Nahe den Bergen des Feuerstamms trug ein eisiger Wind sein Flüstern durch die Bäume und strich über meine erhitzte Haut. Der Herbst war im Anmarsch – ich roch ihn in der klaren Luft, sah ihn in den Blättern, die langsam ihr saftiges Grün gegen blasses Gelb und brüchiges Rot tauschten. Er legte einen zusätzlichen Schleier aus Trostlosigkeit und Einsamkeit über diesen Ort. Vielleicht gefiel er mir gerade deshalb.
Abgesehen von den seltsamen Dorfbewohnern, die in den Höhlen des Berges lebten, verirrten sich nur selten Menschen hierher.
Ein guter Zufluchtsort für jemanden wie mich – eine Fremde, deren Anblick in den Städten so herausstach wie die schillernden Federn eines Paradiesvogels. Mein Gesicht passte in keines der vertrauten Bilder: nicht wie eine Frau aus Xing, nicht wie eine aus Sei. Und mein fremdartiger Akzent verriet keine Wurzeln im Kai-Imperium.
Nur ein einziges Mal war ich jemandem begegnet, der meine Herkunft erkannte. Ein alter Händler aus Saika, dessen müde Augen plötzlich aufleuchteten, als sie auf meine grauen trafen.
„Eine Nordländerin“, hatte seine raue Stimme überrascht geflüstert, während er versuchte, unter meiner Kapuze einen Blick auf das für den Norden typische, weißblonde Haar zu erhaschen.
Ich hatte ein Lächeln aufgesetzt, mein Cape tiefer ins Gesicht gezogen und gelogen: „Ihr irrt euch, mein Herr.“
Das war mein erster – und letzter – Besuch in der Hauptstadt des Feuers gewesen. Seither mied ich die großen Städte und hatte mich hier, am Rand des Waldes, niedergelassen.
Ich seufzte, ließ meinen Blick zur tief hängenden Sonne wandern, deren Licht wie flüssiges Kupfer über den Horizont rann, und wandte mich dann dem Steinofen zu, an dem ich seit Stunden gearbeitet hatte. Meine Hände pochten dumpf unter der spröden Lehmschicht, mit der ich die letzten Ritzen verschlossen hatte.
Schön war er nicht, und keine Seele würde ihn für seine Bauweise rühmen – aber er würde tun, was er sollte.
Das vertraute Gefühl von Augen in meinem Rücken begann zu kribbeln, während ich arbeitete. Es war mir längst vertraut – wie ein unsichtbarer Faden, der sich an meine Haut legte. Dieser Blick war vorsichtig, misstrauisch vielleicht, oft neugierig, doch niemals bedrohlich.
Mein Volk glaubte an die Hüter der Wälder – mystische Wesen, alte Götter – und diese Überzeugung war seit Jahrhunderten tief in unsere Bräuche eingewoben. Wenn der Wächter dieser Berge sich entschloss, meiner Anwesenheit Aufmerksamkeit zu schenken, nahm ich es hin. Es war eines der Dinge, an die ich mich gewöhnt hatte.
Da – Schritte hinter mir. Hektisch, leicht, und von einer Ungeduld getragen, die sie unachtsam über Stock und Stein stolpern ließ. Das trockene Knacken von Ästen mischte sich mit dem dumpfen Aufprall loser Steine.
Eine Frau… vielleicht noch ein junges Mädchen.
Meine Hand blieb vom Dolch fern, der an einer Scherbe befestigt an meiner Seite hing. Stattdessen drehte ich mich langsam um und warf einen Blick über die Schulter.
Das Mädchen eilte auf mich zu. Ihr Gesicht blieb mir verborgen hinter dieser groben, unschönen Maske, wie sie viele der Dorfbewohner trugen – ein seltsamer Brauch, dem ich bis heute keinen Sinn abgewinnen konnte.
Sie blieb einige Schritte vor mir stehen und verbeugte sich hastig.
„Heilerin, ich brauche eure Dienste!“
Das Gerücht über meine Fähigkeiten hatte sich rasch verbreitet. Mit diesem Kind standen heute bereits drei Höhlenbewohner vor meiner Tür. Alles wegen eines törichten Jünglings, der vor einigen Wochen die Steilheit des Hanges unterschätzt hatte und schließlich wimmernd meine Holzterrasse mit Blut besudelte.
„Ich habe etwas zu tauschen.“
Sie hob einen kleinen Sack, der im schwachen Licht raschelte. Vermutlich Reis. Die Bewohner hatten begonnen, mich mit Lebensmitteln oder Fellen zu bezahlen – ein stilles, angenehmes Abkommen. So ersparte ich mir den mühseligen Tagesmarsch hinab zu den Handelsstraßen.
Ich bückte mich, tauchte die Hände in den Wassereimer zu meinen Füßen, spürte das kalte Nass zwischen den Fingern und wusch den Lehm fort. Mit dem Stofftuch, das lose über meiner Schulter hing, trocknete ich sie ab.
„Komm“, wies ich sie an, deutete auf meine niedrige Veranda und schob die Tür zur Seite.
Das Mädchen hob neugierig den Kopf, warf mir einen kurzen Blick zu und spähte dann an mir vorbei ins Innere. Ihr Ausdruck war derselbe, den alle trugen, wenn sie mein Heim zum ersten Mal sahen – ein stummes Staunen, gemischt mit leisem Befremden.
Ich hatte meine Hütte in der Bauweise meines Landes errichtet. Die filigrane Architektur von Kouka erschien mir unbegreiflich – wie sollten dünne Wände Wind, Regen oder Schnee trotzen?
Im Vergleich zu den fein gearbeiteten Häusern der Städte wirkte mein Heim grob, fast ungeschliffen. In der Mitte des Raumes stand eine Metallschale, in der an kalten Nächten glühende Kohlen flackerten. Felle bedeckten Wände und Boden, und von der Decke hingen Kräuterbündel, deren trockener, würziger Duft die Luft füllte.
Nur die Veranda und die Schiebetür trugen Spuren der örtlichen Bauweise.
„Wie kann ich dir helfen?“ fragte ich und setzte mich. Mein Blick glitt zu ihrer Maske – wie immer, wenn ich mit diesen Leuten sprach, irritierte mich dieses groteske Stück Handwerk, das ihre Gesichter verbarg…
Die junge Frau setzte sich mir gegenüber, schob den Sack wortlos zu mir und verschränkte die Hände fest in ihrem Schoß.
„Ich glaube, ich bin tragend… aber ich bin mir nicht sicher. Mein letztes Kind habe ich im dritten Mondzyklus verloren.“
„Wie alt bist du?“
Sie hielt inne, sichtlich irritiert von meiner Frage. „Ich werde mit diesem Winter fünfzehn.“
Viel zu jung, dachte ich und griff nach einer Decke. Während ich sie ihr reichte und aufstand, schoben sich Erinnerungen an andere Mädchen wie sie in meinen Kopf – alle denselben Weg gegangen: jung versprochen, früh vermählt, die Pflicht im Bauch, einen Erben zu gebären. Zu oft verloren sie ihre Kinder. Zu oft starben sie selbst.
„Leg dich auf den Rücken. Die Decke über die Beine. Zieh dein Kleid so weit hoch, dass ich deinen Unterleib abtasten kann.“
Sie folgte meinen Anweisungen schweigend. Ich öffnete das Fläschchen mit einem meiner liebsten Öle – der warme, würzige Duft stieg auf, während es in meinen Händen Hitze sammelte und zugleich die Haut reinigte.
Ich kniete mich neben sie, schob die Decke leicht an und glitt mit den Fingerspitzen unter den Stoff. Sie zuckte leise zusammen, als meine Berührung ihre Haut fand.
„Wann hast du dein Kind verloren?“
„Diesen Sommer“, murmelte sie und knetete nervös den Stoff ihres Kleides, bis er unter ihren Fingern Falten warf.
Ich legte meine Hände auf ihren Bauch, tastete vorsichtig, drückte sanft hier, schob leicht dort.
„Hast du danach geblutet?“
„Ja, zwei Tage… und mir war übel.“
Ein gutes, normales Zeichen. Ihr Körper hatte sich gereinigt, nichts war zurückgeblieben, das ihr Blut vergiften konnte.
Die Untersuchung zog sich hin. Ich bat sie, die Maske abzunehmen, und prüfte ihren Herzschlag – kräftig und gleichmäßig gegen meine Fingerspitzen pochend. Ihre Augen waren klar, die Temperatur unauffällig. Schließlich legte ich meine Handfläche auf ihren Unterleib.
Unter meiner Haut vibrierte das neue Leben – warm, beständig, gesund.
Das Mädchen atmete tief ein, schloss die Lider und flüsterte atemlos: „Ist das… normal? Ich kann es in mir fühlen!“
Ein rosiges Leuchten breitete sich über ihre Wangen aus, ein unübersehbares Aufblühen von Freude. Ich ließ ihr noch einige Augenblicke, bevor ich die Hand zurückzog.
„Du bist gesund, und dein Kind ist es auch.“
Ich wandte mich zu den Regalen, hörte hinter mir das leise Rascheln ihres Kleides.
„Kann ich es wieder verlieren?“
„Ja“, antwortete ich ehrlich, während ich ein Stück Leinen ausbreitete und getrocknete, fein zerstoßene Pflanzen darauf schichtete. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer. Ich gebe dir eine Kräutermischung mit. Daraus bereitest du dir alle sieben Tage einen Tee und trinkst ihn, sobald er abgekühlt ist.“
Das Mädchen bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung und verließ mich. Ich folgte ihr mit dem Blick, bis sie im Schatten der Bäume verschwand.
Wenn die Sterne ihr gewogen waren, würde sie im Frühjahr ein gesundes Kind zur Welt bringen – und lernen, eine gute Mutter zu sein.
Meine Augen wanderten in den Himmel, der sich zusehends verdunkelte. Der Ofen konnte bis morgen warten. Die Dunkelheit begann das letzte Licht zu verdrängen, und ich musste mein Heim für die Nacht rüsten. Die vertraute Routine setzte ein.
Ich schichtete Holz in der Feuerstelle, ersetzte die abgebrannten Kerzen im Haus und prüfte den Wasservorrat. Mit dem letzten schwachen Schimmer des Tageslichts schloss ich die einzige Fensterluke meiner Hütte. Unter dem warmen Flackern der Flammen begann ich, die gesammelten Heilkräuter zu verarbeiten – eine mühsame, aber präzise Arbeit, die mir dennoch lieb war. Die Stunden vergingen im Rhythmus des Mörserns, begleitet vom Knistern der Holzscheite vor meiner Hütte.
Als mein Rücken vom langen Sitzen schmerzte, richtete ich mich auf, prüfte die Höhe des Feuers und stand auf. Die Temperaturen sanken stetig, also beschloss ich, nach dem Abfüllen der Paste die Kohlen hereinzuholen.
Gerade als ich die glühenden Wärmespender in der Metallschale anordnete, hielt ich inne.
Aus dem dunklen Wald drang der scharfe, einsame Schrei einer Eule – ein Laut, der wie ein Schnitt durch die Stille ging.
Ein Knacken im Geäst, gefolgt vom hellen Klirren kleiner Glöckchen, zerschnitt die nächtliche Stille. Ein Klang, der nicht zur Natur gehörte – und sich dennoch unheimlich stimmig in sie einfügte. Er kam näher.
Meine Finger glitten instinktiv über den Griff des Dolches an meiner Hüfte, während ich aufstand und mich zur offenen Tür drehte.
Zuerst war da nur Dunkelheit. Dann löste sich ein schemenhafter Umriss daraus – groß, breit. Ein Mann.
Mein Herzschlag beschleunigte sich, und ein flüchtiges Flattern breitete sich in meinem Magen aus. Seine Schritte waren schnell, zielgerichtet, und trotz seiner Größe bewegte er sich mit einer Wendigkeit, die von Erfahrung sprach.
Ein Mann. Ein Kämpfer.
Das Feuerlicht fiel auf ihn und zeichnete die Konturen einer gehörnten Maske nach, unter der Fell hervorsah. Nicht dieselbe plumpe Maske der Dorfbewohner – aber ähnlich genug, um seine Zugehörigkeit zu verraten.
Auf seinem Rücken ruhte ein Schwert, und in den Händen hielt er etwas, das ich im Halbdunkel nicht erkennen konnte.
Seine Gestalt war imposant.
Mein Körper spannte sich, bereit zur Verteidigung. Doch die Dorfbewohner waren mir bisher nie mit offener Feindseligkeit begegnet. Also wartete ich – regungslos, den Blick fest auf ihn gerichtet.
Der Mann blieb vor meiner Veranda stehen – und mit einer einzigen Bewegung nahm er mir die Vorsicht, wie der Wind, der die Blätter fortträgt. Er verbeugte sich tief, streckte beide Hände aus und hielt mir ein Tier entgegen.
„Bitte… hilf ihr“, bat er, und seine Stimme war leise, flehend – unerwartet sanft für einen Krieger.
Ein Holzscheit zerbrach krachend im Feuer. Langsam löste ich die Finger vom Dolchgriff.
Mein Blick glitt zu dem kleinen Bündel in seinen Händen.
Ein Eichhörnchen. Sein Atem war hastig und flach, die winzigen Beinchen zuckten unruhig.
Ich heilte Menschen, keine Tiere – und doch nahm ich ihm das Wesen vorsichtig ab.
Seine Kälte drang durch sein Pelz und in meine Hände, ein scharfer Gegensatz zu meiner eigenen Wärme. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war, konnte ich nicht sagen.
„Seit wann ist es so?“ fragte ich ruhig und legte das Tier auf ein Fell, dicht neben die warme Metallschale. Das Licht flackerte über seinen kleinen Leib.
„Ich… ich weiß es nicht“, antwortete er zögernd, fast zu leise, um es zu hören.
„Hast du es gefunden – oder gehört es dir?“
Ich öffnete vorsichtig eines seiner Augen, prüfte den Reflex und sah die gerötete Bindehaut. Seine Pfoten zuckten krampfhaft, und ein keuchendes Röcheln brach aus seiner Kehle.
„Sie… Ao ist ein Freund.“
Also gehörte es ihm.
Der Bauch wirkte geschwollen, und unter meinen Fingerspitzen spürte ich feine, unregelmäßige Bewegungen. Ich hielt inne. Wo prüfte man den Herzschlag eines Eichhörnchens? Das Blutnetz verlief anders als bei Menschen – und doch mündete alles in die Glieder.
Schließlich entschied ich mich für eines der Hinterbeine. Sekunden vergingen. Schon wollte ich eine andere Stelle versuchen, als ich das träge, schwache Pochen unter meinen Fingerspitzen wahrnahm – viel zu langsam für ein Tier, dessen Leben von schneller Flucht und unermüdlicher Futtersuche abhing.
„Was hat es gefressen?“
„Wurzeln“, antwortete er knapp.
Ein leises Summen entwich mir, während ich vorsichtig versuchte, das winzige Mäulchen zu öffnen. Viel war nicht zu erkennen – nur das fahle Fleisch, das im Licht stumpf wirkte.
„Weißt du, welche?“
„… Nein.“
Meine Fingerspitzen glitten sanft über sein Köpfchen, bevor ich mich tiefer hinabbeugte. Viele der Wurzeln hier in den Bergen trugen einen unverwechselbaren Geruch. Ich atmete behutsam ein – und lag richtig.
Aus dem kleinen Rachen stieg eine schwach süßliche Note.
Eibenwurzel. Für den Menschen ungefährlich, sogar hilfreich gegen schmerzende Glieder – doch für so ein kleines Wesen?
Ich legte das Eichhörnchen behutsam zurück auf das Fell und wandte mich den Regalen zu.
Egal, was ich jetzt tat – jeder mögliche Weg barg das Risiko, es zu töten.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte ich die Leere eines fehlenden Wissens.
Das Eichhörnchen stieß einen keuchenden, nach Luft schnappenden Laut aus. Instinktiv griff ich zu den benötigten Dingen – Medikamente, Öl, eine Schüssel – und holte meine weiche, zusammengerollte Ledermappe, in der mein Werkzeug lag. Damit kehrte ich zu dem kleinen Nager zurück.
„Komm herein und setz dich“, sagte ich leise, ohne den Blick von meiner Arbeit zu heben.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er zögerte. Erst als ich die Mappe ausgebreitet und das Öl in die nadellose Metallspritze gefüllt hatte, trat er langsam ein. Sein Gang war vorsichtig, fast misstrauisch, und erst dann ließ er sich nieder.
„Ich gebe deinem Freund jetzt Öl – und Folgendes kann passieren.“
Ich nahm das Eichhörnchen behutsam in eine Hand und sah ihm fest in die Augen.
„Entweder sie leert ihren Mageninhalt in die Schüssel… oder sie stirbt.“
Bei dem letzten Wort spannten sich seine Kiefer an, und die Lippen formten eine schmale, harte Linie. Ich wartete, bis er knapp nickte, dann führte ich das Metallende vorsichtig in das winzige Maul.
Das Tierchen wehrte sich nur schwach, stieß keuchende, protestierende Laute aus und schluckte das Öl widerwillig hinunter.
Ich hielt sie über die Schüssel und strich ihr mit den Fingern sanft über den Nacken. Die kleinen Beinchen erschlafften.
Nicht gut.
Ein vertrautes Prickeln breitete sich in meiner Handfläche aus – das untrügliche Zeichen, dass ich tief in einen fremden Organismus eingriff. Ihr Kreislauf brach zusammen; bald würden die Organe ihre Arbeit einstellen.
Sie starb.
Ich stieß hörbar den Atem aus. Draußen klangen die Glöckchen leise, während der junge Mann den Kopf senkte und die Hände zu Fäusten ballte.
Nein. Ich ließ dieses dumme Tier nicht sterben.
Hitze flammte unter meiner Haut auf, während ich ihren Blutkreislauf und ihr Herz zwang, den Rhythmus wiederzufinden. Sekunden verstrichen, schwer wie Blei.
Dann – eine Bewegung.
Das kleine Geschöpf krampfte, und ein plötzlicher, heftiger Brechreiz schüttelte seinen Körper.
Es war kein schöner Anblick, und die Geräusche ließen mir selbst einen kalten Schauer den Rücken hinablaufen. Der Mann spannte sich an, doch ich rieb beruhigend über das weiche Fell und flüsterte leise:
„So ist es gut.“
Es dauerte, und ich wartete reglos, bis kein Laut mehr aus seinem kleinen Maul drang. Der Magen war leer, der Körper still in meinem Griff.
Erleichterung stieg in mir auf wie warme Luft.
Der Herzschlag blieb träge, doch der Atem ging ruhiger, gleichmäßiger. Ein gutes Zeichen – vielleicht genug, um den kleinen Freund durch die Nacht zu bringen.
Die verdünnte Variante des Medikaments, die ich ihm gegeben hatte, war schmerzlindernd, belebend und füllte den ausgetrockneten Körper mit wertvollen Mineralien. Ich hoffte nur, dass all das auch für ein Tier zuträglich war. Bisher verhielt es sich ruhig, und sein Zustand schien sich zu stabilisieren.
Behutsam deckte ich seinen kleinen Leib zu und legte ihn dicht an die warme Metallschale.
„Ich weiß nicht, ob dein Freund es bis zum Morgengrauen schafft“, sagte ich leise, „aber bleibt sein Zustand so, stehen die Sterne gut.“
Während ich sprach, trug ich meine Utensilien zurück, reinigte jedes Stück sorgfältig und setzte Wasser für Tee auf.
Er nickte nur steif. Die Glöckchen an seiner Maske klangen leise bei jeder seiner Bewegungen.
Ich mochte den Klang der Glöckchen. Er trug mich zurück in warme Sommer, zu kühlem Wasser, das meine Haut umspielte, und zu dem hellen, freien Lachen meiner Mutter, wenn sie um das große Feuer tanzte. Ihre Fußkettchen sangen in silbernen Tönen, und der Wind trug diese Klänge weit hinaus in die Nacht.
Ich verdrängte das bittere Ziehen in meinem Magen. Es war lange her.
„Hier.“
Ich reichte ihm einen Becher mit dampfendem Tee. Er zögerte, unschlüssig, wie er reagieren sollte.
„Ich vergifte meine Besucher nicht“, sagte ich ruhig, „falls du davor Angst hast.“
Seine Hände nahmen den Becher entgegen. „Es… danke…“
Ein Schauder lief mir über den Rücken, als er den Kopf hob und mich ansah – durch die schmalen Öffnungen seiner Maske, stumm, eindringlich.
In diesem Blick lag etwas, das über einen bloßen Mann hinausging.
„Wie lautet dein Name?“ fragte ich und setzte mich.
Er senkte das Haupt, die Stimme gedämpft. „Sei… ryuu.“
Der Name war mir nicht fremd.
Hatte ich ihn schon einmal gehört? Oder gelesen?
Leise summend wühlte ich in meinen Gedanken, bis mir das Bild des dünnen Buches einfiel, das mir ein Händler im Tausch gegen Kräuter gegeben hatte, als ich die Grenze zu Kouka überschritt.
Die Entstehungsgeschichte des Landes… vier Drachen, die vom Himmel stiegen, um ihren Bruder zu schützen.
Seiryuu – der Blaue, dessen Augen alles sahen.
„Ist das ein Titel… oder dein Name?“
Langsam hob er den Blick, öffnete den Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen.
Ich wartete still, bis er sprach.
„… Ich habe… keinen Namen. Sie nennen mich einfach nur… Seiryuu.“
„Verstehe.“
Und ich tat es.
Die verlassenen Kinder von Ragnama, einem Wald weit im Norden, sprachen wie er. Verstoßen, gehasst, sich selbst überlassen – mit kaum einem Wort an die Außenwelt und keiner Übung im Umgang mit Menschen. Auch sie trugen keinen eigenen Namen.
Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt jemandem meinen Namen anvertraut hatte.
Als ich ihn nun aussprach, einem inneren Drang folgend, klang er in meinen Ohren seltsam fremd – fast so, als gehörte er nicht mehr ganz mir.
„Ich heiße Raĕni.“
Seit ich Seiryuu meinen Namen genannt und das Eichhörnchen geheilt hatte, waren zwei Sonnenaufgänge vergangen. Ich rechnete nicht damit, den jungen Mann und seinen merkwürdigen Gefährten so bald wiederzusehen – es ergab keinen Sinn. Gesunde Menschen suchten keinen Heiler auf.
Umso mehr überraschte es mich, als ich mit einem Korb frischer Kräuter aus dem Wald trat und ihn vor meiner Hütte stehen sah. Er hob den Kopf, und ein prickelndes Gefühl, wie ein ferner Hauch von Macht, lief mir den Rücken hinunter.
Ich suchte keine Antworten und doch hatte ich das Buch über die Drachen und ihren König aus einer Laune heraus erneut gelesen. Eine schöne Legende, wenn auch von leiser Tragik durchzogen.
Seine Glöckchen erklangen leise, als er sich erhob. Mit der Bewegung sprang auch das Eichhörnchen von seinem Schoß, überquerte den schmalen Pfad und hüpfte ohne Zögern auf meine Schulter.
Es schmiegte seine winzige Wange an meine, eine Geste, die mich innehalten ließ.
Unbeholfen tätschelte ich ihm den Kopf. „Es… freut mich, dass es dir gut geht.“
Menschen dankten mir, grüßten mich doch sie freuten sich nicht, mich zu sehen. Und wie die Leute Abstand hielten, mieden auch Tiere meine Nähe. Vielleicht rochen sie die Arzneien… oder den Tod, der mich oft genug begleitete. Ich hatte mich daran gewöhnt und rechnete mit keiner anderen Reaktion.
Ao jedoch… Ao irritierte mich mehr, als ich zugeben wollte.
„Was führt dich zu mir, Seiryuu?“
Ich stellte den Korb auf die Veranda, wandte mich ihm zu und ließ meinen Blick – fast automatisch – über ihn gleiten, um seinen Gesundheitszustand zu prüfen. Für mich so selbstverständlich wie das Atmen frischer Luft.
Er trat einen Schritt zur Seite, und erst da fiel mir der tote Feldhase zu seinen Füßen auf. Ohne ein Wort hob er ihn auf und reichte ihn mir.
Meine Finger glitten in das dichte Fell – ein prachtvolles Tier, mit kräftigen Hinterläufen und gutem Gewicht. Sein Fleisch würde viele Wochen reichen.
„Das ist eine großzügige Gabe, Seiryuu… und weit mehr wert, als das, was ich getan habe.“ Für Ao hatte ich kaum eine Handvoll Medizin gebraucht. Ihre Genesung beruhte eher auf Intuition und vielleicht auf dem Willen der Götter.
Er schüttelte sofort den Kopf, energischer, als ich es von ihm gewohnt war, und deutete auf den kleinen Nager, aus dem ein ebenso entschlossenes Fiepsen kam.
„Dann sei mein Gast“, bot ich an.
Als er reglos blieb, die Stille wie ein unausgesprochener Einwand zwischen uns, fügte ich mit einem leisen, aber festen Unterton hinzu:
„Ich akzeptiere kein Nein.“
Ich ging an ihm vorbei, entzündete ein Feuer und trug den Hasen ein Stück von meinem Haus fort, um ihn dort vorzubereiten.
Ich wusste nicht mehr, wie viele Tiere ich in meinem Leben zerlegt hatte, oder wie viele Felle daraus geworden waren nur, dass ich diese Arbeit nie mochte.
Nicht so wie mein Großvater, der selbst aus minderwertigstem Leder noch ein gewinnbringendes Fell zauberte und mit ehrlicher Freude seinem Handwerk nachging.
Hinter mir erklangen die leisen Töne seiner Glöckchen.
Ich warf einen Blick über die Schulter und sah, wie er den Kopf leicht zur Seite neigte, mich in respektvollem Abstand beobachtend.
„Es wird ein gutes Fell“, begann ich, während meine Hände in schnellen, geübten Bewegungen arbeiteten, „auch wenn Hasenhaut nicht meine erste Wahl ist. Sie haart mehr und reißt schneller aber sie hält gut warm.“
Er sprach kein Wort, doch sein Blick hing an jeder Silbe, die meine Lippen verließ, und an jeder Bewegung, die ich machte.
Also redete ich weiter – erklärte den einfachsten Weg, Fleisch von Sehnen und Fettgewebe zu lösen, zeigte ihm, welche Knochen sich für eine Brühe eigneten, und wie man ein Fell für das Gerben vorbereitet.
In seiner stillen Aufmerksamkeit lag etwas Unverstelltes, und für einen Moment erinnerte er mich an einen jungen Vogel, der gerade erst den Mut findet, seine Flügel auszubreiten.
Die Sonne wanderte, und ich folgte meiner gewohnten Routine:
Das Fleisch köchelte leise im Topf, während ich die frisch gepflückten Heilpflanzen sortierte. Er blieb die ganze Zeit still bei mir und mit ihm Ao, die sich an den Kräutern gütlich tat, die ich nicht benötigte.
Irgendwann schrieb ich diese in ihre Aufzeichnungen, begonnen in jener Nacht, als sie nur knapp dem Tod entgangen war.
„Danke.“
Seine sanfte, fast zögerliche Stimme riss mich aus dem Fluss der Worte.
Ich hob den Kopf, doch er sah mich nicht an sein Blick ruhte auf der leeren Schüssel in seinen Händen, als wolle er darin eine passende Formulierung finden.
„Du schuldest mir keinen Dank.“
Ich strich Ao über das Fell, legte zwei Finger leicht an ihren kleinen Brustkorb und fühlte den ruhigen Herzschlag.
„Deine Gesellschaft… ich finde sie angenehm.“
Er hob den Blick. „Du hast… keine Angst?“
„Vor dir?“
Meine Augen glitten über die langen Risse in seiner Maske. Die rote Farbe der Markierungen war bereits verblasst, und die einst glatte Holzoberfläche wirkte rau unter dem Zahn der Zeit. Noch ein paar Jahre, dann würde sie wohl auseinanderbrechen.
Seine Lippen pressten sich zu einer geraden Linie, während er kurz und abgehackt nickte.
„Haben die Dorfbewohner Angst?“ fragte ich und drehte gedankenverloren den Stift zwischen meinen Fingern, während ich mich im Sitz zurücklehnte.
„Ja…“
Ein leises Summen entwich mir. Ich wandte den Blick ab, ließ ihn über die hohen Berge hinter der Baumgrenze gleiten.
„Sie fürchten auch mich.“
Er schüttelte den Kopf und deutete auf Ao. „Du heilst sie.“
Meine Mundwinkel hoben sich zu einem freudlosen Lächeln, und mein Blick kehrte von der Ferne zu ihm zurück.
„Das tue ich und trotzdem fürchten sie mich.“
In seiner Haltung lag pures Unverständnis, und genau das bestätigte, was ich längst vermutet hatte:
Ein verhasstes Kind, geboren in einem Dorf, das ihm gerade genug Gnade erwiesen hatte, um ihn am Leben zu lassen.
Vielleicht duldete ich deshalb seine Nähe – und länger als die aller anderen Menschen, die mir in Kouka bisher begegnet waren.
Schon damals hatte mein Herz für die Kinder von Ragnama geschmerzt… und für ihr Schicksal.
„Ich bin eine Fremde in deinem Land, Seiryuu. Sie sehen es, hören es… spüren es. Selbst wenn ich ihr Leben immer wieder rette, werden sie mich hinter meinem Rücken eine Hexe nennen und mich meiden.“
Mein Daumen strich über den fein gearbeiteten Amethyst an meinem Finger. Auch in meiner Heimat hatte man meinesgleichen so genannt damals jedoch mit Respekt und einer gewissen Freundlichkeit.
„Hexe?“ Seine Stimme war leise, der Klang eher fragend als zweifelnd. Der Begriff war ihm fremd.
„Böse Frauen mit dunklen Kräften. Man sagt, sie stehlen tugendhaften Mädchen die Männer… und verfluchen die Menschen.“
Ich seufzte und senkte leicht den Blick.
„Menschen sind so, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie fürchten es und suchen Schutz in sinnlosen Lügen. Tragisch ist nur: Je mehr von ihnen an diese Märchen glauben, desto grausamer werden ihre Taten.“
Seiryuu blickte auf Ao hinab, die begonnen hatte, sanft an seinem Finger zu nagen. Sein Ausdruck wurde nachdenklich, die Lippen formten eine schmale Linie des Unmuts.
Bedauerlich, wie wenig er von der Welt wusste.
Das, was er in seinem Dorf erfahren hatte die Missachtung, die Ablehnung – war nur ein Staubkorn in der Wüste menschlicher Grausamkeit.
Und doch… vielleicht war es ein Segen, nicht zu erkennen, dass Hass keine Grenzen kannte.
„Um deine Frage zu beantworten…“
Ich lächelte schwach, als er den Blick wieder zu mir hob.
„Ich kenne deine Geschichte nicht, Seiryuu. Aber eines weiß ich sicher – ich habe keine Angst vor dir. Oder… fürchtest du dich jetzt vor mir?“
„Nein.“
Seine Antwort kam leise, aber mit Nachdruck.
Es wurde still zwischen uns.
Während er seinen Gedanken nachhing, wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu.
Der Ring an meinem Finger, es wurde mir erneut schmerzhaft bewusst, wofür er stand.
Die hellen Stunden wurden kürzer, und meine Tage vergingen damit, Vorräte für die kommende Schneezeit anzulegen.
Ich wusste nicht, was mich erwartete, und traute den Gerüchten über die mildere Natur dieses Landes nicht, nicht im Vergleich zu meiner Heimat.
Also salzte ich Fleisch, trocknete Früchte und kleidete meine Hütte mit Fellen aus.
Hätte ich damals geahnt, was an diesem unscheinbaren Tag seinen Anfang nahm… ich wäre mit größerer Sorgfalt an die Dinge herangegangen.
„Rani.“
Ich hielt inne, die Hände noch an der Hütte, und sah über meine Schulter zu Seiryuu.
Mein Name aus seinem Mund klang seltsam, nicht ganz richtig, aber auch nicht falsch.
Die Menschen in Kouka stolperten oft über die Silben.
Ich verbesserte ihn nicht, sondern nahm es still hin… wie einen Spitznamen, der nur ihm gehörte.
Die Pflanzen beiseitelegend, ging ich zu ihm und folgte seinem Blick zu dem ordentlich gestapelten Feuerholz, zwei saubere Reihen neben der Hütte.
„Gute Arbeit“, lobte ich ihn. Seine Hilfe hatte sich in den vergangenen Wochen leise eingeschlichen, und ehe ich mich versah, schätzte ich seine stille Anwesenheit.
„Komm, ich habe etwas für dich.“
Ich wies ihn an, mir zurück in die Hütte zu folgen, und reichte ihm das alte Buch des Händlers.
„Mein Dank an dich. Die Entstehungsgeschichte dieses Landes… vielleicht bringt sie dir ein wenig Klarheit.“
Ich beobachtete seine zögerliche Reaktion. Er nahm die Niederschrift in die Hände, als hielte er ein zerbrechliches Stück Glas.
Seiryuu öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder, ohne ein Wort zu sagen.
Ich runzelte die Stirn. „Möchtest du etwas anderes?“
Er schüttelte heftig den Kopf, vermied jedoch meinen musternden Blick.
Ich strich mir mit einer Hand über die Augen. „Sie haben dir das Lesen nie beigebracht.“
Sein stockender Atem verriet mir, dass ich recht hatte.
Für gewöhnlich hielt ich mich nicht für töricht – doch die gedankenlose Annahme, er könne mit dieser Schrift etwas anfangen, ärgerte mich.
Nicht einmal so sehr über meine eigene Unachtsamkeit… sondern über die Menschen, die einst für ihn Verantwortung getragen hatten und ihm selbst dieses kleine Stück Welt verwehrten.
„Willst du es lernen?“ fragte ich und streckte die Hand nach der Geschichte aus.
Sein Kopf fuhr hoch.
Ich spürte seinen Unglauben und seine Überraschung, auch ohne sein Gesicht zu sehen. Bei ihm genügten kleine Gesten, um ihn zu verstehen – das feine Verziehen der Lippen, ein kurzes Innehalten.
Er besaß eine bemerkenswert klare, unverstellte Körpersprache. Selten in einer Zeit, in der Intrigen, Lügen und Korruption einander die Hand reichten.
„Ja“, nickte Seiryuu schließlich, zögerlich, und reichte mir das Buch.
Ich lächelte und deutete auf den Platz neben Ao, die zusammengerollt auf einem der Felle lag und sich wärmte.
„Setz dich.“
Aus diesen einfachen Silben entstand eine neue Routine.
Jeden Abend brachte ich ihm die einzelnen Schriftzeichen bei, lehrte ihn die Aussprache schwieriger Wörter und die kleinen Tricks, die mir selbst einst geholfen hatten.
Er lernte schnell und als der Winter in seiner eisigen Blüte stand, brauchte er meine Hilfe beim Lesen kaum noch.
An diesem Abend entzündete ich mehr Kerzen als sonst und häufte die Glut höher, denn die Temperaturen fielen stetig. Eis fiel vom Himmel, legte sich wie ein feiner Schleier über die Landschaft, und der Wind heulte wie ein wildes Tier zwischen den Bäumen.
Die Hütte, ausgekleidet mit Fellen, hielt die Wärme gut beisammen – doch mir fiel immer häufiger auf, wie Seiryuu die Nähe der Feuerschale suchte und die Decke fester um seine Schultern zog.
Seit einiger Zeit mischte ich daher heilsame Kräuter in seinen Tee und ermutigte ihn, das angebotene Essen anzunehmen.
„Ao… hatte recht.“
Ich blinzelte, hielt mitten in meinen Notizen inne und sah zu ihm.
Das Buch lag geschlossen in seinem Schoß, und seine Lippen formten eine schmale Linie.
Ich wusste, er sprach nicht vom Eichhörnchen.
„Der blaue Drache… die Macht.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Ich bin ein Monster.“
Nun legte ich die Feder beiseite, schenkte ihm meine volle Aufmerksamkeit.
„Das ist es, was du aus dieser Geschichte gelernt hast?“ fragte ich langsam.
Er nickte, hob die Hand und berührte die Maske an seinen Augen.
„Sie zerstören.“
In diesem Augenblick wirkte Seiryuu nicht wie ein erwachsener Mann, sondern wie ein ungeliebtes Kind.
Die Decke um seine Schultern schien plötzlich viel zu groß für seine Gestalt.
Ein leiser Stich von Mitleid traf mich.
„Meine Ansicht ist eine andere.“
Er hob leicht das Kinn, und ich fuhr fort:
„Die Götter stiegen herab, um ihren Bruder zu schützen, und schenkten der Menschheit, die er so sehr liebte, ihre Macht. Für mich ist das kein Fluch… sondern ein Geschenk.“
Sein Körper spannte sich an, die Haltung wurde starr. In seinen Zügen lag eine entschiedene Ablehnung.
„Es sollte sie nicht geben!“
Die Worte eines Kindes, dem man von Geburt an eingeprägt hatte, aus Furcht vor dem, was er war, ein Monster zu sein.
Und in diesem Moment wurde mir klar: Ich hätte an seiner Stelle stehen können.
Ungeliebt und gefürchtet.
Aus diesem Grund handelte ich so, wie ich es tat.
Nie zuvor war es mir in den Sinn gekommen, meine Fähigkeiten einem Außenstehenden derart offen zu zeigen.
In diesem Moment dankte ich den Göttern still für den dichten Schleier, der das Diesseits vom Jenseits trennte – meine Großmutter hätte gewiss Zeter und Mordio geschrien.
„Möglich“, atmete ich aus, nahm eine getrocknete Pflanze zwischen zwei Finger und hielt sie ihm deutlich sichtbar entgegen.
„Es sollte viele Dinge nicht geben.“
Die Luft um uns vibrierte, und ein altbekanntes Kribbeln setzte ein.
Ich spürte die Fasern der Blume, die toten Zellen und den schmerzenden Zug tief in meinem Inneren.
Unter seinem überraschten Blick, hier in der Abgeschiedenheit der Hütte, hauchte ich der Pflanze neues Leben ein.
Sein Atem stockte, die Lippen öffneten sich leicht.
Mit meiner Hilfe streckte die Kamille ihre weißen Blütenblätter, bildete frische Knospen und begann zu wachsen.
„Ich bin ein Heiler, gesegnet von einem Gott.“
Mein Blick ruhte fest in den dunklen Höhlen seiner Maske.
„Sag… bin ich verflucht?“
Seine Glöckchen klirrten leise, als er den Kopf so heftig schüttelte, dass der Schwung sie gegen die Maske schlagen ließ.
Ein flüchtiges Lächeln zuckte an meinen Lippen.
„Wenn ich es nicht bin… warum solltest du es sein?“
„Du heilst. Ich verletze.“
„Mhm… dann sieh zu.“
Ich wusste, worauf er hinauswollte.
Die Pflanze wurde still – jene tiefe, endgültige Stille, die nur der Tod hinterlassen konnte.
Vor meinen Augen wich ihre Lebenskraft, die Blätter verdorrten, lösten sich in spröde Fetzen auf, bis nichts blieb… außer Staub.
„Alles hat seine Kehrseiten, Seiryuu.
Ich kann Leben schenken… und ich kann es nehmen. Heilen oder zerstören.
Nur wir selbst entscheiden, welchen Weg wir wählen. Der Preis…“
Ich drehte die Hand, ließ im Kerzenschein die bläulich einsetzende Marmorierung meiner Haut sichtbar werden.
„… ist immer ein hoher.“
Zögernd berührten seine Finger meine nun eiskalte Haut und zuckten im nächsten Moment erschrocken zurück.
„Ah…“
Ein entsetzter Laut entwich ihm, und zu meiner Überraschung griff er sofort wieder nach meiner Hand, hielt sie über die Glut und begann unbeholfen, über die kalten Stellen zu reiben.
Wie meine Mutter damals.
Ein leises Lachen entkam mir.
„Hab keine Angst… ich erhole mich.“
Trotz meiner Worte fuhr er fort und ich ließ ihn.
Von all den Dingen, die an diesem Abend geschahen, würde mir dieses unscheinbare Detail am längsten im Gedächtnis bleiben:
Es war das erste Mal, dass er mich wirklich berührte.
Ohne Scheu.
Nach dieser Nacht verschlechterte sich das Wetter zusehends.
Aus vereinzelten Schneeflocken wurden immer häufiger ausgewachsene Winterstürme, die die Landschaft in ein glitzerndes Meer aus Eis verwandelten.
Und so, wie sich die Natur veränderte, veränderte sich auch unsere Beziehung.
Ich konnte es nicht in Worte fassen, er fühlte sich näher an.
Nicht mehr wie ein ferner Naturgeist, der auftauchte und im nächsten Moment wieder verschwand.
Ungern gab ich es zu, aber nach all den Jahren der Einsamkeit empfand ich seine Gesellschaft als… angenehm.
Vielleicht war das der Grund, warum mein Blick nicht zum ersten Mal erwartungsvoll in den grauen Himmel wanderte.
Für gewöhnlich erschien er viele Stunden früher, oft schon, während ich den Schnee von der Feuerstelle fegte.
Vielleicht achtete ich deshalb heute genauer auf meine Umgebung und hörte den Dorfbewohner, noch ehe er die Hütte erreichte.
Ich richtete mich auf.
Der alte Mann trug keine Maske, und in seinen Augen erkannte ich den berechnenden Ausdruck sofort.
Ein einziger Blick auf diese Gestalt genügte, um zu wissen:
Sie brachte Konflikte mit sich.
„Du bist die Heilerin?“ fragte er und blieb musternd vor meiner Veranda stehen.
Der aufgesetzt freundliche Tonfall ließ mich eine Augenbraue heben.
„Offenbar“, erwiderte ich neutral.
Er nickte, ließ den Blick über mich hinweg schweifen und prüfte mit unverhohlener Aufmerksamkeit unsere unmittelbare Umgebung, als würde er jemanden suchen.
„Braucht ihr medizinische Hilfe?“ fragte ich scharf, und ließ einen härteren Unterton folgen:
„Oder seid ihr einfach nur unselig neugierig?“
Sein Blick schnappte zu mir zurück. „Verzeiht.“
Lüge.
Er war nicht wegen meiner Fähigkeiten hier, auch wenn seine nächsten Worte zumindest ein Körnchen Wahrheit bargen.
„Mein Rücken plagt mich seit geraumer Zeit.
Wärt ihr wohl so freundlich, ihn euch anzusehen?“
Ich neigte den Kopf zu einer milden Geste und wies ihm den Platz auf meiner Terrasse.
Sein Schauspiel… ich spielte es mit – wenn auch nur, um herauszufinden, weshalb dieser armselige Mann wirklich vor mir stand.
Wobei ich längst eine klare Vermutung hatte.
Der Alte setzte sich mit einer übertriebenen Schwerfälligkeit, die mir wie ein fauler Trick vorkam und mir wütend aufstieß.
„Beschreibt eure Leiden“, forderte ich knapp und kniete mich hinter ihm auf den Holzboden.
Meine Hände legten sich auf seine Wirbelsäule zwischen den Schultern.
Er zuckte nicht, hielt die Position starr wie eine Statue.
Meine Mundwinkel zuckten kurz nach oben.
Sicherlich zielten irgendwo in diesen Wäldern gerade ein paar Pfeile auf meinen Kopf.
„Ein Stechen, wenn ich mich beuge und schwere Gegenstände hebe“, erklärte er.
Meine Finger tasteten die Wirbel hinab bis zu seinen Hüften.
„Wo genau?“
„An meinen Schultern.“
Ich hielt inne, biss die Kiefer zusammen – dann drückte ich mit einem geübten Handgriff auf einen der mittleren Wirbel.
Der Mann zuckte heftig, stieß ein Keuchen aus, und das knackende Geräusch hallte unüberhörbar über die stille Ebene.
„Wagt es nicht!“
Meine Stimme schnitt durch die Luft, während ich abrupt aufstand und ihn mit kaltem Blick musterte, als er sich auf die Beine kämpfte.
„Ihr beleidigt meinen Verstand.“
„Was mein—“
Ich unterbrach ihn grob, ohne mir die Mühe zu machen, meinen stärker werdenden Akzent zu verbergen.
„Ihr kommt in mein Heim, spuckt Lügen um euch wie ein Brunnen das Wasser und wagt es, meine Fähigkeiten als Heilerin infrage zu stellen.“
Er hielt meinem Blick stand, unbeeindruckt, ließ die Maske seines Schauspiels fallen und rieb sich den Rücken.
In einem anderen Leben, weit entfernt, hätte ich Menschen für solch eine Beleidigung die Augen ausgestochen.
„Ich entschuldige mich, als Oberhaupt des Dorfes, für mein unpassendes Verhalten.“
„Eure Worte haben keinen Wert.“
Ich hob das Kinn.
„Sagt endlich, weshalb ihr meine Zeit verschwendet.“
„Es sind gefährliche Zeiten nahe des Dorfes, und verzeiht, wenn ich euch misstraue“, wich er meiner Frage aus.
Hätte er nicht im nächsten Moment weitergesprochen, hätte ich diesem Narren nur zu gern die Zunge herausgeschnitten.
„Ein gefährlicher Mann ist unserem Dorf entkommen, und sicherlich versteht ihr die Dringlichkeit, ihn zu finden. Solltet ihr ihm Zuflucht gewähren, wärt ihr in großer Gefahr, werte Heilerin.“
„Ist das so“, erwiderte ich langsam.
