17. Nebelschwaden
Die ersten Strahlen der Sonne tauchten die Dächer der Stadt in goldenes Licht. Heute Morgen rauchten noch wenige Schornsteine, dafür waberte leichter Nebel aus den Straßen auf die Dächer. Alles wirkte so friedlich, für diesen Anblick hatten sie das kleine Dachfenster geöffnet.
Adrian zog Kian enger in seinen Arm. Der Blick über die noch verschlafene Stadt mochte verführerisch schön sein, doch sie wussten beide wie gefährlich es sein konnte.
„He, hab ich nicht gesagt, ihr sollt euch fernhalten!“, ertönte eine bekannte Stimme von draußen und zerstörte ihre Zweisamkeit. Noch bevor Adrian reagieren konnte, hatte Kian das Fenster wieder fest verriegelt.
22. staubtrocken
Adrian drehte die Flasche um. Nein, es lief nicht ein Tropfen heraus. Auch nicht, wenn er schüttelte.
Er wand sich verzweifelt zu Kian. Hatten sie vielleicht noch eine Flasche Milch da, versuchte er ihn zu fragen. Ohne Stimme war das natürlich nicht so einfach. Aber er hatte sich auf seinen Schluck Milch am Morgen gefreut und jetzt war keine Milch mehr da.
Kian schüttelte müde den Kopf, „Ich habe heute noch keine Milch getrunken. Die Flasche sollte noch halb…“ Mitten im Satz hörte Kian auf zu sprechen und starrte auf etwas am Boden. Es war ein kleiner Haufen Staub.
„Balthazar!“
25. Pfützenmosaik
Kian beobachtete Adrian zurückhaltend. Es hatte bis vor ein paar Minuten geregnet und nun sprang Adrian mit seinen jüngeren Geschwistern munter von einer Pfütze in die nächste. So viel Lebensfreude und so viele Menschen, auch wenn sie noch klein waren, waren manchmal ziemlich überfordernd für Kian. Er wusste nicht immer, wie er mit ihnen umgehen sollte, wie er in diese Welt hinein passte. Ohne Adrian wäre er sicher öfter verloren.
Adrian drehte sich in diesem Moment um und streckte die Hand nach ihm aus. Ein stummes Lachen auf den Lippen. Wie schön es wäre, das Geräusch noch einmal zu hören.
26. Wüstenstaub
Solange Kian noch keine Anstellung gefunden hatte, wollte er zumindest etwas zu ihrem neuen gemeinsamen Leben beitragen. Es wäre einfacher gewesen, wenn er weiter als Schornsteinfeger hätte arbeiten können. Aber Balthazar hatte durchaus Recht gehabt, es war nun zu gefährlich.
Kian rollte die Ärmel hoch, auch wenn es kalt war. Heute hatte er sich vorgenommen, den Staub, der sich in den letzten Tagen überall gesammelt hatte, zu beseitigen. Lappen und Eimer konnte er mittlerweile ohne Hilfe finden.
Adrian kam zurück, als Kian gerade eine große Wolke aufgewirbelt hatte und niesen musste. Der Kerl grinste doof und musste dann selbst niesen.
35. Das Monster unterm Bett
Anhaltendes Weinen weckte Kian mitten in der Nacht. Es war kein leises Wimmern, sondern laut und ängstlich. Adrian neben ihm drehte sich unruhig und verdrängte damit den letzten Schlaf aus Kians Kopf. Aber es war nicht Adrian, der weinte. Ohne Stimme weinte er nicht laut, auch nicht im Schlaf, was manchmal vorkam.
Letztendlich stand Kian auf und folgte den Lauten als Adrian nicht aufwachte.
Im Nebenzimmer schliefen Adrians jüngere Geschwister fest, bis auf eine Kleine, die weinte. Kian setzte sich aufs Bett unsicher, was er nun tun sollte. Er hatte sie noch nie nachts trösten müssen. Eigentlich tröstete er die jüngeren generell fast nie, dazu hatte er bis jetzt keinen Grund gehabt.
Das Weinen stach mittlerweile in seinen Ohren, als er vorsichtig eine Hand ausstreckte und sie auf die Schulter der Kleinen legte. Sie klammerte sich sofort daran, als ob sie darauf gewartet hätte. „Da ist ein Monster unter dem Bett!“, jammerte sie nun wiederholt. Kian versuchte sie mit sanften Lauten zu beruhigen, wie er es schon mal gesehen hatte, aber sie hörte nicht auf.
