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Achlimen

Blüten aus Gift
von

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Hudson 2090 - Andy

Milch. Brot. Nudeln. Äpfel. Mehl.

 
 

Noch einmal glitt sie mit den Augen über ihre Einkaufsliste und verglich sie mit den Dingen in ihrem Korb. Es war nicht viel, dennoch kontrollierte sie bereits zum vierten Mal, ob sie nichts vergessen hatte.

Eigentlich war es nicht ihre Art, unkonzentriert zu sein. Andy war ein organisierter Mensch. Sie liebte Kalender, Planer und To-do-Listen. Doch seit ein paar Tagen hatte sie Kopfschmerzen. Ihr OM – optisches Modul -– bereitete ihr Probleme. Zuerst hatte sie gedacht, dass die Linsen nur gereinigt werden mussten. Zweimal hatte Andy die Reinigung durchgeführt, um ganz sicher zu sein. Eine OM zu ersetzen war teuer, auch wenn man gebrauchte Modelle kaufte. Die persönliche Benutzeroberfläche, die man durch die Linsen sehen konnte, ermöglichte Zugriff auf verschiedene Anwendungen. Navigation, Notizzettel, Uhrzeit oder Informationen zu Gebäuden waren nur ein paar Beispiele, die man nutzen konnte. Zusätzlich war es möglich, das OM mit anderen Dingen zu verbinden. Je mehr Geld man ausgeben konnte, umso mehr Möglichkeiten enrschlossen sich durch diese Technik. Andy hatte sich vorwiegend eine OM gekauft, da sie im Umgang mit ihren Kindern nicht immer die Hände freihatte und es einfacher war durch Augensteuerung und in Kombination mit einem AK – akustischen Modul – welches in einem oder beiden Ohren eingesetzt wurde, möglich war, auch eine Sprachsteuerung zu nutzen. Eigentlich war sie bisher immer zufrieden gewesen und hatte nie Probleme gehabt.

Vorhin hatte sie allerdings zwei Anläufe gebraucht, um ihre Liste sehen zu können. Sie hatte also keine Wahl, als das bei einem Techniker prüfen zu lassen. Doch es war Ende des Monats. Sie wartete noch auf ihr Gehalt, und das Schulgeld für ihre Kinder musste darüber hinaus bezahlt werden.

 
 

Milch. Brot. Nudeln. Tomaten. Mehl.

 
 

Sie war alleinerziehend und musste Prioritäten setzen. Ihre Kinder waren immer das Wichtigste, das hatte sich Andy versprochen, als sie das erste Mal schwanger geworden war. Sie hatten nur sie und Andy würde sie nicht im Stich lassen. Nicht wie ihre Väter. Beide hatten von ihr und ihren Kindern nichts mehr wissen wollen, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatten. In beiden Fällen hatte sie geglaubt, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Und in beiden Fällen hatte sie sich getäuscht.

„Mom?“

Sie spürte das leichte Ziehen an ihrer Jacke und blickte hinunter. Billy stand neben ihr, das Haar zerzaust, die Brille war ihm fast bis zur Nasenspitze hinuntergerutscht, weil sie zu groß war und er einfach nicht stillstehen konnte.

In der Hand hielt er eine Tafel Schokolade. Auf der roten Packung waren Explosionen und Blitze zu sehen. Flash. Eine Bekannte hatte ihr erzählt, dass sie eine Art Brause oder etwas anderes in die Schokolade gemischt hatten, was sich prickelnd beim Essen anfühlte. Wie die Blitze von Flash.

 
 

Milch. Brot. Nudeln. Tomaten.

 
 

Wonach hatte sie suchen wollen? Sie blinzelte und versuchte, sich auf ihren Sohn zu konzentrieren. Dass so etwas schmecken sollte, konnte Andy sich nicht vorstellen. Ganz zu schweigen davon, dass sie gesehen hatte, wie teuer dieser Zuckerriegel sein sollte. Denn nichts anderes war es. Zucker. Ungesund. Und doch wusste sie, was es Billy bedeutete. Und auch George. Ihr jüngster Sohn war gerade bei ihrer Mutter, die auf ihn aufpasste, solange Andy versuchte herauszufinden, was sie alles kaufen musste, damit sie die letzte Woche bis zum Monatsende durchkamen.

Doch anstatt das zu tun, stand sie hier und blickte in die dunklen Augen ihres Sohnes, die sie hoffnungsvoll anblickten. Denn, obwohl Andy eigentlich immer ablehnte und ihn die Dinge zurückbringen ließ, die er sich aussuchte, versuchte er es immer wieder. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages der Tag kommen würde, an dem sie ihm etwas kaufen würde, dass er sich wünschte. Er ahnte nicht, wie sehr sich Andy wünschte, dass sie ihm und seinem Bruder alles kaufen könnte, was sie sich wünschten. So viel Schokolade, bis ihnen schlecht davon werden würde.

Doch sie konnte es nicht.

 
 

Nudeln. Tomaten. Brot. Salz.

 
 

„Mom. Für Georges Geburtstag“, setzte Billy dann noch nach, um seiner Bitte mehr Ausdruck zu verleihen und Andys Herz schier brechen zu lassen. Manchmal, an Tagen wie heute, wog die Last so schwer, dass sie sie kaum ertragen konnte. Am liebsten würde sie auf die Knie sinken, ihren Sohn umarmen und weinen.

Stattdessen streckte sie die Hand nach der Schokolade aus, die er ihr entgegenhielt, und nahm sie entgegen. Billy hatte recht. Gerade wusste sie nicht einmal, ob es einen Kuchen geben würde, geschweige denn, ob sie ihm ein Geschenk kaufen könnte. In diese Tafel Schokolade zu investieren bedeutete, in das Lachen ihrer Kinder zu investieren.

 
 

Milch. Brot. Salz. Mehl. Äpfel.

 
 

Wieder flackerte die Liste auf und Andys Blick zuckte zu ihrem Einkaufskorb, der kaum gefüllt war. Vielleicht sollte sie ihre Mutter bitten, alles Fehlende zu besorgen. Das Wichtigste sollte sie haben.

„Okay. Bringen wir George ein Geschenk für seinen Geburtstag mit“, stimmte sie zu. Andy hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da schlang Billy die Arme um ihre Beine und drückte sich an sie. Sie streckte die Hand aus und fuhr damit durch sein Haar, nachdem sie die Tafel vorsichtig in ihren Korb gelegt hatte.

„Lass uns gehen. Granma wartet sicher schon auf uns.“ Dabei waren sie noch nicht lange weg. Der Weg war nicht weit. Zehn Minuten Fußweg, dann wären sie wieder zurück.

Sie griff nach der kleinen Hand ihres Sohnes und führte ihn durch den Laden hindurch zu den Kassen, wo sie sich an einer der Schlangen anstellte. Niemand achtete auf sie. Die Menschen waren mit sich selbst beschäftigt. Man konnte bei manchen die Augenbewegungen beobachten, die davon zeugten, dass sie über ihr OM etwas lasen oder ansahen. Wie viele der anderen im Hier und Jetzt waren, konnte man nicht ausmachen.

 
 

Brot. Mehl. Tomaten. Salz. Äpfel.

 
 

Wieder flackerte die Liste auf. Ihre Kopfschmerzen wurden stärker. Am besten würde sie sich einen Moment hinlegen, sobald sie zurück waren. Sofern es für ihre Mutter in Ordnung war, noch einen Moment länger auf die Kinder aufzupassen. Zwar half sie Andy, wo sie konnte, doch es war für sie beide immer wieder eine Herausforderung. Für ihre Mutter, weil sie schon älter war und zwei kleine Kinder sie schneller überfordern konnten. Wohingegen für Andy der Umgang mit ihrer Mutter schnell zu einer Herausforderung werden konnte. Immer wieder stand dieser stille Vorwurf im Raum. Wieso war Andy nicht schlauer gewesen? Wieso hatte sie sich gleich zweimal von Versagern schwängern lassen?

Sie sagte es nicht. Nicht mit Worten, aber das musste sie auch nicht. Ihre Mutter verstand sich hervorragend darauf, ihr Missfallen mit Blicken auszudrücken.

In der Schlange ging es langsam weiter. Billy griff nach dem Korb, den Andy vor sich hertrug, und streckte sich, um den Korb auf den Scanbereich zu schieben. Sie musste ihm helfen, da der Korb sonst zu schwer für ihn wäre. Und kaum, dass der Korb stand, erschien auf dem Bildschirm bereits die Liste an Waren, die sie gekauft hatte. Andy machte sich nicht die Mühe, die Liste genauer anzusehen. Lieber nahm sie ihren Rucksack und würde ihn auf die Ablage stellen. Zahlen. Einräumen und hier verschwinden.

 
 

Mehl. Äpfel. Brot. Mehl. Tomaten.

 
 

Billy zog an ihrer Tasche herum, während Andy den Ärmel ihrer Jacke hochschob und ihr Handgelenk anschließend auf den Scanner legte. Sobald sie gezahlt hatte musste sie Billy zur Seite schieben, damit sie ihre Einkäufe einpacken konnte. Sicher wartete bereits eine ungeduldige Schlange hinter ihr darauf, dass der nächste Platz frei wurde.

Doch etwas störte die gewohnten Abläufe. Es war kein grünes Licht, welches aufleuchtete und dafür sorgte, dass sich der Bildschirm wieder leerte.

Das Licht war rot.

Zunächst verstand Andy nicht, was es bedeutete. Noch nie hatte sie eine rote Anzeige gesehen. Doch dann richtete sich ihr Blick auf die Meldung, die sich auf dem Bildschirm zeigte.

 
 

Keine ID erkannt

 
 

Andy zog die Brauen zusammen. Keine ID? Das war unmöglich. Sie hatte eine ID, so wie jeder andere Mensch. Nach der Geburt wurden diese kleinen Chips eingesetzt und mit den Jahren bekamen sie immer mehr Bedeutung, Freigaben und Funktionen. Ein Leben ohne diese ID war nahezu unmöglich, da sie mit ihren Konten verknüpft und damit der einzige Weg war, um Zahlungen zu tätigen. Natürlich hatte sie eine.

 
 

Äpfel. Tomaten. Salz. Mehl. Brot.

 
 

„Mist“, murmelte Andy, zog das Handgelenk zurück und legte es wieder auf. Vielleicht war der Scanner defekt und er brauchte einfach nur einen zweiten Versuch, um den Chip einlesen zu können. Doch das Ergebnis blieb das Gleiche.

„Mom?“, hörte sie Billy neben sich fragen, aber sie ignorierte ihn. Gerade hatte sie keine Zeit, ich um ihn zu kümmern. Zunächst müsste sie dieses Problem lösen.

Sie zog das Handgelenk zurück, legte es wieder auf. Das Licht blieb rot. Verdammt. Das konnte nicht sein. Vielleicht hatte es mit der Fehlfunktion ihres OM zu tun. Ob das ganze System ein Problem hatte? Sie musste dringend zu einem Techniker.

 
 

Milch. Brot. Äpfel. Tomaten. Salz.

 
 

Wieder tauchte die Liste vor ihren Augen auf, wiederholt schob sie sich unaufgefordert in ihr Blickfeld und wieder wirkte alles durcheinander. Verschwommen.

„Miss?“

Andy fuhr herum und blickte zu dem Mann hinauf, der neben sie getreten war. Er hatte eine steinerne Miene, breite Schultern und wirkte nicht besonders freundlich. Aber vielleicht könnte er helfen.

„Entschuldigen Sie, ich glaube, mit dem Scanner stimmt etwas nicht. Vielleicht könnte ich es an einem anderen Platz noch einmal versuchen?“

„Ich muss Sie mitnehmen, Miss. Der Aufenthalt ohne eine gültige ID ist in der Stadt nicht gestattet“, sagte er, ohne ihre Worte zu beachten. Er redete, als würde er über das Wetter sprechen und wüsste nicht, welche weitreichenden Folgen diese Tatsache hatte.

„Ich weise Sie an, mir freiwillig zu folgen, um weitere Unannehmlichkeiten zu vermeiden.“

„Hören Sie, das ist ein Missverständnis“, versuchte Andy ihm klarzumachen. Ihr Blick ging umher. Sicher gab es jemanden, der ihr zustimmen würde. Doch niemand sah sie an. Mit einem Mal war Andy nicht mehr unsichtbar für ihre Mitmenschen. Sie waren sich über ihre Anwesenheit bewusst geworden und taten jetzt alles dafür, um sie zu meiden. Niemand wollte mit einer solchen Situation in Verbindung gebracht werden.

Bevor Andy noch etwas sagen konnte, packte man sie grob am Arm. Ein Ruck und der Rucksack fiel zu Boden und sie stolperte ein paar Schritte nach vorn.

„Mom?“ Sie konnte deutlich die Panik in Billys Stimme hören. Er verstand nicht, was los war, doch wie sollte er das auch? Andy verstand es nicht einmal selbst. Stattdessen stolperte sie hinter dem Mann her, unfähig, sich gegen den Zug zu wehren, den er auf ihren Körper ausübte.

„Warten Sie! Stopp! Das ist ein Missverständnis! Mein Sohn!“ Andy warf panisch einen Blick über die Schulter. Noch immer starrten die Menschen in andere Richtungen. Ein Mann war vorgetreten und hatte ihren Einkauf zur Seite geschoben, um ihren Platz einzunehmen und seinen Einkauf zu scannen. Billy hatte er dabei unsanft zur Seite gestoßen. Ihr Sohn wirkte verängstigt. Seine Brille, die schon die ganze Zeit nicht richtig gesessen hatte, war ihm von der Nase gefallen.

 
 

Tomaten. Salz. Äpfel. Brot. Milch.

 
 

„Mom!“, rief er verzweifelt. Ohne Brille war er zwar nicht blind, doch es fiel ihm schwer, in der Ferne zu sehen und sich zu orientieren.

„Billy! Alles ist gut! Mommy ist gleich wieder da! Mach dir keine Sorgen!“ Mehr konnte sie ihm nicht sagen, während dort bereits ein zweiter Mann auftauchte und Billy hochhob. Wie auch der Erste war er in einem dunklen Blau gekleidet, Sicherheitsuniform. HSG.

„Warten Sie, ich muss zu meinem Sohn, wo bringen Sie mich hin?!“, versuchte sie es wieder bei dem Mann, der sie mit sich zog. Inzwischen waren sie aus dem Laden herausgetreten, auf die Straße, wo ihnen die Menschen weitläufig aus dem Weg gingen. Er führte sie weiter zu einem Wagen, der am Straßenrand auf sie wartete.

„Wir haben Anweisung, alle illegalen Individuen mit sofortiger Wirkung aus der Stadt zu entfernen, sobald sie festgenommen wurden“, erklärte er ruhig, während sich die Tür des Wagens automatisch öffnete. Panik stieg in Andy auf. Das durfte nicht passieren! Ihre Kinder brauchten sie. Sobald sie aus der Stadt heraus war, würde sie nicht wieder hineinkommen.

„Bitte, warten Sie!“ Mit aller Kraft versuchte sie, sich gegen ihn zu stemmen, während sie mit der Faust gegen seinen Arm schlug. Ziellos und ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche.

Andy wusste es.

„Mein Sohn! Ich muss zu meinem Sohn!“ Schrie sie ihn an, doch er hörte ihr nicht zu. Stattdessen stieß er sie grob in den Wagen hinein. Andy stieß sich den Kopf und verlor für einen Augenblick die Orientierung.

Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder aufrichten konnte, um sich zur Tür zurückzuschieben. Der Wagen hatte sich längst in Bewegung gesetzt.

 
 

Brot. Milch. Äpfel. Mehl. Tomaten.

 
 

Verdammte Liste. Andy hob die Fäuste und begann gegen das Glas zu schlagen, als könne sie so entkommen. Schmerz zog sich durch ihre Hände. Und Andy schrie. Sie schrie, so laut sie konnte. Um Hilfe. Nach ihren Kindern.

Schreie, die unendlich laut in ihren eigenen Ohren klangen, doch die für die Außenwelt stumm bleiben würden.

Mittwoch, 26. Juli 2104 - Elaine

„Du packst schon wieder?“ 

Sie lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete Andrew, wie er in ihrem begehbaren Kleiderschrank umherwanderte und seine Sachen zusammensuchte. Ein Tisch, auf dem er seinen Koffer platziert hatte, befand sich im Zentrum des Raumes. Die Hemden und Gürtel lagen bislang nur daneben. 

„Ein Notfall, tut mir leid“, sagte er und grinste dabei schief. Es tat ihm nicht leid, das wussten sie beide.

„Ich bin nicht diejenige, der du Rechenschaft schuldig bist.“ Wenn das so wäre, dann würde es zwischen ihnen schon lange nicht mehr funktionieren. Allerdings nahmen diese Reisen in den vergangenen Monaten zu, und nach einem missglückten Familienessen hatte ihr Vater begonnen wieder vermehrt Kritik an Andrew zu äußern. 

„Du bist auch niemandem Rechenschaft schuldig.“ 

„Erklär das meinem Vater.“ Elaine würde gerne sehen, wie Andrew mit ihrem Vater diskutierte und ihm sagte, dass er nicht jedes Leben in seinem Umfeld kontrollieren konnte. Besonders nicht das seiner Tochter. Ein Gedanke, der in Dexter Romney Welt nicht existierte. In seiner Welt war er noch immer derjenige, der über das Leben der Menschen in dieser Stadt bestimmte. Auch sein Ruhestand hinderte ihn nicht daran. 

„Darüber habe ich nachgedacht“, sagte Andrew, während er die ersten Kleidungsstücke in den Koffer packte. 

„Darüber meinem Vater zu sagen, was für ein Arschloch er ist?“ Elaine gab einen belustigten Laut von sich. Andrew war ein guter Kerl. Es gab niemanden, der ihr näherstand, doch ihr Vater würde ihn zum Frühstück verspeisen, falls es zu einer Konfrontation kommen würde. Eben, weil Andrew ein guter Mensch war. 

Ihr Mann lachte leise und richtete sich auf, um sie zu betrachten. Obwohl Elaine nicht klein war, überragte er sie um einen Kopf. Das dunkelblonde Haar fiel ihm zerzaust in die Stirn, während die treuen, braunen Augen sich auf sie richteten. 

„Er weiß, dass er ein Arschloch ist, das muss ihm niemand sagen. Das genießt er.“ Dem konnte sie nicht widersprechen. Ihr Vater war sich seiner Handlungen sehr bewusst. Er tat nichts zufällig. Für ihn ging es nur darum, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Und das zu jedem Preis. Elaine hatte schon früh gelernt, dass ihre Mutter und sie darin keine Ausnahme bildeten. 

„Nein, ich meine, hier wegzugehen. Es wäre uns möglich, mit den Ressourcen, die wir besitzen, in einer anderen Stadt Fuß zu fassen.“

„Du weißt, dass es nicht so einfach ist. Ich habe hier Verpflichtungen.“ Anders als Andrew hatte sie sich ihr ganzes Leben hier aufgebaut. Die damit verbundene Verantwortung konnte sie nicht einfach abgeben, wie es ihr beliebte.  

„Dennoch bist du niemandem etwas schuldig. Es ist unmöglich, hier dein eigenes Glück zu finden. Das wird er nicht zulassen.“

„Ich dachte eigentlich, wir hätten einen Weg gefunden, um uns gewisse Freiheiten zu verschaffen.“ Immerhin war es das, worauf ihre Ehe basierte. Sie beide hatten von der Entscheidung profitiert, die sie vor fast 20 Jahren getroffen hatten. Diese Ehe sorgte dafür, dass niemand Fragen stellte. Es verschaffte Elaine Ruhe vor ihrem Vater und Andrew profitierte in seiner Karriere davon.

„Bist du glücklich?“, fragte Andrew, als er sich mit dem Rücken gegen den Tisch lehnte und die Arme selbst vor der Brust verschränkte. Elaine erwiderte seinen Blick und seufzte leise.

„Worauf willst du hinaus?“, hakte sie nach. Immerhin kannte er die Antwort. 

„Darauf, dass wir beide so nicht weiter machen können. Ich durfte erleben, wie ein Leben aussehen kann, in dem ich glücklich bin. Doch solange wir hierbleiben, wird das nicht funktionieren. Es gibt Städte, die anders sind.“ Sie verstand, was er meinte. Das letzte Jahrhundert war hart für das Land und die Welt gewesen. Die Folgen des Klimawandels, schlechte Regierungen, Wirtschaftskrisen und ein Bürgerkrieg hatten alles zerschlagen. Die Ordnung des Landes war in einem jahrzehntelangen Krieg verschwunden, der die Bevölkerung stark dezimiert hatte. Am Ende hatte niemand gewonnen. Das Land war ausgebrannt gewesen, ohne die Möglichkeit, sich in der Zerstörung wieder zu vereinen. Es hatte die Überlebenden in die Städte getrieben, in zusammengewürfelte Gemeinschaften, die nur eine Sache gemeinsam gehabt hatten: den Willen zu überleben. 

Nach all der Zerstörung hatte es Jahrzehnte gedauert, bis sich die verbliebenen Städte erholt hatten. Das Land blieb gespalten. Jede Stadt stand für sich und nur wenige Menschen ließen sich auf das Leben außerhalb schützender Mauern ein. Dort, wo nur Karawanen und Händler es wagten, sich der Einsamkeit und den Witterungen des Landes zu stellen. 

Auch wenn die Städte sich für den Handel und den Austausch zusammengeschlossen haben, existierte keine gemeinsame Regierung. Die einzelnen Städte wurden durch Schnellzugverbindungen miteinander verbunden. Eine Einreise in eine andere Stadt war jedoch nur für eine begrenzte Zeit gestattet, Ausnahmen mussten beantragt werden und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung wurde nur unter bestimmten Bedingungen erteilt. 

Dadurch hatte jede Stadt ihren eigenen Charakter und Ton, mit dem sie das Leben der Menschen prägte. In den vergangenen Jahrzehnten war Hudson von ihrem Vater geprägt worden und er hat die Stadt aus Elaine’s Sicht heruntergewirtschaftet. H-9, wie die Stadt auch offiziell bezeichnet wurde war eine von 17 Mega Cities, die über das Land verteilt waren. Mit dem Schwerpunkt auf Cybersicherheit und Waffenentwicklung, war die Stadt ein starker Handelspartner. Dennoch profitierte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von dieser Wirtschaftskraft.

„Du meinst, dass du so nicht weiter machen kannst. Willst du dich scheiden lassen?“ Am Ende war es das, worauf es hinauslaufen würde. Elaine verstand seinen Ansatz und wer könnte ihm vorwerfen, dass er glücklich sein wollte?

Andrew senkte den Blick, zuckte mit den Schultern und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Es war Ihnen beiden klar, welche Konsequenzen diese Entscheidung mit sich bringen würde. 

„Ich möchte, dass du darüber nachdenkst. Hudson ist nicht die einzige Stadt, in der du leben kannst. Du würdest die Westküste mögen und keine Probleme mit den Genehmigungen und der Einreise haben.“ Unrecht hatte er nicht. Sie hatten das Privileg, dass sie in einflussreichen Familien aufgewachsen waren und über ausreichend finanzielle Mittel verfügten, um sich in einer anderen Mega-City niederzulassen. Ein Sicherheitsexperte und eine Ärztin gehörten zu den gefragten Berufsgruppen. Auf diesem Weg könnte sie sich von ihrer Familie lossagen und ein neues Leben beginnen. 

