Hilfe, ich muss nach Hogwarts!
Sibyll Trelawney (Professor für Wahrsagen in Hogwarts)
Als Professor für Wahrsagen im schottischen Schloss Hogwarts war sie bekannt für ihre erstaunlich spannenden Vorhersagen sowie eine unglaublich umfangreiche Teekannensammlung. Auch außerhalb der magischen Welt erlangte sie nach gelegentlichen Auftritten in fantastischen Muggelsendern wie "Astro TV" große Beliebtheit.
Schokofrosch Sammelkarte Nummer 1717
"Viel Erfolg, Miss Flint."
Die letzten Worte von Mr. Thomasen wirbelten noch immer durch ihren Kopf wie ein kleiner Sturm, zusammen mit seinen seltsam gemusterten Krawatten, die er ständig wechselte. Der Mitarbeiter der magischen Behörde Grönlands hatte Sahara Flint den ganzen August über begleitet.
Sahara wünschte sich, er hätte ihr vorhin am Bahnsteig einen Dolch zum Abschied geschenkt statt den Anblick dieser wirren alten Dame. Die ganze Sache wäre dann sicher angenehmer verlaufen. Nun ja, erst ab seinem Todeszeitpunkt natürlich. Aber stattdessen gab er ihr diese Schokofroschkarte: Graue Haare, gehüllt in einen Berg aus Tüchern und mitten drin die glubschig großen Augen hinter dicken Brillengläsern. Das Bild dieser Frau würde Sahara noch in ihre Alpträume folgen. Mr. Thomasen hätte es mit diesem Geschenk nicht besser treffen können, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der in ihren Augen nicht unbedingt positiv war.
Sahara zerriss die Sammelkarte Nummer 1717 und steckte die Überreste in ihre aufwändig verzierte Umhangtasche. Die peinlichen Fetzen wirkten unpassend darin und absolut fehl am Platz. Unwürdig im Vergleich zum luxuriösen Stoff ihrer Tasche und doch unwegwerfbar. Es war ein ziemlich alter und hochwertiger Umhang. So etwas wurde heute vermutlich gar nicht mehr hergestellt, wie fast alles, was Sahara besaß. Ihr Vater, Telemachus Flint, hatte immer Wert auf kostbare Dinge gelegt. Einzigartige Dinge für sein einzigartiges Mädchen.
Sie verdrängte den Gedanken daran.
Draußen zog die Landschaft düster und deprimierend am Zugfenster vorbei. Vertrocknete Felder wechselten mit winzigen Lichtern in der Ferne. Sie beobachtete eine Eule, die versuchte, gegen den Fahrtwind anzukämpfen, ein Paket in den Krallen. Der Zug bog um eine Kurve, und für einen Moment meinte sie, ein Schimmern auf dem Hügel zu erkennen, ein Gebäude vielleicht, mit seltsam vielen Türmen. Oder war es nur Nebel? Ihre Hand blieb wie eingefroren an der Scheibe, der Atem bildete ein Gespenst auf dem Glas. Wie der Nebel in ihrem Kopf, als würden kleine Stücke von dichten Schleiern verdeckt werden.
Sahara Flint saß allein im Abteil, wie sie es sich erzwungen hatte. Mr. Thomasen hatte es auf ihren Wunsch hin tatsächlich irgendwie geschafft, die schriftliche Zustimmung der Direktorin Professor McGonagall einzuholen, ein paar Stunden früher anreisen zu dürfen. Eine Ausnahme. Als wäre das etwas Besonderes. Ihr ganzes Leben bestand aus Ausnahmen. Sahara Flint war es gewohnt, anders zu sein und anders behandelt zu werden. Manchmal fühlte sie sich selbst wie die Ausnahme aller Ausnahmen. Wie ein Tippfehler im Universum. Wie poetisch. Oder einfach nur bescheuert.
Der Nachtzug stellte sich allerdings als hervorragende Idee heraus. Es herrschte eine angenehme Stille. Keine kreischenden Erstklässler oder grausigen Gedankenwolken pubertierender Teenager. Die würden dann erst ab morgen ihren Verstand angreifen. Aber heute Nacht gehörte dieses Abteil ihr allein. Nur ihr, ihrem protzigen, alten Koffer und genug Selbstmitleid, um ein halbes Dorf zu fluten.
Ihre frühere Anreise hatte den Vorteil, dass sie ein paar Stunden eher im Schloss ankommen würde. Mit etwas Glück durfte sie vielleicht sogar in Abwesenheit der anderen Schüler ihr Haus bestimmen lassen, statt als exotischer Vogel zwischen den Erstklässlern bei der Einführungsfeier stehen zu müssen. Sahara hatte alles über die vier Häuser von Hogwarts gelesen und sich, zugegeben, ein klein wenig in Hufflepuff verliebt. Es klang nach netter Gesellschaft. Treue, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit schätzte sie. Sie war auch offen und ehrlich. Und immer versucht in Freundlichkeit. Würde doch gut passen?
Ihre Füße an sich gezogen auf dem Sitz und die schmalen Schultern gegen das kalte Glas gelehnt, lauschte sie dem Surren des nächtlichen Zugs. Sie fuhr mit dem Finger den Rand der Scheibe entlang, als würde sie ein unsichtbares Muster verfolgen. Geisterhaft spiegelte sich ihr blasses Gesicht darin wieder. In der Muggelwelt vermutlich das perfekte Werbegesicht für Vitamin-D-Tabletten. Doch in Saharas Gedanken zeigte die Scheibe etwas anderes. Fast schwarze Augen, genauso düster wie ihre eigenen:
Das Bild ihres geliebten Daddys: Telemachus Flint.
Eingeschlossen in einem Medaillon, baumelte sein Abbild auch in Miniaturformat an ihrem Hals.
Leider hatte er sich zum denkbar ungünstigsten Moment für eine neue Karriere im Geisterreich entschieden. Danke auch. Ganz große Timingkunst, Daddy. Diese Reise hätte er genauso später machen können, zusammen mit ihr. Aber nein, er wollte wohl nicht warten. Telemachus Flint war jedenfalls vorerst weg und würde laut Mr. Thomasen so schnell nicht zurückkehren.
Lächerlich. Sahara sah das anders.
Auf jeden Fall würde er bald wieder kommen. Warum sollte jemand, der angeblich immer alles regelte, einfach so lange verschwinden? Ohne Vertrag? Ohne Kündigung? Ohne Reiserücktrittsversicherung? Ohne davor auch nur ein einziges Wort mit ihr darüber gesprochen zu haben? Absolut unlogisch!
Natürlich hatte Mr. Thomasen von der magischen Behörde Grönlands für solche Details kein Verständnis. Laut ihm brauchte man außerdem, unabhängig vom Alter, bis zum Abschluss einen Vormund. Punkt.
Hätte Sahara das geahnt, hätte sie vielleicht schon vor ihrem Einzug in den Mutterleib daran gearbeitet, dass ihre Eltern ein Jahr schneller die nötige Romantik entwickelten. Oder als noch nicht geborener Lebensfunke ihre Eltern zu einem schnelleren Babyprogramm gedrängt. Ein Jahr früher geboren, und all das Chaos wäre ihr erspart geblieben. Ihr fehlte nur ein einziges dummes Jahr! Jahr Nummer sieben, diese Zahl brachte immer Ärger.
Sahara hätte erwartet, dass sie für eine Weile bei ihrem Onkel Marcus wohnen durfte. Doch es stellte sich heraus, dass Marcus Flint vor drei Jahren sein Erbe aus unerfindlichen Gründen dem Gemälde eines gewissen Sir Cadogan vermacht hatte, nachdem er gegen einen Zuschauer geflogen war, welcher leider den falschen Namen trug.
Irgendwie hatte Sahara das damals gar nicht so mitbekommen. Ihr Daddy pflegte keinen Kontakt mehr zur Familie seit dem großen Streit, als sein Bruder Marcus sich doch tatsächlich einen Besenstil von der Konkurrenz hatte anfertigen lassen. Sein eigener Bruder flog keinen Telemachus Flint Besen, was für eine Blamage!
Wäre ihr Onkel Marcus doch stattdessen nur gegen die ältere Frau daneben gekracht (oder hätte einen hochwertigen Flint Besen geflogen), dann würde er jetzt vermutlich noch leben und Sahara hätte bei ihm bleiben können, bis ihr Daddy von seiner Reise zurückkehren würde. Doch Markus Flint wuselte nicht mehr in Stadien herum und knallte auch keine Bälle mehr gegen anderer Leute Schädel. Der verärgerte Zuschauer, in den sein Besen gekracht war, hatte ihn erwürgt. Offiziell bezeichnete der grönländische Tagesprophet "Eisiger Blick" den Vorfall als Notwehr. So stand er als Vormund für Sahara nicht mehr zur Verfügung. Schade.
Während Mr. Thomasen von der magischen Behörde also beharrlich weiter Stammbäume durchwühlte, um nach ihren nächsten lebenden Verwandten zu suchen, legte Sahara ihm die Tarot-Karten. Aus tiefster Seele hoffte sie auf die Todeskarte und auf den Turm. Stattdessen servierte ihr das Chaos den König der Schwerter und das Rad des Schicksals für ihn. Super. Die Karten lachten sie aus.
So fand der leider untötbare Mr. Thomasen heraus, dass die Familie Flint vor ihrer Auswanderung in Schottland gelebt hatte. Und genau dort fand sich auch die ältere Schwester von Saharas Mutter wieder: Sibyll Trelawney.
Sahara erinnerte sich nur vage an wenige Besuche im Kleinkindalter. Sie hatte die Professorin immer "Tante Trallala" genannt. Ihr Daddy mochte die Frau nie besonders, so hatten die Besuche dann auch schnell aufgehört.
Tante Trallala lebte laut den Unterlagen noch immer in Hogwarts, der britischen Schule für Magie. Oder was von ihr übrig war, denn Sibyll Trelawney war jetzt durchsichtig. Ein Geist. Laut Mr. Thomasen genügte das aber als Vormund. Sahara seufzte bei dem Gedanken daran. Irgendwo musste ja die Messlatte für Sorgfaltspflicht tief im Erdreich vergraben liegen. Wenigstens hatte er zugegeben, dass die gute Frau wohl ein klein wenig verrückt wäre. So ein winziges bisschen. Und niemand genau wusste, wie sie eigentlich gestorben war. Nun, das könnte Sahara sie bald selbst fragen. Denn jede Sekunde brachte der Hogwarts Express sie näher zum Geist von Tante Trallala und ihrer neuen Schule. Allein.
In ihrer Vorstellung blitzte plötzlich eine Erinnerung auf: Tante Trallala, wie sie einst in einem riesigen, runden Zimmer mit wehenden Tüchern stand, ein Glas Sherry in der Hand und ein hässlicher Hut auf dem Kopf. Sie hatte Sahara diese eine Prophezeiung gemacht, dass der Wind ihr folgen würde, wenn sie zu viel fragte. Ihr Daddy hatte das sofort als Quatsch abgetan und ihr geraten, sie solle diesen Unsinn vergessen. Aber Sahara hatte danach trotzdem tagelang jedes Luftziehen in ihrem Nacken analysiert. Ob diese Prophezeiung nun stank oder zutraf, sie hatte dazu geführt, dass sich Saharas Aufmerksamkeit erweiterte. Zunächst waren es kleine Details, die sie vorher übersehen hatte. Doch diese häuften sich und sie nahm bald Dinge wahr, die anderen verborgen blieben. Einfach nur, indem sie mit offenen Augen die Welt und ihre Wesen darin beobachtete.
Sahara streckte sich und umklammerte müde das Medaillon mit dem Bild ihres Daddys. Sie öffnete es. Ohne zu blinzeln, starrte Telemachus Flint sie bestimmt an.
"Daddy, ich fürchte mich."
Das würde sie nie direkt zu irgendjemand anderem sagen. Jede Sekunde, die sie näher an Hogwarts kam, machte sie nervöser. Als würde dort irgendetwas abgrundtief Böses lauern. Etwas, wovor ihr Daddy sie jetzt nicht mehr beschützen konnte. Er hatte sie bisher immer vor allen Gefahren ferngehalten.
Wenn er nur physisch hier sein könnte! Alles, was sie besaß, verdankte sie ihm. Die noblen Kleider, die jetzt jegliche Bedeutung verloren hatten. Ihren Zauberstab mit dem aufwändig eingearbeiteten Kristall an der Spitze, den er aus dem Holz einer Silberlinde hatte anfertigen lassen, ihre erst vor kurzem handgemalten Tarotkarten, für die er jemanden zu ihrem 17. Geburtstag engagiert hatte, ...
So viele Wochen waren seitdem vergangen. "Was, wenn ich deine Stimme irgendwann vergesse?"
Sein Miniatur-Gemälde schüttelte leicht den Kopf, nur ein einzelnes Rucken, sowie auch zu seinen Lebzeiten. Leider hatte der Künstler das Medaillon lediglich mit Movepulver versehen, aber ohne einen Sprachzauber. So blieb es still.
Sie schloss das Medaillon. Wenn sie so weitermachte, könnte sie bald Unterricht geben: Selbstmitleid für Fortgeschrittene.
Sahara schnappte sich ein abgegriffenes Buch über Wahrsagen aus ihrem Koffer. Es knisterte leise, als würde die Tinte darin leben. Sie schlug Kapitel siebzehn auf: "Visionen bei Verlust". Müde begann sie zu lesen und nickte dabei immer wieder ein. Das machte nichts, denn es waren Worte, die sie längst auswendig kannte. Wahrsagen war ihr Lieblingsfach. Nicht weil sie es besonders spannend fand, sondern weil es ihr zumindest vorgaukelte, dass irgendjemand oder irgendetwas vielleicht einen Plan hatte im großen Chaos. Selbst wenn der Plan am Ende lautete: "Haha, du verlierst."
Sie hatte mehr Bücher über die Gabe der Seher gelesen, als Mr. Thomasen Krawatten besaß. Und der Mann war beunruhigend umfangreich ausgestattet. Manchmal hatte sie das Gefühl, er trug stündlich ein neues Muster über dem Hemd.
Dieses siebte Jahr jedenfalls schien sogar für ihre Tarot-Karten undurchschaubar zu sein. Und wenn sie schon nicht wusste, was ihr bevorstand, konnte sie ja wenigstens so tun, als hätte sie es gesehen.
Der eiskalte Bibliothekar
Sie erreichte Hogsmeade in den frühen Morgenstunden.
Der Zug spuckte mit ihr ein paar verschlafene Mitreisende aus, die sich schnell in Richtung des angrenzenden Dorfes verloren. Sahara blieb allein am Gleis übrig, mit ihrem protzigen Koffer, fast größer als sie selbst. Die Ausrede, dass sie für ihr Alter viel zu klein war, zählte da auch kaum.
Am Wegesrand stand ein moosbewachsener Wegweiser. Die Inschriften darauf drehten sich wie von allein.
"Hogwarts", flüsterte er, als sie näher trat.
"Das weiß ich", antwortete sie automatisch.
"Das hoffe ich", murmelte das Schild zurück.
"Na gut. Auf ins Chaos." Sahara nahm einen tiefen Atemzug und schleppte ihr Koffer-Monster den Weg entlang.
Sie musste bei Gelegenheit unbedingt nachschlagen, wie man einen Gewichtszauber anwandte. Vielleicht hätte sie die beiden Ersatzkugeln aus echtem Bergkristall zu Hause lassen sollen. Sahara war es einfach nicht gewohnt, sich selbst um Gepäck zu kümmern. Ihr Daddy hatte das immer alles geregelt oder regeln lassen. Auch ihre Lehrer in der grönländischen Magieschule hatten immer behauptet, sie wäre viel zu dürr, nicht geschaffen für schwere Arbeiten. Von wegen, Sahara wusste sich schon zu helfen. Der Großteil ihres Gewichts steckte dafür in ihrem bauschigen Haarschopf, der ihr fast bis zur Taille reichte: Ein schwarzer, zotteliger Dschungel, der sich weigerte, irgendeiner Bürste zu gehorchen. Man brauchte lange Antennen als Seher, um die Schwingungen der nicht physischen Wesen besser zu empfangen. Das hatte sie mal in einem alten Buch über Feen gelesen.
Sie erreichte die in McGonagalls Brief angekündigte Kutsche im nebligen Licht der Morgensonne vor dem Bahnsteig. Sahara genoss den zauberhaften Anblick der Wesen mit ihren knochigen Flügeln davor und lächelte.
"Wie schön."
So wundervolle Geschöpfe, die angeblich nur diejenigen sehen konnten, die dem Tod einst gegenüber gestanden waren. Das musste wieder eine dieser Verschwörungstheorien sein. Denn Sahara hatte nie jemanden sterben sehen. Die Leute waren wahrscheinlich einfach alle blind.
Höflich verneigte sie sich vor ihnen. "Guten Morgen. Ich danke euch, dass ich nicht zu Fuß gehen muss."
Die Thestrale reagierten nicht.
Ihr Zauberstab im Ärmel summte gedanklich. Sicher freute er sich über die Nähe der geflügelten Wesen, vielleicht sogar Bekannte seines Kerns.
Sie kletterte in die Kutsche, ihren viel zu großen Koffer mühsam hinter sich herziehend und beinahe lautlos fuhr das Gefährt an, immer tiefer hinein in dichte Wolkenschleier.
Das Schloss war kaum erkennbar, doch was Sahara sehen konnte, wirkte lebendig. Die Teile, welche aus dem Nebel emporstiegen, waren weniger ein Bauwerk als eine Präsenz. Massive Türme, spitze Dächer, Fenster wie wachsame Augen.
Sahara hielt unwillkürlich den Atem an. Sie hatte erwartet, beeindruckt zu sein. Nicht ... eingeschüchtert.
Hogwarts sah nicht aus wie ein Ort, der Antworten gab. Es sah aus wie ein Ort, der Fragen stellte.
Direkt aus der Kutsche geklettert, tauchte plötzlich ein Mann aus dem morgendlichen Nebel auf. Als wäre er aus dem Nichts materialisiert. Auf den ersten Blick erschien er so freundlich, als bestände seine tägliche Morgenroutine darin, ein Einhorn zu umarmen. Er wirkte irgendwie fehl am Platz, wie von einer anderen Welt. Eine derartige Glückseligkeit umgab ihn, das hatte Sahara noch nie erlebt.
Sie nickte ihm zu. Für einen Moment wirkte er freudig überrascht, dann setzte er sich in Bewegung. Bitte keine Umarmung, hoffte sie, während er mit schwingendem Umhang und in dunkelgelber Weste gekleidet näher kam.
"Guten Morgen, meine Liebe! Die bezaubernde Sahara Trelawney, nehme ich an?" Er strahlte wie eine frisch polierte Teekanne hinter seinem kurzen Bart und den zerzausten, rötlichen Haaren.
Sahara blinzelte. Offenbar hatte ihre Tante wirklich Eindruck hinterlassen. "Nein. Flint. Sahara Flint." Bitte sei keiner meiner Lehrer, bitte sei kein Lehrer. So ein waches Gesicht direkt am Morgen würde sie keine Woche im Unterricht ertragen.
Der Mann musterte sie überrascht. "Flint. Wirklich? Bist du dir sicher? Du wirkst mir, wie eine Trelawney. Nur finsterer vielleicht. Dürrer. Das Gesicht blasser, die Haare schwärzer, insgesamt ein Hauch mehr Gruft. Aber ich sehe eine Seherin, wenn ich sie sehe, oh ja." Er lachte.
"Ich bin eine Flint. Aber meine Tante war hier Professor für Wahrsagen", erklärte Sahara. "Ich habe vielleicht sogar das Talent geerbt, aber ohne Bedienungsanleitung."
"Hervorragend! Die passende Anleitung erhältst du bei mir." Er streckte seine Hand aus, als wollte er gleich einen Vertrag unterzeichnen. "Hugo, Bibliothekar. Für dich einfach nur Hugo. Und wenn du willst, bin ich auch dein persönliches Lesezeichen. Frag nach einem Buch, ich finde es. Jedes."
"Ich mag Bücher." Kurz schüttelte sie Hugos entgegengestreckte Hand, die sich unerwartet kühl anfühlte. "Gefrorene Seiten zerbrechen nur immer so leicht."
"Verzeih, Sahara, ich darf dich so nennen, ja? Ich bin noch etwas aufgeregt. Kam gerade von meiner morgendlichen Schwimmrunde im großen See, als ich deine herannahende Kutsche entdeckte."
Fröstelnd zog Sahara den Umhang fester um sich. Allein der Gedanke daran bereitete ihr eine Gänsehaut. "Du hast deinen Kreislauf im Wasser vergessen."
"Tja, gut möglich. Oder bei meiner Geburt, du wirst dich damit anfreunden müssen, ich bin immer so. Allerdings hoffe ich, mein warmes Lächeln für dich gleicht das wieder aus." Er strahlte sie an. "Sag mal, kommst du nicht aus Grönland? Da dürftest du Kälte doch eigentlich gewohnt sein?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin zu Hause vor dem Kaminfeuer aufgewachsen. Mein Lieblingsplatz. Und Daddy sorgte dafür, dass das Feuer niemals erlosch. Keiner konnte mich berühren, ohne sich die Finger zu verbrennen."
"Heiß!" Hugo lachte. "Ich kann dir einige Orte hier zeigen, die dir dann sicher gefallen werden. Es ist mir eine große Freude, dich hier in Hogwarts willkommen zu heißen!"
Sahara überlegte, ob sie ihn mochte oder nicht. Vorerst wollte sie es versuchen. Nett war er ja. "In meinem Brief stand gar nichts von einem Empfangskomitee. Ich sollte mich nach meiner Ankunft direkt im Astronomieturm melden."
"Ah ja, genau, sehr gut! Dort führe ich dich direkt hin. Und mit direkt meine ich, über eine Abkürzung." Hugo grinste verschwörerisch. "Bereit?"
Super. "Abkürzungen haben in Geschichten ja noch nie zu Katastrophen geführt." Sie zuckte mit den Schultern. "Okay."
"Großartig! Wäre ja tragisch, wenn du dich verläufst, oder? Lass mich deine Stimmung heben und eine kleine Prophezeiung machen. Ich sehe ... eine eisige Zukunft für dich" Er deutete nickend auf sich selbst. "Oder einen großen Koffer. Schwer zu sagen."
"Hm, könnte beides stimmen", meinte sie missmutig.
Er grinste. "Vielleicht bin ich ja auch ein Seher? Ich sollte mir ein Pendel zulegen, was meinst du? Deinen Koffer kannst du übrigens direkt hier lassen, die Hauselfen kümmern sich später sicher darum."
Es gab hier Hauselfen? Perfekt. Das gefiel ihr schon besser. Sie stellte ihren Monsterkoffer unter einem kleinen Vordach ab und folgte dem Bibliothekar durch das Tor. Der Weg führte über einen Hof und dann eine breite Steintreppe hinauf. Hogwarts war riesig! Mehr als das. Gigantisch! Um einiges beeindruckender als die grönländische Magieschule. Damit hatte Sahara nicht gerechnet.
Hugo plapperte währenddessen fröhlich weiter, als hätten sie einander schon ewig gekannt. Wie eine wandelnde Sonne brachte er sie durch den kühlen Nebel über die Ländereien. Auf ihrem Weg deutete er auf verschiedene Gebäudeteile und erklärte ihr, was sich darin jeweils befand, fast wie ein Terroristenführer. Ach nein, Touristenführer, verbesserte sich Sahara in Gedanken.
Während sie weiter gingen hüpfte plötzlich ein winziges Buch aus seiner Hosentasche, klappte sich auf und flatterte wie ein Vogel davon.
"Oh, haha, man, da ist es wieder entwischt. Das ist das Wörterbuch der wandlungsfreudigen Wortarten, schnappt sich gern neue Bedeutungen, wenn man nicht aufpasst."
"Und so was erlaubst du deinen Büchern?", fragte Sahara.
"Ach, der kleine Flattermann braucht nur ein wenig Auslauf. Einmal flog es in den Unterricht von Professor Binns. Geschichte der Zauberei. Seitdem kennt er das Wort 'spannend'. Leider nur theoretisch."
Wie gut, dass sie dieses Fach nicht belegt hatte. Sie passierten einen alten Brunnen und traten dann durch eine eisenbeschlagene Tür ins Innere. Der Bibliothekar war nicht klein, aber diese Tür war drei Mal so hoch wie er!
"Ich komme mir wie eine Puppe in einem gigantisch großen Puppenhausschloss vor." Sahara registrierte, wie sich den Weg entlang kleine magische Feuer entzündeten, um ihnen Licht zu spenden.
"Keine Sorge, es ist nicht weit. Der Astronomieturm ist einer der ältesten Türme hier, sehr kunstvoll gebaut. Stabil und fest. Wenn du willst, besorge ich dir ein Buch über seine Entstehungsgeschichte. Oben ist es herrlich ruhig, mit einer super Aussicht. Nun, abgesehen von dem wandelnden schwarzen Loch natürlich."
"Ein schwarzes Loch?", fragte Sahara, während sie einen fensterlosen Gang durchquerten, vorbei an schlafenden Porträts und einem rülpsenden Rüstungsständer.
"Genau! So nenne ich ihn jedenfalls. Professor William Ashross, der Astronomielehrer. Gruseliger Kerl. Noch düsterer gekleidet als du. Es heißt, er war früher Zauberstabmacher und ich bin sicher, er könnte auch andere Dinge unterrichten, aber niemand traut sich, genau zu fragen, was er alles kann. Er ist ein Mann der wenigen Worte. Effizient. Bestimmt. Ein bisschen wie ein gut geschärftes Messer, dem man nicht zu nahe kommen sollte, wenn man nicht abgestochen werden möchte." Hugo lachte.
"Zerfetzt er Leute, die zu spät kommen, in tausend Stücke und verschlingt sie dann zum Frühstück?", fragte Sahara. Sie zweifelte daran, heute noch anzukommen. Wie monströs war dieses Schloss bitte?
"Oh ja, vielleicht. Er schätzt Pünktlichkeit." Hugo lachte. "Keine Sorge. Er ist zwar streng, aber auch geduldig. Professor Ashross übernahm den Posten als Hauslehrer der Slytherins letzten Juni, nachdem Professor Slughorn vorzeitig in Ruhestand ging. Vor allem den Schülern seines Hauses gegenüber drückt er sogar hin und wieder ein Auge zu. Oder siebzehn."
"Siebzehn?"
"Nun, es sind immer siebzehn. Verstehst du die Zahl, ist alles ganz klar."
Sahara atmete genervt ein. Sie hasste Zahlen.
Er blieb stehen und breitete feierlich die Arme aus. "Da wären wir. Der Astronomieturm. Ganz oben ist das Klassenzimmer mit der Aussichtsplattform darüber. Und hier am Fuße des Turms", Hugo deutete auf ein kleines Schild an einer Tür, "liegt das Büro von Professor William Ashross. Geh am besten gleich rein und bring es hinter dich."
"Kommst du nicht mit?", fragte Sahara und hob skeptisch die Augenbrauen. Großartig. "Da erzählst du mir, wie gruselig der Kerl ist und dann kämpfst du da drin nicht an meiner Seite?"
"Oh, äh, nein. Es tut mir so leid, liebste Sahara! Bitte verzeih mir. Ich lasse dich wirklich ungern allein, aber ..." Hugo begann zu flüstern. "Das schwarze Loch da drin hasst mich. Ich glaube, ich rede ihm zu viel. Oder vielleicht ist es auch mein Lachen, das ihm missfällt, haha, wer weiß. Ich habe sozusagen Hausverbot bei ihm."
Sahara seufzte. Dabei war Hugo doch so freundlich. Fast schon zu nett. Bestimmt ein ehemaliger Hufflepuff. Aber das konnte sie gerade brauchen. Vermutlich würde sie dort ja auch hinkommen.
"Hey", meinte er aufmunternd und zwinkerte ihr zu, "besuch mich morgen nach dem Unterricht in der Bibliothek, ja? Nur damit ich weiß, dass du überlebt hast."
Hugo verbeugte sich hingebungsvoll und verschwand dann um die Ecke.
Sahara stand eine Weile vor der Tür. Der Name auf dem Messingschild schimmerte schwach im Halbdunkel des Flurs: Professor William Ashross.
Sie nahm einen tiefen Atemzug. Dann klopfte sie fest an das dunkle Holz.
Senfgrün
Nichts.
Sie klopfte noch einmal in einem Rhythmus, der ihr gerade in den Sinn kam und summte die Melodie eines alten Muggelsongs mit leicht abgewandelten Worten, den sie irgendwann einmal irgendwo aufgeschnappt hatte. "I was made for knocking you baby, da da da dada dada* ..."
Gerade als sich Sahara fragte, ob der Bibliothekar sie vielleicht an die falsche Tür geführt hatte, erklang eine Stimme. Leise. Trocken und beinahe tonlos.
"Tritt ein."
Sie drückte die schwere Tür auf.
Im Inneren war es still. Keine tickenden Uhren, keine schwebenden Instrumente, keine magischen Modelle unseres Sonnensystems wie sie es von einem Astronomielehrer erwartet hätte. Nicht einmal ein winziges Bild an der Wand.
Nur ein riesiger, altmodischer Schreibtisch, darauf ein einziger Pergamentstapel mit Notizen, ein Stuhl und der Professor.
Ansonsten war der Raum kahl und komplett leer. Wo befanden sich seine ganzen Sachen? Die fehlenden Farben hingegen störten Sahara gar nicht. Sie war beeindruckt davon, wie ein Mensch in Schwarz mehr Raum einnehmen konnte als ein flammender Phönix. Vielleicht besaß dieser Kerl wirklich heimlich eine Gravitationskraft. Vielleicht erinnerte sie der Geruch von Holzlack auch einfach nur an zu Hause. Er ließ ihr Herz kurz stolpern. Daddys Besenstielwerkstatt hatte so ähnlich gerochen.
Sahara trat näher an den Tisch. Auf der Oberfläche waren ein paar Kerben eingeritzt, fast wie Runen oder Sternbilder.
Der Professor beachtete sie nicht. Er sah nicht aus wie ein ehemaliger Zauberstabmacher. Eher wie ein ehemaliger Friedhofswärter. Oder wie jemand, der morgens mit Graberde duschte und abends mit den Schatten von Toten sprach.
Sahara hätte sich nicht gewundert, wenn er gleich anfangen würde, kryptische Verse aufzusagen. "Falls Sie hier ein satanisches Ritual planen, ich kann kein Latein", warnte sie vorsichtshalber.
Reglos saß er am Tisch und schrieb mit schwarzer Feder in winziger Schrift scheinbar endlos lange Sätze auf eine vergilbte Pergamentrolle. Lange Haare, ein dämonischer Bart und komplett in ebenso tiefschwarze, altmodische Lederkleidung gehüllt. Ja, doch, der Name, den Hugo ihm gegeben hatte, passte perfekt zum Astronomie Professor.
Er ließ sie warten und schrieb ruhig weiter, jede seiner winzigen Bewegungen saß perfekt kontrolliert.
"Haben Sie eine Miniatur-Hauselfe im Tintenfass?" Sahara rätselte, wie er so viel schreiben konnte ohne die Feder auch nur einmal in Tinte zu tauchen. Vielleicht schrieb er mit schwarzem Blut seiner Gäste?
Hatte er gerade mit dem Kopf geruckt? Irgendeine winzige Reaktion? Sahara war sich nicht sicher.
"Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mann in Schwarz", murmelte sie. Das klang wie der Anfang eines schlechten Gedichts, oder eines Rätsels. "Was ist groß, schweigt und tötet dich mit metronomisch getakteten Stichen, als wäre man eine Dissonanz in einer Oper des Universums?"
"Denken Sie leiser und schließen Sie die Tür hinter sich." Er blickte sie nicht an.
"Okay." Sahara ging zurück und tat es.
Das Geräusch der Tür schien trotz des fast leeren Raums verschluckt zu werden, dumpf und völlig unpassend. Kein Hall. Alles hier wirkte so physisch fest und geerdet wie dicke Kellergewölbe, die mit Teppichböden ausgestattet waren. Nur dass der Boden hier aus Stein bestand und zwei fast raumhohe Fenster darauf hinwiesen, dass sie sich in einem der Türme befanden. Schummriges Licht drang von draußen durch den Nebel herein, sodass die Staubteilchen in der Luft wie winzig kleine Feen aussahen.
Wie würde der Professor wohl reagieren, wenn sie wirklich anfing zu singen? Ganz leise natürlich. Sie zwang sich, es nicht zu tun.
Endlich legte er die Feder beiseite und hob den Kopf.
Aus zwei kalten Augen traf sein Blick sie mit der Präzision eines Dolchs. Als prüfte er, wie tief er in einem einzigen Zug in ihre Gedanken gleiten könnte.
"Notiz an mich selbst", murmelte Sahara, "William Ashross, auch bekannt als: Blickt dich an, als hätte er deinen Tod längst eingeplant."
"Sie sind also Miss Flint."
"Und Sie sind besser als der Bibliothekar im Raten." Sahara zwang sich zu einem betont freundlichen Ton. Vielleicht sah sie damit sogar unheimlicher aus als er?
Er kommentierte ihre Worte nicht. Keine Reaktion. Kein Lächeln. Kein Nicken. Nicht mal ein dezentes Zucken in einem dieser steinernen Gesichtszüge. Nur Stille.
Sahara fühlte eine kühle Schwere, als läge etwas im Raum, das man nicht aussprechen, nie benennen sollte. Ein Teil von ihr verspürte den dringenden Wunsch, laut auf seinen Tisch zu trommeln. Ein anderer genoss diese seltsame Ruhe.
"Professor McGonagall ist derzeit verhindert. Die Vorbereitungen für das abendliche Fest binden ihre Aufmerksamkeit. Sie übertrug mir die Verantwortung, Sie einzuweisen."
Er stand auf, langsam und kontrolliert, als würde er mit jedem Schritt zuerst prüfen, ob der Boden ihm treu blieb. Dann holte er hinter seinem Schreibtisch einen uralten, ausgefransten Hut hervor.
Der sah ja stylisch aus, so ein Modell fehlte in ihrem Kleiderschrank noch! Und der Hut lebte. Sie sah es an der Art, wie der Stoff leicht zitterte, als würde er bereits nachdenken, bevor sie ihn berührte.
"Aufsetzen."
Sahara setzte sich in Ermangelung eines zweiten Stuhls auf den Boden. Moment, er hatte nicht sie, sondern dieses Ding in seinen Händen gemeint, oder?
Professor Ashross trat näher und setzte ihr wortlos den Hut auf den Kopf, bevor sie wieder aufstehen konnte.
Der Hut begann sofort in ihrem Geist zu sprechen, jedoch nur ein Wort: 'Slytherin.'
'Nein.' Ach, so fand also die Häuserauswahl statt. Sahara hatte zwar darüber gelesen, dass man am Anfang eingeteilt wurde, aber es stand nirgendwo, wie genau das funktionierte. Nett.
'Nein?' Die Stimme des Huts klang verwundert.
Sie überlegte, das Nein hatte sie instinktiv gedacht, weil es unerwartet kam. Nicht dass der Hut sprechen konnte, sondern dass sie ohne Vorwarnung vom Professor direkt in das Häuserwahlthema geworfen wurde. Dieses schwarze Loch kam direkt zur Sache. Außerdem hatte sie nicht damit gerechnet, dass der Hut sie nach Slytherin schickte.
'Oho', meinte der Hut 'Dann wollen wir sehen. Vor kurzem hätte ich dich vielleicht nicht dort eingeordnet. Doch dein Vertrauen gleicht einer Festung, du verschenkst nichts mehr. Frisch gebrochen. Faszinierend. Es ist eindeutig.'
Nicht dass Sahara was dagegen hätte, Slytherin war sicher ein spannendes Haus. 'Gebrochen? Meine Knochen sind heil. Und ich dachte eigentlich, ich käme nach Hufflepuff.'
'Nein', meinte der Hut schlicht.
'Nein?', fragte sie nun, die Überraschung des Hutes von gerade eben nachahmend.
'Dein Humor ist dunkler als die tiefste Nacht. Doch du willst weitere Gründe, hm?' Der Hut schwieg einen Moment. Dann sprach er langsamer und gleitender weiter. 'Verwechsle nicht die Beharrlichkeit eines Hufflepuff mit dem Ehrgeiz eines Slytherin. Tausche den exotisch bunten Vogel deiner falschen Vorstellung gegen eine schwarze Kobra. Scheu. Geisterhaft. Was haben wir da noch? Treue, ja. Aber diese muss man sich bei dir verdienen. Du wandelst mit stillem Stolz, nobel, tief verwurzelt und verschlossen. Offen bist du nur, wo es nichts zu verbergen gibt. Doch ein scharfzüngiger Flint, gewürzt mit den sehenden, zerbrechlichen Augen der Trelawneys, weiß, die Realität ist verhandelbar. Du willst also in ein anderes Haus?'
'Nein', dachte sie spöttisch.
"SLYTHERIN!", rief der Hut, dieses Mal laut.
Ein kurzes Prickeln lief durch ihre Kopfhaut, als ihr das alte Ding wieder abgenommen wurde. Professor Ashross hatte sie währenddessen kein einziges Mal aus den Augen gelassen.
"Slytherin." Er sprach das Wort, als wäre es eine Diagnose.
Sie nickte und stand langsam vom Boden auf. "Schwarzes Leder und Schlangen. Passt schon. Also Drama mit Stil. Muss ich mir ein Tattoo stechen lassen? Vielleicht ein Messer in meinem Ärmel verstecken? "
Er ruckte zwei Mal mit dem Kopf. Das bedeutete zwei Mal ein Nein, nahm sie an. Er verlor wirklich kein Wort zu viel.
"Ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, in meinem Haus zu glänzen, Miss Flint. Glanz tendiert dazu, abzublättern."
Sahara lächelte. "Keine Sorge, ich glänze nicht mal, wenn es regnet. Dafür müssten Sie mich schon in Öl baden."
Zum ersten Mal blinzelte der Professor. Nicht irritiert, nur wie ein Wesen, das sich daran erinnerte, dass Blinzeln zur menschlichen Mimik gehörte. Er sah sie eine Sekunde länger an, als notwendig gewesen wäre.
Dann trat er zur Tür. "Das Festessen beginnt um 20 Uhr. Kleiden Sie sich bis dahin passend, unsere Hausfarbe ist Schwarz – Grün, nicht Schwarz – Gelb."
Sahara blickte an sich hinab. Ihr teurer schwarzer Umhang wies winzige farbige Applikationen auf, die von Weitem vermutlich nicht einmal sichtbar waren. "Diese Farbe nennt sich Senfgrün, Sir."
"Senf ist gelb. Die Schulregeln finden Sie am schwarzen Brett Ihres Gemeinschaftsraums. Das Passwort ist falsch. Laut Plan haben Sie sechs UTZ Fächer. Der Unterricht beginnt um 8 Uhr. Für Sport fragen Sie bei den anderen Häusern an. Gehen Sie mit Problemen nicht zu anderen Lehrern. Notfälle besprechen Sie direkt mit mir. Für Fragen ist jetzt der passende Zeitpunkt."
"Was?" Zu viele Infos auf einmal!
Er öffnete die Tür für sie. "Seien Sie pünktlich, Miss Flint."
Sahara verließ den Raum und stand bereits im Flur, als ihr all die Fragen einfielen, die sie gerade hätte stellen sollen.
Sie drehte sich um. "Welcher Gemeinschaftsraum? Wo ist der? Wo findet das Festessen statt? Was soll ich bis dahin machen? Muss ich auch Mittagessen? Wann bekomme ich meinen Stundenplan? Und was meinen Sie mit Sport in anderen Häusern?"
Professor Ashross, der sein Büro gerade schließen wollte, hielt inne. "Der Ihres Hauses. In den Kerkern. In der großen Halle. Keinen Unsinn. Bei Ihrem Anblick empfehle ich es. Morgen früh. Slytherin besitzt keine eigene Quidditchmannschaft mehr."
Sahara versuchte sich alle Antworten zu merken und zuzuordnen. Okay, es war vielleicht eine dumme Idee gewesen, alle Fragen auf einmal zu stellen.
"Mein Daddy sagte immer, wir überlassen das Fangen goldener Bobbel anderen, wir bieten lediglich die Möglichkeit dazu." Sie erinnerte sich an den letzten Nachbau eines antiken Besens zu Hause. Er hing in der Werkstatt wie viele andere an der Wand. Sein bisher schönstes Stück. "Ich hab mal überlegt, einen Besenclub zu gründen. Wegen der faszinierenden Linien. Der Stiel hat Stil."
Er nickte. "Ich übersetze, Sie empfinden Holzmaserungen als hübsch."
Erstaunt hob sie die Augenbrauen. Professor Ashross hatte sie verstanden? "Wie gefrorene Gedanken uralter Lebewesen. Nur dann fiel mir ein, dass mir keine Federn aus dem Hintern wachsen und ich ungern Stimmen im Wind höre."
Wieder dieses knappe Nicken von ihm. "Fliegen ist nur für Eulen und Gruppenaktivitäten sind nicht für Sie geeignet."
Sahara schwieg. Sie fühlte sich tatsächlich ein wenig erschüttert. Er tat das beinahe so, wie ihr Daddy das auch immer getan hatte, was ihr einen kleinen Stich versetzte. Ein einzelnes Rucken mit dem Kopf, unnötig es zu wiederholen. Präzise und bestimmt. Ausreichend.
"Ihr Vater war Besenmacher", stellte er fest.
"Mein Vater IST BesenSTILmacher. Können wir dieses Thema in ein altes Kästchen sperren, versiegeln und in den See werfen? Vielleicht adoptiert es ein Grindeloh."
"Sicher." Professor Ashross schloss die Tür mit einem Knarren vor ihrer Nase.
Wie ein geschocktes Reh auf der Straße starrte sie einige Sekunden das dunkle Holz an. Das kam unerwartet. Und jede seiner Silben schnitt fast wie ein Messer durch ihre Haut. Und dennoch wäre sie am liebsten sofort wieder hineingegangen in sein Büro. Wie unheimlich. Und gleichzeitig beeindruckend. Sahara drehte sich um. Sie fühlte sich ein wenig verlassen in dem breiten, steinernen Gang eines gigantischen Schlosses. Mit mehr Schatten als Fenster. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich auf sich allein gestellt.
"Weißt du was?" Sie lächelte die verschlossene Tür rebellisch an. "Ich mag Senfgrün."
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* Anmerkung: Angelehnt an den Song "I was made for lovin' you" von KISS
Ein verstörter Geist
Sahara schlenderte durch die langen, kühlen Gänge des Schlosses und ignorierte dabei konsequent den leisen Protest ihres Magens. Langsam wurde sie mit der Umgebung vertraut und prägte sich verschiedene Wege ein. Mittagessen konnte warten. Oder ausfallen. Professor Ashross‘ Worte waren ja sowieso mehr eine Empfehlung als ein Befehl gewesen, oder? Und sie verspürte gerade auch keine Lust, auf die Anwesenheit belehrender Lehrer.
Draußen lichtete sich der Nebel langsam und die hohen Fenster warfen lange Lichtstreifen auf den Boden, die sich bewegten wie lebendige Schatten von Dingen, die man besser nicht beim Namen nannte. Wundervoll gearbeitete Holzvertäfelungen schrien geradezu danach, nach versteckten Gängen abgesucht zu werden. Sich ständig ändernde Treppen wollten verstanden und mit energetischer Aufmerksamkeit beschenkt werden, damit sie einem verrieten, wann sie wo genau hinführten oder wie man sich Verhalten musste, damit Stufen plötzlich verschwanden.
Hogwarts war einfach spannend! Das Schloss steckte voller Magie und beinhaltete vermutlich mehr Geheimnisse, als es Zahlen gab. Es würde sich lohnen, davon Karten anzufertigen und diese dann zu verkaufen.
Sahara blieb stehen, um von ihrer Wanderung wieder etwas Kraft zu schöpfen und betrachtete eine Weile gedankenversunken ein Porträt an der Wand.
"Junge Dame! Wenn Sie bitte ein wenig leiser atmen könnten? Ich versuche hier zu lesen."
Das Bild zeigte einen bepuderten Mann in einem blumenbestickten Mantel. Er lag auf einem Sofa, eine zerfledderte und sicher nicht jugendfreie Ausgabe von "Tragödien und Skandale berühmter Zauberer" auf dem Schoß.
"Lesen?" Sahara hob eine Braue. "Sie starren seit Minuten dieselbe Seite mit dem Bild halbnackter Kerle drauf an. Können Sie nicht endlich umblättern? Mich interessiert, was für eine Unanständigkeit die als nächstes miteinander anstellen."
"Das nennt man langsame Lektüre. Feinfühligkeit. Bildung!" Er klappte das Buch dramatisch zu. "Aber natürlich! Niemand respektiert mehr die Kunstfertigkeit der tiefsinnigen Verflechtungen sozialer Konstruktionen."
"Ah, dann hab ich wohl mein ganzes Leben falsch gelesen. Die Kerle da drin sehen für mich aus, als wär ein Muskelaufbläh-Zauber mächtig daneben gegangen."
Der Mann fauchte leise, drehte sich schmollend zur Wand und murmelte: "Ungebildete Gegenwart ... ruiniert die gesamte Ästhetik."
Sahara zuckte mit den Schultern und ging weiter. Na dann eben nicht.
Sie fragte sich, ob es irgendwo ein Fach für magische Literaturkritik gab. Vermutlich hielt Professor Ashross das für Zeitverschwendung. Die Vorstellung, er verschlang "Tragödien und Skandale berühmter Zauberer" heimlich mit einer Lesebrille gefiel ihr. Vielleicht hatte er sogar eine Schwäche für Drama. Heimlich natürlich. Wahrscheinlich las er es aber rückwärts, damit es niemand merkte.
Sie bog um eine Ecke und registrierte eine Änderung der Luft. Sofort blieb sie stehen. Ein kühler Lufthauch streifte ihre Wangen, wie eine dunkle Vorahnung.
Ein leises Klirren hallte durch den Gang, fast wie Glas, das in weiter Ferne zersprang. Sahara hielt den Atem an. War das eine von Hogwarts‘ merkwürdigen Eigenheiten oder ein schlechtes Omen? In diesem Schloss schien der Unterschied zwischen Scherz und Warnung ineinanderzufließen.
Dann sah sie sie.
Zuerst wirkte die Gestalt wie ein silbriger Schleier, der sich nicht entscheiden konnte, ob er wirklich in diese Welt gehörte. Umgeben von flatternden Schichten aus Tüchern schwebte der Geist mitten in den Gang, sodass man unweigerlich hindurchmusste, um ihn zu passieren. Sahara erkannte die Brille, welche die Augen dahinter so stark vergrößerten wie zwei Silbersickel, schimmernd und gleichzeitig durchscheinend. Die alte Frau wirkte zerzauster als ihr Abbild auf der zerrissenen Schokofroschkarte in Saharas Tasche.
"Tante Trallala?" Sahara versuchte sie anzusprechen.
Hecktisch drehte sich Professor Trelawney einmal um sich selbst. "Fräulein!" Sie hob besorgt ihre Hände. "Höre meine Worte!"
"Fräulein?" Sahara verschränkte die Arme. "Erkennst du mich nicht?"
Völlig aufgebracht zitterten ihre Finger durch die Luft. "Du bist zu früh! Viel zu früh! Oder ... zu spät. Das ist unklar. Sehr unklar."
"Hier aber stehe ich, fest und frage dich: Wie bist du gestorben?" Eine Ausrede wäre, dass Professor Ashross‘ direkte Art von vorhin auf sie abgefärbt hatte. Aber sie konnte die Neugierde nicht zurückhalten und musste es einfach wissen, ohne lang darum herum zu reden.
Der Mund des Geistes formte ein entrüstetes O. "Was für eine plumpe Frage! Der Tod ist kein Stundenplan, den man abhakt! Keine Liste, keine Hausaufgabe! Oder doch? Der Übergang, so unnatürlich! So zart. So gewaltvoll. Oh oh, meine Kleine, nimm dich in Acht davor."
"Aha." Sahara trat näher. "Dann war’s also Mord?"
"Ich sah die Wahrheit, wie ich sie immer sehen wollte!", rief ihre Tante theatralisch. "In den Blättern und dem Glanz der letzten Teetasse. Der allerletzten!", fügte sie dramatisch hinzu. Dann sprach sie zitternd weiter. "Aber niemand glaubt mir. Niemand begreift es! Niemand will es erkennen! Oh nein, niemand! Selbst ich will es nicht! Niemand!"
Sahara seufzte. "Tante, hast du dich selbst verwirrt?"
"Mitnichten, ich sah! Ich sehe! Es war da! Das schwarze Monster mit Hörnern und Krallen!" Sie hielt verdattert inne. "Oder war es eine Frau?" Professor Trelawney nickte. "Vielleicht war es ein Kind! Vielleicht ich! Ja! Es war ... jemand!"
"Wie überaus aufschlussreich. Das engt die Verdächtigen ein."
Die Geistergestalt flatterte vor ihr in die Höhe, ihre Brille rutschte halb durch die Stirn. "Er ist noch immer da, nimm dich in acht! Seher sind in größter Gefahr! Es verlangt nach Menschenhaut! Noch ein Fall und es wird gescheh’n! Ich entkam, doch der nächste wird sterben!"
"Hä? Wovor bist du entkommen, wenn es dich umbrachte?" Sahara kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt zurück. Selbst Wettervorhersagen der Muggel waren klarer als die Worte dieser Frau. Kein Wunder, dass niemand versucht hatte, genaueres über ihren Tod herauszufinden, vermutlich dachten alle einfach, die Frau sei verrückt. Doch das war sie nicht, Sahara spürte es, sah es. Hier steckte mehr dahinter.
Tante Trallala drehte sich in einem Kreis, kreischte laut auf und ließ ein paar lose Sätze wie Konfetti regnen: "Blut wurde geformt! Falsche Schatten im Glas! Die Ratte läuft rückwärts!" Dann entschwand sie schreiend durch eine Wand, als sei diese ein durchlässiger Vorhang.
Sahara stand einen Moment still da und schüttelte den Kopf. "Manche Leute schaffen es, sogar nach dem Tod noch ständig im Weg zu stehen. Inspirierend. Nur das hilft mir nicht weiter."
Sollte ihre Tante recht haben mit ihren wirren Worten und wäre tatsächlich ermordet worden, war der Mörder noch auf freiem Fuß und auf ein weiteres Opfer aus!
"Daddy, was soll ich tun?", flüsterte sie und umklammerte dabei ihr Medaillon.
Sie blickte an der Wand empor, an welcher der Geist verschwunden war. Vielleicht konnte Sahara in den ehemaligen Räumen ihrer Tante einen Hinweis dazu finden? Vage tauchte das Bild eines runden Turmzimmers mit vielen Kissen und Wandbehängen in ihrem Kopf auf. Wie nett, wenigstens diese Gedanken hatte ihr Tante Trelawney hiergelassen. Nur wo befand es sich?
"Na schön", murmelte sie. "Dann geh ich halt suchen."
Sie überlegte es sich anders und blieb einen Gang weiter vor dem nächsten Porträt stehen. Warum suchen, wenn es auch einfacher ging? Das Gemälde zeigte eine alte Hexe mit feuerrotem Haar, die mit fliegendem Teppich über einem moosigen Sumpf schwebte. Zu wenig Holz. Aber sicher bequemer als ein Besen. Der Gedanke eines fliegenden Bretts durchzuckte ihren Geist. Wie genial wäre ein fester, fliegender Holzteppich, statt wabbeligem Stoff? Das musste sie unbedingt ihrem Daddy vorschlagen, wenn er zurückkam!
Sie verdrängte die Gedanken aus ihrem Kopf.
"Hallo", begann Sahara, "ich suche das Klassenzimmer für Wahrsagen."
"Seid gegrüßt!" Die Hexe fuhr ratlos durch ihre Haare. "Oh, was? Wer? Wo? Meine Reisen führten mich weit, doch von so einem Ort hörte ich noch nie! Was ist ein Klassenzimmer? Es gibt den Raum der Zahlen, falls Ihr diesen begehrt."
War klar. Irgendwie besaßen in diesem Schloss alle Porträts einen sehr eigentümlichen Charakter. Sahara würde gerne mal den Künstler kennenlernen, der sie gemalt hatte. "Trelawney. Stinkende Räucherstäbe. Glaskugel, Kissen, prophetische bedeutungsschwere Worte hängen in der Luft und so Zeug?"
Jetzt hellte sich das Gesicht der Hexe auf. "Ach, Ihr meint den Ort der verwirrten Kinder die auf Bälle starren. War lange nicht dort, zu dicke Staubschichten versperrten meine Aussicht, die Gemälde dort werden nicht mehr gereinigt."
Seltsam. Also hatte der neue Lehrer für das Fach vermutlich einen anderen Raum bezogen. Aber gut, dann hatte sich vermutlich seit dem Tod ihrer Tante dort nichts geändert. "Und wie komm ich da hin?"
"Geht in den Nordturm, dort rüber, im siebten Stock. Ihr erreicht den Zugang über eine Wendeltreppe durch eine runde Falltür. Aber seid vorsichtig. Wir alle meiden die Bilder dieser Umgebung, man sagt, sie sei verflucht!"
Sahara nickte dankbar und folgte der Wegbeschreibung. Ein paar Minuten später fand sie besagte Wendeltreppe im nördlichsten Turm des Schlosses. Ein merkwürdig surrendes Flüstern kroch die Stufen hinauf, als würden sich die Mauern gegenseitig Geheimnisse über sie erzählen. Sie erreichte die Luke am oberen Ende, die leicht schräg im Mauerwerk saß.
Sie zog am Griff. Verschlossen.
Sahara rüttelte daran, klopfte dagegen, fluchte, doch nichts bewegte sich. Klemmte das Ding oder war es tatsächlich magisch versiegelt? Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel des Umhangs und tippte gegen die Luke.
"Alohomora."
Doch auch das klappte nicht. Ein silbriger Schimmer flackerte kurz über dem verwitterten Holz. Oha. Das sah nach starker Magie aus.
"Portaberto!"
Wie vom Wind erfasst, wurde Sahara ein Stück zurückgeschleudert, schlug sich den Kopf an und wäre dann fast die Treppe hinuntergepurzelt.
Der rabiatere Öffnungszauber führte dazu, dass sich für einen Moment ein schwarzer, dicht wabernder Wolkenschleier über der Tür bildete und sich dann wieder verflüchtigte. Doch der Zugang blieb versperrt.
Ein Kribbeln lief ihr den Nacken hinunter, als würde jemand ihren Namen denken.
Sie rieb sich den Kopf. Sterne tanzten vor ihren Augen, wurden zu einem Strahl, ein Zauber, der quer durch die Luft zischte unter düsteren Gewitterwolken. Wusch! Etwas ging schief. Er schrie. Sie schrie. Daddy! Nein! Ein Besenstiel zerbrach. Rotgetränktes Holz. Und da lag er, blutüberströmt am Boden.
Sahara runzelte die Stirn und verdrängte die Gedanken. Sie versuchte, den metallischen Geschmack im Mund loszuwerden. So etwas war nie passiert. Was soll das denn? Verzauberte Türen lösten seltsame Dinge in Köpfen aus. Sie stand vor einem Rätsel. Vielleicht klappte es mit einem Bombarda. Aber der würde vermutlich auch die halbe Decke einstürzen lassen. Es musste eine andere Möglichkeit geben.
"Na toll", murmelte sie. "Ich komm nicht rein, aber Trallala kommt problemlos raus." Wenn sie doch auch nur fröhlich durch Wände gleiten könnte ...
Nach weiteren nutzlosen Zaubersprüchen, einem Tritt gegen die Luke und einem kurzen Monolog darüber, dass das Schloss seine Schüler einfach hasste, drehte Sahara sich schließlich um und machte sich auf den Weg zur Bibliothek.
Wenn sie so nicht weiterkam, half es vielleicht, neue Informationen zu sammeln. Sicher gab es in so einer gigantischen Schule ein paar nützliche Bücher über ihr unbekannte Schutzzauber, alte Baupläne oder Geheimzugänge. Irgendetwas, was ihr half, diese verdammte Tür zu öffnen und das, falls möglich, ohne dabei das halbe Schloss in Brand zu setzen.
Die Worte Tante Trallalas kamen ihr wieder in den Sinn. "Falsche Schatten im Glas", hatte sie gesagt. Und "die Ratte läuft rückwärts". Handelte es sich um einen Code?
Was auch immer, Hogwarts Gehirn aus Papier könnte dieses Rätsel vielleicht aufklären.
Bücher Bücher Bücher!
Die Bibliothek lag in einem stillen Flügel, der gleichzeitig eine beruhigende und bedrohliche Stimmung ausstrahlte. Staub hing in der Luft und es roch nach Pergament, getrockneter Tinte und unendlichem Wissen. Sie hätte nicht beschreiben können, wie Wissen im Stande war zu riechen. Hier, unter tausenden alten Wälzern, tat es das einfach.
Sahara schlich durch die Regalreihen wie jemand, der sich nicht sicher war, willkommen zu sein. Sie fühlte sich, als hätte sie eine lästige Pflicht vergessen. Sollte sie vielleicht anderswo sein? Egal, sie wollte Antworten. Wie war ihre Tante gestorben und wieso durfte ihr Geist hier sein, während Daddy ... sie verbot sich jeden weiteren Gedanken daran. Sahara lenkte ihre Konzentration wieder auf das Thema: Wie öffnete man Türen?
Es dauerte, bis sie sich halbwegs zurechtfand. Die Bücherregale türmten sich wie Gebirge, zwischen denen sich schmale Pfade labyrinthartig als tiefe Täler entlang wanden. Einige Bücher flüsterten. Eins knurrte und schnappte nach ihren Fingern. Ein anderes hüpfte, sobald sie zu nahekam. Schließlich fand Sahara das Thema, wonach sie suchte. Ein Schild war an der Seite des Regals ans Holz geschlagen: "Verteidigung – Schutz – Bannkreise."
"Na also", murmelte sie. "Grundlagen magischer Barrieren, Passwortzauber und Bannung unerwünschter Personen." Sie wählte ein paar Bücher mit Titeln aus, die passend erschienen und trug den Stapel dann zu einem nahegelegenen Holztisch.
Die Beine auf dem gepolsterten Stuhl an sich gezogen, blätterte Sahara durch die Seiten. Das erste Werk "Du kommst hier nicht rein! – Ein umfassender Leitfaden für magische Mauern" war ein Reinfall. Es ging lediglich darum, Schutz aufzubauen, nicht wie man ihn durchbrach. Ihre Vorahnung, dass sich das durch weitere Bände zog, bestätigte sich im zweiten Buch "Versiegelung mit alten Runen", das sie kurz überflog. Sie griff nach dem nächsten. "Mauern aus Magie: Zauber gegen nervige Besucher". Als sie den verzierten Einband öffnete, erklang eine Stimme direkt neben ihrem Ohr:
"War dein Treffen mit dem schwarzen Loch so schlimm, dass du hier ein Studium der defensiven Magie absolvierst?"
Sahara fuhr herum. "Hugo!"
Sein rötlicher Wuschelkopf betrachtete sie begeistert. "Zu deinen Diensten, liebste Sahara! Dachte, ich seh dich erst morgen wieder. Sag bloß, ich hab dir gefehlt?"
"Absolut. Hab sogar versucht, dich zu beschwören. Dachte nämlich, dieser verstrahlte Typ heut morgen war eine Halluzination. Dein Lachen erschien mir zu breit, um echt zu sein. Aber jetzt existierst du hier ja schon wieder."
Hugo grinste noch breiter. "Physisch und fest, wie nur du siehst!" Er blickte kurz auf einen Stuhl, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Statt ihn heranzuziehen, setzte er sich neben die Bücherstapel auf die Tischfläche und ließ die Beine baumeln. "Erzähl, in welches Haus hat dich unser alter Hut gesteckt?"
"Ist das wichtig?" Sahara zuckte mit den Schultern. "Er hat kurz überlegt, ob er mir ein eigenes Haus erfindet. Aber dann meinte er, ich soll Slytherin ein bisschen durcheinanderbringen."
"Aha" Hugo nickte verstehend. "Und das setzt du direkt in die Tat um, indem du dich wie ein Ravenclaw in die Arbeit stürzt, so als Tarnung, dass man dich nicht als Schlange erkennt. Um was geht‘s, kann ich dir helfen?"
Sahara überlegte. War wohl nicht die klügste Idee, gleich am ersten Tag jemandem zu erzählen, in ein altes Klassenzimmer einbrechen zu wollen, so wohlwollend und freundlich dieser jemand sie auch anlachte. "Ich suche nach Möglichkeiten, mein zukünftiges Ich gegen peinliche Erinnerungen zu schützen. Und falls das nicht klappt, wenigstens mein Zimmer gegen nervige Mitbewohner."
Hugo seufzte mitleidig. "Du warst bisher nicht in deinem Gemeinschaftsraum, oder? Denn dann wüsstest du, dass in Slytherin niemand mehr sein eigenes Zimmer braucht." Er breitete die Arme einladend aus. "Hey, wenn sie dir auf die Nerven geh‘n, ich bin hier. Komm vorbei, wann immer du willst, meine Bibliothek kann dein Zufluchtsort sein."
"Du meinst, du versteckst mich hier, falls ich jemanden versehentlich verfluche? Klingt nach einem guten Plan."
Bevor Hugo etwas erwidern konnte, entglitt ihm plötzlich sein fröhliches Gesicht für einen Moment. Erschrocken sprang er vom Tisch und sah sich kurz um. Dann zwang er seinen Mund zu einem gequälten Grinsen. "Verzeih mir, muss weg. Er meinte mal, seine Augen schmerzen unter meinem Anblick und er ist kein Kerl, den man provozieren sollte." Der Bibliothekar zog einen imaginären Hut und verbeugte sich. "Liebste Sahara, du siehst mich wieder."
Schnell wie ein Schatten huschte er hinter das nächste Bücherregal und verschwand in der Dunkelheit. Verdutzt blickte sie ihm nach.
Im gleichen Moment ertönten Schritte und die Stimmung im Raum machte eine 180-Grad-Wende. Sahara fröstelte. Als würde die gesamte Luft um sie herum gefrieren, wandelte sich die Bibliothek gefühlt in einen nächtlichen Friedhof aus einer Gruselgeschichte.
Und dann trat die düstere Gestalt direkt auf sie zu. Langsam und bestimmt, wie der Tod selbst.
Professor Ashross sah sich nicht um, suchte nicht nach ihr. Er wusste offenbar genau, wo sich sein Ziel befand. Ohne sie aus den Augen zu lassen, kam er gradlinig auf den Tisch zu, zog einen Stuhl ihr gegenüber zurück, ignorierte das schräg klingende Kratzen des Holzes auf dem Boden und setzte sich würdevoll und bedacht. Während all dessen fixierte er Sahara wie ein Raubtier seine Beute.
Sie hatte was falsch gemacht, oder? So ganz konnte sie seine Schwingung noch nicht einschätzen. Er blieb zu ruhig, wie eine steinerne Statue die man unmöglich zum Schreien bringen konnte, egal was passierte. Jemand, der ohne Vorankündigung den Zauberstab zog und in aller Seelenruhe den Todesfluch aussprach.
Sahara legte neugierig den Kopf schief.
Er schwieg.
Sie verschränkte die Arme und lehnte sich zurück.
Er lehnte sich vor und verschränkte seine Hände am Tisch.
Sahara öffnete den Mund.
"Sie haben das Festessen verpasst", durchbrach er die Stille, bevor sie sprechen konnte.
Sie schloss den Mund wieder. "Oh. Ja. Stimmt. Es wurden aber alle ohne mich satt, oder?" Sie hob fragend eine Braue.
"Ich war mir nicht sicher, ob Sie sich verlaufen haben, ein Geheimgang Sie verschluckte oder Sie schlicht beschlossen, zu sterben."
"Hm. Sie hätten vielleicht einen Aushang machen können: Sahara Flint entlaufen – bitte füttern."
Professor Ashross‘ Gesicht blieb regungslos. "Die halbe Lehrerschaft sucht nach Ihnen."
Sahara fühlte sich geschmeichelt. "Da habe ich ja Eindruck hinterlassen."
"Keinen guten, Miss Flint." Seine Stimme lag nur einen Hauch über Flüstern. "In Hogwarts gibt es Regeln."
Sahara nahm einen tiefen Atemzug. "Sie haben Recht. Ich hab niemanden verflucht, noch nichts in Brand gesetzt und die Toiletten befinden sich auch alle – noch – dort, wo sie sein oder nicht sein sollten. Vermutlich kein würdiges Benehmen für einen Slytherin. Ich könnte mich mit jemandem prügeln, um besser ins Haus zu passen, was meinen Sie?"
Einen winzigen Moment lang glaubte Sahara ein Zucken seines linken Wangenknochens zu erkennen. Vielleicht war es auch nur ein Schatten, der sich über sein Gesicht legte.
Ohne darauf einzugehen, stand er auf. "Folgen Sie mir."
Schweigend schritten sie durch die Korridore. Professor Ashross’ Umhang raschelte leise, während ihre Schritte auf dem Steinboden laut erklangen. Doch sie machte keine Anstalten, diese zu unterdrücken. Sahara hatte das Gefühl, dass die Fackeln an den Wänden bei seinem Vorübergehen minimal dunkler flackerten, als würde selbst das Feuer ihm Respekt zollen.
"Sie suchten nach Büchern über Schutzzauber." Das war keine Frage.
Sahara zögerte. "Vielleicht."
"Vielleicht", wiederholte er tonlos. "Manche Türen in Hogwarts stehen offen, Miss Flint. Andere sind verschlossen. Und manche ... sollte man besser nicht einmal ansehen."
Sie schluckte und beeilte sich mit seinen energischen Schritten mitzuhalten. Ein Zufallstreffer? "Ich sehe meine Chancen auf einen fröhlichen Schulalltag mit Ihnen in Flammen aufgehen", murmelte sie.
"Folgen Sie meinen Worten und der eisige Hauch wird Sie nicht verletzen. Missachten Sie meine Ratschläge und Sie zahlen den Preis. Das war die erste und letzte Warnung."
Ihre Mundwinkel zuckten. "Klingt wie eine Herausforderung, Professor."
Er blieb vor einer leeren Wandfläche im Kerker stehen und sprach mit ruhiger Stimme: "Falsch."
Zwei steinerne Schlangen, gruben sich grünlich schimmernd hervor und wanden sich von beiden Seiten einen Torbogen bildend nach oben. Das Mauerwerk darunter löste sich auf und offenbarte einen Durchgang, überzogen von rauchartigem Material, halb durchscheinend wie gräuliches Milchglas.
Professor Ashross schritt mitten hindurch und Sahara folgte ihm geschwungene Treppenstufen nach unten.
"Ihr Gemeinschaftsraum." Er trat zur Seite. "Ein Bett ist zugewiesen. Wählen Sie den Ort. Der Schwebezauber sollte Ihnen bekannt sein."
Ach ja. Diesen Zauber hätte sie auch bei ihrer Ankunft fürs Gepäck verwenden sollen. Interessant, man durfte hier schlafen, wo man wollte?
"Und wann muss ich nachsitzen?", fragte sie. "Oder soll ich Sätze schreiben? Werden Sie mich in Ihre dunkle Gruft schleifen?"
Professor Ashross sah sie eindringlich an. "Früher oder später müssen Sie Ihre Maske absetzen. Tun Sie es selbst, Miss Flint, bevor jemand anderes sie aus Ihrem Gesicht reißt und es dabei zerbricht."
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um. Sein lederner Umhang schwang in weitem Bogen hinter ihm her und er verschwand lautlos und so bestimmten Schrittes, wie er gekommen war.
Sahara atmete aus.
Ein paar Sekunden stand sie nur da und lauschte gedämpften Stimmen im Hintergrund. Dann blickte sie sich im Gemeinschaftsraum der Slytherins um.
Schimmernde Lichtreflexe tanzten auf den Wänden, als würde der Raum unter Wasser liegen. In einer Ecke prasselte ein Kaminfeuer, düster aber nicht ungemütlich. Zwei Mädchen in grünen Pyjamas hockten davor auf einem Teppich zwischen Kissen und redeten leise. Neben bequemen Polstersesseln führten Gänge in verschiedene Richtungen. Ein älterer Schüler, vermutlich aus ihrem Jahrgang, saß an einem massiven Tisch und zeichnete auf einem Stück Pergament ein Bild der Katze, die sich vor ihm räkelte. Drei jüngere Schüler traten gähnend aus einem Durchgang, der aussah, als führte er in ein Badezimmer. Sie musterten Sahara verschlafen und huschten dann wortlos vorbei, in einen der abführenden Gänge.
Keine Willkommensparty, kein unangenehmes anstarren, kaum Interesse an ihr. Eine angenehme Behaglichkeit durchzog die Umgebung, was möglicherweise an der späten Uhrzeit lag.
Am Rand einer Wand entdeckte sie ihren Monsterkoffer. Er lag auf einem altmodischen Himmelbett, das sicher einem schaurig-adeligen Horrorroman entsprang. Es schwebte ein Stück über dem Boden, bereit platziert zu werden. Sahara mochte antike Möbel, fast wie zu Hause.
Sie ließ ihren Zauberstab aus dem Ärmel in ihre Hand gleiten, sprach "Wingardium Leviosa" und zog es dann hinter sich her.
Die vom Hauptraum ausgehenden Gänge führten nicht in andere Räume, sondern in Rundwege, an verschiedenen Stellen bestückt mit offenen Nischen, in denen sich die Schüler eingerichtet hatten. In einigen standen Schreibtische, ein paar Kisten oder Regale und immer wieder Betten dazwischen, manche abseits und uneinsichtig, andere in Gruppen zusammengeschoben. In den meisten schlief bereits wer. Wär angenehm, wenn die so friedlich bleiben würden. Abgeschlossene Türen gab es nirgends.
Sahara manövrierte ihr Bett mit dem Koffer einen steinernen Gang entlang, auf der einen Seite eine Wand, auf der anderen eine lange Fensterfront, die direkt zum See zeigte. In einer leeren Nische fand sie einen unbenutzten Schreibtisch mit Regalfach darunter. Neben diesem ließ sie ihren neuen Schlafplatz zu Boden gleiten.
"Nett."
Sahara packte ihren Koffer nicht aus. Lange wollte sie nicht bleiben.
Sie machte es sich auf dem Bett bequem und ihre Finger umklammerten das Medaillon. Richtig Halt daran fand Sahara keinen.
"Bitte hol mich bald ab, Daddy. Bevor das schwarze Loch mich aufsaugt."
Schweigend beobachtete sie Fische, die draußen vorbeischwammen, bis ihre Augen irgendwann zufielen.
Falsches Schulfach mit dem Flatterbart
Sahara erwachte durch ein nervtötendes Plopp-Geräusch. Die ersten Sekunden lagen wie Nebel über ihren Gedanken. War das ein tropfender Wasserhahn? Sie öffnete die Augen. Durch die Fenster vor ihr schimmerten Sonnenstrahlen, durchbrachen die Oberfläche des Sees und verloren sich in der Tiefe.
Sie stöhnte, als sie einen Jungen mit zurückgegelter Frisur an ihrem Bett entdeckte. Begann jetzt die Freakshow?
"Und hier kommt das Spektakel. Ja, ich bin neu. Ja, ich seh' nicht aus, als hätte ich Bock, aber das ist mein Standardgesicht."
"Ich kenne deinen Namen, Flint. Du wurdest gestern auf der Feier vorgestellt."
Sahara blinzelte überrascht. Er war allein. Neben ihm schwebte eine tropfende Wolke, die Ursache der schlafraubenden Plopps!
Seine Füße trippelten ungeduldig auf der Stelle. "Beeil dich. Professor Ashross mag es nicht, wenn wir unpünktlich sind. Er meinte, ich soll dafür sorgen, dass du heute die große Halle nicht wieder mit der Bibliothek verwechselst."
"Ich wünsch dir auch einen wunderschönen Morgen, unbekannter Fremder, der mir beim Schlafen zusieht", murmelte Sahara und schwang sich aus dem Bett, um dann in einer Pfütze auszurutschen.
"Ich bin Tobias, ein Vertrauensschüler und einziger Slytherin der fünften Klasse." Er rückte stolz sein Abzeichen zurecht und nickte dann zur Wolke, die munter weiter tropfte. "Das ist Lissi. Mein Bruder hat letzten Monat Wetterzauber ausprobiert und meinte, das wär lustig. Seitdem geht sie nicht mehr weg."
Sahara rappelte sich auf, machte sich fertig und folgte dem Wolken-Tobias durch die Gänge des Schlosses.
In der großen Halle angekommen blieb Sahara stehen und überlegte, sofort wieder umzudrehen. Wirre Gedanken trafen ihren Geist wie eine Wand aus Kopfschmerzen.
Die Decke zeigte einen düster grauen Himmel, so real, als würde es gleich regnen. An einigen Stellen brach jedoch die Sonne durch. Tobias sah seine Aufgabe sie hier herzubringen als erledigt an und eilte voraus, um kurz mit ein paar neugierigen Ravenclaws zu sprechen, die alles über seine Wolke Lissi wissen wollten. So stand Sahara allein unschlüssig am Eingang, der antiquierte Umhang schief sitzend, umrahmt von ihrem wilden Haar-Dschungel.
Wenn sie geglaubt hatte, Chaos zu kennen, hatte sich Sahara geirrt. Lachende Gryffindor tauschten die neusten Infos aus den Ferien aus und einige bestaunten einen Besen, den jemand mitgebracht hatte. Von Weitem registrierte sie, dass es sich nicht um ein Flint-Modell handelte. Vielleicht einer der Feuerblitznachfolger. Während ein Lehrer einen Quaffel konfiszierte, den sich zwei Schüler in knallroten Umhängen quer über den Tisch zuwarfen, spielte sich unter den gelben Bannern des Hauses Hufflepuff ein wahres Drama ab. Na gut, das musste sie sich jetzt doch ansehen.
Belustigt setzte Sahara einen Schritt vor den anderen, ignorierte ein paar Ravenclaw, die tuschelnd auf sie zeigten und wanderte hinüber zum ziemlich leeren und ruhigen Tisch ihres Hauses. Dabei beobachtete sie die Horde Knuddelmuffs, die drüben über die Teller herfiel und die vorher ansprechenden Frühstücksplatten in ein Schlachtfeld verwandelte. Kreischende Erstklässler in gelben Umhängen versteckten sich unter dem Tisch und ein paar Hufflepuff-Schüler aus älteren Jahrgängen versuchten den Pelzknäulen herzuwerden.
"Hi! Ich bin Lana, ist hier noch frei?", fragte plötzlich ein Mädchen von der Seite. Sie war vielleicht ein Jahr jünger.
Sahara lehnte sich zurück. "Kommt drauf an. Wie laut kaust du? Planst du, laut zu atmen? Hast du vor, mit mir zu sprechen? Über deine Alpträume?"
Lana seufzte. "Warum kommen die Nerds eigentlich immer in mein Haus?"
Sie wandte sich ab und setzte sich stattdessen neben den Jungen, der Sahara gestern schon im Gemeinschaftsraum aufgefallen war. Er zeichnete wohl gerne, denn vor ihm lag wieder ein Pergament, das er hingebungsvoll mit einer Feder bearbeitete. Etwas weiter starrten ein paar jüngere Schüler verschlafen durch die Gegend oder kauten verträumt an Rührei und Toast. Kein Streit. Kein Glanz. Entspannt genoss Sahara die Ruhe am Slytherintisch und nahm sich eine Butterbreze.
"Ah, unser Neuzugang. Sie wirken müde, schlecht geschlafen?"
Sahara blickte auf. Vor ihr stand ein Lehrer in bunt gemustertem Strickpullover mit freundlichem Gesicht. Er balancierte einen Stapel Pergamentrollen in seinen Armen.
"Nein, hervorragend. Meine Seele hat heute Morgen abgesagt, ich bin nur die Vertretung."
"Ein erfrischender Spaziergang über die Ländereien täte Ihnen gut. Ich bin Neville Longbottom, Ihr Lehrer für Kräuterkunde."
Skeptisch blickte sie ihn an.
"Keine Sorge, Miss Flint. Am ersten Tag in einer neuen Schule sind alle noch etwas nervös. Ein weiser Mann namens Remus Lupin brachte mir einst bei, dass man Angst einfach nur benennen müsse, um sie zu bannen. Wir sehen uns also morgen Nachmittag in Gewächshaus sieben, ich freue mich auf Sie. Hier."
Eine der Pergamentrollen aus seinem Stapel flog auf sie zu. Dann zog er los, um weitere Stundenpläne auszuteilen.
Sahara nahm ihren Plan, brach das Wachssiegel daran und entrollte ihn. Sie hatte es erwartet, verzog jedoch trotzdem das Gesicht. Der Lehrer für Wahrsagen hatte nicht nur ein anderes Klassenzimmer bezogen, sondern er existierte gar nicht. Kein Wahrsagen. Stattdessen hatte man ihr Arithmantik eingetragen. Das Fach gab es in Grönland nicht. Ein mieser Ersatz. Das war, als würde man Schokofrösche ohne Frösche verkaufen. Wahrsagen beschränkt auf Zahlenkunde. Wie in einer Muggelschule, nur dass sie dort wenigstens nicht so taten, als wäre Mathe magisch.
Nach dem Frühstück folgte sie dem Zeichner-Jungen, ebenfalls ein Vertrauensschüler, zu ihrer ersten Doppelstunde Zauberkunst. Er stellte sich knapp als Antonio Greengrass vor, sprach ansonsten aber kaum und war der einzige andere Slytherin ihres Jahrgangs.
Der Unterricht gestaltete sich ähnlich ihrer alten Schule. Als erste Übung sollten sie den Lumos Zauber erweitern und Ideen ausarbeiten, diesen praktischer zu gestalten. Sahara gab sich Mühe und schaffte es, eine schwebende Miniatursonne zu erschaffen, die sich per Gedankenkraft steuern ließ.
Danach ging es weiter mit Alte Runen, wie sich herausstellte, Antonios Lieblingsfach. Super für Sahara, denn so konnte sie von ihm abschreiben. Das dachte sie jedenfalls, bis die schrullige Professor Babbling erklärte, jeder sollte als Hausaufgabe seine eigene persönliche Rune erfinden und einen Aufsatz über deren tiefere Bedeutung schreiben.
Nach dem Mittagessen musste sie eine Doppelstunde Arithmantik absitzen, ohne Antonio. Er hatte das Fach nicht gewählt und Sahara beneidete ihn dafür. Professor Krahn, ein hagerer Mann mit flatterndem Schnurrbart, redete mit knirschendem Ton, als müsse er jedes Wort über einen Schleifstein jagen. Schon nach den ersten Minuten hatte sie das Gefühl, er sprach in Zahlen statt Worten. Die 6 und 9 drehten sich karussellartig in ihrem Kopf und als sie endlich gehen durften, hatte Sahara keinen Schimmer, um was es eigentlich gegangen war. Sie erahnte lieber Bilder im Nebel als komplizierte Gleichungen aufzustellen.
Spät nachmittags taumelte Sahara in die Bibliothek. Eigentlich wollte sie weitere Möglichkeiten suchen, um ins Klassenzimmer ihrer Tante einzubrechen, doch der Berg an Hausaufgaben wartete. Jedenfalls der Teil, der sich noch in ihrem Gedächtnis befand. Sie suchte sich einen Platz in der hintersten Ecke und blätterte, die Beine auf dem Stuhl an sich gezogen, im Runenbuch. Dabei versuchte sie, es nicht zu zerfleddern.
"Guten Abend, Sonnenschein. So fröhlich heute?", ertönte Hugos Stimme plötzlich hinter ihr, viel zu munter für ihren Geisteszustand.
Sahara musterte ihn mit tödlicher Ruhe. "Ich wollte eigentlich warten, bis der Tag mir endgültig die Lebensfreude raubt, aber da warst du schneller."
Hugo lachte leise. Statt wie die anderen Schüler ließ er sich durch ihre Worte nicht vertreiben. Er setzte sich ihr gegenüber auf eine Bank. "Ich nehm’s als Kompliment. Was hat dich so zerknüllt? Oder hast du an deinem ersten Tag gleich was explodieren lassen?"
Zahlen explodieren lassen wär super. "Visionen. Rauch. Prophezeiungen. Ich steh auf sowas. Ich will, dass mir jemand sagt, wann ich sterbe, niemals meine große Liebe finde oder ob ich morgen die Treppe runterfalle. Du verstehst?"
Der Bibliothekar nickte lächelnd, sagte gleichzeitig jedoch: "Nein."
Sahara seufzte. "Kristallkugeln und Tarotkarten sind wenigstens nützlich. Da kann man reininterpretieren, was man will. Aber Mr. Flatterbart diktiert die Zukunft mit unlogischen ... Berechnungen!" Sie spuckte das letzte Wort aus wie ein Fluch.
"Ah, Arithmantik." Sein Gesicht hellte sich auf, soweit das überhaupt noch ging. "Brauchst du Hilfe bei den Zahlen?"
Sahara stöhnte. "Nein. Ich wollte Antworten. Stattdessen hab ich Tabellen. Weißt du, wie viele Tabellen ich heute gesehen habe? Zu viele."
"Hast du sie wenigstens verflucht?"
"Gedanklich" Sie klopfte auf ihren Runenband. "Und das hier mag mich auch nicht. Wir sollen eine persönliche Rune entwerfen und einen Aufsatz drüber schreiben. Aber mein Hirn sieht nur noch Zahlen. Ich mein ... was soll ich tun? Ein Fragezeichen kritzeln und sagen, das bin ich als Mensch? Bin ich überhaupt ein Mensch?"
"Sicher! Ein zauberhafter, physisch fester Mensch, verbunden mit dem Geisterreich. Du bist beeindruckend, Sahara" Er strahlte sie mit seinen warmen Augen an.
Sie runzelte die Stirn. Zweifelnd schüttelte sie den Kopf.
"Im Ernst, meine Liebe, du siehst, was andere nicht sehen, oder? Nimm das Fragezeichen doch als Basis, als Zeichen der Ungewissheit. Ein Symbol, das dir helfen soll, Antworten zu finden auf Fragen, die du nicht zu stellen wagst. Professor Babblings Herz würde schmelzen."
"Es wäre spannender, wenn das von Mr. Flatterbart schmelzen würde."
"Genau das kannst du nutzen!", meinte Hugo aufmunternd und lehnte sich zurück. "Du könntest deine Rune aufbauen wie eine abgeschnittene Zahl und dann mit dem Fragezeichen kombinieren."
Sahara sah ihn nachdenklich an. "Hm. Vielleicht."
Seine Ideen waren hilfreich. Obwohl er hier sicher viel zu tun hatte und Sahara nicht die einzige in der Bibliothek war, half ihr Hugo dabei, das Symbol zu kreieren und den Aufsatz für Alte Runen fertig zu schreiben. Ein Bibliothekar mit Sonderleistungen, wie praktisch. Danach sah er ihr zu, wie sie frei erfundene, zufällige Zahlen in eine Tabelle schrieb, für die Arithmantik-Hausaufgabe, an dessen Thema sie sich nicht erinnerte.
"Ist nicht, dein Fach, hm?", fragte er vergnügt, einen Blick auf das Pergament werfend. "Du hast hier in der ganzen Reihe einfach nur Kringel eingetragen. Das ist völlig sinnlos."
Sahara strich eine zufällige Zahl durch. "Sieht aus wie die Schülerakte eines depressiven Slytherins. Oder unser leerer Haustisch", kam es ihr in den Sinn. "Hat Professor Ashross die Schüler alle in sich aufgesaugt?"
"Zuzutrauen wär’s ihm." Hugo lächelte. "Nun, seit dem Krieg wollen nicht mehr viele nach Slytherin. Das Haus hat einen schlechten Ruf. Aber die Vorurteile legen sich langsam."
"Du meinst, dass Slytherin zu 50% aus Intrigen besteht?" Sahara kritzelte die Zahl 50 in irgendeine Spalte der Tabelle. "30% stilles Bedrohen anderer und 20% Haargelfuzzis?" Sie schrieb auch diese Zahlen irgendwohin, wo Platz war.
"Tja, in den höheren Klassen sind es noch wenig, aber bei den Erstklässlern habt ihr dieses Jahr gut zugelegt, bald wird sich eure Zahl den anderen Häusern wieder angleichen." Hugo wedelte präsentierend mit den Händen durch die Luft. "Und dann bist da noch du. Ein absolut zauberhafter Gewinn für dein Haus!"
"Ja, ich passe hervorragend rein." Sie strich die Zahl 17 durch, die sie gerade gedankenverloren aufgeschrieben hatte. "Nur beim Haargel bin ich nicht auf dem neusten Stand. Und beim Flatterbart auch nicht. Ich geb’s auf." Sie steckte das Pergament mit der Arithmantik -Tabelle in ihre Tasche, um es nicht mehr sehen zu müssen.
Hugo blickte sie aus treuen Augen heraus an und stützte seinen Kopf auf beiden Händen ab. "Also ich mag deine Haare. Wenn Hogwarts eine Naturkatastrophe hätte, dann wärst das du. Vielleicht schreibe ich ja einen Roman über dich. Hurrikan Sahara, wie klingt das als Titel?"
Sie musste fast schmunzeln.
Die lebendige STRG + F Funktion: Hugo GPT
Am nächsten Morgen verpasste Sahara das Frühstück. So früh aufzustehen war einfach grausam! In Grönland fing die Schule erst um neun Uhr an und ihr Daddy hatte sie von einem privaten Fahrer morgens hinbringen und nachmittags abholen lassen.
Auf Hugo allerdings konnte sie sich verlassen. Er half ihr auch an diesem Tag mit den Hausaufgaben für Verwandlung. Während ihnen Professor Longbottom in Kräuterkunde – in Gedanken kürte Sahara ihn dafür zu ihrem persönlichen Helden – keine Hausaufgaben aufgab, ließ die uralte und strenge Direktorin Professor McGonagall es richtig krachen. Sie sollten nicht nur einen langen Aufsatz über das Verwandeln pflanzlicher Materie schreiben, sondern auch noch über den Energiebedarf beim Verwandeln größerer Objekte recherchieren. Ob es sinnvoller wäre, diesen in einem fokussierten Strahl durch den Zauberstab zu bündeln oder lieber breiter zu fächern, sollten sie ebenfalls erörtern. Sogar der wortkarge Antonio hatte gestöhnt. Vermutlich hätte er auch lieber gezeichnet.
Sie bekamen zwar das ganze Wochenende dafür Zeit, doch Sahara mochte keine unerledigten Aufgaben. Sie wollte den Berg an Arbeit lieber schnell hinter sich bringen, vor allem da der nächste Tag wieder neue Aufgaben in Arithmantik, Alte Runen und Astronomie brachte, welches Sie Mittwoch abends bei Professor Ashross hatten.
Und Astronomie bei Professor Ashross stellte sich als eine stille, fast unheimliche Angelegenheit heraus. Der Professor sprach wenig, aber seine ruhige Art und die tiefen Worte schienen mehr zu sagen als die langen Vorträge anderer Lehrer. Messerscharf und präzise teilte er seinen Schülern mit, was sie tun sollten oder wenn sie falschlagen.
In seinem Unterricht ging es weniger um Sternbilder und Planetenbahnen selbst, sondern darum, welche Bedeutung sie auf andere Dinge hatten. Nicht im Sinne von Vorhersagen, sondern z. B. darum, warum bei bestimmten Konstellationen das Schneiden von Zauberstabhölzern günstiger war als zu anderen Zeitpunkten. Sahara fand es spannend und hätte nicht gedacht, dass sich die Gestirne so stark auf die Struktur und den Magiefluss im Holz auswirken konnten. Sie würde ihrem Daddy davon erzählen, sobald er zurückkam. Dieses Wissen konnte er sicher für seinen nächsten Besenstiel einsetzen!
Als Hausaufgabe sollten sie verschiedene Zweige auf den Ländereien sammeln, sie aufschneiden und dann bestimmen, wie die Erde in Bezug auf andere Planeten und Sternbilder ausgerichtet war, als der Baum die Stöcke hatte fallen lassen.
Erst am Donnerstagnachmittag nach einer weiteren Doppelstunde Kräuterkunde fand Sahara wieder Zeit für das Wahrsage-Tür-Problem. Sie sammelte zunächst eine ganze Tasche voll mit Zweigen für ihre Astronomie Hausaufgabe und machte es sich danach in der Bibliothek bequem, neben dem Regal "Verteidigung – Schutz – Bannkreise".
"Na, wie läuft‘s?", fragte Hugo und setzte sich wie gewohnt zu ihr. "Du hast mir gefehlt, warst gestern gar nicht hier."
Sahara blickte zwischen zwei Bücherstapeln auf. "Manche von uns müssen Prioritäten setzen. Essen. Quiddich. Duellierclub. Die Welt retten", antwortete sie trocken.
"Essen? Dafür verpasst du aber viele Speisezeiten, hab ich gehört. Und bevor du auf einen Besen steigst, gebe ich dem schwarzen Loch meine Hand. Also niemals. Dich in einem Duellierclub zu sehen wär allerdings spannend. Aber wir wissen beide, dass da andere Schüler drin sind und du viel lieber allein, nur mit deinem liebsten Bibliothekar, zwischen Bergen von Büchern herumhängst."
Sahara schnaubte. Er kannte sie nach nicht mal einer Woche im Schloss fast zu gut. "Deine Bücher sind Arithmantik!"
"Ja, darum liest du auch so viel in meinen wundervollen Schätzen des Wissens."
"Diese schwafelnden Autoren schreiben zu viel. Gibt es keinen Zauber, der automatisch findet, was man sucht?"
"Na sicher! Dieser Zauber bin ich. Du musst nur mit mir reden. Ich bin deine Antwort. Oder ich finde sie. Ich kenne nicht nur die Bibliothek, sondern auch jede Ecke im Schloss."
"Hattest du für diesen Satz einen Applaus eingeplant, oder war der spontan?"
"Na ein wenig Klatschen könntest du schon für mich. Weißt du, wenn man das Schloss nicht versteht, ist es wirklich schwer, den richtigen Ort zu finden. Hogwarts lebt. Es flüstert. Manchmal höre ich es reden. Der Westflügel ist eifersüchtig auf den Ostflügel, der Südflügel behauptet, seine Treppen seien schöner, woraufhin der Nordflügel beleidigt ist und ein paar Stufen verschwinden lässt. Aber wenn du weißt, wie man ihn wieder aufmuntert, öffnet er dir eine geheime Abkürzung in die Kerker hinab."
Seine Worte entlockten Sahara ein schwaches Lächeln. Der Kerl hatte ja doch Ahnung.
Sein Blick fiel auf die ausgebreiteten Bücher. "Aber jetzt mal ganz im Ernst, meine Liebe, ich mache mir langsam Sorgen, schon wieder Schutzzauber? Hat Ashross dich bedroht oder was ist los?"
Sie setzte zu einer Erklärung an. "Ich recherchiere für ein hypothetisches Problem. Stell dir vor, jemand hätte eine verschlossene Tür gefunden und jetzt so gar keine Geduld."
Hugos Gesicht hellte sich auf. "Ah. Und was liegt hinter dieser unkooperativen Tür? Etwa ein verbotenes Labor, eine Schatzkammer, oder … die Küchen?"
"Schlimmer." Sahara sah ihn prüfend an. Dann entschied sie, dass er bis jetzt keinen Grund gezeigt hatte, ihm zu misstrauen. Er würde es früher oder später sowieso herausfinden, denn sie würde die gesamte Bibliothek auslesen, um eine Lösung zu finden. Dann konnte er ihr auch gleich helfen. "Das Klassenzimmer meiner Tante im Nordturm. Sie oder irgendwer hat es versiegelt und die Tür macht einen auf beleidigt und blieb sogar nach ihrem Tod unbeeindruckt von Logik."
"Oho, der alte Wahrsagebereich von Professor Trelawney" Hugo nickte langsam und seine Augen funkelten freudig. "Ich glaube, deine Tante war schon zu Lebzeiten wenig beeindruckt von Logik. Da hast du aber ein echtes logisches Problem."
"Sehr hilfreich", meinte Sahara.
"Ich gehe davon aus, die gängigen Zauber hast du sowieso versucht, sonst wärst du nicht hier. Was ich damit sagen will ist, wenn es um deine Tante geht, darfst du nicht mit Logik vorgehen. Denke wie sie. Sie dachte zum Beispiel, meine Bücher hätten Gefühle. Jedes Mal, wenn sie in die Bibliothek kam, streichelte sie die Regale."
"Das klingt ganz nach ihr."
"Einmal wollte sie die Enzyklopädie der Unterwelten adoptieren. Ich musste ihr versprechen, sie regelmäßig zu besuchen."
"Soll ich dem Eingang drohen, ihn mit fetten Wälzern zu bewerfen, wenn er sich nicht öffnet?"
"Damit kommen wir der Sache näher. Aber sicher nutzt hier nichts ... nun, gewöhnliches. Es muss etwas magisches sein, vielleicht etwas völlig außergewöhnliches, was zu ihr passt."
Sahara nickte. "Es gibt auch keine Anzeichen für Symbole oder Runen, scheint also an keinen Gegenstand als Schlüssel gebunden zu sein. Vielleicht ein Passwortschutz. Aber wie soll ich das erraten? Wörterbücher vorlesen?"
"Gute Idee, aber nutzlos. Ich kannte deine Tante, hätte sie einen Passwortschutz angewandt, gäbe es bei ihrer Dramatik mindestens Anzeichen dafür. Ein Rätsel, ein Gedicht oder eine laut gestellte Frage." Hugo ging nachdenklich hin und her. "Vielleicht ist es ein Blutzauber, der mit ihr in Verbindung steht?"
"Ich bin ihre Nichte und habe das Ding sehr intensiv gestreichelt. Ohne Erfolg."
Hugo lachte. "Also dagegen getreten?"
"Mhm."
"Naja, weißt du, Sahara, manchmal öffnen sich Dinge, wenn man aufhört zu drücken. Was denkst du, hat sie da drin versteckt? Was ist es wert, geschützt zu werden? Vielleicht hilft uns das, die Tür zu verstehen?"
Sahara fragte sich, wann genau dieses 'uns' entstanden war. "Großartig. Versteht mal einer eine Trelawney."
"Ja, das ist unglaublich schwer. Ich spreche aus Erfahrung." Hugo grinste sie an.
"Ich bin eine Flint."
"Klar."
Sahara wuschelte sich durch die dichten Haare, die nur Trelawneys hatten. "Sie behauptet, ihre Verwandlung in einen Geist fand nicht ganz freiwillig statt. Ich gehe davon aus, da drin mehr darüber herauszufinden."
"Oh, ein Verbrechen!" Hugo klatschte begeistert in die Hände. "Wir spielen also Detektiv, gefällt mir!"
Erfreut stellte sie fest, dass er ihr glaubte und gar nicht erst dagegen argumentierte.
Hugo fuhr fort: "Also erhoffst du dir einen Hinweis auf den Täter? Vielleicht sogar die Mordwaffe? Oder einen Namen?"
"Vielleicht." Sahara zuckte mit den Schultern. "Aber die Tür ist Arithmantik."
Er schmunzelte. "Und Arithmantik erscheint dir unlogisch. Bleiben wir also vielleicht doch beim Logischen. Womit hat deine Tante sich beschäftigt? Das Schützenswerte hinter der Tür. Sie war eine Seherin. Hat sich also mit Themen umgeben, die jenseits des für normalsterbliche Sichtbaren liegen."
Fragend starrte sie ihn an. Worauf wollte er hinaus?
"Na schön, weil du es bist, liebste Sahara, verrate ich dir ein Geheimnis. Aber das bleibt unter uns, ja?"
"Das wird verdammt schwer, denn ich besitze unglaublich viele Freunde, denen ich es erzählen könnte. Aber weil du es bist, liebster Buchmensch, versuch ich‘s."
"Na, zumindest hast du mich. Gut. Also ich kenne da noch eine Möglichkeit, Türen zu öffnen." Hugo trat näher an den Tisch heran. "Streck deine Hände aus."
"Warum, um sie mir abzufrieren?" Nach kurzem Zögern tat sie es.
"Tss, so kalt ist meine Haut jetzt auch nicht. Keine Angst, ich werde dich nicht einmal berühren, Feuerkind. Jedenfalls nicht physisch. Pass auf." Er hielt seine Hände über die ihren. Dann ließ er sie ganz langsam nach unten gleiten, näher an sie heran. "Spürst du’s?"
"Ich fühl mich wie das Fragezeichen meiner ersten Runenhausaufgabe. Was genau meinst du und was hat das mit der verschlossenen Tür zu tun?"
"Gleich." Er entfernte seine Hände ein Stück. "Okay, noch mal. Weite dich im Geist, werd dir deiner tatsächlichen Größe bewusst. Erwarte es."
Angespannt beobachtete sie seine Finger, als er wieder näher kam. Dann spürte sie plötzlich eine Art Widerstand. Etwas, das in sie hineinfuhr und doch außerhalb des Materiellen blieb.
"Was ist das?"
"Jetzt hast du’s", meinte er zufrieden. "Meine Hände versinken in dir, ohne physische Haut auch nur zu berühren."
"Davor?" Fragend hob sie die Augenbrauen.
"Davor, um dich herum und durch dich hindurch. Das ist deine Aura. Deine anderen Körper. Äther. Astral. Mental. Und noch feiner. Die könntest du lernen zu steuern, falls du nach drüben willst."
Nett. Wieso hatte sie von dieser Technik nie gehört? "Also gehe ich körperlos ins Wahrsageklassenzimmer."
"Nein, ich meinte ein anderes drüben. Aber das führt vielleicht im Augenblick zu weit. Ich vermute, dass Professor Trelawney ihre Tür mit einem astralen Mechanismus verschlossen hat. Ein alter Trick, der früher bei Sehern sehr beliebt war, um ihr zu Hause zu schützen. Aber es ist ... nun ja, nicht ganz legale Magie."
Darum also, vermutlich ein Thema, das man aus offiziellen Büchern verbannt hatte.
"Dunkle Magie?", fragte Sahara skeptisch. "Tante Trallala konnte nicht mal das Wetter von morgen vorhersagen, aber dazu war sie im Stande?"
"Keine dunkle Magie." Hugo sah sich nervös um und wandte sich ihr dann wieder zu. "Aber viele haben vor dieser Art von Magie Angst, weil sie ungreifbar erscheint, so wie sie Angst vor Geistern oder dem Tod haben. Sie kann Leute in andere Welten ziehen und lässt sie hier dafür wahnsinnig erscheinen. Was denkst du, warum gerade die Seher es sind, die immer durchdrehen? Weil sie diese Art von Magie beherrschen, sie spüren, darauf ansprechen. Und weil niemand ihnen glaubt. Sie drehen nicht wirklich durch, du kannst es verstehen, oder? Du spürst das, Sahara, nicht wahr? Aber die meisten Hexen und Zauber verstehen es nicht, sie spüren nichts. Darum wurde es verboten."
Sie verstand. Sahara sprang auf. "Zeig es mir!"
"Nein." Hugo blickte sie lächelnd an. "Nicht jetzt."
Sie wollte protestieren.
"Nach dem Abendessen", meinte er dann und strahlte sie an.
"Du bist manchmal auch Arithmantik." Genervt verzog Sahara das Gesicht.
"Und du brauchst Energie für das, was wir vorhaben. Außerdem den richtigen Zustand. Leg dich nach dem Essen eine Stunde hin. Genau eine Stunde lang, nicht länger, nicht kürzer. Stell dir einen Weckzauber, ja? Danach treffen wir uns um 9 Uhr im Nordturm."
Daddy?
Der Korridor war still, doch draußen rüttelte der Wind gegen die Fenster des Turms, während sie wartete. Sahara hatte die Anweisungen des Bibliothekars befolgt und fühlte sich noch nicht ganz wach. Lediglich eine Stunde Schlaf und das am frühen Abend war ungewohnt. Hugo erschien pünktlich neben ihr.
"Guten Abend", begrüßte er sie fröhlich. "Hach ich liebe dieses Land, so tolles Wetter heute." Draußen flog irgendetwas gegen die Fensterscheiben. Unbeeindruckt davon betrachtete er neugierig die schräge Luke. "Da ist also unsere unkooperative Tür. Ja, ich spüre es, sie wartet auf uns."
"Also, bekommst du sie jetzt auf?"
"Geduld, meine Liebe." Hugo grinste sie an. "Wenn du dir erhofft hast, ich erledige das für dich, muss ich deine Faulheit leider enttäuschen. Aber ich spiele wie gewünscht deine Anleitung. Konzentriere dich. Spür dich. Nicht deinen Körper, sondern dich, den Geist, der diesen Körper steuert."
Sahara schnaufte laut aus und schloss die Augen, Sie versuchte sich, auf seine Worte einzulassen. In ihr regte sich ein Ziehen, wie ein unsichtbares Seil, das an ihrer Mitte zerrte. Dann fühlte sie Hugos Arm, kalt und voller Energie, doch nicht auf ihrer Haut, sondern in ihrer Nähe. Seine Anwesenheit wurde umfassender und sie erspürte ihn fast als Ganzes, wie er neben ihr vor der verschlossenen Tür stand.
"Du machst das gut. Und jetzt streck deine Hand aus, Sahara."
Sie streckte ihre Hand aus, doch Hugo hielt sie zurück.
"Nein, nicht so."
Moment, er hielt gar nicht ihre Hand, jedenfalls nicht ihre physische. Seine Finger hatten sich um ihren Arm geschlossen, den unkörperlichen Arm ihres Astralleibs, berührten sie nicht einmal und doch hatte er es damit geschafft, sie aufzuhalten.
"Sehr gut. Noch mal. Und jetzt auf der anderen Ebene", kommentierte er, gefühlt von ganz weit weg. Sahara war sich nicht sicher, ob er diese Worte tatsächlich laut aussprach oder nur in ihren Geist dachte.
Was meinte er mit anderer Ebene?
"Was wir als diese Welt hier oder eben eine Ebene bezeichnen, ist nur ein Sammelbecken gleicher Vorstellungen und Absichten. Ändere sie."
Las er ihre Gedanken? Moment, das hieß, ihr Geist war Teil einer anderen Vorstellung von ... was? Was passierte hier? War sie überhaupt wach?
"Das ist real, du bist wirklich gut mit deiner Wahrnehmung, dein Sehertalent ist so stark. Ich spüre es. Deine Tante kann dagegen einpacken. Mach weiter, Sahara"
Sie streckte ihre Finger aus, dieses Mal die unstofflichen, schob sie beinahe mit Gewalt aus ihrer physischen Hand heraus und drang damit in die Tür ein. Immer tiefer in das Holz, als wäre es eine Art Schleier. Sie fühlte die morsche Struktur, jede Unebenheit, jede winzige Lücke. Wie faszinierend! Dann stieß sie auf einen Widerstand.
"Da muss ein Mechanismus sein. Erfühle ihn. Du brauchst ihn nur zu öffnen. Ist ganz leicht."
Hugos Stimme klang klar und hell und gleichzeitig ewig weit fort. Sahara krallte sich in den Widerstand und schob daran. Was immer das war, reagierte sofort. Es klackte. Und ihre Hand schnellte in ihren Körper zurück wie von einem unsichtbaren Gummiband gehalten, das jetzt nachgab.
Sie riss die Augen auf. Auch vor ihr hatte die Tür in der physischen Realität geklickt und stand jetzt einen Spalt breit offen! Super, freute sie sich innerlich, während sie ruhig meinte: "Dir ist hoffentlich klar, dass ich dich ab sofort als Buchersatz ansehe und nie wieder was lesen werde?"
"Oje. Das hatte ich befürchtet. Dafür bin ich vermutlich das gesprächigste zwischen all den anderen Büchern. Und bevor du fragst, nein, ich komme da nicht mit rein."
"Angst vor dem Reich meiner unlogischen Tante?"
"Nicht vor ihr. Aber wenn wir hier zusammen erwischt werden, wie ich dir bei einem Einbruch helfe, dir noch dazu verbotene Magie zeigte, um eine sicher nicht ohne Grund versiegelte Tür zu öffnen, verliere ich meinen Job. Ein zu hohes Risiko, denn ich bin wirklich gerne hier. Ich würde absolut alles machen, um bleiben zu dürfen."
"Verstanden." Sahara nickte. "Die Sache wird zu heißt für deine eiskalte Haut."
"Genau. Aber vergiss mich nicht, liebste Sahara. Erzähl mir alles, ja? Du weißt, wo du mich findest. Im Ernst, besuch mich auch mal ohne Hintergedanken. Einfach so, weißt du? Das tun normale Menschen. Freunde nennt sich das."
"Ich nenne dich nicht mehr Arithmantik, zufrieden?"
"Juhu! Das ist alles, was ich mir je gewünscht habe!" Er lachte und wandte sich um zum Gehen. "Das schwarze Loch hat heute Aufsicht. Also bleib nicht zu lang."
Sahara war wieder allein. Angespannt und voller Erwartungen öffnete sie den schrägen Eingang komplett. Sie stieg hindurch und kletterte dann eine schmale Treppe nach oben.
Neugierig blickte sie sich um und entzündete mit dem Zauberstab einige Laternen. Sahara stand in einem halbrunden Raum mit Rampen, die leicht nach unten führten, in die Mitte. Kristallkugeln leuchteten schwach auf den runden Tischen, die verteilt über die Rampen standen. Es roch muffig, nach abgestandenem Tee und alten Träumen. Dicke Staubschichten überdeckten den hölzernen Boden und jeder Schritt knarzte unter ihren Füßen.
Sie tapste an Vorhängen und Tüchern vorbei, die überall von der Decke hingen, zu einem Fenster und öffnete es.
Klare Nachtluft drang von draußen herein und die frische Brise streifte ihre Wangen, fast ein wenig geisterhaft.
Alles wirkte ganz normal, nur eben wie lange Zeit verlassen. Ein altes Klassenzimmer, das nicht mehr benutzt wurde.
Ihre Aufmerksamkeit fiel auf einen Torbogen, der neben dem Lehrertisch in der Mitte in ein Hinterzimmer führte. Vermutlich die andere Hälfte der runden Turmebene. Die privaten Räume ihrer Tante. Ein schwach flackerndes Leuchten drang von dort aus ins Klassenzimmer. Sahara stutzte. Dort drin hatte sie noch gar keine Laterne angezündet.
Den Zauberstab erhoben trat sie vorsichtig durch den Bogen und fand sich in einem Wohnraum wieder, vollgestopft mit Regalen bis hin zur Decke, bestückt mit Wahrsagebüchern, einigen Teekannen und unzähligen Kristallen. Zwischen goldverzierten Skulpturen lagen ein paar Stapel Tarotkarten. Sie wirkten wie billige Kopien gegen ihre eigenen handgemalten.
In der Mitte stand ein runder Tisch, umrahmt von bequemen, altmodischen Polstersesseln und darauf die Quelle des Leuchtens: Eine flackernde Kristallkugel.
"Tante Trallala?", fragte Sahara.
War sie hier? Doch nichts regte sich. Konnte die alte Frau als Geist überhaupt etwas bewegen und Kristallkugeln auf diese Art dauerhaft aktivieren? Keine normale Kugel verhielt sich so!
Das Ding strahlte eine faszinierende Anziehung aus und Sahara trat vorsichtig näher. Sie nahm wahr, wie sie eine Art Schild überschritt, als würde sie in einen Geist eintauchen, dann verebbte das Gefühl wieder. Ihr Blick glitt zu Boden. Saharas Stiefel standen auf einer Kreidelinie, die sich rundherum um die drei Sessel mit dem Tisch zog. Doch die Linie war an verschiedenen Stellen verwischt, teilweise gar nicht mehr vorhanden.
Als Sahara den Kopf hob und wieder direkt in die Kugel starrte, sah sie es. Ein Gesicht!
Nein, SEIN Gesicht!
Der Zauberstab rutschte aus ihren Fingern. Sahara hastete auf den Tisch zu und kniete sich davor nieder.
"Daddy?", hauchte sie. War das wirklich er?
Es bestand kein Zweifel: Vertraut und düster starrte er sie aus der Kugel heraus an. Gekleidet wie üblich in schwarzen Roben, das Haar elegant zurückgekämmt und der Bart ordentlich getrimmt, wie es sich für ihre Kreise gehörte. Sauber. Blutlos.
Sie lächelte. So sollte es sein. So sollte er sein.
"Was machst du da drin?"
Die Kugel antwortete nicht. Aber sein Bild blieb. Jetzt griff er nach ihr, winkte ihr zu, lautlos.
"Ich vermisse dich auch", sagte sie leise.
Er trat zur Seite und hinter ihm erkannte sie einen offenen Kamin, fast wie zu Hause. Ihr Daddy deutete darauf und blickte sie dann wieder auffordernd an. Sofort wünschte sie sich, vor dem Feuer zu sitzen, bei ihm.
"Du willst, dass ich zu dir komme? Ins Jenseits?"
Er nickte.
Ihr Mund öffnete sich betroffen. Sehnsüchtig starrte sie ihn an, gleichzeitig erschrocken von ihren eigenen Gedanken, dass sie es vielleicht schaffen konnte, wenn sie aus dem nächsten Fenster den Turm hinunter sprang. Platsch. Sie wäre sofort bei ihm, oder?
Doch irgendetwas hielt sie davon ab, es zu tun. Vernunft? Schwäche? Feigheit?
Der verstörende Gedanke, dass sie das schon einmal getan hatte, blitzte durch ihren Geist. Sie stand auf einem Dach, einen neu gebauten Besen in der Hand. Daddy wollte sie aufhalten, rief noch, sie solle sich beeilen. Es fing an zu regnen. Ihr Sichtfeld schwankte für einen Moment. Es war so hoch! Zu hoch! Der Regen wurde stärker. Doch sie war kein Feigling, er würde sehen! Es donnerte in ihrer Erinnerung.
Sahara schnappte nach Luft. Was war das denn eben gewesen? Wie idiotisch. Nein. So etwas tat sie nicht. Als würde sie jemals fliegen, weder mit noch ohne Besen! Wie kam sie nur auf so eine dumme Idee aus dem Turm zu springen. Vielleicht war es doch ein letztes Stück Respekt vor dem Tod, der sie davon abhielt?
"Ich finde eine Möglichkeit", flüsterte sie.
Sahara wusste nicht, wie spät es war, als sie sich endlich überwand, zu gehen. Wie lange hatte sie in diese Kugel gestarrt, sich gewünscht bei ihm zu sein, dort drin? Minuten? Stunden? Egal.
Sie schlich die Treppe hinaus aus dem Wahrsageklassenzimmer und dachte gerade noch daran, dass es vielleicht klug war, die Tür wieder astral zu schließen.
Da spürte sie plötzlich Kälte im Nacken.
"Ein neues Opfer. Diese Ratte! Wo ist das Monster?"
Sahara wirbelte herum.
Und da schwebte sie: Professor Trelawney. Oder das, was von ihr übrig war. Der Geist ihrer Tante sah verwirrt aus, verlor sich halb im Mauerwerk, murmelte unverständliche Worte und deutete immer wieder auf die Tür.
"Oh, großartig. Mein Lieblingsszenario: Ich allein, mit einem transparenten Problem. Tante Trallala?"
Der Geist reagierte nicht auf sie. "Schnell, das Kind! Saug sie aaaaaaauf!" Ihre durchsichtige Gestalt verrenkte sich theatralisch und glitt durch die nächste Wand.
In dem Moment hörte Sahara Schritte, so gleichmäßig wie ein Metronom.
Hastig rannte sie die Treppe des Nordturms nach unten, direkt in die Arme von -
"Professor Ashross." Sahara erstarrte.
"Nennen Sie mir den Grund, warum ich Sie hier nachts, außerhalb des Schlafsaals treffe", sagte er mit schneidend ruhiger Stimme, direkt auf den Punkt kommend.
Sahara atmete tief ein und überlegte was als Ausrede passen könnte. Das Treffen mit ihrem Vater hatte sie aufgewühlt und sie konnte kaum klar denken. "Nun, es wäre merkwürdig, wenn sich ein Professor mit einer Schülerin nachts IN den Schlafsälen trifft, oder?"
"Der Aufenthalt im Nordturm ist Schülern untersagt. Hätten Sie am Einführungsfest teilgenommen, wüssten Sie das. Erklären Sie mir, was Sie um diese Zeit hier machen."
"Nachtspaziergang. Gut für die Verdauung. Schlecht für die Regeln, nehme ich an?" Angespannt beobachtete sie ihn.
Doch er zeigte keine Regung. Dann, langsam wie ein Richter, der ein Urteil verkündete, meinte er: "Sprechen Sie so mit unsichtbaren Geistern, aber halten Sie sich nicht selbst für unsichtbar vor mir. Ich sehe Sie. Darum schreiben Sie bis zur nächsten Unterrichtsstunde siebzehn Gründe auf, warum es falsch ist, die Warnung Ihres Professors zu missachten. Zurück ins Bett, Miss Flint. Und kein weiterer Unsinn."
Sahara nickte eifrig, in Gedanken noch immer bei ihrem Daddy. "Jawohl, Sir. Null Unsinn. Ich bin praktisch langweilig."
Professor Ashross drehte sich ohne ein weiteres Wort um und schritt davon.
Das schwarze Loch
Das Stimmengewirr in der großen Halle rauschte stürmisch in ihrem Kopf. Es war Freitagmittag. Um sie herum klirrte das Besteck, die übliche Dissonanz des Überlebens in Hogwarts. Sahara saß am Haustisch von Ravenclaw und stocherte in einer undefinierbaren Masse, angeblich Pastete.
Zauberkunst hatte sie am Vormittag verpasst. Verschlafen. Oder entschieden ignoriert und sich geweigert, aufzustehen. Nach den nächtlichen Ereignissen im Nordturm fühlte sie sich ohnehin nicht vollständig anwesend. Dass der düstere Professor sie erwischt hatte, spielte keine Rolle. Aber der Einbruch bei Trelawney hatte mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Warum zeigte diese Kugel Bilder von ihrem Daddy auf seiner Jenseitsreise? Und was hatte das alles mit dem Mord an ihrer Tante zu tun? Hing es überhaupt zusammen?
Sahara starrte in ihr Essensmassaker, als könnte sie dort Hinweise finden. Ein Zeichen. Vielleicht ein Gesicht. Vielleicht sein Gesicht. Wie im glatten Kristallglas. Doch ihr Teller blieb matschig matt.
"Oh, die Erleuchtete aus Grönland", säuselte jemand von der Seite. Schüler X, einer dieser Möchtegern-Intelligenzbolzen, die sich zu wichtig fühlten, um einfach nur zu essen. "Sitzt du hier, um uns zu zeigen, wie man Kaffeesatz liest?"
Sahara hob langsam den Kopf und musterte ihn wie ein Insekt auf dem Seziertisch. "Vielleicht. Bei manchen Leuten lohnt sich der Blick in den Becher. Bei dir schreit bereits die Aura von Weitem nach Hilfe."
Ein zweiter Schüler, Sahara nannte ihn in Gedanken nur Y, beugte sich neugierig vor. "Also bist du echt mit Trelawney verwandt? Die, die dauernd von Weltuntergang gefaselt hat?"
"Schau, ihre Augen funkeln genauso verrückt wie die der alten Wahrsage-Oma", warf Schüler X ein. "Und die führte doch auch immer Selbstgespräche."
"Ihr sammelt Schokofroschkarten." Sahara nahm einen Schluck Kürbissaft, als wäre es Wein und stellte das Glas mit übertriebener Anmut zurück. "Ich sammle Gründe, warum ich nicht längst verrückt bin."
"He, ist dir klar, dass du am falschen Tisch sitzt?" Schüler Y rückte seine Brille triumphierend wie ein Professor auf Probe zurecht.
Sahara schob ihren Teller zur Seite. Tatsächlich. Hier waren alle blau. Mist. Sie stand langsam auf und sagte trocken: "Ups. Komisch, dabei habe ich mich hier so willkommen gefühlt. Manchmal zeigen einem die Irrwege die besten Spiegel."
Sie tat, als würde sie einen Bühnenvorhang schließen, ließ XY zurück und schlenderte zum Slytherintisch.
Die letzte Stunde vor dem Wochenende im Astronomieturm hatte vor einigen Minuten begonnen und Sahara trat ohne zu Klopfen ein. Sie kam sowieso zu spät, also kein Grund, jetzt noch zu hetzen. Gemächlich ging sie durchs Klassenzimmer und setzte sich irgendwohin.
Professor Ashross ignorierte sie.
Erst als sie ihre Tasche auf den Tisch plumpsen ließ, kommentierte er: "Miss Flint, Sie sollten drei Proben bestimmen und nicht den halben verbotenen Wald mitbringen."
Sahara setzte zu einer Antwort an, doch er kam ihr zuvor.
"Sie bleiben nach der Stunde", meinte er im Vorbeigehen. Seine Stimme klang messerscharf, aber nicht laut. Ohne sie weiter zu beachten fuhr er mit dem Unterricht fort und wies die Klasse an, Sternkonstellationen mit der Wachstumsgeschwindigkeit von Bäumen in Zusammenhang zu bringen.
Ein spannendes Thema. Doch Sahara fiel es heute schwer, zu folgen. Immer wieder zog die Kugel in Trelawneys Wohnraum ihre Gedanken an sich, schrie danach, dort hinzugehen, zog sie an wie ein Magnet. Hoffentlich hielt der Professor da vorne keine lange Standpauke, damit sie schnell hier rauskam. Als die anderen Schüler am Ende der Stunde den Raum verlassen hatten, begann er ohne Umschweife zu sprechen.
"Sie verpassten den Zauberkunst-Unterricht."
Sahara verschränkte die Arme. "Ich war … ähm … metaphysisch verhindert."
"Sie gaben die siebzehn Gründe nicht ab, warum man meine Warnung nicht ignoriert."
Wann auch? "Ich hatte sie aufgeschrieben. In meinem Kopf. Leider gab’s ein Gedankenzugunglück."
Professor Ashross rührte sich nicht. "Sie kamen zu spät in meinen Unterricht."
"Ich bin müde, können Sie selbst eine Ausrede erfinden, die Ihnen gefällt? Keine Ahnung, ich stehe auf dramatische Auftritte?" Fragend strich sie durch ihren unkämmbaren Haardschungel.
Er trat näher. "Ich nicht." Dunkle Schatten umrahmten seine tief liegenden Augen.
"Das dachte ich mir. Sie stehen mehr auf düstere Auftritte, oder? Sind Sie ein Vampir?"
"Beenden Sie Ihr Theater, Miss Flint oder wir beide bekommen ein gravierendes Problem. Sie haben eine Verabredung, morgen."
Sahara blinzelte gespielt. "Sie glauben, ich stehe auf Kerle mit langen, schwarzen Haaren im Gruftilook?"
"Mit einer Spezialistin aus St. Mungos. Eine Heilerin für mentale Balance, wie mit Ihrem Betreuer Mr. Thomasen abgesprochen, Ihr wöchentlicher Termin."
Sahara schluckte. Daran hatte sie nicht mehr gedacht. "Nein, danke."
"Ihre Anwesenheit ist verpflichtend, Miss Flint", stellte Professor Ashross klar.
Sahara verbrachte den Samstag im Nordturm. Den von Mr. Thomasen aus Grönland aufgedrückten Termin übersah sie aus Versehen. Das Glas vor ihr war wichtiger! Telemachus Flint starrte sie an, als hätte er drüben im Jenseits nichts anderes zu tun. Stundenlang. Erwartungsvoll.
"Daddy, was soll ich nur tun?"
Stille.
Sie hatte an verschiedene Möglichkeiten gedacht, ihn zu erreichen. Auch daran, Hugo um Hilfe zu bitten. Aber der Bibliothekar würde kein solches Vorhaben unterstützen und Sahara sicher aufhalten. Und sie wollte nicht aufgehalten werden. Zugleich traute sie sich nicht, es selbst zu tun. Das Turmfenster dort stand offen. Ein Sprung. Das Messer in der Ecke. Ein Schnitt an der richtigen Stelle. So viele Kissen hier, an denen man ersticken könnte ...
Welchen Weg war ihr Daddy gegangen? Er hatte nie ein Wort von seiner Reise erwähnt. Wenn sie sich nur daran erinnerte, was er getan hatte, wie es passierte. Warum war sie nicht gleich mit ihm gekommen?
Sie war so ein verfluchter Feigling!
Enttäuscht von sich stieg Sahara irgendwann die Treppen hinab. Es war Nacht. Vermutlich Samstag oder bereits Sonntag? Langsam verlor sie jegliches Zeitgefühl. Betrübt schlich sie durch die Gänge und wusste nicht wohin. Vielleicht zurück in den Gemeinschaftsraum. In ein warmes Bett. Eine Nacht darüber zu schlafen. Genau. Wo befand sie sich eigentlich gerade?
Sie blickte auf. "Professor William Ashross", stand auf dem Schild direkt vor ihr. Der Astronomieturm?
"Miss Flint."
Seine Stimme erklang so kalt wie die Nachtluft im Flur. Sahara fror. Sie drehte sich langsam um. Professor Ashross stand dort, im Schatten, mit verschränkten Armen. Wie und wieso war sie ausgerechnet bei ihm gelandet?
"Jetzt muss ich wieder Gründe für irgendwas erfinden, oder?"
Er trat aus dem Schatten und deutete wortlos die Treppe hoch. Nicht in sein Büro? Sie folgte ihm in einen Raum, der darüber lag.
Ein unerwartet stiller Ort.
Links erstreckte sich ein Regal bis unter die Decke und zwischen den Büchern standen mehrere Holzkästchen. Die steinernen Wände verschluckten das Licht des Kaminfeuers. Es roch nach getrocknetem Holz. Auf einer schweren Werkbank lagen entrindete Äste nebeneinander. Späne bedeckten einen Teil des Bodens wie helles Laub. Fasziniert betrachtete Sahara eine detailliert ausgearbeitete Schnitzerei mit Verzierungen in Nussbaumholz. Sah aus, als formte er Zauberstäbe per Hand. Zwischen den Stäben war eine Sternenkarte ausgerollt, überzogen mit Notizen. Ein alter Kompass aus Messing lag darauf.
"Sagen Sie mir, wo Ihr Platz um diese Uhrzeit wäre."
Bei ihrem Daddy. Sahara drehte sich um. Hatte er sie dabei beobachtet, wie sie die unfertigen Zauberstäbe betrachtete? "Vermutlich nicht hier. Vielleicht im Guinness-Buch der schlechten Entscheidungen?"
"Eine schlechte Entscheidung war es, nicht zum Treffen mit der Heilerin zu erscheinen."
Professor Ashross bedeutete ihr, sich zu setzen. Sie folgte seiner Geste und ließ sich auf dem einzelnen Polstersessel vor dem Feuer nieder. Mehr gab es nicht. Er blieb stehen. Für einen Moment genoss sie die Wärme der Flammen, bis seine Stimme die angenehme Stille durchbrach.
"Sie haben eine Erklärung für Ihr Verhalten."
Sahara blickte nicht zu ihm auf. "Einige. Aber keine, die Sie gut finden würden."
"Versuchen Sie es."
"Ich übe für eine Geisterlaufbahn. Schritt eins: Sinnlose Gänge durch sinnlose Gänge. Nachts."
Der Professor schwieg. Dann nahm er seinen schwarzen Lederumhang ab und hängte ihn an einen Haken. Völlig in sich ruhend krempelte er die Ärmel seines Hemdes hoch und Sahara folgte hypnotisiert seiner präzisen Bewegung. Er zog einen Schemel vor der Werkbank heran, setzte sich neben sie und starrte sie an. Sahara wandte sich von ihm ab und starrte stattdessen ins Feuer.
"Sahara", sagte er leise.
Sie zuckte, als er ihren Vornamen aussprach. Wie eigenartig. Durfte er das? Er war ihr Professor! Nicht ... Daddy.
Er rieb sich mit zwei Fingern über die Nasenwurzel und meinte dann wieder förmlicher: "Miss Flint, als Ihr Hauslehrer bin ich für Sie verantwortlich."
Sie schüttelte den Kopf. "Meine Tante ist das."
"Unabhängig davon, wen die Gesetze als Vormund bestimmen, wissen wir beide, Sibyll Trelawney ist dazu nicht fähig."
"Wieso, weil sie durchsichtig ist? Oder weil sie so tut, als wäre die Zukunft keine Überraschungsparty?"
"Schluss damit. Sprich normal mit mir. Ich weiß, du kannst das."
Nervös schnaufte sie aus.
"Sahara, die nehmen dich von der Schule, wenn du den Sitzungen mit der Heilerin fernbleibst."
Sie schloss die Augen. "Deren Heilleistung besteht darin, einen Raum mit bedeutungslosen Worten zu füllen. Ich brauche niemanden, der mich nach jedem zweiten Satz fragt: Und wie fühlen Sie sich dabei?"
"Das glaubst du zu wissen, obwohl du ihr nicht begegnet bist."
"Ich sehe Dinge."
"Du behauptest, du hast etwas gesehen, das du verhindert hast, wodurch es nicht stattfand und du es darum nicht sehen konntest", fasste er ihre Worte zusammen.
Sie presste die Lippen aufeinander. Seine Logik war unwiderlegbar.
"Wenn du weiter diese zynistische Maske trägst, ist deine Zukunft Geschichte und das sage ausgerechnet ich, ich, Sahara! Sieh mich an! Denkst du, ich bin so geworden, weil ich mir das ausgesucht habe? Ich weiß genau, wie mich alle hinter meinem Rücken nennen, das schwarze Loch."
Sahara wich seinem Blick aus. Sie wusste, wenn sie ihn jetzt ansah, würde sie ihm alles erzählen. Über die Kugel. Daddy. Sein Abbild darin. Ihr Vorhaben, das sie einfach nicht über sich brachte. Ihr Scheitern.
Sie schwieg, was er sichtlich als Erfolg verbuchte.
"Und? Wie fühlst du dich dabei?", fragte er nach einer Weile, ihre Worte der nicht getroffenen Heilerin nachahmend.
Sahara entkam ein verbittertes Lachen. Das war keine Frage, die er von sich aus je gestellt hätte. Sie fluchte innerlich. Er war gut. Er war verdammt gut. Und sie fühlte sich leer. Zurückgelassen.
Professor Ashross wartete still, ließ sie reden. Nur sagte sie nichts. Sie hielt den Blick stur auf die Flammen gerichtet.
Irgendwann stand er auf, um vielleicht Tee zu holen oder aufs Klo zu geh'n, was auch immer.
"Gehen Sie zurück in Ihren Gemeinschaftsraum." Er hatte wieder auf eine förmliche Anrede gewechselt.
Saharas Herzschlag beruhigte sich und die Last, ihm Antworten zu müssen, fiel ab. Er hatte den Raum verlassen und erwartete das auch von ihr. Sie stand auf. Im Gehen streifte ihre Aufmerksamkeit das Regal, blieb an einem Buch hängen. Zufall? Nein. Nichts geschah zufällig. Unscheinbar stand es zwischen den anderen. Eingehüllt in dunkelblaues Leder. Abgewetzt. Ein handschriftlicher Titel stand an der Seite:
Sibyll Trelawney – Träume & Trümmer.
Sahara warf einen Blick zum Nebenzimmer. Der Professor war außer Sicht.
Mit einer fließenden Bewegung zog sie es aus dem Regal, ließ es unter ihren Umhang gleiten und verließ dann seinen Raum.
Trelawneys Tagebuch
Hugo huschte an einem Regal vorbei und hielt inne. Als er Sahara erkannte strahlte er sie an und setzte sich zu ihr an den Tisch.
"Guten Morgen, meine Liebe. Ein Schüler so früh am Sonntag in der Bibliothek? Das kannst nur du sein. Wir öffnen erst in ein paar Stunden. Wenn dich hier ein Lehrer erwischt, bekommst du Ärger, das ist dir klar, oder?"
Sahara blickte ihn stumm an. Konnte sie ihm trauen? Immer wieder geisterte die Reise zu ihrem Daddy durch ihren Kopf. Sie wollte zu ihm. Und sie kannte den Weg dorthin. Sie brauchte nur noch etwas Mut, ihn zu gehen. Hugo durfte nichts von ihrem Vorhaben erfahren. Er würde sie verraten, oder? So wohlwollend und nett er war, er würde es nicht zulassen, dass sie hier verschwand.
"Hey, geht es dir gut? Es ist was passiert, ich seh’s dir an. Erzähl’s deinem Lieblingsbibliothekar. Hast du überhaupt schon geschlafen?"
Sie schüttelte den Kopf.
Besorgt nickte er zum Buch. "Aus den Räumen deiner Tante?"
Das blaue Tagebuch kam ihr wieder in den Sinn. Es lag noch immer vor ihr. Davon konnte sie ihm wenigstens erzählen, oder?
"Sahara?", fragte er auffordernd.
"Ich habs gestohlen." Sie konnte es selbst nicht glauben, das getan zu haben. "Es stand in Professor Ashross Wohnzimmer."
"Bist du irre? Vom schwarzen Loch?" Hugo riss erstaunt die Augen auf. "Moment, was treibt der Kerl mit dem Tagebuch deiner Tante?"
"Vielleicht nutzt er es als Schaufel, um Gräber auszuheben? War so eine nicht nachdenken Aktion. Ging ganz schnell. Kopf aus. Ich sah es. Ich nahm es. Buch weg. Verstehst du?"
Hugo öffnete den Mund und nickte leicht. "Und? Steht da drin, was du gesucht hast? Der Hinweis auf den Mörder?"
"Vielleicht hab ich das Lesen verlernt. Ich bin direkt hier her gerannt. Weil Bücher liest man ja normal in der Bibliothek, oder? Hier sind viele Bücher. So viele Bücher. Hast du sie gezählt? Zahlen? Arithmantik?"
"Okay, ruhig, Sahara. Atme erst mal tief durch." Hugo lehnte sich belustigt zurück. "Um das richtig zu verstehen. Du hattest keine Probleme, das Tagebuch aus den privaten Räumen eines Lehrers zu klauen, aber moralische Bedenken, es zu lesen?"
"Sie war Familie. Als würde ich in ihre Gedanken träumen. Ohne Erlaubnis."
"Würdest du dich besser fühlen, wenn ich dir daraus vorlese?", schlug er vor.
"Ja." Sofort drehte sie es und schob es zu ihm rüber. "Ich sitze zufällig daneben."
"Darauf hast du gewartet, oder? Deinen bittenden Augen ist eh nicht zu widerstehen." Hugo grinste schief. "Aber du blätterst um. Ich fasse das Ding nicht an. Es ist verflucht, ich spür’s. Vielleicht ein Blutzauber."
"Spürst du ihn wie Ameisen, die sich durch deine Haut fressen und dir bei lebendigem Leib alle Schichten abnagen, sodass das Blut aus dir ausläuft?"
"Ähm, nein." Hugo sah sich verstohlen um. Doch um diese Zeit waren sie natürlich allein. "Ich meine ich spüre es astral. Du weißt schon, verbotene Magie. Aber wenn du das Buch hier hergebracht hast, kann es dir nichts anhaben. Also, bereit für die wirren Gedanken einer Seherin?"
Sahara öffnete das Buch vorsichtig. Die Einträge begannen im April diesen Jahres.
"Scheint die Fortsetzung eines anderen Tagebuchs zu sein." Hugo las vor:
"12. April: Heute sprach Professor McGonagall mich erneut auf die Vision an, die ich letzte Woche erwähnte. "Sibyll das war eine gute Interpretation. Nicht mehr." Aber warum lässt sie mich dann weiter unterrichten? Insgeheim weiß sie, dass ich die Gabe besitze! Keine Interpretation! Als wäre ich eine Märchenerzählerin. Als würde ich fabulieren, statt empfangen.
14. April: Ich fühle mich leer. Die große Linie, die klar durch mein Blut ziehen sollte, ist wieder nur ein Nebel im Nebel. Warum nur finde ich den Fokus nicht? Warum flackert mein inneres Auge, wie eine Kerze im Wind?
18. April: Ich habe eine antike Teekanne für meine Sammlung ersteigert. Mundungus Fletcher überreichte mir das Zertifikat persönlich, sie ist ein Vermögen wert!"
Hugo hielt inne. "Blätterst du um?"
Sahara tat es, zog die Füße zu sich auf den Stuhl und umschloss sie mit ihren Armen. Dann lauschte sie weiter seinen Worten.
"22. April: Betrüger! Verräter! Ein gefälschtes Zertifikat! Oh, aber seine Zukunft ist düster! Gerade als ich meiner Wut Luft machte und intensiv an diesen Fletcher dachte, sah ich den Grimm! Welch eine Wohltat.
1. Mai: Heute hörte ich, wie Mr. Wendler und diese schreckliche Miss Bloxy hinter meinem Rücken kicherten.
‚Wette, die Alte sah heute schon fünf Mal die Apokalypse in ihrem Frühstück.‘
‚Hat wohl wieder zu viel Teedampf geschnüffelt und ihren Verstand vernebelt.‘
Diese Kinder glauben, ich höre sie nicht. Doch ich höre alles. Ich fühle ihre Gedanken, lange bevor sie ihre Worte finden. Was wissen die schon vom Gewicht des Wissens? Von der Einsamkeit, die jene begleitet, die mehr sehen als Schein?
3. Mai: Ich bin nicht die Hochstaplerin, wie alle sagen! Ich habe es satt, lächerlich zu wirken. Ich bin keine Kuriosität, ich bin kein Gespenst! Ich bin eine Seherin. Eine echte. Auch wenn meine Gabe in diesen Tagen schläft.
8. Mai: Der Grimm ist mir erneut erschienen. Oh weh. Und keiner glaubt mir."
Sahara blätterte um.
"Sie wirkt verzweifelt, oder?" Er las weiter.
"12. Mai: Heute beim Meditieren gab es einen Moment. Ein Zittern im Raum, ein Flüstern, nicht hörbar, doch deutlich. Ja! Ich fühlte ihn. Seine Präsenz, stark, ruhig, humorvoll? Nicht von hier.
Ich muss diese Idee weiterverfolgen. Ich werde einen Kreis im Nordturm ziehen. Vielleicht gelingt der Kontakt.
17. Mai: Ich hörte die Stimme! Er spricht zu mir! Ich kann meine Gabe durch astrale Energie verstärken! William erwähnte, der Stab sucht sich den Zauberer. Nicht umgekehrt. Genauso ist es bei den Toten! Man ruft sie nicht. Sie kommen zu einem!
21. Mai: Meine Überredungskünste haben gefruchtet. Es ist vollbracht! Und zum ersten Mal hörte ich nicht nur, ich sah ihn! Er formte sich aus silbernem Rauch, der zwischen den Welten webt! Er ist ein lebender Mann! Die Sterne standen in Konvergenz mit dem achten Haus, Saturn hat sich geneigt. Will hat es für mich berechnet! Und er kommt hier her, für mich. Ich kann das Tor öffnen."
Hugo lehnte sich nachdenklich zurück. "Das klingt nach einem astralen Experiment. Als hätte sie Mächte aus dem Jenseits beschworen, um ihre Sehergabe zu verstärken."
"William. Sie schreibt von Professor Ashross. Ich fand das Tagebuch bei ihm. Und sagtest du nicht, dass er letzten Juni hier anfing? In dem Monat starb sie." Sahara brauchte die Frage nicht auszusprechen, der Verdacht schwebte fast greifbar im Raum.
Hugo betrachtete sie für einen Moment schweigend. Dann meinte er: "Düster genug wär der Kerl ja."
Sahara blätterte um. "Les' weiter."
"2. Juni: Das Ritual ist vollbracht. Der Pakt geschlossen. Ich werde sehen, was nicht gesehen werden darf. Doch warum zittert meine Hand beim Schreiben?
7. Juni: Der Grimm! Der Grimm! Er kommt!
9. Juni: Die erste Übertragung ist erfolgt. Ich weiß nicht, ob ich triumphieren oder fliehen soll. Es war, als hätte jemand meine Augen geöffnet! Nicht nur nach vorn. Auch zurück. Hinunter. Und hinauf! Unbeschreiblich! Ich sah Dinge, die ich nicht rief. Ich spürte ihn. Eine ganze Welt!
Mein Puls zittert noch immer. Ich habe meine Essenz berührt oder ein Echo davon. Es kostet Kraft. Zu viel? Ich muss vorsichtig sein. Aber ich werde die Verbindung mit einer Kristallkugel stabilisieren und den Pakt befolgen, so wie er mich anwies."
"Die Kugel!", flüsterte Sahara aufgeregt.
"Du hast sie gesehen, nicht wahr?", erriet Hugo ihre Gedanken. "Hey, alles okay? Du zitterst ja."
Sie nickte langsam.
"Sollen wir eine Pause machen?"
"Nein, weiter." Sahara schlug die nächste Seite auf und schlang die Arme fester um ihre angewinkelten Beine am Stuhl.
"12. Juni: Diese Schatten in den Augen, ich ertrage sie nicht länger! Er ist uralt! Eine düstere Täuschung! Wie ein schwarzes Loch!
14. Juni: Ich sehe den Grimm jetzt jeden Tag. Und das Monster lacht. Es war ein großer Fehler! Seine Gegenwart, wie ein Riss im Äther. Und ich kann den Pakt nicht rückgängig machen.
15. Juni: Er raubt mir Energie. Ich war wieder drüben und hatte eine Idee. Ein schwacher Funke Hoffnung. Meine Finger werden taub, mein Blick geblendet vom Licht hinter dem Licht. Es lebt. Er lebt. Aber vielleicht gibt es noch einen Ausweg.
16. Juni: Der Kreis ist durchbrochen."
Der Bibliothekar verstummte.
Sahara blätterte langsam um und flüsterte: "An dem Tag starb sie!"
Hugo fuhr mit der Hand über die Seite und las den letzten Eintrag.
"17. Juni: Er kommt. Jetzt. Raubt mir die letzte Energie! Diese Ratte! Das lasse ich nicht zu! Ich gehe nicht! Ich habe zu tief in die Kugel geschaut. Aber mich bekommst du nicht! Der Pakt frisst mich auf! Hilfe!
Wenn jemand dies liest: Vertraue niemandem. Nicht der Kugel. Nicht dem Abbild. Nicht der Ratte! Er ist da! Es ist ... vier Buchstaben."
"Ein Dämon namens Vier-Buchstaben?"
"Nein. Die Tinte vom letzten Wort ist verwischt." Er strich mit dem Finger darüber. "Könnte sein Name sein, Will als Kurzform von William?"
Sahara stützte den Kopf an ihren Knien ab und dachte nach. "Gibst du mir ein Inhaltsverzeichnis, sprechendes Buch?"
"Ich fasse zusammen." Hugo klatschte fröhlich in die Hände. "Trelawney öffnet ein stabiles Tor. Sie schließt einen Pakt mit einem Astralwesen und erhält von ihm Energie, um ihre Seherfähigkeiten zu verbessern. Das klappte. Aber dann hat es ... er ... vielleicht das schwarze Loch, sie umgebracht. Nein, warte" Er machte eine Pause und wurde blass. "Mein Name hat auch vier Buchstaben. Könnte ich das Monster sein, ohne es zu wissen?"
Sahara runzelte die Stirn. "Sie hat dich im Text nie erwähnt."
Angespannt fuhr er sich durch die Haare. "Ja, oder? Und wieso nicht? Immerhin kannten wir uns. Und ich war immer nett zu ihr! Sahara, das gefällt mir nicht."
"Du stehst da ja auch nicht drin. Aber sie erwähnt Professor Ashross. Die Muskeln unter seinem Lederumhang kamen mir allerdings ziemlich physisch vor. Soll ich ihn in der nächsten Astronomiestunde bitten, sich mal komplett auszuziehen, um zu sehen, ob da ein Dämon unter seiner Kleidung steck?"
Hugo lachte erleichtert. "Lieber nicht. Vielleicht ist das Wesen aus der Kugel auch längst verschwunden. Mit dem Tod deiner Tante wurde der Pakt möglicherweise aufgelöst. Das einzige, was zurückblieb, ist die offene Kugel."
"Eine Verbindung ins Jenseits", sagte Sahara leise.
"Lass mich raten. Du hast reingeschaut und sie zeigt jemanden, den du früher gut kanntest." Hugo blickte sie abwartend an. Dann fragte er: "Dein Daddy?"
"Wenn du schon heimlich in meinem Kopf herumspionierst, kannst du dort bitte gleich meine chaotischen Gedanken ordnen und ein wenig putzen? Das wär nett."
"Er fehlt dir, das ist offensichtlich. Ich kombiniere nur. Du willst zu ihm, nicht wahr? Das ist ... nicht gut, Sahara. Nicht so. Das lässt du schön bleiben."
"Ich stehe längst auf dem Gleis." Sahara sprang auf. "Du hältst mich nicht auf!"
"Hab ich nicht vor." Hugo blieb ruhig sitzen. Er überlegte, schien mit sich zu ringen, doch dann meinte er: "Na gut. Ich kann dein Zug sein, wenn du willst."
Drückende Stille breitete sich in der Bibliothek aus. Meinte er das ernst?
"Noch besser, ich zeige dir, wie du ihn steuerst." Er lächelte und begann zu flüstern. "Kein Wort zu irgendjemanden, klar? Wenn das wer rauskriegt, bringt mich das nach Askaban. Worüber du da nachdenkst, ist eine ganz blöde Idee. Aber so stur wie du bist, bist du sowieso nicht davon abzuhalten. Da zeige ich dir lieber eine angenehmere Alternative, wie du deinen Daddy erreichst."
Zwischen den Welten
"Das hier bleibt unter uns", wiederholte Hugo seine Warnung und verriegelte hinter ihnen die Luke mit dem astralen Mechanismus. "Wenn wir erwischt werden, gibt das Ärger für uns beide."
"Ich weiß", flüsterte sie. "Ich erzähl’s nicht mal dem Mond."
Die beiden durchquerten das Wahrsageklassenzimmer und traten dann auf die offene Kristallkugel im Hinterraum zu. Der Bibliothekar hielt diesen Ort für am geeignetsten. Es war ruhiger als in der Bibliothek und die Nähe zur Kugel verstärkte die Verbindung ins Jenseits. Sahara wollte ja nicht irgendwo auftauchen, sondern jemand bestimmten treffen, der dieses offene Tor bereits kannte, schließlich hatte sie ihren Daddy darin gesehen. Heute wirbelten lediglich leuchtende Nebelschleier darin umher. Kein Gesicht. Wo war er? Leicht enttäuscht zündete sie zwei Lampen außerhalb des Kreises an.
"Verflucht, ich sollte gar nicht hier drin sein." Hugo setzte sich in einen der gemütlichen Ohrensessel. Er wirkte nicht unglücklich, sein Lächeln jedoch versteifter als sonst. "Im Liegen ist es leichter zu entspannen, aber Sitzen ist besser für dich, es soll nicht zu bequem sein, sonst schläfst du mir hier weg."
"Könnte Tante Trallala uns nicht stören?", gab Sahara zu bedenken. Sie setzte sich ebenfalls innerhalb des verwischten Kreises auf einen Sessel ins Zentrum an den Tisch.
"Eher nicht. Wenn sie hier wirklich ermordet wurde, würde sie diesen Ort zwar umschwirren aber ein direktes Eindringen meiden." Er lehnte sich entspannt zurück. "Also gut. Ich leite dich."
"Ich steh auf deiner Linie, leite mich. Verwandle sie bloß nicht in eine Zahl, sonst kommt mein Kopf nicht mehr mit." Sahara zog ihre Beine an sich heran. "Was soll ich tun?"
"Wenig. Oder besser, gar nichts. Mach die Augen zu. Atme weiter. Kein Zwang. Wenn dein Gehirn Lärm macht, hör zu. Aber bleib selbst still und beobachte nur. Wie bei einem Geheimnis, das sich von selbst offenbaren will."
Sahara schloss die Augen. Der Raum war still. Kleinste Staubkörner trieben lautlos umher. Die Luft fühlte sich greifbar dicht an, eine Schwere, die von der Kugel vor ihnen auszugehen schien. Ein sanfter Windhauch wanderte durch das gekippte Fenster und ließ die vielen bunten Vorhänge an den Wänden flüstern.
"Entspanne jeden Muskel deines Körpers. Du musst komplett locker werden, als würdest du fallen. Lass ihn hier liegen. Wenn du später zurückwillst, denk nur daran, hier zu sein. Das reicht. Meistens." Hugos Stimme klang ruhig und es war auffällig, dass er absichtlich leise sprach.
Sahara entspannte sich.
"Warte, bis deine Gedanken verstummen, dann weitest du dich, konzentrierst dich auf deinen Astralkörper. So wie beim Mechanismus der Tür. Nur dass du dieses Mal alles brauchst, nicht nur einen Arm."
Sie atmete ein. Aus. Noch mal. Langsam.
"Gut. Spür es fließen. Hörst du das Rauschen der Schwingungen? Stell sie um. Kontrolliere sie. Verlangsame sie. Reite auf ihnen. Davon. Zerfließe. Vielleicht ruft jemand deinen Namen. Sahara."
Der Raum hinter ihren geschlossenen Augen wurde gefühlt immer dunkler. Oder war das nur ihr Blick ins Nichts? Dieses Nichts besaß keine Farbe. Kein Geräusch. Nur eine Präsenz, die ihr sagte: Hier endet alles, was du verstehst.
"Vergiss dabei die Kugel nicht. Sie ist dein Tor. Dein Eingang."
Sie konzentrierte sich auf den leuchtend runden Kristall, sah die glatt polierte Oberfläche im Geiste. Das Motiv formte sich. Bewegte sich. Da! Ein Flimmern! War das ein Umriss? Ein Gesicht?
"Bleib nicht am Bild hängen", murmelte Hugo. "Du willst nicht in die Kugel, du willst durch sie hindurch."
Sahara ließ los. Ihre Gedanken flatterten weiter. Energie kroch ihre Wirbelsäule entlang, kribbelte, weiter nach oben, bis ... nichts.
Sie spürte, wie ihr physisches Kinn zur Seite sank, unkontrollierbar, weit entfernt. Ihre Atmung wurde tiefer. Graue Tintenfässer tanzten um ein Lagerfeuer. Irgendwo neben ihr schwebte eine Demiguise Statue mitten in der Luft und hüpfte summend auf und ab.
"Oder du schläfst einfach ein", meinte der Bibliothekar lachend von irgendeiner anderen Welt aus. "Ist auch okay. War zu erwarten bei deinem ersten Versuch."
Der Montag war grau und windig. Sahara nahm an Zauberkunst teil, kritzelte in Alte Runen irgendwelche Zeichen und nahm das Geblubber von Mr. Flatterbart in Arithmantik gar nicht wahr. Ihr Kopf war gefüllt mit Ideen, was sie besser machen konnte, um aus dem Körper auszutreten. Beim ersten Versuch gestern war sie zu müde gewesen. Hugo hatte sie nicht geweckt und einfach schlafen lassen.
An diesem Abend versuchten sie es erneut. Doch Sahara war zu aufgedreht. Sie hatte den ganzen Tag über an nichts anderes denken können und der Bibliothekar meinte, sie wolle es zu sehr und müsse loslassen. Die nichtphysischen Körper reagierten mit Druck und Zwang auf das genaue Gegenteil des gewünschten. Es klang einfach, aber in der Praxis war das wie ein Muskel, den man noch nie benutzt hatte, einer der standardmäßig angespannt war und den man jetzt lockern sollte.
Am Dienstagnachmittag nach Kräuterkunde hatte sie etwas mehr Zeit. Sie verbrachte mittlerweile jede freie Minute vor dieser verdammten Kugel im Nordturm.
"Das Gleichgewicht zwischen Wachen und Träumen wär am frühen Vormittag besser." Müde lehnte sich Sahara nach drei Fehlversuchen direkt hintereinander in den Polstersessel.
Hugo schüttelte den Kopf. "Möglich, aber dein Stundenplan sagt Nein. Wenn du den Unterricht ausfallen lässt, weckst du zu viel Aufmerksamkeit der Lehrer. Keiner darf mitbekommen, was du hier machst, das ist wirklich wichtig, Sahara. Gib dir Zeit. Du erwartest zu viel auf einmal."
"Ich will nichts anderes."
"Wollen reicht aber nicht. Es ist eher wie Schwimmen lernen, du kannst nicht erzwingen, dass das Wasser dich trägt. Du musst lernen, dich auf die richtige Frequenz einzuschwingen, deinen Zustand dem Ziel anpassen. Als Stein, der auf die Oberfläche prallt, gehst du nur unter. Sei kein Stein mehr."
Sahara schwieg, doch seine Worte blieben die ganze Nacht über in ihrem Kopf hängen.
Am nächsten Morgen wartete sie, bis alle Schüler beim Frühstück waren. Es war Mittwoch, also wartete heute Vormittag nur eine Stunde Arithmantik auf sie. Nun, die konnte lange warten. Sahara kam bei den vielen Zahlen sowieso nicht mit. Das war die sinnvollste Streichung aller Zeiten. Hinfort mit den fehlgeleiteten Zahlen und hinauf in den richtigen Wahrsageturm.
Während die anderen Schüler in die Klassenzimmer drängten, schlich Sahara durch das Schloss und betrat die mittlerweile sehr vertrauten Räume ihrer Tante. Sie konnte an nichts anderes mehr denken, als ihren Daddy endlich wieder zu sehen.
Hugo war dieses Mal nicht dabei. Vielleicht war das gut so, er sollte wegen ihr keinen Ärger bekommen. Sie machte es sich im Polstersessel bequem.
Die Luft hier innerhalb des verschmierten Kreises fühlte sich heute wärmer an als sonst. Das Glas vor ihr zeigte wie üblich neblig leuchtende Schleier. Würde er heute auch wieder erscheinen? Beim gestrigen Versuch hatte sie kurz das Gefühl seiner Anwesenheit erspürt. Doch im Moment lag alles ruhig vor ihr, knisternd, wie die Ruhe vor einem Sturm. Der Anblick ließ etwas in ihr vibrieren, wie ein Rätsel kurz vor der Offenbarung. Gepackt mit Erwartungen und voller Energie schloss sie die Augen und atmete.
Atmete.
Das Vibrieren in ihr wurde stärker, schwoll an zu einem leisen Rauschen. Lava stieg in ihr auf, verdichtete die Energie immer weiter und weiter.
Atmete.
Das Kribbeln kroch über alle Körperteile, fast angenehm. Ihre Gedanken verabschiedeten sich, ohne dass sie es richtig merkte. Wo befand sie sich? Klang nach einer dieser Muggelautobahnen oder das Dröhnen ihrer seltsamen Fluggeräte aus Stahl, die niemals mit einem Besen mithalten konnten.
Atmete.
Gleich würde sie explodieren. Sahara konzentrierte sich auf die Kristallkugel, wie Hugo sie immer wieder erinnert hatte, die Verbindung zum Anderswo. Wo und wann auch immer. Es gab keinen physischen Raum mehr. Es war alles. Da.
Sie ließ los.
Sie fiel, frei von jeglicher Anziehungskraft. Und die Glaskugel ihres Fokus zerfiel in Licht. Gelöst von Raum und Zeit, ein Gedanke im Strom des Lichts, überall und gleichzeitig nirgendwo. Leuchtende Striche flutschten an ihr vorbei oder war sie es, die durch das Sein oder nicht Sein jagte? Schließlich schwebte ihr Ich am Ende des Tunnels, auf der anderen Seite der Verbindung.
Sahara fühlte sich so leicht wie noch nie. Ein Duft von süßen Orangen streifte ihre Nase. Sie mochte diese Früchte. Moment, sie besaß eine Nase?
Die Umgebung zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, als sich direkt neben ihr ein kleiner Tisch mit einer Schale frischer Orangen formte. Wie zu Hause. Jetzt erschien ein prächtiges, goldenes Tor. Das gab es in ihrem Haus in Grönland allerdings nicht. Doch es passte gut dazu mit den prunkvoll leuchtenden Mustern daran. Daneben formten sich Wände aus Stein in der wohltuenden Stille. Sahara fühlte sich geborgen und richtig. Sie war endlich wieder hier! Wohl bekannte Vertäfelungen gaben dem Raum eine Gemütlichkeit und wunderschön gearbeitete Besenstiele hingen über dem Kamin. Nicht über irgendeinem, sondern dem Kamin! Genau derselbe wie zu Hause in Grönland! Und das Feuer darin brannte.
Sie genoss die Wärme auf ihrer blassen Haut. Unerwartet stellte sie fest, dass sie tatsächlich einen Körper besaß, sogar recht fest hier drüben, fast wie physisch.
"Prinzessin."
Diese Stimme!
Sahara wirbelte herum.
Da stand er! Einfach so. Wie früher. Vielleicht ein wenig strahlender und doch in seinen gewohnt dunkelgrünen Gewändern. Für einen Moment entwich ihm eines seiner seltenen Lächeln.
"Daddy", flüsterte sie.
Er nickte. Einmal. "Du hast es geschafft."
Sie öffnete den Mund, wollte etwas sagen, ihm tausend Fragen gleichzeitig stellen, ihm von Hogwarts erzählen und dem Bibliothekar, vom Mord an ihrer Tante und wie einsam sie sich fühlte ohne ihn, so weit fort von zu Hause. Doch in diesem Moment riss es sie zurück. Wie ein Gummiseil schnellte sie erneut durch den Tunnel.
In der Ferne bewegte er seine Lippen, aber seine Stimme schaffte es nicht mehr an ihr Ohr. Und als hätte sie ein kalter Schwall Wasser überraschend überschüttet, sprang Sahara aus dem Sessel.
Beinahe hätte sie dabei die Kugel vom Tisch gefegt, die jetzt wie verrückt leuchtete und in der ein regelrechter Sturm herum wirbelte. Sahara stoppte sie gerade noch rechtzeitig und setzte das Glas wieder auf den Träger.
Woher kam dieses Licht?
"Er ist da, Kind, du musst fort! Fort! FORT!", schrie der Geist Tante Trallalas über ihr. Silbrig schimmernd schwirrte sie im Zickzack und völlig unkoordiniert im Raum umher, als würde die Gestalt einer unsichtbaren Linie folgen, die niemand außer Ihr sehen konnte.
"Wer?", fragte Sahara noch nicht ganz klar im Kopf. Die alte Professorin war dafür verantwortlich, dass ihre außerkörperliche Reise ein so schnelles Ende fand!
"Das Monster! Die Ratte! Ich spürte ihn nahen, stärker werdend! Seine Energie wächst! Lauf, Mädchen! Raus! Er wird dich aussaugen!" Wieder schoss sie mitten durch Sahara hindurch.
Sie schüttelte sich vor Kälte. Verflucht, das war noch eisiger als Hugos Haut. Sie floh vor dem verrückten Geist Tante Trallalas, durch das Klassenzimmer, rannte die Treppe hinab. Bloß weg von ihr! Sahara schloss gerade noch die schräge Luke, drehte sich um ... und starrte dem Tod ins Auge.
Düster.
Lauernd.
Und verdammt wütend.
Still und fest wie ein Fels stand er vor ihr. Als wäre er nach tausend Jahren aus seinem Sarg erwacht. Wenn sie gedacht hatte, das Durchqueren eines Geistes wäre kalt, hatte sie sich geirrt. Professor Ashross‘ Blick hatte die Temperatur von flüssigem Stickstoff.
"Sie wirken hungrig, Professor Ashross", meinte sie. "Haben Sie heute noch keinen Erstklässler zum Frühstück gefressen?"
"Mitkommen."
Viele Vielleichts
"Schülern ist der Zutritt zum Nordturm untersagt. Und bevor Sie anfangen zu fantasieren, Ihre Vielleichts interessieren mich nicht. Ich erwarte eine ehrliche Erklärung."
Sahara stand wieder im kahlen Büro des Professors. Nur der massive Schreibtisch, abgesehen von seinem Stuhl das einzige Möbelstück im Raum, durchbrach die Leere. William Ashross’ durchbohrende Augen hafteten auf ihr und gaben ihr das Gefühl, er beschuldige sie, die Sterne auf seinem geliebten Nachthimmel durcheinandergebracht zu haben. Sah aus, als würde sie dieses Mal nicht so leicht davonkommen. Vielleicht verwandelte er sie zur Strafe in einen Vampir.
"Vielleicht hab ich mich verlaufen und das Verbotsschild übersehen? Oder vielleicht will ich Sie einfach nur ärgern. Welches Vielleicht ist Ihnen lieber?"
"Nicht diese Art von Ehrlichkeit, Miss Flint." Er stand mit verschränkten Armen vor ihr. "Sie wissen, dass dort der Wahrsagebereich Ihrer Tante liegt. Und ich weiß, dass Sie es wissen. Und Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie zu dieser Stunde eigentlich in Arithmantik sitzen sollten."
Für einen Moment meinte sie beinahe, Humor in seiner Stimme zu hören. Fast. "Kristallkugeln verraten mehr als Zahlen."
"Vielleicht." Er betonte das Wort. "Doch ich warnte Sie. Gehen Sie nicht durch gewisse Türen, wenn Sie am Leben bleiben wollen."
"Vielleicht will ich das nicht. Vielleicht wäre ein Date mit dem Tod lohnenswert? Vielleicht ist der Herr Sensenmann ein netter Kerl?" Vielleicht sehen sie ihm ähnlich, fügte sie in Gedanken hinzu.
Der Professor schwieg und setzte sich. Sein langsames, lautes Ausschnaufen bedeutete wohl, dass ihm (vielleicht) eine Fliege in die Nase geflogen war.
"Das ist ein Problem, Miss Flint, das professioneller Hilfe bedarf", meinte er, als würde er über ein defektes Uhrwerk sprechen. "Ich werde Samstag beim nächsten Termin mit der Medihexe aus St. Mungos anwesend sein. Wir besprechen das."
Sahara verzog das Gesicht. "Sehen Sie, Mr. Professor – ich bin noch fieser als der Tod – Ashross? Das beweist doch, dass Ehrlichkeit nur Ärger macht! Samstagvormittag hab ich schon was vor."
Zufrieden wirkend lehnte er sich zurück und verlangte: "Genauer."
"Ich treffe mich mit ..." Oha, fast hätte sie 'Daddy' gesagt. Sie stockte. Was passierte hier? Wie hatte er es geschafft, dass sie plötzlich so offen sprach? Ruhig. Atmen. Sie hatte auch nicht erwartet, dass er tatsächlich mehr Infos wollte. "...einem Freund", vollendet Sahara den Satz.
Seine skeptische Miene zeigte, dass er nicht glaubte, sie hätte überhaupt Freunde. "Unterhaltungen mit Porträts werte ich weder als soziale Interaktion noch als Entschuldigung. Reden Sie mit realen Menschen, Miss Flint!"
"Vielleicht sind Sie ja gar nicht real. Vielleicht ist das hier nur eine Halluzination? Oder vielleicht sind Sie ... eine Ratte?"
Er reagierte nicht sofort. Dann nickte er, als würde er ihre Anspielung verstehen, fast zustimmend, doch er ging nicht weiter darauf ein. "Die Alternative ist kein Vielleicht. Verweigern Sie weiterhin Hilfe anzunehmen, verlassen Sie das Schloss. Auf direktem Weg in eine geschlossene Einrichtung."
Das war ungünstig. Sehr ungünstig. Ein Desaster. Das Portal zu Daddy befand sich hier. Und es war nicht beweglich. Wenn die Kristallkugel den Kreis von Tante Trallalas Experiment verließ, würde sicher auch die Verbindung ins Jenseits brechen.
"Nachmittag", murmelte sie. "Vormittags muss ich mich – vielleicht – mit einem Porträt unterhalten."
"Vierzehn Uhr. Lebend."
Kurz bevor sie die Tür erreichte, legte er nach und seine Worte trafen sie wie scharfe Wurfsterne von hinten: "Und Miss Flint, das gestohlene Tagebuch liegt bis heute Abend auf meinem Tisch. Dieses Erbstück gehört mir."
Sahara verließ sein Büro, ohne sich umzudrehen.
"Du musst vorsichtiger sein", sagte Hugo am nächsten Tag lächelnd. "Unterricht schwänzen, auch wenn's deine verhassten Zahlen sind, sind genau solche Dinge, die seine Aufmerksamkeit erregen. Ich will doch nicht, dass meine liebste Sahara vom schwarzen Loch aufgesaugt wird."
Es war Donnerstag Nachmittag und sie saßen zusammen zwischen zwei vergessenen Bücherregalen in einer abgelegenen Ecke der Bibliothek. Sahara brachte ihn auf den neusten Stand der Dinge.
"Er ist die Ratte, oder?", flüsterte sie. "Was, wenn er Tante Trallala wirklich umgebracht hat?"
"Und er unterrichtet einfach weiter, als wär nichts gewesen. Ich war schon immer der Ansicht, dass dieses Monster zu gruselig ist für einen Menschen. Das Tagebuch deutet leider ebenfalls darauf hin. Hast du es ihm zurückgegeben?"
"Gestern. Vor seinem Unterricht."
Hugo sah sich vorsichtig um, dann reichte er ihr ein paar Sternkarten mit Daten vorbeiziehender Kometen. "Für deine Astronomie Hausaufgabe. Mit freundlichen Grüßen von deinem Lieblingsbibliothekar."
Sahara steckte sie erfreut in ihre Tasche. Sie sollten den Einfluss vorbeiziehender Objekte auf das Holzwachstum untersuchen. So spannend sein Unterricht auch war, Professor Ashross‘ durchbohrender Blick verfolgte sie bis in ihre Träume. Seine Mahnung in Erinnerung, hatte Sahara es heute Morgen sogar geschafft, sich in die Gewächshäuser zu schleppen, obwohl jeder Muskel in ihr rebellierte. Wenigstens gab es in Kräuterkunde kaum Hausaufgaben. Da sie Professor Flatterbarts Fach ja geschwänzt hatte, war von gestern nur noch eine Gruppenarbeit für Alte Runen offen, Antonios Lieblingsfach, was hieß, er würde alles für sie erledigen. Andere Schüler waren manchmal doch nützlich.
Hugo war nicht begeistert von ihrem gestrigen Alleingang. Doch als sie von ihrer astralen Begegnung mit Daddy erzählte, hellte sich seine Miene auf, seine Augen leuchteten regelrecht.
"Oh, das ist wundervoll! Du hast ihn getroffen? Es hat funktioniert!" Aufgeregt klatschte er in die Hände. "Und? Wie war er? Details, meine Liebe!"
Sie zögerte. "Seltsam", sagte sie schließlich. Und bemerkte, wie falsch sich dieses Wort anfühlte. Denn in dem Moment dort drüben war es alles andere als seltsam gewesen. Es war Wärme gewesen. Liebe. Hoffnung. "Es fühlte sich an, als würde mein Herz schmelzen. Nur die paar Sekunden bei ihm reichten nicht einmal für einen schlechten Witz."
"Ach, das kommt noch." Der Bibliothekar lächelte aufmunternd. "Wirst seh‘n, beim nächsten Mal bleibst du bestimmt länger drüben. Ich freu mich riesig für dich! So genial, dass es endlich geklappt hat!"
Der heutige Tag wäre perfekt für einen weiteren Versuch. Keine Stunden mehr, doch ihr rasender Puls sagte Nein. Die Gedanken an Professor Ashross fuhren in ihrem Kopf Karussell. In seinem Unterricht saß sie mittlerweile ganz hinten, möglichst weit weg von ihm. Doch selbst dort fühlte sich seine Anwesenheit an wie ein Messer, das durch ihre angeblichen Masken schnitt.
"Wenn ich morgen Vormittag Zauberkunst schwänze, könnte ich-"
"Halt, Sahara", unterbrach der Bibliothekar sie. "Das wäre zu auffällig. Ich will nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst. Ich fühle mich verantwortlich dafür, immerhin hab ich dir gezeigt, wie es geht. Vergiss nie, dass du verbotene Magie anwendest. Niemand darf davon mitbekommen. Geh nicht das Risiko ein, erwischt zu werden und durch Ungeduld wieder alles zu verlieren."
Sie seufzte. Er hatte ja recht. Leider. "Na gut. Dann Samstag."
Der Samstag begann still. Die Vorhänge der Fenster im Nordturm bewegten sich kaum, als hielten selbst die Geister der Zugluft den Atem an. Sahara schloss sie und zündete die beiden Lampen außerhalb des Kreises an, wie sie es immer tat. Das Licht brach sich in der Kristallkugel, die ruhig in ihrer Halterung thronte, ein blasses Auge voller Nebelschleier, das sie schweigend anstarrte.
"Ich gehe und spreche den Schutzzauber." Hugo warf einen Blick zum Fenster, als würde dort jemand mithören. "Das wird Trelawneys Geist fernhalten. Ein weiterer Schock im falschen Moment und du landest vielleicht in der falschen Realität."
"Oder vielleicht in ihren Teeblättern", murmelte Sahara. Irgendwo in den Tiefen ihres Umhangs spürte sie die zerrissene Schokofroschkarte ihrer Tante.
"Im Ernst, es gibt da gefährliche Geschichten." Er zwinkerte lachend und legte ihr die eiskalte Hand auf die Schulter. "Bleib einfach im Übergang, wenn du davor abbiegst, könntest du dich verlieren. Verstehst du?"
"Voller Fokus auf die Kristallkugel bis ich durch bin."
Der Bibliothekar nickte und verschwand. Sie hörte das Klicken der Luke drüben im Klassenraum, dann herrschte Stille. Sahara setzte sich in den Sessel im Zentrum des Kreises. Ihre Finger glitten über eingeritzte Runen im Tisch, die wie ein Kompass auf die Kugel zeigten. Die Luft schien sich zu verdichten. Sie schloss die Augen.
Atmete.
Ein.
Aus.
Wieder. Langsamer. Tiefer. Ihre Glieder wurden schwer. Dann leicht. Dann nichts.
Sie glitt magnetartig durch die Kugel, wie ein Wasserstrahl und gleichzeitig nicht materiell. Farben flackerten. Geräusche ohne Quelle. Orangenduft aus dem Nichts. Gedanken erschufen gemütlich prasselndes Feuer hinter ihr im Kamin, wie zu Hause. Und da glänzte es wieder, das goldene Tor zwischen den steinernen Wänden. Und mittendrin: ein Licht, das aus einer vertrauten Gestalt bestand.
"Da bist du." Seine Stimme war wie warmer Wind.
Der restliche Nebel um sie herum legte sich und Telemachus Flint schälte sich daraus hervor, die Haare sauber nach hinten gekämmt. Er trug sein altes, luxuriöses Hemd, das sie früher als Kind in den Schlaf gekuschelt hatte.
"Daddy." Sie trat oder schwebte einen Schritt näher. "Ich hab’s wieder geschafft!"
"Ich weiß. Ich habe dich gespürt, Prinzessin." Er strich über ihre Wange, fast als wäre er physisch. "Ich spür dich immer, wenn du in der Nähe bist."
Sie schlang die Arme um ihn. Er war fester als erwartet. Mehr da, als er sein sollte. Nicht wie ein toter Geist, eher wie ein Traum, der sich weigert, zu Ende zu gehen.
"Ich wollte dich so vieles fragen …", flüsterte sie gegen seine Schulter. "Wann kommst du zurück? Du fehlst mir so!"
"Zurück? Ich bin doch hier. Frag."
"Was ist mit Tante Trallala passiert? Wurde sie wirklich ermordet von einem Geist? Und hast du ihn gesehen? Ashross? Ist er die Ratte?"
"Es gibt hier keine Ratten. Ich weiß nicht, was mit ihr geschah, sie blieb in der materiellen Ebene. Ich bin ihr dankbar, ihretwegen fand ich diese Verbindung zu dir. Aber lass uns nicht über sie sprechen."
"Wie bist du gestorben, Daddy?"
"Das weißt du doch."
Tat sie das? "Was hast du alles erlebt da drüben?"
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Seine Augen besaßen eine Tiefe, die sie früher beruhigt hatte, hier jedoch wirkten sie eher wie ein Abgrund.
"Du kannst es selbst sehen. Wenn du willst. Komm mit."
"Wohin?"
"Zu mir. Ins Jenseits. Nur ein kleines Stück weiter." Er streckte seine Hand einladend zum goldenen Tor hin. "Es ist wunderschön dort. Keine Zahlen. Keine Regeln. Keine Masken. Nur wir und warmes Feuer."
Sahara zögerte. Die Luft flackerte um ihn, wie über heißem Stein. Etwas vibrierte in ihr, ein stummer Alarm. "Einfach so?"
"Fehlt dir der Mut?" Seine Stimme war weich, doch unter der Oberfläche lauerte etwas, das kratzte. "Folge mir, Prinzessin. Das wolltest du doch?"
"Ja." Vielleicht. Sie trat einen Schritt zurück. Warum tat sie das? Da stand er, direkt vor ihr und bot ihr genau das an, was sie sich erhofft hatte!
"Du zögerst." Seine Stimme klang jetzt dringlicher. "Aber was ist das für ein Leben dort? Sie wollen dich heilen, richtig? Weil du mich siehst. Weil du anders bist. Schon immer warst."
Er hatte recht. Niemand schien sie zu verstehen, nur Daddy. Und ... "Ashross", murmelte Sahara.
"Du erwähnst diesen Namen jetzt das zweite Mal. Er klingt wie ein Fluch."
Sahara spürte plötzlich, dass der Moment ihr entglitt. Etwas zog an ihr, fort von ihm. Nein! Sie wollte doch hierbleiben! Oder? Ihre Stimme zitterte. "Der Sog holt mich, Daddy!"
Er nickte und sein Blick veränderte sich. Seine Pupillen glühten für einen Moment rot auf und erloschen dann. Als würde der Mensch, den sie gekannt hatte, hinter einer Schicht aus Licht und Wunsch verschwinden.
"Die Materie zieht dich wieder an. Aber du kommst zurück." Er wandte sich ab. "Alle kommen zurück. Früher oder später. Und später bleiben sie."
Der Boden unter ihr löste sich auf. Der Raum zerbrach.
Rot
Sahara erwachte mit einem Ruck. Die Luft war stickig. Der Raum still. Hugo saß neben dem Sessel und las. Für einen Moment wirkte er verschwommen, doch nach ein paar Mal blinzeln wurde er scharf.
"Wie war’s?", fragte er neugierig. "Bist du ihm wieder begegnet? Was hat er gesagt?"
Ihre Hände zitterten. "Ich soll bei ihm bleiben."
"In der Astralwelt?" Er legte das Buch beiseite und seine Stirn in Falten. "Unwahrscheinlich. Das ist kein dauerhafter Ort für ehemals Lebende."
"Nein, ich meine, er wollte, dass ich ihm weiter hinein folge, durch das Tor, ins Jenseits."
"Achso. Das ist ja großartig, Sahara! Genau das war dein Wunsch, oder nicht? Dass du wieder zu ihm kommst?"
"Ja." Sie starrte in die Kristallkugel, als könnte sie noch ein Echo seiner Stimme darin erkennen. "Vielleicht will ich das. Ein bisschen."
Ihr Blick fiel auf eine alte Wanduhr. Oh, Moment, ging die richtig? Wie lange hatte die Astralreise gedauert? Was stimmte mit dieser Zeit nicht?
"Mist, der Termin! Muss los, sonst lässt mich das schwarze Loch einweisen!"
Sie sprang auf, ließ Hugo zurück und rannte aus dem Turm.
Sahara betrat den Krankenflügel mit hochrotem Gesicht und klopfendem Herzen, nicht nur vom Rennen. Sie war pünktlich. Gerade so.
Es roch nach Lavendel und Desinfektionszauber. Professor Ashross wartete bereits am Eingang eines Nebenzimmers. Neben ihm stand eine Medihexe mit glatter, porzellanartiger Haut. Die Frau blickte von einem Schreibbrett auf und lächelte so sanft, dass es in Sahara Unbehagen weckte.
"Miss Flint. Sehr schön! Kommen Sie rein und setzen Sie sich bitte." Ihre Stimme klang wie abgestandener Tee gegen Blasenentzündung. Freundlich, aber lauwarm und nutzlos.
Sahara trat wortlos an ihr vorbei in den Raum und setzte sich an einen Tisch. Die anderen beiden folgten ihr.
Professor Ashross blieb an einer Wand stehen und verschränkte die Arme, während die Frau sich ebenfalls setzte.
"Ich bin Heilerin Tina Varnes, vom St. Mungos. Ich bin hier, um ein bisschen mit Ihnen zu sprechen. Sie müssen nichts tun, was Ihnen unangenehm ist. Ignorieren Sie Ihren Lehrer, ich habe ihn gebeten, sich nicht in unser Gespräch einzumischen, das macht es leichter. Wenn Sie möchten, dass ich ihn hinausschicke, müssen Sie das nur sagen."
Sahara nickte nicht. Sie schüttelte nicht den Kopf. Sie sah einfach durch die Frau hindurch.
"Gut, also beginnen wir. Sie hatten in letzter Zeit einen tragischen Verlust und Dinge gesehen, die Sie intensiv belasten. Das war sicher nicht leicht. Möchten Sie direkt über dieses Erlebnis sprechen?"
Sahara schwieg.
"Das ist in Ordnung. Sprechen wir zunächst über etwas anderes. Sie mussten sich hier an eine neue Umgebung gewöhnen. Haben Sie sich hier gut eingelebt?"
Sahara gähnte wortlos. Ein Zeitzauber wäre jetzt praktisch. In Gedanken drehte sie an der Wanduhr in Tante Trallalas Raum.
"Können Sie einigermaßen schlafen?"
Sahara blieb still. Sie blickte zu Professor Ashross. Er machte keine Anstalten, sich einzumischen. Wie ein Schatten stand er an der Wand und beobachtete sie.
"Gefällt Ihnen die neue Schule, Miss Flint?", fragte die Medihexe.
Er hatte sie nur darum gebeten anwesend zu sein, dabei aber leider vergessen zu sagen, dass sie auch den Mund aufmachen musste.
Varnes versuchte es anders: "Manchmal helfen Worte nicht. Manchmal hilft Zuhören. Ich kann gerne ein paar Dinge erklären. Gibt es etwas, worüber Sie mehr wissen wollen?"
Es war unnötig, den Professor auf diesen Fehler hinzuweisen. Er hatte einen Moment die Augen geschlossen und mit dem Kopf geruckt. So wie ihr Daddy das immer tat. Er hatte schon verstanden.
"Es ist nie leicht, wenn jemand geht, vor allem wie es passierte, muss ein Schock für Sie gewesen sein. Aber glauben Sie mir, es hilft, darüber zu sprechen."
Sahara lächelte. Der Professor schnaufte laut aus oder bildete sie sich das ein? Eine winzige Regung in dieser düsteren Statue? Um was ging es gerade eigentlich? Sie hatte längst aufgehört, der Hexe zuzuhören.
Die Heilerin seufzte, dann zog sie eine kleine Schale mit einem durchsichtigen Kristall hervor und stellte sie auf den Tisch.
"Nehmen Sie ihn bitte, Miss Flint. Keine Angst, er tut nichts, Sie werden nichts spüren."
Sahara griff nach dem Kristall, um den Professor hinten an der Wand nicht vollends zu verärgern. Der Stein leuchtete kurz auf, dann verlosch er.
"Interessant. Das ist ein Stimmungskristall", erklärte die Medihexe. "Er schlägt bei Ihnen nicht an. Wie ungewöhnlich. Möglicherweise ein Defekt."
Sahara starrte weiter den Professor an. Würde er wütend werden? Sie anschreien? Er tat nichts dergleichen. Stattdessen starrte er still zurück.
Schließlich stand Varnes auf, machte eine Notiz. "Ich befürchte, wir kommen hier heute nicht weiter. Ihr Erscheinen muss als Fortschritt genügen. Vielleicht mögen Sie nächste Woche dann ein paar Worte mit mir teilen."
Beim Hinausgehen sprach Varnes kurz mit Professor Ashross, der Sahara währenddessen mit einem ‚Steh auf und ich töte dich‘-Blick musterte. Sahara schluckte. War vielleicht keine gute Idee, den möglicherweise Mörder ihrer Tante zu ärgern. Aber gerade dieser Nervenkitzel ließ sie lebendiger fühlen. Vor allem, weil er ihre Worte verstand.
Die Medihexe ging. Er drückte die Tür mit lautem Knall zu und Sahara war allein mit dem schwarzen Loch. Gleichzeitig hatte Sie das Gefühl, Ihre Anspannung hatte mit der Hexe den Raum verlassen.
Der Kristall zwischen ihren Fingern flackerte feuerrot auf. Dann wechselte er auf Schwarz. Rot. Schwarz. Rot ...
Professor Ashross‘ Mundwinkel zuckte leicht, aber sofort gewann er seine steinerne Mine zurück. Dann wandte er sich von ihr ab.
Sahara lehnte sich erleichtert zurück. Er hatte keinen Grund für eine Strafe, oder?
An der Tür zögerte er. "Ich erwarte Sie nach dem Abendessen im Astronomieturm. Eine Stunde vor Mitternacht."
"Hallelujah. Also ist uns die Sperrstunde ab 10 Uhr jetzt egal?"
"Lassen Sie sich nicht erwischen."
"Töten Sie mich dann?", fragte Sahara, fast hoffend. Verflucht das hatte sie gar nicht sagen wollen. Schnell fügte sie hinzu: "Ich trage Schwarz. Mich sieht nachts eh keiner."
"Dann wählen Sie auch diese Farbe. Rot wird sie verbrennen. Lassen Sie die Vergangenheit los. Wählen Sie Schwarz, Miss Flint. Ihre Farbe, meine. Wählen Sie das Leben."
Bevor sie irgendetwas erwidern konnte, verließ er das Zimmer. War seine Aussage Zufall oder wusste er von dem Angebot ihres Daddys?
Sahara war ein paar Minuten zu früh am Astronomieturm. Sie hatte den restlichen Tag überlegt, ob sie wirklich hingehen sollte. Hugo war nirgendwo auffindbar, so konnte sie ihn nicht um Rat fragen, doch sicher hätte er ihr davon abgeraten. Vielleicht ging sie genau deshalb. Vor Professor Ashross‘ Büro hielt sie einen Moment den Atem an. Dann klopfte sie. Keine Antwort.
Sahara drückte die Klinke. Verschlossen.
"Na gut."
Mit einem leisen Seufzer stieg sie die knarrende Wendeltreppe zum nächsten Stockwerk empor, bis zur Tür seiner privaten Räume. Sie klopfte nicht sofort. Lauschte stattdessen. Nichts. Kein Licht unter der Tür. Kein Rascheln. Kein Leben.
Sie wollte gerade zurück in den Slytherin Gemeinschaftsraum schleichen, da ertönten Schritte von unten. Langsam, schwer. Und da war er: Professor Ashross, vermutlich Punkt dreiundzwanzig Uhr. Er trug dicke, helle Äste in den Armen. Sahara erkannte das Holz sofort.
"Silberlinde", murmelte sie fast ehrfürchtig. "Das ist mein Lieblingsholz."
"Ich weiß. Ihr Zauberstab besteht daraus."
Sie folgte ihm in seine Räume. Erstaunlich, dass ihm das aufgefallen war. "Daddy sagt, Silberlinde wär ihm zu weich, er nutzt für seine Stile lieber Mahagoni."
Ashross legte das Holz behutsam auf seinen Werktisch und ließ mit einer Bewegung der Hände Feuer im Kamin aufflackern. Stablos.
"Dieses Holz muss zur rechten Stunde geschnitten und sofort entrindet werden." Er reichte ihr eine Schutzbrille und Handschuhe. "Anziehen."
Sie durfte helfen? "Wenn das eine Strafe für mein Verhalten ist, sollte ich mich öfter daneben benehmen."
Der Professor gab ihr ein scharfes Entrindungsmesser. "Belegt mit Magieentzugszauber. Das bedeutet, Heilzauber sind wirkungslos. Vorsicht."
"Warum nicht mit einem Zauberstab?", fragte Sahara. Ihr Daddy hatte die Besenstiele immer mit dem Stab geformt.
"Holz ohne Speicherkern ist noch stark erinnerungsfähig. Es nimmt jede Magie in sich auf. Wer immer es später nutzt, sollte sich nicht mit uns verbinden."
Dann begannen sie die Äste zu entrinden.
Kein weiteres Wort fiel. Nur Schabgeräusche, das leise Knacken des Feuers und ihr gemeinsamer Atem. Einmal rutschte Saharas Messer ab und vorbei an ihrem Handschuh. Ein feiner Schnitt zog sich über ihr Handgelenk, blutete jedoch kaum. Sie verzog keine Miene und arbeitete weiter.
Als sie fertig waren, nahm er ihr das letzte Holzstück ab und legte es neben die anderen am Kamin zum Trocknen. Es war sicher lange nach Mitternacht.
Sie wollte gerade fragen, ob sie jetzt gehen durfte, als er sagte: "Setzen Sie sich."
Sahara setzte sich zögernd auf den einzelnen Polstersessel. Der Professor zog den Schemel von der Werkbank heran, setzte sich ebenfalls, krempelte die Ärmel hoch und streckte dann wortlos seine Hände aus. Sahara verstand seinen auffordernden Blick.
Langsam, fast trotzig, hielt sie ihm den verletzten Arm hin. Er betrachtete die Wunde und holte Alkohol, um sie zu desinfizieren. Es brannte leicht. Dann verband er den Schnitt mit sicherem Griff.
Sie sagte nichts und der Professor starrte ebenfalls eine Weile schweigend ins Feuer.
"Wo ist Ihre Mutter, Miss Flint?", fragte er schließlich, ohne aufzusehen.
"Sie können ja Fragen stellen."
Abwartend fokussierte er sie.
Sie entschied, dass er dieses Mal eine Antwort verdient hatte. "Ich hab keine."
"Jeder hat eine."
Müde zuckte Sahara mit den Schultern. "Keine Ahnung. Australien. Ich hab sie nie kennengelernt. Sie interessiert mich nicht. Daddy und ich interessieren sie nicht. Mein Daddy besitzt das alleinige Sorgerecht."
"Besaß, Miss Flint. Er besaß es. Begreifen Sie, was das Wort Tod bedeutet?"
"Er kommt wieder" Sie zog ihre Beine dicht an sich auf dem Sessel. "Er lässt mich nicht zurück!"
Sahara dachte nach. Daddy hatte sie eher eingeladen mit ihm zu gehen. Vielleicht sollte sie ihn auf ihrer nächsten Reise fragen, ob er nicht lieber zu ihr kommen wollte?
"Sie hatten eine tragische Vergangenheit."
Sahara lachte auf. "Nein. Wieso denkt das jeder? Meine Kindheit war super. Daddy gab mir alles, was ich brauchte."
Er wandte sich vom Feuer ab und sah sie direkt an, die Augen berechnend zu Schlitzen gezogen. "Genauer."
Unsicher lehnte sie sich tiefer in die Polster. "Na alles. Ein Zuhause. Die schönsten Kleider. Das leckerste Essen. Er half mir bei den Hausaufgaben. Er heilte mich, wenn ich verletzt war." Sie blickte nachdenklich auf den Verband um ihr Handgelenk. "Ich mochte mein Leben."
Etwas glitt aus seiner Miene. Spannung vielleicht. Er nickte. "Und jetzt nicht mehr."
Sie schwieg.
Er stand auf und begann damit die Arbeitsflächen von den abgetrennten Baumrinden mit einem Tuch zu säubern. Magielos. Vermutlich wirkte bei denen auch kein Putzzauber.
"Das Gesicht unter der Maske steht Ihnen. Schade, dass sie es anderen nicht zeigen."
Sie wusste sofort, worauf er anspielte. Der Stimmungskristall. Ob bewusst oder unbewusst, er hatte erst geleuchtet, als sie sich sicher fühlte. Sahara zog ihn aus ihrer Umhangtasche. Beim Abendessen in Anwesenheit anderer war er wieder durchsichtig gewesen. Doch jetzt blinkten die Farben erneut wechselnd auf.
"Wählen Sie die richtige Farbe, Miss Flint. Ich bin der einzige, der Ihnen das sagen kann. Rot bedeutet Schmerz. Das tut es immer."
Sie starrte ins Feuer. Die roten Augen ihres Daddys kamen ihr in den Sinn, unsicher, ob sie sich die nicht eingebildet hatte.
"Woher weiß man, ob jemand einen wirklich kennt ... oder nur so tut?", fragte sie in die Stille hinein.
Der Professor hielt in seiner Bewegung inne. "Durch falsch intime Fragen", sagte er ruhig und fuhr dann fort, die Werkbank zu säubern.
Die Flammen tanzten einschläfernd vor ihren Augen, während Sahara über seine Antwort nachdachte. Irgendwann fiel ihr Kopf gegen die Lehne. Der Kristall in ihren Fingern flackerte ein letztes Mal auf und blieb dann in einer Farbe stehen: ...
Flucht
Sahara schreckte hoch.
"Wo bin ich?"
Das Feuer vor ihr war erloschen, die letzte Glut fast kalt. Nervös zog sie die dunkle Decke fester um sich. Diese roch angenehm nach altem Holz. Harz. Erschrocken warf sie den Stoff von sich. Die gehörte nicht ihr!
"Das schwarze Loch", murmelte Sahara.
Sie befand sich noch immer in seinen privaten Räumen! Sie blinzelte gegen die Strahlen der Morgensonne an, die sich durch ein hohes Fenster in ihre Augen brannte. Neben dem Kamin lagen die entrindeten Silberlindenäste von gestern. Doch der Raum fühlte sich an, wie ein Sarg. Als wäre sie eingehüllt in schweren Samt. Keine Spur von dem Professor. Irgendwie war sie erleichtert.
Langsam stand Sahara auf. Ihre Schultern schmerzten, ihr Rücken war steif. Sie wollte sich auf den Weg zurück in den Slytherin-Gemeinschaftsraum machen und drückte die Klinke. Nichts. Die Tür war verschlossen.
Sie runzelte die Stirn. Hatte er vergessen, sie zu entriegeln? Wo war das Schloss? Es gab keines. Sahara zog den Zauberstab aus ihrem Ärmel. Oder versuchte es. Er war fort! Das Ass der Stäbe auf ihren Tarotkarten lachte sie in Gedanken aus. Der Professor musste ihn genommen haben!
Ihr Atem wurde schneller, als sie einen Zettel entdeckte, der mitten an der Tür hing und doch unscheinbar, darum bettelnd übersehen zu werden. Als wollte ihr Geist nicht wissen, was drauf stand. In schwarzer Tinte, absolut gerade und schnörkellos:
"Hier bleiben, Miss Flint! Eine Flucht führt Sie direkt in die Hölle."
Sahara wich zurück. Eine Warnung? Meinte er seine oder ihre? Schuld durchzuckte sie wie ein Blitz. Ein Bild. Rote Flüssigkeit lief über blasse Haut. Daddy! Sie musste sofort zu ihm!
Ein Schauer kroch über ihren Rücken. Professor Ashross hatte sie eingeschlossen. Das Monster. Die Ratte!
Was, wenn er sie hier gefangen halten wollte?
Ihr Puls beschleunigte sich. Der Raum, der ihr vor Stunden wie ein sicherer Hafen erschienen war, wurde plötzlich kleiner. Die Schatten länger. Das leise Knacken von Holz in der Glut klang wie drohendes Flüstern.
Was, wenn er sie nie wieder gehen ließ?
Wieder dieses viele Blut! Sie rüttelte panisch an der Tür. Daddy! Vergeblich. Das dicke Holz rührte sich nicht. Sahara spürte eine Barriere. Eine magische Versiegelung! Fast panisch presste sie ihre astralen Finger aus der Hand heraus. Doch das hier war nichts aus einer anderen Ebene, kein Mechanismus, den man eindrücken konnte.
"Daddy, bitte hol mich hier raus!"
"Sahara?" Ein kurzer Stich durchfuhr ihre Stirn.
In ihren Gedanken rief sie um Hilfe. Brüllte. Schrie. So viel Blut!
Vielleicht klappte es mit Gewalt? Sahara nahm den dicksten Ast, den sie finden konnte und schlug mit ihm gegen die Klinke. Keine Reaktion. Dann gegen Wände. Doch niemand hörte sie. Keiner antwortete.
Ihre Atemzüge wurden zu schnellen Stößen, die Brust eng, der Kopf schwindlig. Schließlich sackte sie an der Wand zu Boden, die Stirn auf die Knie gepresst. Wimmernd.
"Daddy."
"Sahara?" Ein Echo? Ein Flüstern?
Eine fremde Stimme, verkleidet, rief ihren Namen? Nein. Die Stimmen in ihrem Kopf spielten ihr einen Streich. Das Los der Seher. Sie war allein. Eingeschlossen, bis das Monster sie holen würde. Vermutlich nicht zum Reden.
Da! Ein leises Klicken.
Er kam! Sie hob hastig den Kopf und kroch rückwärts, den dicken Ast fest umklammert, bereit ihn einzusetzen.
Die Tür öffnete sich.
Ein Schatten fiel auf den Boden. Ihre Finger umklammerten das Holz fester. Dann das Klicken von Schuhen. Sie holte zum Schlag aus.
"Sahara!"
Bevor der Ast sein weißes Zahnpastagesicht traf, ließ sie den Ast fallen.
"Hugo!"
Strubbelig rötliche Haare hingen in seine strahlende Miene. Er half ihr auf die Beine.
"Woher wusstest du, dass ich hier bin?" Ihre Knie fühlten sich an wie schimmlige Tomatensuppe.
"Na du hast geschrien. Mit deiner wundervollen Stimme." Hugo lächelte. "Ich hörte dich astral, deine Gedanken trafen plötzlich auf die meinen, während ich auf dich wartete. Daddy, bitte hol mich hier raus. Klang als würdest du Hilfe brauchen." Er blickte sich um. "Ist er hier?"
"Nein. Er hinterließ eine Drohung" Sahara deutete auf seine Nachricht an der Tür.
"Oh! Wie mies!" Hugo wurde für einen Moment blass. "Schnell! Weg hier, bevor er zurückkommt!" Der Bibliothekar packte ihre Hand und zog sie mit sich hinaus.
Seine Finger fühlten sich wie gewohnt kalt an, doch es war ihr egal. Erleichtert folgte sie ihm durch das Schloss. Hugo führte sie auf direktem Weg in den Nordturm. Sahara hastete dicht hinter ihm die Treppen hoch. Fast wären sie an der schmalen Dachluke gewesen, als er plötzlich stehenblieb. Sie prallte gegen seinen Rücken und stieß die Luft aus.
"Was?", flüsterte sie.
Er hob die Hand, lauschend.
Da, Stimmen!
"Das schwarze Loch!", raunte Hugo und grinste mit blitzenden Zähnen. "Er streitet mit einem Geist."
Vorsichtig beugten sie sich um die Ecke. Dort, direkt vor der Luke zu Trelawneys Räumen, stand Professor Ashross, umgeben von geisterhaftem Licht, das wild umher flutschte. Tante Trallalas durchscheinende Gestalt gestikulierte aufgebracht mit den Armen.
"Ohje, es ist deine Schuld, Will! Deine! Ich habe es gesehen, in der Kugel! Im Tee! Im Staub auf den Bücherregalen!" Ihre Stimme klang schrill und aufgeregt.
"Sibyll, zur Seite", fauchte Professor Ashross und schoss einen Zauber gegen die astral versiegelte Tür.
"Du besitzt nicht die Seherkraft! Ihr Stab ändert nichts! Der Tod kommt auf Schuhgröße neun! Du kannst das Glas nicht brechen, es ist zu spät! ZU SPÄT!"
"Er will in ihre Räume." Hugo beugte sich dichter zu Sahara und flüsterte: "Um die Kugel zu zerstören. Die Verbindung zu deinem Vater. Er ist ein Monster, Sahara."
"Das darf er nicht!", zischte sie. "Warte, wieso nutzt er meinen Stab?"
"Keine Sorge, er wird es nicht schaffen. Er kann nicht körperlos reisen, wie wir. Aber wir müssen ihn da weglocken, damit wir reinkommen."
Sahara kaute kurz auf ihrer Unterlippe. Dann schloss sie die Augen. Sie erinnerte sich an den Moment von vorhin, als Hugo ihre Hilferufe gehört hatte.
"Was tust du?", fragte er sofort, "Sahara, meine Liebe, das ist keine gute Idee! Lass das Monster nicht in deinen Geist!"
Doch sie konzentrierte sich fest entschlossen. "Nur ein kleiner Impuls. Ich stupse ihn ganz leicht an, er wird es merken."
Etwas surrte durch die Luft. Wie ein leichter Riss im Gewebe zwischen den Welten. Und Sahara wich gedanklich sofort zurück.
Professor Ashross vor ihnen erstarrte. Drehte sich halb um, hin und hergerissen zwischen ihrer wortlosen Botschaft und der Tür.
"Sie ruft mich", sagte er.
Trelawney kreischte. "Du kannst nicht geh‘n, Will! Feigling! William! Ich spüre ihn!"
"Sie braucht mich!"
Betroffen zuckte Sahara zusammen. Doch der Professor hatte sich in Bewegung gesetzt, direkt auf sie und Hugo zu!
Hugo fluchte leise. "Es gibt nur diesen einen Abgang hier."
"Er wird uns sehen!", keuchte Sahara und wollte aufspringen.
Hugo riss sie zurück und packte sie von hinten mit beiden Armen. "Nicht bewegen. Nicht atmen."
Sie hielt die Luft an. Der Professor bewegte sich rasch, mit langen Schritten. Der Stoff seines schwarzen Mantels flatterte um die breiten, wie aus Stein gehauenen Schultern. Er trat um die Ecke. Seine Silhouette erfasste sie.
Und dann – ging er mitten durch sie hindurch.
Eis. Dunkelheit. Ein schwarzer Nachhall durchstreifte ihre Brust.
Sie schnappte nach Luft, taumelte, doch Hugo hielt sie fest, während Professor Ashross die Treppe hinab schritt, als hätte er sie nicht gesehen.
"Ein Illusionszauber?", hauchte Sahara.
"Besser." Hugo ließ sie erschöpft los und lächelte. "Verdammt hat das Energie gezogen! Das schaffe ich kein zweites Mal. Frequenzverschiebung physischer Körper." Er rang nach Atem und nickte zur Luke hin. "Los! In den Turm!"
Sie rannten durch den schimpfenden Geist hindurch, öffneten den astralen Mechanismus und Hugo begleitete Sahara in die hinteren Räume von Tante Trallala.
Trelawney war ihnen nicht gefolgt. Anscheinend hielt der Schutzzauber gegen Geister noch, den der Bibliothekar gesprochen hatte.
Sahara ließ sich in den Sessel direkt vor der Kugel fallen.
"Tss, von wegen, du brauchst ihn. Lass dich bloß nicht von ihm manipulieren, meine Liebe. Diese miese Ratte hat dich eingeschlossen!" Hugo entzündete ein paar Kerzen. "Erzähl, hat er was angestellt? Hat er dich verletzt?"
"Er ... er war so nett." Sie hatten Stäbe entrindet. Professor Ashross hatte sie sogar zum Sprechen gebracht, fiel ihr erst jetzt auf.
"Geht‘s dir gut, Sahara? Ich habe mir Sorgen gemacht als du bei Sonnenaufgang nicht wie abgemacht hier warst."
Sie zuckte mit den Schultern. Ihre Hände fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Als hätte der Schlaf in Professor Ashross Räumen sie ausgetauscht gegen welche aus Wackelpudding. "Ich schwebe emotional zwischen ‘Existenzkrise’ und ‘Ich könnte noch einen Tee vertragen.‘"
Sie starrte leicht benebelt auf die Kristallkugel vor ihr am Tisch. Weiße Nebelschleier waberten darin umher. Sahara hatte auf das Gesicht ihres Daddys gehofft. Doch er erschien nicht. Langsam kamen sie beide wieder zu Atem.
Hugo reichte ihr ein besticktes Rüschenkissen und dankbar klammerte sie sich daran fest. Dann ließ er sich in einem Sessel gegenüber nieder und lächelte sie schwach an.
Sahara sagte lange nichts, starrte nur auf die Kugel. Der Drang war da. Und er wuchs immer stärker, als würde eine Lebendigkeit an ihr ziehen, aus dem Glas heraus. Hinein. Doch ebenso wuchs die Furcht. Vor was eigentlich? Vor wem?
"Wirst du es versuchen?", fragte der Bibliothekar irgendwann.
Sie sah auf. "Mein Kopf feiert gerade Gehirnfasching."
"Du bist in Sicherheit." Er nickte aufmunternd. "Beruhige dich. Der Zeitpunkt wär perfekt. Ich beschütze dich, Sahara. Das schwarze Loch kommt nicht rein. Er kann das astrale Siegel nicht durchbrechen."
Sie überlegte. Sehnsucht. Sucht?
"Daddy." Sahara klammerte sich fester an das Kissen. "Meine Seele fühlt sich an, als hätte sie zu lange in Wasser gelegen. Weich, schrumpelig, bereit, sich aufzulösen."
"Er fehlt dir."
Sie nickte.
"Wieso zögerst du dann?"
Ja, wieso? "Ich weiß es nicht. Daddy fühlte sich an wie ein Eishauch", murmelte sie. "Es gibt keine Worte dafür."
"Das ist normal, ohne materiellen Körper. Deinen Vater zu erreichen war immer dein Ziel. Hat sich das geändert?" Hugo fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. "Oder ist es die Angst, das Tor zu durchschreiten?"
Sie nahm einen tiefen Atemzug. "Vielleicht."
"Das ist okay. Ich war auch schon dort", sagte der Bibliothekar.
Sahara hob eine Braue. "Auf der anderen Seite?"
"Im Jenseits", bestätigte er. "Und wie du siehst", er wedelte grinsend mit den Händen in der Luft, "kam ich unbeschadet wieder raus."
Sie musterte ihn. "Und wenn ich nicht wieder rausfinde?" Oder gar nicht raus will, fügte sie still hinzu.
"Dann hol ich das Schwarze Loch her, damit es dich raussaugt", sagte er so trocken, dass sie fast lachen musste. "Nein, im Ernst, dir bietet sich hier eine Möglichkeit, die nur selten jemand erhält. Du kannst bei ihm sein! Das wird dein größtes Abenteuer! Willst du nicht sehen, wie er lebt?"
"Er lebt" Saharas Mundwinkel zuckten erregt und voller Vorfreude.
"Oder totet dort rum. Leben. Tod. Sind nur Worte." Hugo beugte sich vor und stützte seinen Kopf auf den Armen ab. Er blickte sie erwartungsvoll an und flüsterte: "Du liebst ihn doch."
Die Kugel vor ihr vibrierte. Sie musste sich beinahe an den Polsterlehnen festhalten, um nicht reingezogen zu werden.
"Ich komm nicht zurück, das weißt du?", sprach sie endlich aus, was sie wirklich beunruhigte. Sie würde den Bibliothekar nie wieder sehen.
"Ich weiß." Hugo nickte. "Wird einsam hier ohne dich. Aber das halt ich aus. Ist okay. Alles gut. Ich lass dich geh'n. Mach dir um mich keine Gedanken."
"Danke." Sie schloss lächelnd die Augen. "Für deine Hilfe."
"Leb wohl, liebste Sahara."
Sie nahm einen letzten Atemzug und ließ ihren physischen Körper los.
Der Name
Sahara stand wieder im Raum mit dem Kamin. Das Feuer knisterte, als wäre es nie erloschen. Auf dem Kaminsims stand sogar das verblichene Familienfoto, wie zu Hause. Es zeigte sie, noch klein, in den Armen ihres Daddys.
Sie dachte an ihr drittes Schuljahr in Grönland zurück, als ein Kältezauber im Duellunterricht schiefgegangen war und die halbe Klasse mit klappernden Zähnen im Krankenflügel gelandet war. Und für einen Moment genoss sie die Wärme hier. Der Raum war still. Zu still.
"Daddy?" Ihre Stimme hallte wie durch einen leeren Tunnel. Seltsam. "Daddy, Daddy Daddy", sprach sie selbst das Wort wie ein Echo aus und lächelte.
Dann zuckte sie erschrocken zusammen. Hinter ihr ertönten Schritte. Langsam. Unheilvoll.
Er trat aus dem Schatten, wie ein Teil davon. Zuerst war es nur sein Umriss. Dann das Gesicht, das sie so lange vermisst hatte. Und doch ... es war nicht ganz richtig. Oder? Die Augen vielleicht eine Spur zu dunkel? Der Schatten unter den Wangenknochen zu tief. Nein, vermutlich lag es am Kaminfeuer, der einzigen Beleuchtung hier drin.
"Du bist zurück", sagte er. Die Stimme samtig. Ja, er war es.
Sahara schluckte. Eine leise Stimme in ihrem Inneren schrie, wegzulaufen. Doch sie trat einen Schritt näher.
"Daddy, ich will bei dir sein", flüsterte sie. Ihre Worte klangen wie aus weiter Ferne.
Ein kurzes Lächeln, wie eine Klinge. "Dann komm." Er streckte ihr die Hand entgegen. "Nur ein Schritt, Prinzessin."
Langsam hob sie den Arm und ergriff seine Finger. Eiskalt, wie der Bibliothekar ihr tote Seelen beschrieben hatte.
Doch warmes Licht flutete aus dem goldenen Tor hinter ihm heraus, als verspräche es Ruhe und Frieden.
Sahara verweilte einen Augenblick, doch dann nickte sie und zusammen traten die beiden hindurch, hinein ins Jenseits.
Das Licht verschluckte sie beide. Es wurde heller und wieder dunkler. Und Sahara hatte das Gefühl, sie stände auf einer der Treppen in Hogwarts' großem Treppenhaus, die plötzlich, während des Erklimmens, die Richtung änderten. Gleich würde sie zerfließen, wie flüssig silberne Gedanken, die aus einem Denkarium tropften, das überlief.
Doch dann landeten sie auf steinernem Boden. Staub wirbelte auf, trocken und kupferrot. Die Sonne, falls es eine war, hing reglos am Himmel wie ein blutroter Ball. Der Geruch von Moder und melancholischem Gesang lag in der Luft.
"Bei Merlins Unterhose, wo ... sind wir?", fragte sie fröstelnd.
Die Temperatur in ihrem Inneren sank so schnell, dass sie sich fragte, ob ein Dementor in der Nähe war. Sie fühlte sich, als hätte jemand ihre Freude verschluckt. Ihr Vater sagte nichts. Er ging voran, über karge Felsen. Um sie herum stieg gleichzeitig Hitze auf, die sie jedoch nicht berührte. Die Luft war schwer, getränkt mit etwas Altem, Uraltem.
"Jenseits 17", meinte Daddy.
Zitternd schlang Sahara die Arme um sich. Sie hasste Kälte so verflucht!
Dann sah sie die anderen.
Gestalten in der Ferne, die sich durch die Landschaft schleppten, ihre Körper verzerrt, als hätte man sie aus schwarzer Asche und Schmerz geformt. Manche wimmerten. Andere lachten heiser.
"Was ist das hier?", hauchte Sahara. Und obwohl die Umgebung heiß erschien, gefror ihr Atem oder was immer ihre Seele hier ausstieß in der Luft. Die ebenfalls unbeschreiblich und nur als Sinnbild dafür stand, denn tatsächliche, echte Luft, existierte hier nicht.
"Hast du einen Himmel erwartet?" Seine Stimme war jetzt tiefer. Kratziger.
Ablehnend betrachtete sie die glühende Umgebung. "Ich gefriere. Ich kann hier nicht leben."
"Stimmt. Du kannst hier nur tot sein." Er drehte sich um. Die Augen nun rot. Keine Iris. Kein Weiß.
Alles in ihr zuckte zusammen. Doch es war noch immer er, oder? "Das fühlt sich falsch an." Und ihre Stimme brüchig.
Er trat zu ihr, ganz nah, und legte ihr die Hand an die Wange. Sein Daumen strich darüber. So hatte er sie früher immer beruhigt, wenn sie als kleines Kind mit Albträumen aufgewacht war.
"Schhh… ich bin da, Prinzessin. Du gehörst mir. Bleib hier."
Seine Stimme war warm, fest. Alles in ihr wollte sich an diesen Moment klammern. Endlich wieder an jemanden anlehnen. Endlich wieder Kind sein dürfen.
"Ich hab dich so vermisst. Ist das hier eine Strafe? Bestrafst du mich, weil ich böse war? Der Silberlinden-Besenstiel ist einfach gebrochen, erinnerst du dich?"
Seine Finger glitten über ihre wilde Haarmähne, zurück an ihre Wange. "Denk nicht mehr dran. Wir bauen einen neuen." Und dann flackerte sein Gesicht. Nur ein Wimpernschlag lang lag da etwas Fremdes hinter seinen Augen, das nicht ihm gehörte.
Sie schüttelte langsam den Kopf. Das falsche Holz. Es war ihm nicht aufgefallen. Er grinste. Ihr Daddy grinste nie! Wenn überhaupt dann hatte er mal für eine Sekunde schwach gelächelt. Und das ganz selten.
"Wer bist du?", flüsterte sie.
Daddys Abbild seufzte. "Niemand. Ich heiße nicht. Ich bin nicht. Hier bin ich einfach niemand."
Es erinnerte sie daran, was Professor Longbottom an ihrem ersten Morgen in Hogwarts über Angst gesagt hatte, als er ihr den Stundenplan überreichte. Man müsste sie nur benennen, um sie zu bannen. Doch dieses Ding hatte keinen Namen.
Sie warf sich herum und rannte, oder versuchte es. Der Boden zog an ihr. Ihre Füße sanken halb ein, als wollte das Land selbst sie behalten. Eisige Flammen schränkten ihre Sicht ein. Der Himmel brannte feuerrot und kalt. Das Tor in eine Welt, die sie nie hätte verlassen sollen, verblasste zunehmend.
Er lachte. "Getränkt in Lebensenergie, spürst du sie schwinden? Ich brauche dich hier!"
"Nein!" Die Drohung des schwarzen Lochs kam ihr in den Sinn. Seine Nachricht. Das hier war wirklich eine arktische Hölle!
Er packte sie. Mit Fingern aus Rauch und brennendem Eis. Wo sie Saharas Lichtkörper berührten, schwächte ihr Strahlen ab. Ihre Haut schimmerte durchscheinend, begann zu flackern.
"Ah, tut das gut, so frisch. Deine Tante verweigerte ihre restliche Energie, blieb drüben als Geist. Aber du vollendest ihr Werk! Und ich werde zu einem Jemand. Dank dir! Oh, ich danke dir, Prinzessin!"
"HILFE!" Mit einem verzweifelten Schrei in alle Richtungen versuchte sie den Krallen des Wesens zu entkommen.
"Hilfe. Hilfe", hallte die Frequenz ihres Rufs nach, ein Impuls, der wie die Wellen eines ins Wasser fallenden Steins um sie herum davonstob in andere Welten.
Das Monster saugte an ihr, zog Energie von ihr ab, gleich einem schwarzen Loch, mehr und mehr. Sahara erstarrte, riss sich wieder los und erstarrte erneut. Brannte und gefror zugleich. Innen. Außen. Höllische Schmerzen durchzuckten ihr Sein.
Ihre Seele schien zersplintern zu wollen, wie ein fehlgeschlagener Appariersprung.
"Miss Flint!" William Ashross' Stimme durchdrang die Schmerzen ihres Geistes wie ein Messer. Diese Ratte! Doch sie klammerte sich daran, so fest, als würden ihre Finger durch blutiges Fleisch stoßen.
"Daddy!", brüllte sie als das Bild seines blutüberströmten, toten Körpers für eine Sekunde in ihr aufflackerte. Das Monster, zum Teil noch immer in der ehemaligen Gestalt ihres Vaters, jaulte ebenfalls laut.
In diesem Moment riss sie sich los. Sahara stolperte benommen in Richtung des goldenen Schimmers, den sie nur noch schemenhaft zwischen aufsteigenden Flammen erkennen konnte. Sie stürzte, flog durch den Raum, überschlug sich und landete im goldenen Durchgang.
"Miss Flint!", brüllte Professor Ashross' Stimme wieder.
Ein gleißendes Licht brach aus dem Tor hervor, mitten hinein in die Hölle. Und Sahara wurde davon hinausgerissen.
Zurück.
Sie fiel durch Schichten von Nebel, Dämmerung und verlorenen Erinnerungen. Dann folgte der Aufprall. Ein schwerer Stoß. Sie flog zurück wie ein Gummiball und stoppte dann sanft, fühlte sich unendlich leicht. Schwach. Diese Ratte hatte ihr Energie geraubt!
Sahara keuchte. Ihre Sicht drehte sich. Sie erkannte Polster. Holzregale. Flatternde Tücher.
"Ich bin noch astral", flüsterte sie und fühlte sich absolut leer. Als wäre alles egal. Sie hatte ihn ein zweites Mal verloren. Ihre Füße berührten den Boden nicht. Ihre Sicht schwebte irgendwo an der Decke im Raum ihrer Tante.
Sahara blickte nach unten. Da lag ihr Körper, zusammengesunken im Sessel. Die Augen geschlossen. Bleich. Vor ihr die Kugel am Tisch, die ihre Seele soeben wieder ausgespuckt hatte. Sie war in der physischen Ebene gelandet, zu schwach, um sich sofort automatisch in ihrer Materie festzugreifen.
Sie hätte am liebsten losgeheult. War ein Astralkörper im Stande zu weinen? Wenn dieses Wesen aus der Hölle nicht ihr Daddy war, wo befand er sich dann?
Der Platz gegenüber ihres Körpers war leer. Kein Zeichen von Hugo. Nicht einmal ein Nachbild. Als hätte der Bibliothekar nie existiert. Egal.
"Miss Flint!" Dumpfe Schläge hallten durch die Ebene, nah und gleichzeitig weit entfernt. Doch niemand war zu sehen.
Eine Art Flüstern zog an ihr, kaum wahrnehmbar, aber drängend. Es kam vom Schreibtisch in einer Ecke. Darauf lag ein Tagebuch. Das Tagebuch! Was machte es hier? Wie sinnlos.
Sahara strich mit prickelnden Fingern darüber, in der Erwartung, sie würde es durchdringen. Doch sie spürte die Oberfläche. Es war nicht materiell. Professor Ashross musste das physische erhalten haben, während der astrale Teil davon noch hier lag. Vielleicht hatte Trelawney es sogar absichtlich getrennt?
Saharas Hände zitterten, als sie es öffnete. Das Papier blätterte sich fast wie von selbst. Wörter formten sich aus Nebel und Licht, bis die letzte beschriebene Seite vor ihr lag. Der 17. Juni. Tante Trallalas Todestag.
Ihre Sicht verschwamm. Sie hörte das eklige Knacken des Holzes in ihrem Kopf. Blut spritzte über die blasse Haut ihrer Arme, tropfte von ihren dürren Fingern. Sein Blut.
"Daddy! Nein!" Sie drückte das Bild aus ihren Gedanken, das sie drohte mit Wahnsinn zu überschwemmen und konzentrierte sich auf das Tagebuch vor ihr, las den Anfang des ersten Absatzes, um sich abzulenken:
"Er kommt. Jetzt. Raubt mir die letzte Energie! ..."
