Die Ankunft (Beta gelesen)
Die Tür schwang schwerfällig über den alten, geschundenen Holzboden in den Raum. Doch noch ehe er sich wundern konnte, wo er war, traf ihn ein schroffer Stoß in den oberen Rücken. Er stolperte mit seinem Koffer in die Kammer. Dumpf schlug er gegen Metall. Ein Bettgestell.
Er rappelte sich auf, doch bevor er etwas sagen konnte, krachte die Tür hinter ihm ins Schloss. Man rief ihm schroff etwas auf Russisch durch die Tür zu. Irgendwas mit Essen. Mehr verstand er nicht. Dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Einmal. Der eiserne Kolben knarzte und verriegelte die Tür.
Abgeschlossen.
Schritte entfernten sich stramm auf der anderen Seite den Flur hinunter.
Dann war es still.
Zu still. Er sah sich langsam um.
Das Zimmer war ein Dachraum. Nicht viel mehr als eine Ausbuchtung unter dem Dach. Kein richtiges Zimmer – eher eine Konservendose. Zwei schmale Stahlbetten, parallel unter die schrägen Wände gedrückt. Am Kopfende schäbige kleine Holzbretter als Regale. Militärisch ausgestattet. Die Decken glattgezogen, als hätte jemand versucht, Ordnung über etwas zu legen, das sich nicht ordnen ließ. Graue Wolldecken, kratzig, ausgebleicht, dutzendfach notdürftig gestopft. Darunter dünne, durchgelegene Matratzen, mit altem Leinen umschlagen. Die rostigen Sprungrahmen spannten sich darunter, jede Feder einzeln sichtbar. Ob es knarzte und quietschte, war keine Frage, sondern ein Versprechen.
Unter den Betten standen Kisten. Hölzern, verwittert, angeschlagen. Mit Kreide auf Kyrillisch beschriftet. Vielleicht Namen. Vielleicht nur Initialen. Halb verwischt, mehrfach überschrieben – ein Wirrwarr aus Strichen und kantigen Bögen.
In der Ecke stand ein emailliertes Vorkriegswaschbecken. Es war bestimmt einmal weiß gewesen. Irgendwann. Jetzt zogen sich Rostadern hindurch, wie getrocknetes Blut, das in den Abfluss lief. Auf der kleinen Ablage unter dem gesprungenen Spiegel lagen ein alter Kamm, dem mehrere Zinken fehlten, und ein verkalktes Glas mit einer Zahnbürste darin.
Der Wasserhahn tropfte.
Unregelmäßig.
Plink.
Pause.
Plink.
Als würde er überlegen, ob es sich lohnte weiterzumachen.
Unter dem Waschbecken stand ein Blecheimer mit Deckel. Daneben ein Bündel Zeitungen. Er rümpfte die Nase. Er hoffte sehr, sich beim Verwendungszweck des Eimers zu irren. Er schüttelte den Kopf und drehte sich weiter um.
Die einzige Lichtquelle war das Fenster. Klein, mittig zwischen den Betten. Einglasig. Es hatte wohl nie den Luxus einer Dämmung erlebt. Eisblumen hatten sich an der Scheibe festgefressen, filigran und gnadenlos. Die Kälte kroch von dort aus durch die Kammer und verwandelte seinen Atem in kleine Wölkchen. Auch der Holzrahmen hatte bessere Tage gesehen. Rissig. Der Lack blätterte in dünnen Schuppen ab.
Er blieb stehen.
Wo hatte man ihn nur hingebracht?
Er sah sich das zweite Bett an. Es wirkte benutzt. Aber unpersönlich. Nicht viel anders als das andere – nur ein Schlafhemd lag am Fußende über dem Bettgestell. Es hing dort, ohne unordentlich zu sein. Als hätte jemand gelernt, keine Spuren zu hinterlassen.
Er stellte den Koffer neben das freie Bett.
Die Luft roch nach Metall, Staub und etwas Altem.
Nicht schmutzig.
Abgenutzt.
Draußen hörte er militärische Befehle. Gebellt, hart. Jungen antworteten mit gedrillter Stimmlage auf Russisch. Er verstand kein Wort.
Er trat an das kleine Fenster und versuchte, einen Blick in den Vorhof zu erhaschen. Doch durch die Vereisung sah er nur schemenhafte Gestalten, die sich bewegten, stoppten, wieder bewegten. Schatten, die gehorchten. Harte, rhythmische Schritte auf dem vereisten Schotter begleiteten sie.
Er verstand kein Wort. Den militärischen Tonfall allerdings sofort.
Er seufzte. Sein Großvater hatte als gebürtiger Russe immer mit russischem Akzent Japanisch mit ihm gesprochen, doch Russisch selbst hatte er ihm nie beigebracht. Er kannte nur ein paar wenige Wörter – aufgeschnappt von einer der Haushälterinnen. Höflichkeiten. Alltägliches Nörgeln. Schimpfen. Nichts, was ihm hier wirklich weiterhalf.
Er setzte sich auf das Bett.
Sofort beschwerte es sich lautstark. Ein schrilles Quietschen, metallisch, protestierend. Er fuhr erschrocken hoch und trat wieder einen Schritt zurück.
Das versprach ihm definitiv erholsame Nächte.
Er fragte sich, was sich sein Großvater wohl dabei gedacht hatte, ihn hier am Arsch der Welt in einem überdimensionalen Eisschrank auszusetzen. Ein Luxus-Internat war das hier auf jeden Fall nicht.
Von Japan hatte man ihn ins hinterste Russland bringen lassen. Dorthin, wo nicht nur die Temperaturen eisig waren, sondern auch das Miteinander.
In seiner Heimat Japan residierte er in einem Herrenhaus und genoss sämtliche Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen konnte. Riesige Zimmer, voller Komfort. Die Dienerschaft sprach ihn sogar mit „Master Kai“ an. Und auch wenn ihm der Luxus dort dezent auf den Sack ging und er sich ihm wann immer möglich entzog, entsetzte es ihn jetzt doch, in welch eine Absteige man ihn abgesetzt hatte.
Die Zeit begann sich aufzulösen und sich in einen zähen Brei zu verwandeln. Er hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange er allein gewesen war.
Es gab keine Uhr in dem Zimmer. Nicht an der Wand, nicht auf dem Waschbecken, nicht einmal einen Wecker. Nichts. Nur das matte Licht, gebrochen durch den von Schneewolken behangenen Himmel vor dem Fenster, das sich veränderte, ohne dass er sagen konnte, welcher Uhrzeit es entsprach. In Japan wäre es jetzt sicherlich noch hell gewesen. Hier nicht. Hier schien der Tag schneller aufzugeben. Als würde die Dunkelheit früher Anspruch erheben.
Der Himmel hinter den Eisblumen verlor an Farbe. Grau wurde zu Blau. Blau zu etwas Dumpferem. Er wusste nicht, ob Minuten vergangen waren oder Stunden. Er saß mittlerweile auf dem Bett mit dem Rücken zur Wand. Die Arme vor der Brust verschränkt und ein Bein angewinkelt gegen die Bettkante gestützt. Der Jetlag saß ihm noch in den Knochen, zog an seinen Gedanken, machte sie zäh. Sein Körper war müde, doch sein Kopf weigerte sich, dem nachzugeben. Er verlor sich in seinen Gedanken. Verglich das Hier mit dem Dort. Japan mit Russland. Das Alte mit dem Neuen. Versuchte irgendwie einen Fixpunkt zu finden, an dem er sich orientieren konnte. Die Gedanken wurden schwer. Seine eigene Stimme im Kopf verlor sich als Echo, verschwamm zu Bildern die sinnlos waren.
Er schreckte hoch und riss die Augen auf. Er musste wohl doch kurz eingenickt sein.
Plötzlich vernahm er ein Murmeln vor der Tür. Er setzte sich hastig auf. Dann klickte es.
Leise zuerst. Metall auf Metall. Ein Geräusch, das nicht laut war, aber alles veränderte. Ein Schlüssel schob sich von außen ins Schloss und drehte sich. Die Tür wurde entriegelt.
Sie öffnete sich.
Ein dünner, schlaksiger Junge trat ein. Schmal gebaut, fast zu groß für sich selbst. Bestimmt ein paar Jahre älter als Kai selbst. Ein schmales Gesicht, kantige Wangenknochen, die im schwindenden Licht scharf hervortraten. Er blieb einen Moment in der Tür stehen, musterte den Raum – und ihn. Ihre Blicke trafen sich. Sein eiskalter Blick bohrte sich in Kais Seele, seine Nackenhaare stellten sich instinktiv auf, doch er ließ sich nichts anmerken.
Mit einem russischen Gemurmel fiel die Tür ins Schloss und wurde wieder verriegelt.
Es war wieder still. Die beiden Kerle sahen sich immer noch an und versuchten aus dem anderen etwas herauszulesen. Bis sich der Spargeltarzan aus der Starre löste.
Er drehte am schwarzen Schalter neben der Tür. Mit einem Klacken erwachte die einsam von der schrägen Decke baumelnde Glühbirne zum Leben. Es surrte und dann flackerte sie, flammte auf und tauchte den Raum schließlich in ein instabiles, gelbes Licht.
„Привет. Меня зовут Юрий. Эта комната моя, поэтому я здесь главный“, sagte der Schlaksige monoton murmelnd, ohne seinen neuen Mitbewohner auch nur anzusehen. Kai starrte ihn entgeistert an. Redeten hier wirklich alle in so einem Kauderwelsch? Der andere bemerkte den Blick von Kai nicht. Er ging zum Waschbecken, wusch sich Hände und Gesicht.
„Запомните одно! Я ничем никому не делюсь! И я не ваша няня“, nuschelte der Russe weiter, während er sich wusch und sich an dem alten Handtuch abtrocknete, dann hob er den Kopf und sah Kai fordernd an.
„Вы это поняли?“
Kai blinzelte irritiert. Was hatte er gesagt? Und wie sollte er antworten? Er verstand nichts von dem Gesagten. Gar nichts. Der Russe verdrehte die Augen.
„Ещё один испорченный никчёмный тип! Запомни одно! Я не буду тебя обслуживать!“, motzte der Dürre und musterte Kai erneut. Dann blieb sein Blick am Koffer hängen. Am schief aufgeklebten Bordaufkleber vom Flug. Weißes Papier, Barcode, Boardingnummer. Die Schrift darauf war nicht kyrillisch, sondern Japanisch. Er zögerte einen Moment.
„Вы не говорите по-русски?“, fragte er schließlich und deutete auf den Aufkleber.
Kai folgte seinem Blick. Der Aufkleber klebte noch immer an der Seite des Koffers, halb abgerissen, aber fest genug, um nicht abzufallen.
„Ähm … niet … ähm …niet russki“, stammelte er.
Ob das reichte? Selbst wenn nicht, mehr ging nicht. Es stimmte ja nicht einmal ganz. Er war Russe. In Moskau geboren, hatte eine russische Mutter. Doch das gehörte zu etwas Früherem. Zu einer Zeit, an die er kaum Erinnerungen hatte. Aufgewachsen war er in Japan. Bei seinem Vater. Und Russisch war ihm dort nie beigebracht worden.
Ein kurzes, trockenes Lachen entfuhr dem Russen. Kein offenes Gelächter. Mehr ein spöttisches Ausatmen, als hätte er genau das erwartet.
Kai spürte, wie es ihm heiß in den Nacken zog. Er schnaubte leise, drehte sich weg und sah zum Fenster, obwohl dort längst nichts mehr zu erkennen war. Er kam sich vorgeführt vor. Bloßgestellt. Er grummelte etwas Unverständliches vor sich hin.
Hinter ihm wurde es still.
Dann, zögernd, in einer Sprache, die hörbar fremd im Mund lag:
„I-ch byn Yuri. Du?“, bastelte der Russe einen Satz zusammen.
Die Worte waren falsch betont, die Laute kantig, zusammengebaut mehr aus Erinnerung statt aus Können. Japanisch – aber krumm und schief. Gebrochen und mit russischem Akzent. Kai drehte langsam den Kopf zurück. Sah ihn an und verschränkte mit frechem Blick die Arme.
„Kai“, sagte er kurz.
Mehr nicht.
In diese Falle tappte er kein zweites Mal. Das gönnte er dem Rotschopf nicht. Yuri musterte Kai noch mal eindringlich. Sein wildes graublaues Haar. Seine Streifen im Gesicht und seine feurigen bernsteinfarbigen Augen.
"Kai? Hm, ... ok Kai! I-ch nycht byn machen hier alles! I-ch Yuri. Lange hier! Du nycht! Ich sagen - Du machen!", grinste Yuri überlegen. Er wusste sein Japanisch war nicht das Beste, aber in seinen Augen kniffen nur Versager! Und das kleine Machtgehabe gegen Kai würde er gewinnen.
Kai schnaubte. Er war es nicht gewohnt, Befehle entgegenzunehmen. Dafür hatte er zuhause Personal, doch nun war er nicht mehr zuhause. Er war in einem baufälligen Gebäude im tiefsten Russland. Kai knirschte widerwillig mit den Zähnen. Er musste sich wohl oder übel fürs Erste fügen, aber das letzte Wort war in der Sache noch lange nicht gesprochen!
Freund oder Feind (Beta gelesen)
Yuri setzte sich auf sein Bett. Der rostige Sprungrahmen kommentierte das mit einem kläglichen Quietschen und Knarren. Er stützte die kantigen Ellenbogen auf die knochigen Knie und legte den Kopf in seine immer zu kalten Hände. Seine Augen ruhten düster auf Kai.
Das ist er also. Der jüngste Hiwatari-Spross. Bestimmt aufgewachsen mit dem goldenen Löffel im Hintern. Yuri spannte seine Kiefermuskulatur an.
Der Gedanke ließ ihn nicht los. Der Name hatte sich in seinem Gedächtnis eingebrannt und ihn hellhörig werden lassen, als er in Boris’ Büro die Akte offen auf dem Schreibtisch hatte liegen sehen. Kai Hiwatari.
Yuri hatte heimlich darin geblättert. Wusste daher, dass er der Enkel von Voltaire Hiwatari war. Dem Boss höchstpersönlich.
Voltaire stand über allem hier. Über dieser Abtei – und selbst über Boris. Und damit auch über den Regeln, die hier gnadenlos galten und durchgezogen wurden. Genau das machte die Sache so heikel. Wenn der Enkel des Bosses hier auftauchte, dann nicht ohne Grund. Und schon gar nicht hier. In Yuris Kammer. Als Zellennachbar. Nein. So etwas geschah nicht zufällig.
Yuri kannte Boris’ Machenschaften nur zur Genüge. Und er hatte allen Grund, dem Ganzen nicht zu trauen.
Boris, der Leiter dieser Einrichtung, war ein kaltschnäuziger Mistkerl. Einer von der Sorte, die ihre Macht auskosteten, solange sie ihnen nützte. Einer, der Gefallen daran fand, Jugendliche zu brechen, ihnen Gehorsam einzutrichtern – notfalls mit Methoden, über die man besser nicht sprach. Offiziell war alles sauber. Und genauso sollte es auch bleiben. Inoffiziell jedoch stank es seit Jahren bis zum Himmel.
Und genau deshalb mochte er Yuri nicht und würde ihn am liebsten ganz vom Anwesen verbannen. Doch Yuri war zu gut, um sein Potential nicht für Biovolts niederträchtige Machenschaften zu nutzen. Dies war Yuris Fluch und Segen zugleich. Es sorgte dafür, dass ihm nicht viel passierte, aber auch dafür, dass er hier nicht wegkam.
Und doch war er eine Gefahr für das bestehende System dieser Einrichtung.
Zu unbeugsam. Zu wenig einschüchterbar. Yuri wusste zudem zu viel, bewegte sich viel zu selbstsicher zwischen den Regeln, fand Lücken, wo keine sein sollten. Wie ein glitschiger Aal. Und unangenehm wie ein Dorn tief im Finger. Boris hatte es oft genug versucht, Yuri zu bändigen – doch er hatte ihn nie richtig zu fassen bekommen.
Und nun saß ihm plötzlich der Enkel des Bosses gegenüber.
Als neuer Schüler der Abtei? Niemals.
Viel zu nah. Zu gezielt. Zu offensichtlich.
Yuri hatte keinen Beweis. Aber den brauchte er auch nicht. Ihm reichte dieses Gefühl, das sich wie kalter Nebel in seinem Magen ausbreitete. Boris hatte sich das fein ausgedacht – ihn auf frischer Tat am Kragen zu packen. Doch nicht mit ihm. Yuri würde sich nicht einfach beschatten lassen. Bestimmt sollte Kai als Mittelsmann dienen. Hinsehen. Hinhören. Und dann Boris berichten, was im Verborgenen unter den Jungen lief. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er plötzlich keine Einzelhaft mehr bekam.
Yuris Augen verengten sich argwöhnisch.
Kai saß ihm gegenüber auf der Pritsche und starrte ebenso zurück. Keine zwei Meter lagen zwischen ihnen.
Dich werde ich genau im Auge behalten, dachte Yuri und schnaubte.
Wenn Boris glaubte, ihn mit dem Enkel des Bosses aus dem Gleichgewicht bringen zu können, dann hatte er sich geschnitten. Yuri war nicht dumm. Und ganz sicher nicht naiv genug, um hier irgendwem zu trauen, der Hiwatari hieß.
Schnelle Schritte waren auf dem Gang zu hören. Yuri kannte das allabendliche Zeremoniell schon. Ein lautes Krachen hallte durch den langen, finsteren Flur vor der Kammer, und das flackernde Licht im Zimmer erlosch.
Schlafenszeit.
Wie jeden Abend kappte einer von Boris’ Handlangern die Stromzufuhr, indem er den großen Hebel des Sicherungskastens krachend nach unten drückte. Im Zimmer war es vom einen auf den anderen Moment stockfinster.
Yuri atmete kurz aus. Langsam begannen sich seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er erkannte Kais Silhouette ihm gegenüber, an die Wand gelehnt. Der Vollmond schien durch die vereiste Fensterscheibe und tauchte das ganze Zimmer in ein weißliches, kaltes Licht. Der Atem der beiden war in hellen Wölkchen vor ihren Mündern zu sehen, und Kais Augen blitzten nach jedem Blinzeln Yuri entgegen.
Er schien wirklich zu glauben, er könne das die ganze Nacht durchziehen und Yuri nicht aus den Augen lassen.
Yuri grinste schief. Er wusste: Das konnte keiner lange aushalten.
Er öffnete seine Schuhe, zog sie aus, schob sie ordentlich unter das hintere Ende des Bettes und begann, sich auszuziehen und sein Nachthemd überzustreifen. Seine dürren, langen Beine, überzogen von Hämatomen, stachen darunter hervor. Leise lief er mit nackten Füßen über den kalten Dielenboden zum Waschbecken, um sich die Zähne zu putzen. Kais Blick spürte er immer noch im Nacken brennen.
Was ist los mit dem? Würde er ihm auch noch beim Pinkeln zusehen und Boris davon Bericht erstatten?!
Yuri räusperte sich bedrohlich, um seine Privatsphäre klarzumachen. Kai verstand ihn auch ohne Worte und drehte den Kopf weg. Klar. Sie trauten einander nicht – aber auch das hatte seine Grenzen, die Yuri strikt einforderte.
Auch wenn es beiden nicht passte, sie mussten lernen, mit der neuen Situation klarzukommen. Es gab keinen privaten Raum mehr. Weder für Yuri, der die kleine Kammer vor Kais Ankunft ganz für sich gehabt hatte, noch für Kai, der ganz sicher anderes gewohnt war.
Scheppernd legte Yuri den Deckel zurück auf den Eimer und stellte ihn unter das Waschbecken zurück. Ohne ein Wort wusch er sich mit dem eisigkalten Wasser aus der Leitung seine dürren, knöchernen Finger. Seine Schwielen vom täglichen Training brannten in den Handinnenflächen. Sein Kiefer krampfte, doch er ließ sich nichts anmerken, ging zu seinem Bett und legte sich hinein.
Sein Blick fiel zu Kai, der immer noch an die Wand gelehnt auf seinem Nachtlager saß.
„Du solltest schlafen“, sagte Yuri knapp, drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und zog die Decke bis über die Ohren.
Aus Kais Richtung kam nur ein Knurren.
„ばか.“
Yuri verstand zwar nicht, was es bedeutete, aber freundlich war es bestimmt nicht.
„Wie auch immer …“, nuschelte er und ging nicht weiter darauf ein. Kai würde schon noch selbst darauf kommen, dass es besser war, mit seinem Schlafbedarf zu haushalten. Es war still zwischen den beiden, nur das leise Atmen erfüllte die Luft.
Yuri lag auf der Seite mit dem Gesicht zur Wand. Die Decke um die nackten Füße geschlagen, das andere Ende bis über die Ohren gezogen. Die Hände unter dem durchgelegenen Kissen. Sein Atem ging ruhig. Gleichmäßig. Er versuchte mental zur Ruhe zu kommen, auch wenn er wusste, dass hinter ihm auf dem anderen Bett jemand saß, dem er nicht einen Millimeter über den Weg traute. Doch dann hörte er ein leises schnelles Quietschen. Es erinnerte ihn etwas an das klassische Musikstück ‚Полет шмеля‘ von Nikolai Rimski-Korsakow. Die schnellen Streicher in diesem Stück imitieren einen Hummelflug und genauso klangen gerade die Federn des Sprungrahmens auf der anderen Seite des Zimmers. Yuri horchte auf. Was, in Gottes Namen, machte Kai da drüben? Auch wenn Yuri noch so neugierig war, er bewegte sich nicht. Er hielt still und scannte die Lage.
Hinter ihm begann das Bett immer mehr zu arbeiten. Nicht unbedingt lauter. Aber regelmäßiger in einem eindeutigen Takt. Ein leises metallisches Klagen der rostigen Federn, immer im selben Abstand. Yuri spannte den Kiefer minimal an. Langsam dämmerte es ihm, was da hinter seinem Rücken passierte. Er kannte dieses Geräusch. Er wird doch nicht, …!? Yuri rollte innerlich mit den Augen. Kai hatte definitiv die Ruhe weg. Er zählte den Takt nicht bewusst. Sein Körper tat es für ihn. Das Zimmer war klein. Es log nicht. Geräusche hier waren ehrlich und untrüglich. Der Atem hinter ihm hatte sich verändert. Schneller. Flacher. In Yuris Kopf zeichnete sich ein eindeutiges Bild über Kais nächtliche Aktivitäten ab. Yuri schloss die Augen fester. Er wollte gar nicht wissen, was Kai da glaubte, unbemerkt tun zu können. Er kannte diese Geräuschkulisse. Nicht von hier. Von älteren mit denen er vor Jahren das Zimmer geteilt hatte. Er wusste genau, was sie zu bedeuten hatte. Auch wenn er es nicht gern zugab, aber er kannte diese rhythmischen Geräusche, der flache Atem dahinter. Ein Fakt der unter Jungen in ihrem Alter zwar unausgesprochen, aber Realität war. Das Quietschen hörte plötzlich auf.
Dann ein Rascheln. Stoff. Die Decke auf dem Nachbarbett wurde zur Seite geschlagen. Yuri rührte sich nicht. Kai sprang überhastet auf.
Yuri hörte die Socken über das Holz schlurfen. Langsam, einige der Dielen im Zimmer ächzten und stöhnten unter den strümpfigen Füßen seines Zellengenossen. Gedämpft. Das Gewicht verlagerte sich, dann Stillstand. Für einen Moment spannte sich die Stille so sehr, dass sie fast wehtat.
Dann kam ein bekanntes Geräusch. Ein ungleichmäßiges Fließen. Ein schepperndes Prasseln. Unregelmäßig. Gedämpft von Metall. Kurz. Gehemmt. Als würde jemand versuchen, selbst dabei lautlos zu sein.
Yuri verzog keine Miene. Zwischen zwei seiner Atemzüge hörte er es. Ein tiefer Atemzug hallte durchs Zimmer. Langsam ausgeatmet. Fast ein Seufzen. Erleichterung.
Yuri grinste in sich hinein. Er hatte Kais Unruhe völlig falsch gedeutet und schmunzelte selbst über seine Annahme.
Das Prasseln versiegte. Das gefüllte Metall bewegte sich, vorsichtig über den Boden. Wieder Stille. Dann kam das leise Schlurfen zurück in Richtung der Betten. Diesmal schneller. Weniger zögerlich. Das Bett antwortete gedämpft, als sich Gewicht darauf niederließ.
Der Atem auf der anderen Seite war verändert. Tiefer. Noch nicht ruhig, leicht bibbernd – aber nicht mehr gespannt.
Yuri blieb liegen. Augen geschlossen. Er entspannte sich langsam wieder. Schließlich war alles im grünen Bereich. Es kehrte wieder Ruhe im Zimmer ein und die Nacht zollte bei beiden ihren Tribut.
Der Morgenappell (Beta gelesen)
Ein Hahnenschrei durchbrach die bleierne Kälte.
Kai öffnete gerädert die Augen. Die Luft im Zimmer war eisig. Wo war er?
Er versuchte, sich zu orientieren, doch der Schlafmangel brannte ihm in den Augen. Aber nicht nur seine Augen wollten nicht recht wach werden.
Er war steif vor Kälte. Instinktiv rieb er sich die Hände und versuchte, ihnen mit seinem Atem wieder Leben einzuhauchen. Seine Atmung hatte eine unvermeidbare Vibration. Sie verriet sein innerliches Bibbern, auch wenn er seinen Zähnen das Klappern strikt verbot, indem er sie fest aufeinanderbiss.
Langsam wurde er wacher. Und erkannte seine Umwelt wieder.
Russland.
Diese Dachkammer.
Eingesperrt mit dem russischen, dürren Kerl.
Er sah Yuri im Nachbarbett liegen, schlafend, eingerollt wie ein Hund. Erstaunlich, wie klein sich dieser Spargeltarzan machen konnte. Kleine Atemwölkchen stiegen aus seiner Nase ins Zimmer.
Das Bild, das sich ihm bot, hatte etwas von einer kleinen Dampflok.
Kai sah sich um. Der neue Morgen dämmerte durch das kleine Fenster. Der Himmel darüber wandelte sich vom nachtschwarzen Blau allmählich in ein zartes, kaltes Lila-Türkis.
Der Morgen erwachte. Neben dem Hahn, der nun unentwegt schrie, hörte Kai draußen auch etliche Krähen rufen. Er streckte sich. Seine müden Knochen ächzten und beschwerten sich über die Kälte. Sein Nacken kommentierte die sitzende Schlafposition gnadenlos. Kai versuchte, ihn durch Kneten der Muskelpartien etwas zu besänftigen.
Er knurrte leise. Diese Situation passte ihm gar nicht.
Kai war so damit beschäftigt, seinen Körper zu sortieren, dass er noch gar nicht bemerkt hatte, wie ihn zwei stahlblaue Augen vom Nachbarbett aus die ganze Zeit im Blick hatten.
Interessiert. Wach.
„Доброе утро“,
sagte Yuri kühl, unbelastet von jedem Groll, und rappelte sich auf.
Kai sah ihn an.
„Ähm … guten Morgen“, antwortete er höflich. Er verstand Yuri immer noch nicht, ging aber einfach davon aus, dass es ein Morgengruß oder eine Floskel war.
Yuri nickte kurz, rieb sich seine bläulichen Fußzehen und angelte seine Socken vom Klamottenstapel am Bettgestell herunter.
Ein Glockenläuten durchbrach die Stille im Gebäude. Die Dielenböden im Nebenzimmer knarzten hier und da hörte man gedämpfte Stimmen und Schritte.
Was hatte das zu bedeuten? Kai beobachtete Yuri, der sich auch gerade gähnend in Gang setzte und zum Waschbecken schlurfte. Er betrachtete sich im gesprungenen Spiegel, rieb sich durchs Gesicht. Fast mechanisch griff er nach dem Eimer, und Kai drehte sich weg.
Dieser verdammte Eimer!
Kai schnaubte genervt. Ihm fiel die Schmach der vergangenen Nacht wieder ein, und er knurrte vor sich hin. So etwas Erniedrigendes! War das überall in Russland so, oder nur hier? Jedenfalls war das kein Vergleich zur japanischen Kultur.
Yuri hörte Kais genervtes Schnauben und Knurren.
„Не выпендривайся, золотой мальчик! Всем нужно ссать!“, bellte Yuri zurück, ohne sich umzudrehen. Kai rollte mit den Augen. Kaum war der Kerl richtig wach, musste er schon rummotzen. Dies gehörte wohl zur russischen Mentalität jeden prinzipiell anzupampen. Kai konnte das gar nicht leiden, wenn hier einer früh morgens schlechte Laune hatte, dann war das gefälligst er und nicht dieses dürre Klappergestell da drüben. Er konnte froh sein, dass er der russischen Sprache nicht mächtig war, sonst hätte Kai ihm die Leviten gelesen. Aber so musste ein genervtes Augenrollen als Ausdruck und Kommunikation reichen.
Doch ehe sich Kai versah, stand Yuri fertig angezogen mit Schuhen an den Füßen an seinem Bett, um es ordentlich herzurichten, als hätte er nie darin genächtigt. Kai konnte von Yuri denken, was er wollte, Disziplin und Ordnung war wohl voll sein Ding. Erstaunt sah er seinen routinierten Handgriffen zu. Kaum war Yuri damit fertig, stellte er sich stramm militärisch neben das Bettende und verschränkte seine Arme auf dem Rücken und zog seine Hacken eng zusammen. Kai blinzelte. Was sollte das?
Draußen auf dem Flur änderte sich plötzlich die Tonlage. Man hörte eine strenge Männerstimme, Türen flogen auf. Es wurde militärisch gebrüllt und geantwortet. Kai dämmerte es allmählich, dass Yuris Morgenroutine nicht viel mit Freiwilligkeit zu tun hatte. Kai sprang auf, zog schnell seine Decke einigermaßen gerade. Kein Vergleich zu Yuris Werk, aber besser als nichts. Er schob schnell die Füße in die Schuhe und steckte die Schnürsenkel nur seitlich rein. Fürs Binden war jetzt keine Zeit. Gerade noch so in letzter Sekunde stellte er sich neben Yuri an sein Bettende und nahm dieselbe Haltung ein. Yuri sah ihn prüfend an. Sein Blick wanderte an Kai herunter. Zum ersten Mal standen die beiden nebeneinander. Yuri war fast einen ganzen Kopf größer, das fiel Kai jetzt erst auf. Unwillkürlich schluckte Kai, als ihm die Körpergröße richtig bewusst wurde. Sein Stockmaß machte Eindruck, auch wenn Yuri ansonsten eher schmächtiger Natur war.
Die Tür klickte, ein Schlüssel entriegelte das Schloss und die Türklinke wurde nach unten gedrückt. Kai fühlte sich, wie in einem alten billigen Horrorfilm, wo sich die Tür ganz langsam öffnete, bevor man zerfleischt wurde und das Blut durchs Zimmer spritzte. Ob Kai Angst hatte? Niemals! Und wenn, würde er es sowieso nicht zugeben und schon gar nicht vor Yuri. Er biss sich auf die Zunge. Unwillkürlich sah er zu Yuri hoch dessen Mundwinkel wohlwissend fies grinsten. Dieser langbeinige Sack genoss es sichtlich! Kais Blick verfinsterte sich und starrte stur geradeaus zur Tür.
Wart nur ab, dachte sich Kai, früher oder später bekommst du deine Abreibung. Versprochen!
Die Tür öffnete sich schwungvoll und scharrte über den alten Dielenboden, sodass Holzspäne davonsprangen. Ein älterer Mann stand in der Tür. Kai sah dem in die Jahre gekommenen, verwitterten Gesicht unbeugsam in die kühlen leblosen Augen. Zwischen ihnen lag eine Nase, die sicherlich mehr als einmal gebrochen gewesen sein musste. Sie wirkte ungewöhnlich kantig.
Die grau-lila Haare, die in einem widerlich fettigen Zustand nach hinten gekämmt waren, gaben tiefe Geheimratsecken preis und umrahmten seine knochige Stirn. Kai atmete tief ein. Das Gesamtbild dieses Mannes ließ nur einen Schluss zu: -Dieser Mann kennt keine Gnade.-
Doch er schien vorerst keine Notiz von Kai zu nehmen und sich nur mit Yuri zu befassen.
„Доброе утро, господин.“, sagte Yuri und nickte einmal unterwürfig mit dem Kopf. Sah auf den Boden. Er wusste nicht, welche Gesten es in Russland gab, um damit Respekt auszudrücken. Er ging einfach davon aus, dass Anstarren die wohl ungünstigste Wahl der nonverbalen Kommunikation war.
„Ах, Юрий. Доброе утро. Надеюсь, новичок знает, как себя вести, иначе тебя ждут последствия. Следи за тем, чтобы он не создавал проблем. Понял?“, säuselte der alte Schmierlappen. Kai war überrascht, dass seine Stimme noch klebriger war als seine Haare. Yuri knurrte und sah strafend zu Kai.
„Ты это понял, Юрий?“, fragte der Alte nochmal mit Nachdruck in der Stimme. Kai schielte zu Yuri, der ein Gesicht machte, als würde er auf einer Zitrone herum beißen.
„Да, господин.“, knurrte Yuri undeutlich. Seine Hände ballten sich hinter seinem Rücken zu Fäusten. Kai bemerkte es, weil er leicht hinter Yuri stand. Irgendetwas ging hier vor sich. Und langsam hatte Kai das Gefühl, dass es etwas mit seiner Anwesenheit zu tun hatte.
„Und nun zu dir, Kai, ... „, sprach ihn der Alte an. Kai sah ihn ungläubig an. Er konnte Japanisch? Und das nur mit leicht russischem Akzent? Er freute sich fast darüber, eine ihm bekannte Sprache zu hören.
„Ja, Sensei.“, sagte Kai und verbeugte sich.
„Ich bin Boris. Der Leiter dieser Einrichtung. Ich heiße dich hiermit bei uns willkommen. Ich hoffe, dir gefällt es hier bei uns.“, ein eiskalter Unterton, der keine Widerworte zuließ, lag in der Stimme von Boris. War klar, dass das eine Fangfrage war. Er nickte.
