Schicksal
Prolog
Schicksal
Man kann das Schicksal nicht aufhalten,
egal wie es kommt,
man kann es nicht aufhalten und
die wahre Liebe sucht sich immer ihren Weg.
08.August 1998
Kapitel 1
Eine Begegnung mit Folgen 08. August 1998
Der Wecker klingelt und die Geschwister stehen auf. Tina ist als Erste im Bad und duscht, putzt Zähne, schaut sich danach im Spiegel an und grinst wie ein Honigkuchenpferd.
„Endlich…es ist so weit. Heute ist der große Tag. Ich lerne Genzos Freunde kennen und nach dem Spiel…werde ich das Team verlassen. Und dann…dann wird es nur noch eine Tina geben. Und dann…irgendwann, liebster Karl, werde ich dich in München besuchen.“ Stephan klopft an und drängelt ins Bad zu wollen.
„Beeil dich doch. Ich hab‘s eilig.“
„Nimm doch das andere Bad.“
„Da ist Mama drin. Verdammt…ich mach mir gleich in die Hose, wenn du nicht langsam öffnest.“ Tina geht lachend an die Tür und öffnet diese.
„Sag das doch gleich.“ Sie tauschen die Plätze und Tina geht ins Zimmer und zieht sich an. Aufgeregt geht es am Frühstückstisch einher.
„Ihr seid aber gut gelaunt…das ist schön. Werdet ihr gewinnen?“, beginnt Gesine.
„Natürlich, die kleinen Japaner machen wir platt, ist doch klar.“, haut der Große raus.
„Naja, wenn die aus dem selbem Holz wie Genzo geschnitzt sind, dann nimm sie lieber ernst. Und vergiss nicht, Japaner geben niemals auf.“
Nun sind viele Stunden vergangen und das heißersehnte Spiel ist vorbei. Es endete mit einem 5:2 für das Juniorenteam des HSV. Nachdem sich Tino und Stephan vom Team endgültig verabschiedet haben gehen sie nach Hause. Tina schmeißt sich ins Bett und starrt die Decke an, an der die alten Sterne kleben, die nachts leuchten.
„Wow…was für ein Tag.“, stöhnt sie auf und atmet mehrmals tief durch.
Stephan kommt ins Zimmer und setzt sich auf das andere Bett.
„Wie geht es dir jetzt? Was war denn nur mit dir los? Wieso hast du Nummer 9 durchgelassen und nicht gedeckt? Du hättest dich doch locker gegen ihn durchsetzen können. Ich hätte ja verstanden, wenn du als Keeper seine Bälle nicht alle halten kannst, aber nur die Tricks, ihm den Ball abzunehmen hättest du doch draufgehabt. Das hat doch auch zuerst gut geklappt.“ Tina steht auf, ihr ist das Gerede zu doof. In dem Moment, als ihr Bruder von dem peinlichen Zwischenfall erzählt, wird ihr so warm und fast heiß, nur bei dem Gedanken daran, dass sie dem Jungen nicht ausweichen konnte. Wie peinlich war das denn?
„Erinnere mich doch nicht daran, das war sowas von peinlich. Und dann bei meinem letzten Spiel mit den Jungs. Dann saß ich da noch auf der Bank und musste mir das Elend ansehen. Karl-Heinz war richtig sauer auf mich. Und Genzo hat auch kein gutes Wort an mir gelassen. Er hat vorher bestimmt noch richtig rumgeprotzt, dass niemand an uns beide vorbeikommt und dann das.
Ich werde jetzt ne Runde laufen gehen. Alleine!“ Tina steht auf.
„Tina…sag es mir doch bitte. Was war los? Du warst plötzlich wie erstarrt. Mir kannst du es doch erzählen. Du hast schon gegen so viele große Gegner gewonnen und konntest sie austricksen oder umspielen, ihnen immer Parole bieten, aber bei ihm hast zu gezögert. Wegen deiner Unaufmerksamkeit hast du dich verletzt.“ Sie dreht sich zu ihm um und hält ihre Hand an die Brust.
„Ich weiß auch nicht. Zuerst war alles normal und dann…habe ich ihm plötzlich in die Augen gesehen…und dann…dann schlug mein Herz so doll, da konnte ich gar nicht mehr auf seine Beinarbeit achten. Ich weiß auch nicht. Es war als wäre das Spiel gar nicht mehr da.“ Stephan richtet sich erstaunt auf.
‚Was erzählt sie denn da? Sie hat sich doch nicht etwa…‘, grinst er dann vor sich hin. Er geht zu ihr und berührt ihre Schultern.
„Das klingt aber seltsam. War es ein Gefühl der Angst? Also eine Art Angst vor dem Gegner, vor seiner Stärke, denn er ist sehr stark. Das wird noch ein großes Problem in der WM.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Nein…ich hatte doch keine Angst.“
„Wie fühlte es sich dann an? Angenehm oder unangenehm?“
„Du fragst einen Müll, echt mal. Wenn ich es wüsste, würde ich es dir sagen.“ „Hast du schonmal so ein Gefühl gehabt? Also bei jemanden anderen?“ Tina sieht verdutzt zu ihm auf.
„Äh…naja…ich weiß nicht…so ähnlich…warum?“
„Wie fühlt es sich denn an, wenn du mit Karl alleine bist?“ Entsetzt sieht sie ihn an.
„Wie bitte? Woher…?“
„Ich habe euch gesehen. Sag schon, fühlt es sich bei ihm auch so an?“
„Das kannst du doch überhaupt nicht vergleichen! Was geht dich das denn überhaupt an?!“
„Du hast dich in den Japaner verguckt und willst es nur nicht zugeben. So sieht es doch aus, oder nicht? Du kannst ja schließlich Karl nicht untreu sein…und dann ausgerechnet direkt vor seinen Augen. Ich bin gespannt, ob du das jetzt drei Jahre durchhältst, bis du wirklich bei ihm sein kannst. Er ist doch jetzt schon auf dem Weg nach München. Glaubst du denn, er wartet so lange auf dich?“, lacht er plötzlich los und tippt ihr an die Stirn. Brummig sieht sie ihn an.
„Lass das! Was soll denn das? Machst du dich jetzt über mich lustig? Du bist doch nur neidisch, weil dich deine Freundin verlassen hat. Jetzt musst du deinen Frust bei mir auslassen und was hast du überhaupt gegen Karl-Heinz? Ihr seid doch selber Freunde. Was stört es dich dann also?“
Plötzlich kommen Gesine und Georg ins Zimmer.
„Was brüllt ihr denn so rum? Könnt ihr nicht leise streiten?“, ertönt Georgs feste Stimme.
„Stephan versucht SEINEN Frust an MIR auszulassen. Das nervt gewaltig.“ Sie geht zwischen den Eltern durch die Tür. Dann wirft sie noch einen Blick zurück und knurrt ihren großen Bruder an.
„Ach und übrigens…da wir ja nicht mehr zum Team gehören…kann es doch jetzt egal sein. Und noch was! Er fährt erst morgen Früh und ich muss mich noch verabschieden!
Bis später.“, hebt sie die Hand und geht Richtung Treppe.
„Haltet sie auf!“, sagt er schnell zu seinen Eltern und sieht sie ernst an.
„Worum geht’s denn überhaupt? Was ist los?“, fragt Gesine verwundert.
„Lasst sie jetzt nicht gehen! Nicht, dass es noch schlimmer wird…als es eh schon ist…“, spricht er dann immer leiser und sieht seinen Vater verzweifelt an.
„Was wird schlimmer? Wo will Bettina denn hin?“, fragt er ihn skeptisch.
„Ich will nur ne Runde laufen.“, sagt sie ruhig.
„Sagt ihr endlich die Wahrheit. Das wird sonst nicht gut enden.“, spricht Stephan plötzlich streng zu seinen Eltern.
‚Was meint er denn damit? Welche Wahrheit?‘ Der Puls der Eltern steigt enorm an. Er wird doch wohl nicht etwa etwas über ihr Familiengeheimnis wissen?
„Du nervst einfach. Wovon redest du überhaupt?“
„Sag uns doch allen mal was du fühlst, Schwesterchen. Du verheimlichts immer alles und wir dürfen nicht an deinen Gefühlen teilhaben. Warum denn nicht? Sag uns bitte ganz genau was du fühlst, wenn du in seiner Nähe bist.“ Tina bleibt mitten auf der Treppe stehen und schaut einfach runter auf ihre Füße. Sie hält sich mit einer Hand am Geländer fest und mit der anderen fasst sie sich an die Brust. „Ihr seid so gemein. Warum denn nur? Was habt ihr nur gegen ihn? Ich…habe das erste Mal in meinem Leben nicht das Gefühl alleine zu sein…immer war es so komisch, als würde ich neben mir stehe und als würde etwas fehlen und dann…dann konnte ich in dein Team, Brüderchen, du hast so sehr von ihnen geschwärmt und dann wollte ich, dass man mich so akzeptiert, wie ich mit meiner Leistung bin. Und plötzlich fühlte ich mich dort auch so wohl wie du. Niemals hätte ich das für möglich gehalten und dann…irgendwann…war da so viel mehr. Es war immer in Karls Nähe. Er gibt mir Kraft und Mut und ich kann doch nichts für meine Gefühle…warum versteht ihr das denn alle nicht?“ sie dreht sich mit Tränen in den Augen um und sieht zu ihrem Bruder.
„Warum du denn auch nicht? Ihr alle drei, ihr mögt ihn doch so sehr. Mama…du müsstest dein Gesicht sehen, wenn wir dich im Imbiss besucht haben und wie glücklich du immer warst, als du mit ihm zusammen die Brötchen belegt hast. Wieso habt ihr denn alle was gegen ihn? Er ist doch so wundervoll? Ich verstehe es nicht. Alle mögen ihn, aber zusammen sein dürfen wir nicht? Ist es, weil wir noch so jung sind? Aber andere sind doch auch in unserem Alter, wenn sie sich das erst Mal verlieben.
Isabell war doch auch erst 15 und du, Brüderchen, wirst schon achtzehn. Was ist dann euer Problem, da hattet ihr auch keine Probleme mit.“
„Sagt es ihr…sonst tue ich es!“, bestimmt Stephan plötzlich streng und sieht seine Mutter an. Ihr Herz steht fast still. Sie weiß vor Verzweiflung nicht was sie sagen soll.
„Junge…ich…ich kann nicht…“, schluchzt sie dann plötzlich. Georg schüttelt nur mit dem Kopf und nimmt Gesine in den Arm.
„Na toll! Was sollen sie mir sagen? Das wir keine Zukunft haben? Dass ich alle in Gefahr bringe, wenn man herausfindet, wer ich bis heute war? Das weiß ich doch alles. Wir haben schon alles abgesprochen. Wir werden drei Jahre warten, dann erinnert sich eh keiner mehr an mich und wir sind beide Volljährig, da kann uns keiner mehr was bestimmen. Macht euch also keine Gedanken darüber.“ „Bettina! Diese Gefühle die du zu ihm hast…das…das sind dieselben Gefühle, die ich zu dir habe! Vertrauen, Zuneigung, Freundschaft…Liebe auch Verlust- und Trennungsängste. Aber das was du mir vorhin beschrieben hast…das…sind andere Gefühle, es sind noch mehr, auch aufregende Gefühle…das ist es, was ich bei Isabell fühle. Aber das ist es…was den Unterschied macht.“ Tina sieht ihn total verdattert an.
„Was…was willst du mir denn damit sagen? Willst du mir sagen, dass ich noch zu jung bin…zu jung, um das zu unterscheiden? Ich…ich will doch aber immer in seiner Nähe sein. Ich vermisse ihn unwahrscheinlich, seitdem er weg ist und jetzt…jetzt willst du, dass ich das ignoriere?“ Stephan geht ein paar Schritte auf sie zu und bleibt ebenso auf der Treppe stehen.
„Bettina, sogar ich fühle fast dasselbe wie du…für Karl-Heinz.“, gesteht er ihr plötzlich. Ihre Augen sehen ihn glasig und verwirrt an.
„Wirklich? Hast…hast du dich deswegen von Isabell getrennt?“
„Nein, das was ich fühle…ist nicht viel anders, als das was ich für dich empfinde, aber ich wusste anfangs nicht warum und wieso ich sie lieben kann und alles aufregend ist, ich sie küssen will oder berühren will und warum ich trotzdem Zuneigung zu Karl fühle. Es ist anders, es ist nur wie bei uns oder wie bei einer sehr tiefen Freundschaft.
Es ist nicht wie bei ihr, dass ich gerne eine Umarmung möchte, sondern eher, dass man Spaß hat und eine schöne Zeit miteinander verbringt. Mir tat es immer weh, wenn er sich verletzte und seine Eltern ihn traurig machten. Aber wenn ihm die Mädchen zujubeln und wenn er über jemanden redet, das stört mich gar nicht. Das ist einfach nur so. Es fühlt sich alles genau so an wie bei dir.“
„Bettina, bitte sei so lieb und komm mit in dein Zimmer. Wir sollten uns dort hinsetzen.“, spricht Georg plötzlich ein ernstes Wort, aber klingt sehr ruhig und auch etwas verzweifelt. Tina sieht ihn überrascht an.
„Warum? Ich…ich will doch jetzt los.“
„Bitte…danach kannst du gehen wohin du willst. Wir…müssen reden und es dir erklären.“
„Papa, Mama? Versprecht ihr es mir? Wenn ich zuhöre, dann darf ich danach gehen wohin ich auch immer will? Egal wohin? Und egal mit wem?“
„Ja. Dir steht danach die ganze Welt offen, aber zuerst reden wir. Dein Bruder hat Recht. Ich weiß nicht warum, aber er scheint bereits mehr zu wissen, als wir es dachten.“ Beide Geschwister sehen hoch zum Vater und Tinas Puls steigt enorm an.
‚Was ist denn nur los? Ich will…ich will doch nur zu Karl. Ich will, dass er mich in die Arme nimmt und ich den ganzen aufregenden Tag hinter mich bringe. Ich will ihn trösten, weil seine Eltern nicht gekommen sind. Ich will ihm jetzt in die Augen sehen und seine Nähe spüren…nichts Anderes. Was wollen die denn jetzt reden? Ich habe keine Zeit dafür. Karl fährt doch schon gegen 22 Uhr rum los. Uns bleiben nur noch wenige Stunden bis dahin und mit der Bahn brauche ich auch noch gut ne halbe Stunde. Dann ist es zu dunkel.‘ Tina nickt. Stephan geht vor und ihre Mutter sieht zu Georg auf und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
‚Ach meine arme Kleine. Wie sollen wir euch das beiden denn nur erzählen? Du darfst nicht zu ihm gehen. Das hätten wir schon eher merken müssen.‘ In der Annahme, dass sich die Familie in Tinas Zimmer zum Gespräch einfindet, drehen sich alle um und gehen ins Zimmer. Plötzlich hören sie jedoch, dass die Treppe hastig heruntergetrampelt wird.
„Bis später.“, sagt Tina noch schnell und schon ist ihre Hand auf der Haustürklinke. Doch plötzlich ertönt Georgs laute kräftige Stimme.
„Halt! Bettina! Ich sagte danach…war das so schwer zu verstehen?!“ Tina zuckt zusammen. Noch nie hat ihr Vater so mit ihr gesprochen. Sie hält inne und schaut zu Boden.
„Aber…ich…ich muss mich doch verabschieden. Karl fährt schon um zehn, nicht erst morgen.“
„Das ist egal. Familie geht vor, oder sind wir plötzlich nicht mehr wichtig?!“ Ihr Herz pocht sehr laut und die Aufregung, dass Ihr Vater sie so streng anspricht irritiert sie, aber ihr Herz sagt ihr, dass sie gehen muss, wer weiß wann sie ihn je wieder sehen wird. Telefonieren ist doch nicht alles.
„Es tut mir leid Papa, aber…Karl wartet doch schon. Einer muss ihn doch trösten…seine Eltern sind nicht gekommen.“ Sie dreht sich verzweifelt um und schreit ihn dann weinend an.
„Ist es denn auch verboten einen Freund zu trösten?!“ Dann dreht sie sich um und klickt die Klinke runter.
„Stopp! Nein, das ist es nicht. Du kannst zu ihm gehen, wenn wir geredet haben. Ich…ich bringe dich auch persönlich mit dem Auto zu eurem Treffpunkt. Versprochen.“, sagt er dann plötzlich ruhig. Tina schüttelt den Kopf.
„Jetzt willst du mich nur reinlegen. Wenn ich gehen dürfte, könnte ich es doch auch jetzt. Ich bin rechtzeitig wieder zu Hause. Tut mir leid.“
„Tina! Hör ihnen erst zu! Es ist zu wichtig!“, ruft Stephan. Wieder schüttelt sie den Kopf.
„Warum? Warum darf ich denn nicht gehen? Ihr…ihr macht mir Angst. Ihr…“, fängt sie plötzlich an zu schluchzen und schüttelt wieder den Kopf.
„Ihr…seid so gemein…ihr wisst, dass ich euch…unendlich lieb habe…und trotzdem…trotzdem tut ihr mir das an? Warum darf ich nicht mit Karl-Heinz einfach zusammen sein? Was habt ihr denn nur gegen ihn? Wovor…wovor habt ihr Angst?“
„Schwesterchen? Warte. Karl-Heinz ist unser…Bruder! Ich habe es selbst erst vor Kurzem erfahren…Henry lebt! Karl-Heinz ist unser Henry, dein Zwillingsbruder, mein Bruder.“, ruft Stephan mit verzweifeltem Ton durch das Haus. Plötzlich lässt Tina die Klinke los. Ihr Herz scheint still zu stehen und sie kneift die Augen zu. Es ist zuerst still. Sie schüttelt den Kopf wie eine Wilde.
„NEIN, NEIN, NEIN! Das kann nicht sein…!“ Stephan geht die Treppe herunter und stellt sich hinter sie.
„Doch, diese Gefühle, die du zu ihm hast…das sind nur Gefühle wie eine tiefe Geschwisterliebe.“
„Es stimmt, Liebes. Deswegen müssen wir reden. Auch wenn es jetzt schon viel zu spät ist.“, kommen zusätzlich ruhige Worte von Georg, welcher ebenso die Treppe herabgeht und zu ihr kommt. Tina sackt plötzlich zusammen. Sie kniet an der Tür und fängt bitterlich an zu weinen. Ihr Herz tut ihr unendlich weh.
„Henry? Aber…nein…wieso? Warum denn?“
‚Was sagen die denn da? Das kann doch gar nicht sein. Ich denke er ist gestorben…warum sollte er denn leben? Und dann…er sieht doch Rudi so ähnlich. Da gibt es doch gar keinen Zweifel.‘
„Ihr lügt…Karl sieht genauso aus wie Rudi, er kann nur sein Sohn sein!“ Sie richtet ihren Kopf fest überzeugt auf und sieht schluchzend zu ihrem Vater auf. „Ihr…seht euch gar nicht ähnlich. Und ich…ich sehe aus wie Mama. Das ergibt keinen Sinn.“
„Wir…erklären es euch. Stephan? Bitte kommt ins Wohnzimmer. Ich hole Mama.“
Nach einer langen Erklärung und vielen Tränen, verlässt Tina das Haus. Sie hat eine pinke kurze Trainingsjacke, eine kurze Radlerhose und einen kurzen schwarzen Rock an, als sie losläuft, um den Kopf frei zu kriegen. Sie hat sich entschieden Karl-Heinz nun nicht zu verabschieden. In ihren jetzigen Gedanken könnte sie ihm niemals wieder in die Augen sehen. Wie soll sie ihn denn ansehen und verabschieden, wenn er nicht weiß, dass sie Zwillinge sind? Sie läuft gut eine halbe Stunde lang so schnell sie im Ausdauerlauf laufen kann und versucht sich nur auf die Atmung zu konzentrieren. Sie läuft am Park entlang. An einer kleinen Kleingartenanlage und dann an einigen kleinen Hotels. Plötzlich stolpert sie über eine Erhebung durch eine Baumwurzel, die im Weg ein paar Pflastersteine angehoben hatte. Tina strauchelt und versucht sich noch zu halten, aber vergebens. Der Schwung vom schnellen Laufen war zu groß, um sich zu halten und sie fällt direkt nach vorne auf die Knie. Sie stützt sich noch etwas mit den Armen ab, aber viel hilft es leider nicht. Sie liegt plötzlich der Länge nach da und dann dreht sie sich gleich auf den Rücken, damit sie den Schaden so gering wie möglich hält, als ihre Knie aufgeschlagen und Ellenbogen aufgeschürft sind. Bewusst schaut sie sich den Schaden lieber gar nicht erst an. In ihr kommen plötzlich wieder bittere Tränen. Die Vorstellung, dass sie Karl nie wieder sehen kann und dass sie hier liegt wie eine angefahrene Kröte, das macht sie unendlich traurig. Der Schmerz an den offenen Stellen ist zwar unerträglich, aber damit kommt sie sonst auch immer klar.
‚Karl…warum nur? Du bist Henry? Dann hat Stephan Recht? Was fühle ich denn dann für dich? Das ist doch total doof. Ich liebe dich doch, oder nicht? Und dann…oh nein…wir…haben etwas Verbotenes getan…verdammt. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Mama, Papa, warum? Warum habt ihr es nicht einfach mal gesagt? Spätestens als ich älter wurde und ihr mitbekommen habt, dass ich ihn mögen könnte. Warum nur? Ich…ich hätte es doch verstanden. Und nun? Nun liege ich hier und weiß wieder nicht wer ich bin. Zuerst konnte ich es ihm nicht sagen und jetzt wieder nicht. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen.‘ Bittere Tränen laufen an ihren Wangen herunter.
‚Wer bin ich denn überhaupt? Woher soll ich wissen wen ich mögen darf? Ich hasse mein Leben so sehr.‘ Es vergehen ein paar wenige Minuten.
Plötzlich hört sie Schritte und sie versucht sich die Tränen wegzuwischen und sich hinzusetzen.
‚Wer ist das? War ich doch so laut, dass man mich gehört hat? Wie peinlich und armselig ist das denn hier? Hocke hier auf dem Boden wie eine angefahrene Katze. Ich kann mich noch nicht bewegen. Ich muss noch etwas warten. Ich hoffe da kommt kein Blödmann, das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen.‘
Einige Minuten davor steht Kojiro im Garten eines kleinen Hotels und trainiert mit dem neuen schwarzen Ball, den ihn Trainer Kira geschenkt hatte. Dieser ist deutlich schwerer als ein gewöhnlicher Ball und er probiert seinen speziellen Tigerschuss mehrmals aus, um ihn stärker zu machen. Seine Gedanken sind beim Spiel und den wahnsinnigen Duellen. Er weiß, er muss sich jetzt was einfallen lassen, damit er für die entscheidenden Spiele für sein Team da sein kann.
Als er zum zigsten Mal ansetzt, hört er plötzlich ein dumpfes Geräusch in der Ferne, dann einen kurzen Aufschrei und ein leises Wimmern. Er schaut auf und geht dann in Richtung Zaun.
‚Was war das? Hörte sich an wie ein Sturz oder ein Schlag. Aber…wo war das und wer?‘ Er sieht sich um, versucht im Dämmerungszustand in den Park etwas zu erkennen und entdeckt ein paar Meter weiter im Schatten der Baumkronen mitten auf dem Pflastersteinweg einen flachen Schatten, der sich bewegt. Es ist ein leises Wimmern, ähnlich einem Weinen zu hören. Sehr leise und flach, aber er kann es als das deuten, da kein Lüftchen weht.
‚Da ist also doch jemand gestürzt. Die Person scheint alleine und verletzt zu sein. Sonst würde sie doch gleich wieder aufstehen.‘ Er sieht sich um und entdeckt das Gartentor der Hotelanlage. Er eilt hin und stellt jedoch fest, dass es verschlossen ist. Festentschlossen entscheidet er sich dann einfach über den Zaun zu klettern. Er weiß, dass er das Gehöft nicht verlassen darf, aber irgendwer muss der Person doch helfen, wenn niemand mehr in der Nähe ist. Er geht langsam und zurückhaltend auf die liegende Person zu.
‚Oh, der Kleidung nach zu urteilen eine Frau, eventuell die Joggerin von eben. Ich glaube einen Schatten gesehen zu haben, der an mir vorbeilief.‘ Er betrachtet sie von der Seite und plötzlich setzt sich das Mädchen aufrecht hin und schaut zur Seite in seine Richtung. Er ist sehr erstaunt, als er sie deutet.
‚Ein Mädchen, keine Frau. Was machst sie denn um diese Zeit noch draußen?‘ „Hi, kann ich helfen? Ist alles okay?“, spricht er sie höflich auf Englisch und mit einem besorgten Blick an. Sie lächelt, als sie ihn erkennt.
‚Wie peinlich ist das denn jetzt? Ausgerechnet die Nummer 9 steht hier vor mir? Was mache ich denn jetzt? Wo kommt er denn auf einmal her? So in diesem schwarzen Trainingsanzug sieht er ganz anders aus.‘
„Hi, danke. Ich…ich muss noch etwas warten bis ich aufstehen kann.“ Er schaut ihr überrascht auf die Beine.
„Das sieht aber schlimm aus. Das müssen Sie schnell reinigen. Haben Sie es weit bis zum nächsten Arzt?“
„Oh, das bringt nichts. Da hat keiner mehr auf und für die Notaufnahme ist die Verletzung nicht schlimm genug. Ich schaff das schon irgendwie nach Hause. Ich muss nur noch etwas abwarten.“
„Worauf warten?“, versteht er nicht ganz.
„Naja, darauf, dass der Schmerz etwas nachlässt. Kennst du das? Es ist besonders toll, wenn der Schmerz nachlässt.“, grinst sie ihn an.
‚Komisches Mädchen. Das muss doch weh tun und sie macht Scherze? Wieso kommt sie mir so bekannt vor? Sie erinnert mich an den kleinen Verteidiger von heute. Er war derart flink und hatte wahnsinnige Tricks drauf.‘ Kojiro hockt sich vor sie und betrachtet ihre Wunden genauer.
„Ich würde da nicht länger warten. Ich könnte unseren Mannschaftsarzt fragen, oder unseren Spieler, der Mediziner werden will, er kann dir sicher auch schon helfen und er hat alles bei sich.“
„Oh, glaubst du das würde er tun? Euer Mannschaftsarzt? Das wäre wirklich nett. Holst du ihn her?“
„Ich würde dich zu ihm bringen. Ich lass dich doch nicht alleine im Dunkeln hier.“, spricht er plötzlich ernst. Tina versucht sich langsam aufzurichten, aber es schmerzt wirklich sehr. Sie kneift die Augen zu und Kojiro will ihr helfen, als er es bemerkt und reicht ihr die Hand.
Plötzlich sind männliche Stimmen zu hören. Eine Gruppe junge Männer, kommen von der anderen Seite in ihre Richtung. Sie sind etwas angetrunken und unterhalten sich. Als sie Tina erblicken, wie sie am Boden liegt und eine dunkle männliche Gestalt neben ihr, gehen sie schneller und dann sehen sie Tinas Verletzungen und sehen Kojiro zornig an.
„Kleines, alles gut? Was hat er dir angetan? Du siehst ja schlimm aus.“, spricht einer von ihnen sie besorgt und mit geballten Fäusten an. Tina versucht es so ruhig wie möglich.
„Danke der Nachfrage. Ich bin nur beim Joggen gestürzt und das wars schon. Sie können alle wieder weitergehen. Mir wird bereits geholfen.“
‚Oh man, das kleine Mädchen spielen ist echt schwer. Was mache ich denn jetzt?‘
Die anderen drei haben sich bereits hinter Kojiro gestellt.
„Das sieht aber anders aus.“ Tina setzt nun einen sehr ernsten Blick auf und greift nach Kojiros Hand, die neben ihr in Kopfhöhe ist. Als er ihr hochhelfen wollte und die Männer auftauchten, da stellte er sich wieder aufrecht und nahm seine Hand zurück. Kojiro ist verdutzt, als er ihre Hand spüren kann. Überrascht sieht er sie an.
„Was ist los? Ich verstehe nichts.“
„Sie verstehen es falsch. Bitte hilf mir auf die Beine. Ich kläre das. Ich habe gerne den Boden unter den Füßen.“, lächelt sie ihn an. Mit etwas starkem Herzklopfen greift er natürlich kräftiger zu und sie kann sich gut aufrichten, ohne ihre Beine zu sehr zu belasten. Sie hält sich dann an ihm fest, als wären sie sich vertraut. „Sehen Sie, alles gut. Wir kennen uns. Sie können wieder gehen. Wir kommen alleine klar.“, grinst sie in die Runde, damit es alle bemerken, dass sie nicht gebraucht werden.
„Was jetzt? Sprecht ihr Englisch? Kann der Chinese kein Deutsch, oder wie?“, haut plötzlich einer von ihnen raus. Zwar war es auf Deutsch, aber so viel kann Kojiro verstehen, dass man ihn für einen Chinesen hält. Er brummt ihn plötzlich mit einem strengen Blick an und antwortet auf Englisch.
„Ich bin Japaner, kein Chinese!“
„Wo ist da der Unterschied? Schlitzauge ist Schlitzauge.“, kommt gehässig auf Englisch zurück. Es steigt eine unglaubliche Wut in Kojiro auf und Tina kann es sehr wohl anhand seines Drucks in der Hand spüren. Er versucht sich bei ihr zurückzuhalten, aber trotzdem wird der Druck immer stärker und sie muss selbst gegensteuern. Sie sieht zu ihm auf.
„Er will dich nur provozieren. Lass ihn reden. Betrunken sind die auch.“ Kojiros rechte Hand ist bereits eine feste Faust und sein Blick ist fest auf den gerichtet, der diesen Kommentar aussprach.
„Das…kann ich nicht so stehen lassen.“, knurrt er leise und sein Puls steigt weiter an.
‚Ist ihm nicht klar, dass er die Lage nur schlimmer macht, wenn er sich provozieren lässt?‘
„Ach, der kleine Chinese fühlt sich wohl gekränkt?“, wird er erneut angemacht und in dem Moment geht Kojiro einen Schritt vor in seine Richtung. Er blickt böse zu ihm auf und knurrt ihn wütend an.
„Denk doch an die Meisterschaft! Willst du, dass deine Freunde ohne dich spielen?“, flüstert sie ihm plötzlich sehr leise zu und fasst seinen linken Arm. Er stutzt und dreht sich zu ihr um. Dann sieht er ihr verdutzt in die hellen Augen.
‚Sie weiß wer ich bin? Woher? Sie hat aber Recht. Das würde Tsubasa auch sagen. Woher weiß sie wer ich bin?‘ Sein Puls sinkt einerseits, weil seine Wut etwas sinkt, aber als er ihr in die Augen sieht, bleibt sein starkes Herzklopfen erhalten, es fühlt sich nur auf einmal anders an.
„Ui ui ui…was für ein Blick.“, haut der eine plötzlich aus und hebt die Hand. „Männer, wir gehen. Die kommen scheinbar alleine klar.“, meint er plötzlich. „Wieso? Wovon redest du?“
„Wir haben uns vergewissert, ob es ihr gut geht, mehr können wir nicht tun.“, meint dieser dann und entfernt sich von allen.
‚Hm, ich glaube, wir haben die beiden gerade gestört. Er wollte ihr vermutlich wirklich nur helfen. Und was war das eben für ein böser Blick?‘ Die anderen grummeln zwar etwas, aber sie verlassen ihren Standort und gehen ihm nach.
„Ihr solltet nicht so lange draußen im Dunkeln unterwegs sein. Kleine Kinder gehören ins Bett.“, ruft der Mann ihnen noch belustigt zu und dreht sich nochmal kurz zu ihnen um.
„Wir sind keine Kinder, klar?!“, ruft Tina brummig, aber etwas mit einem Lächeln zurück. Sie ist sehr erleichtert, dass sich die Situation doch noch aufgelöst hat und alles gut ausgegangen ist. Sogar für einen kleinen Scherz war man bereit.
Kaum sind die Männer außer Hörweite, spricht Kojiro sie fraglich an.
„Du weißt wer ich bin?“ Sie sehen sich beide in die Augen. Tina wird plötzlich etwas verlegen, als sie immer noch seine warme, kräftige Hand in ihrer eigenen spüren kann und bemerkt, dass ihre andere Hand noch immer seinen Arm berührt. Ihr Herz klopft ganz doll und sie weiß nicht so richtig was sie jetzt sagen soll. Es dauert ein paar Sekunden bis sie die richtigen Worte findet. Dann lässt sie ihn los und sieht etwas verlegen zur Seite.
„Ich…äh…ja…ich habe…das Spiel gesehen. Du…du bist die Nummer 9.“
„Oh, naja…war ziemlich peinlich, diese Niederlage.“, dreht er sich auch etwas um und schaut in den Park.
‚Du meine Güte, wieso macht sie mich denn jetzt verlegen? Hübsch ist sie ja.‘
Die Begegnung im Park
Kapitel 2
Die Begegnung im Park
„Wie peinlich? Gar nichts war peinlich! Ihr habt doch phantastisch gespielt. Es kann eben nur einer gewinnen. Ihr habt das Team ganz schön durcheinandergebracht.“ Er stutzt, sieht auf und dreht sich wieder zu ihr.
„Glaubst du? Spielen die sonst anders?“
„Ja, natürlich. Gegen dieses Team nur 3 Punkte hinterherzuhängen ist eine Glanzleistung und hat euch sicher etwas weiter vor in der Rangliste der geheimen Favoriten gebracht. Immerhin hat man von dem Team mindestens zehn Tore ohne Gegentor verlangt. Gegen einen Außenseiter in der Regel kein Problem. Aber ihr habt zwei Tore geschossen und ihren Spielrhythmus total durcheinandergebracht. Das muss erstmal jemand schaffen. Ihr könnt wahnsinnig stolz auf eure Leistung sein. Ihr seid ein tolles und starkes Team.“, plappert sie ihn voll. Er sagt nichts und sieht sie nur nachdenklich an.
‚Wer ist dieses Mädchen? Warum glaubt sie, dass wir ein gutes Team sind?‘
„Wie geht es deinen Beinen? Du musst doch große Schmerzen haben.“, blickt er dann an ihr herunter und sieht wie aus einem der Knie noch etwas Blut durch den Druck beim Stehen kommt.
„Ach, wird schon. Schmerz vergeht, weißt du? Ich habe mich gleich auf den Rücken gelegt, damit die Gefahr geringer ist, dass etwas in die offenen Wunden kommt. Mehr konnte ich in dem Moment nicht machen. Mich ärgert es viel mehr, dass ich meine Prüfung übermorgen vergessen kann.“, grummelt sie.
„Er vergeht? Wollen wir dann jetzt zum Doktor gehen? Du musst hier nicht vor mir die Starke spielen, nur damit ich dich nicht trage oder so. Kannst du denn laufen?“ Sie kichert.
„So war das nicht gemeint. Natürlich tut es sehr weh, aber ich kann das ignorieren, das meinte ich damit.“
„Du bist seltsam. Kannst du nun laufen oder soll ich dich tragen?“, fragt er stutzig und etwas ernst. Tina ist erstaunt, dass er so streng klingt.
„Es geht schon. Wenn du mich stützt, sollte das reichen.“ Somit klemmt er ihren linken Arm unter seinen und sie gehen langsam los. Es ist still und kaum sind sie ein paar Schritte gegangen, kneift Tina die Augen schmerzerfüllt zu und flucht leise.
„Verdammt.“ Sie bleiben stehen.
„Was ist? Du humpelst so. Ist was mit deinem Fuß?“ Sie nickt betrübt und stöhnt genervt aus.
„Ja, mein linker Fuß tut auch weh. Ich glaube er ist mehr als nur etwas umgeknickt. Vielleicht ne Zerrung? Eben tat es noch nicht so weh.“
„Meiner Meinung nach solltest du den Druck auf deine Beine und den Fuß schonen und der Weg ist zu weit. Wir müssen einmal komplett um das Hotelgelände rumlaufen.“
„Ach so? Wo bist du denn überhaupt hergekommen?“ Er zeigt zum Hotel neben ihnen.
„Von dort, aber das Tor ist abgeschlossen, da kommen wir also nicht durch.“
„Wie jetzt? Vom Garten des Hotels? Wie bist du denn da so schnell hergekommen?“
„Über den Zaun, wie denn sonst? Ich habe was Seltsames gehört, dann gesehen, dass jemand hier liegt und bin drüber geklettert.“
„Wow, okay, das sind mindestens drei Meter.“
„Das ist kein Problem, ich bin ein guter und schneller Kletterer.“, lacht er plötzlich etwas, dann sieht er sie an und grinst.
„Darf ich dich nun tragen oder ist dir das unangenehm? Immerhin bin ich der Gegner deines Lieblingsteams.“, neckt er etwas. Tinas Herz schlägt erneut wie wild, als er sie mit seinen braunen Augen ansieht.
„Ähm…nein…äh…ja. Bringt ja nichts. Aber ich bin nicht so leicht wie ich aussehe.“
„Komme ich dir denn zerbrechlich vor?“, kommt als Gegenwind. Kurz darauf lässt er sie vorsichtig los, damit sie kurz steht, zieht seine Jacke aus, drückt sie ihr in die Hände und dann nimmt er sie einfach an den Schenkeln und am Rücken hoch.
„Leg dir die Jacke über die Beine, wenn du nicht willst, dass dich jemand so sieht. Es ist auch etwas frisch und windig geworden.“ Es ist wieder ruhig. Beide können eine ganze Weile nichts sagen. Ihre Gedanken sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Kojiro versucht sich aufs Gehen zu konzentrieren, statt darüber nachzudenken, dass er gerade ein fremdes Mädchen in den Armen hält und seine Hände und Arme irgendwie ihre Beine und den Rücken berühren. Er will doch nur höflich sein und seine Pflicht als Mann erfüllen und ihr helfen, so gut er kann. Trotzdem ist sein Puls aufs Maximum angestiegen, als würde er wie ein Verrückter auf dem Feld den Ball nach vorne spielen wollen und seine Gegner wegpusten, um ein Tor zu schießen.
Sie spürt seine Aufregung und deckt sich mit seiner Jacke einfach nur zu. Zuerst schaut sie nur nach vorne, um zu sehen wo er langgeht, aber dann kann sie der Versuchung nicht widerstehen und sieht zu ihm auf in sein ernstes kantiges Gesicht. Überhaupt kommt er ihr für sein Alter sehr maskulin rüber. Ihr Gesicht stößt etwas gegen seinen Oberarm. Kojiro hat unter seiner Jacke nur ein kurzärmliges Shirt an und wie üblich trägt er die Ärmel hochgekrempelt.
‚Wieder die Ärmel oben. Das muss wohl seine Masche sein. Das hat mich beim Spielen auch total abgelenkt. Zuerst ging es und ich habe das nicht so beachtet, weil ich mehr auf seine Angriffe fixiert war, aber dann…dann stand er plötzlich so nah vor mir und statt ihm wie zuvor und jeden anderen einfach den Ball abzujagen und ihm seinen Schwung rauszunehmen, konnte ich mich nicht rühren und ließ ihn mich zur Seite stoßen. Meine rechte Schulter tut mir jetzt noch davon weh. Er ist ein sehr guter Stürmer und hat die Lücke sofort erkannt und ausgenutzt.‘
„Wie…wie alt bist du eigentlich? Und wie heißt du genau?“, versucht sie ein einfaches Gespräch zu beginnen. Ihr Herz schlägt so hoch, dass sie es sich nicht wirklich erklären kann. Sein Geruch steigt ihr in die Nase und obwohl sie genau weiß, dass er etwas geschwitzt haben muss, empfindet sie es nicht als unangenehm. Sie ist zwar so einiges an unangenehmen Gerüchen von den Jungs aus ihrem Team gewohnt, aber bei ihm wundert es sie, dass es sie gar nicht stört auch nur von ihm getragen zu werden.
„Ich bin noch 14, aber in einigen Tagen werde ich 15. Hyuga, Kojiro Hyuga. Und du?“, sagt er mit stolzer Stimme und sieht ihr in die Augen. In diesem Moment stehen sie unter einer Straßenlaterne, die viel Licht nach unten auf den Gehweg strahlt.
‚Was sind das für schöne Augen? Was…ist das überhaupt für eine Farbe? Grün oder Blau?‘
„Ich heiße Tina, also eigentlich Bettina. Aber alle nennen mich nur Tina. Und ich bin gerade 16 geworden, also jetzt im Juli.“
„So wie Tina Turner?“
„Ja genau.“
„Warum?“, wundert er sich.
„Wie warum? Warum was? Weil meine Eltern mir den Namen gegeben haben?“ „Nein. Na, warum nennen dich die anderen nur einfach Tina? Bettina klingt doch viel…hübscher?“, kam als Antwort und plötzlich sieht er weg. Ihm wird plötzlich klar, dass er ihr ein Kompliment gemacht hat. Seit wann macht er Mädchen denn Komplimente? Er sagt gerne jemanden bei Gelegenheit seine Meinung, aber ein Kompliment kam da noch nie bei raus.
‚Bin ich doof? Habe ich gerade gesagt, dass sie einen hübschen Namen hat? Verdammt…wieso…macht sie mich verlegen?‘ Tina ist erstaunt und wird selbst etwas rot im Gesicht.
„Äh…oh…das…meinst du das ernst? Das…hat noch…nie jemand gesagt. Außer mein großer Bruder.“, kann sie nur etwas benommen sagen. Kojiro sieht sie dann wieder an.
„Du hast…Geschwister? Einen großen Bruder?“ Diesmal schaut Tina zur Seite. Seine liebevollen braunen Augen machen sie mehr als nur verlegen. Ihr Herz klopft wie wild. So richtig kann sie es jedoch nicht einordnen.
„Äh, ja. Hast…du…denn auch Geschwister?“
„Ja, ich bin der Älteste von vier Kindern. Meine Geschwister sind aber viel kleiner als ich.“, berichtet er mit stolzer Stimme und lächelt etwas dabei.
„Oh. Wie alt ist denn das älteste Geschwisterchen?“
„Erst zehn und das jüngste 6.“
„Wow, du bist also ein richtig großer Bruder? Die Kleinen lieben dich bestimmt sehr.“
„Kann man so sagen.
Und du…wie groß, also wie alt ist dein großer Bruder?“ Tina grinst etwas.
„Keine Angst. Er ist 17 und wird im Dezember 18. Er ist zwar größer als du, aber er würde dich mögen. Er mag deinen Stil zu spielen.“
„Dann ist er wie du ein Fan von Wakabayashis Team?“ Sie schweigt kurz. „Das...kann man so sagen, ja.“
„Wie meinst du das? Ist er Fan oder nicht?“
„Ganz ehrlich? Ich...ich...mag dich...du bist sehr nett und hilfst mir. Und ich mag...auch...wie du und deine Freunde spielen...und...mein Bruder...der ist...naja...kein Fan, weißt du?“ Sie sieht ihn verlegen an und in ihr macht sich eine Art Kloß breit, als hätte sie den Drang, ihn nicht anlügen zu können.
„Er ist...du hast...gegen ihn gespielt.“, haut sie leise aus und plötzlich bleibt er stehen und starrt sie verdutzt an.
„Wie bitte?“
„Es tut mir leid. Setz mich einfach ab. Ich…kann das verstehen, wenn ich…dich jetzt in deinem Stolz verletzt habe. Tut mir leid.“
„Wer? Wer ist es?! Sag schon!“, steigt sein Puls erstaunlich schnell an und Tina kann spüren wie sein Druck in den Händen anders wird. Sie hat das Gefühl, als würde er sie gleich loslassen.
„Mein großer Bruder…ist…Stephan Fuchs, der große Verteidiger.“ Ihr Puls steigt enorm an und etwas Angst macht sich ihr breit. Tina glaubt, ihn verletzt zu haben. Das möchte sie doch aber gar nicht. Unehrlich zu ihm sein, will sie jedoch auch nicht unnötig.
„Dann…hast…du doch…aber zwei Brüder im Team?“ Ihre großen hellen Augen starren seine verdutzt an und ihre Blicke verharren.
„Ja. Tut mir leid. Ich…dachte…es…stört dich, wenn ich es gleich sage.“
‚Wenn…sie die Schwester von den beiden Verteidigern ist, dann…was soll das dann jetzt hier? Ist…das hier ein Spiel? Verdammt…ich habe mich täuschen lassen. Herr Mikami hat uns noch ausdrücklich gewarnt, das Geländer nicht zu verlassen. Verdammt…was ist…wenn die beiden mich in eine Falle locken wollen.?‘, geht ihm plötzlich irritiert durch den Kopf und er dreht sich mit Tina in den Armen suchend um und versucht in der Dunkelheit etwas zu sehen.
‚Stockduster. Verdammt. Was ist…?‘
„Was ist los? Wieso drehst du dich so rum?“, wundert sich Tina. Dann kommt eine brummige Stimme, die mit einer großen Portion Skepsis und Enttäuschung getränkt ist.
„Was soll das hier werden? Eine Falle? Mikami hat uns noch ausdrücklich vor den deutschen Fans gewarnt. Wo sind sie? Wo sind diese Typen von vorhin? Wann kommen sie wieder?“ In Tinas Brust macht sich plötzlich ein unglaublich großes Gefühl der Wut Breit.
„Was meinst du? Denkst du jetzt echt, ich will dich in eine Falle locken?“
„Was soll ich denn sonst davon halten? Das kann doch kein Zufall sein!“ Kurz darauf hat er eine heftige Ohrfeige sitzen und Tina beginnt rum zu zappeln.
„Lass mich los. Sofort! Wie kannst du es nur wagen!?“ Seine Worte tun ihr sehr weh und es schnürt sich gefühlt ihre Brust vor Enttäuschung zu. Ihr kommen unbemerkt ein paar Tränen und Kojiro hat Schwierigkeiten sie noch festzuhalten.
„Bitte! Dann bleib hier! Auf so ein falsches Spiel habe ich keinen Bock!“ Er lässt sie los und setzt sie ab.
„Verschwinde einfach! Ich dachte…du bist ein Gentleman, aber…stattdessen beleidigst du meine Brüder und mein Team? Ich…dachte du bist so nett wie Genzo, aber nein…Du beschuldigst IHN und mein Team?!“ Sie steht direkt vor ihm, schaut wütend zu ihm auf und schubst ihn dann weg.
„Verschwinde! Auf die Hilfe eines Heuchlers kann ich verzichten!“ Sie drückt ihm die Jacke in die Hand und versucht sich von ihm zu entfernen. Kojiro steht perplex da und kann gar nichts sagen.
‚Hat sie Recht? Liege ich falsch? Aber…das kann doch kein Zufall sein.‘ Erneut schaut er sich um und versucht jemanden zu entdecken. Tina dreht sich nochmal um.
„Falsches Spiel? Wie kannst du so gemein sein? Ich…hab ja schon einiges erlebt…aber das…das sprengt echt alles. Was erlaubst du dir über andere so zu urteilen?! Du kannst über mich ja denken was du willst, aber niemand beleidigt meine Freunde und schon gar nicht meine Brüder! Ist das klar?!“ Tina zeigt wütend auf ihn und ihr Blick ist fast wie zornig. Dann dreht sie sich um und geht einfach los. Kojiro sieht ihr nachdenklich nach.
‚Ob ich doch falsch liege?‘
„Warte…entschuldige.“ Tina hebt ihre Hand und winkt ihn quasi ab.
„Geh einfach wieder in dein Hotel und mache was du unterbrechen musstest. Ist mir scheiß egal! Ich komm alleine klar! Ich gehe jetzt einfach nach Hause. Schlimmer kann mein Tag eh nicht mehr werden.
Ihr Jungs seid am Ende alle die gleichen Idioten, egal wo ihr herkommt! Immer geht es nur um EUREN Stolz. Was andere dabei empfinden, ist euch total egal. Lass mich also ab jetzt in Ruhe!“
„Und du?! Du machst immer alles richtig, oder was?!“, haut er ihr an den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt. Niemand ist perfekt. Geh einfach.“
Brummig bleibt er stehen und sieht nur hinterher, wie sie etwas humpelnd in der Dunkelheit des Weges verschwindet. Dann zieht er seine Jacke wieder an und geht langsam zu seinem Hotel weiter, um wieder auf das Grundstück zu kommen. Etwa fünfzehn Minuten vergehen und dann steht er vor dem Eingang. Kojiro schaut nachdenklich hoch zu den Fenstern des Hotels.
‚Ich liege falsch…verdammt. Wenn es eine Falle wäre…dann wären die Kerle doch schon längst wieder aufgetaucht. Ich bin ein Blödmann. Wie kann ich nur ein Mädchen verletzt im dunklen Park alleine lassen? Wie blöd ist das denn? Was ist, wenn diese Kerle oder jemand anderes sie so verletzt vorfinden?‘ Sein Puls steigt immer mehr an, in der Annahme ihr könnte nun doch etwas passiert sein. Sofort macht er kehrt und läuft wieder zurück zu dem Punkt, wo sie sich getrennt hatten. Dann schlägt er den Weg ein, den sie gegangen ist. Er geht den Weg schnell, aber aufmerksam ab und plötzlich kann er ein weinerliches Schluchzen vernehmen. Er folgt dem Geräusch und bleibt dann vor einem Baum stehen, hinter dem ein Schatten ist. Verdutzt sieht er sie. Das hübsche deutsche Mädchen mit den geheimnisvollen hellen Augen. Tinas Kopf ist nach hinten an den Baum gelehnt, ihr Blick nach vorne gerichtet, ihre Beine liegen langgestreckt und ihre Arme liegen auf ihrem Schoß. Sie weint und als sie ihn bemerkt, dreht sie den Kopf zur Seite.
„Geh weg! Wer auch immer Sie sind!“, faucht sie laut auf Deutsch und greift zu einem dicken Stock neben sich und hält ihn drohend hoch.
„Ich bin es, Bettina. Tut mir leid.“, spricht Kojiro sie leise an und setzt sich einfach neben sie. Er winkelt die Beine an, legt seine Armen auf die Knie und schaut auch einfach nur hoch zu den Baumkronen.
„Verschwinde bitte. Ich…will nicht…dass du mich so siehst. Das…ist voll peinlich.“
„Mich stört das nicht. Wie weit hast du es bis nach Hause?“
„Das kann dir doch egal sein.“
„Ist es aber nicht.“
„Gut zehn Kilometer.“
„Oh, das bist du gelaufen?“
„Kein Ding…ich laufe auch Marathons.“
„Ich verstehe. Eine richtige Sportlerfamilie?“
„Ja. Ich schwimme und laufe gerne.“
„Willst du denn lieber nach Hause? Mein Angebot steht weiterhin, dich zu unserem Arzt zu bringen.“
„Eigentlich nicht.“
„Bettina, was ist passiert? Du weinst doch jetzt nicht meinetwegen, oder? Du hast vorhin auch geweint, als ich dich gefunden habe.“ Tinas Hand löst sich vom Stock und sie legt sie wieder auf den Schoß.
„Ich…ich hatte den schlimmsten Tag meines Lebens.“
„Oh, mein Tag war auch nicht gerade toll.“
„Weil du verloren hast?“
„Ja, das auch. Vor allem aber…weil ich ein totaler Trottel bin, wenn es um Mädchen geht. Da war so ein Mädchen, weißt du? Zuerst wollte ich ihr helfen und dann dachte ich, sie will mich verarschen und…dann war ich so dumm und…habe ihr nicht geglaubt. Aber ich glaube…sie braucht wirklich meine Hilfe.“ Tinas Blick wird weicher und ohne es wirklich zu merken, legt sie ihren Kopf an seine Schulter.
„Ich…dachte du lässt mich wirklich alleine. Ich war so froh, dass jemand kam, dem ich vertrauen kann.“ Es ist still. So richtig wohl ist ihr nicht dabei, aber irgendwie verspürt sie den Drang, ihm nah sein zu wollen.
‚Seltsames Gefühl, als könnte ich ihm alles erzählen. Und was er für eine angenehme Wärme ausstrahlt.‘
„Wie ist so ein Tag? Der schlimmste Tag deines Lebens? Ich dachte…ihr feiert euren Sieg?“
„Das dachte ich auch mal.“, haucht sie aus.
„Darf ich wissen…was passiert ist?“ Tina wischt sich die Tränen weg.
„Der Tag hat so gut begonnen. Wir freuten uns alle auf das Spiel. Endlich…lernten wir Genzos Freunde aus Japan kennen. Er schwärmte immer so von euch.
Nach dem Spiel kamen wir nach Hause, ich dachte wir haben einen schönen Abend und dann hatte ich einen furchtbaren Streit mit meiner Familie. Ein Streit mit meinen Eltern und auch mit Stephan.
Ich…ich habe etwas erfahren…es stellt plötzlich alles in meinem Leben auf den Kopf und…dann bin ich raus, ich wollte nur noch laufen. Laufen so lange ich konnte, um alles irgendwie zu vergessen. Das hilft in der Regel immer. Laufen bis alles weh tut und dann ins Bett fallen. Aber dann…stolperte ich, weil ich unaufmerksam war.
Naja, den Rest kennst du.“ Sie schluchzt und irgendwie kommen ihr wieder Tränen. Noch nie hat sie in der Nähe eines Jungen geweint. Sie nimmt es gar nicht wahr, dass sie weint.
„Hm. Streit mit der Familie. Das kenne ich gar nicht. Ich habe mich noch nie mit meiner Familie gestritten. Ab und an mal ein wenig mit meiner Mutter, aber eher sehr selten. Und die Kleinen…die sind immer lieb.“
„Ich…ich eigentlich auch eher selten. Und auch nie mit deinem Vater? Versteht ihr euch so gut?“
„Hm. Als er noch lebte, auch nie, nein.“, kommt nur leise. Es ist still und Tina wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Darf ich wissen…wie lange es her ist?“
„Gut sechs Jahre.“
„Kojiro…hast du trotzdem…jemanden zum Reden, wenn dir danach ist? Ich…habe irgendwie nur einen Freund. Also. Ich habe viele Freunde und ich kann mich auf sie verlassen, wenn ich sie brauche, keine Frage…aber zum Reden habe ich nur einen, meinen Bruder und diesen Freund.“
„Ja, ich habe zwei sehr gute Freunde. Sie sind sogar im Team.“
„Das kenne ich. Wie schön.“ Tina zappelt plötzlich mit dem linken Fuß.
„Diese dämlichen Verletzungen…das ärgert mich so sehr. Ich…kann jetzt gar nichts mehr. In zwei Tagen steht meine Prüfung an und jetzt das. Ich bin heute voll die Versagerin. Alles was ich heute mache…geht schief.“, schnieft sie vor sich hin. Kojiro atmet tief ein und dann wieder aus.
„Was meinst du damit? Welche Prüfung?“
„Ich wollte eine Prüfung zur Rettungsschwimmerin ablegen und mit diesen Verletzungen geht das jetzt nicht. Ich kann mich sicher erst in frühstens vier oder sechs Wochen nochmal anmelden. Ich…wollte mir jetzt noch in der Sommersaison etwas Taschengeld am Strand verdienen. Alles Mist. Jetzt bin ich 16 und kann nicht mal arbeiten gehen.“
„Du bist ganz sicher keine Versagerin. Dann musst du jetzt geduldig sein. Sicher kannst du später auch arbeiten und etwas Geld verdienen.“
„Schon, aber ich wollte es gerne mit dem Schwimmen machen. Wenn ich nur Geld bräuchte, könnte ich auch was anderes machen. Dabei würde ich sogar viel mehr verdienen und könnte mir die Schule ab jetzt sparen. Aber…im Moment…will ich erstmal meinen Abschluss machen.“
„Oh, was könntest du denn machen?“
„Dolmetschen. Ich spreche viele Sprachen fließend und in Wort und Schrift. Da würde sich was finden. Ich könnte beim Empfang in Hotels helfen oder bei großen Firmen.“ Kojiro schaut zu ihr.
„Welche Sprachen sprichst du denn so?“
„Naja, neben Deutsch und Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch und Hocharabisch. Im Moment bin ich dabei Italienisch zu lernen.“
„Wahnsinn. So viele Sprachen. Ich bin froh, dass ich Englisch kann, aber für den Sport brauche ich es auch. Ohne geht nichts.“
„Ist so ein Hobby von mir, weißt du? Immer wenn ich eine fertig habe, dann lerne ich die nächste.“
„Und…was ist nach Italienisch dran?“
„Ich weiß noch nicht. Ich entscheide das dann, denn ich mache es davon abhängig was ich brauche.“
„Was du brauchst? Ob du auch mal Japanisch lernst? Die Sprache soll für andere sehr schwer sein.“
„Keine Ahnung. Darüber nachgedacht hatte ich schon. Immerhin ist mein bester Freund Japaner.“
„Genzo? Den Erzählungen unseres Kapitäns nach hat er hier gute Freunde gefunden und ist sogar mit einem Mädchen befreundet.“
„Ja, Genzo. Wir gehen in dieselbe Klasse. Und die Jungs kennen sich natürlich. Ihr mögt euch nicht, stimmts?“
„Mögen ist ein starkes Wort.“
„Er hat mir von eurer ersten Begegnung erzählt. Ich wäre zu gerne Mäuschen gewesen, jetzt wo ich dich kenne. Sein dämliches Gesicht hätte ich zu gerne gesehen.“ Kojiro sagt nichts. Er wundert sich jedoch. Warum erzählt Genzo von ihrer Begegnung und dass obwohl er eine Niederlage einstecken musste.
„Du wunderst dich, dass er darüber erzählt hat? Immerhin war er der, der vor seinen Freunden gedemütigt wurde. Das hat er nur mir mal erzählt.“
„Wow. Ich hätte eher gedacht, er prahlt hier rum wie toll er doch ist.“
„Das hat er irgendwie auch. Aber…nicht wie du denkst. Er sagte bei seiner Ankunft, er stehe in Japan für seine Altersklasse an erster Stelle und das will er hier auch erreichen.“
„Das hat er gesagt?“
„Ja. Er hat zwar damit angegeben, aber er hat gleich gesagt was er hier will. Die Jungs haben ihn hart drangenommen, glaube mir. Und du, du bist der Grund warum er hierherkommen wollte, immer am Ball blieb und nie aufgegeben hat. Ohne dich…und seinem Freund, diesen Tsubasa, ohne euch beide wäre er niemals so stark geworden. Er wollte immer die starken Bälle von Hyuga halten…deswegen trainierte er hart und mit Karl-Heinz zusammen.“
„Du kennst ihn wirklich gut. Ich verstehe. Das kenne ich. Lernt man seine Grenzen kennen, dann…will man besser werden. Rivalität hat schon immer im Sport angetrieben. Ich hoffe, diese WM wird hier nicht unser Untergang.“, haucht er von sich selbst etwas enttäuscht aus.
„Das stimmt, aber glaubst du echt, ihr seid noch nicht soweit?“
„Ich weiß nicht. Wenn die anderen auch so stark sind wie dieses Team…dann wird es schwer.“
„Ihr habt gegen das stärkste Junioren-Team Europas gespielt. Hat euch Mikami das nicht gesagt? Karl-Heinz ist Europas stärkster Sturm, er spiel doch ab jetzt in München und wird dann pünktlich zur Champions Liga ins Profiteam wechseln. Und der HSV besteht nur aus vier Leuten in deinem Alter. Alle anderen sind mindestens 16. Ihr habt also nicht gegen irgendwen gespielt, sondern gegen die größten Talente, die Europa neben Frankreich und Italien bieten kann. Deutschland ist der Top Favorit neben Frankreich und Italien. Auf der Welt kann euch aktuell hauptsächlich Argentinien oder Uruguay gefährlich werden. Alle anderen spielen in der Altersklasse nicht mit. Sonst gäbe es da noch mehr Rivalen. Aber die fünf Teams müsst ihr im Auge behalten. Es braucht bei allen nur die richtige Strategie. Und du…du musst an drei Dingen arbeiten, dann kannst du es auch später bis an die Spitze schaffen. Das schaffst du ganz sicher auch jetzt nebenbei. Die WM geht zwar nur eine Woche lang, aber ihr habt morgen und übermorgen Probespiele, dann ein paar Tage frei und dann in Paris die WM. Diese Zeit musst du nutzen.“
„Oha. Du bist aber wirklich gut informiert.“
„Natürlich, das ist meine Aufgabe.“
„Du sagst mir, dass ich Fehler mache? Einfach so? Wow. Das hat sich nie jemand getraut. Nur mein persönlicher Trainer hat das je getan.“
„Typisch Mann. Gleich beleidigt sein, wenn man mal Kritik ernten könnte. Aber wir Frauen müssen immer alles ertragen was ihr an uns rummeckert.
Ich rede nicht von Fehlern, sondern, dass es Verbesserungsmöglichkeiten gibt.“ „Sorry, war nicht so gemeint. Klingt irgendwie trotzdem genauso. Was sollen das denn für Verbesserungen sein?“
„Hat Dir Mikami irgendetwas während eurer Vorbereitungszeit gesagt? Also etwas was Du persönlich verbessern musst?“
„Nö. Nix.“
„Hm…ich werde es dir erzählen, wenn du mir etwas versprichst.“
„Was denn?“
„Du musst…auf Genzo aufpassen. Ich werde es in Zukunft nicht mehr machen können.“
„Wie meinst du das? Wieso aufpassen?“
„Er ist mir sehr wichtig und ich…ich habe Angst, dass er irgendwann meinetwegen mal großen Ärger kriegt.“
„Deinetwegen? Ich verstehe nicht was du damit meinst. Was denn für Ärger?“
„Er sagte immer, alle seine Freunde kommen. Er freute sich so sehr und er hat das Spiel genossen. Ich habe ihn schon eine Weile nicht mehr so glücklich gesehen.“
Sie sieht zu ihm auf und berührt seine Schulter.
„Bitte Kojiro…du und deine Freunde müsst auf ihn aufpassen. Wenn er sich mal zu sehr verletzt oder so…dann muss er einfach vom Feld. Er kann ein richtiger Sturkopf sein, wenn es darum geht. Wie ein Esel. Du hast genau richtig reagiert, als euer Keeper verletzt wurde. Als Kapitän hast du genau richtig entschieden. Dir war klar, dass eure Nummer zwei niemals gegen Karls Schüsse ankommen würde, aber dir war die Gesundheit deines Keepers wichtiger. Und genau das müsst ihr auch tun, wenn Genzo sich verletzt. Er darf dann nicht weiterspielen. Ich…ich kann nicht mehr eingreifen…wenn er seinen Sturkopf durchsetzen will. Und jetzt in eurem Team sowieso nicht.“ Kojiro sieht erstaunt in ihre Augen.
„Ist er dir so wichtig, dass du mich darum bitten musst? Dann…magst du…ihn mehr…als einen Freund?“, kommt etwas zögerlich ein Verdacht über seine Lippen. Plötzlich verzieht sie das Gesicht.
„Man…ey, wir sind nur Freunde! Und das beruht auf Gegenseitigkeit, also…echt mal.“
„Äh, sorry. Es klang so.“, hebt er seine Hände und grinst.
„Genzo ist nicht mal annähernd mein Typ, also wirklich. Und er steht nicht auf Blondinen. Also perfekt für eine Freundschaft.“
„Okay, okay, mache ich. Natürlich schicke ich ihn dann vom Feld.“
Mein letzter und stärkster Gegner
Kapitel 3
Mein letzter und stärkster Gegner
Tina schaut ihn ernst an.
„Apropos Verletzung. Was ist jetzt? Ich kann dich zu unserem Arzt bringen. Oder geht’s dir jetzt besser?“
„Wenn du mich wirklich noch zu ihm bringen möchtest, gerne. Aber…ich muss dir vorher etwas Wichtiges sagen. Ich weiß nicht warum, aber…ich habe das Gefühl, dass ich…es dir sagen muss. Ich…will…nicht, dass du…mich für eine Lügnerin hältst.“, spricht sie wieder ernst aber mit sehr betrübtem Blick.
„Du bist irgendwie seltsam. Ich dachte, wenn ich wieder zurückkomme, ist das geklärt.“
„Das meine ich nicht. Du willst wissen wie es mir geht?
Wie geht es deiner Schulter und deinem Bauch? Fangen wir mal damit an.“, lächelt sie seicht.
„Wie soll es mir gehen? Ich habe nichts. Ich steck das weg. Du bist doch verletzt.“
„Also der Ball hat dich schon recht hoch befördert und du bist auf deine rechte Schulter gefallen. Das bleibt doch nicht ohne Folgen.“
„Musst du mich jetzt daran erinnern?“, zieht er ein fast zorniges Gesicht auf.
„Du kannst dich geehrt fühlen. Diesen besonderen Trick führt Karl nur auf, wenn er erkennt wie stark sein Gegner ist. Er hat dich also nur so hart drangenommen, weil er dich als ernstzunehmende Bedrohung sieht und einschüchtern wollte.“ Kojiro steht verdutzt auf und sieht zu ihr herab.
„Geehrt fühlen? Ich soll mich geehrt fühlen?! Du hast scheinbar keine Ahnung wie sich sowas anfühlt.“ Tina sieht zu ihm auf und lächelt. Gleichzeitig hat sie ihre Hände auf dem Schoß.
„Doch…ich weiß das. Ich weiß genau wie sich das anfühlt, Kojiro. Deswegen hast du vorhin so überreagiert. Weil du es in dem Moment gefühlt hast, als ich dir gesagt habe, wessen Schwester ich bin. Du musst viel von meinen Brüdern halten, ihre Stärke hat dich durcheinandergebracht. Karls Aktion und dann kommt dir diese Mauer entgegen, nicht wahr? Eine hohe starke Mauer, die sich schnell bewegen kann und sich entweder in den Weg stellt oder dir den Ball stielt, ohne, dass du es merkst.
Glaube mir…ich weiß ganz genau was du gefühlt hast. Aber glaube mal nicht, dass du der Einzige warst, der sich heute so fühlt hat. Es nennt sich Demütigung.“ Er macht Fäuste und starrt sie verwirrt an.
„Kojiro, glaube mir. Ich fühlte mich heute genauso…aber…jetzt…kann ich nur noch darüber lächeln, denn ich weiß…es gibt etwas was mir viel mehr wehtut. Und du…du hast es sogar noch eher erkannt als ich. Was genau war es, Kojiro? Was genau hast du in dem Moment gefühlt, als du deine Kapitänsbinde einem anderen überlassen hast und das Feld verlassen hast? Was hast du da gefühlt?
Der Moment, als du dich mit Genzo geschlagen hast, das war das Gefühl der Demut, aber danach, danach war es ein anderes Gefühl und das…war dir wichtiger.“ Entsetzt sieht er sie an.
‚Was meint sie denn?‘ Sein Puls steigt an und er kann ihr nicht so richtig folgen. „Bitte…erinnere dich genau an diesen Moment. Schließ die Augen dazu und erinnere dich und dann versuchst du es in Worte zu fassen. Denn dieses Gefühl…es wird dich antreiben. Vertrau mir, schließ die Augen und mach kurz das kleine Spielchen mit. Es wird dir in Zukunft helfen wichtige Entscheidungen zu treffen.“
‚Ihr vertrauen? Was hat sie vor? Die Augen schließen?‘ Er atmet tief durch und schließt tatsächlich die Augen. Seine Neugier ist zu groß. Manchmal hatte Ken auch solche seltsamen Tricks drauf und erst hinterher verstand er was es bezwecken sollte. Ihre angenehme zarte Stimme spricht leise und mitfühlend. „Beschreibe den Moment, als du die Binde übergeben hast. Du bist ein sehr guter Kapitän für dein Team, aber trotzdem hast du sie abgegeben und hast das Feld verlassen. Warum? Und warum genau diesem Jungen? Warum ihm?“ Es dauert etwas bis er antwortet.
„Matsuyama, er ist unser Stratege…er behält immer einen klaren Kopf und er kann das Team und somit Japan…nie enttäuschen.“, spricht er dann leise, langsam und schließlich mit offenen Augen zum Himmel gerichtet.
„Ist er in Japan ein starker Rivale für dich?“
„Ja, das ist er. Unsere Spiele waren sehr knapp. Er ist ein Genie auf dem Feld und ich…ich bringe nur die Stärke mit.“ Plötzlich hat er einen kleinen Zweig am Arm. Tina hat ihn damit beworfen. Verblüfft schaut er zu ihr herab.
„Was soll das?“
„Denk mal drüber nach, was du für einen Blödsinn redest! Was heißt denn hier NUR? Du hast eine ausgezeichnete Technik drauf. Du hast zwei Tore gegen Genzo geschossen und das ohne Ehrentor, auch wenn es dir so vorkam. Das zweite war ebenso ehrlich verdient, glaube mir. Er hat dich nur glauben lassen, dass es geschenkt war, damit er dich provozieren kann. Nicht mal Karl schafft es immer an ihm vorbei. Stell dich also nicht hinter jemanden, nur weil er ein Stratege ist. Wer von euch beiden hat denn zuerst erkannt, dass das Team Spielchen mit euch gespielt hat? Wer, Kojiro?
Das war nicht die Nummer 12…das warst du! Dieser Junge mag ja viel draufhaben, aber den Horizont hinter einer Maskerade, kann er noch nicht rechtzeitig erkennen. Das kannst jedoch du. Du hast es zuerst bemerkt und es dein Team wissen lassen, dass etwas nicht stimmt. Es hat leider zu lange gedauert. Ihr seid voll in die Falle getappt und habt euer gesamtes Können gezeigt. Als Karl es bemerkte, da gab er das Signal und griff sofort an.
Und genau das…das ist deine Stärke den anderen gegenüber. DU bist nicht NAIV, DU hast nicht nur körperliche Stärke, sondern auch Verstand und kannst, wenn du weißt wie, gerissen sein. Das ist nur eine Frage der Übung und der Erfahrung. Ich gehe mal davon aus, dass dein Zweifel an die Freundlichkeit in den Menschen, die Erfahrung ist, die dich so etwas schneller erkennen lässt. Du gehst immer mit Skepsis an deine Aufgaben und hinterfragst die Entscheidungen der Person, die dir begegnet. Das, Kojiro…das ist eine Stärke, die nicht jeder mitbringt, nicht in unserem Alter. Aber du bringst diese Erfahrung und Menschenkenntnis mit ins Team und das wird euch auch gegen die anderen stärken.“
‚Lebenserfahrung und Menschenkenntnis? So etwas kann mich im Sport weiterbringen?‘ Er sagt darauf weiter nichts und schweigt. Beide sehen nur zu den Bäumen im Park.
„Wieso bist du eigentlich jetzt hier? Ich dachte vorhin, du gehst nach Hause.“, will er das Thema wechseln.
„Ich...ich bin nochmal gestolpert und habe mir den Fuß etwas mehr verletzt. Siehst du? Und mein Arm...naja...um meine Knie beim Sturz zu schonen, habe ich mich mit der Hand abgestützt und dabei ist das hier passiert. Der Schwung war eindeutig zu groß“ Sie zeigt mit der rechten Hand auf ihren linken Arm. Kojiro geht etwas um sie herum, um es sich anzusehen und erschrocken sieht er ihren ausgekugelten Ellenbogen.
„Verdammt.“
„Jetzt weißt du warum ich hier sitze wie ein angeschossenes Reh. Mir ist plötzlich so ein seltsamer Typ begegnet und ich musste weglaufen, zwar konnte ich ihn irgendwie loswerden, bin zwischen die Bäume gelaufen, um mich zu verstecken und dabei dann leider gestolpert. Ich...ich habe mich hergeschleppt, den größten Baum gesucht, die Spuren versucht zu verwischen, mich so hingesetzt, damit ich im Schatten wie ein Stück große Wurzel aussehe und still verhalten. Seitdem warte ich auf irgendeine Hilfe. Der Typ war dann doch irgendwie weg. In der Regel kommt hin und wieder ein Hundehalter vorbei. Der Hund hätte mich gefunden und man hätte mir dann einen Rettungsdienst gerufen. So dann der Notfallplan.“ Er geht an ihre linke Seite und hockt sich hin, um sich das genauer anzusehen.
„Das muss dir der Doktor wieder einrenken. Er kann dir sicher etwas gegen die Schmerzen geben und dann renkt er es wieder ein. Wir sollten nicht mehr lange warten.
Tut mir leid. Wäre ich bei dir geblieben, wäre das nicht passiert.“, spricht er leise und vorwurfsvoll.
„Spinner. Das ist nicht deine Schuld. Ich habe selbst entschieden mich von dir zu trennen. Es war mein eigenes Risiko, klar?
Du kannst mich so nicht tragen, das wird nichts. Dabei würde es sich nur unnötig bewegen und könnte schlimmer werden als es ist. Du musst es tun. Der Arzt muss es sich dann später nochmal ansehen.“ Entsetzt sieht er sie an. Sein Puls steigt enorm an. Der Gedanke daran, er müsse sie diesen Schmerzen aussetzen, macht ihm eher Angst.
„Ich? Du hast sie doch nicht alle. Ich bin kein Arzt. Was ist, wenn ich es schlimmer mache als es ist?“
„Das wirst du auch, wenn du mich trägst. Ich sage dir genau was du machen musst. Hast du sowas denn schonmal gemacht?“
„Äh, man. Ja, aber bei einem Freund.“
„Dann stell dir vor, ich bin dieser Freund. Ich schrei auch nicht rum, keine Angst. Ich kann das ab. Ist nicht das erste Mal und ich habe das auch schon bei einigen Leuten gemacht. Manchmal geht es nicht anders. Vertraue mir. Ich bin doch ausgebildet als eine Art Ersthelfer. Sag, bei wem hast du es denn mal gemacht?“ „Puh…bei Ken, also bei Wakashimazu, unserem Keeper. Aber er ist Profi in sowas. Als Karatemeister muss er das ständig bei den Schülern machen und hat eine spezielle Ausbildung für solche Unfälle gemacht. Bei mir hat er es auch schonmal gemacht. Aber…du…du bist doch kein großer kräftiger Junge. Ich…will dir nicht wehtun. Was ist…wenn ich zu doll festhalte und mich verschätze?“
„Ich bin durch regelmäßiges Training mit den Fitnessgeräten ausreichend gut an den Armen stabil. Da tust du mir nix weh.“
„An den Geräten? Du trainierst richtig an solchen Hantelbänken und Kraftstationen wie im Fitnessstudio?“
„Natürlich. Du etwa nicht? Das machen hier alle Profisportler.“
„Nein, unser Training besteht in der Regel nur aus dem Spiel und Ausdauer sowie Übungen fürs Ballgefühl.“
„Das erklärt Einiges. Ich sage dir später noch was dazu. Wie geht’s deinem Keeper überhaupt? Seine Verletzung ist nicht ohne.“
„Die Frage kann ich auch dir stellen. Wie geht es deinem Bruder? Dem Kleinerem?“, kontert er, um sich von dem schrecklichen Gedanken abzulenken, ihr wehtun zu müssen. Tina sieht überraschend zu ihm auf. Dann lächelt sie glücklich.
„Wow. Ich dachte schon, du fragst mich nie. Um ehrlich zu sein. Ihm geht's echt mies. Dein Rempler war nicht ohne. Dann die Blamage ausgerechnet in seinem letzten Spiel versagt zu haben, sein Team im Stich gelassen zu haben und...dich durchgelassen zu haben. Das tut ihm sehr weh. Und seine Schulter…naja…Deswegen…kannst du mir gerade nicht anders helfen. Seine rechte Schulter…sie ist…sie hat eine große Prellung und tut sehr weh.“ Ihr Blick wird liebevoll und mit der rechten Hand berührt sie leicht seine linke Hand, die neben ihr auf seinem Knie liegt.
„Du verwirrst mich. Was…hat seine Verletzung mit dir zu tun?“ Sie versucht mit einem herzlichen Lächeln ihm zu erklären wer sie wirklich ist.
„Was hast du gedacht, als du mich vorhin das erste Mal gesehen hast? Als du mich auf dem Weg gefunden hast? Dein Blick hat tausend Bände gesprochen.“ Er stutzt und zieht seine Hand zurück.
„Wie? Was…meinst du?“
„Nun sag, was war dein erster Gedanke?“ Diesmal antwortet er nicht.
‚Mein erster Gedanke? Ich dachte genau das was es am Ende war. Ich habe ihren Bruder in ihr gesehen, ohne es zu wissen. Aber…was soll das heißen?‘ Er versucht sich zu erinnern. Dann wird sein Blick skeptisch.
‚Sie lächelt mich so liebevoll an. Warum? Wie hübsch sie ist…das ist mir zwar schon aufgefallen, aber…irgendwie habe ich nur ihren Bruder gesehen. Aber diese schönen Augen…ich sehe nur ein Mädchen, was hat das zu bedeuten? Sie ist doch nicht etwa?‘ Sein Blick wandert zu ihrer rechten Schulter. Er weiß genau an welcher Stelle er sie getroffen haben muss, als er sie durch ihre Unaufmerksamkeit zur Seite stieß und sie dann zu Boden fiel. Er hat die Situation noch vor seinen Augen. Sie kam auf ihn zu, wollte ihm den Ball abjagen, so wie beim ersten Mal und dann aber machte er eine etwas andere Bewegung, um sie zu umgehen und sah ihr zufällig in die Augen. Dann wich sie zurück, es war nur ein Bruchteil von einer Sekunde und er erkannte seine Lücke und stieß sie in ihrem Zweikampf zur Seite und schoss direkt in die linke obere Ecke, die Genzo in der kurzen Entfernung nicht mehr retten konnte. Er hatte sich eindeutig zu sehr auf seine feste Verteidigung verlassen und zu spät reagiert. Nur seine Fingerkuppen waren noch am Ball, welcher das Tor dann zum Wackeln brachte.
„Du warst das?“, flüstert Kojiro dann ganz leise und verunsichert. Tina nickt und lächelt ihn glücklich an.
„Jetzt…jetzt weißt du warum ich mich gerade mehr als nur beschissen fühle. Du kannst dich gerne vergewissern. Ich werde unsere Duelle in guter Erinnerung behalten. Auch…wenn ich vor all meinen Freunde versagt habe…ich…ich war sechs Jahre lang Tino, Tino Fuchs, erster Keeper des HSV und zum Schluss als Verteidigung. Ich…habe Genzo vor zwei Jahren das Ruder in die Hand gegeben, weil er so talentiert war. Und er…er war der Einzige, der mein Geheimnis kannte. Er verstand, was mich am Team so gebunden hat, warum ich bei ihnen war. Deswegen hat er mich nicht verraten. Er hätte es tun können. Aber nein. Er war der erste Junge, der meine Gefühle verstand und zu mir stand. Er wusste, er musste mich so schnell wie möglich übertreffen, damit er meinen Posten übernehmen kann, denn es konnte jeden Tag passieren…jeden Tag konnte ich vielleicht auffliegen. Genau dafür musste er schnell der Beste werden, damit er mich ersetzen kann und ich…ich wusste, dass ich bald nicht mehr da sein kann und mithalten konnte. Zwar war ich der Erste, der Karls Bälle halten konnte, aber das kann ich schon lange nicht mehr.“, plappert sie ihre Gedanken einfach aus. Ihr laufen ein paar Tränen an den Wangen herunter und dann sieht sie zur Seite. „Kojiro…es tut mir leid…es…tut mir leid…dass ich dir kein…besserer Gegner war. Stattdessen sitze ich jetzt hier rum und muss…meinen letzten und bisher stärksten Gegner…um Hilfe bitten.“
Ohne ein einziges Wort zu sagen setzt er sich neben sie auf die Knie und beugt sich etwas vor. Er berührt ihre rechte Schulter vorsichtig und schiebt behutsam die pinke Trainingsjacke etwas weiter zur Seite. Haut sieht er keine, aber einen weißen Verband. Sofort lässt er sie wieder los und verharrt in ihren Augen. ‚Nein…ich…habe gegen ein Mädchen gespielt? Und…dann habe ich sie auch noch verletzt? Wie konnte ich das nicht merken?‘ Tinas Herz schlägt unglaublich schnell und ihr wird ganz warm, als sie seine Wärme über sich spüren kann. „Es…tut mir leid. Du bist…mir sicher böse…geh ruhig zum Hotel zurück und dann sag Genzo, er soll meine Eltern anrufen. Die können mich dann…zum Arzt bringen.“
Sein Blick wird plötzlich ernst und seine Hände machen Fäuste. Er bleibt auf den Knien hocken und starrt sie nur an. Dann schüttelt er den Kopf.
„Erkläre es mir. Warum? Warum hast du dich als Jungen ausgegeben? Sechs Jahre lang?“, sagt er flüsternd, als ob man sie hören könnte. Tina lächelt ihn zufrieden an und wischt sich ihre Tränen weg.
„Ich…ich wollte schon immer nur…mit Stephan zusammenspielen. Wir…wir sind schon als Kleinkinder immer nur zusammen gewesen und haben am Strand gespielt. Jeden Tag. Wir hatten anfangs nur uns beide und Vater. Dann kamen wir in die Schule und wir…kamen mit den anderen überhaupt nicht klar, und ich war zu gut für die Mädchen und die Jungs wollten mich nicht im Team. Ein Mädchen, nein, die hat ja keine Ahnung. Und am Ende wollten sie nur nicht zugeben, dass ich besser war als sie. Und dann zogen wir um und Brüderchen konnte in dieses Team gehen. Das erste Mal war er glücklich…erst in diesem Team…war er glücklich und schwärmte mir immer vor…wie viel Spaß es bei ihnen machte und seine Leistung wurde endlich richtig anerkannt. Niemand interessierte sich dort für Namen, Markenklamotten oder Sozialstand, nur dein Talent zählte. Ich war zu neugierig…ich wollte sie kennenlernen, weil er nicht mehr mir spielte, da ihm die Zeit fehlte und…dann…überredete ich ihn, mich als kleinen Bruder mitzunehmen, mal nur aus Spaß. Ich wollt wissen wo ich stand.“, beginnt sie. Dann sieht sie zum Himmel und lächelt weiter.
„Und dann…nahm er mich mit, aus Tina wurde Tino. Plötzlich hatte ich einen Zwillingsbruder. Die Jungs akzeptierten meine Leistung an. Ich ersetzte den Keeper, da er gerade verletzt war, niemand war besser als ich und so…begann das dann. Sienahmen mich als Mitglied auf. Alle mochten mich und sogar Karl akzeptierte mein Talent und so freundeten wir uns alle sehr an. Viele Siege und sogar eine Europameisterschaft gewannen wir im Nationalteam…und dann kam Genzo dazu und kam gleich hinter mein Geheimnis. Aber ich wollte…noch gegen euch spielen, dann das Team verlassen. Stephan…auch er hat das Team jetzt verlassen. Er wollte nie Profi werden, auch er wollte nur mit seinen Freunden spielen. Er spielte nie für den Erfolg oder für den Ruhm…immer nur aus Spaß und aus Freundschaft. Wir hatten beide einfach Freude daran den anderen zu mehr Stärke zu verhelfen. Das war es…was uns antrieb, miteinander zu spielen, Spaß zu haben und die Freude beim Gewinnen zu genießen. Dass wir ausgerechnet in so einem starken Team endlich Halt fanden, das war einfach Zufall. Wir hatten immer nur den Ball im Kopf.“ Plötzlich richtet er sich auf und berührt Tinas linken Arm ganz vorsichtig und sanft.
„Tut es so weh? Sag mir genau was ich tun muss.“ Tina zuckt etwas zusammen, als sie seine warmen Hände an ihrem schlimmen Arm spüren kann.
‚Wie wunderbar er sich anfühlt.‘
„Du…willst mir helfen?“
„Ich kann dich unmöglich hier liegen lassen. Ich hoffe, ich mache nichts falsch. Ich mache so, wie du gesagt hast. Ich stelle mir Ken vor, groß und kräftig…“, grinst er sie an.
„Ich…hätte nie gedacht, dass es so schwer wird…endlich nur noch…ein Mädchen zu sein. Aber jetzt…jetzt bin ich nur für dich noch einmal…der tapfere Tino. Ich schrei nicht rum, versprochen.“ Sie erklärt ihm was er machen muss und richtet sich passend auf, während er ihren Arm positioniert. Tina greift mit der rechten Hand an ihre Jacke, knüllt den Stoff zusammen und stopft ihn sich zum Abfedern zwischen die Zähne.
„Hmp.“, gibt sie einen Laut von sich und kneift die Augen zu. Das ist das Signal, dass er es tun soll. In kurzer Hand gibt es einen gewaltigen Ruck und das Gelenk sitzt wieder an der richtigen Stelle. Es tut ihr unvorstellbar weh, aber sie reißt sich zusammen, so wie immer. Keinen Schmerz zu zeigen oder ihn deutlich zurückzuhalten, konnte sie schon immer und vor den Jungs musste sie es täglich immer mehr perfektionieren. Nie hat sie lauter reagiert als sie selbst.
Kojiro sieht sie danach neugierig und besorgt an.
„Und? Wie ist es jetzt? Sitzt es richtig?“ Tina lässt den Stoff mit den Zähnen los und die Jacke richtet sich wieder etwas ins Normale. Dann lächelt sie ihn an und bewegt ihren linken Arm ganz vorsichtig. Sie hat Gefühl in den Fingern und das Taubheitsgefühl geht langsam wieder weg. Sie beugt den Arm vorsichtig hin und her und dann lässt sie die Hand etwas weiter oben und legt sie an seine rechte Wange. Eher schmachtend sieht sie zu ihm auf und atmet tief durch.
„Danke…es…ist wieder gut…danke, Kojiro. Du bist…mein…Retter. Danke.“ Sein Puls steigt plötzlich enorm an und er verharrt in ihren Augen und ihrem bezaubernden Lächeln.
‚Was…ist das nur? Warum kann ich ihrem Blick nicht ausweichen? Und dieses niedliche Mädchen…das ist…mein Gegner gewesen? Sie hat wirklich nicht geschrien…wie schafft sie das nur? Und warum bringt sie mich plötzlich so durcheinander? Was ist das für ein seltsames Gefühl auf der Wange?‘ Tina nimmt plötzlich ihre rechte Hand vor den Mund und gähnt.
„Bringst du mich jetzt zu eurem Arzt?“ Erschrocken zuckt er zusammen und erhebt sich.
„Äh, ja. Klar.“ Er geht auf die andere Seite und geht wieder in die Knie, zieht erneut seine Jacke aus und legt sie über sie. Dann greift er zurückhaltend ihren Rücken und ihre Beine, um sie hochzunehmen.
„Geht es so?“
„Ja. Danke.“ Er geht zügig los und Tina hält in der linken Hand den Knüppel fest, die sie sich zuvor für Notfälle eingesammelt hatte.
„Glaubst du, dass wir ihn brauchen?“
„Keine Ahnung, haben ist besser als brauchen, oder?“ Er nickt und grinst.
‚Sie geht scheinbar lieber auf Nummer sicher, weil ich durch ihre Verletzung auch angreifbar bin. Weglaufen könnte ich nicht, sollte was sein.‘
„Du hast vorhin von Lebenserfahrung gesprochen. Du vertraust mir, den du nicht kennst, aber anderen wohl nicht?“ Tina grinst.
„Genau.“, sagt sie kurz und knapp und dann ist es eine ganze Weile still. Kojiro geht so schnell er mit ihr gehen kann und Tina sieht zu ihm auf. Ihre Hand berührt seine Brust.
„Danke, Kojiro. Danke für alles.“, haucht sie plötzlich aus. Er bleibt verdutzt stehen und sieht zu ihr in die Augen.
Ihre Hand geht plötzlich wieder an sein Gesicht und streicht sanft seine Wange. „Das ist doch selbstverständlich. Ich lass doch kein Mädchen einfach alleine im Park verletzt liegen.“
„Das meine ich nicht. Danke ja, dass du zurückgekommen bist…aber…du bist der Erste, der mich…wie ein Mädchen behandelt. Und trotzdem kannst du zuhören und…bleibst zuvorkommend. Danke dafür…dass du mich so akzeptierst wie ich bin.“ Er lächelt sie an.
„Ich weiß nicht…es stört mich nicht wer du bist. Im Gegenteil. Ich bewundere deine Stärke. Nun ruh dich aus. Es ist noch ein gutes Stück.“ Tina lässt ihre Hand in seinem Gesicht und Kojiro wundert sich, dass ihr diese Berührung so wichtig ist. Es fühlt sich für ihn sehr angenehm an und obwohl er das Gefühl hat, ihr Wärme spenden zu müssen, genießt er die Wärme aus ihrer Hand auf seiner Wange und seinen Wangenknochen.
‚Was bist du nur für ein außergewöhnlicher Mann? Du bist ein Jahr jünger als ich und trotzdem kommst du mir deutlich älter vor. Warum das denn? In deinen starken Armen könnte ich ewig liegen. Warum nur? Warum fühle ich mich in deiner Nähe so wohl? Heute ist ein beschissener Tag, aber du…du bist mein Lichtblick.‘
„Kojiro…heute geht bei mir wirklich alles schief, aber du…bist mein Retter in der Not. Du…gibst mir wieder Hoffnung. Danke.“, haucht sie noch kurz leise aus und schließt dann ihre Augen. Es dauert nicht lange, da fällt der Knüppel aus ihrer Hand, ihr Körper zuckt kurz zusammen und schon ist sie in seinen Armen eingeschlafen. Erstaunt bleibt er stehen und betrachtet ihr schlafendes Gesicht. ‚Bettina…was…soll das heißen? Hoffnung? Ich gebe dir Hoffnung?‘ Ein paar Sekunden bleibt er nachdenklich stehen und erst dann geht er weiter. Nach etwa drei Minuten kommen ihm vier Gestalten entgegen. Er bleibt wieder stehen und versucht sie im Lichtschatten der Laternen zu erkennen.
„Kojiro? Bist du das?“, kann er eine vertraute, japanische Stimme vernehmen. „Ken?“, kommt zurück.
„Na endlich, Alter. Wo treibst du dich denn so lange rum?“ Die fünf gehen aufeinander zu und Kojiro lächelt in die Runde seiner Freunde. Es sind Ken, Jun, Jito und Hikaru. Die vier staunen nicht schlecht, als sie ihn mit einem Mädchen auf den Arm richtig erkennen können.
„Oha, was ist denn passiert? Wer ist das?“, fragt Ken.
„Jun, schau bitte mal, ob sie wirklich nur schläft, du kannst das sicher besser beurteilen. Sie ist verletzt und ich will sie zu unserem Mannschaftsarzt bringen.“
Jun geht besorgt auf ihn zu, berührt Tinas Halsschlagader und sieht in eines ihrer Augen.
„Ja, keine Sorge, Sie schläft sehr tief, deswegen bekommt sie scheinbar nicht viel mit. Wo hast du sie gefunden? Was ist passiert?“, wird besorgt gefragt.
Genzos Freunde Teil I oder der neue Kapitän
Kapitel 4
Genzos Freunde Teil I oder der neue Kapitän
Der große Jito sieht Kojiro zornig an und schlägt wie kampfbereit seine Fäuste ineinander. Dann schaut er sich um.
„Wo ist das Schwein, der ihr was angetan hat? Den prügle ich windelweich!“ „Alles gut, Jito. Sie ist nur gestürzt, hat die Knie aufgeschlagen und hat sich auch den Fuß verletzt. Da sie nicht mehr laufen konnte, trage ich sie. Jedoch ist sie vor ein paar Minuten plötzlich eingeschlafen.“, erklärt er kurz. Tinas Gesicht ist in Kojiros Richtung geneigt und berührt mit einem Lächeln seine Brust und seinen Arm. Seine Freunde kommen ihm näher und sehen sie sich genauer an.
„Wow, die ist aber niedlich. Und wie hübsch sie mit dieser Spange aussieht.“, bemerkt Jito. Hikaru sieht ihr skeptisch ins Gesicht.
„Wieso kommt sie mir bekannt vor? Hier stimmt doch was nicht. Wer ist das?“, haut er raus.
„Knurr nicht gleich so rum. Sie heißt Bettina. Bettina Fuchs.“, spricht Kojiro mit fester Stimme aus und geht den Jungs aus dem Weg, um seinen Weg fortzuschreiten.
„Wie jetzt? Sie heißt genauso wie die beiden Verteidiger? Wie diese Brüder?“, wundert sich Jun.
„Ja und? Sie hat gesagt, sie ist ihre Schwester. Dieser Tino und sie, sind Zwillinge.“, knurrt Kojiro und muss sich selbst dabei auf die Zunge beißen. Noch nie hat er jemanden angelogen.
„Ihr Zwillingsbruder? Moment mal. Stopp.“, ruft Hikaru ernst. Kojiro jedoch geht einfach weiter.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Er geht zügig weiter.
Hikaru läuft ihm hinterher und holt ihn ein. Dann stellt er sich direkt vor ihn. „Halt. Diese Spange…sie irritiert mich.“, ist er ernst im Ton.
„Finger weg! Was soll denn damit sein?“, brummt Kojiro ihn an. Dieser Blick macht den Jungen vor ihm nur noch neugieriger und er nimmt die Hände hoch und berührt vorsichtig die Haarspange, um sie zu lösen. Kaum hat er diese in den Händen und kann Tina ohne sie betrachten, da atmet er tief durch. Ohne etwas zu sagen, klemmt er ihr die Spange wieder an die Stelle wo sie vorher war.
„Ich hoffe doch wohl, du weißt, wen du da wirklich in den Armen hältst?“, sieht er zu ihm auf und schaut ernst und belehrend.
„Sie ist genauso eine von uns wie wir alle. Bettina ist eine gute Freundin von Genzo, also gehört sie auch zu uns. Alles andere ist doch egal.“, sagt er dann fest überzeugt und geht ihm wieder aus dem Weg. Erstaunt sieht er seinem großen Rivalen hinterher.
‚Hyuga, was hat das zu bedeuten? Du weißt wer sie ist und willst ihr trotzdem helfen?‘ Hikaru greift zum Handy und ruft Tsubasa an.
„Tsubasa, wir haben ihn gefunden. Weck bitte schonmal unseren Mannschaftsarzt, sollte er schon schlafen. Er wird gebraucht. Wir bringen ein Mädchen mit, er muss sie behandeln. Sie ist verletzt.“
„Wie jetzt? Ein Mädchen?“
„Mach einfach. Wir sollten etwa in zehn Minuten wieder da sein. Wir gehen dann direkt in dein Zimmer.“
„Okay. Alles klar.“
„Wo ist Genzo?“
„Wieso? Der ist bei seinen Eltern im Nachbarhotel.“
„Organisiere ihn ran.“, ordert er an und legt auf. Im Hotel sieht Tsubasa etwas verdattert in das kleine Gerät in seiner Hand.
„Wieso schleppen die jetzt ein verletztes Mädchen an?“, spricht er aus und schaut in die Runde. Um ihn herum stehen die anderen des Teams.
„Die bringen ein Mädchen mit? Warum das denn?“, äußert Ryo. Die Zwillinge sehen sich grinsend an.
„Cool, ein Mädchen kommt zu Besuch?“
„Ich verstehe nur Bahnhof.“, meint der nächste. Tsubasa wiederum wählt Genzos Nummer. Dieser geht auch sofort ran.
„Jo, was nun?“
„Genzo, du sollst rüberkommen. Am besten du verabschiedest dich schon von deinen Eltern. Du wirst hier gebraucht. Anordnung von Hikaru.“
„Hä? Hätte das nicht morgen Früh gereicht? Ich wollte doch zum Frühstück rüberkommen.“
„Nein jetzt, bis gleich. Tut mir leid. Er ist der Kapitän. Er wird seine Gründe haben.“ Genzo legt auf und brummt vor sich hin.
„Was ist denn Großer?“, fragt Satoshi ihn verwundert.
„Ich soll jetzt schon rüberkommen. Tut mir leid. Keine Ahnung wieso.“
„Na dann geh ruhig. Wir haben ja soweit alles besprochen.“ Genzo macht sich fertig, schnappt sich seinen Koffer und verlässt das Hotel. Kurz darauf klingelt bei Satoshi das Handy.
„Georg, nanu? Um diese Zeit?“
„Guten Abend, Satoshi. Sagt mal, ist Bettina bei euch oder bei Genzo? Wisst ihr da was?“
„Nein, was ist denn los?“ Er schaut auf die Uhr. Es ist mittlerweile fast 22 Uhr. „Sie wollte noch eine Runde laufen, im Park bei eurem Hotel in der Nähe und sie hat ihr Handy nicht mit und ist noch immer nicht wieder da.“
„Hm. Ich melde mich, wenn ich was weiß. Ich horche mich mal um.“
„Okay. Danke. Wir hatten einen Streit, aber sie wollte wirklich nur laufen und den Kopf frei kriegen. Das macht sie öfters so. Ich denke nicht, dass da mehr ist. Wenn sie sich bis Mitternacht nicht meldet, dann muss ich sie suchen lassen. Länger können wir nicht warten.“
„Okay, einen Streit? Was hat sie denn angestellt?“
„Nichts, sie hat nichts angestellt. Bis dann. Bitte melde dich sobald du was weißt.“
„Mache ich.“
„Schatz. Was ist denn los?“, kommt Nyoko mit einem Tee auf ihn zu.
„Bettina wird vermisst.“
„Oh mein Gott. Das ist ja entsetzlich.“, spricht sie laut aus und lässt vor Schreck die Tassen auf dem Tablett umfallen. Sie bleiben zum Glück zwar auf dem Tablett und kullern nicht herunter, aber der heiße Tee verteilt sich überall und ihre Hände bekommen etwas ab. Schnell stellt die das Tablett ab und eilt ins Bad, um sich die Hände zu kühlen.
„Liebling.“, ist ihr Mann besorgt und eilt ihr hinterher.
„Was ist denn nur passiert? Sie ist doch immer zuverlässig.“
„Ich weiß nicht. Georg sagte, es gab einen Streit. Sie sei jedoch nur Laufen gegangen und ist ohne Handy los.“
„Einen Streit? Eine Ausreißerin ist sie nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir warten ab. Vielleicht meldet sie sich irgendwann bei Genzo oder bei uns? Unsere Nummern hat sie ja.“
„Ohne Handy? Ob sie sich unsere Nummer gemerkt hat?“
„Sie weiß doch in welchem Hotel wir sind. Da kann sie sich herbringen lassen und wir zahlen das Taxi. Sie weiß doch, dass wir ihr nicht böse sind.“
„Du hast Recht. Oh man. Bei Mädchen hat man immer gleich das Schlimmste im Kopf, wenn die sich nicht melden. Furchtbar. Gut, dass wir nur Jungs haben.“ „Gemein. Ich hätte gerne noch ein Mädchen gehabt. Aber ja, du hast Recht.“
Die jungen Japaner stehen etwas fragend vor dem Eingangsbereich.
„Das sieht sicher total bescheuert aus, wenn wir da jetzt mit ihr so reingehen. Die werden fragen, was mit ihr ist.“, äußert Jun.
„Weil sie schläft? Meinst du echt?“, wundert sich Jito.
„Ja, auf jeden Fall. Nicht, dass die denken, wir schmuggeln sie als Gast ein und bezahlen nicht. Auch der Gedanke kann dabei sein.“, meint Hikaru.
„Wir müssen sie vorher wecken, damit sie selbst was dazu sagen kann. Sie muss sich ja ausweisen können.“, schlägt Ken vor. Kojiro schaut nachdenklich zu ihr ins hübsche schlafende Gesicht.
‚Sie haben Recht. Es sieht wirklich komisch aus. Ich wäre auch skeptisch.‘ „Bettina…aufwachen. Wir sind da.“ Natürlich bewegt sich dabei nichts. Mit Worten erreicht man selten jemanden, im Tiefschlaf.
„Jun, versuch du sie zu wecken.“, sagt Kojiro dann.
„Wieso ich? Wackle doch einfach etwas hin und her, dann wird sie schon wach werden.“, meint er nur.
„Das geht nicht, zu riskant. Ihre Schulter ist verletzt.“
„Ihre Schulter? Ich denke sie hat sich die Knie aufgeschlagen und den Fuß umgeknickt?“, meint Jun überrascht.
„Das auch. So konnte ich sie doch nicht da im Park liegen lassen.“ Hikaru verschränkt die Arme und sieht Tina skeptisch an.
„Mich wundert gar nichts mehr. Ihre Verletzung an der Schulter bestätigt nur was ich denke.“, murrt er etwas. Plötzlich geht Hikaru an die Jacke und hebt sie etwas an, so dass man die Beine von ihr sehen kann.
„Lass das! Spinnst du?!“, faucht Kojiro ihn an.
„Verbunden…woher willst du wissen, ob sie wirklich verletzt ist?“
„Die Jacke liegt da nicht umsonst! Was fällt dir ein? Die Knie waren zuerst nicht verbunden, das hat sie später selbst gemacht. Sie kennt sich mit Erste Hilfe aus und wird wissen was sie tut.“
„Seht euch mal ihre Beine an. Das sind doch keine zierlichen Mädchenbeine. Diese Waden sind entweder von einem sportlichen Jungen wie wir es sind und er gibt sich als Mädchen aus oder das ist ein Mädchen, das sich als einen Jungen ausgibt.“, stellt er einfach fest. Dann zieht er an ihrem linken Strumpf und zeigt mit dem Finger auf eine Schramme am äußeren Knöchel.
„Das hier, dachte ich mir. Diese Schramme kommt von mir. Die kommt von unserem Duell, als sie ins Mittelfeld gerannt ist, um den Ball vorzuspielen.“
„Leg sofort die Jacke richtig! Natürlich ist sie ein Mädchen! Und es ist doch jetzt egal…ob sie nun unser Gegner war oder nicht. Sei besser leise, wir klären das drinnen.“, knurrt Kojiro und sein Herz rast vor Wut. Er weiß genau, dass er seine Situation ausnutzt und deswegen solche Sachen sagt.
„Ich würde eher sagen, sie wird unser Trojaner sein. Was glaubst du wohl wird werden, wenn sie das Team kennenlernt? Sie macht sich an dich ran und spioniert für ihr Team aus. Dieser Tino ist ein echt gerissener Hund. Genzo hat mich vor ihm gewarnt.“ Kojiros Puls steigt enorm an. Am liebsten würde er Hikaru Eine reinhauen, aber das geht zum Glück jetzt nicht.
„Erzähl nicht so einen Mist! Das würde sie niemals tun, verstanden? Pass also genau auf, was du sagst. Sie ist…eine Freundin von Genzo, sie würde ihm doch schaden. Also uns. Er hat sicher gemeint, dass sie klug ist und ein Stratege. Scheinbar ein besserer als du es bist.“, wirft er ihm zornig an den Kopf. Genau in dem Moment bewegt sich Tina etwas im Schlaf und zappelt ein wenig mit den Füßen, als würde sie sich im Traum bewegen. Dann zuckt sie zusammen und brabbelt etwas vor sich hin.
„Gen…Gen…zo…halt! Halt ihn!“ Alle sehen sie überrascht an.
„Träumt die jetzt echt von Genzo?“, haut Jito aus.
„Klingt so.“, meint Ken.
„Und das soll jetzt wer sein? Der kleine von den beiden Verteidigern? Ich dachte die Ähnlichkeit ist zufällig, weil sie die Schwester ist.“
„Also sind Genzo und sie tatsächlich Freunde? Oder ist sie nicht vielleicht eher, „Seine“ Freundin?“, grinst Jun.
„Die sind nur Freunde, kein Paar.“, bringt sich Kojiro mit fester Stimme ein. „Gen…pass auf…er kommt…Pierre…ich…halt…“, brabbelt Tina erneut und hebt die Hand und zappelt wieder mit den Füßen, als würde sie diese überkreuzen wollen. Kojiro hat Probleme sie durch das Zappeln festzuhalten. Jun greift mit zwei Fingern ihre Nase und hält sie zu. Er stellt sich direkt vor Kojiro, um sie im Notfall mit festzuhalten.
„Sie muss wach werden. So ein Traum kann gefährlich werden. Sie könnte dir aus den Händen rutschen.“, erklärt er sachlich und ja, kurz darauf beruhigt sie sich wieder und dann zuckt sie erneut zusammen und ihre Augen und ihr Mund öffnen sich, weil sie nach Luft schnappen will.
„Halt!“, kommt ein leiser Ausruf und kaum bemerkt sie wo sie ist, schaut sie überrascht und lächelnd in Kojiros Gesicht.
„Ko…Ko…jiro…bin ich etwa eingeschlafen?“, flüstert sie noch etwas benommen. Alle Blicke sind auf sie gerichtet und Kojiro läuft plötzlich rot an. Die Wut, die er vorhin noch im Bauch hatte, verschwindet plötzlich und sein Puls sinkt zwar nicht, aber er verändert sich ins Angenehme.
‚Wie kann er nur so böse Sachen über dich sagen? Er kennt dich doch gar nicht. Bettina, wie guckst du mich denn überhaupt an?‘ Tina schaut sich neugierig um, als sie bemerkt, dass sie nicht alleine sind und vor dem Hotel stehen.
„Oh, äh. Hallo?“, spricht sie Jun an, der direkt vor ihr steht.
„Hi.“, sagt dieser nur. Dann sieht sie sich die anderen in Ruhe an.
„Wow, ihr seid alles Genzos Freunde? Ist ja voll peinlich, ihr habt mich jetzt schlafend gesehen.
Jetzt muss ich echt raten. Mit Gesichtern habe ich es noch nicht drauf.“, lächelt sie alle fröhlich an.
„Ah, du da hinten, du bist der große Verteidiger. Die Nummer 5, stark wie eine Mauer, aber zu langsam. Daran solltest du als erstes arbeiten. Auch wenn man groß und stämmig ist, kann man sehr flink sein. Hausaufgabe: Arbeite am besten sofort an deinem Sprint. Schau dir mal ein Rugbyspiel an, wie schnell diese großen Kerle sein können. Ihre Trainingsmethoden stärken auch deine Gelenke.“ Sie erntet ein verwundertes und etwas rotanlaufendes Gesicht. Jito fasst sich verlegen an den Kopf.
„Oh, äh. Ja, mache ich.“
‚Ist die niedlich. Hat die schöne Augen und so eine niedliche Stimme. Wie kann diese Kleine denn dieser Verteidiger sein? Hikaru spinnt doch. Rugby-Training soll ich machen?‘ Tina schaut zu Ken.
„Du bist eindeutig der Keeper. Wie geht es deiner Hand? Das sah böse aus.“
„Äh, das geht schon. Danke der Nachfrage. Nur ein paar Tage Pause, dann ist wieder gut.“, ist er freundlich.
„Du hast einen perfekten Job gemacht. Ich muss wirklich sagen, einen besseren Keeper habe ich noch nie gesehen. Deine Paraden waren Weltklasse. Geradlinig, besonnen, konzentriert, kreativ und sehr schnell.
