Ohne dich
Er kommt aus der Dunkelheit zu dir zurück.
Kalt, dunkel, gefährlich.
Doch die wahre Gefahr
ist der, der im Schatten blieb —
und auf dich lauert,
wenn die Nacht dich verschlingt
Kapitel 1 – Ohne dich
„Na los, Sakura! Beeil dich endlich, verdammt, warum bist du immer so spät dran?“
Sakura hasste es, früh aufzustehen.
Sie hasste es, in die Uni hasten zu müssen.
Sie hasste es, dass sie heute zwei verschiedene Socken anhatte.
Sie hasste es, dass sie heute dunkle Augenränder hatte, hasste es, dass ihr BH zu locker saß.
Heute hasste sie den Tag einfach generell.
„Wie kann man bitte mit 26 Jahren immer noch so eine Trantüte sein?!“
Sakura bewunderte ihre beste Freundin. Ino Yamanaka war eine atemberaubend schöne junge Frau. Ihr langes Haar trug sie häufig als hohen Zopf, sodass ihr hübsches Gesicht im Vordergrund stand. Große blaue Augen leuchteten über ihr gesamtes Gesicht und konnten jedem Mann den Atem rauben. Ihre vollen Lippen waren häufig mit Lipgloss geschminkt und wirkten so einladend, dass sogar Sakura nicht anders konnte, als diese öfter, als es normal sein sollte, anzustarren.
Kurz gefasst: Ino Yamanaka war für sie das Aushängeschild für Schönheit.
Sakura und Inoya studierten zusammen Medizin und standen kurz vor ihrem Masterabschluss. Beide hatten unterschiedliche Gründe dafür, doch letztendlich waren die besten Freundinnen auf derselben Seite und wussten, dass sie die richtige Berufung für sich gefunden hätten.
Sakura wollte eines Tages Internistin werden und Inoya träumte davon, irgendwann als Kinderärztin zu arbeiten. Das hatten sich beide geschworen, das Studium gemeinsam durchzustehen, und bis jetzt lief es eigentlich ganz gut.
Doch diese eine Sache machte Sakura ungeheure Angst …
„Tut mir leid, ich habe einfach zu lange gelesen …“
„Das geht mir am Arsch vorbei! Ich schwöre dir, eines Tages schiebe ich dir deinen Wecker in den Hintern!“, warnte die schöne Blondine. Inoya selbst war heute verhältnismäßig schlicht gekleidet in ihrer schwarzen Hose und ihrer weißen Bluse. Auch ihr sah man an, dass sie unter Stress stand, was sie allerdings nicht weniger hübsch machte.
„Heute erfahren wir, ob wir bestanden haben, ist dir das nicht wichtig?!“
„Nö, eigentlich nicht.“
Eigentlich war es Sakura sehr wichtig und zu jeder anderen Zeit wäre sie genauso eilig gelaufen wie Inoya. Allerdings war sie fast die ganze Nacht lang wach gewesen und hatte gerade mal eine Stunde Schlaf abbekommen.
Doch das wusste Inoya nicht.
Auch Naruto, ihr bester Freund, wusste es nicht.
Oder Sakuras Eltern. Niemand.
Niemand wusste, dass sie die ganze Nacht auf war.
Dass sie die ganze Nacht gar nicht zu Hause war.
„Du hättest mir doch einfach eine Mail schreiben und sagen können, ob ich bestanden hab.“
Aber das dürfte sie niemandem sagen. Vor allem Inoya nicht.
Die Verrückte würde mich umbringen …
„NA LOS, DA KOMMT DIE BAHN!“
In dem vollen Gedränge entglitt Inoya Sakuras Hand, doch beide Frauen der Masse standen und beeilten sich, so schnell es ging. Shinsei City konnte wirklich menschenüberfüllt sein und egal wie lange man hier doch lebte, war es immer wieder ätzend für Sakura, ständig diese Menschenmassen durchdringen zu müssen.
„Ah …!“
Die junge Studentin stolperte plötzlich und als sie nach unten schaute, begriff sie schnell, dass sich ihr viel zu langer Schnürsenkel gelöst hatte. Schnell beugte sie sich runter und band ihre Schleife, was wegen all der Menschen, die ständig gegen sie stießen, unnötig lange gedauert hatte. Sakura fluchte genervt, richtete sich auf und sah, wie Inoya, die bereits eingestiegen war, die Hand nach ihr streckte.
Doch als Sakura zu ihr eilen wollte, drängelten sich immer mehr Menschen vor, ohne ihr die Chance zu lassen, endlich einzusteigen.
„Sakura! Hey, lasst mich raus, ihr blöden, stinkenden—!“
Zu spät.
Die Tür wurde automatisch geschlossen, noch ehe Inoya aussteigen konnte, und im nächsten Moment schaute die Rosahaarige der Bahn hinterher, die ihre Freundin nun allein bis zur Uni fahren sollte.
Entgeistert und erschöpft seufzte Sakura. Sie hätte theoretisch gar nicht mal so lange bis zur nächsten Bahn warten müssen, doch …
Sie wollte nicht.
Sie konnte auch ehrlich gesagt nicht mehr und drehte sich um.
Stattdessen wollte Sakura sich einfach Ruhe gönnen und lief blind umher, spazierte für sich allein und warf ab und zu einen Blick in die Geschäfte.
Sie bemerkte ein rotes Oberteil, das ihr sehr gefiel, lächelte kurz bei der Vorstellung, wie und wo sie es tragen würde, warf den Gedanken aber schnell ab. Denn das Oberteil war zu teuer.
Viel zu teuer.
Sie brauchte ihr Geld für weitaus wichtigere Sachen.
Hn. Du bist so nervig …
Die Rosahaarige blinzelte kurz, als sie diese Stimme in ihren Gedanken hörte und das Gesicht vor Augen sah.
Wie seltsam …
Warum dachte sie jetzt an ihn?
Sakura …
Sie schluckte hart, versuchte vehement, diese tiefe, samtige Stimme endlich zu vergessen.
Schließlich war er weg.
Er war gegangen.
Er hatte sie verlassen, also warum dachte sie noch immer an ihn?
Warum mussten Frauen eigentlich immer jedem Typen so jämmerlich hinterherheulen?
Sollte sie nicht stärker sein?
Ob … er auch hin und wieder an sie dachte?
„Ah, Sakura. Das ist ja ein schöner Zufall.“
Sakura hielt inne, als sie eine vertraute Stimme wiedererkannte und auch schon in ein bernsteinfarbenes Augenpaar schaute, mit leichtem Unbehagen auch den jungen Mann erkannte.
„Mako? Was machst du denn hier?“
Sakura kannte Mako jetzt seit vielen Jahren, war sogar mit Inoya und ihm auf derselben Schule gewesen. Der junge Mann hatte letztes Jahr seinen Abschluss gemacht und ist der Sohn von Noyan Arata, dem CEO von Shinsei BioTech, der größten Pharmafirma in Shinsei City.
„Ich bin hinter dir her, weißt du das denn nicht?“, grinste Mako, worauf die Studentin lachend die Augen verdrehte. Nach all der Zeit flirtete der CEO noch immer, wenn er guter Laune war, worauf sie belustigt mit den Augen rollte.
„Sehr witzig“, lachte sie sarkastisch.
„Wie geht es mit der Firma voran? Spielst du den großen Boss?“
„Würdest du es sehr scharf finden, wenn ich ja sagen würde?“, zwinkerte er und Sakura kräuselte kurz ihre Lippen, wirkte nachdenklich, als sie zur Antwort ansetzte.
„Naja, ich mag zwar Männer in Anzügen, aber ich erteile lieber selbst Befehle.“
Mako gluckste, seine Stimme tief und mächtig, und sie merkte, dass er immer seriöser und auf eine merkwürdige Art autoritärer wurde.
„Heirate mich und wir führen beide die Firma an“, scherzte er grinsend.
„Oh, glaub mir, mich zu heiraten, würde dich wahnsinnig machen“, lachte Sakura, schaute ihm in die hellbraunen Augen, die mit einem Mal fokussierender wirkten, sie ein wenig zu intensiv anstarrten.
„Glaub mir, viel wahnsinniger werde auch ich nicht mehr.“
Sakura … Du gehörst mir. Hast du mich verstanden?
Wieso? Wieso hörte sie heute ständig Sasukes Stimme?!
„Sag mal, Sakura, ich wollte dich eigentlich fragen, ob wir nicht mal etwas essen gehen sollten. Langsam fehlt mir ein wenig Gesellschaft, weißt du?“
Das konnte sie sich gut vorstellen. Schließlich wusste jeder, wie hart und streng sein Vater sein konnte.
„Das sollten wir wirklich mal …“, meinte die Rosahaarige darauf, teilte dasselbe Lächeln mit ihm, als sie sich an die beinahe von ihren Eltern arrangierte Hochzeit zurückdachten.
„Ich nehme auch gleich Inoya und Naruto mit. Semira, Obi, Maron und die anderen frage ich auch mal, dann machen wir ein schönes Klassentreffen daraus, was sagst du dazu?“
Sakura realisierte in dem Moment gar nicht, dass Mako nicht nach einem Klassentreffen strebte, allerdings sagte der Geschäftsführer in Spe nichts dazu und ließ sie sprechen. Offenbar war Sakura noch nicht über diesen Sasuke hinweggekommen.
„Na hallo, was macht ihr zwei denn hier? Schwänzt ihr etwa auch?!“
Es war Naruto Uzumaki, der mehr als überrascht mitansah, wie Mako und Sakura miteinander sprachen.
Der blonde Student trug das charakteristische breite Lächeln auf den Lippen, erhellte damit augenblicklich Sakuras müden Tag mit seiner ansteckend guten Laune.
Die Studentin kannte den Blonden seit ihrer Kindheit und konnte sich seit jeher immer auf den blauäugigen jungen Mann verlassen, der mit seiner offenen, aufgeschlossenen Art jede Seele für sich gewinnen konnte.
Jeder brauchte einen Naruto in seinem Leben, fand Sakura zumindest.
„Uzumaki, schön dich zu sehen“, grüßte Mako und reichte Naruto die Hand hin, der natürlich sofort einschlug. Doch Sakura entging nicht das kleine Zucken im meerblauen Blick des Studenten, der erst nochmal zu Sakura schaute, ehe er den Dunkelhaarigen beäugte, seine Augen minimal verengt.
Keinem wäre das aufgefallen, da Naruto immer dafür bekannt war, gutgelaunt, chaotisch und jungenhaft zu sein.
„Auch cool, dich wiederzusehen, Alter“, grüßte der Blonde zurück.
„Naruto, Mako würde bald gerne mit uns essen! Wir müssen heute alle aus der alten Klasse zusammentrommeln!“
Mit erhobenen Augenbrauen sah Naruto zu Mako, wirkte ganz und gar überrascht, jedoch bemerkte er, dass der Schwarzhaarige nicht ganz so enthusiastisch wirkte wie die junge Rosahaarige.
Heh. Der kleine Mistkerl wollte sich wieder an Sakura ranmachen …
„Oh, das klingt ja richtig cool“, grinste er mit gespielter Freude.
„Jetzt müsste nur Sasuke noch hier sein und wir hätten eine komplette Runde daraus machen können, Alter!“
Sakuras Körper zuckte bei dem Namen, ihr Atem stockte und ihr Blick wurde starr, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Nach über vier Jahren war es noch immer zu schmerzvoll für sie, diesen Namen zu hören, auch wenn sie es noch so gut zu überspielen wusste.
