Jubiläum
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Die Lüge
Honda Hiroto machte sich Sorgen. Nicht zum ersten Mal – und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal. Jedenfalls nicht vor dem Ende der Oberstufe in ein paar Monaten. Dann würde er mit seinem besten Freund, Jonouchi Katsuya, zusammenziehen. Danach wären die Sorgen hoffentlich passé. Dann müsste sich der Blonde nie wieder seinem Vater aussetzen – diesem miesen Dreckskerl.
Aber gerade machte sich Honda Sorgen, weil in zehn Minuten die erste Stunde an diesem Montag beginnen würde und der Platz seines besten Freundes immer noch leer war. Für gewöhnlich war das ein sicheres Zeichen dafür, dass dessen alter Herr mal wieder ausgerastet war.
Wenn er ehrlich war, spürte er diesen flauen Knoten im Magen jedes Mal, wenn Jonouchi zu spät kam. Immer wieder dieselbe scheiß Frage: Was, wenn es diesmal schlimmer wäre?
Er hatte schon so oft daneben gestanden. Gesehen, wie Jonouchi mit gesenktem Blick in den Klassenraum gekommen war, mit Kratzern an den Armen oder einem blauen Fleck, den er nicht erklären wollte. Und trotzdem hatte der Idiot immer gelächelt. So getan, als wäre alles bestens, als hätte er verschlafen oder wäre einfach in Gedanken gewesen. Als wäre er nicht der Kerl, der sich jeden verdammten Tag die Hölle schönredete – nur damit niemand sich Sorgen machen musste.
Jedes Mal hatte Honda das Gefühl gehabt, zu wenig zu tun. Als würde ihm seine Loyalität nichts bringen, wenn er den Mistkerl von Vater nicht einfach aus Jonouchis Leben prügeln konnte.
Daher hoffte er, dass es diesmal einen anderen Grund für Jonouchis Zuspätkommen gab. Vielleicht einen, der etwas mit Kaiba zu tun hatte – dessen Platz ebenfalls unbesetzt war.
Zugegeben, bei Kaiba kam es gelegentlich vor, dass er einen Schultag teilweise oder ganz verpasste. Immerhin hatte der Jungunternehmer eine Firma, um die er sich kümmern musste.
"Honda-kun?", hörte er da auf einmal Yugis Stimme und wurde aus seinen Gedanken gerissen. Verwundert blickte er zu dem Bunthaarigen, der ihn mit großen Augen ansah.
"Sorry, Kumpel", meinte Honda. "Ich war gerade gedanklich abwesend. Was hast du gefragt?"
"Wollte nur wissen, ob dir Jou-kun was gesagt hat", wiederholte Yugi. "Dass er heute später oder gar nicht kommt..."
"Nein, sorry, hab seit Freitag nichts von ihm gehört", räumte Honda ein und blickte aus dem Fenster zum Schultor.
Just in dem Moment sah er blondes Haar ohne große Eile durch das Schultor kommen. Unverkennbar sein bester Freund – denn auf ihrer Schule gab es nur einen Blonden. Doch selbst von hier oben, quer über den Schulhof, konnte Honda erkennen, dass etwas nicht stimmte. Jonouchi hatte den Kopf gesenkt, sodass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Seine ganze Körpersprache wirkte kraftlos. Fast schon resigniert.
"Da kommt er", meinte er zu Yugi und nickte zur Fensterfront ihres Klassenzimmers. Yugi musste aufstehen, um einen Blick nach unten werfen zu können, und schien erleichtert. Ob er etwas ahnte, fragte sich Honda stumm. Immerhin war Yugi, genau wie Bakura, nicht auf den Kopf gefallen.
Bei der schieren Anzahl an Tagen, an denen Jonouchi hier mit Blutergüssen oder Verstauchungen aufgetaucht war, müsste ihnen längst klar sein, dass bei ihrem Sonnenschein nicht alles gut lief. Dass er längst nicht so ein sorgenfreies Leben hatte, wie er immer vorgab. Doch sie hatten sich nie etwas anmerken lassen. Nie das Thema angeschnitten. Wahrscheinlich wollte Yugi nicht, dass Jonouchi das Gefühl bekam, sein Gesicht vor seinen Freunden zu verlieren.
Als der Lehrer hereinkam, ging Honda zu seinem Platz, um den üblichen Morgengruß zu machen. Ausgerechnet bei ihrem Englischlehrer musste Jonouchi zu spät kommen. Der würde ihn minutenlang auf Englisch volltexten und ihn dann des Klassenzimmers verweisen. Der Mann hatte Jonouchi seit der ersten Stunde gefressen und nutzte jede Gelegenheit, seinen Freund vor der Klasse bloßzustellen.
Der Morgengruß war vorbei, und alle setzten sich. Doch kein Jonouchi kam herein. Der Lehrer begann, die Anwesenheit zu prüfen. Bei Jonouchis Namen murmelte der Mann Mitte vierzig deutlich genug, dass sie es alle hören konnten, dass ihn das nicht wundern würde, dass der Blonde nicht da war.
Der Mann hängte sich regelmäßig an der Thematik auf, dass Jonouchi von Natur aus so helles Haar hatte. Honda verstand nicht, was daran problematisch sein sollte, und schob es auf die konservative, leicht fremdenfeindliche Einstellung ihres Englischlehrers, die dieser oft genug zum Besten gab. Dabei waren Jonouchis Eltern beide Japaner.
Doch nach wie vor blieb Jonouchi dem Unterricht fern. Honda fragte sich, ob dieser sich vielleicht auf das Dach verzogen hatte, um der Demütigung durch den Englischlehrer zu entgehen. Bestimmt war es so… er jedenfalls würde es so handhaben. Honda wünschte sich, er könnte Jonouchi irgendwie schützen. Aber er wusste nicht wie. Stattdessen blieb nur das Beobachten – und das Hoffen.
Als Honda endlich die Tür zum Dach öffnete, war von Jonouchi keine Spur zu sehen – ganz anders, als er es erwartet hatte. Verzweifelt fuhr er sich mit der Hand durch das gegelte Haar, das dadurch völlig durcheinandergeriet. Aber das war ihm egal. Er war sich so sicher gewesen, dass er Jonouchi hier finden würde.