„Ja, Sensei, mir fehlt es hier an nichts. Danke, dass ich hier sein kann.“, log Kai. Seine Kieferpartie spannte sich an. Er hasste es, ein Arschkriecher zu sein. Aber solange er noch nicht wusste, wie es hier zuging, wollte er keine freche Lippe riskieren. Er war zwar hin und wieder ein Hitzkopf, aber nur dann, wenn er es sich leisten konnte.
„Gut, ich habe auch nichts anderes erwartet. Nun gut. Sei‘s drum. Genug geredet. Ab heute wirst du nur noch russische Anweisungen bekommen. Ich rate dir, sie zu befolgen. Wir sind nicht dafür da, es dir leicht zu machen. Also lern unsere Sprache am besten zügig!“, erklärte Boris, als er sich Kais Bett besah. Kai schluckte.
„Und das hier, …“, er hob Kais Matratze an, sodass sein ganzes Bettzeug zu Boden fiel, „Wirst du auch ganz schnell lernen, davon bin ich überzeugt!“, er kicherte gehässig und ließ die Matratze ebenfalls zu Boden sinken.
„Du wirst das hier in Ordnung bringen und wenn du dann noch Zeit hast, kannst du etwas frühstücken.“, sagte Boris trocken. Er war schon fast zur Tür raus, als er noch mal stehen blieb und Kai ansah.
„In nächster Zeit wirst du für die Hühner zuständig sein. Sie füttern, ausmisten und dann die Eier zu Olga bringen. Yuri zeigt dir alles.“, grinste Boris und ging aus dem Zimmer den Flur hinab. Man hörte ihn noch „Я слежу за тобой, Юрий!“, sagen, als er verschwand.
Kai seufzte, doch als er zu Yuri sah und den finsteren Blick von ihm bemerkte, zuckte er fast ein bisschen zusammen. Kai ließ sich nichts anmerken und wuchtete seine Matratze wieder auf das Bettgestell. Er zog das alte weiße Leinen zwischen dem Kissen und der Decke hervor und versuchte es um die Matratze zu schlagen. Doch dies gelang ihm nur bedingt.
„So ein Dreck!“, schimpfte Kai beim dritten gescheiterten Versuch. Wie konnte es sein, dass ein altes rostiges Bett ihn so fertig machte? Yuri knurrte. Kai sah ihn finster an. Der soll ja seine Klappe halten!
„Иди сюда, никчёмный ты!“. Yuri nahm Kai das Laken aus der Hand und mit wenigen Handgriffen war es dort, wo es hinsollte. Kai war dezent angepisst, natürlich hatte er nicht die Klappe gehalten. Und was noch schlimmer war, Yuri führte ihn schon wieder vor. Das konnte doch nicht wahr sein! Was war sein Problem!? Er brauchte keinen Aufpasser! Das konnte er sehr gut allein. Kai knurrte ihn an und griff nach dem Kissen, was mehr ein alter Überzug mit einsamen alten Daunen darin war als ein Kissen. Yuri sah ihm fußtippend zu und verschränkte seine Arme vor der Brust. Kai legte die spärlich gepolsterte Stoffhülle namens Kissen ans obere Bettende und griff demonstrativ nach der alten Wolldecke. Seine Blicke zu Yuri waren mehr als giftig, eher hoch explosiv. Wenn der laufende Wolkenkratzer noch ein Wort sagen würde, würden Kais Fäuste das Sprechen übernehmen, das garantierte er dem Rothaarigen. Mit ein paar Handgriffen lag die Decke feinsäuberlich auf der Pritsche.
„Jetzt zufrieden?!“, schnaubte Kai und sah Yuri herausfordernd an. Yuri nickte kurz.
„Давай сейчас!“, sagte Yuri knapp, schnappte sich den Eimer und war schon aus dem Zimmer auf den Flur getreten. Neben der Tür zur Kammer stellte ihn Yuri ab. Kai sah ihn entgeistert an. Es gab viele Dinge, die er noch nicht ganz nicht verstand. Yuri sah ihn wieder an.
„Essen!“, sagte er in seinem russisch getränkten Japanisch. Kai nickte, doch dann begriff er: Sie durften das Zimmer verlassen!? Erst jetzt fiel es ihm auf, dass Boris die Tür offengelassen hatte. Kai schluckte. Erstaunlich, er war nicht einmal 24 Stunden in der Kammer gewesen, trotzdem war es ein seltsames Gefühl, sich jetzt frei bewegen zu können.
Yuri schloss die Tür hinter Kai und dann liefen sie mit strammen Schritten die langen Flure des Gebäudekomplexes entlang. Kai hatte Mühe, sich alles zu merken. Wie oft sie abbogen, welche Treppen sie hoch oder runter stiegen. Sie liefen einen Gang entlang geradewegs auf eine große gusseiserne Tür zu, die mit Nieten so groß wie Kronkorken versehen war.
Die Lunte brennt (Beta gelesen)
Endlich, Yuri konnte schon das Stimmengewirr auf der anderen Seite der Tür hören, und auch der typische Geruch des Frühstücks wehte ihm schon sanft in die Nase. Sein Magen knurrte und bestellte bereits eine große Portion. Wenn er Glück hatte, dann gab es noch etwas für ihn. Er griff nach der Klinke und schob die schwere eiserne Tür auf.
Der Lärmpegel wuchs augenblicklich um ein Vielfaches. Yuri aber ließ das kalt. Es war für ihn nichts Neues. Er schob sich an den Kerlen vorbei, die derbe Witze rissen und sich kaltschnäuzig angingen. Wie ein Wiesel schlängelte er sich durch die Menge und stand kurz darauf bei der Essensausgabe. Die stämmige alte Frau mit Kochschürze und Kopftuch auf dem Kopf sah ihn an.
„Guten Morgen, Olga.“, sagte Yuri und versuchte in den riesigen Topf zu ihrer Linken zu schielen.
„Hast du vielleicht noch etwas für mich?“, fragte er fast bettelnd und hoffte inständig, dass sie noch etwas vom Boden des Topfes kratzen konnte.
„Oh Yuri. Du weißt doch: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“, maulte sie und tadelte ihn, indem sie ihren hölzernen Kochlöffel in der Luft schwang. Yuri rollte mit den Augen. Ja, das wusste er. Und er wusste auch, dass er mit Kai im Schlepptau noch öfter in nächster Zeit zu spät sein würde, oder Strafen kassierte. Er seufzte. Und sah wieder zu Olga.
„Und, hast du?“, fragte er noch mal und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Arbeitsplatte herum.
„Ja, aber nur weil du es bist.“, grinste sie und holte unter der Arbeitsplatte einen randvollen Teller mit Kascha hervor. Yuri atmete erleichtert aus. Er hatte sich noch nie so über diese gräuliche fad schmeckende Pampe gefreut wie jetzt.
„Na, Yuri - verpennt?!“, schlug ihm einer gegen die Schulter. Yuri drehte sich um. Hinter ihm stand ein schelmisch grinsender Kerl. Sein aschblondes Haar war struppig und unbändig auf seinem Kopf.
„So ähnlich, Bryan.“, murmelte Yuri und wollte gerade nach dem Löffel greifen, den ihm Olga hingelegt hatte, doch er war nicht mehr da. Yuri hob den Teller voll Kascha an und suchte darunter.
„Suchst du etwa das hier?“, grinste Bryan überlegen und steckte ihm den Löffel in seinen Haferbrei, der senkrecht darin stehen blieb. Yuri sah ihn strafend an. Heute hatte er keinen Nerv für diese Albernheiten.
„Du kannst es wohl nicht lassen, Lause-Junge.“, grunzte Olga amüsiert. Yuri wandte sich ab und wollte sich einen Platz zum Essen suchen, bevor die Essenszeit vorüber war, doch dann bemerkte er, dass Kai immer noch versuchte, durch die Masse an jungen Kerlen zu ihm durchzukommen. Yuri ließ den Kopf sinken, atmete tief durch drehte sich wieder zu Olga um.
„Olga gib mir bitte noch einen Teller.“, sagte Yuri kurz angebunden. Sie sah ihn irritiert an, aber stellte ihm einen sauberen Teller hin. Er schnappte sich ihn und schaufelte etwas von dem Kascha auf den anderen Teller. Und schob ihn zurück zu Olga. Sie sah ihn fragend an.
„Ist mir zu viel! Das kann ich nie im Leben alles essen!“, log Yuri, und das wusste Olga sehr genau. Denn die Jungs hier hatten immer Hunger. Und sie wusste, dass alle Jungs hier, allen voran Yuri, viel zu mager waren. Sie sah ihn deswegen vielsagend an. Er kannte diesen Blick, aber er konnte jetzt nicht darauf eingehen. Er gab ihr einen Blick zurück, der sagte: -zwing mich nicht dazu, es zu erklären! - Sie nickte stumm und schob den Teller wieder unter die Ablage. Bryan sah ihn entsetzt an.
„Gut! Also wenn er‘s nicht will, dann nehm‘ ich‘s.“, grinste Bryan und hatte keck den Ellenbogen auf der Ablage abgestützt und den Kopf auf seiner Faust abgelegt. Er klopfte zweimal mit der flachen Hand auf die Arbeitsfläche und sah freudig zu Olga. Sie wollte ihm den Teller schon zuschieben.
„Vergiss es!“, fauchte Yuri und schlug seine Hand dazwischen.
„Na, hör mal! Du willst es doch nicht!“, entsetzt sah Bryan den Rothaarigen an.
„Ich sag‘s nur einmal: Finger weg!“, knurrte er den irritierten Bryan an.
„Oh, da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden, ... Miesepeter!“, maulte Bryan, ließ es sich aber nicht nehmen mit dem Finger noch etwas aus dem Teller zu angeln und sich in den Mund zu schieben. Ein Blick mit „Gleich klatscht‘s!“ -Würze schlug bei Bryan ein. Bryan grinste, hob die Hände zur Besänftigung.
„Schon gut – schon gut!“, säuselte der Blonde und kicherte in sich hinein.
Yuri schnaubte. Er war heute echt nicht in der Stimmung, sich mit dem Witzbold vor ihm auseinanderzusetzen. Schlimm genug, dass er jetzt doch für Kai Kindermädchen spielen musste. Das stank ihm gewaltig! Doch wenn er ihm jetzt nicht einen letzten Rest vom Kascha organisierte, dann würde er den Tag mit leerem Magen nicht überstehen, und Yuri würde noch weiter im Morast von unübersehbaren Kettenreaktionen versinken. Er konnte es sich einfach nicht leisten, dass ihm Kai noch weitere Steine in den Weg legte. Er musste versuchen, so schnell wie möglich, wieder in alte Bahnen zu kommen, sonst hatte er ein Riesenproblem am Hals. Nervös trommelte er wieder mit den Fingern auf der Ablage herum. Wie lange kann man bitte schön brauchen, um sich bis hierhin durchzuschlagen? Yuri knurrte leise vor sich hin, als er sich den ersten Löffel voll beladen mit Kascha in den Mund schaufelte. Kalt schmeckte es noch abscheulicher als warm. Aber er hatte keine Wahl. Mit leerem Magen kam man hier nicht weit, also aß man, was man bekam, auch wenn der Haferbrei mehr wie Pappmaschee aussah, roch und schmeckte.
Endlich kam Kai bei ihnen an. Yuri sah ihn nicht an und konzentrierte sich auf sein Essen. Er stopfte sich so viel wie nur irgendwie möglich in den Mund und würgte es hinunter. Er hatte einfach zu viel Zeit verloren und so bekam er auch weniger von dem widerlich faden Geschmack auf die Zunge.
Kai kam auf die kleine Gruppe an der Essensausgabe zu. Yuri beobachtete Kai im Augenwinkel, während er fast mit dem ganzen Kopf im Teller verschwunden war.
Olga sah neugierig zu dem Neuen und begriff gleich, dass der andere Teller bestimmt ihm galt und schob ihn ihm zu.
„Du siehst aus, als hättest du Hunger.“, murmelte sie als der Teller zu Kai wanderte. Er nahm ihn höflich mit beiden Händen, und deutete mit seinem Kopf eine dankende Geste in ihre Richtung an. Bryan fing an zu kichern und brach dann in schallendes Gelächter aus.
„Ich werd` nicht mehr! Was haben sie denn mit dir gemacht!?“, lachte er, „Yuri teilt sein Essen!? Wo schreiben wir das denn hin!?“ Er hielt sich den Bauch und schlug Yuri kumpelhaft auf die Schulter. Diesem blieb postwendend sein Kascha im Halse stecken. Er hustete und schnappte nach Luft. Yuri hatte endgültig genug. Es gab einen Tritt als Konter gegen Bryans Schienbein.
„Hat dich der Alte zum Gouvernante spielen verdonnert, hm?“, kicherte Bryan, als er sich sein Schienbein rieb, duckte sich aber gleich weg, als er den nächsten Schlag erwartete.
„Halt deine Fresse!“, knurrte Yuri nur, als er wieder Luft bekam, und zeigte ihm seine geballte Faust.
„Oh, warte, … er hat ihn dir wirklich aufs Auge gedrückt?!“, verstand der blonde Strubbelkopf. Yuri atmete aus und nickte. Es half ja doch nichts, es zu verbergen. Er sah zu Kai, wie der sich grade widerwillig sein Kascha runter würgte. Nicht nur Yuri musterte ihn, sondern auch Olga und Bryan hatten ihn im Blick. Kai hob den Kopf von seinem Teller und bemerkte, dass er komplett im Fokus stand. Er erstarrte in der Bewegung und sein Blick wanderte zwischen den Dreien hin und her, bis er den zähen Brei endlich runterschluckte.
„Ich, … ähm Kai!“, kam es betont unbeeindruckt von ihm. Yuri fasste sich entnervt an die Stirn. Na, das konnte ja noch was werden, mit dem Neuen. Ein lautes Pfeifen durchbrach den Raum. Kai sah sich erschrocken um. Die ganze Halle kam in Bewegung, alles drückte sich durch die gusseiserne Tür in die Flure, denn die Druckluftpfeife vom großen Dampfkessel rief zur Arbeit. Yuri schob sich den letzten gehäuften Löffel in den Mund, schob den Teller zu Olga zurück. Nuschelnd mit vollem Mund bedankte er sich bei ihr.
„Los, komm!“, sagte er schroff zu Kai, nahm ihm Löffel und Teller ab, drückte es Bryan in die Hand und zog Kai hinter sich her. Dieser lief verdattert mit, bis er begriff, was gerade passiert war.
„Hey!“, protestierte Kai und sah seinem Teller nach, dessen restlichen Inhalt sich schon Bryan gierig einverleibte. Dieser grinste Kai dankend an. Kai stellte sich quer und stemmte sich gegen Yuris Aktionismus. Er ging voll in die Eisen und zwang Yuri zum Stehenbleiben.
„行かせてください“, knurrte Kai und schlug Yuris Hand von seinem Arm. Yuri wirbelte herum, jetzt reichte es ihm! Er packte Kai blitzschnell am Kragen und zog ihn ein Stück weit zu ihm hoch. Er sah ihm ernst in die Augen. Nur wenige Zentimeter waren zwischen ihren Nasen.
„Jetzt hör mir mal gut zu, Freundchen! Das hier ist kein Spiel! Das ist verdammt mal ernst! Und wenn es hier nur um dich ginge, würde ich dich auf der Stelle links liegen lassen! Aber ich stecke mit drin! Also entweder, du spielst hier nach den Regeln, oder du wirst es auf die harte Tour lernen! Und glaub mir, nicht jeder hat so eine Geduld mit dir! “, bellte er den verdutzten Japaner an.
Mit einem Mal verstummte Yuri. Sein harter und eisiger Blick veränderte sich. Er wirkte verwirrt. Bis sich sein Griff an Kais Kragen langsam lockerte und er begriff: Kai verstand nicht ein Wort, von dem, was er ihm eben an den Kopf geknallt hatte. Yuri ließ seine Hand sinken, löste den Griff von Kai, sah zu Boden und biss die Zähne aufeinander.
Die Sprachproblematik war ein Riesenproblem, das ganz schnell gelöst werden musste. Yuri atmete tief durch und rieb sich die Stirn. Kai sah ihn finster an, doch dies bemerkte Yuri nicht. Er konnte nur an das denken, was ihm blühte, wenn Kai nicht schnell ins System passte. Und wenn er diese Aufgabe nicht gewissenhaft ausführte, … Yuri schüttelte den Kopf.
Der Rothaarige wollte sich gar nicht ausmalen, welche sadistischen Erziehungsmethoden Boris dann wieder an ihm austesten würde. Diese würden natürlich, wie immer, keine Aktennotiz oder Zeugen dokumentieren können.
Genau das, galt es zu verhindern, dass Boris wieder mit seinem Regime durchkam. Yuri wusste genau, Boris wollte ihn endlich zu fassen kriegen. Die ganze Zeit schaffte er es durchs Raster zufallen, sich durchzuschlängeln, aber nun mit Kai an der Backe hatte Yuri die Schlinge um den Hals liegen. Und sie zog sich mit jeder unbedachten Aktion weiter zu.
Nur wie sollte er dies Kai begreiflich machen, dass hier die Strafen eine ganz andere Größenordnung hatten als ein lapidares Nachsitzen in der Schule? Sie dienten nur einem Zweck: blinden Gehorsam einzutrichtern und das nicht selten mit zutiefst unmenschlichen Mitteln.
Kai kam auf ihn zu und tippte ihm mit dem Finger auf die Schulter. Yuri schrak aus seinen Gedanken hoch, und zuckte, wie ein geschundenes Kind, zusammen. Aus Reflex hielt er die Arme schützend vors Gesicht. Überrascht hob Kai entwaffnend die Hände und schüttelte den Kopf. Er hatte nicht vor, Yuri zu attackieren.
Kai sah ihn an. Vorsichtig lenkte er mit seinen warmen Händen Yuris Arme vom Gesicht runter und Yuri gab fast eingeschüchtert nach. Er ließ es verdutzt zu, dass Kai mit ihm mit einer unglaublichen inneren Ruhe in Kontakt trat. Ihre Blicke trafen sich. Kai grinste schief, fast aufmunternd und bot ihm die Hand zum Hight-Five an. Yuri verstand nicht gleich, was ihm Kai damit sagen wollte. Rollte dann aber mit den Augen und grinste genauso schief zurück. Leicht zögernd schlug er letztendlich ein.
Die Probleme zwischen ihnen waren noch lange nicht aus der Welt geschafft, aber es war ein kleiner Schritt aufeinander zu.
Das 'liebe' Federvieh (Beta gelesen)
Kai sah Yuri in seine stahlblauen Augen, die für einen Bruchteil eines Momentes glasig wirkten, doch dann durchfuhr Yuri ein Ruck, er zog seine Hand vom High-Five zurück.
Dieser Rotschopf war schon eigenartig. Man wusste nie wirklich, wie er als nächstes reagieren würde. Seine Launen schienen schwankend zu sein. In dem einen Moment fast höflich und gut erzogen und im nächsten Moment klang er, als würde er alle russischen Schimpfwörter in deinem Satz unterbringen können. Kai atmete durch. Definitiv kein einfacher Geselle. Yuri wandte sich ab, wollte seines Weges weiter gehen und war schon im Begriff den Flur runter.
"Ähm, Yuri?", sprach ihn Kai an. Yuri drehte sich überrascht um und suchte Blickkontakt.
"Ich muss zu den Hühnern!", meinte Kai und hoffte, dass Yuris Japanisch, das aushielt.
"Hyhna?", wiederholte er jedoch ratlos. Sah wohl nicht vielversprechend aus.
"Ja, Hühner. Ähm.... Kikeriki...?", versuchte es Kai mit Lautsprache und sah Yuri zerknirscht an. Er hoffte inständig, dass Yuri ihn verstand und er jetzt hier nicht in die Scharade-Meisterschaft einsteigen musste und das mit verschärften Regeln, denn Kai konnte noch nicht mal beurteilen, ob Yuri richtig riet. Er verstand kein Russisch. Er hasste es, wenn Bedeutung vom Zufall abhing.
Yuri sah ihn mittlerweile mit einer hochgezogenen Augenbraue an, als würde er sich überlegen, ob es Kai gut ging. Kai rieb sich die Stirn und seufzte. Wie sollte er Yuri begreiflich machen, was seine Aufgabe war, die ihm Boris aufgetragen hatte?
"У вас всё в порядке ?", fragte Yuri vorsichtig. Kai konnte sich ungefähr denken, was er gesagt hatte. Yuri fragte sich sicherlich, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte. Kai ließ die Schultern sinken. So kam er nicht weiter.
Er sah sich um. Irgendetwas musste ihm einfallen. Aber was? Der Flur war leer. Es gab hier nichts als die dünnen Glasfenster, einen alten verwitterten Fliesenboden und die dicken alten Steinwände, aus denen der Mörtel bei jeder Erschütterung rieselte und sich in unregelmäßigen Häufchen darunter auf dem Boden ansammelte. Da kam Kai der zündende Einfall.
Er lief an die Mauer, ging in die Hocke und schob einige der sandähnlichen Mörtelhäufchen mit seinen Händen zusammen und verstrich sie gleichmäßig auf dem Boden. Yuri sah ihm interessiert zu. Ok, zumindest hatte Kai seine Aufmerksamkeit. Also gut, ein Versuch war es wert.
Mit dem Finger zog er langsam eine Linie in den Dreck. Er malte kein Kunstwerk. Dafür fehlten ihm die Zeit und auch der Sinn dafür. Nur einfache Formen. Grob angelegt und rein zweckmäßig.
Ein Oval, oder vielmehr ein krummes Etwas mit zwei Strichen als Beine und einem spitzen Dreieck als Schnabel. Ein Huhn. Naja, mehr oder weniger. Dann ein Strichmännchen. Stellvertretend für sich selbst. Zu guter Letzt malte er noch einen Pfeil vom Strichmännchen zum Huhn. Das musste genügen, mehr gab sein künstlerisches Talent nicht her. Kai trat einen Schritt zurück und sah Yuri an. Mit einer fast kindlichen Tadaa- Geste präsentierte er sein ungewöhnliches Kunstwerk.
„Kai“, sagte er leise und zeigte auf das Stichmännchen, fuhr mit dem Finger über den Pfeil.
„Hühner.“, erklärte er.
Yuri sagte nichts. Seine Augen folgten verblüfft den Linien im Dreck. Er sah Kai an, dann wieder auf die Zeichnung.
„Hyhna…Куры“, verstand er schließlich. Fast freudig über den Erfolg, sah er Yuri an.
"Kury?", fragte Kai wiederholend und zeigte auf seine Kritzelei eines Huhnes. Yuri nickte. Kai atmete auf. Ein Fortschritt, wenn auch ein kleiner.
"Kai gehen Kury!", sagte Kai und lief mit Zeigefinger und Mittelfinger, wie ein Mensch den Pfeil entlang.
"Ahh, Хочешь пойти к курам ?", fragte Yuri. Was? Kai sah ihn ratlos an. Das klang aber nicht nach Kury..., hatte er nun verstanden, was Kai von ihm wollte, oder nicht? Kais zarte Euphorie über den Erfolg schwand dahin. Er war so weit wie vorher.
"Du wollen gehen zu Kury, ... ich nicht gehen zu Kury!", sagte Yuri und sah Kai an, wie ein strenger Vater, der seinem Kind den Zoobesuch ausreden wollte.
Nein, nein! Kai schüttelte den Kopf. Er verstand ihn falsch. Er wollte da nicht hin zum Tiere gucken oder streicheln, sondern er sollte sie ausmisten, füttern und die Eier zu Olga bringen.
„Niet“, presste Kai zwischen den Zähnen hervor.
„Нет!? Что это вообще значит!?“, maulte Yuri ihn an. Kai verlor langsam die Geduld mit ihm. Er scharte den Dreck zusammen und nahm eine Hand voll, zeigte auf Yuri, dann stand er auf und warf ihm den Dreck, wie Streufutter vor die Füße. Entsetzt naserümpfend sah ihm Yuri zu. Kai ging wieder in die Hocke und formte mit seiner Hand eine hühnerkopfähnliche Geste und ahmte das Picken der Hühner damit nach.
„Kury - essen!“, sagte Kai halb russisch und halb japanisch. Das japanische Wort für essen kannte Yuri, dass hatte er vorhin noch selbst zu Kai gesagt. Yuri nickte langsam. Kai atmete auf, doch Yuri drehte sich unbeeindruckt um und ging seines Weges weiter den Gang hinunter. Kai sah ihm ungläubig nach. Was sollte das jetzt? Er stellte sich auf und klopfte sich die Hände an seinen Baggy-Jeans sauber. Er knurrte angesäuert vor sich hin. Da machte sich Kai vor ihm zum Affen und die Bohnenranke ließ ihn dumm dastehen. Kai schnaubte. Langsam, aber sicher, ging ihm das Ganze hier mächtig auf den Geist. Er ballte seine Hand zu einer Faust.
„Давай сейчас!“, sagte Yuri laut und deutlich. Kai sah überrascht auf und sah, wie ihn Yuri heranwinkte. Das Gesagte kannte Kai schon. Yuri hatte es vorhin zu ihm gesagt, als sie los liefen zur Kantine. Es musste etwas wie: ‚komm mit‘ bedeuten, dass hoffte er zumindest. Kai lief Yuri nach. Für langes Überlegen war einfach keine Zeit. Selbst wenn er sich mit der Bedeutung irren sollte, hatte er grade nicht viel zu verlieren. Sie liefen einige Gänge entlang.
Vor einer alten verwitterten gusseisernen Tür in der Außenmauer blieb Yuri schließlich stehen. Er zeigte auf die Tür.
„Kury, dort!“, sagte er kurz, sah Kai an. Er machte eine schnickende Handbewegung zu Kai, die klar ein ‚Los, verschwinde!‘, bedeutete.
Kai nickte und öffnete die Tür. Ein harter eisig kalter Wind schlug ihm ins Gesicht, als er sich nach draußen wagte, doch kaum war er draußen fiel die Tür hinter ihm wieder zu. Yuri hatte wohl andere Verpflichtungen. Kai zuckte mit den Schultern. Auch gut. Er würde sicherlich auch ohne den Rotschopf klarkommen. Endlich war er mal für sich. Er atmete tief durch. Es tat ihm gut, mal nicht unter Beobachtung zu stehen.
Er sah sich um. Vor ihm erstreckte sich der Innenhof der Abtei. Der alte Backsteinhof war völlig vereist und in den Ecken türmte sich der geschaufelte Schnee fast zwei Meter gegen die hohen Mauern der Abtei. Eine weitere Windböe fuhr Kai durch sein wildes Haar. Instinktiv zog er die Schultern näher an seine Ohren und vergrub seine Hände in seinen tiefen Hosentaschen. Er lief los. Der Hühnerstall konnte ja so weit nicht sein.
Kai lief weiter den Innenhof entlang. Als er um die nächste Ecke bog, zeigte sich ihm eine Art Pferdeunterstand. Die hatten hier auch Pferde? Er hatte bisher keine Tiere gesehen oder gehört, außer heute Morgen die Hühner und die Raben. Er kam der Überraschung näher. In der näheren Umgebung dieser Vorrichtung lag etwas auf dem Boden zerstreut. Etwas, was er von weitem noch als Stroh eingeordnet hätte, war bei näherer Betrachtung Hackschnitzel und Holzspäne. Er kam dem Ganzen immer näher und blieb letztendlich davor stehen.
Die Dachkonstruktion klammerte sich zwischen zwei Ausbuchtungen der Abteimauern, und versuchte krampfhaft, den Schneemassen auf ihr zu trotzen. Er hörte ein regelmäßiges Schlagen auf Holz, gefolgt von splitternden Holzfasern. Ein Keuchen und Ächzen begleiteten diese Geräuschkulisse. Kai sah interessiert hinein. Da stand ein junger Mann im T-Shirt und schwang im gleichmäßigen Rhythmus eine Axt auf ziemlich dicke Holzscheitel, um sie zu in kleinere aufzuspalten. Kai musterte den Typen. Er schien gar nicht zu frieren und hatte sogar glänzende Schweißperlen auf der Stirn. Er war sogar noch größer als Yuri und zu dem noch um einiges muskelbepackter. Seine Oberarme hatten mehr Umfang als Kais Oberschenkel. Kai schluckte. Dieser Typ hatte definitiv einen anderen Fitnessstatus als Yuri oder Kai selbst. Kai begriff langsam, dass hier die Kerle in einer anderen Liga spielten und er nur zwei Möglichkeiten hatte, um hier überleben zu können. Entweder er spielte das Spiel mit, dessen Regeln er noch nicht kannte, oder er musste gut bluffen! Option Nummer drei, sich unterzuordnen und sich mit ihnen gut zustellen, verwarf er sofort, ohne auch nur den Gedanken in seinem Kopf auszuformulieren.
Kai war in Gedanken und sah dem Muskelprotz zu, der nicht Müde zu werden schien. Wie eine Maschine stellte er die Scheitel auf den Holzpflock und spaltete sie in 3-4 kleinere Scheitel. Sie fielen runter. Holz schlug auf Holz und der russische Arnold Schwarzenegger setzte einen neuen großen Scheitel auf den Pflock. So schlug er einige klein. Dann stellte er die Axt zur Seite und warf die kleinen Scheitel alle auf einen Haufen in der hinteren Ecke des Unterstandes. Kai wurde plötzlich zur Seite geschubst.
"Не стой вот так просто!". Ein aschblonder Kerl, ungefähr in Yuris Größe, schob sich an Kai vorbei. Moment mal, den kannte er doch! Das war der Typ, der sein Frühstück vorhin leer gegessen hat. Der blonde Russe ging mit einem vollen Teller unbeeindruckt an Kai vorbei und redete mit dem Holzhacker Typen. Kai verstand mal wieder nichts von dem russischen Kauderwelsch.
Der Blonde reichte dem mit der Axt den Teller. Er stellte die Axt zur Seite und aß im Eiltempo den Teller leer, während der blonde Wuschelkopf ihn neckte, ihn kumpelhaft anstupste und sich einige Scheitel unter den Arm packte. Er sah zu Kai und sein Blick änderte sich augenblicklich. Nun sahen ihn beide an. Kais Blick wurde ernst. Er erinnerte sich an das, was Yuri zu ihm beim Aufstehen gesagt hatte, und wiederholte es.
"Dobroye utro!". Die Kerle im Unterstand nickten nur als Antwort. Okay. Es schien also wirklich eine Art Begrüßung zu sein. Lief ja gar nicht schlecht!
"Ähm, … ich Kuri!", sagte Kai. Der Blonde sah ihn an und verbiss sich sein Lachen. Kai beschloss augenrollend diesen Witzbold zu ignorieren. Der Muskelbepackte hob essend den Daumen über die Schulter und zeigte hinter sich. Kai nickte dankend und lief weiter um die nächste Biegung, dahinter zeigte sich ein Bretterverschlag umgeben von einer rostigen Maschendrahtvoliere. Das sah ihm nach Hühnerstall aus und klang auch so. Das Gackern und Glucken waren klar zu hören. Er entriegelte die Volliere, stieg hinein und machte hinter sich das ganze wieder zu. Es war kleiner als zu Anfang gedacht. Er konnte nicht wirklich aufrecht darinstehen und musste sich in geduckter Haltung fortbewegen. Kaum hatte Kai den Bretterverschlag erreicht, schlug ihm ein eindeutiger Geruch von Vogelmist wie eine Ohrfeige, entgegen.
„Uff…“, stöhnte er auf und verzog das Gesicht.
Das war kein normaler Stallgeruch. Das war konzentriert. Durch die Wärme in der Bretterbude entfaltete sich der Gestank offensichtlich hervorragend. Er zog sich vorsichtshalber seinen Schal über die Nase und schob vorsichtig die quietschende Holztür auf. Sofort entbrannte vor ihm ein Chor aus Flattern und empörtem Gackern. Gefieder raschelte. Einige der Hennen schlugen hektisch mit den Flügeln, sodass Federn, Staub und Geruch noch mehr umherwirbelte.
„Okay… ganz ruhig…“, murmelte Kai mehr zu sich selbst als zu den Hühnern. Dutzende Augen fixierten ihn argwöhnigsch. Misstrauisch. Wachsam. Feindselig. Er trat einen Schritt hinein und rutschte sofort weg.
„Scheiße!“, fluchte er. Mit einem wilden Rudern fing er sich am Türrahmen ab. Seine Schuhe waren sofort braun gesprenkelt. Ein finsteres Knurren war von Kai zu hören. Er hatte jetzt schon die Schnauze gestrichen voll von seiner Aufgabe.
Draußen am Maschendraht ertönte schallendes Gelächter. Es brauchte keinen Blick nach hinten. Er kannte dieses Lachen bereits, und bei den ganzen düsteren Gestalten hier, konnte es auch nur einer sein, der sich so über ihn amüsierte. Kai schnaubte, knirschte mit den Zähnen und richtete sich auf. Er würde dem Witzbold da draußen bestimmt keine Zirkusshow bieten.
Es ist ja nur Ausmisten. Späne rein. Füttern. Eier einsammeln. Rein, raus, fertig. So schwer kann das doch nicht sein! Er versuchte, das gehässige Lachen auf der anderen Seite des Zauns zu ignorieren und dachte kurz nach. Er hatte beim Reinkommen eine Schaufel und eine alte Schubkarre gesehen. Also, gut. Er wollte sie sich gerade holen, da hörte er es.
Ein tiefes, kehliges Krähen. Langsam drehte Kai den Kopf. Der Hahn stand erhöht auf einer Sitzstange. Groß. Unverschämt groß. Dunkles Gefieder, der Kamm hoch aufgerichtet, reinste Provokation. Seine Augen fixierten Kai – nicht neugierig, sondern offensichtlich mies gelaunt. Er versuchte nach Kai zu picken, doch Kai zog rechtzeitig seinen Kopf weg.
„… wag es nicht! Lass es gut sein“, sagte Kai warnend und funkelte ihn böse an.
Der Hahn krähte erneut. Und sprang ohne Vorwahrnung auf ihn zu.
„HEY—!“
Kai wisch zurück, trat dabei wieder auf die glitschige Stelle und landete unsanft auf dem Hintern. Erschrocken schreckten die Hühner auf. Federn flogen. Ein heilloses Durcheinander brach aus. Kai warf schützend seine Arme vors Gesicht. Der Hahn landete direkt vor ihm, schlug mit den Flügeln und hackte nach seiner Hose.