Schone deine Hand und dann übst du dich noch ein wenig darin mehr mit deinem Gewicht zu arbeiten. Stämme dich mal mit mehr Druck von hinten gegen den Ball, nicht alles nur mit den Händen klären, das ist sau gefährlich. Ansonsten wüsste ich nix zu verbessern. Such dir einen starken Partner, der mit Karls Schüssen mithalten kann. Das Einzige was dir noch fehlt, um der Beste zu werden…und ich meine wirklich der BESTE, ist Erfahrung. Und zwar internationale Erfahrung. Das ist es, was dir Genzo aktuell noch voraus ist. Wenn du wieder zuhause bist, sie zu, dass du so schnell wie möglich in die Profiliga kommst, damit du an den Asienmeisterschaften teilnehmen kannst. Da gibt es starke Gegner. Vielleicht entdeckt dich wer und bringt dich hier her nach Europa.“ Ken sieht sie total überrascht an.
„Der Beste? Besser…als Genzo?“
„Auf jeden Fall. Dieser Trottel ist viel zu unkonzentriert, schlimm. Da kann ich reden wie ein Buch. Und dann diese Art immer andere zu provozieren…nervig. Das kann man im Tor nicht gebrauchen und lenkt nur ab. Da kommt in der Regel nichts Sinnvolles bei raus.“, murrt sie spaßig. Ken und Jito müssen plötzlich anfangen zu lachen. Dass sie so belustigt Genzo einfach einen Trottel nennt, das amüsiert sie sehr. Sogar Kojiro lässt sich etwas davon anstecken und schmunzelt vor sich hin. Er stellt sich vor, wie Genzo nun reagieren würde, wenn er das hören würde. Jun muss sich das Lachen verkneifen und Hikaru hingegen schaut weiter skeptisch. Als Tina sich nach einem kurzen Lacher mit ihnen wieder etwas einkriegt und zu Jun schaut, gibt sie auch zu ihm ihre Meinung ab.
„Und du? Ich habe dich nicht als Spieler gesehen. Du sitzt neben Mikami und siehst zu als würdest du selbst am liebsten auf dem Feld stehen wollen.“
„Oh, ja. Ich bin nur Trainerassistent und kümmere mich um die Jungs, wenn sie Fragen haben, die sie lieber einem Gleichaltrigen stellen wollen. Und ich unterstütze sie dann mit dem Arzt zusammen, wenn es Verletzungen gibt. Das ist eine gute Übung für später. Ich will Arzt werden und Trainer.“, entgegnet er freundlich.
„Quatsch. Du bist viel mehr als das. Du bist seine rechte Hand, wenn es um Taktik und Strategien geht. Deswegen will er dich an seiner Seite haben. Als du bemerkt hast, dass das Spiel seltsam verläuft, weil zu wenig Gegenwind kam, da hast du in deiner Magnettafel sofort die Positionen geändert und es Mikami mitgeteilt. Warum meinst du, hat er sie abgelehnt?“ Jun sieht sie verdutzt an.
„Wie jetzt? Das hast du mitbekommen? Wie das denn?“ Kojiro und die anderen sind etwas irritiert.
„Was meinst du denn jetzt damit? Welche Taktik hat er abgelehnt?“, hinterfragt Hikaru. Jun sieht ihn betrübt an.
‚Er hat etwas ändern wollen? Und das hat sie während des Spiels mitbekommen?‘
„Sie hat Recht. Gleich nach etwa fünf Minuten Spielbeginn wollte ich die Aufstellung etwas verändern und den Fokus auf die Defensive mit einer schnellen Sturmspitze lenken. Du solltest in die Verteidigung, um Herman zu decken. Sawada sollte die Position mit Nitta tauschen und Kojiro als Doppelspitze sein. Ich hatte dazu meine Gründe, aber er hat sie gar nicht erst hören wollen. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ihm die Idee gefallen hat. Eventuell wenden wir sie dann in den späteren Spielen an.“
„Wie genau war denn seine Reaktion? Was waren seine Worte, als er seine Hand auf das Brett legte?“ Jun sieht sie wieder verdutzt an.
„Sag mal, wie konntest du das denn sehen? Die Zuschauer haben nichts sehen können.“, bringt er ein und dann blickt er zu Kojiro und dann zu Hikaru.
„Habe ich jemals behauptet im Publikum gesessen zu haben? Meine Aussicht war ziemlich klar, um ehrlich zu sein.“
„Du leugnest also nicht einmal, wer du bist? Dann verrat uns doch mal, bist du Junge oder Mädchen?“, grinst Hikaru sie herausfordernd an.
„Wow, du bist ja charmant wie ein Trampeltier. Sehe ich echt aus wie ein Junge? Sogar mit Haarspange und Rock?“
„Das muss nichts heißen. Es gab schon immer Menschen die nicht immer so aussehen als das was sie sind.“
„Nun gut. Ihr wisst tatsächlich schon wer ich bin, aber ich kann euch beruhigen. Ich bin kein Junge. Ich bin nur eine kleine Schwester, die es liebt mit ihrem Bruder zusammen zu spielen. Das war schon alles.“
„Wie heißt du überhaupt?“, kommt von Jun.
„Oh, ich dachte Kojiro hat schon erwähnt wer ich bin. Ich heiße Bettina, Bettina Fuchs. Ihr könnt mich aber einfach Tina nennen. So nennt mich jeder.“
„Du lenkst ab. Nun rede schon. Was wolltest du Jun sagen?“, knurrt Hikaru plötzlich.
„Also echt mal. Du bist ja gut drauf. Wenn dich deine Freundin gerade verlassen hat, dann lass das jetzt nicht an mir aus.“, knurrt Tina zurück.
„Die hat mich nicht verlassen! Sie ist weggezogen!“
„Wow, das war nur geraten, das ist dir hoffentlich klar, oder?“
„Wie jetzt? du hast echt ne Freundin?“, erkundigt sich Jito.
„Ja. Na und? Bist du jetzt neidisch, oder was?“
„Sag mal, Tina, wie kommst du denn darauf, dass Hikaru eine Freundin hat? Das sieht man doch niemanden an.“
„Ich sagte doch, das war geraten. Ich habe ihn nur aus der Reserve gelockt. Eins ist klar, wenn Männer sich zu schnell aufregen, gibt es nur zwei Gründe dafür. Das könnt ihr euch gleich auch für euch selbst und für eure Gegner merken.
Entweder sie fühlen sich in ihrer Ehre und ihrem Stolz verletzt, sei es berechtigt oder nicht, oder…es steckt eine Frau dahinter bzw. jemanden, den sie lieben.“, erklärt sie.
„Du nervst echt. Ich will jetzt wissen was du Jun noch sagen wolltest.“, murrt Hikaru wieder rum.
„Dafür muss er mir erst sagen was Mikami zu ihm gesagt hat.“
„Oh, naja. Er hat die Hand aufs Brett gelegt und gesagt, es sei eine gute Idee, aber jetzt nicht. Die Jungs sollen alleine eine Lösung finden.“ Tina grinst.
„Dachte ich mir doch. Dieser Mann ist nicht dumm. Er ist sehr klug. Einen besseren Trainer könnt ihr gar nicht haben. Ihr könnt euch auf ihn immer verlassen. Ich kann euch sagen warum er das auch gesagt hat.“
„Und? Warum?“
„Es ging natürlich darum, dass ihr euch als neues Team miteinander finden könnt. Dafür sind die Spiele ja da. Aber es gab auch einen strategischen Grund.“ Sie sieht Hikaru an und setzt einen ernsten Blick auf.
„Was glaubst du, Stratege und Kapitän des Teams? Was könnte ein weiterer Grund gewesen sein?“ Er ist ruhig und sieht sie nur fragend an.
„Du sprichst in Rätseln. Ich wüsste echt nicht was wichtiger wäre als eine bessere Taktik zu benutzen. Was meinst du denn, war der Grund?“
„Hm. Ich helfe dir auf die Sprünge. Schließ mal die Augen und stelle dir die ganze Situation des Spiels nochmal vor. Den Anfang, die Mitte und das Ende. Achte auf jedes Detail, dass dir eventuell nebenbei aufgefallen ist. Aus der Sicht als Spieler.“
„Ich soll was machen? Die Augen schließen?“
„Mach ruhig, das hilft dir bestimmt. Hat bei mir vorhin auch geholfen.“, spricht Kojiro ruhig und grinst etwas dabei.
„Wie bei dir?“
„Probiere es doch einfach aus.“, fordert er.
„Ihr könnt es ja alle machen. Alle gehen nochmal das Spiel im Gedanken mit seinen ganzen Details drumherum durch.“ Alle schlossen die Augen.
„Was seht ihr? Nach dem ersten Tor des Gegners?“
„Hm. Ein jubelndes Publikum?“
„Gut, weiter, was noch?“
„Moment…ich sehe außerhalb des Publikums was an der Baumreihe.“, meint Jito.
„Gut, weiter, was genau siehst du?“
„Oh, ja, er hat Recht. Da waren Leute. Und einer saß auf einem Baum.“, meint Kojiro plötzlich.
„Seht ihr auch ihre Reaktionen am Ende des Spiels?“
„Hm…sie sind einfach gegangen.“
„Stimmt, am Ende waren sie gar nicht mehr da.“
„Und das normale Publikum? Wie hat das reagiert?“
„Gejubelt, dass ihr Team gewonnen hat, was sonst?“
„Nein, die jubeln sonst anders. Ich kenne das Publikum, wenn es begeistert ist. Die waren gelangweilt.
Ihr könnt die Augen öffnen.“ Alle sehen sie nachdenklich an.
„Und? Was meint ihr jetzt? Was hat Mikami also gewollt? Warum hat er die Taktik nicht ändern lassen?“
„Eine Finte.“, spricht Kojiro plötzlich als erstes aus.
„Aber ja, Kojiro, du hast Recht. Das muss es sein.“, meint Jun.
„Wir selbst…waren eine Täuschung für die Zuschauer.“, erklärt Kojiro seinen spontanen Gedanken.
Tinas Herz schlägt plötzlich begeistert schneller und sie schaut zu ihm auf.
„Ich wusste es. Wieder warst du der Erste, der es erkannt hat. Du musst diese Art zu Denken nur trainieren.“ Kojiro sieht sie überrascht an.
„Das…kann man trainieren?“
„Natürlich. Genauso wie du zum Schluss das zweite Tor geschossen hast. Du hast meinen Bruder und die anderen mit mehreren Täuschungen ausgetrickst. Das waren sie zuvor nicht von dir gewohnt. Genau das kann man auch trainieren. Erkläre ich später mal.
Erkläre du doch deinen beiden Strategen und den anderen, was du jetzt damit meinst, dass ihr selbst die Finte seid.“
„Nun, ich weiß jetzt nicht so richtig wie. Die Leute sollten denken, wir sind nicht gut genug für die WM. Und wenn wir aber die Taktik geändert hätten, und es hätte besser ausgesehen als zuvor, dann würden die uns sicher deutlich ernster nehmen. Meinst du das?“
„Genau. Das ist Mikamis Taktik. Er wollte euch mit seinem dämlichen Spielchen zu Beginn unseres Spiels zeigen was hier für starker Fußball gespielt wird, aber als er bemerkte, dass wir beobachtet wurden, und zwar von der stärksten Konkurrenz, dann war es besser, ihr verliert haushoch und eure Ideen verlaufen im Sand. Denn so bleiben die anderen in ihrem Gedanken sicher und unterschätzen euch. Das kann euch später in den wichtigen Spielen dann von großem Vorteil sein.“, erklärt sie.
„Das heißt ja, als müssen wir jetzt jedes Spiel verlieren.“, brummt Kojiro plötzlich etwas. Tina kichert.
„Klingt so, keine Angst. Das galt jetzt nur für dieses spezielle Spiel. Müssen tut ihr gar nichts…nur euer Bestes geben. Die anderen gewinnt ihr ja wohl hoffentlich. Die Zuschauer werden dann andere sein. Und am Anfang ist es immer schwer, egal was man anpackt.“ Die Jungs sehen sie an und im Inneren wissen sie alle genau, was sie damit meint.
„Wann gehen wir rein? So langsam müsste sich doch mal wer um meine Knie kümmern und der Fuß muss dringend gekühlt werden. Die kalte Luft alleine reicht da nicht aus.“
„Oh, ja. Entschuldigung.“, äußert Kojiro verdutzt.
„Eins noch, bevor wir reingehen.“, spricht Matsuyama auf Japanisch.
„Es ist besser, wenn wir vorerst den anderen nicht sagen wer sie wirklich ist. Ich will wissen wie die anderen auf sie reagieren und was sie zu den anderen zu sagen hat.“
„Was soll das? Das klingt irgendwie falsch, wenn wir es verschwiegen.“, sagt Kojiro leise.
„Wieso? DU hast es uns doch auch verschwiegen. Wann wolltest du es uns denn sagen?“
„Na hör mal. Das hätte sich dann schon noch ergeben und ich wusste nicht, ob sie das überhaupt will. Es…fiel ihr schon schwer…es mir zu sagen.“, spricht er dann ruhig und sieht seinen neuen Kapitän eher bittend an.
„Es sollte auch in deinem Interesse sein, zu erfahren was es damit auf sich hat, dass sie die ganzen Jahre in diesem Team gespielt hat. Oder? Willst du es nicht wissen? Ich bin auf Genzos Gesicht gespannt und was er selbst sagt. Mal sehen.“
„Hm. Ich weiß nicht.“ Kojiro schaut nachdenklich zu Tina. Ihr Blick ist auf die anderen gerichtet und mehr als ihre Haare und ein wenig von ihrem Gesicht kann er nicht sehen.
‚Ob sie das so wollte? Sie hat mir vorhin nicht gesagt, dass sie vorerst unerkannt sein will. Sie geht doch ein viel zu großes Risiko ein.‘
„Und wenn wir sie fragen was sie selbst davon hält?“, schlägt er vor.
„Tu es doch. Ich glaube, das wird auch in ihrer Absicht sein.“, bringt sich Jun ein. Ken nickt ab und auch Jito stimmt dem zu.
„Hallo? Könntet ihr bitte Englisch sprechen? Es fühlt sich doof an, wenn ihr Japanisch sprecht. Das ist unhöflich.“
‚Worüber reden die denn? Das nervt echt. Es geht sicher um mich. Es ist ohnehin ein total blödes Gefühl hier vor meinen Gegnern so derart hilflos zu sein. Und dann schlafe ich auch noch in seinen Armen ein. Wie komme ich denn nur dazu? Was ist denn plötzlich mit mir los?‘ Alle sehen sie verdutzt an.
„Stimmt, wir haben gerade überlegt, ob du gleich mit der Tür ins Haus fallen willst, oder ob du dich dann erstmal nur selber vorstellen möchtest. Die anderen werden sicher neugierig sein, wenn sie uns mit dir sehen.“, meint Jun freundlich.
„Okay. Ich hatte mir da schon was gedacht. Ihr wisst es ja nun schon, ohne, dass es euch Kojiro gesagt hat, stimmts? Ich halte mich erstmal zurück und schau dann wie es läuft. Wenn es passt, werde ich es den anderen genauso sagen wie euch. Manches muss man einfach laufen lassen.“
„Oh, äh. Ja. Woher weißt du das sie es wissen? Du hast tief und fest geschlafen.“, fragt Kojiro freundlich.
Genzos Freunde Teil II oder Vorwürfe
Kapitel 5
Genzos Freunde Teil II oder Vorwürfe
„Ist dir noch nicht aufgefallen, welche Rolle ich im Team gespielt habe?“
„Wie meinst du das?“
„Weiß von euch jemand was ich meine? Und ich spreche nicht vom Verteidigerposten.“ Dann zeigt sie auf Jun.
„Du bist bitte ruhig. Ich glaube du weißt es eh schon.“, schmunzelt sie ihn an. Jito bringt sich begeistert ein.
„Ich weiß es. Ich weiß, was du machst und die anderen nicht.“ Alle sehen ihn gespannt an.
„Was denn?“, fragt Ken.
„Na sie wird wie Ishizaki die Gute Laune verbreiten. Das hat man beim Spiel bemerkt. Selbst von der Bank aus hat sie ihnen bestimmt motivierende Dinge zugerufen.“ Tina grinst.
„Wow, gar nicht so übel. Du bist gut. Aber darauf wollte ich jetzt nicht hinaus. Der Spaßvogel bin tatsächlich ich.“
„Du bist der Stratege im Team, der hinten den Kasten sauber hält. Das war uns doch gleich klar.“ spricht Matsuyama streng.
„Bingo. So ist es. Während vorne Karl und Kaltz den Überblick haben, war ich das hinten. Nun wird es Genzo sein. Sollte er für euch aufgestellt werden, wird er euch eine große Hilfe sein, denn er hat sehr viel dazugelernt.
Gut, dann haben wir das ja geklärt.“
„Haben wir nicht.“, meint Jun und grinst.
„Wie jetzt?“
„Stratege sein ist nicht alles. Und motivierend sein auch nicht. Du hast ein außergewöhnliches Talent, deswegen konntest du neben der Leistung mithalten und keiner konnte auf dich verzichten.“
„Was meinst du denn?“, erkundigt sich Jito.
„Ach da fällt mir ein...“, beginnt Tina und sieht ernst und herausfordernd zu Matsuyama.
„Was fällt dir eigentlich ein, mich einfach anzufassen? Willst du, dass dich jemand Fremdes im Schlaf einfach berührt?“ Er zuckt erschrocken zusammen.
‚Dieser Blick...sie hat es bemerkt? Wie kann das sein?‘
„Sie hat eine wahnsinnige Beobachtungsgabe.“, spricht Jun einfach dazwischen. „Dass mir mein linker Knöchel kalt wird, liegt daran, dass du den Strumpf heruntergezogen haben musst. Vermutlich, um deine kleine Hinterlassenschaft als Beweis zu sehen. DU hast ihnen gesagt, wer ich bin.“ Matsuyamas Puls steigt enorm an.
‚Das hat sie bemerkt? Oder hat sie nur so getan, als ob sie geschlafen hat?‘
„Ach und dein Blick jetzt verrät, dass du vermutlich sogar meine Haarspange angefasst hast. Kein Wunder, dass sie so locker hängt. Wieso? An der verbrennst du dir nur deine Hände.“ Er tritt überrascht einen Schritt zurück.
„Woher? Das hast du bemerkt? Oder hast du dich nur schlafend gestellt.“
„Nö, aber du stehst verdächtig nahe vor uns und meine Strümpfe rutschen niemals einfach herunter. Die waren beide oben, als Kojiro mich hochgenommen hat. Er kann es schlecht gewesen sein. Und wie gesagt, die Schmauchspur ist von unserem Duell, nur du konntest wissen, dass dort etwas sein könnte.“
„Ich sagte doch, sie kann super beobachten. Mich würde nicht wundern, wenn wir heute nicht alles gesehen haben, was sie wirklich draufhat. Das ist mir gleich aufgefallen, als die ersten Zeichen kamen und es Signale nach vorne gab. Matsuyama, das ist es was Genzo meinte, als er dich vor ihr gewarnt hat. Du solltest sicher auf sie achten, um die seltsame Taktik schnell zu durchschauen.“ „Du bist hingegen euer Taktiker. Wieso sitzt ein Mann wie du auf der Bank, statt wie ich hinten in der Verteidigung zu stehen? Und warum wolltest du die Aufstellung für die zweite Halbzeit ändern?“, klingt sie fordernd. Jun grinst.
„Das werde ich dir jetzt ganz sicher nicht sagen.“
„Wer ist Sawada?“
„Die Nummer 15, Mittelfeldspieler. Er ist mit Kojiro und mir zusammen im selben Team, schon seit Grundschulzeiten.“, sagt Ken stolz.
„Ach, ja. Ich verstehe. Deswegen sollte er nach vorne gehen und der Taktiker nach hinten. Ich verstehe.“ Sie schaut zu Jun.
„Ich sag, ja. Du bist der wahre Puppenspieler in eurem Team. Mikami hat dich vermutlich deswegen neben sich sitzen. Nun gut. Dann wollen wir mal reingehen.“
Sie gehen in die Lobby und wollen direkt zum Lift gehen. Natürlich werden sie angesprochen.
„Guten Abend, wen haben Sie da bei sich?“ Tinas helle Haare und die Füße fallen natürlich auf und wecken neugierige Blicke. Jedoch ihr Gesicht hat noch niemand gesehen. Sie dreht sich zum 3. Lehrjahr Hotelfachmann um.
„Das passt schon, Thomas. Ich hau später wieder ab, keine Angst.“, grinst sie ihn an. Sie sprechen Deutsch miteinander.
„Wie jetzt? Tina? Was ist los? Was hat das zu bedeuten?“
„Ich bin im Park beim Laufen gestürzt und habe mich verletzt und dann wurde ich zum Glück gefunden. Ich darf zu ihnen zum Mannschaftsarzt. Der flickt mich wieder zusammen.“, versucht sie so ruhig wie möglich zu erklären.
„Aber...es...sieht komisch aus.“, meint er dann nur.
„Können wir jetzt? Ich werde nachher noch abgeholt, also alles gut soweit.“
„Oh. Okay.“ Er lässt sie gehen und die Jungs wundern sich etwas.
Im Lift fragt Kojiro dann doch nach.
„Kennst du ihn?“
„Ja, er war früher mal im Team. Ist schon weit vor Genzos Zeit gewesen. Später hat er sich aber für den Beruf entschieden. Sein Talent war irgendwann nicht ausreichend genug mitzuhalten und da hat er nur noch seinen Abschluss gemacht und geht jetzt lieber Arbeiten. Er spielt nur noch freizeitlich in einem kleinen Verein.“
‚Oha, ein Riese, dieser Typ. Welche Position mag er damals gespielt haben?‘ Mitten in dem Gedanken geht die Tür vom Lift auf und Tsubasa steht direkt vor Kojiro und Tina.
„Ah, da seid ihr ja. Was macht ihr so lange?“, spricht er Kojiro an und dann lächelt er Tina fröhlich an.
„Hi. Ich bin Tsubasa, Tsubasa Ohzora. Und wer bist du?“ Sie muss etwas kichern und reicht ihm die Hand.
„Du bist genauso, wie Genzo dich beschrieben hat. Ich heiße Bettina, aber alle nennen mich Tina. Ich bin eine Freundin von Genzo.“, lächelt sie begeistert zurück.
„Genzo? Etwa die, die er im Brief erwähnt hatte? Tina…wie diese Sängerin?“ Sie grinst.
„Genau. Wow, er hat mich in Briefen erwähnt?“
„Naja, in seinem ersten Brief, später nicht mehr.“, wundert sich Tsubasa.
„Lasst uns reingehen.“, bestimmt Matsuyama und drängt die Gruppe in den Lift. Die Tür schließt sich. Es ist eng mit den sechs Jungs und Tina auf Kojiros Armen. Er stellt sich bewusst nach hinten an die Wand, in der Annahme dort in der Ecke hat sie am meisten Platz, wenn er direkt in der Ecke steht. Es ist still. Keiner traut sich was zu sagen. Doch dann spricht Tsubasa natürlich als erster wieder mit Kojiro.
„Was ist denn passiert?“
„Bettina ist beim Laufen im Park gestürzt und da kein Arzt mehr aufhat, dachte ich, bringe ich sie hier zu uns.“
„Oh. Ich hoffe es ist nicht zu schlimm?“, spricht er dann Tina an.
„Geht schon. Gibt Schlimmeres. Es ist wirklich sehr nett, dass ihr mir helft.“
„Im Grunde ist es ja Kojiro, der dir seine Hilfe angeboten hat.“, grinst Ken und muss etwas kichern.
‚Diese Kombination sieht einfach nur niedlich aus. Wenn ich mir seinen Blick so ansehe, mag er sie wohl. Interessant, Kojiro. Du hattest noch nie Interesse an Mädchen. Aber bei ihr wirst du rot.‘
„Was soll das denn jetzt heißen?“, brummt Kojiro etwas. Er spricht lieber auf Japanisch. Plötzlich bleibt der Aufzug abrupt stehen. Alle sehen sich an.
„Was jetzt? Ein Erdbeben?“, äußert Jito.
„Sowas mag ich gar nicht. Ich hasse Aufzüge, echt mal.“, knurrt Ken und will sich etwas zur Tür umdrehen.
„Ihr seid sicher nur auf den Haltknopf gekommen.“, erklärt Tina. Kurz darauf geht die Tür auf. Falsche Etage jedoch. Es sind noch zwei Etagen zu fahren.
„Es geht gleich weiter. Ihr müsst nur wieder die Etage drücken.“, erklärt sie. „Okay. Ich glaube ich war das. Bin mit dem Arm dagegen. Sorry, Leute.“, grinst Jito und dreht sich etwas zur Seite, damit er nicht wieder an die Knöpfe kommt. Die Tür geht wieder zu und kurz darauf verzieht Tina das Gesicht. Durch Jitos Bewegungen stößt er versehentlich etwas an Tsubasa, schubst ihn und dieser wiederum kommt mit seinem Arm an Tinas linken Arm heran.
„Oh sorry.“, äußert er lachend und zeigt dann auf Jito.
„Der schubst hier rum.“, spaßt er etwas.
„Passt doch auf!“, knurrt Kojiro los und sieht dann zu Tinas Arm.
„Alles gut?“
„Geht schon. Wir sind ja gleich da. Das kann passieren.“, meint sie lächelnd aber die Augen muss sie doch etwas zusammenkneifen, denn es tut plötzlich sehr weh. Die Einrenkung ist eindeutig nicht ganz ohne Folgen von statten gegangen.
„Wieso tut dir dein linker Arm weh?“, fragt Matsuyama.
„Ist das jetzt so wichtig?“, sieht Tina ihn ernst an.
„Naja, soweit ich weiß bist du an der rechten Schulter verletzt, denke ich mal. Wieso kneifst du dann die Augen zu, bei so einem kleinen Anstoß? Du hältst den Arm schon die ganze Zeit so komisch fest.“
„Ich habe mir beim zweiten Sturz den Arm ausgekugelt. Danke der Nachfrage, alles wieder wo es hinsoll.“ Die Jungs sehen sie total verdattert an.
„Wie jetzt? Ausgekugelt?“, äußert Tsubasa und sieht ihr auf den Arm.
„Was soll das heißen, wieder da wo es hinsoll? Zeig mal her.“, spricht Jun streng und schiebt Tsubasa etwas zur Seite.
„Das soll sich der Arzt ansehen.“, spricht Tina.
„Ihr…habt doch nicht etwa…“, haut Ken raus.
„Bist du verrückt?! Weißt du, was du dabei alles anrichten kannst?!“, brummt Jun Kojiro entsetzt an.
„Beruhigt euch wieder! ICH…habe ihn darum gebeten. Kojiro hat alles richtig gemacht. Es würde jetzt viel schlimmer sein, wenn er mich mit dem ausgekugelten Ellenbogen so lange getragen hätte. Die Situation ließ es nicht anders zu.“, erklärt Tina laut und deutlich. Ihr Blick ist ernst und er ist auf Jun und auch auf Ken gerichtet.
„Du hast es ihm doch selbst beigebracht. Vielen Dank. Ich habe genau erklärt was zu machen ist und schon waren wir fertig. Wie oft musste er es bei dir schon machen?“ Ken sieht sie verblüfft an.
„Äh…naja…zwei Mal.“
„Warum hat es kein Arzt gemacht?“
„Naja…wir waren mehr oder weniger irgendwo im Wald oder am Strand. Also…keiner da.“
„Siehst du? So ist das doch jetzt auch gewesen.“
Der Aufzug geht auf. Sie sind in der fünften Etage angekommen und gehen langsam und leise durch den Flur. Matsuyama voran. Plötzlich gehen einige Türen auf und die restlichen Teammitglieder schauen neugierig aus ihren Zimmern heraus. Natürlich wird leise getuschelt.
„Na das ist ja ein Anblick. Hyuga trägt sie? Das sieht ja niedlich aus.“
„Wer ist das? Die sieht von Weitem schon hübsch aus.“
„Wieso muss er sie denn tragen?“
„Sie ist doch gestürzt, hat Hikaru gesagt.“
„Hi, ihr sollt in den Konferenzraum. Hat Mikami so angeordnet.“, kommt Ryo Ishizaki auf sie zu. Er lächelt freundlich und begrüßt Tina.
„Hi, äh…ich heiße Ryo.“ Tina lächelt höflich zurück.
„Hi, ich heiße Bettina, nenn mich einfach Tina.
Lass mich raten. Du bist die Nummer 14, ein Verteidiger mit Köpfchen.“, grinst sie. Er sieht sie verdutzt an, weil er nicht alles versteht.
Ken und Kojiro wiederum müssen sich das Lachen verkneifen. Nur Tsubasa lacht laut los.
„Wieso…lacht ihr denn? Was…was hat sie gesagt? Ich kann doch noch nicht so gut Englisch. Irgendwas mit Kopf und Nummer 14 und Verteidiger.“, schaut Ryo zu seinem Freund Tsubasa.
„Du musst mehr lernen, Ishizaki. Ist ja peinlich.“, äußert Ken und stößt ihn etwas an den Arm.
„Hey, du bist gemein. Meine Mutter meinte unbedingt, ich soll mich mehr um Spanisch kümmern. Was kann ich denn dafür?“
„Kojiro? Was hat er gesagt? Hat er es nicht verstanden?“, dreht sich Tina zu ihm und schaut ihn fragend an.
„Genau. Am besten du versuchst es nochmal auf Spanisch.“ Tina dreht sich zu Ishizaki.
„Du sprichst Spanisch besser als Englisch?“, lächelt sie und spricht Spanisch. Ryo ist total verdutzt und fasst sich an den Kopf und lacht etwas.
„Ist ja cool. Äh. Ja. Ich muss zu Hause mehr Spanisch lernen, weil meine Mama mit Obst und Gemüse handelt und unsere Lieferanten im Ausland Spanier sind.“ „Oh. Das verstehe ich. Wenn ihr also dann zum Markt geht, vermutlich im Hafen, holst ihr frisch alles vom Schiff?“
„Genau, aber direkt vom Bauern.“
„Du musst trotzdem Englisch lernen, Ken hat Recht. Übe doch einfach mit deinem Team dann. Als Sportler, der international unterwegs ist, sollte man immer Englisch können. Auch nur mal angenommen, du würdest mal in Spanien spielen, dann sprechen die im Team alle nur Englisch mit dir. Frag mal Tsubasa. Auch wenn er jetzt wie wild Portugiesisch lernt, muss er am Ende im Team Englisch sprechen.“, bringt sich Kojiro ein. Alle sind erstaunt. Seit wann gibt Kojiro Tipps für die Schule oder fürs Leben? Und vor allem, wie lange kann er hintereinander reden? Und das ohne zu brummen?
‚Was ist denn mit dem los?‘, geht besonders durch Juns Kopf.
„Kojiro hat Recht, am besten du sprichst mit uns allen ab jetzt nur noch in Englisch, während der Meisterschaft. Das übt sehr. Ich hatte nur das Glück und bin dreisprachig aufgewachsen. Aber Englisch lernen muss ich trotzdem.“, bringt sich Hikaru ein.
„Och nö. Wie gemein. Und wie soll ich dann Scherze machen, wenn mich keiner versteht?“ Hikaru grinst.
„Ich glaube eher, dass du dann keine mehr machen musst, weil wir eh über dich lachen können.“, haut Jito raus. Ryo schmollt und spricht Hikaru dann wieder interessiert an.
„Welche Sprachen sprichst du denn noch?“, hinterfragt Ryo neugierig.
„Na Hokkaido-Ben und vermutlich Russisch natürlich. Hast du in japanischer Geschichte nicht aufgepasst?“, knurrt Kojiro verständnislos. Hikaru ist eher erstaunt, dass Kojiro das weiß.
„DU hast scheinbar aufgepasst.“, meint er zu ihm und ist überrascht.
„Ich spreche zwar viele Sprachen, aber Japanisch noch nicht. Total doof.“, äußert Tina nebenbei, weil sich bereits wieder auf Japanisch unterhalten wird.
„Oh, Entschuldigung. Wir haben nur darüber gesprochen welche Sprachen Hikaru noch spricht. Er ist dreisprachig aufgewachsen.“, erklärt Tsubasa.
„Oh, wirklich? Wo bist du denn aufgewachsen? Etwa auf einer eurer Inseln? Da wachsen viele Leute zwei oder dreisprachig auf.“, kommt begeistert von Tina. „Auf Hokkaido.“
„Oh, dann sprichst du eventuell Russisch?“, fragt sie ihn auf Russisch. Alle sehen sie verwundert an.
„Richtig, das auch. Ich bin erstaunt. Sprachen sind wohl dein Ding.“, kommentiert er es nüchtern und dann hebt er die Hand.
„Gut, haben wir das ja geklärt. Ihr bleibt draußen, wir gehen jetzt zum Arzt rein.“, spricht er streng.
Sie gehen noch ein Stückchen und der neue Kapitän Hikaru klopft an. Es wird geöffnet und er und die anderen betreten den Raum. Nur der Arzt steht an einem Tisch und hat schon einen Stuhl vorbereitet und seine Tasche hingestellt. Es ist derzeit weiter niemand im Raum.
„Guten Abend Doktor.“, spricht Hikaru ihn freundlich an.
„Matsuyama. Was ist denn nur passiert?“ Er staunt nicht schlecht, als er Kojiro mit einem blonden Mädchen auf den Armen sieht.
‚Das ist ja auch ein interessantes Bild. Ist sie so schlimm verletzt, dass sie nicht mehr laufen kann?‘
„Guten Abend Doktor. Bitte entschuldigen Sie. Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie uns helfen.“, spricht Kojiro ernst und freundlich.
„Gut, setzen Sie sie hier auf den Stuhl. Ich sehe was ich machen kann. Was ist denn überhaupt passiert?“, fragt er ihn ernst.
Als Kojiro an ihm vorbei geht und versucht Tina auf den Stuhl zu setzen, lächelt Tina den Arzt freundlich an.
„Guten Abend Doktor. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir überhaupt Ihre wertvolle Zeit schenken. Kojiro hat Sie sicher jetzt einfach damit überfallen, aber zuerst hätte ein Besuch in einer Notaufnahme nicht gereicht und dann…eilte es doch etwas. Und Sie sind doch auf Sportverletzungen spezialisiert.“
Der Arzt betrachtet sie und lächelt zurück.
‚Sie ist sehr hübsch. Nun gut. Ich tu dem Team den Gefallen, Hyuga wird sich was dabei gedacht haben sie hier her zu bringen, statt einen normalen Arzt aufzusuchen.‘
Kojiro nimmt seine Jacke von ihr wieder an sich. Ihre verbundenen Beine kommen zum Vorschein.
„Oh, ich helfe gerne. Was haben Sie denn nur angestellt?“ Er dreht sich zu den Jungs.
„Alle außer Misugi verlassen bitte den Raum.“ Er wird von den anderen erstaunt angesehen.
„Warum denn? Wir…wir wollen doch auch wissen wie es ihr geht.“, fragt Jito. „Na hören Sie mal. Ärztliche Schweigepflicht und außerdem ist sie ein Mädchen. Da haben Sie hier nichts zu suchen. Raus jetzt. Wenn ich fertig bin, gebe ich Bescheid.“, brummt er streng.
„Aber…warum darf Jun denn hierbleiben?“, fragt Ken.
„Er will selbst Sportmediziner werden und darf mir assistieren. Da kann er gleich was lernen. Und eine gleichaltrige Person statt einer Frau hier zu haben ist als Zeuge angebracht, in so einer Situation. Also raus jetzt.“
„Ist das denn für dich okay, Bettina?“, fragt Jun Tina selbst. Sie nickt und lächelt.
„Ist okay. Mich stört das nicht.“ Jeder verlässt den Raum. Kojiro geht als letzter zur Tür.
„Ach so. Hyuga. Sie bleiben bitte auch noch kurz. Sie haben die junge Dame doch gefunden? So habe ich das verstanden. Bitte schließen Sie die Tür.“ Natürlich tut er was er sagt und kommt dann auf ihn zu.
„Was kann ich denn helfen?“
„Jetzt berichten Sie mir bitte was passiert ist?“ Inzwischen zeigt Tina auf ihre Knie und fummelt selbst die Verbände ab und legt den Stoff zur Seite. Kojiros Blick wird plötzlich nachdenklich und er schweigt kurz bevor er antwortet.
‚Du meine Güte. Das sieht ja schlimm aus. Ist sie beim zweiten Sturz etwa noch ein zweites Mal auf die Knie gefallen? Es blutet ja noch. Es hatte doch schon aufgehört. Hat sie deswegen doch Verbände drum gemacht? Wo hat sie überhaupt den Stoff her? Rosafarbener Stoff?‘
„Ich hatte im Hotelgarten unten etwas trainiert und da hörte ich was Komisches und sah jemanden auf dem Weg im Park liegen. Also kletterte ich über den Zaun und entdeckte Bettina am Boden. Sie hatte sich beim Laufen verletzt, weil sie gestürzt war.“
„Okay. War da niemand weiter, der helfen konnte?“
„Nein. Es kam dann ne Gruppe Männer vorbei und die machten mich etwas an, aber Tina hatte es irgendwie geschafft sie zu vertreiben. Die dachten wohl, dass ich das war. Danach kam niemand mehr.“
„Und Sie? Wie heißen Sie? Und warum halten Sie den linken Arm so komisch? Ist da auch etwas mit?“
„Ich heiße Bettina Fuchs, bin 16 Jahre alt und der linke Arm war nach meinem zweiten Sturz ausgekugelt. Ich wollte mich aufstützen, aber dann ist es passiert. Kojiro hat ihn mir zwar richtig eingerenkt, aber dann hatte ich eben gerade einen kleinen Druck darauf. Jetzt tut es wieder etwas mehr weh.“
„Wie bitte? Ausgekugelt?“ Entsetzt dreht er sich zu Kojiro um.
„Sind Sie denn zu retten?!“ Kojiro sieht ihn ernst an und verschränkt die Arme. Mit überzeugter Stimme erklärt er es sachlich.
„Ich habe nur getan was nötig war. Hätte ich Bettina mit dieser Verletzung den langen Weg getragen, wäre es nur schlimmer geworden und hätte ihr länger wehgetan.“
„Das ist trotzdem unverantwortlich. Wer weiß was Sie damit verursacht haben.“, murrt der Arzt und bittet Tina die Trainingsjacke auszuziehen.
„Das geht grad nicht. Schimpfen Sie nicht mit Kojiro. Ich habe ihn angefleht es zu tun. Es war nicht seine Idee und ich habe ihm genau erklärt was er machen muss. Er hat alles richtig gemacht. Ich denke nicht, dass es schlimm ist. Es tut nur eben wieder etwas mehr weh, als vorher.“, versucht Tina die Wogen zu glätten und lächelt den Arzt liebevoll an.
„Haben Sie eben verstanden was ich gesagt habe?“
„Nein, aber an ihrem Tonfall und der Reaktion darauf kann ich es mir doch denken. Ich würde an Ihrer Stelle auch schimpfen. Das ist aber nicht nötig. Kojiro hat mir nur den Gefallen getan. Er wollte es zuerst ja auch gar nicht wagen.“
„Nun gut. Und wieso können Sie jetzt die Jacke nicht ausziehen?“ Tina schmunzelt etwas verlegen.
„Naja…was denken Sie, womit ich mir die Beine verbunden habe? Da es wieder anfing zu bluten, musste ich mir ja etwas einfallen lassen.“ Sie fasst sich mit der rechten Hand verlegen an den Kopf.
„Es war quasi…mein letztes Hemd?“, flüstert sie dann und beim Gedanken daran, sie würde jetzt die Jacke ausziehen müssen und hat darunter kein T-Shirt mehr an, sondern nur noch ihr Sport-Top, lässt sie etwas rot werden. Etwas verstohlen sieht sie zu Kojiro auf, welcher auch verdutzt schaut.
‚Hat sie eben gesagt, sie hat ihr Shirt zerrissen und unter der Jacke nichts weiter an? Ist es deswegen rosarot?‘ Auch Jun ist etwas verdutzt und versucht sich zusammenzureißen. Er weiß, dass solche Situationen eben auch passieren können, wenn er später als Mediziner arbeitet oder mal in Notfälle gerät.
„Ich…gehe und hole dir was.“, beginnt Kojiro zu stottern und fängt sich aber schnell wieder und spricht schnell seinen Satz zu ende. Dann verlässt er den Raum und schließt die Tür hinter sich und lehnt sich kurz daran an.
‚Was war das denn? Wieso wird mir denn plötzlich so warm? Wie peinlich war das denn? Hoffentlich hat das jetzt keiner bemerkt.‘ Er atmet tief durch und geht dann direkt in sein Zimmer. Als er seine Zimmertür schließt, sehen ihn Ken und Takeshi fragend an.
„Und? Wie geht es ihr?“, fragt Ken.
„Kojiro, wieso bist du so rot im Gesicht?“, wundert sich Takeshi. Der stolze Stürmer geht einfach nur an ihnen vorbei und geht an seinen Koffer.
„Ich weiß es noch nicht. Der Arzt muss sie erst untersuchen. Ich muss nur was bringen.“, sagt er dann einfach eher monoton und im Gedanken ist er schon woanders. Er wühlt in seinem Koffer vorsichtig herum und greift dann ein schwarzes T-Shirt.
‚Ah, da ist es ja. Meine Geschwister meinten es gut und haben es mir als Glücksbringer für die Reise geschenkt. Leider haben sie es wohl zu heiß gewaschen. Es ist mir jetzt viel zu klein.‘ Er betrachtet es noch einmal kurz. Es ist schlicht schwarz und hat jedoch oben links eine kleine Stickerei der japanischen Flagge. Als er es vorhin anziehen wollte, um seinen neuen Schuss zu üben, kam er mit den Armen zwar rein, aber weiter kam er nicht mehr, zu eng. ‚Ob sie es anziehen würde obwohl die Flagge drauf ist?‘ Zweifelnd legt er es wieder in den Koffer.
„Was hast du? Was ist mit dem Shirt?“
„Es…ist mir zu klein…und…Bettina…naja. Ken, du hast doch gesehen, dass sie ihre Knie verbunden hatte. Das war…ihr Shirt. Irgendetwas muss sie doch anziehen können, unter ihrer Jacke.“, seufzt Kojiro.
„Wie jetzt? Sie hat echt nur noch die Jacke an? Bist du deswegen so rot angelaufen und da wolltest du ihr ein Shirt von dir geben?“, grinst er.
„Ähm…ja. Genau.“
„Und wo ist da jetzt das Problem?“
„Schau doch mal.“ Er zeigt auf die kleine Flagge.
„Oh, glaubst du echt sie würde es deswegen nicht mögen?“, fragt Takeshi.
„Ich weiß nicht, immerhin…hat sie…selbst für Deutschland gespielt.“, sagt er ganz leise.
„Na und? Sie ist doch aber Genzos Freundin und sie mag ihn sehr. Also…kann es doch nur eine Ehre für sie sein mit der japanischen Flagge rumzulaufen. Das habe ich vorhin doch so verstanden? Er sei ihr ein sehr guter Freund.“ Kojiro richtet sich wieder auf, greift das Shirt und hält es in der Hand.
„Meinst du wirklich? Für sie könnte es eine Ehre sein?“ Ken geht auf Kojiro zu. „Ganz ehrlich? Wir sind ja jetzt unter uns. So wie sie auf dich bei eurer ersten Begegnung reagiert hat und wie sie dich vorhin angesehen hat, glaube mir. Würde sie dich und uns alle nicht irgendwie mögen und respektieren, würde sie nicht hier sein und sie hätte sich niemals von dir hertragen lassen. Hast du vergessen wer sie ist? Sie hat einen großen Stolz. Genauso wie wir. Das sollte dir aufgefallen sein. Du bist vermutlich ihr bisher stärkster Gegner gewesen und dann tauchst du auf und findest sie so schwer verletzt im Park. Sie hat dir sogar ihr großes Geheimnis anvertraut und trotzdem…zweifelst du daran, dass sie mit unserer Flagge rumlaufen würde? Ich bin davon überzeugt…Tina wird das Shirt mit Stolz tragen und es wird ihr vermutlich heute neben deiner Hilfe das Netteste sein, was ihr passiert ist. Immerhin musste sie heute gleich zweimal vor dir kapitulieren und hat trotzdem den Mut zu uns zu kommen, mit uns zu reden und uns freundlich anzulächeln.“ Er pausiert und fasst dann Kojiros Schulter.
„Glaube mir, Kapitän, darüber musst du dir wirklich keine Gedanken machen. Und unter der Jacke sieht es doch sowieso keiner.“ Takeshi sieht Ken verdutzt an.
„Wie jetzt? Wer ist sie denn? Wieso musste sie vor Kojiro zweimal kapitulieren? Was meinst du damit?“ Ken zuckt mit den Schultern und schaut fragend zu Kojiro.
„Willst du es schon sagen? Sie sagt, sie will er später selbst aufklären.“, fragt er ihn.
„Hm.“ Kojiro legt das Shirt aufs Bett und legt es sorgsam wieder zusammen.
„Sie soll es selbst aufklären. Matsuyama hat es mit ihr so ausgemacht, also bleiben wir dabei.“, legt er fest und verlässt das Zimmer wieder. Die beiden Freunde sehen sich erstaunt an.
„Wow, was ist denn mit dem los? Die Kleine hat es ihm doch wohl nicht etwa angetan?“, grinst Takeshi dann plötzlich. Ken schmunzelt.
„So richtig kann ich dir das auch nicht sagen. Sagen wir es so. Ich glaube schon, dass er sie mag. Sie ist immerhin recht hübsch, oder?“ Takeshi grinst.
„Kann sein, viel konnte ich aber jetzt nicht sehen. Ich habe nur blonde Haare gesehen und mehr eben nicht, weil immer irgendwer davorstand. Der Anblick, dass er ein deutsches Mädchen auf dem Arm hielt, war schon erstaunlich genug. Ist sie denn wirklich sehr hübsch?“
„Ich finde sie hübsch. Aber jeder hat ja eh einen anderen Geschmack.“
„Ich wundere mich jedoch trotzdem, denn er hat sich noch nie für Mädchen interessiert, warum ausgerechnet jetzt? Und was soll dabei schon rumkommen, wenn er eh wieder nach Japan geht? Wir fahren doch morgen schon weiter nach Bremen. Was auch immer das sein soll, es wäre sinnlos. Mehr als eine Brieffreundschaft, kann das nie werden.“, spricht er ernst und stellt sich ans Fenster.
„Da spricht wohl der Liebesexperte, was?“, lacht Ken ihn etwas aus.
Unterdessen werden im Konferenzraum die Knie gereinigt und endlich richtig verbunden. Tina schaut nebenbei ab und an zur Uhr über der Eingangstür.
„Jun, wie lange braucht Genzo denn bis er hier ist? Macht er unterwegs noch einen Umweg?“, fragt sie ihn leise. Jun wundert sich.
„Keine Ahnung, vielleicht weiß er nur nicht, dass er direkt herkommen soll. Ich schau mal, ob er bei den anderen ist. Du hast Recht. Er hätte längst da sein können.“ Genau in dem Moment klopft es an der Tür.
„Moment.“, ruft der Doktor.
„Schauen Sie wer da ist.“, fordert er seinen Assistenten auf. Er geht zur Tür. Die Tür geht jedoch ein wenig von selbst auf und ein Arm mit dem T-Shirt wird hineingereicht.
„Ich bin es. Ich guck auch nicht. Hier, ein frisches und neues Shirt für Bettina. Sie kann es behalten, wenn sie möchte.“, sind Kojiros englische Worte zu hören. Tina staunt nicht schlecht als sie Kojiros kräftigen Arm sieht und das schwarze Shirt auf der Handfläche. Er hat es noch zusammengelegt auf der Handfläche liegen, damit es nicht zerknautscht.
‚Kojiro…du hast mir etwas zum Anziehen besorgt? Das ist ja lieb.‘ Sie lächelt glücklich. Die Tür schließt sich wieder und der Arzt wundert sich. Jun kommt mit dem Shirt auf sie zu und ist selbst sehr überrascht.
‚Wo hat er das denn plötzlich her? Wir sollten doch alle nur unsere weißen Shirts und die Trikots tragen.‘ Er blickt zu Tina, wie sie ihn gefühlt glücklich ansieht. „Ich bin erstaunt. Wo hat er denn ein schwarzes Shirt her? Sie hatten alle strickte Anweisung nur Nationalfarben und Royal-Blau zu tragen. Was soll das Schwarz dann hier?“
„Er liebt Schwarz. Keine Ahnung, Dr.“, sprechen beide auf Japanisch.
„Es ist gemein, wenn Sie nicht in Englisch reden. Ich möchte auch wissen worum es geht.“, bringt Tina sich ein.
„Die Beine sind soweit fertig, Fräulein Fuchs. Sie müssen noch aufpassen und sich schonen. An Ihrer Muskulatur kann ich erkennen, dass Sie auch Sport treiben wie ihre Brüder. Was machen Sie?“
„Oh, ich schwimme und laufe. Flossenschwimmen, Marathons und sowas.“
„Ich verstehe. Das erklärt einiges. Das muss jedoch jetzt leider lange pausieren.“
„Ich weiß.“, haucht Tina genervt aus und dann lächelt sie als Jun ihr das Shirt gibt.
„Dann kann der Doktor ja mit der Schulter weiter machen. Ich helfe dir, die Jacke auszuziehen, wenn du nichts dagegen hast.“, spricht Jun höflich.
‚Ich bin erstaunt, dass du so lächelst, weil Kojiro dir das Shirt gibt? Magst du ihn etwa?‘
„Ich versuche es so.“ Tina versucht es alleine, aber dann kneift sie wieder die Augen fest zu. Jun greift den ersten Ärmel und hilft ihr dann. Es dauert einen Moment bis die Jacke aus ist und er legt sie hinter ihr auf einen Stuhl. Als er sich wieder umdreht, kann er ihren Rücken sehen. Zwar trägt sie noch einen Sport BH, das wie ein Top geschnitten ist und nicht sehr viel Haut zeigt, aber Teile von zwei Narben sind trotzdem zu sehen.
‚Du meine Güte. Was hat sie denn gemacht? Wie groß muss die eine Narbe da unten sein, wenn sie so dick ist?‘
„Jun, es ist sehr lieb von Kojiro, dass er mir ein Shirt gibt. Ich mag Schwarz.
„Jun, du wolltest nach Genzo schauen.“, spricht Tina ihn an. Ihr ist klar, dass er sie sehen kann und will ihn ablenken und auf andere Gedanken bringen. Er nickt ihr zu und geht zur Tür und verlässt das Zimmer.
Kaum schließt er die Tür, sieht er Kojiro an der Wand stehen, wie er nachdenklich seine Hände betrachtet und dann zwei Fäuste ballt und eher verzweifelt schaut. ‚Bettina…diese Verletzungen…dass deine Beine wieder so stark bluten und dann dieser ausgekugelte Arm…verflucht. Das geht auf meine Kappe. Hätte ich dich nicht alleine gelassen, wäre es nie so schlimm geworden. Du hättest nicht vor dem Kerl weglaufen müssen…und währst nicht gestürzt. Wie konnte ich nur?‘
„Hey, Kojiro. Alles gut?“, nimmt er eine vertraute Stimme. Jun steht neben ihm. Die Jungs sehen sich an.
„Nichts ist okay. Das…das mit ihrem Arm und der zweite Sturz…das…ist meine Schuld.“, sagt er flüsternd und im Vertrauen zu ihm. Juns Puls beginnt zu rasen. Was meint er denn damit?
„Was meinst du damit?“
„Ich…ich wollte sie herbringen und dann…hatten wir einen Streit…und dann habe ich sie einfach allein gelassen. Als ich sie dann später doch wieder suchte, fand ich sie so auf und…verdammt nochmal…ich hätte sie niemals alleine lassen dürfen.“ Jun berührt seine Fäuste, um ihn zu beruhigen und sieht ihn ernst an. „Hyuga…spinn nicht rum. Du konntest es nicht wissen. Sie ist dir doch überhaupt nicht böse. Du hättest mal ihr Lächeln sehen sollen, als ich ihr das Shirt gebracht habe. Ich glaube sie mag dich. Sie ist dir nicht böse.“
„Meinst du? Ich war so dumm und egoistisch. Sie sagte, dass sie vor jemanden weglaufen musste und dann ist sie wieder gestürzt. Wäre ich bei ihr geblieben…“, redet er leise und wütend. Doch dann stößt Jun mit seiner Faust etwas gegen seinen Arm.
„Blödmann. Sie weiß selbst, dass du nichts dafürkannst. Mach dich doch nicht dafür verantwortlich. Im Gegenteil. Wenn du sie nicht gefunden hättest, wer weiß was dann?“ Genau in diesem Moment öffnet sich der Lift und Genzo betritt mit seinem Koffer den Flur. Die drei Jungs sehen sich überrascht an. Er und Kojiro sehen sich ernst an. Die Schlägerei sitzt noch tief.
Das letzte Treffen
Kapitel 6
Das letzte Treffen
Es sind einige Tage vergangen und die Weltmeisterschaft der Junioren U16 ist vorbei. Am letzten Tag in Paris bittet Tina ihren Vater um ein Gespräch nur unter ihnen beiden. Sie gehen wie früher draußen laufen und Georg stellt sich mit ihr auf eine Brücke über einer belebten Straße.
„Was hast du Bettina? Wir waren schon lange nicht mehr laufen.“
„Ich habe lange darüber nachgedacht und jetzt…nach dem Finalspiel gestern…ich habe mich entschieden was ich machen will.“, beginnt sie.
„Was genau meinst du?“
„Ich…ich will mit Rudi reden.“ Sein Herz fängt an schneller zu schlagen. Er sieht seine Tochter verblüfft an.
„Ist das dein Wunsch? Bist du sicher, dass du das willst?“
„Ja…ich habe wirklich lange überlegt und ein Gespräch nur unter uns…muss sein.“ Georg ist still und er ist sich unsicher, ob es eine gute Idee ist den Kontakt erneut herzustellen.
„Darf ich den Grund wissen?“ Tina sieht ihren Vater liebevoll an und lächelt. Sie nimmt seine linke Hand in ihre.
„Papa, vertraust du mir? Hast du Angst?“ Er sieht ihr liebevoll in die Augen und fasst ihre Wange.
„Natürlich vertraue ich dir. Es ist nur…irgendwie…habe ich schon Angst…dich zu verlieren. Jetzt…wo du die Wahrheit kennst…ist es alles so komisch zwischen uns.“, spricht er ehrlich aus, was er fühlt.
„Papa…du…bist mein Papa und niemals jemand anderer, ist das klar?!“ Erleichtert lächelt er sie an und nimmt sie in die Arme.
„Danke, Kleines. Weißt du…als du Stephan als Kind darum gebeten hast…für dich auch wie ein Henry zu sein…da fand ich die Idee so toll und ich stellte mir dann vor…du bist ebenso auch ein Henry, nur eben für uns. Du hast…keine Ahnung wie glücklich wir waren, euch nach so vielen Jahren zusammenzusehen. Ihr drei zusammenspielen und wie glücklich ihr zusammen wart. Das machte uns alle glücklich. Deswegen konnten wir nichts dagegen tun, es war wie ein schöner Traum, weißt du?
Es gab nur eine Person, die nicht so ganz glücklich damit war. Deswegen…gab es irgendwann so oft Streit zwischen Rudi und Ute. Du musst sie aber auch verstehen. Ich zweifle keinesfalls daran, dass sie Karl genauso sehr liebt wie ich dich. Bitte bedenke das immer. Verstehst du was ich meine?“
Tina nickt und legt ihren Kopf an seine starke Schulter.
„Ja, ich verstehe das. Ich weiß jetzt…diese schöne Zeit im Imbiss…Mama hat sie genossen…auch mal mit Karl alleine zu sein und etwas zusammen zu machen. Das fand sie besonders toll. Jetzt…weiß ich endlich warum es ihr so gefallen hat.“ Georg drückt sie kurz fest an sich und dann weist er sie von sich und sieht ihr wieder liebevoll in die Augen.
„Du bist meine Tochter…niemals wirst du etwas anderes sein, verstanden? Zwischen dir und Stephan gibt es keinen Unterschied für mich. Ich will…dass du das weißt.“
„Papa…liebst du Karl-Heinz auch? Es…muss doch schrecklich sein…willst du ihn nicht auch mal in dem Arm nehmen oder einfach um dich haben? Jetzt wo ich es weiß…ist alles so komisch. Ihr…hättet es mir früher sagen müssen. Ich hätte es sicher verstanden.“
„Die Gefahr war zu groß, Bettina. Ihr wart so jung und so ein wichtiges Geheimnis muss bewahrt bleiben. Wenn sein Alter nicht so stark verändert geworden wäre, wäre es nur halb so schlimm, aber jetzt…jetzt ist es zu spät. Zu spät für die Wahrheit.“
„Es wäre doch wenigstens vor einem Jahr oder so sinnvoll gewesen. Es wäre besser gewesen, dann hätte ich es wenigstens verstanden.“
„Was hättest du verstanden?“ Sie lässt ihn los und stellt sich wieder an den Zaun und starrt auf die Autos.
„Na…warum…ich mich in seiner Nähe…wohl fühlte. Ich…hätte mir vor allem…ich hätte ihm dann nie ein Geständnis gemacht.“ Georg ist erstaunt. Er wusste bis dahin nie was genau passiert war und wie es dazu kam, dass die beiden sich überhaupt heimlich trafen.
„Ein Geständnis? Ich weiß ja nicht…was da zwischen euch wirklich war.“
„Er hat mich eines Tages unter der Dusche erwischt. Naja…zu leugnen wer ich bin, war dann zwecklos. Natürlich wollte er wissen warum ich alle angelogen habe. Ich erklärte ihm, dass ich anfangs nur mit Stephan spielen wollte und dann kam er eben irgendwie dazu. Da…habe ich ihm…dann meine Liebe gestanden.“
„Hm. Ich verstehe. Und jetzt? Jetzt weißt du es und was…empfindest du jetzt für ihn?“
„Ich…weiß es noch nicht. Aber…ich hatte nun Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Und als ich nach unserem Streit laufen war und Genzos Freunde kennenlernen konnte…und er dann so vor mir stand, da…wurde mir ganz warm und mein Herz raste wie wild…sowas hatte ich…bisher noch nie. Jetzt…wo ich wusste, wer Karl ist und dass ich jemand anderen mögen kann…es fühlte sich einfach komisch an, gegenüber von Jungs, nur ein Mädchen zu sein.“
„Wer stand vor dir? Einer von den Japanern? Mama hat mir nicht erzählt, wer dich im Park gefunden hat.“ Tina grinst etwas vor sich hin, streckt ihre Hände aus und hält die Handflächen nach oben.
„Ja…es war einer von ihnen…und weißt du was am schlimmsten ist?“
„Erzähl.“ Sie atmet ganz tief durch und sieht dann zu ihm auf.
„Gestern…beim Finale…habe ich ihm und nicht Karl die Daumen gedrückt. Ist das gemein?“ Er lächelt und schüttelt den Kopf.
‚Mein Großer hatte Recht. Er sagte mir, dass sie sich verguckt hat. Ob es wirklich so ist?‘
„Aber du hättest ihm doch den Sieg gegönnt?“
„Aber natürlich. Er hätte ihn mehr als verdient, aber die Japaner eben auch. Ich hatte jedoch im Laufe der WM das Gefühl, dass Karl-Heinz trotz des Erfolgs und den Transfer nach Bayern…mal eine große Niederlage braucht. Er muss wissen wie sich seine Gegner fühlen. Und nur so…weiß er, dass er immer weiter hart trainieren muss. Sicher würde er niemals irgendwo stehen bleiben und sich ausruhen. Das liegt ihm nicht, aber so eine Niederlage muss auch mal sein.“ Georg lacht plötzlich los.
„Das hast du gedacht? Das ist ja wirklich gemein.“ Tina ist erstaunt.
„Ich weiß…warum musst du dabei lachen?“
„Ich habe dasselbe gedacht. Rudi übrigens auch. Wir haben aber alle…aus der Sicht eines Trainers gedacht. Willst du später noch Trainerin werden?“
„Keine Ahnung. Gerne, aber welchen Sport…weiß ich ja nun noch nicht.“
„Hm. Nun gut. Was willst du mit Rudi bereden?“
„Ich…will ihm einerseits sagen was ich dir vorhin schon gesagt habe. Du sagtest, er weiß es inzwischen, dass wir Bescheid wissen. Er soll wissen, dass ich ihm nicht nachlaufe oder so. Für mich…wird er immer nur Rudi sein, nicht mal mehr Onkel…nein…niemals.“ Georg lächelt glücklich und beruhigt.
„Okay. Und was noch?“
„Ich will mich doch noch von Karl-Heinz verabschieden. Wir können nicht einfach wegziehen und ich habe ihm nie lebe wohl gesagt. Und ich muss etwas wissen…jetzt…wo ich es weiß.“
„Was willst du wissen?“
„Ich will wissen…was ich…jetzt empfinde, wenn ich ihm gegenüberstehe.“
„Ich verstehe. Du willst dich testen?“
„Ja.
Papa…bist du…eigentlich böse…auf…Rudi? Also…ich meine…weil er und Mama.“ Er ist erstaunt über diese Frage.
„Nein, Bettina. Das bin ich nicht.“, sagt er dann sehr deutlich und berührt wieder ihre Schultern und sieht sie sehr ernst an.
„Aber…ich…der Gedanke…er und Mama.“, stottert sie.
„So darfst du das nicht sehen. Theoretisch hätte es Ute doch genauso passieren können. Es war…eine völlig unüberschaubare Feier und keiner wusste am Ende noch wer was oder wie. Deswegen…haben wir euch immer vor Alkohol gewarnt.“
„Aber…woher wusstest ihr denn…dass wir nicht von dir sein konnten? Das habt ihr nicht erklärt, nur, dass du uns beide trotzdem liebst.“ Er schließt kurz die Augen.
„Ach Kleines, es fällt mir wirklich schwer…es zu sagen.“
„Bitte…jetzt weiß ich es sowieso schon. Ich bin doch alt genug.“
„Gut, ich verrate es dir, aber…dafür musst du mir auch etwas verraten. Ich sage es auch niemanden.“, grinst er dann plötzlich.
„Okay. Was denn?“
„Wer hat dich im Park gefunden? Wen magst du aus Genzos Team so sehr, dass du ihm vertrauen kannst?“ Tina wird plötzlich knall rot im Gesicht. Ihr Herz schlägt schneller und ihr wird heiß. Sie weicht seinem Blick aus und schaut zu Boden. Dann lächelt sie.
„Es…war Kojiro. Kojiro Hyuga. Er…hat mich ins Hotel getragen und…ich bin auf dem Weg sogar…in seinen Armen eingeschlafen. Voll peinlich…aber…auch irgendwie schön. Noch nie war ich…einfach nur ein Mädchen, dass sich…helfen lassen hat. Ich glaube…das wäre mir vermutlich nie…vor Karl passiert.“ Georg lächelt sie an.
„So so…ein sehr leidenschaftlicher Spieler. In der kurzen Zeit hat er die größte Entwicklung von allen Japanern durchgemacht. Irgendwie habe ich es mir schon gedacht. Sein zweiter Angriff ging derart daneben, das fiel ja schon richtig auf. Dass dich der Trainer und die Jungs hinterher ordentlich ausgeschimpft haben, war klar. Sie wussten, dass du es hättest verhindern können, das erste Tor. Es war wie ein Geschenk für ihn.“ Tina brummt ihn spaßig an.
„Gar nicht wahr. Ich habe alles gegeben.“
„Ja, aber…du warst wegen irgendwas abgelenkt. Das gab es bisher nie. Dein Bruder hats bemerkt und das meinte er dann auch, als ihr euch gestritten habt.“ „Manno. Voll gemein. So…nun musst du mir aber dein Geheimnis verraten.“ Er setzt wieder ein ernstes Gesicht auf.
„Als Mama und ich erfuhren, dass sie schwanger war…konnte es nur Rudi sein. Ich kam dafür nicht mehr infrage.“, sagt er ruhig und frei raus. Tina sieht ihn verblüfft an.
„Aber…wieso?“
„Nachdem Stephan geboren wurde war sie erneut schwanger, auch mit Zwillingen. Wir waren wahnsinnig glücklich und freuten uns sehr, aber…sie hat beide kurz vor der Geburt verloren.“ Entsetzt blickt sie zur Seite zu ihm und dann nimmt sie seine linke Hand in ihre Hände.
„Papa…oh nein. Das…habt ihr nie erzählt.“
„Es stellte sich heraus, dass sie an einer seltenen Erbkrankheit starben. Die Ärzte sagten alle, wir hatten bei Stephan nur ein großes Glück gehabt, dass es ihn nicht getroffen hat. Es könnte jedoch Generationen später passieren. Da sind sich die Leute noch uneinig. Jedenfalls kommt diese Krankheit von meiner Familie. Du weißt doch, Onkelchen aus Berlin…seine Enkelin, die kleine Maja. Sie hat diese seltene Krankheit und sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl und muss gefüttert werden.“ Tina kommen Tränen und sie kann gar nichts sagen.
„Man weiß nie, wann es doch wieder auftaucht und dieses Risiko wollten wir nicht mehr eingehen. Der Verlust der Kinder war zu groß. Mama und ich einigten uns darauf, dass es bei einem Kind bleibt und dann ist das eben so. Lieber nur ein Kind, aber dafür gesund.
Demzufolge ließ ich den entscheidenden Eingriff machen. Einfach für den Fall der Fälle. Mama nahm dann keine Pille mehr. Sie schadete ihrer Gesundheit sowieso. Nun gut. Deswegen…wussten wir…dass nur einer in Frage kam. Was auch immer bei Ute und mir passiert war, keine Ahnung, aber es konnte nichts passiert sein.
Wir informierten Rudi, denn ehrlich mussten wir schon sein. Jedoch beschlossen wir vier gemeinsam, dass es einfach so ist, aber ihr unsere Kinder seid, egal…was da war.
Ja, so war das damals. Wir freuten uns sehr auf euch beide. Es fühlt sich einfach nur so an, als wärst du meine Tochter, so wie auch die Zwillinge vor euch, die wir nie kennenlernen konnten. Du und Karl-Heinz. Wir lieben euch beide, auch wenn die Umstände durch die Trennung so ungünstig waren und sind.
Ich habe die Zeit mit Karl-Heinz genauso genossen wie deine Mutter. Und auch Rudi…auch er hat die Zeit mit dir genossen. Das darfst du nie anzweifeln, okay? Er liebt dich auch, vielleicht irgendwie anders als wir, weil er dich nie richtig kennenlernen konnte, aber trotzdem liebt er dich. Auch du bist für ihn seine Tochter.“ Tina richtet sich auf, lässt ihn los und sieht ihn lächelnd an.
„Handy? Ich will ihn jetzt anrufen.“ Georg greift in seine Tasche und holt sein Handy heraus.
„Eins noch Bettina.“ Er berührt liebevoll ihren Kopf und gibt ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn.
„So sehr wir Karl-Heinz auch vermissen…du bist es…die uns mit ihrer Fröhlichkeit alle drei immer wieder aufbaut. Nur du hast die Fähigkeit…uns den Kummer vergessen zu lassen, dass er fehlt.“, lächelt er glücklich.
Sie lächelt glücklich und nimmt ihm das Handy ab.
„Warts ab, ich werde ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.“ Georg schaut verdutzt.
„Wie meinst du das?“
„Wie du immer sagst; Pass auf und lerne. Vielleicht kannst du noch was für deine nächste Gerichtsverhandlung gebrauchen.“, grinst sie. Ihr Vater schmunzelt.
„Ich bin gespannt.“
„Die Nummer?“
„0123-456789. Ich wähle sie immer direkt und lösche den Verlauf. Er tut dies ebenso, damit uns niemand findet.“ Tina wählt und Georg lehnt sich wieder über die Brüstung und schaut zu den Autos. Es tutet gute fünf Mal. Dann nimmt jemand ab. Es ist still. Keiner sagt etwas. Georg hat Tina zuvor gesagt, was sie zur Begrüßung sagen soll.
„Herzlich willkommen bei unserem Gewinnspiel. Sie haben soeben die Chance auf den Gewinn eines Porsche…“, verstellt sie ihre Stimme dunkel und freundlich. Plötzlich wird aufgelegt. Tina wundert sich.
„Oh. Muss das so? Aufgelegt.“
„Dann war er nicht dran. Du würdest doch auch auflegen, oder?“, grinst er. „Stimmt. Anders wird man die nicht los.“
„Er ruft zurück. Warte einfach. Vielleicht war Ute oder Marie dran oder jemand in der Nähe.“
„So so. Also wenn dich das nächste Mal so ein Werbefritze anruft, könnte es Rudi sein?“ Er grinst.
„Genau. Das könnte sein. Der Trick ist cool, oder?“
„Jo. Genial.“ In diesem Moment klingelt das Handy und eine unterdrückte Nummer ruft an. Tina nimmt ab.
„Guten Tag.“
„So so…Bettina?“, kommt zurück.
„Ja, ich.“
„Du rufst mich an?“
„Darf ich das nicht?“
„Ich bin erstaunt. Wie geht es dir?“
‚Meine Kleine…sie ruft an. Wie niedlich sie klingt. Was will sie bereden?‘
„Die Frage ist wohl eher, wie es Karl-Heinz geht? Er musste immerhin seine erste große Niederlage einstecken.“
„Da muss er durch.“
„Wie geht es dir?“, fragt sie dann weniger provokativ. Er bleibt still. Rudi steht auf einem Balkon und schaut direkt auf den Eiffelturm.
„Ich werde dich wahnsinnig vermissen. Die Zeit mit dir und Stephan war unbeschreiblich schön.“, spricht er sehr leise und ruhig. Egal was sie von ihm will, er muss diese Worte einfach loswerden, denn er konnte sie bisher nie aussprechen.
„Das war sie.
Ich werde nur noch dieses eine Mal genau machen was du sagt. Entscheide also genau richtig und weise und wehe du passt nicht genug auf Karl auf. Das würde ich dir niemals verzeihen. Ich werde euch beobachten, hast du verstanden?“, beginnt Tina mit ernsterem Ton. Georg richtet sich auf und sieht zu ihr.
‚Was hat sie vor? Das klingt nach einem Angriff.‘ Auch Rudi wird stutzig, aber viel bleibt ihm nicht zur Auswahl.
„Ich soll mich entscheiden? Für was denn? Natürlich werde ich mich weiterhin gut um ihn kümmern. Er ist mein Sohn…genauso…wie du meine Tochter bist.“ „Ich habe nur zwei Optionen, wenn ich Karl-Heinz „Lebe wohl“ sagen will. Welchen Schmerz darf ich ihm zufügen?“ Rudi stutzt und auch Georg ist total erstaunt. Wovon redet sie denn bitte? Sie will Karl Schmerzen zufügen?
„Hör zu! Du als Vater triffst diese Entscheidung. Ich kann mit beiden leben.“ „Sag…was du genau willst.“, spricht er plötzlich streng.
„Entscheide…zwischen…einem lebenslangen Schlechten Gewissen, alle Menschen anzulügen und ihnen etwas vorzumachen, sowie sich von seinen Eltern hintergangen zu fühlen…oder…ein gebrochenes Herz wegen Liebeskummer und Enttäuschung.“ Rudis Herz scheint sich in diesem Moment zuzuschnüren. Ihm liegt die Antwort auf der Zunge, aber sagen kann er es nicht. Es ist ruhig.
„Und? Ist das so schwer?“, kommt wenige Sekunden darauf von ihr.
„Wie kannst du sowas von mir verlangen?“
„Fünf, vier…drei…zwei…“, zählt sie flüsternd die Sekunden ab.
„Ich werde es nicht zulassen, dass ihr euch seht. Was nun?“
„Wow. So verzweifelt? Du vergisst, dass wir uns bereits in München nach der WM verabredet haben. Nun sind nur die Umstände anders. Aber das zählt ja nur für mich. Also…entscheide…sonst tue ich das für dich und du wirst nicht einmal merken, wann das sein wird. Eines Tages wird er vor dir stehen und dich verachtend ansehen. Lass es uns also lieber gleich erledigen.“
„Liebeskummer.“, haut er plötzlich raus. Der Gedanke daran, sein geliebter Sohn würde ihm niemals wieder vertrauen können, gefällt ihm nicht. Es macht ihm Angst.
„Danke, lass dir etwas einfallen, ihn zu trösten. Und dann…soll er sich nur noch auf den Sport konzentrieren. Die Energie wird er brauchen.“, sagt Tina noch leise und legt dann auf. Kaum hat sie aufgelegt geht die Balkontür auf und Ute kommt aufgeregt zu Rudi.
„Schatz…Karl…er ist weg.“ Dieser sieht sie verdutzt an.
„Wie weg?“
„Schau…hier ein Zettel. Ich habe Angst…“ Rudi nimmt den Notizzettel und liest.
„Ich bin in zwei Stunden wieder da. Ich muss frische Luft schnappen, um den Kopf frei zukriegen und gehe laufen.“
„Was…hat das zu bedeuten? Er geht doch sonst nie im Ausland einfach alleine laufen?“ Rudi atmet tief ein und aus.
„Er trifft sich vermutlich mit Bettina.“, sagt er nachdenklich.
‚Jetzt erklärt es ihre Eile. Sie haben scheinbar nicht nur in München Treffpunkte ausgemacht. Das hier…ist kein Zufall.‘ Ute sieht ihn entsetzt an.
„Oh nein. Was nun? Wenn die sich heimlich treffen…dann…wird irgendwann…was passieren?“, sorgt sie sich sehr und fängt an zu weinen. Rudi nimmt sie in die Arme.
„Sei leise. Nein, alles wird gut.“
„Wie kannst du das sagen? Nichts wird gut.“, murrt sie.
„Bettina weiß es bereits…sie weiß…wer sie sind.“, flüstert er ihr ins Ohr, denn die Tür steht noch offen und Marie liegt zwar im Bett, aber wer weiß ob sie es nicht doch hören kann. Ute blickt überrascht zu ihm auf.
„Oh wirklich? Woher denn?“
„Gesine und Georg haben es ihr gesagt. Am Abend nach dem Freundschaftsspiel. Seitdem…müssen wir uns nicht mehr sorgen.“
„Und…warum treffen die sich dann doch?“
„Ich glaube…sie will…dafür sorgen, dass er sie loslässt. Wenn er also zurückkommt…wird er bestimmt…richtig heftigen Liebeskummer haben.“, grinst er. Utes Herz klopft unscheinbar schnell und ihr wird ganz heiß. Dann sieht sie ihrem Mann in die liebevollen Augen und kann etwas lächeln.
„Wirklich? Liebeskummer? Sie will…ihm nur einen Korb geben?“
„So klang das eben. Wir haben telefoniert. Aber denk dran, wir wissen von nichts.“
‚Meine liebe Ute, wie wundervoll du mich ansiehst. Wie habe ich das nur vermisst? Dieser ganze Ärger mit dem Verein und dann immer dieses Ungewisse was da zwischen Karl und Tina war. Es hat uns total den Blick zueinander verlieren lassen. Das hätte nie passieren dürfen. Jetzt ziehe ich mit Karl nach München…und ich muss euch in Hamburg alleine lassen. Das…will ich doch gar nicht. Aber was soll ich machen?‘ Plötzlich nimmt er sie in die Arme, sieht sie liebevoll an und streichelt über ihren Rücken und berührt zärtlich ihren Kopf. „Liebling? Würdest du auch mit nach München kommen wollen? Die Wohnung…ist zu groß für eine kleine Männer WG.“ Sie sieht glücklich zu ihm auf.
„Wirklich? Ist das dein Ernst? Aber…meine Eltern und meine Schwester. Wer soll sich denn um sie kümmern?“
„Das ist deine Sorge? Wolltest du deswegen nicht mitkommen?“ Sie nickt und fängt wieder an zu weinen.
„Ich…ich kann sie doch nicht alleine lassen. Aber…wenn…wir es doch nochmal versuchen wollen? Jetzt…wo nichts mehr passieren kann. Es macht mich so glücklich, dass wir uns nicht mehr sorgen müssen. Schatz…ich…ich…liebe dich doch immer noch…ich hatte nur so viel Angst…“ Er wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht, lächelt verliebt, beugt sich zu ihr herunter und küsst sie leidenschaftlich. Endlich können sie sich wieder in die Augen sehen und nah sein. Die sorgen der letzten Jahre sind zum Teil verflogen und ihre Herzen schlagen wieder stärker füreinander.
Unterdessen joggt Karl-Heinz durch die Straßen von Paris. Es ist noch hell und die Dämmerung hat noch viel Zeit. Er schaut auf seine Armbanduhr und läuft dann Richtung Triumphbogen.
‚Tina…ob du heute kommst? Nach dem Finale, hatten wir ausgemacht. Ein Tag darauf. Genau an dem Baum, wo wir das Foto machen wollten und die Kamera kaputt ging. Wie schade um die Bilder, nur eins konnten wir damals retten. Der Rest hatte zu viel Licht abbekommen als der Deckel aufging.‘ Er lächelt etwas vor sich hin. Die Erinnerung an die erste Meisterschaft und an die aufregende Zeit hier in Paris mit all seinen Freunden, das muntert ihn auf. Der Gedanke, er könne gleich Tina in die Arme nehmen und den Kummer seiner Niederlage vergessen, stimmt ihn fröhlich. Genzo erzählte ihm, dass sie damals verletzt war und deswegen nicht kommen konnte.
Nun aber…hat er sie bei den Zuschauern gesehen und laufen kann sie auch wieder.
Kurz vor dem vereinbarten Treffpunkt bleibt er nochmal stehen und sieht sich um.
‚Ob es hier der richtige Ort ist?‘ Dann sieht er zu dem Baum, der große Baum, an dem sie alle standen und die Kamera herunterfiel. Er kann jemanden erkennen. Es könnte Tina sein. Sie haben sich immer so getroffen, dass es aussah als würden sich zwei Kumpel treffen. So konnte niemand Verdacht schöpfen, wenn man sie mal sehen sollte. Aber hier ist das egal, niemand würde sie groß erkennen. Und schon gar nicht solange er seine Kapuze trägt. Er geht auf die Person zu. Es ist tatsächlich Tina. Sie trägt ein kurzes Sommerkleid und schmale Ballerinas. Sie lächelt ihn an, während er auf sie zugeht.
„Tina, ich…ich bin so froh, dass du gekommen bist. Wie hübsch du bist.“, sagt er leise und liebevoll und nimmt sie sofort in die Arme und drückt sie ganz fest an sich.
„Ich habe dich so vermisst.“ Tina kneift die Augen zu und ihr laufen ein paar Tränen die Wangen herunter. Sie genießt zwar die herzliche Umarmung, aber jetzt…jetzt wo sie weiß wer Karl-Heinz ist…fühlt es sich an, als würde sie von Stephan oder Genzo umarmt werden. Es ist genauso wie sie es vermutet hat. Plötzlich schlägt weder ihr Herz schneller, als gewöhnlich noch überkommt sie der Wunsch ihn zu küssen oder vielleicht mehr. Nein…dieser Wunsch…er war auch vorher nur in ihrer Fantasie da. So richtig starkes Herzklopfen wie sie es neulich bei Kojiro spüren konnte, das gibt es nicht und das gab es gefühlt auch nie. Nur das eine Mal, als sie gesehen hatte wie er ein anderes Mädchen küsste. Das tat ihr weh. Deswegen laufen ihr die Tränen nur so runter und sie schluchzt bitterlich. Ihre Arme umschlingen seinen Oberkörper, aber eher, weil sie irgendjemanden umarmen will, Hauptsache es ist eine herzliche warme Umarmung.
„Herzlichen Glückwunsch, Karl-Heinz.“, kommt über ihre weinerlichen Lippen. Er stutzt etwas und legt seinen Kopf an ihren und drückt sie weiter fest an sich. Sein Puls rast und sein Herz klopft vor Aufregung und Erwartungen.
„Wieso Glückwunsch? Ich…ich habe verloren. Ich war nicht gut genug.“
„Herzlichen Glückwunsch, für deine erste große Niederlage.“, spricht sie ihre Gedanken endlich aus. Er richtet seinen Kopf auf und sieht ihr verwundert in die Augen.
„Tina…was…“ Er berührt mit seinen Händen ihren Kopf.
„Diese Erfahrung…wird dich nur stärker machen und irgendwann…wirst du der beste Stürmer der Welt werden, das weiß ich.“, lächelt sie ihn an.
‚Tina…wieso weinst du denn? Und überhaupt…das einzige und letzte Mal, als ich dich habe weinen gesehen, das war an dem Tag unter der Dusche, als ich dich erwischt habe und du mir das Geständnis gemacht hast. Aber warum weinst du jetzt?‘
„Das werde ich. Du hast Recht. Ich werde der beste Stürmer der Welt und das werde ich dir beweisen. Jedes Tor und jeder Sieg werden für dich sein, meine liebe Tina. Nichts…nichts wird mich davon abhalten. Ich muss nur härter an mir arbeiten.“, berichtet er ihr und lächelt verliebt.
„Das wirst du, Karl-Heinz. Ich…ich werde dich vermissen. Bitte…bitte tu mir einen großen Gefallen, wenn du da unten in München bist.“, beginnt sie.
„Ich vermisse dich jetzt schon. Die Wochen ohne dich und die anderen sind unerträglich. Du fehlst mir aber am meisten. Es ist so komisch…alles ohne dich.“, erklärt er.
„Das verstehe ich. Mir geht es ähnlich. Das Team zu verlassen ist so seltsam. Als hätte man eine Art zweite Familie verabschiedet.“ Sie wischt sich die Tränen weg und weist ihn ein wenig von sich.
„Versprich mir bitte etwas.“
„Was denn? Alles was du willst.“, lächelt er.
„Wenn du da unten bist…und du ein anderes Mädchen kennenlernst und dich verliebst…dann enttäusch sie nicht, okay? Karl-Heinz…bitte versprich mir…warte nicht auf mich. Ich…bin dir dann nicht böse, wenn du nicht warten kannst.“ Er sieht sie völlig verdutzt an. Dann fasst er wieder ihr Gesicht und schmiegt sich an sie. Sie spürt wie sein Puls deutlich ansteigt.
„Tina…was…was redest du denn für wirres Zeug? Natürlich warte ich auf dich. Hast du Angst? Hast du Angst, dass ich dich vergessen könnte? Niemals!“, macht er ihr deutlich klar und schüttelt mit dem Kopf. Sie schüttelt auch mit dem Kopf und erneut kommen ihr Tränen. Sie wundert sich selbst über sich, denn eigentlich kommen ihr nie Tränen in seiner Gegenwart. Sie musste sich doch immer verstellen und dann…dann war es einfach nur wie eine Gewohnheit geworden, keine zu starken Gefühle zu zeigen. Das ging auch ihm gegenüber nicht. Sie hat er versucht, aber irgendwie hatte sie immer das Gefühl, so richtig darf es nicht sein.
„Nein, du darfst nicht auf mich warten, denn…ich…habe viel nachgedacht und…ich habe dir nur Unglück gebracht. Ich…will dir nicht im Wege sein…ich bringe am Ende nur Ärger und Probleme. Was ist, wenn wir uns zwar in drei Jahren sehen, aber dann…fallen die Medien nur so über uns her, über mich? Was ist denn dann?
Karl-Heinz, bitte vertrau mir. Es ist besser für uns beide, wenn wir uns nicht mehr sehen. Warte also nicht, auch nicht an unserem Treffpunkt. Hast du gehört?“ Sein Puls rast immer doller und so richtig kann er nicht verstehen warum Tina ihm plötzlich ausweichen will. Warum denn nur, hat sie plötzlich ihre Meinung geändert?
„Ich…ich liebe dich doch. Du…du mich doch auch. Mich in jemand anderes verlieben? Das kann ich doch gar nicht mehr. Also…ich kann nicht ohne dich sein, Tina. Nicht für immer, nein.“, äußert er verzweifelt und plötzlich kommt er ihr ganz nah und küsst sie. Genau in diesem Moment, als sie kurz die Augen schließt. Tinas Herz rast ebenso plötzlich, aber es ist ein anderes Rasen als bei ihm. Es ist eine Verzweiflung und so richtig weiß sie selbst nicht mehr was sie noch denken oder fühlen soll. Sie reißt die Augen auf und weist ihn bestimmend von sich.
„Es tut mir leid, Karl-Heinz, aber…es geht nicht mehr. Das…was da mal zwischen uns war…das…ist weg oder…es war nie wirklich da. Ich weiß es auch nicht.
Ich glaube…es war nur etwas mehr…als Freundschaft. Irgendwas dazwischen.“, stottert sie sich zurecht. Sie lässt noch immer die Hände vorgestreckt. Vor ihr erscheint das freundliche Gesicht von Kojiro. Dieser plötzliche Kuss…er fühlte sich eben so leer und unbedeutend an. Warum nur? Nur weil sie jetzt weiß, wer Karl-Heinz ist? Und dann taucht das Gesicht eines Anderen auf? Wieso das nur?
„Aber Tina…warum?“
„Sei doch…vernünftig! Was glaubst du würde denn passieren, wenn jemand herausfindet wer ich bin? Was glaubst du? Wir…können uns doch nicht immer verstecken. Was…was soll das denn für ein Leben sein? Ich war so dumm…ich…ich war so dumm…ich hätte niemals zulassen dürfen, dass ich etwas fühle und jetzt? Jetzt müssen wir uns drei Jahre lang und länger vor allen anderen verstecken? So ein Leben will ich nicht und du hast so ein Leben nicht verdient. Die Auszeit…Karl, war eine gute Zeit, um endlich klar zu denken. Wir beide…das würde niemals gut gehen. Und ich…ich werde ohnehin das Land verlassen, Karl. Ich wüsste nicht einmal wann und wo wir uns jemals wiedersehen könnten.“
„Du verlässt Deutschland? Warum? Wo wollt ihr denn hin?“
„Das darf ich dir nicht sagen. Es ist auch gut so, denn…so kannst du dich auf dich selbst konzentrieren und wir…wir sorgen dafür, dass man uns und besonders mich, vergisst.“
„Dich vergessen? Aber Tina…ich…ich will dich nicht vergessen oder irgendwas…verheimlichen. Ich will nicht, dass…wir uns…nie wieder sehen.“ „Nein Karl, alle anderen sollen mich vergessen. All unsere Gegner und wer weiß wer alles. Du, du sollst nur dein eigenes Leben leben, ohne mich. Das ist es…was du mir versprechen musst.
Jemanden zu lieben…Karl-Heinz, heißt auch…loszulassen. Und ich…bin diesmal die Vernünftige, weil du es nicht bist, und…lasse dich los. Ich…werde dir nur im Weg stehen.“
Sein Herz rast und er fühlt sich, als würde man ihn fallen lassen und eine ungewisse Leere macht sich in ihm breit.
Verzweifelt stößt er ihre Hände etwas zur Seite und nimmt sie einfach wieder in die Arme.
„Aber…was ist denn los? Du liebst mich doch, oder was soll das hier? Loslassen? Das hatten wir doch vor, für die nächsten drei Jahre, wenn wir beide volljährig sind und keiner mehr was sagen kann. Der Gedanke, dass ich dich nie wieder sehe oder in den Arm nehmen kann…das ist doch verrückt. Diese paar Wochen waren schon schlimm genug. Wie sehr habe ich mich nach diesem Spiel gegen die Japaner gefreut, weil ich endlich wieder in deine Augen sehen kann und wir uns sehen konnten. Und jetzt? Jetzt sagst du, du willst mich für immer loslassen?“ Tina sieht ihm weinend in die blauen Augen. Sie strahlen Verzweiflung und Enttäuschung aus.
„Es tut mir so leid…aber…ich liebe dich nicht…mehr…nicht mehr so…wie du es verdient hättest. Es…ist nur…wie eine tiefe Freundschaft…das…ist mir jetzt endlich klar geworden. Es tut mir so leid, dass ich dich so…durcheinandergebracht habe.“
„Aber…wie…einen Freund? Woher…woher willst du das denn wissen?“ Tinas Herz spielt verrückt und sie weicht seinem Blick aus und sieht seitlich zu Boden.
„Ich…weiß es einfach…deswegen…bin ich heute hier…nur…um es dir zu sagen. Früher…als ich dachte…dass ich in dich verliebt sei…da hatte ich immer das Gefühl, ohne dich kann ich nicht sein…ohne dich fühle ich mich leer und ich wollte immer in deiner Nähe sein, aber jetzt…nach der längeren Auszeit…habe ich bemerkt, dass es nicht so ist. Das Gefühl…ist nicht mehr so stark…und nicht mal jetzt…kann ich es genießen…genießen dich so nah in meiner Nähe zu haben, der Kuss…vorhin…auch der…fühlt sich nicht mehr aufregend an. Ich weiß es doch auch nicht. Es…wenn es so komisch ist…dann…kann es niemals die wahre Liebe sein…Karl.“ Plötzlich richtet sie ihren Blick erneut auf, sieht ihm weinend in die Augen.
„Karl…bitte verliebe dich…aber…nicht in mich…ich…bin die Falsche für dich. Es tut mir unendlich leid. Lebe wohl. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute dieser Welt!“ Dann löst sie sich von ihm, dreht sich weg, berührt kurz seine Wange und blickt nochmal zurück in seine Augen und sagt ihre letzten Worte.
„Ich liebe dich…aber nicht so…wie es Liebende tun würden. Vergiss unsere wahre Freundschaft nicht. Das ist es…was wir behalten müssen. Denn die…die wird immer da sein. Die kann uns keiner nehmen.“ Dann lässt sie ihn los und läuft einfach weg, rennt hinter die Bäume und überquert im Zick-Zack den großen Kreisverkehr in Richtung Triumphbogen. Ein großes Gehupe beginnt und einige Fahrzeuge bremsen ab, als die Fahrer das Mädchen einfach über die gutbefahrene Straße laufen sehen. In der Mitte angekommen, blickt sie kurz zurück und schaut zu ihm. Natürlich ist Karl ihr hinterhergelaufen, aber vor der Straße macht er natürlich Halt. Darüber zu laufen ist viel zu riskant. Auch wenn es nur eine kleine Verletzung sein würde, würde der unbezahlbare Vertrag mit Bayern scheitern. Eine Verletzung auf Grund von Dummheit und Unverantwortlichkeit würde den ganzen Transfer gefährden, ebenso den Vertrag an sich. Plötzlich ist er kein einfacher Junge mehr, der machen kann was er will oder wozu er Lust hat. Das weiß er genau. Er ist seit der Unterzeichnung der Verträge eine unbezahlbare Ware. Karl-Heinz sieht ihr nach und sein Herz sagt ihm, dass sie es mit der Trennung ernst meint. Niemals wäre sie so dumm und würde sich grundlos in solche Gefahr begeben. Sie weiß genau, dass er ihr in diesem Fall nicht hinterherlaufen kann.
‚Warum? Warum tust du das? Tina…ich…vermisse dich doch jetzt schon so sehr…ich verstehe das nicht. Was war es dann, was wir hatten, wenn es keine wahr Liebe war?‘ Er sieht zu ihr, wie sie am Straßenrand steht und zu ihm sieht. Ihre Hände sind auf ihre Brust gelegt und dann dreht sie sich um und geht zum Wahrzeichen.
‚Karl, es tut mir so leid. Hätte ich das alles eher gewusst…dann wäre es nie soweit gekommen. Ich hätte genau gewusst was das für Gefühle zu dir sind und wir hätten einfach Freunde bleiben können.‘
Wiedersehen in Paris
Kapitel 7
Wiedersehen in Paris
Während Taro Misaki begeistert seinen Freunden seine neue Heimat zeigt und die Bedeutung der Sehenswürdigkeiten erklärt, wird aufmerksam zugehört, was er zu sagen hat.
„Der Bau wurde ursprünglich von Napoleon beauftragt und…“ Plötzlich ist im Hintergrund ein großes Hupkonzert zu hören und alle schrecken auf. Kurz darauf hat Kojiro plötzlich das Gefühl, als würde ihm eine Wespe in den Nacken stechen. Er schlägt sich auf die Stelle, um das Tier zu vertreiben. Erwischt hat er nichts, aber der komische stechende Schmerz bleibt etwas bestehen.
‚Seltsam. Was war das dann?‘
Was ist passiert? Fragen sie sich alle. Taro und die anderen schauen zur Straße. Der Verkehr steht kurz still und man sieht einige Leute in ihren Fahrzeugen fluchen. Die Jungs sehen zur anderen Seite rüber, aus der der Lärm kam und sehen eine Frau in einem kurzen türkiesblauen Kleid an der Straße stehen. Sie schaut auf die andere Seite der Straße.
„Ich glaube, da ist jemand einfach über die Straße gelaufen.“, meint Ken.
„Völlig verrückt, bei dem Verkehr. Das ist ja lebensmüde.“, knurrt Kojiro und schüttelt unverständlich mit dem Kopf. Dabei belassen es die Jungs und ihre erwachsene Begleitung. Taro fährt mit den Erklärungen weiter fort. Alle drehen sich wieder zum Gebäude um, schauen hoch und betrachten das Relief.
Einige Minuten später gehen sie um die Ecke und wollen durch das historische Denkmal gehen. Plötzlich entdecken sie Tina. Sie steht in einer schattigen Ecke. Mit dem Blick zur Wand aus Kalkstein hält sie ihre Fäuste an das Gemäuer und schluchzt sehr leise vor sich hin. Ihre Augen sind geschlossen und ihre halblangen Haare sind offen und zu Locken frisiert. Sonst trägt sie einen einfachen Pferdeschwanz.
‚Es tut mir so leid, Karl. Du kannst doch nichts dafür. Deine Enttäuschung habe ich deutlich gesehen. Aber du musst stark sein. Du wirst darüber hinwegkommen. Jetzt weißt du, dass du nicht auf mich warten musst. Aber…lass dich niemals ausnutzen. Pass auf dich auf, lieber kleiner Bruder.‘ Sie schlägt auf die Mauer ein.
‚Verdammt nochmal. Ich kann es dir doch nicht anders sagen. Das tut so verdammt weh, dich so zu sehen. Aber das was ich fühle…ist wirklich nicht so stark. Jetzt fällt es mir erst auf.‘ Dann schaut sie hoch. Ihr Herz schlägt aufgeregt und dann denkt sie an den Kuss von vorhin und dann erscheint ihr schon wieder das andere Gesicht. Warum nur?
Plötzlich verspürt sie eine angenehme Wärme, die sie sich nicht erklären kann. Eben war ihr doch noch so kalt und jetzt wird ihr warm. In ihrer Vorstellung steht Kojiro vor ihr, ähnlich wie damals in Hamburg und nimmt sie tröstend in seine Arme, tröstend, weil sie ihrem eigenen Bruder nicht sagen darf, wer er ist. Ihr kommt ein seichtes Lächeln über die Lippen und die Erinnerung an den schönen Moment, als er sie in das Hotel getragen hat und sie sich ungewöhnlich geborgen fühlte und in seinen Armen einschlief, müde von dem langen anstrengenden Tag und müde von den Schmerzen, lässt ihr Herz wieder warm werden.
Genau in diesem magisch schönen Moment, wird sie von der Seite auf Französisch angesprochen. Eine Hand berührt ihre Schulter.
„Entschuldigung, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, hört sie die Stimme eines Fremden und zuckt zusammen. Es fühlt sich so unangenehm an, von jemand Fremden angefasst zu werden, in so einem schönen Moment, der endlich da ist, sie von ihrem Kummer abzulenken. Es ist doch ihr einziger Halt, der ihr bleibt. Diese schöne Erinnerung an Kojiro. Wer wagt es da zu stören? Hastig greift sie mit der linken Hand zu und stößt den Arm mitsamt der Person heftig zur Seite. „Fassen Sie mich nicht an! Ist das klar?! Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram!“ Taro weicht total verdutzt zurück und der Druck auf seinen Arm ist heftig genug, dass es ihn tatsächlich etwas wegstößt. Verdattert schaut er sie an. Noch immer ist Tinas Blick zur Wand gerichtet. Taro hält seinen Arm fest und sein Puls steigt an. Mit dieser Reaktion hat er nicht gerechnet.
‚Was ist denn mit der los? Ich war doch freundlich.‘
„Was fällt Ihnen ein?! Mein Freund wollte Ihnen nur helfen!“, kommt plötzlich eine sehr kräftige Stimme auf Englisch und Tina stutzt plötzlich. Ihr Herz fängt an zu rasen wie wild, denn diese Stimme kennt sie doch. Wenn sie sie auch bisher nur für kurze Zeit gehört hat, aber sie ist ihr wie vertraut.
Total überrascht dreht sie sich um und sieht dem wütenden Kojiro direkt in die dunklen Augen. Er steht vor ihr und hält Taros Arm fest. Er macht eine Faust. Beide sehen sich plötzlich an und auch sein Herz schlägt in diesem Moment, als er sie erkennt, in die Höhe. Die Wut verschwindet.
„Kojiro?“, haucht sie erstaunt aus.
„Bet…tina?“ Ihr Blick ist wie erstarrt und die anderen um sie herum sind ebenso total verwundert. Tinas Hände fassen sich an die Brust, ein liebliches Lächeln huscht ihr über die Lippen und instinktiv geht sie einen Schritt voran…als würde sie ihm nah sein wollen, doch dann fällt ihr ein, dass sie nicht alleine sind. Ihre Blicke sind wie verharrt.
‚Kojiro…du bist hier? Aber…das kann nur ein Traum sein. Nimmst du mich jetzt in deine starken Arme? Es war damals so schön. Es gab plötzlich keinen Kummer mehr.
Nein…verdammt…du bist nicht alleine.‘ Sie atmet tief durch und schließt kurz die Augen. Dann öffnet sie diese wieder.
„Es…tut mir leid. Das…war nicht so gemeint.“, spricht sie leise und sieht dann zur Seite zu dem Jungen, den sie angestoßen hatte.
„Misaki? Bitte…entschuldige. Ich hoffe, es tut nicht weh.“ Dann wischt sie sich die Tränen aus den Augen und versucht freundlich zu lächeln.
‚Bettina…was ist los? Warum bist du hier und warum…hast du geweint?‘ Kojiro sieht sie nachdenklich an und geht auch gefühlt einen Schritt auf sie zu. In seinen Gedanken will er sie trösten, egal was denn sein mag. Er sorgt sich, dass sie traurig ist und hier alleine zu sein scheint. Die Überraschung sie hier zu sehen ist ebenso aufregend.
„Tina, was…ist passiert? Wieso bist du alleine?“, fragt Ken sie plötzlich. Kojiro weicht zurück und wird in dem Moment daran erinnert, dass er nicht alleine mit ihr ist.
„Ich…ich wollte spazieren gehen und habe mich…von jemanden verabschiedet.“, versucht sie so ehrlich wie möglich zu sein. Dann schaut sie ernst in die Runde und bemerkt den Erwachsenen in ihrer Begleitung.
‚Wer ist das denn? Er sieht aus, als würde er aus Südamerika kommen.‘ Tsubasa kommt auf sie zu und berührt ihre Hände. Er drängt sich quasi zwischen die beiden und lächelt sie fröhlich an.
„Tina, was ist denn los? Du siehst so traurig aus.“
„Tut mir leid. Ich…ich habe auch nicht immer nur Gute Laune.
Wer ist der Mann hinter dir?“
„Oh, das ist Roberto. Ich habe dir doch von ihm erzählt. Er nimmt mich jetzt mit nach Brasilien.“ Tina mustert den Brasilianer.
„Wie jetzt? Reden wir jetzt von Roberto Hongo? Dem Trainer von Sao Paulo?“, ist sie erstaunt und blickt zu dem Mann auf. Er lächelt sie freundlich an.
‚Die Kleine ist niedlich. Wer ist das denn? Ich wundere mich jedoch sehr, wie sie Hyuga eben angesehen hat, und er ebenso.‘
„Sie sind wirklich Herr Hongo? Ein ehemaliger Nationalspieler?“ Er grinst sie an und reicht ihr die Hand.
„Ja genau der bin ich. Ich freu mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Sie lächelt noch immer skeptisch. So richtig realisieren kann sie es noch nicht, dass sie vor einer so bekannten Person steht.
„Mir ist es eine große Ehre und ich habe gedacht, Genzo und Tsubasa wollen mir einen Bären aufbinden.“
„Ach, Sie kennen Wakabayashi?“
„Wir sind Freunde. Er hat Sie irgendwann mal ganz zu Anfang erwähnt, als er herkam. Ich habe ihm doch glatt nicht geglaubt.“ Roberto lacht.
„Das wundert mich nicht. Wer weiß was er noch so erzählt hat. Und wer sind Sie jetzt? Eine Freundin von ihm?“ Sie nickt nur und dann sieht sie zu Kojiro. „Herzlichen Glückwunsch, für den ersten Weltmeistertitel. Er ist mehr, als nur ehrlich verdient. Weiter so, Kojiro.“, lächelt sie ihn liebevoll an. Dann dreht sie sich zu Ken um.
„Und du Keeper Nummer 2. Du machst was ich dir gesagt habe, sonst holst du Genzo nie ein. Aber du schaffst das. Und nur eine unschlagbare Nummer 2 ist eine unüberwindbare Mauer im Fall der Fälle. Du weißt, was ich meine, oder?“ Er grinst sie an.
„Du und deine Metaphern. Musste sich Genzo diesen Quatsch auch anhören?“, neckt er sie. Tina grinst.
„Nicht nur der.“ Dann sieht Tina zu Takeshi.
„Auch du hast ein super Spiel gemacht. Sicher, dass du erst 13 bist?“
„Äh, naja, ich werde aber im Januar 14, wenn ich ehrlich bin.“, schmunzelt er. „Oha, na da wird also noch viel kommen. Trotzdem, mit 13 schon Weltmeistertitel. Wow. Das hat glaube kaum einer geschafft. Im Mittelfeld bist du wirklich genau richtig. Nicht jeder kann alles im Blick haben, Plötzliche Situationen richtig einschätzen und im Notfall die Kontrolle übernehmen. Beschäftige dich in Zukunft noch etwas mehr mit Strategien und du wirst sehen wie schnell du eine noch bessere Unterstützung sein kannst. Du hast auch jetzt schon durch dein Selbstbewusstsein Führungstalent und könntest irgendwann ein Team anführen oder den Kapitän ersetzen. Weiter so.“, lächelt sie. Alle sind erstaunt.
„Irgendwie kommt mir das gerade bekannt vor.“, lacht Ken etwas. So war es doch damals in Hamburg. Zu jedem hatte sie etwas zu sagen.
„Und du Misaki, Taro, wenn ich mich nicht irre. Bleibst du in Frankreich?“ Er sieht sie noch immer verdutzt an.
„Äh vielleicht. Und ich weiß immer noch nicht wer du bist. Eine Freundin von Genzo?“ Tina antwortet auf Französisch.
„Richtig, wir sind in derselben Klasse gewesen. Mein Name ist Bettina Fuchs.“ Er ist stutzig.
„Fuchs? Wie jetzt? So wie die beiden Verteidiger vom HSV?“
„Genau.“
„Deswegen kommt mir dein Gesicht so bekannt vor. Du musst die Zwillingsschwester von Tino sein.“, haut er erstaunt raus. Tina grinst ihn an. „Sowas in der Art, ja.“ Sie reicht ihm die Hand.
„In der Art? Bist du oder bist du nicht?“ Sie kommt zu ihm und flüstert es ihm ins Ohr.
„Ich…bin…Tino. Unser letztes Spiel war wirklich der Wahnsinn. Vielen Dank nochmal für die Ehre gegen dich spielen zu dürfen.“ Taro weicht zurück und starrt sie verdutzt an.
„Wie bitte?“ Er sieht in die Runde und zu Tsubasa und Kojiro.
„Sie verwirrt mich.“ Alle grinsen ihn an.
„Hat sie es dir gesagt? Wer sie ist?“, hakt Tsubasa begeistert nach und fasst Tina von hinten an die Schultern.
„Ist das nicht voll cool?“, meint er dann auf seine kindliche Art.
„Ich…bin irritiert. Dann…habe ich im Frühling gegen ein Mädchen gespielt?“ „Du bist ein ausgezeichneter Techniker, gut, dass Genzo im Tor stand, ich hätte vermutlich alt ausgesehen. Weiter so. Dieses Feingefühl ist wirklich Wahnsinn. Echter französischer Zauberfußball. Sich mit Pierre zu duellieren hat ihn sehr imponiert. Das war an seiner Reaktion zu erkennen.“
‚Ich kann das gar nicht glauben. Tino ist ein Mädchen? Aber…sie war so wahnsinnig gut.‘
„Bin ich jetzt dran? Du hast mich jetzt auch spielen sehen.“, bettelt Tsubasa förmlich. Tina sieht ihn freundlich an.
„Du musst in Brasilien noch viel lernen. Bring Sao Paulo an die Spitze und dann freu dich auf die WM in Japan. Ist das ein Deal?“ Er sieht sie ganz enttäuscht an.
„Wie jetzt? Mehr nicht? Damit kann ich nichts anfangen.“
„Warum nicht?“, macht sie große Augen.
„Was…muss ich denn noch lernen?“
„Ach, das meinst du? Das wüsstest du wohl gerne, was? Ich nehme doch jetzt nicht die Arbeit deines Trainers ab.“
„Du bist ja gemein. Sag doch bitte.“
„Spiel wie bisher, mit viel Spaß und Leidenschaft, aber…vergiss niemals, dass es ab jetzt nicht mehr nur um den Spaß gehen wird. Sei dir immer bewusst, dass dein Sport für andere Hoffnung bedeuten kann. Bring den Brasilianern Hoffnung, Tsubasa.“ Tina berührt seine Schulter und sieht ihm ernst in die grauen Augen. Roberto ist sehr erstaunt über ihre schönen Worte.
„Hoffnung?“, hinterfragt Tsubasa skeptisch.
„Genau…Hoffnung für die, die nicht nur aus Spaß spielen wollen, sondern, um zu leben oder gar zu überleben. Weißt du was ich meine? Du bist genau der Richtige dafür.“ Er lächelt sie begeistert an.
