Eigentlich war sich Tenn nicht sicher, wieso er überhaupt mit Riku nach der Schule noch unterwegs war. Normalerweise unternahm er in den letzten Jahren eher weniger mit seinem Zwillingsbruder und dessen Freunden, vermutlich auch, weil Riku im zweiten Jahr der Mittelschule angefangen hatte, in dem Fußballclub ihrer Schule mitzumachen.
Es hatte nur mehr dafür gesorgt, dass sie angefangen hatten, ihr eigenes Leben zu haben. Auch wenn er durchaus die Momente genoss, wo er mit Riku alleine war, aber er verstand auch, dass er inzwischen genug zu tun hatte, als bei ihm zu sein.
Dass Tenn diesmal mit ihm unterwegs war, lag auch nur daran, dass Riku keine seiner Clubaktivitäten hatte und sie gemeinsam unterwegs sein konnten. Noch dazu, dass Rikus Freunde ebenfalls gleichzeitig Zeit hatten, und sie gemeinsam noch etwas unternehmen wollten. Wobei es vermutlich eher Riku war, der dafür gesorgt hatte, dass sie zusammen unterwegs waren.
Seine Augen glitten zu den Personen, die mit ihnen unterwegs waren. Tenn wusste, dass er nicht direkt etwas gegen sie hatte, aber irgendwie war er sich nicht sicher, wie er sie sehen sollte. Yotsuba-kun war eindeutig derjenige, der am lautesten war, während er auch gerade die meiste Zeit mit Riku redete. Es sorgte dafür, dass er ihn allein deswegen nicht sonderlich mochte. Izumi-kun war eindeutig beherrschter und ruhiger, aber irgendetwas an seiner Art, wie er Riku ansah oder mit ihm sprach, sorgte dafür, dass er ihn am liebsten von seinem Zwillingsbruder fernhalten wollte. Auch wenn Tenn wusste, dass es ihn nichts anging, mit wem Riku befreundet war, und er würde nicht dafür sorgen, dass seine Beziehung zu Riku distanzierter wurde, nur weil er seine Freunde nicht mochte.
Es sorgte dafür, dass er schließlich mehr zu Isumi-kun sah, der eher nur beobachtete, während er nebenbei immer mal wieder unscheinbar die Augen verdrehte. Er wirkte zumindest nicht so nervig laut, wie es Yotsuba-kun war, aber er hatte auch das Gefühl, dass er ihn am meisten von ihnen ignorierte oder sich von ihm abwandte.
Nachdenklich blickte er wieder mehr zu Riku, der gerade aufgeregt erzählte, während er nebenbei darüber nachdachte, warum er überhaupt darüber nachdachte, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, mehr mit ihnen zu unternehmen.
„Wenn du jemanden findest, der uns sehen kann, könnten wir das hier vielleicht beenden.“
Die Stimme, die seiner so ähnlich klang, hallte in seinen Gedanken wider, während Tenn darüber nachdachte, wie genau alles angefangen hatte.
Damals war er vermutlich zwölf gewesen, zumindest erinnerte er sich daran, dass es etwa die Zeit gewesen war, als Riku nicht mehr so regelmäßig im Krankenhaus hatte sein müssen und angefangen hatte, mit ihm auf die Mittelschule zu gehen, um mehr ein normales Leben zu haben.
Tenn wusste, dass es bedeutet hatte, dass er anfangen würde, ein eigenes Leben aufzubauen, ohne ihn, auch wenn er ihm immer versichert hatte, dass sie zusammengehörten und er nicht ohne ihn sein konnte und wollte. Tenn wusste, dass es nur der Anfang davon war. Erst recht, als er ihre Eltern dazu überredet hatte, dass er in dem Club spielen wollte, auch wenn es nicht ganz ungefährlich für ihn sein konnte.
Er wusste auch, dass er später am Abend mit Riku alleine darüber gesprochen hatte, warum er das unbedingt versuchen wollte. „Momo-chan! Du hast es doch gehört, oder? Er hatte eine schwere Verletzung in der Mittelschule, was dafür gesorgt hat, dass er kaum richtig trainieren konnte, aber er hat sich durchgekämpft und jetzt– ich will einfach sehen, was ich erreichen kann, auch wenn niemand an mich glaubt!“
Tenn wusste nicht, wieso ihm das so sehr im Gedächtnis geblieben war, aber er wusste eigentlich auch, dass er alles, was Riku ihm mit diesem Strahlen in den Augen erzählte, nicht so einfach vergaß. Momo-chan oder Sunohara Momose war damals das Thema gewesen, als sie in ihrem ersten Mittelschuljahr waren, weil er trotz einer schweren Verletzung aus seiner eigenen Mittelschulzeit nicht aufgegeben hatte und mit zwanzig sein Debüt in einer Profimannschaft bekommen hatte. Es war nicht das Gleiche, wie bei Riku, immerhin hatte Riku mit anderen Dingen zu kämpfen, aber es hatte Riku dazu motiviert, es zu versuchen.
Tenn war durchaus Stolz auf ihn, dass er inzwischen Stammspieler in ihrem Oberschulteam war, auch wenn er regelmäßig besorgt war, dass er sich nicht zu viel zumutete, aber er war sich auch sicher, dass er einfach nur für ihn da sein wollte, wenn Riku seine Unterstützung brauchte.
„Tenn-nii?“
Kurz blinzelte Tenn, bemerkte wie Riku vor ihm gestoppt war und ihn nun einfach nur irritierter ansah. „Riku?“
„Du wirktest nur so ... uh ...“, fing Riku an, legte nachdenklich den Kopf zur Seite.
„Es ist alles gut“, entgegnete Tenn nur zurück, lächelte ihn an, „gibt es etwas?“
„Du bist noch seltsamer als Haru-chan!“, sagte Yotsuba-kun kurz darauf, sah von ihm zur Seite, „wir wollten schauen, ob Iorins Bruder was Leckeres für uns hat!“
„Ich bin nicht seltsam, Tamaki!“, sagte Isumi-kun grimmiger, während er die Arme vor sich verschränkte.
„... und du solltest aufhören, Nii-san anzubetteln“, entgegnete Izumi-kun etwas genervter.
Riku kicherte nur etwas vor sich hin. „Wir wollten zu der Bäckerei von Ioris Familie und uns was holen, du magst doch auch etwas, oder?“
Tenn seufzte, sah eher zu Riku und ignorierte die anderen mehr oder weniger, bevor er langsam nickte. „Sicher, warum nicht.“ Immerhin machte er das auch, um herauszufinden, ob sie oder zumindest Riku ebenfalls eine Verbindung zu dieser anderen Welt hatten, die er damals ebenfalls entdeckt hatte.
Damals, als Riku angefangen hatte, sein eigenes Leben ohne ihn zu haben, hatte er angefangen, diese seltsamen Schatten und Kreaturen zu sehen. Was sich nur verstärkt hatte, als er angefangen hatte, statt seines Spiegelbildes jemanden zu sehen, der ihm zwar ähnlich sah, aber irgendwie auch nicht.
Es war bei einem ihrer letzten Treffen in dieser seltsamen, von Schatten und zombiehaften Kreaturen behafteten, Welt, als er ihn darauf angesprochen hatte, ob er nicht jemanden finden konnte, der ihnen helfen konnte, diese andere Welt zu retten und zu befreien. „Ich bin mir sicher, dass jemand, der das hier genauso erkennen kann, wie du, dafür sorgt, dass andere Personen, die ich kennen könnte, ebenfalls auftauchen.“
Tenn wusste, dass er ihm helfen wollte und zumindest nichts so einfach unversucht lassen wollte, wenn es eine Möglichkeit gab, dass noch jemand mit dorthin konnte. Auch wenn er bisher noch nicht wusste, wie er das bewerkstelligen sollte. Noch dazu, dass er nicht einmal wusste, ob seine Freunde ebenfalls diese Art von Spiegelbild sehen konnten, die er damals gesehen hatte oder ob es etwas in dieser anderen Welt änderte oder sie damit verhindern konnten, dass diese andere Welt weiter in sich zusammenbrach.
Ein wenig seufzte Tenn, als sie an einem Tisch in der Bäckerei saßen. „Sagt mal ... würdet ihr an so etwas wie ... uh ... eine andere Welt glauben?“
„Huh?“, fing Yotsuba-kun als erstes an, „Ten-Ten ist komisch heute.“
„Heute?“, grummelte Isumi-kun, schüttelte den Kopf, „Nanase-senpai ist immer seltsam.“
Tenn seufzte nur mehr, drehte seinen Kopf eher zu Riku um, der ihn eindeutig irritierter ansah, auch wenn seine Augen etwas Bemitleidenswertes widerspiegelten. Also glaubte Riku ihm auch nicht? Er hatte damit gerechnet, dass die anderen so oder ähnlich reagierten, aber er hätte gedacht, dass zumindest Riku ihm glaubte. „Schon gut, vergesst es.“
„Was ist es, was Tenn-nii im Kopf hat?“, fragte Riku dann allerdings nach, lächelte ihn wieder an, „erzähl schon!“
„Du glaubst mir doch auch nicht, Riku“, sagte Tenn nur, drehte seinen Kopf weg und sah einfach nur aus dem Fenster nach draußen. Wieso sollte er davon erzählen, wenn die anderen und ganz besonders Riku ihm nicht glaubten oder dachten, dass er nur etwas erfand?
„Ich glaube dir immer, Tenn-nii“, versicherte Riku ihm eindringlicher, auch wenn Tenn nicht mehr zu ihm zurücksah. Er hatte Rikus Blick vorher genau erkannt, dass er dachte, dass es nur eine Geschichte oder so war und das er ihm eher nicht glaubte. Aber er wollte darüber nicht hier mit Riku diskutieren, sondern eher noch einmal privat, wenn sie unter sich waren.
„Wenn du überzeugt bist, solltest du es uns einfach erzählen, Nanase-san“, drang Izumi-kuns Stimme zu ihm durch, weswegen er nun doch wieder seinen Kopf drehte und zu ihm sah. Er hatte nicht gedacht, dass er derjenige war, der ihn am ehesten dazu ermutigte.
Nur war er gerade nicht mehr so sicher, ob es wirklich etwas war, was er mit ihnen besprechen sollte. Vielleicht sollte er eher einfach nur mit Riku darüber reden. Zumindest für den Anfang. Er wollte doch sowieso am ehesten, dass Riku ihn dorthin begleiten konnte.
Tenn schüttelte schließlich einfach nur den Kopf. „Ich kann auch so erkennen, dass ihr nicht daran glaubt und es als Erzählung abtun würdet.“
„Ich glaube dir immer, Tenn-nii“, sagte Riku neben ihm, griff nach seiner Hand und sorgte dafür, dass er ihn einfach festhielt, „... du erzählst es mir später?“, fragte er dann eher flüsternd nach.
„Hm“, nickte Tenn nur knapp.
––––
Riku wusste, dass er eindeutig wieder mehr Zeit mit seinem Zwillingsbruder verbringen wollte. Das war auch einer der Gründe, wieso er an seinem freien Nachmittag überhaupt dafür gesorgt hatte, dass sie zusammen noch etwas unternahmen.
Er hatte nie vorgehabt, dass sie über die letzten Jahre angefangen hatten, sich so sehr zu distanzieren, weil er wusste, wie viel er Tenn-nii verdankte und wie sehr er ihn immer noch brauchte. Es fühlte sich nur so schwierig an, wenn er gleichzeitig angefangen hatte, in dem Fußballclub seiner Schule zu spielen, weil er sich eindeutig etwas beweisen wollte.
Noch dazu, dass er einen Freund außerhalb seiner Schule hatte, den er ebenfalls privat treffen wollte. Auch weil er Tenn-nii oder irgendjemandem seiner Freunde bisher nicht irgendetwas von ihm erzählt hatte. Das war auch eine Sache, die ihn zwischendurch bedrückte. Er hatte keine Geheimnisse vor Tenn-nii. Oder er wollte keine Geheimnisse vor ihm haben, aber er wusste auch nicht, wie er erzählen sollte, dass er jemanden außerhalb der Schule kennengelernt hatte und sie Anfang des Jahres angefangen hatten, auszugehen.
Seufzend rutschte Riku auf seinem Bett herum, drückte die Decke etwas vor sich, auch wenn er einfach nur auf der Matratze saß und auf Tenn-nii wartete. Sie wollten noch etwas zusammen kuscheln und möglicherweise darüber reden, was sein Zwillingsbruder ihnen erzählen wollte. Und vielleicht wünschte er sich auch irgendwie, dass sie mal wieder zusammen schlafen und kuscheln konnten, weil das auch etwas war, was sie das letzte Mal getan hatten, bevor sie auf die Mittelschule gekommen waren.
