Prolog: Für Sie, Boss
Cameron platzierte die Bierflasche auf den Tisch, stellte sicher, dass sie von draußen gut gesehen werden konnte und nickte dann zufrieden. Wenn das den Boss nicht in den Konferenzraum lockte, wusste er auch nicht mehr weiter.
Als er den Beamer vorbereitete – damit sie während der kommenden Konferenz nicht darauf warten mussten, was immer zu einer unangenehmen Stille führte und unnötig Zeit fraß – bemerkte er im Augenwinkel etwas Rotes, das an der Glaswand des Raumes vorbeilief. Im nächsten Moment streckte sein Chef schon den Kopf durch die offene Tür. Das schulterlange, viel zu rote Haar mit den goldenen Strähnen im Stirn- und Schläfenbereich war immer von weitem zu sehen, wie üblich waren seine Augen hinter einer rötlichen Sonnenbrille verborgen – auch Cameron hatte ihn noch nie ohne sie gesehen.
»Für wen, bitte, ist denn dieses Bier?«, fragte er im Tonfall der gefälschten Empörung.
»Für Sie, Boss«, sagte Cameron, ohne dabei seine Arbeit zu unterbrechen. »Ich dachte, es hilft dabei, Sie mal wieder zu einer Konferenz zu locken. Die Leute beklagen sich schon.«
Sein Boss sah auf den prall gefüllten Ordner in seinem Arm hinab, wägte ab, ob er es sich leisten konnte, seine Arbeitszeit heute hier zu verbringen – und dann gewann glücklicherweise der Alkohol.
»Du hast recht, Cam, es wird Zeit, mal wieder beim Treffen der Werbeabteilung dabei zu sein«, sagte sein Boss. »Und das Bier darf man doch nicht verkommen lassen.«
Damit setzte er sich auf den für ihn bestimmten Platz, legte die Akten und sein Handy auf dem Tisch ab und schnappte sich die Bierflasche, die er geübt öffnete, um dann direkt einen großen Schluck zu nehmen. Nebenbei studierte er pflichtbewusst die extra für ihn ausgedruckte Tagesordnung, natürlich ohne seine Sonnenbrille abzunehmen.
Zufrieden setzte Cameron seine Vorbereitungen fort – kaum lief der Beamer, waren alle anderen Dinge nur noch Kleinigkeiten –, nach und nach kamen die anderen Konferenzteilnehmer dazu, zeigten sich äußerst erfreut über die Anwesenheit des Bosses und tauschten einige Nettigkeiten – und ein paar Scherze – mit ihm aus und schließlich konnten sie das Meeting pünktlich beginnen.
Der Boss lauschte aufmerksam, während alle Teilnehmer ihre Arbeit vorstellten, nahm immer wieder einen Schluck aus seiner Flasche, hakte einige Male nach, wenn er etwas nicht verstand oder gab Kritik, die dankend aufgenommen und notiert wurde. Cameron hätte nicht glücklicher oder stolzer auf ihn sein können – und dann endete diese Phase nach nicht einmal dreißig Minuten schlagartig.
Mitten während eines Vortrags zur nächsten geplanten Werbekampagne, leuchtete plötzlich das Display seines Handys auf, was sofort die Aufmerksamkeit seines Bosses in Beschlag nahm. Dessen Brauen zogen sich zusammen, als er die Nachricht las, dann erhob er sich abrupt. »Okay, das war ein bislang gutes Meeting, Cam übernimmt ab hier, ich muss los.«
Die anderen Teilnehmer tauschten nervöse Blicke miteinander, der Boss tippte bereits auf seinem Handy herum und verzichtete sogar darauf, die Akten mitzunehmen – oder sein Bier leerzutrinken.
»Aber wo wollen Sie hin, Boss?«, fragte Cameron. »Was ist los?«
»Familiennotfall«, erklärte sein Boss knapp, das Handy bereits am Ohr, auf dem Weg zur Tür. »Ich muss für eine Weile nach Kalos. Du kommst klar, Cam, ich meld mich, sobald ich da bin! Bye!«
Damit verließ er den Konferenzraum bereits, bevor Cameron ihn aufhalten oder noch mehr fragen konnte. Frustriert ließ er die Schultern sinken. Sein Plan war so gut gewesen und dann doch gescheitert. Er müsste später herausfinden, worin der Notfall eigentlich bestand, aber zuerst war es wichtig, das Meeting zu einem erfolgreichen Ende zu führen, bevor auch alle anderen frustriert waren.
Im Moment wirkten sie alle aber nur verwirrt. Dem musste Cameron Einhalt gebieten.
»Es sieht so aus, als müssten wir wieder eine Weile auf den Boss verzichten«, begann er direkt und dachte sich das Wieder einmal nur. »Gibt es an dieser Stelle irgendwas, das ich schon beantworten kann?«
Die anderen teilten einige verwirrte Blicke miteinander, dann wagte einer von ihnen es tatsächlich, eine Frage zu stellen – eine Frage, die alle anderen dazu anregte, ihre Handys zu zücken, um das nachzuprüfen, und Cameron ein Seufzen entlockte: »Seit wann hat der Boss Familie?«
Kapitel 1: Ich werde darüber nachdenken
Einige Tage vor der Nachricht, die ein Meeting einer Werbeabteilung störte, ahnte in Kalos noch niemand etwas davon. Vor allem nicht Fleurdelis, ihres Zeichens Leiterin eines einflussreichen Unternehmens, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Welt mit ihren Erfindungen zu verbessern. Ein Familiennotfall wäre ihr aber auch gar nicht gelegen gekommen, dafür gab es zu viel zu tun – und deswegen war sie in diesem Moment auch von dem irritiert, was ihr Gesprächspartner ihr anbot: »Konzertkarten?«
Platan, der Pokémon-Professor von Kalos – den sie glücklicherweise ihren Freund nennen durfte –, saß ihr für das Mittagessen gegenüber und strahlte regelrecht. Seine grauen Augen wirkten fast silbern, was sie normalerweise sehr zu schätzen wusste, aber heute trugen sie lediglich zu ihrer Verwirrung bei.
