Zum Inhalt der Seite

Stewie, der Kesselgulsch

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

1

„Hallo? Hier Ryan O’Connor & Company Notariat und Anwaltskanzlei, Miss Kelly am Apparat. Was kann ich für sie tun?“, säuselte ihm eine gespielt freundliche Dame durch sein Handy ins Ohr.

„Ja, äh, Hallo, ...“, stotterte er, weil ihm sein kleines Töchterlein gerade fast seinen Kaffee verschüttet hätte. Schnell brachte er das Mädchen und die Tasse in einen größeren Sicherheitsabstand und versuchte dabei der Dame am Telefon sein Anliegen zu schildern.

„Ich hatte heute Morgen einen Brief von Ihrer Kanzlei im Briefkasten, in dem steht, dass ich mich dringlichst bei Ihnen melden soll.“, konnte er sich doch noch fangen. Er hatte gerade seinen Satz zu Ende gebracht, als die Kleine wieder seine Aufmerksamkeit forderte. Sie kletterte auf dem Stuhl herum, der zu kippen drohte. Schnell klemmte er sich das Telefon zwischen Kinn und Schulter und fing, gerade noch rechtzeitig, Kind und Stuhl im freien Fall auf. Er brachte Kind und Stuhl wieder in die Senkrechte und drückte dem Kind ein Spielzeug in die Hand, in der Hoffnung sein Anliegen am Telefon, ohne weitere Zwischenfälle endlich klären zu können

„… also gut Mister, wo soll ich Sie nun hin verbinden?“, fragte die Damenstimme.

„Äh, was? Ach so. Ja, das weiß ich auch nicht so recht. Hier steht nichts…!“, er hechtete zum Küchentisch zurück und angelte mit den Fingerspitzen nach dem Papier. Er entfaltete es und versuchte einen Anhaltspunkt darauf zu finden, um der Frage der Dame gerecht zu werden.

„Sir, Sie können doch nicht einfach hier anrufen und nicht wissen, was Sie wollen! Ihnen müsste doch klar sein, dass wir so viele Mandanten haben und sie belegen hier einfach die Leitung, also wirklich, das geht doch nicht ...!“. Die Dame am anderen Ende klang jetzt gar nicht mehr so freundlich, eher gereizt und entnervt. Dabei hatte er ihr doch gar nichts getan. Er wollte doch nur einen Termin und endlich erfahren, was los ist oder, was man von ihm wollte.

„Ich muss doch von Ihnen wissen, ob ich ihnen bei Herrn O´Connor direkt einen Termin verbuchen muss, oder bei einem seiner Kollegen hier im Haus!“, schnaubt sie genervt und man hörte ihren Kugelschreiber genervt klicken.

„Ich bitte Sie, es tut mir ja leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen, kann als das, was ich ihnen bereits gesagt habe. Ich weiß doch genauso viel, wie Sie.“, seufzte er und zuckte mit den Achseln, als ob sie seine Geste sehen könnte. Seine Tochter stand nun vor ihm, sah ihm zu und tat es ihm mit ihrem Spielzeugtelefon gleich.

„Ich bitte dich Daddy, ich weiß, dass du nichts weißt!“, sagte sie mit dem gleichen Gesichtsausdruck in ihr piepsendes Spielzeug, und zuckte mit den Schultern, als ihr Vater sie ansah. Er hielt sein Handy zu und flüsterte: „Mia, psst! Das ist wichtig!“. Seine Tochter sah ihn an.

„Ok, Tschüss!“, sagte sie zu ihrem Telefon, drückte auf den roten Knopf und ging aus der Wohnküche. Er atmete auf.

„Hallo Mister, sind Sie noch dran?!“, hörte er die Dame an seinem Ohr. Doch noch ehe er antworten konnte, hatte sie bereits aufgelegt und er vernahm ein gleichmäßiges Tuten.

„Na, das verlief ja prima, …!“, sagte er und vergrub sein Gesicht in seiner Hand. Er schnappte sich Mia und ging mit dem Zettel zu dieser Anwaltskanzlei. Er wollte nun wissen, was es damit auf sich hatte. Und da er wusste, dass Anrufen zwecklos war, stapfte er mit seiner fünfjährigen Tochter an der Hand zielstrebig los. Das dürfte doch nicht so schwer sein. Die Adresse stand schließlich auf dem Kopf des Briefes. Besonders weit war der Fußweg nicht. Er brauchte noch nicht mal die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, um dort hinzukommen. Etwas frische Luft würde ihm und seiner Tochter zu dem gut tun. Schnell hatte er sich und seiner kleinen Tochter eine Übergangsjacke übergeworfen und beiden die Schuhe um die Füße geschnallt. Wenige Augenblicke später standen sie im Freien. Zielstrebig stapfte er mit der kleinen an der Hand los. Die ersten Häuserecken hatten die beiden binnen kürzester Zeit zurückgelegt. Strammen Schrittes übersah er völlig, dass seine Tochter kaum hinterherkam. Erst als diese die Geduld verlor und die Hand ihres Vaters losließ, merkte dieser, dass etwas nicht stimmte. Sie blieb stehen und verschränkte demonstrativ die Arme vor ihrer Brust. Wütend schnaubte sie ihre blonden Haare aus ihrem Gesicht. Sie hatte definitiv keine Lust auf diese Art Spaziergang.

„Mia, komm schon, wir müssen weiter!“, sagt er, als er sie so dastehen sah.

„Nö!“, sagte sie knapp. Sie unterstrich ihre Meinung mit einem festen Aufstampfen ihres Fußes. Ihr Blick war finster. Er musterte sie, sah auf seine Uhr und überlegte sich welche Wahl er hatte. Klar, hätte er sie einfach schnappen können und sie bis zur Kanzlei tragen können. Weit war es nun wirklich nicht mehr. Dies wäre aber nicht produktiv gewesen, da sie dann bestimmt lautstark und mit Körpereinsatz protestiert hätte. Und dies wäre sicherlich nicht sinnvoll gewesen. Er versuchte sich zu sammeln, atmete noch mal kurz tief durch, ging vor ihr in die Hocke und sah sie an.

„Es tut mir leid, liebes. Das war nicht fair von mir.“, sagte er betroffen. Sie sah auf und war neugierig, was er zusagen hatte. Fragend und neugierig sah sie ihm in die Augen.