„Nein. Aber das hier ist mein Zuhause. Und ich kann nicht einfach wegsehen, was hier geschieht.“ Elaine hatte die Verantwortung, gegen die Verfehlungen ihres Vaters zu handeln. Auch, wenn ihr dafür nur wenige Mittel zur Verfügung standen. Die Alternative wäre, die Augen vor dem Leid zu verschließen, welches sich immer weiter in der Stadt ausbreitete. Wie ein Krebsgeschwür, das unaufhörlich wuchs und nicht behandelt werden konnte.

„Ich werde die Stadt nicht verlassen, Andrew. Wenn du die Scheidung willst, dann werden wir in Ruhe über unsere Schritte sprechen müssen. Mach dir Gedanken, bis du wieder zurück bist.“ Damit war das Gespräch für Elaine beendet. Sie stieß sich vom Türrahmen ab und ging durch das Schlafzimmer zurück in den Wohnraum und die Küche. Das gelieferte Essen sollte nicht kalt werden. 

Während sie etwas von der Pasta auf einen Teller gab, dachte sie über Andrews Entscheidung nach. Sie kam nicht überraschend. Seit einiger Zeit spürte Elaine, dass er sich bemühte, mehr Zeit an anderen Orten zu verbringen und ihr immer wieder davon erzählte, wie schön es dort war. Wenn er darüber sprach, konnte sie ein Leuchten in seinen Augen erkennen, das sie schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Deshalb musste Elaine einen Weg finden, damit umzugehen. Besonders mit ihrem Vater, der sich vielleicht wieder mehr in ihr Leben einmischen würde, wenn er wusste, dass es keinen Mann gab, der sie im Griff hatte. 

Sie schenkte sich noch ein Glas Weißwein ein und ging weiter in ihr Büro. Elaine wollte noch einen Blick auf ihr eigenes Projekt werfen und sich mit ihrer Partnerin austauschen. 

Noch während sie auf dem Weg war, fokussierte sie mit dem Blick auf die Gesprächsapp über ihr OM. Die Kontaktlinsen ermöglichten es, eine Benutzeroberfläche zu sehen, auf der verschiedenste Apps installiert werden konnten. Telefon, Navigation, Chats, Nachrichtendienste, Streaming. Es gab, je nach Qualität und Modulen, verschiedenste Nutzungsmöglichkeiten. Im Falle von Elaine war ihr OM mit ihrem AM – Akustischen Modul – verbunden, sodass sie sofort Grace als Kontakt auswählen und das Freizeichen hören konnte. Die Steuerung erfolgte durch das Fokussieren des Blickes und das Blinzeln der Augen. Links rückwärts, rechts vorwärts, beide zum Bestätigen einer Handlung.  

Das Freizeichen war nur zweimal zu hören, bevor sich die Verbindung aufbaute. 

„Gutes Timing. Ich habe gerade die letzte Patientin verabschiedet.“ Grace kam gleich zur Sache, während Elaine das Arbeitszimmer betrat und die Schiebetür ins Schloss gleiten ließ.

„Jetzt erst?“, fragte sie zurück und zog etwas die Brauen zusammen. Eigentlich hätte der letzte Termin vor einer Stunde sein sollen. 

„Du weißt doch, wie es ist. Es wird von Tag zu Tag mehr, wir werden bald eine andere Lösung benötigen.“ Elaine wusste das. Seit ein paar Jahren betrieb sie ihre Praxis im Untergrund. Eine Beschreibung, die Grace gerne nutzte, auch wenn sie sich räumlich nicht im Untergrund befand. Sie arbeiteten im Verborgenen an dem Gesundheitssystem der Stadt vorbei und machten sich dadurch strafbar. Inoffizielle Kliniken waren verboten und setzten sich dem Vorwurf von illegalen Handlungen aus, wenngleich sie von Ärzten betrieben wurden. Besagte Ärzte würden bei einem Verstoß ihre Lizenzen verlieren und der Stadt verwiesen werden. Aus diesem Grund konnte die Praxis nur von jenen gefunden werden, die wussten, wo nach ihr zu suchen war. 

„Ich weiß … Aber wir brauchen entweder jemanden im Senat, um eine offizielle Lizenz zu bekommen oder wir benötigen zusätzliche Räumlichkeiten und Personal“, erwiderte Elaine, als sie den Teller und ihr Weinglas auf ihrem Schreibtisch abstellte, bevor sie sich auf den Stuhl sinken ließ. 

Bereits jetzt reichten die Mittel kaum aus. Elaine hatte ein Netzwerk aus Ärzten aufgebaut, die sich beteiligten und sich in der Praxis abwechselten. Zusätzlich wurden alle medizinischen Mittel von ihnen privat finanziert. Doch diese Mittel auf dem freien Markt zu erwerben, war einerseits sehr kostspielig und deckte andererseits nicht den tatsächlichen Bedarf. Nicht damit anzufangen, dass auch diese Beschaffung illegal war. 

Wie entschied man, wer diese Hilfe gerade am meisten benötigte? Es war jeden Tag ein neues Dilemma. Viele Menschen kamen in die Kliniken und hofften darauf, dass ein Arzt ihnen einen Termin in der Arche organisierte oder sie erfuhren, wie sie die Praxis finden würden. Eine Bitte, die nicht ausgesprochen wurde, aber dennoch da war. Zu oft musste sie die Bitte in den Blicken sehen und noch öfter musste sie sich dazu entscheiden, nichts zu tun. 

„Du weißt, das ist unmöglich. Aber ich habe nachgedacht … was, wenn wir private Förderer bekommen?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht schnell die Runde machen wird und wir auffliegen werden. Dazu müsste es jemand sein, dem wir absolut vertrauen können. Wir sollten morgen noch einmal genauer darüber sprechen.“ Sie benötigten eine Lösung, bevor das Projekt kollabierte.  

„Dann bist du morgen vor Ort? Wir können nach der Arbeit zusammen essen.“ 

„Einverstanden. Wir sehen uns morgen.“ Sie beendete das Gespräch und verharrte einen Moment in der Stille ihres Arbeitszimmers. Elaine schwenkte nachdenklich ihr Weinglas, als könnte sie darin die Lösung ihrer Probleme erkennen. Doch das Einzige, wofür dieses Glas vielleicht eine Lösung fand, war ihr unruhiger Schlaf. Mit etwas Glück würde sie heute wenigstens durchschlafen. 

Danny

Danny nippte an ihrem Bier, bevor sie nach der nächsten Medikamentenpackung griff und sie öffnete. Die verbliebenen Tabletten würden nicht mehr lange ausreichen. Bald müsste sie sich Gedanken darum machen, wie sie an neue kommen sollte. Wenn sie es schaffte etwas zu sparen, dann könnte sie einfach in die Apotheke um die Ecke gehen und sie kaufen. Ansonsten müsste sie darauf hoffen, dass man ihnen in der Arche helfen würde.

Ihre Mutter hatte Herzprobleme. Schon einmal hatte sie einen Herzinfarkt gehabt und ihre körperlichen Unsicherheiten wurden langsam mehr. Sie wurde vergesslicher und verlor immer wieder ihre Medikamente. Ein Fakt, den ihre Mutter nicht sah. Deswegen bewahrte Danny ihre Medikamente in ihrer eigenen Wohnung auf und gab ihrer Mutter die Medikamente erst, wenn diese sie brauchte. Diese Art der Überwachung war der einzige Weg für Danny sich um sie zu kümmern. Alles andere ließ ihre Mutter nicht zu. 

Seit dem letzten Herzinfarkt musste sie verschiedene Medikamente einnehmen. Medikamente, die all das Geld, welches Danny verdiente, schier verbrannten. Es stand für sie außer Frage, dass sie dafür aufkam. Nach ihrem Herzinfarkt verlor ihre Mutter ihre Stelle als Köchin in einem Restaurant. Jetzt verdiente sie sich als Putzkraft etwas dazu. Eine harte Arbeit, die sie belastete. Danny hatte es ihr nicht ausreden können, zu arbeiten. Der Kompromiss war, dass sie lediglich drei Tage pro Woche arbeitete und sich die restlichen Tage schonte. 

Dadurch war das Geld nicht einmal für die täglichen Ausgaben ihrer Mutter ausreichend. Das führte dazu, dass Danny gezwungen war, für sie beide aufzukommen. Es wäre einfacher, sich eine gemeinsame Wohnung zu suchen, doch bezahlbarer Wohnraum war knapp. Und selbst mit einer Alternative musste ihre Mutter einem Umzug erst einmal zustimmen. Bisher hatte sie Danny allerdings deutlich zu verstehen gegeben, dass sie das nicht wollte. Sie kam zurecht. Zumindest sagte sie das immer. Danny wollte ihrer Mutter nicht ihre Mündigkeit absprechen, doch was sollte sie tun, würde etwas Schwerwiegendes passieren? Wie sollte sie auf Dauer all die Kosten abdecken? Sie verzichtete schon jetzt auf alles, was ihr möglich war.  

Danny sortierte die letzten Tabletten in die Fächer auf denen die Wochentage gedruckt waren. Ihre Mutter wusste davon auch, wenn sie nicht begeistert darüber war. Danny hatte lange mit ihr darüber diskutieren müssen, dass sie ihr die Einteilung der Medikamente abnahm und einen Teil bei sich behielt. Zu oft hatten sie sich gestritten, weil ihre Mutter sich nicht helfen lassen wollte und Danny es nicht geschafft hatte, sich abzugrenzen. Dannys Meinung nach war es notwendig, weil sie sich nicht auf die Vernunft ihrer Mutter verlassen konnte. 

Es war immer wieder Thema zwischen ihnen und die Beziehung zu ihrer Mutter hatte sich durch diese Entscheidung auch nicht entspannt. Doch Danny hatte sich nicht mehr anders zu helfen gewusst. Vernünftige Gespräche waren kaum noch möglich.  

Sie nahm erneut einen Schluck Bier und zog die Tastatur an sich heran. Der Rechner war eingeschaltet gewesen, da sie darüber die Nachrichten verfolgt hatte. Doch bis auf die Hitzewelle, die die Ernte des Landes beeinflusste und einer Diskussion über eine Verschärfung zur Ausweisung Krimineller aus der Stadt gab es nichts neues.

Mit einer Tastenkombination öffnete sie ein Eingabefenster und über dieses eine weitere Bedienoberfläche, welche sie sich auf den zweiten Bildschirm zog. Sie stützte das Kinn auf den Fingern ab und griff nach ihrer Maus, um den Cursor über den Bildschirm zu bewegen. 

Neben ihrem Job in der Bar eines exklusiven Clubs arbeitete sie zusätzlich als Tagelöhnerin. Dadurch war Danny flexibel und konnte ihre Arbeit besser an ihre Lebensumstände anpassen. Jeden Abend gab es das gleiche Spiel. Was gab es für Aufträge? Wie hoch wäre ihr Verdienst? Wie viel Geld war noch erforderlich, um den Monat zu überstehen? Wie viel Geld benötigte sie, um noch etwas zu sparen? 

Neben der Anwendung, über die sie sich ihre Tagesjobs buchen konnte, öffnete sie eine Datei, in der sie ihre monatlichen Kosten im Überblick hatte. Bei schwankenden Einnahmen und Ausgaben eine absolute Notwendigkeit, um den Überblick nicht zu verlieren. Etwas, das Danny eigentlich nicht lag. Sie war spontan, unstrukturiert oder lebte in den Tag hinein. Eine Lebensweise, die man sich leisten können, musste.

Bis zum kommenden Monat blieben noch knapp zwei Wochen. Ihre Mutter benötigte neue Tabletten. Und sie konnte bisher die Mieten für den kommenden Monat nicht decken. Die verbliebenen Tage müsste sie gut nutzen.

Danny wandte sich der Liste an Aufträgen zu und sah, ob sie Anfragen in ihrem Postfach hatte. Je höher man im Ranking war, umso höher war auch die Wahrscheinlichkeit, dass man Angebote erhielt. Das Ranking hing davon ab, wie viele Aufträge abgelehnt und ausgeführt wurden. Früher hatte sie sich vor Aufträgen kaum retten können. 

Heute war ihr Postfach leer. 

Danny seufzte leise und sah sich die offenen Aufträge an, die zu ihrer Suche passten. Wieder ein Ausfall in einem asiatischen Lokal. Dort war sie bereits einmal als Kellnerin eingesprungen. Dieses Mal suchte man jemanden in der Küche. Spüler. Keine besonders angenehme Arbeit, doch es war besser als nichts. 

Ein Foodtruck suchte eine Aushilfe. Kein Anbieter, den sie kannte. Das bedeutete, sie würde sich neu einarbeiten müssen. Nicht ihre erste Wahl. 

Es gab noch einen Imbiss. Hier hatte Danny ebenfalls schon einmal ausgeholfen. Trinkgelder wurden zusätzlich gezahlt und man konnte alleine arbeiten. Das Angebot schien das interessanteste zu sein. Hinzu kam, dass man hier auch eine Vertretung für vier Tage suchte. Ein weiteres Plus im Vergleich zu den anderen Angeboten. 

Sie öffnete den Auftrag, um genauer zu prüfen, ob dieser mit ihrer anderen Tätigkeit vereinbar war.

Kalender öffnen.

Vergleichen.

Hatte sie Pausen dazwischen? Wie weit waren die Arbeitsorte auseinander? All das musste bedacht werden, bevor sie sich auf den Auftrag bewerben konnte. Am nächsten Morgen würde sie wissen, ob sie den Job machen könnte oder ob man sich für jemand anderen entschieden hatte. Sofern es andere Interessenten geben würde. 

 Das ganze Prozedere war schnell gemacht. In ihrem Profil waren alle relevanten Daten hinterlegt, die ein Auftraggeber benötigte. Referenzen und persönliche Angaben. Sie musste nur, nach einer Bestätigung dafür, dass sie wirklich interessiert war, auf Senden drücken und - 

Es klopfte. 

Danny zuckte zusammen und drehte den Kopf in Richtung Tür. Sie erwartete niemanden. Wenn sich jemand in der Tür geirrt hatte, müsste sie sich damit nicht weiter auseinandersetzen. Also wartete sie.

Es klopfte wieder. Noch immer zögerte sie, denn es war keine Uhrzeit, zu der man an fremde Türen klopfte. Da es allerdings ein weiteres Mal klopfte und eine gewisse Ungeduld signalisiert wurde, stand Danny auf und lief zur Tür herüber. Ihre Wohnung bestand nur aus dem Wohnraum, den sie gleichzeitig als Arbeitsplatz benutzte, mit einer offenen Küche, einem kleinen Bad und dem Schlafzimmer. Von ihrem Platz aus waren es nur wenige Meter bis zur Wohnungstür.  

Danny war fast dort, als sie ein Surren hörte. Monoton, metallisch. Es war leise und wäre tagsüber leicht zu überhören gewesen. Jetzt, als die Stille der Nacht über dem Gebäude lag, drang es umso deutlich an ihre Ohren. 

In dem Moment, in dem sie begriff, was es war, war es bereits zu spät. Die Tür schlug auf und ihr direkt ins Gesicht. Danny taumelte zurück, während der Schmerz sich durch ihr Gesicht zog wie ein brennendes Spinnennetz. 

„Fuck!“

Sie strauchelte orientierungslos und spürte die kleine Kommode hinter sich, die an der Wand neben dem Eingang stand. Mit einer Hand konnte sich Danny abstützen und Halt finden. Mit der anderen griff sie sich in ihr Gesicht. Sie schmeckte etwas Metallisches. 

Blut. 

Als sie den Kopf hob, erkannte sie einen Schatten, der sich vor ihr aufbaute. Dann wurde alles schwarz um sie herum. 

Danny

Sie verzog das Gesicht schmerzlich, als sie sich mühsam bis zur Wand zog und versuchte, in eine sitzende Position zu gelangen. Die ersten zwei Versuche waren gescheitert. Das erste Mal hatte ihre Kraft nicht ausgereicht, und sie war mit dem Kinn wieder auf dem Boden aufgeschlagen. Das zweite Mal hatte sie es nicht geschafft, sich richtig am Türrahmen festzuhalten. 

Dieses Mal war sie erfolgreich und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, mit geschlossenen Augen und schwer atmend. Ihr gesamte Körper schmerzte, besonders das linke Handgelenk. Die Hand fühlte sich feucht und schmierig an. Danny schmeckte Blut. Das Licht, das durch die Vorhänge hindurchschien, ermöglichte es ihr, sich zu orientieren. Der kommende Tag brach gerade an.

Das Nächste, was Danny wahrnehmen konnte, war der Grund, warum es ihr so schwergefallen war, sich über den Boden zu bewegen. Sie starrte auf das leere Bein ihrer Jogginghose. 

Ein erstickter Laut drang über ihre Lippen, während sie versuchte, zu verarbeiten, was sie sah. Ihr Verstand hinkte ihrem Körper in seiner Reaktion hinterher. 

Panik stieg in ihr auf, als sie anfing, über den Stoff zu tasten und ins Leere griff. Es war keine Illusion. Ihr rechtes Bein war verschwunden oder viel mehr … ihre Prothese. Hecktisch fuhr sie über den Stoff hinauf bis zu ihrer Hüfte, wo sie in die Kuhle griff, in der ihre Prothese befestigt werden konnte. Für einen Moment bildete sich Danny ein, sie könne das Metall unter ihren Fingern spüren. Kalt und unnachgiebig. In Wahrheit war da nur Härte, die sich unter dem Stoff ihrer Jogginghose abzeichnete. 

„Scheiße … scheiße!“ 

Waren sie deswegen hier gewesen? Ein Raubüberfall? Danny hob den Blick, während sie sich an ihrer Hüfte festhielt. 

Viel konnte sie nicht in der Wohnung erkennen. Doch abgesehen von einer leichten Unordnung schien alles unberührt zu sein. Ihre ganze Technik, alle Monitore … es war noch da. Zumindest so weit, wie sie es von ihrer Position beurteilen konnte. Es ergab keinen Sinn. Zwar verfügte Danny nicht über die fortschrittlichste Technik, dennoch hätte man sie zu Geld machen können. Ihre Prothese war auch nicht das neueste Model gewesen, doch gut genug, als dass sich Danny dafür verschulden musste. Sie hatte etwas gebraucht, mit dem sie sich gut bewegen und laufen konnte. In einer Stadt wie der ihrer? Sie wäre anders nicht in der Lage zu überleben. 

Doch jetzt war die Prothese weg. Danny besaß keinen vergleichbaren Ersatz und müsste versuchen, auf einem Bein und mit einer Krücke ihre Arbeit zu erledigen. Die einzige Alternative, die sie hatte, war ihre erste Prothese, die sie nach ihrem Unfall erhalten hatte.  

Schwer atmete sie durch und senkte wieder den Kopf. Die freie Hand griff hinauf, um sich über die schmerzende Stirn zu streichen. Sie spürte etwas Kaltes, klebriges. Danny ließ die Hand wieder sinken. 

War das Blut? Sie benötigte einen Moment, um zu verstehen, was sie sah. Das Blut war über ihre Handfläche verteilt. Aber dort war keine Wunde. Die Wunde befand sich weiter unten. An ihrem Handgelenk. Sie konnte einen Schnitt erkennen, der nicht tief war. Das erklärte, den geringen Blutverlust. Ihre Aufmerksamkeit wurde allerdings von der Stelle der Wunde auf sich gezogen. Hinzu kam, dass ihr OM ausgefallen war. 

„Nein … nein, nein, nein!“ 

Danny griff an ihr Handgelenk, umklammerte ihren Arm, während sie mit dem Daumen über ihre Haut fuhr und sie abtastete. Der Finger rutschte in die Wund hinein. Sofort spürte sie einen brennenden Schmerz, der sich ihren Arm hinaufzog. Danny drückte den Finger tiefer in die Wunde, als könnte sie dadurch etwas daran ändern, dass etwas fehlte. 

Ihr ID-Chip war weg. 

Ungebremst prasselten die Folgen auf sie ein, die mit dem Verlust einhergehen würden. Dabei starrte Danny sich an dem Blut fest, welches um ihren Daumen herum, aus der Wunde heraus quoll und vor ihr auf den Boden tropfte. 

Man hatte ihr ihre ID genommen. Ihre Identität. Das ganze Leben in dieser Stadt war auf die Funktion dieser Chips ausgerichtet. Sie waren Ausweis, Zahlungsmittel, Zugang zu Kommunikation, Netzwerken und Einrichtungen. Auf diesen verdammten Chips waren sämtliche persönliche Daten gespeichert. Krankenakte, Familiengeschichte, Konten, Buchungen. Einfach alles. Ursprünglich wurden sie eingeführt, um Personenkontrollen zu vereinfachen und die Überwachung der Städte zu gewährleisten. Schrittweise waren ihre Funktionen erweitert worden, bis ein ganzes Leben auf einen winzigen Chip passte. Kinder bekamen mit 14 Jahren ihren ersten Chip, der einige grundlegende Funktionen besaß. Sobald sie volljährig wurden, wurden auch alle weiteren Funktionen freigeschaltet. In erster Linie waren sie ein Schutzmechanismus. Es gab starke Grenzkontrollen. Passte jemandem nicht, was auf dem Chip zu sehen war oder hatte man erst keinen, dann wurde man in keine Stadt hineingelassen. Würde man Danny jetzt ohne Chip aufgreifen, würde man sie ohne Diskussionen oder Anhörung aus der Stadt befördern. Sie war nicht mehr zahlungsfähig und kam nicht mehr an ihre Konten heran. Es wäre ihr nicht möglich, sich ein Essen zu leisten. 

Panik stieg in ihr auf. Warum? Warum hatte jemand das getan?

Ihr Atem wurde unregelmäßiger und Danny hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Es war, als würde auf ihren Gliedern eine tonnenschwere Last liegen. Allein der Gedanke, aufzustehen, erschien ihr unmöglich. 

Doch sie musste. Danny musste aufstehen. Und sie musste sich beruhigen. Vielleicht war das alles gar nicht so schlimm. Jemand von ihren bekloppten Freunden fand es lustig, ihr Angst zu machen. Sicher würde bald jemand aus seinem Versteck springen und über sie und ihr dummes Gesicht lachen.  

Es gab keine andere Erklärung dafür. 

Wieso sollte sonst jemand hier einbrechen und lediglich diese beiden Dinge mitnehmen? Natürlich war es möglich, eine ID zu verkaufen, aber wozu? Danny hatte kein Vermögen und war absolut unbedeutend in dieser Stadt. 

Oder ging es genau darum? Dass sie unbedeutend war und deshalb nichts gegen den Diebstahl unternehmen konnte. Niemand würde ihr Glauben schenken oder ernsthaft über das Schicksal von jemandem wie ihr nachdenken. 

