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No Heaven In Crocky

Manche Welten hätten sich lieber nie berührt
von

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Willkommen in der Hölle


 

Croxteth war ein verdammtes Drecksloch. Und Trent sagte das mit Liebe. So wie man auch über seine Familie redete, wenn man wusste, dass sie einen jederzeit ans Messer liefern würden, aber trotzdem mit ihnen am Küchentisch saß und Bier trank. Weil man nichts anderes hatte… Und weil es halt immer schon so war.

Er zog die Kapuze seines Hoodies tiefer ins Gesicht, als der Wind die nächste Ladung Nieselregen in seine Fresse schleuderte. Die Kippe in seinem Mundwinkel war längst halb aufgeweicht, aber er zog trotzdem daran, weil das hier kein Abend für Romantik war und ganz sicher keiner für Hoffnung. Verfickte Hoffnung war was für Menschen mit Perspektive. Für Menschen wie Jaime und seine Alte. Nicht für Abschaum wie ihm.

Er saß an der Bushaltestelle an der Ecke zur Chamberlane. Die, wo die Scheibe vor drei Wochen eingetreten worden war und jetzt nur noch Pappkarton im Rahmen hing, was nichts Neues in dieser Gegend war. Irgendwas war immer kaputt und irgendwo lag immer Müll rum. Neben der Haltestelle stand ein Mülleimer, der irgendwie gleichzeitig nach Bier, Kotze und Chicken Wings roch. Das war einfach die perfekte Gesellschaft, ne?

Die Uhr auf seinem Handydisplay zeigte kurz nach Mitternacht. Natürlich kam kein Bus, aber das war auch nicht der Grund, warum Trent hier saß. Trent brauchte Luft… oder einfach einen Moment, wo keiner ihm sagte, was er zu tun hatte. Kein Trey, der meinte, er müsse „sich endlich mal entscheiden, ob er richtiges Gangmitglied oder Versager sein will“. Kein Tony, der wieder irgendeinen Typen halbtot geprügelt hatte und meinte, Trent solle den scheiß Wagen sauber machen. Kein verschissenen Junkie-Kunden, die nach Gras oder Pillen fragten. Und auch kein Job in der Werkstatt, wo alles nach Öl, Dreck und Pisse roch. Nur Ruhe.

Aber Trent hätte es besser wissen müssen, ne? Denn selbst die vermeintliche Ruhe ließ sich in einem Drecksloch wie Crocky nie lange blicken. Die Zigarette zitterte leicht in seinen Fingern, als er so an der Haltestelle saß. Er versuchte nicht nachzudenken. Nicht über seine Jobs, nicht über seine Familie aber vor allem nicht über Jaime. Er dachte nie wirklich lange nach, weil er genau wusste, was dabei rauskommen würde. Genervt schnippte er seine Kippe in den Regen und zuckte zusammen, als er ein tiefes Grollen hörte. Irritiert hob er den Kopf, schob die Kapuze etwas zurück, um bessere Sicht zu haben und sah in die Dunkelheit. Die Straße wurde nur von ein paar Laternen schwach beleuchtet, dennoch fiel sein Blick auf einen Hund. Ein riesen Vieh, schwarz wie Asphalt und Augen wie flüssiges Gold. Alter. Wieder ließ das gottlose Tier ein Geräusch von sich hören. Diesmal war es ein Knurren. Das Ding stand mitten auf der Straße und starrte ihn reglos an. Die Straßenlaternen über ihm flackerten wie in einem verkackten Horrorfilm.

„Kommen die Höllenhunde jetzt auch persönlich oder was?“, sagte Trent trocken und wünschte sich er hätte sich ein paar Dosen Bier mitgenommen. Aber natürlich saß er auf dem Trockenen. Metaphorisch gesehen, immerhin pisste es immer noch vom Himmel. Der Hund bewegte sich nicht. Aber sein Maul öffnete sich. Und was da rauskam, war keine Bellen oder so. Er fletschte nicht mal die Zähne.