„Weißt du, Erwachsene sind manchmal richtig doof. Sie vergessen ganz oft, wie es war so klein, wie du, zu sein.“, er versuchte in ihren Augen zu lesen, ob sie ihm zuhörte. Er suchte nach dem Glitzern in ihren Augen, dass ihm immer der größte Lohn war.

„Die Schritte, die ein Erwachsener zu gehen hat, sind für Kinder, wie dich, noch viel zu groß und schwer zu verstehen. Es tut mir leid.“, sagte er betroffen zu ihr. In einer Nanosekunde glaubte er, ein kleines Glitzern in ihren Augen gesehen zu haben.

„Ich kann verstehen, dass du es blöd findest, von mir gezogen und gezerrt zu werden, auch wenn ich es eilig habe. Deswegen frag ich dich, kleines Burgfräulein: möchten Sie auf ihrem Ross reiten?“, er drehte seinen Rücken zu ihr und bot ihr an auf ihm Huckepack aufzusitzen. Ihr freudiges Quieken war die Antwort, die er hören wollte. Diesem Angebot konnte sie nicht widerstehen. Mit einem gekonnten Sprung saß sie auf seinem Rücken und die Reise konnte weiter gehen.

2

Es herrschte ein emsiges Treiben in dem kleinen Notariat auf der Ecke der Hauptverkehrsstraße, in das er eingeladen wurde. Man konnte durch die Fenster neben dem Eingang ein Büro mit einigen Damen an Schreibtischen sehen. Alle wirkten überaus beschäftigt und hatten Headsets auf. Sie redeten unentwegt und fuchtelten in ihren Unterlagen herum, tippten in einem mordsmäßigen Tempo auf ihrer Tastatur der PC‘s, oder schleppten Berge an Ordnern und Papieren hin und her. Das Notariat bestand von außen aus einer alten Backsteinwand. Die typisch rotbraunen Steine der Fassade hatten Bruchstellen und hier und da fehlte auch der Mörtel in den Fugen zwischen den Steinen. Über der Eingangstür konnte man auf einer Leuchttafel in großer schwarzer Schrift lesen: Ryan O´Connor & Companie – Notariat und Anwaltskanzlei. Einige der Buchstaben, hatten bereits den Weg ins Jenseits angetreten und man sah nur noch die Stellen, wo sie einst klebten. Einen besonders seriösen Eindruck machte das Ganze nicht. Es wirkte eher etwas verlottert und altertümlich. Einige Erneuerungen würden dem ganzen guttun. Er überlegte kurz, ob es nicht doch besser wäre, wieder heimzugehen und es noch mal telefonisch zu versuchen. Doch schon am Morgen direkt nach dem Öffnen des Briefes hatte er versucht, wie darin verlangt, telefonisch einen Termin auszumachen. Dieses Unterfangen gestaltete sich jedoch schwierig, weshalb er sich entschied, gleich persönlich vorbeizukommen, um die Sache aus dem Weg zu schaffen. Dabei hätte er doch heute, so wie die letzten Tage, noch so viel zu tun. So ein Leben als alleinerziehender Vater, der gerade mit Kind umgezogen war, war keineswegs einfach oder gar langweilig. Kisten standen noch in der ganzen Wohnung verteilt. Nichts war dort, wo es letztendlich hinsollte. Im neuen Kindergarten war Mia auch noch nicht angemeldet. Er schüttelte den Kopf noch bevor ihm seine ganze To-Do-Liste wieder einfiel. Er versuchte sich auf das jetzige Unterfangen zu konzentrieren.

Was nun hinter der Einladung steckte? Das würde er schon gern wissen wollen. Die Neugier war einfach zu groß. Der Grund stand nicht in dem Brief, den er heute Morgen zwischen all den Rechnungen aus dem Briefkasten geholt hatte.

Nun stand er hier. Draußen auf dem Bordstein mit seiner kleinen Tochter Huckepack und fragte sich, ob er da wirklich rein gehen sollte. Was wenn es einen Gläubiger gibt, der ihm zusätzlich das Leben zur Hölle machen wollte? In Gedanken ging er seine Schuldenbilanz durch: Hatte er denn alle Strafzettel bezahlt? Er konnte sich nicht daran erinnern, deswegen Überweisungsträger ausgefüllt zu haben. Kurz kroch in ihm ein Funke von Panik das Rückenmark hinauf. Sein Blutdruck stieg an. Doch dann fiel es ihm ein: Er hatte gar kein Auto. Sein lautes Seufzen unterstrich das Abfallen seiner Anspannung. Ein Auto hätte er sich gar nicht leisten können. In dem ganzen Tumult an dem Morgen, ist ihm diese kleine Information doch wirklich entfallen.

„Daddy, was machen wir jetzt?“, wollte Mia wissen. Sie holte ihn mit dieser Frage aus seinen Gedanken in das Hier und Jetzt. Sie sah sich um und verstand nicht recht, was an diesem Ort so besonders sein sollte, dass ihr Daddy da so schnell hinwollte. Die alte Backsteinfassade mit einer zweiflügligen Tür streckte sich vor ihnen in die Höhe. Sie beugte sich an seiner Schulter vorbei und sah ihn an.

„Ist es lustig da drin?“, fragt sie ihn. Er schüttelte den Kopf.

„Nein... ich denke nicht, …“, sagte er wissend. Und warf noch mal ein Blick in das Fenster. Dort fiel einer Dame gerade ein ganzer Stoß Akten vom Schreibtisch. Das Chaos in der Kanzlei konnte also durch aus gesteigert werden. Ein Gewusel, wie in einem Ameisennest, war binnen weniger Sekunden ausgebrochen. Jede Büro-Ameise, in ihrem perfekt sitzenden schwarzen Business-Rock, sammelte nun hektisch die Blätter auf. Seine Tochter runzelte die Stirn.

„Und warum willst du dann da rein?“, fragte sie gerade raus. Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Weil ich eingeladen wurde. Da will jemand mit mir reden.“, erklärte ihr ihr Vater.

„Aha, …“, sagte sie, weil sie dachte das macht man so. Verstanden hatte sie es nicht. Beide sahen die Tür an. Keiner der Beiden wusste, was sie tun sollten. Gerade als er auf dem Absatz kehrt machen wollte, hörte er eine Stimme.

„Hey, Sie. Alles okay? Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie sich verlaufen?“, schrie sie. Auf der Suche nach dem Besitzer der Stimme, entdeckte er ein älterer Herr, der mit der Zigarre im Mundwinkel, stürmisch winkte. Er hatte an den Seiten längere Haarsträhnen, die er sich gekonnt über die Glatze gepappt hatte. Sein Auftreten passte zum Zustand des Gebäudes.