„EY - SPINNST DU?!“ Er griff nach dem Hals des Hahnes, aber dieser hatte schnelle Reflexe, wich zurück und scharrte bedrohlich mit seinen Krallen im Stallboden.
„BLEIB STEHEN, DU VERDAMMTES FEDERVIEH!“
Bryan lehnte inzwischen am Zaun und bog sich vor Lachen. Kai rappelte sich hoch, er hatte nun endgültig genug von ihm und seiner albernen Lache! Er schnappte sich das erstbeste Ei vom Boden und warf es blitzartig es zu Bryan. Es klatschte an den Maschendraht. Erstaunt verstummte Bryan. Zumindest gab jetzt einer Ruhe. Kai drehte sich wieder dem Hahn zu, der ihm mit aufgeplustertem Gefieder entgegen flatterte. Dieses Drecksvieh, glaubte doch wohl nicht wirklich, Kai würde seine Deckung vernachlässigen. Kai sprang zur Seite und der Hahn rannte ungebremst gegen die Bretterwand des Stalls. Er rappelte sich auf, scharrte erneut mit den Krallen auf dem Boden, flatterte mit den Flügeln. Er machte einen drohenden Schritt vor. Dass Kai hier unerwünscht war, war nicht von der Hand zu weisen, doch sowas wie aufgeben kannte Kai nicht.
„Los, trau dich! Feiges Huhn!“, nahm Kai die Herausforderung an. Der Hahn setzte zum Sprung an und hatte es auf Kais Gesicht abgesehen.
Kai blieb standhaft und wisch keinen Schritt zurück. Kai kniff die Augen zusammen. Seine Geduld war jetzt offiziell aufgebraucht. Das Tier wollte Krieg? Konnte er haben! Er griff an seine Hüfte. Ein metallisches Klicken. Kai zog den Beyblade heraus, klickte ihn an den Starter, ging leicht in die Knie und fixierte den Hahn.
„3…“
Der Hahn flatterte aufgebracht auf ihn zu.
„2…“
Ein Huhn gluckste alarmiert.
„1…“
Kai riss den Arm vor und umfasste die Reißleine.
„LET IT RIP!“
Sein Blade Dranzer schoss an dem Hahn vorbei gegen die Bretterwand, prallte ab und traf den Gegner direkt am gefiederten Hinterteil. Vor Schreck schrie der Hahn auf und wirbelte in der Luft herum. Er ging unkontrolliert vor Kai zu Boden. Panisch flatterte er herum, bis er wieder auf den Füßen stand. Kai war aber noch nicht fertig mit ihm.
„Los, Dranzer, zeig ihm wer hier das Sagen hat!“, befahl Kai vom Eifer gepackt. Dranzer schlug einen Haken hinter dem Hahn und traf ihn Punkt genau an den Beinen. Der Hahn stolperte, rutschte, verlor das Gleichgewicht und landete der Länge nach unsanft im Hühnermist. Ein empörtes, beleidigtes Krähen hallte durch den Stall. Der Hahn flatterte panisch umher. Dranzer hatte ihm wohl mächtig den Hintern versohlt. Der Gegner zog sich hastig zurück in die hinterste Ecke des Stalls. Stille. Kai grinste siegessicher.
Dranzer kreiselte derweil lässig über den Stallboden, wirbelte Sägespäne, Mist und Federn auf. Nur noch das surrende Geräusch des Blades füllte den Raum.
Kai stand grinsend da, hob Dranzer auf, blies ihn sauber und steckte ihn zurück in die tiefen Taschen seiner Baggies. Die Fronten waren nun hoffentlich geklärt.
Unter Aufsicht (Beta gelesen)
Yuri zog die schwere gusseiserne Tür hinter Kai zu und machte sich auf den Weg durch die kalten Gänge der Abtei.
So ein elender Dummkopf. Er würde schon noch merken, dass mit den Hühnern nicht gut Kirschen essen war. Das hatten sie hier alle früher oder später lernen müssen.
Yuri schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Aber was hätte er denn machen sollen? Ihn warnen? Selbst wenn sie dieselbe Sprache gesprochen hätten – er schätzte Kai so ein, dass der seine Warnungen ohnehin nicht ernst genommen hätte. Und überhaupt ging es ihn doch nichts an. Wenn Kai sich in den Kopf gesetzt hatte, in die gackernde Hölle zu wollen, dann sollte er eben gehen.
Yuri schnaubte und rollte genervt mit den Augen. Warum machte er sich überhaupt so einen Kopf um ihn? Wenn Kai hier meinte, tun und lassen zu können, was er wollte, würde er schon noch merken, was Boris davon hielt. Ja, genau. Yuri nickte entschlossen. Soll er sich doch an Boris seine Hörner wetzen. Er wäre nicht der Erste, der geglaubt hatte, Boris hätte hier keine Befehlsgewalt – und ganz sicher nicht der Erste, der diese Meinung sehr schnell wieder in den Wind schießen würde. Wer einmal gegen Boris den Kürzeren gezogen hatte, lernte daraus eine Lektion fürs Leben.
Yuri stand nun vor einer verriegelten Tür. Er holte den Schlüssel aus dem Versteck. Immer wenn er das tat, musste er in sich hinein schmunzeln. Als ob ihn so ein altes, rostiges Schloss aufhalten könnte. Aber das wusste ja schließlich keiner – und schon gar nicht Boris.
Grinsend schloss er mit dem alten Hohldornschlüssel die Tür zur Kammer auf, stieß sie auf und trat in eine Art Rumpelkammer – Gerätelager und Vorratskammer in einem. In dem kleinen, verwinkelten Raum herrschte ein Heidenchaos. Die Wände waren voll mit Regalen behangen, davor stapelten sich windschief aufeinandergetürmt etliche Kisten.
Er drehte an dem in die Jahre gekommenen schwarzen Lichtschalter aus Bakelit. Die kleine Glühbirne, die von der Decke baumelte, reichte gerade so aus, um sich im Raum zurechtzufinden.
Yuri sah sich um. Auf einer der Kisten lag der Lieferschein. Er nahm ihn an sich und ging ihn flüchtig durch.
Wieder keine Verbände.
Nur ein Drittel der bestellten Kernseifen.
Er blätterte weiter. Sämtliche Waren waren nur in Bruchteilen der Mengen geliefert worden, die er notiert hatte. Dafür drei Kisten Wodka. Was auch sonst. War ja nichts Neues. Wieder einmal wurde an den Jungen gespart. In Yuri kochte es.
Wie, zum Geier, sollte er seiner Aufgabe gerecht werden und den Laden hier am Laufen halten, wenn Boris ihm ständig in den Bestellungen herumpfuschte? Den Wodka hatte Yuri ganz sicher nicht auf die Liste geschrieben. Doch wie bei allem hier in der Abtei hatte Boris das letzte Wort.
Yuri knurrte und trat wütend gegen die erstbeste Holzkiste. Die nahm es ihm prompt krumm – Nägel lösten sich, Holz knirschte, eine Ecke gab nach. Gerade noch konnte er mit dem Fuß dagegenhalten, sonst wären die Möhren über den Boden gerollt.
Mit dem Fuß an die Kiste gestemmt, angelte er sich einen Hammer aus dem gegenüberliegenden Regal und schlug die rostigen Nägel wieder fest. Kurz darauf war die Kiste wieder halbwegs brauchbar, der Hammer landete zurück wieder an seinem Platz.
Yuri rieb sich den Schweiß von der Stirn. Das hätte ihm noch gefehlt. Das Chaos, das der Lieferant aus dem Dorf hier hinterlassen hatte, war ohnehin schon groß genug und kostete ihn viel zu viel Zeit. Aber das kannte er ja.
Er griff nach der ersten Kiste, sah nach, was darin war, und begann, die Waren in die Regale zu räumen. Nebenher strich er mit einem alten, stumpfen Bleistift die Posten auf dem Lieferschein ab. So arbeitete er sich Kiste für Kiste vor.
Vor dem fast leeren Regalfach mit den Mullbinden und den anderen Erstversorgungsmitteln blieb er stehen. Es würde zwangsläufig zu Versorgungsengpässen kommen. Dafür brauchte es keine Wahrsagerei.
Yuri verdrängte den Gedanken und machte sich an die nächste Kiste. Wie die anderen zuvor hebelte er sie mit dem Stemmeisen auf. Doch auch hier bot sich ihm dasselbe Bild wie seit Wochen. Die Kupferpaste und der Hanf, die man brauchte, um Rohre und Leitungen in der Abtei instand zu halten, waren zugunsten des Wodkas rationiert worden
„Das gibt es doch nicht“, maulte Yuri.
Er legte die gedroschenen Hanfstränge zusammen mit den kleinen Tuben Kupferpaste ins Regal. Erst jetzt fiel ihm auf, dass auch das Lötzinn zur Neige ging. Ian, der kleine Kerl, der sich um Leitungen und Rohre kümmerte, hatte ihn schon letzten Monat darauf hingewiesen, dass das auf keinen Fall ausgehen durfte.
Yuri griff sich an die Stirn. Er kam nicht darum herum, das Gespräch mit Boris zu suchen. Er musste es versuchen. Mit einem routinierten Griff schnappte er sich eine der alten Holzkisten mit dem Wodka, legte den Lieferschein obendrauf, löschte das Licht in der Kammer, verriegelte sie wieder, steckte den Schlüssel in das Versteck zurück und machte sich auf den Weg.
Die Flaschen in der Kiste klirrten mit jedem Schritt, während er die Treppen des Nordturms zu Boris’ Büro hinaufstieg.
Yuri blieb vor einer der Kammern stehen. Er rieb die Spitzen seiner Schuhe an den Hosenbeinen sauber, atmete einmal tief ein. Er spürte die Anspannung und den Drang zu flüchten, stemmte sich jedoch mit aller Kraft dagegen. Dann klopfte er.
„Herein!“, kam es kühl aus dem Zimmer.
Er öffnete die Tür und trat ein.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Gaspardin …“, weiter kam er nicht, da fiel ihm Boris schon ins Wort.
„Ah, Yuri. Ich habe gerade an dich gedacht! Was führt dich zu mir?“, säuselte Boris, während er mit den Füßen auf dem Schreibtisch genüsslich an einer Zigarre roch, ohne Yuri auch nur anzusehen.
„Ich bin die Lieferungen durchgegangen.“ Yuri legte den Lieferschein auf die Kante des Schreibtisches. „Und wollte Ihnen Ihre Bestellung bringen“, fügte er kurz angebunden hinzu.
Mehr war nicht drin. Yuri überkam jedes Mal der blanke Ekel, sobald er Boris’ Büro von innen sah. Dieser Mistkerl hatte hier alle Annehmlichkeiten, die man sich denken konnte: ein großer Teppich auf dem Boden, ein edler Schreibtisch mittig darauf und in der Ecke ein offener Kamin, in dem stets ein Feuer loderte und den Raum warm hielt – während Yuri und die anderen in unzumutbaren Zuständen leben mussten. Bei diesem Anblick kochte die Wut in ihm so sehr, dass es ihm schwerfiel, sein Knurren zu unterdrücken.
„Ach so … ja gut – gut. Stell‘s da drüben ab“, murmelte Boris und zeigte beiläufig in eine Ecke des Zimmers.
Yuri tat wie ihm befohlen und wollte schon zur Tür hinaus, als ihm der eigentliche Grund seines Besuchs wieder einfiel. Er blieb stehen und sah noch einmal zurück.
„Gibt’s noch was, Yuri?“, fragte Boris und sah ihn nun durchbohrend an.
„Nein … oder doch, Gaspardin“, stammelte Yuri.
„Stammel nicht so herum! Du weißt, ich habe dafür keine Zeit!“, schnauzte Boris, stand auf, ging zum Kamin, biss die Spitze seiner Zigarre ab und spuckte sie in die Glut. Genervt sah er zu Yuri.
„Also?!“
„Ich will Sie nicht untergraben, Gaspardin, aber wir steuern auf einen Notfall zu, wenn wir bei der nächsten Bestellung keine ausreichenden Mengen an Mullbinden, Seife und anderen Dingen wie Lötzinn, Kupferpaste und Hanf beauftragen“, sagte Yuri betont höflich und zwang sich, ruhig zu bleiben.
Boris reagierte nicht. Er sah aus dem Fenster in den Innenhof. Es war still zwischen ihnen. Nur das Feuer im Kamin knisterte und erfüllte den Raum.
„So, … sollten wir das?“, fragte Boris schließlich mit einem sadistischen Unterton in der Stimme. Er drehte sich langsam zu Yuri um.
„Ich denke nicht, dass du mir zu sagen hast, was ich zu tun oder zu lassen habe. Aber ich weiß, was du tun solltest, wenn dir dein dürrer Hals etwas wert ist.“
Seine kalten, leblosen Augen bohrten sich in Yuri.
Er schluckte. Auch wenn er es sich nur ungern eingestand – Boris ließ ihn erschaudern. Seine Nackenhärchen stellten sich unwillkürlich auf.
„Du solltest wissen, wo dein Aufgabenbereich liegt. Und wage es nie wieder, dich außerhalb dessen zu bewegen“, zischte Boris.
Yuris Blick verfinsterte sich.
„Und nun raus mit dir! Ich habe zu tun!“, säuselte Boris, als hätte es das Gespräch samt Drohung nie gegeben.
Yuri holte tief Luft und verließ mit einem knappen, aber widerwilligen „Verstanden, Gaspardin!“ den Raum. Er schloss hinter sich die Tür und ging die Treppen wieder hinunter. Mit jedem Schritt die Stufen hinab knurrte er leise vor sich hin. Dem alten Sack war es doch scheißegal, was aus ihnen allen wurde und ob sie noch ausreichend versorgt waren. Hauptsache, er konnte in seinem warmen Kämmerlein an seinem Schnaps und den Zigarren nuckeln.
In Yuri kochte es. Ihm musste etwas einfallen – und das schleunigst. Sonst würde ihnen hier früher oder später alles um die Ohren fliegen.
Er stapfte wütend dem Erdgeschoss entgegen. Da fiel sein Blick aus einem der Fenster direkt auf den Hühnerstall.
Stimmt ja – da unten müsste Kai sein. Wie er sich wohl bei den Hühnern schlug? Yuri seufzte. Er konnte es sich fast schon denken.
Er schüttelte den Kopf, beschloss, das Problem mit Boris auf später zu verschieben, und lieber nach Kai zu sehen. Sonst wäre er schneller wieder in Boris’ Büro, als es ihm lieb war – und darauf konnte Yuri gut verzichten. Also machte er sich auf den Weg zu Kai und den Hühnern, um das Chaos zu begutachten und zu entschärfen, bevor der alte Geizkragen es von seinem Büro aus bemerkte.
Als Yuri neugierig zum Hühnerstall kam, hingen Kais Schal und seine Jacke über einem der Holzpfosten. Von Kai war jedoch nichts zu sehen oder zu hören. Nur Bryan stand erstaunt am Maschendraht und beäugte das Treiben innerhalb des Stalls. Neben ihm lagen die Holzscheitel auf der Brüstung zum Misthaufen.
„Hey“, sagte Yuri kurz, als er sich neben ihn stellte. Bryan sah ihn nur flüchtig an und richtete den Blick sofort wieder auf den Stall. Yuri folgte seinem Blick, konnte jedoch nichts Besonderes entdecken.
„Was ist denn so interessant?“, wunderte sich Yuri.
„Er hat Molotow gezähmt“, sagte Bryan fast lautlos.
„Gut – Moment mal … WAS?“, wirbelte Yuri herum. Er sah den Blonden irritiert an, der nur mit den Schultern zuckte.
Molotow – so nannten sie alle ehrfürchtig den aggressiven Hahn im Stall. Jeder von ihnen kannte ihn. Und jeder hatte bereits seine Erfahrungen mit ihm gemacht. Erfahrungen, die sich ziemlich ähnelten. Der Hahn ließ keine Eindringlinge zu seinen Hennen. Jedenfalls nicht ohne Kriegserklärung und ausuferndes Machtgehabe. Er verteidigte den Stall mit messerscharfen Krallen und seinem blitzschnellen Schnabel. Auch wenn die Jungs es gern verheimlichten, hatten sie den Stall bislang stets nach kürzester Zeit fluchtartig verlassen – nicht selten mit tiefen, blutigen Kratzern auf der Haut und zerrissenen Klamotten.
Und genau dieses gottverdammte Mistvieh sollte einer gezähmt haben?!
„Wer?“, zischte Yuri, auch wenn er die Antwort bereits ahnte.
„Der Neue“, kam es ruhig von hinter den beiden.
Der Muskelbepackte trat näher. Ihn außerhalb des Unterstands zu sehen, war ein ungewohntes Bild. In den Händen hielt er zwei verbeulte Eimer, randvoll mit Sägespänen und Hackschnitzeln. Er stellte sie am Zaun ab.
„Ihr wollt mich doch verkohlen. Und du bringst ihm auch noch das Einstreu? Kann er das nicht selbst, Spencer?!“, schnaubte Yuri.
Spencer zuckte mit den Schultern und stellte die Eimer an den Pfosten.
„Was ist verdammt noch mal hier los?“, knurrte der Rotschopf.
Yuri sah ungläubig zwischen Bryan und Spencer hin und her. Dann bemerkte er die Spitze einer Schaufel, die aus dem Stall auftauchte – voll beladen mit Mist – und ihren Inhalt über einer alten, rostigen Schubkarre entleerte. Die Schaufel verschwand wieder im Inneren, kam erneut heraus, beladen, kippte ab. Dies wiederholte sich mehrmals. Dann hörte man das Schaben der Schaufel über den Boden.
Da mistete tatsächlich jemand seelenruhig den Hühnerstall aus. Und nicht nur das – die Hühner und vor allem der Hahn waren erstaunlicherweise sehr schweigsam.
Yuri schluckte. Das konnte doch nicht sein.
Er stieß Bryan hastig vom Zaun weg, um besser sehen zu können, doch er sah nur kurz schwarz-rote Sneakers und ein Baggy-Jeans-Hosenbein. Er wusste genau, wer hier mit solchen Klamotten herumlief.
„Ihr wollt mir doch nicht wirklich sagen …“, schnaubte Yuri, „dass Kai da drin ist – und Molotow sich das gefallen lässt?!“
„Siehst du doch!“, sagte Spencer knapp.
Kai schmiss die Schaufel auf die Schubkarre, kam aus dem Stall und rieb sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Der ach so saubere Goldjunge wirkte nun nicht mehr so piekfein und wohlriechend. Überall an ihm klebte Stalldreck.
Verdutzt sah er zum Zaun, wo die drei Russen ihn beäugten.
Yuri blieb kurz der Mund offenstehen. Er hatte bei Kai mit vielem gerechnet, aber dass er sich so in die Arbeit stürzte und, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne mit der Wimper zu zucken in die Scheiße langte, überraschte ihn dann doch. Er schüttelte den Kopf, um sich zu fangen.
„Ähm … Anfängerglück. Mehr nicht!“, grummelte Yuri betont düster. Innerlich jedoch war er erleichtert, dass Kai die Lage offenbar im Griff hatte – auch wenn Yuri nicht verstand, wie er das angestellt hatte.
Unwillkürlich atmete er auf. Wenn er ehrlich war, fiel ihm ein Stein vom Herzen, heute nicht noch einmal zu Boris zu müssen.
Bryan hatte Yuris Seufzen bemerkt und begann neben ihm wieder zu kichern. Ein strafender Blick traf ihn sofort.
„Was ist? Hast du nichts Besseres zu tun, als hier rumzustehen und dumm zu grinsen?! Olga wartet bestimmt auf ihr Holz!“, fauchte Yuri ihn an.
Immer noch kichernd schnappte sich Bryan die Holzscheitel und verschwand hinter dem Misthaufen in Richtung des Küchenhintereingangs. Yuri schnaubte ihm nach.
Neben ihm tauchte Spencer mit weiteren Eimern voller Späne und Hackschnitzel auf.
„Und du?“, maulte Yuri weiter.
„Hast du so viel Zeit übrig, dass du dich um die Aufgaben der anderen scheren kannst?!“
„Das stand mir im Weg rum“, grummelte Spencer zur Antwort, stellte die Eimer zu den anderen und ging zurück zu seinem Unterstand.
„Wer’s glaubt …“, schnaubte Yuri und verdrehte die Augen, während er Spencer nachsah. Yuri wusste ziemlich genau, wie es hier ablief. Gab es etwas nicht Alltägliches zu sehen, so suchte man nach einer Notwendigkeit, vorn in der ersten Reihe dabei sein zu können. Ähnlich verhielt es sich nämlich auch, wenn die Jungen sich ein Verschnaufspäuschen bei Olga in der Küche genehmigten. Gerade an windigen oder nasskalten Tagen, wenn die Kälte einem durch die Klamotten in die Knochen kroch, sah man die Jungen in der Küche ein- und ausgehen. Natürlich stets beschäftigt, denn die oberste Regel galt immer: 'Die Arbeit muss getan werden.'
Solange sie also Olga in der Küche halfen oder Botengänge übernahmen, konnte ihnen keiner Verbieten, sich in der Küche aufzuwärmen. Denn dort war es durch das Feuer im Herd und dem immer zu köchelnden Tee darauf schön warm. Zudem bekam man immer etwas von dem viel zu dünnen Tee von Olga. Doch das störte die durchgefroren Jungen kaum. Sie waren einfach nur froh, wenn sie auch nur ein Fünkchen Wärme spüren konnten. Alles natürlich unter dem Deckmantel der vorgetäuschten emsigen Arbeit. Denn sie wussten, würden sie es nicht tun, würde sie Olga aus der Küche rausschmeißen müssen. Anordnung von ganz oben! Also taten sie alles! Feuerholz holen, den angebrannten Rest vom Vortag aus dem Kessel schaben, oder sonstige Tätigkeiten, die in einer großen Küche so anfielen, Hauptsache sie konnten sich aufwärmen.
Diese erlernte Strategie wandten sie aber auch an, wenn es etwas zu Gucken gab. Für den Fall dass einer von Boris' Handlangern sie dabei erwischen sollte, waren sie immer in Arbeit verstrickt und nur reinzufällig anwesend.
Yuri sah neben sich zu den Eimern, die Spencer am Pfosten abgestellt hatte. Das, was die anderen konnten, dass konnte er schon lange. Er schnappte sich an jeder Hand zwei der Eimer und ging zu Kai in die Voliere. Das der Hahn sich so außer der Reihe verhielt, musste er sich genau ansehen!
Nichts zu Danken (Beta gelesen)
Kai scharrte den letzten Rest Mist mit der Schaufel zusammen und kippte die beladene Schippe über der randvollen Schubkarre aus.
Geschafft.
Er warf die Schippe obendrauf und duckte sich in die Außenvoliere des Hühnerstalls. Dort angekommen, wischte er sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und versuchte, den Rücken durchzudrücken, was ihm nur bedingt gelang, weil er selbst hier draußen kaum aufrecht stehen konnte. Das Drahtdach hing einfach zu tief.
Erst jetzt bemerkte er seine Zaungäste.
Auf der anderen Seite des Zauns stand nun nicht mehr nur Bryan und gaffte, sondern auch der Holzhacker-Typ.
Und Yuri.
Kai fühlte sich dezent wie ein neues Tier im Zoo. Er knurrte leise vor sich hin.
Dass er hier als Attraktion galt, passte ihm überhaupt nicht.
Mit halbem Ohr hörte er, wie Yuri die beiden anderen auf Russisch anfuhr. Oder er vermutete es zumindest – Russisch klang in seinen Ohren nie besonders freundlich oder einladend. Im Augenwinkel sah er, wie die beiden anderen neben Yuri nacheinander abzogen.
Gut. Ein Problem weniger.
Doch wo war nun plötzlich Yuri?
Unauffällig ließ Kai den Blick kreisen, als würde er nur nach Werkzeug suchen.
Währenddessen tat er beschäftigt.
Ein kleiner Schacht am Hühnerstall, auf dessen Luke ein schwerer Stein lag, war dafür genau das Richtige. Er ging hin, hob den Stein herunter und spähte hinein.
Wie vermutet: Das Futterlager.
Hinter ihm klickte die Verriegelung der Voliere.
Metall auf Metall.
Kai würde sich hüten, sich jetzt umzudrehen.
Er spitzte die Ohren.
Schritte.
Dann blieben zwei weiße Stiefel mit seitlichen blauen Akzenten neben ihm stehen.
Wem sie gehörten, wusste Kai längst. Vier Blecheimer wurden scheppernd auf dem Boden abgestellt.
„Здесь!“, zischte Yuri.
Kai hob unwillkürlich den Blick. Stahlblaue Augen trafen auf Kais bernsteinfarbene.
Einen Moment lang sagten beide nichts.
Sie musterten sich nur. Als wollten sie prüfen, ob der andere gleich die Zähne fletschen würde.
Feind oder nicht?
Kai verstand immer noch kein Wort Russisch. Yuri sagte nichts weiter und rollte nur genervt mit den Augen. Er bückte sich, griff sich einen Eimer und schob sich an Kai vorbei in den Stall.
Kai sah ihm verwundert nach, wie er in den kleinen Eingang in den Hühnerstall zwängte.
Drinnen schepperte Metall. Dann das dumpfe Geräusch von Streu, das ausgeschüttet wurde. Kurz darauf hörte man, wie etwas in den nun leeren Eimer zurückgelegt wurde.
Ein paar Minuten später kam Yuri wieder heraus.
Kai beobachtete ihn interessiert.
Es war ein seltsam anmutendes Bild, wie sich Yuri mit seinen langen Beinen aus dem Stall schälte. Im Eimer kugelte hörbar etwas hin und her. Yuri stand nun leicht gebückt unter dem Drahtdach vor Kai. Der Rotschopf passte eindeutig nicht hier rein. Es amüsierte Kai ein wenig, dass Yuri hier nichts mit seiner Größe anfangen konnte. Endlich war er einmal im Vorteil. Das gab ihm einen Hauch von Genugtuung. Ein kurzes, fieses Schmunzeln huschte über Kais Lippen, doch dann bemerkte er hinter Yuri einen roten Hahnenkamm.
Der Hahn stand stocksteif da. Die Federn aufgeplustert.
Die Augen schwarz und stechend. Zu allem bereit und fixiert auf Yuri. Die Zeichen standen auf Kampf.
Kai brauchte keine zwei Sekunden, um zu kapieren, warum.
Die Eier im Eimer. Natürlich, … Dieser Idiot hatte den Hennen ohne Rückendeckung die Eier gestohlen. Das ließ sich der Hahn natürlich nicht bieten. Der Hahn stieß ein tiefes, vibrierendes knurrendes Gackern aus und machte einen Schritt nach vorn. Krallen kratzten über den Boden.
Yuri bemerkte von all dem nichts. Stand einfach weiter da, halb gebückt, mit dem Rücken zum Feind und versuchte Kai mit seinem Blick zu töten.
Kai verstand gleich, was der Hahn im Sinn hatte. Ohne groß nachzudenken, griff er an seine Hüfte. Klick. Der Bey-Starter. Das Geräusch schnitt sauber durch die Luft. Der Hahn erstarrte sofort. Langsam drehte sich sein Kopf. Weg von Yuri, hin zu Kai.
Er kannte dieses Geräusch. Nur zu gut. Ihm dämmerte, was auf das Klicken folgen würde, schließlich hatte er vorhin schon Bekanntschaft mit Dranzer gemacht.
Kais Blick war ruhig. Kalt. Kampfbereit. Für einen Moment starrten sie sich an.
Dann stieß der Hahn einen beleidigten, fast panischen Schrei aus und zog sich rückwärts zurück, bevor er schließlich das Weite suchte.
Kai schnaubte leise.
Rückzug? Gute Entscheidung!
Neben ihm drehte sich Yuri endlich um. Sein grimmiger Blick wechselte zu sichtlich irritiert und der Mund blieb ihm offenstehen.
Kai grinste nur schelmisch und steckte den Starter zurück an seine Hose.
Yuri drehte sich vom Hahn zu Kai. Sein Blick blieb an Kai hängen. Nicht lange, aber definitiv zu lang, als dass es als Zufall gelten würde.
Seine Augen wanderten kurz zu Kais Hand, in der eben noch der Starter war, dann zurück in sein Gesicht. Yuris Blick verfinsterte sich und seine Wangenknochen zeichneten sich vor Anspannung hart in seinem Gesicht ab.
Kai ließ die Hand ruhig sinken, als wäre das alles keine große Sache gewesen.
Yuri trat angespannt näher. Der Eimer mit den Eiern hielt er noch in seiner Hand. Einige Schalen klackten leise gegeneinander, als er sich in Bewegung setzte. Er blieb dicht vor Kai stehen. Seine stahlblauen Augen bohrten sich in Kais.
Kein Nicken. Kein Dank. Nur dieser prüfende, messerscharfe Blick.
„Здесь!“, zischte Yuri.
Dann drückte Yuri ihm den Eimer mit samt den Eiern darin mit Nachdruck in die Hände.
Die Eier stießen klickend aneinander. Kai besah sich überrascht den Eimer.
Yuri schob sich an Kai vorbei. Seine Schulter streifte beim Vorbeigehen bedrohlich die von Kai.
„Мозгов как у курицы “, knurrte Yuri vielsagend, während er sich unter dem Draht hindurch duckte und die Voliere verließ, ohne sich umzusehen.
Kai blieb stehen mit dem Eimer im Arm. Er sah Yuri nach, wie er hinter dem Misthaufen in Richtung der Gemäuer der Abtei verschwand.
Kai schnaubte. So ein sturer Esel.
Er hatte ihn bestimmt nicht retten wollen. Er wollte nur verhindern, dass dieses verdammte Federvieh sich wieder wichtigmachte.
Kais Blick verfinsterte sich immer mehr.
Was bildete sich dieser Yuri überhaupt ein? Welchen Grund hätte er denn gehabt, ihn schützen zu wollen? Pah, so ein Idiot!
Sichtlich angepisst knurrend klemmte er sich den Eimer unter den Arm, duckte sich zurück in den Stall, um die restlichen Eier einzusammeln und die anderen drei Eimer mit Sägespänen auf dem Stallboden zu verteilen. In der Ecke auf einer Sitzstange saß der Hahn zwischen seinen Hennen, aber nicht ohne Kai beleidigt zu beäugen.
Jeder Griff von Kai in die Legenester war unter strenger Beobachtung des Hahns. Doch einen neuen Angriff zu starten, dass traute er sich nicht noch einmal. Angepisst schüttelte er sein Gefieder auf und gackerte maulig vor sich hin.
Danach füllte Kai einen Eimer halb voll mit Futter für die Hühner, verstreute einige Hände voll auf dem neuen Einstreu im Stall und kippte den Rest in die dafür vorgesehene Futterrinne. Alles unter den skeptischen Blicken der Hühner. Der Hahn saß mittlerweile demonstrativ mit dem Hinterteil zu ihm und würdigte ihn keines Blickes mehr. Kai jedoch hatte immer wieder ein Auge auf den gackernden Platzhirsch. Er traute ihm nicht mehr nach der Aktion eben gegen Yuri. Dieses Vieh erkannte gleich, wenn man seine Deckung vernachlässigte, und dies würde Kai ihm sicherlich nicht noch einmal auf dem Silbertablett servieren und ihm noch eine weitere Chance für einen Angriff bieten.
Zu guter Letzt entleerte er die Wassertröge und befüllte sie mit einer guten Handvoll Schnee. Im warmen Stallklima würde dieser sich schnell in Wasser umwandeln. Kai verriegelte den Stall wieder und schob die volle Schubkarre aus der Voliere zum Misthaufen. Dort kippte er sie ab und schob sie zurück. Letztendlich schnappte er sich den gut gefüllten Eimer. In ihm türmten sich braune und weiße Eier bis fast zum Rand. Es waren gut und gerne zwei bis drei Dutzend.
Er stieg damit aus der Voliere und sah sich um. Mit einem Griff hatte er sich seinen Schal und seine Jacke lässig über die Schulter geschmissen. Wo sollte er jetzt hin mit den Eiern? Zu Olga, … das wusste er. Dies hatte zumindest Boris so befohlen, aber wie kam Kai jetzt am besten wieder zur Kantine zurück zu Olga? Wenn sie dort überhaupt noch war. Kai rieb sich ratlos die Stirn. Mit einem schweifenden Blick durch seine Umgebung versuchte er sich zu orientieren.
Ein lauter Pfiff durchbrach sein Denken und sein Kopf schnellte automatisch in die Richtung, von der der Pfiff gekommen war. Dort stand Yuri und deutete ihm an ihm zu folgen. Kai knurrte. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er instinktiv reagiert hatte. Noch vor 2 Tagen nannte man ihn ‚Master Kai‘ und er erteilte Befehle. Heute musste er gehorchen und Folge leisten, wie ein dressierter Schoßhund. Er hasste es!
Und noch mehr ging es ihm gegen den Strich, dass er keine Wahl hatte und darauf hören musste. Er kannte sich hier einfach nicht gut genug aus, um auf Yuris Verhalten zu pfeifen. Er war leider immer noch auf diesen langen Lulatsch angewiesen. Er rollte genervt mit den Augen und stapfte angesäuert auf Yuri zu, der mittlerweile lässig mit verschränkten Armen vor der Brust an der Wand der Abtei neben einer Tür lehnte. Der Rotschopf sah stur zu Boden. Er würdigte Kai keines Blickes. Mit einem Nicken schräg zur Tür, wies er Kai stumm an, dort hineinzugehen.
Ein missmutiges Grollen war Kais Antwort auf Yuris Benehmen, als er die Tür öffnete und eintrat. Yuri folgte ihm auf dem Fuße. Allmählich hatte er genug, dass ihm Yuri überall hinterherlief, doch auch das würde er vorerst so hinnehmen müssen. Kai war es durchaus bewusst, dass er vorerst die Füße stillzuhalten hatte, auch wenn es ihm zuwider war und er großen Drang verspürte, Yuri die Leviten zu lesen.
Verflixt mieses Timing (Beta gelesen)
Was fällt diesem Kerl überhaupt ein? Schnaubend lief er über den Hof der Abtei. Als ob er, der ohne mit der Wimper zu zucken allein in Boris’ Büro auftauchte, jemanden wie Kai bräuchte, der ihn in Schutz nahm. Sicherlich nicht!