„Dreckige Bastarde“, knurrte Danny leise vor sich hin, als sie sich auf die Seite fallen ließ. Es dauerte noch eine Weile, bis sie es geschafft hatte, sich auf den Bauch zu drehen und ihren Körper erneut mit den Armen zu stützen. 

Jetzt musste sie nur noch ihr Bein unter ihren Körper ziehen, um auf ihr Knie zu kommen. Kaum hatte sie diesen Schritt geschafft, kippte ihr Körper zur Seite. Etwas gab nach und vor ihr fiel ein Bilderrahmen zu Boden. 

Für einen Moment starrte sie sich an der Rückseite des Rahmens fest, bevor sie sich fester gegen die Kommode drückte und den Blick hob. Über sich erkannte sie die Kante, nach der sie vorsichtig eine Hand ausstreckte, um danach zu greifen. 

Nachdem sie es geschafft hatte sich hochzuziehen und die Unterarme auf die Kommode zu legen, musste sie kurz durchzuatmen. Danny kämpfte gegen den Schwindel an, bevor sie sich weiter hochzog. 

„Verdammt, komm schon!“ 

Sie stieß mit dem Kopf gegen die Wand und versuchte, das Gewicht ihres Körpers weiter hochzustemmen. Irgendwann hatte sie ausreichend Platz, um ihr Bein zu bewegen und den Fuß gegen den Boden zu stemmen. Jetzt konnte sie ihre Arme entlasten und sich in eine aufrechte Position bringen. Doch statt dass sie gleich weitermachen konnte, musste Danny wieder durchatmen. 

Sie drehte sich herum und schob sich auf die Kommode, um einen Moment darauf sitzen zu können. Die Augen hatte sie geschlossen und wartete, bis der Schwindel vergangen war. Sollte der Schlag gegen den Kopf Schäden, beispielsweise eine Gehirnerschütterung. hinterlassen haben, wäre es ein weiterer Nachteil mit dem sie umgehen musste.

Als Danny die Augen wieder öffnete, war es zumindest erträglicher geworden. Ein Blick zur Tür sagte ihr, dass diese geschlossen war. Die Stille in der Wohnung sprach dafür, dass sich niemand anderes in der Nähe aufhielt. Ein erstes, gutes Zeichen. Doch eine genauere Überprüfung der Wohnung musste warten. Es war wichtig, dass sie sich sicher bewegen konnte und die Wunden behandelt wurden. Ersteres könnte sie lösen, wenn sie ihren Krücken finden würde. 

Zunächst musste sie es dafür in ihr Schlafzimmer schaffen. Da sie die Krücken selten benutzte, waren sie in ihrem Einbauschrank untergebracht. Rückblickend war es wahrscheinlich nicht die beste Entscheidung gewesen. Technik war nicht unfehlbar, doch bis heute hatte sich Danny blind darauf verlassen. Es war leicht zu vergessen, dass man überhaupt auf Hilfe angewiesen war, wenn einem ermöglicht wurde, sich ohne Einschränkungen zu bewegen. Und Danny hat es nur allzu gerne vergessen.

Sie drehte sich zur Seite, um aufzustehen, wobei sie sich an der Wand abstützte. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf einem Bein voranzubewegen. Und da es weder möglich war, sich voran zuschieben, noch sich zu ziehen, musste sie springen. Danny setzte an, doch von einem Sprung konnte man am Ende nicht sprechen. Ihr Fuß löste sich kaum vom Boden, als sie es versuchte und zog dabei lediglich den Fußballen über das Linoleum. Weder besonders elegant noch sicher, aber es erfüllte seinen Zweck. Sie kam voran, wenn auch nur in winzigen Schritten. 

Erleichtert atmete sie durch, als sie endlich den Türrahmen erreichte. Das Schlafzimmer sah unberührt aus. Wer auch immer sie überfallen hatte, hatte kein Interesse daran gehabt, sich genauer umzusehen. Es war erleichternd, aber es half Danny nicht, sich sicherer zu fühlen. 

Sie ließ sich auf das Bett fallen und schob sich darüber, um einfacher voranzukommen. Da der Raum nicht groß war, konnte sie den Schrank öffnen, während sie auf dem Bett saß.

Nun, wo sie auf dem Bett saß, war es verlockend, sich zurückfallen zu lassen und die Augen zu schließen. Eigentlich war sie fit, doch diese kurze Strecke hatte sie bereits an ihre Grenzen gebracht. Hatte sie zu viel Blut verloren? Doch, eine Gehirnerschütterung? 

Danny spürte, wie sich die Welt drehte, der Schwindel wurde wieder stärker, doch dieses Mal fiel sie weich, als sie zur Seite sackte. 

Für einen Moment blieb sie liegen, hielt die Augen geschlossen. Alles fühlte sich unendlich schwer an und Danny wusste nicht, wie sie es schaffen sollte, je wieder aufzustehen. Es erschien ihr unmöglich. Gleichzeitig wurde sie eingehüllt. In einer Blase aus Stille. Bedrückende, schwere Stille. 

Langsam öffnete sie ihre Augen und blickte an die Decke. Es fühlte sich an, als würde da etwas in dieser Stille lauern. 

Sie richtete sich auf. Jede Bewegung war ein mühsamer Kraftakt. Es gelang ihr nicht, den Schwindel zu überwinden, doch sie kämpfte dagegen. Nicht, weil ihr Körper es unbedingt aushalten konnte, sondern weil es ihr Wille war, der sie dazu brachte. Sie schaffte es, sich zu strecken und nach den Krücken zu greifen. Sie umfasste die Griffe und stützte sich auf diesen ab. Ein letztes Mal atmete sie tief durch, dann stemmte sie sich hoch und stand auf. Jetzt konnte sie sich leichter voran bewegen. Es war nicht weniger anstrengend, aber es half ihr dabei, den Weg ins Badezimmer schneller und mit weniger Kraftaufwand hinter sich zu bringen. Dort angekommen, ließ Danny die Krücken gegen die Wand sinken und stützte sich, nach Luft ringend, auf dem Waschbecken ab. Bevor sie sich um ihre Verletzungen kümmerte, musste sie den Verbandskasten aus dem Spiegelschrank holen. 

Dabei fiel ihr Blick auf ihr Gesicht. Das brünette Haar fiel ihr wirr in die Stirn. Ein Gesicht, das Danny selbst als durchschnittlich bezeichnen würde. Sie hatte den dunklen Hautton ihrer Mutter, deren Familie aus Brasilien stammte, und ihre dunklen Augen.  Das schmale Gesicht und die schmalen Lippen erinnerten eher an ihren Vater, zumindest war es das, was ihre Mutter immer gesagt hatte. Auch ihre Größe hatte sie von ihm geerbt. Seit ihrem Unfall zog sich eine Narbe quer über ihren Nasenrücken und auf der linken Seite ihrer Nase etwas herab. Weitere Narben zogen sich über die linke Augenbraue und die linke Schläfe. Es war pures Glück gewesen, dass sie ihr Augenlicht nicht verloren hatte.

Danny blinzelte und sah, dass eine der Linsen schief saß, was ihre unscharfe Sicht erklärte. Bevor sie diese wieder richtig einsetzen konnte, müsste sie zuerst das Blut von ihren Händen und ihrem Gesicht entfernen. Das Blut in ihrem Gesicht stammte aus ihrer Nase und war inzwischen eingetrocknet. Es war über die Lippen, ihr Kinn hinuntergelaufen und von ihrem Shirt aufgefangen worden. Es war jedoch nicht das Blut, das Danny die Stirn runzeln ließ, bevor sie das Gewicht auf einen Arm verlagerte, um den anderen zu bewegen. 

Sie hatte bis eben nicht bemerkt, dass etwas da war, was nicht dorthin gehörte. Auf ihrem Shirt befand sich etwas. Ein Zettel, der mit Klebeband auf dem Stoff befestigt worden war und den Danny löste, um die Botschaft zu lesen, die man ihr hinterlassen hatte.

Donnerstag, 27. Juli 2104 - Elaine

„Dieses Medikament müssen Sie sich in einer der Apotheken besorgen und es täglich einnehmen.“ 

Elaine drehte den Bildschirm, um der älteren Dame einen Blick darauf zu ermöglichen. Allerdings hielt die Frau den Blick auf ihre Hände gesenkt und reagierte nicht auf ihr Angebot. Seit Elaine ihr gesagt hatte, dass sie die Medikamente benötigte, um wieder gesund zu werden, schwieg sie und wich ihrem Blick aus.

Sie wartete noch einen Moment, doch als keine Reaktion erfolgte, drehte Elaine den Bildschirm erneut, um ein Modul zu entsperren.

„Ich würde Ihnen noch die Daten für die Apotheke überlassen und -“

„Nein“, wurde sie von der leisen Stimme unterbrochen. Sie klang müde und kraftlos. Ein Spiegelbild des ausgezehrten Körpers, der dringend Hilfe benötigte. Elaine hätte sie am liebsten stationär aufgenommen. Doch auch das lehnte sie ab. Es war das Mindestmaß an Medikamenten, die sie einnehmen musste, und selbst das war aus Elains Sicht nicht ausreichend. 

„Die Kosten für die Termine sind gestiegen … das hatte ich nicht bedacht. Meine Ersparnisse reichen nicht für die Medikamente. Aber ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.“ 

Die Äußerungen waren nicht überraschend. Es war Normalität für Ärzte, die hier arbeiteten. Nur wenige Menschen konnten sich die Kosten einer Behandlung leisten. Das Leben war teuer, die Gehälter oft schlecht und wenn man Familie hatte? Dann hatte man viele Sorgen. Besonders ältere Menschen litten darunter, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. 

An keinem anderen Ort der Stadt konnte man so deutlich die Kluft zwischen Arm und Reich erkennen wie in einem der drei großen Krankenhäuser.  

Elaine sah die andere Frau schweigend an. Dann griff sie nach einem Notizzettel. Sie galten als altmodisch, doch manchmal war es besser, Dinge nicht digital zu dokumentieren. 

„Hier. Rufen Sie diese Nummer an und bestellen Sie die Pommes mit der hauseigenen Sauce. Wenn sie gefragt werden, woher Sie die Empfehlung haben, dann sagen Sie Peter habe es empfohlen“, erklärte Elaine und schob der Frau die Notiz herüber. Sie beugte sich vor und betrachtete den Zettel einen Augenblick lang. Dann verstaute sie ihn sorgfältig in ihrer Tasche, als hätte Elaine ihr einen Schatz anvertraut. Als die Frau aufstand, streckte sie beide Hände nach Elaine aus, um ihre Hand mit ihren beiden Hände feste zu umfassen.

„Ich danke Ihnen.“ 

Drei Worte, die eine schier grenzenlose Erleichterung mit sich brachten, die man kaum in Worte fassen konnte.  

Dann verließ sie den Raum und Elaine musste darauf hoffen, dass sie ihr an anderer Stelle helfen konnten. Denn, wenn diese Frau keine Behandlung bekam, würde ihr Zustand bald lebensbedrohlich werden. Es war notwendig, Schicksale wie diese nicht zu nahe an sich heranzulassen. Die Last dieses Jobs würde sie sonst schier erdrücken und mit absoluter Hoffnungslosigkeit überfluten.  

Elaine wandte sich erneut ihrem Computer zu und betrachtete ihre Termine. Ein paar hatte sie noch vor sich, bevor sie Feierabend machen konnte. Wieder einmal war der Wartebereich voll. Dass sie heute nicht nur die kinderärztliche Untersuchung in der Ambulanz übernahm, war eine Ausnahme. Sie waren nicht voll besetzt. 

Glücklicherweise vergingen die nächsten Stunden ohne große Zwischenfälle. Es war nicht selbstverständlich, doch sie war dankbar dafür, als sie am Ende ihrer Arbeit das Büro verließ und sich auf den Weg zur Umkleide begab. Bis sie dort angekommen war, war es weiterhin möglich, dass Elaine angesprochen oder zu einem Fall gerufen wurde, jedoch nur in dringenden Notfällen. 

Doch bis auf ein paar grüßende Worte sprach man sie nicht an, sodass sie keine 15 Minuten später die Tür zu den Umkleiden aufschob. Elaine ging an den Reihen der Spinde mit Sitzbänken vorbei bis in die letzte Reihe. Das Vorhängeschloss wurde geöffnet, bevor Elaine sich den Kittel von den Schultern streifte. Sie stieg aus ihren Turnschuhen und tauschte die blaue Stoffhose gegen einen Rock. Die Heels wurden herausgeholt und die Turnschuhe zurück an ihren Platz gestellt. Bevor sie sich die Schuhe anzog, zog sie ihr Shirt über den Kopf und legte es in das Fach ihrer Hose. 

„Ich vergesse immer wieder, dass es nicht die beste Idee ist, auszugehen, wenn man am nächsten Tag eine Schicht hat“, hörte sie Payton hinter sich, die gerade dazugekommen war. Anstatt sich umzuziehen, setzte sich ihre Kollegin auf die Bank und seufzte schwer. 

„Es wäre kein Problem, wenn man wüsste, wann man aufhören sollte“, sagte Elaine mit einem Lächeln, ohne Peyton anzusehen. Sie nahm ihre Bluse heraus, um sie anzuziehen. 

„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du schrecklich langweilig bist?“, wurde ihr Einwand kommentiert. Die Entscheidung, was langweilig und was nicht war, lag sicherlich im Auge des Betrachters. Es war abhängig von den eigenen Maßstäben, die man setzte. Peyton wusste nicht viel über ihr Leben. Elaine zog es vor, sie das glauben zu lassen, was sie als angemessen erachtete.  

„Das ein oder andere Mal. Du solltest dich nicht beschweren, wenn dir die Alternative zu langweilig ist“, sagte Elaine und drehte sich zu Payton um, während sie sich die Bluse zuknöpfte. Ihre Kollegin dehnte gerade ihren Nacken und massierte ihre Schulter. Elaine betrachtete dies als eine Geste der Gewohnheit, da sie einen anstrengenden Tag hinter sich hatte. Es war ein offenes Geheimnis, dass Peyton sich nur sehr selten überarbeitete. Entgegen ihrer Erscheinung war diese Frau keineswegs unschuldig. Blondes Haar und eine geringe Körpergröße waren mit Vorurteilen und Stereotypen behaftet, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen wusste. 

„Denkst du, deine Ehe würde anders aussehen, wenn dein Mann wüsste, wofür du dich interessierst, wenn du allein bist?“ 

Da war es wieder. Das Funkeln in den Augen, während die unschuldigen Worte eine eindeutige Botschaft übermitteln. Ich kenne dein Geheimnis. Peyton wollte das erneut in ihr Bewusstsein rufen, als ob es wirklich notwendig sei. 

„Geheimnisse machen eine Frau erst begehrenswert, wusstest du das nicht?“ Elaine gab sich entspannt. Am Ende sprachen sie über nichts weiter als über Peytons Spekulation. Zumal es einfacher war, Peyton ihre Wahrheit zu lassen, als ihr durch eine Erklärung weitere Einblicke in ihr Leben zu gewähren. 

„Tz … Miss Perfekt hat gesprochen“, spottete Payton und erhob sich. Manchmal hatte sie etwas sehr Zynisches an sich und zeigte mehr von ihrem wahren Gesicht. Eine Frau, mit der man nicht befreundet sein wollte; eine Schlange. Elaine hatte dafür keinen konkreten Fakt, den sie vorbringen könnte. Doch es gab Gerüchte und sie vertraute auf ihr Bauchgefühl. Peyton mochte das sein, was man in ihren Kreisen als Freundin bezeichnen würde. Jedoch war Freundschaft nicht gleichbedeutend mit Loyalität. 

„Dafür werde ich mir heute noch eine besondere Entspannung gönnen.“ 

Es war nicht das erste Mal, dass Elaine darüber nachdachte oder ob es einfach ein Geltungsbedürfnis war, das in solchen Momenten aufkam. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit und dem Bedürfnis, anderen zu zeigen, dass Peyton etwas besaß, was sie nicht haben konnten. In jedem Fall war Elaine nicht bereit, darauf einzugehen. Stattdessen zog sie sich ihre Heels an und nahm ihre Tasche aus dem Spind, bevor sie diesen schloss.  

„Dann wünsche ich dir einen wunderbaren Feierabend“, beendete sie das Gespräch mit einem Lächeln und schob sich an Peyton vorbei, um die Umkleide zu verlassen.

Danny

Der Wagen machte einen Satz nach vorn und stieß eine der Mülltonnen um, als er schräg auf dem Gehweg zum Stehen kam. 

Mit zitternder Hand stellte Danny den Motor ab und zog den Zündschlüssel heraus. Das angestrengte Wummern des Motors verstummte und damit wich auch langsam die Anspannung aus ihrem Körper. Dennoch hielt sie das Lenkrad weiterhin fest umklammert, während sie sich zurück gegen den Sitz lehnte und die Augen schloss. Es war mit Abstand nicht ihre beste Idee gewesen, den Wagen ihrer Mutter zu nehmen, doch sie hatte keine Wahl gehabt. Sie war, ohne ihre ID, nicht in der Lage, ein Taxi zu nehmen oder ein Ticket für die Metro zu ziehen. Und zu Fuß hätte sie ewig gebraucht, wozu sie sich körperlich nicht in der Lage gesehen hatte. 

„Kannst du mir mal verraten, was das werden soll, wenn es fertig ist?“ riss sie eine helle Stimme aus ihren Gedanken. Danny drehte sich um und blickte auf das graue Augenpaar, das sie mit Skepsis betrachtete. 

„Hast du getrunken?“, fragte die andere, während die Augenbrauen in die Höhe wanderten und unter den blonden Locken verschwanden. Das dichte Haar, welches meistens mehr schlecht als recht zusammengebunden war, wirkte auf Danny wie eine Löwenmähne. 

„Red keinen Mist“, brummte Danny und öffnete die Tür, damit sie sich mühsam aus dem kleinen Innenraum des Wagens kämpfen konnte. Der Wagen war ein Erbstück, das eigentlich überholt werden sollte. Bei den aktuellen Temperaturen war es nicht einmal möglich, den Innenraum zu kühlen, außer man ließ die Fenster einfach offenstehen. 

„Mist? Du hast den Müll vor meinem Laden verteilt.“ Sich unauffällig durch die Stadt zu bewegen, hatte bisher nicht funktioniert.

Danny schob sich um den Wagen herum und stützte sich ab, solange sie es konnte. In ihrem Schrank hatte sie ihre alte Prothese gefunden. Allerdings gab es einen Grund, weshalb sie diese nicht benutzte. Sie war zu kurz und steif. Wenn Danny lief, dann sah es aus, als würde ein betrunkener Pirat auf seinem Holzbein balancieren. 

Sam betrieb einen kleinen Laden in den Danny jetzt hineinhinkte. Die Tür hatte bereits offen gestanden, vermutlich ein Versuch, die Temperatur durch einen Luftzug etwas zu senken. Erfolglos, wie Danny feststellte, als sie durch den Verkaufsraum zum hinteren Bereich des Ladens lief. 

Bei ihrer Freundin konnte alles erworben werden, was mit Technik zu tun hatte, solange man damit zufrieden war, dass es sich um gebrauchte Waren handelte. Alles, was durch eine Reparatur von Sam ein zweites Leben erhalten konnte, wurde hier verkauft. Gleichzeitig war sie auch Anlaufstelle für all jene, deren Module fehlerhaft waren und die repariert werden mussten.  

In ihrem Sortiment befanden sich verschiedenste Module, Drohnen, Cybertiere und Sams persönliches Spezialgebiet; Prothesen. 

Der Verkaufsraum war steril gehalten. An den Wänden gab es Vitrinen, in denen man einzelne Modelle sah, ansonsten gab es an jeder Wand einen Bildschirm, über den man das aktuell verfügbare Sortiment einsehen konnte. 

Hinter sich hörte sie eine Glocke, als Sam die Tür schloss. Danny ging weiter durch einen Durchgang in das Lager. Etliche Kisten waren in Regalen geräumt und beschriftet. Pakete, die noch sortiert werden mussten, lagen auf dem Boden.

Durch eine Tür auf der linken Seite betrat sie einen weiteren Raum, der unter anderem als ein Büro genutzt wurde. Sie hinkte weiter bis zu einer Liege, auf der sie sich mit einem schweren Seufzen niederließ und die Prothese von sich streckte. 

„Sagst du mir jetzt, was los ist? Warum trägst du dieses antike Ding?“ fragte Sam, die ihr gefolgt war und sie fordernd ansah. 

Danny sah hinunter auf ihre Prothese. Seit sie sich in den Wagen gesetzt hatte, hatte sie darüber nachgedacht, wie sie dieses Gespräch führen wollte. Die Wahrheit sagen? Wäre es besser, die genauen Umstände für sich zu behalten? Sie vertraute Sam, dennoch konnte man manche Dinge nicht zurücknehmen, sobald sie ausgesprochen waren. 

Schritte näherten sich und Sams Gesicht tauchte in ihrem Blickfeld auf, nachdem sie sich vor sie gehockt hatte. Ihr Blick war nicht schwer zu deuten.

Ernst. Besorgt. Fragend.

„Dan?“, versuchte sie es weiter, dieses Mal deutlich ruhiger. 

„Gab ’nen Überfall … kannst du dir das Ding ansehen und da was machen?“ 

„Ein Überfall? Geht es dir gut? Warst du bei der Polizei?“ Naheliegend Fragen, doch Danny schüttelte den Kopf und legte eine Hand auf die Schulter ihres Gegenübers. 

„Die Polizei wird mir nicht helfen. Bitte Sammy. Kannst du dir das einfach ansehen?“ Ansehen und keine weiteren Fragen stellen. Das würde ihr am meisten helfen. Noch immer war Danny nicht in der Lage, zu begreifen, was geschehen war oder die Gründe zu erklären. Das Einzige, was sie wusste, war, dass sie keine Zeit verlieren durfte. 

Sie sah das Zögern in den Augen von Sam, dennoch erhob sich ihre Freundin und wandte sich, um einen kleinen Rollcontainer heranzuholen. Darauf lagen verschiedene Werkzeuge und Ersatzteile. 

„Ich kann nichts versprechen. Das Ding gehört auf den Schrottplatz. Du hättest damit nicht fahren sollen.“ Natürlich hätte sie das nicht. Es war fahrlässig gewesen, aber sie wusste sich nicht anders zu helfen. Sam konnte ihr Schweigen als Zustimmung werten, als Danny sich weiter auf die Liege schob und hinlegte. Sofort spürte sie die einsetzende Ruhe und Erleichterung ihres Körpers. Jede Faser schrie nach einer Pause, die sie sich bisher verweigerte. Das Schließen der Augen war das einzige Zugeständnis, das Danny sich in diesem Moment geben konnte. Dabei nahm sie wahr, wie sich Sam mit der Prothese auseinandersetzte. Nicht nur wegen ihres sanften Zugs an ihrer Hüfte, sondern auch wegen des leisen Brummens und des unangenehmen Quietschens, als Metall über Metall rieb. 