„Wirklich? Ich kann Menschen Hoffnung geben?“
‚Bettina…wie schön du das gesagt hast. Du kennst ihn kaum und hast nur durch das Zusehen erkannt, welche größte Stärke er hat. Ja…Tsubasa ist jemand, der Hoffnung bringen kann…so wie er es bei mir getan hat, ohne es zu wissen. Und ohne, dass ich es selbst bemerkt habe. Aber so wie du das jetzt sagst, war es damals so. Ihn als Rivalen zu haben, gab mir die Hoffnung endlich entdeckt zu werden und es hatte geklappt. Nur, wenn man gegen starke Gegner spielt, weiß man wo man steht und kann von anderen entdeckt werden.‘, lächelt Kojiro vor sich hin.
„Ich werde mich bemühen.“
„Gut. Und ich hoffe du denkst an deine Zukunft. Versuche deinen Schulabschluss zu machen und lerne irgendwas.“ Er grinst.
„Mache ich alles schon, keine Angst.“
„Tina…jetzt ist Kojiro dran. Was hast du zu ihm zu sagen? Ich bin schon gespannt.“, plappert er gleich wieder los. Tina sieht zu Kojiro und lächelt ihn verlegen an. In seiner Kleidung wirkt er noch erwachsener, als in seiner Sportkleidung mit dem schwarzen Shirt und der langen Hose. Jetzt trägt er ein weißes Hemd mit Kragen, hochgekrempelten Ärmeln, dunkelblauer Krawatte und einer eleganten schwarzen Anzugshose mit Gürtel. Ihr Herz schlägt wieder etwas schneller.
‚Wie elegant du darin wirkst, und wieder die Ärmel oben.‘
„Ich…muss doch nicht gleich alles preisgeben, was ich denke, oder?“
„Oh man. Nun komm schon.“, drängt Ken. Sie schaut zu Kojiro auf.
„Wenn du es hören willst, gerne, aber nicht vor den anderen.“, setzt sie einen ernsten Blick auf. Kojiro ist erstaunt. Soll das ein Hinweis sein? Will sie etwa mit ihm alleine reden? Warum denn das? Ob sie ihm erzählen will, warum sie vorhin traurig war? Sie wirkte so verzweifelt und jetzt ist sie wieder so fröhlich. So richtig kann er darauf gar nicht reagieren.
„Äh, du…musst es ja nicht sagen.“ Tina weicht ihm etwas überrascht aus und dreht sich um.
„Ich zwinge niemanden etwas auf. Nun gut. Ich muss dann wieder los. Ich will mir noch das Grabmal ansehen und dann bin ich weg.“ Tina verabschiedet sich in der Runde. Roberto kramt in der Tasche rum und holt eine kleine Karte heraus. Als sie sich verabschieden will, reicht er sie ihr rüber.
„Hier, dann brauchst du mich nicht fragen.“, grinst er. Tina sieht ihn eher verwundert an.
„Was ist das?“
„Na eine Autogrammkarte. Ich dachte, du möchtest eine haben.“ Ihr Blick wurde fraglich.
„Wofür? Was soll ich damit?“
„Oh, äh. Ich dachte nur…sonst will immer jeder eine haben, wenn er weiß wer ich bin.“, wundert er sich nur und legt die Karte dann wieder zurück.
„Danke sehr. Ich brauche sowas nicht. Es ist mir eine Ehre genug, Sie persönlich angetroffen zu haben. Kümmern Sie sich lieber gut um Ihren neuen Schützling. Das ist viel wichtiger, als so ein Stück Papier.“, lächelt sie zurück. Erstaunt sieht er sie wieder an.
„Naja, okay. Ich dachte, weil sie Fußballfan sind.“
„Nun gut. Jetzt muss ich aber gehen.“
„Bis keine Ahnung wann mal. Mal sehen. Vielleicht kann ich euch ja in vier Jahren in Japan bei der WM sehen? Seid fleißig und trainiert schön. Ken, Tsubasa, Takeshi, Taro, Herr Hongo?“, blickt sie in die Runde und macht bei Kojiro Halt, lächelt ihn jedoch nur an. Kurz darauf dreht sie sich um und geht direkt zum Grabmal des Soldaten und stellt sich an die Absperrung zu den anderen Touristen. Alle sehen ihr nach.
„Sagt mal, wieso verabschiedet sie sich bei uns, aber nicht bei Kojiro? Ihn mag sie doch am meisten.“, spricht Ken fragend aus.
„Das frage ich mich auch.“, meint Tsubasa und Takeshi grinst.
„Weil ihr alle hinterm Mond lebt und keine Ahnung von Frauen habt. Sie hat doch eindeutig schon zum zweiten Mal gesagt, dass sie mit ihm alleine reden will. Deswegen kein Abschied. “, erklärt er überzeugt. Kojiro stutz und sieht etwas verlegen in die Runde. Takeshi stößt Kojiro an und sieht zu ihm auf.
„Also, geh ihr nach, du Spätzünder. Du bist doch nicht so zurückhaltend, wenn du was willst. Wenigstens einer, der hier ein hübsches Mädchen kennenlernen durfte. Oder magst du sie nicht?“
„Äh, ja, aber…wir…sehen uns doch eh…nie wieder.“, stottert er sich verlegen zusammen. Roberto bringt sich ein und geht zu ihm.
„Also…aus Erfahrung kann ich dir sagen, das ist egal. Nur alleine eine schöne oder aufregende Erinnerung zu sein oder zu haben, ist auch reizvoll. Egal ob es nur eine Art Freundschaft ist oder nicht.“ Kojiro dreht sich wieder um und schaut zu Tina, wie sie noch am Grabmal steht.
‚Bettina…hat er Recht? Magst du mich? Aber wieso? Du willst, dass ich dir folge?‘ Diesmal stößt ihn Ken an.
„Er hat Recht. Sie hat sich vermutlich nicht verabschiedet, weil sie es bei dir persönlich tun will. Diese versteckte Botschaft passt doch zu ihr.“
,Mag ich dich wirklich? Du hast mich vorhin so seltsam angesehen. Mein Herz schlug so sehr. Ist es das, was sie mit „mögen“ meinen? Und du bist immer so liebevoll zu mir und seit unserer Begegnung im Park gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ist das etwa bei dir auch so? ‘ Sein Puls steigt etwas an und er ist sich unschlüssig. Dann aber dreht sich Tina wieder zu ihnen um und lächelt kurz.
‚Dein schönes Lächeln. Du siehst doch nicht grundlos zu mir zurück und lächelst. Sehr schade, dass wir uns nie wieder sehen werden und ich dich niemals richtig kennen kann. Aber…dich ohne Abschied einfach gehen zu lassen, jetzt wo wir uns nochmal begegnet sind…das kann ich nicht.‘
„Du…hast Recht. Ich…wäre ein Idiot.“, flüstert er leise vor sich hin. Kojiro setzt entschlossen einen Fuß vor den anderen und geht langsam los.
„Warte Kojiro! Es…könnte eine Falle sein. Was ist…wenn sie bewusst Kontakt zu uns haben will? Ihr Bruder ist immerhin ein starker Rivale!“, spricht Taro plötzlich streng zu ihm. Kurz darauf bleibt Kojiro stehen, schaut mit einem ernsten Gesicht zu ihm und knurrt ihn an.
„Da irrst du dich. Bettina würde uns niemals an die Deutschen verraten. Und ihr Bruder wird kein Profi und will nur noch studieren!“ Kojiros ehemaliger Mitspieler aus Grundschultagen sieht ihn erstaunt an.
‚Kojiro…du nimmst sie in Schutz? Wenn sie ihr eigenes Team anlügt, wieso dann nicht auch uns?‘ Gleich darauf geht Kojiro zur Touristenmenge. Sein Blick ist auf Tina gerichtet, seine Hände in den Hosentaschen und sein Puls rast wie wild, denn was wird, wenn sie sich hier alleine unterhalten? Was will sie ihm so Wichtiges mitteilen, dass es die anderen nicht hören dürfen? Der Gedanke macht ihn sehr neugierig und wühlt ihn etwas auf. Aber es ist eine angenehme Aufregung, ähnlich wie die ungewisse Situation vor einem Spiel, bei dem das Ergebnis völlig unvorhersehbar ist.
Kurz bevor er ihr endlich folgt, steht Tina am Denkmal und statt sich über die Hintergründe des Grabmals Gedanken zu machen schweben ihre Gedanken um Kojiro.
‚Ob du mir folgst, Kojiro? Ich werde dich vermutlich nie wieder sehen und dies hier kann nur Schicksal sein. Ausgerechnet in so einer dummen Situation treffen wir uns wieder…irgendwo mitten in Paris. Das kann doch nur Schicksal sein. Seit unserer zweiten Begegnung gehst du mir überhaupt nicht mehr aus dem Kopf. Und vorhin…warst du wieder derjenige, der mich nur durch seine Anwesenheit beruhigen konnte und die blöde Situation mit Karl war plötzlich wie weggeblasen. Als du so plötzlich vor mir standest und ich deine kräftige Stimme vernahm…wünschte ich mir…du könntest mich in dem Moment in die Arme nehmen.‘ Sie starrt auf die Gegenüberliegende Seite zu den Leuten, die Fotos machen.
‚Kojiro…magst du mich nicht? Ich dachte, du würdest dich auch gerne mit mir unterhalten, jetzt wo du nochmal die Gelegenheit hast. Oder täusche ich mich in dir? Magst du mich doch nicht so sehr, dass du meine Andeutungen nicht richtig deutest?‘ Kurz darauf dreht sie sich zu ihm um und lächelt glücklich vor sich hin.
‚Oh man, was bist du nur für ein stattlicher Junge? Wieso wirkst du mit gerade mal 15 so anziehend? Das ist ja furchtbar. Zum Verrücktwerden ist das doch. Ich verstehe das nicht. Warum fühle ich mich so derart hingezogen, dass ich mich nicht von dir lösen kann? Ich hoffe, du kommst noch zu mir, lieber Kojiro. Ich muss dir doch noch etwas Wichtiges sagen.‘ Er scheint sich nicht zu ihr zu begeben, also dreht sie sich wieder zum Denkmal.
‚Schade. Ich bin auch so dumm und glaube in meiner Naivität, dass ein Junge wie du überhaupt…über mich nachdenkt. Jetzt…wo du einen Weltmeistertitel nach Hause bringst, werden dich die Mädchen in Japan nur so mit Geschenken überhäufen und du kannst dich vermutlich nicht vor Annoncen retten können. Was denke ich denn überhaupt? Was bilde ich mir dumme Kuh überhaupt ein? Du siehst vermutlich eh nur einen Jungen in mir, auch wenn du versuchst, mir gegenüber nett zu sein, weil du vermutlich durch und durch ein feiner Kerl bist. Am Ende siehst du nur einen kleinen deutschen Jungen, der mal mit dir Fußball gespielt hat, der dich ausgetrickst hat und dann hat er sich als Mädchen entpuppt. Irgendein Mädchen.‘ Tina schaut nachdenklich zur Decke und betrachtet die schönen Kunstwerke des Gebäudes. Es fühlt sich wie ein Traum an, der sich in Luft auflöst, sollte sie den Platz verlassen.
Dann schließt sie die Augen und verharrt in dieser Position. Ihr Herz wird etwas kalt, denn der Gedanke daran, sich hoffnungslos in jemanden verguckt zu haben, dem sie ohnehin nie wieder begegnen wird, stimmt sie traurig. Plötzlich wird es ihr etwas wärmer an der rechten Seite. Ihr Arm wird von jemanden sachte angestupst.
„Dieses Gebäude ist wahnsinnig interessant. Die Baukunst der Europäer ist sehr beeindruckend. Aber bei uns in Japan würde es vermutlich keinem größeren Erdbeben standhalten.“ Völlig überrascht schlägt sie wieder ihre Augen auf und sieht zur Seite. Direkt neben ihr steht Kojiro. Ihr wird plötzlich ganz warm und so richtig fassen, kann sie es in diesem Moment nicht wirklich.
‚Kojiro…du…bist es wirklich? Du bist zu mir gekommen?‘ Er sieht ihr in die Augen und lächelt zurückhaltend.
„Und? Was möchtest du mir unter vier Augen sagen, Bettina?“, vernimmt sie ein warmherziges leises Flüstern.“
„Ich…äh…ich. Warum?“
„Warum was?“
„Warum würde es keinem Erdbeben standhalten?“
„Oh. Naja, es gibt viele Gründe. Schon alleine das Material ist nicht so passend. Kalkstein ist viel zu porös und die Stahlträger fehlen. Siehst du dort oben neben dem Relief? Der winzige Riss. Immer bewegt sich die Erde, auch hier. Aber hier ist es nie so doll wie bei uns.“, erklärt er liebevoll und zeigt zur Decke hoch. Tina schaut mit schnellem Herzklopfen in sein Profil, wie er hochsieht und lächelt.
„Lernt man sowas bei euch schon in der Schule?“
„Nein, nicht in dem Sinne, aber nach dem Sport…will ich als Architekt arbeiten. Häuser, Brücken und vielleicht ja mal ein großes Stadion? Mal sehen was sich ergibt.“, träumt er etwas vor sich hin und dann sieht er zu ihr herab.
‚Er weiß jetzt schon was er machen will? Er denkt jetzt schon an Plan B? Kojiro…für so einen Beruf muss man sehr klug sein. Physik und Mathe wäre ja so gar nicht meins.
„Weißt du schon was du machen willst?“, fragt er dann.
„Oh, äh. Ich will Psychologie studieren. Und Trainerscheine machen und dann mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Ich will eine richtig gute Trainerin werden.“ Er staunt nicht schlecht.
„Das wirst du ganz sicher. Du hast jetzt schon ein Blick für die vielen Details und verstehst dich in Menschenkenntnis. Ich habe da so gar keinen Blick für.
Ich…ich fand das ganz toll was du über unseren Kapitän gesagt hast. Das mit der Hoffnung.“, lächelt er.
„Wirklich? Warum?“
„Weil es wahr ist. In meiner Kindheit hat er mir Hoffnung gegeben, vielleicht nicht so, wie man das denkt, aber jetzt wo ich darüber nachgedacht habe und das gesagt hast, fällt es mir auf. Er war der Erste, der mir nach Vaters Tod Hoffnung geschenkt hat.“ Tina lächelt ihn glücklich an.
„Lass uns…kurz an eine ruhige Stelle gehen.“, stottert sie sich zurecht. Sie weicht seinem Blick aus und versucht sich durch die Menge zu drängen. Er folgt ihr bis sie in einer ruhigen schattigen Nische stehen bleibt, sich zu ihm umdreht und wieder herzlich lächelt.
‚Bettina, du wirkst so ganz anders, jetzt so hübsch mit diesen schönen Locken in dem schönen Kleid, welches deine Augenfarbe hat.‘
Blondes Haar
Kapitel 8
Blondes Haar
Sie greift kurz vor seiner Ankunft in die kleine weiße Handtasche und holt etwas Kleines heraus. Kojiro stellt sich neugierig vor ihr hin, mit einer gewissen Distanz, aber nah genug, um zu ihr herab sehen zu können.
„Kojiro, herzlichsten Glückwunsch nachträglich zu deinem Geburtstag. Ich wünsche dir Gesundheit und alles das, was dich glücklich macht.“ Sie streckt ihre Arme etwas aus und öffnet ihre geschlossenen Hände. Zum Vorschein kommt eine kleine blaue Schachtel. Sie ist ganz flach. Etwa 5 x 5cm und 2cm dick. Es ist eine weiße Schleife darum gewickelt. Kojiro staunt nicht schlecht. Das war es also. Sie hat an seinen Geburtstag gedacht und wollte ihm etwas schenken? Das war ihr so wichtig?
„Oh, äh. Danke. Aber…du musst…mir nichts schenken. Ich…kann das nicht annehmen.“ Tina lächelt ihn glücklich an, greift seinen linken Arm am Handgelenk, zieht seine Hand aus der Hosentasche und legt ihm die Schachtel in seine große Hand. Dann sieht sie liebevoll zu ihm auf.
„Es…ist kein Geschenk…eher…ein kleines Andenken aus Europa. Ein Andenken an deinen ersten Triumph, könnte man jetzt passend sagen. Bitte öffne es erst zuhause, wenn du alleine bist und dich an deine Zeit hier erinnern willst.“ Ihre angenehme Hand, die ihm die Schachtel in seine legt und seine Finger zusammenschließt, fühlt sich für ihn zart und seltsam an. So richtig kann er nicht deuten was es für seltsame Gefühle sind, die er vernimmt. Er weiß im Moment nur, dass es sich schön anfühlt. Ein herzliches Lächeln huscht über seine Lippen. „Dann…wusstest du, dass ich herkomme?“ Tina schüttelt verdutzt den Kopf. „Nein…unsere Begegnung ist zufällig. Ich hatte es besorgt und gehofft, dir irgendwann hier in Paris nochmal zu begegnen und…deswegen habe ich es seitdem immer bei mir. Seitdem ich Hamburg verlassen habe. Wir haben uns doch auch jedes Spiel angesehen.
Und heute…war dieser Moment…ich…kann es selbst nicht glauben. Aber so ist es ja nun. Du weißt doch, ich plane immer alle Möglichkeiten ein. Manchmal ist es nicht zu planen…sondern Schicksal.“, grinst sie und versucht ihre Aufregung, ihm gegenüberzustehen und seine Hand zu berühren, mit etwas Lachen zu vertuschen.
„Erst zu Hause darf ich es öffnen? Du machst es aber spannend. Ich hoffe ich komme damit durch den Zoll?“, schmunzelt er neckisch, denn er versucht auch nur seine eigene Aufregung zu überlachen.
„Ja, ist nix verbotenes. Wenn sie fragen, lass sie ohne dich reinsehen, dann sollen sie es wieder zu machen, okay? Deswegen ist nur eine Schleife darum.“ Er nickt und nimmt das Geschenk an und betrachtet es.
„Ich…habe noch nie ein Geschenk…von einem Mädchen angenommen.“ Tina ist erstaunt.
„Wirklich? Du bekommst doch in Japan sicher ständig Geschenke von den Mädchen.“
„Hm…ich sagte ja, ich habe nie eins angenommen, nicht, dass es keine gab.“ „Stimmt. Das ist klug. Ich weiß wovon du redest. Das habe ich auch nie gemacht. Aber vielleicht machst du ja heute mal eine Ausnahme.“ Er steckt die Schachtel lächelnd in seine Hosentasche und reicht ihr dann die Hand.
„Ja, diesmal mache ich eine Ausnahme. Es ist ja ein Andenken an Europa, kein Geschenk.
Danke. Was meinst du, ob wir uns jemals wiedersehen werden?“ Tinas Brust fühlt sich plötzlich seltsam an. Als würde ihr jemand sie zuschnüren und es fühlt sich jedoch gut an. Was meint er damit und warum fragt er nur danach? Ob er sie wiedersehen wollen würde?
„Kojiro…das…wäre wirklich schön. Ich…weiß es nicht, vielleicht.“ Beide verharren plötzlich in ihrem Augenkontakt und es schlagen die Herzen ganz doll.
‚Was hast du nur für schöne Augen, Bettina? Wie soll man denn da woanders hinsehen?‘ Er genießt ihr zauberhaftes Lächeln.
‚Wie siehst du mich denn nur an, Kojiro? Deine aufregenden braunen Augen machen mich total zahm. Ich kann dir doch jetzt gar nicht ausweichen und am liebsten würde wieder…deine geborgene Wärme spüren…so schön…war es in deinen Armen. Niemals hätte ich gedacht, dass es so etwas gibt. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich jemals von einem Jungen tragen lasse. Auch jetzt wieder, würde ich es tun, auch ohne wegen einer Verletzung gezwungen zu sein.
Stephan hatte Recht. Jetzt…wo ich es weiß…könnte sich alles anders in meiner Nähe anfühlen. Deswegen ist alles um mich herum wie weggeblasen. Warum denn nur? Mein Kummer ist wie weg und in meinem Kopf bist nur noch du. Er sagte, wenn Isabell bei ihm ist, dann ist es, als würde nichts anderes mehr um ihn herum existieren. Wie ein Traum fühle es sich an.
Ist das so? Mama hat mir auch mal erzählt, dass sie so fühlt, wenn sie Papa um sich hat. Ist es das, was den Unterschied macht?‘
„Würdest…du…es denn überhaupt wollen?“, fragt sie plötzlich und bringt die schweren Worte über ihre Lippen, aber ihr ist es zu wichtig, dass er es weiß, dass sie es wollen würde.“ Ihr großer Bruder riet ihr doch, egal was sie jemals empfinden sollte. Sie soll diesmal mit ihren Gefühlen offener umgehen. Sie zu verstecken war zwar einerseits notwendig, aber wird es in Zukunft nicht mehr sein. Sie zu verbergen endet immer im Chaos.
Plötzlich hebt Kojiro seine linke Hand und legt sie zurückhaltend und zaghaft auf ihre rechte Schulter. Er lächelt.
„Ja, weil du die erste Person neben meiner Familie warst, die…mich zum Lachen gebracht hat. Mit dir…würde es sicher nie langweilig sein.“ Verlegen sieht sie ihn an und fasst mit beiden Händen seinen linken Arm.
„Echt? Mit dir…wäre es sicher…auch nie langweilig.“ Ihre Blicke verharren erneut und sie lächeln sich nur an und genießen die zarten Berührungen des anderen. Ohne es zu merken, kommen sie sich etwas näher.
Plötzlich klingelt Tinas Handy und sie erschrickt, löst sich von ihm und geht ran.
„Beeil dich. Was treibst du denn so lange? Karl ist in die Unterführung gelaufen.“, kommt eine Stimme. Sie legt sofort auf und schaut zu Kojiro auf.
‚Nein, ich habe es geahnt. Er kann es nicht. Er kann nicht loslassen. Und jetzt…war es gerade so schön und ich habe ihn total vergessen. Karl-Heinz, warum musst du nur immer so stur sein? Es fällt mir doch eh schon schwer genug.‘
„Ich muss wieder. Tut mir leid.“, spricht sie ernst und ihr Puls beginnt zu rasen, weil sie zusehen muss, dass sie Karl-Heinz erneut ausweichen muss. Kojiro ist verdutzt.
‚Nanu? Es klingelt und sie legt gleich wieder auf und muss los? Also…hatte sie es wirklich nicht gewusst, dass wir hier sind. Unsere Begegnung war nicht eingeplant. Ich kann es mir auch nicht vorstellen, da sie geweint hatte. Ach…stimmt. Das wollte ich noch fragen.‘
„Du musst los? Darf…ich noch wissen, was dich vorhin so traurig gestimmt hat?“, fragt er plötzlich direkt und fasst ihren Arm. Tina sieht betrübt zu ihm. „Ich…musste…mich von jemanden…für immer verabschieden. Von einem Freund, weißt du? Er wird sicher…sehr traurig sein. Das macht mich auch traurig.“
„Ein Freund? Du hast Freunde in Frankreich?“
„Kein Franzose. Bis dann Kojiro…ich muss wieder. Tut mir sehr leid.“, geht sie zwei Schritte aus dem Schatten heraus und dreht ihm den Rücken zu.
„Lebe wohl, Bettina. Pass auf dich auf.“, spricht er deutlich. Tina stoppt kurz, dreht sich zu ihm um und sieht zu ihm. Ihr Herz klopft wie wild und plötzlich überkommt sie der Drang, ihm deutlich zu machen, dass sie ihn sehr mag. Also geht sie auf ihn zu und bleibt direkt vor ihm stehen, sieht zu ihm auf, legt ihre rechte Hand an seine Wange, streicht sanft über seine linke Gesichtshälfte und lächelt ihn wie verliebt an.
„Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, Kojiro. Auf Wiedersehen. Du bist…ein wundervoller Mensch.“ Dann lässt sie ihn wieder los, läuft sofort los und verlässt das Innere des Triumphbogens. Er sieht ihr völlig verdattert nach. Tina steht an der Ecke des großen Bogens und scheint sich umzusehen. Dann läuft sie los. Er läuft ihr nach und beobachtet, wie sie sich erneut umsieht und plötzlich stoppt. Dann läuft sie deutlich schneller bis zu einer Absperrung vor der Straße.
‚Warum hast du es so eilig? Wo willst du denn nur hin?‘ Plötzlich dreht sie sich um und schaut zur anderen Seite des Wahrzeichens, gibt seltsame Fingerzeichen und kurz darauf schaut Kojiro zur anderen Seite und bemerkt jemanden im roten Trainingsanzug. Er trägt eine Kapuze und eine Sonnenbrille.
‚Wer mag das sein? Etwa der Freund, von dem sie sich verabschiedet hat? Sie sagte, er sei traurig. Ein Abschied für immer?‘ Die Person läuft direkt auf sie zu, doch noch bevor er sie erreichen kann, stürmt Tina wieder über den riesigen Kreisverkehr. Erneut halten viele Fahrzeuge an, hupen was das Zeug hält und sie rennt so schnell sie kann und es die Fahrzeuge zulassen durch den Verkehr. Erst als sie am anderen Ende bei dem ganzen Chaos ankommt, erreicht Karl-Heinz die Straße. Wieder bleibt er stehen. Er steht nur da und sieht ihr nach.
‚Tina…was soll das denn nur bedeuten? Warum hast du dich bei mir für immer verabschiedet? Ich verstehe das nicht. Und dann wieder so eine lebensgefährliche Aktion? Das ist doch überhaupt nicht deine Art. Warum ist es dir so wichtig, dass ich dir nicht folge?‘ Plötzlich sind Polizeisirenen zu hören. Karl schaut sich um und verlässt lieber sofort seinen Standort, damit er kein Aufsehen erregt. Gezielt geht er zum Wahrzeichen.
‚Hm, was meintest du mit den Handzeichen? Ich soll im Mittelfeld eine Lücke ausnutzen?‘ Er blickt sich um. Sein Herz rast vor Unverständnis.
‚Ach…ich verstehe. Eine Botschaft.‘, vermutet er. Er begibt sich durch den Bogen und sieht sich unter dem Gebäude jedes Stück Mauer an.
‚Oh man. Da suche ich mich ja bis übermorgen durch. Gab es noch ein Hinweis?‘ Er überlegt und dann fällt es ihm auf, als ein großer Mann an ihm vorbei geht und er selbst plötzlich komplett im Schatten steht.
‚Aber ja, das Zeichen für den Lichtschatten hattest du noch. Es kam nur halbwegs, weil ich schon losgelaufen bin und du es unterbrochen hast.‘ Somit geht er zu den schattigen Stellen, die am dunkelsten sind. Bis er genau in der Ecke steht wo Tina von den Japanern aufgefunden wurde. Er schaut sich genau um, schiebt seine Sonnenbrille etwas hoch und bückt sich dann. Ganz unten am Fuß ist ein Riss in der Mauer. Er scheint sehr tief zu sein und sehr schmal. Es reicht jedoch, um dort Müll wie eine kleine Zigarettenschachtel reinzustopfen. Und tatsächlich. Es taucht ein Taschentuch auf, welches hineingestopft wurde und nur ein winziger Zipfel ist zu sehen. Er greift vorsichtig hinein und holt das Taschentuch heraus, nichts. Es ist jedoch sauber, nur eben zerknüllt. Dann schaut er erneut hinein, und doch, eine Aluminiumfolie, fein zusammen gefaltet mit etwas darin, kommt zum Vorschein. Er richtet sich wieder auf, schaut sich kurz etwas um, dass ihn keiner beachtet und dann faltet er die Folie auseinander. Darin liegen die goldene Spange, die er ihr damals Geschenk hat, und ein Notizzettel, welcher auf beiden Seiten beschrieben ist. Er atmet tief durch und liest ihn dann.
„Es tut mir sehr leid.
Das mit uns, das sollte nicht sein. Ich habe unsere Freundschaft falsch gedeutet und vermutlich jetzt zerstört, aber bitte verzeih mir. Die Zuneigung zu dir ist nicht das, was ich dachte. Das weiß ich nun. Bitte akzeptiere meine Entscheidung, den Kontakt in diesem Fall komplett abzubrechen. Es ist für uns alle das Beste.
Ich liebe dich, aber nicht so, wie ich es zuerst glaubte. Bitte denke immer nur an unsere schönen Zeiten und gehe deinen neuen aufregenden Weg, aber ohne mich. Warte nicht auf mich und lass dich niemals ausbremsen. Pass auf dich auf und denke immer daran:
Du bist mehr als andere vielleicht sehen. Keine Ware, sondern ein Mensch mit viel Herz und Kopf.
Lebe wohl.
PS: Bleibe auf deinem Weg und lass dich niemals ausnutzen. Bleib gesund, pass auf dich auf und bleib wie du bist, das wünsche ich mir am meisten.“
Nachdenklich schaut Karl hoch zum Relief. Er atmet tief durch.
‚Tina…warum denn nur? Du fühlst keine Liebe für mich? Aber du warst es doch, die mir ihre Liebe gestanden hatte. Warum siehst du das jetzt anders? Was ist denn passiert?‘
Er atmet mehrmals tief ein und wieder aus, denn er weiß. Hier, an diesem öffentlichen Ort, kann er seinen Gefühlen ohnehin keinen freien Lauf lassen. Er lehnt sich stattdessen an die Wand und liest sich den Brief mehrmals durch. Nach dem vierten Mal lässt er einfach seine Hände vor sich herunter und starrt wieder hoch. Er kneift die Augen zu und hält das Papier fest. In der einen Hand der Brief und in der anderen die Folie mit der Haarspange. Er hebt seine Hand und betrachtet das Schmuckstück.
‚Warum gibst du mir sogar das wieder zurück? Hat es dir nichts bedeutet? Warum, Tina? Was soll ich denn jetzt damit machen?‘
Er knüllt die Folie und den Brief vor Enttäuschung zusammen und richtet sich wieder auf. Hierbleiben will er auch nicht. Sein nächstes Ziel liegt etwas außerhalb der Stadt. In seinen verbitterten Gedanken vertieft, schlendert er wieder zurück Richtung Unterführung, um den Kreisverkehr auf normalen Weg zu passieren. Mit gesenktem Kopf, nachdenkend geht er an einem Mülleimer vorbei. Er bleibt kurz stehen, überlegt und holt dann die Alufolie und den Brief aus der Tasche. Die Folie wirft er gleich weg und den Brief hält er noch kurz in den Händen, dann zerknüllt er ihn und wirft ihn ebenso hinein und fängt dann an etwas zu laufen. Nur mit dem Blick auf die Pflastersteine gerichtet rempelt er irgendwann ausversehen jemanden an.
„Sorry.“, sagt er nur höflich und will dann weitergehen, doch plötzlich wird er von jemanden am Arm gepackt.
„Halt, du glaubst doch wohl nicht, dass wir uns beklauen lassen?“, kommt eine strenge englische Stimme. Er richtet seinen Blick etwas auf, um die Person zu sehen. Sehr erstaunt blickt er in Kens Augen.
‚Japans Keeper? Was…was macht der denn hier?‘ Um die Situation nicht unnötig zu reizen und nicht aufzufliegen, spricht er ruhig zu ihm.
„Es war wirklich ein Versehen. Tut mir leid. Lassen Sie mich wieder los.“ Ken wundert sich und ja, er lässt ihn los.
‚Komischer Typ. Rennt hier rum und schaut nicht nach vorne.‘ Die anderen sehen auch etwas verdutzt und Kojiro wundert sich besonders.
‚Das ist er doch, der Typ, der Tina hinterhergelaufen ist. Wieso trägt er denn die Kapuze so tief, den Kragen so hoch und eine Sonnenbrille? Will er nicht erkannt werden? Rempelt Ken einfach an. Er muss ja völlig durch den Wind sein.‘
„Nun gut.“ Ken greift in seine Tasche und alles ist noch da. Dann lässt er ihn los.
„Okay. Dann verzeihen Sie. Man kann nie vorsichtig genug sein. Einen schönen Tag noch.“, spricht er freundlich. Karl nickt dankend und dreht sich wieder um, um seinen Weg fortzuschreiten. Als er losläuft fällt ihm plötzlich etwas aus der Tasche und es klappert, als es zu Boden fällt. Wirklich vernehmen tut er es nicht, weil es ringsherum sehr laut ist. Der starke Verkehr und die lauten Touristen und ein bellender Hund trüben seine Sinne. Er will doch nur noch weg hier.
„Warten Sie, Sie haben etwas verloren!“, vernimmt er dann eine laute kräftige Stimme. Kojiro ist es, der ihm entgegenläuft und vor dem Schmuckstück stehen bleibt. Er hat genau gesehen wie es aus der Tasche fiel. Überrascht bleibt er stehen und schaut zu Boden. Dann bückt er sich und hebt es überrascht auf.
‚Das ist doch Bettinas Spange. Eindeutig ihre. Diese Blume und dieses Muster. Warum hat er sie bei sich? Was hat das zu bedeuten? Jetzt weiß ich, was ich eben vermisst habe.‘ Karl-Heinz bleibt stehen und schaut zurück.
‚Verdammt. Warum musste sie mir jetzt rausfallen? Und dann stehen da die ganzen Japaner rum. Ausgerechnet Hyuga muss es bemerken und sie anfassen.‘ Unfreiwillig geht er zurück und bleibt vor ihm stehen.
„Danke.“, sagt er und reicht die Hand hin, damit Kojiro ihm die Spange wiedergeben kann. Diese jedoch stellt sich unwissend.
„Ist das nicht Schmuck einer Frau? Bist du doch ein Taschendieb?“, fragt er skeptisch, aber im Innerem weiß er, dass es nicht stimmen kann. Wäre es so, wäre er nicht zurückgekommen, sondern wäre weitergelaufen. Außerdem hat Tina ihm eindeutig irgendwelche Handzeichen gegeben bevor sie über die Straße gerannt ist. Zornig, richtet sich Karl, wie sonst auch, stolz auf, nimmt seine Brille ab und brummt sein Gegenüber an.
„Wen nennst du hier einen Taschendieb, Hyuga?“ Der Puls der beiden Stürmer steigt enorm an.
„Schneider? Was…was machst du denn hier?“
„Dasselbe kann ich euch fragen. Gib mir die Haarspange jetzt wieder. Du verbrennst dir nur die Finger daran. Sie gehört mir.“ Sie starren sich kurz wie Rivalen in die Augen und dann reicht Kojiro ihm die Spange. Karl nimmt sie behutsam aus seiner Handfläche und steckt sie wieder in die Hosentasche. Diesmal schließt er den Reißverschluss. Er hatte es vorhin vergessen, weil er den Müll weggeworfen hat. Sofort setzt er die Sonnenbrille wieder auf.
‚Ich verbrenne mir die Finger daran? Denselben Spruch sagte Tina auch, als Hikaru ihre Spange berührt hatte. Und nach der Behandlung hat sie sie nicht mehr getragen. Ich hatte gefragt, ob etwas damit nicht stimmt und dann sagte sie doch, sie will mal etwas anderes mit den Haaren ausprobieren. Warum hat sie jetzt Schneider?‘ Karl-Heinz betrachtet ihn musternd und plötzlich fällt ihm ein winziges Detail an ihm auf. Er stutzt und versucht sich zu vergewissern. Er bringt Kojiro dazu sich etwas zu bewegen, damit das Sonnenlicht direkt auf seine schwarze Hose fällt. Also geht er ein bisschen nach rechts, damit er sich etwas zu ihm dreht.
„Na dann, guten Flug. Grüß Genzo von mir.“
‚Tatsächlich. Wieso hat er an seiner Hose ein langes blondes Haar?‘ Jetzt strahlt die Sonne komplett auf den japanischen Stürmer und sogar an seiner linken Schulter hängt ein blondes Haar. Ein Laie würde es nicht sehen, aber Karl entgehen keine Details. Er grinst nur und gibt ein Abschiedszeichen.
„Der nächste Weltmeister, werde ich sein, Hyuga. Genieße den Ruhm, so lange du noch kannst.“ Daraufhin läuft er wieder los, diesmal jedoch etwas umsichtiger. Kurz darauf ist er im Tunnel der Unterführung verschwunden.
Ohne, dass es die anderen Jungs bemerken, geht Roberto neugierig zum Mülleimer.
‚Schneider? Was hast du da vorhin gesucht? Wieso läufst du hier einfach so rum? Und was hast du eben verloren?‘ Er greift hinein und holt die Folie und den zerknüllten Zettel heraus. Er dreht sich mit dem Rücken zu den Jungs und faltet beides auseinander. Die Folie ist leer, also wirft er sie wieder zurück. Den Brief kann er leider nicht lesen, aber er steckt ihn unauffällig in seine kleine Herrentasche.
‚Bis auf wenige Worte kann ich damit nicht viel anfangen. Und was ist das überhaupt für eine furchtbare Handschrift? Von wem kommt der Brief?‘
Inzwischen sind die Jungs alle zu Kojiro gegangen und fragen ihn aus. Dann tritt Roberto dazu.
„Und? Was hat er verloren?“
„Tinas Haarspange, sagt Kojiro.“ Roberto versteht nicht was er meint.
„Welche Haarspange?“
„Ach so. Ja, als wir auf Tina trafen, da trug sie eine goldene Haarspange. Sah hübsch aus. Da war eine Blume drauf. Die war das.“, erklärt Ken.
Auf der anderen Straßenseite angekommen, geht Karl-Heinz zur nächsten Taxistation und klopft an die Beifahrerseite. Die Scheibe wird heruntergelassen. „Hallo, würden Sie mich bitte zu dieser Adresse bringen?“, ist er freundlich, nimmt vorher die Brille ab und zeigt einen Zettel mit einer Adresse darauf.
„Junge, ich fahre keine Kinder. Tut mir leid. Und ich weiß ja noch nicht mal ob du überhaupt bezahlen kannst. Viel Glück bei den anderen.“, kommt ein vorwurfsvoller Blick zurück.
„Ich bin immerhin schon fünfzehn, also ausreichend geschäftsfähig. Ab 12 darf ich alleine fahren. Geld habe ich genug dabei.“, versucht er es freundlich.
„Du bist Ausländer, das ist mir zu gefährlich. Ohne Erziehungsberechtigten ist nicht.“, murrt er zurück und schließt sofort das Fenster.
Karl ist verdutzt. Wenn er in Hamburg ein Taxi bestellte, gab es doch auch nie Probleme. Er geht enttäuscht zum nächsten Taxi und die Argumentation war ähnlich, jedoch freundlicher. Bei Taxi Nummer vier versucht er erneut sein Glück. Er hält diesmal gleich seine Geldscheine ans Fenster und nimmt die Kapuze ab, damit er nicht so bedrohlich wirkt.
„Würden Sie mich mitnehmen? Ich bin schon 15 und kann auch zahlen.“
„Lern erstmal Französisch. Ausländer Kinder nehme ich grundsätzlich nicht ohne Begleitung mit.“ Etwas brummig kontert er dann aber.
„Ich bin Deutscher, und prominent. Zählt das nicht?“
‚Sowas wollte ich eigentlich nicht, aber wenn es nicht anders geht. Mit den Öffentlichen darf ich nicht fahren und zu Pierre komme ich ohnehin nur mit Auto.‘
„Was heißt hier Prominenter? Wer willst du denn bitte sein, Bursche?“
„Erkennen Sie mich nicht? Ihrer Deko nach zu urteilen, haben Sie mindestens noch das Halbfinale gesehen. Die Jugend-Weltmeisterschaft U16. Ich bin der Deutsche Stürmer, Karl-Heinz Schneider.“, lächelt er dann freundlich und verweist auf Pierres Wackelmännchen.
„Du willst mich doch veralbern. Warum sollte der Junge hier rumlaufen? Ganz alleine. Das ist doch viel zu riskant. Du magst ihn ja ähnlichsehen, aber mehr auch nicht.“
„Dann verstehen Sie ja immerhin, warum ich nicht mit den Öffentlichen fahren kann. Warten Sie. Ich hole meinen Ausweis raus.“ Er richtet sich auf und greift in seine innere Jackentasche. Dann stutzt er. Fühlen kann er nur die Taschentücher.
‚Verdammt. Wo ist das Ding denn hin? Mein Reisepass.‘ Dann seufzt er auf.
„Hm, den habe ich nicht dabei. Dumm gelaufen. In der falschen Jackentasche. Ich bin zu eilig losgelaufen.“
„Also echt. Bist im Ausland und hast keinen Ausweis dabei. Und dann behauptest du auch noch dieser Fußballjunge zu sein. Wo willst du überhaupt hin?“ Karl zeigt ihm den Zettel mit der Adresse.
„Hier hin. Da fährt ja auch weder Bus noch Bahn bin. Mir bleibt also nur ein Taxi.“
„Willst du mich veralbern, Junge? Das wird ja immer komischer. Was willst du da?“ Karl knurrt dann doch und zeigt mit dem Finger auf die Wackelfigur im Cockpit.
„Na zu ihm, zu Pierre. Mein altes Team ist seit der Europameisterschaft mit ihm befreundet. Wir kennen uns privat.“
„Du willst mich jetzt wohl wirklich für dumm verkaufen? Wenn es so wäre, dann ruf ihn doch an.“
„Das geht aber nicht, mein Akku ist leer.“ Der Mann reicht ihm sein Handy rüber.
„Hast du seine Nummer?“
„Ja, aber ich werde nicht über Ihr Telefon dort anrufen, dann kennen Sie ja seine private Nummer. Danke. Lassen Sie es einfach.“, beschließt er dann, entfernt sich von dem Auto und setzt sich auf eine Bank neben einen Baum. Er setzt seine Kapuze und die Sonnenbrille wieder auf. Betrübt schaut er sich um und entdeckt eine Telefonzelle.
‚Bringt ja auch nichts. Ich habe nur Scheine dabei.‘ Dann steht er jedoch auf, geht zu einem Crêpe-Stand und holt sich etwas zu essen, in der Hoffnung passendes Kleingeld zu bekommen.
„Danke, könnten Sie mir so rausgeben, dass es für das Telefon reicht?“ Er hat Glück und der Mann kommt ihm entgegen. Danach geht er mit dem Crêpe zur Telefonzelle. Als er in der Telefonzelle steht und die Geldstücke einwirft, kommen diese immer unten wieder aus.
‚Was soll das denn jetzt?‘ Er versucht erneut mit anderen Geldstücken, aber nichts zu machen. Wieder fällt es heraus.
‚Entweder kaputt oder voll. Verdammt. Was ist das denn heute für ein blöder Tag? Hatte ich nicht gestern schon genug Pech? Vergesse ich Blödmann auch den Ausweis, manno. Voll peinlich.‘ Karl verlässt enttäuscht das Gerät und setzt sich wieder auf die Bank und isst erst einmal den feinen Teig mit Apfelmus.
‚Und nun? Bis zum Hotel ist es zwar machbar zu laufen, aber ich wollte mit Pierre reden, und nicht mit Vater.‘
Kurz darauf steigt aus eine der Taxen, die er nicht angesprochen hat, eine Frau aus. Sie schaut zu ihm rüber und dann geht sie zu dem Kollegen, den Karl als letztes angesprochen hatte und spricht mit ihm. Sie lehnt sich aufs offene Fenster.
„Hey sag mal, was ist denn mit dem Mann? Wieso will ihn keiner annehmen?“ „Das ist noch ein Kind. Nach seinen Angaben ein Deutscher, 15 Jahre alt.“
„Na und? Dann darf er doch mitfahren. Fehlt das Geld, oder wie?“
„Nein. Ich fahre keine ausländischen Kinder ohne Begleitung. Er behauptete doch tatsächlich dann dieser junge Fußballkaiser zu sein. Sein Handy sei jedoch leer und den Ausweis habe er vergessen, falsche Jacke, meint er. Ich glaube ihm kein Stück. Er sieht dem Jungen zwar ähnlich, aber mit dieser Aufmachung wirkt er eher etwas bedrohlich.“
„Der junge Fußballkaiser? Meinst du diesen Karl-Heinz Schneider, der gestern gegen die Japaner verloren hat? Er wird doch in der neuen Saison schon bei den Profis von Bayern München spielen. Das Spiel gestern habe ich gesehen. Von der Zeit her kann er es doch also sein. Er soll mit seiner Familie noch in der Stadt sein. Den Medien nach zu urteilen, fährt er dann gleich mit dem Vater nach München.“
„Du kennst dich ja gut aus. Mich interessiert nur das französische Team. Mag sein. Aber warum sollte so einer wie der einfach so rumlaufen? Ohne Ausweis und vor allem ohne Begleitung? Ich hätte ja noch verstanden, wenn er ins Hotel wollte.“ „Hm, wo will er denn hin?“
„Das ist ja das Nächste. Er will zu Sir Pierre. Er behauptet mit ihm befreundet zu sein. Aber mit meinem Handy ihn anrufen will er auch nicht, dann könnte ich ja seine Nummer erfahren. Als ob die beiden Freunde wären, so ein Quatsch.“ Sie sieht ihn verdutzt an.
„Ach. Warum Quatsch? Das ist doch kein Geheimnis. Im Frühling haben ihre Vereine jeweils ein Freundschaftsspiel absolviert, als Vorbereitung für die WM und ihre Freundschaft ist dadurch öffentlich bekannt. Wie eng so eine Freundschaft ist, wissen wir doch nicht. Aber möglich ist es also, dass die sich privat auch kennen. Sie mögen Rivalen sein, aber das schließt das andere ja nicht aus. Ich bin auch mit einigen meiner Rivalinnen noch immer dick befreundet. Was meinst du warum ich so viele große Nebenaufträge habe?“
„Echt? Sowas gibt es?“
„Nun gib mal ehrlich zu, wenn es ein hübsches Mädchen wäre, hättest du doch sofort zugesagt und geholfen.“
„Das ist doch was ganz anderes. Natürlich helfe ich einem Mädchen, die kann doch nicht alleine hier rumlaufen. Solange sie bezahlen kann. Aber der Bursche scheint nicht gerade schmächtig zu sein. Er wirkt doch kräftig.“
„Echt mal. Und wenn er wirklich Hilfe braucht? Ich gehe mal zu ihm und kläre das. Ich finde heraus, ob er dieser Schneider ist. Ich glaube aber, er hat Recht.“ „Wieso denkst du es stimmt? Du kennst ihn doch selbst nicht persönlich.“
„Hast du dir mal seine Körperhaltung und seine ganze Körpersprache angesehen? Obwohl er von Taxi zu Taxi gelaufen ist, behielt er Haltung, war sicher freundlich und auch eben bei dem Telefon, welches übrigens den ganzen Tag schon in Dauerbenutzung war und seit zwei Stunden jeder wieder rausgeht, weil wie immer das Münzenfach voll ist, bleibt er ruhig. Kein Wutausbruch, nichts. Den Crêpe hat er sich vermutlich nur wegen des Wechselgeldes geholt.“
„Meinst du echt? Hm, wenn du mir das so erklärst. Wenn er wirklich dieser Schneider ist, warum ist er alleine unterwegs?“
„Warst du nie jugendlich und mal spontan? Vielleicht ist er etwas überstürzt aus dem Hotel los und wollte ohne Eltern sein. Immerhin ist er später ja nur noch unter Beobachtung. Was wissen wir denn schon. Kindern bzw. einem Minderjährigem zu helfen, ist unsere Pflicht. Stell dir vor er ist es wirklich, was würde da dein Sir Pierre sagen, wenn du einem Freund nicht hilfst?“
„Na gut. Du hast Recht. Manchmal weiß man nur nicht mehr wem man noch trauen kann. Ich kann dich begleiten, wenn du willst. Gehen wir zusammen zu ihm? Nicht, dass du dich doch täuschst.“
„Nein, ich gehe alleine. Was soll denn da schon passieren?“ Sie richtet sich wieder auf und geht direkt auf Karl-Heinz zu. Dieser wundert sich, als sie plötzlich vor ihm steht. Er schaut zu ihr auf und schluckt den letzten Bissen herunter und wirft den Müll in den Mülleimer neben sich.
„Guten Tag Herr Schneider, mein Kollege war sich unsicher. Sie müssen ihm verzeihen. Er ist kein schlechter Kerl, aber geht lieber auf Nummer sicher. In letzter Zeit gab es einige Überfälle auf Taxen, da ist man einfach vorsichtiger geworden.“, wird er höflich auf Deutsch angesprochen. Karl-Heinz ist erstaunt und reagiert natürlich höflich und freundlich.
„Danke, heute ist scheinbar nicht mein Tag. Ich kann Ihre Kollegen schon verstehen. Sie wollen keinen Ärger bekommen. Wirklich seriös wirke ich in der Sportkleidung auch nicht und dann ohne Ausweis. Würden Sie mich denn fahren? Ich habe genug Geld bei mir. Das sollte reichen.“
„Würden Sie die Sonnenbrille und die Kapuze kurz abnehmen, damit ich Sie auch als Herrn Schneider identifizieren kann? Ich bin ein Fan und komme selbst aus Deutschland. Ich habe Ihre Spiele alle gesehen. Starke Leistung.“ Er steht auf und zeigt sein Gesicht und lächelt freundlich.
„Ein Fan?“, lächelt er endlich. Das letzte Mal, als er heute lächeln konnte, war kurz bevor Tina ihm einen Korb gab.
„Gut, ich zweifle nicht daran, wer Sie sind. Ist okay. Kommen Sie mit. Setzen Sie ruhig wieder alles auf. Das machen Sie, damit man Sie nicht erkennt, richtig?“ „Genau. Vielen Dank für Ihr Vertrauen.“ Sie öffnet ihm die hintere Tür, hinter ihrem Sitz.
„Bitte, hier ist es am sichersten und die Scheiben sind hinten verdunkelt. Sehen Sie?“ Er bedankt sich und steigt ein. Während die Taxifahrerin die Tür schließt und sich vorne reinsetzt, schnallt er sich an. Er staunt nicht schlecht, als er in ihr Cockpit blickt. Sie scheint wirklich Fußballfan zu sein und nicht nur das französische Team zu mögen. Neben französischen Artikeln sind auch die Deutschen und japanischen Flaggen zu sehen.
„Wo darf ich Sie hinbringen, Herr Schneider?“, schaut sie durch den Rückspiegel und lächelt. Er reicht ihr die Adresse vor.
„Ich würde gerne hierhin. Geht das?“ Sie staunt nicht schlecht, denn zu Pierre fährt sie öfters.
‚Der Kollege hatte Recht. Er will wirklich zu ihm. Wenn er ihn nicht besser kennen würde, hätte er doch seine Adresse nicht.‘
„Natürlich. Sind Sie angeschnallt, dann kann es losgehen?“ Sie reicht ihm den Zettel zurück. Dann setzt sie den Blinker und wartet den Verkehr ab und verlässt die Parktasche. Karl-Heinz nimmt die Brille und die Kapuze ab und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Sie fahren mindestens einmal komplett um den ganzen Kreisel, um sich endlich an der äußersten Spur einordnen zu können und abzubiegen. Kaum setzt sie den Blinker und fährt in eine Straße hinein, entdeck Karl Tina neben einem Zeitungs-Kiosk. Durch das auffällige Kleid ist sie sofort zu erkennen. Er dreht sich um, um sie so lange wie möglich zu sehen. Neben ihr steht ein Mann, vermutlich ihr Vater. Er ist leider nur von hinten zu sehen, aber die Statur würde hinkommen. Sie selbst hat ein paar Zeitschriften in der Hand. ‚Tina…da bist du jetzt? Was hat das denn alles zu bedeuten? Und dein Vater ist bei dir? Der wird sicher mit dir schimpfen, wegen der Aktionen mit der Straße.‘ Seine Fahrerin ist überrascht, dass er so interessiert zum Kiosk schaut. Sie achtet selbst drauf und erkennt das Mädchen.
„Ziemlich riskante Aktion, denken Sie sicher auch gerade, oder?“, spricht sie ihn an, um eine Gesprächsbasis zu schaffen. Karl blickt vor zu ihr.
„Was meinen Sie?“
„Na die Kleine im türkisblauen Kleid. Sie lief doch vorhin gleich zweimal über den Kreisverkehr. Sie wäre mir beinahe bei der ersten Aktion vor die Haube gelaufen. Ich wollte gerade zum Einparken ansetzen, da rann sie einfach los.“ Ihn überkommt ein ernster Blick.
„Ja, völlig bekloppt. Lebensmüde sowas. So eine Unvernunft passt gar nicht zu…“, haut er wütend aus und hält dann inne.
„…einem Mädchen.“, ergänzt er dann, und rettet sich noch etwas raus. Er hätte beinahe „ihr“ gesagt, dann hätte man doch gewusst, dass er sie kennt.
„Stimmt, meist sind es irgendwelche Männer, die so dumm sind. Mädchen sind da eher vorsichtiger.“
‚Oh, was war das denn eben? Kennt er sie etwa? Hat er ihr deswegen eben hinterhergeschaut? Ich dachte, weil er sie eventuell gesehen hat.‘
Seiten 9, 11 und 22
Kapitel 9
Seiten 9, 11 und 22
Zur selben Zeit wird am Kiosk mit dem Handy ein Taxi geordert. Tina und ihr Vater stehen und warten. Nebenbei schaut Tina sich durch die Zeitschriften. Dann greift sie noch zu drei angesagten Modezeitschriften, einem Schokoriegel und bezahlt diese. Kurz darauf erscheint bereits ein Taxi. Es ist der Mann, der Karl-Heinz als letzter Abgelehnt hatte. Als er seine neuen Fahrgäste sieht, staunt er nicht schlecht. Natürlich erkennt auch er das Mädchen im Sommerkleid, das einfach über die Straße lief.
‚Na da bin ich ja mal gespannt. Ich halt mich mal lieber zurück. Ein Fehltritt reicht für heute. Und wenn die mich gleich für eine lange Shoppingtour buchen wollen, dann lohnt es ja auch.‘, geht ihm durch den Kopf. Er fährt an die Seite, steigt aus und geht zu ihnen.
„Guten Tag, sind Sie der Herr, der mich für eine Shopping-Tour gebucht hat?“, fragt er höflich. Georg begrüßt ihn und gibt Tina ein Zeichen.
„Bettina, komm. Das Taxi ist da.“
„Kleinen Moment. Ich habe noch was entdeckt.“
„Was denn noch?“ Sie dreht sich zu ihm um und hält ein Buch hoch.
„Schau mal, das sind Schnittmuster von einem bekannten Modeschöpfer.“
„Na dann. Ich steige schonmal ein.“ Er wendet sich dem Fahrer zu.
„Meinen Sohn müssten wir dann noch einsammeln. Er ist hier in der Nähe.“ „Okay. Das ist kein Problem. Die Zentrale sagte, es ginge um vier Personen.“
„Ja, meine Frau ist bereits alleine unterwegs und dann stößt sie irgendwann zu uns.“ Der Taxifahrer geht zum Kofferraum und öffnet die Schiebetür.
„Bitte, Sie können den bisherigen Einkauf hier reinlegen.“
„Okay, danke sehr.“ Er holt sich noch eine Zeitung heraus und dann legt er die Beutel in den Laderaum des Großraumtaxis.
Der Taxifahrer verstaut sie seitlich in einer Halterung, damit sie nicht durch die Gegend rutschen.
Als Georg einsteigt, ist Tina mit Bezahlen fertig und steigt hinter ihm ein. Sie rutscht bis zur anderen Seite durch, legt ihren Beutel und die Handtasche neben sich und schnallt sich an.
„Bin fertig. Hallo, erst einmal.“, lächelt sie in den Rückspiegel.
‚Sie ist hübsch und hat ein niedliches Lächeln. Sie kommt mir gar nicht so vor, als würde sie so dumm sein einfach über den Kreisverkehr zu laufen.‘
„Wo darf ich Sie denn genau hinbringen?“
„Also ich möchte irgendwo hin wo man schöne französische Mode kaufen kann. Etwas für mein Alter, kein unnötig überteuertes Zeug wie P oder G, normale tägliche Mode. Aber darf gerne auch besonders sein.“, erklärt Tina stolz auf Französisch. Der Fahrer ist verwundert.
„Sie sprechen aber gut Französisch. Ich habe da eine Idee. Meine Tochter ist vermutlich in Ihrem Alter. Die ist da immer informiert, was so angesagt ist. Ein Leid für mein Konto.“, grinst er.
„Oh. Ja. Das passt doch. Dann fahren Sie mich mal in die Lieblingsläden Ihrer Tochter. Vielleicht ist das was für mich. Ich mag es bunt.“
„Das passt. Sie mag es auch nicht trüb.“ Georg telefoniert mit seinem Sohn, welcher ihm seinen Standort mitteilt.
„Ich kann jetzt. Er ist unterwegs. Ich stehe hier vor der Burgerbude in einer Seitenstraße, westlich vom Ring. Da kann man anhalten.“ Georg gibt die Information durch und der Fahrer weiß gleich wo er hinmuss. Er fährt nach einer Weile in die Seitenstraße und Stephan steigt ein.
„Hallo.“
„Na? Alles klar?“, fragt Tina. Sie fahren los.
„Du hast sie wohl nicht alle? Deine dämlichen Aktionen waren nicht abgemacht.“ Tina grinst neckisch.
„Ach, armer großer Bruder. Ist dir etwa das Herz in die Hose gerutscht? Bin ich dir soooo wichtig?“
„Du spinnst doch. Ging das nicht anders? Natürlich bist du das.“
„Nein, ging es nicht. Ich bin immerhin noch verletzt, schon vergessen? Wie soll ich denn da schnell genug laufen?“
„Trotzdem, dann hätten wir uns was anderes einfallen lassen müssen.“
„Nun ist doch alles gut. Gab doch nicht mal Blechschaden. Mir ist da nix aufgefallen.“
„Völlig durchgeknallt. Mehr kann man nicht dazu sagen.“, knurrt er sie trotzdem an.
„Ruhe jetzt. Wir klären das später.“, kommt eine strenge Ansage vom Beifahrersitz. Tina kramt in ihrem Beutel und holt zwei Zeitschriften heraus. Sie drückt ihrem Bruder diese in die Hand.
„Hier lies das...und krieg dich wieder ein.“ Er greift die Hefte und betrachtet die Titelbilder.
„Danke, wäre nicht nötig gewesen. Ich habe eine davon schon gelesen.“
„Hä? Wie das denn? Die sind doch heute erst rausgekommen.“
„Ja. Ich weiß. Aber ich war in einer Buchhandlung und da wollte ich nur kurz reinlesen und schwupp, war ich durch.“, fasst er sich an den Kopf.
„Echt jetzt? Also so schnell kann ich ja nicht lesen, dass ich beim Reinlesen gleich ein ganzes Heft schaffe. Du bist voll der Streber, echt mal.“
„Das sagt die Richtige.“ Er schlägt das andere Heft auf und liest nebenbei.
„Weißt du denn nun schon was du jetzt studieren willst? Du warst noch etwas unschlüssig. Jetzt hattest du doch genug Zeit zum Nachdenken.“
„Ich dachte da an Wirtschaftsinformatik. Ist etwas mehr als nur die einfache Informatik, da habe ich ja schon fast alles nebenbei durchgekaut. Langweilen will ich mich auch nicht.“
„Das klingt voll langweilig.“
„Siehst du, dein Psychokram ist für mich langweilig. So hat jeder sein.“
„Du hast nur Zahlen und einen Bildschirm, ich werde immer mit Menschen arbeiten. Da ist nix langweilig.“
Plötzlich lacht er etwas los. Sein Blick ist weiter auf die Zeitschrift gerichtet.
„Was ist denn?“
„Dieses Foto ist der Knaller. Sieht doch mal. Das sieht so selten dämlich aus.“, meint er und zeigt ihr ein Foto vom Finalspiel. Japan gegen Deutschland und der Verteidiger Ryo Ichizaki stürzt sich geradewegs mit dem Kopf vor Schneiders Torschuss. Der Ball landet direkt in seinem Gesicht.
„Du bist so gemein, echt mal. Wie kannst du dich nur über ihn lustig machen? Du weißt doch selbst wie viel Überwindung das kostet, sich als Kanonenfutter zu opfern.“
„Kanonenfutter…also du übertreibst maßlos. Das ist doch kein Krieg.“
„Hm. Wenn du Angeber meinst.“, stöhnt sie auf und betrachtet nebenbei die anderen Bilder auf der Seite. Ein paar super Paraden der beiden Keeper sind zu sehen und auch die besten Momente, die zu sensationellen Toren führten.
„Du solltest echt mal aufhören so komische alte Bücher zu lesen.“, meint er.
„Das da…das ist ein tolles Foto.“ Sie zeigt auf ein Foto, welches den Zwillingsschuss von Kojiro und Tsubasa zeigt. Sie lächelt dabei. Eine Sensation im Fußball. Zwei Spieler schießen zeitgleich den Ball und versetzen ihn dadurch in eine unhaltbare Rotation.
„Das war ja klar, dass dir das gefallen hat. Und was sagst du zu dem Foto hier?“, neckt er sie und blättert die vorherige Seite zurück. Es erscheint ein Bild von Kojiro, wie er hochspringt und den Ball annimmt. Es ist recht großformatig, gut die halbe Seite wird ausgefüllt. Der Titel „Japans Stürmer Nummer 1 verfehlt nur knapp den Titel des Torschützenkönigs“.
Tina läuft plötzlich etwas rot an und schaut aus dem Fenster.
‚Muss er mir das Foto so vor die Nase halten? Jetzt…nachdem wir uns verabschiedet haben. Kojiro…das ist wirklich gut geworden. Man kann richtig sehen, wie sehr du den Sport liebst.‘
„Aha, du musst es nicht leugnen. Deine Reaktion sagt alles. Du magst ihn.“ Tina reagiert bewusst nicht darauf.
„Aber ich kann dich beruhigen. Du musst dir sowieso keine Hoffnungen machen. Der wird genauso wie Gen nur auf Japanerinnen stehen und wer weiß schon wie viele hübsche Mädchen jetzt in Japan auf ihn warten. So ein Weltmeistertitel hat schon was. Wenn ich nur daran denke wie viele Mädchen plötzlich mit mir ausgehen wollten, nur wegen des Europatitels.“
„Warum tust du das jetzt? Ich versuche mich abzulenken und du haust mir Eine rein. Danke sehr.“, sagt sie leise mit enttäuschter Stimme. Er ist selbst verwundert, dass sie nicht bei dem Scherzen mitmacht. Stephan lehnt sich zu ihr rüber und berührt ihre Schulter.
„Tut mir leid. Das war nicht böse gemeint. Ich dachte du kannst darüber lachen.“
„Ich fand das nicht lustig. Plötzlich hatte ich mehr Freundinnen um mich als ich brauchte, nur weil die dich alle kennenlernen wollten. Voll nervig.“ Stephan sieht seine kleine Schwester nachdenklich an.
„Du hast Recht. Tut mir leid. Ein Scherz auf deine Kosten. Verrätst du mir wenigstens…ob du diesen Japaner überhaupt wiedersehen wollen würdest? Sag doch, hast du dich nun in ihn verguckt oder nicht?“, spricht er erstaunlich mitfühlend.
„Das…kann dir doch egal sein. Du machst dich eh nur darüber lustig.“ Er reicht ihr das andere Heft rüber, welches er schon gelesen hatte.
„Hast du selbst schon reingeschaut oder nur ins Regal gegriffen?“
„Was denn? Was soll damit sein? Die schreiben doch eh alle dasselbe.“
„Nein, tun sie nicht. Hier gibt es interessante Informationen. Du musst unbedingt Seite 8, 9, 11 und Seite 22 ansehen.“ Tina wird stutzig.
„Klingt komisch. Ausgerechnet diese Seiten?“ Dann nimmt sie die dicke Zeitschrift und blättert darin auf Seite 8. Seite 9 erscheint ebenso mit.
Es erscheinen Artikel über Kojiro und Kaltz. Es sind einige Bilder da und es wird über ihren Werdegang geschrieben. Kaltz Erfolge im HSV und in der Europameisterschaft sowie der letzte Sieg mit seinem Team werden hervorgehoben. Auf Kojiros Seite Nummer 9 steht ein weiterer deutscher Spieler wird ebenso beschrieben. Man geht darauf ein, welche Erfolge er in Europa bisher hatte. Natürlich spielt das erste Freundschaftsspiel gegen den HSV eine große Rolle ein. Tinas Puls steigt enorm an, als sie die Fotos sieht und sogar ihren Namen lesen kann. Ein Foto mit ihr und ihm ist zu sehen, im Motto Nummer 9 gegen Nummer 9. Dann blättert sie schnell weiter auf die Nummer 11. Nun war klar, die Redaktion machte sich einen netten Scherz daraus, jede Seite der Spielernummer der Finalisten zu widmen. Es ist alles etwas humorvoll geschrieben. Auf Karl-Heinz seiner Seite sind dazu auch Fotos seine Teams zu sehen. Darunter der HSV, das Nationalteam von vor zwei Jahren und sein jetzt noch neues Team die Jugend von Bayern München. Es wird nebenbei erwähnt, dass er ab September in das Profiteam gehen wird und nur noch privat zu Hause unterrichtet werden wird. Auch sein Vater wird ihn ins Profiteam begleiten, aber als neuer Trainer. Der Vorgänger musste das Team verlassen.
Auch hier stutzt sie sehr und dann blättert Tina weiter auf die Seite 22. Das ist Genzos Nummer im Nationalteam. Es wird erwähnt, dass er im HSV aktuell der Kapitän ist dort seit etwa einem Jahr die Nummer 1 trägt. Sie selbst wird kurz erwähnt, da er sie abgelöst hat und sie als Tino immerhin die Europameisterschaft mitgemacht hatte.
„Das ist gar nicht gut. Ich hätte nicht gedacht, dass sich jemand so viel Mühe macht, diese Details auszugraben und zu erwähnen.“, sagt sie leise.
„Da haben wir ein Problem. Was meinst du…wie lange wird es dauern, wenn wir hierherziehen, dass sie dahinterkommen, unsere neuen Schulkameraden? Mit den Fotos und unseren Namen…gibt es kein Rausreden mehr. Was meinst du…du große Strategin? Was können wir nur tun, damit es nicht passiert?“
Tina lehnt sich zurück, schlägt die Seite 9 wieder auf und atmet tief durch. Sie berührt das Foto auf dem sie mit Kojiro im ersten Duell ist. Sie erinnert sich an diese Situation sehr genau.
Er kam gleich nachdem es hieß, dass sie endlich Ernst machen sollen, direkt auf sie zu. Japans Nummer 9 wollte an ihr vorbei und glaubte vermutlich, sie einfach zur Seite stoßen zu können, da sie als Verteidiger nicht groß war, aber nein, mit einer täuschenden Drehbewegung wurde er abgelenkt, versuchte dann doch an ihr vorbeizukommen, aber Stephan stellte sich ihm in den Weg. Genau in dem Moment tauchte Tino wieder auf und schnappte sich den Ball genau vor seiner Nase weg, rann vor, wich dem Mittelfeldspieler Matsuyama mit einem großen Sprung aus und schoss den Ball fast vors Tor, direkt zu Karl-Heinz und das erste Tor fiel. Die anderen Japaner waren total verdutzt, denn mit so einem Weitschuss hatten sie nicht gerechnet und schon gar nicht, dass er so genau zugespielt und versenkt würde.
„Wir…können nicht hier wohnen. Das ist zu riskant.“, sagt sie dann leise und klappt die Zeitschrift zu.
„Das sehe ich genauso. Wenn du mich fragst, wir müssten Europa verlassen, um die nächsten Jahre aus den Köpfen zu gehen. Und Rudi, der muss dafür sorgen, dass solche Fotos nicht mehr weiterverbreitet werden. Es bringt uns alle nur unnötig in Gefahr.“ Erklärt er leise und dann legt er den Finger auf eine Abbildung von Karl, welche bei den vielen Gesichtern auf der Titelseite ist.
„Ganz besonders ihn. Sollten die Typen noch irgendwie aktiv sein, die Fotos deuten, womöglich noch irgendetwas darin erkennen, dann ist er es…der als erstes darunter leiden wird.
Mir ist das jetzt erst so richtig aufgefallen, als ich das letzte Mal unser Album durchgeschaut habe. Besser ist, es gibt überhaupt keine Bilder mehr von uns. Zumindest nicht von euch beiden.“
„Das kann natürlich sein. Alles Mist.“ Tina schaut nach vorne zu ihrem Vater. Vom Blickwinkel her blickt sie dabei direkt auf die Wackelfigur von Pierre.
„Hm…“, kichert sie etwas vor sich hin. Stephan wundert sich. Das passt jetzt so gar nicht.
„Wieso lachst du denn jetzt?“
„Ich muss wohl auch so ein Ding haben.“
„Was für ein Ding?“ Er schaut auch vor und versucht zu erkennen was sie meint.
„Redest du von der Figur? Die ist voll dämlich. Wie kommt man denn darauf so eine Figur von sich machen zu lassen? Da macht man sich doch voll drüber lustig.“
„Siehst du, du verstehst gar nichts. Wenn ich so eine Figur hätte, dann würde ich sie immer dann antippen, wenn ich richtig schlecht gelaunt wäre oder wenn ich Stress hätte oder total traurig. Und dann würde mich das Gewackel aufmuntern.“, grinst sie.
„Echt jetzt? Sowas lächerliches?“
„Es wäre lächerlich, wenn es eine andere Person wäre. Aber eben, weil es Pierre ist, passt es doch perfekt.“ Er wundert sich trotzdem.
„Ich versteh nur Bahnhof.“
„Hast du schon vergessen wie unsere erste Begegnung war? Wie eigentlich jede Begegnung war? Denk doch einfach nur über seinen Charakter nach.
Er war immer höflich, freundlich, fröhlich und gut gelaunt. Ständig hat er Scherze gemacht und dafür gesorgt, dass jeder Spaß in seiner Nähe hat. Pierre ist durch und durch eine Frohnatur. Und ich glaube fest daran, dass es nichts gibt, was ihm seine Fröhlichkeit nehmen kann.“
„Hm, glaubst du echt? Auch nicht, wenn man ihm naja, zum Beispiel sein Reichtum nimmt?“
„Auch dann nicht.“
„Und seine Pferde? Die liebt er über alles.“
„Hm, das könnte kritisch werden, stimmt. Aber das würde wohl auch auf Gegenseitigkeit beruhen und dann würde er alles dafür tun, dass er sie besuchen kann. Ebenso der neue Besitzer, denn ohne ihn, können die bestimmt auch nicht sein. Ist so wie mit Hunden. Solche Tiere sind extrem Personenbezogen und spüren es, wenn sie geliebt werden.“, grinst sie dann.
„Wow, also lohnt dein Psychokram doch, den du da so viel liest.“, lacht er.
„Blödmann.“ Plötzlich klingelt Georgs Handy. Es ist die Nummer von Rudi.
„Ja?“, geht er schlicht ran.
„Weißt du was? Weißt du wo er ist? Sein Handy ist aus.“, kommt als knappe Frage zurück.
„Moment.“ Georg dreht sich zu seinen Kindern um.
„Stephan, hast du gesehen wo er hingegangen ist?“ Er sieht seinen Vater ernst an.
„Er ist mit einem Taxi los. Mehr konnte ich nicht mehr sehen. Wieso?“
„Mit Taxi los. Ist er noch nicht wieder da?“, fragt Georg Rudi.
„Eben. Das wundert mich. Wir machen uns Sorgen.“
‚Es geht um Karl-Heinz. Er ist also noch nicht wieder im Hotel?‘, deutet Tina die Unterhaltung.
„Hm, da weiß ich jetzt auch nicht.“, reagiert Georg selbst etwas besorgt und schaut wieder nach vorne raus.
„Gib ihn mir mal.“, sagt Tina dann entschlossen.
„Du willst mit ihm reden?“
„Ich habe ne Vermutung wo er sein könnte.“ Er gibt ihr das Handy rüber.
„Hi. Du sorgst dich wohl.“, kommt von Tina.
„Hallo Bettina. Ja natürlich. Lief es denn soweit nach deinem Plan?“
„Nicht wirklich. Aber egal jetzt. Er hat sicher eine Notiz hinterlassen. Was stand da genau drauf?“
Rudi holt den Zettel und liest es vor.
„Wann war das? Sind die zwei Stunden schon rum?“
„Er hat offiziell noch 20 Minuten.“
„Dann halt den Ball flach. Ich vermute mal er ist zu einem Freund gefahren, statt zu euch. Warte die Zeit noch ab, sicher wird er es schaffen sich bis dahin zu melden, wenn er es nicht rechtzeitig schafft da zu sein. Immerhin war seine Tagesplanung etwas anders als er losgegangen ist.“
„Du bist lustig. Schon doof, wenn sein Handy nicht an ist.“
„Er wird ne Lösung finden. Entweder er kann es irgendwo aufladen oder ruft dann doch über jemand anderen das Hotel an, um euch zu benachrichtigen. Glaub mal, er wird sich bald melden. Und dann…meldest du dich bei Papa.“, spricht sie ruhig und mit sicherer Stimme. Genau in diesem Moment piepst Stephans Handy los. Eine Kurzmitteilung geht ein. Er grinst, als er sie liest. Sie ist von Pierre. Er reicht sie Tina rüber, ohne was zu sagen.
„Hm, er meldet sich sicher gleich. Bis dann.“
„Aber…bei wem soll er denn bitte sein?“
„Das fragst du mich ernsthaft? Die Möglichkeiten sind gering.“ Tina legt auf. Auf diese Frage zu antworten, ist ihr zu doof.
„Du legst einfach auf?“, wundert sich Georg und verlangt sein Handy zurück.
„Jo. Oder darf ich das nicht, Papa?“, lächelt sie ihn liebevoll an. Er grinst etwas stolz.
‚Meine Kleine…sie will mir damit nur mitteilen, dass sie nur mich als Vater akzeptieren kann. Ach Liebes, das ist wirklich ein großer Trost.‘
„Gibst du es mir wieder?“, fragt er als Antwort darauf.
Beide lächeln sich kurz an und kurz darauf klingelt Georgs Handy erneut.
„Oh, das ist Mama.“, sagt er begeistert und geht ran.
„Und? Hat es geklappt Schatz?“
„Oh, äh. Ich erzähl es gleich. Holt ihr mich ab? Geht es schon?“
„Ja, wo bist du genau?“
„Ich stehe noch direkt vor dem Hotel. Ich stelle mich an die Taxistation, damit ihr mich einsammeln könnt.“
„Okay, dann bis gleich. Wir sind nicht weit weg.“, legt er dann auf.
„Bitte fahren Sie uns zum Hotel A, dort steht meine Frau an der Taxistation und wartet auf uns.“ Der Fahrer nickt ab und setzt gleich den Blinker.
„Oh wie schön. Mama kommt. Wieso ist sie bei einem Hotel? Ich dachte sie wollte zuerst alleine shoppen gehen?“
„Das wird sie euch dann erzählen. Wartet ab.“, schmunzelt er.
Kurz darauf sind sie auch schon da und der Fahrer steigt aus, um ihr die Tür zu öffnen.
„Willst du neben Bettina sitzen?“, fragt ihr Sohn.
„Oh, ja gerne.“ Er steigt aus, lässt sie durch und steigt wieder ein. Gesine sitzt nun in der Mitte und hat einen schönen Blick zur Frontpartie. Dann greift sie durch die sitze zu Georg vor und lächelt ihn an.
„Schatz, es hat zwar alles geklappt, aber…zugesagt habe ich noch nicht.“
„Oh, warum das denn?“
„Mama…erzähl doch mal. Wieso warst du in diesem Hotel?“, plappert Tina los.
„Na ganz einfach. Ich war zu einem Bewerbungsgespräch. Ich habe bei unserer Ankunft in der Tageszeitung eine Annonce gelesen und mich spontan dort vorgestellt.“ Tina und Stephan beugen sich vor und sehen sich an.
‚Oha. Und nun?‘, geht durch ihre Köpfe. Georg weiß noch nichts von ihrem Gespräch zuvor, denn sie haben sich die ganze Zeit auf Arabisch unterhalten.
„Ach, und guten Tag erst einmal.“, spricht sie den Fahrer noch an, bevor er die Tür zuzieht.
„Also ich habe noch nichts zugesagt. Nur mal gleich so.“ Dann schaut sie sich suchend um.
„Wo ist denn die Schnalle?“ Tina greift neben sich nach oben und reicht sie ihr.
„Ach so. Da oben im Dach. Alles klar. Tina hilft ihr den Gurt richtig anzulegen und schon klickt er ein.
„Das ist mal was Neues. Nun gut. Wisst ihr denn schon wo ihr hinwollt?“
„Ja, ich habe dem Fahrer bereits meinen Wunsch geäußert.“
„Und wo geht’s dann hin?“
„In ein paar Geschäften für junge Leute. Was aktuell so Mode ist. Vielleicht ist ja für dich auch was dabei.“
„Für mich? Sachen die die Kids anziehen? Na mal sehen. Okay. Ich will dann aber auch noch in den einen oder anderen Laden.“
Der Fahrer steigt wieder ein und es geht erneut los.
„Nur damit ich jetzt nicht falsch fahre, bleibt es bei den Geschäften, die Sie angesagt haben, Fräulein?“
„Ja genau. Dabei bleibt es. Das ist unser erstes Ziel.“ Der Fahrer nickt wieder ab.
„So, nun mal im Ernst. Warum hast du nicht gleich zugesagt?“, sieht Georg nach hinten zu Gesine.
„Naja, an sich lief alles gut und dann stellten sie mir das ganze Hotel vor. Die einzelnen Bereiche und dann kamen wir in die Küche. Tja, rate mal wen ich da gesehen habe?“
„Doch nicht etwa Roland? Ich wüsste jetzt keinen anderen Koch hier.“
„Richtig. Er hat vor einem halben Jahr das Hotel gewechselt und arbeitet seitdem dort als drei Sterne Koch.“
„Oh, hat er den dritten Stern bekommen? Das ist doch klasse.“
„Mama…wer ist Roland?“, fragt Tina.
„Ja, das wüsste ich auch gerne.“, bringt sich der Große mit ein.
„Oh, also Roland war damals Küchenchef in dem Hotel indem wir vor zwei Jahren als Gäste waren. Da haben wir uns dann zufällig etwas privater kennenlernen können. Ein sehr netter Typ.“, erklärt Georg.
„Ja, total nett. Und ein wahnsinniges Talent. Naja, jedenfalls hat er sich nichts anmerken lassen, dass wir uns kennen. Ich natürlich auch nicht und dann sprach er, als wir wieder gegangen sind mit seinem Kellner-Lehrling, einem Japaner wie er es ist und fragte ihm wie es seiner „Kleinen von der Rezeption“ denn ginge, und wann es denn endlich soweit sei? Er würde sich über ein Mädchen freuen, weil es zu ihm passe.“
„Ach…dieses Schlitzohr.“, haut Georg raus.
„Jo, er wusste doch, dass ich seit unserem Kennenlernen Japanisch lernen wollte. Das hat er sich wohl gemerkt und gehofft, dass ich hin verstehe, aber eben die anderen nicht.“
„Wie cool ist der denn bitte? Ihr seit nur mal so durch ein kurzes Kennenlernen gleich so aufeinander abgestimmt? Genial. Also was ist nun mit dem Baby? Was hat der Lehrling gesagt?“
„Darum geht es gar nicht. Weißt du was das heißt? Er hat gesagt: „seine Kleine von der Rezeption“. Was meinst du wohl, wollte er mir damit wichtiges mitteilen? Er hätte es doch auch später fragen können.“ Tina lehnt sich wieder zurück.
„Ach so…ich kapiere gar nichts. Vielleicht bin ich dafür doch zu jung.“
„Also echt mal, Schwesterchen…du erkennst mal die Logik dahinter nicht? Das Hotel sucht jemanden für die Rezeption und eine von denen ist hoch schwanger, scheint so. Und dann darf Mama sich vorstellen, weil sie herziehen will? Denk mal nach.“
„Hm, glaubst du, sie soll nur ein Ersatz sein?“, vermutet sie dann.
„Genau. Eine Schwangerenvertretung. Die geht in der Regel nur etwa ein bis zwei Jahre. Man hat mir jedoch nichts davon erzählt, bis zum Schluss nicht. Und das stößt mir echt auf. Deswegen habe ich noch nicht zugesagt. Dabei hatte mir bisher alles gefallen.“
„Wow, das ist ja gemein. Aber…Mama…wir…wollen sowieso nicht mehr hierherziehen.“, haut Tina frei raus. Auch Georg staunt nicht schlecht.
„Warum nicht? Was heißt hier „wir“?“, fragt er überrascht.
„Na wir beide haben das beschlossen. Wir haben bemerkt, dass wir Europa lieber ganz verlassen sollten.“, bringt sich Stephan mit ein. Die Eltern sind total baff.
„Das verstehe ich jetzt nicht. Du warst es doch, der hier nach Frankreich ziehen wollte.“
„Ich habe meine Meinung geändert.“ Ab diesem Moment an sprechen die vier nur noch Russisch, damit der Fahrer es nicht verstehen kann, worum es geht.
„Aber…warum denn? Europa?“, lehnt die Mutter sich zurück und sieht ihn etwas nachdenklich an.
Er reicht ihr die Zeitschrift rüber, die Tina sich zuvor angesehen hat und zeigt ihr die Seiten, die sich auch Tina ansehen sollte.
„Oh, was…sind das denn für Fotos? Die sind aber schön.“
„Überlege mal, wenn wir hier in der Zeitung stehen, dann kann man uns schnell erkennen, wenn wir in die Schule gehen. Und dasselbe würde sicher auch in Italien sein, oder England, oder Polen egal wo hier. Ich glaube, man würde uns auf Grund dessen doch zu schnell erkennen.“
Georg greift nach der Zeitschrift und nimmt sie mit vor.
„Hm, theoretisch könnten wir rechtlich gegen die Fotos vorgehen, aber…in unserem Fall…muss das, wenn jemand anderer machen. Und jetzt da gegen vorzugehen, das weckt nur unnötige Geister. Ich werde da nachher mal etwas rumtelefonieren was sich da machen lässt.“
„Warum kann man dagegen vorgehen?“, fragt Tina.
„Ihr seid noch minderjährig und diese Fotos dürfen nur mit Abstimmung des Vereins und der Eltern veröffentlicht werden. Wer privat vor Ort ist Fotos macht, darf auch diese nicht an kommerzielle Stellen verkaufen. Darum gehst. Das Recht liegt in erster Linie dem Verein. Oder dem Verband.“
„Echt? Wusste ich gar nicht.“
„In der Regel ist das auch kein Problem, aber hier geht’s nicht nur um uns, das wisst ihr.“, sagt er streng.
„Was willst du nun tun?“
„Wie gesagt. Ich sehe was ich machen kann. Aber dann eher für die Zukunft. Lasst uns heute Abend im Hotel reden.“ Er klappt die Zeitung zu und gibt sie wieder nach hinten.
Gesine nimmt sie entgegen.
„Nun aber mal ehrlich. Wo sollen wir denn dann hinziehen?“, fragt Gesine in die Runde. Tina kann darauf nicht antworten. Sie ist viel zu sehr auf Frankreich fixiert gewesen. Stephan aber äußert einen Wunsch.
„Also, wenn es nach mir ginge…ich wollte mir schon immer mal Japan ansehen. Andere müssen einen Monat lang dort teuer Urlaub machen, um nur einen Bruchteil anzusehen. Also warum nicht? Ich mag den Menschenschlag. Wir sind uns ähnlicher als wir manchmal denken. Und Mama könnte immerhin schon dort arbeiten, als Dolmetscherin. Die werden dort immer gesucht, sagte Satoshi.“ Alles sehen ihn überrascht an.
„Wie jetzt? Ist das dein Ernst?“ Georg bekommt große Augen. Die Vorstellung diese schwere Sprache zu lernen schaudert es ihm im inneren.
Der alte Herr und sein Freund
Kapitel 10
Der alte Herr und sein Freund
Das Taxi hält vor einem großen Tor. Der hohe Zaun und die Mauern umschließen ein riesiges Anwesen mit einer herrschaftlichen Villa, die einem Schloss aus dem Barock ähnelt. Die Taxifahrerin steigt aus und geht zur Sprechanlage.
„Guten Tag, Taxi Krüger hier. Herr Karl-Heinz Schneider würde gerne den jungen Herrn Pierre besuchen.“
„Bitte fahren Sie vor.“, kommt als Antwort und das schöne zweiflüglige Tor öffnet sich einladend. Sie steigt wieder ein und fährt zum Empfangsbereich vor, steigt erneut aus und öffnet Karl-Heinz die Tür.
„Bitte Herr Schneider.“
Der Diener des Hauses kommt ihm entgegen und begrüßt Karl mit einer Verbeugung.
„Herr Schneider, herzlich willkommen. Der junge Herr ist vor einer Weile zum Reiten aus, aber ich habe bereits in den Stallungen bescheid gegeben, dass er Besuch hat. Folgen Sie mir bitte.“ Karl bezahlt die Fahrerin und notiert sich ihre Nummer.
„Vielen Dank nochmal. Würden Sie mich auch zurückfahren? Ich weiß leider nicht wie lange das hier dauern wird. Aber spätestens gegen 20 Uhr müsste ich wieder los.“
„Das ist kein Problem. Rufen Sie einfach durch. Ich bleibe in der Nähe.“
Der Diener führt Karl in die Bibliothek.
„Ich hole Sie, wenn er da ist und sich gemeldet hat.“
„Vielen Dank. Wäre es möglich, dass ich mein Handy laden könnte? Ich habe leider vergessen es heute Nach zu laden.“
„Aber natürlich. Sehen Sie hier in der Schublade, da haben wir für jeden Typen ein Ladekabel drin. Achten Sie auf die Spannung.“, weist er ihn darauf hin.
„Okay, vielen Dank.“
Der Mann verlässt die große Bibliothek und Karl sucht das passende Kabel raus und schließt sein Handy an. Es läd endlich.
‚Hm, wenigstens das geht gleich wieder an. Es wird knapp.‘ Er schaut auf die Uhr, laut Zeitplan hat er noch etwa zwanzig Minuten bis er sich melden sollte. Er schaut sich im Raum um, aber so richtig ist ihm heute gar nicht nach Büchern. Es reizt ihn zwar etwas zu stöbern, aber im Moment will er nur noch mit jemanden reden, keine Bücher lesen. Er setzt sich an den Spieletisch mit dem Schachbrett darauf und fängt an mit den Figuren gelangweilt zu spielen.
‚Warum Tina? Warum gibst du mir einen Korb? Und dann so…irgendwie …passt das doch gar nicht zu dir.‘
Es dauert etwa zehn Minuten, dann klopft der Diener wieder an die Tür.
„Herr Schneider? Der junge Herr ist wieder in den Stallungen. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde er Sie heute dort empfangen, weil er das Pferd noch striegeln möchte. Sie könnten sich währenddessen unterhalten, schlägt er vor.“
Karl willigt ein. Der Gedanke, die schönen Tiere seien auch da, lässt ihn ein wenig lächeln. Er mag Tiere, seinen Hund vermisst er sehr. Der musste bei Marie bleiben, damit sie jemanden zum spielen hat. In München hätten er und sein Vater ohnehin keine Zeit für einen Hund mehr.
Beide gehen zügig über den Hof und da steht Pierre auch schon unter einem großen schattigen Baum und hat die Bürste in der Hand. Mit seiner edlen Reiterkleidung wirkt er wie ein echter Adliger oder wie ein Prinz. Karl muss bei dem Anblick etwas schmunzeln. Dieser Anblick ist einfach zu komisch. Vor allem, weil er jetzt bei dem anderen Taxifahrer diese Wackel-Figur gesehen hat. Pierre lächelt ihn wie immer fröhlich an, unterbricht kurz die Massage und zieht seinen Handschuh aus, um ihm die Hand zu geben.
„Hey, was treibt dich denn hier her? Wir hatten uns doch erst in deinen Herbstferien verabredet.“
Karl nimmt seine Hand an und schaut dann wieder betrübt.
„Hi, danke, dass ich dich so spontan besuchen darf.“
„Na hör mal, für einen Freund bin ich doch immer da. Wir…wir sind doch Freunde, oder?“, grinst er, zieht seinen Handschuh wieder an und greift wieder nach der Bürste. Das schöne braune Pferd neben ihm freut sich eindeutig auf die nächste Runde Streicheleinheiten.
„Hm. Stimmt. Wie geht es dir? Waren heftige Spiele diesmal.“, beginnt Karl und schaut sich etwas um und entdeckt den Korb mit den Äpfeln und Möhren. Daneben ein Eimer mit frischem Wasser. Er greift zuerst den Wassereimer und bietet es dem Pferd an. Es freut sich sehr und genießt die Rundumbehandlung der beiden.
„Du bist wie immer umsichtig. Nach unserem Ausritt und dieser Hitze kann man gar nicht genug trinken. Die Möhren nimm mal raus. Er hat was mit einem Zahn, den Tierarzt habe ich schon gerufen. Die Äpfel sollten gehen, die sind nicht so hartkantig.“, erklärt Pierre.
„Oh, er hat was mit den Zähnen?“
„Das ist normal. Er ist alt und wir genießen nur noch jeden Tag miteinander so lange es geht. Ist halt wie bei uns…irgendwann brauchen wir auch ein Gebiss.“, lacht er dann.
„Okay, ich verstehe. Aber dass das Gebiss dabei eine Rolle spielt, wusste ich nicht. Ich dachte die werden anders alt. Kenne mich da echt nicht aus. Wie alt ist er denn?“
„Uralter Herr…in der Regel werden Pferde so um die 25 bis 35 Jahre, wenn es gut läuft und dann gibt es Ausnahmen wie bei uns bis 40. Aber er hier ist 28 Jahre alt, war jedoch ein Rennpferd. Er hätte also schon längst nicht mehr sein können. Die altern besonders schnell wegen der stressigen jungen Jahre. Aber…er hatte eine Verletzung und sollte eingeschläfert werden, da hat ihn mir Vater zum 5. Geburtstag geschenkt. Er sagte, wenn ich ihn noch gut pflege, dann könnte er noch ein paar Jahre schaffen. Und…das hat er auch.“
„Oh, das ist lieb, dass dein Vater ihn quasi gerettet hat.“
„Ja, es war sein Gewinnerpferd. Als er mitten im Rennen stürzte, hatte er mehr Mitleid mit dem Kerlchen als um seinen Verlust bei der Wette.“, lacht er dann. „Oha.“
„Naja, seitdem wettet er nicht mehr, hatte also auch was Gutes.“, grinst er.
„Nun, um auf deine Frage zu antworten:
Ja, diese Meisterschaft war wirklich der Wahnsinn. Ich hätte zu gerne gegen dich gespielt, aber das Spiel gegen die Japaner war schon eine tolle Erfahrung. Wie erging bzw. ergeht es dir denn damit? Du bist doch sicher hier, um darüber zu reden. Diesmal…schwimmen wir ja im selben Boot.
Komisches Gefühl, als Gastgeber im Halbfinale raus zu wandern.“
„Hm. Das eher weniger.“ Karl stellt den Wassereimer zur Seite, sortiert die Möhren aus dem Korb, legt sie seitlich auf den Heuballen und greift den Korb dann. Der alte Herr vor ihm freut sich bereits und schnappt gleich zu, als er den Apfel auf seiner Hand sieht.
„Wow, sag jetzt nicht…es geht hier gar nicht um den Sport. Du siehst aus wie drei Tage Regenwetter. Das kann nur eins bedeuten. Da steckt ein Mädchen dahinter.“ Karl antwortet nicht darauf und fängt nur an das Tier vor sich zu streicheln.
„Du hast Recht. Sie mag auch Tiere, Hunde und Pferde.“
„Ach, echt? Wo ist denn jetzt dein Problem? Musst du sie in Hamburg zurücklassen? Ist es das?“
„Das irgendwie auch, aber…darum geht’s nicht. Wir…wir wollten uns später, wenn wir beide volljährig sind, wieder treffen, vorher…wäre es schlecht gewesen.“
„Oh…verstehe ich jetzt nicht. Wieso müsst ihr so lange warten?“ Der junge Kaiser atmet tief durch.
„Wir…durften uns nicht treffen. Aber wir haben es trotzdem getan, nur heimlich. Und nun ist der Transfer, aber…deswegen bin ich nicht hier. Ich kann…mit niemand anderen darüber reden, weißt du?“
„Ich höre einfach zu und wenn du dann einen Rat brauchst, gerne.“
„Sie hat eben einfach mit mir Schluss gemacht. Wir hatten uns hier wie üblich heimlich verabredet, deswegen meine Aufmachung hier im schlichten Trainingsanzug. Und dann…sagt sie plötzlich…es sei die ganze Zeit nur eine Freundschaft gewesen, mehr nicht.“, haut er einfach aus Verzweiflung raus und sieht dann dem Pferd in die Augen, nicht Pierre.
„Oh. Hier habt ihr euch heimlich getroffen?“ Eine weitere Reaktion kommt keine.
„Hm. Warum durftet ihr euch denn nicht sehen? Ist das so ein Romeo-Ding?“
„So ähnlich. Jetzt, könnten wir eigentlich zusammen sein, nur eben erst später, aber…dann sagt sie…sie liebe mich zwar, aber es…wäre nicht die Wahre Liebe. Angeblich sei es nur eine sehr feste Freundschaft. Was…weiß ich denn schon davon? Und was…will sie wirklich davon wissen? Ich verstehe es einfach nicht. Ich hätte ja verstanden, wenn mehr Zeit vergangen wäre und wir beide dann doch anders empfinden, aber in so kurzer Zeit, nach der langen gemeinsamen Zeit?“ „Ist denn zwischendurch was passiert? Du bist doch schon ne Weile in München. Vielleicht hat sie jemand anderen kennengelernt. Oder glaubst du, das hat was mit deiner Niederlage zu tun?“ Karl schüttelt den Kopf.
„Quatsch, keine Ahnung was war. Sie weiß doch selbst, dass das zum Sport dazugehört. Sie selbst ist doch diejenige, die aufsteht und einfach weitermacht. Als wir uns vor dem Spiel gegen Japan getroffen haben, da war noch alles ganz so wie vor meiner Abreise.
Sie hat mir als erstes ein Geständnis gemacht und dann habe ich gebraucht, es auch zu erkennen und nun…nun macht sie ohne einen richtigen Grund zu nennen Schluss und dann riskiert sie auch noch ihr Leben, nur um mir aus dem Weg zu gehen und mich abzuwimmeln. Es…muss ihr wahnsinnig wichtig sein.“
„Sie hat dir ihre Liebe gestanden? Das ist dann ja wirklich komisch. Was meinst du mit Leben riskiert?“
„Sie ist mir ausgewichen, so dass ich ihr nicht folgen konnte und lief einfach über den Kreisverkehr. Echt Lebensmüde.“
„Oha. Du meine Güte. Wo war das denn?“
„Am Triumphbogen.“ Pierre staunt nicht schlecht.
„Du meine Güte. Da muss sie aber eine gute Läuferin sein. Erzähl mir von ihr. Vielleicht fällt mir dann was auf.“ Karl sieht ihn nachdenklich an.
„Du hattest doch selbst noch nie eine Freundin, nur deine Fans und ihre Flirtereien, oder weiß ich da nur nichts?“, wundert er sich.
„Stimmt, eine wirklich feste Freundin hatte ich noch nicht. Aber ich mag mal behaupten, dass ich die Frauen ganz gut kenne. Ich habe ein Gespür dafür, ob sie ehrlich sind oder nicht. Keine Ahnung wieso. Deswegen hatte ich auch noch keine richtige Freundin. Bisher hatte ich nie das Gefühl, dass da mal jemand war, die es nicht nur auf meinen Adels-Titel oder Sport-Erfolg abgesehen hat. Du wirst das sicher selbst kennen.“
„Hm…wie wichtig…ist dir der Titel, den du…vor zwei Jahren gegen uns verloren hast?“ Pierre sieht ihn verdutzt an.
„Wie jetzt? Was hat der denn damit zu tun?“
„Beantworte mir bitte die Frage. Was ist er dir wert?“
„Also…naja…ich hätte ihn schon gerne gehabt, aber ihr wart halt besser, so ist das dann eben. Meine Fans mögen mich auch ohne den Titel. Es kann nur einen Sieger geben, aber der Sieger definiert sich letztendlich nur darin, wenn seine Gegner stark waren. Hat man leichte Gegner, dann ist ein Sieg nichts wert. Keiner interessiert sich für jemanden, wenn er nicht stärker werden kann, weil er keine vergleichbaren Rivalen hat. Ist das nicht auch dein Gedanke? Du hast nun selbst das erste Mal erfahren, wie sich das anfühlt. Aber das sagt uns doch beiden nur, dass wir weiter hart arbeiten müssen, um mithalten zu können oder sogar stärker zu werden. Das ist doch das was uns antreibt.“
„So sehe ich das auch, die Japaner haben alle unterschätzt. Dabei habe ich sie nicht unterschätzt und trotzdem…hat es nicht gereicht.“
„So ist es. Und ich weiß das, alle wissen das, dass IHR uns damals nicht unterschätzt habt. Ihr wart die Einzigen, die uns nicht arrogant entgegenkamen. Und das lag jetzt nicht an unserer Begrüßung am Eiffelturm, es lag allgemein an eurer Einstellung, einfach nur Spaß am Turnier zu haben und mit anderen Gleichgesinnten zu spielen. Wenn ich da an die arroganten Engländer denke, wieder haben sie so aufplustert und am Ende haben sie gegen uns haushoch verloren.
Ich fand es übrigens schade, dass Tino und Stephan nicht dabei sein konnten. Wie gerne hätte ich gesehen wie sie gegen die Japaner spielen. Naja, muss ich warten bis wir alle älter sind und die richtige WM stattfindet oder die anderen Spiele. Olympia zum Beispiel. Mal sehen ob wir es alle soweit schaffen.“ Karls Puls steigt etwas an und dann hält er es plötzlich nicht mehr aus, stellt den Korb ab und setzt sich auf den Heuballen neben dem Wassereimer.
„Pierre…sie werden nicht mehr spielen. Sie haben nicht nur das Team verlassen, sondern werden keinen Fußball mehr spielen.“ Er stützt seine Arme mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab und greift wie verzweifelt in die Haare an seinen Ohren.
‚Oha, der ist ja total durch den Wind. So habe ich ihn noch nie gesehen. Die Kleine muss ihn ja total fertiggemacht haben.‘
„Schade. Ich hatte gehofft, dass ihr alle mich dieses Jahr wieder besucht. Vor allem nachdem wir mal bei euch waren. Es war toll in Hamburg.
Du vermisst sie sicher sehr.“
„Ja, das auch. Das war es, aber…es war nun auch unser letztes Spiel in der Jugendsektion.“
„Wohl wahr. Sehr schade. Aber ich kann dir eins sagen, diese Japaner…sie sind euch vieren sehr ähnlich. Dieser Ohzora, er wollte am liebsten nach dem Spiel mit Pepe und mir weiterspielen, nur so…aus Spaß, weißt du?“ Karl-Heinz schaut verdutzt auf.
‚Ohzora? Er ist…eine richtige Frohnatur, ja, das ist mir aufgefallen. Ein Kämpfer auf dem Rasen und dann wieder ein Kind. Genzo hat uns immer vor ihm gewarnt und er hat Recht behalten. Jetzt geht er nach Brasilien, auch in einen Topclub. Da wird er sicher viel lernen.‘ Pierre lächelt etwas, als er Karls nachdenklichen Blick sieht. Er kennt diesen Blick.
„Ich habe jedoch abgesagt. Ich wollte euch nicht vor den Kopf stoßen, aber Lust hatte ich schon. So wie es früher mal war. Einfach nur Spaß haben. Nur zur Info: Der Kontakt mit Misaki ist da. Wir haben uns dadurch etwas angefreundet.“ „Kannst du…ein großes…Geheimnis bewahren? Ich…riskiere damit Kopf und Kragen. Eventuell hängt auch mein Transfer davon ab.“ Pierre staunt nicht schlecht, als er so offen versucht mit ihm zu reden. Er hebt die Hand und gibt dem Stallburschen ein Zeichen ihm das Pferd abzunehmen.
‚Das klingt aber sehr ernst. Da steckt doch kein Liebeskummer dahinter.‘, vermutet er. Es vergehen ein paar Minuten und Pierre kontrolliert, ob jemand in der Nähe ist, dann setzt er sich neben seinen Freund.
„Du weißt, dass mir immer wichtiger ist, was die Menschen unter der Brust tragen und nicht auf dem Konto. Natürlich…kann ich ein Geheimnis bewahren, wenn es dir vor allem schaden könnte.“
„Unser Sieg damals…er…war zwar ehrlich, rein sportlich gesehen, aber…unsere Teilnahme…war nicht Regelkonform. Dieselbe Regel wurde auch bei unseren Europa-Spielen gebrochen, sogar in Deutschland selbst.
Es würde bedeuten, man könnte unserem Team und mir, sämtliche Titel aberkennen.“
„Karl-Heinz…du…machst mir Angst. Das…klingt gar nicht gut.“ Karl holt die Haarspange aus der Tasche und hält sie in der Hand, so dass sie Pierre sehen kann.
„Das Mädchen…welches mich vorhin…abserviert hat…hat mir diese Haarspange zurückgegeben. Ich habe sie ihr…in Bayern bei einem kleinen Juwelier gekauft und ihr vor gut zwei Monaten geschenkt. Es ist ein Einzelstück. So wollte ich immer bei ihr sein, weißt du? Jeden Tag hat sie die getragen.“ Er gibt sie ihm rüber. Der Franzose nimmt sie ihm ab und sieht es sich an.
„Schönes Stück, hat dich sicher dein ganzes Taschengeld gekostet. Vielleicht war es ihr zu altmodisch? Unsere Mädchen tragen sowas nicht mehr, weißt du?“ Karl schüttelt den Kopf.
„Darum geht’s sicher nicht. Sie macht sich nichts aus wertvollen Dingen oder Mode. Sie hat sogar mit mir geschimpft, weil ich eine echte goldene Spange gekauft habe, statt Modeschmuck.“ Er atmet tief durch und dann haucht er die Luft betrübt wieder aus.
„Du…kennst sie sogar.“ Pierre ist verdutzt. Er ist sich sicher, er kennt kein einziges deutsches Mädchen und dann soll er ausgerechnet Karls Freundin kennen?
„Das denke ich nicht. Ich kenne keine deutschen Mädchen, an Jungs auch nur ihr, und eben die anderen der deutschen Teams.“
„Weißt du noch wie du uns bei unserer ersten Begegnung begrüßt hast? Erinnere dich kurz.“ Pierre denkt an den Tag zurück und muss etwas schmunzeln.
„Stimmt, ich habe Tino als eure Managerin begrüßt, da war er so gar nicht begeistert von.“ Karl-Heinz richtet sich etwas auf und sieht ihn ernst an. „Richtig…wir waren nur alle zu blind es zu sehen. Aber du, als Außenstehender hast es sofort erkannt. Du hältst gerade ihre Spange in der Hand. Bettina Fuchs war die ganzen Jahre…Tino.“ Pierre steht entsetzt auf und sieht ihn an.
‚Du meine Güte. Das ist es? Das ist es, was Stephan vorhin gemeint hatte. Als er mir von seinem Problem erzählte, sagte er ich darf auf keinen Fall jemanden von seiner Anwesenheit erzählen. NIEMANDEN, sagte er noch sehr deutlich, nicht einmal seinem Bruder oder seiner Schwester.
Verdammt…aber ja. Er wusste davon. Er wusste, dass sie mit Karl schlussmachen wird und ahnte, dass er zu mir kommt, weil er nicht mit seinen Eltern, ihm oder ihr reden kann. Sonst sind sie doch immer füreinander da.‘
„Das…heißt also…ich habe…gegen ein Mädchen verloren?“, haut er dann raus. Karl-Heinz lehnt sich zurück und schaut zum Himmel hoch. Er verschränkt die Arme und lässt seinen Gedanken einfach freien Lauf. Das ist gar nicht seine Art, da er in der Regel seine Gedanken für sich behält.
„Jo. Ich habe es selbst erst kurz nach unserem Freundschaftsspiel im Frühling erfahren.“
„Ich…bin gerade etwas platt. Aber…es ergibt einen Sinn.“
„In wie fern?“
„Naja, als ihr mich damals besucht habt, nach dem Finale, da hatte sie einen seltsamen Kommentar gesagt. Es ergab nicht wirklich einen Sinn. Aber wenn es so ist. Dann passt es.“
„Welchen meinst du?“
„Naja, ich wollte euch doch meine Villa zeigen, aber dann sagte sie im Foyer, dass ihr nicht deswegen gekommen seid, sondern, um draußen auf meinem Privatsportplatz zu spielen. Ihr anderen wart etwas enttäuscht, dennoch seid ihr uns gefolgt, als sie einfach losging und das Haus wieder verlassen wollte.
Und dann…dann blieb sie stehen und sah sich unser Familienportrait an. Ihr seid nur gelangweilt weitergegangen. Auf dem Bild ist meine Mutter noch schwanger. Sie haben bewusst das Bild hängen lassen, damit ich weiß, dass ich eigentlich nicht alleine bin.“
„Oh, hat sie was dazu gesagt?“
„Ja, das ist es ja. Sie fragte natürlich, ob ich Geschwister habe und dann erzählte ich ihr natürlich von dem Unfall, und dass es das Baby nicht mehr geschafft hatte. Naja und dann…sagte sie nur noch. Dass es sehr schade ist, sie weiß wie sich das anfühlt, sie habe wohl auch mal einen kleinen Bruder gehabt. Ich machte mir weiter nichts daraus, immerhin hat „er“ ja noch zwei Geschwister.“ Karl sieht ihn verdutzt an.
„Wie jetzt? Einen kleinen Bruder? Davon weiß ich nichts. Es gibt nur Stephan. Es war all die Jahre nie die Rede davon, dass da ein Bruder war.“
Etwa vier Stunden später steigt Karl-Heinz dann doch später als gedacht ins Taxi und lässt sich zum Hotel bringen. Zuvor hatte er seinen Vater noch kurz angerufen, dass er bei Pierre ist und noch nicht weiß wann er kommt, aber gefahren wird. So mussten sich seine Eltern keine Sorgen machen. Es ist mittlerweile 22 Uhr vorbei als er vor der Zimmertür steht und anklopft. Statt seines Vaters öffnet Marie schlaftrunken die Tür.
„Karl-Heinz, wo warst du so lange?“ Er ist verdutzt, denn mit ihr hat er nicht gerechnet. Eigentlich hatten sie doch zwei Zimmer gebucht. Eine Familiensuite in der er mit seinem Vater schläft und ein normales Doppelzimmer für Mutter und Schwester. Immerhin leben seine Eltern schon seit gut einem Jahr getrennt. Vor ein paar Wochen war sogar noch von der Scheidung die Rede. Er hatte sehr viel Mühe investiert die beiden dazu zubringen zu seinen Spielen nach Paris zu kommen. Sie hätten sich am liebsten getrennt voneinander eingemietet und auch im Publikum gesessen. Zumindest war das der Wunsch seiner Mutter.