Und gerade heute ging es ihr wirklich nicht gut mit dem Thema …
„Das stimmt. Aber er ist immer noch nicht zurück, oder?“, lächelte Mako freundlich.
„Ich habe ihn jetzt seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen. Ist er immer noch in den USA—“
„Er wird eines Tages zurückkommen. Vielleicht sogar noch schneller, als wir gucken können, glaub mir das mal.“
Dem Rest der Unterhaltung konnte Sakura nicht mehr folgen, da sie wieder von viel zu vielen Erinnerungen abgelenkt wurde.
Es konnte doch nicht sein, dass sie ihn nach all der Zeit immer noch so sehr vermisste, dass es ihr wehtat, wenn man auch nur seinen Namen aussprach.
Dabei sollte sie ihn eigentlich hassen, ihn dafür verabscheuen, was er ihr angetan hatte.
Sie hatte es nicht verdient, noch immer so sehr daran zu leiden, ihn nicht mehr in ihrem Leben zu wissen.
Sakura wollte diesen Schmerz nicht spüren, nicht ständig daran zurückdenken, dass sie ihn so sehr geliebt hat und er nicht genauso gefühlt hat wie sie.
Sie hasste es, so schwach zu sein, sie hasste es, dass sie trotz der Tatsache, dass sie seit vier Jahren ein freier Single war, emotional nicht bereit für eine neue Beziehung war, während er sich wahrscheinlich ein schönes Leben machte.
„Bis dann, ihr beiden. Wir sehen uns dann bestimmt recht bald.“
Sakura verabschiedete sich ebenfalls mit unwichtigen Worten, wartete, bis Mako außer Reichweite war und funkelte dann auch gleich den blonden Studenten an, wirkte ganz und gar nicht mehr glücklich.
________________
„Was ist denn, Sakura-“
„Was um alles in der Welt sollte das, Naruto?“, startete sie ihre Tirade.
„Was sollte der Spruch mit Sasuke? Du weißt doch, dass er einfach gegangen ist!“
„Und du weißt doch auch, dass dieser reiche Schnösel dich ins Bett kriegen will!“, entgegnete der Student mehr als unzufrieden.
„Das ist doch schon gruselig. Dieser Stalker soll aufhören, dich bei jeder Gelegenheit anzugraben. Der traut sich das doch nur, weil Sasuke weg ist!“
Innerlich seufzte die junge Studentin.
Naruto war wirklich der netteste Mensch, der ihr je begegnet war. Er war treu, ehrlich, aufgeschlossen, energiegeladen und loyal — einen Freund wie ihn würde niemand in einhundert Leben finden.
Sasuke war immer sein bester Freund gewesen und obwohl er nicht mehr da war, obwohl er sie alle eiskalt verlassen hat, glaubte Naruto noch immer an ihn und setzte sich für ihn ein.
„Du sagst es doch, Naruto“, sagte Sakura darauf, ihre Stimme geladen.
„Er ist weg. Sasuke hat mich verlassen und damit bin ich nicht mehr vergeben. Wenn Mako also flirtet, ist das in Ordnung.“
Und genau so meinte Sakura es auch.
Sie wurde von Sasuke verlassen, also schuldete sie ihm keine falsche Loyalität. Vielleicht würde es ihr auch mal guttun, etwas Lockeres einzugehen. Vielleicht könnte sie ihn so endlich aus ihren Gedanken verbannen.
„Sakura, er ist nicht einfach gegangen, das weißt du“, betonte Naruto darauf, seine Augen unglücklich über die gesamte Situation.
„Woher wollen wir das wissen? Nach dem Autounfall hat er mir echt beschissene Dinge an den Kopf geworfen, die menschenunwürdig waren, okay?“
„Er hat mir … nein, er wollte eigentlich nicht gehen. Da ist irgendwas gewesen, das wir nicht wissen.“
Seit Jahren sprach er immer wieder dieselben Worte aus und hoffte, dass Sasuke bald zurückkehren und diese Worte endlich bestätigen würde.
„Aber er hat mich verlassen, Naruto. Er ist weg und wollte offenbar keine Fernbeziehung.“
„Sakura, ruf ihn doch nur ein einziges Mal an. Ich denke …“
„Da gibt es nichts zu bedenken. Wenn er mich geliebt hätte—“
„Das tut er!“, warf Naruto sofort ein, als würde er es mit absoluter Sicherheit wissen.
„Sakura, du weißt, wie sehr er dich liebt, Alter! Er wird bald wieder zurückkehren, glaub mir, er leidet mindestens so sehr wie du!“
Das konnte sie sich nicht vorstellen.
Ansonsten hätte er nicht auf so eine Art mit ihr Schluss gemacht.
Er hätte ihr nicht so gemein das Herz gebrochen …
Sie erinnerte sich noch ganz genau daran.
Sie erinnerte sich daran, wie unglaublich verliebt sie in ihn gewesen war, und auf wie viele Arten er sie gebrochen hatte.
„Nein, das werde ich ganz sicher nicht. Für mich hat es unsere Beziehung nie gegeben, Naruto. Er ist ein Single und ich bin einer.“
„Aber er wird bald—“
„Das ist mir scheißegal!“, platzte es lauter als gewollt aus ihr heraus.
„Naruto, mein Leben dreht sich nicht mehr nur um Sasuke. Ich spare gerade so viel Geld für…“
„Ich weiß“, sprach der Blonde, sein Blick wurde richtig niedergeschlagen.
„Das tue ich doch auch. Ich helfe doch so gut ich kann …“
Sofort breitete sich das schlechte Gewissen in Sakura aus, das sich durch den wehmütigen Blick ihres besten Freundes in ein verzehrendes Gefühl von Schuld verwandelte.
„Das weiß ich doch. Es tut mir wirklich leid, Naruto, ich will gar keine schlechte Laune verbreiten …“
Sakura seufzte schwer, strich sich die losen Haarsträhnen — ihre pinken Strähnen — aus dem Gesicht und richtete ihren grünen Blick in den Himmel, der allmählich immer grauer zu werden schien. Ihre Augen wurden feucht.
„Sasuke wird dein Freund bleiben, egal was auch passiert. Das verstehe ich. Aber ich will nicht mehr über ihn reden, für mich spielt er keine Rolle mehr. Ich will endlich von ihm loskommen, okay?“, bat sie nachdrücklich und schluckte den kleinen Kloß im Hals runter.
„Wir beide haben zurzeit sowieso ganz andere Sorgen und dafür müssen wir uns die nächste Zeit unsere Ärsche aufreißen. Immerhin müssen wir das Geld bis nächstes Jahr zusammengekratzt haben.“
Naruto hoffte es zumindest. Der sonst so optimistische Student versuchte sich ständig selbst davon zu überzeugen, dass sie es schaffen würden, wenn auch mit sehr viel Mühe. Alles andere würde seine Gedanken vergiften, doch dafür hatte er nicht die Zeit.
„Aber Sakura, bitte … halt dich fern von diesem Bastard“, bat Naruto dennoch, sein meerblauer Blick eindringlich und ungewohnt ernst.
„Du weißt, was ich von dem halte. Ich kriege immer ein megaungutes Gefühl, wenn sich dieser schleimige reiche Sack dir so nähert. Bei ihm stimmt etwas nicht.“
Sasuke und Naruto hatten Mako früher gehasst.
Dass Mako in Sakura verliebt war, wusste fast jeder, doch Sasuke war damals nicht unbedingt eifersüchtig gewesen.
Aber Naruto erinnerte sich gut daran, wie sein bester Freund immer die Augen verengt hatte, wenn Mako sie ansprach und ihr ungefragte Komplimente machte.
Und außerdem erinnerte Naruto sich an seine Worte, bevor Sasuke in den Flieger gestiegen war.
________________________________________
„Naruto, nach dem Studium werde ich wieder zurückkehren. Gib gut auf dich Acht, du Trottel. Und … pass auf sie auf.“
Seine Stimme war monoton, doch seine Augen dunkel, traurig.
„Ich traue diesem Bastard nicht. Und ich weiß, dass du es auch nicht tust. Ich glaube auch, dass er mit dieser Sache zu tun hat, deswegen musst du auf sie aufpassen, bis ich wieder zurückkehre. Ich brauche dein Wort darauf.“
„Sakura ist meine beste Freundin und ich werde immer auf sie aufpassen, das schwöre ich, Alter.“
Mit einem letzten Handschlag hatten sich die beiden Freunde verabschiedet.
Seitdem wartete Naruto, dass Sasuke endlich zurückkehrte.
________________________________________
„Wenn er mich wirklich geliebt hätte, dann hätte er mir das nicht angetan. Und irgendwann sollte man seinen Stolz bewahren. Ich bin kein dummes Opfer.“
„Das war zu hundert Prozent ein Missverständnis.“
„Und wenn schon“, winkte sie direkt ab.
„Ich gehe jede Nacht arbeiten wie eine Verrückte, meine Eltern wollten mich einfach verheiraten und was macht er? Meldet sich kein einziges Mal. Du hast den ganzen Scheiß mitbekommen und ihn hat es einfach nicht interessiert. Deswegen ist es mir egal, ob er zurückkommt oder nicht, für mich ist er gestorben.“
Traurige Wutstränen brannten in ihren grünen Augen, als sie diese Worte ausgesprochen hatte.
Ja, es hatte ihr das Herz gebrochen.
Denn ja, sie liebte ihn noch immer.
Sie vermisste ihn noch immer — doch die Wut wog bis heute so schwer, dass sich all ihre Gefühle zu einem brodelnden Gemisch formten.
„Während ich hier immer noch flenne, lebt er seinen amerikanischen Traum. Dann soll er da glücklich werden und Weiber abschleppen, das ist mir scheißegal. Und wenn ich meine, mit Mako auszugehen, dann ist das so. Hätte ich mich damals nur lieber für ihn entschieden, denn im Gegensatz zu Sasuke hat er mich nie betrogen und allein gelassen.“
Mit diesen Worten wollte Sakura das Gespräch auch beenden, denn nach mehreren Jahren fand sie sich immer noch zu kindisch, weil ihr das heute noch so wehtat.
„Aber erzähl du doch mal, Naruto. Wie laufen deine Prüfungen? Hast du—“
„Themawechsel, ich will nicht über Prüfungen reden, Alter“, lachte der Blonde.
„Es ist unser letzter Monat und dann sind wir erstmal frei. Nur das zählt.“
Und so verbrachte Sakura ihren Tag mit Naruto und wartete auf die Ergebnisse der Prüfungen, war sich allerdings sicher, dass sie bestanden hatten. Da sie heute Nacht wieder arbeiten müsste, wollte sie sich vorher hinlegen und verabschiedete sich relativ bald von ihrem blonden besten Freund.
Und so lief sie wieder zurück nach Hause, wo sie allein für sich sein würde, bevor sie ihren ekelhaften Beruf weiter ausüben müsste. Ihr grüner Blick lag dabei ruhig und traurig auf dem Boden und jetzt, wo sie mit Naruto über die Vergangenheit gesprochen hatte, musste sie wieder an ihn denken.
An Sasuke.
An die Trennung.
Und an ihre vermeintlich schöne Beziehung.
Sie erinnerte sich so gut daran, wie glücklich sie mit ihm gewesen war, und lächelte leicht, dachte daran zurück, wie sie mit ihm zusammengekommen war.
.
.
Mit 16 war Sakura alles andere als schüchtern. Sie trug ihr Herz auf den Lippen, sagte, was sie dachte, hatte sich schon in mehr als einer Schlägerei wiedergefunden und machte kein Geheimnis daraus, dass sie seit der fünften Klasse in diesen hübschen Jungen verliebt war.