„Ich habe eine Vorladung bekommen, ich solle mich hier melden, …“, sagte Mias Vater zu ihm hoch.

„ …doch ich kam telefonisch nicht durch!“, fügte er noch schnell hin zu, als er sah, dass eine der Ameisen-Büro-Damen auf einem Blatt ausrutschte und mit einem Blätterregen zu Boden ging.

„Oh, ach so. Ja, das passiert schon mal. Kommen Sie doch rein! Zweiter Stock erstes Zimmer rechts.“, antwortete der Herr und zog an der Zigarre.

„Daddy, hast du gehört? Wir sollen bei ihm die zwei Stöcke holen. Wir müssen darein!“, sagte Mia und zeigte mit ihrem kleinen Zeigefinger auf die Tür. Ihr Vater ließ sie runter, nahm sie an die Hand und ging zusammen mit ihr in das Gebäude.

Wenig später standen sie im zweiten Stock vor einer erstaunlich gut erhaltenen, fast edlen, Holztür mit Messingknauf. Mia sah zu ihrem Vater hinauf. Sie wartete auf eine Reaktion seiner Seitz, doch es kam nichts.

„Daddy, klopfen! Guck so!“, plapperte sie und klopfte einfach an der Tür. Ihr Vater erschrak, denn sie hatte ihn damit aus den Gedanken geholt. Etwas mulmig war ihm schon, aber nun hatte er keine Wahl mehr. Seine Tochter hatte bereits geklopft.

„Ja, bitte!“, hörte man eine Antwort. Seine Hand zitterte leicht, als er nach dem Knauf griff, um die Tür zu öffnen.

3

Er öffnete die Tür vorsichtig einen Spalt. Seiner Tochter ging das nicht schnell genug. Sie schob sich an ihm vorbei, drückte die Tür schwungvoll auf. Da standen sie nun. Das Büro war mit einem braunen Teppich ausgelegt und hatte Holzverkleidungen unterhalb der vergilbt gelben Tapete bis zur Sockelleiste. In der Ecke stand eine Statue. Eine Dame. Sie hielt in einer Hand eine Zinn-Vorrichtung, was eine Altertümliche Waage darstellen sollte und in der anderen hielt sie ein Schwert. Das musste wohl die sagenumwobene Justitia sein. An einigen wänden oberhalb der Holzverkleidungen hingen Bilderrahmen mit Auszeichnungen und Abschlüssen.

„Hallo, Ich bin Mia. Mein Daddy ist nun da! Können wir die Stöcke jetzt haben? Ich will wieder heim, spielen! Hier ist es nämlich langweilig!“, sagt sie grade raus. Der Mann mit der Zigarre im Mundwinkel sah sie mit großen Augen an. Und auch ihrem Vater blieb für einen kurzen Moment der Mund offenstehen. Er wirbelte herum.

„Mia, …!“, sagte er schnell und versuchte ihren Vorsprung einzuholen.

„Bitte entschuldigen Sie meine Tochter, … Sie hat da was falsch verstanden…“, sagte er verlegen und schob seine Tochter hinter sich. Er warf ihr noch schnell einen Blick zu, der ihr sagen sollte, dass er nun die Sache übernahm. Sie solle jetzt besser den Mund halten. Der ältere Herr sah nun amüsiert dem Vater-Tochter-Gespann zu.

„Schon gut! Wie kann ich Ihnen denn helfen?“, hörte man seine Stimme, die immer freundlicher wurde, während er sich an seinen Schreibtisch setzte. Dieser war aus dunklem Holz. Bestimmt etwas edles wie Mahagoni oder so. War sicherlich nicht günstig. Darauf lag eine grüne Schreibtischunterlage aus einem ledrigen Material. Drumherum standen Stempel und Briefbeschwerer. Auf einer Ecke des Schreibtisches stand ein alter Monitor, der zu einem Pc gehörte. Davor lag griffbereit Tastatur und Maus. Alles in einem gelben vergilbten Farbton. Dass der Herr Raucher war, war demnach nicht von der Hand zu weisen. Mit einer Handbewegung bot er den beiden den Stuhl ihm gegenüber an. Sie nahmen Platz. Mia auf dem Schoß ihres Vaters. Ein Namensaufsteller mit Messingumrandung zierte mittig den Schreibtisch. Darauf stand: Notar, Ryan O’Connor. Es wirkte wirklich alles etwas in die Jahre gekommen. Doch es war alles Stil-getreu. Auch der Notar passte lückenlos ins Bild dieser Kanzlei.

„Darf ich der kleinen Dame einen Stift und Papier gegen die Langeweile reichen?“, fragte er Mia auf Augenhöhe. Diese nickte freudig und nahm beides dankend an. Das war nach ihrem Geschmack. Eifrig machte sie sich daran das Blatt mit dem Kugelschreiber zu veredeln.

„So, jetzt zu Ihnen. Sie sagten, Sie hätten eine Vorladung bekommen?“, wandte er sich Mias Vater zu. Mister O’Connor lehnte sich in seinem Ledrigen in die Jahre gekommenen Schreibtischstuhl zurück. Er stützte sein Kinn mit zwei Fingern ab, während er Blickkontakt hielt.

„Ja, genau so ist es.“, sagte der jüngere der beiden Herren leicht aufgeregt und fingerte in den Innentaschen seiner Jacke nach dem Brief. Erleichtert ihn nicht verloren zu haben, hielt er dem Notaren den Brief entgegen.

„Vielen Dank, Mister, … ah, da steht es ja, … Mister Jeff McCallaghan. Tja, da ist wohl einer meiner Sekretärinnen einen Fehler passiert. Dieser Brief ist unvollständig getippt worden. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten. Dies wird nicht mehr vorkommen.“, brabbelte er mit dem Gesicht hinter dem Brief vor sich hin.

„Also gut, dann geben wir mal ihre Daten in den Rechner ein. Dann werden wir ja sehen, um was es sich handelt.“, erklärte er sein Handeln und drehte sich mit dem Stuhl dem Monitor zu. Er tippte alle Daten ein. Ein Surren verriet, dass der Pc-Prozessor am Arbeiten war. Nur noch wenige Sekunden trennten Jeff von der Auflösung des Rätzels. Gleich würde er es wissen. Hibbelig tänzelte sein Bein auf und ab. Mia versetzte ihm ein Seitenhieb zwischen die Rippen. Bei dem Gezappel konnte doch wirklich keiner einen graden Strich malen. Sie räusperte sich bedrohlich.