Er betritt das Zimmer und sieht sich um.
„Wieso ist Mamas Mantel noch hier? Und du? Wieso schläfst du nicht?“ Sie knurrt etwas und reibt sich die Augen.
„Ich kann nicht schlafen.“ Karl schließt die Tür und die kleine Marie geht wieder in ihren Sessel und kuschelt sich in die Decke ein.
„Wieso kannst du nicht schlafen?“, steht er neben ihr und streichelt ihren Kopf, damit sie zur Ruhe kommt. Sie antwortet gar nicht mehr, hat die Augen schon wieder zu und nimmt seine Hand und kuschelt sich mit dem Gesicht daran. Er hockt sich neben sie und wartet ab, bis sie tief eingeschlafen ist.
‚Ach, kleines Schwesterchen. Was geht dir denn nur wieder durch den Kopf? Du vermisst mich vermutlich am meisten. Aber so geht es mir auch. Es ist so komisch, ohne dich und Mama und ohne…meine ganzen Freunde.‘ Er löst dann langsam seine Hand von ihr, streichelt sie nochmal und deckt sie besser zu. Er muss dabei lächeln. Dann wird sein Blick betrübt. Ihm gehen die Worte von Pierre nicht so schnell aus dem Kopf.
‚Tina, Stephan…warum habt ihr mir nie von diesem kleinen Bruder erzählt? Er starb als er erst zwei Jahre alt war? Ertrunken ist er? Das…ist so furchtbar. Nur daran zu denken, dass Marie mal etwas passieren könnte…nein…‘ Er kneift die Augen zu. Entschlossen steht er nach ein paar Minuten auf. Es wundert ihn sehr, dass seine Mutter noch hier ist und dann um diese Zeit. Neugierig horcht er an der Tür vor dem großen Schlafraum. Es ist nichts zu hören. Vermutlich hat sie nur ihren Mantel vergessen und Marie wollte bei ihm und Vater bleiben. Immerhin müssen sie morgen wieder los und ihre Schuhe fehlen doch. Er öffnet ganz vorsichtig die Tür und wartet ab, ob es eine Reaktion gibt. Es ist nichts zu hören. Also schaut er doch vorsichtig hinein ins Zimmer. Total baff sieht er seine Eltern nackt im Bett sitzen, wie sie sich sehr nah sind, schwer atmen, sich seltsam bewegen und komisch berühren. Sofort tritt er wieder zurück, leise und schließt die Tür. Er bleibt stehen, lehnt sich an und wird vor Verlegenheit knallrot. Sein Puls ist enorm angestiegen. So einen seltsamen und intimen Anblick hat er nicht erwartet.
‚Ich Idiot…warum klopfe ich denn auch nicht an? Die haben doch nicht etwa gerade…Sex?‘, ist sein erster Gedanke. Dieses Bild…er wird es so schnell nicht aus dem Kopf bekommen, ganz sicher. Und dann ausgerechnet heute, als Tina ihn so vor den Kopf gestoßen hat. Seine Eltern finden plötzlich wieder zueinander und er hat Liebeskummer. Super Timing, denkt er sich dann. Bald geht sein Puls wieder etwas herunter und er geht von der Tür weg, greift in die Minibar und holt sich ausnahmsweise mal eine Cola heraus. Wenn, dann mag er lieber Orangenlimonade, aber jetzt braucht er etwas um wach zu bleiben. Etwas Süßes. Er öffnet die Glasflasche mit dem Flaschenöffner, nimmt sich ein Glas und schenkt sich etwas ein. Dann geht er zum Balkonfenster und schaut nachdenklich hinaus. Plötzlich muss er lächeln, denn eigentlich ist doch genau das passiert, was er seit vielen Monaten versucht hat, sie wieder zusammenzubringen. Wie sehr hatte er sich immer gewünscht, dass sie wieder eine normale und glückliche Familie sein können? Sie waren doch immer so glücklich. Und dann vor ein paar Jahren fing die Streiterei an. Dann kam vor einem halben Jahr der Skandal dazu, der Rauswurf aus dem Traineramt des HSV und die getrennten Wohnungen. Es gab nur noch ein Wochenende für die Kinder, aber keins mehr für die ganze Familie.
Doch plötzlich, seit die Weltmeisterschaften laufen, seitdem gehen sie anders miteinander um. Sie reden mehr miteinander und dann das hier?
‚Ich hätte es doch ahnen können, irgendwas war die letzten Tage schon anders als die letzten Jahre. Was ist passiert, dass sie plötzlich wieder zusammen sein wollen?‘ Er sieht zur Schlafzimmertür.
‚Oder…ist das…nur so wie im Film? Eine Art…alte Gewohnheit?‘, wieder läuft er rot an, weil er das Bild mit seinen nackten Eltern nicht ignorieren kann. ‚Nein…die beiden nicht. Da war doch nie was…nicht mal eine kleine Berührung, ein Kuss oder eine Umarmung, gar nichts mehr. Nur ein Ansehen und ein Lächeln beim Begrüßen.‘ Dann schaut er zu Marie.
‚Sie kennt doch schon gar nichts anderes mehr. Wie sehr hat sie immer von Tinas Eltern geschwärmt, wie liebevoll sie miteinander umgehen. Wieso tun es nicht unsere?‘ Plötzlich hört er seltsame Laute und blickt skeptisch zur Tür. Es ist ein lauteres Stöhnen zu hören, wie eine Art Rhythmus. Daraufhin ertönt eindeutig eine Frauenstimme.
„Ver…dammt! Ru…di! Ich…oh…Herr Gott…nochmal.“, kann er seine Mutter hören. Verlegen hält er die Ohren zu.
‚Was um alles in der Welt…soll denn das Geschreie?‘ Er sieht zu Marie, die bewegt sich ein wenig und es sieht aus, als würde sie aufwachen oder vom Sessel fallen. Sofort geht er zu ihr, dann schaut er zum Tisch und sieht den Zimmerschlüssel vom anderen Zimmer. Als er zum Tisch geht, um ihn zu greifen, wird es wieder kurz laut und es kommt dunkles lautes Gestöhne und kurz darauf ein weiterer Aufschrei.
„Oh…Herr…im Himmel!“ Mit viel Unverständnis für den Lärm, packt Karl sich den Schlüssel in die Tasche und nimmt Marie hoch, trägt sie zur Tür und macht diese mit dem Ellenbogen auf. Genau in diesem Moment kommt laut ein mehrfaches „Ja…ha…!“ aus der Schlafzimmertür. Überrascht macht er die Tür wieder zu, damit keiner auf dem Flur was hören kann. Es ist nach einigen Sekunden unerwartet ruhig, erstaunlich ruhig. Also öffnet er sie erneut und kann diesmal hinausgehen und schließt die Tür hinter sich vorsichtig wieder mit dem Ellenbogen. Im Hotelflur geht er drei Türen weiter und versucht den Schlüssel aus der Tasche zu nehmen, doch leider rutscht dieser ihm aus der Hand und fällt auf den Teppich.
‚Mist, wenn ich mich bücke, fällt mir Marie herunter und wenn nicht, wecke ich sie auf. Ich hätte das Ding in der Hand behalten sollen.‘
In diesem Moment kommen drei Männer aus dem Lift und betreten den Flur. Sie wollen jemanden abholen, um zur Bar hinunterzugehen. Karl sieht bewusst nicht zu ihnen, damit man ihn nicht erkennt. Wer diese Männer sind, kann er dadurch jedoch auch nicht sehen.
‚Oh, nanu. Ich wusste gar nicht, dass die Schneiders hier in diesem Hotel sind. Warum steht der Junge jetzt da mitten in der Nacht mit der Kleinen im Arm rum?‘, geht durch den Kopf eines brasilianischen Trainers. Roberto ist sehr überrascht Karl zu sehen. Er bemerkt jedoch auch die Situation, denn Karl will eindeutig nicht erkannt werden, natürlich ist es ohne Kapuze und Brille diesmal schwer. Roberto erkennt ihn selbst hauptsächlich nur, weil er die gleichen Sachen wie vorhin in der Stadt anhat.
„Hey, junger Mann. Was soll das mit dem kleinen Mädchen werden?“, brummt ihn der argentinische Nationaltrainer auf Deutsch an. Karl-Heinz schreckt innerlich auf und starrt an die Tür vor sich.
‚Na toll, wer ist denn da überhaupt? Die verstehen das falsch.‘ Kurz darauf hört er, wie sich jemand nähert und sich bückt.
„Schon gut, Barbas. Warte, Junge. Ich helfe dir.“, spricht Roberto Karl freundlich von der Seite an.
„Mach einfach mit.“, flüstert er sehr leise und klappert dabei bewusst mit dem Schlüssel und steckt ihn dann in die Zimmertür.
„Die Tür hier, richtig?“ Karl nickt nur.
‚Hongo. Er hat mich erkannt. Und er hat Barbas dabei? Ist da noch jemand?‘
Die Tür geht auf.
„Ach so. Das ist nur ein Junge? Und was macht er hier um die Zeit noch?“, wundert sich Barbas. Der Japaner neben ihm zuckt nur mit den Schultern.
„Lass ihn doch. Was soll schon sein? Nach den aufregenden Tagen kann doch eh keiner schlafen.“ Karl-Heinz betritt sein Zimmer und Roberto folgt ihm, legt den Schlüssel auf den Schreibtisch und schaut sich kurz um. Er ist erstaunt, dass niemand weiter da ist. Er hat wenigstens die Mutter erwartet, stattdessen sind die Kinder wohl alleine. Karl geht mit Marie zum Bett und legt sie darauf. Endlich dreht er sich um und sieht Roberto dankend an.
„Danke.“ Karl holt die Sonnenbrille aus seiner Tasche und setzt diese auf. Dann begleitet er den Trainer seines Rivalen wieder zur Tür. Kurz vor der Tür, macht Roberto Halt und sieht zu ihm.
„Ist die Kleine deine Schwester?“
„Ja. Wer soll sie sonst sein?“
„Ein kurzes Gespräch? Unter uns?“ Noch bevor Karl darauf antworten kann, schließt Roberto hinter sich einfach die Tür von innen. Karl ist irritiert. Es ist doch alles geklärt.
„Was soll das? Ich habe mich doch bedankt. Ab jetzt nennt man das „Hausfriedensbruch“.“, knurrt er ihn plötzlich an. Daraufhin schaut Roberto ernst, holt den Brief aus seiner Herrentasche und reicht ihm diesen hin.
„In deiner neuen Position darfst du dir solche Fehler nicht mehr erlauben. Pass in Zukunft besser auf. Sowas, wirft man nicht in einen öffentlichen Papierkorb, sondern man verbrennt es oder reißt es in kleinste Teile. Vergiss niemals, hätte ein Fremder oder ein Reporter deine Suchaktion gesehen und den Brief gefunden, dann wüsste die ganze Nation davon. Und wenn du Pech hast, wüsste er sogar welche Person ihn dir geschrieben hat.
Was glaubst du…würde dann passieren?“ Entsetzt und überrascht sieht er den Mann vor sich an. Er nimmt den Brief an sich und öffnet ihn. Erneut liest er ihn kurz durch.
„Ich weiß. Und wenn, da steht kein Name drauf. Der Brief kann von jedem und für jedem sein.
Und? Sagen Sie es Ihren japanischen Freunden?“
„Was sollte ich ihnen sagen?“
„Dass mich meine Freundin abserviert hat. Die lachen sich dann vermutlich darüber kaputt. Der junge Kaiser bekommt in der Stadt der Liebe einen Korb. Tun Sie also nicht so unwissend. Sie haben ihn sicher übersetzen lassen.“ Plötzlich muss Roberto lachen.
Die Entdeckung und Frühstück bei den Schneiders
Kapitel 11
Die Entdeckung und Frühstück bei den Schneiders
Unterdessen wird auf dem Flur etwas verwundert leise geredet.
„Was soll das denn jetzt? Wieso reden die jetzt da drin alleine?“, äußert Barbas. „Keine Ahnung, vielleicht ist Hongo noch was aufgefallen und hilft. Du kennst ihn doch. Der Größe nach zu urteilen, wird der Junge im Alter unserer Spieler sein, da kommt gleich das Helfersyndrom durch.“, grinst Katagiri.
„Stimmt, er hat irgendwie einen guten Draht zu dieser Altersklasse. Ich tu mich da etwas schwerer.“
„Gut, ich geh dann mal Mikami holen, ich hoffe die reden da drin nicht zu lange, ich habe mich schon auf ein richtig schönes kühles Blondes gefreut.“, grinst er. Barbas grinst zurück.
„Ach, so nennt man das Bier hier? „Ein kühles Blondes“?“
„Nein, so nennt man es in Deutschland. Das habe ich dort aufgeschnappt. Die Franzosen sind nicht so die Biertrinker, aber sie bieten gute deutsche Biere an. Frisch gezapft.“ Katagiri geht ein paar Türen weiter und kommt dabei an der Suite vorbei.
„Wo ist denn die Zimmernummer? Komische Einteilung hier.“, murmelt er leise vor ich hin. Erstaunt bemerkt er etwas am Boden liegen.
‚Oh, sieht nach Schmuck aus.‘ Er bückt sich und hebt es auf. Es ist die goldene Haarspange. Sie ist Karl-Heinz erneut aus der Tasche gefallen, während er die Tür versucht hat leise zu schließen. Er hat es erneut nicht bemerkt, dass der Teppich den Aufprall gut abgefedert hat und die Tür zeitgleich zuging. Katagiri betrachtet die Spange und sucht nach Hinweisen wem sie gehören könnte oder ob sie von Wert ist. Dabei entdeckt er die Gravuren.
„Mut und Stärke.“, liest er.
„Was hast du da?“, wundert sich Barbas. Niemand weiß, dass er Deutsch kann, denn seine Herkunft mit der deutschen Mutter hat er nie erwähnt.
„Eine Haarspange, würde ich sagen.“
„Vielleicht ist sie der Kleinen aus dem Haar gerutscht, das kann doch beim Tragen passiert sein.“, vermutet er.
„Das könnte natürlich gut sein.“, vermutet auch Katagiri. Sie wäre bestimmt schon eher gefunden worden, wenn es anders sein würde. Er zeigt sie Barbas.
„Es ist eine Gravur darin. Schau mal.“
„Oh, ja, „Mut und Stärke“. Bestimmt bedeutet die Blume auch etwas. Das kommt doch hin. Ich würde meiner kleinen Schwester oder meiner Tochter sowas wünschen. Diese Motivationen können Frauen immer gebrauchen.“, grinst er. „Sieht sicher niedlich aus in dem blonden Haar.“, grinst Katagiri zurück. Dann klopft er an die Tür. Es dauert nur Sekunden, da öffnet Roberto.
„Ja, ja. Bin ja schon da.“
„Schau mal, das habe ich gefunden. Es könnte der Kleinen aus dem Haar gefallen sein.“, zeigt Katagiri ihm die Haarspange und schielt an ihm vorbei, um sie dem Jungen zu zeigen.
„Hi, ist das eure Haarspange?“ Genau in diesem Moment geht hinter ihnen die Zimmertür auf und Herr Mikami steht in der Tür.
„Ihr seid ja schon da. Was treibt ihr so lange im Flur?“, wundert er sich. Dann blickt er geradezu ins Zimmer von Karl-Heinz, wie Roberto fast noch im Zimmer steht und Karl nur im luftigen weißen Muskelshirt. Er trägt zwar seine Sonnenbrille, aber Mikami erkennt ihn trotzdem. Er sagt jedoch nichts.
‚Oh, ich wusste gar nicht, dass Karl-Heinz mit seiner Familie hier ist, dann hätte ich für die eine Nacht ein anderes Hotel genommen. Aber wieso ist Hongo denn bei ihm im Zimmer?‘ Karl ist ebenso wenig erfreut und verhält sich weiter distanziert. Er beachtet ihn weiter gar nicht, geht nur auf Katagiri zu und hält seine Hand hin, um ihm die Spange abzunehmen.
„Sie gehört meiner Schwester, vielen Dank. Und nun verlassen Sie bitte alle mein Zimmer und lassen uns schlafen. Es ist spät.“, spricht er freundlich, aber streng. Katagiri wundert sich über die Sonnenbrille, denn vorhin hatte er keine auf. Er kommt ihm bekannt vor. Erkennen kann er ihn jedoch nicht, da er Karl nie so nah war. Er hat ihn immer nur von Weitem gesehen. Jetzt wirkt ihm der Junge wie jeder andere, auch wenn er einen sehr auffällig aufrichtigen Gang hat.
„Gerne.“, lächelt er den Jungen an und sieht ihm statt in die Augen nur auf die Schultern, weil sie ihm durch die fehlende Jacke so auffallen. Karl dreht sich um und will wieder zurück gehen, da fällt Katagiri plötzlich etwas an ihm auf und er ist völlig irritiert. Es ist die kleine Narbe am Halsbereich. Sie wirkt wie eine alte Fleischwunde.
„Henry?“, haucht er leise aus und stoppt seinen Gedanken gleich wieder.
‚Henry? Aber…das kann nicht sein. Er ist tot. Ich war auf seiner Beerdigung. Das kann also unmöglich sein. Aber warum…warum hat dieser Junge genauso eine Narbe? Sie ist doch genau an derselben Stelle.‘ Karl dreht sich verwundert zu ihm um.
„Wovon reden Sie?“ Katagiri stutzt und bleibt freundlich.
„Entschuldigung. Darf ich wissen wie alt Sie sind?“
„Ich bin fünfzehn und jetzt bitte raus hier.“, fordert er, geht zum Bett, legt die Spange auf den Nachttisch und die Männer verlassen das Zimmer, verabschieden sich kurz und schließen von außen die Tür.
„Was war das denn? Wieso fragst du ihn nach seinem Alter?“, wundert sich Barbas.
„Schon gut. Eine Verwechslung. Das Alter stimmt eh nicht.“
„Klang trotzdem komisch. Wer soll denn dieser Henry sein?“
„Vergesst es einfach. Lasst uns was auf Mikamis Jungs trinken.“, grinst er nur und geht dann voran zum Lift.
„Also wenn, dann bitte auf alle. Diese Jungs waren alle klasse und werden den Fußball mit ihrer Spielweise revolutionieren.“, ertönt Barbas Stimme ernst mit einem Hauch Spaß.
„Genau, wartet mal ab bis die nächste Weltmeisterschaft ist und meine Landsleute mitmischen. Da sind echt ein paar gute Neulinge dabei. Mindestens einen habe ich da schon im Visier. Tsubasa wird es bei uns nicht leicht haben.“, prahlt Roberto grinsend.
„Am Ende gewinnen wieder die Japaner…ganz sicher.“, meint Katagiri und klopft seinem ehemaligen Keeper auf die Schulter.
„Oder wie siehst du das, Mikami?“ Dieser schweigt noch, denn seine Gedanken sind bei der seltsamen Begegnung mit Karl-Heinz. Was war das nur für eine geheimnisvolle Art von Katagiri? Warum spricht er ihn mit einem anderen Namen an? Hat er Karl wirklich nicht erkannt und ihn verwechselt?
Am nächsten Morgen klopft es an der Zimmertür der Geschwister. Karl-Heinz öffnet und seine Mutter steht vor der Tür.
„Guten Morgen, Großer. Es war klug, dass ihr ins andere Zimmer gegangen seid. Wir sind leider einfach eingeschlafen.“, spricht sie liebevoll mit ihm. Karl wünscht auch nur einen Guten Morgen und verkneift sich seine Meinung. Letztendlich ist es doch ein gutes Zeichen, wenn seine Eltern nicht mehr getrennt schlafen, auch wenn der Anblick komisch war. Marie kommt in diesem Moment aus der Dusche. Ute schließt die Tür und kümmert sich um sie.
„Wir frühstücken diesmal drüben bei Papa und nicht im Frühstückssalon. Wir haben schon bestellt und es ist gleich alles da.“
„Gibt es auch Croissants?“, fragt Marie.
„Ja. Mit Marmelade und Honig.“, lächelt Ute sie an. Marie ist begeistert und beeilt sich mit föhnen.
„Mutti, wann wollen wir denn losfahren?“, fragt Karl. Er wundert sich, dass sie nicht anfängt nebenbei die Koffer zu packen. Er hatte diese bereits aus dem Schrank geholt und zurechtgelegt, als sie klopfte. Es war geplant spätestens 11 Uhr das Zimmer zu verlassen.
„Wir werden gleich darüber reden. Kommt erst einmal mit rüber.“
Etwa fünfzehn Minuten später sitzen sie am Esstisch und Karl-Heinz schneidet das Croissant für Marie auf und legt es ihr auf den Teller. Sie beginnt es mit etwas Butter zu beschmieren und greift zur Erdbeerkonfitüre. Über ihr Gesicht geht ein Grinsen, als sie dann genüsslich in das feine Gebäck beißt und die Erdbeeren im Mund spürt.
‚Sind die lecker.‘
Es ist sehr ruhig am Tisch. Keiner sagt etwas, außer das Nötigste. Das war normalerweise nicht so üblich. In der Regel sprach der Vater von seinem Tag, seiner Arbeit oder was er so für Pläne hat. Auch wenn es für alle klar war, dass es nur die Stimmung lockern soll, war es immer so, wenn sie sich am Wochenende sahen. Wenn Rudi nichts sagte, dann erzählte Karl von seinem Tag, um die Anspannung zwischen den Eltern zu lockern.
Diesmal jedoch sitzen sie bereits anders am Tisch als sonst. Statt am Tisch neben der Mutter zu sitzen, sitzt der Vater ihr gegenüber und Marie sitz neben ihr und demzufolge ihrem Bruder gegenüber.
„Liebling, gibst du mir bitte die Butter rüber?“, schaut Ute schmunzelnd zu ihrem Mann rüber. Dieser lächelt grinsend zurück und reicht ihr natürlich die Butter, dabei lag sie zwischen ihnen und Ute hätte sie selbst greifen können. Karl ist verwundert, warum sie trotzdem danach fragte und was hat sie überhaupt für einen seltsamen Ton drauf? Sie klingt wie ein kleines Mädchen, irgendwie lieblich. So spricht sie doch nur manchmal mit Marie, wenn sie besonders lieb war oder traurig ist.
‚Irgendwie ist es heute anders als sonst.‘
„Gerne doch, mein Schatz.“, kommt als Geste von seinem Vater zurück. Bei der Übergabe berühren sich ihre Hände, als wäre es Absicht gewesen und sie sehen sich tief in die Augen. Plötzlich kichert seine Mutter etwas. Als sie die Butter hinstellt und sich etwas davon auf ihr Brötchen schmiert und die Scheibe Käse darauflegt. Dann beginnt die sie etwas später die familiäre Unterhaltung.
„Kinder, was haltet ihr davon, wenn wir noch eine Woche bleiben? Euer Vater und du, Karl-Heinz, ihr müsst erst in zwei Wochen offiziell im Verein beginnen. Also könnte man die Zeit doch sinnvoll nutzen. Immerhin hast du noch bis zum 14. September Sommerferien. Wir machen hier noch eine Woche Urlaub und dann kümmern wir uns...um den Umzug.“ Die Kinder sehen sich verwundert an und dann zu ihren Eltern.
„Welcher Umzug? Papa und ich sind doch schon in die Wohnung gezogen.“, fragt Karl-Heinz skeptisch und beißt von seinem Brot mit Salami ab.
„Naja...ich habe verlauten lassen, dass unsere Wohnung sehr groß für zwei Leute ist. Und dann habe ich Mama gefragt, ob sie mit einzieht. Also, Marie und Mama natürlich.“, erklärt Rudi fröhlich und lächelt ihn glücklich an.
„Und ich…ich habe zugesagt. Papa und ich haben uns gestern endlich ausgesprochen und wir wollen es noch einmal versuchen. Marie und ich...wir ziehen zu euch und...wir können endlich wieder eine Familie sein. So wie früher, als du noch klein warst.“ Karl sieht seiner Mutter in die Augen. Sie wirkt sehr glücklich und statt ihn, strahlt sie neben ihm sitzend seinen Vater an. Dann betrachtet er ihn. Auch er wirkt sehr glücklich.
„So ist es. Wir starten gemeinsam ein neues Leben.“, bestätigt es Rudi und sieht dabei dann seine Kinder an.
‚Hier stimmt doch was nicht. Wieso wollen sie so plötzlich zusammenziehen? Vor einigen Wochen war noch von Scheidung die Rede.‘ Plötzlich fängt Marie an zu schniefen und zu weinen. Sie senkt den Kopf, legt ihren Löffel vom Kakao ab und steht auf.
„Ihr...ihr seid ja so gemein! Ihr lügt uns doch nur wieder an!“, sagt sie laut und aufgebracht. Ihr Herz schlägt schneller und sie hat das Gefühl, man würde sie wie ein einsames Tier einfach in einem riesigen Wald aussetzen. Die drei sehen sie verwundert an.
„Marie, aber was...meinst du denn?“, fragt ihre Mutter überrascht. Sie dachte, dass sie sich am meisten freut, denn sie hatte ihren großen Bruder und auch ihren Vater doch schon so sehr vermisst.
„Ihr macht uns doch nur was vor. Bestimmt damit Karl-Heinz wieder fröhlich ist. Eine Woche und danach...ist wieder alles wie immer. Das ist doch gemein.“ „Marie, es stimmt. Wir wollen es wirklich neu angehen.“, bestätigt es ihre Mutter.
„NEIN! Das kann nicht stimmen, ihr habt doch gestern Abend gestritten! Ich habe es ganz genau gehört!“ Ihre Eltern sehen sie überrascht an. Sie überlegen wann das gewesen sein sollte.
„Wir haben doch nur ganz normal miteinander geredet. Mama war kurz zur Nachmittagszeit vorbeigekommen, da hast du Mittagsschlaf gemacht. Danach haben wir Kartengespielt bis sich Karl gemeldet hat und nach dem Abendessen bist du dann beim Fernsehen wieder eingeschlafen. Mama ist dann noch geblieben und wir haben den Film zu Ende gesehen und sind ins Bett gegangen. Genauso wie es damals auch war. Da war kein Streit.“, versucht ihr Vater sie liebevoll zu beruhigen, greift zu seinem Kaffee und setzt zum Trinken an.
„Bestimmt war der Fernseher zu laut.“, vermutet die Mutter. Marie weint lauter und greift nach der Schulter ihrer Mutter. Mit verweinten Augen sieht sie sie an. „Mama…doch, ihr habt gestritten, du hast doch mit Papa geschimpft. Gib es zu. Irgendetwas war und ihr habt im Schlafzimmer gestritten und du hast ihn angeschrien. Ich bin davon wachgeworden. „Verdammt, Rudi“ und „Herr im Himmel nochmal“ hast du ihn angeschimpft. Ich habe es ganz genau gehört.“, versucht sie zu erklären. Vor Schreck fällt Rudi die Tasse aus der Hand und der heiße Kaffee läuft auf seine Hose. Er steht entsetzt auf, um sich nicht zu verbrühen und sieht seine Tochter verdutzt an. Karl-Heinz schlägt seine Hände vors Gesicht, als er das knallrote Gesicht seiner Mutter deutet und sein Puls selbst ansteigt.
‚Sie hat es mitbekommen.‘, stellen alle fest. Karl ist es selbst unangenehm und dieses blöde Bild vom gestrigen Abend kommt ihm wieder direkt vor Augen.
‚Ist das peinlich. Das haben sie davon. Was machen die auch so einen Krach?‘ Dann aber sind liebevolle nette Worte von der Mutter zu hören.
„Liebe Marie, da hast du was falsch verstanden. Das…war kein Schimpfen oder Streiten.“ Marie versucht sich wieder etwas zu beruhigen. Die zarten Worte ihrer Mutter klingen ehrlich.
„Wirklich? Aber…warum schreist du denn so?“, hinterfragt sie natürlich in ihrer kindlichen Naivität.
„Naja, als Papa und ich uns ausgesprochen hatten und er mir sagte, dass wir zu ihm ziehen könnten, da freute ich mich so sehr. Deswegen…habe ich wie in diesem Lied, „Verdammt ich liebe dich“ so freudig reagiert und dann freute ich mich so sehr und habe dem lieben Gott gedankt. Eben nur etwas sehr erfreut.“ Sie umarmt ihre Tochter glücklich.
„Glaube mir, mein kleiner Engel. So war das wirklich. Wir…sind endlich wieder eine Familie. Wir probieren es nochmal von vorne und es gibt…keine Scheidung. Du musst keine Angst mehr haben und Papa und Karl-Heinz sind wieder bei uns.“ Karl ist selbst erstaunt, dass ausgerechnet seine Mutter die Wogen geglättet bekommt und eine passende Ausrede findet. Er nimmt die Hände wieder runter, steht auf und geht auf die große Terrasse. Um runterzukommen braucht er die frische Morgenluft. Er schaut auf den Eiffelturm.
‚Was wird jetzt? Warum klappt das mit den beiden jetzt doch?‘ Es vergehen ein paar Minuten, dann folgt ihm sein Vater und schließt die Tür hinter sich. Er lehnt sich ebenso an die Brüstung und schaut Richtung Wahrzeichen.
„Und? Wie war dein Nachmittag bei Pierre?“ Karl sagt zuerst nichts Bedeutsames.
„Gut, wir waren mit den Pferden spazieren.“
„Habt ihr euch über die Spiele unterhalten? Wie ergeht es ihm? Die Japaner waren wirklich stark. Ihr werden später öfters aufeinandertreffen.“
„Hm. Vermutlich.“
„Du hättest sagen können, dass du zu ihm willst. Wir wissen doch von eurer Freundschaft.“
„Was ist das jetzt mit Mama? Wollt ihr es wirklich nochmal versuchen?“
„Ja, das wollen wir. Der Vorschlag kam sogar eher von ihr selbst. Ich hatte ihr zwar die große Wohnung angeboten, aber dann schlug sie selbst vor ernsthaft neu zu beginnen. Ein kompletter Neustart, weißt du?“
„Okay. Ich hoffe ihr vermasselt das nicht wieder. Ich kann mittlerweile damit umgehen, aber Marie…sie braucht euch beide. Es wird ihr guttun, wenn wir alle zusammen sind.
Was ist dann mit Oma und Opa und der Tante Giesela im Rollstuhl?“
„Das regeln wir jetzt telefonisch mit ihnen. Wir werden ihnen vorerst ein paar Wochen ein Aufenthalt in einem passenden Hotel besorgen, wo sie sich mal so richtig entspannen können und immer genug Pfleger da sind. Mama und ich klären alles Weitere dann in München. Plan ist die drei dann mit zu uns zu holen. Aber dafür wollen wir wirklich vorerst alles planen und vorbereiten. Und wir beide müssen sehen, ob es wirklich mit uns so klappt wie wir wollen. Du weißt selbst, dass sich vieles ändern wird und wir nicht mehr so leben können wie bisher.“ Karl-Heinz richtet sich wieder auf und sieht ihn ernst an.
„Wohl wahr. Fangt am besten damit an, etwas an die Schlafzimmertür zu hängen, damit man weiß, dass man keine „Gute Nacht“ mehr wünschen muss.“, brummt er dann und geht zur Tür. Rudi sieht seinen Sohn verdutzt an.
„Oh, äh. Entschuldige.“ Er verschränkt verlegen die Hände vors Gesicht. „Ich…freu mich doch, wenn ihr wieder…zueinander gefunden habt. Aber…wir…müssen es doch nicht…so offensichtlich merken.“
„Voll peinlich, tut mir leid, Großer.“ Karls Hand greift zwar bereits den Knauf der Glastür, aber er starrt plötzlich auf den Boden.
„Papa…darf…ich dich was fragen?“, atmet er tief ein und klingt betrübt.
„Oha. Kommt jetzt ne Aufklärungsfrage? Aber…du kannst mich natürlich alles fragen was du willst.“ Karl schüttelt den Kopf.
„Nein. Was…habt ihr beide…eigentlich…gegen Tina? Was, Papa…stört euch an ihr? Warum? Warum…habt ihr was gegen sie? Sie ist doch immer nur nett zu jedem?“, bringt er verzweifelt über seine Lippen, denn seine Gedanken schwirren noch immer nur um den gestrigen Nachmittag, als sie ihn abserviert hat. Rudi ist überrascht, zwar weiß er nicht so richtig was er darauf sagen soll, aber ohne eine ehrliche Antwort will er ihn auch nicht stehen lassen.
„Es…hat mit ihr persönlich nichts zu tun, Karl-Heinz. Wir mögen sie sehr. Sie ist ein liebevoller Mensch, aber…wir Väter…wir kennen uns schon länger und sind Freunde und auch Rivalen gewesen. Aber eines Tages…war ein Moment, als wir uns bewusst für immer aus dem Weg gehen mussten.“ Karl horcht auf und dreht sich zu ihm.
„Ihr…kennt euch? Rivalen? Das ergibt doch keinen Sinn. Seit wann hat Georg Fußball gespielt?“
„Doch, so war es. Mama und ich haben doch mal erzählt, dass wir aus der DDR geflohen sind. Damals als Kinder und Jugendliche…waren wir im selben Team. Georg und ich.“
„Echt? Das ist es schon? Ihr wart Freunde und dann Rivalen? Aber…nur deswegen…durfte ich mich nicht mit ihr treffen? Wegen eurer Rivalität aus Kinderzeiten?! Aber du lässt es zu, dass wir im selben Team spielen? Das ergibt doch keinen Sinn.“, faucht er ihn an, hält sich jedoch mit der Lautstärke deutlich zurück. Sein Blick ist fast zornig.
„Ein alter Bekannter hat mir versichert, dass Stephans Talent dem Team gut tun wird. Dass der Junge dann irgendwann Tino mit angeschleppt hat war nun einmal so.“
„Du wusstest die ganze Zeit genau wer „Tino“ ist. Trotzdem hast du nichts gesagt?“ Rudi nickt ehrlich.
„Ja, ich wusste es, aber ich habe nicht gedacht, dass sie es schaffen würde auf Dauer mitzuhalten. Nun war es schon so. Was sollte ich machen? Und ihr habt euch alle so gut verstanden und für die wichtigen Spiele gab es keinen besseren Keeper.“
„Wusstest du es? Wusstest du, dass wir…uns heimlich getroffen haben?“, geht Karl weiter auf das Thema ein. Rudi nickt erneut.
„Irgendwann ist es mir aufgefallen, ja. Warum?“
Karl öffnet die Tür, geht zu seinem Rucksack und holt den Brief heraus, in dem die Spange eingewickelt ist. Dann sieht er fragend zu seiner Mutter, die gerade mit Marie am Abräumen ist. Dann geht er wieder hinaus und drückt seinem Vater die beiden Dinge an die Brust.
„Lese es. Was glaubst du? Stecken da ihre Eltern dahinter? Immerhin waren sie auch dagegen, dass wir uns treffen, also, dass ich sie als Tina kennenlerne.“ Der Vater ist irritiert und greift danach, faltet das Papier auseinander und hält dann auch die Haarspange fest und betrachtet diese zuerst.
„Ihre Haarspange?“
„Die habe ich ihr aus München mitgebracht. Wir…haben uns für gestern schon vor Wochen verabredet. Überall haben wir festgelegte Treffpunkte, bis gestern. Ich war da, aber…Tina…hat plötzlich…mit mir Schluss gemacht. Es ist komisch…so plötzlich und nur, um mich loszuwerden und abzuhängen, riskierte sie zweimal ihr Leben. Das…muss ihr sehr ernst gewesen sein. Vielleicht…kannst du mir das erklären.“ Rudi sieht sich die Haarspange genauer an und entdeckt die Gravur.
‚Oh, Mut und Stärke? Wieso hat er denn sowas gravieren lassen?‘ Es wundert ihn sehr. Er hat seinen Sohn romantischer eingeschätzt. Er weiß noch wie er ihn um Rat fragte, als sie in München waren. Er dachte, er sei wieder mit seiner Freundin Steffi zusammen und will ihr etwas schenken. Er fragte ihn was man in ein Schmuckstück graviert, für ein Mädchen, dass, man mag. Er gab ihm einen Tipp, aber was er dann kaufte, hatte er nie gewusst. Als Tina dann plötzlich mit einer goldenen Haarspange statt ihrer silbernen rumlief, da war es ihm aufgefallen. Sie liebte ihre Spange zu sehr, als sie jemals abzulegen.
Er liest sich nun den Brief durch:
„Es tut mir sehr leid.
Das mit uns, das sollte nicht sein. Ich habe unsere Freundschaft falsch gedeutet und vermutlich jetzt zerstört, aber bitte verzeih mir. Die Zuneigung zu dir ist nicht das, was ich dachte. Das weiß ich nun. Bitte akzeptiere meine Entscheidung, den Kontakt in diesem Fall komplett abzubrechen. Es ist für uns alle das Beste.
Ich liebe dich, aber nicht so, wie ich es zuerst glaubte. Bitte denke immer nur an unsere schönen Zeiten und gehe deinen neuen aufregenden Weg, aber ohne mich. Warte nicht auf mich und lass dich niemals ausbremsen. Pass auf dich auf und denke immer daran:
Du bist mehr als andere vielleicht sehen. Keine Ware, sondern ein Mensch mit viel Herz und Kopf.
Lebe wohl.
PS: Bleibe auf deinem Weg und lass dich niemals ausnutzen. Bleib gesund, pass auf dich auf und bleib wie du bist, das wünsche ich mir am meisten.“
Sehr überrascht sieht er dann erneut auf die Haarspange.
„Karl…hat sie dir…nur den Brief und die Spange gegeben, oder habt ihr noch miteinander gesprochen?“
„Es steht alles drin, was sie auch schon gesagt hatte. Angeblich fühlt sie nur Freundschaft. Und jetzt…jetzt sagts du mir, dass ihr Väter euch kennt und Rivalen seid. Ich…kann mir jedoch nicht vorstellen, dass Georg dahintersteckt. Ihre Eltern mögen mich doch. Ich hatte niemals das Gefühl gehabt bei ihnen nicht willkommen zu sein. Was…soll also gegen uns sprechen?“, äußert er nun skeptisch und kann dem Brief noch weniger abfinden, als ohnehin schon.
„Großer, sag mal. Sei mal ganz ehrlich zu dir selbst. Was genau…fühlst du denn, wenn du…an sie denkst? Was magst du an ihr?“ Karl-Heinz stellt sich wieder neben ihn an die Brüstung.
„Im Moment…weiß ich gar nichts. Ich vermisse sie sehr. Es…ist alles so komisch ohne sie. Als wäre ich alleine.“
„Und wenn du allgemein deine Freunde und dein altes Team vermisst? Sie ist immerhin ein Teil davon.“
„Das ist es nicht.“, sagt er ruhig und öffnet seine Hände vor sich.
„Es ist mehr als das, weißt du? Als wir uns gesehen haben…hat sie sogar geweint. Sie hat noch nie geweint. Nur ein einziges Mal.“
„Oh, echt? Das kenne ich auch nicht. Wann war das denn?“
„Hm. Als wir uns…nein…als ich sie erkannt habe. Da hat sie geweint und mir ihre Liebe gestanden, dass sie zwar anfangs wegen Stephan im Team war, aber dann später nur noch meinetwegen. Sie habe das ganze harte Training nur noch meinetwegen ertragen, um in meiner Nähe zu sein.“ Erstaunt sieht ihn Rudi an. ‚Ein Geständnis?‘
„Deswegen ist es nicht zu verstehen…jetzt…jetzt sind wir doch nicht einmal im gleichen Team, es war doch alles schon geplant. Wir…wollten uns nach drei Jahren in München treffen. Wir hatten bereits Ort und Zeit abgesprochen. Und nun? Nun ist alles nicht mehr so wichtig? Jetzt plötzlich meint sie, sie müsse die Vernünftige sein. Einer müsse es machen. Wenn die Medien von ihr Wind bekommen, dann könnte es nicht gut enden. Das stimmt.
Natürlich hat sie damit Recht, aber…das wusste sie doch vorher auch schon. Jetzt meint sie plötzlich, sie empfindet nur noch Freundschaft und nicht mal ein Kuss…würde mehr aufregend sein.“, lässt er sehr betrübt den Kopf hängen.
Rudis Puls steigt etwas an. Wie weit war das denn mit den beiden überhaupt schon, wenn er davon spricht, „nicht einmal ein Kuss“ sei aufregend?
„Ist es denn für dich anders? Habt ihr euch denn geküsst? Auch gestern?“ Rudi versucht so neutral und ruhig wie möglich zu bleiben. Noch nie hatten die beiden so ein Vater-Sohn-Gespräch. Es ging immer nur um die Familie und um den Sport.
„Ja…naja…ich weiß nicht. Ehrlich gesagt, habe ich sie einfach geküsst.“ Er stutzt plötzlich.
‚Stimmt, alles ging nur von mir aus. Gestern war da gar keine Zuneigung von ihr aus da. Sonst war sie es doch, die mir irgendwie auch ein Zeichen gibt. Und gestern war gar nichts.‘
„Wie…fühlt es sich denn an, für dich?“
„Ich…weiß nicht recht. Ich weiß ja auch nicht…wie es sich anfühlen müsste.“ „Hm…das ist egal.“ Er nimmt den Brief und überfliegt ihn kurz.
„Sie schreibt, dass sie dich liebt, aber eben nicht so, wie es sein sollte. Ich glaube, wenn du ihr egal wärst, dann hätte sie sich nicht mit dir getroffen und sie hätte es dir auch nicht persönlich noch gesagt. Sie hätte dir vermutlich nur den Brief gegeben, mehr nicht.“
„Also meinst du, es besteht noch Hoffnung für uns?“ Rudi schüttelt den Kopf. „Nein, nicht im Punkt Liebe, Karl. Sie muss irgendein Erlebnis gehabt haben, dass sie der Meinung ist, eure Freundschaft falsch zu deuten. Das ist doch normal in eurem Alter. Und bei ihr ist es doch spezieller, immerhin war sie die ganzen Jahre nur mit euch zusammen, jeden Tag, kann man sagen. Immer nur mit euch Jungs. Jeden Tag zwischen pubertierenden Jungs, die stinken, schwitzen, grölen und über Mädchen reden, oder sogar über sie herziehen. Ich will so genau gar nicht wissen was da alles zwischen euch geredet wurde. Ich weiß nur wie es zu meiner Zeit war. Da hätte es sicher kein Mädchen zwischen uns ausgehalten.
Hat sie überhaupt eine Freundin? Ein Mädchen muss sich doch auch mit Mädchen treffen und typische Mädchensachen machen oder bereden. Aber wenn ich mir eure gemeinsame Zeit ansehe…ist das doch bei dir genauso gewesen. Keine Zeit für Freizeit. Es gab nur Schule und Sport. Und Bettina, sie musste hinzukommend wahnsinnig aufpassen, dass man sie nicht erkennt. Ihr Schwimmtraining musste sie auch noch irgendwie unterbringen. Ganz abgesehen von den Marathons.
Als sie ins Team kam, konnte sie euch und die Trainer mit ihrer Leistung überzeugen. Es gab keinen besseren Keeper in diesem Moment und so schnell kam auch nie wieder jemand, der nur annähernd an sie herankam. Bis Genzo auftauchte.
Ist dir mal aufgefallen, dass er der Einzige aus dem Team war, mit dem sie sich als Mädchen traf? Jetzt wo du es wusstest, ist es dir dann mal aufgefallen? Warst du denn mal eifersüchtig oder sowas?“ Karl-Heinz wundert sich und sieht ihn fragend an.
„Eifersüchtig? Etwa auf Genzo? Warum denn? Die hockten genauso aufeinander wie wir alle. Sie gingen beide eher wie Geschwister um, wieso soll ich da auf ihn eifersüchtig sein?“, grinst er kurz zum Schluss.
Die Haarspange: „Mut und Stärke“
Kapitel 12
Die Haarspange: „Mut und Stärke“
Rudi hält die Spange in der Hand.
„Nun sag mir mal, warum hast du diese zwei Wörter gewählt? Als du mich damals gefragt hast, was man einem Mädchen gravieren könnte, sagte ich dir, es sollten die Dinge sein, die man ihr mitteilen will oder die man ihr wünscht.“ Karl nimmt die Spange selbst in die Hand und sieht sich die Gravur an.
„Das wollte ich ja, und dann passte der Spruch nicht drauf, der eigentlich drauf sollte. Dann sagte der Juwelier, ich muss mich für weniger entscheiden, eventuell etwas was dieselbe Bedeutung hat. Und dann…haben wir beide zusammen diese Worte genommen. Die sind mir als erstes eingefallen. Als ich ihr die Spange dann geschenkt habe, da habe ich ihr es erklärt und es hat ihr gefallen.“
„Okay, und welcher Spruch war das?“
„Als wir uns aussprachen und dann endlich zusammenwaren, da zeigte sie mir ihren alten Ball aus der frühen Kindheit. Dort hat ihr Vater ihr mal einen Spruch raufgeschrieben und dieser Spruch hat sie immer daran erinnert, dass sie es schafft bei uns zu bleiben. Sie hat ihn sich immer vor sich hingesagt, damit sie bei uns durchhält.“
„Klingt interessant. Wie lautet denn der Spruch?“
„Eine echte Frau braucht Herausforderungen!“, sagt er dann frei raus. Sein Vater macht ein überraschtes Gesicht.
‚Wie jetzt? Das…ist ja wie…eine Abwandlung…von Munemasa Katagiri. Was…hat das zu bedeuten? Georg? Was soll das denn bedeuten? Er hat doch auch ständig gesagt, ein „echter Mann braucht Herausforderungen“. Immer dann, wenn er sich gegen uns durchsetzen musste und auch dann, als er mir sagte, dass auch er in Ute verliebt sei. Sie sollte sich für einen von uns entscheiden.‘
„Karl…ich verstehe was du meinst. Aber weißt du was ich stattdessen genommen hätte?“ Sein Sohn sieht ihn fragend an.
„Was denn?“
„So wie es jetzt hier steht, denkt man, du hättest es Marie oder deiner Mutter geschenkt, als Abschied.
Du hättest in deinem Fall „Liebe und Kraft“ wählen sollen. Und du hast vermutlich unbewusst Worte gewählt, die nicht von jemanden kommen, der einer Geliebten etwas schenkt. Ich würde niemals etwas gravieren lassen, ohne dass das Wort Liebe darin vorkommt. So macht man das doch, oder nicht?“ Karl greift an seinen Hals und holt den Anhänger heraus. Dann sieht er auf die Gravur. Der Anhänger war von seiner Mutter an seinen Vater. Dieser schenkte ihn dann als er ausziehen musste. So wollte er ihm mitteilen, dass seine Mutter ihn liebt und trotz der Streitereien Hoffnung besteht wieder eine Familie zu sein.
„In ewiger Liebe, deine Ute.“, steht darauf und dann das Hochzeitsdatum. Er trug es seither immer bei sich. Auch bei jedem Spiel und an jedem Tag als Trainer.
„Du hast Recht.“ Karl nimmt die Kette mit dem Anhänger ab und gibt ihn seinem Vater wieder.
„Es ist deine. Ich sagte ja, wenn ich es schaffe euch wieder zusammenzubringen, dann gebe ich es dir wieder.“, lächelt er ihn an.
„Hast du eigentlich eine Ahnung was ich für ein eifersüchtiger Kerl bin? Ganz schlimm.“, nimmt dieser die Kette lächelnd an und hängt sie sich um den Hals. Er will seinem Sohn damit auf die richtige Spur lenken.
„Echt?“
„Ja, ganz schlimm. Also mal so unter uns Männern, ich hätte das nicht mit ansehen können, wenn die anderen aus meinem Team ständig so nah bei deiner Mutter gewesen wären. Die Vorstellung alleine, sie hätte wie Tina mit meinen Freunden zusammengespielt und dann ständig dieser Körperkontakt. Und in der Umkleide…das hätte mich wahnsinnig gemacht. Ganz gewiss.“
‚Er hat Recht. Warum hat mich das gar nicht gestört? Weder als ich merkte, dass ich irgendetwas empfinde und noch unsicher war, was es zu bedeuten hatte und danach auch nicht. Es war komisch und ungewohnt, weil ich es dann wusste. Aber wirklich gestört hat es mich nie. Nicht mal, wenn sie mit Genzo oder jemanden alleine in der Umkleide war. Warum hat mich das nicht gestört?‘
„Und? Fallen dir doch ein paar Situationen ein?“, grinst Rudi und versucht ihn aus der Reserve zu locken, um ihn zu testen. Karl schaut wieder auf die Spange und dann zum Eiffelturm.
„Ich glaube nicht. Ich weiß gar nicht…wie sich Eifersucht anfühlt. Tina war…doch einfach immer für mich da. Schon bevor ich es wusste, hat sie mich zum Lachen bringen können oder hat mich auch getröstet, vor allem, wenn ihr beiden wieder gestritten habt.“
„Ich verstehe…sie war dir eine Freundin, nicht einfach nur ein Kumpel wie die anderen.“ Karl schweigt.
„Hast du echt nie darüber nachgedacht was passieren könnte, während du in München bist? Oder…wie war das bei eurem letzten Spiel? Gar nichts?“ Karl stutzt und sieht ihn dann wieder an.
‚Was meint er denn damit? Wieso unser letztes Spiel?‘
„Was…hast du gesehen?“, spricht er dann ernst.
„Oha, also doch.“
„Rede doch schon. Wovon redest du denn? Was war denn beim Spiel?“
„Du standest zu weit weg, das ist klar. Aber das erste Tor, es hätte nicht sein müssen, oder? Oder siehst du das anders?“ Karl versucht sich zu erinnern, ihm entgehen keine Details, aber er war am anderen Ende des Feldes und viel zu sehen war da nicht, warum Tina Hyuga nicht parieren konnte. Kurz darauf hat sie der Trainer ausgetauscht und auf die Bank gesetzt.
„Seine bisherigen Techniken waren nicht ausgereift genug, um gegen sie anzukommen. Gesehen habe ich tatsächlich nichts. Genzo hatte sich eindeutig zu sehr auf sie verlassen.“
„Das stimmt, aber dass sie von sich aus rausgegangen ist, das sollte dir doch aufgefallen sein.“
„Quatsch. Der Trainer hat sie rausgenommen. Was auch immer er gesehen hat. Tina hätte niemals von sich aus das Spiel verlassen.“, ist Karl sehr überzeugt. Rudi jedoch denkt sich seinen Teil.
„Nun gut. Die Quittung für ihre Unaufmerksamkeit hat sie ja bekommen, oder nicht? Ihre Schulterverletzung war nicht ganz ohne. Er hat ja auch einen ordentlichen Stoß drauf, so wie du. Dieser Hyuga. Seine Spielweise ähnelt deiner sehr.“
„Was willst du mir eigentlich damit sagen?“
„Ganz einfach mein Sohn, du liebst dieses Mädchen gar nicht. Du sorgst dich nicht um sie. Und genau in diesem Spiel ist es aufgefallen.“
„Wie kannst du das sagen? Was hat das denn damit zu tun?“
„Du hast den größten Fehler gemacht, den man als Freund machen kann und das wäre dir garantiert niemals passiert, würdest du für sie nur halb so viel empfinden wie ich für euch und eure Mutter.“ Karl ist völlig irritiert. Was hat er denn nur falsch gemacht? Hat er wirklich etwas getan, was Tina so denken lässt? Nachdenklich sieht er die Haarspange an und greift sie dann fester.
‚Ich soll mir Sorgen um sie machen? Aber…Tina…du bist doch so stark und du bist gleich aufgestanden. Es war doch alles okay. Ein ganz normales Spiel.‘
„Was, Vater? Was habe ich falsch gemacht?“ Rudi stellt sich direkt vor ihn hin und fasst ihn mit beiden Händen tröstend auf die Schultern.
„Ein Fehler ist relativ, Karl-Heinz. Deine Reaktion war nur eindeutig, denn sie hat genau gesehen wie du reagiert hast. Als der Japaner sie zur Seite drängte und sie stürzte, verletzte sie sich ihre Schulter und das hast du doch von dort aus wo du standest, genau gesehen. Du hast genau gesehen wie sie verletzt am Boden lag. Aber du…du hast einfach dagestanden und wie immer nur auf den nächsten Ball gewartet. Das war nicht mal früher so. Du hast dich als Kapitän immer erkundigt, wie es dem verletzten Kameraden geht. Aber ausgerechnet nach der langen Pause zu deinem Team, und ihr gegenüber…erkundigst du dich nicht einmal persönlich wie es ihr geht?“, wirft er seinem Sohn enttäuscht an den Kopf. Karls Herz schmerzt ihm, bei dem Gedanken daran, dass sein Vater völlig Recht hat mit dem was er sagt.
„Du musstest doch nicht einmal hinlaufen, ein kurzes Zeichen, eine Abfrage, ob alles okay ist. Das hätte doch gereicht, ohne den Posten zu verlassen. Stattdessen lässt du den Gegner nach seinem Torjubel zu ihr gehen und sich nach dem Wohlbefinden erkundigen?
Bettina hat sogar noch zu dir gesehen, als sie aufgestanden ist und sich die Schulter gehalten.
Ich habe mit Doktor Stein gesprochen. Ihre Schulter war verrenkt und beinahe ausgekugelt gewesen.
Du siehst sie nur als Freund, als einen Freund, auf den du dich immer verlassen kannst, so wie bei Kaltz, Genzo und Stephan, aber nicht als Mädchen bzw. als eine Frau.
Und egal wie stark eine Frau ist, und wieviel Schmerzen sie aushalten kann, hat sie einen starken Mann an ihrer Seite, dann will sie auch beschützt werden. Und das hast du nicht getan. Du hast sie in diesem Moment auf eine seltsame Art und Weise im Stich gelassen. Und das vor allen anderen.“ Karl sieht ihn an und stottert verunsichert.
„Aber...ich habe ihr doch ein Zeichen gegeben. Als sie…mich ansah, war mir klar, dass sie glaubte mich oder das Team enttäuscht zu haben. Und dann gab ich ihr ein Okay zurück, damit sie weiß, dass sie sich darüber keine Gedanken machen muss.
War das auch falsch?“
„Es hätte erst die zweite Botschaft für sie sein dürfen.
Karl, ich weiß. Wir hätten so ein Gespräch schon längst mal führen müssen, aber du hast ja auch nichts erzählt. Wir dachten, du kommst von selbst zu uns, wenn das mit den Mädchen wirklich losgeht.“ Sein Sohn schweigt und blickt zum Park herunter.
„Ehrlich gesagt, hätte ich gerne mit dir geredet, aber…du warst selbst genug mit dir beschäftigt und wir konnten nur über Mutti reden. Was wolltest du mir da schon helfen? Über Bienchen und Blümchen brauchst du nicht reden. Das hat die Schule schon erledigt und die älteren im Team sowieso.“, ist er betrübt. Karl spielt mit der Haarspange in den Händen und sitzt nun auf dem Stuhl.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich dir im letzten Jahr kein guter Vater war. Dieser ganze Ärger mit dem Verein und den Fans. Das war schon schlimm. Aber jetzt will ich für euch da sein, okay? Ich kann auch für euch und für Dich da sein. Wenn man sich wieder jeden Tag sieht, wird es uns als Familie sicher wieder zusammenführen.“
„Bist du dir echt so sicher, dass das klappen wird?“
„Auch dafür ist diese Woche da, die wir hier noch verbringen wollen. Kannst du dich trotz der vielen neuen Ereignisse für uns freuen?“
„Natürlich kann ich das.“ Dann holt er tief Luft und atmet aus.
„Ich verstehe sie trotzdem nicht. Immer bringt sie mich mit irgendeiner Aktion durcheinander. Wenn ihr was nicht gefällt, dann sagt sie es mir doch auch. Warum aber nicht diesmal? Dieses Spiel, dass ich mich nicht direkt erkundigt habe, das kann es nicht alleine sein.“
„Was…wie…war das denn bisher zwischen euch? Ich habe da so gar keine Vorstellung.“, versucht Rudi vorsichtig an Informationen zu kommen. So richtig aussprechen konnte er sich mit Georg noch nicht. Er meinte nur, dass sie ihr die Geschichte erzählt haben, aber was der plötzliche Auslöser dafür war, wollte er ihm nicht sagen.
„Naja…ich weiß auch nicht so genau.“
„Glaubst du denn, dass es Liebe ist, was du empfindest?“ Karl zuckt mit den Schultern.
„Ich weiß im Moment gar nichts. Ich habe sie doch so vermisst. Und ich habe mich sehr gefreut, sie wiederzusehen.
Was ist, wenn sie nur Abstand nimmt, damit sie mir nicht im Weg ist? Vielleicht glaubt sie das ja, weil wir nicht zusammen sein dürfen? Also, weil man sonst hinter ihr Geheimnis kommen würde.
Pierre sagt, ich könnte darüber nachdenken was ich besser machen kann. Meine Fehler finden und dann…hoffen, dass wir uns irgendwann wieder sehen?“
„Das denke ich nicht. Denk lieber nur darüber nach was du empfinden wirst, wenn du eines Tages ein anderes Mädchen kennenlernst. Vielleicht findest du dann heraus, was du wirklich empfunden hast. Ihr hinterher zu laufen, das wird sie auch nicht wollen. Du kennst Bettina, niemals würde sie etwas wollen, dass dich unglücklich macht. Sie wird ihre Gründe haben, sich für immer zu verabschieden. So steht es auch im Brief. Lauf ihr also nicht nach. Das geht nur nach hinten los.“
„Meinst du wirklich? Manchmal lässt sie so versteckte Botschaften da.“
„Ich weiß. Das hat sie auch. Sie schreibt, dass du so bleiben sollst wie du bist und dass du dich nicht ausnutzen lassen sollst. Damit hat sie sicher auch die anderen Frauen gemeint. Ihr ist in der kurzen Zeit eine Veränderung aufgefallen, die ihr nicht gefallen hat. Deswegen hat sie es eindeutig nochmal geschrieben, dass du bleiben sollst wie du bist.“ Karl nimmt den Brief und liest ihn erneut.
„Du hast Recht. Das wird es sein. Aber wo habe ich mich denn verändert?“
„Na das mit der Sorge um deine Freunde zum Beispiel. Ich habe es doch selbst schon beobachtet. Seit du in Bayern bist, wirkst du nur noch in dich gekehrt. Du warst zwar schon immer so ein Typ, der nicht aus sich rauskommt, aber in den letzten Wochen ist es wirklich schlimm geworden. Du suchst nicht mal den Kontakt zum Team. Klar, die Jungs werden dich bald auch nicht mehr sehen und sind dir nicht alle wohl gesonnen, weil du direkt ins Profiteam gehen wirst, aber trotzdem…du hättest die Zeit trotzdem nutzen können, um dir das Team anzueignen. So wie du es früher auch getan hattest. Du warst auf eine sonderbare Art für jeden da. Zwar nicht als Gesprächspartner oder gleich als Freund. Das musst du auch nicht. Aber dir war das Team als Team immer wichtig.
Es wird im neuen Team schwer werden, Karl-Heinz. Du bist gerade erst fünfzehn geworden und mitten in der Pubertät und im Wachstum. Die anderen sind zum größten Teil bereits selbst Väter und haben Kinder, die etwa so alt sind wie du. Ich bin nur später Vater geworden, weil es nicht gleich geklappt hat. Aber andere haben bereits Kinder. Sie werden dich als Kind und nicht als Gleichberechtigten Mann sehen. Das solltest du dir jetzt schon bewusst werden.“
„Das ist mir alles klar, Vater. Ich werde mich schon irgendwie reinfinden.“
„Ich werde es auch sehr schwer haben ihren Respekt zu erlangen, einmal der alten Skandale wegen und dann auch, weil du mit im Team bist. Es wird sicher eine Weile dauern. Ich habe die Männer schon kennengelernt und freu mich sehr. Sie freuen sich auch auf dich. Sie sind alles sehr nett und wissen was auf sie zukommt.“ Plötzlich steht Karl-Heinz auf, blickt sich die Haarspange an und spricht nachdenklich.
„Du hast Recht…alle machen jetzt einen Schlussstrich unter dem was mal war und fangen neu an. Tina wird irgendwo ein neues Leben starten, sie sagte, sie werden das Land verlassen. Aber wohin es geht, wollte sie mir nicht sagen.
Und wir…wir fangen als Familie neu an. Ein Neustart und ich…ich werde mich solange nur noch auf den Sport konzentrieren bis sich…etwas ergibt…was sich nach deutlich mehr anfühlt, als das was bisher war? Ist es so gut, Vater? Alles einmal neu?“
„Ja, eine sehr gute Idee. Ganz meine Rede.“, spricht er ihm gut zu.
„Und nun…soll jemand anderes auch einen Neustart wagen. Vielleicht bringt dieses Ding ja jemanden hier in der Stadt der Liebe mehr Glück als mir.“
„Was hast du vor?“
„Ich werde es ganz weit werfen, bis dort unten in den Park. Und irgendwer wird es finden. Und vielleicht findet es jemand, der es zu schätzen weiß.“
„Wünsche der Person etwas. Dann geht es sicher in Erfüllung.“ Karl schnappt sich eine Serviette aus der Box auf dem Tisch und wickelt die Haarspange hinein. Im Imbiss hat ihn Tinas Mutter mal gezeigt, wie man kleine Bestecktaschen macht. Er nutzt die Technik und verschließt die Tasche jedoch oben zu.
„Ich wünsche…der Trägerin, dass…“
„Warte. Spreche es nicht aus. So wie bei einer Sternschnuppe.“
„Sonst geht es nicht in Erfüllung?“
„Genau.“ Karl greift die Spange, holt weit aus und wirft sie dann einfach in Richtung Park. Von der gut sechsten Etage ganz oben mit dem großen Balkon und der Terrasse gibt es eine schöne Aussicht hinab und ganz sicher wird die Spange irgendwo auf der Wiese landen.
Beide sehen ihr nach und sie verschwindet einfach unter den Bäumen. Zu sehen ist niemand.
„Gut, dann können wir ja in die Stadt gehen, oder?“
„Ja. Ich muss mich etwas ablenken.“
„Eine prima Idee. Wir können morgen ja mal in den Asterix-Park gehen. Oder Disneyland. Das wäre doch was für Marie?“
„Oh, dann gehen wir morgen mit Marie ins Disneyland, sehen uns nur an was sie sehen will und übermorgen in den Asterix-Park. Der ist was für mich.“, lacht Karl-Heinz und bäumt sich spaßig auf, als wäre er Obelix und hält sich den Bauch. „Gut, heute Paris Shoppen gehen und dann die Parks. Da werden den Damen aber die Füße qualmen.“, lacht Rudi und haut Karl glücklich auf die Schulter und sieht zu ihm herab.
‚Endlich konnten wir mal ein gutes Männergespräch führen. Sogar lachen kann er wieder.‘
„Ich…ich bin wahnsinnig stolz auf dich, mein Sohn.“, haut er dann voller Inbrunst aus.
„Ach Papa, du bist manchmal schon komisch.“, meint Sohnemann, sieht ihm in die Augen und beide umarmen sich herzlich.
Vor der Terrassentür im Wohnbereich stehen Ute und Marie.
„Endlich haben sie sich auch ausgesprochen. Marie, das ist ein sehr gutes Zeichen.“, erklärt sie der Kleinen.
„Karls Kakao ist jetzt schon kalt. Er will bestimmt einen neuen.“, meint sie nur und nimmt dann die Hand ihrer Mutter.
„Mama…warum haben sie so lange geredet?“
„Gespräche unter Männern, weißt du? Irgendwann führen wir auch mal solche Gespräche, nur eben unter Frauen.“, lächelt sie glücklich und ihr laufen die Tränen nur so herunter, weil ihr ganz warm ums Herz wird, bei dem Anblick, dass sich die beiden ausgesprochen haben. Als Karl die Spange einwickelte und sie dann plötzlich einfach wegwarf, fiel aller Kummer von ihren Schultern. Nun ist es endgültig. Es kann nicht nur, kein Unglück mehr passieren, nein, sogar er selbst scheint Tina aufzugeben. Das ist das Beste, was sie heute gesehen hat.
Etwa eine Stunde später ist die Familie in der Stadt und besucht ein großes Einkaufscenter. Die Herren gehen in ein Sportgeschäft und sehen sich das große Angebot an. Ute und Marie bleiben bei einer Parfümerie hängen und probieren sich durch.
Nachdem sie sich im nächsten Bäcker wiedertreffen und eine Kaffeepause eingelegt hatten, gehen sie draußen durch die Passage und plötzlich bleibt Marie vor einer Boutique stehen und betrachtet die Kleider im Schaufenster. Karl bleibt stehen und geht zu ihr.
„Gefällt dir das?“, fragt er neugierig. Marie schnieft plötzlich traurig.
„Ist schon gut. Ich schau nach was anderem.“, sagt sie dann betrübt und geht weiter. Karl wundert sich. Es hat ihr doch eindeutig gefallen. Als er auf die Preisschilder sieht, versteht er es. Niemals würde Marie auf die Idee kommen ein Kleid für den Preis von einer Hotelübernachtung für die ganze Familie zu tragen. Es ist wirklich sehr teuer, aber eben auch sehr schön.
‚Marie…‘ Er sieht ihr nach und geht kurz in den Laden hinein. Es ist eine Modeboutique speziell für Mädchen und Jungen in ihrem Alter.
„Guten Tag Madame. Sagen Sie, haben Sie das rosarote Kleid aus dem Schaufenster nochmal in der Größe 134 da?“ Die Verkäuferin ist sehr erstaunt, als er sie auf Englisch anspricht.
„Leider muss ich Sie enttäuschen. Jedoch ist das Kleid selbst eine 140, welches an der Puppe hängt. Eventuell passt es ja. Die anderen sind alle ausverkauft, es ist das Letzte von diesem Modell.“
„Haben Sie denn noch andere Sachen in den Größen?“
„Ja, da sind noch viele anderen Sachen dabei.“
„Bitte reservieren Sie dieses Kleid für mich. Ich muss nur kurz mit meinen Eltern sprechen und mit meiner Schwester herkommen. Ist das okay für Sie?“
„Wir reservieren nicht. Das ist einfach zu riskant. Tut mir sehr leid. Kommen Sie einfach gleich zu uns, dann ist es eventuell noch da.“, bleibt die Verkäuferin höflich.
‚Dieser nette Junge hat sicherlich nicht auf den Preis geschaut. Ein Kleid für die Schwester für so einen Preis? Er kommt aus dem Ausland, sicher ein Deutscher.‘
„Es dauert nicht lange. Meine Familie steht gleich zwei Türen weiter. Bitte, es wäre sehr nett.
Kann ich eigentlich auch mit Kreditkarte bei Ihnen bezahlen?“ Plötzlich kommt die andere Verkäuferin zu ihm und spricht ihn freundlich an.
„Ja, das könnten Sie. Wir sind angehalten nichts zu reservieren, dafür ist zu viel Laufkundschaft da. Es tut uns sehr leid. Uns sind da leider die Hände gebunden. Jedoch ist es eindeutig an der Zeit, dass wir der Puppe im Schaufenster ein neues Kleid anziehen, wenn es doch ausverkauft ist. Es wäre ja schade, jeden Kunden abzuwimmeln. Ich werde das gleich erledigen.“, zwinkert sie ihm zu. Karl versteht was sie meint und bedankt sich. Er verlässt sofort den Laden und läuft zu seinen Eltern.
„Papa, sag mal. Wie ist das mit meiner Kreditkarte? Ich kann doch frei darüber verfügen, oder?“
„Äh, ja. Warum? Willst du dir noch was kaufen?“
„Kann man so sagen, ja. Was habe ich denn da für ein Limit drauf?“ Rudi sieht ihn verdutzt an.
„Theoretisch sollte es für alles reichen. Außer du kaufst dir jetzt gleich ein teures Auto.“, grinst er und spricht sehr leise. Karl-Heinz grinst zurück und schnappt sich Maries Hand.
„Du kommst jetzt mit und unsere Eltern gehen mal ne Runde alleine Shoppen. Papa kann ja mit Mama mal in eine Frauenboutique gehen.“, zeigt er auf den nächsten Laden, wo hübsche Damenkleider sind.
Rudi versteht was er vorhat. Den Blick auf das Kleid und der kleine Ausflug in den Laden ist ihm natürlich aufgefallen.
„Ist okay. Macht euer Ding. Wir sehen uns dann zum Mittag wieder. Am besten wir telefonieren dann, wo wir uns treffen.“
„Super. Das passt mir sehr gut.“
„Passt aber bitte sehr gut auf. Wir bleiben in der Nähe.“ Marie ist irritiert und sieht verdutzt zu ihrem Bruder auf.
„Was hast du denn vor? Karl-Heinz? Wo willst du mit mir hin?“
„Lass dich überraschen.“
Inzwischen nimmt die Verkäuferin die Puppe auseinander und zieht ihr das Kleid über den Hals.
„Du weißt genau, dass das auch nicht geht. Klar, die Puppe neu einkleiden, aber wenn der Chef das sieht, dass wir für einen Jungen so einen Aufwand betreiben, dann gibt es Ärger. Am Ende kann er nicht mal zahlen oder kommt gar nicht erst wieder.“
„Wieso glaubst du das? Er war doch modern gekleidet. Oder kam er dir ärmlich vor? Ein klares Englisch sprach er auch.“
„Nein, das nicht, aber er hat sicher vergessen auf das Preisschild zu sehen.“
„Nun überleg doch mal. Der Junge wird sicher gerade mal 15 sein, so wie unser Pierre. Er fragte doch nach der Kreditkartenabrechnung. Er muss bereits wissen, dass es nicht überall geht und fragte lieber nach. Er hat vermutlich eine eigene Karte, das ist doch in dem Alter nicht üblich. Ich glaube schon, dass es eine ernste Anfrage war und er kommt sicher wieder.“ Die Kollegin gibt ihr dann Recht.
„Hm, ich bin gespannt. Vielleicht hast du Recht und er kommt wirklich aus gutem Hause.“
Kurz darauf stehen Karl-Heinz und seine Schwester vor dem Schaufenster. Die Verkäuferinnen bemerken es natürlich, denn die beiden sind nicht zu übersehen.
„Wie niedlich die beiden aussehen.“
„Ja, und jetzt ist sie ganz traurig, vermutlich, weil das Kleid weg ist.“, grinst die andere. Marie reibt sich in diesem Moment die Augen und sieht aus, als würde sie weinen.
„Die Arme. Jetzt lässt er sie aber schmoren. Ach…jetzt kommen sie. Da wird sie sicher Augen machen.“, freut sich die erfahrene Verkäuferin und begrüßt die beiden freundlich.
„Herzlich willkommen.
Kleine Lady, möchten Sie das Kleid gleich anprobieren?“ Karl übersetzt. Marie fasst sich ans Herz und strahlt die Verkäuferin überglücklich an.
„Ich...darf es mal anprobieren? Es ist so schön.“
„Du siehst ganz sicher wie eine richtige Prinzessin darin aus.“, sagt Karl liebevoll. Ohne weitere Worte geht die Verkäuferin mit dem Mädchen an der Hand zur Umkleide. Marie geht einfach mit und schaut weiter auf das Kleid. Ihr Lächeln hört gar nicht wieder auf.
„Brauchst du Hilfe? Wenn, dann ruf mich ruhig.“
„Karl…übersetzt du uns? Ich…ich trau mich nicht…es anzufassen. Was ist, wenn ich was kaputt mache?“
„Ist okay. Was soll denn schon passieren?“ Er gibt die Information weiter und die Verkäuferin geht mit in die Kabine und hilft ihr.
„Wie eine echte Prinzessin.“, ist die Stimme der Verkäuferin zu hören und Karl übersetzt es. Dann öffnet sich der Vorhang und Marie tritt hervor und geht zu ihm und grinst ihn an. Dann dreht sie sich voller Freude mit dem Kleid um die eigene Achse und schaut dann zu ihm auf.
„Das ist ein Traum, Karl-Heinz. Ich habe noch nie so ein Kleid getragen. Und überhaupt…so schöne Kleider gibt es gar nicht bei uns.“, plappert sie begeistert und hebt den Rock und versucht ein Knicks zu machen.
„Du bist eindeutig eine Prinzessin.“, meint Karl-Heinz mit stolzer Stimme und tätschelt ihr auf den Kopf.
„Wirklich? So wie die echte Marie? Marie Antoinette?“
„Ja genau. Genauso hübsch wie sie.“ Marie schnieft etwas, schaut zu ihm auf und fasst seinen Arm.
„Ich…ich will nicht, dass du dein ganzes Taschengeld für mich ausgibst. Du brauchst es doch sicher noch.“, sagt sie dann leise.
Das Portrait und der fremde Junge
Kapitel 13
Das Portrait und der fremde Junge
Karl-Heinz hockt sich vor sie und berührt dann ihre Arme.
„Mach dir darüber keine Gedanken. Kannst du dich noch daran erinnern was in der Zeitung stand? Kurz bevor ich Hamburg verlassen habe? Du weißt doch warum ich in München bin, oder?“ Sie nickt.
„Ja, zum Fußballspielen. Da ist doch dein neues Team und Papa ist dein Trainer.“ Er lächelt.
„Ja, das stimmt, aber es ist nicht irgendein Team, Marie. Ich gehe nach den Ferien ins Profiteam, in dem die Erwachsenen spielen. Ab jetzt…bekomme ich ein echtes Gehalt, so wie ein Erwachsener, der richtig arbeiten geht. Nur eben fürs Spielen. Genauso wie die anderen Spieler in meinem Team.“
„Ein Gehalt, also ist das spielen jetzt deine richtige Arbeit?“
„Ja, so ist es. Das ist mein Beruf. Der Beruf nennt sich Profisportler.“
„Also gehst du jetzt nicht mehr in die Schule?“
„Doch, aber nicht in dem Sinne, ich werde zu Hause unterrichtet. Die Lehrer kommen also zu mir. Immer so wie es zeitlich dann passt.“
„Wirklich? Okay. Und…das Kleid ist auch wirklich nicht zu teuer für dich? Ich weiß ja nicht was so ein Lohn ist.“ Er beugt sich zu ihr und flüstert ihr eine Zahl ins Ohr.
„Aber nie verraten…du kannst dir so viele Sachen aussuchen wie du willst. Heute bist du meine Prinzessin, wir gehen danach noch in einen Spielzeugladen und vielleicht willst du noch woanders hin. Heute darfst du dir kaufen was du willst und ich schenke es dir. Du wirst die Erste sein, die etwas davon hat. Ich muss es nur tragen können.“ Marie umarmt ihren Bruder und kann ihr Glück kaum glauben.
Am Ende verlassen die beiden mit einigen großen Tüten den Laden. Es wurden drei Kleider, zwei Röcke und Blüschen und ein Hosenanzug. Dazu noch ein paar Accessoires und passende Schuhe. Die Ballerinas und das Kleid aus dem Schaufenster behält sie gleich an. Im Spielzeugladen läuft sie gleich zu den Puppen und hat ganz genaue Vorstellungen.
Karl trägt die Taschen und mit einem großen Karton kommt er aus dem Geschäft heraus.
„Der Rest sollte in die Taschen passen, Marie.“, lacht er und sieht sie glücklich an.
‚Ach liebe kleine Marie. Mit deinem Lächeln machst du mich wieder glücklich. Du hast die ganze Zeit immer so auf jeden Pfennig schauen müssen und jetzt darfst du dich mal verwöhnen lassen.‘
„Ich nehme dir Tüten ab. Ich bin auch fast fertig. Ich würde gerne noch in einen Künstlerladen, wo ich gute Stifte und Papier kaufen kann. Hier im Spielzeugladen gab es nichts Gutes.“
„Hm, da weiß ich nicht, Müssen wir mal rumfragen.“ Er schaut sich um und entdeckt ein Geschäft mit Bildern im Schaufenster.
„Schau mal dort. Das sind schöne Bilder. Der Künstler, der die macht, kann uns sicher einen Rat geben.“, spricht er zu ihr.
„Oh, ja, die sind schön. Der oder die Künstlerin weiß das bestimmt.“ Somit gehen sie zum Laden.
„Hm, ich habe Angst, die Bilder mit den Tüten umzuwerfen. Es sieht sehr eng aus. Versuche ihn mal raus zu locken, damit ich ihn ansprechen kann. Geh alleine rein.“, schlägt er vor.
„Ich trau mich aber nicht alleine.“
„Ich sehe dich doch. Schau mal. Dort am Tisch sitzt ein Mann. Er schaut bereits her.“ Marie schaut zu ihm und entdeckt den älteren Herren mit gezwirbeltem Schnurbart. Er wirkt sehr elegant, aber auch streng.
‚Nanu, die beiden Kinder sehen aus, als würden sie zu mir wollen. Ob sie wirklich ein Bild kaufen wollen oder will die Kleine nur die Bilder ansehen? Was trägt der Junge denn da alles bei sich? Klug nicht reinzukommen damit.‘
Plötzlich wedelt der Junge mit den Tüten und lächelt ihn an. Er legt den Pinsel beiseite und steht auf, um zu ihnen zu gehen. Vor der Tür begrüßt er die beiden freundlich.
„Guten Tag Kinder. Was kann ich denn für euch tun?“, spricht er sie auf Französisch an.
„Bitte Entschuldigen Sie, ich spreche nur Englisch. Meine Schwester malt und zeichnet gerne. Sie sucht Stifte und Papier, aber die Schulmaterialien sagen ihr nicht zu. Sie sucht etwas Professionelleres und wir dachten, vielleicht könnten Sie uns raten, wo man so etwas bekommt oder wo ein Künstlerladen ist.“
„Ich verstehe. Ihr findet die Läden eher in anderen Vierteln. Ich kann euch gerne einen empfehlen. Möchtet ihr euch meine Bilder ansehen? Sie scheinen euch ja zu gefallen.“ Karl fragt Marie. Natürlich willigt sie ein. Sie drückt ihre Nase quasi schon an der Scheibe fest, um so viel wie möglich zu sehen.
Wenig später bittet er die beiden in seinen Laden und hilft Karl-Heinz beim Tragen, damit nichts umfällt. Marie holt ein Taschentuch aus ihrer kleinen Handtasche und wischt schnell die Scheibe wieder ab. Der Maler stellt mit ihm zusammen die Tüten und die Kiste an die Seite und Marie bewundert begeistert die vielen schönen Bilder.
„Oh mein Gott…die sind ja so toll. Ich will auch mal so gut malen können.“, strahlt sie bei jedem Bild mit einem Lächeln bis zu den Ohren. Karl übersetzt ihre begeisterten Ausrufe. Es macht ihn sehr glücklich, sie so fröhlich zu sehen.
„Das ist hier eine richtige kleine Kunstgalerie. Und dann die vielen schönen Tiere. So lebendig. Die sehen aus wie Fotos.“ Begeistert kramt sie in ihrer Tasche und holt ein Foto von Bello heraus. Dann zeigt sie es ihm.
„Das ist Bello, ich spiele ganz viel mit ihm. Er ist aber schon alt. Ich habe schon ganz oft versucht ihn zu malen.“
„Oh, das ist ein sehr schöner Jagdhund. Warte mal, möchtest du mein aktuelles Werk sehen? Ich darf ein echtes Schmuckstück malen.“, lächelt er sie an.
‚Die Kleine hat sehr viel Freude hier drin. Ich habe lange keine so große Begeisterung in den Augen meiner Kunden gesehen.‘ Er führt sie an seinen Arbeitsplatz und sie darf sich hinter seinen Stuhl stellen und sich das Bild ansehen, an dem er arbeitet.
„Das ist fast fertig. Ich muss noch an den Schattierungen arbeiten. Ein paar Feinheiten fehlen noch. Ich mache hauptsächlich Auftragsarbeiten für Stammkunden.“ Marie ist total begeistert und ihr Herz schlägt plötzlich ganz doll.
„Karl-Heinz, das musst du sehen! Das ist der Wahnsinn…und…du glaubst nicht, wen er malt!“ Diesmal wird vorerst nicht übersetzt. Karl-Heinz hat das Gefühl, dass der Maler so langsam mitbekommt, wenn es ihr besonders gut gefällt. Somit geht er nur zu ihr und schaut von der Seite auch auf das große Bild, welches auf einer Leinwand gespannt ist.
„Wow…das…ist so real.“, haut er selbst aus und übersetzt es dann auch gleich. „Vielen Dank. Ja, es ist von einem Stammkunden, das Pferd ist schon recht alt und es soll später an der Wand hängen, wenn es nicht mehr da ist, wissen Sie? Das sind meine meisten Tieraufträge. Schöne Erinnerungen.“ Karl-Heinz schaut betrübt.
„Übersetze doch bitte. Karl-Heinz…ich will wissen was er gesagt hat.“, murrt Marie, als sie merkt, dass er plötzlich traurig schaut und es nicht für sie übersetzt.
„Es ist ein Auftrag, Marie.“
„Aber…warum…bist du dann traurig? Was ist denn mit dem alten Herrn? Ist er krank? Du warst doch gestern da.“
„Du irrst dich. Das ist sicher ein anderes Pferd. Hier haben viele Leute braune Pferde.“
„Nein…ich bin mir sicher. Das ist Pierres Pferd. Er ist sicher der Auftraggeber. Und das ist Bijou. Ganz sicher.“, meint sie frei raus und sieht zu ihrem Bruder auf.
„Ich weiß nicht. Warum sollte es ausgerechnet er sein? Woran siehst du denn das?“
„Na schau doch hier…“, zeigt sie ganz vorsichtig auf das linke hintere Bein. „Siehst du hier der Schatten? Das ist die Narbe von seinem Sturz, als er beim Rennen gefallen ist. Genau dort hat er sich verletzt und musste operiert werden.“, erklärt sie ruhig.
Der Maler neben ihr ist erstaunt. Er versteht zwar im Moment kein Wort, jedoch hört er die beiden ihm bekannten Namen heraus.
‚Sie kennt Sir Pierre und dieses spezielle Pferd? Das ist erstaunlich. Er reitet doch mit einem anderen immer aus, wenn er in Paris unterwegs ist. Kein Fan oder Fremder kann den Juwel kennen. Und dann zeigt sie auf seine Narbe? So ein Detail muss einem erst einmal auffallen. Ein Fremder hätte nur an einen Schatten oder Fehler beim Malen gedacht.‘ Karl sieht genauer hin und zuckt mit der Schulter.
„Ich habe noch nie auf die Narbe geachtet. Das kann ich dir echt nicht sagen. Für mich sehen die Pferde, die so aussehen wie er alle gleich aus.“, meint Karl ehrlich. Dann richtet er sich wieder auf und sieht zum Künstler auf.
„Sagen Sie, ist das Bijou? Eines von den Pferden von Eru Shido Pierre?“, fragt er ihn dann direkt. Der Künstler wird durch die Frage bestätigt, aber seine Auftraggeber preisgeben darf er nicht.
„Ich darf Ihnen diese Frage leider nicht beantworten, da einige meiner Aufträge anonym bleiben sollen.“, antwortet er ehrlich.
„Was sagt er denn?“, fragt Marie nach.
„Er darf es uns nicht sagen.“
„Ich bin mir aber sehr sicher.“
„Du willst es unbedingt wissen, oder? Vorher lässt du uns nicht in Ruhe.“, grinst Karl sie an. Die Kleine zieht an seinem Shirt und grinst ihn an.
„Genau. Ich nerve dich so lange bis ich es weiß. Ich bin mir sehr sicher.“
Karl greift zu seinem Handy und überlegt kurz.
‚Ob ich ihn wirklich wegen so einem Kinderkram anrufen sollte? Er sagte doch, er hat heute viel zu tun.‘
„Nun ruf schon an und frage ihn.“, drängelt Marie und steckt die Zunge raus.
„Du bist ganz schön frech. Na gut. Aber er hat vielleicht keine Zeit.“ Karl geht etwas zur Seite und wählt Pierres Nummer. Marie hingegen geht zu ihm und wartet gespannt auf eine Antwort. Es wird abgenommen.
„Hallo, wie kommts?“
„Hi, ich hoffe doch, ich störe dich nicht.“
„Es geht. Was hast du denn?“
„Marie gibt keine Ruhe. Ich soll dich unbedingt was fragen.“
„Oh. Dann aber schnell.“
„Bei welchem Maler hast du ein Portrait von Bijou in Auftrag gegeben?“
„Äh, wie kommst due denn jetzt darauf?“
„Sag einfach den Namen. Das reicht mir schon und du bist mich los.“
„Ich wusste gar nicht, dass du davon was weißt.“, antwortet er und gibt ihm den Namen des Malers durch und sagt kurz noch etwas dazu. Karl bedankt sich und legt auf. Dann grinst er seine kleine Schwester an und stupst ihr schelmisch auf die Nase.
„Du hast Recht. Es ist der alte Herr. Du Naseweis.“
Begeistert, dass sie ihn erkannt hat, klatscht sie in die Hände und dreht sich im Kreis.
„Juchu. Ich hatte Recht. Es ist Bijou.“ Mit einem Lächeln betrachtet er die Geschwister.
‚Die Kleine ist wirklich ein sehr fröhliches Kind. Er wirkt etwas distanzierter und reif für sein Alter. Sein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Wenn er eben tatsächlich Sir Pierre angerufen hat, woher kennen die sich und wer sind die beiden?
So wie die Kleine vorhin auf die Stelle gezeigt hat, weiß sie genau wie dicht sie an ein Bild herangehen darf. Sie hält einen gesunden Abstand. Ich hatte zuerst Angst, sie würde es anfassen.‘
Plötzlich klingelt Karls Handy. Pierre ruft an.
„Karl, seid ihr etwa gerade bei dem Maler? Kommst du deswegen darauf?“
„Ja. Warum fragst du?“
„Okay, alles klar. Er ist sehr nett. Er gehört zur Familie. Eine Art Großonkel von mir.“
„Echt? Ich verstehe. Danke für die Info.“
Karl wendet sich dem Maler erneut zu.
„Sie sagten, Sie hätten einen Tipp wo wir gute Stifte herbekommen. Hätten Sie da eine Adresse für uns, dann könnten wir mit dem Taxi hinfahren.“
„Ja, sehr gerne.“ Er geht an die Kasse und schreibt das Nötigste auf einen Notizzettel und reicht es ihm dann. Marie schaut sich der Weile weiter im Laden um und betrachtet ein Bild nach dem Anderen.
„Karl-Heinz, am liebsten…würde ich jetzt auch was zeichnen.“, schnieft sie plötzlich traurig und starrt dabei auf eine Bleistiftzeichnung eines Pantomime-Künstlers, der neben dem Eifelturm steht. Er hockt sich neben sie und sieht zu ihr auf.
„Aber das geht doch jetzt nicht. Wir müssen zuerst die Stifte besorgen, dann kannst du so viel zeichnen wie du willst. Ich habe jetzt die Adresse.“
„Hast du auch…nach Stoffen und Nähgarnen gefragt?“
„Wozu brauchst du die denn? War da nicht alles schon im Puppenset mit drin?“
„Ja schon, aber die Garne reißen in der Regel schnell und die Stoffe reichen nicht aus für das was ich alles machen will.“
Karl fragt den Künstler nach einem Laden für Nähbedarf.
„Oh, wozu werden die Stoffe denn gebraucht?“, fragt er sie. Karl übersetzt, obwohl er auch antworten könnte. Marie geht zum Karton, und der Tüte aus dem Spielzeugladen.
„Karl, hilfst du mir bitte mal?“ Er hilft ihr natürlich die große Puppe und das Nähset herauszuholen.
„Für die Puppe. Ich will ihr einen ganzen Kleiderschrank voll nähen. Mit ganz vielen Sachen, die sie anziehen kann.“ Es wird wieder übersetzt.
Der Mann grinst freundlich und schaut zu Marie herab und dann berührt er kurz den Karton von der Puppe, die gut bei 100cm groß ist und bereits eine Frauenfigur hat.
„Du willst eine Designerin werden?“, lächelt er. Das hat Marie verstanden. Ein klein wenig Englisch versteht sie, die wenigen Wörter, die sie in der Schule hatte oder bereits im Fernsehen oft vorkommen.
„Ja, ich will…Mode designen.“, sagt sie dann vorsichtig in Englisch.
„Wie alt bist du?“
„Ich werde im Oktober 11 Jahre alt.“, kann sie auch das bereits sagen.
Nach dem angenehmen Aufenthalt bei dem Künstler verlässt Marie freudestrahlend mit der Tüte Stoffresten und den schönen neuen Buntstiften in der Schachtel als Erste den Laden. Karl unterhält sich noch etwas mit dem Mann und Marie ist jedoch schon hinausgegangen. Sie steht vor der Eingangstür, hat bereits die Stufen passiert und schaut nochmal die Bilder an, als plötzlich jemand um die Ecke gerannt kommt, versehentlich mit dem Arm an ihrer Tüte verhakt und sie mit seinem enormen Schwung etwas mit sich reißt. Beide stürzen dadurch zu Boden, er rollt durch seinen enormen Schwung noch gut zwei Meter weiter, fast bis auf die Straße und der Inhalt der Tüte verteilt sich auf dem Gehweg. Marie schreit laut auf vor Schreck und der Junge, 12 Jahre alt, sieht sie wie verwirrt an und weiß so schnell gar nicht was passiert ist. Marie fängt vor Entsetzen an zu weinen, als sie ihre schönen Stifte durch die Gegend kullern sieht. Außerdem hat sie furchtbare Angst, dass ihr neues Kleid dadurch kaputt gegangen ist.
‚Oh nein. Ausgerechnet jetzt. Wo kam sie denn plötzlich her?‘ Sein Puls ist auf 180, denn er ist sehr in Eile bzw. auf der Flucht. Natürlich steht er schnell auf und eilt zu ihr, um ihr aufzuhelfen.
„Es tut mir leid. Ich…ich helfe dir.“, spricht er sie keuchend an, denn er ist sehr schnell gelaufen und muss sich erst wieder etwas fangen. Ab und zu schaut er zur Hausecke. Marie sieht ihn mit ihrem verweinten Gesicht an und schüttelt den Kopf.
„Ich…verstehe nichts.“, sagt sie völlig verweint. Ihr ist sofort klar, dass das keine Absicht war und so wie er sie anspricht, höflich sein will.
„Oh, ich…spreche auch Deutsch. Es tut mir leid. Ich…helfe dir. Habe…ich dich…verletzt?“, blickt er zu ihr herab und reicht ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Maries Herz klopft ganz doll. Wieso spricht der Junge denn Deutsch und warum sieht er Genzos Freunden so ähnlich?
„Bist du…ein…Freund…von Genzo?“, fragt sie ihn und wischt sich die Tränen weg. Ihr wird warm, weil ihr der Gedanke daran, einer von Genzos Freunden wäre so nett wie er, Freude macht. Von Weitem konnte sie sich natürlich die Gesichter bei den Spielen nicht merken.
„Genzo? Äh…meinst du…Wakaba…yashi?“, stottert er sich zurecht und starrt sie verwundert an.
‚Was meint sie denn damit? Kennt sie ihn etwa persönlich? Das klingt so. Aber das kann doch gar nicht sein. Hier sind so viele deutsche Fans und ausgerechnet sie will ihn kennen? Sie meint sicher, ob ich zum Japanteam gehöre oder ob ich Japaner bin, aber nicht sein Freund.
Plötzlich wollen alle wissen ob ich Japaner bin, früher hat das keinen interessiert, ich war einfach nur für alle ein Asiat.‘
„NEIN, ist er nicht!“, ertönt plötzlich Karl-Heinzs feste Stimme. Er steht noch auf der Treppe und beobachtet die beiden. Der junge Japaner schaut zu ihm.
‚Wer ist das? Und warum…sagt er das?‘ Er sieht in das Gesicht mit einer Sonnenbrille, viel zu sehen ist da nichts, nur dass der Junge älter zu sein scheint als er und auf der Treppe stehend in seiner Kopfhöhe ist.
Plötzlich sind mehrere französische Jungen-Stimmen zu hören. Sie kommen erstaunlich schnell näher und werden immer lauter. Der Junge schreckt auf und schaut zur Gebäudeecke. Er bereitet sich darauf vor weiterzulaufen.
‚Verdammt, sie sind gleich hier.‘
„Entschuldigt, ich…ich muss los. Keine Zeit.“, er dreht sich um und sieht noch kurz zu Marie, wie sie noch immer am Boden auf dem Po sitzt und verzweifelt nach ihrem Kleid schaut.
„Wo ist der Feigling hin?“
„Keine Ahnung, schau mal…dort liegt was auf dem Weg, gleich um die Ecke. Ob er jemanden bei der Rennerei umgehauen hat?“
„Gut möglich, los, Jungs, hinterher. Ich habe vorhin noch jemanden laut schreien gehört.“
„Stimmt, kam aus der Richtung.“
Kurz darauf kommen die vier Jungs um die Ecke und entdecken ihn. Einer zeigt mit dem Finger auf ihn.
„HEY, DU! Das Weglaufen wird dir nicht helfen!“, wird gebrüllt. Die Geschwister verstehen natürlich nichts. Der Junge weicht zurück und blickt direkt zu der Gruppe, wie sie auf ihn zugehen. Marie sieht ängstlich zu der Gruppe.
„Was wollen die von dir?“
„Das…wüsste ich auch gerne. Ich…muss weg. Tut mir leid.“, meint er dann hastig und läuft dann wieder los. Kurz darauf bleibt er drei Ladentüren weiter stehen und schaut verwundert zurück.
‚Wieso höre ich nichts? Warum folgen die mir denn nicht?‘, wundert er sich und sieht, wie die vier vor Marie stehen, statt ihm wieder nachzulaufen und ihn wie zuvor durch die Straßen zu jagen.
„Na Kleine? Hat er dir wehgetan?“, spricht einer von ihnen mit einem niedlichen Ton zu ihr herab und reicht ihr die Hand.
Marie knurrt ihn nur an und hält ihre Hände an die Brust.
„Geht weg! Geht weg!“, spricht sie auf Englisch.
„Wie, du bist gar keine Französin?“, spricht er wieder in seiner Heimatsprache. „Du bist eine deutsche Touristin?“ Marie nickt, die zwei wichtigen Worte kann sie auch in Französisch erkennen und ihr kommen wieder ein paar Tränen.
‚Was wollen die denn? Ist der nette japanische Junge vor ihnen weggelaufen? Wollen die ihm wehtun? Aber warum denn?‘
„Eine Deutsche? Gut, bleiben wir hier…das geht natürlich auch.“
„Wie jetzt?“
„Ihr werdet sehen. Der kommt wieder. Er ist sowieso zu schnell für uns.“, grinst dieser.
„Hey, Yamamoto! Wir bleiben jetzt hier bei deiner neuen kleinen deutschen Freundin. Ist dir das lieber?“
‚Wie jetzt? Was haben die denn vor? Wieso ziehen die jetzt die Kleine mit rein? Die wollen doch nur was von mir.‘ Ohne es zu kommentieren, beobachtet er die Situation skeptisch. Der Junge, der direkt bei Marie steht und ihr zuvor die Hand reichte, bückt sich und hebt ein paar Stifte auf. Dann sieht er mit ihnen in den Händen direkt zu Yamamoto. Provokativ grinst er ihn an und zerbricht sie in der Mitte. Als Marie das sieht, fängt sie wieder laut an zu weinen und beschimpft ihn als gemeinen Kerl und, dass er mit seinen drei anderen Jungs gehen soll. Weinend hockt sie immer noch auf dem Boden und beginnt nun ihre Stifte einzusammeln, die sie zuvor von dem freundlichen Künstler geschenkt bekommen hatte.
„Ihr seid ein Haufen Feiglinge.“, kommen unerwartet strenge Worte von Yamamoto und ohne weiter darüber nachzudenken, läuft er natürlich zurück und stellt sich zwischen Marie und dem Fiesling. Sein Blick ist plötzlich sehr wütend.
„Vergreift ihr euch auch an kleinen Mädchen? An jemanden, der sich nicht wehren kann?!“
„Was willst du dagegen tun? Sie ist Deutsche, oder? Ihr habt doch eben geredet. Wo sind denn ihre Eltern? Die Deutschen kann ich noch weniger leiden als DICH!“ Marie steht plötzlich auf und schaut zornig zu dem Jungen auf, der die zerbrochenen Stifte noch in den Händen hat. Verstehen tut sie nichts. Sie reicht ihm mutig die Holzbox vor die Hand, damit er sie hineinlegen kann.
„Gib mir meine Stifte wieder.“, sagt sie mit ihrer verweinten Stimme.
„Was sagt sie?“, stutzt er und wundert sich über ihren Mut ihn anzusprechen.
„Gib ihr einfach die Stifte wieder.“, formuliert Shinichi es um.
Karl hält sich bewusst etwas zurück und versteckt sich in seiner Position hinter der Wand am Eingangsbereich, so dass man ihn nicht sehen kann. Nur Marie und Yamamoto haben ihn im Blick.
‚Karl, du versteckst dich? Dann…ich verstehe.‘, weiß Marie Bescheid, denn solche komischen Situationen haben sie früher für Notfälle geübt. Sie weiß, sie soll Zeit schinden, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. So hat es Karl ihr beigebracht, wenn man weiß, dass man unterlegen ist. Seit der Angriffe von Fans auf ihre Familie, hat er sich diese Taktik für sie einfallen lassen, um sie zu beruhigen und damit sie nicht in Panik gerät, sondern stattdessen unauffällig die Situation beobachtet.
‚Es ist interessant, dass er jetzt plötzlich nicht mehr weglaufen will. Warum sind die Jungs denn überhaupt hinter ihm her? Er ist doch eindeutig vor ihnen weggelaufen. Sein kurzer Sprint eben, waren gut 50 Meter und er war erstaunlich schnell.‘
Shinichi Yamamoto wundert sich etwas, aber er versucht sich ruhig zu verhalten, denn irgendetwas hat es zu bedeuten, dass der deutsche Junge ihm mit einem Zeigefinger auf den Lippen klar machen will zu schweigen. Unauffällig gibt er ihm ein Handzeichen, so wie er es im Training gelernt hat, in der Hoffnung, dieser deutsche Junge versteht es, weil er Fußball mag, eventuell spielt er auch und kennt die Grundlagen. Immerhin scheint die kleine Schwester, oder wer sie sein mag, Genzo zu kennen und zu mögen. Sie hätte ihn doch sonst nicht erwähnt oder seinen Vornamen genannt.
‚Oh, interessant. Er gibt mir ein Okay aus dem Grundlagenbuch? Dann spielt er auch Fußball?‘ Karl ist erstaunt, als er sich bückt und so tut, als würde er Marie helfen die Stifte aufzusammeln.
‚Wow, er hat es glaube verstanden. Wer sind die beiden? Dass die Kleine plötzlich so mutig ist diesen Deppen anzusprechen, das muss damit zu tun haben.‘
„Geht bitte, ihr seht doch, dass ich ihr jetzt helfen muss. Oder worauf wartet ihr?“, spricht er den angeblichen Chef der Band ruhig an, aber ernst an. Nach dem Bücken steht er direkt vor ihm und sieht ihm in die Augen. Sie sind sich fast gleichgroß. Er legt die Stifte in die Kiste.
„Wir sind noch nicht fertig mit dir, Japse. Dann erledigen wir das eben so.“ Ein gehässiger Blick kommt von dem Jungen und er hebt die Hand. Die anderen drei umstellen Shinichi und Marie. Zum Glück eher vor das Geschäft und nicht zur Straße hin. So wird Karl noch immer nicht entdeckt.
„Verschwinde, Kleine.“, spricht der Anführer sie an und zeigt mit der Hand zur Seite, damit sie ihn auch versteht. Marie jedoch schüttelt mit dem Kopf und statt zu gehen, klammert sie sich plötzlich an Shinichis T-Shirt und fängt wieder an zu weinen.
„Geht weg. Ihr dürft…ihm nicht wehtun.“, schluchzt sie laut. Shinichi ist sehr verwundert, dass sie sich für ihn einsetzt und riskiert mit reingezogen zu werden.
„Du solltest lieber gehen. Geh in den Laden hinter uns. Okay? Ich komme klar. Geh in den Schmuckladen, zum Juwelier. Dort bist du sicher. Ich kenne die Leute. Die verstehen dich, sag ihnen, dass sie die Türen schließen sollen.“, spricht er sie an und zeigt zum Laden. Marie schaut sich um, als würde sie zum Laden sehen wollen und schweift an Karl Blickkontakt vorbei. Er nickt ab.
‚Oh, ich soll es tun?‘ Karl zeigt mit der Hand auf seine Uhr. Sie weiß, es bedeutet, dass sie sich etwas Zeit lassen soll.
„Okay, wie…heißt du überhaupt?“
„Ich…heiße Shinichi…Shinichi Yamamoto.“ Sie nickt und lächelt.
„Fragst du die, ob ich meine Stifte noch einsammeln darf?“
„Die Kleine geht jetzt weg. Kann sie ihre Stifte noch einsammeln?“
„Ist okay.“, kommt erstaunlicherweise als Antwort.
„Helft ihr!“, ordnet er an, jedoch kommt einer seiner Jungs zu ihm und flüstert ihm was ins Ohr.
„Die wollen Zeit schinden, merkst du das nicht? Da stimmt was nicht.‘ Natürlich wird der Anführer skeptisch und lässt die Situation nicht so stehen.
„Wartet Jungs, die wollen uns verarschen!“, ertönt er streng und geht auf Shinichi los und packt ihm plötzlich am Kragen.
„Wollt ihr uns etwa zum Narren halten?!“
„Wir müssen hier weg, sofort!“, meint einer dann.
„Lasst die Kleine gehen, dann komme ich mit. Ich lauf auch nicht weg.“, bietet Shinichi einen Deal an.
„Ehrenwort? Wenn du dich danach doch losreißt, dann prügeln wir dich windelweich. Da kannst du noch so laut jammern.“
„Das…macht ihr doch sowieso. Oder was soll das hier dann alles?“
„Deswegen bist du auch gerannt wie ein Hase, aber jetzt…vor ihr spielst du den Helden, was?“ Es bleibt unkommentiert. Sie sehen sich beide streng an.
„Lasst sie gehen. Ihr könnt mich haben, ich komme mit, aber nicht hier…nicht vor der Kleinen.“
„Ich hörte mal, Japaner seihen Ehrenmänner, stimmt das auch auf dich zu? Feige seien sie auch nicht. Aber wahnsinnig hartnäckig. Stimmt das?“
„Ja, das trifft zu.“ Wütend greift er fester am Kragen zu und zieht ihn etwas näher zu sich.
„Und warum läufst du dann weg, wie ein Feigling?“ Plötzlich packt Shinichi wütend seinen Arm, der ihn festhält und kneift ihm ins Handgelenk, so dass er ihn vor Schmerzen loslässt. Diesen Moment nutzt er und stößt ihn kräftig zurück, weg von sich und spricht mit fester Stimme.
„Weil ich keine Zeit und Lust dazu habe, mich mit euch Idioten rum zu kloppen!“ Im selben Augenblick sehen alle verdutzt zu den beiden. Marie ist total überrascht und lässt ihn los. Sie schreckt auf und starrt die beiden ebenso nur an.
‚Wie mutig er ist. Wer ist dieser Shinichi? Was hat er ihm jetzt gesagt? Das klang so streng.‘
„Du wagst es also doch…na warte!“ Der Anführer holt plötzlich aus, aber Shinichi blockt seine Hand, indem er sie vor seinen Augen festhält.
„Tu es jetzt. Sofort.“, spricht er laut auf Deutsch und plötzlich kommt Karl-Heinz aus seinem Versteck, schnappt sich Marie und geht sofort mit ihr an die Seite. Alle sehen ihn verdutzt an.
„Wer bist du denn?!“
„Marie, lauf zum Schmuckladen, sofort. So wie er sagte.“
„Aber…du.“
„Los!“, schubst er sie liebevoll in die Richtung des nächsten Geschäfts und blickt sie streng an. Sie nickt und läuft dann einfach los. Vor dem Laden an der Tür stehen zwei Verkäuferinnen und beobachteten bereits das ganze Geschehen seitdem Shinichi wieder zurückgelaufen kam.
„Komm Kleine. Hier bist du sicher. Das sind ganz üble Burschen.“, wird sie herzlich empfangen. Die Frauen nehmen sie mit rein und schließen dann die Tür ab.
„Du kennst die Leute wirklich?“, fragt Karl nochmal nach und stellt sich dann hinter ihn. Nun stehen sie sich Rücken an Rücken und die Vier sind nur auf sie fixiert.
„Ja, sie ist in Sicherheit.“, antwortet er schnell und hält noch immer die Hand fest, die ihn zuerst schlagen wollte. Sie wird erstaunt zurückgezogen.
„Wer ist das? Die Kleine war also doch nicht alleine.“ Er lässt von ihm und wendet sich Karl zu. Er geht um sie herum, seine Lücke wird von einem anderen geschlossen.
„Wer bist du denn?“
„Sprich Englisch, wenn du was von mir willst.“, knurrt Karl ihn klar aber in normaler Lautstärke an.
„Nimm gefälligst die Sonnenbrille ab, wenn ich mit dir rede, Deutscher!“, faucht er zurück. Die Anspannung steigt enorm an und jeder, der die Jungs sehen kann, spürt sie in der Luft.
„Diese Kerle, sind echt das Letzte. Erst vorletzte Woche hat diese Band wieder rumrandaliert und in der anderen Straße nachts die Fenster beschmiert.“
„Ach das sind die? Sie sollen auch schon in der Kirche die Spendenbox geklaut haben.“
„Und ständig findet man jemanden verprügelt im Park. Wie lange soll das gehen?“, wird ringsherum viel getuschelt.
Vorurteil
Kapitel 14
Vorurteil
„Was soll das bringen? Immerhin kannst du Englisch sprechen. Nimm deine Jungs und verschwindet einfach und wir vergessen die ganze Sache hier. Noch ist nichts passiert.“, schlägt er ihnen vor.
„Von dir lasse ich mir nichts sagen. Wer bist du? Wer ist die Kleine? Deine Schwester?“
„Richtig, meine Schwester. Ihr habt ihr Angst gemacht. Was soll das Ganze hier? Was wollt ihr von ihm?“
„Ich glaube, du wusstest eher, dass wir die Kleine nicht gehen lassen wollten, oder? Hast du sie deswegen befreit?“
„Ich traue Niemandem, und euch schon gar nicht.“, kommt mit fester Stimme.
„Er soll verschwinden und sich nicht mehr sehen lassen. Wir brauchen keine Japaner bei uns.“, haut einer raus.
„Meinst du in Frankreich?“, hakt Karl skeptisch nach.