Wenn ihr jemand helfen konnte, dieses Problem zumindest provisorisch zu lösen, dann war es Sam. Sie war eine hervorragende Technikerin und schaffte es, aus den hoffnungslosen Fällen noch etwas herauszuholen. Danny hatte ihr oft gesagt, dass sie ihr Talent nicht damit verschwenden sollte, diesen winzigen Laden zu führen und Toaster zu reparieren. Warum? Ich bin glücklich. War alles, was Sam immer wieder darauf antwortete. Außerdem sind es nicht nur Toaster. 

Ob es so war, vermochte Danny nicht zu sagen. Immerhin wusste sie aus eigener Erfahrung, wie schwierig es war, aus den Schatten herauszutreten, in die man hineingeboren worden war. Doch im Gegensatz zu Danny besaß Sam ein Talent, das sie in dieser Stadt weit bringen konnte. Hier, wo alles auf Technik und deren Gebrauch ausgelegt war, wo die Menschen abhängig davon waren und nach immer neuen Wegen suchten, sich das Leben zu erleichtern, konnte man damit zu einem wahren Star werden. 

Der Zug an ihrer Hüfte wurde stärker, dann hörte sie, wie Sam aufstand. Nur kurz öffnete Danny die Augen, einen Spalt und sah zu, wie die andere sich mit der Prothese entfernte, um zu ihrer Werkbank zu gehen. Danny wertete das als positives Zeichen. Denn es bedeutete, dass Sam eine Idee hatte. Hoffentlich. Denn mit dieser Einschränkung würde alles, was jetzt noch auf sie zukam, nicht leichter werden. Wenn nicht sogar unmöglich. 

Stille legte sich über sie. Die Hitze in dem Hinterzimmer, welches keine Fenster besaß, wirkte wie ein Backofen. Danny hatte das Gefühl, dass der Schweiß ihren Körper hinunterlief. Dass sie einen Kapuzenpulli trug, half der Sache nicht. Doch es war die beste Möglichkeit, um den provisorischen Verband an ihrem Handgelenk zu verbergen und sich unangenehmen Fragen zu entziehen. Danny wollte jede Art der Aufmerksamkeit vermeiden, auch wenn das bedeutete, hier in ihrem eigenen Schweiß zu brüten. 

Ein leises Brummen war im Hintergrund zu hören. Vielleicht ein Kühlschrank oder ein anderes Gerät, was schon in die Jahre gekommen war. Kleinteile fielen herunter. Sam schlug auf etwas ein. 

„Warum baust du dir nicht endlich eine Klimaanlage ein?“, fragte Danny schließlich und durchbrach die Stille. Nicht, weil es unangenehm war, sondern aus wirklichem Interesse. An mangelndem Können lag es nicht. 

„Und meine Rechnungen damit weiter in die Höhe treiben?“, fragte Sam. Es war kein Geheimnis, dass Energie teuer war. Doch war es deswegen besser, in dieser Hitze zu arbeiten? Dem konnte sie nichts abgewinnen, auch, wenn Danny generell die höheren Temperaturen vorzog. 

„Du bist der beste Techie, den ich kenne. Wenn du wollen würdest, dann würdest du eine Lösung finden.“

„Dann hast du doch deine Antwort. Ich will nicht.“ Danny kommentierte das mit einem Seufzen. Möglicherweise hatte Sam recht und sie versuchte nur ihre eigene Unzufriedenheit auszudrücken. 

Wieder wurde es still und Danny beschränkte sich darauf, Sam bei der Arbeit zuzuhören, während sich ihr Körper weiter entspannte. Schwere breitete sich aus und Danny konzentrierte sich auf das Gefühl des kühlen Plastiks unter sich. Nicht gemütlich, aber angenehm. Gerne würde sie hier liegen bleiben und nie wieder aufstehen. Ein Gefühl, welches sich in ihrer Wohnung nicht eingestellt hatte. Die Stille dort war bedrückender gewesen. Hier vermittelten all die Geräusche Sicherheit. Nicht zuletzt aber auch die Anwesenheit eines anderen Menschen, dem sie vertraute. 

Sie kannte Sam seit ihrer Schulzeit. Aufgewachsen im gleichen Viertel, mit ähnlich schlechten Karten, die das Leben ihnen zugeteilt hatte. Der Laden hatte früher Sams Vater gehört, von dem Sam alles gelernt hatte, was sie wusste. Ein Mann, der sich immer mehr für Maschinen interessiert hatte als für Menschen. Darin unterschied sich Sam von ihrem Vater. Sie hatte die vorlaute Klappe ihrer Mutter, die hinter einer Bar gearbeitet hatte und bei einer Schießerei ums Leben gekommen war. Ihr Vater hatte ihren Verlust nie verkraftet und war wenige Jahre nach ihr verstorben. 

Auch Sam hatte sich verändert. Sie war eigenbrötlerischer geworden. Zwar war es bislang nicht die verschrobene Art des Vaters, doch Danny vermisste den lebensfrohen Sonnenschein, der sie einmal gewesen war. 

„Hey … willst du nicht lieber hoch in meine Wohnung? Da ist es kühler und du kannst schlafen“, riss Sams leise Stimme sie aus ihren Gedanken. Danny atmete tief ein und öffnete die Augen halb, während Sam ihr eine Hand auf die Schulter legte und neben der Liege hockte. 

Es war ein verlockendes Angebot. 

„Konntest du etwas machen?“ 

„Nicht so viel, wie du vielleicht gerne hättest“, räumte Sam ein. Sie setzte sich auf einen kleinen Rollhocker und Danny drückte sich mühsam wieder in eine aufrechte Position, damit sie sich das Ergebnis ansehen konnte.

„Ich konnte die Größe etwas anpassen, damit kannst du leichter laufen. Aber, wie gesagt, eigentlich gehört das auf den Schrott. Um ein Gelenk einzubauen, benötige ich mehr Zeit und dann kannst du dir auch gleich etwas Neues holen. An dem Gewicht kann ich leider auch nicht verändern. Ist massiv gebaut“, erklärte Sam und legte die Prothese wieder auf die Liege, um sie erneut anzubringen.  

„Wenn du mir etwas Zeit gibst, dann kann ich dir eine Alternative beschaffen. Für etwas, das mit deiner alten Prothese vergleichbar ist, benötige ich allerdings mehr Zeit. Das Material ist schwer zu beschaffen. Die, die ich momentan hier habe, werden dir nicht passen. Wenn du über eine offizielle Stelle gehst, wäre es sicher einfacher.“ Das war richtig, gerade, aber nicht möglich. Danny nickte und hüllte sich weiter in Schweigen. 

Die Prothese war schnell eingesetzt, auch wenn das Ergebnis nicht das war, was Danny sich erhofft hatte. Die Größenanpassung war besser als nichts, und so hoffte Danny, dass sie damit wenigstens weniger auffallen würde. Dieser Tage war ein stockender Gang auffälliger als eine Prothese, ganz gleich, wie alt und minderwertig sie war. 

„Es wird schon gehen, danke.“ Sie war dankbar. Vor allem, weil Sam nicht weiterbohrte. Ihr Misstrauen und ihre Sorge waren deutlich zu spüren, und doch bedrängte sie Danny nicht mit Fragen oder verlangte Antworten. 

Das Einzige, was Sam tat, mit verschränkten Armen ein Stück zurückzurollen, um ihre Beine zu strecken. 

„Sagst du mir wenigstens, ob ich mir ernsthafte Sorgen machen muss oder nicht?“ 

Danny drehte sich auf der Liege und schob sich an den Rand, wich aber noch immer dem Blick ihrer Freundin aus. Sie fühle sich nicht wohl damit, Sam nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Doch je weniger sie wusste, umso besser war es aus Dannys Sicht. Sie wollte nicht, dass Sam auch noch in Schwierigkeiten geriet, solange sie nicht wusste, womit genau sie es zu tun hatte. 

„Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.“ So viel konnte sie sagen. Es war nicht einzuschätzen, wie schlimm die Situation wirklich war. Noch hielt sie sich an der Hoffnung fest, dass alles gar nicht so dramatisch war, wie es sich anfühlte. 

„Kannst du mir etwas versprechen?“ Danny hob den Blick, damit sie Sam ansehen konnte. Ihre Miene war ernst und angespannter als zuvor. 

„Lass dir helfen, wenn du allein nicht weiterkommst.“

Elaine

Sie betrat den kleinen Imbiss, in dem Pommes mit verschiedenen Toppings angeboten wurden. Soßen, Zwiebeln, Käse, Tofu. Die Auswahl war groß, doch schien das keine Kunden anzulocken. Nur ein Bauarbeiter saß in einer Ecke an einem viel zu kleinen Tisch und kaute gelangweilt auf seinen Pommes herum. 

Auch Elaine interessierte sich nicht für die Auswahl, so wie der Mann hinter der Theke sich nicht für Elaine interessierte. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen und starrte auf einen Bildschirm, auf dem eine Sportsendung lief. Sie ging an der Theke vorbei und folgte den Schildern, die sie zu den Toiletten im hinteren Teil des Imbisses führten. Dort betrat sie das Damen-WC. Es gab einen winzigen Vorraum mit einem Waschbecken, unter dem ein Mülleimer stand, der dringend wieder geleert werden musste. Auch dem Spiegel würde eine Reinigung guttun. 

Elaine ging weiter in die winzige Toilette und schloss die Tür hinter sich, verzichtete aber darauf, sie zu verriegeln. Man konnte sich gerade so um sich selbst drehen, während der Uringeruch unangenehm in der Nase brannte. Sie drehte sich nach links. Die Fliesen der Toilette waren mit Stickern und verschiedenen Schriftzügen beschmiert. Ihre Finger legten sich auf die Fliese, auf der eine Krone mit schwarzen, dicken Linien zu sehen war. Leicht drückte sie auf die Fliese, die sich um wenige Millimeter nach hinten verschob und einen Mechanismus auslöste. Sie spürte das leichte klicken und musste dann einen Moment warten. Dann zog sich Teil der Wand zur Seite, wie eine elektronische Schiebetür, und gab den Weg zu einem besser riechenden Gang frei. 

Elaine schob sich durch die Öffnung und lief den Gang entlang, bis sie den Empfangsbereich erreichte. 

„Ist es wirklich nötig, dass dieses Klo so sehr stinkt?“, fragte sie Grace, die schmunzelnd den Blick hob. Sie saß hinter dem Empfang und kümmerte sich um einen reibungslosen Ablauf innerhalb der Praxis. Die Räume waren in hellen, freundlichen Tönen gehalten. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und Minze vermischte sich miteinander. 

„Je mehr es stinkt, umso weniger wird man sich umsehen wollen, falls man doch mal nach uns suchen sollte“, entgegnete Grace. Nicht, dass das wirklich nötig war. Durch einen Bewegungsmelder wurde Grace sofort benachrichtigt, sobald jemand die Toilette betrat. Sie war diejenige, die die Tür freigab, wenn jemand den Mechanismus betätigte. Den Gestank fand Elaine übertrieben, aber wenn es der Sicherheit aller diente, hatte es Priorität. 

„Es sind bereits zwei Patienten da.“ 

„Gib mir zehn Minuten, dann kannst du den Ersten reinschicken.“ Sie ging weiter den Gang entlang. Auf der linken Seite beim Empfang befand sich ein Wartezimmer. Weiter durch drei Behandlungsräume und ein kleines Labor. Dazu kamen noch die Personalräume; Pausenraum und Toiletten, so wie das Lager für Medikamente und alle anderen medizinischen Gebrauchsgüter. 

In ihrem Behandlungszimmer schaltete Elaine das Licht ein und stellte ihre Tasche in einen Schrank hinter dem Schreibtisch. Dort setzte sie sich, nachdem sie den Kittel von ihrer Stuhllehne genommen und übergezogen hatte und schaltete den Bildschirm ein. Zunächst wollte sie sich einen Überblick über ihre Termine verschaffen. Damit niemandem auffiel, wie beliebt die Toilette des Imbisses war, wurden die Termine und Sprechstunden mit Abständen vergeben. Sie benötigten zusätzliche Räumlichkeiten, doch das Umsetzen war eine Herausforderung. Fast unmöglich. Dass sie überhaupt diesen Ort aufgetan hatten, war ein absoluter Glücksfall gewesen. Ursprünglich war das hier einmal ein geheimer Club gewesen. Andrew hatte von einem Kollegen erfahren, dass es den Club gab und dieser nicht verstand, warum solch ein gutes Konzept nicht besser lief und der Besitzer den Laden schließen musste. Die Antwort darauf hatte Elaine erhalten, als sie den Besitzer getroffen und ihm in die Augen geblickt hatte. Sein Blick war völlig verschleiert gewesen und sie hätte darauf gewettet, dass er noch am selben Tag des Deals einen Großteil des Geldes in Drogen und Alkohol investiert hatte. 

Der Imbissbesitzer verdiente gutes Geld damit, dass ihm egal war, was hinter seinem Laden passierte, und für Elaine war es die rettende Möglichkeit gewesen, um ihr Projekt endlich richtig umzusetzen. Am Ende gewannen sie alle und heute war ihre Praxis eine etablierte Institution. 

Warum es nötig war, dass es ihre Praxis gab, lag an dem Gesundheitssystem, welches nicht wieder richtig aufgebaut worden war. Es war beim Aufbau der Stadt verkümmert. Was es notwendig gemacht hatte, mit den vorhandenen Medikamenten zu haushalten, und durch strenge Richtlinien kontrolliert worden war. Bis zur Korruption war es kein langer Weg gewesen. Wer einem Arzt etwas bieten konnte, dem wurde auch geholfen. 

Heute gab es zwar wieder ausreichend Medikamente, doch das System war unverändert. Um Medikamente oder medizinische Versorgung zu erhalten, muss man zahlen. Es gab eine Versicherung, die mehr Schein als sein war. Selbst die Basisversorgung war für viele Menschen zu teuer und deckte gleichzeitig nicht alles ab. Im Zweifel könnte es passieren, dass trotz einer Versicherung nicht alles unternommen wurde, um ein Leben zu retten.

 Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Doch Elaine war nicht gewillt, diesen Kampf aufzugeben. Nicht, nachdem sie so weit gekommen waren. 

Ihr Blick ging in die obere, rechte Ecke des Bildschirmes, als sie ein Signal hörte das ihr anzeigte, dass Grace ihr den ersten Patienten des Tages reinschicken würde.

Danny

„Hier ist es?“ Sam drückte Danny zurück auf den Sitz, als sie sich an ihr vorbei lehnte, um besser aus dem Fenster der Beifahrertür sehen zu können. Danny hatte versucht, Sam auszureden, sie zu fahren, doch ihre Freundin hatte nicht mit sich reden lassen. Stattdessen wurde ihr mitgeteilt, auf wie viele verschiedene Weisen sie einen Unfall erleiden könnte. 

Es war nicht angenehm für Danny, von anderen abhängig zu sein. Dennoch war sie gegen ihre Freundin nicht angekommen. Jetzt standen sie vor einer Bar, die einen exklusiven Eindruck machte. 

„Mhm“, machte sie nachdenklich, während sie die Menschen betrachtete, die hineingingen. Das war nicht ihre Liga und nicht das, was Danny erwartet hatte. Sie hatte damit gerechnet, bei einem schäbigen Hotel oder einem zwielichtigen Club zu landen. Eine Gasse, in der Drogen verkauft wurden. Dort, wo sich der Abschaum der Stadt gern aufhielt. 

„Die werden dich nicht reinlassen.“ 

Danny sah an sich herab und rümpfte die Nase. Neben ihrem Kapuzenpulli trug sie Shorts, bei denen ein Bein deutlich kürzer war, damit sie die Prothese ohne Probleme anbringen konnte und dafür nicht die Hose ausziehen musste. Dieses Relikt und die Tatsache zu verbergen, woher sie kam, waren auf diese Weise unmöglich.  

Abgerundet wurde das Outfit mit ihren zerschlissenen Sneakern, die schon bessere Tage gesehen hatten. 

„Hm.“

„Warum genau sind wir noch einmal hier?“ Sam drehte sich etwas, um sie besser ansehen zu können, während Danny Mühe hatte, ihrem Blick auszuweichen. Sie schürzte die Lippen und dachte darüber nach, was sie machen sollte. Das hier war die Adresse, die auf dem Zettel gestanden hatte, den man ihr auf den Bauch geklebt hatte. Doch wie sollte sie hereinkommen, um das Treffen wahrnehmen zu können? Selbst, wenn ihnen ihre Kleidung egal wäre, wäre Danny mit der Wahrscheinlichkeit konfrontiert, dass ihre Identität geprüft werden würde. Teure Läden wussten gern, wer zu ihren Kunden gehörte. 

Allerdings wusste der Kerl, der auf sie wartete, um ihre Situation. Es würde keinen Sinn ergeben, sie in ein offenes Messer laufen zu lassen. 

„Ein möglicher Job. Ich gehe kurz nachsehen.“ Mühsam stieg sie aus dem Wagen und sah sich noch einmal um. Es passte nicht zusammen und ergab keinen Sinn. Dennoch würde sie keine Antworten erhalten, wenn sie hier herumstand und sich nur wunderte.

„Soll ich nicht lieber mitkommen?“ Danny drehte sich um und blickte Sam an, die halb ausgestiegen war und sich mit den Armen auf dem Dach des Wagens abstützte. Um das zu schaffen stand sie auf dem Rahmen der Tür, da sie sonst zu klein gewesen wäre, um Danny überhaupt sehen zu können.

„Pass einfach auf den Wagen auf, okay?“  

Sie wartete, bis Sam tat, worum Danny sie gebeten hatte, und zurück in den Wagen stieg. Erst dann wandte sich Danny um und ging langsam auf die Bar zu. Durch die offenen Türen drang leise Soulmusik heraus. Die Fenster waren offen und dennoch umfing Danny eine angenehme Kälte, als sie der Tür entgegenging.  

Hätte sie gewusst, wo sich die Adresse befand, dann hätte sie zumindest darüber nachgedacht, sich etwas Passendes anzuziehen. Stattdessen fiel sie auf, wie ein bunter Hund, zwischen all den gut gekleideten Leuten in ihrem Designerzwirn. Es half allerdings nicht, sich weiter Gedanken zu machen. Wenn sie den Termin wahrnehmen und verstehen wollte, was hier vor sich ging, war sie gezwungen, hineinzugehen. 

Mit den Händen in ihrer Bauchtasche betrat sie die Bar, als bereits eine junge Frau neben ihr auftauchte. Sie gab sich nicht einmal Mühe, den Blick zu verbergen, mit dem sie an Danny entlangwanderte. Unterstrichen wurde diese Geste von dem abschätzigen Ton, den sie in ihre Stimme legte. 

„Ja?“ 

„Hallo … ich bin hier, um … Eden zu sprechen?“ Möglicherweise konnte sie damit etwas anfangen und wenn nicht, würde Danny hier nicht weiterkommen. Immerhin war sie nicht in der Lage, die Person zu identifizieren, die sie treffen sollte. 

Wieder wurde sie schweigend gemustert, dann machte die andere eine leichte Kopfbewegung und wandte sich ab. 

„Folgen Sie mir.“ 

Es blieb Danny keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie einfach es am Ende war. Um Schritt zu halten, musste sich Danny bemühen, da sie gleichzeitig nicht hinken wollte. Was schwer war, denn die andere Frau nahm darauf keine Rücksicht. Sie lief an der Bar vorbei und führte Danny in den hinteren Teil der Räumlichkeiten. Entlang verschiedener Türen, bis sie vor einer innehielt. 

Der Gang war nur schwach beleuchtet, gehörte aber noch zum öffentlichen Bereich. Rückzugsräume, die man nutzen konnte, wenn man ein ruhigeres Ambiente bevorzugte. 

Die Frau klopfte an die Türe, die sich wenig später aufschob. Sie gab den Blick auf einen kleinen Raum frei, Sitzbänke führten an der Wand entlang, ein kleiner Tisch befand sich in der Mitte, auf dem Gläser und Getränke standen. 

„Ihr Gast ist da“, wurde Danny angekündigt. Sie vernahm leise Stimmen, bevor ein hochgewachsener Mann den Raum verließ. Er trug einen eleganten Anzug, würdigte sie keines Blickes und begab sich zurück in den offenen Barbereich. Das Gleiche tat die Frau, die Danny hierhergebracht hatte. Nicht ohne erneut einen abweisenden Blick auf sie zu werfen. 

„Komm rein.“ 

Sie drehte den Kopf und zog erstaunt ihre Brauen zusammen. Aber ihr Verdacht bestätigte sich erst, als sie durch die Tür trat und einen Blick in den Raum warf. Dort saß eine schwarzhaarige Frau, kleiner als Danny und etwas älter als sie. Eden trug eine weiße Bluse, eine elegante Stoffhose sowie High Heels. Eine Frau, der man ihren Wohlstand ansah. Besonders auffallend waren ihre unnatürlich grünen Augen.

„Setz dich.“ Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen, während ein Arm über der Sitzbank lag. Ihre gesamte Erscheinung wirkte entspannt, dennoch fühlte sich Danny unwohl. Das freundliche Lächeln konnte nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass hier etwas komisch war. Wie sollte das alles zusammenpassen? 

Noch einmal blickte sie über ihre Schulter. Niemand war auf dem Gang zu sehen und die leise Musik vermittelte eine entspannte Atmosphäre. Danny war alles andere als entspannt. Dennoch betrat sie den Raum, um sich der anderen Frau gegenüberzusetzen. Ihre Prothese musste sie blieb bei jeder Bewegung gestreckt und zwang Danny zu stockenden Bewegungsabläufen. Dabei konnte sie spüren, wie jede ihrer Bewegungen beobachtet wurde. 

Danny lehnte sich zurück, hielt die Hände weiter in ihrer Bauchtasche und musterte ihr Gegenüber. Laut der Mitteilung war sie diejenige, die für den Überfall verantwortlich war. Deswegen sah Danny Eden in der Bringschuld und erwartete, dass sie sich erklärte. 

Die Erklärung kam nicht sofort. Eden schwenkte ihr Glas und trank einen Schluck. Wahrscheinlich handelt es sich um einen teuren Alkohol, den Danny sich niemals würde leisten können. 

„Ich entschuldige mich für die unerfreuliche Nacht. Du kannst es ihnen hoffentlich nachsehen, sie wissen es nicht besser.“ Während sie sprach, zeigte sich ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen. Als ginge es nur darum, dass man sich in einer Diskussion im Ton vergriffen hatte. 

„Klar, wenn ich jetzt meine Sachen wiederbekomme.“ Es war unkompliziert, denn eine Anzeige würde es nicht geben. Danny wäre damit zufrieden, wenn sie ihre Sachen bekam und wieder gehen könnte. 

„Ich befürchte, so einfach ist es nicht.“ 

„Ach nein?“ Die patzige Antwort konnte sich Danny nicht verkneifen. Sie war verärgert und hatte keine Geduld, hier lange, um den heißen Brei herumzureden. 

„Nein. Immerhin habe ich deine Schulden ausgelöst. Und ich erwarte, dass sie zurückgezahlt werden. Sieh deine Sachen als Pfand, das ich mir nehmen musste, um sicherzugehen, dass du das auch tust.“ 

Verständnislos schüttelte Danny den Kopf. Sie hatte keine Schulden. Egal, wie schwer es war, achtete sie akribisch darauf, nirgendwo offene Rechnungen zu haben, um sich vor solchen Abhängigkeitsverhältnissen zu schützen. 