Mein Blick glitt von ihm zu den Baumgrenzen.
Ich konnte seine Begleiter nicht sehen aber ich wusste, dass sie da waren.
„Sagt mir, Sleeveen…“
Ich ließ das alte Schimpfwort meiner Heimat wie einen Dolch in die Stille fallen.
Alle Bemühungen, mich wie eine Einheimische zu geben, fielen von mir wie der Schnee aus den Ästen.
Etwas in meinem Gesicht muss ihn gewarnt haben, denn er wich abrupt zurück.
Unter seinen Füßen knirschte der Schnee, dumpf und drohend zugleich.
„Es ist keine weise Entscheidung von eurem Flüchtling, eine fremde Hexe zu behelligen. Findet ihr nicht auch?“
Die Farbe wich aus seinem Gesicht, und ich hörte das trockene Schlucken in seiner Kehle.
Vielleicht bildete ich es mir nur ein, doch ich meinte, das leise Spannen von Bogensehnen zu vernehmen.
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, es hätte mich in diesem Moment gekümmert.
Ohne seine Antwort abzuwarten, neigte ich den Kopf und sprach eisig:
„Mein Dank für eure Warnung. Jetzt solltet ihr in euer Dorf zurückkehren, der Wind tut euren alten Knochen nicht gut.“
Seine faltigen Augen hielten meinem Blick stand, unbeirrbar, bevor er schließlich nickte und sich abwandte.
Diese Menschen entwickelten einen ungesunden Drang, mich in ihre Angelegenheiten hineinzuziehen.
Es begann nie anders und folgte doch immer demselben Muster.
Die Begegnung mit diesem alten Narren kündigte nichts Gutes an.
Ich biss mir gereizt auf die Innenseite der Wange.
Meine Hütte würde ich nur ungern wegen einiger fanatischer Kreaturen ohne jeglichen Respekt verlieren.
„Alter Mann?!“ rief ich ihm nach.
Meine Stimme hallte über die Ebene und erreichte ihn, noch bevor er in den Bäumen verschwand.
„Die Krankheit, die ihr habt, ist altersbedingt. Wärmt eure Knochen, entspannt die Muskeln und bewegt euch schonend.“
Er blieb stehen, und ich fügte hinzu:
„Meine Hilfe steht euch frei, sollten die Schmerzen schlimmer werden.“
Als er schließlich im Schatten des Waldes verschwand, stieß ich die Luft aus und blieb allein auf der Lichtung zurück.
Die Dämmerung senkte sich, färbte den Schnee in ein fahles Blau.
Meine Finger strichen über mein Brustbein und überrascht stellte ich fest, wie eine andere Art von Sorge mich ergriff.
Sorge um ein anderes Lebewesen.
Ein Gefühl, von dem ich geglaubt hatte, es vor langer Zeit in Årdal hinter mir gelassen zu haben.
Mit Einbruch der Nacht setzte der Schneesturm ein, und der Wind brüllte durch die Bäume wie ein hungriges Monster.
Ein Fell um die Schultern gelegt, lauschte ich dem Krachen der Äste.
Hräsvelgr, so nannte mein Volk den Riesen, der in Gestalt eines Adlers seine gewaltigen Schwingen entfaltete und den tobenden Wind entfesselte.
In Nächten wie diesen sang meine Mutter alte Lieder über ihn.
Sie lobpreiste sein Werk und erzählte, während ihre Finger beruhigend durch mein Haar glitten, von Leben und Tod.
Noch heute war mir, als könnte ich ihre leise Stimme nah an meinem Ohr hören und der Gedanke half mir, die knarrenden Wände meiner Hütte und die unheilvollen Geräusche der Nacht zu vergessen.
Nicht Furcht trieb mich tiefer in meinen Schlafplatz, die Hand fest um den Griff des Dolches geschlossen.
Nein – es war diese kindliche, irrationale Angst, die einen aus dem Schlaf treibt, in die Arme der Eltern.
Der Wind, der an meiner Tür rüttelte, machte es nicht leichter, zur Ruhe zu finden.
Ich ertappte mich dabei, wie ich das Fell enger zog, den Saum schützend über meinen Hals gelegt.
„Dumm“, murmelte ich und runzelte die Stirn.
Der plötzliche Windstoß an meinen Wangen jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Eine Schwachstelle in den Fellen oder schlimmer noch, in der Tür – war das Letzte, was ich in einem Sturm wie diesem gebrauchen konnte.
Widerwillig setzte ich mich auf und tastete nach Feuerstein, Kerze und dem Stück Zunder, das ich in der Dunkelheit nie weit von mir entfernte.
Mit einem gezielten Schlag meiner Klinge gegen den Stein fing der Pilz Feuer.
Zunderschwämme verglühen schnell.
Als Kind hatte ich unzählige vergebliche Versuche gebraucht, um schnell genug zu sein, den Kerzendocht zu entflammen – begleitet von Flüchen, verbrannter Haut und dem Spott meiner Älteren.
Jetzt, nach Jahren der Übung, entbrannte der Docht mit einer einzigen, gelernten Bewegung.
Die kleine Flamme tanzte, warf flackernde Schatten an die Wände und ließ die Hütte atmen – doch auch jede Bewegung im Raum wirkte nun tiefer, dunkler.
Aus dem Augenwinkel, zunächst hielt ich es für das natürliche Flackern der Kerze, erhaschte ich etwas Kleines, Dunkles.
Ich drehte den Kopf, und in genau diesem Moment sprang der Schatten auf mich.
Mein Schrei übertönte den Sturm, und ich stürzte, samt dem Wachslicht, zu Boden.
Mit Mühe verhinderte ich, mein Heim in Schutt und Asche zu legen.
„Blutige Hölle“, fluchte ich in meiner Landessprache.
Ao, nass und kalt, hockte auf meinem Oberkörper und fuchtelte aufgeregt mit den Pfoten.
Ich ignorierte sie, schloss die Augen und versuchte, meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen, der sich anfühlte, als wollte er mir die Brust sprengen.
„Bist du bei all deinen Sinnen, du vermaledeites Nagetier?“ fauchte ich, setzte mich ruckartig auf und achtete dabei, die Kerze nicht umzuwerfen.
Doch statt Reue sprang das Tier auf meinen Arm und zwickte zu.
Reflexartig schleuderte ich es quer durch den Raum.
„Bei Hel, was ist in dich gefahren!“
Ich hielt Ao die Handfläche entgegen. „Stopp!“
Sie bremste scharf, nur um gleich darauf wieder in hektisches Gefiepe zu verfallen.
„Beruhigen!“ fuhr ich sie an und fügte mahnend hinzu:
„Ich spreche deine Sprache nicht, also wirst du jetzt ruhig und klar zeigen, ohne mich zu beißen, was du von mir willst!“
Eine dunkle Vorahnung kroch mir den Rücken hinauf, während ich beobachtete, wie sie mit den Pfoten auf den Spalt der Tür deutete.
„Er ist da draußen?“
Der kleine Nager nickte.
Nicht gut.
Ich schlüpfte in meine Schuhe und zog den Pelzmantel grob um meine Taille fest.
Ich war nicht so hektisch wie Ao, doch Zeit ließ ich mir auch nicht.
„Wenn es kein Notfall ist, Ao, werde ich dich zu einer Suppe verarbeiten“, stellte ich trocken fest.
Ihre schrille Erwiderung ignorierte ich, griff in die Ecke nach einer der wenigen vorbereiteten Fackeln.
Meine Lippen formten eine feste, gerade Linie.
Es würde ein Wunder brauchen, um die Flamme bei diesem Wind am Leben zu halten.
Vielleicht wären mir die Götter gnädig, andernfalls würde ich meinen Weg im Dunkeln finden müssen.
Beide Möglichkeiten brannten in mir wie Säure, die den Rachen hinabläuft.
Weder die Götter noch die Natur waren je für ihre Milde bekannt.
Ich stellte die Kerze in die Metallschale und entzündete die Fackel.
Die Schicht aus Zunder und Leinen barg genug Harz, um schnell und heiß zu brennen aber nicht für lange.
Also beeilte ich mich, verließ die Hütte und trat in die Nacht hinaus, noch bevor der Rauch mein Heim erfüllen konnte.
Der Sturm war so schlimm, wie ich ihn befürchtet hatte.
Meine Sicht reichte kaum über eine Armeslänge hinaus, und die Kälte kroch wie eine giftige Schlange an meinen Gliedern empor.
Mit jedem Schritt versanken meine Stiefel tiefer.
Ao hingegen nicht.
Sie sprang und huschte mühelos über den frischen Schnee, während ich mich mühsam vorankämpfte.
Die Anstrengung, ihr zu folgen, ließ Ungeduld in mir aufsteigen, die Fackel würde nicht mehr lange halten.
„Ao, beweg…“
Die Worte erstickten in meiner Kehle, als der Feuerschein auf eine eingeschneite Gestalt traf.
Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
Ich stürzte vor, kniete nieder und tastete an Seiryuus Hals nach einem Puls.
Gänsehaut kroch mir über den Rücken.
Seine Haut hatte bereits die Kälte angenommen, doch unter meinen Fingern schlug ein Herz. Kräftiger, als ich zu hoffen gewagt hatte.
„Seiryuu.“
Ich schob seine Maske hoch und schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Wange. Sanftheit konnte ich mir nicht leisten.
Mit jeder Minute sank seine Körpertemperatur weiter, und ich wusste, dass ich einen bewusstlosen Mann nicht tragen konnte.
Ein Zucken seiner Finger. Ein schwaches, aber deutliches Stöhnen.
Ich atmete erleichtert aus.
„Hör mir jetzt genau zu!“
Ich umfasste sein Gesicht, erhaschte einen goldenen Schimmer unter seinen halbgeschlossenen Lidern.
„Du musst mir helfen und aufstehen.“
Ich wartete nicht auf Zustimmung.
Schob seinen Arm um meine Schultern und zog ihn hoch.
Seine Beine gaben nach, fast sofort.
Mit zusammengebissenen Zähnen krallte ich meine Finger in seine Hüfte und kämpfte darum, im rutschigen Schnee das Gleichgewicht zu halten.
„Deine Beine, durchdrücken!“, presste ich hervor.
Seiryuu gehorchte. Ich spürte, wie sich seine Muskeln unter meinen Händen anspannten.
„Gut… so ist es richtig.“
Ich ließ ihm ein paar Sekunden, um Kraft zu sammeln, und suchte im letzten Aufflackern der im Schnee liegenden Fackel nach einer Orientierung.
„In… diese Richtung.“
Seine Stimme, rau und brüchig, kam dicht an meinem Ohr. Er streckte zitternd den Arm aus.
Ich folgte seinem Fingerzeig, schloss den Griff um ihn fester und schob uns vorwärts.
Die Strecke bis zur Hütte zog sich endlos.
Schweiß rann mir den Nacken hinab, und jedes Stolpern schickte messerscharfe Stiche in meine Glieder.
Ein erleichtertes Seufzen entwich mir, als endlich der dunkle Umriss meines Hauses im Gestöber auftauchte.
Mit mehr Kraft, als nötig, riss ich die Schiebetür auf und zog ihn hinein.
Er sank sofort auf mein Bett zusammen.
Während er versuchte, mit schwankendem Blick die Kerzenflammen zu fixieren, zündete ich eine nach der anderen an.
„Seiryuu.“
Ich kniete mich neben ihn.
„Du musst den nassen Mantel ausziehen.“
Keine Reaktion.
Ich legte die Hand an seine Stirn – trotz der winterlichen Kälte fühlte ich die Hitze des Fiebers.
Meine Finger glitten an seiner Schläfe entlang, ich schloss die Augen.
Sein Organismus kämpfte mit aller Kraft, doch sein Herzschlag stolperte unter der Last der Krankheit.
Ich verzog die Lippen.
Vor Tagen, als er immer wieder die Nähe des Feuers gesucht hatte, hatte ich es als leichte Erkältung abgetan.
Ein Fehler. Ein dummer Fehler, der uns jetzt teuer zu stehen kommen konnte.
Der Schneesturm erlag mit den ersten Sonnenstrahlen seiner eigenen Wut und hinterließ eine Landschaft, wie sie in romantischen Büchern besungen wurde – glitzernde Flächen wie tausend Diamanten, unterlegt vom aufgeregten Zwitschern der Vögel.
Ich verabscheute es.
Das grelle Weiß brannte in meinen Augen, während ich die Feuerstelle reinigte, und das Geschrei der Amseln dröhnte mir unangenehm in den Ohren.
Mit einem müden Druck der Hand gegen meine Stirn betrachtete ich das jämmerliche Flackern der Flammen.
Es würde Zeit brauchen – und Geduld –, bis daraus wieder ein nützliches Feuer wurde.
Aos schrilles, alarmiertes Fiepsen riss mich aus meiner Trance.
Sie hockte auf der offenen Terrasse, das Fell gesträubt, die schwarzen Augen starr.
Ich unterdrückte einen Seufzer. Ihre Sorge um ihren Herren war… rührend, in gewisser Weise. Aber ihre ständigen Überreaktionen begannen, an meinen Nerven zu nagen.
„Was ist?“
Mein Rücken protestierte mit einem ungesunden Knacken, als ich mich auf den Weg zurück in die Hütte machte.
Er lag in meinem Bett, als hätte die Nacht ihn ausgespuckt und halb verschluckt zurückgelassen.
Felle bedeckten ihn bis zum Hals, doch sein Körper bebte, als trüge er nur den Hauch des Winters auf der Haut.
Sein Atem dampfte schwach in der Kälte des Raumes, und bei jedem Zittern hörte ich das leise Knirschen der Felle unter ihm.
Die Maske hatte ich ihm längst abgenommen.
Sie lag, ein stummer Wächter, auf dem Tisch neben der Wasserschale.
Ohne sie wirkte sein Gesicht fremd und verletzlich, zu bleich, als könne selbst die Sonne ihn nicht erreichen.
Die feine Linie seiner Lippen war farblos, nur die Schatten unter seinen Augen verrieten, wie tief die Krankheit ihre Finger in ihn gegraben hatte.
Ich tauchte das Leinentuch in das lauwarme Wasser, drückte es aus, bis die Tropfen zwischen meinen Fingern perlten, und legte es ihm auf die Stirn.
Er zuckte, als würde die Wärme ihn verbrennen, und ein Schauder rollte über seinen Körper.
Meine Hand fand seinen Brustkorb, spürte den rastlosen Herzschlag, der wie ein verirrter Vogel gegen seine Rippen schlug.
„Ruhig…“ Es war mehr ein Atemzug als ein Wort.
Sein Blick flackerte kurz unter den halb geschlossenen Lidern, doch er fiel wieder in diese fiebrige Dämmerung zurück.
Ao saß am Fußende, die Pfoten fest in das Fell gedrückt, und ihre dunklen Augen klebten an mir, als könnte sie mich zwingen, ihn am Leben zu halten.
„Er wird es überstehen“, flüsterte ich – nicht zu ihr, nicht einmal zu ihm, sondern in die Stille zwischen den Herzschlägen.
Ich griff nach den Kräutern, die das Fieber senkten, und ließ ihre bittere Schwere in meine Hand sinken.
Doch tief in mir wusste ich, wenn das Zittern nicht bald nachließ, würde ich gezwungen sein, einen anderen Weg zu wählen.
Einen, der seinen Preis forderte.
Zu meinem Glück begannen die Kräuter am späten Abend ihre Wirkung zu entfalten. Das Fieber wich nur in winzigen, fast misstrauischen Schritten, als würde es jederzeit zurückkehren wollen. Dennoch, die bleierne Last in meiner Brust löste sich ein Stück weit, und zum ersten Mal seit Stunden hatte ich nicht mehr das nagende Gefühl, sein Zustand würde im nächsten Atemzug über die Klippe stürzen.
Der Schüttelfrost ließ nach, sein Atem ging ruhiger, und in seinen Wangen kehrte ein Hauch von Farbe zurück.
Ich erlaubte mir ein leises Ausatmen, das kaum über das Knistern der Kohlen in der Schale drang.
Schlafmangel klebte wie eine zähe Schicht an mir. Meine Glieder fühlten sich schwer an, der Kopf dumpf, doch ich hielt mich wach.
Ich beugte mich über ihn, das matte Kerzenlicht umspielte die Konturen seines Gesichts.
Vorsichtig löste ich das Tuch auf seiner Stirn, das längst seine Kühle verloren hatte, und wrang es über der Schale aus. Das Wasser war lauwarm vom Fieber, das er darin hinterlassen hatte.
Ich tauchte es erneut ein, ließ die Kräuter darin ihre Schwere entfalten, und legte es dann mit einer sanften Bewegung zurück auf seine Haut.
Ein kaum hörbares Seufzen entwich seinen Lippen, so flüchtig, dass ich fast glaubte, es mir eingebildet zu haben.
Meine Finger blieben für einen Augenblick länger als nötig in seinen Haaren liegen – warm, feucht vom Schweiß, ehe ich mich zurückzog.
Ao lag zusammengerollt am Fußende, die kleinen Augen wachsam auf uns gerichtet. Der Raum roch nach feuchter Erde, gekochten Kräutern und der leisen Spur von Schnee, den der Sturm am Nachmittag hereingetragen hatte. Ich setzte mich an die Bettkante, blieb dort, ohne zu wissen, ob ich wachte, um ihn zu schützen – oder um mich selbst davon zu überzeugen, dass er noch hier war.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, zusammengesunken neben dem Bett, den Kopf an die Wand gelehnt.
Ein unruhiges Geräusch drang in meinen Schlaf, kein klarer Laut, eher ein Bruch in der gleichmäßigen Stille.
Ich öffnete die Augen und brauchte einen Moment, um die Dunkelheit zu ordnen.
Der Wind hatte sich gelegt, doch die Hütte war in jene tiefe, lastende Finsternis gehüllt, die selbst Kerzenlicht nicht völlig vertreiben konnte. Nur die Glut in der Schale glomm schwach, warf ein trügerisch sanftes Rot auf sein Gesicht.
Er lag nicht mehr so still wie zuvor.
Seine goldenen Augen hatten sich geöffnet – trüb vor Krankheit, der Blick verschwamm, als würde er mich durch eine Schicht aus Nebel sehen.
Und trotzdem… selbst in diesem matten Licht, selbst so geschwächt, erinnerten sie mich an den Nachthimmel, wenn die Sterne klar und still über der Steppe stehen.
Ein Blick, der mich kurz innehalten ließ, als könnte er mich durchdringen, obwohl ich wusste, dass er kaum bei Bewusstsein war.
Ich schob mir eine Strähne aus dem Gesicht, während meine Finger träge über seine Stirn glitten.
Feucht vom Schweiß, doch nicht mehr brennend wie in der Nacht.
Ein schwacher, beinahe unmerklicher Fortschritt.
Trotzdem noch zu warm.
Ein Teil von mir atmete auf, vorsichtig, wie jemand, der nicht weiß, ob der Boden unter seinen Füßen hält.
Der andere Teil blieb wachsam.
Krankheiten hielten sich gern an der Schwelle, zögerten, ob sie den letzten Schritt in den Abgrund tun oder doch den Rückzug antreten sollten.
Und ich wusste nie, welche Seite sie wählen würden.
Mit der freien Hand löste ich das durchtränkte Tuch von seiner Stirn.
Es war schwer von der Feuchtigkeit, und ein dünner Tropfen rann über meinen Handrücken, kalt wie das Wasser eines Gebirgsbachs.
Ich wrang es über der Schale aus, hörte das leise Tropfen, während mein Blick immer wieder zu ihm glitt, um sicherzugehen, dass seine Atmung gleichmäßig blieb.
Er verzog leicht die Lippen, als würde er etwas sagen wollen, doch kein Laut verließ ihn.
Vielleicht war es nur ein Reflex, vielleicht versuchte er, den Fiebernebel zu durchbrechen.
Ich legte ihm das frische, kühle Tuch auf, spürte, wie seine Haut unter meinen Fingern leicht zusammenzuckte.
Ein kleines Zeichen, dass er noch hier war, irgendwo hinter diesem flackernden Blick.
Ich blieb über ihn gebeugt, länger als nötig, und lauschte.
Auf das leise Rauschen seines Atems – ungleichmäßig, wie eine Flamme, die im Wind flackert.
Auf das Pochen seines Herzens, das ich fühlen konnte, als sich meine Hand sachte auf seiner Brust niederließ.
Es wiegte mich zurück in einen angenehmen, nötigen Halbschlaf – nicht tief, aber warm genug, um die Müdigkeit in meinen Knochen zu besänftigen.
Als ich die Augen wieder öffnete, war das Licht anders.
Weicher.
Die Schneestürme hatten sich gelegt, und ein gedämpfter Schein des Morgens schlich sich durch den schmalen Spalt der Fensterluke. Er brach sich an den feinen Staubkörnern in der Luft, legte sich sanft über Felle, Holz und die schlaftrunkenen Konturen meines Heims. Die Welt draußen wirkte fern, gedämpft, als hätte der Schnee selbst beschlossen, jeden Lärm zu verschlucken.
Unter meiner Hand bewegte sich etwas, kaum merklich erst, dann deutlicher. Sein Brustkorb hob sich kräftiger, und als ich den Blick hob, trafen mich zwei goldene Augen, in denen sich das Licht brach.
Er war wach.
Nicht mehr so blass wie gestern, und das Fieber schien sich zurückgezogen zu haben. Sein Atem war tiefer, fester, auch wenn ein Rest von Erschöpfung noch in seinen Zügen lag.
Ich wollte gerade etwas sagen, da folgte ich seinem Blick und bemerkte, wie er erstarrte.
Seiryuu hob eine Hand an sein Gesicht, tastete über Wange und Schläfe, als könne er die vertraute Form aus Holz und Farbe herbeiführen.
Die Maske lag nicht dort, wo er sie erwartete.
Seine Pupillen zogen sich zusammen, und etwas Kaltes schlich in seinen Blick, während er hastig die Augen senkte.
Die goldenen Iriden, eben noch offen vor mir, verschwanden hinter geschlossenen Lidern, wie jemand, der einen Schatz vor fremden Händen verbirgt.
„Ich musste sie dir abnehmen“, erklärte ich, meine Stimme rau vom Schlaf und den langen Stunden der Nacht.
Ao fiepste leise, als hätte sie die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet, sprang auf die Schulter ihres Herrn und schmiegte ihre dicken, warmen Wangen an die seinen. Ihr kleiner Körper vibrierte vor Erleichterung.
„Wie geht es dir?“, fragte ich weiter, während meine Finger zögernd nach der Maske griffen, die nun zwischen uns auf dem Fell lag.
Eine Schande, dachte ich unwillkürlich. Er war ein wunderschönes Bild, wie eine Leinwand, gemalt mit seltener Geduld und in Farben, die selbst Zeit und Härte nicht auszulöschen vermochten.
Meine Augen hielten sich an ihm fest, an den feinen Linien seines Gesichts, an diesem stillen Ausdruck, der für einen Augenblick nichts verbarg.
Dann bewegte er sich – langsam, fast zögerlich, seine Finger tasteten blind neben sich, bis sie die Maske fanden. Ohne ein Wort zog er sie an sich und setzte sie wieder vor sein Gesicht.
Die goldenen Augen verschwanden hinter dem vertrauten, kalten Holz, und es war, als hätte jemand eine Tür vor meiner Nase zugeschlagen.
Er senkte den Blick, als wolle er den Sitz der Maske prüfen, doch ich bemerkte die flüchtige Anspannung in seiner Haltung, das kaum merkliche Verharren seiner Finger an den Rändern des Holzes, als müsse er sich vergewissern, dass sie wirklich dort war.
„Es ist … besser so“, murmelte er, die Worte gedämpft, vorsichtig, als fürchtete er, sie könnten falsch klingen.
Ich seufzte leise und meine Hand streckte sich von selbst aus, glitt in sein Haar. Unter meinen Fingern spürte ich, wie er fast unmerklich den Kopf ein Stück einzog, nicht aus Abwehr, eher wie ein scheues Tier, das Berührung nicht gewohnt ist.
„Alles in Ordnung“, beruhigte ich sanft, und meine Stimme war wärmer, als ich beabsichtigt hatte.
Ein leises, kaum hörbares Summen entwich ihm, vielleicht Zustimmung, vielleicht nur Atem. Ich verweilte einen Augenblick länger, ehe ich mich löste.
„Ruh dich aus,“ fuhr ich fort, während ich mich aufrichtete, „ich bring dir Essen und frisches Wasser, damit du dich sauber machen kannst.“
Er folgte meinen Bewegungen mit den Augen, die wieder hinter dem kalten Holz verborgen waren, doch ich spürte seinen Blick.
„Mach es dir bequem,“ fügte ich bestimmt hinzu, „du wirst diese Hütte erst wieder verlassen, wenn der dritte Tag voll am Himmel steht.“
Er schwieg, doch sein Körper verriet mir mehr als Worte es könnten.
Die Schultern, die noch eben leicht gespannt gewesen waren, sanken ein Stück, als hätte mein Befehl, hierzubleiben, ihm etwas von einer Last genommen.
Ao sprang von der Lehne des Bettes auf seinen Schoß und rollte sich dort ein, so selbstverständlich, als gehöre dieser Platz seit jeher ihr. Er legte eine Hand auf ihr Fell, strich langsam darüber, und ich fragte mich, ob er die Wärme suchte oder den Trost.
Ich wandte mich zum Feuer, sammelte das Geschirr und prüfte nebenbei die Glut. Der vertraute Duft der Kräuter lag noch immer in der Luft, gemischt mit dem schwachen Hauch von Kälte, den er hereingetragen hatte.
Als ich das Wasser über die Flammen setzte, lauschte ich wieder – nicht auf das Heulen eines Sturmes wie vor wenigen Nächten, sondern auf den gleichmäßigen Rhythmus von Atemzügen hinter mir.
„Danke“, hörte ich ihn sagen, so leise, dass das Knistern des Holzes es beinahe verschluckte.
Ich antwortete nicht sofort.
Manche Dankesworte waren nicht für den Verstand gedacht, sondern für das Herz. Also ließ ich sie dort ankommen, wo sie hin sollten, und arbeitete schweigend weiter.
Er blieb. Auch nach den drei Tagen verordneten Ruhe blieb er. Zuerst wie ein Gast, der noch etwas vergessen hat; dann wie jemand, dessen Schritte schon den vertrauten Rhythmus meiner Hütte kannten. Das Fieber wich aus seinen Wangen, der Husten wurde seltener, und seine Bewegungen bekamen wieder Gewicht. Er trug Wasser, stapelte Holz, flickte schweigend einen gelockerten Riemen an der Tür. Ao folgte ihm wie ein Schatten und stahl mir Kräuter, die ich nicht einmal vermisste.
Mit der Zeit wurden die leisen Geräusche seiner Anwesenheit zu etwas Selbstverständlichem.
Das kaum hörbare Klingen, wenn er eine Schale abstellte; das rhythmische Kratzen eines Messers auf Holz, wenn er still neben mir arbeitete; das gedämpfte, sanfte Läuten der kleinen Glocke an seiner Maske, wenn er sich bückte oder den Kopf neigte.
Selbst in der tiefsten Nacht, wenn die Welt draußen im Schwarz ertrank, genügte ein einziges, helles Klingen, um mich wissen zu lassen, dass er sich bewegte, ein leises Zeichen dafür, dass ich nicht allein war.
Dass ich ihm seine Rolle aus Heu und Fellen als Schlafplatz machte, war für mich nur der nächste logische Schritt, eine stille Konsequenz aus all den Tagen, in denen er blieb, als hätte er nie vorgehabt zu gehen.
Draußen wurde der Winter milder, das Heulen der Stürme verklang, und mit dem nachlassenden Schnee fanden auch die Dorfbewohner wieder den Weg zu meiner Schwelle. Jedes Mal, wenn sich ihre Gestalten zwischen den Bäumen abzeichneten, verschwand er. Leise, wie ein Schatten, noch bevor sie meine Terrasse erreichten und kehrte erst Stunden später zurück, wenn ihre Stimmen längst verhallt waren.
Ich fragte nicht nach. Ich musste nicht.
Ich verstand, warum er ihnen aus dem Weg ging. Die Begegnung mit dem alten Mann lag noch immer schwer in meinem Gedächtnis, wie eine Scherbe, die sich nicht entfernen ließ.
Das raue Husten des Kindes vor mir riss mich abrupt ins Hier und Jetzt. Die Lider halb gesenkt, blickte es mich mit rot unterlaufenen Augen an; die Haut glänzte feucht vom Fieber. Vorsichtig legte ich meine Hände an beide Seiten seines Halses, fühlte den schwachen Puls unter meinen Fingern. Neben ihm stand die Mutter, aufrecht, wachsam, und ihr Blick brannte sich in jede meiner Bewegungen. Eine gute, beschützende Mutter. Ich konnte ihr Misstrauen verstehen.
„Wacht er oft in der Nacht auf?“, fragte ich leise, während meine Fingerspitzen vorsichtig das geschwollene Gewebe entlangglitten. Die Wärme darunter verriet das Fieber, der tiefe, kratzende Husten kam aus der Lunge, zu tief, um ihn zu ignorieren.
Die Frau strich ihrem Sohn sanft über das Haar. „Er schläft kaum.“
Ich nickte kaum merklich. Das hatte ich mir gedacht. Und wenn er einschlief, dann nur, um nach wenigen Stunden erschöpft und atemlos wieder zu erwachen. Sein Körper hungerte nach Vitaminen und Licht, wie so viele hier in diesem Höhlendorf. Ihm fehlte die Kraft, um der Krankheit die Stirn zu bieten und der Winter nahm ihm jeden Rest davon.
„Was hat er?“
Ich lehnte mich zurück, ließ die Hände sinken. „Ein geschwächtes Abwehrsystem… und die beginnende Winterkrankheit.“
„Oh, bei den Göttern“, hauchte sie und zog den Jungen fest an sich, als könnte allein ihre Umarmung ihn retten. Ihre Lippen berührten seine fiebrige Stirn. „Daran ist nur er schuld! Wenn dieses verfluchte Monster—“
Sie brach ab, als hätte sie sich an den Worten verschluckt, und ihre Augen fanden meine. Starr, plötzlich wachsam. „Sein… Bruder! Ich meinte seinen Bruder.“
Menschen logen Heilern oft ins Gesicht, aus Scham, aus Angst, oder weil sie etwas verbergen wollten. Ich hatte gelernt, nicht nachzufragen. Doch, dass mir jemand in einem Atemzug mit so offener Wut und rohem Frust einen Namen oder ein Geheimnis vor die Füße warf, war selten.
Ich lächelte matt, so wie man es tut, wenn man die Unwahrheit nicht nur erkennt, sondern sich entschließt, sie zu ignorieren. „Natürlich.“
Sie fing sich wieder und wiegte das müde, jammernde Kind in ihren Armen, als könnte sie es mit bloßer Nähe gesund halten. „Was kann ich tun? Meine Mutter ist letztes Jahr an der Winterkrankheit gestorben. Kein Medikament hat ihr geholfen!“
„Die Krankheit bricht gerade erst aus“, beruhigte ich sie leise, stand auf und ging zum großen Arzneischrank an der Wand. „Ich gebe dir einige Dinge mit, du verwendest sie genau so, wie ich es dir erkläre.“
Meine Finger glitten über die verschlossenen Fächer, bis ich das Richtige fand. Zielstrebig stellte ich die benötigten Behälter auf den Tisch, öffnete sie nacheinander und begann, die Medikamente vorzubereiten.
Fein gemahlene Pelargonie, in hoher Konzentration stark genug, um das schwache Abwehrsystem des Jungen zu stützen. Kleine, unscheinbare Tabletten aus den Wurzeln des Bertram, bitter im Geschmack, doch bewährt gegen Lungenleiden, schleimlösend und schützend vor der nächtlichen Rastlosigkeit.
Und schließlich ein Teegemisch, dunkel und aromatisch, aus Wasserdost und Lindenblüten, um das Fieber zu zügeln, bevor es an Kraft gewinnen konnte.
„Einen Teelöffel von dem Pulver, aufgeteilt auf jede Mahlzeit“, begann ich und unterdrückte das leichte Ziehen des Missfallens in meiner Stimme, als ich spürte, wie sie hinter mir stand. Zu nah. Mit dem Kind im Arm beugte sie sich über meine Schulter, ihre Augen verfolgten jede meiner Bewegungen. Ich mochte es nicht, wenn Fremde in meinem Rücken standen und noch weniger, wenn sie es ohne meine Aufforderung taten.
„Eine Tablette mit reichlich Wasser, bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang.“ Ich legte die Portionen sorgfältig abgezählt zur Seite, genug für eine Woche. Die Krankheit sollte bis dahin schwächer werden, vielleicht ganz zurückweichen. Das hoffte ich. Kinder folgten selten dem gewohnten Verlauf einer Krankheit, besonders jene, deren Körper schon vorher angeschlagen waren.
„Den Tee gibst du ihm drei Mal am Tag. Du kannst ihm nicht zu viel davon geben.“
Als ich mich umdrehte, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Ich reichte ihr die schlichte Leinentasche, und meine Finger berührten im Vorbeigehen die Stirn des Jungen. Warm, zu warm. Sein Blick war glasig, halb im Fieber, halb im Schlaf gefangen. Ein Anflug von Dringlichkeit legte sich wie ein Schatten in meinen Bauch.
Ich sah die Mutter lange an, wog meine Worte ab. „Ich kann ihm noch etwas geben. Eine Mischung aus verschiedenen vitaminreichen Pflanzen, konzentriert. Es wird der Krankheit ein wenig schwerer gemacht, Fuß zu fassen. Es wird ihm…“
„Ich nehme alles!“, fiel sie mir ins Wort, hastig, beinahe gierig, als hätte ich ihr gerade das Heilmittel gegen den Tod selbst angeboten.
Meine Kiefer spannten sich. Ich wusste, dass es die Sorge um ihr Kind war, die sie so schroff handeln ließ. Doch das Wissen machte es nicht leichter, den Groll zu schlucken, der mir bei so einer Unterbrechung in den Hals stieg. Mein Akzent brach stärker hervor, als ich mit fester Stimme erwiderte: „Frau, hör mir zu!“
Sie fuhr zusammen, der Griff um den Jungen wurde fester.
„Es wird ihm weh tun“, erklärte ich langsamer, damit sie jedes Wort verstand. „Ich muss die Flüssigkeit unter seine Haut stechen. Aber –“ meine Augen hielten die ihren fest „– es wird sein Abwehrsystem stärken. Sein Körper kann dadurch besser gegen die Krankheit kämpfen.“
Ich sah, wie sie das Gesicht verzog, und zögerte einen Atemzug lang. Das Injizieren von Flüssigkeit unter die Haut war in Kouka keine gängige Behandlungsmethode, ihre Zurückhaltung überraschte mich daher nicht.
„Das wird ihm helfen?“, fragte sie, und ihre Stimme klang, als wolle sie mich mit jedem Wort auf die Waage legen. Die Arme um ihren Sohn schlossen sich fester.
„Ja“, bestätigte ich schlicht, und wartete.
Sie biss sich auf die Unterlippe, warf ihrem Kind einen prüfenden Blick zu und nickte schließlich knapp.
Es dauerte nicht lange, bis ich die benötigten Instrumente aus dem Schrank geholt und in einer Lösung aus eingelegten Kräutern gereinigt hatte. Routiniert drehte ich das feine, spitze Metallstück auf den Glaskörper. Für ihn wählte ich die kleinste Nadel, schätzte grob sein Gewicht, bevor ich die destillierte, tiefgrüne Flüssigkeit sorgfältig in den Glasbehälter zog.
Die Mutter verfolgte jede meiner Bewegungen, wie ein Falke, der über seiner Beute kreist. Ihre Sorge war lobenswert und zugleich hinderlich. Ich sah, wie sich ihre Finger verkrampften, als ich mich mit dem Werkzeug näherte. Der Impuls, ihr Kind vor mir wegzuziehen, flackerte deutlich in ihren Augen.
Ich hielt inne. „Ich erkläre dir jeden Schritt, den ich tue“, begann ich ruhig, meine Stimme nahm den sachlichen Ton einer Lehrmeisterin an. „Damit du verstehst, was geschieht und warum es wirkt. Die Arznei besteht aus Vitaminen und Mineralien, die dein Sohn dringend braucht. Ich werde sie unter die Haut, direkt in einen Muskel geben. Der Vorteil dieser Behandlung ist, dass sie seinen Körper sehr schnell stärkt und der Krankheit wenig Angriffsfläche lässt.“
Ich ließ die Worte sinken, bevor ich weitersprach: „Leider gibt es keine andere, gleichwertige Methode, die ebenso schnell wirkt. Ich verspreche dir, es wird ihm nicht schaden. Hast du Fragen?“
Ihr Blick blieb fest auf mich gerichtet, wie zwei eiserne Türen, die prüfen, ob sie sich öffnen sollten. Dann kam ihre Antwort und sie überraschte mich.
„Wärt ihr an seiner Stelle… würdet ihr euch dieselbe Behandlung geben?“
Ich lächelte, nicht aus Höflichkeit, sondern ehrlich und mein Respekt für diese Frau wuchs. „Ja.“
Augenblicke verstrichen, in denen nur das Rauschen des Windes durch das Blätterdach sprach. Schließlich nickte die Mutter, leise, als hätte sie die Wahrheit in meinen Worten anerkannt. „Danke“, hauchte sie, und bettete den Jungen so in ihren Armen, dass ich ungehindert an seinen kleinen Körper gelangen konnte.
Der kleine Leib zuckte nicht einmal, als ich die Prozedur durchführte, er schlief fiebrig weiter, als würde selbst Schmerz ihn nicht aus diesem erschöpften Schlummer reißen. Als ich meine Utensilien wieder reinigte und die Familie zwischen den Bäumen verschwand, formten sich meine Gedanken unwillkürlich zu einem stillen Gebet.
Ich bat Eira um ihr Wohlwollen, dem Kind beizustehen.
Es war lange her, dass ich zu meinen Göttern sprach, und vielleicht war es töricht, so viele Meilen fern meiner Heimat eine Landesfremde Gottheit anzurufen. Doch Kinder gingen mir nahe und ich hoffte, Hel, der Tod, würde diesem noch lange den Weg ins Diesseits lassen.
Der Tag zog träge dahin, und außer der Mutter mit ihrem fiebrigen Kind verirrte sich kein weiterer Fremder zu mir.
Das Essen, längst fertig, stellte ich in der Schale neben die heiße Kohle, damit es warm blieb.
Während der Schein des Feuers flackernd über die Wände kroch, glitt mein Blick immer wieder zur Tür.
Die Dämmerung sickerte durch die Ritzen, und mit ihr kam ein leises Unbehagen.
Er war sonst nie so lange fort.
Das helle Klingen seiner Glocke blieb aus, und je länger die Stille andauerte, desto drängender kroch mir die Unruhe in die Glieder.
Ich saß im Schein der Kohle, stützte den Kopf in die Hand und lauschte, ob der Wind mir nicht doch das vertraute Läuten zutrug.
Erst als die Nacht bereits dicht auf den Fenstern lag und das Feuer nur noch schwach glomm, hörte ich es, fern, gedämpft, wie aus einer anderen Welt.
Das leise Bimmeln, das unweigerlich zu ihm gehörte.
Die Tür schob sich schwer auf, und kalte Luft strömte herein.
Er trat ein, den Blick gesenkt, die Bewegungen langsamer als sonst, als trüge er ein unsichtbares Gewicht mit sich.
„Setz dich“, wies ich ihn knapp an und deutete auf seinen Platz.
Ich erhob mich, stellte den Wasserkessel über die Glut und bereitete mit geübten Handgriffen den Tee, während ich ihm das aufgewärmte Essen in die Hand drückte.
Er nahm es wortlos, und in der Stille zwischen uns knackte nur das Feuer.
„Dein Dorf…“ Meine Stimme schnitt durch die knisternde Ruhe wie ein kaltes Messer. „Sie verdienen weder die Erde, auf der sie stehen, noch die Luft, die sie atmen.“
Mein Akzent klang schärfer als beabsichtigt, aber ich machte mir keine Mühe, es zu mildern. Ich roch das Blut, nicht seines, sondern das seiner Gegner, die töricht genug gewesen waren, sich zu nah an die Höhlen zu wagen.
Er sah nicht zu mir, drehte die Schale in seinen Händen. Die Glocke an seiner Maske läutete leise, als er den Kopf ein Stück neigte.
„…Nicht alle.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch sie hatte Gewicht, schwerer, als alle Verteidigungen, die er hätte vorbringen können.
Ich seufzte, ein leises, müdes Geräusch, das irgendwo zwischen Resignation und Zuneigung hing. Meine Hand legte sich schwer auf das Fell an seinem Kopf, die Finger glitten ein Stück darüber, als wollten sie den Gedanken mit fortstreichen.
„Du bist viel zu sanft“, murmelte ich und spürte, wie er den Kopf kaum merklich senkte, nicht aus Schwäche, sondern weil er meine Berührung zuließ.
Ich zog die Hand langsam zurück, und in der Bewegung fiel mir auf, wie er den Blick kurz abwandte, als müsse er etwas in sich sortieren.
Dann griff er in seinen Mantel und legte ein kleines, in dunkles Leder gewickeltes Bündel zwischen uns.
„Für… dich.“ Seine Stimme war kaum lauter als ein Atemzug.
Ich setzte mich ihm gegenüber, zog das Bündel näher zu mir und löste vorsichtig die Umwicklung. Er brachte mir hin und wieder Kleinigkeiten mit, nichts Überflüssiges, immer praktisch, immer durchdacht. Doch diesmal…
Die Klinge darin fing sofort das rote Glühen der Kohlen auf. Schlank, scharf, tadellos gearbeitet. Das Licht tanzte an der Schneide entlang, als würde es ihr schmeicheln.
Ich blinzelte, nur einen Herzschlag lang und spürte, wie mein eigenes Herz ins Stocken geriet.
Es war lange her, dass mir jemand eine Klinge schenkte.
In meiner Heimat waren Waffen kein beiläufiges Geschenk. Man gab sie nicht aus reiner Nützlichkeit, nicht, weil der andere sie „brauchen könnte“. Eine Klinge zu schenken bedeutete, ein Stück seiner eigenen Stärke weiterzugeben.
Es war ein Versprechen: Ich traue dir zu, mich zu schützen, so wie ich dich beschützen würde.
Es war ein Zeichen von Respekt, nicht nur für das Können, sondern für den Charakter des Beschenkten.
Und in seltenen Fällen… war es ein stilles Bekenntnis von Bindung.
Zwischen Kriegern, die Seite an Seite kämpften.
Zwischen Freunden, die einander mehr wert waren als das eigene Leben.
Oder zwischen zwei Menschen, deren Gefühle tiefer reichten, als Worte tragen konnten.
„Ein Messer?“, fragte ich leise, fast so, als fürchtete ich, der Augenblick könnte zerspringen, wenn ich zu laut sprach.
Ich hob es bereits an, ließ die Finger vertraut über den Griff gleiten. Geübt und flink prüfte ich den Schnitt durch die Luft, das Gewicht in meiner Hand, die Balance, die Schärfe der Klinge.
Er nickte nur. „Deine war gebrochen.“
Seine Worte waren schlicht, beinahe nüchtern und doch trugen sie diese ruhige Selbstverständlichkeit, mit der er manchmal Dinge tat, die schwerer wogen, als er selbst begriff.
Ich lächelte. Er wusste nichts von dem Brauch meiner Herkunft, doch es zählte trotzdem, beschloss ich. Ein Freund, ein Verbündeter, ein Partner, mehr konnte ein solches Geschenk nicht bedeuten. Sachte stieß ich die Klinge zurück in die Scheide.
Dann beugte ich mich über die Schale in seinem Schoß, legte meine Finger behutsam an seine sichtbare Wange, dort, wo die Maske nicht reichte und ließ meine Lippen einen ruhigen, kurzen Kuss auf die seinen legen. Kein Liebesversprechen, sondern ein uraltes Zeichen tiefer Dankbarkeit, wie es in meiner Heimat üblich war.
Er erstarrte unter der Berührung, nicht vor Ablehnung, sondern vor schierer Überraschung. Ich spürte, wie sich seine Atmung für einen Herzschlag lang anhielt, wie der leichte Klang der Glocke an seiner Maske bei seiner kleinsten Bewegung anschlug.
Als ich mich zurücklehnte, verweilte sein Blick, verborgen hinter dem Holz, auf mir. Er sagte nichts, doch seine Finger umschlossen die Schale etwas fester, als wolle er sich an ihr festhalten.
„Mein Land“, begann ich und ließ die Worte langsam fallen, „ist ein Land des Kampfes. Eine Waffe schenkt man nur denen, die einem wirklich etwas bedeuten. Es ist kein gewöhnliches Geschenk, es sagt, dass man dir vertraut… dass man bereit ist, an deiner Seite zu stehen.“
Ich setzte mich aufrechter hin, schob ihm die warme Tasse Tee hinüber, meine andere Hand tippte an meine Lippen. „Ein Dank“, fuhr ich leise fort.
Er nahm die Tasse entgegen, hielt jedoch inne, als müsste er die Schwere meiner Worte in den Händen wiegen. Draußen legte sich die Nacht über das Land, weich und still, und zwischen uns blieb nur das leise Klingen seiner Glocke, als er den Kopf senkte.
