Ficlet 1: Anziehung
F musste ein wenig für sich schmunzeln, während er darauf konzentriert war zu essen. Zumindest versuchte er es. Ein sanfter Schauer fuhr nämlich unentwegt über seinen Körper, was ihm verriet, dass er die ganze Zeit intensiv von Platan angestarrt wurde.
So war es immer, sobald sie unter sich waren. Sein Freund aus einer Vergangenheit, die für F nach wie vor nur schwer greifbar war, konnte dann kaum den Blick von ihm abwenden und vergaß dabei leicht alles andere um sich herum. Sogar, wie gerne er normalerweise redete – und obendrein seinen Kaffee.
Momentan litt die Essensaufnahme unter dieser Ablenkung, bislang hatte Platan seine Portion noch nicht angerührt. Sehr zur Sorge von F. Auch wenn er diese Aufmerksamkeit durchaus zu genießen wusste, beschloss er nach einer Weile dennoch, sein linkes Auge – das, was Platan derart in den Bann zog – wieder zu schließen. Sofort entglitt seinem Gegenüber ein enttäuschter Laut, der unbeschreiblich entzückend klang.
„Das ist nicht fair“, klagte Platan bedauernd. „Ich muss bereits tagsüber auf diesen wundervollen Anblick verzichten. Nimm mir das nicht weg.“
Der flehende Ton beim letzten Satz ließ F erheitert auflachen.
Vorerst senkte der das Besteck und hob den Blick von seinem Teller. „Entschuldige, mon amour, aber du darfst mein Auge gerne später weiter bewundern. Bitte iss erst einmal etwas.“
Darauf lächelte Platan gerührt. „... Manche Dinge ändern sich wohl wirklich niemals. Auch nicht durch eine Amnesie.“
Tatsächlich konnte F sich daran erinnern, schon damals immerzu besorgt um Platan gewesen zu sein, weil dieser einfach zu wenig Nahrung zu sich nahm und viel zu oft nur von Kaffee gelebt hatte.
Platan wirkte auf einmal unerwartet kokett, als er sich nach vorne lehnte und ihn mit einem glühenden Funkeln in den Augen ansah. „Allerdings müsstest du inzwischen wissen, dass nicht nur dein linkes Auge eine unermessliche Anziehung auf mich ausübt, mon amour.“
Dieses Schnurren in Platans Stimme verschmolz mit dem Herzschlag von F und erhöhte mit einem Atemzug den Rhythmus immens. Ein warmer, zärtlicher Rotschleier legte sich über seine Wangen, während er diesen verführerischen Blick etwas unbeholfen erwiderte.
„Ja, genau das meine ich“, schwärmte Platan verträumt. „Du bist umwerfend, wenn du so offen deine Gefühle zeigst. Das hast du früher niemals getan. Du hattest schon immer diese Sanftheit in dir, doch nun ... ist sie regelrecht aufgeblüht und zeigt sich in all ihrer Pracht. Farbenfroh wie die Auen von Flori. Du bist wahrlich wunderschön.“
Verlegen unterbrach F den Blickkontakt und sah zur Seite. War Platan damals auch schon so offensiv gewesen? Was das betraf, blieben seine Erinnerungen zu verschwommen. Falls es solche Momente aber in der Zeit vor seiner Amnesie gegeben hatte, fragte F sich, wie sein altes Ich es ertragen konnte sein Herz gegenüber Platan verschlossen zu halten.
Wie gerne würde F nun einfach aufstehen und ihn innig umarmen.
Stattdessen wagte er es, Platan wieder anzuschauen und verlor sich in diesem Anblick. Alles an ihm schimmerte beständig auf prismatische Weise und brachte die gesamte Atmosphäre zum Strahlen, einzig durch sein gutherziges Wesen. Dicke, graue Strähnen zogen sich kunstvoll durch seine schwarzen, seidigen Haare und die elegante, blasse Haut sowie das helle Augenpaar glitzerten im warmen Licht der Lampen anziehend.
Anziehend ...
Ja, F empfand alles an Platan unbeschreiblich anziehend. So wie dieser offensichtlich umgekehrt bei ihm.
... Innerlich ermahnte F sich dazu, ein wenig Würde und Respekt zu zeigen, statt sich dieser Anziehung hinzugeben. Schließlich sollten sie wirklich zuerst etwas essen. Bemüht gefasst griff F nach seiner Kaffeetasse und nahm zur Beruhigung einen Schluck.
„Weißt du, Flordelis“, säuselte Platan derweil sehnsüchtig, untermalt von einem Zwinkern, „wie soll ich ans Essen denken, wenn ich am liebsten nur dich vernaschen will, weil du so anziehend bist?“
Sofort verschluckte F sich an seinem Kaffee und hustete, wieder etwas unbeholfen. Dabei wandelte sich der Rotschleier auf seinen Wangen zu einer Hitze, die durch ein Feuer in seinem Inneren erzeugt wurde.
Kaum hatte er sich genug gefangen, stellte er die Tasse ab und räusperte sich unsicher. „... Pardon?“
Obwohl Platans Wangen ebenso deutlich gerötet waren, zeigte er keinerlei Anzeichen von Verlegenheit, sondern lächelte F einfach nur an. Auf diese reine, unschuldige Weise, die nach seinem Herzen griff. Alleine Platans Blick sagte ihm, wie sehr er ihn liebte. Trotz der Fehler, die Fs altes Ich begangen hatte. Trotz der Tatsache, dass er äußerlich nicht mehr mit der schicken, selbstbewussten Version von Flordelis mithalten konnte.
Trotzdem liebte Platan ihn mehr denn je und ließ ihn das jeden Tag spüren.
Dafür wollte F ihn umso mehr glücklich machen.
Darum erhob sich entschlossen vom Tisch, ging um diesen herum und reichte Platan einladend seine Hand. „Wie du wünschst, wir ziehen den Nachtisch ausnahmsweise vor. Deiner Anziehung kann ich einfach auch nicht widerstehen.“
Erfreut ließ Platan sich von ihn aufhelfen. „Heißt das, du öffnest es wieder für mich?“
Leise lachend tat F ihm den Gefallen und zeigte ihm sein linkes Auge. „Zufrieden?“
„Mhm~.“ Liebevoll hauchte Platan ihm einen Kuss auf die Lippen, wobei er ihm tief in die Augen sah. „Überaus zufrieden.“
„Gut.“ Behutsam strich F ihm die Haarsträhne aus dem Gesicht. „Lass uns als nächstes das höchste Glück anstreben.“
„Liebend gern~.“
Um das zu besiegeln, verwickelte F ihn in einen richtigen Kuss, bei dem sie einander weiter ansahen. Voller Liebe füreinander. In solchen Momenten erwachten jedes Mal unzählige alte Gefühle in F, zusätzlich zu dem, was er schon jetzt für Platan empfand. Bruchstücke von Erinnerungen, die den Drang, ihm so nahe wie möglich zu sein, noch mehr verstärkten.
Kaum wurde der Kuss leidenschaftlicher, hob F Platan mühelos auf die Arme und trug ihn an einen gemütlicheren Ort. Nun wollte er Platan nur für sich allein haben. Etwas, das er sich schon immer gewünscht hatte. Eines der Dinge, durch die F sich doch noch mit seinem alten Ich verbunden fühlte. Denn seine Liebe zu Platan könnte sicher niemals einfach ausgelöscht werden – dafür loderte sie viel zu hell. Heller noch als das Licht des Prismaturms in alten Zeiten.
Ficlet 2: Seitentausch
Seit Flordelis endlich wieder ein – unbeschreiblich wichtiger – Teil seines Lebens war und dadurch für ihn die Farbenpracht der Welt zum neuen Leben erweckt hatte, bemühte Platan sich, ihm zum Dank jeden Tag einen Hauch vom Valentinstag zu schenken. Er wollte ihm all die Liebe geben, die er mehr als verdiente. So auch heute, als sie es sich gegen Abend zu Hause auf dem Sofa gemütlich machten.
Inzwischen hatte Flordelis seine Vorliebe für Wein wiederentdeckt, dank Platan. Daher tranken sie nun regelmäßig welchen und holten somit einiges nach, was sie in der Vergangenheit leider verpasst hatten. Denn normalerweise trank Platan keinen Alkohol, doch er hatte immer ein Glas Wein mit Flordelis trinken wollen, wozu es damals nie gekommen war. Nun gehörte es zu ihrem abendlichen Ritual.
Bereits nach kurzer Zeit fiel Flordelis' Blick auf eine edel verpackte Schachtel, die vor ihnen auf dem Tisch lag. Das verführerische Rot und die goldenen Schleifen zogen natürlich gekonnt die Aufmerksamkeit auf sich.
„Was hast du heute mitgebracht?“, fragte Flordelis interessiert.
Zufrieden stellte Platan das Weinglas ab. „Gut, dass du fragst, mein Lieber~.“
Sogleich nahm er die Schachtel an sich. „Ich dachte mir, wir verleihen diesem Abend etwas Süße.“
Mit diesen Worten öffnete er sie vorsichtig und enthüllte einige teure, herzförmige Pralinen. Jede einzelne sah ein bisschen anders aus und besaß kunstvolle Nuancen. Verschiedene Schokoladensorten, gefüllt mit Ganache in mehreren Geschmacksrichtungen. Kleine Überraschungen, sozusagen.
Einen Moment betrachtete Flordelis die Pralinen, ehe er wieder Platan ansah. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen.“
„Oh doch“, widersprach Platan, wobei er ihm charmant zuzwinkerte. „Zu etwas Süßem passt immerhin Süßes am besten.“
Darauf lächelte Flordelis etwas verlegen und stellte auch sein Weinglas ab. „Wenn das so ist, sollte ich wohl eine probieren.“
„Fein, fein~.“ Bevor er sich selbst entscheiden konnte, wählte Platan bereits eine Praline für ihn und hielt sie ihm erwartungsvoll entgegen. „Sie sind sicher köstlich! Ich habe mich von einem Profi beraten lassen.“
Ein feines Schmunzeln erwärmte Flordelis' Gesichtszüge. „So?“
Danach sah er die Praline, die Platan ihm reichte, etwas unbeholfen an. Da war er, dieser entzückende Blick, der stets dafür sorgte, dass Platans Herz vor Rührung regelrecht schmolz – hätte er jetzt noch sein linkes Auge geöffnet, würde ihm das gänzlich die Sinne rauben. Früher war Flordelis stets souverän und gefasst gewesen, ebenfalls eine anziehende Seite von ihm, doch dieser Ausdruck war noch mehr zum Verlieben. Worüber mochte Flordelis gerade nachdenken, dass er etwas überfordert wirkte?
Statt abzuwarten, kam Platan ihm liebevoll noch ein Stück entgegen. „Mach den Mund auf, mon chéri.“
Nach dieser Bitte hoben sich Flordelis' Augenbrauen, der nun verstand, was Platan von ihm wollte. Ohne zu zögern öffnete er den Mund und ließ sich die Praline geben. Anschließend schloss er ihn wieder und ließ sie sich offenbar erst etwas auf der Zunge zergehen. Jedenfalls kaute er noch nicht, sondern wirkte nachdenklich.
Als er Platan dann einen sanften Blick zuwarf, war dieser davon kurz abgelenkt, weil es sein Herz schneller schlagen ließ. Sekunden später lagen plötzlich schon die Lippen von Flordelis auf seinen, während er Platan mit einer Hand am Kinn festhielt.
Überrumpelt hielt er den Atem an, erst recht als er in einem leidenschaftlichen Kuss die Praline in seinen eigenen Mund geschoben bekam. Schnell breitete sich der Geschmack von Schokolade und Kaffee in der Ganache aus, vermischt mit einem überwältigenden Gefühl, das Platan gefangen nahm. Sein Herz trommelte spürbar gegen seine Brust, Hitze stieg ihm ins Gesicht.
Leicht zitternd ließ Platan die Pralinenschachtel sinken und keuchte atemlos in den Kuss hinein. Bald konnte er sich kaum noch auf den Geschmack konzentrieren, weil er sich dabei in den Anblick von Flordelis verlor, der ihn die ganze Zeit mit einem glühenden Funken im Auge ansah.
Schließlich endete der Kuss, nachdem die Praline vollständig geschmolzen war.
Kaum löste Flordelis die Lippen von ihm, fuhr er sich rasch mit der Zunge über diese, bevor er ruhig anmerkte: „Die sind wahrlich köstlich.“
Etwas fiebrig holte Platan tief Luft. „In der Tat ... Eigentlich waren sie aber für dich gedacht.“
„Und ich dachte mir, dass du die Kalorien wesentlich mehr benötigst als ich“, entgegnete Flordelis ehrlich.
Leise lachend schloss Platan die Augen. „Wie unromantisch. Aber das sieht dir ähnlich. Da kommt doch dein altes Ich wieder zum Vorschein.“
Eine solche Aktion hätte er dem Flordelis von damals auch zugetraut, wären sie in dieser Zeit schon ein Paar gewesen. Egal, wie unbeholfen er mittlerweile eher wirken mochte, dieser Kern schlummerte nach wie vor in ihm. Wie schön, dass Flordelis sich im Grunde nicht verändert hatte – und sich bis heute Sorgen um seine Gesundheit machte.
„Platan“, säuselte Flordelis.
Als er die Augen öffnete, bot er Platan bereits eine weitere Praline an. Sie berührte schon zärtlich seine Lippen, die er automatisch öffnete, um sie anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.
„Ich habe nicht gesagt, dass es mir nur darum ging, dir Kalorien zuzuführen“, fuhr Flordelis fort. „Du bemühst dich jeden Tag so sehr, mir mit romantischen Gesten das Leben zu versüßen. Lass uns heute ausnahmsweise die Seiten tauschen.“
Nachdem Flordelis das gesagt hatte, verwickelte er ihn in einen weiteren Kuss – und öffnete dabei diesmal sein linkes Auge, was Platan abermals den Atem raubte. Auf der Stelle gab er sich diesem wunderbaren Mann vollkommen hin und erwiderte den Kuss sehnsüchtig. Wenn es Flordelis' Wunsch war, wollte er sich nicht gegen diese Leidenschaft wehren. Nicht, dass er das jemals gekonnt hätte.
Allerdings würde er sich in Zukunft merken, sich nicht zu sicher zu fühlen, trotz dieses unbeholfenen Blicks, der süßer war als jede Praline der Welt.
Ficlet 3: Weißnebel
Seit F Kalos verlassen hatte, war sein Leben angenehmer. Leichter.
In anderen Regionen erkannte ihn niemand, zumindest war das bisher in Sinnoh der Fall und ein großer Vorteil. So konnte er problemlos hier und da kleinere Jobs annehmen, um Geld zu verdienen, auch wenn das nicht zwingend notwendig wäre. Sein altes Ich besaß mehr als genug davon, gut gesichert auf einem Konto, das offenbar niemand kannte. Jedenfalls war nach seinem Tod niemand darauf gestoßen.