„Sorry, …“, flüsterte ihr Vater kaum hörbar. Er konnte es kaum aushalten. Es war komplett still im Raum. Man hörte nur durch das offene Fenster, von der Straße ein paar Tauben gurren und die Autos fuhren hin und her.

„Also, …“, sagte Mister O’Connor und blies einen Schwall Rauch aus seinem Mund.

„Laut der digitalen Akteneinträge, steht ihnen ein Erbe zu.“, sagte er und steckte sich die Zigarre wieder in den Mundwinkel.

„Möchten Sie es annehmen?“, wollte er wissen. Er lehnte sich wieder zurück und nahm die letzte Position wieder ein. Mia fuhr hoch, wie von der Tarantel gestochen. Sie unterbrach das Malen und sah ihren Vater eindringlich an.

„Eine Erbse? Daddy, ich mag keine Erbsen. Nicht mal geschenkt! Daddy, so was brauchen wir wirklich nicht.!“, sagte sie erschrocken. Ihr Blick wurde finster. Niemals sollte er zu Erbsen ja sagen! Das würde nur darauf hinauslaufen, dass sie sie wieder vor sich auf dem Teller sieht. Definitiv ein Punkt, wofür sich Streiken auf ganzer Linie lohnt. Der Protest in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Liebes, ein Erbe. Keine Erbse.“, sagte er schmunzelnd. Erleichtert atmete sie aus.

„Gut!“, sagte sie und wandte sich beruhigt ihrem Kunstwerk wieder zu. Egal was ein Erbe war, solange es keine Erbsen waren, war sie damit zufrieden.

„Ich habe geerbt? Wie das? Von wem?“, runzelte Jeff die Stirn.

„Von ihrem Großonkel vierten Grades mütterlicher Seitz. Sie sind der einzige lebende Verwandte. Lehnen sie ihr Erbe ab so wird es versteigert und der Erlös geht in die Staatskasse. Möchten sie das Erbe nun antreten oder nicht?“, wollte Mister O’Connor nochmals wissen.

„Daddy, sagt man nicht: >einem Geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul?!<“, wollte Mia beiläufig wissen, ohne von ihrem Bild hochzuschauen.

„Wo sie recht hat, …“, kommentierte der Anwalt und spielte an seiner Zigarre rum.

„Können dabei nicht auch Schulden für mich rausspringen?“, wollte Jeff zögerlich wissen.

„Durch aus. Dies kann ich Ihnen aber erst erläutern, nach dem ich von Ihnen weiß, ob Sie es annehmen.“, erwähnte der Anwalt beiläufig. Was sollte Jeff nun tun? Sollte er es riskieren und seine kleine Familie womöglich noch in die Schulden stürzen? Aber vielleicht ist auch ein riesen Vermögen hinter dem Ganzen. Er würde sich selbst in den Hintern beißen, wenn er dies am Ende ausgeschlagen hätte. Er war hin und her gerissen. Alles oder nichts, … wie sollte er sich entscheiden?

4

Es waren nun schon einige Tage ins Land gegangen, seit dem Jeff beim Notar war. Gedanken verloren saß er in seinem Wohnzimmer und räumte die Kisten aus. Er war um geben von Büchern, die sich mehr schlecht als recht neben ihm emporragten. Es sah aus, wie eine Mischung aus Turmbau zu Babel und dem Schiefen Turm von Pisa. Eine falsche Bewegung von ihm und alles würde in sich zusammenfallen. Wie eine Lawine würden sich die Bücher über den Wohnzimmerteppich schieben. Noch war er diesem Szenario immer um eine Haaresbreite entkommen. Neben den Büchern türmten sich noch aller Hand andere Dinge. So standen auch der große Suppentopf, Glaskaraffen voll Kochlöffel, Pfannenwendern und Suppenkellen neben ihm auf dem Boden. Auch Spielzeug von Mia stand dazwischen. Plötzlich ließ er sich kraftlos nach hinten auf den Po plumpsen. Nun war es passiert. Er kam unverhofft gegen seine Buch-Turm-Konstruktion, die auch prompt mit einem Wumms umfiel.

„Was mach ich hier eigentlich?“, schnaubte er entnervt. Mia sah in an.

„Unordnung machst du!“, sagte sie kalt und wandte sich wieder ihrer Barbie zu. Sie hatte recht. Er rieb sich die Augen.

Seit Tagen packte er einen Karton nach dem anderen aus. Noch immer war kein Ende in Sicht. War ein Karton leer, stand der nächste volle schon in den Startlöchern. Das Wohnzimmer glich einem Krisengebiet nach einem Orkan. Alles stand herum. Nicht wirklich war etwas an dem Platz, wo es normalerweise hinsollte. Ein System hinter dem Auspacken, war nicht zu erkennen. Er streckte mit gequältem Blick seine Beine aus. Die ihm schon vor längerem signalisiert hatten, dass sie eingeschlafen waren. Mit dieser Bewegung kam er gegen einen Stoß Briefe, die sich nun zu dem Bücher-chaos gesellten. Ihm schien das Ganze über den Kopf zu wachsen.

Sollte er nun weiter auspacken? Was ist, wenn hinter dem Erbe etwas steckte, was ihm helfen könnte. Eine höhere Geldsumme? Mit der könnte er eine größere Wohnung mieten und müsste nicht in einer viel zu kleinen Wohnung leben, in der er in der Wohnküche auf dem Sofa schlief. Noch immer haderte er mit sich selbst das Erbe anzunehmen. Würden schulden dahinterstecken, würde er all das hier aufs Spiel setzen. Und könnte am Ende nicht einmal diese Wohnung halten. Steckten aber Antiquitäten dahinter, könnte er diese höchstwahrscheinlich zu Geld machen, was ihm und Mia grade echt zugutekäme.

Er sah sich um. Die Wohnung versank im Umzugschaos. Es war definitiv keine gute Idee gewesen, sich beim Drücken vor der Entscheidung wahllos auf Umzugskartons zu stürzen. Die Sachen nahmen ihm den Platz zum Denken. Sie erdrückten ihn. Er musste raus hier!

„Mia, komm wir gehen spazieren.“, sagte er und er kam, wie ein alter rheumageplagter Mann, vom Boden hoch. Er streckte sich, dabei krachten seine Knochen in den Gliedern. Wie ein Bergsteiger bahnte er sich einen Weg durch sein Wohnzimmer und half seiner Tochter dabei ihre Schuhe an die Füße zu bekommen.