Doch wo sollte er sonst sein? Nach Hause war der Blonde sicher nicht gegangen. Dort ließ er sich nur blicken, wenn es gar nicht anders ging. Das hatte er Honda einmal anvertraut, als er bei ihm übernachtet hatte. Es war das Erste gewesen, was Jonouchi ihm in der Mittelschule im Schutz der nächtlichen Dunkelheit erzählt hatte.
Vielleicht glaubte Jonouchi aber auch, dass es ihnen egal war, wo er abgeblieben war. Dann würde es wirklich schlimm um ihn stehen. Denn wenn es etwas gab, worauf sich Jonouchi jederzeit verlassen konnte, dann war es auf ihre Clique – und auf die Loyalität untereinander.
Honda verfluchte, dass die Mathematiklehrerin ihn nach der zweiten Stunde aufgehalten hatte. Schon da hatte er nach Jonouchi sehen und ihn überzeugen wollen, mit in die Klasse zu kommen. Aber sie hatte unbedingt irgendeine Aufgabe aus der letzten Arbeit mit ihm besprechen wollen. Nicht, dass das nicht auch bis zur nächsten Stunde Zeit gehabt hätte – wenn sie die Arbeiten sowieso austeilen würde. Bis sie endlich fertig war und ihn gehen ließ, war die Pause auch schon wieder vorbei gewesen.
Die darauffolgenden zwei Stunden hatten sich wie Kaugummi gezogen. Honda hatte kaum stillsitzen können, rutschte hin und her, wippte mit dem Bein, knetete seine Hände unter der Bank. Immer wieder hatte er zur Tür geschaut, als würde Jonouchi jeden Moment hereinkommen. Aber nichts. Kaum hatte es zur Mittagspause geläutet, war er aufgesprungen – beinahe gerannt – und zur Treppe zum Dach geeilt.
Scheinbar umsonst?
Er war resigniert zur Umzäunung des Daches getreten und blickte hinunter auf den Hof mit dem Schultor. Da er während des Unterrichts fast durchgehend aus dem Fenster geschaut hatte, bezweifelte er ernsthaft, dass Jonouchi das Schulgelände verlassen hatte. Das wäre ihm ganz sicher aufgefallen. Dazu stachen die blonden Haare seines Freundes einfach zu sehr hervor.
Honda seufzte und drehte sich zur Tür um, die ihn zurück ins Gebäude führen würde. Da bemerkte er etwas hinter dem Zugang hervorlugen. Also ging er daran vorbei – und sah eine Schultasche auf dem Boden liegen. Die gleiche, wie sie alle an dieser Schule benutzten.
Als er um die Ecke blickte, konnte er erleichtert aufatmen: Da saß sein bester Freund auf dem Boden, die Beine angewinkelt und an die Brust gezogen, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf darauf gebettet.
Vorsichtig setzte sich Honda neben den Blonden, der scheinbar schlief. Es kam oft vor, dass Jonouchi im Unterricht einnickte. Doch anders, als die Lehrer vermuteten, lag das nicht an Langeweile oder Desinteresse. Vielmehr hatte es damit zu tun, dass er nachts aus den verschiedensten Gründen oft kein Auge zubekam.
Doch kaum hatte sich Honda gesetzt, hob Jonouchi den Kopf. Er hatte gar nicht geschlafen. Erst jetzt konnte der Brünette sehen, wie blass sein Freund war – und wie sehr der Bluterguss auf seiner Wange dadurch hervorstach. Das Auge auf der gleichen Seite war halb zugeschwollen.
"Verdammt", entwich es Honda erschrocken. "Was…"
Anders als sonst, wenn ihre Clique dabei war, setzte Jonouchi kein Lächeln auf. Er versuchte nicht einmal, die Spuren in seinem Gesicht herunterzuspielen. Stattdessen senkte er beschämt den Blick auf den grauen Beton des Daches. Honda konnte spüren, wie sehr sein Freund mit sich und seinen Tränen kämpfte.
Langsam rückte er näher und legte vorsichtig den Arm um Jonouchis Schultern. Der Blonde zuckte zusammen, drückte den Rücken kurz durch und sog schmerzverzerrt Luft durch die Zähne.
"Hey… was ist los?", fragte Honda erschrocken und zog den Arm sofort zurück.
"Zieht nur noch ein bisschen", kam es mit brüchiger Stimme von Jonouchi – eine Stimme, die klang, als hätte er entweder zu viel geweint oder zu laut geschrien.
"Hat er wieder…", begann Honda, doch Jonouchi nickte sofort.
"Dieser Drecksack", zischte Honda wütend. "Nach der Schule kommst du erstmal mit zu mir. Da kannst du dich erholen und bist vor ihm sicher."
"Danke, Kumpel, aber lass mal", lehnte Jonouchi ab. "Der Alte rastet sonst komplett aus."
"Er kann so viel ausrasten, wie er will", meinte Honda. "Wenn er dich nicht zu fassen kriegt, kann er sehen, wo er seinen Frust ablässt."
"Irgendwann müsste ich aber wieder nach Hause – und du weißt, dass ich’s dann erst recht büßen müsste", wandte der Blonde ein. "Außerdem... ich will nicht, dass sich deine Mutter Sorgen macht. Sie war schon beim letzten Mal total fassungslos."
"Sie mag dich halt", erwiderte Honda.
"Ja, ich weiß...", murmelte Jonouchi und bettete den Kopf wieder auf seinen Armen.
"Was ist mit Kaiba?", fragte Honda nach einer langen Pause und glaubte, ein leichtes Beben seiner Schultern zu sehen. "Jou?"
Erst nach einem Moment hob Jonouchi den Kopf, vermied aber erneut den Blickkontakt. Presste die Lippen fest aufeinander.
"Komm, red schon mit mir, Jou", bat Honda behutsam. "Habt ihr euch gestritten oder sowas?"
"Eher sowas", antwortete Jonouchi – und Honda erschrak, als er den Schmerz in seiner Stimme hörte. Dann straffte sich der Blonde, sah Honda mit traurigem Blick an und räusperte sich.
"Er hat Schluss gemacht", erklärte Jonouchi.
"Er hat was?", fuhr Honda empört auf. "Warum?"
"Ist doch egal", kam es wieder leise von Jonouchi.
"Nein, ist es nicht", widersprach Honda entschieden. "Ich hab dich noch nie so glücklich gesehen wie im letzten Jahr. Also sag nicht, dass es egal wäre, warum er mit dir Schluss gemacht hat."
Wieder senkte Jonouchi den Blick auf das vor ihnen liegende Dach.
"Hast du… ihm von deinem Vater erzählt?", fragte Honda vorsichtig ins Blaue. Schon seit er wusste, dass Jonouchi mit Kaiba zusammen war, hatte er ihm geraten, offen mit seiner Vergangenheit umzugehen. Doch Jonouchi schüttelte den Kopf.
"Ich… hab ihm etwas Vergleichbares erzählt. Um seine Reaktion zu testen", gestand er leise.
"Etwas Vergleichbares?", fragte Honda verwundert. "Was könnte denn damit vergleichbar sein?"
"Ich… hab ihm erzählt, ich würde ihn betrügen", flüsterte Jonouchi schließlich und wandte den Blick ab, als würde er selbst wissen, wie verrückt das klang.
"DU HAST WAS?", fuhr Honda entsetzt auf. "Das ist doch nicht vergleichbar. Nicht mal ansatzweise!"
Jonouchi warf ihm einen unsicheren Blick zu.
"Fi… find ich schon", kam es kaum hörbar von ihm.
"Du musst ihm die Wahrheit sagen", forderte Honda entschieden. "Geh zu ihm. Sag ihm, dass du ihn angelogen hast. Erzähl ihm von deinem Vater!"
"Nein… ich… ich kann nicht", erwiderte Jonouchi, immer leiser. Er schluckte schwer, die Worte schienen ihm im Hals zu stecken. Dann presste er sie doch hervor – brüchig, wie ein letzter Rest Hoffnung, der gerade zersprang. "S… selbst wenn ich wollte, könnt ich nicht. Er… er hat mich geghostet."
"Dann geh zu ihm… in die Firma", schlug Honda vor.
"Ich war gestern noch mal bei ihm zu Hause – da wurde ich gar nicht reingelassen", erklärte Jonouchi geknickt. "In der Firma wird's nicht anders sein."
"Wenn du's nicht versuchst, wirst du’s nie wissen", wandte der Brünette ein.
"Die Sache ist gelaufen", meinte Jonouchi resigniert und bettete die Stirn wieder auf seine verschränkten Arme. Honda wusste nicht, was er noch hätte sagen sollen. Also griff er nach seiner Tasche, zog eine Flasche und ein Kaufsandwich heraus.
"Hier, für dich… iss was. Und vor allem: trink was", bat er, als er beides neben Jonouchi legte. "Ich muss zurück, der Unterricht geht gleich weiter. Wenn du hier wartest, komm ich dich später holen – und dann gehen wir ein bisschen abhängen, okay?"
Jonouchi schaute nur aus dem Augenwinkel zu ihm. Sagte nichts. Behutsam legte Honda ihm die Hand in den Nacken.
"Es wird sich schon alles finden, Jou", versuchte er seinen besten Freund irgendwie aufzubauen. Er wollte noch etwas sagen. Irgendetwas, das Hoffnung machte. Aber alles, was ihm einfiel, schien zu klein für das, was in Jonouchi gerade zerbrach. Also ließ er es.
Hondas Blick glitt an der verglasten Fassade des Kaiba Towers hinauf. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Am liebsten hätte er kehrtmachen und einfach verschwinden wollen. Aber es ging hier nicht um ihn. Es ging um seinen besten Freund. Und diesmal konnte er nicht einfach schweigend danebenstehen, während Jonouchi sich sehenden Auges ins Unglück stürzte. Er hatte viel zu lange geschwiegen. Viel zu oft weggeschaut, obwohl er genau wusste, was bei Jonouchi zu Hause los war. Er konnte nicht mehr zusehen. Nicht noch mal.
Eigentlich hatte er sich nach der letzten Stunde mit ihm auf dem Dach treffen wollen – doch da war er schon weg gewesen. Honda hatte das gesamte Dach abgesucht, ein paar Toiletten kontrolliert… aber keine Spur. Wahrscheinlich hatte sich Jonouchi wieder in die Spielhalle zurückgezogen.
Honda atmete noch einmal tief durch und steuerte dann auf den Eingang des Wolkenkratzers zu. Zielstrebig ging er zum Empfang und wartete, bis die Dame hinter der Theke ihn mit einem einstudierten Lächeln ansah.
"Willkommen bei Kaiba Corp. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?", begrüßte sie ihn professionell.
"Mein Name ist Honda Hiroto", stellte er sich vor. "Für mich soll ein Besucherausweis hinterlegt worden sein."
Die junge Frau mit der gepflegten Hochsteckfrisur warf einen Blick auf ihren Monitor, tippte ein paar Befehle ein – und lächelte dann noch breiter.
"Honda-san, wir freuen uns, dass Sie uns besuchen", sagte sie, als sei er der Kaiser von China. Dann öffnete sie eine Schublade, holte einen Ausweis mit Band hervor und schob ihn über die Theke.
"Sie müssen zum weißen Aufzug und dann ganz nach oben fahren", erklärte sie freundlich und deutete auf die Reihe unterschiedlichfarbiger Fahrstühle. "Oben angekommen gehen Sie geradeaus – bis zum Ende. Dann sind Sie im Vorzimmer von Kaiba-sama. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"
Honda blinzelte leicht überrumpelt und nahm den Ausweis entgegen. Auf dem Kärtchen prangten die Worte SPECIAL VIP. Ein kurzes Schmunzeln umspielte seine Lippen. Mokuba hatte es mit seiner Wichtigkeit vielleicht etwas übertrieben – aber Honda war nicht der Typ, der sich über sowas beschwerte.
"Nein, danke. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag", erwiderte er ihr Lächeln, hängte sich den Ausweis um und machte sich auf den Weg zu den Aufzügen. Die Türen waren tatsächlich in verschiedenen Farben gehalten – aber alle hochglänzend und stilvoll.
Der weiße Aufzug öffnete sich, noch ehe Honda überhaupt einen Knopf drücken konnte. Also stieg er ein – und stellte fest, dass es nur einen einzigen Knopf gab: das oberste Stockwerk.
Während der Fahrt erinnerte er sich an das Telefonat mit Mokuba. Er selbst hatte angerufen – doch kaum hatte Mokuba seine Stimme erkannt, wollte er auch schon hastig wissen, ob Honda etwas darüber wusste, was zwischen Jonouchi und seinem Bruder vorgefallen war. Honda hatte das verneint. Es war nicht seine Aufgabe, dem Jüngeren zu erzählen, dass Jonouchi und Kaiba sich getrennt hatten – und schon gar nicht, dass Jonouchi ihn angelogen hatte.
Als er Mokuba dann gebeten hatte, ihm ein Gespräch mit dem älteren Kaiba zu ermöglichen, war dieser sofort bereit gewesen, zu helfen. Er hatte Honda angewiesen, einfach an den Empfang zu gehen und seinen Namen zu nennen. Dort würde man ihm einen Besucherausweis aushändigen, mit dem er bis ganz nach oben fahren konnte. Außerdem hatte Mokuba versprochen, einen Termin in Setos Kalender einzutragen. Honda war sich zwar nicht sicher, wie der Kleine das anstellen wollte – aber er war für jede Unterstützung dankbar.
Als sich die Aufzugtüren öffneten, trat er hinaus. Zu beiden Seiten gingen lange Gänge ab – genauso wie direkt vor ihm. Was hatte die Empfangsdame noch gleich gesagt? Geradeaus, bis ganz zum Ende.
Also dann. Wollte er mal.
Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Und während er sich in Bewegung setzte, wusste Honda ganz sicher, dass er niemals einen Job annehmen würde, bei dem man in so einem Kabuff arbeiten musste. Ein paar Angestellte kamen ihm entgegen und warfen ihm kritische Blicke zu. Ob es an seiner Schuluniform lag? Oder an seinem Alter? Doch sobald sie den Ausweis an seinem Hals bemerkten, änderte sich ihre Haltung. Sie lächelten ihm zu, nickten respektvoll. Na klar – Special VIP.
Was wohl sonst ein Special VIP war?
Am Ende des Flurs erreichte er schließlich eine große, weiße Tür, die offenstand und den Blick auf das Vorzimmer von Kaibas Büro freigab. Oder… vielleicht war es auch schon das Hauptbüro, so groß und edel wie es eingerichtet war. Aber hinter einem ebenfalls weißen Schreibtisch saß eine Frau mittleren Alters, die gerade etwas auf ihre Tastatur tippte.
Honda klopfte an den Türrahmen, woraufhin sie aufsah – zunächst mit demselben irritierten Blick wie alle anderen zuvor. Dann hob sie die Augenbrauen. Erwartungsvoll. Wahrscheinlich wartete sie nur darauf, dass er endlich eintrat und sagte, warum er hier war.
Vorsichtig schob er sich über die Türschwelle und trat vor den Schreibtisch. Erst jetzt fiel der Frau sein Ausweis auf. Doch anders als bei den anderen Angestellten mehrte das nur ihre Neugier – ein freundliches Lächeln zeigte sie zunächst nicht.
"Was kann ich für Sie tun?", fragte sie schließlich.
"Mein Name ist Honda Hiroto und ich habe einen Termin bei Kaiba", antwortete Honda – viel zu leise für seinen Geschmack. Er hätte selbstbewusster klingen wollen. Wie jemand, der wusste, was er tat.
Wieder hob die Frau fragend die Augenbrauen, wandte sich dann aber einem Tablet zu, das vor ihr in einer Halterung steckte, und begann darauf herumzutippen. Die Überraschung war ihr deutlich anzusehen, als sie wieder aufsah.
"Honda-san, ich werde Sie anmelden", sagte sie schließlich und stand auf.
"Bemühen Sie sich nicht", entgegnete Honda mit einem angedeuteten Lächeln und schritt an ihr vorbei zu der doppelflügeligen Tür, die er ohne Zögern öffnete. Er hatte keine Ahnung, ob er das durfte. Aber er wusste, dass er nicht warten würde, bis jemand ihn bremste.
"Was zum…", kam es sofort verärgert von Kaiba, der aufgestanden war und angriffslustig zur Tür blickte. Doch dann musterte er Honda verwundert. Offenbar war er nicht die Person, die Kaiba erwartet hatte – die Person, die nicht auf Honda gewartet hatte und jetzt hoffentlich keine Dummheiten beging.
"Es tut mir leid, Kaiba-sama, er ist einfach so an mir vorbei…", begann die Sekretärin, doch Kaiba hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.
"Schon in Ordnung, Asai-san", sagte er ruhig. "Danke."
Noch einmal musterte die Frau Honda. Er konnte ihr Missfallen deutlich an ihrer Miene ablesen. Doch dann nickte sie, griff nach der Tür und schloss sie von außen.
"Was suchst du hier?", fragte Kaiba und ließ sich in seinen Chefsessel zurückfallen. Dabei klappte er seinen Laptop zu. Honda trat näher – was mehrere Schritte bedeutete, denn auch dieses Büro war beeindruckend groß.
"Ich muss mit dir reden", begann Honda. "Über Jonouchi…"
"Dazu habe ich nichts mehr zu sagen", entgegnete Kaiba. Doch für einen Moment glaubte Honda einen Anflug von Schmerz in seiner Stimme zu hören.
"Dann hör einfach nur zu", bat er. Kaiba seufzte schwer und deutete auf einen der Sessel vor seinem Schreibtisch. Honda schloss zu ihm auf und setzte sich. Sofort bemerkte er, wie tief man in diesem Sessel saß – im Gegensatz zu Kaibas hohem Chefsessel. Eine stumme Erinnerung an das unausgesprochene Machtgefälle zwischen ihnen.
"Er hat dich angelogen", begann Honda.
"Das gehört zwangsläufig zum Betrügen dazu", konterte Kaiba sofort scharf.
"Nein", widersprach Honda energisch. "Ich meine: Er hat dich nicht betrogen. Das ist die Lüge."
Perplex musterte Kaiba ihn einen Moment lang stumm. Er öffnete kurz den Mund, sagte aber nichts. Seine Stirn war gerunzelt, als versuche er, das Gesagte mit seiner eigenen Erinnerung in Einklang zu bringen. Ob er wohl glaubte, dass Honda ihn veräppeln wollte? In der sonst makellosen Maske des jungen Geschäftsmannes glaubte Honda eine ganze Menge zu erkennen: Unglauben. Erleichterung. Verwirrung.
"Aber er sagte…", setzte Kaiba an und diesmal fiel Honda ihm ins Wort.
"Ich weiß, was er dir gesagt hat. Aber es stimmt nicht", Honda schluckte schwer. Er wusste, dass jetzt jedes Wort zählen würde. "Er liebt dich abgöttisch – und er würde dich niemals betrügen."
"Aber warum erzählt er mir dann so etwas?", fragte Kaiba, während er aufstand und um seinen Schreibtisch herumkam.
"Weil er Angst hat, dir etwas anderes zu sagen", antwortete Honda leise. Er blieb sitzen.
"Was meinst du?", wollte Kaiba wissen.
"Das… das kann ich dir nicht sagen", wich Honda aus.
"Doch, das kannst du!", erwiderte Kaiba scharf. "Du hast das Thema aufgebracht – also bring es jetzt auch zu Ende."
Honda rang sichtlich mit sich. Er wollte das Vertrauen seines besten Freundes nicht verlieren, indem er ihm die Entscheidung abnahm, was er Kaiba wann erzählte. Doch Jonouchi schien derzeit keine Kraft zu haben, um für seine Beziehung zu kämpfen – nicht, nachdem er sie selbst sabotiert hatte.
Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er hatte das Gefühl, seinen Freund zu verraten – und gleichzeitig wusste er, dass er es nicht tat. Im Gegenteil. Aber verdammt, warum fühlte es sich trotzdem falsch an?
"Ich habe ihm von Anfang an geraten, es dir zu sagen", begann Honda leise. "Aber… Jou hatte Angst. Angst davor, wie du reagieren würdest. Er… befürchtete, dass du mit ihm Schluss machen würdest."
"Nun", setzte Kaiba zu einer Antwort an und lehnte sich vor Honda an den eigenen Schreibtisch. "Das kann ich wohl nicht mehr – ich habe es bereits getan."
Honda nickte und fuhr sich fahrig mit den Fingern durch sein gegeltes Haar – wie schon in der Mittagspause auf dem Schuldach.
"Es ist… Jous Vater", begann Honda zögernd. Er wusste nicht, wie er es aussprechen sollte.
"Er misshandelt ihn, oder?", fragte Kaiba bedächtig. Honda blickte überrascht auf.
"Woher weißt du das?", fragte er.
"Ich bin nicht blind", entgegnete Kaiba mit fester Stimme. "All die blauen Flecken. Und immer diese Geschichten, dass er 'alten Bekannten' begegnet sei, die noch eine Rechnung mit ihm offen hätten. Oder dass er jemandem geholfen und dabei Prügel kassiert hätte. Und am Freitagabend… seine Wange war blau und geschwollen, unter den Rippen ein großer Bluterguss. Die Striemen auf seinem Rücken? Ich erkenne, wenn jemand mit einem Gürtel geschlagen wurde."
Seine Stimme war ruhig, aber etwas daran war so kontrolliert, dass es Honda eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Er konnte ihn einen Moment lang nur sprachlos ansehen – und fragte sich kurz, woher Kaiba das so sicher wusste. Doch das war jetzt nicht das Thema.
"Da… ist noch mehr", kam es kaum hörbar von Honda, während sein Blick erneut zu Boden glitt und sein Hals auf einmal furchtbar trocken wurde.
"Was meinst du mit mehr?", fragte Kaiba irritiert.
Zögernd hob Honda den Kopf. Kaibas Blick bohrte sich eindringlich in seinen – fragend, fordernd. Honda wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
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Die Wahrheit
Jonouchi versuchte, die Tür des Wohnhauses aufzuschließen. Doch seine Finger zitterten so sehr, dass er den Schlüssel einfach nicht ins Schloss bekam. Immer wieder rutschte er ab und verfluchte sich selbst für seine Unfähigkeit. Die Stimme seines Vaters hallte durch seinen Kopf: Ein Versager, durch und durch.
Eine Träne perlte ihm über die fast unverletzte Wange. Hastig wischte er sie weg. Er konnte nicht riskieren, dass jemand seine Schwäche sah. Wieder hörte er die Worte seines Vaters: Schwäche ist eine Einladung. Eine Einladung, Dinge mit ihm zu tun, die er nicht wollte. Das demonstrierte ihm sein Vater, seit er zehn Jahre alt war.
Im Moment wusste Jonouchi nicht, ob er noch bis zum Ende der Oberschule in ein paar Monaten durchhalten konnte. Zwar hatte Honda ihn zu sich und seiner Familie eingeladen, aber dann hätte er auch der Mutter seines besten Freundes gegenübertreten müssen. Und er wollte nicht die Enttäuschung in ihren Augen sehen, wenn ihr klar wurde, was er in Wirklichkeit war.
Plötzlich ging die Haustür auf, und Jonouchi wich erschrocken zwei Schritte zurück. Vor ihm stand ein Mann, von dem er glaubte, dass er unter ihnen wohnte. Sein Magen krampfte sich zusammen. Jemand, der Tag für Tag hören konnte, was Jonouchi durchmachte – und der keinen Finger rührte, um ihm zu helfen. Wie alle anderen in diesem Haus. Alle stellten sich blind, taub und stumm.
Die bloße Anwesenheit des Mannes reichte, um seine Schultern zu verspannen. Der Mann, Mitte zwanzig, hielt ihm weiter die Tür auf, und nach kurzem Zögern drückte Jonouchi sich an seinem Nachbarn vorbei ins Innere. Eilig ging er zu den Briefkästen und tat so, als würde er nach Post schauen. Natürlich konnte er das nicht – den einzigen Schlüssel verwahrte sein Vater.
Hinter sich hörte er, wie sich die Haustür schloss. Erleichtert, wieder allein zu sein, ging er zum Aufzug und drückte den Knopf. Es dauerte eine Weile, bis die Fahrkabine mit dem gewohnten Rumpeln schließlich ankam und ihre Türen sich öffneten. Er stieg ein und drückte den Knopf für seine Etage.
Das mulmige Gefühl war längst vertraut. Es kroch vom Magen in die Kehle, schnürte ihm die Brust zu – wie jedes Mal, wenn er nach Hause kam. Denn er wusste nie, ob sich sein Vater nicht schon an seiner bloßen Existenz störte und ihn deshalb 'disziplinieren' würde – oder nicht. So wie am Freitag, als er sich gerade auf den Weg zu Kaiba machen wollte:
Er war schon auf dem Sprung gewesen, hatte sich umgezogen, die Tasche über der Schulter, als er beim Verlassen der Wohnung mit seinem Vater zusammenstieß. Erst sechs Stunden später war es ihm gelungen, aus dem Höllenloch, das sein Vater Wohnung nannte, zu entkommen.
Als er wenige Stunden später, am frühen Samstagmorgen, zurückkam, hatte sein Vater die Lektion wiederholt. Und gestern … noch einmal.
Als sich die Türen des Aufzugs beim Schließen plötzlich wieder öffneten, blickte Jonouchi erschrocken auf. Der Nachbar, der ihm eben noch die Tür aufgehalten hatte, hatte die Hand zwischen die Türflügel gehalten und stieg nun in die klaustrophobisch enge Kabine. Kurz blickte der Mann auf die Knöpfe und wählte das Stockwerk unter Jonouchis Wohnung.
Jonouchi presste sich in die Ecke der Kabine und senkte den Blick. Im Augenwinkel beobachtete er seinen Nachbarn. Jede Regung nahm er wahr – und stellte fest, dass dieser ihn musterte. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Der Blick des Mannes brannte wie Säure auf seiner Haut. Er fühlte sich auf einmal wie ein billiges Stück Fleisch. Seine Hände, die er nach dem Einsteigen des Aufzugs in die Jackentaschen geschoben hatte, ballten sich zu Fäusten.
"Was glotzte so doof?", fauchte Jonouchi plötzlich und funkelte den Mann wütend an. Es war nur ein Blick. Aber für ihn war das genug. Mehr als genug.
Der Nachbar sah ihn erschrocken an, bevor er sich abwandte und ihm den Rücken zudrehte. Als das gewählte Stockwerk erreicht war, stieg der Mann eilig aus und verschwand nach links – in die Richtung, in die auch Jonouchi ein Stockwerk höher musste.
Als Jonouchi endlich auf seiner Etage ankam, brauchte er einen Moment, um sich zu überwinden, die Aufzugskabine zu verlassen. Jeder Schritt Richtung Wohnungstür schien schwerer zu wiegen als der davor. Erst auf halbem Weg hob er den Blick – und blieb abrupt stehen.
Vor der Tür stand Kaiba – in seinem üblichen Outfit, das er nach der Schule zu tragen pflegte. Er hatte die Arme verschränkt, reglos, den Blick fest auf Jonouchi gerichtet. Kein Ausdruck im Gesicht. Nur Warten.
Woher wusste er, wo er wohnte?
Was wollte er hier?
Ein Teil von ihm jubelte: Kaibas Anwesenheit bedeutete eine Chance. Eine Chance, die Lüge zurückzunehmen. Vielleicht sogar, alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber ein anderer Teil – ein viel größerer – wollte nur eines: Dass Kaiba sich einfach umdrehte und ging. Vielleicht … war das genau das, was er verdiente.
Nervös blickte Jonouchi zur geschlossenen Wohnungstür. Durch sie konnte man jedes Wort verstehen, das auf dem Flur gesprochen wurde – und sein Vater hatte selbst im Suff noch ein ausgezeichnetes Gehör. Wenn er ihn mit jemandem reden hörte, würde er die Tür aufreißen und ihm vor wem auch immer eine verpassen. Jonouchi durfte mit niemandem im Haus Kontakt pflegen. Dass Kaiba nicht hier wohnte, wäre seinem Vater dabei völlig egal.
Doch wie sollte er seinen Freund – sein Ex-Freund; ein Begriff, der bitter schmeckte, wie Blut im Mund – loswerden, ohne mit ihm zu sprechen?
Die Hände in seinen Jackentaschen zitterten. Er versuchte, sich durch bewusstes Atmen zu beruhigen, doch es klappte nicht. Seine Gedanken ratterten, als säße er in einem Karussell: Sie rasten in wahnsinniger Geschwindigkeit an ihm vorbei – zu schnell, als dass er sie wirklich erkennen konnte.
"Katsuya", hörte er Kaibas Stimme. Er nannte ihn beim Vornamen – was Jonouchi verwirrte. Bislang hatte Kaiba ihn nur beim Vornamen genannt, wenn sie gemeinsam im Bett lagen und er kurz vor seinem Höhepunkt stand. Seine Einbildung gaukelte ihm vor, dass eine gewisse Sanftheit in der Stimme lag. Aber das konnte nicht sein.
Er hatte Kaiba so schwer verletzt, wie es kaum jemand anderem möglich gewesen wäre. So sehr, dass Kaiba ihn am Samstag aus seinem Zimmer geworfen und die Tür hinter sich abgeschlossen hatte. Hatte seine Anrufe nicht mehr angenommen. Auf Textnachrichten nicht reagiert.
"W… was machst du hier?", fragte Jonouchi, bemüht, so leise wie möglich zu sprechen.
"Wir müssen reden", kam die schlichte Antwort.
Wieder glitt Jonouchis Blick nervös zur Wohnungstür.
"Ähm… k… können wir… das auf später oder morgen verschieben?", fragte Jonouchi voller Angst und hasste sich im gleichen Moment dafür. Seit er seine Lüge ausgesprochen hatte, sehnte er sich danach, sie zurückzunehmen. Und jetzt, da der junge Geschäftsmann direkt vor ihm stand, war er drauf und dran, ihn wegzuschicken. Viel schlimmer sogar: ihn vor den Kopf zu stoßen und damit sein zerbrechliches Ego noch weiter zu zerstören, als es die Lüge ohnehin getan hatte.
"Lass uns reingehen", forderte Kaiba ihn einfach auf und deutete auf die Wohnungstür.
Jonouchis Herz schlug bis zum Hals. Das konnte doch nur in einer Katastrophe enden. Er schluckte schwer, bevor er den restlichen Weg zurücklegte und versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Doch wie schon an der Haustür gelang es ihm auch hier nicht.
Plötzlich legte sich Kaibas Hand über seine, die den Schlüssel hielt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er die Berührungen seines Drachens vermisste. Wie sehr er sich danach sehnte. Und gleichzeitig wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er das nie wieder haben würde.
Kaiba nahm ihm den Schlüssel aus der Hand und schob ihn zielsicher in das Schloss, bevor er ihn geräuschvoll drehte. Wenn sein Vater sie nicht sprechen gehört hatte, dann hatte er auf jeden Fall das Öffnen der Tür gehört. Jonouchi wollte einen Schritt zurückweichen, stieß aber an Kaiba, der der Tür einen leichten Stoß verpasste und sie aufschwingen ließ. Dabei quietschte sie unangenehm laut und ließ Jonouchi zusammenzucken.
Mit vor Angst geweiteten Augen blickte Jonouchi durch den Genkan und an der Küchenzeile vorbei zum Wohnraum. Jeden Moment würde sein Vater angestapft kommen und ihn zu Brei schlagen. Vor den Augen seiner Liebe, vor der er immer so stark getan und der er Halt gegeben hatte.
Kaiba würde erkennen, dass er durch und durch ein Lügner war. Selbst ein Scherbenhaufen, der von niemandem geliebt werden konnte.
Auf einmal ging Kaiba an ihm vorbei in den Genkan, ignorierte die Gepflogenheit, die Schuhe auszuziehen, und trat dann in den direkt anschließenden Küchenbereich. Dann blieb er stehen und drehte sich wieder zu Jonouchi. Hielt ihm auffordernd die Hand hin. Langsam, aber ohne zu zögern, legte Jonouchi seine Hand in die des Brünetten. Zeigte damit deutlich, dass er ihm vertraute – mehr, als dass er sich vor seinem Vater fürchtete. Dann ließ er sich in die Wohnung ziehen, sodass die Tür leise ins Schloss fiel, bevor sie beide den Wohnraum erreichten.
Die Tapete des Wohnraums wies unzählige Flecken und eine leichte Nikotinvergilbung auf. An einigen Ecken und Kanten löste sie sich bereits von der Wand oder war abgerissen worden. Ein Mief aus Tabak und Alkohol hing im Raum und erinnerten ihn an seinen Vater.
Der Wohnraum war recht spärlich möbliert und zeugte von der Mittellosigkeit, in der er hauste: Ein einfacher Esstisch, der gerade so Platz für zwei Personen bot, stand an einer Wand. An ihm standen ein Klappstuhl aus Plastik sowie einer aus Holz, der mehrfach geflickt worden war, aber nur noch drei Beine besaß.
Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Sofa mit hoher Rückenlehne, mit dem Charme von Sperrmüll. Jonouchi musste bei dem Anblick der Couch kurz schlucken und wandte dann seinen Blick schamhaft zum Fenster. Er versuchte, die Erinnerungen, die mit diesem Möbelstück verbunden waren, wieder in die Tiefen seines Innern zu pressen.
Scheinbar war sein Vater nicht zu Hause.
Kurz fiel die Anspannung von seinen Schultern. Dennoch fürchtete er, dass sein Vater jeden Augenblick wieder nach Hause kommen könnte. Prüfend sah er zurück zur geschlossenen Wohnungstür.
"Dein Vater wird nicht nach Hause kommen", hörte er plötzlich Kaibas Stimme nah an seinem Ohr. Der andere war wieder etwas näher getreten, und Jonouchi konnte dessen Deo riechen. Wie gerne würde er sich in diesem Sinneseindruck verlieren. Doch dann durchzog ihn eine Frage: Wie meinte Kaiba das?
Kurz beschlich Jonouchi das Gefühl, dass sein Geheimnis längst keines mehr war. Aber das war unmöglich. Er hatte alles so gut es ging unter irgendwelchen Geschichten verborgen. Hatte darauf geachtet, dass es keine Widersprüche gab und alles zusammenpasste. Dennoch lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken und ließ ihn frösteln.
"Komm, setz dich bitte", bat Kaiba und zog ihn zur Couch. Sofort sträubte sich Jonouchi dagegen, sich näher als notwendig an diese Sitzgelegenheit heranführen zu lassen. Unbewusst schüttelte er sogar verneinend den Kopf.
Kaiba musterte ihn kurz, nickte dann aber und führte ihn zum Tisch. Bugsierte ihn vorsichtig auf den Plastikstuhl, doch auch von diesem stand Jonouchi sofort wieder auf, als würde er darauf wie auf glühenden Kohlen sitzen.
Dann ging er zu dem dreibeinigen Holzstuhl und setzte sich auf die vordere Kante. Sein Herz klopfte so laut, dass er befürchtete, Kaiba würde es hören. Immer wieder rutschte er leicht auf der Stuhlkante hin und her, unfähig, still zu sitzen.
Kaiba schloss zu ihm auf und ging vor ihm in die Hocke, während sein Blick wieder nervös zur Wohnungstür ging. Wieder schluckte er schwer.
"Mein Streuner", hörte er Kaiba ihn nun zweifelsfrei sanft ansprechen, bevor dieser ihm eine Hand an die unverletzte Wange legte. Damit gewann er sofort Jonouchis Aufmerksamkeit für sich. "Dein Erzeuger wird so schnell nicht wieder nach Hause kommen."
Ungläubig blickte Jonouchi Kaiba an. Da lag etwas in dem Blick des anderen – etwas Wissendes. Sofort brach Jonouchi den Blickkontakt ab und schaute auf den Boden zwischen ihnen. Das konnte nicht sein, sicherlich hatte er sich geirrt. Kaiba konnte nicht Bescheid wissen. Auf gar keinen Fall!
"Woher willst du das wissen?", fragte er daher unsicher.
"Weil ich der Grund dafür bin, warum er jetzt nicht hier ist!", antwortete Kaiba ruhig. "Aber das ist nicht das Thema, über das ich mit dir sprechen möchte."
Wieder schluckte Jonouchi schwer. Wollte er wirklich wissen, was Kaiba ihm zu sagen hatte?
"Das vergangene Jahr mit dir hat mir gezeigt, dass ich jemandem vertrauen kann. Nicht irgendjemandem, sondern dir!", begann er langsam. "Dir, dem mein Herz gehört."
Jonouchis Herz machte einen kleinen Sprung. Ihm gehörte nach wie vor Kaibas Herz? Nach seiner Lüge letzten Freitag? Wie war das nur möglich?
"Als du mir letzten Freitag erzählt hast, du hättest mich betrogen, fühlte ich mich, als wäre mein Herz in tausend Stücke zersprungen", fuhr er fort, aber kein Ärger lag in seiner Stimme. "Ich konnte mir einfach nicht erklären, wie und wann du mich mit wem betrogen haben könntest. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass da doch kaum Zeit für jemand anderes übrig gewesen sein konnte."
Vorsichtig legte Kaiba seine Hand an Jonouchis unverletzte Wange und strich mit dem Daumen über die klamme Haut. Jonouchi versuchte, seinen Blick zu ihm zu heben, doch er wollte ihn jetzt nicht anschauen. Die Angst, dass Kaiba durch seine Augen direkt auf seine Seele blicken und die Wahrheit erkennen würde, beherrschte ihn.
"Dann hatte ich ein Gespräch mit Honda", kam es weiterhin ruhig von Kaiba, und Jonouchis entsetzter Blick schnappte zu seinem Freund hoch. Honda war der einzige seiner Freunde, der wusste, was in diesen Wänden geschehen war und immer noch geschah. Aber… er würde ihn nie verraten oder jemanden davon erzählen. Da war sich Jonouchi sicher. Fast.
Seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas erwidern, doch da kam kein Ton aus ihm heraus. Sein Hals war so trocken und rau. Er spürte einen mächtigen Kloß in seiner Kehle, der ihm das Atmen erschwerte. In dem Moment wurde ihm bewusst, dass er sich eben nicht geirrt hatte, als er dachte, dass Kaiba bereits etwas wusste. Die Frage war jetzt nur noch: Wie viel hatte Kaiba von Honda erfahren? Einen Teil? Alles? Was?
"Honda erzählte mir, dass du mich nicht betrogen hast", fuhr Kaiba fort. "Als ich das hörte, fiel mir ein schwerer Stein vom Herzen. Doch als ich ein zweites Mal darüber nachdachte, habe ich mich gefragt, warum du mir so etwas erzählen würdest. Die Frage habe ich dann Honda gestellt."
Wieder schluckte Jonouchi und versuchte, den Kloß in seinem Hals loszuwerden. Doch es gelang ihm nicht. Er versuchte, in Kaibas azurblauen Augen zu ergründen, wie viel Honda ihm preisgegeben hatte. Doch das, was er in ihnen sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Irgendwo in sich spürte er, wie etwas zerbrach.
"Er erklärte mir, dass du Angst davor hast, mir etwas anderes – Wichtiges – zu erzählen", erklärte Kaiba. "Möchtest du mir sagen, was das ist?"
Jonouchi brach ihren Blickkontakt ab und wandte seinen Blick wieder zu Boden.
"Warum fragst du nach etwas, was du doch schon weißt?", brachte Jonouchi mit brüchiger Stimme leise hervor.
"Weil du nur so deine eigene Angst überwinden und dich dem stellen kannst, was dir auf der Seele lastet, Katsuya", entgegnete Kaiba sanft und nannte ihn ein weiteres Mal beim Vornamen.
Er hatte Recht und sprach aus eigener Erfahrung, das wusste Jonouchi. Es war letztes Jahr genauso gewesen, nur dass ihre Rollen vertauscht gewesen waren. Noch einmal schluckte der Blonde.
"Mein Vater… ist nicht weniger sadistisch, als es Gozaburo dir gegenüber gewesen ist", fing er stockend an und konnte nicht verhindern, dass ihm erneut eine Träne über die Wange rollte. Unsicher biss er sich auf die Unterlippe.
"Er misshandelt dich", fasste Kaiba zusammen.
Jonouchi nickte.
"Was noch?", hakte Kaiba behutsam nach.
Jonouchi spürte, wie seine Angst zur Gewissheit wurde, und Kaiba mit der Frage zeigte, dass Honda ihm ALLES erzählt hatte. Weitere Tränen kullerten dem Blonden stumm über das Gesicht.
Er war sich sicher, dass Kaiba sich jetzt nicht mehr bei ihm fallen lassen konnte oder würde – bei einem seelischen Wrack, das wie ein Kind rumheulte und nicht einmal auszusprechen wagte, was sein Vater ihm seit Jahren aufbürdete.
Sanft zog Kaiba ihn von dem kaputten Stuhl zu sich, legte seine Arme fest um ihn – wie die schützenden Schwingen eines Drachens. Er legte die Hand an seinen Hinterkopf und zog ihn an die Schulter.
"Du warst mein Fels in der Brandung", flüsterte Kaiba ihm ins Ohr. "Lass mich das jetzt auch für dich sein. Lass uns ebenbürtige Partner in einer offenen und ehrlichen Beziehung sein."
Überrascht blickte Jonouchi wieder in Kaibas blaue Augen, die ihn warm anfunkelten.
"Komm, mein Streuner, lass uns nach Hause gehen", schlug der Brünette schließlich sanft vor. "Deine Sachen lass ich später holen."
Nach Hause? Da erkannte Jonouchi, dass Kaiba ihm seine Lüge bereits vergeben hatte und eine gemeinsame Zukunft mit ihm anstrebte.
Diese Erkenntnis ließ ihn kurz glücklich lächeln, bevor er seine Lippen auf die seines Drachens legte. Kaiba erwiderte liebevoll den Kuss, bevor er aufstand und ihn mit in den Stand zog.
Nur langsam löste er seine Umarmung, nur um gleich darauf ihre Finger zu verschränken. Kaibas Hände fühlten sich warm und fest an, ein Versprechen, das alles Dunkle fernhielt. Ohne Hast zog er ihn aus der verhassten Wohnung. Nie wieder würde Jonouchi einen Fuß in diese – ganz persönliche – Hölle setzen, die diese Wohnung bislang für ihn dargestellt hatte.
"Seto?", sprach er Kaiba leise an, der vor der Wohnung mit ihm stehenblieb und ihn fragend ansah. "Ich liebe dich!"
~ Owari