»Du hast bestimmt schon davon gehört«, begann Platan. »Meisa gibt demnächst ein großes Konzert in Illumina City. Ich habe Karten dafür bekommen und lade dich dazu ein.«
»Ich habe die Plakate gesehen, aber ich kenne Meisa nicht«, erwiderte Fleurdelis; ihr Blick lag dabei auf Platans Essen, das kalt zu werden drohte.
Sie hoffte, er verstand den Wink, aber stattdessen fühlte er sich eher berufen, in seiner Erklärung auszuschweifen: »Du erinnerst dich sicher, dass ich in Sinnoh unter Professor Eibe studiert habe, oder?«
»Du erwähnst das hin und wieder«, versuchte sie erfolglos zu scherzen. »Fahr fort.«
»Damals bin ich auch einer talentierten jungen Sängerin begegnet, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stand.« Platans Augen leuchteten für einen Moment, ehe sie wieder bedrückt wirkten. »Ich war einer von drei Zuhörern bei ihrem ersten Konzert, aber dennoch hat sie für uns ihr Bestes gegeben.«
Bei dieser Erinnerung seufzte er ergriffen. Dieser Laut stach direkt in Fleurdelis' Herz. Aber sie ließ sich nichts anmerken und hörte ihm weiter zu: »Anschließend kamen wir ins Gespräch, seitdem weiß ich auch, dass sie einer der nettesten Menschen ist, die ich je getroffen habe.«
Fleurdelis zerschnitt das Fleisch auf ihrem Teller ein wenig intensiver als notwendig, das Messer schabte unangenehm über das Porzellan. Platan störte sich daran gar nicht. »Wir stehen immer noch miteinander im Kontakt, obwohl sie inzwischen ihren Durchbruch hatte und jetzt in allen Regionen bekannt ist und dort Konzerte gibt. Oh, wenn du sie nicht kennst, weißt du ja auch gar nicht, dass sie gemeinsam mit ihrem Primarene auftritt! Gemeinsam singen sie wirklich herzerwärmende Arien.«
Wieder dieses Seufzen, diesmal unangenehm begeistert. Dann stutzte er, vielleicht weil sie die Begeisterung nicht teilte. »Weißt du, was ein Primarene ist?«
»Sicher. Du hast mir davon schon ausführlich erzählt. Primarenes sind für ihren Gesang bekannt.« Fleurdelis nickte zu seinem Teller. »Bitte, iss, Platan. Dafür sind wir doch eigentlich hier.«
»Oh, natürlich.« Platan nahm einen viel zu kleinen Bissen seiner Kartoffel-Galette, für die dieses Restaurant bekannt war; inzwischen war sie bestimmt kalt. »Jedenfalls war es eine schicksalhafte Begegnung zwischen Meisa und ihrem Primarene, ich glaube, diese Geschichte ist sogar in ihren Auftritt eingearbeitet.«
»Wenn ihr euch so gut versteht« – Fleurdelis beglückwünschte sich selbst dafür, vollkommen neutral zu sprechen – »warum hast du ihren Auftritt dann noch nie gesehen?«
Jedenfalls ging sie davon aus, wenn er sagte, er glaube, die Begegnung sei darin verarbeitet.
Dass sie recht hatte, bewies Platan bereits mit seinem bedauernden Gesichtsausdruck. »Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, persönlich bei einem Konzert anwesend zu sein, und ich möchte die erste Erfahrung nicht mit einem Video machen.«
Das verstand Fleurdelis vollkommen; sich eine Vorstellung im Opernhaus anzusehen, war ein ganz anderes Erlebnis, als Aufnahmen davon zu betrachten. Die Atmosphäre tat viel dafür, ans Herz zu greifen oder jemanden vollkommen kalt zu lassen.
»Aber jetzt habe ich endlich Karten für ihr kommendes Konzert in Illumina City bekommen«, fuhr Platan nun wieder glücklich fort, »und damit komme ich auch wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Möchtest du mit mir zu diesem Konzert gehen?«
Fleurdelis war hin- und hergerissen. Einerseits freute es sie, dass Platan sie dazu einlud und damit signalisierte, dass er gern noch mehr Zeit mit ihr verbringen und sogar ein solches Ereignis mit ihr erleben wollte. Andererseits war er aber jetzt schon derart begeistert von dieser Meisa, dass es direkt in ihr Herz stach, und sie war sich nicht sicher, ob sie ein ganzes Konzert mit dieser Begeisterung überstehen und Platan nicht ungewollt alles verderben würde.
Aber das konnte sie ihm nicht sagen. Bestimmt würde er dann eine Erklärung für ihre schlechte Laune fordern und sie war nicht gewillt, diese abzugeben.