„Du bist jetzt mein Gefäß“, donnerte es aus dem Maul des Viehs. Seine Stimme – seine Stimme, Alter? – vibrierte durch seinen ganzen Körper! Und Trent? Der starrte das Ding reglos an, blinzelte dann und schnaubte letztlich. „Alter, verpiss dich. Ich habe eh schon genug Probleme.“ Trent kam nicht umhin sich zu fragen, ob er heute eventuell gekifft hatte und sich gerade auf dem Trip seines Lebens befand. Doch er konnte sich nicht daran erinnern heute Gras geraucht zu haben.

Der Hund – oder was auch immer das war – blieb regungslos, doch dann flackerte er. Sein Körper zerfiel in Rauch und die Beleuchtung der Straßenlaternen fiel aus. Und da stand plötzlich keine Gestalt mehr. Trent blinzelte, sprang auf und schob sich die Kapuze nun endgültig vom Kopf. „Fuck!“ An der Stelle, an der das Vieh eben noch gestanden hatte, flimmerte die Luft auf unheilvolle Weise. Das Ganze fühlte sich falsch an. Ein bisschen so, wie wenn man merkt, dass man träumt. Nur, dass man nicht mehr aufwachen kann. Ganz langsam ließ er den Blick die dunkle Straße entlang schweifen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihm die Brust eng werden. Als würde jemand auf ihm sitzen, aber mehr wie ein Druck von innen. Als würde sich etwas in ihm ausbreiten. Trent keuchte und fasste sich an die Brust, zog an seinem Hoodie. Was zur Hölle ging hier vor sich? Er musste auf einem verschissenen Drogentrip sein! Vielleicht hatte ihm Tony heimlich was untergemischt oder so. Noch ehe er versuchte das alles irgendwie zu verarbeiten, erklang eine Stimme. Es war die Stimme des… Hundes, allerdings hatte er das Gefühl sie direkt in seinem Kopf zu hören. Als käme sie nicht von außen, sondern aus ihm selbst. Fucking Hell?!

„Du hast mich gerufen, Trent Vaughn. Du hast mich eingeladen und ich habe dich gehört.“

„Was?“ Trent zuckte zusammen, drehte sich einmal um sich selbst, doch da war niemand. Er schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wer du bist oder was das soll, Alter, aber ich habe dich ganz sicher nicht gerufen und jetzt verpiss dich, dummer Wichser, sonst zertrümmere ich deinen hässlichen Schädel!“

„Oh doch“, wiedersprach die Stimme ihm. Wieder sah Trent sich um und wieder war da niemand. „Du hast gerufen, du hast geschrien. Nach Ruhe, nach Freiheit. Du warst so laut mit deiner Wut und deiner Einsamkeit. Du dummer Junge. Dein Wunsch, dass alles einfach aufhört. Das war lauter als jeder Bannspruch und jede Beschwörung. Du bist ein Geschenk.“

„Halt die Fresse“, fauchte Trent und wollte weglaufen, aber seine Beine waren mit einem Mal schwer wie Blei. Er taumelte rückwärts und griff sich an den Kopf. Sein Herz raste, als wolle es sich freischlagen und dann kam die Kälte. Und die hatte nichts – rein gar nichts – mit dem Regen zu tun. Sie kam nicht von außen, kein Stück. Nein, sie kann aus ihm heraus! Seine Finger zuckten unkontrolliert und jeder Muskel seines Körpers spannte sich an. Sein eigener Körper fühlte sich plötzlich eingeschnürt an, als wäre da ein zu enger Anzug um jeden Zentimeter seines Seins. Als würde sich etwas zwischen ihn und seine Bewegungen schieben.

„Ich bin Sammael.“ Der Name schnitt durch seinen Schädel wie Glasscherben durch Haut. Trent keuchte wieder und wollte fluchen, wollte zuschlagen, doch sein Körper reagierte nicht mehr richtig. Eine Hand zuckte bloß, während die andere sich zur Faust ballte. „Was zum…“, flüsterte er und taumelte gegen die Bushaltestellenbank. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin kein Parasit. Ich bin ein Partner. Ein Befreier.“

„Ein Arschloch, das bist du“, knurrte Trent, aber seine Stimme klang kraftlos. Etwas schob sich in seine Gedanken. Bilder, die er nie gesehen hatte. Erinnerungen, die nicht seine waren. Ein Friedhof, Kerzen und ein Bannkreis aus Blut. Ein Mädchen, das schrie. Ein Name, der gebetet wurde. Immer wieder und wieder und wieder. Sein Name. Sammael.

„Du bist mein Anker, Trent Vaughn. Mein Weg zurück in diese Welt. Du bist bereit dafür, weil du nichts mehr zu verlieren hast.“ Trent versuchte sich zu beruhigen und durchzuatmen, aber selbst das fühlte sich an, als würde jemand anders entscheiden, ob seine Lunge sich füllt oder nicht. Er spürte, wie sich seine Muskeln lockerten. Wie seine Beine wieder festen Stand fanden, doch es war nicht sein Stand und nicht sein Gleichgewicht.

Er war nicht weg, zumindest noch nicht. Doch dieses andere Wesen. Dieses uralte, mächtige Wesen, war auch noch da. Trent wusste es. Er wusste, dass er nicht übernommen worden war. Sein Körper wurde geteilt. Er war nicht mehr alleine in seinem Körper und ab jetzt würde nichts mehr ihm allein gehören.

„Ruh dich aus, Trent“, sagte Sammael. „Ich übernehme jetzt.“ Trent wollte schreien! Stattdessen hörte er aus der Ferne sein eigenes düsteres Lachen und gleichzeitig wusste er, dass das nicht er selbst war, der da lachte.
 

Dreck und Dämonen

Wenn einer behauptete, Magie führe einen an schöne Orte, dann war er entweder noch nie in Croxteth gewesen oder er hatte einen Fetisch für heruntergekommene Wohnhäuser, grauen Himmel und den Geruch von Unrat in der Luft. Kat stand mit verschränkten Armen vor dem Mietwagen, den Sean auf dem Flughafen besorgt hatte und betrachtete die Straße, auf der sie gelandet waren.

Es regnete. Natürlich regnete es. Was auch sonst? Es regnete englisch. Dieses konstante, nieselnde Etwas, das einem in die Knochen kroch, ohne dass man es richtig bemerkte, bis einem klar wurde, dass man fror. „Willkommen in Liverpool“, sagte sie ironisch und verzog den Mund. Ihre schwarzen Stiefel knirschten auf dem nassen Gehweg, während sie sich das heruntergekommene Straßenschild ansah: Chamberlane. Der Ort roch nach Arbeitslosigkeit, Frust und billigem Gras. Und irgendwo in dieser Ecke hatte sich Sammael eingenistet. Ausgerechnet.

„Ist das da drüben ein Fish-&-Chips-Schuppen mit vergittertem Fenster?“ Kieran trat neben sie, das dunkle Haar leicht zerzaust, die Augen müde vom Jetlag, aber neugierig wie immer. Kat verdrehte die Augen. „Ja. Und wenn du reingehst, solltest du vorher dein Testament machen“, sagte sie. Dann drehte sie sich wieder zum Auto, wo Sean gerade die Tür zuschlug. Flanellhemd, dunkle Jeans, dieser Blick, der irgendwo zwischen Ich habe alles im Griff und Ich will eigentlich nur meine Ruhe schwankte. Seit sie ein Paar waren, hatte sich daran exakt nichts geändert, was in gewisser Weise beruhigend war.

„Ich hasse es hier“, sagte Kat, nicht, weil es irgendwen interessierte, sondern weil es ausgesprochen werden musste. Und in einer Lautstärke, bei der die Stadt hören konnte, wie sehr sie sie verachtete. „Du hasst alles“, kam es trocken von Sean, ohne dass er sie ansah. „Falsch“, entgegnete Kat sofort. „Ich hasse nur die Dinge, die es verdienen.“ Und Sean konnte froh sein, dass er nicht mehr zu diesen Dingen gehörte! Ace stieg ebenfalls aus, streckte sich einmal und rieb sich die Stirn.

„Also… was genau suchen wir hier eigentlich?“

„Einen Dämon. Mörderisch, manipulierend und unglaublich alt“, erklärte Kat, als würde sie einem Kind den Weg zum Supermarkt beschreiben. Dann wandte sie sich an alle: „Und der wohnt jetzt hier. Im Ghetto, in England. Und ich dachte er hätte Geschmack, aber ich schätze Dämon bleibt eben doch Dämon. Und am Ende vom Tag sind Dämonen nur eines, nämlich erbärmlich.“ Ace ließ den Blick über die Straße gleiten. „Und ihr seid euch sicher, dass er hier ist?“ Kat schnaubte, Sean nickte knapp. „Sammael ist hier“, sagte Sean ruhig. „Und dieser Junge… Trent… wer auch immer er ist, er ist das Gefäß.“

„Ein Gefäß mit Dreck unter den Fingernägeln und einem Mittelfinger, der öfter im Einsatz ist als sein Gehirn“, kommentierte Kat und fischte ihren kleinen Kompass-Anhänger aus der Jackentasche. Das Ding vibrierte leicht, wie immer, wenn sie in der Nähe dunkler Magie war. Sie hatte das Teil vor einiger Zeit von Sean geschenkt bekommen. Äußerst praktisch und allemal besser als Blumen, auch wenn Sierra ihr ständig vorschwärmte wie wunderbar es war, dass Gael ihr ständig ungefragt frische Blumen mitbrachte. Kieran trat näher. „Meinst du, er weiß überhaupt, was mit ihm passiert ist?“ Kat zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich nicht. Sammael ist clever. Der zerreißt dich nicht sofort. Der wohnt erstmal bei dir, räumt ein bisschen um und macht es sich gemütlich... Und dann bringt er dich dazu, ihm zu danken.“ Ace sah sie an und hatte die Stirn in Falten gelegt. „Und wie killt man so einen Dämon in einem Menschenkörper?“

„Wir versuchen ihn auszutreiben. Mit sehr viel Magie und null Rücksicht“, antwortete Sean statt ihr. Kat nickte knapp. „Wenn es hart auf hart kommt, stirbt der Wirt mit. Wir können nicht riskieren, dass Sammael munter herumläuft und sein Unwesen treibt. Wir müssen ihn loswerden. Ein für alle Mal.“

„Und diesmal machen wir es richtig“, sagte Sean ruhig, fast schon weich. Aber Kat kannte ihn und wenn seine Stimme so klang? Dann war er bereit zu töten. Ace sah von Sean zu Kat, dann zu Kieran. „Meinen die das ernst?“ Kieran, der sich bisher zurückgehalten hatte, senkte den Blick. „Willkommen in unserer Welt.“ Kat beobachtete ihn einen Moment. Sie hatte ihm früher nicht viel zugetraut, doch mittlerweile sahen die Dinge anders aus. Kieran hatte sich bewiesen. Mehr als einmal. Er hatte sich den Platz in ihrem Zirkel verdient. Und sie würde für ihn, genauso wie für Sean, die Welt verbrennen, wenn es nötig war.

„Okay“, sagte sie schließlich und setze sich in Bewegung. „Dann lasst uns den Bastard aufspüren, töten und zurück in ein Land fliegen, in dem man wenigstens weiß, wie man Kaffee macht.“

„Du trinkst doch nicht mal Kaffee“, gab Kieran zurück, was Kat einfach mal überhörte. Und dann machten sie sich auf den Weg. Durch den Regen, durch die Straßen von Croxteth. Dorthin, wo der Dämon wohnte. Und wo bald das Blut von irgendwem fließen würde.

Schrauben, Schatten und Scheißgefühle


 

Trent stand mit hängenden Armen vor dem Wagen, den er eigentlich schon seit einer Stunde hätte fertig haben sollen. Aber stattdessen starrte er auf die verrostete Radmutter, als hätte sie ihm gerade den Sinn des Lebens verraten. Hatte sie natürlich nicht getan. Das war nur scheiß Rost. Alles hier war Rost, Dreck oder Schuldgefühle. Seine Finger waren schwarz vor Öl und sein dreckiges T-Shirt klebte ihm leicht am Rücken. Er hätte längst aufräumen können, oder sich einen Lappen schnappen können. Oder, keine Ahnung, nach Hause gehen. Aber stattdessen stand er einfach da. Mitten im Chaos, in dem er sich am wohlsten fühlte. Zumindest redete er sich das ein.

„Du bist ja richtig fleißig, Alter“, kam es von der Seite. Trent brauchte nicht mal aufzusehen. Diese Stimme kannte er. Jede verdammte Nuance davon. Konnte man nicht vergessen, wenn man monatelang neben ihr aufgewacht war und sich schon öfter versucht hatte sie sich aus dem Schädel zu prügeln. „Fresse, Jaime“, sagte er, ohne aufzusehen. „Guten Morgen hätte auch gereicht.“ Jetzt hob Trent doch den Blick. Jaime stand da, wie immer zu gut angezogen für die Gegend, mit einer Dose Energy in der Hand und diesem verdammten Gesicht, das Trent einfach nicht aus dem Kopf bekam. „Was willst du?“, fragte Trent und klang dabei genervter, als er sein wollte. „Trey meinte, du brauchst Hilfe. Und ich hatte Bock auf Kopfschmerzen und toxische Männlichkeit. Also, man, hier bin ich.“ Trent schnaubte leise. Natürlich hatte Trey Jaime geschickt. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass das mehr Wirkung hatte als jeder Drohbrief.

Sie wussten beide, dass Jaime keinen Plan davon hatte ein Auto zu reparieren. Der Typ hatte bei sowas zwei linke Hände, ne? Da brachte ihm sein tolles Studium auch nichts. „Der da braucht neue Bremsen. Ich habe aber keinen Nerv für Bremsen heute.“

„Was hast du denn für einen Nerv? Für Drogen? Selbstmitleid? Dämonen?“, spottete Jaime, während er sich einen Hocker schnappte und sich auf Augenhöhe mit dem Auto begab. Trent zuckte kaum merklich zusammen. Das Wort Dämonen traf ihn seltsam hart. Tiefer, als es sollte. Sammael hatte sich seit Tagen kaum noch gemeldet und war still gewesen. Aber in der Stille lag etwas. Wie ein Atem oder so, den man nicht hören, aber spüren konnte. „Spast“, gab Trent zurück und Jaime stellte seine Dose ab, nachdem er nochmal einen tiefen Zug genommen hatte. Schweigend begann Trent zu schrauben, während Jaime ihm hier und da entsprechendes Werkzeug anreichte. Normalerweise genoss er es Zeit mit Jaime zu verbringen. Trotz allem. Aber heute waren seine Gedanken längst woanders… Oder jemand anderes war längst in seinen Gedanken. Diese Stimme, dieses dumpfe Flüstern, das sich wie eine zweite Frequenz unter seine Gedanken legte. Als würde jemand versuchen, einen Radiosender zu stören. Nur dass der Sender er selbst war.

„Du verschwendest deine Zeit.“

Trent blinzelte.

„Die Ketten deiner Familie… die sind aus Angst gemacht. Zerreiß sie.“

Er biss die Zähne zusammen, drehte sich ruckartig um und rieb sich das Gesicht mit beiden Händen. „Alles okay bei dir?“, fragte Jaime und sah ihn prüfend an. „Ja. Keine Ahnung. Zu wenig Schlaf, zu viel… keine Ahnung.“ Trent trat ein paar Schritte zur Seite, ging an die Werkbank, öffnete eine Schublade und schloss sie wieder, ohne etwas rauszuholen.

„Er merkt es, dieser Junge. Dein Herz reagiert noch auf ihn. Aber du bist nicht mehr nur du.“

Trent schluckte trocken, weil seine Kehle sich mit einem Mal wie zugeschnürt anfühlte. Seine Hände zitterten ganz leicht. Nicht so stark, dass Jaime es bemerkte, nur so, dass es ihm selbst auffiel. Fuck! „Ey, Alter…“ Jaime war jetzt näher herangekommen, seine Dose wieder in der Hand. „Sollen wir die Scheiße liegen lassen und ins Hole gehen?“ Trent sah ihn zum ersten Mal heute richtig an. Sah ihm in diese scheiß schönen Augen und dachte wieder an die Geschichte zwischen ihnen.

„Er wird dich immer nur zurückhalten. Lass ihn los. Ich kann dich zu einem neuen Menschen machen.“

„Fick dich“, sagte Trent energisch und meinte damit nicht Jaime, sondern die Stimme in seinem Kopf. „Okay, chill mal“, erwiderte Jaime und hob die Hände abwehrend. „Habe ich dir irgendwas getan?“

„Nein… ich… doch. Keine Ahnung. Ich habe einfach zu viel im Kopf, okay?“ Trent stützte sich mit beiden Händen auf der Werkbank ab. Sein Nacken prickelte, denn etwas fühlte sich anders an als sonst. Seit dieser scheiß Nacht fühlte sich eigentlich alles anders an und Trent wusste nicht, wie er es wieder los wurde. Als würde sich unter seiner Haut etwas rühren. Als würde sein Innerstes sich langsam zentimeterweise verschieben. Er sah kurz in den schmutzigen Spiegel über der Werkbank und für einen Herzschlag war da nicht sein Gesicht. Oder doch, aber es war anders. Seine Augen färbten sich pechschwarz und ein spöttisches, furchterregendes Grinsen legte sich auf seine Züge. „Scheiße“, fluchte er und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Trent?“, fragte Jaime vorsichtig und trat näher. „Ich bin okay“, log er und es klang so verdammt falsch, dass selbst er fast lachen musste.

Die Tür quietschte, aber es war kein harmloses Werkstatt-Quietschen, sondern das Geräusch, das einem sagte, dass gleich irgendwer reinkommt, der einem so richtig auf den Piss gehen wird. Trent hob den Kopf nicht gleich, sondern starrte einen Moment lang auf seine Füße. Zumindest rettete dieser Störenfried ihn aus der unangenehmen Situation mit Jaime. Man musste es positiv sehen, ne?

„Hey“, hörte er Jaime sagen. Als er sich umdrehte fiel sein Blick erst auf einen Typen im Flanellhemd. Er nickte Jaime gerade schwach zu, fixierte jedoch Trent und die Art wie er ihn ansah, gefiel ihm nicht. Früher hätte er dem Wichser allein dafür, wie er ihn gerade ansah, ein paar aufs Maul gegeben. „Hallo“, erklang eine weibliche Stimme. Sie stammte von der Frau, neben dem Flanellhemd-Spasten. Sie sah aus wie eine versnobte Tussi, mit ihrem affigen Blümchenkleid. Sie war keine Britin, so viel stand fest. „Hallo“, äffte Trent sie nach, woraufhin die Frau die Nase rümpfte. „Wollt ihr was, oder macht ihr Sightseeing in Crocky?“, fragte er provokant. Der Typ mit dem Flanellhemd schob die Hände in die Hosentaschen und musterte Trent wie jemand, der sich Notizen machte, ohne sie aufzuschreiben. „Du bist Trent Vaughn?“

Trents Augen verengten sich, seine Schultern spannten sich unmerklich an und er spürte, dass Jaime neben ihn trat und gleichzeitig seine leere Energydose zerdrückte. „Kommt drauf an, wer fragt.“

„Sean“, sagte der Typ. „Das ist Kat.“ Keine Nachnamen und auch keine weiteren Infos und trotzdem – oder deshalb – schrillte irgendeine Alarmglocke in seinem Hinterkopf. „Was wollt ihr?“ Trents Ton war jetzt kälter und offenkundig misstrauisch. „Nur reden“, sagte sie und bevor Trent etwas erwidern konnte, spürte er ihn. Sammael. Er spürte ihn nicht nur, er hörte ihn laut und deutlich in seinem Kopf.

„Sie lügen!“, dröhnte es in seinem Kopf, so laut, dass Trent unwillkürlich die Zähne zusammenbiss. Sammael war wach und so präsent, dass es beinahe wehtat. Nein, man. Er war nicht nur wach, er war verdammt wütend. Die meiste Zeit flüsterte er bloß im Hintergrund rum, schob ihm kleine Gedanken in die Hirnrinde, als wäre es sein gottverdammter Job. Aber das hier jetzt gerade? Das war anders.

„Sagen wir mal so, Trent, wir wissen, was mit dir passiert ist. Und wir können wir helfen, wenn du uns lässt“, sprach Kat weiter.

„Lügnein! Verräterin! Verdammte Hexenschlampe! Reiß ihr die Zunge raus!“, bellte Sammael in seinem Inneren und Trent spürte, wie er unweigerlich die Hände zu Fäusten ballte. Trents Blick zuckte zu Kat, die mit verschränkten Armen dastand und ihn musterte. Und irgendwas an ihr machte ihn nervös. Nicht auf die Art nervös wie Jaime es schaffte, wenn sie alleine waren. Auch nicht so wie Typen, die mit einer Knarre in der Jackeninnentasche reinkamen. Das hier war anders… Fast so als würde sein Körper wissen, was sein Hirn noch nicht gerafft hatte.

Trent presste die Zunge gegen den Gaumen. „Also… nur reden?“, wiederholte er, aber seine Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Sean nickte. „Nur reden.“

„Du darfst ihnen nicht trauen. Der Bastard und die Schlampe kennen die Dunkelheit in dir. Sie werden versuchen dir zu schaden“, beharrte Sammael alarmiert. Seine Stimme war jetzt kaum noch zu unterscheiden von Trents eigenen Gedanken. „Reden ist hier teuer“, entgegnete Trent, verschränkte die Arme und musterte die beiden. Sean stand noch immer ruhig da, aber der Typ war kein Tourist, so viel war klar. „Seid ihr Bullen? Verkackte Sozialarbeiter? Und was wollt ihr hören? Meine scheiß Lebensgeschichte? Die gibt es nicht im Podcast, sorry.“ Trent schnaubte spöttisch und er sah wie Jaime neben ihm unruhig mit den Füßen schabte.

Diese Kat musterte ihn jetzt anders als eben. Fast so, als könnte sie hinter seine Fassade sehen, und das passte, vor allem Sammael, überhaupt nicht.

„Sie spürt es. Sie spürt mich.“

„Halt die Fresse“, blaffte Trent, obwohl keiner etwas laut ausgesprochen hatte und fuhr sich durch die Haare.

„Was?“, fragte Sean. Der Typ war jetzt leicht vorgetreten und betrachtete Trent wachsam. „Nichts.“ Trent schüttelte den Kopf. „Redet oder verpisst euch. Ich habe keine Zeit für Bullshit.“

„Töte sie!“ Trent schüttelte den Kopf und bemerkte, dass alle Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Es wurde ihm zu eng in seinem eigenen Körper. Seine Gedanken rasten, sein Herz ebenso. Töten? Alter, er war sicher kein unbeschriebenes Blatt. Keiner, der Sonntags in die Kirche ging, aber ein Mörder? Fuck nein, das war er auch nicht!

„Töte sie, jetzt. Bevor sie dich töten. Sie werden dich töten.“

„Halt doch einfach mal dein dummes Maul. Ich kann nicht denken!“, zischte Trent und versuchte diesmal die Stimme gesenkt zu halten.

Kat und Sean wechselten einen kurzen Blick. Nur ein Hauch von Kommunikation, aber Trent sah es ihnen an. Sie wussten es.

„Sie haben mich gerufen. Sie wollten mich benutzten.“

Trent keuchte leicht und fasste sich an den Schädel, der allmählich zu dröhnen anfing. All diese Gefühle und Gedanken, die Sammael ihm einflößte, machten ihn schwindelig. Er wollte sie los werden, abschütteln und gleichzeitig merkte er, dass er das nicht konnte. Er war nicht stark genug. Schlimmer noch, er merkte, dass Sammael allmählich die Überhand bekam.

„Sieht so aus, als würdest du seit Kurzem Stimmen hören“, sagte Kat schließlich langsam und bedacht. Trent lachte hart und trocken. „Willkommen in Crocky, Puppe. Hier redet jeder mit sich selbst.“

Sammaels Hass auf Kat und Sean vibrierte durch Trents ganzen Körper und kroch seine Wirbelsäule hoch.

„Ich will sie sterben sehen.“ Ein Ruck ging durch Trents Kiefer. Er biss so fest zu, dass es knirschte. Er wollte was sagen – irgendwas Witziges, irgendwas Sarkastisches – aber seine Zunge fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz wie seine an. Sein Magen zog sich zusammen. „Ich weiß nicht, was ihr sucht“, brachte er schließlich raus. „Aber ich bin nicht euer Typ.“

„Wir suchen Sammael“, sagte Sean ruhig und kam damit ohne Umschweifen zum Punkt. „Sammael?“, fragte Jaime irritiert. „Was soll denn ein Sammael sein?“ Trent hingegen erstarrte.
 