„Deutsche brauchen wir auch nicht, noch weniger als die.“
„Verstehe, ich bin nur Tourist, wo ist da dein Problem?“
„Ich habe zwei Staatsbürgerschaften, geboren zwar in Japan, aber ich lebe hier. Frankreich ist meine Heimat.“, bringt sich Shinichi ein.
„Und wieso sprichst du Deutsch?“
„Weil meine Mutter wiederum als Japanerin in Deutschland aufgewachsen ist. Das ist eben ihre Heimat. Ich wachse dreisprachig auf.“
„Ich verstehe. Ist mir aber egal. Lass dich nie wieder auf unserem Platz blicken, klar?“, grunzt der Kerl Shinichi an.
„Ich bestimme nicht wo ich spiele. Das bestimmt der Verein.“ Er dreht sich zu ihm und stellt sich neben Karl-Heinz.
‚Er spielt also wirklich in einem Verein.‘, ist Karl sich nun sicher.
„Deutscher, nimm endlich die Brille ab. Ich will dich sehen. Oder versteckst du dich vor mir?“
„Du musst dich so zufriedengeben.“, kommt streng.
„Du bildest dir ganz schön was ein, Deutscher. Stehst hier so aufgeplustert da und tust als wärst du Sonstwer. Du Schnösel trägst deine Nase ganz schön hoch.“ Plötzlich greift er in seine Kopfhöhe und will seine Sonnenbrille herunterschlagen, doch Karl blockt mit dem linken Arm ab und hält seinen Arm fest. Die Hand bleibt kurz vor seiner Nase stehen.
„Ich warne dich, fass mich nicht an!“ Die anderen werden unruhig und nähern sich deutlich, um ihren Anführer zu unterstützen.
„Was wagst du es?!“, kommt zornig von den anderen. Der Grobian vor Karl-Heinz packt ihn am Kragen, doch ehe er ihn richtig zupacken kann, schlägt Karl ihm mit einem gewaltigen Schwung die Beine weg, so dass er zu Boden fällt und Karl ihm ausweicht.
„Fass mich nicht an! Das wird dich teuer zu Stehen kommen!“ Schmerzerfüllt sieht er zu ihm auf. Seine Knie sind aufgeschlagen und seine Hände aufgeschrammt, weil er sich abstützen musste. Der Kerl steht wütend auf und will Karl in seiner Rage sofort wieder angehen, doch da geht Shinichi selbst dazwischen und fängt seinen Faustschlag ab.
„Lass ihn. Er hat nichts damit zu tun!“, fordert Shinichi ihn auf, endlich aufzuhören. Ihm ist jedoch klar, dass das nicht viel bringt. Die anderen gehen plötzlich auf die beiden los und versuchen sie zu erwischen, doch die beiden können ihnen gut ausweichen, ohne sich selbst groß zu verletzen. Ihre Fäuste landen in der Luft und erreichen sie nicht. Jedoch drängen die vier Kerle, die eindeutig älter als die beiden sind, sie Rücken an Rücken zusammen und erneut werden sie am Kragen gepackt.
„Jetzt passt mal auf, ihr zwei Helden! Verpisst euch aus unserer Stadt!“
„Genau! Yamamoto, geh zurück zu deinen Freunden. Wir wollen dich hier nicht haben!“ Karl flüstert Shinichi etwas zu und dieser stimmt nur leise seinem Vorschlag zu.
„Das sind nicht meine Freunde. Ich kenn die Jungs überhaupt nicht!“, kommt unverständlich von Shinichi zurück.
„Und du Kohlkopf. Nimm diese dämliche Snob-Sonnenbrille ab, sonst schlage ich sie dir herunter und wir prügeln auch dich K.O.!“
„Ach? Meinst du etwa so, wie den Typen im Park? Ich habe da was gelesen. Gestern früh in der Tageszeitung.“, provoziert Karl den Anführer plötzlich bewusst.
„Genauso! Der wollte auch nicht gehorchen!“, faucht der Kerl ihn dann an und grinst erzürnt. Er setzt zum Schlag an und plötzlich grinst Karl-Heinz ihn an und nimmt seine Brille ab.
„Das solltest du lieber lassen, wenn du nicht gerade bis an dein Lebensende Schmerzensgeld an mich zahlen willst.“ Kurz darauf schreit der Typ laut auf, auch die anderen drei, die zeitgleich auf die beiden einschlagen wollten schreien plötzlich laut auf und fallen zu Boden. Die Jugendbande hatte sich so sehr auf die beiden konzentriert, dass sie nicht bemerkten, dass sich inzwischen die Polizei näherte. Die Polizisten schlichen sich unaufmerksam heran und warteten noch das Geständnis ab, bis sie dann jeweils ordentlich mit dem Knüppel zuschlugen. Sofort werden die Jungs im Alter von etwa 16 bis 17 Jahren festgenommen und abgeführt. Sie rufen noch wütend nach Yamamoto und bezeichnen ihn als Verräter und Betrüger.
Einige Beamte bleiben bei Karl und Shinichi stehen und bedanken sich für die Zivilcourage und den guten Plan, die Bande endlich festzunehmen.
„Das war eine super Leistung, Jungs. Wir sind schon seit drei Monaten hinter diesen Kerlen her. Aber immer fehlten die Beweise. So richtig wusste keiner wer sie sind. Sie waren sehr mutig.“, äußert einer der großen Männer.
„Jo, und dann so ein guter Plan, der aufgegangen ist. Ihr Jungs solltet später zu uns kommen, solche Männer können wir gebrauchen. Mutig, klug und stark.“, lobt der Kommissar. Karl-Heinz richtet sein Shirt wieder zurecht und sieht sich seine Hose an.
„Ich hasse Gewalt und habe auch nicht das Interesse mich damit groß auseinanderzusetzen. Aber danke für das Kompliment.
Ich möchte jetzt zu meiner Schwester. Kann ich zu ihr gehen, dann bin ich sofort für Sie da?“, fragt er höflich und besorgt. Eine junge Beamtin darf mit ihm zum Juwelierladen gehen. Die Frauen aus dem Laden öffnen die Tür, als sie die Polizistin mit Karl-Heinz zusammen sehen und sofort läuft Marie in seine Arme.
„Karl-Heinz. Geht es dir gut? Haben die dir wehgetan?“
„Nein, alles ist okay. Die Polizei hat die bösen Jungs mitgenommen. Die werden niemandem mehr wehtun.“
„Ich bin ja so froh. Und der japanische Junge? Wie geht es ihm?“
„Auch ihm ist nichts passiert. Schau mal dort rüber. Siehst du?“ Karl zeigt zu Shinichi, wie dieser sich mit einem Polizisten unterhält. Die anderen sammeln die Stifte und die Stoffreste ein, die noch überall verteilt sind.
Einer der großen Polizisten findet jedoch neben den Stiften noch etwas anderes. Als er einen Schritt macht und etwas vor seinem Fuß klappert. Es ist ein goldenes Schmuckstück. Verwundert hebt er es auf und betrachtet es.
‚Nanu, eine Haarspange? Beinahe wäre sie ins Straßen-Gullie gefallen. So unscheinbar lag sie eben unter dem Papierfetzen. Ob es dem kleinen Mädchen gehört?‘ Er richtet sich auf, schaut zu Marie rüber und zweifelt dann aber.
‚Moment. Der Kommissar sagte, der japanische Junge habe das Mädchen angerempelt und die Jungs verfolgten ihn.‘ Dann sieht er zu Shinichi und betrachtet ihn genauer. Er trägt nur einen einfachen hellgrauen Jogginganzug, überhaupt nicht typisch Französisch. Dann ist er überall dreckig und hat einige nassen Flecken an der Hose und auch am Shirt. Sogar seine Knie sind aufgeschlagen, das ist ihm vorhin schon aufgefallen.
‚Wieso sieht er so dreckig aus, wenn er doch eben kaum angegriffen wurde? Der andere ist auch nicht so schmutzig.‘ Er betrachtet die Haarspange in der Hand und sieht sie genauer an.
‚Ein Edelweiß? Und dann eine deutsche Gravur? Mut und Stärke, hm. Das trägt man hier nicht mehr, aber eventuell in Deutschland. Wer sagt denn, dass dieser Junge nicht zu den anderen gehört? Oder…er sorgt nur für…Ablenkung, um die Touristen zu beklauen?‘, kommt er zu einer absurden, aber möglichen Theorie, denn in seiner langen Dienstzeit hat er schon viele Trickbetrüger kennengelernt. ‚So eine Haarspange bringt im Einschmelzen mindestens noch 700 Franc. Davon könnten sich die Jungs eine gute Portion Drogen holen.‘ (etwa 208 DM).
Er geht mit der Haarspange zum Kollegen, der sich mit Shinichi unterhält und bleibt neben ihm stehen, flüstert ihm etwas zu und zeigt ihm unauffällig die Spange.
Shinichi wundert sich zwar, aber denkt sich weiter nichts dabei.
„Was meinst du? Dieser Bursche könnte auch zu ihnen gehören und das Ganze war eine Ablenkung oder er hat seine Kumpel verraten und beklaut. Immerhin haben sie ihn als Verräter bezeichnet und beim Namen genannt. Das kann doch was bedeuten?“
„Sie meinen also, er könnte kein Opfer, sondern Mittäter sein?“
„Das habe ich oft erlebt. Ein deutlich jüngeres Bandenmitglied macht die Diebstähle, ihn können wir nicht so belangen wie die älteren. Er könnte sie selbst bestohlen haben und deswegen waren die hinter ihm her.“ Beide sehen sich Shinichi nochmal genauer an.
„Wir sollten ihn auch mitnehmen. Er ist erst 12 und kann sich wie die anderen nicht ausweisen. Der Verdacht ist nah.“ Die Polizisten überlegen noch.
„Sie haben Recht. Er könnte zu ihnen gehören, so wie er aussieht.“ In dem Moment, als sie Shinichi auf die Haarspange ansprechen wollen, kommt Marie aufgeregt zu ihm gelaufen und klammert sich an ihm fest. Begeistert schaut sie strahlend zu ihm auf.
„Shinichi. Haben sie dir weh getan?“ Er schaut zu ihr herab und lächelt liebevoll.
„Nein Kleine, alles gut. Als die mir wehtun wollten, bin ich doch weggelaufen. Ich bin viel schneller als die.“, grinst er.
„Wirklich? Die waren böse und gemein. Sie haben einfach meine schönen Stifte kaputt gemacht. Danke, dass du mich beschützt hast, Shinichi. Das ist doch richtig ausgesprochen, oder?“
„Ja. Aber ohne deinen großen Bruder, wäre es sicher anders gelaufen.“
„Karl-Heinz ist sehr stark und sehr klug. Er hat mir das beigebracht.“
„Was hat er dir beigebracht, Kleines? Wie heißt du eigentlich?“, fragt der Kommissar freundlich. Sie strahlt stolz zu ihm auf.
„Ich heiße Marie, Marie Schneider. Und mein großer Bruder heißt Karl-Heinz. Er hat vorgestern gegen Genzo und seine Freunde aus Japan gespielt. Leider hat er verloren.
Aber er war gestern noch bei unserem Freund Pierre und der hat auch gegen Genzos Freunde verloren und dann waren wir heute den Tag zusammen bummeln. Und Karl-Heinz hat mir das Kleid gekauft und noch andere Sachen. Und dann haben wir uns die schönen Bilder angesehen. Er ist der liebste Bruder, den man sich wünschen kann.“
„Hast du einen Ausweis bei dir, kleine Mademoiselle?“, kommt der zweifelnde Beamte zu ihr herunter und lächelt freundlich.
‚Die plappert ja wie ein Wasserfall. Sie erinnert mich an meine Tochter.‘ Marie greift in ihre kleine Handtasche und holt einen Reisepass heraus. Sie gibt ihm diesen. Er schaut ihn sich genau an. Ihre Angaben stimmen soweit.
„Hast du zufällig etwas verloren? Vielleicht einen Haarschmuck?“ Fragt er gezielt. Marie schüttelt verwundert den Kopf.
„Nein. Sowas habe ich nicht.“ Sie schaut daraufhin an ihrem Kleid herab und schluchzt etwas, als sie die aufgerissene Naht sieht.
„Diese bösen Jungs sind schuld. Mein schönes neues Kleid ist kaputt.“
‚Schneider? Und ihr Bruder heißt Karl-Heinz? Er ist doch nicht etwa der junge Kaiser Schneider? Und wieso fragt die Polizei nach Haarschmuck?
Moment. Haarschmuck? Wo habe ich es denn?‘, überlegt Shinichi und wühlt in seinen Hosentaschen herum.
‚Schade. Ist weg. Muss bei der Aktion rausgefallen sein. Ihr hätte ich sie doch geben können.‘ Er schaut sich etwas suchend um und geht in die Richtung wo er zuerst lag, nachdem er gestürzt war. Er bückt sich und versucht unter dem Müll genau zu schauen. Der Hauptkommissar geht zu ihm.
„Suchen Sie etwas?“
„Ich habe heute früh tatsächlich son Haarteil gefunden. Sie bringen mich deswegen auf die Idee. Wenn Sie danach fragen, vielleicht wird es gesucht und Sie wissen wem es gehört.“, redet er ehrlich und sucht weiter.
„Gefunden?“
„Als ich durch den Park gejoggt bin fiel mir das Ding quasi aus dem Nichts vor die Füße. Einfach von oben, aus dem Himmel. Naja. Ich habe es eingesteckt und dachte mir, ich werde es einem netten Mädchen schenken, dem ich begegne. Die Kleine hätte sich bestimmt gefreut.
Aber sie ist bestimmt aus meiner Tasche gefallen als ich gestürzt bin.“
„Hm.. ich verstehe. Vor die Füße gefallen? Wie sah der Schmuck denn aus?“
„Eine goldene Haarspange mit einer Blume drauf. Einem Edelweiß. Es ist graviert mit deutschen Worten.“ Der Hauptkommissar greift in seine Tasche und holt die Spange heraus.
„Könnte es diese sein?“ Shinichi lächelt ihn fröhlich an.
„Genau. Wow. Wo haben Sie die gefunden?“
„Beim Aufsammeln der Stifte wäre sie beinahe ins Gullie gerutscht.“
„Da hatte ich aber Glück.“ Er reicht ihm die Hand wie selbstverständlich hin und der Polizist gibt sie ihm wieder und sieht ihm in die braunen ehrlichen Augen.
‚Ich glaube er sagt die Wahrheit. Hätte er sie gestohlen, würde er wenigstens etwas nervös werden. Aber mit so einem klaren Blick und das Lächeln dazu.‘
„Wie heißen Sie? Und Sie sind wirklich erst 12 Jahre alt? Sie sind schon so groß.“
„Ja, ich bin letztes Jahr echt schnell gewachsen. Meine Eltern müssen ständig neue Sachen kaufen. Ständig tut mir alles weh, deswegen. Das nervt echt. Ich habe teilweise schon kein gutes Fallgefühl mehr deswegen. Mein Name ist Shinichi Yamamoto. Ich habe wie gesagt meinen Ausweis im Spint liegen, im Vereinshaus. Ich wollte nur mein Lauftraining machen und dann kamen die Kerle plötzlich zu mir und wollten mich verprügeln, aber ich bin ihnen weggelaufen. Wenn ich meine Mutter anrufen könnte, könnte sie herkommen oder Vater schicken.“
„Das klingt nach einem guten Plan. Ohne Ihre Eltern kann ich Ihre Identität nicht wirklich prüfen.“ Er gibt kurz einen Funkspruch durch, ob jemandem bekannt ist, dass eine goldene Haarspange gesucht wird. Es kommt keine Bestätigung.
Shinichi geht zu Marie, unterwegs nutzt er sein Shirt, um die Haarspange sauber zu machen. Er holt die Serviette aus der Tasche und nutzt diese, um sie danach wieder blank zu polieren. Dann steht er vor ihr und dem Leutnant. Marie sieht sofort wieder zu ihm auf, kaum dass er vor ihr steht.
„Schau mal, diese bösen Jungs haben mein Kleid kaputt gemacht.“, schnieft sie etwas. Er lächelt sie an und zeigt ihr die Haarspange.
„Schau mal. Diese Haarspange habe ich heute Morgen gefunden und sie würde perfekt zu deinen goldenen Haaren passen. Da steht auch etwas schönes drin.“ Marie strahlt ihn an.
„Oh, die ist aber schön. Sie sieht aus wie die Spange von einer Freundin. Und du willst sie mir schenken?“ Er reicht sie ihr rüber.
„Schau mal auf die Gravur. Das kannst du bestimmt gebrauchen. Mutig bist du ja schon. Du warst sehr mutig.“, lächelt er sie liebevoll an, als wäre sie seine eigene kleine Schwester und wolle sie loben. Marie nimmt die Haarspange freudig an und schaut sofort hinten auf die Gravur.
„Mut und Stärke“, liest sie begeistert und hält sich die Spange an die Brust. Dann klemmt sie die Haarspange gleich in die Haare. Leider fällt sie ihr gleich wieder heraus, weil die Haare zu dünn sind. Dann sieht sie den netten Leutnant an und reicht sie ihm.
„Würden Sie mir die Spange so festmachen, dass sie hält?“ Natürlich lässt er sich das nicht zweimal sagen.
„Ich würde sie oben festmachen, so macht das meine Tochter auch. Dann sind deutlich mehr Haare darin und vorne stören sie nicht. Oben mittig wie eine Art Pferdeschwanz.“
„Oh ja. Das klingt toll. Ich liebe Pferde. Und die schöne Spange gibt mir dann ganz viel Mut und Kraft. Meine Freundin, die auch so eine Spange trägt ist sehr stark und auch sehr mutig. Vielleicht werde ich dann auch mal so mutig und stark wie sie?“, sagt sie begeistert. Der Mann tut was er ohne Kamm hinbekommen kann und klickt die Haarspange zu.
„Perfekt. Sehr hübsch. Wie eine Prinzessin.“, sagt er lächelnd.
Es ist inzwischen spät am Abend und nach dem Abendessen sitzt Marie mit voller Begeisterung seit zwei Stunden an ihrer großen Puppe und den Malsachen. Die ersten Kleidungsstücke hat sie bereits gezeichnet und nun geht es an die Maße für die Puppe. Sie zeichnet mit der Seife auf dem schwarzen Stoff mit kleinen roten Herzen das letzte Teil Schnittmuster auf und greift zur Schere. Der ganze Fußboden in der Familiensuite ist an der Fensterfront belegt. Ihre Familie spielt Karten und sieht immer wieder begeistert zu ihr rüber. Als es langsam spät wird stehen die Eltern auf und gehen kurz hinüber ins Schlafzimmer, um die Rucksäcke für den Ausflug morgen ins Disneyland zu packen. Sie schließen die Tür hinter sich. Karl nutzt die Gunst der Stunde und geht zu Marie und setzt sich zu ihr auf den Boden.
„Das sieht wirklich schick aus, was du da machst. Ich bin sehr glücklich, dass du so viel Freude mit deinen Sachen hast.“
„Danke. Ich bin auch total glücklich. Du hast mir so viel Träume erfüllt, Karl-Heinz. Immer musste ich an sowas vorbei gehen. Das war schade. Und Mamas alte Nähmaschine ist vor Kurzem kaputt gegangen. So konnte ich nicht mal nähen was ich wollte.“
„Oh, wirklich? Dann sag Mama, sie soll sich von Papa eine neue wünschen. Dann hat er ein schönes Geschenk, neben seinem ganzen Schmuck.“, lacht er etwas. Karl greift nachdenklich zum türkiesen Stoff.
„Sag mal Marie. Würdest du für mich…diese Haarspange lieber in eine Schachtel legen, statt sie zu tragen?“, kommt er zu seinem Anliegen.
‚Das Ding irritiert mich zu sehr. Warum musste es auch ausgerechnet dieser Junge finden und ihr dann schenken. Ich wollte doch alles hinter mir lassen.‘ Marie schüttelt den Kopf.
„NEIN. Ich bleibe dabei. Ich behalte sie. Warum darf ich sie denn nicht tragen? Du hast Tina doch auch so eine geschenkt.“, meint sie dann plötzlich frei raus. Karl sieht sie überrascht an.
„Wie jetzt? Du weißt davon?“
„Natürlich…ich bin doch nicht blind. Du hast sie ihr geschenkt, weil du sie liebhast. Ich habe gesehen wie ihr euch mal geküsst habt. Keine Angst, ich sag Mama und Papa schon nichts.“ Er ist etwas verdutzt. Wie peinlich ist das denn, wenn die kleine Schwester einem beim Küssen erwischt.
„Marie…diese Haarspange. Sie…gibt es nur einmal. Es ist ein Unikat. Verstehst du was ich meine?“ Marie sieht ihren großen Bruder verwundert an.
„Ich weiß was das ist. So wie meine Kleider, die ich nähe. Alles Einzelstücke. Also…meinst du damit, dass Tina sie verloren hat? Dann müssen wir sie ihr zurückgeben.“ Karl seufzt und steht dann auf und schaut aus dem Fenster, über die Terrasse hinaus.
„Als ich mich gestern heimlich mit Tina getroffen habe, da hat sie mir die Haarspange wiedergegeben. Und heute früh, als ich mit Vater auf der Terrasse war, da habe ich sie von hier oben aus einfach in den Park geworfen. Ich wollte mit ihr abschließen. Alles neu beginnen, weil sie mit mir Schluss gemacht hat, weißt du? Verstehst du was ich meine?“ Sie steht auf und geht zu ihm. Dann macht sie die Spange aus dem Haar und reicht sie ihm.
„Aber…wieso? Wieso mag sie dich denn nicht mehr? Das ist doch gemein.“, schluchzt sie plötzlich.
„Sie mag mich, darum geht es nicht. Sie sagte, sie mag mich wie einen Freund, aber eben nicht…wie ein Liebespaar. Verstehst du? Und…nach dem Gespräch mit Papa…glaube ich…dass es auch bei mir so ist. Also…wir mögen uns sehr, aber eben nicht mehr.“
„Aber Tina ist doch immer so stark gewesen und wollte bei dir sein, war das nicht so? So habe ich das mal gehört.“
„Gefühle ändern sich, Marie. So ist das eben. Ich weiß doch auch noch nicht wirklich was Liebe heißt und irgendwann wirst du das verstehen.“
„Doch das weiß ich. Mama und Papa lieben sich doch jetzt wieder.“
„Ja, aber das ist auch wieder etwas anders. Sei sind schon viel älter.“ Karl nimmt ihr die Haarspange ab und betrachtet sie wieder.
„Dann wirf sie wieder in den Park. Bestimmt bekommt sie jemand anderes und freut sich auch sehr darüber.“, schlägt Marie vor. Karl ist erstaunt und schaut zu ihr herab.
„Aber…du hast dich doch so gefreut. Der Junge hat sie dir doch geschenkt und er hat es gut gemeint.“
„Ja, das stimmt, aber wenn es wirklich Tina ihre ist…ich will dir damit nicht wehtun, dass ich sie vor dir immer trage.“ Er überlegt und dann hockt er sich vor ihr hin und macht ihr die Haarspange wieder ins Haar.
„Marie, als ich die Haarspange wegwarf, da wünschte ich der Person, die sie tragen wird etwas ganz Bestimmtes. Und wenn du diese Person bist, dann ist es doch irgendwie auch perfekt, denn ich würde es dir wünschen.“ Die blauen Augen seiner Schwester leuchten ihn plötzlich an.
„Wirklich? Was hast du ihr denn gewünscht?“ Er lächelt.
„Das…sie nicht nur mutig und stark ist, sondern auch…dass sich jeder Kampf im Leben für sie auszahlt und sie irgendwann der wahren Liebe begegnet.“
„Wie romantisch. Welcher Kampf?“
„Jeder, Marie. Im Sport oder im Leben oder in der Liebe. Alles Kämpfe, die wir im Laufe des Lebens durchmachen müssen. Tina hatte immer einen tollen Spruch, den sie sich selbst sagte, wenn sie die Kraft brauchte. Die zwei Worte, die in der Gravur stecken, sollen diesen Spruch widerspiegeln.
„Eine echte Frau braucht Herausforderungen.“. Genau das wünsche ich dir auch. Dass du jede Herausforderung bewältigst.“ Marie fällt ihrem Bruder um den Arm und weint ein wenig.
„Okay…ich…ich gebe mir Mühe. Ich werde auch eine starke Frau und eines Tages…werde ich Tina wiedersehen und ihr in die Augen sehen und ihr sagen…dass sie immer ein Vorbild für mich war.“ Er nimmt sie ebenso in die Arme.
„Das ist ein sehr guter Anfang, meine liebe mutige Marie. Du warst heute wahnsinnig mutig und klug, dass du meinen Plan gleich erkannt hast, Zeit zu schinden bis die Polizei kommt. Der Künstler hatte sie bereits gerufen und ich hatte mein Handy auf der Leitung laufen, so dass sie alles mithören konnten. Das war perfekt. Ich…bin unglaublich stolz auf dich.“
Am nächsten Morgen wachen die Geschwister früh auf. Zuerst huscht Karl-Heinz unter die Dusche, danach folgt Marie. Als es um die Bettenverteilung ging lenkte Karl von sich aus ein, dass er lieber mit Marie wieder im anderen Zimmer schläft, damit die Eltern alleine sein können. Nachdem Amrie aus der Dusche kommt und sich anziehen will geht Karl bereits alleine rüber ins andere Zimmer. Er klopft an und wird natürlich hereingebeten.
„Guten Morgen, Karl-Heinz. Seid ihr schon wach?“, ist der Mutter erstaunt.
„Natürlich. Marie kann es doch kaum erwarten. Kriegen wir denn so früh schon Frühstück aufs Zimmer?“
„Natürlich. Hier ist ein 24h Service. Die bringen auch 5 Uhr früh schon was. Ich rufe sofort an und bestelle.“
„Wann macht der Park überhaupt auf?“
„Erst halb 10. Aber wir müssen ohnehin erst hinfahren. Also frühstücken wir jetzt in Ruhe und fahren schonmal hin. Mal sehen was da so los ist.“
„Ist es nicht sicherer Karten zu bestellen?“
„Hm, eine gute Idee. Ich frage mal an der Rezeption nach.“
Karl verlässt wieder das Zimmer und geht zu Marie. Sie ist inzwischen angezogen und hat das Kleid von gestern an. Nachdem die Polizei mit allem fertig war durfte sie noch in die Schneiderei neben dem Juwelier gehen. Die netten Frauen hatten ihr die Stoffreste geschenkt und dann haben sie gemeinsam die kaputte Naht repariert. Die leicht schmutzigen Stellen ließen sich mit einer schlichten Handseife reinigen, so konnte sie das Kleid anbehalten und noch in einen Künstlerladen fahren, um passendes Papier und weitere Stifte zu holen. Danach ging es dann zum Hotel.
Die Geschwister gehen nun aus dem Zimmer und diesmal nutzt Karl den Schlüssel, den er sich zuvor geschnappt hatte und betritt mir ihr zusammen das Familienzimmer. Die Eltern sind nicht zu sehen. Er schließt die Tür leise, damit die anderen Gäste nicht gestört werden und legt den Schlüssel auf den Tisch. Als er zur Terrasse geht und seine Eltern dort sieht, wie die in die Morgensonne schauen und dann kurz darauf in die Arme nehmen und küssen, schaut er lieber weg. Er freut sich zwar, dass sie sich endlich wieder haben, aber warum das so plötzlich klappt, weiß er noch immer nicht. Marie zieht an seinem Hemd, als sie es auch sehen kann. Sie starrt ihre Eltern verträumt an und schwärmt innerlich, dass sie endlich ein richtiges Elternpaar sind. Ihr Herz wird ganz aufgeregt und ihr wird warm.
„Schau mal, ist das nicht schön? Ich…habe sie noch nie küssen sehen. Wieso machen die das jetzt erst?“ Karl zuckt mit der Schulter.
„Das kann ich dir nicht sagen. Wichtig ist nur, dass sie nicht mehr streiten.“, sagt er dann mit ernster Stimme. Marie setzt sich bereits an den Tisch und zählt die Croissants ab und reserviert sich gleich zwei davon, indem sie sie sich auf den Teller legt. Karl wartet etwas und dann sieht er wie sich seine Eltern nur unterhalten und geht zur Terrassentür.
Die Tür ist einen kleinen Spalt auf und er kann sie hören, wie sie sehr leise reden. Liebevoll hält sein Vater seine Mutter noch immer in den Armen und sieht ihr in die Augen.
„Schatz, es ist doch nur wichtig, dass er endlich abschließt. Diese Spange…ist doch nicht wichtig.“
„Du hast Recht. Ich bin so froh, Rudi. Du hast keine Ahnung wie sehr mich das die ganzen Jahre belastet hat.“
„Ute, Liebes, glaube mir. Es kann doch nun gar nichts mehr passieren. Es reicht doch, wenn es Ulrike weiß. Alles andere regelt sich mit der Zeit von selbst.“ Sie sieht zu ihm auf und lächelt ihn verliebt an.
„So wie bei uns. Endlich…kann ich dir wieder…vertrauen, Rudi. Es…tut mir leid.“
„Pst. Ich liebe dich, ich habe dich doch immer geliebt. Was anderes…könnte ich doch nicht.“
„Und…wann wollen…wir es ihm sagen? Irgendwann…müssen wir es tun. Davor habe ich Angst.“
„Zum 18. Geburtstag, haben wir abgesprochen. Er liebt dich, das weißt du. Daran wird sich nichts ändern.“ Erneut nimmt er sie so fest und beugt sich zu ihr herunter und sie küssen sich wieder.
‚Wovon reden die beiden denn? Wem wollen die was sagen? Was machte Mama denn die ganze Zeit Sorgen? Das ergibt doch gar keinen Sinn.‘
Kerl entschließt sich das belauschte Gespräch unentdeckt zu lassen. Er berührt die Tür und schiebt sie ganz leise zu, so dass es nicht auffällt, dass sie offenstand. Dann klopft er gegen die Scheibe und schaut gespielt etwas pikiert. Als sich die beiden zu ihm drehen und von sich lassen geht er zum Esstisch und schenkt sich seinen Kakao in die Tasse.
Während des Frühstücks sind seine Gedanken bei dem seltsamen Verhalten seiner Eltern und dem geheimnisvollen Gespräch.
Seit der Shoppingtour der Schneiders sind vier Tage vergangen. Inzwischen haben sich alle an ihr neues Familienleben gewöhnt und Marie genießt die schöne Zeit mit ihrem großen Bruder. Sie sitzen abends auf der schönen großen Terrasse im Hotel und genießen die sommerliche Abenddämmerung mit dem Blick auf den Eiffelturm. Es weht kein Lüftchen. Marie spielt mit Karl Mensch ärgere dich nicht und würfelt. Begeistert setzt sie ihre rote Figur und wirft eine Figur von ihm raus.
„He he. Jetzt musst du wieder von vorne anfangen.“, kichert sie neckisch. Er schmollt.
„Wie gemein. Und du hast schon drei im Haus.“
Ute und Rudi genießen ihren Cocktail und sitzen händchenhaltend in den Liegestühlen und sehen ihren Kindern beim Spielen zu und hinter ihnen die Stadt, wie sie in der Dämmerung verschwindet.
Plötzlich klingelt Rudis Handy. Er greift neben sich und schaut auf die Nummer. Die Nummer ist ihm unbekannt, also geht er ran. Es könnte jemand von der Arbeit sein.
„Guten Tag.“, meldet er sich fröhlich.
„Rudi? Ich bin es, Dr. Stein. Wir müssen…reden…bist du alleine?“ Er ist erstaunt. Was will denn der Mannschaftsarzt von Karls ehemaligen Jugendteam von ihm? Er klingt seltsam.
„Hallo, Moment. Ich gehe rein.“ Rudi steht auf und verlässt die Terrasse. Seine Familie wundert sich und sieht ihm nach. Marie stößt Karl an, er solle würfeln. Natürlich tut er ihr den Gefallen und versucht wieder aus dem Haus zu kommen. Doch mit einem Auge bleibt er bei seinem Vater. Was könnte so wichtig sein, dass es keiner hören darf? Zu hören ist nichts, aber plötzlich sieht er kreidebleich aus und setzt sich entsetzt in den Stuhl. Er hält sich am Tisch fest und stützt seinen Kopf dann in der Hand auf. Kurz darauf legt er das Handy zur Seite, richtet sich erschrocken auf und starrt zu seiner Familie. Ute steht auf, sie ist in Sorge. So bleich hat sie ihren Mann noch nie gesehen. Sie verlässt die Terrasse, schließt die Tür und zieht den Vorhang zu. Karl und Marie sind plötzlich alleine. Marie bemerkt die seltsame Situation nicht, aber Karls Puls steigt enorm an. Was mag da los sein? Es war doch eben gerade alles so schön und friedlich. Es ist Montag der 24. August 1998. Das erste Heimspiel der Saison fand einen Tag zuvor statt.
Wiedersehen in Japan
Vorwort:
Es sind vier Wochen seit dem Überfall (23.8.1998) vergangen und Tina war die Zeit lang bei Genzo. Die Beerdigung fand nach etwa einer Woche statt (02.09.1998) und danach wurde alles für den Umzug nach Japan vorbereitet.
Gesine und Georg haben Tina an der Eliteschule Toho angemeldet. Es gab keine wirkliche Auswahl der Schule, denn Tina wünschte sich nur ihr Schwimmtraining intensiver aufzunehmen und bat ihren Vater die beste Schule herauszusuchen, bei der sie sich mit den besten messen kann. Natürlich bot sich da die Eliteschule an, denn das neue Gehalt ihrer Mutter machte es möglich. Auf Empfehlung von Gesines Arbeitskollegen kam diese Schule am besten infrage. Einige der Kinder von Angestellten in der Firma sind ebenso an dieser Schule. Tina bereitet sich sportlich auf die Zeit vor, statt sich groß Gedanken darüber zu machen wer eventuell an der Schule sein könnte. Sie hat auch Genzo bewusst nichts gesagt und will sich überraschen lassen. Sie möchte ihm hinterher alles erzählen.
Kapitel 15
Wiedersehen in Japan
Der erste Schultag an der Toho steht endlich an. Es ist der 21. September.
Tina verlässt mit Tasche, großer Sporttasche und neuer schicker Uniform stolz die Wohnung. Sie war noch nie an einer Privatschule und dann eine der besten in ganz Japan, das macht sie sehr stolz. Martin begleitet sie zur Schule. Etwa ein Häuserblock vor dem Schulgelände wimmelt Tina Martin ab.
„Ab jetzt gehe ich alleine. Ich will nicht, dass die anderen denken, ich sei nicht in der Lage, alleine zu gehen. Ich falle eh schon auf wie ein bunter Hund.“
„Alles klar. Ich verstehe. Du rufst mich an, wenn mal was ist, okay?“
„Na klar. Danke dir. Mein Training endet erst gegen 17 Uhr. Denke also dran. Vorher brauchst du nicht herkommen.“
„Bis dahin. Ich sehe mich mal in der Gegend nach einer Wohnung und einem Job um.“
„Ich wünsche dir viel Glück und viel Erfolg.“ Er bleibt an einem Baum stehen und sieht ihr nach, wie sie auf das Schulgeländer geht.
Es sind bisher kaum Leute da, das ist sehr praktisch, denn Tina muss zuerst zum Direktor. Bis zum Unterrichtsbeginn ist noch eine dreiviertel Stunde. Die Schüler, die bereits auf dem Hof sind und sich unterhalten, schauen neugierig zu ihr, als sie die neue Schülerin entdecken.
„Wer ist das denn? Seit wann nehmen wir Ausländer auf?“, kommt skeptisch. „Wer weiß das schon. Hier ist ja alles möglich. Vielleicht braucht irgendein Team Verstärkung und es fehlt uns der Nachwuchs?“
„Aber welches denn? Ne große Tasche hat sie dabei. Was mag sie machen?“ „Keine Ahnung, aber niedlich ist sie.“
„Das stimmt. Sie ist sehr hübsch.“, wird sich unterhalten und die Gruppe Jungs unterhält sich weiter.
Tina steht nun vor der Treppe und sieht auf die Schilder, aber etwas überrascht lässt sie die Sporttasche fallen und starrt nur auf die japanische Schrift.
‚Verdammt nochmal. Jetzt habe ich wie eine Irre Japanisch gelernt und alles ist hier nur in dieser Schrift und ohne jedes Symbol. Lesen ist noch nicht.‘ Sie atmet tief durch. Kurz darauf wird sie freundlich von einem Jungen angesprochen. „Hallo, du bist sicher neu hier. Du willst bestimmt zuerst zum Direktor.“ Sie lächelt ihn an, er ist nur wenige Zentimeter größer als sie und lächelt sie höflich an.
„Hallo, ja genau. Kannst du mir den Weg zeigen? Mit eurer Schrift komme ich noch nicht klar.“, schmunzelt sie zurück.
‚Die ist ja süß. Und sie spricht bereits gut Japanisch?‘
„Sehr gerne. Folge mir einfach.“ Er geht neben ihr und zeigt mit der Hand in die Richtung, die sie gehen müssen. Bald kommen sie beim Direktor an.
„Hier hinten im Flur. Die Vorletzte Tür rechts ist es.“ Er nennt ihr noch die Raumnummer.
„Vielen Dank.“
„Sehr gerne. Darf ich fragen, wie du heißt und welchen Sport du machst?“
„Ich heiße Bettina, aber nenn mich einfach Tina. Und ich gehe zu den Schwimmern, vielleicht noch Laufen, mal sehen wie gut ich wirklich bin. Deswegen die große Tasche mit Flossen.“
„Schwimmen, schöner Sport. Was Elegantes. Tina? So wie Tina Turner?“ Sie lächelt und hebt die Hand belustigt.
„Ja genau. Ich liebe Tina Turner.“
„Dann herzlich willkommen an der Toho Tina.“
„Danke. Und du? Was machst du für einen Sport?“
„Ich gehöre zu den Volleyballern. Ich bin der Libero im Team. Mein Name ist Minato.“
„Toller Sport. Viel Action. Danke für deine Hilfe, Minato. Das heißt Hafen, oder?“
„Oh, äh ja. Genau. Der Hafen, wo die Schiffe sind.“
„Puh…ich muss noch viel üben, aber manches bleibt hängen. Ich bin am Meer aufgewachsen und da bleibt so ein Begriff oder Name beim Lernen hängen.“, lächelt sie freundlich.
‚Die ist ja nett. Und sie hat ein wirklich süßes Lächeln.‘
„Vielleicht sieht man sich.“, sagt er als Verabschiedung. Minato entfernt sich und Tina klopft an die Tür des Büros.
„Herein!“, kommt die kräftige Stimme des Direktor Tanaka. Tina öffnet die Tür und betritt freundlich den Raum, schließt die Tür hinter sich und verbeugt sich angemessen, um zu grüßen. Dann sieht sie zu dem Mann auf, der an einem Schreibtisch sitzt.
„Guten Tag Frau Fuchs. Bitte setzen Sie sich. Ich bin sofort für Sie da.“, entgegnet er in Englisch.
„Danke, ich stehe gerne. Ich warte auch im Stehen.“, antwortet sie höflich. Der Mann nickt ab und zeigt mit der Hand nur an, die Tasche abstellen zu können. Dann greift er zum Telefon und ruft ihren Klassenlehrer an.
„Ihre neue Schülerin ist da. Sie können kommen, um sie einzuweisen und ihre Unterlagen zu holen.“ Dann steht er auf, kommt lächelnd auf sie zu und reicht ihr die Hand.
„Herzlich Willkommen an unserer Schule. Mein Name ist Tanaka. Ihr Klassenlehrer kommt jetzt, um Sie abzuholen und in die Klasse zu begleiten.“ „Ich freue mich schon sehr. Vielen Dank.“ Tina sieht zum Fenster raus, welches neben dem Tisch ist und durch den Wind einen angenehmen Luftzug zulässt, da es etwas offensteht.
„Darf ich zum Fenster gehen, solange ich warte? Oder haben Sie noch Fragen an mich? Ich war am Freitag ja nicht dabei, als meine Eltern mich angemeldet haben.“, fragt sie freundlich.
„Das passt alles. Zum Fenster? Ist in Ordnung.“
„Danke sehr.“, lächelt sie und geht zum Fenster rüber.
‚Seltsames Mädchen. Noch nie hat jemand gebeten aus dem Fenster sehen zu dürfen. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie hier auftaucht und einfach danach fragt. Neue Schüler, insbesondere Mädchen sind in der Regel zurückhaltend und bleiben einfach still und warten.‘
„Es ist schön grün hier bei Ihnen. Es lenkt gut von der hektischen Stadt ab.“
„Das stimmt. Die guten oder großen Schulen haben in der Regel eine kleine Parkanlage auf denen sich die Schüler beliebend aufhalten dürfen. Sie können sich also während Ihrer Schul- und Trainingszeit, überall aufhalten und diese grüne Oase auch als Trainingsplatz nutzen. Wenn Sie also zum Beispiel etwas Laufen wollen, dann darf dies auch im Park sein, nicht nur in der Halle oder auf dem Spielfeld. Das steht Ihnen frei. Wir legen Wert darauf, dass jeder sein Training voll und ganz ausüben kann. Ihre Eltern erzählten, dass Sie Schwimmen und Laufen. Bei den Läufern konnte ich Sie nicht mehr unterbringen, aber im Schwimmkader war noch ein Paltz frei.“
„Ja, Schwimmen und Laufen. Schwimmen gefällt mir am besten. Das klingt toll. Das Angebot im Park zu laufen nutze ich dann sicher sehr oft. Ist sehr hübsch mit den Bäumen und Blumen.“
„Okay, das ist gut. Was sind Sie gelaufen?“
„Sprint, Marathons und Staffel.“
„Beeindruckend. Ich bin gespannt was Ihr Trainer heute Nachmittag sagt. Nach der regulären Unterrichtszeit kommen Sie wieder zu mir, holen sich Ihre Sporttasche wieder ab und der Trainer holt Sie dann und zeigt Ihnen alles.“
„Da freue ich mich schon sehr drauf. Im Wasser kann ich immer entspannen.“ Der Lehrer klopft an. Er betritt den Raum und staunt nicht schlecht. Tina dreht sich zu ihm um und lächelt höflich.
„Guten Morgen, Sir.“, entgegnet Sie auf Englisch. Der Lehrer ist etwas verwundert und sieht gleich zum Direktor.
„Direktor. Sagen Sie jetzt nicht, ich bekomme eine Ausländerin?“, murrt er etwas und beachtet Tina weiter nicht.
„Ich sagte ja, die Einstellung der Schülerin war sehr spontan und eilte. Ihre Mutter hat plötzlich einen Job in Tokio bekommen und nun ist sie bei uns. Frau Fuchs wird unsere Schwimmer ergänzen. Sie kommt aus Deutschland.“
„Es eilte? Eine Deutsche? Was arbeitet Ihre Mutter denn?“
„Das weiß ich nicht. Sie arbeitet bei einem Großkonzern. Die Eltern waren erst am Freitag bei mir. Das ging alles ganz schnell. Sie kamen auf Empfehlung zu uns, weil sie auch in der Nähe wohnen.“
„Kein Stipendium? Und unsere Sprache spricht sie auch nicht? Ich habe aber keine Zeit noch Grundschulunterricht zu geben. Ohne Japanisch kann sie dem Unterricht doch gar nicht folgen. Wieso ist sie da nicht zur Eingewöhnung in der letzten Mittelschulklasse gelandet? Dann kann sie das eine Jahr den Stoff aufholen und die Sprache lernen. Was soll sie da schon bei uns in der Oberstufe?“
„Frau Fuchs ist bereits 16, noch eine Klasse tiefer geht nicht. Das bringt das homogene Alter durcheinander.“, erklärt er mit festem Ton. Tina spricht die Herren freundlich an und lächelt dabei auf eine niedliche Art und Weise.
„Es wäre sehr nett, wenn Sie sich mir gegenüber in Englisch unterhalten könnten. Das wäre wirklich sehr höflich.“
‚Es nervt, dass man nicht beachtet wird. Was bildet sich dieser Mann eigentlich ein? Voreingenommen ist er gar nicht.‘ Der Lehrer sieht sie überrascht an.
„Na immerhin kann sie fließend Englisch. Aber viel helfen wird es ihr im Unterricht nicht. Naja, über ein Stipendium ist sie also nicht da? Sie wissen also nicht welche Leistung sie überhaupt an den Tag legt?“
„Nein, zeigen Sie ihr einfach wie hier der Ablauf ist. Sie wissen doch wie das ist. Wir können nicht von Stipendiaten alleine leben. Es muss sich immer aufheben. Was die Schule betrifft, das aktuelle Zeugnis liegt mir vor, nur beste Noten und im Sport konnte ich mich wegen der kurzen Zeit nicht erkundigen. Da Tageszeiten dafür unpassend gewesen sind, jetzt über das Wochenende. Jedoch haben ihre Eltern mir Urkunden von Marathons vorgelegt. Das sah alles gut aus. Frau Fuchs ist hier, um sich dem Sport nun nach dem Umzug voll zu widmen.“
„Wieso sind ihre Eltern denn nicht hier? Sonst sind die Schüler am ersten Tag mit ihren Eltern da.“
„Das weiß ich nicht. Die werden sicher arbeiten. Geben Sie ihr einen Platz gleich vorne in der ersten Reihe. Dann kommt sie sicher am besten mit.“
‚Oh man. Das kann ja heiter werden. Spricht kein Japanisch, also echt mal.‘ Er mustert sie und rollt mit den Augen.
‚Und dann so eine verwöhnte freche Göre, die meint, dass alles nach ihrer Nase tanzt, nur weil sie hübsch lächelt und die Schulgebühr bezahlt. Da redet sie uns doch glatt dazwischen und fordert, dass man in Englisch spricht. Naja, mal sehen was das wird. Hübsch ist sie ja. Schon ein Jahr älter als die anderen. Ich hoffe sie bringt dadurch nicht zu viel Unruhe in die Klasse. Bei dem ganzen Testosteron in dieser Altersgruppe. Das wird nicht leicht. Als Mädchen wird sie sich hier umsehen, leicht wird es für sich nicht. Wobei wir alle mehr Mädchen gebrauchen können.‘ Er schnappt sich das Klassenbuch und einen Hefter, den der Direktor für ihn rüberreicht.
„Dann folgen Sie mir mal, Frau Fuchs.“ Sie fügt sich einfach und folgt seiner Aufforderung. Zusammen verlassen sie das Büro und gehen durch den Flur. Der Lehrer sagt keinen Ton.
‚Der Mann ist unhöflich. Er grüßt nicht und sich mir vorstellen tut er auch nicht. Geht ja gut los hier mit uns.‘, fällt Tina dieser Mann in Missgunst.
„Wie heißen Sie und welche Fächer unterrichten Sie?“, versucht sie eine Unterhaltung zu beginnen.
„Ich bin Herr Tenma und unterrichte Japanisch, Englisch und Französisch.“
„Oh wie schön, dann kenne ich ja schon den Lehrer für meine Lieblingsfächer.“, kommt sie ihm auf Französisch entgegen und grinst ihn freundlich an. Er wundert sich sehr.
„Oh, Sie sprechen Französisch?“
„Ja, war neben Englisch und Spanisch immer mein Lieblingsfach.“
„Spanisch sprechen Sie auch? Sprachen sind sehr wichtig. Immerhin haben Sie das schon begriffen, das ist eine gute Grundlage an unserer Schule. Hier können wir nur fleißige Schüler gebrauchen. Neben der sportlichen Leistung ist ein Mindestmaß im Notenspiegel notwendig, um hier sein zu dürfen.“, kommt eine strenge Aussage. Tina fasst es als Lob auf. Seine Art ist ihr von den strengen Trainern bekannt.
„Das sehe ich auch so.“ Es ist wieder ruhig.
„Sind das die Toiletten? Hier sind wieder keine Symbole auf den Schildern. In der Stadt sind wenigstens mal Bilder drauf.“
„Ja, das sind sie. Linke Tür ist für Mädchen, die rechte Tür für die Jungs.“, antwortet er. Tina bleibt plötzlich stehen und sieht sich das Schild genauer an. Dann geht sie weiter.
„Was machen Sie denn so lange?“, murrt er plötzlich.
„Ich versuche mir das Schriftzeichen zu merken, nicht, dass ich es mal verwechsle, das will sicher niemand.“, lacht sie etwas spaßig, läuft ihm nach und steht dann wieder neben ihm. Sie hofft ihn etwas aus der Reserve locken zu können, indem sie ein wenig scherzt.
‚Seltsames Kind. Als ob sie sich das so einfach merken könnte.‘ Im Flur stehen einige Schüler und sehen ihnen neugierig nach. Tina fällt auf, dass es allgemein deutlich mehr Jungs als Mädchen sind. Sie bleiben vor einem Raum stehen und Tina merkt sich die Raumnummer und schaut durch die Scheibe.
„Oh, jeder hat einen eigenen Tisch, aber man sitzt zu zweit nebeneinander? Bei uns teilt man sich einen großen Tisch zu Zweit.“ Er geht weiter nicht auf die Bemerkung ein.
‚Der ist ja wirklich gesprächig. Ich dachte, wenn ich ihn etwas lobe, dass mir seine Fächer gefallen, taut er etwas auf. Aber nein. Nicht mal der Toiletten-Gag hilft. Da bleibt er stur. Das kann ja lustig werden.‘ Die meisten Schüler sind bereits im Raum und die Tür steht offen.
„Sie bleiben kurz hier draußen. Ich gehe rein und wenn es klingelt, hole ich Sie rein, okay?“ Tina nickt nur und bleibt draußen stehen. Sie schaut sich ihre neuen Klassenkameraden an, wie sie sich unterhalten und einiges schnappt sie auf, da die Tür offen ist. Die Blicke sind neugierig. Viel kann sie jedoch nicht verstehen, da sie viel und schnell durcheinanderreden. Die meisten schauen zu ihr und sie versucht neutral zu lächeln, damit sie einen freundlichen Eindruck macht.
‚Hier sind auch hauptsächlich nur Jungs in der Klasse. Oh man. Wenn hier so wenige Mädchen sind, kein Wunder, dass der Direktor meine Aufnahme so schnell durchgehen lassen hat. Na mal sehen was das hier wird.‘
Unterdessen wird in der Klasse heftig diskutiert.
„Oh, die ist aber niedlich.“
„Endlich mal wieder ein Mädchen, völlig egal was für eins.“, haut ein Mädchen begeistert raus.
„Sehe ich auch so. Von der schüchternen Sorte scheint sie ja immerhin nicht zu sein, wenn sie so aufrichtig dasteht und uns anlächelt.“
„Jetzt wo du das sagst. Sieh dir mal ihre Körperhaltung an. So erhaben, als wüsste sie genau wer sie ist. Aber…wer ist sie, dass sie so sein kann?“
„Bestimmt eine von diesen reichen Europäern oder Amerikanerinnen. Sie wird sicher ohne Stipendium hier sein, nur um ihren Sport auszuleben und eine Eliteschule zu besuchen.“
„Ich weiß nicht, Mal sehen. Jedenfalls sieht sie freundlich aus. Und Herr Tenma benimmt sich etwas komisch. Er brummt sonst immer, wenn wir nicht schon alle Schulsachen auf dem Tisch haben.“
In einer anderen Ecke, wo die Jungs sind, gibt es ebenso Getuschel.
„Die ist ja hübsch. Endlich wieder ein neues Mädchen.“
„Das schon, aber eine Ausländerin? Ich weiß ja nicht. Wir nehmen doch gewöhnlich gar keine Ausländer an.“
„Sie kann doch hier geboren sein. Nur weil sie blond ist, sagt das nicht, dass sie von woanders kommt.“
„Das stimmt. Ich bin gespannt was das für eine ist.“
„Hauptsache sie ist hübsch und dann kommt sie auch noch in unsere Klasse. Wahnsinn.“
„Ob sie einen Freund hat?“
„Da es in der Regel eine Vorstellungsrunde gibt, können wir ja frech sein und fragen.“, grinst einer von ihnen.
Plötzlich klingelt es laut und lange. An Tina laufen auf einmal viele weitere Schüler vorbei und betreten den Raum. Etwas skeptisch und neugierig schauen sie zu ihr, grüßen teilweise mit einem Hello bevor sie eintreten und dann aber setzen sich alle ganz schnell auf ihre Plätze.
‚Wow, da sind nur noch vier Plätze übrig und von den dreißig Plätzen sind nur vier Mädchen. Ob die leeren Plätze noch Mädchen sind? Vielleicht kommen die zu spät oder sind krank.‘
Es dauert nicht lange, da kommt der Lehrer zu ihr und bittet sie herein.
„Sie können jetzt eintreten.“, spricht er höflich. Tina betritt mit einem fröhlichen Lächeln den Raum, schaut in die Runde und geht mit ihrem selbstsicheren Gang zum Lehrertisch, weil sie glaubt sich vorstellen zu dürfen. Zuerst sagt sie gar nichts und schaut nur fröhlich zur Klasse.
„Wir müssen noch ein wenig warten, wir sind noch nicht vollzählig. Dann stellen Sie sich erst vor. Sie können sich einen der freien Plätze aussuchen.“ Tina ist verwundert, nickt nur und schaut sich die Plätze genauer an. Den Schülern fällt auf, dass sie Englisch spricht.
„Herr Tenma, wenn ich aber irgendeinen Platz nehme, dann muss sich womöglich jemand umsetzen.“
„Das spielt keine Rolle. Sie haben die Wahl. Wer zu spät kommt, muss ohnehin draußen stehen bleiben. Am Ende lege ich die Sitzplätze fest.“ Keiner sagt etwas und Tina schaut in die Runde.
‚Oha, soll das ein Test sein? Nun gut.‘
„Na gut, bei uns sagt man: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Gibt es den Spruch hier auch?“, versucht sie etwas locker zu werden und die steife Gesellschaft aufzuheitern. Ihr Englisch verstehen zwar viele, aber nicht jeder. Einige müssen etwas lachen. Sagen tut jedoch keiner was.
Tina geht zu den beiden Tischen direkt vor dem Lehrer und setzt sich auf die vom Lehrer aus gesehen linke Seite. Dann stellt sie ihre Tasche ab, holt Block und Federtasche heraus und schaut aufmerksam zum Lehrer auf. Alle sind erstaunt. „Wieso dieser Platz?“, fragt Herr Tenma.
„Naja, ich hoffe doch, dass nur drei Leute fehlen. Und wer sitzt denn schon freiwillig vorne beim Lehrer? Also ist hier sicher ein Platz frei. Und ich sitze gerne hier vorne, das passt. Wenn ich mich umdrehe, weil jemand etwas sagt, kann ich mir dann gleich die Gesichter alle merken. Wird sicher dauern, aber so geht’s besser als von weiter hinten.“
„Ich verstehe. Und warum ausgerechnet diese Seite und nicht die andere?“ Tina will in diesem Moment antworten, als es unruhig wird und alle zur Scheibe sehen.
„Oha, das gibt wieder Ärger. Die sind schon wieder zu spät.“, sagt jemand etwas lauter. Auch Tina sieht zur Scheibe und entdeckt drei Jungs, welche überrascht zu ihr sehen und statt gleich einzutreten, tuscheln sie miteinander. Ihre Blicke sind sehr überrascht.
„Sagt mal…das ist ja ein Mädchen.“, äußert Ken.
„Ja…aber erkennt ihr sie nicht? Das ist…“, ist Kojiro total von den Socken.
„Tina. Was macht sie hier?“, haut Ken dann flüsternd raus.
„Was hat das zu bedeuten?“, flüstert Kojiro wieder.
„Egal, denkt dran was Mikami gesagt hat. Wir wissen gar nichts. Lasst uns das später klären. Wir kennen uns offiziell nicht.“, erklärt Kazuki. Alle nicken gefühlt ab, lassen es sich aber nicht ansehen. Dann öffnet sich die Tür.
‚Bettina? Wieso bist du hier in Japan und dann ausgerechnet in unserer Klasse?‘ ‚Verdammt, was soll das denn? Da lande ich ausgerechnet bei in Kojiros Klasse. Ob Vater dahintersteckt? Wenn er das wusste und mich hier bewusst auflaufen lässt, kann er was erleben. Für die drei ist das doch auch doof. Dieses ganze Theater in Hamburg war doch schon stressig genug.
Und du Kojiro? Dass uns das Schicksal so schnell wieder zusammenführt, das habe ich nicht gedacht. Der Abschied in Paris war doch so komisch und so…besonders.‘ Ihr Puls steigt etwas an, aber natürlich ist es nicht zu merken. Die drei Weltmeister treten ein und verbeugen sich höflich vor dem Lehrer, um sich zu entschuldigen.
„Guten Morgen. Es tut uns sehr leid, dass wir zu spät sind. Wir haben beim Training die Zeit vergessen.“, spricht Ken für alle zusammen, weil er noch immer der neue Mannschaftskapitän ist.
„Sie wissen was das heißt. Jetzt setzen Sie sich erst einmal auf Ihre Plätze und sind bei der Vorstellung Ihrer neuen Mitschülerin dabei. Das macht bestimmt einen guten Eindruck, wenn man mit schlechtem Vorbild vorangeht.“, murrt er die drei an. Keiner von ihnen sagt etwas und sie gehen dann an ihre Plätze. Neben Tina nimmt Kojiro Platz. Er steht kurz neben seinem Tisch, schaut zu ihr herab und versucht so cool wie immer zu wirken.
‚Dieser Anblick ist wie ein Déjà-vu. Als ich ihr damals geholfen hatte, da sah sie mich auch so seltsam an. Und dann dieser seltsame Abschied in Paris. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns je wieder sehen und dann hier? Wieso bist du hier, Bettina? Und was ist passiert?‘ Er schiebt den Stuhl zurück, sagt kurz „Hallo“ und setzt sich dann wie gewohnt lässig auf seinen Platz.
„Hi.“, antwortet Tina. Ihr wird etwas wärmer und sie sieht dann wieder vor, in der Hoffnung, dass es niemand mitbekommt.
„Dann sind wir ja vollzählig. Kommen Sie vor zu mir. Dann können Sie sich vorstellen.“, spricht der Lehrer sie höflich an, aber er hat noch immer ein brummiges Gesicht wegen der zu-spät-Kommer auf. Tina erhebt sich und geht nach vorn. Dann dreht sie sich zu allen um und schaut wieder freundlich in die Runde.
‚Wie sie da steht…so erhaben und selbstsicher. Unsere Begegnungen waren so seltsam, dass sie mir noch immer wie ein Traum vorkommen. Und in der Uniform ist es schon seltsam sie zu betrachten. Anders als in dem hübschen Kleid oder auf dem Spielfeld.‘, geht durch Kojiros Kopf. Er verschränkt die Arme und lehnt sich zurück.
„Guten Morgen alle zusammen. Wie ihr nun seht, haben wir eine neue Mitschülerin. Etwas Zuwachs bei den Mädchen kann unsere Schule immer gebrauchen. Frau Fuchs kommt aus Deutschland und wird den Schwimmkader erweitern.“, beginnt der Lehrer in Englisch. Alle sind verwundert, denn wieder wird in Englisch gesprochen.
„Ihre Eltern haben hier eine neue Arbeit und der Umzug war spontan. Sie ist bereits 16 Jahre alt und darf eine Klassenstufe tiefer beginnen, um Zeit zu haben Land, Sprache und Kultur kennenzulernen.“, redet er weiter. Tina steht etwas verdutzt neben ihm und sieht ihn fragend an.
‚Was soll das denn jetzt? Ich kann doch für mich selbst reden.‘ Dann sieht er zu ihr.
„Sie können sich jetzt vorstellen.“ Tinas Blick ist verdutzt. Dann lächelt sie und zuckt mit den Schultern.
„Was soll ich denn noch erzählen? Sie haben ja schon alles gesagt. Jetzt haben Sie mir meinen Auftritt gestohlen.“ Es kommt ein Kichern von Einigen und sogar Kojiro muss sich das Kichern verkneifen und hält unerwartet die Hand vor den Mund.
‚Da ist was Wahres dran.‘ Herr Tenma sieht Tina überrascht an.
„Äh, wie bitte? Ergänzen Sie doch einfach.“
„Was soll ich denn noch sagen?“
„Erzählen Sie zum Beispiel was Ihre Eltern machen oder was Sie bisher in Deutschland für sportliche Erfolge hatten.“
„Ach so. Ich verstehe.“, geht sie auf ihn ein und sieht dann wieder zur Klasse. Dann dreht sie sich nochmal zu ihm um.
„Wieso soll ich was über meine Eltern sagen? Das verstehe ich jetzt nicht. Was haben die mit meinem Sport zu tun? Die schwimmen doch nicht mit mir mit.“ Wieder wird etwas gelacht.
„Wie bitte? Da Sie nicht über ein Stipendium hier sind, ist es nicht ganz unerheblich wer Ihre Eltern sind.“
„Oh, wirklich? Na gut.“
„Hallo erst einmal zusammen. Ich bin Bettina Fuchs, ihr könnt mich aber gerne einfach Tina nennen. Ich bin erst im Sommer 16 geworden, also so alt nun auch wieder nicht. Meine Eltern sind spontan mit mir hergezogen, weil meine Mutter hier einen Job als Dolmetscherin in einer große Firma angenommen hat. Mein Vater ist Rechtsanwalt. Ich war seit drei Jahren in einem Tauchsportverein und habe neben den Grundschwimmstilen das Flossenschwimmen für mich entdeckt. Dann laufe ich gerne mal bei Triathlons und Marathons mit und das war es auch schon. Große Erfolge waren da jetzt keine beim Schwimmen, wenn dann eher beim Laufen, deswegen bin ich ja hier, damit ich mich mit anderen besser messen kann.
Ja und ich bemühe mich sehr eure Sprache zu lernen, denn viel Zeit hatte ich noch nicht. Also seid bitte gnädig mit mir, wenn ich nicht immer alles verstehe oder irgendwelchen Blödsinn rede. Und diese Schriftzeichen…die bringen mich noch um.“, erklärt Tina auf ihre freundliche überzeugte Art und lacht etwas zum Schluss über sich selbst. Es ist ruhig im Raum. Der Lehrer starrt sie an und brummt plötzlich etwas.
„Sie können doch schon gut Japanisch. Wieso haben wir dann die ganze Zeit Englisch gesprochen?“ Tina grinst.
„Naja, Sie und der Direktor sind einfach davon ausgegangen, dass ich es nicht kann. Aber war okay, so hatte ich doch noch etwas zu erzählen und eine kleine Überraschung für die Klasse.“, schmunzelt sie frech. Der Lehrer weiß plötzlich gar nicht was er dazu sagen soll.
„Nun gut. Ihre Mutter ist Dolmetscherin? Das erklärt Ihr Talent.“ Er dreht sich dann zur Klasse.
„Wenn noch jemand Fragen an Frau Fuchs hat, dann bitte jetzt.“ Die erste Hand hebt sich. Tina fragt freundlich.
„Wie schnell hast du Japanisch gelernt?“
„Oh, ich tue mich echt noch schwer. Ich habe meine ganzen Ferien dafür genutzt. Etwa sechs Wochen. Ich habe jeden Tag gelernt wie eine Verrückte…aber eure Schrift…die ist echt schwer. Da müsst ihr mir dann noch helfen und ich verstehe noch nicht alle Wörter, das liegt auch daran, dass man hier so schnell spricht.“ ‚Wow, sechs Wochen nur? Das ist aber sehr erstaunlich.‘, fällt dem Lehrer auf. „Wie viele Sprachen sprichst du denn schon?“, kommt von Ken.
„Da muss ich aufzählen. Deutsch, ist klar, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Hocharabisch und etwas Italienisch, das war eigentlich zuerst geplant und nun etwas Japanisch, Lesen und Schreiben ist noch nicht so. Alle anderen jedoch in Wort und Schrift.“ Es ist wieder ruhig.
„Sie sprechen in Ihrem Alter schon sieben Fremdsprachen?“, bringt sich der Lehrer plötzlich erstaunt ein.
„Ja, fünf davon eben richtig. Ist so eine Art Hobby, neben dem Sport. Wenn ich eine kann, dann kommt die nächste.“
„Und ihre Mutter? Wie viele Sprachen beherrscht sie?“
„Sie spricht 21 Sprachen. Deswegen ist sie ja hier. Die meisten Leute sprechen höchsten so viele Sprachen wie ich jetzt. Si ehat sogar in einigen Sprachen die Gebärdensprache drauf. Deswegen hat sie hier auch so einen guten Job bekommen.“
„Hat noch jemand Fragen?“
„Ja ich.“, erhebt Kojiro plötzlich die Hand und sieht sie ernst an.
„Seit wann bist du in Japan?“, kommt von Kojiro. Alle sind erstaunt, dass er überhaupt etwas sagt. Noch nie hat Kojiro einem neuen Mitschüler was gefragt. „Ich bin seit 2 Wochen in Japan.“, bleibt sie höflich und ruhig. Ihre Blicke treffen sich kurz.
‚Nur zwei Wochen, Kojiro…und jetzt…jetzt sehen wir uns plötzlich hier wieder.‘
„Kannst du uns deinen Namen an die Tafel schreiben?“, fragt Kazuki. Tina schaut zum Lehrer und fragt höflich.
„Ist okay. Vielleicht können Sie es ja bereits etwas in Schriftzeichen machen? Also beides. Immerhin haben wir gerade Japanisch.“ Begeistert sieht sie ihn an und geht sofort an die Tafel, schnappt sich ein Kreidestück und schreibt ihren Namen hin und versucht ihn darunter mit den Schriftzeichen zu schreiben. Hinter ihr wird etwas gekichert. Tina dreht sich um und grinst in die Runde.
„Oh, ich habe sicher einen Fehler gemacht. Wer weiß was da jetzt steht? Kann mir jemand den Fehler zeigen?“, lächelt sie freundlich. Niemand meldet sich und dann bestimmt der Lehrer einfach, dass es Ken machen soll.
„Wakashimazu, Sie machen das. Kommen Sie vor und korrigieren es mit ihr zusammen.“ Ken sieht ihn total baff an.
„Wieso ich?“
„Sie sind unser Klassenbester in Sachen Japanisch und haben die klarste Handschrift. Das passt doch gut. Und Sie haben ein Händchen und die Geduld jemanden etwas beizubringen.“ Etwas widerwillig steht er auf und geht vor zu Tina. Diese ist auch überrascht. Ken stellt sich neben sie und greift nach einem Kreidestück. Dann nutzt er den Schwamm und wischt ihr Gekrakel weg.
„Schau, das müsste dann so aussehen.“ Er erklärt ihr die Betonung der Schriftzeichen.
„Danke, sieht wirklich anders aus. Ich würde es mir gleich ins Heft schreiben wollen.“ Sie schaut wieder zum Lehrer.
„Ist denn die Vorstellrunde jetzt vorbei und ich darf an Ihrem Unterricht teilnehmen?“
„Ähm, ja natürlich.“
‚Dieses Mädchen ist seltsam. Zuerst freundlich, dann lässt sie mich hier vor der Klasse so auflaufen und nun will sie schnell Japanisch lernen.‘
Rekord geknackt
Kapitel 16
Rekord geknackt
Tina setzt sich wieder an ihren Platz, klappt ihren Block auf und schreibt ab was Ken an die Tafel geschrieben hat. Als Ken sich setzen will, spricht ihn der Lehrer nochmal an.
„Wakashimazu, das hat mir gerade nur gezeigt, dass Sie genau der Richtige Mann für den Job sind.
Jeder neue Schüler braucht einen Ansprechpartner. Das werden Sie diesmal sein. Sie drücken sich immer vor dem Job und diesmal passen Sie auf sie auf, zeigen Frau Fuchs wie es hier an unserer Schule so langgeht und sie kann gleich unsere Sprache besser lernen.“ Ken steht verdutzt da.
„Wie jetzt? Für sowas habe ich gar keine Zeit.“, äußert er nur und Tina hebt den Kopf und schaut zum Lehrer, der direkt vor ihr steht.
„Äh, ich brauche doch keinen Babysitter. Ich komme gut alleine klar.“
„Das glauben Sie jetzt. Die Entscheidung steht und Sie wollen meine Entscheidungen doch nicht in Frage stellen?“
„Und wenn ich mal Fragen habe, die ich keinem Jungen fragen will?“
„Wie meinen Sie das? Was sollen das denn bitte für Fragen sein?“
„Das weiß ich doch jetzt noch nicht. Mädchenfragen eben. Soll ich noch ein Beispiel bringen oder reicht das als Argument?“
‚Oha, wenn ich da jetzt noch nachfrage, kommt sicher was Heftiges zurück. Das lass ich mal lieber. Da steckt doch wieder etwas dahinter.‘, beschließt der Lehrer sicherheitshalber. So richtig ist er noch nicht sicher wie er Tina einschätzen soll und mit ihr umgehen kann.
„Dann suchen Sie sich noch ein Mädchen zusätzlich aus. So haben Sie dafür eine Ansprechpartnerin. Ihre Begleitung jedoch bleibt Herr Wakashimazu.“ Tina schaut nach hinten zu den vier Mädchen.
„Das Mädchen mit der roten Hello Kitty Federtasche. Wir scheinen was gemeinsam zu haben. Wenn sie nichts dagegen hat.“, schmunzelt sie in ihre Richtung und hebt ihre Federtasche hoch. Sie ist ebenso rot mit einer Hello Kitty darauf. Die Entscheidung war schnell getroffen für Tina. Das Mädchen zuckt verdutzt zusammen.
‚Oh nein. Warum denn ich? Ich kann sowas gar nicht. Sie hier rumführen.‘ Das Mädchen ist sehr schüchtern und sieht verlegen auf ihren Tisch.
„Ich weiß ja nicht, unser graues Mäuschen kann Ihnen doch nicht die Schule zeigen. Nehmen Sie lieber eine von den anderen.“, spricht Herr Tenma voller Überzeugung.
„Wow…Ich habe entschieden! Haben Sie mal etwas mehr Vertrauen in Ihre Schülerinnen. Das klappt schon.“, meint sie offen. Tina winkt dem Mädchen zu. „Traust du dir das zu? Ich bin auch pflegeleicht.“, lächelt Tina sie liebevoll an. „Ich äh, naja...ja klar.“, kommt dann zurück und sie lächelt Tina ebenso an.
‚Die ist aber nett. Und was sie für ein Glück hat. Sie darf neben Kojiro sitzen. Und dann soll Ken sie begleiten. Was soll ich denn nur dazwischen? Ich trau mich nicht mal den beiden überhaupt in die Augen zu sehen. Aber sie…sie ist so mutig und bringt diesen strengen Lehrer auch noch dazu ihr einen Gefallen zu tun. Wie hat sie das gemacht?‘
„Super, danke dir. Wie heißt du?“
„Äh, ich. Ich bin Kiki.“ Tina lächelt dankend, dreht sich wieder vor und klappt die Seite in ihrem Hefter um, damit wieder eine freie Seite ist. Kojiro sieht sie nachdenklich an.
‚Was sollte denn die Aktion? Wieso hat sie sich dann ausgerechnet Kiki rausgesucht? Und überhaupt…wieso ist sie hier? Es irritiert uns vermutlich alle, als sie sagte, dass sie mit ihren Eltern hergezogen sei. Was ist denn mit ihrem großen Bruder? Was ist mit Nummer 10? Ist er in Deutschland geblieben? Tsubasa tat beim letzten Telefonat so komisch. Wir fragten ihn nach Genzo aus und er meinte nur, es ginge ihm soweit gut.
Was heißt denn bitte „soweit“? Und jetzt taucht Tina hier auf und von unserer Anwesenheit scheint sie selbst nicht begeistert zu sein. Damit hat sie nicht gerechnet.‘
Der Lehrer geht an die Tafel und wischt Tinas Namen ab. Dann holt er eine Folie aus seiner Tasche und legt sie auf den Overhead-Projektor. Es ist eine Liste von den Noten und Punktestand der gesamten Klasse.
„Montags ist gewöhnlich unsere Klassenleiterstunde. Da klären wir Anliegen und Probleme der Klasse. Unter anderem auch Dinge wie den Notenspiegel.“, erklärt er sachlich und nimmt seinen Laserpointer in die Hand. Tina meldet sich.
„Ja bitte?“
„Was für eine Stunde? Können Sie mir das Wort zum Abschreiben in beiden Varianten anschreiben?“ Er blickt sie verdutzt an.
„Für solche Details habe ich leider keine Zeit. Da müssen Sie sich eine andere Möglichkeit suchen mitzukommen.“, knurrt er etwas und fährt mit seiner Erklärung fort. Tina ist entsetzt. So eine Unhöflichkeit ist ihr noch nie untergekommen.
‚Was ist mit dem denn los? Egal was man macht, für ihn ist es nicht genug.‘ Sie schaut bittend zu Kojiro.
„Du bist doch aber sicher so freundlich und würdest mir das Wort aufschreiben?“
‚Oh man. Ich hätte nie gedacht, dass ich dir überhaupt jemals wieder über den Weg laufen würde und dann sitzt du plötzlich neben mir. Und dann siehst du mich wieder so besonders an.‘ Er sagt nichts, beugt sich vor, greift in seine Federtasche und holt einen eleganten Füller heraus. Dann greift er nach ihrem Block, den sie ihm inzwischen hingeschoben hatte und schreibt ihr die Begriffe in seiner gewohnten Schrift auf. Ergänzend schreibt er darunter die englischen Bezeichnungen, um es zu erklären. Tina staunt nicht schlecht über seine schöne saubere Schrift. In ihren Augen sieht sie perfekt aus. Mit ihren Augen folgte sie seinen Handbewegungen, nicht nur, um sich die Schreibweise der Schriftzeichen zu merken, sondern auch, weil es ihr wahnsinnig gefiel, ihm dabei zuzusehen. Als er ihr den Block wieder zurückschiebt und die Kappe vom Füller zudreht, bedankt sie sich leise.
„Danke sehr.“ Der Lehrer spricht plötzlich streng, während er etwas an die Tafel schreibt.
„Es wird im Unterricht nicht gequatscht. Das gilt ab jetzt auch für Sie. In Deutschland ist das doch sicher auch nicht gestattet.“ Perplex blickt Tina zu ihm.
‚Hä? Ich habe doch nur nach dem Wort gefragt und mich bedankt. Was hat der denn für ein Problem?‘
„Sie haben Recht, dazwischen quatschen dürfen wir auch nicht. Aber um Hilfe bitten ist nicht verboten. Ist es denn hier so?“ Er dreht sich um und sieht sie streng an.
„Nein, aber es geht auch ohne den Mund aufzumachen. Man redet nur, wenn man vom Lehrer gefragt wird oder es zum Unterricht gehört und zum Thema passt. Wenn Pausen sind, können Sie reden.“
‚Wow, das sprengt echt alles.‘
„Es gehört doch zum Unterricht. Ich habe Sie gefragt, aber Sie wollten mir nicht helfen und dann frage ich meinen Nachbarn und er hilft mir und ich bedanke mich. Ich denke nicht, dass ich da jemanden gestört habe. Ich war sehr leise.“
„Jetzt diskutieren Sie mit mir? Es ist untersagt mit den Nachbarn zu reden, außer ich erlaube es, weil es zum Fach gehört.“
„Also wirklich. Sie machen es mir nicht leicht. Ich mache genau das was Sie mir sagen. Ich unterhalte mich doch gar nicht mit meinem Nachbarn, er hat doch gar nichts gesagt, also kam keine Unterhaltung zu Stande und es gehört zum Fach, denn wir haben doch Japanisch und ich frage nach einem Fachbegriff. Ich habe also gar nichts falsch gemacht.“, spricht sie sachlich.
„Wie bitte?“ Herr Tenma knurrt etwas vor sich hin und dreht sich dann wieder um und greift zum Laserpointer. Sein Puls steigt etwas an.
„Sie müssen noch viel über unsere Regeln lernen, Frau Fuchs. Machen wir weiter.
Ihr seht die aktuelle Notenliste vor euch. Wir haben wieder einen Sieger. Herzlichen Glückwunsch, Herr Hyuga, Sie haben es wieder bis an die Spitze geschafft.“ Kojiro grinst und lehnt sich wieder zurück. Es wird in der Klasse geklatscht und Tina passt sich an und klatscht ebenso mit.
‚Oh, das freut mich aber für dich. Ich wusste doch, dass du klug bist.“, lächelt Tina ihn an.
„Und Sie, Herr Sorimachi, diesmal Platz zwei und Herr Wakashimazu Platz drei. Sie stehen jedoch mit nur einem Punkt unter Sorimachi.“
„Jup.“, haut Ken raus. Dann sieht der Lehrer zu einem anderen Schüler.
„Und Sie? Was soll das da unten werden? Geben Sie sich mehr Mühe, sonst gefährden Sie Ihr Stipendium, das wissen Sie!“, klingt er streng. Der Junge, etwas größer gewachsen und sehr schlank, nickt mit betrübtem Kopf.
„Ich weiß. Tut mir leid.“
„Frau Fuchs. Würden Sie uns verraten wo Sie bisher standen? Hier beginnen Sie erst Noten zu sammeln, aber wo standen Sie in Deutschland?“ Tina dreht sich um, denn sie hatte kurz zurückgeschaut, um zu wissen von wem der Lehrer spricht. „Bei uns gibt es so eine Liste nicht. Das kann ich Ihnen also nicht sagen.“, antwortet sie höflich.
„Es gibt wirklich keine Notenliste? Woher wissen Sie dann wo Sie stehen?“ „Naja, jeder bekommt seine Noten und kann es sich doch dann ausrechnen wo er steht. Also wie gut man ist. Das wird nicht vor der ganzen Klasse oder der ganzen Schule, wie hier, allen mitgeteilt. Deswegen kann ich Ihnen nicht sagen wo ich wirklich gestanden habe.“
„Ich verstehe. Das ist wirklich nicht überall typisch. Das stimmt. Was denken Sie denn, wo standen Sie auf Klassenebene?“
„Ich ging auf ein Gymnasium, das ist ja auch schon anders als hier. Das ist die Schule, bei der man das Abitur macht. Also später studieren kann. In meiner eigenen Klasse war ich eine von denen, die da oben auf der Liste stehen. Aber welcher Rang genau, das weiß ich nicht. Es gab gefühlt ebenso gute Leute wie mich.“
„Wie waren denn Ihre Noten?“
„Ich hatte überall nur Bestnoten. Volle Punktzahl. Mehr geht nicht.“, spricht sie stolz.
„Was glauben Sie, werden Sie hier erreichen?“
„Oha. Keine Ahnung. Ich bin heute erst den ersten Tag da. Ich weiß noch gar nicht was alles noch auf mich zukommt. Immerhin muss ich den Kram aus der Grundschule bis heute mit aufholen, den wir nicht hatten. Und dann kommt ja immer was Neues dazu. Ich habe schon in ein paar Bücher geschaut.“
„Ich denke Sie können unsere Schriftzeichen noch nicht lesen? Wie konnten Sie dann in die Bücher sehen?“
„Ich war mit meiner Mutter zusammen in der Bibliothek und sie hat mir geholfen. Und in den Buchhandlungen haben wir zusammen ein paar Bücher rausgesucht, zum Üben.“
„Ach so. Das klingt logisch. Aber das Abitur, also einen Abschluss fürs Studieren wollen Sie hier schon machen?“ Tina sieht ihn skeptisch an.
„Natürlich, sonst wäre ich doch heute nicht hier, sondern würde wie meine Mutter ohne japanischen Schulabschluss einfach arbeiten gehen.“, erklärt sie ruhig. Tinas Puls jedoch steigt langsam etwas an. Diese Fragen ergaben teilweise für sie keinen Sinn.
„Nun gut. Wir werden sehen. Ich bin gespannt wo Sie am Ende des Jahres stehen. Was glauben Sie, könnten Sie bis Jahresende schaffen?“
„Keine Ahnung, das werde ich ja sehen. Ich tu was ich kann und dann weiß ich es.“
„Hm, seltsame Einstellung.“, murmelt er vor sich hin und spricht dann über sein eigentliches Thema.
„Nun gut. Ihr wisst sicher noch, dass wir zu Beginn des Schuljahres über berufsorientierte Praktika geredet haben. Nun ist es bald soweit und Sie müssen sich innerhalb der nächsten acht Wochen einen Platz gesichert haben.
Bedenken Sie bei der Auswahl bitte, dass Sie sich Berufe aussuchen, die Sie später eventuell anstreben.“ Tina meldet sich erneut. Er stöhnt auf und knurrt sie an. „Was denn nun wieder?“
„Das Thema klingt wichtig und interessant, aber ich versteh zu viele Wörter nicht. Wenn es möglich ist, könnten Sie es bitte in Englisch erzählen? Also, wenn es alle okay finden?“
„Nun ist aber gut. Das hält ja alles auf. Hören Sie einfach zu und dann lassen Sie sich die fehlenden Begriffe von ihren Klassenkameraden in den Pausen erklären.“, macht er eine klare Ansage.
‚Du meine Güte, was hat er nur gefrühstückt?‘ Auch Kojiro ist etwas entsetzt, dass sei Lehrer überhaupt kein Verständnis für ihre Situation zeigt.
„Das habe ich gemacht und es war auch falsch. Und die Pausen sind Pausen, da frage ich nebenbei auf der Toilette oder beim Essen doch nicht nach Vokabeln.“, äußert sie deutlich und mit ernstem Gesicht. Er sieht sie brummig an. Dann macht er einfach mit seinen Erklärungen weiter, ohne darauf zu antworten.
‚Was bildet sich dieses Kind eigentlich ein? Stolziert hier rein und diskutiert mit mir herum. Eine Japanerin würde sich das niemals erlauben.‘ Tina geht leise an ihre Tasche, holt ihr Tonband heraus, entfernt die Kopfhörer, stellt es auf Aufnahme und legt es auf den Tisch. Dann legt sie sich den Block hin und versucht dem Lehrer so gut sie kann zu folgen und notiert sich die eine oder andere Information, die sie herausfiltern kann.
„Die Praktika gehen 4 Wochen durchgängig. Sehen Sie beim Auswählen und beim Vorstellen der Betriebe, dass Sie auch zeitlich in ihre Trainingszeiten passen. Am besten reden Sie mit der Personalabteilung und sagen Sie Ihre Zeiten an, dann können die Ihnen sagen, ob es passt.
Wissen Sie denn inzwischen schon was Sie machen wollen? Sie hatten nun ein paar Monate Zeit darüber nachzudenken.
Ich gehe mal die Reihe rum und Sie sagen mir ob Sie eine Idee haben und vielleicht schon einen Praktikumsplatz.“ Es wird von hinten angefangen und jeder nacheinander gibt seinen Vorschlag ab. Das schüchterne Mädchen zögert etwas und sagt dann aber, dass sie gerne Kinderärztin werden möchte und bereits einen festen Platz in einer Kinderklinik hat.
Dann kommen die nächsten dran. Sorimachi möchte Lebensmitteltechnologie studieren und hat sich einen Platz in einer Getränkefirma organisiert.
Ken will nicht studieren, aber er hält sich die Option offen. Er hat einen Platz in einem Museum für japanische Kultur ergattern können. Dann ist Kojiro dran. „Und Sie Herr Hyuga? Wie sieht es bei Ihnen aus. Sie waren zum Schulbeginn noch unschlüssig.“
„Ich gehe in ein großes Bauplanungsbüro. Ich möchte dann Architektur studieren und danach Bauwesen. Dort kann ich gleich in beide Bereiche schauen.“ Tina staunt nicht schlecht, erwähnt hatte er es damals schon, dass er sich dafür interessiert.
„Und Sie Frau Fuchs? Was möchten Sie später machen? Mit Schwimmen alleine können Sie nicht leben. Mit dem Sport verdient man nicht sehr viel.“
„Oh, nebenbei arbeiten kann ich bereits. Ich bin Rettungsschwimmerin und mit den Sprachen kann ich auch immer genug Geld verdienen, wenn es doch nicht reichen sollte.“
„Sie sagten vorhin, Sie möchten hier ein Oberschulabschluss versuchen und was würden Sie, mal angenommen, wenn Sie es schaffen sollten und trotz Aufnahmetests an die Uni kommen, studieren wollen?“
„Das weiß ich noch nicht so genau. In Deutschland wusste ich es, aber hier ist alles anders und es gibt sicher auch noch andere Berufe.“
„Nun, dann frage ich mal anders. Was wollten Sie denn in Deutschland studieren und später arbeiten?“
„Ich wollte Psychologie studieren, und erweitern auf Sportpsychologie und Kinderpsychologie. Arbeiten wollte ich aber nicht als Psychologin, sondern als Trainerin für Kinder und Jugendliche. Also nebenbei oder danach eine professionelle Trainerausbildung machen. Wie das aber hier läuft, keine Ahnung.“, antwortet sie diesmal auf Englisch.
„Und ob ich das hier noch machen will, weiß ich auch nicht. Ich muss ja erst einmal schauen wie weit ich hier in der Schule komme und wo mich mein neuer Weg hinführt.“
„Psychologie? Trainerausbildung? Wieso muss man als Trainer Psychologie studieren?“
„Das muss man nicht. Ich will mit Kindern arbeiten, also möchte ich keine Fehler machen. Das kann beim Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen sehr schnell passieren. Als Lehrer wissen Sie bestimmt was ich meine.“, lächelt sie freundlich.
„Nun gut. Sie müssen sich ja jetzt noch nicht ganz entscheiden. Es geht vorerst nur darum in einen Beruf praktisch hineinzusehen. Schauen Sie sich um was Sie dann machen wollen. Was könnte Sie denn da in die richtige Richtung lenken?“
„Ach, es geht um ein Schulpraktikum? Sowas gibt es hier auch? Meins habe ich in Deutschland schon gemacht, zählt das mit? Da war ich in einem Kinderhospiz. Da habe ich dann mit den Kindern kleine leichte Sportübungen gemacht.“, sieht sie ihn begeistert an und spricht auf Englisch.
„Davon rede ich doch die ganze Zeit! Von einem Praktikum. Hören Sie mir denn nicht zu?!“
„Das tue ich doch die ganze Zeit, aber ich darf mir ja die Fachausdrücke nicht notieren oder übersetzen lassen. Ich weiß nur, dass es um Berufe geht. Soviel habe ich verstanden.“, knurrt sie etwas, sieht ihn streng an und versucht sich zurückzuhalten.
„Jetzt werden Sie auch noch frech?! Und was soll das hier überhaupt?! Wieso nehmen Sie sich die Frechheit heraus Ihren Walkman auf den Tisch zu legen?!“, faucht er sie wieder an und zeigt auf das Gerät. Tina lehnt sich zurück und sieht ernst zu ihm auf.
„Sie haben mir ja keine andere Wahl gelassen. Das ist für mich ein Tonbandgerät und ich nehme das auf, was Sie sagen, damit ich die wichtigen Informationen später in aller Ruhe übersetzen kann. So lerne ich meine Sprachen, zuhören und wiederholen. So lange bis es sitzt.“, erklärt sie dann fest überzeugt.
„Wie bitte? Sie nehmen mich auf und dann ohne mich zu fragen? Packen Sie das Ding weg!“ Sein Puls rast fast. So eine Art mit ihm umzugehen kennt er nicht. „Das ist aber mit dem Direktor abgesprochen worden, dass ich es im Zweifelsfall benutzen darf.“, erklärt sich Tina, schnappt sich das Gerät und legt es in die Tasche zurück.
„Davon weiß ich nichts! Das ist eine Ausrede! Mich anzulügen ist ja wohl die Höhe!
Raus hier! Vor die Tür!“ Tina steht grinsend auf, stützt sich dabei auf dem Tisch auf und schiebt langsam den Stuhl mit den Beinen zurück.
„Ist das jetzt das mit den Eimern? Das habe ich im Fernsehen gesehen.“, sagt sie ruhig. Herr Tenma sieht sie verdutzt an und antwortet nur mit einem genervten „Ja.“. Tina verlässt eher fröhlich ihren Platz.
„Cool, das sieht immer so lustig aus.“, haut sie amüsiert raus und geht zur Tür. Dann dreht sie sich um und sieht freundlich zum Lehrer zurück.
„Sie müssen mir dann aber zeigen wo die sind und wie das geht. Das habe ich doch auch noch nicht gelernt.“ Der Lehrer läuft plötzlich hoch rot an. Seine Geduld ist am Ende. Er ist auf 180.
„Raus jetzt, das erklärt sich von selbst! Es steht alles auf dem Flur! Sie wollen mich wohl zum Narren halten?!“, brüllt er erzürnt.
„Ich geh ja schon. Ich geh ja schon.“, murrt sie leise und greift die Türklinke. Dann dreht sie sich nochmal um, stellt sich wie sie es sonst auch immer macht selbstsicher neben die Tür und sieht ihn sehr ernst an.
„Wenn Sie mich nicht mögen, weil Ihnen irgendwas an mir nicht passt, dann sagen Sie es wenigstens gleich, statt zu versuchen mich kleinzukriegen.“, wirft sie ihm an den Kopf. Daraufhin verlässt sie den Raum und schließt die Tür hinter sich. Alle sehen verdutzt zur Tür und zum Lehrer und wissen so schnell gar nicht was sie davon halten sollen. Herr Tenma starrt noch immer verdutzt zur Tür, hinter der sich Tina befindet und sieht ihr durch die große Scheibe nach, wie sie lächelnd über den Flur stolziert und zur Eimerecke geht. Sie schaut zur klasse rein und winkt frech.
Plötzlich hallt ein lautes und kräftiges Lachen durch den Raum. Alle sehen überrascht zu Kojiro, welcher sich in diesem Moment nicht mehr zurückhalten kann und herzhaft lachen muss.
‚Die erste Stunde ist nicht mal rum und sie schafft es unseren sturen Ochsen zur Weißglut zu bringen. Er ist richtig rot vor Wut. Das kann ja heiter werden hier. Du hast meinen Rekord geknackt. Prima Bettina. Ab jetzt wird die Schule nicht mehr langweilig sein.‘ Zornig sieht ihn der Lehrer an und zeigt mit dem Finger auf die Tür.
„Sie finden das scheinbar auch noch amüsant! Dann folgen Sie ihr gleich, Sie hätten ohnehin draußen stehen müssen!“, knurrt er ihn an. Kojiro steht noch im Lachen auf und geht zur Tür. Dann hebt er die Hand und gibt ein Zeichen. Ken und Kazuki stehen ebenso auf.
„Wie Sie sagten, wir waren ohnehin zu spät und hätten draußen stehen müssen.“, meint er nur ruhig und unterlässt sein Lachen. Alle drei verlassen zusammen das Klassenzimmer und gehen ebenso am Fenster vorbei. Die ganze Klasse ist verdutzt und sieht ihnen nach.
„Was ist denn jetzt los? Seit wann kann Hyuga lachen?“
„Ja, der hat noch nie gelacht. Wenn ihm was nicht passt, dann brummt er nur rum oder beißt sich quasi auf die Zähne, weil er genau weiß, wie wichtig sein Stipendium ist.“
„Das stimmt. Er hat sich bereits zu viel geleistet. In der Mittelschule war er ständig nur beim Direktor und erst als er merkte, dass sein Stipendium darunter leiden würde, zog er sich etwas zurück.“
„Und Tina…gleich in der ersten Stunde draußen.“, kichern einige.
„Ruhe jetzt. Wir machen weiter.“, ermahnt der Lehrer. Er holt Zettel aus seinen Unterlagen und lässt sie verteilen. Sofort ist wieder Stille im Raum.
„Füllt alle diese Blätter aus und gebt sie dann bei mir ab. Den zweiten Zettel nehmt ihr mit nach Hause und lasst ihn von euren Eltern unterschreiben. Es geht um den großen Ausflug, den ich letzte Woche bereits angekündigt habe.“ Während die Schüler den Fragebogen ausfüllen, sieht er nach draußen. Die vier Schüler stehen mit dem Rücken zu ihnen und halten jeweils die Eimer in den Händen. Tina steht genau zwischen Kojiro und Ken. Kazuki steht neben Kojiro. Auch die Klassenkameraden sehen neugierig immer wieder raus zu ihnen. Es wird kurz geflüstert.
„Sieht komisch aus, wie sie so zwischen den beiden steht.“
„Ja, und da wird sie nicht mal rot dabei, in ihrer Nähe.“
„Die ist irgendwie total cool.“, sind ganz leise die Mädchenstimmen zu hören.
Draußen vor der Tür wird ebenso leise gesprochen. Vorher waren sie am Wasserhahn und die Jungs helfen ihrer neuen Mitschülerin dabei die Eimer zu füllen.
„Du warst klasse. Der wäre beinahe geplatzt vor Wut.“, äußert Ken, als er die Eimer aus dem Schrank holt. Er lacht dabei.
„Oh ja. Dieses rote Gesicht. Er war echt gemein zu dir.“, meint Kazuki.
„Ach ich kann das ab. Ein Sturkopf ist das, aber das wird schon. Ich kenne solche Typen, die meinen über allem zu stehen. Ich gebe ihm maximal zehn Minuten, dann holt er mich wieder rein und dann läuft es besser. Gemein, war er zu Kiki und zu dem Jungen, der in der Notenliste unten steht. Wie kann er sie vor der ganzen Klasse so herabwürdigen? Das regt mich jetzt noch auf.“, berichtet Tina. Dann gehen sie alle zu den großen Fenstern neben dem Klassenraum und stellen sich mit dem Rücken zur Klasse.
„Wieso bist du eigentlich in Japan? Genzo hat da nichts von erzählt.“, fragt Kojiro leise. Alle sehen zur Fensterfront auf den Schulhof.
„Pst. Bist du verrückt hier sowas zu fragen?“, faucht Tina leise.
„Wieso?“
„Sind hier keine Kameras auf dem Flur?“
„Äh, nein. Ach so. Die sind nur an staatlichen Schulen Vorschrift. Hier sind wir aber an einer Privatschule. Denen ist es selbst überlassen.“
„Oh, echt? Weder im Flur noch in den Gemeinschaftsräumen wie die Mensa?“ „Richtig. Hier gibt es nur Aufsichtspersonen, wenn welche da sind. Du hast sicher auch noch keine Schilder gesehen.“
„Okay, Satoshi hatte mich nur vorgewarnt.“
„Satoshi? Wer ist das?“, hinterfragt Ken.
„Genzos Vater, wer denn sonst? Ich kenne doch weiter keine Japaner.“
„Wie jetzt? Du nennst ihn beim Vornamen? Ist das so üblich in Europa, dass man die Eltern der Freunde so nennt und anspricht?“
„Nein, unsere Eltern sind mittlerweile auch befreundet. Und so kommt das dann. Deswegen kann meine Mutter bereits so gut Japanisch, weil sie es seit drei Jahren schon lernt.“
„Verstehe. Trotzdem komisch. Ich bin erstaunt, dass er überhaupt mit seiner seltsamen Art in Deutschland Freunde gefunden hat.“, murmelt Ken leise.
„Was soll das heißen? Seltsame Art?“, stutzt Tina.
„So naja…überheblich und arrogant und überstürzt und vor allem jähzornig kann er sein. Das kommt uns zwar beim Spielen etwas entgegen, da braucht man das, aber außerhalb kann es schon stören.“, meint Ken.
„Du kennst ihn eindeutig zu wenig. Du siehst ihn nur als Gegner und als Konkurrenten. Deswegen kennst du nur seine schlechten Eigenschaften.
Genzo erfüllt eigentlich alles was ein Mann mitbringen muss.“, plappert sie leise.
„Ach…und was ist das?“, hinterfragt Kazuki.
„Äh. Naja, er ist ehrgeizig, mutig, zielstrebig, klug, groß und stark und sehr stolz. Er weiß genau wer er ist und was er kann. Und…er hat viel Herz und ist immer für seine Freunde da, wenn man ihn braucht.“, schwärmt sie gefühlt. Ken stößt sie etwas an.
„Gibs zu, du bist doch in ihn verknallt.“
„Nein, klingt wohl danach. Sorry. Das war ein Fettnäpfchen. Vergleiche es mit einer Freundin.“
„Es klingt nicht nach ihm, das macht mich stutzig.“, grinst er.
„So ist er aber…er hat mir sogar…mal das Leben gerettet und war…für mich da, als ich ihn am meisten brauchte.“, sagt sie leise und betrübt und schaut zur Decke. Sie atmet tief ein.
‚Ach Stephan…warum nur? Warum musste das nur passieren?‘ Kojiro hält sich zurück, aber der Blick in ihren Augen gefällt ihm gar nicht.
„Lasst uns später mal reden, wenn wir alleine sind.“, macht er eine klare Ansage.
‚Es ist was passiert, aber was nur?‘
„Aber eins will ich noch wissen. Ist Stephan auch hier an der Schule und spielt dann ab jetzt bei uns im Team? Das wäre Mega cool.“, haut Ken raus.
„Ken…später.“, spricht Kojiro wieder ernst.
„Brumm hier nicht so rum.“, faucht er zurück. Und während er zu seinem besten Freund sieht, bemerkt er wie Tinas Blick starr nach draußen gerichtet ist. Sie geht zwei Schritte vorsichtig zum Fenster und schaut dann zu den Wolken hoch.
„Stellt die Eimer bitte kurz ab.“ Der Ton gefällt den Jungs gar nicht, also tun sie lieber was sie sagt.
„Die anderen müssen es nicht mitbekommen, bleibt ruhig.“, warnt sie.
„Das gefällt mir nicht.“, murmelt Ken plötzlich vor sich hin und schaut zu Kojiro.
‚Dieser Ton…klingt nicht gut.‘ Dieser sieht ihn betrübt an. Der Puls der Jungs steigt deutlich an und sie sehen zu ihr.
„Er liebte eure Art zu spielen und würde sicher gerne in euer Team kommen, aber…Stephan…spielt jetzt da oben mit den anderen Fußball-Engeln. Und er lacht sich vermutlich gerade über mich kaputt. Ich habe meinen Rekord gebrochen. Gleich in der ersten Stunde rausgeschmissen zu werden.“, lächelt sie dann und hält krampfhaft die Eimer weiter fest. Es kommt kein einziger Ton. Doch dann platzt es plötzlich aus Kojiro heraus.
„Verdammt nochmal! Was erlaubt er sich?! Ich wollte nochmal gegen ihn spielen!“, spricht er nicht laut, aber sehr bestimmend. Seine Freunde sehen ihn verdutzt an.
„Ich auch, ein richtig geiles Duell gegen ihn! Er kann sich doch nicht einfach davor drücken.“, spricht Kazuki offen aus.
„Und ich wollte, dass er mal im Sturm spielt. Er schien darin auch gut zu sein. Ich weiß wie es ist, zwei Positionen zu belegen. Ich war Stürmer bevor ich in den Kasten ging. Und dann wollte ich seine Bälle halten.“, vermerkt Ken. Tina lächelt und stellt sich das bildlich vor, wie die vier zusammen hier im Team spielen würden. Die Vorstellung erwärmt ihr Herz.
„Meine Eltern und ich…wir sind hier, für einen Neustart. Weit weg von allem Alten.“, sagt sie leise. Ihr Herz rast wie wild und es fühlt sich unwahrscheinlich schön an, dass die drei sie nicht anfangen zu bemitleiden. Das kann sie nicht gebrauchen und das scheinen sie erkannt zu haben.
Kojiro bückt sich und nimmt seine Eimer wieder in die Hände. Die anderen tun es ihm gleich. Sein Herz rast. Die Vorstellung, dass er tod ist, geht noch nicht in seinen Kopf hinein und wie sehr muss Tina leiden. Und trotzdem ist sie fröhlich hier. Tina dreht sich um und grinst.
„Ich sag ja, keine zehn Minuten. Bis gleich, Jungs.“, spricht sie leise und sieht Kojiro dabei an.
‚Was meint sie denn jetzt?‘ Plötzlich geht neben ihnen die Tür vom Klassenzimmer auf und der Lehrer steht im Flur.
„Kommen Sie wieder rein, Frau Fuchs. Warum haben Sie mir nicht gleich gesagt, dass Sie die Erlaubnis für die Aufnahmen haben? Sie hätten mich doch nur fragen müssen.“
Wasser für die Zimmerpflanzen
Kapitel 17
Wasser für die Zimmerpflanzen
„Naja, Sie haben mich ignoriert und gleich weitergemacht. Da wollte ich mit Fragen nicht nochmal stören und ich musste mich doch beeilen, damit ich so viel wie möglich mitbekomme.“, lächelt sie ihn freundlich an.
„Sie haben Recht. Ich hatte Vorurteile und habe Sie ignoriert. Setzen Sie sich wieder hin und nehmen meinetwegen auch das Tonband raus.“ Tina geht lächelnd auf ihn zu und sieht ihm dann freundlich in die strengen Augen.
„Ich wusste, dass in Ihnen ein guter Lehrer steckt. Sie brauchten nur einen kleinen Anstoß.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie haben den Schneit Fehler einzugestehen…das können nur die wirklich guten Lehrer. Jetzt wissen Sie warum ich das Fach studieren will, so werden mir weniger Fehler passieren.“ Dann geht sie dankend und mit erhobenem Kopf und den Eimern in den Händen, an ihm vorbei ohne einen Tropfen zu verschütten. Sie blickt in die Klasse und lächelt.
„Bei euch lernt man wirklich viel in nur einer Unterrichtsstunde. Wahnsinn. Bestimmt seid ihr Japaner deswegen so klug.“, äußert sie fröhlich und geht dann zum Waschbecken und schüttet einen Eimer aus. Den anderen hält sie in der Hand und fragt nochmal in die Runde.
„Sind die Pflanzen heute schon gegossen worden?“ Die Schüler sehen sich alle fragend an. Dann werden die Köpfe geschüttelt. Sagen tut keiner etwas. Sie sehen ihr nur verwundert zu. Tina geht zur Fensterbank und schaut sich die Erde an. Dann geht sie zu jedem Blumentopf und gießt einen guten Schwung Wasser ein. Später schüttet sie den Rest weg und setzt sich wieder an den Tisch. Der Lehrer fährt fort.
Was ist inzwischen passiert? Warum ist er plötzlich so einsichtig?
Kaum haben die Weltmeister den Raum verlassen, teilt er die Zettel aus. Kurz darauf kommt er an Tinas Tisch vorbei und sieht auf ihre Notizen.
‚Sie macht sich ja wirklich Notizen, von dem was ich sage. Ich dachte das war ein Bluff.‘ Dann nimmt er ihren Block in die Hand und liest sich ihre Notizen genauer durch. Sie sind zwar auf Englisch, aber einiges steht in Französisch da.
„Sie sollten nicht vorschnell urteilen. In Ihren Unterlagen sollte ein Schreiben liegen. Unter anderem der Hinweis für meine Erlaubnis für Tonbandaufnahmen.“ Er ist erstaunt. Dann liest er über ihre englischen Notizen wieder hinweg und erneut kommen französiche Sätze.
„Bitte sind Sie nicht zu streng zu dem Jungen, vor allem nicht vor den anderen. Er scheint mir etwas labil zu sein. Passen Sie auf, dass ihm nichts passiert.
Das Mädchen mag schüchtern sein, aber sie ist stabil und weiß was sie wirklich kann. Sie vor der Klasse herabzuwürdigen war trotzdem nicht nett. Als Mädchen zwischen den vielen Jungs hat sie es hier ohnehin schwerer. Sie wollen doch sicher die Klasse haben, die die besten Abschlüsse macht und mit Erfolg und Stolz ins Studium und in ihre Berufe startet. Genug Potenzial ist doch da.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.“
Nachdenklich legt er ihren Block wieder hin und geht zu seinem Tisch und holt das Klassenbuch hervor. Er setzt sich hin und nimmt einen großen Umschlag mit dem Vermerk, dass es Informationen zur neuen Schülerin seien. Dann öffnet er ihn und sieht sich alles an.
‚Ich war wirklich zu dumm. Warum habe ich mir das nicht gleich beim Direktor angesehen, als ich sie abgeholt habe? Ihre Referenzen als Sportlerin, ihr Zeugnis. Hier ist sogar ein offizieller Bildungstest von der Uni Tokio. Ein Vortest zum Üben für ausländische Studierende. Es ist 10 Tage alt und wurde in einer Abendschule an der Todai gemacht.‘ Er blättert neugierig um und staunt über die Punktanzahl.
„Oha…“, stößt er plötzlich aus.
‚Das kann doch kaum sein. Sie hätte die Aufnahme ja beinahe bestanden. Wie kann das sein? 73 von 100 Punkten.‘ Er richtet sich auf und schaut zum Flur. In diesem Moment geht Tina ans Fenster vor, die Jungs stellen die Eimer ab und sehen nur zu ihr.
‚Was machen die da? Die Eimer abstellen? Warum? Es hat den Anschein, dass sie sich unterhalten. Aber worüber reden sie?
Hm, wie sie da so steht…dieses Mädchen hat ein großes Selbstbewusstsein. Mir diese Informationen versteckt zukommen zu lassen. Woher wusste sie, dass ich überhaupt in ihre Notizen schaue? Und dann, wie sie dort steht…genauso erhaben wie Hyuga und seine Freunde. Es wirkt, als würde sie dazugehören. Komischer Anblick, dieses blonde deutsche Mädchen zwischen den großen Weltmeistern.‘ Plötzlich meldet sich Kiki, das Mädchen, welche Tina sich als Ansprechpartnerin ausgesucht hat.
„Bitte.“
„Herr Tenma, bitte lassen Sie Bettina wieder in die Klasse. Es…es wäre doch schade, wenn sie so viel verpasst. Sie…sie wollte doch nur…mitmachen und…zu uns gehören. So viel Mut muss man erst einmal haben“, spricht sie mutig und überzeugt aus, was ihr auf der Seele brennt. Herr Tenma und die anderen sehen sie total verdutzt an.
„Wie jetzt. Du sagst was dazu?“, kommt von einem Jungen.
„Natürlich…wenn es sonst keiner tut! Außerdem soll ich ihr doch auch jetzt helfen, da ist das meine Aufgabe.“, verteidigt sie sich lautstark und sieht ihn ernst an. Eine weitere Schülerin steht auf.
„Ich sehe das genauso wie Kiki. Tina sollte wieder reinkommen. Sie muss sich doch erst an alles gewöhnen.“ Weitere Schüler stehen auf, ohne jedoch etwas zu sagen. Herr Tenma steht ebenso auf.
‚Nicht zu fassen. Die Kleine erhebt das Wort und die anderen folgen ihr. Das ist sehr interessant. Sie hat noch nie ihre Meinung geäußert.‘ Er schaut wieder raus und die anderen folgen seinem Beispiel. Genau in dem Moment dreht sich Tina wieder um und die Jungs haben die Eimer wieder in den Händen.