Seine Augen richteten sich irritierter auf die Zimmertür, während er blinzelte. Hatte sich Tenn-nii abends immer so viel Zeit genommen, bis er wieder in ihr Zimmer zum Schlafen kam? Oder kam es ihm gerade nur so lange vor, weil er auf ihn wartete?
Er griff nebenbei nach seinem Handy, öffnete den Rabbitchat mit seinem Freund, als er sah, dass er eine Nachricht bekommen hatte, schmunzelte ein wenig mehr. „Hoffe du hast einen schönen Abend mit deinem Zwillingsbruder, Riku. Sehen wir uns morgen?“
Riku lächelte etwas verträumter, während er eine Antwort eintippte und abschickte. „Wir wollten einfach nur was kuscheln. Ich komme nach dem Club kurz vorbei?“ Immerhin wusste er, dass es in der Woche eher schwierig war, länger bei ihm zu bleiben und außerdem wollte er sich vornehmen, wieder etwas mehr mit Tenn-nii zu machen.
„Übernimm dich nur nicht. Ich liebe dich“, sah er kurz darauf die nächste Nachricht aufblinken.
„Alles gut. Bis dann. Ich liebe dich auch“, schrieb Riku nur zurück, bevor er sein Handy wieder zur Seite legte und langsam doch etwas irritierter aufsah.
Er war sich ziemlich sicher, dass er inzwischen viel länger auf Tenn-nii wartete, als es der Fall sein sollte.
Schließlich entschied er sich, dass er zumindest mal nachsehen würde. Hatten sie nicht gesagt, dass sie zusammen reden und kuscheln wollten? Warum hatte Riku nur mehr das Gefühl, dass er immer weniger verstand, was in seinem Zwillingsbruder vor sich ging, obwohl sie sich damals so einfach blind lesen konnten. Er hatte immer gewusst, was Tenn-nii brauchte oder wollte und Tenn-nii hatte immer direkt gewusst, wenn er etwas brauchte.
Vor der Tür zum Badezimmer stoppte er, klopfte dagegen, als er irritierende Geräusche hörte. „Tenn-nii?“, fragte er etwas lauter nach, „alles in Ordnung?“
„Riku?“, drang die etwas gedämpfte Stimme zu ihm durch, kurz bevor er bemerkte, wie die Tür von innen geöffnet wurde und er geradewegs in diese rosafarbenen Augen sah, „sorry ... hast du gewartet?“
Riku blinzelte erst Tenn-nii an, bevor er an ihm vorbei in das Badezimmer sah, auch wenn er nichts Besonderes erkennen konnte. Hatte er eben nicht noch irgendetwas anderes gehört? „Ist ... alles in Ordnung? War das ... was war das?“
Tenn-nii sah kurz zurück, bevor er wieder zu ihm sah und ihn sanft anlächelte. „Gehen wir zurück.“
Riku schluckte, während er erneut daran dachte, dass ihn diese Distanz zwischen ihnen irritierte. Er wollte das nicht. Er wollte nicht, dass sich Tenn-nii so sehr von ihm entfernte, nur weil sie so sehr in ihren eigenen Leben verstrickt waren.
Als sie zurück in ihrem gemeinsamen Zimmer waren, rutschte er auf sein Bett, griff nebenbei nach Tenn-niis Hand und zog ihn zu sich. „Lass uns einfach was kuscheln, ja? Und dann ... erzählst du mir, was du uns erzählen wolltest?“
„Riku“, flüsterte Tenn-nii, drehte etwas seinen Kopf zur Seite, als wenn er ihm ausweichen wollte, „vergiss es einfach, ja? Es war blöd, darüber nachzudenken, dass du ...“
„Tenn-nii!“, unterbrach Riku ihn, zog seine Hand zurück, allerdings nur, um seine Hände jeweils gegen Tenn-niis Wangen zu legen und ihn dazu zu bringen, ihn wieder anzusehen, „dir scheint es wichtig gewesen zu sein und ... es tut mir leid, es ist auch meine Schuld, dass wir kaum noch Zeit füreinander haben.“
„Du kannst ja nichts dafür und es tut dir scheinbar gut“, erwiderte Tenn-nii nur ruhiger, lächelte ihn an, „und du siehst so stark und glücklich aus, wenn du in dem Club spielst.“
Riku schluckte, auch wenn er spürte, wie er rot wurde, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass er das alles überhaupt erreichen konnte. Er hatte eher erwartet, dass er einfach nur ein wenig nebenher spielte, nicht das er wirklich zu Beginn der Oberschule bereits in ihr Stammspielerteam kommen konnte. „Das ... der Club ist nicht der einzige Grund ...“, flüsterte er schließlich mehr, während er genau wusste, dass er etwas sagen wollte, aber irgendwie versagte ihm seine Stimme, wann immer er darüber reden wollte, dass er einen Freund hatte. Dabei war das hier nur Tenn-nii. Er wollte doch keine Geheimnisse vor ihm haben.
„Riku?“, fragte Tenn-nii schließlich langsamer nach, sah ihn weiterhin so direkt an, wobei Riku auch bemerkte, dass er ihn immer noch so festhielt, sodass er langsam seine Hände zurückzog.
Tenn-nii seufzte, griff nun von sich aus nach Rikus Händen, um ihn festzuhalten und ihm weiter so direkt entgegenzusehen. „Hast du ... jemals dein Spiegelbild gesehen und es war irgendwie ... anders?“
Riku starrte ihn einfach nur irritiert an, schüttelte dann den Kopf. „Ich denke nicht. Was meinst du damit?“
Tenn-nii schluckte mehr, hielt ihn weiterhin so fest. „Es hat angefangen, nachdem wir auf die Mittelschule gekommen sind. Ich habe jemanden gesehen, der mir ziemlich ähnlich sieht, aber dennoch anders. Noch dazu ... seine Welt scheint immer mehr zu zerfallen und alles, was wir dort sehen, sind seltsame Kreaturen, die eher nur aus Schatten bestehen, oder zombieartige Wesen. Er meint, dass wir vielleicht jemanden von dort treffen könnten, wenn hier noch mehr Personen eine Verbindung zu ihrem Spiegelbild finden. Deswegen ...“
Riku schluckte etwas mehr, allerdings spürte er auch, dass das alles nicht nur eine einfache Geschichte war. Warum sollte er auch daran zweifeln, dass Tenn-nii das wirklich die letzten Jahre erlebt hatte? „Ich habe nie ... etwas dergleichen gesehen. Aber vielleicht müsste man irgendetwas Bestimmtes tun oder so?“
„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Tenn-nii nur seufzender, „es ist damals einfach passiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendetwas getan hätte.“
Riku nickte langsam entschlossener. „Ich will es versuchen. Ich will herausfinden, wie ich es schaffen kann, um dir helfen zu können. Ich bin mir sicher, Tamaki, Iori und Haruka wären auch dabei.“
„Wenn sie mir glauben ...“, murmelte Tenn-nii eindeutig bedrückter.
„Tamaki redet nur manchmal schneller, als er denkt“, kicherte Riku vor sich hin, „und Haruka ... ich glaube, er versteckt sich nur gerne hinter einer Fassade.“ Riku war sich auch ziemlich sicher, dass sie zumindest ihm glauben würden und es versuchen wollen würden. Davon ab, dass er genau spürte, wie sehr Haruka versteckt zu Tenn-nii sah, als wenn seine ganze Abneigung nach draußen eher daher rührte, dass er ihn viel mehr mochte. „Iori schien es ja eher neutral aufzufassen, aber er würde es vermutlich erst einmal hinterfragen, ob es irgendeine logische Erklärung dafür gibt.“
„Du siehst das so locker“, flüsterte Tenn-nii ihm zu, „außerdem ... diese Welt ist ...“,
„Ich will Tenn-nii helfen!“, sagte Riku entschlossener. Außerdem wollte er wieder mehr mit seinem Zwillingsbruder unternehmen. Und wenn er darüber nachdachte, wäre es vielleicht auch die Idee, seinen Freund deswegen zu fragen. Vielleicht konnte er Tenn-nii so auch endlich mit ihm bekannt machen und dieses Geheimnis zwischen ihnen endlich begraben.
Als Tenn am nächsten Morgen wach wurde, bemerkte er, wie er von seinem Zwillingsbruder festgehalten wurde, während sich Riku eindeutig viel enger an ihn gekuschelt hatte.
Es fühlte sich gut an und er hatte das Gefühl, als wenn es wieder so war, wie früher, als sie noch Kinder gewesen waren. Er wünschte sich für den Moment nur, dass sie noch viel länger so geborgen kuscheln konnten, aber er wusste auch, dass sie langsam aufstehen mussten.
Seine innere Uhr sorgte seit einer ganzen Weile bereits dafür, dass er rechtzeitig wach wurde, auch, damit er Riku wecken konnte, wenn sein Zwillingsbruder morgens zum Club musste.
„Riku?“, flüsterte er ein wenig, auch wenn sich Tenn kaum wirklich bewegen konnte und es somit schwieriger war, ihn zu wecken. Nicht das er sich beschwerte. Er würde sich niemals beschweren, wenn er die Chance hatte, so mit Riku zu kuscheln, weil sie das seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr getan hatten.
Die letzten Jahre hatten sie sowieso viel zu wenig Zeit miteinander verbracht.
„Mhmm“, kam es ein wenig leise murmelnd von Riku, auch wenn er sich nicht wirklich von ihm weg bewegte.
„Wir sollten aufstehen, Riku“, entgegnete Tenn nur leise zurück, auch wenn sich ein Lächeln auf seine Lippen legte. Er wusste zu gut, dass Riku gerne lange schlief und wie sehr er an freien Tagen kaum aus dem Bett zu bekommen war, ganz egal, was er versuchte.
„... morgen Tenn-nii“, murmelte Riku dann etwas mehr, während er zumindest seine Augen öffnete und ihn ansah.
„Guten Morgen, Riku“, sagte Tenn ruhig zurück.
„Tenn-nii sollte wieder häufiger bei mir schlafen, sodass wir kuscheln“, sagte Riku dann, ließ ihn langsam los und rutschte etwas ins Sitzen, „ich habe lange nicht so gut geschlafen.“
Tenn schluckte, lächelte ihn einfach nur weiter an. „Ich habe nichts dagegen, Riku“, erwiderte er dann ruhiger daraufhin.
„Hat Tenn-nii auch so gut geschlafen?“, fragte Riku nach, sah ihn mit großen Augen an.
„Natürlich“, sagte Tenn ruhig weiter. Er wusste, dass er zumindest ruhig schlafen konnte. Zumindest hatte er so ruhig geschlafen, dass er keinen dieser irritierenden Träume von dieser seltsamen Welt gehabt hatte, die drohte zu zerfallen. Oder von etwas, wo er nicht einmal wusste, was er dort sah, weil es viel zu irritierend und verwirrend war.
Er spürte, dass Riku ihn eindeutig durchdringender ansah, allerdings schließlich nur lächelte. „Gut. Lass uns fertigmachen und dann frühstücken!“
Tenn konnte eindeutig spüren, dass in dem Blick viel mehr war, auch wenn Riku nicht mehr wirklich etwas dazu gesagt hatte. Er wusste auch selbst nicht, wieso er ihm nicht alles erzählte. Immerhin war dieser Kontakt zu dieser anderen Welt nicht alles.
Er wusste, dass er mit dem Kontakt zu dieser anderen Welt auch angefangen hatte, seltsame Träume oder manchmal auch Albträume, zu haben, mit denen er nicht einmal wirklich etwas anfangen konnte.
Er hatte sich schon häufiger gefragt, ob diese ebenfalls mit dieser anderen Welt oder seinem Ebenbild von dort zu tun hatten, aber er konnte es nicht wirklich identifizieren. Wenn er dort jemanden sah, war es so verschwommen und verzerrt, dass er niemand Genaues erkennen konnte.
„Tenn-nii?“
Langsam blickte Tenn zu diesen inzwischen besorgteren Augen, sodass er seufzte. Er wusste, dass er Riku davon erzählen wollte. Er wusste auch, dass er beruhigt war, dass Riku in dieser Nacht dafür gesorgt hatte, dass er diese Albträume nicht gehabt hatte. Aber er konnte einfach nichts davon erzählen. „Lass uns aufstehen und uns fertigmachen, Riku“, sagte er stattdessen nur ruhiger.