Allerdings bevorzugte F es, mit Menschen in Kontakt zu treten. Zu arbeiten und besser zu verstehen, was gewöhnliche Leute beschäftigte. Wie sich das Leben für sie anfühlte.
Seit er sich in Sinnoh aufhielt und nicht darauf achten musste, von Personen überfallen zu werden, die einen Groll gegen sein altes Ich hegten – auch wenn Zygarde ihn stets beschützt hatte –, konnte er sich auch mehr auf sich selbst konzentrieren. Genauer gesagt auf seine verlorenen Erinnerungen.
In seinem Kopf war es nach wie vor nebelig, mit einigen lichten Stellen, doch einiges blieb ihm verschlossen. An sich störte er sich nicht daran, immerhin war er nun ein anderer Mensch. Es brächte nichts, sich von Vergangenem fesseln und daran hindern zu lassen, nach vorne zu schauen. Einer besseren Zukunft entgegen.
Und doch ... gab es eine Sache, die ihn beschäftigte.
Eine bestimmte Erinnerung, die manchmal eine tiefe Sehnsucht in ihm weckte. Manchmal durchbrach ein warmes, wohltuendes Licht den Nebel und gestattete ihm flüchtige Einblicke auf das, was sein Herz schmerzlich vermisste. Selbst wenn es wieder erlosch, hinterließ es Spuren und färbte den grauen Schleier des Vergessens in ein reines, strahlendes Weiß. Hinterließ Hoffnung.
Je mehr Details in sein Gedächtnis zurückkehrten, desto mehr wollte F wissen, woran genau sich ein Teil in ihm zu erinnern versuchte. Vielmehr an wen.
Ein sanftes Lächeln.
Ein zauberhaftes Lachen.
Eine elegante Haltung.
Ein liebevolles Wesen.
Eine gutmütige Seele.
Jemand, der sein Herz schneller schlagen ließ, obwohl er nicht einmal wusste, wer diese Person war. Aber sie musste ihm einst äußerst wichtig gewesen sein.
Irgendwann erinnerte F sich daran, dass dieser Mensch Kaffee liebte. Also besuchte er seitdem jedes Etablissement, welches sich auf dieses Getränk spezialisiert hatte, aus der naiven Hoffnung heraus, er könnte auf diese Weise ... Ja, was eigentlich? Ihn treffen? In Sinnoh? Hätte er nicht doch besser in Kalos bleiben sollen, wenn das sein momentanes Ziel war?
Gerade nahm F genussvoll einen Schluck von seinem Kaffee, während er in einem Café in Jubelstadt saß, mit Zygarde, der neben dem Tisch lag. Dann hielt er plötzlich inne.
Ihn? Er wollte ihn treffen?
Seit wann wusste er, dass es ein Mann war, an den er sich nicht erinnern konnte?
Langsam ließ F die Tasse sinken und starrte abwesend ins Leere, tauchte noch einmal tiefer in den Nebel ein. Kämpfte sich zu jenen Stellen vor, die von dem Licht berührt worden waren. Versuchte alle bisherigen Fragmente zu einem Ganzen zusammensetzen. Stück für Stück ergab sich daraus tatsächlich ein Bild.
Schwarzes Haar.
Blasse Haut.
Schlanke Figur.
Silbergraue Augen.
Noch ein bisschen mehr, er war ganz nahe dran. Noch war das Bild zu verschwommen. Wer war dieser Mann? Wie hieß er?
Plötzlich lenkte ein leises Winseln ihn ab und zerrte ihn in die Realität zurück. Etwas benommen schüttelte F den Kopf und lenkte den Blick zu Zygarde, der den Kopf gehoben hatte und ihn besorgt ansah. In seiner Form als Hunde-Pokémon wirkte er immer etwas zerbrechlich, weshalb wohl niemand glauben würde, wie viel Kraft in ihm steckte. Wie beeindruckend seine wahre Form aussah.
Obwohl F zu gut wusste, dass Zygardes momentane Erscheinung darüber hinwegtäuschte, was für ein ehrfürchtiges Pokémon er war, beugte er sich zu ihm hinunter und tätschelte beruhigend seinen Kopf.
„War ich wieder zu gedankenverloren?“, vermutete F ruhig. „Keine Sorge, es geht mir gut.“
Das stellte Zygarde offenbar zufrieden, denn er schnaubte entspannt und legte sich wieder hin. Anschließend trank F seinen Kaffee weiter und beobachtete dabei ein wenig die anderen Gäste. Da er nun tatsächlich ein genaueres Bild von der Person vor Augen hatte, konnte er gezielter Ausschau halten. Auch wenn dieser Gedanke immer noch naiv war. In Sinnoh würde F sie sicher nicht finden.
Dennoch ...
Etwas musste ihn zuerst gezielt in diese Region geführt haben. Eine Ahnung. Eine Erinnerung, die auch noch im Nebel verloren war und doch laut genug, ihn zu erreichen.
Einige Zeit später verließ F mit Zygarde das Café wieder und trat hinaus in die Mittagssonne. In Sinnoh war es überall recht kalt, darum fühlte sie sich umso angenehmer an. Auch für Zygarde, der sich gähnend streckte und danach schüttelte. Also gab F ihm einen Moment, während er überlegte, wo sie als nächstes hingehen sollten.
Es gab noch viele Orte in Sinnoh, die sie besuchen konnten – an keinem war F bisher lange geblieben. Dafür trieb sein Herz ihn zu sehr an, weiterzugehen. Durch Nebel hindurch, zu ihm. Bevor er das nicht getan hatte, konnte er sich nicht in Ruhe auf sein Ziel konzentrieren, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Dessen war er sich sicher.
Zygarde brummte fordernd und bewegte sich Richtung Süden. Ohne Fragen zu stellen, folgte F ihm einfach. Schließlich verließen sie die Großstadt – sie war lebhaft, was ihn an Illumina City erinnert hatte – und betraten Route 202. Dieser Weg führte weiter Richtung Süden, durch einen Teil der grünen Wildnis von Sinnoh hindurch, zur nächsten Ortschaft. Sandgemme.
Etwas daran klang vertraut.
Möglicherweise fand er dort, wonach er sich sehnte.
Abgesehen von einigen Unterbrechungen durch Jobs zwischendurch, würde er ohne Unterlass weitersuchen. Nach dem Mann, der in seinem Herzen wohnte. Was dann geschehen würde, konnte er nicht wirklich einschätzen, aber es gäbe garantiert einiges zu klären. Sein altes Ich hatte bedauerlicherweise einige unerfreuliche Spuren hinterlassen, für die er sich entschuldigen müsste. Und er würde sich bemühen, dieses Mal alles besser zu machen.
Ficlet 4: Abblocker
Seit einiger Zeit war das Bistro Flordelis wieder geöffnet, jedoch unter dem Namen Nouveau. Letzteres war ursprünglich nur eine kleine Kette aus Imbisswägen, die in der Stadt Röstkaffee anboten. Nun hatten sie sich ausgeweitet und das alte Bistro zu neuem Leben erweckt.
Anfangs war Platan außer sich darüber gewesen, dass irgendjemand es wagte, diesen Ort, der für ihn voller Erinnerungen war, zu übernehmen und zu verändern. Inzwischen war die Wut darüber verflogen, stattdessen quälte ihn nun ein gänzlich anderes Gefühl.
In Illumina City war während seiner Abwesenheit einiges vorgefallen, alles schien anders zu sein. Sogar das Wahrzeichen, der Prismaturm, war zerstört worden. Dafür war jemand anderes von den Toten wiederauferstanden: Flordelis.
Auch er hatte sich verändert.
Seine Haare waren weiß und seine Augenfarbe blasser geworden. Damals war er stets verschlossen, jetzt zeigte er sich ungewohnt ehrlich und offen mit seinen Gefühlen. Wirkte insgesamt entspannter. Glücklicher ...
Ja, Flordelis wirkte glücklich dabei, wie er im Bistro Nouveau draußen Bestellungen an den Tischen aufnahm und sich gerade lächelnd mit einer Gruppe aus jungen Leuten unterhielt, die ihn zu kennen schienen. Ein Anblick, der sowohl Platans Herz rührte als ihm auch einen Stich in jenes versetzte.
Aus einer angemessenen Distanz beobachtete er das Geschehen im Bistro, bereits seit einigen Tagen. Bislang wagte er es nicht, sich einfach an einen der Tische zu setzen, um mit Flordelis zumindest ein paar knappe Worte wechseln zu können. Denn er hatte sich etwas umgehört und wusste, dass sein alter Freund sein Gedächtnis verloren hatte. Zudem soll er dabei geholfen haben, die Stadt zu beschützen, weshalb die Menschen ihm insgesamt wieder freundlicher gesinnt waren.
... Es war viel in Illumina City passiert und Platan war kein Teil davon gewesen. Genau wie letztes Mal.
Ihm stand es nicht zu, sich jetzt erneut in Flordelis' Leben zu drängen, nur weil er sich nach ihm sehnte. Nach all den Jahren war der Mann endlich angekommen, hatte offenbar seinen Platz gefunden. Einen Weg, das Leben mit all seiner Schönheit zu genießen. Nein, Platan durfte das nicht zerstören, indem er mit seinem Erscheinen alte Wunden aufriss.
Darum ... hatte er sich vorgenommen, Flordelis an diesem Tag zum letzten Mal heimlich aus der Ferne zu beobachten. Sich von diesem lebhaften Treiben vor dem Bistro blenden zu lassen, das heller und glanzvoller war als jemals zuvor. Obwohl Platan Mühe hatte den Kloß im Hals herunterzuschlucken und den glühenden Schmerz in der Brust zu ignorieren. Mühe damit, die Tränen zurückzuhalten.
Schließlich liebte er Flordelis, auch in dieser Sekunde. Schon seit ihrer ersten Begegnung hatte er sich zu ihm hingezogen gefühlt. War verzweifelt gewesen, als er dachte, er sei auf tragische Weise ums Leben gekommen und musste ihn nun, nachdem er wie durch ein Wunder zurück war, erneut loslassen. Er durfte sich nicht einmal bei ihm entschuldigen, weil die Gefahr zu groß war, Erinnerungen wachzurütteln, durch die sich abermals dunkle Schatten über sein Weltbild legen könnten.
Flordelis hatte es verdient, glücklich zu sein – und er war offensichtlich nicht allein, also war alles gut.
Angespannt holte Platan tief Luft und legte den Kopf in den Nacken, in einem Versuch, die Tränen weiter zurückzuhalten. Dabei stellte er fest, wie unangenehm ihn heute sogar die Sonne blendete. Sonst empfand er ihr warmes Licht immer als wohltuend, diesmal kam es ihm so vor, als wolle sie ihn gnadenlos verbrennen und somit einen Störfaktor beseitigen.
Platan presste die Lippen zusammen und wandte sich ab. Im Grunde hatte er mehr als genug gesehen. An seiner Entscheidung würde sich nichts mehr ändern, egal, wie lange er Flordelis noch beobachten würde. Zwischen all den fremden Menschen, denen er so sanft zulächelte. Ein Lächeln, das Platan in dieser reinen, ungetrübten Form noch nie von ihm gesehen hatte.
Ich bin nicht derjenige, der ihn derart aufrichtig lächeln lässt ...
Bei dieser Erkenntnis schloss Platan bedrückt die Augen und sammelte sich kurz. Gerade, als er sich selbst innerlich dazu antreiben wollte, zu gehen und nicht mehr zurückzublicken, riss ihn eine vertraute, tiefe Stimme aus den Gedanken.
„Wollen Sie auch einen Kaffee?“, fragte ein Mann einladend und warmherzig – und löste damit ein Gefühl aus, das einer herzlichen Umarmung glich. „Sie dürfen sich gerne einen Platz suchen und etwas bestellen. Selbst wenn Sie kein Geld dabei haben sollten, laden wir Sie auf einen Kaffee ein.“
Mühevoll kämpfte Platan einen weiteren Anflug von Tränen nieder.
Flordelis ...
Also hatte er bemerkt, dass jemand das Bistro beobachtete. Dabei sah es so aus, als hätte er sich nur auf die Gäste konzentriert.
Langsam und zögerlich drehte Platan sich zu ihm um – ein großer Fehler. Nicht nur, dass sein eigenes Herz vor Sehnsucht fast aus seiner Brust sprang, auch in der Mimik von Flordelis regte sich etwas, kaum dass er Platans Gesicht sah. Der Ausdruck in seinem Auge verriet zwar, dass er nicht auf Anhieb wusste, wen er vor sich hatte, aber irgendetwas in ihm ausgelöst wurde. Das war nicht gut.
Du darfst dich nicht an mich erinnern!
Unsicher blinzelte Flordelis ihn an. „Pardon, aber ... kennen wir uns?“
„Nein“, presste Platan angestrengt hervor. Alles in ihm rebellierte. „Nicht, dass ich wüsste.“
Einen Moment betrachtete Flordelis ihn schweigend, dann zog er besorgt die Augenbrauen zusammen. „Alles in Ordnung? Geht es Ihnen nicht gut?“
War ihm das etwa so deutlich anzusehen? Waren seine Augen zu glasig? Sein Gesicht zu blass?
„Es geht mir gut!“, erwiderte Platan ungehalten, mit Nachdruck, weil ihm diese Lüge sonst nicht über die Lippen gekommen wäre. „Und ich will auch keinen Kaffee! Ich kann Kaffee nicht ausstehen!“
Die Leute, die draußen beim Bistro an den Tischen saßen, warfen bereits besorgte Blicke in ihre Richtung. Deshalb wich Platan zurück, seine Beine fühlten sich viel zu weich an. Dennoch zwang er sich anschließend dazu, sich wieder abzuwenden und zügig zu verschwinden. Eigentlich rannte er regelrecht davon, weg von Flordelis.
Irgendwohin. Hauptsache weit weg.
Auch wenn jeder Schritt dafür sorgte, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Aber er tat das Richtige. Für Flordelis war es besser so. Wenigstens ein Mal wollte Platan etwas für ihn tun, statt nur an sich und seine eigene, ideale Welt zu denken.
Jetzt zählte nur Flordelis' Glück.
Und dafür ... hatte Platan ihn abweisen und wegstoßen müssen. Hoffentlich würden seine neuen Freunde sich gut um ihn kümmern und ihn aufbauen. Sicher hätte Flordelis ihn bald wieder vergessen. Immerhin war Platan nur noch ein Fremder für ihn.
Genau so sollte es bleiben.
Platan würde sicherstellen, dass es auf jeden Fall so bleiben würde.