Yuri blies sich angepisst eine seiner roten Strähnen aus dem Gesicht.
Bestimmt nicht! Yuri hatte vor niemandem Angst. Vor Boris nicht und auch nicht vor dem dämlichen Hahn. Niemals! Und falls doch, dann musste es ihm der Neue nicht so unter die Nase reiben! Und vor allen Dingen, selbst wenn er seine Deckung vernachlässigt hatte, brauchte er niemanden, der ihm die Konsequenzen abnahm. Diese Suppe konnte er sehr wohl allein auslöffeln. Soweit kommt’s noch, dass er einen Anstands-WauWau bräuchte. Wo käme man denn da hin? Er hatte das nicht nötig. Weder als Kai nicht da war, und jetzt, schon gar nicht! Das kam überhaupt nicht in die Tüte!
Yuri trat gegen eine kleine Eisscholle, die schlitternd quer über den Hof rutschte.
Er kann doch nicht hierherkommen und alles auf den Kopf stellen. Hier gab es schließlich Regeln! Und selbst wenn es fahrlässig gewesen war, die Deckung im Stall zu vernachlässigen, obwohl er wusste, wie Molotow drauf war, …
Yuri knurrte.
Selbst dann wäre es SEIN Problem gewesen, also was ging es Kai an!? Der sollte sich um seinen Mist kümmern!
Yuri ballte die Fäuste. Hinter ihm zerschellte die Eisscholle an der Abteimauer. Yuris Wut war mit einem Mal verpufft und das passte ihm noch weniger.
Er sah auf seine immer noch geballten Fäuste. Seine stets leicht bläulichen eiskalten Finger gruben sich unentwegt in seinen Handteller. Er ließ sie locker und sie gaben die Einkerbungen seiner Fingernägel in der Haut Preis. Was war denn los mit ihm? Er sah über seine Schulter zurück zum Hühnerstall und sah von weitem, wie Kai mit der Schubkarre in Richtung Misthaufen unterwegs war.
Wieso hatte Kai das getan? Wieso hatte er ihn gerettet? Als Spitzel von Voltaire hätte er sich doch an diesem Fehltritt ergötzen müssen, … dies tat er aber offensichtlich nicht. Oder war das nur eine Masche? Dieser Kai…
Yuri schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu entwirren.
Verdammt noch mal! Schluss damit! Zum Grübeln war absolut keine Zeit. Er durfte sich nicht wieder einen so dummen Fehler erlauben wie gerade eben.
Er musste die Sache ernstnehmen und Kai weiterhin im Auge behalten. Sonst hatte er Boris heute doch noch im Nacken sitzen und das schneller, als es ihm lieb war.
Er lehnte sich an die Mauer neben dem Hintereingang der Küche, von dort hatte er Kais Treiben gut im Blick. Ein ungewolltes Seufzen entwischte ihm und seine Anspannung nahm langsam ab.
Es half ja nichts, sich nachträglich aufzuregen. Das sorgte nur dafür, dass er nachlässig wurde und den Fokus verlor. Das war das allerletzte, was er jetzt gebrauchen konnte. In diesem Moment stellte sich sein Blick auf Kai wieder scharf und er sah, wie dieser gerade dabei war, mit den Eiern in die falsche Richtung abzubiegen.
Yuri rollte mit den Augen. Wie vermutet, den konnte man nicht einen Moment aus den Augen lassen. Ohne groß nachzudenken, ließ Yuri blitzschnell einen lauten Pfiff auf den Fingern ab. Kai reagierte just und sah ihn direkt an.
Super. Wenigstens das funktionierte. Er hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit einer Handbewegung wies er Kai an, zu ihm rüberzukommen.
Yuri war über die Effektivität der simplen Kommunikation fast ein wenig erstaunt. Damit hatte er nicht gerechnet. Ein knurrender Kai stand vor ihm. Yuri verbiss sich sein siegessicheres Grinsen und kaschierte seine zuckenden Mundwinkel, in dem er Kai nicht ansah und mit dem vereisten Kopfsteinpflaster vorliebnahm.
Mit einer nickenden Kopfbewegung zeigte er Kai, dass die Hintertür zur Küche vor ihm war.
Kai grummelte als Antwort und drückte neben Yuri die Tür auf. Schon wirbelte Yuri ein ihm wohlbekannter warmer Wind um die Nase, der lecker nach Essen duftete. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen mit Kai in die Küche einzutreten. Dort war es schließlich immer schön warm. Und wenn einer von Boris’ Handlangern auf Streife sein sollte, um nachzusehen, ob auch wirklich alle Jungen ihren Arbeiten nachgingen, dann war er eben als Aufpasser von Kai im Dienst. Und ganz uneigennützig hier. Ganz genau so, wie es ihm Boris aufgetragen hatte. Yuri schmunzelte in sich hinein. Er konnte sich also vorerst entspannen und sich in der Küche aufwärmen.
Er liebte es, wenn er das Machtspielchen von Boris um trippeln konnte.
„Oh, hallo Yuri. Schön, dich hier zusehen.“, hörte man Olga hinter dem Herd rufen.
„Hi. Wir bringen dir deine Eier.“, sagte Yuri und Olga drehte sich vom Herd zu ihnen um.
„Wer ist denn wir?“, wollte sie neugierig wissen.
„Ach, so.“, sie sah Kai, an wie er etwas verloren da stand mit dem Eimer voller Eier in der Hand.
„Kai, … richtig?“, fragte sie und nahm diesem dankend die Eier ab. Kai nickte. Yuri schlenderte unbemerkt an Olga vorbei zum großen schweren Topf der fröhlich vor sich hinköchelte. Neugierig schnuppernd stand er daneben und wollte schon den Deckel lüpfen, um nachzusehen, was sich darunter verbarg. Doch Olga hatte ein wachsames Auge auf ihre Töpfe. Sie kannte die immer hungrigen Knaben.
„Spitzbube. Finger weg! Essen gibt’s erst später, hier wird nichts gemopst! Oder ich mach dir Beine!“, schimpfte sie und hob drohend den Schöpflöffel. Yuri grinste frech und duckte sich spielerisch weg. Er wusste, sie würde nie einen der Jungen schlagen, und für kleine Neckereien war sie fast immer zu haben.
„Hier, wenn euch kalt ist trinkt einen Tee. Der wärmt euch auf, dann aber raus hier. Ich hab‘ noch zutun!“, sagte sie mit einer warmen Härte und reichte ihnen jedem einen Emaille-Becher mit einem dünnen, aber heißen Tee direkt von der Feuerstelle am alten Holzscheitel-Ofen. Yuris kalte Finger fingen an zu kribbeln, als die Wärme des metallischen Bechers in sie eindrang. Vorsichtig pustete er über die heiße Flüssigkeit und schlürfte ein Schlückchen des Tees. Wie gut es doch jedes Mal tat, wenn das Heißgetränk seine Kehle benetzte und ihn von innen begann aufzuwärmen. Auch wenn er noch so dünn war und kaum mehr als nach Wasser schmeckte, genoss er es.
Im Augenwinkel sah er Kai, wie er mit zwei Händen seinen Becher entgegennahm und eine angedeutete Verbeugung machte.
„いただきます “, nuschelte Kai und trank von dem Tee. Yuri sah Kai überrascht an. Was sollte das sein? Ein japanischer Trinkspruch? Doch Kai nahm keine Notiz von Yuri und widmete sich ganz dem Tee. Einige Zeit standen sie nebeneinander und nippten an ihren Bechern oder schlürften daran. Kai schob sich an Yuri vorbei zu Olga, die gerade den Putzlappen um den Schrubber schwang, um den Rest des angrenzenden Speisesaals zu schrubben. Da bemerkte sie Kai, wie er vor ihr stand und sie ansah.
„ありがとう , Olga-san .“, sagte er höflich, nickte ihr eine leichte Verbeugung zu und drückte ihr mit beiden Händen den leeren Becher wieder in die Hand. Erstaunt sah sie Kai an. Sie verstand zwar kein Wort von dem, was er zu ihr sagte, aber dass er höflich zu ihr war, das erkannte sie auch so.
„Ach, Jungchen. Nicht so förmlich!“, sagte sie fast etwas verlegen und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Kai sah sie irritiert an. Olga räusperte sich und klatschte in die Hände.
„So! Genug! Raus mit euch beiden. Ich muss die Tische machen, bevor die Bande hier gleich wieder einfällt! Und wehe, einer von euch trampelt mir mit eurem Stalldreck an den Schuhen über den frisch gewischten Boden!“
Yuri verzog das Gesicht. Was? Das würde er nie tun. Er holte Luft.
„Wir standen doch nur—“. Olga schnalzte streng mit der Zunge.
„Nichts da! Raus!“, unterbrach sie ihn und wedelte mit dem Lappen wie mit einer Fahne.
Kai reagierte sofort und trat zur Tür. Yuri wurde mit Olgas Schrubber fast zur Tür rausgescheucht. Olga stieß die Tür auf, schob die beiden hinaus und nahm Yuri im gleichen Atemzug seinen noch halb vollen Becher aus der Hand. Kaum waren sie draußen, fiel die schwere Holztür hinter ihnen ins Schloss.
Der warme Essensduft wurde abrupt von kaltem eisigem Wind ersetzt. Yuri verschränkte die Arme.
„Na? Zufrieden?“, murmelte er halbherzig. Mehr aus Gewohnheit als aus echter Provokation, weil ihm klar wurde: Kai kannte die Spielregeln hier noch nicht. Und wusste daher nicht, dass alle Jungen hier beim Teetrinken Zeit schindeten, um nicht sofort wieder in die Kälte zu müssen. Yuri verdrehte genervt die Augen.
Kai antwortete nicht auf Yuris Gemotze. Nicht mal ein Knurren oder Schnauben war zu vernehmen und auch sein typisches genervtes Augenrollen blieb aus. Verwundert schielte Yuri zu ihm rüber.
Er stand da und tippte mit dem Fuß unruhig auf dem vereisten Boden unter ihnen. Seine Hände waren tief in seinen Baggy-Jeans-Taschen vergraben und die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen. Sein Kiefer war merklich angespannt.
Yuri sagte nichts.
Er musterte ihn noch einen Moment. Yuri sich räusperte sich und Kai sah ihn mit einem skeptischen Blick, der eindeutig etwas bedeutete wie: "Was ist?!" an.
Yuri verschränkte die Arme vor der Brust und zog vielsagend dabei eine Augenbraue hoch.
Kai schnaubte, rollte mit den Augen und wandte den Blick ab, während er ungewöhnlich häufig das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte. Kais Atem bildete immer häufiger kleine Wölkchen vor dem Mund. Etwas stimmte nicht. Das war Yuri bewusst, und dass Kai es versuchte es zu verbergen, ebenfalls. Kais plötzliche Unruhe jedoch kam Yuri bekannt vor. Sie erinnerte Yuri an die letzte Nacht. Nun dämmerte es Yuri, was in Kai vor ging.
"Los komm!", sagte Yuri knapp und hoffte, dass Kai seine Geste mit der Hand verstand, auch wenn sein Russisch noch lange nicht zum Verständnis ausreichte. Kai sah ihm verwundert nach.
"Komm!", wiederholte Yuri und machte dieselbe Geste noch einmal, diesmal mit Nachdruck. Kai nickte und lief ihm nach.
Einige Meter um die Abtei herum unter einem Torbogen durch, sah man etwas abseits eine kleine Steinhütte mit altem Bretterdach und massig Schnee darauf.
Yuri lief immer noch etwas voraus und langsam wehte ihnen ein weniger angenehmer Geruch entgegen. Ab hier war es offensichtlich: Sowas wie Luxus gab es nun mal nicht.
Yuri rüttelte an der Tür, die quietschend und knarrend aufging. Kai spähte an Yuri vorbei in das schuppenähnliche Gebäude. Kai rümpfte angewidert die Nase und ließ sie hinter den Falten seines Schals verschwinden.
Yuri rollte mit den Augen. Wer keine Wahl hatte, der musste wortlos nehmen, was man bekam. Er ging hinein und verkrümelte sich in eine der verwitterten Holzkabinen. Die Tür hinter ihm schwang quietschend, wie eine alte Saloon-Tür aus einem Western, bis sie zur Ruhe kam. Ob Kai verstand, was das hier war?
Yuri hörte ein gequältes Schnauben aus Richtung des Eingangs und Schritte, die zögerlich näherkamen. Nicht weit von ihm in einer anderen Kabine kamen sie zum Stehen. Ein leises angeekeltes Stöhnen war zu vernehmen.
Kai sollte sich nicht so anstellen, zumal es im Winter noch vergleichsweise luxuriös war. Der Geruch hielt sich in der Jahreszeit verhältnismäßig in Grenzen und es gab außerdem noch keine Fliegen. Dies sah dann im Frühling schon etwas anders aus. Die Fliegen tummelten sich bereits nach den ersten warmen Tagen an diesem Ort. Zu dem tropfte einem das kalte Tauwasser der Dachbalken auf den Hintern. Im Sommer war es hier fast unerträglich. Die Fliegen ließen einen gar nicht mehr in Frieden seine Notdurft verrichten und die Wärme pushte den Gestank auf ein widerliches Level. Zum Herbst hin, wenn es kalt, regnerisch und windig wurde, gab es zwar keine Fliegen mehr und der Gestank war erträglicher, aber dafür regnete es überall durch das undichte Dach hinein und der Wind pfiff durch die Ritzen.
Yuri hatte die leise Vermutung, dass dies Boris’ Absicht war, sodass wirklich keiner der Jungen länger von der Arbeit wegblieb als nötig. Außerdem war der knausrige alte Sack verdammt gut darin, an den Jungen zu sparen, um sich neuen Wodka oder Zigarren genehmigen zu können.
Yuri tat, was nötig war und beeilte sich aus dem penetrant stinkenden Kabuff wieder an die frische Luft zu kommen.
Er atmete erleichtert tief durch, als er wieder im Freien stand. Natürlich war dieses Unterfangen nichts Neues für Yuri, aber auch er blieb nie länger als nötig da drin.
Wenig später kam ein sichtlich entspannter Kai auch wieder ans Tageslicht. Yuri sah ihn an. Griff sich eine Hand voll Schnee und rieb sich damit die Hände sauber. Dies war hier Gang und gebe, besonders dann, wenn wie heute Nacht, die Temperaturen so weit unter den Gefrierpunkt gefallen waren, dass mal wieder die Rohre vereist waren und es Tage lang kein fließendes Wasser gab.
Kai begriff schnell, was Yuri da trieb, und tat es ihm gleich. Plötzlich erklang schrill die Dampfpfeife, die alle zum Mittagessen rief. Die beiden machten sich wesentlich ausgeglichener und mit knurrenden Mägen auf den Weg zur Kantine.
Kai stinkt’s! (Beta gelesen)
Kai sah zu, dass er aus der Bruchbude rauskam, die sich als Toilettenhäuschen tarnte. Die kalte Luft draußen war wie ein Schlag ins Gesicht, aber wenigstens roch sie nach Schnee und nicht nach dem, was im Plumpsklo eben noch seine Sinne beleidigt hatte. Als Japaner war er durchaus Standards gewohnt, die hier fast futuristisch wirken würden.
Hier gab es nicht mal die Möglichkeit seine Hinterlassenschaften hinunterzuspülen. Er schüttelte irritiert den Kopf. Hätte man ihm noch vor einer Woche davon erzählt, hätte er es nicht für möglich gehalten, dass es heutzutage noch solche sanitären Zustände überhaupt noch gab. Doch nun wurde er offensichtlich eines Besseren belehrt. Es gab hier nur eine verwitterte alte Holzbank mit einem Loch in der Mitte, und darunter eine Jauchegrube, in die alle körperlichen Abfallprodukte hineinfielen. So menschenunwürdig es auch war und so abscheulich es aussah, umso schrecklicher war der Geruch, der darin vor sich hin gehrte. Dagegen war der Stallgeruch vorhin bei den Hühnern fast eine Wohltat für seine Nase gewesen. Allein der Gedanke an diese Erfahrung ließ Kais Magen bedrohlich zusammenziehen.
Er blieb stehen und sah noch einmal angewidert zu der Tür zurück, aus der er gekommen war. Abblätternde Farbe zierte das alte Holz, Scharniere voller Rost, die gerade noch so ihren Dienst taten und feuchte Flecken im Mauerwerk, veredelten das Gesamtbild des Eingangs dieser Stätte.
Kai ließ die Gedanken schweifen. Eins war klar: Das hier war keinesfalls ein Internat. Er wusste zwar noch nicht genau, was das hier war, wo man ihn einfach so ausgesetzt hatte, aber eine schulische Einrichtung war das definitiv nicht. Diesen Irrglauben konnte er getrost verwerfen. Er drehte sich langsam um. Sein Blick fiel auf den großen Gebäudekomplex.
Das Gebäude schien eine alte Klosteranlage aus den 1930er Jahren zu sein. Das würde auch die hohe steinerne Mauer drumherum erklären. Generell schienen hier massive Steinwände zum Bau der Anlage eine gängige Methode gewesen zu sein. Schmale einglasige Fenster, verziert mit notdürftigen Reparaturen, waren spärlich in den dicken Mauern platziert. Schwere Stahltüren oder abgenutzte Holztüren, die von früheren Tagen erzählten, rundeten das Kunstwerk stilistisch ab. Kai entwich ein kleiner Seufzer. Modernisiert hatte man seither offensichtlich nichts. Man hatte es wohl einfach so belassen. Wahrscheinlich aus Kostengründen, oder weil es schlichtweg niemanden interessierte.
Selbst die Kammer, in der Yuri und Kai nächtigten, gab Kai Rätsel auf. Sie war wohl ursprünglich nicht für zwei Betten gedacht gewesen. Der Raum war eindeutig zu schmal. Zudem war Kai etwas aufgefallen, nur eine Kleinigkeit. Als er das Bett heute Morgen neu machen musste, fiel ihm der Abdruck einer Abnutzung an der Wand hinter seinem Bett ins Auge. Dort musste lange etwas gestanden haben. Etwas, wie ein kleiner Tisch. Vielleicht eine Kommode. Und auch über dem Kopfteil seines Bettes an der Schräge hatte Kai Rußablagerungen entdeckt. Dunkle Schatten die sich gleichmäßig im Putz niedergelassen hatten. Bestimmt von einer Kerze oder einer Petroleumlampe. Dies ließ nur einen Rückschluss zu: Der Raum musste lange Zeit anders genutzt worden sein, als wie man es heute tat.
Er sah sich immer noch nachdenklich um. Langsam wurde eine kleine Stimme in Kais Kopf lauter.
Es dämmerte ihm, dass selbst wenn man den Fakt ausklammerte, dass er an einem Werktag bisher keine Klassenräume von innen gesehen hatte, hier etwas gewaltig nicht stimmte.
Keiner der anderen Kerle in Kais oder Yuris Alter, schien zum Lernen hier zu sein. Er hatte bei ihnen keine Rucksäcke oder gar Schulbücher gesehen. Keine Hefte. Keine Stifte. Nicht einmal Spinde in den Fluren. Nichts. Er war bisher auch keinem Lehrer begegnet. Um genau zu sein, gab es kaum Erwachsene an diesem merkwürdigen Ort. Nur dieses Ekelpaket von Boris und Olga, die herzliche, aber kernige Köchin. Und diese mysteriösen Kuttenträger. Das fiel ihm jetzt erst richtig auf. Was waren das für Typen?
Man traf sie überall auf der Anlage an. Sie standen herum und beobachteten anscheinend das Treiben genau, sagten aber nichts, sie schienen nur die Lage zu bewachen. Kai entging zudem nicht die Stimmung, die sie verbreiteten. Die anderen Jungen schienen sie zu meiden, oder vor ihnen in Deckung zu gehen. Sie senkten ihre Köpfe, wenn sie notgedrungen einem von ihnen über den Weg liefen. Das war keine normale Schuldisziplin. Das war offensichtlich eine Art Kontrolle. Was zum Geier ging hier vor sich?
Kai sah zu Yuri, der nur wenige Schritte vor ihm seine Hände mit Schnee sauberwusch. Ohne groß darüber nachzudenken, tat Kai es ihm gleich, auch wenn Kai innerlich noch mit Grübeln beschäftigt war. Denn auch mit Yuri stimmte etwas nicht.
Der Rotschopf hatte vermutlich geglaubt, es würde ihm nicht auffallen. Aber Kai hatte sehr wohl registriert, wie Yuri sich verhielt, wenn einer dieser Kuttenträger in der Nähe war. Wie seine Schultern sich minimal anspannten. Wie sein Blick auswich. Nur minimal, aber erkennbar, gerade so viel, dass er der Erwartung Folge leistete, ohne sich zu sehr zu verbiegen. Ähnlich, wie die geballten Fäuste hinter dem Rücken bei Boris heute Morgen.
Und dann sein Verhalten vorhin, als Kai ihn berührt hatte. Yuri war nicht einfach nur aus Überraschung zusammengezuckt. Dafür war es schlichtweg zu schnell gewesen. Es war viel mehr ein erlernter Schutzreflex. Wie ein kopfscheues Tier, das Berührungen mit Schmerzen und Gefahr verband und nicht mit alltäglicher Nähe.
Kai verzog kaum merklich den Mund.
Hier stank es gewaltig. Und das lag nicht nur an den sanitären Zuständen, den Latrineneimern in der Kammer oder dem Hühnerstall.
Hier lief etwas, über das man nicht sprach. Wobei das Kai nicht ganz einordnen konnte, ob und worüber gesprochen wurde. Er konnte ja schließlich kein Russisch, aber das, was er aus den Reaktionen der anderen lesen konnte, untermauerten seine Annahme, dass man sich darüber ausschwieg.
Und das elendige Sprachproblem machte es ihm nicht leichter, die ganzen Puzzleteile zusammenzusetzen.
Ein erneutes, wie schon am Morgen, schrilles Pfeifen der Druckluftpfeife durchschnitt die Stille und riss Kai aus seinen Gedanken. Die Krähen, die eben noch auf den vereisten Dächern der Anlage gestritten hatten, stiegen erschrocken in die Luft und flatterten davon.
Auch diese Art und Weise, die Jugendlichen zusammen zu rufen, erinnerte eher an ein Arbeitslager als an eine Schule oder ein Internat. Und wenn er schon dabei war: der Ton, der hier herrschte, war allgemein schärfer und kälter als das, was er aus japanischen Schulen kannte. Obwohl dort auch immer zu Ordnung und Disziplin aufgerufen wurde, war das hier noch eine Spur härter.
Kai sah unwillkürlich zu Yuri. Trotz, dass er hier noch nicht lange an diesem Ort lebte, hatte er sich schon angewöhnt, Yuri als Barometer zu nutzen.
Also: Was bedeutete das Pfeifen jetzt schon wieder?
Yuri grinste. Er hatte wieder dieses schiefe, schwer einzuordnende Grinsen. Dann machte er eine knappe Kopfbewegung in Richtung Klosteranlage.
Kai sollte ihm wohl mal wieder folgen.
Kai setzte sich in Bewegung und lief ihm nach. Lange würde er das nicht mitmachen, aber noch spielte er das dämliche Hündchen-Spiel mit, noch hielt er die Füße still, und dackelte brav hinter Yuri her.
Kai rollte genervt mit den Augen. Ja, auch dann, wenn er -verdammt noch mal- nach ihm pfiff, … aber es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich dagegen auflehnen würde, denn er hatte es längst bemerkt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging und sobald er verstand, was hier lief, würde er nicht mehr nur Zuschauer sein. Das war gewiss!
Yuris Schritte vor ihm wurden immer schneller und zwangen Kai, seine Überlegungen zu vertagen, wenn er weiter Schritt halten wollte. Warum hatte es der Rotschopf denn plötzlich so eilig? Yuri schien ihn fast zu drängen, ihm zu folgen. Immer wieder sah er nach hinten zu Kai und trieb ihn an, einen Zahn zu zulegen. Was hatte er denn!? Was sollte das?
Warum war er plötzlich so ungeduldig? Langsam wurde Kai echt neugierig, was Yuri mit dem schrillen Klang der Druckluftpfeife verband. Er folgte Yuri durch den steinernen Torbogen, durch den sie gekommen waren und ab dort bot sich Kai ein seltsames Bild. Aus allen Ecken der Anlage strömten die Jungen herbei. Es waren alle auf den Beinen und hatten es genauso eilig wie Yuri. Was zum Geier war denn los? Ein russisches Stimmengewirr wurde immer lauter. Es wurde geschupst, gedrängt und gepöbelt. Noch ehe sich Kai versah, war er mitten im Fluss der Kerle und wurde von ihnen durch den halben Hof der Abtei mitgetrieben. Im Augenwinkel konnte er den Hühnerstall ausmachen und auch den Unterstand des Holzhacker-Typen passierte er. Wo Yuri abgeblieben war, konnte Kai nicht mehr ausmachen. Selbst ein wandelnder Leuchtturm, wie Yuri mit seinen knallroten Haaren und seinen langen Beinen, war in dem wilden Tumult nicht mehr auszumachen. Kai konnte jetzt nur eins machen, sich der Masse fügen. Sie würden schon alle in eine Richtung wollen, dort würde er bestimmt auch wieder auf Yuri treffen. Also lief er einfach mit, und versuchte bestmöglich zu vermeiden, einem der bissigen Russen zu nahe zu kommen oder gar auf den Fuß zutreten. So wurde er mitgetrieben, bis der ganze Pulk allmählich ins Stocken geriet. Kai reckte und streckte sich, um den Grund erblicken zu können. Vor der kleinen Stahltür, aus der er vorhin noch nach draußen kam, staute sich alles. Es war wie ein Nadelöhr, durch das alle gleichzeitig hineinwollten. Ein Geschimpfe und Gegröhle auf Russisch um Kai wurde immer lauter. Kai schluckte instinktiv. Die Sprache hatte im normalen Redefluss ja schon eine gewaltige Wirkung, wenn Russen aber ungemütlich wurden, dann war das noch mal eine ganz andere Hausnummer. Kai versuchte einfach nur, nicht aus der Reihe zu tanzen und irgendwie auch bis zur Tür zu gelangen.
Zwei Hände packten ihn mit Nachdruck aus dem Nichts an den Schultern und schoben ihn vorwärts. Kai konnte sich nicht dagegen wehren, weil nun seine oberste Priorität war, jetzt nicht mit den Russen vor ihm zu kollidieren. Das würde ihm jetzt noch fehlen am ersten Tag sich gleich mit den miesesten Typen von ganz Russland anzulegen. Er schluckte und dirigierte den Schub von hinten durch die Meute. Zu seiner Verwunderung schienen immer mehr vor ihm Platz zu machen, oder viel mehr vor dem Heckantrieb in seinem Rücken. Kai war sich nicht sicher, ob er überhaupt wissen wollte, wer ihn hier durch die Masse schob. Im Normalfall hätte er zur Gegenwehr ausgeholt, wenn man ihn so behandelte, aber grade war er nicht in der Position Krawall anzuzetteln, nicht zwischen all den Kerlen, die wie durch die Meerenge von Gibraltar nach drinnen wollten. Also ließ er es widerwillig mit sich machen.
Ehe er sich versah, stand er drinnen und stoppte augenblicklich, als er merkte, dass sich vor ihm der Tumult den Korridor entlang auflöste. Er drehte sich auf dem Absatz um und sah in das Gesicht eines breit grinsenden Bryan. Kai rollte mit den Augen. Hinter Bryan schnaubte der Kerl, den er vorhin beim Holzhacken beobachtet hatte. Der auch noch. Machten die beiden hier gemeinsame Sache!? Noch ehe Kai seinen Blick auf „ich bring euch um!“, schalten konnte hörte er hinter sich einen lauten Pfiff. Er wusste genau, wer den losgelassen hatte. Er schnaubte genervt und drehte sich um. Den Gang runter an der großen stählernen Tür zur Kantine stand Yuri. Was auch sonst?! Kai knurrte, atmete dann tief durch und zwang sich dazu, Ruhe zu bewahren. Aber das mit dem Pfeifen, dass musste er Yuri dringend wieder abgewöhnen.
Bryan schob sich kichernd an Kai vorbei. Der Vogel schien sich mal wieder köstlich zu amüsieren. Kai schnaubte genervt und ballte die Fäuste.
Und auch der Muskelbepackte stapfte an Kai vorbei und klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. Kai hatte allmählich die Nase gestrichen voll! Dass er hier keinen ‚Master‘-Titel mehr hatte und nicht mehr dessen Vorzüge genoss, das hatte er sehr wohl verstanden, aber das hieß noch lange nicht, dass man ihn anfassen durfte, wie im Streichelzoo, ihn umherschob, wie man es grade brauchte, oder ihn wie einen dressierten Fifi herbeipfiff. Das musste schleunigst geklärt werden!
Deutlich angepisst knurrend lief er hinter Bryan und dem russischen Arnold Schwarzenegger hinterher den Gang hinunter zu Yuri.
Im Leben nicht! (Beta gelesen)
„Hey, Yuri, wir haben dir dein ‚Findelkind‘ wieder eingesammelt. Der würde sonst morgen früh noch da draußen stehen und auf Einlass warten.“, ulkte Bryan grinsend und machte mit seinem Daumen eine schwenkende Bewegung über seine Schulter zu Kai, als er auf Yuri zukam. Yuri schnaubte nur als Antwort. Er hatte den Wink mit dem Zaunpfahl sehr wohl verstanden. Dies war ein klares: „Ein weiteres Mal retten wir dir nicht den Arsch! Mach deinen Scheiß richtig oder kassier’ die Quittung!“.
Zugegeben, Yuri musste sich noch daran gewöhnen, dass er nun Kai im Schlepptau hatte… normalerweise galt hier: jeder ist für sich selbst verantwortlich. Friss oder stirb. Dass er sich nun auch um jemand anderes zu kümmern hatte, entsprach also nicht dem gängigen Verhaltensmuster.
Dass sein Fehltritt jedoch so viel Aufsehen erregte, und es ihm Bryan auch noch unter die Nase rieb, stieß Yuri sauer auf. Schließlich war er ja vorhin im Hühnerstall schon nachlässig gewesen. Das fuchste Yuri schon gewaltig. Heute war wohl nicht sein Tag. Er knurrte leise vor sich hin.
„Sieh‘ lieber zu, dass du für dich und dein ‚Riesen-Baby‘ noch einen Platz zum Futtern bekommst.“, mit dieser Aussage sah er von Bryan zu Spencer, der Yuri irritiert musterte. Bulls-Eye! Fronten geklärt!
Kai kam auf die drei zu. Er hatte offensichtlich genauso eine fantastische Laune vorzuweisen. Mit einem düsteren Blick und die Arme vor der Brust verschränkt, stellte er sich neben sie, als wäre das hier reines Pflichtprogramm für ihn.
Noch ehe sie in den Speisesaal eintreten konnten, schob sich ein kleiner Kerl an Kai und Spencer vorbei und wollte schon durch die Tür. Er hatte dunkles staubiges Haar, was ihm über seiner Schweißerbrille unbändig vom Kopf abstand. Aus seinen tiefen Taschen seiner grünen Latzhose ragte allerhand Werkzeug. Schraubenschlüssel, eine Rohrzange, ein Zollstock, sowie eine gute handvoll Muttern, Schrauben und Unterlegscheiben, die bei jeder Bewegung gegeneinanderschlugen und stets ein klackerndes Geräusch verursachten.
„Blockiert hier doch nicht alles! Ihr Plaudertaschen! Es gibt Leute, die müssen ihr Tagespensum schaffen! Also macht gefälligst Platz!“, maulte der Kleine, während er sich an Yuri und Bryan vorbei durch die Tür zwängte.
„Ian! Mach langsam! Deine alten Rohre laufen dir schon nicht weg!“, rief ihm fies grinsend Yuri nach. Er wusste genau, wie er ihn auf die Palme bringen konnte. Und Ian reagierte prompt. Er wirbelte mitten im Gehen auf dem Absatz herum.
„Hast du eine Ahnung!“, schimpfte der Kleine und baute sich vor Yuri auf. Was diesen immer wieder aufs Neue belustigte, denn Ian ging ihm selbst so gerade mal so bis zum Brustkorb.
„Wenn ich hier nicht die Leitungen in Stand halte, dann, …“, erklärte Ian hektisch und fuchtelte in der Luft herum. Bryan verbiss sich sein Lachen und Yuri überlegte kurz, ob er Ian bei dieser Darbietung überhaupt ernst nehmen sollte.
Er hatte immer etwas von einem impulsiven Rumpelstilzchen, wenn er sich so theatralisch aufregte. Und mit seiner zu kurz geratenen Körperstatur, unterstrich er das Bild zusätzlich. Der Kleine schnaubte, und sah die anderen an, die sichtlich Mühe hatten sich das Lachen zu verbeißen. Er fixierte Yuri mit einem tötenden Blick, als er begriff, dass er mal wieder auf Yuris Sticheleien reingefallen war. Er schnaubte noch mal, drehte Yuri verachtend den Rücken zu und wollte schon weiter Richtung Essensausgabe stapfen, als er auf dem Absatz kehrtmachte und Yuri noch einmal ansah.
„Ach, wo wir grade dabei sind: Kam das bestellte Lötzinn?“, funkelte er Yuri an, doch Yuri schüttelte minimal den Kopf. Ians Blick wandelte sich zu einem ironischen „War ja klar!“, drehte sich herum und maulte weiter vor sich hin.
„Was auch sonst, solange alles funktioniert, dann kann man mich veralbern und mich zum Narren halten, … das Zinn ist ja auch nicht wichtig, … aber heult hinterher nicht rum, wenn uns alles um die Ohren fliegt!“, schimpfte Ian vor sich hin, als er die kleine Gruppe verließ.
Yuri rieb sich durchs Gesicht. Treffer versenkt. Ian war zwar klein und leicht in Rage zu bringen, aber wenn er zum Gegenschlag ausholte, war er sehr präzise und gnadenlos.
Yuri wusste genau, wie wichtig das Lötzinn nicht nur für Ian, sondern für die ganze Abtei, war. Und er hatte es auch auf den Bestellschein geschrieben, aber was sollte er denn machen? Er war machtlos, wenn Boris darin rumpfuschte und Yuris notierte Bestellungen in Wodka umschrieb! Aber diese erniedrigende Stellung von sich in der Abtei, würde Yuri im Leben nicht preisgeben. Und schon gar nicht vor den anderen.