„Ich habe keine Schulden.“ 

„Das sieht mein Kontakt anders. Du hast eine stolze Summe angesammelt. Er hat mit Freuden an mich verkauft, um sein Geld wiederzusehen. Und ich stelle nun die Bedingungen, um mein Geld zurückzubekommen. Du wirst für mich arbeiten und solltest dich glücklich schätzen, dass ich deine Schulden aufgekauft habe. Es hätte dich auch anders erwischen können.“ Sie sagte es, als sei es etwas Gutes und als sollte Danny dankbar dafür sein, was ihr hier passierte. Es war lachhaft und alles, was Danny tun konnte, war wieder den Kopf zu schütteln. Miststück. Aber sie konnte nicht einfach über den Tisch kriechen und ihr an die Kehle gehen. Das würde ihr Problem nicht lösen. 

„Welchem Idioten hast du Geld gegeben? Du bist verarscht worden. Ich habe bei niemandem Schulden, das habe ich schon gesagt“, versuchte Danny es erneut. Sie wusste, dass es gleichgültig war, was sie hier zu sagen hatte. Denn egal, was vorgefallen war, sie hatte ihre ID verloren und war somit von der anderen abhängig. 

Danny stützte sich auf den Knien ab und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Nachdem der Schwindel endlich nachgelassen hatte, wurde ihr nun schlecht. Was passierte hier?

„Danielle Martin, 29 Jahre, Barkeeperin, Tagelöhnerin … Mutter, Eduarda Martin … ein Bruder Asher Martin. Meist verwendeter Kontakt Samantha Atherton und Hudson Delivery. Ein Arbeitsunfall vor 8 Jahren, nach dem das rechte Bein ersetzt werden musste. Keine offiziellen Beziehungen. Verließ die Hudson Academy nach dem Grundabschluss und verzichtete auf ein aufbauendes Studium “, zählte die andere als Antwort auf. Danny schüttelte den Kopf, als könne sie die gesagten Worte so an sich abprallen lassen. 

„Du hast meine ID ausgelesen. Tolle Leistung! Jeder gute Hacker kann das.“ Wenn Eden den Chip besaß, war das Ganze sogar noch einfacher. Jetzt ihren Lebenslauf aufzusagen, war nicht das, was Danny überzeugen würde.

„Nenn es, wie du möchtest. Es ist unerheblich. Mein Angebot an dich ist, dass du deine Schulden bequem bei mir abarbeitest. Nichts Anspruchsvolles. Du wirst von mir die nötige Ausstattung erhalten. Natürlich kannst du auch ablehnen, doch dann werde ich das Pfand einbehalten.“ 

Sie wollte es so darstellen, als hätte Danny eine Wahl. Doch die hatte sie nicht. Was sollte sie machen, ohne ihre ID? Gab es eine Alternative? Sollte sie doch zur Polizei gehen? Doch nun, da Danny wusste, wer dahintersteckte, war sie nicht mehr in der Lage, Unterstützung zu erwarten. Eden war eine Frau der Oberschicht. Mit ihren finanziellen Mitteln könnte sie einen Prozess in die Länge ziehen oder gleich ihren Einfluss geltend machen.

Danny hielt den Blick gesenkt, nachdem sie die Hände in ihren Nacken geschoben hatte. Dabei starrte sie auf den Boden. Ein dunkler Teppich, der so sauber war, dass er regelmäßig gereinigt werden musste. Danny fragte sich, wie weich er wohl war und wie es anfühlte, darauf zu liegen. 

„Es war sicher viel. Ich mache dir einen Vorschlag. Fahr nach Hause, ich kann dir einen Wagen kommen lassen und die Kosten übernehmen. Schlaf etwas und lass es mich wissen, wenn du bereit bist anzufangen.“ Danny hörte, wie Eden etwas auf den Tisch stellte. Vermutlich ihr Glas. Dann hörte sie, wie die Tür sich aufschob. Das sanfte Gleiten der Schiene durch die metallene Führung. 

Das Gespräch war beendet, was durch den Schatten unterstrichen wurde, der in der Tür auftauchte. Der Mann, der zuvor den Raum verlassen hatte, war wieder zurück. Es blieb Danny nichts anderes übrig, als sich erneut auf die Beine zu kämpfen. Sie ging zur Tür, wobei sich an der anderen vorbeischob und kurz zu ihr hinunter sah. Es war faszinierend. Obwohl sie kleiner war als Danny, strahlte sie etwas Bedrohliches aus. 

„Ich benötige keinen Wagen“, ließ sie Eden wissen. Auch wenn Sam nicht an der Bar warten würde, wäre Danny gewiss nicht bereit, etwas von ihr zu akzeptieren. 

„Wie du meinst. Bis bald, Danielle.“

Elaine

Langsam schwenkte sie ihr Glas und betrachtete die rote Flüssigkeit. Auf dem Tisch lagen Stäbchen und auf einer Platte befanden sich die Reste des Sushi, welches sie sich hatten kommen lassen. 

Elaine schlug ein Bein über das andere, während sie sich entspannt zurücklehnte. Die Bluse war bereits aus der Hose gezogen und ihre Ärmel waren hochgeschlagen. Ihre Schuhe lagen unter dem Tisch verteilt. 

„Und dann fragte er mich tatsächlich, ob ich nicht einfach Zuhause bleiben möchte. Sicher hätte ich einen Mann, der gutes Geld nach Hause bringt und sich um mich kümmert. Ich müsse doch nicht mehr arbeiten und könnte es einfacher haben.“ Grace erzählte es mit einem Lächeln auf den Lippen, doch Elaine wusste, dass viele es kritisch sahen, dass sie allein lebte. Immer wieder musste sie darüber reden, dass sie nicht mehr ihren unbedeutenden Job machen müsste. Immerhin war sie keine Ärztin oder hatte einen anderen Hoch angesehenen Posten. Es wäre besser, wenn sie endlich heiraten und Kinder bekommen würde. Eine bessere Dienstleistung für die Gesellschaft als das, was sie gerade tat. Grace war zufrieden mit ihrem Leben und glücklicherweise selbstbewusst genug, um sich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Eine Kombination, die von vielen Menschen nicht ertragen wurde. 

„Du könntest es einfacher haben“, stimmte Elaine der Aussage schmunzelnd zu und trank einen Schluck von ihrem Wein. 

„Wir könnten es alle einfacher haben. Und trotzdem haben wir uns für dieses Projekt entschieden.“ So kehrten sie nun vom entspannten Teil des Abends zur Arbeit zurück. Sie hatten das Thema aufgeschoben, obwohl sie noch immer in der Praxis saßen. 

„Weil es das Richtige ist“, stimmte Elaine ihr zu und lächelte schwach. Das Beste, was man in dieser Lage tun konnte, war, wenigstens ein wenig Linderung in der Stadt zu verschaffen. Obwohl es sich inzwischen, wie ein Tropfen auf den heißen Stein an, der noch verdunstete, ehe er den Stein berührt hatte. 

„Das ist es. Doch der Bedarf wird größer. Zu wenige Ärzte, zu wenig Ressourcen und Raum. Früher gingen Menschen nicht in Kliniken, weil sie wussten, dass sie sich keine Behandlung leisten konnten. Jetzt gehen sie in der Hoffnung, jemanden zu treffen, der ihnen helfen kann. Jemanden, der ihnen einen Termin bei uns verschaffen kann. Es gibt ihnen Hoffnung und nimmt sie ihnen im selben Moment“, beschrieb Grace die Situation. Schon oft hatten sie darüber nachgedacht, ob sie die Behandlungen ohne Termine durchführen sollten. Doch in diesem Fall würden sie überrannt werden. Termine waren die einzige Möglichkeit den Zustrom zu regulieren und Sicherheit zu gewährleisten.

Elaine nahm einen weiteren Schluck ihres Weines. Erst danach zog sie den schmalen Stab hervor und drückte auf einen kleinen Knopf am oberen Ende. Durch das Einschalten des Tablets ließ sich der Bildschirm herausziehen. Auf dem transparenten Material öffneten sich die verschiedenen Anwendungen, die sie mit ihrem OM verbinden konnte. Da sie nicht an einem Meeting teilnahm, sondern gemeinsam mit Grace am Tisch saß, entschied sie sich dafür, lediglich den Ordner mit ihren Statistiken zu öffnen. 

„Die Zahl unserer neuen Patienten ist signifikant gestiegen. Und wir müssen bedenken, dass die Praxis bekannter wird und Menschen nicht nur über die Krankenhäuser zu uns kommen“, fasste Elaine die Situation zusammen. Es kam häufig vor, dass Menschen ohne Termin in der schäbigen Toilette standen und auf Hilfe warteten. Nicht immer gewährte Grace ihnen Einlass. Das geschah nur, wenn sie offensichtliche Verletzungen oder Beeinträchtigungen hatten.

„Ich sage es ungern, doch das sehe ich als Sicherheitsrisiko. Wie können wir ausschließen, dass es sich nicht eines Tages zu falschen Leuten herumspricht?“ 

„Das glaube ich nicht.“ Dieses Projekt brachte viele Risiken mit sich. Das, was Grace beschrieb, war aus Elaines Sicht keines davon. „Die Menschen sind auf uns angewiesen. Ihnen ist klar, dass wir hier etwas Illegales machen und man die Praxis schließen wird, sollte es herauskommen. Sie würden lediglich sich selbst schaden.“ Sie waren auf ihre Hilfe angewiesen. Nicht alle, aber besonders die mit Kindern, waren von ihnen abhängig. Man schützte, was man benötigte. Es gab zwar keine Garantie dafür, dass jemand eines Tages etwas aus dieser Information herausholen wollen würde. Doch sie glaubte eher, dass sie dabei aufflogen, wie sie illegal Medikamente besorgten, als dass einer ihrer Patienten sie verraten würde. 

„Es mag sein, aber mit zunehmender Größe steigt das Risiko, dem wir ausgesetzt sind. Du weißt, alle lieben ihren Job, aber …“ Elaine hob den Blick von ihrem Tablet und sah Grace forschend an. Zwar hatte Elaine das Projekt ins Leben gerufen, doch Grace war diejenige, die es vor Ort koordinierte. Trotz regelmäßiger Meetings war Elaine nicht zwangsläufig die erste Ansprechpartnerin für das Team. Grace war die gute Seele der Praxis. 

„Du weißt aus eigener Erfahrung, was es für eine Belastung ist, neben dem Job. Manche haben Familien. Und sie machen sich Sorgen.“

„Wollen sie aussteigen?“, hakte Elaine nach. War es das, was sie ihr zwischen den Zeilen sagen wollte? Wenn es so war, hatten sie ein Problem. Sie alle verdienten kein Geld in der Praxis, taten es ehrenamtlich. Deswegen mussten sie in ihren eigentlichen Jobs beschäftigt bleiben. Niemand konnte Vollzeit in der Praxis arbeiten. Sollten jetzt Kollegen abspringen, dann würde ihre fragile Struktur zusammenbrechen.

Sie hatte geglaubt, es wäre nur ein logistisches Problem und eine Frage, wie man das Risiko eindämmen und einfacher an Medikamente kommen könnte. Jetzt stellte sich heraus, dass ihr möglicherweise auch das Personal fehlen könnte, um weiterzumachen. 

„Das hat niemand gesagt. Aber sie alle sehen, wie wir auch, dass es mit dem steigenden Bedarf nicht einfacher wird und das Risiko steigt.“ Unter diesen Umständen reichte es, wenn es als Stimmung spürbar wurde und in der Gruppe Distanz erzeugte. Distanz zueinander, zu dem Projekt. Eine zusätzliche Herausforderung, die man bewältigen musste. Es war ihr nicht möglich, das Projekt ohne ihre Kollegen zu realisieren. Und um ihre Kollegen zu halten, brauchte sie Sicherheit. Wie könnte Elaine von Vätern oder Müttern verlangen, dass sie ihre Familien in Gefahr brachten? 

Sie alle nutzten die Möglichkeiten zur optischen Veränderung, so weit es möglich war. Perücken. Kontaktlinsen. Weiterhin arbeiteten sie alle unter einem Pseudonym, um keine Rückschlüsse auf ihre wahre Identität zu hinterlassen. Doch völlige Sicherheit gab es dennoch nicht.

„Ich verstehe“, war die nachdenkliche Antwort. Elaine musste zunächst sacken lassen, was sie gehört hatte, auch wenn ihr vieles nicht unbekannt war. Frustrierender war für sie, dass sie noch keine Lösung gefunden hatte. Sie war bisher beruflich auf wenige Widerstände gestoßen und wenn, dann hat sie diese immer überwunden. 

„Hey, wir finden schon eine Lösung. Auch wenn es etwas länger dauert.“

„Möglicherweise“, stimmte Elaine zu, obwohl sie nicht gänzlich davon überzeugt war. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie beide keine Ahnung, wie eine Lösung aussehen sollte.

„Da ist er wieder“, drang es fast schon belustigt über Graces Lippen. Elaine zog die Brauen zusammen und betrachtete ihre Freundin, die ein wissendes Lächeln auf ihren Lippen zeigte. 

„Was?“, hakte sie nach, da sie nicht verstand, was sie meinte. 

„Dieser Ausdruck in deinem Gesicht. Du hast ihn immer, wenn du dich in etwas verbeißt. Und man dir sagt, dass du etwas nicht haben kannst.“ 

Elaine schüttelte den Kopf und betrachtete dabei, wie Grace noch ein Stück Sushi aß. Vielleicht hatte sie recht. Auch wenn Elaine nicht sagen würde, dass sie Grenzen nicht anerkennen könnte. Es hing davon ab, wie sinnvoll ihr diese Grenzen erschienen. 

„Ich werde eine Lösung finden. Diese Menschen verlassen sich auf uns.“ Elaine hatte nicht vor, es einfach zu beenden, um die Menschen dann wieder sich selbst zu überlassen. Manchmal glaubte sie, dass sie bessere Chancen auf Veränderung hätte, wäre sie in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Politik konnte etwas verändern, sie hatte Macht. Doch es war nie ihre Welt gewesen. Dazu hatte sie zu viel davon mitbekommen, wie ihr Vater gearbeitet hatte. 

„Mach nicht den Fehler und bürde dir den Schmerz der Welt auf deine Schultern. Das ist nicht gesund.“ Manchmal klang Grace wie eine mahnende Mutter. Sie war ein besserer Mensch als die meisten, die Elaine kannte. Elaine selbst eingeschlossen.

„Jemand muss es tun“, wandte sie ein. Ein Satz, der leicht ausgesprochen war. Sie hatte ihn in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt, wenn es um das Projekt gegangen war. In Gesprächen mit Andrew, aber auch mit Grace. 

Jemand musste sich um diese Themen kümmern, wenn die Politik es nicht tat. Die Alternative wäre es, die Probleme zu ignorieren und diese Stadt weiter zugrunde gehen zu lassen.

Grace wollte etwas erwidern, aber sie wurde von einem Signal unterbrochen.

„Erwarten wir noch Patienten?“, fragte sie und Grace schüttelte den Kopf, als sie bereits aufgestanden war und Elaine’s Büro verlassen hatte, um sich dem anzunehmen. Vor zwei Stunden waren die letzten Patienten gegangen. Eigentlich war die Praxis geschlossen und die Menschen sollten wissen, dass es keine Notfallsprechstunden gab. 

Danny

Danny kämpfte gegen den Würgereiz. Diese Toilette war widerlich. Das als Vorhof zu einer Praxis erschloss sich ihr nicht. Hatte man keine Sorge, dass die Menschen sich bei der Wartezeit hier drinnen noch etwas anderes einfingen, was man anschließend behandeln musste? Die Sommerhitze verstärkte den Effekt noch einmal. Es schien, als ob ihre Haut unangenehm klebte. Eine dicke Schicht aus Schweiß und anderen Ablagerungen. 

Noch einmal drückte sie auf die Fliese. Sie wusste, dass die Praxis eigentlich nicht mehr geöffnet hatte. Doch es war die einzige Möglichkeit, ihre Wunde behandeln zu lassen. In den vergangenen Stunden war der Schmerz immer stärker geworden, Danny fühlte sich, als würde ihr Handgelenk verglühen, während der Schmerz sich weiter über ihre Hand und ihren Arm zog. Der provisorische Verband war von Blut, Wundflüssigkeit und Schweiß durchweicht. Doch diese Praxis war der einzige Ort, der sie nicht melden würde, weil sie keine gültige ID besaß. 

Vorausgesetzt, man würde sie hereinlassen und es war noch jemand vor Ort. Sam dazu zu überreden, sie nach dem Gespräch mit Eden noch hier vorbeizufahren, war keine Kunst gewesen. Sie hatte erklärt, dass sie sich nach dem Überfall durchchecken lassen wollte. Zur Sicherheit. Sam hatte es als die erste, vernünftige Entscheidung des Tages betitelt. Danny konnte ihr nicht widersprechen. Allerdings, sollte sie niemanden in die Praxis lassen, würde Danny noch länger in dieser Toilette bleiben müssen, um Sam wenigstens glauben zu lassen, dass man ihr geholfen hätte. Sie wollte mit ihr nicht darüber diskutieren, warum sie nicht in ein Krankenhaus fahren wollte.

Glücklicherweise schien dies nicht notwendig zu sein. Ein leises, metallisches Geräusch war zu hören, dann zog sich eine Tür zur Seite. Danny schob sich erleichtert durch den schmalen Durchgang in die kühlen Räume.  Sie hinkte den Gang entlang, bis sie am Empfang zum Stehen kam und sich dort auf dem Tresen abstützen konnte. 

„Meine Liebe, wir haben bereits geschlossen“, sagte die Frau. Danny schätzte sie auf Ende 50. Noch nie hatte sie jemand anderen am Empfang sitzen sehen. Und eigentlich hatte die Frau immer eine freundliche und warme Ausstrahlung gehabt. Heute wirkte sie streng und distanziert. 

„Ich weiß, tut mir leid“, sagte sie. Eine Entschuldigung war hoffentlich der erste Schritt, um die andere milde zu stimmen und Hilfe zu erhalten. Niemand war verpflichtet, ihr entgegenzukommen, da dies eine ehrenamtliche Angelegenheit war. Eine, die für viele Menschen die einzige Chance war, zu überleben. Danny brachte ihre Mutter regelmäßig hierher, um ihren Zustand zu beobachten und neue Medikamente zu erhalten. Obwohl sie nicht immer die passenden Medikamente vorrätig hatten, war es eine große Entlastung für Danny, überhaupt einige kostenlose Medikamente zusätzlich zu erhalten. 

„Ich habe es selbst versucht, aber … ich glaube, das ist nicht so gut geworden“, erklärte Danny weiter und zog den Ärmel ihres Pullis hinauf, um ihr Handgelenk mit dem dreckigen Verband vorzuzeigen. „Mir kann sonst niemand helfen“, setzte sie nach, auch wenn eine Erklärung nicht nötig gewesen war. Sie konnte bereits erkennen, wie sich der Gesichtsausdruck ihres Gegenübers veränderte. Dann wandte sie den Blick von Danny ab, um an ihr vorbeizusehen. 

„Hast du noch Zeit?“, fragte sie und Danny drehte sich ebenfalls um, damit sie der Ärztin entgegenblicken konnte. Das schwarze Haar war zu einem Bob geschnitten. Die Dunkelbrauen Augen wirkten freundlich auch, wenn ihre Miene etwas anderes widerspiegelte. Danny kannte sie bereits vom Sehen, weil ihre Mutter schon einmal von ihr untersucht worden war. Persönlich hatte Danny allerdings noch nie mit ihr gesprochen. 

„Kommen Sie mit“, sagte die Ärztin und gab Danny ein Zeichen, ihr zu folgen. Das tat sie, ohne sich noch einmal nach der Empfangsdame umzudrehen. 

Es ging in ein Behandlungszimmer, wo Danny stumm angewiesen wurde sich auf die Liege zu setzen. 

„Ich bin Dr. Carter. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Carter, während sie die Tür schloss und Danny sich setzte. Sie schob den Ärmel ihres Pullovers erneut hinauf und zeigte der anderen den Verband.

„Ich glaube, das muss genäht werden.“ Sicher sogar. Danny beobachtete, wie sie ein paar Dinge heranholte und eine Nierenschale neben sie auf die Liege stellte. Anschließend setzte Carter sich auf einen Rollhocker und näherte sich ihr, um den Verband vorsichtig zu entfernen. Danny verzog das Gesicht, als der Stoff, der sich mit der Wunde verklebt hatte, löste. 

„Was ist passiert?“, fragte Carter weiter. Danny musterte ihre Züge, um sich auf etwas anderes als ihre Schmerzen zu konzentrieren. Sie hatte eine geschwungene Nase, markante Wangenknochen, hübsche, schmale Lippen und ein Grübchen im Kinn. Danny fragte sich, ob die leichten Linien an ihren Mundwinkeln andeuteten, wo sich ihr Lächeln herzog und ob sich dort auch Grübchen bildeten, wenn sie lachte. 

„Überfall“, gab sie als knappe Antwort, woraufhin die grünen Augen wieder hochwanderten. 

„Wann?“ 

„Letzte Nacht.“ Die andere seufzte und erhob sich wieder. Sie holte weitere Utensilien. Danny erkannte Jod und Mullbinden. 

„Sie hätten heute Morgen hierherkommen sollen. Die Wunde liegt offen, so etwas kann sich leicht entzünden, wenn es nicht behandelt wird.“ Das wusste Danny. Sie hatte erwartet, dass man ihr genau dies vorwerfen würde.

„Ich hatte andere Sorgen“, murmelte sie, als müsse sie sich rechtfertigen. Dabei war Danny der anderen keine Rechenschaft schuldig und dennoch löste Carter bei ihr das Gefühl aus, nicht als dumm abgestempelt werden zu wollen. Als ob sie beweisen müsste, dass sie in der Lage war, Gefahren korrekt einzuschätzen. 

„Das wird jetzt brennen. Ich muss die Wunde reinigen, bevor ich sie nähen kann.“

„Tut ohnehin schon alles weh.“ Danny spürte einen kritischen Blick und wieder hatte sie das Gefühl, dass sie besser die Klappe gehalten hätte. Sie tat es wenigstens jetzt und biss die Zähne zusammen, während Carter sich an die Arbeit machte. 

Danny hatte nicht geglaubt, dass ihre Schmerzen noch stärker werden könnten, doch sie hatte sich geirrt. Ihr Körper spannte sich an, während sie die Augen schloss und versuchte, keinen schmerzlichen Laut von sich zu geben. Ein Vorhaben, an dem sie scheiterte. 

„Argh!“ Der Impuls, Carter das Handgelenk zu entreißen, war groß. Danny klammerte sich mit der anderen Hand an das Polster der Liege. 

„Gleich geschafft“, hörte sie Carter sagen, doch es dauerte eine weitere Ewigkeit, bis sie fertig war und das Brennen etwas nachließ. Jetzt kam die Wundversorgung. 