Ficlet 5: Silberhauch
F hatte die Verfolgung aufgenommen, ohne darüber nachzudenken. Hatte die Rufe seiner Freunde im Rücken ignoriert, weil er keine Zeit verlieren durfte. Etwas in ihm wusste, es wäre zu spät, sollte er nur eine Sekunde zögern oder sich ablenken lassen.
... Zu spät wofür?
Noch wusste F nicht, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte, doch er wurde davon angetrieben und regelrecht angefleht, diesen Mann nicht gehen zu lassen. Jenen Mann, der seit Tagen seltsam sehnsuchtsvoll das Bistro beobachtete, sich aber nicht näher heranzutrauen schien. Anfangs hatte Flordelis ihn ignoriert, weil er ihn nicht bedrängen wollte. Manche Menschen waren einfach ziemlich schüchtern und benötigten etwas Zeit, um sich zu entscheiden, so hatte er gedacht.
An diesem Tag konnte F sich aber nicht mehr zurückhalten und war zu ihm gegangen. Es war ihm unmöglich gewesen, diese geheimnisvolle Anziehungskraft weiterhin zu ignorieren. Allerdings war der erste Wortwechsel mit dem Mann nicht gut verlaufen. Irgendetwas musste ihn stark verunsichert haben. War Fs Wortwahl an einer Stelle unpassend gewesen? Nein, dahinter steckte mehr ...
Sicher wäre es anständiger, ihn nicht zu verfolgen und in Ruhe zu lassen, doch F musste ihn noch einmal sprechen.
Glücklicherweise hatte F keine Probleme damit, ihm auf den Fersen zu bleiben. So bekam er mit, wie der Mann irgendwann in eine Seitengasse einbog und als er selbst dort ankam, konnte er seinen Sprint beenden. Der Flüchtling hatte angehalten und stand mit dem Rücken zu ihm, lehnte mit der Schulter erschöpft gegen eine Wand, während er nach Luft schnappte. Schluchzend.
F musste nur kurz durchatmen, die Bewegung hatte ihn kaum Kraft gekostet. Anschließend beobachtete er den anderen zunächst schweigend, unsicher, wie er nun handeln sollte, ohne ihn sofort ein weiteres Mal zu einer Flucht zu treiben. Nachdenklich wanderte Fs Blick über die schlanke Figur, die in ihm Sorge weckte, bis er an den schwarzen Haaren hängenblieb. Dieses seidige, glänzende Schwarz ... Er hatte es schon einmal gesehen.
Erst überlegte F, mit einem Räuspern auf sich aufmerksam zu machen, aber er entschied sich dagegen. Stattdessen ging er näher zu ihm und legte behutsam die Hand auf eine der bebenden Schultern, was den Mann erschrocken zusammenzucken ließ.
„Bitte“, beschwor F ihn einfühlsam, „laufen Sie nicht wieder weg. Ich will mit Ihnen reden.“
Angespannt schluckte der andere schwer. Erst in diesem Augenblick wurde F bewusst, dass es sicher beängstigend wirken musste, von demjenigen verfolgt worden zu sein, vor dem man geflohen war. Ihm blieb nur, zu hoffen, dass er überzeugend vermitteln konnte, keine bösen Absichten zu haben.
Zaghaft warf der Mann einen Blick über seine Schulter und sofort weiteten sich seine verweinten Augen, als er F sah. Diese Augen ...
Nur ein feiner, einsamer Streifen Sonnenlicht fiel auf eines von ihnen, wodurch nicht nur die Tränen wunderschön glänzten wie Diamanten. Noch nie zuvor hatte F ein solch prächtiges Grau gesehen. Es besaß so viel Tiefe, Wärme und schimmerte regelrecht. Einst voller Lebensfreude, nun vielmehr aus Trauer. Ein magischer, anziehender Hauch von Silber, der F vollkommen in den Bann zog.
Diese silbergrauen Augen ...
Sicher war F die Faszination anzusehen, als er den Mann mit vorsichtigen Handgriffen dazu brachte, sich zu ihm zu drehen. Zu seiner Erleichterung ließ dieser das auch zu, zitterte jedoch spürbar. Beruhigend strich F instinktiv mit einer Hand über seine Wange, wischte einen Teil der Tränen fort, die sein Herz zerrissen, trotz ihrer überirdischen Schönheit.
„... Platan“, glitt der Name F über die Lippen, als hätte er ihn niemals vergessen.
Sichtlich überwältigt sog Platan die Luft ein, schüttelte aber dann panisch den Kopf. „Nein. Nein, nein, nein. Du erinnerst dich nicht an mich.“
Der Ton seiner Stimme klang nach einer Bitte, sogar nach einem verzweifelten Flehen.
„Warum sagst du das?“, fragte F ratlos. „Warum darf ich mich nicht an dich erinnern?“
„Weil ...“, hauchte Platan aufgewühlt. „Weil ... ich ... ich bin ...“
Warum fand F es unbeschreiblich entzückend, dass ihm die Worte fehlten? Wahrscheinlich, weil er eigentlich mit einem Redeschwall als Antwort gerechnet hatte. Richtig, Platan besaß einen reichhaltigen Wortschatz und eine unbändige Freude am Reden. Deswegen war es süß, wie er nun nicht einmal einen einzigen Satz zustande brachte.
F lächelte sanft, erfüllt von einem warmen Gefühl. „Mir war bis eben nicht bewusst, wie sehr ich es vermisst habe, dich reden zu hören.“
Überrascht starrte Platan ihn an, seine Augen wirkten noch größer als vorher. Ein hoffnungsvoller Funke verlieh dem Hauch von Silber noch mehr Reinheit und Kraft. Wie oft F sich damals in diesem Anblick verloren hatte, während er den unzähligen Geschichten von Platan lauschte. Was für eine wundervolle Zeit das war.
Die meisten Erinnerungen von Fs altem Ich waren düster und erdrückend, ganz anders als das, was jetzt in ihm erwachte. In ihm begann eine bisher unscheinbare, kostbare Knospe zu blühen, die nur auf diesen Tag gewartet hatte. Eine Sehnsucht, auf die F nicht vorbereitet gewesen war. Sie entlockte ihm ein verträumtes Seufzen.
Er legte auch die andere Hand auf eine Wange von Platan, beugte sich zu ihm hinunter und lehnte sich mit der Stirn gegen seine. „Ich habe dich vermisst, Platan.“
Nach wie vor unfähig, zu sprechen, formten die Lippen des anderen nur ein „Wirklich?“.
„Ja“, bestätigte F eindringlich. „Also lauf bitte nicht weg. Bleib bei mir.“
F wollte sich an alles erinnern, was mit Platan zu tun hatte. Er wollte von diesem Gefühl erfüllt werden, das er in ihm auslöste und endlich die Leere füllte, die er sich bis eben nicht erklären konnte. Nur deswegen war in Illumina City geblieben, um herauszufinden, was genau ihm noch fehlte. Was er benötigte, damit er ungetrübt in die Zukunft blicken könnte. Nun hatte er es gefunden.
Platans Stimme war nun ebenfalls voller Sehnsucht, als er endlich einen ganzen Satz zustande brachte: „... Willst du das wirklich?“
Lächelnd zog F ihn in eine innige Umarmung. „Mehr als alles andere.“
Darauf begann Platan erneut zu weinen, diesmal jedoch hoffentlich vor Erleichterung. Heftig schluchzend schlang auch er die Arme um F und vergrub das Gesicht in seiner Brust, während er seinen alten Namen murmelte. Flordelis. Und zum ersten Mal dachte F, dass es vielleicht an der Zeit wäre, sich tatsächlich wieder so zu nennen.
Immerhin fehlte ihm nun nichts mehr. Nichts, was er noch vermissen könnte.
Ficlet 6: Fontränen
F hätte nicht zufriedener sein können, als in diesem Moment.
Es war ein schöner, überraschend warmer Tag in Sinnoh. Ein goldener Schleier aus Licht berührte die farbenprächtigen Blumenfelder, schenkte ihnen einen magischen Schimmer. Glitzernde Partikel, die über das wohlduftende Meer aus Blüten tanzten. Die Auen von Flori waren malerischer denn je. Müsste F nun beschreiben, wie er sich das Paradies vorstellte, hätte er nur wortlos die Arme ausgebreitet.
Denn er war mittendrin.
Im Paradies.
Entspannt saß er auf einer der wenigen grünen Wiesenflächen und beobachtete lächelnd, wie Platan lebhaft mit ihren Pokémon herumtollte. Zumindest mit einigen von ihnen. Mähikel, Chelast, Wie-Shu und Pyroleo. Letzterer war ungewohnt verspielt, forderte Streicheleinheiten ein oder schleckte sogar anhänglich Platans Gesicht ab, was diesen jedes Mal herzlich auflachen ließ – eine traumhaft reine Melodie, der F ewig lauschen könnte.
Ja, dieses Bild war perfekt.
Platan wirkte endlich wieder glücklich und gelöst, strahlte so hell wie nie zuvor.
Wie schön wäre es, könnte F diesen Moment wirklich für immer genießen.
Ewig. Für immer.
Plötzlich hielten die anderen inne und warfen ihm besorgte Blicke zu. Bevor er sich fragen konnte, was los war, verschwamm seine Sicht gänzlich. Auf einmal versank er in einem anderen Meer, das ihn von dieser Harmonie fortriss und auf tosenden Wellen in die Ferne trieb.
„Flordelis?“, ertönte Platans Stimme sanft, gefolgt von einer behutsamen Berührung an der Schulter. „Was ist passiert? Warum weinst du?“
Aufgewühlt schluchzte F heftig und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Er konnte es nicht stoppen. Zahlreiche Tränen durchnässten innerhalb von Sekunden seine fingerlosen Handschuhe. Sie trugen allesamt ein schmerzhaftes Gefühl in sich, das seine Brust gefrieren ließ. Eine Trauer, die eigentlich noch keine Realität war, aber in nicht allzu ferner Zeit sein neues, langes Leben untermalen würde.
Pyroleo schmiegte sich mit einem tröstenden Brummen an ihn, doch selbst seine Wärme kam kaum gegen das Eis an, das sich auszubreiten drohte. Als Platan ihn dann auch noch umarmte, schien es nur noch schlimmer zu werden.
Nachdem F eine Weile geweint hatte, sprach Platan noch einmal einfühlsam mit ihm: „Mon chéri, was bekümmert dich so furchtbar? Kann ich dir irgendwie helfen?“
„... Nein“, entglitt es F heiser, gebrochen. „Das kannst du leider nicht, Platan.“
Niemand konnte das.
Es war seine Strafe, die er ertragen musste. Dafür, dass sein altes Ich so töricht gewesen war, die Ultimative Waffe abzufeuern. Dafür, dass er mit den Nachwirkungen seines Plans Illumina City ins Chaos gestürzt hatte.
Deshalb hatte er diese Strafe verdient.
F zweifelte das nicht an.
Aber ...
„Ich“, sagte F unglücklich, „wünschte, du könntest für immer bei mir bleiben ...“
Nicht nur Platan, auch seine Pokémon, doch sie alle würden ihn verlassen. Sie alle lebten nur einen Bruchteil der Zeit, die F noch gezwungen war auf dieser Welt zu bleiben. Erst jetzt begriff F wirklich, was Azett gemeint hatte. Über den Schmerz, nicht sterben zu können ...
Platan entglitt ein verstehender, mitfühlender Laut. „Flordelis ...“
Die Blicke der anderen Pokémon ruhten auf ihm. Zwar konnte er sie momentan nicht sehen, doch er spürte ihre Sorge. Ihr Mitgefühl. Und deswegen bekam F ein schlechtes Gewissen.
Zu zeigen, wie sehr ihn der zukünftige Trennungsschmerz bereits jetzt mitnahm, war grausam. Immerhin könnten sie ihm nicht helfen, wie er schon gesagt hatte. Mit seiner Schwäche würde er sie nur in die Hoffnungslosigkeit treiben. Das durfte er nicht.
F musste sich zusammenreißen.
„Nun, dann sollten wir herausfinden, wie wir auch unsere Lebensdauer auf 3000 Jahre erhöhen können“, meinte Platan entschlossen.
Irritiert ließ F die Hände sinken und entblößte sein verweintes Gesicht. Sofort strich Platan, der vor ihm kniete, ihm vorsichtig über die Wangen und versuchte die Tränenspuren wegzuwischen, wobei er ihn mit einem beruhigenden Lächeln ansah.
„Ich weiß schon, was du nun denken wirst“, fuhr er dabei fort. „Das ist doch unmöglich. Habe ich recht? Aber das stimmt nicht, mein Lieber. Azett hat vor dir 3000 Jahre gelebt. Nun bist du der nächste Mensch mit einer übernatürlich langen Lebensdauer – möglicherweise gibt es noch mehr, von denen wir nur nichts wissen. Warum sollte es also nicht möglich sein, dass wir uns da einreihen?“
„Aber“, wandte F unsicher ein, „ich kann das nicht von euch verlangen, selbst wenn wir eine Möglichkeit finden. 3000 Jahre sind-“
„Ein Traum, wenn wir sie an deiner Seite verbringen dürfen“, unterbrach Platan ihn. „Wir wünschen uns auch, für immer bei dir sein zu können.“
Darauf folgten zustimmende Laute von den Pokémon, auch von Mähikel und Chelast, obwohl letzterer F noch nicht lange kannte.
Ergriffen holte er tief Luft, in einem Versuch, nicht erneut in Tränen auszubrechen. „Aber ... habe ich das-“
„Ja, du hast das verdient“, versicherte Platan ihm bestimmt. Seine Hände ruhten noch auf Fs Wangen. „Du hast längst für alles gebüßt, Flordelis. Ich lasse nicht zu, dass du noch mehr leiden musst. Wenn du Tränen vergießt, soll das nur noch aus Freude geschehen. Dafür werde ich sorgen.“
Mit diesen Worten, die einem Versprechen gleichkamen, küsste er F auf die Stirn – und schmolz das Eis in seiner Brust tatsächlich, um sie stattdessen wieder mit Wärme zu füllen.
„... Platan“, flüsterte F sehnsüchtig, ehe er ihn diesmal in die Arme schloss und an sich drückte. „Danke.“
Selbst wenn sie keine Möglichkeit fanden, sich diesen Wunsch zu erfüllen, bedeutete es F viel, dass Platan sogar bereit wäre die Ewigkeit mit ihm zu verbringen. Sicher war er sich mehr als bewusst, was das bedeutete. Tausende Jahre zu leben und viele andere im Laufe der Zeit sterben zu sehen war eine Qual, der sich nicht jeder freiwillig aussetzen würde.
Aber Platan wollte das für ihn tun.
Platan war ... unglaublich. Schon jetzt.
Vielleicht gelang es ihm tatsächlich, einen Weg zu finden, ebenfalls länger zu leben. Den Segen von Xerneas oder gar Arceus für sich zu gewinnen.
In diesem Moment war F auf jeden Fall überaus dankbar, ihn bei sich zu haben. Jede Sekunde, die sie zusammen in dieser Welt verweilen würden, wusste er von ganzem Herzen zu schätzen. Egal, wie kurz diese Zeit auch sein mochte.
Ficlet 7: Herzstempel
Summend stand Platan in der Küche und kümmerte sich für das Frühstück gerade um den Kaffee. Immerhin durfte dieser als Einstieg in einen neuen Tag nicht fehlen. Außerdem wusste er, wie köstlich Flordelis ihn fand, wenn Platan ihn zubereitete – darum war es ihm eine Freude, regelmäßig mit viel Liebe welchen für sie beide zu kochen.
Durch das Fenster drangen warme Sonnenstrahlen hinein und untermalten diesen wunderschönen Morgen. Einer von vielen, die er mit Flordelis erleben durfte, auch wenn letzterer an diesem Tag ein wenig länger schlief als er. Allerdings schien er Sehnsucht nach Platan zu haben, denn als Zygarde, der ihm in der Küche Gesellschaft geleistet hatte, leise jaulte, wusste er sofort, dass sein Geliebter nun auch aufgestanden war.
Kurz darauf schlangen sich von hinten zwei Arme um Platan und Flordelis schmiegte sich an ihn, was Platan sanft lächeln ließ. „Guten Morgen, mon chéri~.“
„Guten Morgen“, erwiderte Flordelis den Gruß, noch ein wenig verschlafen, „mon amour.“
Wie ein anhängliches Katzen-Pokémon vergrub er das Gesicht ein wenig in Platans Haar und rieb seinen Kopf an ihm. „Du hast schon geduscht? Bist du bereits lange wach?“
„Eine Weile“, bestätigte Platan schmunzelnd. „Ich fühle mich heute morgen äußerst energiegeladen~.“
Darauf folgte von Flordelis ein entzückend überraschter Laut.
Zygarde lief neugierig um sie herum, wartete aber wahrscheinlich nur darauf, dass er etwas zu essen bekam, genau wie die anderen Pokémon. Nun müsste er wohl noch ein wenig warten, denn Flordelis verlangte es besonders morgens immer nach viel Zuneigung, was Platan sehr genoss. Es war einfach ergreifend, wie groß sein Verlangen nach Harmonie war, die Flordelis in ihm fand.
Erneut war von Flordelis ein überraschter Laut zu hören. „Ist dir kalt?“
Im Moment trug Platan einen blauen Rollkragenpullover und dazu passend eine warme Hose, obwohl es draußen inzwischen recht mild war, sogar fast ein bisschen zu warm für eine Jacke. Ungewöhnlich für Sinnoh, doch es gab solche Tage. Deswegen war Flordelis davon vermutlich irritiert – während Platan umgekehrt verwundert über diese Reaktion war. Sollte Flordelis sich nicht denken können, warum er sich so angezogen hatte?
Vorsichtig drehte Platan sich zu ihm um, wofür Flordelis sich etwas von ihm lösen musste. Nun konnten sie sich in die Augen schauen – und das linke seines Partners glühte wieder anziehend, davon ließ er sich aber gerade nicht ablenken.
„Wir wollten heute noch Professor Eibe besuchen“, erinnerte Platan ihn. „Es wäre ihm sicher unangenehm, wenn ich ihm zeige, wie sehr du mich liebst.“
Da war er, dieser ratlose Blick und der leicht geneigte Kopf, diese vollkommen ehrliche Gefühlsregung von Flordelis, die Platans Herz höher schlagen ließ. Deshalb schwieg er kurz lächelnd, um das genauso zu genießen wie dessen Zuneigung. Allzu lange wollte er ihn aber nicht im Dunkeln lassen, sondern griff schließlich nach seinem Kragen und zog ihn ein Stück von seinem Hals weg, womit all die Liebesmale sichtbar werden dürften, die er an sich trug.
Sofort weiteten sich Flordelis' Augen und der Schleier der Verlegenheit ließ sein Gesicht erröten. „O-oh. Das sind ... sehr viele. Wann habe ich ...?“
Ungläubig sah Platan ihn an. „Sag mir nicht, du erinnerst dich nicht daran?“
Merklich beschämt blickte Flordelis zur Seite, worauf Platan leise lachen musste, weil auch das eine überaus liebenswerte Reaktion war.
„Nun, vielleicht sollte mich das nicht verwundern“, fuhr er fort, wobei er den Kragen wieder anständig richtete. „Du warst letzte Nacht ziemlich leidenschaftlich~. Nicht nur mein Hals sieht so aus. Du hast überall deutlich gemacht, dass ich dir gehöre.“
„Ü-überall ...?“, hauchte Flordelis überfordert.
„Überall~“, betonte Platan beschwingt. „Unzählige Liebesmale, jedes einzelne trägt deine Sehnsucht in sich. Offenbar hast du dich dabei diesmal etwas verausgabt, so fest wie du noch geschlafen hast, als ich aufgestanden bin.“
Aus irgendeinem Grund wirkte Flordelis verunsichert. „Tut mir leid ...“
Sacht schüttelte Platan den Kopf. „Wofür?“
„Ich weiß auch nicht, ich ...“ Die Unsicherheit nahm noch weiter zu. „Es klingt so, als hätte ich es übertrieben. Das wollte ich nicht. Ich-“
„Flordelis“, sprach Platan ruhig dazwischen. Behutsam strich er mit beiden Händen durch seinen Bart. „Du musst dich doch nicht entschuldigen. Nicht dafür, dass du mir zeigst, wie sehr du mich liebst. Jede deiner Markierungen macht mich glücklich. Glücklicher, als jemals zuvor.“
Mit einem sanften Lächeln unterstrich er diese Worte. „Außerdem bist du stets sehr zärtlich und achtest darauf, dass es mir gut geht und ich mich wohlfühle.“
„Wirklich?“ Beruhigt atmete Flordelis auf. „Dann bin ich froh. Dein Wohl steht für mich an erster Stelle.“
Jaulend machte Zygarde auf sich aufmerksam, worauf Flordelis diesen freundlich anlächelte. „Deines ist mir natürlich auch wichtig.“
„Wenn du willst, kannst du dich dann gerne um das Essen für die Pokémon kümmern“, schlug Platan vor. „Der Kaffee ist auch gleich fertig. Und auch tatsächlich etwas zu essen für uns, bevor du fragst.“
Das stimmte Flordelis noch zufriedener. „Fein, fein~.“
Danach küsste er Platans Stirn, bevor er wirklich die Aufgabe übernahm, die Pokémon zu versorgen. Sobald er richtig wach war, erinnerte Flordelis sich auch sicher daran, wie leidenschaftlich die letzte Nacht war – und wäre deswegen noch einmal verlegen. Dabei gab es dafür keinen Grund, denn Platan war wirklich glücklich.
Langsam strich er über den Kragen, unter dem er den ganzen Tag über die Liebesmale verbergen würde. Die Herzstempel, mit denen Flordelis ihm zeigte, was er für ihn empfand. Davon könnte Platan niemals genug bekommen, vor allem, weil sie ihm allein gehörten. Sie waren nur für ihn bestimmt.
Zum Glück war ihm von Natur aus oft etwas zu kalt, denn im Sommer könnte es sonst ein wenig problematisch werden, diese Markierungen bei hoher Hitze zu verbergen. Dennoch würde er auch dann nicht auf sie verzichten wollen. Für ihn konnte es niemals zu viele sichtbare Verbindungen zu Flordelis geben.
Selig seufzend brachte Platan den Kaffee zum Esstisch, als dieser fertig war – seinerseits eines von vielen Zeichen seiner Liebe für Flordelis.
Ficlet 8: Letzte Ehre
F wusste nicht, wie lange er bereits regungslos dastand, mit ausdrucksloser Miene – obwohl es in seinem Inneren vollkommen anders aussah. Deshalb waren seine Hände angespannt zu Fäusten geballt, das einzige äußere Anzeichen dafür, wie aufgewühlt er in Wahrheit war. Zygarde, der neben ihm saß und wartete, war deswegen sehr geduldig mit ihm und ließ F so viel Zeit, wie dieser benötigte. Denn dieser Moment war ... ziemlich aufwühlend und schwierig für ihn.
Er stand vor einem Grab, das gänzlich mit Blumen zugedeckt war. Allesamt blühten prächtig und erfüllten diesen trostlosen, grauen Ort dank ihrer kraftvollen Farben mit einem Hauch von Leben. Sicher hätte er sich das genau so gewünscht. Die Person, die hier begraben lag, hatte damals selbst auch überall mit ihrer Lebensfreude und Optimismus ihre Umgebung geradezu zum Strahlen gebracht. Inzwischen erinnerte F sich wieder daran.
Nur leider viel zu spät.
Auf dem Grabstein, der mit kunstvollen Mustern und feenhaften Wesen verziert war, stand ein Name, der für F viel zu lange in der Vergessenheit verlorengegangen war: Platan.
Der Pokémon-Professor, sein einst engster Freund, war tot.
Es war schwer für F, das zu realisieren, geschweige denn zu akzeptieren. Erst vor Kurzem waren seine Erinnerungen an Platan zurückgekehrt, mitsamt all den Gefühlen, welche er in der Vergangenheit heimlich für ihn empfunden hatte. Bis heute. Klar und deutlich sah er das sanfte Lächeln vor sich, hörte die melodische Stimme und glaubte die Wärme jeder Umarmung zu spüren. Wie aufgeregt er gewesen war, als er sich endlich überwinden und ins Labor gehen konnte, um sich bei Platan zu entschuldigen. Für all den Kummer, den Fs altes Ich ihm bereitet hatte.
Und dann musste er erfahren, dass es zu spät war.
Plötzlich schwand jegliche Kraft aus seinen Beinen und F fiel vor dem Grab auf die Knie. Nun erreichte ihn der Schmerz erst richtig. Sicher, irgendwann hätte er von Platan zwar Abschied nehmen müssen, da er nun mit einer übermenschlichen Lebensdauer gestraft war, doch F hätte sich vorher gerne noch einmal mit ihm unterhalten. So vieles blieb jetzt unausgesprochen. Auf einmal war seine große Liebe fort.
„... Platan“, sagte F verloren, seine Stimme so zerbrochen wie sein Herz. „Tut mir leid, dass ich erst heute zu dir zurückgekommen bin. Ich-“
Die Trauer riss ihn wie eine Welle gnadenlos mit sich, weshalb er kurz tief durchatmen musste, weil er nicht weinen wollte. Derjenige, der viel zu früh sterben und miterleben musste, wie ein Freund gänzlich in Verzweiflung versunken war und einen großen Fehler begangen hatte, war Platan – F hätte sogar ihn einfach geopfert. Was war nur vor fünf Jahren in ihn gefahren? Warum hatte es so weit kommen müssen?
Jedenfalls glaubte F nicht, dass es ihm zustand Tränen zu vergießen.
„Ich wollte ... dir wenigstens heute die letzte Ehre erweisen“, fuhr F leise fort, wobei er eine Faust auf seine Brust presste. Ein eisiges Stechen raubte ihm ein wenig den Atem. „Ich wünschte, ich wäre früher bei dir gewesen. Vielleicht wärst du dann noch ...“
Laut den Worten von Magnolia – die ihm ziemlich schonungslos alle Fakten zu diesem Thema offenlegte – hatte Platan sehr unter dem Verlust von F gelitten. Schließlich war ganz Kalos überzeugt davon, Flordelis sei bei dem Vorfall in Cromlexia gestorben. Danach war Platan derart in Trauer versunken, dass er lange Zeit nicht mehr fähig war seiner Arbeit als Professor nachzukommen. Selbst als er es ernsthaft wieder versucht hatte, konnte man ihm wohl stets deutlich ansehen, dass in ihm nichts als klägliche Ruinen existierten.
Platan war am Ende nicht mehr der gewesen, an den F sich erinnerte.
Seinetwegen.
Ich ... habe dich ...
Innerhalb von Sekunden verschwamm der Name von Platan auf dem Grabstein. Dieser Gedanke setzte eine Form des Schmerzes in ihm frei, der kälter war als alles, was er sich jemals hätte ausmalen können. Mit aller Macht musste F bisher die Tränen zurückhalten, was ihm nun nicht mehr gelang. Als Zygarde sich obendrein mit einem tröstenden Winseln an ihn schmiegte, verlor er endgültig jegliche Fassung. Schluchzend senkte er den Kopf.
Platan, dachte er sehnsüchtig, erfüllt von Reue, du warst die Welt der Schönheit, nach der ich so verzweifelt gestrebt habe.
Zitternd zog er den Ring aus seiner Hosentasche hervor, an dem sein Schlüssel-Stein angebracht war. Jenes Geschenk von Platan, ein Zeichen seiner Freundschaft und Bewunderung – und F dankte es ihm, indem er ihn bitter enttäuscht hatte. Einen Moment betrachtete er den Silberring, während Tränen über seine Wangen liefen, ehe er ihn behutsam in seiner Faust einschloss.
„Es“, begann F betrübt, „gibt eigentlich unzählige Dinge, die ich dir gerne sagen würde. Allerdings wären es nur leere Worte, bis ich bewiesen habe, dass ich jetzt wirklich anders bin.“
Sein Gesicht war vor Trauer verzerrt, als er versuchte noch einmal den Namen auf dem Grabstein zu lesen. „Ich habe mich verändert. Ich weiß nun, wie ich vorgehen sollte, um eine bessere Welt zu erschaffen. Diesmal werde ich den richtigen Weg gehen, Platan.“
Rasch wischte er mit der freien Hand die Tränen aus seinem Gesicht, auch wenn direkt neue seine Wangen benässten, bevor er einen Kuss auf seine eigene Faust hauchte. „Das schwöre ich dir.“
Natürlich würde es etliche Jahre dauern, bis diese Welt sich in die Richtung wandeln würde, die F sich vorstellte. Darum nahm er sich fest vor, Platan zwischendurch zu besuchen und ihm davon zu erzählen, was er auf seinem Weg erlebt hatte. Denn er wusste, sie sehr sein Freund Geschichten geliebt hatte – und auch diese Welt, in der F ohne ihn weitermachen musste. Ohne seine sichere Zuflucht. Ohne den Menschen, dem sein Herz auf ewig nachtrauern würde.
Irgendwie ... musste F es dennoch schaffen. Das war er allen schuldig. Außerdem hatte er jetzt auch Platan ein Versprechen gegeben und wollte ihn nicht noch einmal enttäuschen.
An diesem Tag blieb F aber noch lange an seinem Grab, zusammen mit Zygarde, dessen Nähe tatsächlich tröstlicher war, als er zugeben wollte. Sobald er wieder die Kraft fände aufzustehen, würden sie gemeinsam zu einer neuen Reise aufbrechen. Bis dahin wollte F bleiben und Platan angemessen verabschieden, auch wenn er dafür zu spät kam.
Aber so, wie F ihn in Erinnerung hatte, freute dieser sich sicher dennoch darüber.
Ficlet 9: Gähner
Es war ein ruhiger, entspannter Nachmittag, den F zusammen mit Platan in einem Hotelzimmer in Sinnoh verbrachte, genauer gesagt in Herzhofen. Die letzten Tage waren ereignisreich und aufregend gewesen, weshalb sie beide beschlossen hatten, es heute langsam angehen zu lassen. Einfach die gemeinsame Zeit zu genießen.
Das Hotel war sowohl traditionell als auch modern angehaucht, zudem war ihr Zimmer groß genug, damit einige ihrer Pokémon darin Platz fanden. Zygarde hatte eine besondere Vorlieben für Futons entwickelt, daher beklagte dieser es, dass es diesmal keines gab, doch auf einem richtigen Bett zu liegen schien ihm auch zu gefallen. F saß derweil mit Platan auf dem Sofa im Wohnzimmerbereich und lauschte lächelnd seinen Erzählungen über diese belebte Stadt, die als warm und freundlich galt. Insbesondere vom Platz der Treue war Platan hellauf begeistert.
Je länger sie durch Sinnoh reisten, desto deutlicher wurde, wie viel Zeit Platan bereits in dieser Region verbracht hatte – und wie sehr sie ihm am Herzen lag, obwohl das Klima hier für ihn viel zu kühl war.
Irgendwann, wie aus dem Nichts, gähnte F plötzlich herzhaft. Ihm blieb nicht einmal Zeit, eine Hand vor den Mund zu heben, wofür er sich hinterher mit einem leisen „Pardon“ entschuldigte. Da Platan verstummt war, befürchtete F sofort, das Gähnen hätte seinen Geliebten möglicherweise gekränkt, weil es so wirken musste, als sei er von den vielen Geschichten gelangweilt.
Allerdings genügte ein Blick auf Platan, um ihn zu beruhigen.
Platan war nicht gekränkt, vielmehr lag wieder dieser Ausdruck der vollkommenen Verzückung in dessen Gesicht, den F inzwischen nur zu gut kannte. Das überaus sanfte, verliebte Lächeln, das warme Leuchten in den grauen Augen, die dadurch wunderschön schimmerten, der dezente Rotschimmer auf den Wangen und die glitzernden Partikel, die um ihn herum zu tanzen schienen ...
„... Findest du mich gerade wieder entzückend?“, fragte F schmunzelnd.
„Du hast keine Vorstellung davon, wie sehr~“, bestätigte Platan ihm, gefolgt von einem leisen Seufzen. „Ich glaube, ich habe dich eben zum ersten Mal gähnen gesehen, seit wir uns kennen. Wie schön, dass du solche natürlichen Reflexe nun offenbar einfach zulassen kannst.“
„Ich vermute eher, dass ich damals nur selten richtig müde war, weil mir so viel im Kopf herumging.“ F schloss kurz die Augen, dann sah er Platan lächelnd an. „Ich frage mich inzwischen eher, was du nicht entzückend an mir findest.“
„Wenn du nicht so wahrgenommen werden willst, musst du aufhören so entzückend zu sein“, riet Platan ihm, wobei er ihm zuzwinkerte. „Das dürfte für dich aber unmöglich sein. Du bist eben entzückend, mon chéri.“
Platan legte eine Hand an sein Kinn. „Möchtest du dich etwas hinlegen? Wir könnten ein Schläfchen machen, bevor es Abendessen gibt.“
Einen Augenblick sah F ihn nur weiter an, schweigend, bis er Platan mit einer Geste zu verstehen gab, dass er auf seiner Seite bis zum Rand des Sofas rücken sollte. Zwar war sein Partner darüber irritiert, kam dem jedoch nach, ohne Fragen zu stellen. Als er schließlich an der richtigen Stelle saß, legte F sich auf das Sofa und nutzte dabei den Schoß von Platan als Kissen, was diesem einen überraschten Laut entlockte.
„Es reicht auch, wenn ich mich ein bisschen ausruhe“, meinte F überzeugt. „Das ist doch in Ordnung für dich, oder?“
„J-ja“, erwiderte Platan rasch. „Absolut in Ordnung.“
Der rötliche Schimmer auf seinem Gesicht hatte sich verstärkt und er blickte ergriffen auf F hinab, was ihn abermals schmunzeln ließ. So entzückend wie Platan konnte er selbst mit Sicherheit niemals sein. Das war unmöglich.
„Habe ich so etwas damals nicht gemacht?“, hakte er interessiert nach.
Darauf schüttelte Platan sacht den Kopf. „Wie gesagt, du hast stets eine gewisse Distanz bewahrt. Es wäre schon undenkbar gewesen, dass du dich neben mir auf ein Sofa setzt.“
„So?“ Bedauernd senkte F die Augenlider und hielt sie diesmal geschlossen. „Wie schade. Wir haben wirklich viel wertvolle Zeit verloren.“
Umso schöner war es, dass sie die Möglichkeit hatten, alles nachzuholen. Jeden Tag mit Platan verbringen zu können, machte F unbeschreiblich glücklich. Vor allem wie offen Platan ihm zeigte, wie sehr er alles an ihm liebte. Jede Geste, jeden Gesichtsausdruck, jeden Reflex ... Es schenkte F Wärme und Geborgenheit, so wie in diesem Moment.
Nach kurzer Zeit strich Platan ihm mit einer Hand durch die Haare und legte die andere auf seiner Brust ab. „Dafür ist unsere Zeit jetzt umso schöner~.“
F stimmte dem mit einem zufriedenen Laut zu. „Genau das habe ich eben auch gedacht.“
Dankbar legte er eine seiner Hände auf die von Platan und gähnte abermals müde, worauf Platan anfing liebevoll zu flüstern: „Schlaf gut, Flordelis. Ich wecke dich, wenn es Zeit für das Abendessen ist.“
Eigentlich hätte F gerne den Rest der Geschichte gehört, doch er war tatsächlich ziemlich müde. Außerdem folgte auf Platans Worte dann ein angenehmes Summen, das ihn schnell in den Schlaf wog.
Beim Abendessen könnte F sich den letzten Teil sicher immer noch erzählen lassen. Bis dahin genoss er es, wie harmonisch und wundervoll es sich anfühlte, mit Platan zusammen zu sein, selbst wenn er müde war. Dieses Gefühl würde F immer zu schätzen wissen – und hoffte ein wenig darauf, dass nächstes Mal vielleicht Platan derjenige war, der auf seinem Schoß schlief. Denn F beneidete ihn etwas darum, dass Platan nun die Zeit bekam ihn in Ruhe zu beobachten.
Glücklicherweise störte F sich überhaupt nicht daran, dass er dabei wahrscheinlich noch mehrere Male als entzückend empfunden werden würde.
Ficlet 10: Trickbetrug
Zygarde starrte F unentwegt an, zwar mit unbewegter Miene, doch seine Irritation war geradezu spürbar. Schuld daran war die neue Kleidung.
Es war das erste Mal seit einer – laut Platan – unzumutbar langen Zeit, dass F etwas trug, was nicht nur von einer hervorragenden Qualität war, sondern sich auch noch in einem vollkommen einwandfreien Zustand befand. Seit seiner Amnesie hatte er überwiegend nur alte, eher praktische Kleidung getragen, weswegen es auch für F ungewohnt war, sich in neuen Gewändern zu sehen. Besonders in solch einem schicken Outfit, das Platan höchstpersönlich für ihn zusammengestellt hatte.
Geschmackvoll und stilsicher, zweifelsohne, aber ...
Irgendwie fühlte F sich darin etwas unwohl, obwohl er so etwas damals angeblich immer getragen haben sollte. Ein wenig unruhig zupfte er wieder und wieder an seiner Kleidung herum, dabei saß sie im Grunde perfekt. Ihm ging es aber wie Zygarde, er war einfach irritiert von dieser Veränderung.
Platan dagegen wirkte überaus zufrieden, seit sie das Kleidungsgeschäft in Jubelstadt verlassen hatten und nun auf dem Weg zurück nach Sandgemme waren. Allerdings lag das nicht unbedingt an Fs optischer Aufwertung.
Zwar war Platan derjenige gewesen, der vorgeschlagen hatte, F neu einzukleiden, doch gleichzeitig bestand er darauf, die abgetragene Kleidung zu behalten und sie für ihn zu tragen. Das tat er auch ... die Jacke hatte Platan sogar richtig angezogen und kuschelte sich mit einem Ausdruck der Zufriedenheit im Gesicht in sie hinein. Sein Lächeln ließ die Atmosphäre um ihn herum glitzern und funkeln, so wie jedes Mal, wenn Platan besonders glücklich zu sein schien.
Eine Weile hatte F diesen Anblick von Herzen genossen, sprach ihn nun aber interessiert an: „Mon amour?“
Sofort hob Platan gut gelaunt den Blick. „Ja, mein Lieber?“
„Du weißt hoffentlich, dass es nicht nötig gewesen wäre, mich erst in ein Geschäft zu locken und neue Kleidung für mich zu kaufen, wenn du insgeheim nur gerne einmal meine Jacke anziehen wolltest? Du hättest mich auch ruhig so fragen können, ob du sie anziehen darfst.“
Gespielt empört atmete Platan tief ein. „Du glaubst also, ich hätte dich mit diesem Einkaufsbummel nur ausgetrickst? So etwas traust du mir zu? Ich bin entsetzt, Flordelis. Ich wollte dir nur einen Gefallen tun, weil mir dein Wohlbefinden sehr am Herzen liegt.“
Statt darauf etwas zu sagen, lächelte F nur sanftmütig, während Zygarde den Blick von ihm losriss und nun neugierig Platan ansah.
Dieser schwieg kurz, ehe er unbeirrt hinzufügte: „Und natürlich wollte ich gerne diese Jacke tragen. Sie verströmt deinen Duft und ist angenehm warm~.“
„Außerdem ist sie dir viel zu groß“, merkte F schmunzelnd an.
„Übergröße ist neuerdings äußerst modern~.“ Selbstbewusst zog Platan sich die Kapuze über. „Es kommt nur darauf an, wie man sich präsen-, oh!“
Sowohl F als auch Zygarde zuckte ein wenig zusammen.
„Oh!“, wiederholte Platan, in einem überwältigten Ton. Dabei strich er mit den Händen durch den flauschigen Fellkragen an der Kapuze. „Wie wundervoll weich das ist! Wenn man sie selbst trägt, merkt man das erst richtig!“
Da Platans Gesicht beinahe gänzlich unter der Kapuze verschwand, griff F nach ihr, um sie ein Stück zurückzuziehen, weil er diese Entzückung unbedingt sehen wollte. Auch diesmal brachte der Rotschimmer auf Platans Wangen sein Herz zum Schmelzen und seine gesamte Mimik zeigte deutlich, wie sehr er das Gefühl genoss, was unbeschreiblich liebenswert war.
Offensichtlich lag ein Zauber auf dieser Jacke, der dafür sorgte, dass man sich wohl fühlte, obgleich sie schon einiges mitgemacht hatte.
„Sie ist sehr gemütlich, nicht wahr?“, meinte F wissend.
Prüfend musterte Platan ihn. „Das gilt vermutlich nicht für die Sachen, die wir für dich besorgt haben. Du wirkst sehr steif, seit du sie trägst. Ich hätte mir denken sollen, dass dieser Stil nicht mehr deinem Lebensgefühl entspricht.“
Darauf lachte Platan etwas beschämt. „Entschuldige bitte. Nächstes Mal suche ich dir etwas aus, in dem du dich wohler fühlst.“
„Vielleicht muss ich mich auch nur erst wieder daran gewöhnen“, wandte F ein, bevor er unsicher die Stirn runzelte. „... Vermisst du denn den schicken Flordelis?“
Sicher entsprach dieser mehr Platans Geschmack, der immerhin selbst elegant und modebewusst war.
Auf einmal blieb Platan stehen und zog die Kapuze wieder vom Kopf, weshalb F sie losließ. „Nein, das tue ich nicht. Ehrlich gesagt hast du mir in den anderen Sachen viel besser gefallen.“
Überrascht hob F die Augenbrauen. „Tatsächlich?“
„Tatsächlich.“ Platan legte eine Hand auf seine Brust. „Du warst darin viel mehr du selbst. Entspannter. Zufriedener. Nun wirkst du fast, als hätte man dich wieder in einen engen Käfig gesperrt und dir somit die Freiheit geraubt. Also wäre es mir lieb, wenn du dich später umziehst. Mir gefällt der Flordelis, der sich selbst wohl fühlt. Egal, was du trägst oder wie du aussiehst. So liebe ich dich am meisten.“
Gerührt betrachtete F ihn, mit wild schlagendem Herzen. „Platan ...“
Wie fand dieser Mann nur immer die schönsten Worte, um ihn zu beruhigen und mit Wärme zu erfüllen? Was für ein Segen es war, ihn an seiner Seite zu wissen.
„... In Ordnung, dann lass uns schnell weitergehen“, bat F nachdrücklich. Dafür legte er eine Hand auf Platans Rücken und schob ihn behutsam an, damit sie sich erneut in Bewegung setzten, woran auch Zygarde sich ein Beispiel nahm. „Ich kann es kaum erwarten, mich aus diesem Käfig zu befreien.“
„Ist es wirklich so schlimm?“
„Oh ja“, betonte F, diesmal seinerseits in einem gespielten Tonfall, der kläglich klingen sollte. „Unerträglich.“
Mitfühlend sah Platan ihn an, weshalb es F fast leid tat, diesmal selbst mit einem Trick in Wahrheit etwas ganz anderes erreichen zu wollen, sobald sie zu Hause waren. Denn er wollte momentan nichts sehnlicher, als Platan eingehend zu zeigen, wie sehr er auch ihn liebte – und wenn er sich so oder so ausziehen würde, könnte er das gleich dafür nutzen.
Ficlet 11: Lebenstropfen
Seit damals, als Ange zur Ruhe gebettet wurde und Kalos seinen Frieden wiederfand, war viel Zeit vergangen. Inzwischen hatte F bereits etliche Jahre Lebenszeit hinter sich – Leben sah allerdings anders aus.
Ein Gefühl der Leere zerfraß ihn von innen heraus. Etwas Wichtiges fehlte. Jemand, ohne den es F unmöglich war, die Schönheit in der Welt zu erkennen, geschweige denn sie zu genießen. Sämtliche Emotionen waren im Laufe der Zeit gänzlich verkümmert und eingegangen, nun existierte nur noch eine trostlose Eisöde, in der nichts existieren konnte. Sie breitete sich unaufhaltsam weiter aus, vereinnahmte F mehr und mehr.
Zygarde, der stets treu an seiner Seite geblieben war, beobachtete das mit wachsender Sorge, konnte jedoch nichts tun, um F zu helfen. Niemand konnte das.
Ohne Platan gab es keine Schönheit in der Welt.
Sogar sein Grab war irgendwann ausgehoben und neu besetzt worden, somit gab es nicht einmal mehr einen Ort, zu dem F gehen könnte, um mit ihm zu reden. Vielleicht war das aber auch besser so. Damals hatte er Platan zwar geschworen, diesmal den richtigen Weg zu gehen, doch seitdem konnte er keinerlei Erfolge nachweisen. Im Gegenteil, er hatte die Hoffnung erneut verloren, dass er diese Welt jemals verbessern könnte.
Wie auch, wenn er blind für jegliche Schönheit geworden war?
Umso besser, dass Platan sich dieses Elend nicht mehr ansehen konnte und auch nichts davon hören musste.
Also streifte F verloren von Region zu Region, rastlos. Nur, damit er nicht endgültig in der eisigen Wildnis seiner leblosen Seele verlorenging. Irgendwie ... musste er immerhin noch tausende Jahre überstehen. Irgendwie.
An einem von vielen bedeutungslosen Tagen schritt er ziellos durch irgendeine Stadt, in irgendeiner Region. Es war warm und sonnig, dennoch fror er entsetzlich, weshalb er das Gesicht halb in seiner Jacke vergrub. Wesentlich lebhafter lief dagegen Zygarde neben ihm her und nahm alles aufmerksam in sich auf, bis er jäh bellend davon lief.
Träge starrte F ihm hinterher und stellte irritiert fest, dass Zygarde Interesse an einem Blumenladen – wie ungewöhnlich, so etwas sah man leider nicht mehr oft – zeigte. Diese schillernden Farben und die prächtigen Blüten bewegten trotzdem überhaupt nichts in ihm. Allerdings erinnerte er sich daran, wie sehr Platan die Natur geliebt hatte. Insbesondere Blumen. Daher zog es auch F schließlich zu dem Laden, wo er sich das farbenfrohe Angebot genauer ansah.
Dabei blieb seine Mimik ausdruckslos, sein rechtes Auge war trüb.
Und dann ...
„Herzlich willkommen~“, ertönte plötzlich eine melodische Männerstimme. „Wie schön, dass unsere Blumen Sie zu uns gelockt haben. Kann ich euch beiden helfen?“
Wie warm und vertraut diese Stimme klang. Viel zu vertraut.
Normalerweise schreckte Fs Aussehen die meisten Menschen ab oder er wurde mit Zygarde von sämtlichen Geschäften fortgejagt, weil man Angst hatte, sie würden Kunden abschrecken. Dieser Mann schien sich aber überhaupt nicht an seinem abgewracktem Aussehen zu stören und auch nicht einfach nur höflich sein zu wollen, sondern da war etwas sehr ... Aufrichtiges.
Sicher bildete er sich das nur ein.
Da F sich der Person nicht zuwandte, sondern so tat, als hätte er sie nicht gehört, fügte sie noch etwas hinzu: „Bei all der Technik, die uns heutzutage überall umgibt, wirken Blumen wunderbar belebend, nicht wahr? Sie sollten sehen, wie viele ich zu Hause habe. Manche verstehen nicht, warum man noch Natur um sich haben will, statt sich dem modernen Leben anzupassen, dabei gibt es kaum etwas Schöneres als Blumen~. Außer Kaffee, versteht sich.“
Das herzliche Lachen im Anschluss griff nach Fs Herz, zog es behutsam aus der eisigen Kälte heraus. Zögerlich wagte er es, sich dem Mann doch zuzuwenden ... und er konnte seinem Auge kaum trauen.
„... Platan?“, hauchte F heiser.
Vor ihm stand tatsächlich ein schlanker, großer Mann, der Platan wie aus dem Gesicht geschnitten war. Anstelle eines weißen Kittels trug er eine grüne Schürze, mit dem Logo des Blumenladens. Außerdem waren seine schwarzen Haare wesentlich länger, er trug sie im Nacken zusammengebunden. Auch die Frisur an sich war etwas anders, aber stilsicher, jede einzelne Strähne saß perfekt.
Hinter einer Brille lag ein Paar grauer Augen, die bei Fs Anblick überrascht aufleuchteten und dabei diesen silbernen Schimmer zeigten, den er ewig nicht mehr gesehen hatte.
Eine Weile starrten sie sich gegenseitig schweigend an, beide mit einem Erstaunen, das Bände sprach. Auch sein Gegenüber wirkte so, als hätte er einen Geist vor sich – das könnte aber durchaus daran liegen, wie heruntergekommen Fs allgemeiner Zustand war.
Neugierig lehnte der andere sich dann näher zu ihm. „Entschuldigen Sie die Frage, aber ... Kennen wir uns? Sie kommen mir unheimlich bekannt vor.“
„I-ich“, murmelte F unbeholfen, „... ich bin mir nicht sicher.“
Schnaubend schüttelte sich Zygarde ein wenig.
„Oh?“ Der Mann stellte sich wieder aufrecht hin und legte fasziniert eine Hand auf seine Brust. „Wie wundersam. Schlägt Ihr Herz auch so schnell?“
Ja, das tat es.
So schnell und kräftig wie schon lange nicht mehr. Ein unscheinbarer Funken Wärme kämpfte sich durch die Eisöde und weckte verloren geglaubte Emotionen in F. Auf einmal war da wieder dieser magische Lebenstropfen, den er einst verloren hatte. Wie konnte das möglich sein?
„Wie ist Ihr Name?“, hakte der andere nach.
„F“, erwiderte er zuerst knapp, aber das genügte womöglich nicht. „Oder eher ... Flordelis?“
„Flordelis ...“ Aufgeregt griff der Mann nach Fs Händen und sein Gesicht begann zu strahlen. „Flordelis?! Wirklich? Das ... das muss Schicksal sein! Ich habe von Ihnen geträumt!“
Verwirrt und überfordert blickte F auf ihre Hände hinab – warm. „P-pardon?“
Etwas verlegen entschuldigte sich der Blumenverkäufer rasch. „Das muss etwas merkwürdig klingen. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber bitte, kommen Sie doch einen Moment rein, ja? Ich würde gerne mit Ihnen reden.“
Ohne zu zögern stolzierte Zygarde sofort zufrieden in den Laden hinein, fast als hätte er nur darauf gewartet. Deshalb ließ F es zu, dass dieser Mensch, der Platan so ähnlich war, ihn behutsam mit sich zog und sie Zygarde folgten. Denn er wollte wissen, was das zu bedeuten hatte.
Ob dieser neue Lebenstropfen möglicherweise jener war, den er so schmerzlich vermisste.
Ficlet 12: Blütenwirbel
Platan vollführte eine letzte, elegante Drehung mit seiner bezaubernden Tanzpartnerin. Ihr gemeinsamer, verträumter Flug in Form schwerelos anmutender Bewegungen fand somit nach einem zeitlosen Moment der Freude ein Ende, doch das belebende Gefühl flatterte weiterhin in seinem Herzen. Sicher auch in ihrem.
Während die letzten, warmen Strahlen der Abendsonne wie goldene Schleier die Auen von Flori sanft berührten, legte Platan eine Hand auf seine Brust und neigte seinen Oberkörper leicht. „Merci, ma belle~. Es war mir wahrlich eine Freude, mit dir für eine Weile durch einen Tanz verbunden zu sein.“
Auch seine Tanzpartnerin deutete dankbar eine Verbeugung an und winkte dabei bescheiden ab.
Darauf zwinkerte Platan ihr zu. „Wunderschön und obendrein bescheiden. Kein Wunder, dass das Rot deiner Blüten so kraftvoll und intensiv ist.“
Wobei das sicher vor allem der liebevollen Pflege von Flordelis zu verdanken war, der sich viel Zeit für sein Florges nahm. Seit die beiden in Sinnoh waren, besuchten sie gemeinsam oft dieses Blumenmeer, weil nicht nur Platan diesen Ort vergötterte, sondern natürlich auch Florges ihm ganz und gar verfallen war. Inzwischen galt sie sogar als kleine Berühmtheit in Flori, ihr feenhaftes Antlitz wusste jeden zu verzaubern.
Florges richtete geschmeichelt ein wenig ihre dichten Blüten, die ihren Kopf einrahmten. Ihr weißer Teint schimmerte in der Abendsonne geheimnisvoll wie Elfenbein. Ja, man musste sich wirklich nicht wundern, warum die Bewohner und Besucher von Flori sie teilweise gar als Göttin bezeichneten. Immerhin war ein Florges in Sinnoh eine wahre Rarität. Eine überirdische Erscheinung.
Plötzlich erschien eine grüne Ranke aus dem Blumenstrauß, der ihre Haarpracht darstellte, um mit dieser einige Strähnen von Platan zu richten, da seine Frisur beim Tanzen ein wenig durcheinander geraten sein musste. Wie umsichtig von ihr.
„Vielen Dank~“, sagte Platan aufrichtig. „Du hast sicher auch immer gut auf Flordelis geachtet, oder?“
Sofort nickte Florges lächelnd, aber es folgte kurz darauf ein dezent frustrierter, zärtlicher Laut, begleitet von einigen Gestiken mit den Händen. Da Platan schon immer eine Bindung zu Feen-Pokémon hatte, glaubte er tatsächlich, verstehen zu können, was sie ausdrücken wollte.
„Er hätte sich selbst sonst wahrscheinlich einfach gehen lassen, hm?“, vermutete er. „Zum Glück hatte er dich, damit jemand darauf achten konnte, dass er sich selbst nicht vernachlässigt. Es spricht nichts dagegen, ehrenvolle Ziele zu verfolgen und Versprechen zu halten, aber man darf dabei sich selbst nicht aus den Augen verlieren. Dazu zählt auch das eigene Aussehen.“
Ergriffen sah sie ihn mit funkelnden Augen an und faltete die Hände, als wolle sie Arceus dafür danken, ihr jemanden geschickt zu haben, der das auch so sah wie sie. ... Vielleicht erzählte er Florges besser nicht, wie furchtbar Platan selbst einige Zeit ausgesehen hatte, als er damals, nach Flordelis' Tod, in Trauer ertrunken war. Er wollte ihr Bild von ihm ungern zerstören.
Eine Hand legte sich von hinten zaghaft auf Platans Schulter. Diese Berührung sandte eine wohltuende Wärme durch seinen Körper, weshalb er gleich wusste, um wen es sich handelte.
Sanft lächelnd lenkte Platan den Blick zu dieser Person. „Und? Wie hat es dir gefallen, mon chéri?“
Flordelis' ergrautes Haar besaß in diesem Licht einen leicht goldenen Glanz, was ihn noch anziehender wirken ließ. Allerdings verunsicherte Platan der etwas unzufriedene Gesichtsausdruck von ihm ein wenig.
„Es war ... bildschön“, erwiderte Flordelis zögerlich. „Wollen wir zwei nun als nächstes tanzen?“
Verwundert erwiderte Platan den hoffnungsvollen Blick. „Natürlich, liebend gern. Das wollte ich ohnehin. Aber vorhin hast du noch abgelehnt.“
„Nun ...“ Auf einmal klang Flordelis' Stimme so tief und vibrierend wie in alten Zeiten. „Ich habe meine Meinung geändert. Lass uns tanzen.“
Tatsächlich? Hatte ihm der Tanz von Florges und Platan so sehr gefallen, dass er dadurch auch Lust darauf bekam? Zwar hatte Platan durchaus darauf gebaut, diesen Effekt zu erzielen, doch es überraschte ihn, wie bestimmt Flordelis nun auch sein Tanzpartner sein wollte.
Ohne weitere Worte griff dieser mit der linken Hand nach der rechten von Platan und legte die andere auf sein Schulterblatt, womit Flordelis ihn auch etwas näher zu sich zog. Dessen gesamte Haltung veränderte sich merklich. Aufgerichtet, mit angemessener Spannung, wodurch sich auch seine Ausstrahlung wandelte. Auf einmal verströmte Flordelis wieder diese majestätische Erhabenheit und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, wodurch Platans Herz sofort überwältigt einen Takt aussetzte.
Von Florges war ein hingerissener Laut zu hören.
„Bist du bereit?“, fragte Flordelis ruhig.
„Hm? Was? Oh! J-ja“, antwortete Platan stammelnd, vollkommen in den Bann gezogen. „Wir können anfangen.“
Hätte Flordelis auch noch sein linkes Auge geöffnet, würde Platan sicher auf der Stelle endgültig den Verstand verlieren. Solange sie draußen waren, verzichtete Flordelis jedoch meistens darauf.
Dieser schmunzelte leicht. „D'accord.“
Und dann ... begannen sie wirklich zu tanzen.
Trotz fehlender Musik fanden sie problemlos einen gemeinsamen Takt, zu dem sie sich bewegen konnten, als seien sie von Anfang an Eins. Bereits mit Florges hatte es sich wie fliegen angefühlt, doch mit Flordelis schwebte Platan bald schon im Weltraum, in dem es nur sie beide gab. Umgeben von Sternenstaub, der ihren Tanz mit einer übernatürlichen Eleganz segnete, indem er auf magische Weise um sie herum wirbelte.
Dabei handelte es sich aber eigentlich um einen Blütenwirbel von Florges, den sie einsetzte, um diesen Augenblick für sie noch unvergesslicher werden zu lassen. Tatsächlich könnte es kaum märchenhafter sein. Die samtigen, roten Blüten verteilten Partikel von Florges' Feenkräften in der Luft und verstärkten den Duft des farbenfrohes Meeres, in dem sie tanzten.
Für Platan gab es dennoch nichts Schöneres als Flordelis, den er verliebt anlächelte. Kein einziges Mal brach der Blickkontakt zwischen ihnen ab. Sie waren ganz und gar verzaubert voneinander und tanzten so lange, wie ihre Herzen es sich wünschten. Selbst als irgendwann die Sonne untergegangen war.
Und Florges sah ihnen die ganze Zeit geduldig zu, glücklich über diese perfekte Harmonie, die von den beiden Tanzenden ausging.
Ficlet 13: Juwelenkraft
Ein weiterer, ereignisreicher Tag neigte sich dem Ende.
Am Abend bereiteten Flordelis und Platan gemeinsam in der Küche alles für das Abendessen vor. Damals wären sie einfach irgendwo schick essen gegangen oder hätte nur etwas aufgewärmt. Seit damals hatte sich aber einiges geändert. Inzwischen hatte Flordelis sich tatsächlich angeeignet selbst zu kochen, jedenfalls beherrschte er nun die Grundlagen. Mit denen konnte er zwar keine außergewöhnlichen Mahlzeiten zubereiten, doch es schien ihm viel zu bedeuten, persönlich für das Essen verantwortlich zu sein, das Platan anschließend zu sich nehmen würde.
Derart viel Hingabe rührte ihn, daher überließ er seinem Liebsten gerne das Kochen – zumal er selbst keinerlei Talent dafür besaß – und übernahm die anderen Aufgaben, wie den Tisch zu decken. Allerdings war auch das an manchen Tagen für Platan bereits eine schwierige Herausforderung, weil es ihm alles andere als leicht gemacht wurde.
Gerade stieß er einen erschrockenen Laut aus und stolperte er erneut. Glücklicherweise gelang es ihm schnell sein Gleichgewicht wiederzufinden und diesmal keinen Teller fallenzulassen, so wie an einem anderen Tag. Erleichtert atmete er auf.
„Das war nicht allzu elegant, mon amour“, merkte Flordelis neckend an, ohne seine eigene Arbeit mit den Lebensmitteln zu unterbrechen.
Mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung warf Platan ihm einen Blick zu. „Sieh an, da hat sich jemand in den letzten Jahren nicht nur einige Kochkünste angeeignet.“
„Man sollte für sämtliche Lebenslagen gewappnet sein~.“
„Dem kann ich nicht widersprechen. Ich bin beeindruckt“, gab Platan aufrichtig zurück.
Schmunzelnd sah Flordelis ihn über die Schulter hinweg an. „Dafür bist du etwas tollpatschiger geworden.“
„Du weißt genau, dass das nicht stimmt“, wehrte Platan locker ab, ehe sein Blick nach unten sank.
Ein Augenpaar, bestehend aus zwei großen, weißen Diamanten, sah unschuldig zu ihm hinauf. Das kleine, violette Pokémon hatte sich an eines von Platans Beinen geklammert und stand dabei auf seinem Fuß. Dieses zusätzlich, unerwartete Gewicht war es, das ihn ins Straucheln gebracht hatte. Wahrscheinlich war Zobiris wieder durch seine Phantomkraft einfach plötzlich aus dem Boden aufgetaucht. So etwas geschah nicht zum Mal.
Eigentlich ... tat Zobiris das andauernd.
„Na, du bist auch heute sehr anhänglich“, merkte er lächelnd an. „Hast du auch Hunger? Wenn du mir mein Bein zurückgibst, kann ich mich als nächstes um euer Essen kümmern.“
Immerhin war das für die Pokémon in der Regel schon vorbereitet, er müsste es ihnen nur geben. Da war Flordelis wahrlich fleißig und fürsorglich, wenn es um die Pflege ihrer Pokémon ging.
Zobiris klammerte sich still noch mehr an ihn.
„Du genügst ihm vollkommen“, wandte Flordelis ein. „Du strahlst immerzu wie ein Juwel. Zweifelsohne eines der schönsten von allen. Er zieht wahrscheinlich mehr Kraft einzig aus deiner atemberaubenden Ausstrahlung, als durch feste Nahrung.“
Mit einem sanften Ausdruck wandte er sich als nächstes an Zobiris. „Deshalb solltest du wirklich vorsichtiger mit Platan umgehen. Wir haben doch darüber gesprochen. Bitte halte dich etwas zurück, auch wenn du ihn sehr gern hast.“
Bedauernd sackte Zobiris' Kopf nach unten und er lockerte tatsächlich den Griff um Platans Bein etwas. Letzterer war noch geschmeichelt von diesem schönen Kompliment, das er soeben bekommen hatte, aber zu sehen, wie traurig Zobiris nun wirkte, zog direkt seine Aufmerksamkeit auf diesen.
Vorsichtshalber stellte Platan die Teller auf einer Ablage in der Nähe ab, bevor er in die Knie ging, um Zobiris tröstend zu tätscheln. „Ich mag dich auch sehr, darum würde ich mich freuen, wenn du weiterhin meine Nähe suchst. Nur, wenn ich beschäftigt bin, so wie jetzt, brauche ich meine Beinfreiheit. Du bist doch sicher von allen der Schlauste hier, nicht wahr? Also wirst du solche Momente sicher mit Leichtigkeit erkennen, wenn du dich ein bisschen mehr konzentrierst.“
Nach diesen Worten begannen die Diamantenaugen prachtvoll zu schimmern, genau wie die einzelnen anderen Juwelen an Zobiris' Körper. Offenbar hatte Platan genau das Richtige gesagt, was ihn selbst mehr als beruhigte. Denn er wollte nicht, dass Zobiris sich schlecht fühlte.
Normalerweise bevorzugte diese Pokémon-Art dunkle Orte, sie lebten lieber zurückgezogen und wollten ihre Ruhe haben. Dieses Zobiris von Flordelis war aber anders. Seit sie sich kannten, war er stets recht anhänglich, trotz anfänglicher Schüchternheit. Für Platan war es faszinierend, ein Zobiris zu sehen, welches die Nähe von Menschen genoss und sogar Streicheleinheiten zu schätzen wusste. Für Geister-Pokémon war das allgemein ungewöhnlich.
... Garantiert hatte es auch Flordelis von Anfang an als ein wunderschönes, hell leuchtendes Juwel wahrgenommen und fühlte sich in dessen Nähe stärker. Wohler. Geborgen.
In der Hinsicht hatten Zobiris und Platan etwas gemeinsam.
Enthusiastisch richtete er sich wieder auf und fuhr damit fort, den Tisch zu decken. Dabei folgte Zobiris ihm treuherzig, hielt jedoch nun genug Abstand, so dass Platan nicht ein weiteres Mal ins Stolpern geriet. Darüber schien Flordelis sehr zufrieden zu sein, denn er lachte leise in sich hinein, auf eine Weise, die die Harmonie in seinem Herzen widerspiegelte.
„Übrigens“, sagte Platan beschwingt, „musst du mir noch erzählen, wie du Zobiris getroffen hast. War er schon immer so liebenswert und entzückend wie jetzt?“
Darauf lachte Flordelis abermals, diesmal wesentlich lauter. „Oh, nein. Nein, Zobiris war ... erschreckend aggressiv.“
Ungläubig hielt Platan inne. „Wirklich?“
Beschämt hob Zobiris die Hände vor seine Auge, da er diese nicht anders schließen konnte.
„Ich erzähle dir beim Essen die ganze Geschichte“, versicherte Flordelis ihm. „Dann kannst du dich dem Abendessen nämlich auch in Ruhe widmen, während du nur zuhörst.“
„Deine Fürsorglichkeit erwärmt jedes Mal mein Herz~.“ Seufzend legte Platan eine Hand auf seine Brust. „Nun freue ich mich tatsächlich noch mehr auf das Essen.“
Und darauf, noch mehr über Zobiris zu erfahren. Denn er wollte sich auch mit den Pokémon von Flordelis gut verstehen. Sie hatten ihm Kraft gegeben, als er in dieser Welt alleine weiterkämpfen musste. Ohne jegliche Erinnerungen. Dafür schützte und liebte Flordelis sie wiederum.
Ja, Menschen und Pokémon waren beide kostbare Juwelen, die einander Kraft gaben. Dieser Gedanke gefiel Platan.
Ficlet 14: Raufturbo
Damals hatte Flordelis nicht viel von sich aus geredet, sondern oft die Rolle des Zuhörers bevorzugt. Bis heute war Platan nicht wirklich sicher, ob sein alter Freund es tatsächlich schlicht genossen hatte, seiner Stimme zu lauschen, oder er ihn nur nicht mit weiteren Hasstiraden über die Menschheit belasten wollte. Wenn Flordelis in der Vergangenheit nämlich einmal etwas zu sagen hatte, brach er meistens vor Frustration aus wie ein Vulkan, dessen Worte schmerzlich brennen konnten, weil sie aus Zorn geboren worden waren.
Vielleicht traf beides zu.
Heute, mehr als fünf Jahre später, war die Glut des Hasses in Flordelis erloschen. Er sprach wesentlich positiver über Menschen und die Zukunft, der er mit Zuversicht begegnete. Besonders, seit Platan ihn auf seiner Reise begleitete und ihre Herzen endlich zueinander gefunden hatte. Nun war Flordelis häufig derjenige, aus dem die Worte hervor sprudelten wie aus einer Quelle mit kristallklarem Wasser. Sie waren voller Leben und Schönheit.
Deshalb hörte Platan ihm auch wie gebannt zu. Nahm die Geschichten dankbar und interessiert in sich auf, die Flordelis ihm anvertraute. Erfahrungen und Erlebnisse aus der Zeit, in der sie getrennt gewesen waren. Bei der Suche nach den Zellen von Zygarde hatte er einiges durchgemacht, wusste jedoch auch von Momenten zu erzählen, die einen rührten.
Gemütlich saßen sie an einem warmen Lagerfeuer, das sie nahe eines Waldes aufgeschlagen hatten. Auf diese Art hatte Flordelis viele Abende verbracht, wie Platan inzwischen wusste. In solchen Momenten wurde ihm wieder bewusst, wie sehr Flordelis sich nach dem Gedächtnisverlust verändert hatte – aber sein sanfter Kern war stets geblieben.
Gerade erzählte er von einer Begegnung mit einigen äußerst anhänglichen Pokémon. Nicht nur Platan hörte ihm zu, auch einige ihrer Pokémon, die es sich ebenfalls um das Feuer gemütlich gemacht hatten. Unter anderem UHaFnir. Da er eben beim Essen frisches Obst bekommen hatte, war er momentan überaus zufrieden und entspannt. Wobei Platan nicht glaubte, dass es nur daran lag.
Ihm war schon einige Male aufgefallen, wie schnell UHaFnir Flordelis an den Lippen hing, sobald dieser sprach. Das konnte Platan gut verstehen, immerhin liebte er die Stimme seines Geliebten ebenso. Ein tiefer, ruhiger Klang, klar und deutlich. Allein Flordelis' Stimme berührte Platan schon auf eine Weise, wie es sonst niemandem möglich wäre.
Mühevoll unterdrückte Platan ein seliges Seufzen und beobachtete weiter UHaFnir. Je nachdem, wie Flordelis bestimmte Worte betonte, bewegten sich seine Ohren leicht und der weiße Fellkragen schien kurz zu vibrieren, als würde er von innen heraus stumm schnurren. Wie faszinierend. Diese Beobachtungen sollte Platan für den Pokédex festhalten.
„... Platan? Bist du müde?“, fragte Flordelis ihn plötzlich einfühlsam.
Rasch löste er den Blick von UHaFnir und blinzelte ihn irritiert an. „Hm? Oh, nein. Entschuldige, ich wollte nicht so wirken, als würde ich dir nicht zuhören.“
Neugierig neigte Flordelis leicht den Kopf – diese neuen Gesten waren immer noch zu entzückend. „Was hat dich abgelenkt?“
„Ach, ich dachte gerade nur, wie schön ich es finde, dass ich wieder eine Gemeinsamkeit mit einem deiner Pokémon entdeckt habe“, erklärte Platan lächelnd. „UHaFnir genießt es offensichtlich auch sehr, dir zuzuhören.“
Darauf warf Flordelis kurz einen Blick zu diesem. „... Ich kann nicht bestreiten, dass er immer sehr aufmerksam zuhört. Allerdings nicht nur bei mir.“
Schmunzelnd sah er Platan an. „Sobald du-“
Plötzlich, ohne jegliches Geräusch der Vorwarnung, stürzte UHaFnir sich blitzschnell auf Flordelis und warf ihn zu Boden. Erschrocken zuckte Platan zusammen, doch die anderen Pokémon ließen sich davon nicht beunruhigen, außer seine eigenen, die das Ganze besorgt beobachteten. Aber ein Brummen von Pyroleo, mit dem er vermutlich zum Ausdruck brachte, dass das zwischen ihnen normal war, genügte, damit sich auch Mähikel und die anderen wieder entspannten.
Derweil flatterte UHaFnir auf Flordelis weiter mit den Flügeln und es sah so aus, als würde er ihn sogar beißen. Sicher nur spielerisch, doch Platan war von diesem Verhalten dennoch erstaunt. So erlebte er die beiden zum ersten Mal.
Flordelis lachte amüsiert – gleichzeitig machte Platans Herz vor Rührung einen großen Sprung. „Bist du immer noch zu schüchtern? In Ordnung, beruhige dich. Ich sage kein Wort.“
Behutsam strich Flordelis seinem Pokémon durch den Fellkragen am Hals. „Dabei musst du dir keine Sorgen machen. Nicht bei Platan.“
Einige hohe Laute folgten, die wahrscheinlich Empörung ausdrücken sollten. Danach ließ UHaFnir von seinem Trainer ab und flog davon, in den sternenklaren Nachthimmel. Ratlos blickte Platan dem Schallwellen-Pokémon hinterher, während Flordelis sich wieder aufrecht hinsetzte.
Fragend sah Platan ihn schließlich an. „Sollte ich wissen, was eben los war?“
„Weißt du, UHaFnir ist ...“ Eine Sekunde schwieg Flordelis. „Sein Stolz als Drache steht ihm in einigen Dingen etwas im Weg. Du verdrehst ihm ein wenig den Kopf.“
„... Was mache ich?“, hakte Platan ungläubig nach. „Ich mache doch überhaupt nichts.“
„Das glaubst du.“ Zärtlich strich Flordelis ihm einige Haarsträhnen aus der Stirn, begleitet von einem Lächeln. „Ich kann dir nur sagen, dass UHaFnir sich aktuell verstärkt auf mich konzentriert, weil deine Stimme ihn wesentlich mehr verzaubert. Und du dürftest als Pokémon-Professor verstehen, wie empfindlich Drachen auf Feen reagieren.“
Dieses Kompliment sorgte noch mehr dafür, dass Platans Herz dahinschmolz. Sah Flordelis ihn tatsächlich so? Jedenfalls erklärte das auch, warum er bislang den Eindruck hatte, UHaFnir würde ihn meiden oder einfach ignorieren.
„Und bevor du dir deswegen nun Sorgen machst“, fuhr Flordelis fort, „möchte ich dir versichern, dass UHaFnir sich noch fangen wird. Manchmal tollt er auch einfach nur gerne herum. Als eF-eM war er noch verspielter.“
„Klingt so, als müsstest du mir auch diese Geschichten noch erzählen.“ Platan legte eine Hand in seinen Nacken und zog ihn näher zu sich herunter. „Nun will diese Fee hier ausnahmsweise etwas verspielt sein~.“
„Ausnahmsweise?“
„Du bist einfach zu süß.“
Damit brachte Platan ihn vorerst zum Schweigen und Flordelis schmunzelte in den Kuss hinein, bevor er diesen erwiderte.
Ficlet 15: Turbotempo
In aller Ruhe sammelte F im Wald nahe ihres Lagers Holz für ein Feuer, in Begleitung von Zygarde, während alle anderen Platan Gesellschaft leisteten. Das war ihm ganz recht, denn sein Partner neigte manchmal dazu in Schwierigkeiten zu geraten, aufgrund seines herzlichen und offenen Wesens, das durch seine Naivität einen besonders reinen Glanz erhielt. Deshalb konnte es niemals schaden, wenn er einige Beschützer an seiner Seite hatte.
Plötzlich durchbrach aber ein scheppernder Lärm die friedvolle Atmosphäre des Waldes. Zygardes Kopf schnellte in die Richtung, aus der sie gekommen waren, seine Ohren zuckten aufmerksam. Auch F drehte sich stirnrunzelnd um. Allerdings kamen ihm diese Geräusche bekannt vor, weshalb er nicht sofort in Sorge geriet, sondern sich nur fragte, was los war.
Nach wenigen Sekunden zeichnete sich die Gestalt von seinem Deponitox zwischen den Bäumen ab. Einen weiteren Atemzug später sprintete er bereits in einem beachtlichen Tempo an ihnen vorbei, den Oberkörper nach hinten gelehnt und das Gesicht überdramatisiert in Scham verzerrt, während er theatralische Grunzlaute von sich gab. Blitzschnell verschwand Deponitox wieder im Dickicht, ohne Zygarde oder F eines Blickes zu würdigen. Wahrscheinlich hatte er sie nicht einmal bemerkt.
Normalerweise zählte ein Deponitox nicht zu den agilsten Pokémon, doch sein eigenes wusste F immer wieder vom Gegenteil zu überzeugen. Es war jedes Mal beeindruckend.
Dennoch blieb seine Frage bestehen: Was war los?
Vielleicht könnte Platan sie ihm beantworten, der eine Weile später als nächstes ebenfalls aus der Richtung herbei geeilt kam, in der ihr Lager lag. Im Vergleich zu Deponitox war er wesentlich langsamer und bemerkte die stillen Beobachter sofort, weshalb er schwer keuchend bei ihnen stehenblieb.
Da Platan anschließend nach Luft ringen musste, nutzte F die Gelegenheit, seine Frage laut auszusprechen: „Was ist los?“
Nachdem der Sprinter ein wenig zu Atem gekommen war, antwortete er erschöpft: „Ich ... weiß es selbst nicht so wirklich. Ich wollte nur versuchen, mich endlich auch mit Deponitox anzufreunden, aber auf einmal ist er regelrecht panisch davongerannt. Noch bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.“
Nachdenklich tauschte F einen kurzen Blick mit Zygarde. Letzterer war wieder entspannt und schnaubte amüsiert.
„Du bist ihm vermutlich etwas zu nahe gekommen“, meinte F darauf verstehend.
„Zu nahe?“ Ratlos breitete Platan die Arme aus. „Ich war noch einige Meter von ihm entfernt!“
Betrübt senkte er den Blick. „Ich verstehe das nicht. Deponitox wirkt beinahe so, als habe er Angst vor mir ...“
„Angst hat er tatsächlich“, bestätigte F ihm ruhig. „Davor, dass du ihn widerlich finden könntest, sobald du ihm zu nahe kommst.“
Sacht schüttelte Platan den Kopf. „Widerlich? Dein Deponitox verströmt nicht einmal einen unangenehmen Geruch. Mir ist immer noch ein Rätsel, wie du das anstellst.“
„Mit intensiver Pflege kann auch die Nähe eines Deponitox sehr angenehm sein“, erklärte F ihm.
„Du bist unglaublich!“, lobte Platan ihn überschwänglich. „Kein Wunder, dass du an manchen Tagen nur mit deinen Pokémon beschäftigt bist. Sie wirken alle sehr glücklich.“
Äußerlich gab F sich bescheiden. „Ach, das ist doch selbstverständlich ...“
Insgeheim freute er sich aber darüber, dass Platan ihn lobte. Wem würde es nicht gefallen, von diesem Mann ein Kompliment zu bekommen?
Hinter Platan erschien nun auch Pyroleo und brummte beruhigt, kaum dass er bei ihnen angekommen war. Sicher hatte er sich davon überzeugen wollen, dass sein Schützling nicht in Schwierigkeiten geriet. Immerhin hatte F ihn darum gebeten.
Lächelnd tätschelte Platan Pyroleos Kopf, verfiel danach jedoch in eine dramatische Stimmung.
„Weh mir! Ich wünsche mir doch nur, Deponitox besser kennenzulernen. Gibt es denn keinerlei Hoffnung auf eine freundschaftliche Beziehung?“
„Nicht, solange du so bildschön bleibst“, warf F schmunzelnd ein. „Deponitox wird von deiner Schönheit immer geblendet sein und zur Flucht getrieben werden, weil es sich deiner nicht würdig fühlt.“
Tragisch seufzend legte Platan seinen rechten Handrücken auf seiner Stirn ab und schloss die Augen. „Ich wusste es doch! Schönheit ist ein Fluch! Welch grausames Schicksal!“
... Was ihre dramatische Ader betraf, waren Platan und Deponitox sich durchaus ähnlich. Wie interessant.
Rasch fing Platan sich wieder und machte ein ernstes Gesicht. „Moment. Warum flieht Deponitox nicht vor dir? Du bist zweifelsohne auch von unvergleichlicher Schönheit.“
Das ... sahen in Fs Fall einige sicher ganz anders. Aber sein Herz flatterte aufgrund dieser Aussage geschmeichelt. Irgendwie konnte F verstehen, dass Deponitox etwas abgeschreckt von Platans strahlendem Wesen war. In seltenen Momenten war er selbst davon dezent überfordert.
„Fein, fein ...“ Platan legte die Hände aneinander und atmete tief durch. „Wenn das so ist, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meine Schönheit einzudämmen ... Es wird einem guten Zweck dienen!“
Ehe F fragen konnte, wie Platan das anstellen wollte, fuhr dieser bereits herum und lief zurück zum Lager, gefolgt von Pyroleo. Irritiert folgte F ihnen mit seinem Blick, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Anschließend richtete er die nächsten Worte an Zygarde: „Glaubst du, ihm wird es gelingen, seine Schönheit einzudämmen?“
Bellend schüttelte Zygarde den Kopf.
„Ja, ich auch nicht.“ Leise lachend setzte F sich in Bewegung, um weiter nach Holz zu suchen. „Aber ich bin gespannt darauf, was er sich einfallen lassen wird. Er ist wirklich sehr engagiert. Daran merkt man, dass er Pokémon-Professor ist.“
Mit Sicherheit dürfte es ihm bald gelingen auch Deponitox' Herz zu erobern, so dass dieser nicht mehr mit Turbotempo die Flucht ergreifen würde. Derart viel Engagement wusste er garantiert zu schätzen. Da war F sehr zuversichtlich.
Nun müsste er sich nur überlegen, wie er Deponitox dazu überreden könnte, für heute zurück zum Lager zu kommen, damit er die Nacht nicht alleine im Wald verbrachte. Allzu schwer durfte das aber nicht werden, weil Deponitox gerne Menschen und Pokémon um sich hatte. Daher müsste Platan sich eigentlich keine Sorgen machen und sich nur noch etwas in Geduld üben – sein Bestreben, sich mit Fs neuen Pokémon anzufreunden, war aber ein weiterer liebenswürdiger Zug an ihm, der ihn nur noch schöner machte.
Ficlet 16: Heilwoge
Seit F mit der Energie der Ultimativen Waffe in Berührung gekommen war, hatte sich sein Körper verändert. Nun konnte er mit seinem linken Auge nicht nur Energien sowie andere Dinge sehen, die gewöhnlichen Menschen verborgen blieben, auch seine Sinne und somit seine Wahrnehmung waren schärfer als vorher. Für gewöhnlich bemühte er sich aber, diese Fähigkeiten unterdrückt zu halten, weil er sonst von etlichen Reizen überflutet werden würde.
In dieser Nacht benötigte F ohnehin keine übermenschlichen Sinne, um zu bemerken, dass mit Platan etwas nicht stimmte. Vor einer Weile hatten sie sich zusammen hingelegt und versuchten zu schlafen, Arm in Arm, so wie immer. Umhüllt von der Wärme des jeweils anderen. Normalerweise entspannte Platan sich recht schnell und versank ins Traumland, was F stets zufrieden stimmte. Diesmal schien er nicht einschlafen zu können.
Platans Körper war nur teilweise entspannt und er strahlte eine spürbare, innere Unruhe aus.
Darum brach F nach einiger Zeit mit sanfter Stimme die Stille: „Was beschäftigt dich?“
Überrascht hielt Platan einige Sekunden den Atem an, ehe er ertappt seufzte. „Vor dir kann ich wirklich nichts verbergen. Nicht einmal in der Dunkelheit.“
„Ich muss dein Gesicht nicht sehen, um zu bemerken, was in dir vorgeht“, bestätigte F, während er ihm über den Rücken strich. „Magst du mir erzählen, worüber du dir Gedanken machst?“
Zunächst sagte Platan nichts darauf, also wartete F geduldig und beruhigte ihn weiterhin mit tröstenden Berührungen.
Irgendwann brachte Platan schließlich mühevoll eine Antwort hervor: „... Ich wusste nicht, dass du so viele Narben hast.“
„Verstehe, du hast sie also vorhin doch gesehen ...“
Unerwartet früh war Platan aus dem Bad zurückgekommen, gerade als F sich umgezogen hatte. Bisher war das immer getrennt voneinander geschehen, an diesem Tag sollte sich das offenbar ändern. In nächster Zeit wäre es vermutlich so oder so passiert, immerhin wollte sicher auch Platan bald einige sinnlichere Zärtlichkeiten miteinander austauschen – viel zu lange waren sie voneinander getrennt gewesen.
„Zygarde hat zwar den Strahl abgefangen“, erklärte F gefasst, „aber wie du selbst gesehen hast, stürzte dennoch alles ein. Ich kann froh sein, nur mit einigen Narben davongekommen zu sein.“
„Natürlich, das will ich überhaupt nicht bestreiten“, entgegnete Platan leise. „Ich wünschte nur wieder, ich ... hätte irgendetwas getan, um es zu verhindern. Vielleicht müsstest du diese Narben dann jetzt nicht mit dir herumtragen, als ewige Erinnerung an diese düsteren Zeiten.“
„Platan-“
„Flordelis“, unterbrach er ihn bestimmt, wobei er sich etwas von ihm löste und sich aufrichtete. „Ich werde es garantiert nicht noch einmal so weit kommen lassen. Ich werde alles tun, um jegliche Verzweiflung von dir fernzuhalten. Nichts soll jemals wieder den Klang deines Herzens verfälschen oder das Leuchtfeuer deiner Wünsche und Überzeugungen verdunkeln. Ich ... ich werde das wiedergutmachen.“
Zwar konnte F nur vage die Konturen von Platans Gesicht erkennen, da er sein linkes Auge geschlossen hielt, doch er ahnte, mit welchem Blick sein Geliebter ihn soeben gefangen nahm. Zweifelsohne schimmerte das Grau in diesem Moment wieder wie reines Silber, magisch anziehend. Alleine bei der Vorstellung schlug Fs Herz schneller, wollte aus seiner Brust ausbrechen und sich Platan vollkommen hingeben.
Dieser öffnete unter der Decke geschickt die Knöpfe von dem Oberteils des Pyjamas, den F trug – eines von vielen neuen Kleidungsstücken, welche er inzwischen dank Platan besaß. Der seidige Stoff wurde zur Seite geschoben und sein Körper erzitterte, als die schlanken, feinen Finger über seine Haut glitten. Ein angenehmes Brennen entstand, das F ein leises Keuchen entlockte.
Instinktiv drehte er sich auf den Rücken, wodurch es Platan leichter fiel, über seine gesamte Brust zu streichen. Etwas unbeholfen hob F die Hände und legte sie zögerlich auf Platans Arme. Diese innige Nähe geschah viel zu plötzlich, aber er hatte sich bereits danach gesehnt, weshalb er es einfach geschehen ließ. Erst recht weil Platans Ausstrahlung sich gewandelt hatte und voller Entschlossenheit war. Eine liebevolle Entschlossenheit, der F sich nur zu gern geschlagen gab. Er ließ sich von dieser Hitze einnehmen, ausgelöst von Platans Berührungen.
Behutsam fuhr er mit den Fingern einige seiner Narben nach, worauf diese äußerst empfindlich reagierten. Auf eine gute Weise. Erst recht, als Platan sich hinunter beugte und eine der Narben zärtlich küsste. F keuchte erneut auf und schloss die Augen, überwältigt von diesem Gefühl, das durch seinen Körper fuhr.
Wie eine Heilwoge, von der alles fortgespült wurde, das auch nur im Ansatz seine Seele noch trübte. Seien es Schuldgefühle, weil sein altes Ich diesen schrecklichen Plan umsetzen wollte, oder einige wenige Verfärbungen durch die Verzweiflung von damals. Auch die Erinnerungen an die furchtbaren Schmerzen bei seinem Erwachen nach dem Vorfall in Cromlexia lösten sich in glitzernde Fragmente auf und erfüllten ihn mit derart viel Glück, das es nicht in Worte zu fassen war.
„Platan ...“, stöhnte F verträumt, bereits etwas fiebrig.
Davon ließ Platan sich nicht irritieren und übersäte seine Narben weiter gezielt mit Küssen, nahezu als könnte er jede einzelne problemlos in der Dunkelheit ausmachen. Möglicherweise sah er sie tatsächlich, so wie er selbst in Fs Augen – die nun beide geöffnet waren – gerade eine überirdische Aura besaß.
Einmal mehr wurde ihm bewusst, was für ein Segen es war, Platan bei sich zu haben. Von ihm geliebt zu werden. Solange sie zusammen waren, könnte ihm wirklich nichts mehr anhaben. Womöglich hätte das auch sein altes Ich retten können.
Allerdings zählte nun nur das Hier und Jetzt – und das war unbeschreiblich heilsam.
Dieses Gefühl wollte F auch Platan schenken, damit sie zusammen auf ewig in diesem perfekten Glück prachtvoll erblühen könnten, um die Welt diesmal wirklich zu einem besseren Ort zu machen. Mit dieser Hoffnung im Herzen würden sich auch bald sämtliche Narben in etwas Schönes verwandeln.