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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Von: Centurion
2025-08-30T11:20:48+00:00 30.08.2025 13:20
Und direkt beginnt es abzugehen xD Richtig gutes Kapitel xD Ein paar Stellen hab ich ganz besonders geliebt xD
Schon direkt der Anfang, als Jaime zu Trent kommt. „Und ich hatte Bock auf Kopfschmerzen und toxische Männlichkeit.“ fand ich soo witzig, ich musste kurz auflachen xD Und die Art, wie Jaimes bloße Anwesenheit den Sammael in Trent triggert und total aufwühlt, richtig gut

Und ich liebe den Auftritt von Sean und Kat, und wie die so aufeinander reagieren und sich soo scheiße finden xD Ich kann mir einfach so gut vorstellen, was auch in Kats Kopf vor sich gehen muss, und wie sehr sie innerlich die Nase über die Werkstatt und Trent und Jaime rümpft xD
Hast auch wieder Trents extrem charmante Art mit fremden umzugehen perfekt getroffen. Und wie er Kat und Sean auch innerlich beleidigt. „Sie sah aus wie eine versnobte Tussi, mit ihrem affigen Blümchenkleid.“ Da musste ich auch wieder lachen, wie er schon ihr Blümchenkleid disst xDD Genial
Mit am witzigsten finde ich aber, wie er auch die ganze Zeit Sammael auf härteste beleidigt, vor allem wo er ihn anfährt er soll mal die Fresse halten damit er denken kann. Das ist einfach sooo die Trent Art damit umzugehen, von nem Dämonen besessen zu sein xD Nicht weil er Sammael so scheiße findet, sondern weil er eben einfach so mit Leuten redet, egal wem xD
Habs richtig geliebt und bin super gespannt drauf wie es ab hier weitergeht *_*
Von: Centurion
2025-08-30T11:06:32+00:00 30.08.2025 13:06
Herrlich xD

"dieser Blick, der irgendwo zwischen Ich habe alles im Griff und Ich will eigentlich nur meine Ruhe schwankte."

Das ist einfach sooo treffend beschrieben, ich musste echt dumm vor mich hingrinsen xD Und dann dieser Dialog zwischen Sean und Kat xD "Ich hasse es hier" "Du hasst alles" hahaha
Kat und Sean, abgeklärt wie eh und je, Kieran, der sich mittlerweile schon total dran gewöhnt hat und Ace, der erstmal darauf klarkommen muss, die Dynamik hast du komplett auf den Punkt getroffen. Ich fand auch soo witzig, wie hart Kat über Crocky ablästert (und auch über Trent) und es einfach nur schlimm dort findet. Was verständlich ist. Es ist ja auch schlimm xD Aber einfach die Idee, Kat, Sean und co mal in das Crocky Setting zu werfen ist einfach nur super witzig und genial xD
Bin gespannt wie es weitergeht und Trent da heil wieder rauskommt, vor allem Kat und Sean sind ja nicht dafür bekannt, sonderlich rücksichtsvoll zu sein hahah
Von: Centurion
2025-08-30T10:57:18+00:00 30.08.2025 12:57
Was ist das bitte für ein geniales Crossover? xD

Ich bin sehr gespannt was passiert, jetzt wo Trent zu Sammaels Gefäß wurde xD Er ist ja schon ein idealer Kandidat, ne. Voller Verbitterung und Wut xD
Du hast ihn btw perfekt getroffen, und den 100% Trent-vibe gechannelt. Wie er da im Regen an der Bushaltestellte steht, dann ein Höllenhund zu ihm spricht und er erstmal denkt er wäre auf nem Trip xDD Auch seine bitteren Gedanken über seine Brüder und Jaime, echt herrlich und soo passend zu wo wir grade im RPG sind. Richtig witzig und atmosphärisch geschrieben, ich bin jetzt schon sehr gespannt wie es weitergeht und lese direkt das nächste Kapitel *_*


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