1. Türchen: Mario
Wir stehen auf der Autobahn im Stau, zu viert in unserem Kombi, kurz vor Österreich, es ist Vormittag geworden. Vater schnaubt abermals genervt und hält das Lenkrad so fest umklammert, dass die Knöchel seiner riesigen Hand weiß werden. Zäh geht es im Schritttempo voran, und keiner von uns redet. Ich lass den Blick schweifen, bei der Familie im Auto auf der Spur neben uns ist es ganz anders: dort lacht der Vater hinterm Steuer und das Kind hinten auch. Nur bei uns ist immer diese verkrampfte Stimmung… nur unser Vater ist fünfundvierzig Jahre älter, kein Vater meiner Klassenkameraden ist so alt. Ob es daran liegt…? Ich schaue auf die andere Seite, und sehe dich, Mario, wie du in deinem bunten Comicheft liest und dabei in der Nase bohrst.
„Lass das verdammte Radio aus, Helena!“, wird meine Mutter vorn angeknurrt.
Diese Sommerferien sind besonders, denn wir fahren sonst nie in den Urlaub, in Vaters Werkstatt gibt es immer etwas zu tun. Im August werden wir beide in Italien unseren dreizehnten Geburtstag feiern, Mario und ich. Im September dann werde ich aufs Gymnasium wechseln, denn meine Lehrer haben darauf bestanden, weil meine Noten so herausragend sind, so hat sie sich ausgedrückt.
Mutter ist unsicher, denn Vater hat es von Anfang an strikt abgelehnt, Hauptschule ist doch völlig ausreichend seiner Ansicht nach. Daraufhin habe ich Tante Martha um Rat gefragt, was ich tun soll, und sie hat gesagt: „Kämpfen! Das muss jeder im Leben, und es tut mir leid, Sandro, dass du es in deinem Alter schon musst.“ Aber dieser Rat hat mir nichts gebracht. Darum hat sie Mutter in einem langen Telefongespräch irgendwie überzeugt, mich wechseln zu lassen. Danach sind Mutter und ich zum Gymnasium gefahren und haben mich dort angemeldet. Heimlich. Vater durfte nichts von unserem Ausflug dorthin erfahren, vielleicht hat sie auch Angst vor ihm? Denn sie erklärte mir, manchmal sei es besser, ihm nicht alles zu erzählen und ihn hinterher vor vollendete Tatsachen stellen und um Verzeihung bitten, als darauf hoffen, seine Erlaubnis zu bekommen. Ob sie diese Methode schon selbst angewandt hat?
Vater betont oft stolz, dass er seine Schreiner-Lehre damals bereits mit Vierzehn begonnen hat, direkt nach seinem Abschluss der Volksschule, beim Meister in seinem Ort. Vierzehn! Da ist man doch noch ein halbes Kind… Darum stellt er jeden als faul hin, der darüber hinaus noch zur Schule geht, denn in der Schule oder Uni wärmt man seiner Meinung nach bloß seinen Hintern auf dem Stuhl und drückt sich vor jeder geregelten Arbeit.
Vierzehn… die magische Vierzehn. Tante Martha hat mir versprochen, wenn Mario und ich vierzehn sind, dürfen wir beide sie in den Ferien alleine in Paris besuchen kommen und bei ihr übernachten. Sie arbeitet dort an der Universität. Warum erst mit Vierzehn? Und ob Vater uns das erlauben wird? Er mag Tante Martha nicht, er redet nicht mal mehr mit ihr, obwohl sie seine jüngere Schwester ist, nennt sie eine Verrückte. Oder manchmal auch Suffragette. Vater kennt seltsame Wörter für Menschen, die zu viel trinken. Das wäre mal eine gute Möglichkeit, Tante Martha mal zu fragen, warum Vater so ist, wie er ist, und mal die andere Sichtweise hören, die Sichtweise der „Verrückten“. Möchte nicht eigentlich jeder Vater, dass seine Kinder es mal besser haben und etwas erreichen? Warum will er mir dann das Gymnasium verweigern? Und mein Hobby? Und wann und warum hat er sich mit ihr zerstritten? Und warum wohnt sie in Paris?
Ich habe zwar ein bisschen Angst vor der weiterführenden Schule, weil ich dort alleine mit der S-Bahn hinfahren muss und nicht mehr mit dir zusammen hinlaufen kann, Mario, aber dann muss ich dich wenigstens nicht mehr auf dem Pausenhof sehen. Wo du Spaß mit deinen Freunden hast und stets so tust, als kennst du mich gar nicht, wahrscheinlich weil du dich für mich schämst, wie ich dasitze und Musik höre oder ein Buch lese, während du dich austobst und Schlägereien anfängst und nachsitzen musst, wofür ich mich schäme, denn mir würde so etwas nie einfallen. Und wenn ich frage, warum du das schon wieder getan hast, heißt es nur: Dieser Blödmann hat mich provoziert! Doch ich habe gesehen, wie es abgelaufen ist; jener Blödmann aus deiner Klasse hat dich einfach nur gefragt, wieso dein Zwillingsbruder so viel liest, im Gegensatz zu dir, und daraufhin ist es eskaliert. Ist es bereits eine Provokation für dich, mit mir verwandt zu sein, Mario? Zuschlagen aus Provokation… warum machst du das?!
Als könntest du meine Gedanken hören, schaust du mich direkt an. Und streckst mir die Zunge raus.
„Mario, lass die Grimassen sein“, ermahnt dich Mutter müde vom Beifahrersitz aus. „Hast du keine Comics mit?“
Du schnaubst. „Ich wollte viel lieber mit Malte ins Zeltlager, als nach Italien, das weißt du doch! Können wir nicht umdrehen, Mama?“
„Mario“, setzt sie an und seufzt. Schon heute Morgen wolltest du dich weigern, ins Auto zu steigen.
„Ruhe jetzt da hinten mit dem Gequengel, oder ihr könnt beide nachlaufen“, droht Vater jetzt und ich erhasche seinen zornigen Blick im Rückspiegel. Wieso sagt er das zu mir, und nicht zu dir, dem Störenfried? Und warum ist er einfach immer gereizt und streitlustig, sogar im Urlaub? Heute mehr denn je, wahrscheinlich deswegen, weil er keine Kontrolle über den Stau hat. Ich habe es mir mal im Kalender eingetragen, wann er mal gut gelaunt war: ganze drei Mal dieses Jahr. Eines davon war, als er einen Fünfer im Lotto gewonnen hat.
„Warum fliegen wir nicht wenigstens mit dem Flugzeug? Das wäre schneller, und cooler. Alle meine Freunde sind schon oft wohin geflogen“, maulst du weiter.
„Wir sind aber nicht alle anderen, wir sind wir!“, poltert Vater los. Na wunderbar, Mario, provoziere ihn doch noch mehr! Warum wir nicht fliegen? Wohl aus dem Grund, weil er im Flugzeug bloß ein Fluggast wäre und dem Piloten nicht sagen dürfte, wie er zu fliegen hat. Weil Vater immer jedem sagt, was er wie tun soll, darum. Dass du das noch nicht gecheckt hast! Oder vielleicht auch, weil es teurer ist als mit dem Auto zu fahren.
„Mario, hast du Hunger? Iss doch das Leberwurstbrot, das ich geschmiert habe“, versucht Mutter zu schlichten.
„Aber mach keine Sauerei da hinten!“, warnt Vater.
Du seufzt, wirfst mir einen bedeutsamen Blick zu. Manchmal verstehen wir uns ohne Worte, da merke ich wieder, dass wir im gleichen Boot sitzen. Jetzt holst du deine tragbare Spielekonsole aus dem Rucksack und versinkst darin, und ich setze die Kopfhörer auf und schalte meinen MP3-Player ein. Wenigstens auf diese Weise kann ich von hier fliehen, weil ich auch keine Lust mehr auf Vaters Launen habe. Das Intro von ‚Over the Hills and far away‘ umarmt mich wie ein Freund. Hach… diese Musik, davon bekomme ich Gänsehaut! Von allen Superkräften auf der Welt, wünsche ich mir, diesen Song so nachspielen zu können. Doch meine Gitarre, mein Geschenk von Tante Martha zu meinem zwölften Geburtstag, hat Vater ja zerstört, weil er das Gedudel nicht mehr hören konnte, und vermöbelt hat er mich dabei auch noch, ich hatte tagelang blaue Flecken am Rücken.
Du hast das Ganze wortlos mit angesehen, ohne dich einzumischen, aber du hast mir hinterher deine Schokolade überlassen zum Trost, und dich an dein eigenes Geschenk gesetzt, diese Spielkonsole, die Vater nicht zertrümmert hat, obwohl sie noch schlimmer dudelt. Ich hätte mir in diesem Moment gewünscht, dass du mir zur Hand gehst, du bist doch so prügelerfahren. Zumindest, bis ich zu einem Mann geworden bin, der für sich selbst einstehen kann.
Vater war tags darauf bis tief in der Nacht in der Werkstatt und wir haben ihn fluchen gehört bis ins Haus. Ich vermute, dass er seine Tat schon bereut hat und er dort erfolglos versucht hat, die Gitarre zu reparieren. Dass er, der Handwerkermeister, daran gnadenlos gescheitert ist, eine Gitarre zu reparieren, aber das würde er niemals zugeben.
Und genauso bist auch du, kein Mensch der langen Worte. Draufschlagen, wenn er provoziert wird. Keine Lust auf Hausaufgaben. Keine Lust aufs Gymnasium. Lieber mit Malte ins Zeltlager als mit der Familie nach Italien. Lieber Zocken als Lesen oder Musikhören.
Wir sind so grundverschieden, Mario, dass ich manchmal kaum glauben kann, dass wir Zwillinge sind.
2. Türchen: Alexander
Du hast von der ersten Stunde an meine Aufmerksamkeit erregt, komplett in Schwarz gekleidet, dabei aber stets einen feuerroten Schal aus teuer aussehendem Stoff um den Hals, dein Markenzeichen und der einzige Farbklecks an deinem Erscheinungsbild. Wenn ich doch nur wüsste, welche literarische Figur die Vorlage dafür war…
Bartschatten, Geheimratsecken, Haare streng nach hinten gekämmt, einen Kaffeebecher in der Hand und in der anderen Deine lederne Lehrertasche, kommst Du mit dem Glockenschlag in deiner üblichen Kleidung ins Klassenzimmer spaziert und der Unterricht beginnt.
Was du in mir auslöst, Alexander, das darf ich dir nur in meinen Gedanken sagen, denn Du besteht auf das Siezen, das strenge, verstaubte Korsett der Etikette.
Was paradox ist, denn in Deinem Unterricht, dem Deutsch-Leistungskurs, besprechen wir viele Werke der Literatur, die die Obrigkeit in Frage stellen, den Sinn des lyrischen Ichs oder sogar die Heteronormativität. Faszinierend, welche Schriftsteller Du uns präsentierst, die mir vorher noch nicht mal ein Begriff waren und mir eine ganz neue Tür zur Literatur öffnen.
‚Der Beschützer‘ bedeutet Dein Vorname, das habe ich kürzlich nachgeschlagen aus Interesse, und dabei festgestellt, dass unsere Namen dieselbe Herkunft haben, meiner eine abgewandelte Form von Deinem ist. Trivial aber interessant.
Deine abgenutzte Ledertasche klirrt, als sie du auf das Pult stellst. Was darin ist? Schlüssel-ß Werkzeug? Oder etwas, das ich mir nicht vorstellen will? Du sortierst kurz Deine Unterlagen am Pult, holst Mappe und Stift hervor.
Woher hast du diesen blutigen Kratzer an deinen Fingerknöcheln, Alexander? Wie ist das passiert? Fasst du etwa noch etwas anderes an als Bücher? Gartenarbeit vielleicht? Oder deine Katze?
Deine erste Frage ans Plenum lautet, wer die Hausaufgabe vergessen hat, und zögerlich gehen ein paar Finger meiner Mitschüler nach oben. Ganz sachlich fragst Du uns das jede Stunde, nicht wie andere Lehrer, die immer persönlich beleidigt und in ihrer Lehrer-Ehre gekränkt sind, wenn man zugibt, die Hausaufgaben mal nicht gemacht zu haben. Zweimal hat jeder von uns „Narrenfreiheit“ wie Du es auf gut Deutsch nennst - während andere einfach Joker sagen würden - denn es kann ja durchaus mal sein, dass man Wichtigeres zu tun hat. Doch beim dritten Mal gibt es keine Gnade und Nacharbeit ist angesagt, denn Klausuren dürfen wir später an der Uni auch nur zweimal wiederholen. Dein Unterricht, Deine Regeln, fair aber streng, und Du erwartest von Deinen Schülern Leistung und Initiative, bekommst auch den Respekt, der Dir gebührt.
Keine Gnade. Wie muss ich mir das vorstellen, Alexander? Soll ich es mal darauf ankommen lassen? Mal einen anderen Ton in deiner Stimme zu hören als die ruhige, monotone Lehrerstimme vorne am Pult. Die Vorstellung, wie sie tiefer, rauer wird, wenn du wütend wirst, lässt etwas in mir zusammenziehen. Aber nicht aus Angst…
Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt studieren möchte... Ich habe keine Ahnung, was ich überhaupt vom Leben will. In einem Jahr ist schon mein Abitur, die Zeit rennt wie verrückt. Mario beginnt diesen Sommer seine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker, er hat den Vertrag bereits unterschrieben, und Vater ist so stolz auf ihn, obwohl er einmal sitzengeblieben ist.
Aber ich? Wo soll es für mich hingehen? Die Schreinerei zu übernehmen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, ich ahne, dass Vater das nicht so einfach hinnehmen wird, wie meinen Wechsel aufs Gymnasium, und Unterstützung werde ich überhaupt keine von ihm bekommen. Wer weiß, wie lange er noch arbeiten kann…
Hausaufgabe?
Selbstverständlich habe ich die Hausaufgabe gemacht, wie jedes Mal. Das fällt mir nicht nur leicht, weil Du mein Lehrer bist; die Themen, die wir im Unterricht behandeln, die Lektüre, die Du auswählst, finde ich immer so spannend, dass es sich nicht wie Hausaufgaben anfühlt. Ein Vergleich von Kafkas Darstellung seines Vaters im Werk ‚Brief an den Vater‘, mit der Vaterfigur in ‚Die Verwandlung‘, das Werk, das wir zuvor behandelt hatten. Deinetwegen habe ich mir sofort danach das Gesamtwerk von Kafka geholt, ein ganzes Wochenende damit zugebracht und gestaunt, wie sehr ich diesen Mann verstehen kann, der fast hundert Jahre vor mir geboren ist. Und ich erkannte die Parallele zwischen uns, dass mein eigener Vater ebenfalls der autoritäre starke Patriarch aus einfachen Verhältnissen ist, der sich hochgearbeitet hat und von seinen Söhnen Erfolg und Durchsetzungsvermögen und eine Karriere erwartet, und dessen Ansprüchen ich in diesem Leben niemals genügen werde, egal auf welchem Gebiet.
Wer dem Plenum vortragen möchte, lautet wie gewohnt deine ruhige Frage. Du drückst Dich so gewählt aus, ganz anders aus als die anderen Deutschlehrer. Manche Klassenkameraden machen Scherze über deine Art zu reden, und mit Spontaneität hast Du es auch nicht, jede deiner Stunden läuft ähnlich ab, aber ich mag genau das: eine kleine Oase der Vorhersehbarkeit in dieser irren Welt, und vor allem sehr selten Gruppenarbeiten. Anscheinend magst Du die auch nicht.
Du blickst in die Runde, über die Gläser Deiner randlosen Brille. Auch mal jemand anderes als Herr Schwarzer?, fragst Du. Ich grinse ertappt, melde mich einfach immer zu oft freiwillig. Mein Haar ist bereits so lang, dass ich es mir aus dem Gesicht schütteln kann mit einer Kopfbewegung.
Es erbarmt sich nun Dorothea, die Schülerin, deren Klausuren du schon so oft mit voller Punktzahl benotet hast, meine jedoch noch nie! Warum nicht, Alexander?! Du schreibst auf meinen Klausuren deinen Rotstift leer, darüber, wie bemerkenswert du manche Formulierungen findest und wie innovativ meine Interpretation – aber es fehlt immer noch ein Feinschliff zu einem Sehr gut, und ich könnte jede Klausur vor Enttäuschung zerknüllen, ich will verdammt noch mal kein Zweierschüler in Deutsch bleiben, ich will eine Eins! Falls Du meinen Ehrgeiz damit anstacheln willst, noch das Letzte aus mir herauszukitzeln, dann warne ich Dich, das schlägt bald in Frustration um und ich schreibe eine Drei …
Jedenfalls, Dorotheas Vortrag gibt mir die Gelegenheit, mich voll und ganz auf Dich zu konzentrieren und meinen Tagträumen zu frönen.
Wie du wohl wohnst, wie Du deine Wochenenden und Urlaube verbringst, was Du gerne in Deiner Freizeit unternimmst. Ob es da jemanden gibt, und ob es eine Frau oder ein Mann ist, den Du glücklich machst? Oder niemand, weil du der Liebe aufgrund von vielen Enttäuschungen und Krisen komplett entsagt hast, weil sie Dich nur zermürbt hat, so wie Kafka? Keiner weiß wirklich etwas über Dich, immer tadellos ist Deine Kleidung gebügelt, aber das muss nichts heißen. Du trägst keinen Ring, bist nirgends im Internet zu finden, bist nicht so redselig wie andere Lehrer, machst einen auf geheimnisvoll und distanziert. Wobei… Ich könnte mir gut vorstellen, dass Du gerne ins Programmkino oder Theater gehst, denn Du leitest die Theater-AG der Schule. Und dass Du gern bei einem guten Kaffee oder Wein in Weltliteratur schmökerst, selbstverständlich mit einem Bleistift zum Unterstreichen der Passagen, über die du „stolperst“, wie Du es nennst, und Dir Inspiration für Klausuren holst.
Oder sogar selbst an einem Manuskript tüftelst, entweder nächsten Bestseller, den die Literaturkritiker verreißen werden, oder aber sie werden ihn in den Himmel loben, während kein normaler Mensch die Handlung oder die ganzen Anspielungen auf die Literaturgeschichte versteht. Vielleicht bist Du aber auch klammheimlich ein Nerd, der ganze Regalmeter Comics besitzt oder mehr Videospiele als mein Bruder, was niemand vermuten würde. Dein persönliches guilty pleasure – wie Du es niemals ausdrücken würdest, zum Teufel mit den Anglizismen, dagegen bist du allergisch.
Genauso wenig würde niemand vermuten, dass ich gerne Gedichte schreibe, genauer gesagt: Songtexte. Und dass ich Dich für den besten Deutschlehrer auf Erden halte. Vielleicht frage ich Dich eines Tages mal, was du von diesen Texten hältst, Deine Meinung dazu würde mich brennend interessieren. Irgendwann, wenn ich endlich meine erste Eins von Dir habe.
Wenn ich Du wäre, würde ich das aber auch nicht wollen, dass mein Privatleben zu siebzehnjährigen Schülern durchsickert, die nur Müll im Kopf haben. Vielleicht… sollte ich in deine Theater-AG eintreten? Bekommt Dorothea ihre Einsen nur, weil sie dort aktiv ist? Das wäre zwar schon unfair, aber eine schlechte Idee ist es keinesfalls, dann sähe ich Dich nämlich noch öfter, fünf Stunden in der Woche mit Dir sind mir nämlich viel zu wenig. Irgendeine Nebenrolle mit höchstens einem Satz wird es dort bestimmt für mich geben...
Wie du jetzt aus dem Nichts laut loslachst wie ein Kind, über diesen verirrten Käfer am Fenster, den du mit Gregor ansprichst und begrüßt, dabei wirkst du so unbeschwert, zehn Jahre jünger und deine Grübchen werden sichtbar. In der nächsten Sekunde aber bist Du wieder der strenge, selbstbeherrschte Lehrer, der keine Miene verzieht. Bloß, dass sich eine der streng gebändigten Strähnen gelöst hat und in dein linkes Auge fällt. Als kämpften da zwei Seelen in deiner Brust.
Alexander, ich habe wirklich noch nie einen Lehrer so … verehrt wie Dich!
3. Türchen: Angelo
Du sitzt zwei Reihen vor mir im Hörsaal und teilst dir mit deinen Sitznachbarn eine Tüte Schokokugeln in bunter Aluminiumfolie, wovon du ausschließlich die in der roten Folie verzehrst. Du teilst gerne; Essen, Zigaretten, Stifte. Und du teilst gerne aus. Dass ich dich beobachte, bemerkst du nie. Du bist mein Lichtblick hier in dieser riesigen anonymen Universität.
Angelo heißt du, ein italienischer Name, der zu dir passt, und du machst diesem engelsgleichen Namen alle Ehre, so wie du lachst. Aber alle nennen dich nur Ferrari, weil das so ähnlich klingt wie dein Nachname, aber leichter auszusprechen ist. Manchmal bist du richtig frech zu den anderen, niemals aber niveaulos, was dich nur noch beliebter macht.
Du bist ein paar Jahre älter als ich, aber nicht der Älteste im Jahrgang. Deine Handgelenke schmücken zahlreiche Festivalbändchen, dein Ohr ein dezenter Ohrring. Dein Bart ist immer richtig cool frisiert. Ob du für diese Muster wohl eine Schablone benutzt?
Während ich dich aus Sicherheitsabstand anhimmele, höre ich dem Dozenten da vorn nur halb zu, diesem roboterhaften Vortrag. So eine langweilige Vorlesung, das Modul „Einführung in die Philosophie“ ist so überflüssig, denn mit Tante Martha hatte ich am Frühstückstisch schon kritische Diskussionen über die Philosophen, die sie mir zu lesen gab, seit ich vierzehn wurde und mir mehr beigebracht als er. Den Rest meiner Familie interessiert Philosophie überhaupt nicht.
Er handelte in den vergangenen Wochen bereits die Philosophen der Frühantike, das Mittelalter, die Renaissance ab und heute ist lehrbuchgemäß die Aufklärung dran. Er doziert in einem endlosen Monlog über den Existenzialismus, geht beinahe nahtlos zu Nietzsche über, skizziert „Übermensch“ an die Tafel…
Jedes Mal, wenn ich ich 'Übermensch' höre, habe ich dich vor Augen, Angelo. Du lebst das, was Nietzsche beschrieb, könntest seine Vorlage gewesen sein: Du wirst nie von irgendwelchen Zweifeln, Ängsten oder Konventionen zurückgehalten, wenn du mal wieder in Zwischenstunden philosophische Diskussionen mit Kommilitonen beginnst… Du bist goldrichtig in diesem Studium, strebst nach Wissen und noch mehr Wissen, oft sehe ich dich in ein Buch vertiefst.
Du wirst glänzende Arbeiten schreiben, alle Studenten hinter dir lassen, die sich dagegen mustergültig verhalten und nach Noten und Anerkennung in der Gesellschaft geiern. Dich mit Dozenten anlegen und auf die akademischen Hierarchien pfeifen, und dich hinterher doch in der Philosophie selbst verwirklichen. Du gehst mit der notwendigen Selbstverständlichkeit an alles heran, die mich fasziniert aber gleichzeitig auch verunsichert. Wer wäre nicht gerne so wie du...
Ich mag es, dem gleichmäßigem Fluss deiner Stimme lauschen, wenn du Fragen stellst oder etwas erörtest. Dann fesselst du mich noch eine ganze Weile mit den Bildern, die du mit Sprache zeichnest. So wie jetzt, als du dem Dozenten eine kluge Frage zum Konzept des Übermenschen stellst, die ihn zum Nachdenken bringt.
Ich weiß nicht, wie ich dich ansprechen könnte. Scheinbar haben wir nichts gemeinsam, außer dass wir dreißig Stunden die Woche gemeinsame Vorlesungen besuchen. Wenn ich Glück habe, dann hast du im Laufe des Studiums durch Zufall mal gemeinsam ein Projekt mit mir. Aber ich glaube eher nicht daran. Du bist immer bei deiner Clique, also was willst du mit mir, dem schrägen Einzelgänger und stillem Beobachter.
Mittlerweile hat sich jeder auf dem Campus eingelebt. Bis auf mich. Ich war noch auf keine der Partys. Partys sind überhaupt nicht mein Ding, das hat ja Tante Martha mir schon angekreidet, als ich den Sommer bei ihr in Paris verbracht habe, aber lieber gelesen hatte, anstatt sie auf Partys zu begleiten. Trotzdem ein schöner Sommer.
Da hatte ich ja auch noch nicht geahnt, dass ich an der Uni jemanden wie dir begegne, Angelo, der mir Tagträume und schlaflose Nächte beschert… Wann ist man eigentlich verliebt? Wenn man so viele Gedanken an jemanden verschwendet wie ich?
Philosophie, dieses Studium, ist leider nicht mein Ding, ehrlich gesagt. Wie auch, wenn ich überhaupt nicht gerne vor großem Publikum spreche. Hätte ich doch nur eine Ausbildung gemacht. Irgendeine, nur nicht Schreiner. Und nicht auf Alexander gehört, der mir zu dieser Studienwahl gratulierte.
Ein paar Gläser Sekt intus, habe ich ihn damals auf der Abifeier gefragt, ob ich ihm meine Songtexte schicken kann. Er bejahte und gab mir seine private E-Mail-Adresse. Und wimmelte mich dann mit den Worten „Und jetzt amüsiere dich. Küss jemanden. Abitur feiert man nur einmal im Leben!“ ab. Vier Wochen später las ich seine Meinung zu meinen Songtexten. Mit heißem Kopf löschte ich die Mail, knallte den Laptop zu und schrieb ihm nie wieder.
4. Türchen: Malte
Warum kann ich nie Nein sagen, wenn du schon wieder bei uns klingelst, weil du mit mir rummachen willst, obwohl ich für Klausuren lernen müsste. Weil mir der Lernstoff schon längst über den Kopf gewachsen ist? Und meine Präsentation über Wittgenstein will auch noch fertig gemacht werden.
Warum du? Weil sich sonst keine Sau für mich interessiert? Weder im Studium, noch sonst so? Glück für dich. Du kannst es genießen und dir dabei den richtigen Zwilling vorstellen: Mario, der mit dir nie im Leben diese Dinge anstellen würde. Andererseits ist es ja nicht so, dass ich es nicht auch genießen würde, denn das ist nicht selbstverständlich, so wie ich aussehe.
Nie küssen wir uns, wenn wir uns gegenseitig Lust bereiten. Mit jemanden, in den ich verliebt bin, wäre es so viel schöner. In meiner Fantasie wirst du zu Angelo…
In meiner eigenen Wohnung wäre es auch schöner, aber als der nichtsnutzige Philosophiestudent, der ich bin, kann ich mir keine leisten und bin noch nicht von zuhause ausgezogen.
Vater macht mir, was das angeht, seltsamerweise keinen Druck – bei Schwarzers wird überhaupt nichts entsorgt, weder unnützer, alter Plunder vergangener Jahrzehnte auf dem Dachboden, noch ein nutzloser Esser von Taugenichts-Sohn!
Über Mario dagegen platzt er vor Stolz: Ausbildung geschafft im Handwerk, genauer gesagt KFZ, pragmatisch, vernünftig, den Grundstein für eine solide Zukunft gelegt, finanziell abgesichert und von ihm unabhängig. Mario, sein ewiger Goldjunge, der doch noch auf die richtige Spur zurückgefunden hat.