Der Frühling kam leise, fast schüchtern, und doch brachte er einen spürbaren Umschwung mit sich. Nicht nur in der Natur, auch in den Erzählungen der kleinen Händler, die ich alle paar Monate aufsuchte. Sie sprachen von einer Machtübernahme, von Blut auf Thronstufen: ein toter König, eine tote Königstochter… und nun ein junger Anführer, kaum der Knabenjahre entwachsen.
Ich habe mich nie sonderlich für die Herrscher dieses Landes interessiert. Kouka war für Skjoldar nicht mehr als ein ferner Name, ein schwaches Land am Rande der Welt, zu unbedeutend, um mehr als einen flüchtigen Gedanken zu verschwenden.
Vielleicht lag es daran, dass wir in Skjoldar nie einem einzelnen Thron folgten. Unsere Macht gehörte den Stämmen, und unsere Loyalität galt jenen, die sie sich verdienten. Doch auch das konnte zerbrechen, ich hatte es am eigenen Leib erfahren.
Es genügte ein einziger Mann mit zu viel Ehrgeiz und zu wenig Verstand, um das Gleichgewicht zu zerstören. Schritt für Schritt riss er die Herrschaft an sich, säte Misstrauen zwischen den Sippen und erklärte alles, was nicht in seine enge Welt passte, zum Feind.
Die Heilkunst, einst unser Stolz, wurde zur „Hexerei“. Wir, die wir heilten, wurden zu Gejagten. Er ließ uns aufhängen, verbrennen, wie Ungeziefer aus dem Land tilgen.
Ich habe den Gestank brennender Felle und Haut in der Luft gerochen, die Schreie jener gehört, die einst meine Lehrer waren. Ich habe gesehen, wie man aus Stolz und Angst ein ganzes Volk in den Abgrund stößt.
Vielleicht deshalb höre ich genauer hin, wenn jemand vom Machtwechsel spricht und vielleicht deshalb glaube ich kein Wort, wenn man behauptet, ein junger Herrscher könne ein Land allein retten.
„Rani.“
Ich blinzelte und hob meinen unfokussierten Blick von den Kräutern, die ich vor mir sortierte. Seiryuu stand dort, das lange Fell in den Händen, als hielte er einen Schatz, den er nicht so recht übergeben wollte.
Schweigend streckte er es mir entgegen. Ich wusste, was es war, eines der Häute, die er den ganzen Winter über selbst gegerbt hatte.
Ich stand auf, nahm es ihm ab und ließ den Stoff zwischen meinen Fingern gleiten. Mit einem kräftigen Ruck entfaltete ich es, das dumpfe Rascheln hallte in der Hütte wider. Meine Augen glitten prüfend über die Oberfläche: die Dicke, die Weichheit des Fells, dann die unschönen, zu tief gesetzten Schnitte im Leder.
Kritisch drehte ich es um, hob es an die Nase und sog den Geruch ein, eine Mischung aus Rauch, Harz und dem feuchten Erdton der Lagerung.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, die kleinen Glöckchen an seiner Maske ein leises, unruhiges Klingen von sich gaben.
„Du hast dir Mühe gegeben“, stellte ich schließlich fest, meine Stimme nüchtern, doch mein Blick etwas weicher. „Aber wenn du willst, dass es den nächsten Winter übersteht, musst du lernen, das Messer flacher zu führen.“
Sein nervöses Zappeln kam zum Stillstand, als hätte ich mit meinen Worten einen zu straff gespannten Faden gekappt.
Ich trat näher an ihn heran, das Fell zwischen uns wie ein stiller Prüfstein, und hielt es so, dass er jeden Makel sehen konnte.
„Hier…“ Meine Fingerspitzen glitten langsam über eine unsauber geschnittene Linie. „Und hier.“ Ich zeigte auf eine zweite Stelle, wo das Leder zu dünn gearbeitet war. „An diesen Punkten wird es, wenn du es regelmäßig benutzt, in ein paar Monaten reißen.“
Er folgte jeder meiner Bewegungen aufmerksam, als wollte er den Fehler nicht nur sehen, sondern fühlen. Seine eigenen Fingerspitzen fuhren zögernd über die angerissenen Stellen, als könnte er so verstehen, was er falsch gemacht hatte.
Ich ließ ihm den Moment, um es in sich aufzunehmen, und roch noch einmal prüfend an dem Fell - der Geruch von Rauch, Schnee und seinem langen Winterwerk lag darin.
„Aber…“ Meine Stimme wurde weicher. „…für deine ersten Versuche ist es gut. Besser, als ich erwartet hätte.“ Ich ließ den Blick bewusst einen Herzschlag zu lange auf ihm ruhen. „Vielleicht kann ich dir im Sommer etwas Größeres jagen. Ein Bärenfell…“ Ich strich über die dichte Oberfläche. „…ist ein Traum in der Verarbeitung. Warm, schwer und wenn du es gut machst, hält es ein Leben lang.“
Und ich dachte bei mir, dass er es wert wäre, etwas zu besitzen, das so lange hielt.
„Danke“, murmelte er und neigte leicht den Kopf. Ehe ich noch etwas erwidern konnte, beugte er sich zu mir, so leise und vorsichtig, als fürchtete er, der Augenblick könnte zerbrechen und seine Lippen berührten meine. Nur ein Hauch, kaum länger als ein Atemzug, und doch reichte es, mich blinzeln zu lassen.
Als er sich zurückzog, hielt er meinen Blick nicht ganz. Die Unsicherheit in seinen Zügen war kaum zu übersehen.
„Nicht… richtig?“, fragte er leise.
Es dauerte einen Herzschlag, bis ich begriff, dass er nicht aus einer Laune heraus gehandelt hatte. Er hatte mich nachgeahmt, meinen Brauch, den ich ihm einst erklärt hatte.
Meine Mundwinkel zuckten unwillkürlich nach oben. Es war ein kleines, kostbares Stück meiner Heimat, das plötzlich hier, in dieser fremden Welt, zwischen uns existierte. Ein Echo von Skjoldar, getragen von jemandem, der nicht einmal wusste, wie es aussah.
„Doch“, erwiderte ich sanft und legte meine Hand kurz an seinen Arm. „Keine Angst.“
Meine Finger blieben noch einen Moment länger auf ihm, bevor ich sie sinken ließ. „Aber…“ Ich lehnte mich ein Stück zurück, sah ihn an, als wolle ich sicherstellen, dass er mir wirklich zuhörte. „Du darfst nicht vergessen, Seiryuu, du bist in deinem Land. Nicht in meinem.“
Er rührte sich nicht, nur das leise Bimmeln seiner Glocke verriet, dass er den Kopf ein wenig neigte.
„In Kouka bedeutet so etwas nicht dasselbe wie in Skjoldar.“ Meine Stimme bekam diesen Ton, den ich annahm, wenn ich jemanden vor einer Dummheit bewahren wollte. „Bei uns ist ein Kuss, in diesem Zusammenhang, ein Zeichen von Respekt. Von tiefer Dankbarkeit. Nicht mehr, nicht weniger. Hier…“ Ich verzog kurz den Mund. „Hier werden die Leute denken, es sei Werbung. Oder ein Versprechen. Vielleicht sogar ein Besitzanspruch.“
Ich ließ eine Pause, beobachtete ihn, ob er verstand, was ich ihm sagen wollte. „Und ich will nicht, dass du unbedacht etwas gibst, das falsch verstanden wird, nicht von mir, und schon gar nicht von den anderen in diesem Land.“
Dann lockerte ich meine Haltung, mein Ton wurde weicher. „Trotzdem…“ Meine Finger glitten leicht über das Fell in meinen Händen, als könnte ich darüber die richtigen Worte finden. Ich senkte den Blick für einen Moment, als müsste ich es mir erst selbst eingestehen.
„Du schenkst mir damit ein Stück Heimat. Etwas, das hier niemand kennt, niemand versteht… und gerade deshalb mehr wiegt, als du dir vorstellen kannst.“
Er nickte, kurz, knapp, so wie er es tat, wenn er etwas nicht nur hörte, sondern wirklich begriff.
Ich legte ihm das Fell in die Hände zurück und wandte mich wieder meinen Kräutern zu. Die vertrauten Handgriffe beruhigten mich, auch wenn mein Kopf noch immer bei ihm verweilte.
Einen Bären würde ich ihm jagen, das nahm ich mir vor. Letztes Jahr hatte ich, einen Tagesmarsch von hier, alte Spuren gefunden, groß, schwer. Vielleicht waren sie noch dort.
Die Vorstellung gefiel mir. Nicht nur, weil ein solches Fell in Skjoldar einen Platz in den Hallen der Besten wert gewesen wäre… sondern weil ich es ihm wirklich gerne geben wollte.
Die Tage danach flossen träge dahin.
Der Frühling drängte sich Stück für Stück weiter ins Land, und das gleichmäßige Tropfen von Schmelzwasser vom Dach meiner Hütte wurde zur beständigen Begleitmelodie unserer Arbeit.
Ich füllte Vorräte auf, sortierte getrocknete Kräuter, flickte Kleidung und er, wie immer still, half, ohne dass ich darum bitten musste.
Zwischen all dem vergingen die Stunden, ohne dass wir sie zählten, bis die Sonne an einem dieser milderen Nachmittage schräg durch die Fensterluke fiel.
Ich las in dem neuesten Medizinbuch, das ich vor einigen Tagen einem Händler abgekauft hatte. Neu für Kouka, doch für mich und meine Ausbildung waren viele der beschriebenen Methoden längst veraltet. Dennoch war es interessant genug, um meine Aufmerksamkeit zu halten.
Meine Finger glitten dabei gedankenverloren durch das blaue Haar, das sich, warm und schwer, in meinem Schoß niedergelassen hatte. Shiryuu döste, reglos bis auf das leise Heben und Senken seines Atems. Ao lag nicht weit daneben, eingerollt wie ein kleines, wachsames Bündel.
Irgendwie hatte sich diese Stellung in den letzten Wochen wie von selbst eingebürgert. Es erinnerte mich an einen jungen Wolf, der still um Zuneigung bat, ohne je aufdringlich zu werden.
Ich mochte das und ich mochte sein Haar. Weicher, als man es einem Krieger zutrauen würde.
Ein leises, kaum wahrnehmbares Summen vibrierte gegen meinen Oberschenkel, als er sich im Schlaf bewegte. Ich blätterte um, doch meine Augen glitten nur kurz über die Seiten, bevor sie zu ihm wanderten. Meine Finger strichen über die Strähnen seines Haares, die ihm witzig ein wenig in die Augen hingen.
„Du bist wach“, stellte ich leise fest, als sich seine langen Wimpern zitternd hoben und ein Schimmer von Gold vorsichtig unter den Lidern hervorblitzte.
Er blinzelte träge, als müsse er erst den Weg aus einem Traum zurückfinden. Ohne ein Wort drehte er sich ein Stück, bettete den Kopf so, dass sein Gesicht halb verborgen in meinem Schoß lag. Die Maske trug er nicht, und doch achtete er penibel darauf, dass seine Augen von mir abgewandt blieben.
„Nicht ganz“, murmelte er, und der Klang seiner Stimme war tief und warm, rau vom Schlaf.
Er atmete einmal tief durch, und ich spürte, wie sich die leichte Schwere seines Gewichts in meinem Schoß veränderte. „Ich wollte nur… noch ein wenig hierbleiben.“ Seine Finger krallten sich nicht fest, aber sie hielten sich lose an dem Stoff meiner Kleidung, als bräuchte er diese Berührung, um den Rest der Welt fernzuhalten.
Ich ließ meinen Finger über seine Kieferpartie gleiten, folgte den roten Linien, als würde ich sie in Gedanken neu in seine Haut ritzen. „Ich habe dich gern hier…“ Meine Stimme wurde leiser, gewann jedoch an Gewicht. „Aber du bist sonst nicht so lange an einem Ort mit mir.“
Mein Blick ruhte auf ihm, forschend. „Hältst du dich heute bei mir auf, weil du müde bist… oder weil du vor etwas davon läufst?“
Er drückte seinen Kopf tiefer in meinen Schoß, als wollte er sich darin vergraben. Für mich war das Antwort genug. Ich hakte nicht nach, ließ meine Finger weiter durch sein Haar und über seine Haut wandern, während zwischen uns nur das Knistern der Glut sprach.
Erst nach einer Weile, leise, als müsste er jedes Wort einzeln überdenken, kam es über seine Lippen: „…Reisende sind unterwegs. Hierher.“
Eine Pause. Dann, noch leiser: „Sie… fühlen sich nicht richtig an.“
Ich hielt inne, mein Daumen verweilte an der Linie unterhalb seines Kiefers.
„Nicht richtig?“
Er antwortete nicht sofort, und das Schweigen zwischen uns spannte sich wie ein zu straff gezogener Faden.
„Etwas in ihrer Art…“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Grollen in der Tiefe.
Ich atmete langsam aus, ließ meine Hand auf seiner Schulter ruhen. „Dann vertrau deinem Gefühl. Es hat dich bisher nie betrogen.“
Meine Worte waren ernst gemeint, doch in mir begann es leise zu ziehen, die Ahnung, dass wir beide bald weniger Ruhe haben würden, als uns lieb war.
Ich sollte recht behalten.
Es begann in den frühen Morgenstunden.
Das Zittern weckte mich, kaum mehr als ein sanftes Schaukeln im Boden, doch genug, um mich aus dem Schlaf zu ziehen. Leichte Beben waren hier nicht unbekannt, aber selten, und sie hinterließen ein seltsames Echo in den Wänden der Hütte, als würden sie eine Warnung flüstern.
Ungewohnt war jedoch etwas anderes: Der Vormittag verstrich… und ich blieb allein. Kein leises Klingen der kleinen Glocke, kein gedämpfter Schritt auf den Holzdielen, kein blaues Haar, das sich am Rand meines Blickfelds regte. Nur das Knacken des Feuers und das ferne Rufen der Amseln.
Gegen Mittag jedoch veränderte sich die Stille.
Es begann mit einem dumpfen Grollen, tief unter meinen Füßen, als würde die Erde selbst unruhig atmen. Dann kam das Beben, heftig, ungezähmt, so stark, dass die Holzschalen in meinem Regal aneinanderschlugen und eine von ihnen scheppernd zu Boden fiel. Die Wände ächzten, der Tisch ruckte zur Seite, und ich musste mich am Türrahmen festhalten, um nicht zu stürzen.
Der Boden unter mir fühlte sich an, als würde er in Wellen rollen, als wolle er alles, was auf ihm stand, abschütteln. Staub rieselte aus den Dachbalken, und draußen hörte ich, wie Gestein und lose Äste von den Hängen rutschten.
Das Grollen verklang, doch mein Herzschlag brauchte länger, um zur Ruhe zu kommen.
Ich blieb noch einen Augenblick im Türrahmen stehen, spürte das leichte Zittern in meinen Beinen und lauschte. Keine Nachbeben, nur das Knacken des Holzes und das ferne Rauschen der Bäume.
Draußen lag der Geruch von aufgerissener Erde und feuchtem Moos in der Luft, gemischt mit diesem frischen, beinahe süßen Hauch des Frühlings. Die Hänge oberhalb der Lichtung waren an einigen Stellen blankgescheuert, wo Geröll und Äste abgerutscht waren.
Ich sammelte die umgestürzte Schale ein, richtete den verrückten Tisch und wischte den Staub vom Boden. Doch meine Gedanken waren längst nicht mehr bei der Arbeit. Stattdessen nagte etwas an mir, beständig wie das Tropfen von Wasser auf Stein.
Natürlich machte ich mir Sorgen. Diese dummen Menschen lebten in einem Berg, ein Labyrinth aus Gängen und lockeren Felsen und nach einem Beben wie diesem… war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Seiryuu genau dort war.
Ich legte die Kräuter beiseite, merkte, dass meine Finger sich fester um den Mörser gekrallt hatten, als nötig. Bilder drängten sich in meinen Kopf: eingestürzte Gänge, Staub in der Luft, Menschen, die im Dunkeln husteten.
Menschen, die er zu schützen versuchte.
Meine Anspannung wich nicht, je länger der Tag sich zog.
Der frühe Nachmittag kam, goldenes Licht brach durch die Wolken, und trotzdem schien es kälter in der Hütte zu werden. Ich zwang mich, Wasser aufzusetzen, das Feuer zu schüren, Kräuterbündel zu ordnen, jede Bewegung mechanisch, wie um den drängenden Gedanken den Eintritt zu verwehren.
Draußen war der Wald unruhig. Zweige knackten, Vögel riefen hastig, und irgendwo in der Ferne hörte ich das dumpfe Grollen eines weiteren, schwachen Nachbebens.
Ich hielt inne, lauschte, und merkte erst da, wie sehr ich auf das helle Klingen seiner kleinen Glocke lauschte. Nichts.
Unruhig strich ich mir die Haare aus dem Gesicht, ging zum Tisch und begann, die neu getrockneten Kräuter aufzuheben und sorgfältig an einer Seite der Wand aufzuhängen. Die Bewegung war reine Gewohnheit, etwas, um meine Hände zu beschäftigen, während meine Gedanken längst woanders waren.
Ein leises, hastiges Fiepsen riss mich aus meiner starren Routine. Sofort wirbelte ich herum und Ao schoss wie ein kleiner, staubiger Pfeil direkt auf mich zu.
„Na endlich“, murmelte ich und strich über ihr staubiges Fell, als sie flink über meine Schulter lief. Die Erleichterung, sie unversehrt zu sehen, war so groß, dass es einen Herzschlag dauerte, bis ich begriff, was sie gerade tat.
Mit einem Satz sprang sie von mir herunter, und ehe ich reagieren konnte, hing sie wie ein gieriger Fisch am Haken an einem frisch gebundenen Kräuterbündel, zerrte daran und kaute genüsslich auf den Spitzen herum.
„Was zur…“, entfuhr es mir, bevor ich scharf nachsetzte: „Ao, du kleine Ratte, spuck sofort die Kräuter aus!“
Ich schnappte nach ihr, packte sie an den Flanken, während sie sich wand wie ein glitschiger Fisch, und versuchte, die widerspenstigen Stängel aus ihrem Maul zu ziehen. Ihre winzigen Zähne hielten fest wie ein Schraubstock, und sie gab ein grollendes, beleidigtes Fiepsen von sich, als würde ich ihr das letzte Stück Essen auf Erden entreißen.
„Ao!“ zischte ich, zog noch einmal fester, bis sie sich schließlich mit einem empörten Rucken befreite. Kaum entkommen, schüttelte sie sich, ihr staubiges Fell wirbelte eine feine graue Wolke auf und dann blitzten ihre Augen. Dieses verräterische, hungrige Glitzern.
„Wag es nicht…“ begann ich, doch sie war schon unterwegs, ein einziger, flinker Satz, und sie landete mitten in meinem frisch gepflückten Korb. Die sorgfältig gepflückten Kräuter zerknickten unter ihren Pfoten, und sie grub die Schnauze gierig in das grüne Bündel, als hätte sie tagelang nichts gefressen.
„Bei allen Göttern!“ fuhr es aus mir, laut und scharf wie Peitschenhieb, so sehr, dass selbst die Amseln draußen inne hielten. „Du… haarige, vierbeinige Plage!“
Ich stolperte nach vorn, halb über einen umgekippten Hocker, halb über meine eigenen Füße, und packte Ao an den Hinterläufen, bevor sie noch weiter in den Korb eintauchen konnte.
„Bei Fenrirs Zähnen, Ao!“, fauchte ich und hob sie hoch. Sie strampelte empört, die kleinen Pfoten kratzten ins Leere, und ich schüttelte sie gerade so stark, dass ein halb zerkauter Stängel aus ihrem Maul plumpste.
„Spucken!“, kommandierte ich streng, doch sie quietschte nur beleidigt und warf mir einen Blick zu, als hätte ich sie bestohlen.
Ich öffnete gerade den Mund, um sie weiter zu maßregeln und erstarrte.
Am Rand meines Blickfelds fiel ein Bewegung.
Zuerst sah ich Seiryuu und eine Welle aus Erleichterung durchströmte mich, so warm und plötzlich, dass sie mir fast den Atem nahm. Er stand da, wie immer, still und unverrückbar, und doch verriet das kaum merkliche Zucken seiner Lippen, dass er genau sah, wie Ao in meiner Hand zappelte und meine kostbaren Vorräte im Maul hatte. Er mochte es nie, wenn wir uns darum stritten und er wusste, dass wir es oft taten.
Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, fing ein anderer Anblick meinen Blick ein: das feuerrote Haar, nicht weit hinter ihm, leuchtend wie lodernde Glut im Frühlingslicht. Es zog meine Aufmerksamkeit an wie ein Signalfeuer.
Die Trägerin war jung, kaum mehr als ein Mädchen, doch ihre Haltung hatte nichts Zögerliches. Sie stand aufrecht, den Blick klar und geradeaus gerichtet, als wüsste sie genau, wohin sie gehörte. Um sie scharten sich drei weitere Gestalten, jede auf ihre Weise auffallend:
Links von ihr ein hochgewachsener Mann mit schneeweißem Haar, dessen rechter Arm in Stoffbahnen gewickelt war, nicht straff, sondern so, dass es eher wie eine Verschleierung wirkte. Seine Haltung war stolz, der Blick wachsam, und in ihm lag diese unmissverständliche Bereitschaft, im Bruchteil einer Sekunde zu handeln.
Etwas versetzt daneben ein jüngerer, schlanker Bursche mit hellblondem Haar, das im Wind flatterte. Seine Augen musterten mich nicht feindselig, aber aufmerksam, zu aufmerksam für jemanden, der sich bloß im Gefolge befand.
Der letzte wirkte am unruhigsten: groß, dunkelhaarig, die Haltung lässiger als die der anderen, doch in der Schärfe seines Blicks lag eine unterschwellige Spannung, wie bei einem Raubtier, das jederzeit zuschlagen könnte.
Ich neigte den Kopf, eine Geste, die weder Ablehnung noch Einladung war. Fremde brachten selten nur sich selbst mit.
Ich ließ Ao ohne viel nachzudenken los, eine geübte, fließende Bewegung, die sie längst kannte. Ihr Flug zu Seiryuu mochte für Außenstehende roh wirken, doch sie landete leichtfüßig wie immer, ein Funkeln im Blick, das fast nach Vergnügen aussah.
Meine Augen glitten weiter, prüfend, über die Fremden. Vielleicht war es nur ein kurzer Funke in meinem Blick, vielleicht auch etwas in meiner Haltung, doch es reichte, um den Schwarzhaarigen innehalten zu lassen. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff seiner Waffe, kaum merklich, aber spürbar.
Seiryuu bemerkte es. Ohne Hast, ohne Härte, verschob er sein Gewicht und stellte sich so, dass sein Körper nun eine halbe Barriere zwischen mir und der Gruppe bildete. Kein offener Schutz, eher ein instinktives Platzieren, das trotzdem niemandem entging.
„Und wer,“ fragte ich langsam, meine Stimme weder laut noch scharf, doch sie schnitt die Stille zwischen uns wie eine dünne Klinge, „ist dir da in den Fußspuren gefolgt?“
„Mein Name ist Yona“, begann das junge Mädchen. Ihre Stimme war weich, doch unter der Sanftheit lag eine feste, unbeirrbare Linie, die man nicht überhören konnte. Die Nachmittagssonne fing sich in den feuerroten Strähnen ihres Haares, ließ sie wie flüssiges Licht aufflackern, während ihre amethystfarbenen Augen mich prüfend fixierten.
„Das hinter mir sind Hak, Yun und Kija.“
Sie machte bei jedem Namen eine kurze, offene Geste, ihr Blick fest, aber nicht feindselig. „Wir kommen nicht in böser Absicht. Seiryuu hat von dir erzählt – deshalb wollte ich dich kennenlernen.“
Ich hob das Kinn, mein Blick glitt langsam über die drei, blieb jeweils einen Atemzug zu lang hängen, um bloße Höflichkeit zu sein. Der hochgewachsene Dunkelhaarige erwiderte ihn mit einer Mischung aus Gelassenheit und unterschwelliger Wachsamkeit. Der Junge – Yun – schien mich abschätzen zu wollen, auch wenn er vorgab, völlig bei Kija zu sein. Und der Weißhaarige… selbst fiebrig hielt er sich aufrecht, als müsse er die Beleidigung seiner Schwäche verbergen.
„Nun,“ sagte ich schließlich, die Stimme ruhig, aber kühl wie ein klarer Morgen, „das hast du jetzt, totgeglaubte Prinzessin.“ Ich ließ das Wort einen Moment hängen, bevor ich weitersprach. „Der Weg zurück steht dir offen.“
Ein kurzer, kaum merklicher Ruck ging durch Kijas Schultern – doch er blieb nicht allein. Wie eine gespannte Saite, die von einem plötzlichen Ton erfasst wird, lief die Reaktion durch die Reihe hinter ihr. Yona hob das Kinn kaum merklich, Hak verlagerte das Gewicht auf die Fersen, die Hand lässig nah am Waffengriff, und Yun blinzelte, als hätte er gerade einen entscheidenden Teil eines Puzzles entdeckt.
Ich hatte nicht einmal ihren Namen gebraucht, um zu wissen, wer sie war. Dieses Haar – wie ein brennendes Signal, das kein Sturm auslöschen konnte – verriet sie schon aus der Ferne. Und der Name Yona war kein gewöhnlicher Name. Wer Ohren hatte, kannte ihn, selbst in den entlegensten Winkeln.
Der Weißhaarige sog hörbar die Luft ein, seine Schultern strafften sich wie bei einem Soldaten vor dem Befehl. „Wie kannst du es wagen? Zolle der Prinzessin ein wenig Respekt!“ Seine Stimme schnitt durch den Raum, fest, aber mit dem leisen Zittern eines Körpers, der längst über seine Grenzen hinausging.
Mein Lachen kam leise, ohne Spott, aber nicht ohne Gewicht. „Respekt wird verdient, nicht geschenkt.“ Mein Blick glitt zu ihm, und ich ließ ihn dort ruhen, lange genug, dass der Abstand zwischen uns schmaler wirkte. „Und du, der mit Fieber kämpft, so deutlich, dass ich es von hier aus sehen kann, setz dich, bevor du fällst.“
Ich sah, wie sich ein feiner Schweißfilm über seiner Stirn legte, kaum wahrnehmbar, doch deutlich genug, um meine Worte zu bestätigen.
Fast gleichzeitig wandte sich die ganze Gruppe zu ihm, als hätte ein unsichtbarer Faden ihre Blicke gelenkt. Voller verletztem Stolz richtete er sich noch einmal auf, die Schultern straff, als wollte er mein Urteil mit schierer Haltung widerlegen. Doch während die Prinzessin seinen Namen aussprach, weich und besorgt, begann er schon zur Seite zu schwanken. Der Widerstand in seinem Blick hielt noch einen Atemzug, dann brach er — und sein Körper fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus, dem man die letzte Stütze genommen hatte.
Ein aufbrandender Trubel folgte.
„Kija!“ Die Stimme der Prinzessin blieb angenehm im Klang, selbst durchzogen von Sorge.
Der hübsche Junge an ihrer Seite stürmte vor, eilig und zielgerichtet, wie eine Mutter, die ein Kind auffängt, das zu fallen droht, und kniete neben dem Regungslosen nieder.
Ich stand still und ließ meinen Blick über das Treiben gleiten. Hände, die ungeschickt versuchten, seinen Puls zu finden. Jemand, der seinen Kopf anhob, dabei den Winkel so falsch wählte, dass es kaum einen Nutzen haben konnte. Trotz meiner Vorsicht, die wie eine zweite Haut an mir haftete, spürte ich, wie ein kleiner Teil davon nachgab. Dieser ganze Haufen strahlte ein gutmütiges, chaotisches Durcheinander aus, das schwer zu ignorieren war.
„Rani.“
Meine Augen fanden Seiryuu. Er neigte den Kopf sacht, die Stimme sanft, aber mit diesem leisen Unterton, der mir jedes Mal ein Seufzen entlockte — seine Art, um Hilfe zu bitten, ohne es offen auszusprechen.
Also setzte ich mich in Bewegung. Natürlich tat ich das.
Mit einem knappen Schritt scheuchte ich die Prinzessin aus dem Weg – nicht grob, aber mit der Art von Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zulässt. Das Rascheln ihres Gewandes verklang, als ich mich neben dem Bewusstlosen niederließ.
„Wenn du den Puls richtig messen willst, Junge, dann weg mit den Fingern von seinem Hals.“ Meine Stimme war ruhig, aber scharf genug, dass sie sich in den Moment schnitt. Ich nahm seine Hand, schob sie von der falschen Stelle fort und griff nach Kijas Handgelenk. „Hier – Pulsader. Zwei Finger, nicht der Daumen.“
Yun zögerte, bis ich seine Hand so führte, dass er den Puls tatsächlich spüren konnte. „Zähl fünfzehn Sekunden, dann mal vier. So bekommst du die Schläge pro Minute.“ Ich hielt kurz inne, mein Blick blieb fest. „Bei Bewusstlosen, ist das Handgelenk sicherer. Am Hals könntest du unbeabsichtigt die Halsader abdrücken – und damit genau das verschlimmern, was du verhindern willst.“
Meine Finger glitten derweil an Kijas Schläfe entlang, prüften Atmung und Hauttemperatur. Das Fieber war deutlich – er hätte schon vor Stunden Ruhe gebraucht. Der Atem ging flach, die Haut war zu warm.
„Sein Kopf muss tiefer“, sagte ich knapp, und ohne weiter zu erklären, zog ich einen gefalteten Mantel unter ihm hervor, um ihn richtig zu betten. „Bringt mir kaltes Wasser und ein Lappen.“
Während ich aus dem Augenwinkel sah, wie Seiryuu sich bewegte, kniete der Junge noch immer dicht bei Kija. Seine Haltung war angespannt, fast abwehrend, und in seinen Augen lag ein Funke Misstrauen, als er meine Bewegungen verfolgte. Dennoch sog er jedes Wort auf, das ich sagte, wie ein trockener Schwamm Wasser aufnimmt.
Als ich den Blick kurz hob, begegnete mir sein prüfender Blick. Er wich nicht aus, er wollte verstehen.
Also sprach ich weiter, ohne Eile, aber klar: „Nicht zu fest drücken. Spür den Rhythmus, nicht nur den Schlag. Dein Ziel ist, das Muster zu erkennen – es sagt dir oft mehr als die Zahl selbst.“
Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie seine Finger sich minimal anpassten, den Druck korrigierten, ohne dass ich etwas sagen musste.
Meine Aufmerksamkeit glitt zu Hak, der über uns stand wie ein stiller Schatten, jede Bewegung im Blick. „Kannst du ihn bis zu meinem Haus tragen?“ fragte ich, ohne aufzusehen. „Oder behindert dich deine Verletzung?“
Er verzog kaum merklich den Mundwinkel. „Ich kann ihn tragen.“ Der Ton war lässig, doch die Selbstverständlichkeit darin ließ keinen Zweifel. Ohne Vorwarnung packte er Kija, als wäre er ein prall gefüllter Reissack, und wuchtete ihn sich mit einer geschmeidigen Bewegung über die Schulter.
Ich deutete nur mit dem Kinn auf die Veranda. „Dort.“
Er nahm die wenigen Stufen, ließ Kija in einer Art kontrolliertem Herabgleiten auf den vorgesehenen Platz sinken – pragmatisch, unsanft, aber immerhin ohne, dass der Patient den Kopf stieß.
Die Anspannung der letzten Minuten wich langsam aus der Luft. Ich öffnete die Tür, ließ frische Luft hinein und wandte mich dem Schrank zu. Geübte Handgriffe holten hervor, was ich brauchte: fiebersenkende Blätter, stärkende Wurzeln, Kräuter für die Lunge. Der Duft schärfte die Luft, als ich das erste Bündel zwischen den Fingern zerrieb.
Der Knabe stand dicht daneben, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick fest auf meine Arbeit geheftet. Seine Augen verfolgten jede Bewegung – aufmerksam, aber noch mit dem Restmisstrauen, das er nicht ganz ablegen wollte.
„Du bist Ärztin.“ Es klang nicht wie eine wirkliche Frage, eher wie eine Feststellung, die er trotzdem bestätigt haben wollte. Die Neugier in seiner Stimme war unverkennbar, selbst durch die Vorsicht hindurch, die noch in seinen Zügen lag.
„Ich bevorzuge den Begriff Heilerin, aber ja – in deinem Land wäre der treffende Begriff wohl Arzt.“ Mein Blick glitt kurz zu seinen Händen, die noch immer so lagen, als hielten sie einen unsichtbaren Puls. „Du hast versucht zu lernen. Theoretisches Wissen ist schwer anzuwenden, aber… du hast Talent.“
Er blinzelte, ein kurzes Aufflackern von Überraschung in seinen Augen. „Woher weißt du das?“
Ich nahm die Schale, mischte die Flüssigkeit mit ruhigen, geübten Bewegungen an. „Du hast keine Berührungsängste“, erklärte ich, ohne den Blick von meiner Arbeit zu heben, „und du weißt, in welche Richtung du schauen musst – auch wenn du noch nicht genau verstehst, was du siehst.“
Er zog leicht die Augenbrauen zusammen, als würde er zwischen meinen Worten und meinen Händen hin- und hergerissen sein. „Und… wo hast du gelernt, Heilerin zu werden?“
Ich rührte die Mischung, bis sich die Kräuter gleichmäßig in der Flüssigkeit verteilten. „Nicht hier.“ Das war Antwort genug – und doch nicht das, was er hören wollte.
Im Hintergrund hörte ich das Rascheln von Stoff. Hak hockte neben Kija, der noch immer bewusstlos lag, und legte ihm seelenruhig ein gefaltetes, weißes Tuch auf das Gesicht. „Ruhe in Frieden“, murmelte er trocken.
Das Tuch zuckte. Kija fuhr hoch, riss es mit einer Bewegung von sich. „Was—?!“ Seine Stimme überschlug sich.
„Ah, er lebt noch“, kommentierte Hak, als wäre es eine mäßig interessante Feststellung, und lehnte sich wieder zurück.
Kija blinzelte fiebrig, wollte etwas entgegnen, sank aber schon im nächsten Atemzug kraftlos in die Felle zurück.
Ich warf der kleinen Szene nur einen kurzen Blick zu, dann hielt ich ihm die Schale hin. „Hier. Gib ihm das – und achte darauf, dass er nicht erstickt.“
Er nickte knapp und nahm mir den Trank ab. Ich verfolgte, wie er die Schale hielt, den Kopf seines Patienten leicht anwinkelte und jeden Schluck aufmerksam begleitete, den der Weiße Drache zu sich nahm. Vorsichtig, ja – aber nicht zaghaft. Diese Mischung sah ich selten bei jemandem, der kaum praktische Erfahrung hatte.
Die anderen hatten sich ringsum niedergelassen, als würde allein die gemeinsame Nähe ein dünnes, neues Band zwischen ihnen spannen. Stimmen wurden leiser, Bewegungen langsamer, und für einen Moment hatte es den Anschein, als hielte der Raum den Atem an.
Mein Blick glitt zu meinem Freund. Zaghaft, fast vorsichtig, aber mit einer deutlichen Neugier, ließ er den Blick über die Gruppe wandern. Er verfolgte, wie die drei sich um ihren vierten Mann kümmerten – jede Geste, jedes kurze Zunicken, die unausgesprochene Abstimmung, die aus gemeinsamer Erfahrung geboren wird. Es war, als versuchte er, ihre Dynamik zu erfassen, Stück für Stück, wie jemand, der eine fremde Sprache zum ersten Mal hört und den Klang in sich aufnimmt.
In meiner Brust zog sich etwas zusammen. Kein angenehmes Gefühl. Es war nicht die scharfe, offene Stichelei von Neid, sondern ein leiser Druck, dumpf und schwer, der sich in meinen Atem legte. Ich wandte den Blick ab, hinaus aus meinem Haus, über die schimmernden Baumgipfel hinweg, wo sich das Licht zwischen den Blättern brach.
Eigentlich – so hatte ich geglaubt – wäre ich der Eifersucht und der Besitzgier längst entwachsen. Aber da war es, unbeirrbar und hartnäckig, wie ein alter Schmerz, von dem man geglaubt hatte, er sei längst verblasst.
Ich stieß mich vom Schrank ab, das Holz knarrte leise hinter mir. „Bis morgen muss er sich ausruhen“, sagte ich langsam, damit auch der Letzte in diesem Raum verstand, dass es keine Diskussion gab. „Richtet es euch für die Nacht ein.“
Als ich an ihnen vorbeiging, spürte ich die unterschiedlichen Reaktionen fast körperlich. Yona neigte leicht den Kopf. „Danke“, sagte sie leise, aber mit einer Aufrichtigkeit, die sich nicht verbergen ließ. Hak folgte mir mit den Augen, prüfend, nicht feindselig, aber wachsam. Yun rückte unwillkürlich ein Stück von Kija ab, als wolle er mir Platz machen.
Ich hielt schließlich neben Seiryuu an. Mein Tonfall veränderte sich, senkte sich, wurde wärmer – Worte, die nur für ihn bestimmt waren. „Hilf ihnen“, murmelte ich, und er neigte den Kopf, kaum mehr als ein Schatten einer Bewegung. „Ich bin heute Nacht zurück.“ Mein Blick glitt zu der großen Truhe am Rand des Raumes. „Benutz die Felle darin… und das geräucherte Fleisch.“
Seiryuu brauchte keine weiteren Anweisungen. Zwischen uns war längst ein stilles Verständnis gewachsen, das in knappen Sätzen und kurzen Blicken auskam. Ich wusste, dass er alles so umsetzen würde, wie ich es meinte – nicht nur, wie ich es sagte.
Er neigte den Kopf zu mir, die kleinen Glocken an seiner Maske bimmelten leise, und seine Lippen verzogen sich kaum merklich nach unten. Ich sah den kurzen Impuls in seinen Händen, sich nach mir auszustrecken, um mich zurückzuhalten. Er war nicht dumm – natürlich wusste er, dass es keinen Grund gab, jetzt fortzugehen.
Aber alles hier wurde mir zu viel.
Ich kannte das Buch der Schöpfergeschichte und konnte die roten Fäden mühelos miteinander verknüpfen. Mein Freund würde mit ihnen gehen, seinem Schicksal entgegen.
Ich freute mich für ihn.
Und ich war traurig.
Traurig, weil ich wieder allein sein würde.
Die Nacht war weit fortgeschritten, doch noch jung genug, um den Mond in voller Pracht am Himmel stehen zu lassen. Sein Licht glitt über die Baumkronen, perlte an den Blättern ab und warf blasse, zitternde Schatten über den Boden. Der Wald atmete langsam, beinahe lautlos, nur das leise Rascheln eines Nachtvogels oder das ferne Knacken eines Astes durchbrach die Stille.
Die Blumen, die ich sammelte, eine halbe Stunde Fußmarsch von meinem Haus entfernt, waren nicht für ungeduldige Hände gemacht. Ihre Schönheit täuschte; ein falscher Schnitt, und das Gift, das sie absonderten, würde die heilenden Bestandteile der Blüte zerstören. Ich kniete mich zwischen die Halme, spürte die Kühle des feuchten Bodens durch den Stoff meiner Kleidung. Die Klinge musste genau an der schmalen Kante zwischen Stängel und Blütenkopf ansetzen, fest, aber präzise, ohne zu reißen, ohne zu zögern.
Jede Blüte forderte meine ganze Aufmerksamkeit, und doch schlichen sich Bilder in meine Gedanken. Das gedämpfte Murmeln der Stimmen in meinem Haus, Seiryuus Blick, als ich ging, Yonas offene Augen. Ich versuchte, mich wieder auf den Schnitt zu konzentrieren, auf die feine Linie, an der Gift und Heilung sich trennten. Aber das Pochen in meiner Brust hatte nichts mit der Arbeit zu tun.
Meine Mutter würde sich von Hel selbst losreißen, wenn sie könnte, nur um mir ins Gesicht zu schleudern, wie töricht ich war, mit der vollen Härte einer Frau, die Stürmen getrotzt und Männer im Zweikampf zu Boden gezwungen hatte. Ich konnte sie fast vor mir sehen, das Haar vom Wind zerzaust, die Schultern zurück und fest wie ein Schild, und diesen Blick, der jeden Schwur und jedes Zögern prüfte.
Gefühle wie diese, würde sie sagen, sind Nebel, schön anzusehen im Morgenlicht, aber ohne Gewicht, und von der ersten Brise hinweggeweht.
Du bist Tochter eines Volkes, das sich nicht von Launen beugen lässt. Eine Kriegerin. Eine Heilerin. Eine Frau deines Standes kniet nicht vor dem, was ihr Herz schwächt. Sie steht, wenn andere fallen. Sie tritt jedem Schatten mit erhobenem Haupt entgegen, lacht ihm ins Gesicht und geht gestärkt aus jeder Begegnung hervor.
Diese Worte hatten mich seit meiner Kindheit begleitet, scharf wie ein Schliff am Stahl, und in stillen Stunden waren sie mir Trost gewesen. Doch heute Abend fühlten sie sich schwer an, wie eine Rüstung, die nicht mehr zu mir passte, aber trotzdem an mir haftete.
Ein humorloser Laut entwich meinen Lippen, trocken, ohne jedes Echo von Freude. Ich war weich geworden. Das würde sich ändern, schwor ich mir, und schnitt die Blüten nun grober, als es nötig war. Die Stängel gaben mit einem knackenden Laut nach, als müsste ich ihnen beweisen, dass ich noch die gleiche Härte in den Händen trug wie früher.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Der Mond hatte sich weiter über den Himmel geschoben, als ein vertrautes Geräusch die Stille durchschnitt, das helle, feine Klingen kleiner Glocken.
Ich drehte mich nicht um, als seine Schritte näher kamen, dann hinter mir verklangen und in der Nacht verharrten. Genauso wenig sprach ich. Zwischen uns lag nur das Rascheln der Blätter und das unaufhörliche, geduldige Schlagen meines Herzens.
„Mein Name… Shin-ah“, begann er leise, fast so, als müsse er den Klang erst selbst festhalten, bevor er ihn mir anvertraute.
Meine Hand hielt in der Bewegung inne, das Messer noch mitten im Stängel. Ich drehte den Kopf über die Schulter, langsam, bis sich unser Blick traf. Das Mondlicht schmiegte sich an seine Gestalt, ließ die blauen Konturen seiner Haut und das kühle Glitzern seiner Maske wie etwas wirken, das nicht ganz von dieser Welt war.
„Sie gab ihn mir“, fuhr er fort. Keine Erklärung, keine weiteren Worte und doch lag darin eine Bedeutung, die ich nicht ausblenden konnte.
„Shin-ah…“ Wiederholte ich, langsam, probierte das Gewicht der Silben, als wollte ich den Namen für mich beanspruchen. „Mondlicht.“ Meine Stimme war sanft, doch in der Tiefe zog etwas, eine leise Regung, die ich nicht benennen wollte. „Wie passend.“
Ich spürte, wie sich ein schmaler Riss zwischen uns auftat. Freude darüber, dass er mir diesen Teil von sich offenbarte, mischte sich mit einem scharfen, leisen Schmerz. Denn in dem Geständnis lag auch ein Stück, das mir nicht gehörte.
Langsam, fast bedächtig, richtete ich mich aus der Hocke auf. Der Blick blieb nicht bei ihm hängen; stattdessen ließ ich ihn über die Schatten des Waldes gleiten, als hätte ich nur eine beiläufige Bemerkung gemacht. Die kalte Nachtluft strich über meine Haut, und ich nutzte die Bewegung, um mir einen Atemzug mehr Zeit zu verschaffen.
„Ich… Yona – möchte, dass ich sie begleite.“
Ich atmete leise aus, nicht stark genug, dass es auffiel, aber genug, dass sein Zögern in den nächsten Silben deutlicher hervortrat.
„Ich brauche meine Augen nicht vor ihr zu verschließen.“ Die kleinen Glocken an seiner Maske klangen sacht, als er den Kopf bewegte, als würde er in der Bewegung nach einer Antwort suchen, die nicht kommen wollte.
„Ich will…“ Er brach ab. Nicht, weil er es mir verschweigen wollte, sondern, so wurde mir klar, weil er selbst nicht wusste, wie der Satz enden sollte.
Für einen Moment blieb alles still, nur das leise Rascheln der Blätter über uns füllte die Lücke zwischen seinen Worten. Meine Finger verkrampften sich um den Messergriff, als könnte ich diesen Augenblick festhalten, ihn an mich binden. Dumm.
Ich atmete aus, spürte, wie sich meine Finger aus dem verkrampften Griff um das Messer lösten, und steckte es in die Scheide zurück. Langsam drehte ich mich zu ihm.
„Du solltest nicht zögern“, begann ich.
Sein zuvor gesenkter Kopf hob sich ruckartig, als hätte ich ihn aus einem Traum gerissen. Durch die schwarzen Öffnungen der Maske konnte ich seine Augen nicht sehen, doch ich fühlte, wie sie sich in mich bohrten. Etwas in seiner Präsenz legte sich schwer und gleichzeitig schützend um mich, eine stille Macht, die den Atem anhielt.
