte der Mann. „Kinder klauen Äpfel. Oder Brot. Oder Ärger. Aber keine Kerne.“
 

Er schob ein Formular beiseite, griff nach seinem Mantel.

„Und ich glaube keine Ammenmärchen. Schon gar nicht kurz vor Feierabend.“
 

Kathy verschränkte die Arme.

„Ihr glaubt uns also nicht.“
 

„Ich glaube“, sagte der Mann langsam, „dass ihr Fremde seid. Und dass Fremde gern Probleme anlocken"
 

Er stand halb auf, hielt dann inne.

„Aber…“
 

Ein Seufzen. Schwer wie Schnee.
 

„Beschreibt mir das Kind.“
 

Buddy tat es. Größe. Haare. Augenfarbe.

Wie er grinste.
 

Der Eisbär brummte leise.
 

„Das passt“, sagte er widerwillig. „Aber nicht zu einem Dorfkind.“
 

Er kratzte sich am Bart.

„Waisenhaus“, murmelte er. „Da gibt’s einen. Frecher Bursche. Zu schlau für sein eigenes Wohl. Rennt, wenn man ihn ruft. Streckt die Zunge raus, wenn man ihn erwischt.“
 

Kathy und Buddy sahen sich an.
 

„Ich schau nach“, sagte der Mann schließlich. „Morgen.“
 

„Morgen?“ fragte Kathy scharf.
 

Er sah wieder auf die Uhr.

Noch drei Minuten.
 

„Feierabend ist Feierabend“, sagte der Eisbär.
 

Dann zog er sich den Mantel an.

Gespräch beendet.
 

Währenddessen rannten Hannes und Esel.
 

Der Junge war schnell. Unverschämt schnell. Und er wusste es.
 

Immer wenn sie glaubten, ihn fast zu haben, drehte er sich kurz um, streckte ihnen die Zunge raus – und verschwand zwischen Bäumen, Zäunen, Steinen.
 

„BLEIB STEHEN!“ brüllte Hannes.
 

Der Junge lachte nur.
 

„Der macht das absichtlich“, keuchte Hannes. „Der weiß genau, dass er nervt.“
 

Esel rannte tapfer hinterher, völlig außer Atem, aber entschlossen.

„Vielleicht will er nur spielen“, sagte er hoffnungsvoll.
 

Der Junge blieb kurz stehen.

Grinste.

Zeigte auf seine eigene Brust.

Und rannte weiter.
 

„Ich hasse Kinder“, knurrte Hannes.
 

Der Wald wurde dichter. Der Weg schmaler.
 

Der Teufelskerl lachte wieder.
 

Und Hannes beschleunigte.

Kuckuckskind

Der Junge ließ sie lange laufen.

So lange, dass es schließlich dunkel wurde.
 

„Wir spielen jetzt wohl Verstecken statt Fangen“, sagte Esel und sah sich keuchend um.
 

„Nein“, knurrte Hannes. „Er ist uns entkommen. Das ist kein Spiel.“
 

Er blieb stehen, stützte sich auf die Knie und atmete schwer.
 

„Lass uns zurückgehen“, sagte er schließlich. „Den erwischen wir heute nicht mehr.“
 

„Hoffe, wir kriegen keinen Ärger“, murmelte Esel.
 

„Wegen dem Kern?“ fragte er dann und hielt ein Stück Obst hoch. „Dann geben wir halt den Kern von meinem Frühstück her.“
 

Hannes schlug ihm das Obst aus der Hand.

„Das ist nicht dasselbe, du Schwachkopf.“
 

Er biss selbst hinein, wütend.
 

„Monsterkerne sind besonders“, fuhr er fort. „Wichtig. Für Medizin, für Energiequellen. Und in falschen Händen können sie Portale öffnen und die schlimmsten Monster beschwören. Das weiß jedes Kind – außer dir natürlich.“
 

Esel blinzelte ihn an.
 

„Sie zu klauen und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen ist Hochverrat“, sagte Hannes weiter. „Und wegen dir werden alle denken, wir wären die Bösen.“
 

Als sie zu Buddy und Kathy zurückkamen, war Hannes immer noch gereizt.
 

„Habt ihr was erreicht?“ fragte er scharf. „Der Junge ist entkommen.“
 

„Wir haben es gemeldet“, sagte Kathy. „Aber uns wurde nicht geglaubt. Trotzdem haben wir eine Spur.“
 

„Ein Junge im Waisenhaus“, ergänzte Buddy. „Berühmt für Unfug.“
 

Hannes schnalzte mit der Zunge. „Dann gehen wir morgen hin. So spät lassen sie uns sowieso nicht mehr rein.“
 

Noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, standen sie zu viert vor dem Waisenhaus.
 

„Warum so früh…?“ gähnte Esel.
 

„Damit er uns nicht nochmal entkommt“, sagte Hannes und zog ihn mit sich.
 

Die Kinder waren bereits wach und bei der Hausarbeit. Wasser holen, fegen, schleppen.
 

Buddy blieb stehen.