Mir kommt es so vor, als lehne sich Vater zurück und lauert wie ein Geier nur auf meinen schwächsten Moment, nämlich dann, wenn ich meine Klausurergebnisse erhalte und realisiere, dass die akademische Welt nichts für mich ist und ich ihn reumütig frage, ob ich nicht doch in seiner Schreinerei anfangen kann. Um dann triumphierend zu sagen: „Siehst du, ich wusste es doch, wer hoch hinaus will, wird tief fallen und diese sinnlose Rumstudiererei hättest du besser niemals angefangen, das passiert, wenn du auf die Verrückte hörst!“ Erschreckend, wie gut ich seine Stimme im Kopf habe, und erschreckend, dass ich sogar jetzt an ihn denke.
‚Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.‘ So lautete Marthas kitschige Postkarte mit dem Nietzsche-Zitat, nach unserem Telefonat letzte Woche, in dem sie kaum Zeit hatte, meine Klagen über das Studium anzuhören. Auf die Rückseite hatte sie in eiliger Handschrift lauter Phrasen gekritzelt. Also, von einer Philosophie-Dozentin hätte ich mehr als solche abgedroschenen Phrasen hintereinander erwartet und zerriss sie in Schnipsel.
Heute kannst nicht mal du mich auf andere Gedanken bringen, die ich aber so nötig habe, Malte!
Immer wenn wir fertig sind und der ganze Dachboden nach unseren Säften riecht, nimmst du wie immer größtmöglichen Abstand zu mir ein, am anderen Ende der ausrangierten Matratze. Wenigstens können wir mit dem Plunder die Tür verbarrikadieren, sodass zumindest kein Familienmitglied aus Versehen Zeuge unseres Treibens wird. Ich würde vor Scham im Boden versinken.
„Schwarzer…?“
Ihn nennst du beim Vornamen, ihr seid beste Freunde seit Jahren, Mario und du, habt so viel zusammen erlebt, euch nicht nur einmal wegen eines Mädchens gestritten. Ob du dir meinen Vornamen überhaupt gemerkt hast? Den Namen des Bruders, den du links liegen gelassen hast, bis neulich? Als Mario neulich nicht zuhause war, hast du geklingelt, herumgedruckst, bist schließlich unter einem Vorwand in meinem Zimmer gelandet. Aber wärest du nicht schon zu Schulzeiten nett zu mir gewesen, hätte ich dich niemals ins Haus gelasssen. Hättest du jedoch irgendwas an meiner Einrichtung kritisiert oder dich über meinen Musikgeschmack lustig gemacht, dann wärst du ganz schnell wieder draußen gewesen.
„Reich mir mal meine Jacke, da sind meine Kippen drin.“
Du reißt mir deine Lederjacke aus der Hand, die du achtlos über den verstaubten Heimtrainer geworfen hast, und legst sie über deinen nackten Unterleib – im Gegensatz zu mir hast du es aber nicht nötig, dich zu bedecken, du bist ansehlicher als ich, mit all meinen Schwabbel. Mein Spiegelbild kann ich selbst schon nicht mehr ertragen. Ich schwitze unter meinem T-Shirt. Ich sitze eben einfach viel zu viel rum den ganzen Tag…
Dann zündest du dir seelenruhig eine Zigarette an. Jedes mal rauchst du hinterher eine, kurz bevor du gehst, denn sogar hier, zwischen all den Kartons meiner Familie steht ein Aschenbecher herum. Hier oben auf dem Dachboden meines Elternhauses, in dem ich immer noch wohne, auf meiner ausgedienten Jugendmatratze. Alle in meiner Familie rauchen, bis auf mich. Ich bin in wirklich jeder Hinsicht ein Außenseiter.
„Sag mal Malte… mit wem hast du eigentlich noch etwas?“, frage ich aus Neugier. Du lässt dir erstaunlich lang Zeit mit der Antwort, widmest deinen Rauchkringeln mehr Aufmerksamkeit als mir, klopfst die Asche ab und als ich schon meine Frage vergessen habe, antwortest du: „Du bist der Erste, Schwarzer, aber bilde dir nix drauf ein.“
Dein Erster? Das heißt, du bist genau so ein Spätzünder wie ich? Das überrascht mich aber wirklich sehr, Malte, schließlich siehst du aus wie ein Mitglied einer Boyband, aber warum solltest du gerade in dem Punkt lügen, wenn du genauso gut vor mir herumprahlen könntest? Entweder, Mario hat dir alle Mädels weggeschnappt, oder aber, du hast sie ihm kampflos überlassen, weil du kein Interesse an ihnen hast, weil es eben nun mal Mario ist, der dir den Kopf verdreht hat. Das ergibt irgendwo Sinn.
Wenn ich dein Erster bin, du also auch noch keine Erfahrungen damit hast, mit jemandem zu schlafen… also richtig zu schlafen, nicht nur das, was wir immer tun – dann macht es ja keinen Sinn, dich danach zu fragen. Dir zu verraten, dass ich gerne einen Schritt weiter gehen würde mit dir. Mensch, Malte, was machst du es mir so schwer, warum musstest du mir das anvertrauen? Hättest du mich nicht einfach anlügen können, nach dem Motto ‚fake it till you make it‘? Damit ich mit dir ohne schlechtes Gewissen das anstellen kann, das ich mit Angelo niemals haben werde?
Ich greife ungefragt in deine Schachtel, nehme mir eine Zigarette heraus. Du hältst inne und schaust mich an, überrascht? Das hättest du mir nicht zugetraut, stimmts, Malte?
Ich nähere mich deinem Gesicht und sehe Gefallen in deinen Augen, deine Pupillen werden riesig. Unsere Zigarettenenden berühren sich und die Kippe zwischen meinen Lippen glimmt ebenfalls auf. Du schaust zu, wie ich einen tiefen Zug nehme, damit sie nicht wieder ausgeht; wie ich husten muss und mein Inneres brennt. Wieso tust du dir freiwillig etwas so Ekliges an? Du klopfst mir auf den Rücken, nimmst mir die Zigarette weg.
„Sandro, diesen Tag wirst du irgendwann bereuen, weil du nicht mehr aufhören kannst.“ So, du kennst also doch meinen Vornamen. „Aber vielleicht speckst du ja dadurch ab.“
„Wenn dem so sein sollte“, entgegne ich krächzend, „dann hab habe ich dich bald nicht mehr nötig.“ Sonst bin ich nicht so schlagfertig. Nikotin scheint eine positive Wirkung auf mich zu haben. Die Vorstellung amüsiert mich. Und du kicherst.
„Sandro. Du kannst so hoch abspritzen. Wollen wir ausprobieren, ob du durch meinen Rauchkringel spritzen kannst?“
Unglaublich, wie kindisch du bist mit deinen neunzehn Jahren! Deine Hose wirfst du abermals ins Eck, deine Erektion ist zurück gekehrt. Wo warst du, als ich fünfzehn, sechzehn war? Du hättest mich viel früher erwecken müssen… warum hast du erst vor ein paar Wochen an meine Tür geklopft? Ich komme mir alt vor, weil ich diese Erfahrungen nicht früher gesammelt habe, so wie alle anderen. Meine Jugend verpasst habe, womit war ich in diesem Alter eigentlich so beschäftigt gewesen? Aber gerade, weil ich eben noch nicht all diese Erfahrungen gesammelt habe, ist deine Einladung gerade einfach verlockend und ich komme näher zu dir. Es ist so viel aufregender, lebendiger, als die Nase schon wieder in Bücher zu stecken, denn das habe ich viel zu lange getan.
5. Türchen: Kevin
Ich konnte es dem einfühlsamen, gleichaltrigen Krankenpfleger sagen, ohne Zögern, ohne Scham, ohne Sarkasmus. Als hätte sich ein Knoten in meinem Hals gelöst. Endlich konnte ich mal mit jemandem reden, wie ich mich seit Marios Tod vor acht Monaten wirklich fühle.
Ich musste ihm nichts vormachen, er fragte gleich, woher meine Verletzung wirklich gekommen war. Er meinte nach meinem Geständnis, dass ich vielleicht gar nicht sterben wollte, sondern das es mein Hilfeschrei war, sprach von Depressionen und Hilfsangeboten, und dass ich irgendwann wieder Licht sehen werde... Licht, woher denn? Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe niemanden mehr. Nur dunkle Gedanken sind da. Ich kann einfach nicht mehr… die Last, der überlebende Zwilling zu sein, ist zu bedrückend.
Keine Ahnung, wie oft ich seitdem geschlafen hatte und wieder wach geworden war, aber nun ist Abend.
Was ich mir gestern, an meinem Geburtstag, angetan habe, war schon längst kein Hilferuf mehr. Es war mir ernst, ich hatte alles genau geplant, nur dass Vater so schnell den Abschiedsbrief entdeckt und ins Badezimmer gestürmt kam, hatte ich nicht einkalkuliert. Wie konnte er trotz seines Alters die Kraft haben, mich aus dem Wasser zu ziehen, sich das Hemd wortwörtlich vom Leib zu reißen und damit notdürftig meine klaffende Schnittwunde zu verbinden, während er mit Ohrfeigen versuchte, mich aus der Bewusstlosigkeit zu reißen... Irgendwann hörte ich Sirenengeheul näherkommen. An mehr kann ich mich nicht erinnern, nur dass mir kalt war, eiskalt, und das mitten im Sommer.
Hier im Krankenhaus bin ich aufgewacht. Sie haben meinen kompletten Arm bandagiert und mich an Schläuche und piepsende Geräte angeschlossen. Später Nachmittag ist es jetzt und ich schwitze, weil es hier keine Klimaanlage gibt.
Dass ich gleich Dich kennenlernen und sich mein Leben von Grund auf ändern würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht einmal.
Es klopft an die Tür, ich höre Vaters Stimme, will mich nur noch in den Laken vor ihm verkriechen. Ich, der Nutzlose, der es nicht mal fertig gebracht hat, sich das Leben zu nehmen! Der sogar beim Sterben versagt hat und deswegen weiterleben muss!
Doch da ist noch eine junge, weibliche Stimme, und ein Mädchen kommt herein, das mir vage bekannt vorkommt. Jessy, heißt sie nicht so? Diese Ex von Mario? Sie war auf der Beerdigung ganz aufgelöst, hatte sich mit seiner Aktuellen in die Wolle gekriegt. Was will sie denn von hier?
Die pinke Haarfarbe ist bereits verblasst und ausgewachsen. Sie bringt eine Wolke süßliches Parfüm ins Krankenhauszimmer. Sie kommt näher, zu mir ans Bett, und da sehe ich, dass sie ein Bündel im Arm trägt. Nicht nur ein Bündel, sondern einen kleinen Menschen darin!
„Hi, Sandro. Ich wollte schauen, wie es dir geht. Das ist Kevin, dein Neffe. Möchtest du ihn mal halten?“
Ich bin so geschockt und perplex. Ein Baby?! Von Mario?! Was?!
Ehe ich reagieren kann, wirst du mir auf die Brust gelegt, und reflexartig halte ich dich fest. Streichele mit meiner gesunden Hand über deinen flaumigen Kopf, der nicht größer ist als eine Grapefruit. Deine winzigen Hände ballen sich zu Fäustchen. Noch nie habe ich ein Baby im Arm gehalten. Es ist schwerer als ich dachte. Wie passt so ein Baby in diese zierliche Frau hinein?!
„Marios Sohn?“, flüstere ich, als ich mich gefasst habe und eingiebig dein rosiges Gesicht betrachte. Nicht, dass du ihm ähnlich sehen würdest. Überhaupt nicht. Wobei, vielleicht das Ohr…
Ich, ein Onkel! Das ist doch Wahnsinn, und viel zu früh, ich bin gestern Zwanzig geworden, habe erst vor wenigen Monaten mein Studium begonnen…! Und Jessy ist sogar noch jünger, und doch schon Mutter! Und Mario… ist seit acht Monaten tot! Tödlich verunglückt mit seinem Auto.
„Hat Mario von ihm gewusst?“
Jessy schaut mich mit ihren riesigen unschuldigen Augen an, die jetzt feucht werden. „Er schlug damals vor, dass wir es besser wegmachen lassen. Der Meinung war ich auch, das wäre nur vernünftig gewesen, wir waren nicht mehr zusammen, noch dazu war ich erst achtzehn, und ich hab mich auch noch nicht bereit für ein Kind gefühlt, war ja noch mitten in der Ausbildung. Und ich war übelst mit meiner Mutter zerstritten. Aber ich habe mich dann anders entschieden, nachdem Mario ein paar Tage später…“ Sie senkt ihre dick getuschten Lider und ihre Stimme bricht.
Kleiner Kevin, statt bei mir solltest du jetzt bei Mario, deinem Papa liegen, aber das geht leider nicht mehr... So friedlich liegst du da. Kennst mich nicht, aber fühlst dich anscheinend wohl bei mir. Hoffentlich bleibst du noch sehr lange ahnungslos davon, wie schlecht diese Welt ist… Du kräuselst jetzt dein Näschen, öffnest die Augen, lächelst reflexartig mit deinem zahnlosen Mund und strampelst mit den Füßen. Ich bin nicht wertlos, ich bin die weiche, atmende Unterlage für dich warmes, lebendiges Baby. Mein jüngster Verwandter! Nutzlos wäre ich, wenn die Aktion gestern im Badezimmer nicht vereitelt worden wäre.
„Warum hast du nicht viel früher was gesagt? Wir hätten euch unterstützt, Jessy!“
Sie zögert, spielt an einer Haarsträhne, bevor sie sagt: „Ich hatte Angst... Ich wollte mein Kind schützen. Du hast nicht mitbekommen, was euer Vater auf der Beerdigung zu mir gesagt hat.“
„Kann ich mir vorstellen. Nimm es dir nicht zu Herzen, was dieser Tyrann von sich gibt.“
Und ganz ahnungslos schlummerst du dabei in meinen Armen. Stumm gebe ich dir ein Versprechen: Dass du immer auf mich zählen kannst! Du hast deinen Vater verloren, deinen Onkel sollst du nicht auch noch wegen einer Dummheit verlieren.
„Ich finde es gut, dass du so entschieden hast, Jessy“, sage ich und fühle mich erschöpft, der Arm sticht und heute ist einfach alles zu viel, zu hell, zu laut. „Und danke für den Besuch. Bitte nimm Kevin aber jetzt wieder, ich habe heute verdammt viele Schmerzmittel intus. Sorry.“
„Ach Quatsch, du musst dich doch nicht entschuldigen! Die Kreissäge, das muss ja verdammt geblutet haben, dein Vater hat es mir im Auto erzählt!“, sagt sie sehr mitfühlend, und ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht.
„Dein Unfall. Mit der Kreissäge“, sagt sie nachdrücklich. „Hast du das schon vergessen? Es war eine lange, komplizierte Operation.“ Auf meinen verwirrten Gesichtsausdruck liefert sie noch mehr Details: „Sie mussten dir Bluttransfusionen geben, weil du so viel verloren hattest.“
Ein Unfall mit der Kreissäge? Diese Lüge hat Vater ihr aufgetischt? Sieht ihm ähnlich! Als Schreiner hat er immer eine zur Hand. So würde niemand erfahren, dass ich mir die Pulsadern aufgeschnitten habe. Lieber ein Arbeitsunfall als dem Wahnsinn verfallen. Bloß nicht noch ein Verrückter in der Familie.
Die Schande verbergen und das Image der starken, tüchtigen Schwarzer-Familie aufrechterhalten. Kein Enkel, der mit einem Stigma aufwächst und irgendwann Fragen stellt.
Vielleicht braucht er das sogar für sich selbst. Aber trotzdem bin ich ihm dankbar, dass er dich und Jessy hergebracht hat, denn anderen Besuch habe ich nicht bekommen, hätte ihn auch nicht verkraftet. Vorerst mache ich gute Miene zum bösen Spiel und verabschiede mich.
„Ich lass dich mal wieder alleine, werde bald wieder fit, ja, Sandro?“ Damit verschwindet sie zur Tür, dich wieder in das Bündel eingepackt auf dem Arm tragend.
Und jetzt, wo ich wieder allein bin, laufen mir Tränen über die Wange. Ich bin komplett überfordert mit meinen ambivalenten Gefühlen, ja meinem kompletten Leben. Und der neuen Verantwortung. Gestern noch an der Schwelle des Todes, heute neues Leben im Arm, von dem ich bis jetzt keinen Schimmer hatte!
Kevin hat sie dich also genannt.
Damit lebt ein kleiner Teil von Mario weiter, in dir. Nun stirbt die Schwarzer-Linie also doch nicht aus. Vielleicht bist du mein Grund, um weiterzumachen?
Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen, Kevin, und dir ein Wiegenlied auf der Gitarre zu zupfen. Wenn ich das alles mal realisiert habe und nicht mehr mit Schmerzmitteln vollgepumpt bin. Wenn das eben wirklich passiert ist und kein Fiebertraum war.
6. Türchen: Martha
Gestern Abend war ich in Paris angekommen, und du hast mich von der Métro abgeholt.
In deinem Gästezimmer das Bett für mich bezogen, denn ich muss ja noch drei Wochen lang die sperrige Schiene am Unterarm tragen. Den Abend hatten wir mit Pizza und einem seichten Film ausklingen lassen. Aber dass die Schlüssel fehlen, ist wie ein Schlag ins Gesicht. Dass du mir so wenig vertraust, Martha! Als würde ich nur auf die nächste Gelegenheit warten, mir weh zu tun.
Der Vorschlag, ein verlängertes Wochenende bei dir zu verbringen, zwischen zwei Arzt- und Physiotherapieterminen, war von dir gekommen. Nach allem, was hinter mir liegt, würde mir ein Tapetenwechsel guttun, so hast du dich bei deiner Einladung am Telefon ausgedrückt und mir gleich im Anschluss das Zugticket geschickt.
Am Frühstückstisch heute brachte ich Wort heraus. Du hast Marios Namen noch nicht erwähnt seitdem ich hier bin, aber das brauchtest du auch nicht; zu vieles in deinem Appartement hat mich an ihn erinnert. Vor allem das gerahmte Foto in deinem Esszimmer, auf dem wir als Vierzehnjährige in die Kamera grinsen, aufgenommen im Jardin du Luxemburg. Wer hätte gedacht, dass er sechs Jahre später nicht mehr ist… dass wir beide niemals zusammen auf deinem Balkon sitzen, um zu rauchen. Ohne viele Worte, aber dem Versuch einer Annäherung nach all den Jahren, in denen er und ich in völlig unterschiedlichen Welten gelebt hatten…
Jetzt sitzen wir unter grauer Wolkendecke an einem der eleganten Cafétische im alten Intellektuellenviertel. Einst war es ein schlichter Treffpunkt für Sartre, Beauvoir und ihre Kreise, lange bevor es hip und teuer wurde. Um uns herum Besteckklirren, vermischt mit dem Stimmengewirr der Gäste, den pulsierenden Leben der Fußgängerzone. Aus der Ecke spielt ein Straßenmusikant ein Lied in Moll-Akkorden, das mir vage bekannt vorkommt.
Und alles sprudelt nur so aus mir heraus. Als hätte sich meine Trauer plötzlich in Wut kanalisiert.
„Du hättest es mir von Anfang an ausreden sollen, Tante Martha!“, klage ich dich an. „Wie konntest du nur denken, dass ich für die Philosophie geschaffen bin! Nur weil du mir als Teenager mal ein paar Bücher zu lesen gegeben hast oder wie?!"
Stumm nippst du an deiner Tasse und schaust mich über deren Rand hinweg an mit dieser leicht strengen Schärfe, die nur erahnen lassen, was dir gerade durch den Kopf geht.
„Wieso nimmst du an, dass du dafür nicht geschaffen wärst, Sandro? Zunächst einmal erfüllst du die formalen Voraussetzungen für diesen Studiengang, außerdem schlummert in dir doch wesentlich mehr Potential als in deinem Vater. Du musst nur aufhören, dich mit ihm zu vergleichen.“
„Potenzial ist nicht alles. Man muss es auch entfalten können!“
Das Blitzen in deinen Augen verheißt nichts Gutes. Das artet gleich in eine zähe philosophische Diskussion aus, ich weiß es. Oh, hätte ich besser mal die Klappe gehalten.
„Wer, oder was hat dich daran gehindert, dein Potenzial zu entfalten? War es nicht viel eher so herum, dass du dich un petit peu selbst überschätzt hast, die Einführungskurse auf die leichte Schulter genommen hast, eben weil du früher mal in ein paar philosophische Werke reingeschnuppert hast? Hättest du dir nicht denken können, dass das allein nicht ausreicht?“
Ich knirsche mit den Zähnen. So etwas will ich jetzt nicht hören.
„Noch dazu kam, dass du allen Partys lieber ferngeblieben bist, obwohl ich dir eingeschärft habe, dass sie notwendig sind, um von Beginn an Anschluss zu finden und Kontakte zu höheren Semestern zu knüpfen? Nicht bloß für das soziale Leben, non, sondern auch für das akademische Netzwerk, ohne das man in den Geisteswissenschaften später kaum Karriere machen kann. Du hättest auf andere zugehen müssen anstatt dich zu isolieren! Gerade du, dem die akademische Welt noch so fremd ist. Die Studenten von mir, die hinwerfen, das sind meistens die, die Einzelgänger, oder Arbeiterkinder sind.“ Sanft sagst du es, aber trotzdem schwingt ein Hauch Professorin mit, Menschen kommen niemals so ganz aus ihrer Haut.
Ich schiebe mit der Gabel die Kuchenbrösel von einem Eck ins andere, habe so gar keinen Hunger, aber dieser Kuchen ist ohnehin viel zu schade zum Essen, er ist ein impressionistisches Kunstwerk. Du hast ja Recht... Du, die ihre Karriere in Paris mit Bravour aufgebaut hat, trotz der Sprachbarrieren und anderer Hürden. Du musst wirklich für dieses Studium gebrannt haben und so beliebt wie fleißig gewesen sein. Bestimmt hat dich die Aussicht beflügelt, hier Fuß zu fassen und meinen Vater Siegfried und den Rest der Familie nie wieder sehen zu müssen. Das macht dir so schnell niemand nach.
Der dumme, faule Student hier am Tisch bin ich. Vor allem hätte ich mich nicht so oft ablenken lassen dürfen vom Lernen. Nicht von Malte, und erst recht nicht von meiner Trauer, in der ich es mir seit Marios Tod wie in einem Kokon bequem gemacht hatte. Kraftlosigkeit, Müdigkeit, Energielosigkeit, Hunger… Irgendeine Ausrede fand sich immer, nicht in die Bücher zu schauen. Oder nicht zur Uni zu gehen.
„Lass dir gesagt sein, mon fou, dass Freiheit bedeutet, dass man seine Entscheidungen selbst trifft und auch für sie geradestehen muss, diese Verantwortung kann dir kein Mensch abnehmen.“
„Ich bin zu jung. Ich habe noch nicht den Weitblick...", starte ich einen schwachen Versuch der Rechtfertigung, aber das klingt so farblos dir gegenüber; einer Frau, die in meinem Alter mit einem einzigen Koffer nach Paris fuhr und nie wieder zurückkehrte.
Du schüttelst den Kopf. „Weitblick und Tugenden entstehen durch eigenes Handeln. Hätte ich deine Entscheidung verhindert, indem ich dir das Philosophiestudium ausgeredet hätte, so hätte ich deine Autonomie und dignité verletzt. Du hättest dich bevormundet gefühlt und es mir noch lange nachgetragen. Wollen wir jetzt darüber philosophieren, wann Einmischung Fürsorge ist, und wann Bevormundung?"
„Nein, will ich nicht", knurre ich, und mir fallen bereits Philosophen ein, die sich mit diesem Thema beschäftigt hatten.
„Aber ein Résumé zu ziehen, ist wichtig. Abzuwägen, wo du jetzt stehst, wo du hinwillst, und was du dafür investieren musst. Du bist jetzt zwischen dem zweiten und dritten Semester, es ist noch nicht zu spät. Wenn du es wirklich willst und dich dahinterklemmt. Diese Entscheidung musst du jedoch selbst treffen und allein vor dir verantworten. Meine Rolle dabei kann nur beratend sein, nicht bestimmend, d’accord?“
Weitermachen? Ich weiß, dass ich das niemals packe. Dazu hätte ich einen anderen Start hinlegen müssen. Mit einem anderen Grund und Ziel dieses Studium beginnen müssen, als bloß dich zu beeindrucken und in deine Fußstapfen zu treten, denn die waren zu groß für mich. Schon der Gedanke daran, zurück an die Uni zu gehen, wieder in das alte Leben zurück, lässt mich erschauern. Das fühlt sich so falsch an. Nein, ich möchte etwas Neues. Ob dann enttäuscht von mir wärst, wenn ich ein Hobbyphilosoph ohne Abschluss bleibe?
„Non, enttäuscht wäre ich nur, wenn du dich selbst verleugnest“, sagst du. „Aber eine alternative Profession solltest du schon finden. Dir ist das nämlich sehr wichtig, nicht nur Jemand zu sein, sondern auch Etwas.“
Ich seufze schwer, weil du mich so gut kennst. Natürlich. Aber was könnte bloß zu mir passen? „Nicht Schreiner!“, sagte ich sofort. „Alles bloß das nicht!“
Du lächelst und holst nun Gauloises und ein Feuerzeug aus deiner Handtasche. „Du musst doch nicht Schreiner werden wie dein Vater, es gibt noch hunderte andere Berufe. Wenn Siegfried auf diese Idee kommt, dann ruf mich sofort an, dann werde ich dem alten Grincheux mal ein paar Takte sagen. Ich bin sicher, dass du etwas anderes für dich findest und damit glücklich wirst.“
„Wir haben Mitte September. Ausbildungen hat längst bereits begonnen, ich bin zu spät dran. Ich hätte, anstatt im Studium meine Zeit abzusitzen, einfach Bewerbungen schreiben sollen…oder wenigstens herausfinden, was ich gut kann. Da fällt mir nämlich gar nichts ein.“
„Richtig. Da ist nichts, was dir tout de suite, jetzt auf gleich einfällt. Aber da ist nicht nichts. Niemand kann ‚gar nichts‘, das ist impossible. Du hast ein Studium begonnen, das war intelligent und mutig, vor allem aus deinem Milieu heraus, ist es heute noch immer, nicht nur damals zu meiner Zeit. Du musst aber nicht mich kopieren, mon fou, denn jeder Mensch ist individuell. Und Zeit kann man gar nicht verschwenden. Man tauscht sie nur gegen Lebenserfahrung ein. Denke an Seneca: Zeit ist das Leben selbst!“
Ich konnte trotzdem nichts Positives daran erkennen. Jeder andere hätte diese Zeit sinnvoller zu nutzen gewusst. Ich hatte nicht mal irgendwo gejobbt. Ich war mit Haut und Haaren untergegangen, war ein Negativ-Beispiel, wie man niemals ein Studium beginnen sollte. Der Septemberwind bläst mir durch die Haare, und mir deinen Tabakrauch in die Nase. Meine letzte Zigarette ist so lange her…
„Ich will jetzt nicht noch ein Jahr blöd rumsitzen. Da gehe ich ein, Martha!“ Meine Stimme überschlägt sich vor Verzweiflung und Tränen verschleiern meine Sicht. Da halte ich es nicht mehr aus, klaue mir unter deinem erstaunten Blick eine Zigarette aus deiner Schachtel, die verführerisch neben dem Aschenbecher offen auf dem Tisch liegt, und bitte dich um Feuer. Es ist echt zu doof, alles mit nur einer Hand machen zu müssen.