Ich trat näher, hob meine Hand und legte sie an seine Wange. Die Kälte der Nacht hatte sich in seiner Haut gesammelt, aber darunter glomm eine beständige Wärme. „Zögere nicht. Wenn das Schicksal dich holt, geh.“
Seine Hand hob sich und legte sich über die meine an seinem Gesicht. Kein Griff, sondern ein stilles Halten, fest genug, dass ich die Wärme seiner Haut spürte, und doch behutsam, als wolle er mich nicht vertreiben. In dieser Berührung lag etwas Drängendes, fast Bedürftiges.
„Der Weg, den sie mir zeigen… führt fort von hier.“ Die Worte waren leise, ohne Bitterkeit, aber schwer genug, dass sie in mir nachhallten.
Mein Ausdruck wurde weicher. Ich spürte es in der Art, wie sich die Spannung aus meiner Stirn löste, meine Mundwinkel sich kaum merklich hoben. „Und der Weg wird dich irgendwann zurückführen… wenn du das willst.“
Doch je weiter die Worte zwischen uns hingen, desto dunkler wurde seine Stimmung. Seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie, die Finger an meiner Hand zuckten, als wollte er etwas sagen oder mich festhalten. Die Schultern strafften sich, als läge ein unausgesprochener Widerspruch schwer auf ihnen.
Ich ließ die Hand sinken, trat einen Schritt zurück, genau in dem Moment, als seitlich aus dem Wald ein leises, peinlich berührtes Keuchen zu uns drang.
Yona und Hak.
„Tut mir leid, wir wollten nicht stören“, entschuldigte sich die Prinzessin. Aus einem mir nicht ganz begreiflichen Grund färbten sich ihre Wangen dabei in ein zartes Rosé. Ihre Augen glitten kurz zu meiner Hand, die noch immer von seiner umfasst wurde, wenn auch nicht mehr an seinem Gesicht.
„Es gibt keine Störung“, erwiderte ich knapp. Die Worte fielen wie ein Stein ins Wasser, ohne Zorn, aber auch ohne die Einladung, weiterzufragen.
Hak hob eine Braue, der Anflug eines Grinsens spielte um seine Lippen. „Also doch eine Störung“, murmelte er, als wäre das ein reiner Fakt und keine Provokation.
Ich starrte ihn an, hob leicht mein Kinn und sprach sanft, der deutliche Akzent meiner Heimat färbte jedes Wort. „Schnelle Zungen sind lose Zungen… und lose Zungen finden bei uns selten den Weg zurück in den Mund.“
Hak hob eine Braue, sein Grinsen blieb, doch in den Augen funkelte etwas Lauerndes. „Schnelle Zungen sind lose Zungen, hm? Klingt nach Norden… da, wo man lieber gleich das ganze Problem entfernt.“
Ich hielt seinem Blick stand. „Besser eine saubere Klinge als ein fauler Zahn, der den ganzen Körper vergiftet.“
Neben mir zog sich Shin-ahs Hand unbewusst fester zusammen, ein sanfter, fast besitzergreifender Zug, der mich ein Stück näher zu ihm brachte.
Hak lachte leise, dieses warme, selbstsichere Lachen, das nicht ganz frei von Respekt war. „Ich hatte schon die Vermutung, aber jetzt bin ich mir sicher. Eine Frau aus dem Norden. Das erklärt einiges.“
Yona trat rasch vor, als wolle sie verhindern, dass das Gespräch weiter in diese Richtung lief. „Wir wollten nur sagen, dass wir uns bald zur Ruhe legen.“
Ich nickte knapp. „Dann tut das. Morgen früh, bevor ihr aufbrecht, bereite ich euch einige Medikamente vor, gegen Fieber, für Wunden und etwas Stärkendes. Die Wege hier sind nicht freundlich.“
Yona runzelte die Stirn, ein Schatten aus Verwirrung und Irritation glitt über ihr Gesicht, als hätte etwas, das sie sicher zu wissen glaubte, plötzlich keinen Halt mehr. „Du… begleitest uns nicht?“
Ich blinzelte, überrumpelt von der Selbstverständlichkeit in ihrer Frage. Die Worte lagen mir schon auf der Zunge, scharf und ungläubig, um zu fragen, wie sie auf solch eine Torheit kam. Doch bevor ich Luft holen konnte, erklang seine Stimme.
„Ich will nicht ohne dich gehen.“
Die Worte waren leise, aber fest, und seine Hand hielt meine noch immer umschlossen, als hätte sie dort hingehört.
„Ich weiß, ich habe dich nicht gefragt,“ begann Yona, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, „aber ich nahm an, Shin-ah würde es tun.“
Ihre Augen glitten kurz zu ihm, dann wieder zu mir. „Ich würde mich freuen, wenn du dich uns anschließt. Eine Heilerin ist unglaublich wertvoll und ich glaube, wenn du nicht mitkommst, fängt Yun vielleicht an zu weinen.“ Ein Hauch von Schalk schlich sich in ihre Stimme.
„Er sitzt gerade über all deinen medizinischen Büchern und arbeitet sich durch alles, was er versteht. Er hat es nicht direkt gesagt, aber… ich glaube, er hofft, dass du ihm etwas beibringst.“
Ich spürte, wie sich meine Stirn in Falten legte. Ich wusste nicht genau, worauf ich zuerst reagieren sollte, darauf, dass man einfach annahm, ich würde mit einer Gruppe Fremder mitgehen, oder darauf, dass ein halbwüchsiger Junge die Dreistigkeit besaß, meine Bücher anzurühren.
Mein Blick huschte zu Shin-ah. Ich löste meine Hand aus seiner, langsam, sanft und stupste ihm dann mit zwei Fingern gegen die maskenbedeckte Stirn. Nicht hart, aber bestimmt, ein Tadel in kleinster Geste. Und doch lag darin etwas Zärtliches, das nur er zu lesen wusste: Du hättest mich früher fragen sollen.
Sein Kopf neigte sich leicht zu mir, das leise Klingeln seiner Glöckchen vermischte sich mit der Stille zwischen uns.
„Es… tut mir leid,“ sagte er, kaum lauter als ein Hauch. Keine Ausflucht, keine Erklärung, nur diese schlichte Entschuldigung, die tiefer ging, als jedes Versprechen.
Als ich mich wieder den beiden anderen auf der Lichtung zuwandte, stand Hak locker ein paar Schritte abseits, die Arme vor der Brust verschränkt, und musterte mich mit diesem unverschämten, lauernden Grinsen, das keinen Zweifel daran ließ, dass er jedes Wort und jede Geste zuvor genau registriert hatte.
Yona dagegen hielt sich etwas zu gerade, als wolle sie ihre Verlegenheit hinter königlicher Haltung verbergen. Der feine Rosaton auf ihren Wangen verriet sie dennoch, ebenso wie der kurze Blick, den sie mir zuwarf, bevor sie wieder zu Shin-ah schielte.
Dieses Land, dachte ich, hatte eindeutig ein Problem mit klarer Kommunikation.
Ich ging einen Schritt auf sie zu, den Blick fest auf sie gerichtet. „Prinzessin,“ begann ich, die Stimme fest, ernst, und mit einem Unterton, der vielleicht ein wenig zu kalt war. „Ich folge niemandem blind. Also sag mir, was genau willst du von dieser Welt? Deinen Vater rächen? Macht anhäufen? Oder einfach durchs Land ziehen und… nichts tun?“
Jedes Wort war wie ein Messer, nicht um zu verletzen, sondern um Schichten freizulegen.
Die Stimmung kippte merklich. Was eben noch von einer leichten Unbekümmertheit und dieser fast spielerischen Energie getragen war, wandelte sich in etwas Kühleres, Schärferes. Für mich war das nur recht, in dieser Temperatur ließ sich klarer sehen, wo Worte ernst gemeint waren.
Es war absurd. Diese kleine Gruppe zog durchs Land, sprach Menschen an, als wären sie Figuren auf einem Spielbrett, die man einfach umstellen konnte. Keine klare Erklärung, kein offenes Ziel, nur Andeutungen und Anderen das Rätsel überlassen. Und nun standen sie vor mir, erwarteten… was eigentlich? Ein Ja, ohne dass ich wusste, wozu?
Ich ließ meinen Blick kurz über Yona wandern, aufrechte Haltung, diese Mischung aus Sanftmut und stiller Entschlossenheit in den Augen und doch war da etwas Naives, das mich reizte.
„Verzeih,“ begann ich, die Stimme kühl und von einem sarkastischen Unterton getragen, „aber ich brauche mehr als ein hübsches Gesicht, das freundlich nach einem neuen Gefolge fragt.“
Die Worte waren nicht als bloße Beleidigung gedacht. Sie waren eine Klinge, die prüfte, ob die junge Prinzessin etwas Tieferes, Härteres in sich trug als nur den Glanz ihres Namens.
Yona wich meinem Blick nicht aus. Keine Sekunde.
„Du hast recht,“ sagte sie schließlich, und ihre Stimme blieb ruhig, aber ich spürte die Schärfe, die darunter lag. „Ein hübsches Gesicht reicht nicht. Ich kann dir nicht das sagen, was du vielleicht hören willst… aber ich kann es dir zeigen.“
Hinter ihr verzog Hak kaum merklich den Mundwinkel, als würde er am liebsten laut lachen. Stattdessen ließ er ein leises, anerkennendes Schnauben hören, als hätte er die Antwort selbst ausgewählt.
Shin-ah stand unbewegt, doch ich bemerkte, wie sein Kopf sich kaum merklich zu mir neigte, als wolle er meine Reaktion einfangen.
Ich hielt ihren Blick noch einen Moment länger, dann neigte ich langsam den Kopf. „Zeigen ist gut,“ erwiderte ich leise, „aber sei dir sicher, wenn du es tust, werde ich dich daran messen.“ Die Luft zwischen uns schien dichter zu werden, ein unsichtbares Seil, das zog, nicht feindlich, aber prüfend.
Die Nacht legte sich weich über den Wald, ein seltener, gleichmäßiger Atem, der selbst das Rascheln der Blätter zu einem leisen Flüstern dämpfte. In meiner Hütte hing die milde Luft wie ein ruhiges Tuch, genau die richtige Temperatur, um die Tür offenstehen zu lassen. Nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte, bei so vielen Menschen unter einem Dach blieb kein Raum für verschlossene Türen.
Als ich zurückkehrte, den Korb voller frischer Pflanzen in den Händen, die ich noch eine weitere Stunde lang geschnitten hatte, war es bereits still. Jeder schlief. Sogar Yun, der meine Bücher offenbar mit derselben Sorgfalt zurückgestellt hatte, mit der er sie vorhin aus dem Regal gezogen hatte, in genau derselben Reihenfolge, wie ich sie hinterlassen hatte. Es war eine kleine Geste, und doch reichte sie, um ein kaum merkliches Lächeln in meine Mundwinkel zu schleichen.
Ich stellte den Korb tief in die hinterste Ecke, dort, wo niemand versehentlich hineintreten konnte, und begann, mich leise zur Ruhe zu legen. Wie jede Nacht entflechtete ich mein Haar, langsam, geduldig. Das Ziehen der Zöpfe aus meiner Kopfhaut, das sanfte Gleiten meiner Finger durch die blonden Längen, es war eine Bewegung, die ich schon tausendmal getan hatte, so vertraut, dass sie zu einer Form stiller Meditation geworden war.
Das leise Klingen hinter mir kam nicht unerwartet. Shin-ahs Matte lag heute näher an der meinen als gewöhnlich, gezwungenermaßen, weil der Boden kaum noch freien Platz bot. Und doch hatte er dafür gesorgt, dass ich abgeschirmt lag, genügend Abstand zu den Fremden, um meinen eigenen Raum zu wahren.
Seine Bewegungen waren leise, bedacht. Wie jede Nacht ließ ich es zu, dass er mir bei den Haaren half. Aus einem mir unerfindlichen Grund mochte er es, seine Finger durch die Längen gleiten zu lassen, als müsse er jede Strähne spüren, um sie wirklich zu kennen. Einmal, in einer dieser seltenen, fast träumerischen Bemerkungen, hatte er sie mit flüssigem Gold verglichen.
Er arbeitete sich vorsichtig durch das Geflecht, weitaus sanfter, als ich es selbst je tat. Strähne um Strähne löste er die dichten, kunstvoll ineinander verschlungenen Zöpfe.
„Es fällt mir schwer zu vergessen, dass du mir ihr Auftauchen nicht früher erklärt hast.“
Meine Worte kamen leise, beinahe gleichmäßig, doch darunter schwang etwas Schneidendes, das jede Lautstärke überflüssig machte. Ich wandte mich nicht zu ihm um. Die Strähnen glitten weiter durch seine Finger, aber ich spürte das kaum merkliche Zögern darin, ein winziges Innehalten, wie der Augenblick, bevor eine Bogensehne reißt.
„Du hast mich stundenlang in dem Glauben gelassen, dass ich dir morgen Lebwohl sagen muss.“
Mein Blick blieb auf den Boden gerichtet, auf die Matten, auf die dunklen Linien im Holz. Die Ruhe in meiner Stimme war nur Fassade; darunter lag Stahl, hart und unbeugsam. Ich sprach nicht, um Mitleid zu heischen, nicht um ihn zu verletzen. Ich sprach, weil ich nicht die Frau war, die schweigend hinnahm, wenn man sie im Ungewissen ließ. Nicht von ihm.
„Ich gehe nicht automatisch davon aus, dass jemand vor seinem Schicksal davonläuft, nur weil er nicht von mir getrennt werden will.“
Es war eine Feststellung, kein Vorwurf. Doch die Worte standen zwischen uns wie eine Klinge, nicht erhoben, aber scharf genug, um zu schneiden, wenn er sie falsch auffing.
Für einen Augenblick geschah nichts. Nur das Schaben seiner Finger, die eine Strähne hielten, als wäre sie zu zerbrechlich, um sie loszulassen. Dann spürte ich, wie er den Griff veränderte, fester, nicht grob, eher so, als wolle er mit Berührung ausdrücken, was er in Worten nicht konnte.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich wollte nicht, dass du Lebwohl sagst.“
Die Glocken an seiner Maske gaben ein leises Zittern von sich, fast so, als würden sie die Unsicherheit übersetzen, die er selbst nicht aussprach. Ich hätte mich abwenden können, die Worte überhören wie das Knacken eines Astes im Wind. Aber sie trafen tiefer, als ich wollte.
Ich seufzte schwer und legte den Kopf in den Nacken, als wolle ich die Last meiner Gedanken in die Dunkelheit über mir werfen. „Nun… ich kann nicht behaupten, dass es mein Wunsch wäre, dieses Land zu bereisen. Aber immerhin wird es eine willkommene Abwechslung sein, nicht ständig von kalten Bergen umgeben zu sein.“
Seine Finger glitten so behutsam über meinen Kopf, dass mir die Lider schwer wurden. Ein vertrautes Ziehen regte sich in meiner Brust. Mein Bruder hatte einst genauso mit meinen Haaren gespielt – ein seltenes, stilles Zeichen von Zuneigung in einer Welt, die wenig Platz für Sanftheit ließ. Ich hatte jede dieser Sekunden geliebt, und für einen Augenblick schloss ich die Augen, ließ mich in die Erinnerung fallen, so flüchtig sie auch war.
„Du bist zu vorsichtig,“ murmelte ich, halb im Schlaf, die Lider schwer. „Als würdest du fürchten, mich zu zerbrechen. Genau wie Eirik.“
Seine Finger hielten für den Bruchteil eines Herzschlags inne. Das leise Klingen seiner Glocken verstummte, als er den Atem anhielt – dann fuhr er fort, noch sanfter, als wolle er das Gesagte nicht Lügen strafen.
„Eirik?“ fragte er schließlich, und in dem einen Wort lag mehr Neugier, als er sonst preiszugeben wagte.
Meine Lippen zuckten, ein müdes Lächeln. „Mein Bruder. Ein lästiger Bastard, aber ein guter Mann. Er hat meine Haare immer so behandelt, als wären sie feines Gold. Dabei wollte er nur, dass ich still sitze, wenn er mir Geschichten erzählte.“
„Wo … ist er jetzt?“
Ich öffnete die Augen langsam, als müsste ich mich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Das angenehme Gefühl, das eben noch in meinen Gliedern gelegen hatte, löste sich auf, verflog wie Rauch im Wind und hinterließ nur eine kalte Schwere in der Brust.
„Ich weiß es nicht,“ erwiderte ich schließlich, meine Stimme so gleichmäßig wie ich sie halten konnte. „Vielleicht ist er einen guten Tod gestorben. Vielleicht lebt er und hat kleine Gören, die ihm den letzten Nerv rauben.“
Ich entzog mich seinem Berühren ein Stück, kaum merklich, und schob die Decke zurück, um mich niederzulegen. Ein stilles, deutliches Zeichen.
Shin-ah verstand. Ohne ein Wort zog er sich zurück, die Bewegungen kaum hörbar, bis er sich ebenfalls niederlegte. Die Stille, die darauf folgte, war schwerer als zuvor, als hätte mein Satz nicht nur mich, sondern auch ihn ein Stück kälter gemacht.
Er schwieg, bewegte sich aber leise. Aus dem Schatten seiner Decke hob er Ao hoch und setzte das kleine Eichhörnchen vorsichtig neben mein Gesicht, so dicht, dass sein weiches Fell beinahe meine Wange streifte. Ao blinzelte verschlafen, kugelte sich halb an meinem Kissen zusammen und piepste leise, ein stiller, unbeholfener Trost.
Ein Laut entwich mir, leise, belustigt, irgendwo zwischen Schnauben und Lachen.
Ich drehte den Kopf ein Stück, sodass Ao nicht herabfiel, und hob die Hand. Ohne aufzusehen, streckte ich zwei Finger aus und tippte ihm leicht gegen den Handrücken. Kein Schlag, kein Tadel, nur eine kleine, wortlose Anerkennung.
Eine Geste, die sagen sollte: Ich habe es verstanden. Danke.
Der Schlaf kam daraufhin schneller, als ich es erwartet hätte, so tief und schwer, dass ich ihn kaum bewusst betreten hatte. Und genauso schnell wurde er mir wieder entrissen.
Es waren die Geräusche, die mich weckten. Ungewohnte, unruhige Geräusche. Nicht das sanfte Rascheln, mit dem Shin-ah sich bewegte, nicht das gedämpfte Läuten seiner Glocken, das ich seit Jahren kannte. Dies war lauter. Stimmen, Schritte, das leise Klimpern von Schalen.
Langsam öffnete ich die Lider, blinzelte ins fahle Licht des Morgens. Meine Glieder fühlten sich schwer an, der Schlaf klebte noch an meinen Knochen. Ich war es nicht gewohnt, von anderen geweckt zu werden, meistens war ich die Erste auf den Beinen.
Ein leiser Seufzer entwich mir, während ich mich aufsetzte. Ungalant strich ich mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Shin-ah, der bis eben vor mir gesessen und mich abgeschirmt hatte, wich zur Seite, um mir Platz zu machen, als ich mich erhob.
„Ah, du bist auch wach“, begrüßte mich Yona, ihre Stimme warm und sanft, als hätte sie schon Stunden auf diesen Augenblick gewartet. Ein ehrliches Lächeln lag auf ihren Lippen, und doch glomm in ihren Augen noch die Müdigkeit der Nacht.
„Ah, ein Morgenmuffel,“ fügte Hak hinzu, sein Tonfall irgendwo zwischen lässig und amüsiert. Er streckte sich, als hätte er die halbe Nacht auf den härtesten Brettern geschlafen, was vermutlich nicht weit von der Wahrheit entfernt war.
„Ich bin wach, das reicht“, erwiderte ich trocken, zog mein Fell enger um die Schultern und musterte die beiden. Die Leichtigkeit, mit der sie sprachen, wirkte fast befremdlich. In meiner Heimat wären die Morgenstunden dem Schweigen vorbehalten gewesen, der Kälte, dem Atem der Götter, dem Stahl, der in die Scheiden zurückkehrte, bis der Tag seinen Lauf nahm.
„Guten Morgen werte Heilerin“, mischte sich Kija ein, fast feierlich, als wäre selbst dieser alltägliche Gruß ein Teil einer größeren Pflicht. Seine Haltung war aufrecht, beinahe ehrwürdig, und für einen Augenblick kam es mir vor, als wolle er die Stimmung retten, bevor sie ins allzu Banale glitt.
„Morgen,“ meldete sich Yun schließlich vom Feuer, ohne den Blick von der Schale in seinen Händen zu heben. Der Duft von gekochtem Reis mischte sich mit Kräutern, die ich in meinen Vorräten wiedererkannte. „Das Frühstück ist gleich fertig. Also beeilt euch, bevor es kalt wird.“
Ich zog eine Braue hoch, mehr Belustigung als wirklicher Widerwille und erhob mich. Der Duft von Reis und Gemüse lag zwar nicht unangenehm in der Luft, doch die Vorstellung, meinen Tag mit einem dünnen Brei zu beginnen, sprach mich nicht an.
Meine Schritte führten mich zu einer schweren, gut verschlossenen Kiste in der Ecke. Mit routinierter Bewegung löste ich den Riegel und hob den Deckel, ohne viel Aufhebens. Der vertraute Geruch von Rauch und Salz stieg mir entgegen. Das Fleisch, das ich in den letzten Wochen haltbar gemacht hatte, würde uns noch mindestens zwei weitere Wochen ernähren. Ich war fleißig gewesen, nicht, weil es mir jemand befahl, sondern weil ich wusste, wie sehr Männer nahrhafte Mahlzeiten voller Kraft brauchten.
In Skjoldar war es unvorstellbar, den Tag ohne etwas Herzhaftes, Kräftigendes zu beginnen. Dort hieß es, ein schwaches Frühstück mache auch schwache Krieger. Und schwache Krieger überlebten nicht lange.
Ich spürte die Blicke in meinem Rücken, schwer und unausgesprochen, während ich mit der Selbstverständlichkeit jahrelanger Übung in die Kiste griff. Meine Finger fanden ein der größeren Stücke, fest, gut durchzogen und sorgfältig geräuchert. Mit einer einzigen, flüssigen Bewegung hob ich es heraus.
Als ich mich umdrehte, legte sich eine greifbare Stille über den Raum. Die Augen der anderen hingen an dem Fleisch in meiner Hand, als hätte ich gerade einen Schatz ausgehoben.
Hak war der Erste, der die Sprachlosigkeit durchbrach. Ein langsames, schiefes Grinsen breitete sich über sein Gesicht, während er kaum merklich den Kopf schüttelte. „Du willst mir allen Ernstes erzählen, wir sind seit gestern hier, und das… das hattest du die ganze Zeit in deiner Kiste?“
Ich erwiderte sein Grinsen nicht, sondern hob das Stück Fleisch ein Stück höher an, als wollte ich es ihm geradewegs vor die Nase halten.
„Natürlich. Was dachtest du, wie wir hier oben überleben? Von warmem Reis und gekochten Wurzeln?“ Mein Ton blieb sachlich, aber die Spitze darin war unverkennbar.
Yona schluckte hörbar, unsicher, ob sie lachen oder sich entschuldigen sollte. Ihre Augen huschten zwischen Hak und mir hin und her, als wollte sie die Spannung mit bloßem Willen lösen.
„Also,“ hakte Hak nach, trat mit lässigen Schritten näher und beugte sich über die Kiste, als könnte er hineinspähen. „Wie viel von dem Schatz hortest du noch, hm?“
Sein Grinsen wurde breiter, schelmisch, aber mit der ungeduldigen Neugier eines Kindes, das einen verbotenen Deckel lüften will.
„Mehr als genug,“ entgegnete ich trocken und klappte den Deckel demonstrativ ein Stück zu, sodass seine Finger, die schon verdächtig nah schwebten, keine Chance hatten. „Aber nicht für gierige Hände.“
Shin-ahs Schultern zuckten kaum merklich, während er sich im Hintergrund hielt, doch sein Blick ruhte wachsam auf mir, als müsse er im Notfall eingreifen. Eine charmante Geste, die ich bemerkte.
Hak lachte, kratzte sich am Hinterkopf und richtete sich auf. „Na los, Heilerin aus dem Norden oder was auch immer du bist, zeig uns, ob du teilen kannst. Sonst muss ich glauben, du bist herzlos.“
„Herzlos?“ Ich ließ ein kurzes, spöttisches Lächeln aufblitzen. „In meiner Heimat nennt man es weise Vorratshaltung. Ein Krieger, der nur an heute denkt, liegt morgen verhungert im Dreck.“
Ich trat an ihm vorbei und legte das Fleisch demonstrativ neben Yuns Schalen. „Aber wenn du meinst, ich müsse mich beweisen, dann iss. Und urteile selbst. Vielleicht macht dich ein Bissen weniger lästig.“
Sein Lachen kam sofort, warm und frech, doch ein Anflug von Anerkennung blitzte in seinen Augen auf.
„Tch… deine Zunge ist genauso scharf wie deine Klinge.“
Sein Lachen verklang, und Yun schob bereits die Schalen zurecht. Mit prüfendem Blick musterte er das Fleisch, schnitt eine kleine Probe ab und ließ sie zwischen den Fingern auf das Holzbrett fallen.
„Sauber gearbeitet,“ murmelte er, fast ehrfürchtig, und ein Hauch von Zufriedenheit huschte über sein Gesicht. „Das wird ein gutes Frühstück.“
Ohne ein weiteres Wort machte er sich daran, die Kräuter und Körner zu mischen, die Bewegung routiniert und voller Konzentration, als hinge das Wohl der ganzen Gruppe von einem gelungenen Mahl ab.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Kija sich neben Shin-ah niederließ. Der Weißhaarige beugte sich leicht vor, seine Stimme trug diesen überdeutlichen Stolz, der jede Silbe füllte:
„Du bist einer der Vier Drachen, der Auserwählten, die das Blut des Himmels in sich tragen. Eine Ehre, die größer ist, als Worte es fassen können.“
Seine Hand bewegte sich fast beiläufig, als wolle er Shin-ahs Arm berühren, doch der Blaue Drache wich nicht zurück, blieb still wie eine Statue. Nur die kleinen Glocken an seiner Maske erzitterten leise, verrieten das Unbehagen, das er nicht laut machte.
„Wir sind Brüder in diesem Schwur,“ fuhr Kija fort, und seine Stimme gewann an Wärme, „gebunden durch unser Erbe, geschaffen, um die Prinzessin zu beschützen. Es ist deine Bestimmung, so wie es meine ist.“
Ich sah, wie Shin-ahs Finger sich unmerklich in den Stoff seiner Kleidung krallten, sein Blick jedoch starr in der Ferne ruhte, als würde er die Worte nicht an sich heranlassen.
Ein Ziehen legte sich in meine Brust. Es war nicht an mir, ihre Bande zu deuten, doch ich erkannte den Druck, der in Kijas Worten lag.
Leise wandte ich den Blick ab. Das Knistern des Feuers, Yuns geschäftige Bewegungen und das ferne Lachen, das noch in den Balken hing, wurden zu einem gedämpften Hintergrund, während ich mich zurückzog, hinein in meine eigene Stille.
Ich ließ mein kleines Haus nicht achtlos zurück.
Den Dorfbewohnern schuldete ich nichts, weder Dank noch Fürsorge. Sie hatten mich geduldet, und ich sie, mehr nicht. Und doch… konnte ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, einfach zu verschwinden, als hätte es mich nie gegeben.
Also ordnete ich meine Vorräte. Die Hälfte behielt ich, für die Reise, die vor mir lag. Die andere Hälfte stellte ich sorgfältig in Kisten und Schalen: getrocknete Kräuter, Pulver, Tinkturen. Jedes Gefäß beschriftete ich, legte kleine Zettel dazu mit einfachen Erklärungen, so klar, dass selbst der störrischste Bauer sie verstehen konnte.
Wer Verstand hatte, würde damit zurechtkommen. Wer keinen hatte, würde die Wirkung der Kräuter vielleicht falsch deuten aber dann war es ihr eigenes Schicksal, nicht mehr das meine.
„Sag mal“, hörte ich Haks Stimme, lässig, aber mit diesem Unterton von echtem Interesse. Er war neben mich getreten, und ich spürte seinen Blick genauso deutlich wie Yonas Augen, die seit Stunden in meinem Rücken brannten. Yun war weniger offensichtlich, doch auch er verströmte diese ständige, forschende Neugier.
Nur Kija war gänzlich abgelenkt, zu sehr in seiner eigenen Rede versunken, während er Shin-ah alles erklärte, was er meinte, dass der Blaue Drache wissen sollte.
Armer kleiner Drache, dachte ich, als ich das leise Klingen der Glöckchen hörte, das sein Unbehagen verriet.
„Kannst du damit umgehen?“ Hak beugte sich ein Stück zu mir, die Stimme tief und fast spöttisch. „Ich meine, du siehst bereits aus, als würdest du jemandem jederzeit die Kehle durchschneiden. Aber ich will wissen: was davon ist Show, und was nicht?“
Ich seufzte leise.
Meine Kleidung war ein stummer Beweis meiner Herkunft: festes Leder, robuster Schnitt, am Kragen mit Fell besetzt für die kalten Nächte. Hohe Stiefel, die jedes Gelände nahmen, egal ob Stein, Schlamm oder Schnee. In Skjoldar war das schlicht gewesen, Alltag, nichts Besonderes. Für den Kampf ungeeignet, eher praktische, geschmeidige Rüstung gegen das Leben.
Hier in Kouka jedoch… wirkte es wohl wie eine halbe Panzerung. Schwer, ungewohnt, auffällig zwischen all den dünnen Stoffen, die schon beim bloßen Gedanken an eine Klinge zu reißen schienen.
Und dennoch, ich würde mich nicht in diese Stofffetzen kleiden, die sie hier Rüstung nannten. Ein einziger falscher Schnitt, und sie teilten dich von der Kehle bis zum Bauch.
Meine Hand legte sich fast gelangweilt auf den Griff meines Kurzschwertes. Ohne meine Schritte zu verlangsamen, zog ich es aus der Scheide und reichte es ihm, mit einer sanften Bewegung, das stumpfe Ende zuerst.
„Hier.“
Es war kein gewöhnliches Werkzeug. Dieses Schwert war ein Geschenk meines Vaters, überreicht an dem Tag, als ich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurde. Ein Zeichen seines Respekts.
Ich hatte es mir verdient, nachdem ich den Bären erlegt hatte, der als Prüfung über meinem Dorf stand.
Ich beobachtete, wie Hak die Klinge musterte. Seine Hand lag sicher am Griff, er prüfte das Gewicht, die Balance – feinste Arbeit, so viel sah selbst er. Seine Augen blieben an den eingravierten Zeichen hängen. Für ihn vermutlich nur fremdartige Glyphen, ein verschlossenes Rätsel.
Yona beugte sich neugierig an seiner Schulter vorbei, und auch Yun verlangsamte seine Schritte, die Augen aufmerksam.
„Und ja.“ Meine Stimme war ruhig, fast beiläufig. „Man trägt keine Klinge, wenn man nicht damit umgehen kann.“
Ich hatte eine spöttische Bemerkung erwartet, vielleicht ein Grinsen oder eine seiner üblichen Seitenhiebe. Doch Hak überraschte mich. Er reichte mir das Schwert zurück, vorsichtig, den Griff voran, sein Blick ernst, sein Ton von einem Respekt getragen, den er selten zeigte.
„Ich habe Geschichten über den Norden gehört,“ begann er schließlich. „Von einem Volk, das den Kampf lebt. Männer, Frauen, macht keinen Unterschied. Jeder soll dort kämpfen wie ein Dämon. Ein Leben, gebaut auf Blut, auf Knochen, auf Krieg.“
Ich summte leise, überlegte einen Moment und tippte mir mit dem Finger an die Lippe. Seine Worte waren nicht falsch, nur unvollständig.
„Wir sind ein stolzes Volk,“ sagte ich dann. „Wir leben den Kampf. Aber für uns ist er mehr als rohe Gewalt, um Macht zu gewinnen. Er ist Prüfung, Bestätigung, manchmal auch Ritual. Er zeigt, wer stark ist und wer untergeht. Frauen, Männer, bei uns gibt es keinen Unterschied. Wer bestehen will, muss jagen, muss kämpfen, muss bluten.“
Haks Augen blitzten kurz auf, ein Ausdruck irgendwo zwischen Neugier und diesem unerschütterlichen Humor, der nie ganz wich. „Klingt ziemlich… brutal. Und ehrlich gesagt: beängstigend.“
„Brutal vielleicht,“ entgegnete ich. „Aber gerecht. Jeder verdient seinen Platz durch Taten, nicht durch Worte oder durch Geburt. Wer schwach ist, geht unter. Wer stark ist, führt. Das ist alles.“
Hak lachte leise, kratzte sich am Hinterkopf. „Tja, da wundert es mich nicht, dass Kouka euch für eine Horde Ungeheuer hält.“
Ich lächelte dünn. „Ungeheuer? Vielleicht. Aber Ungeheuer, die ihr Volk und ihr Land beschützen.“
„Aber… du bist doch Ärztin, oder?“ Yuns Stimme riss mich aus dem Gedanken. Ich blinzelte, etwas irritiert, weil er die Antwort längst kannte.
„Ja,“ erwiderte ich vorsichtig.
„Also.“ Er hob die Finger, zählte betont ab. „Du kannst jagen. Felle gerben. Kämpfen. Heilen. Und kochen kannst du auch. Gibt es eigentlich irgendetwas, das du nicht kannst?“
Ich runzelte die Stirn, verwirrt über seine Aufzählung. Für mich klang es, als würde er eine Reihe besonderer Talente hervorheben, dabei… war es nichts dergleichen.
„Das sind keine geschenkten Fähigkeiten,“ erklärte ich langsam. „Es ist einfach das, was man bei uns können muss. Jagen bedeutet essen. Felle gerben bedeutet, nicht im Winter erfrieren. Kochen, damit die Familie satt wird. Kämpfen… nur, um sich zu verteidigen, nicht wie ein Krieger. Das ist kein Können. Das ist Leben.“
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Das Heilen, ja, das habe ich gelernt, weil ich Ärztin bin. Aber alles andere… ich verstehe nicht, warum man das überhaupt erwähnen muss. Jeder in meiner Heimat kann es.“
Yun sah mich überrascht an, als hätte er etwas Selbstverständliches von mir in ein neues Licht gerückt. Hak grinste schief, doch in seinen Augen blitzte Anerkennung. Yona schwieg, beobachtete mich still, als würde sie über meine Worte länger nachdenken, als sie es zeigte.
„Jeder?“, fragte die Prinzessin schließlich leise. „Was ist mit eurem König?“
„Wir haben keinen König“, erwiderte ich ohne Zögern. „Und ja, jeder. Manche lernen noch mehr, je nachdem, wo ihre Interessen liegen.“
„Keinen König?“ Yun runzelte die Stirn, als hätte er sich verhört.
Ich schüttelte den Kopf. „Wir haben Clans. Familien, die zusammenhalten, jeder mit ihren eigenen Anführern. Ähnlich wie hier… nur ohne einen einzigen Herrscher über allen. Zumindest war es so. Wie es mittlerweile aussieht, kann ich nicht sagen.“
Hak legte den Kopf schief, die Arme locker verschränkt. „Was meinst du damit?“
„Es gibt einen Grund, warum ich hier bin und nicht mehr in meiner Heimat,“ gab ich trocken zurück. Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte. „Als ich ging, war gerade von einem Umschwung die Rede. Von einem geeinten Land, das keine Clans mehr kennt.“
Yun blinzelte, überrascht. „Also… wie hier? Eine Machtübernahme?“
Ich stockte und nickte dann knapp. „Nennen wir es so. Einige wollten diese Stärke, Einheit. Andere nannten es Verrat an unseren Ahnen. Blut floss schon, bevor ich fortging.“
Stille legte sich über uns. Nur das Knacken der Schritte im Laub war zu hören.
Hak schwieg länger, als ich es von ihm gewohnt war. Er musterte mich, als hörte er in meinen Worten mehr, als ich preisgab. Was wahrscheinlich auch so war.
Yun presste die Lippen zusammen, sein Blick gedankenschwer. Er war der Erste, der die Augen abwandte, als wolle er das Gehörte einordnen und abwägen.
Yona jedoch… sie senkte den Blick, ihre Hände hatten sich ineinander verschränkt. In der Stille lag ein Schatten, als hätte meine Geschichte einen Nerv berührt. Ihre Stirn legte sich in Falten, Nachdenklichkeit spiegelte sich in ihren Zügen und vielleicht auch ein Stück Verständnis.
Danach lag eine angenehme Stille über uns. Mir war das nur recht.
Die Wege waren staubig, ausgetrocknet, und wir hielten immer wieder kurz an, wenn Yun sich orientieren oder Shin-ah die Umgebung prüfen musste.
Es dauerte nicht lange, bis ich mit einem leisen Schmunzeln feststellte, dass Shin-ah sich Schritt für Schritt näher an meine Seite schob. Ganz so, als hätte er beschlossen, mich nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Er tat es unaufdringlich, vorsichtig, und doch war es offensichtlich: Er wollte nicht noch einmal allein mit Kija dastehen.
Der Weiße Drache war freundlich, zu freundlich fast. Alles, was er sagte, war gut gemeint aber er konnte einen mit seinem endlosen Eifer regelrecht überrollen. Ich konnte Shin-ahs Zurückweichen verstehen. Und so blieb er an meiner Seite, still, aufmerksam… und erinnerte mich dabei mehr an einen verlorenen Welpen, als an einen Krieger.
Das Dorf, das wir erreichten, war vom Tod gezeichnet. Krankheit hing wie ein bleierner Schleier über den Straßen, und der süßlich-schwere Geruch von Verfall kroch in jede Ritze. Menschen hockten an den Wänden, zu schwach, um uns auch nur mit den Augen zu folgen. Es war kein Anblick, den man leicht ertrug und es überraschte mich nicht, dass es die Prinzessin härter traf als uns andere.
Es ist immer schwer, die direkten Folgen von schlechter Führung vor Augen geführt zu bekommen. Und hier, in diesem Dorf, waren sie unverkennbar.
Ein alter Mann, kaum mehr als Haut und Knochen, hob mit brüchiger Stimme an zu sprechen, während Yun ihm vorsichtig Wasser an die Lippen hielt. Seine Worte waren bitter, scharf wie Klingen. Er sprach gegen den König, der sie alle im Stich gelassen hatte, gegen einen Hof, der lieber im Luxus verfiel, während sein Volk im Dreck starb.
Meine Augen wanderten unwillkürlich zu Yona. Ihre Haltung war steif, der Rücken durchgedrückt, ihr Gesicht bemühte sich um Neutralität. Aber ich sah den Bruch. Die Augen, die sich für einen Moment nicht mehr verbergen ließen, die Lippen, die zu fest aufeinandergepresst waren.
Einen Herzschlag später murmelte sie eine Entschuldigung und wandte sich ab. Sie floh fast, schlüpfte hinter eine der bröckelnden Hausmauern, als müsste sie atmen, bevor sie zerbrach.
Ich beobachtete sie still. Sie versuchte, stark zu wirken, doch die Worte dieses Sterbenden hatten sie getroffen, wie ein Pfeil, den sie nicht hatte kommen sehen.
„…Tut mir leid für sie,“ murmelte Yun schließlich und schob den Wasserschlauch wieder an seinen Platz. „Es ist nicht leicht, sowas zu hören – vor allem nicht, wenn es um die eigene Familie geht.“
Hak verschränkte die Arme und sah dorthin, wo Yona verschwunden war. „Sie weiß, dass er Fehler gemacht hat,“ sagte er leise, ernster als sonst. „Aber er war kein schlechter Mensch. Schwach vielleicht. Friedlich, ja. Aber er wollte niemandem schaden.“
Yun nickte, sein Blick war nachdenklich. „Das ändert nur nichts daran, dass die Leute gelitten haben.“
Ich schwieg, ließ sie reden. Für mich waren es Worte ohne Gewicht, das Volk hatte recht, und ein König, der nicht handeln konnte, war genauso schuldig wie einer, der die Klinge führte. Aber das war nicht mein Land, nicht mein Kampf.
Mit diesem Gedanken ließ ich es gut sein. Wir warteten, bis Yona zurückkehrte, und setzten unseren Weg fort, schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken.
Als die Sonne tiefer sank, wurden die Wege stiller. Die Schatten zogen sich länger, der Wind wurde kälter, und das Dorf lag längst weit hinter uns. Schließlich fanden wir eine kleine Lichtung, abseits der Straße, und schlugen dort unser Lager auf. Dunkelheit machte vieles einfacher, sie deckte Müdigkeit zu und ließ Gedanken leiser werden.
Doch der Schlaf wollte mich nicht so schnell finden. Vielleicht, weil es das erste Mal seit langer Zeit war, dass ich fern von meiner Hütte schlief. Vielleicht auch, weil die Gruppe mir noch immer fremd war, zu viele neue Stimmen, zu viele Augen, die nicht die meinen waren.
Yun bot mir zwar freundlich an, das Zelt mit ihm und der Prinzessin zu teilen. Aber das hätte bedeutet, näher an einem ungünstigen Platz zu liegen, zu wenig Bewegungsfreiheit, zu nah an einer möglichen Gefahr. Außerdem hätte ich Shin-ah aus den Augen verloren.
Also blieb ich draußen.
Natürlich bemerkte ich die Blicke, als ich seine Nähe suchte und mich neben ihm niederließ. Noch mehr, als er Stunden nach dem Essen begann, mein Haar zu entwirren – ruhig, sorgfältig, so wie er es schon seit Monaten tat.
Ich ließ ihn gewähren, als wäre es das Normalste der Welt, und ignorierte, wie der Weiße Drache vor Verlegenheit errötete. Ebenso Hak, der grinsend das Schauspiel verfolgte, als hätte er gerade ein neues Gesprächsthema gefunden.
Und so vergingen die Tage. Wir zogen über staubige Straßen, die Sonne im Rücken, und suchten nachts Zuflucht in kleinen Wäldern, auf versteckten Lichtungen oder in schmalen Schluchten.
Eine Routine, still und zuverlässig.
Doch der heutige Abend, so wie es aussah, würde sie brechen, dachte ich und betrachtete den Reisbrei, den Yun gerade über dem kleinen Feuer rührte. Wir hatten später als sonst Halt gemacht und unser Lager aufgebaut.
„Warum genau gehen wir nicht jagen?“, fragte ich schließlich, die Arme verschränkt. „Der Schleim mag in Kouka vielleicht als Nationalgericht durchgehen, aber er ist weder nahrhaft noch gut.“
Yun hob den Kopf, sichtlich beleidigt um seine Kochkunst. „Das ist kein Nationalgericht“, korrigierte er streng. „Es ist billig, einfach zuzubereiten und macht satt. Außerdem – im Feuerreich gilt Jagen als Strafe, nicht als Vergnügen.“
Ich blinzelte langsam, als müsste ich seine Worte abwägen. „Das ist also der einzige Grund, warum wir dieses Zeug essen müssen?“
Hak unterdrückte ein Lachen, während er gelassen seine Waffe schärfte. Sein Blick war voller stiller Belustigung, als wolle er jeden Moment eine spitze Bemerkung machen, entschied sich aber dagegen und genoss lieber das Schauspiel.
„Die Sonne ist schon untergegangen,“ mischte sich Kija vorsichtig ein. „Ich weiß nicht, ob man jetzt noch leicht jagen kann.“
„Genau,“ bestätigte Yun, ohne aufzusehen, während er weiter im Topf rührte. „Es ist zu gefährlich im Dunkeln. Morgen können wir nach etwas Besserem suchen.“
Ich nickte langsam. Aber mehr zu mir selbst als zu ihnen. Dann stand ich auf.
Ich würde den Schleim nicht essen. Und Shin-ah auch nicht.
Sofort spürte ich die Blicke. Die Luft schien dichter zu werden. Hak hielt inne. Kija wirkte, als hätte ich ihm kurz den Boden entzogen. Yun erstarrte. Und Yona – sie blinzelte, die Lippen leicht geöffnet, als wollte sie etwas sagen, doch das Feuer in ihren amethystfarbenen Augen suchte noch nach der richtigen Antwort.
Ich streckte mich langsam, jede Bewegung bewusst, und griff beiläufig nach meinem Schwert. „Ich bin in einer Stunde wieder da.“ Meine Stimme war ruhig und ließ keinen Raum für Zweifel.
Noch bevor jemand reagieren konnte, hörte ich leise Schritte hinter mir. Kein Gewicht, kein Zögern, nur das sanfte Gleiten eines Menschen, der den Boden kaum berührt. Shin-ah war aufgestanden, lautlos, wie ein Schatten, der schon wusste, dass er mir folgen würde.
Ich hob eine Braue, mein Blick traf die Maske, die sein Gesicht verbarg. „Ich brauche keinen Schatten im Rücken.“
Keine Antwort. Nur dieses stille Verharren. Dann stellte er sich neben mich, als wäre damit alles gesagt.
Hak bewegte sich zuerst. Er lehnte sich zurück, das Grinsen kehrte zurück, doch seine Augen blieben aufmerksam. „Lass ihn. Wenigstens hat er Augen, die im Dunkeln was sehen. Und bring uns was Richtiges mit, sonst sitzen wir hier weiter mit Yun und seinem Schleim.“
„Es ist Reisbrei,“ warf Yun trocken ein. Die Röte in seinen Wangen verriet, dass ihn Haks Spott traf.