Das war vermutlich auch eine der Sachen, die sich verändert hatte, seit sie angefangen hatten, ihr eigenes Leben zu haben. Dass sie sich nicht mehr so einfach etwas erzählen konnten, auch wenn er es gerade mehr als wollte. Auch wenn er Riku gerade so sehr erzählen wollte, was ihn noch bedrückte.
––––
Riku wusste, dass er nicht erwarten konnte, dass Tenn-nii ihm alles erzählte, nicht mehr. Selbst wenn es ein Anfang gewesen war, dass sie diese Nacht so kuschelnd zusammen verbracht hatten und es sich angefühlt hatte, als wenn sie ein Stück dieser aufgebauten Distanz aus den letzten Jahren verbannt hatten.
Aber Riku wusste auch, dass er ihn nicht dazu zwingen konnte, ihm etwas zu erzählen, wenn er selbst immer noch Geheimnisse hatte, die er ihm nicht erzählen konnte.
Er hatte am Morgen durchaus gemerkt, dass etwas anderes Tenn-nii bedrückt hatte, aber er nichts zu ihm gesagt hatte. Dabei wollte er doch für ihn da sein, so wie Tenn-nii früher immer für ihn da gewesen war.
„Riku?“
Diese ruhige Stimme sorgte dafür, dass er wieder realisierte, dass er in der Wohnung seines Freundes war und bei ihm angekuschelt saß. Er hatte sich immerhin nach dem Training auf den Weg zu ihm gemacht, um noch etwas bei ihm zu sein.
„Sorry, es ist nichts, Gaku“, erwiderte Riku nur, lächelte etwas schief, drehte sich so, dass er ihn von der Seite ansah. Eigentlich hatte er doch auch vorgehabt, mit ihm darüber zu reden, was Tenn-nii ihm erzählt hatte.
„Wenn nichts wäre, wärst du gesprächiger, Riku“, sagte Gaku ruhig weiter, sah ihn ernster von der Seite her an, „was ist los?“
Riku schluckte, drehte dann doch etwas seinen Kopf zur Seite. „Tenn-nii hat mir von etwas erzählt. Dass er mit jemandem aus einer anderen Welt Kontakt hat, der sein Spiegelbild ist, aber irgendwie auch nicht und ob ... ich will rausfinden, ob ich ebenfalls so etwas sehen kann, um ihm zu helfen.“
„Eine andere Welt? Spiegelbild?“, fragte Gaku eindeutig irritierter nach, „das klingt nicht gerade so, als wenn es existieren würde, Riku.“
„Tenn-nii würde sich das nicht ausdenken“, schüttelte Riku den Kopf, „und ... ich habe das Gefühl, als wenn da viel mehr ist, was ihn belastet. Ich will ihm helfen.“
„Schon gut, ich zweifele nicht, wenn du sagst, dass du ihm glaubst. Immerhin ist er dein Zwillingsbruder“, sagte Gaku ruhiger weiter, „und du willst, dass wir ihm helfen, wenn es irgendwie möglich ist? Denkst du, du bist bereit, ihm etwas zu erzählen?“
Riku seufzte etwas mehr, drehte sich wieder zu ihm und lehnte sich seinem Freund entgegen. „Ich ... ich weiß es nicht“, flüsterte er etwas mehr, „ich weiß nur, dass ich ihm helfen will und Tenn-nii klang, als wenn er Hilfe benötigen würde.“
Gaku nickte etwas mehr. „Lass uns nicht jetzt darüber reden, sondern erst einmal sehen, ob wir überhaupt eine Möglichkeit haben, etwas anderes zu erkennen. Du meintest doch, dass es wie ein Spiegelbild ist, oder? Ich kann mich nicht erinnern, je etwas anderes als mein Spiegelbild gesehen zu haben.“
„Ich auch nicht“, sagte Riku seufzender, „und Tenn-nii meinte auch, dass es einfach passiert ist, aber vielleicht, wenn wir ein wenig warten oder daran denken oder so ...“ Er schluckte etwas mehr. „Ich will es einfach nicht unversucht lassen.“
„Natürlich, lass es uns versuchen“, entgegnete Gaku, lächelte ihn ruhiger an, gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen, „aber nicht jetzt. Du wolltest heute Abend zurück, nicht wahr?“
Riku nickte ruhig, lächelte langsam wieder. „Ja, sorry.“
„Kein Grund dich zu entschuldigen, wenn du mal wieder mehr Zeit mit deinem Zwillingsbruder verbringen willst“, sagte Gaku ruhig weiter.
„Ich will, dass du ihn kennenlernst. Nur ...“, murmelte Riku, schluckte erneut, drückte nebenbei Gakus Hand etwas mehr, „... lass uns noch etwas warten. Wenn das mit dieser anderen Welt funktioniert, würdet ihr euch eh sehen, nicht.“ Spätestens dann musste er etwas sagen, aber aktuell fühlte er sich noch, als wenn er einfach nichts zu ihm sagen konnte.
„Schon gut, du weißt, dass du dir nicht zu viel zumuten solltest“, erwiderte Gaku, „es ist nicht so, als wenn wir momentan so viel machen können, solange du noch auf der Oberschule bist.“
Riku nickte etwas ruhiger lächelnd. Aber er wusste auch, dass es auch ein Grund war, wieso er Tenn-nii oder seinen Eltern nichts erzählen wollte. Er war nun einmal erst in sein zweites Jahr an der Oberschule gekommen und Gaku war vier Jahre älter als er. Niemand von seinen Freunden wusste etwas und er war sich auch nicht sicher, ob sie es so locker aufnehmen würden, wenn er etwas sagen würde.
––––
„Hast du ihnen etwas erzählt, Tenn?“
Tenn seufzte nur, während er in den Spiegel vor sich sah und diese Erscheinung anblickte, die ihm so ähnlich sah, aber dennoch anders war.
„Hm, zumindest Riku“, erwiderte er knapp, seufzte etwas mehr, „aber wir wissen nicht, wie es passieren kann, dass sie überhaupt etwas sehen, oder?“
Er wusste, dass er keinen weiteren Versuch unternommen hatte, mit ihren Freunden zu reden. Riku hatte am Nachmittag eh Training gehabt und es war auch nicht so, dass sie ansonsten viel miteinander zu tun hatten, immerhin waren sie ansonsten nur ihre Kouhais. Er war sich ja auch nicht wirklich sicher, ob sie wirklich mehr mit ihm zu tun haben wollten oder es nicht eher nur wegen Riku taten.
„Ich schätze nicht, nein“, drang diese ruhige Stimme zu ihm, „ist dein Zwillingsbruder da? Vielleicht“
Tenn schüttelte nur den Kopf, lächelte etwas schief. „Er hat Training, meistens kommt er auch erst spät nach Hause.“
„Tenn“, drang diese besorgte Stimme zu ihm durch, „bist du sicher, dass es nur das ist?“
Tenn wandte seinen Blick von ihm ab, sah eher etwas durch das Badezimmer, um nicht länger zu seinem Ebenbild zu blicken. Er wusste sehr wohl, dass es häufig zu spät war, als das es nur das Training war. Aber er wusste auch, dass er Riku vertraute, dass er ihm erzählen würde, wo er sonst war. Zumindest hoffte er das immer noch. „Wir sollten eventuell herausfinden, was genau es auslöst. Immerhin muss es irgendetwas geben, dass man überhaupt etwas sehen kann.“ Und er wollte gerade nicht länger darüber nachdenken, wie lange Riku nachmittags unterwegs war und das es zu lange wirkte, als wenn es nur dessen Training war.
Er vertraute Riku doch, dass er ihm erzählte, wenn er irgendwo anders war, oder? Sie vertrauten sich doch immer noch, selbst wenn sie nicht mehr alles zusammen machten, oder?
„Bei dir war es auch nur zufällig damals, oder?“, drang die Frage des anderen zu ihm.
Tenn nickte etwas mehr, dachte darüber nach. Er wusste, wann es angefangen hatte, aber er wusste nicht, was genau er getan hatte, dass es dazu geführt hatte, dass er ihn sehen konnte. „Ich werde noch einmal mit Riku zusammen sehen. Vielleicht finden wir mehr raus, wenn er ebenfalls jemanden von dort sehen kann.“
„Ist vermutlich besser. Ich schätze, wir sollten einfach sehen, wenn du das nächste Mal hierhin kommen kannst“, entgegnete sein Ebenbild ruhiger weiter, „du solltest dich auch nicht überanstrengen, Tenn.“
„Ja, ist wohl besser. Wir sehen uns Freitag Abend“, sagte er dann eher, sah ein wenig nachdenklicher zu seinem Ebenbild in dem Spiegel. Er wusste, dass er innerhalb der Woche nicht groß etwas tun konnte.
„Wir sehen uns dann“, hörte er nur noch die Erwiderung, kurz bevor Tenn einzig nur noch sein eigenes, normales Spiegelbild erkennen konnte.
Tenn seufzte nur mehr, bewegte sich zurück in ihr Zimmer und rutschte auf sein Bett. Er sollte nicht zu sehr darüber nachdenken, was sie machen sollten, wenn sie eh nicht wirklich mehr wussten. Er musste eher darüber nachdenken, wie es überhaupt möglich war, diese Personen aus dieser anderen Welt zu sehen, sodass Riku und eventuell ihre Freunde ebenfalls eine Möglichkeit hatten, dorthin zu kommen.
Es war vermutlich schon ein guter Schritt, wenn sie nur herausfanden, wer ebenfalls eine Möglichkeit hatte, in diese andere Welt zu kommen, sodass sie nicht alleine darum kämpften, zu verhindern, dass es komplett zerfiel.
––––
Es war spät.
Zu spät, um noch bei seinem Freund zu sein, aber er fühlte sich nicht imstande, sich überhaupt zu bewegen, während er auf dem Boden des Badezimmers saß und seine Arme um seinen Körper geschlungen hatte.
Riku spürte eindeutig das Zittern an seinem Körper, während er längst nicht mehr sein Spiegelbild ansah. Er traute sich nicht einmal, sein Spiegelbild erneut anzusehen, nachdem es sich vorher so irritierend angefühlt hatte.
„Riku?“, drang diese besorgte Stimme durch die Tür zu ihm, „du solltest langsam nach Hause, oder? Deine Eltern machen sich doch Sorgen.“
Riku schluckte nur, während er sich nicht einmal imstande fühlte, zu antworten oder erneut aufzustehen, um sich zu bewegen.
Er hörte nur die Tür aufgehen und spürte kurz darauf die Arme seines Freundes an seinem Körper, wie er von ihm von hinten umarmt wurde. „Riku.“
„Gaku ...“, flüsterte Riku langsam, ohne sich irgendwie groß zu bewegen, während er immer noch spürte, wie sein Körper zitterte.
„Soll ich deine Eltern anrufen, dass du heute Nacht hierbleibst?“, fragte Gaku ruhiger nach, während er ihn einfach nur festhielt.
Riku wusste, dass er gerade kaum wirklich gehen konnte und es vermutlich besser war, wenn er die Nacht bei ihm verbrachte. Er wusste aber auch, dass es dafür sorgen würde, dass er sich erklären musste, wenn Gaku sie anrief, immerhin würden sie sich fragen, wer er war und wieso Riku bei ihm war. „Ich ...“, fing er langsam an, schluckte nur mehr, „ich sollte ihnen Bescheid geben.“
War es das, was Tenn-nii auch sah, wenn er sein Spiegelbild ansah?
„Riku ... willst du darüber reden? Was hast du gesehen?“, flüsterte Gaku ihm zu, hielt ihn einfach nur fester und ging nicht weiter darauf ein, dass sie Rikus Eltern zumindest Bescheid geben sollten. Vermutlich, weil er wusste, dass Riku noch nicht wusste, ob er offen sagen wollte, dass sie zusammen waren.
„Es ... war komisch ...“, murmelte Riku, lehnte sich langsam etwas mehr gegen ihn, „ich ... er ...“, er stoppte sich, schüttelte den Kopf, „... bringst du mich hier weg?“ Er wusste, dass er es nicht mehr sah, seit er auf den Boden gerutscht war und nicht mehr in den Spiegel blickte, aber dennoch fühlte es sich an, als wenn er dieses Bild immer noch vor sich erkannte.