So blieb ihr nichts anderes übrig als eine Ausflucht zu suchen: »Es tut mir leid, aber ich bin sehr beschäftigt.«
Platans Lächeln wurde etwas schwächer. »Ich habe doch noch gar nicht gesagt, wann das Konzert ist.«
»Ich weiß, wann es ist«, wehrte sie ab. »Wie gesagt, ich habe die Plakate gesehen. Im Allgemeinen bin ich aber leider immer zu beschäftigt. Deswegen essen wir hier auch zusammen. Oder eher: Ich habe gegessen.«
Demonstrativ legte sie ihr Besteck auf den leeren Teller, ehe sie einen Kellner zu sich heranwinkte. Platan sah auf seine halb gegessene, kalte Kartoffel-Galette hinab. »Oh. Es tut mir leid, ich war so in meine Begeisterung vertieft, dass ich das Essen ganz vergessen habe.«
Nicht zum ersten Mal, fuhr ihr durch den Kopf, aber sie sprach es nicht aus.
»Ich lasse es wieder einpacken und gebe es später einfach Mähikel und Chelast«, fuhr er fort, auch als Erklärung an den Kellner, der darauf zustimmend nickte, während er die Teller an sich nahm und dann versprach, gleich mit der Rechnung zurückzukehren.
Kaum waren sie wieder allein, wandte Fleurdelis sich ernst Platan zu. »Ich hatte eigentlich gehofft, du würdest mehr essen, wenn ich dich in ein Restaurant einlade.«
Er sah sie zerknirscht an. »Es tut mir wirklich leid. Aber ich kann dir nur erneut versichern, dass mir nichts fehlt. Ich nehme genug Essen zu mir.«
Sie glaubte ihm nicht – wie könnte sie auch, nachdem sie wieder gesehen hatte, dass er nicht einmal diese Galette aufgegessen hatte? –, aber sie entschied, ihm lieber nicht mehr zu widersprechen. Wenn sie ihm zu viele Vorschriften machte, selbst aus Sorge, stieß sie ihn vielleicht von sich und genau das wollte sie nicht. Also biss sie sich lieber auf die Zunge, bis sie Blut schmeckte – im übertragenen Sinn, nicht wörtlich. Noch nicht.
»Wenn du das sagst«, merkte sie stattdessen an, »dann glaube ich dir das.«
»Ich weiß, dass du dir nur Sorgen machst«, erwiderte Platan. »Deswegen kann ich dir nur weiter versichern, dass es mir gut geht.«
Sie nickte lediglich, da der Kellner gerade zurückkam, mit einer edlen Pappschachtel für Platan und der Rechnung für Fleurdelis in einer Ledermappe. Sie warf nur einen kurzen Blick darauf, notierte einen Betrag, den sie für angemessen hielt, als Trinkgeld und reichte dem Kellner die Mappe zurück, gemeinsam mit ihrer Kreditkarte.
Kaum war der Kellner wieder fort, um sich der Zahlung anzunehmen, sprach Platan weiter: »Es wäre wirklich schön, wenn du Zeit finden würdest, mich zum Konzert zu begleiten. Es wird dir bestimmt auch gefallen, da bin ich mir sicher.«
Seine grauen Augen glitzerten regelrecht, als er sie darum bat. Dieser Blick griff direkt nach ihrem Herzen und wollte sie trotz aller Vorbehalte überzeugen zuzusagen. Glücklicherweise kehrte der Kellner da schon ein weiteres Mal zurück und reichte ihr die Kreditkarte. Noch während sie diese wieder einsteckte, stand sie auf. »Ich werde darüber nachdenken. Aber ich kann dir keine Versprechungen machen.«
Das genügte aber, dass sich Platans Laune schlagartig verbesserte. Er erhob sich ebenfalls. »Fein, fein~. Dann warte ich einfach, bis du deinen Terminkalender befragt hast. Oder Julie. Oh, richte ihr bitte auch meine besten Grüße aus.«
Julie würde sich eher darüber aufregen, von ihm gegrüßt zu werden, aber Fleurdelis versicherte ihm dennoch, genau das zu tun, während sie das Restaurant verließen.
Draußen hielt Platan noch einmal inne. »Ich würde dich gern umarmen, aber ...«
Er hob die Schachtel. Demonstrativ, entschuldigend. Auch ohne sie hätte er eine andere Ausrede gefunden, Fleurdelis kannte das bereits von ihm.
»Schon in Ordnung«, erwiderte sie. »Mach dir keine Gedanken. Komm bitte gut zurück ins Labor.«
Sie vermied, ihn darauf hinzuweisen, dass er besonders vorsichtig sein sollte. Viele Männer mochten diese übertriebene Fürsorge nicht, wie sie aus Gesprächen mit ihren Geschäftspartnern wusste. Ein Teil von ihr hoffte, dass Platan nicht so war wie diese Männer, aber sie musste ihn ja dennoch nicht derart auf die Probe stellen.
»Komm du auch gut zurück ins Büro.« Dann holte Platan noch einmal Luft, als wollte er etwas sagen, entschied sich jedoch anders und schüttelte lächelnd mit dem Kopf. »Au revoir, meine Liebe.«
Damit wandte er sich von ihr ab und ging davon. Fleurdelis sah ihm noch eine Weile hinterher, fragte sich, was er wohl eigentlich noch hatte sagen wollen – abgesehen von einer weiteren Erinnerung an Meisas Konzert –, dann kam ihr aber auch der Gedanke, dass sie zur Arbeit zurückkehren sollte. Julie wartete vermutlich ohnehin schon auf sie.