„Ich werde noch einen neuen Verband angelegt und dann ist es geschafft“, folgte eine weitere Erklärung, die Danny in diesem Moment egal war. Hauptsache, sie wäre bald fertig und diese Schmerzen würden endlich nachlassen. 

Und das taten sie. Die Kälte breitete sich von ihrem Handgelenk aus und Danny öffnete die Augen, um zu ihrem Arm zu sehen, an dem Carter den neuen Verband anbrachte. 

„Ich habe Regena Gel aufgetragen. Die Fäden sollten sich mit der Wundheilung in den nächsten zwei Tagen auflösen und dann werden Sie keine Beschwerden mehr haben.“ Regena war ein kühlendes Gel, das auf der Haut haften blieb, wenn es aufgetragen wurde und eine schützende Schicht auf kleineren Wunden bildete. Unter dieser Schicht wurde die Wundheilung beschleunigt. Nur eine kleine Narbe würde zurückbleiben. Hinzu kam, dass das Gel kühlend und schmerzlindernd wirkte. Dadurch konnte Danny die nächsten Stunden bis zur Heilung besser ertragen. 

Sie beobachtete, wie der Verband angelegt wurde. Sauber, professionell. Danny war erleichtert und dankbar, dass diese Wunde ihr keine dauerhaften Probleme bereiten würde. 

Carter stand auf und stellte die benutzten Utensilien zur Seite, bevor sie an die Schränke herantrat: „Das sind Antibiotika. Zwei Tabletten, das sollte ausreichend sein.“ Sie kam zurück und reichte ihr die beiden Tabletten in einer kleinen Dose. 

„Danke.“ Danny schob die Tabletten in ihre Tasche, bevor er von der Liege aufstand. Das Handgelenk brannte noch immer wie Feuer, doch es bereitete ihr keine Sorgen mehr. „Entschuldigen Sie noch einmal, dass ich Ihren Feierabend gestört habe.“ Sie hatte keine Möglichkeit, sie für die Arbeit zu entlohnen und etwas zu zahlen. Trotz allem war Danny dankbar für die Hilfe, die sie erhalten hatte, weil sie in all dem Chaos tatsächlich eine Hilfe war.

„Schon in Ordnung. Haben Sie noch andere Verletzungen, die ich mir ansehen sollte?“ Danny schüttelte den Kopf. Die Blessuren in ihrem Gesicht waren kaum zu übersehen, doch das würde von allein verheilen und erschien ihr nicht gravierend zu sein. Ein Beutel mit Eis würde es schon richten. 

„Danke, Sie haben schon sehr geholfen“, sagte sie noch einmal, um ihre Entscheidung zu verdeutlichen. Glücklicherweise war Carter weniger penetrant als Sam und akzeptierte ihre Entscheidung.

„Lassen Sie sich da draußen nicht erwischen.“ Danny sah sie noch einmal an, nickte und verließ das Behandlungszimmer. Sie hatte nicht vor, sich erwischen zu lassen. Doch dafür war es notwendig, dass sie sich die Zeit nahm, um einen Plan aufzustellen. 

Danny

Sie öffnete den Kühlschrank und beugte sich hinunter, um in diesen hineinzusehen. Wie vermutet, fand Danny darin nicht besonders viel. 

„Du könntest morgen einkaufen gehen, wenn du unterwegs bist. Vielleicht etwas Obst und ich würde gerne einen Braten machen, ja?“ Natürlich. Seufzend richtete sich Danny auf und schloss den Kühlschrank, bevor sie sich mit dem Rücken an diesen lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. 

„Mom … die Preise sind hoch und es ist Ende des Monats.“ Es war schon schwer genug, sich so etwas in guten Monaten zu leisten. Aber frisches Obst und gutes Fleisch? Das waren Luxusgüter, die man sich nur mit hohem Einkommen leisten konnte. Für alle Gemüsesorten galt das Gleiche. Waren, die importiert werden mussten, waren teuer. Ihre Mutter wusste dies wie jeder andere in der Stadt. 

„Du wirst schon etwas finden. Dein Bruder hat mir das letzte Mal wunderbare Äpfel mitgebracht.“ Ja. Das letzte Mal vor mehr als einem halben Jahr. Es war einfach, wenn man diesen Anspruch nicht jeden Tag erfüllen musste. Ash konnte ein guter Sohn zu sein, obwohl er sich nicht darum bemühte, ihnen oder wenigstens ihrer Mutter zu helfen. Momentan befand er sich in der Stadt. Danny wusste es, weil er sich kurz gemeldet hatte. Allerdings nur, weil er einen Kontakt aus der Stadt wollte und nicht, um sie zu fragen, wie er helfen konnte. Bei ihrer Mutter war er noch immer nicht aufgetaucht. Sie hatte keine Absicht, ihr zu sagen, dass er hier war. Damit würde Danny ihr mehr Kummer bereiten, as es notwendig war. Vielleicht würde er doch noch auftauchen, damit Danny sich die nächsten sechs Monate wieder anhören durfte, was er ihr mitgebracht hatte. 

„Schon gut … ich werde sehen, was ich tun kann.“ Danny wusste nicht, wie sie das machen sollte, aber wenn sie keine Lösung für ihre Situation fand, war das alles ohnehin unerheblich. Es war auch nicht sinnvoll, darüber zu diskutieren. Sie konnte keine Einsicht ihrer Mutter erwarten. 

„Danke und vielleicht noch etwas von dem Kaffee.“ Ihre Mutter deutete auf das Regal neben Danny. Sie drehte den Kopf und betrachtete die Packung, die dort stand und schon fast aufgebraucht war. 

„Wo hattest du denn her?“ 

„Gekauft. Der Verkäufer sagte, dass es der Beste sei und er hatte recht.“ Das würde Danny nicht wundern. Es war nicht der preiswerte Kaffee, den Danny üblicherweise holte, wenn sie Einkäufe für ihre Mutter erledigte. Sie konnte ihr nicht verbieten oder kontrollieren, wie sie ihr Geld ausgab. Doch Danny ärgerte sich nicht zum ersten Mal über die Sorglosigkeit ihrer Mutter.

„Okay. Ist sonst alles in Ordnung?“ Ihre Mutter trank ein Glas Saft, bevor sie sich an ihrem Esstisch gemütlich machte. Sie hatte ihr Haar schlecht zusammengebunden. Etwas, das ihr früher niemals getan hättet. Eduarda war eine strenge und ordentliche Frau gewesen. Unnahbar mit unumstößlichen Ansichten und Prinzipien. Sie verfolgte eine klare Linie, hin zu einem perfekten Äußeren. Manchmal hatte Danny das Gefühl, dass sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Ein stetiger Zerfall, der sich in winzigen Schritten fortsetzte und kaum zu greifen war, bis man einmal innehielt und den Moment wahrnahm.   

„Ja, alles in Ordnung. Mach dir keine Gedanken, du weißt, ich komme zurecht. Geh nach Hause“, sagte Eduarda und zog ihr Tablet heran, um darauf ihre Kreuzworträtsel zu öffnen, die sie jeden Abend zur Entspannung machte. Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde ein Gespräch einfach beendet und Danny aus dem Raum gebeten. Anstatt sich darüber zu ärgern, stieß Danny sich vom Kühlschrank ab und machte sich auf den Weg zur Wohnungstür. 

„Gute Nacht, schlaf gut“, verabschiedete sie sich. Die Antwort ihrer Mutter war ein leises Brummen. Draußen im Treppenhaus blieb Danny einen Moment stehen und sah zu den Treppen. Noch ein Stockwerk muss sie hinaufsteigen. Es würde eine Qual werden. Die letzten fünf Stockwerke waren bereits kein Vergnügen, aber Sam hatte ihr geholfen. Sie war ihre Freundin erst losgeworden, als sie vor der Tür ihrer Mutter angekommen waren. Die Aussicht, mit Eduarda Martin zu sprechen, war am Ende abschreckend genug, damit Sam ihr die Schlüssel ihres Wagens zurückgegeben hatte und dann verschwunden war. Mit einer letzten Warnung, dass Danny keine Dummheiten machen sollte. 

Sie würde heute sicher keine Dummheiten mehr machen. Ganz gleich wie schwierig es war, Danny war nur noch müde und es war Zeit, eine Pause zu machen. Sie benötigte Zeit, um über all das nachzudenken. Bisher konnte sie nicht verarbeiten, was in den vergangenen 24 Stunden geschehen war. 

Danny zog sich an dem Geländer hinauf und die Prothese hinter sich her. Sie war zu steif, als dass sie normal hinaufgehen könnte. Zuerst ein Schritt mit dem gesunden Bein, sich dabei mit der Prothese abstützen, dann die Prothese nachziehen. Danny fiel in eine monotone Abfolge von Handlungen, die sie langsam Stück für Stück hinauf in die nächste Etage brachten. Unter normalen Umständen kostete es nur Zeit und war nervig. Nach den letzten Ereignissen entpuppte es sich als unerträgliche Belastung. 

Selbst die Gedanken an ihre Mutter sorgten kaum für Ablenkung. Eduarda war gleichgültig und abweisend wie immer gewesen. Dass sie Danny nicht auf ihre Prothese angesprochen hatte, hatte sie nicht überrascht. Wahrscheinlich war es ihrer Mutter nicht einmal aufgefallen. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, sah nur sich und ihre eigenen Bedürfnisse. Ihr Bruder war der Einzige, der Eduarda aus ihrem Egoismus herausholen konnte. Sie würde alles für ihren Sohn tun. Es bestand eine Beziehung zwischen den beiden, die Danny weder verstand noch nachvollziehen konnte. Ihre eigene Beziehung zu ihrer Mutter war schon immer vollkommen anders gewesen. 

Als Danny auf dem oberen Treppenabsatz ankam, atmete sie schwer und musste kurz innehalten, bevor sie sich zu ihrer Wohnungstür schleppte. Sie war dankbar, dass sie in keinem modernen Apartment-Komplex wohnte, der ihre ID abfragte. Es genügte, einen Code einzugeben, um die Tür zu öffnen, als wäre nie etwas geschehen. Darüber hatte sie sich bereits gewundert, als sie die Wohnung verlassen hatte. Danny war fest davon überzeugt, dass man die Tür aufgebrochen hatte. Sie hatte sie in ihr Gesicht bekommen und war dadurch erst ins Straucheln geraten. Obwohl ein solches Vorgehen Spuren hinterlassen sollte, war nichts zu finden. Das Einzige, was Danny ausmachen konnte, waren einige Kratzer an der Wand über den Tasten. Hatte sie sich das nur eingebildet? 

Die Frage beschäftigte sie noch, während sie ihre Wohnung betrat. Dort wurde Danny von einer unbehaglichen Stille empfangen. Alles schien unverändert zu sein, zumindest soweit sie es einschätzen konnte. Dies änderte nichts an dem unangenehmen Gefühl, das ihren Nacken hinaufkroch und sich dort festsetzte. 

Sie schüttelte den Kopf und schleppte sich langsam zum Schreibtisch, wo sie sich auf den Stuhl fallen ließ. Dort rutschte sie nach vorn, um das Gewicht zu verlagern, bevor sie sich an ihrer Prothese löste. Danny zog sie heraus und stellte sie an den Schreibtisch. 

Freiheit. 

Eigentlich sollte eine Prothese dazu beitragen, das Gefühl der Freiheit wiederzuerlangen. Und das hat sie auch zu einem erheblichen Teil getan. Aber nicht der schwere Klotz, den sie heute mit sich herumgeschleppt hatte. Ihre ursprüngliche Prothese ermöglichte ihr, sich wieder frei und ohne Krücken zu bewegen. Danny hatte wieder einen normalen Alltag bestreiten können, in dem ihr alles möglich gewesen war. 

Fast alles. Es gab etwas, das sie nicht hätte machen können, da es zum einen nicht möglich war, die Prothese über einen bestimmten Punkt heraus zu belasten. Des Weiteren konnte Danny sich nie daran gewöhnen, dass sie auf der rechten Seite kein Gefühl hatte. Da war der Druck, den die Prothese auf ihre Hüfte ausübte, wenn sie sich bewegte oder das Gewicht verlagerte, doch sie hatte es nicht geschafft, sich an diese neuen Empfindungen zu gewöhnen. 

Irgendwann hatte sie aufgegeben. Sie war Läuferin gewesen, genauer gesagt eine Parkourläuferin. Und als Kurier hatte sie Waren durch die ganze Stadt gebracht. Wenn es darum ging, etwas schnell und sicher durch die Stadt zu bringen, hatte man sich an sie gehalten. Mit ihrem großen Netzwerk hatte sie Aufträge aus allen Schichten erhalten. Je exklusiver der Auftrag, umso höher war der Preis gewesen. Eine abwechslungsreiche Aufgabe, die Danny viel Freude bereitet hatte. Es war ihr Leben gewesen. Das Gefühl von Freiheit, das man beim Laufen oder auf dem Fahrrad spüren konnte, war ihr Antrieb gewesen. Damals hatte sie ihr Leben im Griff gehabt und war dabei gewesen sich ein besseres Leben zu erarbeiten. Bis zu ihrem Unfall. Danny hatte nie wieder an alte Erfolge anknüpfen können. Und so war ihr Leben lediglich ein schwacher Versuch, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. 

Nachdem sie nach Monaten endlich wieder in der Lage war, ein Leben zu führen und zu arbeiten, war nichts mehr von dem übrig, was sie zuvor aufgebaut hatte. 

Obwohl es momentan nicht so gut wie früher war, hatte sie das Gefühl gehabt, wenigstens wieder zurechtzukommen. Stattdessen stand sie jetzt erneut vor einem Scherbenhaufen. 

Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich zurück. Ihr Magen knurrte. Danny wusste nicht, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Das hatte sie völlig vergessen. Vielleicht stand noch eine Packung mit Instandnudeln herum. Dann müsste sie nur heißes Wasser darüber gießen und könnte sich weitere Arbeit ersparen. 

Ohnehin müsste sie sparsam mit ihren Vorräten umgehen. Sobald sie ihr ausgingen, würde sie Sam bitten müssen, ihr etwas zu besorgen. Und dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ihre Freundin wieder anfangen würde Fragen zu stellen. 

Sam war eine Freundin. Eine wirkliche Freundin, die Danny zu ihren schlimmsten Zeiten erlebt hatte. Deswegen wusste sie auch, wie sie mit ihr umgehen musste, und das Danny ihren Freiraum benötigte. Sie beide wussten ebenfalls, dass Danny eine Weile damit durchkommen würde, und ebenso wussten sie, dass Sam sich eines Tages nicht mehr abspeisen lassen würde. Wie lange es bis dahin dauerte war davon abhängen, wie viel Grund Danny ihr gab, um sich Sorgen zu machen. 

Danny drückte sich hoch und griff nach den Krücken, die sie neben dem Schreibtisch stehen gelassen hatte. Damit bewegte sie sich weiter in die Küche, wo sie eine der Krücken wieder abstellte, um die Schränke durchsuchen zu können. 

Sie hatte Glück und zog eine der Dosen heraus, bevor sie den Wasserkocher auffüllte und ihn anstellte. Während das Wasser kochte, öffnete sie die Dose und holte eine Gabel aus der Schublade neben sich. Satt würde sie davon nicht werden, doch sie wollte wenigstens etwas im Magen haben, bevor sie sich hinlegte. 

Während die Nudeln kurz darauf in dem heißen Wassergarten garten, holte sie sich noch ein Glas Wasser. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Das erste Glas stürzte sie herunter, ohne abzusetzen. Bei dem zweiten Glas ließ sich Danny etwas mehr Zeit. Immer wieder schloss sie die Augen. Ihre Bewegungen wurden träger. Ein Kontrast zu ihrem Geist. Danny wusste nicht, auf welchen Gedanken sie sich als Erstes konzentrieren sollte. Im Zentrum ihrer Gedanken stand Eden. Sie hatte Danny heute vom Haken gelassen, aber Danny glaubte nicht, dass sie damit lange durchkommen würde.  Sie hatte von Schulden gesprochen, die sie jemandem abgekauft hatte. Nichts an dieser Geschichte ergab Sinn. Allerdings fiel Danny auch kein Grund ein, warum sie sich so etwas ausdenken sollte. Es hätte gereicht, sie zu überfallen und dann zu erpressen. Etwas, das sie ohnehin tat, auch ohne eine wundervolle Geschichte, die ihre Handlungen rechtfertigte. Doch, wenn an dieser Geschichte ein Funken Wahrheit sein sollte, dann musste sie sich fragen, wer auf die Idee kam, sie könne Schulden bei ihm haben. Und warum verkaufte jemand ihren Namen? War sie nur durch einen Zufall in diese Sache hineingeraten? Oder war es doch ein geplanter Anschlag gewesen? 

Danny tauschte das Glas gegen die Dose und zog sie an sich heran, um das Wasser abzugießen. Inzwischen stand sie gebeugt über der Arbeitsfläche und hatte Mühe, sich aufzurichten.

Kurz sah sie zur Seite zu ihren Krücken, entschied sich aber dagegen, ihre Position zu verändern. Wenn sie sich das nächste Mal setzte, dann wollte sie nicht wieder aufstehen. Doppelte Wege galt es zu vermeiden. Deswegen kauerte sich Danny über ihre Dose und begann allmählich eine Gabel nach der anderen in den Mund zu schieben. 

Mechanisch. Lustlos. 

Sie hielt den Blick auf die Arbeitsfläche gerichtet, während sie die Nudeln durch die Lippen sog. Danny hätte fragen sollen, was es bedeutete, für Eden zu arbeiten. Wer zum Henker war Eden? Eden. Das konnte nicht ihr richtiger Name sein. Möglicherweise war dies der Punkt, an dem Danny ansetzen konnte. 

Sie zog leicht die Nase kraus, als eine Nudel an ihrem Kinn hängen blieb und sie darüber zog. Bevor sie schluckte, kaute sie nur zweimal und schob sich dann die nächste Gabel in den Mund. 

Sie würde sich in der Trade-Zone umhören. Sobald Informationen in Umlauf waren, insbesondere darüber, wer Schulden begleichen oder transferieren konnte, dann dort. Bei dieser Gelegenheit könnte sie auch ihrem Bruder auf den Zahn fühlen und herausfinden, wann er sich bei ihrer Mutter blicken lassen wollte. 

Die Gabel kratzte über den Boden der Dose. Danny schob die letzten Reste zusammen, um sie sich in den Mund zu schieben und anschließend die Gabel neben die Dose zu legen. 

Es würde nicht lange halten, doch vorerst war es ausreichend. Wieder richtete sie sich auf und griff nach den Krücken. Sie warf einen kurzen Blick in das Bad, doch anstatt sich dort frisch zu machen, begab Danny sich in ihr Schlafzimmer. 

Sie setzte sich auf die Bettkante, die Krücken fielen auf den Boden und Danny zog sich hoch, um sich auf den Rücken zu legen. Eine unendliche Schwere und Müdigkeit breiteten sich in ihr aus. 

„Schalt das Licht aus“, murmelte sie leise. Ihre KI tat, was sie sollte, und dämmte das Licht langsam, bis sie in völlige Dunkelheit getaucht wurde.

Freitag, 28. Juli 2104 - Danny

„Was willst du?“ Der Tonfall war genervt und distanziert. Als würde sie sich aufdrängen. 

„Reden.“ Danny gab eine kurze und ebenfalls genervte Antwort zurück. Sie hatte ursprünglich geplant, dieses Gespräch mit Vernunft zu führen. Ihr Bruder gelang es jedoch, diesen Plan mit einer kurzen Frage in Rauch aufzulösen. Ihre Beziehung hatte sich inzwischen derart verändert, dass Kleinigkeiten ausreichten, um einander unter die Haut zu gehen. Gelegentlich geschah es unbewusst. Oft waren es allerdings gezielte Entscheidungen, um einander zu provozieren. 

Ash zog eine Kiste auf die Ladefläche seines Trucks, bevor er von dieser herunterrutschte. Als er neben ihr landete, wandte er sich ab und ging zu den übrigen Kisten hinüber, um sich zu setzen. Sie wollte nicht streiten, denn er war zu selten hier, als dass sie stets ihre Zeit mit Diskussionen verschwenden sollten. Letztlich waren sie eine Familie, die eigentlich zusammenhalten sollte. Und Danny vermisste ihren Bruder. Oder die Illusion von dem, was ein großer Bruder sein könnte. Denn diese Distanz hatte es schon immer zwischen ihnen gegeben. Heute auch räumlich. Stillsitzen oder an einem Ort zu verweilen, war noch nie etwas für ihn gewesen. In der Schule glänzte er hauptsächlich durch Abwesenheiten oder dadurch, dass er ständig ermahnt werden musste, wenn er nicht sogar aus dem Klassenzimmer geschickt wurde. Es tat ihm gut, draußen zu sein, obwohl es bedeutete, ihre Mutter hier zurückzulassen und nicht genau zu wissen, ob er sie wiedersehen würde. Natürlich wollte Danny, dass er glücklich war. Doch was war mit ihrem Glück? 

„Okay …?“ Ash sah sie fragend an, als Danny sich zu ihm setzte. Er traute dem vermeintlichen Frieden nicht. Warf sie es ihm vor, dass er sie mit allem allein ließ? Ja. Verstand er ihre Sicht auf die Dinge? Nein.  

„Du weißt, wie Mum’s Zustand ist und wie viele Tabletten sie benötigt. Sie sollte regelmäßig in ein Krankenhaus zur Kontrolle. Du solltest sie zumindest einmal besuchen, wenn du hier bist. Außerdem kann ich die Kosten nicht allein stemmen.“ Es mochte sehr geschäftig klingen. Mehr wie ein Meeting mit einem Partner, aber das war alles, was von ihrer Beziehung übrig geblieben war. Als wären sie zwei Eltern, die sich nach der Scheidung über das Sorgerecht ihres Kindes unterhielten. Und nachdem Danny festgestellt hatte, dass nicht nur ihre ID und ihre Prothese, sondern auch die Tabletten ihrer Mutter verschwunden waren, war der Druck noch einmal gestiegen. 

Ash atmete hörbar aus und schwieg. Das machte er immer. Er kommunizierte durch Atmen und Schweigen, wohl wissend, dass es Danny in den Wahnsinn trieb. Sie ertrug sein Schweigen nicht und Ash ertrug es nicht, dass Danny immer reden wollte.  Wie Feuer und Wasser, obwohl sie sich so ähnlich sahen. Die Augenpartie hatten sie beide von ihrer Mutter, ihre dunklen Augen. Augen, die Wärme ausstrahlten und sich im richtigen Licht aufhellten. Ash hatte außerdem einen langen Bart, den er nach Dannys Meinung mehr pflegen könnte. Er wirkte rau, herb und wies etliche Narben auf, die die braun gebrannte Haut mit hellen Linien durchzogen. 

Das Einzige, was sie von ihrem Vater hatten, war das breite Grinsen. Und im Gegensatz zu Danny hatte Ash auch die breite Statur seines Vaters geerbt.