Gaku seufzte nur etwas, nahm ihn schließlich einfach nur auf seine Arme und trug ihn aus dem Badezimmer, während Riku seine Arme einfach nur um Gakus Hals schlang und sich von ihm durch die Wohnung tragen ließ. Still spürte er, wie er auf dem Bett des anderen abgelegt wurde, kurz bevor er merkte, wie sich sein Freund zu ihm legte und ihm ruhig über die Wange strich. „Riku ...“
„Bleib ... einfach nur ... bei mir ...“, flüsterte Riku einfach nur stockender, streckte seine Arme aus und über ihn, „ich ... dieses Bild ...“, er wusste nicht einmal, was er sagen sollte, während er daran zurückdachte. Sah Tenn-nii etwas Ähnliches? Sah er das schon viel länger? Wie genau hielt sein Zwillingsbruder das all die Jahre aus?
„Alles gut, ich bin bei dir, Riku“, sagte Gaku ruhig, küsste ihn kurz und hielt ihn sonst einfach nur wieder fest.
„Ich ... kannst du ... meinen Eltern sagen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen und das ich morgen wiederkomme?“, flüsterte Riku etwas mehr, auch wenn er wusste, dass es bedeutete, dass er ihnen danach erzählen musste, wer die Person war, bei der er die Nacht gewesen war. Aber immerhin wurde es eh Zeit, dass er ihnen vielleicht etwas erzählte.
„Natürlich, wenn du das willst“, sagte Gaku daraufhin.
Riku lächelte ihn einfach nur an. Er wusste, dass er sich am nächsten Tag darum kümmern musste, ihnen und vor allem Tenn-nii etwas zu erzählen, aber er hatte ja sowieso vor, zumindest Tenn-nii zu erzählen, dass er einen Freund hatte.
„Ich ... hätte nie gedacht, dass es ... dass dieses Spiegelbild ... so erschaudernd sein wird“, sagte er schließlich langsam vor sich hin, während er für den Moment nicht weiter daran denken wollte. Es sorgte nur mehr dafür, dass er sich fragte, wie lange Tenn-nii schon mit solchen Bildern zu kämpfen hatte oder ob diese genauso schlimm oder heftig waren.
Als Tenn am nächsten Morgen wach wurde, sah er automatisch durch das Zimmer und zu dem anderen Bett, in dem normalerweise Riku schlief. Auch wenn er wusste, dass Riku nicht dort geschlafen hatte. Sein Bett wirkte auch so unberührt, dass er wusste, dass es nicht nur ein Traum gewesen war, als seine Mutter ihm am gestrigen Abend erzählt hatte, dass Riku bei jemandem übernachtete.
Zuerst hatte Tenn gedacht, dass es vermutlich bei einem seiner Freunde war, aber als sie davon gesprochen hatte, ob er jemanden mit dem Namen Yaotome Gaku kannte, hatte er nur irritierter zurückgesehen. Wo genau war Riku diese Nacht gewesen?
Eigentlich hatte Tenn gedacht, er wusste, wer Rikus Freunde und Teamkameraden waren, sodass er die Personen, bei denen er möglicherweise war, zumindest namentlich kennen würde.
Aber es hatte ihn eindeutig irritiert, dass er den Namen bisher noch nie gehört hatte.
„Oh, er klang freundlich und meinte, er kümmert sich darum, dass Riku morgen pünktlich beim Training und in der Schule ist“, hatte seine Mutter ihm lächelnd gesagt.
Tenn wusste, dass er sich keine Sorgen machen sollte, aber dennoch fühlte es sich zu komisch an, dass es jemand war, von dem Riku bisher nie gesprochen hatte. Eigentlich fühlte es sich schon komisch an, dass er überhaupt so plötzlich bei jemandem übernachtete, obwohl er das in den letzten Jahren eher nicht gemacht hatte.
Das war immerhin eine Sache, an die sich Tenn erinnerte, seit sie nicht mehr alles zusammen machten. Dass Riku immer abends bei ihm gewesen war und sie zumindest im gleichen Zimmer geschlafen hatten, solange er nicht mit dem Club in einem Trainingscamp gewesen war und deswegen außerhalb geschlafen hatte.
Hatte das irgendetwas damit zu tun, dass sie darüber geredet hatten, was Tenn in dieser anderen Welt sah und das er ihn dazu gefragt hatte, ob er ebenfalls etwas sehen konnte?
War das der Grund, wieso Riku so plötzlich bei jemand anderem übernachtete?
„Tenn? Bist du wach?“
Die Stimme seiner Mutter drang von dem Flur etwas lauter zu ihm, kurz bevor er ein Klopfen hörte.
„Hm, ja“, erwiderte Tenn, richtete sich etwas auf und ließ seinen Blick auf die Uhrzeit des Weckers gleiten. Er sollte aufhören, sich Gedanken zu machen und lieber aufstehen, um sich fertigzumachen und zu frühstücken. „Ich komme gleich“, antwortete er noch schnell. Er wusste, dass sie sich vermutlich nur Sorgen machte, weil er normalerweise zeitiger zum Frühstück kam. Auch wenn er nicht wirklich zu spät war.
Er konnte hoffentlich später mit Riku darüber reden, wo er gewesen war und wer die Person war, bei der er gewesen war. Oder würde er damit zu aufdringlich sein?
Was, wenn Riku nicht darüber reden wollte, wo er war, nur weil er mal eine Nacht bei jemandem übernachtete?
Tenn seufzte, während er sich daran machte, sich anzuziehen. Es war immerhin auch ein Teil von Rikus Privatleben, und wenn er es ihm nicht erzählen wollte, sollte er ihn nicht dazu befragen, oder?
––––
„Hilfst du mir?“
Riku zuckte heftig zusammen, als er nichts als eine einzige Einöde sah, während er gleichzeitig diese Stimme hörte. Es war auch die einzige Person, die er vor sich sah.
Die dunkelroten Augen lagen direkt auf ihm, während sein Gesicht, seine Haare, sein ganzer Körper von Blut bedeckt und verklebt war, auch wenn er gleichzeitig erkannte, wie das Blut unaufhörlich an ihm herunterlief und eine Blutlache auf dem Boden erscheinen ließ.
Es sorgte dafür, dass Riku langsam zurückwich, auch wenn er gleichzeitig das Gefühl hatte, als wenn er nicht einmal von der Stelle kam oder sich von dieser Person entfernen konnte.
„Du hilfst mir, oder?“, drang erneut diese Stimme zu ihm, während keinerlei Emotion oder irgendetwas darin mitschwang.
Riku wollte etwas sagen. Oder schreien. Aber seine Kehle fühlte sich so trocken an, dass kein Ton über seine Lippen kam.
„Riku!? Hey, Riku!“
Riku zuckte heftiger zusammen, spürte kurz darauf, wie er in die grauen Augen vor sich sah, die ihn besorgter ansahen. „... Gaku?“, flüsterte er mehr, während sich seine Stimme so seltsam anfühlte, als wenn er immer noch ausgetrocknet wäre. Das war nur ein Traum, oder? Was genau war das überhaupt gewesen?
„Ein Glück, du bist wach“, flüsterte Gaku eindeutig erleichterter, kurz bevor er ihn einfach nur dichter an sich zog und festhielt.
Riku wusste nicht einmal, was er sagen sollte, allerdings fühlte es sich gut an, so dicht bei seinem Freund zu sein und sich von ihm festhalten zu lassen. Es fühlte sich an, als wenn die Erinnerung an diesen Traum, Albtraum wohl eher, mehr und mehr verblasste.
„Du wirktest, als wenn du keine Luft bekommst, aber es ist alles gut, oder?“, flüsterte Gaku ihm besorgter zu, nachdem er ihn langsam ein Stück losließ, auch wenn er immer noch seine Arme zu ihm ausgestreckt hatte, sodass Riku ihn so nah spürte.
„Ich ... ja“, flüsterte Riku zurück, während er spürte, dass sich sein Hals zu trocken anfühlte, „nur ... ein Albtraum ...“
„Dir geht es aber gut? Keine Probleme?“, fragte Gaku ruhiger nach.
Riku bewegte seine Lippen zu einem Lächeln. „Ja, alles gut.“ Das Einzige, was er noch spürte, war, dass er sich ausgetrocknet fühlte. „Nur ... etwas ausgetrocknet.“
„Hm, ein Glück“, erwiderte Gaku eindeutig erleichterter, bevor er sich aufrichtete, „wir sollten frühstücken und danach bringe ich dich zur Schule?“
Riku rutschte hinter ihm ebenfalls ins Sitzen, nickte etwas mehr, während er daran dachte, dass er Tenn-nii später vermutlich erklären musste, bei wem er die Nacht verbracht hatte. Aber erst einmal sollte er dafür sorgen, dass er etwas Flüssigkeit in seinen Hals bekam, damit er sich nicht so ausgetrocknet fühlte.
––––
Tenn war sich nicht sicher, wieso er so früh schon das Schulgelände betrat. Immerhin hatte er keinen Grund dazu, auch wenn er es nun nutzte, um Riku bei dessen Training am Morgen zu beobachten.
Normalerweise waren sie nicht so häufig gleichzeitig unterwegs, zumindest seit er aufgehört hatte, mehr mit ihm zu unternehmen.
Dennoch fühlte er sich komisch, als er Riku aus der Ferne beobachtete, wie er nicht einmal wirklich zu merken schien, dass er ihn beobachtete, sondern eher zwischendurch in eine andere Richtung blickte. Das Lächeln auf dem Gesicht seines Zwillingsbruders entging ihm dabei allerdings nicht und Tenn richtete seine Augen schließlich auf den Fremden, der etwas entfernt in der Nähe des Trainingsplatzes stand und ebenfalls Riku zu beobachten schien.
Tenn wusste, dass es ihm nicht gefiel, wie dieser Fremde Riku beobachtete. Er war eindeutig älter als sie, weswegen es dafür sorgte, dass sich etwas in ihm verkrampfte. Warum sah Riku auch immer wieder mit diesem Lächeln zu ihm, als wenn sie sich kannten? War er derjenige, bei dem Riku gewesen war? Aber wieso? Was genau wollte diese Person von seinem Zwillingsbruder?
Tenn seufzte, schüttelte schließlich den Kopf und drehte sich lieber ab, um ins Innere des Gebäudes zu gehen. Er sollte sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, mit wem Riku zu tun hatte, immerhin wusste er, dass sein Zwillingsbruder inzwischen gut auf sich selbst aufpassen konnte. Außerdem wusste er auch, dass die Zeiten, in denen er ihn gebraucht hatte, lange vorbei waren.
„Guten Morgen, Nanase-senpai“, hörte er eine Stimme neben sich, als er durch den Gang des Schulgebäudes ging, blinzelte etwas irritierter zur Seite, „du bist früh.“
„Hm, guten Morgen, Izumi-kun“, nickte Tenn ihm zu.
„Bist du mit Riku-senpai gekommen, obwohl er Clubaktivitäten hat?“, fragte Izumi nach.
Tenn schüttelte nur den Kopf, ging langsam weiter. „Riku war heute Nacht bei jemand anderem.“ Er war sich nicht sicher, wieso er das erzählte, aber immerhin wusste er, dass Izumi zu Rikus Freunden gehörte.
„Oh“, entgegnete der andere, legte eine Hand an sein Kinn, „die Person, die ihn bei dem Training beobachtet ...?“, murmelte er mehr vor sich hin, sodass sich Tenn nicht sicher war, ob er das überhaupt wirklich zu ihm sagte.
„Keine Ahnung, wer das ist“, sagte Tenn nur, zuckte mit den Schultern, „warum bist du so früh hier, Izumi-kun?“
„Oh, ich nutze die Zeit meistens, um noch etwas in Ruhe zu lernen“, sagte Izumi ruhig daraufhin, „... was genau ist das eigentlich, was du uns erzählen wolltest? Riku-senpai meinte irgendetwas, dass du von einer anderen Welt geredet hast oder so?“
„Ah, verstehe“, nickte Tenn, ging langsam neben ihm her, „oh ... das. Mach dir keine Gedanken, ich dachte nur, vielleicht ... könnt ihr auch etwas anderes sehen, wenn ihr euer Spiegelbild beobachtet.“ Er drehte etwas seinen Kopf zur Seite. Also hatte Riku mit ihnen noch einmal gesprochen?