Wenig später schlenderten die Beiden durch die Straßen des kleinen verschlafenen irischen Städtchens. Kleine Geschäfte säumten den Weg. Sie luden zum Bummeln ein. Bienen und andere flugfähige Insekten erfreuten sich an den Blumen in den Zahlreich aufgehängten Blumenkästen in der Stadt. Kinder spielten in der Maisonne mit einem Ball auf dem Rathausplatz Fußball. Sie schrien, jubelten oder schimpften im Wechsel miteinander. Eine getigerte Katze saß auf der Mauer eines Gartens und putzte sich ausgiebig. Vögel flogen von einem Hausgiebel zum nächsten oder landeten auf einem der Elektrokabel, welche von Haus zu Haus gespannt waren. Eine ältere Dame grüßte sie. Sie plauderten etwas mit ihr. Sie schenkte Mia ein paar Erdbeeren, die sie freudig dankend von der Dame annahm, danach gingen sie mit einem fröhlichen: „Auf Wiedersehen“, ihres Weges weiter. Seine Tochter war zufrieden. Die Erdbeeren waren für sie ein willkommener Snack gewesen und hoben ihre Laune spürbar an. Es freute ihn sie so zu sehn.

„Daddy? Wo gehen wir eigentlich hin?“, schmatzte sie ihre letzte Erdbeere im Mund hin und her.

„Ich möchte noch mal zu Herrn O‘Connor gehen.“, erklärte er Mia.

„Gute Idee! Er hat das letzte Mal uns die Stöcke nicht gegeben!“, sagte sie und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Ihr Vater musste lachen.
 

Kurz darauf standen sie, wie vor einigen Tagen, vor dem alten Backsteinhaus. Dies stand unverändert im alten rustikalen Stil auf der Ecke. Diesmal jedoch blieben die Beiden nicht davorstehen, sondern gingen zielstrebig den Eingang hinein und stiegen die Treppen hinauf. Jeff stand abermals vor der Tür und erinnerte sich daran, wie ängstlich und zögernd er doch das letzte Mal gewesen war. Heute jedoch klopfte er selbstbewusst an die Tür.

„Ja, bitte?“, hörte man O’Conner antworten. Sie traten ein

„Oh, Me Lady, und Begleitung.“, begrüßte er Mia. Und grinste Jeff vielsagend an. Mia freute sich riesig, dass sie so begrüßt wurde.

„Was kann ich für euch Beide tun?“, wollte er wissen und bat den beiden den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches an.

„Wir sind hier wegen den Stöcken!“, plapperte Mia.

„Nein, wegen dem Erbe.“, zischte Jeff schnell hinterher.

„Schon wieder Erbsen?“, wollte Mia missmutig wissen.

„Wir wollen das Erbe antreten!“, sagte Jeff bestimmt. Er war sichtlich bereit alles auf eine Karte zusetzen.

„WAS? Nein! Ich will keine Erbsen!“, sagte Mia und verstand die Welt nicht mehr! Warum machte das ihr Vater bloß? Doch die zwei Herren überhörten einfach ihren Protest.

„Sicher gerne doch, steht ihnen ja schließlich zu.“, sagte O’Conner und fing sofort an die notwendigen Papiere zusammen zu sammeln, damit das Erbe rechtskräftig angetreten werden konnte.

5

„So, da nun alles erledigt ist, wünsche ich Ihnen alles Gute und gutes Gelingen mit Ihrem Erbe. Auf Wiedersehen.“, sagte Mister O‘Connor und begleitete sie zu seiner Bürotür. Kurz nach dem er ausgesprochen hatte, schüttelten sie sich die Hände und die Tür ging hinter ihnen zu. So stand er auf dem Flur des in die Jahre gekommenen Anwalts- und Notar-Gebäudes, als frisch gebackener Erbe.

„Und was machen wir jetzt mit den Erbsen?“, fragte Mia vorwurfsvoll. Er schmunzelte und schüttelte liebevoll den Kopf. Er nahm sie hoch.

„Mia, Schätzchen, es sind keine Erbsen. Es ist ein Erbe. Weißt du, was das ist?“, fing er an mit ihr zu reden. Sie biss sich auf der einen Seite leicht auf die Unterlippe, schielte mit den Augen nach rechts oben zu den Augenbrauen, überlegte kurz, zuckte dann aber mit den Schultern.

„Ein Erbe, das ist, wenn du ganz viele Sachen hast, du sie aber nicht mehr brauchst, weil du oben im Himmel bist.“, erklärte er und machte kurz einen angedeuteten Blick nach oben.

„Willst du damit sagen, dass man alles hierlassen muss, wenn man wie Mami, oben auf einer Wolke sitzt?“, fragte sie aufmerksam. Jeff schluckte.

„… ja. Genau so ist das, Liebes. Und deswegen hat mich Mister O’Connor eingeladen, um mir zusagen, dass es etwas gibt, was man für mich zurückgelassen hat.“, er klärte er mit einem Kloß im Hals.

Es war nicht leicht für ihn, daran erinnert zu werden, dass seine Frau und die Mutter von Mia nicht mehr bei ihnen sein konnte.

Sie war nun schon fast genau 2 Jahre nicht mehr bei ihnen. Noch immer vermisste er jeden Tag ihre Anwesenheit. Er vermisste es abends mit ihr ein Gläschen Wein zu trinken und mit ihr dabei über Gott und die Welt zu philosophieren. Er vermisste es auch ihr dabei zu zusehen, wie sie in ihrer Mutterrolle auf ging. Wie liebevoll sie mit Mia war, die sie abgöttisch liebte. Es tat immer noch weh, als sei der ganze Vorfall erst gestern gewesen, als er einen Anruf bekam, dass seine Frau von einem betrunkenen Autofahrer in ihrer Mittagspause auf dem Bordstein erwischt wurde. Der Fahrer war viel zu schnell und seine Frau hatte keine Chance gehabt. Sie verstarb noch an der Unfallstelle. Sie wurde im wahrsten Sinne aus dem Leben gerissen und hinterließ ihren Mann und die kleine Tochter.