Glücklicherweise war sie mit ihrem Fahrer gekommen, der unweit des Restaurants in der Limousine saß. Die Fahrt verlief schweigend, wie so oft, wenn sie sich mit Platan getroffen hatte. Normalerweise hing Fleurdelis dann noch den Geschichten nach, die er erzählt hatte, erinnerte sich an seine Stimme, jede Betonung, rief sich jede Geste ins Gedächtnis.
Das tat sie auch heute, aber da Platan die ganze Zeit nur über Meisa gesprochen hatte, waren ihre Gedanken wesentlich düsterer als sonst. Es wurde nicht besser, als sie an mehreren Werbetafeln für das Konzert vorüberfuhren und Fleurdelis sich vor allem ihrer Unterschiede bewusst wurde.
Meisa war ein zartes, feenhaftes Wesen, mit blondem Haar, dessen Spitzen rosa ausliefen. Der Blick aus ihren blauen Augen war so sanft und liebevoll, dass man sich schon allein beim Anblick der Werbung geborgen bei ihr fühlte. Wenn ihre Stimme nur halb so wundervoll war, dürfte es niemanden überraschen, dass sie derart erfolgreich war.
Sie würde bestimmt perfekt zu Platan passen – und das spürte er mit Sicherheit auch.
Fleurdelis dagegen … sie dachte lieber nicht darüber nach, wie andere über sie sprachen oder sie betrachteten, sonst sank ihre Stimmung noch unter den Tiefpunkt.
Die Fahrt endete schließlich am Firmengebäude, was ihr Gelegenheit gab, zumindest für den Moment aus dieser Gedankenspirale auszubrechen. Sie bedankte sich bei ihrem Fahrer Maurice, stieg aus dem Wagen und trat in die Lobby des Gebäudes, die abgesehen von der Rezeptionistin hinter dem Tresen verlassen war. Gut, das bedeutete es gab keine Probleme und alles ging seinen gewohnten Gang.
Die Rezeptionistin hob nur kurz den Blick, um Fleurdelis herzlich zu begrüßen – was von ihr mit einem distanzierten Lächeln erwidert wurde –, dann vertiefte sie sich wieder in ihre Computerarbeit.
Der Aufzug war dann die letzte sichere Bastion, in der sie vor der Arbeit mit ihren Gedanken allein war. Wo sie noch einmal an Platan denken konnte, an dieses wundervolle Lächeln und seine wohlklingende Stimme, die ihr Herz immer leichter werden ließ – aber heute hatte nichts davon ihr gegolten und so war ihr Herz nur umso schwerer geworden.
Deswegen trat sie nun wesentlich schlechter gelaunt als zuvor aus dem Aufzug in den Vorraum ihres Büros. Hier stand nicht nur zwei Ledersofas für eventuelle Besucher, getrennt durch einen Glastisch auf dem die aktuellsten Zeitschriften aufgefächert lagen, sondern auch der Schreibtisch ihrer Assistentin Julie. Wann immer Fleurdelis diesen Raum betrat, war Julie schon bei der Arbeit, las und beantwortete E-Mails – so wie an diesem Tag –, war am Telefonieren oder ging die Post durch.
So jung Julie mit ihrem schulterlangen, kastanien-farbenen Haar, den großen grünen Augen hinter ihrer Brille und den Sommersprossen auch wirkte, für Fleurdelis war ihre Assistentin und der Vorraum ein sicherer Ort, an dem sie zwar nicht allein war, wo aber auch nichts Schlimmes sie erreichen konnte.
Für Julie selbst galt das aber offenbar nicht, denn sie atmete sofort erleichtert auf, als sie Fleurdelis bemerkte. »Ich bin so froh, dass Sie zurück sind, Mademoiselle Fleurdelis. Ich habe schon jede Menge wütende Geschäftspartner, die Sie zurückrufen sollen. Als ob irgendetwas in der Luft läge.«
»Ich kümmere mich schon darum«, versprach Fleurdelis. »Es tut mir leid, dass ich zu spät wiederkomme.«
Wäre sie rechtzeitig da gewesen, um die Anrufe entgegenzunehmen, wären die Partner vielleicht nicht derart wütend. Oder sie wären es dennoch, ganz sicher war Fleurdelis sich nie.
Julie winkte ab und reichte ihr noch einige Briefe, die über Mittag von einem Expressboten gebracht worden waren. »Hat der Professor wieder so viel geredet und kam nicht zum Essen?«
»So ist es.« Fleurdelis nahm ihr die Briefe ab, um sie durchzusehen.
»Wie hat der Kerl nur so lange überlebt?«, schimpfte Julie. »Das ist doch unfassbar!«
»Ich soll dich übrigens von ihm grüßen.«
»Als ob ich Wert darauf lege, von so jemandem gegrüßt zu werden.« Dann besann Julie sich aber doch noch. »Sagen Sie ihm bitte Danke, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen. Aber nicht zu herzlich, er soll wissen, dass ich noch böse auf ihn bin.«
Fleurdelis kannte Julies Ausfälle bei Platan bereits und lächelte deswegen nur milde – und wechselte das Thema: »Julie, hast du schon von Meisa gehört?«
Zu Fleurdelis' Erleichterung brach Julie nicht sofort in Begeisterung aus, stattdessen runzelte sie die Stirn. »Ja, habe ich. Schon weil überall ihre Plakate hängen. Aber ich bin kein großer Fan von ihr. Sie ist zu … perfekt.«
Bei dem letzten Wort wurde ihre Stimme frostig. »Ich habe im Großen und Ganzen ein Problem damit, wenn Leute so perfekt wirken. Niemand kann so sein, oder?«
Sie wirkte eher verunsichert, was Fleurdelis nur zu gut nachvollziehen konnte. Deswegen war es ihr ein Anliegen, sie eher zu beruhigen: »Das denke ich auch. Bestimmt hat sie Mängel, über die wir nur nichts wissen.«
»Wenn Sie das sagen, glaube ich das auch. Aber warum fragen Sie?« Bevor Fleurdelis antworten konnte, sog Julie bereits scharf die Luft ein. »Hat der Professor über sie gesprochen? Er ist bestimmt ein Fan von ihr. Er wirkt so, als gefallen ihm perfekte Personen.«
Fleurdelis runzelte ihre Stirn. Das war ein ähnlicher Gedanke wie jener, der ihr vorhin gekommen war. Ganz bestimmt passten Platan und Meisa deswegen wundervoll zusammen.