„Nun gut. Starten wir von vorne. Setzen Sie sich alle wieder.“, spricht er streng und geht dann zur Tür.
„Wir beginnen nochmal von vorne. Hier, bitte füllen Sie diesen Zettel aus. Sie können ihn mir später im Laufe des Tages oder morgen Früh zukommen lassen. Sicher hilft Ihnen jemand dabei.
Wenn Sie möchten, können Sie sich jetzt auch den Rest der Stunde selbstbeschäftigen. Die anderen schlagen nach dem Ausfüllen der Fragen ihr Lehrbuch auf Seite fünfzig auf und beginnen sich ins neue Thema einzulesen.“ Tina bedankt sich und nimmt das Blatt an. Sie versucht was sie kann zu beantworten und legt es dann zur Seite und holt ein Schreiblernbuch für Grundschüler heraus, um ihre Übungen damit zu machen.
Während Herr Tenma den Test liest, drehen sich die drei Fußballer auf dem Flur um und schauen in den Raum.
„Sagt mal. Was mag denn da passiert sein? Ihr Bruder…ist tot? Das…ist so komisch.“, äußert Kazuki leise und betrübt.
„Tsubasa hat neulich so komisch am Telefon geklungen. Ich wusste nicht warum, aber als wir ihn doch nach Genzo fragten, da meinte er nur, es ginge ihm soweit gut. Ich glaube…er weiß es schon…aber wollte es uns nicht sagen, um uns nicht die Stimmung zu vermiesen.“, vermutet Kojiro.
„Das ist doch total bescheuert. Jetzt stehen wir hier wie begossene Pudel, weil wir nichts wussten. Ich bin erstaunt, dass Tina es uns sagen konnte, ohne zu weinen. Sie ist ein Genie darin ihre Gefühle zu verbergen. Vermutlich, weil sie es die ganzen Jahre lang machen musste, um nicht aufzufliegen.“, bringt sich Ken ein. „Ich finde es komisch, dann ist sie ausgerechnet nach Japan gezogen. Warum? Warum hier her und nicht in die USA oder so?“
„Mich interessiert eher was passiert ist. Er war doch erst siebzehn, ich glaube er wäre jetzt im Dezember 18 geworden.“, sagt Kojiro.
„Ich denke mal ein Unfall. Was sonst? Das kann jedem passieren. Deswegen haben wir alle unseren Plan B in der Tasche, wenn es erst losgeht.“, meint Ken. „Ich weiß nicht. Hoffen wir es. Schlimm genug, ich will gar nicht wissen wie sich meine Geschwister fühlen würden, wenn mir was passieren würde.
Wenn ich mich recht entsinne hatten die beiden ebenso ein sehr inniges Verhältnis zueinander.“ Es ist wieder still.
„Hm, was schaut sich der Lehrer denn da überhaupt an?“
„Keine Ahnung. Muss interessant sein.“
„Jetzt schaut er her. Nervig diese Scheibe.“
„Ist doch egal. Man hört doch nichts.“
„Hast auch wieder Recht.“
„Wisst ihr was total bescheuert ist? Ich habe mir echt vorhin noch die ganze Zeit Gedanken darüber gemacht, ob ihr Bruder eine Klasse über uns ist und wir uns dann beim Training treffen. Ich hatte mich irgendwie schon darauf gefreut. Verdammt. Das wäre echt genial einen wie ihn in der Verteidigung zu haben.“ „Das war auch mein Gedanke. Er wäre eine große Bereicherung in der Verteidigung gewesen. Wir stehen dieses Jahr durch die Abgänge in der Verteidigung gar nicht so gut da. Die Älteren sind auch eher Mittelfeld und Sturm. Die Starken vom letzten Jahrgang, gegen die wir als Trainingsspielt gespielt haben, sind alle weg. Wir können nur von Glück reden, dass Tsubasa das Land verlässt und wir somit nur noch Misugi und Misaki wie Matsuyama als ernstzunehmende Gegner haben, aber wer weiß wie stark die neuen Teams bis zur Meisterschaft sind.“, meint Ken zu Kazuki.
„Alles Scheiße, echt mal. Wie kann Tina dabei noch so fröhlich sein?“, grunzt Ken.
„Sie ist stark…deswegen.“, atmet Kojiro tief durch.
„Sag mal, was macht sie denn da an ihrer Tasche? Versucht sie uns gerade Handzeichen zu geben?“, wundert sich Kazuki.
„Ken, das ist sicher ne Genzo-Nummer. Was könnte es heißen? Dir hat er doch die ganzen Codes seines Teams verraten.“
„Hm, Rückzug, heißt das. Keine Ahnung was das soll. Warum und wie sollen wir uns zurückziehen?“
„Vielleicht sollen wir nicht reden?“, vermutet Kazuki.
‚Rückzug? Warum? Sie sieht zum Lehrer und er sieht uns schon eine Weile zu. Und sie dreht die Tasche um und schaut selbst plötzlich her.‘
Kojiro dreht sich unauffällig um.
„Mund zu, Männer.“, meint er dann plötzlich. Seine Freunde tun es ihm gleich. „Was ist denn?“
„Ich bin so doof, wir hätten nicht durch die Scheibe schauen sollen. Ich glaube, sie vermutet, dass er Lippenlesen kann. Ich weiß nicht wie sie darauf kommt, aber…sie kann das doch selbst. Sicher ist ihr was aufgefallen.“, erklärt Kojiro. „Im Ernst? Glaubst du er hat jetzt was bemerkt?“, haut Ken raus.
„Ich hoffe nicht, aber seltsam war es schon. Er hat tatsächlich ziemlich lange zu uns geschaut, statt in seine Unterlagen. Vergesst nicht, Tina war nicht grundlos in der Verteidigung. Sie hat mir damals nebenbei erwähnt, dass sie Englisch und Deutsch lesen kann. Und sie hat doch vorhin noch gesagt welche Sprachen sie noch spricht. Wer weiß bei welchen von denen es noch geht.“, erklärt Kojiro. „Wow, glaubst du echt, dass sie das kann?“
„Natürlich. Ich habe es zuerst auch nicht geglaubt, aber dann hat sie es mir noch bewiesen. Es ist tatsächlich so. und Tenma konnte uns eben direkt auf die Lippen sehen.“
„Was machen wir denn jetzt? Was ist mit dem Rest des Teams? Und was ist mit dem deutschen Team? Wie mag es ihnen gehen, wenn sie einen von sich verloren haben? Ich will mir gar nicht vorstellen wie das bei uns wäre.
Man ist das total scheiße. Arme Tina.“, äußert Ken traurig.
„Ich werde Tsubasa anrufen und mit ihm reden. Er muss das entscheiden. Er ist unser Kapitän und ich vermute, dass er es sogar wusste. Wenn Genzo was erzählt hat, dann nur ihm.“
„Wann willst du ihn anrufen?“ Die drei schweigen und dann endlich klingelt die Schulglocke. Sie stellen die Eimer weg, kippen das Wasser aus und gehen in den Klassenraum zurück. In der Zwischenzeit verlässt der Lehrer das Zimmer und legt selbst eine kleine Pause ein. Er geht ins Lehrerzimmer und zieht sich einen kleinen Kaffee.
‚Was haben die Jungs eben gemeint? Sie sprachen von einem Bruder? Sie kennen sich offensichtlich. Das ist interessant. Warum glaubten sie, er käme in ihr Team? Ach…verdammt. Mehr konnte ich auf die Schnelle nicht erkennen. Auf jeden Fall kennen die sich und es scheint niemand wissen zu dürfen. Dieses Mädchen gibt mir nur Rätsel auf.‘ Er nippt an seinem Kaffee und schreckt auf.
‚Ach, Milch vergessen. Jetzt war er zu heiß.‘
„Hey, jetzt erzählen Sie mal, Tenma, wie ist die Neue so drauf?“, wird er von einem Kollegen angesprochen. Er antwortet nicht darauf und füllt sich nur die kühle Milch bis zum Rand der Tasse. Er weiß, viel Zeit ist nicht für den Kaffee. „Ja, nun erzählen Sie mal. Ist sie klug?“, kommt ein weiterer Kollege an. Tenma schweigt weiterhin. Seine Gedanken sind auch ganz woanders. Das Gequatsche seiner Kollegen braucht er gerade nicht und ihm geht es nicht so richtig aus dem Kopf, dass Tina die drei Jungs kennen soll.
„Nun sag endlich wie die erste Stunde war. Sei nicht immer so ein Holzkopf.“, knurrt ihn jemand spaßig an und stupst ihn an den Arm.
„Hallo, spinnst du? Soll ich den Kaffee verschütten?“
„Wir sind doch alle neugierig. Wir hatten noch kein deutsches Kind an der Schule. Allgemein eher selten Ausländer. Vor allem ist es schon so spät, was will sie denn jetzt noch in den drei Jahren groß aufholen?“
Herr Tenma nimmt den letzten Schluck und geht zur Geschirrablage.
„Lernt sie einfach selber in euren Fächern kennen. Ich bin eh ne Sondermarke für die Kids.“, sagt er dann nur.
„Na toll, dann lerne ich die Kleine ja nie kennen. Ich habe sie heute früh nur ganz kurz gesehen. Das ist so eine kleine blonde. Sah niedlich in der Uniform aus. Wirkt halt anders.“
„Stimmt, er hat da nicht viel Chance. Die Mädchen gehen sowieso kaum in seinen Kurs.“, spottet eine Lehrerin.
„Hey, ich kann nichts dafür, dass hier so viele Jungs sind. In anderen Schulen waren auch Mädchen bei mir.“
„Mach dir keine Hoffnungen. Soviel kann ich sagen, sie wird sich vermutlich zwei Sprachen raussuchen. Sie spricht bereits mehrere und hat Interesse daran.“, grinst Tenma den Kollegen an.
„Sprachen, oh wie schön. Was spricht sie denn schon alles?“, fragt die Lehrerin. „Frag sie am besten dann selber. Ich werde wieder. Eine Stunde haben wir noch miteinander.“
„Na das wird schon nicht so schlimm sein. Hyuga hast du immerhin unter Kontrolle, da kann ja nicht viel schief gehen. Der ist schon eine Hausnummer.“, grinst jemand. Herr Tenma dreht sich etwas brummig um.
„Was habt ihr nur alle mit ihm? Er sitzt bei mir ganz vorne und da ist Ruhe. Letztendlich muss er sich fügen, ob er will oder nicht. Er braucht das Stipendium, das weiß er ganz genau. Und er hat nur beste Noten. Ich habe heute gerade die Liste angehängt. Er steht ganz oben. Ausgerechnet Hyuga, den ihr angeblich erst zähmen musstet, macht mir so gut wie gar keine Probleme. Ihr habt viel zu schnell über diesen Jungen geurteilt!“ Plötzlich muss er selbst stoppen in seiner Aufregung. Dann sieht er kurz durch den Raum, wie ihn alle erwartungsvoll ansehen.
„So haben wir das nie gemeint. Natürlich ist er ein super Schüler…aber wehe etwas geht nicht nach seinem Kopf.“
‚Sie hat Recht…ich rege mich darüber auf, dass die anderen jemanden so schnell verurteilten und jetzt…habe ich es selbst getan? Ich habe sie einfach nur als verwöhnte Göre betrachtet, die alles in den Hintern geschoben bekommt.‘ Ohne weiter was zu sagen, geht er zu einem Regal mit Ordnern, greif einen Ordner, und zieht sich einige Folien heraus, greift den nächsten Ordner und nimmt auch dort einige Aufgabenblätter heraus, verlässt das Lehrerzimmer und geht zu seiner Klasse zurück.
Als er neben dem Raum steht und sich die Schüler anschaut, wie sie miteinander reden, muss er lächeln. Noch nie hat er lächeln müssen, kurz bevor er in seine Klasse geht. Wieso gefällt es ihm, was er sieht?
‚Irgendetwas hat die Kleine an sich. Noch nie war ein Neuzugang so offen zu allen und hat es geschafft jeden für sich zu begeistern. Mit Ausnahme der drei Jungs natürlich, aber das ist ja was anderes. Sie sind hier wie Helden, aber die Kleine kennt doch niemand. Ob sie Recht hatte mit dem was sie geschrieben hat? Ich werde mir die beiden Schüler in Zukunft mal genauer ansehen.
Hm…die beste Abschluss-Klasse der Schule…eine tolle Vorstellung.‘, grinst er dann auch.
Tina steht neben ihrem Tisch und alle anderen um sie herum. Sie erzählen begeistert miteinander und sie hebt die Hände hoch und klatscht plötzlich.
„Es klingelt gleich. Ihr solltet lieber wieder an euren Platz, nicht dass ich wieder Eimer tragen muss, weil ich euch ablenke oder sowas.“, lacht sie in die Runde und ohne, dass es lange dauert, folgen sie ihrer Anmerkung und kurz darauf klingelt es auch schon. Sie setzen sich alle hin und der Lehrer betritt das Zimmer.
Kojiro sieht ihn neugierig an und fragt sich noch immer, ob er etwas mitbekommen hat. Miteinander darüber reden konnten die Vier noch nicht.
‚Mal sehen wie die nächste Stunde läuft. Langweilig wird es hier bestimmt nicht mehr werden.‘, ist er sich sehr sicher.
Hinten in der Ecke wo die Mädchen sitzen, wird ein wenig gekichert, aber es ist schnell vorbei, als der Lehrer die Hand auf den Tisch legt und Zettel greift.
„Ich habe eine Kurzkontrolle für Sie vorbereitet.“ Es wird etwas gestöhnt, aber letztendlich holt jeder seinen Stift heraus.
„Frau Fuchs? Bitte teilen Sie die Blätter aus. Sie sammeln sie am Ende auch wieder ein. Das ist eine gute Übung sich die Gesichter, Namen und den Sitzplatz einzuprägen.“, spricht er streng und sieht sie ernst an. Tina ist sehr erstaunt, steht lächelnd auf und nimmt ihm die Blätter aus der Hand.
‚Das klingt doch gleich ganz anders.‘, freut sie sich im Innerem.
„Sehr gerne.“ Sie beginnt bei Kojiro und geht dann durch die Reihen durch. Tina nimmt wieder neben Kojiro Platz, legt sich selbst auch einen Zettel hin und gibt die restlichen an den Lehrer vor sich.
„Sie wollen es versuchen?“, spricht er sie freundlich an.
„Wenn ich darf. Ich muss ja auch noch Noten bekommen, wenn ich schon so viel verpasst habe.“, sagt sie überzeugt.
„Versuchen Sie was geht und ich sehe dann, ob es eine Note wert ist.“ Er hebt die Hand und lässt den Test starten.
‚Warum ist diese Schrift nur so schwer? Die Zeit es zu lernen, war eindeutig zu knapp. Hm…worum geht’s überhaupt?‘ Sie schaut sich alles genau an und versucht einzelne Schriftzeichen zu entziffern. Einige kann sie deuten, aber ein ganzer Satz kommt da nicht bei raus. Sie meldet sich und wird auch beachtet. „Geht’s doch nicht?“
„Darf ich meinen Block zum Übersetzen benutzen?“, flüstert sie leise. Er nickt ab.
‚Zum Übersetzen? Dann kann sie einiges wohl lesen. Naja, sechs Wochen, sagte sie. Ist eine kurze Zeit. Dafür spricht sie eigentlich sehr gut. Es war sinnvoll sich in der kurzen Zeit zuerst um das Sprechen zu kümmern und dann den schweren Weg des Schreibens zu wählen.‘
Nach den Fünfzehn Minuten für den Test, sammelt Tina alle Blätter wieder ein und gibt sie vorne beim Lehrer ab. Sie achtet genau darauf wie die anderen so geschrieben haben und sie stellte fest, dass Kojiros Handschrift neben Ken seiner tatsächlich besonders sauber aussieht. Sie kannte bis dahin nur Genzos Schriftbild und auch seine japanischen Schriftzüge sahen nicht besonders schön aus. Sie selbst hat eine furchtbare Schrift, aber es reichte immer, dass jeder es lesen konnte.
Es wurden neue Blätter ausgeteilt und eine Aufgabe im Buch angeordnet, die noch beendet werden soll. Tina hingegen bekommt eine andere Aufgabe. Vor ihr liegt nun ein Stapel Zusammengehefteter Zettel, etwa zehn Blätter.
„Sie machen jetzt etwas anderes als die anderen. Wirklich vorbereiten konnte ich mich nicht, aber versuchen Sie mal diese Fragen alle zu beantworten. Sie sind in Englisch und sollten daher kein Problem für Sie sein.“ Kojiro schaut zu ihr rüber und wundert sich über die Aufgaben.
‚Was soll das denn jetzt wieder? Was hat er vor? Jetzt taucht hier so ein Test aus der Uni auf?‘ Tina staunt nicht schlecht, als sie die Aufgaben sieht.
„Wie lange habe ich dafür Zeit?“
„Bis zum Stundenende. Machen Sie in Ruhe. Es geht nur um eine Einschätzung Ihres aktuellen Bildungsstands. So kann ich besser beurteilen wie ich Sie unterrichte.“ Tina legt sofort los und lächelt, während sie die Aufgaben macht. Kojiro schaut weiter neugierig rüber.
‚Diese Fragen sind viel zu schwer für unsere Klassenstufe. Will er sie jetzt damit kleinkriegen? Mir gefällt das nicht. Wo soll das hinführen?‘ Er sieht in Tinas Gesicht.
‚Ihr scheint das auch noch Spaß zu machen. Nun gut. Wenn sie selbst nichts sagt. Und wenn es doch eine Falle ist?‘ Er blickt zum Lehrer vor und beobachtet wie er einen anderen Test anschaut.
„Mach dir nicht zu viele Gedanken, erledige lieber deinen eigenen Kram.“, flüstert Tina leise. Sie hat seine Skepsis bemerkt.
„Aber…das ist kein gewöhnlicher Test.“, flüstert er zurück.
„Ich weiß was das ist. Ich habe schonmal einen Uni-Einstellungstest gemacht. Er hält ihn gerade in den Händen.“
Nach der Stunde ist die große Mittagspause angesagt. Nachdem Tina ihren Test dem Lehrer übergibt und er ihr eine Liste der Kurse für die AGs überreicht, gibt er ihr noch zu verstehen, dass sie sich einen davon aussuchen muss.
„Also einen davon muss ich dann neben dem Training noch machen?“
„Genau. Das sind Vorschriften, die alle Schulen erfüllen müssen. Profisportler wie wir alle hier müssen nur ein geistiges Fach, statt 4 pro Woche zusätzlich besuchen. So bleibt genug Zeit für den Sport übrig.“, erklärt Ken.
„Okay. Ich verstehe.“
Sie nimmt die Liste mit zur Mittagspause, um nicht unnötig Aufsehen zu erregen. Im Flur lässt sie sich von Kiki ihren Spint zeigen. Einen Schlüssel vom Direktor hatte sie bereits bekommen. Die Jungs gehen ihren eigenen Weg, denn Tina lehnte es ab von Ken begleitet zu werden.
„Nichts gegen dich, Ken, aber wie sieht das aus, wenn ich mich von dir rumführen lasse, als wärst du mein Beschützer? Voll peinlich. Kiki reicht mir völlig aus.“, erklärte sie ihm. Böse ist er ihr natürlich nicht, denn er hatte ohnehin keine Lust dazu.
Im Flur vor dem Spint packt Tina ihre Sachen aus der Tasche und bestückt ihr Fach mit Papierblöcken und Büchern, die sie in der nächsten Stunde nicht braucht. Auch die anderen aus ihrer Klasse stehen an ihren Spinten und sortieren ihre Schulsachen um. Alle Blicke sind auf sie gerichtet und jeder, der an ihnen vorbeigeht, bleibt mindestens mit einem Blick hängen. Keiner traut sich sie anzusprechen, dabei sind alle sehr neugierig wer sie denn nun ist.
‚Wie die alle hersehen. Noch nie haben so viele Leute zu mir gesehen, außer ich stehe auf dem Eis und die Fans sehen mir bei meiner Kür zu.‘, bemerkt es Kiki. Tina vernimmt ihre Aufregung und möchte sie mit einem Plausch davon ablenken.
„Sag mal Kiki, welchen Sport machst du eigentlich?“
„Äh. Ja also ich bin Eiskunstläuferin.“
„Oh. Das kann ich mir so richtig gut vorstellen. Du siehst sicher total hübsch in so einem bunten Kleidchen aus. Mit Strass und so.
Ich muss mir das dann mal unbedingt ansehen. Wann sind denn deine Trainingszeiten?
„Die sind wie alle anderen. Nur dienstags mache ich dann meinen Kurs. Dann fange ich später mit Training an.“
„Was machst du für einen Kurs?“
„Biologie. In Richtung Humanmedizin.“
„Bestimmt für dein Medizinstudium.“
„Genau. Weißt du schon was du machen willst?“
„Nein. Ich schau mir die Liste nachher in Ruhe an.“
„Hallo Tina, wie waren deine ersten Stunden?“, wird sie freundlich angesprochen.
„Hallo, Minato, war doch richtig, oder?“
„Ja genau, der Volleyballer von heute früh.“
„Es war lustig. Hier scheint man viel innerhalb kürzester Zeit zu lernen. Das gefällt mir.“
„Lustig? Bei dem brummigen Tenma gab es was zu lachen? Das ist ja mal was ganz Neues.
Weißt du schon welchen zusätzlichen Kurs du belegen willst?“
„Ich sehe mir die Liste nachher an. Wo bist du denn drin?“
„Ich bin im Shogi-Klub.“, sagt er stolz und wird dann unterbrochen, weil sich neben ihm ein großer Typ an den Spint lehnt und mit der Hand Lärm veranstaltet.
„Hey, ich weiß schon wo sie hingehen will. Was soll ein hübsches blondes Mädchen denn mit sowas langweiligen wie Schach?“, kommt plötzlich eine kräftige Stimme. Der gut zwei Meter große Japaner grinste sie freundlich an. „Und, Kleine? Was meinst du? Komm zu uns in den Chemie-Kurs, da ist immer Action angesagt. Mal stinkt es, mal knallt es und manchmal pufft es auch. Und wir bestehen nicht nur aus Jungs, da gibt’s auch Mädchen.“, versucht er ihr seinen Kurs schmackhaft zu machen. Tinas Blick wird skeptisch.
„Langweilig.“, haut sie dann nur trocken raus, weicht seinem Blick aus und schließt den Spint ab. Dann greift sie nach Kikis Hand und signalisiert ihr, ihr zu folgen.
„Was soll das? Spinnst du? Du bist total ungehobelt!“, faucht ihn Minato an.
„Nu hab dich mal nicht so. Ich war doch freundlich.“,
„Das nennst du freundlich? Was soll sie denn jetzt über unser Team denken?“
„Keine Ahnung. Ich finde sie niedlich. Und du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass sie sich für dein langweiliges Schachspielen interessiert?“
„Darum ging es doch gar nicht. Sie hat mich nur gefragt was ich mache. Was sollte ich sonst sagen?“
„Langweiler.“
„Schraub mal deine Hormone runter, Großer.“
Plötzlich werden sie von jemanden leicht angerempelt. Es sind ein paar der Jungs aus Tinas Klasse.
„Lasst Tina in Ruhe, klar? Sie gehört zu uns.“, wird kommentiert. Die drei Mädchen aus der Klasse folgen den Jungs, die die beiden ernst ansehen und geben ihren Senf ebenso dazu. Habt ihr gehört? Tina gehört in unsere Klasse und sie geht wie ich zum Schwimmen. Und wenn wer mit ihr flirten darf, dann nur einer von unseren Jungs, verstanden? Macht euch gar keine Hoffnung.“
„Ja ja, ihr seid ja sowieso die coolste Klasse überhaupt.
Bildet euch mal nicht so viel auf eure Weltmeister ein. Ein wahres Ergebnis zeigt sich in 4 Jahren, wenn hier in Japan die richtige Weltmeisterschaft stattfindet. Und hier in der Liga, da verdient man als Volleyballer deutlich mehr. Da können sich eure Fußballer noch ordentlich was abschneiden. Ich habe jetzt schon super Werbeverträge und kann mir eine eigene Wohnung und ein Auto leisten und gehe ab nächstem Jahr in die Profiliga. Das sollen die erst einmal schaffen.“, murrt der Große die Mitschüler an.
„Gib nicht so an mit deinem Geld von deinen Sponsoren. Das nervt total.“
„Ich gebe gar nicht an, ich sage nur was Sache ist.“
Rettungsanker
Kapitel 18
Rettungsanker
„Ihr seid doch nur neidisch. Wie nett ist überhaupt eure neue Klassenkameradin? Ihr scheint sie ja jetzt schon sehr zu mögen.“, wechselt er das Thema.
„Tina ist total cool. Gleich in der ersten Stunde musste sie raus und Eimer tragen. Das war ja so lustig.“, kichert eines der Mädchen los.
„Ja genau. Sie hat Tenma total an der Nase herumgeführt und das hat ihm ja so gar nicht gepasst, da musste sie gleich den Raum verlassen.“, grinste einer der Jungs.
„Echt? Was hat sie denn gemacht?“, fragt Minato.
„So einiges, das kann man gar nicht alles erzählen. Äh, angefangen hatte alles mit ihrer Vorstellung. Sie sollte vorne stehen und sich vorstellen und er tat es eher an ihrer Stelle, da hat sie sich beschwert, dass er ihr die Show stielt.“, wird gelacht. „Ja, und dann…redete sie noch mit uns und sprach in Japanisch und das hat er nicht gewusst. Er nahm die ganze Zeit an, sie könne noch kein Japanisch und das war so lustig. Sie hat ihn quasi voll verascht.“, lacht eines der Mädchen.
„Ach, ist ja cool. Ich habe eben auch Japanisch gesprochen mit ihr. War nicht perfekt, aber ich habe alles verstanden, bzw. sie hat mich scheinbar gut verstanden.
Tina, also, heißt sie. SO wie diese Sängerin? Wo kommt sie denn überhaupt her?“
„Ja, genau. Aber eigentlich heißt Tina Bettina.“
„Aber alle sollen sie nur Tina nennen.“
„Sie kommt aus Deutschland.“
„Ich hatte fast gedacht, sie sei Amerikanerin. Wie eine Schwimmerin sieht sie gar nicht aus.“
„Wieso? Wie soll denn eine Schwimmerin aussehen?“
„Europäische Schwimmer können recht groß sein, auch die Frauen. Aber sie mag euch Mädels hier gegenüber nicht klein sein, aber für ne Europäerin, ist sie nur Durchschnitt.“
„Unsere Frauen sind auch nicht größer, wenn sie zum Training geht, will ich das unbedingt sehen. Ich bin gespannt wie gut sie ist.“
„Hat sie denn schon was verlauten lassen?“
„Nö, nur dass sie ebenso gerne läuft. Sie macht wohl Marathons und Triathlons mit.“
„Und sie ist bereits Rettungsschwimmerin. Da hat sie wohl eine Prüfung gemacht. Wenn sie will, kann sie also schon nebenbei arbeiten gehen.“
„Oh, echt? Die Prüfung ist nicht ohne. Ihr habt Recht. Ich werde mir auch ihr Training mal ansehen.“
„Dann lasst uns doch zusammen hingehen.“, schlägt eines der Mädchen vor.
„Eine gute Idee, Mädels. Dann treffen wir uns später dort. Jeder darf ja mal einen Tag später zum Training kommen oder zu anderen Sportlern von uns gehen, solange wir auf dem Campus bleiben.“, ist Minato begeistert und alle willigen ein. Dann dreht sich der Große zu den Fußballern der Klasse um und hebt die Hand. Die drei sind kurz vorher wieder auf der Ecke.
„Und ihr drei? Kommt ihr dann auch mit zur Schwimmhalle? Hey Hyuga, du bist doch euer Klassensprecher. Wir wollen uns zusammen eure neue Schülerin ansehen. Wir sind gespannt wie gut sie in ihrem Sport ist.“ Die Fußballer sehen überrascht zu ihm und Ken grinst.
„Gib es zu! Du willst sie doch nur im Badeanzug sehen. Für das Schwimmen hast du dich doch vorher nie interessiert.“ Der große Blocker der Volleyballmannschaft schmunzelt und hält sich den Kopf.
„Voll erwischt. Zu dumm. Du kannst wohl Gedanken lesen, oder denkst du genau dasselbe? Gibs zu!“, kontert dieser dann gleich.
„Blödsinn, ich habe nur deinen komischen Blick gesehen, wie du sie angesehen hast und ihr nachsiehst. Das war alles.“, faucht Ken. Sein Puls steigt enorm an und dieser Kommentar ist ihm sehr unangenehm.
‚Was bildet sich dieser Kerl ein? Ich habe nicht einmal gesagt, dass ich es mir ansehen will.‘
„So so. Und DU Hyuga? Du schwimmst doch selber gerne, habe ich gehört. Am liebsten scheinbar auf Okinawa, in den Fluten, während du deine Männer auf sich alleine gestellt in der Meisterschaft im Stich lässt.“, kommt eine eindeutige Provokation zurück. Kojiros Blick wird zornig und er macht Fäuste. Sein Puls steigt immer mehr an.
‚Wie kann er es wagen? Wieso provoziert er mich jetzt so? Was soll das?‘
„Ah, ein wunder Punkt. Ich würde ja auch zu gerne wissen was das sollte. Aber was mich noch mehr interessiert, was hat dein Keeper Wakabayashi zu dir gesagt, als du ihm mitten auf dem Platz eine reingehauen hast. Vor seinen deutschen Freunden. Das sah sicher gut aus.
Was Hyuga, was hat er gesagt?“, geht er einen Schritt auf Kojiro zu und sieht ihn streng und grinsend an. Auch Kojiro kommt ihm mit zwei Schritten entgegen und beide sehen sich herausfordernd in die Augen.
‚Jetzt habe ich ihn. Den ach so stolzen Hyuga.‘ Die Anspannung zwischen ihnen steigt immer mehr an, während sie sich ansehen und langsam hebt sich Kojiros rechter Arm an.
Plötzlich ertönt eine laute Mädchenstimme, die quer durch den Flur ruft.
„Hey Ken! Ken Wakashimazu, du Karategenie!“, ist Tinas Stimme laut und deutlich für alle zu hören. Jeder sieht völlig verdutzt zu ihr, wie sie mit den Händen hochwedelnd in Kens Richtung schaut und lächelt.
„Du sollst mir doch mit Kiki zusammen die Schule zeigen, sagte Herr Tenma. Er hat dich extra verdonnert, weil du dich sonst immer davor drückst! Wo bleibst du denn jetzt? Ich habe Hunger!“, kommt als Ergänzung spaßig hinterher. Ken ist etwas irritiert. Vorhin meinte sie doch noch, dass sie seine Hilfe nicht braucht. Dann aber bemerkt er neben ihrer lustigen Wedelei mit den Händen über den Köpfen der vielen Jungs im Flur, dass darin eine Botschaft versteckt ist. Ein Handzeichen aus Genzos Team.
‚Defensives Spiel? Was soll das?‘, wundert er sich, aber dann tippt ihn Kazuki an.
„Wir sollen uns zurückziehen.“, flüstert er ihm ins Ohr. Kojiros Blick in Tinas Richtung ist ebenso fragend, aber auch er erkennt ihr getarntes Handzeichen wieder.
‚Defensives Spiel? Bettina…diese Botschaft…ist nicht für Ken, sondern für mich?‘, fällt ihm dann auf. Er sieht dann zum großen Volleyballer vor sich und grinst plötzlich. Er sagt keinen Ton und weicht dann einfach nur seinem Blick aus und schaut zu Minato, dem Kapitän der Volleyballer.
„Minato, mich würde es wahnsinnig interessieren wie lange du gegen Bettina standhältst, wenn ihr mal ein Spiel macht.“ Dann gehen seine Fäuste zielstrebig in die Hosentaschen und er dreht sich zu Ken und nickt ihn an. Das ist das Zeichen, gemeinsam zu gehen. Minato ist total irritiert.
„Was meinst du damit? Was denn für ein Spiel?“ Die beiden Volleyballer bleiben einfach stehen und sehen der Klasse nach. Dann dreht sich Kojiro doch nochmal um und spricht mit seiner festen Stimme.
„Wir sehen uns…in der Schwimmhalle.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sieht er ihn noch streng aber etwas grinsend an.
Dann folgen ihnen die anderen aus der Klasse. Um etwas von der Situation abzulenken, spricht Ken Tina laut an. Ebenso über die Köpfe hinweg.
„Ich bin ja schon da.“ Tina grinst und wartet mit Kiki zusammen am Flur-Ende vor der Treppe auf ihn. Kojiro und Kazuki folgen ihnen einige Meter dahinter.
„Was war das denn eben? Wieso hast du Hyuga plötzlich so provoziert?“ Minatos großer Mitstreiter sieht nachdenklich den anderen hinterher.
‚Irgendwas stimmt doch hier nicht. Seit wann weicht er einer Provokation aus? Das gab es doch noch nie, außer ein Lehrer oder Trainer stand daneben. Und überhaupt. Seitdem die wieder da sind, den Nationaltitel und ihre WM hinter sich haben, laufen sie natürlich stolzer als zuvor hier rum, aber es gab auch seitdem keine Probleme mehr. Bis jetzt hatte es niemand geschafft, diesen Kerl aus der Reserve zu locken und nun taucht die Kleine hier auf und besitzt den Mut als NEUE durch den ganzen Flur zu rufen, dass Wakashimazu ihr die Schule zeigen soll? Das hätte sie doch auch eher machen können. Ich glaube eher, sie braucht keine Hilfe, um sich hier zurechtzufinden und sich zu behaupten.‘
„Hier stimmt was nicht.“, meint er nur zu seinem kleineren Freund.
„Ja, irgendwas passt hier nicht zusammen. Ich glaube sie hat es gesehen und wollte Hyuga davon abbringen, auf dich zu reagieren. Oder wie siehst du das?“ „Mag sein.“
„Und was meinte er eben damit, wie lange ich in einem Spiel gegen sie durchhalte? Dieses „Durchhalten“, das verwirrt mich. Hat er etwa ein Schachspiel gemeint? Alles andere ergibt doch gar keinen Sinn.“
„Bestimmt. Vielleicht hat sie doch Interesse an sowas und er weiß das bereits. Immerhin hatten die schon vier Stunden miteinander und die anderen haben doch erzählt, dass sie Tenma wegen der Sprache hat auflaufen lassen, vor der ganzen Klasse. Den Raum verlassen musste sie auch.“
„Das könnte natürlich sein. Nur weil sie Deutsche ist und gerade erst hergezogen, heißt das ja nicht, dass sie kein Shogi spielen kann.“
„Wir sehen uns nachher. Ich muss jetzt was essen. Oder kommst du mit in die Kantine?“
„Jo, Hunger ist gar kein Ausdruck.“, grinst Minato und beide gehen zur Kantine.
Etwas später in der nächsten Stunde.
Etwa fünfzehn Minuten vor Schluss hebt Kojiro die Hand. Er behauptet auf Toilette zu müssen. Die Lehrerin lässt ihn gehen. Seine Aufgaben hat er bereits fertig und gibt sie ab.
Wenige Minuten später betritt der die Jungs-Toilette und schaut leise durch die Kabinen, ob jemand da ist und öffnet jede Tür. Alles leer. Kurz darauf erscheint Takeshi. Er schließt die Tür.
„Hast du schon alles kontrolliert? Sind wir alleine?“, kommt er sofort zum Punkt.
„Ja, alles okay.“
„Jetzt erkläre mir bitte mal, was Tina hier macht? Und wo ist dann Stephan? Etwa in einer öffentlichen Schule? Juns Team wäre neben unseres wohl nur annähern sein Niveau.“ Kojiro schweigt einen Moment und geht zum Fenster. Er schließt es, damit auch dort oder nebenan niemand etwas aufschnappen kann.
„Rede leiser. Du weißt doch, dass wir Ärger bekommen, bzw. Genzo und sein Team.“
„Was sagt sie denn nun?“
„Ihr Bruder…“, er atmet tief durch und schaut aus dem Fenster.
„Er…ist…tot.“
„Scheiße! Verdammt! Was ist passiert?“, steigt Takeshis Puls entsetzt in die Höhe.
„Wir wissen es nicht. Mehr konnte sie uns noch nicht sagen. Es war noch keine Gelegenheit da wirklich zu reden. Bettina sagte nur, dass sie hier einen Neustart macht. Offiziell ist sie mit ihren Eltern wegen der Arbeit der Mutter hier. Sie arbeitet als Dolmetscherin für einen großen Konzern.“
„Und was meinten die anderen vorhin mit Schwimmhalle? Wieso ist sie im Schwimmkader gelandet? Sie hätte unsere Mädels doch ohne Probleme ausgespielt und wäre eine Bereicherung für sie.“
„Überleg doch mal. Sie wird den Ball so schnell nicht wieder anrühren können, sonst würde es jeder merken. Schwimmen und Laufen war immer ihr freizeitlicher Sport.“
„Manno. Vergeudetes Talent, echt. Sie hatte zwar damals gesagt, dass sie beide das Team verlassen haben, aber…dass sie ganz aufhört. Diesen Schritt könnte ich nicht gehen. Und ihr Bruder…verdammt.“
„Ihr Bruder wollte nie Profi werden, das hatte sie damals auch dem Team gesagt. Kannst du dich daran nicht erinnern? Du warst doch dabei.“
„Weiß nicht mehr, ist zu lange her. Ich kann das gar nicht glauben. Er war doch erst 17, oder?“ Entnervt setzt sich Takeshi auf den Boden und lehnt sich an die Wand. Kojiro nickt.
„Hör zu, Takeshi. Wir müssen jetzt sehr aufpassen. Nach dem Unterricht versuche ich Tsubasa zu erreichen. Einer von euch muss mir da mal das Handy leihen, anders geht es nicht. Wir müssen reden und das restliche Team informieren. Ich kann nur Hikaru und Jun informieren, mehr Kontakte habe ich nicht. Taro ist wieder hier, aber auch seinen Kontakt habe ich nicht. Das muss Tsubasa alles erledigen.“
„Und was ist mit Mikami? Kann er nicht alle informieren? Oder Katagiri? Genzo kann das auch machen. Zumindest bei denen aus dem Nankatsu-Team.“
„Willst du echt, dass Genzo es ihnen sagen muss?“, kommt ein strenger Ton aus ihm heraus und er macht Fäuste, weil er es einfach nicht glauben will.
„Ich…ich könnte es nicht. Wenn dir was zustoßen würde…dann…müsste Ken das übernehmen.“, sagt er ihm dann ehrlich und dreht sich zu ihm um. Takeshi sieht erstaunt in seine geschlossenen Augen. Er kneift sie wütend zu. Dann steht er auf und geht zu ihm und legt seine Hand auf seine Schulter.
„Kapitän…schon gut. Danke. Du hast Recht. Es noch einem zweiten Team zu sagen, könnte ich auch nicht.“ Der Mittelfeldspieler atmet selbst tief durch.
„Wann ist das denn überhaupt gewesen? Und ihr wisst nicht was passiert ist? Krank war er doch nicht. Sicher ein Unfall, das kann jedem plötzlich passieren.“
„Ganz sicher, so wie bei Vater. Alles Scheiße, man. Keine Ahnung wann das war, sie ist seit zwei Wochen hier in Japan, sagte sie bei ihrer Vorstellungsrunde. Mehr hat sie noch nicht dazu gesagt, nur eben, als wir vier alleine im Flur waren, dass er nicht…“ Er stockt. Er kann es nicht erneut aussprechen.
„Hm. Zwei Wochen, sagst du? Die WM ist jetzt gut ein Monat her. Am nächsten Tag haben wir sie doch in Paris noch getroffen. Jetzt hast du deine Zeitspanne. So eine Beerdigung wird sicher innerhalb einer Woche oder so organisiert, damit die Betroffenen schnell Abschied nehmen können. Das ist doch sicher auch in Europa so. Lass sie genau danach gleich hergezogen sein. Also zwei Wochen. Dann muss es, was auch immer es war, kurz nach dem Finale gewesen sein.“
„Kommt hin. Jedenfalls müssen wir mit Tsubasa reden und mit ihr. Die anderen werden auch fragen, wieso sie hier ist. Jun muss es als erstes wissen. Immerhin gehen wir hier alle im selben Viertel in die Schule. Dass wir hier sind, das wusste sie eindeutig nicht. Es ist Zufall, denke ich.“
„Zufall? Hast du ihr nichts von deinem Stipendium erzählt?“
„Nein, war doch unwichtig. Schick Jun nachher gleich eine Nachricht, dass er Bescheid weiß und nichts Falsches sagt, sollten sie sich mal zufällig begegnen. Und Bettina, wie ich sie kenne, wird mir sicher noch irgendwie eine Information zukommen lassen. Wir sitzen direkt nebeneinander und da wird sich noch was ergeben.“
„Gut, warten wir ab, sie zu fragen was war, werde ich bestimmt nicht. Sie muss es von sich aus erzählen wollen.“
„Sehe ich auch so. Wir halten jetzt erst einmal die Beine still. Was anderes können wir nicht machen.“ Es wird geschwiegen.
„Ich war vorhin echt platt, als ich sie erkannt habe.“
„Frag mal lieber nicht, wie überrascht wir waren. Nun gut. Wir sehen uns dann zum Schwimmtraining?“
„Jo, es wird sicher voll sein, heute. Es wollen viele wissen, ob sie es als Ausländerin überhaupt „würdig“ sei, hier zu sein.“
„Ausländer waren tatsächlich noch nie hier, aber wir sind ja auch erst drei Jahre hier. Da müsste man die älteren Oberschüler fragen, ob es das mal gab. Ich denke mal, da sie ein Mädchen ist, wird sicher auch schnell eine Ausnahme gemacht. Es gibt hier eh viel zu wenige. Das Verhältnis stimmt nicht.“
„Das stimmt. Ach apropos Mädchen, hast du Schwerenöter denn wenigstens mittlerweile die Schachtel geöffnet?“, neckt er ihn.
„Das werde ich dann wohl heute tun müssen.“, haucht Kojiro etwas genervt aus. „Echt jetzt? Wieso hast du es nie geöffnet?“ Er schweigt und zuckt mit den Schultern.
„Es…ist kompliziert. Außerdem…nehme ich keine Geschenke von Mädchen an. Das weißt du doch.“
„Du bist ein Spinner! Vielleicht wollte sie sich ja nur irgendwie für das T-Shirt bedanken. Immerhin war sie dir nie böse oder hat dir wegen der Verletzung Vorwürfe gemacht. Stattdessen war sie immer nur freundlich und dann schenkt sie dir was. Ich habe euch gesehen, damals, wie sie dir die Schachtel geschenkt hat. Das…war ziemlich eindeutig. Du flirtest da rum und checkst es selbst nicht.“
„Überhaupt nicht.“, haut er laut raus.
„War klar, dass du es nicht selbst bemerkt hast. Aber kannst mir glauben.“, grinst Takeshi.
„Da war nichts.“, brummt der wilde Tiger leise.
„Ach nein? Ihr wart euch zum Schluss einig, dass ihr euch wiedersehen wollt. Es sei dann „nicht langweilig“, waren eure Worte.“
„Du…hast uns belauscht?“
„Sagen wir es so, ich habe Taro davon abgehalten es zu tun. Er hat ihr nicht vertraut. Immerhin waren sie sich starke Gegner.“, grinst er. Kojiro sagt darauf nichts und schaut dann nur nachdenklich in den Spiegel.
„Wie waren denn ihre letzten Worte? Weißt du es noch?“ Kojiro schließt die Augen und erinnert sich, als wäre es erst gestern gewesen.
„Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, Kojiro. Auf Wiedersehen.“, spricht er leise vor sich hin.
„Du bist…ein wundervoller Mensch.“, sagt Takeshi noch als Ergänzung.
„Das ist doch das Wichtigste. Hast du es dir jetzt nicht getraut es auszusprechen?“
„Klingt komisch. So gut kennen wir doch gar nicht, dass sie sich so ein Urteil bilden kann.“
„Dummkopf. Mir hat das noch kein Mädchen gesagt. Wie geht’s jetzt weiter?“
„Ich werde nachher die Schachtel öffnen und reinsehen. Vielleicht hast du Recht. Sie sagte, es sei kein Geschenk, sondern eine Art Souvenir aus Europa. Ein Mitbringsel. Deswegen…habe ich es auch angenommen.“
„Wie meinst du das, nachher? So schnell kommst du nicht nach Hause.“
„Ich habe es in der Tasche.“ Takeshi ist erstaunt.
„Wie jetzt? Du schleppst es jeden Tag mit dir rum, oder wie?“
„Genau. Seitdem wir wieder in der Schule sind. Sie hatte damals gesagt, sie hat es die ganze Zeit bei sich gehabt, seit Hamburg, in der Hoffnung es mir geben zu können. Dann war plötzlich diese ungeplante Begegnung und jetzt…ich bin unsicher, was das alles bedeuten sollte und habe es deswegen nie geöffnet. Aber stattdessen…trage ich es bei mir.“
„Wow, du hoffst also selbst…ihr wieder zu begegnen?
Ich verstehe was du meinst. Du denkst an Schneider? Weil er es war, der Ken angerempelt hatte. Er muss der Freund gewesen sein, von dem sie sich für immer verabschiedet hatte. Zweifelst du deswegen?“ Kojiro nickt und atmet tief durch. „Er hatte ihre Haarspange. Warum? Das geht mir nicht aus dem Kopf.“
„Das nennt man Eifersucht. Du hast sie doch gehört, ein Abschied für IMMER. Schon vergessen? Sie hätte doch nicht zweimal ihr Leben riskiert, um ihm auszuweichen, wenn es ihr nicht wichtig gewesen wäre. Mal angenommen die beiden waren zusammen, kann ja sein, aber…sie hat ihn abserviert…warum auch immer. Keine Ahnung. Die Spange war sicher von ihm und sie hat sie ihm wiedergegeben.
Aber dich…dich will sie wiedersehen? Dabei wohnst du doch viel weiter weg als er. Und noch was…hast du in der Zeitung mal gelesen was er jetzt verdient? Hast du die Transfersumme gelesen? Er ist genauso alt wie du und hat schon ein Profivertrag im jährlichen Millionenbereich in der Tasche. Welches Mädchen ist denn so dumm und lässt so jemanden sausen?“ Kojiro schaut zu ihm und lächelt plötzlich.
„Geld…ist ihr nichts wert, sagte sie vorhin im Unterricht.“
„Worum ging es denn?“
„Ach, die Geografielehrerin fragte sie nach ihrem Sport und als sie sagte, dass sie schwimmt und läuft, da meinte sie so abwertend, dass man damit später kaum etwas verdiene. Da sagte Bettina nur, dass ihr das egal sei, denn leben kann sie im Notfall immer von ihren Sprachen und ihr wäre das nichts wert, wichtiger wäre die Anerkennung.“
„Da hast du es doch. Sie kann auf eigenen Beinen stehen und das jetzt schon.“ „Du hast Recht. Das sagte sie gleich zu Tenma. Er wunderte sich, warum sie überhaupt in die Oberschule geht, wenn sie noch nicht mal weiß was sie werden will. Sie sagte nur, sie will es versuchen, einen Abschluss zu machen.“
„Naja, wie du vorhin gesehen hast, musst du dir auch keine Gedanken darum machen, ob sie hier zurechtkommt. War schon cool, diese Aktion mit dem Teller.“, grinst Takeshi.
„War schon genial. So kenne ich sie gar nicht. Aber irgendwie muss es ja die ganzen Jahre geklappt haben.“
„Jo, sich die ganze Zeit durchzusetzen, kann sie jetzt gut gebrauchen, hier, wo zu wenig Mädchen sind. Und dieser Blick, den kenne ich jedoch zu gut. Dieser ungehobelte Boxer hat nicht schlecht gestaunt.“ Kojiro muss lachen und in diesem Moment klingelt die Schulglocke.
„Das beweist doch, warum sie Kens Hilfe nicht haben wollte. Sie will allen zeigen, dass sie alleine klarkommt und sich behaupten kann.“
„Mit ihm an ihrer Seite, würde das nicht gehen.“, meint Kojiro dann fest überzeugt.
„Mit dir auch nicht. Lass sie also ihr Ding machen. Beobachten und dann nur im Notfall…eingreifen. Sie hat das System hier mit ihrer guten Beobachtungsgabe vermutlich schnell erkannt, sie war nicht grundlos der Libero im Team.“, klingt Takeshi ernst. Kurz darauf verlassen sie die Toilette und gehen in ihre Pause. Kojiro kommt in seine Klasse zurück und wieder stehen alle um Tina herum an seinem Tisch. Ihm wird erstaunt kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dann aber blickt sie selbst auf und lächelt.
„Tut mir leid, dein Tisch wird schon wieder belagert.“, sagt sie freundlich.
„Lasst euch nicht stören.“, winkt er es nur ab und geht dann zu Ken und Kazuki, welche zwar auch in der Nähe sind, aber nicht so nah am Tisch wie die anderen.
„Ja, los. Was machst du jetzt?“, fragt jemand aufgeregt Tina und sie nimmt einen Spielstein in die Hand und schlägt wieder eine gegnerische Figur.
„Och man. Du hast ja echt Ahnung. Also gegen dich habe ich keine Chance.“, wird gegrinst.
„Schach matt.“, spricht Tina laut aus. Der Radierer wird angesetzt und seine geschlagene Figur wegradiert und symbolisch an die Seite geschrieben.
„Hey Klassensprecher…Tina hat sich jetzt für ein Fach entschieden. Rate mal. Da kommst du nie drauf.“ Kojiro dreht sich zu ihm um.
„Na? Bestimmt irgendeine Sprache.“, tut er so, als wüsste er nicht was sie dort gerade machen.
„Ne…Shogi. Kannst du dir das vorstellen, dass sie das kann?“
„Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?“, zuckt er mit den Schultern und dreht sich wieder zu den anderen beiden.
„War doch klar, der Rest interessiert sie sicher nicht.“, flüstert er und die beiden grinsen nur. Dann betritt der Mathelehrer den Raum, man macht ihm Platz und er stellt seine Tasche auf den Tisch.
„Guten Tag, setzen Sie sich. Es klingelt gleich. Wir schreiben einen Test.“ Sofort bewegen sich alle auf ihre Plätze und Kojiro stellt sich neben den Lehrer, welcher ihm einen Stapel Blätter zum Austeilen in die Hand gibt. Tina staunt nicht schlecht, dieser Vorgang scheint so üblich zu sein. Warum aber teilt Kojiro die Blätter aus? Sie kennt es so, dass sich jemand meldet oder immer mal jemand anderes es macht.
Es klingelt und er geht rum und legt jedem ein Blatt mit der leeren Rückseite nach oben auf den Tisch. Jeder legt inzwischen seinen Rechenschieber, Schreibblock und Stift zurecht. Tina hat ihre beiden Rechenschieber, einen Taschenrechner, sowie Block liegen. Den Stift hält sie gespannt in der Hand. Als Kojiro an ihrem Tisch landet, hat er nur noch ein Blatt in der Hand und legt ihn zu ihr.
„Haben Sie Bettina vergessen?“, fragt er höflich und setzt sich an seinen Platz. Der Lehrer greift zum Blatt und schiebt ihn zu Kojiro rüber.
„Nein, im Gegenteil. Ich wurde zum Glück informiert. Frau Fuchs wird andere Aufgaben machen.“ Er sieht zur Uhr und wartet den Sekundenzeiger ab, bis er oben bei der 12 ist.
„Los!“, sagt er streng und Kojiro dreht das Blatt um und legt sofort los. Tinas Blick auf das Papier verrät dem Lehrer viel. Ihre Augen werden groß, denn solche Aufgaben hat sie noch nie gerechnet.
‚Oha, ich habe es befürchtet. Mathe wird mein Untergang sein.‘ Er schiebt ihr einen Zettel zu, statt mit ihr zu reden. Sie liest ihn in Englisch.
„Sehen Sie für einen Moment zu wie wir es machen. Ich weiß, dass in Europa anders gelernt wird. Wenn Sie bereit sind für Ihren Test, geben Sie mir den Zettel wieder.“ Tina sieht den Lehrer überrascht an und lächelt dankend. Dann schaut sie sich um und alle sind energisch dabei und lassen sich von nichts ablenken. Auch Kojiro ist sehr konzentriert und beachtet sie gar nicht weiter. Er fummelt wie wild an seinem Rechenschieber herum und schreibt seine Ergebnisse und Zwischenschritte auf. Bei ihm kommt es ihr besonders schnell vor.
Tina reicht dem Lehrer den Zettel rüber. Dann grinst er freundlich und setzt danach einen ernsten Blick auf. Diesmal spricht er ganz leise.
„Ich habe gehört, Sie laufen Marathons. Dann können Sie sehr ausdauernd sein und sich gut konzentrieren?“ Tina nickt lächelnd.
‚Der ist aber nett. Ich bin gespannt auf seine Aufgaben.‘
„Gut, dann haben wir jetzt eine Art Hürdenlauf, von Etappe zu Etappe werden die Hürden höher. Sie machen so schnell Sie können, rennen Sie um ihr Leben und nutzen alle Hilfsmittel, die Sie haben. Ist ein Zettel fertig, reichen Sie den rüber und es kommt der nächste.“
„Auch der Taschenrechner? Ich dachte, der ist verboten?“, flüstert sie zurück. „Auch der, nutzen Sie alles was Sie haben, es zählt nur das Ergebnis, wie Sie darankommen, ist egal.“ Er erntet ein freundliches Nicken und reicht ihr dann das erste Blatt rüber. Tina blickt etwas pikiert auf die Aufgaben. Es sind einfache Grundschulaufgaben bis zum Einmaleins. Dann schaut sie zum Lehrer. „Grundschulzeug?“
„Aufwärmzeit, Dehnübung?“, grinst er zurück und sie versteht was er meint.
‚Das wird ein Test wie in meinem Buch über das japanische Schulsystem. Ob er es gelesen hat?‘ Sie setzt den Stift an.
„Los.“, sagt er leise, drückt die Stoppuhr und legt sie neben sich. Inzwischen geht Tina die Aufgaben nach ihrem System durch und schreibt die Ergebnisse hin. Es sind gut 100 Aufgaben und bald reicht sie ihm das Blatt rüber und er reicht ihr das nächste. So geht das die ganze Stunde lang. Immer schreibt er nebenbei die Zeiten auf. Bis es endlich klingelt und Tina den letzten Griff zum Taschenrechner macht und ihm das Blatt rüberreicht. Dann lehnt sie sich zurück und atmet tief durch. ‚Geschafft. Man war das viel.‘
Die anderen hatten inzwischen ihre Tests schon fertig und erledigten die Aufgaben, die der Lehrer nebenbei an die Tafel geschrieben hatte.
Die Toilettenfrauen
Kapitel 19
Die Toilettenfrauen
Kojiro steht auf und verlässt den Raum, um zur Toilette zu gehen. Tina erhebt sich ebenso und spricht den Lehrer dann an.
„Das war wirklich ein Marathon. Habe ich denn alle Blätter geschafft?“ Er nickt und heftet ihre vielen Notizen und Aufgabenblätter zusammen und heftet sie in einen Hefter ein. Dann legt er ihn auf seinen Tisch.
„Es hätte noch ein Blatt gemusst, aber das waren ähnliche Aufgaben wie die, des Tests von jetzt. Hätten Sie diese denn gekonnt?“
„Oh, äh, Nein. Soweit waren wir noch nicht. Da waren einige Sachen bei, die ich noch nie gemacht habe. Ich glaube das machen wir erst in den 10. Oder 11. Klassen. Also zum Schluss und später dann speziell in den Hochschulen.“
„Das kann sein. Die nächste Stunde werden Sie damit verbringen den Test auszuwerten. Dazu sage ich dann was, wenn es wieder losgeht.“, spricht er trocken und verlässt ebenso den Raum. Den Stapel mit den anderen Tests nimmt er mit. Die Schüler kommen auf sie zu.
„Was waren denn das alles nur für Aufgaben? So viele?“
„Ich glaube das war die ganze Mittelschule oder so.“, antwortet Tina und distanziert sich dann von ihnen.
„Sorry, ich muss auch in die Pause.“
Nach dem Besuch auf der Toilette kommt ebenso auch Kojiro aus der Nachbartür.
„Oh, da hat er dich aber echt herausgefordert, was?“, grinst dieser lässig.
„Aber echt jetzt. Meine Güte. Ich kann nur froh sein, dass ich mir im Vorfeld so viele Schulbücher angesehen habe. Was ihr alles schon können müsst. Das kommt bei uns erst im Studium dran.“
„Echt? Naja, hier ist es eben anders als bei euch. Wo seid ihr denn da jetzt?“ Tina erzählt ihm etwas von Trigonometrie und Tangenten und Sinuskurven.
„Oha, das ist echt Mittelschule. Hm, hinzu kommt jedoch auch, dass wir hier nicht an einer staatlichen Schule sind. Wir sind noch eine Stufe voraus. Immerhin haben wir eine eigene Universität und am Ende läuft der Besuch hier darauf hinaus, dass wir alle dort hingehen. Also bereiten die uns jetzt schon gezielt auf die Uni vor.“ „Stimmt, das ergibt einen Sinn. An sich ist das eine gute Idee. Man kann dann mit seinen Freunden zusammen studieren, mit denen man schon zur Schule gegangen ist. Auch die ersten 6 Jahre komplett zusammen zu bleiben, finde ich sehr gut.“ „Hm. Du bist am Ende ganz schön ins Straucheln gekommen. So einige Fehler habe ich schon bemerkt.“, meint er dann trocken.
„Du bist ja gemein. Ich erwarte ehrlichgesagt nicht, dass das alles richtig ist. Ich habe mein Bestes versucht. Von den schweren Sachen brauche ich später kaum was. Du kannst das viel mehr gebrauchen. Mathe ist echt nicht meins. Ich kann nur was ich können muss.“, lacht sie. In diesem Moment kommt ihnen Minato entgegen. Er hat drei weitere Jungs aus seinem Jahrgang bei sich, welche ebenso in seinem Team sind.
‚Tina und Hyuga. Jetzt schon alleine unterwegs?‘, geht durch seinen Kopf. Was die beiden nicht wissen, er musste in der vorherigen Stunde ebenso auf die Toilette und sollte bei der Gelegenheit gleich eine Gießkanne für den Klassenraum mitbringen, weil der Wirtschaftsraum angrenzend zur Jungs-Toilette ist. Kaum war er in den Raum gegangen, öffnete sich die Tür und er schloss seine sofort. Durch diesen Umstand, dass die Tür gleich ein zweites Mal öffnete und nach Anwesenheit geprüft wurde, blieb er lieber im Wirtschaftsraum und konnte dadurch jedoch die Unterhaltung der beiden Fußballer mitbekommen.
‚Das ist, jetzt wo ich es weiß, dass sie sich kennen und leugnen müssen, ein interessanter Anblick.‘ Noch gehen die sechs auf einander zu.
„Tina, hi. Ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn wir nachher zu deinem Training kommen? Mit deiner Vorstellung vorhin, hast du die Leute alle neugierig gemacht. Alle wollen jetzt wissen wie schnell du im Wasser bist.“, spricht er sie höflich an.
„Oh, mir ist das egal. Wenn ich am Strand oder in einem Freibad als Rettungsschwimmerin arbeiten würde, dann sind da auch unzählige Zuschauer. Ich bin eher gespannt wie gut ich mit den anderen mithalten kann.“
„Ja, genau. Das sind wir auch.“, spricht einer seiner Begleiter und lächelt sie an.
‚Die ist ja niedlich.‘
„Bist du echt schon Rettungsschwimmerin?“, hakt ein anderer nach.
„Ja, die Prüfung habe ich hier in Japan gemacht, kurz nach meiner Ankunft.“
„Cool. Also sehen wir dich dann.“
„Und du Hyuga? Kommst du auch? Vorhin hast du zugesagt.“
„Wenn mein Trainer nicht mit mir meckert und Bettina nichts dagegen hat?“, schaut er kurz zu ihr herab, weil sie direkt neben ihn steht.
„Wieso sollte ich was dagegen haben?“ Kurz darauf tauchen ein paar Mädchen hinter den Jungs auf und begrüßen Tina freundlich.
„Hey, du warst voll cool vorhin.“, spricht eine sie an. Die nächste geht auch zu ihr.
„Ja, dem hast du es so richtig gezeigt. Wir Mädels müssen doch zusammenhalten. Was glaubst du, was der sich schon alles erlaubt hat.“
„Oha, muss ja schlimm sein. Naja, gibt immer komische Leute, ist leider so.“, zuckt Tina mit den Schultern. Aus der Mitte der Mädchen tritt eine besonders hübsche mit schlechtgelauntem Blick hervor. Sie visiert Kojiro an und geht dann zu ihm.
„Wir müssen dringend reden. Wann hast du Zeit? Es muss noch vor heute Abend sein.“ Kojiro geht auf eine lockere Art auf sie ein.
„Ich weiß noch nicht. Ich werde mich während er Trainingszeit mal in die Halle begeben. Sicher findet sich ein Weg. Worum geht es denn?“
„Um…na du weißt schon was.“, murmelt sie leise und schaut sich um, dass man sie hoffentlich nicht hören kann. Ihr Blick schweift auch auf Tina.
„Die Neue hats drauf. Wie stellt sie sich denn an?“, fragt sie dann. Tina ist erstaunt, dass so eine seltsame Frage gestellt wird.
‚Wer ist das? Sie ist sehr hübsch. Ob Kojiro inzwischen eine Freundin hat? Damit gerechnet habe ich ja schon.‘
„Wie jetzt anstellen? Was meinst du? Ob sie im Unterricht mitkommt?“
„Ja genau. Ist doch hier alles anders als in Europa.“
„Frag sie am besten selbst. Sie kann sich dazu am besten äußern.“ Somit spricht das Mädchen Tina doch selbst an.
„Hi, ich bin Kioko, ich hörte du bist schon 16? Dann sind wir im selben Alter.“ Tina lächelt freundlich.
„Oh, also eine Klassenstufe höher? Okay. Hübscher Name. Ich bin Tina, sehr erfreut.“ Kioko reicht ihr die Hand.
„So macht man das doch in Europa, oder?“ Sie lächelt und nimmt die Hand an.
„Ja, genau. Und wo darf ich dich einsortieren? Es gib so viele neue Gesichter.“
„Ich gehöre zu den Chaoten da, ich bin aus dem Volleyballteam.“, lacht sie und schaut zu Minato und den anderen beiden. Tina muss etwas lachen.
„Wieso denn Chaoten? Bisher waren doch alle nett.“, wundert sie sich.
„Also das sah vorhin aber anders aus. Ich dachte du magst sie jetzt nicht mehr, weil unser Riesenbaby Kojiro so angemacht hat.“, grinst Kioko und nimmt sich plötzlich ihren Arm.
„Aber ihr deutschen Mädchen steht ja bekanntlich eh viel mehr auf Fußballer, oder? Da waren ja bei der WM ein paar hübsche Typen dabei. Wie sind die Jungs denn dort so in Europa? Lass dich mal ansehen? Haben die auch so schöne blaue Augen wie du? Und dann so schöne Engelshaare?“ Tina ist total baff. Das Mädchen kommt ihr vor wie ein Überfallkommando. Plötzlich fasst sie ihre Haare an und riecht daran. Dann drängt sie sie quasi bis zum Fenster und sieht ihr im Sonnenlicht neugierig in die Augen.
„Wow, die Jungs werden dir hier zu Füßen liegen. Wie die glänzen. Und wie hübsch du überhaupt aussiehst. Zeig mal deine Haut, die ist gar nicht blass. Ich denke du schwimmst, wieso bist du dann farbiger als ich?“ Tinas Puls steigt etwas an und so richtig kann sie mit dieser stürmischen Art nichts anfangen. Ist das Mädchen etwa so ein stürmischer und lebensfroher Typ oder steckt da etwas anderes dahinter?
„Ich…ich schwimme am Strand und laufe viel, immer draußen.“, bleibt sie freundlich, denn mit Kojiros vermeintlicher Freundin will sie es sich ganz sicher nicht verscherzen und mit ihm erstrecht nicht.
„Echt? Ich verstehe. Nun sag schon, wie sind die Jungs dort so? Hattest du schon einen Freund? Ich habe einen Freund.“ Und plötzlich umarmt sie Tina, drückt sie fest an sich und fängt an zu weinen.
„Und jetzt…jetzt muss ich ins doofe Frankreich ziehen und ihn hierlassen.“ Es hat den Anschein, als würde sie sich bei ihr ausweinen. Die Jungs um sie herum sind total überrascht und Kojiro ist besonders verwundert. Er kennt zwar Kiokos Lebensmut aber eine Anwandlung zu weinen, das kennt er nicht.
„Du verlässt Japan?“, spricht er sie fragend an.
„Ja…meine Eltern…sie ziehen ganz plötzlich wegen der Arbeit nach Frankreich.“
„Aber…was…ist mit dem Hotel?“, hinterfragt er dann etwas aufgebracht. Kioko richtet sich auf und lässt Tina los. Dann sieht sie zu ihm auf.
„Das…ist…was ich dir sagen wollte. Sie…verkaufen es. Das ist alles schon abgesprochen. Der neue Besitzer macht dann so ein doofes Love Hotel daraus.“, erklärt sie und vergräbt sich wieder an Tinas Schultern.
Tina steht perplex da und spielt einfach mit. Die Tränen scheinen ehrlich zu sein. Dieses Mädchen, welches so alt ist wie sie, muss ihre Freunde alle zurücklassen. Dieses furchtbare Gefühl kennt sie nur zu gut. Sie sieht kurz zu Kojiro. Sein Blick ist angespannt und er macht versteckt in den Hosentaschen Fäuste. Sie kennt diesen Blick bereits. Tinas Gefühle spielen etwas Achterbahn. Dieses Mädchen könnte Kojiros Freundin sein, aber andererseits fragt er dann nach dem Hotel? Etwa das Hotel der Eltern? Warum ist ihm das so wichtig, dass er danach fragen muss? Instinktiv jedoch legt sie ihre Hände um das Mädchen und versucht ihr ein Trost zu sein, denn irgendetwas muss sein, dass sie sich plötzlich bei ihr, die ihr doch völlig fremd ist, ausweinen kann. Sie kennt solche Situationen. Wie oft gab es die bei Karl-Heinz, weil sich seine Eltern mal wieder gestritten hatten und Marie es mitbekommen hat? Immer hatte er versucht die beiden wieder zusammenzubringen, aber vergeblich. Nun weiß sie ja, was es gewesen sein könnte.
„Weiß es Takeshi schon?“, fragt er dann nach. Kioko schüttelt mit dem Kopf.
„Du musst es ihm sagen. Wann musst du denn gehen?“
„Das ist es ja, schon nach dem Weihnachtsturnier. Wir fliegen gleich am nächsten Tag. Meine Eltern…haben es mir erst gestern Abend gesagt, damit ich meine Sachen packe.“ Plötzlich sieht das Mädchen zu Tina.
‚Wieso…wieso kommt es plötzlich so über mich? Als ich ihr eben in die Augen gesehen habe, da…spürte ich Schmerzen im Bauch. Warum? Und da kam mir sofort der Gedanke, der mich den ganzen Tag schon quält, hoch. Wieso bei ihr?‘ Zu diesem Zeitpunkt sind sie die wenigen Leute im Flur, denn es wird immer leerer. Die Volleyballer schrecken etwas auf.
„Oh Mist. Zeit vergessen. Es klingelt gleich, Leute. Beeilt euch.“ Die Mädchen lassen von sich und Kioko geht mit den Jungs mit.
„Kioko…wann…wann schließt das Hotel?“, hinterfragt Kojiro noch bevor sie ganz weg sind. Kioko dreht sich zu ihm um. Sie wischt sich noch die Tränen aus dem Gesicht.
„Das ist es ja…schon…übermorgen. Am Mittwoch geht es in eine achtwöchige Umbauzeit. Es…tut mir so leid, Kojiro.“, sagt sie noch und verschwindet dann auf dem Mädchenklo, um sich das Gesicht schnell zu waschen. Die Jungs verschwinden im Klassenraum dahinter und Kojiro zieht wie benommen ebenso ab und verschwindet mit einem zornigen Blick im Klassenzimmer. Tina steht nun alleine im Flur, wie bestellt und nicht abgeholt. Was ist denn nur los? Warum ist er so angespannt deswegen? Was geht ihm denn das Hotel an?
‚Kioko…sie muss es mir sagen.‘ Besorgt geht sie ebenso auf die Mädchentoilette. Kaum hat sie die Tür hinter sich geschlossen, kontrolliert sie alle Kabinen und schaut auch hinter die Tür, die neben dem Eingang ist. Niemand da. Nur Kioko steht vor dem Spiegel.
„Hi. Kioko, war doch richtig, oder?“ Diese schaut angespannt in den Spiegel und trocknet sich mit Papiertüchern das Gesicht ab.
„Das ist der Moment, wo ich es hasse, dass wir hier kein Makeup benutzen dürfen. Das werde ich in Europa so richtig ausnutzen, mich bunt anziehen und schminken. Dieser elitäre Scheiß geht mir hier eh auf den Zeiger.“, spricht diese plötzlich wieder klar.
„Ja, Kioko, ist richtig. Und du bist Tina, wenn ich das richtig vernommen hatte.“
„Genau. Du musst also wegziehen. Ich weiß wie das ist. Es wird schwer, aber du findest sicher schnell neue Freunde und Volleyball ist dort auch sehr beliebt. Als Profi kann man Frankreich gut verdienen.“, versucht sie auf sie einzugehen.
„Was willst du, deutsches Mädchen? Wenn du pinkeln musst, dann geh einfach.“, kommen plötzlich ernste Worte. Die hübsche Japanerin schaut durch den Spiegel zu Tina.
„Du gefällst mir. Eine Frau, die klare Worte ausspricht und trotzdem Herz zeigen kann. Ich kann das nicht. Das ist zu beneiden.“, kommt ernstgemeint von Tina zurück. Kioko ist erstaunt. Sie dreht sich zu ihr um und lächelt sie an.
„Du gefällst mir auch. Bist nicht ganz ein Tag hier und bringst die Herrschaften sofort alle durcheinander. Zuerst brüllst du den ganzen Flur zusammen und dann legst du dich mit dem stärksten Mann in der Schule an. Das wird lustig hier und ich arme Seele muss die Schule verlassen. Wie gemein. Ich verpasse den ganzen Spaß, der noch kommt.“ Tina beginnt zu lachen.
„Wer ist denn bitte der stärkste hier?“
„Na der Boxer, dem du das Essen geklaut hast. Starke Vorstellung übrigens. Das wird dir viel Zeit sparen, denn bei den ganzen Kerlen hier traut sich jetzt kaum noch einer dich anzusprechen, wenn du sogar unseren Champion einsteckst.“, lacht diese zurück.
„Was…ist Kojiro so wichtig, dass er nach dem Hotel fragt? Du erzählst, dass du das Land verlässt und seine Gedanken sind bei einem Hotel? Das stinkt doch zum Himmel.“, kommt Tina auf den Punkt.
„Hm, es ist ein Geheimnis und mir Dumme Kuh ist es rausgerutscht. Aber…dir würde das vermutlich sowieso nicht gefallen, zumindest nicht, wenn du Interesse an ihm hast.“, wird etwas provoziert. Tina wird stutzig.
„Oh, ganz raffiniert. Die Volley-Jungs schicken dich, um mich auszuhorchen.
Hm. Wie kommst du darauf, dass ich Interesse an Kojiro habe? Wir kennen uns doch nicht mal einen Tag. Was weiß ich denn schon über ihn?“ Kioko grinst. „Wow, mach dir nichts draus. Du hast viel Konkurrenz. Er ist sehr beliebt. Du hast ja in der Kantine mitbekommen wie viele Mädchen ihm etwas zu essen angeboten haben. Alle wollen mit ihm gehen, aber bisher hat es noch keine geschafft und dann…geht ihr beide hier alleine durch den Flur. Sah niedlich aus.“
„Niedlich? Ich weiß ja nicht.“, setzt tina einen skeptischen Blick auf.
„Du solltest nicht zu spät kommen, das kann der Mathelehrer so gar nicht leiden.“
„Und was ist mit dir?“
„Ach, ist doch eh egal, wenn ich gehe. Keiner wird sich in Frankreich darüber aufregen, wenn ich hier noch ein paar freie Stunden mache. Das Jahr ist eh gelaufen.“, grinst sie. Tina grinst zurück.
„Siehst du und ich bin die dumme Neue, die sich sicherlich verlaufen hat.“
„Das glaubt dir doch keiner. Euer Raum ist auch gleich nebenan.“
„Was ist nun mit dem Hotel?“
„Du lässt nicht locker, oder?“
„Nö. Also wenn jemand alles um sich plötzlich ignoriert, dann ist es wichtig.“
„Er arbeitet dort. Meine Eltern haben ihn als Küchenhilfe angestellt. Jeden Abend kommt er für zwei bis drei Stunden vorbei und reinigt den Schwarzbereich und die Kühlhäuser. Deswegen kennen wir uns so gut.“ Tinas Blick wird verwundert und ihr Puls steigt an.
„Wieso? Wieso muss er den arbeiten gehen? Ich denke das ist hier eine Eliteschule, die Stipendien vergibt. Ich habe mir die Unterlagen alle durchgelesen und die Stipendiaten bekommen entweder ein Zimmer mit Kosten und Logie frei im Internat oder im Haushaltsgeld wird nachgeholfen.“
„So ist es in der Regel auch, aber das…muss er dir schon selbst erzählen. Ich hoffe doch, du behältst das für dich?“
„Natürlich, was denkst du von mir?“, faucht sie sie an. Dann sieht sie zum Fenster und hält ihre Hände an die Brust.
‚Kojiro…du musst noch nach der Schule und dem Training arbeiten gehen? Und dann als Reinigungskraft? Dann hast du ja gar keine Freizeit mehr. Nur Schlafen, Schule, Training und arbeiten?‘, sorgt sie sich um ihn. Bei dem Gedanken daran, dass er noch abends lange arbeiten gehen muss, schmerzt ihr Herz. Kioko geht auf sie zu und berührt ihre Schulter.
„Und? Ist er noch interessant für dich? Ein Weltmeister, der in den Küchen den Boden putzt? Euer „junger Kaiser“ muss das ganz sicher nicht tun. Lebt vermutlich in einer dicken Villa und lässt es sich gut gehen. Was ist das überhaupt für ein Typ? Gut sieht er ja aus, das muss man sagen. Er bildet sich aber vermutlich auch gut was ein.“ Tinas Puls steigt enorm an. Wie kann dieses Mädchen plötzlich nur so abwertend über die beiden reden? Dass sie sie wegen Kojiro provoziert, das geht ihr bereits auf die Nerven, aber das wird nur eine Finte sein. Da ist sie sich sicher. Aber warum zieht sie Karl-Heinz da jetzt mit rein? Sie kennt ihn doch überhaupt nicht. Mit einem wütenden Blick dreht sie sich zu ihr um und greift ihre Hand.
„Wenn du willst, dass wir hier an der Schule miteinander klarkommen, dann musst du eins über mich wissen:
Ich beurteile niemals jemanden anhand seines Berufs oder seiner Arbeit. Wichtig ist nur, dass sie ehrlich ist. Es stellt sich da eher die Frage, macht man sie, weil man jemanden helfen will, Freude daran hat, aus Überzeugung oder ob man es einfach machen muss.“ Kioko grinst.
„Du bist doch viel zu verwöhnt, als zu wissen was arbeiten heißt. Was sind deine Eltern? Dolmetscherin und Rechtsanwalt? Dir fliegen doch die Tauben in den Mund, wenn ihr euch hier so eine Schule leisten könnt. In Tokio ist alles so derart teuer, das kann sich kaum einer leisten. Und ihr zieht freiwillig hier her, statt aufs Land?“ Tina atmet tief durch. Auf solche Diskussionen ist sie vorbereitet. Die Tatsache, dass sie ohne Stipendium hier ist, scheint sich schnell rumgesprochen zu haben. Die Berufe ihrer Eltern scheinbar auch.
„Du bist nicht ausreichend informiert. Mein Vater darf hier gar nicht als Rechtsanwalt arbeiten und betreut nur noch wenige Kunden übers Telefon und Schriftverkehr. Er wird hier später in seinem zweiten Beruf als Bäckermeister arbeiten und jede Nacht genauso hart arbeiten wie alle anderen in diesem Beruf. Meine Mutter hatte vorher nur einen Imbiss und hat als Selbstständige jeden Tag von 6 bis 19 Uhr ebenso hart gearbeitet. Und sie hätte es nicht einmal machen müssen, aber es machte ihr Spaß. Erzähl mir also nichts davon, dass wir nicht wissen was arbeiten bedeutet.“ Tina geht zur Tür und dreht sich nochmal um. „Und noch etwas: Du solltest ebenso niemals über Leute urteilen, die du nicht kennst. Auch Familie Schneider musste immer hart arbeiten. Das ist auch kein Geheimnis. Die Mutter ist Altenpflegerin und kümmert sich seit Jahren um die kranken Familienmitglieder und der Vater ist Kranführer und Hafenarbeiter, er hat nicht studiert und musste immer schwere harte Arbeit verrichten, bis er Trainer sein konnte. Also nix mit verwöhnen. Und Karl-Heinz, wäre es notwendig, würde er auch arbeiten gehen, nur vermutlich nicht in der Küche, sondern in einer Autowerkstatt. Niemanden sind irgendwelche Tauben in den Mund geflogen und jeden Tag kann es vorbei sein mit dem Sport.“
„Du bist ja gut informiert. Nun gut. Wenn das so ist. Dann nehme ich das zurück. Jedoch sagt die Arbeit der Eltern nichts darüber aus, wie das Kind drauf ist. Verwöhnt sein kann es ja trotzdem.“
„Bist du denn verwöhnt? Es gibt doch letztendlich immer mal ein Hoch und ein Tief. Das kennt jede Familie, es wirkt sich nur bei jedem anders aus.
Ich werde jetzt gehen. Zu viel will ich lieber nicht verpassen.“
„Tina…verrätst du mir jetzt auch ein Geheimnis? Als Gegenleistung, dass ich dir Kojiro seins verraten habe. Ich brauche eine Absicherung, dass du es nicht weitererzählst.“ Tina stutzt.
„Du kannst dir sicher sein, ich würde niemals etwas tun, was ihm schaden könnte. Und wenn er nicht will, dass es die Leute wissen, dann bleibt das auch so.“
„Das reicht mir nicht. Ich kenne dich nicht und weiß nicht einmal, ob ich dir vertrauen kann.“
„Du hast dich vorhin bei mir ausgeheult, war das kein Vertrauen?“, kommt Tina mit einem interessanten Argument. Kioko sieht sie fraglich an.
„Ja, komisch, ich weiß gar nicht was das eben sollte. Tut mir leid. Du musst denken, ich sei total die Heulsuse. Voll peinlich.“ Es wird nur gegrinst.
„Das denke ich gar nicht. Im Gegenteil. Ich hätte beinahe mitgeheult. Ich weiß doch wie sich das anfühlt…seine Freunde zurückzulassen und ein neues Leben zu beginnen.“, Tina berührt die Türklinke.
„Danke. Vielleicht ist es das, was uns verbindet, blondes Mädchen.“, grinst diese.
Tina lächelt.
„Bitte, verrat mir ein Geheimnis. Ich behalte es auch für mich.“
„Hm, was denn für eins?“
„Oh, naja. Eins, was Kojiro nicht wissen darf, außer du verrätst es ihm irgendwann.“ Tina sieht sie an und blickt ihr in die ehrlichen Augen.
„Es…waren…fanatische Fußballfans, die…meinen Bruder…auf dem Gewissen haben.“ Kiokos Blick verändert sich schlagartig.
„Was…ist passiert?“
„Wir…wir wurden überfallen…und…dann haben sie ihm…wehgetan…bis…es zu spät war.“ Entsetzt hält Kioko ihre Hände vor den Mund und starrt sie an.
‚Oh nein. Warum? Warum…haben die das getan?‘
„Sowas…sowas trauriges…wollte ich gar nicht wissen!“, faucht sie sie plötzlich an. Dann geht sie auf sie zu und greift Tinas Hände, die gerade Fäuste machen. „Deswegen…der Neustart? Ganz weit weg…von Allem?“ Die Mädchen sehen sich tief in die Augen.
„Ich…kenne das. Meine große Schwester…sie starb vor zwei Jahren bei einem Unfall. Und kurz davor…habe ich das Stipendium bekommen. Meine Freunde…haben mir geholfen. Meine Freunde und mein Sport.“
‚Ihre Schwester? Das klingt alles ehrlich, was sie sagt.‘ Tina nickt nur und starrt verdutzt an ihr vorbei.
„Bitte, sag es ihm nicht. Niemanden, okay? Ich will nicht, dass einer von ihnen an ihrem Sport zweifelt.“
„Ich verspreche es, aber glaube mir, diese Jungs, vor allem die, die bei der WM waren, sie…lieben ihren Sport viel zu sehr, als an ihnen zu zweifeln, nur weil es Idioten auf der Welt gibt.“ Tina lächelt sie an.
„Danke.“, haucht Tina. Dann lassen sie von sich und Kioko stupst sie noch kurz an.
„Wann wirst du es ihm sagen?“ Tina stutzt, als sie den Türgriff anfasst.
„Wie jetzt? Was denn? Irgendwann mal, wenn es passt bestimmt.“, sagt sie trocken.
„Das meine ich nicht.“
„Was dann?“
„Na, dass du…in ihn verknallt bist.“ Tinas Herz rast vor Aufregung. Was hat sie getan, dass sie es vermutet?
„Du siehst Gespenster. Ich verknall mich bestimmt nicht in jemanden, den ich nicht einmal einen Tag lang kenne.“
„Wow, du leugnest es. Das ist interessant. Du sorgst dich aber dafür sehr um ihn. Gibs zu…DU bist das Mädchen, das er in Hamburg kennengelernt hat. Und dann habt ihr euch in Paris wiedergetroffen. Keine Angst, wir sind nur gute Freunde. Wenn du uns also mal zusammen siehst, musst du dir darüber keine Gedanken machen. Er hat noch keine Freundin.“ Ohne die Ansage zu kommentieren, verlässt Tina den Raum. Tina steht im Flur und schaut in den Klassenraum. In diesem Moment läutet die Schulglocke. Der Lehrer hat ihren Hefter mit den vielen Tests in der Hand und blättert es durch, während die anderen alle im Lehrbuch etwas lesen und erarbeiten.
Sie klopf an die Tür und der Lehrer hebt die Hand. Es ist etwa ein paar Sekunden her, dass es geklingelt hat. Sie betritt den Raum, verbeugt sich für eine Bitte der Entschuldigung.
„Es tut mir sehr leid, dass ich zu spät da bin. Ich habe mich etwas verquatscht und musste noch auf die Toilette.“, spricht sie ehrlich und ernst.
„Versteht man das unter deutscher Pünktlichkeit? Setzen Sie sich. Das nächste Mal bleiben Sie mit den Eimern draußen stehen.“ Tina ist erstaunt, dass er plötzlich so einen gemeinen Spruch an den Tag legt. Ohne es zu kommentieren, setzt sie sich hin. Ihre Gedanken sind noch im vorhergehenden Gespräch. Sie holt ihr Mathebuch heraus und öffnet die Seite, die er an die Tafel geschrieben hat. ‚Oh, das kommt mir bekannt vor. Zum Glück. Das andere auf dem Test von Kojiro kannte ich noch nicht.‘, erkennt sie einige Formeln wieder, jedoch tut sie sich schwer mit den Sätzen, welche natürlich in japanischen Schriftzeichen geschrieben sind. Sie schaut zu Kojiro herüber und schaut sich an was er sich notiert und ausgerechnet hat.
‚Ah, okay. Das wollen die wissen. Statistiken kann ich. Aber worum gehts genau?‘ Der Lehrer steht auf und spricht zur Klasse.
„Sie haben sich hoffentlich alle ins neue Thema eingelesen. Worum geht es ab heute?“ Es wird sich gemeldet.
„Es geht um Statistiken.“
„Können Sie mir Beispiele aus dem Alltag nennen, wo man das benötigt?“ Tina meldet sich. Statt sie jedoch zu beachten, nimmt er einen anderen Schüler dran. Es werden von mehreren Schülern Beispiele genannt. Auch Kojiro hat sich gemeldet und erklärt. dass es eine interessante Statistik darüber gibt, wie viele Leute auf wieviel Quadratmeter Wohnfläche in einer Stadt leben. Er nennt sogar genaue Zahlen, die für Tokio zutreffen.
„Sehr gute Beispiele haben Sie bisher genannt. Und haben Sie auch Beispiele, die nur uns hier betreffen? Nur wir hier in der Klasse?“ Tina meldet sich erneut. Diesmal hebt sich keine weitere Hand.
„Frau Fuchs.“
„Unsere Klasse besteht aus 20 Leuten und nur fünf davon sind Mädchen. Also sind laut Statistik 25% der Klasse weiblich. Wie aber sieht es in der ganzen Schule aus? In den Pausen sind mir vom Verhältnis her noch weniger Mädchen aufgefallen. Diese könnte man ja noch errechnen, wenn es nicht bereits bekannt ist, also für uns Schülerinnen und Schüler.“
„Und was kann man nun mit dem Ergebnis anfangen? Das Verhältnis ist doch offensichtlich.“
„Damit kann man so einiges herausfinden, das hat dann aber weniger was mit der Mathematik zu tun.“
„Womit denn dann? Mit welchem Schulfach kann man das, was Sie denken, in Verbindung bringen?“
„Es geht eher in Richtung Gesellschaft und Psychologie.“ Der Lehrer grinst und greift nach ihrem Hefter. Dann schreibt er von den letzteren Blättern zwei Aufgaben an die Tafel.
„Ich möchte, dass alle diese beiden Aufgaben lösen.“ Kojiro staunt nicht schlecht und die anderen sind auch etwas überrascht. Er greift zum Block und notiert sich die Aufgabe und löst sie recht schnell. Tina sieht ihm dabei zu. Er geht zwar anders an die Aufgabe heran als sie, aber das Ergebnis ist identisch mit ihrem. Andere tun sich scheinbar schwerer.
Der Mathelehrer
Kapitel 20
Der Mathelehrer
„Und? Was haben wir alles?“ Die Ergebnisse werden vorgetragen und nur die Hälfte der Klasse hat am Ende das richtige Ergebnis.
„Okay. Jetzt eine Frage an Sie Frau Fuchs. Wo haben Sie diese Gleichung her, die Sie benutzt haben?“ Er schreibt ihre Rechenwege an die Tafel.
„Warum? Stimmt etwas nicht damit?“, wundert sie sich.
„Die sind richtig, aber sie stehen nicht in unserem Lehrbuch. Deswegen frage ich.“ Tina bückt sich und holt ein dickes Buch aus der Schultasche.
„Diese Formeln stehen in diesem Buch drin.“
„Darf ich mal sehen?“ Sie reicht es ihm rüber und er schaut hinein.
„Seite 254 und Seite 286 müssen Sie schauen.“, sagt sie.
‚Sie merkt sich die Seitenzahlen wo Formeln stehen? Das ist interessant.‘
„Ich bin erstaunt. Sie haben von Integralen scheinbar noch nie was gehört, aber merken sich Formeln aus der höheren Mathematik im Bereich Stochastik?“
„Ich weiß nicht. Ich kenne nur was ich wissen will und bisher wissen musste. Und diese Formeln kenne ich, weil ich sie schon mehrmals angewendet habe und ein visueller Lerner bin. Ihre Aufgabe sagte mir nichts, aber vom Inhalt her kam es mir so rüber, als wäre so ein Thema gefragt worden. Also dachte ich, es passt.“ „Es passt auch. Deswegen bin ich so erstaunt, dass Sie es sogar verstehen.“ Er blättert wieder etwas im Hefter und schreibt erneut etwas an die Tafel.
„Und was ist hiermit? Ihre Lösung fehlt. Warum, wenn Sie doch das andere kennen? Das ist viel schwieriger.“
„Ich kenne das nicht. Also habe ich die Aufgabe ausgelassen, schade um die Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, wenn ich es eh nicht weiß.“
„Sie sollten aber jede Seite fertigstellen und dann erst die nächste anfordern. Also wäre bei Ihnen hier Schluss gewesen.
Sie haben sich bei meinem Test nicht an meine Regeln gehalten.“ Tina sieht ihn verdutzt an.
„Ich habe mich genau an Ihre Vorgaben gehalten.“
„Das sehe ich aber anders.“
„Warum? Was habe ich falsch gemacht?“
„Sie sollten jede Aufgabe lösen und erst dann weiterreichen. Aber das ist Ihre erste Lücke. An dieser Stelle wäre Schluss gewesen, trotzdem verlangten Sie weitere Aufgaben.“
„Ich habe nie behauptet gut in Mathe zu sein. Das ist ja so gar nicht mein Ding. Sie haben mir gesagt, dass ich jedes Hilfsmittel nutzen darf und ich soll um mein Leben rennen. Das habe ich gemacht.“
„Wie meinen Sie das?“
„Hm. Also wenn Sie im Wald spazieren gehen und vor haben Pilze zu sammeln und ein Wildschwein Sie plötzlich jagt, da bleiben Sie doch nicht liegen, wenn Sie stürzen. Aufstehen und weiterlaufen. Oder wie sehe ich das? Meine Möglichkeiten waren abgesehen vom Stehenbleiben nur das Weiterlaufen.“
„Hm. Und wenn Sie bei einem Wettkampf stürzen und die anderen sind schon weiter? Was dann?“
„Steh ich auf und laufe schneller. Hauptsache ich erreiche noch das Ziel. Lieber letzte sein, als das Ziel nicht erreichen. Aufgeben ist nicht so meins.“
„Das wollte ich hören. Das spricht die Sportlerin. Jedoch:
Sie durften alle Hilfsmittel nutzen, die Ihnen zur Verfügung standen. Warum haben Sie das nicht gemacht? Dann hätten Sie diese erste Lücke vielleicht füllen können.“
„Ich habe doch alles benutzt. Und wenn ich nicht weiß was ich da machen soll, was bringen mir denn da die Hilfsmittel?“
„Warum haben Sie in dem Falle denn nicht Ihren Nachbarn gefragt, ob er Ihnen hilft?“ Tina sieht ihn verdutzt an.
„Ist das Ihr Ernst? Hätte ich das denn gedurft? Ich denke helfen lassen und mit dem Nachbarn reden, ist verboten.“
„Wer sagt das denn? Es wäre doch eine Möglichkeit für Sie gewesen. Herr Hyuga war bereits mit seinem Test fertig und hätte Zeit gehabt. Er langweilt sich ohnehin bis zur nächsten Aufgabe.“
„Herr Tenma sagt das. Er hatte mit mir geschimpft, als ich in seinem Unterricht nach Hilfe fragte.
Aber abgesehen davon wollte ich die anderen nicht von ihrem Test ablenken, daher kam ich gar nicht erst auf die Idee. Letztendlich muss ich es aber auch selbst schaffen, also eine schwierige Entscheidung.“
„Ich verstehe. Bei mir läuft das etwas anders ab.
Sie haben also Rücksicht auf die Anderen genommen. Das ist nett, aber bei mir nicht nötig.
Auch bei einem Test muss man sich trotz Störungen konzentrieren können.
Hätte es Sie selbst denn gestört, wenn Sie an Ihrer Stelle gewesen wären?“ Tina schüttelt den Kopf.
„Mich stört das nicht. Ich kann mich in der Regel sehr gut konzentrieren und lasse mich selten ablenken. Mich würde es also nicht stören, wenn ich etwas erledigen muss und Sie nebenbei mit den anderen reden würden.“
„Gut, dann wird Ihnen die nächste Aufgabe gefallen.
Was sagen Sie, Herr Hyuga? Sie haben, als Sie fertig waren, beim Beantworten der Fragen zu Ihrer neuen Nachbarin gesehen. Ihnen sind Doch ganz sicher einige Fehler aufgefallen.“ Kojiro versucht es freundlich auszudrücken. Er versteht sich in der Regel sehr gut mit diesem Lehrer.
„Das mag sein, aber es waren auch Aufgaben dabei, die wir selbst noch nicht im Unterricht behandelt haben.“
„Hätten Sie die Aufgaben denn alle bearbeiten können?“
„Natürlich, kann ich das!“, haut er fast empört heraus und lehnt sich überzeugt von seinem Können zurück.
„Wie fanden Sie, als Mathe-As, die versuchten Lösungsansätze?“
„Ich wäre anders herangegangen. Sicher lernt man in Europa einiges anders. Die Ergebnisse haben sicher in den meisten Fällen gestimmt.“
„Der Test war absichtlich so schwer. Es waren Aufgaben dabei, die noch in diesem und nächstem Schuljahr neu behandelt werden.“, beginnt er, stellt sich direkt neben Tinas Tisch, schaut zu ihr herab und wird mit festem Ton lauter.
„Das hilft jedoch nichts, wenn Sie, Frau Fuchs, nicht einmal die Mittelschulreife geschafft hätten! Es sind zu wenige Ausnahmen dabei!“
Plötzlich schmeißt er ihr den Hefter vor die Nase und spricht sehr streng und sieht ihr in die überraschten Augen.
„Suchen Sie sich noch heute einen Nachhilfelehrer! Sie werden ihn brauchen!“ Die Mitschüler sind etwas entsetzt, dass er plötzlich so streng mit ihr redet. Sie könne doch nichts dafür, dass die Schulsysteme verschieden sind. Auch Kojiro staunt.
‚Das kann er aber auch freundlicher sagen.‘ Sein Blick verzieht sich ins Strenge und er schaut zum Lehrer auf. Tina reagiert erstaunlich ruhig und gelassen, dann sieht sie nachdenklich auf ihre Aufgaben und berührt den Hefter.
„Das habe ich befürchtet. Und wo finde ich jetzt jemanden?“
‚Interessant, ich dachte sie ist ein Typ, der sich zur Wehr setzt, wenn er angegriffen wird. Ich war bewusst unfreundlich und trotzdem bleibt sie ruhig? Tenma, was war bei Ihnen los?‘
„Hatten Sie denn in Deutschland jemanden, der Ihnen bisher helfen konnte?“
„Ja.“, antwortet sie und schaut ihm wieder freundlich in die Augen.
„Sie könnten telefonisch mit dem Helfer üben, das ist doch sicher möglich, oder über Skype. Das ist eine tolle Sache. So eine Art Video-Telefonie.“
„Das geht leider nicht mehr. Ich muss mir hier jemanden suchen.“
„Warum geht das denn nicht?“
„Ich werde mir jemanden suchen, das ist okay. Ich habe damit gerechnet in Mathe einiges aufholen zu müssen. Ich hatte zwar ein anderes Schulbuch durchgeschaut, aber es war mir völlig klar, dass das hier nicht anders enden wird.“
„Das klingt vernünftig. Sie haben sich in der kurzen Zeit vorbereitet.
Ich kann Ihnen sogar jemanden empfehlen, wenn Sie möchten. Hier gibt es einige Oberschüler, die Nachhilfe anbieten.“
„Sehr gerne, wenn Sie jemanden zutrauen sich mit mir Sonderling einzulassen?“
„Das denke ich schon.“ Dann greift er zum Buch und sieht sich einige Seiten genauer an.
„Sie haben doch nicht wirklich dieses Buch komplett gelesen?“
„Doch natürlich. Ist das anhand meiner Notizen nicht zu erkennen?“
„Sowas lesen Sie? Warum denn auf Englisch, wenn es eine japanische Autorin ist?“
„Ich kann doch kein Japanisch lesen. Ein Freund hat es mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Das war die erste Übersetzung, ein Exemplar noch vor dem offiziellen englischen Druck.“ Er blättert nach ganz vorne im Buch und entdeckt die Widmung.
‚Liebe Tina. Ich hoffe es hilft dir für dein Psycho-Studium. Dein Duweißtschonwer.‘
„Sie möchten Psychologie studieren?“, hakt er neugierig nach.
„In Deutschland wollte ich das noch, ja. Aber hier in Japan muss ich unter anderem erst einmal das da können.“, grinst sie ihn an und legt die Hand auf den Hefter vor sich.
„Sehr kluge Entscheidung. Sie überwinden das neue Hindernis indem Sie aufstehen und weiterlaufen?“
„Wow, ja. Sie haben mir richtig gut zugehört. Danke.“, lächelt sie.
„Da haben Sie sich ja was vorgenommen. Aber Sie haben wenig Zeit. Bis Schuljahresende müssen die ganzen alten und neuen Aufgaben sitzen, sonst können Sie nicht hier bei uns bleiben. Glauben Sie, dass Sie das schaffen?“ „Natürlich, ich schaffe immer was ich mir vornehme.“, setzt sie einen ernsten Blick auf.
„Auch ohne Nachhilfelehrer?“
„Ich sagte doch, dass ich mir jemanden besorgen werde. Sie wollten mir jemanden empfehlen. Sie können mir nach der Stunde gerne sagen wer das ist und ich frage ihn, ob er mir helfen würde.“ Der Lehrer blättert weiter in ihrem Buch herum und ist nachdenklich.
‚Fast auf jeder Seite hat sie sich Notizen gemacht und bunte Markierungen versehen. Sogar ganz vorne mit einer Legende dazu. Sowas sehe ich nur bei den obersten Klassen oder bei Studenten. Sie kann scheinbar jetzt schon wissenschaftliche Ausarbeitungen machen. Das müssen meine Kandidaten hier vor mir noch lernen. Das ist unser nächstes großes Thema, welches sich über alle Fächer und alle drei Jahre hinweg ziehen wird.‘ Er klappt das Buch dann zusammen und reicht es ihr rüber.
„Gibt es zu Ihren Notizen und Markierungen auch ein schriftliches Notizbuch? Das sieht nach einer gelungenen Ausarbeitung aus.“, fragt er sie.
„Nein, das ist alles hier oben drin.“, lächelt sie, zeigt auf ihren Kopf und fasst seine Frage als Kompliment auf.
„Ich gebe Ihnen zwei Tipps: Lassen Sie das Buch zu Hause und bringen es nie wieder mit in die Schule. Es zählt hier als „verbotene Literatur“. Sie sollten sich die Kritiken dazu aus japanischer Sicht ansehen, um sich eine gesunde Meinung darüber zu bilden. Und…“ Er pausiert kurz.
„…behalten Sie die Dinge im Hinterkopf, die Sie gelesen haben.“ Tina nimmt ihm das Buch dankend ab und lässt es sofort in der Tasche verschwinden.
„Vielen Dank für Ihre Tipps. Ich weiß, dass es vermutlich nicht beliebt ist und kenne die Kritiken aus japanischer Sicht.“ Er verlässt seinen Platz und geht an seine Unterlagen, die er wieder mitgebracht hat.
„Gut, kommen wir zu einem anderen Thema. Statistiken.“ Er greift eine Mappe und hält sie geöffnet in der Hand. Dann schaut er zur Klasse und dann speziell zu Kojiro.
„Herr Hyuga, ich hörte, Sie streben nach dem Beruf des Architekten? Was interessiert Sie denn an diesem Beruf?“ Kojiro ist erstaunt, dass er das Thema anspricht, aber freut sich darüber.
„Ich finde es interessant wie das ganze System wie die Statik eines Hochhauses oder einer Brücke funktioniert. Sich dazu Konstruktionen auszudenken, gefällt mir ebenso.“, erklärt er begeistert und richtet sich gerade auf.
„Okay, das klingt gut, dann erklären Sie mir bitte mal, warum Sie es riskieren, dass es beim nächsten Hochhaus zu unerwünschten Rissen im Material kommt und bei einem Erdbeben einstürzen könnte oder eine Brücke mitten im Bau nicht passend aufeinandertrifft und wieder abgerissen werden muss?“ Er sieht ihn verdutzt an.
„Wovon reden Sie bitte?“, klingt er ernst. Der Lehrer greift in die Mappe und holt ein Blatt heraus und knallt es ihm förmlich auf den Tisch.
„Sie haben heute einen Fehler gemacht. Ich habe mich erkundigt, bei meinem Vorgänger. Sie haben seit Januar nicht einen einzigen Fehler gehabt und auch bei mir nicht, BIS HEUTE!“ Entsetzt schaut Kojiro auf seinen Test.
„Wo denn? Ich mache keine Fehler!“, brummt er. Er blickt auf den Test und es wurde noch nicht korrigiert.
„Finden Sie ihn! Nutzen Sie alle Hilfsmittel, die Ihnen zur Verfügung stehen. Und dann finden Sie das, was Sie ablenkt und beheben es.“, fordert er streng und drückt auf seine Stoppuhr.
‚Verdammt. Wo könnte es ein Fehler sein?‘ Neugierig schaut Tina auf seine Arbeit. Dann entdeckt sie einen möglichen Fehler und sieht in sein verzweifeltes Gesicht.
‚Oh nein, er macht sich richtig Vorwürfe, wenn er ihm solche Beispiele nennt. Für so einen Schaden will er nicht verantwortlich sein.‘ Sie erinnert sich an die Regeln von vorhin. Helfen sei erlaubt und legt ihre Hand auf das Blatt und zeigt auf ein Zwischenergebnis. Es ist eine 3,66. Der Lehrer stoppt die Uhr und Kojiro blickt total verdutzt in Tinas Gesicht.
„Bravo Frau Fuchs, im Gegensatz zu Herrn Hyuga, sind Sie kein Egoist und helfen, wenn Sie können.“ Plötzlich blickt Tina ihn eher zornig an.
„Kojiro ist kein Egoist!“, faucht sie ihn an.
„Das ist doch kein Vergleich.“, kommt dann aber gleich etwas ruhiger hinterher. ‚Wow, was ist das für eine Reaktion? Und was ist das denn überhaupt für ein Blick?‘
„Woher wollen Sie bitte wissen, dass dort ein Fehler ist? Sie haben doch eben noch gesagt, dass Sie diese Aufgaben nicht verstehen.“ Tinas Puls sinkt etwas, denn er spricht normal, aber etwas provozierend zu ihr. Aus der Ruhe bringen lässt sich dieser Mann nicht.
„Ich…muss nicht wissen worum es geht, wenn ich im Ablauf des Rechenweges eine Unregelmäßigkeit entdecke. Der Periodenstrich fehlt hier, jedoch wurde sicherlich damit weitergerechnet, denn an den Ergebnissen fällt es auf, dass irgendwann eine Periode aufgetaucht sein muss. Im Endergebnis ist es auch wieder da.“
„Eine Unregelmäßigkeit? Sie erkennen einen Fehler in einem System, dass Sie selbst nicht verstehen. Es ist erstaunlich, dass Herr Hyuga seinen Fehler nicht vor Ihnen gefunden hat.“
„Keine Ahnung wovon Sie reden.“, zischt Tina leise.
„Gut, haben wir das auch geklärt.“ Kojiros Puls ist inzwischen deutlich angestiegen und so richtig hat er noch nicht verstanden warum sie es erkannt hat. Er greift zu seinem Füller und ergänzt den kleinen Strich über der 6. Dann reicht er das Blatt dem Lehrer rüber.
„Danke.“, sagt er und lehnt sich wieder zurück. Dann sieht er zu Tina rüber.
„Du musst mich nicht verteidigen. Er hat vollkommen Recht. Ein kleinster Fehler und andere könnten zu Schaden kommen. Und ich hätte meine Hilfe anbieten sollen, aber ich war zu neugierig, wie weit du kommst und wie du an die schweren Aufgaben herangehst. Tut mir leid. Ich dachte jedoch auch, dass du es für dich selbst wissen willst, also wie weit du kommst.“ Tina lächelt ihn an.
„Danke. So ist es auch.“
„Sie werden für den Rest der Stunde die Tests gemeinsam durchgehen und korrigieren.“, spricht der Lehrer plötzlich ruhig und zeigt auf Tinas Hefter. Die beiden Schüler sehen ihn verdutzt an.
„Wie jetzt?“
„Sie langweilen sich ohnehin in meinem Unterricht und Frau Fuchs benötigt viel Hilfe. Üben Sie sich mal wieder als Lehrmeister und beweisen Sie, wie gut Sie sind.“, spricht er ernst zu Kojiro. Dann blickt er zu Tina.
„Und Sie Frau Fuchs, Sie haben meine Empfehlung direkt neben sich sitzen. Perfekter geht es doch nicht, oder? Einen Nachhilfelehrer direkt in der eigenen Klasse. Das lässt sich dann mit den Unterrichtszeiten gut regeln. Die Mathestunden können Sie gleich mit nutzen.“ Er geht zur Tafel und schreibt ein Datum an.
„Am 21.12.1998 werde ich die Klassenarbeit, welche ich nächste Woche angesetzt habe, wiederholen, für Sie, Frau Fuchs. Sie haben also genau 3 Monate Zeit den fehlenden Stoff aufzuholen, der bis heute vermittelt wurde. Ich bin davon überzeugt, dass Sie es bis dahin schaffen werden.“
„Drei Monate? Vorhin sagten Sie noch bis Ende des Schuljahres.“, ist sie erstaunt.
„Sie sagten vorhin auch, Sie schaffen alles, was Sie sich vorgenommen haben. Schaffen Sie bis dahin alles aufzuholen, dann können Sie am regulären Unterricht teilnehmen und Ihr Ziel auch erreichen. Ansonsten sehe ich da nicht viel Hoffnung.“ Tina richtet sich nachdenklich auf und öffnet den Hefter, um sich ihre Aufgaben anzusehen, die ihr Probleme gemacht haben.
„Und? Was meinen Sie, Frau Fuchs? Schaffen Sie das bis zu diesem Tag?“
‚Hm, drei Monate. Viel Zeit gibt er mir ja nicht gerade.‘ Dann sieht sie zu Kojiro, welcher auch auf die Aufgaben schaut.
‚Ich fühle mich, als würde ich mich ihm aufzwingen. Dieser Tag ist schon so komisch und aufregend und nun das hier. Kojiro, sag doch selbst was dazu. Willst du das überhaupt? Ich hätte zu gerne wie früher meinen Bruder gefragt, aber…das geht nicht mehr. Und Vater ist auch nicht so gut in Mathe. Er ist ein Auswendiglerner und ein Theoretiker, Stratege.‘ Sie atmet tief durch, dann schaut sie zu ihm auf und schlägt das Heft wieder zu.
„Ich kann das schaffen. Jedoch will ich mir meinen Lehrer selbst aussuchen. Vielen Dank für Ihre Empfehlung.“, gibt sie ihm plötzlich und unerwartet eine klare Antwort.