Izumi gab ein leises Geräusch von sich, weswegen er ihn wieder ansah, bemerkte, wie er nachdenklicher wirkte. „Ich kann mich nicht erinnern. Aber du wirkst nie wie jemand, der sich so etwas ausdenken würde, Nanase-senpai.“
Tenn blickte ihn von der Seite an, lächelte etwas mehr. „Mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Ich weiß nicht, wie es passiert und ... wenn du nichts dergleichen siehst, soll es wohl nicht sein.“ Er wusste ja auch nur, dass es nur so etwas, wie ein Gedanke von dieser Person aus der anderen Welt war, ob sie eine Möglichkeit hatten, von anderen ebenfalls Unterstützung zu kriegen. Sie wussten ja nicht einmal, ob es überhaupt dazu führte, dass die anderen ebenfalls etwas sehen konnten.
„Es klingt alles unglaubwürdig, aber ich will auch nicht ausschließen, dass du nicht irgendetwas sehen kannst, Nanase-senpai“, sagte Izumi daraufhin weiter, „ich meine, ich kann nicht erkennen, wie es möglich ist, aber wenn du sagst, du siehst so etwas.“
„Ich kann ihn nicht nur sehen“, murmelte Tenn vor sich hin, während er inzwischen an einem Tisch in der Bibliothek ihrer Schule mit Izumi saß, „ich kann zu ihm. Diese Welt existiert, auch wenn sie alles andere als sicher ist. Auch wenn alles dort wirkt, als wenn es nach Hilfe schreit oder zerfällt.“ Er war sich nicht einmal sicher, wieso er Izumi das erzählte, aber er wusste auch, dass der andere ihm zumindest zuhörte. Selbst wenn er ihm vermutlich später auch nicht glauben würde.
„Es passiert, wenn du in einen Spiegel siehst, oder?“, fragte Izumi nach, sah ihn ruhiger an.
„Hm, seit ungefähr fünf Jahren oder so“, flüsterte Tenn mehr, senkte etwas seinen Blick.
„Wenn das nicht von dir, sondern von jemandem aus dem Okkult-Club kommen würde, würde ich es nicht glauben, Nanase-senpai“, sagte Izumi, legte den Kopf schief, „aber so ... ich würde zu gerne wissen, was du sehen kannst, um vielleicht zu verstehen, was das ist.“
Tenn zuckte mit den Schultern, lächelte ihn schief an. „Ich weiß nicht, ob ihr überhaupt die Möglichkeit hättet, es zu sehen. Ich weiß ja nicht einmal, was ihr tun müsstet, um ebenfalls etwas auszulösen.“
„Würdest du wollen, dass wir heute Abend zusammen schauen? Ich meine, Tamaki und Riku-senpai wären bestimmt dabei, wenn wir gemeinsam eine Übernachtungsparty oder so etwas bei einem von uns machen“, sagte Izumi daraufhin, sah ihn allerdings eher fragender an, „es ist immerhin Wochenende und ich glaube, dass von uns keiner etwas anderes geplant hat.“
Tenn seufzte, zuckte erneut mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wenn ihr das wollt ...“ Immerhin hatte er sowieso vor, dorthin zu reisen, weil er es eigentlich immer Freitag Abend machte. Weil das Wochenende die beste Zeit war, um in diese Welt zu reisen und ihn zu treffen.
„Reden wir mit Riku-senpai, Tamaki und Haruka nachher“, sagte Izumi ruhig weiter.
––––
Mit einem tiefen Seufzen blickte Riku etwas vor sich, während er mit seinem Zwillingsbruder in ihrer Mittagspause an einem ruhigeren Platz saß, wo sie eher unter sich sein konnten. „Du hast ihn gesehen?“
„Hm“, nickte Tenn-nii, musterte ihn eindeutig genauer, „nicht, dass du mir irgendetwas davon erzählen musst, bei wem du warst oder so ...“
Riku seufzte nur mehr, stützte sich etwas nach hinten ab. „Es ist nicht so, dass ich es vor dir geheimhalten wollte“, sagte er langsam weiter, sah ein wenig über sich in den Himmel, „ich war mir nur nicht sicher, wie du reagieren würdest, wenn ...“
„Riku?“, fragte Tenn-nii nach, als er nicht wirklich weitersprach.
Riku schluckte, drehte seinen Kopf zu ihm. „Gaku ist mein Freund. Wir ... sind ungefähr seit Anfang des Jahres zusammen ...“, er schluckte, sah nun eher vor sich auf den Boden.
„Und du ...“, fing Tenn-nii leise an, stoppte, sodass Riku wieder zu ihm sah, bemerkte dadurch, dass Tenn-nii ihn ein wenig unsicherer ansah, „du bist glücklich? Ich meine ...“
„Hm“, nickte Riku nur ruhiger, lächelte ein wenig mehr, „ich wollte das wirklich nicht vor dir geheimhalten. Es ist nur–“,
Tenn-nii schüttelte etwas den Kopf, lächelte ihn zurück an. „Schon gut. Es ist nicht so, als wenn wir uns alles erzählen, oder?“
Riku schluckte, während er daran dachte, dass er ewig nicht wusste, was Tenn-nii für Erfahrungen gemacht hatte. Oder immer noch nicht wusste, was genau sein Zwillingsbruder durch diese andere Welt alles sah oder miterlebte. Erst recht, nachdem er den letzten Abend dieses seltsame Bild selbst gesehen hatte, was überhaupt erst der Auslöser gewesen war, wieso er nicht nach Hause gegangen war, sondern bei seinem Freund übernachtet hatte.
„Riku?“, fragte Tenn-nii nach, nachdem er einen Moment einfach nur still geblieben war, „alles in Ordnung?“
„Es tut mir leid, Tenn-nii“, flüsterte Riku etwas mehr, auch wenn er nicht komplett wusste, wieso er sich entschuldigte oder damit anfing.
„Was?“, fragte Tenn-nii irritierter nach, starrte ihn einfach nur an, „wieso–“,
„Du machst einiges durch, oder? Diese ... ich hab es gesehen. Dieses Spiegelbild. Es war gruselig und– du kannst mit mir reden, ja?“, sagte Riku langsam, schluckte etwas mehr, „ich bin für dich da, so wie du immer für mich da bist.“
Tenn-nii weitete etwas seine Augen, sah dann eher zur Seite. „Du hast– du siehst ebenfalls etwas?“
Riku nickte langsam zur Antwort. „Es war unheimlich und– wenn du irgendetwas–“,
„Es geht schon“, erwiderte Tenn-nii ruhiger, lächelte ihn etwas besorgter an, „ich weiß inzwischen, wie ich damit klarkomme. Es ist eher ... war es für dich okay?“
Riku schluckte, schüttelte den Kopf, griff nach Tenn-niis Hand. „Ich bin nur froh, dass ich nicht alleine war. Ich weiß nicht, was ich– Tenn-nii war alleine, als er es gesehen hat, oder? Ich ... immerhin ...“, er schluckte etwas mehr. Wenn er daran dachte, dass Tenn-nii damals, als er das zum ersten Mal erlebt hatte, alleine gewesen war, ohne ihn, während er zumindest bei seinem Freund hatte sein können.
Es fühlte sich so albern an, dass er sich jetzt so gefühlt hatte. Erst recht, wo Tenn-nii noch jünger gewesen war, als er das zum ersten Mal erlebt hatte.
„Yaotome-san war bei dir?“, fragte Tenn-nii nach, sah ihn besorgt an. Seine Augen spiegelten eindeutig so etwas wie Erleichterung wider, auch wenn sich Riku sicher war, dass er gleichzeitig nicht glücklich darüber war.
„Hmm“, nickte Riku dennoch etwas mehr, „aber dennoch. Ich sollte es aushalten können. Tenn-nii hat das viel früher ausgehalten und durchgestanden.“
Tenn-nii seufzte nur erleichterter, schüttelte dann etwas den Kopf. „Ich weiß, wie unheimlich das alles sein kann. Ich habe ... Dinge gesehen und ... ich bin nur froh, dass du nicht alleine warst.“
Riku nickte langsam, lächelte ihn wieder an. „Willst du ihn treffen? Ich will nicht länger geheimhalten, dass ich einen Freund habe. Vor dir oder unseren Eltern oder meinen Freunden. Aber vor allem vor dir, Tenn-nii.“
Tenn-nii blinzelte etwas, sah ihn etwas irritierter an, bevor er lächelte. „Natürlich. Außerdem will ich wissen, wer meinen Zwillingsbruder so glücklich macht“, sagte er ruhiger weiter, „nur vorher ... Izumi-kun meinte, dass wir mal zusammen sehen könnten, ob ihr ebenfalls etwas dort sehen könnt.“
„Wenn Tenn-nii etwas mit Iori ausmacht, kann ich schlecht was dagegen sagen, oder?“, grinste Riku ihn breiter an, auch weil er wusste, wie wenig Tenn-nii mit seinen Freunden normalerweise interagierte. „Außerdem klingt das nach einem lustigen Abend zusammen!“ Zumindest, wenn er ignorierte, dass er vielleicht wieder dieses seltsame Bild sah, aber immerhin war er nicht alleine und er wusste, dass Tenn-nii das alles schon viel länger durchmachte, da würde er das doch auch hinbekommen, oder?
Auch wenn ihre Freunde an diesem Nachmittag mit zu ihnen gekommen waren, so fühlte es sich immer noch so an, als wenn sie nicht wirklich einen Fortschritt fanden. Aber irgendwie war es logisch, wussten sie ja nicht einmal, wie sie etwas auslösen konnten.
Tenn hatte sich einen Moment zurückgezogen und blickte eher nachdenklicher zu seinem Ebenbild in dem Spiegel im Bad. Er wusste zwar, dass Riku inzwischen ebenfalls etwas gesehen hatte, aber er hatte ein seltsames Gefühl, wenn er daran dachte, wie er darüber gesprochen hatte.
„Ihr wollt herausfinden, wie es möglich ist?“
Tenn nickte auf die Stimme des anderen hin, der etwas nachdenklicher zur Seite sah. Seine Gedanken glitten dazu, was Riku ihm vorher erzählt hatte. Er wusste, dass es irritierend gewesen war, dass Riku scheinbar so unsicher davon erzählt hatte. „Ist es möglich, dass sie etwas anderes sehen?“
„Was meinst du, Tenn?“
„Riku hat etwas gesehen, aber ... er meinte, es war unheimlich und er wirkte so bedrückt, dass ich das schon so lange erlebe“, murmelte Tenn nachdenklicher weiter, „dabei ...“, er konnte sich nicht erinnern, dass sein Ebenbild ihm jemals unheimlich vorkam. Überhaupt war alles, was ihn vielleicht etwas erschrocken hatte, das, was er sah, wenn er mit ihm in dieser anderen Welt unterwegs war.
„Kann ich dir nicht sagen. Sie sehen schließlich, wenn denn, nur ihre Persönlichkeit aus meiner Welt. Zumindest soweit ich weiß. Und tut mir leid, aber ich bin mir nicht einmal sicher, dass ich mich überhaupt an jemanden von hier erinnere... selbst die Personen, wo ich mir sicher bin, dass sie meine Freunde sind, sind nichts weiter als verschwommene Schatten.“
Tenn nickte erneut, senkte ein wenig seinen Blick, blinzelte dann, als er ein Klopfen an der Tür hörte.
„Tenn-nii, alles in Ordnung?“, hörte er Rikus Stimme, worauf er sich zu der Tür umdrehte und diese schließlich öffnete.
„Alles gut, sorry Riku“, erwiderte Tenn, lächelte schief, bemerkte kurz darauf, dass ihre Freunde ebenfalls hinter Riku standen, „uh ...?“
„Hast du mit jemandem geredet, Ten-Ten?“, fing Yotsuba an, bewegte seinen Kopf zur Seite, „ist das ...?“
„Wir haben uns nur Sorgen gemacht“, sagte Riku, auch wenn sein Lächeln für einen Moment ein wenig bedrückter wirkte. Tenn war sich auch ziemlich sicher, dass er minimal zusammengezuckt war, auch wenn es vermutlich außer ihm niemand gemerkt hatte.
„Ich wollte ihm nur sagen, dass ich gerade nicht dorthin gehen kann“, sagte Tenn, zuckte mit den Schultern, drehte sich halb wieder zu dem Spiegel um. Er war sich nicht sicher, ob die anderen etwas sehen konnten oder einzig und allein sein normales Spiegelbild sahen.