In Sasuke Uchiha.
Der Junge mit dem tintenschwarzen Haar und den dunkelsten Augen, die sie je gesehen hatte.
Er schien ihre Gefühle nicht zu erwidern – und irgendwie war das in Ordnung für sie.
Sie hingen in derselben Clique rum, und ihr Klassenlehrer steckte sie ständig gemeinsam mit Naruto und Sasuke in Arbeitsgruppen. Natürlich war daraus eine Freundschaft geworden. Aber mehr eben nicht. Zumindest nicht von seiner Seite.
Und dass die ganzen Mädchen ihn anhimmelten, während er keiner von ihnen Hoffnung machte, störte Sakura nicht. Wirklich nicht.
Bis zu diesem Valentinstag.
Sakura hatte ihre herzförmige Schokolade liebevoll verziert und eingepackt. Sie wusste, dass Sasuke Dunkelblau am liebsten mochte, also hatte sie glänzende dunkelblaue Folie benutzt und eine große rote Schleife darum gebunden. Auf einen kleinen Herzsticker schrieb sie in Schreibschrift:
„Von S an S“.
Sie erwartete nichts von ihm. Sie wollte ihm nur eine Freude machen.
Plötzlich sah sie Mako vor sich in Richtung Schulgebäude laufen und hinter ihm lag auf dem Boden ein Päckchen, wovon Sakura sicher war, dass es sich um Schokolade handelte.
„Hey! Hey, Mako!“
Die Schülerin hob das Päckchen auf und rannte zu ihrem fast 18-jährigen Mitschüler, der sich direkt zu ihr drehte und sie anlächelte.
„Oh? Hallo, Sakura“, grüßte er sofort und musterte sie so intensiv, dass Sakura kurz nicht wusste, wohin mit ihrem Blick.
„Du hast dein Päckchen fallenlassen. Hier, bitte“, lächelte sie und reichte ihm die rot eingepackte Schokolade, die er offenbar von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte. Makos Augen zuckten kurz, ehe er das Päckchen annahm, schien gar nicht mal so erfreut darüber zu sein.
„Oh, und hier dachte ich, dass du mir was Süßes schenken würdest“, grinste er gespielt schmollend.
„Ach, du wirst doch sicher mehr als genug Verehrerinnen haben, die dich beschenken. Nicht, dass du noch Diabetes kriegst“, versuchte Sakura abzulenken und lachte – unsicher wie immer in solchen Situationen.
„Und Sasuke nicht?“, meinte Mako belustigt und deutete auf die Schokolade in ihrer Hand, worauf Sakura sofort errötete.
Denn ja – guter Punkt.
„Eh… Ich habe für meine beiden Teamkameraden Schokolade gemacht“, lächelte sie, was nicht einmal gelogen war, da sie Naruto seine Schokolade bereits gegeben hatte.
„Oh nein, es regnet …!“, bemerkte die Rosahaarige plötzlich, versteckte die Schokolade schnell in ihrer Jacke.
„Ich muss dann mal rein, bis später, Mako!“, verabschiedete sich die Schülerin auch schon und lief los, um Sasuke zu suchen – ohne den Blick des schwarzhaarigen Mako zu bemerken, der mit stiller Sehnsucht auf ihr lag.
________________________________________
Offiziell hatten sie eine Freistunde, doch Sakura wusste, dass Sasuke sich so gut wie immer im kleinen Gemeinschaftsraum befand, um mit einigen Schülern aus der Parallelklasse rumzuhängen. Sie entkam gerade noch dem strömenden Regen, betrat gutgelaunt das Schulgebäude und lief in Richtung Gemeinschaftsraum.
Und von Weitem konnte sie schon die Stimmen hören, darunter auch die von Sasuke.
Jetzt musste sie aber zugeben, dass sie tatsächlich ein wenig aufgeregt war …
An Valentinstag war es üblich, dass die Mädchen dem Jungen ihrer Wahl Schokolade mitbringen. Nimmt der Junge die Schokolade an, werden die Gefühle akzeptiert.
„Na, Sasuke, wie sieht es bei dir aus? Hast du von Sakura schon was Süßes bekommen?“, fragte jemand.
Sakura hielt unweigerlich den Atem an.
„Hm. Das ist mir doch egal.“
Ihr Herz setzte kurz aus.
Nicht, weil sie mit einer romantischen Antwort gerechnet hätte.
Nicht, weil er es egal fand.
Sondern weil er so kalt klang.
Genervt.
Abweisend.
Beinahe wütend.
„Ach komm, wir alle wissen doch, wie sehr sie in dich verknallt ist.“
„Na und? Das sind viele hier“, meinte Sasuke schroff. Dieses Mal tat es richtig weh.
„Ich kann gut auf ihre Schokolade verzichten.“
„Hey, sag mal, spinnst du?“, vernahm sie dann Narutos Stimme – und er klang richtig sauer.
„Was hat dich denn in den Arsch gebissen? Das ist unsere Klassenkameradin, rede anständig, du kleiner Emo!“
„Sie ist seit Jahren verknallt in dich, also behandle sie mit Respekt, wenn sie dir etwas schenkt, Alter!“
„Oh ja, das sehe ich, wie verknallt sie ist“, winkte Sasuke sarkastisch ab.
Warum klang er so … feindselig?
„Wie auch immer, von Sakura brauche ich keinen Süßkram“, stellte er klar.
„Ich brauche sie nicht. Sie nervt sowieso ständig ab, und diese verliebte Leier wird mit der Zeit alt und langweilig.“
Sakuras Herz brach.
In winzige, scharfe Stücke.
„Das ist nicht nett, Sasuke“, warf dann auch Lee ein, ein gutmütiger Schüler aus der Parallelklasse – doch Sasuke ignorierte ihn komplett, zuckte nur mit den Schultern.
„Sie ist einfach nervig.“
„Sasuke, halt endlich deine Fresse!“, fuhr Naruto ihn an, richtig wütend inzwischen.
Sakura stand so unter Schock, dass sie gar nicht hörte, wie Lee zur Tür lief und diese öffnete – nur um in ihre grünen, erstarrten Augen zu blicken.
„Ach du… Sakura!“, rief Lee erschrocken.
Alle Köpfe drehten sich.
Auch Sasukes.
Erstarrt wie eine Statue stand sie dort, nass vom Regen, das Päckchen fest in der Hand.
Und der Schaden war angerichtet.
„Sakura …–“
Doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
Stumm hob sie das Päckchen –
und schleuderte es ihm vor die Füße.
Die dunkelblaue Folie zerriss beim Aufprall, das Herzpäckchen wurde unförmig und zerknittert.
Sasuke starrte erst die Schokolade an, dann sie.
Ihre Augen schimmerten voller wütender Tränen.
Dann drehte Sakura sich um und schlug die Tür so heftig zu, dass die Wände bebten.
„Sei froh, dass sie dir das Ding nicht in deine Fresse geschmettert hat, Emo“, kommentierte Naruto trocken.
Sasuke sagte nichts.
Er starrte nur auf das zerstörte Herzpäckchen in seiner Hand.
„Jetzt ist sie durch mit dir, Alter“, meinte ein anderer Schüler.
„Wenn sie alles gehört hat, war’s das.“
„Du solltest dich entschuldigen“, fügte Lee hinzu.
Doch Sasuke knirschte nur:
„Hn. Lächerlich.“
Und stürmte davon.
________________________________________
Sakura weinte.
Während sie das Schulgelände verließ, war ihr der Regen egal. Ihre Strickjacke klebte an ihren Armen, doch sie spürte es kaum. Sie verstand nicht, warum es so wehtat.
Sie wusste doch, dass Sasuke nicht in sie verliebt war.
Aber …
er musste sie doch wenigstens respektieren.
„HEY! Warte!“
Sie drehte sich nicht um.
Sie lief weiter, den Tränen ausgeliefert.
„Sakura!“, rief Sasuke hinter ihr, seine Schuluniform völlig durchnässt.
„Lass mich in Ruhe!“, rief sie, ohne sich umzudrehen.
Sie wollte nicht, dass er sah, wie schwach sie war. Sie hasste es zu weinen.
„Verdammt, bleib endlich stehen!“
Ein wenig zu grob packte der Schwarzhaarige schließlich ihren Ellenbogen und drehte sie energisch zu sich, funkelte sie mit dunklen Augen wütend an.
„Lass los!“, schrie sie ihn dieses Mal an und für einen kurzen Moment hatte der ältere Schüler befürchtet, von einem ihrer harten Schläge konfrontiert zu werden.
Sakura war die beste Kämpferin aus ihrem Jahrgang und bekannt für ihre brutalen Hiebe und diese würde der Zehntklässler gerne meiden wollen.
Dabei sah man ihr gar nicht an, dass sie Kampfsport liebte.
„LASS LOS!“
„Hör mir zu und halt endlich still!“, befahl er, packte sie fester, doch ihr Blick wirkte nicht unbedingt nachgebend.
„Es gibt nichts zu sagen, ich sagte doch, dass ich dich nie wieder belästigen werde!“
„Darum geht es doch gar nicht-“
„Wir brauchen nicht im selben Team zu kämpfen.“
„Rede nicht so einen Unsinn, das meinte ich nicht-“
„Ich werde mich auch von dir wegsetzen, keine Sorge.“
„Nein, das SOLLST du nicht-“
Gott, sie ließ ihn gar nicht aussprechen!
„Ich habe nie von dir erwartet, dass du meine Gefühle erwiderst, Sasuke!“
„Das habe ich auch nie ges-“
„Ich habe dich nie gegen deinen Willen angefasst oder sonst was!“
„Sakura, das sage ich doch auch nicht-“
„Mein einziger Fehler war es, mich in dich zu verlieben, das war nie meine Absicht!“
„Nenn es keinen Fehler, ich war nur-“
Sie redete sich in Rage und war für kein Gespräch offen.
„Aber das hört jetzt auf, ich werde es abstellen“, versprach sie.
Fuck, das ging in die ganz falsche Richtung, sie redete ohne Punkt und Komma.
„Jetzt lass mich los. Schmeiß die Schokolade von mir aus weg und mach dir keine Sorgen, ich halte mich von nun an zurück und werde dich nicht nochmal ansprechen oder nerven. Ich wusste nicht einmal, dass du mich wirklich so nervig findest oder dass du dich so gestört von mir fühlst. Sowas hättest du mir auch ins Gesicht sagen können und nicht vor einem Haufen Jungs, das habe ich nicht verdient. Tut mir leid, dass ich mich verliebt habe, aber ich schwöre, das werde ich ab jetzt zurückhalten und auch jedem erzählen, dann wird sich keiner mehr lustig machen und du hast deine Ruhe-“
Sie würde nicht aufhören und er könnte niemals zu Wort kommen.
Deswegen handelte er einfach.
Sasuke packte mit seiner freien Hand ihren Kragen, seine Augen dunkel, als er ihren kleinen Körper mit einem festen Ruck an sich zog und etwas tat, womit Sakura nie, niemals im Leben gerechnet hätte.
„Mh!-“
Er küsste sie.
Sasuke Uchiha küsste sie einfach.
Hart und bestimmend presste er seine Lippen gegen ihre, ihr Kragen fest gepackt genauso wie ihr linker Ellenbogen. Sakura war so schockiert, dass sie zunächst mit weit aufgerissenen Augen reglos dastand und für einen Moment nicht wusste, was gerade geschah.
Erst als Sasukes Mund sich ruhig und bestimmend gegen ihren bewegte, sie wortlos küsste, schlossen sich ihre Augen und die Rosahaarige begann allmählich zu begreifen.
Sasuke ließ nach einiger Zeit von ihr ab, musste sich zusammenreißen, sie nicht nochmal an sich zu ziehen, denn verdammt, ihre Lippen waren so unfassbar weich und sie roch so angenehm blumig, dass er sich vorstellen konnte, schnell süchtig danach werden zu können.
Aber jetzt mussten sie erst reden.
„Was… Was machst du denn da..?“, fragte Sakura, ihre Augen noch völlig verblüfft. Sasuke hatte zwar ihren Kragen losgelassen, hielt ihren Arm allerdings noch im festen Griff, um sie von einer geplanten Flucht abbringen zu können.
„Anders kriegt man dich ja nicht ruhig“, zischte der Schwarzhaarige.
„A-Aber… was?!“
„Du sollst dich weder von mir wegsetzen noch sollst du dich fern von mir halten, Sakura. Du weißt genau, dass ich das nicht will“, stellte er klar, worauf Sakura ihren Mund zum Sprechen öffnete, doch er ließ sie gar nicht erst anfangen.
„Deine Schokolade habe ich ganz sicher NICHT an andere verteilt. Die gehört mir.“
„Aber du wolltest doch keine-“
„Ich war eben verdammt wütend auf dich!“, platzte es aus ihm heraus und jetzt war die Schülerin völlig verwirrt.
„Hä?“, konnte sie nicht anders als verdutzt zu fragen.
„Aber… warum? Was habe ich denn bitte getan? Ich wollte dir doch nur die Schokolade bringen…“
„Ja, aber offenbar nicht mir allein“, meinte Sasuke schroff und… beleidigt?
„Was? Aber… Warum stört es dich, wenn ich Naruto Schokolade schenke, er ist mein bester Freund.“
Sasuke blinzelte, war fast genauso verwirrt wie die Rosahaarige.
„Wer redet denn von diesem Trottel? Das stört mich doch nicht.“
Sakura sah daraufhin nur noch verdutzter aus.
„Mako! Du hast diesem Mistkerl auch Schokolade gegeben“, fauchte er wütend.
„Warum?“, fragte er.
„Wenn du doch so verliebt in mich bist, warum schenkst du diesem Kerl, der irgendwelche Mädchen ständig flachlegt, Schokolade?“
Über seine expliziten Worte errötete die junge Schülerin, konnte aber dennoch nicht einordnen, wie er auf sowas kam.
„Sasuke, ich habe nur Naruto und dir Schokolade geschenkt, sonst-“
„Ach, und was war das denn eben gerade?“, fragte er herausfordernd, sein Griff um ihren Arm verfestigte sich noch mehr.
„Ich habe aus dem Fenster doch gesehen, dass du ihm hinterhergerannt bist, um ihm Schokolade zu schenken. Warum? Wenn du doch in mich verliebt bist, warum schenkst du ihm so einen Schwachsinn?“
Er war so… irritiert gewesen bei dem Anblick.
Sasuke konnte zwar das Gespräch nicht hören, doch er konnte ganz genau sehen, wie sie ihm die Schokolade gereicht hatte, dabei total… lieb und nett gewirkt hat. Ja, eigentlich sollte es ihn nichts angehen, doch Sasuke störte es ungemein, auch nur daran zu denken, dass sie diesem Mistkerl ihre Zuneigung auch noch am Valentinstag zeigte.
Und dazu hatte Mako, der Sasuke bemerkt hatte, ihm ein richtig dreckiges, selbstgefälliges Grinsen zugeworfen, weshalb Sasuke dachte, sie seien zusammen.
Er ist beinahe explodiert bei dem Anblick.
„Sasuke, ich sage es jetzt nur ein Mal. Ich habe ihm nichts geschenkt“, wiederholte Sakura, konnte nicht glauben, dass man eine Situation so falsch deuten konnte.
„Das Päckchen hatte er da hinten verloren und ich habe es ihm gebracht. Das war nicht von mir“, stellte sie klar.
„Ja, er hat mich gefragt, ob ich eins für ihn hätte… Aber das hatte ich nicht. Ich habe nur für Naruto und dich Schokolade gemacht.“
Und diese Worte trafen ihn mit voller Wucht, ja Sasuke war absolut sprachlos. Eigentlich war er analytisch, berechnete jede Situation akribisch und war nicht der Typ, der sich vorschnell an etwas festzubeißen versuchte, war weder großartig temperamentvoll noch eingeschnappt - der Schüler war stets für seine Ruhe bekannt.
„Seit wann bildest du dir schnelle Vorurteile? Wie kommst du darauf, dass ich Mako Schokolade schenken würde?“, fragte sie, klang beinahe beleidigt.
„Wie oft habe ich dir klar gemacht, dass ich in dich verliebt bin, Mako? Die ganze Klasse weiß davon und du hast nie irgendwas dazu gesagt. Dabei wusstest du es doch auch…“
Und ja, das tat er.
Ihre erröteten Wangen, sobald er sie auch nur beiläufig berührte, ihre bewundernden Blicke, wenn sie beim Kampfsport trainierten, ihre glänzenden Augen, sobald er ihr ein Lächeln schenkte –
das alles galt nur ihm.
Und verdammt, anders wollte er es nicht haben.
Als er mitansehen musste, wie die junge Rosahaarige freundlich lächelnd auf diesen von ihm benannten Bastard zulief, ihm dieses Geschenk reichte, als würde sie jetzt tatsächlich auf seine albernen, perversen Flirtereien eingehen, ist etwas in ihm ausgebrochen. Er war absolut erschüttert, plötzlich an eine Zukunft zu denken, in der sie nicht mehr in seiner Gegenwart errötet, ihn verliebt anschaut oder sichtlich aufgeregt wird, sobald er sie auch nur berührt. Er wollte sich nicht ausmalen, wie sie ihm das Lächeln, sein Lächeln, einem anderen schenkte.
Sasuke realisierte dann, wie sehr es ihn erschüttern würde, sie zu verlieren.
Und dann noch an diesen perversen Sack.
„Sasuke…“, begann sie dann, klang wieder deutlich ruhiger.
„Warst du… warst du etwa eifersüchtig?“
Seine rechte Braue zuckte und eigentlich würde er es sofort ablehnen, aber der Schwarzhaarige war andererseits nicht dafür bekannt, Lügen auszusprechen.
„Einfach nervig…“, murrte er nur, schaute mit genervter Scham zur Seite und Sakura bemerkte, wie sich dieses Mal seine Wangen ein wenig rötlich färbten.
„Wieso wirst du eifersüchtig?“, bohrte sie weiter, sein Griff wurde unwillkürlich fester.
„Bedeutet das, dass du- Ah..! Sasuke, das tut langsam weh-“
Überrascht blinzelte er und realisierte, dass er ihren Arm zu lange zu fest gepackt hatte, und lockerte seinen Griff augenblicklich, ließ seine Hand sinken.
„Weil ich der Einzige sein will, der Schokolade von dir bekommt. Und nein, Naruto zähle ich nicht“, meinte er schroff, machte kein Geheimnis mehr daraus, dass er sich innerlich darauf gefreut hatte, den Beweis ihrer Zuneigung von ihr erhalten zu haben.
„Als ich dich mit ihm gesehen habe, da dachte ich, dass du mit ihm zusammen sein willst.“
Es fiel ihm sonst immer sehr schwer, über Emotionen und Gefühle zu sprechen, aber gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass er ihr Unrecht getan hatte.
„Ich… meinte das eben nicht so und ich weiß, dass ich Mist gebaut habe.“
Es hatte ihn einfach total schockiert, dass Sakura genau zu dem Zeitpunkt an der Tür stand. Dieser schockierte, entsetzte und vor allem traurige Ausdruck in ihrem Blick hatte das Blut in seinen Adern gefroren und Sasuke war sich für einen sehr langen Moment nicht sicher, wie er reagieren-, was er sagen sollte.
Es hat ihn einfach unglaublich getroffen, ja richtig wütend gemacht, diese Szene mitansehen zu müssen.
Und dann grinst dieser Bastard auch noch so frech…
„Sowas… kommt nicht nochmal vor. Ich werde dich nie wieder so enttäuschen.“
Und bis zu dem Punkt, an dem er sie verlassen hat, hat er sein Wort gehalten.
Sakura erinnerte sich, wie er danach wortlos ihr Gesicht mit beiden Händen festhielt und sie dieses Mal richtig küsste, seine Lippen mit ungeduldiger Dringlichkeit gegen ihre presste. Sie erinnerte sich, wie beide unerfahren ihren ersten – oder zweiten ersten – Kuss austauschten und Sakura konnte damals ihren Unglauben, ihre euphorische Freude nicht mit Worten beschreiben. An dem Tag haben sie die Schule geschwänzt und Seiten voneinander gesehen, die sie niemand anderem zeigen würden.
Sakura und Sasuke, die unterschiedlicher nicht sein konnten, haben an dem Tag offiziell ihren gemeinsamen Weg begonnen, der leider auf so unschöne Weise enden sollte…
Und dass Sakura es heute bereute, ihn je so sehr geliebt zu haben.
_________________________________________________________
SOOOOO!
Long time no see, wie geht es euch?
Herzlich Willkommen zu meiner neusten FF, ich hoffe, euch hat das erste Kap gefallen ;)
LG eure Fifi!
ist mein Leben
„Naruto, du siehst müde aus.“
Sakura und Naruto liefen in der darauffolgenden Woche zusammen ins Krankenhaus, beide wirkten keineswegs glücklich oder gar euphorisch. Freitagmorgens, wo die meisten Menschen sich auf das Wochenende freuten, liefen die beiden Freunde um halb acht in Richtung Krankenhaus. Sakura hatte es geschafft, sich freitags ihren Tag frei zu halten, während Naruto sich jeden Montag frei genommen hatte.
Das war das Einzige, das im Studium der beiden gut lief, denn den Stundenplan zu gestalten, lief fast jedes Semester erfolgreich bei beiden Studenten.
Beide wollten sich mindestens einen Tag in der Woche freihalten, um für sie da sein zu können. So ging es jetzt seit über zwei Jahren und beide konnten nur hoffen, dass sich das alles auszahlen, sich einfach lohnen würde.
„Das sagt die Richtige, Alter“, meinte der Blonde darauf, gähnte einmal laut und rieb sich die blauen müden Augen, wurde allerdings nicht wirklich wacher dadurch.
„Wie lange hast du denn gepennt?“
„Joa, gute 40 Minuten bestimmt“, antwortete sie müde, erntete ein kleines ironisches Lachen.
„Immerhin 40 Minuten mehr als ich.“
Müde und ausgelaugt lachten beide Studenten, sahen auch schon das Krankenhaus aus weiter Ferne und ignorierten, wie sich das Herz in ihrer Brust zusammenzog.
Sie lachten einfach, wussten, dass auch in solch ausweglosen Situationen Zeit zum Lachen bleiben musste, denn sonst – und das wussten beide …
- würden sie bald den Verstand verlieren.
„Da machst du die Nacht durch und schwänzt die Uni. Das ist echt bitter.“
„Hab eine Nachtschicht zwischengeschoben und ordentlich verdient“, grinste der blonde Student, war richtig stolz darauf, da er wusste, dass jeder Cent zählte.
„Mein Kollege ist krank geworden und ich vertrete ihn die nächsten Wochen. Und das verschafft mehr Kohle.“
„Oh? Naruto startet bald sein eigenes Business“, grinste Sakura belustigt.
„Ah, so weit würde ich noch nicht gehen. Aber eine Idee wäre es wert“, lachte er, schluckte das schlechte Gewissen unbemerkt runter.
„Neulich in der Disko haben ein paar Kerle wirklich Scheiße gebaut. Guren und ich mussten richtig Gewalt einsetzen, echt jetzt.“
Sofort verzog Sakura sich. Naruto arbeitete in einer Security-Firma, wurde sowohl in Einkaufsläden, Restaurants und sogar Diskotheken und Bars eingesetzt. Der Student, der seit seiner Kindheit boxte, war nicht nur durch seine beachtliche Größe gefragt, sondern auch wegen seiner körperlichen Fähigkeiten. Er war nicht nur stark, sondern stets bereit, Fäuste sprechen zu lassen. Bereits in seiner Kindheit hat er sich nie vor Schlägereien gedrückt.
Der junge Mann zeigte nie Furcht, egal, wie stark oder erfahren sein Gegner war, und gerade in Diskotheken musste man als Security bereit sein, sich ins Getümmel zu stürzen.
Sakura selbst war oft besorgt um ihren Freund. Sicher, sie wusste, wie stark er war und dass er sich gut zu verteidigen wusste, doch er wurde in immer merkwürdigeren Orten eingesetzt und die Brünette wollte nicht, dass er irgendwann mit wirklich gefährlichen Kriminellen in Berührung kam, die im schlimmsten Fall ein Messer ziehen oder eine Schusswaffe auf ihn richten würden.
„Du musst wirklich vorsichtig sein“, belehrte die Studentin schließlich, ihre grünen, müden Augen voller Sorge um den 27-Jährigen.
„Ich weiß, wie stark und fähig du bist, versteh mich nicht falsch. Aber dein Chef setzt dich in immer gefährlicheren Orten ein. Nicht nur, dass du damit dein Jurastudium gefährdest, du begibst dich in Gefahr.“
Sakura erinnerte sich an das eine Mal, als Naruto ein blaues Auge verpasst bekommen hatte. Zwar hatte er darauf beharrt, diese Schlägerei gewonnen zu haben, doch das war der 26-Jährigen egal, denn eines wusste sie: Wenn jemand es schaffte, Naruto Uzumaki ein blaues Auge zu verpassen, dann bedeutete es, dass dieser Typ gefährlich sein musste.
Und Sakura wollte einfach nicht, dass ihr bester Freund sich in Gefahr begab.
„Ach, mach dir keine Sorgen“, grinste der blonde Student versichernd, legte seinen Arm um seine beste Freundin.
„Ich passe immer auf-“
„Ich meine es ernst“, unterbrach sie ihn mahnend, ihr Blick ernst.
„Ich will nicht, dass du bald mit ’ner Kugel im Bauch im OR landest, und ich dich auch noch irgendwann im Krankenhaus besuchen muss. Oder im schlimmsten Fall im Leichenschauhaus.“
Entgeistert sah er sie an, fand offenbar, dass sie übertrieb, doch das war ihr egal und stoppte sie bei ihrer Ermahnung nicht.
„Guck mich nicht so an“, meinte sie nur unbeeindruckt.
„Ich meine es ernst, Naruto. Bitte, nimm nicht jeden Auftrag an, deine Sicherheit ist wichtiger als das Geld.“
„Nein, das ist es nicht“, meinte der blauäugige Student nur, sein Ton ungewohnt ernst und dunkel.
„Mir ist meine Sicherheit egal. Ich muss Geld verdienen. Du und ich, wir geben beide unser Bestes für sie und wenn ich die Gelegenheit habe, mehr zu verdienen, muss ich sie annehmen.“
Bei seinen Worten wurde ihr Blick ernster, warnender, als sie zum Sprechen ansetzte.
„Das verstehe ich und ich bin wirklich stolz auf dich. Aber wenn du irgendwann ein Messer im Rücken stecken hast und nicht mehr laufen kannst, wird es schwierig, weiter in der Firma zu arbeiten.“
Ihre Stimme war hart und bestimmend, auch wenn sie ihn verstehen konnte.
„Du hilfst ihr nicht, wenn du dich in Gefahr begibst. Wir müssen beide gesund, fit und am Leben sein, um das Geld zu verdienen, okay?“
Die Brünette nahm seine Hand in ihre, schaute ihn sowohl bittend als auch traurig an, sah Naruto an, dass er genauso traurig wurde wie sie.
„Ich will nicht auch um dich diese Angst haben müssen, Naruto“, sprach sie die Worte aus, die ihn mitten ins Herz trafen.
„Du bist das Einzige in meinem Leben, das mir keinen Kummer bereitet. Ich bitte dich, pass einfach nur gut auf dich auf und halte dich von Kriminellen und gefährlichen Mistkerlen fern, okay?“
Mehr wollte sie nicht.
Sakura verstand ihn doch und konnte absolut nachvollziehen, dass er alles tat, um an Geld zu kommen.
Aber trotzdem musste er auf sich aufpassen.
„Ich bin vorsichtig, okay?“, bot er schließlich an, ignorierte das brennend schlechte Gewissen in seiner Brust.
„Mach dir keine Sorgen um mich. Ja, manchmal übertreibe ich auch mit der Arbeit, aber ich verspreche dir, dass ich allen Gefahren so gut wie möglich aus dem Weg gehen werde.“
Da Sakura wusste, dass Naruto dafür bekannt war, stets seine Versprechen zu halten, fühlte sie sich direkt besser, lächelte ihn dankend an und hakte sich auch schon bei ihm ein, ehe sie auch schon die Eingangstür des Krankenhauses sah.
Jetzt mussten sie beide stark sein …
.
.
.
„Na hallo. Wie geht’s, Baby?“
Sakura hasste es hier.
Dieser Laden, dieser Job, diese Menschen …
Es war entwürdigend für jede Frau, sich hier auch nur aufzuhalten.
Sakura arbeitete seit zwei Jahren in diesem, wie sie es nannte, perversen Drecksschuppen.
Das „Karma“ war eine große Bar, in der sich vor allem Männer aufhielten, um von weiblichen Kellnerinnen bedient und unterhalten zu werden. Man trug viel zu kurze schwarze Lederröcke und viel zu kurze, enge Tops. Die Haare durften sie weder zum Zopf noch zum Dutt binden und dazu hatte man roten Lippenstift zu tragen. Außerdem schminkte Sakura sich absichtlich stark, versuchte damit ihr Aussehen so weit wie möglich zu verändern, damit man sie nicht auf den ersten Blick erkannte.
Außerdem ging sie stets sicher, eine blonde Perücke zu tragen.
Die eigentlich rosahaarige Studentin tat wortwörtlich alles dafür, um hier so unerkannt wie möglich zu arbeiten.
Die Scham über ihren Job war einfach zu enorm und sie glaubte, dass sie wahrscheinlich tot umfallen würde, sollte irgendjemand aus ihrem Bekanntenkreis sie hier treffen.
„Mir geht es super, und euch?“, fragte sie mit falscher Freundlichkeit zurück, als sie den Tisch bediente, an dem drei Männer in ihren Anfang-Dreißigern bedient werden sollten.
„Jetzt sehr gut“, antwortete der Blonde unter ihnen, den Sakura schon öfter hier gesehen hatte.
Gott, was konnte man denn hier so regelmäßig bitte machen …?
Und wie viel Geld musste man bitte haben?
„Süße, du machst mich seit Wochen wahnsinnig. Wann nimmst du endlich meine Einladung für ein Date an?“
Oh Mann, halt doch einfach dein notgeiles Maul! Ist es nicht offensichtlich, dass ich keinen Bock auf einen Loser wie dich habe?
Sakura blinzelte ein wenig überrascht, konnte sich wirklich nicht daran erinnern, wann und wo sie von diesem Kerl nach einem Date gefragt worden war. In diesem Beruf kamen ständig irgendwelche fremden Perversen an, die ein Date verlangen, Nummern austauschen- oder am besten gleich zur Sache gehen wollten und Sex gegen Bezahlung verlangten. Das lag nicht einmal daran, dass Sakura als großartig attraktiv wahrgenommen wurde.
Nein …
Diese ekelhaften Geier mussten einfach nur eine leicht bekleidete Frau sehen und gingen davon aus, dass man eine billige Frau war, die man schnell und billig flachlegen konnte.
Was in ihr vorging, welche Probleme und Sorgen sie hatte, wie es ihr immer wieder das Herz brach, dass man sie für ein billiges Flittchen hielt, wie ängstlich sie manchmal wurde, wenn man sie zu sehr belästigte, wie körperlich und mental ausgelaugt sie war …
Dafür interessierte sich keiner dieser Männer.
Nein, diese Männer hier sahen Frauen, die hier arbeiteten, als Frischfleisch an.
Aber Sakura wollte sich nicht beklagen, denn schließlich zwang sie niemand, hier zu arbeiten.
Es war ihre eigene Entscheidung, da sie hier verdammt gut bezahlt wurde, und die Studentin war nun mal auf das gute Geld angewiesen. Sie hatte nicht mehr viel Zeit und musste alles tun, um so schnell und so viel wie möglich zu sparen.
Naruto sparte zwar mit ihr, doch es ging trotzdem nicht schnell genug.
Zum Glück weiß Naruto nicht, wo sie hier arbeitete.
Sowohl Inoya als auch er würden ihr den Hals umdrehen …
„Komm schon, gib mir deine Nummer. Ich sehe doch, wie du mich ständig beäugst.“
Aha. Nicht nur pervers, der Typ, nein, jetzt hat der auch noch wilde Wahnvorstellungen. Ob das vererbbar ist?
„Ich hab auch gesehen, wie du mit deiner Kollegin eben von mir geschwärmt hast. Du brauchst nicht schüchtern zu sein, Liebes.“
Okay, der war also nicht nur blind auf beiden Augen, sondern auch einfach dämlich. Wie kann man nur so selbstverliebt sein? Hundertpro hat der einen kleinen Penis.
Sakura verkniff sich ein Lachen, merkte, dass ihre Selbstgespräche immer lustiger wurden.
„Sorry, ich muss zum nächsten Tisch.“
Eigentlich war Sakura keine schüchterne Person. Vielmehr war sie für ihre Stärke bekannt, was durch ihre jahrelange Kampfsporterfahrung immer weiter ausgeprägt wurde. Sie wusste, wie man sich verteidigte, konnte sowohl verbal als auch körperlich souverän auftreten, ja die Brünette nahm nie ein Blatt vor den Mund - noch weniger, wenn man ihr auf die Nerven ging.
Wobei das des Öfteren auch mal für Konflikte gesorgt hatte.
„Ruft mich, sobald ihr etwas braucht, ja?“
Nur musste sie ständig dafür sorgen, Ruhe zu bewahren, musste sicherstellen, dass ihr Temperament nicht Überhand nahm. So gern sie diese Kerle beleidigt oder anderweitig zurechtgewiesen hätte, hier musste sie sich an Regeln halten.
Unter keinen Umständen durfte sie diesen sehr gut bezahlten Job verlieren, denn das würde einfach alles kaputt machen …
Und Inoya wäre verloren.
-
„5 Bier für Tisch 7, bitte.“
Es war nicht beabsichtigt, jedoch klang Sakura leicht genervt, was ihrem Kollegen Lee aufgefallen war, der die meiste Zeit in der Küche arbeitete. Der 27-jährige junge Mann studierte ebenfalls an derselben Universität, hatte letztes Jahr mit seinem Master begonnen.
„Was ist los?“, fragte ihr Kollege und ehemaliger Mitschüler.
„Wieso das lange Gesicht?“
„Nicht lang genug, wenn du mich fragst“, murrte die Brünette nur genervt.
„Das Übliche, Lee. Männer, die sich besaufen und glauben, sie können sich alles leisten.“
Lee seufzte, wissend, dass es tatsächlich das Übliche war. Seit zwei Jahren arbeitete sie in dieser Bar und konnte sich an diese Seite des Arbeitslebens nicht gewöhnen. Keiner der Frauen konnte das, was für ihn auch nicht verwunderlich war.
Deswegen war die Bezahlung hier auch so hoch wie nirgendwo anders.
„Männer sind einfach Schweine“, ertönte dann die Stimme von Sakuras Lieblingskollegin, die sie aus dem Studium kannte.
„Das Einzige, was diese Proleten hier beitragen, ist gutes Trinkgeld. Ziemlich schade um unseren Planeten, aber wenigstens taugen die etwas.“
Sakura und Lee lachten, der junge Mann hatte die rosahaarige Frau mit den karamellfarbenen Strähnen hier noch nicht gesehen.
„Hallo? Bist du neu hier?“, fragte der männliche Mitarbeiter.
„Mehr oder weniger. Ich arbeite eigentlich in der Zweitstelle, wurde aber heute hier eingesetzt“, antwortete Hafi und legte das volle Tablett auf die Theke, schüttelte ihre Hände, die allmählich zu schmerzen begannen.
„Ich heiße Hafi. Und du bist Lee?“
„So ist es“, lächelte der spitzbübische Student.
„Hafi? Das klingt wie ein Kindername“, lachte er.
„Ist das eine Abkürzung oder so?“
„Jap, kann man so sagen – oh.“
Die Kellnerin wurde auch schon zum nächsten Tisch gebeten, bevor sie das Gespräch weiterführen konnte, worauf Lee Sakura einen verwundernden Blick zuwarf.
„Jedenfalls …“, begann er.
„Wenn es zu schlimm wird, sag Bescheid. Keiner darf dich hier anfassen, das weißt du.“
Die Rosahaarige lächelte dankbar, wissend, dass Lee auf den ersten Blick sehr freundlich und weich wirkte. Besonders seine freundlichen Augen, die immer durch sein stets anhaltendes Lächeln leicht zugekniffen waren, strahlten eine unfassbar sympathische Aura aus. Sein schwarzes Haar wurde die meiste Zeit unter seiner Cap versteckt, da er es nicht für nötig hielt, jeden Abend, wenn er hier arbeitete, seine Haare besonders herzurichten.
„Du weißt, wie gerne ich solche Proleten rausschmeiße, nur ein Wort und die fliegen.“
Ein kurzes Lachen entwich ihr, wissend, dass er es genauso meinte, wie er es sagte. Allerdings wollte Sakura ihm diese Bürde nicht auferlegen, da Lee mehrfach ermahnt wurde, nicht zu häufig Gäste rauszuschmeißen.
Ein solches Verhalten würde immerhin dem Ruf dieses souveränen Ladens schaden…
„Ach, alles gut, das halte ich noch aus. Nur noch 2 Stunden bis Feierabend.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich Sakura, lief an dem besagten Tisch vorbei und hoffte, dass die Kerle sie nicht wieder ansprechen würden.
„Verzeihung! Ich brauche noch etwas“, hörte sie den Blonden wieder, worauf sie innehielt und sich auf die Unterlippe biss, voller Genervtheit darüber, dass dieser Fremde nicht lockerließ. Innerlich zählte sie bis drei und versuchte verkrampft, ihre Gesichtszüge zu entspannen, setzte ein Lächeln auf und drehte sich wieder zu der Dreiergruppe.
Spinnt dieser blond gefärbte Lackaffe? Sieht der nicht, dass ich arbeiten muss?!
„Bitte?“
„Ich habe meinen Strohhalm fallen lassen. Heb den mal bitte auf, Baby.“
Sakura blickte wortlos nach unten und sah tatsächlich den Glasstrohhalm auf dem Boden, wunderte sich kurz darüber, dass dieser nicht zerbrochen war. Mit einem unterdrückten Seufzen lief sie zum Tisch und beugte sich mit geschlossenen Beinen auf die Knie, wollte sich nicht bücken, weil sie wusste, dass man ihr dabei in den zu offenen Ausschnitt schauen konnte. Dennoch spürte sie die widerlichen Blicke auf ihrer Brust und dann, bevor Sakura sich wieder aufstellen konnte, schrie sie erschrocken auf.
„AAAH!“
Das eiskalte alkoholische Getränk landete auf ihrer Brust und benässte Sakuras Oberweite. Ihr weißes, enges Top saugte sich augenblicklich voll, gewährte ungewollte Einblicke und sofort brannte die Wut in ihrem Inneren, als die drei Männer laut und grölend zu lachen begannen.
„Ah, das tut mir leid, Liebes“, lachte der Blonde, legte seine Hand mit gespielter Entschuldigung auf ihre Hüfte.
„Das war keine Absicht.“
Verdammter Lügner …
„Aber wow … Für diesen Ausblick kriegst du ein nettes Trinkgeld.“
Stech ihn doch einfach ab. Nimm das Messer, hole aus und falle „versehentlich“ auf ihn und BOOOOOM! Schon steckt das Messer in seinem Schritt. Oder trete ihm in seine kleinen Kronjuwelen. Nur ein verdammtes Mal!
„Zieh dein Oberteil doch lieber aus, Babe.“
Gott, sie schämte sich so…
Es war ihr so unangenehm, ja die Brünette spürte zum ersten Mal nach über eineinhalb Jahren hier in diesem Laden einen Kloß im Hals, der nicht etwa wegen Trauer, sondern vor lauter Wut zustande kam. Die Wut darüber, dass diese Mistkerle mit ihr umspringen konnten, wie sehr sie sie sexualisierten und belästigten, dass sie ihnen keinen Tritt ins Gesicht verpassen konnte…
Sakura war so unaussprechlich, unglaublich wütend auf sich selbst, dass sie es nicht mit Worten beschreiben konnte.
„Nimm’s mir nicht übel, Süße“, zwinkerte der Blonde ihr zu.
„Na los, bring mir mal die Rechnung. Natürlich zahle ich auch für die Reinigung. Und bitte überleg dir das mit dem Date, ja?“
Verrecke doch einfach, du blöder Mistkerl.
Wortlos schluckte sie das alles einfach runter, wusste, dass es nichts brachte, sich über solche Männer aufzuregen. Das hatte der Job eben an sich und damit musste sie klarkommen. Nach der Arbeit konnte sie einfach nach Hause und entspannen, ohne an diese blöden Ereignisse denken zu müssen.
Hier war sie eine blonde Arbeiterin, eine andere Frau, die, ohne großartig dabei zu fühlen, ihrer grottig schlechten Arbeit nachging. Sie tröstete sich mit der Tatsache, dass die Zeit, die sie hier verbrachte, begrenzt war. Eines Tages wäre sie frei, hätte genug Geld gesammelt und ihr Ziel erreicht.
Und dann, wenn ich hier fertig bin, dann trete ich ihm in die Kronjuwelen und mach diesen Möchtegern-T-Rex zu einer T-Rina!
Sakura ließ ein kleines Lachen raus, als sie wieder zum Gehen ansetzte, allein die Vorstellung darüber machte sie mit einem Mal wieder glücklich.
Eines Tages würde sich das alles lohnen.
Kapitel 3 – nicht nur Horror,
Ich hab versucht, dich zu vergessen.
Aber mein Körper kennt dich besser als ich
Als sie um 2 Uhr nachts ihren Feierabend verkündete, konnte sie gar nicht schnell genug zur Dienstgarderobe eilen und ihren knielangen, beigefarbenen Mantel über sich ziehen. Die blonde Perücke mitsamt Haarnetz riss sie sich eilig vom Kopf und band ihr rosafarbenes, zerzaustes Haar zu einem lockeren Dutt, ehe sie die falschen Haare in ihren kleinen Spind sperrte, der Perücke noch einen bösen Blick zuwarf.
Energisch kratzte sie sich ihre juckende Kopfhaut und atmete tief auf.
Endlich wieder Luft. Endlich wieder sie selbst.
Schnell huschte sie durch den Hintereingang heraus, verabschiedete sich noch von einigen Kollegen, öffnete die schwere Metalltür und spähte zunächst vorsichtig nach rechts und links, um sicherzustellen, dass sie niemand sehen würde.
Die ersten Monate hatte Sakura immer ungeheure Angst, durch die dunkle Gasse bis zu ihrem kleinen Auto zu laufen, allerdings war besonders unter der Woche kaum jemand auf den Straßen unterwegs gewesen.
Wortlos lief sie durch die dunkle Gasse, ihr Handy hielt sie dabei fest in der rechten Hand, die linke in ihrer Manteltasche, ihr Pfefferspray fest umfassend vergraben.
Sicher, Sakura war eine erfahrene Kampfsportlerin, hatte seit ihrem fünften Lebensjahr die ersten sieben Jahre Judo trainiert, ehe sie anschließend zum Mixed Martial Arts gewechselt war. Seit sie 12 Jahre alt war, hatte die Studentin ihre Leidenschaft für den Kampf weiter ausgebaut, besuchte regelmäßig Turniere und verfügte für eine Frau über eine beachtliche Stärke.
In ihren Turnieren hatte sie mit Sicherheit gegen mehrere hundert Gegnerinnen gekämpft und je älter und erfahrener sie wurde desto geringer wurde ihre Verliererquote. Und darauf war Sakura mehr als stolz, denn Kampffähigkeiten sind Resultat von schwerem, langen und harten Training. So etwas ist nicht etwa angeboren, sondern der Preis für all die Verletzungen und Schläge, die sie durch das Training abbekommen hatte.
Allerdings war sie nicht töricht genug, um ernsthaft zu glauben, dass diese Erfahrungen ausreichen würden, um gegen einen fremden Mann zu gewinnen, geschweige denn gegen einen trainierten.
Sicher, jemand Untrainiertes könnte sie mit sehr viel Glück allein durch den Überraschungsmoment besiegen, aber sie würde es ungern darauf ankommen lassen.
Ein tiefes Seufzen entwich ihr und sie bemerkte, wie ihr Atem in der dunklen Nacht durch die wenigen Straßenlampen sichtbar wurde. Überrascht stellte sie fest, dass es unüblich kalt geworden war.
Dabei haben wir doch erst September … Merkwürdig.
Ein kleines, wehmütiges Lächeln berührte ihre Lippen, als sie realisierte, dass das Jahr sich dem Ende neigte.
Sein Geburtstag rückte näher.
Am ersten Dezember würde er 28 Jahre alt werden. Für sie war es so unfassbar, dass er schon so lange weg war, ohne Teil ihres Lebens zu sein. An seinem ersten Geburtstag nach der Trennung hatte Sakura fast den ganzen Tag geweint, was ihrer Meinung nach eigentlich jämmerlich gewesen war.
Sasuke ist gegangen, Sasuke wollte seinen eigenen Weg gehen und hatte für sie keine Gefühle mehr. So war es, nicht mehr und nicht weniger.
Je öfter sie sich diese Sätze eingeredet hatte desto leichter fiel es ihr, den Schmerz erträglicher zu machen, bis irgendwann nur noch ein dumpfes, schweres Gefühl in ihr brannte.
Außerdem war ihr Exfreund ganz und gar nebensächlich geworden, als Ino die ersten Symptome ihrer Krankheit bemerkt hatte. Und die Diagnose, dass es sich um eine kaum erforschte Krankheit handelte, hatte alles nur noch schlimmer gemacht.
Sie biss sich auf die Lippe, wollte jetzt nicht ihrer depressiven Stimmung verfallen, dafür hatte sie weder Zeit noch Nerven.
Klack.
Sie erstarrte.
Klack. Klack. Klack.
Sakura erstarrte zu Eis.
Die grünen Augen der rosahaarigen Studentin waren geschockt aufgerissen, ihr Körper erstarrte und ein gewaltiger Schauer rieselte wie schwerer Schnee auf ihren Nacken.
Jemand war hinter ihr.
Sakura war so in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie die Schritte nicht realisiert hatte, die sich keine zehn Meter hinter ihr bemerkbar machten.
Ihr gesamter Körper war in Alarmbereitschaft und die Rosahaarige zwang sich, im zügigen Tempo weiterzulaufen, versuchte ihren Hörsinn zu verschärfen und vernahm die genauso zügigen Schritte des Fremden hinter ihr.
Vielleicht war es nur ein weiterer Arbeiter, der von der Nachtschicht aus nach Hause lief?
Oder jemand aus der Pflege, der zur nächsten Schicht antreten musste?
Es könnte auch einfach ein Gast aus der Karma Bar sein, der hier besoffen herumtorkelte, oder?
Nein.
Nein, dafür hörten sich die Schritte zu gleichmäßig, zu kontrolliert an.
Vielleicht doch irgendein Arbeiter?
Ja, ganz sicher.
Als Sakura schneller zu laufen begann und die Schritte hinter ihr ebenfalls schneller wurden, war sie sich nicht mehr so sicher. Sich umdrehen wollte sie sich auch nicht, aus Angst, sie würde stolpern.
Und als sie zu rennen begann, hörte sie, dass die fremde Person hinter ihr auch rannte.
Die Person lief, sprintete, jagte.
Und zum ersten Mal rannte sie um ihr Leben.
Voller Panik raste sie durch die dunkle Gasse, ihre Beine schienen über den Asphaltboden zu fliegen, der Wind peitschte ihr ins Gesicht, während sie mit weit aufgerissenen Augen rannte.
Klack. Klack. Klack. Klack.
Die Schritte kamen näher …
Die Person kam näher!
„HILFE!“, schrie sie dann, traute sich immer noch nicht, sich umzudrehen.
„HILFE, IST DA JEMAND? HILFE!“
„Hey, was ist Ihnen los?“
Zu Sakuras Glück haben zwei Polizisten, die vorher von Einwohnern wegen Lärmbelästigung in der Nachbarschaft gerufen worden waren, ihre Schreie gehört und die Rosahaarige direkt angesprochen. Voller Adrenalin rannte sie auf die Polizisten zu, hatte gar nicht bemerkt, dass der etwa vierzigjährige Beamte sie beruhigend festhielt, um die Situation zu begreifen.
„Bitte, d-da ist jemand, er ist mir h-hin-hinterher- Und i-ich glaube, -also-“
„Alles gut, beruhige dich, Mädchen“, versuchte der Polizist sie zu beruhigen, der Körper der Rosahaarigen bebte wie Laub im Wind, ihre Lippen zitterten, ihre Stimme war geladen mit nackter Panik.
„Wer ist hinter dir her? Was ist denn passiert?“, fragte der andere Polizist, der einige Jahre älter war als sein Kollege, allerdings konnte sie sich nicht genau auf sein Aussehen konzentrieren.
Erst bei dieser Frage wagte Sakura es, ihre Hand zu heben und in die andere Richtung, aus der die Verfolgung begonnen hatte, zu zeigen, allerdings …
– waren die Geräusche weg.
Die Geräusche waren weg und als Sakura es wagte, zurückzublicken, musste sie feststellen, dass da keiner mehr war.
Es war niemand da.
Der Verfolger war weg!
„Ganz ruhig, da ist niemand“, beruhigte der Polizist sie dann, rieb seine Hand tröstend über ihre Schulter.
„Bestimmt haben Sie sich das nur-“
„Nein, das habe ich nicht..!“, kam die Studentin ihm zuvor.
„Ich schwöre, ich habe mir das nicht eingebildet, da war jemand, jemand i-ist mir hinterhergerannt!“
Sie schaute wieder zurück, nur um festzustellen, dass die Person tatsächlich wie vom Erdboden verschluckt war.
„Vielleicht irgendein besoffener Idiot“, vermutete der ältere Polizist mit dem Kopf schüttelnd.
„Aber um diese Uhrzeit sollten Sie hier nicht mehr allein herumlaufen. Das kann sehr gefährlich werden. Haben Sie denn kein Auto?“
„Doch, habe ich“, erwiderte Sakura, ihr Atem allmählich ruhiger.
„Mein Auto muss ich nur etwas weiter weg parken, wissen Sie? Sonst ist mir hier nie sowas passiert…“
10 Minuten.
Es dauerte eigentlich nur 10 Minuten, um zu ihrem Auto zu gelangen.
„Passen Sie auf, wir nehmen Sie sonst einfach mit und fahren Sie nach Hause“, schlug der jüngere Polizist vor, wollte ihr die Angst nehmen und beruhigen.
„Haben Sie Freunde oder Familie, die ein Auto haben?“
Als Antwort nickte sie, war zu mehr nicht fähig.
„Dann lassen Sie sich morgen zu Ihrem Auto fahren. Wir beide bringen Sie nach Hause und begleiten Sie bis zur Haustür, damit Sie nicht allein sind. Wären Sie damit einverstanden?“
Schneller als gewollt nickte Sakura, konnte und wollte heute nicht mehr allein mit dem Auto nach Hause fahren und würde am nächsten Tag mit Naruto ihr Auto abholen gehen.
„Vielen Dank, das weiß ich wirklich zu schätzen…“
Einen letzten Blick warf sie zurück und atmete erleichtert aus, schluckte den Schreck zur Hälfte runter, konnte ihren Körper allmählich wieder entspannen.
Das war wohl tatsächlich irgendein Betrunkener, der sich hier herumtrieb.
So wird es sein.
So wird es sein …
.
.
.
Als Sakura endlich wieder zu Hause war, hatte sie sich einfach ihre Kleidung vom Leib gerissen, war schnell in die Dusche gesprungen, um diesen verfluchten Alkoholgestank loszuwerden, und hatte sich sporadisch die Zähne geputzt.
Ihre Benommenheit vernebelte ihre Gedanken, sodass sie all das unwillkürlich geschehen ließ, ihre Gedanken waren sowohl voll als auch leer, laut als auch stumm.
Erst als sie im Bett ihres Schlafzimmers lag, realisierte sie, was soeben geschehen war.
Auf ihrer Seite liegend blinzelte sie mehrfach, versuchte, gedanklich das Geschehene zu rekapitulieren und überlegte, ob sie sich das alles doch nur eingebildet hatte.
Konnte das wirklich sein? Wurde sie eben tatsächlich verfolgt?
Oder war es doch ein Betrunkener?
Sakura wusste zumindest, dass sie zum ersten Mal nach Langem eine unaussprechlich panische Angst verspürt hatte und sie schwor sich, beim nächsten Mal eine Waffe in ihrer Jackentasche zu verstecken.
Die junge Studentin ließ einen langen Atemzug frei, deckte sich mit ihrer dunkelblauen Decke zu und versuchte, sich auf die wollige Wärme zu konzentrieren, genoss es, zumindest nicht mehr frieren zu müssen.
Nebenbei liefen die Nachrichten, die sie über ihr Handy laufen ließ.
Wieder eine Vermisste! Gestern Nacht wurde die 21-Jährige Milana Minamoto für vermisst erklärt. Am Sonntag, dem ersten September, wurde sie zuletzt vor dem Dojo für Kampfsportarten aller Art lebend gesehen. Die Polizei geht von einer Entführung aus.
Ob diese Entführung mit dem Verschwinden mehrerer Kampfsportler zusammenhängt, kann bis jetzt nicht gesagt werden…
Sakura schaltete die Nachrichten aus, ein tiefes Seufzen verließ ihre Kehle.
Sie wollte sich die Zeit nehmen, an etwas Schönes zu denken, um das Geschehene für heute aus ihren Gedanken zu verbannen, hoffte, dass sie dadurch keine Alpträume bekäme.
Und wieder einmal dachte sie an ihn.
Die Rosahaarige dachte daran zurück, wie sie damals mit ihm ihre ersten Erfahrungen gesammelt hatte, konnte nicht anders, als nostalgisch seufzend daran zurückzudenken, wie glücklich sie mit Sasuke Yato doch war …
_______________
„S-Sakura, was-“
„Pschhht, komm einfach mit, Sasuke!“
Die brosaaarige Schülerin kicherte über den leicht verdutzten Ausdruck ihres - oh Gott - Freundes, mit dem sie vor Unterrichtsbeginn ausgemacht hatte, sich um genau 11 Uhr aus dem Unterricht zu entfernen. Zwar hatten sie einige Unterrichtsstunden gemeinsam, allerdings waren Sasukes Leistungsfächer Mathematik und Sport, während Sakura Biologie und Sport gewählt hatte. Die beiden 18-Jährigen waren seit knapp einem Jahr offiziell zusammen, was auch wieder eine Geschichte für sich war. Denn Sakura Haruno war seit Jahren in Sasuke verliebt gewesen, der allerdings zu Beginn eher in sich gekehrt war.
Sasuke wurde mehr oder weniger gegen seinen Willen an der Hand gezogen, ließ es auch gerne über sich ergehen, weil seine Mitschülerin und Freundin nicht aufzuhalten war, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Genau das mochte er auch an ihr.
Nein … er liebte es, was er eher selten auszusprechen wusste.
Ihre Augen, die grün und strahlend über ihr Gesicht leuchteten, förmlich glänzten und voller Euphorie sogar einen mürrischen Sasuke Yato mit ihrer guten Laune anstecken konnten, die Art, wie sich ihre Wangen rosa färbten und zu ihrem schulterlangen Haar passten, wie ihre Lippen das schönste Lächeln formten, sobald sich die Früchte ihrer verrückten Ideen auszahlten –
Da stellte er sich doch nicht stur und gehorchte lieber wortlos.
Außerdem konnte er auch nicht anders, als Sakuras hinteres Profil ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Seit sie ihr Haar kürzer geschnitten hatte, hatte man eine deutlich bessere Sicht darauf, wenn Sasuke es mal so ausdrücken durfte.
Seine Freundin trug zwar die dunkelblaue Schuluniform und durch den eher lockeren, mittelkurzen Rock sah man vielleicht nicht jede Körperkontur, allerdings durfte der Schwarzhaarige im Laufe seiner Beziehung feststellen, dass die rosahaarige Schülerin den perfekten Hintern hatte.
Was er auch noch nie laut ausgesprochen hatte.
Aber verdammt, er war inzwischen 18 und ließ ihr selbstverständlich genug Freiraum, da durfte er sicherlich den Anblick der schönen Rosahaarige im Heimlichen genießen. Sasukes Mundwinkel zuckte kurz hoch, weil ihr Rock, als sie die Treppen hochliefen, gefährlich hoch rutschte, und der Schüler schluckte, musste wieder einmal feststellen, wie sexuell frustriert er doch war.
Dieses Verlangen wurde von Woche zu Woche schlimmer, verdammt, erst neulich war er hart geworden, nachdem er ihr dabei zugesehen hatte, wie sie Erdbeeren gegessen hatte.
Das ist doch verrückt.
Es waren fucking Erdbeeren, was konnte daran jemanden anmachen?
Seit wann war er so hormongesteuert?
„So, da sind wir!“
Der Schwarzhaarige blinzelte kurz, als er realisierte, wo sie sich befanden.
„Das Schuldach? Aber wie…?“
Gewöhnlich war es Schülern verboten, sich hier aufzuhalten und dementsprechend gingen die Lehrer stets sicher, oben jede einzelne Tür abzuschließen.
„Ich sagte doch, ich habe den Schlüssel gestohlen“, grinste Sakura.
„Ino und Mako haben für mich Schmiere gestanden und siehe da!“
Demonstrativ zeigte Sakura mit der rechten Hand auf die unglaubliche Aussicht und Sasukes Blick saugte das – zugegeben – unglaubliche Bild auf. Von hier oben war man fast direkt neben den zahlreichen Kirschblütenbäumen, die den ganzen Stolz der Schule repräsentierten.
Die Frühlingssonne tauchte alles herum in einen angenehmen Glanz, die sanfte Brise wehte den angenehmen Duft der Kirschblüten in Sasukes Richtung, der zusammen mit Sakura diesen unvergesslichen Moment genoss.
Dafür lohnte es sich definitiv zu schwänzen.
„Scheint dir zu gefallen, was?“, lächelte die Rosahaarige stolz, die das kleine, friedvolle Lächeln auf Sasukes Lippen als positives Zeichen deutete.
„Hn.“
„Ach komm, sag etwas. Dir gefällt es doch, das sieht man!“
„Ach, glaubst du das?“, meinte der 18-Jährige, hielt sein Grinsen zurück, genoss es ein wenig zu sehr, sie zappeln zu lassen.
„Ich weiß es. Schließlich kenne ich dich am besten.“
Punkt für sie, gab Sasuke gerne zu.
„Und mal ehrlich, was gibt es Schöneres als Kirschblütenbäume?“, fragte sie, worauf Sasuke ihr einen eindeutigen Blick zuwarf.
Und mit einem Mal änderte sich die Stimmung ein wenig.
Denn Sasukes schwarzen Augen funkelten dunkel, schauten direkt in ihre Richtung. Wortlos drehte sich der junge Mann zu ihr und lief auf die schöne Schülerin zu, die schwer schluckend, ein wenig nervöser werdend, zurücklief, was ihn allerdings nicht davon abhielt, sich ihr immer weiter zu nähern.
Bis Sakura nicht mehr zurücklaufen konnte und sie zwischen der kleinen Mauer und Sasuke eingekesselt war.
„Soll ich es dir zeigen?“
Ihr Herzschlag nahm ein höheres Tempo an, als der Schüler jeden Zentimeter ihrer persönlichen Zone einnahm, seinen rechten Unterarm neben ihrem Gesicht an der Wand anlehnte. Seine Finger glitten über ihre Wange, verloren sich in den rosa Locken, die sich anfühlten wie flüssige Schokolade.
Normalerweise war sie diejenige, die Küsse einleitete, die ihn zog, ihn lehrte, Nähe zuzulassen. Wie sich Verlangen anfühlen konnte, wenn er es zuließ, allerdings stets kontrolliert.
Aber Sasuke konnte auch ganz anders, und genau das wollte er sie lehren.
„Sasuke…“
„Du hast Recht, Sakura“, sprach er schließlich, seine Stimme tief und doch sanft.
„Niemand kennt mich besser als du. Und darauf verlasse ich mich.“
Seine Lippen näherten sich und die Rosahaarige ließ einen tiefen Atem frei, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn angehalten hatte. Eine Gänsehaut rieselte über sie, als sie Sasukes Lippen an ihrem Puls spürte, ihre Knie wurden weich und begannen zu zittern, während er, als gäbe es keinen Grund dafür, warme Küsse über ihren Nacken verteilte.
Er atmete ihren blumigen Duft ein und grinste, wusste, wie nervös sie wurde, wenn er diese Dinge mit ihr tat, und genoss es, dass die sonst so selbstsichere, starke Kampfsportlerin wie Butter in der Sonne zu schmelzen begann, sobald er die einfachsten Dinge tat.
„Versteh’ mich nicht falsch. Deine kleine Überraschung ist dir gut gelungen. Und ich schätze es, dass du sogar mit diesem Idioten Arata sprechen musstest, um den Schlüssel zu stehlen…“
Sakura ächzte leise, krallte sich fast zu aufgeregt an Sasukes Seiten, als dieser ein wenig fest an ihrem erhitzten Nacken knabberte, ihren rasenden Puls unter seinen Lippen spürte.
„Auch wenn es mich nicht freut, dass du mich nicht wie sonst immer geküsst hast“, kommentierte er, ließ seine freie Hand ruhig und fast bedrohlich über ihren bebenden Körper wandern, hinterließ sogar über ihre Kleidung eine warme, kribbelnde Spur.
„Wie kommst du darauf, dass es eine gute Idee ist, mich hierher zu locken?“, sprach seine tiefe Stimme gegen ihr Ohr.
„Du lockst mich an einen Ort, wo keiner hinkommt. Wir sind hier allein, abgeschottet und niemand könnte uns sehen…“
Er grinste gegen ihren Hals und presste seinen Körper gegen ihren, entlockte seiner rosahaarigen Versuchung ein aufgeregtes Stöhnen, konnte sich gut vorstellen, wie sehr es sie anmachte, wenn sie so eng aneinander ihre Zweisamkeit genossen.
„Oder hören kann.“
„Weil ich die Fäden in der Hand habe“, antwortete sie plötzlich und noch bevor er reagieren konnte, packte sie seine Krawatte und zog den Schüler zu sich runter und fing ihn in einen stürmischen, leidenschaftlichen Kuss ein.
Ihre Arme schlangen sich um seinen Nacken und der 18-Jährige seufzte genussvoll gegen ihren Mund, intensivierte den lang ersehnten Kuss und bewegte seine Lippen willig gegen ihre. Sakura neigte das Gesicht, sodass sie besseren Zugang zu seinen Lippen erhielt, spürte, wie Sasuke sie fest an der Taille packte und sich gegen sie presste.
„Sakura… Fuck!“
Als es nun sein Rücken war, der gegen die harte Wand knallte, wehrte er sich nicht dagegen, ließ es zu, dass die kleine Nixe - die über mehr Kraft verfügte als andere Mädchen, ehrlich - die Oberhand ergriff.
Sie beide waren Kampfsportler und deswegen wollte er mal nicht so sein. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass es besser war, wenn sie die Oberhand gewann, da Sasuke nicht mehr sicher sein konnte, wie lange seine Kontrolle halten würde.
Sakura war für ihn die reinste Versuchung und er träumte viel zu oft davon, sie endlich ganz für sich zu erklären, sie heiß und hart in sein Bett zu drücken, ihr die Kleidung vom Leib zu reißen und sie so lange zu nehmen, bis sie so lange seinen Namen schreit und dabei ihren eigenen vergisst.
Deswegen erlaubte er ihr, ihn zu führen, ließ ihr die Illusion, dass sie die Macht über die Situation hatte. Es machte sie heiß und willig und das begrüßte Sasuke sehr.
„Der beliebte Sasuke Yato...“, säuselte sie frech, während nun sie an seinem Nacken nippte.
„Wenn die anderen nur wüssten, dass ich dich zähmen konnte.“
Es war der Satz, der ihn zum Blinzeln brachte.
„Hm..?“
„Auf dem Schulhof bist du immer als der obercoole Anführer bekannt. Aber in meinen Händen-“
Sie küsste ihn wieder und Sasuke erwiderte ihre Geste sofort, vernahm den süßen Geschmack, nach dem er inzwischen süchtig geworden war.
Doch ihre Worte… Ihre Worte gingen in eine falsche Richtung.
„Du glaubst…“, hauchte er, seine schwarzen Augen blickten vernebelt in ihre, als er sogar ein kleines, finsteres Lachen von sich gab.
„Du glaubst wirklich… dass du die Kontrolle hast, Sakura?“
Er ließ sie gar nicht aussprechen und handelte.
„Ah…-!“
Ohne Weiteres packte er sie hart an den Hüften und hob sie hoch. Grob kollidierte ihr Rücken wieder mit der Wand und Sakura stöhnte, als sie spürte, wie Sasukes Mitte gegen ihre stieß und sie an ihrer heißesten Stelle seine harte Wölbung spürte. Ihre Augen waren geweitet und die Rosahaarige schlang reflexartig ihre Beine um seine Hüften, ehe seine Lippen wieder gegen ihre krachten und sie küssten, als wäre sie seine größte Begierde. Er ließ ihr keine Zeit zu reagieren, keine Zeit zu sprechen, keine Zeit zu handeln, sondern attackierte sie wild.
„Spürst du das?“, raunte er dunkel, rieb seine Härte gegen sie, entlockte ihr ein gehauchtes, atemloses Stöhnen, ja Sakura war völlig überwältigt.
„Das machst du mit mir. Und ich kann mir vorstellen, wie heiß du da unten geworden bist“, grinste er, wirkte viel älter als er eigentlich war.
„Und am liebsten würde ich dich hier und jetzt gegen diese Wand nehmen. Aber ich tue es nicht, weil ich dich in diesem Zustand nicht ausnutzen will.“
Er wusste, dass sie leicht zu überreden wäre. Sakura war seit ihrer Kindheit in ihn verliebt und mit ihr würde er seine Zukunft verbringen. Falsch wäre es nicht.
Ohne Vorwarnung holte er mit seiner Hüfte aus und stieß wieder zu, schluckte Sakuras Stöhnen, indem er sie küsste. Sie konnte sich in der Position nicht wehren, wollte es auch nicht, wurde überschüttet von heißer, prasselnder Erregung, die durch ihren gesamten Körper wütete. Sasuke wiederholte das ein weiteres Mal und fluchte zwischen zusammengepressten Zähnen, da er allmählich wahnsinnig wurde.
Aber er wollte ihre Erregung nicht ausnutzen.
Sie sollte bereit sein.
Auch, wenn es ihm unglaublich schwerfiel, ein Gentleman zu sein.
Sie war es wert.
„Verwechsle meinen Respekt vor dir und deinem ersten Mal nicht mit Schüchternheit“, knurrte er tief und fast bedrohlich, schaute ihr tief und fast schon bedrohlich in die verschleierten, smaragdgrünen Augen.
„Wir wissen beide, dass du nur so lange die Führung hast, wie ich es zulasse, Sakura Haruno.“
Sasuke platzierte die Rosahaarige wieder auf den Boden und bemerkte, wie wacklig ihre Beine geworden waren, ehe sein rechter Mundwinkel sich erhob und er sie herausfordernd und doch gewinnend angrinste.
Die Lektion, die er ihr erteilt hatte, hatte definitiv Wirkung gezeigt und Sasuke war sich sicher, dass seine kleine Nixe begriffen hatte, worauf er hinaus wollte.
_______________
Sakura erinnerte sich an jeden Moment, jede Minute, jede Sekunde, in der Sasuke sie glücklich gemacht hatte, ohne, dass er große Anstalten machen musste. Er allein, seine Blicke, seine Berührungen waren genug. Dass er immer bei ihr war, ihr auf seine eigene Art diese Sicherheit geben konnte, war alles für Sakura.
In ihrem törichten Glück ertrank sie, bis sie am Ende feststellen sollte, dass er ihr das Licht, die Freude, ihr Herz genommen hatte.
Aus dem Grund schloss sie die Augen und hoffte, dass es eines Tages nicht mehr wehtun würde, an ihn zu denken.
Es sollte einfach nicht mehr wehtun.