„Schmeckt trotzdem wie Schleim,“ murmelte ich, schulterte mein Schwert und trat zum Waldrand.
Yona hob die Hand, eine kleine, kontrollierte Geste, als wollte sie mich noch aufhalten. Ich drehte mich halb zu ihr um. „Eine Stunde. Nicht länger.“
Und dann ging ich, Shin-ah neben mir, lautlos wie ein Schatten.
Der Wald empfing uns mit gedämpften Lauten. Das Rascheln junger Blätter im Wind, das leise Tropfen von Tau, der noch an den Zweigen hing, und das entfernte Klopfen eines Spechts legten sich wie eine Decke aus vertrauter Ruhe über mich. Meine Schritte wurden unwillkürlich leiser, fast so, als hätte der Wald selbst sie gedämpft.
Shin-ah bewegte sich neben mir, lautlos wie immer. Nicht mehr, als ein Schatten zwischen den Bäumen.
Wir gingen tiefer zwischen die Stämme hinein, die Luft wurde schwerer, feuchter, roch nach Erde und Moos. Ich senkte die Stimme, kaum mehr als ein Flüstern:
„Siehst du etwas?“
Meine Augen glitten über den Waldboden, suchten nach Spuren, Abdrücke, angeknabberte Rinde, den verräterischen Abdruck eines Hufes. Doch wenn er jagte, brauchte er solche Umwege nicht.
„Irgendein Wild,“ murmelte ich, ohne den Blick zu heben. „Das würde uns die Mühe ersparen.“
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er die Maske leicht anhob und die Augen verengte. In der Dämmerung glommen sie, golden, scharf, wie das Leuchten einer Raubkatze. Wunderschön.
Ich richtete mich auf, während er die Maske wieder herabließ und mit einem kurzen Nicken in eine Richtung deutete. „Wildschwein,“ sagte er leise, seine Stimme so sanft, dass sie fast im Rascheln der Blätter versank.
Mein Blick hing an ihm. Und ich wusste, dass auch seine Aufmerksamkeit auf mir ruhte, als ich nähertrat und meine Hand an seine Wange legte.
„Es ist eine Schande.“ Mit dem Zeigefinger tippte ich sanft gegen die weiche Haut.
Er neigte den Kopf zur Seite, verwirrt über meine Worte.
Meine Lippen zuckten unwillkürlich nach oben, doch ich wandte mich ab, ohne noch weiter darauf einzugehen. Vielleicht, dachte ich, würde er eines Tages das Holz nicht mehr brauchen.
„Ist es eine Bache oder ein Keiler?“, fragte ich. Ich hoffte auf einen jungen Keiler, sie waren am einfachsten zu reizen und zu erlegen.
„Keiler,“ antwortete er knapp und glitt neben mir her, als ich den Pfad tiefer in den Wald nahm.
Ich nickte, hob einige Steine auf, drehte sie prüfend in der Hand. „Hast du schon einmal ein Schwein gejagt?“
Er schüttelte den Kopf. „Reh. Und Hase.“
„Die jungen Männchen sind die einfachsten,“ erklärte ich und ließ den Blick über den Waldboden wandern. „Wenn du sie reizt, greifen sie an und ohne Bogen oder Speer ist das ein Vorteil. Tiere, die dich angreifen, nehmen dir die Distanz ab. Wolf, Bär… und ja, auch ein Wildschwein.“
Ich hielt inne und reichte ihm eine Handvoll Steine. „Geh um das Tier herum, achte darauf, dass dein Geruch nicht im Wind liegt. Wirf immer dann einen Stein, wenn es nicht in meine Richtung blickt. So treibst du es zu mir, ohne bedrohlich zu wirken. Kannst du das?“
Er nahm die Steine entgegen, seine Finger schlossen sich zögerlich darum. Dann nickte er.
„Gut.“ Ich senkte die Stimme weiter, ernst, beinahe lehrend. „Und wenn es dich angreift, Wildschweine können gemein werden. Sie gehen direkt auf die Arterien in den Beinen. Zögere dann nicht. Erleg es, sobald es auf dich zustürmt. Ihr Nacken ist weich. Ein sauberer Hieb reicht, um es ohne Mühe niederzustrecken.“
Er sah kurz zu mir, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Einen Atemzug später kam das eine Wort, weich und unaufdringlich, wie ein Teil der Stille selbst: „Verstanden.“
Damit wandte er sich ab und verschwand in den Schatten des rechten Waldpfades.
Ich ging langsam weiter, suchte mir einen geeigneten Platz, an dem ich warten konnte, und zog mein Schwert. Es war schwierig, einen Keiler in eine bestimmte Richtung zu treiben, doch ich vertraute ihm. Seine Nachtsicht war unübertroffen und ich war hier klar im Nachteil.
Wenn ich ehrlich zu mir war, war es auch keine gute Zeit für eine Jagd. Aber die letzten Tage hatten uns kaum Nahrhaftes gebracht. Für mich allein kein Problem. Für Krieger schon. Und ich wollte wirklich nicht, dass Shin-ah abnahm.
Es lag in meiner Natur, in meiner Erziehung: Frauen meines Volkes fütterten ihre Gefährten, Brüder, Freunde. Sie sorgten für sie wie eine Wölfin für ihr Rudel. Nicht aus Zwang, sondern aus Stolz, weil Stärke genährt werden musste, damit sie bestehen konnte.
Es war wie ein innerer Drang, der sich kaum zügeln ließ. Und an Abenden wie diesem, wenn er seit drei Tagen nichts Richtiges außer diesem widerwärtigen Schleim bekommen hatte, konnte ich ihn nicht mehr unterdrücken.
Dumm, vielleicht. Denn ich war nicht mehr in meiner Heimat. Und doch… tief in mir blieb dieser Zwang lebendig, stärker als jede Vernunft.
Ich lehnte mich an den Stamm, die Klinge locker in der Hand, und lauschte.
Da, das Knacken von Ästen, ein tiefes, dumpfes Schnauben, das die Stille zerschnitt.
Das Wildschwein.
Sein Körper drängte sich zwischen den Sträuchern hervor, dunkel in der Dämmerung, der Kopf gesenkt, der Atem schwer. Es wühlte im Boden, stapfte langsam vorwärts, direkt in meine Richtung.
Mein Atem wurde flach. Jeder Muskel war gespannt, doch ich rührte mich nicht. Das Tier kam näher, trottete geradewegs am Baum vorbei, hinter dem ich stand.
Jetzt.
Ich löste mich lautlos aus der Deckung, trat einen Schritt zur Seite und ließ die Klinge aufblitzen. Mit einem einzigen, gezielten Stoß rammte ich sie in den Nacken des Keilers, dorthin, wo der Knochen schwach und das Fleisch weich war.
Ein schrilles Quieken, ein letztes Aufbäumen, dann sackte das Tier schwer zu Boden.
Ich hielt die Klinge noch einen Moment lang im Griff, bis das Zucken nachließ und der Körper still wurde. Erst dann zog ich sie zurück und atmete tief durch.
Ein sauberer Schnitt. Genau so, wie es sein musste.
Es war ein gutes Tier. Kaum drei Jahre alt, und das Fleisch würde noch zart genug sein, ohne den kräftigen Eigengeschmack der Alten.
Ich zog ein Tuch heraus, wischte die Klinge sorgfältig ab und steckte sie zurück in die Scheide. Als ich aufsah, kam Shin-ah langsam auf mich zu.
„Das hast du wirklich gut gemacht,“ sagte ich mit einem Lächeln. Worte, die mir selten leicht fielen. Was mir leichtfiel, war, mich zu ihm zu beugen und meine Lippen auf die seinen zu drücken. Kaum mehr als ein Hauch, eine Geste, die zwischen uns längst vertraut war.
Er rührte sich nicht, wich nicht zurück. Stattdessen senkte er ganz leicht den Kopf, sodass der Kuss einen Herzschlag länger dauerte, als ich beabsichtigt hatte. Seine Hand glitt dabei fast unmerklich an meinen Ellenbogen, vorsichtig, zurückhaltend, doch eindeutig.
„Du bist wieder größer geworden,“ merkte ich belustigt gegen seine Lippen an, bevor ich mich löste. Ein Schmunzeln huschte mir über das Gesicht, während ich einen Schritt zurücktrat. „Komm, bevor das Fleisch ungenießbar wird.“
Ich kniete mich neben den Keiler, zog mein Arbeitsmesser aus der Scheide und setzte es geübt an. Für solche Arbeit brauchte man keine langen Klingen, sie störten mehr, als sie halfen. Mit einem langen, ruhigen Schnitt öffnete ich das Tier. Man musste schnell sein; das Innere konnte das Fleisch verderben und das Opfer eines verlorenen Lebens ruinieren.
„Zieh ihn an den Hinterläufen ein Stück zurück,“ wies ich Shin-ah an. „So… halt ihn fest, genau.“
Es war umständlicher, weil der Kadaver lag und nicht hing. Die Schwerkraft half nicht, also musste ich selbst Hand anlegen. Keine angenehme Arbeit aber eine, die ich in meinem Leben schon zu oft getan hatte, um sie zählen zu können.
Daher dauerte es auch nicht lange, bis ich das, was wir nicht brauchten, zur Seite geschafft hatte. Großzügig ließ ich die meisten Innereien in einer flachen Mulde zurück, nur das Herz nahm ich an mich. Der Rest war für die Raubtiere.
Als ich fertig war, war die Dunkelheit dichter geworden. Ich wischte mir so gut es ging die Hände an dem Tuch ab, das eigentlich für mein Schwert gedacht war. Viel brachte es nicht. Ich würde Wasser brauchen, ohne würde ich das Blut nie ganz abbekommen.
Mein Blick fiel auf den Keiler. Er lag schwer und massig im Gras. Ein gutes Exemplar aber für mich allein unmöglich zu tragen. Ich presste die Lippen zusammen, überlegte. Zerteilen wäre die einfachste Lösung, zwei Hälften, dann konnte jeder eine tragen. Nicht schön, nicht sauber, aber praktikabel. Allerdings war ich bei der Dunkelheit nicht in der Lage gute Schnitte zu setzen und das Fell wäre ruiniert.
Ich wiegte das Messer in der Hand. Brauchte ich das Fell überhaupt? Es war nicht weich, und auf Reisen konnte ich ohnehin nur kleine Stücke richtig gerben. Luftgetrocknet würde es hart, schwer und am Ende kaum nutzbar sein.
„Rani?“
Ich blinzelte und sah auf. Seine Stimme war so leise, dass sie fast im Rascheln der Blätter unterging. „Ich überlege, wie wir es tragen sollen,“ erklärte ich langsam. „Wenn ich es zerteile, ruiniere ich das Fell. Aber so können wir es nicht ins Lager bringen.“ Ich schnaubte leise. „Es bringt nichts. So ist es einfach zu schwer.“
Bevor ich mich weiter verrennen konnte, reichte mir Shin-ah wortlos sein Schwert, sauber in der Scheide, samt Halterung. Ohne nachzudenken nahm ich es entgegen, verwirrt, was er vorhatte.
Er bückte sich, packte den Keiler.
„Warte—“ setzte ich an, doch da war es schon geschehen.
Mit einem einzigen, kontrollierten Schwung hievte er den Kadaver hoch. Das Gewicht musste gut hundert Pfund betragen, vielleicht mehr, doch er richtete sich auf, als wäre es kaum mehr als ein Sack Reis.
Das Tier lag quer über seinen Schultern, die Beine schlaff nach unten hängend, und er stand ruhig da, als sei es das Normalste der Welt. Kein Stöhnen, kein Zucken, nur seine stille, unbeirrbare Präsenz.
Ich starrte ihn an. Die Worte blieben mir im Hals stecken, meine Finger krampften sich unbewusst um das Schwert in meiner Hand.
Es wirkte… überwältigend. Nicht grob, nicht prahlerisch. Einfach nur roh und unübersehbar: Kraft.
Ein Schmunzeln zuckte mir über die Lippen, halb belustigt, halb ehrfürchtig. Unheimlich imponierend, dachte ich und murmelte leise: „Hm. Also wirkt sich der Drache nicht nur auf die Augen aus.“
Er drehte leicht den Kopf, fragend, nicht ganz verstehend.
In Skjoldar waren die Männer größer, kräftiger, massiver als in den Nachbarländern. Doch selbst dort war es keine Kleinigkeit, ein totes Tier von über hundert Kilo einfach so auf die Schultern zu wuchten. Wer das konnte, erntete Respekt, selbst unter Kriegern.
In Kouka dagegen wirkte die männliche Gesellschaft auf mich meist filigran, schlanker gebaut, schneller mit der Klinge als mit bloßer Kraft. Der Anblick überraschte mich daher sehr.
„Ist… alles in Ordnung?“ Seine Stimme war leise, vorsichtig, als spüre er mein anhaltendes Starren und nicht wüsste, wie er es deuten sollte.
Ich blinzelte, zwang mich, den Blick von ihm zu lösen, und schüttelte den Kopf. „Nichts. Schon gut.“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung klopfte ich mir den Staub von den Fingern und deutete auf den Pfad. „Wir müssen los, bevor das Fleisch uns mehr Gesellschaft anlockt, als uns lieb ist.“
Er nickte nur, stellte keine weiteren Fragen. Wortlos folgte er mir.
Ein Schauer lief mir über den Rücken, warm, kribbelnd, und ich wusste genau, dass er nichts mit Kälte zu tun hatte. Ich zwang meine Schultern still, atmete tief und richtete den Blick nach vorn, als könnte ich es so abschütteln.
Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Schritt für Schritt fraß die Dunkelheit sich zurück, bis das matte Glimmen des Lagerfeuers zwischen den Bäumen aufflackerte. Stimmen, gedämpft und vertraut, drangen zu uns und verstummten, als wir auf die Lichtung traten.
Hak war der Erste, der reagierte. Seine Augen weiteten sich kurz, dann brach er in lautes Gelächter aus, so unbeschwert, dass es über die Lichtung rollte.
„Das nenne ich Abendessen! Bei den Göttern, wieso haben wir euch nicht schon früher gefunden? Spart uns den Schleim und die schlechte Laune.“
Ich hob nur eine Augenbraue, half Shin-ah, den Kadaver behutsam auf die Erde zu legen. Das dumpfe Aufschlagen hallte nach und gleich darauf Yuns Stimme.
„Ihr… ihr habt ernsthaft einen Keiler erlegt?! Im Dunkeln?!“ Seine Worte schwankten zwischen Empörung und Unglauben, die Hände fuchtelten wild, als müssten sie das Gewicht seiner Empörung tragen.
„Rani hat… das Schwein getötet,“ stellte Shin-ah ruhig klar, als sei das der entscheidende Punkt.
Meine Lippen zuckten. Yun holte tief Luft und begann von vorn:
„Das macht es nicht besser! Seid ihr verrückt? Ein Keiler kann euch mit einem Stoß zerreißen! Das hätte euch das Leben kosten können! Wisst ihr überhaupt, wie gefährlich—“
„Man muss nur wissen wie,“ unterbrach ich trocken und reichte Shin-ah sein Schwert zurück, bevor ich mich neben den Kadaver setzte. Mit einem Schnitt setzte ich an, die Haut sauber zu lösen. „Hör auf, deinen Atem zu verschwenden, und schau lieber zu, wie man die Decke zieht, ohne das Fettgewebe zu zerstören. Oder weißt du, wie man ein Wildschwein verarbeitet?“
Bevor ich zu Ende sprechen konnte, war Yun bereits neben mir. Er schüttelte den Kopf. „Nur kleine Tiere,“ murmelte er, dann sah er mich aus dem Augenwinkel an. „Es war trotzdem gefährlich,“ fügte er leiser hinzu, fast wie ein Vorwurf, während seine Augen meinen Händen folgten.
Ich ignorierte die Mahnung, konzentrierte mich auf die Arbeit, während über meiner Schulter Kijas Stimme erklang. Ruhig, ernst, voller Anerkennung. Er lobte Shin-ah für seine gute Arbeit, so wie man einen Krieger ehrte, nicht nur einen Gefährten.
Gleichzeitig spürte ich auf meiner anderen Seite eine weitere Präsenz, weich, aber eindringlich. Ich brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es Yona war.
„Ich bin froh, dass es euch gut geht. Und danke.“
„Sicher,“ murmelte ich, die Aufmerksamkeit weiter auf das Messer gelenkt, während ich Yun erklärte, wie er die Klinge halten musste.
Doch die Prinzessin blieb, wich nicht zurück. Zögernd trat sie näher, irritierend nah, so dass ich die Handbewegung abbrach und den Blick zu ihr hob. Ihre Kehle arbeitete, als sie schluckte, während meine Augen sie kühl musterten. Das Zucken war mir nicht entgangen.
Es war nicht das erste Mal, dass ich es sah: dieser Respekt, der in Wahrheit an Angst grenzte. Ihre Scheu mir gegenüber und die kläglichen Versuche, die Entfernung zwischen uns zu schließen.
Es war nicht so, dass ich sie nicht mochte. Sie war freundlich, nett und von Herzen gut. Aber das war alles. In meinen Augen war sie wie eine schöne Blume in einem gepflegten Garten. Anmutig, auffällig, aber ohne Dornen. Sie verkörperte nichts, was meinen Respekt, meine Achtung oder gar meine Aufmerksamkeit verdiente.
Doch diesmal war etwas anders. Sie wich nicht zurück. Sie hielt meinem Blick stand. Und nach einem Atemzug sagte sie, leise, aber bestimmt: „Zeig mir, wie man das macht.“
Mein Messer verharrte, während ich sie anstarrte. Um mich herum verstummte das Geplänkel, als hätte jeder gespürt, dass hier etwas anderes geschah.
„Das Zerteilen,“ fügte sie nach, als ich nicht sofort reagierte. Sie hob das Kinn, als wolle sie sich selbst Mut zusprechen. „Ich möchte es lernen. So wie Yun.“
„Hm,“ summte ich, neigte den Kopf leicht und sprach langsam. „Dir muss eines klar sein, Prinzessin: Dieses Tier ist für dich gestorben. Für mich. Für jeden, der von ihm isst. Du ehrst es nur dann, wenn dir wirklich bewusst ist, dass dein Hunger ihm das Leben gekostet hat.“
Ich ging ein Stück zur Seite, ließ Platz für sie, und begann unter dem Schein des Feuers zu erklären. Zeigte, wie man die Haut richtig abzieht, ohne das Fettgewebe unnötig zu beschädigen. Wie man die Keulen vom Knochen löst. Wie man ein Stück Fell so schneidet, dass es ohne richtiges Gerben noch eine Zeit brauchbar bleibt. Sogar, wie man aus den Knochen Nutzen zieht, Werkzeug, Suppe, Haltbarkeit.
Yona sah kein einziges Mal weg. Ihre Augen folgten jeder Bewegung, ernst, konzentriert.
Und ich… lächelte sacht. Vielleicht wuchsen ihr langsam Dornen.
Das Meer war so weit und blau wie in meiner Erinnerung, und doch fremd. Der Hafen von Awa wirkte ordentlich, gezähmt und still. Meine Gedanken wanderten zurück zu den Küsten Skjoldars: rau und unbeugsam, gezeichnet von scharfen Klippen, an denen die Wellen wie wütende Riesen zerschellten. Dort war das Meer dunkel, schwer, unberechenbar. Sturm und Nebel lagen wie ewige Schleier über dem Wasser, und Schiffe verschwanden darin, verschlungen, als wären sie nichts weiter als Spielzeug.
Und doch war es voller Leben. Aus den Tiefen brachen Wale hervor, gewaltig, unbezwingbar, ihre Fluken zerschlugen das Wasser wie Donnerschläge. Robben glitten zwischen den Klippen wie Schatten, lautlos, frei. Das Meer dort ließ einen nie vergessen, dass es ein Herrscher war, ein ungezähmter Gott, der gab und nahm, wie es ihm beliebte.
Hier in Kouka war es anders. Sanfter. Die Sonne spiegelte sich golden im klaren Wasser, das in der Abendluft fast wie Glas wirkte. Möwen kreisten lachend, ihr helles Kreischen mischte sich mit dem Takt der Wellen, während Fischerboote in gleichmäßigen Reihen an und ablegten, als folgten sie einem alten Lied. Alles wirkte malerisch, friedlich, wie ein Bild, das jemand in sanften Farben gemalt hatte.
Nicht schlechter. Nur fremd. Ich konnte diesen Anblick nicht hassen. Im Gegenteil, ein Teil von mir empfand ihn als schön, tröstlich. Vielleicht, weil es zum ersten Mal so aussah, als könnte das Meer auch gnädig sein.
Shin-ah neben mir machte einen Schritt nach vorn. Andere hätten es vielleicht nicht bemerkt, aber ich spürte förmlich, wie er vibrierte, wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Spielzeug in den Händen hält. Ich musste sein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, wie bewundernd er den Ozean ansah. Ich konnte es mir vorstellen: seine Augen weit geöffnet, glänzend vor Staunen.
Ein kurzer Blick auf die anderen bestätigte es mir. Dieser Ausdruck lag nicht nur bei ihm im Gesicht. Yonas Lippen waren leicht geöffnet, ihre Augen leuchteten, als sei sie einem Märchen entsprungen. Selbst Yun, der sonst alles besser wusste, wirkte für einen Moment sprachlos.
„Das ist… das Meer?“ fragte Yona atemlos, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Hak streckte die Hände hinter dem Kopf aus, als sei es das Normalste der Welt, und grinste breit. „Genau das. Sieht hübsch aus, oder?“
„Du warst schon hier, Raiju?“, fragte Yun überrascht.
„Ja. Mein Großvater hat mich einmal mitgenommen,“ bestätigte er ruhig.
Yona wandte sich an Kija, ihre Augen hell vor Erwartung. „Der grüne Drache ist hier?“
Kija stand reglos, die Stirn angespannt. Sein Blick glitt hinaus über Stadt und Meer, als lausche er einer Melodie, die nur er hören konnte. Sekundenlang schwieg er, dann verzog er das Gesicht. „Ja… er ist hier. Ich kann ihn spüren, aber er bewegt sich so schnell hin und her, dass mir schwindelig wird.“ Seine Haut verlor die Farbe, und er presste eine Hand gegen die Schläfe.
„He, übertreib es nicht, weiße Schlange“, murrte Hak spöttisch. „Wir brauchen dich nicht ohnmächtig auf den Steinen.“
Ich stupste Shin-ah mit der Schulter leicht gegen den Arm. „Und du? Kannst du ihn sehen?“
Er richtete sich auf, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Hinter der Maske blieb sein Gesicht verborgen, doch an der Art, wie er reglos in die Ferne starrte, wusste ich, dass er suchte. Einige Herzschläge vergingen, bevor er den Kopf schüttelte. „Nein. Tut mir leid.“
Yun rieb sich den Nacken. „Eigentlich sollten wir die Gelegenheit nutzen und Vorräte besorgen. Und ja… ich will den Grünen Drachen auch finden, aber ehrlich gesagt, ich bin müde von der Reise.“
Yona hob den Kopf, ihre Augen glänzten. „Dann lasst uns in die Stadt gehen!“
„Nicht im Leben!“ fauchte Yun sofort, die Hände abwehrend erhoben. Sein Blick huschte über uns, blieb schließlich auf Shin-ah hängen. „Ich nehm euch nicht mit! Ihr seid viel zu auffällig. Vor allem du, Maskenmann!“
Ich hob kühl die Augenbraue. Ich wusste, dass der Kleine es nicht böse meinte, und nüchtern betrachtet hatte er recht, doch ich mochte es nicht, wie der Mann neben mir bei diesen Worten förmlich erstarrte.
Yun drehte sich weiter zur Runde, deutete auf jeden von uns wie ein Lehrer, der Fehler aufzählt. „Ungewöhnliche Hand.“ Sein Finger zeigte auf Kija. „Rote Haare.“ Jetzt Yona. „Maske.“ Shin-ah. Schließlich glitt sein Blick zu mir. „Zu ausländisch. Das fällt sofort auf.“
„Zu ausländisch?“ wiederholte ich langsam. Mein Tonfall ließ ihn stolpern. Einen Augenblick wirkte es, als hätte er erst jetzt begriffen, wie unbedacht seine Worte klangen, wie sehr sie den Elan der Gruppe dämpften.
„Du bist…“ Er musterte mich, nicht feindselig, nur ratlos, wie jemand, der nach Worten ringt. „Einfach anders.“ Lahm, eine Erklärung ohne Gewicht.
Anders. Ich wusste genau, was er meinte. Es lag nicht nur an meinen Zügen, nicht an der helleren Haut oder den Haaren. Es war die Gesamtheit. Die Menschen in Kouka wirkten weicher, feiner, oft mit einer schnellen Eleganz, die sie fast unauffällig machte. Ich dagegen trug etwas in mir, das nicht in dieses Bild passte, eine andere Haltung, eine andere Schärfe in jedem Blick, in jeder Bewegung. Nicht größer, nicht stärker. Nur kantiger. Geformt von einem Land, das rauer war als dieses. Unübersehbar.
„Was er sagen will: Du bist zu hübsch,“ warf Hak trocken ein, sein Grinsen spöttisch. „Dich übersieht keiner und wenn du den Mund aufmachst, klingt es manchmal so, als würdest du ein Todesurteil verkünden.“
Ich runzelte die Stirn. „Übertreib nicht.“ Dann wandte ich mich zu Shin-Ah. „Kling ich wirklich so brutal?“
Shin-Ah setzte gerade an, da kam Haks Stimme dazwischen: „Frag ihn nicht. Er stimmt dir auch zu, wenn du behauptest, die Sonne wäre viereckig.“
Yona kicherte hinter vorgehaltener Hand, Yun atmete teils belustigt, teils genervt aus.
Kija räusperte sich leise, als wolle er die Runde wieder zur Ordnung rufen. „…Nun, manchmal klingt du tatsächlich etwas scharf.“
Ich wollte protestieren, doch dann hielt ich inne. Vielleicht hatten sie recht. Nett zu sein, war nie mein Ziel gewesen und mein Dialekt verschärfte es wohl nur noch mehr. Meine Muttersprache war schon immer als hart, abgehackt und kantig beschrieben worden, wie Schläge auf kaltem Eisen.
Am Ende ging Hak allein in die Hafenstadt, während wir uns auf den Klippen oberhalb einrichteten. Als er am Abend zurückkehrte, hatte er keine Vorräte dabei.
Yuns Gesicht hätte für sich allein schon genügt, um den ganzen Hafen zum Lachen zu bringen. „Du warst den ganzen Tag weg… und kommst mit leeren Händen zurück?!“ fauchte er.
Hak zuckte nur die Schultern, als sei das alles ein Witz. „Gab halt nichts, was mir gefallen hat.“
„Gefallen?!“ Yun war kurz davor, ihn mit dem Kochlöffel zu erschlagen.
Ich schnaubte leise und ließ das Messer weiter über den Fangzahn gleiten. „Wenig begeistert“ war gar kein Ausdruck für das, was Yun in diesem Moment war.
Ich lehnte mich an einen Baum und bearbeitete vorsichtig den Fangzahn des Keilers mit meinem Messer. Währenddessen lauschte ich Yuns aufgeregter Stimme, die schließlich verkündete, dass wir morgen alle gemeinsam in die Stadt gehen würden.
Nun gut, dachte ich und hielt das Elfenbein kritisch ins Licht, außer Shin-Ah und mir. Ich jedenfalls hatte keinerlei Interesse, mit den Menschen dieser Stadt in Kontakt zu treten.
Und genau so kam es auch, nachdem wir das Schiff in der Lagune gefunden hatten. Während Yun, Yona und Kija in die Stadt aufbrachen, blieben Shin-ah und ich beim Lager zurück.
Natürlich, neue Heilpflanzen oder medizinische Vorräte hätten mich interessiert. Doch die Aussicht, mich zwischen drängelnde, gaffende Menschenmengen zu begeben, ließ mich sofort Abstand nehmen. Ich fühlte mich nicht wohl unter so vielen Blicken und außerdem wollte ich etwas fertigstellen, das schon länger in meinen Händen ruhte.
Ein Anhänger. Nichts Besonderes, aber ein Stück Erinnerung an den Erfolg einer Jagd. Mit der Klinge formte ich vorsichtig den Draht, den ich noch übrig hatte, um den Zahn, nähte ein kleines Stück Fell dazu. Es war kein Meisterwerk, sicher nicht, ich war keine Handwerkerin, nur mittelmäßig begabt. Aber ausreichend, damit es nicht lächerlich wirkte.
Ich spürte, wie er sich neben mich niederließ. Lautlos, wie immer, doch nah genug, dass seine Präsenz mir auffiel. Einige Sekunden lang beobachtete er mein Tun, dann erhob er leise die Stimme:
„Rani.“
Ich beendete den Stich durch die dicke Haut, strich den Draht glatt und hob den Blick.
Der Kuss kam unerwartet. Fester als ein Hauch, doch flüchtig genug, um mich stocken zu lassen. Ich blinzelte, überrascht, die Frage lag mir schon auf der Zunge…
Aber er war schneller. Seine Stimme kaum lauter als das Rauschen der Wellen:
„Du musst nicht hier bleiben.“
Also darum. Ein Versuch, mir die Last zu nehmen.
Meine Mundwinkel zuckten nach oben, erst kaum merklich, dann fester.
„Ich leiste dir gerne Gesellschaft“, erwiderte ich weich. „Außerdem gefällt mir der Gedanke nicht, dich hier allein zu wissen… während ich mich stattdessen durch die Menschenmassen drängen müsste.“
Er nahm es stumm zur Kenntnis und entspannte sich neben mir. Schließlich ließ er sich fallen und legte den Kopf auf meinen Schoß. Es war nicht das erste Mal und gewiss nicht das letzte –, doch es lag bereits eine Weile zurück, dass er so viel Nähe gesucht hatte. Er ließ die Maske an, schob sie jedoch weit genug nach oben, sodass mich die Hörner nicht störten, bevor er sein Gesicht in meinem Bauch vergrub.
Es war etwas umständlich, so weiterzuarbeiten, aber ich beschwerte mich nicht. Stattdessen legte ich die Arme leicht über ihn und schnitzte vorsichtig weiter.
Und so vergingen Stunden. Ab und zu bewegte er sich, verlagerte sein Gewicht oder ließ seine Hände in einer anderen Haltung ruhen. Manchmal legte er sie eine Weile um meine Hüften, als wollte er prüfen, ob ich wirklich noch da war.
Anfangs spürte ich die wache Spannung in ihm, doch irgendwann veränderte sich sein Atem. Ruhiger. Gleichmäßiger. Das Gewicht seines Körpers wurde schwerer, die Finger an meiner Kleidung lösten sich, bis sie nur noch locker dort verharrten.
Ich beendete meine Arbeit: zwei Runen – Uruz und Algiz. Kraft und Schutz. Sie passten, fand ich, besser hätte ich es kaum wählen können.
Sein Schwert lag in Reichweite. Vorsichtig griff ich danach, befestigte den Reißzahn, und als ich das Zusammenspiel zwischen Klinge und Runen betrachtete, musste ich mir eingestehen: Es wirkte, als hätte es von Anfang an so sein sollen.
Ein Bär wäre besser, schoss es mir durch den Kopf. Eigentlich war das mein Plan gewesen, ihm einen zu jagen, wegen des Fells, wegen der Wärme. Der Fangzahn war nur der Anfang. Also würde ich beim nächsten Spurenlesen nicht zögern. Den ersten Bären, den ich fand, würde ich nicht ignorieren.
Und genau in dieser Position fand uns die zurückkehrende Gruppe.
Ich hatte gerade noch letzte Anpassungen am kleinen Anhänger gemacht, den Draht enger gezogen, damit er besser am Schwert hielt, als Yuns Stimme durch die Stille schnitt, spitz, genervt, wie eine Nadel ins Ohr, gefolgt von Yonas heller, völlig überraschter.
Shin-ah rührte sich nicht sofort. Zu meiner Verwunderung zuckte er nur leicht. Offenbar hatten ihm die Nachtwachen mehr Kraft geraubt, als er selbst zugeben würde. Sein Körper drängte sich enger an meinen, als suche er im Schlaf nach Schutz.
Yona war die Erste, die uns wirklich erblickte. „Oh!“ entfuhr es ihr, und sofort legte sie beide Hände an die Wangen, die in hellem Rosa aufleuchteten.
Yun verdrehte genervt die Augen, murmelte trocken: „Natürlich… klar.“
Kija stammelte eine wirre Entschuldigung, so, als hätte er selbst etwas falsch gemacht, nur weil er Zeuge war und Hak… natürlich Hak… hob spöttisch die Augenbrauen. Seine Stimme hallte so laut und absichtlich, dass selbst die Fische im Hafen zusammengezuckt hätten: „Wir schleppen uns durch die harte Arbeit, und ihr zwei macht es euch gemütlich. Jeder dahergelaufene Räuber hätte leichtes Spiel mit euch.“
Drei Dinge geschahen gleichzeitig.
Shin-ah ruckte hoch, der Schlaf fiel von ihm wie ein Mantel. Muskeln spannten sich, die Augen hellwach, bereit auf Gefahr. Doch meine Hand lag bereits an seiner Schulter, fest genug, um ihn zu halten, sanft genug, um ihn zu beruhigen. Ein stummes Bleib.
Im selben Atemzug zuckte mein Handgelenk. Das Schnitzmesser, eben noch zwischen meinen Fingern, flog. Metall löste sich von Haut, so schnell, dass ich das Sirren mehr fühlte als hörte. Die Klinge schnitt eine schmale Bahn, blitzte im Sonnenlicht, bevor sie haarscharf an Haks Wange vorbeizischte und sich mit einem dumpfen Knacken ins Holz weit hinter ihm bohrte.
Hak blinzelte nicht. Drehte nicht einmal den Kopf. Nur die kaum wahrnehmbare Bewegung seiner Braue verriet, dass er den Wurf verstanden hatte, zu nah, um Zufall zu sein.
Stille.
Eine Stille, schärfer als das Messer selbst. Selbst das Rauschen der Wellen schien innezuhalten. Yun stand mit offenem Mund da, die Worte mitten im Schimpfen erstickt. Yona rührte sich nicht, Hände an die geröteten Wangen gepresst, Augen weit.
Kija wich einen Schritt zurück. Unter meiner Hand hob und senkte sich Shin-ahs Brust, als kämpfte er gegen den Drang, aufzustehen.
Alles hing in diesem Augenblick an der Klinge im Holz und an der schmalen roten Linie, die nun wie ein unausgesprochenes Versprechen über Haks Wange lief.
„Unhöflich, Hak. Sehr unhöflich.“
Ich neigte den Kopf, als wäre es nur eine beiläufige Bemerkung unter Freunden, doch mein Blick blieb hart und unbeweglich. Meine Augen folgten der schmalen Blutlinie an seiner Wange, während ich Shin-ah gewähren ließ, als er sich neben mir aufrichtete.
„Soll ich dich das nächste Mal auch so wecken?“ fragte ich leise, mein Bein angespannt, als würde jede Bewegung die Drohung bekräftigen.
Hak wischte mit dem Daumen über seine Wange, betrachtete das Blut und grinste. „Ich denke, ich verzichte.“
Seine Stimme klang spöttisch, doch ich sah das kurze Flackern in seinem Blick. Die Botschaft war angekommen.
Shin-ahs Finger drückten plötzlich sanft, aber bestimmt in meinen unteren Rücken. Nicht viel, doch genug, um meine volle Aufmerksamkeit von dem Idioten vor mir abzulenken. Ich musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, was er mir damit sagte. Mit dem Abwenden meiner Augen entspannte sich die ganze Situation merklich.
Yun brach als Erster das Schweigen, ein genervtes: „Ihr seid wirklich alle verrückt.“
Kija murmelte etwas Versöhnliches, dass Streit niemandem helfe. Und tatsächlich, die dunkle Luft verflog, wie Rauch, der sich im Wind verlor.
Ich erhob mich, die Bewegung bewusst ruhig, und griff nach dem Schwert an meiner Seite. Mit einem Zug glitt es aus der Scheide. Ich ließ es in der Hand kreisen, prüfte den Schwung, ob der Anhänger an der Klinge den Schwingungen standhielt, ohne sich zu lösen. Ein kleiner Test, nüchtern, doch das Gewicht des Fangzahns am Stahl wirkte… richtig.
„Ich denke, das ist so gut, wie ich es schaffen kann,“ murmelte ich und ließ die Klinge in der Scheide verschwinden. Dann reichte ich sie Shin-ah, der den Hauer neugierig begutachtete und zwischen seinen Fingern drehte.
„Sind das… Runen?“ Es war Hak, der sich über seine Schulter lehnte, die Augen scharf vor Neugier.
Ich nickte und streckte mich. „Ja. Uruz und Algiz.“
Nun blickten auch die anderen zu uns, also erklärte ich: „Es ist wie ein kleiner Segen. Grob übersetzt heißen sie Kraft und Schutz.“
Noch ehe Hak reagieren konnte, ging ich zu ihm hinüber. Ohne ein Wort griff ich nach seinem Kinn, grob, so wie Großmütter es mit ihren aufmüpfigen Enkeln taten.
„Hey, was—“ setzte er an, doch verstummte sofort. Seine Augen weiteten sich, als mein Finger über den Schnitt an seiner Wange strich und nichts zurückließ außer glatter Haut. Für einen Moment war es sicher warm, kribbelnd, vielleicht kitzelnd, so zeigten sich meine Kräfte oft.
Ich ließ ihn unbeeindruckt los, als sei nichts geschehen, und gesellte mich zu Yun, der gerade das Essen zubereitete. Die Blicke in meinem Rücken spürte ich deutlich, doch ich ignorierte sie gekonnt.
Dann bemerkte ich Bewegung. Yun, derselbe, der eben noch Gemüse geschnitten hatte, packte Haks Kinn mit derselben Grobheit wie ich zuvor. Ich musste nicht einmal hinsehen, um die Erkenntnis in seinen Augen zu spüren.
„Was…“ begann er atemlos, sein Blick suchte den Schnitt, den es nicht mehr gab. Stattdessen nur glatte Haut, als wäre nie etwas gewesen.
Bevor die Situation kippen konnte, sprach ich:
„Ich bin Ärztin, aber gleichzeitig auch Heilerin. Nichts, was ich gerne laut hinausposaune, aus offensichtlichen Gründen.“
Mein Blick glitt über sie hinweg, so, dass jeder verstand, was ich meinte. „Es wäre mir recht, wenn wir es dabei belassen.“
Im Laufe des Abends hörte ich Yona zu, wie sie vom Besuch in der Stadt erzählte: von der Begegnung mit dem grünen Drachen – Jae-Ha –, von Unterdrückung und Angst, und von dem toten Jungen.
Von der Ohnmacht, nichts tun zu können, und von der Hoffnung, dass sich am nächsten Tag mit den Piraten etwas ändern würde.
„Ich möchte etwas gegen Kum-Ji tun,“ murmelte sie schließlich in ihre Schüssel mit Eintopf. Leise, aber mit fester Stimme.
Kija nickte sofort, feierlich, als hätte er nur darauf gewartet. „Das werden wir!“, bestärkte er sie.
Yun schwieg, und Hak tat es ihm gleich. Keiner von beiden äußerte ein Wort, und als ich Yun und dann Hak fixierte, taten sie, als hätten sie meinen Blick nicht gespürt. Typisch.
Ich seufzte. „Prinzessin,“ begann ich kühl, „was genau möchtest du gegen ihn tun?“
Sie hob den Kopf, blinzelte irritiert. „Was meinst du?“
„Du sprichst davon, gegen dieses Unrecht vorzugehen. Dass du es nicht noch einmal erleben willst.“ Ich reichte die Reste meines Essens wie gewöhnlich an Shin-Ah weiter, ehe ich fortfuhr. „Aber du sagst mit keinem Wort, wie du das ändern möchtest. Kein Was. Kein Wie. Nur, dass es dir nicht gefällt.“
Sie runzelte die Stirn, doch ich hob die Hand, bevor sie das Wort ergreifen konnte.
„Ich will dir nichts ausreden, versteh mich nicht falsch“, sagte ich ruhig. „Es ist gut, dass du etwas gesehen hast, das du ändern willst. Aber überlege dir, wie du es tun willst. Willst du ein Attentat? Eine offene Konfrontation? Ihn selbst treffen oder seine Handlanger? Denk das zu Ende, Prinzessin. Nur der Wunsch allein bringt niemanden zu Fall.“
Ich sah, wie meine Worte ihr den Wind aus den Segeln nahmen. Ihr Blick sank in die Schüssel, die Stirn leicht gerunzelt, nicht trotzig, sondern nachdenklich. Gut so.
Ich folgte niemandem blind in einen Kampf, der mich nicht einmal betraf.
Nun, dachte ich, als ich mich erhob und begann, mich für die Nacht einzurichten, vielleicht lernte sie langsam dazu. Mit bloßer Freundlichkeit und diesem zerbrechlichen Lächeln würde sie in dieser Welt nicht weit kommen. Ohne Plan, ohne Fähigkeiten, hörte einem niemand zu, man ging unter.
Etwas Ähnliches bestätigte sich für mich, als wir am nächsten Morgen das Schiff der Piraten betraten. Den Umhang hatte ich bewusst tief über den Kopf gezogen, damit mein Gesicht im Schatten lag. Meine Augen glitten über die Meute: den hochgewachsenen Mann, der etwas abseits lehnte, mit einer Gelassenheit, die überheblich wirkte; die Gestalten der Piraten, wenig kampferprobt aber wachsam; und schließlich die alte Frau in ihrer Mitte.
Ich neigte leicht den Kopf, blendete das Stimmengewirr um mich herum aus und musterte sie genauer. Alles an ihr sprach von Erfahrung, von Kämpfen, die sie geführt und überstanden hatte. Stolz lag in jeder Falte, Härte in jedem Blick. Eine Frau, die ihr Leben lang gestanden und niemals gewankt hatte.
Doch dann verschob sich die Atmosphäre. Worte fielen, scharf und direkt auf Shin-ah gezielt. „Was soll die Maske?“, knurrte die Alte mit der Pfeife in der Hand und machte einige Schritte auf ihn zu.
Ich sah – und spürte – wie er sich verspannte. Die Abwehr in seiner Haltung war mir vertraut. Doch bevor ich eingreifen konnte, war Hak schneller.
„Ah, schlechte Idee,“ meinte er laut und stellte sich mit der ihm eigenen Lässigkeit zwischen sie und Shin-ah, als wäre es das Natürlichste der Welt. „Er ist schüchtern.“ Humorvoll, fast spöttisch, legte er die Worte hin und zwinkerte mir dabei kurz zu. „Außerdem willst du deine Hand sicher behalten.“
Die alte Frau runzelte die Stirn. Ihr Blick glitt von Hak zu mir und in dem Moment, in dem sich unsere Augen trafen, wurde die Luft schwer. Für einen Herzschlag verengten sich ihre Lider, während sie an der Pfeife sog, als wolle sie prüfen, ob das, was sie da in mir sah, tatsächlich echt war: diese lautlose, unmissverständliche Drohung.
Ein raues, nachdenkliches Summen entwich ihr, als sie den Rauch ausstieß. Kein Wort folgte. Musste es auch nicht. Ich wusste, dass sie verstanden hatte.
Dann wandte sie den Blick ab, der Rauch kräuselte sich vor ihrem Gesicht. „Mir ist Vertrauen wichtig,“ sagte sie langsam. Ihre Augen glitten prüfend über unsere kleine Gruppe. „Warum sollte ich euch bitten, uns zu helfen, wenn ich nichts über euch weiß?“
Hak trat wie selbstverständlich einen Schritt vor. „Weil du Kämpfer brauchst, oder, Kapitän?“ Sein Grinsen war breit, überheblich, ganz Hak. „Und du wirst niemanden finden, der besser ist.“
Ich hätte die Augen verdrehen können, aber er hatte recht. Inmitten der Piraten sah ich keine Krieger, nur harte Arbeiter, Seeleute, Männer mit Muskeln, aber ohne Kampfgeist. Nicht einmal ansatzweise vergleichbar.
„Oh, große Worte, Jüngling,“ höhnte Gi-Gan, und die Pfeife wippte zwischen ihren Lippen. Mit einer laschen Bewegung ihrer Hand zeigte sie auf die Männer um uns. „Wenn ihr sie alle besiegt, habt ihr bestanden.“
Ein Raunen ging durch die Piraten, als hätten sie nur auf diesen Befehl gewartet. Knöchel knackten, Klingen lösten sich aus den Scheiden, und grinsende Gesichter richteten sich auf die Männer, voller Überheblichkeit, überzeugt, dass die kleine Gruppe leichte Beute war.
Ich trat mit Yona und Yun zurück, verschränkte die Arme vor der Brust. Es war nicht mein Kampf. Es dauerte Sekunden, nicht länger. Als der Kampf begann, war er im Grunde schon vorbei.
Hak wirbelte mitten unter ihnen, seine Bewegungen roh, doch präzise, jeder Schlag ein Donner. Kija stand, wie von einer unsichtbaren Mauer umgeben, sein Drachezeichen erhoben, und jeder, der sich ihm näherte, wurde von der bloßen Kraft zurückgeschleudert. Und Shin-ah … Shin-ah bewegte sich fast lautlos, unheimlich fließend, wie ein Schatten, der sich durch die Gegner schnitt, ohne dass sie überhaupt begriffen, wer sie getroffen hatte.
Der Aufprall kam schneller, als die meisten überhaupt reagieren konnten. Im einen Moment stürzte sich die Meute mit lauten Rufen auf die drei, im nächsten lagen sie schon am Boden: entwaffnet, stöhnend, manche bewusstlos.
Ein Raunen ging durch die Piraten, diesmal keines des Übermuts, sondern von Unsicherheit und Respekt. Kapitän Gi-Gan sog bedächtig an ihrer Pfeife, der Rauch kringelte sich träge in die Luft. Ihre Augen wanderten über die am Boden liegenden Männer, dann zu Hak, Kija und Shin-ah.
„… Captain Gi-Gan?“ Einer ihrer Leute brachte die Worte hervor, die wie eine Frage im Raum hingen.
Die alte Frau blinzelte träge, als hätte sie das Schauspiel nur halb interessiert verfolgt. Dann atmete sie aus. „Sie sind stark. Fast so, als stünden da drei von dir, Jae-Ha.“
Genannter zuckte mit den Schultern, als hätte er bereits damit gerechnet.
Ein widerwilliges Grinsen breitete sich auf Haks Gesicht. Yun seufzte erleichtert, Yona spannte sich an meiner Seite.
Doch Gi-Gan hob warnend den Stiel ihrer Pfeife. „Entspannt euch nicht zu früh, ihr Jungspunde. Die Muskeln sind das eine. Aber das hier …“ Ihr Blick richtete sich nun prüfend auf Yun, mich und im nächsten Atemzug auf Yona. „… ist kein Spiel. Also. Was könnt ihr?“
Yun trat vor, stemmte die Hände in die Hüften und holte tief Luft. „Ich kämpfe nicht und ich hasse Gewalt. Aber…“ Er zählte an den Fingern ab, während seine Stimme fester wurde. „Kochen. Nähen. Jagen. Verletzte behandeln. Wenn ich die richtigen Zutaten habe, kann ich sogar Sprengstoff bauen. Und außerdem bin ich hübsch.“
Er schloss grinsend, als wäre das die Krönung seiner Fähigkeiten.
Ein paar der Piraten kicherten, doch Gi-Gan blinzelte nur träge, unbeeindruckt. Ihr Blick glitt weiter, prüfend, tastete jeden von uns ab, bis er an mir hängen blieb.
Ich hob kaum eine Augenbraue, erwiderte den Blick kalt. „Ärztin.“ Kein Schwall an Erklärungen, keine Angeberei. Nur ein einziges Wort, hart und sachlich wie ein Schnitt mit der Klinge.
Ihre Augen huschten zu meinem Schwert, verweilten kurz auf den Runen, dann zu den weißblonden Strähnen, die nicht vollständig unter meinem Mantel verborgen waren. Erkennen blitzte auf, kaum merklich, wie ein Funkenschlag in dem alten, faltigen Gesicht. Doch sie schwieg und wandte sich rauchend an Yona. „Und du? Was für Fähigkeiten besitzt du?“
Die Prinzessin zuckte sichtbar zusammen, als die Worte sie trafen. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Umhangs, und ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, ehe sie stockten.
Stille legte sich über das Deck. Nur das Knacken der Pfeife war zu hören. Dann sprach die Alte wieder, rau wie Schmirgelpapier.
„Du kannst nichts.“ Kein Zweifel, keine Frage, ein Urteil.
„Ich…“ Yona hob die Stimme, doch Gi-Gan fuhr ihr grob dazwischen. „Geh. Wir brauchen niemanden, der uns zur Last fällt. Jemand ohne Fähigkeiten ist nur ein Klotz am Bein.“
Kija sog empört die Luft ein, doch mein Augenmerk blieb auf Yona. Ich wartete. Legte den Kopf leicht zur Seite, musterte sie. Wenn sie es ernst meinte, würde sie jetzt nicht weichen. Gi-Gan prüfte sie und jeder mit Verstand konnte es erkennen. Nur Kija nicht, er war blind für das, was zwischen den Zeilen lag.
Yona senkte kurz den Blick, sammelte Atem. Dann hob sie den Kopf wieder, stand aufrecht, ohne zu wanken. Ihre Augen brannten, und ihre Stimme klang klar, als sie sprach: „Ich habe einen Grund, hier zu sein.“
Meine Aufmerksamkeit wanderte zu Hak, der unberührt dort stand, scheinbar gelassen, während er Yona und Gi-Gan zuhörte. Doch als die Aufgabe ausgesprochen wurde, die Yona bestehen musste, sah ich es: ein kaum merkliches Verspannen seiner Schulter. Er hörte genauer hin, als er sich eingestand.
Der grüne Drache schloss sich ihr an, und wenig später verließen beide das Schiff, stiegen die Klippen hinauf, um das Kraut zu sammeln.
Ich trat von meinem Platz weg, gesellte mich zu Hak, der den Blick auf die beiden geheftet hielt. Lässig lehnte ich mich an die Reling, warf die Kapuze zurück und ließ die frische Brise mein Haar zerren. Dann sprach ich. Nicht kalt, nicht bösartig aber mit dem Gewicht von Tadel.
„Du weißt, dass du einen Teil der Schuld trägst.“
„Huh? Ist das so?“ antwortete er lahm, ohne den Blick von der Stelle zu lösen, an der Yona verschwunden war.
„Sie will kämpfen lernen, und du gibst ihr einen Bogen…“ Meine Stimme schnitt durch die salzige Luft, scharf, aber ruhig. „Und was genau soll sie damit anfangen? Soll sie die Gegner damit erschlagen? Mit einer Fernkampfwaffe umzugehen, braucht Jahre mehr Übung als mit Dolch oder Schwert.“
Am Rand meines Blickfelds trat Shin-Ah neben mich, still wie immer. Hak dagegen verkrampfte sich sichtbar, sein Kiefer spannte sich, ehe er kühl zu mir hinunterblickte. Ich sprach weiter, ließ ihm keine Lücke.
„Hättest du ihr überhaupt etwas beigebracht, müsste sie jetzt nicht an einer Klippe stehen und sich so beweisen. Nur ein Gedankenanstoß, Idiot.“
Ein Laut der Genervtheit entkam ihm, doch ich sah, wie seine Brauen sich zusammenzogen, nachdenklich, trotz aller Fassade. „Sie muss nicht kämpfen können. Ich bin—“
Meine Hand schlug grob auf seine Schulter. Mit mehr Kraft, als nötig war und weniger, als er verdient hätte.
„Hör auf, dich lächerlich zu machen, Hak. Wenn du so weitermachst, sprichst du ihr jede Unabhängigkeit ab.“
Er brummte tief, sein Ton halb Rechtfertigung, halb Widerstand. „Man sagt doch, die Liebe deines Volkes sei gefährlich, da ihr für eure Gefährten alles in Stücke reißen würdet.“
Ich blinzelte, brauchte einen Moment, um den Zusammenhang zu begreifen. Er sprach nicht von Freunden, nicht von Familie. Er meinte Liebende. Und als sein Blick kurz zu Shin-ah glitt, wusste ich, worauf er hinauswollte, auf mich und ihn.
Ich hätte es dementieren können. Klarstellen, dass meine Nähe zu Shin-ah nicht die Art von Gefühl war, die sie sich alle zusammenreimten. Aber ich ließ es. Worte würden nichts ändern. Ebenso wenig war es mir bisher gelungen, es den anderen zu erklären.
Also griff ich den Teil auf, den ich erklären konnte. Meine Augen blieben fest auf ihm, als ich ruhig erwiderte:
„Das tun wir.“ Meine Stimme war sanft, doch trug sie Kanten. „Wir beschützen, ja. Wir unterstützen, wir helfen und wenn es sein muss, tauchen wir die Welt in Blut. Aber eines tun wir niemals: Wir hindern die Unseren nicht am Wachsen.“
Für einen Moment sagte er nichts. Sein Kiefer mahlte, während er den Blick auf das Meer hinaus richtete, als könne er dort eine Antwort finden. Die Brise zerrte an seinem Haar, doch er rührte sich nicht. Schließlich murmelte er leise, fast zu sich selbst:
„Wachsen, hm? Klingt leichter, wenn man es sagt, als wenn man es zulassen muss.“
„Das ist es immer“, antwortete ich leise und stieß ihn, vielleicht ein wenig tröstend, mit der Schulter an. Ich verstand ihn. Das tat ich wirklich. Aber Yona musste wachsen. Alleine. Sonst würde sie untergehen.
„Übrigens,“ meldete er sich wieder, diesmal mit Humor in der Stimme, „du hast Fans.“
Ich runzelte die Stirn, sah auf und über die Schulter. Auf dem Schiff stand die halbe Mannschaft, alle samt reglos, die Augen auf mich, Hak und Shin-ah geheftet. Yun und Kija standen etwas abseits, wobei Ersterer langsam auch auf das gaffende Schweigen aufmerksam wurde.
„Schön,“ hauchte es aus einer Ecke, und aus meiner Verwirrung wurde sofort Wut.
Ah, dachte ich. Die Kapuze. Ich hatte fast vergessen, warum ich Menschen in diesem Land nicht mochte.
„Was?“, fauchte ich, die Schärfe meines Akzents wie ein Messer. „Noch nie eine Frau gesehen? Oder braucht ihr medizinische Hilfe?“ Meine Stimme wurde kälter, während ich leicht meinen Kopf neigte. „Ich könnte euch problemlos von euren Hormonen befreien. Dauerhaft.“
„Brutal, Rani, brutal“, kam Haks Antwort, während er das Gesicht mitleidig verzog.
Yun blinzelte – überraschenderweise nicht empört, sondern eher interessiert. Wahrscheinlich überlegte er schon, wie so eine Operation ablaufen würde.
Die meisten Männer allerdings waren so hohl, dass sie meine Anspielung nicht verstanden.
Ihr Kapitän mischte sich ein, gutmütig und belustigt: „Sei ihnen nicht böse, Mädchen. Sie sehen zum ersten Mal jemanden wie dich.“
Ich drehte mich langsam um. Am Rande bemerkte ich, wie Shin-ah sich leicht versteifte.
„Ich weiß nicht, alter Geier,“ begann ich kühl, „ob ich mehr beleidigt sein soll wegen deiner Herabsetzung oder mitleidig, weil deine Männer offenbar keinen Funken Selbsterhaltungstrieb besitzen.“
Meine Augen verengten sich, meine Stimme wurde schärfer. „Ich bin kein Mädchen. Und wenn du mich noch einmal so nennst, hast du die letzten deiner Jahre verschenkt.“
Einen Atemzug lang war es still. Dann brach ein tiefes, kehliges Lachen aus der Kehle der Alten. Es war kein bösartiges Lachen, sondern eins, das wie Salz in einer alten Narbe brannte, rau, echt, durchzogen von Leben. Sie ließ den Rauch langsam zwischen den Zähnen hervorsickern und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Hah. So redet also eine Frau von deinem Schlag.“ Ein Nicken, fast anerkennend, folgte. „Gift in der Zunge und Feuer im Herzen. Ich versteh schon, warum deine Freunde dich nicht aus den Augen lassen.“
Einige der Piraten wichen verlegen zurück, als hätten sie endlich begriffen, dass ihr Starren unhöflich war.
„Kein Mädchen also,“ brummte Gi-Gan. „Vargynja.“
Ich hielt inne. Überrascht und ich wusste, man sah es mir an. Diesen Begriff, so verstümmelt in der Aussprache er auch war, hatte ich seit Jahren nicht mehr gehört.
„Vargynja?“ Yun trat näher, neugierig wie immer.
„So nennt man, laut Hörensagen, die Frauen des Nordens,“ erklärte Gi-Gan, den Blick fest auf mich gerichtet. „So viel ich weiß, heißt es Wölfin.“ Es war eine Aussage aber die Frage darunter verstand ich deutlich.
Also stellte ich sanfter klar, und vielleicht schwang in meiner Stimme ein Hauch von etwas mit, das ich selbst kaum benennen konnte. Nostalgie? Bitterkeit? Beides?
„Das stimmt. Die Wölfin. Aber deine Zunge verunstaltet das Wort so sehr, dass meine Vorfahren aus ihren Grabhügeln steigen würden, nur um dir den Rest deiner Pfeife in den Hals zu stopfen.“
Für einen Augenblick blieb es still. Dann brach erneut ein heiseres, raues Lachen aus Gi-Gans Kehle, so tief und kehlig, dass es fast über das Deck grollte. „Ich mag dich!“
Dann plötzlich veränderte sich ihr Blick. Ihr Gesicht wurde ernst, die Augen glitten hinaus über die Reling. Das Wasser hatte sich verändert: Die Wellen wurden länger, dunkler, der Wind trug Salz und eine unterschwellige Schwere mit sich.
„Das Meer kippt,“ sagte sie knapp. „Wenn die Kleine das Kraut nicht bald bringt, wird es gefährlich.“
Hak spannte sich sofort an, seine Augen verengten sich. „Verdammt.“ Ohne zu zögern stieß er sich vom Deck ab, rannte voraus. Kija und Yun folgten ihm dicht auf den Fersen, genau, wie gefühlt das ganze Schiff.
Ich blieb einen Atemzug lang stehen, und ein Seufzen entwich mir, leise, schwer.
„Ich mag das nicht,“ hörte ich es neben mir, kaum mehr als ein Murmeln. Shin-ah war dicht an meiner Seite, dichter als sonst, während wir den Klippen folgten.
„Was genau meinst du?“ fragte ich, ohne stehenzubleiben.
Doch dann stockte ich, als seine Hand sich hob. Zögerlich, fast tastend, strich er über eine lose Haarsträhne, die aus meinem Umhang gefallen war. Nur ein Hauch seiner Fingerspitzen, bevor er vorsichtig meine Kapuze nahm und sie wieder über meinen Kopf zog.
Eine schlichte Geste – fürsorglich, sanft. Und doch spürte ich den Unterton darin: die stille Ablehnung der Blicke, die vorhin auf mir gelegen hatten. Ein Funken Eifersucht, so sacht und unausgesprochen, dass er fast unterging. Fast.
Yona hatte die Prüfung mit Bravour bestanden. Mit rot unterlaufenen Augen, blutigen Händen und nass-dreckigem Gewand war sie das Kap hinaufgekommen. Die alte Schachtel hatte sie für würdig befunden und mit ihr freute sich gefühlt das ganze Schiff. Yona hatte wirklich eine Art, Menschen nah an sich zu ziehen. Das war unbestreitbar, dachte ich, als ich durch das Lager ging.
Ich fand sie über eine Schüssel Wasser gebeugt, die Finger voller Honig, klebrig, blutig, eine ziemliche Sauerei.
Ich blinzelte. „Kannst du mir erklären, was genau du da gerade versuchst?“
Sie zuckte zusammen, hob den Kopf. Ihr Haar klebte ihr noch immer in feuchten Strähnen am Gesicht, und sie sah aus, als hätte das Meer sie verschluckt, durchgekaut und wieder ausgespuckt.
„Die Dornen,“ murmelte sie kleinlaut. „Hak meinte, sie kommen von allein raus, wenn ich Honig darüber verteile.“
Mein Blick glitt über das Desaster, das sie Hände nannte. Tiefe Kratzer, kleine Splitter, getrocknetes Blut, und jetzt diese klebrige Schicht Honig obendrauf. Ich seufzte innerlich, deutete ihr, mir ihre Hände zu reichen. Zögerlich streckte sie sie mir entgegen.
„Hast du darin herumgestochert?“ fragte ich trocken.
„Vor Hak haben sie gesagt, man braucht eine Nadel…“ Ihre Stimme war unsicher, sie wand den Blick ab. „Aber außer dass es höllisch wehgetan hat, hat es nichts gebracht.“
Ich seufzte diesmal hörbar und schüttelte leicht den Kopf. „Das mit der Nadel ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Du brauchst eine Pinzette. Mit der Nadel stichst du nur tiefer hinein und machst die Wunde schlimmer.“ Ich drehte ihre Hand ein wenig im Licht, begutachtete die kleinen schwarzen Splitter, die im Fleisch steckten. „Und der Honig zieht nichts raus. Er hilft nur, dass die Haut heilt und Entzündungen verhindert. Wenn du Glück hast, stößt die Haut die Fremdkörper dann selbst ab.“
Sie schluckte. „Also… hab ich alles falsch gemacht?“
„Nicht alles,“ korrigierte ich, meine Stimme etwas weicher. „Aber genug, um es mir jetzt schwerer zu machen.“
Ich griff nach meinem kleinen Beutel, holte ein sauberes Tuch und eine kleine Metallschale hervor, die ich mit Wasser füllte. „Setz dich.“
Zögernd ließ sie sich nieder. Ihre Schultern waren angespannt, als würde sie schon jetzt den Schmerz erwarten.
„Hak meinte, man braucht nur Geduld…“ murmelte sie.
„Hak kann kämpfen, aber von Heilkunde versteht er nichts,“ entgegnete ich nüchtern. „Verlass dich nicht auf Sprüche von Männern, die denken, ein Schnitt verheilt von allein, wenn man nur genug Reisschnaps darüber kippt.“
Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht, und zum ersten Mal wirkte sie entspannter, während ich die Hände ins Wasser tauchte und den Honig vorsichtig abwusch.
Sie beobachtete mein Tun mit dieser offenen Neugier, die ihr eigen war, als ich ihre Finger vorsichtig aus dem Wasser hob und auf das Tuch in meinem Schoß legte. Die Pinzette sah in ihren Augen wahrscheinlich aus wie ein Werkzeug der Folter, zwei scharfe Eisenklingen, fein geschmiedet, der Griff mit zarten Mustern verziert.
Ich bemerkte, wie ihre Kehle arbeitete, als ich die Spitze ansetzte. Ihre Schultern zogen sich hoch, sie hielt den Atem an, die Finger bereits angespannt und dann sackte sie überrascht zusammen, als kein Schmerz kam.
„Das… tut gar nicht weh,“ murmelte sie, fast ungläubig, und ihre Augen verfolgten meine Hand, die den ersten Dorn mit einer ruhigen Bewegung herauszog.
„Mhm,“ machte ich nur, ohne aufzusehen, und griff schon nach dem nächsten Splitter. Einer nach dem anderen glitt heraus, als hätte er nie dazugehört. Keine Tränen, kein Zucken, kein Schmerz. Nur ihr erstauntes Schweigen, das lauter war als jedes Wort.
Ich erklärte nichts. Manchmal war es besser, wenn andere glaubten, es läge allein am Werkzeug oder an der Technik, nicht an dem, was wirklich in meinen Händen lag. Ein vertrautes Kribbeln zog durch meine Fingerspitzen, kalt, zurückhaltend. Ich könnte ihr nicht nur den Schmerz nehmen, sondern auch die Wunden schließen. Aber das war nicht nötig. Alles war nur oberflächlich, Kratzer, die von selbst verschwinden würden.
Als ich bei ihrer zweiten Hand ansetzte, spürte ich eine Präsenz in meinem Rücken. Leicht, neugierig, kein Druck, doch eindeutig. Jemand hatte sich dazugesellt.
Yona hob den Kopf, und ein Strahlen huschte über ihr Gesicht. „Jae-Ha“, meinte sie, freute sich sichtlich den grünen Drachen zu sehen.
„Meine Damen“, ließ er es verlauten, charmant wie immer, die Stimme glatt wie Seide. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er sich näherte, zu nah, und mir neugierig über die Schulter blickte.
Eine kalte Gänsehaut kroch mir den Rücken hinauf. Ich hasste es, wenn Fremde dort standen, wo ich sie nicht sehen konnte. Meine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie. Wäre er nicht derjenige, der er war und wüsste ich nicht, dass Shin-ah nur wenige Schritte entfernt Wache hielt, hätte ich diese Frechheit nicht so stillschweigend hingenommen.
„Unterbrichst du immer Ärzte bei der Arbeit, Grüner Drache?“ fragte ich kühl, meine Stimme so scharf wie die Pinzette, mit der ich einen tief sitzenden Dorn herauszog. Wo eigentlich Blut hätte fließen sollen, blieb nichts als ein winziges Loch, unscheinbar, sauber, wie nie gewesen.
„Nur wenn es hübsche Ärztinnen sind“, schmeichelte er, die Stimme glatt wie Öl.
Ich hob eine Braue, den Blick weiter auf Yonas Hand gerichtet. „Dann solltest du besser lernen, den Unterschied zwischen Schmeichelei und Störung zu kennen.“ Meine Worte waren leise, aber kalt genug, um die Luft dazwischen schneiden zu können.
Yona lachte leise, unsicher, als wolle sie die Spannung zerstreuen. Jae-Ha jedoch wich nicht zurück. Stattdessen beugte er sich etwas vor, die Hände locker auf den Knien, und sah mir über die Schulter, zu genau, zu prüfend.
„Man kann einen Muskel auf vier Arten vom Knochen lösen, Jae-Ha.“
Ich sprach tonlos, wie ein Lehrer, der einem unaufmerksamen Schüler eine Selbstverständlichkeit erklärt. Die Pinzette klickte leise zwischen meinen Fingern, und ich sah ihn nicht an. „Drei davon lassen sich mit diesem Werkzeug durchführen.“
Einen Augenblick herrschte Stille, nur das leise Rascheln des Tuchs in meiner Hand und Yonas unsicheres Atmen waren zu hören.
Dann lachte Jae-Ha, weich, melodiös, ein Klang, der gewohnt war, Spannungen zu überdecken. „Ah, also sollte ich mir besser überlegen, dich je zu verärgern, hm? Eine Ärztin, die so viel… Fachwissen hat.“
Ich zog den letzten Dorn endlich heraus, hielt das winzige, unscheinbare Ding in der Spitze meiner Pinzette hoch. „Fachwissen ist neutral. Es sind die Hände, die entscheiden, wie man es nutzt.“
Er hielt meinem tonlosen Kommentar stand, aber ich sah, wie sein Lächeln für einen Herzschlag zu lange anhielt, zu sehr aufgesetzt.
Ich beendete meine Arbeit, indem ich mit einem befeuchteten Tuch über Yonas Hände strich und ein paar Tropfen desinfizierendes Öl gleichmäßig verteilte. „Sei die nächsten Stunden vorsichtig damit“, wies ich sie an, sachlich, aber unmissverständlich.
Dann drehte ich mich um und da war er. Zu nah, zu locker, wie ein Fremdkörper in meiner Reichweite. Härter, als ich wollte, griff ich nach seiner rechten Hand, drehte sie auf. Kratzer. Kleine Splitter. Spuren von jemandem, der die See zu sehr auf die leichte Schulter nahm.
„Setz dich“, ordnete ich an, meine Stimme scharf wie ein Skalpell. „Oder ich hole die Dornen mit einer Nadel raus.“ Er zuckte kaum merklich zusammen, mehr überrascht als eingeschüchtert, doch ich ließ seine Hand nicht los.
Mit einem Wink rief ich Yun heran. Der Junge blinzelte empört, zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin kein Hund.“
„Dann benimm dich auch nicht wie einer“, konterte ich trocken und drückte ihn auf meinen Platz, als ich aufstand. „Ich habe ein Versuchskaninchen für dich.“
„Was?“, stieß Jae-Ha aus, während Yuns Augen gefährlich zu funkeln begannen, wie die eines Kindes, das soeben ein neues Spielzeug bekommen hatte. Meine Hand fand die Schulter des Grünen Drachen, drückte ihn lächelnd nieder, als er aufspringen wollte, und meine Finger bohrten sich gerade so tief in seine Haut, dass er die Andeutung verstand. „Du willst doch nicht, dass sich einer dieser Dornen entzündet und du elendig an einer Blutvergiftung krepierst, oder?“
„Elendig?“ Er zog den Kopf leicht zurück, seine Miene schwankte zwischen gekränkt und belustigt.
Yona, die sich an seine andere Seite geschlichen hatte, legte sofort nach: „Es war überhaupt nicht schlimm! Hat gar nicht weh getan.“
„Ach wirklich?“ Er musterte sie kleinlaut, doch seine grünen Augen wanderten dann schnell zurück zu mir und das Zucken in seinem Mundwinkel verriet, dass er dort eine ganz andere Botschaft las. „Ich hab das Gefühl, deine Ärztin denkt etwas anderes.“
Ich schwieg nur, hob eine Braue. Er seufzte, wandte sich schließlich Yun zu, der bereits erwartungsvoll die Pinzette zwischen den Fingern hielt. „Du machst das nur, weil ich dich vorhin gestört habe, stimmt’s?“
„Natürlich nicht.“ Mein Ton war seidenweich, scharf darunter. „Da ich aber eine so hübsche Ärztin bin, möchte ich selbstverständlich nicht, dass so hübsche Hände entstellt werden.“
„Ah.“ Jae-Ha nickte, lehnte sich zurück, als hätte er gerade die Pointe gefunden. „Es war also das hübsch. Hätte ich mir denken können.“
Das „hübsch“ war schnell vergessen. Ich leitete Yun an, welchen Winkel er beachten musste. Erklärte, dass die Pinzette schärfer schnitt als manches Messer, fast wie ein Skalpell. Ich zeigte ihm, wo Nerven verliefen, wo die feinen Arterien lagen, welche Knochen welchen Namen trugen. Am Ende saß er da, die Stirn gerunzelt, machte sich Notizen, als wäre er in einer Vorlesung.
Dieses Mal betäubte ich nicht. Sollte der Grüne Drache ruhig spüren.
Und als ich mich später, nach dem Essen, neben Shin-Ah an die Reling stellte, war ich mir sicher: Der Grüne Drache würde mich eine Weile in Ruhe lassen.
Er würde sich zumindest nicht mehr so nähern wie heute. Nicht mit dieser ölig-schleimigen Art, die mir so widerstrebte. Mich auf mein Aussehen zu reduzieren empfand ich nicht als Kompliment, das würde er früher oder später begreifen.
Ich lehnte meinen Rücken gegen das Geländer und sog die kühle, salzige Nachtluft tief in die Lungen. Unter mir bewegte sich das Schiff im Rhythmus der Wellen, ein gleichmäßiges Schaukeln, das beinahe beruhigend wirkte. In der Ferne glimmten die kleinen Lichter des Hafens, tanzten über der Wasseroberfläche wie flackernde Flammen, die der Wind jederzeit hätte auslöschen können.
Meine Hände blieben kalt. Schmerz zu nehmen, entzog ihnen stets die Wärme, ließ sie länger taub und frostig zurück, als mir lieb war. Es war nichts Neues, nichts Tragisches, ich hatte mich daran gewöhnt. Und doch war es lästig, dieses beständige Frösteln, das mich unbewusst dazu brachte, die Finger tiefer in den Stoff meiner Ärmel zu vergraben, als suchte ich darin eine Wärme, die längst nicht mehr kam.
Seine Hand, die sich um meine schloss, war warm, und ich blinzelte überrascht, als er begann, vorsichtig Wärme in meine erstarrten Glieder zu reiben. Seine Lippen waren zu einer geraden Linie gepresst, und ich musste seine Augen nicht sehen, um zu wissen, wie wenig ihm das gefiel. Es hatte ihm nie gefallen, wenn ich heilte.
„Du weißt, dass es vorübergeht.“
Er nickte und zu meiner Überraschung antwortete er. Leise, sanft, fast scheu:
„Du solltest es ihnen sagen.“
Ich neigte den Kopf, reichte ihm die andere Hand, als er stumm danach verlangte. Er umschloss beide, hielt sie wie etwas Kostbares, das ihm leicht zerbrechen konnte. Meine Finger wirkten beinahe lächerlich klein in seinem Griff.
„Warum?“, fragte ich ruhig. Wir hatten meine Kräfte nur flüchtig berührt, nie hatte ich erklärt, wo ihre Grenzen lagen, welchen Preis sie forderten, noch woher sie stammten. Sämtliche Fragen hatte ich abgewehrt, bis schließlich niemand mehr nachfragte.
„Du gibst zu viel.“
Auch er wusste nicht, was mich wie viel kostete. Doch Shin-Ah besaß ein feines Gespür, vielleicht zu fein. Ich war mir sicher, er erkannte genau, wo meine Grenzen verliefen.
„Das tu ich nie.“
Seine Lippen pressten sich noch fester aufeinander. Ich spürte seinen Blick, unsichtbar hinter dem Holz, und doch schwer auf meiner Haut. Schließlich murmelte er, leise, mit einer Sanftheit, die kaum verhüllte, wie sehr er es meinte:
„Doch. Wenn sie es nicht wissen… gibst du zu viel.“
Sein Griff blieb fest, nicht fordernd, nur warm.
„Ich will nicht, dass du verschwindest.“
Überrascht lachte ich auf. Kein hartes, spöttisches Lachen, sondern ein ehrliches, von dieser unvermittelten Schlichtheit entwaffnet. „Bei allen Göttern, Shin-Ah… du siehst viel zu viel.“
Meine Augen musterten die Maske, das Holz, das mir so vertraut geworden war. Ich dachte an die goldenen Augen dahinter. Augen, die so viel mehr sahen, als gut für sie waren.
Meine Finger drückten die Seinen, als ich tapsende Schritte hörte und mich von ihm löste. Auch wenn es nur Einbildung war, fand ich, dass meine Haut jetzt viel wärmer war.
„Werd ich nicht“, versicherte ich noch, ehe mein Blick über seine Schulter glitt.
Yona stapfte an uns vorbei, die langen roten Strähnen schimmerten selbst im bleichen Mondlicht. Als sie uns bemerkte, stockte ihr Schritt, und sie hielt unsicher inne.
„Oh. Ich wollte nicht…“
„Wie geht es deinen Händen, Prinzessin?“ Meine Stimme schnitt sacht durch die Pause, unterbrach und bot ihr einen Ausweg. Indirekt, aber klar: Sie störte nicht. Auch wenn Shin-ah und ich näher standen, als wir es sonst taten.
Sie blinzelte kurz, dann huschte ein ehrliches Lächeln über ihr Gesicht. „Gut. Sie tun nicht mehr weh und heilen schnell.“
Ich nickte zufrieden und zog die Lippen zu einem kaum merklichen Schmunzeln. „Das ist gut. Vielleicht können wir dir nach der ganzen Sache hier ein Kurzschwert besorgen.“
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Shin-ahs Maske sich leicht neigte, still, aufmerksam, wie immer. Yonas Augen dagegen weiteten sich.
„Aber Hak …“
„Wird sicher nichts dagegen einzuwenden haben“, unterbrach ich sie. Doch während ich sprach, bemerkte ich die Veränderung in Shin-ahs Haltung. Er trat näher an die Reling, so unauffällig, dass es für Fremde wirken musste, als schirmte er mich einfach beiläufig ab. Für mich jedoch war es deutlich: er spannte sich an. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich meinen Kopf direkt auf seine Schulter legen können, ohne mich auch nur zu bewegen.
Ich runzelte die Stirn. Yona wandte hastig den Blick ab, als meine Hand auf Shin-ahs Schulterblatt glitt, eine halbe Umarmung, still und selbstverständlich.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Der Hafen—“ Shin-ahs Stimme war leise, sanft, doch ein Zögern lag darin. „Boote versammeln sich.“
Die Atmosphäre kippte augenblicklich, als wäre die Luft selbst schwerer geworden.
„Wie viele?“ Gi-Gan stellte die Frage scharf, ihre Augen waren nur auf ihn gerichtet.
Ich drehte mich leicht, wollte sehen, was er sah. Doch meine Augen erfassten nur das Dunkel und ein paar ferne, tanzende Lichter auf dem Wasser.
„Sieben“, antwortete er knapp.
„Sieben?!“ Jae-Ha riss die Stimme hoch, das Lächeln auf seinen Lippen wich schlagartig Ernst.
„Auf ihnen sind Menschen, mit Waffen.“
Mit einem Ohr hörte ich, wie die Alte von Kumji sprach, von seiner lächerlichen Taktik, Einschüchterung und Drohung, so durchsichtig wie ein alter Trick. Ihre Stimme war fest, fordernd, beinahe spöttisch, und sie trieb die Mannschaft an, sich für die kommende Auseinandersetzung zu sammeln.
Ich jedoch wandte den Kopf nur leicht, sprach leise genug, dass es nur er hören konnte. „Wie sehen die Männer aus? Sind es einfache Söldner oder Leute, die mehr können, als nur ein Schwert ein wenig zu schwingen?“
Sein Atem streifte meinen Hals, als er das Gesicht näher neigte. Die Gänsehaut, die darüber jagte, hatte nichts mit der Kälte zu tun.
„Söldner,“ murmelte er. Eine kurze Pause, dann tiefer, ernster: „Aber nicht alle.“
Der nächste Tag war wunderschön. Warm, angenehmer seichter Wind, der die Luft von weit vom Meer herüber trug und dennoch wirkte alles ein wenig bedrückt. Menschenhandel, war keine leichte Kost. Ich sah es an Yun. Mit ihm war ich gerade beschäftigt. Zwischen Knien, gebrochenen Nasen und Prellungen, die mehr Farben trugen als ein Herbstwald. Er arbeitete flink, fast übermütig, doch ich sah, wo seine Hände zitterten. Zu viele Patienten, zu wenig Ruhe, zu schweres Thema.
„Ruhiger“, murmelte ich, während ich ihm die Pinzette aus der Hand nahm, bevor er einem Mann die halbe Haut mit abgerissen hätte. „Du behandelst kein totes Schwein.“
„Ich weiß, ich weiß!“ zischte er zurück, aber seine Schultern sanken dankbar, als ich die Stelle übernahm.
Am Rand des Blickfelds sah ich Yona. Wie sie zwischen den Männern stand, Wasser austeilte, Hände hielt. Ihr Umhang war längst durchnässt, die Haare klebten an den Wangen, aber niemand lachte über sie. Im Gegenteil, überall, wo sie vorbeiging, richteten sich Rücken auf, als hätten sie neue Kraft.
„Sie hat ein Talent dafür, die Herzen zu heilen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst.
„Das ist keine Medizin, das ist … irgendwas anderes“, antwortete Yun scharf, doch sein Blick folgte ihr genauso wie meiner.
Ich sah die Piraten. Wie sie ihr zulächelten, trotz aufgeschlagener Lippen, trotz Schmerzen. Wie ihre Augen weicher wurden, wenn Yona vorbeiging. Und ich wusste, dass Captain Gi-Gan das ebenso registrierte wie ich. Doch was mir auch auffiel, war: Jedes Mal, wenn sie anpacken wollte, stand da einer, der ihr die schwere Arbeit aus der Hand nahm. Ein Sack, ein Korb, ein Krug, fort, noch bevor sie ihn richtig gefasst hatte. Und jedes Mal, wenn das geschah, erlosch ein Stück des Glanzes in ihren Augen.
Sie verschwand schließlich aus meinem Blickfeld, als Kija ihr den schweren Sack abnahm, beinahe ehrfürchtig, als hielte er ein heiliges Relikt. Ich seufzte, wandte mich ab und beugte mich wieder über meinen Patienten. Der keuchte, als würde ich ihm gleich den Arm amputieren.
„Hör auf damit“, schnauzte ich grob. „Selbst Kinder haben mehr Rückgrat als du.“
Das Gejammer hörte nicht auf und mein Tag damit auch nicht. Also leitete ich Yun an, Schritt für Schritt. Er hörte zu, konzentriert, und ich musste mir eingestehen: der Junge war ein Naturtalent.
Als er die Schulter eines jungen Piraten bei seinem allerersten Versuch sauber einrenkte, durchfuhr mich ein Rinnsal von Stolz. Meine Hand legte sich fast von selbst auf seinen Kopf, ein seltener Reflex.
„Sehr gut gemacht!“ Meine Freude war deutlich, lauter, als ich beabsichtigt hatte. Verbergen konnte ich sie nicht.
Der Pirat vor uns starrte mit kreidebleichem Gesicht, schnappte nach Luft wie ein ertrinkender Fisch. Yun hingegen hielt inne, wurde knallrot, nicht vor Anstrengung, sondern wegen meines ehrlichen Lobs.
„Ich sagte doch, dass ich alles kann“, murmelte er, verlegen grinsend.
Ich nickte knapp. „Wenn du so weiter machst, kann ich dir bald die innere Medizin beibringen. Mit Knochen und Muskeln kommst du schon wunderbar zurecht.“
Er blinzelte, leicht irritiert. „Innere Medizin?“
Mit einer scheuchenden Bewegung entließ ich den Piraten, der eben noch jammernd vor uns gesessen hatte, und winkte den nächsten heran, dieser kam nur zögernd. „Ja. Die Organe. Das Blutsystem.“
Yun starrte mich einen Herzschlag lang an, als hätte ich ihm gerade angeboten, ein Schaf auf dem Küchentisch aufzuschneiden. „Die … Organe?“ wiederholte er, die Stimme höher als sonst.
Ich tastete die Schwellung unterhalb des Ellbogens ab, nickte zufrieden. „Natürlich. Alles, was dich am Leben hält, steckt da drin. Knochen flicken kann jeder lernen, aber zu wissen, wann ein Herz stolpert oder warum die Lunge pfeift — das ist die wahre Kunst.“
„Das klingt… ziemlich faszinierend und blutig.“ Seine Augen klebten an meinen Händen, ungläubig und neugierig zugleich, während ich die Schwellung mit Salbe einrieb.
„Ist es“, sagte ich trocken. „Und genau deswegen musst du lernen, ruhig zu bleiben. Blut schreit nicht. Es fließt. Und wenn du die Zeichen nicht erkennst, stirbt der Mensch, bevor du überhaupt begriffen hast, warum.“
Er schluckte, sichtbar nervös — und dann, plötzlich, flackerte etwas in seinen Augen auf: dieses bekannte Funkeln, das immer kam, wenn er etwas wirklich begriff. Seine Schultern entspannten sich, ein breites Lächeln brach durch, fast kindlich.
„Also?“, fragte ich, während ich den Arm bandagierte. „Willst du nur Knochen einrenken können oder wirklich verstehen, wie ein Körper funktioniert?“
Yun sah mich an, seine Stimme brach heraus, voller Energie:
„Alles. Ich will alles lernen!“
Seine Freude war so echt, dass sie beinahe ansteckend wirkte. Ungebremst, klar, man konnte sie fühlen.
Ein seltenes, kurzes Schmunzeln zog an meinen Lippen. „Gut. Dann wirst du auch alles lernen.“
Der Pirat, den wir gerade behandelt hatten, sprang auf, sobald ich ihn losließ und rannte schneller davon, als ich es ihm zutraute. Anscheinend war unser Gespräch über Blut und Organe für seinen empfindlichen Magen doch zu viel gewesen. Yun kicherte, und ich ließ ihn gewähren.
Die Stunden verstrichen, und am späten Nachmittag kippte die Stimmung. Ich stand mit den anderen an Deck, die Arme vor der Brust verschränkt, während Yona von ihrem Ausflug in die Stadt berichtete. Ihre Stimme war fest, stärker als noch vor wenigen Tagen, und sie sprach von dem Laden, in dem Frauen mit falschen Versprechungen geködert wurden.
Gi-Gan hörte schweigend zu, der Rauch ihrer Pfeife kringelte sich träge in den Himmel, doch in ihren Augen blitzte es gefährlich.
„Er sammelt sie“, murmelte die Alte. „Sobald er genug Ware hat, setzt er die Segel. In drei Tagen und sicherlich nicht vor Mitternacht. Er war schon immer gierig.“
„Und die Frauen?“ Yona presste die Hände ineinander, ihr Blick flackerte nur einen Herzschlag, bevor er wieder fest wurde.
„Wir wissen immer noch nicht, auf welchem Schiff sie sein werden“, erklärte Gi-Gan bitter, ihre Stimme kratzig wie altes Holz.
Ein Moment der Stille. Dann Yona, überraschend klar: „Was wäre, wenn wir ein Signal abfeuern? Von dem Schiff, auf dem die Frauen sind?“
Die Köpfe drehten sich zu ihr. Selbst Hak schwieg. Ich richtete mich unbewusst ein Stück auf, ahnte schon, wohin sie steuerte.
Gi-Gans Gesicht verzog sich, sie biss auf das Ende ihrer Pfeife. „Ja … dann könnten wir sie schneller retten. Aber wer soll das verdammt noch mal abfeuern?“
„Ich.“
Ein einziges Wort, doch es schlug ein wie ein Komet. Schwer, unaufhaltsam. Ich spürte das Gewicht fast körperlich. Meine Mundwinkel zuckten, und das Lachen, das in mir aufstieg, hielt ich nur mit Mühe zurück.
Yonas Worte hallten nach. „Das ist etwas, das nur ich tun kann.“
Ich verschränkte die Arme enger vor der Brust. Ihre Stimme zitterte nicht.
„Bitte… lasst mich diesen Kampf mit euch kämpfen.“
Ein Raunen ging durch die Männer, ein Aufbäumen, Widerworte. Kija fuhr auf, zählte Risiken herunter wie ein Richter das Todesurteil: entdeckt werden, getötet werden, ablenken, eine Flamme entzünden, mitten unter Feinden. Und ich sah, wie Yona all das aufnahm, ohne zu blinzeln.
Hak spannte sich neben mir, sein Blick finster wie Sturmwolken. „Unmöglich“, knurrte er. „Sie bringen dich um, noch bevor du die Zündschnur siehst.“
Doch Yona blieb stehen. Schmal, zerbrechlich im Körper, und doch sprach sie von Rettung, als wäre sie selbst das Schild, das uns alle trug. Ich spürte, wie die Luft schwerer wurde, stiller.
Adrenalin flutete meine Adern, als ich ihre Augen sah. Sie brannten. Nicht wie eine Kerze, die im Wind verlöscht, sondern wie die wilden Feuer Skjoldar, die selbst die Nacht zum Tag machten.
Kampftrommeln hallten in meinem Ohr, eine ferne Erinnerung aus meiner Heimat. Und ich begriff: Dies war das erste Mal, dass ich es wirklich sah. Den Grund, warum man ihr folgen konnte. Dieses Potential, roh, unbeugsam, die Welt zu verändern.
„Alleine kannst du nicht gehen“, begann die alte Frau, blies den Rauch in die Runde und sprach weiter. „Jemand muss dich begleiten, sonst funktioniert dein Plan nicht.“
Ich spürte den Blick, noch bevor er den Mund aufmachte, schwer, unausweichlich. Und als er sprach, war es, als hätte er den Namen längst beschlossen.
„Rani.“
Keine Frage. Nur ein Befehl in Haks Stimme.
Shin-ah, bisher wie ein Schatten neben mir, still, zurückhaltend, spannte sich sichtbar an. Es war, als hätte jemand ein unsichtbares Seil durch die Gruppe gespannt, das nun mit voller Kraft zog. Die Luft wurde schwer wie Blei.
„Nein.“
Ich blinzelte, überrascht, wandte den Kopf zu ihm. Nie zuvor hatte ich Shin-ah so gehört. Seine Stimme war sonst leise, sanft, vorsichtig, als müsse er jedes Wort dreimal abwägen, bevor er es sprach. Doch jetzt schnitt sie durch die Stille wie Eiswasser. Hart. Kalt. Unmissverständlich.
Bevor es eskalieren konnte, legte ich meine Hand auf seinen Arm. Mein Griff fest, nicht grob, nur so, dass er es spürte.
„Wenn es sinnvoll wäre, würde ich an ihrer Stelle gehen“, begann ich ruhig. Die Muskeln unter meinen Fingern spannten sich sofort an, wie ein Bogen kurz vor dem Schuss. „Aber du weißt so gut wie jeder hier, dass es eine wirklich dumme Idee ist.“
„Sie werden nicht zweimal nachdenken, dich einzusammeln“, widersprach er scharf, fast aufbrausend. „Und im Gegensatz zur Prinzessin kannst du kämpfen. Wahrscheinlich besser als das ganze verdammte Schiff zusammen.“
„Hak.“ Yonas Stimme schnitt dazwischen, leise, aber bestimmt. „Rani kann nicht gehen. Und das weißt du.“
Gi-Gan sog scharf Luft ein, und die Art, wie ihre Augen Hak musterten, fühlte sich an, als wollte sie ihm die Haut abziehen. „Es wäre pure Dummheit, die einzige Ärztin in Gefahr zu schicken.“ Ein Zug an der Pfeife, Rauch, bissig wie ihre Stimme. „Davon abgesehen, glaubst du wirklich, sie würden sie einfach zu den anderen Frauen stecken? Ich nicht. Für so eine wie sie zahlen die Schweine doppelt, vielleicht dreifach. Eine Frau aus dem Norden ist mehr wert als jede Fischertochter.“
Die alte Frau lehnte sich zurück, ihre Augen glitten prüfend über die Runde, bis sie an Yun hängen blieben.
„Du“, sagte sie trocken. „Du bist der Einzige, der problemlos als Frau durchgehen könnte.“
„H-Häh?!“ Yun riss die Augen auf, als hätte man ihn geohrfeigt.
„Du kannst schnell denken, dich aus jeder Situation herauswinden… und mit Sprengstoffen kennst du dich auch aus, richtig?“ Gi-Gans Stimme war messerscharf, jedes Wort wie ein Stich an die richtige Stelle.
„W–Warte mal! Einen Augenblick!“ Yun ruderte wild mit den Armen, seine Stimme mehrere Tonlagen zu hoch. „Hübsch bin ich vielleicht, ja! Ein ziemlich hübscher Junge – wenn wir schon ehrlich sind! – aber wir reden hier von einem verdammten Menschenhändler!“
Ich sah, wie er schluckte. Sein Blick huschte kurz zu Yona, die ihn sanft ansah, nicht drängend, nur bestärkend. Etwas in seinem Ausdruck veränderte sich. Die Kiefer mahlten, die Finger ballten sich zu Fäusten, bis er schließlich tief Luft holte.
„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig“, murmelte er, und die Unsicherheit wich einem entschlossenen Funkeln. „Ich bin schließlich der Einzige, der sich mit Feuerwerk auskennt.“
Stille legte sich über die Runde, schwer und voller unausgesprochener Gedanken. Einer nach dem anderen löste sich die Gruppe auf, leise Nachbesprechungen hier, skeptische Blicke da. Kija klebte bereits wie ein Schatten an Yona, redete auf sie ein, während Yun mit verschränkten Armen den Blick ins Leere richtete.
Da schloss sich eine Hand um meine. Warm, vertraut, zurückhaltend, und doch bestimmt. Shin-ah. Er zog mich einfach fort, weg von der Runde, weg von den neugierigen Augen. Ich protestierte nicht. Er musste nichts sagen, ich wusste, was er dachte.
Er wollte nicht riskieren, dass noch jemand auf die dumme Idee kam, meinen Namen erneut ins Spiel zu bringen.
Wir hielten erst an, als die Stimmen der anderen nur noch gedämpft über die Planken zu uns drangen. Er hatte mich ans andere Ende des Schiffs geführt. Einige Momente lang beobachtete ich ihn, wie er hinaus auf das Meer starrte, reglos, doch die Spannung in seinen Schultern verriet, dass er innerlich tobte. Seine Hand hielt meine noch immer, fest und warm, als könne er mich damit an Ort und Stelle binden.
Ein leises Seufzen entwich mir. Behutsam legte ich meine Arme von hinten um ihn, schob meine Hände auf seine Brust, spürte das gleichmäßige, aber kräftige Schlagen seines Herzens.
Ich schwieg, wartete. Erst, als er tief Luft ausstieß und seine Schultern sich senkten, durchbrach er die Stille.
„Ich will nicht, dass Yona geht,“ gestand er leise. Seine Stimme war unsicher, fast so, als dürfe er diesen Gedanken gar nicht laut aussprechen. Dann neigte er den Kopf, so sanft, dass seine Lippen kaum spürbar meine Finger streiften. „Aber noch weniger… will ich, dass du gehst.“
Kurz verharrte ich, nahm ein Stück Abstand, gerade so weit, dass ich um ihn herumkam, ohne den Griff zu lösen. Meine Arme glitten über seine Schultern, bis ich schließlich direkt vor ihm stand, dicht an seine Brust gedrückt, den Kopf leicht angehoben, um in die Maske zu sehen. Meine Fingerspitzen strichen über seinen Nacken, glitten an den Haaransatz unter dem Fell.
Seine Arme schlossen sich automatisch fester um meinen Rücken, hielten mich so, als könnte er mich mit bloßer Kraft vor allem bewahren.
„Ich gehe nicht.“ Meine Stimme war ruhig, schneidend klar. Ich lehnte meine Wange an die seine, das Kinn in seiner Halsbeuge, die Nähe so vertraut wie das Pochen seines Herzens. „Und glaub mir, eine Gefangennahme ist ausgeschlossen. Ich bringe jeden um, der es versucht.“
Ich spürte, wie sich seine Brust gegen mich hob, ein tiefes, zittriges Ausatmen, das er nicht unterdrücken konnte. Für einen Augenblick war er still, dann senkte er leicht den Kopf, so dass sein Atem meine Haut streifte.
An diesem Abend ließ er mich lange nicht los, während die Wellen gegen den Rumpf schlugen und die Nacht uns immer tiefer umfing. Irgendwann verwob sich das Rauschen des Meeres nahtlos mit dem geschäftigen Treiben des Morgens das Knarren der Planken, Rufe über Deck, Schritte, die eilten.
Als ich den Raum betrat, fand ich Yun vor einem kleinen Spiegel, die Stirn gerunzelt. Seine Finger nestelten fahrig an der Perücke, zupften mal hier, mal dort, als könnte er damit die Nervosität in sich selbst bändigen. Doch die leichte Anspannung in seinem Kiefer verriet mehr, als er je zugeben würde.
„Du machst es nur schlimmer.“ Meine Stimme war ruhig, beinahe weich, während ich seine Hände sanft beiseiteschob. Mit gleichmäßigen Bewegungen richtete ich die langen, künstlichen Haare, legte sie glatt an seine Schläfen. Dann fasste ich sein Kinn, hob es leicht an, sodass er mich ansehen musste.
Seine Augen flackerten. Angst, Unsicherheit und darunter dieser Trotz, dieser Wille, nicht nutzlos zu sein.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe,“ murmelte er, kaum hörbar. „Aber… ich will es versuchen. Für sie. Für Yona.“
„Dann reicht das schon,“ erwiderte ich, nahm den Pinsel vom Tisch und tauchte ihn in die rote Farbe. Mit ruhiger Hand zog ich die Linie über seine Lippen, fest, ohne zu zittern. „Angst zu haben heißt nicht, dass du versagst oder schwach bist. Nein. Angst ist mächtig. Sie hält dich wachsam. Sie hilft dir zu überleben. Und das wirst du.“
Er schluckte hörbar, suchte Halt in meinen Augen. Ich senkte die Stimme, ließ sie rau, beinahe ein Versprechen: „Glaub mir, Hel will dich noch nicht.“
„Hel?“ fragte er, neugierig, aber auch dankbar für die Ablenkung.
„Sie herrscht über das Totenreich,“ erklärte ich knapp, während ich mit dem Zeigefinger die Farbe über seine Lider strich, gleichmäßig, symmetrisch. „Zumindest sagt sich das mein Volk.“
Mein Daumen strich über seine Wange, verteilte Rouge. Minuten vergingen, bis ich zurücktrat und ihn musterte. Ein kleiner, ehrlicher Schmunzler zuckte über meine Lippen. „Wirklich sehr hübsch.“
Seine Wangen verfärbten sich, diesmal nicht vom Rouge, sondern von echter Röte. Er räusperte sich, zog das Kinn ein wenig höher. „Das weiß ich,“ sagte er, selbstsicherer, als er sich fühlte.
Ich ließ mein Haupt einen Atemzug lang geneigt, dann trat ich wieder vor, glitt mit einer Bewegung auf die Knie. Er blinzelte überrascht, seine Augen sofort auf meine Hand gerichtet. Dort, wo im schwachen Licht ein kleines Messer schimmerte. Unauffällig, aber tödlich, die Runen klar in die Scheide graviert.
„Was–?“ setzte er an, stoppte, als er den Ernst in meinen Augen sah.
„Wenn etwas schiefgeht,“ sagte ich leise, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ich legte das Messer in seine Hand und schloss seine Finger um den Griff. „Es ist zu dünn für einen offenen Kampf, zu klein für ein Schwert — aber es trennt Knochen wie Butter und Arterien wie Luft.“
Seine Finger zitterten. Aber er hielt es fest. Ich fuhr ihm an den Hals, legte ein Fingerspitze an und sprach ruhig weiter, zeigte ihm die Stellen, auf die es im Ernstfall ankäme. „Kein Heldentum. Schnell, gezielt — und dann weg.“
Er nickte, noch unsicher, aber konzentriert.
„Du bist klein und schwach,“ fuhr ich fort. Keine Beleidigung — eine Tatsache. „Jeder Mann auf diesen Schiffen wird stärker sein, als du.“ Meine Hand legte sich an seine Wange; ich lächelte kalt.
„Dann nutze genau das zu deinem Vorteil. Sei schneller, unberechenbar und erbarmungslos. Schlag gezielt, verschwinde sofort und zögere nicht. Sei unfair. Sei bösartig. Alles was du sein musst.“
Er atmete tief ein. Für einen Moment schien die Unsicherheit sein Gesicht zurückzufordern — ein Zittern um die Lippen, ein kurzes Flackern in den Augen. Dann hob er den Kopf, setzte ein kleines, fast schiefes Lächeln auf, das mehr Entschlossenheit als Fröhlichkeit war.
„Ich hab Schiss,“ gab er offen zu, die Stimme rau vor Anspannung. „Aber… ich werde da rein.“
Seine Hände umklammerten das Messer, die Finger noch warm vom Zittern, aber fest. Die Unsicherheit nahm eine andere Farbe an — nicht Aufgabe, sondern Antrieb. „Und ich werde der cleverste und schnellste von uns sein. Versprochen.“
Einen Moment lang sah ich ihn nur an, und mein Lächeln wurde weich, wärmer, als ich es sonst zuließ. Ich legte meine Hände an sein Gesicht, beugte mich nach vorne und hauchte die Worte leise gegen seine Stirn:
„Slá sem stál, hlaupa sem vindr,
heim kom þú, mitt djarfa kindr.“
Er hielt den Atem an, als das ungewohnte Klangbild der alten Sprache den Raum erfüllte. Fremd in seinen Ohren, rau und rund zugleich. Ich löste mich, sah ihm in die Augen und gab eine knappe Übersetzung:
„Ein Segen. Schlag wie Stahl, lauf wie Wind, und komm heim, mein tapfres Kind.“
Yun schluckte hörbar. Seine Augen glänzten, eine Mischung aus Angst und Stolz, und er presste die Lippen fest zusammen, als wollte er den Segen in sich einschließen. Dann nickte er, ernst und still.
Ich ließ meine Hände von seinem Gesicht gleiten, stand auf und griff nach der Tür. „Ruh dich noch etwas, solange du kannst. Heute Nacht wird schwer genug.“
Als ich ging, blieb er allein zurück, die Finger fest um den Dolch geschlossen, und ich wusste, dass er meine Worte nicht so schnell vergessen würde.
Ich stand oben, nahe bei Gi-Gan, die Arme verschränkt, und starrte hinaus in das dunkle Meer. Unter uns tobte das Chaos: Schreie, das Kreischen von Holz, wenn es splitterte, und das metallische Aufeinanderschlagen von Stahl. Fackeln flackerten über die Decks, warfen wilde Schatten, und das Salz in der Luft brannte in meiner Nase.
Meine Augen huschten rastlos über die feindlichen Schiffe. Immer wieder suchte ich, hoffte, irgendwo endlich das Feuerwerk zu sehen. Aber nichts. Kein Licht.
Ein leiser Atemzug verließ mich, fast ein erleichtertes Seufzen. Ao war bei Yona und Yun. Notfalls konnte sie jedes Seil durchbeißen, und ihre kleinen Zähne waren schärfer, als sie aussahen. Sollte es hart auf hart kommen, würde sie für Ablenkung sorgen.
„Ich dachte immer, ihr aus dem Norden wärt für jeden Kampf zu haben.“ Gi-Gans Stimme kam ruhig, fast belustigt, zwischen zwei Zügen ihres Atems.
Langsam drehte ich den Kopf zu ihr, eine Braue hob sich kühl. „Das da unten?“ Ich deutete mit einem knappen Nicken in die Tiefe, wo Männer und Söldner aufeinander einschlugen wie betrunkene Raufbolde. „Das ist kein Kampf.“ Meine Stimme schnitt durch das Getöse wie kaltes Eisen. „Das ist eine Farce aus Idioten, die wild um sich schlagen und hoffen, etwas zu treffen.“
Mit halbem Blick verfolgte ich weiter das Treiben. Manche taumelten schon, bevor überhaupt eine Klinge sie erwischte. Es war grotesk. Ernüchternd.
Mein Augenmerk blieb an Shin-ah hängen, der unten neben Hak stand. Die beiden wechselten Worte, während er im selben Atemzug mit einer einzigen, präzisen Bewegung einen Gegner niederstreckte. Er schüttelte das Haupt, vermutlich auf Haks Frage hin, also hatte auch er sie noch nicht entdeckt.
Einige Atemzüge lang blieb meine Aufmerksamkeit auf ihm. Seine Bewegungen waren fließend, fast lautlos. Keine Verschwendung, keine übertriebene Geste. Jeder Schlag zielgenau. Jeder Treffer tödlich.
Ich mochte, wie er kämpfte. Mochte es wirklich.
Ein kehliges, unerwartetes Kichern riss mich aus meinen Gedanken. Ich wandte den Kopf und sah Gi-Gan, die mich durch eine Rauchwolke hindurch musterte. Ihr Blick war scharf, wissend, als hätte sie gerade mehr von mir gesehen, als mir lieb war. Aber sie schwieg.
Schritte hallten hinter uns. Schwer, polternd, selbstsicher, der Klang zweier Männer, die glaubten, sie hätten die Lage im Griff. Ich spürte, wie sich meine Schultern anspannten, noch ehe Gi-Gan und ich gleichzeitig den Kopf über die Schulter drehten. Zwei Söldner hatten es tatsächlich geschafft, durch das Chaos bis zu uns vorzudringen.
„Was für ein Anblick,“ höhnte der vordere, ein hagerer Bursche mit eingefallenen Wangen und einer Narbe, die sich quer über seine Stirn zog. Sein Grinsen war schief, seine Zähne gelb. „Ein altes Weib und eine Schönheit.“
Gi-Gan blies leise durch die Nase, so etwas wie ein amüsiertes Schnauben, während mein Magen sich bereits zusammenzog. Das würde nicht schön enden.
Der zweite, kräftiger gebaut, mit stumpfem Eisen an der Seite und einem Bauch, der über den Gürtel hing, lachte dreckig. „Wir sollten dich wirklich Kum-Ji geben. Du würdest ’ne Menge Gold einbringen. Aber ehrlich?“ Er trat näher, der Gestank von Schnaps und Schweiß schlug mir entgegen, beißend wie fauliges Fleisch. „So eine wie du ist im Bett mehr wert als jede Schatzkiste.“
Seine Worte tropften vor Selbstgefälligkeit. Ich neigte den Kopf, verlagerte mein Gewicht langsam auf ein Bein. Ein beinahe träge wirkender Akt, doch meine Augen ließen die beiden nicht los. Ich musterte sie, von den schief geschnallten Rüstungen bis zum schartigen, schlecht gepflegten Eisen, das an ihren Hüften hing.
Ein Laut der Verachtung entkam mir, ein Zucken in den Mundwinkeln, das mehr von Ekel sprach als von Furcht. „Billiges Metall, schlampige Haltung, kein Funken Disziplin in euren Bewegungen.“ Ich ließ meinen Blick bewusst langsam über ihre Gestalten wandern, kalt, wertend. „Ihr seid keine Krieger. Ihr seid… Schande mit Beinen.“
Gi-Gan lachte trocken, rau und alt, eine Mischung aus Belustigung und Bestätigung. „Da hat sie nicht unrecht, Burschen.“
Die Männer jedoch grinsten nur breiter, zu dumm, um die Schärfe meiner Worte zu begreifen oder zu stolz, sie sich anmerken zu lassen.
Ich zog träge mein Schwert. Es lag lange nicht mehr so vertraut in meiner Hand; die Klinge fühlte sich fremd an, fast zu leicht. Ich machte mir keine Illusionen, ich war aus der Übung. Seit Jahren hatte ich nicht ernsthaft gekämpft; meine Bewegungen würden sicher langsamer sein als früher. Muskelgedächtnis kann vieles ausgleichen, aber nicht alles.
Mit meinem rauen Akzent hob ich den Schwertarm, hielt die Klinge locker, zeigte direkt auf sie und spottete kalt: „Kommt.“
Sie lachten höhnisch und stürmten los, mehr Schauspiel als Präzision. Gleich darauf fuhr Gi-Gan mich an, schärfer als jede Klinge: „Töte sie nicht!“
Ein Befehl, der mir ein kurzes, spöttisches Lachen entlockte. Weiches Herz.
Ich atmete tief, ließ das Stimmengewirr, das Klirren von Stahl und das Kreischen des Holzes von mir abgleiten. Der Lärm wurde fern, verfloss wie Brandung, die sich vom Strand zurückzog. Mein Blick verengte sich, mein Körper erstarrte in jener Stille, die dem Schlag vorausging. Adrenalin kroch in meine Adern, vertraut wie ein alter Gefährte, der längst weiß, wo er hingehört. Erinnerungen flammten auf wie zuckende Blitze: Donner über schwarzen Bergen, Trommeln, die in den Knochen grollten, das Vorbeben alter Schlachten.
Mein Herz schlug langsamer, schwerer. Jeder Schlag wie der dumpfe Takt von Kriegstrommeln, die den Marsch des Todes anführten.
Der Erste kam plump und hastig, das Schwert zu hoch, den Blick zu gierig. Ein Kind, das Krieg spielen wollte. Ich ließ ihn an mir vorbeirauschen, kaum mehr als ein Schatten in seiner Bewegung, und wirbelte herum. Die Klinge flog, die flache Seite voran. Ein kurzer, klarer Hieb und das Knacken, als sie den Hinterkopf traf, hallte wie ein Axtschlag ins Holz. Dumpf, endgültig. Er kippte nach vorn, ohne Laut, fiel wie ein geschlachtetes Tier in den Staub.
Der Zweite stockte, und ich sah es in seinen Augen: den Riss zwischen Mut und nackter Furcht. Jetzt erst begriff er. Sein Gefährte lag gebrochen zu meinen Füßen, und ich hatte ihn mit einer einzigen Bewegung außer Gefecht gesetzt. Kein Spektakel, keine Mühe, nur das kalte Handwerk.
Sein Atem ging schneller, ein Hauch von Schweißgeruch stieg mir entgegen. Die Finger krampften sich um den Griff seines stumpfen Eisens, als könnte festes Zupacken fehlende Kunst ersetzen. Ein Zittern lief durch seine Beine, kaum merklich, doch in meinen Augen so klar wie eine Fahne im Wind.
Ich richtete mich auf, rollte die Schultern.
„Nun?“ Meine Stimme triefte von Spott. „Willst du tanzen, oder starrst du nur?“
Er knurrte, brüllte auf wie ein verletztes Tier und stürmte vor. Zu viel Gewicht, zu viel Wut, kein Funken Technik. Seine Klinge fegte von oben herab, grob und ohne Ziel. Ich trat zur Seite, kaum mehr als ein Atemzug breit, und ließ ihn ins Leere schlagen. Der Schlag riss ihn selbst aus dem Gleichgewicht, schwer wie ein Ochse, der ins Eis eingebrochen ist.
„So kämpfst du?“ fragte ich kalt, während ich die Schneide mit einem einzigen Schnitt über seinen Unterarm gleiten ließ. Nicht tief, nur so, dass Blut hervorsprang. Er heulte auf, riss den Arm zurück.
Ich lachte leise. „Ein Kratzer, und schon jammerst du.“
Er holte erneut aus. Ich parierte spielerisch, ließ die Klinge an meiner entlangschrammen, funkenstiebend, nur um ihm dann mit dem Knauf hart gegen die Schläfe zu fahren. Er wankte, taumelte, doch ich fing ihn mit einem Tritt in den Magen wieder auf. Das Luftstoß-Keuchen, das aus ihm brach, klang süß wie Musik.
Ich spürte es in mir: das alte Feuer. Muskeln, die sich erinnerten, wie man zuschlug; der Rausch, wenn ein Gegner unter einem zerbricht. So viele Jahre hatte ich die Klinge nur getragen, nicht geführt und nun sang sie wieder.
„Bei uns im Norden,“ murmelte ich, während ich ihn mit der flachen Klinge über die Wange strich, „hätte man dich nicht einmal zum Holz hacken rausgeschickt.“ Ich ließ die Klinge kurz verweilen, gerade so nah, dass er das Zittern nicht verbergen konnte. Dann zog ich sie zurück, hieb sie mit voller Wucht gegen sein Schwert. Seine Finger rutschten, der Griff schwankte, er war langsamer, schwerer, und ich war in jeder Bewegung schneller.
Ich tänzelte einen Schritt zurück, das Lächeln kalt und schmal. „Komm schon. Ich bin noch nicht fertig.“
Er stürzte auf mich zu, verzweifelter diesmal. Ich ließ ihn kommen, ließ ihn glauben, er könnte mich erreichen und schlug dann mit einem präzisen Schnitt hinter sein Knie. Er sackte ein, fiel keuchend auf den Boden. Noch ehe er sich erholen konnte, setzte meine Klinge an seiner Kehle an. So leicht, dass sie nur die Haut strich, ein roter Punkt, nicht mehr.
Seine Augen weiteten sich, Angst, das nackte Wissen, dass ich ihn hielt wie ein Huhn unter dem Beil.
„Ich soll dich nicht töten.“ Meine Stimme war leise, spöttisch. „Eine Verschwendung von Atem… aber ich passe mich den sanften Sitten an. Verschwinde, bevor ich deinen schwachen Kadaver den Fischen gebe.“
Der Tritt traf ihn hart ins Brustbein. Ein dumpfes Krachen, und sein Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei, weil ihm die Luft geraubt war. Gut so, so würde er nicht sofort den Mut finden, mir in den Rücken zu fallen.
Ich wandte mich ab, schob die Klinge zurück in die Scheide und ging zu Gi-Gan zurück.
„Imponierend,“ meinte Gi-Gan, ihre Stimme rau, aber gefasst. „Grausam und hart und das, obwohl du behauptest, keine Kriegerin zu sein. Ich will nicht wissen, wie andere deines Schlages kämpfen.“
Ein dünnes Lächeln huschte über meine Lippen. „Andere meines Schlages? Ich habe nur die Grundlagen gelernt, nicht mehr. Und selbst die liegen Jahre zurück. Ich bin aus der Übung.“ Ich deutete mit einem kurzen Nicken auf den bewusstlosen Kerl zu meinen Füßen. „Das hier… war enttäuschend. Kein Kampf, nur ein erbärmliches Gerangel.“
Die Alte sog an ihrer Pfeife, ließ den Rauch bedächtig ausströmen. „Wenn das für dich kein Kampf war… dann will ich nicht sehen, wie du aussiehst, wenn du dich wirklich erinnerst, wie man kämpft.“
Ich schnaubte leise und wandte den Blick ab.
Kija lieferte sich einen verbalen Schlagabtausch mit Hak – irgendetwas darüber, wer die meisten Gegner niederstreckte. Shin-ah hingegen glitt lautlos durch die Reihen der Angreifer, geschmeidig wie ein Schatten, jeder seiner Schläge elegant.
Ein Kribbeln fuhr mir über den Nacken. Instinkt, alt wie mein Blut. Ehe ich wusste, warum, duckte ich mich ab. Ein hässliches Schwert rauschte über meinen Kopf hinweg, so nah, dass mir der Luftzug die Haare aufwirbelte, und bohrte sich mit einem scharfen Knirschen in die Reling. Splitter stoben, Holz ächzte unter dem Aufprall.
Langsam hob ich den Kopf. Meine Muskeln spannten sich, hart wie Drahtseile. Vor mir stand der Mann, den ich gerade verschont hatte. Dumm genug, ein zweites Mal die Hand gegen mich zu erheben.
Die Kälte wich aus meinen Adern. Was blieb, war reine, brennende Wut.
Sein feiger Angriff hatte Blicke auf sich gezogen. Jae-ha rief etwas, schon halb zum Sprung bereit. Ich spürte Shin-ahs Augen in meinem Rücken, Hak und Kija regten sich. Doch ich blendete sie alle aus.
Bevor er die Klinge aus dem Holz reißen konnte, schoss meine Faust nach vorn. Sie traf seine Nase mit einem hässlichen Knacken, der Kopf ruckte zurück, Blut spritzte. Ein röchelnder Laut brach aus seiner Kehle. Er taumelte, doch ich packte sein fettiges Haar, riss ihn hoch und donnerte seinen Schädel mit voller Wucht gegen das Schwert, das noch immer in der Reling steckte.
Das Holz ächzte, Metall sang. Blut zeichnete dunkle Schlieren über sein Gesicht.
Ein zweiter Schlag, härter, ließ seine Augen glasig werden. „Du nennst dich Söldner?“
Ein dritter Aufprall, dumpf und feucht, ließ sein Körpergewicht schwer in meinem Griff hängen.
Ein vierter Schlag. Sein Kopf prallte ab wie ein Stück Holz, Blut spritzte über meine Hand. Er hing nun schlaff in meinem Griff, keuchte, seine Finger zuckten kraftlos. Ich hielt ihn trotzdem noch hoch, ließ ihn in meine kalten Augen blicken. Meine Stimme war schneidend, spöttisch.
„Weißt du, was man mit deinesgleichen bei uns getan hat?“ Ein kurzes Lächeln huschte mir über die Lippen. „Man band sie an den Pfahl, bis die Raben kamen. Wer am nächsten Tag noch atmete, durfte leben. Du würdest keine Stunde überstehen.“
Dann riss ich ihn hoch und schleuderte ihn über die Reling, hinunter aufs Deck. Er prallte schwer auf, röchelnd, Blut quoll ihm aus dem Mund, und ich war sicher, dass sein Schädel gesplittert war.
Ich atmete tief durch. Das Feuer sang noch immer in meinen Adern, jeder Schlag meines Herzens pochte wie Trommeln einer Schlacht. Erst als die Hitze langsam nachließ, wurde ich mir der Stille bewusst.
Das Getöse ringsum war verklungen. Schritte, Schreie, selbst das Klirren der Waffen, alles war erloschen, als hätte jemand die Welt für einen Herzschlag angehalten. Ich hob den Blick. Überall Augen. Selbst die Feinde hielten inne und starrten mich an.
Ich blinzelte.
„Was?“ Das Wort fuhr härter aus mir heraus, kantiger, als beabsichtigt. Und doch schwang darin etwas mit, das ich nicht verbergen konnte: echte Irritation. Der Klang meines eigenen Akzents kam mir plötzlich fremd vor: roh, rau, als würde das Eis meiner Heimat in jeder Silbe splittern.
Einen Atemzug lang herrschte Schweigen. Dann brach Hak es.
Er stützte seine Stangenwaffe locker auf den Boden, als sei es nichts weiter als ein Spazierstock, und murmelte belustigt: „‘Was’ sagt sie und zertrümmert nebenbei den Schädel eines Mannes.“
Sein Grinsen war schief, doch hinter aller Gelassenheit glomm ein Funken Vorsicht. Vorsicht, die ich seit unserem ersten Aufeinandertreffen nicht mehr in seinen Augen gesehen hatte. Ich runzelte die Stirn.
Neben mir sog Gi-Gan an ihrer Pfeife und sprach so leise, dass es nur an mein Ohr drang: „Man sieht nicht alle Tage, wie eine zierliche Frau einen zweihundert Pfund schweren Mann mit bloßen Händen zertrümmert.“
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, da zerriss ein Knall die Nacht. Ein hartes Licht sprang über dem Meer auf, wie eine aufgerissene Wunde am Himmel. Wir fuhren alle herum. Das Feuerwerk.
Die Deckplanken erwachten. Stimmen, kurze Befehle, das hastige Stampfen vieler Füße, alles setzte sich in Gang, als hätte die Zeit einen Ruck getan und liefe nun schneller. Seile ächzten, Holz knarrte, irgendwo schlug Metall gegen Metall wie ferne Glocken.
Als ich den Blick zurücknahm, war Shin-ah bereits fort. Er hatte nur mit einem Finger in die Finsternis gedeutet, war auf die Reling gehuscht und im nächsten Herzschlag verschwunden und mit ihm der Grüne Drache. Ein Schatten von Seide, ein Sprung, dann war nur noch Meer und Wind.
„Bald ist es vorbei“, murmelte die Alte an meiner Seite, Rauch an den Lippen. Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig für die Unruhe, die in der Luft stand. Und sie behielt recht.
Der Osten begann bereits zu erbleichen; ein schmaler Saum von Grau kroch über den Horizont. Der Tag stand hinter dem Meer und tastete nach uns.
Keine halbe Stunde später trat ich näher an die Reling, um die Sicht zu schärfen. Die See lag dunkel und unruhig; Salz hing schwer in der Kehle. Ein Boot löste sich aus dem Schwarz, klein, zwei Männer darin. Feiglinge, dachte ich, und der Ekel stieg mir warm den Hals hinauf.
Der Bogen des einen hob sich. Die Sehne spannte sich und sang ihr trockenes Lied. Im nächsten Herzschlag zuckte der Himmel, als hätte etwas unsichtbar hineingeschnitten, und es riss Jae-Ha in der Luft: Federn, Holz, Blut. Er brach ab wie ein geschossener Vogel, stürzte, schlug hart in das schwarze Wasser und trieb dann, schutzlos, zwischen Schaum und den ersten flackernden Flicken von Morgenlicht.
Ein zweiter Pfeil kam, schneller als ein Atemzug. Nicht von Kum-Ji. Er schnitt durch die Nacht mit jener kalten Mordlust, die ich seit Jahren nicht mehr so rein gespürt hatte, und fuhr dem Schützen im Boot mitten durchs Fleisch. Der Mann sackte weg, das Boot schwankte, und für einen Herzschlag blieb nur das Zischen des Meeres.
Ich verfolgte die Bahn des Schusses zurück und fand sie.
Yona stand im Sonnenaufgang. Der bleiche Saum des Morgens wuchs hinter ihr empor, und das erste Licht legte sich auf ihr Haar, als stünde es in Flammen. Der Bogen ruhte sicher in ihrer Hand; ihr Blick war ruhig und brennend zugleich, ohne Zittern, ohne Hast.
In diesem Augenblick wusste ich es.
Ich würde ihr folgen, mit ganzem Herzen.
Meine Hand legte sich wie von selbst auf Shin-ahs Arm, während ich an ihm vorbei zu Yona und Yun blickte.
Meine Augen glitten über ihre Gesichter, prüfend wie über eine Wunde: Bei Yun mehr als bei ihr, ein blauer Fleck am Kiefer, die zarte Schwellung um das rechte Auge, und dieses vorsichtige, flache Einatmen. Beide standen vor uns wie ein Häuflein Elend, tapfer und doch ziemlich zerschlagen.
Hinter mir spannten sich Hak und Kija an, als hätten sie denselben Gedanken gehört, und wandten sich den Gefangenen zu. Ein kleiner Aufruhr, halb komisch, halb lästig, leicht zu übergehen.
Ich trat näher zu den beiden. „Lasst sehen“, sagte ich leise, und prüfte zuerst Yona. Meine Finger glitten über ihre Wangen, suchten Wärme, Puls, Spannung. Ein kurzes Hineinhorchen genügte: nichts Schlimmes. Schrammen, blaue Flecken.
„Dir geht es gut“, verkündete ich, weicher, als ich es gewöhnlich tat und entließ sie vielleicht zu rasch, denn schon hatte ich Yuns Gesicht zwischen meinen Händen und neigte seinen Kopf.
„Mir geht es—“
„Still.“
Meine Hände blieben an seinen Wangen, die Daumen an den Schläfen. Ich senkte die Lider, als lauschte ich in einen tiefen Brunnen.
Unter der Haut pochten die Prellungen, dumpf wie Regen auf Holz. Eine Rippe, angeknackst, jedes Atemholen ließ sie beben. Die Niere schwoll, schwer wie ein dunkler Stein. Hinter der Stirn flackerte ein schmaler Schatten: kein Sturm, doch genug, um ihn taumeln zu lassen. Und tiefer, unter dem rechten Rippenbogen, der dünne Riss, die Leber.
Heilen konnte ein Sturm sein: brutal, schnell. Oder eine Flut: stetig, verschlingend. Bei ihm beeilte ich mich, auch wenn es mir am Ende mehr Schmerzen bereiten würde. Zu viele Augen um uns. Der Lärm der Welt, Rufe nach Fässern, das Lachen der Leute, rückte fort, als läge er hinter Schnee.
Zuerst nahm ich ihm den Atem, gerade so weit, dass er still hielt. Die Welle meiner Kraft glitt über die Wundränder, band sie, bis das Zittern wich. Ein Schauer lief durch ihn; ein Laut erstickte in seiner Kehle.
Der Riss war störrisch. Ein feiner Spalt, der bei jedem Heben seines Brustkorbs wieder aufbrach. Es brauchte mehr, es dauerte. Mit jedem Puls stieg der Schmerz, erst scharf, dann matt, bis ich ihn herüberzog, dumpf in meiner Brust grollen ließ. Mein Bauch wurde schwer, als läge ein Stein darin; ein kurzer Stich fuhr in meine Seite.
„Langsam“, flüsterte ich ohne die Lippen zu bewegen. Er gehorchte. Mit einem Ruck, einer letzten Welle, nahm ich auch das Letzte zu mir.
Als ich die Augen öffnete, rauschte die Welt zurück: Stimmen, Gelächter, das Stampfen ungeduldiger Füße. Meine Finger lösten sich von Yuns Gesicht. Schwindel griff nach mir, ein kaltes Brennen lag unter meinen Rippen. Gut. So sollte es sein. Was eben noch ihm gehört hatte, gehörte nun mir.
„Der Rest heilt von allein“, murmelte ich.
Yun blinzelte, die Augen groß wie bei jemandem, der die Stille im eigenen Leib nicht kannte. Der Schmerz war fort; auf seiner Haut blieben nur die blauen Flecken und die Kratzer. Er holte vorsichtig Luft, prüfend, und sein Blick blieb an mir hängen, die Blässe, die mir ins Gesicht stieg, die weit werdenden Pupillen, der schwerere Atem. Er verstand zu viel.
„Rani, du—“
„Nicht jetzt.“ Ich schnitt ihn leise ab und nickte hinüber. „Dort.“
Jae-Ha stand im Gedränge und lächelte zu viel. Unter seinem Hemd blühte ein dunkler Fleck auf der Schulter; Blut sickerte in das Tuch. „Komm. Du hältst, ich binde.“
Die Berührung an meinem unteren Rücken hielt mich an. Shin-ahs Finger drückten in mein Fleisch, ruhig, fest, wie eine stumme Erinnerung. Ich sah über die Schulter zu ihm hinauf. Seine Lippen waren zu einer schmalen Linie gepresst; meine Mundwinkel zuckten.
„Der Kampf ist vorbei“, sagte ich mild. „Amüsier dich.“
Er antwortete nicht. Musste er nicht. Also wandte ich mich ihm zu, strich mit den Fingerspitzen über die klare Linie seines Kiefers und küsste ihn, so wie schon oft, ein Hauch, sicher, kurz.
„Danke“, murmelte ich. Dann wandte ich mich ab, ließ meine Stimme fast beiläufig klingen: „Ich finde dich später.“
Seine Finger blieben noch einen Herzschlag, dann lösten sie sich.
Ich wandte mich mit Yun zum Gehen und drängte mich durch die Menge. Der Schwindel machte meine Schritte leichter, als mir lieb war; die Kraft lag flacher unter den Fußsohlen. Nach wenigen Atemzügen spürte ich, wie sich Yuns Arm um meinen schlang, beiläufig, doch stützend, und er lenkte mich durch die Lücken, als würde er nur dem Strom folgen.
Sein Gesicht war bis zu den Ohren gerötet. „Du bist unmöglich“, murrte er halblaut.
Unter der Scham, Zeuge solcher Nähe zu sein, sah ich den Funken Sorge klar aufglimmen. Er trug ihn offen wie eine Kerze in der Hand.
„Schon gut,“ sagte ich, ohne stehen zu bleiben. „Nur ein Schritt zu viel.“
Er nickte, hielt den Griff, bis der Boden wieder fest wurde. Ich wusste, er würde es nicht vergessen, nicht mein schwankendes Gleichgewicht und schon gar nicht, was Heilung für mich bedeutet.
Wir erreichten Jae-Ha ohne Mühe. Die Piraten teilten sich, sobald sie sahen, wer auf ihn zukam; mein scharfes „Zur Seite“ schnitt den Rest entzwei. Holz knarrte, Schweiß und Salz lagen schwer in der Luft.
Yun löste meinen Arm, glitt an meine Seite und rief knapp, was wir brauchten: „Wasser. Reine Tücher. Salbe. Band.“ Hände reichten vor, Fässer rückten, die Neugier blieb, doch hielt Abstand.
Der Grüne Drache lächelte zu breit, spreizte die Arme. „Meine Ärztin. Ich wusste, du würdest—“
„Stillhalten.“
Ich legte ihm ein trockenes Tuch über die Schulter und presste zu. Hart. Sein Atem hakte, das Lächeln verrutschte.
Unter meinen Fingern lag der Muskel wie ein gespannter Strang; der Pfeil hatte ihn schräg gerissen, eine zähe Stelle, die bei jeder kleinsten Bewegung nachgab. Ich ließ das Wasser über die Ränder laufen, zählte lautlos bis fünf und sandte im selben Atemzug eine schmale Welle in die Tiefe. Nicht viel, nur so viel, dass sich die Risskanten fanden und hielten. Der Schmerz, der ihn eben noch heimsuchte, wechselte den Besitzer.
Er schauderte. „Was ist das?“
Ich antwortete mit Arbeit.
„Wasser.“ Ich wusch, bis die Haut hell stand. „Salbe.“ Dünn, gleichmäßig, mehr Schein als Nutzen. „Verband.“
Während ich das Leinen unter seinem Arm hindurchführte, nahm ich den Zug aus der Tiefe, Faser für Faser legte sich zusammen, bis der Muskel wieder stand und nur noch oberflächlich offenlag.
Die Verletzung sprang auf mich über: ein klarer, sauberer Schnitt in meinem eigenen Delta. Kalt, nüchtern. Ich hielt den Atem flach, ließ mir nichts anmerken und straffte weiter, als ginge es nur um Tuch und Knoten.
„Druck hier“, wies ich Yun an und setzte seine Finger an den Rand. „Wenn er witzelt, drückst du fester.“
„Grausam“, scherzte Jae-Ha halbherzig, doch sein Blick hatte mich längst gefunden, und unter den Wimpern starrte er mich an.
Ich prüfte Puls und Farbe, zog den Knoten fest und ließ die Hand noch einen Herzschlag lang auf dem Verband ruhen, bis das Pochen gleichmäßig wurde. Dann nahm ich sie weg, als wäre nichts geschehen.
„Übertreib es nicht“, wies ich an. Er holte Luft zum Sprechen, doch ich hob die Finger an meine Lippen. Ein stilles Zeichen. „Das ist nichts, was man teilt.“
Ich wusste, was er wissen wollte, und erstickte den Versuch wie so viele Male zuvor.
Mein Blick glitt zu Yun. Kurz legte ich ihm die kalte Hand auf den Kopf. „Gut gemacht.“
Es galt nicht nur Tuch und Wasser, ich meinte seinen ganzen Tag, sein Stehen, sein Wachsen.
Dann ließ ich beide zurück und tauchte in die Menge.
Ich verarztete, was noch zu richten war: spülte Schürfwunden am Zuber, schiente einen gebrochenen Finger mit Kistenholz, zog zwei saubere Stiche im Licht einer schwankenden Laterne, band Risse, die nur Haut wollten. Keine Kraft diesmal; nur Wasser, Tuch, ruhige Hände.
Die Piraten wurden flapsig und laut, Sake mischte sich mit Salz und Musik; die Geretteten lachten zaghaft, Dorfbewohner fassten Mut. Meine Gefährten standen verstreut: Hak inmitten der Lauten, Kija wie ein heller Pfeiler am Rand, Yun in der Nähe, Jae-Ha mit schiefem Lächeln auf einer Winde.
Ich arbeitete, bis der Lärm weicher wurde und die Nacht das Scharfe aus den Stimmen nahm.
Irgendwann, als die Nacht tiefer wurde und die Stimmen der Feier gedämpfter klangen, fand mich die alte Frau. Sie kam langsam herüber, mit dem selbstverständlichen Gleichgewicht eines Menschen, der sein ganzes Leben auf schwankendem Boden verbracht hatte. Die Pfeife hing locker zwischen ihren Zähnen, und ihr Atem trug den scharfen, beißenden Rauch wie eine Fahne vor sich her.
Sie setzte sich auf eines der Fässer, die im Schatten der Fackeln stapelten, und klopfte den Aschekopf mit dem Fingernagel leicht an den Rand. Funken stoben, leuchteten kurz auf und starben. Ich spülte mir gerade die Hände in einer Schale, das Wasser kalt und metallisch nach Blut, und wartete. Sie war nicht verletzt, also musste sie etwas wollen.
„Als ich ein junges Mädchen war,“ begann sie nach einer langen Pause, „segelte ich mit meinem Vater hinaus zum Fischen.“
Ihre Stimme war kratzig, voller Rauch, aber fest. Ich hörte leise zu und trocknete meine Finger mit einem Stück Leinen, während ihre Augen in den Himmel glitten.
„Es war unsere dritte Nacht auf dem Meer. Vielleicht hundert Meilen vom Hafen entfernt, nicht das weiteste, aber auch nicht zu nah. Der Wind stand hart, und die Wellen schlugen uns fast das Boot aus den Händen.“ Sie sog an ihrer Pfeife, ließ den Rauch in einer dünnen Wolke aufsteigen. „Und dann sah ich sie. Zum ersten Mal.“
Ich hielt inne.
„Menschen deines Volkes“, sagte sie schließlich. Ihre Augen waren nicht auf mich gerichtet, sondern irgendwo hinter mir, in einer Erinnerung, die weiter zurücklag als ich zählen konnte.
„Ein Schiff.“ Ihre Stimme wurde tiefer, schwerer. „Größer als jedes, das wir je kannten. Am Bug prangte der Kopf eines Monsters, geschnitzt, als würde es gleich die Wellen zerreißen. Rot und schwarz gestrichen, so dunkel, dass es selbst in der Nacht leuchtete. Und vorne…“
Sie hob die Hand, als wollte sie den Anblick greifen. „Vor den Wellen, im Sprühnebel, stand einer der größten und wildesten Männer, die ich je gesehen habe. Breit wie zwei von uns, mit Augen, die wie Sturmlichter brannten.“
Ein langer Zug an der Pfeife, dann ein raues Ausatmen. Die Luft zwischen uns war schwer. Der Rauch roch nach Asche, nach Salz, und mein Herz schlug einen Schlag zu laut. Bilder stiegen in mir auf: die schroffen Küsten Skjoldar, die Stimmen der Männer in den langen Hallen, das Donnern der Trommeln über dem Wasser. Heimat. Blut. Sturm.
Ich presste das Leinen fester in meinen Händen, so sehr, dass es sich unter meinen Fingern wie Staub anfühlte, den ich nur nicht zerdrücken konnte.
„Ich dachte,“ fuhr sie fort, ihre Stimme kaum mehr als ein raues Knurren, „ich würde nie einen brutaleren Menschen sehen als jenen Mann auf dem Schiff.“
Meine Augen fanden die ihren. Etwas Kaltes kroch mir den Rücken hinauf, wie der erste Schauer einer Vorahnung, die man am liebsten von sich schütteln würde.
„Bis vor drei Monaten.“ Sie sog an ihrer Pfeife, der Rauch stieg zwischen uns auf wie eine Mauer. „Eine Gruppe kam. Angeführt von einem geschmeidigen Mann, nicht so breit, nicht so wuchtig wie die anderen. Er ging zwischen den Riesen, die dein Volk Männer nennt, fast unter. Aber seine Augen…“
Sie hielt inne, als müsse sie das Bild noch einmal beschwören. „Dasselbe kalte Grau wie das deine. Nur bösartiger. Schneidend. Wie Stahl, der Freude daran findet, zu verletzen.“
Ich hielt mein Gesicht still. Keine Regung, kein Zucken. Mit ruhigen Fingern legte ich das Leinen neben die Schale, als sei es nichts weiter als Arbeit.
Als meine Stimme kam, war sie tonlos. Fremd, selbst in meinen Ohren.
„Hast du einen Namen?“
Gi-Gan schwieg, zog an der Pfeife. Dann, langsam, widerwillig: „Ich weiß nicht, ob es ein Name war. Einer von ihnen sagte es öfter… Inver.“
Mein Atem blieb flach, wie auf brüchigem Eis.
„Ívarr?“
„Ja.“ Ein Nicken. Ihre Augen suchten die meinen. „Was bedeutet es?“
Ich antwortete nicht. Die Worte blieben dort, wo die Kälte beginnt. Etwas stieg in mir auf wie ein Schwall, der gegen den Berg drängt, doch es war kein Feuer. Es war Eis. Panik, die den Atem nimmt. Trauer, die sich schließt wie die Umarmung einer Winternacht.
Ich legte die Hand an den Rand der Schale, als müsste ich mich am Holz festhalten, um nicht selbst den Halt zu verlieren. „Sag mir, was du gesehen hast“, murmelte ich, meine Stimme kaum lauter als das Flüstern des Windes.
Der Rauch kringelte sich wie träge Schatten zwischen uns. „Ich weiß nicht viel“, begann Gi–Gan nach einem langen Atemzug. „Sie waren so schnell fort, wie sie aufgetaucht sind. Noch vor Mittag im Hafen, vor Sonnenuntergang schon wieder über Land.“
„Wohin?“ Meine Kehle fühlte sich trocken an, das Wort kratzte wie Sand.
„Inland. Nordosten. Richtung Feuerland.“
Ich atmete langsam aus, zwang meine Züge zur Ruhe und richtete mich auf. „Danke, das weiß ich zu schätzen.“
Sie nickte, sichtlich neugierig mit verengten Augen aber sie fragte nicht und ich beantwortete nichts. Ich ging, an den feiernden vorbei. Beobachtete wie Yona tanzend herum hüpfte und der Alkohol floss.
Ich brauchte nicht lange, um ihn zu finden. Wer wusste, wonach er suchen musste, fand Shin-ah immer dort, wo der Lärm endete: am Rand des Lichts, unter einem der knorrigen Bäume, die über die Uferböschung griffen. Er saß still, die Schale mit Alkohol locker in der Hand, als hielte er den Wind darin fest.
Die Müdigkeit kam nicht plötzlich, aber sie legte sich auf mich, Schicht um Schicht. Die Glieder wurden schwer, als hätte jemand nasses Fell darüber gehängt. Die Schmerzen, eben noch leise, fanden ihre Stimmen wieder, schärfer als vor wenigen Minuten und die Erschöpfung fuhr mir in den Körper wie eine Axt, die Holz spaltet.
Ich atmete flach, setzte den Fuß in den Schatten und ließ die Brandung den Rest der Welt übertönen.
Er hob den Kopf, als ich näherkam, neigte ihn leicht. Hinter der Maske musterte er mich; was er sah, konnte ich nicht sagen, doch es reichte, dass er sich ein wenig aufrichtete, als wolle er bereit sein.
Ich setzte mich neben ihn, so nah, dass seine Wärme durch den Stoff drang. Die Worte der Alten drängten an die Ränder meines Kopfes; ich schob sie fort, wie man eine Tür schließt, die zu viel kalten Wind hereinlässt.
„Rani?“ Seine Stimme, weich, fragend, fast wie eine Feststellung.
„Mir geht es gut“, sagte ich halbwahr und ließ ein mattes Lächeln zu. „Nur müde. Sehr müde.“
Dann legte ich den Kopf in seinen Schoß, so, wie er es oft bei mir getan hatte. Sein Geruch, Leder, Harz, ein Hauch von Metall, war vertraut, beruhigend. Mein Atem fand den ruhigeren Takt. Meine Arme glitten um seine Hüften, hielten ihn fest.
Er bewegte sich kaum. Nur seine Hand, schwer und ruhig, fand den Weg in mein Haar und blieb dort, wie eine stille Zusage, dass er da war. Der Baum atmete hinter uns, die See vor uns. In der Ferne sang die Stadt noch, gedämpft vom Wind. Ich schloss die Augen und ließ die Nacht so werden, wie sie sein sollte: leicht, freundlich und warm.
Ich musste eingeschlafen sein. Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich nicht nur in Shin-ahs Schoß, sondern halb auf ihm; er war tiefer am Stamm hinabgerutscht, der Kopf leicht an die Rinde gelehnt. Der Morgen war kühl und klar, die Luft frisch und salzig, und das Licht über den Wipfeln schien noch nicht recht zu wissen, ob es den Tag wirklich beginnen sollte.
Ich blieb still liegen. Müdigkeit hing mir noch in den Gliedern, schwer und träge, und hinter meiner Stirn nagte ein dumpfer Schmerz, die vertraute Nachwirkung dessen, was ich am Abend getan hatte. Keine Gefahr, nichts, was ich nicht kannte, nur diese erschöpfte Schwere, die mich näher an ihn zog.
Meine Wange fand den warmen Stoff an seiner Brust, meine Arme glitten fester um ihn. Seine Wärme drang langsam durch meine kühlen Finger, und die Ruhe, die er ausstrahlte, legte sich wie ein weiches Fell über mich. Ich spürte, wie meine Muskeln nachgaben, wie ich mich einhüllte in die Sicherheit, die er war.
Die Welt erwachte ringsum leise: Möwenrufe, das ferne Knarren von Booten, ein Hahnenschrei irgendwo in der Stadt. Unter meinen Händen bewegte er sich schließlich, kaum merklich, wie jemand, der langsam aus dem Schlaf findet. Sein Atem vertiefte sich, seine Finger zuckten an meinem Rücken, bevor sie schwer und beruhigend liegen blieben.
„Geht… es dir gut?“ Seine Stimme war tief, noch schwer vom Schlaf.
Ich hob kaum den Kopf, die Lider halb geschlossen. „Erschöpft“, murmelte ich heiser, meine Worte streiften seine Haut, während ich die Nase tiefer in den Stoff seiner Schulter schob. Mein Körper gab nach, drängte sich fester gegen ihn, als würde er allein die Schwere aus mir ziehen.
Vielleicht war das der Grund, warum dies die ersten Silben aus seinem Mund waren. Normalerweise suchte ich in den frühen Stunden keine Nähe, keine Wärme. Wir lagen nah, ja, aber nicht so. Nicht mit dieser Selbstverständlichkeit, nicht mit dieser Art von Halt.
Er schwieg. Doch seine Arme zogen sich enger um mich, behutsam, als fürchte er, ich könnte ihm entgleiten, wenn er zu locker hielt.
„Ich kann aufhören, wenn es dich stört“, bot ich leise an, ohne mich zu lösen.
Seine Wange legte sich gegen mein Haar, er neigte den Kopf, und das leise Klingen der Glöckchen verriet die Bewegung.
„Nein.“ Eine Pause, weich, fast flüsternd. „Es gefällt mir.“
In einem seltsamen Zustand zwischen Schlaf und Wachen lag ich da, eingehüllt in seine Wärme. Irgendwann hatte er begonnen, die Finger durch mein Haar gleiten zu lassen. Er spielte einzelne Strähnen aus, ließ sie wieder fallen. Das sanfte Ziehen schickte eine feine Gänsehaut meine Arme hinab. Es war wohltuend, fast heilsam mit jeder Bewegung lösten sich die Kopfschmerzen, das dumpfe Pochen in Nacken und Schläfen, das wie ein Rest von Nacht an mir gehangen hatte.
Mein Körper heilte das Aufgenommene stets rasch, rascher noch, wenn ich ihm Zeit ließ. Doch nach dem gestrigen Tag würde es Stunden brauchen, bis die letzten Nachwirkungen vergingen. Vielleicht war es darum, dass ich seine Nähe jetzt so gierig annahm: Es war lange her, dass ich meine Kraft so viel, so schnell eingesetzt hatte. Die Kälte unter den Rippen war kleiner geworden, aber sie war noch da; seine Hand darüber machte sie still.
Am Rand meiner Wahrnehmung kamen Stimmen auf. Zuerst fern wie Brandung hinter Felsen, dann deutlicher: Schritte im Sand, leises Rufen, das Klingen von Blech, das Klatschen von Wasser in Kübeln. Das Lager erwachte. Ich wusste, dass diese kurze Zweisamkeit bald enden würde.
Ein stummer Seufzer entwich mir. Ich legte die Stirn noch einen Atemzug länger an ihn, zählte drei Schläge seines Herzens, eins, zwei, eins und löste mich dann mit Bedacht. Wärme wich, Luft drang dazwischen. Ich stützte mich an seinem Oberschenkel ab, richtete mich langsam auf und ließ die Hand einen Moment auf seiner Hüfte ruhen, als wollte ich den Platz markieren.
Dann setzte ich mich gerade, strich das Haar aus dem Gesicht und lauschte einen Moment lang in meinen Körper hinein: Die Kälte hielt still, der Schmerz zog leiser, und der Morgen war hell genug, um beides auszuhalten.
Zwei seiner Finger glitten vorsichtig unter meinen Augen entlang.
„Schlimm?“, fragte ich und meinte die Schatten dort.
Er schüttelte leise den Kopf. „Nein. Aber du bist blass.“
„Das vergeht“, murmelte ich. „Noch ein, zwei Stunden, dann bin ich wieder normal.“
Für einen Atemzug blieben wir so, reglos, in einer Stille, die wärmer war als jedes Wort. Dann richtete er sich langsam auf, und ich nahm seine Hilfe an. Seine Hand glitt an meinen Ellbogen, fest genug, um mich zu stützen, ohne mich zu drängen. Als ich stand, legte er sie kurz an meine Taille ein kaum merklicher Halt, der mehr versprach, als er verlangte.
Der Schwindel verging rasch. Ich rollte die Schultern, um die Müdigkeit abzustreifen. Ein ordentliches Frühstück und Wasser würden den Rest richten. Seine Hand fand mein Haar, das offen über meinen Rücken fiel, lose und ungebändigt seit der Nacht. Er strich eine widerspenstige Strähne aus meinem Gesicht, federleicht.
„Ich muss furchtbar aussehen“, murmelte ich, während ich die übrigen Strähnen mit den Fingern zu bändigen versuchte.
„Du bist schön.“
Ich hielt inne, sah zu ihm auf. Mein Lächeln kam von selbst, weich, mit einem Hauch Spott. „Lügner“, neckte ich. „Aber ich weiß den Versuch zu schätzen.“
Er senkte den Kopf ein wenig die Maske war still, doch seine Stimme war klar. „Ich lüge nicht.“
Eine kurze Pause, als lausche er nach einem passenden Wort, dann schlicht: „Du bist schön, wenn du atmest.“
Die Antwort traf mich unerwartet. Etwas in mir wurde leicht und ich lachte auf. Meine Handfläche fand seine Wange, meine Lippen die seinen. Er schmeckte nach Morgen, aber nicht unangenehm.
Einen Atemzug lang blieb er still, dann spürte ich, wie sich seine Lippen fester gegen meine legten. Kein Hauch diesmal, kein zögerndes Tasten. Druck, warm und entschlossen, ungewohnt für ihn, so dass mein Herz stolperte.
Seine Hand glitt von meiner Hüfte tiefer an meinen Rücken, zog mich näher, bis kaum noch Luft zwischen uns blieb. Die Kraft darin war ruhig, aber durchsetzend, als wolle er mich ganz bei sich halten.
Ich stockte, ließ es zu und spürte die Wärme, die Nähe, nach der ich seit dem Morgen aus der Tiefe gesucht hatte. Aus dem schlichten Dank, den ich zeigen wollte, wurde etwas anderes ein Gedanke, der Gestalt verlangte. Ich hob den Kopf, fand ihn neu und strich mit der Zunge sanft über seine Lippen.
Er zögerte nur einen Herzschlag, dann folgte er mir, behutsam. Ich neigte das Haupt; unsere Zungen fanden einander, in einem behutsamen Takt: berühren, antworten, wiederfinden. Erst zögernd, lernend, dann sicherer. Sein bebender Atem berührte meine Wange, warm und unregelmäßig. Meine Hände glitten an seinem Kiefer entlang, blieben dort, leise neigend, anleitend.
Der Rhythmus blieb langsam, wurde tiefer mit jeder vergehenden Sekunde. Kein Feuer, kein Sturm, etwas Schwereres, Innigeres, wie träge laufende Lava. Die Wärme brannte hinab in meine Hüften und legte sich dort fest; ich spürte, wie er zitterte, hörte das Keuchen, das zwischen seinen Lippen gefangen blieb. Zugleich wurde die Welt um uns lauter.
Unwillig löste ich mich und gab seinem nachjagenden Mund doch zu schnell noch einmal nach. Ein zweiter Kuss, wieder sacht, mehr ein letztes Aufbäumen, ehe das Glühen sich senkte.
„Shin-ah“, murmelte ich rau an seine Lippen, eine stille Ermahnung.
Er hielt inne, wie aus einer Trance gerissen. Für einen Herzschlag war er vollkommen reglos, dann wich er ein Stück zurück. Sein Atem flatterte warm zwischen uns, zu schnell, zu ungleichmäßig, und seine Hand lag noch immer an meinem Rücken. Ich spürte sie, jede Faser der unsicheren Spannung, das kaum merkliche Zucken seiner Fingerspitzen, das plötzliche Versteifen, als wüsste er nicht, ob er loslassen oder fester halten sollte.
„Ruhig“, flüsterte ich, meine Stimme immer noch heiser vom eben, und ließ meine Finger in seinen Nacken gleiten. Ein Halt, kein Griff, aber genug, um ihn bei mir zu halten, falls er den Impuls verspürte, zu verschwinden. „Nichts ist falsch.“
Er atmete leise durch die Nase aus, fast wie ein Zittern, und ich fühlte die Hitze, die noch immer zwischen uns hing, schwer, tastend, unsicher, als suchte er nach einem Weg, sie zu tragen. Doch er blieb, unbeweglich nah, als wäre allein das schon eine Entscheidung.
Die hastigen Schritte, die auf uns zukamen, zerschnitten die Stille mit sauberer Kante. Wir sahen beide auf und ein Schwall roter Haare fuhr wie ein aufflammendes Signallicht an uns vorbei. Yona. Ihr Blick war weit, ihre Bewegungen hastig, ungebündelt. Eine Flucht. Der Mantel, Haks, halb von den Schultern gerutscht; sie registrierte uns nicht.
Ich runzelte die Stirn. Auch in Shin-ah hielt etwas inne ein kaum merkliches Stocken, das zeigte, dass er sich über den Sinn des Augenblicks nicht sicher war.
„Pu-kyu.“
Ao, eben noch über uns im Baum, sprang herab und stob hinter ihr her.
Langsam löste ich meinen Griff aus seinem Nacken, ließ meine Hand kurz an seinem Arm verweilen. „Irgendetwas ist passiert. Ich gehe nach ihr sehen.“
Seine Fingerspitzen drückten sacht gegen meinen Rücken, kaum spürbar, aber deutlich genug, um den Unwillen zu verraten, mich gehen zu lassen. Ein stilles Festhalten, das nicht forderte und doch nachklang. Erst dann ließ er los, und ich gewann Abstand, zupfte meine Kleidung zurecht und strich eine widerspenstige Strähne aus meinem Gesicht.
„Gib nicht… zu viel“, murmelte er. Seine Hand war längst fort, aber das Zögern blieb im Raum, wie ein unsichtbarer Faden, der uns noch verband.
„Natürlich.“ Meine Stimme war ruhig, gefasst. „Ich finde dich zum Frühstück.“
Ich wandte mich ab, eilte Yona hinterher. Doch unwillkürlich strich meine Zunge über die Unterlippe, und die dort verbliebene Wärme ließ mein Herz einen Schlag zu schnell gehen. In meiner Heimat war Zuneigung etwas Offenes, Selbstverständliches, Intimität kein Geheimnis, das man hütete.
Aber hier, fern von Skjöldar, war es anders. Ungewohnt. Fremd. Und gerade deshalb brannte es länger in mir nach die Hitze unter meiner Haut, unerwartet süß und schwer, überraschend angenehm.
Ich fand Yona in Gi-Gans Zimmer auf dem Schiff.
Einen Moment stand ich vor der Tür, hörte drinnen das leise Rascheln von Stoff. Ich klopfte einmal, nicht laut und wartete den Herzschlag, der ohne Antwort verging. Also öffnete ich selbst und trat ein.
Das Zimmer war schlicht; Salz und altes Holz in der Luft. Yona stand mit dem Rücken zu mir, barfuß auf den Dielen, die Hände fahrig an den Enden ihres Gürtels. Ihre Finger zogen und zerrten, doch der Knoten wollte nicht halten. Jedes Mal, wenn er sich wieder löste, verkrampften ihre Schultern ein wenig mehr. Sie hatte mich nicht bemerkt. Ihr Atem ging zu schnell, ungleichmäßig; in der Art, wie sie den Stoff packte, lag eine Ungeduld wie Fieber.
Ich ging näher, bis ich direkt hinter ihr stand. Vorsichtig legte ich meine Hände über die ihren und nahm ihr die losen Enden ab.
„So hält er nicht“, murmelte ich, nicht tadelnd, nur sachlich.
Sie zuckte zusammen, drehte den Kopf halb, die Augen weit, als merkte sie eben erst, dass sie nicht allein war.
„Lass mich.“ Meine Stimme blieb ruhig, wie beim Verbinden einer Wunde. Ich führte das Band um ihre Taille, kreuzte es straff am Rücken, zog es vorn zusammen und schloss den Knoten mit einer geübten Drehung. Ihre Finger blieben still; nur an meinen Händen spürte ich das feine Zittern.
Als der Knoten saß, ließ ich die Enden los und glättete den Stoff über ihrer Seite. „Fester. So verrutscht es nicht.“
Sie nickte kaum sichtbar. Der Atem blieb noch zu hoch.
„Atmen,“ sagte ich leise. „Bis vier. Noch einmal.“
Ich machte es vor, und sie folgte, stockend zuerst, dann ruhiger. Ein wenig Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück.
„Gut.“ Ich sah auf die glatten Falten ihres Gewands, dann in ihr Gesicht. Noch immer zu blass, die Lippen zu angespannt.
Yona schluckte, als wollte sie etwas sagen, doch kein Wort kam. Stattdessen huschte ihr Blick zur Seite, unruhig, als fürchte sie, dass jedes Geräusch draußen sie sofort wieder fortreißen würde.
Ich legte ihr kurz die Fingerspitzen an die Schulter, gerade genug, dass sie den Halt spüren konnte. „Du bist hier. Und du hast Zeit.“
Yona nickte und atmete tief durch. Es dauerte lange Minuten, bis der zitternde Rhythmus ihrer Schultern sich glättete, bis das hastige Heben und Senken ihrer Brust einer ruhigeren Bewegung wich. Erst da sah ich, wie die Verwirrung langsam aus ihren Zügen wich und etwas anderes Platz fand: Klarheit. Noch schwach, brüchig, aber da.
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, sanft drängend, und sie ließ sich von mir zum Spiegel führen. Gehorsam, fast wie ein Kind, das den eigenen Körper nicht mehr recht spürt. Sie setzte sich, und ich griff ohne weiteres Zögern nach Gigans Haarbürste. Die alte Hexe würde nichts dagegen haben, dachte ich, und wenn doch, nun, sie sollte froh sein, dass jemand sich kümmerte.
Vorsichtig begann ich, die Strähnen zu ordnen, die sich an ihrem Nacken verfangen hatten. Ihr Haar war feiner, als es auf den ersten Blick wirkte, jede Knotenstelle musste mit Geduld behandelt werden. Ich zog langsam, gleichmäßig, niemals zu hart, und immer wieder hob ich mit der anderen Hand einzelne Strähnen an, damit sie nicht rissen.
Yona schwieg. Ihr Atem ging noch immer tiefer als gewöhnlich, stockte ab und zu, aber er war kein flüchtiges Hetzen mehr. Mit jedem Strich der Bürste schien er ruhiger zu werden. Sie hielt die Hände in ihrem Schoß gefaltet, und ich bemerkte, wie sich das Zittern in ihren Fingern legte.
So standen wir eine Weile. Ich hinter ihr, die Bürste gleichmäßig ziehend, sie vor mir, die Augen im Spiegel auf den eigenen Atem gerichtet. Es war eine einfache Handlung, banal fast, doch gerade das gab Halt. Ein gleichmäßiger Rhythmus, dem sie sich anschließen konnte.
„Kannst du“, begann sie zögernd, doch fest, „meine Haare so flechten wie deine? Ich finde es schön, aber ich weiß nicht wie.“
Im Spiegel traf ihr Blick den meinen. Ich ignorierte die Ironie, dass mein eigenes Haar gerade wie die wellige Mähne eines zu lange ungezügelten Pferdes fiel.
„Wenn du willst.“ Meine Stimme blieb ruhig. „Bei uns trägt fast jede Frau etwas in der Art im Haar. So kommt es nicht in den Weg.“
Ich stand hinter ihr, strich die Strähnen glatt. An der rechten Schläfe teilte ich drei feine Partien, flocht eng am Ansatz nach hinten. Yona sah in den Spiegel, still, gesammelt.
„Was würdest du tun, wenn Shin-ah… wenn er dich hintergeht?“ Ihre Stimme war leise, doch der Klang schnitt klar durch den Raum.
Meine Finger hielten inne. Das Wort hing schwer in der Luft, kalt. „Hintergeht?“ Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. „Shin-ah würde mich nicht hintergehen. Dieser Mann trägt keinen Funken Bosheit in sich.“
Langsam setzte ich die Finger wieder an, führte eine Strähne über die nächste, schob das Haar unter meinen Daumen. „Sag mir lieber, was du wirklich meinst.“
Sie holte tief Luft, als würde sie einen Stein heben, zu schwer für ihre Hände. „Mein Vater… der König.“ Ein Bruch, dann ging sie weiter, gezwungen, als müsste sie jede Silbe aus sich reißen. „Soo-Won… er hat ihn getötet. Er war alles für mich. Jemand, dem ich vertraut habe, den ich geliebt habe wie…“ Ihre Stimme flackerte, sank tiefer. „Und in einer Nacht hat er alles genommen.“
Ihre Hand hob sich, berührte den frischen Knoten im Nacken, als suche sie darin Halt. „Seitdem frage ich mich, was man tut, wenn jemand, den man liebt, so etwas tut.“
Ich flocht die linke Seite, ebenso schmal, kreuzte beide Zöpfe im Hinterkopf und steckte die Enden sauber darunter. Ihr Atem war ruhiger geworden, doch die Worte, die sie zuvor ausgesprochen hatte, hingen noch in der Luft, schwer, bebend wie Seile im Sturm, die sich gegen den Wind spannten.
„Du willst wissen, was ich täte“, sagte ich schließlich leise, beinahe tonlos.
Sie nickte, die amethystfarbenen Augen im Spiegel fest auf mich gerichtet, so ernst, so fragend, dass es fast wehtat.
Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. Ihre Haut fühlte sich kühl an, trotz der Wärme im Raum. „Frag mich das nicht“, murmelte ich. „Glaub mir, ich bin kein gutes Vorbild.“
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, ein Flimmern von Enttäuschung oder Unverständnis, doch ich ließ ihr keine Zeit für Fragen, lenkte den Strom selbst. „Jeder Mensch antwortet auf Verrat anders, Yona. Manche schlagen zurück, sofort und mit aller Härte. Andere frieren ein und laufen fort. Wieder andere bauen Mauern und lassen niemanden mehr hinein.“
Ich beugte mich leicht vor, sodass unser Blick sich im Spiegel traf, fest, direkt. „Es gibt kein richtig und kein falsch. Kein Rezept, das man jemandem überstülpen kann. Wichtig ist nur, dass du am Ende mit dem leben kannst, was du tust. Dass die Entscheidung deine ist und nicht die deines Verräters.“
Ihre Finger verkrampften im Stoff ihres Gewandes, der Spiegel verriet das feine Zittern ihrer Lippen. Ich spürte, wie sehr sie die Worte in sich hineinließ, und dennoch, der Schmerz darin fraß an ihr.
Sanfter strich ich eine lose Strähne an ihrer Schläfe glatt. „Und wenn du wissen willst, was ich dir rate… dann hör auf, dir vorzustellen, was jemand anderes getan hätte. Ob ich. Ob Hak. Ob ein König oder ein Krieger.“ Meine Stimme wurde weicher, tiefer. „Du bist Yona. Und niemand sonst.“
Ein Atemzug, lang und schwer, löste sich aus ihrer Brust. Ein Hauch von Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, nicht viel, doch genug, dass der Spiegel ein Stück Klarheit zurückgab.
„Danke“, murmelte sie schließlich, und während ihre Finger ihr Haar suchten, fügte sie leise hinzu: „So hübsch.“
„Gern“, erwiderte ich schlicht und beobachtete, wie sie sich zur Tür wandte. Doch sie hielt inne, als sie bemerkte, dass ich nicht folgte.
„Kommst du?“
Ich schüttelte den Kopf. „Gleich. Geh schon vor. Ich will noch…“ Meine Hand glitt durch das Chaos meiner offenen Strähnen. „…meins richten.“
Ihre Augen musterten mich, glitten langsam über das lose Haar, und dann lächelte sie, heller, wärmer als zuvor. „Du solltest sie öfter so tragen. Offen. Sie sind wirklich erstaunlich.“
Für einen Herzschlag kam ich aus dem Gleichgewicht. Meine Mundwinkel zuckten, ein schwaches Lächeln, das keine Antwort brauchte. Sie nahm es als Bestätigung, verneigte sich leicht und verschwand durch die Tür.
„Zumindest kein Lügner“, sprach ich mild zu mir selbst und starrte mein Spiegelbild an.
Für einen Moment fragte ich mich, ob die Frau darin wirklich ich war, oder nur eine Fremde mit meinen Zügen, die sich fremd in diesem Land hielt.
Das Feuer knackte leise, warf flackernde Schatten über ihre Gesichter. Ich saß etwas abseits, die Knie angewinkelt, den Blick halb verborgen hinter den Strähnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten. Es war ein früher Abend, die Luft noch warm, und doch lag eine seltsame Schwere in der Stimmung.
Der gelbe Drache… Zeno. Er war gelinde gesagt seltsam. Zu freundlich, zu unbeschwert, ein Leuchten, das fast unnatürlich wirkte. Er lachte, redete, grinste breit, als wäre die Welt nichts weiter als ein Kinderspiel. Und doch… die Augen. Die Augen verrieten etwas anderes. Dort lag eine Tiefe, die ich nur von den alten Priesterinnen meines Volkes kannte. Frauen, die mehr gesehen hatten, als ein Mensch ertragen sollte, und trotzdem weiterlebten. Sie nannten es die Schwere des Lebens.
Mit einer Ledernadel verbesserte ich die Naht des blauen Mantels auf meinem Schoß, während ich ihn weiter aus dem Augenwinkel beobachtete.
Wie er sprach, wie er sich bewegte, dieses sorglose Schwingen seiner Arme, das laute Lachen, das leicht über die Lippen kam. Es wirkte wie ein Tanz, leicht und unbekümmert, als gäbe es in seiner Welt nichts, was schwer genug wäre, um ihn niederzudrücken. Und doch glänzte in jedem Lächeln etwas, das nicht zu seinem kindischen Verhalten passte, etwas Uraltes, das ich nicht greifen konnte, das aber tief unter der Oberfläche lauerte wie ein Schatten, der nie ganz weicht.
Die anderen Drachen schienen ihn zu akzeptieren, wenn auch jeder auf seine eigene Art. Jae-Ha neckte ihn, spöttisch wie ein älterer Bruder, der eine Schwäche finden wollte. Hak prüfte ihn mit Fäusten, als könnte er die Wahrheit aus seiner Haut schlagen. Selbst der Weiße Drache, so ernst wie immer, musterte ihn mit dieser Mischung aus Argwohn und Pflichtgefühl, die ihm eigen war. Und Yona… Yona lächelte nur, sanft und klar, und ich fragte mich, ob auch sie es sah, dieses Alter, das durch die Maske jugendlicher Unbeschwertheit brach.
Ich zog die Knie näher an mich, das Leder spannte unter meinen Fingern, und arbeitete weiter. Brüder nannten sie sich. Schicksal, Bestimmung, uralte Bande. Mag sein, mag nicht sein. Eines wusste ich: Solche Augen trägt niemand ohne Grund.
„Das machst du wirklich gut, denkt Zeno“, klang es heiter neben mir.
Ich sah nicht auf, neigte nur kurz das Haupt, Zeichen genug, dass ich ihn hörte.
Einige Atemzüge lang sprachen nur das Feuer und die Nacht. Als er wieder ansetzte, war die Farbe aus seiner Stimme gewichen, das Gespielte fort, leiser, zögernder:
„Du magst Zeno nicht, oder?“
Ich summte neutral, hob dann den Blick und hielt seinen fest. Diese alten Augen.
„Ich kenne dich nicht“, sagte ich ruhig. „Und ich glaube, dich zu finden ist schwer. Weil ich den Eindruck habe, dass du selbst nicht mehr weißt, wer du bist.“
Zeno blinzelte, als hätte ihn die Antwort überrascht. Ein flüchtiges Lächeln zuckte über seine Lippen, das aber nicht recht zu den Augen passen wollte.
„Harter Treffer“, meinte er schließlich, und seine Stimme trug einen seltsamen Ton. „Aber… vielleicht hat Zeno ja einfach zu viele Rollen gespielt.“
Er kicherte, aber das Kichern war zu dünn, um echt zu sein.
Ich senkte den Blick zurück auf das Leder in meinen Händen, ließ die Nadel durch den Stoff gleiten. „Oder du hast sie abgelegt. Stück für Stück. Weil es einfacher war, der zu sein, den die anderen sehen wollen.“
Wieder Stille. Nur der Wind, der durch die Blätter strich. Als ich nach einem Herzschlag aufsah, hatte Zeno das Gesicht abgewandt, zum Feuer, zum Himmel, ich wusste nicht. Doch die Maske lag wieder da, ein helles Lächeln, als sei nichts gewesen.
Er hielt inne. Das heitere Funkeln in seiner Stimme wich; etwas Weiches trat an seine Stelle.
„Vielleicht“, murmelte er und stand auf, streckte sich, als läge ihm nichts auf der Seele.
„Aber Zeno mag, wie du nähst. Du bist ehrlich, auch wenn du’s nicht sein willst.“ Ich zog die Brauen zusammen. Etwas flackerte in mir auf, als ich ihn musterte, Mitleid vielleicht, oder nur ein fernes Echo meines Bruders; ich konnte es nicht benennen.
Bevor er ging, fügte ich hinzu, die Nadel noch zwischen den Fingern: „Gib mir deinen Mantel. Ich nähe ihn dichter. Shin-ah mag die Kälte nicht und deinem Schaudern nach du auch nicht. Du bist fremd, aber du musst es nicht bleiben.“ Er hielt inne. Das heitere Funkeln in seiner Stimme wich; etwas Weiches trat an seine Stelle.
„Fremd…“ Er drehte den Kopf leicht, sah über die Schulter, und für einen Atemzug wirkte er älter, viel älter, als er aussah. „Zeno ist schon sehr lange fremd. Vielleicht überall.“
Ich ließ die Nadel sinken, mein Blick blieb an seiner Silhouette hängen. Der Schein des Feuers zeichnete goldene Ränder um ihn, doch sein Schatten fiel weit in die Nacht hinaus.
„Dann fang hier an“, erwiderte ich schlicht. „Manchmal reicht das.“
Einen Moment lang schwieg er, dann nickte er, beinahe unsichtbar. Das alte Funkeln kehrte in seine Augen zurück, doch diesmal war es nicht ganz gespielt. „Zeno bringt dir den Mantel. Versprochen.“
Und mit einem leichten Schwung drehte er sich fort, wie jemand, der nicht wollte, dass man sah, wie schwer seine Schritte waren.
Die Gruppe wurde mir mit jedem Tag rätselhafter, dachte ich und beendete das Kapitel in mir mit einem inneren Haken. Meine Finger glitten wieder zur Naht, stachen gleichmäßig ins Leder, so, als könnte die Arbeit Ordnung in meine Gedanken bringen. Hätte ich mehr Fell, würde ich einen neuen Kragen einnähen, doch die wenigen Stücke, die ich mitgenommen hatte, konnte ich nicht opfern, nur um sie zu zerschneiden. Vielleicht fand ich in der nächsten Stadt günstige Felle zu kaufen. Oder, wenn wir lange genug an einem Ort blieben, würde ich selbst eines herstellen.
Seine Schritte waren wie immer kaum hörbar, als Shin-ah neben mich trat. Mit einer fließenden Bewegung ließ er sich nieder, so nah, dass mich seine Wärme umhüllte. Nicht aufdringlich, sondern leise und beständig, wie ein Versprechen ohne Worte.
„Ich bin gleich fertig“, flüsterte ich, weil das Lager ringsum stiller geworden war. Im Feuerschein sah ich noch, wie Yona ins Zelt glitt.
Er antwortete nicht. Stattdessen legte er den Arm um meine Taille, zog mich behutsam an sich und lehnte seinen Oberkörper an meinen Rücken. Sein Gesicht schmiegte sich seitlich an meinen Hals; die Maske war ein Stück gerutscht, sodass ich den warmen Druck seiner Wange spürte.
Ich hielt inne, überrascht, nicht abweisend. Meine Finger fanden von selbst den Weg, strichen an den Hörnern vorbei, rückten sie leise zurecht und glitten in sein Haar. Weich, warm, vertraut. Ich kraulte langsam, und die Spannung sank aus seinen Schultern, Schicht um Schicht.
„Kalt oder müde?“ fragte ich sehr leise, während mein Daumen kleine Kreise am Haaransatz zeichnete.
Sein Griff wurde fester, kein Ziehen, eher ein sachter Zug, der mich näher rückte. Ich spürte das tiefe Auf und Ab seiner Brust an meinem Rücken.
„Beides“, murmelte er. Sein Atem strich über meine Schulter; in der Tiefe seiner Stimme vibrierte ein kaum hörbares Zittern.
So blieben wir eine Weile. Ich kraulte weiter, bis seine Spannung mehr und mehr von ihm abfiel, bis er sich schwerer gegen mich lehnte, irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf. Vorsichtig nahm ich meine Arbeit wieder auf, zog die Naht enger, strich das Leder glatt. Bald, dachte ich, würde er es warm genug haben.
Das Feuer knisterte leise, sank tiefer. Gerade als ich den letzten Stich setzen wollte, regte sich Bewegung mir gegenüber. Yun ließ sich ins Licht der Flammen sinken, schob mit der Fußspitze einen Ast zurecht und warf zwei weitere ins Feuer.
„Ich dachte, du schläfst längst“, flüsterte ich, leise genug, damit die anderen im Lager nicht geweckt wurden. Shin-ah regte sich bei meiner Stimme, blieb aber still, hörte nur zu, halb in der Müdigkeit gefangen.
„Es ist überraschend schwer, dich allein zu erwischen“, entgegnete Yun, ebenfalls gedämpft. „Ohne neugierige Ohren.“
Ich hielt inne, ließ die Nadel im Stoff ruhen. Auch Shin-ah neben mir wurde stiller, wachsamer. Über das Feuer hinweg sah ich, wie Yun den Blick überall hinlenkte, zu den Schatten, zum Himmel, ins Feuer, nur nicht zu mir.
„Weißt du nicht, wie du anfangen sollst?“ Meine Stimme war weich, aber das Gewicht der Worte schnitt klar durch die Stille. „Oder macht es dich nervös, dass Shin-ah so nah bei mir sitzt?“
Yun verzog den Mund, als hätte ich ihn direkt bei einem Gedanken ertappt, den er nicht laut sagen wollte. Schließlich presste er die Lippen zusammen und stieß ein leises Schnauben aus.
„Es ist einfach… peinlich.“ Yuns Finger drehten den Holzspan immer schneller, als könne er ihn glatt reiben.
„Für mich, nicht für euch!“, schob er hastig hinterher, die Wangen schon leicht gerötet. „Kouka ist wohl… verschlossener, was Zuneigung angeht. Skjoldar scheint da… offener zu sein.“
Ich nickte, zog den letzten Stich durch den Mantel und verknotete den Faden. Mit einer schnellen, geübten Bewegung biss ich das überstehende Ende ab.
„Das ist eine Untertreibung“, bestätigte ich leise.
Ich hatte längst aufgegeben, der Gruppe zu erklären, dass Shin-ah und ich keine Partnerschaft führten. Nicht in dem Sinn, den sie vermuteten. Doch seit diesem einen Kuss war ich mir selbst nicht mehr sicher. Vielleicht, dachte ich, würde es irgendwann mehr sein.
Yuns Stimme riss mich zurück. „Wie… wie sieht es eigentlich in deiner Heimat aus?“
Die Frage überraschte mich. Ich wusste, dass er eigentlich etwas anderes wissen wollte aber er wählte den einfacheren Weg. Und so, wie Shin-ah seinen Kopf leicht bewegte, spürte auch er, dass Yun gerade nur um das eigentliche Thema herumging.
Ich tat ihm den Gefallen. „Weite Ebenen, voller Berge. Stürmische Küsten, an denen die Gischt wie kalte Klingen ins Gesicht schlägt. Dichte Wälder, die den Horizont verschlucken. Das Wetter ist launisch, selten verzeihend, genau wie die Tiere und Pflanzen. Bären, Wölfe, Sturmvögel. Skjoldar ist hart. Frei. Wild.“
Yun sah hinauf in den Himmel, als könnte er sich dort die Umrisse eines Landes zeichnen, das er nie gesehen hatte. Die Flammen warfen Schatten über sein Gesicht, die Stirn leicht gerunzelt, als er schließlich leise fragte:
„Vermisst du es?“
Das Wort schnitt in mich wie ein Messer, nicht grob, sondern leise, fast unbemerkt. Ich atmete langsamer, hielt inne und spürte, wie die Frage in mir nachhallte. Natürlich tat ich das. Man vergaß seine Heimat nicht, nie.
In mir stieg das Echo von Trommeln auf, das Hornsignal, das über die Ebenen jagte. Ich roch den Schweiß der Pferde, hörte das Rufen der Kämpfer, fühlte das Kribbeln, wenn man die Spannung in der Hand hielt, bevor der erste Speer flog. Schon als Kinder hatten wir gekämpft, gejagt, gelernt, den eigenen Körper wie eine Waffe zu führen. Das Adrenalin brannte in meinen Adern, wenn ich an die Jagd zurückdachte, ganze Herden von Hirschen, die donnernd durch den Schnee brachen, während wir mit Pfeil und Bogen hinterher waren. Oder das Gefühl, frei über die weiten Ebenen zu reiten, der Wind im Gesicht, der Himmel über mir, unendlich und klar.
Ich vermisste die Stimmen, die Gesänge an den Feuern, die Bräuche, die uns zusammenhielten. Ich vermisste die Härte auch, das Ringen im Training, das Lachen trotz blutiger Lippen, die Umarmungen, die fester waren als jeder Schild. All das war Skjoldar. Und ein Teil von mir sehnte sich danach, so wie eine Narbe sich manchmal im Winter meldete.
Aber zugleich… hatte Kouka mir etwas gegeben, das ich nie gesucht, aber doch gefunden hatte. Es war stiller hier, sanfter. Nicht jeder Tag verlangte Kampf, Blut oder Härte. Hier konnte das Leben einfach sein und das machte es nicht weniger wert.
Ich hatte gelernt, Tee zu trinken, nicht weil er mich wärmen oder stärken musste, sondern schlicht, weil er schmeckte. Ich hatte gelernt, dass Lachen nicht immer eine Maske nach dem Kampf sein musste, sondern leicht sein durfte, unbeschwert. Ich hatte entdeckt, dass man nicht weniger stark war, nur weil man das Leben genießen konnte.
Mein Blick verlor sich im Flackern der Flammen, die Schatten über meine Hände warfen. „Ja“, sagte ich schließlich, und meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Ich vermisse es. Die Weite, die Jagd, den Stolz. All das, was Skjoldar ist.“ Ein kurzer Atemzug, fast wie ein Eingeständnis. „Aber ich habe hier auch gelernt… dass ein Leben ohne Kampf nicht schwach ist. Dass es schön sein kann, wenn es sanft ist. Dass Stärke auch im Frieden liegt.“
Meine Hand hob sich erneut, glitt wie zuvor in Shin-ahs Nacken und verfing sich in seinem Haar. Ich strich langsam, tröstend, weil ich spürte, wie sein Griff fester geworden war. Vielleicht hatte er die Traurigkeit in meiner Stimme gehört, vielleicht auch nur gefühlt.
Dann wandte ich mich an Yun. „Sag mir, was du wirklich wissen willst.“
Er biss sich auf die Lippen, sah in diesem Moment viel zu zerrissen aus für sein junges Alter. Schließlich stieß er die Worte heraus, hastig, als würden sie sonst verbrennen:
„Als du mich geheilt hast… hast du es wirklich geheilt? Oder hast du es einfach weggenommen und…“ Er verstummte, die Hände in den Schoß gepresst, als fänden sie die Worte nicht zu Ende.
Ein belustigter Atem entwich mir, kaum mehr als ein Laut. „Ah. Das lässt dir keine Ruhe.“
„Natürlich nicht.“ Seine Stimme war angespannt, fester als zuvor. „Die Drachen, jeder hat seine Kraft. Kija seine Hand, Jae-Ha sein Bein, Shin-ahs Augen. Aber deine Macht… sie ist anders. Du bist kein Drache. Und wenn es so funktioniert, wie ich glaube…“ Er stockte, die Schultern spannten sich. „…dann ist es gefährlich. Für dich.“
Ich ließ den Blick über seine kleine Gestalt wandern, über die viel zu ernsten Augen, die nicht zu seinem Alter passten. „Wie glaubst du, funktioniert meine Macht?“ fragte ich leise.
Er schluckte, hob das Kinn und seine Augen begegneten meinen. Da lag keine kindliche Neugier mehr, nur nackte Sorge.
„Du tauschst“, sagte er rau. „Du nimmst alles auf dich und gibst dafür deine eigene Gesundheit.“
Ich schwieg einige Herzschläge lang, ließ das Knistern des Feuers zwischen uns treten.
„Du bist unheimlich scharfsinnig, Kleiner.“ Meine Stimme war nachdenklich.
Mein Kopf lehnte sich an Shin-ah. Man sah es nicht, doch ich spürte es: Der Schlaf war längst von ihm abgefallen. So hart, so fest lag seine Brust an meinem Rücken, dass kein Zweifel blieb. Sein Griff um mich war stärker geworden, nicht schmerzhaft, aber unnachgiebig. Selbst sein Atem verriet es, flacher, gespannter. Dieses Thema wühlte ihn auf, mehr als er je in Worte fassen würde.
„Aber so einfach ist es nicht“, fügte ich schließlich hinzu, sanft, aber bestimmt. „Es ist ein Tauschgeschäft. Ich nehme etwas, Schmerz, Brüche, Risse und mein Körper heilt es schneller, als er es bei euch tun würde. Ich kann steuern, wie viel ich nehme, wie tief ich gehe.“
Yun zog hörbar die Luft ein. „Gilt das… für alles?“
Ich summte. „Ja. Zumindest in der Theorie. Krankheiten nehme ich in der Regel nicht. Manche Dinge sind zu launisch, zu unberechenbar. Schmerz lässt sich tragen. Aber ein Fieber, ein Gift, ein Wahn… das könnte auch mich verschlingen.“
Er wirkte hin und hergerissen, sein junges Gesicht ernst, viel zu hart für sein Alter. „Und… der Preis? Welche Nebenwirkungen hat es?“
Ich lächelte schwach, doch es war ein kühles, nüchternes Lächeln. Yun war wirklich unheimlich scharfsinnig, er las nicht nur meine Worte, sondern auch das, was ich verschwieg. Eigentlich hatte ich nicht vor, so viel zu enthüllen. Meine Kraft, ein Segen, der nur alle hundert Jahre vergeben wurde, war etwas, das man behütete. Man sprach nicht darüber. Man akzeptierte. Man schwieg. Und doch, aus einer Laune heraus, gab ich mehr preis, als ich sollte.
„Es hängt davon ab, was ich nehme. Eine Schürfwunde ist nichts. Ein gebrochenes Bein ist schon schwieriger. Innere Verletzungen… können dauern. Der Preis ist nie derselbe. Aber er ist immer da.“
Shin-ahs Finger krallten sich fester in den Stoff meiner Kleidung an meinem Bauch. Er hob den Kopf ein Stück, nicht genug, dass ich sein Gesicht sehen konnte, doch gerade so, dass ich die Veränderung spürte.
„Und darum“, fuhr ich fort, meine Hand beruhigend über seine Arme legend, „bin ich nicht ohne Grund Ärztin. Ich weiß, wie man heilt, ohne meine Kraft. Sie ist kein Werkzeug, das man leichtfertig benutzt.“
Yun senkte den Blick, spielte mit dem kleinen Holzspan in seinen Fingern. „Aber du hast es bei mir und Jae-Ha angewendet. Wir wären sicher auch von selbst geheilt.“
„Yun.“ Mein Tonfall war warnend, schärfer, als ich beabsichtigte. „Ich bin Ärztin. Du hattest innere Blutungen, es war einfacher, sie zu übernehmen, als dich aufzuschneiden. Und Jae-Ha hatte einen Muskelriss, der ihn Monate lang behindert hätte. Ich weiß, was ich tue, und ich dulde keine Bevormundung. Das sollte dir bewusst sein.“
Er zuckte zusammen, meine Worte trafen härter, als ich wollte. „Es… es tut mir leid. Ich wollte nicht…“
Ich seufzte leise, ließ meinen Ton weicher werden. „Ich weiß, dass du es nicht so gemeint hast. Und ich bin dir nicht böse.“
Seine Schultern sanken ein Stück.
Stille lag über uns, nur das Knistern des Feuers und das Rascheln der Nacht füllten die Lücken. Ich wandte mich wieder dem Mantel zu, prüfte ein letztes Mal meine Arbeit, strich den Stoff glatt, als könnte ich damit auch meine Gedanken ordnen. Dann neigte ich mich zu Shin-ah.
„Es ist fertig“, murmelte ich.
Er reagierte erst nicht, als wolle er mich nicht loslassen. Widerwillig bewegte er sich schließlich, und für einen Atemzug fing ich den goldenen Glanz seiner Augen ein, ehe die Maske wieder an ihren Platz fiel. Er nahm mir den Stoff ab, ich stand auf und half ihm, den Mantel anzulegen. Meine Finger glitten prüfend über den Fellbesatz.
Da, Yuns Stimme. Zögerlich, leise, fast verschluckt vom Feuer:
„Könntest du… dein Leben gegen ein anderes tauschen?“
Meine Hände hielten inne. Die Worte waren sanft gesprochen, doch ihr Gewicht fiel wie ein Stein in stilles Wasser. Sekunden verstrichen, schwer. Dann hob ich den Blick, sah Yun an und lächelte, ruhig.
„Es ist spät. Du solltest schlafen gehen, Yun.“