„Du sagtest, du würdest mich mehr unterstützen und mehr Verantwortung übernehmen, falls es ihr schlechter gehen sollte. Es geht ihr schlechter und ich habe mich auf dich verlassen.“ 

Noch immer schwieg ihr Bruder. Sein Schweigen war zermürbend, doch Danny zwang sich, ruhig zu bleiben und nur die Arme vor der Brust zu verschränken. Sie war sich bewusst darüber, dass ihr Feuer nur verbrannte Erde zurücklassen würde, wenn sie es nicht im Griff hatte. Aus verbrannter Erde konnte man nur selten wieder etwas aufbauen. Falls Danny keine Lösung für ihr aktuelles Problem mit Eden finden würde, war Ash der Einzige, der sich um ihre Mutter kümmern konnte. Ihre Vergesslichkeit nahm zu und ließ befürchten, dass ihr Zustand sich verschlechtern könnte. Obwohl Danny nicht davon ausgehen wollte, dass es notwendig wäre, ihren Bruder in die Pflicht zu nehmen, gab es im Leben eine wichtige Regel: Habe immer einen Plan B.  

Daher war es zwingend erforderlich, Ihren Bruder auf ihrer Seite zu wissen. Vielleicht würde er ihrer Bitte eher nachkommen, wenn sie ihm ihre eigene Situation erklärte. Aber sie wollte kein Risiko eingehen, dazu fehlte das nötige Vertrauen. 

„Du solltest dir einen anderen Job suchen. Etwas mit einem sicheren, guten Einkommen“, brummte Ash. Er wirkte unbeteiligt und es machte Danny noch wütender, dass er die gesamte Verantwortung erneut zu ihr schieben wollte. Sie fühlte den unangenehmen Druck in ihrer Brust, der stärker wurde. 

„Tja, das würde ich gerne machen, wenn ich nicht noch flexibel sein wollte, mich um sie zu kümmern, wenn sie mich braucht.“ Danny rutschte wieder von der Kiste herunter und hinkte vor ihrem Bruder auf und ab. Falls er bemerkt hatte, dass sie eine alte Prothese trug, schien es ihn nicht zu interessieren. 

„Ich geb’ dir ’nen Anteil, wie immer, wenn ich hier bin.“ Verteidigte sich Ash, als würde das ausreichend sein. In seiner Welt mochte es so sein, dass er alles tat, was ihm möglich war. Doch was half es, wenn das Geld vorn und hinten nicht reichte? Mit seinem Anteil konnte sie lediglich einen Monat lang, mit etwas Glück vielleicht zwei, aufatmen. Gleichzeitig war Ash mindestens sechs Monate unterwegs. Je nachdem, wohin seine Reise führte, auch länger. Er sagte immer, dass es nicht einfach war, durch die Einöde von Stadt zu Stadt zu kommen. Danny glaubte ihm nicht. Sie ging davon aus, dass er dort draußen ein anderes Leben führte. Ob dieses Leben in einer anderen Stadt oder in einem Händlerlager stattfand, war schwer zu sagen. Und es spielte am Ende auch keine Rolle. Ein oder zwei Besuche im Jahr, sprachen eine eigene Sprache. Würde er es wirklich wollen, dann könnte er anderes möglich machen, davon war Danny fest überzeugt.

„Hast du eine Ahnung, wie teuer ihre Tabletten sind?“

Sie sah zu, wie ihr Bruder in seine Tasche griff und eine zerknautschte Packung Zigaretten zutage förderte. Gemächlich zog er sich eine heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen, zündete sie an und schob die Packung wieder in seine Tasche. Ob er verstand oder es ihn kümmerte, das vermochte sie in diesem Moment nicht zu sagen. Früher war es anders gewesen. Wenn Danny Probleme gehabt hatte, dann hatte Ash nicht gezögert, für sie einzustehen und ihr zu helfen. Doch die Zeiten, in denen Ash ihr Held sein wollte, waren schon lange vorbei. Mit der Trennung ihrer Eltern hatte sich auch ihre Beziehung verändert.

„Wenn du mir wirklich helfen willst, dann sei öfter hier und kümmere dich auch um sie.“ 

Wieder bekam sie keine Antwort. Stattdessen nahm er noch einen Zug seiner Zigarette, bevor er sich selbst erhob und an Danny vorbeischob.  

„Was ist, hast du nichts zu sagen?“ Er versuchte immer, sie so abzuspeisen, und meistens hatte er Erfolg. Danny war nicht besonders konsequent, wenn es um ihren Bruder ging, denn ein Teil von ihr wollte auch, dass er glücklich war und es ihm gut ging. Sie hatte gesehen, wie er in dieser Stadt gelitten hatte. Aber das half Danny nicht, ihre eigenen Probleme zu lösen. 

„Wir haben doch schon darüber gesprochen. Ich bin so oft hier, wie ich kann.“ Ja, mehrfach. Und wie jedes Mal glaubte sie es ihm nicht. Doch mehr als ein Bauchgefühl hatte Danny nicht. Ohne Beweise fehlten ihr weitere Argumente.  

„Und ich sage dir nur, dass wir dich hier öfter brauchen“, versuchte sie es auf einem diplomatischeren Weg. Sobald sie anfangen würde, ihm Vorwürfe zu machen, würde Ash mauern und sie würde gar nichts mehr von ihm bekommen. 

„Ja, ich hab’s gehört.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und lief um seinen Wagen herum, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Gut. 

Danny entschied sich, es vorerst auf sich beruhen zu lassen und hoffte, dass er wenigstens ihre Mutter besuchen würde. Wenn sie es schaffte, würde sie versuchen, ihn noch einmal zu einem Gespräch zu bewegen. 

Ohne ein Abschiedswort machte sie sich auf den Rückweg. Sie lief zwischen den geparkten Trucks und Händlern hindurch, die ihre Ausrüstung verluden, lachten und ihrer Arbeit nachgingen. Danny wollte weg, zu nah war sie hier an der Mauer und dem Kontrollpunkt zur Dead Zone. Es beunruhigte sie, obwohl es keinen Grund gab, warum man sie kontrollieren sollte. Sie alle kannten die Geschichten auch, wenn die meisten noch nie außerhalb der Mauern waren. Durch die Händler wurden diese Geschichten in die Stadt gebracht. Geschichten über verlorene Seelen, die ihr Recht verwirkt hatten, in dieser Stadt zu leben. Menschen ohne Identität, ohne Hoffnung. Verstoßen in Slums. Verbrecher, Menschen, die es sich nicht mehr leisten konnten, hier zu leben und zu viele Schulden hatten. Ihnen allen war ihr Chip genommen worden und damit der Zugang zu jeder Stadt, die es noch gab. Wer nicht das Glück hatte, sich einer Gruppe Händler anzuschließen, wurde dazu verdammt, in den Slums, der Dead Zone, zu leben und sich von den Abfällen der Stadt zu ernähren. Man hoffte, etwas zu finden, dass man entweder essen, mit Händlern tauschen oder für den Bau der eigenen Häuser verwenden konnte. 

Danny hatte keinen Grund, um an diesen Geschichten zu zweifeln.

Von der Trade-Zone aus, dem Bereich an der Stadtmauer, wo die Händler ihre Waren verluden, ging es für sie zum Marktplatz und den Hallen. Das, was nicht für die Stadt bestimmt war, landete hier. Dort, wo ein breites Spektrum an Menschen die verschiedensten Konsumgüter erwerben und handeln konnte. Ob es sich um Lebensmittel für Restaurants oder alte Technik handelte, die man wiederaufbereiten wollte. Manchmal entdeckte man kleine Schätze, besondere Gewürze oder begehrte Ersatzteile. 

Danny kaufte hier selten etwas, allerdings mochte sie es, zwischen den Ständen hindurchzugehen und die unterschiedlichen Gerüche wahrzunehmen. Es war besonders und faszinierte auf seine ganz eigene Art. Dennoch wurde sie nur schwach, wenn sie eine besondere Süßspeise entdeckte, die sie sonst nicht bekam. Bōru. Das war der Name der japanischen Speise. Danny wusste nicht, ob sie traditionell war. Doch es gab einen Japaner auf dem Markt, der die kleinen Bällchen anbot. Zwar gab es noch weitere Stände in der Stadt, jedoch war dieser hier für sie der Beste. Und da Danny es nicht als einzige so sah, musste man immer Glück haben, überhaupt noch eine Portion zu ergattern.  

Sie konnte schon von Weitem die Schlange erkennen, die sich vor dem kleinen Stand ansammelte. Es war ein mobiler, kleiner Wagen. Er hatte ein Dach aus rotem Stoff mit einem Banner, auf dem etwas in Kanji geschrieben worden war. Was genau dort stand, wusste Danny nicht. Vielleicht der Name der Speise. Mit dem älteren Mann, dem der Stand gehörte, konnte sie sich nur über Handzeichen verständigen. Man sprach zwar nicht die gleiche Sprache, doch das spielte keine Rolle im Verkauf.

Sie spürte Wehmut, als sie an dem Stand vorbeilief, ohne sich etwas kaufen zu können. Es mochte ein lächerlicher Gedanke sein, aber es war eines der wenigen Dinge, die Danny für sich tat und genoss. 

Sie schlenderte langsam zwischen den Ständen hindurch, bis sie bei ihrem vorübergehenden Ziel angekommen war. Dort ließ sie sich schweigend auf einen Plastikstuhl sinken und streckte die Beine aus, während sie die Arme über die Stuhllehnen gab und den Kopf in den Nacken legte. 

„Es ist wohl nicht besonders gut gelaufen?“ Danny seufzte und drehte den Kopf ein wenig, um sich umzusehen. Ein alter Schäferhund lief um den Tisch herum, die Nase gen Boden gerichtet, als würde er einer spannenden Fährte folgen.

„So gut wie deine Geschäfte würde ich sagen“, kommentierte Danny die Frage und blickte die andere Frau über den Tisch hinweg an. 

„Hm. Weißt du, es ist nicht entscheidend, wie viel man verkauft, sondern was.“ 

Danny blickte kurz über die Schulter, aber aus ihrer Sicht gab es in diesem Geschäft keinen besonderen Wert. Tonträger. Musik. Man könnte es als Sammlerstücke bezeichnen, jedoch gab es auch Plattenläden in der Stadt. Manchmal fand man hier etwas Besonderes, doch die meisten Menschen waren an ganz anderen Dingen interessiert. 

„Hast du überhaupt einen Überblick darüber, was du alles da drinnen hast?“ 

„Natürlich. Ich weiß genau, wo was steht.“ 

Für Danny war das schwer zu glauben, sie sah keine Ordnung. Weder nach Künstlern noch nach Genre.  

Trish war älter als sie. Wie alt, das war schwer einzuschätzen. Es schien, als ob sie Mitte vierzig war, doch die Frau mit dem Afro und den hohen Wangenknochen wirkte alterslos. Sie strahlte eine merkwürdige Erhabenheit aus, obwohl sie vor einem heruntergekommenen Musikgeschäft hockte. Es war ein Kontrast, der für Danny noch nie zusammengepasst hatte. Vielleicht lag es aber auch an den weißen Augen, die einen zu Beginn irritieren konnten. Denn Trish war blind. Sie hatte ihre Augen durch Prothesen ersetzen lassen. Statt jene zu nehmen, die die Illusion von echten Augen erweckten, hatte sie sich für weiße Prothesen entschieden, die nichts verheimlichten oder beschönigen. 

„Und ich weiß, dass du dich schon wieder in Schwierigkeiten befindest.“ 

„Wie kommst du darauf?“, murmelte Danny. Das war allerdings alles, was sie Trish und ihrer Feststellung entgegensetzen würde. Denn sie hatte nicht unrecht. Danny war hier, weil sie sich erhoffte, mit ihrer Hilfe etwas weiterzukommen.

„Weißt du, wer Eden ist?“ Kam sie deswegen gleich zum Punkt, ohne um den heißen Brei herumzureden. Dafür hatte sie keine Zeit, und Trish konnte sie ohnehin nichts vormachen. Im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie sicherlich schon bei Danny’s Ankunft bemerkt, dass sie eine andere Prothese trug. Wie sie es machte, war Danny ein Rätsel.

Danny beobachtete, wie sich der Ausdruck der anderen änderte. Sie wirkte nachdenklich und so, als würde sie ihrem Hund mit dem Blick folgen. 

„Trish?“, hakte sie nach, als sie keine Antwort auf ihre Frage bekam. 

„Was hast du nun wieder vor?“ Kam die ruhige Gegenfrage, bevor Trish den Kopf wieder in ihre Richtung drehte. Fast wirkte es so, als würde sie Danny direkt ansehen. 

„Ich habe nichts vor. Mir ist der Name nur in der Stadt begegnet und ich dachte, du könntest mir vielleicht weiterhelfen. Immerhin hörst du viel, wenn du den ganzen Tag vor deinem Laden sitzt und auf Kunden wartest.“ 

Noch während sie gesprochen hatte, hatte Trish die Brauen langsam in die Höhe gezogen. Ihre ganze Skepsis legte sie in eine Geste. 

„Du kennst sie also?“ Dies war zumindest das, was Danny aus ihrer Frage ableiten konnte. 

„Kleines, deine Mutter hat hier nur dich. Du wirst ihr nicht helfen, indem du diesen Weg weitergehst.“ Was genau Trish damit meinte, wusste sie nicht. Oft sprach sie in Rätseln.

„Ich versuche nur ein Netzwerk aufzubauen, man kann nie wissen, wozu es einmal gut ist. Und dazu gehört es auch, ein paar Namen zu kennen, die anscheinend Einfluss in der Stadt haben. Also, was weißt du über sie?“

„Nicht viel. Sie hat ihre Finger in verschiedenen Dingen drin.“

„Und was soll das bedeuten?“

„Dass du nicht mehr sehen wirst, indem du tiefer in den Nebel hinein gehst.“ Wieder ein Rätsel, das Danny nicht verstand. Es schien, als würde man sich in einem Moment mit ihr unterhalten und im nächsten Moment zog sie sich in ihre eigene Welt zurück.

„Dann sollte ich mir besser eine gute Taschenlampe besorgen.“

Danny

„Man sollte meinen, dass du eine kluge Frau wärst. Und dennoch benimmst du dich wie eine Sehende bei Nacht“, schimpfte Trish aus ihrem Laden. Einer der Händler hatte ihr neue Waren gebracht, weshalb sie wieder in den Laden gegangen war, um diese an ihre Plätze zu sortieren. Dabei sprach sie mit Danny, als sei sie eine Dreijährige. Danny hatte ihren Stuhl etwas gedreht, damit sie die andere bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus dem Versuch, ihr System zu durchschauen. Bisher war sie jedoch nicht weitergekommen. 

„Was hat das mit Dummheit zu tun? Ich wollte lediglich wissen, ob du jemanden kennst, der Schulden aufkauft und damit seine Geschäfte macht.“ Immerhin warf sie ihr genau das vor. Dass Danny sich dumm benahm, weil sie keinen sicheren Job fand und offenbar mit schlechten Menschen verkehrte.  

„Weil du immer noch versuchst, zu sehen, obwohl du nicht siehst.“ Sagte die Frau, die gerade eine Schallplatte, mit klassischer Musik zwischen alte Rockbands stellte. Ohne vermerk, mitten rein. Dabei musste Trish wissen, um was für eine Schallplatte es sich handelte. Mit den Fingerspitzen der linken Hand strich sie über jeden Gegenstand, bis sie den Code gefunden hatte, mit dem alle Waren versehen waren. Sie hatte einen winzigen Chip implantiert, der es ihr zusätzlich ermöglichte Informationen auszulesen, die in Trishs Fall an ihr AM übertragen wurden. Dadurch konnte sie hören, was sie in der Hand hielt, was es für Danny noch weniger verständlich machte, warum sie die Dinge in ihrem Laden so sortierte, wie sie es tat. Sie nahm sich vor, sich den Titel zu merken und Trish bei ihrem nächsten Besuch danach zu fragen. Sie war überzeugt, dass Trish sie nicht finden würde. Oder sie würde Danny bitten, sie selbst zu suchen. 

„Du tust, als hätte ich vor, jemandem dieser Leute mein Leben zu überlassen.“  

„Nicht weniger als das werden sie von dir wollen. Halt dich von ihnen fern.“ Trish sah sich in der Position, ihr Antworten zu verwehren, und zu glauben, dass sie ihr damit half. 

„Schon gut, ich habe es verstanden. Reg dich wieder ab“, murmelte Danny. Sie überlegte, Trish zu erzählen, was geschehen war. Würde Trish dann anders mit ihr kommunizieren? Die Chancen waren zu unkalkulierbar, und vielleicht wusste sie auch weniger, als Danny dachte. Nur weil sie wusste, dass Eden gefährlich war, musste sie nicht wissen, wer sie war. Wie Danny die Situation einschätzte, ließ Eden keine unkontrollierten Informationen durchsickern. Und doch hatte sie sich mehr erhofft, als sie am Ende bekommen hatte. Sie genauso klug wie zuvor, und es blieb weiterhin unklar, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Danny würde sich gerne einreden, dass sie eine Wahl hatte und ihr Leben nicht von dieser Frau kontrollieren lassen musste. Sie hatte nach Schlupflöchern gesucht. Über einen guten Hacker könnte sie eine illegale ID bekommen und sie sich einsetzen lassen. Allerdings waren IDs an strenge Sicherheitsstandards geknüpft, um sie nicht illegal nachbauen zu können. Die meisten Fälschungen bestanden in der Praxis nicht und wenn, dann hatten sie ihren Preis. Einen Preis, den Danny niemals zahlen konnte. Sofern sie in der Lage wäre, einen geeigneten Häcker zu finden. Bisher hatte sie sich nicht mit dieser Seite der Stadt befasst und solche Leute waren nicht einfach über eine normale Website zu finden. 

Selbst, wenn Danny in der Lage wäre, wieder richtig zu arbeiten, ging ohne ID nichts. Eden hatte sie gehen lassen, weil sie wusste, dass Danny die Hände gebunden waren. 

Zudem war sie körperlich angeschlagen. Zwar konnte die Wunde versorgt werden, doch der Schwindel und die Gliederschmerzen beeinträchtigten sie weiter. Ihr Körper fühlte sich angespannt und schwer an.  

Es war ein Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg gab. Am liebsten würde Danny schreien. Sie hatte das Verlangen, etwas zu zerstören, während ihr gleichzeitig die Kraft dazu fehlte.   

Schließlich wurde sie wieder aus ihren Gedanken gerissen, als Trish einen Becher vor ihr auf den Tisch stellte, bevor sie zurück zu ihrem Laden ging und weiterarbeitete. 

„Ich trinke keinen Tee“, kommentierte Danny die Geste, obwohl sie den Becher an sich nahm und die Nase darüber hielt. Die Wärme drang an ihre Finger und wurde bald unangenehm. Es roch nach Kräutern. 

„Es wird deine Nerven beruhigen. Dann kannst du wieder klarer denken.“ Danny glaubte nicht daran, dass ein Tee für eine bahnbrechende Erkenntnis sorgen würde. Manchmal hatte man einfach keine Wahl. Eden setzte ihr eine Pistole auf die Brust und die einzige Entscheidung, die Danny zu treffen hatte, war, ob sie sterben wollte oder nicht. Zumindest im übertragenen Sinne. 

Wieder lehnte sie sich zurück und stellte den Becher auf der Stuhllehne ab. Sie beobachtete die Menschen auf der Straße. Alle beschäftigten sich mit sich selbst, als wären sie auf der Suche nach einem schnellen Transport ihrer Waren. 

Ob es diesen Druck wirklich gab? Gab es den Druck, der gerade auf ihre Brust lastete und ihr die Luft zum Atmen nahm? Oder folgte sie einer vorgegebenen Abfolge von Sorgen und Ängsten, die keine festgelegte Grundlage hatten, sondern ein Konstrukt, das man ihnen eingeredet hatte?

Nein. 

Es war kein Konstrukt. Danny hatte es gesehen. Sie erinnerte sich an ein Ereignis, als sie noch ein Kind gewesen war. Mit ihrer Mutter war sie in einen Supermarkt gegangen, um die Zutaten für das Abendessen zu kaufen. Es war ihr nicht viel im Gedächtnis geblieben, außer dass sie sich gefreut hatte, Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Und die Schreie. Die Schreie einer Frau und eines Jungen. Er hatte nach seiner Mutter gerufen, hatte neben den liegen gelassenen Einkäufen gestanden und geweint. Danny hatte zu ihm gehen und ihn trösten wollen, doch ihre Mutter hatte sie festgehalten. Dann war ein Mann aufgetaucht und hatte ihn mitgenommen. 

Damals war ihr nicht bewusst, was geschehen war. Heute wusste sie, dass man sie wegen einer Fehlfunktion ihrer ID verhaftet hatte. Kein Mensch wäre so dumm, ohne eine ID einzukaufen und zu versuchen zu bezahlen. Für die HSG – Hudson Security Guard – machte das keinen Unterschied. Niemand machte sich die Mühe, die Fälle einzeln zu bewerten. Es gab nur schwarz oder weiß. 

Seit diesem Vorfall lagen Jahrzehnte vergangen, und es war nicht der letzte Vorfall, den Danny erlebt hat. Sie hatte es in den vergangenen Jahren zweimal beobachtet, wenn auch nur aus der Ferne. Doch dieser erste Vorfall, dieser Junge, wollte sie nicht loslassen. Sie fragte sich, was aus ihm geworden war, ob sich jemand um ihn gekümmert hatte. Seine Mutter war wahrscheinlich verstorben. Zwar war sie damals noch recht jung gewesen, aber die Lebenserwartung sank drastisch, sobald man von der Gesellschaft ausgestoßen und vor die Tore der Stadt geschickt wurde. Mit etwas Glück hatte sie einige Jahre überlebt und war nicht qualvoll gestorben. Niemand konnte sich ausmalen, welche Schicksale sich dort draußen vor der Stadt abspielten. Danny beabsichtigte nicht, dies aus erster Hand zu erfahren. 

Nein. Die Angst, die ihr seit dem Überfall im Nacken saß, die ihr die Luft zum Atmen nahm, sie nicht schlafen ließ und lähmte, war real. Menschen wurden einfach ohne Rücksicht aus ihrem Leben gerissen, während bei ihren Angehörigen nur eine Lücke blieb. Folgen, mit denen sich die Kerle von der HSG nicht beschäftigten. Manch einer nannte sie Marionetten, weil sie an den Strippen der Regierung hingen und stumpfsinnig ihren Befehlen nachkamen, ohne ihren eigenen Kopf zu benutzen. Sie standen nicht auf der Seite der Bevölkerung. Hier gab es keine Gerechtigkeit.

Danny

Sie fand ihre Tablettendose nicht mehr und Danny sollte sie ihr neue Tabletten runterbringen. Wie lange sie bereits auf die Nachricht starrte, konnte Danny nicht genau sagen. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob die Gedankenlosigkeit ihrer Mutter darauf zurückzuführen war, dass sie älter wurde, oder ob es ihr egal war. War ihr nicht bewusst, was diese Nachricht bedeutete? Selbst, wenn die Tabletten nicht gestohlen worden wären, wäre das keine gute Nachricht.  