„Mon Dieu! Sandro, seit wann rauchst du denn?!“, fragst du, die Fasson verlierend, und ich zucke bloß mit den Schultern und nuschele „Uni“ mit der Zigarette zwischen den Lippen. „Du hättest wirklich mehr Halt gebraucht nach Marios Unfall…“, sagst du jetzt nachdenklich. „Aber ich wusste nicht, wie.“
Und dann gibst du mir schließlich doch Feuer. Wie eine coole Tante, die akzeptiert, dass ihr 'petit lou' erwachsen ist und seine eigenen Entscheidungen trifft, selbst wenn sie schlecht für ihn sind, und schiebst kapitulierend den Aschenbecher in die Mitte des Tisches.
Jetzt nimmst du unser Gespräch wieder auf. „Es ist gut, dass du das nächste Kapitel aufschlagen willst. Très bien! Aber: Gönne dir davor erst einmal Ruhe! Atme durch, schau zurück was du überstanden hast in diesem Jahr - chapeau! Sei doch mal etwas gnädiger mit dir. Fehler zu machen ist kein Todesurteil, sie sind Teil des Weges, nicht das Ende! C’est la vie…“
„Vom ruhig dasitzen und durchatmen wird man aber irgendwann pleite“, gebe ich dir zu bedenken und nehme einen weiteren Zug.
„Habe ich gesagt, dass du nicht arbeiten sollst? Der Mensch ist ein tätiges Wesen, das wussten schon die anciens, und ich teile diese Philosophie. Sandro, mon cher, hör mir gut zu: Mach bitte eine Therapie. Ich verurteile dich nicht dafür, was du dir angetan hast. Du hattest deine Gründe dafür… Ich will aber, dass du dir selbst verzeihst. Ohne zu reflektieren, wirst du immer wieder scheitern. Es wird kein leichter Weg sein, aber es ist der Weg zum Licht. Ich kann dich ein Stück begleiten.“
Ich nicke dazu, aber ich weiß nicht mal, ob ich diesen Weg überhaupt sehe, geschweige denn das Ziel. Ich weiß nur, dass dieser tiefe Schnitt auf meinem linken Unterarm mit siebenundzwanzig Stichen genäht wurde und eine hässliche Narbe zurückbleiben wird. Wenn ich Glück habe nur das.
Just in diesem Moment gehen auf dem Gehweg zwei Männer an uns vorüber, dicht nebeneinander und im Gleichschritt. Der eine sagt etwas, der andere lacht leise und ich beobachte, wie er ihm beiläufig den Arm um die Taille legt. Eine zärtliche Geste eines Paares, die niemanden weiter auffällt, außer mir.
Und plötzlich, unter all den Schichten aus Müdigkeit, Trauer und Selbsthass, regt sich etwas in meiner Brust: Eine Sehnsucht danach, eines Tages einmal so durch Paris zu flanieren mit jemandem, dem ich keine Lüge von einer Kreissäge auftischen muss, wenn er nach meiner Narbe fragt.
Zunächst merke ich gar nicht, wie sehr ich mir den Hals nach dem Paar verdreht habe. Erst, als ich spüre, wie die Zigarette bedrohlich nachgibt. Der halb abgebrannte Aschefaden, erschreckend lang und schief, rieselt fast schon herab, weil ich ganz vergessen habe, ihn auszuklopfen.
Als ich jetzt deinen Blick auffange, ist da dieses schelmische Lächeln, das du dir nicht verkneifen kannst – ein Lächeln, das mir verrät, dass du mehr gesehen hast, als ich preisgeben wollte, du jedoch alles daran völlig in Ordnung findest. Und ich mir immer deiner Unterstützung gewiss sein kann.
„Martha…eine Bitte hätte ich noch: Könntest du die Zimmerschlüssel wieder zurück stecken? Weil… ich habe jetzt selbst einen Neffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich nochmal bewusstlos aus einer Badewanne holen muss, ist sehr gering. Aber zum Reflektieren und in Ruhe durchatmen, und erwachsen werden, wär der Schlüssel schon von Vorteil.“
Du schaust mich lange prüfend an und nickst dann. „In Ordnung, mon fou. Wenn du es mir versprichst. Ich wüsste nämlich nicht, wie ich das deinem Vater erklären soll. Wie geht es denn dem bébé?“
Als ich mit dir über Kevin und Jessy plaudere, ist mir, als hätte ich eine Haut abgestreift, die Haut meines alten, jugendlichen törichten Ichs.
7. Türchen: Philipp
Dieser Freitag ist dein letzter Tag hier in dieser riesigen, staubigen Lagerhalle, wo wir die Paletten mit teils sauschweren Kisten auf Hubwägen beladen. Zum Hungerlohn, acht Stunden am Tag, dauerhaft Nachtschicht. Arbeiten, wann andere schlafen, und schlafen wenn der Rest arbeitet. Das ist das Beste, das mir einfallen konnte, nachdem ich mich von der Uni exmatrikuliert und der Philosophie Lebewohl gesagt hatte. Schweren Herzens, aber mir bewusst, dass es der richtige Schritt war.
Dieser Job, sei er noch so eintönig und anspruchslos, bringt wieder Struktur in mein Leben, und vor allem Geld. Er kann die Stimme in meinem Kopf fast verstummen lassen, die nach dem Warum fragt, oder wie es hätte sein können, wenn Mario nicht gestorben wäre. Fragen, die mich in den Wahnsinn treiben und die Nächte nicht schlafen lassen. Da kann ich auch arbeiten, am Tag bekomme ich dann Schlaf, dank der körperlichen Erschöpfung. Und wenn ich nicht gerade arbeite oder schlafe, bin ich im Gym. Ich besitze keine Waage, aber die besten Momente sind die, wenn ich feststelle, dass das, was ich im Spiegel sehe, langsam Gestalt annimmt. Das Fett schmilzt. Ich war leichter geworden, innen aber noch schwer. Körperlich verändert, aber innerlich stagniert.
Trauer ist einfach der Overkill. Meine Eltern sind nicht mehr dieselben. Wenngleich Vater mich nun mit anderen Augen sieht. Zum ersten Mal sieht er mich als vollwertigen Menschen, weil ich nun endlich etwas ‚richtiges‘ arbeite.
Ich habe dich angelernt, als du hier im Mai angefangen hast, ebenfalls die Nachtschicht. Selbst erst wenige Monate dabei, nur wenig älter als du, habe ich dir alles gezeigt und dich mit kleinen Tipps versorgt, die die Arbeit leichter machen. Jede Pause verbringen wir seitdem zusammen, rauchen mehr als wir essen, Hunger habe ich nur noch selten. Irgendwie kamst du auf das Spiel, uns gegenseitig Zitate von Schriftstellern, Politikern und Philosophen raten zu lassen. Du bist ein wandelndes Lexikon, meine Oase hier, das komplette Gegenteil zu den übrigen Kollegen.
Du hast diesen Sommer erst Abitur gemacht. Und jobbst hier, um dein Studium zu finanzieren, das vor der Tür steht, irgendwas mit erneuerbarer Energie und am anderen Ende des Landes. Leider.
Den Spaß, den ich in dieser Arbeit nicht habe, hast du mir durch deine Anwesenheit gegeben und die Unlust mit deinem Lächeln und deinen Sprüchen jeden Tag aufs Neue genommen. Du bist mir ein Rätsel geblieben, mitsamt dem Geheimnis, aus welcher Quelle du deine Leichtigkeit schöpfst.
Jeden Abend tauchst du hier taufrisch im ärmellosen Shirt auf, riechst nach Deo und Tatendrang. Nach wenigen Stunden noch besser, nämlich nach Schweiß und Arbeiterstolz. Da muss ich mir auf die Zunge beißen, um nicht damit herauszuplatzen, denn Müdigkeit hat fast den gleichen Effekt wie Alkohol auf mich: Du riechst so gut, Philipp! Kannst du nicht wenigstens ein bisschen Bi sein, nur für mich?!
Wenn du wüsstest, wie betörend der Geruch ist, den deine Achseln verströmen, nachdem du einen Container ausgeladen hast. Und dass ich dich am Klang deiner Schritte erkenne, lange bevor du mich rufst.
Du bist echt nicht von dieser Welt, diese Welt hat dich gar nicht verdient. Wenige Menschen sind wie du, so gescheit, nachdenklich, humorvoll und warmherzig, einfach ein Anker für andere. Ein Anker, der sich nun losmacht.
Nie habe ich dir von meiner Trauer, von Mario oder dem Grund meiner Narbe erzählt. Oder dass ich regelmäßig einen Psychotherapeuten sehe. Denn all das wäre hier fehl am Platz gewesen. Das hat im Lager nichts zu suchen, wo wir jeden Tag aufs Neue unsere Kraft und Belastbarkeit beweisen müssen. Aber irgendwie hast du es mir angemerkt und nicht nachgehakt, warum ich immer langärmelige Klamotten trage, oder eben diese Unterarm-Bandage, und so tue, als ob ich mir neulich beim Heben etwas gezerrt hätte.
Anders als mein Therapeut, der mir oft sagt, dass ich mich nicht genug öffnen würde, emotional nicht anwesend wäre... irgendwie habe ich das Gefühl, dass er nicht der Richtige für mich ist, dass er meine ganzen Probleme nicht mal verstehen kann oder will. Wir kratzen seit Monaten noch an der Oberfläche.
Jetzt gehst du durch schwungvoll das Drehkreuz nach draußen in Richtung Parkplätze, wo deine Vespa auf dich wartet, läufst der Morgensonne entgegen, die mich blendet und deine Haare in einen feurige Krone verwandelt, und rufst dem Pförtner triumphierend „Auf Nimmerwiedersehen!“ zu. Dann wirfst du die ausgelatschten Stahlkappen, ohne die wir Lager nicht betreten durften, in hohem Bogen in den Himmel. „Auf Nimmerwiedersehen, Leiharbeit!“ Dein naiver Akt gegen das Prekariat. Als nächste Etappe die Universität, kannst du es dir leisten, die Schuhe wegzuwerfen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wer sie aufklauben muss.
Wir beide sind materiell privilegiert, das ist mir im Lager klar geworden. Für uns war es nur ein zeitlich begrenzter Abschnitt, und unseren können wir größtenteils auf die hohe Kante legen. Wenn ich hingegen an die anderen Männer aus unserer Schicht denke…
Da gibt es Ahmed, ein dreifacher Familienvater, der nachts schuftet, damit seine Kinder studieren können. Karl-Heinz, der die Monate zählt, bis er endlich ohne Abschläge in Rente darf. Peter, der nach seiner Haftentlassung jede Palette so stapelt, als stünde sein Bewährungshelfer neben ihm. Und Ravi, der jeden Monat seinen halben Lohn in sein Heimatland überweist, mit der Angst im Nacken, dass sein Arbeitsvisum nicht verlängert wird. Biografien, mit denen ich nicht tauschen möchte, aber unendlich Respekt vor habe.
Weil du siehst, dass ich immer noch unschlüssig auf dem Parkplatz rumstehe, anstatt zur Bushaltestelle zu gehen, wo bald der erste Bus kommt und ich nicht weiß, womit ich dir für die kurze, aber schöne Zeit danken kann, legst du deine Hand auf meine Schulter. Das geht mir durch und durch. Es war wirklich ein verdammt geiler Sommer, trotz dass ich nur gearbeitet habe. Ich hoffe, im Vorpraktikum, das nächsten Monat startet, gibt es auch Leute wie dich. Und in meiner Ausbildung zum Physiotherapeut direkt im Anschluss.
Doch der Gedanke, ohne Dich zu sein, lässt mich innerlich schreien. Natürlich haben wir Nummern ausgetauscht. Natürlich werden wir uns schreiben, erst regelmäßig, dann seltener, soviel steht fest. Nett, aber das ersetzt nicht, jeden Tag mit dir gemeinsam zu schwitzen und zu lachen. Ich weiß, dass ich dich nicht haben kann, Philipp, auf die Art, wie ich es mir erträume, aber ich hätte gern jemanden, der wie du ist.
„Hau rein, Sandro. Unser Physio in spe! Die Mädels werden Schlange stehen, und auf deine Zauberhände warten.“ Ich grinse bloß, ohne dich zu korrigieren. „Und wenn Plan A nicht klappt, dann starte einfach mit einer Rockband durch! Ich kauf deine Platten!“
„Du bekommst VIP-Sitze bei meinen Konzerten, Phil!“, lache ich.
Allein der Gedanke, ich und eine Band! So etwas würde ich eher dir zutrauen, mit deiner Gabe, statt den Kopf in den Sand zu stecken, lieber eine Sandburg daraus zu bauen und in fremde Gewässer mit Vorfreude einen Rückwärtssalto zu machen. Dir liegt die Welt zu Füßen und du wirst es noch weit bringen, das weiß ich einfach.
8. Türchen: Frank
Du gehst neben mir und trägst meinen schweren Rucksack zum Bahngleis, weichst Leuten in dicken Wintermänteln aus. Du liebst es, Gentleman zu sein, aber ich honoriere es nicht. Sonntag Abend bin ich immer ‚zickig‘, wie du es gern bezeichnest, um von diesem ganzen Schlamassel abzulenken, in dem wir stecken.
Wieder ist ein Wochenende mit dir vorüber, das viel zu kurz gewesen war. Aber wirklich schön, diesmal. Wir waren Samstag Abend in deinem Lieblingsmusical gewesen.
Sicher fragst du dich, wieso ich die ganze Zeit nichts mehr sage. Schon seit heute Nachmittag nicht mehr, als wir diesen Streit hatten. Bringt es noch etwas, zu diskutieren, wenn du dicht machst? Wieso willst du partout nicht, dass wir nächstes Jahr zusammenziehen, sobald ich meine Ausbildung beendet habe?
Klar könntest du rein theoretisch mein Vater sein, und du bist kein Superman, kein Adonis und kein Krösus. Dafür warmherzig, empathisch und weise, und dein Interesse gilt mir als Mensch. Du stellst keine Ansprüche an mich. Und du lachst nicht über mein Hobby, sondern unterstützt mich, wo du kannst. Keiner hat mich je auf dem Klavier begleitet, wenn ich Gitarre spielte. Unsere schönsten gemeinsamen Stunden. Mit keinem habe ich zuvor Opern und Musicals besucht. Ich liebe dich. Das weißt du genau. Du liebst mich auch, das sagst du zumindest.
Wie lang soll denn deiner Meinung nach unsere Fernbeziehung weiter gehen? Du kennst meine Situation, weißt, dass mich nichts mehr in meiner Heimat hält. Nein, ich bin keinesfalls zu jung, um zu wissen, was ich will. Was faselst du immer von Bereuen; von Wurzeln; von deiner Erkrankung? Ohne die Depression wäre bestimmt ein Konzertpianist aus dir geworden, du warst auf dem besten Wege dahin, warst einer der besten am Konservatorium, aber dann kamen zu Panikattacken auch noch eine Agoraphobie dazu und ging nie so ganz richtig weg. Du hat gute und schlechtere Tage, musst bis heute Medikamente nehmen, die dir der Psychiater verschreibt und leidest unter ihren Nebenwirkungen, und ich mit.
Aber das ist mir egal, ich liebe dich auch mit diesem Knick im Lebenslauf, ich musste meinen eigenen auch neu justieren. Hier bei dir an der Alster, wo ich Sonntag Morgen gern jogge, während du noch schläfst, sehe ich meine Zukunft und werde das nicht bereuen. Da bin ich mir sicher.
Tu ich dir etwa nicht gut? Du hast selbst gesagt, dass du vor meiner Bekanntschaft nicht so gesund gegessen hast und viel öfter Rückenschmerzen hattest. Dank meiner Finger, die deine Fascia thoracolumbalis massieren, obwohl mein Examen noch in weiter Ferne liegt, bis du stöhnst, aber nicht vor Lust, sondern weil es wehtut.
Im Sommer waren wir sogar auf dem Pride, weil mir das wichtig war… zumindest am Rand, für eine halbe Stunde, es waren zu viele Leute dort. Dein Therapeut lobt dich für deine Fortschritte. Du tust mir ebenfalls gut. Jenen Funken in mir, den ich nach meinem Verlust für erloschen gehalten habe, hast du wieder zum Leuchten gebracht. Vielleicht können wir im Frühling gemeinsam am jährlichen Stadtlauf teilnehmen? Erst mal nur fünf Kilometer, die mir die Welt bedeuten würden. Aber du wechselst das Thema, wenn ich davon spreche.
Der ICE steht am Gleis, sogar pünktlich. Vier Stunden Fahrt trennen uns voneinander. Die Rückfahrt zahlst du mir jedes Mal, das ist dir wichtig. Die verdammte Deutsche Bahn ist die einzige, die von unserer Fernbeziehung profitiert, siehst du das nicht ein?
In wenigen Minuten fährt der Zug ab, das muss mir die Durchsage nicht erst mitteilen. Morgen beginnt eine neue Woche auf der Arbeit. Praxiswoche. Spätestens gegen Mitternacht, wenn ich ankomme, hörst du von mir. Nach vier Stunden Fahrt bin ich nicht mehr zickig, weil du dann so weit von mir entfernt bist und wir das nächste Wochenende planen. Aber was, wenn nicht? Wenn ich nächsten Freitag nicht zu dir fahre, was würdest du dann tun?
Mit einem Taschentuch wischst du mir die Tränen aus dem Augenwinkel, küsst mich in deinen Armen, wie du es jedesmal tust, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist, küsst mich vor allen Leuten und sogar zärtlicher als gestern Abend. Wieso kannst du es paradoxerweise hier am Bahnsteig, und nicht zuhause, wo ich es viel dringender gebraucht hätte? Warum hast du dich weggedreht, als ich dich halten wollte? Nur halten... Meine Tränen fließen schon wieder.
Als Wegzehrung hast du mir das Reststück der Pizza, die wir heute Abend gemeinsam belegt und gebacken haben, mitgegeben, aber ich denke nicht, dass ich es vor der Mittagspause morgen anrühre.
„Du kannst doch in Ruhe Musik hören, jetzt auf der Fahrt“, versuchst du mich zu trösten, zu betören mit deiner Honigstimme, streichst über meine Haare. Aber loslassen fällt mir so schwer. Ich will keine Musik, Frank. Ich will dich. Ich will deine Haut, deine Nähe, dein Gewicht auf mir. Nicht bloß diesen schuldbewussten Blick und deine Stimme, die mich tröstet, während dein Körper sich immer weiter von mir entfernt. Wann hast du mich das letzte Mal so berührt, ohne dass es ein Abschied war?
Du wirst nervös in meinen Armen.
„Die Weihnachtskekse gibst du deiner Mutter, ja?“
Aber wofür? Sie interessiert sich nicht für dich, Frank. Hat dich nicht eingeladen, wohin auch? Marios Zimmer ist immer noch der verwaiste Schrain, in dem ich nicht eine einzige Sache umstellen oder verschenken darf. Geschweige denn, es in ein Gästezimmer umzuwandeln. Das einzige, das sich im Haus geändert hat, sind die Fotos von Kevin, die neu hinzugekommen sind.
Das Foto von dir und mir hat Mutter bloß zur Kenntnis genommen mit den Worten: „Hübsch sieht er schon aus. Aber pass auf, ja? Damit du dir nichts bei ihm holst.“ Auf meine Antwort, dass Depression keine sexuell übertragbare Krankheit ist, schnaubte sie nur, murmelte, warum ich mir so ein Wrack als Partner ausgesucht habe, ich würde mich unter Wert verkaufen. In der nächsten Sekunde fragte sie: „Meinst du, dein Bruder wäre heute wieder mit Jessy zusammen?“
Ich weiß es nicht, und ich will auch nicht darüber nachdenken. Mich überkam in diesem Moment diese Riesenwut ihn. Warum musste Mario diesen verdammten Unfall bauen, dabei draufgehen und mich mit unseren Eltern alleine lassen?!
Jessy dagegen ist in Ordnung, sie ist eine gute Mutter für meinen Neffen, und der gute Geist, der die Familiengruft zum Leben erweckt, wenn sie dienstags zu Besuch kommt mit dem kleinen Racker. Und sie fragt immer nach dir, würde dich gerne kennenlernen. Aber du willst nicht. Du willst vieles nicht, das dir gut tun würde, Frank…
„Sandro. Machs mir nicht so schwer, bitte.“ Deine Brille beschlägt.
Jetzt flüsterst du meinen Kosenamen. Dass ausgerechnet dieser alberne Nickname in jenem Musikforum der Anfang von uns werden würde… wer hätte das gedacht? Wir haben uns nicht gesucht, aber gefunden. Aus Smalltalk und Fachsimpeln über Noten wurden tiefgründige Chats, dann stundenlange Telefonate, und irgendwann schaute ich mir deine Stadt an und traf dich, ganz aufgeregt und nervös, fast beschämt. Damals, als ich noch zwanzig Kilo mehr auf den Rippen hatte. Ich nahm ab, aber dein Verlangen trotzdem nicht zu.
Ich löse mich aus der Umarmung und nehme meine Tasche an mich.
Demonstrativ setze ich nun meinen Kopfhörer auf, ich kann deine sonore Stimme nämlich nicht mehr ertragen, wenn sie mir nicht das sagt, was ich hören will. Und ich will dir keine Szene machen, denn ich will nicht, dass du instabil wirst. Denn nächste Woche gibst du wieder einem neuen Schüler Klavierunterricht, das einzige, das dir neben dem Hausmeisterjob und Gärtnern Freude und Geld einbringt. Da solltest du besser keinen neuen Schub bekommen und dich vor dem Leben verkriechen.
Also schweige ich besser.
Heute gibt es leider keine Verzögerung bei der Abfahrt. Nie, wenn ich sie brauche, dabei hat doch die Bahn den Ruf, unpünktlich zu sein! Aber vielleicht gibt es nächstes Mal ein Schneegestöber und mir bleibt mehr Zeit mit dir. Bitte! Sag es, genau jetzt, in diesem Augenblick, dass ich doch bleiben soll, für immer, hier bei dir.
Aber du tust es nicht, wie so vieles nicht, das ich will. Stattdessen lässt du mich jedesmal in diesen Scheißzug einzusteigen, der mich von dir fort bringt, zurück in die Familiengruft.
9. Türchen: Sandro
Ich sitze in der S-Bahn von der City nach Hause, der Tag in der Berufschule war lang und anstrengend gewesen. Auf den Ohren wie immer mein Kopfhörer, lausche ich dem instrumentalen Post-Metal Album, während ich für die Anatomie-Klausur im Januar hunderte von Knochen, Faszien und Muskeln pauke, oder es zumindest versuche. Dazu kommt noch die Gruppenpräsentation, die bis jetzt noch keine Form angenommen hat. Aber es ist auch ganz gut, wenn ich mir den Kopf mit Lernsstoff fülle, anstatt mit Grübeleien.
Beruhigend schaukelt der Zug, Lichter flitzen in der Dunkelheit vorbei. Still ist es im Abteil, bis auf ein vor sich hinbrabbelndes Kind irgendwo hinter mir.
Meine Gedanken schweifen direkt wieder zu Franks Brief. Dieser Brief vor zwei Wochen hat mit den Boden unter den Füßen weggerissen. Er war dramatisch wie die Opern die er liebt, gleichzeitig von tiefer Klarheit und grausamer Ehrlichkeit, beantwortete vieler meiner Fragen, aber warf auch neue auf.
Frank schrieb, dass er mich liebt, und genau aus diesem Grund ziehen lassen muss. Auch wenn die zwei Jahre mit mir die hellsten seines Lebens gewesen waren. Damit ich ihm später keine Vorwürfe mache, meine besten Jahre an einen Mann verschwendet zu haben, der leider nicht gesund ist, oder wird. Dass es ihm sehr leid täte, ich aber jemanden verdienen würde, der mir das zurückgibt, was ich ihm gegeben habe und meine Sehnsüchte erfüllt. Jemand, der mit mir ein Wochenende verbringen kann, ohne sich hinterher tagelang davon erholen zu müssen. Und endete damit, dass ich nicht mehr zu ihm fahren soll, denn er würde mir nicht öffnen.
Ich atme tief durch, versuche an die anstehende Klausur zu denken, aber meine Gedanken kehren immer wieder zu ihm zurück. Wie konnte Frank sich anmaßen, einfach für uns beide zu entscheiden, was gut für mich ist! Das ist keine Liebe, das ist nicht auf Augenhöhe! Und der absolut unpassendste Zeitpunkt. So kurz vor Weihnachten. Er weiß doch genau, was diese Zeit mit mir macht… Alles entgleitet mir, nie behalte ich die Kontrolle. Alles Gute verzieht sich immer so schnell aus meinem Leben. Abwärts geht es leichter aus aufwärts. Licht kostet was, Dunkelheit ist immer umsonst.
Drei Jahre ist Marios dummer, sinnloser Unfalltod jetzt her, fast auf den Tag genau, wie unheimlich. Ich möchte nicht daran zurück denken, jetzt, wo er nicht mehr so viel Raum in meinen Gedanken einnimmt.
Plötzlich ein Ruckeln. Der Zug kommt zum Stehen, ruckartig. Fast falle ich aus dem Sitz. Ich hebe den Kopf, wieso wurde gebremst?
Mitten im Nirgendwo. Eine brüchige Durchsage ertönt, erst die automatische Ansage, dann noch eine zweite hinterher. Ich nehme den Kopfhörer ab, um sie zu verstehen: „Liebe Fahrgäste, wir haben… gerade etwas überfahren“, erklingt eine Stimme über die knisternden Lautsprecher im Zug. „Wir müssen jetzt anhalten und schauen, was los ist. Verlassen Sie bitte den Zug nicht. Ich hoffe, es geht gleich weiter.“ Eine Stimme, jung und überfordert. Besorgniserregend.
Die Minuten dehnen sich, nichts passiert. Eine knallende Tür, doch der Zug bleibt weiter reglos in der Dunkelheit, ich höre Fahrgäste tuscheln. Mein Puls beschleunigt sich. Keiner weiß so recht, was los ist. Eine Stimme irgendwo, ob der Zug gerade jemanden überfahren hat. Das Kind im Sitz hinter mir, das anfängt zu heulen.
All das vermischt sich zu einem dumpfen Schwall und erreicht meine Ohren nicht mehr. Gerade ist wohl etwas passiert, das sich nicht rückgängig machen lässt.
Fast mein halbes Leben fahre ich regelmäßig Bahn, und noch nie ist jemand überfahren worden, während ich drin saß. Ich weiß nicht, was los ist, aber dunkle Gedanken kriechen sofort in mein Herz.
Jetzt, ein paar Tage vor Weihnachten, hat sich jemand dazu durchgerungen, den Letzten Schritt zu gehen. Wenn es schlecht gelaufen ist, und davon gehe ich aus, hat er es nicht überlebt.
Kein Weihnachten mehr für ihn. Kein Neujahr. Kein Neubeginn. Keinen, der ihn in letzter Sekunde von den Schienen zerrte, wie mich aus der Badewanne. Wen er wohl alles zurücklässt? Wer er war? Wie alt? Und warum sah er keinen einzigen Funken Hoffnung mehr? Ich sehe ihn vor mir, wie er einige Tage später daliegen wird, hergerichtet von Profis für seine Familie, die sich fragt, wer oder was das ist, dieses leblose Ding da auf dem schwarzem Samt.
Ob gewollt oder ungewollt herbeigeführt, der Verlust bleibt für immer. Der verlassene Stuhl am Esstisch, auf der leer bleibt, oder ein Zimmer, das nach niemandem mehr riecht.
Wann fährt jetzt dieser Zug endlich weiter? Das fühlt sich an wie ein stählernes Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt, bis die Unfallstelle gesichert ist, die Türen sind verschlossen, niemand darf raus hier, auf unbestimmte Zeit. Keiner kann raus und keiner rein. Warten wir auf Sirenen und Blaulicht?
Ich schaue zur Seite. Da sitzt er. Mario. Er sieht mich direkt an. Heilige Scheiße, ist er gekommen, um mich mitzunehmen? Mein Herz rast mir davon, ein lautes, schweres Tier in meiner Brust.