„Ihm...?“, fing Izumi an, machte einen Schritt neben ihn und legte den Kopf schief, „du ... siehst wirklich etwas dort?“
Tenn seufzte, drehte sich wieder um und sah an ihm vorbei, blickte weiterhin zu seinem Ebenbild. „Ja, tue ich.“
„Ich denke nicht, dass sie mich sehen können, solange ihr in eurer Welt seid“, sagte dieser kurz darauf zurück, bestätigte ein wenig Tenns Vermutung.
„Das ist verwirrend“, murmelte Yotsuba, legte den Kopf schief, „ich kann nichts Besonderes erkennen!“
„Ich will es eigentlich nicht wieder sehen“, sagte Riku ein wenig leiser, sah eher wieder auf den Flur hinaus, „auch wenn ...“,
„Was hast du gesehen, Riku?“, fragte Tenn nach, trat schließlich doch wieder zu ihm, „es ... war kein normales Bild?“
Riku schüttelte den Kopf, sah zu ihm, schluckte und drückte sich kurz darauf an ihn. „Ich– es war blutüberströmt. Alles. Als wenn er am Verbluten ist.“
Tenn weitete seine Augen, drückte Riku dann einfach nur an sich, ignorierte für den Moment, dass sie nicht alleine waren. „Sollen wir zurück in unser Zimmer gehen?“, fragte er leise nach, machte allerdings keine Anstalten, ihn loszulassen.
„Aber– ... Tenn-nii meint, es ist wichtig und das dort viel mehr passiert und ...“, murmelte Riku vor sich hin, hielt sich allerdings auch weiterhin an ihm fest, „und ... du siehst das nicht?“
„Ich sehe nur jemanden, der mir ähnlich ist, aber es ist kein Blut oder irgendetwas dergleichen“, murmelte Tenn ein wenig mehr, „ihr könnt halt nur eure Persönlichkeit, wenn überhaupt, von dort sehen.“
„Aber warum ist Riku-senpais dann so blutüberströmt?“, fragte Izumi nach, sorgte dafür, dass sich Tenn wieder bewusst wurde, dass ihre Freunde ebenfalls hier waren.
„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das überhaupt noch sehen will“, drang Isumis Stimme zu ihnen, während Tenn aus dem Augenwinkel merkte, wie er seinen Kopf schüttelte.
„Sorry, ich wollte euch nicht da mit reinziehen“, erwiderte Tenn, sah kurz zu ihnen, blinzelte irritierter, als er merkte, dass Yotsuba ein Stück von ihnen entfernt war und eher wie gebannt zu seinem Spiegelbild sah, „uh ... Yotsuba-kun?“
„Tamaki, was ist los?“, fragte Riku bei ihm ebenfalls irritierter nach, während er sich etwas mehr von Tenn entfernte.
„Hey, Ten-Ten!? Wie genau kommt man dorthin?“, fing Yotsuba daraufhin strahlender an, „du weißt das doch, oder?“
„Tamaki, beruhig dich“, murmelte Izumi und verdrehte etwas die Augen, „und wir sollten vermutlich zurückgehen. Riku-senpai geht es nicht gut.“
„Oh?“, machte Yotsuba, legte den Kopf schief, „ist alles gut, Rikkun? Musst du dich ausruhen?“
Tenn blickte von ihm zu Riku, bemerkte, wie Riku sich allerdings langsam wieder gefangen hatte und eher versuchte, zu lächeln.
„Es ist okay. Du– du hast was gesehen, Tamaki?“, fragte Riku nach.
„Ja, für einen Moment“, nickte Yotsuba daraufhin enthusiastischer, „und er sieht irgendwie cool aus! Gehen wir mal dorthin?“
„Um das zu können, müsstet ihr alle etwas sehen können“, sagte Tenn, sah ein wenig bedrückter zu Riku herüber, „und das, was ihr dort seht, ist längst nicht alles. Diese Welt ist nicht so normal und friedlich.“
„Ich bin mir sicher, dass ich es nicht wissen will“, sagte Isumi und schüttelte eindeutig den Kopf, „wenn es selbst Riku-san geschockt hat.“
„Was hat Rikkun denn gesehen?“, fragte Yotsuba nach, legte den Kopf schief.
„Gehen wir erst zurück in unser Zimmer“, entgegnete Tenn daraufhin, hielt Riku weiter bei sich, schüttelte etwas den Kopf. Er hatte so ein Gefühl, dass es vielleicht besser war, wenn sie noch einmal in Ruhe darüber redeten. Auch wenn er sich nicht erklären konnte, was Riku gesehen hatte, was ihn so erschaudern ließ.
––––
Riku wusste, dass er sich noch nie so komisch gefühlt hatte, wenn er mit seinen Freunden zusammen war. Eigentlich wollte er gegenüber ihnen auch nicht zeigen, dass es ihn erschauderte, wenn er nur darüber nachdachte, was an dem vergangenen Abend passiert war, aber irgendwie konnte er diese Bilder in seinem Kopf auch nicht verdrängen, die unweigerlich aufgekommen waren, nur weil er Tenn-nii mit jemandem reden gehört hatte. Oder gehört hatte, dass er mit dieser Person aus der anderen Welt geredet hatte.
Noch dazu, dass Tamaki scheinbar auch eher enthusiastisch gewesen war, als er diese Person erkannt hatte.
Er hatte sich in ihrem Zimmer gegen Tenn-nii gelehnt und hielt nebenbei sein Handy vor sich, darüber nachdenkend, ob er seinen Freund anrufen sollte. Nicht das Tenn-nii ihn nicht genauso beruhigte, aber irgendwie wünschte er sich gerade, dass Gaku bei ihm war und ihn kuscheln konnte.
„Willst du Yaotome-san anrufen?“, fragte Tenn-nii leise nach, während er ihn weiterhin bei sich hielt. Aber vermutlich sah er ebenfalls auf das Display von Rikus Handy, wo er die ganze Zeit den Kontakt seines Freundes offen hatte.
„Ich ...“, fing Riku an, sah nachdenklicher auf, bemerkte, wie Iori, Tamaki und Haruka ihn ebenfalls stiller ansahen. Vermutlich waren sie ebenfalls irritiert, dass er so still und unsicher gewesen war.
„Wer ist Yaotome-san, Rikkun?“, fragte Tamaki schließlich nach, legte den Kopf schief, sah kurz zur Seite und zwischen Iori und Haruka hin und her, „Iorin, Haru-chan?“
Iori und Haruka schüttelten beide nur etwas den Kopf, bevor sie wieder mehr zu Riku sahen.
„Er ist mein Freund“, flüsterte Riku schließlich etwas mehr, rutschte ein Stück so, dass Tenn-nii ihn ein wenig loslassen musste, auch wenn er immer noch seine Hände an Rikus Hüften liegen hatte, „wir ... sind seit Beginn des Jahres etwa zusammen.“
„Und du hattest Angst uns etwas zu erzählen?“, fragte Iori nach, sah ihn ruhiger an, „dachtest du, wir meiden dich dann, weil ...“
Riku schluckte, nickte etwas mehr, drückte sich nun doch wieder zurück gegen Tenn-nii. „Ich wollte es gar nicht vor euch geheimhalten. Wir haben uns letztes Jahr bei einem Trainingsspiel getroffen und außerdem ist er älter als ich.“
„Solange Riku-san glücklich ist, ist es okay“, entgegnete Haruka daraufhin, zuckte mit den Schultern, sah dann allerdings eher fragender zu Tamaki und Iori, „... ist doch so, oder?“
„Sicher, solange ihr glücklich seid“, nickte Iori daraufhin, „und ich bin mir ziemlich sicher, Nanase-senpai würde es nicht so einfach akzeptieren, wenn er dir etwas antut.“
Riku blinzelte, sah mit einem Seitenblick zu Tenn-nii, kicherte dann eher. „Ja, stimmt“, sagte er dann anfügend.
„Es ist Rikus Entscheidung, mit wem er zusammen sein will“, sagte Tenn-nii daraufhin nur ruhiger, während er ihn weiter kuschelte, „aber wenn du willst, ruf ihn doch an? Vielleicht beruhigt es dich.“
Riku seufzte etwas mehr, sah allerdings kurz noch einmal zu seinen Freunden auf. „Ich frage mich ja nur, wieso dieses Spiegelbild bei mir so ... unheimlich ausschaut“, sagte er leise weiter, „bei euch ist es normal, oder?“
„Er sieht vollkommen normal aus!“, nickte Tamaki enthusiastischer, „aber ... uh ...“
„Ich kann dir nicht sagen, wieso es bei dir so unheimlich ist“, entgegnete Tenn-nii hinter ihm, „ich sehe ihn auch ganz normal so.“
Riku nickte langsam. „Ihr habt noch nichts gesehen, oder? Iori? Haruka?“
„Nein“, schüttelte Iori den Kopf, sah langsam zu Haruka, der nur den Kopf wegdrehte.
„Ich will es gar nicht sehen“, entgegnete Haruka daraufhin grummeliger.
Riku schluckte, blickte dennoch etwas nachdenklicher vor sich. Wieso sah niemand außer ihm diese seltsamen Bilder, wie jemand geradezu verblutete? „Ich würde ... schon gerne wissen, wieso es so ist und ob wir irgendetwas tun können, wenn wir dorthin gehen.“
„Ich denke, es würde etwas mehr Licht reinbringen, wenn wir in diese Welt gehen“, murmelte Tenn-nii etwas vor sich hin, während er ihn weiterhin festhielt, „allerdings ...“
„Solange Iori und Haruka es nicht sehen, können wir nicht zusammen gehen, oder?“, murmelte Riku mehr, sah eher zu seinen Freunden.
„Ich mag es immer noch nicht überhaupt herausfinden“, brummte Haruka und drehte seinen Kopf weg.
„Wie wäre es, wenn wir die nächsten Tage noch mal in Ruhe schauen, ob wir einen Kontakt herstellen können und es nicht mehr heute machen?“, fragte Iori ruhiger nach, „vielleicht kriegen wir einzeln auch noch ein paar Informationen und könnten danach weitersehen?“
Riku nickte etwas, lächelte ihn an. „Klingt nach einem guten Plan und wir könnten den heutigen Abend einfach etwas Spaß zusammen haben.“ Immerhin wusste er, wie selten er in letzter Zeit zusammen mit seinen Freunden etwas machte, auch wenn er genauso spürte, als wenn er sich ablenkte, um nicht an dieses gruselige Bild in dieser anderen Welt zu denken.
––––
Stille umgab ihn, während er gegen eine alte, eher ruinenhafte, Mauer lehnte. Es war bereits dunkel, aber das war nichts, was ihn noch groß kümmerte. Eigentlich war es sowieso unmöglich, herauszufinden, wie viel Zeit gerade verging, zumindest wenn er alleine war.
Er war sich nicht einmal sicher, wann genau er das letzte Mal mit Tenn gesprochen hatte oder ob es überhaupt so lange her war. Aber inzwischen hatte er sich auch daran gewöhnt, dass es unmöglich war, ein wirkliches Zeitgefühl zu haben. Nicht, wenn alles um ihn herum so gleich wirkte und der einzige Unterschied die verschiedenen Lichtverhältnisse zum Tageswechsel waren.
Die Schreie und unwirklichen Geräusche, die regelmäßig zu ihm drangen, hatte er längst in dem Sinne ausgeblendet, dass er sie zwar wahrnahm, aber nicht wirklich als etwas Besonderes ansah.
„Wo ... bin ... ich hier?“
Vida hob seinen Blick, sah zu der Gestalt, dessen Stimme er gehört hatte. Er hatte lange keine normale Stimme gehört, außer wenn Tenn hier war. Eigentlich war er sich nicht einmal sicher, wann er das letzte Mal überhaupt jemanden sprechen gehört hatte, außer Tenn.
Er umfasste den Griff seiner Axt, erhob sich und musterte die Person ein paar Meter vor sich.
„Wer ... bist du? Wo ... bin ich hier?“
Die Stimme klang so fremd in seinen Ohren, während er langsam merkte, wie diese Person nähertrat.
Es sorgte dafür, dass Vida seine Axt etwas fester hielt, auch wenn er nicht direkt in eine Kampfposition ging. Zumindest wirkte diese Gestalt nicht, wie diese ganzen Schattenkreaturen und Zombies, die er sonst hier sah. Ganz davon ab, dass niemand von ihnen je ein Wort sprach.
Seine Augen weiteten sich etwas mehr, als er einen genaueren Blick auf diese Person werfen konnte. Es sorgte auch dafür, dass er nur mehr merkte, wie das Blut an diesem zierlichen Körper herunterlief und auf den Boden tropfte.