Verzweifelt flüsterte er, „Ich gucke nach, wenn du meine Hand loslässt.“ Aber sie klammerte sich nur fester an ihn.
Seufzend verrenkte Kian sich um nachzuschauen.
48. Necromancy gone wrong
Etwas zog an Balthazar. Nicht sichtbar, aber er konnte fühlen, wie jemand nach ihm griff. Nach seinem Sein und jedem Staubkorn, das ihn ausmachte. Es war wie ein andauerndes Zwicken und langsam ging es ihm auf die Nerven. Es störte seine Ruhe.
Wer dort etwas von ihm wollte, hatte offensichtlich genug Kraft sich mit einem Sandmann anzulegen, konnte ihn aber nicht zu sich ziehen.
Seufzend griff Balthazar nach seinem Werkzeug, dann folgte er dem Ziehen. Er materialisierte sich direkt vor der Quelle.
Es war eine weinende Mutter mit einem kleinen Jungen im Arm. Ohne Zögern schenkte er ihr den Schlaf.
58. Serienmörder
Adrian wollte am liebsten verzweifeln, aber das würde sie nicht weiterbringen. Kian gab sein Bestes. Wer hätte gedacht, das er kaum lesen konnte? Adrian hatte es mit Begeisterung in der Schule gelernt.
Ein verzweifelter Laut kam von Kian und Adrian klopfte beharrlich auf die alte Zeitung mit der sie übten. Wenn Kian endlich lesen konnte, würden sie wieder richtig reden können. Es gab einfach Dinge, bei denen man Worte brauchte.
„Se- Sehr- Sehr-in- Serin-mo- Sehrin-mö- Sehrinmörd- Sehr-inmoder?“ Kian schaute ihn zweifelnd an. Adrian schenkte ihm einen aufmunternden Blick und hätte am liebsten geschrien. Ganz langsam fuhr er die Silben ab.
62. schwarze Flecken auf der Haut
Adrian sah Kian wütend an. Auf seiner Haut waren verräterische schwarze Flecken, die nur bedeuten konnten, das Kian wieder als Schornsteinfeger unterwegs gewesen war.
Adrian deutete darauf und dann nach oben. „Nein, ich war nicht dort“, wehrte Kian die Anschuldigungen ab, aber Adrian deutete weiter mit Nachdruck darauf und nach oben. Er machte verschiedene Gesichter, die Kian zu gut kannte.
„Ehrlich nicht, ich habe nur deiner Mutter mit den Öfen geholfen. Wir haben sie heute alle ausgefegt und neu entzündet. Die Flecken müssen mir danach beim Waschen entgangen sein“, Kian legte seine Hand an Adrians Wange, „Glaub mir, ich halte mich von den Gefahren fern.“
Die Wut verschwand von Adrians Gesicht, stattdessen zeigten sich nun Angst und Sorge darauf. Und er hatte damit nicht unrecht, er hatte den Preis für die Gefahr bezahlt. Manchmal konnte Kian das immer noch nicht fassen.
Sanft schob Kian seine Hand nach unten an Adrians Hals. Die meiste Zeit trug er nun den Schal um das Zeichen dort zu verbergen, aber Kian ging es um etwas anderes. Das Pulsieren, das dort gut zu spüren war und bedeutete, das sie beide noch lebten.
Er legte seine Stirn an Adrians und sah ihm in die Augen. „Danke.“
2.7. Wolfsgeheul
Adrian saß glücklich an ihrem kleinen Feuer. Er sah aus als hätte er überhaupt keine Angst und keine Sorgen. Kian dagegen konnte sich nicht richtig entspannen. Bei jedem Knacken des Feuers oder um sie herum, schrak er zusammen. Dieser Ausflug war in seinen Augen keine gute Idee gewesen, aber sie hatten nicht auf ihn gehört. Und Adrian glücklich zu sehen, war durchaus eine schöne Sache.
Plötzlich heulte etwas laut auf. Erschrocken klammerte er sich an Adrian. Der schien auch zu zittern.
Adrian hob sein Gesicht an um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, lachte er. Die Kinder neben ihnen machten Wolfsgeheul nach!
2.10. tonlos
Adrian wedelte vor Kians Augen herum um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Blick war entrückt, Adrian würde zu gerne wissen, wohin seine Gedanken in solchen Momenten wanderten. Aber bis jetzt hatte Kian es ihm nie verraten. Vielleicht ging es um seine Vergangenheit.