‚Bettina? Du lehnst es ab mit mir Zeit zu verbringen? Ich hätte es doch getan. Du wärst auch nicht die Erste, der ich helfe. Warum willst du nicht, dass ich dir helfe? Warum lehnst du ab? Es ist doch sogar perfekt, dann sieht es nie komisch aus, wenn wir mal alleine sind und reden.‘, ist Kojiro etwas irritiert.
„Sie lehnen Ihren Nachbarn ab? Und warum, wenn ich fragen darf? Sie werden keinen besseren finden. Er hat bereits Erfahrung darin.“, wundert sich der Lehrer sehr.
‚Jetzt bin ich wirklich verwundert. Die beiden scheinen sich doch gut zu verstehen und wenn ich Tenma richtig verstanden habe, kennen sie sich sogar bereits privat. Warum will sie ihn nicht als Hilfe annehmen?‘
„Ganz einfach, unter Zwang, ist das doof. Sie wollten mir sagen, wen Sie mir empfehlen und ich wollte selbst fragen und nun haben Sie mir einfach diese Möglichkeit genommen. Und Kojiro hat bestimmt noch was anderes zu tun, als mit mir irgendwelchen langweiligen Mathekram zu lernen.“, versucht sie zu erklären und kurz darauf bemerkt sie, wie Kojiros Hand gespreizt auf ihrem Hefter liegt und diesen zu sich rüber zieht. Verdutzt sieht sie ihm nach.
„Was machst du denn jetzt?“, spricht sie ihn an.
„Wenn du niemanden hast, dann mache ich das eben. Sturkopf. Natürlich habe ich Zeit dir zu helfen.“
„Selber Sturkopf.“
„Nun frag schon.“
„Würdest du es denn wirklich machen wollen? Würdest du mein Nachhilfelehrer sein?“
„Willst du es denn?“ Er schlägt das Heft auf und greift zu einem Bleistift. Er erntet nur ein liebevolles Lächeln.
Tina Puls steigt enorm an und ihr wird plötzlich ganz warm ums Herz. Warum ist er denn nur so nett und geht tatsächlich auf den Vorschlag ein? Er hat doch gar keine Zeit, weil er sich eine neue Arbeit suchen muss. Warum überhaupt muss er denn noch abends arbeiten? Das geht ihr schon die ganze Zeit nicht mehr aus dem Kopf.
Den Rest der Stunde arbeiten sie gemeinsam die erste Aufgabe durch und benutzen das Lehrbuch zur Hilfe.
Dann klingelt es und alle stehen auf und verlassen den Raum. Bis auf die beiden, denn der Lehrer möchte noch einmal mit ihnen reden.
Er schließt die Tür und spricht sie an.
„Schaffen Sie es bis dahin? Herr Tenma meinte zu mir, Sie seien in Deutschland eine sehr gute Schülerin mit besten Noten gewesen. Das deutsche Schulsystem ist nicht einfach, aber hier ist es schneller. Vieles kommt dort erst in den Berufsschulen oder im Studium. Das weiß ich.“
„Ich denke schon. Ja, das war ich. Ich muss nur sehen wie meine Trainingszeiten sind, damit wir uns absprechen können.“
„Und Sie Herr Hyuga, was ist denn heute mit Ihnen los? Wo sind Sie mit Ihren Gedanken? Solche Schlampereien passen nicht zu Ihnen. Ich dachte tatsächlich zuerst, dass Sie durch Ihre neue Nachbarin abgelenkt sind, aber es scheint ein anderer Grund zu sein. Ich hoffe Sie wissen woran es lag, denn nur so können Sie daran arbeiten.“ Kojiro nickt nur und schaut dann zu Tina.
„Wegen mir? Am Ende war es doch nur ein kleiner Strich. Sie sind wirklich sehr streng.“
„Den Grund der Strenge habe ich begründet, oder?“
„Das stimmt. Aber trotzdem ist es am Ende nur ein Test. Wenn es wirklich um die Wichtigkeit bei den Materialien oder Statik gehen würde, hätte Kojiro den Fehler sicher nicht gemacht, denn dann prüft man doch eh alles nochmal durch, bevor damit gearbeitet wird. Sie wissen doch, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“. Kenn man den Spruch hier auch?“ Beide sehen sie erstaunt an.
„Hm, nein, aber da ist was Wahres dran. Wenn die Baupläne aber fehlerhaft in der Berechnung sind und ein Kollege arbeitet damit weiter und verlässt sich darauf, dann kann es trotzdem zu Problemen führen.“, erklärt Kojiro dann selbst.
„Würdest du denn ungeprüft solche Pläne in die Tat umsetzen, wenn sie von einem Kollegen kommen?“, kommt sie entgegen.
„Ganz sicher nicht. Ich verlasse mich immer nur auf mich selbst.“, meint er dann überzeugt.
„In so einem Falle ist das genau das Richtige. Also würde der Kollege nichts taugen, wenn er nicht nachprüft, ob alles stimmt.“
„Falsch, Frau Fuchs…damit es schnell und reibungslos läuft, muss es IMMER stimmen!“, hebt der Lehrer seinen Finger.
„Die Verantwortung der Prüfung auf Richtigkeit auf den nächsten zu übertragen, ist niemals Sinn einer gemeinschaftlichen Arbeit.“
„Wow, das haben Sie aber schön erklärt. Sie haben Recht. Am Ende muss man trotzdem wissen auf wem man sich verlassen kann.“ Dann schaut sie auf ihre Armbanduhr.
„Ich muss dann mal. Tut mir leid. Meine Zeit ist begrenzt. Ich will nicht zu spät zum ersten Training kommen.“
„Sie haben gut eine Stunde Zeit. Reicht das nicht?“, wundert sich der Lehrer.
„Ich habe noch einiges vorher zu erledigen. Meine Sachen vom Direktor abholen, die neuen Räumlichkeiten ansehen und mich warmmachen. Das Sitzen stört mich sehr.“
„Warten Sie, ich habe noch etwas.“ Er kramt in seiner Tasche herum und holt ein Buch heraus.
„Haben Sie schonmal so einen Test in Deutschland gemacht?“ Tina ist erstaunt und nimmt das Buch in die Hand und öffnet es. Die Schriftzeichen außen kann sie nicht alle lesen.
„Och nö. So ein IQ Test? Ja, habe ich unzählige gemacht, sind langweilig. Am Ende sind die reine Übungssache. Je mehr man übt, umso besser schneidet man ab. Das Ergebnis ist also manipulierbar. Es ist eine gute Basis, um einen Anhaltspunkt zu haben wo man steht, aber die wahre Intelligenz misst sich in mehreren Werten, die man oft nicht als Wert darstellen kann. Oder sehen Sie das anders?“
„Da ist was Wahres dran. Was hatten Sie denn so für Ergebnisse?“
„Mein erster Test fiel ganz normal aus, bei 90 etwa. Und dann habe ich mich damit mehr beschäftigt und lag bei 120. Also, ich sage ja, alles eine reine Übungssache. Ich kenne Leute, die einen IQ von 120 haben, auch berechtigt im Test, ohne Training vorweg, aber ich würde die Leute nicht als Hochbegabt sehen. Sowas steht übrigens auch in dem „verbotenem Buch“. Der Ansicht war ich jedoch schon vorher.“
„Gut, nur noch eine Frage, Frau Fuchs. Sie machen mich mit diesem Buch neugierig. Was lesen Sie denn sonst für Literatur, wenn Sie mal Psychologie studieren wollen?“
„Oh, das wollen Sie lieber nicht wissen. Sind ziemlich alte Sachen dabei. Einiges davon wurde geschrieben, da sind Ihre Großeltern noch nicht geboren worden. Aber alte Denkweisen können dazu führen, dass man neue entwickeln kann.“ Tina verabschiedet sich von dem Lehrer und geht hinaus zu Ken, Kiki und die Klassenkameradin aus dem Schwimmkader, welche bereits vor der Tür warten. Kojiro sieht ihr nachdenklich hinterher.
‚Alte Bücher? Ob so altes Zeug etwas bringt? Altes mit Moderne vermischen, meinst du sicher, Bettina. Alte und neue Werte vielleicht? Kannst du deswegen so gut mit den Leuten, weil du verschiedene Ansehensweisen kennst und auf sie eingehen kannst? Ich kann das nicht.
Und wer hat dir früher immer geholfen? Du kannst ihn nicht mehr fragen? War es dein Bruder? Ganz sicher. Er war älter und Genzo hat nebenbei erwähnt, dass er super mit Computern umgehen konnte und ihm bei Mathe geholfen hat. Bettina…sei stark.‘ Er macht in der Hosentasche Fäuste und ist etwas angespannt.
‚Ich…kann ihn nie ersetzen, aber…bei Mathe…kann ich dir helfen. Du bist doch sehr klug und kannst schon diese anderen Formeln und hast sogar meinen Fehler vor mir gefunden. Wir schaffen das…zusammen. Wenn es das ist, wobei ich dir bei deiner Trauer und deinem Neustart helfen kann, dann ist es das.‘
Kaum hat sie den Raum verlassen, spricht der Lehrer seinen Lieblingsschüler an.
„Was war nun los mit Ihnen? Wissen Sie schon was sie ablenkt?“ Kojiro ist jedoch so sehr im Gedanken, dass er die Worte des Lehrers kaum wahrnimmt.
„Hyuga!“, wird er dann plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Er schreckt etwas zusammen und sieht verdutzt zum Lehrer.
„Sorry. Was haben Sie gesagt?“
„Also wirklich. Ich glaube ja so langsam, dass doch Ihre neue Nachbarin die Ablenkung ist. Habe ich Recht? Sie ist hübsch, klug und freundlich zu jedem, wundern würde mich das nicht.“, neckt er ihn etwas und packt nebenbei seine Tasche.
„So…äh…ist das nicht.“, versucht Kojiro sich rauszureden. Ihm wird plötzlich ganz warm, dabei ist es wirklich nicht so, ist er sich sehr sicher.
„An Ihrem roten Gesicht erkenne ich, dass es doch so ist. Aber wir waren alle mal so in Ihrem Alter. Ständig unter Strom und nur den Sport und das Studium vor Augen und dann…kommt doch ein Mädchen und lenkt ab. Da mussten wir Männer alle durch.“
„So ist das nicht!“, brummt Kojiro ihn an. Sein Blick ist ernst.
„Aber es hat mit ihr zu tun, oder nicht? Sie waren doch eben total weggetreten. Was beschäftigt Sie denn so sehr, dass es Sie vergessen lässt Ihre Arbeit vor der Abgabe zu kontrollieren? Genug Zeit war noch, sie durchzusehen, dann wäre Ihnen der Fehler aufgefallen. Frau Fuchs hatte Recht, Kontrolle ist wichtig. Sie hat ihre Blätter auch alle kurz überflogen, bevor sie sie mir gegeben hat.“
„Es…ich…“, beginnt Kojiro plötzlich zu stottern. Kojiros Herz rast. Der Gedanke, dass Tina erst vor Kurzem ihren Bruder verloren hat macht ihn wütend und was wäre, wenn ihm so etwas auch passieren würde? Das wäre sicher unerträglich. Er würde vermutlich alles was ihm über den Weg läuft kurz und kleinhauen. Aber Tina, sie kann fröhlich sein, aufstehen und Ziele verfolgen.
Das macht den Lehrer stutzig. So kennt er ihn gar nicht. Kojiros Blick ist auf die Tür gerichtet, in seiner Sprechpause. Der Lehrer geht zur Tür und schließt sie. So kann niemand stören oder zuhören.
„Nun sind wir alleine.“
„Ihr Bruder…er…war sicher…der Helfer.“, spricht er einfach seinen aktuellen Gedanken aus.
„Ihr Bruder? In ihren Akten steht, dass sie Einzelkind ist.“, kommt er langsam und mit ganz ruhigem Ton auf ihn zu. Er stellt sich direkt vor Kojiro und sieht zu ihm herab.
„Er…ist noch nicht lange…tot. Und Bettina kann trotzdem fröhlich sein? Ich…könnte das nicht.“, spricht Kojiro langsam etwas klarer und geht zum Fenster, um frische Luft zu schnappen.
„Sie sorgen sich um sie. Deswegen der Fehler. Ich verstehe. Was ist denn passiert?“
„Das wissen wir nicht. Wir müssen erst Zeit zum Reden finden. Aber…es ist komisch. Er…war sehr nett und talentiert. Wir haben noch gegeneinander gespielt, bei den Testspielen in Deutschland. Ein sehr starker Verteidiger.“, spricht der Jugendliche einfach leise aus und es fühlt sich wie eine kleine Befreiung an mit jemanden zu reden. Dann plötzlich stutzt er und dreht sich zu dem Lehrer um. Er sieht ihn sehr ernst an.
„Sie dürfen das niemanden sagen! Das ist sehr wichtig! Niemandem, verstehen Sie?“
„Sie möchte es nicht, stimmts? Sie möchte kein Mitleid von den anderen, oder?“ Kojiro stutzt. Darum geht es zwar in seinen Augen nicht, aber es ist ein perfektes Argument.
„Richtig. Bettina ist stark, aber wenn jeder sie bemitleidet, dann geht es sicher nicht.“ Der Mathelehrer nickt und lächelt.
„Das verstehe ich sehr gut. Ich würde das auch nicht wollen.
Sie sind sich also in Deutschland schon begegnet, deswegen hat sie Sie eben verteidigt. Sie kennt ihr führsorgliches Herz bereits. Ein Egoist sind Sie wirklich nicht. Sie wissen, dass das vorhin nur eine Provokation war, oder? Ich wollte wissen was die Kleine von Ihnen hält.“
„Hm. Sie haben es geschafft sie aus der Reserve zu locken. Das schafft nicht jeder. Also war auch sie sich nicht voll konzentriert, denn das kann sie sonst auch.“ Kojiro geht vom Fenster weg und kommt zum Lehrer.
„Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben. Niemand darf es wissen, dass wir uns kennen, ihr Bruder ein Gegner war und jetzt nicht mehr ist. Es bringt vermutlich viele in große Schwierigkeiten.“ Der Lehrer nickt ab und reicht ihm die Hand.
„Ehrenwort.“
Erste Trainingsstunden
Kapitel 21
Erste Trainingsstunden
Gut eine Stunde später steht Tina mit Reika am Beckenrand und hört dem Trainer aufmerksam zu.
„Zuerst wollen wir unserem neuen Mitglied willkommen heißen. Wenn ich euch vorstellen darf, Bettina Fuchs aus Deutschland.“ Alle begrüßen sie indem sie ihr freundlich zuwinken. Das Team ist bunt gemischt. Es sind 30 Jungs und 10 Mädchen.
„Ich dachte mir, wir werden bei so viel Publikum einen Wettkampf veranstalten. So lernt Frau Fuchs gleich unsere Stärken kennen und weiß, dass Sie hier bei den Profis ist und nicht enttäuscht wird. Starten wir mit unserem üblichen Aufwärmtraining also gibt es 200 Meter Freistil, Rücken und dann Flossen. Danach die Pause und der Wettkampf. In dem Wettkampf geht es darum unter besonderen Bedingungen Höchstleistung abzurufen. Wir machen ab und an ähnliche Trainingstage, aber heute mal vor Publikum.“ Die Schülerinnen stellen sich auf die 10 Startblöcke. Und los geht es. Jeder springt mit einem Kopfsprung ins Wasser und nach der langen Aufwärmrunde stehen alle Sportler wieder im Kreis neben dem Becken und hören dem Trainer zu. Während er den Ablauf des Wettkampfs beschreibt, grinst Reika ihre neue Schwimmkollegin an.
„Siehst du dort drüben? Da ist unsere ganze Klasse. Die sind nur deinetwegen hier.“, deutet sie hinter den Trainer. Tina lächelt sie an und schaut kurz auf. ‚Kojiro…du bist wirklich da? Ich werde mein Bestes geben. Nur für dich. Und…damit ich genau weiß wo ich stehe.‘ Sie lächelt in die Richtung der Klasse, direkt fixiert auf Kojiro.
„Frau Fuchs, denken Sie an Ihre Atmung? Oder haben Sie das nicht in Deutschland gelernt?“, spricht sie der Trainer verwundert an, denn in seinen Augen atmet sie ihm nicht genug durch.
„Oh, alles ist okay. Mache ich etwas falsch?“
„Ihre Atmung kommt mir zu flach vor. Passen Sie besser auf, jetzt wird’s ernst.“, ist er freundlich.
„So atme ich immer. Das ist bei mir normal. Ich freue mich schon sehr, endlich wieder Gas zu geben.“, lächelt sie ihn nur an und dann richten sich alle zurecht. Diesmal sind zuerst die Jungs dran. Die ersten 10 stellen sich auf die Startblöcke und sausen mitsamt Schnorchel, Schwimmbrille und Langflossen ins kühle Nass. Schnell sind die 200m geschafft und die nächsten zwei Jungs-Gruppen sind dran. Zum Schluss kommen die Mädchen auf den Startblock. Los geht es. Die ersten 50m sind geschafft und es wird die Richtung gewechselt und sich abgestoßen. Tinas Puls ist ganz oben und sie gibt wirklich alles was sie hat. Sie merkt, dass ihr das Training die ganze Zeit fehlte und auch, dass sie nicht ausreichend ins Wasser konnte. Die letzten fast zwei Wochen hat sie in Japan genutzt und ist jeden Tag ins Freibad gegangen, wo die Touristen sind und hat sich eine 50m Bahn reservieren lassen, zum Üben. Aber mehr als nach der Uhr zu schwimmen ging für sie leider nicht. Jetzt wo sie nicht alleine ist und Wettkampfbedingungen hat, fühlt sie sich endlich richtig wohl. Den Druck vom Publikum ist sie viel zu sehr gewohnt, als auf ihn verzichten zu wollen. Sie ist aufs Äußerste konzentriert und die letzten zwei Bahnen dominieren vier Mädchen. Tina ist mit dabei, ebenso Reika. Sie ist eindeutig ein Profi im Wasser und schwimmt ganz vorneweg. Das Publikum beginnt anzufeuern. Die Mädchen sausen wie die Fische durchs Wasser und Tina schafft es erst kurz vor dem Ziel Nummer drei auf gleicher Höhe auszuloten und schon ist die Runde vorbei. Sie teilt sich zum Erstaunen aller den Platz mit Nummer 3. Zwischen ihnen zu entscheiden, wäre dann nur noch Ein Auslosen. Die Hände berührten zeitgleich die Wand. Der Trainer und alle anderen staunen nicht schlecht. Es wusste bisher niemand wie gut sie ist, denn offiziell hat sie niemals Wettkämpfe mitgemacht. Ihre bisherige Leistung in Deutschland bezog sich auf den Urkunden nur auf das Laufen. Reika gratuliert ihr und auch der Trainer begrüßt sie nun offiziell im Team, denn die Leistung scheint eindeutig zu reichen, um dabei sein zu dürfen. Dann geht der Wettkampf gleich weiter, denn das Publikum jubelt, es wolle mehr sehen. Ein Wettkampf unter den eigenen Leuten hat es offiziell noch nie vor großem Publikum gegeben.
„Können Sie noch? Wollen wir eine letzte Runde machen?“ Tina nickt glücklich.
„Auf jeden Fall. Ich will wissen wie gut ich bin und wo ich in Ihrem tollen Team stehe. Dann weiß ich gleich wo ich mit dem Training ansetzen muss.“, kommt als fröhliche Antwort.
‚Sie will wissen wo sie ansetzen muss? Wie ist sie denn vorher trainiert worden? Eigentlich bestimmt der Trainer wo Verbesserungen nötig sind. Ich bin erstaunt, dass sie noch nicht aus der Puste ist. Sie atmet jetzt schon wieder deutlich flacher als die anderen.‘
„Tina…du bist…echt super.“, keucht sie Reika an und die anderen Mädchen freuen sich zwar auch, aber so richtig wissen sie noch nicht, ob es so gut ist, eine neue Konkurrentin im Team zu haben.
„Gut, wir machen eine Runde gemischt. Jeweils die ersten zwei Gewinner der Jungs und die vier schnellsten Mädchen. Dann haben wir unsere 10 Kandidaten.“
Es wird eine Pause gemacht, etwas getrunken und dann fordert der Trainer auf die Tauchflaschen mit der passenden Ausrüstung und den Monoflossen zu nehmen. Tina geht zu ihm.
„Ich mache gerne mit und versuche mein Bestes, aber mit der Monoflosse bin ich noch recht neu.“
„Oh, wie lange benutzen Sie diese denn?“
„Seit drei Monaten erst, aber ich hatte allgemein eine lange Pause von gut sechs Wochen, weil ich verletzt war und danach waren Betriebsferien in der Schwimmhalle.“
„Verletzt. Was hatten Sie?“
„Mein linker Arm war verrenkt.“
„Machen Sie wie es geht. Okay? Versuchen Sie was Sie können und sollte sich die Verletzung melden, pausieren Sie eben. Merken Sie bisher etwas?“
„Nein, alles gut. Ich befürchte eher, dass ich nicht schnell genug bin…die Monoflosse ist schon ein gewaltiges Ding. Ich habe erst seit meiner Ankunft hier wieder etwas üben können.“, lacht sie etwas.
„Machen Sie sich keine Gedanken. Sie haben jetzt schon meine Erwartungen getoppt. Und wenn die Flosse noch neu ist, dauert das auch seine Zeit.“ Er macht eine neue Ansage.
„Nun geht es um eine kleine Aufwärmübung mit den großen Flossen. 200m sollten reichen. Danach wird es einen Start geben, um nach 300m den schnellsten Jungen und das schnellste Mädchen zu ermitteln.“ Alle gehen danach auf ihre Posten. Bald steht jeder auf dem Startblock und wartet auf den Anpfiff.
Los geht es wieder und alle springen elegant ins Wasser und schwimmen vorerst im angenehmen Tempo, um die Bewegungen mit Flosse und Flasche voran, inne zu haben.
Nach der Aufwärmübung gibt es eine kleine Verschnaufpause und alle finden sich erneut auf den Startblöcken ein. Und los geht’s. Sie geben sich gegenseitig gar nichts. Es wird immer schneller und die Bahn wird in einem gefühlten Affenzahn mehrmals durchgeschwommen. Das Publikum ist völlig von der Rolle, denn die meisten Anwesenden waren vorher noch nie dabei, wenn die großen Flossen an den Füßen waren und sogar die Flasche benutzt wurde. Die Wettkämpfe finden oft während ihrer eigenen Zeiten statt. Viele stehen völlig begeistert auf, jubeln allen oder einem bestimmten Liebling zu und genießen das gefühlte Delfin-Tummeln im großen Wasserbecken.
„Wahnsinn… das ist ja total irre. Dieses Tempo.“, haut Ken raus.
„Und dann diese Bewegungen. Wie zur Hölle machen die das?“, bringt sich Takeshi ein. Kojiro bemerkt, wie sein Puls ansteigt. Er kann selbst gar nichts sagen und nur wie alle anderen verdutzt zusehen wie alle Schwimmerinnen den Jungs hinterherjagen und ihnen jedoch teilweise in Nichts nachstehen. Er ist selbst ein guter Schwimmer und weiß, dass er nicht so langsam ist, aber mit Flossen ist er noch nie geschwommen und dann mit so einer Monoflosse und dann mit Flasche ist es ihm total befremdlich. Durch die Flaschen und das direkte Tauchen, ist ein Aufsteigen während der Schwimmphase nicht mehr nötig und alles geht dadurch noch viel schneller.
‚Bettina, wie machst du das denn nur? So lief das neben dem Fußballfeld ab? Du warst noch zweimal die Woche schwimmen, sagtest du damals. Dass da sowas bei rauskommt, ist erstaunlich. Ich habe nicht das Gefühl, dass du hier nicht mithalten kannst. Du bist jetzt schon nicht die Letzte. Deine Eltern haben genau richtig entschieden, dich hier zu den Profis zu schicken, damit du deine zweite Leidenschaft ausleben kannst.‘
„Wahnsinn.“, sagt er leise vor sich hin und bestätigt nur seine Freunde neben sich.
Bald ist die vorletzte Bahn erreicht und alles gibt nochmal zusätzlich Gas. Die Jungs alle voraus und die Mädchen hinterher. Von den vier Mädchen ist Tina aktuell die Nummer drei. Die letzte Bahn beginnt für Nummer eins der Jungs und kurz darauf gefolgt die restlichen Jungs und die Mädchen. Fast zeitgleich erreicht sie mit ihrer Klassenkameradin zusammen den zweiten und den dritten Platz der Mädchen. Als Tina ankommt wird laut gejubelt und sie selbst konzentriert sich erst einmal nur auf ihre Atmung. So richtig mitbekommen, dass sie nicht die letzte ist, hat sie es noch nicht. Der Trainer kommt zu ihr gratuliert ihr zu der guten Leistung.
„Das war sehr gut, Frau Fuchs. Und Sie sagten, Sie nutzen die Monoflossen erst seit Kurzem? Das ist beeindruckend.“, lächelt er fröhlich. Tina ist total erstaunt, dass sie tatsächlich mit den anderen mithalten kann, der Elite. Wie kann das nur sein? Das hätte sie nie gedacht. Das harte Training in den letzten zwei Wochen hat sich also ausbezahlt gemacht. Ihr Herz rast und ihre Freude ist riesig. Sie nimmt den Schnorchel ab und schaut zum Publikum. Reika kommt zu ihr getaucht und gratuliert ihr ebenso.
„Du bist ja…echt schnell. Ganz toll. Wir sind…uns…fast gleich.“ Sie vernimmt, dass Tina zur Klasse schaut.
„Danke. Ich…hätte…niemals gedacht, dass ich…mit Profis…mithalten könnte.“, spricht sie begeistert.
„Schau mal, unsere Klasse. Die sind alle da und winken. Das gab es noch nie.“
‚Hm, überhaupt. Wie voll das hier ist. Als gäbe es einen Wettkampf. Alle Plätze sind belegt und es stehen sogar viele Leute und sind total begeistert. Wahnsinn. Wieso sind die alle hier? Nur ihretwegen?‘, geht Reika durch den Kopf. Tina winkt ihrer Klasse freudig zu. So wissen sie, dass sie sich für ihr Kommen bedankt. Doch im Herzen ist das Winken nur an Kojiro gerichtet.
‚Kojiro, ich freue mich so, dass ich euer Tempo hier an der Schule mithalten kann. Das habe ich dir zu verdanken. Du warst meine größte Motivation mehr als nur alles zu geben. Alles geben in meinem zweiten Lieblingssport.‘ Sie schaut sich weiter um auf den Zuschauerrängen und entdeckt eine große Gruppe, die ebenso jubeln und eindeutig zu ihr sehen und ihren Namen rufen. Sie erkennt keine Gesichter, zu weit weg und zu viele neue Gesichter dabei, aber da es recht große Jungs wie auch Mädchen sind, tippt sie auf die Volleyballer. Minato kann sie jedoch wegen der Masse an Leuten und den vielen Bewegungen nicht deuten, da alle die gleichen Uniformen tragen.
Der Trainer macht eine neue Ansage. Die Zuschauer jubeln allgemein und wünschen erneut eine Zugabe.
„Wie ihr seht, haben wir diesmal ein großes Publikum. Wir werden sie für ihr Kommen belohnen. Wir haben das noch nie gemacht, aber bei den Profitauchern wird das gerne geübt.
Eine Art Wettbewerb zum Thema Langtauchen.“ Alle hören aufmerksam zu. Tina dreht ihre Flasche zu und prüft den Inhalt, als der Trainer alles erklärt. Es gibt noch eine kleine Pause, die auch durch das Herausklettern und Positionieren am Startblock genutzt wird. Die Flossen, Schwimmbrillen und Schnorchel werden erneut angelegt. Tina öffnet ihre Flasche wieder und hält sich wie alle anderen bereit.
Und los geht’s. Alle gleiten wieder ins Wasser. Die neue Herausforderung besteht darin so viele Bahnen wie möglich zu schaffen bis die Flasche leer ist. Kojiro steht auf. Er will die Zeit nutzen Tsubasa endlich anzurufen. Also bittet er Takeshi, ob er ihm sein Handy leiht.
Kojiro verlässt die Halle und verschwindet unbemerkt in einer Nische außerhalb des Gebäudes. Endlich kann er Tsubasas Nummer eingeben und wartet auf eine Antwort. Er schaut nebenbei auf die Uhr.
‚Ist aber auch jetzt eine echt doofe Uhrzeit. Wer ist denn schon gegen 4 Uhr in der Früh wach? Verdammt.‘ Er legt nach dem zehnten Klingeln brummig auf. (12h Zeitverschiebung bis Sao Paulo)
‚Und nun? Muss ich es nochmal in einer Stunde versuchen, an sich ist er doch immer sehr früh wach.‘ Er lehnt an der Hauswand und schaut zur Parkanlage. ‚Bettina, das Schwimmen ist eindeutig deine Leidenschaft. Bei dem Tempo und dieser Ausdauer wundert mich das gar nicht, dass du mithalten konntest. Als wir uns damals das erste Mal begegnet sind, warst du schneller als ich und hast mich so an der Nase herumgeführt und den Ball abgenommen. Aus der Puste warst du bis zum Schluss des Auswechselns nicht und das war schon zweite Halbzeit. Jetzt wundert mich das gar nicht wo du deine Geschwindigkeit und Wendigkeit herhast.‘ Ihm kommt es plötzlich so vor, als wäre es erst gestern gewesen, als das Spiel gegen Tina war.
Seit des versuchten Telefonats mit Tsubasa sind fast zwei Stunden vergangen und Kojiro rennt mit seinen Freunden über das Fußballfeld und konzentriert sich ausschließlich auf das Training. Als er erneut auf dem Weg zum Tor ist, fallen ihm die neuen Zuschauer am Feldrand auf, die sich zu den Sitzplätzen bewegen. Es sind die Mädchen aus seiner Klasse. Tina mit ihren langen blonden Haaren fällt zwischen ihnen natürlich besonders auf.
‚Du bist hergekommen? War das deine Idee, oder haben dich die anderen nur mitgeschliffen und du wolltest höflich sein?‘ Die vier Japanerinnen stehen auf und feuern ihre Jungs an. Tina hält sich bedeckt. Sie lächelt nur und winkt dezent mit.
‚Kojiro, tut mir leid, ich will dich nicht ablenken. Bleib einfach cool. Reikas Wunsch abzuschlagen, wäre sehr unhöflich gewesen. Immerhin seid ihr ihre Helden und natürlich muss ich dir zusehen, wenn du auch bei mir zugesehen hast. Sie hat ja Recht. Es ist nur fair.‘ Tina sitzt auf der Bank und bemerkt plötzlich wie müde sie wird. Der Tag war sehr anstrengend und sie weiß, dass Martin vor der Schule auf sie wartet. Sie greift zum Handy und ruft ihn an.
„Martin, ich weiß noch nicht wann ich hier los gehen kann. Meine Mädels aus der Klasse haben mich noch zum Training der anderen aus der Klasse geschliffen. Keine Ahnung wie lange das geht.“
„Ich verstehe. Das klingt doch gut. Also hast du Anschluss gefunden?“
„Ja, die sind nett. Die Klasse mag mich, keine Sorge.“
„Dann ruf mich an, wenn du zum Tor gehst. Ich gehe in Ruhe eine Nudelsuppe essen.“
„Lass sie dir schmecken. Lass dir ruhig Zeit.“
„Danke.“
Nach dem Trainingsspiel gehen die Mädchen zu den Jungs an den Spielfeldrand und stellen Tina dem Team vor.
„Das ist Tina. Sie ist seit heute in unserer Klasse.“, haut Reika raus.
„Ja genau und sie ist total lustig.“, bringt sich eine andere ein.
„Hi, tut mir leid, aber die Mädels haben mich quasi genötigt euch unnötig zu belästigen. Ein spannendes Spiel habt ihr gemacht. Gratulation für den Sieg. Trainiert ihr immer so lange?“, versucht Tina höflich und etwas humorvoll zu sein. Sie sieht Ken an, da er die Kapitänsbinde trägt.
‚Wieso ist Ken Kapitän? Er hat Kojiro doch damals immer mit Kapitän angesprochen, obwohl er es dann nicht mehr im Nationalteam war. Und jetzt hier auch die ganze Zeit. Beide Jungs sprechen Kojiro hauptsächlich so an. Ken spricht ihn selbst so an und in Wirklichkeit ist er es?‘ Ken lächelt zurück.
„Hallo, ja, da hast du mal unseren ganzen Haufen zusammen. Das ist das stärkste Oberschulteam Tokios. Und fast ganz Japans. Wir teilen uns den Sieg seitdem letzten National-Turnier mit dem Team aus Nankatsu. Dort spielen dann andere mit, die auch in Paris waren.“
„Oh, also ihr, die Weltmeiste seid teilt euch den Landestitel? So etwas gibt es auch? Das wäre bei uns niemals möglich in Teamsportarten.“
„Oh, ja, war eine Ausnahme. Gleichstarke Teams eben, war schon ein heftiges Spiel.“
„Cool.“ Dann tritt er zur Seite und packt Takeshi am Arm.
„Und dieser Kerl hier, der war auch Teil unseres Teams, das in Europa war. Nur, damit du es weißt.“, versucht er es ebenso spaßig.
„Hey, zieh nicht so an mir rum.“, lacht Takeshi. Tina muss kichern.
„Na du bist ja ein toller Kapitän, zerrst einfach an deinen Männern rum.“
„Ja echt mal, das ist voll peinlich. Was soll sie da von mir denken?“ Er steht neben Ken, Kojiro und Kazuki. Reika kichert etwas.
„Ich denke gar nichts. Keine Angst. Aber eins ist doch wohl klar, den nächsten Nationaltitel holt ihr euch alleine, klar? Teilen ist nicht mehr, ab jetzt geht der Ernst des Lebens los.“, grinst sie spaßig in die Runde. Die anderen Schüler sind sehr erstaunt über ihre freundliche Art. Die meisten haben sie heute entweder in der Kantine erlebt oder beim Schwimmen zugesehen, weil sie neugierig waren, wer sie denn nun ist. Auch der Trainer des Teams ist überrascht über ihre offene Art.
‚Die Kleine ist wirklich niedlich und freundlich. Ich hoffe doch, dass sie den Jungs nicht zu sehr den Kopf verdreht. Was heute schon so alles für Gerüchte im Umlauf sind reicht für den ersten Tag. Aber ihre Leistung beim Schwimmen muss Wahnsinn gewesen sein. Die Jungs erzählten nebenbei, dass sie auch läuft und wenn sie so eine Ausdauert beim Laufen an den Tag legen würde, könnte sie wohl mit uns mithalten. Erstaunlich.‘
„Tina, wie findest du unsere Schule? Also die Schüler und Lehrer und die Uniform? In Deutschland trägt man doch keine, oder? Das ist sicher was Neues.“, wird sie freundlich von einem der älteren und größeren Spieler gefragt.
‚Die ist ja total hübsch. Das kam vorhin mit der Badekappe und dem ganzen Zeugs gar nicht rüber. Man konnte nur ihre tolle sportliche Figur sehen. Wahnsinn, die Kleine. Diese Bewegungen und jetzt…diese Augen. Wow.‘, geht ihm durch den Kopf. Tina ist freundlich und lächelt ihn an.
„Oh, ich fand es bisher sehr aufregend bei euch. Hier ist es sicher nie langweilig. An nur einem Tag konnte ich so viel lernen wie lange nicht mehr. Die Lehrer sind verschieden, nett, lustig und streng, aber jeder ist ja anders. Das wird schon. Bisher kam ich mit jedem Lehrer klar.“
„So kann man das auch sagen. Frag mal die Lehrer, wie die das sehen. Zum Beispiel Tenma. Er hat sie gleich in der ersten Stunde rausgeschmissen.“, grinst Reika den Großen an.
„Wie jetzt? Echt? Warum das denn?“, fragt er überrascht.
„Ich habe meinen Rekord gebrochen aus dem Unterricht geworfen zu werden. Das war lustig. Ich wollte wissen wie lange ich so tun kann, dass ich kein Japanisch spreche. Demzufolge war da eine gewisse Vorlaufzeit und dann ist er etwas gereizt gewesen. Vielleicht hatte er gestern nur einen schlechten Tag. Später haben wir uns dann plötzlich gut verstanden. Manche Menschen brauchen eine kleine Hilfe, um aufzutauen. So früh am Morgen ist das auch gemein. Der Arme tut mir jetzt noch leid. Ich habe ihn ganz schön an der Nase herumgeführt.“, kichert sie etwas.
Der Trainer bringt sich höflich ein und spricht seine Jungs an.
„So, Männer, Schluss für heute. Sie können Feierabend machen. Das Spiel werten wir morgen aus. Ich habe jetzt Feierabend.“
Später in der Umkleide gehen natürlich die Münder des Teams nicht mehr zu. „Hat die ein süßes Lächeln. Schade, dass sie nicht in unserer Klasse ist.“
„Ja, kann man so sagen. Die ist nicht nur süß, sondern total hübsch. Sie wirkt viel älter als die anderen neben ihr.“
„Das ist bestimmt typisch für Europäerinnen. Unsere Mädchen wirken immer etwas mädchenhafter und jünger.“
„Ich weiß nicht, älter würde ich nicht sagen, eher selbstbewusst und reifer. Ich war schon oft in Europa und die Mädchen sind dort eben nicht ganz so schüchtern wie unsere. Das liegt an der anderen Kultur. Manche sind schüchtern, aber die meisten viel aufgeschlossener als wir hier. Aber das ist auch bei den Jungs so. Obwohl man Ausländer ist, kommt man mit einigen recht schnell ins Gespräch.“
„Echt? So sind die? Sehr aufgeschlossen?“
„Ja, aber wenige von ihnen in unserem Alter sprechen so gut Englisch, dass man sich mit ihnen gut unterhalten kann.“
„Aber Tina spricht schon ausreichend Japanisch.“
„Erstaunlich gut. Sie muss lange gelernt haben dafür.“, meint jemand anderes.
„Quatsch. Tina spricht bereits mehrere Fremdsprachen. Sie lernt wohl sehr schnell. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die erst seit zwei Wochen hier und sie hat erst seit 6 Wochen angefangen zu lernen.“
„Wie jetzt? Sechs Wochen nur? Und…was spricht sie noch so?“
„Keine Ahnung, habe ich nur gehört. Musst du sie mal fragen.“
„Genau. Frag sie doch einfach. Jeder ist doch froh, wenn er weiß, was man so für Themen zum Ansprechen hat. Sie ist garantiert noch nicht vergeben.“
„Äh, bist du dir sicher? Die hübschen Mädchen sind immer gleich vergeben.“, murrt einer.
„Quatsch, sie ist erst zwei Wochen hier, hast du doch gerade gesagt. Wie soll sie da jetzt schon einen Freund haben?“
„Stimmt auch wieder.“
„Ihr habt sowieso keine Chance bei ihr. Oder wollt ihr von einem Mädchen herumkommandiert werden? Ihr habt sie nur beim Schwimmen gesehen, aber ihr hättet sie mal in der Mittagspause erleben sollen, wie sie unseren „ach so tollen Champion“ Parole geboten hat. Der wurde richtig rot vor Wut.“ Kojiro schaut auf, als die Situation angesprochen wird. Er war nicht dabei, weil er mit Ken und Kazuki im Klassenzimmer essen war. Kurz vor der Schulmensa wurde Ken wieder von Tina weggeschickt. Sie wollte seinen Schutz nicht, sonst würde es nicht wirken. Sie käme alleine klar.
‚Was ist denn da passiert? Ständig redet jemand davon. Auch Kioko hat es erwähnt.‘
„Hm, das habe ich nur gehört. War es wirklich so?“
„Oh ja. War schon echt cool, ihre Show. Die lässt sich ganz sicher nichts von einem Mann sagen.“
„Was ist denn genau passiert?“, fragt Ken dann mit fester Stimme. Jemand berichtet allen was geschehen war. Ein anderer älterer Spieler gibt seine Meinung dazu.
„Bei einer wie ihr, haben wir alle eh keine Chance. Ich kenne solche Frauen. Sind freundlich, nett und hübsch, verdrehen uns den Kopf und in Wirklichkeit hassen sie Männer. Warum auch immer. Am Ende stehen die selbst auf Frauen. Ich glaube, so wie Tina drauf ist, könnte es bei ihr auch der Fall sein, weil sie zum einen so selbstsicher hier durch die Schule läuft, als wäre sie bereits seit Jahren hier und kenne jeden und dann bietet sie so eine Parole? Glaubt mir, sie hat kein Interesse an Typen, wenn dann nur als Freundschaften oder sogar nur als Kollegen oder Gehilfen, aber das war es dann auch. Sie will sicher mal irgendeine Führungsposition haben und spielt sich deswegen gleich so auf. Das sind die schlimmsten Frauen, die wollen selber den Ton angeben und würden sich niemals von einem Mann etwas sagen, geschweige denn anfassen lassen.“
Kojiros Puls steigt plötzlich an. Er versucht wie immer ihre Kommentare zu ignorieren und geht sofort unter die Dusche. Dieses dumme Gerede kann er sich nicht länger anhören, ohne etwas dazu zu sagen. Beinahe wäre ihm etwas rausgerutscht, aber das darf ihm nicht passieren. Dann würde er sich verraten, dass er sie kennt und dass er sie irgendwie mag. Wütend schlägt er unter dem Wasser auf die Wand ein, nur so, dass sie nicht kaputt geht.
‚Wie können sie so über dich denken, nur weil du ein Mädchen bist? Die kennen dich doch gar nicht. Nur weil du selbstsicher bist und dich gegen Jungs behaupten kannst, nur deswegen glauben Leute, dass du keine Jungs magst? Was ist das denn für eine dämlich Behauptung? Bettina…sie haben Unrecht. Natürlich…magst du Jungs.‘ Plötzlich muss er stutzen und vor ihm erscheint ihr liebevolles Lächeln, wie sie ihn angesehen hat, damals in Hamburg im Park und dann vor allem in Paris, als sie ihn kurz im Gesicht berührte und ihm ein seltsames Kompliment machte. Das kühle Wasser prasselt nur so über ihn herab und er schaut hinauf zum Duschkopf. Mit offenen Augen genießt er das Wasser, als würde es eine Welle sein, welche am stürmischen Strand Okinawas über ihn rauscht, während er seinen Tigerschuss trainiert. Am liebsten würde er jetzt dort sein und ganz laut aufs Meer hinausrufen und weit hinaus schwimmen bis er an dem kleinen Felsen ankommt, der kleine Felsen, der hinausragt und ihm die perfekteste Welle formiert, wenn der Wind gutsteht. Dann würde er auf den Felsen klettern und weit hinaus aufs Meer brüllen. Ganz laut, genau das was er denkt, das was er vorhin nicht sagen durfte.
„So ist sie nicht! Bettina ist ganz bestimmt keine Männerhasserin. Dass sie so selbstsicher ist, liegt nur daran, dass sie die vielen Jahre ständig nur mit Jungs zu tun hatte und selbst wie einer denken und handeln musste.“ Er schüttelt den Kopf und kneift die Augen dann zu.
‚Nein Bettina, du hast mich doch so besonders angesehen und bei unserem Abschied damals berührt, nein…du bist nur anders, selbstbewusster uns Jungs gegenüber. Und du bist…mutig und stark.
Dein Bruder ist verstorben und trotzdem kannst du fröhlich sein und hier so einen Auftritt an deinem ersten Tag hinlegen. Wie schaffst du das nur? Was ist überhaupt passiert?‘ Seine Gedanken schweifen ab und er öffnet die Augen wieder und sieht zu seinen Händen hinunter, die sich bewegen und eine Haltung einnehmen, als würde er Tina wieder in seinen Armen tragen, damals, als er sie verletzt im Park auffand und sie dann in seinen Armen einschlief. Plötzlich muss er lächeln, denn er sieht in seinen Gedanken ihr schlafendes hübsches Gesicht. Ihr Lächeln und, dass sie sich an ihn schmiegt. Ebenso diese zarten Berührungen auf seiner Wange. Dort hatte sie ihn zum ersten Mal so angenehm berührt. Das ist doch keine Berührung von einem Mädchen, dass ihm nicht vertraut oder ihn nicht mag. Sie hat ihn doch jedes Mal so liebevoll angesehen. Und kurz bevor sie einschlief fielen so liebevolle Worte und sein Herz schlug ganz doll: „…du…bist mein Retter in der Not. Du…gibst mir wieder Hoffnung. Danke.“.
Dann kommt ihm die Erinnerung, an ihre ehrlichen Worte kurz bevor er ihr den Arm wieder einrenkte: „Ich…hätte nie gedacht, dass es so schwer wird…endlich nur noch…ein Mädchen zu sein. Aber jetzt…jetzt bin ich nur für dich noch einmal…der tapfere Tino. Ich schrei nicht rum, versprochen.“. Das kann nicht von einem Mädchen kommen, das keine Jungs mag.
Mitten in seiner schönen Erinnerung öffnet sich leise die Tür zu den Duschräumen. Kojiro bekommt es wegen des Wassers nicht gleich mit und ist noch immer in seiner Position verharrt und lächelt in seine Hände, die er offen vor sich hält.
‚Ich gebe ihr, Hoffnung, sagte sie damals. Ob es jetzt auch noch so ist?‘
„Oha, ein Kerl alleine unter der Dusche und dann diese Haltung und dieser Blick…dir gefällt die kleine Blondine, nicht wahr?“, kommt plötzlich mit fester angeheiterter Stimme von der Seite. Der große Verteidiger aus der letzten Jahrgangsstufe, welcher vorhin seine seltsame Meinung geäußert hat steht auf einmal neben ihm an der benachbarten Duschbrause und stellt das Wasser an. Er erntet Ignoranz. Kojiros Blick wird ernster und er macht nun eher Fäuste und greift zum Duschbad, ohne darauf einzugehen.
Mondlicht im Park der Toho Academy
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Im Mondlicht
Kapitel 23
Im Mondlicht
Kojiro wird es plötzlich ganz heiß. Er versinkt in ihrem liebevollen Blick und nimmt ihren angenehmen Duft wahr. Schon wieder bringt sie ihn durcheinander, aber es fühlt sich doch schön an, dieses seltsame Gefühl, das ihn denken lässt, dass sie ihn mag. Würde sie ihn nicht mögen, dann würde sie ihn doch nie so liebevoll ansehen und berühren und so liebliche Worte sagen. Da ist er sich sicher. Es ist genauso wie damals in Europa.
‚Wie schön sich deine Hand anfühlt…wie aufregend es ist dir in diese glänzenden Augen zu sehen. So ein liebevoller Blick, Bettina. Warum…warum kann ich plötzlich gar nichts Böses mehr denken und nichts Schlimmes mehr sehen? Liegt das an dir?
Zurückgeholt? Was meinst du damit?‘ Etwas zögerlich legt er seine linke Hand auf ihre Hand an seiner Wange und umschließt sie sanft und streichelt sie zaghaft. Es fühlt sich für Tina an, als wäre es die zarteste Berührung, die sie sich je vorstellen kann, vielleicht vergleichbar mit dem Berühren eines Babyhändchens, das gerade geboren wurde und man Angst hat, ihm wehzutun. Hat er denn etwa Bedenken, er würde ihr erneut wehtun?
„Es…tut…mir leid. Kojiro, es tut mir leid. Ich…wollte dir keine Angst machen. Denk nicht weiter darüber nach, was auch immer Genzo erzählt hat, okay? Mir geht es gut und jetzt…will ich…nichts mehr davon hören, okay? Ich…will doch stark sein und neu anfangen, hier…hier bei euch, hier bei Genzos Freunden und seiner Familie, hier…bei deinen Freunden, hier…auch…bei dir. Es…war zwar so nicht geplant, aber…jetzt bin ich hier…ich…wollte euch nicht durcheinanderbringen. Ich…wusste nicht, dass ihr hier an der Schule seid, vielleicht einer, aber wer…ich wollte mich einfach überraschen lassen und…habe auch Genzo nicht gesagt an welche Schule ich gehen werde. Es war…auch alles so spontan und es eilte. Viel Auswahl gab es auf dieser Ecke auch nicht. Mamas Arbeit ist in der Nähe und unsere Wohnung und man hat ihr auf Arbeit die Schule empfohlen, für mein Schwimmtraining. Schwimmer gibt es nicht überall, keine Profis.“ Plötzlich fasst Kojiro ihre Hand fester, ein eher normaler Händedruck. „Pst. Bitte…sei leise.“, flüstert er etwas benommen.
„Du musst…jetzt nicht alles schönreden.“, meint er dann.
„Kojiro…ich…will doch nicht, dass du dich unnötig sorgst. Das ist alles.“
„Dann…bist du…jetzt wieder…fröhlich? So, wie heute früh, als du dich vorgestellt hast?“ Er lässt sie los und sieht sie liebevoll an.
„Fröhlich? Du willst, dass ich fröhlich bin?“ Er lächelt nur, denn wirklich sagen kann er nichts dazu.
Tina grinst ihn an, streicht ihre Hand langsam von seinem Gesicht und berührt zurückhaltend ein wenig seine langen schwarzen Haare. Ihr Blick ist auf die Berührung gerichtet. Dann schmunzelt sie und kichert etwas. Er ist verwundert. Sie berührt seine Haare und kichert? Es fühlt sich ebenso sonderbar an, ihre Hand dort zu fühlen. Aber es fühlt sich gut an.
„Deine Haare sind fast genauso lang wie meine.“, spricht sie leise.
„Ja. Sei wieder fröhlich, so wie damals, als du mein Team…aufgemuntert hast.“ Kojiro wundert sich, dass sie ihm nicht auf seine Frage antwortet, sondern das Thema wechselt.
„Ich stell mir gerade etwas vor, wie deine kleine Schwester dir Zöpfe flechtet, weil deine Haare vermutlich länger sind als ihre. Ich habe meiner Mutter ständig die Haare geflochten. Du hast sie ja gesehen, so schöne lange Haare wollte ich auch immer haben. Mir fehlen leider die schönen natürlichen Locken, alles nur so glatt und fransig.“ Plötzlich muss er schmunzeln, denn die Vorstellung heitert ihn auf. Wie würde das nur seltsam aussehen? Vielleicht dann wie ein Indianer, der auch lange schwarze Zöpfe trägt. Sie grinst daraufhin und lässt ihn los.
„Siehst du? Ich bin schon dabei, wieder fröhlich zu sein. Das ist doch meine Natur. Ich kann zwar ernst und nachdenklich und aufmerksam sein, aber im Grunde bin ich eine totale Frohnatur, ähnlich so wie Tsubasa und dein Verteidiger, wie hieß er noch? Der, der Spanisch sprechen kann.“
„Ishizaki?“, kommt verdutzt als Antwort. Ein Grinsen folgt darauf.
„Genau und die Zwillinge, die waren auch total lustig drauf. Die waren nur am Faxen machen.“
Kojiros Anspannung lindert sich deutlich und er lächelt sie wie glücklich kurz an.
„Stimmt, die drei sind unsere Clowns im Team. Du hast wirklich eine gute Beobachtungsgabe.“
„Ich war auch unser Clown, weißt du? Der, der alle wieder aufmunterte.“
„Das hast du damals schon alles gesagt. Das stimmt. Sie fragten dich danach.“
„Jo, so nun musst du aber sicher langsam los, oder? Deine Familie wartet doch bestimmt.“
„Oh, äh, heute eilt es mal nicht. Meine Mutter hatte Frühschicht und ist bereits zu Hause und ich…naja…ich habe keinen Termin mehr. Der wurde abgesagt.“, wird er etwas nachdenklich.
„Oh, du hast nach der Schule Termine?“, fühlt sie ihn etwas auf den Zahn. Er sieht sie überrascht an.
‚Ob ich es ihr erzähle? Was wird sie über mich denken, wenn ich noch nebenbei arbeiten gehe?
„Ist es dir unangenehm, es mir zu sagen? Dann musst du nicht. Ich war nur neugierig.“, lächelt sie.
„Ich habe schon als Kind immer nebenbei gearbeitet und dann kam das Stipendium. Aber die letzten drei Jahre…haben mich irgendwie zurückgeworfen, nicht nur wegen der Schule, vielleicht auch weil ich das nicht mehr machen musste. Die Arbeit schien mich anzutreiben und jetzt…ist meine Familie zu mir nach Tokio gezogen und…wir können jeden Yen gebrauchen, bei den Mieten hier. Die Zugaben der Schule reichen da allein nicht mehr aus. Aber es tut mir gut. Ich mache das gerne, mach dir also darüber keine Gedanken.“
„Ich verstehe. Und heute musst du nicht arbeiten?“
„Ja. Ich…muss mir leider was Neues suchen. Kioko, das Hotel ihrer Eltern. Dort war ich bisher, aber die machen nun zu. Ich habe vorhin noch angerufen was nun mit mir wird und die sagten mir, dass sie noch überlegen und mich an den nächsten Inhaber verweisen, aber…wenn das so ein Love-Hotel werden soll…darf ich eh nicht dort arbeiten. Also…hat es sich erledigt und ich muss mir was neues suchen.“
„Wieso darfst du dort nicht arbeiten?“, wundert sie sich in ihrer Unwissenheit. Er fasst sich etwas verlegen an den Kopf und sieht sie an.
„Naja, äh. Das ist so ein Hotel nur für Erwachsene und das Personal, muss dann auch volljährig sein, sonst sieht das nach außen doof aus.“
„Oh, äh. Alles klar. Also…sowas wie bei uns im Rotlichtviertel?“, fragt sie neugierig, aber ohne rot zu werden.
„NEIN. Nicht so…Sowas ist hier verboten! Da…naja…da treffen sich zum Beispiel auch Ehe-Paare, die sich nicht…zu Hause treffen können…oder kaum Zeit haben, weil sie nur arbeiten sind.“
„Ach so. Das muss dir doch nicht peinlich sein. Bei uns suchen die Leute dann einfach ein normales Hotel auf. Dann ist das wie ein Stundenhotel. Ich kann das nachvollziehen. Meine Eltern hatten auch so doofe Zeiten, als sie sich kennenlernten. Mama war arbeiten und Vater studierte noch und ging nachts in die Bäckerei, auch nebenbei arbeiten und so konnten sie sich kaum sehen, also, mal allein sein, meine ich.“
„Hm.“ Sagen kann er jetzt dazu nichts, etwas unangenehm ist es ihm schon darüber zu reden. Plötzlich knurrt sein Bauch. Tina ihrer fast zeitgleich ebenso. Sie grinst und hält sich ihren daraufhin.
„Ich…habe auch Hunger. Was meinst du? Wollen wir was essen gehen? Dann kannst du mir ja gleich die erste Nachhilfestunde geben. Ich bin total motiviert und wenn ich erst was gegessen habe, im Kopf top fit.“, schlägt sie vor.
Er lächelt sie verdutzt an.
„Oh, das klingt gut, aber…ich wollte…mich nach einem neuen Job umsehen.“ „Das ist doch ein Job, oder nicht? Statt eines anderen Lehrers machst du das doch jetzt. Das hatte doch vorhin schon gut geklappt mit uns. Du musst dann nur sagen, was du für die Stunde bekommst. Meine Eltern und ich hatten doch ohnehin geplant jemanden für Nachhilfe kommen zu lassen. Mir war klar, dass ich Hilfe brauche. Also ist das doch alles okay, oder?“
„Aber…ich habe zugesagt, weil ich dir helfen wollte, nicht wegen des Geldes.“
„Ist doch egal. Das weiß ich doch. Aber es wird dir doch nicht schaden, wenn es so ist, oder? Und zum Essen jetzt, da lade ich dich ein. Ist ja wohl klar.“
„Okay. Ist aber komisch. Eigentlich lädt der Junge ein, nicht das Mädchen.“, grinst er.
„Wir machen die Nachhilfe direkt dort, dann erklärt sich mein Bezahlen des Essens von selbst, okay? Ist halt mein Dankeschön für deine Hilfe. Eine Hand wäscht die andere.“, grinst sie, packt ihn an der Hand und zieht ihn mit sich. „Ich…bin aber ein strenger Lehrer.“, versucht er es auch mit Humor.
„Das ist gut. Das habe ich mir schon gedacht. Das ist gut so.“ Beide gehen, ohne weiter ein Wort zu wechseln durch den Park Richtung Turnhalle.
„Sag mal, Bettina, du hast damals zu jedem, was gesagt, was er verbessern könnte. Was…wäre das denn bei mir? Zu mir hast du dann gemeint, es gäbe drei Dinge. Einen Grund, also Tipp hast du mir erst genannt, was wären denn die anderen zwei?“
„Oh, naja, welcher war das denn noch?“
„Naja, dass ich durch mein Anzweifeln der Handlungen Erfahrung mit ins Team bringe und genau das soll ich ausbauen. Die Tricks der Gegner zu erkennen.“ „Hm, so ähnlich, stimmt. Jetzt wo ich dich viel besser kenne und auch deine Spielweise besser kenne, kann ich dir nach und nach dazu was sagen, wenn es passt. Okay? Das betrifft die anderen beiden Punkte ebenso. Da wir uns nun jeden Tag sehen werden, kann ich es dir nun besser und verständlicher erklären, nach und nach.“
„Okay. Also gibt es noch viel, was ich verbessern muss? Also mache ich noch immer große Fehler.“, stellt er für sich fest. Tina bleibt stehen und stellt sich vor ihn hin.
„Falsch! Es geht nicht um Fehler, sondern darum, das, was ist, zu verbessern. Wie ein Training, oder wie meine Nachhilfe. Das, was wir beide können, das machen wir richtig, aber dann gibt es eine Grenze und wir müssen es verbessern. In unseren Fällen liegt die Verbesserung beim Training und beim Lernen. Das trifft doch auf uns beide zu.“
„Ich verstehe, was du meinst. Und was ist jetzt das Wichtigste? Was muss ich als erstes verbessern? Mit irgendwas muss ich doch sofort anfangen können.“ Tina sieht ihn ernst an.
„Ich sage es dir gerne, aber du darfst mir nicht böse sein, wenn ich ehrlich zu dir bin. Versprich es mir. Es klingt zuerst sicher wie eine Beleidigung, deswegen wollte ich es dir damals nicht gleich so nebenbei sagen.“
„Okay, ich bin dir nicht böse, versprochen. Alle haben ihr Fett wegbekommen, sogar Tsubasa und er macht doch alles richtig.“ Tina grinst und schüttelt den Kopf.
„Falsch, auch er macht nicht alles richtig. Er hat viel zu lernen, glaube mir. Aber wie ich damals schon sagte, seine Fähigkeiten muss sein neuer Trainer ausbauen. Und am Blick von Herr Hongo habe ich erkannt, dass er genau weiß, was ich damals damit sagen wollte, es sei seine Aufgabe und ich nehme sie ihm jetzt nicht ab. Er hat quasi dankend gelächelt.
„Und was muss er noch lernen?“
„Tsubas ist ein naives Kind, er geht zu unbedacht ins Spiel und lässt sich zu sehr überraschen was auf ihn zukommt. Deswegen war euer ganzes Team ähnlich zu Beginn eurer ganzen Spiele. Er nimmt die Spiele nicht ernst genug, um bedachter an sie heranzugehen. Und ihr als seine Freunde habt euch von dieser Art anstecken lassen. Einfach los ohne Bedacht. Deswegen ist euch allen viel zu spät aufgefallen, das Mikami euch eine Falle gestellt hatte.
Tsubasa ist jedoch in der Lage schnell zu reagieren, wenn er ein Problem erkennt und im Rückstand liegt. Das wird ihn nun in Brasilien nicht viel bringen. Wenn er es erst in die Profiliga schafft, wird ihm das auf die Füße fallen. Aber genau das lernt er bei Hongo.
Ich habe mich inzwischen über ihn genauer informiert. Er war nicht nur ein großes Talent, sondern auch ein sehr guter Spielemacher und Stratege. Wenn er Tsubasa also ab nun professionell trainiert, mit einem Profiteam, dann wird er aus ihn auch einen besseren Strategen machen und er wird sich vorab über die Gegner informieren und demzufolge auf sie eingehen, wenn er die Spiele vorbereitet. Genau das musst du auch lernen, nicht einfach nur voran, sondern auch bedachter an den Gegner herantreten.“
„Wow, man merkt, du warst nicht grundlos Libero.“ Sie grinst und tippt dann mit dem Zeigefinger an seinen Oberarm.
„Und du…du könntest mit deinen jetzigen Fähigkeiten und deiner Art zu spielen bereits besser sein als…Karl-Heinz, wenn du…“, sie unterbricht kurz und schaut streng. Dann tippt sie auf den anderen Arm.
„…im Gleichgewicht währst!“, äußert sie dann streng und wartet seine Reaktion ab. Er ist natürlich sehr überrascht.
„Im Gleichgewicht? Aber ich bin doch im Gleichgewicht. Was meinst du denn damit?“, setzt er einen ernsten Blick auf.
„Ich sag ja, du wirst es falsch auffassen. Jetzt bist du doch beleidigt.“, knurrt sie streng.
„Ich habe eine sehr gute Ballance, daran gibt es keinen Zweifel.“, versucht er sich zu erklären.
„ICH…habe eine ausgeglichene Ballance. Du aber stolperst quasi über den Rasen und kommst schneller aus dem Gleichgewicht, als du es selbst bemerkst. Bisher hat es immer für deinen Erfolg gereicht, deswegen ist es dir vermutlich nie aufgefallen, aber deinem Trainer hätte es schön längst auffallen müssen. Das ist sein Job. Soll ich es dir beweisen? Jetzt sofort?“, spricht sie, als würde sie ihn herausfordern. Er verschränkt die Arme und ist ganz bei ihr mit dem Gedanken. ‚Nicht im Gleichgewicht. Davon höre ich zum Ersten Mal. Aber wenn sie es sagt, dann muss doch was da dran sein.‘
„Mach mal eine Waage, kennst du das?“
„Eine Waage?“ Sie zieht die Jacke an und zeigt ihm die Übung.
„Das sieht jawohl voll dämlich aus.“, haut er einfach raus, was er denkt.
„Typisch, nur weil etwas dämlich aussieht für euch Männer, dann muss es auch gleich dämlich sein, oder wie?
Was meinst du wie dämlich ich mir vorkomme, wenn ich ne Badekappe tragen muss und diesen nervigen Schnorchel aufhabe. Das sieht dämlich aus, wie ein Elefantenrüssel, aber wenn ich schwimmen will, muss ich es so hinnehmen und das vor eurer ganzen Schule.“, erklärt sie.
‚Du fühlst dich darin unwohl, vor Publikum?‘
„Wir sind doch hier allein, das sieht doch niemand.“, versucht sie ihn zu ermutigen. Er ringt sich durch und macht die Übung auf dem rechten Bein. Alles gut.
„Halt ne Weile still, und dann wechselst du das Standbein.“ Nach zwei Minuten wechselt er das Bein und wiederholt die Übung. Plötzlich bemerkt er es selbst. Auf dem linken Bein hat er das Gefühl nicht die zwei Minuten in der gleichen Waage durchzuhalten. Er versucht mit den Armen auszugleichen.
„Das hast du gemeint? Das Ausgleichen jetzt?“, sagt er dann einsichtig und stellt sich wieder hin.
„Genau. Wir haben jeden Tag solche Übungen gemacht, die so ähnlich sind. Macht ihr sowas hier auch vor dem anderen Training?“
„Sowas ähnliches, aber wir balancieren dann eher über verschiedene Dinge und machen verschiedene Laufübungen, um das Gleichgewicht zu üben.“
„Das reicht beim normalen Jugendsport aus, aber als Profi müsstest du eigentlich an die Geräte. Bei uns hatte jeder seine eigenen Geräte. Jeder auf sich eingestellt und so konnten wir bei schlechtem Wetter auch etwas Sinnvolles tun, um regelmäßig unsere Muskulatur komplett ins Gleichgewicht zu bringen. Schau mal wie das bei mir aussieht.“
Sie stellt sich mit dem rechten Bein in die Waage und verharrt gut drei Minuten lang. Dann wechselt sie und auch auf dem linken Bein kommt sie überhaupt nicht ins Schwanken.
„Und solche Übungen hat euer ganzes Team gemacht? Und ihr hattes ein Fitnessstudio nur für euch als Jugendteam?“
„Ja, genau. Deswegen sind alle im Team im Gleichgewicht. Da gibt es noch andere Übungen, die ähnlich sind. Das Problem hast aber nicht nur du, Kojiro. Das haben fast alle in eurem Team. Ich weiß ja nicht, wie ihr hier trainiert werdet, aber professionell ist das nicht. Hier an der Sport Akademie habe ich erwartet, dass ihr alle Geräte nutzen könnt. Aber du sagtest mir damals schon, dass ihr keine habt. Mit den Geräten kann man jedoch jeden Muskel ganz gezielt trainieren. Du brauchst eventuell weniger Training in den Armen, dafür aber an bestimmten Stellen an den Beinen. Vor allem bei dir am linken Bein. Du legst zu viel Fokus auf das rechte Bein. Unser Schwimmteam hat auch so einen Raum. Deswegen wundert es mich umso mehr, dass ihr keinen Fitnessraum habt.“
„Dazu kann ich dir nichts sagen. Da muss ich mal unsere Leute fragen, die verantwortlich sind. Wer ist denn im Nationalteam im Gleichgewicht?“, fragt er neugierig.
„Genzo, Ken, Hikaru, Jun, die Zwillinge und Ishizaki. Die restlichen haben ebenso aufzuholen.“ Er macht große Augen.
„Ishizaki? Ausgerechnet der?“ Tina grinst.
„Frag mich doch nicht. Wieso wundert dich das so? Ihr wart damals auch so erstaunt, dass er Spanisch spricht.“
„Ist nur seltsam, da er dann der Einzige im Nankatsu-Team ist, der im Gleichgewicht ist. Also nicht einmal Tsubasa oder Taro?“
„Richtig, aber bei ihnen ist es nicht ganz so sehr zu sehen, dass man es ansprechen muss. Was glaubst du denn, ist bei ihm anders als bei dir und den anderen?“ „Keine Ahnung. Wir kennen uns nur als Gegner und jetzt aus dem Team. Bis dahin habe ich noch nicht einmal gewusst, dass seine Eltern mit Lebensmitteln handeln.“
„Ich habe verstanden, dass sie einen Laden haben, vielleicht ist es das schon. Er muss sicher mithelfen, deswegen sollte er Spanisch lernen.“
„Hm, das mag sein. Aber ich habe doch auch immer beim Arbeiten mit angepackt. Kisten getragen und sowas, alles immer schön aus den Beinen heraus, so wie es richtig ist, um den Rücken nicht zu sehr zu belasten und die Beine gleichmäßig zu belasten.“ Tina lächelt ihn an.
„Das kann doch so gewesen sein. Seit wann hast du denn das Stipendium und arbeitest deswegen nicht mehr?“
„Seit der Mittelschule, also drei Jahre.“ Sie grinst.
„Naja, sieht danach aus, als wenn das die drei Jahre Pause waren, denn du hast sicher normal trainiert wie vorher auch.“
„Das nicht, aber diese Bewegungen haben mir tatsächlich irgendwo gefehlt, deswegen hatte ich nach dem Turnier wieder mit Arbeiten angefangen.“
„Das kenne ich. Wenn ich mich nicht ausreichend bewege, tut mir alles weh.“
Sie will wieder losgehen, damit sie bald etwas essen kann und zieht die Jacke aus, um sie ihm wiederzugeben.
„Ich danke dir, jetzt ist mir wieder warm genug.“ Sie sieht etwas verlegen zu ihm und reicht sie ihm hin.
„Sie ist schön warm…und…äh. Danke dir. Es war wie…ein Déjà-vu.“ Er wird etwas verlegen und nimmt sie ihr etwas sehr hastig ab und stülpt sie sich wieder um.
„Ähm, ja, das kann sein.“ Genau in diesem hastigen Moment des Anziehens fällt ihm etwas aus der linken Jackentasche. Beide vernehmen zuerst nur, dass etwas auf dem Laub gelandet ist, aber es ist zu dunkel, um es sofort zu erkennen. Tina bückt sich, um es ihm aufzuheben.
„Dir ist etwas rausgefallen.“, sagt sie locker und dann greift sie nach der eckigen kleinen Schachtel. Erst als sie diese berührt, erkennt sie sie wieder. Sie hält sie in der Hand.
„Kojiro…du hast…es bei dir?“, steht sie mit einem glücklichen Lächeln auf und schaut zu ihm. Sie hält ihre Hände vor ihn hin.
„Ähm, ja. Tut mir leid. Ich…wollte sie vorhin…öffnen…und dann rief ich Tsubasa vorher an. Naja…und nun…“ Er atmet tief durch.
„…tut mir leid. Jetzt hast du mich erwischt. Ich will ehrlich sein. Ich habe sie noch nicht geöffnet.“, bringt er seinen Satz zu Ende und greift nach der Schachtel. Dabei berühren sich ihre Hände. Tina sieht wie verlegen zu ihm auf. Sie merkt, wie sie rot anläuft und die nur sehr kurze Berührung seiner Finger fühlt sich sehr sonderbar an.
„Kojiro…du hast…sie nie geöffnet und reingesehen?“ Er schaut verlegen zur Seite. Ihm ist es sehr unangenehm, dass sie es nun erfährt. Wie hätte er auch ahnen können, dass sie plötzlich hier auftaucht? Und dann kam die Situation mit ihrem Bruder dazu.
„Tut mir leid, es…war damals…ich…“
„Kojiro…ich…ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll.“ Ihr Puls steigt plötzlich enorm an, dass es ihm überhaupt unangenehm ist, wundert sie.
„Ich…es war…ich war unsicher. Ich wusste nicht…was es zu bedeuten hatte.“, stottert er sich zurecht und versucht so cool wie möglich zu bleiben. Plötzlich hat er ihre Hand wieder an der linken Wange.
„Kojiro…es ist völlig unerheblich, warum du sie nicht geöffnet hast. Darum ging es doch gar nicht.“, hört er ihre zarten Worte. Etwas benommen sieht er zu ihr in die türkiesblauen Augen und verharrt in ihrem lieblichen Blick. Verlegen lässt sie ihn los und fasst sich ans Herz. Ihren Blick weicht sie jedoch nicht von ihm.
„Im Gegenteil. Es ist perfekt.“
„Perfekt? Aber…ich…sollte es doch öffnen, wenn ich zu Hause bin.“, wundert er sich und sein Puls sinkt wieder etwas von seiner Aufregung.
„Hör zu, ich wusste nicht, wie ich mich jemals bei dir bedanken könnte und da fiel mir die Idee mit der Schachtel ein. Lass sie uns jetzt ganz vorsichtig zusammen öffnen, wenn du willst. Dann ist es perfekt. Aber ganz vorsichtig.“ „Okay.“ Er lächelt und hält die Schachtel ins Mondlicht. Sie berührt ganz behutsam seine Hand.
„Pass auf, ich ziehe das Schleifenband weg und du öffnest gleich ganz langsam. Es hatte einen Grund, warum du es zu Hause öffnen solltest. Es ist etwas darin, das dir sonst schnell wegkommt.“, erklärt sie und hält dann die Hände seitlich wie ein Windschutz.
Daraufhin hebt er den Deckel langsam an. Plötzlich bewegt sich etwas Weißes. Es ist eine kleine Daunenfeder. Tina passt ganz genau auf und fängt sie sofort vorsichtig ein, als sie sich etwas erhebt und wegfliegen will. Kojiro staunt nicht schlecht, als er es sieht, und dann schaut er in die Schachtel, denn dort liegen noch drei weitere Dinge drin.
„Eine Feder?“, spricht er überrascht und mit sanftem Ton.
„Ja. Das erkläre ich dir zum Schluss. Zuerst die anderen zwei Sachen. Ich sagte doch, es ist kein Geschenk, sondern nur ein Mitbringsel aus Europa. Für dich, zur Erinnerung an Hamburg und…naja…an unsere Begegnungen.“ Tinas Herz pocht unwahrscheinlich schnell, denn sie genießt seinen liebevollen Blick, als er bemerkt, dass sie ihm wirklich nur eine Aufmerksamkeit geben wollte.
„Erkennst du etwas davon wieder?“, fragt sie liebevoll.
„Ich bin echt überfragt. Tut mir leid. Ich…sehe hier einen kleinen Stein, einen Anhänger und…ist das ein Bernstein?“
„Ja, was glaubst du ist von den Dingen das wertvollste?“ Er zuckt fraglich mit den Schultern.
„Kein Ahnung, der Bernstein.“
„Nein, es wird am Ende die Feder sein.“ Er ist erstaunt.
„Die Feder?“
„Was willst du zuerst erklärt haben? Die Reihenfolge ist egal.“ Er überlegt und entscheidet sich für den grauen kleinen Stein.
„Kannst du erkennen, was es eventuell für ein Stein sein könnte?“
„Hm, sieht aus wie Beton, deswegen war ich jetzt darauf so neugierig.“
„Stimmt. Es ist ein kleiner Bruchteil von dem Pflasterstein, der kaputt war und wegen der Wurzeln der Bäume im Park nach oben kam. Deswegen bin ich gestolpert und gestürzt. Und dann kamst du und hast mir geholfen. Es ist also eine Erinnerung daran, dass wir uns kennenlernen konnten und ausgesprochen haben.“ Er lächelt und berührt den Stein kurz mit dem Finger.
„Ich verstehe. Hm. Und der Bernstein?“
„Als Kinder waren Stephan und ich jeden Tag am Strand und haben auch viele Steine gesammelt, unter anderen natürlich diesen hier gefunden. Aus der Unterhaltung mit dem Team habe ich herausgehört, dass du auch gerne am Meer bist, dort trainierst, also dachte ich mir, das verbindet uns doch. Wir lieben beide das Meer und Bernsteine gibt es nicht nur in der Ostsee, sondern auch hier. Also soll es das Meer symbolisieren, dass uns verbindet.“
„Bettina…warum…hast du dir so viel Mühe gemacht? Ich habe doch…eigentlich nur getan, was jeder getan hätte, dir geholfen.“ Tina schüttelt den Kopf.
„Nein, du hast weitaus mehr getan, ohne es zu merken. Ich sagte doch…ich hatte an dem Tag nur Pech und alles ging schief, und dann tauchtest du auf und hast mir geholfen. Es war nicht nur deine Hilfe, okay?“ Er blickt auf die Schachtel.
„Ich weiß nicht.“
„Was als nächstes?“ Er atmet tief durch und zeigt auf den Anhänger.
„Gut, der Anhänger…kannst du sehen was darin eingeschlossen ist? Ich habe etwas einschließen lassen.“ Er versucht im Nachtlicht etwas genau zu sehen.
„Oh, tatsächlich. Sicher ist das im normalen Licht besser zu erkennen. Da sind grüne Linien drin. Soll das etwa Gras sein?“ ein bezauberndes Lächeln sieht ihn an.
„Ja. Es sind zwei Grashalme von dem Spielrasen, den du in Europa als erstes betreten hast.“
„Wie jetzt? Von eurem Vereinsrasen?“
„Genau.“
„Aber…wieso?“
„Weil…wir uns dort zum ersten Mal begegnet sind. Sie sind genau von der Stelle, wo ich meine erste Niederlage einstecken musste. Als ich auf dem Boden lag, habe ich vor Wut ein paar Halme abgerissen und bin aufgestanden. Du hast dich dann noch erkundigt und ich bin vom Platz gegangen. Die Halme hatte ich noch in der Hand und verließ damit den Rasen.“
„Warum zwei Halme? Hier hätten doch mehr reingepasst.“
„Überlege mal. Die sind ja für dich.“
„Die Tore?“ Sie grinst ihn an.
„Zwei echt verdiente Tore…Tore gegen das stärkste Team Europas, Kojiro.“ „Trotzdem haben wir verloren.“
„Das ist egal. Das weißt du auch. Wen interessiert das noch? Das Spiel hatte keinerlei Wertung, es war ein Trainingsspiel wie jedes andere auch, genauso wie das heute mit deinem Team. Nichts weiter. Aber die Tore hatten Gewicht. Das ist nur wichtig.“
Er schaut zur Feder in ihrer Hand.
„Hm. Okay. Das hast du damals auch gesagt.
Und was ist mit der Feder? Ich wüsste wirklich nicht, was sie bedeutet.“
„Hm, also die Feder…sie dient als eine Hilfestellung. Dass du diese Hilfestellung brauchst, habe ich bemerkt, als das mit Genzo passiert war und als wir in Park von den komischen Typen angesprochen wurden und die dich provoziert haben. Und heute, da ist es mir ebenso aufgefallen. Du hast es sogar bemerkt, dass es mir aufgefallen war, oder?“
„Ich verstehe, du sprichst…von meinem aufbrausenden Temperament?“, drückt er es freundlich aus und verzieht etwas die Miene.
„Nein. Darum geht es nicht. Dein Temperament selbst steht dir nicht im Weg, ganz im Gegenteil. Es treibt dich an, es motiviert dich und es verschafft dir vor anderen enormen Respekt. Das ist gut so. Ich bin doch auch nicht anders, nur ich kann es anders ausdrücken. Aber ich muss es auch anders ausdrücken. Ich bin ein Mädchen und wenn Mädchen ihren Mund zu sehr aufmachen, sind sie entweder Zicken, dumm oder früher wurden sie als Hexen verbrannt. Also…halte ich mich hier und da zurück. Was glaubst du wie oft ich mir heute innerlich auf die Zunge beißen musste oder schweigen musste. Ich habe gelernt meine Meinung oft dann zu sagen, wenn es passt, nicht immer gleich dann, wenn sie mir einfällt.
Du als Mann, hast einen Freifahrtschein und kannst einfach sagen, wenn dir was nicht passt. Das ist in jeder Kultur gleich. Aber nun zurück zur Feder.
Genzo hat übrigens auch mal eine von mir bekommen. Und ich…ich habe auch eine. Den Trick, den ich gleich zeige, den habe ich mir selbst beigebracht, weil auch ich ihn als Kind oft anwenden musste. Er ist für zwei verschiedene Momente im Leben anwendbar.“ Sie nimmt die Feder und hält sie nun mit beiden Händen, so, dass sie nicht wegfliegen kann und so, dass sie nicht kaputt geht.
„Jetzt…schließe ich meine Augen und denke darüber nach, dass ich ein kleines Vögelchen in den Händen halte. Ich bin ehrlichgesagt total aufgeregt und weiß kaum, wie ich dir das jetzt erklären soll. Deswegen mache ich gedanklich diese Übung. Das kleine Vögelchen ist krank und ich muss es beschützen, bis es wieder fliegen kann. Wenn ich aber zudrücke oder zu viel schüttle, dann verletzt es sich wieder. Also halte ich still und warte auf den passenden Augenblick, bis es wieder gesund ist.
Nun, Kojiro…ich komme etwas zur Ruhe und kann mich auf meine wichtige Aufgabe konzentrieren…die Aufgabe, dir diese Übung beizubringen. Bist du bereit?“
„Oh, äh. Okay. Was…soll ich tun?“
„Schließ die Schachtel und leg sie in die Jackentasche zurück.“ Er macht, was sie sagt.
„Dann öffne jetzt deine Hände und ich gebe ich dir die Feder. Denk daran, hier ist es jetzt etwas windig für eine Feder. Wenn du die Übung mal machen willst, dann nur in einem geschlossenen Raum und statt die Vogelfeder direkt zu umschließen, wie jetzt, machst du nur eine Schale aus deinen Händen und stellst dir den Vogel vor.“
„Okay.“
„Jetzt schließ die Augen.“
„Halt die Feder nun weiter zwischen deinen Händen. Du musst den Vogel beschützen.
Und nun stellst du dir eine Situation vor, in der du heute am liebsten eine Faust gemacht hättest. Ich habe eine dieser Situationen gesehen, Kojiro. War das so eine Situation? Die im Flur?“
„Ja.“, brummt er vor sich hin und seine Hände bewegen sich.
„Gut. Und jetzt stell dir vor, der kleine Vogel wäre genau in dieser Situation in deinen Händen.
Es gibt Menschen auf der Welt, die ein großes Herz haben, Kojiro. Ein liebenswertes Herz und dann…ist es umgeben von Emotionen, etwas zu vielen Emotionen. Ich habe auch so ein Herz und Genzo auch. Manchmal platzt es etwas aus uns heraus. Bei dir ist das auch so.“
„Und bei Ishizaki.“, grinst er plötzlich. Tina schmunzelt.
„Konzentrier dich. Der ist eine andere Hausmarke. Aber ja, er kann die Übung vielleicht auch mal gebrauchen, nur anders.“
„Tut mir leid.“, versucht er sich wieder auf die Übung zu konzentrieren.
„Das war gut, Kojiro. Du hast in dem Moment an etwas Lustiges gedacht, obwohl du an etwas denken solltest, was dich aufregt. Auch das kann eine Lösung sein. Ich mache das auch ganz oft. Das wirst du noch einige Male bei mir mitbekommen. Nun weiter so.
Immer wenn du merkst, dass dein Herz schneller ist als dein Verstand oder deine Vernunft, dann denk an das kleine zarte Vögelchen in deinen Händen. Jede noch so große Wut, Zorn, verletzter Stolz oder Neid darf dich je daran hindern das Vögelchen zu schützen. Also behalte immer, wenn du jemanden gegenüberstehst und dir danach ist, mehr als nur deine Hände zu ballen, dieses Vögelchen im Kopf. Es muss erst wieder gesund werden, damit es wieder fliegen kann.“ Kojiro atmet tief durch und öffnet die Augen wieder.
„Bettina…ich habe es verstanden. Und ich…habe großen Hunger.“, knurrt erneut sein Bauch. Tina beginnt zu lachen.
„Oh nein…Hunger ist besonders gefährlich…das muss noch mit auf die Liste. Hunger kommt dann gleich an erster Stelle. Ein guter Einwand. Ich kann richtig aggressiv werden, wenn ich Hunger habe.“, grinst sie dann. Kojiro öffnet wieder seine Augen und muss auch etwas lachen.
„Das stimmt. Schade, dass ich das verpasst habe, was da in der Kantine war.“, haut er dann plötzlich raus.
„Oh, das hätte dir gefallen, aber wie ich dich kenne, hättest du dich eingemischt und dann wäre es anders verlaufen.“
„Das kann gut sein.“, grunzt er gleich etwas.
„Ich habe jetzt auch Hunger. Lass uns endlich gehen.“
Im japanischen Restaurant
Kapitel 24
Im japanischen Restaurant
„Hey Martin, du kannst nach Hause gehen. Ich danke dir für deine Hilfe, aber ich gehe jetzt noch mit dem Klassensprecher Nudelsuppe essen und etwas Mathe-Nachhilfe machen. Ich habe eindeutig Nachholbedarf. Anordnung vom Lehrer.“ „Okay, nennt man das heute so? Nudelsuppe essen und Mathenachhilfe. So so. Dein Klassensprecher? Gleich am ersten Tag? Das ging aber schnell. Ist er so ein gutaussehender toller Typ, dass du es nicht bis morgen abwarten konntest?“, neckt er sie.
„Man, so ist das nicht. Und ja, er sieht wirklich gut aus und hat nicht nur Muskeln, sondern auch Köpfchen. Er bringt mich dann spätestens 21 Uhr nach Hause. Wir sind in der Nähe.“, speist sie ihn frech ab und legt auf.
Am anderen Ende der Leitung sitzt Martin Georg gegenüber und zuckt mit den Schultern.
„Dein Kind macht mich fertig. Was soll das? Wir wollen doch alle endlich wissen, wie der erste Tag war und da lässt sie sich gleich mit ihrem Klassensprecher ein? War sie schon immer so frühreif? Das ist mir nie aufgefallen.“, grinst er Georg an. Dieser sieht ihn eher verdutzt an.
„Sie will mit einem fremden Jungen allein sein?“
„Sagte ich doch. Angeblich wollen sie Nudelsuppe essen gehen und Mathe lernen.“
„Jetzt noch? Das hat sie gesagt?“
„Naja, wer es glaubt, wird selig. Meine Ausreden waren früher besser.“, brummt er etwas und legt seinen Kopf in eine Hand.
„Wenn sie es so sagt, dann wird es auch stimmen. Bettina würde niemals lügen und wenn, dann wäre sie in Gefahr und würde Botschaften hinterlassen. Vielleicht ist sie jemandem begegnet, dem sie vertraut. Was hat sie denn noch gesagt? Du hast sie provoziert und nach ihm gefragt.“
„Er soll wohl gut aussehen, Muskeln und Köpfchen haben. Mehr nicht.“
„Du musst lernen ihre Hinweise zu deuten. Gutes Aussehen ist ihr egal, also kennt sie ihn einfach und mag ihn. Muskeln, sagt uns, er könnte sie im Fall der Fälle beschützen und Köpfchen, ja, sicher nochmal eine Bestätigung, dass er wirklich nur helfen will. Also gehen sie jetzt was essen und machen Hausaufgaben. Das wars schon. Hat sie eine Uhrzeit genannt?“
„Ja, gegen 21 Uhr bringt er sie wohl nach Hause.“
„Wir sollen uns also da raushalten. Verstehe. Naja. Wir rufen in 30 Minuten nochmal an, ob es sich in ihrer Nähe wirklich nach einem Lokal anhören könnte.“
„Das sind aber echt versteckte Hinweise. Was habt ihr denn so alles miteinander ausgemacht? Ihr solltet mir mal einen Katalog hinterlassen, echt mal.“, knurrt Martin ihn etwas an.
„Du hast Recht. Es war alles so spontan und ungeplant hier zu sein. Wir sollten uns alle mal zusammensetzen und ein paar Grundlagen durchgehen. Immerhin ist es deine Aufgabe, sie an meiner Stelle zu beschützen.“
„Meine Rede. Und was meinst du, was könnte das für ein Typ sein, dem sie vertraut? Und das am ersten Tag?“ Georg grinst etwas, antwortet aber nicht.
„Na großartig, schweigen und grinsen. Davon bin ich ja ein Freund. Und jetzt?“ „Joggen wir ne Runde. Das können wir beide sicher gebrauchen, um den Kopf freizubekommen.“ Er greift zum Handy und ruft Gesine an.
„Wie lief es denn?“
„Das kann ich noch nicht sagen. Unsere Tochter ist mit einem Jungen etwas essen und Mathe lernen. Sie möchte nicht gestört werden.“, grinst er förmlich ins Telefon.
„Alleine mit einem fremden Jungen? Das äh, ging aber schnell.“
„Wir bleiben in der Nähe.“
„Okay. Ich will mir keine Sorgen machen. Das ist alles.“, sagt sie leise.
„Wir joggen jetzt eine Runde. Sie muss in der Nähe sein.“
„Okay.“ Er legt auf und sendet ihr eine SMS hinterher.
„Ich gehe davon aus, dass sie den Jungen kennt. Also abwarten.“
„Oh. Das ist möglich. Du sagtest ja bereits, dass dort vier Jungs aus dem Nationalteam auf die Schule gehen.“
„Das Alter kommt doch hin. Es gibt aber mehrere Klassen in selben Klassenstufen. Vielleicht ist sie bei einen von ihnen in der Klasse gelandet.“
„Das wäre doch schön. Ich hatte damals den Eindruck, dass sie von allen gemocht wird, obwohl sie wussten, wer sie ist. Die kamen alle sehr nett rüber.“
„Ich melde mich.“
Etwas später finden sich die Jugendlichen in einem Restaurant wieder. Als Kojiro die Fähnchen hochhebt und sie beide mit ihren Schuluniformen den Laden betreten, kommen viele neugierige Blicke.
‚Die Leute schauen in der Regel immer, wenn wir mit den Uniformen irgendwo öffentlich sind, aber diese Blicke sind neu. Sie sind auf Bettina berichtet. Also wenn ich mit Kioko oder den Jungs unterwegs bin, sind das andere Blicke.‘ Natürlich fragen sich die Leute in dem gut besuchten Lokal, wer die blonde Schülerin ist. Sie lächelt fröhlich in den Gastraum und steht neben Kojiro, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Das Wappen der sehr hoch angesehenen „Toho Academy“ ist deutlich auf ihrer Brusthöhe auf den Jacken zu sehen. Beide haben einen deutlich stolzen Gang und Blick aufgesetzt. Der Lokalbesitzer kommt auf sie zu und begrüßt sie sehr freundlich.
„Guten Abend, wünschen Sie hier zu speisen?“, spricht er Kojiro an.
„Guten Abend. Ja, wir würden gerne danach die Möglichkeit zum Lernen nutzen. Ist das bei Ihnen erlaubt?“, entgegnet er freundlich, aber mit einem ernsten Gesicht.
„Es ist mir eine Ehre. Schüler der Toho Academy sind hier immer herzlich willkommen. Leider sind nur noch zwei Tische frei.“ Er dreht sich um und zeigt auf die freien Tische.
„Welcher ist dir am liebsten? Mir ist es egal.“, spricht Kojiro Tina an.
„Den in der Ecke. Der ist perfekt.“, antwortet sie lächelnd und sieht zum Hausherrn.
‚Er fragt sie? Dieses Mädchen muss sehr neu sein an der Schule. Ich wüsste nicht, dass jeweils Ausländer aufgenommen wurden. Aber die Kleine ist sehr hübsch. Wo mag sie herkommen? Sie muss auf jeden Fall noch unsere Sprache lernen, wenn die beide in Englisch miteinander reden?‘
Tina geht vor und zieht am Tisch ihre Jacke aus, stellt ihre Tasche neben den Stuhl und nimmt direkt an der Wand Platz, so dass sie den ganzen Raum im Blick hat. Es ist genau zu spüren, wie die Leute schauen, auch wenn sie versuchen es zu verbergen.
‚Du meine Güte. Ich bin ja nun schon ne Weile hier unterwegs und gehe in verschiedene Lokale, aber solche Blicke hatte ich noch nie. Liegt das an Kojiro oder liegt es an der Uniform?‘ Tina greift zur Speisekarte und findet gleich, was sie haben möchte. Kojiro ist unentschlossen und überlegt hin und her. So richtig traut er sich nicht etwas zu bestellen.
‚Wie dämlich sieht das aus, wenn sie nachher für uns beide bezahlt?‘ Sie sieht auf und legt die Karte hin. Dann spricht sie flüsternd.
„Nimm einfach, was du willst, und wehe es ist zu wenig. Ich kenne in etwa deinen Energiebedarf, also lang zu. Das ist mein Dank und da ist auch nichts dabei.“
„Das sagst du so einfach.“, kommt zurück.
„Also wenn du nicht willst, dass das hier, wie ein Date aussieht, dann benimm dich auch so. Du bist lediglich mein Nachhilfelehrer, mehr nicht. Ich mach das schon. Sei locker wie immer.“
„Du hast Recht. Das ist nur anders. Die Blicke sind anders.“
„Ist doch egal was die denken. Oder ist es dir unangenehm, mit mir hier zu sein?“
„Quatscht, natürlich nicht.“, sieht er ernst in ihre Augen.
‚Wie kann sie sowas denken? Mich nervt nur, dass einige so komisch gucken und abwertend denken. Das kann man ihnen genau ansehen. Die Blicke sind anders als sonst.‘ Er lehnt sich sichtlich entspannt zurück und legt die Karte entschlossen hin. Kurz darauf kommt der Herr wieder, der sie begrüßt hat und fragt nach ihrer Bestellung. Beide geben ihre Bestellung auf. Danach bückt sich Tina und holt ihren Hefter und ihre Federtasche aus der Tasche. Kojiro legt seine Hand darauf.
„Später, nicht vor dem Essen.“, flüstert er. Sie sieht ihn überrascht an.
„Echt? Die Männer dort drüben haben doch auch ihre Laptops auf und arbeiten.“
„Es ist unhöflich. Du willst doch nicht unhöflich sein?“
‚Wow, ist das wirklich so streng, dass sogar Kojiro auf die Etikette achtet? Er macht doch sonst auch nur, was er will. Oder schätze ich ihn falsch ein?‘ Tina zögert.
„Okay. Ich verstehe. Dann sind diese Männer unhöflich?“
„Nein, sie sind vermutlich Stammgäste und bedienen wichtige Positionen, dann lässt man das mal durchgehen, aber wir sind nur Schüler.“
„Aber immerhin von der Toho. Das ist doch was.“, grinst sie neckisch und legt die Sachen wieder zurück.
„Ja, ein Grund mehr. Was wir tun, fällt auf die Schule zurück.“
„Stimmt. Und über was können wir jetzt reden, wenn nicht über Mathe?“ Sie lehnt sich ebenso zurück und schaut nebenbei etwas durch den Gastraum.
„Keine Ahnung. Schlag was vor. Erzähl mir irgendwas. Ich bin eh nicht der Gesprächigste. Ich höre lieber nur zu.“ Tina rollt mit den Augen.
‚Ach man, am liebsten würde ich mit dir über so viele Dinge reden, aber hier geht das doch gar nicht. Vorhin, wo wir allein waren, das war schön. Schade, dass wir nicht zu uns oder zu dir gehen können.
Wie war Europa für dich? Was hat dir gefallen und was nicht? Was hast du bei den Spielen gefühlt? Wie erging es dir danach? Wie war euer Rückflug? Was machen die anderen jetzt so? Dann würde ich dir zu gerne erzählen, wie meine Zeit hier bisher war.‘, geht ihr durch den Kopf.
‚Ich habe so viele Fragen und jetzt weiß ich gar nicht was ich fragen soll, um irgendeine Unterhaltung mit dir zu führen. Über die Meisterschaft können wir nicht reden, über die anderen Spieler auch nicht und über deine Familie mag ich lieber auch nichts fragen, sonst macht es dich traurig. Das ist doch echt bescheuert.‘ Beide schwiegen sich eine Weile an, schauen sie in verschiedene Richtungen, um sich abzulenken und haben nur ihre eigenen Gedanken. Als er wieder zu ihr schaut und sie ihm ebenso in die Augen sehen kann, schlagen beider Herzen etwas stärker. Was ist das nur für eine dämliche Situation? Beide haben unzählige Fragen, würden sich so viel erzählen wollen und können sich über gar nichts unterhalten, weil andere da sind.
Plötzlich leuchtet das Handy neben Kojiro auf.
„Entschuldige bitte.“, sagt er leise und geht ran.
„Klappt es?“
„Ja, wir kommen jedoch nicht allein. Wo bist du?“ Es ist Ken und Kojiro gibt ihm durch wo er ist, und legt dann auf.
„Wer war das? Ist telefonieren nicht auch unhöflich?“, wundert sich Tina.
„Das war Ken. Er kommt mit Takeshi vorbei, damit ich ihm sein Handy wieder geben kann. Und diese Schreiberei mag ich nicht, ist mir zu doof.“, sagt er mit ernster Stimme. Er wirkt angespannt, aber auch nachdenklich.
„Oh. Ich verstehe. Ich finde es manchmal ganz praktisch, da stört man andere nicht oder kann sich Informationen senden, die andere nicht mitbekommen sollen. Wieso hast du Takeshis Handy?“
„Ich habe keins und…brauchte es dringend.“, musste er kurz pausieren. Er kann doch jetzt nicht sagen, dass er mit Tsubasa und Genzo telefoniert hat, das würde sie sicher traurig machen. Tina lächelt ihn an.
‚Sie hat Recht, Infos weitergeben, die andere nicht hören sollen.‘ Er greift zum Handy und sendet Ken eine SMS.
„Bettina ist bei mir, machen danach ihre Nachhilfe.“, wird getippt.
„Ich verstehe, du hast bestimmt mal mit deinem Kapitän gequatscht. Wie spät ist es jetzt in Brasilien?“ Er ist erstaunt. Sie weiß natürlich mit wem er geredet hat, er hatte es ihr vorhin ja auch gesagt.
„In Sao Paulo ist es 12 Stunden zurück. Also gegen 7:30 Uhr morgens.“
„Oh, da muss er sicher jetzt in die Schule.“
„Er bekommt nachmittags Privatunterricht und wird beim Training sein.“, erklärt er.
„Ist schwer immer eine passende Zeit mit jemanden zu finden, oder? Wenn ich meine Familie oder Freunde anrufe, muss ich auch immer schauen, wann es bei denen gerade passt. Wir haben uns feste Zeiten abgesprochen. Immer so gegen 22 Uhr klingelt hier mein Telefon oder ich rufe an.“
„Das ist in der Regel auch so bei uns.“ In dem Moment leuchtet das Handy erneut auf und es geht eine SMS ein. Er öffnet sie. Sie ist von Ken.
„Uns ist Jun gerade über den Weg gelaufen und wir bringen ihn und Yayoi mit. Eine gute Möglichkeit ihn gleich vorzustellen, ganz offiziell als unseren Freund. Zeig ihr einfach die SMS, damit sie informiert ist.“ Kojiro dreht das Handy, damit Tina es lesen kann. Ken hat bewusst auf Englisch geschrieben, damit sie es auch lesen kann.
„Oh, klingt ja niedlich. Ein netter Spruch. Das heitert auf.“, sagt sie fröhlich.
‚Welcher Spruch denn? Ich muss scheinbar noch viel lernen über deine Zweideutigkeiten, Bettina. Du willst mir vermutlich nur mitteilen, dass du die Information gelesen hast und es abnickst.‘ Kojiro nimmt das Handy wieder an sich und antwortet Ken mit einem „okay, habe ich“ und legt es beiseite.
„Ich hatte eigentlich vor dir meine Nummer zu geben, damit wir uns wegen der Nachhilfe auch mal spontan absprechen können. Aber wenn du kein Handy hast, ist das natürlich schwer.“
„Frag am besten Ken und Takeshi nachher, ob sie an meiner Stelle Absprachen weitergeben. Meist hängen wir eh immer zusammen. Aber meine Haustelefonnummer kann ich dir geben.“ Tina lächelt und holt ihr Handy raus und reicht es ihm rüber.
„Das ist doch super. Reicht ja auch aus. Wir sehen uns doch eh in der Schule.“ Er nimmt ihr Handy an sich und ruft die Kontaktliste auf. Etwas verwundert sieht er nur Nummern, die über den Nummern gespeichert sind. Bis auf Mama und Papa ist da nicht viel zu lesen.
„Oh, äh. Unter wen soll ich mich denn abspeichern?“
‚Wieso hat sie nur Nummern hinterlegt?‘
„Na Kojiro, so viele Kojiros kenne ich noch nicht.“
„Hm, alle anderen Kontakte sind bei dir nur Nummern?“
„Ihre Telefonnummern, ja. So sieht nie jemand wer anruft, ich habe die Nummern eh alle im Kopf. Wenn ich mir deine gemerkt hab, dann wird sie auch wieder gelöscht und mit deiner Telefonnummer gespeichert.“
„Okay.“, kommt nur zurück und er tippt seine Nummer ein und reicht ihr das Handy zurück.
„Und diene Eltern lässt du aber?“
„Natürlich, für Notrufe. Dann weiß man, dass man rangehen muss oder wen man im Notfall anrufen soll.“
„Ich verstehe. Das ist gut. Wenn du aber mal Probleme hast, und nicht sie anrufen willst, kannst du Ken anrufen. Ich bin meist unterwegs. Also wenn ich nicht erreichbar bin.“
„Okay, danke. Mir fällt grade was ein. Da kannst du mir aber sicher schon helfen.“ Tina kramt in ihrer Tasche rum und holt drei Zettel heraus und legt sie auf den Tisch.
„Da ich das noch nicht lesen kann, wäre es liebt, wenn du mir das mal fix erklärst, worum es geht.“ Sie reicht sie ihm hin und er nimmt sie ihr ab.
„Das ist die Anmeldung für das Schülerpraktikum. Das musst du zum Arbeitgeber mitbringen, wenn du etwas gefunden hast. Deine Eltern müssen das unterzeichnen, um dem Praktikum zuzustimmen.
Dann dies hier ist die Erlaubnis und die Kostenauslage für den Ausflug übermorgen. Wir wollen zum Tokio-Tower und danach in ein Verkehrs-Museum. Das ist ein Themen-Bildungstag. Wir haben das Thema „Das Leben der Menschen in Großstädten“ Deswegen brachte ich heute das Beispiel mit der Bevölkerungsdichte in Mathe.
Und das ist für die Klassenfahrt übernächste Woche. Die Kosten für die Unterbringung und die Erlaubnis. Deine Eltern müssen die Auslagen für die Unterkunft und die Ausflüge aufs Konto der Schule überweisen.“ Tina staunt nicht schlecht.
„Wow, eine Klassenfahrt? So früh im Jahr? Bei uns gab es sowas nur am Schul-Jahresende.“
„Wir sind ja eher mittendrin. Das kommt dir nur so vor.“
„Stimmt, ihr fangt im Frühling an. Ist unlogisch, aber nun ja. Okay. Wie lange geht das denn und wo geht es hin?“
„Wir fliegen auf die Insel Okinawa und sind die ganze Woche dort.“, berichtet er mit einem breiten Grinsen.
„Wow, ein Flug? Das erklärt die hohe Summe hier. Meine Güte. Da werden meine Eltern ja begeistert sein. Was ist mit dir? Kommst du auch mit?“
„Natürlich. Alle kommen mit. Es fliegt nur unsere Klasse.“
„Wie schön.“, lächelt sie ihn glücklich an.
‚Ich verstehe. In seinem Fall greift sicher das Stipendium, sonst wäre das für seine Mutter sicher nicht bezahlbar. Also müssen wir, die Schulgebühren zahlen auch für solche Unkosten aufkommen.‘
„Aber ich war ja gar nicht eingeplant, wie kriege ich da jetzt einen Platz im Flieger?“ Er schweigt nachdenklich und reicht ihr die Zettel wieder rüber.
„Wir waren bei der Planung ein Schüler mehr in der Klasse. Er hat die Schule jedoch vorzeitig verlassen. Du nimmst also seinen Platz ein. Vermutlich einer der Gründe, warum du in meine Klasse gekommen bist.“, erklärt er.
‚Ach Bettina, wenn du wüsstest.‘
„Oh, ich verstehe. Dein Sitznachbar, ich fülle also auch dort seine Lücke?“
„Nein, da saß Ken. Er hat sich umgesetzt, weil es der Lehrer so wollte.“ Sein Blick ist etwas betrübt und ernst. Tina geht nicht weiter darauf ein.
‚Mit ihm ist sicher was passiert, na großartig. Ich fülle die Lücke eines Jungen, dem etwas passiert ist. Wenn er nur normal gegangen wäre, würde er es mir doch sagen.‘
„Du scheinst dich auf die Klassenfahrt zu freuen. Was glaubst du machen wir dann alles auf Okinawa? Warum fliegen wir dorthin und nicht auf Hokkaido oder so? Die Insel hätte mich auch interessiert.“
„Das stimmt. Ich bin gerne dort. Mein persönlicher Trainer noch aus Kindertagen hat dort ein Trainingslager direkt am Meer. Ich liebe die Natur der Insel. Wir werden sogar einen Tag lang bei ihm im Trainingslager verbringen. Das ist spontan beschlossen worden, nach dem Sommer.
Es ist Tradition unserer Schule auf diese Insel zu gehen. Der Weg ist weit, ja, aber wir machen eben Ausflüge, die sind etwas anders als die der staatlichen Schulen. Der Sinn des Besuchs ist die Verbindung zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen zu schaffen. Unsere Schule steht klar für den Sport und wir Sportler werden uns später immer wieder mit anderen auf der Welt messen. Dazu gehört es auch sich mit den Kulturen oder politischen Situationen des Gastgebers auseinanderzusetzen, um besser auf die Leute vor Ort einzugehen oder ihre Vorschriften zu verstehen. Da Okinawa geschichtlich eine große Bedeutung für uns Japaner hat, möchte man uns provozierend mit dem Konflikt dort konfrontieren. Wir werden uns später nie aussuchen können wo wir landen oder spielen werden. In deinem Falle ebenso, Weltmeisterschaften und Olympiaden gehen oft einher mit örtlichen gesellschaftlichen Problemen oder Boykotts. Die Bedingungen für Sportler und örtlichem Volk sind immer verschieden.“, versucht er ihr zu erklären. Tina hört ihm sehr aufmerksam zu. „Das klingt sehr interessant. Und wieso steht da auf dem Zettel was von einem US-Marine-Camp? Werden wir so ein Camp besuchen?“ Kojiro sieht sie ernst an und dann schaut er nachdenklich zur Seite.
„Ja.“, sagt er nur.
„Hm, also wird das die Provokation sein, von der du sprichst? Das gefällt dir nicht, stimmts? Aber es geht doch genau darum uns Sportler in eine unangenehme Situation zu bringen, und eventuell darüber hinwegzusehen, was die gesellschaftlichen Konflikte betrifft. Ist es nicht so gedacht? Eine Art Abhärtung, quasi einer Art Feind gegenüberzustehen und trotzdem die Haltung zu wahren? Das soll der Sinn sein, oder?“ Mit diesen Worten hat er nicht gerechnet. Weiß Tina denn überhaupt, was es auf der Insel für Konflikte gibt? Hat sie sich bereits mit der japanischen Geschichte ausreichend beschäftigt?
Kurz darauf kommt jemand mit den Suppen, dem Reis, Soße und dem Sushi. Es wird ihnen serviert und guten Appetit gewünscht. Beide beginnen sofort zu essen, denn sie haben großen Hunger. Die anderen im Lokal schauen erstaunt zu ihnen. Sie sind überrascht, dass Tina mit Stäbchen die Suppe isst, genauso wie sie es tun. Sie spricht nur Englisch, aber kann normal ihre Suppe essen? Das verwirrt sie etwas.
Tina schaut nebenbei in die Runde und ihr gefallen die Blicke der anderen nicht. Sie wirken teilweise leer, respektlos und vor allem fragend.
„Wieso sehen die mich so an? Mache ich was falsch?“, fragt sie ihn flüsternd. Kojiro kann nichts erkenne, was die Leute so verwundert sollte. Er ist selbst erstaunt, dass sie so gut und ohne Probleme ihre Nudeln aufnehmen kann und wie alle anderen die passenden Geräusche dazu macht.
„Keine Ahnung. Wir wirken vermutlich nur anders als andere Schüler. Sie sind sicher neugierig.“, versucht er zu erklären.
„Die sind unhöflich, das nervt. Wenn ich nichts falsch mache, was soll das Gestarre?“
„Sicher glauben sie, du machst was falsch und nun sind sie irritiert, weil alles richtig ist.“ Tina grinst.
„Ich werde dafür sorgen, dass sie damit aufhören.“
„Du kannst sie doch nicht davon abhalten. Ist leider so.“, schmunzelt er und wüsste nicht, wie sie die Leute davon abhalten könnte. Sie wird jawohl nicht aufstehen und ihre Meinung laut äußern oder doch? Er ist schon gespannt, was sie sich einfallen lässt. Tina stellt ihre Schüssel hin und richtet sich sitzend besser auf. Dann behält sie die Stäbchen in der Hand, statt sie richtig abzulegen und greift mit der linken Hand zu ihrem Kaffee und nimmt einen großen Schluck. Ihr Blick ist auf die gerichtet, die ihren Blick nicht von ihr wenden können. Nebenbei spielt sie ein wenig mit den Dingern zwischen den Fingern, als wäre sie ein kleines Kind, stellt die Tasse ab und nimmt einen von ihnen in die andere Hand. Plötzlich setzt sie einen ernsten Blick auf und nimmt wieder beide Stäbchen in die rechte Hand, schaut in die Runde, fixiert die neugierigen Leute an und greift die Stäbchen respektlos wie zwei Stöcker und holt mit der Hand aus und tut so, als würde sie sie in den Reis in der Schüssel stecken wollen, direkt von oben hinein. Sie kann schon sehen, wie die Gesichter der Neugierigen eine große Veränderung durchmachen. Die Spannung steigt im Lokal an, denn Empörung macht sich in den Leuten breit.
„Wenn Sie weiter so unhöflich zu uns sind, dann kann ich das auch. Oder worauf warten Sie genau?“, spricht sie zwar laut, fest, aber freundlich genug, um nicht unhöflich rüberzukommen. Sie lächelt freundlich, aber falsch, während ihre japanischen Worte die Lippen verlassen. Kojiros Herz klopft vor Aufregung. Vor Entsetzen verschluckt er sich beinahe an seinen Nudeln, als er Tina so drohend mit den Stäbchen in der Hand sieht. Es kommt einer geladenen Waffe gleich, so klingt das Raunen, dass hinter ihm entsteht und für Empörung sorgt. Die Blicke der anderen Gäste haben etwas nachgelassen, nur wenige sind noch auf sie gerichtet. Ein Herr steht empört auf und sieht sie wütend an.
„Sie machen sich über unsere Kultur lustig und finden das auch noch komisch? Tun so, als würden Sie nicht einmal Japanisch sprechen und dann drohen Sie uns mit dem, was uns in der Esskultur am wichtigsten ist? Das ist respektlos. Sie sind es gar nicht würdig die Uniform einer unserer besten Schulen zu tragen!“, bringt er sich streng ein.
„Ich wüsste nicht, dass das ständige Anstarren, während jemand isst, zur japanischen Höflichkeit gehört. In der Regel sind Japaner doch diskret, freundlich, höflich und gastfreundlich. Erzählen Sie mir also bitte nichts von der Kultur, die Sie scheinbar selbst nicht kennen oder achten, zumindest nicht uns gegenüber. Oder sollte ich lieber sagen, MIR gegenüber?“ Der Mann kommt zornig auf sie zu. Tina hingegen sticht fast in den Reis und blickt wieder ernst.
„Bitte setzen Sie sich wieder hin. Das wäre freundlich.“ Die anderen schrecken etwas auf, als er doch weitergeht und vor ihr stehen bleibt und sehen, wie Tina die Stäbchen in den Reis steckt.
„Ich habe Sie gewarnt.“, meint sie nur frech und schaut provozierend zu ihm auf. Ihre Hand ist noch immer an den Stäbchen. Er sieht sie zornig an und dann stutzt er plötzlich, als er auf ihre Hand sieht. Vom Blickwinkel der Gäste sah es wirklich aus, als würde sie in die Schüssel stechen, aber nein, die Stäbchen sind direkt dahinter und wirken nur von vorne so. Sie hat bewusst eine langsame Bewegung gemacht, damit es aussieht, als würde es einen Widerstand geben.
‚Was soll das? Wer ist diese Göre überhaupt?‘
„Was? Was sollte das Ganze dann? Sie hatten gar nicht vor es zu tun?“, spricht er ruhiger als zuvor. Sein Zorn ist jedoch noch zu hören.
„Natürlich nicht. Ich bin doch kein Babar. Ich habe nie behauptet Ihre Kultur nicht zu respektieren. Das haben Sie sich nur so zurechtgelegt.“ Er verstummt und wirft einen Blick zu Tinas Begleitung.
„Und Sie sagen dazu nichts? Sie bringt die Schule mit solchen Aktionen in Verruf.“ Kojiro legt seine Stäbchen auf die Halterung und dreht sich zu ihm. Sein Blick ist streng, als würde er mit einem unartigen Kind sprechen. Eines seiner Geschwister.
„Sie hatten Vorurteile und haben nur darauf gewartet, dass Fehler passieren. Sie hat nur genau das erfüllt, worauf alle gewartet haben.“
Tina sieht überrascht zu Kojiro, mit welcher Selbstverständlichkeit er ihre eigenen Gedanken ausspricht. Das ist ihr fast unheimlich, aber es erhellt ihr Herz. Sie sind sich so verschieden und auch doch so gleich. Sogar gleiche Gedanken haben sie. Wie kann das denn nur sein?
Genau in diesem Moment wird es unruhig im Lokal und eine Gruppe Jugendliche betreten angeheitert das Restaurant. Alle sehen zum Eingang und betrachten ihre Uniformen. Bis auf zwei sind alle von der Toho-Academy. Es sind Ken, Takeshi, Jun, Kioko, Kiki und Yayoi. Gefolgt von Minato und Daisuke, dem Großen Blocker aus dem Volleyballteam. Der Mann bei Tina und Kojiro verlässt, ohne weiter etwas zu sagen, seinen Standort und setzt sich wieder zu seinem Kollegen an den Tisch. Ihm ist klar, dass die Diskussion nun beendet ist, wenn andere Schüler kommen. Kioko stürmt quasi zu Tina und schnappt sich den Stuhl neben ihr und tippt sie neckisch am Arm an.
„Na? Wie läuft euer erstes Date? Habt ihr euch schon geküsst?“ Tina gibt sich Mühe nicht groß darauf zu reagieren, denn am liebsten würde sie im Boden versinken. Kioko weiß doch ganz genau, was Sache ist, und jetzt bringt sie sie in so eine peinliche Situation und das vor Kojiro und allen anderen. Wenn die Volleyballer und die anderen Gäste nicht da wären, würde sie deutlich lockerer und spaßiger darauf reagieren. Aber Kojiro will sie auch nicht in Verlegenheit bringen.
„Das ist KEIN DATE, ich will nur Mathe machen.“, spricht sie strenge Worte aus. Tina hofft, dass man ihre Hitze, die in ihr aufsteigt, nicht zu sehr ansieht. Etwas verlegen darf man bei so einer doofen Frage sein, aber zu sehr, würde sie verraten. Die intime Situation vorhin im Wald kommt ihr deutlich wieder in den Sinn und ja, sie fühlt sich ihm sehr hingezogen, das ist ja das Problem an der ganzen Sache.
„Kioko, was soll das? Hör auf. Du weißt doch genau, dass wir nur Nachhilfe machen.“, knurrt Kojiro sie freundschaftlich an. Kioko jedoch stöhnt und stützt sich auf dem Tisch auf und schaut zu ihm.
„Wie langweilig.“, murrt sie spaßig. Takeshi schmunzelt zu Tina.
„Mach dir nichts draus. Für Kioko ist jede Nachhilfe mit einem Mädchen ein Date mit ihm. So ist sie halt.“ Tinas Puls sinkt etwas und sie kann beruhigter lächeln. „Ich verstehe. Kojiro wurde mir als Nachhilfelehrer empfohlen und nun sind wir hier, uns stärken und dann geht’s gleich los mit Mathe.“, erklärt sie sich.
Nudelsuppe und Sushi Spezialrollen
Trigger: Gewalt...bleibt aber u18
Kapitel 25
Nudelsuppe und Sushi Spezialrollen
Kojiro sieht sich um, wer alles gekommen ist.
„Wieso sind die beiden auch da?“, meint er die Volleyballer und fragt er Ken.
„Ja, wir haben uns kurz vor dem Laden getroffen, sie waren als Begleitung mit Kioko unterwegs. Ich sagte doch, ich finde einen Weg, dass sie sicher heimgebracht wird. Von sich aus hätte sie doch niemanden gefragt, also habe ich die Jungs einfach verdonnert. Sie sind doch befreundet.“, grinst Ken.
„Wir wollten uns noch fix ne Suppe holen, Kioko nach Hause bringen und dann zum Internat zurück. Dass ihr hier seid, wussten wir ja nicht.“, erklärt sich Minato.
„Hm. Takeshi? Hier dein Handy. Danke fürs Ausleihen.“, reicht Kojiro es ihm rüber. Er nimmt es entgegen.
Der große Volleyballer geht an den Tisch heran und beugt sich zu Tina.
„Tina, wenn das hier kein Date ist, dann sag mal. Hast du…eigentlich…einen Freund?“
„Daisuke, also echt mal. Du bist peinlich.“, haut Minato empört raus. Wieder steigt Tinas Puls an und auch Kojiro nimmt eine aufsteigende Wärme wahr, die ihn etwas durcheinanderbringt. Er darf sich doch nichts anmerken lassen. Wenn auch die Situation vorhin im Wäldchen traurig war, war sie doch aber auch schön. Noch nie hatte er zuvor ein Mädchen im Arm gehabt.
‚Was wirst du antworten, Bettina?‘ Tina sieht überrascht zu ihm auf.
„Ich bin gerade mal einen Tag in der Schule, was denkst du von mir?“
„Ähm, naja. Bei den hübschen Mädchen muss man der Erste sein, der fragt. Also…würdest du mich daten?“
„Wie bitte?“
„Na wenn du jemanden aus deiner Altersklasse zu langweilig findest, dann sicher jemanden mit mehr Erfahrung. Und ich bin auch ein Mädchenschwarm.“, prustet er sich etwas auf und grinst dabei. Tina grinst plötzlich zurück.
„Und warum hast du dann keine Freundin, wenn du so ein toller Hecht bist?“ Ihr Grinsen ist wie eine Provokation. Die Jungs hinter ihm beginnen zu kichern. „Wow, dieser Blick. Naja. Weil es zu wenig Mädchen in unserer Schule gibt und ich nur am Trainieren bin.“
„Nun gut, wenn du es genau wissen willst…habe ich bereits meine Dates für die nächsten Monate und vermutlich Jahre verplant.“, meint sie.
„Also doch mit Hyuga?“ Kojiro ist erstaunt, dass sie so etwas sagt. Was meint sie denn damit, sie habe ihre Dates verplant? Und dann auf Monate?
Tina greift in ihre Tasche und holt die Hefter und das Mathebuch heraus und packt es deutlich sichtbar auf den Tisch.
„Das hier werden meine Dates sein. Sie bestehen aus 10 Ziffern, ein paar Buchstaben, Strichen und Punkten. Und das ist nur ein Fach, indem ich euren Stoff nachholen muss, damit ich einen sinnvollen Abschluss machen kann. Von euren Schriftzeichen mal ganz angesehen. Die lernen sich nicht so schnell wie das Sprechen selbst.
Erst danach…habe ich eventuell Zeit und Muße irgendwen zu daten. Tu dir also selbst einen Gefallen und steck die Nase in die Bücher, ich hörte eure Abschlussprüfungen und die Aufnahmeprüfungen für die Unis seien sehr schwer. Also ran ans Lernen, mit irgendwem ausgehen kannst du danach auch noch.“, sieht sie ihn streng an, als wäre sie eine Lehrerin.
„Oha, du meinst das tatsächlich ernst, was?“
„Sehe ich aus, als würde ich scherzen? Holt euch eure Nudelsuppen, bringt Kioko heim und dann ran an die Bücher.“, kommt wie in einem Befehlston. Er richtet sich auf.
„Oha, du solltest später zum Militär gehen. Den passenden Blick und Tonfall hast du ja schon drauf.“ Ein pikierter Blick folgt.
„Ne, ganz sicher nicht. Ich fass doch keine Waffen an!“
„Auch nicht zur Polizei? Mein Vater sagt, es kann gar nicht zu viele Frauen bei der Polizei geben. Die haben einen guten Blick für bestimmte Dinge.“
„Kommt aufs selbe raus und zu elitär.“ Tina blockt langsam die Unterhaltung ab, legt ihre Stäbchen richtig hin und greift ihre Schüssel und schlürft die Schüssel leer.
„Du redest dich nur raus, für einen Freund ist doch immer Zeit.“, grinst er. Plötzlich ertönt Kojiros raue dunkle Stimme. Er legt seine linke Hand auf das Mathebuch und sieht entschlossen zu ihm auf. Sein Puls ist hoch, aber er denkt an Tinas Worte, „denk an das Vögelchen in deinen Händen“.
„Du hast sie gehört. Keine Zeit und kein Interesse. Du stiehlst wertvolle Lernzeit.“
‚Wow, dieser Blick. Hyuga, du magst sie und willst es nur nicht zugeben.‘
„Von wegen Lernzeit. Gib doch einfach zu, dass du selbst auf sie stehst. Was ist daran so schlimm?“ Der Puls des Stürmers steigt enorm an und Wut macht sich in ihm breit. Er ballt seine Hand auf dem Buch zur Faust, steht langsam auf und stellt sich direkt vor Daisuke und sieht sehr ernst zu ihm auf. Sie sind gut einen Kopf auseinander. Er sagt nichts, aber die Anspannung ist enorm. Sie sehen sich nur beide an.
‚Wieso provoziert er mich ständig? Das ist heute schon das zweite Mal.‘
Minato spricht ein Machtwort.
„Komm jetzt. Wir haben nicht ewig Zeit. Wir müssen 20 Uhr wieder im Internat sein.“ Er wirft Kojiro einen Blick zu.
‚Er hat Recht. Ich weiß es zwar bereits, aber es liegt nahe.‘
„Du hast Recht. Aber wenn du doch Hilfe brauchst. Zum Beispiel in Chemie oder Biologie, dann gebe ich dir gerne auch Nachhilfe.“, grinst er noch und geht dann mit Minato zum Tresen. Sie bestellen ihre Suppen zum Mitnehmen.
„Kojiro, sind die beiden auch Freunde von euch?“, wechselt Tina das Thema und blickt gezielt zu Yayoi und Jun. Kojiro setzt sich wieder und fährt etwas runter.
„Ja, genau. Das sind Jun Misugi und seine Freundin Yayoi.“ Tina lächelt, steht auf und geht als erstes zu Yayoi. Diese ist sehr schüchtern und versteckt sich etwas hinter Jun.
‚Das ist sie? Das Mädchen, dass in einem so starken Team bei Genzo mitgespielt hat? Sie sieht so normal aus. Sie ist sehr hübsch. Ich habe sie mir viel burschikoser vorgestellt. Ich habe das Spiel doch gesehen, da war sie die Nummer 9, sah so klein den anderen gegenüber aus. Ein Mädchen, dass gegen den starken Hyuga gespielt hat? Zuerst hat sie ihn ausgetrickst und dann hat er sie doll zur Seite gedrängt, und sie ist gestürzt. Jun hat mir vorhin noch alles schnell erzählt, damit ich keine dummen Fragen stelle. Die haben sich in Hamburg noch kennengelernt. Und jetzt ist ihr großer Bruder tot? Warum? Das ist so schrecklich. Die Arme.‘ Tina steht vor ihr und reicht ihr die Hand.
„Hallo, ich heiße Bettina, aber nenn mich einfach Tina.“
‚Die Kleine ist ja niedlich, genauso schüchtern wie Kiki. Und das ist Juns Freundin? Sie wirkt so angespannt und dann versteckt sie sich vor mir? Warum denn?‘, wundert sich Tina und versucht dann etwas lockerer zu sein.
„Ihr tragt eine andere Uniform. Also geht ihr wohl auf eine andere Schule?“ Langsam hebt Yayoi ihre Hand und nimmt Tina ihre an.
„Äh…ja.“, sagt sie nur und sieht ihr in die hellen türkiesblauen Augen.
‚Wow, hat die schöne Augen. Kein Wunder, dass sich Kojiro damals in sie verguckt hat. Zumindest glaubt Jun es wäre so.‘
„Ähm, äh. Ja.“ Dann lassen sie sich los und Tina schaut zu Jun und reicht ihm die Hand.
„Hallo, dein Name sagt mir was. Warst du auch wie die anderen in Europa?“
‚Du meine Güte. Das nenne ich mal eine Veränderung. Die langen Haare irritieren mich richtig. Und wie sie eben mit Daisuke umgegangen ist, war das ihre Art im Team? Ihre Art, wie ein Junge zu sein?‘
„Ja. Das war ich. Du brauchst Nachhilfe?“, versucht er locker zu bleiben.
„Ja, in Mathe. Ihr seid hier echt sehr weit. Ich kam immer mit und hatte nur super Noten, aber das, was ihr schon machen müsst, das hatten wir noch nicht oder kommt erst in den Berufsschulen und Unis vor.“
„Oh, wirklich? Ich verstehe. Wenn du noch irgendwo Hilfe brauchst, kannst du auch gerne mich fragen, gerade die Fächer Biologie und Chemie sind ganz meine Richtung. Ich will später Medizin studieren und in die Sportmedizin gehen, daher bin ich jetzt schon gut in allen Naturwissenschaften.“
„Oh, alles klar. Danke sehr. Ich werde vielleicht darauf zurückkommen, wenn es nötig sein muss.“
Endlich kehrt Ruhe ein, denn die anderen sind alle gegangen und Tina holt ihre Hefter und die Federmappe aus ihrer Tasche.
„Na dann. Ich nehme jetzt einen schwarzen Tee und du? Willst du auch noch etwas trinken oder nebenbei essen?“
„Wie? Ich esse doch nicht nebenbei, wenn du lernst. Ich bin satt, danke.“, meint er locker und lehnt sich entspannt zurück.
„Wie kannst du bei deinem Energieverbrauch, von einer Nudelsuppe und vier Spezial-Rollen Sushi, satt sein? Das reicht mir ja nicht mal aus. Und ich wiege sicher gut zehn Kilogramm weniger als du.“, fragt sie skeptisch und appelliert daran, dass er sich nicht zurückhalten soll.
„Bin ich aber. Nun fang an.“, murrt er plötzlich.
‚Mir ist das eh schon zu doof, dass sie mein Essen bezahlen will.‘ Tina setzt einen strengen Blick auf. Jedoch dann schaut sie herab auf ihre Matheaufgaben.
‚Ach Kojiro, du machst mir doch nur was vor, weil ich es ausgebe und du mir nicht auf der Tasche liegen willst. Da wirfst du mir lieber einen strengen Blick zu, als Dankbarkeit zu zeigen?
Nun gut, wenn es so schlimm für dich ist, dass es deinen Stolz verletzt, dann kann ich auch nichts machen.‘
„Wie lange hast du jetzt Zeit für mich?“, kommen wieder einfache freundliche Worte, um die Diskussion zu beenden.
„Ich muss spätestens 23:30 Uhr zu Hause sein, dann muss meine Mutter zur Arbeit. Aber wir dürfen ohnehin nur bis 0 Uhr draußen sein, weil wir keine 18 sind.“
„Hast du nicht eben noch gesagt, sie hat heute frei?“
„Hatte sie auch, aber die Nachtschichten gehen 0 Uhr los. Ich bin in der Regel 23 Uhr fertig und gehe dann heim.“
„Oh, ich verstehe. Was arbeitet deine Mutter?“
„Sie ist Krankenschwester auf der Intensivstation und oft auch für die Kinder zuständig.“ Tina signalisiert, noch etwas bestellen zu wollen. Es kommt jemand und kurz darauf hat sie ihren Tee mit Milch und Honig und Kojiro bekommt eine zweite Cola, die er sich statt etwas zu Essen bestellt hat. Er schnappt sich den anderen Hefter, in dem Tinas Fragen von der Toho-Uni drin sind und staunt nicht schlecht über ihre Antworten.
‚Du meine Güte. Das sind Fragen, die gehen über unsere Klassenstufe hinweg. Aber wenn es nicht gerade die naturwissenschaftlichen Themen sind, sind die Antworten alle richtig. Auch Natur und Biologiefragen sind oft eher Ansichtssache als Fehler. Über Japan hat sie sich eindeutig gut informiert. Unsere Geschichte ist in groben Zügen ebenso komplett vorhanden. Sicher hat Genzos Familie mitgeholfen, auch schon vor dem Umzug.‘ Er blickt nachdenklich zu ihr auf die Hände, wie sie mit ihrer weniger schönen Schrift im Block die Aufgaben löst, die er ihr im Unterricht bereits aufgeschrieben hat, um sie zu üben.
„Und? Hättest du das alles gewusst?“, fragt sie nebenbei.
„Vieles, aber nicht alles. Jeder hat so seine Stärken und Schwächen.“, sagt er dann nur.
„Wow, du kannst dich aber gut rausreden.“, grinst sie und schreibt ihr nächstes Ergebnis hin.
„Stimmt es bis jetzt?“, fragt sie dann gleich danach.
„Ja, alles richtig. Du lernst schnell.“, lobt er, als hätte er seine kleine Schwester vor sich sitzen.
„Echt jetzt? Du lobst mich wie ein Kind? Das musst du nicht.“, schmunzelt sie und schaut zu ihm auf. Er ist etwas irritiert. Was hat er denn jetzt Falsches gesagt? Er wollte doch nur freundlich sein und seinen Gedanken aussprechen.
„Sorry, so war das nicht gemeint. Ich dachte ein Lob kann nie schaden.“
„Danke, ich weiß das doch, aber mir reicht es, wenn ich weiß, dass ich es verstanden habe. Und das habe ich dank dir. Danke dir also für gutes und verständliches Erklären. Du bist ein guter Lehrer, Kojiro.“, lächelt sie ihn an. Dann zeigt sie auf das Blatt.
„Also, das kann ich jetzt, ich habe es verstanden und bei welchen darauffolgenden Aufgaben muss ich das jetzt anwenden, damit ich auch gleich das verstehe? Die restlichen Übungsaufgaben übe ich zu Hause.“ Er erklärt ihr die weiteren Rechenwege und schreibt erneut Aufgaben auf. Tina macht sich sofort ans Werk. Sie sieht ihm bewusst nicht so oft in die Augen, solange er seine Erklärungen so formuliert, dass seine Hände auf dem Papier etwas zeigen oder aufschreiben, damit sie sich wirklich nur auf die Aufgaben konzentriert.
Es vergeht etwa eine viertel Stunde, da kommt jemand in das Lokal, den sie kennen. Tina bemerkt die Person und richtet sich auf.
‚Oh, der sogenannte „Champion“, wie ihn alle nennen. Ob er gleich wieder umdreht, wenn er uns sieht?‘ Natürlich schaut auch er durch den Raum.
Am Fenster sitzt noch immer der Mann, der die beiden Schüler zuvor angesprochen hatte. Inzwischen ist sein Kollege gegangen und seine Frau hat sich zu ihm gesellt. Sie sitzen mit einem Kännchen Jasmine Tee und unterhalten sich. Ab und an schaut er noch zu den beiden herüber, denn seine Gedanken sind noch nicht ganz verflogen von dem ganzen Trubel vorher, als die vielen anderen Schüler alle da waren.
‚Dieses Mädchen scheint den ersten Tag zu haben und trotzdem hat sie bereits viel Eindruck bei den anderen Schülern hinterlassen. Ich würde zu gerne wissen, was da angeblich in der Schulmensa passiert ist. Es klang, als hätte ein größerer Schüler das schüchterne hübsche Mädchen, das sich bei ihr noch bedankt hat, schikaniert. Und sie hat ihr geholfen?‘ Ihm kommen die Kommentare von dem vorlauterem Mädchen, dass sich neben Tina setzte, so seltsam vor. Plötzlich sprach sie ein interessantes Thema an.
„Tina, du bist aber auch echt mutig, das muss ich dir mal sagen. Da legst du dich mit dem Großen an und lässt ihn dann am Ende noch den Boden aufwischen. Voll genial.“
„Wie, was war denn genau?“, erkundigt sich Jun.
„Die kleine Kiki hinter dir, sie sollte dem Großen ihr Essen geben, aber Tina ist mehr oder weniger dazwischen gegangen.“ Sie erklärte es sehr leise und in kurzen Worten. Kiki ging daraufhin zu Tina und gab ihr die Hand. Zurückhaltend bedankte sie sich nochmal bei ihr.
„Immer wieder gern. Kommt das denn öfters vor oder war das nur, um mich persönlich herauszufordern?“
„Äh, ich äh. Naja, manchmal, wenn…ich äh…wenn keiner weiter da ist.“
Was war denn eigentlich wirklich in der Mensa los?
Tina betrat mit Kiki den Saal und alle sahen zu ihnen. Natürlich tuschelten einige ganz leise und blickten ihr nach, als sie zur Essensausgabe gingen. Zwischendurch sah Tina sich höflich um, als würde sie jedem mit einem freundlichen Blick grüßen. Danach waren sie auf dem Weg zu einem leeren Tisch und ein großer kräftiger Schüler stellte sich ihnen plötzlich einfach in den Weg. Kiki zuckte wie immer zusammen und war verängstigt. Sie mochte diesen Jungen oder eher schon jungen Mann, ganz und gar nicht. Er machte das nicht zum ersten Mal bei ihr. In der Regel gehen ein paar andere Jungs dazwischen und dann löst es sich von selbst auf, aber diesmal stand er direkt vor Tina und beachtete sie nicht weiter. Er versuchte sie einzuschüchtern, indem er aufgebäumt zu ihr herabsah und fragte, ob sie ihm etwas von ihrem Essen abgeben würde. Sie bräuchte doch sicher nicht alles.
„Hallo Neue, du brauchst doch sicher nicht alles, darf ich etwas von deiner Ration abhaben?“ Sie sah ihn freundlich an.
„Wenn ich nicht so einen Hunger hätte, gerne. Es tut mir leid, ich esse für meine Größe erstaunlich viel.“
‚Die Kleine ist mutig. Sieht mich so selbstsicher an und will nichts abgeben.‘ Er grinste plötzlich, statt freundlich zu gucken.
„Dann gibt mir deine Freundin sicher was ab. So wie immer.“ Er sah streng zu Kiki und sie wich etwas zurückhaltend zurück, hielt ihr Tablett krampfhaft fest und schaute nur auf ihr Tablett. Tina hob die Hand und hielt sie gespreizt über Kikis Mahlzeit. Ihr Blick war noch freundlich.
„Am besten du wartest ab, bis wir mit dem Essen fertig sind und sollte etwas übrig sein, kannst du gerne nochmal fragen. Zum Wegwerfen ist es zu schade, oder Kiki?“ Das kleine Mädchen neben ihr blickte erstaunt zu Tina auf und lächelte beeindruckt.
‚Tina, du bist ja echt mutig. Wie kannst du dich denn einfach gegen ihn stellen?‘
Der Große machte sich noch etwas breiter und knurrte sie an.
„Bist du sicher, dass ihr mir nichts abgeben wollt?“ Tina setzte ein freundliches Lächeln auf.
„Das bin ich. Ich wiederhole mich ungern und Hunger habe ich auch. Uns rennt die Zeit davon. Bist du so nett und lässt uns jetzt durch?“ Er grinste und ging zur Seite, doch da stieß er plötzlich kräftig Kikis Arm, dass ihr das Tablett aus den Händen rutschte und es samt dem Essen herunterfiel.
„Oh, das tut mir aber leid. Hättet ihr mir mal was abgegeben. Jetzt müsst ihr euch das teilen.“, grinste er und ging dann einfach auf seinen Platz. Kiki sah nur entsetzt zu Boden und kniete sich hin, um das einzusammeln, was noch brauchbar war. Sie schniefte und griff zum Apfel und dem Puddingbecher, der noch verschlossen war. Tina sah nur kurz dem Kerl hinterher und dann zu Kiki.
„Steh auf! Lass das liegen.“, sagte sie leise mit fester Stimme. Kiki tat, was sie sagte, und sah sie dann verwundert an.
„Kiki, siehst du dort hinten am Fenster den freien Platz? Genau zwischen den kräftigen Jungs und den fünf großen Mädchen? Dort gehst du jetzt mit meinem Tablett hin und isst in Ruhe. Hast du verstanden?“
„Wie? Zu den großen? Warum ausgerechnet zu ihnen?“
„Ja, sofort. Weil sie eben schon reagiert haben. Sie wollten uns vermutlich helfen. Und der hier, wird sich bestimmt nicht mit denen anlegen allen wollen.“, flüsterte sie. Kiki legte die zwei Lebensmittel auf das Tablett und ging los. Tina hockte sich hin und sammelte das Essen ein. Inzwischen kam einer der Jungs aus ihrer Klasse mit Besen und Schaufel an, sowie zwei weitere, die ihr helfen wollten.
„Danke, das ist nett von euch. Ich brauche eure Hilfe nicht. Geht ruhig wieder zurück an eure Plätze. Ich mache das selbst, immerhin bin ich auch verantwortlich dafür.“, sprach sie klar und fordernd.
Gleich darauf ging sie mit ihrem Tablett zu dem großen Kerl, der sich an seinem Tisch mit seinen drei Leuten amüsierte. Sie stellte ihr Tablett neben ihn und sah ihn freundlich an. Dann setzte sie sich zu ihm auf den Tisch.
„Oha, was wird das jetzt? Die kleine Blondine ist scheinbar sauer und will eine Entschuldigung von mir.“
„Nö. Die kriege ich sowieso nicht. Das ist sinnlos. Aber es gibt etwas, was ich von dir will…etwas viel Wertvolleres als eine Entschuldigung.“, tat sie, als würde sie ihm schöne Augen machen und fuhr mit dem Zeigefinger über den Tisch in seine Richtung, blieb aber in seinem Blick.
„Ui…na dann. Was wünscht du dir denn von mir, Süße?“ Tina grinste und stand langsam auf. Dann griff sie zu ihm, Richtung rechten Arm und tat so, als würde sie ihn gleich berühren wollen.
„Echt jetzt? Was soll das werden?“
„Du bist groß und stark und…“ Dann schnappte sie sich plötzlich seinen Teller, den er noch nicht angefasst hatte, ihre Stäbchen, die sie zuvor aus der Tüte genommen und zerbrochen hatte, während sie die Sachen aufhob, und grinste ihn an.
„…und das war es auch schon.“, äußerte sie auf eine gelangweilte Art und Weise, ging ein paar Schritte zurück und begann in Windeseile zu essen. Zwar waren Reis und Soße und auch die kleinen Fleischstückchen etwas kalt geworden, aber es schmeckte ihr trotzdem. Er stand völlig verdattert auf und wollte nach ihr greifen.
„Was erlaubst du dir, du Schlampe?!“ Jedoch konnte sie ihm mit Drehbewegungen und ein paar kleinen Schritten ausweichen und das mehrfach, da er es immer wieder versuchte sie an der Schulter zu packen. Sie hatte den Teller fest in der Hand und mit Stäbchen konnte sie ohnehin schnell essen. Es sah fast aus, wie ein kleiner Tanz. Das war kein Problem. Als sie den letzten Happen heruntergeschluckt hatte, stand er plötzlich wieder vor ihr, wollte sie an den Schultern packen, aber sie schnappte mit den Stäbchen blitzschnell nach seiner Nase. Er wich zurück, als er es bemerkte, da er fürchtete die Stäbchen in die Augen zu bekommen.
„Ich habe mir nur geholt, was mir zusteht. War lecker, muss ich ja sagen. Ein großes Lob an die Küche!“ Dann drückte sie ihm den Kantinenteller direkt an die Brust, so dass er ihn festhalten musste, damit der Rest nicht herunterfiel und so hielt sie ihn sich weiter vom Leib. Ihr Blick wurde streng und war zu ihm aufgerichtet. Ihr Zeigefinger belehrend auf ihn gerichtet.
„Lass dir mal eins sagen: Nicht die Großen und fressen die Kleinen, nein…denn die Schnellen fressen die Langsamen. Und eins noch!
Leg dich niemals mit mir an, wenn ich hungrig bin. Das kommt IMMER zurück.“
Mit diesen Worten ging sie ihm aus dem Weg und stolzierte in aller Seelenruhe zum Tisch zurück, holte sich ihr Tablett und brachte es zur Rückgabe. Plötzlich fingen einige an zu klatschen. Tina grinste und nutzte die Gelegenheit. Sie holte den Besen und den Aufnehmer und ging wieder zurück. Sie blieb vor dem Kerl stehen, der noch immer wie benommen dastand und ihr nachschaute. Noch immer mit strengem Blick hielt sie ihm das Putzzeug vor die Nase.
„Wenn du fertig bist mit dem Essen, machst du weg, was du verursacht hast. Ich würde mich an deiner Stelle beeilen, sonst verteilt es sich im ganzen Saal, dann dauert es länger.“
„Gar nichts werde ich, verstanden?!“, kam er ihr streng entgegen.
„Machen Sie schon! Sie hat Recht. Machen Sie es sauber!“, kam plötzlich der strenge Ton eines Lehrers. Er sah ihn überrascht an. Im Eingangsbereich und an den Scheiben standen einige Lehrer und Lehrerinnen, sowie ein paar Trainer. Er knurrte und stellte den Teller auf seinen Tisch, griff dann nach dem Besen und der Schaufel und machte, was sich nicht vermeiden ließ. Vor allen Anwesenden wurde gefegt. Die Küchenhilfe brachte noch Eimer und Wischer, damit auch die Soße und jeder Rest weg war. Als Tina ihm beim Wischen zusah, griff sie energisch ein und nahm ihm den Wischer aus der Hand.
„Meine Güte, da kann ja keiner zusehen. Pass auf, so macht man das richtig.“ Sie stellte sich an einem Ende hin und wischte im Zickzack, drehend den Wischer schnell das kleine Stück in ihre Richtung. Dann machte sie das Tuch mit einem Fußtritt von der Halterung ab, legte den Lappen in den Eimer und griff das trockene Tuch und machte es fest.
„Du wolltest doch nicht ewig hier stehen, vor den anderen, oder?“ Er sah sie verblüfft an.
‚Wieso macht sie das jetzt? Aus der wird man echt nicht schlau.‘
„Jetzt nimmst du das trockene Tuch und machst genau dasselbe und wischst es trocken hinterher. So wie ich es gezeigt habe.“ Er versuchte sein Bestes und stand dann wieder neben ihr.
„Gut, jetzt vier Stühle drumherum stellen, als Absperrung. Fenster auf und schnell ist es wieder trocken und keiner verletzt sich.“, ordnete sie an. Dann verließ sie ihren Posten und ging zu Kiki und er brachte das Wischzeug weg.
Nun steht er da, der große Boxchampion, das größte Nachwuchstalent Japans, und schaut durch das Lokal, suchend nach jemanden. Als er Tina und Kojiro entdeckt, stockt er.
‚Verdammt. Wieso müssen die ausgerechnet hier sein? Was mache ich jetzt? Bettina Fuchs und Hyuga.‘
Tina sieht zwar eher wie unauffällig zu ihm, aber ihm ist klar, was sie denken könnte.
‚Na hoffentlich sagen die nichts. Weggehen kann ich schlecht.‘ Tinas Blick wirkt eher unbeteiligt, fast neutral, was ihn stutzig macht. Dann erblickt er seine Eltern und geht zu ihnen.
„Shota, mein Großer. Hast du endlich dein Training beendet?“, begrüßt ihn seine Mutter erfreut. Er steht vor dem Tisch seiner Eltern, welche am Fenster sitzen. „Wie war dein Tag? Setz dich doch. Du hast sicher großen Hunger, nach dem Training.“, entgegnet sein Vater stolz. Shota versucht einfach locker zu bleiben und setzt sich natürlich neben seine Mutter, seinem Vater schräg gegenüber. Es wird für die Familie bestellt und als der Kellner wieder zur Theke geht, schaut er ihm unauffällig hinterher, als würde er ihm nur nachschauen, aber in Wirklichkeit versucht er zu Tina zu sehen.
‚Die lernen ja wirklich zusammen. Ich dachte, das ist nur ein Gerücht. Aber wieso sitzen die denn hier rum, statt zu einen von sich nach Hause zu gehen?‘
„Na, Großer, dein Training muss ja heute heftig gewesen sein, so wie du aussiehst, im Gesicht.“, neckt ihn sein Vater und nimmt einen Schluck von seinem Jasmine-Tee. Shota zuckt etwas irritiert zusammen. Sein Puls steigt etwas an.
„Hm, ja. Ich war heute nicht so gut drauf.“, meint er dann nur und starrt etwas auf die Teekanne, die aus weißem zartem Porzellan besteht und mit hübschen roten Blütenblättern verziert ist, die an einem Zweig zu hängen scheinen und herunterfallen. Die roten Blütenblätter erscheinen ihm wie Blutstropfen auf weißer Bandage, die er heute Nachmittag unter den Boxhandschuhen trug, als er den Ring betrat und seinem Trainer gegenüberstand. Warum sahen seine Bandagen so aus?
Als er nach der Schule wie gewöhnlich in der Umkleide stand und seine Uniform in den Spint hing und er sich umzog, nur noch Unterwäsche an und sitzend auf der Bank zwischen den Spinten, da wickelte er sich seine Bandagen zurecht. Die anderen waren ebenso bereits da und zogen sich um. Seine drei Freunde, die in der Mensa an seinem Tisch saßen, waren ebenso neben ihm auf der Bank. Auch sie bereiteten sich aufs Training vor. Es war etwas ungewöhnlich ruhig heute. Das fiel ihm bereits auf. Ihm war klar, dass die Situation in der Mensa irgendwelche Konsequenzen haben wird, dass ihn die Jungs auslachen würden, weil er sich von der kleinen Neuen hat rumkommandieren lassen oder vor den Lehrern und Trainern kuschen musste. Lächerlich hat sie ihn vor der ganzen Schule gemacht. Er rechnete jederzeit mit Neckereien oder Gelächter. Die Stille und das Schweigen seiner Mitstreiter war ihm jedoch lieber als dumme Kommentare. Dann betrat der Trainer die Umkleide und machte eine überraschende Ansage.
„Willkommen Männer, ihr seid nun vollzählig, das ist gut. Ich habe mir überlegt euch heute eine sehr wichtige Lektion im Punkt sportliches Verhalten und gegenseitigen Respekt zu erteilen.“ Alle Herren blickten erstaunt zu ihm. Sein Blick ging einmal in der Umkleide zu jedem einzelnen Kämpfer. Bei Shota blieb er kurz stehen und dann aber richtete er seinen Blick wieder in die allgemeine Runde.
„Nun stellt euch mal folgendes vor: Ihr seid allein unterwegs und beobachtet, dass eine Frau oder ein Mädchen belästigt wird. Was tut ihr?“
„Na dazwischen gehen natürlich. Da schaut von uns bestimmt keiner weg!“, knurrte jemand aus der hinteren Reihe sofort auf.
„Gut, und wie geht ihr dazwischen?“
„Hingehen, die Person oder die Personen zuerst höflich ansprechen und darum bitten sich zu entschuldigen oder das zu unterlassen. Es kommt darauf an wie weit die Situation bereits ist.“, begann jemand.
„Ja, genau. Aber wenn es eilt, kann man eben nicht lange höflich sein. Dann kann man nur handeln.“, brachte sich ein weiterer Mann voller Überzeugung ein.
„Wenn nötig und möglich, die Polizei rufen und erst dann eingreifen. Kommt auf die Situation drauf an.“
„Und Sie Herr Shota? Was würden Sie tun?“ Er stand auf und blickte seinen Trainer verständnisvoll an.
„Trainer, ich habe schon verstanden, was Sie mir mitteilen wollen. Das hätten Sie mir auch unter vier Augen sagen können.“, brummte er etwas zurückhaltend, aber es klang respektlos.
„Ach? Warum? Ist Ihnen das etwa unangenehm, wenn ich Ihnen hier vor allen anderen meine Meinung sage? Ehrlich gesagt, liebe ich es meine Stärke, meine Position und meine Macht anderen gegenüber zu demonstrieren. Das müssten Sie wissen. Sie spüren das jeden Tag beim Training oder wenn wir für Wettkämpfe unterwegs sind. Ich richte sie jedoch niemals gegen Wehrlose oder gar gegen Frauen.“, sprach er deutlich genug aus. Es war still im Raum.
„Es wird nicht wieder vorkommen, Trainer.“, sagte Shota nur mit fester Stimme. „Die kleine Kiki hat sich übrigens bei der Aktion verletzt. Ihr Trainer hat mich angesprochen. Sie kann durch die Verletzung ihr Gleichgewicht auf dem Eis nicht mehr ausreichend halten, um jede Figur zu trainieren. Dadurch ist sie mehrfach gestürzt und hat sich noch mehr verletzt als ohnehin schon.“
„Wie bitte? Ich habe sie überhaupt nicht angefasst!“, knurrt er ihn mit wütendem Blick an.
„Ach, haben Sie nicht? Ist ihr Tablet von selbst heruntergefallen?“, stellte der Trainer skeptisch und ruhig in den Raum. Wieder war es still. Ohne weiter etwas zu sagen, drehte er sich um und ging zur Tür. Dann drehte er sich wieder zu den Männern.
„Ach so. Ich habe jetzt ein wichtiges Gespräch mit dem Direktor. Es wird vermutlich eine halbe Stunde dauern.“, meinte er locker, als hätte er nur eine übliche Ansage gemacht. Erneut drehte er sich zur Tür und berührte diesmal die Klinke und öffnete sie.
„Ach ja, und noch mal zur Erinnerung an unsere Leitsätze. Ergänzt einen Satz:
Wer hat immer die größte Macht im Ring?“
„Der Ringrichter.“, kam von vielen wie aus einer Pistole geschossen.
„Und wenn ein Mann am Boden liegt oder das Handtuch wirft?“
„Auch der Ringrichter. Er entscheidet über Sieg oder Niederlage.“, sagt ein anderer sehr laut.
„Macht euch inzwischen warm. Wir sehen uns nachher im Ring. ICH bin heute der Ringrichter.“ Mit diesen seltsamen Worten verlässt er die Umkleide und begibt sich zum Direktor. Kaum hat er den Raum verlassen, stehen alle bis auf Shota und seine drei Männer auf und schlagen jeweils ihre rechte Faust in die linke Hand. Alle Blicke sind auf sie gerichtet und es sind viele böse und zornige Blicke.
„Was hast du zu sagen, Champion?“
„Was haben wir da gehört? Wie oft hast du das schon getan? Der kleinen Kiki das Mittagessen weggenommen und sie jetzt sogar verletzt?
Du nutzt es aus, wenn von uns keiner in der Mensa ist und ziehst so eine Nummer ab?“
„Und ihr Feiglinge seht dabei auch noch zu?“, wurden auch die anderen drei angemacht.
„Sowas brauchen wir hier nicht! Ihr zieht unseren Sport und unsere Philosophie in den Dreck! Shota, dabei spielt es keine Rolle mehr, wie gut du bist.“
„Genau, jetzt wundert es uns nicht, dass kaum ein Mädchen mit uns ausgehen will, die denken vermutlich, wir sind alle so oder dass wir Mädchen verprügeln oder sowas.“
„Genau, die haben Angst vor uns. Da können wir noch so nett sein.“
„Feige Sau!“
„Deine Arroganz kotzt uns schon die ganze Zeit an, aber das hier…ist nicht zu ignorieren.“
Etwa zehn Minuten später lag er am Boden, versuchte sich aufzurichten und wischte sich das Blut von den Lippen. Er war allein und schleppte sich auf die Bank hoch. Ihm taten alle Knochen weh. Jeder der anderen war der Meinung ihm seine Meinung kundzutun. Ob berechtigt, ob es auf diese Weise sein musste, mag dahingestellt sein, aber er kennt die Regeln der Schule: Die Schüler erziehen sich gegenseitig.
‚Sie haben Recht…verdammt. Ich habe mich in den letzten Monaten wirklich sehr verändert.‘ Er schaute auf seine Bandagen, die roten kleinen Flecken und der Streifen vom Mundabwischen ließ ihn etwas grinsen, aber nicht aus Freude oder Spaß, nein, aus Einsicht.
„Ich war so dämlich…Frauen Angst einzujagen. Wieso hat es mich nicht gestört? Ich würde doch niemals eine Frau oder ein Mädchen schlagen, und trotzdem…warum habe ich mich auf diesen scheiß Pakt eingelassen? Ihr das Essen ab und zu wegnehmen, warum eigentlich?“, sagte er sich selbst und blickte auf, zu einem der Sprüche, die über der Tür hängen. Ein Spruch, der auch neben weiteren im Boxstudio hängen, ganz groß auf bunten modernen Bannern, teilweise sogar mit dem Gesicht des Boxers daneben, um daran zu erinnern, wie wertvoll diese Sprüche sind.
„Ein Boxer ist nicht nur ein Athlet, sondern auch ein Vorbild für Disziplin und Einsatz.“
‚Hm. Vorbild.‘ Er legte seine etwas lädierte Stirn in seine Hände und stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen nackten Beinen auf. Er versuchte die Schmerzen zu ignorieren, aber diesmal ging es nicht so einfach wie sonst. Sie fühlten sich intensiver an, als sonst.
Wir sehen uns im Ring!!!
Kapitel 26
Wir sehen uns im Ring!!!
Die Tür ging plötzlich auf. Die halbe Stunde war noch nicht vorbei, aber der Trainer sah prüfend in den Raum. Kaum ging die Tür auf, sah er zu seinem stärksten Mann und grinste dann. Er betrat den Raum und schloss die Tür zu, damit niemand stören konnte.
„Und? Wie fühlt es sich an, gegen eine Übermacht?“ Shota sagte nichts dazu und blieb nur in seiner Position sitzen.
„Wo sind die anderen drei?“
„Abgehauen, bevor es losging.“, murrte er.
„Ach, tatsächlich?“ Der Trainer hatte ein paar Zeitschriften sowie Ausdrucke in der Hand und zwei VHS-Kassetten. Diese und einen schmalen Ordner legte er auf eine Bank und setzte sich daneben. Ihm gegenüber.
„Sehen Sie, die drei taugen nichts, nicht als Boxer und nichts als Freunde. Wahre Freunde, hätten Ihnen beigestanden.“
„Vermutlich, keine Ahnung.“
„Wissen Sie, was mich bei Ihrer Aktion am meisten stört? Und vorhin ist es mir besonders aufgefallen.“ Shota blickte zu ihm.
„Was denn?“
„Ihre verdammte Gleichgültigkeit. Wie kann es sein, dass Sie bei meiner Bemerkung, dass sich die kleine Eisprinzessin so sehr verletzt hat, dass sie nicht mehr richtig trainieren kann und dadurch weitere Verletzungen zuzog, nur an ihren eigenen Arsch denken? Keine Empathie, kein Schuldgefühl, nichts.“ Fast wie entsetzt sah Shota seinen Trainer an.
„Jetzt frage ich Sie und ich will eine ehrliche Antwort haben.“ Er pausiert und holt tief Luft.
„Wollen Sie an die Weltspitze oder nicht?“ Shota senkte nur den Kopf. Wirklich darauf antworten, konnte er in diesem Moment nicht.
An der Weltspitze sein, was war das schon wert? Ja, das wollte er mal, ganz oben mitmischen
„Technisch sind Sie auf einem guten Weg in die Asien-Kämpfe, obwohl Sie in den letzten Monaten deutlich an Elan verloren haben. Wo ist Ihre Motivation hin?
Als ich Sie vor zwei Jahren kennenlernte, waren Sie hochmotiviert, nahmen jeden Tipp an und probierten sich sehr viel aus. Dann kam die Landesmeisterschaft und danach, kam nicht viel Neues und Ihre stolze Art, verwandelte sich in Arroganz und Respektlosigkeit, vor allem Ihren Mitstreitern hier und mir gegenüber.
Und nun kommt Empathielosigkeit oder Frauenhass dazu? Mit so einer Persönlichkeit, nein, damit wird es nichts, nicht als Japaner.“ Er wurde erneut pausiert.
„Japaner sind höflich, fleißig, hartnäckig, stolz, stehen immer wieder auf und sie beschützen ihre Frauen. Wenn Sie keines dieser Eigenschaften mehr besitzen, dann sind Sie hier vollkommen fehl am Platz. Verlassen Sie die Schule, gehen Sie arbeiten oder was auch immer, aber Kampfsport…nein…das ist nichts für Sie.“, waren strenge und ernste Worte zu hören. Der Achtzehnjährige stand entschlossen auf, sah seinen Trainer nicht an und öffnete nur seinen Spint. Er legte seine Schuhe wieder rein, die er vor der Aussprache mit seinen Mitstreitern noch neben der Bank liegen hatte.
„Gut, dann gehe ich. Sie haben Recht. Es hat so keinen Sinn.“, meinte er muffig und atmete tief durch. Er begann seine Bandagen lose zu wickeln.
„Sie sind ein Feigling, ja. Genau das sind Sie. Sie werfen einfach das Handtuch?! Sogar die kleine Kiki und diese kleine Blondine, die beiden Mädels haben mehr Eier in der Hose als Sie!“
„Vermutlich. Gehen Sie einfach. Ich werde die Schule verlassen, mit dem was meine Eltern hier an Gebühren zahlen, kann ich auch an einer anderen Schule meinen Abschluss machen und woanders studieren. Ich bin nicht auf die Toho angewiesen, wie die Stipendiaten.“
„Was wollen Sie studieren? Sie haben es nie verraten.“
„Meeresbiologie.“
„Oh, etwas für die Umwelt? Wie kommts?“
„Ich habe als Kind zufällig mal eine Reportage gesehen, über die Delfinjagt in Taiji. Seitdem habe ich mich dafür interessiert was so da draußen passiert. Robbenbabys, Eisbären, Tiger und Wale, Überfischung. Sowas eben. Wir Menschen sind ziemlich grausame Tiere, aber…jetzt…gehöre ich wohl eher selbst dazu…“
„Jetzt wissen Sie, was ich meine, oder? Sie waren doch nicht immer so. Essen Sie deswegen kein Sushi mit Fisch, immer nur die mit anderen Zutaten?
Sie haben ein Herz für Tiere und fragen mich noch immer nicht wie es der kleinen Eisprinzessin jetzt geht?“ Shotas Puls stieg enorm an und wütend über sich selbst schlug er an den Spint.
„Ich bin…so ein Arsch!“
„Was ist passiert? Warum eigentlich die Eisprinzessin? Wie lange geht das denn schon?“ Erneut schlug er gegen den Spint, mehrmals, immer zwischen den Türen an die Kanten der stabilen Wände.
„Seit…diesem Schuljahr. Alle paar Wochen mal.“, gestand er offen.
„Lassen Sie einfach mal alles raus, Shota. Nicht jeder Frust lässt sich im Ring austragen oder allein mit einem Sandsack auspowern. Manchmal…muss man reden, einfach nur reden, sonst wird es alles nur schlimmer.“
„Ich…ich…“, stotterte er plötzlich.
„Ich…kann nicht…“, meinte er dann und schlug erneut gegen den Spint, starrte auf seine Boxhandschuhe, welche im kleinen oberen Fach lagen.
„Ich habe nicht grundlos den Raum abgeschlossen. Alles bleibt hier drin. Genauso als würden wir in meinem Büro reden.“
„Es…geht trotzdem nicht.“ Der Trainer stand entschlossen auf.
„Gut, dann nicht. Aber mal so ne Frage unter Männern. Darf ich darauf wenigstens eine Antwort haben?“ Shota drehte sich zu ihm um.
„Was denn?“
„Welche von den beiden finden Sie am hübschesten? Oder anders gefragt, welche von ihnen wäre eher Ihr Typ?“ Shota sah seinen Trainer pikiert an.
„Was soll das denn jetzt? Ist doch völlig egal.“, meinte er und drehte sich wieder um.
„Nun sein Sie mal nicht so. Welche von Ihnen gefällt Ihnen denn nun am besten? Sie sind beide sehr hübsch, aber völlig verschieden. Als Sie ihnen gegenüberstanden, was haben Sie gedacht? Haben Sie sich irgendetwas vorgestellt, wo Sie wissen, es wird vermutlich nie passieren?“
„Ich fühlte mich von Tina provoziert, das war alles. Deswegen der Anstoß an Kikis Arm. Natürlich sind sie beide hübsch, aber sie sind nicht mein Typ. Zu jung sowieso.“, meinte er dann locker.
„Quatsch. Nun sagen Sie schon warum musste es Kiki sein, der Sie bereits seit Monaten das Mittagessen stehlen? Sie stehen auf die Kleine und wissen genau, dass sie Ihnen nur auf diese Weise Aufmerksamkeit schenkt, weil sie so schüchtern ist. Statt sie einfach um ein Date zu fragen und eher den Beschützer zu spielen, ziehen Sie so eine Nummer ab.“ Shota stöhnt und hauchte ein leises „Tina“, heraus.
„Es…war Tina. Sie ist vermutlich sehr aufregend.“, sprach er dann auf einmal und atmete tief durch.
‚So eine dämliche Frage. Was soll das dumme Gefrage? Kann er nicht einfach mal Ruhe geben?
Ich will hier nur noch weg.‘
„Aber sie ist doch erst seit heute da. Und welche Augenfarbe hat sie denn nun? Ich kann das von Weitem gar nicht sehen. Sind sie blau oder grün oder was mit Grau und Blau?“, hakt er nach.
„Blau, einfach blau.“, sagte er dann, damit sein Trainer endlich Ruhe gab.
„Falsch! Sie waren ihr so nahe, sahen ihr mehrmals in die Augen und behaupten auf sie zu stehen, weil sie aufregend sei? Und dann merken Sie sich von ihr nicht einmal ihre Augenfarbe? Das ist es doch, was sie überhaupt so anziehend und aufregend macht. Ihre schönen großen türkisblauen Augen und ihr blondes schönes Haar. Ihr runder durchtrainierter Hintern. Im Badeanzug war doch genug zu sehen.“, kamen provozierende Worte. Er stellte sich hinter seinen Champion und berührte ihn an der Schulter.
„Geben Sie doch einfach zu, dass Sie weder an der einen noch an der Anderen Interesse haben. Sagen Sie es ruhig, dass Sie nichts dabei empfinden, wenn Ihnen ein Mädchen schöne Augen macht, oder ihnen nahekommt, sehr nahe, so wie in der Kantine, wo die freche Füchsin ihnen absichtlich ihre „Schleife“ vor die Nase hielt, wissentlich, dass darunter ihre Brüste sind und Sie nur einen dummen Spruch tätigten, statt wie jeder andere in Ihrem Alter rot zu werden.“ Er ließ ihn wieder los und ging etwas zur Seite, um ihn von der Seite zu betrachten. Shotas Herz klopfte wie wild und er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte.
„Nun sagen Sie mir schon, was mit der kleinen Kiki ist? Was soll das mit der Essensache?“ Plötzlich schlug er noch doller auf den Spint ein als zuvor, sank weinend zu Boden, verblieb in der Hocke und brüllte wütend auf.
„Verdammt nochmal, das interessiert mich überhaupt nicht…was…gehen mich ihre Brüste an?!
Ich…ich…habe eine Beziehung zu einem Mann!“ endlich war es raus. Der Trainer ging zügig zu ihm, packte ihm am Arm und zog ihn entsetzt hoch und sah ihn ernst an.
„Stehen Sie auf! Sind Sie verrückt? Auf dem Boden sitzen und jammern. Setzen Sie sich auf die Bank, los!“
„Was ist mit Kiki? Was hat sie Ihnen nur getan? Was hat sie damit zu tun?“ „Ich…ich muss…es ab und an machen. So…will es ihr Trainer.“, sprach er plötzlich unter Tränen, die ihm ganz leise an den Wangen vorbeiliefen. Auf der Bank legte er seine Hände auf sein Gesicht und er stütze sich mit den Ellenbogen auf seinen Beinen ab.
„Ihr Trainer? Verstehe ich nicht.“, wurde er skeptisch.
„Er…hat etwas gegen mich in der Hand und wenn ich…nicht tue, was er sagt, dann…geht er damit an die Presse. Mit den Fotos.“
„Wie bitte? Eine Erpressung? Was für Fotos sind das?“
„Von…meinem Partner und mir. Er hat uns beim Küssen erwischt, nach dem National-Wettkampf.“
„Oha. Nun gut. Warum sind Sie da nicht zu mir gekommen? Wir Trainer sind nicht nur dafür da, Sie zu trainieren, sondern auch, um Sie auf alle Probleme vorzubereiten, die Ihnen in Ihrem Sport begegnen könnten. Eine Erpressung gehört dazu, ebenso wie der Umgang mit Skandalen.“ Etwas verwundert schaute er seinen Trainer an.
„Und was soll das nun mit Kiki? In welchen Abständen ist das? Oder ist das eher wahllos?“
„Er…gibt mir ein Zeichen und ist dann selbst bei den Mittagspausen dabei. Ein spezielles Zeichen.“
„Und wozu das Ganze?“
„Er meint, wenn sie hungrig trainiert, kann sie eher mal über sich hinauswachsen und wenn sie es geschafft hat, dann darf sie etwas essen. In der Regel weiß sie es sogar und gibt mir dann einfach den Teller. Deswegen fällt das in der Regel nicht ganz so doll auf.
Aber…wenn er mitbekommt, dass ich es nicht tue, dann will er reden und…deswegen…kam ich da heute nicht drumherum, ob Tina sich da nun einmischt oder nicht. Ich muss dafür sorgen, dass sie nicht zu viel isst.“
„So, so ein Mann der alten Trainer-Schule. Sowas habe ich mir schon fast gedacht, aber Sie da mit reinzuziehen, das ist eine bodenlose Frechheit.“, brummte er los.
„Wir werden den Spieß ganz einfach umdrehen.“
„Alte Schule? Wie meinen Sie das?“
„Es ist hier in Japan noch immer Gang und gebe Sportlern das Essen zu entziehen, um ihre Leistung durch den Druck und dem natürlichen Antrieb zu steigern. Das gibt es in vielen Sportarten, vor allem im Einzelsport wie unseren oder bei den Mädchen, besonders bei denen, wo es sehr genau auf das Körpergewicht drauf ankommt. Der Entzug von Nahrung hat im Körper ähnliche Wirkungen wie Doping, da es das Adrenalin oder den Willen ein bestimmtes Ziel zu erreichen für eine kurze Zeit erhöht. Auch körperliche Gewalt den Schülern gegenüber sind noch tägliche Praxis an den Schulen.
Haben Sie davon als Kind nie etwas mitbekommen?“
„Sie meinen sowas wie mit dem Stock auf den Rücken hauen bei Liegestützen, damit man keinen Schwung holt?“
„Ja, auch sowas gehört dazu. Hat das dein Trainer früher gemacht?“
„Ja, aber ich konnte das ja. Mich hat das nie betroffen. Aber auch der Lehrer im Schulsport der Grundschule. Vor allem bei den Mädchen. Da kam hier und da mal sowas in der Art vor.“
„Wir hier an der Toho haben einen Leitfaden und darin ist explizit eine Klausel speziell zum Thema „Gewalt an Kindern“ dabei. Uns als Trainer und Lehrer ist es verboten verbale Gewalt auszuüben.
Wenn dieser Trainer jedoch dafür sorgt, dass Kiki hungrig zum Training erscheint, verstößt er gegen diese Regelung. Und deswegen braucht er jemanden, der das für ihn erledigt. In dem Falle Sie, weil er Sie mit den Fotos bedroht.
Sind die Fotos so eindeutig, dass es keine Zweifel geben könnte?“
„Hm, ich weiß nicht.“
„Wie, Sie wissen es nicht?“
„Ich habe die nie gesehen.“
„Warum haben Sie sich die Fotos nicht zeigen lassen? Woher wollen Sie wissen, ob es überhaupt welche gibt? Er mag Sie ja gesehen haben, aber wer hat denn schon zufällig eine Kamera in der Hand?“ Shota sah ihn überrascht an.
„Sie machen sich viel zu viele Gedanken darum. Und jetzt musste das Mädchen darunter leiden, obwohl es dafür gar nichts kann.
Ein Mann mit unseren Fähigkeiten hat Verantwortung zu tragen und worin liegt unsere Verantwortung? Was steht in unseren Leitsätzen? Was ist unser wichtigster Leitsatz, hier an der Schule?“ Er zeigte an die Wand über dem Wäscheregal mit den frischen Handtüchern.
„WIR bewahren Respekt, Toleranz und Achtung jedem gegenüber. Jedem Leben gegenüber.“, las Shota vor und starrte das Banner an.
„Respekt, den müssen wir uns und unseren Gegnern entgegenbringen. Toleranz, das wäre es, was alle anderen Ihnen entgegenbringen muss, wenn sie es erfahren würden, ihr Geheimnis, und Achtung…die müssen wir uns bewahren und allen anderen gegenüber zeigen. In diesem speziellen Fall, der kleinen Eisprinzessin gegenüber. Sie gebührt Respekt und Achtung aus unserer Sicht. Ihre Achtung zu wahren, ist nun unser nächstes Ziel. Wir müssen dafür sorgen, dass auch sie Respekt erntet, denn den hat sie mehr als nur verdient und dass ihre Menschenwürde und ihre Würde als Frau gewahr wird.
Wenn wir ihr helfen, wird sie eventuell bereit sein und kann Ihnen verzeihen. Und wenn sie Ihnen irgendwann verzeiht, sie Ihren aktuellen Ruf an der Schule wieder herstellen, dann können wir auch weiter vorankommen. Sind Sie dabei? Wollen Sie noch immer ganz oben an der Weltspitze mitmischen?
Es wird ein sehr hartes Stück Arbeit, aber wenn Sie sich ab nun auf unsere Leitsätze und die Tipps der „Großen Champions“ halten, dann gibt es eine Chance.“ Shota schaut zu ihm.
„Ich kann…es trotzdem schaffen? Auch wenn…die anderen dahinterkommen?“ „Sie haben einen Vorteil hier in Japan. Das haben andere Leute nicht. Homosexualität ist ein Teil unserer Kultur. Es ist laut unserer Gesetzgebung weder verboten noch in irgendwelcher Form strafbar. Liebe und Zärtlichkeiten unter Männern hat es immer gegeben, seit Jahrhunderten, es wurde und wird nur nie darüber gesprochen, öffentlich gezeigt oder ähnliches. Da Japaner ohnehin dazu neigen, ihre Beziehungen nicht nach außen zu tragen oder offen durch Händchenhalten oder mehr zu zeigen, ist es leicht sich als Homosexueller zu tarnen. Natürlich gibt es Menschen, die Probleme damit haben und die Presse würde es aufbauschen, aber ohne Beweise, gehen die nicht darauf ein. Ohne Fotos, denn ich glaube, dass da keine sind, sonst hätte er sie gezeigt, passiert nur ein Gerücht und dann war es das.
Wie lange sind Sie mit ihrem Partner zusammen? Ist es immer dieser eine? Es klang danach.“
„Ähm, ja. Seit fast ein Jahr sind wir zusammen. Ich habe anfangs nicht gewusst, dass da eine Zuneigung war, aber dann war es plötzlich da, als wir uns privat begegnet sind. Einfach so, dabei hatte ich vorher ne Freundin.“
„Nun gut, die Details sind Ihre Sache. Manchmal kommen solche Erkenntnisse recht plötzlich. So ist das. Das klingt schon nach einer sehr ernsten Beziehung. Das ist aber gut, weihen Sie Ihren Partner ein, dass ich nun bescheid weiß. Dann muss er sich nicht mehr so sehr sorgen. Eine solche Beziehung etwas sorgloser zu führen, wird eine gute Erfahrung für Sie beide sein. Eventuell wird es Ihre Beziehung zueinander vertiefen, wenn es wirklich Liebe ist.
Ich hoffe doch, er ist kein verheirateter Mann, der seine Frau heimlich betrügt. Sowas gibt es leider oft.“
„NEIN, wir sind im selben Alter.“
„Okay. Geht er an unsere Schule?“ Es dauerte einen Moment.
„Ja.“, murrte er leise.
„Wollen Sie Champion sein?“, kam die Frage erneut.
„Ja.“, klang es ruhig.
„Wollen Sie ein Champion sein!?“, brüllte er ihn plötzlich an. Er zuckte zusammen. Plötzlich waren doch noch so ruhige mitfühlende Worte zu hören. „JA!“, kam dann als lautere Antwort. Sein Trainer stieß ihn provozierend an die Brust und sah ihn herausfordernd an.
„Wollen Sie an die Welt-Spitze kommen?!“
„JA!!“, spielte er plötzlich das übliche Motivations-Spielchen mit, um wieder auf normale Gedanken zu kommen. Das Ganze ging einige Male hin und her, bis der Trainer seinen gewohnten motivierten Ausruf vernahm. Einen überzeugenden Ausruf eines zukünftigen Champions.
„Dann ziehen Sie sich an, wir sehen uns im Ring!!“
„Junge? Träumst du?“, spricht der Vater seinen Sohn an, welcher vom Kellner angesprochen wird.
„Derjenige, der nicht bereit ist, etwas zu riskieren, um etwas zu erreichen, wird in seinem Leben nichts erreichen.“, murmelt er plötzlich ganz leise vor sich hin, denn dieses Zitat geht ihm die ganze Zeit kaum aus dem Kopf.
„Was ist denn heute mit dir los? Seit wann träumst du vor dich hin?“, fragt die Mutter besorgt und sieht neben sich zu ihm auf. Ihr Großer hat einen ernsten und nachdenklichen Blick drauf.
„Shota, warum zitierst du plötzlich Ali? Was ist passiert?“, sorgt sich auch der Vater.
„Nichts.“, sagt er dann. Shotas Blick geht plötzlich wieder zu Tina, dann bestellt er sich ein Glas Wasser.
‚Nachhilfe mit Hyuga. Sind die Deutschen mit dem Stoff wirklich so weit hinterher im Vergleich zu uns? Dort gibt es doch so viel kluge Leute im wissenschaftlichen Bereich. Sogar in der Meeresbiologie, Forscher und Ingenieure. Wie kann es dann sein, dass sie hinterherhinken? Oder ist das nur bei ihr so? Sie muss doch eine Aufnahmeprüfung durchlaufen haben, bevor sie an der Schule angenommen wurde.‘
„Sag jetzt nicht, du hast dich in eure neue Mitschülerin verguckt. Die Kleine da drüben?“, flüstert sein Vater etwas verständnislos. Shota blickt überrascht zu ihm auf. Wieso weiß er denn, dass sie neu in der Schule ist?
„Nein. Wie kommst du darauf?“, antwortet er ehrlich.
„Du siehst ständig zu ihr. Mach dir über die keine Gedanken. Sie würde sowieso nicht zu dir passen.“, meint er etwas abwertend. Das macht ihn stutzig.
„Wieso?“, hakt er dann nur nach.
„Viel zu frech, die Kleine. Und der Junge bei ihr ist ebenso ungehobelt und hat ein loses Mundwerk. Keinen Respekt die beiden.“
„Hm. Wenn du meinst.“ Das Essen wird gebracht und die Familie sagt weiter nichts und nimmt ihre Mahlzeiten zu sich.
Es vergehen etwa 20 Minuten und Tina ist eifrig dabei ihre neuen Aufgaben zu rechnen. Als die letzte erledigt ist, lehnt sie sich erleichtert zurück und reicht Kojiro den Zettel rüber.
„Na dann, Herr Lehrer. Was sagt die Korrektur?“, grinst sie ihn an. Er greift nach einem Stift und verteilt ein paar Notizen.
„Wie jetzt? Habe ich echt so viele Fehler gemacht?“, stutzt sie und lehnt sich über den Tisch, damit sie alles lesen kann.
„Ich sage gleich was dazu. Warte kurz.“, meint er dann nur mit strengem Blick. Bald reicht er ihr den Zettel rüber und beginnt mit seiner Erklärung.
„Ich glaube, du bist zu müde, denn vorhin hast du es verstanden. Da war der Ansatz richtig.
Am besten du machst es jetzt einfach nochmal und ich bin der Weile hinter dem Vorhang.“, spielt er seine Lehrer-Rolle perfekt.
„Du hast Recht. Tut mir leid.“, haucht sie einsichtig aus und macht sich ans Werk. Kojiro steht auf und geht zur Toilette. Kurz darauf kommen zwei Männer ins Lokal, schauen sich kurz um und gehen zum Tresen. Es sind Martin und Georg. Tina bekommt ihre Anwesenheit natürlich sofort mit und versucht so zu tun, als würde sie die beiden nicht kennen. Sie bestellen sich Nudelsuppen zum Mitnehmen und bleiben am Tresen stehen, um zu warten. Die anderen Gäste sehen natürlich zu ihnen.
„Wie dumm, sie ist allein.“, spricht Georg leise.
„Sieht aber wirklich nach Lernen aus. Immerhin.“
„Natürlich. Was hast du denn gedacht?“
„Wenn ich das in dem Alter meinen Eltern gesagt habe, war der Abend anders. Oder war das bei dir früher anders, als du Jugendlicher warst?“
„Nö, trotzdem. Sie würde uns niemals belügen.“
„Du warst doch selbst jetzt so neugierig.“
„Ich will nur wissen wer es ist.“, grinst er.
Plötzlich geht eine SMS bei Martin ein. Natürlich ist sie von Tina.
„Was soll das? Kontrollgang oder was?“ Er grinst ins Handy und reicht die SMS an Georg weiter. Er gibt eine Antwort ein und schickt ab.
„Väter machen sich eben immer Sorgen.“
„Trotzdem nervig. Was soll mein Mitschüler denn jetzt von mir denken, wenn er euch sieht?“
„Sind wir dir etwa peinlich?“
„Nein. Trotzdem komisch.“ Georg flüstert etwas zu Martin und dieser geht dann langsam zu Tina rüber.
„Hi. Und wie läuft es?“, spricht er sie locker an und schaut zu ihr herab.
„Was soll das jetzt? Wieso bleibst du nicht am Tresen? Jetzt gucken die alle her.“, murrt Tina ihn an.
„Was musst du denn überhaupt alles lernen? Ich denke du warst immer Klassenbeste. Dass du Hilfe brauchst ist sicher nur ein Vorwand.“, grinst er und greift nach ihrem Blatt, welches sie gerade bearbeitet und schaut drauf.
„Oh, ist das nicht Stoff aus der 12. Ich denke du bist erst 10. oder so. 1. Klasse Oberschule ist doch 10., oder liege ich da falsch?“ Tina sieht erzürnt zu ihm auf und faucht ihn leise an.
„Ist halt hier so. Deswegen brauche ich ja die Nachhilfe. Und nun geh einfach. Du blamierst mich und vergraulst mir nur meinen Mitschüler.“
„Oh, wer auch immer deine Nachhilfe ist, du stehst auf ihn. Gibs zu. Oder ist er nur so ein Nerd, die geben Mädchen besonders gerne Nachhilfe. Meine Masche war das auch mal.“, flüstert er und beugt sich vorher zu ihr runter und grinst. „Blödmann, geh jetzt einfach wieder zum Tresen. Du nervst!“, knurrt sie ihn wieder an. Plötzlich steht Kojiro neben ihm.
„Gibt es ein Problem, Bettina?“, spricht er streng, mit den Händen in der Tasche und mit festem Stand. Sein Blick ist nicht provokativ, sondern ernst zu nehmen. Er wählt bewusst englische Worte. Martin schaut zu ihm herab und lächelt.
„Ist er das? Ein kräftiger Bursche, fester Stand, ernster Blick, genug Mumm, mich so anzusehen, ohne zu zucken. Mutig der Kleine. Wie ein klassischer Nerd sieht der aber nicht aus. Ein handfester Sportler, so wie es sich gehört.“, haut er flüsternd, aber unverfroren heraus.
„Du bist ein Idiot! Spiel dich nicht so auf. Du blamierst mich vor allen.“, zischt sie leise und sieht zu Kojiro.
„Der Herr wollte gerade gehen. Um nicht zu sagen, die beiden Herren.“, spricht sie Englisch. Kurz darauf werden die Nudelsuppen über den Tresen gereicht und Georg bezahlt die Bestellung.
„Wir gehen.“, sagt er schlicht in Martins Richtung und sieht seine Tochter ohne das Gesicht zu verziehen an. Sein Blick ist erhaben und stolz.
‚So, so Hyuga also. Ich wusste, dass es einer von den Jungs sein muss. Ich bin auf die Geschichten von heute gespannt.‘ Martin geht zu ihm. Kojiro staunt nicht schlecht, als er Georg erblickt. Er kennt ihn nicht und hat ihn nie gesehen, aber an Tinas Reaktion und seiner Art zu ihnen zu sehen, kann er sich denken, dass es ihr Vater ist. Er sieht Stephan wahnsinnig ähnlich und hat das Gefühl in eine ältere Version von ihm zu sehen.
„Deine Familie?“, flüstert er leise zu Tina.
„Jup. Mein Vater und Martin. Er war es, den ich vorhin angerufen habe. Er begleitet mich in der Regel überall hin.“
„Das sieht man.“, sagt er leise und die Blicke ihres Vaters treffen ihn.
„Setz dich hin und ignoriere sie einfach.“, meint Tina etwas genervt und greift ihr Arbeitsblatt und einen Stift. Plötzlich geht Kojiro zu ihm und bleibt direkt vor ihrem Vater stehen. Martin ist ebenso erstaunt und steht neben Georg. Georg staunt nicht schlecht, als der Junge auf ihn zukommt, mit fest überzeugtem Blick, höflich und trotzdem über allem erhaben. Von der große und kräftigen Gestalt Martins ist er unbeeindruckt.
„Ich verspreche Ihnen, dass ich sie jeden Tag nach der Nachhilfe sicher heimbringe.“, spricht er ihn einfach an und sieht zu ihm auf. Keine Begrüßung, kein Vorstellen, nichts dergleichen. Er reicht ihm die Hand. Georg grinst seicht und nimmt mit festem Händedruck an und bleibt im ernsten Blick. Tina ist völlig überrascht. Warum macht er das?
‚Kojiro, was…warum? Du bist aber mutig. Nicht mal die Jungs aus dem Team haben es je gewagt meinen Vater anzusprechen. Was sagst du ihm denn nur?‘ Ihr Herz schlägt so sehr, dass sie ihre eigene Aufregung kaum registriert. Ihre Wangen werden ganz rot und sie versucht irgendwie locker zu wirken, aber so richtig scheint es ihr nicht zu gelingen. Kurz darauf kehrt Kojiro mit seiner lockeren, coolen Art wieder zu ihr zurück. Georg und Martin haben das Lokal verlassen. Auf dem Weg zu ihr wirft er einen prüfenden Blick durchs Lokal, weil er die Blicke der anderen erneut deutlich spürt. Da entdeckt er Shota am Fenster, wie er bei dem Mann, der sie zuvor so unfreundlich angesprochen hatte, sitzt. Als er sie so sieht, fällt ihm die Ähnlichkeit auf.
‚Was macht der denn hier? Und dann gehören sie zusammen? Da wundert mich gar nichts.‘ Er wirft ihm einen kurzen, aber verachtungsvollen Blick zu und setzt sich dann wieder auf seinen Platz. Tina ihm gegenüber hat sich das große Mathebuch vor die Nase gestellt und vergräbt sich dahinter und schreibt ihre Aufgaben weiter. Nur so findet sie etwas Ruhe und Sichtschutz, denn ihre heißen Wangen sind ihr bereits aufgefallen.
„Was…hast du ihm gesagt?“, flüstert sie.
„Hm. Dass er sich darauf verlassen kann, dass ich dich nach Hause bringe.“ Tina blickt überrascht auf und schielt über die Buchkante zu ihm auf.
„Echt? Das hast du ihm gesagt?“, hinterfragt sie nochmal.
„Jup. Ist doch wohl meine Aufgabe, wenn ich dein Lehrer bin.“, grinst er. Es ist kurz still.
„Tut mir leid. Er macht sich immer zu viele Sorgen, weißt du?“
„Das verstehe ich. Ich würde es vermutlich genauso tun. Alles gut.“, sagt er mit einem sehr ruhigen und überzeugten Ton.
‚Du musst dich doch nicht dafür entschuldigen, dass sich dein Vater sorgt. Immerhin hat er nur noch dich. Ich will gar nicht wissen wie er sich fühlt, noch so kurz nachdem das mit deinem Bruder passiert ist.‘ Tina richtet sich auf und legt das Buch zur Seite. Dann reicht sie ihm den Zettel rüber.
„Fertig. Schluss für Heute. Ich bin eindeutig zu müde.“, lächelt sie ihn an. Ihre roten Wangen sind wieder heller und die Hitze, die ihr vorhin aufgestiegen ist, ist zum größten Teil verflogen. Kojiro lächelt und schaut über das Blatt.
„Alles richtig. Perfekt.“, lobt er. Er blickt in ein glückliches Lächeln.
„Super. Dann ist der Anfang ja geschafft und ich kann beruhigt schlafen.“, sagt sie leise und liebevoll. Tina reicht ihm die Hand hin, damit er ihr das Blatt wiedergeben kann, was er auch tut. Dann weicht sie seinem Blickkontakt aus und packt einfach alle Schulsachen zusammen.
22. Kapitel Mondlicht im Park der Toho Academy U18
Kapitel 22
Mondlicht im Park der Toho Academy
‚Dieser Idiot sucht ohnehin ständig einen Grund mich zu provozieren. Seitdem wir ihn und den Rest des Teams bei unserem Trainingsspiel für die WM haben auflaufen lassen. Zwei Tore haben wir ihnen reingemacht. Er ist gut, aber nicht gut genug. Und gegen Bettina, nein, gegen Tino, ist er gar nichts. Wäre sie nicht bei dem einen Duell abgelenkt gewesen, wäre ich vermutlich nie an ihr und ihrem Bruder vorbeigekommen, auch nicht mit Kraft alleine.
Bettina. Du hast mir damals nie verraten was ich verbessern muss. Warum hast du jedem was gesagt, aber mir nicht?‘
„Hm. Du ignorierst mich, das sagt alles. Ich hörte, du sitzt neben ihr und musst jetzt sogar den Nachhilfelehrer in Mathe spielen.“ Kojiros Puls steigt langsam an. Seine Worte nerven ihn enorm. Wieso kann er nicht einfach die Klappe halten? Während Kojiro die Haare einseift und dann das Wasser auf sich prasseln lässt quatscht sein neuer Verteidiger ihn nur weiter dumm voll.
„Du bist aber auch stur. Nie redest du mit, wenn es um Mädchen geht.
Hast du überhaupt schon mal ne Freundin gehabt? Mich würde wenigstens mal dein Geschmack interessieren. Die anderen sagen auch mal was sie so für Mädchentypen mögen.“ Es wird natürlich nicht darauf geantwortet. Im Innerem brodelt es. Der Wilde Tiger würde am liebsten gehen, aber so einfach geht das nicht in der Dusche.
„Hm. Wenn du mich fragst. Ich find sie total niedlich. Und dann wie sie vorhin geschaut hat. Wow. Ein wirklich hübsches Lächeln und diese Augen, die sind der Wahnsinn. Sie sollte hier an der Schule aufpassen wen sie in Zukunft so ansieht. Nicht, dass das mal jemand falsch versteht.“ Er schnappt sich ebenso sein Duschbad und seift sich ein.
„Aber eins muss man mal sagen, so typisch europäisch ist sie nicht.“ Kojiro stutzt, was meint er denn jetzt damit? Was soll denn typisch europäisch sein? Was weiß er denn schon über die Leute dort? War er überhaupt mal in Europa? Er berührt den Wasserhahn und dreht ihn aus. Genau in dem Moment gibt der Mann neben ihm ein weiteres Mal einen dummen Kommentar ab.
„Die ist obenrum total flach. Viel ist da nicht, da haben einige Mädchen in ihrem Alter hier deutlich mehr zu bieten. Mir wäre das ja so gar nichts. Ich mag lieber Frauen mit etwas mehr zum Anfassen. Durch den Badeanzug hat man ja alles sehen können, also, dass da wenig ist, dabei sind die Mädchen dort drüben sonst viel besser geformt, nicht nur sportlich, sondern auch fraulicher.“ In dem Moment hält Kojiro noch den Drehknauf in der Hand und vor Wut lässt er ihn gar nicht mehr los, als würde er sich verzweifelt daran festhalten, um den Kerl nicht doch noch Eine reinzuhauen. Das würde er am liebsten jetzt tun. Plötzlich bricht der Knauf ab und er hat ihn in der Hand. Zu viel Druck lastete darauf, das konnte nicht lange gut gehen.
Sein Duschnachbar sieht verdutzt zu ihm und betrachtet ganz genau sein Gesicht. Das kalte Wasser, welches in der Leitung immer mehr Druck aufbaut, fängt an bei Knauf aus der Leitung zu laufen, nicht doll, nur, dass es stark undicht ist und herunterläuft wie ein kleiner Wasserfall eines Baches.
‚Oh, jetzt habe ich ihn doch. Hyuga, du willst ein wilder Tiger sein und sagst nichts, wenn ich die Kleine beleidige? Warum äußerst du dich nicht? Du bist doch sonst sofort auf 180.‘
„Also doch…du stehst auf sie.“, haut er einfach raus.
„Mach dir keine Hoffnung, die steht eh nicht auf Jungs. Schon gar nicht auf solche, die den Ton angeben.“ In dem Moment geht die Tür zur Umkleide auf und die restlichen Jungs betreten nach und nach die Duschen. Es wird lauter und Kojiro schnappt sich nur sein Handtuch, wickelt es schnell um seine Hüfte und betritt die Umkleide. An seinem Spint stellt er fest, dass er noch den Drehknauf in der Hand hat. Nicht einmal beim Umwickeln des Handtuchs war er ihm im Weg, dass er ihn ablegte. In seinen Gedanken war nur Zorn und Wut, weil dieser Kerl der Meinung war Bettina so zu beleidigen.
Als die Jungs in der Halle verschwunden sind verabschiedet sich Tina von ihren Klassenkameradinnen und geht noch in der Dämmerungszeit um Park des Schulgeländers spazieren. Sie will nicht sofort zu Martin, dafür war ihr der Tag eindeutig zu aufregend. Sie braucht endlich klare Gedanken und frische Luft um sich herum. Wenn Martin sie gleich abholen würde, dann hätte sie keine stille Minute mehr. Am liebsten würde sie laufen, aber in der Schuluniform ist ihr das nicht so angenehm, und nur für die halbe Stunde laufen, gleich umziehen, nein, das ist ihr gerade zu doof. Also entscheidet sie sich nur zu gehen, auch das ist angenehm und durch das Schwimmtraining, was am Ende eher wie ein Wettkampf und weniger wie ein Training verlief, ist sie ausreichend ausgepowert für den Tag. Nach einer Weile im Park geht sie wieder Richtung Turnhallen. Ein paar Blätter fallen durch den Wind auf sie herab und landen direkt vor ihren Füßen und eines auf ihren Kopf. Sie atmet tief durch, als sie mit der rechten Hand nach dem Blatt auf ihrem Kopf greift und es dann nachdenklich betrachtet. Sie lächelt und erinnert sich an eine schöne Zeit in ihrer Kindheit zurück.
Sie spielte mit ihrem Bruder zusammen am Waldesrand, gleich in der Nähe der Hütte und sie sammelten Äste und Zweige für den Kamin. Die drei Hunde tobten um sie herum und schnüffelten überall umher. Dann legten sie die Äste zur Seite und bewarfen sich mit dem bunten Lauf, das heruntergefallen war. Es machte so viel Spaß, ähnlich als würden sie im Wasser stehen und sich gegenseitig nassspritzen.
Tina sieht sich um und entdeckt eine Ecke zusammengefegter Blätter, die schon von den Vortagen waren und geht auf sie zu, bückt sich und greift voller Eifer und Wehmut mit beiden Händen in den Haufen, betrachtet ihn und dann wirfst sie ihn sich direkt nach oben über ihren Kopf, damit das Laub über sie fällt, so wie damals, als sie noch ein Kind war. Sie starrt in den Himmel und genießt diese schöne Erinnerung, das Gelächter und die Stimme und das glückliche Lächeln ihres Bruders. Tina wiederholt diese Situation erneut und dann ein drittes Mal und immer starrt sie hinauf zu den flatternden Blättern.
Als der dritte Haufen an ihr heruntergefallen ist, kneift sie plötzlich die Augen zu und beginnt bitterlich an zu weinen. Ihr Herz tut ihr sehr weh und sie beginnt wie zu zittern.
‚Brüderchen…warum nur? Warum musste das passieren? Warum haben die das getan?‘ Vor ihr erscheinen die letzten Momente mit ihm und sie sieht nur noch die gemeinen Fratzen der Männer, die ihnen wehgetan haben. Ihr Gelächter und ihr dämliches Grinsen. Sie spürt plötzlich ihre ekelhaften Hände, wie sie sie festhielten und ihren unangenehmen Atem am Hals.
Verzweifelt sinkt sie zu Boden und hockt nun kniend und weinend mit beiden Händen vor dem Gesicht. Es ist wie eine Befreiung plötzlich die Spannung loszulassen, die sie den ganzen Tag mit sich trug. Alles hat sie getan, um stark zu sein, um fröhlich zu sein und um den Neubeginn so schön wie möglich zu machen. Der Tag war doch gut verlaufen. Aufregend, ja das mag sie doch und gleich am ersten Tag hat sie so viele neue nette Menschen kennengelernt und sogar Kojiro und seinen Freunden ist sie begegnet. Vor allem Kojiro, wie sehr hat sie gehofft, dass sie das Schicksal so schnell wie möglich wieder zusammenführen würde? Aber jetzt…wo endlich der Mond scheinen will und die Stadt in die Nacht leuchtet, da fällt die Last von ihrer Schulter und nur Tränen machen sich noch breit. Normalerweise passiert das erst, wenn sie endlich zu Hause ist und alleine in ihrem Zimmer liegt. Doch die Müdigkeit lässt ihr heute keine Zeit zu warten. Vorhin, als sie den Jungs beim Fußballspielen zusah, da wurde ihr Herz ganz warm und sie konnte sich kaum rühren. Die schöne Erinnerung mit ihrem Bruder zusammen gegen die vier Jungs zu spielen, wärmte sie auf. Die Vorstellung, er würde nun mit ihnen hier in diesem tollen Team spielen können, das war doch sein Traum, als er vorschlug nach Japan zu gehen. Er wollte zwar aufhören mit dem Profisport, aber solange er in die Schule gemusst hätte oder in der Studienzeit, hätte es sicher noch Spaß gemacht. Kein Profi zu werden, heißt ja nicht, kein Fußball mehr mit Freunden zu spielen.
„Stephan…ich…warum nur?“, spricht sie plötzlich aus. Es macht sich wie eine große Leere in ihr breit und ihr wird ungewöhnlich kalt. Tina ist selbst verdutzt, dass ihr kalt wird und sie reißt die Augen auf.
„Warum nur? Komm…zurück! Komm zurück…zu mir!“, flüstert sie verzweifelt und mit weinerlicher Stimme. Sie schaut zum Himmel und spürt ihre Beine bald kaum noch. Nur noch Tränen und Kälte überkommen sie, keine bunten Blätter, die sie mehr sieht, keine schönen Bäume, deren verknöcherten Stämme und Äste sie betrachten kann, das mochte sie doch immer so sehr. Sie liebt doch den Wald und das Meer. Zitternd schlägt sie die Arme um sich, um sich etwas zu wärmen, denn sie hat nur ihre einfache Schuluniform an, keine Jacke darüber, nur die schwarzen Kniestrümpfe, den schwarz-grau-weiß karierten kurzen Faltenrock und die weiße Bluse mit der großen ebenso karierten Schleife.
‚Ich vermisse dich so…Brüderchen…wo bist du nur? Wieso musstest du gehen? Wie soll ich das alles ohne dich ewig durchstehen? Warum musstest du nur gehen?‘ Die Bilder von dem schrecklichen Überfall tauchen immer wieder auf und egal wie sehr sie sich versucht mit dem Weinen abzulenken und sich selbst in die Arme kneift, es hilft nichts. Nichts kann ihr diese schrecklichen Bilder nehmen. Es wird immer kälter, je länger diese Erinnerung da ist und sie nur noch sieht, wie sie von den Kerlen unter eine Brücke gezerrt wurden, ihr Bruder versuchte sich zu befreien und wie man auf ihn einschlägt. Dann kamen diese ekelhaften Kerle auch auf sie zu und taten ihr weh. Sie stürzte zu Boden und sah nur noch die eine Visage. Nein, diese Bilder gehen nicht weg. Schon seit Wochen sieht sie immer dasselbe. Brüderchens letzten Blicke, seine letzten Versuche sich zu befreien und ihr zu helfen. Auch seine letzten Worte gehen ihr nicht aus dem Kopf.
„Rette dich, lauf weg! Lauf weg!!“ Die Kälte in Tinas Körper macht sich immer mehr breit. Sie beginnt zu zittern und wippt vor und zurück, während sie weint und versucht nur leise zu schluchzen. Es vergehen ein paar Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommen. Nur diese Bilder vor Augen, egal ob sie die Augen schließt oder offenhält, nichts hilft mehr dagegen.
Plötzlich kann sie etwas Warmes um sich spüren. Ihr Rücken wird von etwas umschlossen, das warm ist und auch vor ihr hat sie das Gefühl, dass es etwas angenehmer wird, als würde jemand bei ihr sein. Sie öffnet in ihrer verzweifelten Situation die Augen, hört auf zu wippen und schaut auf. Ihre verweinten Augen sehen direkt in die von Kojiro. Ihr Herz rast plötzlich wie wild. Nein, warum muss er sie denn ausgerechnet so sehen? Schon wieder ist so eine verdammt peinliche Situation und sie konnte sich nicht zusammenreißen wie sonst. Er lächelt sie betrübt an und seine Arme sind über sie gelegt, berühren sie jedoch nicht, weil er ihr kurz zuvor seine Jacke übergelegt hat und diese noch festhält. Viel ist von ihm nicht zu erkennen, aber diese liebevollen Augen erkennt sie auch im Mondlicht. Sie sind ihr noch viel zu vertraut und in Erinnerung gespeichert als wäre es erst gestern gewesen, als er sie im Park aufgefunden hatte.
„Ko…jiro?“, haucht sie leise aus.
„Ja, ich bin es. Bettina…ich…war joggen und…“ Sie dreht plötzlich den Kopf weg.
„Geh wieder. Ich…will nicht, dass du mich so siehst.“, schluchzt sie verlegen. Ihr wird doch aber so warm überall, obwohl er sie nicht einmal berührt und nur bei ihr ist. Sie will doch gar nicht, dass er geht. Sie mag ihn doch und es kann doch gar nichts Schöneres geben, als, dass ausgerechnet Kojiro sie hier antrifft und ihr hilft.
„Sturkopf.“, spricht er nur mit fester Stimme aus, packt bestimmend ihre Arme, richtet sich langsam auf und zieht sie mit sich hoch. Tina sieht ihm dabei nur starr und total verwirrt in die braunen Augen. So einen Blick kennt sie gar nicht von ihm. Er wirkt besorgt und fest entschlossen zu gleich, fast so ähnlich wie der Blick, den sie auf dem Spielfeld wahrgenommen hatte, als sie ihm das erste Mal vom Nahem in die Augen gesehen hatte und sich nicht mehr aufs Spielen konzentrieren konnte. Genauso fühlt sie sich jetzt, wie hypnotisiert und in den Bann gezogen.
„Aber…ich…du musst denken, ich bin ne Heulsuse.“ Plötzlich nimmt er sie in die Arme und drückt sie zärtlich aber bestimmend an sich. Ihr Gesicht liegt einfach an seiner Schulter und seine starken Arme halten sie wie beschützend vor aller Welt fest und spenden ihr Wärme, sehr viel Wärme. Ihre Körper berühren sich und zwischen ihnen sind nur noch drei dünne Schichten Stoff.
‚Bettina…du musst dich doch nicht schämen, nicht vor mir. Es ist doch nur verständlich, dass du weinst.‘
„Bet…tina, ich versteh das doch.“, kann sie seine angenehme Stimme hören, die sehr unsicher klingt, als würde er selber auch etwas trauern.
„Es…tut so weh…Stephan…er ist…“, stottert sie plötzlich leise und dann aber unterbricht er ihre Worte, indem er ihren Kopf berührt, an sich drückt und auch ihren Rücken liebevoll fasst.
„Pst. Ich…weiß jetzt…was…passiert ist.“, sagt er flüsternd. Tina zuckt zusammen, neben ihrem Zittern, das noch immer etwas da ist, ist es für Kojiro kaum zu spüren. Tinas Puls rast und trotzdem kann sie plötzlich loslassen und einfach weinen.
‚Kojiro, du weißt es jetzt? Woher denn? Es ist so warm bei dir. Wieso nimmst du mich einfach in deine starken Arme? Wie schön sich alles anfühlt.‘ Tina nimmt die Hände von seiner Brust und umarmt ihn zuerst zögerlich. Aber dann drückt sie ihn auch fest an sich, als wolle sie ihn ebenso trösten oder ihn nicht wieder loslassen.
‚Du denkst sicher jetzt an deine Geschwister und…bist auch furchtbar besorgt.‘ Ihr Gesicht vergräbt sie an seiner Schulter und die Tränen nässen sein weißes Shirt.
‚Kojiro…mir wird auf einmal so wahnsinnig warm? Es war doch eben noch so kalt um mich herum. Es ist wieder wie damals. Als du mich gefunden hast…all der Kummer ist wie weggeblasen und es wird nur schön.
Danke…danke, dass du mich einfach festhältst. Es ist…so schön. Bitte lass mich nicht los.‘ Ihr Schluchzen wird ruhiger und auch ihr Atem kommt langsam zur Ruhe. Sie genießt diesen romantischen Moment, der wie Magie nach wenigen Minuten ihre Tränen erlischt.
‚Bettina, warum musste sowas Schreckliches passieren? Warum nur?‘ Er erinnert sich an das Gespräch zuvor mit Tsubasa.
Gleich nach dem Spiel hat er erneut versucht ihn anzurufen. Er berichtete nur kurz was in etwa passiert war und das machte Kojiro wahnsinnig wütend. Tina soll mit ihrem Bruder und Genzo überfallen worden sein? Dabei sei es passiert? Näheres aber wisse er nicht. Deswegen bat er nach Genzos Nummer und konnte ihn überreden, sie ihm zu geben. Gleich darauf rief er Genzo an. Von der Zeit her könnte auch er ansprechbar sein. Es tutete lange bis er dann ranging.
„Hi, wer ist da?“, kam eine brummige Stimme.
„Ich bin es, Hyuga.“
„Wie jetzt? Wo hast du denn meine Nummer her?“
„Bist du alleine? Kannst du reden?“
„Wow, äh, wieso? Ja. Ich bin alleine.“
„Was ist passiert? Bettina taucht hier plötzlich auf. Sie ist in meiner Klasse und ist im Schwimm-Kader. Sag schon…wer…wer waren die Schweine? Was ist passiert?“, hielt er nicht lange hinter den Busch. Es kam keine Antwort.
„Sag schon und du bist mich los!“, zischte er ihn an. Wieder kam keine Antwort. „Genzo…bitte. Ich…muss es wissen, sonst…muss ich sie selbst fragen! Willst du das?“, spricht er erst ruhig und dann ergänzt er brummig und fast wie im Zorn. „Wir drei…wurden überfallen, von fanatischen Fans. Die fünf Typen…lauerten uns nach einem Spiel etwas abseits der Menschenmasse auf. Sie packten mich, traten mich, brachen mir den Arm und schmissen mich in den Fluss. Dann zogen sie Stephan und Tina davon. Wohin, wusste ich nicht. Aber…mit dem Arm konnte ich so schnell nicht aus dem Wasser kommen, und ich habe sie so schnell nicht gefunden und…dann…als ich sie fand…unter einer alten Brücke, da lag Stephan schon blutend und bewusstlos am Boden und…sie wollten…sich…“, schnieft Genzo durch den Hörer und sein Puls war auf 180, denn die Situation zu erzählen war fast, als würde er sie wieder durchleben.
„…sie wollten ihr auch wehtun!“ Kojiros Herz pochte so stark, dass er selbst kaum noch zuhören konnte. Er hatte die schrecklichsten Bilder vor sich und seine Atmung wurde stark, sehr stark.
„Ich…schnappte mir einen alten Stuhl, der im Müll stand und rann auf sie zu und schlug auf die Kerle ein, bis sie abhauten…dann rief ich den Notarzt und die Polizei. Im Krankenhaus…haben sie noch versucht…Stephan zu retten, aber…vergeblich.“, fuhr Genzo fort und legte sofort auf. In Kojiros Ohr tutete es laut und völlig entsetzt taumelte er zurück bis an die Wand der Turnhalle und sank wie nach einem K.O. zu Boden. Es kam ihm so vor, als würde er seine Beine nicht mehr fühlen. Er legte das Handy neben sich ins Gras und war wie gelähmt. Es war ein großer Schock.
„Bettina…oh nein. Das…ist…nein…sie wollten dich…diese Schweine!“ Er schlug mehrfach wütend auf den Rasen unter sich. Dann griff er zornig in die Fransen und Erde und riss sie mit voller Wut aus dem Boden und zerquetschte es wie einen Apfel in beiden Händen. Es fühlte sich für ihn an, als würde er einen dieser Kerle von Tina weg zur Seite zerren, um ihn zu verprügeln, so wie es Genzo tun musste, um sie zu retten. Genau das spielte sich jetzt in seiner Vorstellung ab. Das würde er am liebsten jetzt machen. Sein Atem war schwer und in ihm kochte es vor Wut und Zorn. Plötzlich klingelte das Handy und er sah auf die Nummer. Es war Genzos Nummer, also ging er noch im Gedanken ran.
„Hyuga…pass auf sie auf. Bitte versprich es mir. Tina…sie ist mir sehr wichtig…von hier aus kann ich nicht viel tun. Bitte…Hyuga…versprich es mir. Sie ist…nein…ich liebe sie wie eine Schwester, die ich nie hatte…weißt du? Das beruht auf Gegenseitigkeit. Passt bitte alle auf sie auf, an meiner Stelle. Wenn es einer kann, dann du und Ken.“ Kojiro atmete tief durch.
„Wie eine Schwester? Danke…danke, dass du noch rechtzeitig da warst.“, sagte Kojiro plötzlich genau das, was er dachte.
„Und…danke, dass du es erzählt hast. Hat…man diese Schweine gefasst?“
„Nein. Die Polizei sucht noch, aber…viel Hoffnung ist da nicht.“
„Verdammt! Ich passe auf! WIR…passen auf. Verlass dich drauf!“ So waren seine letzten Worte an seinen Erzrivalen und dann legte er auf. Nachdenklich griff er in seine linke Jackentasche, des Trainingsanzugs und hielt Tinas kleine Schachtel in der Hand, die er kurz zuvor noch öffnen wollte, aber jetzt war ihm nicht mehr danach. Was auch immer darin sein mochte, es sollte ihn nicht an diese schrecklichen Bilder erinnern, die Genzo ihm nun verschafft hatte. Es dauerte ein paar Minuten bis er sich wieder fing und dann stand er auf, als er bemerkte, dass seine ein Gefühl wie eingeschlafen hatten. Zu lange hatte er komisch auf dem Rasen gesessen. Er raffte sich auf und entschloss noch ein paar Runden zu laufen. Er ging zum Waschbecken, um sich die erdigen Hände zu waschen und dann lief er einfach los. So schnell er konnte und so lange er brauchte, um die Beine wieder in Normalzustand zu bewegen. Die Schmerzen störten ihn nicht, denn er wusste, es war nur ein kurzer Moment, den sie brauchten, um wieder normalen Blutfluss zu haben. Schon früher lief er gerne einfach stundenlang herum, um einen freien Kopf zu bekommen. Am liebsten am Strand, aber das war jetzt leider nicht möglich, also nutzt er das weichere Unterholz der Parkanlage und die heruntergefallenen Blätter. Endlich bekam er den Kopf wieder frei und dann kam er wieder Richtung Turnhalle zurück, um diesmal Richtung Ausgang zu laufen, um nach Hause zu gehen. Doch dann hörte er plötzlich leises Schluchzen und hielt an. Er sah sich verwundert um und entdeckte einen Schatten etwas weiter Richtung der großen Ahornbäume. Langsam und vorsichtig ging er in die Richtung des Schattens.
‚Wer weint denn da?‘ Dann sieht er sie, durch das Mondlicht kann er nur blonde Haare erkennen und dass es ein Mädchen ist. Sie sitzt auf den Knien am Boden, wippt weinend hin und her. Ihre weinerliche Stimme macht ihm Angst. Ihre Arme halten sie selbst fest und sein Puls fährt enorm in die Höhe.
‚Bettina…nein…was…was ist passiert?‘ Er geht vorsichtig weiter auf sie zu, es rascheln seine Schritte im Laub, aber sie reagiert nicht darauf.
‚Was ist los? Du nimmst mich gar nicht wahr? Du bist doch sonst so aufmerksam. Ist das so ein komischer Moment, wie Mutter ihn manchmal hat? Eine plötzliche Erinnerung und dann denkt sie an Vater und wird sehr traurig und weint. Das wird es sein.‘ Fest entschlossen öffnete er den Reißverschluss seiner schwarzen Trainingsjacke, zog sie aus, stellte sich neben Tina und legte langsam die Jacke ausgebreitet über ihren Rücken. Er versuchte so vorsichtig wie möglich zu sein, damit sie nicht plötzlich erschrickt, denn dass sie ihre Umgebung nicht wahrnahm, das machte ihm besonders Angst. Was wäre, würde nicht er, sondern jemand kommen, der ihr wieder wehtun wollte?
Dann stellte er sich vor sie und hockte sich hin, damit er ähnlich in ihrer Kopfhöhe war und hielt die Schulterteile der Jacke fest, damit sie ihr nicht herunterfallen konnte. Erst dann bemerkte sie ihn und reagierte wie in Trance.
Jetzt hält er verzweifelt das Mädchen in den Armen, das ihn in Deutschland und Paris total durcheinandergebracht hatte. Da tauchte sie hier plötzlich auf und dann erzählte sie, dass sie ihren Bruder verloren hatte und dann das hier. Wie kann sowas denn überhaupt passieren? Er ging wirklich nur von einem Unfall aus. Was waren das nur für furchtbare Männer? Waren das die, vor denen sie von Mikami gewarnt wurden? Waren es solche Typen, wie die, die sie im Park angetroffen haben und dann aber gegangen sind? Fünf Männer, die sich feige über einen Jungen und ein Mädchen hermachen…warum denn nur kann so etwas passieren?
Eine ganze Weile verbleiben sie in dieser schönen warmen Umarmung und dann löst sie sich etwas von ihm und schaut zu ihm auf.
„Tut mir leid…dass ich…so eine Heulsuse bin.“, sagt sie flüsternd. Kojiro öffnet selbst wieder die Augen und sieht ihr in die hellen Augen.
„Es…ist doch normal.“, sagt er nur und dann lächelt er sie an und seine linke Hand, die an ihrem Hinterkopf liegt, wandert zögerlich an ihre Wange.
Sein Herz rast, aber nicht aus Wut, sondern aus unerfindlichen Gründen. Es wird ebenso wärmer und irgendwie auch ruhiger, ein anderes Ruhig als sonst, wenn er wieder herunterfährt von seinem Zorn. In dem Moment, als er ihr in die Augen sieht, hat er plötzlich das Gefühl sie gar nicht wieder loslassen zu wollen. Was ist das nur? Das Rasen seines Herzens fühlt sich warm und aufregend an. Plötzlich wird sein Blick sanft und seine rechte Hand an ihrer Wange beginnt sie zu streicheln. Ihre Augen sehen ihn total verdutzt an und glänzen wie ein Meer aus funkelnden Wellen an einem stürmischen Sommertag.
„Geht es...dir jetzt besser?“ Sie nickt nur wie benommen.
„Ich...soll dich...von Waka...bayashi grüßen.“
„Genzo? Er...hat es dir erzählt?“ Er nickt und plötzlich setzt er einen zornigen Blick auf, schließt die Augen und drückt sie wieder fest an sich. Eine Hand auf ihrem Rücken und eine Hand drückt ihren Kopf an seine Schulter. Tina spürt sein Herzrasen deutlicher als zuvor und sein Atem ist anders geworden. Plötzlich spürt sie wie er sie immer fester drückt. Es ist ein schönes Gefühl, dass er sie überhaupt so einfach berührt, als würden sie sich schon sehr lange kennen und vertraut miteinander sein. Sein Drücken am Rücken wird fast wie ein Kneifen.
„Kojiro…du…tust mir weh.“, flüstert sie leise, in der Hoffnung, dass er es versteht und lockerer lässt. Abrupt lässt er von ihr und nimmt seine Hände beide von weg. Er sieht sie verdutzt an.
„Ich…es…es tut mir leid. Ich wollte dir nicht…niemals…würde ich.“ Tinas Herz rast wie nach einem Marathon, als sie ihm in seine aufregenden braunen Augen sieht und trotzdem bekommt sie erstaunlich klare Worte über die Lippen. Sie lächelt ihn an, hält die Jacke mit beiden Händen an ihrer Schulter fest, genießt die weichen Ärmel auf ihrer Bluse und spricht ihn liebevoll an.
„Kojiro, ich weiß. Ich weiß doch…dass du niemals jemandem wehtun würdest und schon gar nicht mir.“ Ihre warmen Worte lassen ihn wieder in die Gegenwart kommen und er kann ihr plötzlich nur noch in die schönen Augen sehen. Es ist plötzlich still um sie herum und es sind nur noch die rauschenden Blätter der herbstlichen Bäume zu hören, wenn der Wind hindurchzieht und sie biegt und wiegt. Die Dämmerung ist bereits abgeschlossen und es gibt nur noch den Mond und die Sterne.
Noch immer hält Kojiro wie versteinert seine Hände vor ihr, als würde er ihr symbolisieren, dass er sie niemals anfassen würde.
‚Bettina…niemals…was war das denn nur eben? Warum…ist mir das passiert?‘
‚Kojiro…du siehst so erschrocken aus und bewegst dich nicht. Was ist denn los? Was hat Genzo denn nur alles erzählt?‘ Sie lässt mit der rechten Hand den Ärmel los und berührt wieder auf ihre sonderbare Art seine Wange. Ihr Hand liegt auf seinem Gesicht und er verspürt unerwartet eine unbeschreibliche Zärtlichkeit. Es ist als wäre plötzlich der ganze Kummer weg, der ihn vor Sekunden noch gequält hat.
„Danke, Kojiro. Ich danke dir dafür, dass du mich…wieder zurückgeholt hast. Danke dafür.“