Ich fröstele und zittere. Die Luft scheint den Raum verlassen zu haben, egal wie tief ich sie einzuatmen versuche. Als wäre der Zug zum Vakuum geworden. Muss ich jetzt wirklich abtreten? Den Kopfhörer, ich will ihn greifen, doch das ist unmöglich, denn diese Finger gehorchen mir nicht, sind das wirklich meine eigenen Finger, die ich mein ganzes Leben lang schon benutze, oder fremde, die mir angenäht wurden?
Warum haben sie mir aber damals gehorcht, in der Badewanne, die Klinge …? Wie auf Kommando juckt jetzt die Narbe.
Das Gewicht, das sich auf meine Kehle legt und zudrückt, erst dort, dann fies auf den Magen. Mir wird schlecht, aber ich habe keine Kotztüte da. Ich balle die Hand zur Faust, presse sie auf den Mund. Versuche so, den Brechreiz wegzuatmen, während mir schwarz vor Augen wird. In S-Bahnen gibt es nicht mal Toiletten, verdammt. Scheiße. Scheiße. Scheiße.
Ich will schreien, aber ich kann nicht, ich bin wie hinter einer Schicht Glas eingesperrt... Dieses Kind heult so herzzerreißend, dass ich am liebsten im Duett einstimmen würde. Ich bin allein, ganz einsam unter Vielen. Kriegen die Leute um mich herum nicht mit, wie ich hier mit mir kämpfe? Aber würde ich wollen, dass sie mich anstarren? Ist das gerade eine Panikattacke? Fühlt die sich so an? Als Frank mir auf mein interessiertes Nachfragen geschildert hat, wie er sie erlebt, konnte ich mir nie darunter nichts vorstellen. Und nun wünschte ich, ich hätte ihn niemals danach gefragt.
„SANDRO! Schluss jetzt! Beherrsch dich!“, brüllt eine Frau hinter mir und ich fahre zusammen. Jeder Nerv steht senkrecht. In nächsten Moment wird mir klar, dass die Frau wohl ihren kleinen Sohn angebrüllt hat, denn das unterschwellige Gequengel ist nun verstummt. Welch ein Zufall, noch ein Sandro.
Eine Tür knallt. Kurz darauf eine knisternde Durchsage, die Stimme wieder zuversichtlich: „Liebe Fahrgäste, auf den Gleisen hat ein Ast gelegen. In ein paar Minuten geht die Fahrt weiter. Wir bitten um Entschuldigung.“ Irgendwo im Abteil lacht jemand.
Ein Ast! Kein Suizid. Kein Tod. Nur ein verdammtes Stück Holz.
Wegen einem Ast bin ich so ausgeflippt. Erschöpft schnaufe ich und merke wie die Anspannung von mir abfällt. Die Schwärze lichtet sich. Es war wohl ein bisschen zu viel Stress in letzter Zeit.
Ich wende mich zur Fensterscheibe, doch dort sehe ich nur noch mein eigenes Spiegelbild. Bleich und verzerrt, grimmig dreinschauend. Sandro. Du, der, der mich nie verlassen wirst, bis zum Ende. Wer bist du, und wer wirst du? Dreiundzwanzig Jahre alt. Sohn. Bruder. Neffe. Onkel. Ehemaliger Philosophiestudent und Lagerarbeiter. Physiotherapeut in Ausbildung. Möchtegern-Gitarrist. Homosexuell. Du kannst Kilos verlieren, dich neu erfinden, aber du kannst mir nichts vormachen, du bleibst doch immer der Gleiche. Der Sandro, der gefühlt, geträumt, gelitten, gelacht und geliebt hat und beinahe gestorben wäre. Willst du das? Würde ich Ja oder Nein sagen, wenn du mir meine Zukunft zeigen könntest? Ich weiß es nicht, verdammt! Selbst in der Ohnmacht zur Freiheit verurteilt… Wie frei sind wir wirklich in unseren Entscheidungen?
Der Zug fährt an und ich lehne mich im Sitz zurück. Nur noch drei Stationen. Sobald ich aussteige, rufe ich Jessy an. Als wir uns letzte Woche gesehen haben, brauchte sie mich nur anzusehen, und wusste sofort was los war. Sie sagte, wenn ich sie brauche, ist sie für mich da. Ihr Lachen würde mir heute so gut tun. Ihre Erzählungen, was Kevin heute im Kindergarten wieder angestellt hat.
10. Türchen: Florian
Du bist mir schon beim letzten Mal aufgefallen, als ich mich hier in der Stadtbibliothek nach Büchern, Musik und Noten umgeschaut habe. Mit deinem langen dunklen, gescheitelten Haar, das zu einem dünnen Zopf gebunden ist und dir bis in die Mitte des Rückens reicht. Jetzt im Sommer, wo ich etwas Zeit habe zwischen Abschluss der Ausbildung und Beginn meines neuen Jobs.
Dein Gothic-Style fällt einfach total auf. Du wirkst hier so deplatziert, wie ausgeschnitten aus einem Gemälde des Fin de Siècle. Bemerkenswert, dass sie dir nicht nahegelegt haben, dich etwas dezenter zu kleiden. Schätze, du bist Anfang zwanzig und machst hier eine Ausbildung oder Praktikum. Auch heute trägst du wieder ein schwarzes T-Shirt und, trotz dass es warm ist, darüber eine dünne Jacke, als hättest du etwas zu verstecken. Deine Haut ist von makelloser Blässe, vor der Sonne hast du dich gut verstecken können, wie ein adliger Vampir.
Zum Ausleihen gibt es hier zwar Selbstausleih-Automaten, die auch funktionieren, wie ich schon festgestellt habe, aber heute brauche ich eine kompetente Auskunft, und du sitzt an der Info, wie passend! Bereit, Fragen zu beantworten, die die meisten Kunden nicht zu stellen wagen, wenn sie deinem Blick und deiner abweisenden Körperhaltung begegnen. Kundenkontakt musst du echt noch üben.
Mit einer Miene, als wärst du gegen Farben allergisch, hantierst du hinter der Theke mit einem Stapel Kinderbücher. Ich komme zu dir und spreche ich dich an. Nehme dein Namensschild ‚F. Luzius‘ zur Kenntnis, was mir zeigt, dass du die Regeln hier einhältst.
Du hebst den Kopf, nachdem du einen Klebestreifen in den Einband geklebt hast und schaust mich direkt an. Als ob deine Seele meine betrachtet.
„Hallo. Ich habe mir ein Buch vorbestellt, und eine Mail bekommen, dass es zur Abholung bereitsteht. Aber ich finde im Regal nichts.“
Was bin ich froh, dass du nicht seufzt oder mit den Augen rollst. Vielleicht weil du mich als verwandte dunkle Seele erkannt hast, ersparst du mir den Cringe-Moment.
„Mal sehen. Ich bräuchte kurz deinen Leseausweis“, sagst du und deine Stimme klingt so erfrischend. Dunkler, als deine androgyne Eleganz mit deinen hohen Wangenknochen und dem Goatee vermuten ließ. Ich krame im Portemonnaie und lege das Plastikkärtchen auf die Theke. Du nimmst es ohne Hast entgegen, scannst es ab, dann gibt du etwas in den Computer ein, und nickst. „Ja. Das Buch steht bereit. Für Sandro Schwarzer.“ Wie hast du da gerade meinen Namen ausgesprochen…
Du erhebst dich, und wirst dabei deutlich größer als ich, so dass ich zu dir aufschaue. Leichtfüßig schwebend wie ein Dunkelelf, mit beachtenswerter Rumpfstabilität, führst du mich zum Bücherregal, über dem das Schild ‚Vormerker‘ hängt.
Deine langen Finger mit schwarzem Nagellack und den ausgefallenen Silberringen lässt du so über die Buchrücken streicheln, als ehrest du jedes einzelne Buch: Kinderbücher, Krimis, Kochbücher; alles Bücher, die darauf warten, von ihrem nächsten Besitzer ausgeliehen zu werden. Dann kommst zum Buchstaben SCH. Du drehst dich zu mir um, grinst.
„Hier, an dieser Stelle, geht das Regal weiter, und zwar…“ Du machst eine dramatische Pause, zeigst auf das gegenüberlegende Regal: „…dort.“
Auch hier fliegt dein Finger wieder die alphabetisch sortierten Buchrücken entlang und bleibt bei dem kleinen schwarzen Taschenbuch hängen.
Du ziehst es heraus und reichst es mir. Ja, es ist genau das Buch, das ich bestellt habe! Ich komme mir vor wie ein Idiot, mache „oh!“ und bemerke, wir mir das Blut in den Kopf schießt. Etwas, das mir schon lange nicht mehr passiert ist. Aber bei dieser offenkundigen Trotteligkeit, und dann bist auch noch Du es, der mir gegenübersteht und eine Augenbraue nach oben zieht. Jetzt musst du ja einen wunderbaren ersten Eindruck von mir gewonnen haben!
„Kein Ding, hatte ich diese Woche schon öfter. Manchmal übersieht man das Offensichtliche“, erwiderst du sanft. „Jetzt weißt du‘s ja. Zumindest, bis wir wieder umräumen“, fügst du mit Grinsen hinzu.
„Ja… manchmal braucht man jemanden, der einem die Richtung weist“, sage ich nur vielsagend. „Bist du hier angestellt?“
„Praktikum, fürs Studium, Bibliothekswissenschaften“. Mit einem Nicken auf mein Buch sagst du: „Übrigens gute Wahl!“
‚Wie man eine Metal-Band gründet‘, lautet der Titel des vorbestellten Buches in meinen Händen.
„Weißt du, wer es vor dir ausgeliehen hat?“, fragst du jetzt mit einem fast schelmischen Grinsen und ich schüttele den Kopf.
Du deutest mit dem Finger auf deine Brust. Nun ziehe ich eine Braue hoch. „Und, kannst du es weiterempfehlen?“
„Naja. Für eine Band braucht mal schlicht die passenden Leute, sonst helfen die besten Ratschläge nichts… und über das Genre sollte man sich verständigen können.“
Da ergreife ich meine Chance: „Ich spiele E-Gitarre, und habe kürzlich einen Bassisten kennengelernt, wir haben auch schon zusammen geprobt. Was spielst du?“
„E-Gitarre hauptsächlich. Lyrics. Und Vocals.“
„Wow, das ist perfekt, einen Sänger haben wir noch nicht…“
Da stehen wir beide uns gegenüber, und ich kann es gar nicht glauben! Das bedeutet ja, dass ich dich vielleicht bald noch besser kennenlerne!
„Dann sollten wir uns echt mal zusammensetzen, wann hast du Zeit?“, frage ich geradeheraus, voller Tatendrang.
„Sollten wir unbedingt! Gleich morgen, nach Feierabend?“, sagst du und zeigst mir ein gewinnendes Lächeln. „Florian.“
Wer hätte gedacht, dass ich in der Stadtbibliothek solch einen Glücksgriff lande!
11. Türchen: Florian II
Du verziehst immer das Gesicht, wenn ich dich scherzhaft Gothic-Prinz nenne, und doch beschreibt der Spitzname genau das, was du für mich bist. Nicht nur hüllst du dich komplett in Schwarz, sondern hast auch diese fast altmodische Eleganz, und zärtliche Strenge, eine aristokratische Körperhaltung. Einfach alles an dir hat Stil und Klasse, jede Geste versprüht Anmut.
Du achtest sehr auf dich und dein Aussehen, besitzt nicht ein einziges abgewetztes Kleidungsstück, zumindest habe ich nie eines zu Gesicht bekommen.
Nur bei Bandproben und in Momenten wie diesen trägst du dein langes schwarzes Haar offen. Leicht zerzaust fällt es dir über die Schultern. Ich mag, wie zart es sich anfühlt. Deine Naturhaarfarbe ist es nicht, denn die ist rot wie Rost. Das könntest du kaum leugnen, denn wir liegen nackt auf deinem riesigen Boxspringbett, ganz alleine in deiner stillen Wohnung.
Der dünne Schweißfilm auf unserer Haut und der Geruch von uns in der Luft ist so intensiv wie vergänglich. Wir teilen uns eine Zigarette und den Totenkopf-Aschenbecher. Nur deinetwegen bin ich wieder auf den Geschmack gekommen, verflucht seiest du, mein Todesengel...
Dort drüben in der Ecke liegen noch unsere Gitarren herum, stumme Zeugen unserer Musik eben. Meine schwarze Epiphone, das Mittelklasse-Modell, neben deiner feuerroten vintage Gibson, die von unschätzbarem Wert ist und einen einzigartigen Klang hat, melancholisch und mit holziger Tiefe. Perfekt für virtuose Soli. Du hast sie einfach liegen lassen, als uns vorhin die Lust gepackt hat. Musik als Vorspiel, Leidenschaft als Hauptgang und Lyrics zum Dessert.
Jetzt gerade schreibst du etwas in ein Notizbuch, streichst hin und wieder etwas durch. Dieser Stift ist kein geringerer als ein Montblanc. „Hat mir ein reicher Mann mal geschenkt", hast du beiläufig erwidert, als mir das aufgefallen ist. Aber... wieso solltest du hier, und in diesem Moment, mit diesem Stift schreiben, der ein Geschenk von deinem Ex war? Mich interessiert es brennend, von wem der Stift wirklich ist.
„Lies vor", bitte ich dich. Ein neuer Songtext gegen das Establishment? Subversive Zeilen, geschrieben mit diesem Prestigeobjekt, dessen Welt du vernichten willst?
Dein Blick fängt meinen auf und zieht ihn in dein dunkles Geheimnis. Doch du schüttelst den Kopf, klappst das Notizbuch zu und legst es weg.
„Sandro. Ich war neulich beim Makler, und er hat eine wunderschöne Altbauwohnung gefunden, wie für uns beide gemacht. In einem ruhigen Viertel. Du willst doch dringend raus bei deinen Eltern, in die Stadt."
Makler. „Das ist richtig, aber... Wie hoch wäre denn die Miete?"
„Zu zweit können wir die uns locker leisten", versicherst du mir, nennst aber keine Zahl. Ich werde keine aus dir herauskriegen. Geld, das Thema, das du seltsamerweise niemals anschneidest. Das Ungesagte darüber spricht Bände. Genauso wie die Astrophysiker Dunkle Materie nur daran erkennen können, welchen Effekt sie auf Materie hat.
So oft hast du mich schon eingeladen, wenn wir ausgehen, dass es zur Gewohnheit geworden ist. Du bringst mir wie selbstverständlich kleine Geschenke mit. Dabei studierst du doch noch...
Die Ruhe und Gelassenheit, die du an den Tag legst. Deine Aussprache von speziellen Worten. Dein tadelloses Hochdeutsch, die guten Manieren. Ein Glas Rotwein so zu trinken, als wärst du nicht von dieser Welt. Das kann dich nicht alles dein Exfreund gelehrt haben, mit dem du nicht mal ein Jahr lang zusammen warst, als du kaum achtzehn warst... Diese kurze Zeitspanne reicht nicht für all die Orte, die du in deinem Leben schon besucht bist.
Unsere frisch gegründete Band GITARRHÖ probt in einem Proberaum, den du uns organisiert hast, weil du ‚jemanden kennst.' Schön, aber... wer soll das sein?
„Flo...", sage ich behutsam. „Ich will mit dir zusammenleben, definitiv. Und ich würde dich gerne besser kennen lernen. Aber nie erzählst du etwas über dich, oder deine Familie."
Wie sähe unser gemeinsames Bücherregal nach einem Umzug aus? Vielleicht deine verstaubten Hardcover; Oscar Wildes unzensierte Fassung von ‚Dorian Gray', ein Ledereinband von de Sade, daneben Sacher-Masoch. Viele Gedichtbände, von Rilke, Gottfried Benn und anderen. Tucholsky. Zwischendrin als Herzstück das Taschenbuch ‚Fight Club', das ich dir geschenkt habe, wäre auch noch da... Meine Musikbiografien, meine Lieblingswerke der Existenzialisten und natürlich mein Kafka. Unser kleines Universum.
„Wir werden uns besser kennen lernen. Die Wohnung ist inspirierend, ich habe bei der Besichtigung kreative Schwingungen verspürt."
Wieder lenkst du ab, aber wovon? Uns eint unsere Liebe zu Musik, Literatur und Poesie. Und unsere Narben. Trotzdem fühle ich mich wie ein Besucher in deinem Leben, willkommen, aber nicht eingeweiht. Du öffnest mir das Fenster, doch nie die Tür.
Als du siehst, wie nachdenklich mich das macht, wirst du still, wie ein See bei Nacht. Legst den Kopf auf meiner Brust ab. Lässt dir durch die Haare streicheln.
Ich bin ganz Ohr, als du mir nach einer Pause anvertraust, als müsstest du erst sorgfältig überlegen, was du preisgibst: „Meine Mutter ist gestorben, als ich zwölf war, wie du ja schon weißt. Mein Vater hat danach schnell wieder geheiratet, eine hübsche, aber berechnende Frau, und sie haben eine kleine Tochter zusammen. Sie ist eine verwöhnte kleine Prinzessin und gern auf dem Gestüt. Ich habe ihr dort das Reiten beigebracht." Ich mag dein Lächeln dabei, wenn du an deine Leidenschaft denkst, und ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie du mit deiner Geduld und Hingabe einen störrischen schwarzen Hengst bändigst. Total du.
„Trotzdem sind wir keine normale Familie, wir sind anders... an Materiellem hat es zwar nie gemangelt, aber dafür geht es pathetisch und traditionell zu. Vater war immer streng und unbarmherzig, ich darf ihm keine Schande bereiten. Er will mein ganzes Leben kontrollieren. Benedikt war damals meine Rettung. Er war anders, schriller, kultivierter, erfahren. Hat mir Raum gegeben. Aber seine Welt war nichts für mich. Zuviel Glamour, zu viel Öffentlichkeit und Oberflächlichkeit. Du bist viel echter. Was wir haben, bedeutet mir viel, Sandro. Ich liebe dich."
„Ich liebe dich auch, Flo." Zum ersten Mal sage ich dir diese Worte. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass eine unsichtbare Distanz zwischen uns gewachsen ist. Ich will sie nicht benennen. Und doch entgleiten mir die Worte, halb geflüstert, halb gezögert: „Manchmal habe ich das Gefühl, du kommst aus einer anderen Welt..."
Jetzt hebst du den Kopf, und in deinen Augen liegt nichts als Gelassenheit. Diese ganz spezielle Art von Ruhe, die man nicht erlernen kann.
„Vielleicht stimmt das", sagst du, und auf einmal weiß ich, dass ich dich nie wirklich verstanden habe. Will nachfragen, eine Frage formulieren, ohne die Stimmung zu zerstören, doch du legst mir nur deinen Finger auf die Lippen und ich verstumme.
Du stehst auf, gehst zu deinem Schrank, öffnest ihn so ruhig, als würdest du ein Geheimnis aufschließen und ziehst den Schlüssel ab. Du stellst dich mit einer unscheinbaren Schachtel, die ich öffnen soll, vors Bett. Zögerlich ziehe ich den Deckel ab und habe den Eindruck, die Büchse der Pandora zu öffnen.
Stoff ist da drin. Zarter, kühler Stoff, der sich entfaltet. Schwarze Seide, endlos lang, so obszön und von einer Qualität, wie ich sie niemals zuvor in den Fingern hielt.
„Lass mich dir meine Welt zeigen, Sandro. Mir fallen spontan drei Dinge ein, die du damit anstellen könntest - und dir?", sagst du kühn, holst mich damit ins Hier und Jetzt, deine Stimme bloß Hauchen, und mir stockt der Atem. „Ich weiß, dass du das auch willst. Hör erst auf, wenn du den Schlüssel fallen hörst."
Also ergreife ich die Initiative, blicke in deine dunklen, fast schwarzen Augen, die sich so sehr von der bleichen Haut abheben wie tiefe, gefährliche Seen. Versuche, deine tiefsten Sehnsüchte zu ergründen, doch da ist nur das Dunkel.Das schwarze Tuch lege ich um deinen Nacken, es reicht dir bis zu den Knien. Vorsichtig ziehe ich deine Haare heraus. Sehe, wie dein Adamsapfel hüpft, wie schnell deine Halsschlagader pocht.
Wie verlockend sich der Stoff anfühlt...Ich wickle ihn noch weitere Male um deinen Hals. Ziehe ihn mit beiden Händen fest. Und noch fester.
Es ist nicht die Erfahrung, die mich leitet, denn ich habe so etwas noch nie getan, sondern mein Wissen um die Anatomie. Ich weiß durch meine Ausbildung genau, wo die Carotis pulsiert, und wie ich dir das Blut und den Sauerstoff abdrücken kann.
Dein Blick verzehrt mich dabei und ich spüre deine Hingabe. Da passt kein Wort mehr zwischen uns, nur noch Nähe und Vertrauen. Deine Gesichtsfarbe verändert sich, deine Lippen öffnen sich. Dein Blick geht durch mich hindurch. Wie lange kannst du das durchhalten? Du hast mir ganz schön viel Verantwortung in die Hände gegeben, Flo. Wirst du vor dem Point of no Return stoppen oder... Das hier ist brenzlig. Scharf an der Grenze... Mir wird leicht mulmig und die Sekunden dehnen sich.
Bis ich endlich den Schlüssel auf das Parkett fallen höre. Unbeabsichtigt. Fehlende Feinmotorik in deinen Fingerspitzen, durch schwächere Signale vom Gehirn, die Hypoxie. Das Klirren schneidet durch die Stille. Ich lasse sofort los, befreie deinen Hals vom Stoff, und du reißt die Luft gierig in dich. Wir haben dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Auf der Seide ist ein feuchter Fleck, der vorher noch nicht dort war.
„Sandro...", presst du hervor, deine Kehle rau. „Du bist unglaublich! Du fasst mich nicht an, als wäre ich aus Glas, so wie all die anderen..." Du nimmst meine Hand, legst sie an die Stelle am Hals, wo noch leichte Abdrücke sind und der Puls nur so rast. „Fühlst du das? Was du mit mir machst? Du bist kein Mensch, du bist ein Titan! Mein Titan."
Ich schmiege mich an dich, küsse dich, spüre dein Beben. Du antwortest mit einer puren Wildheit, die mich fast umwirft. Du bist mir ein Rätsel, Florian Luizus, mein Dunkelelf, und ich frage mich, wie tief deine Abgründe reichen. Du willst nicht, dass ich dich verstehe, du willst, dass ich dich nehme – wie du bist, mit allen Abgründen und Geheimnissen.
Deine Finger krallen sich in meine, und du ziehst mich zurück aufs Bett, wo Narbe auf Narbe trifft und die Lust nun uns beiden den Atem raubt. Als waren alle Male davor bloß das zarte Intro zu diesem Refrain gewesen.
12. Türchen: Florian III
Im Publikum erkenne ich einige bekannte Gesichter. Sie sind wegen dir hier, Flo! Sie wollen nicht, dass du dich zerstörst, sie wollen deine Stimme hören! Und die virtuosen Solis deiner Gibson, das Herzstück unserer Band!
Ob Tilmann, unser bärtiger, zuverlässiger Bär am Bass, diesen Missklang zwischen unseren Akkorden auch heraushört? Nicht nur hat er gute Ohren, er ist auch sensibel. Er wusste, dass wir ein Paar geworden waren, bevor wir es der Band mitgeteilt haben.
Wenn die Leute im Publikum dein wahres Gesicht kennen würden… Wenn sie wüssten, was du dir eben reingezogen hast! Vorhin, in der ranzigen Toilette des Clubs.
Die Kabinentür war nicht mal richtig geschlossen – wolltest du, dass ich dich erwische? Ich hörte ein seltsames Klicken, und dann sah ich dich in flagranti: Wie du mit einem deiner Gothic-Ringe dieses Pulver auf dem Onyx-Amulett präparierst, den ich dir geschenkt hatte. Du starrst mich ausdruckslos an, ein silbernes Röhrchen in der Hand.
Du benutzt mein Geschenk zum Jahrestag als verdammte Koks-Platte! Und ich? Ich stand bloß da. Schaute dir stumm dabei zu, wie du es konsumierst. Wie ich dich bei allen Schritten in die Selbstzerstörung begleitet habe. Eingeführt in deine Kinks, die dir Erlösung im Schmerz bringen. Schritt für Schritt in den Abgrund. Weil du dich selbst noch mehr hasst als ich mich.
Sofort hätte ich diesen Auftritt abblasen sollen, alle Stecker ziehen und die Farce beenden, bevor du die Bühne betrittst! Das hätte ein verantwortungsbewusster Partner getan. Aber nein.
Neben mir stehst du, bist high und ganz in deinem Element. Quälst die Saiten der teuren E-Gitarre, bis sie kreischt. Mein Rhythmus will dich einfangen, erfolglos. Wir harmonieren nicht mehr, nicht mal musikalisch.
Was hast du mich nicht bekniet die letzten Wochen; geschworen, beteuert, als wir das Ergebnis des Tests abgewartet haben. Mich nie wieder zu betrügen, ehrlich! Dein Studium wieder ernsthaft anzupacken, versprochen! Pünktlich zu unseren Bandproben erscheinen, aber sowas von! Ich soll bitte Geduld haben, bis die anstrengende Prüfungsphase vorbei ist, die an dir zehrt.
Florian, dein Studium ist doch bloß die Kulisse deiner dandyhaften Selbstinszenierung! Mit der du gegen die Luzius-Dynastie rebellierst. Ich dagegen muss in meinem Beruf jeden Tag fit sein, um meine Patienten wieder fit zu machen. Während du dich lieber die ganze Nacht rumtreibst.
Seit deinem Verdacht, HIV-positiv zu sein, habe ich dich nicht mehr angefasst, nicht mal dann, als du mir neulich das negative Testergebnis vor die Nase gehalten hast. Gestern Abend bekamst du abermals meine kalte Schulter, als du mir auf der Couch zugeflüstert hast: „Komm, mein Titan. Leg dich auf mich, erde mich. Ich brauche gerade einfach nur dein Gewicht auf mir.“ Da war nur noch Ekel.
Deswegen hast du wutentbrannt die Wohnung verlassen. Ich habe es vor mir meinem geistigen Auge gesehen, wie du auf den hohen Absätzen deiner Schnürstiefel über die Kreidezeichnungen auf dem Asphalt stolzierst, und mit deinem Ledermantel in den Schatten verschwindest. Wieder mit dem Taxi ins FASS?
Raus aus meiner Welt, dem Ostend, mit seinen Graffiti auf den rustikalen Altbauten. Wo Rentner zu allen Uhrzeiten nach Pfandflaschen wühlen. Die Gegend, die ich mir leisten kann.
Nicht das ruhige schicke Nordend, den Neubau, den der Makler für dich auserkoren hat: Einem Traum der Bohème mit Fußbodenheizung und eigenen Musikzimmer. Ich stellte dich damals vor die Wahl: Entweder zu meinen Bedingungen, Flo, oder wir ziehen nicht zusammen!
Ist das nun deine Rache, deine kindische Trotzreaktion dafür? Weil ich es abgelehnt habe, in den goldenen Käfig mit dir einzuziehen, den wir uns 'zu zweit locker leisten' könnten, wie du es formuliert hast? Wir wussten beide, was das bedeutet.
Irgendwann kamst du zurück in die Wohnung, mitten in der Nacht, aber wecktest mich nicht auf. Weil ich mich eh nur rumgewälzt habe. Sorgen, dass du dir wieder irgendwelche Krankheiten einfängst. Oder Leute triffst, die nicht aufhören, wenn dein Safeword fällt.