„Diese Kleidung…“, murmelte er. „Das ist er, oder?“
 

„Ja“, sagte Hannes sofort. „Ganz sicher.“
 

Er wollte losgehen, doch Kathy hielt ihn zurück.

„Warte. Beobachten wir ihn erst.“

Sie hielten Abstand und sahen zu, wie der Junge Wasser aus dem Brunnen schöpfte.
 

„Golondrina“, sagte Hannes plötzlich.
 

„Was?“ fragte Kathy.
 

„Nichts“, sagte er hastig. „Nur… Zufall.“
 

Buddy sah ihn scharf an. „Kennst du ihn etwa?“
 

„Nein“, antwortete Hannes sofort.
 

„Sicher?“ Buddy senkte die Stimme. „Wir können keine Rücksicht nehmen. Er hat den Kern geklaut. Wenn wir ihn zur Polizei bringen und der Kern gefunden wird, sind wir raus. Sonst nicht.“
 

Hannes zögerte.

„Er sieht nur… jemandem ähnlich“, murmelte er. „Aber das kann nicht sein. Wir sind nicht mal ansatzweise in der Nähe dieses Landes.“
 

Kathy atmete aus. „Dann los.“
 

Sie ging direkt auf den Jungen zu und packte ihn ohne Vorwarnung am Handgelenk.
 

„Gib es zurück.“
 

„Was willst du?!“ Der Junge versuchte sich loszureißen.
 

„Hey! Was soll das?“ Eine erwachsene Frau kam herbei – eine Nonne. Sie stellte sich sofort schützend vor das Kind.
 

„Wenn er etwas angestellt hat, tut es mir leid“, sagte sie streng. „Aber Sie können ihn nicht einfach anfassen.“
 

„Er hat etwas gestohlen, das er nicht besitzen sollte“, sagte Kathy kühl.
 

„Du verwechselst mich, Oma“, spottete der Junge.
 

Kathy zog ihm an den Wangen.

„Oma? Na warte.“
 

Dann wurde sie wieder ernst.

„Es ist nur zu deiner Sicherheit. Ich will Kindern nichts antun. Gib es zurück, dann passiert dir nichts.“
 

Der Junge streckte die Zunge raus und rannte davon.
 

Die Nonne seufzte. „Tut mir leid. Er ist immer so ein Wildfang.“
 

„Er ist erst seit ein paar Tagen hier“, erklärte sie. „Wir wissen nicht, was passiert ist. Er redet nicht darüber. Aber irgendwann bringt ihn das noch in richtige Schwierigkeiten.“
 

Esel rannte los, als wäre es ein Spiel.

Er holte den Jungen tatsächlich ein – mehr durch Draufspringen als durch Geschick.
 

„Erwischt!“, lachte er.
 

„Lass mich los!“ fauchte der Junge.
 

„Lass ihn los“, sagte Hannes – und erstarrte.
 

So nah.
 

Das Gesicht.

Die Haarfarbe.

Die gleiche Gesichtsform.

Und die Kette.

„Wie heißt du?“ fragte Hannes leise, ernst.
 

„Geht dich nichts an.“
 

„Wie heißt du?“ Seine Stimme wurde hart.
 

„Woher hast du diese Kette? Von wem hast du sie geklaut?“
 

Der Blick in Hannes’ Augen war tödlich.

Der Junge hatte Angst – sagte aber nichts.
 

Buddy trat näher.

„Das kann nicht sein“, murmelte er. „Diese Augen…“
 

„Ja“, sagte Hannes. „Stimmt. Kann es nicht.“
 

Aber beide wussten es.
 

„Ihr macht ihm Angst“, sagte Kathy scharf. „Los. Weg mit euch.“
 

Sie schob Buddy und Hannes zurück.
 

„Fällt dir nichts auf?“ fragte Buddy leise, eindringlich.
 

Kathy wollte schon abwinken – tat es aber nicht.
 

Sie drehte sich wieder zu dem Jungen um.
 

Er stand still. Zu still.

Kein Zappeln. Kein freches Grinsen mehr.
 

Kathy kniete sich hin und sah ihn genauer an.
 

Ihr Blick verweilte einen Moment länger als nötig.

Wanderte über sein Gesicht, blieb hängen, kehrte zurück.

Ihre Stirn legte sich leicht in Falten.
 

Sie sagte nichts.

Aber etwas in ihrem Ausdruck hatte sich verändert.
 

Dann lächelte sie – vorsichtig, fast tastend.
 

„Hey, Kleiner“, sagte sie ruhig.

„Möchtest du vielleicht mit uns kommen?“
 

Er sah sie an.
 

„Vergiss den Kern. Wir fliehen von hier, verdienen Geld und wollen später ein Haus kaufen.“
 

„Kein Haus“, sagte Esel sofort. „Ein Schloss. Wir werden Könige.“
 

„Hey“, murmelte Hannes überfordert. „Wer sagt denn, dass das alle wollen?“
 

Er bekam nur böse Blicke von Buddy und Kathy.



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