»Ja, der Professor hat über sie gesprochen«, sagte Fleurdelis. »Er will mich zu einem Konzert von ihr einladen.«
»Oh, das sollten Sie unbedingt annehmen.«
Fleurdelis ließ die Post sinken. »Hast du nicht gerade noch gesagt, dass du sie selbst nicht magst? Und Platan noch weniger?«
Julie zuckte mit den Schultern. »Das ist auch so, aber viel wichtiger ist doch, dass Sie sich mal zumindest an einem Abend entspannen können.«
»Warum denkt ihr das alle?«
Darauf sagte Julie nichts mehr, aber ihr Blick sprach Bände. Also war es Fleurdelis lieber, erst einmal nicht mehr darüber zu reden. Oder darüber nachzudenken.
»Ich mache mich jetzt jedenfalls an die Arbeit«, wechselte Fleurdelis das Thema. »Welcher der Anrufer war heute am Nettesten zu dir?«
Julie musste nur kurz darüber nachdenken: »Monsieur Henri. Er hat mich sogar gefragt, wie es mir geht – und er hat sich gemerkt, dass ich gern Süßes esse, bei der nächsten Gala will er deswegen meinen Lieblingskuchen auftischen. Rufen Sie ihn am besten zuerst an.«
Das kam Fleurdelis gelegen. Monsieur Henri war eine sehr angenehme Gesellschaft, stets höflich und professionell. Wenn sie heute noch mit jemandem sprechen musste, dann am besten mit ihm.
»Das werde ich tun. Falls noch jemand anruft, der wütend auf dich ist, gib mir das weiter. Ich kümmere mich dann darum. Ich würde dir ja die Erlaubnis geben, das selbst zu übernehmen, aber-«
»Schon okay«, unterbrach Julie sie lächelnd. »Ich vertraue darauf, dass Sie sich darum kümmern, so gut Sie können. Ich notiere Ihnen das alles – und mache Vorschläge, wie die Bestrafung am besten aussehen könnte.«
Fleurdelis seufzte erleichtert. »Ich bin wirklich froh, dich zu haben. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.«
Julies Augen glitzerten schelmisch. »Kann ich dann eine Gehaltserhöhung haben?«
»Darüber reden wir bei deiner nächsten Leistungsbeurteilung. Aber ich habe ein sehr gutes Gefühl. Du verdienst schließlich eine emotionale Gefahrenzulage.«
Sie zwinkerte Julie zu, worauf diese sich zufrieden wieder an ihre Arbeit machte. Fleurdelis selbst trat in ihr Büro, das sie mit raschen Schritten durchquerte, bis sie an ihrem Schreibtisch angekommen war, wo sie die Post nachlässig ablegte.
Sie atmete noch einmal tief durch, ehe sie sich auf ihren gepolsterten Stuhl sinken ließ. Mit diesem kleinen Ritual schob sie jeden Gedanken an Platan oder Meisa oder furchtbare Geschäftspartner erst einmal weit von sich, um sich ganz auf die vor ihr liegende Arbeit zu konzentrieren, ohne jede Emotion, die sie darin behindern könnte, mit diesen Männern umzugehen.
Ohne jedes Gefühl, das sie von ihrer Pflicht abhalten könnte.
Kapitel 2: Da kann ich wohl nicht mehr ablehnen
Fleurdelis schloss die Autotür und atmete auf, als sie sich damit von der Außenwelt abschnitt. Die einzigen beiden Personen, die das mitbekamen, durften das, sie vertraute ihnen.
»Bonsoir, Mademoiselle Fleurdelis und Mademoiselle Julie«, grüßte ihr Fahrer, Maurice, sie. »Ich hoffe, Sie hatten einen erfolgreichen Tag.«
»Bonsoir, Maurice«, erwiderte Julie lächelnd. »Wir hatten wirklich einen erfolgreichen Tag. Wenn man es schon als Erfolg betrachtet, dass wir heute weniger genervt wurden als sonst.«
Fleurdelis deutete ein Kopfschütteln an. »Ich denke, du siehst das zu negativ.«
Während Maurice den Wagen startete, sah Julie sie skeptisch an. »Werden Sie denn gern genervt?«
»Natürlich nicht. Aber ...«
Es erschien ihr unpassend, vor einem weiteren Angestellten darüber zu klagen, wie schlimm die Arbeit war. Julie sah das offensichtlich anders, wohl auch, weil Maurice nicht ihr Angestellter war, und eigentlich wollte Fleurdelis sie nicht zu sehr dafür zurechtweisen – schon gar nicht vor Maurice.