Kian blinzelte ihn an und lächelte dann leicht. Es vertrieb alle dunklen Gedanken, die aufkommen wollten.
Tonlos deutete Adrian an etwas zu essen.
"Du musst etwas kurbeln und brauchst meine Hilfe?", riet Kian. Aber da war ein kleines Glitzern in seinen Augen.
Adrian stürzte sich spielerisch auf ihn und kitzelte ihn bis er atemlos aufgab. Mutter schimpfte nebenan.
2.13. Vier Hände am Klavier
Zögerlich legte Kian seine Hände auf die Tasten. Adrian hatte ihn auf den Hocker geschoben, obwohl er sich gesträubt hatte. Dieses Instrument kam ihm fremd vor, auch wenn er Adrians Geschwister schon darauf hatte spielen sehen.
Die weißen und schwarzen Teile hatten sie Tasten genannt und, wenn man darauf drückte, erzeugten Töne. Wie, war nicht zu sehen. Das musste Magie sein.
Adrian verschob seine Finger sanft, aber die Haltung war total verkrampft. Kian bemühte sie zu halten. Dann machte Adrian auch noch etwas vor, das er scheinbar nachmachen sollte.
Seine Hände verursachten Lärm, der ihn aufschreckte, aber Adrian lachte nur.
2.16. Wiegenlied
Kian atmete tief durch. Endlich schliefen die Kleinen. Zum ersten Mal, seit er bei Adrian eingezogen war, hatte er diese Aufgabe offensichtlich perfekt alleine gemeistert. Er hatte die Aufgabe von Adrian übernommen. Am Anfang waren sie alle noch schüchtern gewesen und Adrian musste dabei sein. Dann waren die Kinder frecher geworden und hatten ihn beim Singen immer wieder korrigiert. Das war nicht sehr hilfreich, wenn man eh kein Vertrauen in sein Können hatte.
Heute Abend waren sie von seinem Wiegenlied eingeschlafen. Einfach so.
Er schlich aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Zu seiner Überraschung schlief Adrian daneben.
2.18. hinter der Bühne
Adrian legte seinen Finger an seine Lippen. Er wusste von diesem Zugang durch einen alten Freund. Der ihnen freundlicherweise auch die Tür angelehnt hatte. Aber sie sollten besser nicht auffallen. Vorfreude kribbelte durch seinen Körper. Kian würde sich hoffentlich über diese Überraschung freuen. Er hatte vor ein paar Wochen erwähnt, dass er noch nie im Theater war. Sicher, es war teuer, aber Adrian wollte es ihm unbedingt ermöglichen ein Stück zu sehen.
Kian folgte ihm zögerlich und sah sich dabei um. "Wo sind wir hier?"
"Was macht ihr hinter der Bühne?" Adrian drehte sich lächelnd zu der bekannten Stimme um.
2.21. Musikstunde
Kian konnte nicht glauben, dass er das hier tatsächlich tat. Es kostete ihn einiges an Mut und er hatte lange darüber nachgedacht, ob er es wirklich noch einmal tun wollte. Aber letztendlich war die Antwort eindeutig gewesen. Egal, wie hart es war, er wollte es noch einmal ausprobieren.
Adrian saß auf einem Stuhl und schaute gedankenverloren in die Luft. Der Anblick passte nicht zu dem Mann, den Kian kannte. Aber ihn nach dem Grund zu fragen, war immer noch schwierig.
Kian atmete tief durch, bevor er sich räusperte um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. "Würdest du mir noch eine Musikstunde geben?"
2.24. Trinklied
Die Welt drehte sich um Kian. Er war sich nicht ganz sicher, was er hier überhaupt tat.
Adrians Kollege, Edgar, neben ihm lachte und ermutigte ihn lauter zu singen.
Eigentlich hatte er doch nur Adrian von der Arbeit abholen wollen. Sie hatten etwas Zeit zu zweit, außerhalb ihres Zimmers verbringen wollen, bevor die nächsten Pflichten im Haushalt auf sie warteten. Auf sie beide.
Edgar hatte sie abgepasst. Kian hatte eingewilligt, weil er insgeheim neugierig gewesen war.
Irgendwie stand Adrians Mutter vor ihnen. Sie verpasste Edgar eine Ohrfeige für das unanständige Trinklied. Dann zerrte sie Adrian und ihn am Ohr heim.