„Du siehst nicht gut aus, aber gleichzeitig ...“, fing Vida an, legte den Kopf zur Seite, „du bist keine von diesen seltsamen Kreaturen.“ Er wusste nicht, woher er diese Gewissheit hatte. Vielleicht lag es daran, was Tenn ihm erzählt hatte, dass sie versuchten, mehr herauszufinden, ob sie etwas sehen konnten.
Vielleicht konnte er deswegen jemand anderen sehen, auch wenn diese Person nicht wirklich gut aussah. „Ich denke nicht, dass ich wirklich weiß, wo wir sind“, sagte Vida schließlich antwortend, „mein Name ist Vida. Was ist mit dir passiert?“
Die Person sah ihn einfach nur direkter an, sodass sich diese roten Augen geradewegs auf ihn richteten, auch wenn gleichzeitig dieses Blut an seinen Wangen hinunterlief. „Kuon. Das ist mein Name. Aber ... ich weiß auch nicht, was ... ich bin aufgewacht und alles war voller Blut ...“, murmelte er vor sich hin, „... kannst du mir helfen?“
„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich dir helfen könnte“, entgegnete Vida, lehnte wieder nur gegen die Wand hinter sich, stellte seine Axt neben sich ab. Kuon. Er konnte sich nicht erinnern, dass er diesen Namen schon einmal gehört hatte. Auch wenn er sich nicht an irgendjemanden erinnerte, aber er hatte auch nicht das Gefühl, dass es jemand war, an den er sich erinnern sollte.
Er wusste, dass er eine vage Erinnerung aus seiner Kindheit mit seinen Freunden hatte, aber er konnte nichts davon zuordnen oder hatte irgendein Bild zu ihnen im Kopf. Es war alles nur ein Schatten. Nicht so dunkel wie diese seltsamen Kreaturen, aber auch nicht mehr erkennbar.
„Kannst du ... mich töten?“, fragte Kuon nach einer Weile nach, während seine Augen weiterhin so emotionslos auf ihm lagen, „ich will ... nicht mehr leiden ...“
„Ich könnte vermutlich“, erwiderte Vida, allerdings machte er keinerlei Anstalten, irgendetwas dergleichen zu tun. Außerdem wusste er inzwischen, dass jemand, den er hier als eine Person erkennen konnte, vermutlich einen Kontakt zu einer Persönlichkeit aus dieser anderen Welt hatte.
Das war immerhin das, was Tenn und er irgendwann über die Zeit herausgefunden hatten. Sie waren sich doch sicher, dass sie jede Unterstützung gebrauchen konnten, um diese seltsamen Schattenkreaturen zu besiegen und zu verhindern, dass diese Welt weiter in sich zusammenfiel.
„Aber ich denke nicht, dass ich es tun sollte, Kuon“, sagte Vida daraufhin ruhiger, „wenn wir nichts unternehmen, wird diese Welt früher oder später zerfallen und ich habe ein ungutes Gefühl, dass es nicht mit dieser Welt endet.“ Immerhin hatte er das Gefühl, dass diese andere Welt, aus der Tenn kam, zumindest inzwischen viel zu sehr damit verwoben war.
„Ich denke nicht, dass ich ... dir helfen ... kann“, sagte Kuon mit kurzen Unterbrechungen, in denen er mehr hustete oder sogar Blut spuckte.
„Wenn du hier bist und wir reden können, bedeutet das, dass du nicht von diesen seltsamen Schattenkreaturen quasi verschlungen wurdest“, sagte Vida ruhig weiter, „oder das jemand aus dieser anderen Welt, der dir ähnlich ist, dich erreichen kann.“ Es war auch etwas, worüber er bereits nachgedacht hatte und warum niemand außer Tenn bisher hierhin konnte. Was, wenn niemand dazu kam, mit jemandem von hier reden zu können, weil ihnen bereits Schlimmeres passiert war?
Kuons Augen öffneten sich ein wenig mehr, auch wenn es dafür sorgte, dass nur mehr Blut an seinem Körper nach unten lief und die Blutlache unter ihm nur größer wurde. Es fühlte sich so unwirklich und seltsam an, dass Vida fast bezweifelte, dass es wirklich ein Mensch war, der vor ihm stand. Aber er war auch anders, indem er normal mit ihm reden konnte.
„Riku ...“, flüsterte Kuon langsam etwas mehr, „es ist ... ich bin mir nicht sicher, wie ich ihn sehen konnte oder woher ich von ihm weiß, aber sein Name ist Nanase Riku.“
Kurz weitete Vida seine Augen, bevor er eher grinste. Also war er es, den Tenns Zwillingsbruder gesehen hatte. Zumindest konnte er ein wenig verstehen, wieso es ihn geschockt hatte, immerhin wirkte der andere nicht wirklich normal oder auch lebendig, wenn er das so bezeichnen konnte. „Du scheinst ihm einen ziemlichen Schrecken eingejagt zu haben, als du mit ihm gesprochen hast, Kuon“, sagte er schließlich langsamer, „aber dann sollten wir wohl abwarten, bis sie uns erneut kontaktieren. Immerhin ist die Person, mit der ich rede, Rikus Zwillingsbruder.“
Es war noch eindeutig zu dunkel, als Tenn ein wenig verschlafen blinzelte. Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich seine Aufmerksamkeit auf Riku richtete, der sich mehr als deutlich an ihn geklammert hatte.
„Riku?“, flüsterte er langsamer, streckte seinen Arm über ihm aus. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass sich Riku zu ihm gekuschelt hatte. Allerdings wirkte es jetzt eher, als wenn er sich bei ihm festklammerte. Sein Körper wirkte ebenfalls verspannt, während er sich nur mehr zusammengedrückt und gegen ihn gelehnt hatte. „Riku, es ist–“,
„... geh ... weg ... bitte ...“, hörte er diese flehende Stimme seines Zwillingsbruders, während es wirkte, als wenn er nur mehr seine Augen zukniff.
„Riku, wach auf. Es ist alles gut“, flüsterte Tenn ihm weiter zu, auch um nicht zu laut zu sprechen, um ihn nicht zu erschrecken oder ihre Freunde zu wecken, die diese Nacht bei ihnen schliefen.
„Hnnn ... Gaku?“, kam es leise von Riku, auch wenn er seine Augen nicht öffnete, sondern sich eher nur mehr gegen ihn drückte.
„Nein“, entgegnete Tenn leise zurück, „Riku, sieh mich an. Ich bin es.“ Warum hatte er nur das Gefühl, dass es sich so komisch anfühlte, dass Riku zuerst an seinen Freund und nicht an ihn dachte? Hatten sie sich wirklich so sehr voneinander entfernt? „Öffne deine Augen, Riku. Es ist nur ein Albtraum.“ Er hatte weiterhin seinen Arm über ihm ausgestreckt und hielt ihn so beruhigend und dicht bei ihm, während er einfach nur wartete, dass ihn diese roten Augen ansahen. Warum musste Riku auch dieses unheimliche Bild sehen? Wieso war es bei ihm so anders, dass es ihn so erschreckt hatte?
Tenn konnte sich nicht erinnern, dass ihn das alles jemals so schockiert hatte. Warum hatte er ihm nur irgendetwas davon erzählt? Hätte er nur nichts gesagt, Riku hätte das alles nicht gesehen und müsste nun nicht darunter leiden.
„... Tenn-nii?“, drang die leise Stimme zu ihm, holte ihn langsam aus seinen Gedanken, während er spürte, wie Riku ihm über die Wange strich.
„Riku“, fing Tenn an, schluckte etwas mehr, „tut mir leid. Ich hätte dir nie– es ist meine Schuld, dass du das alles erleben musst.“
Riku schüttelte nur den Kopf, lächelte ihn wieder mehr an. „Es ist gut“, flüsterte Riku zurück, „und immerhin hat Tenn-nii dafür gesorgt, dass ich es nicht länger sehe. Ich– ich will wissen, wie ich ihm helfen kann. Er ist auch von dort, oder? Ich will ihm helfen.“
Tenn blickte ihn eindeutig überraschter an, seufzte etwas mehr, drückte Riku einfach nur an sich. „Ich sollte dich dennoch beschützen und nicht– du wärst lieber bei Yaotome-san gerade, oder?“
Riku weitete ein wenig seine Augen, schüttelte allerdings den Kopf. „Ich bin bei Tenn-nii sicher, oder?“
Tenn musterte ihn eindeutig mehr, während er genau gemerkt hatte, wie Riku einen Moment ein wenig rot geworden war. Selbst wenn es nur ein Moment war, so hatte er das Gefühl, dass er recht damit gehabt hatte. Noch dazu das Riku vorher kurz ‚Gaku‘ gemurmelt hatte. „Natürlich bist du das. Ich beschütze dich“, entgegnete er dennoch leise zurück.
Riku lächelte wieder mehr, nickte entschlossen. „Ich ... können wir nachher dorthin? Ich will herausfinden, was los ist und wie ich ihm helfen kann“, sagte er dann leise weiter, sah nun doch eher etwas zur Seite, „uh und ... ich würde vorher gerne noch einmal mit Gaku reden. Nicht das ich dir nicht vertraue, Tenn-nii, aber ... es ist auch besser, wenn wir mehr wären, nicht?“
Tenn seufzte kurz, drückte ihn wieder einen Moment an sich, bevor er ihn ruhiger ansah und lächelte. „Es wäre ein Vorteil, wenn wir mehr wären, als nur Yotsuba, du und ich“, sagte er dann langsam, immerhin würde es dafür sorgen, dass sie vielleicht auch dort endlich mehr Personen erkennen und nicht nur komische Schattenkreaturen oder Zombies sehen würden, „außerdem will ich die Person kennenlernen, die Riku so glücklich macht, dass er eher an ihn denkt als an mich.“
Riku lächelte eindeutig mehr. „Okay“, sagte Riku breiter lächelnd, „aber lass uns noch etwas schlafen.“
Tenn lächelte ihn zurück an, legte seine Arme wieder mehr um ihn und kuschelte Riku wieder mehr. „Ja, wir sollten uns genug ausruhen. Denkst du, es geht damit, dass du diesen Albtraum nicht hast?“
Riku schluckte, nickte langsam. „Solange ich weiß, dass Tenn-nii bei mir ist, weiß ich, dass dieser schlechte Traum keine Chance hat.“
––––
Ein wenig dachte Riku darüber nach, dass er lieber mit seinen Freunden zusammen und Tenn-nii dorthin gehen würde, aber er wusste auch, dass er gerade nicht länger warten wollte.
Er hatte Tenn-niis Hand umfasst, während sie auf dem Weg zu seinem Freund waren. Eigentlich hatte Tamaki sie ebenfalls begleiten wollen, aber er hatte kurzfristig nach Hause gemusst, da es seiner Schwester nicht gut ging. Riku wusste, dass er ihn unter keinen Umständen davon abhalten wollte oder konnte, bei ihr zu sein, wenn es ihr schlecht ging. Immerhin wusste er selbst zu gut, wie sehr es ihm früher allein schon besser gegangen war, wenn er wusste, dass Tenn-nii bei ihm war.
Dass Iori oder Haruka noch nichts davon gesehen hatten, war eine Sache, die sie noch nicht wirklich beeinflussen konnten, weswegen Tenn-nii und er nun alleine unterwegs waren. Auch weil Riku vorher noch einmal mit Gaku reden wollte und gleichzeitig endlich aufhören wollte, zu verstecken, dass sie zusammen waren. Erst recht vor Tenn-nii.
„Worüber denkst du nach, Riku?“, fragte Tenn-nii nach, ging neben ihm her, während sie sich nicht losließen.
„Nichts ... Besonderes“, murmelte Riku, lächelte etwas mehr zur Seite. Machte er sich Gedanken darum, was auf sie zukommen würde, wenn sie dorthin in diese andere Welt gingen? Wenn er diese Person dort richtig sehen würde, die so wirkte, als wenn sie eher tot als lebendig war? „Es ist alles gut, oder?“
„Riku“, flüsterte Tenn-nii langsam mehr, drückte seine Hand mehr, „du musst das nicht tun, wenn du nicht willst. Ich weiß nicht, was du siehst, aber wenn es zu viel ist ...“,
Riku schüttelte nur den Kopf, stoppte schließlich vor der Wohnung seines Freundes. „Ich will mehr wissen. Er wirkte so, als wenn er am Sterben ist, aber gleichzeitig ... ich habe das Gefühl, dass ich zumindest wissen will, ob ich ihm helfen kann.“
„Wir werden sehen, wie es aussieht und danach kannst du immer noch stoppen, okay?“, entgegnete Tenn-nii daraufhin, sah ihn ruhig und ernster von der Seite an, „sag mir nur, wenn du das nicht mehr tun willst.“
„Alles gut, Tenn-nii“, sagte Riku dann allerdings nur lächelnder, schüttelte den Kopf und drückte nebenbei auf die Klingel, „ich weiß, dass du bei mir bist. Ich weiß, dass ich nicht alleine bin.“
Tenn-nii blickte ihn einfach nur still an, allerdings hörte Riku nebenbei die Tür aufgehen, bevor sein Zwillingsbruder weiterreden konnte, sodass sie nun eher beide wieder nach vorne blickten.