Glücklicherweise schien Julie auch nicht länger diesem Thema nachhängen zu wollen, denn sie wechselte es sofort: »Danke, dass Sie mich wieder nach Hause fahren. Auch an Sie, Maurice.«
Er tippte mit zwei Fingern gegen seine Stirn, konzentrierte sich aber ansonsten auf die Straße.
»Solange es so gefährlich ist, ein Taxi zu nehmen, behagt es mir nicht, zu wissen, dass du auf diese angewiesen bist«, sagte Fleurdelis und legte eine Hand auf ihr Herz. »Deine Sicherheit ist mir sehr wichtig, nicht nur, weil du meine Assistentin bist.«
Obwohl sie das schon öfter gesagt hatte, sah Julie sie wieder mit einem überraschten Blick an. Wie jedes Mal hoffte Fleurdelis, dass die Überraschung nicht daher rührte, dass es so ungewöhnlich war, sie nett zu erleben. Schließlich lächelte Julie wieder. »Das freut mich. Aber ich hoffe dennoch, dass sie diese Schurken bald alle schnappen und ins Gefängnis werfen. Wenn die sich mit mir anlegen würden, würden sie am Ende bereuen, überhaupt geboren worden zu sein.«
»Ja, bei ihnen müsstest du dich nicht zurückhalten«, stimmte Fleurdelis zu. »Aber ich bin dennoch überzeugt, dass es besser ist, wenn du gar nicht in diese Situation kommst.«
»Ja, für die Schurken!« Julies Augen glitzerten abenteuerlustig, ehe sie wieder ernst wurde. »Oh, und wo wir gerade von Schurken sprechen … muss ich Sie noch einmal daran erinnern, dass Sie übermorgen Abend ein Geschäftsessen mit der Leitung der Roux Group haben.«
Fleurdelis seufzte. »Ich hatte es gerade erfolgreich verdrängt.«
»Ich finde Monsieur Fabien auch eher anstrengend«, sagte Julie, »aber Sie benötigen die Firma leider für die Produktion der Holo-Logs. Immer noch.«
Der einst stille Vorwurf war inzwischen deutlich hörbar. Fleurdelis verschob es einfach zu oft, sich nach einem neuen Zulieferer umzusehen, denn: »Die Roux Group ist ein traditionelles Unternehmen aus Kalos. Ich habe schon mit Monsieur Fabiens Vater Geschäfte gemacht und war immer sehr zufrieden mit ihren Waren.«
Inklusive der ressourcenschonenden Produktion, von der Fleurdelis sich in regelmäßigen Abständen wieder überzeugte.
»Mein Problem mit Monsieur Fabien ist anderer Natur.«
»Oh, ich weiß genau, welches Problem Sie mit ihm haben«, ereiferte Julie sich sofort. »Monsieur Fabien ist respektlos, besonders gegenüber Frauen, er denkt, er ist Arceus' Geschenk an die Menschheit und lässt das jeden spüren, der unter ihm steht. Er ist noch schlimmer als der Professor, denn er hat nicht mal den Charme, um das zu überspielen!«
Fleurdelis ignorierte die Spitze gegen Platan – vor allem, weil sie das nur wieder daran erinnerte, wie furchtbar das Mittagessen gewesen war – und schüttelte mit dem Kopf. »Was du da über Monsieur Fabien sagst, ist mir wirklich ein Rätsel. Ich kann dir nur wiederholt sagen, dass er mir gegenüber dieses Verhalten noch nie gezeigt hat.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Julie prompt. »Sie sind sein wichtigster Geschäftspartner. Aber wenn Sie mit ihm essen gehen, achten Sie mal darauf, wie er mit den Kellnern umgeht. Sie werden bestimmt überrascht sein.«
»Hat er Sie denn auch so behandelt, Mademoiselle Julie?«, fragte Maurice, der offenbar sehr interessiert an ihrem Gespräch war.
»Nicht direkt«, wich sie aus. »Wahrscheinlich glaubt Mademoiselle Fleurdelis mir deswegen auch nicht. Aber ich habe genug gehört.«
»Ich kann ihn nicht abstrafen, weil du von anderen Leuten gehört hast, dass er furchtbar sein soll.«
»Ich weiß, ich weiß. Aber achten Sie einmal darauf, wie er mit Kellnern umgeht. Sie werden es auch sehen.«
Fleurdelis versicherte ihr, dass sie das tun würde. Währenddessen parkte Maurice an der Seite, ehe er »Wir sind da, Mademoiselle Julie« verkündete.
»Danke, Maurice«, sagte sie, ehe sie noch einmal ernst Fleurdelis ansah. »Jedenfalls habe ich Sie hiermit an den Termin erinnert. Und ich erinnere Sie auch gern daran, dass Sie die Einladung des Professors annehmen sollten.«
»Ich denke darüber nach.«
Julie runzelte ihre Stirn, fixierte sie geradezu mit ihrem Blick, der tief in Fleurdelis' Seele zu kriechen schien und dort ihre Wahrhaftigkeit anzweifelte. Fleurdelis erwiderte das mit einem eigenen stoischen Gesichtsausdruck, in dem nichts zu lesen war. Doch je länger Julies Skepsis anhielt, desto mehr bröckelte Fleurdelis' Widerstand.
Und schließlich zuckte ihr Auge für einen Moment. Nur der Bruchteil einer Sekunde, aber für Julie schien es genug zu sein, denn sie lehnte sich zufrieden lächelnd zurück. »Gut, ich glaube Ihnen.«
Das Jetzt, das sie verschwieg, dachte Fleurdelis sich einfach.