Zu dem hätte er doch jetzt nicht vor allen laut aussprechen dürfen, was wirklich Sache war. Er konnte es sich nicht erlauben, dass falsche Ohren mitbekamen, wie er über Boris dachte. Das hätte weitreichende Konsequenzen für ihn gehabt, wenn dies dann bis zu Boris durchsickerte. Und das würde es definitiv schneller, als dass es ihm lieb war!
Außerdem würde jede Erklärung hier wie eine Ausrede klingen. Es würde sich so anhören, als hätte er es schlichtweg vergessen zu notieren, oder an Boris weiterzuleiten. Es würde außerdem den Anschein machen, als würde er andere für seine Fehler vorschieben, und dies galt es hier zu vermeiden! Feige Hunde sah man hier nicht gern. Besonders solche nicht, die für ihre Missgeschicke nicht selbst einstanden.
Also schwieg Yuri.
Neben ihm knurrte Bryan.
„Ha, der Zwerg führt sich auf, als könne er mit seinem Bunsenbrenner die Titanic vorm Untergehen retten!“, motzte Bryan, und zog beleidigt eine Augenbraue hoch, während er die andere nach unten schob.
„Ja, der soll sich mal nicht so aufspielen. Wenn ich nicht den Dampfkessel vom Generator mit meinem Holz befeuere, wäre er hier so nützlich, wie ein Staubsauger in der Wüste!“, grunzte Spencer eingeschnappt.
Yuri ballte die Fäuste unbemerkt. Die beiden hatten keinen blassen Schimmer, was hier wirklich vor sich ging, und wie fragil die Versorgung in der ganzen Abtei mittlerweile war und was dadurch alles auf dem Spiel stand. Aber er konnte und durfte dazu nichts sagen. Wenn Boris auch nur irgendwie Wind davon bekommen würde, dass Yuri öffentlich seine Autorität untergrub, dann…
Weiter wollte er nicht darüber nachdenken. Die letzten blauen Flecken waren gerade erst einigermaßen abgeheilt. Auf neue konnte er getrost verzichten.
An Boris würde er sich nicht noch mal seine Zunge verbrennen. Er biss erzürnt seine Zähne aufeinander. Diesen Gefallen würde er diesem Mistkerl freiwillig kein zweites Mal machen.
Seine Fingernägel krallten sich in seine Handflächen. Er atmete tief durch. Er musste Ruhe bewahren. Er wusste genau, er stand seit dem letzten Vorfall unter besonderer Beobachtung und so lange musste er zumindest vordergründig parieren und sich dem Ganzen fügen.
Im Augenwinkel sah er, wie sich die Kuttenträger in seiner Nähe neu sortierten und näher rückten. Der Feind saß ihm seit Tagen im Nacken. Jede falsche Bewegung wurde registriert und bestimmt nach oben gemeldet. Wenn er nur könnte, wie er wollte…
Auch wenn es ihm überhaupt nicht passte, hatte er keinen freien Spielzug auf diesem Spielfeld und musste sein Zwangsaussetzten so hinnehmen. Er schluckte also seinen Groll widerwillig hinunter und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Wir sollten jetzt besser essen, bevor es nichts mehr gibt!“, sagte Yuri schroff. Er erklärte damit die Diskussion für beendet und marschierte zu der Schlange an der Essensausgabe. Kai sah auf und folgte ihm ganz ohne Anweisung. Yuri nahm davon nur kurz Notiz.
Boris‘ Handlanger beschäftigten ihn grade mehr. Boris‘ lausige Speichellecker sollten sich lieber um die wirklich wichtigen Probleme kümmern, statt Yuri die ganze Zeit zu beschatten. Sie hatten ihm vorhin sogar bis zum Pinkeln nachgestellt. Er konnte diese Gestallten auf den Tod nicht leiden. Dies resultierte daraus, dass man nie wusste, was sie letztendlich an Boris weitertrugen. Was sie dachten, gesehen oder gehört zu haben, womit sie einen dann bei Boris ans Messer lieferten. Ob es dann letztendlich wirklich so war oder nicht, das interessierte niemanden mehr. Man kassierte dann einfach. Deswegen blieb Yuri keine Wahl, als eine gute Miene zum bösen Spiel aufzusetzen, oder zumindest unauffällig zu bleiben.
Yuris Blick drehte sich von ihnen weg zu Olga, die damit beschäftigt war, jedem einen großzügigen Löffel voll Rassolnik auf die blechernen Teller zu schöpfen. Kai, der direkt hinter Yuri in der Schlange stand, sah etwas irritiert auf die gefüllten Teller vor ihnen. Yuri rollte mit den Augen und schüttelte genervt mit dem Kopf, als er Kais Reaktion auf das Essen bemerkte.
Yuri hatte heute absolut keine Geduld mehr für irgendwas Außerplanmäßiges, was bestimmt mit an seinem Hunger lag. Sein Frühstück war ja schließlich auch schon eine ganze Weile her und zudem auch nur eine halbe Portion der eigentlichen Menge gewesen. Kein Wunder, dass er nun eine Leere im Bauch hatte, die keinen Namen kannte. Yuri blies sich schnippisch eine seiner Strähnen aus dem Gesicht, nahm den Teller von Olga entgegen, nuschelte ein „Danke“ zu ihr rüber und nahm am erstbesten Tisch Platz, der noch Kapazitäten hatte. Kai saß ihm nach kurzer Zeit gegenüber und besah sich seine Suppe, als würde er das Haar darin suchen. Yuri schnaubte angepisst.
Der piekfeine Hiwatari-Spross war wohl eher Kaviar und Trüffel gewöhnt. Tja, davon konnte der feine Herr hier lange träumen. Hier gabs für alle dasselbe, egal wie man hieß oder welche Herkunft man hatte.
„Iss!“, zischte er zu dem Neuen rüber und senkte den Kopf, um sich den ersten vollen Löffel in den Mund zu schieben. Das salzig-saure warme Gemisch aus Fleisch und Gewürzgurken sickerte wohltuend in seinen Magen. Endlich! Er atmete auf. Es tat gut, wieder etwas im Magen zu haben, und es nicht teilen zu müssen. Der ganze Teller war nur für ihn allein. Er sah auf zu Kai, der skeptisch einen gefüllten Löffel beschnupperte.
Yuri sah ihn schief an. Wie konnte man sich nur so anstellen? Erwartete er etwa, dass man ihm noch Blattgold edel darauf drapierte?!
Es war schließlich warm und es füllte den Magen - mehr musste ein Essen in Yuris Augen nicht leisten können. Der Geschmack war dabei Luxus und sowas gab es hier nun mal nicht. Und wenn er jetzt nicht anfangen würde das zu essen, was er unter der Nase hatte, dann würde Yuri das für ihn übernehmen. Hier gab es keinen Freiraum für Pingeligkeiten.
Kai schob sich den Löffel in den Mund.
Geht doch!
Kais Gesichtsausdruck sprach jedoch Bände. Er kaute auf der Suppe rum, als hätte Olga Disteln eingekocht und schluckte es mühselig hinunter. Angestrengt schaufelte er noch ein paar gefüllte Löffel in sich hinein, bis er den Löffel lautlos neben dem Teller auf den abgenutzten Tisch niederlegte. Yuri hatte derweil seinen Teller schon fast leer und sah ihn fragend an. Was denn? Kai, der es mit Molotow aufnahm, kapitulierte an einem Teller Suppe?! Kai sah ihn entschlossen an.
„Hier!“, zischte ihn Kai ungeschickt auf Russisch an, schob den Teller zu Yuri rüber und verschränkte demonstrativ seine Arme vor der Brust.
Yuri sah ihn überrascht an.
Kai schien das Wort wohl von ihm aufgeschnappt zu haben. Yuri zuckte mit den Schultern. Also gut, wenn er sein Essen wirklich nicht wollte, würde Yuri bestimmt nicht zu einer zweiten Portion ‚Nein‘ sagen. Vor allen Dingen nicht, da hier das Gesetz des Schnelleren galt. Also schnappte er sich Kais Teller und schaufelte sich schlürfend die Suppe in seinen Mund, bevor es ein anderer mitbekam und sie ihm streitig machte.
Langsam besserte sich Yuris Laune. Der zweite Teller Suppe war ein willkommener Ausgleich zu der Kascha-Kürzung am Morgen. Frisch gestärkt würde Yuri den restlichen Tag sicherlich besser wegstecken, als wenn der Magen ständig Hunger meldete.
Alles unter Kontrolle! (Beta gelesen)
Kai saß da und sah Yuri zu, wie er gierig seinen eigenen Teller voll Suppe in sich hineinschaufelte. Unfassbar, wie schnell er aß… Was war das eigentlich, was man ihnen zum Essen gab? Es schien eine Art von eingelegten Gurken zu sein, die kleingehackt mit kleinen Fleischstücken in einer dünnen, rötlichen Brühe zusammen mit reisähnlichem aufgequollenem Getreide schwammen. Hier und da hatte sich wohl etwas Grünes, wie Petersilie, darin verirrt. Das war ein wirklich seltsam anmutender Eintopf, der zudem sehr nach Essig schmeckte und roch.
Kai rümpfte die Nase. Es zog ihm den Magen zusammen, als würde er sich verknoten wollen. Der Geschmack war zwar ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber dass sein Magen so konsequent mit Veto reagierte, kannte er von seinem Körper nicht.
In der japanischen Küche gab es schließlich auch Dinge, die durchaus eigenartig schmeckten. So wie Natto, aber das russische Essen schien irgendwie anders auf den Körper zu wirken. Wieder spürte Kai dieses Drücken und Ziehen in der Magengegend. Und wohl besonders auf seinen Körper. Er unterdrückte einen Rülpser. Er sah sich um. Die anderen schienen keine Probleme damit zu haben. Sie aßen wie die Räuber, als seien sie ausgehungert, ihre Teller in Windeseile leer.
Kai atmete tief ein.
Seit dem Morgen, nach dem breihaltigen Frühstück, hatte er fast sowas, wie Steine im Bauch. Immer wieder schien sein Körper damit zu kämpfen. Nichts, was er unbedingt als schmerzhaft verbuchen würde, aber besonders angenehm war es auch nicht. Und dass obwohl er nur wenige Löffel davon essen konnte. Vielleicht brauchte sein Körper einfach nur Zeit, um sich an die Essensumstellung zu gewöhnen.
Deshalb entschied er, es weiterhin langsam mit dem unbekannten Essen anzugehen und den Rest seiner Eintopfportion zu Yuri rüberzuschieben. Der sah ihn verwundert an, aber schien sich dann doch darüber zu freuen. Er machte sich ohne Umschweife schlürfend auch über Kais Teller her.
Erneut fing Kais Bauch an, Theater zu machen. Langsam nervte es ihn. Das ging nun schon den halben Tag so, …
Maul halten!
Kai grummelte leise vor sich hin, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. In ein paar Tagen würde alles wieder beim Alten sein. So lange würde er einfach rationiert Essen zu sich nehmen. Er musste ja nur so viel essen, dass er über den Tag kam, und es vorerst vermeiden, sich nicht unnötig den Bauch vollzuschlagen.
Das schien ihm eine logische Problemlösung. Seine Augenbrauen zuckten kurz zusammen, als der Magen erneut Meldung gab.
Wag es nicht!
Nach außen saß Kai ruhig da, die Beine betont lässig übereinandergeschlagen, die Arme vor der Brust verschränkt. Er versuchte, sich abzulenken und seinen körperlichen Regungen keine Bühne mehr zu geben. Weder sich selbst gegenüber, geschweige denn vor den anderen, hatte er vor, dem Körper diese Schwäche zu erlauben.
Wäre doch gelacht, wenn er das nicht in den Griff bekäme. Das war schließlich nur alles eine Sache der Disziplin. Innerlich grinste er siegessicher. Davon war Kai zu hundert Prozent überzeugt. Was er nicht beachtete, gab es auch nicht! Das galt auch für diesen Fraß!
Er schloss die Augen. Das Essen zu riechen, reichte ihm völlig; da musste er es nicht auch noch die ganze Zeit sehen. Zudem wollte er damit seinen Magen unter Kontrolle bringen. Deswegen konzentrierte er sich auf das klappernde Geräusch vor ihm, wenn Yuri seinen Löffel durch den metallischen Suppenteller zog. Er fokussierte sich auf dieses Geräusch und konnte die anderen schmatzenden Mäuler in der Halle fast komplett ausblenden. Er hörte nun fast ausschließlich Yuris Schlürfen und konnte so mühelos herauslesen, ob er noch am Essen war oder nicht.
Zudem wusste Kai sich zu benehmen und empfand es als unhöflich, anderen beim Essen zuzusehen, wenn man selbst nichts aß. Somit war für ihn das Augenschließen das Sinnvollste, was er grade tun konnte.
Da er grade nicht viel machen konnte, ließ er seine Gedanken schweifen: Yuri schien mit den anderen etwas wie eine Freundschaft zu pflegen. Nein, … Kai runzelte die Stirn. Nein, … dass stimmte so nicht. Das war der falsche Begriff. Es war eher eine Art Zweckgemeinschaft oder aber auch etwas, wie eine geduldete Koexistenz. Vielleicht auch eine eigennützige Weise von Zusammenhalt, was zwischen den vieren herrschte.
Zum einen war da dieser alberne Vogel: Bryan. Kai schnaubte genervt.
Ständig gab er dieses nervende Kichern von sich und konnte es nicht lassen, alles und jeden zu veralbern. Als würde er nichts ernst nehmen können. Kai konnte sich ein innerliches Augenrollen nicht verkneifen. Wie konnte man nur so kindisch sein? Ob er Stolz besaß? Kai überlegte kurz. Vielleicht ein bisschen, wenn dann aber nur kurzweilig. Ob er ihn ernst nehmen sollte? Diese Frage verwarf Kai schnell wieder, … darüber nachzudenken, war ihm die Mühe nicht wert.
Dann gabs da noch den Kleinen: Ian nannten sie ihn. Kai musste schmunzeln. Der Kerl ging ihm gerade mal bis zu den Schultern, aber er versuchte unentwegt Eindruck zu schinden. Zudem sehr aufbrausend, fast schon cholerischer Natur. Kai schüttelte gedanklich den Kopf. Wirklich kaum zu glauben, dass der kleine Wicht, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Yuri angelegt hatte. Wirklich mutig, oder aber auch einfach nur töricht, ... Selbstbewusstsein hatte er zumindest – ja, das auf jeden Fall. Aber gefährlich? Kai grinste innerlich. Nein, das absolut nicht.
Und der ganz große? Kais Gedanken stockten kurz. Viel wusste er noch nicht über ihn. Bisher wusste Kai nicht einmal, wie er hieß. Was er wusste: Muskeln prägten sein Erscheinungsbild überall. Er hatte definitiv Präsenz, wenn er den Raum betrat. Das konnte Kai nicht leugnen. Es war wohl besser, wenn man dem Typen nicht in die Quere kam. Und trotzdem … im Kopf schien es bei ihm wohl nicht allzu helle zu sein. Kai hatte Respekt vor der Muskelkraft, ja, aber in Kais Augen wirkte er aber mehr wie ein leicht einfältiger Geselle.
Und der Vierte im Bunde war Yuri. Ein langer, schlaksiger Bursche. Körperlich ein Fliegengewicht, aber im Köpfchen offenbar sehr fit. Er hatte zwar nicht so eine Präsenz, wie der Breitrückengorilla, und war auch um einiges ernsthafter als Bryan und schien auch nicht so furchtlos, wie Ian zu sein, … und doch war er wohl recht zäh und wusste sich durchzubeißen. Gerade das machte ihn gegenüber den anderen irgendwie anders. Auf eine seltsame Art fand Kai ihn interessant, fast ein wenig gefährlich, …wenn man das so nennen konnte. Naja, … zumindest auf seine eigene verschrobene Weise.
Kai lehnte sich zurück, um seinem noch immer rebellierenden Magen etwas mehr Raum zu verschaffen, denn so konnte er seinen Bauch etwas mehr entspannen. Sein Rücken lag nun gegen die kalte Steinwand hinter ihm. Er verschränkte die Arme vor der Brust neu und beobachtete die Szene vor seinem inneren Auge mit einer Mischung aus Spott und pragmatischem Respekt:
Ian war nur Lärm, Bryan nur Theater und der Große nur Muskelmasse, …
Aber keiner von ihnen schätzte er so ein, dass sie ihm im Ernstfall gefährlich werden konnten.
Nur bei Yuri schien er ins Straucheln zukommen. Verdammt, was hatte dieser Kerl nur an sich, dass Kai stehts das Gefühl hatte, ihn nicht unterschätzen zu dürfen?
Kai knurrte vor sich hin, als er sich bei diesem Gedankengang über Yuri erwischte.
So ein Mist! Wieso sollte ihm einer, wie Yuri gefährlich werden können? Was sollte diese Bohnenranke schon gegen ihn ausrichten können?! Noch ehe Kai dem Gedanken zu Leibe rücken konnte, stellte Yuri die Teller aufeinander und Kai öffnete die Augen. Er hatte nicht bemerkt, dass Yuri nicht mehr am Essen war. Zu tief war er in seinen Gedanken abgetaucht gewesen.
Es brauchte einen kurzen Moment, bis sich Kais Augen wieder an die Umgebung und das Licht gewöhnt hatten.
Yuri erhob sich, mit routinierten Handgriffen hatte er Besteck und Teller zusammengerafft und trug sie zu Olga zurück.
Also gut, dann wollen wir mal. Kai erhob sich. Sein Magen legte eine weitere Beschwerde ein, doch das hatte er sich ja vorgenommen zu ignorieren.
Kai sah sich um. Noch schien der ganze Saal in ein freies Pöbeln und Witzeln auf Kosten aller verstrickt zu sein. Es hatte fast etwas von einer Pausenhofatmosphäre. Alles schien ungezwungen vor sich hinzuplätschern. Kais Blick wanderte durch den Saal.
Erst jetzt fiel ihm die ungewöhnliche Bauweise dieser Halle auf. Sie hatte im Gegensatz zum restlichen Zustand der Anlage, sogar Buntglasfenster mit stilvollen Verschnörkelungen an den Rahmen. Allgemein schien hier mehr Wert auf den Allgemeinzustand gelegt worden zu sein. Kai sah sich immer mehr um. Interessanterweise gab es unter den großen bunten Fenstern eine Erhöhung im Saal. Ganze fünf Stufen führten dort hinauf. Sie erstreckten sich über die ganze Breite des Raumes. Beeindruckend war auch die Deckenhöhe, sie war an dieser Stelle ungewöhnlich hoch. Sie war dunkel gehalten mit vergoldeten Elementen. Es gab dort sogar eine richtige Kuppel mit sternförmigen Gebälk, was wohl die ganze Konstruktion stützte.
Von dort hingen zwei mehrarmige Kerzenhalter von der Decke. Wirklich beeindruckend, stellte Kai für sich fest. Denn wenn auch sonst auf der ganzen Anlage eher Mangel herrschte, so hatte man dort wohl eindeutig andere Ansichten einfließen lassen.
Mittig auf dieser Erhöhung stand ein Tisch aus dunklem Holz. Auf dem, im Gegensatz zu den Tischen, an denen die Jungen speisten, sogar eine Tischdecke lag. Sie war samtig rot mit goldenen Fransen und Quasten. Darauf standen Silberkrüge. Und auch die Stühle um den Tisch herum waren samtig rot gepolstert und ihr dunkles Holz glänzte edel im flackernden Licht der Halle.
Kai war erstaunt, so etwas hier zu sehen. Diese Logik erschloss sich Kai nicht im Geringsten. Wie konnte so etwas Edles neben so viel Entbehrung existieren und schien keinem etwas auszumachen. Äußerst seltsam.
Dann fiel ihm eine schmale Messingtreppe auf. Er folgte dem Verlauf der Treppe mit seinem Blick die Wand entlang und sah eine Art kleinen Balkon am oberen Ende der Treppe.
Was war das denn? Und für was gab es diese Vorrichtung?
Welch einen Sinn hatte eine Treppe, die offensichtlich im Nichts endete? Kai versuchte den Nutzen dahinter zu verstehen. Handelte es sich hier etwa um eine Aussichtsplattform? Kai sah in die gegenüberliegende Richtung und sah zwangsläufig zu Olga, die die dreckigen Teller von Yuri entgegennahm. Nein. Wohl eher nicht. Wer wollte so etwas von da oben schon sehen wollen? Dies konnte nicht der Grund für dieses seltsame Bauwerk sein. Oder, ….
Hatte es vielleicht etwas mit Kontrolle zu tun? Natürlich! Kai fiel es wie Schuppen von den Augen. Es ging hier nicht um die Aussicht von dort oben. Es war ein Kontrollturm, wie in einer Militärkaserne. Kai schnappte nach Luft. Von dort konnte man den ganzen Saal überblicken und genau beobachten, was in diesem Wirrwarr an halbstarken Kerlen los war. Kai schluckte. Nun war ihm alles klar. Das war mehr als eindeutig, dies hier war absolut keine Bildungsstätte, sondern ein Mittel zum Zweck.
Blitzschnell hatte er nun die Lage erkannt und gescannt. Mit einem hektischen Blick hatte er die Ecken des Saals lokalisiert. Dort standen sie: die Kuttenträger! Jetzt machte alles Sinn!
Deswegen, auch die Reaktionen der anderen, wenn sie ihnen begegneten. Diese Typen waren keine Betreuer, sondern viel mehr die Machtinstrumente für offene Kontrolle über alles und jeden. Kai knurrte und sein Magen krampfte sich wieder zusammen. So was Widerwärtiges! Er ballte seine Fäuste. Was war das hier für ein Saftladen? Dass man mit den Jungen so umging?
Die Hintergründe zu alldem kannte Kai zwar noch nicht, aber es war mehr als naheliegend, dass dieser schmierige Boris seine stinkenden und dreckigen Finger großzügig mit im Spiel hatte. Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten.
„Kai!“, wurde er angesprochen. Kai schreckte aus seinen Gedanken hoch.
Yuri stand fordernd vor ihm. Er machte eine nickende Kopfbewegung zur großen gusseisernen Tür und ging voraus.
Kai seufzte. Also gut, dann auf ein Neues. Das ewige ‚Hündchen-Spiel‘ kannte er ja schon. Zumindest hatte Yuri mal nicht nach ihm gepfiffen und ihn sogar mit seinem Namen angesprochen. Ein Fortschritt. Wenn auch ein kleiner. Etwas träge erhob Kai sich von seinem Platz und folgte Yuri nach draußen.
Aufgeben? Niemals! (Beta gelesen)
Yuri streckte sich derweil, bis Kai vor ihm in die Puschen kam. Welch eine Wohltat es doch war, sich endlich mal satt essen zu können. Kais Portion war doch tatsächlich das Zünglein an der Waage gewesen. Es war wirklich erstaunlich, kaum war der Hunger mal richtig gestillt, fühlte sich der Tag schon ganz anders an.
Er stapfte frohen Mutes voraus, durch die gusseiserne Tür aus dem ehemaligen Kirchenschiff der Abtei, welches nun von allen als Speisesaal genutzt wurde. Yuri war sichtlich guter Dinge und schien fast so quirlig und leichtfüßig, wie Bryan durch die Flure zu wandern. Er ertappte sich dabei, fast zu gute Laune zu haben und versuchte sich zu zügeln. Er setzte ein kälteres Gesicht auf und versuchte mit mehr Körperspannung zu laufen. Woher plötzlich die ungewohnte Euphorie kam, konnte er sich selbst nicht ganz erklären, aber vor Kai wollte er jetzt auch nicht als Sunnyboy wirken. Deswegen versteckte er es vor ihm und tat wie immer und grinste lieber in sich rein. So schritten sie beide die Flure entlang.
Sie liefen schweigsam den Gang des Ostflügels entlang, von dem man durch die alten Fenster in den verschneiten Klostergarten sehen konnte, vorbei an der Wendeltreppe zu Boris Turm und bogen dann durch einen steinernen Deckenbogen in Richtung des Westflügels der Anlage ab.
Bis sie schließlich vor der alten hölzernen Treppe mit den abgetretenen Stufen standen. Sie führte in den ersten Stock zu den Schlafkammern, doch dort wollte Yuri gerade nicht hin. Kai lief an ihm vor bei und wollte schon die Treppe hoch.
„Noch nicht, erst später. Wir müssen zuerst raus in den Hof.“, sagte Yuri kopfschüttelnd und entriegelte eine zweiflüglige Tür, gegenüber der hölzernen Treppe und schob den ersten Türflügel nach draußen auf. Eine kalte Windböe fing sich sofort in den Gemäuern der Abtei und fegte durch die Haare der beiden. Yuri sah hinter sich und bemerkte, wie Kai unbeeindruckt die Stufen hochstieg.
Ach, stimmt ja. Kai verstand ja immer noch kein Wort Russisch. Welch eine nervige Angelegenheit. Yuri seufzte. Er war es so gewohnt, dass er mit allen anderen normal auf seiner Sprache reden konnte, dass es ihm immer erst dann dämmerte, dass Kai ihn nicht verstand, wenn dieser nicht dementsprechend auf seine Worte reagierte.
Kai war derweil völlig unwissend schon halb die Treppenstufen oben, als Yuri ihn zurückrief.
„Kai!“, rief Yuri ihm nach, als er den Torriegel an dem unteren Ende der zweiten Tür aus dem Boden zog und diesen Türflügel ebenfalls nach draußen aufschob. Kai blieb auf eine der mittleren Treppenstufen stehen und sah Yuri dabei zu, was er da trieb.
„Komm.“, sagte Yuri zu ihm auf Russisch, denn dieses Wort schien er mittlerweile zu verstehen. Kai zeigte fragend nach oben in den ersten Stock, doch Yuri schüttelte den Kopf. Er zeigte in den Hof. Kai schnaubte augenrollend und kam die Stufen wieder runter.
Yuri zog sich seinen Kragen bis an die Ohren hoch und lief schräg über den Hof zu einem Schuppen. Auch dort entriegelte er die nächste Tür und verschwand darin. Kai blieb mit verschränkten Armen vor der Brust am Türrahmen des Westflügels gelehnt stehen und sah Yuri nach.
Yuri unterdessen betrat den Schuppen und wurde dort mit den Hufen scharrend und mit schnaubenden Nüstern von den beiden Kaltblüterpferden empfangen, die in zwei der drei alten Boxen den Winter über untergebracht waren.
Im Frühjahr und im Sommer halfen sie ihnen bei der Feldarbeit, oder beim Einbringen vom selbst geschlagenen Holz aus dem angrenzenden Waldstück. Jedes Jahr im Herbst war ihre letzte Aufgabe die schweren Kohlköpfe mit dem Einachsgespann vom Feld in die Abtei zu führen. Dies musste vor dem ersten Frost geschehen, denn das gefrorene Kopfsteinpflaster im Hof war für die Pferde mit ihren beschlagenen Hufen zu gefährlich, denn sie waren für die schweren Arbeiten rund um die Abtei unentbehrlich. Würden sie aus Unachtsamkeit stürzen oder sich gar die Läufe brechen, wären sie gezwungen ihnen den Gnadenstoß zu versetzen. Aus diesem Grund standen sie im Winter Tag und Nacht in ihren Boxen. Die Jungen mussten sie im Wechsel immer zu zweit ausmisten, putzen und füttern. Yuri hatte die beiden Tiere irgendwie ins Herz geschlossen. Sie waren stolz und stark, das imponierte ihm.
Er brachte ihnen hin und wieder, wenn es die Gunst der Stunde zuließ, heimlich Kleinigkeiten, wie Möhren aus dem Lager vorbei. Er hatte auch die leise Vermutung, dass nicht nur er ihnen kleine Leckereien brachte. Er hatte Olga schon oft schimpfen hören, dass Salz oder Zucker in der Küche verschwunden waren. Manchmal fehlte auch etwas vom Hafer oder auch Äpfel, die sie plötzlich lautstark vermisste. Es war wohl ein offenes Geheimnis, dass diese beiden Hufträger einige Verbündete unter den Jungen hatten. So kaltschnäuzig und rau es hier so manches Mal unter den Jungen zuging, schien es doch einige unter ihnen zu geben, die das Herz am rechten Fleck hatten und sie zufütterten.
„Na, Oleg.“, begrüßte er den rötlich braunen und ließ ihn als Begrüßung an seiner Hand riechen. Er rieb dem alten Knaben über die weiße Blässe bevor er in den Kragen seiner Jacke griff, um nach der Möhre aus der Innentasche seiner Jacke zu fingern.
„Hier, das ist für dich. Aber sag es keinem.“, flüsterte er und hielt dem Pferd eine krumme Möhre hin. Der alte Wallach machte sich knuspernd über das willkommene kleine Geschenk her. Just in dem Moment wieherte der andere eifersüchtig in seiner Box.
„Pst, Rasputin. Beruhig dich.“, flüsterte Yuri und griff noch mal durch den Kragen in seine Jacke.
„Ich habe doch für dich auch eine.“, sprach Yuri ruhig auf ihn ein und ging auf den dunklen jüngeren Rappen zu. Dieser war wilder und ließ sich nicht gern anfassen, aber gegen eine kleine Möhrenbestechung hatte auch er nichts einzuwenden. Yuri klopfte ihm mit der flachen Hand am Hals.
„Ihr müsst doch leise sein. Wenn das einer mitbekommt, kann ich euch keine mehr mitbringen.“, sagte er leise. Da hörte er ein Räuspern an der Tür.
Yuri drehte sich erschrocken um und sah Kai. Dieser sah ihn skeptisch mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Das hatte Yuri gerade noch gefehlt, dass Kai gesehen hatte, dass er die guten Möhren an die Pferde verfütterte. Wenn er das Boris meldete, war Yuri geliefert. Yuri schnaubte und rollte mit den Augen. Er tat unbeeindruckt und rieb sich die Hände an seiner Hose sauber, als hätte er nichts Verdächtiges getan. Er ging an Kai vorbei, tat so, als wäre er nur hier, um seinen Aufgaben nachzugehen.
Er lief in die leere Pferdebox, in der sich Holzkisten stapelten. Mit einem beherzten Griff hatte er zwei gut gefüllte davon in den Armen, ging auf Kai zu und drückte sie ihm entgegen. Mit einem überrumpelten Japsen hatte er die Kisten im Arm. Yuri rümpfte die Nase. Selbst schuld! Wenn er schon mal da war, konnte er auch mit anpacken! Basta! Dummrumgestanden und geklotzt wird hier nicht! Das Spitzeln würde er ihm schon noch austreiben.
„Hier!“, zischte Yuri streng. Er wusste, auch dieses Wort verstand Kai mittlerweile ganz gut. Er ging zurück in die Box und schnappte sich eine der Größeren, die ein beachtliches Gewicht hatte und schob sich an Kai vorbei in den Hof. Dort hatten sich unteressen schon die anderen Jungen eingefunden. Die letzten trudelten grade vom Mittagessen im Hof ein.
Es herrschte, wie immer, ein wuseliges Treiben, wenn die Jungen ohne Aufsicht alle zusammenkamen. Es wurde geschupst und gepöbelt. Derbe Sprüche jagten von einem zum anderen über den Hof, gefolgt von ausgelassenen Witzeleien oder Spott.
Im Fokus stand mal wieder Ian. Sie hatten ihm die Schweißerbrille vom Kopf genommen und warfen sie hin und her. Der Kleine hatte so natürlich unter all den Großen keine Chance sie zurückzubekommen. Yuri rollte mit den Augen. Sie konnten es nicht lassen.
„So ein Kindergarten, …“, stöhnte Yuri auf, als er mit der Kiste im Arm an ihnen vorbeilief. Und natürlich war bei so einem Tumult Bryan ganz vorn mit dabei.
„Hey, Bryan! Du Spielkind, … benimm dich. Gib sie ihm zurück!“, tadelte ihn Yuri im Vorbeigehen. Bryan sah auf und lachte schelmisch.
„Vergiss es! Im Übrigen, das Kindermädchen kannst du ruhig bei Kai spielen!“, kam es schallend lachend von Bryan zurück. Kai hob kurz seinen Kopf an, als er seinen Namen hörte. Sah dann aber nur, dass Bryan Ians Brille in der Luft vor ihm herumschwenkte und ihn neckte. Kai rollte genervt die Augen. Der Vogel fühlte sich wohl mal wieder allein durch seine Körpergröße Ian überlegen.
„Haha, so hoch kommst du nicht, Ian. Da musst du wohl noch etwas wachsen!“, lachte Bryan. Ian knurrte ihn an und holte aus. Blitzschnell und ohne Vorwarnung landete Ians Ellenbogen treffsicher in Bryans Unterbauch. Dieser ächzte auf und sackte augenblicklich zusammen.
„Treffer - versenkt!“, grinste Yuri voller Genugtuung und ging weiter zur Mitte des Hofes.
„Ich muss nicht wachsen, um dich klein zu kriegen, Bryan. Merk dir das!“, fauchte der Kleine, schnappte sich mit einem kleinen geschickten Sprung seine Brille und stapfte als Sieger davon.
„Dich krieg ich noch, Giftzwerg!“, japste Bryan und hielt sich den schmerzenden Bauch.
„Tja, wer nicht hören will muss fühlen.“, grunzte Spencer fast ein bisschen schadenfroh hinter Bryan und klopfte ihm breitgrinsend auf die Schulter.
„Halt du dich da raus, Holzkopf!“, maulte Bryan vom Schmerz gebeutelt.
Gerade als Yuri die Kisten mittig im Hof platziert hatte und Kai seine daneben gestellt hatte, stand Boris schon in der zweiflügligen Tür des Westflügels. Er stand dort im festen Stand und fixierte die Jungen.
Mit einem Mal war der noch eben wuselnde Haufen an halbstarke Knaben völlig still und sortierte sich in Reihen. Auch Yuri gliederte sich unaufgefordert ein. Und auch Kai tat es ihnen leicht verzögert gleich, jedoch wirkte es recht unbeholfen, als wisse er noch nicht, wohin mit sich selbst in dieser Situation.
Boris räusperte sich. Mit einem Ruck standen alle Jungen stramm. Das Kinn gestreckt, Hände auf dem Rücken, Schultern und Rücken unter Spannung und die Hacken schlugen mit einem gemeinsamen schallenden Geräusch zusammen. Nur Kais Hacken schlugen als einzige zeitversetzt nach.