Mia war gerade einmal 3 Jahre alt gewesen, als sich dieser Vorfall ereignete. Sie war viel zu klein und konnte nicht begreifen, wo nun ihre Mami war und dass sie nie wieder Heimkommen würde. Die erste Zeit nach dem Unfall lebte er mit Mia bei seinem Vater. Er schaffte es, zu diesem Zeitpunkt, einfach nicht sich allein um alle Angelegenheiten und sich zusätzlich um Mia zu kümmern. Ein großes Haus musste leergeräumt werden. Er allein konnte sich das Haus, mit den vielen Zimmern, nicht leisten. Selbst mit der Witwern-Rente, war dies undenkbar. Er war nun Alleinverdiener, Alleinerziehend und allein für alles zuständig, was Mia und ihn betraf. Er hatte nicht nur seine Frau, sondern auch seine beste Freundin und die größte Stütze in seinem Leben verloren. Sie konnte ihm die düstersten Tage, wie mit einem warmen Sonnenstrahl erhellen. Sie schenkte ihm so viel Liebe, Wärme und Geborgenheit, sodass ihm alles ganz einfach vorkam, wenn sie da war. Ein Leben ohne sie fühlte sich grau und trist an.

Es war eine sehr schwere Zeit für ihn gewesen. Er ist seinem Vater sehr dankbar für all die Hilfe, die er von ihm in dem Zeitraum bekam. Er rang mit den Tränen, jedes Mal, wenn er daran denken musste, was ein geliebter Mensch doch alles mit sich reißen konnte, wenn er aus dem Leben schied. Natürlich blieben alle irdischen Güter zurück, aber dass, was einen geliebten Menschen ausmachte, seine Ecken, seine Kannten, sein Lachen und auch sein Weinen, werden mit einem Mal ausgelöscht.
 

Jeff schluckte, und versuchte seinen Gefühlen Herr zu werden. Mia entging dies nicht.

„Daddy, …?“, fragte sie zögernd.

„, … Ja, …!“, brachte dieser angesträngt hervor.

„Meinst du, Mami hat dort oben, so als Engel, schöne Kleider an?“, fragte sie. Jeff lächelte liebevoll drückte seine Tochter fest an sich.

„Ja, die schönsten, die du dir vorstellen kannst!“, schniefte er stolz. Mia sollte ihre Mutter in schönster Erinnerung behalten. Natürlich entsprach dies nicht ganz der Wahrheit über den Verbleib ihrer Mutter, aber wie sonst hätten er und seine Tochter mit diesem Verlust umgehen sollen? Eines Tages, wenn Mia älter war, würde er ihr schon noch erzählen, wie es wirklich war. Doch zurzeit konnten beide gut damit leben, wenn sie sich Mias Mutter in Engelsgestallt vorstellten, die von oben eine schützende Hand auf sie legte. Es spendete auch Jeff, etwas Hoffnung, dass trotz allem alles wieder gut werden wird.

„Meinst du, Mami hat uns die Erbsen geschenkt? Damit es uns gut geht?“, fragte Mia auf dem Nachhauseweg.

„Das kann gut sein.“, sagt Jeff verträumt. Ihm gefiel die Denkweise seiner Tochter und schickte in Gedanken ein Danke dem Himmel empor. Er lächelte sanft.

„Ich danke dir, Sandra!“, flüsterte er liebevoll vor sich hin und sah in die Wolken.

6

Jeff hatte grade Mia zu Bett gebracht. Eingemummelt umringt von ihren Kuscheltieren lag sie in ihrem Bett. Ihr Nachtlicht auf ihrem Nachttisch lies pastellfarbene Einhörner und Feen durch ihr Zimmer tanzen. Leise, kaum zu hören, spielte das drehende Licht eine beruhigende Melodie. Er saß noch einige Zeit auf ihrer Bettkante und verließ erst dann ihr Zimmer, als er sich sicher war, dass sie nun endlich friedlich eingeschlafen war. Vorsichtig und auf leisen Sohlen stahl er sich aus dem Zimmer und man hörte ein leises Klicken, als die Tür ins Schloss gezogen wurde. Geschafft! Erleichtert den Tag hinter sich gebracht zu haben, atmete Jeff einmal tief ein und aus. Er bahnte sich einen Weg in seinem Wohnzimmer von Mia’s Tür bis hin zur Schlafcouch. Mit jedem Schritt, den er tat, schob er sich einen Trampelpfad bis zu seinem Schlafplatz. Vorbei an dem Bücher-Erdrutsch mit den darauf liegenden Briefen, die es wirken ließen, wie ein Gebirge mit Schnee auf den Bergkuppen. Auch dem alten Suppentopf, der Vase und der Glaskaraffe begegnete er auf seinem Weg. Alles schob er mit seinem Fuß zusammen, so dass sein Trampelpfad genau zwei Füße breit war. An seinem Ziel angekommen, ließ er sich kraftlos auf das Sofa fallen. Seinen linken Fuß legte er auf einen noch vollen Umzugskarton ab. Was ein Tag… Er seufzte ein weiteres Mal und besah sich sein Chaos, dass er an diesem Tag veranstaltet hatte. So viel war noch zu tun. Er fuhr sich mit seiner Hand durch sein Gesicht. Er fühlte sich um Jahre gealtert. Entmutigt und kraftlos rieb er sich die Augen. Wie sollte er dem ganzen nur Herr werden. Er könnte schon viel weiter sein, wenn die Sache mit dem Notar nicht am Montagmorgen dazwischengekommen wäre. Moment mal. Da war doch was! Er fingerte nach seiner Jacke, die auf der Lehne des Sofas lag. Einen Garderobenhaken für Jacken hatte die Wohnung noch nicht verliehen bekommen. Deswegen lag alles irgendwo in der Gegend herum. Er wühlte in den Taschen der Jacke. Er suchte nach dem kleinen Zettel, auf dem die Adresse stand, die ihm der Notar mitgegeben hatte. Sämtliche anderen Papiere würden in den nächsten Tagen mit der Post kommen. Er sah auf den kleinen zerknüllten neongelben Klebezettel, auf dem mit einer Sauklaue eine Adresse stand. Dort solle ein kleines Gebäude auf ihn warten. Genaueres wisse man nicht, meinte Mister Connor zu ihm. Jeff beschloss am nächsten Morgen danach im Internet zu gucken. Für den heutigen Tag hatte er genug. Als er das getan hatte, stopfte den Zettel zurück in die Jackentasche. Danach beschloss er sich nun zur Ruhe zu legen. Er fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.
 

Die Morgensonne schien bereits in die spärlich eingerichtete Wohnung, als Mia’s Vater langsam wach wurde. Er reckte und streckte sich, rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte ausgiebig. Langsam gewöhnten sich seine Augen daran, dass nun die Zeit des Schlafens vorbei war. Er richtete sich gerädert auf. So besonders gut lag man auf dem Sofa nicht. Da sah er Mia am anderen Ende seines Schlaflagers sitzen.