Wie das Monster es vorhin in dieser Hölle bei ihr versucht hatte. Dieser Dämon, der so getan hatte, als wäre er ihr geliebter Daddy!
Plötzlich zuckte wieder ein Bild durch ihren Kopf wie ein Fluch. Sie stand mit schwabblig weichen Beinen auf dem Dach ihres Hauses in Grönland. Düstere Gewitterwolken überzogen den Himmel. Er hatte diesen Besen extra für sie gebaut. Als Geschenk. Eine kleine Motivation für ihr letztes Schuljahr.
"Komm runter, Schatz!", rief Daddy von unten. "Es ist gefährlich. Du musst nicht springen, es ist okay!"
Nein. Sie wollte ihn beeindrucken, zeigen, dass sie keine Angst hatte! Sie war kein Kind mehr! Ein Besenstielbauer, dessen Tochter Tarotkarten in die Luft warf, aber nie sich selbst. Wie peinlich für ihn!
Ein Blitz zuckte über den Himmel. Die ersten Tropfen berührten ihre Stirn.
"Prinzessin, nicht!"
Es donnerte laut. Und Sahara sprang.
Sie schreckte wieder aus diesen Gedanken und blickte auf ihre sauberen, leicht leuchtenden Hände. Kein Blut. Gut. Sie war nicht gesprungen. Er lebte.
"Sahara!" War das Professor Ashross Stimme? Kam er, um sie zu holen?
Sie drehte sich zur Kugel um, doch alles blieb still. Irgendwo in weiter Ferne hallten dumpfe Schläge gegen Holz. Sahara wandte sich wieder dem Buch zu, übersprang den nächsten Absatz in welchem Trelawney schrieb, der Pakt würde sie fressen und wanderte direkt zum letzten.
"Wenn jemand dies liest: Vertraue niemandem. Nicht der Kugel. Nicht dem Abbild. Nicht der Ratte! Er ist da! Es ist ..."
"Sahara, jetzt mach auf, verflucht!" Diese Stimme, die weit entfernt ständig ihren Namen rief, gehörte nicht dem Monster.
Saharas Blick brannte sich an dem Wort fest. Die Tinte war nicht verwischt wie in der materiellen Version des Buches. Hier, astral, stand der Name klar und scharf:
"... Hugo."
Klare Erinnerung
"Hugo." Die Buchstaben im astralen Tagebuch verschwammen vor ihren Augen.
Die Luft um sie herum waberte eisig kalt und sank sofort um einige Grad, als ein verzerrter Schatten, noch halb in Gestalt ihres Daddys, aus der Kugel rauchte wie der Pilz einer dieser gigantischen Muggelbomben.
Der Dämon verdichtete sich. Die ordentlichen schwarzen Haare verwandelten sich in strubbelige, rötliche. Aus dem edlen, düsteren Anblick ihres Daddys wurde ein gruselig grinsender Bibliothekar.
Regen flüsterte gegen die hohen Fenster. Die Luft im Raum brizzelte so elektrisch geladen, dass Sahara glaubte, jeder ihrer Atemzüge müsse Funken sprühen.
"Du bist … die Ratte", hauchte sie. Das Wort schmeckte nach Verrat.
"Ich? Nein." Hugo hockte sich schwungvoll auf den Tisch neben der Kristallkugel und schaukelte vergnügt mit den Füßen, als wäre es ein Nachmittag auf dem Spielplatz. "Ich bin ein Gedicht auf zwei Beinen, meine Liebe."
"Du bist das Monster! Der Dämon, den Tante Trallala heraufbeschwor!"
"Jaaa... nein. Sie beschwor mich nicht. Ich fand sie. Anders als die meisten Menschen hörte sie mich. Leider war ihre Gabe trauriger als deine in Arithmantik." Lachend klopfte er gegen die Kristallkugel. "Ohne die astronomischen Berechnungen vom schwarzen Loch hätte sie es nie geschafft, das Tor hier zu öffnen."
"Aber du bist das schwarze Loch!"
"Sahahra!" Ein Rumpeln drang dumpf von der anderen Ebene durch. Versuchte er die Tür einzuschlagen?
"Waaaas? Der Grufti, der drüben randaliert wie ein Troll ist gruselig! Ich hingegen bin zauberhaft!" Er hob bestürzt die Augenbrauen.
"Nein?" Ihre Stimme klang angespannt rau.
"Pfff. Trelawney erkannte das leider auch nicht." Traurig lächelnd schüttelte er den Kopf. "Dabei entfaltete ich wie abgemacht ihre Seherkraft. Aber sie gab mir zu wenig ihrer Energie. Was brachte es mir, hier zu sein, ohne etwas berühren zu können?"
"Du hast sie getötet."
"Oh, das klingt zu hart. Es war mehr ein sanftes Ausbrennen. Sie zierte sich. Dabei nahm ich mir nur, was mir zustand! Ich wollte doch so gerne leben! Die physische Welt erfahren! Lernen! Fühlen! Stinken! Aber sie weigerte sich, mir den letzten Teil ihrer Lebenskraft zu geben und verkroch sich in die Wände des Schlosses als Geist!"
Er sprang vom Tisch und schwebte näher auf Sahara zu. Sie wollte zurückweichen, doch direkt entzog er ihr weiter Energie. Als würde er Stücke von ihr abreißen. Sie keuchte, schaffte kaum, sich zu bewegen.
"Dann kamst du, meine Liebe. Hast mich gesehen, ohne dass ich dir die Macht dazu geben musste. So kraftvoll. Und wundervoll zerbrochen. Genau das brauchte ich."
Er schloss seine Finger um ihren Hals. Fröstelnd zuckte sie zusammen und packte seine Arme. Doch ihr Griff war schwach, für ihn vermutlich nicht mehr als ein Stupser. "Nicht ... ich dachte, du wärst ... ein Freund." Oder was ähnliches.
"Oder was ähnliches?", sprach er ihre hinzugefügten Gedanken fast wie laut aus. "Hey, ich war immer nett zu dir! Erledigte deine lächerlichen Hausaufgaben. Hab dir das Reisen beigebracht und sogar deinen Daddy für dich gespielt, weil er dir so fehlte."
Sahara wimmerte, als er ihr noch mehr Energie absaugte. Ihre Sicht verschwamm.
"Jetzt komm, du bist so ernst heute. Hat dir der Ausflug in meine Welt nicht gefallen?", fragte er munter.
Ein Blitz zuckte am Nordturm vorbei und erhellte seine gruselige Fratze.
"Astralreisen bei Gewitter sind gefährlich, wusstest du das?" Hugos fröhliche Stimme klang weit entfernt und das Grummeln des Donners katapultierte Saharas gequälten Geist in eine Erinnerung.
Sie stand wieder auf dem Dach. Sprang. Flog. Ein zuckendes Licht begleitete lautes Grollen. Sahara schrie. Daddy rief ihr irgendetwas zu. Sie verstand es nicht. Ihr Griff lockerte sich. Der Besen entglitt ihren Fingern. Sie fiel.
"DAS IST NICHT ECHT!", brüllte sie und schüttelte die Erinnerung aus ihrem Geist. "Lass mich los, du Monster!"
"Ich versichere dir, ich bin echt. Aber kein Monster."
Sahara zappelte in seiner Umklammerung. Sie fiel, doch Hugo erwischte sie sofort wieder.
"Ah, was für eine Kraft! Komm jetzt, meine Liebe, du musst erneut rüber. Und dieses Mal bleibst du, damit wir den Tausch vollenden können, ja? Ich möchte doch so gerne komplett materiell sein."
Sahara hob erschöpft den Kopf und blickte ihn an, wirklich, sah ihn. Die Augen des Dämons flackerten freudig. Da war kein Funke an Böswilligkeit. Keine Gehässigkeit. Keine Feindseligkeit. Nur Hunger. Nach Leben.
Ihr Geist wurde durchlässiger. "Ich ... ich will ..."
"... tot sein, ich weiß", sprach er ihre Gedanken aus. "Du wünschst es dir so sehr. Und ich helfe dir, liebste Prinzessin. Etwas in dir zerfrisst dich. Ein vergangenes Ereignis, das deinen Verstand vernebelt. Das tut mir so leid, Sahara. Aber auch ich beherrsche nicht die Zeit. Ich kann das nicht ändern, so gern ich es täte."
Er meinte das tatsächlich ernst.
"Aber ich kann dem ganzen einen Sinn verleihen, ja? Es wäre so schade deine wundervolle Existenz zu verschwenden. Gib mir dein Leben, wir tauschen, okay? Du hast mein Wort, dass ich es in Ehren halte."
"Kann ich ... nicht ... wo anders ... tot sein?" Sie wollte nicht in seine eiskalte Hölle! Sie wollte zu Daddy! Zum richtigen Daddy!
Sahara stemmte sich gegen das Monster mit aller verbleibenden Kraft, doch er schleifte sie Stück für Stück zurück zur Kugel.
"Es geht nur so. Alles muss ausgeglichen sein, verstehst du?" Hugo lachte hell. "Ich kann nicht raus ohne ein Gegenstück. Keine Sorge, gleich, meine Liebe, gleich bist du frei. Noch ein paar Sekunden und die Verbindung zu deinem physischen Körper wird getrennt."
Er zwang ihre Hand auf die wabernde Kristallkugel und sofort spürte sie den Sog. Sahara kämpfte dagegen an. Doch sie konnte nichts tun. Schon gar nicht ohne Magie. Wieso hatte der Professor nur ihren Stab mitgenommen?
"Accio ... Zauberstab!", brachte sie mit letzter Energie hervor.
Doch es kam kein Stab.
Der dämonische Bibliothekar drückte plötzlich härter zu und Sahara jaulte vor Schmerz. Seine Finger wie aus Rauch und Schatten krallten sich in ihr fest! Ein Rucken ging durch ihn hindurch. Dann lockerte sich sein Griff.
Glas splitterte.
Hugo erstarrte. Erblasste. Verblasste.
"So nah", flüsterte er. "Ich war ... so ... nah."
Dann zerfiel er. Erst die Farben, dann die Haut, dann das Lächeln. Lautlos. Als hätte er nie existiert. Wie ein sanfter Nebelhauch verteilte er sich im Raum und löste sich auf.
Sahara glitt automatisch zurück in sich selbst, durch Schichten aus zerfallenden Masken in ihren Körper, ohne dass sie es verhindern konnte. Dabei wollte sie doch gar nicht wieder da hinein.
Sie spürte ihre Zunge. Ihre Nase. Ihre Haut. Eiskalt. Und kippte aus dem Sessel nach vorne.
Da wo der Tisch hätte sein sollen kniete eine düster schwarze Gestalt mit langen Haaren, inmitten unzähliger Glassplitter. Steinharte Hände umschlossen ihre Schultern, bevor sie den Boden erreichte.
Saharas Gedanken verwandelten sich in eine kreisende Zentrifuge. Professor Ashross hielt sie eisern umschlungen. Das schwarze Hemd zerknittert, der Blick kalt.
"Es ist vorbei", flüsterte er. Seine Worte fielen wie Blei durch den Regen.
Wie war er hier reingekommen, ohne die Sehergabe? Wie hatte er die Kugel zerstört? Wieso ließ er sie nicht einfach gehen?
Ihr wurde schwarz vor Augen. Sterne blitzten auf. Unzählige Sternschnuppen schossen an ihr vorbei. Nein. Das Leuchten erlosch. Es waren lediglich schwere Regentropfen.
Panische Angst durchfuhr sie. Das Kribbeln zog durch all ihre Glieder. Sahara fiel. Der Besen entglitt aus ihren Fingern. Ein Blitz zuckte an ihr vorbei und mitten hindurch. Das Holz des Stiels splitterte. Dann: Ein Aufprall im matschigen Gras.
Sie spürte ihren linken Arm nicht mehr. Der rechte Fuß pochte unaufhörlich. Mühsam hob sie den Kopf und verdrängte die Schmerzen.
"Daddy?"
Sie schleifte sich zu ihm. Schrie gegen den Donner an. Brüllte seinen Namen!
Er lag vor ihr im nassen Gras.
Doch Daddy blieb still.
Sagte kein Wort. Die Hälfte ihres gebrochenen Besenstiels steckte wie ein Pfahl im Boden. Rot durchtränkt mit seinem Blut. Mitten durch seinen Oberkörper gerammt.
"DADDY!"
Aufgespießt von Mahagoniholz.
Sie krallte sich an ihm fest. Blut strömte über ihre Hände. Doch das Rot verblasste. Sahara erwachte heulend und schrie sich die halbe Seele heraus. Die lineare Zeit hatte sich verabschiedet. Und dennoch, das war alles echt.
"Daddy!"
Feuer prasselte im Kamin. Geschockt starrte sie in die Flammen. Das hier war nicht wie zu Hause. Nicht in Grönland. Sondern in Schottland. Das falsche Land.
"Das ist falsch!" Ihre Stimme versagte, brach.
Jemand hielt sie fest gepackt. Sahara wand sich in seinen Armen. Krampfte zusammen. Doch diese Arme gaben nicht nach.
Im Hintergrund rauschte noch immer leiser Regen gegen den Astronomieturm und wieder schrie sie nach ihm, nach Daddy. Doch er war nicht hier. Diese Finger gehörten nicht ihm. Er war fort. Für immer.
"Ich hab ihn umgebracht!" Sie krallte die Finger ins warme Fleisch seiner Beine. Ihr Puls raste.
Er schwieg. Wie ein Fels hielt er sie still umklammert.
"Er ist ... er ... er ist tot", wiederholte sie wimmernd.
Diese Wahrheit durchschoss ihr Herz wie ein Dolch und blieb dort stecken. Ihre Erinnerungen waren zurück, nie fort gewesen.
William Ashross strich ihre Haare zurück, während sie stöhnend nach Luft schnappte. Erschöpft fiel ihr Kopf nach hinten an seine Brust. Und seine steinerne Ruhe sprang auf sie über.
Als sie erneut erwachte, saß sie noch immer auf dem gepolsterten Sessel zwischen seinen Oberschenkeln.
Sie erinnerte sich nicht, wie er sie in seine Räume getragen hatte. Tag? Uhrzeit? Es spielte keine Rolle. Sahara starrte ins Feuer. Und es brannte, brannte immer weiter. Wärme von allen Seiten.
"Sahara, hör mir zu, denn ich sage das nur einmal. Dinge geschehen. Das nennt sich Leben. Ein Gewitter lässt sich nicht berechnen. Wer sich für den Zufall verantwortlich macht, kann gleich aufhören zu atmen."
"Das wär schön", flüsterte sie. Nicht mehr existieren.
"Nein, wäre es nicht." Er hielt ihren Körper fest an sich gepresst, als wolle er verhindern, dass sie auseinanderfiel und sprach ruhig weiter. "Ich traf Menschen, die in ihrer Selbstüberschätzung glaubten, den Tod verhindern zu können. Sie waren meist Heiler. Du aber bist Seher, gerade du solltest wissen: Das Schicksal verhandelt nicht."
Sie atmete durch ihren geöffneten Mund und schwieg. Die Worte des sprechenden Hutes kamen ihr in den Sinn: Realität ist verhandelbar. Aber vergangene Realität unterstand der Bestimmung. Der Professor hatte recht. Hexen und Zauberer waren im Stande, so mächtige Magie zu wirken, doch dem Schicksal entkam niemand. Im Angesicht des Todes mussten sie zusehen, wie hilflose Muggel.
"Ich könnte ihn weiter suchen", flüsterte sie nach einer Weile.
"Und du würdest ihn finden", sagte er ohne Zögern. "Wieder. Und wieder. Durch alle Höllen. Und niemals könntest du sicher sein, ob es der echte ist oder ein weiterer Dämon, der mit dir spielt."
"Ich ... ich würd's spüren."
"Vielleicht. Das macht es nicht ungeschehen."
Vielleicht, wiederholte sie bitter in Gedanken.
"Keine Experimente mehr. Kein Herumirren zwischen den Welten. Versprich es mir."
"Er braucht mich."
"Er hat zu warten. Eines Tages gehst du. Aber dieser Tag ist weit entfernt. Hier und jetzt wirst du gebraucht. Von dieser Welt. Von mir."
"Wozu?"
"Sahara, gib mir dein Wort!", verlangte er ungerührt.
Sie dachte kurz darüber nach, ob ein Protego maxima auch gegen gebrochene Herzen half. Wahrscheinlich nicht.
Dann nickte sie betrübt.
Der Deal
Der Gemeinschaftsraum war in ein schummriges Grün getaucht. Vor ein paar Stunden noch hatten die Wellen des großen Sees verzerrte Lichtflecken an die Steinwände geworfen. Letzte Reste der warmen Abendsonne. Ein goldener Oktober kündigte sich an. Jetzt jedoch war das Wasser vor den Fenstern düster schwarz. Vermutlich würden die drei Ärger bekommen, wenn jemand erfuhr, dass sie so spät noch wach waren. Aber hier drin interessierte das niemanden, solange sie den schützenden Slytherinkerker nicht verließen.
Lana saß auf einem der Sofas, während Antonio am niedrigen Tisch gegenüber leise mit seinem Bleistift über Papier kratzte.
Sahara fiel in einen Sessel, den Blick traurig auf die Flammen im Kamin gerichtet.
"Du hast heute echt noch nichts gesagt", bemerkte Lana und rückte ihr Vertrauensschülerabzeichen zurecht.
"Willst du über die Bedeutungslosigkeit deines Abzeichens im Angesicht so weniger Schüler diskutieren?", gab Sahara trocken zurück. "Oder über die richtige Form von Seetangblättern?"
"Um am Ende so tun zu müssen als hättest du recht? Nein Danke." Lana grinste. "Jetzt komm, was ist los?"
Sahara zuckte mit den Schultern. In den letzten Tagen war ihre Laune leicht gestiegen, doch heute kündigte sich eine Erschütterung an, sie spürte es.
Lana schnaubte und beobachtete Antonio wie er still auf dem Papier krizzelte. "Ist echt schwer mit euch beiden."
Sahara lehnte sich zurück. "Und trotzdem wirst du in tiefer Trauer versinken, wenn wir nächstes Jahr hier fertig sind und du noch ein weiteres bleiben musst."
"Ich werde euch dann täglich mit einer Eule nerven."
"Das befürchte ich." In Gedanken zündete Sahara bereits ein Feuer für die vielen romanlangen Pergamentrollen von Lana an.
"Sag mal meine Liebe", begann das Mädchen wieder und die Worte versetzten ihr unbeabsichtigt einen kleinen Stich in Erinnerung an Hugo, doch Lana fuhr unbeirrt fort. "Kannst du mir nicht mal die Karten legen? Nur aus Spaß?"
"Wieder? Du denkst, du kommst mit dem Humor des Universums klar?" Sahara musterte sie skeptisch. Als wäre das ein Spaß. "Falls die Karten mir sagen, dass dich morgen der Krake aus dem Schloss schleppt und dich im See ertränkt, ist das nicht meine Schuld."
Lana lachte. "Klar. Ich halt mich von allen Tentakeldingern fern. Also war das ein Ja?"
Sahara seufzte gespielt schwer und kramte aus der Tasche ihres Umhangs ihr handgemaltes Tarot-Deck hervor. "Nur eine Karte. Sonst wird das Porträt der fetten Dame im roten Turm oben neidisch, weil ich dir öfter die Karten lege als ihr."
Während Lana gespannt zusah, zog Sahara die oberste Karte und legte sie auf den Tisch.
"Der Turm", murmelte sie. "Na wunderbar." Das deutete die Änderung einer Struktur an.
"Und was heißt das jetzt?" Das Mädchen hob die Augenbrauen. "Ist das ... schlecht?"
Sahara betrachtete für einen Moment die Karte und schüttelte dann den Kopf. "Nicht für dich, das ist meine Karte. Entschuldige, ich hatte mich nicht konzentriert." Sie steckte die Karte mit dem Gebäude, das verdächtig nach dem Astronomieturm aussah, in ihren Umhang und zog stattdessen eine andere für Lana:
Das Ass der Schwerter.
"Nett." Sahara legte die Karte so hin, dass die Spitze des Schwertes genau auf Lanas Vertrauensschülerabzeichen zeigte. "Autorität, Klarheit ... und die Drohung, jeden zu durchbohren, der dir auf die Nerven geht."
"Also einfach weiter wie bisher?", fragte Lana erfreut.
"Vielleicht." Sahara drehte die Karte leicht. "Oder es heißt, dass deine Position demnächst auf die Probe gestellt wird. Schwerter schneiden in beide Richtungen."
Lana verdrehte die Augen.
Neben ihnen hielt Antonio in seiner Bewegung inne und schob das Blatt, auf dem er gearbeitet hatte, ein Stück in ihre Richtung. Es war ein detailliertes Porträt von Sahara, die Augen leicht schräg und der Ausdruck zwischen Genervtsein und Neugier.
"Das bin ja ich", stellte sie überrascht fest.
Antonio nickte nur, ein Hauch von Farbe auf seinen Wangen. Dann begann er direkt mit einem neuen Bild.
"Danke, das ist ... schön." Ohne den Blick davon abzuwenden ließ sie das Ass der Schwerter wieder ins Kartendeck gleiten. "Ich bin schön. Hey, ich seh besser aus als in echt."
Lana schüttelte den Kopf. "Sahara, du bist unmöglich."
"Existent genug, um Karten zu legen", entgegnete Sahara und betrachtete weiter gedankenverloren Antonios Zeichnung. Dann fasste sie einen Entschluss und stand auf. "Ich hab noch was zu erledigen. Gute Nacht."
"Wir sehen uns morgen, ja?", fragte Lana misstrauisch.
Sahara zögerte und meinte dann: "Vielleicht."
Ein Hauch von Dungbomben und Drachenmist stieg aus einem nahen Klassenzimmer. Offenbar hatte der Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe wieder eine Überraschung mitgebracht. Wie gut, dass Sahara dieses Fach nicht belegte.
Sie schlich durch den nächtlichen Gang und betrat ohne Klopfen das Büro von Professor Ashross. Es war kahl wie bei ihrem ersten Betreten vor einigen Wochen.
Da stand er. Er drehte sich nicht um. Doch seine Worte drangen schneidend klar durch den Raum.
"Welch Überraschung. Soll ich ihnen ein Bett hier reinstellen, Miss Flint?"
Sie setzte sich auf seinen Schreibtisch. "Ich hab keine Schlafstörung. Ich mach nur Nachtschicht im Jenseits."
"Reizen Sie mich nicht." Er nahm ein Buch aus der Schublade und legte es in einen Koffer, der eine Handbreit über dem Boden schwebte.
Missmutig starrte sie das Ding an. "Der Tag war mir nicht dramatisch genug. Und die Bibliothek ist bei Nacht geschlossen. Leider gibt es für tragische Heldinnen in Ausbildung keine Ausnahme." Sie zuckte mit den Schultern. "Außerdem hab ich morgen Vormittag frei. Keine Zahlen."
Dank ihm. Professor Ashross hatte sich dafür eingesetzt, dass sie Arithmantik vom Stundenplan streichen und stattdessen zum echten Wahrsagen-Fach wechseln durfte. Keiner hatte erwartet, dass Professor McGonagall sie tatsächlich wieder einstellte. Vielleicht fühlte sich die Direktorin schuldig, weil niemand Professor Trelawney die Wahrheit über ihren Tod geglaubt hatte.
"Tante Trallalas Unterricht beginnt erst in zwei Wochen. Sie ist noch im Erholungszentrum für Geister und lernt dort, wie man Geistereulen verschickt. Und sie hat schon zwei Pflegern den Tod vorhergesagt."
Professor Ashross ging nicht weiter darauf ein. "Eine Schulregel besagt, wenn ein Schüler nach Sperrstunde erwischt wird, darf der Professor Maßnahmen ergreifen, die in späteren Jahren pädagogisch fragwürdig erscheinen. Seien Sie dankbar, dass ich keiner mehr bin. "
Sahara zog die Karte des Turms aus ihrem Umhang und legte sie neben sich auf seinen Schreibtisch.
"Sie gehen", sprach sie die Worte aus, die sie längst wusste. Die angekündigte Drohung bestätigte sich. Hier im Astronomieturm. Sahara hatte es vorhergesehen.
Er warf einen kurzen Blick auf die Tarotkarte und nickte. Dann wandte er sich wieder der Schublade zu.
Das war so falsch. "Wohin gehen Sie? Sagen Sie mir, das ist nur eine kurze Urlaubsreise."
"Sieben Monate. Askaban. Aufgrund von Mithilfe. Danach nehme ich meinen ursprünglichen Beruf als Zauberstabmacher wieder auf."
"Und wem, wenn nicht mehr Ihnen, soll ich nachts dann auf die Nerven geh‘n?" Sahara ballte die Fäuste. "Das ist unfair. Sie dürfen gehen und ich soll bleiben?"
"Schlagen Sie den Unterschied zwischen dürfen und müssen nach, Miss Flint", meinte er kühl. "Ich brachte Schüler in Gefahr, indem ich Ihrer Tante die Berechnungen für das Ritual zur Verfügung stellte."
"Nicht absichtlich. Sie wollten ihr helfen. Und wieso wird meine Tante eigentlich nicht eingesperrt?"
"Als Geist untersteht sie nicht mehr dem materiellen Strafrecht des Ministeriums." Er ließ ein Blatt mit Notizen zu Staub zerfallen. "Ein Lehrer tot. Eine Schülerin vom Dämon besessen."
"Das war ich nicht. Hugo wollte ... einfach nur leben." Sie hatten mehrmals alles durchgesprochen. Das Tauschen ihrer Lebensenergie war der einzige Weg für ihn, materieller zu werden. "Wieso hast du ihr überhaupt geholfen?"
"Mein Bruder Jordan schuldete einem Verwandten von ihr einen Gefallen, den er schon lange ausgleichen wollte und sah darin eine Gelegenheit. Er konnte selbst nicht herkommen, also bat er mich, das zu übernehmen."
"Meine Tante hat Familie? Heißt das, ich könnte zu ihm und ..."
"Gabriel Trelawney verschwand vor zwei Jahren spurlos." Machte der Professor ihre Hoffnung zunichte. "Arbeitete als Energetiker mit Jordan an der Magieschule in Österreich. War genauso gestört wie Ihre Tante. Das Seherblut liegt euch in den Genen."
"Wie gut, dass ich eine Flint bin und damit perfekt normal und unverrückt."
Er ließ ihren Satz unkommentiert. "Ich habe sie gewarnt. Ihre Tante. Immer wieder. Ohne ihren idiotischen Türmechanismus hätte ich diese Kugel früher zerstört."
Stimmt, die verschlossene Luke hatte Sahara ganz vergessen. Am Ende war er reingekommen, ohne Gabe. "Wieso brach das Sigel eigentlich?"
"Wegen Ihres Accio-Zaubers. Der astrale Teil Ihres Stabs schoss ein Stück weit durch die Tür und löste die Verriegelung."
"Er kam nie bei mir an. Astral mein ich."
"Weil ich ihn physisch festhielt. Ein Prozess bei der Herstellung bindet alle Stabkörper aneinander. Er darf sich innerhalb der Ebenen nicht spalten, sonst würde der Energiefluss unterbrechen."
"Aber meiner tat es."
"Nur Stäbe mit Thestralhaar-Kern gepaart mit Silberlindenholz sind dazu im Stande, sich so weit zu lösen, dass sich die beiden Körper gerade noch berühren."
Saharas astraler Stabkörper hatte also gerade so weit gereicht, um das Sigel zu brechen, bevor ihn die Bindung in den materiellen Teil zurückzog. "Das bedeutet, andere Hölzer lösen sich gar nicht?"
Der Professor ruckte einmal zustimmend mit dem Kopf.
"Kommt alle Magie von dort? Heißt, wenn ihr astrales Gegenstück ständig irgendwo herumschwirren würde, funktionieren Zauberstäbe nicht?"
"Exakt." Er räumte die letzten Pergamentblätter aus.
"Erzählen Sie mir mehr darüber, wie man Stäbe macht. Und über Hölzer und ihre Kerne. Bringen Sie es mir bei! Verlangen Sie eine Neuverhandlung. Ich sage denen, dass es kein Unfall war mit Daddy, meine Schuld, dann sperren die mich auch ein. Oder wir flüchten und Sie nehmen mich mit."
"Nein, Miss Flint." Sein Blick verriet ihr, dass er das Urteil bereits angenommen hatte.
"Lass mich nicht allein", flüsterte sie.
Er hielt inne und blickte sie für eine Weile an. "Sahara, du hast keine Ahnung, wer ich bin."
"Bist du ein Dämon, wie Hugo, der dich jetzt spielt?" Sie schnaubte. "Ich weiß, dass du kein Mensch bist."
"Ich bin echt", log Professor Ashross vielleicht.
Oder er wusste es nicht besser? Sie kniff die Augen zusammen. "Vielleicht ist die ganze Welt eine Illusion und gerade liest jemand meine, diese Geschichte? Und dieser Leser ist wiederum eine Illusion von vielen anderen, nennen wir sie Anu, erschaffen zu deren Vergnügen, als Nahrung, nichts weiter als lebende Tresore für Gefühle. Hören diese Marionetten, was ich sage? Hey, der du das liest! Du bist eine Emotionsmaschine!"
"Schluss mit diesem Unsinn." Er schloss seinen Koffer. Dann wandte er sich ihr wieder zu. "Sahara, du denkst selbst. Du fühlst. Du lebst."
"Wenn du ... wenn du raus bist, wirst du wenigstens an den Samstagen herkommen?"
"Nein. Die Direktorin verwehrt mir den Zutritt. Das hier war nicht mein erstes Vergehen."
Sahara schüttelte den Kopf. "Ich werde kein Wort mit der Medihexe sprechen."
"Das ist mir bewusst. Darum habe ich die Verwaltung in St. Mungos überzeugt, dass diese Sitzungen nicht mehr nötig sind."
Sie betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. "Aber du bist nicht davon überzeugt."
Für einen Moment schwieg er und schien zu überlegen, als würde er eine Entscheidung auf eine Waage legen. Dann meinte er: "Lass uns einen Deal machen."
Fragend blickte sie ihn an.
"Du machst deinen Abschluss. Danach hol ich dich. Deal?"
"Deal."