Sie wünschte Julie eine gute Nacht, als diese sich verabschiedete und aus dem Wagen stieg. »Bis morgen.«
Julie erwiderte das, dann schloss sie die Tür und ließ Fleurdelis diesmal mit Maurice allein. Noch einmal atmete sie ein wenig auf, dann bat sie Maurice, sie direkt nach Hause zu fahren und keine weiteren Umwege zu machen. Inzwischen sehnte sie sich nur noch nach etwas Zeit mit ihren Pokémon. Und nach Platan, aber den konnte sie heute unmöglich noch stören.
Maurice startete den Wagen und schlängelte sich wieder in den Verkehr ein. Nur wenige Sekunden hielt die Stille an, dann durchbrach Maurice sie bereits erneut: »Die Frage ist vielleicht unangebracht, aber was genau finden Sie an diesem Monsieur Fabien denn derart verstörend, wenn es nicht dasselbe ist wie bei Mademoiselle Julie?«
Fleurdelis zögerte einen Moment. Es behagte ihr nicht wirklich, sich bei ihren Angestellten zu beklagen, deswegen hatte sie auch Julie noch nie erzählt, was ihr Problem mit Fabien war. Obwohl es ihr auf der Zunge brannte, beschloss sie auch jetzt, sich zurückzuhalten: »Es tut mir leid, aber ich würde nur ungern darüber sprechen. Ich fürchte, das ist eine private Sache.«
Erst als sie es bereits ausgesprochen hatte, wurde ihr klar, dass sie zu viel gesagt hatte. Es war ein Glücksfall, dass sie ihm genug vertraute, dass er niemandem davon erzählen würde.
Maurice nickte. »Ich verstehe. Und was hat es mit der Einladung des Professors auf sich?«
Das war wohl der Nachteil, wenn ein Angestellter so lange bei einem war: Er fühlte sich sicher genug, derartige Fragen zu stellen. Vielleicht war das aber auch ein gutes Zeichen, immerhin gab es also Personen, die sie nicht furchterregend fanden.
Bei diesem Thema fühlte sie sich wesentlich weniger zurückhaltend: »Der Professor hat mich zu einem Konzert von Meisa eingeladen, weil er Karten dafür hat. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich diese Einladung annehmen soll.«
»Ich weiß, es steht mir nicht zu, das zu sagen, aber ich stimme Mademoiselle Julie zu: Sie sollten sie auf jeden Fall annehmen.«
»Sie auch?«, fragte Fleurdelis mit gerunzelter Stirn.
Maurice nickte und sah sie im Rückspiegel an. »Als Ihr Fahrer weiß ich vielleicht nicht so viel über Ihren Terminkalender wie Ihre Assistentin, aber ich sehe, wie erschöpft und mutlos Sie abends sind, wenn ich Sie von der Arbeit abhole. Es kann also nicht schaden, sich zumindest an einem Abend einmal zu entspannen.«
Bereitete sie den Leuten wirklich so viele Sorgen? Das tat Fleurdelis leid, denn immerhin war das niemals in ihrer Absicht gewesen. Wenn so viele rein deswegen darauf bestanden, dass sie die Einladung annahm, sollte sie vielleicht weniger darüber nachdenken und es einfach tun. Aber noch stand ihre Eifersucht ihr dabei im Weg. Sie sollte noch ihre Pokémon fragen, auch wenn sie sich deren Antwort bereits denken konnte.
»Wie ich zu Julie sagte: Ich werde darüber nachdenken.«
»Mehr wünschen wir uns auch nicht«, sagte Maurice.
Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Maurice konzentrierte sich auf den Verkehr, Fleurdelis sah aus dem Fenster. Da es bereits dunkel war, erhaschte sie nur einige vorbeiziehende Lichter. Der Anblick war beruhigend und ließ sie zum ersten Mal seit dem Mittagessen wirklich durchatmen.
Noch besser wurde es nur, als sie bei ihr zu Hause ankamen. Maurice wünsche ihr eine gute Nacht, was sie ihm erwiderte, während sie ausstieg. Nach wenigen Schritten war sie bei ihrer Tür angekommen, dann sah sie dem wegfahrenden Maurice hinterher, bis sie die Lichter des Autos nicht mehr sehen konnte. Damit begann ihr Feierabend endlich offiziell.
Sie betrat das dunkle Haus, schaltete die Lichter an und ging dann zuerst in den Garten, der vollkommen ruhig dalag. Dort entließ sie ihre Pokémon, worauf etwas Leben einkehrte. Swaroness stieß einen lieblichen Laut aus, ehe sie sich elegant auf dem Teich niederließ. Das genaue Gegenteil von Stolloss, der Fleurdelis brummend ansah und erst zufrieden war, als sie ihm versicherte, dass es ihr gut ging und sie gleich hineingehen würde, um sich auszuruhen. Pyroleo warf ihre Mähne zurück, als sie Stolloss versprach, genau darauf zu achten; dem schloss Wie-Shu sich auch sofort an, nachdem sie auch noch einmal geprüft hatte, dass keine Eindringlinge im Garten waren. Über diese Unruhe empört, konnte Swaroness nur mit dem Kopf schütteln.