„Guten Morgen, Daddy“, lächelte sie. Ihre blonde Zottelmähne wippte dabei auf und ab.

„Guten Morgen, kleines. Na, hast du gut geschlafen?“, wollte ihr Vater wissen. Mia nickte eifrig und ihre Haare tanzten förmlich im Schwung mit. Er nahm sie in den Arm.

„Hast du Hunger? Möchtest du etwas frühstücken?“, fragte er sie liebevoll, als er sah, wie wohl sie sich in seinen Armen fühlte. Ihre Augen glitzerten, als sie ihn zur Antwort ansah.

„Kann ich Cornflakes haben?“, wollte sie mit einem Dackelblick von ihm wissen. Wer hätte einem kleinen blonden Mädchen, in einem pinken Schlafanzug mit Kuscheltier im Arm, so einen Wunsch abschlagen können?

„Natürlich!“, lächelte er. Ja, vielleicht war er zu nachgiebig. Vielleicht wäre es besser ihr etwas Anständiges zum Frühstücken zu geben, aber wieso sollte er ihr diese kleinen Dinge, die sie so glücklich machten, verwehren? Sie hatte doch so schon den größten Verlust, den ein Kind erleiden konnte, zu tragen. Ein Leben ohne ihre Mutter. Er war sich manchmal nicht sicher, ob sie damit überhaupt so ein großes Problem hatte, oder ob er seine Sehnsüchte mit auf das Kind verlagerte. Doch darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Sie standen auf.

Wenig später saßen sie schmatzend und kauend am Tisch. Es schmeckte ihnen hörbar gut.

„Daddy, was machen wir heute?“, wollte Mia wissen, als sie ein paar ihrer bunten Kringel in der Milch versuchte mit dem Löffel einzufangen. Sie verfolgte sie mit dem Löffel ringsherum in der Müslischüssel.

„Ich dachte, wir machen heute einen Ausflug. Hättest du Lust darauf?“, fragte er seine kleine Tochter. die gerade entnervt den Löffel auf den Tisch klatschte und mit dem Kopf komplett hinter der Müslischüssel verschwand. Man hörte sie glucksend die Milch verschlingen. Die flüchtenden Müsliflocken hatten nun keine Chance mehr. Sie landeten mit großen Schlucken in Mia’s Bauch. Die kleine tauchte schnaufend hinter der Müslischüssel wieder auf, als wäre sie 20.000 Meilen unter dem Meer gewesen. Ihr Vater beobachtete sie schmunzelnd.

„Auja, das ist super!“, sagte sie und stellte ihre Schüssel vor sich auf dem Tisch ab.
 

Während sich Mia surrend mit der elektrischen Zahnbürste die Zähne putzte, suchte Jeff nach einer Möglichkeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu dem Ort auf dem Zettel zu kommen. Letztendlich beschloss er, sich und Mia ein Taxi zu rufen. Alles andere wäre zu kompliziert gewesen. Ein kurzer Anruf bei der Taxigesellschaft und die Reise konnte los gehen. Als Mia das mitbekam, dass nun bald ein Taxi käme, um sie beide abzuholen, jauchzte sie vor Vorfreude.
 

Keine Viertelstunde später saßen beide auf der Rückbank des Taxis. Sie fuhren über die hügelige Landschaft Irlands. Hier und da standen Kühe oder Schafe auf den Weiden und grasten, lagen im satten grünen Gras, dösten vor sich hin oder käuten wieder. Mia war begeistert. Sie sah die Tiere und machte sie nach, in dem sie genauso von links nach rechts kaute und ihr Gesicht langzog, oder mit den Fingern Hörner an ihrer Stirn nachformte. Sie mähte und muhte. Sie hatte so eine Freude daran. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Jeff erkannte, selbst wenn das Ganze sich als ein Reinfall herausstellen sollte, hätte Mia zumindest etwas erlebt und einen großartigen Tag gehabt. Das war es ihm wert. Mia lachte und jauchzte jedes Mal, wenn es beim Befahren eines Hügels, in ihrem Bauch kribbelte.
 

Die Taxifahrt war Jeff viel kürzer vorgekommen, als sie in Wirklichkeit dauerte, weil es eine Wonne war Mia zu zusehen. Jeff bezahlte den Taxifahrer, nach dem sie ausgestiegen waren.

„Vielen Dank. Wenn sie zu der kleinen Hütte im Wald wollen, müssen sie diesen Weg dort folgen. So in 200 bis 250 Metern kommt eine Abzweigung. Dort müssen sie sich dann links halten. Ist nicht zu verfehlen“, sagte der Taxifahrer, als er sein Geld von Jeff entgegennahm. Jeff bedankte sich und sattelte den mitgebrachten Rucksack mit Reiseproviant auf seinen Rücken. Nun konnte das Abenteuer beginnen.

7

Mia rannte stürmisch los. Jede Blume am Wegesrand wollte von ihr freudig beäugt werden. Hier und da schafften es vereinzelt Sonnenstrahlen bis zum Waldboden und setzten diesen gekonnt in Szene. Der Waldboden abseits des Weges war übersäht vom Gelbklee, dessen leuchtend gelbe Blüten sich der Vormittagssonne entgegenstreckten. Sie ist in Irland weitverbreitet und wird im Volksmund auch „Shamrock“ genannt. Durch ihren Bekanntheitsgrad gilt sie auch als Vertreter der Nationalblume. Jeff war gewiss kein Botaniker, diese Pflanze jedoch kannte er sehr gut. Es war schön anzusehen, wie sich bei genauem Hinsehen noch kleine blaue Blüten zwischen all dem Gelbklee einen Weg zur Sonne gebahnt haben.

„Mia, schau mal da! Die blauen Blumen. Sind die nicht hübsch? Es müsste der gemeine Lein sein.“, sagte er und war sich nicht ganz sicher, ob die Information so stimmte.

„Warum ist der gemein? Ärgert der Lein die anderen Blumen?“, wollte sie wissen. Fragend sah sie von ihrem Vater zur Blume und wunderte sich, wie so ein kleines Ding gemein sein konnte. Jeff lächelte.