„Riku, hey, ich dachte, du wolltest dieses Wochenende mit deinen Freunden verbringen“, fing Gaku an, lächelte ihn einfach nur ruhig an, während er einen kurzen Seitenblick zu Tenn-nii warf, „du bist dann wohl ...“,
„Nanase Tenn, Rikus Zwillingsbruder“, entgegnete Tenn-nii daraufhin, drückte Rikus Hand nur mehr, während Riku aus dem Augenwinkel bemerkte, wie sich seine Augen verengten.
„Tenn-nii“, fing Riku an, seufzte etwas mehr, „uh, ich wollte dich eigentlich fragen, ob du inzwischen auch irgendetwas gesehen hast, Gaku und ... ob wir zusammen dorthin gehen könnten.“
Gaku richtete seinen Blick eher wieder zu ihm, schüttelte dann allerdings den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Du willst dorthin? Trotz ...“,
Riku senkte etwas seinen Blick, trat dann allerdings erst einmal in die Wohnung und zog Tenn-nii mehr mit sich. „Ich will ... wissen, was es zu bedeuten hat und wieso er so irritierend aussieht ...“
„Riku ...“, fing Gaku eindeutig besorgter an, „du weißt, dass du damals eine leichte Asthmaattacke hattest, ja?“
Riku zuckte zusammen, spürte nebenbei, wie Tenn-nii ihn eindeutig geschockter ansah. Er wusste, dass er das nicht gesagt hatte. Auch wenn es nicht so schlimm war und er sowieso nicht mehr zu heftig darunter litt. „Es ist gut. Ich habe nur das Gefühl, dass ich es tun muss.“ Einen Moment seufzte er, bevor er schließlich lächelte. „Ich habe gehofft, dass wir das zusammen tun können, aber ...“,
„Ich weiß nicht, wie genau das alles funktioniert, aber wenn wir durch diese Art Portal gehen, wäre es möglich, dass es ebenfalls etwas auslöst“, sagte Tenn-nii daraufhin, „ich habe bisher nur nichts anderes erfahren, als das, was mir passiert. Vielleicht ...“
Riku sah kurz zu ihm, bevor er mit seiner anderen Hand nach Gakus griff. „Wir könnten es versuchen, oder? Und ... ich würde mich besser fühlen, wenn du auch bei mir bist.“
„Ich würde dich nicht freiwillig alleine gehen lassen wollen, Riku“, sagte Gaku ruhig lächelnd zurück.
„Riku ist nicht alleine, Yaotome-san“, erwiderte Tenn-nii grummeliger, „und wenn es nicht Rikus Wunsch wäre, würde ich auf deine Gesellschaft verzichten können.“
„Ich weiß, Nanase“, entgegnete Gaku, verdrehte etwas die Augen, „keine Sorge, du willst Riku auch nur beschützen, oder?“
„Die Frage ist, vor wem“, murmelte Tenn-nii etwas mehr.
„Tenn-nii ...“, fing Riku ein wenig seufzender an, „bitte ...“
„Schon gut, ich weiß, dass du glücklich mit ihm bist, Riku“, sagte Tenn-nii ein wenig tiefer durchatmend, „ich werde dich nur im Auge behalten, Yaotome-san.“
Riku lächelte eindeutig etwas gequälter, bevor er Tenn-nii und Gaku losließ und einen Schritt zur Seite machte. „Lasst uns erst einmal darum kümmern, ob wir überhaupt dorthin kommen können.“
––––
Tenn war sich nicht sicher, wieso er überhaupt angefangen hatte, so abwehrend zu handeln. Eigentlich hatte er vorgehabt, so neutral wie möglich zu sein, wenn er Yaotome-san traf, aber in dem Moment, als er das Gefühl hatte, dass Riku lieber in seiner Nähe war, als bei ihm, hatte es ihn einfach überkommen.
Noch dazu, dass er von Riku nichts davon gehört hatte, dass dieses Bild von dieser Persönlichkeit bei ihm so etwas wie eine Asthmaattacke ausgelöst hatte. Ganz egal, wie leicht es vermutlich war, aber es fühlte sich nur mehr an, dass er sich fragte, wie viel Riku ihm eigentlich verschwieg oder wie wenig sie sich noch erzählten.
Seine Augen richteten sich auf sein Spiegelbild, während er etwas zur Seite sah. „Ich weiß nicht, was genau passiert, wenn wir zusammen dorthin gehen, da ich bisher nur alleine unterwegs war, aber“, fing Tenn an, ignorierte es, dass sich Riku in den Armen seines Freundes befand, „wir sollten uns vermutlich festhalten, dass wir zusammen bleiben?“
„Klingt logisch, schätze ich“, sagte Riku und lächelte ihn ruhiger an, „wer weiß, wo wir sonst landen würden oder so.“
Tenn seufzte, streckte eine Hand zu Riku aus, um ihn festzuhalten, während er gleichzeitig eher konzentriert sein Spiegelbild ansah und schließlich seine andere Hand in die Richtung ausstreckte.
Er sagte nichts weiter, sondern fing nur an, sich zu konzentrieren, während er alles andere ausblendete.
Es dauerte nicht lange, bis er merkte, wie die Gegend um ihn herum verblasste und eher verschwommen wirkte, kurz bevor er spürte, wie Riku eindeutig zusammenzuckte.
„Was ... ist das?“, fragte er leise nach, wobei Tenn sich zu ihm drehte, während er spürte, wie Riku ihn losließ und sich stattdessen seine Hände gegen die Ohren drückte.
„Riku?“, fragte Tenn nach, wollte seinen Arm zu ihm strecken, „beruhig dich.“ Er spürte eindeutig, dass etwas auf sie zukam, während er das Gefühl hatte, als wenn sie auseinandergerissen wurden.
„Riku, alles gut, es ist–“, drang Yaotome-sans Stimme zu ihm, während Tenn das Gefühl hatte, als wenn seine Stimme allerdings eher so leise war, dass er ihn irgendwann ebenfalls nicht mehr verstehen konnte.
Tenn zuckte eindeutig zusammen, als er auf einem sandigen Boden zum Stehen kam, während er sich nur irritierter umsah. „Riku?“ Warum hatte er ihn nur irgendwann losgelassen? Wo genau war er gelandet, wenn nicht bei ihm?
„Ten-Ten?“
Tenn blinzelte irritierter neben sich, bemerkte wie Yotsuba ihn eindeutig verwirrt anblickte. „Yotsuba? Was– wieso bist du hier?“
Dieser legte nur den Kopf schief, sah eindeutig irritierter zurück. „Aya. Sie meinte, sie hat etwas gesehen und kurz darauf war ich hier und ... ich habe keine Ahnung, wo sie ist.“
„Ich bin eigentlich mit Riku zusammen aufgebrochen, aber scheinbar wurden wir auf dem Weg in diese Welt getrennt“, sagte Tenn seufzender, während er bedrückter wirkte. Warum hatte er nicht mehr darauf geachtet, Riku nicht loszulassen? „Du bist ... mit deiner Schwester aufgebrochen, Yotsuba?“
„Hmmm“, nickte Yotsuba, strich sich etwas durch seine Haare, „scheinbar hat sie vor ein paar Tagen angefangen, diese Bilder aus dieser Welt zu sehen und–“,
„Tenn, pass auf!“, wurden sie von einer Stimme unterbrochen, kurz bevor Tenn nur bemerkte, wie vor ihm eine Schattenkreatur auftauchte, die nur wenige Sekunden später zerschnitten wurde.
„Was– ... Vida ...?“, fragte er nach, blinzelte mehr, als neben diesem eine weitere Person, allerdings komplett blutüberströmt, stand und eher leblos zu ihnen blickte, „wer ...“,
„Alles gut? Du bist doch sonst nicht so unvorbereitet, wenn du hierhin kommst“, entgegnete Vida, sah ihn abschätzend an, bevor er seinen Blick zur Seite auf Yotsuba richtete, „und du bist ...?“
„Ich, sorry“, flüsterte Tenn, schüttelte etwas den Kopf. Hatte ihn dieses Ereignis und das er von Riku getrennt hier gelandet war, so aus dem Konzept gebracht, dass er nicht einmal auf seine Umgebung geachtet hatte?
„Ich bin Yotsuba Tamaki! Du siehst echt ein wenig aus wie Ten-Ten“, entgegnete Yotsuba, während Tenn bemerkte, wie er ein wenig mehr grinste, „und ...“,
„Ich dachte eigentlich, dass du mit deinem Zwillingsbruder auftauchst, Tenn“, sagte Vida etwas überraschter, legte seine Axt über seine Schulter, „ah, mein Name ist übrigens Vida und das dort ist Kuon. Hab ihn vor nicht allzu langer Zeit getroffen und scheinbar ist er derjenige, den Riku-kun sieht.“
„Ich bin von Riku getrennt worden, als wir hier gelandet sind, schätze ich“, sagte Tenn ruhiger weiter, seufzte etwas mehr, nickte schließlich, „aber vermutlich ist sein Freund noch bei ihm.“
„Nee, Vida? Hast du ein Mädchen gesehen, was etwas jünger ist? Ich bin eigentlich mit meiner Schwester hierhin“, entgegnete Yotsuba daraufhin, eindeutig ernster, „ich muss sie finden!“
Vida musterte ihn etwas mehr, zuckte mit den Schultern. „Nein, hier war sonst niemand“, sagte er dann, drehte seinen Kopf kurz zur Seite, „du hast auch niemaden gesehen, oder?“
„Nein ...“, flüsterte Kuon mit einer so emotionslosen Stimme, dass es Tenn schockierte, weil er gleichzeitig so sehr wie Riku klang, „aber ich kann spüren, dass Riku hier irgendwo ist.“
„Verdammt! Aya! Wo steckst du?!“, zischte Yotsuba eindeutig ernster.
„Beruhig dich, wir sollten nicht alleine unterwegs sein“, sagte Tenn, machte einen Schritt zu ihm, „du weißt nicht, was hier auf uns lauert.“
„Aber–“, startete Yotsuba, während sich seine Augen nun mehr auf Tenn richteten.
„Wir finden sie“, sagte Tenn ruhig zurück, blickte ihm ernster entgegen.
––––
Riku fühlte sich komisch, als er seine Augen öffnete. Er erinnerte sich daran, dass er Schreie gehört hatte, die sich viel zu schallend in seinen Ohren angefühlt hatten.
„Riku?“
Er blinzelte irritiert, bemerkte, wie ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen wurde, kurz bevor er in Gakus besorgtes Gesicht sah. „Gaku?“
„Ein Glück, du bist aufgewacht“, sagte er ruhiger weiter, lächelte ihn mehr an.
Riku blinzelte etwas mehr, richtete sich bei ihm auf, sah sich dann eher irritierter um. „Wo sind wir? Und wo ist Tenn-nii?“ Er konnte um sie herum nicht wirklich etwas erkennen.
„Ich nehme an, irgendwo in dieser anderen Welt, aber sonst kann ich dir auch nicht sagen, was passiert ist oder wo wir sind“, entgegnete Gaku ein wenig seufzender, „ich kann dir auch nicht sagen, wo sich dein Zwillingsbruder befindet. Außer uns ist niemand hier.“
Riku nickte langsam, richtete sich auf. „Sollen wir uns ein wenig umsehen?“
„Ist vermutlich besser, als hierzubleiben“, entgegnete Gaku, nickte langsam, stand dann mit ihm auf, „immerhin müsste dein Zwillingsbruder auch irgendwo hier sein, nicht?“
„Hmm“, erwiderte Riku, umfasste Gakus Hand einfach nur, während sie sich langsam daran machten, weiterzugehen. Auch wenn sie nicht wirklich wussten, wohin sie eigentlich gingen, aber irgendetwas mussten sie schließlich machen.