Du bist in den Flur getorkelt, hast mitten auf das Parkett gekotzt.
Ach, morgen machst du die Sauerei schon weg, ich soll wieder ins Bett zurück?
Was ist bloß aus dir geworden, Flo! Du hast dich so verändert…stinkst unter deinem Parfüm nach fremden Schweiß.
Vor Zorn rutscht mir ein Satz heraus, der nicht meiner ist: „Leg dich am besten gleich dazu!“
Wenn ich stinksauer bin, dann bin ich Vater ähnlicher, als es mir lieb ist.
Als ich das realisierte, hab ich die restliche Nacht geweint. Mir fast gewünscht, dass dein nächster Test positiv ausfällt. Als Denkzettel. Vielleicht musst du erst mal Scheiße fressen, um zu reifen!
Vielleicht sollte ich besser den Riegel vorschieben, wenn du bis Mitternacht nicht zuhause bist. Dann kannst du im Treppenhaus übernachten. Oder bei deinen Eltern anklopfen, die du mir bis heute noch nicht vorgestellt hast. So schlimm kann die Luzius-Familie doch nicht sein. In einem ihrer Immobilien oder Pferdeställe ist bestimmt ein Platz für dich frei!
Diese fiesen Gedanken waren schlimmer zu ertragen, als deine nach Alkohol stinkende Kotze vom Boden aufzuwischen. Spritzer sind übrigens immer noch auf der Tapete.
Früh morgens erhob ich mich von der Couch, spähte ins Schlafzimmer. Du warst immer noch weggetreten.
Also ging ich direkt ins Gym, wo ich in letzter Zeit öfter bin, härter trainieren als je zuvor, denn einer muss stark sein, wenn der andere schwach wird. Bald schaff ich die hundert Kilo beim Bankdrücken!
Heute Nachmittag, bei dem Katerfrühstück, das ich dir wegen meines schlechten Gewissens serviert habe, nanntest du mich zärtlich deinen ‚Anker‘, als ich dir deine Nackenverspannung wegmassiert und dabei beunruhigt festgestellt habe, wie sehr du abgenommen hast, denn deine Wirbelsäule war deutlich zu erkennen.
Anker. Dieses Kosewort, die reinste Lüge, denn in der Nacht zuvor hat dich jemand anders gehalten.
„Mach dich fertig für den Auftritt heute Abend“, war alles, was ich sagte.
Dann setzte ich mich an den Computer und buchte last minute ein Doppelzimmer an der Ostsee. Ein paar Tage Tapetenwechsel, ein letztes Quäntchen Hoffnung für uns.
Da wusste ich noch nichts von dem verdammten Kokain! Du wirst von deiner eigenen Dunkelheit verschluckt, und ich habe eine Teilschuld daran.
Wie oft warst du wirklich high? Auch, wenn du dich mir hingegeben hast?
Warum ist mir das nicht früher aufgefallen? Was bin ich eigentlich für ein Partner?
Das schlimmste ist, dass ich so verdammt alleine damit bin. Reden… mit wem könnte ich darüber reden? Ich will nicht andauernd Jessy nerven, die hat ihre eigenen Sorgen.
Außerdem würde sie mir klar zur Trennung raten, soviel ist mir klar, denn ihrer Meinung nach habe ich etwas viel Besseres verdient als dich.
Dass du Kevin kennlernst, wollte sie partout nicht. Aber du auch nicht, denn Kinder kannst du nicht leiden, die sollen dich nicht behelligen. Die könnten ja Farbe in dein Leben bringen…
Ich verstehe nicht, wieso du das Zeug brauchst. Ist es die riesige Kluft unserer Herkunft, die du gerne verdrängst, aber doch nicht ganz abstreifen kannst? Weil die Wolkenkratzer dich überall in der Stadt daran erinnern, welchen Preis die Freiheit wirklich hat?
All die brillanten Bücher kluger Schriftsteller in deinem Regal. Du weißt, dass du eine Wahl hast, verdammt! Und jemanden an deiner Seite, der dich liebt! Bedeute ich dir gar nichts? Warum wirst du zum wandelnden Klischee?
Endlich… der letzte Ton des Songs ist verklungen. Was für ein Theater. Die Lichter gehen an und Applaus tost los, aber ich kann es nicht genießen, will hier weg. Und du? Du fällst mir um den Hals - und küsst mich!
Wie kannst du nur! Dein Kuss als Gipfel des Schmierentheaters auf der Bühne. Frauen johlen, halten das wohl für eine süße Geste. Meine Faust ballt sich... Aber ich kann dich nicht wegstoßen, weil ich dich nicht vor allen demütigen will. Die kleine Wahlfamilie zerstören, die wir uns gemeinsam aufgebaut haben. Denn ohne dich bin ich nichts, und das weißt du ganz genau.
Ich schnappe nach Luft, als du dich wieder von mir löst. Fange dabei Tilmanns Blick auf. Er dauert nur eine einzige Sekunde lang, aber er sagt mir alles. Er hat diese ganz feine Nuance der Disharmonie aus unseren Gitarren herausgehört. Den Missklang. Meine Reaktion auf deinen Kuss gesehen. Sein Blick ist wie eine Einladung: Mit ihm zu reden, wenn ich das möchte.
13. Türchen: Tilmann
Statt Florian hast du mich an die Ostsee begleitet, in das Hotelzimmer mit Blick aufs Meer, dem geplanten Pärchenurlaub. Froh darüber, das Zimmer nicht storniert zu haben, denn es ist so schön hier. Ich musste nicht zweimal fragen, ob du einspringst. Auch, wenn du dafür im Doppelbett mit mir übernachten musst. Das hätte sich nicht jeder getraut.
Ich konnte mit dir reden, gleich nach dem letzten Auftritt im Quake, der alles verändert hat, habe ich dir mein Herz ausgeschüttet. Du hast dir angehört, wie sehr ich gelitten hatte in den letzten Wochen. Gleich am nächsten Tag hast du mir dabei geholfen, das Schloss auzutauschen, als Florian unterwegs war. Mit dir ging das so leicht. Dann sortiere ich in aller Ruhe seine Sachen aus den Schränken und packte sie in Kartons in den Keller. Bis auf die Gitarre.
Als Flo zurück kam, musste ich ganz stark sein, um ihm nicht zu öffnen, als er an der Tür klingelte und rüttelte. Mich anrief. Ich weinte, als dann alles ruhig war, stellte mir vor, wie er verloren durch die Nacht irrte. Er ist so leise aus meinem Leben verschwunden, wie er gekommen war.
Aber es istso unheimlich erleichternd, kein Titan mehr sein zu müssen.
Es gab eine letzte Krisensetzung unserer Band im Proberaum, zu der Florian nicht mal die Notwendigkeit sah, zu erscheinen. Oder Anrufe entgegen zu nehmen. Also sagten wir die geplanten Auftritte ab, weil wir so schnell keinen Ersatz finden konnten.
„Bist du wach, Sandro?“, fragst du mich jetzt, vom Tisch unterm offenen Fenster sitzend, von wo eine salzige Brise herüberweht, hast einen Stift in der Hand und ein Blatt liegt vor dir. „Komm mal rüber, ich will dir was zeigen.“
Also stehe ich auf, blinzele die Träne weg, gehe zu dir, der schon wieder so ein hässliches Hawaii-Hemd trägt und nicht so einen schlimmen Kater hat wie ich.
Ja, manchmal ist das, was man am nötigsten braucht, einfach ein guter Freund, mit dem man sich beim Sonnenuntergang mit Meeresblick und einem Kasten Störtebeker von der Tanke wunderbar besaufen kann. Und reden.
Meine Brust juckt wie verrückt, ich kratze mit dem Daumennagel darüber und bemerke die Stoppel, die Haare sprießen in letzter Zeit immer mehr, und ich hab einfach keine Lust mehr, sie dauernd zu rasieren. Für wen auch.
„Ich hab seit dem Morgengrauen dran gesessen. Gefällt es dir?“
Ich betrachte deine Kulizeichnung auf dem Papier, das du mir reichst. Eine E-Gitarre, um die sich eine täuschend echt wirkende Schlange mit bedrohlich aufgerissenem Maul windet.
„Whoa. Gute Arbeit, Tilmann!“
Dein Talent liegt also nicht in der Musik allein, die du demnächst studieren willst, sondern auch noch im Zeichnen! Während ich nicht mal einen Baum so aufs Blatt kriege, dass man ihn nicht mit einem Penis verwechselt. Dafür hab ich ein Sixpack. Man kann halt nicht alles haben.
„Das bist du. Dein Kampf gegen die Schlange, die dich fast erwürgt hätte.“
Was?! Ich bin so überwältigt, dass ich kein Wort rausbringe. Du hast mir tatsächlich zugehört gestern, als ich dir so viel erzählt habe...
„Darf ich das als Tattoo-Entwurf nehmen?“
„Klar“, sagst du nur.
Am Fenster rauche ich meine erste Zigarette. Unten sehe ich schon wieder den athletischen Schwarzhaarigen von gestern vorbei joggen. Kraft, Leichtigkeit und Eleganz in jedem Schritt seiner knappen Badeshorts versprühend, die kaum diese beeindruckenden Glutes verbergen... Mit einem aufgeblasenem pinken Riesen-Donut unterm Arm stürzt er sich geradewegs ins glitzernde Meer. Gesunde Bräune. Muskeln. Der Anti-Florian. Ich ertappe mich dabei, wie ich länger hinschaue als ich sollte.
Dir entgeht mein Blick nicht, vor dir kann man überhaupt nichts verbergen. „Der gefällt dir, oder?“
Ich schnaube. Ja, das beschreibt es. Aber hast du mir gestern zugehört, Tilmann? Den halben Abend habe ich versucht, dir zu erklären, wie viel Florian mir bedeutet hat, und ich das nie wieder haben würde, was uns verbunden hat. Dass es mit jedem anderen banal und oberflächlich und vanilla wäre. Das ist das Perfide daran, der Fluch, mit dem er mich zurück gelassen hat. Das, was brutal weh tut.
Du murmelst nur deinen Bart: „Eine gute Schüssel Nudeln ist besser, als eine Schale vergifteter Kaviar.“
Ich wechsele das Thema: „Tilmann, du suchst doch dringend eine Wohnung ab Herbst. Zieh doch bei mir ein, lass uns eine WG gründen!“
Damit möchte ich mich revanchieren, dass du so einfach so ein guter Freund und Zuhörer bist. Eine Männerfreundschaft, die ich noch nie hatte. Weil mir einfach immer Gefühle dazwischen kamen, und am Ende war ich auf die Schnauze gefallen, jedes verdammt Mal. Das mit dir ist aber eine echte Verbindung, das spüre ich.
„Die Wohnung ist ohne Florian zu teuer“, gebe ich zu, als du nichts sagst. „Und … du bist der einzige Mensch, dem ich gerade vertraue.“ Außerdem hältst du dich bestimmt besser an Putzpläne als Florian…
Meinen Vorschlag lässt du dir eine Sekunde durch den Kopf gehen, dann besiegelst du ihn mit einem kräftigen Handschlag. Ach was, Tilmann, lass dich umarmen! Wir werden sicher viel zu lachen haben.
Da vibrierte mein Handy. Eine SMS. Von Flo: „Ich bin in einer Entzugsklinik irgendwo in Bayern. Warte nicht auf mich. Nur eine letzte Bitte: Pass auf meine Gibson auf, bis ich es wieder selbst kann. In Liebe, Florian“
Florian vertraut mir seinen wertvollsten Besitz an, als Pfand... Und danach… ja, was dann? Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.
„Na, ganz einfach“, schaltest du dich ein, nachdem ich dir die Neuigkeit verkündet habe. „Dann werden wir Gitarrhö wieder neu aufziehen. Ohne ihn, ohne Koks und Drama.“
„Ernsthaft, Tilmann? Wir sollen wieder auftreten?“
„Ja, das werden wir. Wir finden neue Leute, und treten wieder auf, und es gibt ein Comeback! Eine Gibson lässt man nicht im Keller verstauben, Sandro, du solltest sie spielen. Du bist der geborene Lead-Gitarrist!“
14. Türchen: Mario
Ein Jahr, um zu begreifen, dass du tot bist. Viele weitere um zu akzeptieren, dass ich dich nie wieder sehen werde. In diesem Jahr habe ich es hinbekommen, an dich denken, ohne dass mir die Tränen kommen. Aber heute lasse ich sie hemmungslos laufen.
Fast sechs Jahre sind vergangen seit deinem Tod. Zeit geht so wahnsinnig schnell vorbei, aber trotzdem trete ich in diesem Trauerprozess auf der Stelle. Ich bin davon überzeugt, diese eine Wunde wird immer bluten, mein Leben lang, und das muss ich wohl hinnehmen.
Schau dir diese verdammte Kurve an, sie sieht bedrohlich aus, sogar jetzt im Tageslicht. Eine scharfe Linkskurve, an ihrem Scheitelpunkt der gottverdammre Baum, der dich dein Leben gekostet hat - er steht noch imer, unbeschadet, bloß eine Schramme in der Rinde.
Es war eine Dezembernacht, die Fahrbahn war vereist und glatt und du viel zu schnell.
Das Auto, auf das du so stolz warst, ein Totalschaden.
Die Ärzte sagten, du hättest keine Schmerzen mehr gespürt, aber wer weiß. Wer weiß schon, was man tatsächlich in den letzten Augenblicken spürt.
Selbst spürte ich rein gar nichts in jener Schicksalsnacht. Rein gar nichts von der vielzitierten Verbindung, die es angeblich zwischen eineiigen Zwillingen gibt. Vielleicht, weil unsere Bindung zu diesem Zeitpunkt fast nicht mehr existierte.
Aber ich sah etwas, das ich mir nicht eingebildet habe. Erzählen kann ich das keinem, ohne für verrückt erklärt zu werden, darum behalte ich es für mich.
Im Bett lag ich, ganz kurz vor dem Einschlafen, schreckte hoch als würde ich fallen. Wenn man eine Flasche Sprudelwasser öffnet, dann kommt manchmal ein feiner Streifen Nebel raus, der gleich wieder verschwindet. Und genau so einen Nebelstreifen sah ich, aus dem Nichts, dachte mir aber nichts dabei.
Bis ich hörte, was mit dir passiert war. Warst du das, Mario? Hat sich deine Seeele als Nebelstreif von mir verabschiedet, so von mir verabschiedet?
Als ich mit Florian über den Tod gesprochen habe, schlug er eine Séance vor. Ich lehnte das ab, nannte ihn einen Spinner. Er war gekränkt - ob ich dich ihm etwa nicht vorstellen wollte?
Noch nie war so schnell Sommer geworden wie in jenem Jahr. Schnell, weil ich eben nicht zulassen wollte, dass Zeit vergeht. Dass die Sonne wieder aufgeht, nachdem du nie mehr aufstehst.
Denn jeder neue Tagesanbruch nimmt dich ein Stückchen weiter fort von mir und mir die Erinnerungen an dich verblassen. Bis ich irgendwann daran zweifele, ob es dich je gegeben hat.
Den Kosmos juckt es nicht, dass es einen Menschen weniger auf der Welt gibt und die Erde dreht sich munter weiter. Nur für dich steht die Zeit still, dein Bewusstsein ist erloschen, deine Stimme verstummt, dein Antlitz verschwunden, in einem dunklen Eichensarg unter der Erde.
Jedes noch so dämliche Foto, jede Postkarte, jede hingekritzelte Notiz, die von dir existiert, ist so unendlich kostbar geworden, weil es keine neuen mehr geben wird.
Da ist kein Gedanke, den ich noch nicht gedacht habe in den elenden Stunden zwischen Dämmerung und Morgengrauen. Denken ist besser als Träumen. Ich weiß nicht, welche Träume schlimmer sind: Die, in denen ich alles noch mal durchlebe oder das Erwachen nach solchen, in denen du plötzlich wieder da bist, als wäre nie etwas passiert.
Mit einem kleinen Holzkreuz und Blumen haben wir die Stelle damals markiert, Jessy und ich. Hier hat dein Herz seinen allerletzten Schlag getan.
Hier fühle ich mich dir viel näher als an deinem Grab, der Ort, wo bloß deine Knochen liegen und ein kalter Marmorstein. Gräber wären nur was für Spießer, hast du doch mal gesagt, und dich über die ganze heuchlerische Grabkultur lustig gemacht und davon fantasiert, dich später mal einfrieren zu lassen.
Trotzdem war ich es, der der Kirche den Rücken gekehrt hat, nicht du. Als ich Anfang zwazig war und im Lager gearbeitet habe, sah ich es nicht ein, mein sauer verdientes Geld in den Rachen einer Heuchlerbande zu schieben, zu deren Festen ich ohnehin keinen Bezug habe.
Pflichtschuldig zünde ich aber trotzdem zweimal im Jahr eine Kerze auf deinem Grab an, damit Mutter nicht enttäuscht ist. Und besuche diesen Ort an unserem Geburtstag.
Happy Birthday, Mario. Du würdest heute sechsundzwanzig werden…
Wenn du wüsstest, wie viel Kummer du Mutter bereitet hast, auch schon zu Lebezeiten. Weißt du noch, wie wir als kleine Knirpse nachts zum Friedhof gegangen sind, um unseren Mut zu beweisen? Eine der seltenen Aktivitäten, die wir gemeinsam unternommen haben.
Hast du dich von mir entfernt oder ich mich von dir? Zuletzt kamst du mir vor wie ein ganz entfernter Verwandter, der zufällig im gleichen Haus lebte und scheußlichen Musikgeschmack hat. Dachtest du, uns bleibt noch ein Leben lang Zeit, um unser Verhältnis wieder zu verbessern?
Das dachte ich ja auch…
Da war so viel los bei deiner Beerdigung. Das halbe Dorf war da, denn dich kannte und mochte jeder.
Wer kommt, wenn ich sterbe? Wer wird sich an meinen Namen, meine Stimme, meine Persönlichkeit erinnern, wenn ich gegangen bin? In letzter Zeit stelle ich mir immer öfter diese Frage.
Da ist dieser Wunsch, dass möglichst viele Menschen an diesem Tag zusammen kommen und die Erinnerung an mich erhalten. Es deprimiert mich.
Die Narbe juckt wieder, manchmal habe ich auch Schmerzen, der Arzt hat mir damals im Krankenhaus ja gesagt, dass dieser Schnitt kompliziert zu operieren war. Vielleicht sind es auch nur die Nachwehen des Tattoos. Der erste Tätowierer, den ich aufgesucht habe, hat sich geweigert, diese fette Narbe zu tätowieren, das wäre unmöglich auf Narbengewebe. Erst der Dritte hat es getan.
Jetzt haben wir etwas gemeinsam, Mario.
Hier, schau sie dir an, die Schlange, ist sie nicht gut geworden? Du hast ja auch eines.
Kaum dass du Achtzehn wurdest, hast du dir ein Tribal auf den Oberarm tätowieren lassen und es stolz unseren Eltern gezeigt. Mutter war außer sich und Vater konnte dem nichts abgewinnen. Deine Euphorie konnte das nicht dämpfen, Bestätigung hast du ja von Mädels bekommen.
Es ist schon eine bittere Ironie, dass ausgerechnet du gehen musstest. Du, Vaters Goldjunge, der harte Junge, der keine Schulprügelei ausgelassen hat und später kein Besäufnis, sich dann aber zusammen gerissen hat. KfZ-Meister wolltest du werden, das wäre der Weg gewesen, den du nicht gehen durftest.
Ich frage mich, wie die Trauer in unserer Familie ausgesehen hätte, wenn es mich erwischt hätte statt dich. Ich habe die leise Ahnung, dass Mutter und Vater das besser weggesteckt hätten.
Und du?
Dann hättest du deinen Bruder verloren, aber Kevin aufwachsen sehen. Der kleine Fratz kommt im Herbst schon in die Schule, ist das zu glauben?
Übrig geblieben bin ich – eine Rolle, die ich niemals ausfüllen kann. Aber das muss ich ja gar nicht, daran muss ich mich immer wieder erinnern. Ich bin ich, und du bist du, und das ist auch gut so.
Ich hatte jetzt auch ein bisschen Zeit, die Trennung von Florian zu verarbeiten, der irgendwo einen Entzug macht. Habe unsere diese Beziehung reflektiert.
Weißt du, welche Erkenntnis mich wirklich beunruhigt? Dass ich bis jetzt immer nur Partner hatte, die selbst irgendwie kaputt, traumatisiert und unvollständig waren.
Die selbst genug Probleme mit sich selbst hatten, und auf der Suche waren nach etwas, das sie bei mir jedenfalls nicht finden konnten.
Es wäre vermessen gewesen, anzunehmen, dass ich Frank von seiner Phobie heilen könnte oder Florian von seiner Sucht.
Glaubst du, dass eine gesunde, beständige Beziehung entstehen kann, wenn zwei Zerbrochene zueinander finden? Oder ist das jedes Mal zum Scheitern verurteilt, weil wir uns gegenseitig an unseren Bruchkanten verletzen?
Könnte ich mich von einer gesunden, starken Seele ohne Risse und Verletzungen überhaupt angezogen fühlen?
War es nur Zufall, dass das bis jetzt nicht geschehen ist oder ziehen sich wirklich nur Gleich und Gleich wie magnetisch an?
Und falls sich wirklich mal ein waschechter Normalo ohne Rissen auf der Seele mal in mich verlieben sollte - hätte ich denn das Recht, ihn in mein Leben zu lassen? Ihm zuzumuten, dass ich sein Leben schwerer mache, weil es so anstrengend mit mir sein kann mit den inneren Dämonen, gegen die ich ankämpfe? Dabei hoffen, dass dieser Jemand niemals daran verzweift, dass er meine Beweggründe nicht nachvollziehen, meinen Schmerz nicht mitfühlen kann und meine Weltsicht nicht teilen kann? Fragen über Fragen… die nur die Zeit beantworten kann.
Du, ich fahre jetzt besser wieder heim. In mein neues Zuhause, das ich von Flos Sachen befreit habe. Tilmann wird bei mir einziehen nächsten Monat. Der beste Mitbewohner, den man sich vorstellen kann!
Wenn ich dann zuhause bin, drehe ich Eminem voll auf, den du damals rauf und runter gehört hast, alles andere war keine Musik für dich. Mittlerweile mag ich ihn, weil ich die Songs mit dir verbinde, und finde, dass er sich als Künstler und Mensch weiterentwickelt hat.
Weißt du eigentlich, Mario, dass ich dich immer um deine cognacfarbene Ledercouch beneidet habe? Nicht, weil sie besonders edel oder teuer wäre. Es geht mir dabei mehr um den sentimentalen Wert: Die schöne Zeit, die du darauf verbracht hast in deinem Zimmer mit deinen Freunden und Mädchen. Oder selten mal mit mir, ein Videospiel spielend. Weil kein anderer Zeit hatte.
Gefühle der Nostalgie, Geborgenheit und Unbeschwertheit der Jugend verbinde ich damit. Es ist das schönste Andenken an dich, das mir von dir bleibt, und ich würde diese Couch so gerne in meine neue WG mitnehmen.
Sie verstaubt aktuell noch in deinem Zimmer, wo alles noch so ist, wie du es damals hinterlassen hast an jenem Tag.
Weil Mutter sich weigert, auch nur irgendetwas zu verändern. Ich weiß jetzt schon, dass sie diese Couch, wie alles andere in deinem verlassenen Zimmer, diesem Schrein, wie eine Löwin verteidigen wird.
Als könntest du morgen schon wieder zurück kommen, und bräuchtest all dein Zeug noch.
Sie will kein Gästezimmer und auch kein Bügelzimmer daraus machen.
Da hilft nur ihr eigener Trick: Die Leute vor vollendete Tatsachen stellen! Sonntags, wenn sie in die Kirche geht, könnten Tilmann und ich diese Couch abholen. Sie in einen Mietwagen hieven und nach Hause in die Stadt zurückfahren.
Mario, hättest du etwas dagegen? Darf ich deine Couch haben?
Danke!
Dann kann ich Mutter sagen, dass ich deine Erlaubnis hatte.
Ich schaffe das schon, Mario, wirklich. Mir geht es besser denn je. Ich habe mein Leben im Griff, vielleicht zum ersten Mal seit ich denken kann. Ich habe Narben, doch ich lebe.
Ich lasse aber von Beziehungen jetzt erst mal die Finger, und fokussiere mich auf andere Sachen, da gibt es nämlich genug: Gitarrhö neu erfinden. Neue Songtexte schreiben. Die hundert Kilo endlich stemmen. Schauen, welche Weiterbildung ich beruflich machen könnte, denn die Band ist nur ein Hobby. Der beste Sandro werden, der ich sein kann.
Und ich muss Kevin ein guter Onkel sein. Er ist klug und sensibel. Du würdest ihn vergöttern, da bin ich sicher.
15. Türchen: Esteban
Ich kann nicht anders, als dir heute einen Krankenbesuch abzustatten, dein Schicksal nimmt mich so mit. Auch wenn es mich Überwindung kostet, das Krankenhaus zu betreten. Es sollte eigentlich nicht vorkommen, dass ein Mitglied des Gyms auf dem Laufband zusammenbricht.
Aber ich habe zumindest reagiert, als alle anderen bloß gegafft und ihre Smartphones gezückt haben. Anstatt zu helfen. Ich musste die Meute erst mal verscheuchen.
Wie sehr ich Fitnessstudios hasse. Aber der große Erste-Hilfe-Kurs, den ich für meinen Beruf absolviert habe, hat sich tatsächlich ausgezahlt.
Du bist ganz schön überrascht, als ich in dein Zimmer komme. Dir eine Predigt halten, die sich gewaschen hat, mit dieser Intention war ich hergekommen.
Aber jetzt, wo ich dich im Bett liegen sehe, so jung, so blass und kraftlos, da... Was soll ich sagen?!
Sie haben dich an den Tropf gelegt und du machst den Eindruck, als würdest du keine weitere Woche überleben. Ich muss schlucken.
Du murmelst eine kraftlose Entschuldigung, du mich erkennst und ich verstehe dich kaum, trete nah an dein Bett. Ich will wissen, was mit dir los ist, muss mich aber erst durch deine Mauer des Schweigens kämpfen.
Ich stelle mich vor, frage nach deinem Namen. Esteban lautet er, so ein wunderschöner Name. Fünfzehn Jahre bist du alt. Fünfzehn! Wieso hat dieses Studio so eine niedrige Altersgrenze? Ein Fünfzehnjähriger braucht kein Laufband! Er braucht Nährstoffe und jemandem, der ihm zuhört!
Dann will ich wissen, wie es dir wirklich geht.
Du wendest den Blick ab, beginnst nach einer gefühlten Ewigkeit der Stille zwischen uns holprig und monoton zu erzählen, wobei du zwischendurch immer kleinere Pausen einlegst, deine Lippen befeuchtest.
Dich beherrscht seit etwa einem Jahr der Zwang, Sport zu treiben, dünner zu werden und auf Kalorien zu verzichten. Du weißt selbst nicht mal warum oder wann genau es angefangen hat, dass du Fett an dir so sehr hasst, aber du fühlst dich wohler mit Untergewicht. Du machst dich dünne, wie man es sonst nur von Frauen kennt und schämst dich darum gleich noch mehr. Natürlich plagt auch Jungen und Männer diese Krankheit, seltener, aber nicht weniger fatal.
Mich als Physiotherapeut schaudert, als ich höre, was du in den letzten Monaten gegessen, oder besser gesagt, nicht gegessen hast. Wie oft du dich am Tag gewogen und deine Eltern getäuscht hast, die dir Fastfood mitgebracht haben, um dich zum Essen zu verführen, und welche Symptome du mir schilderst, kurz bevor du auf dem Laufband in Ohnmacht gefallen bist.
Kaum kann ich mich dabei der Anziehungskraft deiner riesigen blauen Augen entziehen. Die blauesten Augen der Welt hast du. Ich weiß nicht, wieso du mir das alles erzählst, mir, einem dir völlig Fremden, aber es scheint dir gut zu tun, es rauszulassen. Denn ansonsten hast du niemanden, der dir zuhört. Vor allem nicht in der Schule.
Die Mitschüler rufen dir "Esteban – ess dir was an!“ im Chor hinterher. Der Rädelsführer hat irgendwann mit diesem Reim angefangen, als du immer dünner wurdest, und die anderen machten einfach mit. Keiner sagt etwas dagegen, und du hast alleine nicht die Kraft, dich gegen das Mobbing zu wehren. Manche bewerfen dich auch in der Pause mit Brotkrumen oder Obst, um dich zu "füttern". Lehrer bemerken es nicht oder schauen datüber hinweg. Ein Lehrer sagte mal zu dir, diese Mitschüler wären um dich besorgt, aber weil sie noch so unreif sind, könnten sie es nicht anders zeigen. Mehr hat er nicht zu dir gesagt.
Zum letzten Schrottwichteln hat dir jemand seine Ausgabe von ‚Die Leiden des jungen Werther‘ von Goethe geschenkt, den ihr zuvor im Unterricht behandelt habt. Der Titel auf dem gelben Heftchen durchgestrichen und der Name 'Werther' durch 'Esteban' ersetzt. Die ganze Klasse brach in Lachen aus.
Den Lehrer hat es überhaupt nicht angesprochen! Er hat die subtile Grausamkeit des Vergleichs dahinter nicht mal verstanden!
Ich denke sofort an Kevin, meinen Neffen, der in der zweiten Klasse ist. Die Vorstellung, dass dieser kleine, unschuldige Junge später solchen systematischen Schikanen ausgesetzt sein könnte, macht mich krank!
Esteban... es tut mir so Leid! Du hast leider das Pech, dass dein Lehrer nicht Alexander ist.
Bei ihm wäre das nicht passiert. Alexander mit dem blutroten Seidenschal... Er hätte deinen unreifen Mitschülern eine Standpauke gehalten, die noch Jahre nachgehallt wäre, über Literatur, die ganz sicher nicht als Mobbingwaffe gedacht ist!
Mein ehemaliger Lehrer, der nicht nur Deutsch unterrichtete, sondern Seelen formte und Rohdiamanten schliff. Und die ein oder andere Sehnsucht säte... was war ich verschossen gewesen in ihn damals, ja... Mein Frühlingserwachen. Meine Messlatte für gute Literatur hat er hoch gesetzt. Er sah die Abgründe der menschlichen Natur klarer als jeder andere, und lehrte uns, sie in der Kunst zu suchen, und sie im realen Leben zu meiden. Wieso.... hatte ich diesen Ratschlag eigentlich selbst nicht behertigt...und war dem Dunkelelfen verfallen?!
Als dann wieder mal Mittwoch war, der Tag, an dem Sportunterricht stattfindet, hast du blaugemacht. Weil du die gemeinsame Umkleide nicht mehr ertragen kannst. Weil dir für den Sportunterricht mittlerweile die Energie fehlt.
Als du zuhause warst, schickten deine dir Mobber Fotos aus de. Biologiebuch. Ein Skelett, und dem Spruch: „Esteban, schau mal, das bist du bald!"
Anklagend hältst du mir dein Smartphone hin, damit ich den widerlichen Chatverlauf lese und dir glaube. Ich hätte es dir auch so geglaubt, Esteban. Ich weiß, wie Fünfzehnjährige sein können.
„Werden die Ärzte mich jetzt zwangsernähren? Ich will das nicht!“, beendest du die lange Rede und schaust mich dabei flehend an, als wäre ich derjenige, der darüber entscheidet.
Du wischst dir deine Tränen ab. Gänsehaut und dunkle Flecken übersäen deinen Unterarm. Und deine Uhr rutscht dir fast über die Faust.
Ich mache dir keine Vorwürfe. Einst wie du lag ich in einem der Betten dieses Krankenhauses und wurde stabilisiert. Ich war nur fünf Jahre älter. Statt Verständnis bekam ich bloß Vorwürfe seitens Familie, Pflegern und Ärzten. Aber es gab einen Lichtblick.
„Was willst du stattdessen, Esteban?“
„Ich wäre am liebsten so wie du“, antwortest du mir. „Was glaubst du, Sandro? Ich habe Probetrainings in vielen Studios gemacht, aber ich habe mich für das entschieden, in dem DU trainiert…damit ich dich immer sehen kann! Du bist so stark, so diszipliniert und hast die Kontrolle! Dir kann keiner was! Du bist einfach perfekt!"
Ich - ein heimliches Objekt der Begierde?!
Jetzt weiß selbst ich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Das hätte ich mich mit Fünfzehn definitiv nicht getraut, das jemandem so offen zu gestehen. Da wusste ich nicht mal, wie ich wirklich ticke! Deine Schwärmerei, die mir mehr schmeichelt und zu Kopf steigt, als sie sollte, denn ich bin ein ganzes Jahrzehnt älter als du.
Aber mir wird plötzlich bewusst, dass sich etwas verändert hat: Dass ich inzwischen zu jemandem geworden bin, der heimlich aus der Ferne angeschmachtet wird von anderen, die sich minderwertiger fühlen, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt.
„Vielleicht wirke ich perfekt auf dich, Esteban, aber das bin ich ganz und gar nicht! Ich habe schlimmes durchgemacht. Und wie ich aussehe, das war ein langer Prozess. Ich war sogar richtig übergewichtig. Und es gab einen Tag, da wäre ich fast gestorben“, erzähle ich dir, und du hörst mir zu, saugst alles auf.
Vielleicht sollte ich dir das alles nicht erzählen und dich damit belasten. Ich muss mich um mein eigenes Leben kümmern, meine Arbeit, mein Training, meine Musik, und meinen Vater.
„Möchtest du mich umarmen?“, frage ich dich und du schüttelst den Kopf.
Vielleicht kannst du Nähe nicht ertragen oder vielleicht willst du nicht, dass ich deine Knochen spüre. Ich weiß es nicht. Deinen Mitschüler kannst du vielleicht entfliehen, aber deinem eigenen Körper und deinen inneren Dämonen nicht. Soviel weiß ich aus eigener Erfahrung.
„Esteban. Du bist fünfzehn, also mitten im Wachstum. Essen ist mehr als Kalorien, es hält dich am Leben und hält dich gesund. Was irgendwelche Idioten von dir halten, sollte dir egal sein. Die kommen sowieso nicht zu deiner Beerdigung. Hole dir Hilfe! Rede mit deinen Eltern und mit den Ärzten. Tu alles dafür, dass du wieder gesund wirst. Damit zeigst du es den Idioten am allermeisten! Du bist nämlich viel stärker als die alle zusammen.“
Doch plötzlich schäumst du über vor Wut. Ich hätte nicht gedacht, dass du in deinem schwachen Körper noch so viel Kraft mobilisieren kannst, mich anzubrüllen. Aber das ist ein gutes Zeichen. Wut ist gut.
„Was bildest du dir ein, wer du bist, mein Retter ganz bestimmt nicht! Hau ab, verarsche andere Leute! Ich jedenfalls will dich nie mehr sehen!“
Ich gehe, ich respektiere deine Grenze. Ich darf und will gar nicht dein Retter sein. Das hat nämlich in der Vergangenheit auch nicht geklappt. Aber ich hoffe, dass du Hilfe annimmst und die Kurve kriegst.
16. Türchen: Léon
Ich bin auf dem Rückweg vom Gym nach Hause, meine Schultern schmerzen angenehm vom Gewichtheben. Die Sporttasche geschultert, gehe ich über die Fußgängerzone.
Statt direkt zur Straßenbahn zu gehen, überlege ich es mir anders. Heute ist der erste Tag im März, an dem die Sonne wirklich nach Frühling riecht. Ich sollte mir als Belohnung die erste Kugel Eis des Jahres gönnen. Erdbeer, um die Kalorienbilanz nicht zu sprengen.
Als ich um die Ecke zur Eisdiele biege, überrasche ein Dutzend Spatzen, die sich auf Krümel an Boden gestürzt hatten und jetzt eiligst davon flattern, gerade als ein leises, aber warmes Lied in mein Ohr schleicht.
„...take me into your loving arms...“
Der Wunsch nach Eis war augenblicklich verflogen. Ein Lovesong, der mir wie auf Samtpfoten Gänsehaut bereitet. Eine so reine, gefühlvolle Stimme dringt durch den Lärm der Stadt, dass sie mich alles um mich herum vergessen lässt.
„…kiss me under the light of a thousand stars…“
Wäre es nicht schön, sich mal wieder zu verlieben? Anderthalb Jahre Single... Aber ich war wirklich beschäftigt gewesen, hatte alle Hände voll zu tun gehabt. Mir hat nichts gefehlt, ich hatte niemanden vermisst. Die unkomplizierte, platonische Nähe zu Tilmann reichte mir vollkommen aus. Eine Romanze hätte mein Tun bloß ausgebremst. Aber jetzt...
„Place your head on my beating heart“
Das ist die Stimme der Stimmen. Eine unvergleichliche Stimme von solcher Intensität, die erst an mein Herz klopft, es küsst und auf Rosen nieder bettet, und mich weiter lauschen lassen will, mehr und mehr.
Du legst da so einen Hauch von Soul hinein... Ich muss sehen, wer sich hinter dieser Stimme verbirgt!
Wie ferngesteuert gehe ich auf die kleine Menschentraube zu, wo ein paar Leute sogar ihre Handys gezückt haben, und erblicke dich.
„…maybe we found love right where we are…“
Vor deinen Füßen steht ein Zylinder voll mit Münzen und Scheinen. Du bist schlank, trägst eine abgewetzte Jeans und ein hellrosa Hemd, dass sich von deiner warmen, dunklen Haut abhebt.
Du hast die Augen geschlossen, während du den Popsong singst.
Ich sehe dich in ein paar Jahren als den ohrenschmeichelnden Sänger, der mit seiner Stimme die Charts und die Herzen der Frauen und Männer stürmen wird.
Auch ich werfe einen kleinen Schein in deinen Zylinder, solch ein Talent muss belohnt werden!
Ein Schwarm bunter Seifenblasen fliegt über deinen Kopf hinweg, als wären sie als Spezialeffekt inszeniert; ich entdecke aber nur ein kleines Kind auf den Schultern seines Vaters, der stehen geblieben ist. Und nebenbei fällt mir auf, dass die Leute ringsum immer mehr geworden sind, du mich dafür jetzt direkt ansiehst, während die letzten Worte deine Lippen verlassen.
Die anderen klatschen, ich stimme mit ein. Du zeigst ein strahlendes Lächeln, verbeugst dich mehrmals. „Vielen Dank! Dankeschön!“
Nun löst sich die Menschentraube wieder auf.
„Das war beeindruckend… Ich habe jetzt noch weiche Knie! Dabei ist Ed Sheeran nicht mal mein Musikgeschmack“, lasse ich verlauten, als die anderen längst gegangen sind und du zusammenpackst. „Mir fällt kein Mensch ein, der Thinking Out Loud noch gefühlsvoller singen könnte. Nicht mal Ed Sheeran selbst.“
Du fährst dir verlegen über deinen kurzgeschorenen Kopf mit dem Muster darauf. An deinem Halsausschnitt mache ich ein Stück eines Tattoo aus, dass ich zu gerne aus der Nähe betrachten würde.
„Danke. Das bedeutet mir sehr viel. Er ist jetzt auch nicht mein absoluter Lieblingskünstler und Vorbild - aber wenn ich seine Lieder singe, sind die Leute so spendabel...", vertraust du mir mit einem schelmischen Grinsen an und ich ziehe eine Augenbraue nch oben.
„Pragmatisch! Da weiß jemand, wie die Welt funktioniert, hm....?“
„Léon“, stellst du dich mir vor. Ein Name mit einem schönen Klang. „Man kennt mich aber auch als Cœur Lumière, ich mach nämlich auch Drag.“
Es ist dein alles andere als desinteressierter Blick, der mich einmal von oben nach unten scannt und jedes Detail wahrnimmt. Er lässt mich herausplatzen:
„Na du bist aber vielseitig; Singen, und auch noch Drag, das möchte ich gern mal sehen, Léon!“
Dein sinnlicher Mund lächelt, aber noch viel mehr lächeln deine Augen, als du schüchtern nickst.
„Dann komm Freitagabend in die mannbar. Da trete ich auf.“
„Werde ich! Ich bin selbst Musiker, ich weiß, wie wichtig Support ist.“
Als ich den Kopf drehe, bemerke ich, dass der Himmel über uns orange und violett geworden ist.
17. Türchen: Léon II
Ich sitze an dem kleinen Tisch in der Ecke des Café Piano, wo du kellnerst, Léon. Er ist dein Lieblingsort, mit dem alten, wunderschönen Flügel, auf dem manchmal ein Gast spielt.
Ein Ritual, das wir seit Monaten pflegen: Kurz vor deinem Schichtende tauche ich auf, warte auf dich, und dann gehen wir zu dir nach Hause, wo wir uns gegenseitig unkomplizierte Nähe und Entspannung schenken. Das tut einfach nur gut. Einfach nur genießen, statt erklären, oder philosophieren.
Meine Narbe stammt von einer Kreissäge, habe ich dir erzählt. Die Gibson hat mir meine Tante Martha geschenkt. Und Mario lebt in Australien. Denn ich wollte nicht, dass du mich bemitleidest. Es war Frühling, und alles hat so unbeschwert zwischen uns begonnen, da wollte ich nicht der dunkle Fleck in deinem strahlenden Glanz sein. Lügen, die sich wunderbar anfühlten! Mit dir konnte ich ausleben, jemand zu sein, der ich so gerne wäre. Was du an meinem Geburtstag für mich vorbereitet hattest, das war so süß… fast zu schön für jemanden, der nicht mein Partner ist.
Heute habe ich keinen Kaffee bestellt, nur Wasser. Die Tische um uns herum sind leer. Es ist später Nachmittag im September.
„Sandro! Ich habe endlich den Flug nach New York gebucht!“
Deine Euphorie lässt dich strahlen. „Wann kommst du nach? Hast du Urlaub bekommen?“
„Léon...“ Ich räuspere mich. Es war klar, dass dieser Tag eines Tages kommt… Ich betrachte die schwarz-weißen Tasten des Flügels in der Mitte des Cafés, die perfekt die Kluft zwischen uns darstellen. Ich spüre, dass dies unser letztes Treffen ist. Das war absehbar, das mit uns hätte keine Zukunft, nicht nach all den Lügen, auch wenn es ein schönes Kapitel in meinem Leben war, ein Kapitel voller Sonne, Wärme, Licht und Sorgenfreiheit.
„Ich komme nicht nach, Léon.“
Du verstummst. Schaust mich tief an.
„Ist das dein Ernst?“
Du bist schockiert. Enttäuscht. Warum? Warum gingst du überhaupt wie selbstverständlich davon aus, dass ich meinen Job, meine Lieblingsmenschen und meine sorgsam aufgebaute Existenz für deine existenzielle Wette auf die Kunst hinwerfen würde?
Du hast von der großen Chance der dortigen Drag-Szene geschwärmt, sodass ich mich im Frühjahr von deiner Euphorie anstecken ließ... Ein dummer Fehler. Ich hätte dir keine Hoffnungen machen dürfen... aber vielleicht hat es deine Motivation gestärkt, härter zu sparen?
„Ich bin hier verankert, Léon, siehst du das nicht? Du hast monatelang für das Flugticket gespart, das ist beeindruckend. Aber das ist der einfache Teil. Du sprichst von New York, aber du hast kein dauerhaftes Visum, das dir erlaubt, dort als Cœur Lumière legal aufzutreten und deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kann nicht meine Existenz für ein 90-Tage-Visum aufgeben, das ist nicht naiv, das ist fahrlässig.“
Eisiges Schweigen breitet sich zwischen uns aus. Unsere Kämpfe sind fundamental verschieden. Du suchst die Freiheit, ich die Kontrolle. Du suchst das Licht und ich die Dunkelheit. Ich habe dich immer als Sonnenmensch gesehen, der aus sich selbst leuchtet, und mich als Mondmensch, der nur strahlen kann, wenn er angestrahlt wird, aber nicht aus sich selbst heraus. Als ich dir das mal zu erklären versucht habe, hast du nur verwirrt geschaut.
Jetzt, Anfang September, wo die Sonnenwärme langsam der Kälte und Dunkelheit weicht, sollte ich dir vielleicht etwas sagen.
Falls dir das noch nicht selbst aufgefallen ist: dass sich die Leidenschaft zwischen uns merklich abgekühlt hat.
Das mit dir und mir, das war nichts weiter als eine Sommerromanze. Luftig leicht, wie im Märchenbuch. Egostreichelnd. Getroffen immer nur mit guter Laune, nie gestritten, nie von Sorgen erzählt. Bestimmt hast du mir auch etwas vorgemacht, so enthusiastisch kann doch kein Mensch sein.
Ich hole tief Luft.
„Léon, bleib fair. Ich habe von Anfang an klar kommuniziert, dass ich nichts Ernstes suche, und daran hat sich nichts geändert. Viel Glück in Amerika.“
Es ist raus. Zumindest das, nicht all die Lügen. Waren es Lügen, oder einfach nur eine aufgehübschte Kulisse unserer glatten, perfekten Ken-und-Actionmen-Romanze? So wie du die Leute im Publikum auch mit der Lüge verzauberst, die glamouröse Edelzicke Cœur Lumière zu sein, und dafür geliebt und beklatscht wirst.
Ich muss hart bleiben. Ich muss vergessen, dass du das Bühnenoutfit von GITARRHÖ perfektioniert hast, indem du mir schwarzen Lippenstift und Kajal verpasst hast, und der restlichen Band gleich mit, weil der Look bei den Fans so gut ankommt.
Als Gegenleistung half ich dir mit Anträgen und Behördengängen, weil die dein größter Endgegner sind.
Du starrst mich nicht weinerlich an, sondern mit einer kühlen, verletzten Würde.
Plötzlich beugst du dich vor, greifst meinen Nacken und ziehst mich zu dir. Dein Mund auf meinem ist verzweifelt, fordernd, ein letzter Versuch, mich mit der Intensität zu ködern, die ich bei dir so liebe. Du löst dich schnell wieder.
Du nickst langsam.
„Du hast recht, Sandro. Du warst ehrlich. Ich war es nicht. Ich habe gehofft, dass du deine Regeln für mich brechen würdest. Dass du erkennst… wie viel du mir bedeutest.“ Du lehnst dich vor, dein Blick ist intensiv. „Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass du mir ebenfalls viel verschweigst. Aber ich habe lieber nicht nachgefragt, weil ich das zwischen uns nicht zerstören wollte. Du wirst deine Gründe haben… Aber welche es auch immer sein mögen: Du bist kein 'Mondmensch', du bist ein schwarzes Loch! Und ich wäre mit Freuden hineingestürzt, aber du hast mich nicht gelassen.“
Du erhebst dich. Du machst keine Szene. Du drehst dich leise um und gehst hinter die Theke, um neue Bestellungen aufzunehmen. Der Duft des Kaffees im Café Piano riecht plötzlich unerträglich nach Normalität.
Ich wünsche dir wirklich alles erdenklich Gute in New York, Léon.
18. Türchen: Dominique
Scheiße. Die Narbe… sie tut heute so höllisch weh! Als ob eine Schlange in den Arm gebissen hätte, fast fühle ich das Gift durch die Adern kriechen, im Takt meines Herzschlages.
Wie soll gleich raus auf die Bühne, Gitarre spielen, den Club rocken, mit diesen tauben Fingern?! Diese blöde Rheumasalbe hilft überhaupt nichts, die stinkt nur zum Himmel. Wenn Tilmann rausfindet, was mit mir los ist, dann wird er GITARRHÖ an den Nagel hängen… natürlich nur zu meinem Selbstschutz, denn er ist ein verantwortungsvoller bester Freund.
Dieser Raum…hier drin ist es dunkel. Aber nicht finster. Licht fällt vom Fenster rein, also genau richtig. Hier in diesem Putzschuppen des Clubs kann ich verschnaufen. Eine rauchen.
Verdammt, jetzt geht noch nicht mal das blöde Feuerzeug, wenn man einmal eine Zigarette braucht! Weg mit dem scheiß Billigfeuerzeug, in die Ecke damit! Nichts funktioniert heute!
Soll Florian doch seine verfluchte Gibson Les Paul zurückholen! Diese große Geste, sie war von Anfang seine Strategie, ein ganz bestimmtes Ziel zu verfolgen: Mich komplett besitzen, meinen Körper, meine Kunst, meine Seele. Immer, wenn ich sie spiele, denke ich an ihn, ich kann gar nicht anders. Seine Seele ist präsent, als wäre das Instrument ein fucking Horkrux. Ich liebe die Bandbreite ihres Klangs, ihre manische Performance, ihre Güte, die es verzeiht, wenn ich danebengreife – was oft passiert, wenn die Finger streiken. Doch all das wird getrübt durch das Wissen, dass sie nicht mein Eigentum ist und auch nie wird. Die Gewissheit, dass der Tag kommen wird, an dem Florian Luzius klingeln und das teuflische Pfand zurückverlangen wird.
Vielleicht werde ich zum Krüppel, die Ärzte sind sich noch nicht sicher, vielleicht gibt es eine Operation. Dann kann ich nie wieder spielen und das wars mit GITARRHÖ.
Durchatmen. Kraft sammeln. Vielleicht ist der Schmerz psychosomatisch. Massieren…die Kippe zwischen den Fingern drehen, Feinmotorik prüfen…
Draußen höre ich Schritte näherkommen und spanne mich an. Fuck!
Jemand kommt rein, ruft einen Frauennamen hinein.
„Bist du da drin?“
„Hier ist niemand!“, rufe ich diesem Kerl genervt zurück. Verpiss dich einfach, lass mich in Ruhe.
Ein Lichtblitz. Die Neonröhren im Raum flackern altersschwach, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie brennen wollen oder verglühen. Und dann sehen wir uns gegenseitig stumm an. Natürlich bist du nicht Flo, das habe ich bereits an deiner Stimme gehört.
Wie du aussiehst. Olivgrüner Hoodie ohne irgendeine Aussage, ausgebleichte Jeans, abgewetzte Chucks, die wohl schon seit Jahren an deinen Füßen kleben. Kurze, struppige Haare, als besitzt du keine Bürste. Kein Schmuck, kein Tattoo, kein Piercing - kein besonderer Stil, kein irgendwas, das zeigt, dass du hier im QUAKE richtig bist. Meine Musik ist doch überhaupt nicht deine Welt! Du bist das erste Mal hier, du hast mich noch nie im Leben gesehen, sonst hättest du anders auf mich reagiert. Nein, nicht dass mir ein Groupie lieber gewesen wäre, bloß das nicht noch mal!
Du fragst noch einmal, ob ich das Mädchen gesehen habe, das du suchst, schaust dich panisch um, und deine Stimme überschlägt sich fast.
Du hast noch nicht viel hinter dir. Vielleicht eine Trennung. Aber keine Selbstverletzung. Hast garantiert noch nie eine Line gezogen. Wahrscheinlich ist ein feuchter Händedruck für dich schon ein Kink. Oder Plüschhandschellen. So sauber und unverdorben. Bist ja auch kaum älter als Zwanzig, Kleiner.
Ehrlich gesagt aber genau der Prototyp von einem Mann, nachdem ich mich seit Flo sehne. Ja, ernsthaft… Kein Drama mehr, keine Exzesse, keine Schuldgefühle, keine Dunkelheit. Einfach jemand Bodenständiges an meiner Seite, der das Gleiche sucht und von der Sonne geküsst ist. Jemand, der liebevoll und herzensgut ist und ja, vielleicht ein klitzekleines bisschen zu mir aufsieht, weil ich die Gitarre besser beherrsche als er... Ich brauche wirklich nicht den nächsten Florian Luzius in meinem Leben, keinen schwermütigen Virtuosen, der zu viel gefühlt hat.
Ich hätte dich einfach ignorieren sollen... Stattdessen trete ich einen Schritt vor, nur um zu sehen, wie du zurückweichst. Gut. Angst? Hältst du mich für gefährlich? Mit meinem Bühnenoutfit; den Nietenarmbändern und Ketten, der obszönen Schminke? Besser so, denn ich bin der, vor dem dich dein Vater immer gewarnt hat!
An der kahlen Backsteinwand bleibst du stehen, in die Ecke gedrängt. Du weißt gar nicht, wie dir geschieht.
„Hast du zufällig Feuer?“, frage ich dich, obwohl ich das nicht glaube, und unsere Blicke treffen sich. Dein Blick geht mir unter die Haut. Da ist ja doch Feuer in dir! Siehst mich nicht nur tapfer an, sondern siehst mich. Du suchst eindeutig nach mehr als nach diesem Mädchen, dessen Namen du gerufen hast, das ist so deutlich.
„Hier drin … ist Rauchverbot“, stammelst du jetzt, und ich muss lachen, was ist das denn für eine Antwort?!
„Rauchverbot? Du gehst wohl auch erst über die Ampel, wenn das grüne Männchen aufleuchtet, stimmt’s?“, ziehe ich dich auf, schnauben und stütze meinen tätowierten Arm an der Mauer ab, neben deinem Kopf. Jetzt tut er nicht mehr weh.
Dein Atem streift mich, kein Alkohol, kein Rauch, einfach nur Minze, Kaugummi. Ihm haftet eine Unschuld an, die mich kirre macht. Deine Schultern… du bist so verspannt, deine Haltung könnte etwas gerader sein. Mein geschulter Blick erkennt das. Ein leichter Bauchansatz, den du zu verbergen versuchst. Du bist sicher kein Stammkunde im Gym, jedenfalls nicht in meinem. Aber bist auch offensichtlich keiner dieser Fuckboys, die glauben, dass zehn Kilo Muskelmasse mehr alles ist, was sie im Leben bräuchten.
Dein Blick fällt auf meine trainierten Arme, das Lederarmband, das Tattoo mit der Schlange. Dann auf meine Lippen. Wägst du gerade ab, ob du mich küssen, oder verdreschen willst? Beides wäre mir recht. Du runzelst die Stirn. Ich liebe es, Normalos wie dich zu provozieren, erst recht in meinem Territorium. Süß wie ein Welpe bist du, der noch nicht weiß, dass er beißen kann. Du, der sich nicht mal an Fasching trauen würde, so herumzulaufen wie ich, weil es Rock für dich maximal in der Kuschel-Version gibt.
Trotzdem frage ich dich nach deinem Namen.
„Dominique! Mit Q!“ Und drei Ausrufezeichen.
Do-mi-nique. Ein schöner Name. Klingt französisch. Könnte man gut in dein Ohr hauchen, an einem gemütlicheren Ort als hier…
„Warum so aggressiv, Dominique? Wer ist die Kleine, die du gerufen hast? Deine Freundin, oder soll sie es noch werden?“ Ich weiß auch nicht, warum ich dabei so grinsen muss.
Da schnellt deine Faust vor. Mitten in mein Gesicht. Ich taumele. Meine Fresse… Du kleiner, verzweifelter Chihuahua, der sich in die Enge getrieben fühlt und für einen Pitbull hält!
Ich spüre keinen Schmerz, wahrscheinlich schmerzt deine Faust mehr. Dass du mich so überraschen konntest! Stille Wasser können tief und dreckig sein. Man sieht es Menschen nie direkt an, ob sie Musik machen, schwul sind, Phobien haben, Drogen nehmen, oder von Amerika träumen.
Ich höre deine genuschelte Entschuldigung - du gut erzogener Junge! - und du stürzt aus dem Raum, so hastig wie du ihn betreten hast. Nur noch einen letzten verzweifelten Blick wirfst du auf mich, bevor du aus der Tür fliehst, vor mir und vor deinen überbordenden Gefühlen. Ein Wimpernschlag, aber ich meine, Bedauern und Entsetzen darin erkannt zu haben. Angst. Reue. Sehnsucht. Eine Mischung, die mir länger nachgeht als dein halbherziger Schlag. Du bist niemand, für den Gewalt Normalität ist. Ich wische mir das Rinnsal Blut mit dem Ärmel der Lederjacke weg.
Ich werde jetzt rausgehen, auf die Bühne. Mit meiner Band auch für dich spielen, Dominique mit Q, während ich all meinen Schmerz in die Riffs lege.
19. Türchen: Siegfried
In meinem Elternhaus riecht es nach schweren Holzmöbeln, Staub, altem Tabakqualm, der die Wände vergilbt hat, und der Kartoffelsuppe von heute Mittag. Und heute auch nach Abschied.
Ich stehe immer noch im Wohnzimmer und schaue mich um. So sieht es also aus, wenn eine Festung fällt und ihr Oberhaupt geht: Kartons überall im Wohnzimmer. Leere. Endgültigkeit.
Im Pflegeheim ist jetzt ein Platz frei. Du hast dich angemeldet, ohne mich zu informieren. Ich hätte es für einen Scherz gehalten, wenn du mir nicht die Aufnahmepapiere gezeigt hättest. Mutter hat dir den Papierkrieg bereits abgenommen, so wie sie sich um alles für dich Unangenehme kümmert. Ohne sie wärst du ein Niemand.
„Warum, Vater? Gibst du mir jetzt mal eine Antwort?!“, frage ich dich zum wiederholten Male.
Du schaust an mir vorbei zum Fernseher, wo irgendeine Dokumentation läuft. Ein Flachbildschirm ist es nur deswegen, weil dein zwei Jahrzehnte alter Röhrenfernseher kaputt gegangen ist. Du hast dich gesträubt, bis du keine Wahl mehr hattest, warum etwas entsorgen, wenn es noch gut ist? Wieso den neumodischen Trends hinterher laufen? Mit einem alten Gerät kann man sich genauso von früh bis spät berieseln lassen.
Du thronst in deinem abgewetzten Ohrensessel, eine Decke über deinen Beinen. Dein Rollstuhl steht griffbereit, seit deinem Schlaganfall vor ein paar Monaten. Die Schwäche verkraftest du nicht. Alt und pflegebedürftig geworden zu sein.
Ein Patriarch, der ins Exil geht.
Schau bloß an, was aus dir geworden ist. Du kannst dir nicht mal mehr selbst den Hintern abwischen, musst fast eine Handvoll Tabletten einwerfen, deine Stimme ist nur noch ein heißeres Flüstern, manchmal setzt sie komplett aus. Bist mager, hohlwangig geworden und frierst mit zwei Pullis, obwohl der Ofen an ist. Wenn du die Jogginghose nicht fest zuschnürst, rutscht sie dir über die Hüften.
Tilmann hat sich neulich vom Flohmarkt einen alten N64 geholt mit zwei Controllern. Bei Mate und Chips haben wir eine längere Runde gezockt. Bis zum Endgegner. Im Videospiel, wo der Endgegner die letzte und größte Herausforderung darstellt, erkenne ich die Parallele zur realen Welt: Der Vater, die unüberwindbare Autoritätsfigur im Leben eines Mannes, wie eine Prüfung. Programmierer haben wohl allesamt einen Vater-Komplex… Oder zuviel Freud gelesen.
Du bist mein unbesiegbarer Endgegner, Siegfried, warst du immer schon. Vor keinem hatten Mario und ich mehr Schiss. Nie sind wir schneller gerannt, als deinem Gürtel davon.
Der Schlaganfall hat dich nicht verändert. Stur, griesgrämig und stolz bist du immer noch, geistig voll da, nur dein Körper verfällt. Lächeln sieht man dich nur, wenn Kevin zu Besuch ist. Aber in letzter Zeit kommt er seltener, und mich wundert das nicht. Du hättest dich nicht über seinen Eiskunstlauf lustig machen sollen, das hat der sensible Junge dir übel genommen.
Niemals ein Wort des Dankes von dir, dass ich so oft vorbeikomme, um Mutter bei deiner Pflege zu unterstützen, wie auch heute. All die Dinge, die ich für dich tue, für die du dir damals, als frischgebackener Vater, zu fein warst.
Mutter sitzt still auf dem Sofa, strickt an etwas Buntem, vielleicht eine Decke, vielleicht etwas für Kevin? Wie als hätte sie durch deine Krankheit plötzlich wieder Kraft und einen Lebenssinn entdeckt.
Auf dem Wohnzimmertisch steht eine Tasse Tee vor ihr, und deine Pfeife liegt auch dort. Selbst diesen Tisch hast du eigenständig zusammen gebaut, es ist älter als ich selbst.
Mutter sagte heute zu mir, du hast uns als Babys nie berührt. Keine Windel, kein Halten. Vielleicht wolltest du uns nicht zerbrechen? Strenger hast du schon immer auf Rollenbilder geachtet. Hast du sie je geliebt – oder war sie nur nützlich? Warum bist du dann überhaupt Vater geworden? Damit du deine Söhne mit selbstgemachten Holzfiguren zum Geburtstag beeindrucken kannst?
‚Warum hast du ihn geheiratet, Mutter?‘, habe ich sie heute gefragt. ‚Aus freien Stücken, und mich hat niemand gefragt, ob ich sein Sohn sein will!‘ Mit einer Antwort hätte ich gar nicht gerechnet, doch sie sagte: „Weil er zuverlässig und anständig war. Ein stiller Mann in einer lauten Welt.“
Alle Möbel sind hier alt, vieles sogar älter als du selbst. Alt und furchteinflößend, wie der gigantische Wohnzimmerschrank. Niemals würde ich ihn erben wollen.
Marios Sarg hast du auch selbst gebaut. In drei Tagen und Nächten, ohne jegliche Hilfe und bei Dezemberkälte, von der du fast eine Lungenentzündung bekommen hast.
Als ich ihn dann sah, weinte ich: So kunstvoll und detailversessen, wie nie etwas von dir, nicht mal unsere Holzfigürchen.
Mir war, als stünde Mario neben mir am Grab und sagt: Guck dir das an. Da hat der Alte sich ja selbst übertroffen. Er erweist mir wirklich die letzte Ehre!
Aber am schlimmsten war meine Gewissheit in diesem Moment, dass du in nur zwei Arbeitsstunden ein paar billige Sperrholzplatten und Pappe zusammengetackert hättest, wenn nicht Mario, sondern ich einen Sarg gebraucht hätte.
„Jetzt sprich endlich. Du? In ein Heim? Mit Zweiundsiebzig? Vater, du weißt schon, dass dort auch andere Menschen sind? Wo du dich ja wohler fühlst, umso weniger Leute um dich herum sind?“, zitiere ich deine eigenen Worte. Du machst mich mit deinem ewigen Schweigen heute echt sauer.
Dass du eine Verwahranstalt, in der es nach Desinfektionsmitteln und alten Leuten stinkt, die tagelang in ihrem eigenen Urin sitzen, deiner Familie vorziehst, ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Nicht einmal habe ich überhaupt in Erwägung gezogen, dich in ein Pflegeheim abzuschieben.
Aber du kannst weder lieben, noch Liebe annehmen.
„Ich rede, wann ich will, Sohn! Du elender Dieb hast mir gar nichts zu sagen in meinem eigenen Haus!“
„Du meinst Marios Couch? Die hat nicht mal dir gehört!“, stelle ich klar. „Er hat sie sich von seinem ersten Lohn gekauft, sie stand nur in seinem Zimmer.“
„Meinem Haus, meins!“ Vor Anstrengung hustest du.
Ja, dann eben dein Haus, Siegfried Schwarzer, das Haus, das dein Vater erbaut hat. Das du jetzt gegen ein anonymes Pflegeheim austauschst, was würde er dazu sagen? Dass du diese Festung aus Mahagoni und Eiche verlässt, wo du mit dem Knarzen jeder einzelnen Diele vertraut bist.
Diese gefährliche Wut, die in meinem Bauch grollt. Früher war es nur Wut, jetzt dagegen muss ich mich selbst bremsen, um nicht die Beherrschung zu verlieren, dir etwas anzutun, was ich hinterher bereue… Es ist gefährlich im Alter, wenn sich die Macht langsam verschiebt.
„Lass ihm doch den Spaß, er hat mehr von der Couch, sie stand doch nur herum und ist eingestaubt“, versucht Mutter einzulenken. Sie hat mir die Aktion verziehen, auch wenn sie mir damals erstmal eine halbe Stunde ins Telefon gebrüllt und danach geweint hat.
„Spaß? Bei seinem Lebenswandel…“
Ich verdrehe die Augen, starre an die hölzerne Decke. Immer diese passiv-aggressiven Anspielungen im Nebensatz von dir, nie hab ich ihren Zweck verstanden. Sollen sie mich provozieren, so dass ich mehr von meinem Leben preisgebe? Oder willst du mir mitteilen, dass du über mein Leben mehr weißt, als mir lieb ist?
Ich lasse mich darauf nicht ein, ich stelle nichts richtig, und erzähle nichts über mich. Denn ich schulde dir überhaupt keine Rechenschaft darüber, nicht die Geringste! Reime dir doch die wildesten Geschichten über meinen „Lebenswandel“ zusammen, wenn es dir Spaß macht. Meinetwegen! Zieh dir doch selbst deine Schlüsse, und Rückschlüsse über mich. Ich führe ein anderes Leben als du, und das ist gottverdammt auch gut so.
Aber mit einem Kind in der Familie, kann man „Geheimnisse“ nicht mehr so gut bewahren, wenn das Kind keine zwei mehr ist und einem beim Krabbeln „Andooo! Kackmack!“ zuruft. Bestimmt hat Kevin sich neulich verplappert und dir von der coolen Rock-Gitarre seines Onkels vorgeschwärmt.
Schwarzer Nagellack verriet mich heute, das Überbleibsel vom letzten Auftritt. In der Badewanne hast du meine Finger angestarrt, als hätte ich die Pest. Du brauchtest meine Hilfe, hasstest es – und mich dafür noch mehr.
„Dann mache ich hier eben ein Musikzimmer draus, wenn du weg bist! Mutter hat sicher nichts dagegen!“, sage ich mit bitterem Grinsen.
„Verschwinde, wo der Pfeffer wächst!“, knurrst du.
„Mach ich!“, entgegne ich und mache auf dem Absatz kehrt. Nichts wie weg von hier.
„Stopp!“, sagst du mit leiser, brüchiger Stimme. „Der Karton da, schau rein!“, befiehlst du mir. Nur wiederwillig drehe ich mich um, öffne diesen Karton.
Das darf doch nicht wahr sein!
Meine erste Gitarre... von Tante Martha, zum zwölften Geburtstag. Das schmerzhafte Ende, das sie fand. Die sieht noch schlimmer aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Lauter Holzsplitter, die Saiten gerissen. Holzleim, der am einen Ende verräterisch herausquillt. Du bist bei der Reparatur ausgeflippt, und hast es an dem unschuldigen Instrument ausgelassen.
„Ich hab versagt“, sagst du jetzt, hustest. „Nimm deinen Schrott mit.“
Versagt... versagt bei der Reparatur dieses filigranen Instruments? Oder bei meiner Erziehung, beim Versuch mich zu lieben, ein Vorbild zu sein - einfach bei allem, meinst du?!
„Dein allererstes Zugeständnis, Vater! Du machst Fortschritte!“ Du, der du doch unfehlbar bist... Immer, überall und bei allem. Weil du dich am liebsten auf vertrautem Terrain bewegst, wo dir kaum einer das Wasser reichen kann, und Umgang mit Menschen vermeidest, die deinen geistigen Horizont übersteigen. Anstatt deine Komfortzone zu verlassen, denn das würde ja bedeuten, die Kontrolle abzugeben.
So verlasse ich endlich mein Elternhaus, atme die kühle Herbstluft draußen und versuche, meine Nerven zu beruhigen. Die Überreste meiner Gitarre landen in deiner Restmülltonne, wo sie seit fünfzehn Jahren hingehören. Ein pompöser Eichensarg ist ein Klacks für dich, und an meiner Gitarre versagst du!
Das ist dein Schrott, Vater. Nicht meiner. Ich weigere mich, dieses zu Unrecht geschändete Instrument zur mir nach Hause zu nehmen! Da wohnen nämlich nicht nur Tilmann und ich, sondern auch Freiheit, Respekt, Vertrauen und Freundschaft. Alles Fremdwörter für dich. Wenn ich jemals so werde wie du, erschieße ich mich. Oder wenn ich mir jemals einen Mann anlache, der Pfeife raucht...
20. Türchen: Malte II
Meinen Kaffee pruste ich quer über den Küchentisch. Dieser Pressetext im Stadtmagazin, wo GITARRHÖ als 'brachiale Doppel-Bass-Gewalt' beschrieben wird, die 'ungeschönt und mit unverwechselbarem Erscheinungsbild' ihren 'akustischen Urknall' gnadenlos in die 'Gehörgänge hämmert', bringt mich zum Lachen, bis mir die Tränen kommen. Ich schicke Jessy den Artikel, und scrolle weiter. Und erstarre.
„Herz der Szene schließt.“ Die Schlagzeile ist nur ein kleiner Kasten, eine Randnotiz in der LGBT-Rubrik, doch für mich ist sie ein Nachbeben. Das FASS macht dicht, 'nach vierzig Jahren schwuler Subkultur'. Ich denke zurück an die Nächte, in denen Florian dort unten nach der Erlösung gesucht hat, die er in meinen Armen und unserer Wohnung nicht finden konnte.
Ich bin kein Szenegänger... Die morbide Neugier ist es, die mich heute Abend erstmals hierhertreibt, vor den unscheinbaren Eingang des Dunkelelfen Sündenpfuhl. Nicht für den anonymen Kick im Schwarzlicht bin ich hierhergekommen. Sondern um ein Kapitel zu schließen, eine eiternde Wunde auf der Seele zu verarzten.
Von außen ist es eine dieser zahllosen aus der Zeit gefallenen Kellerbars, aus denen Techno dröhnt. Keine Schilder, kein Glanz. Eine Tür, hinter der man sich im Exzess verlieren kann. Ich muss diesen Ort sehen, bevor er für immer verschwindet. Der verlockende Ort, den Florian meiner Ruhe, Sicherheit und Liebe vorgezogen hat.
Die Luft hier drin ist dick, geschwängert von Jahrzehnte altem Schweiß und einer verzweifelten Art von Freiheit. Ein erbärmlicher feuchter Gewölbekeller für einsame Seelen, mit Schwarzlicht, Silhouetten hinter dem Nebel und leisem Gestöhne aus der Ecke. Viel zu banal für das Format eines Florian Luzius, der vor der Wirklichkeit des Ostends einst die Nase gerümpft hat. Ich brauche gar nicht durch den Vorhang aus Perlen treten, um einen Vorgeschmack zu bekommen. Sein Verrat wiegt jetzt doppelt schwer. Diese Musik ist unverzeihlich.
„Sandro? Oh mein Gott, bist du es?“
Die Stimme reißt mich aus meiner Trance. Ich drehe mich um. Im schummrigen Licht der Bar erkenne ich dich erst nicht. Du trägst Bart und Brille, dein Haaransatz ist weit zurückgewichen, und die militärische Kürze lässt dich beinahe fremd wirken. Keine Boygroup-Frisur mehr. Zeit ist gnadenlos. Meine Seele ist ja auch nicht mehr dieselbe.
Acht Jahre sind vergangen, seit wir zum letzten Mal auf dem Dachboden waren. Acht Jahre, in denen ich mich erst zerstört, dann neu erfunden habe. Mein erster Impuls ist kein Zorn, keine fliegende Faust, nein, es ist eine unendliche Müdigkeit.
„Malte.“
„Du siehst gut aus, Sandro. Kraftsport, was?“ Dein Blick scannt meinen Körper, meinen neuen Körper. Dir scheint zu gefallen, was du siehst, wirkst unsicher, fast schüchtern, wie der Junge, der damals nicht wusste, wohin mit seinen Händen.
„Wonach suchst du hier, Malte?“, frage ich leise. Meine Stimme klingt kälter, als ich beabsichtigt habe.
„Dasselbe wie du, schätze ich.“ Du deutest nach hinten zur Bar, weg vom Eingang der Lustgrotte. „Willst du ein Bier?“
Wir sitzen am Tresen. Das Geplänkel ist mühsam, eine Aneinanderreihung von Floskeln, seichtem Smalltalk, Bewunderung für meine Band, die du dir mal angesehen hast, während der Elefant im Raum – Mario – mir fast den Atem raubt. Ich halte das nicht mehr aus, entblöße dir meinen Arm, fordere dich auf, die wulstige Narbe zu berühren.
Deine Finger zucken, so wie du damals, als du meine Dehnungsstreifen berührt hast.
„Sandro… woher hast du das?“
„Monate nach Marios Unfallnacht“, sage ich, und meine Stimme bricht fast. „Mein Geburtstag. Ich hatte den Abschiedsbrief schon geschrieben, Malte. Ich hatte alles vorbereitet.“
Du ziehst deine Hand weg, als hättest du dich verbrannt, greifst in deinen Bart, schüttelst den Kopf. „Ich wusste davon nichts… es tut mir so leid, Sandro.“
„Du warst nicht mal auf seiner Beerdigung“, werfe ich dir vor, in ganz nüchternem Tonfall, und du willst etwas sagen, dich rechtfertigen oder entschuldigen, was auch immer. Alles hohle Phrasen, die ich jetzt nicht hören will.
„Dort unten, im Darkroom, hat sich mein Ex hingegeben“, schneide ich dir das Wort ab. „Ohne Schutz, ohne Herr seiner Sinne zu sein. Er wollte die blanke Erniedrigung spüren, die ich ihm nicht geben konnte. Und weißt du, wie ich das aufgefasst habe? Als Beweis, dass ich immer nur zweite Wahl bin. Für meinen Vater, für ihn. Sogar für dich! Du bist den bequemen Weg gegangen, hast dich an den fetten Versager-Bruder rangemacht, der dem Goldjungen ein bisschen ähnlich sah. Weil du Mario auf diese Weise nicht haben konntest. Weißt du, wie demütigend das war!“
Stille. Nur das ferne Wummern der Techno-Beats. Dann lachst du kurz auf, ein trockenes, verzweifeltes Geräusch.
„Sandro, du Idiot“, sagst du, und deine Stimme zittert. „Das hast du dir all die Jahre eingeredet?! Soll ich dir mal was verraten? Ich war verknallt in dich! Seit wir zwölf waren! Du warst der, der gelesen hat. Der etwas besonderes ausgestrahlt hat. Mario war mein bester Kumpel, ja, aber er war… laut. Einfach. Du warst das Rätsel, das ich nie lösen konnte, der Geheimnisvolle, den ich lange Zeit nicht mal anzusprechen getraut habe.“
Ich starre dich an. Mein Verstand weigert sich, diese Worte zu verarbeiten. „Aber ich war…“
„Du warst für dich selbst unsichtbar, Sandro. Aber für mich warst du alles.“
Du hältst inne, fasst dir an die Nasenwurzel. „Es war so falsch, dich damals im Stich zu lassen, aber ich war überfordert mit der ganzen Situation damals. Ich war ein feiger Neunzehnjähriger, der keine Ahnung hatte, wie man jemanden hält, dessen Welt gerade in Stücke bricht.“
Du knibbelst das Etikett von seinem Flaschenhals.
„Ich hab dir damals etwas geklaut, als ich fünfzehn oder vierzehn war“, gestehst du. „Dein schwarzer Hoodie, den du oft getragen hast. Er lag über der Sessellehne, gerade keiner da, und ich hab ihn einfach mitgenommen. Er... hat nach dir gerochen... ich hab mich nicht nur einmal damit befriedigt und dabei an dich gedacht. Ich war so jung und krank vor Sehnsucht, und wusste nicht, wie ich mit einem Jungen wie dir reden sollte, ohne dass Mario es merkt.“
Deine Offenbarung trifft mich härter als jeder Schlag, den ich je im Leben eingesteckt habe.
Warum? Warum hast du nie etwas gesagt, Malte, sondern deine Gefühle lieber hinter frechen Sprüchen und Beleidigungen versteckt? Ein ganzer Film aus Was-wäre-wenn-Szenarien läuft vor meinem inneren Auge ab. Jahre des Selbsthasses! Eine Schwärmerei, von der ich rein gar nichts geahnt habe. Das ewige Gefühl, ein Trostpreis zu sein. Alles basierend auf einem riesigen, schrecklichen Missverständnis, gepaart mit Sprachlosigkeit! Ist das zu fassen!
„Wir hätten reden müssen“, flüstere ich verzweifelt.
„Wir waren Kinder, Sandro. Kaputte, überforderte Kinder.“
Ich trinke mein Bier in einem einzigen Zug aus und stelle die Flasche geräuschvoll ab.
„Weißt du, Sandro“, sagst du jetzt, und legst den Arm um meine Schultern und nickst in Richtung des Perlenvorhangs, hinter dem die Nebelschwaden des Darkrooms hervor wabern. "Ich habe immer gehofft, dass wir das eines Tages nachholen. Das Richtige. Ohne Versteckspiel auf dem Dachboden. Lass uns nach unten. Bestrafe mich! Für all die Jahre!“
Ich entziehe mich deinem verzehrenden Blick, deiner Lust auf Schmerz und Unterwerfung, bedecke meinen Arm wieder. „Das können wir nicht, Malte. Manches kann man nicht nachholen... Nicht alles kann man im Nebel bei Techno-Beats vergessen. Und Schmerz heilt man nicht durch Schmerz. Das führt bloß zur Selbstzerstörung.“
Ich drehe mich um und lasse dich mit meiner Lebensweisheit an der Bar sitzen, die bald für immer schließen wird.
Als ich oben auf die Straße, ans Licht komme, ist die feuchte Herbstluft so erfrischend kühl und klar. Ich atme tief ein. Genug gesehen. Nur noch nach Hause will ich jetzt.
Ich werde Florian heute noch schreiben, dass er jetzt endlich seine Gitarre abholen soll. Ich bin bereit dafür. Ich brauche keine geliehene Stimme mehr. Ich habe meine eigene gefunden!
21. Türchen: Dominique II
Ich bin aus einem Alptraum aufgewacht. Mitten in der Nacht aus unruhigen Schlaf hochgeschreckt, und orientierungslos. Das ist nicht mein Zuhause. Aber jetzt weiß ich wieder, wo ich bin: Bei Martha, in ihrem Gästebett in Paris. In wenigen Tagen ist Weihnachten. Und ich muss in die Neurochirurgie, die teure Privatklinik, in der sie ‚jemanden kennt‘. Mich einer Operation unterziehen, mit einer 50:50 Chance, ob ich mich die Spätfolgen der Narbe gefühlstaub machen, unfähig, jemals wieder Gitarre zu spielen. Oder ob sie erfolgreich ist und die Nerven erhalten bleiben.
Die Fender Stratocaster kann ich so oder so nicht kaufen, denn ich bin jetzt erst mal meine Ersparnisse los, trotz dass Tante Martha einen großzügigen Teil zu den Operationskosten beigesteuert hat – nur ihrer Schuldgefühle wegen. Und GITARRHÖ muss jetzt pausieren, auf ihrem musikalischen Höhepunkt. Alles wegen meiner jugendlichen Dummheit!
Ich bin Sandro Schwarzer. Ein Physiotherapeut, der seine eigene Verletzung nicht heilen kann. Für mich ist jedes Glas halb leer, anstatt halb voll. Für jeden anderen wäre diese Operation nichts, worüber er mehr als eine halbe Stunde nachdenken würde, mit dem Ergebnis: Ach, wird schon, was soll schief gehen
Ich meine jemanden wie dich, Dominique.
Wie kannst du hier so seelenruhig schlafen. Wieso hast du mich überhaupt begleitet? Du hast mich halb verrückt gemacht. Du hast sofort zugestimmt, Paris stand immer auf deiner Liste. Aber kurz vor der Abfahrt des ICE hast du auf dich warten lassen. Du kamst erst in letzter Sekunde zum Gleis gerannt, und bist wie Bond durch die Tür gesprungen. In meine Arme. Das hat mir imponiert.
Was ist mir nicht alles durch den Kopf gegangen, in den zähen Minuten kurz vor deinem Auftauchen. Dass ich dich doch zu eklig behandelt habe, dass es ein Messerstich zuviel in dein Herz war. Dass du gut daran tust, mich zu vergessen. Weil du ein viel zu bunter Farbklecks für meine Welt bist, und ich dich in den Abgrund ziehe.
Dass wir nicht zusammenpassen, sexuell: Du schmeckst nach Minzkaugummi, Salz und Unschuld, deine WG riecht nach Vanille und Zimt, weil du dort Plätzchen gebacken hast, bevor ich zu Besuch kam. Wie du mich angefasst hast in deinem Hochbett… ich musste deine Hand führen, dir zeigen, was ich mag. An der Stange des Hochbetts hingen Plüschhandschellen, die du nur schlampig hinter einem Kissen zu verstecken versucht hast. Das Kissen rutschte im Eifer des Gefechts weg und ich dachte mir nur meinen Teil.
Alle Trümmer, die ich bei Léon weggelächelt, verleugnet oder unter den Teppich gekehrt habe, habe ich bei dir fast schon mit Gewalt hervorgezogen und auf dich geschleudert.
Als du dir ein Herz gefasst und gefragt hast, ob du mich mal besuchen darfst, sagte ich Ja. Nannte dir meine Adresse und eiskalt das Datum von dem Tag, an dem Florian seine Gibson abholen würde. Zwei Stunden vorher klingeltest du. Ich massierte deine Füße, eines führte zum anderen. Ich kostete deine Essenz, genoss dein Vertrauen und wie du dich fallengelassen hast.
Du lagst ohne Hose in meinen Armen, als Florian klingelte. Du wolltest mich nicht an die Tür gehen lassen, kann doch bestimmt nicht so wichtig sein, Sonntag abends.
Aber ich bin an die Tür, widerwillig. Die Schlafzimmertür habe ich einen Spalt offengelassen, damit du wirklich jedes Wort mithörst.
Ich bin ein Arschloch, Dominique, ich weiß. Aber manchmal sind Worte so hohl und leer. Was hättest du dir vorgestellt, wenn ich einfach nur gesagt hätte: „Ich war da mal mit einem Dunkelelf zusammen, und er trug ein großes Loch in sich, das er mit Kokain versucht hat zu stopfen. Eine verlorene Seele mit mehr Glück als Verstand.“
Nein, es war mir ein Anliegen, dass du meinen Exfreund Florian Luzius persönlich erlebst, bevor das mit uns ernster wird. Seinen Duktus im O-Ton hörst, sein teures Parfüm nach Sandelholz und Patchouli riechst, seine Designer-Kleidung siehst, die er mittlerweile trägt, seine schulterlangen naturroten Haare, die er nicht mehr färbt. Sein „Allerdings, den habe ich sowas von gerockt!“, auf meine extra laut gestellte Frage nach seinem Entzug in der Schweiz mitbekommst.