„Nein, liebes. Das hat nichts mit gemein sein zu tun. Wenn man das Wort in Bezug auf Pflanzen, also Bäume, Büsche, Blumen und Sträucher benutzt, dann bedeutet das, dass die Pflanze sehr oft wächst und die Bekannteste ihrer Art ist.“, erklärte er und sie hörte ihm aufmerksam zu. Er wusste selbst nicht so genau, wo dieses Wissen herkam, was da gerade aus ihm heraussprudelte.

„Ich möchte nur, dass du weißt, dass du Blüten, die du siehst, egal wie schön sie sind, nicht anfasst. Sie könnten giftig sein. Deswegen bitte ich dich, rupf bitte keine ab. Lass sie stehen und freu dich über ihre Farben, die sie dir zeigen. Hast du das verstanden?“, wollte er wissen und sah ihr in die Augen. Sie nickte.

„Ich darf den gemeinen Lein nicht anfassen, weil er doch gemein sein könnte, obwohl er nur so heißt!“, sagte sie zusammenfassend.

„Und ich weiß auch nicht, ob die anderen, die nicht gemein heißen, vielleicht doch auch gemein sind.“, sagte sie nachdenklich. Dem war nichts mehr hinzuzufügen.

Nicht nur ihre Augen hatten viel zu entdecken auch ihren Ohren war einiges geboten. Ein Konzert vieler Vogelstimmen hallte durch den Wald und untermalte ihr kleines Abenteuer. Immer wieder klopfte und hämmerte irgendwo ein Specht gegen einen der Bäume. Wenn man genau hinhörte, hörte man in der Ferne einen Bach plätschern. Ein emsiges Surren und Summen der Insekten war ebenfalls zu vernehmen. Die kleine warme Frühjahrspriese ließ die Blätter der Bäume raschelnd, aber geschmeidig, hin und her bewegen, wo durch die Sonnenstrahlen über den Waldboden tanzten. Sie zeigten den beiden ein Schauspiel von Licht und Farben, an dem man sich kaum satt sehen konnte. Es hatte fast etwas magisches, wenn das Licht zufällig die letzten kleinen Tautropfen erwischte und der Wald dadurch an so mancher Stelle zu glitzern anfing. Da sie es nicht eilig hatten ließen sich Jeff und Mia Zeit und genossen ihre Eindrücke an dem frühen Vormittag. Dies war schon ein anderes Erlebnis als das kleine Städtchen, in dem sie zuhause waren. Mia blühte im Wald förmlich auf. Hier brauchte es keine Überredungskunst, um die kleine fünfjährige mit ihrem Pferdeschwanz zum Laufen zu bewegen. Sie lief von sich aus hin und her entdeckte noch viele großartige Blumen in den tollsten Farben und Formen. Auch so manches Krabbeltier war ihr nicht entgangen. Ihr kleiner Zeigefinger war bestimmt schon ganz steif vom vielen Zeigen, was sie alles entdeckt hatte.

Sie kamen an der Weggabelung an, die ihnen der Taxifahrer vorhergesagt hatte. Ein Weg führte tiefer in den Wald hinein und verlief sich in der Ferne nach einigen Biegungen. Der andere schlängelte sich entlang des Waldrandes mal mehr und mal weniger in den Wald hinein. Die besagte Waldhütte war von dem Standpunkt aus noch nicht zusehen. Mia rannte voraus und nahm instinktiv den Linken der beiden Wege. Jeff ging in einem guten Lauftempo hinter ihr her. Immer mit einem Auge auf sie gerichtet ließ auch er die Magie das Waldes auf sich einwirken.

Der Wald hatte schon etwas Besonderes. Natürlich war es Jeff bewusst, dass jeder Wald eine gewisse Wirkung auf den Menschen hatte, aber dieser Wald hatte eine beflügelte Stimmung, die in der Luft lag.

Schon lange nicht mehr hatte sich Jeff so leicht und unbeschwert gefühlt. Jeder neue Atemzug ließ ihn mental mehr und mehr entspannen. Langsam wurden seine Schritte beschwingter. Er wippte leichtfüßig von einem Bein aufs andere. Es forderte ihm keinerlei Anstrengung dies zu tun. Er tat es einfach, weil ihm danach war. Auf einmal bemerkte er, dass er leise vor sich hin summte. Die Melodie folgte keinem ihm bekannten Musikstück, sondern war ganz zufälliger Natur gewesen. Dieser Wald machte augenscheinig etwas mit ihm und Mia. Es tat beiden gut diesen Ausflug angetreten zu haben. Mia stapfte derweil vorneweg und hatte, sich wie ein Wanderer aus alten Tagen, einen Stock als Spazierstock genommen. Sie liefen immer weiter und folgten dabei dem Verlauf des Weges.

Nach einer Weile führte der Weg sie zu einer alten kleinen Brücke. Unter ihr plätscherte ein kleiner Flusslauf entlang. Das Wasser züngelte zwischen den Steinen entlang und kringelte sich an mancher Stelle zu einem kleinen Strudel. Ein Blatt eines Baumes schwamm auf der Oberfläche und drehte sich quirlig darin im Kreis. Mia hatte es zuerst entdeckt. Sie lachte und jauchzte.

„Daddy, schnell komm her. Schnell! Schnell!“, rief sie ihrem Vater zu und rannte ihm auf halben Weg entgegen. Sie zeigte zur Brücke.

„Das musst du sehen!“, schrie sie fast vor Aufregung und rannte zurück. Sie hielt sich an der Brüstung fest und zeigte mit ihrem kleinen Zeigefinger Richtung Fluss. Ihr Vater hatte Mia’s Vorsprung schnell aufgeholt. Er stellte sich direkt neben sie hin und folgte ihrem Zeigefinger mit den Augen. Es war ein schöner Anblick, wie sich das Blatt leichtwippend im Kreise drehte. Es ähnelte einem Tanzpaar beim Walzertanzen. Durch die Wasserkraft löste sich weiter oben ein Stein. Mit ihm nahm das Wasser auch kurzzeitig an Fahrt auf und kam in einer kleinen Welle der Brücke näher. Dieser kleine Schwall genügte, um das Blatt von seinem Walzertanzenden-Drehwurm zu befreien und es setzte seinen Weg fort. Es um schipperte die nächsten Steine gekonnt und war nach kurzer Zeit schon einige Meter weiter.

„Schade, …“, sagte Mia enttäuscht. Jeff nahm sie in den Arm.

„Weist du kleines. So schön es auch ist. Wir können nicht immer an derselben Stelle bleiben. Sonst werden wir nie wissen, was sonst noch kommen kann.“, sagte Jeff.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück