Kristallendes Kapitel
Abseits jener Pfade, die Händler und Reisende zwischen den Tälern und Städten des Reiches ziehen, hoch oben dort, wo die Berge ihre Schatten ineinanderlegen und das Licht der Sonne nur zögerlich die Wege hinab in die Senken findet, liegt Kitszutori – ein Dorf, das sich seit Generationen an denselben Hängen festhält wie die knorrigen Kiefern, die, vom Wind schief gezogen, ihre Äste über den schmalen Pfad legen, der hinaufführt.
Umgeben von Feldern, die noch die Feuchtigkeit des geschmolzenen Schnees in sich tragen, und Werkstätten, in denen der Geruch von frischem Holz und erhitztem Eisen ineinanderfließt, führt Kitszutori seit ungezählten Wintern und Frühlingen ein Leben, das so sehr im Rhythmus der Jahreszeiten schwingt, dass jeder, der hier lebt, die Veränderung der Luft, das leise Drängen der Knospen und das Gewicht des letzten Schnees im gleichen Atemzug erkennt. Noch bevor sich die ersten Blüten an den kahlen Zweigen zeigen und das Wasser in den Gräben wieder frei fließt – gläsern und kühl, wie der Blick eines Kindes, das noch nicht weiß, was jenseits des nächsten Hangs liegt und doch schon ahnt, dass es eines Tages hinübergehen wird.
Über dem Dorf, auf einer Terrasse aus Stein, die in der Ferne wie eine stille Woge im Grün der Hänge wirkt, ruht der Schrein. Seine Glocke erklingt nur zu besonderen Tagen. Die Stufen, von Moos überwachsen, erwecken den Eindruck, als seien sie nicht von Menschenhand, sondern vom Berg selbst angelegt worden – um jenen, die den Weg hinauf finden, zu erlauben, für einen Augenblick aus der Welt zu treten. Die unten, im Tal, ihren eigenen, schnelleren Atem hat.
Und so lebt Kitszutori weiter. Fern von Hast und Getöse. Geborgen in der Stille, die selbst im Frühling, wenn das Tauwasser in kleinen Rinnsalen die Hänge hinabfließt, nichts Eiliges an sich hat.
Zwischen den niedrigen Häusern, deren Dächer mit dunklen Holzschindeln gedeckt sind und deren Balken das weiche, abgedunkelte Licht des frühen Frühlings einfangen, ziehen sich schmale Wege. Ihre Erde ist noch feucht vom Tau, der in der Nacht über die Felder gekommen war. Man kann, wenn man innehält, das Rauschen des Schmelzwassers hören, das irgendwo im oberen Hang zwischen Steinen und Wurzeln seinen Weg sucht.
In den Gärten spähen die ersten kleinen Kräuterblätter aus der schwarzen Erde. Vorsichtig. Als wollten sie sich vergewissern, dass der Winter wirklich vorüber ist.
Die Menschen, die hier leben, kennen einander beim Namen. Ihre Tage folgen keiner Uhr, sondern dem Ruf der Hähne, dem Lauf der Sonne und dem Schwinden des Schattens an der Wand. Die Schmiede öffnet ihre Tore, wenn der Meister das Feuer im Herd aufleuchten lässt. Die Kinder laufen barfuß über den Hof, sobald der Boden warm genug ist, um ihre Schritte zu tragen. Und von oben, aus Richtung des Schreins, kommt manchmal das langsame Läuten einer kleinen Glocke – so fern, dass es fast ein Teil des Windes wird, der den Duft von Harz und feuchtem Moos ins Dorf trägt.
Es ist ein Leben, das nicht aus Ereignissen besteht, sondern aus Wiederholungen. Aus der stillen Gewissheit, dass das Kommen des Frühlings nicht beschleunigt werden kann. Und dass man, um sich selbst zu finden, oft gar nicht weitergehen muss als bis zum Rand des eigenen Gartens – um dort zu stehen, die Hände in den Ärmeln verborgen, und den Bergen zuzusehen. Wie sie, unbewegt und doch in stetem Wandel, das Dorf wie eine Schale umschließen.
Oberhalb von Kitszutori, dort, wo der Pfad schmaler wird und zwischen alten Zedern hindurchführt, erhebt sich der Schrein, dem der Halbgott Ashitaka geweiht ist – jener, von dem die Alten sagen, er habe vor zweihundert Jahren die Welt aus einer Zeit des Schattens zurück ins Licht geführt.
Wenn man die steinernen Stufen hinaufsteigt, deren Kanten vom Regen rund gewaschen sind, steht man schließlich vor der großen Figur aus hellem Stein. In deren Gesicht sich weder Zorn noch Freude, sondern etwas wie eine geduldige Wachsamkeit eingegraben hat. Vor ihren gefalteten Händen glimmen immer Raucherstäbchen, deren feiner, süßlicher Rauch sich mit dem Harz duft der Bäume mischt.
Die Dorfbewohner bringen Opfergaben hierher – Reis bündel, getrocknete Früchte, manchmal ein Stück feines Tuch. Und sie tun es nicht aus Angst, sondern aus einer stillen Dankbarkeit, als wüssten sie, dass ihr Leben hier, zwischen den Bergen, ein Geschenk ist, das nicht selbstverständlich bleibt.
Tief im Inneren des Tempels, hinter geschnitzten Türen, deren Muster Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählen, ruht das Heiligtum: der Kristall Megatama. Ein jadegrüner Stein, der einst Ashitaka gehörte und der, so sagen es die Mönche, die Verbindung zwischen Göttern und Menschen symbolisiert.
Er ist nicht nur ein Relikt – in den Märchen der Dorfältesten leuchtet er in der Dunkelheit, heilt Wunden, weist den Weg durch Nebel und Sturm. Selbst jene, die den Geschichten misstrauen, spüren, dass von ihm etwas ausgeht, das sich nicht in Worte fassen lässt.
Nur einmal im Jahr, während des Frühlingsfestes, wird der Kristall dem Volk gezeigt. An diesem Tag, so erzählt man, klingt die Glocke des Schreins klarer und tiefer als an allen anderen – und ihr Nachhall bleibt lange in den Herzen derer, die ihn hören.
Doch Megatama ist nicht das einzige Heiligtum, das in den Erzählungen der Alten vorkommt. Es gibt zwei weitere Artefakte, deren Namen im Dorf nur leise und mit einem gewissen Respekt ausgesprochen werden: den Spiegel der Amaterasu und das Schwert des Susanoo. Beide fern von Kitszutori, in Tempeln verborgen, die so weit auseinander liegen, dass selbst jene, die ein Leben lang reisen, nur von einem einzigen dieser Orte berichten können.
In den Geschichten heißt es, dass die drei Artefakte einst gemeinsam den Bund zwischen Himmel und Erde schufen – und dass sie, sollten sie je wieder an einem einzigen Ort vereint werden, das Tor zur Götterwelt öffnen würden. Eine Pforte aus Licht und Schatten zugleich, durch die nicht nur Segen, sondern auch Unheil strömen könnte.
Die Alten sagen, das Gleichgewicht zwischen den Welten würde kippen. Die Ordnung der Jahreszeiten sich verkehren. Und Sturm, Feuer und Erdbeben würden das Land heimsuchen, bis nichts mehr bliebe als eine zerbrochene Welt.
Darum hat Megatama einen Wächter – nicht irgendeinen Mönch des Schreins, sondern jemanden, der seit der Kindheit darauf vorbereitet wurde, das Artefakt nicht nur zu behüten, sondern auch zu verbergen, falls je eine Hand danach greift, die es nicht halten darf. Sein Name wird selten genannt. Und wenn die Glocke des Schreins ertönt, wandert sein Blick zuerst zu den Bergen – als würde er dort oben etwas erwarten, das nur er sehen kann.
An einem jener frühen Frühlingstage, an denen das Licht noch blass ist und selbst die Schatten der Bäume dünn und unscharf auf den Steinen liegen, sitzt Noroi auf der obersten Stufe vor der Statue des Halbgottes Ashitaka. Noroi der Name bedeutet „Fluch“ In Kitszutori sprach man ihn leise aus, als wolle man dem Wort die Kanten nehmen.
Er trägt das schlichte Gewand eines Mönchs, das ihm weder Würde noch Rang verleiht, und könnte – für einen flüchtigen Blick – jeder junge Novize eines beliebigen Schreins im Land sein.
Doch wer ihn genauer betrachtet, bemerkt den wachen Blick, der länger als nötig auf den Dingen verweilt. Und das sanfte, fast tastende Gemüt, mit dem er jede Bewegung vollzieht – als wolle er die Welt nicht stören, sondern nur kurz an ihr teilhaben.
Vor ihm erhebt sich die große Figur aus Stein – das Gesicht zeitlos, die Augen auf einen Punkt gerichtet, der irgendwo hinter dem Horizont liegen muss.
Noroi lehnt sich ein wenig nach vorn, stützt die Ellbogen auf die Knie und spricht, als könnte der Halbgott ihn hören.
„Ich habe von dir geträumt“, sagt er leise.
Und weil niemand außer den steinernen Ohren Ashitakas ihn hören kann, erlaubt er sich, wie ein Jugendlicher zu sprechen, der seine Worte nicht misst.
„Du standest nicht hier, sondern auf einer Wiese, und der Himmel war so weit, dass man nicht wusste, ob die Sonne gerade auf- oder unterging. Du hast nichts gesagt… aber ich wusste, dass du mich gemeint hast.“
Er legt die Hand in den Schoß, als wolle er den Traum festhalten. Für einen Augenblick ist es, als würde der Rauch der Räucherstäbchen nicht in den Wind zerfallen, sondern sich wie eine feine, unsichtbare Brücke zwischen dem jungen Mönch und der unbewegten Gestalt aus Stein legen.
Noroi wusste um seine Aufgabe – so wie ein Baum weiß, dass seine Wurzeln im Boden bleiben müssen, auch wenn der Wind in seinen Zweigen von fernen Orten erzählt.
Er war jung, kaum älter als achtzehn Sommer. Und obwohl er gelernt hatte, das Leben zu achten und zu bewahren, trug er in sich diesen unausgesprochenen Hunger, einmal das Meer zu sehen – die endlose Weite, von der die Alten mit jenem Blick sprachen, der gleichzeitig Fernweh und Furcht verriet.
Die andere Seite des Regenbogens, den er in klaren Frühlingsnächten manchmal über den Bergen aufleuchten sah.
Doch ein Wächter verließ Kitszutori nicht. Jeder Tag glich dem anderen: das erste Gebet in der Morgendämmerung, der einfache Brei in der Gemeinschaftshalle, Arbeit am Schrein oder in den Gärten, das zweite Gebet, der Abend, an dem das Dorf in Stille fiel – und der Schlaf, der so verlässlich kam wie der Tau in der Nacht.
Heute aber war es anders. Heute war das Frühlingsfest.
Schon seit dem ersten Licht des Tages klangen Stimmen und Schritte durch die Gassen. Der schmale Pfad zum Schrein war belebt von Pilgern, die den weiten, beschwerlichen Weg auf sich genommen hatten, um Megatama zu sehen und für ein fruchtbares Jahr zu bitten.
Händler stellten bunte Tücher zwischen den Häusern auf, die im Wind flatterten wie eine Reihe kleiner, aufgeregter Fahnen. Kinder rannten barfuß zwischen den Ständen hindurch, in den Händen noch warm gebackene Reiskuchen. Und irgendwo spielte jemand auf einer Flöte, deren heller Ton über das Treiben hinwegflog – und wieder in den Geräuschen des Tages verschwand.
Kitszutori, sonst so still und abgewogen, war erfüllt von einem Leben, das Noroi selten kannte.
Und er stand mitten darin – hin- und hergerissen zwischen der Freude, Teil dieses Festes zu sein, und der Pflicht, die ihn bald wieder auf den stilleren Pfad zum Schrein führen würde.
Zwischen den Ständen, dem Duft von gebratenem Reis und dem Gelächter der Kinder bewegte sich Noroi wie jeder andere Mönch – die Hände lose in den weiten Ärmeln verborgen, das Haupt leicht geneigt, als würde er die Händlerpreise oder das neue Muster auf einem bemalten Fächer betrachten.
Niemand schenkte ihm besondere Beachtung, und das war gut so — denn was nur wenige wussten: Er trug ein Geheimnis, das nicht einmal der Rat der Ältesten ganz kannte.
Noroi war ein Henge – ein Formwandler, fähig, das Antlitz jedes Menschen anzunehmen, den er einmal gesehen hatte. Hier, im Getümmel des Festes, ließ er das Gesicht des Mönchs, der er zu sein schien, unverändert. Denn ein Mönch unter Mönchen zog keinen Blick auf sich.
Und doch war es für ihn mehr als Tarnung — es war ein Schutzschild gegen etwas, das er selbst nicht sehen wollte.
Seine wahre Gestalt, die er so selten zuließ wie man einen Alptraum an die Oberfläche drängt, war ein langes, dürres Wesen mit Armen, die bis zum Boden reichten, und einer glatten, gesichtslosen Fläche dort, wo andere Augen und Mund trugen.
So ähnlich wie in den unruhigen Geschichten, die Kinder sich im Flüsterton erzählten, wenn das Feuer im Herd fast erloschen war — nur dass bei ihm kein Märchen dahinterstand, sondern eine Wirklichkeit, die er ablehnte.
Es gab Nächte, da wachte er auf mit dem Gefühl, die Haut der menschlichen Gestalt wäre zu eng geworden. Als müsse er sich strecken, bis die Finger den Boden berührten. Und er hielt die Luft an, als könnte er damit die Verwandlung aufhalten.
Er fürchtete, eines Tages könnte er in dieser wahren Form vor den Menschen stehen — und dass in ihren Augen nicht das Erkennen, sondern das Zurückweichen läge.
Darum blieb er, besonders an Tagen wie diesem, ein Mönch wie alle anderen.
Während um ihn herum das Dorf lachte, feilschte und betete – und nur er wusste, wie viel mehr er verbergen musste als das Geheimnis eines Heiligtums.
Noroi schob sich durch das Gewirr aus Stimmen, Räucherduft und flatternden Bändern. Sein Blick glitt beiläufig von Stand zu Stand, und manchmal fragte er sich, wie viele Gesichter er sich hier heute hätte leihen können, ohne dass jemand es merkte.
Es war ein Gedanke, der nicht von Neugier, sondern von dieser seltsamen Leere begleitet wurde, die ihn überfiel, wenn er zu lange darüber nachdachte:
Wenn er jeder sein konnte – wer war er dann noch? Vielleicht nur eine Nachbildung, ein Echo. Vielleicht nichts.
Er schüttelte die Gedanken ab, wie man Staub von den Ärmeln wischt, und sah Liora zwischen zwei Ständen.
Sie trug das schlichte Gewand einer Heilerin, doch über ihrer Schulter hing eine kleine Tasche mit getrockneten Kräutern, aus der ein scharfer, würziger Duft entwich. In ihrer Hand glomm schwach ein Stück polierter Quarz – nicht zur Zierde, sondern als Werkzeug, mit dem sie ihre Magie lenkte.
Liora war eine, die mehr heilte als sprach. Und dennoch konnte ihr Blick mehr Trost spenden als mancher gesprochene Satz.
Neben ihr stand Kealen, der Ronin – hochgewachsen, mit der lockeren Haltung eines Mannes, der kein Zuhause mehr hat und es längst aufgegeben hat, so zu tun, als wäre er auf der Suche. Sein Kimono war schlicht, doch an seinem Gürtel hing ein Katana, dessen Griff abgenutzt war, als hätte er mehr Jahre in der Hand eines Mannes verbracht, als das Schwert selbst geschmiedet war.
In Kitszutori kannte man Kealen als einen, der nicht fragte und nicht beichtete – aber er war da, wenn jemand jemanden brauchte, der an seiner Seite stand.
„Noroi“, begrüßte ihn Liora mit einem leisen Lächeln, das nicht für die Menge bestimmt war.
„Ich hatte schon befürchtet, du würdest den ganzen Tag auf den Stufen beim Schrein sitzen.“
„Heute nicht“, antwortete er, und obwohl er den Ton leicht hielt, spürte er in sich diesen kleinen, unbeweglichen Kern, der wusste, dass er am Ende doch wieder dort oben stehen würde – als er selbst, oder als jemand, der nur so aussah.
Kealen nickte ihm knapp zu.
„Du kommst gerade recht. Der Händler da drüben schwört, er habe eine Klinge aus Stahl, der den Atem der Götter gefangen hält. Ich möchte sehen, ob er wenigstens den Atem eines Schmieds wert ist.“
Und so ließ Noroi sich von ihnen mitziehen – hinein ins Treiben, in Farben, Stimmen und Düfte, die den Tag so weit machten, dass man fast vergessen konnte, wie eng die Welt manchmal war.
Der Tag dehnte sich warm und weit, auch wenn die Sonne nur noch selten zwischen den Wolken hervorsah.
Liora, in ihrem Gewand mit dem dezenten Wappen ihres Ordens, schritt leichtfüßig neben Noroi. Das halblange braune Haar wurde immer wieder von einer Frühlingsbrise gelöst, die den Duft von gebratenem Fisch und süßem Reiskuchen mit sich trug.
Sie grüßte jeden zweiten Menschen, tauschte ein paar Worte, ließ sich Kräuter in die Hand legen, um sie zu prüfen. Und sie schien in diesem Gewimmel aus Farben, Stimmen und Gerüchen ganz in ihrem Element zu sein.
Kealen folgte in gemächlichem Abstand, den Blick oft nicht dort, wo sie waren, sondern irgendwo hinter der Menge – als prüfe er unaufhörlich, ob der Tag so ruhig bleiben würde, wie er tat.
Sein Kimono trug mehr Flicken als ursprünglichen Stoff, und in der schiefen Linie seines Drei-Tage-Barts lag diese mürrische Gelassenheit eines Mannes, der schon zu viele Male verloren und doch weitergegangen war.
Ab und zu hielt er vor einem Stand inne, prüfte den Schliff einer Klinge, runzelte die Stirn, murmelte ein abfälliges Urteil – und schritt weiter.
Gemeinsam zogen sie durch das Dorf, tranken süßen Pflaumenwein aus kleinen Keramikschalen, lachten über einen Jongleur, der beim dritten Ball patzte, und sahen den Kindern zu, die in einer improvisierten Parade kleine Papierdrachen schwangen.
Noroi, so sehr er auch diesen seltenen Tag genoss, ließ seine Gedanken immer wieder treiben – mal zu dem Traum, den er Ashitaka anvertraut hatte, mal zu der Frage, ob er selbst in dieser lachenden Menge überhaupt „er“ war oder nur das Abbild, das er allen zeigte.
Darum merkte er nicht, wie ein schmaler, dunkler Schatten am Rand einer Häuserzeile entlangglitt. Er war nicht größer als ein Kind – und doch zu schnell, zu lautlos, um wirklich menschlich zu sein.
Die meisten sahen ihn nicht. Und jene, die meinten, einen Augenwinkel lang etwas erhascht zu haben, schüttelten den Kopf und wandten sich wieder den Trommeln und Liedern zu.
Das Läuten der Schrein-Glocke zog wie eine lange, klare Linie durch das Stimmengewirr. Nach und nach wandten sich die Menschen den steinernen Stufen zu.
Eine Prozession aus Mönchen in schlichten Gewändern führte den Weg, Räucherstäbchen in den Händen, während hinter ihnen das große Torii den Eingang zum heiligen Bereich markierte.
Noroi ging einige Schritte vor seinen Freunden, der Blick nach oben gerichtet – dorthin, wo der Kristall Megatama gleich zum ersten Mal in diesem Jahr das Licht sehen würde.
Der Hof vor dem Schrein füllte sich mit Pilgern, und für einen Augenblick schien alles still zu werden.
Die geschnitzten Türen öffneten sich langsam – als hätten sie selbst Jahrhunderte lang auf diesen Moment gewartet.
Und dann lag er da: Megatama. Jadegrün, makellos, auf einem Podest aus dunklem Holz, das so poliert war, dass es das Licht wie Wasser zurückwarf.
Selbst aus der Entfernung konnte Noroi den feinen Schimmer erkennen, der nicht vom Sonnenlicht kam, sondern aus dem Stein selbst zu strömen schien.
Doch noch bevor der Augenblick sich in den Herzen der Menge festsetzen konnte, durchbrach ein Schrei die Stille – roh, menschlich, voller Panik.
Dann das metallische Kreischen von Klinge auf Klinge, kurz und scharf wie ein Blitzschlag.
Die Menschen drängten, rissen sich los, und plötzlich strömte die Menge den Stufen entgegen – hastig, keuchend, manche mit entsetztem Blick zurück zum Schrein.
Noroi, Liora und Kealen blieben keine Zeit zum Fragen.
„Etwas stimmt nicht“, sagte Kealen knapp.
Und sie setzten sich in Bewegung – gegen den Strom der Fliehenden, die ihnen entgegen taumelten.
Das Torii ragte wie ein stummer Wächter über ihnen, als sie hindurch traten.
Auf den Steinen des Hofes lagen Novizen, bewusstlos oder reglos. Ihre Räuchergefäße umgestürzt, der Rauch im Wind verwehend.
Noroi fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Doch er hielt den Blick fest nach vorn gerichtet.
Gemeinsam liefen sie weiter – die Stufen hinauf zum Inneren des Schreins, wo hinter den schweren Türen Megatama lag.
Oder gelegen hatte.
Vor dem Podest, auf dem Megatama eben noch gelegen hatte, stand ein großgewachsener Mann in schwarzem Gewand.
Sein Gesicht verbarg sich hinter einer Kriegsmaske aus Metall, deren verzerrte Züge den Blick fesselten: aufgerissener Mund, starrende Augen – eingefroren in einem Ausdruck zwischen Hohn und Zorn.
In seiner behandschuhten Hand lag der jadegrüne Kristall. Von ihm ging ein Schimmer aus, der das Licht nicht erhellte, sondern verschluckte.
Noroi spürte es sofort – diese dunkle Präsenz, wie ein kalter Strom, der von der Gestalt ausging und durch den Raum kroch, über die Steine, unter seine Haut.
Kealen brauchte keinen zweiten Blick.
Mit einem einzigen Schritt war er vorgezogen, die Hand am Griff seines Katanas.
Als die Klinge in einem klaren Zug aus der Scheide glitt, hallte ihr metallisches Singen zwischen den Säulen wider.
Liora hob instinktiv ihre linke Hand, den langen Stab in der rechten festgehalten.
Aus dem polierten Holz breitete sich ein schimmerndes, leicht goldenes Licht aus – ein Schutzschild, hauchdünn, wie eine Schale zwischen ihnen und dem Mann in Schwarz.
Noroi jedoch verharrte.
Kämpfen lag nicht in seinem Blut. Er hatte gelernt, Leben zu bewahren, nicht zu nehmen.
Und doch wusste er, dass hier, in diesem Moment, Zögern den Kristall – und vielleicht das ganze Dorf – kosten konnte.
Sein Atem wurde flach. Unter den weiten Falten seiner Mönchsrobe tasteten seine Finger den vertrauten Griff des kurzen Schwertes, das er nur in äußerster Not führte.
Und die beiden Dolche, verborgen wie ein vergessenes Geständnis.
Er atmete tief durch – und spürte, wie der kalte Blick hinter der Kriegsmaske sich genau auf ihn legte.
Kealens Katana schnitt durch die Luft wie ein Blitz. Das metallische Kreischen hallte, als seine Klinge auf die Schulter des Maskenmannes traf – und abprallte, als hätte er gegen Stein geschlagen.
Der Mann wich keinen Schritt zurück. Seine Haltung war so unbeweglich wie eine Statue, und in seiner Hand ruhte Megatama, als wäre es leicht wie ein Kiesel.
Liora stand hinter Kealen, den Stab fest in beiden Händen. Aus seiner Spitze entluden sich Funken aus goldenem Licht, die wie Pfeile auf den Angreifer zufuhren.
Sie prallten ab, zersplitterten zu glühendem Staub, der am schwarzen Gewand verpuffte.
Noroi duckte sich, glitt seitlich zwischen zwei Säulen hindurch. Sein Herzschlag hämmerte in den Ohren, doch seine Schritte blieben lautlos.
In einer fließenden Bewegung glitten die Dolche in seine Hände – schmal und matt, damit sie kein Licht verrieten.
Er hielt den Atem an, pirschte sich von hinten heran, während Kealen den Maskierten mit wuchtigen Hieben beschäftigte.
Mit einem Satz war Noroi in Reichweite.
Die Dolche zuckten wie die Schwingen eines Raubvogels nach vorn, zielten auf den ungeschützten Nacken.
Doch als die Klingen trafen, war es, als hätten sie eine Mauer aus Eisen berührt.
Ein metallisches Klack hallte durch den Raum, Vibrationen zogen bis in seine Handgelenke.
Langsam drehte sich der Mann in Schwarz zu ihm um.
Die Maske kam so nah, dass Noroi sein eigenes Spiegelbild in den toten, starren Augen sehen konnte.
„Wer bist du? Was willst du hier?“ fragte Noroi – die Stimme fester, als er sich fühlte.
Ein leises, spöttisches Lachen kam von hinter dem Metall.
„Nur ein Wanderer.“
Und dann bewegte er sich – schnell, präzise, wie ein Schatten, der plötzlich Form bekommt.
Der Maskierte stürmte vor. Kealen stellte sich ihm frontal in den Weg, das Katana in beiden Händen.
Stahl prallte auf Stahl, Funken sprühten, und der dumpfe Schlag der Klingen hallte zwischen den Säulen wider.
Kealen setzte nach – eine Abfolge schneller, brutaler Hiebe, jeder stark genug, einen Baumstamm zu spalten.
Doch der Fremde wehrte sie ab, als wären es harmlose Stöße eines Kindes.
Hinter ihm sprach Liora ein kurzes, scharfes Wort. Ein Bogen aus Licht formte sich zwischen den Spitzen ihres Stabes.
Sie schleuderte ihn vorwärts – ein gleißender Halbmond, der den Angreifer umriss und für einen Herzschlag zum Stillstand brachte.
Doch dann riss der Maskierte die Schultern herum. Das Licht zersprang wie Glas.
Liora stolperte zurück, die Hand an der Schläfe.
Noroi nutzte den Moment.
Er glitt seitlich heran, schnell und tief, wie er es in den Übungen der Novizen gelernt hatte.
Die Dolche blitzten nur einmal auf, bevor sie ins Schwarze tauchten.
Ein kurzer Widerstand – dann das feine Gefühl, dass die Spitze auf etwas Weicheres traf.
Nicht tief, nur ein schmaler Schnitt.
Doch genug, um einen roten Strich über einen seiner Finger zu hinterlassen.
Der Maskierte fuhr herum.
Ein einziger Schlag seines freien Arms traf Noroi an der Brust und schleuderte ihn rückwärts gegen eine der Säulen.
Die Luft wich ihm aus den Lungen, Sterne flackerten vor seinen Augen.
Kealen brüllte, stürzte erneut vor, doch der Mann parierte mühelos, drehte sich seitlich und schlug den Ronin mit dem Ellenbogen gegen den Kopf.
Kealens Katana fiel klirrend auf den Steinboden, er brach in die Knie.
Liora wollte noch einmal den Stab heben, doch eine Berührung – kaum mehr als ein Stoß – reichte, und sie wurde gegen die Wand geschleudert, wo sie zusammensank.
Noroi versuchte, sich wieder zu erheben, doch die Beine gehorchten nicht.
Durch den Nebel vor seinen Augen sah er, wie der Maskierte Megatama an sich drückte, den Blick kurz auf den eigenen verletzten Finger senkte – und dann mit lautlosen Schritten in den Schatten zwischen den Säulen verschwand.
Das Letzte, was Noroi wahrnahm, bevor die Dunkelheit ihn einholte, war das ferne Schlagen der Schrein-Glocke – und das Gefühl, dass dieser Ton nun einen anderen, unbekannten Klang in sich trug.
Noroi erwachte im Geschmack von Asche.
Es war erst der Geruch gewesen, der ihn heraufgezogen hatte – schwer, beißend, durchzogen von dem süßlichen Unterton verbrannten Holzes –, dann das brennende Stechen in der Kehle.
Er öffnete die Augen; für einen Herzschlag hoffte er, der Rauch gehöre noch zu einem Traum.
Doch um ihn herum stand Kitszutori in Flammen. Er lag auf den Steinen des Schreinshofes, am Fuß der Stufen; er wusste nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren.
Häuser, deren Dächer am Morgen noch das Tauwasser glitzern ließen, waren nun schwarze Gerippe, aus denen Flammenzungen wie wütende Hände griffen.
Die Gassen lagen voll verkohlter Trümmer; irgendwo kippte ein Balken, fiel in sich zusammen, und der Aufprall schickte eine Wolke glühender Funken in die Luft.
Das Frühlingsfest war verschwunden, als hätte es nie stattgefunden.
Noroi stemmte sich hoch, der Kopf hämmerte, jeder Atemzug kratzte wie Scherben in seiner Brust.
Sein Blick suchte fieberhaft zwischen den Rauchschwaden – und fand Liora.
Sie lag nur wenige Schritte entfernt, seitlich zusammengesunken, der Stab noch neben ihr, das Gewand von Ruß und Blut geschwärzt.
„Liora!“
Seine Stimme brach fast, als er zu ihr kroch.
Sie atmete, flach, aber gleichmäßig, und als er ihre Schulter berührte, öffneten sich ihre Lider einen Spalt.
„Kealen…?“ flüsterte sie, kaum hörbar.
Noroi fuhr herum, suchte den Ronin zwischen den Trümmern.
Dort lag er – das Katana noch in Reichweite, der Kopf blutverschmiert, aber auch er atmete.
Noroi hatte das Gefühl, als würde etwas in seiner Brust zusammengedrückt.
Seine Freunde lebten – das war das Einzige, was ihn davon abhielt, laut loszuschreien.
Aber er hatte versagt.
Das Heiligtum war fort, Megatama in den Händen eines Fremden, und seine Heimat war nur noch Asche.
Der Gedanke nagte an ihm, bohrte sich tiefer mit jedem Atemzug: Er hätte etwas tun müssen.
Mehr.
Besser.
Er wollte aufspringen, laufen, schreien, so weit und so laut er konnte.
Doch Kealens Hand legte sich schwer auf seine Schulter.
„Nicht jetzt. Wir brauchen einen Plan.“
Seine Stimme war rau, aber fest – wie der Griff eines Mannes, der schon zu oft gesehen hatte, wie Zorn Menschen ins Verderben führte.
Liora hielt den Blick auf den Boden gerichtet, als würde sie ein Bild darin sehen, das die anderen nicht sahen.
„Der Angreifer … er war kein gewöhnlicher Mensch“, sagte sie leise. „Waffen konnten ihm nichts anhaben. Ich habe … das Wappen der Yukei gesehen – den Nachtwächtern. An seiner Armschiene.“
Noroi runzelte die Stirn, die Falte tief wie eine eingeritzte Linie.
„Der Dunkle Orden …“ Er sprach den Namen fast flüsternd aus. „Ich habe nur Gerüchte gehört. Eine uralte Gruppe, die im Verborgenen agiert. Sie nutzen verbotene Rituale … dunkle Magie, die selbst in den Geschichten der Ältesten nur mit Warnungen erwähnt wird.“
Kealen zog das Katana näher zu sich, als wolle er es prüfen.
„Dann haben wir es nicht nur mit einem Dieb zu tun.“
„Nein“, sagte Liora, der Blick nun fest auf Noroi. „Wir haben es mit einer Bedrohung zu tun, die größer ist, als nur unser Dorf.“
Und Noroi spürte, dass der Weg, der vor ihnen lag, kein Pfad war, den er freiwillig gewählt hätte – sondern einer, der ihn finden würde, egal wohin er lief.
Die drei machten sich langsam auf den Weg durch die verkohlten Reste von Kitszutori.
Zwischen den rauchenden Balken und den verbrannten Überresten erkannte Noroi vertraute Formen – die Tür der Schmiede, den Brunnen vor Lioras Hütte –, alles schwarz, alles still.
Am Rand des Dorfes, dort, wo der Pfad ins Tal hinunterführte, stand ein alter Händler, der seinen Karren notdürftig beladen hatte.
Er war einer der wenigen, die den Angriff überlebt hatten, und als er Noroi erblickte, hob er eine Hand, um ihn heranzuwinken.
„Es war vor drei Tagen“, sagte er, die Stimme noch heiser vom Rauch. „Ein Fremder. Groß, breit, den Hut tief ins Gesicht gezogen. Er hat nach dem Kristall gefragt … und nach einem Spiegel.“
„Spiegel?“, wiederholte Kealen, der Blick sofort scharf.
Noroi spürte, wie sich in seinem Magen etwas zusammenzog.
„Der Spiegel der Amaterasu …“, flüsterte er. „Ein weiteres Heiligtum.“
Der Händler nickte zögerlich. „Er sagte, er habe gehört, dass sich dieser Spiegel in Shinkawa befinde, einer Stadt an der Küste. Dann ist er weitergezogen, nach Süden.“
Liora wechselte einen Blick mit Noroi, und in ihrem Gesicht lag keine Unsicherheit mehr – nur noch Gewissheit.
„Wenn die Yukei hinter allen Artefakten her sind, dürfen wir nicht warten, bis sie Shinkawa erreichen.“
Kealen zog die Schultern straff. „Dann ist unser Weg klar.“
Das ehemalige Gasthaus von Kitszutori war kaum wiederzuerkennen.
Wo einst der Duft von warmem Reis und geröstetem Tee durch die Räume gezogen war, lag nun der scharfe Geruch von Kräutern und verbranntem Holz.
Die Matten waren zu Lagern für Verwundete geworden, das Klirren von Schalen ersetzte das Lachen der Gäste.
Liora bewegte sich zwischen den Verletzten wie ein leiser, stetiger Strom.
Ihre Hände fanden den Weg zu Fieberstirnen, verbanden Wunden, wechselten Verbände, und aus den Tiefen ihrer Tasche kamen Tinkturen, die bitter rochen, aber Linderung brachten.
Noroi blieb in der Nähe, doch er hielt sich im Schatten.
Nicht aus Scheu vor dem Leid – er hatte gesehen, was Schmerz war –, sondern weil er die Gesichter nicht ertragen konnte.
Jedes davon war ein stiller Vorwurf: „Du hast versagt.“
Kealen war verschwunden, noch bevor die Sonne ganz über die Berge kam.
Niemand wusste, wohin, und niemand fragte.
Er kehrte erst bei Tagesgrauen zurück: drei Pferde am Zügel, auf jedem Sattel ein sorgfältig befestigtes Bündel – Wasser, Proviant, Decken und für jeden eine kleine Lederrolle mit Werkzeug und Waffen, die er irgendwo aufgetrieben hatte.
„Wir brechen morgen auf“, sagte er knapp. Es klang nicht wie ein Vorschlag, sondern wie ein Gesetz.
Am Abend, als das Gasthaus im Zwielicht lag und die Stimmen der Verwundeten leiser wurden, kam Liora zu Noroi.
In ihrer Hand lag ein kleiner Talisman – ein Stück polierter Stein, in das eine schlichte, aber präzise Linie eingeritzt war.
„Gegen Krankheit“, sagte sie leise, und drückte es in seine Hand. „Für Wahrheit. Damit du dich in dir selbst nicht verlierst. Namen sind kein Schicksal, Noroi. „
Für einen Moment dachte er an die Bedeutung seines Namens – Noroi, „Fluch“ – und daran, wie schwer er sich manchmal anfühlte.
Er schloss die Finger um den Stein. Er wusste nicht, ob er den Mut hatte, die Wahrheit zu ertragen. Aber er wusste, dass er es versuchen musste.
Am nächsten Morgen ritten sie aus Kitszutori hinaus, den Pass ansteuernd, das Tal hinter sich lassend.
Die Berge standen hoch und still, als wollten sie die drei noch einmal prüfen, bevor sie den Pfad in die Welt freigaben.
Vor ihnen lag eine lange Reise – und irgendwo am Ende davon die Küste von Shinkawa.
Stählernes Kapitel
Kurohiko schritt langsam durch die verlassenen Hallen.
Seine Schritte hallten dumpf auf dem kalten Stein, und jedes Knarren der morschen Balken klang wie das Flüstern alter Geister. Der Tempel war schlicht, beinahe karg. Keine goldenen Statuen. Keine Wandmalereien. Kein Weihrauch. Nur ein einziger Raum, tief im Innersten, gehüllt in Schatten – und darin: das Schwert.
Susanoos Zorn.
Kurohikos Rache.
Eine Klinge, geschmiedet, um Göttern das Fürchten zu lehren. Um Welten zu entzweien.Um Wind und Seelen gleichermaßen zu zerschneiden.
Er war ihr Hüter. Und ihr Träger. Es war seine Bestimmung.
Hier ruhte es: auf einem steinernen Sockel, tief unter der Erde. Seit Jahrhunderten verborgen.
Geschützt von jenen, die die Dunkelheit in ihren Herzen willkommen hießen.
Kurohiko atmete tief ein. Das Brandmal auf seiner Schulter begann zu brennen – wie jedes Mal, wenn er sich dem Schwert näherte. Er trug das Zeichen mit Stolz, akzeptierte den Schmerz störrisch wie einen alten Eid.
Drei verschlungene Ringe.
Loyalität.
Verschwiegenheit.
Stärke.
Das Wappen der Yukei.
Gerade als er den Sockel erreichte, hallte ein leiser Laut durch die Halle – kein Wind, kein Tier, sondern... fast wie ein Schrei. Hoch, kurz, dünn. Wie der eines Kindes.
Kurohiko blieb stehen. Damals...
Das Geräusch riss an einem alten Bild in seinem Inneren. Schreie, Regen. Kälte und eine Hand, die ihm gereicht wurde.
---
„Das Land ist tot“, hörte er die verbitterte Stimme seiner Mutter sagen „Wir müssen fort von hier.“
„Wir bleiben“, lautete das kalte Urteil seines Vaters. „Das ist unsere Heimat.“
Heimat – hier gab es nichts als trockenes Gras und tote Bäume. Der Wind trug Staub und bröckelnde Erde über die ausgedörrte Ebene, ließ die letzten Pfützen versanden. Kein Vogel sang. Keine Zikade zirpte. Früher soll es anders gewesen sein. Als seine Eltern selbst noch Kinder waren, sei das Land fruchtbar gewesen, hieß es. Auf den weiten Ebenen graste Vieh, auf den Terrassenfeldern wuchs Reis, und die Obstbäume hingen schwer von reifem Segen.
Doch seit das Wasser versiegt war, ging es nur noch bergab. Wer konnte, floh in die Hauptstadt. Zurück blieben die Alten, die Armen – und die Verlorenen.
Oder Männer wie sein Vater, die sich an billigem Sake und hohlem Patriotismus festkrallten.
Kurohiko hatte seine Mutter oft weinen sehen. Hatte gesehen, wie sie bettelnd durch die leeren Gassen ging oder sich fremden Blicken aussetzte, um einen Reisklumpen zu erbetteln. Er war noch zu jung, um es zu verstehen – aber sein Instinkt wusste längst, dass es sich falsch anfühlte.
Und dass er sich schämte.
Der schwache Kaiser kümmerte sich nicht um sein Volk. Seine Kriege, seine Ehre – das war alles, was ihn interessierte. Die Götter hatten ihren Blick abgewandt.
An wen sollten die Menschen sich wenden?
Zu wem beten?
Manchmal zogen Truppen vorbei – kaiserliche Männer in blanken Rüstungen. Sie nahmen, was den Menschen geblieben war. Ihre Stimmen waren hart, ihre Speere immer schneller als jedes Wort.
Kurohiko fürchtete sie. Diese Männer auf ihren Pferden. Das kalte Metall.
Der Regen kam - Endlich.
Doch Kurohiko konnte sich nicht freuen. Er bedeckte das Gesicht seiner Mutter mit einem alten Laken. Nun wirkte sie friedlich. Wie eine Puppe aus Porzellan.
Sein Vater war bereits im letzten Winter gegangen – fortgesoffen oder erfroren. Wer weiß das schon?
Jetzt war Kurohiko allein auf der Welt. Er wünschte, er könnte um den Verlust weinen. Doch die Tränen kamen nicht, obwohl sein Herz schmerzte.Einen ganzen Tag und eine Nacht saß er da – der Regen war sein einziger Begleiter.Dann, ohne ein Wort, wandte er sich vom Lager seiner Mutter ab.
Er wusste, was zu tun war. Er öffnete die Truhe und nahm die Kleider seiner Eltern. Vielleicht würde sie ihm jemand abkaufen. Vielleicht reichte es für ein paar Münzen.
Das Bündel fest an die Brust gedrückt, lief Kurohiko durch die verwinkelten Gassen, bis er die Hauptstraße erreichte. Der Regen rauschte noch immer – doch da war noch etwas anderes.Das Trampeln von Pferdehufen. Das Klirren von Metall. Ein Befehl, gebrüllt mit rauer Stimme. Neue Truppen. Wieder Soldaten. Die wenigen Menschen auf der Straße zogen sich hastig in ihre Häuser zurück. Fensterläden klappten zu. Ein Kind schrie irgendwo hinter einem verriegelten Tor. Und dann kamen sie.
Die Karawane aus Masken und Hörnern. Männer in schwarzen Gewändern, die aussahen, als stammten sie aus einem anderen Zeitalter. Ihre Gesichter verbargen sie hinter absurden, starren Fratzen – Dämonen, Tiere, Götterbilder. Doch sie trugen keine Banner. Kein Zeichen. Kein Wappen.
Welche Fraktion war das?
Wessen Krieg führten sie?
Noch ehe Kurohiko diesen Gedanken zu Ende denken konnte, erscholl ein scharfes:
„Halt!“
Sein Blick fiel auf einen Reiter, ganz in Schwarz gehüllt. Der Mann trug eine glatte, maschinenartige Maske mit nur zwei tiefen, glühenden Augenöffnungen. Etwas Unheimliches ging von ihm aus – etwas, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Kurohiko spürte, wie ihm der Atem stockte, als der Reiter vom Pferd stieg. Er wusste sofort: Der Mann hatte ihn gesehen. Er wich zurück, stolperte, bis eine kalte Mauer seinen Rücken stoppte.
War das sein Ende? Hatte er nicht gehört, dass manche einfach aus Lust töteten?
War das... jetzt?
Seine Augen weiteten sich, sein Mund formte einen stummen Schrei. Er rang nach Luft – doch die Welt um ihn schien zu schweigen.
Dann kniete der Mann nieder. Vor ihm!?
„Endlich habe ich dich gefunden... mein Prinz.“
–
Die Welt, in die man ihn mitnahm, war eine völlig andere als das Leben das er kannte. Dort gab es keine Bettelschalen, keine Blicke, die durch einen hindurchsahen. Stattdessen:
Rituale. Regeln. Geheimwissen.
Er lernte Formeln zu sprechen. Symbole auf Papier zu schreiben. Er lernte, sich in Schatten aufzulösen, zu töten, bevor man seinen Namen aussprach. Er lernte, den Schmerz in seinem Herzen nicht zu bekämpfen – sondern zu führen. Die Nacht war keine Feindin mehr. Sie wurde sein Mantel.
Seine Reisschüssel war niemals leer. Er trug nun selbst die Kleidung eines Edelmannes. Das rabenschwarze Haar war zu einem makellosen Zopf gebunden.
Sein Blick war kühl, aufmerksam und uralt. Aus dem verlorenen Kind war ein Mann geworden.
Ein Werkzeug.
Ein Erbe.
Susanoos Erbe.
Das Geräusch von Schritten auf dem Steinboden riss Kurohiko aus seinen Gedanken.
Er spürte die Präsenz, noch bevor er sich umdrehte – schwer, dunkel, unausweichlich.
„Nobunaga. Ihr seid zurück“, sagte er ruhig und warf seinem Herrn einen neugierigen Blick zu. „Wie ist es euch ergangen?“
Nobunaga schob sich die schwarze Maske vom Gesicht. Darunter offenbarte sich ein ebenso fratzenhaftes Antlitz – nicht entstellt durch Wunden, sondern durch Veränderung. Es war, als hätte sich sein Fleisch einem anderen Willen unterworfen.
„Die Erneuerung hat begonnen“, raunte er. Er öffnete seine behandschuhte Hand – darin: Megatama. Der Kristall vibrierte. Er leuchtete in grünlichem Licht, doch in seinem Inneren zuckten Blitze wie bei einem Sturm, der noch keinen Himmel gefunden hatte. Das Schwert auf dem Sockel antwortete. Ein leises Zittern ging durch den Raum. Metall vibrierte, als würde es dem Kristall antworten – als würden die beiden uralten Artefakte in einer Sprache sprechen, die nur Götter oder Wahnsinnige verstehen konnten.
„Schau her.“ Nobunaga hob den Kristall. Die Erde bebte. In der Ferne grollte der Donner. Kalter Wind fuhr durch die Halle wie eine Vorahnung.Und dann... veränderte sich die Luft. Sie wurde brüchig. Splitternd. Wie Glas, das unter einem unsichtbaren Druck zu bersten drohte. Ein Riss entstand – erst schmal wie ein Kratzer, dann breiter, dann tief. Licht flackerte in seinem Inneren. Schatten formten Gestalten. Ein Blick in eine Welt tat sich auf, due mit menschlichem Verstand kaum zu erfassen war – verdreht, ewig, still. Licht flackerte in seinem Inneren. Schatten formten Gestalten. Das Licht dort war kein Licht, sondern Bewegung, Gedanke, Atem zugleich.
Schatten formten Gestalten, die keine Gestalten waren –sie flossen, wuchsen, lösten sich auf,
bekamen Kanten, wo keine sein sollten, Augen, wo keine passten, Arme, die sich suchten und wieder verloren. Farben durchdrangen die Luft, Farben, für die es keine Namen gab, Töne, die zu flimmern schienen, und für einen Augenblick schien das ganze Sein zu kippen.
Kurohiko starrte. Gebannt. Beinahe ehrfürchtig. Dann war es vorbei. Der Riss schloss sich. Die Luft beruhigte sich. Und der Kristall nahm wieder die matte Farbe von Jade an.
„Ein erster Vorgeschmack.“ Nobunaga schmunzelte. „Bald ist es soweit.“
Kurohiko wusste, was das bedeutete. Er trat einen halben Schritt zur Seite, streckte den Arm aus.
„Komm zu mir.“
Wie gerufen erschien Susanoos Schwert in seiner Hand. Es war schwer. Glühend heiß. Es lebte.
Zorn vibrierte in der Klinge. Ungeduld. Verlangen.
Nobunaga nickte zufrieden – und doch mit einer Spur von Unruhe in den Augenwinkeln.
Kurohiko war loyal. Er war bereit. Aber war er... kontrollierbar?, fragte sich Nobunaga
„Ich habe eine letzte Bewährungsprobe für dich“, sagte Nobunaga ruhig.
„Jemand hat mir in den Finger gestochen. Und das... können wir nicht ungesühnt lassen.“
Kurohiko schmunzelte. „Natürlich nicht. Was soll ich tun?“
Fast hätte Kurohiko gelacht. Eine Frau. Ein müder Veteran. Und ein Junge, der nicht einmal wusste, wer er war.
Das soll meine Prüfung sein?
„Ich bin bald zurück“, versprach Kurohiko mit einem leichten Lächeln. Dann pfiff er.
Aus dem Schatten trat ein Qilin – sein Reittier, ein Wesen aus alter Zeit, halb Traum, halb Sturm. Mit einer fließenden Bewegung schwang er sich in den Sattel.
Der Himmel war grau und der Nebel hing tief. Der Pfad lag klar vor ihm. Kurohiko ritt hinaus.
–
Sie ritten seit Tagen. Nur selten hielten sie an – eine Stunde Schlaf hier, ein kalter Fluss dort. Kealen führte die Gruppe mit stoischem Blick, Liora hielt Karten, Wegzeichen und ihre Gedanken zusammen. Und Noroi? Noroi sog die Welt auf wie ein Schwamm. Er hatte das Dorf nie zuvor verlassen. Noch nie die Hügel überschritten, die wie ein schützender Kranz um seine Heimat lagen. Jetzt war alles neu, weit, und atemberaubend. Überall gab es Dinge zu sehen: verwitterte Schreine, moosige Höhlen, vergessene Pfade, Rätsel in Stein und Wind. Neue Aufgaben, neue Wunder – doch Kealen mahnte zur Eile. Die Felder im Süden wirkten leer, als hätten sie den Atem angehalten. Das Gras stand hoch, aber welk, und kein Insekt summte durch die Luft. Die Vögel zogen in seltsamen Mustern über den Himmel. Und einmal – nur einmal – sah Noroi eine Gestalt in der Ferne, die ging wie ein Mensch, doch den Schatten eines Tieres warf. Kealen sah es auch. Doch sagte nichts.
Der Himmel blieb oft bedeckt. Die Wolken zogen zu schnell. Der Regen kam ohne Ankündigung – kalt, stechend, wie aus einer Welt, die ihr Gleichgewicht verloren hatte.
„Früher war das hier grün“, sagte Liora leise, als sie an einem ausgetrockneten Schilfsumpf vorbeikamen. „Da gab es Frösche. Und Boote. Und alte Männer mit Fischernetzen.“ Noroi schwieg.
Alles war neu für ihn – selbst das Verlorene.
In der Nacht lag er wach, eingewickelt in seine Decke, und starrte in den Himmel. Die Sterne wirkten heller hier draußen. Schärfer. Fast so, als würden sie ihn mustern. Das Feuer knisterte leise. Es spendete Wärme und Licht – gerade genug, um die Schatten fernzuhalten. Und doch... Noroi konnte sie hören. Die Geister, die in der Dunkelheit wisperten. Lioras Schutzschild hielt sie fern – aber sie waren da. Unruhig. Fast so, als hätten selbst die Toten etwas zu fürchten.
„Kannst du nicht schlafen?“, fragte Liora, ihre Stimme weich wie Moos. Noroi schüttelte den Kopf. „Ich halte Wache.“ Er deutete auf Kealen, der zum ersten Mal seit Langem etwas Ruhe gefunden hatte. Liora nickte. Schweigend blickte sie in die Sterne.
Nach einer Weile fragte Noroi: „Weißt du, wie der Stern da heißt?“
Er zeigte auf einen hellen Punkt über dem Kiefernkamm. Liora lächelte. „Das ist der Wegweiser. Wenn man ihm folgt, weiß man immer, wo Norden ist.“ Noroi nickte. Im Tempel hatte er die Bücher über Sternenkunde verschlungen. „Und der da?“ Er zeigte auf ein anderes, leicht flackerndes Licht. „Der Einsame Prinz. Er darf nur einmal im Jahr bei seiner Geliebten sein.“ Sie zeigte auf ein Sternbild daneben. „Das ist Ashitakas Auge. Von dort aus wacht er über uns.“ Bei dieser Vorstellung wurde Noroi warm ums Herz.
Ein wohlwollender Blick, der beschützte.
Kealen murmelte etwas im Schlaf und drehte sich zur Seite. Die beiden verstummten sofort.
Noroi bemerkte, wie Lioras Blick immer wieder zu Kealen wanderte. „Magst du ihn?“ fragte er leise, den Kopf in die Hand gestützt. Liora zuckte leicht zusammen. „Ja… nein…“ Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich über die Stirn. „Nicht so, wie du denkst. Er ist wie ein großer Bruder für mich.“ „Verstehe“, murmelte Noroi, während er sich ausstreckte. „Ihr kennt euch schon lange, oder?“
„Wir haben uns unterwegs getroffen“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Er war damals ziellos. Zog durch die Wälder, mied die Städte, schlief in Höhlen. Ich habe nie gefragt, aber ich glaube... er wollte nicht gefunden werden. Deserteure sind nirgendwo gern gesehen.“ Ihre Stimme wurde leiser.
Dann stand sie auf und legte neues Holz ins Feuer. „Wir suchten einen ruhigen Ort zum Leben. Irgendwo weit weg von den Schlachtfeldern. Irgendwo weit weg von den Schlachtfeldern. Weg vom Machtgehabe der Shogune.“
Noroi schloss die Augen und biss sich auf die Lippe.
Diese Zuflucht … das abgelegene Dorf in den Bergen, vergessen von der Welt, vom Kristall gesegnet – existierte nicht mehr. Es war zu Asche verbrannt.
„Oh… verzeih“, sagte Liora schnell. Sie hatte ihren Fehltritt gemerkt. Noroi winkte ab. „Schon gut…“
Noch bevor das Schweigen schwer werden konnte, regte sich Kealen. Er schlug die Augen auf.
„Hey, ihr zwei“, murmelte er mit rauer Stimme. „Teilt euch eure Kräfte besser ein.“ Er setzte sich auf, schob das Haar aus dem Gesicht. „Ich übernehme die restliche Nacht. Geht schlafen.“Liora nickte. „Ich mach dir einen Tee. Der wärmt von innen.“
Noroi schloss die Augen. Es dauerte, bis der Schlaf kam – aber irgendwann legte sich eine warme Ruhe über ihn, wie ein Mantel. Und er träumte.
Von Wellen, die sich in Gesichtern kräuselten.
Von einer Stimme, die wie seine klang – aber nicht seine war.
Von einem alten Mann mit müden Augen, der sagte:
„Wenn du zu viel wirst... was bleibt dann von dir?“
Am nächsten Morgen erzählte er niemandem davon. Aber als er einen Reiher am Fluss stehen sah, spürte er einen seltsamen Stich.
Schönheit tat plötzlich weh.
---
Der Weg war schlechter geworden. Die Steine der alten Kaiserstraße waren lose, teils verschwunden. Tiefe Furchen durchzogen den Boden, und zwischen den Schlaglöchern wuchsen Unkraut und Bittergras. Kealen führte das Pferd, während Liora leise murmelnd eine Schutzformel erneuerte. Noroi folgte, leicht zurückversetzt, die Augen auf ein Papierstück geheftet, das aus seiner Tasche ragte. Eine Karte die er aus Kitszutori mitgenommen hat.
„Wenn wir die Stadt Kamogawa erreichen, könnten wir Vorräte aufstocken. Vielleicht ein neues Paar Sandalen. Und... ich habe gelesen, dass sie dort eine Bibliothek haben. Die größte in der ganzen Provinz. Ich würde sie so gerne mal besuchen“ Kealen warf ihm über die Schulter einen Blick zu. „Wir sind nicht auf einem lustigen Ausflug, Noroi.“
Noroi hob überrascht den Blick. „Ich weiß ja, aber–“
„Wenn du es weist dann benimm dich auch so.“ Kealens Stimme war scharf, trocken wie kaltes Eisen. „Du bist kein Kind mehr. Fang an, Verantwortung zu übernehmen. Wir haben keine Zeit für Spielereien.“
Der Satz traf hart. Das war nicht fair. Er tat doch schon alles, was in seiner Macht stand.
Beleidigt verzog Noroi das Gesicht. Sagte aber nichts mehr. Seine Hände verkrampften sich am Zügel. Die Schriftrolle in seiner Tasche raschelte leise.
Ein paar Minuten später ritt Liora auf seine Höhe . Sie sah ihn von der Seite an.
„Sei ihm nicht böse. Er meint es nicht so.“
Noroi blickte stur geradeaus. „Das klang aber anders.“
„Kealen hat ein gutes Herz. Er ist nur...“ Sie suchte nach dem Wort.„besorgt“
„Und ziemlich stur.“
Liora lächelte. „Das auch.“ Dann fügte sie leise hinzu: „Er fühlt sich für dich verantwortlich. Ich denke er unterschätzt deine Stärke“
Noroi schwieg. Doch in seinem Inneren arbeitete etwas. Etwas Hartes. Etwas, das sich aus Schuld geformt hatte – und das endlich etwas anderes werden wollte.
Kealen ging voraus, den Blick suchend in die Ferne gerichtet. Liora folgte ein Stück dahinter. Noroi ließ sich absichtlich zurückfallen. Dann stoppte Kealen abrupt. Die Pferde wieherten unruhig.
Etwas bewegte sich auf dem Pfad. Etwas Großes. Langes. Schlängelndes.
Ein Körper, geschuppt wie poliertes Eisenholz, wendete sich aus dem Schatten der Bäume. Zwei messerscharfe Hörner ragten aus dem reptilienartigen Schädel. Der Unterleib glich dem einer gewaltigen Schlange, doch der Oberkörper war humanoid – mit sechs Armen, die jeweils eine andere Klinge hielten.
Ein Naga. Ein alter Dämon des Wassers, verirrt an Land. Und hungrig.
Kealen zog sofort das Schwert. „Bleib zurück!“ rief er, ohne den Blick abzuwenden. Liora begann mit ruhiger Stimme ein Banngebet, während der Naga zischend näher kroch. Seine Augen waren goldgrün – und völlig leer.
Kealen blickte sich um: „Noroi?“
Nichts.
„Verdammt …“ Kealen knirschte mit den Zähnen. „Feigling.“
Der Naga schnellte vor– ein zischender Ruck, schneller, als sein Körper vermuten ließ.
Lioras Licht traf ihn mitten in der Bewegung, blendete ihn, ließ ihn taumeln.Für einen Herzschlag wankte das Ungeheuer, doch dann fing es sich, schüttelte die Schuppen wie ein nasser Hund das Wasser,und ein grollendes Fauchen ließ den Boden vibrieren.
Liora hob den Stab erneut. Ihre Lippen murmelten Worte, die in der Luft zu vibrieren begannen,
und ein Regen aus Licht stürzte herab – Blitze, die in kurzen Pulsen die Dunkelheit zerschnitten.
Der Naga schrie auf, ein Ton, so schrill, dass er die Luft zerriss. Er wand sich, bäumte sich auf,
und dann – kam die Wut.Ein Laut, roh und uralt, ließ die Pferde im Hintergrund zurückweichen. Das Wasser in den Pfützen begann zu beben, als ob das ganze Land unter seinen Zorn zu zittern begann.
Kealen wich zur Seite, das Schwert fest in der Hand. Die Krallen des Wesens schrammten über einen Fels, Funken sprühten. Er versuchte, es auf Abstand zu halten, immer einen Schritt, eine Drehung, ein Atemzug entfernt.
Aber der Naga war schnell, ein fließender, schlingender Körper aus Muskeln und Hass.
Jetzt.
Dann – ein Schatten von oben …
Mit einem präzisen Stich zwischen die Hörner trieb er die Klinge in die Schädeldecke des Wesens. Der Dämon schrie – ein kratzender, blubbernder Laut – und bäumte sich auf. Noroi klammerte sich fest. Ein letztes Zucken – dann fiel der Körper schwer zu Boden.
Stille.
Kealen trat näher, kniete sich neben den Kadaver, untersuchte die Wunde. Dann blickte er auf.
„Gut gezielt.“
Noroi zuckte leicht mit den Schultern. „War … improvisiert.“
„Aus dir könnte ja doch noch was werden.“ Kealen richtete sich auf. Keine Umarmung. Kein Schulterklopfen. Aber ein Nicken. Und das bedeutete viel.
Noroi spürte, wie etwas in ihm wuchs. Etwas Echtes. Kein Hochmut – sondern eine neue Art von Kraft.
Liora trat neben ihn und reichte ihm ein Tuch. „Du hast uns überrascht.“
„Ich mich auch“, gab Noroi zu und grinste schief.
Kealen beugte sich über den Kadaver, schnitt ein Stück Fleisch vom Knochen und betrachtete es.
„Hm. Kein fauliger Geruch. Wenn man es richtig brät … könnten wir es essen.“
Liora verzog angewidert das Gesicht. „Iiih. Das isst du nicht!“
Kealen zuckte mit den Schultern. „Hast du’s schon mal probiert? Soll wie Hähnchen schmecken.“
Er war eher pragmatisch eingestellt. Warum das Fleisch verderben lassen?
Vielleicht aus Dankbarkeit, vielleicht wegen eines schlechten Gewissens: Kealen ließ sich doch erweichen, einen Fuß in die nahegelegene Stadt Kamogawa zu setzen. Nach diesem Kampf konnten sie alle etwas Erholung gebrauchen.
Kamogawa war größer, als Noroi erwartet hatte. Steingassen schlängelten sich zwischen niedrigen, grau gedeckten Häusern. Rote Banner flatterten zwischen den Dächern, und über dem zentralen Platz ragte ein alter Glockenturm, vom Moos umwoben. Händler riefen, Tauben flatterten auf, und aus den Gärten duftete es nach Frühlingspflaumen.
Die drei Gefährten trennten sich bald, mit der Vereinbarung, sich zur Abendstunde im Gasthaus wiederzutreffen.
Liora begab sich zum örtlichen Heilerorden. Als sie ihren Namen nannte, wurde sie sofort eingelassen – zu lange kannten sie die Ordensfrauen dort, zu viele Wunden hatte sie an früheren Tagen versorgt. Es gab so viel zu erzählen. Wenn sie hier war, fühlte es sich immer an wie eine Art Klassentreffen. Doch sie war nicht nur zum Plaudern hier. Sie bat um Unterstützung, Vorräte, Nachrichten. Ihre Stimme war ruhig, aber zwischen ihren Worten lag Dringlichkeit.
Kealen ging zum Marktplatz. Er besorgte Trockenfleisch, Zunder, neue Gurte für die Sättel. Anschließend trat er in die Taverne. Die Luft war schwer von Schweiß und Gelächter. Männer würfelten, tranken, stritten. Kealen setzte sich in eine Ecke und lauschte.
Ein Sprichwort besagt: „Willst du etwas erfahren, geh in die Taverne, nicht in den Tempel.“
Noroi stand vor der Bibliothek wie ein Pilger vor einem Schrein. Der Eingang war schlicht, doch in seinen Augen wirkte er ehrfurchtgebietend. Drinnen reichten Regale bis unter die Decke. Der Geruch nach altem Papier und Tinte war schwer wie Weihrauch. Er zog eine Schriftrolle nach der anderen hervor: Sternenkarten, Mythen, alte Reiseberichte. Aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren.
In seinem Innern rumorte es. Etwas klopfte. Pochte. Ein Gefühl, das sich nicht mehr ignorieren ließ. Es wurde mit jeder Stunde stärker.
Da ist etwas in mir.
Etwas, das nicht ich bin.
Oder war es doch ein Teil von ihm? Er schloss die Augen. Spürte, wie sich ein fremder Gedanke in sein Denken schob. Kühl. Klar. Streng.
„Wenn du zulässt, dass ich komme, … wirst du nicht zurückkehren.“
Noroi öffnete die Augen. Atmete schwer.
Nein. Noch nicht. Noch war es seine Stimme, die sprach.
Die Tavernentür öffnete sich mit einem Knall. Ein junger Mann stürmte herein, atemlos, blass.
„Ich habe ihn gesehen! Im Ahornwald – da, beim Grenzstein!“
Die Gäste verstummten.
„Einen Reiter. Mit einem seltsamen Tier. So was wie ein Hirsch, aber … mit Schuppen. Und Hörnern.“ Er schnappte nach Luft. „Er hatte ein altes Schwert und hat Fragen gestellt. Nach drei Reisenden. Einem Krieger, einer Heilerin, und einem mit … seltsamem Blick.“
Kealen war schon aufgestanden. Er wusste, was das bedeutete. Ein Schwert. Ein Suchender. Ein Abgesandter des Dunklen Ordens.
Das Artefakt ist hier.
Er verließ das Lokal und rannte durch die Gassen, bis er die anderen fand. Sie trafen sich wieder am alten Glockenturm. Kealen hatte nur wenige Worte: „Er ist hier. Der Feind. Ahornwald, beim Grenzstein. Und das Schwert.“
Liora nickte. Ihre Augen waren ernst. „Dann ist es so weit.“ Sie umschloss ihren Stab.
Noroi spürte, wie es in ihm brannte. Nicht vor Angst – sondern … Erwartung?
Sie verließen Kamogawa augenblicklich. Der Weg führte sie hinaus, vorbei an Reisfeldern, dann tiefer in den Ahornwald. Der Frühling war gerade erst angebrochen – und doch sah das Laub aus wie im späten Herbst. Die Blätter hatten sich verfärbt, nicht goldgelb oder ocker, sondern in einem dumpfen, unnatürlichen Blutrot.
„Hier lang!“, rief Kealen.
Die Freunde schlugen sich durchs Unterholz. Zweige peitschten gegen Kleidung, feuchter Boden sog an den Stiefeln. Niemand sprach. Keine Zeit, keine Luft. Zu gehetzt, um die seltsame Magie und die Schönheit des Moments zu spüren.
Dann hielten sie inne. Inmitten einer Lichtung stand ein Mann. Ganz in Schwarz. Noroi blieb abrupt stehen.
Das war nicht Nobunaga. Nicht der Mann mit der eisernen Maske, der ihm alles genommen hatte. Nicht der Mann, der für all das verantwortlich war.
Und doch – es brannte. Tief in ihm. Ein Gefühl, das drückte, schob, sich ausbreiten wollte. Etwas, das sich anfühlte wie … Hass.
Noroi hatte sich geschworen, nie so zu empfinden. Und jetzt stand es in seiner Brust wie eine Flamme.
„Wer bist du? Was willst du von uns?“, hörte Noroi Kealen hinter sich
Der Fremde schwieg.
„Lass das Schwert fallen! Du weißt nicht, was du da trägst. Es bringt nur Unheil – für uns alle!“, forderte Liora auf.
Ein Flackern ging durch die Luft. Ein leiser Ton – wie ein gespannter Bogen.
Dann bewegte sich der Fremde. Ohne ein Wort. Ohne Zögern. Mit der Wucht eines Sturms.
Ahornblättriges Kapitel
Kealen schob sich nach vorn, den Griff seines Schwertes fest umklammert. Seine Muskeln spannten sich, die Kiefer waren zusammengebissen. Er brüllte – ein Laut zwischen Wut und Trotz – und schlug zu.
Zwei Klingen trafen aufeinander – mit einem Krachen, das wie ein Donnerschlag durch den stillen Wald rollte. Die fremde Klinge glühte leise, als hätte sie in einem anderen Zeitalter Feuer geschmeckt. Es war keine menschliche Klinge. Es war Susanoos Zorn.
Kealen fluchte leise. „Verdammt…“ Er holte erneut aus, ließ seine Waffe in rasenden Bögen durch die Luft schneiden. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Die Bewegung war präzise, die Wucht enorm – und doch schlug er ins Leere. Der schwarzhaarige Krieger – Kurohiko – bewegte sich mit einer Leichtigkeit, die fast verspottend wirkte. Er glitt zwischen den Angriffen hindurch, wich zur Seite, duckte sich, trat zurück – als wäre Kealens Schwert nicht mehr als ein Ast, der durch Luft schnitt.
„Lachhaft“, bemerkte Kurohiko trocken. Seine Stimme trug nicht einmal Zorn in sich – nur eine spöttische Ruhe. Als sei dieser Kampf für ihn bereits entschieden.
Dann – ein Lichtblitz. Liora, ruhig im Hintergrund geblieben, hatte ein Schutzzeichen beschworen. Das magische Licht traf Kurohiko an der Schulter – und brannte. Er verzog das Gesicht.
Es war nicht nur Schmerz, den er verspürte, sondern Ekel. Weißmagie – wie die Berührung von Salz auf offener Wunde. Er fuhr herum. Seine Augen fanden Liora. In ihnen war nicht mehr viel Menschliches zurückgeblieben.
„Dann bist du zuerst dran“, knurrte er. Sein Körper spannte sich. Er schnellte direkt auf sie zu – bereit, sein Urteil zu vollstrecken.
Liora zuckte zurück, doch ehe sie reagieren konnte, stellte sich ihr jemand in den Weg.
„Nicht so schnell!“ Kealens Stimme war rau wie Sand. Er sprang vor, brachte sich zwischen den Angreifer und die Freundin. Mit dem Mut der Verzweiflung parierte er die Klinge, die für Liora bestimmt war.
„Geh in Deckung!“, rief er über die Schulter, ohne den Blick von Kurohikos kalt glänzenden Augen zu nehmen.
Wo war Noroi, wenn man ihn brauchte?
Der Formwandler stand, fast wie versteinert, an den Wurzeln eines alten Baumes. Die Finger zitterten leicht, doch nicht vor Angst. Nicht diesmal. Es war etwas Tieferes – Rohes. Kein bloßer Zorn, sondern etwas Dunkleres. Etwas, das ihn wie ein Schwarm wilder Wespen unter der Haut stach: Hass.
Noroi hatte nie gewusst, wie sich Hass anfühlte. Jetzt durchflutete er ihn, machte seine Glieder schwer, seine Gedanken dumpf. Er hörte Kealens wütende Rufe nicht. Sah nicht, wie die Klinge des Kriegers immer wieder hilflos gegen ein göttliches Schwert prallte. Lioras Schrei zerschnitt die Luft – und verhallte ungehört. Die Wut machte ihn taub und blind.
Die Welt schrumpfte zu einem Tunnel. Und an seinem Ende: Kurohiko.
Der Feind. Er wollte ihn nicht einfach nur besiegen, sondern vollkommen vernichten. Er wollte Rache.
Etwas in ihm zerbrach. Oder erwachte. Vielleicht beides.
Noroi bewegte sich plötzlich blitzschnell.
Mit einer katzenhaften Wendigkeit stieß er sich vom Boden ab. Der Dolch flog in seine Hand wie von selbst.
Noroi schrie: „Ich bring dich u—!“
Doch der Satz blieb unvollendet. Kurohiko war verschwunden.
Noroi fuhr herum. Links. Rechts. Einmal drehte er sich um die eigene Achse – der Dolch suchte ein Ziel, fand keines.
„Pass auf!“, rief Liora.
Mit einem gewaltigen Satz schwang sich der Yukei in die Luft. Der Zorn machte Noroi unaufmerksam. Er stand frei. Das war seine Gelegenheit.
„Leb wohl.“
Noch im Sprung hob er das Schwert über den Kopf, um zum letzten Schlag auszuholen.
Zzih – Ein Geräusch als löschte Wasser glühende Kohlen.
Noroi starb nicht. Die Klinge zerschnitt ihn nicht. Er atmete – doch die Welt um ihn hielt inne.
Kurohiko schwebte über ihm, als sei er festgeklebt. Liora hatte den Mund zu einem Ruf geformt. Kealen erstarrte im Lauf. Niemand bewegte sich. Die Zeit stand still. Sie war wie eingefroren.
„Was?“ Verwirrt blickte er sich um, als er ein Flüstern hörte:
komm
Niemand war zu sehen. Und doch war da jemand. Etwas griff nach ihm. Eine Hand – nicht aus Fleisch, sondern aus Erinnerung.
Er wurde hinabgezogen und fiel. Er fiel tiefer, als es Worte benennen konnten – eine Ewigkeit lang, und doch dauerte es nur einen Wimpernschlag. Er spürte keinen Aufprall, als seine Füße den Boden berührten. Aber war das der Boden?
Unter seinen Füßen befand sich Wasser, so klar, dass es wie Glas wirkte. Er stand auf dem Wasser, als habe die Flüssigkeit mit einem Mal eine feste Form angenommen. Es bewegte sich nicht, warf keine Kreise, lag nur still und ruhig da.
Als er unter sich blickte, erkannte er sein vertrautes Spiegelbild.
Der Himmel über ihm –
blau und unendlich, mit Wolken wie gemalt. Doch auch er war nicht über ihm. Denn er war auch unter ihm.
Der Himmel spiegelte sich im Wasser, und das Wasser spiegelte sich im Himmel.
Oben und unten waren gleich. Es gab keinen Horizont. Keine klare Abgrenzung. Er konnte nicht sagen, wo eins begann und das andere endete. Hier gab es keine Linien, die Dinge voneinander trennten. Alles war eins.
Wenn man ihn fragte, wie er diesen Ort beschreiben würde, wäre die Antwort: Weit.
War dies das Jenseits? War er vielleicht doch gestorben? Aber er fühlte sich lebendig. Sein Körper war warm.
Plötzlich musste er daran denken, dass er unbedingt das Meer sehen wollte. Nun stand er in einem Meer aus Wolken.
Er wusste nicht, wie lange er schon hier war. Eine Sekunde. Ein ganzes Leben. Vielleicht machte das auch keinen Unterschied. Zeit schien ihre Bedeutung zu verlieren.
Irgendwann fasste er den Mut, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Wasser blieb starr. Stattdessen ertönte ein Trommelschlag. Ein weiterer folgte und noch einer.
Duum, duum, duum. War das sein Herzschlag?
Stimmen erschienen aus dem Nichts. Vereinten sich zu einem Chor. Gesang – aus einer Welt, die nie war, in einer Sprache, die nicht existierte und dennoch vertraut war. Ein göttliches Echo, das im Innersten antwortete, wenn alles andere verstummte.
Dann: eine Stimme. Ein Wispern. Nicht lauter als der Flügelschlag eines Schmetterlings.
komm
„Wohin kommen?“, fragte er in die Unendlichkeit.
Zu dir
Er blickte auf sein Spiegelbild hinab, aber er erkannte darin nicht mehr sich selbst.
Noroi starrte in die Tiefe unter sich und sah wie sein Spiegelbild zu flimmern begann.
Die ebenmäßige Wasseroberfläche begann zu zittern. Sein Gesicht verschwand. Die Augen – zuerst dunkel, dann leer – verschwammen zu zwei ausdruckslosen Vertiefungen.
Die Haut löste sich auf wie Rauch, die Konturen wurden schmaler, länger, verformten sich.
Die Schultern fielen schmal zurück, die Arme dehnten sich grotesk bis zum Boden.
Fingerspitzen, zu lang, zu gelenkig. Der Körper verzerrte sich zu einer dünnen, schmalen, Säule.
Das Schema glich keinem Menschen mehr. Ein Körper ohne Gesicht.
Ein leiser Schreckenslaut entrann Norois Kehle. Es war kein Schrei sondern eher ein brüchiger Atemzug. Er wich zurück
Dieses Ding da... Was war das?
Er wendete seinen Blick angewidert ab.Doch als er ein zweites Mal hinsah, veränderte es sich erneut. Die langen, schattenhaften Glieder begannen zu schrumpfen, sich zu verdichten. Die Arme wurden kürzer, muskulöser, der Rücken gerade. Die Gestalt richtete sich auf.
Konturen von Schultern und Nacken wurden sichtbar. Darauf ein menschlicher Kopf.
Er war noch durchscheinend, wie aus Wasser. Doch dann, fast unmerklich,
zogen sich Knochen unter der Oberfläche zusammen.
Klar umrissene Linien wuchsen wie ein Gerüst unter der schimmernden Haut. Ein Brustkorb formte sich. Dann Rippen. Dann Sehnen. Muskeln spannten sich über Gelenke. Ein Herzschlag pochte – -Duum Dumm Dumm–
Die Chöre sangen und Farbe kehrte zurück.
Die Haut wurde blass wie Schnee im Mondlicht. Das Haar, weiß wie Nebel, fiel über die Schulter hinab. Die ersten Züge erschienen langsam, erst vage, dann schärfer –
hohe Wangenknochen, ein entschlossener Mund, goldene Augen, die zugleich alt wie die Ewigkeit und jung wie Dämmerlicht wirkten.
Der Spiegel war kein Spiegel mehr. Er war ein Fenster.
Und das Wesen darin war nicht mehr Noroi –
Ashitaka wurde aus Güte und Hass geboren.
Nach zweihundert Jahren blickte er Noroi an. Nicht mit Tadel, nicht mit Triumph. Sondern mit einer seltsamen, tiefen Traurigkeit.
Mit einem mal wurde es Noroi bewusst: Sie kannten sich. Schon lange. Seit dem Tag als er mit dem ersten Atemzug in die Welt kam. Ashitakas steiniges Angesicht hatte ihn stets beobachtet und auf ihn gewartet
Von plötzlicher Panik ergriffen rannte Noroi los. Er wusste nicht, wohin.
Der Himmel über ihm war endlos. Kein Ende. Kein Rand. Keine Tür. Nur die Weite. Und der Schatten, der ihn begleitete: Ashitaka. Er war da, wo Noroi war. Immer dort, wo sein Fuß aufkam, stand er schon.
Und den Schatten, der ihn begleitete. Ashitaka. Er war da, wo Noroi war. Immer dort, wo sein Fuß aufkam,stand er schon. „Lass mich in Ruhe!“, keuchte Noroi, doch seine Stimme hallte nur in die Weite zurück.„Verschwinde!“ Er stolperte, fiel, taumelte, sprang wieder auf. Doch er wurde seinen Verfolger nicht los. Konnte er auch nicht. Ashitaka war sein Schatten. Und Schatten haften an seinem.
Noroi hielt schließlich keuchend inne. Mit den Händen auf den Knien und Schweiß auf der Stirn.
Oder waren es Tränen?
Du kannst nicht fliehen
Die Worte kamen von überall.
Denn ich bin du. Ich bin, was du versteckst. Was du leugnest. Was du fürchtest
„Ich will nicht verschwinden!“, schrie er ihn aus tiefer Kehle an. Noroi hatte das Gefühl alles würde sich um ihn drehen. Doch er stand aufrecht. Die Hände geballt, die Brust bebend. Sein Blick brannte. „Ich will ICH bleiben! Ich will lachen können, und träumen, und… und traurig sein! Ich will nicht werden wie du!“
Ashitaka sah ihn lange an. Und dann sagte er mit ungewöhnlicher Sanftheit:
Du wirst nicht wie ich, Noroi. Du bist ich – so wie ich immer du war.
Er trat näher, ohne Eile, als würde jede Bewegung durch die Zeit selbst getragen.
Das hier ist kein Ende. Es ist eine Rückkehr.
Noroi schüttelte den Kopf. „Ich… Ich bin nicht bereit.“
Niemand ist das
Auch die Sterne wurden nicht gefragt, als sie zum ersten mal leuchteten
Dann streckte er die Hand aus wie zu einer Einladung. Ein versprächen das er geben wollte.
Alles vergeht, Noroi.
Und alles wird neu.
Selbst das Universum
Es dehnt sich aus, fällt zusammen.
Was heute leuchtet, wird eines Tages Staub.
Und aus dem Staub wird wieder Licht
Noroi schluckte. Seine Hände zitterten: „Werde ich… mich selbst verlieren?“ Ashitaka neigte den Kopf.
Du wirst dich wiederfinden
Er machte eine kurze Pause und fugte sanft hinzu:
Wie der Tag, der aus der Nacht geboren wird.
Und nie vergessen hat, dass er einst Dunkel war
Noroi starrte auf die Hand vor sich. In ihm rührte sich was. Langsam griff er nach einem Finger. Dann umklammerte er die ganze Hand. Seine Lippen bebten, seine Augen füllten sich mit Tränen. Und doch … lächelte er.
„Dann… dann geh mit mir“, flüsterte er mit belegter Stimme. „Ich hab keine angst mehr“
In diesem Augenblick wurde die Stille laut. Ein Sog ging durch den Raum. Ein leuchtender Riss durchzog Himmel und Wasser. Und Noroi wurde von Licht durchströmt. Nicht heiß. Nicht schmerzhaft. Es war wie...erinnert werden. Ein Gefühl, als würde etwas endlich dorthin zurückkehren, wo es immer hingehörte. Und als er die Augen schloss, hörte er den letzten Satz:
Willkommen zurück.
Die Welt hatte nur einen Augenblick stillgestanden. Ein Lichtblitz flackerte durch die Luft. Dann setzte sich die Zeit wieder in Bewegung. Das Schwert – Kurohikos Schwert – sauste mit tödlicher Wucht auf Ashitaka nieder, in einem Angriff, der keinen Zweifel ließ: Es sollte ein Ende setzen, klar und endgültig. Doch es kam nicht dazu. Wie selbstverständlich hob Ashitaka die Hand.
Umfasste die Klinge, die eben noch die Luft durchschnitt. Abrupt kam sie zum Stillstand. Gehalten, von Ashitakas Hand. Kein Blut rannte hinaus. Kein Schrei verließ seine Lippen.
Mit einen leisen knirschen löste sich Kurohikos Hand vom Griff. Ein unsichtbarer Impuls durchzuckte die Lichtung – und Kurohiko wurde rückwärts geschleudert, mit solcher Gewalt, dass selbst der Wind vor Schreck innehielt. Er krachte gegen einen knorrigen Baumstamm, die Rinde splitterte, und er selbst sackte zu Boden, schwer atmend, zornig zitternd. Verwirrung lag in seinen Augen. Sein Blick, trüb und ungläubig, suchte Halt – und fand ihn in der Gestalt, die jetzt vor ihm stand.
Noroi war verschwunden.
Zumindest in der Gestalt, wie Kurohiko ihn kannte – oder belächelt hatte. Was nun vor ihm stand, war größer, aufrechter, die Bewegungen geschmeidig und durchdrungen von einer unnatürlichen Ruhe. Das Haar – nun schneeweiß, fiel ihm offen über die Schultern wie ein Schleier aus Licht. Die Haut war blass wie Nebel über gefrorenem Wasser, doch in den Augen – in diesen goldenen, unbeirrbaren Augen – lag eine Tiefe, die Kurohiko das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Ashitaka.
„Das ist…“, keuchte er, tastete nach Worten, als würden sie ihm entgleiten, „…nicht möglich.“
Der Blick des jungen Ordenskriegers fiel auf das Schwert, das nun fest in Ashitakas Hand ruhte – sein Schwert, seine Bestimmung.
„Nur ich…“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. „Mir wurde gesagt… nur ich könne es führen…“ Ein Beben durchfuhr seine Stimme, und das Feuer in seinen Augen schwankte.
Zorn kam zurück, wie ein Rudel hungriger Wölfe.
„Du… du bist nicht würdig!“, fauchte er, doch seine Knie gaben nach, und er fiel auf einen Ellbogen zurück. Erst jetzt spürte er die Wunde an seiner Seite, heiß und pochend, als hätte der Zorn sie bislang betäubt. Trotz allem wollte er sich aufrichten. Trotz allem wollte er den Kampf fortsetzen. Doch sein Körper gehorchte nicht mehr.
Ein Pfiff – scharf und kurz – schnitt durch die Luft.
Und aus den Schatten des Waldes trat das Qilin, seine Hufe kaum hörbar, seine Mähne vom Nebel durchzogen. Kurohiko stemmte sich hoch, keuchend, blutend, doch aufrecht.
„Nächstes Mal“, knurrte er, während er sich in den Sattel schwang, „reiß ich dir das Herz aus der Brust.“
Ashitaka antwortete nicht. Er stand nur da, das Schwert locker in der Hand, den Blick fest auf Kurohiko gerichtet – nicht voller Hass, nicht einmal voller Triumph. Sondern mit etwas, das tiefer schnitt: einer stillen, unausgesprochenen Erkenntnis. Wie der Blick eines Kriegers, der weiß, dass dieser Kampf nicht der letzte sein wird – und dass manche Siege teurer sind als jede Niederlage.
Kurohiko ritt davon, die Bäume verschluckten ihn, der rote Nebel des Ahornwaldes schloss sich um seine Gestalt. Zurück blieb der Klang seiner Hufe – und ein bitterer Nachgeschmack in der Luft.
Ashitaka stand noch eine Weile schweigend auf der Lichtung, den Blick zum dunklen Waldrand gerichtet, durch den sich der letzte Hauch von Kurohikos Präsenz längst verflüchtigt hatte. Die Blätter über ihm flüsterten in einem Wind, der nach Eisen roch und Abschied.
Langsam senkte er den Blick auf das Schwert in seiner Hand. Es zitterte nicht mehr. Der Zorn, der in ihm geschmiedet worden war, hatte sich zurückgezogen – für jetzt.
Mit einer ruhigen, fast bedächtigen Bewegung zog er ein Stück Stoff aus dem Saum seines Kimono – riss ihn entlang einer verborgenen Naht – und wickelte die Klinge sorgfältig darin ein.
Nicht als Trophäe. Nicht als Beweis. Sondern als würde er ein unruhiges Kind in den Schlaf wiegen. „Schlaf jetzt“, murmelte er kaum hörbar, und knotete den Stoff fest um das Heft.
„Noroi?“
Die Stimme war weich, fragend, vorsichtig. Ashitaka blinzelte. Er drehte leicht den Kopf, als hätte er vergessen, dass da noch jemand war. Ach ja. Er war nicht allein. Liora stand ein paar Schritte entfernt, Staub und Schweiß auf ihrer Stirn, aber ihre Augen blickten ihn urverwandt an – voller Sorge, voller Fragen. Er trat zu ihr, bot ihr schweigend die Hand an, und half ihr auf. Sie ließ sich hochziehen, doch ließ seinen Griff nicht sofort los. „Was… was ist gerade passiert?“, fragte sie leise. Kealen, der sich mit einem schmerzverzerrten Gesicht an einen Baumstamm stützte, nickte nur grimmig. „Und wie zum Teufel hast du diesen Schlag überlebt? Ich hab gesehen, wie er auf dich los ist. Das hätte...“ Er schüttelte den Kopf. Ashitaka zuckte die Schultern – fast verlegen. „War wohl Glück,“ murmelte er mit einem schmalen Schmunzeln, das so flüchtig war wie eine Eisschicht im Frühlingslicht.
Liora musterte ihn, suchte in seinen Zügen nach dem Jungen, den sie kannte. Dass Noroi ein Formwandler war, wussten sie beide. Dass er sich verändern konnte, war Teil dessen, was ihn ausmachte. Doch diesmal … war es anders. Vielleicht lag es an der Haltung – aufrechter, entschlossener. Oder an der Art, wie er sprach – weniger suchend, weniger verspielt. Und diese Augen… Gold, wie von fernem Feuer beleuchtet.
„Du… fühlst dich anders an“, flüsterte sie schließlich.
Er antwortete nicht darauf.
„Wir sollten zurück in die Stadt“, sagte Ashitaka dann, ohne sich zu erklären. „Hier draußen wimmelt es nachts von Dingen, die weniger freundlich sind als ich.“ Kealen zog eine Augenbraue hoch. „Das beruhigt mich… kaum.“ Er klopfte sich die Rüstung ab und stieß sich vom Baum ab.
„Aber ja. Ich will endlich was Warmes im Magen. Und einen Verband. In genau der Reihenfolge.“
Die drei machten sich auf den Rückweg, durch das knisternde Laub, unter Bäumen, deren rote Blätter nun nicht mehr leuchteten, sondern dunkel in der Dämmerung schimmerten. Liora lief an Ashitakas Seite, warf ihm hin und wieder verstohlene Blicke zu, als könnte sie ihn mit bloßer Willenskraft zurückverwandeln. Doch der Junge aus dem Dorf war fort. Und was an seine Stelle getreten war, hatte einen neuen Namen angenommen.
„Weißt du“, brummte Kealen irgendwann hinter ihnen, „eigentlich ist es gar nicht so übel, eine lebende Legende dabeizuhaben.“
Er schnaufte, trat auf einen Ast und schüttelte missbilligend den Kopf. „Auch wenn er aussieht wie ein aufgeblasener Pfau.“
Ashitaka warf ihm einen kurzen, trockenen Blick über die Schulter. „Ich hör dich noch.“
„Ich weiß.“ Kealen grinste. Liora lachte leise. Und für einen flüchtigen Moment war alles fast wieder wie früher. Fast.
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Die Herberge lag still. Draußen klang der Regen auf das Dach wie das leise Trommeln einer fernen Zeremonie. Drinnen atmete die Nacht ruhig. Ashitaka hatte sich früh zurückgezogen. Doch er schlief nicht. Nicht wirklich. Er fiel. Durch Nebel. Durch Erinnerung. Durch das, was Noroi einst war.
Und dann –
Plötzlich war er wieder klein.
Barfuß tappte er über den kühlen Tempelboden. Die Sonne fiel schräg durch das hölzerne Giebeldach, tanzte in winzigen Lichtkegeln auf poliertem Stein.
Der Duft von Sandelholz lag in der Luft, schwer und warm. In seinen Händen hielt der Junge – Noroi- ein Bündel Räucherstäbchen. Zwei davon hatte er schon schief angezündet, das dritte war ihm zerbrochen. Er versteckte es verlegen in seinem Ärmel. Vor ihm erhob sich die Statue:
Ein Krieger in weißem Stein. Hochgewachsen, das Gesicht nur angedeutet. Doch die Haltung – aufrecht, wachsam, still.
„Sag mal“, ertönte da eine Stimme. Der Junge erschrak leicht, drehte sich um. Ein junger Mönch stand dort, ein paar Jahre älter, mit schiefem Lächeln und rußigen Händen. Ein Novize – einer der freundlicheren.
„Du zündest jeden Tag Stäbchen für ihn an, nicht wahr?“ Noroi nickte. „Er hat uns gerettet. Vor langer Zeit. Vor den Göttern selbst.“ Der Novize trat neben ihn. Gemeinsam sahen sie zur Statue auf. „Weißt du eigentlich“ , begann der Novize, während er sich gegen die Wand lehnte, „dass das Megatama früher gar nicht hier war?“
Noroi blinzelte. „Nicht… hier? Aber das steht in allen Geschichten. Der Kristall, das Licht, die Stirn des Kriegers…“
„Ja, heute“, meinte der Novize. „Aber früher – also ganz früher – gehörte er einem anderen Schrein. Einem, den fast niemand mehr kennt. Vergraben im Wald, eingewachsen in Wurzeln und Moos. Man nennt ihn den Schrein des Schlafenden Auges.“
Noroi kniff die Augen zusammen: „Und warum hat man ihn hierher gebracht?“
„Weil das alte Siegel gebrochen war. Oder zu brechen drohte. Man glaubte, Ashitakas Geist wäre dort nicht mehr sicher… Also brachten sie den Kristall zu uns. Damit der Segen bewahrt bliebe.“ Ein kurzer Moment der Stille. „Aber weißt du, was passiert, wenn man Megatama wieder an seinen alten Platz zurückbringt?“
Noroi schüttelte langsam den Kopf. Der Novize senkte die Stimme. „Dann… erwacht der Pfad. Nicht zu den Göttern, nicht zur Hölle – sondern zu dem, was dazwischen liegt. Man sagt, das Tor zur anderen Seite öffnet sich nur, wenn Megatama an seinen wahren Ort zurückkehrt. Nicht, weil der Kristall das Tor öffnet, sondern weil das Tor den Kristall erkennt.“
Noroi starrte die Statue an:.„Und was ist auf der anderen Seite?“, fragte er leise.
Der Novize lächelte schwach. „Das wirst du irgendwann selbst sehen. Wenn du alt genug bist. Oder mutig genug.“
Der Morgen dämmerte blass über Kamogawa, als Ashitaka aus dem Schlaf schreckte – oder aus etwas, das sich nur entfernt so nennen ließ. Sein Atem ging stoßweise, seine Brust war feucht von kaltem Schweiß. Die Hand auf dem Herzen ruhend, murmelte er benommen:
„Was wolltest du mir mit diesem Traum sagen, Noroi...? War das ein Zeichen? Ein Ruf? Soll ich für dich den Schrein des Schlafenden Auges finden...?“ Doch die Antwort blieb aus. Nur das leise Gurren einer Taube auf dem Fensterbalken begleitete ihn zurück in die Stille des Morgens.
In den folgenden Tagen war Ashitaka kaum noch zu sehen. Früh brach er auf, kehrte erst spät zurück – wenn überhaupt. Er durchstreifte Felder, watete durch kniehohes Gras, befragte wortkarge Mönche in abgelegenen Schreinen, untersuchte verwitterte Pfade und stieg in feuchte, moderige Höhlen hinab, in denen sein Atem wie fremd klang. Immer auf der Suche nach einem Ort, der sich vielleicht nie mehr finden ließ – oder nur einem Geist offenbarte, der längst gegangen war.
Währenddessen begannen die Sorgen in der Herberge wie Tau in Lioras Herz zu sickern.
Noroi – oder war er es überhaupt noch? – war kaum wiederzuerkennen. Er verschwand oft, ohne ein Wort zu verlieren. Tauchte still wieder auf, als sei nichts gewesen. Sprach wenig. Wenn man ihn ansprach, antwortete er einsilbig – oder in jenen fremdartig sanften, aber distanzierten Tönen, die Liora erschaudern ließen. Er lachte nicht mehr. Er aß Reis, obwohl er früher Süßbohnen liebte. Trank Tee, den er immer verschmähte. Seine Bewegungen waren ruhig, kontrolliert.
„Ich weiß nicht, was mit ihm ist...“ flüsterte Liora an einem der Abende, während sie Kealens Wunde erneut verband. Der Krieger saß mit freiem Oberkörper auf einem Hocker, das Gesicht im Halbdunkel.
„Er ist da – und doch nicht. Als wäre jemand anders in seinem Körper. Jemand, der ihn nur spielt“, bemerkte Liora.
Kealen brummte nachdenklich: „Vielleicht sind’s einfach die Nachwehen von allem. Der Kampf, diese... Verwandlung. Solche Dinge lassen keinen unberührt. Gib ihm etwas Zeit.“
Liora wollte das glauben. Doch der Schatten in ihren Augen blieb. Denn nicht nur Noroi entglitt ihr.
Kealen selbst war gezeichnet. Seine Wunde heilte schlecht – schlimmer noch: Sie heilte überhaupt nicht. Schon mehrfach hatte sie neue Verbände angelegt, stärkende Salben aufgetragen, heilende Worte gesprochen. Sie hatte die Klinge, die ihn traf, untersucht, auf Flüche getestet, Kräuter gekocht, Geister gebeten. Aber nichts half. „Es ist, als würde etwas in der Wunde leben“, sagte sie. Dunkle Fäden krochen vom Rand nach innen, als würde Tinte unter der Haut verlaufen. Als sie den blutverkrusteten Stoff beiseite schob und das gerötete, heiß pochende Fleisch erneut zu sehen bekam. „Etwas, das nicht hinaus will.“ Kealen verzog keine Miene. Doch der Schweiß auf seiner Stirn glänzte nicht nur vom Fieber. „Wir haben schon Schlimmeres überstanden“, murmelte er. „Ich beiße mich da durch. Mach dir keine Sorgen.“
Doch Liora tat es. Um beide. Um alle. Denn es war, als würde sich etwas Unaussprechliches regen– unter der Haut der Dinge. In Noroi. In Kealen. In der Welt selbst. Etwas war erwacht. Und es ließ sich nicht wieder schlafen legen.
Ashitaka fand den Tempel nicht, er erinnerte sich an ihn.
Mit jedem Schritt durch das Nebelgrün des verborgenen Tals, mit jedem Vogelruf, der an eine längst verklungene Hymne erinnerte, wuchs in ihm die Gewissheit: Hier war es.
Versteckt zwischen Mooswänden und Flüsterbäumen, hinter einem zerfallenen Torii, halb überwachsen und vom Wind vergessen – da lag er. Der Tempel des Schlafenden Auges.
Er trat durch das überwucherte Tor, das in alter Zeit ein Ort des Schweigens gewesen war.
Die Stille hier war tief, aber nicht leer – sie war erfüllt von Atemzügen, die aus der Erde selbst kamen. In der Mitte der Halle lag ein steinerner Altar.
Er trat näher. Staub rieselte, als er mit der Fingerspitze die flache, ovale Vertiefung an der Stirn der steinernen Statue berührte.
„Megatama...“ murmelte er.
Ohne den Kristall blieb der Tempel nur eine Hülle. Ohne sein Licht – keine Stimme, kein Erwachen, keine Antwort.
Aber das würde sich ändern. Er richtete sich auf, blickte zum Himmel, schloss die Augen.
„Ich werde wiederkehren.“
—
Währendessen verdichteten sich in Kamogawa die Spannungen.
Die Stadt schien nur auf den ersten Blick ruhig. Zwischen den Marktständen, den Schreinen und Gärten, zogen sich Fragen wie Risse durchs Pflaster. Hinter dem Tor tuschelten Nachbarn: man habe Maskierte Reiter im Süden gesehen
Liora saß mit Kealen auf der Veranda der Herberge. Der Krieger hielt sich mit Mühe aufrecht, sein Gesicht war fahl, aber sein Blick trotzte jeder Vernunft.
„Wir müssen weiter“, sagte er. „Jeder Tag, den wir hier vertrödeln, ist ein Geschenk an unsere Feinde.“
„Kealen, du kannst kaum laufen!“ Liora erhob sich. Ihre Stimme war ungewohnt scharf. „Du bist ein Geschenk, ein leichtes Ziel. Deine Wunde heilt nicht – was, wenn sie vergiftet ist? Verwünscht? Ich kann nichts tun, wenn du weiterziehst wie ein sturer Esel.“
„Ich bin kein Kind, das sich schonen muss.“, meine Kealen
„Aber du bist auch kein unsterblicher Held.“, erwiderte die Heilerin
Sie rang um Fassung. Dann atmete sie tief durch. „Der Orden hat Nachrichten aus Shinkawa erhalten. Gute. Es gibt keine Berichte über Angriffe, keine Dämonensichtungen, keine Spur von den Yukei. Der Spiegel und der Tempel von Amaterasu – sie sind unversehrt. Ihr Licht vertreibt das Dunkel. Und das fürchten sie.“
Kealen schwieg. Er blickte hinaus auf die Gasse, wo ein Kind einen Papierdrachen steigen ließ.
„Was mir Sorgen macht...“, fuhr Liora fort, leiser nun, „...ist nicht, was dort nicht geschieht. Sondern, was hier passiert. Das Schwert. Susanoos Waffe. Es zieht die Dunkelheit an wie Aas die Krähen. Und Noroi...“ Sie stockte. Der Name allein trug schon genug Zweifel. „Er trägt es – allein. Und je länger er es bei sich führt, desto mehr fürchte ich, dass er sich verliert. Oder dass sie ihn finden.“
Kaelen runzelte die Stirn.
„Du willst das Schwert wegbringen?“
„Nach Shinkawa. Dort gibt es Schutz, Licht, Menschen, die uns helfen können. Es ist nicht sicher hier. Nicht mehr.“
Kealen sah sie lange an. Dann nickte er langsam.
„Dann wird das unsere nächste Mission.“
Die Sonne hing bereits tief, und der Abend senkte sich in warmen Goldtönen über Kamogawa, als Ashitaka zurückkehrte. Sein Schatten war lang, seine Bewegungen ruhig – doch an seinen Stiefeln klebte Staub von fernen Pfaden, und zwischen den Falten seines Kimonos hingen Grashalme und Spinnweben. In seinen Händen trug er einen schlichten Leinenbeutel , gebunden mit rotem Zwirn.
Liora stand gerade an einem steinernen Brunnen und sortierte Kräuter, als er wortlos zu ihr trat und ihr das Säckchen hinhielt. „Für Kealen,“ sagte er schlicht. Seine Stimme war sanft wie das Rascheln von Laub. „Koch daraus einen Tee. Ein Becher reicht. Er wird nicht gut schmecken... aber helfen.“ Liora runzelte die Stirn, zog das Säckchen auf und musterte die darin liegenden Blüten. Sie waren blass, fast durchsichtig – mit einem leichten silbrigen Schimmer, als hätte sich Mondlicht in ihren Blättern verfangen. Ein schwacher Duft stieg auf, kühl und klar wie Luft nach einem Gewitter.
„Ich kenne sie nicht“, murmelte sie – und das war selten. „Nicht aus meinen Büchern, nicht aus den Gärten der Heilkundigen. Wo hast du sie gefunden?“
Ashitaka blickte über die Dächer hinweg, wo die ersten Sterne aufblitzten. „Sie wachsen nur dort, wo das Wasser das Gedächtnis nicht verliert.“ Dann wandte er sich zum Gehen, als sei damit alles gesagt.
Liora blieb zurück und sah ihm nach. Dann schüttelte sie langsam den Kopf, ein Lächeln zuckte über ihre Lippen. „Natürlich. Wo sonst.“
Noch in derselben Nacht bereitete sie den Aufguss zu. Der Tee war schwarzgrün und roch nach kaltem Stein. Kealen trank ihn mit zusammengepressten Lippen, würgte ein wenig, fluchte leise – und schlief tief und traumlos.
Am Morgen war die Wunde verschwunden. Nicht verheilt – verschwunden, als wäre sie nie dagewesen. Nicht einmal eine Narbe blieb zurück. Kealen saß da, den Verband in der Hand, und murmelte: „Ich will nie wissen, was da drin war.“
—
Später an diesem Tag saßen sie zu dritt unter dem Vordach der Herberge, während der Regen feine Tropfen auf die Straße malte. Liora erklärte Ashitaka ruhig den Plan: Shinkawa. Der Tempel der Amaterasu. Das Schwert sollte fort von hier, fort aus fremden Blicken.
Ashitaka lauschte schweigend. Als sie geendet hatte, nickte er langsam. „Ein guter Weg“, sagte er. „Hier gibt es für mich nichts weiter zu tun.“ Dann wandte er den Blick nach Westen.
„Und Amaterasu… ist mir die liebste.“ Es klang beiläufig. Aber Liora spürte, dass hinter dieser Bemerkung etwas lag, das größer war als Worte. Eine Verbindung, die tiefer ging als eine bloße Verehrung. Sie fragte nicht weiter. Stattdessen sagte sie nur: „Dann gehen wir gemeinsam.“
Ashitaka nickte.
Und für einen Moment – nur einen flüchtigen Moment – war alles fast wieder wie früher.
Fast.
Gläsernes Kapitel
Kurohiko ritt.
Das Qilin unter ihm bewegte sich wie ein Schatten durch das Unterholz – lautlos, federnd, mit einer Eleganz, die jeder tierischen Kraft Hohn sprach. Es wusste den Weg, auch ohne Befehl. Der Wald zog langsam vorbei. Die Bäume hingen tief, ihre Äste wie Finger, die nach ihm griffen. Das Licht war blass. Der Abend kam, und mit ihm die Kälte, die nicht vom Wind stammte. Sondern von innen.
Warum?
Er hätte den Kampf gewinnen müssen. Er hatte das Schwert geführt. Die Macht war ihm gegeben worden. Und doch – dieser Junge. Oder… was auch immer er jetzt war. Diese Wandlung. Diese Gestalt.
„Nur ich“, murmelte er tonlos. „Mir wurde gesagt … nur ich dürfe es führen.“ Und doch hatte das Schwert sich dem anderen ergeben. Freiwillig. Wie ein Hund, der sich dem eigentlichen Herrn zuwendet.
Als Kurohiko endlich die dunkle Festung erreichte, war es Nacht. Der Himmel hing wie Asche über den Zinnen. Das große Tor schwang auf. Er stieg ab. Ging langsam. Mit leerer Handen.
Ein Ordenswächter trat aus dem Schatten. Kurohiko begegnete seinem Blick nicht. Er hatte das Gefühl, als würde sich jede Wand drehen, jede Treppenstufe ihn verurteilen. Selbst der kalte Boden unter seinen Stiefeln schien ihn zu verhöhnen.
Im innersten Gemach brannte eine einzige Laterne. Nobunaga wartete bereits. Sein Gesicht war hinter der Maske verborgen, doch seine Haltung war entspannt. „Willst du berichten, oder soll ich raten?“ Die Stimme war süß und faulig zugleich.
Kurohiko kniete nieder. Der Boden war kalt. „Ich habe versagt.“
Ein leises, belustigtes Schnauben.„Das habe ich gesehen.“ Stille. Dann ein Ticken – ein Tropfen vielleicht, irgendwo im Raum. Oder ein Uhrwerk, das in seinem eigenen Takt blutete. „Und das Schwert?“ fragte Nobunaga.
Kurohikos Schultern zuckten kaum merklich. „Er hat es genommen. Das Wesen. Der Junge, der kein Junge ist.“
„Ashitaka.“
Der Name war wie ein Brandzeichen in der Dunkelheit.
Kurohiko hob den Kopf:„Du… kennst ihn?“
„Natürlich.“ Nobunagas Stimme wurde dunkler. „Ich habe ihn schon einmal sterben sehen.“ Ein langer Moment. Kurohikos Magen zog sich zusammen. Dann trat der Maskierte vor. Beugte sich zu Kurohiko hinab wie ein Lehrer zu einem unaufmerksamen Schüler. „Ich gebe dir noch eine Chance, Kurohiko. Nicht, weil ich an dich glaube – sondern weil du mir gehörst.“ Seine Hand fuhr ihm leicht durchs Haar. Fast zärtlich. „Der Kristall ist bei mir. Bald gehört uns auch der Spiegel. Und dann... dann holen wir uns zurück, was man uns genommen hat.“
Kurohiko schwieg. Doch in seinem Inneren nagte eine Frage, die nicht verschwinden wollte.
Warum hatte das Schwert sich abgewendet? Und… warum fühlte sich sein Zorn nicht mehr wie Stärke an, sondern wie Schwäche?
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Der Mann kniete zitternd im Halbdunkel. Der Rauch brennender Wacholderzweige kroch wie lebendige Schatten über den Boden. Hinter ihm flackerten Kerzen in ausgehöhlten Totenschädeln, deren Lichter flackerten, als würde selbst das Feuer sich vor diesem Ort ducken.Vor ihm – auf einem erhöhten Podest – saß sie. Regungslos. Wie ein Standbild aus Obsidian. Tala.
Die Hohe Priesterin des Spiegels.
Ihr Gesicht war bleich wie der Mond über dem Meer, ihre Pupillen schmal wie Spaltblenden. Ihr Gewand hing von ihr wie Dunst – schwer, dunkel, fremdartig. Nichts an ihr wirkte menschlich, außer vielleicht ihre Stimme. Und selbst die trug etwas Unerbittliches in sich. „Du willst die Zukunft sehen,“ sagte sie, ohne ihn anzusehen. Der Pilger, ein einfacher Reisbauer aus den nördlichen Dörfern, nickte stumm. Seine Stirn glänzte vom Angstschweiß.
Tala ließ die Hand auf die flache Oberfläche des Spiegels schweben Sein Glas kräuselte sich wie Wasser, ohne dass sie ihn berührte. Dann sprach sie – in ruhigem Ton, aber mit Worten wie Messer:„Du wirst deinen Sohn verlieren.
Dein Land wird verbrannt.
Deine Schuld wird dich überleben.“
Ein Keuchen – das Schnauben eines Ertrinkenden. Der Mann sprang auf, taumelte rückwärts, stieß eine Statue um und rannte panisch aus der Halle, ohne sich umzusehen. Seine Schritte hallten lange nach. Doch Tala rührte sich nicht.
Eine der Jüngerinnen trat aus dem Schatten, eine stumme Novizin mit gesenktem Blick.
„Herrin… war das nötig?“
Tala hob ein Bein übers andere: „Der Spiegel lügt nicht. Ich bin nur sein Mund.“
Dann, ein angedeutetes Lächeln – kühl wie Eis, das nicht zu schmelzen wagt:
„Mein nächster Besucher wird interessanter sein.“ Sie schloss für einen Moment die Augen, und in der Tiefe ihrer Gedanken spiegelte sich bereits die Silhouette eines weißen Kriegers. Ein Name schwebte in ihrem Geist wie eine Staubwolke im Licht.
Ashitaka.
Tala legte den Spiegel zurück in seine Nische, schwer und uralt, eingebettet in einen Rahmen aus schwarzem Lack und goldenen Ranken.
Überdeckt von einem Tuch: schwerer Samt, tiefviolett, mit einem Muster aus silbernen Ahornblättern. Ein Stoff, der nur zur Ruhe kam, wenn er das Auge der Göttin bedeckte.
Niemand sprach sie an, kein Diener wagte es, sie zu begleiten. Tala ging allein durch die gewundenen Korridore, an Wandteppichen und stillen Schreinen vorbei, bis sie ihre Gemächer erreichte. Hinter sich schloss sie die Tür. Zweimal. Einmal mit der Hand – einmal mit dem Herzen. Der Raum war spärlich erleuchtet. Nur ein flacher Steinteller mit Öl und Docht brannte in der Ecke. Tala löste ihren Kragen, streifte die silbernen Armschienen ab. Ihr Spiegelbild im Fenster war blass, durchscheinend – ein Echo ihrer selbst, das sich im Glas verlor. Dann, in einer Bewegung, die mehr Schwäche war als Ritual, ließ sie sich auf das Kissen am Boden sinken. Sie zog die Knie an sich heran, stützte das Kinn darauf, und ließ ihren Blick in das Halbdunkel treiben.
„Sie glauben, ich bin unerschütterlich.“
„Sie nennen mich das Auge Amaterasus.“
„Aber was, wenn ich nur... blinzle?“
Sie schloss die Augen
„Ich habe gesehen, was kommen wird. Ich sehe es jeden Tag.
Aber ich habe nie gesehen, ob ich stark genug bin, wenn es so weit ist.“
Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. An die Prüfungen. An das, was man ihr genommen hatte, damit sie würdig war, zu schauen.
Und an das, was nie zurückgekehrt war.
Ein zittriger Atemzug. Kein Weinen. Nicht Tala. Ihre Tränen waren trocken wie Sand. Aber da war ein Bruch in ihrer Stimme, ein zweifel im Selbstbild, den sie niemandem zeigte. Nicht einmal sich selbst.
„Vielleicht… war ich nie dafür gedacht, Licht zu tragen.“
„Vielleicht bin ich nur der Schatten, den es braucht, damit andere heller brennen.“
Sie verharrte. Lauschte dem Schweigen. Und als der Wind draußen durch die Zweige fuhr, als das Licht flackerte, als eine einzelne Lotosblüte auf der Wasseroberfläche des Beckens zu zittern begann – da wusste sie: Ashitaka war auf dem Weg.
Und mit ihm – alles, was sie fürchtete.
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„Wusstest du, dass die Hohepriesterin Tala Blut trinkt, um ewig jung zu bleiben?“ Ashitaka lächelte schelmisch über die Schulter, während sein Reittier beharrlich dem schmalen Pfad durch das goldene Gras folgte. „Man sagt, sie verwandelt sich bei Nacht in eine Fledermaus.“
„Echt?“ Kealen zügelte sein Pferd so abrupt, dass kleine Staubwolken aufstoben.
„Er veräppelt dich nur“, seufzte Liora, die dicht hinter ihm ritt.
Ashitaka warf ihr einen tadelnden Blick zu – gespielt empört. „Und du: Hör auf, meine Gerüchte zu entkräften.“
Liora schnaubte leise, halb belustigt, halb genervt. „Trotzdem… etwas an ihr ist wirklich unheimlich. Viele fürchten sie.“
Ashitaka neigte den Kopf: „Kennst du sie?“
Liora schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nicht wirklich. Ich bin ihr ein paar Mal begegnet, flüchtig… Wir haben nie miteinander gesprochen.“
„Mmm, verstehe.“ Ashitaka ließ das Wort auf der Zunge zergehen, als koste er die Möglichkeit aus. „Vielleicht kommt ihr ja diesmal ins Gespräch. Und vielleicht zeigt sie dir deine Zukunft.“
Wieder blieb Kealen stehen. Diesmal zog er die Zügel mit Nachdruck. „Tsh. Das ist doch alles nur Geschwafel. Zukunft, Schicksal, Bestimmung… Ich glaube an so etwas nicht. Jeder Mensch trägt sein Schicksal selbst in der Hand. Zumindest lasse ich mir von niemandem etwas vorschreiben.“
Liora lächelte schwach – aber da war Bitterkeit in ihrem Blick. „Das stimmt allerdings“, sagte sie leise.
„Gut gesprochen“, pflichtete Ashitaka dem Krieger bei. „Aber es gibt auch Dinge, die liegen außerhalb unseres Einflusses.“ Sein Blick glitt zum Himmel, zu den wandernden Wolken. Für einen Moment schien sein Blick sich zu verlieren – als würde er etwas sehen, das den anderen verborgen blieb.
Dann atmete er aus, fast lautlos, und lenkte sein Reittier in eine sanfte Kurve. „Gleich hinter dem nächsten Hügel. Dort liegt Shinkawa“
Sie erreichten die große Straße, die sich wie eine schimmernde Ader durch das aufgewühlte Land Richtung Küste zog. Ein stetiger Strom von Menschen drängte sich über den zerfurchten Weg. Viele zu Fuß, mit schweren Lasten auf dem Rücken, Kinder auf den Armen, Habseligkeiten in Bündeln zusammengeknotet. Die Stadt Shinkawa erhöht sich wie ein Leuchtturm auf einer felsigen Halbinsel. Dort, wo das Land endete, begann das Meer: tief, blau und kalt. Die zerklüftete Küste war durchzogen von steilen Schluchten und kargen Fjorden, in denen sich die schneebedeckten Berggipfel spiegelten – ein Anblick, so rau und erhaben, dass er einem den Atem rauben konnte. Die Wolken hingen tief, schwer wie Gedanken, und in den Höhen verirrten sich Möwen rufe zwischen Nebel und Fels.
Liora lenkte ihr Pferd näher an Ashitakas Seite. Sie beobachtete sein blasses Profil, die leicht gesenkte Miene, den Blick, der sich nicht an der Schönheit der Küste festhielt, sondern weiter – viel weiter – irgendwohin reichte, wohin sie ihm nicht folgen konnte.
„Und?“ Ihre Stimme war leise, beinahe hoffnungsvoll. „Hast du es dir so vorgestellt?“
Sie erinnerte sich an Noroi – wie er einst aufgeregt in alten Büchern blätterte, Zeichnungen von Schiffen bewunderte, Gedichte über das Meer rezitierte. Ein Junge, der das Rauschen der Wellen träumte, obwohl er sie nie gehört hatte.
Ashitaka war für einen Moment still. Dann sagte er tonlos: „Ja… schön hier.“
Ohne den Blick zu ihr zu wenden, trieb er sein Pferd wieder an
Liora senkte den Blick, ihre Hände lagen ruhig auf den Zügeln. Doch innerlich rührte sich etwas: Sorge. Schmerz. Und dieses unerklärliche Ziehen, das sie jedes Mal spürte, wenn Ashitaka sprach, aber Noroi schwieg. Sie hätte ihm so gern den ersten Salzsprühnebel gezeigt.
Die Straße wurde enger, der Lärm dichter. Wagenräder quietschten, Kinder weinten, Stimmen mischten sich zu einem unerträglichen Summen. Und dann, am Ende des Weges, standen sie vor dem großen Stadttor – Shinkawas eiserner Schwelle. Die Tore waren geschlossen. Davor: eine wogende Masse aus Gesichtern. Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten, manche mit zerrissener Kleidung, andere mit leeren Augen. Sie bettelten, flehten, einige riefen den Wächtern etwas zu – doch die Männer in ihren stählernen Helmen blieben regungslos.
„Zurück!“ rief einer. „Es gibt hier nichts mehr! Die Stadt ist voll! Geht weiter, sucht euch einen anderen Ort!“ Die Worte fielen wie kalter Regen auf warme Haut. Viele in der Menge senkten die Köpfe. Einige weinten. Andere fluchten.
„Unfassbar…“ flüsterte Liora. Sie wollte absteigen, helfen – irgendwem. Doch Kealen hielt sie mit einem Blick zurück. Auch Ashitaka hatte angehalten. Er sagte nichts. Doch sein Blick ruhte auf den geschlossenen Toren, auf dem Leid, das sich davor staute wie ein Fluss vor einem Damm. Die drei Gefährten stiegen vom Rücken ihrer Pferde, während sich der Lärm der Straße wie ein aufgewühlter Strom um sie legte. Der Torbogen ragte wie ein steinerner Riese über dem Platz, und davor die Wachen – regungslos, mit Blicken so kalt wie das Eisen ihrer Lanzen. Ashitaka trat vor, sein Schritt ruhig, aber bestimmt. „Wir möchten hinein“, sagte er schlicht. Der Hauptmann der Torwache musterte sie, erst von oben bis unten, dann mit sichtbarer Verachtung. „Wollt ihr uns für Narren halten? Die Stadt ist voll. Niemand kommt mehr durch. Dreht um.“ Liora öffnete bereits den Mund, vielleicht zu einer höflicheren Erwiderung, doch da stieß einer der jüngeren Soldaten seinem Vorgesetzten mit dem Ellbogen in die Seite. Er beugte sich leicht vor. Flüsterte: „Das sind doch… die Gäste von Lady Tala, oder?“ „Meinst du...? Die Ordensschwester, der Ronin… und das Gespenst in Weiß?“ Er sprach das Letzte mit einem Tonfall, als könne er noch immer nicht glauben, was er da sah. Ashitaka verzog keine Miene, aber seine Stimme schnitt klar durch die Unruhe ringsum. „Genau. Wir sind auf Geheiß von Lady Tala hier.“
Seine Freunde warfen ihm einen kurzen Blick zu – Kealen hob skeptisch eine Braue, Liora öffnete die Lippen zu einem Einwand. Doch Ashitaka hob eine Hand, kaum merklich, und sprach weiter: „Ihr wollt doch nicht, dass sie böse wird…?“ Die Wirkung war unmittelbar. Ein Schweigen senkte sich wie Nebel über die Wachen. Der Hauptmann schluckte trocken, dann wandte er sich abrupt um und brüllte nach hinten: „Tor auf! Sofort!“
Mit einem ächzenden Rumpeln öffneten sich die gewaltigen Tore Shinkawas. Und als sie aufschwangen, ergoss sich der menschliche Strom – wie Wasser durch einen gebrochenen Damm. Flüchtlinge, Händler, Pilger, Verzweifelte. Menschen drängten sich dicht an dicht, schoben sich aneinander vorbei, manche dankbar murmelnd, andere laut und ungestüm.
„Das ging leichter als erwartet“, murmelte Kealen mit einem Anflug von Spott. Doch Ashitaka, der sich nicht umdrehte, antwortete nur: „Nicht für alle. Und nicht umsonst.“ Sie folgten der gepflasterten Hauptstraße bergauf, hinein in das pulsierende Herz der Stadt. Shinkawa war ein Wunder aus Stein und Holz, aus gläsernen Dächern und wehenden Bannern. Doch die Stadt platzte aus allen Nähten. In den Gassen schliefen Menschen auf zusammengerollten Decken, Lagerfeuer rauchten aus jedem Innenhof, Hilferufe klangen durch Fenster und Gitter. Der Wind trug den Geruch von Salzwasser, Schweiß und Unruhe.
„Wird schwer, hier ein Zimmer zu bekommen“, bemerkte Kealen nüchtern, als sie an einer überfüllten Herberge vorbeikamen, vor deren Tür bereits drei Männer stritten, wer zuerst da gewesen war.
„Ich denke, das wird unser kleinstes Problem sein“, antwortete Ashitaka, der nun den Blick hob.
Vor ihnen, auf dem höchsten Punkt der Stadt, thronte der Tempel. Ein Gebäude, das nicht gebaut, sondern gesetzt zu sein schien. Aus uraltem Gestein geschlagen, mit gewaltigen Toren aus dunklem Holz, in das Sonne, Mond und Sterne geschnitzt waren. Fahnen in den Farben der Dämmerung wehten von den Türmen. Und über allem: ein stilles, ehrwürdiges Leuchten, das nicht von dieser Welt schien.
„Das ist also Talas Reich“, sagte Liora mit gedämpfter Stimme.
„Ich hoffe, sie empfängt uns“, fügte Kealen hinzu.
Ashitaka sagte nichts. Doch in seinen goldenen Augen spiegelte sich bereits das Licht der Halle.
Zu Kealens nicht geringer Verwunderung wurden sie tatsächlich erwartet. Noch bevor ihre Schritte die erste Stufe des gewaltigen Torii berührten, traten bereits mehrere Priesterinnen aus dem Schatten des inneren Hofes, um sie willkommen zu heißen. In rituellen Gewändern und mit einer würdevollen Ruhe, die das Heilige aus jeder Bewegung atmen ließ, verneigten sie sich vor den Ankömmlingen – nicht tief aber so wie man alte Freunde begrüßen.
„Lady Tala hat von eurer Ankunft erfahren“, sagte eine von ihnen mit milder Stimme und streckte Ashitaka die Hand entgegen. Ohne ein weiteres Wort nahm sie ihm die Zügel seines Reittiers ab. Weitere Dienerinnen traten hinzu, kümmerten sich um die Tiere, luden das Gepäck ab, als wären es Schätze, keine staubigen Reisebündel. Niemand stellte Fragen. Alles wirkte wie ein längst geprobter Tanz.
Kealen beobachtete das mit einem Anflug von Skepsis. „Die wussten, dass wir kommen“, murmelte er. „Offenbar wusste sie es sogar, bevor wir es wussten“, entgegnete Ashitaka leise.
Dann wurden sie geleitet – nein, geführt – wie ehrenvolle Boten durch die gewundenen Pfade eines Ortes, der mehr war als ein Tempel. Der gesamte Komplex glich einer Stadt in der Stadt. Doch während draußen Enge, Hitze und Verzweiflung herrschten, breitete sich hier eine Stille aus, die beinahe ehrfürchtig machte. Dunkel lackiertes Holz glänzte unter den Händen der Zeit, grüner Bambus rahmte Wege, die von gepflegten Kiesgärten gesäumt wurden. Der Lärm der Außenwelt fiel ab wie Staub von einem Mantel. Im Zentrum der Anlage ragte Amaterasus Schrein auf – ein Meisterwerk aus Eleganz und Licht. Die Statue der Sonnengöttin war von solcher Anmut, dass sie selbst im stummen Stand ein Lächeln ausstrahlte. Ihr Gesicht war das einer Herrscherin – zugleich sanft wie Morgendunst und unerreichbar wie Mittagshitze. Sie stand in einem Meer aus Blumen: Opfergaben, Gebete in Blütenform, niedergelegt von Händen voller Hoffnung. Ein kehliger Gesang erhob sich, getragen von den Stimmen der Priesterschaft. Die Worte waren alt, die Melodie noch älter – ein Lied, das vielleicht schon erklungen war, als die Welt sich noch im Nebel formte.
Ashitaka blieb stehen. Lange. Schweigend. Seine goldenen Augen ruhten auf der Statue. Etwas in seinem Blick – ein flüchtiger Schatten, kaum greifbar – verriet, dass hier Erinnerungen erwachten, die keiner der anderen teilen konnte. Es wirkte, als wolle er sprechen… doch er tat es nicht. Und dann trat er weiter, tiefer in das Herz der Festung, die Tala aus Illusionen und altem Schmerz erbaut hatte.
Ein sanfter, fast zu fröhlicher Tonfall unterbrach das Schweigen.„Wollt ihr vor dem Essen noch baden?“ fragte eine junge Dienerin mit schelmischem Lächeln.
„Essen?“ wiederholte Kealen stirnrunzelnd. „Baden?“ fragte Liora, hob die Braue und warf Kealen einen bedeutungsschweren Seitenblick zu. „Vielleicht die Gelegenheit, dich ein wenig… aufzuhübschen.“ Kealen legte irritiert den Kopf schief und strich sich über seinen ungepflegten Bart. Der Schatten von Müdigkeit, die ersten grauen Strähnen, ein Mantel, der mehr Nähte als Stoff zählte – all das trug er wie Orden vergangener Schlachten. Kleidung, so seine Philosophie, sollte bequem sein und möglichst viele Taschen haben. Schönheit war für ihn etwas, das nur im Schwertarm zählte.
„Ach, das dürfte kein Problem sein“, kicherte die Dienerin. „Lady Tala interessiert sich nicht für das Äußere einer Person. Sondern nur für das… Innere.“
„Na dann hab ich ja gerade noch mal Glück gehabt“, murmelte Kealen trocken – und kassierte dafür einen scharfen Blick von Liora, der einem Dolch glich. Ashitaka, der das alles schweigend beobachtet hatte, meldete sich nun zu Wort. „Ich würde lieber sofort mit ihr sprechen.“
Die Dienerin neigte den Kopf mit ehrlicher Höflichkeit. „Verzeiht. Die Lady erfüllt zur Stunde noch ihre Pflichten. Sie bittet euch um etwas Geduld. Ruht euch aus, erholt euch von der Reise. Der Weg war lang.“ Dann führte sie sie weiter, durch Torbögen und stille Gärten, vorbei an verschlossenen Türen, hinter denen sich Geschichten verbargen, die niemand laut aussprach. Ashitaka sagte nichts mehr – aber seine Schritte waren schwerer als zuvor. Und irgendwo, zwischen den Mauern aus Zedernholz und der Dämmerung des inneren Tempels, wartete bereits ein Blick aus dunklen Augen auf ihn.
Lady Tala wusste, dass sie gekommen waren.
Der Tag neigte sich der Dämmerung zu, als sich der goldene Glanz der Sonne an den Dächern des Tempels brach. Hoch über den innersten Hallen, jenseits des öffentlichen Schreins, befand sich Talas Gemach – abgeschirmt von der Welt durch seidene Vorhänge und Schatten.
Tala stand still vor einem niedrigen, runden Tisch, auf dem Räuchergefäße langsam ihre Schwaden in die Luft entließen. Sie hatte sich ihres zeremoniellen Umhangs entledigt und trug nun nur noch ein schlichtes Gewand aus dunkler Seide. Ihr Haar, gewöhnlich geflochten und hochgesteckt, fiel lose über ihre Schultern, als wäre sie für einen Moment nicht die Hohepriesterin, sondern nur eine Frau, die gleich einem alten Versprechen entgegensah.
In der Stille ihres Raumes zog sie einen goldenen Kamm durch das Haar, langsam, fast rituell. Mit jeder Bewegung atmete sie tief – nicht aus Eitelkeit, sondern als Vorbereitung. Begegnungen dieser Art verlangten mehr als Schönheit; sie verlangten Seelenklarheit. Und obwohl sie gelernt hatte, sich vor niemandem zu fürchten, pochte etwas in ihrer Brust, das sie nicht benennen konnte.
Sie nahm eine kleine Kristallschale zur Hand und tupfte sich mit zwei Fingern eine dunkle Flüssigkeit auf die Schläfen. Die Mischung aus Nachtblumen und gealtertem Harz ließ die Grenzen zwischen Körper, Geist und Spiegelbild verschwimmen. Ihre Pupillen weiteten sich einen Moment, und ihr Atem zitterte leicht, als sie flüsterte: „Ashitaka…“
Das Gästehaus lag ruhig, beinahe feierlich, eingebettet in die äußeren Gärten des Tempelkomplexes. Als Ashitaka den Raum betrat, umfing ihn sofort ein eigenartiger Geruch – süßlich, schwer und irgendwie vertraut, aber ohne eine klare Quelle. Es war, als würde sich der Duft nicht im Raum befinden, sondern in ihm selbst erwachen.
Er blieb stehen. Ein Moment lang glaubte er, seine Glieder würden schwerer, sein Herzschlag langsamer. Der Geruch erinnerte ihn an etwas Vergangenes – nicht an ein Ereignis, sondern an ein Gefühl. An Abschied. An Dinge, die sich nie vollendet hatten. Die Luft schien dichter, die Schatten an den Wänden tiefer. Kein Windhauch bewegte die seidenen Vorhänge. Und dennoch war es, als flüstere der Raum selbst.
Ashitaka schloss die Augen. Ein inneres Ziehen – nicht schmerzhaft, aber melancholisch – machte sich in ihm breit. Fast unmerklich legte er eine Hand an die Brust, dorthin, wo Noroi früher sein Herz verspürt hatte. Und in einem Moment, der weder Nostalgie noch Trauer war, sondern einfach nur Tiefe, murmelte er: „Was willst du mir zeigen…?“
Als man Ashitaka zum innersten Raum führte, war es bereits Nacht. Die Gärten lagen in Dunkelheit getaucht, nur vom silbernen Mondlicht und vereinzelten, flackernden Laternen erhellt. Der Wind streifte leise durch die Bambusblätter, und irgendwo rief ein Vogel mit kehliger Stimme in den Schlaf hinein.
Die Tür glitt lautlos auf. Drinnen: Samt, Rauch, goldene Schatten, die sich auf den polierten Böden verloren. Und inmitten dieser entrückten Stille – Tala. Sie saß auf einem erhöhten Podest vor dem verhüllten Spiegel, eine einzige Kerze zwischen ihnen. Ihr Gesicht lag halb im Licht, halb im Schatten, und ihr Blick, so ruhig und glatt wie ein See vor dem Sturm, richtete sich auf Ashitaka, als hätte sie ihn schon lange erwartet.
„Du bist gekommen“, sagte sie schlicht. Kein Ton der Überraschung in ihrer Stimme. Eher eine leise Erleichterung, wie das letzte Teil eines alten Traumes, das sich nun endlich fügt.
„Und du wusstest, dass ich es bin“, antwortete er.
Sie neigte das Kinn kaum merklich. „Du trägst es wie eine zweite Haut – den Riss in der Zeit, das Echo eines Opfers, das nicht vergessen wurde.“
Ashitaka trat näher, ließ seinen Blick über sie gleiten, dann über den Spiegel. Der schwere Stoff, der das Glas verhüllte, schien zu atmen.
„Er flüstert schon“, murmelte Tala und fuhr mit der Fingerspitze sacht über den Rahmen. „Er kennt deinen Namen.“
„Viele Dinge tun das. Nicht alle davon sind mir wohlgesinnt.“
Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen – kaum merklich, beinahe ein Schatten. „Wohlgesinnt? Nein. Aber neugierig.“
Die Kerze zwischen ihnen knackte. Tala erhob sich, die Bewegungen geschmeidig, katzengleich, mit einer antrainierten Eleganz, die keine Spur von Eile kannte. Als sie vor ihm stand, trennten sie nur noch eine Armlänge. Sie war kleiner als er, aber ihre Präsenz füllte den Raum.
„Du hast viele Formen angenommen, Ashitaka“, sagte sie leise. „Aber immer trägst du diesen Blick. Als würdest du den Wind sehen“
Er erwiderte nichts. Ihre Nähe war seltsam – kein Angriff, keine Drohung. Und doch lag etwas lauernd darin, wie ein Rätsel, das man besser nicht lösen wollte, aus Angst vor der Antwort.
„Und du?“ fragte er schließlich. „Was siehst du, wenn du mich ansiehst?“
Tala senkte kurz den Blick. Dann trat sie einen Schritt näher. Ihre Stimme war ein Wispern:
„Ich sehe jemanden, der mir gefährlich werden könnte. Weil er etwas erkennt, das ich selbst nie zu benennen wagte.“
Ashitaka blinzelte. Ein kurzer Moment – und er hätte geschworen, sie sei ihm vertraut. Nicht durch Vergangenheit oder Geschichte. Sondern durch diese eine gemeinsame Melodie, die zwischen ihnen zu schwingen begann, obwohl keiner den ersten Ton angeschlagen hatte.
„Ich bin kein Heiler“, sagte er. Er atmete aus. „Ich bin ein Messer. Man benutzt mich. Und wenn ich stumpf bin, wirft man mich fort.“
„Und wenn man dich liebt?“ flüsterte sie.
Ein stiller Atemzug zwischen ihnen. Eine Frage, die hängen blieb wie eine Blüte auf dem Wasser.
Ashitaka schloss für einen Moment die Augen. „Dann wird es gefährlich. Für beide Seiten.“
Tala nickte. Langsam. Ihre Fingerspitzen berührten die seinen – nur ein Hauch, kaum mehr als der Flügel eines Gedankens. Und doch: Etwas geschah.
„Morgen,“ sagte sie. „Morgen wirst du den Spiegel sehen. Und ich will wissen… ob dein Spiegelbild mir die Wahrheit sagt.“
Ashitaka hielt ihren Blick. „Vielleicht,“ murmelte er. „Oder vielleicht... siehst du darin dich selbst.“
Ein Lächeln. Traurig. Uralt. Wie aus einem Leben, das längst vergangen war. Dann verbeugte sie sich leicht. „Ruhe dich aus. Du wirst es brauchen.“
Und sie drehte sich zur Seite, ließ ihre Hand noch einen Atemzug länger auf seiner ruhen. Dann verschwand sie in den Schatten, und der Raum schloss sich hinter ihr – wie ein Versprechen, das noch nicht ausgesprochen worden war.
Der Schrein war in feierliches Licht getaucht, als Liora eintrat – nicht das Licht der Sonne, sondern jenes goldene Dämmern, das durch seidene Vorhänge fiel, wie durch das Flügelschlagen einer Erinnerung. Zwei Dienerinnen hatten sie schweigend hierher geführt, ihre Schritte gedämpft, als bewegten sie sich auf heiligem Grund. Vielleicht taten sie das auch.
Tala wartete bereits. Aufrecht, regungslos, in ihre dunklen Gewänder gehüllt, als sei sie selbst ein Teil des Altars hinter ihr. Kein Lächeln auf den Lippen. Nur dieses unergründliche Leuchten in den Augen – wie das Flimmern von Licht auf tiefem Wasser.
Liora verneigte sich respektvoll, die Hände vor dem Leib gefaltet. „Lady Tala“, begann sie mit fester, doch höflicher Stimme. „Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft. Ich... habe eine Bitte.“ Tala hob eine schmale Braue, nichts weiter. Eine stumme Geste weiterzusprechen . Liora zögerte nur einen Atemzug. Dann entblößte sie das in Tücher gewickelte Schwert, das sie mit beiden Händen trug, und legte es behutsam auf das schwarze Holz zwischen ihnen.
„Dieses Schwert ist gefährlich. Es zieht die Schatten an. Hier in Shinkawa wäre es sicher – ich bitte Euch: Nehmt es in Eure Obhut. Niemand würde es wagen, Eure Mauern zu durchdringen.“ Ein flüchtiger Windhauch ließ die Kerzen flackern. Tala neigte den Kopf leicht zur Seite, als betrachte sie das Schwert nicht mit den Augen, sondern mit dem, was darunter lag. Dann glitt ihr Blick langsam zu Liora.
„Deine Sorge ehrt dich, Tochter der heilenden Pfade“, sagte sie sanft, aber ohne jede Wärme. „Doch diese Klinge hat sich längst ihren Träger erwählt.“ Sie machte keine Geste, das Schwert zu nehmen.
Liora runzelte die Stirn. „Aber... Ashitaka... ich meine— Noroi — er ist nicht—“
Tala hob eine Hand. Ihre Nägel waren wie Onyx, glatt, kühl. „Namen sind Hüllen, Liora vom Orden. Der Wind trägt viele davon. Manche zerreißen, andere wachsen neu. Du darfst ihn nennen, wie du willst. Doch sein Wesen hat sich gewandelt.“
„Er ist mein Freund“, entgegnete Liora leise. Da war etwas in ihrer Stimme – keine Rebellion, aber Schmerz. „Ich kenne ihn. Oder… ich kannte ihn.“
„Der Junge ist nicht gestorben, Liora. Er hat die Seite gewechselt – wie der Mond. Du siehst nur seine Nacht.“ Tala trat näher, ganz ohne Eile, wie ein Schatten, der die Wand entlang gleitet. Ihr Lächeln war kaum mehr als eine Andeutung, doch es schnitt wie Eis. „Und dennoch hast du ihn nicht erkannt.“Die Worte hingen einen Moment schwer in der Luft. Dann – fast zärtlich – legte sie Liora eine Hand auf die Schulter. Ihre Stimme wurde weich, und das war fast schlimmer. „Sorge dich nicht. Er ist noch da, irgendwo in der Tiefe. Vielleicht wirst du ihn wiederfinden. Vielleicht… wird er dich zuerst finden.“
Liora wollte etwas erwidern. Einen Protest, eine Frage – etwas. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Tala hatte sich bereits wieder zurückgezogen, als sei das Gespräch beendet. Das Schwert lag immer noch zwischen ihnen, und Liora wusste, dass sie es nicht anrühren wird. „Darf ich gehen?“ fragte sie schließlich mit leiser Stimme.
„Natürlich.“ Talas Blick schweifte schon wieder in die Ferne, dorthin, wo der Spiegel verborgen lag, und wo ihre Gedanken ihr folgten. „Und Liora…“ – sie hielt inne, und Liora drehte sich noch einmal um – „Manchmal ist Festhalten grausamer als Loslassen. Das gilt auch für Erinnerungen.“
Dann entließ sie sie mit einem letzten, rätselhaften Lächeln. Und Liora ging – ein wenig gebrochener als zuvor.
Kealen hatte nicht darum gebeten, Tala zu sprechen. Er war nicht der Typ, der um Audienzen bat. Und doch war er gekommen, nach einer schlaflosen Nacht und einem Spaziergang durch die kühle Halle, in der selbst das Holz zu lauschen schien. Die Dienerin, die ihn führte, sprach kein Wort. Und das war ihm recht. Als sich die Schiebetür lautlos öffnete, betrat er den Raum wie ein Soldat ein Schlachtfeld – aufrecht, wachsam, mit misstrauischem Blick. Es war ein Raum voller Dunkelheit, aber nicht von der bedrückenden Sorte – eher wie Samt, der sich schwer auf alles legte. Nur am Ende, auf einem erhöhten Podest, thronte Tala wie aus einem Gemälde geschnitten. Die Kerzen spiegelten sich in ihren Augen. Kealen blieb stehen, verschränkte die Arme vor der Brust. „Also… Ihr seid die, die alles weiß.“
Tala hob kaum merklich eine Braue. „Nicht alles. Nur genug, um zu erkennen, wenn jemand eine Mauer um sein Herz gebaut hat, die längst von innen fault.“
„Spart euch eure Tricks.“ Seine Stimme war rau, fast heiser. „Ich bin kein Mann für Spielchen.“
Tala erhob sich in einer fließenden Bewegung. Sie war barfüßig, lautlos, eine Gestalt aus Schatten und Seide. „Und doch bist du hier. Allein. Wie ein Wolf, der längst seine Zähne verloren hat, aber das Heulen nicht verlernt.“
„Ich bin gekommen, um zu verstehen, was ihr von uns wollt“, knurrte er.
„Nein“, sagte Tala sanft. „Du bist gekommen, um zu erkennen ob ich dich noch sehe. “
Kealens Kiefer mahlten. Sie trat näher. Und ohne ein Wort, ohne Berührung, begann sie ihn zu lesen – nicht mit Augen, sondern mit etwas Tieferem, etwas, das jenseits von Fleisch und Blut lag. Ihre Stimme, als sie sprach, war kaum mehr als ein Flüstern. Doch es hallte durch ihn wie ein Schlag.
„Sie war schön. Deine Frau. Lachte oft. Hatte Hände, die nach Kräutern rochen, nicht nach Blut.“
Kealen erstarrte.
„Und das Kind... war kaum älter als drei Winter. Es schlief gern an deinem Bauch. Du warst nicht oft da, aber wenn du kamst, erkannte es dich
Er wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Tala trat noch näher, stand jetzt direkt vor ihm. Ihre Stimme wurde kälter. Präziser.
„Und dann kam der Tag, an dem du zurückkehrtest. Zu spät. Kein Feuer, kein Kampf, keine Spur. Nur Stille. Und das Schreien in deinem Inneren.“
Er wandte sich ab, aber sie ließ ihn nicht entkommen. Ihre Worte klebten wie Regen an ihm.
„Seitdem trägst du Schuld wie einen Panzer. Und Rache wie ein zweites Schwert.“
„Halt den Mund.“ Es war kein Befehl. Es war ein Flehen.
„Du bist hier, weil du wissen willst, ob es einen Sinn hat, noch weiterzukämpfen“, flüsterte sie. „Ob du noch mehr verlieren kannst.“
Er atmete schwer. Zitterte. Doch dann sammelte er sich – seine Stimme klang wieder fest, wenn auch brüchig. „Ich glaube nicht an Prophezeiungen, Lady. Auch nicht an Götter. Die haben mir nichts gebracht. Was ich bin, habe ich aus Blut gemacht, nicht aus Schicksal.“
Tala lächelte. Nicht spöttisch. Nicht freundlich. Nur wissend. „Dann sei froh, Kealen. Denn dein Schicksal ist noch nicht geschrieben. Nur wenige tragen diese Last.“
Er sah sie an. Wütend. Gebrochen. Und zum ersten Mal: unsicher.„Ich hasse eure Art. Ihr mit euren Rätseln und Blicken, die durch einen hindurchsehen.“
„Ich weiß“, sagte sie leise.
Kealen wandte sich um. Stolz, aber schwer. Die Tür schloss sich hinter ihm. Und in seinem Rücken spürte er noch immer Talas Blick – kalt, durchdringend, und dennoch… nicht grausam. Nur wahr. Und in seinem Innersten – dort, wo Schmerz und Erinnerung wie altes Eisen schlummerten – pochte eine neue, dunkle Wunde.
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Wie ein dunkler Dorn inmitten blühender Felder hatte sich Kurohiko auf einem schmalen Grat aus schwarzem Gestein niedergelassen, hoch über den Nebeln, die sich in den Tälern wanden. Unter ihm lag Shinkawa – die goldene Stadt. Weit, glänzend, von Licht durchflutet, wie mit göttlicher Hand über das Land gestrichen. Sie funkelte wie eine Krone aus Bernstein im letzten Sonnenlicht. Und doch… in seinen Augen war dieses Licht kein Segen.
Es brannte.
Es biss.
Es zwickte unter der Haut wie Salz in einer alten Wunde.
Die Worte Nobunagas klangen noch in seinen Ohren – kühl, sicher, durchdrungen von uralter Gewissheit: „Bald wird das Licht verlöschen.“
Und wenn es so weit war… wenn das heilige Feuer, das diese Stadt umgab, einmal erloschen war… dann würde sie sein wie ein zahnloser Tiger: prächtig, stolz – aber wehrlos.
„Dann“, murmelte Kurohiko mit einem Lächeln, das mehr Klinge als Geste war, „nehmen wir ihr den Spiegel, wie man einer Laterne das Öl nimmt.“ Hinter ihm formierte sich der Schwarze Orden, seine Schattenstreiter – diszipliniert, stumm, bereit. Doch ihre Schwerter warteten auf seinen Befehl, und noch war die Zeit nicht gekommen. Nicht, bevor er alles hatte, was er brauchte.
Sein Blick glitt zurück zur Stadt. Dort, tief im Inneren des Heiligtums, wartete die dritte Wächterin – Tala. Nobunaga hatte sie einst abfällig als eine Kerze in einem Spiegelsaal bezeichnet: mehr Illusion als Kraft, mehr Schein als Sein.
Kurohiko fürchtete sie nicht. Er hatte sich nie vor seinem Werkzeug gefürchtet.
Im Gegenteil. Er wusste, wie man es führt.
Doch er war nicht bereit. Nicht vollständig. Um diesen letzten Kampf zu gewinnen, brauchte er mehr als den Mut der Verzweiflung – er brauchte eine Klinge, geschmiedet nicht aus gewöhnlichem Erz, sondern aus Schatten, Magie und uraltem Groll. Der Schmied, den er suchte, war ebenso eine Legende wie der Stahl, den er formte. Ein Eremit, tief in den Aschewäldern am Fuß des Vulkans, wo das Land selbst brodelte wie ein Zorn, der nie ruhte. Dort, so hieß es, hämmerte er in ewiger Einsamkeit Klingen für Kriege, die noch nicht begonnen hatten.
Kurohiko wandte sich zu seinen Männern. Die Dunkelheit seines Mantels wehte wie Rauch um ihn.
„Ich habe etwas zu erledigen“, sagte er mit ruhiger Schärfe in der Stimme. „Haltet hier Stellung. Und schickt mir Nachricht, sobald sich etwas rührt.“ Dann griff er in den Schatten eines nahen Felsens – und wie aus dem Zwielicht selbst gezogen, erhob sich eine schwarze Krähe. Ihre drei Augen leuchteten in dunklem Karmin, als sähen sie bereits den Ausgang des Schicksals. Lautlos flatterte sie auf seine Schulter. Eine Botenkrähe, gebunden durch Bann und Blut. Sie würde ihm Botschaften bringen, selbst wenn sie durch Sturm und Feuer fliegen müsste. Mit einer letzten Bewegung übergab er sie seinem Hauptmann der Yukai.
Dann drehte er sich um, trat an sein wartendes Qilin – ein unheimlich anmutendes Reittier mit schimmernden Schuppen und lautlosen Hufen – und bestieg es in einer Bewegung, die ebenso fließend war wie tödlich. Ohne ein weiteres Wort verschwand er. Wie der erste Donnerschlag vor dem Sturm. Wie ein Schatten, der sich löst. Wie das Ende, das leise beginnt.
Der Tempel war in Schweigen getaucht. Nur der Klang der nahen Brandung begleitete Ashitakas Schritte, als er die dunkle Halle betrat, in deren Mitte sich der Spiegel des Himmels erhob. Seine Oberfläche war glatt wie stehendes Wasser, tief wie ein Brunnen ohne Grund.
Tala wartete bereits.
In feierlichem Schwarz gehüllt, mit einem Ausdruck, der nicht ganz kalt war, sondern eher… entkoppelt, als stünde sie selbst außerhalb dessen, was nun geschehen sollte. Ihre Stimme war ein Schatten auf Marmor: „Du bist bereit.“ Es war keine Frage.
Ashitaka trat näher. Kein Windhauch rührte sich, kein Laut – und doch spürte er die alte Kraft in seinen Gliedern fließen, wie kaltes Eisen unter warmer Haut. Seine Hände lagen ruhig, doch seine Seele bebte. „Was werde ich sehen?“
„Die Zukunft, dich selbst“, antwortete Tala schlicht. „Und das, was dich umgibt.“ Dann trat sie zurück, ließ ihn allein mit dem Spiegel.
Ashitaka blickte hinein.
Zuerst war da nur Dunkelheit. Tief, samtig, ohne Anfang.
Dann… ein Flackern.
Ein vertrautes, aber verzerrtes Gesicht formte sich aus der Schwärze. Augenlos. Mundlos. Ohne Ausdruck – und doch von einem erdrückenden Gewicht. Es war nicht hässlich. Es war leer.
Ashitaka zuckte kaum merklich zurück. Doch in seinem Innersten bäumte sich Noroi auf; er fürchtete diese Leere noch immer, spürte sie in jeder Faser – auch wenn Ashitaka der war, der nun vor dem Spiegel stand.
Das bin nicht ich, wollte er sagen.
Doch der Spiegel widersprach nicht.
Denn was ist man, wenn man nicht mehr weiß, was man ist?
Das gesichtslose Abbild begann sich zu verändern. Aus der Leere spross Form:
ein Geweih, gekrümmt wie Schuld. Augen, blutrot, glühend vor Zorn. Wildschweinhauer Und schließlich – eine Maske.
Eine Maske, die keinen Träger mehr hatte. Eine Maske, die selbst zum Gesicht geworden war.
Nobunaga.
Ein Name wie altes Eisen. Vom gleichen Blut.
Ashitakas Bruder. Gefallen. Verbannt. Nicht vergessen.
Die Luft wurde schwer; Ashitakas Brustbein fühlte sich an, als hätte jemand eine Saite zu straff gezogen.
Er erinnerte sich an Nobunagas strafe für Hochmut, für sein Streben nach mehr – nach einem Licht, das nicht für ihn bestimmt war. Und nun war er ein Schatten, der sich selbst leugnete und doch alles durchdrang.
Die Bilder wandelten sich.
Ashitaka sah sich selbst – jung, noch nicht gebrochen von Zeit und Welt. Wie er zwischen den Menschen wandelte, ihnen beistand, während andere Götter verächtlich den Blick abwandten.
Er sah ihre Freude. Ihre Liebe. Und er sah ihren Tod. Einen nach dem anderen – Menschen vergehen. Götter bleiben.
Dann kam die Zukunft.
Der Himmel wurde rot.
Der Vulkan, der die Erde schützte, erwachte mit einem Zucken. Rauch, Asche, Flammen – der Boden riss auf, spuckte glühende Steine.
Die Luft wurde schwer. Und dann der Wind – ein kalter Odem, der Asche mit sich trug und jeden Namen aus den Häusern fegte.
Das Meer – unendlich, stumm – erhob sich zu einer Welle, hoch wie der Himmel, schwarz wie Schuld. Sie kam nicht schnell. Sie kam mit unausweichlicher Würde.
Und dann – die Tür. Sie öffnete sich.
Nicht knarrend. Nicht zischend. Einfach: auf.
Und aus ihr strömten Schatten.
Kein Rauch. Keine Tiere. Dinge, die keine Namen hatten. Krümmungen des Raumes, Formen, die sich wanden, Gesichter in unmöglichen Winkeln, Flüstern, das in der Sprache des Wahnsinns gesprochen wurde.
Geister, Dämonen, Erinnerungen. Sie fielen über die Welt her wie ein Sturm aus Sehnsucht und Zerstörung.
Er sah Städte versinken. Tempel brennen. Kinder weinen – und verstummen.
Er sah, wie Licht erlosch. Wie Hoffnung zu Asche wurde. Wie sich alles wiederholte. Er war nicht alleine in der Finsternis. Da war noch jemand
Ein Junge.
Mitten im Sturm.
Mitten im Weltenfall.
Seine Gestalt war schlicht. Er trug die einfache Tracht eines Gläubigen, keine Rüstung, keine Insignien der Macht. Nur zwei Dolche hielten seine Hände – silbern, schimmernd, von fremder Herkunft. Ihre Klingen flackerten, als wüssten sie, dass sie in dieser Vision fehl am Platz waren.
Und doch gehörten sie genau hierher.
Der Junge blickte Ashitaka an.
Seine Augen – unergründlich. Schwarz, aber nicht leer. Tief, aber nicht weich.
Ashitaka, der selbst in Götterseelen geblickt hatte, konnte ihren Grund nicht erfassen.
Dann sprach der Junge. Seine Stimme – tief wie ein Grab, ruhig wie ein Urteil:
„Ich bin nicht der Anfang.“
Ein Atemzug, eine Stille, so schwer wie Schuld.
„Ich bin das Ende. Der Fluch, der diese Welt heimsucht.“
Und da stand er nun – nicht als Erlöser. Nicht als Retter. Sondern als letzter Wächter vor dem Tor.
Zwischen Ashitaka und dem sich öffnenden Riss in der Welt stellte er sich – als wolle er den Untergang verteidigen.
Ashitaka wollte einen Schritt vor – ein Wort sagen, eine Frage stellen. Doch es war zu spät.
Er sah sich selbst.
Mit dem Schwert in der Hand.
Blut bedeckte seine Haut.
Aber nicht das Blut eines Feindes. Sondern das eigene.
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Die Bilder zerfielen wie Staub im Wind.
Der Spiegel war wieder nur ein Spiegel.
Glatt. Stumm.
Und finster wie eine unverhüllte Zukunft.
Kerzen flackerndes Kapitel
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Sandsteinfarbenes Kapitel
Der Raum war dunkel. Nur ein dünner Lichtschein fiel durch die Decke. Kurohiko kniete. Den Blick gesenkt. Das Schwert, geschmiedet aus dem Horn seines einstigen Gefährten, ruhte auf seinem Rücken, schwer wie Schuld. Schritte. Schwer, hallend, langsam. Dann blieb es still. Eine Stimme, kalt und schneidend:
„Ich habe dir Shinkawa zum Geschenk gemacht.“
Nobunaga trat aus dem Schatten. Die Kapuze hing ihm über die Schulter.
„Eine Stadt aus Gold. Ein Bollwerk des Lichts. Und du… du kommst mit leeren Händen zurück?“
Sein Blick funkelte wie glühende Kohle. „Undankbarer Wurm.“
Kurohiko hob nicht den Kopf. Aber seine Finger verkrampften sich.
„Nicht nur, dass du mir das Heiligtum vorenthalten hast “
Nobunagas Stimme tropfte nun wie Gift aus den Zahn einer Schlange.
„Du lässt es in die Hände jenes Bastards fallen. Ashitaka. Der Weltenwandler. Dieses… halb-göttliche Missgeschick.“
Er schnaufte
„Seine Mutter… war eine Frau. Ein sterbliches Ding.“
Er spie das letzte Wort aus, als hätte er Dreck zwischen den Zähnen.
„Verfälschtes Blut. Und du wagst es, gegen ihn zu verlieren.“
Stille. Kurohiko sagte nichts. Mit jedem weiteren Wort würde er nur Öl ins Feuer gießen.
Nobunaga trat nahe an ihn heran. Ein Atemzug entfernt.
Dann drehte er sich ruckartig um, der Mantel wehte wie der Flügel eines Raubvogels.
„Tritt mir aus den Augen.“
Seine Stimme war wieder kontrolliert. Kalt wie Stein. Ewig und erbarmungslos.
„Ich nehme die Dinge jetzt selbst in die Hand.“
Mit einem Ruck öffnete er das Portal aus schwarzem Rauch.
Der Megatama war an seinem Gürtel befestigt, eingewickelt in Tuch.Dann verschwand er lautlos.
Kurohiko blieb alleine zurück. Sein Blick ruhte auf den geschwärzten Boden, wo das Echo von Nobunagas Stimme noch vibrierte.
Erneuerung ist etwas Gutes, redete er sich ein. Immer wieder. was Gutes, was Gutes, was Gutes
Er biss die Zähne zusammenbeißen. Und ballte eine Faust. Trotz seines Mantras blieben die Gedanken. Und die Erinnerung an Ashitakas Worten „Noch ist es nicht zu spät.“
Irgendwo, tief unter der Maske aus Pflichterfüllung, brannte etwas.
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Der Gang war feucht und aus dunklem, matt glänzendem Stein gemeißelt, so alt, dass selbst die Muscheln an seinen Wänden nichts mehr erzählten. Träge Flammen in gläsernen Kugeln warfen rötliches Licht auf den Boden – schwankend, wie das Meer über ihnen.
Eine Pforte öffnete sich mit einem Zischen, das wie ein Flüstern klang. Dunkle Silhouetten traten zur Seite, als Nobunaga erschien – gekleidet in Roben, die sich bewegten, als atmeten sie. Schatten folgten ihm wie Hunde an der Leine. Die Wachen warfen sich zu Boden.
„Bericht. Was tut sie?“ Seine Stimme war glatt wie schwarzes Glas.
Einer der Wachen hob seinen Blick nicht. „Sie spricht nicht. Sie schläft die meiste Zeit. Nimmt kaum Nahrung zu sich. Keine Gegenwehr. Kein Zauber. Kein Gebet.“
Nobunaga verzog das Gesicht. „Feige bis zum Ende… oder spielt sie nur die Tote.?“ Sein Blick durchbohrte die Zellentür wie ein Dolch aus purer Verachtung. Er trat ein. Die Wachen zogen sich zurück.
Vor dem schmalen Fenster strich ein Schwarm Sardinen vorbei, aufgescheucht von einem Barsch; grünliches Wasserlicht flackerte über Stein und Eisen. Seepocken fraßen die Mauern ins Riff zurück. Ab und zu stieg eine einzelne Blase auf und zerplatzte – ungehört, einsam – an der Oberfläche.
Das Gemach war düster, kalt wie der Meeresgrund. Auf einer schmalen Pritsche lag Tala. In weiße Tücher gehüllt, ihr schwarzes Haar ausgebreitet wie Tinte auf Schnee. Regungslos. Blass.
Nobunaga trat an sie heran. Seine Schritte hallten. Er sprach wie ein Mann, der sich über ein altes Gemälde beugt – neugierig, aber ohne Gefühl.
„So liegt also die Hohepriesterin Amaterasus. Wie eine gefallene Blume auf dem Grund eines Brunnens.“
Keine Reaktion.
„Shinkawa liegt in Trümmern,“ sagte er leise, fast genüsslich. „Die Straßen brennen. Das Volk irrt umher wie Schafe ohne Hirte. Deine Heiligen Lieder wurden vom Wind verschluckt.“
Tala öffnete die Augen, ohne sich zu rühren. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch:
„Ich weiß.“
Ein Moment Stille. Nobunagas Stirn runzelte sich kaum merklich. „Du weißt es?“ Er trat näher, suchte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion. „Und es lässt dich kalt?“
Kein Zucken. Kein Zittern in ihren Mundwinkeln. Nur ein dunkler Blick, der durch ihn hindurchsah. „Es ist nicht das erste Mal, dass eine Stadt fällt,“ sagte sie. „Und es wird nicht das letzte Mal sein. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn du schreist.“
„Du Miststück.“ Seine Stimme blieb ruhig, doch sein Schatten wuchs wie etwas Eigenständiges an der Wand. Er ballte die Faust. Beherrschte sich. Atmete einmal durch. Dann wechselte er das Thema – schärfer, zielsicher: „Der Spiegel ist nicht mehr an seinem Platz.“
Tala blinzelte. Und lächelte – aber es war ein leerer Zug um die Lippen. „Du weißt doch längst, wer ihn bei sich trägt. Warum diese Fragen? Willst du hören, was du ohnehin schon kennst?“
Er trat näher, kniete sich an die Pritsche, sein Blick ein Dolch: „Sag mir, wo er jetzt ist.“
„Ich weiß es nicht.“ Sie sah ihn direkt an, ruhig wie stilles Wasser. „Ich habe ihm keinen Pfad gewiesen. Nur ein Ziel.“
„Lügst du?“ Ein Zucken in seiner Wange.
„Nein.“ Ihre Stimme war fester jetzt. „Doch selbst wenn ich es wüsste – würdest du mir glauben?“
Er sah auf sie herab, seine Stimme ein kalter Schnitt: „Du hast mich angelogen.“
Tala lag noch immer wie in einen Kokon aus Tüchern gewickelt, die Augen geschlossen, als lausche sie einer Melodie, die nur sie vernehmen konnte. Erst als er näherkam, öffnete sie langsam die Lider – schimmernd wie flüssiges Quecksilber. „Ich habe dir nie versprochen, dass du bekommst, was du willst,“ erwiderte sie sanft.
Seine Hand schnellte vor, griff nach einem Zipfel des Tuches, doch er hielt inne. Die Hitze in seinem Blick drohte alles zu verbrennen. „Der Spiegel! Du hast gesagt, du würdest ihn mir geben, wenn ich dich am Leben lasse.“
Tala hob eine Braue. „Und du hast gesagt, du würdest die Stadt verschonen.“ Ein winziges Lächeln spielte um ihre Lippen, eisig. „Aber wer von uns beiden ist denn jetzt der Lügner?“
Nobunaga knurrte. „Der Spiegel ist bei ihm! Bei ihm! Deiner kleine Schachfigur!“
„Ashitaka“, flüsterte sie. Der Name war wie ein Tropfen Wasser auf heißem Eisen.
„Mein Halbbruder!“ spie er das Wort aus, als schmecke es nach Asche. „Dreckiges Mischblut. Ich hätte ihn bei der Geburt töten sollen.“
Tala hob den Kopf leicht. Ihr Blick wurde schärfer, eine Schneide aus Licht. „Und doch hat er dich überlistet.“
Nobunaga trat zurück – wie von einer unsichtbaren Ohrfeige getroffen. Dann wurde sein Blick finster. „Du hast ihn vorbereitet! Du hast ihn losgeschickt mit dem Spiegel in der Hand. Das war euer Plan!“
Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ich bin hier unten. In deinem goldenen Käfig. Du hast ihn selbst gebaut. Aber wenn du den Spiegel willst...“ – sie lehnte sich gegen die kalte Wand –„...musst du schon selbst nach ihm suchen. Ich bin im Moment leider... verhindert.“
Die Ironie in ihrer Stimme traf ihn wie eine geöffnete Wunde. Nobunagas Gesicht war jetzt verzerrt vor Wut. Adern traten an seinem Hals hervor, die Schatten um ihn wurden länger, krümmten sich unruhig. Ein Funkeln lag in seinen Augen, als würde etwas in ihm brennen, das nicht sterben wollte.
„Mit dir kann man nicht reden!“ fauchte er. „Du glaubst, du bist so klug, aber du bist nur ein abgerissener Rest alter Zeiten. Wie eine gesprungene Glocke, die hohl klingt!“
Tala schloss die Augen wieder, als sei das Gespräch beendet: „Dann hör doch auf, zuzuhören.“
Für einen Moment stand er noch da – zitternd vor unterdrückter Raserei. Dann wandte er sich um, die Roben wirbelten um ihn wie schwarze Flammen. Mit einem wütenden Knall schlug er die Tür hinter sich zu. Die Fackeln flackerten im Luftzug, dann war es still. Tala atmete flach durch. In der Ferne hallte das Echo seiner Schritte wie Donner in einem leeren Himmel. Doch sie lächelte. Ganz, ganz schwach. Nobunagas Schritte verklangen. Die Stille kehrte zurück. Dummkopf, dachte sie.
Ein dunkles Glimmen zog sich durch ihre Brust, kaum mehr als ein Funke, aber alt. Er wird nie verstehen, dass ich hier bin, weil ich es wollte. Ich bin keine Geisel. Ich bin der Köder.
Der Wind lässt sich nicht binden, und dennoch versucht er es.
Er ahnt nicht, dass ich kam, nicht als Gefangene, sondern als Vorbote des Sturms.
Sie legte sich zurück auf das schmale Lager, bettete den Kopf auf gefaltete Hände, und ließ die Lider sinken. Kein Schlaf – nicht wirklich. Eher ein Gleiten. Zwischen zwei Atemzügen fiel sie... und stieg zugleich auf. Fiel......flog...
Der Raum um sie verblasste. Der kalte Stein, das gedämpfte Tropfen von Wasser, das entfernte Rufen der Yukei – alles verschwand.
Ein Bild formte sich.
Ein Mädchen mit dunklen Locken, weich wie Seide. In ihrem Haar prangte eine große Schleife, tiefrot. In ihren Armen trug sie eine Puppe aus Porzellan, so fein gearbeitet, dass ihre Wangen wie echt schimmerten. Das Mädchen lächelte – aber das Lächeln war klein, vorsichtig, als müsste es geübt werden.
Das bin ich.
Ein anderes Ich. Ein anderes Leben. Vor den Schatten, vor den Masken, vor dem Eis.
Um das Kind versammelten sich Frauen in aufwändigen Roben. Zofen reichten ihr Wasser mit Rosenblättern. Eine Lehrerin hielt eine Schriftrolle und sprach mit warmer Stimme. Ein Gärtner verneigte sich tief, als er vorbei schritt. Alle waren freundlich. Doch eines fehlte.
Tala, mein Schatz, sagte eine Stimme in der Erinnerung. Aber es war nicht die Stimme ihrer Mutter. Auch nicht die ihres Vaters. Es war die Stimme einer Priesterin, der sie zugeteilt worden war wie eine Vase einem Regal.
Tala sah der kleinen Version ihrer selbst zu. Wie sie im Innenhof saß, die Puppe auf dem Schoß, den Blick zum Himmel gerichtet. Die Wolken zogen vorüber, langsam und endlos. Aber niemand kam.
Kein Elternpaar trat durch das Tor. Keine Umarmung. Nur Anweisungen.
Ihr Tag war minutiös geplant gewesen:
Sonnengebet bei Tagesanbruch.
Teezeremonie zum Einstimmen der Sinne.
Kalligraphie. Meditationsübungen. Tanz.
Studien über Tugend und Reinheit.
Die Sprache des Lichts.
Aber nie: Zeit zum Spielen. Nie: „Was möchtest du heute tun, Tala?“ Die kleine Tala stand schließlich auf. Der Wind fuhr ihr durch die Locken. Für einen Moment war sie allein – wirklich allein. Sie hob die Puppe und flüsterte ihr etwas zu. Worte, die nur sie verstand. Dann ging sie zurück in den Tempel.
Die Jahre vergingen, lautlos und schwer, wie Wasser, das sich in einem Brunnenschacht sammelt – träge, kalt und unergründlich. Aus dem einsamen Kind wurde eine Frau, und aus der Frau ein Abbild der Stärke. Jedenfalls dachten das die anderen. Sie trug die Masken der Ruhe. Sprach in wohltönenden Sätzen. Sah in die Herzen der Menschen, doch nie in ihr eigenes. Denn was dort war, hatte sie in sich eingeschlossen wie ein gefesseltes Tier.
Und nun war der Tag gekommen. Der Himmel war wolkenlos über dem Tempel. Die Menschen sammelten sich wie Pilger vor einem Heiligtum, das lebendig geworden war. Hochrangige Priesterinnen saßen im Kreis, golden bestickt, mit Perlen auf der Stirn. Der Kaiser selbst hatte den beschwerlichen Weg unternommen. Sein Thron war erhöht. Sein Blick: neutral wie immer.
Tala schritt über den weißen Kies. Barfuß. Die langen Ärmel ihrer zeremoniellen Gewandung berührten fast den Boden, als sie die Stufen zum Spiegel empor schritt. Hinter ihr: der feierliche Gesang der Dämmerstimmen. Vor ihr: das uralte Artefakt. Der Spiegel. Ein Kreis aus Bronze, aufrecht wie ein Tor. Die polierte Oberfläche war so glatt, dass sie nicht spiegelte, sondern sog.
Ein Licht wie flüssiger Rauch quoll aus seiner Mitte. Dann trat sie hindurch.
Kälte. Nicht frostig - sondern leer. Tala fand sich auf einem weißen Feld wieder. Es gab keinen Horizont, nur Licht – und dennoch war alles grau. Ihre Füße berührten nichts Festes. Es war, als würde sie stehen und zugleich schweben. Aus dem Nebel formte sich etwas.
Ein Mädchen. Schwarz gelockt, mit einer Puppe im Arm. Die kleine Tala. Sie sprach kein Wort.
Aber sie sah. Durch sie hindurch.
Dann trat eine zweite Gestalt aus dem Dunst.
Eine Frau in Talas Alter – aber ihre Züge waren nicht ganz richtig. Die Haut zu glatt. Das Lächeln zu vollkommen. Eine Idealversion.
So hätte sie werden sollen. Sanft, leuchtend, makellos. Ein Lichtwesen.
„Du bist nicht ich“, wollte Tala sagen. Aber ihre Stimme war verschwunden. Die Frau trat näher. Und nun erkannte Tala: Ihr Lächeln war falsch.
Im nächsten Augenblick brach das Licht. Und mit ihm – das Bild.
Splitter flogen, lautlos. Tala stand inmitten von Glas. Jeder Splitter zeigte ein anderes Ich.
Eines schrie.
Eines weinte.
Eines stand stumm da, mit einem Dolch in der Brust.
Ein anderes lachte höhnisch, bis das Lachen zu weinen wurde.
Langsam hob sie den Blick. Dort, am Rand der Fragmentwelt, waberte ein letzter Lichtrest – und darin: eine Tür. Ihre Tür. Der letzte Teil der Prüfung. Dahinter würde sie sich selbst sehen. So, wie sie wirklich war. Nicht die Priesterin. Nicht die Trägerin der göttlichen Aufgabe.
Nur Tala. Das Mädchen. Die Frau. Das Wesen dazwischen.
Sie machte einen Schritt – und hielt inne. Etwas in ihr zog sich zusammen. Etwas in ihr zog sich zusammen. Kein Dämon, kein äußeres Hindernis – nur Angst. Eine bodenlose, lähmende Angst.
Was, wenn hinter dieser Tür... nichts ist?
Kein Kern. Keine Antwort. Nur Leere.
Sie wandte sich ab ohne hindurch zu gehen
---
Die Gesänge klangen noch, als Tala wieder durch den Spiegel trat. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn.
Sie lächelte
„Gesegnet sei die neue Hohepriesterin Amaterasus!“ rief ein Priester.
Jubel brandete auf. Blumen wurden gestreut. Der Kaiser nickte. Niemand sah den leichten Riss in Talas rechter Pupille. Niemand sah die Wahrheit. Nur sie.
Sie war gefallen, bevor sie überhaupt geflogen war.
Später, in der Stille ihres Gemaches fiel die Seide, flatternd, von ihren Schultern. Die Kronenspitzen lagen auf dem Boden, verstreut wie zerbrochene Versprechen. Tala stand nackt vor dem bronzenen Wandspiegel, der nicht zauberte – nur zeigte. Sie starrte sich an. „Du bist eine Lüge“, sagte sie.
Nicht laut. Nicht mit Zorn. Nur wie eine Feststellung. Ihre Finger glitten über ihr eigenes Spiegelbild. „Und niemand wird es je erfahren.“
Tala lag wieder auf der Pritsche. Unter dem Meer. In Ketten, wie Nobunaga es verlangte.
Nur: Sie war freiwillig hier. Denn das, was sie draußen geworden war, konnte sie nicht mehr sein.
Sie schlief nicht. Aber sie träumte. Und zwischen Träumen und Wachen, in dem ewigen Dazwischen, flüsterte sie: „Ashitaka… du glaubst, mich zu retten. Aber ich bin schon lange verloren.“
Ashitaka zog weiter, der Osten sein Ziel, doch der Weg dorthin war lang und vom Krieg gezeichnet. Es gab keine Pfade mehr, nur Spuren von Flucht und Verzweiflung. Die Erde war wund – ein aufgerissener Körper, über den kein Mensch mehr beten wollte. Felder, die einst wie Gold gewellt hatten, waren nur noch Schlacke. Schwarze, geborstene Erde, aus der nichts mehr wuchs. Der Himmel über ihm war bleigrau, tief hängend, regungslos, als hielte selbst er den Atem an.
Er ging zu Fuß. Der Spiegel auf seinem Rücken lastete nicht wie ein Gegenstand – sondern wie eine Erinnerung, die sich in den Körper einnistet. Er fühlte seine Wärme. Sein Gewicht. Das leise Vibrieren, als würde eine Stimme darin flüstern, zu leise um sie zu verstehen, zu klar, um sie zu ignorieren.
Der Wind trug den Geruch von Rauch und Eisen. Und etwas anderem – etwas, das an das Innere eines Grabes erinnerte. Als Ashitaka durch ein verlassenes Dorf ging, das keinen Namen mehr trug, bemerkte er, dass selbst die Schatten fehlten. Kein Vogel schrie. Kein Insekt bewegte sich. Türen standen offen wie Münder, die zu lange geschrien hatten. An einem Fenster hing eine Puppe. Der Kopf war abgerissen, aber die Schleife war noch da. Unter einem umgestürzten Hausbalken sah er einen Hund liegen. Abgemagert. Das eine Auge geschlossen, das andere wachsam offen. Er knurrte nicht. Er bellte nicht. Nur ein Zittern ging durch seinen Körper, als Ashitaka vorbeiging. Keine Feindschaft, nur Hunger. Und der schale Rest von Misstrauen
Am Rand eines ausgetrockneten Baches fand er ihn. Der Junge lag im Sand, Rüstung verbeult, das Gesicht blutverschmiert. Ein Pfeil steckte noch in seinem Bauch, und mit jedem Atemzug stieg Sand mit auf – als wollte ihn selbst die Erde schon verschlucken. Ashitaka kniete sich hin. Reichte Wasser. Der Junge trank gierig. Husten. Dann ein Lächeln, so fehl am Platz, dass es weh tat.
„Wir haben... verteidigt... ein Stück Himmel“, murmelte er. „Ein Ort... wo man glauben konnte... dass es Gerechtigkeit gibt.“
Ashitaka sah ihn lange an. Fragte schließlich: „Glaubst du, es hat sich gelohnt?“
Der Junge starrte zum Himmel, als hätte er ihn vergessen. Dann ein schwaches Nicken. „Es war... besser als nichts.“ Er starb mit einem Lächeln. Als hätte er Ashitaka geantwortet.
Im Inneren eines halbverfallenen Schreins schlug Ashitaka sein Lager auf. Draußen rauschte der Wind durch morsche Balken. Der Himmel hatte sich verfärbt – eine Farbe, die weder Tag noch Nacht kannte. Zwischen den Schatten der Steinsäulen begannen sich Gestalten zu regen. Keine Menschen. Keine Tiere. Etwas Drittes. Die Yukei. Sie kamen nicht wie ein Heer, sondern wie Erinnerungen – einzeln, schleichend, flüsternd. Sie sprachen nicht mit Stimmen, sondern mit Bildern. Sie zeigten ihm Noroi. Zeigten Tala. Zeigten ihn selbst – mit schwarzen Augen und leerem Blick, das Schwert erhoben gegen alles, was Licht war.
Er schreckte hoch. Atmete flach. Der Spiegel auf seinem Rücken war warm wie Blut. In seinem Geist zitterte eine Stimme, kaum hörbar. „Du bist nicht allein.“
Er sagte es sich selbst, wie ein Mantra.
Du bist nicht allein.
Du bist nicht allein.
Am achten Tag erreichte er die Hauptstadt. Valenn – die Stadt mit dem goldenen Zähnen.
Groß. Dicht wie ein Gefängnis. Und schweigend wie ein Grab. Mächtige Mauern zogen sich um die Stadt wie der Rückenpanzer eines Ungeheuers. Nicht in Schönheit gebaut, sondern in Eile – grobe Blöcke, mit Mörtel voller Sand und Angst. Kanonen ragten aus den Bastionen. Schwarz, dick, mit bronzenen Mündungen, als wollten sie die Götter selbst zur Rechenschaft ziehen. Ein einziger Schuss krachte über das Land, riss Krähen vom Himmel – nicht als Angriff, sondern als Warnung. Wir sind bereit. Oder… Wir haben Angst. Wer konnte das schon sagen?
Ashitaka blieb einen Moment am Stadtrand stehen. Um ihn herum nur Staub, Karren, Geröll – die Überreste jener, die man nicht mehr eingelassen hatte. Flüchtlinge, Händler, Boten – die Wartenden. Aber sie sprachen kaum. Ihre Münder hatten keine Worte mehr. Nur Blicke. Blicke, die an seinen Mantel hängen blieben. An der Wunde, die er verborgen trug. Am Spiegel, der unter dem Stoff auf seinem Rücken ruhte wie ein lebender Schatten.
Innen war es schlimmer. Nicht zerstörter – aber enger.
Die Straßen waren ein Labyrinth, gebaut aus hellem Kalkstein, der in der kalten Frühjahressonne schimmerte wie Knochen. Die Mauern drückten sich aneinander. Fensterläden aus Holz, viele vernagelt. Über den Gassen hingen Wäscheleinen, daran Lumpen. Soldaten in schwarzen Mänteln patrouillierten, die Stiefel klapperten über das Pflaster. Überall Mauern – dicke, kleine, halbhohe, neue, alte. Manche Häuser waren an Außenwände gebaut worden, manche nur aus Angst neu hochgezogen. Jeder schien sich ein Stück Stein zu sichern, als könne man so dem Untergang entkommen. Wachtürme ragten auf wie Finger, die auf einen Schuldigen zeigten. Ihre Fenster warfen Lichtkegel in die Nebel der engen Gassen. Und überall war das Geräusch – das Klopfen von Hämmern. Das Schleifen von Schwertern. Das Seufzen der Kranken.
Ashitaka ging langsam. Ein Kind rannte an ihm vorbei - schlank, hungrig. Ein Händler fluchte über gestohlenes Salz. Zwei alte Männer spielten Go auf einer umgestürzten Kiste, redeten kein Wort.
Ist das der Sitz der Ordnung?
Mittendrin – von einer zweiten Mauer umgeben – erhob sich der Kaisersitz. Kein Palast. Eine Festung. Dicke Tore. Türme wie Lanzen. Eine Architektur, die nie zum Leben gedacht war, sondern nur zum Überleben. Hier lag nicht der Glanz eines Reiches. Nur seine müde Sturheit.
Ashitaka wagte sich nicht näher. Noch nicht. Zuerst musste er verstehen. Die Stadt sehen. Ihre Stimmen hören.
Die Nacht hatte sich wie ein Tuch über Valenn gelegt. Kein Stern am Himmel. Kein Lied auf den Lippen der Soldaten. Nur das Trampeln von Stiefeln in den engen Gassen, das gelegentliche Klirren von Ketten und das Krächzen der Wachen.
Ashitaka hatte in einer verlassenen Sakristei Unterschlupf gefunden – eine schmale, baufällige Kapelle am Rand eines Friedhofs, versteckt hinter einem Lagerhaus. Der Boden war kalt, die Wände feucht. Ein paar alte Bänke, durch Holzwurm und Zeit zerfressen. Er hatte sich in eine Decke gehüllt, den Verband notdürftig gewechselt. Die Wunde an seiner Seite pochte dumpf, jede Bewegung fühlte sich an wie ein Tritt gegen seinen Brustkorb. Er schlief nicht. Nicht wirklich. Der Schmerz ließ es nicht zu. Aber schlimmer war das Gefühl der Leere. Der Spiegel ruhte neben ihm, verborgen unter Tuch und Stoff, doch seine Präsenz war spürbar. Schwer. Schweigend. Wie ein Urteil.
Da hörte er sie – Stimmen. Hart. Schroff. Und Ketten, die über Pflasterstein gezogen wurden.
Ashitaka erhob sich langsam, schlich vorsichtig zur Kapellen Pforte. Durch einen Spalt im Türrahmen sah er sie: eine Kolonne von etwa zwanzig Männern und Frauen, alle barfuß, manche blutig geschlagen. Ihre Gesichter Schmutz verkrustet, ihre Kleidung zerrissen. Kriegsgefangene.
Sie wurden getrieben wie Vieh – durch Gassen, die für ihre Schmerzen taub geblieben waren. Ein Soldat rammte dem Hinkenden den Speerschaft zwischen die Schulterblätter. „Lauf, Dreck!“
Ashitaka zögerte nicht lang. Er blieb auf Abstand, huschte von Schatten zu Schatten. Sah, wie die Gefangenen zu einem Seitenflügel einer alten Garnison geführt wurden. Ein ehemaliges Lagerhaus, notdürftig mit Gittern und Brettern zur Zelle umfunktioniert. Zwei Wachen standen draußen. Einer kaute auf etwas herum, der andere starrte ins Leere. In seiner Brust keimte der Zorn.
Er wartete bis die Nacht tiefer fiel. Dann handelte er. Mit einem gefundenen Wurfstein lenkte er eine der Wachen ab, zog den zweiten in die Dunkelheit – lautlos, schnell, präzise. Kein Blut, nur Bewusstlosigkeit. Die Schlüssel waren rostig, der Riegel schwergängig.
Einige der Gefangenen zuckten zusammen, als sich die Tür öffnete. Andere hielten ihn für einen Geist.
„Ich hole euch hier raus“, flüsterte er.
Einige starrten ihn ungläubig an. Ein Mädchen weinte leise. Ein alter Mann sank auf die Knie.
Doch sie folgten ihm. In kleinen Gruppen. Durch Abwasserkanäle und vergessene Höfe. Und Ashitaka führte sie – obwohl er selbst kaum stehen konnte. Im Schutz der Nacht, fern der Wachposten, hielten sie Rast. Ein Feuer war zu gefährlich. Nur Flüstern war erlaubt. Ein Mann trat aus dem Kreis. Sein Gesicht war von Narben durchzogen, Haut wie Pergament, das zu lange der Sonne ausgesetzt war. Seine Augen jedoch waren wachsam. Neugierig.
„Du bist nicht von hier“, sagte er.
Ashitaka nickte.
„Ich auch nicht“, fuhr der Mann fort. Seine Stimme klang alt und rau – wie Planken, die zu lange im Salz gelegen hatten. „Ich stamme aus dem Süden. Von einer der Karyū-Inseln.“
Ashitaka sah auf. „Karyū-jima?“
Der Mann nickte.„Vor vielen Jahren war ich dort Novize im Schrein des Heiligen Auges. Dann kam die Flut – sie verschlang alles. Den Schrein, den Garten, die Glocke. Als sei der Ozean selbst wütend geworden. Seitdem ist der Tempel unter Wasser. Aber man sagt... sein Herz schlägt noch.“
Ashitaka schwieg.
Der Aussätzige sah ihn prüfend an. „Du trägst ein Artefakt bei dir. Ich spüre es. Du willst dorthin, stimmt’s?“
Ashitaka zögerte. Dann nickte er. „Ich suche jemanden.“
Der Mann schmunzelte, obwohl er nur noch halbe Lippen hatte. „Dann such nach der Insel, die wie ein Drache schläft. Doch sei gewarnt: Nicht alle, die hinabtauchen, finden wieder zurück.“ Er wandte sich zum Gehen.
Ashitaka hielt ihn auf: „Warte. Warum erzählst du mir das?“
Der Mann blickte über die Schulter. „Weil du mich nicht gefragt hast, was ich bin. Nur wer ich war.“ Und dann... war er fort. Verschwunden wie Nebel.
Kealens Pferd stampfte unruhig auf das zerfurchte Pflaster. Der Geruch von Asche und Eisen lag schwer in der Luft – vertraut und doch unerträglich.
Er hatte die Grenze zum Kriegsgebiet überschritten. Wieder. Und wieder fühlte es sich an, als würde etwas in ihm aufbrechen, das längst vernarbt schien. „Das ist alles falsch“, murmelte er und starrte stur geradeaus.
Liora, die neben ihm ritt, sagte lange nichts.
Der Himmel war grau. An den Straßenrändern lagen verbrannte Karren, verlassene Lager, umgestürzte Standbilder aus einer Zeit, als die Hauptstadt noch für Sicherheit stand. Jetzt schien sie bloß eine trutzige Erinnerung zu sein – errichtet, um alles auszusperren, was sich außerhalb des Gehorsams bewegte.
Sie sahen die Hauptstadt bereits von Weitem. Helle Mauern, dick wie Berge. Überall Kanonen. Wachtfeuer brannten selbst am Tag. Fahnen flatterten wie gequälte Geister im Wind. Sie kamen unbehelligt durch die ersten Kontrollpunkte. Zu viele Flüchtlinge, zu viele Namen, zu viele Sorgen – niemand achtete auf zwei Reiter, die aussahen, als wären sie schon lange unterwegs. Doch es war nicht die Stadt, die Kealen zu schaffen machte. Es waren die Erinnerungen.
Ein Junge, ein Speer, ein Schwur.
Ein Zuhause, das er nicht retten konnte.
Ein Lachen, das in der Dämmerung erlosch.
„Kealen?“
Liora hatte ihn aus seinen Gedanken gerissen.
„Was?“
„Du zitterst.“
Er blickte auf seine Hände. Sie umfassten die Zügel, als würden sie ein Schwert halten. „Ich hasse diesen Ort“, sagte er tonlos.
Sie fanden einen Unterschlupf in der Nähe des Marktplatzes, einer kleinen Herberge mit niedriger Decke und zu dünnen Wänden. In den Gassen hörte man Gerüchte – geflüstert von Händlern, gebrüllt von Soldaten.
„... ein Mann, ganz in Weiß – wie ein Geist! Hat Gefangene befreit, einfach so!“
„Sie sagen, es war Ashitaka“, wisperte jemand.
„Unsinn! Ashitaka ist tot, oder schlimmer. Ein Dämon jetzt.“
„Und doch – der eine schwört, er habe ihn gesehen. Wie er durch Schatten glitt und keine Fesseln ihn hielten.“
Liora saß still und kaute auf einem Stück hartem Brot. „Das war er.“
Kealen knurrte leise: „Ich weiß.“
„Er hilft den Menschen…“
„Und hat trotzdem Shinkawa in die Knie gezwungen. Hat das Siegel gebrochen. Das Licht erlöschen lassen.“
Liora legte das Brot beiseite. Ihre Finger krallten sich in die Tischkante. „Ich verstehe es nicht“, flüsterte sie.
„Vielleicht hat er Gründe“, murmelte Kealen – doch der Zweifel war wie Staub in seinem Mund.
„Oder… wir haben ihn nie wirklich gekannt.“ Ein schweres Schweigen senkte sich zwischen ihnen.
Ashitaka hatte die Hauptstadt im Morgengrauen verlassen. Ein Tuch verbarg sein Gesicht, der Spiegel war unter Decken geschnallt. Kein Aufsehen. Er war jetzt ein Gejagter. Ein Schatten unter Schatten. Die kaiserlichen Soldaten hatten die Stadt durchkämmt, seit der Flucht der Gefangenen.
Ashitaka war schnell, aber nicht schneller als Misstrauen.
Der Weg führte ihn ostwärts. Über Felder, die zu Gräbern geworden waren, durch Wälder, in denen kein Vogel mehr sang. Dann: das Moor. Ein stinkender Schleier lag über der Erde. Modrige Wurzeln, Wasser, das keine Richtung kannte. Die Welt verlor ihre Form in diesem Land zwischen Leben und Vergehen. Und doch – Ashitaka ging weiter. Schritt für Schritt. Denn irgendwo dort draußen – hinter Nebel, Krieg und Erinnerung – wartete Tala. Und vielleicht, nur vielleicht... auch Erlösung.
---
Die Straßen der Hauptstadt lagen in milchigem Zwielicht, als Liora sich über den steinernen Rand des Brunnens beugte und einen Eimer in die Tiefe ließ. Das Seil quietschte, das Wasser schwappte. Neben ihr stand Kealen, die Arme verschränkt, das Gesicht schmal vor Anspannung. Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen – nicht nur in den Gemäuern, sondern auch in den Seelen.
Dann huschte etwas vorbei. Ein Schatten – flüchtig, aber deutlich. Keine Katze, kein Mensch. Kein Geräusch begleitete ihn. Und doch ließ er eine Spur zurück. Nicht sichtbar, sondern fühlbar. Liora richtete sich abrupt auf. Ihr Herz schlug schneller. In ihrer Brust regte sich etwas – ein dumpfes Drängen, eine Ahnung. Ihr Herz schlug schneller. Ein dumpfes Drängen, keine Furcht – vielmehr Ehrfurcht, vermischt mit schmerzvoller Vertrautheit.“
„Hast du das gespürt?“, flüsterte sie.
Kealen griff sofort instinktiv zum Griff seines Schwertes, doch seine Augen suchten Lioras Blick.
Sie nickte nur. „Komm.“
Ohne ein weiteres Wort bahnten sie sich ihren Weg durch die engen Gassen der Oberstadt. Der Tag war fast vorbei, der Himmel über ihnen schwer von Wolken, als würde er selbst den Atem anhalten. Der Schatten führte sie, ungesehen, ungerufen – doch stets nur eine Gasse voraus, stets an der Schwelle der Wahrnehmung. Schließlich standen sie in einem der stilleren Viertel. Zwischen zwei verfallenen Gebäuden – wo die Welt den Atem anhielt und selbst der Wind zu lauschen schien – offenbarte sich ihnen das, was sie gespürt hatten.
Tala stand dort.
Zumindest... eine Gestalt, die sie war. Ihr Schleier wehte, obwohl keine Brise ging. Ihre Augen leuchteten wie Glas im Halblicht, irisierend und fern. Kein Geräusch ging von ihr aus. Kein Schatten fiel auf den Boden.
„Das ist nicht möglich…“, hauchte Liora.
Doch noch bevor Kealen reagieren konnte, sprach die Gestalt. Ihre Stimme war sanft und kühl, durchdringend wie Wasser, das durch Stein sickert. „Fürchtet euch nicht. Ich bin nur ein Bild, ein Gedanke, geformt aus Sehnsucht und Zauber. Tala bin ich… doch nicht ganz.“
Liora trat einen Schritt näher, fasziniert, erschüttert. „Was ist das hier? Warum… warum zeigt ihr euch uns so?“
Die Illusion neigte den Kopf. „Weil ihr Zweifel habt. Weil ihr sucht. Und weil Ashitaka euch braucht, auch wenn er es selbst noch nicht weiß.“
Kealen verschränkte die Arme, mühsam seine Skepsis unterdrückend. „Wenn er uns braucht, warum hat er uns dann alles verschwiegen? Warum hat er den Spiegel gestohlen? Warum ließ er zu, dass Shinkawa fiel?“
Talas Trugbild antwortete ohne Zorn: „Weil nicht jeder Schmerz geteilt werden kann. Und weil Mut sich manchmal in Einsamkeit zeigt.“ Sie senkte den Blick, als wäre auch ihre Gestalt vom Gewicht der Welt gebeugt. „Ashitaka trägt nun die letzte Hoffnung bei sich. Der Spiegel… wird nur am Ort der Offenbarung seinen Zweck erfüllen. Doch der Weg dorthin führt durch Finsternis – und zu Nobunaga.“
Liora schloss kurz die Augen, als wolle sie alles in sich aufnehmen. „Du bist gefangen“, flüsterte sie.
„Ja... Nobunaga er will den Spiegel und das Schwert…Er will Macht. Vollkommene, unerschütterliche Macht. Und die Welt wird daran zerbrechen.“
„Was können wir tun?“, fragte Kealen schroff.
Talas Gestalt blickte ihm direkt in die Augen – und plötzlich war sie nicht mehr nur Licht und Dunst. Für einen Herzschlag war sie furchterregend real. „Geht nach Osten. Sucht die Dracheninseln – Karyū-jima. Dort, tief im Bauch des alten Meeres, werde ich sein. Ashitaka wird den Weg finden. Und ihr… müsst euch entscheiden, ob ihr ihm folgt.“ Ein Windstoß fuhr durch die Gasse. Staub wirbelte auf. Als sie sich den Arm vor die Augen hielten, war die Gestalt verschwunden. Nur der schwache Duft von Weihrauch blieb zurück. Liora legte eine Hand an ihr Herz. Es pochte wild.
„Er geht diesen Weg nicht, weil er uns nicht braucht“, sagte sie leise. „Sondern weil er uns schützen wollte.“
Kealen schnaubte, aber sagte nichts. Er war zu müde, um zu streiten.
Der Wind hatte sich gelegt, doch der Nachhall von Talas Worten hing noch in der Luft. Liora stand still, ihre Augen ruhten auf der Stelle, wo eben noch die Illusion verweilt hatte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, zwischen Zweifel und Hoffnung.
Kealen atmete tief durch und streckte die Schultern. „Wir gehen ihm nach.“
Liora wandte sich langsam um. „Du meinst… wir folgen ihm? Trotz allem?“
„Ich will wissen, was er vorhat. Was er zu sagen hat.“ Er spuckte in den Staub und verzog das Gesicht. „Und wenn mir das, was ich höre, nicht passt, kann ich ihm immer noch eine verpassen.“ Er sah sie an, ein rohes Grinsen zuckte über sein wettergegerbtes Gesicht. „Oder ihm helfen. Je nachdem.“
Ein kurzes, tonloses Lachen entkam Liora. „Du bist ein entsetzlicher Diplomat.“
„Aber ein guter Fährtenleser.“ Kealen trat an ihr vorbei, sein Blick schon wieder wachsam. „Und wenn wir Glück haben, hat er Spuren hinterlassen. Er ist gut – aber nicht gut genug, um sich vor mir zu verstecken.“
Liora sah ihm einen Moment nach, dann holte sie auf. Die Stiefel auf dem groben Pflaster hallten wie Trommelschläge in der Stille der Gassen. Der Himmel über der Hauptstadt färbte sich langsam blaugrau, die Nacht kündigte sich an, als der Westen hinter ihnen lag.
„Nach Osten“, sagte sie leise, wie ein Schwur.
„Karyū-jima“, erwiderte Kealen, ohne sich umzudrehen. „Was auch immer das für ein Ort ist.“
Sie verließen die Stadt als der Mond aufging. Die Mauern lagen still hinter ihnen, schwer wie die Fragen, die keine Antwort trugen. Doch ihre Richtung war klar.
Morastiges Kapitel
Das Moor war ein seltsamer, schwermütiger Ort, erfüllt von einem Geruch, der sich nicht recht benennen ließ – etwas zwischen abgestandenem Wasser und dem klammen Moder vergehender Pflanzen. Es roch nach Schilf, das seit Jahren im Übergang zwischen Leben und Verfall gefangen war, nach der stillen Verzweiflung unglücklicher Seelen, die sich in diesem Labyrinth aus Nebel und Morast verloren hatten, ohne je zurückzukehren. Das Wasser war von so tiefer Schwärze, dass es jedes Spiegelbild verschlang, als weigere es sich, etwas von dieser Welt zurückzuwerfen. Wie ein schwarzes Tuch, das jede Wahrheit verhüllte.
Vereinzelte, kleine Inseln erhoben sich wie schmutzige Kiesel aus dem träge fließenden Morast, auf denen tote Bäume standen – ihre Äste kahl, ihre Kronen leer, als hätten sie das Blätterkleid längst vergessen. Irrlichter huschten flackernd durch die Dämmerung, mal hell, mal schattenhaft, wie Geister, die nie gelernt hatten, wohin sie gehörten. Und doch war dieser Ort, so lebensfeindlich er wirkte, keineswegs leblos. Frösche gaben ein krächzendes Konzert im Verborgenen, unzählige Mücken schwirrten durch die feuchte Luft, Libellen mit schillernden Flügeln legten auf den Halmen ihre Eier ab, –kleine Schlangen suchten zwischen Wasser und Gras nach Deckung – flüchtig wie Gedanken – verfolgt von einem Reiher dessen stiller Flug dem Tod glich. Lautlos, schnell und endgültig. Ashitakas Blick verweilte einen Moment bei diesem weißen Vogel, bei seiner anmutigen Silhouette, die sich gegen den bleiernen Himmel abhob, und ihm wurde schwer ums Herz, ohne zu wissen warum. Etwas in ihm regte sich – ein schwaches Echo aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Leben. Doch er wandte sich ab. Für Sentimentalität war jetzt kein Raum. Irgendwo jenseits dieser unwirklichen Landschaft wartete Tala. Und wenn nicht sie – dann zumindest Antworten.
Er setzte seinen Weg fort, Schritt um Schritt, mit wachsender Mühe. Der Boden war weich,der Morast verschlang bei jedem Fehltritt seine Stiefel, zäh und kalt, und mehr als einmal versank er fast bis zu den Knöcheln, klammerte sich an knorrige Wurzeln oder glitschige Steine, sprang von Insel zu Insel, von halbversunkenen Steinen auf unsicheren Grund, ohne je ganz sicher zu sein, ob der nächste Tritt ihn tragen würde. Ein paar Mal hätte er beinahe seinen Stiefel im Schlamm verloren, doch er hielt durch. Die Wunde an seiner Seite pochte unaufhörlich, erinnerte ihn bei jedem Atemzug daran, dass er verwundbar war, dass sein Fleisch dem Schmerz gehorchte, auch wenn sein Wille sich weigerte, zu beugen.
Wie lange er so durch das Moor gewandert war, wusste er nicht zu sagen. Es hätte ein Tag sein können oder eine Woche – Zeit verlor hier ihren Sinn, aufgelöst zwischen Nebel, Dunst und dem monotonen Klang tropfenden Wassers. Um ihn herum: nur Wasser, Schilf und wabernder Dunst, der den Horizont verschluckte. Er ließ sich auf einem umgestürzten Baumstamm nieder, die Schultern schwer, die Glieder dumpf und taub, trank einen Schluck aus seinem Trinkbeutel, der kaum mehr als feuchte Kühle spendete, und schob sich ein zähes Stück Trockenfleisch in den Mund, als ihn eine Stimme erreichte – weich, melodisch, vertraut.
Sein Kopf zuckte empor. Und da war sie. Eine Gestalt, ebenso klar wie fern – so schön, wie er sie aus seinen frühesten Erinnerungen kannte, und doch schien sie nicht von dieser Welt. Die Frau stand zwischen Nebel und Wurzelwerk, das Moor um sie herum schien mit einem Mal heller, leichter, fast ein wenig wärmer geworden zu sein. Sie trug einen makellosen Kimono, so weiß wie der erste Schnee, das dunkle Haar war hochgesteckt, eine silberne Spange darin glänzte wie ein Stern. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen – nicht gequält oder traurig, sondern sanft und voller Liebe.
Ashitaka blinzelte, als hätte er sich verguckt, und beinahe fiel ihm das Fleisch aus der Hand. „Mutter...?“ murmelte er heiser, und das Wort hing lange in der Luft, zwischen Zweifel und Sehnsucht. Sie sagte nichts – breitete nur langsam die Arme aus, als wollte sie ihn in die Kindheit zurückrufen, in die Wärme eines Heims, das längst vergangen war.
Ein süßer, beinahe klebriger Duft legte sich um Ashitaka, als er in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter blickte – ein Duft wie warmer Reis, wie Honig auf frisch gebackenem Fladenbrot, wie der Hauch vergangener Sommerabende, in denen die Zikaden sangen und die Zeit stillzustehen schien. Etwas in ihm wurde weich, ein Faden zog sich zurück zu jenem kleinen Jungen, der er einst gewesen war, als die Welt noch überschaubar war, als Monster nur in Geschichten lebten und das größte Abenteuer darin bestand, dem Wind nachzulaufen.
Und so geschah es – Wie durch ein Blinzeln löste sich das Moor vor seinem inneren Auge auf und ein neues Bild trat hervor: Er saß auf einer Holzdiele, zwischen offenen Schiebetüren, das Licht der Nachmittagssonne lag golden auf seinen Schultern. Seine Mutter saß hinter ihm, ihre Knie ein Ruheplatz, ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar, entwirrten Knoten mit Geduld und einem Lächeln, das er damals nicht recht zu schätzen wusste. Ihre Stimme war leise, aber klar.
„Weißt du, mein Kleiner,“ sagte sie, während sie eine Haarsträhne glattstrich, „du hast noch einen Bruder.“ Ashitaka hob den Kopf. „Einen Bruder?“ Er konnte sich an seine kindliche Verwunderung erinnern, an die Freude, die aufkeimte – das Versprechen einer Verbindung, eines zweiten Herzens, das neben dem seinen schlug. „Ja. Er ist älter. Und… besonders. Wenn du willst, kannst du ihn eines Tages kennenlernen.“
Die Worte waren offen, fast beiläufig. Doch etwas daran war unausgesprochen geblieben. Etwas, das sie nicht erklären konnte oder wollte.
Die Szene verblasste, und neue Erinnerungen drängten sich in sein Bewusstsein – wie er in seiner Jugend durch die weiten Wälder streifte, durch die grünen Täler und über die nebelverhangenen Berge. Er sprach mit Tieren, freundete sich mit Dorfbewohnern an, half, wo er konnte, lernte die Geschichten der Alten, tanzte mit den Kindern und hörte den Weisen zu. Die anderen Halbgötter, stolz und von göttlichem Geblüt, hatten ihn belächelt, verspottet: „Ein Streuner! Ein Spielgefährte der Sterblichen!“ Doch Ashitaka hatte sich nie viel aus ihrem Hohn gemacht. Er war mutig, selbstbewusst, ein Suchender. Gefahren lockten ihn, nicht aus Tollkühnheit, sondern weil er lernen wollte. Abenteuer zog er der Bequemlichkeit vor. Und bei allem, was er tat – ob in Wäldern, Dörfern oder an den Grenzen des Himmels – hatte er niemals die Worte seiner Mutter vergessen: „Achte das Leben. In allen Formen. Ob es kriecht, fliegt oder schweigt.“
Er senkte den Blick. Die Gestalt seiner Mutter stand noch immer vor ihm – aber ihr Bild begann zu flackern, wie eine Kerze, die im Wind flackert. Das Lächeln verblasste. Ihre Farben wurden blasser. Und mit einem Mal wusste Ashitaka, was er schon längst hätte wissen müssen: Sie war nicht mehr. Seine Mutter war seit vielen Jahren tot, und ihr Grab, einst unter einem alten Steinsims im inneren Garten gelegen, war längst verweht worden. An jener Stelle stand heute nur noch ein Kirschbaum – zart, alt, und wunderschön. Im Frühling trug er Blüten, so hell wie Schnee.
Mit diesem Gedanken verschwand die Illusion. Lautlos. Ohne Aufbegehren. Nur ein letztes Leuchten, das sich in Nebel auflöste. Zurück blieb das Moor. Schwarz, feucht, schwer. Und Ashitaka, allein auf dem umgestürzten Baumstamm, den Kopf gesenkt, das Herz voller Stille. Er atmete einmal tief durch, schloss die Augen und flüsterte in die Dunkelheit: „Danke.“
Dann stand er auf. Sein Weg war noch lange nicht zu Ende. Er wurde zäher mit jedem Schritt. Das Moor, das schon zuvor einen bitteren Schleier über seinen Geist gelegt hatte, schien sich nun vollständig gegen ihn verschworen zu haben. Der Boden, einst noch von festen Inseln durchbrochen, war verschwunden. Nur Wasser blieb. Wasser, das sich schwarz und still bis zum Horizont erstreckte – ein endloser, flacher See, in dem sich nicht einmal der Himmel spiegelte. Kein Horizont. Kein Ziel. Nur Nebel und Müdigkeit. Er watete weiter, das Wasser reichte ihm längst bis über die Knie. Jeder Schritt wurde zu einem Kraftakt. Die Muskeln in seinen Beinen krampften, kalt und brennend zugleich. Seine Stiefel, schwer vom Schlamm, zogen ihn hinab. Er schwankte. Der Boden unter ihm war tückisch – weich wie faulender Torf, heimtückisch glatt. Als er beinahe fiel, griff er instinktiv nach dem nächstgelegenen Ast, der sich aus dem Nebel über ihm abzeichnete – ein knorriger, starker Arm, wie aus einem alten, gesplitterten Baum. Doch der Ast fühlte sich falsch an. Nicht rau und spröde wie Holz, sondern warm. Pulsierend. „Ein Herzschlag pochte gegen seine Finger. Ashitaka blickte auf – und sein Herz stockte. Kein Baum, kein Ast, sondern ein Arm. Muskelbepackt, geschmückt mit schimmernden Ringen, in deren dunklen Edelsteinen eine kalte Glut loderte. Und dieser Arm gehörte niemand Geringerem als Nobunaga.
Der Dunkle Gott stand vor ihm, aus dem Nebel getreten wie aus einem anderen Zeitalter. Groß, mit wallendem Gewand, das in der Luft lag wie Rauch. In seinem Blick lag kein Spott, kein Grimm – nur eine stille Erwartung, beinahe etwas, das an Geduld erinnerte.
Ashitaka sprang einen Schritt zurück, seine Hand zuckte instinktiv an das Heft seines Schwertes. „Was willst du?!“ fauchte er. „Wenn du gekommen bist, um zu kämpfen, dann—“
„Nein.“ Nobunaga hob die Hand. Ruhig. Unbewaffnet. Seine Stimme war wie das Echo aus einem tiefen Brunnen: „Ich bin nicht hier, um zu kämpfen, Bruder. Ich bin hier, damit du endlich verstehst.“
Ashitaka blieb reglos stehen, die Finger noch immer am Griff. Sein Atem ging schwer. Wasser tropfte von seiner Kleidung, das Moor drückte mit kalter Umarmung an seinen Leib. Nobunaga trat näher, das Wasser wich unter seinen Schritten zurück wie vor einem König, der nie gefallen war. Als er sprach, war seine Stimme ruhig. Doch was sie trug, war schwer wie die Jahrhunderte selbst.
„Du kennst nur meine Schattenseite, Ashitaka. Das, was über mich erzählt wurde. Das, was man dich glauben ließ. Doch du weißt nichts von meinem Anfang.“
Er sah in die Ferne. Als blicke er zurück auf ein Land, das längst untergegangen war.
„Ich war nicht immer so. Einst war ich wie du. Ein Wanderer zwischen den Welten. Neugierig. Wild. Ein Herz, das für alles schlug, was atmete. Doch ich sah zu viel.“ Er hob die Hand, als wolle er ein unsichtbares Bild vor sich malen. „Ich sah Menschen, die Götter stürzten. Götter, die Menschen verdarben. Ich sah, wie Licht verwehte, weil niemand die Fackel trug. Und in meinem Herzen keimte ein Gedanke: Was, wenn diese Welt… nicht mehr zu retten ist? Was, wenn nur aus der Asche etwas Neues entstehen kann?“
Ashitaka sagte nichts. Seine Augen verengten sich. Die Worte waren alt. Er kannte sie. Der Gedanke war ihm selbst schon gekommen – in dunklen Stunden, in Momenten des Zweifels. Doch er hatte ihn nie zugelassen. Nobunaga jedoch… hatte ihn angenommen. Und war ihm gefolgt, bis in die tiefsten Abgründe.
„Ich suchte Macht. Ja. Ich habe Opfer gebracht. Freunde verraten. Seelen verzehrt.“
Sein Blick senkte sich. Für den Hauch eines Herzschlags wirkte er müde. „Aber ich tat es für eine Welt, die nicht mehr bluten muss. Ich wollte Erlösung – nicht für mich, sondern für alles Leben. Auch für dich. Auch für sie.“
Ashitaka presste die Lippen zusammen. Er wollte hassen. Er wollte verurteilen. Doch in Nobunagas Stimme – diese Ruhe, diese Offenheit – lag etwas, das seinen Zorn aushöhlte.
„Du bist nicht der Einzige, der die Wahrheit gesehen hat, Bruder,“ sagte Nobunaga leise. „Doch während du vor ihr davonläufst, habe ich ihr ins Gesicht geblickt.“
Der Nebel wurde dichter. Etwas in der Luft vibrierte.
„Noch kannst du dich entscheiden, Ashitaka. Noch hast du die Wahl: Die Welt bewahren – mitsamt all ihrer Lügen, ihrem Leid, ihrem niemals endenden Kreislauf… oder mit mir gehen. Und sie neu erschaffen.“
Ashitaka schwieg. Noch bebten Nobunagas Worte in der Luft, wie der Nachhall eines fernen Donners. Noch war die Stimme in seinem Innern nicht ganz verstummt. Die Verlockung, alles zu vergessen, das Alte hinter sich zu lassen – sie war da. Wie ein kalter, süßer Nebel, der die Sinne betäubt. Doch dann, wie aus der Tiefe seiner Seele, stieg etwas anderes empor.
Ein Gesicht. Talas Gesicht. Ihre Ruhe. Ihre unbestechliche Klarheit.
Dann Liora, wie sie für die Kinder des Dorfes ein Lied sang.
Kealen, der selbst mit gebrochenem Schwert noch gegen das Dunkel stand.
Und sein eigener Blick im Wasser – erschöpft, aber aufrecht.
Er straffte sich. „Ich bin nicht wie du“, sagte er ruhig. „Ich bin nicht gefallen. Ich bin kein Gott, der sich über das Leben stellt. Ich bin Teil davon.“ Seine Finger schlossen sich fester um den Griff seines Schwertes. „Und ich lasse mich von einem Trugbild nicht in die Irre führen.“ Mit einer klaren Bewegung, ohne Zorn, ohne Hass – nur aus Überzeugung – ließ er die Klinge niederfahren. Sie schnitt durch das Trugbild wie Licht durch Nebel. Nobunagas Gestalt barst in eine Wolke schwarzer Federn, die im Wind zerfielen. Zurück blieb nur das Wasser, das leise gegen Ashitakas Hüften schlug. Die Illusion war zerschlagen.
Doch das Moor war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen. Das Wasser war gestiegen. Es reichte ihm bis zum Bauch, kalt wie der Tod. Mit jedem Schritt wurde es zäher, als wolle es ihn verschlingen. Schlamm sog an seinen Beinen, zog ihn hinab. Und da – eine Stimme.
„Ashitaka… warum?“
Er erstarrte. Wieder diese Stimme. Warm. Vertraut. Schmerzvoll. Und dann noch eine.
„Du hast uns allein gelassen…“
Er drehte sich um – und dort, auf einer der dunklen Inseln zwischen dem Wasser, standen sie: Liora und Kealen. Doch ihre Augen waren nicht die der Gefährten, die mit ihm gereist waren. Nicht voller Mut oder Sorge – sondern vorwurfsvoll. Leer. Kalt.
Liora trat näher, barfuß über das Wasser, das ihr nichts anhaben konnte. „Shinkawa ist gefallen. Wegen dir.“
„Du hast uns verraten,“ knurrte Kealen, sein Gesicht halb im Schatten. „Den Spiegel gestohlen. Die Götter herausgefordert.“
Ashitaka wich zurück, seine Schritte schwer. „Ihr… ihr seid nicht echt.“
„Was ist echt, Halbgott?“ zischte Kealen. „Wer bist du überhaupt?“
Liora streckte die Hand aus. Ihre Finger wirkten zerbrechlich, fast durchsichtig. „Du hast einen Fluch gebracht… Und nun fliehst du.“
Er presste die Lippen zusammen. Der Schmerz in seiner Brust war real – nicht körperlich, sondern seelisch. Denn irgendwo, tief in sich, glaubte er diesen Worten. „Ich bin nicht geflohen“, sagte er. „Ich bin auf dem Weg zu ihr.“
„Zu wem? Tala?“ Liora verzog das Gesicht. „Sie hat dich belogen. Du bist nur ein Spielstein. Ein Opfer.“
Kealen hob sein Schwert. „Geh zurück. Es ist noch nicht zu spät.“
Doch Ashitaka schloss die Augen. Atmete. Und hörte nicht länger ihre Stimmen. Er hörte das Flüstern des Wassers. Das Flattern der Libellen. Das Herz seiner Mutter. Und das Echo einer Verheißung. Dann öffnete er die Augen. „Ihr seid nicht echt. Und ich bin nicht mehr der Junge, der sich führen lässt.“ Er trat vor. Die Illusionen zerfielen, einer nach dem anderen. Schatten, nichts weiter. Schatten, die seine Zweifel genährt hatten – und nun starben.
Das Wasser stand ihm bis zum Hals. Eisig, schwarz, reglos. Ein trügerischer Spiegel, der nichts mehr zurückwarf – keine Reflexion, keine Hoffnung, kein Gesicht. Jeder Atemzug war kostbar. Und jeder Schritt eine Last. Ashitakas Körper zitterte unter der Anstrengung, seine Wunde pochte im Takt seines rasenden Herzens. Doch es war nicht der Schmerz, der ihn nun schwanken ließ. Es war die Erkenntnis: Er war in eine Falle geraten. Tief im Herzen des Moores, in seinem Zentrum aus Dunst und Trug, hatte das Land ihm eine letzte Prüfung gestellt. Und dieses Mal gab es keinen festen Grund mehr.
Nur Wasser.
Nur Tiefe.
Nur Dunkel.
Dann kam die Welle. Sie traf ihn kalt und unbarmherzig, schlug ihm über den Kopf, ließ ihn taumeln. Er rang nach Luft – doch der Himmel war verschwunden. Nur Grau über ihm. Nur Kälte in ihm. Als er hinabsah, entdeckte er sie: Dutzende schwarzer, formloser Arme, die aus dem Wasser emporschossen. Sie schlugen keine Wellen, sie zogen. Zogen mit knochiger Gier an seinen Beinen. Finger wie Wurzeln, die durch Schuld und Zweifel wucherten. Sie wollten ihn. Hinabreißen in die Tiefe. Dorthin, wo das Licht niemals hinkam. Er wollte schreien. Doch sein Mund füllte sich mit Flüssigkeit.
Ein letzter Gedanke.
Ein letzter Widerstand – Ich darf jetzt nicht-
Und dann…kam Stille. Aus ihr heraus trat eine Gestalt.
Ein junger Mann, blutüberströmt, aber aufrecht. In seinen Augen ein Glanz, der nicht sterben wollte. In seinem Gesicht ein Lächeln, das zu still war für diese Welt.
„Noroi…“ Ashitakas Stimme war nur ein Gedanke im Wasser.
Er konnte kaum glauben, was er sah – und doch war es ihm vertrauter als alles andere. Die Art, wie Noroi stand. Wie er den Kopf leicht zur Seite neigte, als sei der Tod nur eine Frage der Perspektive.
„Ich war nie dazu bestimmt, lange zu leben, oder?“ sagte die Illusion.
Die Worte trafen Ashitaka wie ein Pfeil.
Seine Knie gaben nach – oder war es das Moor, das ihn weiter hinabzog? „Du… du bist nicht echt“, flüsterte er. „Nur ein Schatten. Das hier… ist nicht real.“
Aber die Erscheinung wich nicht. Sie blieb. Und sprach weiter. Mit einer Stimme, die so sehr nach Noroi klang, dass es weh tat. „Mag sein. Doch der Fluch lebt nicht in mir. Er lebt in dir.“
Ashitaka hob den Blick. Verwirrung und Schmerz mischten sich in seinen Zügen.
„Du jagst einem Schatten hinterher, Ashitaka. Du hast sie zurückgelassen, die, denen du Hoffnung gabst. Du hast den Spiegel gestohlen. Ein Schwert entrissen. Ein Herz geopfert.“
Die Schattenarme zogen stärker. Er verlor den Halt. Nur noch mit Mühe hielt er sich über Wasser.
„Sag mir“, flüsterte Noroi, sein Lächeln nun nur noch ein Schatten davon. „Ist das noch der Weg des Lichts?“
Ashitaka presste die Lippen zusammen. Er wollte widersprechen. Doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Denn tief in seinem Innersten wusste er: Ein Teil davon… stimmte. Das Wasser stand ihm bis zum Hals, und doch war es nicht die Kälte, die ihn lähmte. Es war die Wahrheit in Norois Worten – eine Wahrheit, die wie ein rostiger Nagel unter seiner Haut brannte. Wie konnte er es leugnen? Er hatte Schuld auf sich geladen. Der Spiegel, das Schwert, das Licht… alles hatte er in seine Hände genommen, in dem Glauben, allein das Richtige zu tun. Doch was war der Preis gewesen?
Noroi stand noch immer dort, das dunkle Wasser reichte ihm nur bis zu den Knöcheln. Seine Gestalt war von keinem Tropfen benetzt. In ihm war eine Ruhe, die weder Vergebung noch Vorwurf war. „Du hast immer geglaubt, du müsstest stark sein“, sagte er. „Stärker als Schmerz, stärker als Verlust. Du hast getragen, was kein Mensch tragen kann. Und doch… hast du dich nie umgedreht.“
Ashitaka ließ den Blick sinken. Der Widerstand in ihm brach wie morsches Holz. „Wenn ich stehen geblieben wäre“, flüsterte er, „hätte ich versagt.“
„Aber du bist gefallen. Immer wieder. Weißt du, was das wirklich bedeutet?“, Norois Stimme klang warm.
Ashitaka hob langsam den Kopf. Seine Stimme zitterte: „Dass ich Hilfe brauche.“
Er erwartete Schmerz, doch es war Erleichterung, die sich in seiner Brust ausbreitete. „Ich kann das nicht alleine. Ich kann nicht allein entscheiden, was richtig ist. Ich brauche jemanden, der mich zurückholt, wenn ich mich verliere. Jemand, der mich sieht… auch dann, wenn ich mich selbst nicht mehr erkenne.“ Sein Blick traf den von Noroi – klar und aufrichtig. „Und dieser Jemand… warst du. Schon immer warst du es.“
Ein Lächeln, kaum merklich, huschte über das Gesicht des Jüngeren. Nicht gequält, nicht traurig. Nur leicht – wie ein Sonnenstrahl auf einem ruhigen See.
Da begriff Ashitaka.
Diese Erscheinung… war keine Täuschung.
Nicht Teil des Moores.
Nicht Teil der Prüfung.
Es war Noroi.
Echt. Gegenwärtig. Vielleicht nicht in Fleisch, aber in Geist. Ein Echo, das in seinem Innersten lebte – oder vielleicht ein Fragment dessen, was jenseits aller Schleier wartete.
Und genau in diesem Augenblick begann das Wasser zu weichen.
Er spürte es zuerst an den Beinen – das Ziehen ließ nach. Die schwarzen Arme lösten sich auf wie Nebel im Morgenlicht. Dann trat der Boden unter seinen Füßen zutage, feucht, aber fest. Das Spiegelbild des dunklen Wassers zerrann. Als hätte ihn die Wahrheit selbst trockengelegt.
Ashitaka stand nun auf einer weiten, silbrigen Wiese. Glockenheide streichelte seine Waden, Schafgarbe duftete süß und kühl. Ein leiser Wind zog über das Land – kein Laut, nur Bewegung.
Und vor ihm… erhob sich ein Kreis aus uralten Steinen. Moosbewachsen. Mit Runen, eingeschnitten wie Narben im Fels lagen. Ein Tor zu etwas, das älter war als Sprache. Eine Schwelle.
Noroi war verschwunden. Doch sein letzter Blick – ruhig, stolz, voller Güte – hallte noch in Ashitakas Herz nach. Er hatte die Prüfung bestanden. Nicht durch Stärke. Sondern durch Demut.
Und mit jedem Schritt, den er nun tat, schien ihm, als gehe er nicht allein.
Der Wind legte sich. Kein Laut mehr zwischen den Steinen, nur das leise Summen der Glockenheide, das sich wie ein ferner Gesang in Ashitakas Ohren legte. Er trat in den Kreis. Die Luft schien dichter hier, gesättigt mit Erinnerungen, mit Macht und etwas Tieferem – wie das Echo einer Zeit, die längst vergangen war, aber nicht vergessen – und vielleicht auf ihn gewartet hatte.
In der Mitte erhob sich ein Altar. Flach, aus dunklem Stein, von der Zeit gespalten und dennoch ungebrochen. Runen zogen sich über seine Oberfläche – eingeritzt, nicht mit Werkzeug, sondern mit Wille. Worte in einer Sprache, die kein lebender Mund mehr sprach, aber deren Bedeutung Ashitaka in seinem Inneren verstand wie einen alten, wiederkehrenden Traum:
„Der Weg öffnet sich jenen, die scheitern.
Lass zurück, um vorwärts zu gehen.“
Seine Finger strichen über die Schrift. Die Kälte des Steins kroch ihm bis in die Knochen, doch es war nicht der Frost, der ihn erschauern ließ – es war die Bedeutung. Er musste etwas zurücklassen. Etwas Wesentliches. Kein Objekt von materiellem Wert, sondern ein Teil seines Selbst. Etwas, das ihn verband. Das ihn trug.
Er fuhr sich mechanisch über die Hüfte. Etwas Kleines, Spitzes drückte durch den Stoff. Ashitaka runzelte die Stirn, griff danach – und zog einen Dolch hervor.
Seine Augen weiteten sich.
Norois Dolch.
Wann hatte er ihn zuletzt gesehen? War er nicht zurückgeblieben, verloren im Spiegelbild einer anderen Welt? Oder hatte er ihn nie losgelassen?
Der Halbgott betrachtete die Klinge. Kein Prunk, kein Gold. Nur Stahl. Unbeugsam. Und doch haftete noch immer ein dunkler Tropfen daran – altes Blut.
Vielleicht das eigene. Vielleicht das Norois.
Er balancierte die Waffe in der Hand, fühlte ihr Gewicht. Nicht schwer, aber bedeutungsvoll.
„Noroi… das ist dein Mut,“ murmelte er leise.
Und dann zuckte er, als hätte der Dolch geantwortet – mit einem stummen Vorwurf, mit einem liebevollen Stoß. Ashitaka lächelte schwach.
„Sei doch nicht so. Ich geb dich nicht weg… ich geb dich zurück. Damit deine Stärke mich führt, wenn meine versagt.“
Langsam, ehrfürchtig, wie ein Priester in einer verborgenen Liturgie, legte Ashitaka den Dolch auf den Altar. Die Klinge lag still. Doch aus dem Stein stieg ein silbernes Licht empor – zuerst ein feines Glimmen, dann ein Strahl, der sich in den Himmel reckte wie ein Signal. Die Erde bebte unter seinen Füßen. Ein Rauschen wie von entfesseltem Wasser klang durch die Wiese. Dann tat
sich vor ihm ein Spalt auf – nicht im Boden, sondern in der Luft selbst. Ein Riss, der sich nach vorn entfaltete , ein Pfad aus Licht und Nebel, von uralten Baumstämmen gesäumt, die keiner Welt mehr zu gehören schienen. Kein Traum. Kein Irrgarten. Sondern der wahre Weg.
Er war auf der anderen Seite
Der Dolch war zurückgeblieben – doch Norois Mut ging mit ihm.
Der Wind war lau, durchwoben vom Klang der summenden Insekten und dem leisen Tropfen, der vom feuchten Geäst fiel. Ashitaka stand noch immer schweigend vor dem Steinkreis, der sich hinter ihm bereits wieder in Nebel auflöste, als hätte er nie existiert. Nur die Spuren seiner Schritte im weichen Boden und der schwache Abdruck seiner Hand auf dem Altar erinnerten daran, dass hier etwas geschehen war. Etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ.
Er atmete tief durch, das Moor lag nun hinter ihm, doch eine neue Stille hatte sich über die Welt gelegt. Kein Nebel mehr. Keine Illusion. Nur die klare, kühle Luft des Morgens, durchzogen vom Ruf eines einzelnen Vogels, der sich aus den fernen Büschen aufflog.
Er ging weiter. Schritt für Schritt. Der Boden wurde fester, das Schilf wich hügeligen Gräsern, und irgendwann führte ein schmaler Pfad an einem Bach entlang, wo klares Wasser zwischen Steinen plätscherte. Er folgte dem Lauf, nicht wissend warum – bis er Stimmen hörte. Gedämpft. Fast wie durch einen Schleier.
Er blieb stehen, horchte, und als er weiterging, öffnete sich der Pfad zu einer kleinen Lichtung. Dort – unter einem alten, knorrigen Baum – hockten zwei Gestalten. Der eine in abgetragener Kleidung, mit dem Schwert auf den Knien, der andere in reisenden Roben, das Haar vom Wind zerzaust, die Hände still im Schoß gefaltet.
Ashitaka stockte.
Kealen bemerkte ihn zuerst. Sein Blick hob sich, hart und prüfend – doch kein Zorn darin, nur Wachen. Liora drehte sich langsam um. Die Müdigkeit in ihren Augen wich etwas anderem. Erstaunen. Erleichterung.
Niemand sprach. Die Welt hielt den Atem an. Dann stand Liora auf, trat zögernd näher – als müsse sie sich vergewissern, dass er es wirklich war.
Ashitaka wollte etwas sagen. Doch seine Stimme versagte. Zu viele Worte, die nicht mehr passten.
„Du lebst“, flüsterte Liora - als könne sie es selbst kaum glauben.
„Ich bin hier“, antwortete er.
Kealen stand ebenfalls auf, verschränkte die Arme und schnaubte leise. „Und mal wieder mitten im Unheil. Du weißt schon, dass man dich in der Hauptstadt für ein Gespenst hält?“
Ashitaka senkte den Blick. „Vielleicht… war ich das auch. Eine Zeit lang.“
Ein Moment des Schweigens verging – diesmal ein ruhiger. Einer, der atmete.
Liora trat näher, und ohne zu fragen, legte sie eine Hand auf seine Schulter. „Wir haben dich gesucht. Und gehofft, dass du dich nicht völlig verloren hast.“
„Ich habe viele Dinge verloren“, murmelte Ashitaka. „Aber nicht euch.“
Kealen trat hinzu, warf ihm einen prüfenden Blick zu, dann nickte knapp. „Gut. Dann kein Zögern mehr. Die Dracheninseln warten .“
Ashitaka lächelte, zum ersten Mal seit vielen Tagen. Und diesmal war es nicht das Lächeln eines Halbgottes - sondern das eines Freundes.
Der Tag war noch jung. Der Himmel wurde heller. Ein fahles Grau verdrängte die Dunkelheit und der Dunst, der sich wie ein Schleier über das Land gelegt hatte, begann sich zu lichten. Die Glut des Lagerfeuers glomm schwach. Der Rauch stieg träge empor und trug den Duft von nassem Holz und ausgebranntem Moos mit sich.
Ashitaka saß schweigend am Bachufer, seine Hände tauchten in das kühle Wasser, während er Schlamm und Blut von seiner Haut wusch. Die Bewegungen waren langsam, fast andächtig, als wollte er sich nicht nur reinigen, sondern auch von all dem lösen, was ihn verfolgt hatte. Ein frischer Kimono lag neben ihm – nichts Besonderes, aber sauber und trocken.
Am Feuer saßen Liora und Kealen. Sie sprachen leise, während der Morgen erwachte, doch als Ashitaka zurückkehrte, erstarben die Worte. Liora warf ihm einen prüfenden Blick zu. Sie entdeckte Ashitakas Verletzung und holte, ohne ein Wort zu sagen, Verbände und Salben hervor.
„Die Wunde stammt vom Horn eines unschuldigen Wesens, das verdorben wurde,“ erklärte Ashitaka ruhig, während er sich setzte und den Stoff zur Seite zog. „Kannst du es heilen?“
„Ich kann es versorgen,“ sagte Liora mit sanfter Stimme. „Aber es wird dauern, bis es gang genesen ist.“
Er nickte. Sie arbeitete in Stille, sorgsam, konzentriert. Nur das Knistern der Glut begleitete ihre Bewegungen.
„Wir haben dich eingeholt, weil wir das Moor umgingen. Doch für dich muss die Zeit anders verlaufen sein – als hätten wir nicht dieselben Tage gereist.“ erklärte Kealen später, als die Sonne sich über die Baumwipfel schob.
Ashitaka hörte zu. Er war nicht überrascht. Manche Pfade waren älter als Zeit selbst – und hatten ihre eigenen Regeln.
Später, als die Pferde am Rand eines kleinen Dorfes abgegeben wurden – gegen ein einfaches, knarzendes Boot eingetauscht, das aussah, als hätte es seine besten Jahre vor einer Generation gehabt –, standen sie endlich am Strand.
Dort lag das Meer, endlos, still. Und am Horizont zeichnete sich Karyū-jima ab – zerklüftet, uralt, umgeben von einem blassen Dunst. Die Silhouette des Vulkans ragte wie der schlafende Rücken eines Drachen über das Meer.
Die Überfahrt verlief ruhig.Die Überfahrt war still. Nur das Quietschen der Ruder und das Klatschen der Wellen begleiteten sie. Niemand sprach. Die Insel kam näher, langsam, bedrohlich und schön zugleich.
Am Ufer der Dracheninsel angelangt, stiegen sie aus. Schwarzer Sand knirschte unter den Füßen. Der Weg war überwuchert, von Brombeerranken und Farnen verdeckt, doch noch immer spürbar – eine alte Straße, längst vergessen, die sich durch Lavagestein und schwefelige Risse wand.
Sie folgten ihr, bis sie auf eine Ruine stießen. Verfallene Mauern, eingerissene Hallen, überwachsene Pfeiler – Überreste einer vergangenen Zeit. Und dort, an einer einzigen, noch intakten Wand: ein eingeritztes Tor – weder massiv noch prachtvoll, nur Linien, Runen, Zeichen in einer Sprache, die längst verstummt war. Aber Ashitaka erkannte sie. Der Spiegel in seiner Hand vibrierte leicht – wie ein schlafendes Herz, das sich erinnert. Das Schwert an seiner Seite loderte ungeduldig.
Er trat vor. Die Runen begannen zu leuchten, blass wie Sternenlicht, und das eingeritzte Tor öffnete sich lautlos, als hätte es all die Jahrhunderte nur auf diesen Augenblick gelauert. Dahinter: Nichts als Dunkelheit. Und Stille.
Ashitaka drehte sich zu seinen Gefährten um. Sein Blick war ernst. „Von hier an gibt es kein Zurück mehr,“ sagte er leise. „Es ist eure letzte Gelegenheit, umzukehren.“ Liora schüttelte nur den Kopf. „Wir sind mit dir gegangen. Und wir bleiben bei dir.“
Kealen schnaubte. „Geh schon vor. Ich halte dir den Rücken frei.“
Ein kurzes Lächeln huschte über Ashitakas Gesicht. Dann wandte er sich wieder der Pforte zu. Mit festem Schritt trat er hindurch – und seine Freunde folgten ihm. Hinab in den Magen des Drachen.
Zerrissenes Kapitel
Die Welt hinter dem Tor war anders. Kein Sturz, kein Fall – eher ein Gleiten. Lautlos, als hätte man sie in einen Tropfen Wasser versiegelt und in die Tiefe gesenkt. Hoch über ihnen lag ein matter Schimmer – das blasse Echo von Tageslicht, das längst vergangen war. Und um sie herum: uralte Mauern, von Salz zerfressen und von der Zeit vergessen, durchzogen von Algen, Muscheln und metallischen Adern, die leise pulsierten. Ein Tempel unter dem Meer, aus einer Epoche, die sich selbst nicht mehr erinnerte.
Ashitaka ging voran, das Schwert in der einen, den Spiegel in der anderen Hand. Kein Wort fiel. Nur der Klang ihrer Schritte auf dem feuchten Stein. Hinter ihnen Liora, das Haar zu einem Knoten gebunden, die Hände bereit für jedes heilende oder schützende Zeichen. Und Kealen, der das alles nicht mochte, aber seine Klinge dennoch fest umklammerte. Dunkle Gänge. Leise Stimmen in der Ferne.
Dann: ein Rufen. Alarm. Sie waren entdeckt worden.
Schatten huschten durch den Flur – Krieger in schwarzer Rüstung, mit blanken Gesichtern und trüben Augen, wie von unten heraufgezogene Puppen. Ashitaka zögerte nicht. Die Klinge zischte. Liora murmelte alte Worte, Kealen deckte ihre Flanke. Es war ein Kampf, kein Fremder – doch jeder Schlag erinnerte sie daran, dass sie tiefer in den Bauch des Drachen vordrangen.
Sie kämpften sich durch die Korridore wie ein Strom gegen die Gezeiten, immer dem Gefühl folgend, dass Tala in der Tiefe auf sie wartete. Und irgendwann... da war sie.
Ein Raum wie ein Herzschlag. Rund, mit Stufen, die nach unten führten. In der Mitte: ein Sockel, eine Pritsche aus Stein, und darauf eine Silhouette, in Tücher gehüllt. Tala.
Ashitaka blieb stehen. Für einen Moment schien sich die Welt um ihn zu neigen. Er wollte ihren Namen rufen – aber sein Hals war trocken. Es war Kealen, der zuerst etwas sagte: „Sieht aus, als hätte sie es sich gemütlich gemacht.“
Tala regte sich. Ihre Lider flackerten. Dann hob sie den Kopf. „Ihr seid spät“, sagte sie. Ihre Stimme klang nicht müde - nur fast enttäuscht. Ashitaka trat näher. Das Licht des Spiegels flackerte in seiner Hand.
„Ich hatte einen Umweg“, entgegnete er ruhig.
„Ich weiß. Du hast dich verlaufen.“ Ein Hauch von Spott lag auf ihren Lippen.
Aber ihre Augen – diese klaren, durchdringenden Augen – wurden weicher, als er sich vor sie stellte. „Du siehst anders aus“, murmelte sie.
„Ich bin auch nicht mehr derselbe.“
Ein kurzer Moment der Stille. Kein Lächeln, aber ein gegenseitiges Erkennen.
Dann fragte sie, leise: „Hast du es bei dir?“
Er nickte und hob den Spiegel leicht an.
„Gut“, sagte sie und schloss die Augen, als wäre sie jetzt bereit, endlich aufzuwachen.
Liora trat näher und kniete sich an Talas Seite. Sie begann sofort, ihre Vitalzeichen zu prüfen, tastete den Puls, murmelte Worte der Reinigung. „Sie ist schwach, aber stabil“, flüsterte sie.
Kealen, der mit dem Rücken zur Tür stand, brummte: „Wir sollten hier verschwinden, bevor der Rest dieser finsteren Brut uns Gesellschaft leistet.“
Ashitaka half Tala aufzustehen. Sie war leichter, als er erwartet hatte. Oder er hatte gelernt, mehr zu tragen, als er je für möglich gehalten hätte.
Tala lehnte sich kaum merklich gegen ihn. „Ich wusste, dass du kommst“, sagte sie.
„Und ich wusste, dass du wartest“, entgegnete er leise.
Tief unter der Oberfläche der Welt – wo das Licht der Sonne nur noch Erinnerung war und die Strömungen des Schicksals gegeneinander brandeten – hatte sich etwas verändert
Der Spiegel war erwacht.
Das Schwert hatte geblutet.
Und der Kristall – Megatama – pulsierte an Nobunagas Brust wie ein dunkles Herz, das nur für den Untergang schlug.
Hoch oben, auf einer Klippe über den schäumenden Wassern von Karyū-jima, stand der dunkle Gott. Der Wind zerrte an seinen Gewändern, doch seine Gestalt war unbeweglich wie gemeißelt. Seine Augen – zwei schmale Schlitzr aus brennendem Weiß – blickten hinaus aufs Meer, als könnten sie den Moment selbst sehen, in dem die Geschichte kippte. „Es ist so weit“, sprach er.:„Der Spiegel, das Schwert, der Kristall – an einem Ort vereint. So, wie es geschrieben steht. So, wie es kommen musste.“
Hinter ihm trat eine zweite Gestalt aus dem Nebel. Kurohiko, den Mantel aus Schatten, das Schwert aus Horn über die Schulter geschnallt, bleich und schweigsam. Etwas in den letzten Tagen hatte sich in ihm verschoben – wie ein Haarriss im Stahl, unsichtbar, doch gefährlich.“
„Er hat sie befreit“, sagte er leise.„Tala.“
„Natürlich hat er das“, antwortete Nobunaga, ohne sich umzudrehen. „Sie sind Narren. Jeder auf seine Weise. Doch Narren haben ihre Rolle im großen Spiel. Und ihre Aufgabe ist es zu fallen.“
Kurohiko sagte nichts. Die Worte hallten in ihm nach wie ein alter Schwur.
Nobunaga drehte sich langsam zu ihm. „Du bist dir nicht sicher, Kuro.“ Ein Zucken ging durch Kurohikos Kiefer, aber er schwieg. Der dunkle Gott trat näher, legte ihm eine kalte Hand auf die Schulter. „.Zweifel ist Rost an der Klinge. Und du bist meine Klinge, Kurohiko. Du hast das Horn deines Gefährten geopfert, dein Herz vergraben, deine Menschlichkeit abgelegt. Willst du das jetzt aufs Spiel setzen? Für ihn?“
Für einen Moment… schien die Zeit stillzustehen. Dann hob Kurohiko den Blick. „Ich will nur, dass es endet.“
Ein Lächeln zuckte über Nobunagas Gesicht – kalt und ohne Freude. „Dann bereite dich vor. Der Spiegel wird sich öffnen. Die Pforte erwartet uns. Und die Welt... wird erneuert.“ Er hob Megatama. Das Juwel antwortete ihm mit einem dumpfen, grollenden Lichtimpuls, der sich über die Klippe hinaus in den Himmel warf.
In der Tiefe, wo Tala nun wieder aufrecht stand, Ashitaka an ihrer Seite, bebte der Boden. Tala blinzelte. „Er hat es gespürt“, flüsterte sie. „Er kommt.“
Ashitaka nickte. „Dann lasst ihn kommen.“ Kealen streckte die Schultern, griff fester nach dem Griff seiner Waffe. Liora trat neben ihn, das Licht in ihrer Hand sanft und klar
Der Himmel über Karyū-jima war schwer wie geschmolzenes Eisen. Donnergrollen. Kein Regen. Noch nicht. Die Welt hielt den Atem an.
Sie stiegen hinauf, Stufe um Stufe, bis die Finsternis des Tempels hinter ihnen blieb und das Dröhnen des Himmels sie umfing.
Ashitaka trat aus dem Schatten des Tempels, das Schwert fest in der Hand, den Spiegel sicher auf dem Rücken gebunden. Jeder seiner Schritte hallte durch die geweihte Ruine wie ein Herzschlag, der lauter und lauter wurde.
Am anderen Ende des kreisförmigen Altars, inmitten von herabgestürztem Stein und von Wurzeln überwucherten Säulen, wartete er bereits: Nobunaga.
In schwarzes Gewand gehüllt, die Brust geschmückt mit dem Kristall von Megatama, der giftgrün pulsierte, stand er regungslos. Regungslos stand er da, nur der Wind spielte mit dem Saum seines Mantels. Seine Präsenz schien die Zeit selbst zu krümmen.„Du bist also doch gekommen“, sagte er.
„War das nicht dein Plan?“, entgegnete Ashitaka ruhig. „Mich hierher zu locken, mit all den Heiligtümern.“
„Und du hast mir alles mitgebracht.“ Ein schiefes Lächeln huschte über Nobunagas Gesicht. „Wie es das Schicksal gewollt hat.“
Ashitaka senkte die Klinge leicht, sein Blick blieb fest.„Ich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube an Entscheidung.“
Ein dunkles Schnauben. „Das ist dein Irrtum. Du klammerst dich an diese... morsche Welt. Eine Welt, die sich selbst vernichtet. Die sich im Kreis dreht wie ein Tier, das den eigenen Schwanz jagt. Ich biete einen Ausweg. Einen Neuanfang.“
„Einen Neuanfang auf verbrannter Erde“, konterte Ashitaka. „Indem du alles zerstörst, was war. Das ist kein Fortschritt. Das ist Flucht. Aus Feigheit geboren.“
Die Augen Nobunagas verengten sich.„Du sprichst von Bewahrung – doch was willst du bewahren, Bruder? Lügen? Elend? Den Zyklus von Krieg, Gier, Versagen? Du bist genau wie Vater – ein Träumer, der nicht begriff, wann man das Alte niederbrennen muss, um Raum für das Neue zu schaffen!“
Ashitaka trat einen Schritt näher, hob sein Schwert.„Und du bist wie ein Kind, das ein Haus anzündet, weil es glaubt, dass es den Grundriss retten kann.“
Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch Nobunagas Finger.
Und dann –Blitzschnell riss er die Hand hoch. Eine Welle aus dunkler Energie raste auf Ashitaka zu.
Der Halbgott hechtete zur Seite, rollte sich ab – das schwarze Feuer schlug dort ein, wo er eben noch gestanden hatte, riss den Steinboden auf. Noch während er sich aufrichtete, war Nobunaga bereits über ihm.
Ein Schlag – pariert.
Ein zweiter – geblockt.
Beim dritten – zu Schnell
Ashitaka stürzte, rutschte über den feuchten Stein, das Schwert funken stiebend in den Boden gerammt, um sich zu bremsen. Er keuchte, sprang auf, duckte sich unter dem nächsten Angriff hinweg und konterte mit einem Hieb, der Nobunagas Schulter streifte.
„Du bist besser geworden“, sagte Nobunaga, die Wunde unbeachtet.
„Ich musste“, knurrte Ashitaka. „Um dir die Stirn bieten zu können.“
Silber prallte auf Dunkelheit. Jeder Aufprall hallte wie Donner durch die Landschaft, ließ Stein zersplittern.
Nobunaga nutzte Magie – schwarze Ranken schossen aus dem Boden, wollten Ashitaka fesseln, doch dieser sprang in die Luft, landete auf einem zerbrochenen Pfeiler, wirbelte herum und schleuderte den Spiegel, den er zuvor gelöst hatte, mit Wucht auf den Boden. Ein Licht strahlte auf.
Rein. Klar. Für einen Moment hielt Nobunaga inne – der Strahl spiegelte sich in seinen Augen.
Ashitaka nutzte die Ablenkung. Stürmte vor. Rammte sein Schwert vor Nobunaga in den Boden – nicht in Hass, sondern um ihn zu stoppen.„Das hier... muss nicht so enden.“
„Doch, Bruder.“ Nobunaga trat zurück, die Wunde an der Schulter dunkler werdend.„Es konnte nie anders enden.“ Er hob Megatama. Die Welt erbebte. Etwas erwachte jenseits der Steine, unter den Wassern, in den Ritzen der Erde.
Ashitaka spannte sich. Doch in seinem Blick war keine Angst. Nur Entschlossenheit.„Dann tanzen wir... bis einer fällt.“
Und sie stürmten aufeinander zu – Bruder gegen Bruder. Glaube gegen Furcht. Licht gegen Schatten.
Ein Grollen ging durch die Erde, als hätte der Vulkan unter der Insel den Atem gesammelt – bereit, ihn in Feuer und Asche auszustoßen.
Liora hob den Blick. Der Himmel war kein Himmel mehr. Wolkentürme, schwärzer als jedes Tintenfass, ballten sich über dem Tempel. Blitze zuckten zwischen ihnen – blauweiß, grell, zornig. Ein leises Sirren lag in der Luft. Als ob sich selbst die Zeit elektrisch aufgeladen hatte. „Das ist nicht natürlich“, flüsterte sie. „Das ist heraufbeschworen.“
Kealen zog sein Schwert. Es vibrierte leicht in seiner Hand, als spürte es, was kam.„Er ist hier“, sagte er nur.
Ein Knacken. Dann ein Krachen, als sich die Steine der seitlichen Mauern plötzlich lösten – wie von unsichtbarer Faust zerschmettert. Und da war er: Kurohiko.
Gekleidet in ein Gewand, das im Wind flatterte wie die Schattenflügel eines Raubvogels. Das Schwert aus dem Horn seines Qilin in der Rechten. Drei Yukei-Krieger flankierten ihn, aus Schatten gewoben, geisterhafte Masken auf den Gesichtern.
„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte Kurohiko.
„Dann bring uns doch zum Gehen“, fauchte Kealen zurück, trat vor. Liora stand ruhig, aber ihre Finger kribbelten, Magie pulsierte durch ihre Adern. „Du warst einst jemand, an den man glauben konnte, Kurohiko. Was ist davon geblieben?“
Kurohiko lachte trocken. „Glauben?“ Er hob sein Schwert, ließ es prüfend durch die Luft gleiten. „Glauben ist ein Mantel, den man sich umhängt, wenn man friert. Doch ich habe gelernt, Feuer zu machen.“ Dann griff er an.
Kealen hechtete vor, parierte den ersten Schlag. Funken flogen – der Stahl kreischte, als er auf das gehörnte Schwert traf.
Liora trat zurück, wirkte einen Zauber – goldene Glyphen zogen Kreise in der Luft.
Doch einer der Yukei löste sich wie Nebel, tauchte neben ihr auf – sie riss den Stab hoch, ein Blitz schlug aus der Spitze hervor, traf den Schatten direkt ins Herz. Er verpuffte. Zwei weitere kamen. Sie schleuderte eine Welle reinen Lichts – wie eine Schneise, die den Schatten spaltete. Einer schrie, ein Laut wie berstendes Glas, dann war er fort.
„Sie halten uns auf!“, rief sie. „Er will Zeit schinden!“ Sie schleuderte eine Welle reinen Lichts durch den Raum – sie zerschnitt den Dunst, traf einen der Schatten direkt. Er schrie auf, löste sich auf.
Nur noch Kurohiko war übrig. Schwer atmend trat er zurück. Kealen stand ihm gegenüber, Schwert erhoben. Blitze zuckten über den Himmel, warfen Licht und Schatten über das steinerne Schlachtfeld. „Es ist noch nicht zu spät, Kurohiko“, sagte Kealen. „Leg das Schwert nieder.“
Kurohiko blickte auf seine Klinge. Für einen Moment zitterte sie in seiner Hand. Dann hob er sie wieder. „Ich habe meinen Weg gewählt“, sagte er leise.
„Dann müssen wir dich aufhalten“, antwortete Liora.
Der Vulkan bebte. In der Ferne schlug Donner wie Kriegs-trommeln.
Der Wind drehte. Nicht wie ein Sturm, nicht wie Natur – sondern wie ein Urteil.
Er war plötzlich da, schnitt durch Kleider, durch Fleisch, durch Geist. Ein Krächzen, das wie das Stöhnen einer uralten Tür klang, zog über den Himmel. Die Steine unter ihren Füßen begannen zu beben.
„Was—?“ Kealen drehte sich um, taumelte fast, als die Welt selbst zu schwanken begann.
Liora spürte, wie ihr die Magie entglitt. Der Boden vibrierte in disharmonischem Takt, als würden Herzschläge aus einer anderen Dimension durch das Gestein pochen.
Und auf der erhöhten Plattform, dort, wo die alten Symbole der Schöpfung in den Stein gebrannt waren, stand Nobunaga – als hätte er von Anfang an auf diesem Ort gewartet.
Die Luft knisterte, als Nobunaga die Hände hob. Schwarze Flammen leckten um seine Finger, zogen wie hungrige Schlangen auf Ashitaka zu.
Mit einem Ausfallschritt brach Ashitaka durch den Feuerschein, Schwert voran, der Spiegel an seiner Hüfte blinkte im rötlichen Dunst. Stahl schlug gegen unsichtbare Barrieren, Funken regneten zu Boden. „Gib mir die Heiligtümer, Bruder.“ knurrte Nobunaga, und sein Blick glomm wie geschmolzene Kohle.
Ashitaka preschte erneut vor, duckte sich unter einer Lichtlanze hindurch und riss das Schwert hoch – die Klinge schnitt einen Riss durch Nobunagas Robe, aber nicht durch dessen Haut.
Dann kam der Schlag: Ein plötzlicher Druck, wie ein Berg, der vom Himmel fällt. Ashitakas Knie gaben nach. Schmerz explodierte in seiner Seite, warmes Blut rann unter seinen Kimono hervor. Die Welt kippte.
Nobunaga trat an ihn heran, so ruhig, als sei der Kampf längst entschieden. Mit einer Hand zog er den Spiegel vom Gürtel seines Bruders, mit der anderen entriss er ihm das Schwert. „Diese gehören jetzt mir,“ flüsterte er, und die Flammen in seinen Augen loderten heller. Ashitaka griff nach seinem Gegner, doch seine Finger schlossen sich nur um Rauch.
Verletzt, aber triumphierend blickte Nobunaga in den, sich verfinsternden Himmel.
In seiner Rechten: das Susannos Zorn – pulsierend, von roten Licht durchzogen.
In seiner Linken: Amaterasus Spiegel
Und um den Hals gebunden, fast wie eine Herz: Megatama, das Ashitaka einst trug.
Ashitaka lag einige Schritte entfernt, schwer atmend, ein Knie im Staub, die Lippen blutig, das Augenweiß flackernd zwischen Ohnmacht und wachsender Erkenntnis.
„Nein…“ flüsterte er, kriechend, tastend, verzweifelt. „Du darfst das nicht tun. Es ist nicht an dir—“
Nobunaga trat in den Mittelpunkt des uralten Steinkreises. Der Boden schien unter seinen Füßen zu leuchten, als würde etwas Erwachendes auf ihn reagieren. Runen, alt wie die Welt selbst, begannen zu glühen. Ein Lichtstrahl schoss senkrecht in den Himmel. „Ihr Narren“, sprach Nobunaga, seine Stimme klang plötzlich… mehr als menschlich. „Ihr dachtet, ihr könntet mich aufhalten? Glaubt ihr, ich hätte Jahrhunderte gewartet, nur um mich von eurem Mitleid oder eurer Freundschaft beirren zu lassen?“ Ein Rumoren, dumpf und endlos, erhob sich unter ihren Füßen. Als würde etwas Großes, etwas Ungeheures aufwachen.
„Die drei Heiligtümer!“, schrie Liora. „Er hat sie alle!“
Und dann: Ein Riss. Mitten in der Luft. Die Realität spannte sich wie Glas – und brach Zwischen zwei der Steinsäulen wuchs ein gleißendes Oval aus Licht und Finsternis zugleich.
Ein Tor.
Es war da – offen. Zitternd, atmend. Dahinter: nichts als Leere. Oder… etwas, das wie Leere erschien, bis man zu genau hinsah.
„Das Tor zur Götterwelt…“ hauchte Kealen. „…und all das, was dort verbannt wurde“, ergänzte Liora entsetzt.
Ashitaka schrie – nicht vor Schmerz, sondern vor ohnmächtiger Wut. „Du weißt nicht, was du tust!“
„Oh, ich weiß es sehr wohl“, sagte Nobunaga mit ruhiger Gewissheit. Er hob das Megatama.
„Was verkommen ist, muss brennen. Was krank ist, muss vergehen. Nur im Sterben liegt Geburt.“ Er setzte den Fuß über die Schwelle, und das Licht des Tores verschlang ihn. Für einen Herzschlag war alles still – dann bebte der Boden, als hätte die Insel selbst den Atem angehalten. Ein pulsierendes Grollen stieg aus der Tiefe, und aus dem Tor brach ein Schwall aus Licht und Schatten zugleich, so grell, dass selbst die Felsen ihre Konturen zu verlieren schienen. Ashitaka spürte den Ruck durch seine Knochen, als sich die Wirklichkeit um sie her verzog.
Der Körper Nobunagas schlug schwer auf dem Steinboden auf, und das dumpfe, beinahe hohle Geräusch schien für einen Augenblick jede andere Bewegung, jedes andere Geräusch in der Welt zu ersticken.
Kealen kniete sich sofort neben ihn, legte zwei Finger an den Hals seines Feindes, doch noch bevor er das Offensichtliche bestätigen konnte, stieß Kurohiko ihn grob zur Seite. Der Schlag war hart, nicht aus Zorn, sondern aus etwas Tieferem geboren – aus der Verzweiflung eines Mannes, der sich weigert, das zu glauben, was er sieht. Er kniete sich neben den reglosen Körper, und in seinen Augen lag nicht nur Trauer, sondern auch das Erkennen einer Wahrheit, die ihn sichtlich erschütterte. „Das ist nicht er…“, murmelte er heiser, als würde er mit sich selbst sprechen. „... nur die Hülle, die er abstreifte. “ Sein Blick glitt zu dem Tor, das in der Luft hing wie ein offener Riss in der Wirklichkeit, pulsierend wie ein Herz, das ihn zu rufen schien. Einen endlosen Moment lang stand er zwischen zwei Welten – der einen, in der er geblieben war, und der anderen, die ihn lockte wie eine verheißungsvolle und zugleich tödliche Flamme.
Ein Laut, kaum mehr als ein Wispern, stieg aus dem Tor auf und schlich sich über den Platz. Zuerst waren es nur Schatten, formlose Schleier, die über den Boden glitten, doch dann nahmen sie Gestalt an. Das erste Wesen, das hindurch trat, wirkte wie aus einem Fiebertraum geboren, mit zu langen Gliedern und Das erste Wesen wirkte wie aus einem Fiebertraum geboren: zu lange Glieder, ein Blick, der zugleich alles und nichts sah . Andere folgten, jede Gestalt anders, doch alle trugen dieselbe unheimliche Unruhe in sich die sie ausstrahlten: manche grotesk verzerrt, andere erschreckend menschlich, mit Gesichtern, die aussahen wie leere Masken, denen jede Erinnerung entzogen worden war. Sie strömten aus dem Tor wie eine Flut, stürzten die Stufen hinab, verschwanden in der Dunkelheit der Insel und suchten sich ihren Weg hinaus in die Welt.
Und die Welt antwortete. Jenseits der Insel begann das Meer in einer kleinen Fischerbucht ohne jede Vorwarnung zurückzuweichen, so weit, dass der Grund sichtbar wurde, rissig und unnatürlich trocken. An einem fernen Berghang platzte der Fels auf, als dränge sich etwas Lebendiges aus seinem Inneren, und in einem uralten Tempel schlugen die Glocken von selbst an, ohne dass eine menschliche Hand sie berührte. Über all dem spannte sich ein Riss aus Licht und Dunkelheit über den Himmel, wie eine Narbe, die zu leuchten begann.
Dann kehrte die Stille zurück, eine Stille, die nicht friedlich war, sondern nur das Nachhallen des eben Geschehenen. Das Tor stand noch offen, sein Flimmern jedoch hatte sich beruhigt, als hätte es vorerst gesättigt
Zwischen den Trümmern ging Tala langsam voran, ihr Blick war fest auf den Boden gerichtet, bis sie den Kristall entdeckte. Sie bückte sich, hob ihn mit beiden Händen auf, obwohl er stumpf und ohne Glanz war, glomm in seiner Tiefe eine Wärme, die nicht von dieser Welt stammte. Sie hielt ihn einen Moment in den Händen, als würde sie seine Bedeutung abwägen, und ging dann weiter zu Ashitaka, der am Rand der Stätte saß. Das Blut an seiner Kleidung begann zu trocknen, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der weder ganz Verzweiflung noch ganz Erleichterung war. Als sie vor ihm kniete, war nichts in ihrer Haltung von einer Priesterin oder Göttin zu sehen, nur das stille Verständnis einer Freundin, die um den Wert von Verlust und Erinnerung wusste. „Er hat es dir zurückgebracht“, sagte sie leise und legte den Kristall in seine Hände. Ashitaka schloss die Finger darum, als wolle er verhindern, dass er sich je wieder von ihm löst. Er hielt ihn lange, ohne zu sprechen. Schließlich atmete er langsam aus, und in seiner Stimme lag ein Hauch von etwas, das zugleich Abschied und Beginn war. „Der Kreis… schließt sich.“
Kurohiko stand wie vergessen am Rand des Geschehens, ein Schatten unter Schatten, und doch schien die Luft um ihn stiller als anderswo. Der Himmel war vom Licht des Tores durchdrungen, das wie eine offene Wunde in der Welt pulsierte. Die Kämpfe waren vorüber, das Beben verklungen, doch in seinem Inneren herrschte ein Sturm, der sich nicht beruhigen ließ. Seine Brust hob und senkte sich in unregelmäßigen Atemzügen, als könne er noch nicht glauben, dass es wirklich vorbei war – oder gerade erst begonnen hatte.
Die Artefakte lagen verstreut, ihres Glanzes beraubt. Nobunaga war verschwunden – und mit ihm der letzte Zweck, der Kurohiko noch an diese Welt gefesselt hatte. Niemand sprach ihn an. Niemand forderte ihn zur Rechenschaft. Er hatte nicht verloren. Aber auch nicht gewonnen. Und vielleicht war das die tiefste Strafe.
Er sah an sich herab – seine Hände waren leer. Die Klinge, einst geschmiedet aus dem Horn eines Freundes, lag irgendwo im Staub zurückgelassen, ohne Bedeutung. Sie war ein Werkzeug gewesen, nichts weiter. Doch selbst Werkzeuge tragen Spuren dessen, der sie führt. Und was war mit ihm? Wer war er jetzt, da der Krieg beendet war und sein Herr in eine Welt gegangen war, in der kein Soldat mehr gebraucht wurde?
Da war es wieder. Dieses Flüstern. Zuerst kaum hörbar, ein Wispern in den Rissen der Luft. Dann klarer, dringlicher – nicht in Worten, sondern als Ruf, der tief aus einer anderen Sphäre zu stammen schien. Eine Stimme, alt wie der Anfang, geduldig wie das Ende. Er wandte den Kopf, blickte in das Tor, das noch immer offenstand. Kein Licht durchbrach es, keine Schatten fielen daraus – nur eine Leere, die alles in sich trug, was war und sein könnte.
Und doch rief es ihn. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Zwang. Sondern mit der feinen, kaum fassbaren Gewissheit, dass dort etwas wartete. Etwas, das seinen Namen kannte, lange bevor er ihn selbst trug.
Sein Schritt war zögerlich, dann sicherer. Er trat an das Tor heran, ließ die anderen hinter sich – die Freunde, die Feinde, das verlorene Schlachtfeld. Niemand hielt ihn auf. Niemand konnte ihn aufhalten. Noch einmal verharrte er, nur einen Schritt vom Übergang entfernt. Der Riss im Gefüge der Welt flimmerte, und in seinem Inneren regte sich ein letzter Zweifel. Doch tiefer als jeder Zweifel saß die Gewissheit, dass dies der Weg war, den das Schicksal für ihn gezeichnet hatte. Vielleicht lag dort drüben Erlösung. Vielleicht Verdammnis. Oder beides zugleich. Er ging. Und das Licht verschlang ihn, lautlos.
Die Welt war still geworden. Nicht friedlich – sondern leer.
Wie der Moment nach dem letzten Glockenschlag, wenn der Ton noch in den Knochen nachhallt, aber kein Echo mehr folgt. Der Himmel, zerrissen von blassen Narben aus Licht und Dunkelheit, spannte sich bleiern über die Insel. Die Sonne war nur noch ein fahler Kreis hinter dichten Wolken – zu schwach, um zu wärmen, zu müde, um noch zu leuchten. Der Wind, der einst durch die Wälder rauschte, kam nun schwer vom Meer, trug den Geruch von Asche und Salzwasser mit sich und legte sich wie ein Tuch aus Trauer auf die Schultern der Überlebenden.
Liora stand barfuß im Staub des Schlachtfelds. Ihre Roben, von Regen und Blut gleichermaßen schwer, hingen schlaff an ihr herab. Sie starrte auf das offene Tor zur Götterwelt, das noch immer schwebte – ein blutendes Auge am Rand der Wirklichkeit, dessen Blick keiner erwidern wollte.
Kealen saß mit starrem Blick auf einem umgestürzten Steinsockel, das Schwert locker zwischen den Knien. Er hatte es nicht abgelegt – nicht aus Vorsicht, sondern weil er nicht wusste, wohin damit. Seine Hände waren taub, seine Gedanken wie ein leergefegter Tempel.
Und Ashitaka… Ashitaka schwieg. Er sah aus, als hätte man ihm nicht nur die Kraft genommen, sondern auch den Glauben. Er saß am Rand des Steinkreises, wo Nobunaga verschwunden war, und starrte in die Risse der Erde. Die Insel bebte noch immer – nicht heftig, nicht zerstörerisch. Aber beständig. Wie ein Tier, das im Traum unter Schmerzen zuckt. Fern am Horizont glühte die Rauchfahne des Vulkans. Die See hatte sich zurückgezogen. Die Vögel waren verstummt.Und niemand wusste, was jetzt geschehen würde.
„Das war’s also…?“ Kealens Stimme klang heiser, fast wie ein Husten. „War’s das? Hat das jetzt alles… alles nur hierhin geführt?“
Niemand antwortete. Denn es gab keine Antwort mehr
Tala, die sich abseits gehalten hatte, sah zum Himmel auf, wo der Riss sich langsam weiter öffnete – nicht reißend, sondern sickernd, tropfend, wie Blut aus einer alten Wunde. “Die Welt… ist nicht mehr, was sie war.“
Liora presste die Lippen zusammen. Ihr Blick war leer. Die Finger krallten sich um den Griff ihres Stabs. „Dann hat es also nicht gereicht. Nicht der Spiegel. Nicht die Artefakte. Nicht der Kampf.“
Ashitaka hob den Kopf, mühsam, als sei selbst diese Bewegung zu viel. „Ich… habe versagt.“
Diese Worte blieben stehen. Kein Trost, kein Widerspruch, keine Ausflüchte.
Kealen hob das Gesicht, in dem der Staub bereits feine Linien hinterlassen hatte. Seine Stimme war rau wie zerbrochener Stein. „Dann war das also alles umsonst?“ Er stand nun, langsam, schwer, als würde selbst der Boden ihn nicht tragen wollen. Mit einem ungelenken Schritt trat er näher an Tala heran die sich kaum regte. „Für was sind Götter denn da, wenn nicht dafür, die Welt zu retten? Wo wart ihr, als alles fiel?“
Tala blinzelte langsam. Ihre Antwort kam nicht wütend, nicht resigniert – sondern leise. Klar. Unausweichlich. „Götter geben keine Antworten, Kealen. Sie geben nur Hinweise. Den Weg gehen musst du selbst.“
„Hinweise?“ Er stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. „Die Welt steht in Flammen, der Himmel blutet – und alles, was wir kriegen, sind Hinweise?
„Wenn du Antworten willst,“ sagte sie nun mit etwas mehr Gewicht in der Stimme, „…dann geh in den Schrein des Schlafenden Auges.“
Das letzte Wort hallte nach – Auge – wie eine unsichtbare Glocke, geschlagen in der Ferne.
Und im selben Augenblick zuckte etwas auf.
Megatama, das an Ashitakas Brust hing, flackerte schwach auf – als hätte es den Namen erkannt.
Und dann – fast unmerklich – kam Bewegung in Ashitakas Haltung. Seine Schultern richteten sich, nicht viel, nur ein Fingerbreit. Aber es war genug.
Er sah Tala an, nicht mit Erstaunen, sondern mit dem Blick eines Mannes, der etwas wiederentdeckt, das er fast vergessen hatte. „Das Auge…“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber sie trug weiter als Kealens Wut.
Tala nickte langsam. „Es schläft. Und doch sieht es. Man sagt, es blickt dorthin, wo kein Licht mehr fällt. In das Herz der Welt. Und vielleicht… vielleicht auch in dein eigenes.“
„Und was soll uns das bringen?“ Seine Stimme war hart, aber brüchig. „Ein Tempel voller Staub und Rätsel? Ich hab genug von Visionen… und Prüfungen.“
Doch diesmal war es Liora, die antwortete. „Was bleibt uns denn noch, Kealen?“
Ihr Blick war ruhig, doch ihre Hände zitterten leicht. „Vielleicht ist es nur ein letzter Strohhalm. Vielleicht ist es nichts. Aber… ich spüre es. Da ist noch etwas, das auf uns wartet.“
Ashitaka stand jetzt. Sein Blick war klar. Und obwohl sein Körper vom Kampf gezeichnet war, wirkte er gefestigter als je zuvor. „Ich weiß nicht, was dort ist“, sagte er. „Aber ich weiß… dass es mich ruft.“
Ein ferner Donnerschlag rollte über das Land. Hinter ihnen glomm der Riss im Himmel.
Vor ihnen: ein letzter Pfad, ein Ort, an dem vielleicht noch Wahrheit lag – oder Erlösung. Oder beides.
Ashitaka stand reglos, den Blick auf das flackernde Megatama gesenkt. Der Kristall ruhte still an seiner Brust, doch in ihm schien etwas zu leuchten, das nicht von dieser Welt war – als würde die Erinnerung daran, wer ihn einst getragen hatte, sich in Wärme verwandeln.
Dann hob er den Kopf. Seine Stimme war ruhig, aber getragen von einer inneren Schwere, die man nur bei jenen hört, die viel verloren und noch mehr begriffen haben.„Ich weiß, wo der Schrein liegt.“
Kealen drehte sich zu ihm um. „Du… warst schon einmal dort?“
Ein kurzes Nicken.
„Ja, ich war auf der Suche nach Antworten. Und ich fand… Fragen.“
Sein Blick wanderte über die Gesichter der anderen – erschöpft, zweifelnd, aber aufrecht.
„Es liegt tief im Nebelwald, jenseits des verfallenen Gebirgspfads. Niemand geht mehr dorthin. Die alten Karten führen nur in Sackgassen. Aber ich erinnere mich.“
Er hielt inne. „Es ist kein Ort, an den man leichtfertig zurückkehrt. Und ich kann euch nicht versprechen, dass wir dort Rettung finden. Vielleicht liegt dort nur das Ende. Oder etwas, das noch schlimmer ist.“ Er trat einen Schritt vor, blickte seine Gefährten an, erst Kealen, dann Liora.
„Aber ich werde gehen. Ich muss. Denn wenn es da noch eine Antwort gibt, wenn irgendwo noch etwas übrig ist, das… dieses Chaos versteht – dann vielleicht dort.“
Ein Windstoß strich über das verwüstete Plateau, rührte an zerbrochenem Stein und verdorrtem Gras. Es war kein Sturm. Nur ein Hauch. Aber er roch nach etwas Altem. Nach Moos, nach Erde. Nach Erinnerung.
„Ich zwinge euch nicht“, sagte Ashitaka leise. „Wenn ihr bleiben wollt, verstehe ich das. Ich kann euch keinen Sieg versprechen. Nur den Weg.“
Liora trat zu ihm. Ihre Schritte waren langsam, aber entschlossen. „Was bleibt uns denn noch?“ Sie lächelte, schwach. „Ich bin bei dir.“
Kealen verzog das Gesicht. „Tss. Du bist verrückt.“ Dann zog er sich die Jacke fester um die Schultern. „Aber ich bin’s ja auch. Also los.“
Ashitaka nickte, einmal, tief. Dann wandte er sich dem Osten zu, dorthin, wo der Nebelwald im Dunst lag – jenseits von Glaube, Zweifel und Gewissheit.
Und sie gingen.
Erwachendes Kapitel
Und so führte der Weg sie durch das verwundete Land – über zerborstene Steine, durch Wälder, die flüsterten wie alte Freunde, und Pfade, die längst aus jeder Karte verschwunden waren. Doch Ashitaka musste nicht suchen. Er fand den Tempel nicht. Er erinnerte ihn. Mit jedem Schritt durch das Nebelgrün des verborgenen Tals, mit jedem Vogelruf, der an eine längst verklungene Hymne erinnerte, wuchs in ihm die Gewissheit: Hier war es. Noch immer. Noch immer.
Versteckt zwischen Mooswänden und Flüsterbäumen, hinter einem zerfallenen Torii, halb überwachsen und vom Wind vergessen – da lag er. Der Tempel des Schlafenden Auges. Nichts an ihm strahlte Majestät aus. Kein Prunk, keine Macht, kein Glanz. Und doch hielt jeder von ihnen den Atem an, als sie ihn erreichten.
Ashitaka trat durch das bemooste Tor. Die Ranken glitten lautlos über seine Schultern, wie um ihn zu begrüßen. Die Stille, die ihnen entgegenschlug, war nicht leer. Sie war dicht, wie das Schweigen eines Wesens, das lange geschlafen hat. Ashitaka trat in die Halle des Tempels, den er geschworen hatte, wiederzufinden. Er hatte es nicht vergessen – weder den Ort noch das Versprechen. Doch was ihn jetzt erwartete, war nicht bloß Erinnerung. Es war Wahrheit, verdichtet und tief wie das Wurzelwerk alter Bäume.
Im Halbdunkel, wo das Licht des Tages sich nur schemenhaft durch moosbedeckte Ritzen drängte, stand sie: die Statue. Ihre Umrisse waren ihm vertraut. Ihre Haltung – dieselbe aufrechte Ruhe, die auch die Figur in Norois Dorf getragen hatte. Doch diese hier war älter. Weitaus älter. Der Stein war von anderer Farbe, die Oberfläche rau, wie vom Atem der Welt selbst geformt. Und es war mehr als nur eine Darstellung. Es war, als würde der Tempel ihn sehen.
Ashitaka trat näher. Zum dritten Mal in seinem Leben sah er sich selbst wahrhaftig ins Gesicht. Kein Spiegel, keine Vision. Nur Stein. Und doch war da etwas in der stillen Miene, das sich bewegte – ein Echo zwischen den Jahrhunderten, ein Flüstern in der Tiefe. Mit einem langsamen Atemzug hob er die Hand und legte das Megatama in die ovale Vertiefung auf der Stirn der Statue. Der Kristall passte exakt, als wäre er nie für etwas anderes gedacht gewesen. Für einen Moment geschah nichts – nur die Stille, die dichter wurde, wie Luft, die nicht atmete.
Dann begann der Stein sich zu verändern. Er wurde weich – nicht sichtbar, sondern im Gefühl. Taka konnte es nicht sehen, aber er spürte es. Als hätte er plötzlich Wasser berührt, nicht mehr Stein. Das Gesicht der Statue verzog sich. Die Konturen flossen ineinander, verloren jede erkennbare Form. Nase, Mund, Kinn – alles löste sich auf, wie von einer Hand weggewischt, die kein Fleisch und kein Knochen war.
Zurück blieb nur Leere.
Eine Fläche ohne Eigenschaften. Keine Augen. Keine Lippen. Kein Ausdruck. Ein Nichts, das alles bedeutete. Und dann, aus der Mitte dieser Leere, direkt dort, wo Megatama versenkt worden war, öffnete sich ein Auge. Ein einziges. Oval. Schimmernd. Grün wie das Herz des Waldes, uralt und wissend, und zugleich so jung, dass es schmerzte.
Es war nicht das Auge Ashitakas. Auch nicht das eines Gottes, den man benennen konnte.
Es war das Schlafende Auge. Und es sah ihn an.
Ashitaka spürte, wie sein Atem stockte. Nicht, weil er sich fürchtete – sondern weil er sich plötzlich klein fühlte. Nicht unbedeutend. Echt. Zerbrechlich und voller Widersprüche. Menschlicher denn je.
Hinter ihm hielten auch die anderen den Atem an. Kealen flüsterte ein einziges Wort, das sich im Staub verlor: „Was… ist das?“
Doch die Frage blieb unbeantwortet. Denn das Auge begann zu leuchten. Nicht mit Licht – sondern mit Wissen. Das Auge öffnete sich vollends – und für einen winzigen Augenblick war nichts mehr still.
Es war nicht laut, nein. Aber der Raum selbst begann zu klingen. Die Luft vibrierte wie eine gespannte Saite, und die Mauern des alten Tempels ächzten unter dem Gewicht einer Gegenwart, die größer war als Zeit. Kein Echo – kein Klang – und doch ein Sprechen. Als würde man sich an etwas erinnern, das man nie erlebt hat.
Dann kam die Stimme. Nicht aus dem Mund der Statue, die keinen mehr hatte – sondern aus dem Ort, aus der Gegenwart, aus ihnen selbst. Sie hörten sie nicht mit den Ohren. Sie hörten sie in sich.
„Ihr habt das Auge geweckt.
Ihr seid weit gekommen – aber nicht weit genug.
Der Schleier fiel.
Was ist ein Gott ohne Bekenntnis?
Was ist ein Mensch ohne Irrtum?“
Was ist Hoffnung, wenn niemand sie trägt?“
Ashitaka fühlte, wie sich etwas in seiner Brust regte. Kein Schmerz, kein Trost – nur Erkenntnis. Und auch in Kealen, Tala und Liora lag plötzlich Stille. Kein Zweifel. Keine Frage. Nur die Schwere der Wahrheit, die sie nie gesucht hatten – aber nun nicht mehr leugnen konnten.
„Euer Tun hat das Tor geöffnet.
Doch es wird nicht der Wille der Götter sein, der die Welt bewahrt.
Es wird eure Entscheidung sein.“
„Wollt ihr wissen, was jenseits liegt?
Dann fragt nicht nach dem Himmel.
Fragt euch selbst.“
Für einen Moment verstummte alles wieder. Doch die Präsenz blieb. Das Auge blickte – nicht nach außen, sondern hinein in sie. Es war, als würde es nichts beurteilen, und dennoch alles erkennen.
Und dann sprach es noch einmal – leiser, dunkler, mit einer Tiefe, die bis in die Vergangenheit reichte:
„Nur einer von euch trägt den Schlüssel.
Nur einer von euch hat einst das Tor geschlossen.
Der Kreis beginnt nicht mit Macht.
Er beginnt mit Schuld.“
Plötzlich spürte Ashitaka die Worte nicht nur in seinem Geist – sondern in seinem Blut. Ein letzter Wind fuhr durch den Tempel, zart wie ein Hauch, und das uralte Auge flackerte – nicht im Zorn, nicht in Warnung, sondern wie das Lid eines Schlafenden, der nun erwacht war und in Güte sah.
Und dann… veränderte sich etwas. Nicht in der Welt – noch nicht – sondern in der Luft, in den Herzen, in der Schwere, die sich langsam hob, wie Nebel, der der Morgensonne weicht. Ashitaka blinzelte. Er hatte Härte erwartet – Strafe. Doch die Stimme war anders. Sanft. Als hätte selbst das Auge erkannt, dass Wahrheit ohne Güte nur ein weiterer Schleier war.
Eine neue Stimme – dieselbe, und doch anders – erhob sich. Wärmer nun. Nicht aus den Steinen, nicht aus der Tiefe, sondern aus einer Ferne, die sich wie Nähe anfühlte. Als spräche jemand, der ihr Leid gesehen hatte – und trotzdem an sie glaubte.
„Das Tor kann sich schließen.
Nicht um zu vergessen. Sondern um zu beginnen.
Die Welt, wie ihr sie kanntet, ist zerbrochen. Doch nicht zerstört.
Was fällt, kann wieder aufgerichtet werden.“
„Städte mögen in Schutt liegen – doch jeder Stein birgt die Erinnerung an ein Zuhause.
„Felder mögen verwüstet sein – doch unter jedem Brandherd ruht neues Leben, geduldig wartend.
„Herzen mögen gebrochen sein – doch dort, wo Schmerz war, kann auch Zärtlichkeit wachsen.“
„Ein Schwert, das zerbricht, trägt noch seine Geschichte. Es kann geschmiedet werden – schärfer, weiser, sanfter.
„Ein Kind, das verlorenging, kann wiedergefunden werden.
„Ein Bruder, ein Vater, ein Geliebter – sie können neu erkannt werden. Nicht wie früher, aber wie jetzt.“
Langsam hob Ashitaka den Blick. Seine Augen waren feucht, doch er weinte nicht. Es war keine Trauer. Es war… etwas anderes. Etwas Tieferes.
„Ein Neuanfang…“, flüsterte er, als würde das Wort selbst ihn wärmen. „Aber zu welchem Preis?“
„Alles, was geboren wird, verlangt ein Opfer.
Aber nicht jedes Opfer ist Tod.
Manchmal ist es… Loslassen.“
„Lass ab von dem, was dich bindet, Ashitaka vom Kristall.
Lass ab von Schuld.
Von der Illusion, allein zu tragen, was viele stemmen müssen.“
„Denn die Welt braucht nicht einen Retter.
Sie braucht einen, der glaubt, dass sie gerettet werden kann.“
Die Farben veränderten sich. Der Tempel, eben noch ein Ort zwischen Stein und Staub, wurde von sanftem Licht erfüllt. Es war kein Licht der Sonne, sondern eines, das aus den Mauern selbst zu strömen schien – ein warmes, goldenes Glühen, das alles berührte: das Moos an den Wänden, die zerschlagenen Treppen, das alte Holz, die Finger von Kealen, der still danebenstand, und die Schultern von Liora, die langsam das Haupt hob. Die Augen von Tala als begänne auch sie zu begreifen.
Und Ashitaka… verstand. Nicht alles. Aber genug.
Dass Schmerz nicht das Ende ist. Dass aus Verlust nicht nur Leere, sondern auch Raum entsteht. Raum, den man füllen kann – mit Saat, mit Wärme, mit dem ersten Lachen eines Kindes in einer neu errichteten Stadt.
Er trat zurück. Der Tempel wurde still. Doch in dieser Stille lag etwas, das alle vier spürten:
Es gibt einen Weg zurück. Nicht dorthin, wo man war –aber dorthin, wo man noch nie gewesen ist.
Eine weile stand Ashitaka im Licht des Tempels, das jetzt heller leuchtete, aber nicht blendete. Es war wie das Leuchten eines nahenden Morgens – nicht triumphierend, sondern verheißungsvoll. Nicht laut, sondern sicher. Sein Schatten fiel lang über die alten Steine, als wollte auch er zurückblicken, ein letztes Mal. Seine Entscheidung war längst gefallen, auch wenn noch kein Wort gesprochen wurde.
„Ich habe lange geglaubt, ich könnte alles tragen. Das Gute, das Schlechte. Die Hoffnung der Menschen. Den Schatten meines Bruders. Die Erinnerungen an Noroi. Den Schmerz, den ich selbst brachte.“ Seine Stimme hallte kaum – und doch lauschten die Wände. „Aber es ist nie darum gegangen, alles zu retten. Nur… einen Anfang zu wagen“
Liora trat vor, langsam, fast zögerlich. „Was meinst du damit?“
Ashitaka lächelte sanft. Es war nicht das Lächeln eines Helden, sondern eines Menschen, der seinen Platz gefunden hatte. „Jede gute Geschichte endet damit, dass der Held stirbt.“
Er hob die Hand, bevor sie etwas erwidern konnte. „Aber nicht so, wie ihr denkt. Ich werde nicht verschwinden. Ich werde noch immer sein – nur anders.“
Sein Blick wanderte über den Himmel, als könne er bereits sehen, was ihn erwartete:
„Im Funkeln der Sterne. Im Wind über den Bergen. In der Erinnerung, die euch Kraft gibt.
Gemeißelt in Stein, wenn ihr Tempel erbaut.
Verwoben in Liedern, die Kinder singen, ohne zu wissen, wer sie einst inspiriert hat. Ich werde da sein. Wenn ihr mich braucht.“
Kealen, der bis jetzt geschwiegen hatte, trat näher, den Blick hart und zugleich feucht.
„Und wenn wir dich vermissen?“
Ashitaka blickte ihn an, ernst und ruhig. „Dann erinnert euch. Nicht an meine Taten, sondern an das, was wir geteilt haben.“
Tala legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter, nicht wie eine Göttin, sondern wie eine Gefährtin die verstand, was es heißt, sich selbst aufzugeben. Einen Herzschlag lang war es still. Dann beugte sich Tala zu ihm, so sanft, dass selbst der Wind innehielt, und ihre Lippen berührten seine. Kein fordernder Abschied, kein Aufbegehren – nur die leise Gewissheit: Dass er nie allein sein würde. Und dass ihre Wege sich wieder kreuzen.“ „Dein Weg war nie der des Krieges, sondern der des Wandels.“
„Du gehst nicht unter. Du wandelst dich.“
„Nicht im vergessen. Sondern in Form.“
Die Erde vibrierte leise. Der Tempel begann zu reagieren, als hätte er auf genau diesen Entschluss gewartet. Die Runen leuchteten erneut. Ashitaka trat in die Mitte des Kreises. Er schloss die Augen.
„Nicht Verstörung, sondern Veränderung.“
„Nicht Ende, sondern Ursprung.“
„Nicht Tod – sondern Weitergabe.“
Und dann – löste er sich nicht auf, verging nicht.
Er verschwand auch nicht.
Er wurde... Teil.
Der Stein, auf dem er stand, veränderte sich unter seinen Füßen. Glatt wie Wasser, doch fest wie Granit. Wo eben noch ein Mensch gestanden hatte, formte sich etwas Neues: keine Statue, kein Denkmal – sondern ein Ort, an dem das Licht still stand. Wo man sich erinnern konnte. Wo man hoffen konnte.
Und für einen Augenblick…sah es aus, als würde er noch einmal lächeln.
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Ein Ort, wo Himmel und Wasser sich berühren. Wo kein Wind weht, aber alles in Bewegung ist.
Ashitaka stand allein – bis ein Flüstern kam. Kein Laut, sondern ein Gefühl. Eine Erinnerung.
Die Fläche vor ihm kräuselte sich, als hätte ein unsichtbarer Finger die Welt berührt. Und aus dem flachen Licht erhob sich eine Gestalt – verschwommen erst, dann scharf wie Glas.
Ein Gesicht, das er längst verloren glaubte.
Noroi.
Er trat aus dem flachen Licht wie ein Spiegelbild, das aus der Oberfläche des Wassers aufsteigt. Sein Blick war fest. Kühl. Aber darin lag auch ein Schmerz, der brannte, ohne Hitze zu spenden.
In seinen Händen: Zwei Dolche. Wie in der Vision aus dem Spiegel. Wie in dem Moment, in dem alles zerbrach.
„Du hast mich getötet“, sagte er ohne Umschweife.
Ashitaka schluckte. Die Worte trafen ihn nicht wie ein Pfeil – sondern wie das Echo eines Gewissens, das schon lange in ihm sprach.
„Ich habe dich bewahrt“, antwortete er. „Vor etwas, das größer war als wir beide.“
Noroi trat näher. Keine Regung im Gesicht, doch in der Art, wie er die Dolche hielt, lag eine feine Spannung. Als würde etwas in ihm noch nicht entschieden sein.
„Bewahrt? Du meinst: geopfert. Auf dem Altar deiner Ideale. Deiner Schuld. Deines Plans. Du hast mir die Wahl genommen“, sagte Noroi leise. „Und damit das Einzige, was mir wirklich gehörte.“
Ashitaka senkte den Blick.
„Und trotzdem stehst du noch hier“, murmelte er. „Trotz allem. Weil du stärker bist, als ich je war.“
Noroi schüttelte den Kopf. Seine Stimme bebte. „Nicht wegen dir. Sondern trotz dir.“ Er hob die Hand „Ich habe deinen Schatten lange getragen. Doch der Fluch war nie meiner. “
Ashitaka schwieg.
„Ich war dein Freund, Taka“, fuhr Noroi fort. „Kein Werkzeug. Kein Märtyrer. Ich war ein Mensch. Oder… fast einer. Und das war genug. Für mich.“
„Ich weiß.“
„Du weißt gar nichts.“ Die Stimme wurde schärfer. Aber sie bebte auch – wie ein Ast unter zu viel Schnee.„Du hast entschieden, dass ich sterben muss, damit du leben kannst. Damit du Held sein kannst. Und niemand hat dich dafür zur Rechenschaft gezogen.“
Ashitaka hob den Kopf. Sein blick war klar:„Doch. Ich.“
Noroi zögerte. Ein langer, zäher Moment verstrich zwischen ihnen. Der Nebel um sie herum kräuselte sich, als würde er auf etwas warten. „Weißt du“, begann Noroi dann langsamer, fast tastend, „ich habe so lange geglaubt, dass ich nur das bin, was du aus mir gemacht hast. Eine Stimme. Ein Schatten. Eine Narbe.“ Er senkte den Blick. Die Dolche sanken mit. „Aber je länger ich zurück blickte… desto weniger habe ich mich gesehen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, Ashitaka.“
Ein Schweigen senkte sich wie ein Schleier. In diesem Schweigen lag das Gewicht ganzer Jahre.
Ashitaka trat einen Schritt näher. „Dann finde es heraus“, sagte er. Nicht als Befehl. Als Bitte.
Noroi sah ihn an – zum ersten Mal richtig. In seinem Blick lag kein Hass mehr. Nur Müdigkeit. Und… die leise, vorsichtige Hoffnung, dass er mehr sein durfte als nur eine Geschichte, die jemand anderes geschrieben hatte.
„Du hast mir wehgetan“, sagte er schließlich. „Aber ich will nicht, dass das alles ist, was bleibt.“
„Ich auch nicht.“
„Ich werde dir nicht danken“, fügte Noroi hinzu.
„Das erwarte ich nicht.“
Sie sahen sich lange an. Zwei Leben. Zwei Wege. Zwei Wahrheiten. Und dann:
Noroi atmete aus – schwer, als würde er etwas aus sich entlassen, das zu lange darin gelebt hatte.
„Dann… sei frei, Ashitaka.“ Und mit einem sanften, fast traurigen Lächeln: „Ich werde es auch sein.“ Er öffnete die Hand. Die Dolche verschwanden wie Nebel bei Sonnenaufgang. Dann wandte er sich ab – nicht wütend, nicht verletzt. Einfach… gelöst.
„Ich weiß noch nicht, wer ich bin“, sagte er über die Schulter. „Aber ich finde es heraus.“
Und der Weg öffnete sich vor ihm – nicht aus Stein oder Licht, sondern aus Möglichkeiten.
Ashitaka blieb zurück, allein. Und doch – nicht mehr einsam.
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Niemand weiß, wohin Ashitaka ging. Ob er zwischen den Schleiern blieb – dort, wo Wasser den Himmel küsst und der Horizont ins endlose verschwamm. Oder ob er weiterging, jenseits der Grenzen, die selbst Götter nicht benennen. Doch was man weiß: Er hatte keine Angst.
Nicht vor dem, was kommen mochte. Nicht vor dem Vergessen. Nicht vor dem Vergehen.
Er stand still, während die Zwischenwelt um ihn atmete. Über ihm glommen die Sterne, darunter spiegelte sich ihr Licht in einem grenzenlosen Ozean, der weder kalt noch warm war, sondern einfach war. Und in seinem Inneren war es friedlich. Kein Groll, keine Reue, keine Wunde, die noch schmerzte. Nur Erinnerung – nicht als Last, sondern als sanftes Licht.
Die Stimmen, die einst an ihm zerrten, waren verstummt.
Noroi war gegangen – nicht fort, sondern voraus.
Tala lebte – und würde erzählen.
Liora und Kealen trugen sein Vermächtnis.
Kurohiko suchte nun seinen eigenen Pfad.
Und Ashitaka?
Er hatte seinen erfüllt.
Er trat einen letzten Schritt ins Licht – oder vielleicht ins Dunkel, wer will das schon sagen?
Sein Blick war ruhig. Seine Hände leer. Doch sein Herz… war ganz.
Und wenn man manchmal in mondlosen Nächten ein leises Flüstern hört, ein Lied aus vergessenen Zeiten – dann ist es vielleicht seine Stimme, die daran erinnert, dass Mut nicht darin liegt, zu kämpfen.
Sondern darin, loszulassen.
"Willkommen zurück."
Die Stimme war leise, fast ein Wispern – aber sie trug etwas mit sich, das tiefer ging als Worte.
Vertrautheit. Wärme. Leben.
Noroi schlug die Augen auf, schwerfällig, als müsste er sich erst daran erinnern, wie das ging – dieses Wachsein. Über ihm spannte sich ein Himmel in den Farben der Morgendämmerung, und die ersten Sonnenstrahlen kitzelten sanft seine Nasenspitze.
Er lag in einem Steinkreis, der noch vom alten Atem der Welt durchdrungen war. Die Luft war klar, durchzogen vom Geruch feuchter Erde, Moos und einer Ahnung von Räucherwerk.
Neben ihm hockte Liora. Ihr Lächeln war zögerlich, vorsichtig – als traue sie dem Glück nicht ganz –, doch in ihren Augen glänzte ehrliche Erleichterung. Sanft strich sie ihm über den Rücken, eine Geste, mehr Trost als Berührung.
Kealen stand nur einen Schritt entfernt, kämpfte sichtbar mit sich selbst. Als Noroi ihn ansah, schluckte der Ronin, blinzelte, und tat so, als hätte ihm der Wind etwas ins Auge geweht.
Und dann war da noch jemand. Eine Frau. Noroi kannte ihren Namen, ohne sie je zuvor gesehen zu haben. Tala.
Sie stand aufrecht, still wie ein Gebet. In ihren Zügen lag Ruhe, aber keine Gleichgültigkeit – eher eine tiefe, uralte Trauer, die endlich zu einem Ende gekommen war. Ihre Augen begegneten den seinen, und ohne ein Wort zu sprechen, verstanden sie einander. Langsam richtete sich Noroi auf. Er blickte auf seine Hände. Seine Hände. Vertraut, gezeichnet von Narben, klein und groß, aber warm, lebendig, echt. Auch der Rest fühlte sich richtig an. Sein Atem. Sein Gewicht. Sein Herzschlag.
Er war zurück. Ein wenig war es, als sei er aus einem langen Traum erwacht.
Ein leises Tzzzz zischte durch die Morgenluft –wie Feuers, das von kaltem Wasser erstickt wird.
Vom Altar der Statue, deren Antlitz vor wenigen Augenblicken noch von göttlichem Licht erhellt worden war, löste sich etwas – Megatama.
Der Kristall, einst durchtränkt vom Herzen Ashitakas, glitt langsam von der Stirn des steinernen Gesichts herab. Kein Gleißen, kein Aufschrei des Schicksals. Nur ein leises, stumpfes Klick, als er auf dem Boden aufschlug. Er pulsierte noch – einmal, zweimal – ein letzter schwacher Herzschlag,
dann ein leises Flackern, und schließlich:Stille.
Die Farbe blieb, das Grün des Jades, doch das Licht war fort. Was einst ein Schlüssel war, ein Funke göttlicher Wahrheit, war nun nichts weiter als ein Schmuckstein. Edel, ja. Aber gewöhnlich.
Menschlich.
Vielleicht war es besser so. Zu viel Blut war um diese Artefakte geflossen. Zu viele Hoffnungen daran zerbrochen. Ein Schwert, ein Spiegel, ein Stein – einst Heilige Zeichen, nun Relikte einer Zeit, in der Macht größer wog als Mitgefühl. Was sie brachten, war nicht Erlösung. Sondern Prüfungen, Spaltung, Verlust.
Kealen hob das Megatama auf, drehte es in der Hand und betrachtete es im Licht der aufgehenden Sonne. „So klein…“, murmelte er. Liora nickte stumm. Noroi sah zu, wie Kealen den Jadestein in ein Stück Stoff schlug und in einer der vielen Taschen seiner Robe verschwinden ließ –
nicht aus Gier, nicht aus Ehrfurcht. Nur aus dem Wunsch, daran zu erinnern. Was war. Und was nicht wieder sein durfte.
Zusammen mit Megatamas letzter Regung, mit dem versiegenden Puls göttlicher Macht, schloss sich das Tor. Lautlos – kein Knall, kein Aufblitzen. Nur ein kaum spürbares Vakuum. Der Riss in der Welt – dieser flirrende Schlund aus Licht und Dunkelheit – zog sich langsam zusammen.
Wie eine Wunde, die sich nicht aus Stolz, sondern aus Erschöpfung schließt.
Und doch… Die Dinge hatten bereits ihren Lauf genommen. Die Wesen, die hindurch getreten waren – manche davon flüchtige Schatten, andere albtraumhafte Fragmente einer vergessenen Schöpfung hatten sich bereits in die Welt ergossen. Sie hatten sich zerstreut wie Asche im Wind.
Einige Städte hatten gebrannt. Andere waren verlassen. Manche wurden fort gespült. Tempel – geheiligt und geschändet – lagen offen. Die Götter schweigend. Die Priester waren ratlos.
Und das Volk – es sammelte Trümmer auf. Ziegel für Ziegel. Leben für Leben.
Die Welt war gerettet. Aber sie war nicht unversehrt. Und sie würde nie mehr dieselbe sein.
Das Land war nicht gerettet worden, weil jemand ein Monster erschlagen, eine Krone errungen oder eine Weissagung erfüllt hatte. Sie war gerettet worden, weil ein paar Menschen zur rechten Zeit
den Mut gefunden hatten, aufzugeben.
Und nun standen sie da, vier Überlebende in einem Steinkreis, der einst Tor und Scheideweg zugleich gewesen war. Die Sonne stand tief, warf goldene Streifen auf das verwitterte Gestein,
ließ die Wiesen ringsum wie schlafende Flammen glimmen. Der Wind trug den Geruch von Salz und Asche. Aber auch etwas Neues –etwas, das wie Aufbruch schmeckte.
Noroi saß im Schneidersitz, spielte mit einem Grashalm zwischen den Fingern. Er sah aus wie jemand, der nicht ganz wusste, ob er gerade angekommen oder schon wieder auf dem Sprung war. „Ich glaub,“ sagte er schließlich: „meine Reise ist noch nicht zu Ende.“
Kealen lehnte mit verschränkten Armen an einem der Steine. Sein Stirnverband war neu, doch sein Lächeln altbekannt – schief, zweifelnd, halb spöttisch. „Immer noch ungestüm, was?“
Noroi zuckte die Schultern. „Vielleicht. Aber diesmal wird alles anders.“ Er sah auf und in seinem Blick lag keine Last mehr „Ich geh nicht mehr, weil ich muss. Sondern weil ich will. In meinen eigenen Tempo. Auf eigenen Wegen“ Der Gedanke daran ließ ihn sacht lächeln
„Und wohin?“ fragte Liora sanft. Noroi grinste: „Wohin der Wind mich trägt. Und die Füße halten. Vielleicht ein kleiner Tempel im Norden. Oder ein Dorf mit einer heißen Quelle. Irgendwo, wo niemand meinen Namen kennt.“
Kealen schnaubte: „Wenn’s so einen Ort noch gibt, nimm mich mit.“
„Du bleibst hier“, sagte Liora bestimmt, „Wir haben Arbeit. Die Küste muss geräumt werden.
Shinkawa ist nicht mehr, aber irgendjemand muss anfangen, etwas Neues zu bauen.“
Kealen verzog das Gesicht:„Bist du sicher, dass das unser Job ist?“
„Sicher bin ich nie.“ Sie warf ihm ein müdes Lächeln zu. „Aber wenn wir’s nicht tun… wer dann?“
Die Sonne sank tiefer. Die Schatten wurden länger. Keiner sprach. Bis Tala ihre Hand auf ihren Bauch legte, ganz unauffällig, fast so, als hätte sie die Geste nicht geplant. Und dann sagte sie,
als wäre es ein Gedanke, der ihr gerade erst gekommen war: „Auf mich wartet die nächste Prüfung.“ Drei Köpfe drehten sich gleichzeitig zu ihr. Tala hielt dem Blick stand. Ihr Lächeln war weich geworden. „Mutter zu werden ist sicher nicht einfach.“
Stille. Noroi schloss beteten die Augen. Kealen blinzelte schwer. Liora lächelte: “Du bekommst ein Baby? Wie süß. Hast du schon einen Namen?“
Tala schüttelte den Kopf. Ihr Blick ruhte auf der flachen Hand, die noch immer auf ihrem Bauch lag „Ich weiß noch nicht…“ Die Worte kamen langsam, selten für sie – für die Frau, die so vieles wusste, und manchmal sogar die Fäden der Zukunft sah, wie andere Menschen Windfahnen im Sturm.
Kealen schnaubte leise, und verdrehte theatralisch die Augen. „Die Frau,die Antworten auf alle Fragen hat – und kein Name für ein Kind?“
Er klang spöttisch, aber hinter dem Lächeln lag ein Hauch von Wehmut. Ein Gedanke huschte durch ihn hindurch, wie ein Lichtschein unter einer Tür. Er musste an sein eigenes verlorenes Kind denken. An einen Namen, der sich bei allem, was er tat, in seine Gedanken schlich. „Hikaru“, sagte er leise. „Das bedeutet ‚Licht‘
Noroi lächelte und nickte zustimmend „Das ist gut“,
Und es war gut.
Epilog
Die Hufe des hornlosen Qilin setzten kaum Spuren in das moosige Erdreich, und doch war jeder Schritt ein Versprechen.
Auf seinem Rücken saß ein Mann in schwarzer Robe, das Gesicht vom Licht der nahen Quelle golden umrandet.
Kurohiko schwieg. Er hatte viel zu sagen – doch nichts, das jetzt noch Bedeutung gehabt hätte.
Vor ihnen wuchs ein einzelner Baum, golden wie die Morgendämmerung, inmitten einer Quelle, deren Wasser still stand wie die Oberfläche eines schlafenden Spiegels.
„Was suchst du hier?“
Die Stimme kam nicht von außen. Sie war leise, fast kindlich – und doch durchdrungen vom Klang uralter Weisheit. Es war das Qilin, das sprach.
Kurohiko hob nicht einmal überrascht den Blick. Vielleicht hatte er es geahnt. Oder er war einfach zu müde, um sich noch über Wunder zu wundern.
„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Vielleicht… einen Anfang.“
Das Qilin schnaubte leise, ein Laut irgendwo zwischen Belustigung und Bedauern.
„Kennst du ihn nicht?“
Kurohiko schüttelte den Kopf. Kein Trotz lag in seiner Miene, nur ein Hauch von Melancholie.
„Mein Vater hat mir nie Geschichten erzählt. Und Nobunaga auch nicht.“
Das Qilin senkte den Kopf, sein Blick voller Trauer – nicht für sich, sondern für all die Kinder, die ohne Geschichten aufgewachsen waren.
„Dann setz dich“, sagte es sanft. „Mach es dir bequem. Es wird eine sehr lange Geschichte.“
Kurohiko ließ sich in das weiche Gras sinken. Er legte die Hände in den Schoß, und zum ersten Mal trug er kein Schwert mehr.
Er trug gar nichts – außer sich selbst.
Das Qilin trat zur Quelle, senkte die Nüstern ans Wasser. Nicht um zu trinken, sondern um zu erinnern.
„Am Anfang war das Chaos. Sieben Generationen, nachdem Himmel und Erde voneinander geschieden wurden, erschien ein Schöpferpaar. Sie trugen einen Speer mit kristallener Spitze, den sie in die Ursuppe stießen. Sie rührten darin, und als sie ihn wieder hoben, blieb Lehm daran haften. Er fiel zurück auf das Wasser, und so entstand eine neue Welt.
Eine wundersame Welt, voll mit Geheimnissen, Monstern, Göttern und Menschen.
Eine Welt, wie man sie sich vielleicht nur erträumen kann.“
Und während die Stimme des Qilin über die Wasser der Quelle glitt, war es, als würde der Wind lauschen.
Gedanken sind wie Wispern im Wind.
Wenn du genau hinhörst… werden neue Geschichten geboren.