»Nachdem jetzt alle in Sicherheit sind«, verkündete Fleurdelis, »werde ich euch gleich euer Essen bringen. Es tut mir leid, dass ihr heute wieder den ganzen Tag in euren Bällen wart.«
Stolloss brummte darauf verärgert. Fleurdelis lächelte müde. »Ich weiß, ihr findet das nicht so schlimm. Mir tut es dennoch immer ein bisschen weh.«
Schon weil sie die emotionale Unterstützung ihrer Pokémon immer gut gebrauchen könnte. Aber ein Büro war einfach keine passende Umgebung für ein solches.
Pyroleo stieß sie vorsichtig mit ihrem Kopf an und schmiegte sich dann an sie, worauf Fleurdelis sie lächelnd streichelte. »Der Tag heute war ein bisschen anstrengend für mich, obwohl ich mit Platan essen war.«
Wie-Shu neigte ratlos den Kopf, als könne sie auch nicht verstehen, wie der Tag dann ermüdend sein könnte.
Damit die Pokémon nicht länger auf ihr Essen warten müssten, schüttete Fleurdelis ihr Herz aus, während sie das Futter verteilte. Sie erzählte von Platans Schwärmerei für Meisa, wer Meisa überhaupt war, wie perfekt sie – vermeintlich – für ihn wäre und zu guter Letzt, als sie neben Pyroleo saß und ihr durch das Fell strich, klagte sie auch darüber, dass sie übermorgen mit Fabien essen gehen müsste.
Pyroleo brummte unwillig. Fleurdelis nickte. »Ich bin auch nicht sehr begeistert davon. Auf seine Aufdringlichkeit kann ich getrost verzichten. Deswegen wollte ich eigentlich nicht, dass es ein Geschäftsessen wird, schon gar nicht zum Abendessen, aber im Endeffekt hat es sich so ergeben.«
Swaroness neigte den Kopf und flötete fragend.
»Ich war für ein Treffen in meinem Büro«, erklärte Fleurdelis, »aber Fabiens Terminkalender hat keine andere Möglichkeit als ein Abendessen ergeben.«
Stolloss' tiefes Brummen vibrierte regelrecht durch den Garten. Ihm missfiel das Treffen offensichtlich genauso wie ihr. Vermutlich hatte sie ihnen zu viel von ihm erzählt, natürlich mochten sie ihn da genauso wenig wie etwa Julie.
»Das Essen wird aber sicher schnell vorbei sein, dann kann ich wieder ...«
Sie verstummte, als ihr auffiel, dass sie seit einiger Zeit schon gar nichts mehr machte, wenn sie zu Hause war. Ihre meisten Abende verliefen genau wie dieser: Sie fütterte die Pokémon, klagte ihnen ihr Leid und dann ging sie irgendwann ins Bett, um einen weiteren Tag mit Arbeit zu verbringen.
»Oh«, sagte sie. »Ich glaube, jetzt verstehe ich, warum alle meinen, ich sollte Platans Einladung annehmen.«
Darauf stimmten ihre Pokémon allesamt zu. Ein eigenwilliger Chor voller Hoffnung, der Fleurdelis kaum eine Wahl ließ: »Ihr seid offensichtlich derselben Meinung, ja? In Ordnung, da kann ich wohl nicht mehr ablehnen.«
Freudig schnurrend schmiegte Wie-Shu sich an sie, kaum dass sie diese Entscheidung getroffen hatte.
Damit sie es sich nicht doch anders überlegte, griff Fleurdelis direkt nach ihrem Handy, während sie mit der anderen Hand über Wie-Shus Kopf strich. Für einen Moment überlegte sie, Platan anzurufen, aber eigentlich wollte sie ihn um diese Zeit nicht mehr stören – und sie wollte auch ganz sicher nicht noch ein Loblied auf Meisa von ihm hören. Also tippte sie einfach nur eine Nachricht, von der sie hoffte, dass er sich darüber freuen würde, sobald er sie las: Ich habe mich entschieden, ich nehme deine Einladung an. Teile mir bei einer passenden Gelegenheit deinerseits bitte die Details zum Konzert mit.
Sie seufzte leise über den Text. Derart verkopft hatte sie ihn eigentlich nicht verfassen wollen, aber wenn sie nun erst stundenlang darüber nachdenken würde, wie sie es besser schreiben sollte, würde sie diese Nachricht nie verschicken und die Einladung doch nicht annehmen. Deswegen schickte sie den Text ab und sagte sich, dass sie eben so war und Platan das auch wusste. Falls er sich also daran störte, würde sich ohnehin die Frage stellen, warum er noch mit ihr befreundet war – und die einzige Antwort wäre Mitleid. Oder vielleicht Gewohnheit, weil sie sich schon derart lange kannten.
Doch bevor sie sich in diesen Gedanken verlieren konnte, vibrierte ihr Handy und lenkte sie glücklicherweise davon ab. Zu ihrer eigenen Überraschung war es tatsächlich bereits Platans Antwort und die ließ sie nicht nur lächeln, sondern überzeugte sie augenblicklich davon, sich richtig entschieden zu haben: Deine Antwort lässt mein Herz erblühen, meine Liebe. Du wirst es auch nicht bereuen, ich werde dir einen ganz unvergesslichen Abend bereiten, damit du zumindest einmal nicht an deine Arbeit denken musst. Zusammen werden wir ein ganz wundervolles Konzert und noch mehr erleben. Weitere Details (aber nicht zu viele, damit manches eine Überraschung bleibt) gebe ich dir dann bald. Nun wünsche ich dir aber erst eine gute Nacht, Fleurdelis! Auf dass deine Träume so wunderschön sein werden wie der Prismaturm. Bis bald, meine Liebe~.