Ohne ein Wort kam Boris auf die Jungen zu und blieb mit gebürtigem Abstand vor ihnen stehen. Es war still, nur der kalte Wind pfiff ihnen um die Ohren. Ab und zu krähte Molotow von der anderen Seite der Abtei zu ihnen rüber.
Yuri biss angespannt die Zähne zusammen und tat so, als hätte er Kais Patzer nicht mitbekommen. Das konnte ja noch was werden. Er kannte Boris genau und wusste, dass er es gar nicht gerne sah, wenn die Jungen nicht ausnahmslos spurten. Im Augenwinkel sah er zu Kai, der eben Mühe hatte dem Ganzen nachzukommen und zu folgen. Jetzt konnte Yuri nicht viel für ihn tun. Er war auf sich gestellt. Na, wenn das mal gut ging.
„Yuri!“, bellte Boris und riss Yuri aus seinen Gedanken. Yuri merkte die Blicke der anderen im Nacken. Sie brannten sich ein und er wusste, egal was Boris nun mit ihm vorhatte, es war eine Bloßstellung vor allen anderen.
„Ja, Gasbardin, Sir!“, antworte Yuri gehorsam und machte einen Schritt vor. Er schloss die Beine wieder und stand stramm. Sein Blick starr geradeaus gerichtet.
„Zehn Liegestütze!“, fauchte Boris und wandte sich schon ab. Moment mal, ... Was?! Wieso? Was sollte das jetzt? Was hatte er denn getan, dass man ihn bestrafte?
„Sir?“, fragte Yuri irritiert nach. Boris fuhr herum und bewegte sich mit strengem Blick auf Yuri zu.
„Habe ich dir heute Morgen nicht deutlich genug gesagt, dass der neue dein Problem ist?“, fragte Boris schroff. Bryan hinter Yuri kicherte. Ein Blick von Boris und Bryan erstarrte wieder zur salutierenden Salzsäule. Yuri verbiss sich seinen Frust über die Situation.
Ok, jetzt war es offiziell: jetzt wusste es wirklich jeder einzelne auf dem Platz. Und Yuri konnte sich auch denken, was Boris damit bezweckte. Sobald alle wussten, dass Yuri für Kai haftete, rechnete Boris damit, dass die anderen ihm das Leben schwer machen würden. Dieser Mistkerl kalkulierte dieses Verhalten großzügig mit ein und schürte, wann immer er es konnte, Missgunst unter den Jungen.
Mit einem kontrollierten Schritt stand Boris direkt vor Yuri und baute sich vor ihm auf.
„Oder willst du mir etwa weiß machen, dass das hier, ...“, er zeigte auf Kai der leicht gekrümmt dastand und unter den ganzen parierenden Kerlen deutlich hervorstach.
„… das ist, was ich von dir verlangt habe!?“, Boris erhob erzürnt die Stimme. Yuri schielte vorsichtig zu Kai rüber,
„Willst du mich VERARSCHEN?!“, keifte Boris über den Hof. Instinktiv zuckte Yuri zusammen und zog die Schultern hoch.
„Nein, Sir, …“, sagte Yuri fast eingeschüchtert nuschelnd mit einem kurzen vernichtenden Blick zu Kai. Verdammt. Konnte der Kerl sich nicht einmal so verhalten wie alle hier!? War das denn so schwer!?
„ICH HÖR DICH NICHT!“, schrie ihn Boris vor allen zusammen. Yuri zuckte erneut kaum merklich zusammen. Und war wieder mit seinen Gedanken voll bei Boris. Er schluckte kurz.
„NEIN! GASPARDIN – SIR!“, wiederholte Yuri laut und deutlich.
„Gut.“, sagte er genüsslich in normaler Tonlage. In Yuri brodelte es. So ein selbstgefälliger Bastard! Yuri knurrte leise. Seine Hände auf seinem Rücken ballten sich zu Fäusten.
„Zehn Liegestütze, Beide! Aber plötzlich! Und ihr anderen glotzt nicht so dämlich! Zwanzig Runden über den Platz - LOS!“, befahl Boris. Und wandte sich ab. Yuri warf einen Blick zu Kai. Der schien gar nicht wirklich zu begreifen, was hier los war. Die anderen liefen die erste Runde im Gleichschritt um sie herum.
Yuri ging, wie ihm geheißen, mit seinen Händen auf den Boden und fing an mit den ersten Liegestützen. Die Arme durchdrücken, den Oberkörper hoch, und wieder ablassen. Immer wieder. Seine Finger brannten auf dem vereisten Boden. Leicht zeitverzögert war auch Kai neben ihm in Bodennähe. Sie stemmten schon einige Liegestützen. Als Boris wieder vor ihnen stehen blieb.
„Ich hör euch nicht!“, maulte Boris. So ein Sadist. Von wegen zehn. Das war pure Absicht.
„Eins.“, zählte Yuri, seine nackten Finger gruben sich in das vereiste Kopfsteinpflaster.
„一 “, kam es von Kai knurrend.
„Zwei.“, ächzte Yuri, der eigentlich schon bei sieben gewesen wäre, doch dank Boris musste er ja noch mal bei eins anfangen zu zählen.
„二 .“, zählte Kai auf Japanisch weiter.
„Drei.“, kam es angestrengt von Yuri und er spürte, wie die Haut seiner Finger schon am Festfrieren war.
„三 “, knurrte auch Kai angestrengt.
„Vier!“ Yuris Hände brannten immer mehr, doch noch intensiver brannte in ihm der Groll gegen Boris, der sich sichtlich daran ergötzte, wie sich vor seinen Füßen Kai und Yuri im Dreck abmühten.
„四 “, hörte Yuri Kai neben sich, der genauso am Kämpfen war. Liegestütze allein waren eine Sache, aber mit den bloßen Händen auf dem gefrorenen Kopfsteinpflaster eine ganz andere Geschichte. Mit jedem Auf und Ab der beiden schallten abwechselnd die Zahlen auf Russisch und Japanisch durch den Hof, begleitet vom Gleichschritt der anderen, die um sie herum ihre Runden liefen.
„八 “, keifte Kai neben ihm. Yuri hörte ihn neben sich japsend atmen. Der Goldjunge war dieses Fitnessprogramm offensichtlich nicht gewohnt! Yuri grinste fast ein wenig. Dem würde er es zeigen! Yuri gab niemals auf. Nicht vor Kai und schon gar nicht vor Boris.
„NEUN!“, schrie Yuri fast, als er sich wieder vom Boden hochdrückte. Kai gab aber auch nicht auf. Und ging mit dem Oberkörper mit Gegenwehr wieder hoch.
„九 “, antwortete Kai angestrengt. Yuri lies sich wieder runter. Der beißende Kälteschmerz in den Fingern nahm sadistische Ausmaße an. Seine Nase war knapp über dem vereisten Boden. Er würde hier nicht vor allen schwächeln… niemals!
„AHHH -ZEEEEHN!“, stöhnte Yuri auf, als er sich ein letztes Mal vom Boden hochdrückte. Geschafft!
Er löste seine brennenden Hände vom vereisten Boden und blieb auf den Knien neben Kai sitzen. Seine Handflächen brannten, stachen und pochten. Sie waren so rot, als hätte er sie auf der Herdplatte gehabt, doch das musste er auf später verschieben. Das Training war noch lange nicht zu Ende und solange galt: Schmerzen gab es keine!
Er sah zu Kai, der deutlich länger brauchte, um wieder hochzukommen. Yuri grinste siegessicher. Kai neben im atmete schwer. Er keuchte fast. Von seiner Stirn tropfte der Schweiß zu Boden. Er knurrte. Seine Arme erzitterten.
„十 “, schrie Kai auf und drückte seinen Oberkörper hoch. Sein Atem ging schnell. Fast etwas zu schnell. War der Goldjunge wirklich so untrainiert? Aber selbst wenn, die zehn hatte er geschafft, das musste man ihm lassen. Er hatte es ohne Murren durchgezogen. Kai blieb mit dem Gesicht über dem Boden und zog die Knie unter den Körper, so dass er auf allen Vieren neben Yuri auf dem Boden kniete und nach Luft japste.
Yuri richtete sich auf. Stramm stellte er sich hin. Noch immer leicht außer Atem spannte er den Rücken an, zog die Schultern straff, streckte das Kinn und schlug die Hacken zusammen. Kai sah ihn von unten an.
„Na, los steh auf!“, flüsterte ihm Yuri auf Russisch zu und hoffte, dass Kai ihn irgendwie verstand. Kai ächzte und stand auf. Wenn auch träge, stand er wenige Sekunden später genauso ausgerichtet, wie Yuri neben ihm. Yuri konnte noch immer seinen Atem hören und auf seiner Stirn glitzerten weiterhin die Schweißperlen.
„Gaspardin, Sir. Ich melde gehorsamst: Auftrag zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt!“, rief Yuri klar und deutlich und schlug noch mal salutierend die Hacken zusammen. Diesmal war Kai gleich auf. Erleichtert atmete Yuri auf. Endlich hatte der Goldjunge begriffen, wie hier der Laden lief. Das wurde aber auch langsam Zeit.
Doppelt oder nichts! (Beta gelesen)
Kai brannte die eisige Luft in den Lungen. In diesem übergroßen Eisschrank konnte er einfach nicht die Leistungen erbringen, die er sonst bei normalen Bedingungen draufhatte und das nagte unangenehm an seinem Stolz. Sein Kiefer spannte sich an.
In seiner Heimat Japan hätte er ihnen die zehn Liegestützen mühelos im strammen Tempo vorgeführt, sodass allen Pappnasen hier das Hören und Sehen vergangen wäre. Aber er war nun mal hier, … und hier wehte im wahrsten Sinne ein anderer Wind. Das musste er wohl oder übel akzeptieren und sich schnellstmöglich anpassen.
Eins stand aber definitiv fest: Jammern gab‘s für Kai nicht! Er würde auch sicherlich nicht wegen diesem schmierigen Sklaventreiber vor ihm damit anfangen. Entweder man nahm die Herausforderung an oder man kniff. Da kneifen keine Option war, war klar, dass Kai es auf Tod oder Verderben bis zum bitteren Ende durchzog!
Jedes erneute Luftholen stach in seinem Brustkorb, als würde er Nägel einatmen. Sein Körper kämpfte doch mehr mit der stechend kalten Luft, als er es sich eingestehen wollte. Er versuchte japsend den hartnäckigen Hustenimpuls zu unterdrücken und schluckte, um seinen Hals zu befeuchten.
Er würde jetzt dem Drang laut los zu husten bestimmt nicht nachgeben!
So weit kam es noch!
Darauf warteten sie doch alle nur, dass der Neue schwächelte. Sie würden sich an der Tatsache, dass er sich übernommen hatte grade zu ergötzen, aber darauf konnten diese Hunde lange warten!
Nicht mit ihm!
Nicht mit einem Hiwatari!
Und sein verdammter Bauch musste bei dem ganzen Feuerwerk an Schmerzen in seinem Körper natürlich auch lautstark mitmischen.
So eine gequirlte Scheiße!
Vor Wut ballte er knurrend seine Hände zu Fäusten. Diese pulsierten unter dem Druck. Seine Handinnenflächen waren knallrot und brannten wie Feuer. Aber das zwang seinen sturen Kopf und sein Kämpferherz nur noch mehr zu einer Einheit.
Kai gab alles, um es nicht nach außen Preis zu geben, wie sehr er gegen sich selbst kämpfte. Dass er die Knie dicht am Bauch angewinkelt hatte und auf allen vieren auf dem Boden kniete, war Kai nicht einmal bewusst gewesen. Sein Körper hatte diese Schonhaltung ganz von selbst eingenommen.
Er schnaufte noch immer als sich eine Schweißperle von den Schläfen hinabrollte und lautlos zu Boden tropfte.
„Elendiger Verräter!“, knurrte er in Gedanken seinen Körper an. Er hasste es, wenn sein Körper ihm nicht gehorchte, doch noch schlimmer war der nächste Gedanke, der ihm in den Kopf schoss: Hatte es Yuri gesehen?
Unwillkürlich sah er zu Yuri hoch, der schon wieder stramm neben ihm stand. Er flüsterte ihm irgendetwas auf Russisch zu und nickte ihm so bekloppt zu.
Kai knurrte. Machte sich diese Witzfigur auch noch über ihn lustig?! Kai knirschte mit den Zähnen. So ein penetranter Angeber! Schon wieder führte ihn dieser Fatzke vor!
Das ließ er aber dieses Mal nicht auf sich sitzen!
Angestrengt stand er auf und versuchte dem Schmerzzentrum in seinem Gehirn den Stecker zu ziehen. Sein Magen und Darm gaben immer mehr Fehlermeldungen raus, doch Kai schoss diese einfach in den Wind. Er hatte jetzt keine Zeit und auch bestimmt keine Nerven für so einen wehleidigen Mist!
„Halt endlich deine verdammte Fresse!“, schnauzte Kai gedanklich seinen Körper an.
Kurz darauf stand er, wenn auch schnaufend, kerzengrade neben Yuri und spannte den Rücken mitsamt den Schultern an. Das Kinn streckte er stolz.
Noch einmal würde er sich nicht als Nichtskönner hinstellen lassen! Erst recht nicht von Yuri!
Kai machte seine Fehler nie ein zweites Mal! Synchron schlugen sie die Hacken vor Boris zusammen und salutierten. Kai grinste triumphierend.
„Das, was du kannst, kann ich schon lange!“, dachte er sich und funkelte Yuri herausfordernd von der Seite an. Selbst am Boden kriechend würde er es noch mit diesem Yuri aufnehmen, das schwor sich Kai in diesem Moment. Schluss mit dem Hündchen-Spiel! Er tanzte nach gar keiner Pfeife mehr! Der Bogen war nun definitiv überspannt worden. Und es war ihm egal, was es ihn kosten würde!
Das ließ sein Stolz einfach nicht mehr zu! Das war er sich selbst schuldig! Solange er noch einen Funken Stolz im Leibe trug, würde er auch mit aller letzter Kraft auf Gegenwehr gehen!
Boris, der mittlerweile direkt vor ihnen auf und ab lief, beobachtete sie genau. Mit einem Mal blieb er vor Kai stehen und sah ihm scharf in die Augen. Kai hielt seinem Blick stur stand.
„Ты действительно смеешь и дальше отказываться говорить по-русски в моем присутствии?!“, raunte Boris, als würde er sich ein Festmahl schmecken lassen, doch Kai schnaubte nur verächtlich als Antwort. Vor diesem Lackaffen hatte er gewiss keine Angst!
Yuri schien das anders zusehen. Seine Augen weiteten sich und sahen Kai verdattert an.
„Либо ты невероятно храбр, либо невероятно глуп, раз бросаешь мне вызов!“, sagte Boris und fing an zu lachen. Yuri schien aus allen Wolken zu fallen und seinen Augen und Ohren nicht zu trauen, doch Kai sah immer noch genauso finster in Boris schallend lachendes Gesicht.
„Du bekommst mich nicht klein!“, fauchte Kai trotzig auf Japanisch. Mit einem Mal erlosch Boris‘ Lachen.
Yuri schien langsam unruhig zu werden. Seine Augen zuckten fast panisch zwischen den Beiden hin und her. Boris musterte Kai ganz ruhig. Fast zu ruhig, doch dann drehte er sich um und wandte sich ab. Yuris Schultern sackten zusammen. Mit einem ‚Bist du verrückt!?‘-Ausdruck im Gesicht sah er Kai ungläubig an, doch ehe Yuri die Möglichkeit hatte Kai zur Vernunft zu bringen, rief Boris ihn, ohne sich umzudrehen. Yuri fuhr reflexartig zusammen und stand wieder stramm.
„Да, Гасбардин, сэр!“, antwortete Yuri, wie aus der Pistole geschossen.
„Поскольку, похоже, вы не можете контролировать своего ученика, ...“ , sagte Boris fast freundlich, während er an eine der Kisten ging und sie öffnete. Yuri schluckte. Er wusste wohl, was in den Kisten war. Kai hob nur eine Augenbraue und wartete darauf, was er da rausholen würde.
„ … Мне придётся использовать другие методы, помимо разговоров. Вот!“ , mit diesen Worten grinste Boris vielsagend und warf Yuri eine Hantel zu. Er hatte Mühe sie zu fangen und die zweite für Kai flog gleich hinterher. Dieser fing sie mit einer Hand aus der Luft.
Kai knurrte. Was sollte er mit dem kleinen zwei Kilo-Ding? Wollte man ihn verarschen!? Die stemmte er doch mit dem kleinen Finger! Yuri jedoch sah Kai bereits totbringend an. Was sollte das ganze Theater?
„Повторю один раз: руки вперед на штангу, а затем я хочу увидеть, как вы сделаете тридцать приседаний!“, bellte Boris plötzlich streng.
Neben Kai fing Yuri an zu knurren. Tat aber dann das, was man von ihm verlangte. Mit den ausgestreckten Armen und der Hantel in den Händen ging er in die Knie und wieder hoch.
Kai sah ihn angewidert an. Dieser Speichellecker von Yuri schien keinen Gedanken an Würde und Stolz zu verschwenden und gehorchte Boris blind aufs Wort.
„Hey Boris! Ist das alles? Mehr fällt dir nicht ein?!“, lachte Kai herausfordernd auf.
„Da brauchst du schon etwas mehr als diese Nudelhölzer um mich ins Schwitzen zu bringen!“, lachte Kai provokant und balancierte die kleine Hantel auf den Fingerspitzen. Erschrocken weiteten sich Yuris Augen. Kai hatte diese Reaktion genau gesehen und grinste frech zu Yuri. Jetzt hatte er beide, dort wo er sie haben wollte! Boris hob den Kopf und zuckte mit den Schultern.
„Хорошо, как хотите, тогда удвойте цену.“, kam es gefasst von Boris. Yuri schnappte nach Luft und hinter ihm blieb Bryan fassungslos im Laufen stehen. Ian hatte das nicht kommen sehen und lief von hinten in Bryan rein.
„Эй, идиот! Иди дальше!“, schimpfte Ian und schupste Bryan zur Seite. Diesen Dumpfbacken würde Kai schon noch zeigen, mit wem sie sich angelegt hatten. Doch ehe er Rachepläne schmieden konnte, rollten zwei weitere der Hanteln über den vereisten Boden auf Kai und Yuri zu.
„Doppeltes Gewicht - gleiche Bedingungen! Dreißig Sit-ups! Wird’s bald!“, fauchte Boris Kai auf Japanisch aber wesentlich strenger und sah Kai eindringlich an.
Kai holte Luft und wollte Boris schon unbeirrt weiter provozieren, als ...
Pfumb-Klatsch!
...ihm treffsicher ein Schneeball am Hinterkopf zerschellte. Kurz war alles totenstill. Die Zeit schien wie eingefroren.
Yuri stockte der Atem und drehte sich langsam in die Richtung um, von wo der Klumpen Schnee geflogen kam. Dort saß Bryan in der Hocke, der ganz unschuldig so tat, als würde er sich nur die Stiefel zu schnüren.
Völlig verrückt! (Beta gelesen)
Verflucht, was für ein Film lief denn hier jetzt ab?! Yuri konnte seinen Augen und Ohren nicht trauen. Da stand er beim Training mit Kai direkt vor Boris im Hof, während die anderen ihre Runden liefen und plötzlich war alles innerhalb von Sekundenbruchteilen am Überkochen. Hatte er irgendwas verpasst? Er hatte doch höchstens einmal geblinzelt.
Kai hatte gerade eben offensichtlich einen Machtkampf gegen Boris angezettelt, worin der Neue so richtig auf Touren kam. Noch dazu hatte er sich im gleichen Atemzug sogar, ohne mit der Wimper zu zucken, Boris widersetzt.
Jedenfalls war es das, was Yuri aus dem unverständlichen Japanisch und der Körpersprache von Kai und Boris rauslesen konnte. Zusammen mit dem, was Boris auf Russisch antwortete, setzte es sich zu einem schlüssigen Bild für Yuri zusammen.
Warum, zum Teufel fiel es Kai ausgerecht jetzt genau hier ein den Starken zu markieren und Boris auch noch mit Widerworten zu provozieren?! Hätte er seinen Kampfgeist und seine Risikobereitschaft nicht anders demonstrieren können? Der war doch lebensmüde! Volle Fahrt voraus ins Verderben! Ja, genau! Anders konnte sich Yuri dieses Verhalten von Kai nicht erklären.
Das ganze Schauspiel genoss Boris, dieser alte Sack, natürlich. Diese Art des öffentlichen Stolzes imponierte Boris schon immer auf eine perfide Art. Er hielt nichts von Nichtsnutzen und auch nichts von jenen, die immer und überall den Schwanz einzogen, wie ein räudiger Köter. Solange seine Autorität dabei nicht untergraben wurde, schätzte er dieses aufmüpfige Verhalten sogar, lieferte Zündstoff und reizte die persönlichen Grenzen seines Gegenübers gnadenlos aus.
Und genau deshalb ergötzte er sich nun sichtlich an Kais Sturheit und kostete dessen kleinen Moment der vermeintlichen Überlegenheit förmlich aus. Er wartete nur darauf, dass Kai die Sicherungen durchschmorten, und er dann etwas Unüberlegtes tat. Denn dann hatte er ihn dort, wo er ihn haben wollte, und deswegen hatte er fast ein kindliches Vergnügen daran solche Situationen anzustacheln und hochköcheln zu lassen.
Dabei wollte er nur eines sehen: wie Kai litt und mit sich in seinem Stolz kämpfte. Alles nur um seine Grenzen einordnen können, oder gar überspannen zu können. Er wollte sehen, wie Kai reagierte, wenn es ums Eingemachte ging. Wenn er am Ende seiner Kräfte dann am Boden gelegen hätte, hätte Boris nur noch zupacken müssen, um mit ihm rundum zufrieden den Boden wischen zu können.
Yuri kannte dieses Verhalten von Boris nur zur Genüge. Er hatte es zu oft mit angesehen. Leider auch am eigenen Leib erfahren. Und eines war zusätzlich in der jetzigen Situation sonnenklar, denn wenn er genüsslich öffentlich Kai demütigte, dann hätte er Yuri mit einem Atemzug gleich mit erniedrigt und vorgeführt. Gerade zu ein perfektes perfides Macht-Spektakel für Boris, nach dem er sich alle zehn Finger leckte und sich bestimmt nicht entgehen ließ.
Doch gerade als Yuri dachte, schlimmer konnte es nicht mehr werden, warf sich Bryan, dieser Vollidiot, auch noch mit Anlauf granatenmäßig mitten ins größte Getümmel. Dem fiel in so einem Moment wirklich nichts Besseres ein, als auf die dämlichste Bryan-Manier mitzumischen. Yuri seufzte.
Es gab einfach keine Eskalation ohne Bryan. Das war schon fast ein Naturgesetz. Aber dass er Kai den Schneeball direkt an den Hinterkopf gepfeffert hatte, war bei weitem nicht sein bester Einfall gewesen. Yuri schüttelte in Gedanken den Kopf und rieb sich die Stirn. So ein Vogel! Wo war er hier nur hingeraten?!
Und als sei das eben alles noch nicht explosiv genug gewesen, hing Yuri demonstrativ zwischen den Fronten. Er brauchte überhaupt gar nichts machen, stand trotzdem schon am Schafott und wartete nur auf seine Hinrichtung, die ihm nun unweigerlich durch Kais Auftritt bevorstand. Da konnte er machen, was er wollte. Sein Kopf würde rollen, so oder so. Egal was diese beiden Holbirnen hier vor Boris veranstalteten.
Gequält sah er von Bryan ganz vorsichtig zu Kai, dessen Augen vor Zorn fast anfingen Funken zu sprühen, doch er rührte sich nicht. Er atmete noch immer sehr angestrengt, doch er knurrte nicht. Er schnaubte auch nicht, nur sein Kiefer mahlte die Zähne aufeinander. Sein Blick war nur stur geradeaus gerichtet und seine Hände zitterten vor geballter Anspannung. Dieser Kerl war innerlich ein Vulkan. Yuri holte tief Luft und hoffte nur eins, dass Kai jetzt nichts falsches tat, dass sie noch weiter in Boris Strafenkatalog hineinritt – was in dieser Situation fast schon unmöglich war. Ihnen stand das Wasser bis zum Hals.
Plötzlich, aus dem Nichts, wandte sich Kai ab, warf sich lässig das längere Ende seines Schals über die Schulter und ging. Was? Hatte er sie noch alle??
Ja, er ging einfach. Der Typ hatte sichtlich die Ruhe weg. Erst Stunk machen und dann abzischen und andere den Mist ausbaden lassen? Feigling! Ohne ein weiteres Wort ging er zum Eingang des Westflügels und verschwand darin.
Was fiel dem Schnösel überhaupt ein? Ungläubig starrte ihm Yuri nach. Als er nicht mehr zu sehen war, suchte sein Blick unwillkürlich Boris. Yuri hatte schließlich seinen Kopf noch auf den Schultern, die Strafe für Kais Aktion war demnach noch nicht verhängt worden.
Was würde Boris jetzt tun? Yuri bestrafen. Natürlich. Was auch sonst? Kai war ja nun nicht mehr da. Yuri schluckte einen mächtigen Kloß hörbar hinunter und wartete nur auf den Richterspruch von Boris. Und der würde sicherlich nicht gnädig ausfallen. Kai hatte sich schließlich einfach ohne Erlaubnis oder Anordnung entfernt. Das konnte nur übel für Yuri enden. Er war nun das einzig Greifbare, was Boris jetzt noch hatte, um Strafe walten lassen zu können. Die Spannung, die in der Luft lag, war für Yuri kaum noch zu ertragen. Nun mach schon, alter Sack! Sag, was brummst du mir auf? Mach es kurz und schmerzlos! Wie bei einem Pflaster. Zack, und runter damit!
„Interessant!“, murmelte Boris vor sich hin, als er Kai nachsah und sich nachdenklich das Kinn rieb.
Ja, stimmt. Kai war auf eine äußerst seltsame Art interessant, doch dann fiel Yuri fast die Kinnlade runter.
Äh, was, … Moment mal! Warte – Nur interessant? Wie jetzt? Hatte er sich verhört? Mehr kam von Boris nicht? Echt jetzt!? War das alles? Was war hier los? Yuri verstand die Welt nicht mehr.
Also nicht, dass er jetzt unbedingt heiß auf eine von Boris’ sadistischen Erziehungstechniken gewesen wäre, aber mit dieser Reaktion hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
Er kannte Boris, nur zur Genüge. Er hätte eigentlich längst durchgreifen müssen. Kai zurechtweisen, zurück ordern, rumbrüllen, sadistische Strafen verteilen… oder wie sonst sich an Yuri abreagieren, doch all das tat er dieses Mal nicht. Und das war äußerst seltsam für Boris‘ Verhältnisse. Warum? Yuri versuchte aus Boris schlau zu werden.
Er stand ganz ruhig mit dem Rücken zu Yuri, eine Hand locker auf dem Rücken abgelegt, während die andere gedankenverloren über seinen Dreitagebart strich.
Dieser Sadist war definitiv zu ruhig. Viel zu ruhig. Yuri versuchte irgendwie, das Ganze einzuordnen. Wie immer einen Überblick über Ursache, Wirkung und Konsequenz zu bekommen um daraus Schlüsse ziehen zu können, aber diesmal griff nichts, was er sonst über Boris wusste.
Sein Blick verengte sich leicht. Das war doch sicherlich kein Aufschub aus guter Laune, oder plötzlicher Gutherzigkeit. Niemals! Wo war sein genüssliches Spiel mit der Angst, wie Boris es sonst gerne trieb. Yuri stand schließlich nur wenige Meter von ihm weg. Er hätte also leichtes Spiel. Doch nichts passierte.
Was war hier los? Er hatte eben eindeutig bei Kai gezögert und das Schweigen dem Machtspiel vorgezogen. Und ein Mistkerl wie Boris tat sowas nicht ohne Grund. Dafür hatte er zu viel Genuss daran, wenn er andere nach seinem zügellosen Willen disziplinierte.
Yuri spürte, wie sich ein unangenehmes Ziehen in seinem Magen breit machte. Das war kein gutes Zeichen, dass Boris seine Taktik änderte. Absolut nicht. Ob es an Kai lag?
Was zum Teufel war an dem so anders, dass Boris bei ihm nicht durchgriff? Weil er der Enkel vom Boss war? Sollte Boris etwa Angst vor Konsequenzen haben, wenn er sich an Kai ausließ? Niemals! Oder… war er etwa doch ein Teil des Überwachungsapparates und ein Spitzel? War er etwa doch in Boris‘ Machenschaften mit eingebunden? Konnte das sein?
Doch noch ehe sich Yuri weitere Gedanken machen konnte, zog Boris das Training weiter durch, als wäre das mit Kai nie vorgefallen. Seltsam.
Die -Let it rip! - Rufe der Jungen schallten, wie jeden Nachmittag über den Hof, wenn sie dutzendfach dieselben Startübungen unter den wachsamen Augen von Boris abzuliefern hatten.
Das restliche Training lief unauffällig und ungewöhnlich ruhig. Keiner traute sich mehr, Boris auf dem falschen Fuß zu erwischen und am Ende doch noch eine Kollektivstrafe für alle auszulösen. Die Luft war zum Bersten gespannt. Doch Boris blieb weiterhin sehr reserviert. Er brüllte nicht. Er trat auch nicht bei Yuri nach und behandelte ihn, wie jeden anderen im Hof. Er schritt nur zwischen den Jungen auf und ab, um sie beim Trainieren zu beobachten. Ab und zu nickte er, wenn Bewegungen besonders sauber ausgeführt wurden. Doch Yuri traute dem Frieden nicht. Im Augenwinkel hatte er Boris immer im Blick. Diesem Kerl sprach man lieber keinen Waffenstillstand zu.
Und gerade das machte Yuri nervös. Das war definitiv nicht die Ruhe eines Mannes, der die Sache auf sich beruhen ließ. Das war vielmehr die Ruhe eines Mannes, der erst noch entschied, wo er am besten das Messer ansetzte, bevor er zustach.
Es machte Yuri innerlich fast verrückt. Keine der Reaktionen in dieser Trainingseinheit passten noch zusammen. Plötzlich reagierten alle völlig untypisch und das irritierte Yuri mehr, als er es sich eingestehen wollte.
Nach etlichen Wiederholungen beendete Boris wortkarg das Training und verschwand in der Abtei. Kurz darauf waren die Jungen endlich wieder unter sich. Sie sammelten die Gewichte ein und brachten diese zusammen mit den metallischen Bey-Startern und den Trainings-Blades zu Yuri in die Mitte des Hofes zu den Kisten.
Bryan kam leicht keuchend und schwitzend auf Yuri zu und legte ihm die Hand auf die Schulter, was Yuri aus seinen Gedanken riss. Sofort drehte er den Kopf zu Bryan herum.
„Hey, lass es nicht zur Gewohnheit werden, dass ich dir ständig den Arsch rette.“, schnaufte er grinsend. Yuri knurrte. Volltrottel! Das ließ er sich nicht noch mal, wie vorhin, von ihm unter die Nase reiben.
„Was ‘MIR den Arsch retten‘? Geht’s noch? Haben sie dir ins Hirn geschissen?! Ihr elendigen Hitzköpfe, habt mich geradewegs an den Sklaventreiber ausgeliefert! Und das nennst du Hilfe!?“, schnappte Yuri entsetzt nach Luft und zeigte Bryan den Vogel.
„Ich ein Hitzkopf? Ha, das trifft wohl eher auf den Gestreiften zu! Ich habe ihn nur etwas runtergekühlt, bevor der völlig überkochte …“, er stoppte und tat noch mal so, als würde er den Schneeball werfen, „… sonst hätte euch Boris komplett zum Abendessen filetiert!“, grinste Bryan mit stolz geschwellter Brust und sah voller Heldentum Yuri an. Dieser knurrte und rollte genervt mit den Augen. Einfach widerlich, wie er sich damit brüstete und sich für die Tat selbst feierte! Yuri spannte den Kiefer an und war mehr als angepisst von der ganzen Situation.
Was war denn, verdammt noch mal, heute los? Die waren doch alle völlig verrückt geworden. Seit wann verhielten die sich alle so!?
„Ja, du hast ihn direkt am Hinterkopf erwischt! Das war ein klasse Wurf!“, grinste Spencer, der sich zu ihnen stellte und einige Hanteln und Bey-Starter, wie auch eine Hand voll Blades in die Kisten vor ihnen verräumte. In Yuri spannte sich alles noch mehr an. Das Bryan auch noch Zuspruch, von diesem Holzwurm bekam, ging ihm gewaltig gegen den Strich.
„Hey! Du musst ihm jetzt nicht auch noch eine Heldenurkunde überreichen!“, motzte Yuri Spencer von der Seite an. Allmählich reichte es Yuri wirklich. Er hatte die Nase gestrichen voll, von dem Treiben hier. Sein Blick verfinsterte sich immer mehr. Spencer grinste nur noch mehr breiter, was in Yuri das Feuer von Frust und gekränktem Stolz immer mehr lodern ließ.
„Ehre, wem Ehre gebührt.“, grinste Ian breit Yuri entgegen, der die letzten Hanteln in die Kiste fallen ließ.
Was?!
Hallo?!
Geht’s noch?
Der auch noch?
Jetzt hatte er aber genug! Schluss mit Lustig! Yuri knurrte hörbar, schnappte sich aufgebracht eine der Kisten und wollte damit zum Schuppen zurück stapfen. Doch er hatte sich ausgerechnet die schwerste Kiste, voller Hanteln, geschnappt. Sein Gang wirkte nun gar nicht mehr so gefährlich und einschüchternd, wie gewollt, sondern eher schleppend und mühsam. Er ächzte mehr, als dass er knurrte. So eine gequirlte Scheiße!
„Warte, nimm die hier. Ich nehme die schwere!“, schlug Spencer vor, kam ihm hinterher und wollte die Kisten schon tauschen. Jetzt war das Maß gestrichen voll! Er drehte sich auf dem Absatz um und ließ die Kiste aus seinen Händen zu Boden fallen. Scheppernd verfehlte sie Spencers Fuß nur knapp.
„Verdammt noch mal! Ich brauch keine Hilfe! Nicht von DIR!“, er zeigte auf Bryan und traf ihn mit einem todbringenden Blick, „Und von DIR auch nicht!“, maulte er Spencer vor sich im selben Ton an. Dieser sah ihn verdattert an.
„Von KEINEM von euch, VERSTANDEN!?“, keifte Yuri und trat noch einmal als Nachdruck gegen die Kiste voller Hanteln.
Autsch! Ach, Verdammt! Wütend schnaubend, schimpfend und leicht humpelnd ging er in die Abtei zurück.
Nicht zu fassen! Die waren doch alle völlig verrückt geworden! Alle samt! Ohne Ausnahme! Was fiel denen ein? Die hatten doch ein Rad ab! Er brauchte keine Hilfe und schon gar nicht von solchen Dumpfbacken. So weit kam‘s noch! Darauf konnte er getrost verzichten. Wütend stapfte er mit schmerzverzerrtem Gesicht die abgetretene hölzerne Treppe in den ersten Stock zu den Schlafkammern hoch. Völlig in seinen rasenden Gedanken mit Frust und Wut im Bauch marschierte er, wenn auch etwas wippender als sonst, den Gang entlang zum hinteren Ende und schlug seine Schlafkammer auf. Die Tür scharrte über den alten Dielenboden und schepperte lautstark gegen die Wand dahinter. Er wollte gerade ins Zimmer stürmen, doch dann stockte er.
Da saß Kai. Der auch noch! Er saß auf dem Boden mit dem Rücken an seinem Bettgestell und den Armen auf den angewinkelten Knien. Er hatte sein Gesicht darin vergraben und atmete ganz ruhig. Yuri sah ihn finster an. Den würde er sich auch noch vor knüpfen. Erst Scheiße bauen und die anderen konnten es ausbaden?! So lief das hier nicht! Das konnte er sich gleich wieder abgewöhnen!
Yuri holte Luft und wollte schon loswettern, da viel ihm auf: Kai hatte sich nicht geregt. Nicht einen Zentimeter. Er zeigte auch keine Regung, als die Tür lautstark gegen die Wand schlug. Was war los mit ihm? Schlief er etwa? Oder ignorierte er ihn einfach dreist? Yuri atmete tief durch. Tja, ihm auch egal! Sein Pech! Yuri ballte die Hände zu Fäusten. Schließlich war das hier auch seine Kammer. Wenn er kalten Krieg wollte, den konnte er haben. So konnte sich Yuri auch Atem und Spucke sparen sich wegen dem Bonzen-Enkel aufzuregen. Auch gut! Kurzentschlossen stapfte er ins Zimmer und knallte die Tür hinter sich wieder zu, doch Kai zeigte noch immer keine Reaktion. Er zuckte nicht einmal zusammen. So ein sturer Bock!
Hinter verschlossen Türen (Beta gelesen)
Kais Herz hämmerte ihm bis zum Hals. Sein Puls und auch der Atem waren längst in keinem ruhigen Takt mehr gewesen, sondern nur noch blanke Gegenwehr seines Körpers. Jedes Einatmen der eiskalten Luft stach ihm tief in beide Lungenflügel. Der Husten biss sich unnachgiebig kratzend im Hals fest und wartete nur darauf, sich endlich lautstark seinem Willen zu widersetzen. Allein dieser Umstand nagte erheblich an seinem Stolz.
Seine Hände brannten vor Kälte, während ihm gleichzeitig der Schweiß über die Schläfen lief und dass, obwohl er doch eigentlich fast durchgängig fror. In seinem Magen rumorte es bedrohlich, als wolle auch er die Gunst der Stunde nutzen und sich nun mit Nachdruck gegen ihn stellen. In ihm tobte längst kein bloßes Unwohlsein mehr, sondern ein ganzer Sturm aus Schmerz, Erschöpfung und Reizüberflutung.
Kein Wunder.
Seit seiner Ankunft gestern Abend, fror er beinahe ununterbrochen. Geschlafen hatte er in der Nacht auch nicht wirklich, höchstens im Sitzen kurz weggenickt. Sein zickiger Bauch zog ihm zusätzlich seit dem Vormittag die Kraft aus dem Leib, gegessen hatte er deswegen auch kaum, und der Jetlag der langen Reise von Japan nach Russland über etliche Zeitzonen hinweg, hing ihm noch immer schwer in den Knochen. Alles in allem war er schon mal fitter gewesen.
Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte hier längst aufgegeben, sich zurückgezogen und eine Pause eingelegt, aber er nicht!
Kai war innerlich nicht mehr in der Verfassung, in der die Vernunft noch irgendein Mitspracherecht gehabt hätte. Seine Sturheit hatte sie mit einem Streichholz angezündet und sein Stolz rieb sich voller Genuss die Hände, denn genau der hielt ihn überhaupt noch auf den Beinen.
Also, warum aufgeben?
Im Leben nicht. Das kam nicht in die Tüte!
Nicht vor diesem Haufen russischer Hinterwäldler und erst recht nicht vor Boris! Davon war er fest überzeugt.
Jedenfalls bis ihm dieser Hornochse von Bryan einen Schneeball an den Hinterkopf geschmettert hatte. Das saß. Und auch wenn Kai es nicht wahrhaben wollte, schien ein Schlag auf den Hinterkopf tatsächlich das Denkvermögen zu steigern.
Nun spürte Kai, wie ihm das Tauwasser kalt den Nacken hinunterlief und sich in den Fasern seines Schals sammelte. Es war fast so, als legte sich die Nässe noch zusätzlich auf seine Schultern. Es fröstelte ihn immer mehr. Der Wind tat sein Übriges und pfiff ihm zusätzlich unentwegt um die Ohren. Mit dem Einsickern des Tauwassers in seinen Schal, sickerte bei ihm auch allmählich die Erkenntnis durch.
Und so ungern Kai es sich eingestand: Für ein Kräftemessen mit Boris reichte seine derzeitige Verfassung nicht mehr aus. Da halfen ihm weder Stolz noch Siegeswille. Außerdem war es ihm dieser Saftladen nicht wert, sich hier völlig zu verausgaben.
Kai ließ die Hantel, die ihm Boris zuvor zugeworfen hatte, neben der anderen zu Boden sinken, richtete sich auf und warf sich den Schal fester um die Schultern, damit der Wind sich nicht noch mehr in seinen Nacken fraß.
Nichtsdestotrotz musste er schleunigst aus dem Wind raus. Am besten sofort.
Ohne sich noch einmal umzusehen, stapfte er zur zweiflügligen Tür des Gebäudekomplexes. Unter seinen Füßen knarzte der vereiste Schnee. Sollten doch die anderen treiben, was sie wollten. Er war raus.
Kaum hatte er den Kopf aus dem Wind, als er sich im Windschatten der Abtei befand, spürte er schon die erste kleine Erleichterung. Ihm klangen die Ohren vor Kälte. Mit wenigen Schritten war er im Gebäude.
Stillschweigend stieg er die alte hölzerne Treppe hinauf in den ersten Stock und lief den Flur entlang. Die alten Holzdielen kommentierten jeden seiner Schritte. Hier irgendwo musste doch die Kammer sein, die er mit Yuri bewohnte. Ziemlich am Ende des Ganges entdeckte er sie. Sie war die einzige Kammer mit einem zusätzlichen Riegel an der Tür. Das hatte ihn gestern bei der Ankunft schon gewundert. Der Eimer stand auch noch vor der Tür.
Kai rollte innerlich mit den Augen. Bescheuertes Ding! Gerade, als er die Klinke hinunterdrücken wollte, kam ihm ein Gedanke.
War der Eimer etwa geleert worden?
Mit dem Fuß stupste er leicht dagegen. Der Eimer antwortete hohl scheppernd und tanzte leicht auf der Stelle, bis er wieder zur Ruhe kam.
Sah ganz danach aus.
Ein kurzer Blick den Flur hinunter verriet ihm, nicht vor jeder Tür stand ein Eimer. Also stellte man ihn wohl morgens raus, wenn er nachts benutzt wurde und bekam ihn bis zum Abend geleert wieder vor die Tür gestellt. Kai zuckte mit den Schultern. Eine seltsam anmutende Methode. Wie auch immer, … Er hatte jetzt nicht den Nerv darüber nachzudenken.
Er nahm kurzentschlossen den Eimer mit ins Zimmer und schloss hinter sich die Tür, die leise quietschend ins Schloss fiel.
Fast automatisch zog er seine Schuhe aus und stellte sie neben die Tür. Dann schob er den Eimer wieder zu den unberührten Zeitungen unter das Waschbecken.
Mitten im Raum blieb er regungslos stehen.
Es war ganz still. So still, dass es fast unwirklich wirkte. Nicht einmal der Wasserhahn tropfte noch; stattdessen hing an ihm nur ein kleiner gefrorener Tropfen. Die Leitungen schienen wohl vereist. Wenn er sich darauf konzentrierte und seinen zittrigen Atem kurz anhielt, konnte er durch das einglasige Fenster gedämpft die Rufe der Jungen vom Hof hören. In der Ferne stritten ein paar Krähen.
Kai atmete einmal tief ein und aus. Die Luft war zwar hier im Zimmer auch nicht sonderlich warm, aber sie stach ihm nicht so in der Lunge wie in diesem zugigen Hof.
Es tat gut, für einen Moment nicht funktionieren zu müssen. Den ganzen Tag zwischen all diesen kaltschnäuzigen Kerlen hatte ihm doch mehr abverlangt, als er es sich eingestehen wollte.
Übermüdet griff er sich in den verspannten Nacken, wollte die Muskeln lockern und merkte erst jetzt, wie nass sein Haaransatz und sein Schal wirklich waren. Wenn er das Zeug anbehielt, dann holte er sich hier noch den nächsten Mist.
Also zog er den Schal aus und bemerkte, dass die Jacke genauso klamm und feucht schien. Also hängte beides zum Trocknen über das untere Bettgestell.
Dabei fiel sein Blick auf den Koffer, der seit der gestrigen Ankunft dort stand. Er hatte ihn noch immer nicht ausgepackt. Er kam einfach bisher noch nicht dazu. Und selbst jetzt war ihm nicht danach. Er war schlichtweg zu müde, zu erschöpft und zu ausgebrannt, um sich auch noch darum zu kümmern.
Langsam ließ er sich vor dem Bett auf den Boden sinken. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen das kalte Metallgestell, zog die Beine an und verschränkte die Arme locker darüber. Erleichtert ließ er einen schweren Seufzer durch das Zimmer hallen. Sitzen tat ihm sichtlich gut, zudem schien diese Position auch seinem Bauch besser zu gefallen. Seine Haltung kam wohl der Embryonalstellung sehr nahe, was den Körper spürbar entlastete. Jedenfalls mehr als das ständige Stehen und Laufen den ganzen Tag über. Langsam entspannte er sich und legte den Kopf auf den Armen ab. Endlich konnte er mal sämtliche Anspannung fallen lassen. Hier war er endlich allein.
Die tiefen Atemzüge brachten ihn allmählich wieder runter. Nach und nach wurden sie ruhiger, gleichmäßiger. Auch sein Herz pochte ihm nicht mehr wie wild bis zum Hals, sondern fand langsam zu einem ruhigeren Takt in seiner Brust zurück.
Sein Körper fühlte sich so unglaublich schwer an. So schwer, als würde ihn die Erschöpfung Stück für Stück nach unten ziehen. Er wehrte sich auch nicht mehr dagegen. Sein Blinzeln wurde immer seltener. Schon nach kurzer Zeit fielen ihm die Augen gänzlich zu.
Er nickte einfach ein. Ein dunkles Schwarz hüllte ihn ein.
Irgendwo in der Ferne hörte er verwaschene Stimmen. Männliche Stimmen, die ihm seltsam vertraut vorkamen, obwohl er sie noch nicht richtig einordnen und verstehen konnte.
Vor ihm tauchte ein kleines gelbliches Licht auf. Erst flackerte es nur formlos vor ihm in der Dunkelheit, dann zog es sich immer klarer und definierter zusammen, bis es die Gestalt eines Schlüssellochs annahm.
Er schien vor einer Tür zu stehen.
Neugierig beugte Kai sich vor und versuchte durch das Schlüsselloch zu sehen, durch das das helle Licht aus dem Raum auf der anderen Seite fiel. Die Helligkeit blendete ihn, sodass er im ersten Moment kaum etwas erkennen konnte.
Nur zwei schemenhafte Gestalten. Sie saßen wohl an einem Tisch und schienen sich heftig anzufahren. Langsam formten sich die Stimmen zu klar verständlichen Sätzen:
„… ich sage es dir ein letztes Mal! Er braucht Disziplin!“, sagte die vom Alter gezeichnete Stimme.
„Was weißt du schon, was er braucht?! Du kennst ihn noch nicht einmal!“, warf der Jüngere aufgebracht ein.
„Und genau das werde ich jetzt ändern!“, klang der Ältere entschlossen.
Ein russischer Akzent lag rau auf der älteren Männerstimme, während die andere jüngere in fast weichem, makellosem Japanisch antwortete:
„Etwa mit einer deiner Kasernen!?“ In diesen Worten lagen fast ein wenig Spott und Hohn.
„Nenn es, wie du willst. Du hast ihn in den letzten Jahren nur verzogen. Einen Weichling aus ihm gemacht!“, konterte der Alte streng und verachtend.
„Seit sie nicht mehr hier ist—“, klang der Jüngere niedergeschlagen. Fast traurig und verletzt. Ein harter Knall unterbrach ihn. Etwas gläsernes kippte klirrend um. Der Ältere hatte wohl mit der Faust empört auf den Tisch geschlagen. Kai sah es nicht. Er hatte nur das Geräusch gehört, was ihm durch Mark und Bein ging, danach war es kurz still!
„Schieb dein Versagen gefälligst nicht auf andere!“, fauchte der Ältere und schien fast erzürnt. Er atmete hörbar durch, als würde er sich sammeln wollen.
„Wie dem auch sei. Du hattest deine Chance und du hast sie nicht genutzt. Nun werde ich seine Erziehung übernehmen.“, sagte er und ein Stuhl schob sich nach hinten über den Boden. Der Alte stand nun neben dem Tisch.
„Das wirst du nicht!“, knurrte die jüngere Stimme, ein anderer Stuhl fiel nach hinten um und ging scheppernd zu Boden.
„Und wie ich das werde! Verlass dich drauf! Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie du meinen Enkel verkommen lässt!“, schrie der Alte den Jüngeren schroff an.
„… du wirst ihn brechen!“, warf der Jüngere lautstark ein.
„Das wird sich zeigen. Ich mache aus ihm das, was er ist. Ein stolzer Hiwatari. Mein Erbe!“, raunte der Alte und man hörte, wie eine Jacke angezogen und der Reißverschluss hochgezogen wurde.
„Mit deinem Drill wird er kein Mann, sondern dein Spielzeug!“, schrie der Jüngere ihn an. Zwei Fäuste landeten mit Nachdruck auf der Tischplatte.
„Und wenn schon, … mit dir als Vater wird er zur Memme!“, sagte der Alte kühl und man hörte, wie sich Schritte entfernten. Eine Tür schlug mit Wucht zu.
Mit einem Mal riss Kai die Augen auf.
Was zum Henker war das denn? Verschlafen blinzelte Kai und versuchte sich zu orientieren: wo war er? Vor seinen Augen sah er im Dämmerlicht seinen Schoß. Seine Stirn lag auf seinen Unteramen. Er musste wohl in dieser beknackten Haltung eingeschlafen sein.
Sein Nacken ächzte beleidigt. Er sollte sich wirklich angewöhnen, sich vor dem Schlafen erst einmal hinzulegen. Er sah ein: Eine sitzende Position war für diese Tätigkeit suboptimal.
Doch bevor er sich rührte, bemerkte er, dass jemand im Zimmer stand und aufgebracht atmete. Er war also nicht mehr allein im Zimmer. Er rührte sich vorsichtshalber nicht und wartete erst einmal ab, was passierte.
Ruhig Blut (Beta gelesen)
Yuri wollte gerade auf ihn zu stapfen, um ihm endlich den verdienten Einlauf zu verpassen, als Kai den Kopf hob und ihn ansah.
„靴を脱ぐ “, maulte Kai und zeigte neben der Tür auf seine Schuhe. Was sollte das mit dem Japanisch auf einmal? Kai wusste doch ganz genau, dass Yuri Schwierigkeiten hatte, die lallend wirkende Sprache zu verstehen. Für ihn klang das, wie ein wahllos zusammengewürfelter Haufen von Konsonanten und Vokalen. Und überhaupt, welches Recht hatte er denn jetzt so maulig zu sein? Dem geht’s wohl zu gut! Im Hof eine dicke Lippe riskieren, um dann den Schwanz einzuziehen und zu verduften, wenn es zu heiß wird! Obendrein dann die Frechheit zu besitzen, den anderen das Schlachtfeld zu hinterlassen. Sowas hatte Yuri gern. Und nun erteilte er ihm als Krönung auch noch Befehle? Was lief denn mit dem falsch?! Wenn der meinte, das würde Yuri so einfach hinnehmen, war der Bonzen-Enkel aber schief gewickelt.
Yuri hatte keine Angst vor Kais Abstammung, sollte doch Voltaire ruhig mal kommen, dann würde er zumindest den Saftladen auch mal von innen sehen, den er von seiner Residenz aus befehligte. Und selbst wenn Kai der Sohn von Dschingis Kahn gewesen wäre, würde es ihn nicht im Geringsten jucken. Wer sich so verhielt, der hatte eine Abreibung verdient. Da gab‘s kein Wenn und auch kein Aber!
„Kaka!“, sagte Kai und zeigte naserümpfend auf Yuris Schuhe. Was? Kai hatte ihn aus seinen Gedanken gezerrt. Irritiert über die kindliche Ausdrucksweise sah Yuri von Kai zu seinen eigenen Füßen. Seine Stiefel waren deutlich vom Hühnerstall gezeichnet und waren durch die Liegestütze im Hof zudem nicht unbedingt sauberer geworden.
Okay, er hatte wohl recht. Aber das war’s dann auch schon. Yuri schnaubte genervt. Verdammt, er hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Egal. Sei es drum …, wenn der Schnösel es so wollte, konnte er es gern haben! Knurrend hebelte er mit einem Fuß den Stiefel ohne ihn aufzuschnüren vom anderen Fuß und kickte ihn gegen die Wand neben Kais Schuhe. Der zweite flog kurz darauf hinterher. Sie landeten schief und krumm, halb stehend, halb liegend an der Wand. Genug der Gefälligkeiten! Yuri hatte jetzt wirklich keinen Nerv für so einen banalen Unsinn.
Sein Fuß schrie vor Schmerz auf. Der impulsive Zusammenstoß mit der Hantelkiste und nun seine unüberlegte Art, sich die Stiefel abzustreifen, nahm er ihm wohl krumm, … Doch Yuri ließ sich vor Kai nichts anmerken. Diese Schmach gab er sich nicht auch noch.
„Zufrieden?!“, maulte Yuri. Kai sah von den Stiefeln zu ihm auf und blickte ihn finster an.
Er knurrte vorwurfsvoll. Ja, was denn?! Ließ er nun wirklich den feinen Herrn heraushängen?
Er würde jetzt ganz sicher nicht wegen ihm seine Stiefel ordentlich hinstellen. Womöglich noch mit abgespreiztem kleinem Finger, oder was?! Das würde ihm wohl so passen, wenn es ihn störte, konnte er es gefälligst selbst tun.
Pampig schob sich Yuri an Kai vorbei zu seinem Bett, doch genau in dem Moment hob Kai eines seiner Beine. Yuri blieb mit seinem geschunden Fuß daran hängen, stolperte kurz und landete weniger elegant, seitlich mit einer halben Bauchlandung auf dem Bett. Sein Kopf schrammte haarscharf an der Dachschräge vorbei. Yuri knurrte. Er drehte seinen Kopf von der Matratze zu Kai, dessen Mundwinkel fast ein schelmisches Grinsen zuließen.
Alter, wollte er etwa heute noch Streit? Yuri sprang auf und saß nun angesäuert auf seinem Bett. Was fiel dem ein? Kai schnaubte nur amüsiert und legte zufrieden den Kopf wieder auf die Unterarme und sah Yuri einfach nur an.
Kniend auf seinem Bett, mit einem schmerzenden Fuß unter dem Hintern, sah er Kai an. Der Typ spielte wohl gern mit seinem Leben und es schien ihm auch noch Spaß zu machen. Yuri atmete tief ein und aus. Seine Augen verengten sich.
Wenn der Vollpfosten, jetzt glaubte, Yuri würde ein weiteres Mal sich vor ihm kopflos in Rage schimpfen und die Fassung verlieren, dann hatte er sich aber gewaltig geschnitten! In diese Sackgasse würde er kein zweites Mal rennen. Yuri wusste ganz genau, dass selbst, wenn er Kai jetzt hier verbal zusammenfalten würde, der Kerl sowieso nichts davon verstehen würde. Außerdem hatte er längst begriffen, dass Kai versuchte ihn zu testen, wie weit er reizbar war. Aber dem Neuen würde er diesen Gefallen nicht tun und ihm einen Strich durch die Rechnung machen. So einfach ließ sich Yuri nicht ins Bockshorn jagen. Da musste Kai schon früher aufstehen.
Siegessicher grinsend sah er Kai an.
„Baka !“, grinste Yuri. Er wusste genau, dieses japanische Wort hatte keine nette Bedeutung und das würde als Grenzsetzung vorerst seinen Zweck erfüllen. Schließlich benutzte es Kai auch so. Kai schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf.
Die Fronten waren wohl geklärt, wenn auch etwas unorthodox, aber was lief heute schon normal? Gar nichts. Also, dann konnte ein Schlagabtausch auch mal so aussehen.
Sie sahen sich an und irgendwie lag etwas in der Luft. Nichts, was man wirklich benennen konnte, aber es hatte sich etwas zwischen ihnen verändert.
Kai richtete sich auf und versuchte knurrend auf sein Bett zu kommen. Yuri grinste. Der Kerl hatte wohl da unten auf dem Boden in dieser dämlichen Haltung geschlafen. Das war definitiv nicht die klügste Entscheidung gewesen. Ein klein wenig Genugtuung und Schadenfreude flammten in Yuri auf, als er Kai so beobachtete, während der seine Knochen sortierte. Tja, klei-ne Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Das hatte Kai wirklich verdient. Für Yuri war Karma eine feine Sache. Er liebte es, wenn die richtigen rein zufällig ihr Fett wegbekamen. Er kicherte schadenfroh in sich hinein.
- Flapp -
Und schon hatte Yuri Kais Kissen im Gesicht. Er hatte sich wohl zu offensichtlich über Kais Unbehagen gefreut. Okay, schon gut. Yuri hatte es verstanden. Jeder, was er verdiente. Das galt offensichtlich auch für ihn.
Yuri sah zu Kai rüber, der auf dem Bauch auf seinem Bett lag und den Kopf auf seinen Unter-armen liegen hatte. Sein Gesicht hatte er zur Wand gedreht.
Irgendwie sah Kai zum ersten Mal, seitdem er hier war, zufrieden aus. Ganz entspannt lag er da. Das eine Bein ausgestreckt, der Fuß hing leicht aus dem Bett, das andere Bein angewinkelt an den Körper ran gezogen. Seine Decke hatte er halb über sich liegen. Der Atem ging gleich-mäßig. Fast friedlich lag er da. Ein leises Schnarchen verriet, dass er eingeschlafen war. Yuri stand so leise wie möglich auf und legte Kais Kissen zu ihm zurück aufs Bett und ging rüber zur Wand, um seine Stiefel ordentlich neben Kais Schuhe hinzustellen.
Sein Blick fiel unweigerlich zu Kais Sneakers. Kai war schon ein seltsamer Kerl. Der kam doch wirklich hier her in Turnschuhen? Die waren nicht mal gefüttert. Wirklich unüberlegt bei dem Wetter hier. Yuri drehte seinen Kopf über die Schulter zu Kai. Der war überhaupt seltsam gekleidet. Seine Baggy-Jeans waren auch nicht die beste Wahl und sein Muskel-Shirt ohne Ärmel schon gar nicht. Echt seltsam.
Würde nicht jemand, der mit einem Auftrag hierherkam und mächtig Geld hatte, mit Thermo-Unterwäsche und Snowboots hier auftauchen? Oder zumindest mit einer dicken gefütterten Jacke? Yuris Blick wanderte an Kais Fußende zu seiner Jacke, die dort drüber geschlagen war. Sie war nicht die Art, die man erwarten würde, wenn man wusste, welches Klima einen hier erwartete. Klar könnte Kai wärmere Klamotten in seinem Koffer haben, aber auch das wäre nicht besonders clever, sie nicht zu nutzen, wenn man welche dabeihatte.
Yuri setzte sich so leise wie es eben mit dem rostigen Lattenrost ging, wieder auf sein Bett.
Je länger Yuri darüber nachdachte, umso mehr verhärtete sich der Verdacht: Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Das grenzte ja fast an Dummheit in diesen Klamotten hier durch den Winter kommen zu wollen. Das passte überhaupt nicht zu dem, wie er Kai heute kennen-gelernt hatte. So dämlich und selbstzerstörerisch würde auch er ihn nicht einschätzen.
War Kai etwa ohne irgendein Wissen hierhergebracht worden? Konnte das sein? Yuri hatte sich so in seinen Gedanken verloren, dass es ihm gar nicht aufgefallen war, dass es draußen längst dämmerte. Das letzte bisschen Licht warf im Zimmer lange Schatten. Yuri beschloss, sich für die Nacht fertig zu machen und Kai schlafen zu lassen.
Nachdem Yuri seine allabendliche Routine beendet hatte, legte er sich in sein Bett und hörte dem eisigen Wind zu, der draußen unermüdlich um die Ecken der Abtei pfiff. Dank ihm schienen auch die Temperaturen in der Kammer immer mehr in die Minusgrade zu fallen. Yuri fing an zu frösteln. Er kannte diese widrigen Umstände. Er hatte sich schon lange damit arrangiert und rollte sich instinktiv unter seiner Decke, wie ein Hund ein, um Körperwärme zu speichern. Wenige Atemzüge später war auch er seiner Erschöpfung des ereignisreichen Tages erliegen und eingeschlafen.
Es wird kalt (Beta gelesen)
Kai wurde mitten in der Nacht wach. Draußen heulte der Wind, wie ein alter Schlosshund um die Anlage. Ein Fensterladen knarzte und schlug immer wieder gegen das alte Gemäuer. Sicherlich war er davon wachgeworden. In der Kammer war es plötzlich so eisigkalt, dass die Luft zu klirren schien. Kleine Atemwölkchen glitzerten vor ihm und waberten durch das Zimmer, bis sie sich auflösten. Er rieb sich seine strümpfigen Füße aneinander. Nutzlos. Die Kälte kroch durch jede Faser seiner Klamotten, als würden sie gar nicht existieren. Instinktiv zog er die Beine näher an seinen Körper und die Schultern höher an seine Ohren. Er war schon wieder halb am Wegnicken, als er etwas Seltsames hörte. Erst war es nur ganz leise und unregelmäßig. Seine Augen waren augenblicklich wieder offen und starrten auf den Putz an der Wand vor ihm. Was war das? Und schon wieder. Es schien ihm sehr nahe zu sein.
-klacke- di- klack-
…Pause… diesmal etwas lauter.
-klack-klack–klack-klacke-di-klack-klack-
Kai runzelte die Stirn. Was zum Geier war das? Gab es hier auch noch Mäuse in den Kammern? Hoffentlich nicht. Er hob leicht den Kopf und drehte ihn über die Schulter. Im fahlen Mondlicht, dass durch das kleine Fenster schien, war kaum etwas zu erkennen. Nur lange dunkle Schatten, in denen Yuri auf der anderen Seite das Zimmers irgendwo in seinem Bett schlief.
Dann wieder dieses Geräusch. Es schien schneller und unkontrollierter zu werden.
War das etwa Yuri? Kai ließ den Kopf genervt zurückfallen. Großartig, …
Naja, das war immer noch besser als ungebetene Nager. Er drehte sich auf den Rücken. Der da drüben auf dem anderen Bett schien ja mächtig zu frieren. Ach - egal, war ja nicht sein Problem. Er schloss die Augen wieder und wollte weiterschlafen.
-klacke- di- …. -klack-klacke-di-klack-klack- …-klack-
Das wurde ja immer lauter. Kai riss die Augen wieder auf. Starrte zur Dachschräge über ihm.
„…das ist doch nicht sein Ernst…“, murmelte er. Und drehte sich genervt auf den Bauch, die Federn des rostigen Sprungrahmens unter ihm quietschten gequält und er vergrub seinen Kopf unter dem durchgelegenen Kissen, doch auch so hörte er, wie Yuri vor Kälte schnatterte. Kai hielt es noch einen Moment in dieser Position aus, dann schnaubte er genervt und setzte sich auf. Bei jeder seiner Bewegungen biss ihm sofort die Kälte unter der Decke in den Körper. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
„Verdammt noch mal…“, fauchte Kai. Das war ja nicht zum Aushalten. Er schlug die Decke zur Seite, raffte sie zusammen, stapfte rüber und warf sie über Yuri, und dessen Decke. Die Jacken der beiden flogen direkt hinterher. Yuri zuckte nur kurz, sagte aber nichts. Kai griff nach seinem Kissen, stopfte es ans Fußende von Yuris Bett, danach packte er Yuri am Arm und schob ihn näher zur Wand. Yuri hob den Kopf und sah Kai sichtbar irritiert an.
„Da bleibst du! Und wehe, du erzählst das irgendwem“, maulte Kai ihn an. Irgendwie war ihm im schlaftrunkenen Zustand nicht klar, dass Yuri gar kein Japanisch verstand, oder es war ihm schlichtweg egal. Er ließ sich neben dem Rothaarigen ins Bett fallen, dann schob er sich mit zu Yuri unter die Lagen an Decken und Jacken. Der Sprungrahmen unter ihnen ächzte unter der doppelten Belastung. Dann war es still und der Wind draußen pfiff weiterhin sein Lied. So lagen sie nun Rücken an Rücken in dem schmalen Metallbett. Der eine hatte die Füße des anderen in seiner Kopfnähe.
„Bei deinem Zähneklappern kann doch kein Mensch schlafen.“, maulte Kai noch, bevor er sich die Decke höher über die Schultern an die Ohren zog.
Wieder war es still zwischen ihnen.
„…und lass gefälligst deine Finger bei dir“, brummte er noch, als er die Augen schon wieder geschlossen hatte. Noch immer hörte Kai Yuris Zähne, aber es schien sich allmählich zu beruhigen. Die Pausen, in denen er nicht bibberte, wurden länger. Geht doch.
Doch dann merkte Kai sie. Eine Kälte saß ihm im Nacken, genau dort, wo Yuris Füße ruhten. Eisig. Kai bekam eine Gänsehaut. Selbst durch die Wollsocken strahlten seine Füße diese Kälte aus. Am Hintern spürte er das immer wieder aufbäumende Zittern, welches Yuri offensichtlich längst nicht mehr verbergen konnte. Kai blinzelte überrascht. Der Kerl klapperte wohl nicht nur mit den Zähnen, sondern mit allem, was er zur Verfügung hatte.
Für Kai war diese Nähe zwar mehr als unangenehm, aber die Auswirkungen, Yuri hier allein vor sich hin frieren zu lassen und den Zustand zu ignorieren, nagten mehr an ihm, als sein Stolz oder sein Ego es je aufbringen könnten.
Auch wenn er es nicht gern zugab: So war es schließlich deutlich wärmer.
Kai schloss wieder die Augen. Ein Schaudern durchfuhr Yuri ein weiteres Mal unkontrolliert.
„… und nerv nicht“, murmelte Kai, als würde er ihm „Gute Nacht“ wünschen. Yuri knurrte nur mit einem Vibrato in der Stimme zurück und zog sich die Decke über die Ohren.
Die restliche Nacht verlief so ziemlich ruhig. Zum ersten Hahnenschrei von Molotow am nächsten Morgen stand Kai auf. Yuri drehte sich um, schlief aber noch seelenruhig weiter. Offensichtlich hatte Kais Plan funktioniert. Von dem nächtlichen Frieren war nun nichts mehr zu sehen. Er streckte sich ausgiebig sitzend auf der Bettkannte. Der ganze Schlaf hatte ihm sichtlich gutgetan und sein Bauch schien sich auch beruhigt zu haben. Er wusste es doch, es war nur eine Sache der Disziplin und ein wenig Schlaf, dann war er wieder ganz der Alte.
Kai ging rüber an seinen Koffer und holte sich seine Zahnbürste und Zahnpasta raus. Durch den ganzen Tumult am gestrigen Tag, hatte er sich selbst total vernachlässigt. Das musste er dringlichst ändern. So stand er im Zimmer mit dem Hintern an sein Bettgestell gelehnt und putzte sich nachdenklich am Waschbecken die Zähne.
Dieser Yuri, … irgendwie sorgte er jedes Mal dafür, dass er sich für ihn verantwortlich fühlte. Aber warum? Was hatte dieser Kerl nur an sich? Kai rätselte hin und her während er sich die Zähne putzte.
Vor lauter Nachdenken hatte er total vergessen, dass ja die Leitungen zugefroren waren und es kein fließend Wasser gab. Wie sollte er jetzt die aufgeschäumte Zahnpasta aus dem Mund bekommen? Er schob sich die Zahnbürste in die Backe und suchte im Zimmer nach einer Lösung.
Im Augenwinkel sah er sich im gesprungen Spiegel. Ach herrje. Wie sah er denn aus!? Seine markanten Streifen waren kaum noch zusehen, und das, was noch zusehen war, hatte sich komplett über seine Wangen verteilt. Und zu allem Übel hatte er nicht nur ein Spiegelbild, nein, durch die Sprünge im Glas, sah er sich gleich in dutzendfacher Ausführung in allen Größen und Facetten. Einmal hätte sicherlich auch gereicht, um ihm zu zeigen, dass er nicht mehr nach sich selbst aussah. Aber jetzt war definitiv klar, er brauchte Wasser. Nicht nur wegen der Zahnpasta-Problematik, sondern auch wegen dem Geschmiere in seinem Gesicht. Da kam ihm der Gedanke an gestern, wie Yuri im zeigte, was man tat, wenn man kein frisches Wasser hatte. Man benutzte einfach Schnee.
Ohne groß nachzudenken, ging er ans Dachfenster und öffnete es. Er wollte sich doch nur etwas Schnee vom Dach holen, doch dass draußen seit Stunden ein Schneesturm tobte, hatte er irgendwie nicht mitbekommen.
Dieser drückte sich nun unnachgiebig durch das kleine Fenster hinein. Kai bekam so viel mehr Schnee in die Kammer, als dass es ihm lieb war und er es ursprünglich vorhatte. Schnell versuchte er, noch immer mit der Zahnbürste in der Backe und Schaum vorm Mund, das Fenster zu schließen. Mit einem letzten gekonnten Ruck hatte er das Fenster wieder zu und verriegelte es sofort. Puh, geschafft.
Neben ihm räusperte sich Yuri mit einem gewissen Unterton in der Stimme. Kai sah vorsichtig, neben sich zu dem Bett, wo doch gerade noch eben Yuri friedlich geschlafen hatte. So stand er unter dem Fenster, mit einer Zahnbürste, die seine Backe ausbeulte und mit dem Zahnpastaschaum am Mund, wie ein tollwütiges Tier, mit seinen verschmierten bläulichen Wangen und war über und über mit Schnee bedeckt. Yuri funkelte ihn missmutig an. Taufrischer Schnee rutschte ihm wässrig die Wange runter. Sein Blick verfinsterte sich zusehends. Das lief gar nicht so wie gedacht.
„Dobroye utro, Yuri…“, versuchte Kai nuschelnd die Lage zu entschärfen, doch Yuri knurrte nur als Antwort. Er ballte schon angespannt die Fäuste. Na, der Morgen fing ja gut an.
Ein stürmischer Morgen (Beta gelesen)
Er lag auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und wartete ungeduldig darauf, dass Molotow seinen ersten allmorgendlichen Schrei losließ und er endlich aufstehen konnte. Draußen trieb der Schneesturm die Schneeflocken unermüdlich gegen das Dachfenster. Sonst hörte er nichts, bis auf das feine Rieseln auf dem kleinen Fenster. So früh am Morgen schlief die gesamte Abtei noch.
Dann vernahm er aus der kleinen Kammer nebenan die ersten Geräusche. Die Dielen knarzten. Spencer war schon auf den Beinen.
Bryan hob leicht den Kopf und lauschte. Die Dielen im Nebenzimmer ächzten unter jedem seiner Schritte. Kurz darauf quietschte leise die Tür, dann hörte man Spencers schwere Schritte über den Flur davonziehen.
Natürlich. Spencer war morgens immer der Erste, der in den Tag startete.
Er hatte die kleinste Kammer der ganzen Abtei bekommen, dafür aber den Luxus, sie nicht teilen zu müssen. Als er damals zusammen mit Olga hier angekommen war, hatte es keinen freien Schlafplatz mehr gegeben. Also hatte Boris diese schmale, bis unters Dach mit Gerümpel vollgestellte, Kammer räumen lassen. Die Jungen hatten den ganzen Kram gemeinsam hinausgeschleppt und auf dem Scheunenboden über Oleg und Rasputin verstaut. Boris hatte mal wieder nur Befehle erteilt und selbst keinen Finger krumm gemacht. Man überließ ihnen einfach die Durchführung dieser Aufgabe. Mit viel fluchen, schieben, Millimeterarbeit und Fingerspitzengefühl hatten sie ein Metallbett und eine Matratze in diese Konservenbüchse von Kammer bugsiert. Mit dem Bett war die Kammer bereits ausgefüllt. Seitdem hauste Spencer dort allein.
Bryan beneidete ihn manchmal darum. Nicht um die enge Besenkammer an sich, sondern darum, nachts niemanden neben sich zu haben, der schnarchte, fluchte oder sich im Schlaf drehte, als wolle er das Bett zerlegen. Ein genervter Blick fiel auf seinen Zimmernachbarn Ian der schnarchend und wahrscheinlich mit offenem Mund quer und mit allen vieren von sich gestreckt in seinem Bett lag. Dieser kleine Kerl passte komplett unter die Decke. Egal, wie er sich hinlegte, verschwand er gänzlichst darunter, so dass nur noch eine Hügellandschaft von ihm zu sehen war.
Für alle anderen in der Abtei war die Deckenlänge gerade so ausreichend, wenn man die Füße an den Körper zog. Ansonsten reichte sie nicht mal vom großen Zeh bis zur Nasenspitze.
Spencers Schritte im Flur waren kaum noch zu hören. Wenig später verstummten sie ganz. Schließlich musste er an seinen Arbeitsplatz. Auch das war nichts Neues. Wenn Spencer morgens nicht als erstes Feuer machte, sprang die Dampfturbine des Generators nicht an. Und wenn der Generator nicht lief, gab es weder Strom noch warmes Wasser in den Leitungen.
So einfach war das.
Deshalb verbrachte Spencer fast den ganzen Tag in seinem Unterstand und befeuerte mit seinem gehackten Holz den Brennofen.
Denn warmes Wasser war in der Abtei fast kostbarer als Brot. Es wurde für die Duschräume gebraucht, für die Wäsche und manchmal für alles, was Olga in ihrer Küche nicht mehr anders gestemmt bekam. Für den Rest kochte sie sich Wasser im großen Topf in der Küche ab. Aber für größere Mengen war der Dampfkessel eine echte Erleichterung.
Trotzdem tat Boris jedes Mal so, als würde dort pures Gold durch die Rohre fließen.
Niemand durfte sich einfach so daran bedienen. Für alles in diesem Saftladen gab es Regeln. Strenge Regeln sogar. Die natürlich Boris nach seinen Launen entschied, wer wie viel von was bekam und wofür.
Und wenn ihm nach Spielen zumute war, dann bog er diese Regeln eben noch etwas enger, bis sie einem fast die Luft zum Atmen abschnürten.
Eigentlich war das verrückt, wenn man genauer darüber nachdachte. Spencer schürte den Kessel fast ohne Unterbrechung den lieben langen Tag, und trotzdem passte Boris darauf auf wie ein Geier. Es ging sogar so weit, dass Spencer morgens grundsätzlich nicht beim Frühstück im alten Kirchenschiff auftauchte. Während alle anderen schon in Richtung Essen schielten, stand er längst unten beim Feuer und sorgte dafür, dass der Laden überhaupt anlief.
Bryan fuhr sich durch die kurzen, stoppelig vom Kopf abstehenden aschblonden Haare und sah zum kleinen Dachfenster hoch. Dicht dahinter hatte sich der Schnee längst festgesetzt, das leise Rieseln war verstummt, sodass man kaum noch etwas draußen erkennen konnte.
Seltsam.
Molotow hatte noch immer nicht gekräht.
Bryan runzelte die Stirn und hob den Kopf etwas weiter an. Langsam wurde er ungeduldig. Hatte der dämliche Vogel heute Morgen etwa keine Lust? Oder hatte er ihn bei dem Schneetreiben einfach überhört? Eigentlich unmöglich. Molotow war sonst pünktlicher als jeder Blechwecker.
Er lauschte erneut. Da hörte er ihn. Na, endlich. Wurde aber auch Zeit!
Mit einem Satz war Bryan aus dem Bett. Fast im Fluge streifte er sich die Hose über die Füße und zog sie sich über den Hintern hoch. Dann hüpfte er abwechselnd auf einem Bein durchs Zimmer, während er sich die Socken anzog. Die Zahnbürste landete, mit einem Streifen Zahnpasta darauf, in seiner Backe, kaum dass seine Füße den Boden richtig berührt hatten. Während er sich hastig die Zähne putzte, versuchte er gleichzeitig in seinen gelben Pullover hineinzukommen.
Zahnbürste raus. Kopf durch den Pulli. Zahnbürste wieder rein. Weiter schrubben.
Schnell noch den Pullover mit einer Hand in die Hose gestopft, sich die Jacke mit dem Fellkragen übergeworfen und die Zahnbürste von links nach rechts in die Backe geschoben. Nun mit den freien Händen den Gürtel festgezurrt. Er nahm den Rest Schnee von gestern aus seinem Zahnputzbecher in den Mund. Mit einen flüchtigen Blick in den Spiegel, während der Schnee in seinem Mund zu Wasser schmolz, versuchte er sein unbändiges Haar mit einem alten Kamm in Ordnung zu bringen. Zwecklos. Er spuckte aus und rieb sich seinen Mund am alten Handtuch neben dem Waschbecken sauber. Kurz sah er noch mal in den Spiegel. Er pfefferte seine Zahnbürste in den Zahnputzbecher und grinste sich selbst im Spiegel keck an.
Dann ging’s los.
Bryan schoss aus der Kammer auf den Flur hinaus, die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Plötzlich bremste er mitten im Flur wieder ab, hetzte zurück, riss die Tür wieder auf, schnappte sich seine Stiefel und war im nächsten Moment schon wieder zur Tür raus.
„BRYAN – VERDAMMT NOCH MAL! TÜR ZU!“, maulte Ian aus dem anderen Bett der Kammer, doch Bryan war längst auf dem Flur, bog schon in den Ostflügel ab und hörte ihn nicht mehr.
„Jeden Morgen derselbe Mist mit dem Volltrottel …“, murmelte Ian, setzte sich verschlafen auf die Bettkante und kratzte sich gähnend am Hinterkopf.
„Das lernt der nie …“, maulte Ian vor sich hin. Mit halb offenen Augen, aber sichtlich genervt, schlurfte er zur Tür und schloss sie selbst wieder. Aber jetzt hatte er wenigstens das Zimmer für sich, um sich fertig zu machen. Der Vogel war ja schließlich schon ausgeflogen.
Bryan unterdessen rannte schon durch den Gang im Ostflügel, vorbei an den Kammern, in denen unteranderem auch Kai und Yuri schliefen. Mit großen Schritten kam er der alten, abgetretenen Holztreppe immer näher. Mit einem Satz saß er auf dem Geländer, rutschte es hinunter und landete schwungvoll auf dem alten Steinboden im Erdgeschoss. Fast wäre er gegen die Tür der Vorratskammer gerauscht. Im letzten Moment bekam er noch die Kurve.
Er rannte an der Treppe sowie an der zweiflügligen Tür zum Hof vorbei in Richtung von Boris’ Nordturm. Doch die Wendeltreppe interessierte ihn gar nicht. Mit rauchenden Sohlen schnitt er die Kurve und bog in den langen Flur mit den bodentiefen Fenstern ein. Diese gaben den Blick auf den zugeschneiten Klostergarten frei.
Draußen trieb der Wind den Schnee in hohen Verwehungen über die Giebel der Abtei. Wie ein Schleier wehten sie umher.
Bryan ging in die Eisen, kam grade noch so zum Stehen, dann riss er die linke der gusseisernen Türen zum alten Kirchenschiff auf. Der Geruch vom leicht süßlichen warmen Kascha wehte ihm entgegen. Er liebte es, der Erste zu sein, der diesen frischen Geruch einatmete, bevor er alt und schwer in der Luft lag.
„Guten Morgen, Olga“, trällerte Bryan fast, als er eintrat.
Olga schreckte hoch und sah auf.
„Lausejunge! Hast du mich erschreckt!“, japste Olga, die schon dabei war, die Tische in großen Bahnen fürs Frühstück mit einem feuchten Lappen abzuwischen. Einen kleinen Putzeimer hatte sie vor sich auf dem Tisch stehen, aus dem Wasserdampf aufstieg. Sie schob ihn immer weiter vor sich her.
Sie erschreckt? Na, sowas aber auch. Bryan kicherte.
„Ach, komm schon. Wer sollte denn sonst so früh hier reinschneien?“, grinste er sie an und kam auf sie zu, nachdem er die Tür hinter sich wieder ins Schloss gedrückt hatte.
„Das ist es ja. Hatte ich dir nicht gesagt, dass ich dich vor dem Hahnenschrei nicht hier sehen will?“ Sie sah ihn prüfend mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Molotow hat doch gekräht“, verteidigte sich Bryan, grinste und zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Ja, vor …“ Sie sah zur alten Uhr über der Kantinenausgabe. „Vor nicht mal zehn Minuten hat er gekräht, und du stehst schon hier?!“ Sie sah ihn abschätzend an. Bryan grinste nur noch breiter. Er hatte sich schließlich an ihre Vorgabe gehalten und nun war er hier.
„Und überhaupt: Du nennst den Hahn … Molotow?“ Sie grunzte belustigt auf.
„Den Namen hat er von mir“, grinste Bryan stolz. Olga sah ihn an und deutete einen flapsigen Klaps auf Bryans Hinterkopf an. Bryan duckte sich grinsend weg, auch wenn er genau wusste, dass Olga nie wirklich schlagen würde.
„Und die Pferde haben womöglich auch noch Namen?“, fragte sie rhetorisch. Bryan wollte schon Luft holen zum Antworten, da fuhr sie ihm ins Wort.
„So viel Unfug am frühen Morgen“, schimpfte sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Pff, ich doch nicht!“, murmelte Bryan grinsend zurück und schüttelte belustigt den Kopf.
Er musste daran denken, welch einen Aufstand Yuri vollzogen hatte, als Bryan seinen Kopf durchgesetzt hatte. Wenn Yuri den einen Rasputin nannte, dann wollte Bryan zumindest den anderen Namen aussuchen. Ja, Oleg war seine Idee gewesen. Allein der Genuss, Yuri wie einen Rohrspatz schimpfen zu sehen, war diese Schnapsidee wert gewesen. Bryan kicherte in sich hinein. Er wusste genau: Es ärgerte Yuri immer noch, dass der Gaul so hieß. Yuris Vorschlag war Nikolei gewesen, wegen dem Zaren. Das würde laut Yuri auch viel besser zu Rasputin passen, aber diesen Gefallen tat Bryan ihm gewiss nicht. Im Grunde war es Bryan egal, wie der andere Gaul hieß, es ging ihm ums Prinzip. Es machte ihm einfach viel zu viel Spaß Yuri zu ärgern und diesen Sieg über ihn kostete er selbstverständlich aus, wann immer es ging.
„Hey, träum’ hier nicht rum. Wisch’ lieber die Tische ab“, sagte sie, schob ihm den kleinen Eimer zu und warf ihm den Lappen rüber.
„Wird gemacht, Mütterchen“, grinste Bryan ihr frech entgegen.
„Hoff’ ich doch, Lausejunge. Ich geh nach dem Kascha gucken, nicht dass es mir noch anbrennt“, grunzte sie vergnügt und verschwand hinter der Theke der Essensausgabe in der Küche.
In Windeseile hatte Bryan die Tische sauber und brachte Eimer und Lappen zu Olga in die Küche zurück. Dann half er ihr noch, den schweren Topf voll Kascha zur Ausgabe zu wuchten und platzierte die gestapelten Blechteller daneben. Olga stellte die Besteckschublade mit den Esslöffeln dazu.
„Danke dir. Du bist mir echt eine große Hilfe. So, jetzt nimm das Tablett und bring es zu Boris ins Büro. Du weißt ja, er frühstückt gern in Ruhe für sich. Und verschütte mir den Zichorienkaffee nicht wieder“, sagte sie und fing an, die ersten Teller mit Kascha zu füllen.
Stimmt, der Alte zog es vor, nicht mit dem niederen Fußvolk zu dinieren. Bryan rollte mit den Augen. Am liebsten hätte er ihm einmal richtig in den Kaffee gespuckt, für all das, was er den Jungen hier zumutete.
Verdient hätte er es ja. Aber Bryan hielt sich zurück. Er hatte kein großes Bedürfnis, Boris’ Strafen auszuprobieren. Ihm reichte schon, dass er gesehen hatte, wie Boris mit Yuri umgesprungen war, nachdem er ihn beim Aktenlesen in seinem Büro erwischt hatte. Yuri sah danach übel aus und hatte obendrein noch Einzelhaft kassiert.
Das bedeutete, dass er zusätzlich in die Kammer umziehen musste, die für Sonderfälle freigehalten wurde. Es war jene, in der er nun mit Kai nächtigte. Sie war näher an Boris’ Schlafgemach und war mit einem zusätzlichen Riegel von außen an der Tür versehen. Einfach nur abschließen reichte wohl bei diesen Bewohnern nicht mehr aus.
Dass Yuri dort gelandet war, das verstand Bryan ja noch irgendwie, aber warum stand Kai unter so einer Beobachtung? Hatten sie ihn etwa auch aus dem Jugendknast geholt, wie auch ihn und Yuri? Nein, er glaubte nicht, dass Kai auch ein Knastbruder war. Er passte nicht in das Bild.
Was der Neue auf dem Kerbholz hatte, würde Bryan schon gern wissen.
Es würde ihn ebenfalls brennend interessieren, wie Yuri es angestellt hatte, in Boris’ Büro einzusteigen. Schließlich verlies Boris es kaum, und wenn, dann war es verschlossen. Und noch interessanter, wäre es zu wissen, was er da gelesen hatte, … Doch Yuri bekam man seither kaum ohne Bewachung zu Gesicht. Boris hatte ein besonderes Auge auf ihn werfen lassen. Außerdem bezweifelte Bryan, dass Yuri überhaupt darüber sprechen würde. Bryan seufzte. Schade. Das kratzte schon sehr an seiner Neugierde.
„Na, los! Mach schon. Sonst wird’s kalt!“, scheuchte ihn Olga auf und schob ihn aus der Küche. Sie humpelte in ihrem typischen, schwankenden Gang an ihm vorbei und hielt ihm die schwere gusseiserne Tür zum Flur auf. Er schob sich mit dem Tablett an ihr vorbei in den Flur. Da sah sie seine ausgebeulte Hosentasche.
„So ein kleiner Langfinger.“, sagte sie zu sich selbst, schüttelte den Kopf und ging zurück zu ihrer Essensausgabe. Sie duldete es eigentlich nicht, wenn die Jungen, sich in ihrer Küche einfach so bedienten, dennoch wusste sie ganz genau, dass er es nicht lassen konnte. Er hatte nun mal seine Finger überall und war schneller, als das man gucken konnte. Sie hätte ihn ausschimpfen können, doch den Apfel, der markant seine Hose ausbeulte, sah sie ihm nach. Schließlich hatte er ihr auch geholfen, was war da schon ein Apfel als Gegenleistung?
Außerdem wäre ihre Standpauke nur ein weiterer Zeitverlust und Boris’ Frühstück würde unnötig auskühlen. Boris würde das definitiv nicht gutheißen.
Das war den ganzen Aufstand also nicht wert. Gerade weil sie wusste, dass die Jungen alle immer Hunger hatten, drückte sie hier und da gern mal ein Auge zu, wenn es die Situation erforderte oder erlaubte.
Bryan war schon halb die Wendeltreppe zu Boris hinaufgestiegen und versuchte krampfhaft, dass der Kaffee nicht über den Rand der Tasse schwappte.
Was eine bescheuerte Aufgabe. Bryan knurrte in sich rein.
Er und etwas langsam tun. So ein Mist. Das grenzte schon an Tierquälerei, von ihm so etwas zu verlangen. Sich vorsichtig und langsam zu bewegen war für ihn unnütz und entsprach so gar nicht seinem Naturell. Geduld und Feingefühl waren nicht seine Stärke. Er sorgte lieber für etwas Schwung in dem festgefahrenen Laden, als hier so ein filigranes Geduldsspiel zu erledigen.
Die Lust, Boris doch noch voller Eifer in sein Frühstück zu spucken, wuchs in Bryan immer mehr an. Der Alte könnte doch einfach, wie jeder andere seinen Arsch nach unten bewegen, dann müsste man ihm seinen dämlichen Kaffee nicht hinterhertragen. Sowas bescheuertes. Alles nur Schikane. Mehr nicht.
Er hatte Boris’ Büro erreicht und stand nun vor der Tür. Vorsichtig versuchte er mit seinem Fuß an die Tür zu stupsen und so einen Klopflaut zu erzeugen.
„Ja, herein“, antwortete Boris in einem rauen Ton kalt. Bryan drehte der Tür den Rücken zu, drückte mit dem Ellenbogen die Klinke hinunter und schob mit dem Hintern die Bürotür auf. Er trat ein.
Etwas mehr Contenance! (Beta gelesen)
Ihh, war das kalt und nass! Wo kam das denn plötzlich her!?
Noch bevor Yuri die Augen richtig offen hatte, war er schon hochgeschreckt und ausnahmsweise mal nicht mit dem Kopf gegen die Dachschräge geknallt. Die letzten paar Male waren wohl eine Lehre gewesen. Aber was zum Teufel sollte das denn jetzt schon wieder? Wer wagte es, ihn so aus dem Schlaf zu reißen?
Verschlafen blinzelte er auf und versuchte, sich zu orientieren. Nicht mal fünfzig Zentimeter von ihm entfernt stand Kai vor ihm am Fenster.
Oder zumindest jemand, der ihm ziemlich ähnlichsah.
Der sonst so stolze Kerl hatte Zahnpastaschaum um den Mund, die Zahnbürste beulte ihm die Backe aus und seine blaue Maskerade hatte sich halb über das Gesicht verteilt. Zu allem Überfluss war er von oben bis unten mit Schnee bedeckt. Selbst seine wild vom Kopf abstehenden Haarsträhnen hingen ihm nass und kraftlos vom Kopf.
Welch eine Erscheinung.
Yuris Mundwinkel zuckten. Ein leises Kichern entwischte ihm ungewollt. Kurz hatte es ihn übermannt. Gefährlich kurz. Hastig riss er sich wieder zusammen, räusperte sich und zog seine Mimik in strenge Falten.
Ja nichts anmerken lassen.
Mit extra scharfem Jagdhundblick sah er Kai an, während er innerlich längst gegen einen Lachanfall kämpfte. Das Bild, das sich ihm bot, war so absurd komisch, dass er wirklich Mühe hatte, seine Mundwinkel unter Kontrolle zu behalten.
Kai bemerkte erst jetzt, dass Yuri wach war, und sah ertappt vom Fenster zu ihm. Er nuschelte ein zusammengezimmertes „Guten Morgen, Yuri“ in wackeligem Russisch.
Das Bild, das sich vor Yuri auftat, war mehr als albern und stellte Kais Würde und Stolz demonstrativ in den Schatten.
Yuri spürte, wie sich ihm die Mundwinkel immer mehr widersetzten und bedrohlich zu einem Schmunzeln zuckten. Ja, bloß nicht zulassen, dass es schallend lachend aus ihm herausbrach. Das war nun die Devise.
Er richtete sich wortlos auf, fuhr sich durchs Gesicht und tat so, als wischte er sich nur das kalte Tauwasser weg, das ihm vom geschmolzenen Schnee über Stirn, Nase und Wangen lief. Vor ihm rutschten die Jacken und Decken, die Kai in der Nacht über ihn gelegt hatte, etwas auseinander. Von seiner Nasenspitze tropfte ein letzter Tropfen direkt in seinen Schoß.
Ein kurzes Grinsen schoss ihm nun doch übers Gesicht.
Ausgerechnet jetzt.
Reflexartig hob er die Hand und versuchte, es dahinter zu verstecken. Verdammt.
Zu spät.
Kai hatte es gesehen. Er rollte genervt mit den Augen und schnaubte ein gereiztes Geräusch an der Zahnbürste vorbei. Dann drehte er sich wieder zum Fenster und raffte wortlos den Schnee auf dem schmalen Fensterbrett zusammen.
Yuri beobachtete ihn einen Moment lang.
Kai sah über die Schulter zu ihm zurück. Er blitzte ihn an, den komprimierten Schnee in der Hand.
Yuris Augen weiteten sich.
„Hey— hey— hey! Halt!“, kam es viel zu hastig aus ihm heraus.
Noch ehe er seine eigene Stimme richtig sortiert hatte, riss er schon entwaffnend die Hände hoch und duckte sich halb dahinter weg.
„Nee. Nee, nee, nee! Lass das!“
Yuri kapierte blitzschnell, was Kai vorhatte.
Das war, verdammt noch mal, nicht fair. Er war ja noch gar nicht richtig wach!
Sein Kopf lief noch irgendwo im Leerlauf, sein Körper steckte halb im Nachthemd, halb in der Realität, und von seinem üblichen knurrigen Abwehrbollwerk war weit und breit noch nichts einsatzbereit. Auch seine sonst so dicken Mauern aus Stolz waren noch nicht richtig hochgezogen. Er hatte nicht einmal den ersten ordentlichen bösen Blick des Tages zustande gebracht. Stattdessen saß er einfach da wie ein überrumpelter Idiot auf dem Präsentierteller.
Kai hob die Hand ein Stück. Er holte schon zum Wurf aus, doch dann stockte er in der Bewegung.
Yuri verkrümelte sich hinter seinen Armen und wartete darauf, dass er seine Quittung für seine aufbäumende Schadenfreude kassierte, doch es passierte nichts.
Vorsichtig lugte er hervor und wollte wissen, warum nichts geflogen kam.
Kai sah zu, wie ihm ein Rinnsal das Handgelenk hinunterlief, und ließ die Hand langsam wieder sinken. Man konnte förmlich dabei zusehen, wie sich in seinem Kopf etwas verschob. Der Schneeklumpen war wohl plötzlich keine Munition mehr.
Kais Blick glitt von seiner Hand zum Waschbecken.
Yuri blinzelte verdutzt.
Kai nahm die Zahnbürste aus dem Mund, biss ein Stück von dem Schnee ab und lutschte kurz darauf herum. Mit dem Rest ging er zum Waschbecken und drehte Yuri einfach den Rücken zu, als wäre dieser im selben Augenblick völlig unwichtig geworden.
Irritiert sah Yuri dabei zu, wie Kai die Kriegserklärung von jetzt auf gleich ohne ein Wort einfach fallen ließ.
Yuri ließ langsam die Hände sinken.
Was… bitte war das denn jetzt gewesen?
Eben noch hatte Kai ganz eindeutig vorgehabt, ihn mit eiskaltem Schnee abzustrafen, weil Yuri sich das Lachen nicht hatte verkneifen können. Und im nächsten Moment war er nicht einmal mehr bedeutend genug, um die verdiente Strafmaßnahme serviert zu bekommen.
Das sollte mal einer verstehen.
Kai stand nun vorm Waschbecken und rieb sich mit dem restlichen Schnee die verschmierte blaue Farbe aus dem Gesicht, als hätte es diese kleine morgendliche Kriegsdrohung nie gegeben.
Yuri saß noch immer halb geduckt da. Völlig verdattert und innerlich auf dem falschen Fuß erwischt, ließ er Kai nicht aus den Augen. Langsam richtete er sich wieder auf und fuhr sich noch einmal mit der Hand durch das tropfnasse Gesicht.
Na, ganz toll.
Nicht nur, dass Kai anscheinend grundsätzlich mit Wurfgeschossen reagierte, sobald man es wagte, über ihn auch nur lachen zu wollen. Nein, der Kerl sortierte auch noch mitten im Angriff seine Prioritäten neu und ließ einen einfach sitzen, wenn ihm etwas anderes gerade wichtiger erschien.
Unfassbar.
Kai beugte sich währenddessen über das emaillierte Waschbecken und wusch sich mit stoischer Gründlichkeit die verschmierte Farbe aus dem Gesicht. Der letzte Schneerest schmolz ihm zwischen den Fingern weg und tropfte in das Becken.
Yuri rieb sich leicht ratlos die Stirn. Auf diese Art war er auch noch nicht geweckt worden. Kai war wohl grundsätzlich für die falsche Sorte Überraschung gut.
Immer dann, wenn man glaubte, ihn langsam durchschaut zu haben, kam er mit der nächsten völlig widersprüchlichen Aktion um die Ecke. Gestern noch hatte er im Hof den starken Mann markiert, sich mit Boris angelegt und dann einfach den Abgang gemacht, als die Lage zu hitzig wurde. Später im Zimmer hatte er ihm erst ein Bein gestellt und dann schier eine Kissenschlacht angezettelt, nur um Sekunden später einfach wegzurennen.
In der Nacht war er plötzlich ohne Vorwarnung als menschliche Heizung in Yuris Bett gekrochen, als wäre das die selbstverständlichste Lösung der Welt. Natürlich nicht ohne Knurren und unverständliches japanisches Gemeckere. Und nun stand er da und hatte seine Rachegelüste gegen ein sauberes Gesicht eingetauscht.
All das natürlich mit so einem unumstößlich stolzen Auftreten, als sei jeder seiner Einfälle die einzig logische Handlung, die noch tragbar wäre.
Was ein verrückter Kerl.
Kai richtete sich auf, knurrte demonstrativ und warf ihm einen finsteren Blick über die Schulter zu. Offenbar hatte Yuri beim Abdriften in seine Gedanken etwas zu lange zu ihm rüber geschaut. Schnell drehte er den Kopf weg.
Was nun folgte, schien zu einem eingespielten Ritual zu werden, das Kai sich wohl von Yuri angeeignet hatte. Man knurrte den anderen offiziell an, um klarzumachen, dass nun Privatsphäre eingefordert wurde, bevor man sich den Eimer schnappte.
Yuri schmunzelte kurz.
Auch gut. Wenn es so für ihn funktionierte, dann konnte Yuri mit dieser Verhaltensregel gut leben. Schließlich war sie einfach und klar verständlich.
Yuri schnappte sich Kais Bettzeug und dessen Jacke und warf alles rüber auf Kais Bett. Danach stand er auf, ohne Kai eines Blickes zu würdigen, und nutzte die Rücken-an-Rücken-Situation, um schnell seine Shorts zu wechseln.
Yuri hatte sich längst an den Umstand gewöhnt, dass tägliches Wechseln der Unterwäsche nicht möglich war. Das Wäscheaufkommen wäre sonst bei all den Jungen für Olga nicht zu stemmen. Er griff unter sein Bett und zog beide Kisten hervor.
Seine alte Shorts flog in die eine, aus der anderen holte er eine unbenutzte heraus und zog noch zwei unterschiedliche Wollsocken aus der Kiste. Binnen weniger Augenblicke hatte Yuri auch seine Alltagsklamotten an und setzte sich auf seine Bettkante, um sich die frischen Socken über die Füße zu stülpen. Die stinkigen der letzten Tage flogen mit zu den benutzten Shorts in die andere Kiste.
Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.
Mit einem routinierten Handgriff waren beide Kisten wieder unter dem Bett verschwunden.
Kai schob gerade den Eimer zurück unter das Waschbecken und richtete sich auf, als Yuri dessen seltsame Körperhaltung auffiel. Der Kerl stand längst nicht mehr mit seiner üblichen aufrechten Spannung da. Doch Kai korrigierte sofort seine Haltung, als er Yuris Blick im Augenwinkel bemerkte. Er fummelte kurz an seinem Gürtel herum und stand danach wieder mit astreiner Körperhaltung da.
Okay, vielleicht hatte Yuri nur zu viel hineininterpretiert.
Yuri schüttelte währenddessen seine Decke auf und legte sie glattgestrichen auf seine Matratze. Auch sein Kissen klopfte er einmal auf, auch wenn das bei den wenigen Daunen, die darin überhaupt noch existierten, fast nutzlos war. Danach legte er es mittig ans obere Ende seines Bettes.
Während Yuri schon für Ordnung an seinem Schlafplatz sorgte, erneuerte Kai vor dem Waschbecken die Streifen in seinem Gesicht.
Natürlich.
Ohne diese blauen Streifen ging der feine Herr offenbar nicht vor die Tür.
Nun tauschten die beiden in der kleinen Kammer ihre Plätze, was nicht ganz einfach war. Denn wenn beide darinstanden, grenzte es fast an ein Wunder, dass sie sich nicht gegenseitig auf die Füße traten. Sie schoben sich aneinander vorbei und achteten beide peinlich genau darauf, den jeweils anderen bei diesem Unterfangen nicht zu berühren.
Eine heikle Angelegenheit.
So eng bemessen war der Platz für das alltägliche Leben in dieser Konservenbüchse.
Wenig später hatte Yuri seine Morgentoilette mitsamt der Katzenwäsche, oder zumindest dem, was davon möglich war, beendet. Kai stand inzwischen ebenfalls in anderen Klamotten neben seinem ordentlich gemachten Bett. Sein Muskel-Shirt hatte er gegen einen sehr dünn wirkenden schwarzen Pulli getauscht. Er war gerade dabei, sich die Schuhe zuzubinden, und achtete nicht auf Yuri.
Kai hatte einen Fuß auf dem Bettgestell hochgestellt und band sich angespannt den linken Schuh. Yuri sah ihm dabei zu. Irgendwie sah dieses Verhalten seltsam angestrengt aus. Aber er konnte nicht genau sagen, weshalb.
Kai griff nach dem zweiten Schuh, arbeitete sich mit dem Fuß hinein und versuchte, wie eben, auch diesen zuzubinden. Da bemerkte Yuri es wieder. Warum auch immer sah das ganze Schauspiel nicht besonders geschickt aus.
Hatte der Goldjunge in seiner Heimat etwa auch Personal gehabt, das ihm die Schuhe zuband?
Mit einem belustigten Schnauben blies Yuri sich eine seiner Strähnen aus dem Gesicht.
Welch eine Vorstellung.
Kai nestelte schon wieder an seiner Gürtelschnalle.
Hatte sich der feine Herr den Gürtel vorhin wohl zu eng geschnallt?
Yuris Mundwinkel wollten schon wieder grinsen. Er sollte sich auch in seinen Gedanken weniger mit Spott und Hohn beschäftigen. Wenn Kai jetzt davon Wind bekäme, würde bestimmt nicht nur sein Kissen geflogen kommen.
Yuri schüttelte den Kopf. Schluss jetzt damit. Etwas mehr Contenance!
Unbeirrt lehnte er sich mit dem Hintern an die Wand neben der Tür und zog sich seine Stiefel an, während Kai sich seine Jacke und seinen Schal überwarf.
Yuri sah Kai an. Ihre Blicke trafen sich. Ein stummes Nicken von Kai, dann verließen beide nacheinander ihre Kammer.
Kai stellte den Eimer von außen vor die Tür. In diesem Moment hörte man die alten Abteiglocken läuten. Heute schienen die beiden dank Kais Fensteraktion und dem frühen zu Bett gehen ziemlich früh auf den Beinen gewesen zu sein.