Und auch sein Pochen auf das Urheberrecht, und die sachlich-kühle Information, dass sein Anwalt juristische Schritte einleiten würde, sollte GITARRHÖ noch weiter mit den Texten auftreten, die er, Florian Luzius, geschrieben hat.
Sein diabolisches Lachen auf meine Frage, ob er die Reiterstiefel anhat, weil er gleich aufs Gestüt seiner Eltern rausfährt? „Nicht doch, Sandro, erst über Weihnachten.“ Kinky wie eh und je, aber jetzt ein Snob! International Business studiert er, mit Musik im Nebenfach.
Aha, ob er dafür die Gibson brauche? „Nein, die kommt in die Vitrine!“ Und ob ich seine alten Sachen noch hätte? „Klar, im Keller stehen die Kartons.“ Würde er gleich mitnehmen, er ist mit einem größeren Wagen, und Chauffeur da. „Dann komm mit runter, Flo.“
Als ich zurückkam, warst du gegangen und ich atmete auf, wehmütig.
Ich weiß von dem Video, das eine Bekannte von Jessy damals aufgenommen hat, nach Florians Auftritt unter Koks. Sie hat es ahnungslos auf Youtube hochgeladen, wo es heute noch auffindbar ist: ‚Gitarröh mit Kussi!!1‘ Ich bin mir ziemlich sicher, dass du alle Kanäle nach meiner Band abgegrast hast und darauf gestoßen bist.
Aber du bist zu mir zurückgekommen, mit mehr Fragen als je zuvor. Mit einer Tupperschüssel voll selbstgekochter Hühnersuppe, als du erfahren hast, dass ich mit Grippe flachliege. Nach dem Rezept deiner Mutter, das du ihr so oft gekocht hast. Tilmann, meinem beschützenden Bären, hast du durch den Türspalt und die Kette deutlich gemacht, dass er mir die Suppe gefälligst gibt, sonst würde er dich kennenlernen! Mein kleiner Chihuahua.
Tilmann klopfte an meine Zimmertür, wollte wissen, warum der Kleine eben so beharrlich war, und ob ich diese Brühe jetzt wirklich, ohne Scheiß, essen wolle? Ich nahm ihm kommentarlos deine Tupperschüssel ab, erhitzte sie in der Mikrowelle. Löffelte einige Minuten später vor seinen Argusaugen buchstäblich die Suppe vor aus, die ich mir selbst eingebrockt hatte. Ich hustete, meine Augen tränten vom scharfen Cocktail aus Kräutern, Ingwer, Wasabi, Pfeffer, Chili, und deinen Gefühlen für mich. Sie brannte zweimal, aber nächsten Tag war ich tatsächlich wieder topfit. Wie kann jemand wie du, so einen Zaubertrunk brauen? Warum brauchte deine Mutter ihn so oft? Da wurde mir klar, dass ich eigentlich fast gar nichts über dich weiß.
Ich habe dich nicht nur meine Narbe ertasten lassen, ich habe dich an seinem Todestag zu Marios Grab mitgenommen, wo du geweint hast, als ich die Kerze angezündet habe. Ich musste mich mit dir auf eine Bank setzen und in die Arme nehmen. War das bloß Empathie, oder…
Letzte Woche habe ich dich in das beengte, funktionale Ikeamöbel-Exil meines Vaters geschleift, das er erfolglos versucht hat, für ihn gemütlich einzurichten. Ein paar Familienfotos, mehr nicht. Nie werde ich seinen Blick vergessen, als ich mit dir Hand in Hand dort hinein marschierte und euch lässig einander vorgestellt habe. Mir war alles recht, um den Alten so richtig zu schockieren. Er schaute von seinem Fernseher auf, rückte die Brille zurecht und starrte dich von oben bis unten an.
„Was soll das, Sohn? Beiße ich dir etwa nicht schnell genug ins Gras!?“, hat er geknurrt, musterte dich von oben bis unten mit verächtlichem Blick. „Früher hattest du wenigstens den Anstand, deine Perversionen für dich zu behalten. Muss man jetzt jede Schnapsidee in die Tat umsetzen, nur weil sie von da oben abgesegnet werden?! Mario würde sich im Grab umdrehen! Meinst du, du bist ein guter Umgang für deinen Neffen?!“
Du hättest nach diesem Besuch, der dir so viel Selbstbeherrschung abverlangt hat, immer noch gehen können, Dominique. Mir den Laufpass geben. Das hätte ich verstanden. Weil du erst neunzehn bist – acht Jahre jünger als ich! Und das Leben, dein Studium und so viel Herzschmerz noch vor dir hast.
Als wir das Altenheim verlasen hatten, stelltest du mich zur Rede, dein Kopf immer noch rot, vor Scham und unterdrückter Wut: „Was sollte das gerade, Sandro? Was fällt dir ein, mich zu instrumentalisieren - als Waffe im Kampf gegen deinen alten Vater! Tu das nie wieder, hörst du! Sonst lernst du mich kennen!“
Ich antwortete nur: „Du meintest doch, ich soll mit ihm reden! Weil du davon überzeugt bist, dass Reden alle Probleme löst - in deiner Welt vielleicht, nicht in meiner! Und kennenlernen, gerne! Erzähl doch endlich mal was über deine Familie!“
Dein Mund war bloß ein Strich und deine Augen blitzten mich an. „Ich habe nur noch meine Schwester, und die hat mir ein Ultimatum gesetzt. Sie schmeißt mich raus, wenn ich nicht bald einen Plan habe, wie es weitergeht.“ Martha, ich sollte sie anrufen. Sie wird dich wieder auf Kurs bringen.
Alles brach wie ein Staudamm aus dir heraus, aber am meisten nahm mich deine letzte Frage mit: „Bin ich nur Dominique für dich? Warum hast du mich ihm nicht als deinen Freund vorgestellt?!“ Das war es, das deine Tränen fließen ließ, der Pfeil in mein Herz. Ich nahm dich in die Arme, genau da, wo wir standen, vor dem Eingang des Altenheimes.
Eine gute Frage. Warum habe ich es nicht gesagt?
„Bitte gib mir etwas Zeit, Süßer. Dieses Jahr war turbulent für mich gewesen.“ Ich wischte, küsste dir deine Tränen weg.
Du wirst deinen Weg gehen, Dominique, da bin ich mir sicher, und du wirst mir das Herz brechen, das weiß ich einfach. Vielleicht nicht morgen, aber mittelfristig.
Niemals ist es mir vergönnt, aus dem reinen Kelch der Liebe zu trinken, immer ist er irgendwie vergiftet, oder ich sabotiere es selbst.
Scheiße. Ich will hier nicht heulen und schluchzen wie ein Baby…
„Sandro? Brauchst du irgendwas?“
Ich brauche nur dich, Dominique! Aber es ist töricht, deine Gutmütigkeit, deine soziale Ader auszunutzen und dir und deinen Zukunftsplänen im Weg zu stehen. Du bist aktuell Zivi, aber mach nicht mich zu deinem persönlichen Pflegeobjekt. Ich darf nicht dein Ballast werden, so wie Frank meiner war!
Du stehst auf, überbrückst die zwei Schritte Abstand zwischen unseren Betten und legst dich zu mir ins Bett. Ich spüre deinen warmen Atem am Hinterkopf, deinen Körper an meinem Rücken. Dein wunderbarer kleiner Bauchansatz. Du hasst es, wenn ich dich dort berühre.
„Es ist total in Ordnung, vor dieser OP Angst zu haben, Sandro. Ich hätte jedenfalls eine Scheißangst…“
Deine Hand an meiner Schulter, die mich dort fest anpackt, mir signalisiert, dass du hier bist.
„Ich hätte dich nicht fragen sollen, ob du mitkommst“, murmele ich laut, aber denken tu ich an ganz anderes.
„Quatsch. Ich bin froh darüber. Nirgendwo sonst wäre ich heute Nacht lieber!“
In meiner Reisetasche befindet sich ein Schuhkarton brandneue Sneakers in deiner Größe. Morgen, wenn ich schon längst in der Klinik bin und du aufwachst, wird er das erste sein, was du siehst. Mein Weihnachtsgeschenk an dich. Ich habe deine Füße gehalten, sie liebkost. Ich weiß genau, dass sie dir passen werden.
„Schlaf wieder ein, Sandro. Ich bin jetzt da, der starke Mann, der dich heute Nacht hält.“
Ja, du bist da. Hoffentlich wird das nicht zum Problem. Hoffentlich verliebst du dich nicht. Interpretiere die Message meines Geschenkes so: Lauf! Geh deinen Weg ins Licht, raus aus meinem finsteren Dickicht…
22. Türchen: Kevin II
„Kevin, ich kann nicht so schnell!“, rufe ich dir hinterher.
Wir sind zusammen in der Eissporthalle, wo leise Popsongs laufen. Meine Füße stecken bombenfest in den abgenutzten Leih-Schlittschuhen. Du dagegen in den nagelneuen schwarzen Eiskunstlauf-Stiefeln einer Profi-Marke, die deinem Ehrgeiz Flügel verleihen. Leider wirst du aber viel zu schnell aus ihnen herauswachsen... und ich muss nochmal tief in die Tasche greifen.
Du zeigst mir all deine Kunststücke, die du im Verein gelernt hast: Drehungen, Rückwärtsfahren, und leichtfüßige Sprünge, die dich wie ein Eisprinz erscheinen lassen, ich kann sie kaum voneinander unterscheiden.
Ich bleibe am äußeren Rand, fahre meine Bahnen, lass mich von anderen Leuten überholen und setze vorsichtig einen Fuß vor den nächsten, so wie du es mir eben gezeigt hast: Gleiten, nicht schreiten. Die rettende Bande immer in Griffnähe. Ich will nicht noch ein langweiliger Erwachsener in deinem Leben sein, der dir von draußen zuschaut. Ich will in deine Welt eintauchen, die Kälte an den Zehen spüren, die Glätte, die mich jeden Moment zu Fall bringen kann, das sanfte Gleiten, das mich meinen Gedankenstrudel vergessen macht, weil ich mich voll darauf konzentrieren muss, die Balance zu halten.
„Onkel Sandro, du musst mehr in die Knie! Nicht so weit nach hinten lehnen“, kommentierst du meine Haltung auf dem Eis, und ich korrigiere sie.
Du fährst wieder langsam neben mir, erzählst mir von deiner Trainerin, deinem Verein, den anderen Kindern. Erwähnst aber nie Freundschaften, es klingt eher nach Rivalität, der oder die, die eine Figur besser hinbekommt als du, oder der vom Trainer mehr Lob bekommt als du. Dein Traum, eine Meisterschaft zu gewinnen. Schwärmst von Idolen, die olympisches Gold gewonnen haben und viel jünger sind als ich.
„Kevin, wenn du irgendwo Schmerzen hast, dann sagst du mir sofort Bescheid, ja?“
Als Physiotherapeut habe ich einen etwas anderen Blickwinkel auf Leistungssport, schaue kritisch deine Haltung an, welche Kraft da auf deine Gelenke wirkt bei einem Sprung. Du siehst das Scheinwerferlicht, die Medaillen – und ich die Krankenliege. Ich komme nämlich dann zum Einsatz, wenn die Achillessehne gerissen, das Kreuzbein seinem Ermüdungsbruch erlitten oder die Bandscheibe geplatzt ist, und der Traum von Olympia in weite Ferne gerückt ist. Diese jungen Leute mit dem leeren Blick brechen mir jedesmal das Herz, brannten so sehr wie du für ihren Sport, egal ob Tennis, Ballett oder Handball…
„Onkel Sandro… wo ist eigentlich Onkel Domi? Wollte er nicht mit?“ fragst du jetzt und schaust mich mit deinen großen unschuldigen Kinderaugen an.
Puh, Kevin. Eine Frage, wie eine Faust tief in die Magengrube. Nur Kinder können solche Fragen stellen, und einen knallhart in die Realität zurückholen. Du siehst ihn als Teil der Familie. Ziemlich schnell, nachdem du ihn kennengelernt hast und er dir dein Lieblingsessen gekocht hast, war er nur noch ‚Onkel Domi‘ für dich.
„Dominique ist in einer anderen Stadt, weil er Psychologie studiert. Er muss wahnsinnig viel lernen, ganz dicke Bücher“, erkläre ich dir, und mir selbst, seine Funkstille aktuell. Fernbeziehungen sind pures Gift! Ich vermisse ihn brutal, dieses ganze Auslandssemester schon. An Weihnachten wurde mir deutlich, wie er sich verändert hat, nicht nur äußerlich.
Und schon wieder machst du diese, zumindest in meinen Augen, perfekte Pirouette! Breitest die Arme aus und lächelst mich an. Kommst dann schnell auf mich zugeschossen, dass ich zusammenzucke, aber bremst im letzten Moment souverän ab, mit aufwirbelnden Eiskristallen und lehnst dich an die Bande.
„Du… Sandro, darf ich dich mal was fragen…?“, druckst du herum.
Die Art, wie du diese Frage stellst, mit knallroten Wangen - Scham oder bloß die Anstrengung? Mein Puls beschleunigt sich, und ich wappne mich innerlich für eine unangenehme Frage nach Mario, oder Opa, sage dabei laut: „Klar, du darfst mich alles fragen, Kevin.“
„Meine Kür, für die anstehende Saison… Magst du die Musik dazu machen?“, platzt du jetzt heraus.
Und alle Anspannung fällt von mir ab. Mit dem schlimmsten habe ich gerechnet, aber niemals damit! „Musik!? Klar! Willst du eine klassische, oder eine rockige Nummer?“
Was auch immer, es wird das beste Lied werden, das meine Fender hervorbringt, das weiß ich jetzt schon.
Euphorisch stoße ich mich von der Bande ab, bemerke, wie ich durch das Gleiten immer schneller werde, schon an der Kurve der Bahn angekommen bin und… zu schnell bin und ins Straucheln komme. Irgendwie über meine eigenen Füße stolpere, weil ich die Kufen nicht gewohnt bin, und mit dem Hintern volle Kanne aufs Eis knalle.
Autsch…
Ich versuche mich wieder aufzurappeln, und falle beim Versuch gleich nochmal.
Ich lache lauthals. Das muss so bescheuert ausgesehen haben, wie sich der große, breite, durchtrainierte Typ sich voll auf den Allerwertesten legt. Kinder sind da viel unbedarfter, leichter und näher am Boden.
Der beste Schmerz, den ich seit Wochen hatte! Ich fühle mich so echt, wie seit Monaten nicht.
„Oh nein, bist du okay??“ Bestürzt flitzt du zu mir. „Du musst das SO machen: hinknien, den einen Fuß aufstellen…mit den Händen abstützen… Gib mir deine Hand!“ Du kleiner Knirps hilfst mir, der dreimal so alt ist wie du, wieder auf die Beine, indem du mir deine kleinen Hände reichst.
„Kevin, hast du eigentlich gar keine Angst, so hart zu fallen?“, frage ich und klopfe mir den Schnee von den Beinen.
Du schaust mich an, ganz ernst. „Im Training falle ich bestimmt zehnmal in der Stunde, jeder fällt hin, wenn er Sprünge übt, das gehört dazu. Aber ich hab keine Angst vor dem Eis, das Eis ist mein Freund. Man muss es liebhaben, damit es einen gleiten lässt, und immer wieder aufstehen. Los, fahren wir noch eine Runde!“
Ich schlucke. Ein Neunjähriger erklärt mir das Leben. Das Baby, das einst in meinen Armen lag, als ich nie wieder aufstehen wollte.
23. Türchen: Leander
Die jährliche Betriebsweihnachtsfeier. Mit Tannenzweigen und Lichterketten ist die Essensausgabe der Kantine heute geschmückt. Kitschige Weihnachtssongs dröhnen aus den Lautsprecher-Boxen, fröhliches Geschnatter im Hintergrund.
Eifrig bedient das Küchenpersonal heute in Vollbesetzung und weihnachtlichen Accessoires die Mitarbeiter der Klinik, die dort Schlange stehen.
Auch du bist da, Leander, noch nicht lange Kantinenkoch hier, nicht älter als Anfang zwanzig. Trägst heute zur Feier des Tages einen glitzernden Heiligenschein. Du bist mir schon länger aufgefallen, weil du einfach nie einen schlechten Tag hast, oder es zumindest in der Kantine nie so deutlich zeigst. Aber du hast immer ein freundliches Wort übrig, wenn ich hier zu Mittag esse.
„Ah, Sandro. Du solltest öfter lächeln, das steht dir“, sagst du, als ich an der Reihe bin. Dein Ton dabei, dein Lächeln, das so echt und ansteckend ist, die Wärme in deinen Augen... Du erinnerst mich an jemanden…
„Für dich ein extra großes Stück Steak!“ Nicht nur das, bist du auch beim Süßkartoffelpüree großzügiger, als du sein müsstest? Mit Schwung aus dem Handgelenk streust du abschließend noch Magie darauf, oder ist es bloß Petersilie? Kein anderer aus der Kantine beherrscht diesen Kunstgriff so gut wie du. „Guten Appetit!“
Ich spüre deine Fingerspitzen, als du mir meinen Teller überreichst und trotz dass ich versuche, diesem Moment keine außerordentliche Beachtung zu schenken, flattert etwas in mir, als wäre ich ein Teenie. Dass da etwas in der Luft liegt, hatte ich mir in den letzten Wochen wohl doch nicht nur eingebildet…
Das Essen duftet köstlich. Ich bedanke mich und folge meinen Physio-Kollegen zurück an meinen Platz an der langen Tafel.
Während des Essens lasse ich mich von der Fröhlichkeit meiner Kollegen anstecken, über die Plaudereien wie das Jahr war, was wir gemeinsam geschafft haben. Hin und wieder begegnen sich unsere Blicke, während du das restliche Klinikpersonal mit Essen versorgst, dabei aber nie gestresst wirkst. Dein Lächeln zieht mich immer wieder an. Die Art, wie du dich bewegst. Diese gewisse Ausstrahlung… Alles an dir ist so angenehm, aber irgendwie...wie ein Déjà-vu. Bei wem habe ich das nur schon einmal erlebt…?
Eine Stunde später verziehe ich mich nach draußen, um dort eine zu rauchen, eine Pause vom Trubel drinnen zu nehmen. Die Weihnachtslieder schallen ein bisschen zu laut aus den Boxen, man hört es bis hier draußen. Die Weihnachtsansprache der Klinikleiterin fand ich bewegend, den Teil, in dem sie die Azubis und Praktikanten als Herz der Branche, unsere Zukunft, hervorgehoben und sich gefreut hat, sie auf der Feier willkommen zu heißen.
Den Ausbilderschein… soll ich ihn machen, nächstes Jahr? Ich bin dieses Jahr Dreißig geworden. Mehr Verantwortung übernehmen im Beruf, wäre das mein Ding?
„Sandro, so in Gedanken?“, sprichst du mich an. „Hättest du mal Feuer?“
Du bist es, Leander, in einem Wollmantel. Hältst mir deine Zigarette hin. Ich wusste gar nicht, dass du rauchst… Du bist doch ansonsten so perfekt. Er hat nicht geraucht…
„Ein Engel, der raucht?“, ziehe ich dich auf, während mein Feuerzeug klickt, „ich bin schockiert, Leander.“
„Ich bin ein Engel mit einem ‚B‘ vorne dran, Sandro“, sagst du mit diesem vielsagenden Grinsen und nimmst deinen ersten Zug.
„Hat dir das Menü geschmeckt?“, fragst du, und ich nicke, lobe das ausgesprochen zarte Steak mit der weihnachtlich gewürzten Soße. „Danke. Ich habe heute mit viel Liebe gekocht…“
Das hat er auch immer für mich, und für Tilmann…Kochen und Backen war sein Ventil, seine Ablenkung vom Stress an der Uni, und er hatte ein Händchen dafür...
Ich beobachte, wie sich der Rauch unserer Zigaretten in der kühlen Luft vermischt. Bemerke, wie intensiv du zu mir aufschaust. Diese Haarsträhne mitten in deinem Gesicht, ich möchte sie dir wegstreichen, aber zwinge mich, es nicht zu tun. Sein Haar war auch immer so widerspenstig… Eure Ähnlichkeit ist so unheimlich!
Dann durchbrichst du die Stille: „Ich würde dich so gerne mal auf einen Drink einladen, Sandro.“ Erwartungsvoll schaust du mich an.
24: Letztes Türchen
Im Schnee komme ich nach Hause ins Ostend, lasse die schwere Haustür hinter mir ins Schloss fallen. Stufe für Stufe fällt im Treppenhaus die Last des Tages von mir ab. Weicht dem einzigartigen Gefühl, nach Hause zu kommen. Wo du mich erwartest. Hinter meiner Wohnungstür mit der bunten Glasscheibe.
Schon als ich aufschließe, empfängt mich die Wärme des geheizten Altbaus, die Lichterkette im Flur. Plätzchenduft hüllt mich ein. Du liebst das Backen. Endlich zuhause, dort, wo das Leben wartet! Den Koffer stelle ich ab, den Mantel hänge ich an die Garderobe, meine Schuhe landen neben deinen ausgelatschten Sneakers. Gehe auf dem Weg in die Küche an der Fotowand vorbei: Kevin mit der Medaille der Landesmeisterschaft. Opa Siegfried, gegen Ende hin sein glühendster Fan, hat es leider nicht mehr erlebt.
Überall grüne Farbkleckse in der Wohnung. Grünlilien-Ableger noch und nöcher, das ist dein Verdienst, wie so vieles, was die Wohnung gemütlicher macht. Du hast jeden Ableger gehegt und gepflegt und zum Blühen gebracht. Unsere Familien und Freunde damit versorgt, ob sie wollten oder nicht. Ist dir eigentlich bewusst, wie sehr du mein Leben bereicherst? Dass du diese schnöde Wohnung zu einem wahren Zuhause machst, nicht erst seit der Renovierung letztes Jahr.
Ich begrüße dich in der Küche. Du stehst an der Arbeitsfläche, mir den Rücken zugewandt. Vor dir auf dem Kuchengitter ruhen goldbraune, luftig gebackene Törtchen. Die Küche sieht aus wie ein kreatives Chaos: verstreutes Mehl, Rührschüssel, ein benutzter Topf, in dem noch ein fettiger Rest glänzt. In Händen hältst du einen Spritzbeutel mit einer Tülle aus Metall.
Auf dem Fenstersims, direkt über der Heizung, döst Helyanwë. Zusammengerollt zu einem pelzigen Knäuel, nimmt die Maine-Coone-Mischung aus dem Tierheim von meiner Anwesenheit gar keine Notiz. Wie sie mich auch ansonsten ignoriert, diese feine Madame kuschelt nämlich ausschließlich mit dir, und schaut mich dabei immer mit kampfeslustigen Augen an, die direkt auf den Abgrund meiner Seele zu blicken scheinen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass soe irgendetwas im Schilde führt...
Wie aus einer Trance erwacht, begrüßt du mich jetzt, deinen Fels, der zurück ist. Deine Stimme leise, ein wenig belegt, so als stündest du unter einer enormen Spannung. Drehst dich nicht zu mir um, sondern konzentrierst dich ganz darauf, mit der Tülle das nächste Gebäckstück zu bearbeiten. Ich trete näher an dich, bemerke dein fast unmerkliches Zittern dabei, streiche dir Mehl aus dem Haar, rieche deinen Duft nach Minze, Vanille und Sehnsucht nach mir.
„Was hast du denn Schönes gebacken?"
„Windbeutel", sagst du knapp, ohne dich in deinem Tun unterbrechen zu lassen.
„Mhh, mit welcher Füllung?"
„Vanillecreme."
„Für die Feier morgen?"
„Was?! Nein, nur für uns beide!" Nun blickst du mich endlich an, in den Augen eine Spur gespielter Empörung.
„Aha...", sag ich nur, grinse wissend. Ich habe verstanden. Exklusive Windbeutel. Keine bloße Nascherei, sondern deine Botschaft.
„Sie sehen köstlich aus", lobe ich dich. Ich spüre den Funkenflug zwischen uns sofort. Du stehst unter Strom, und weil ich den menschlichen Körper im Allgemeinen kenne, und deinen im Besonderen, weiß ich, warum. Deine Körperhaltung verrät mir dein Geheimnis.
Diese spezielle Passion, die wir irgendwie im Laufe des Jahres entdeckten, und die dich alle paar Wochen mit ungeheurer Wucht überkommt und mich mitreißt. Die erstklassigen, zartschmelzenden fondants au chocolat neulich, kleine Kuchen mit flüssigem Kern aus Schokolade. Oder die köstlichen Antipasti, neben den mit Parmaschinken umschmiegten Grissini im Sommer auf unserem Balkon mit einem Glas Weißwein. Ein wunderbarer Abend mit intensiven Momenten!
„Du trägst ihn?", frage ich dich, meine Stimme nur ein Hauch an deinem Nacken.
Augenblicklich werden deine Ohren dunkelrot, geben mir die Antwort. Du siehst mich an, verlegen – aber doch herausfordernd, streichst dir eine widerspenstige Strähne hinters Ohr. Dein Ring blitzt dabei im Schein der Küchenlampe auf.
„Darf ich probieren?" Schon strecke ich die Finger nach einem der prall gefüllten Gebäckstücke aus.
Doch du sagst bestimmt: „Noch nicht!" Die Küche ist dein Territorium, wo du das Sagen hast und ich mich dir beuge. Etwas zärtlicher fügst du hinzu: „Wir sind noch nicht beim Nachtisch, Sandro. Die Füllung muss sich erst setzen. Und es fehlt noch der Puderzucker."
Tss. Diese delikaten Inszenierungen, die du immer brauchst. Du bist Mitte zwanzig und nimmst nie ein Blatt vor den Mund. Aber im Gegensatz zu mir, der dir deutlich sagt, wenn er dich will, setzt du auf diesen Wink mit dem Zaunpfahl, um deinen tiefsten Sehnsüchten Ausdruck zu verleihen und hoffst, dass ich deine Wünsche errate, ohne dass du dich durch Worte erniedrigen musst.
„Ich würde dich niemals für deine Gelüste verurteilen, Süßer, hört du,", murmele ich nur und trete nah an dich heran, spüre deine Hitze, meine Lippen streifen deinen Dreitagebart. Den Spritzbeutel legst du nun weg. Ich nehme dich in die Arme, hebe dich hoch.
Du zuckst zusammen, als ich dich gegen den Küchenschrank presse. Deine Lippen finden meine. Heiß. Ungeduldig. Deine Beine schlingst du um mich.
Kräftiger bist du geworden, seit wir uns kennengelernt haben. Reifer, ein gestandener Mann. Mein Partner, der mich auffängt. Mein Süßer. Manchmal mein König der Kissen.
Ich trage dich in meinen starken Armen ins Schlafzimmer. Lege dich auf das Bett ab, wo du dich von mir ausziehen lässt, willig, mir dein volles Vertrauen zu schenken.
Bereit, mich und alles von mir, ganz in dich aufzunehmen. Schon dein Anblick allein und die Aussicht auf deine Hingabe erregt mich.
Da ist nur das Seufzen, leises Stöhnen und das Klacken des Metalls, wenn du unkontrolliert zuckst.
Ich schenke dir in Wellen meine Essenz; alles was ich an Lust, und seit Tagen angestauter Sehnsucht in mir trage. Du schenkst mir dein Urvertrauen und deine Hingabe. Nach meinem Beben, bei dem du Erfüllung gefunden hast, lass ich das Orchester nachhallen, halte dich fest, damit zu nicht zerfließt. Konserviere den schönsten Moment für dich, indem ich das gläserne Versprechen einlöse, das du beim Backen gegeben hast. Damit meine Liebe noch ein wenig länger in dir verweilt.
"Sahn~dro", flüsterst du, voller Liebe, und kicherst. "Hol das Dessert."