Danny legte das Handy auf den kleinen Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie hatte schreckliche Kopfschmerzen. Es war zu viel und bestätigte sie gleichzeitig in der Entscheidung, die sie getroffen hatte. Wenn es heute nicht die Tabletten waren, dann sicherlich in den folgenden Tagen etwas anderes. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nicht mehr weitergekommen wäre. Allein der Weg hierher war eine Herausforderung gewesen. Fast vier Stunden hatte sie gebraucht, um von der Trade-Zone hierher zu gelangen. Nur damit sie am Ende erschöpft und durchgeschwitzt auf dieser edlen Couch sitzen gelassen wurde. 

Strähnen hatten sich von ihrem Dutt gelöst und fielen ihr ins Gesicht oder klebten in ihrem Nacken. Es war ihr unangenehm, sich selbst zu riechen, und sie empfand eine unerträgliche Müdigkeit. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, und Danny musste sich zwingen, wach zu bleiben, während sie wartete. 

Als sie angekommen war, hatte die Frau am Eingang der Bar, sie wieder angesehen, wie eine Straßenkatze, die gerade aus einem Müllcontainer gekrochen war. Danny konnte nicht sagen, dass sie sich besser fühlte als das. Die Schwere der Prothese, die langen und mühevollen Wege machten ihr zu schaffen, obwohl sie fit war. Sie hatte inzwischen den Eindruck, dass sie den Schlag gegen ihren Kopf nicht besonders gut verkraftet hatte. Wenigstens nahm der Schmerz in ihrem Handgelenk ab und es schien zu verheilen. 

Bevor sie eine Pause machen konnte, musste sie darauf hoffen, sich mit Eden einigen zu können. Man hatte ihr mitgeteilt, dass Eden abwesend sei und sie warten müsse. Danny war wieder in das Hinterzimmer geführt worden, wo sie jetzt saß. 

Sie leckte sich über ihre trockenen Lippen, die rissig und aufgesprungen waren. Danny schmeckte Salz und Blut. Weder hatte man ihr ein Glas Wasser angeboten, noch hatte man sich die Mühe gemacht, die Klimaanlage anzupassen. Die Luft in dem Zimmer war stickig und heiß. Da sie keine zahlende Kundin war, schien man sich auch so wenig wie möglich mit ihr befassen zu wollen. 

Plötzlich spürte Danny einen Luftzug, und innerhalb weniger Augenblicke war die Luft im Raum deutlich kühler. Sie hob den Blick und sah sich um, doch die Erklärung erhielt sie, als sich die Tür aufschob und Eden eintrat. Sie wirkte entspannt und war elegant gekleidet. Heels, ein enges, dunkles Kleid. Dazu trug sie Make-up und hatte die Haare offen.  

Eden setzte sich ihr gegenüber, während ein Kellner nach ihr in den Raum trat und ein Glas Wein auf den Tisch stellte. Danny erhielt ebenfalls ein Glas mit Eis, daneben eine Karaffe mit Wasser, aus der ihr etwas eingeschenkt wurde. Danach verschwand er und Stille legte sich über sie. 

Es dauerte nicht lange, bis Danny die Hand nach dem Glas ausstreckte und es an sich nahm, um die Flüssigkeit mit wenigen Schlucken herunterzustürzen. Trotzdem hatte sie das Gefühl, noch mehr Durst zu haben. Danny widerstand jedoch dem Drang, nach der Karaffe zu greifen und sich noch ein Glas einzuschenken. Stattdessen konzentrierte sie sich auf Eden, die sie mit einem schier freudigen Lächeln betrachtete. Danny könnte sich ohrfeigen, dafür, dass sie ihrem Durst nachgegeben und ihr damit in die Karten gespielt hatte. Es war lächerlich, sich an so einem Machtkampf festzuhalten, doch es war alles, was Danny noch übrig hatte.  

„Du hast dich also dazu entschieden, mein Angebot anzunehmen.“ 

„Das war kein Angebot“, brummte Danny. Es war Erpressung. Ein letzter Versuch, ihren Widerwillen auszudrücken. 

„Es war ein Angebot für eine Chance, deine Schulden zu begleichen und dein Leben nicht wegzuwerfen. Für mich zu arbeiten ist eine Ehre, das sollte dir klar sein.“ Das Einzige, was Danny wusste, war, dass Eden ein absolutes Miststück war. Berechnend und kalkuliert. Danny entschied sich dazu, zu schweigen und sich zurückzuziehen. Es war angenehm, dass der Raum sich abkühlte, allerdings hatte sie noch immer das Gefühl, dass es viel zu warm war. 

„Also?“, forderte Eden sie auf. Danny wand sich. Jede Faser ihres Körpers sprach sich dagegen aus, das auszusprechen, was sie aussprechen musste.  

„Ich bin einverstanden.“ 

Kaum waren die Worte ausgesprochen, griff Eden nach ihrem Glas und prostete Danny zu. Auf ihren Lippen lag ein zufriedenes Lächeln. Siegreich. Dabei hatte es nicht einmal einen fairen Kampf gegeben. Sie hatte nur ihre Handlanger auf Danny gehetzt und wartete, bis sich die Früchte dieser Arbeit von selbst ernteten. 

Eden trank einen Schluck, stellte das Glas wieder auf den Tisch und griff nach ihrer Tasche. Sie zog eine kleine schwarze Box heraus, die sie auf den Tisch stellte und zu Danny herüberschob. 

„Wir werden damit anfangen, dich für die Arbeit mit mir auszustatten. Mir ist daran gelegen, dass du die Aufträge bestmöglich umsetzt. Du wirst die Technik nutzen, die ich dir zur Verfügung stelle. Deswegen fangen wir mit dem OM an. Tausch es aus mit deinem aus.“ Eine kühle Anweisung, die Danny dazu zwang, sich wieder vorzubeugen und die Box zu sich zuziehen. Darin befanden sich die Linsen in einer sterilen Flüssigkeit. Danny muss die Abdeckung abnehmen, bevor sie sie herausnehmen konnte. Doch bevor sie das tat, hob Danny den Blick und sah Eden an und hob schweigend ihre eigene Hand. 

„Man wird dir etwas bringen, damit du deine Hände reinigen kannst. Dann werden wir über die weiteren Details sprechen. Trink noch etwas.“ Die Anweisung war klar, doch Danny ignorierte sie. Obwohl es töricht war und sie bei diesen Temperaturen mehr trinken sollte als bisher. 

Der Kellner öffnete erneut die Tür und brachte eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war. Und Danny konnte ihre Finger reinigen. Dann zog sie sich die linken Augenlider auseinander, um sich die Linse zu entfernen und auf den Tisch fallen zu lassen. Seit dem Überfall und ohne ihre eigene ID war sie ohnehin nicht mehr funktionsfähig. 

Es folgte die Linse des rechten Auges, bevor Danny sich der kleinen Box zuwandte. Sie nahm die Linse heraus und setzte sie ein. Eine routinierte Arbeit, da die Linsen ständig ausgetauscht und gereinigt werden mussten. 

Nachdem die Linsen eingesetzt waren, blinzelte Danny ein paarmal, bevor sie das User-Interface sehen konnte. Anders und umfangreicher als das, was Danny kannte. Sie blickte fragend zu Eden. 

„Ich habe die Möglichkeiten einschränken lassen. Navigation, Anrufe, Auftragsdaten, Konto. Du wirst einen genauen Überblick über deine Schulden haben.“ Eine Zahl erschien auf der linken Seite. Einige Zehntausende. 

„Sind das die Schulden oder die Kosten für die Tech?“ Es war entweder eine Leihgabe oder man würde sie als weitere Schulden berechnen, damit sie möglichst lange in Abhängigkeit blieb.  

„Sowohl als auch. 3⁄4 jedes Auftrages wird dazu verwendet, deine Schulden zu tilgen. Der Rest ist dein Lohn, damit du deine alltäglichen Kosten decken kannst.“

„Und wie soll ich das machen, ohne ID?“ Das erschloss sich Danny bislang nicht. Anstatt ihr zu antworten, griff die andere lieber nach ihrem Wein und leerte das Glas in einem Zug. 

„Darum werden wir uns jetzt kümmern. Und wir müssen dich herrichten. Ich will, dass du in drei Tagen den ersten Auftrag ausführst. Bis dahin musst du wieder fit und vorzeigbar sein.“ Eden stand auf und strebte aus dem Raum hinaus. Anstatt ihr zu folgen, griff Danny nach der Karaffe und schenkte sich ein weiteres Glas Wasser ein. Immerhin wusste sie nicht, wann sie wieder etwas bekommen würde.

Eden

„Das ist ein ziemliches Investment für so fehlerhafte Wahre. Auch, wenn ich zugeben muss, dass ich schon schlechtere Werte gesehen habe.“ Der große Mann blickte sie zweifelnd an, als er an die Scheibe trat, durch die man den Streuner beobachten konnte. Trotz seiner Größe wirkte der Mann nicht bedrohlich. Seine Müdigkeit überzog ihn wie eine dunkle Decke, die alles einnehmen konnte. Nicht zuletzt deshalb, weil er jedes Wort betont langsam und fast schon überdeutlich aussprach. 

Er berührte die Scheibe und öffnete dort die erhobenen Daten und Scans. Sie nahm die Bewegungen aus dem Augenwinkel wahr, hielt den Blick aber auf das gerichtet, was im anderen Raum vor sich ging. 

„Das muss sie nicht kümmern. Sagen Sie mir nur, ob es etwas gibt, das ich wissen sollte.“ Belanglose Befindlichkeiten interessierten sie nicht, da sie nicht mehr Zeit als notwendig herein investieren wollte. 

„Nichts, was sie einschränken sollte. Wir mussten ihr einen moderneren Adapter für unsere Prothese einsetzen, alle weiteren Module können sofort genutzt werden.“ Wer hätte gedacht, dass zwei Sätze so viel Zeit einnehmen konnte? 

Die neue Prothese wurde gerade angebracht, während Danielle auf dem Behandlungstisch lag, nur mit einem weißen Leibchen bekleidet. Sie hatte ihren linken Arm zur Seite gestreckt, damit eine zweite Person den Chip kalibrieren konnte. Die junge Frau ließ alles teilnahmslos mit sich geschehen. Fast schon enttäuscht nahm sie wahr, dass Danielles Blick leer und verloren wirkte. 

Als sie Danielles ID angeboten bekommen hatte, empfand sie es als glückliche Fügung. Noch mehr, als die junge Frau das erste Mal vor ihr gesessen hatte. Der rebellische Ausdruck hatte Abwechslung und Spaß versprochen. Von diesem Spaß war gerade keine Spur zu sehen. Es war schrecklich langweilig, mit kaputtem Spielzeug zu spielen. 

„Eine Sache war jedoch interessant“, führte der Arzt weiter aus. 

„Kommen Sie zum Punkt“, forderte sie. Sie hatte ihm eine klare Aufgabe gegeben und trotzdem schwafelte er, ohne dabei eine brauchbare Information zu liefern. 

„Nun, es ist so, dass ihre Verletzung, wo ihr ihre ID entfernt wurde, professionell versorgt wurde.“

„Sie hat sich einen guten Verband angelegt, meinen sie?“ Er strapazierte ihre Geduld unnötig. 

„Nein. Es wurde Regena Gel verwendet, um die Wunde zu versorgen. Das wird nur auf ärztlichen Beschluss oder in Krankenhäusern ausgegeben. Dort hätte man sie eigentlich melden müssen, ohne ihre ID.“ Das erste Mal wandte sie den Blick von dem Raum ab und sah zu dem Arzt herüber. Er hatte recht. Das war interessant. 

Donnerstag, 06. September 2104 - Elaine

„Sieh einer an, ich hatte nicht erwartet, dass du mich heute mit deiner Anwesenheit beehren würdest.“

„Ich dachte, es sei unhöflich, dir nicht wenigstens Hallo zu sagen.“ 

Ihr Gegenüber gab einen belustigten Laut von sich, während Elaine sich zu ihr an einen der Tische setzte. Sie neigte selten dazu, hier mit anderen Kunden das Gespräch zu suchen. Wer in das Heaven ging, war nur hier, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Und das unter strengen Auflagen, die eine sichere Privatsphäre gewährleisteten. Dafür sorgten unter anderem die Masken, die als Hologramm über ihren Gesichtern lagen. Möglich war das durch ein Modul, welches wie eine Brille getragen wurde, nur ohne Gläser und lediglich mit dem oberen Teil des Rahmens. Bei der Konfiguration zu Anfang konnte man seine Maske wählen. Verschiedene Tiere in drei unterschiedlichen Farben standen zur Auswahl. Weiß, Schwarz, Gold. Elaine trug eine schwarze Fuchsmaske. Dennoch gab sie sich nicht der Illusion hin, dass sie damit vollkommen anonym und sicher war. Daher kam sie nicht oft hierher, um das Risiko zusätzlich gering zu halten. 

Es war der exklusivste Club der Stadt, der seinem Namen gerecht werdend, in den oberen Etagen eines High Towers untergebracht war. Von hier aus hatte man einen Blick über die ganze stand und konnte sich alles kaufen, was man wollte. Gutes Essen, exklusive Getränke, sexuelle Gefälligkeiten. Es war ein offenes Geheimnis, dass viele mit Rang und Namen hierherkamen und dadurch ein Schlupfloch in den Gesetzen ihrer Stadt geschaffen hatten. Denn gerade die sexuellen Gefälligkeiten, die man sich hier gönnte, waren illegal und verrufen. Sex mit dem eigenen Geschlecht? Eine Beziehung? Verboten und unter Strafe gestellt. Hier war ein Ort, an dem man Ablenkung und Entspannung vom eigenen Alltag suchte, an dem man sich das nehmen konnte, was man sonst nicht haben durfte. 

Peyton war diejenige, die Elaine von diesem exklusiven Club erzählt und sie das erste Mal mit hierher genommen hatte. Und nur deswegen hatte sie die andere, trotz ihrer weißen Hasenmaske, erkannt und weil sie wusste, zu wem dieses Blumentattoo auf ihrer Schulter gehörte. 

„Das wäre es gewesen. Warst du schon oben?“ 

„Ja, noch ein Getränk, dann werde ich nach Hause gehen.“ Noch während Elaine das sagte, hob sie die Hand, um einen der Kellner an ihren Tisch zu rufen. Dieser stand kurz darauf neben ihr, um sich zu ihr herabzubeugen. 

„Was darf ich Ihnen bringen?“

„Einen Martini.“ 

Ein kurzes Nicken, dann verschwand er wieder. Elaine konnte sich jetzt ganz auf die Unterhaltung konzentrieren. Sie sah zurück zu Peyton, die sie ansah, als würde sie auf eine Antwort warten. Nur, dass Elaine die Frage nicht vernommen hatte. Sie legte selbst fragend den Kopf zur Seite. 

„Ich versuche noch immer herauszufinden, was du hier suchst. Du hast nie etwas dazu gesagt.“ 

Der Grund dafür war, dass Elaine ihr nicht vertraute. Sie war vor einem Jahr das erste Mal hier gewesen. Zu einem Zeitpunkt, an dem Peyton noch davon ausgehen konnte, dass Elaine glücklich verheiratet war. Und damit hatte sie vermeintlich etwas gegen sie in der Hand.

Andrew war zu jedem Zeitpunkt eingeweiht gewesen. Dennoch waren sie sich einig, dass Elaine vorsichtig sein musste. Sie durfte Peyton nichts Weiteres in die Hand geben, was gegen sie verwendet werden konnte. Erpressung war ein gängiges Mittel in ihren Kreisen. Egal, ob es darum ging, sich Vorteile zu verschaffen, die eigene Karriere voranzutreiben oder jemanden aus dem Weg zu räumen. 

„Ablenkung?“ Das, was sie am Ende alle suchten. Es war schrecklich primitiv und einfach. Darin lag keine tiefere Ebene. Sie wollte nicht wissen, wie viele hier verheiratet waren und zu Hause nicht das bekamen, was sie brauchten. Die einen taten es, weil gleichgeschlechtliche Beziehungen, zugunsten der Geburtenrate, verboten worden waren. Die anderen hatten Vorlieben, die ein Partner oder eine Partnerin nicht befriedigen konnte.  

„Das meine ich nicht. Ich meine, was für eine Art von Ablenkung. Wie muss der Mann sein, damit er dich glücklich machen kann und sein Geld wert ist?“ 

„Ich wüsste nicht, warum das von Belang sein sollte. Sofern ich das beurteilen kann, hast du auch nie darüber gesprochen, was du hier suchst.“ 

Damit musste sich Payton wohl geschlagen geben. Sie lachte, während der Kellner zu ihnen zurückkam, um Elaine ihren Martini zu bringen. Die Schaltfläche am Tisch wurde freigegeben, damit sie das Getränk auf ihre Kundennummer buchen konnte.  

„Entspannung und Abenteuer ohne Verpflichtungen würde ich es nennen. Du weißt, wie müßig es ist in unseren Kreisen, jemanden kennenzulernen, der einem nicht eines Tages ein Messer in den Rücken rammen möchte. Das hier …“ Peyton machte eine ausladende Handbewegung. „Ist für mich eine hervorragende Alternative und ich kann mir bei jedem Besuch von Neuem überlegen, was ich benötige.“ 

„Du buchst niemals die gleiche Person?“, hakte Elaine nach. Nicht, weil es sie interessiert hätte, sondern weil es einen Zweck erfüllte. Es war besser, sich an gesellschaftlichen Höflichkeiten zu beteiligen, um selbst nicht in den Mittelpunkt der Unterhaltung zu geraten. 

„Doch, aber ich probiere mich auch gerne aus. Hier muss ich mich immerhin nicht rechtfertigen. Auch, wenn man selbst hier nicht alles bekommen kann.“

Es lag Bedauern in ihrer Stimme, während sie den Blick kurz schweifen ließ. Luxusprobleme, wie sie manch einer nennen würde. Denn das größte Problem, das Peyton hatte, war, dass sie nichts mit sich anzufangen wusste und unverheiratet war. Etwas, das ungern gesehen wurde. Elaine ging davon aus, dass sie bereits einen Plan für den Zeitpunkt hatte, an dem sie dem nicht mehr ausweichen konnte. Eine Zweck-Ehe, die einen Mehrwert für sie brachte. Sei es finanziell oder sozial. 

„Und was würdest du gerne bekommen?“ Elaine entschied sich dazu, mitzuspielen und der stummen Aufforderung zu folgen. Peyton wollte offensichtlich mit ihr darüber sprechen und suchte nur den passenden Anstoß. Den würde sie ihr gewähren und kaum, dass sie die Frage ausgesprochen hatte, lehnte Peyton sich bereits vor und schob die Ellen über den Tisch. 

„Hast du es schon einmal mit einer Frau versucht?“, fragte sie. Es überraschte Elaine, da der allgemeine Konsens immer ein anderer gewesen war. Doch, bevor sie die Chance hatte, Fragen dazuzustellen, drehte sich Peyton ein wenig ein und deutete hinter sich an die Bar. „Siehst du die große, Blondine? Sie würde mir gefallen, aber offiziell ist sie nicht verfügbar, sondern nur für die Drinks verantwortlich.“ Sie gehörte nicht zu den Angestellten, die für Dienstleistungen im sexuellen Kontext verantwortlich waren. Das konnte mit einem Striptease anfangen und mit Geschlechtsverkehr enden. Wer so etwas wollte, musste sich an das passende Personal wenden. Alle anderen waren tabu.

„Und inoffiziell?“ 

Peyton schwieg und zuckte lediglich grinsend mit den Schultern. Dass sie hier nicht darüber sprechen wollte, war angemessen, immerhin hing daran wohl nicht nur der Job der Barkeeperin, sondern auch ihre eigene Mitgliedschaft. Elaine schloss daraus, dass offensichtlich bereits etwas außerhalb dieses Clubs gelaufen war. 

„Wie auch immer, du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Ich halte mich gerne an etwas, wenn ich weiß, dass es gut ist. Zu viele Experimente sind aus meiner Sicht Zeitverschwendung“, antwortete Elaine ausweichend. 

„Verstehe. Wie gut, dass wir trotz aller Unterschiede hier alle bekommen, was wir wollen.“ 

Peyton hob ihr Glas und Elaine stieß mit ihr an.  

„Wie auch immer, ich hatte bisher nicht das Vergnügen. Wir sehen uns.“ 

„Natürlich.“ 

Noch ein kurzes Lächeln, dann erhob sich Peyton und verschwand zwischen den Menschen. Elaine lehnte sich entspannt zurück und ließ den Blick noch einen Augenblick über die Menschen wandern. Zurück zur Bar, hinter der inzwischen ein anderes Team arbeitet. 

Danny

Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Lunge brannte bei jedem Atemzug, doch Danny durfte nicht anhalten. Wenn sie anhielt, würde man sie erwischen.

 Um schneller zu werden, erhöhte Danny den Druck auf ihre Prothese. Sie hielt auf die Dachkante zu. Jetzt durfte sie nicht nachdenken und musste funktionieren. 

Noch zehn Meter. 

Hinter sich hörte sie, wie eine Tür aufschlug.  Jemand schrie nach ihr. Sie solle stehen bleiben. Schüsse.

Fünf Meter. 

Vor ihr tauchte die Dachkante auf. Danny traf mit der Prothese auf die Kante. Die Federn wurden zusammengedrückt, gefolgt von der Aktivierung der Hydraulik, bevor die Spannung nachließ und die Prothesenkraft sie in die Luft katapultierte. Danny zog ihre Beine an und richtete ihren Blick auf das Dach vor sich. Trotz der Tatsache, dass das andere Dach etwas niedriger lag, musste Danny mit dem Sprung fast 15 Meter überbrücken. Eigentlich unmöglich. 

Doch Danny flog. Bis sie auf der anderen Seite aufschlug und sich abrollen musste. Schmerzen durchdrangen ihren Körper, aber sie konnte sich nicht damit aufhalten. Danny erhob sich unbeholfen und lief weiter, bis sie die nächste Dachkante erreichte. Wieder sprang sie mit der Prothese ab. Dieses Mal musste sie nur eine kurze Distanz überbrücken und schaffte es besser zu landen. 

Noch immer waren die Schreie hinter ihr zu hören, doch Danny wagte es nicht, sich herumzudrehen. Sie rannte weiter, bis sie eine Feuertreppe erreichte. Vier Stockwerke rannte Danny hinunter, und sprang von dem letzten Absatz auf einen Müllcontainer hinunter, um auf die Straße zu gelangen. 

Erst jetzt öffnete sie die Navigation. Vor ihr tauchte eine Linie auf, der sie nur noch bis zur nächsten Bahnstation folgen musste. Knapp 370 m. Das würde sie schaffen. Durch ihren Sprung hatte sie sich Zeit verschafft. Ihre Verfolger müssten erst einmal auf die Straße hinunter und sie dann wiederfinden. Wenn Danny es richtig anstellte, und ihre Verfolger nicht auch technische Hilfsmittel besaßen, konnte sie in der Nacht verschwunden sein, noch bevor sie unten angekommen waren. 

Ihr Körper rebellierte, doch darauf konnte Danny keine Rücksicht nehmen. Sie kämpfte gegen den Schmerz an und lief weiter. Einige Meter die Straße entlang, bevor sie in die nächste einbog. Die Gegend war sehr belebt und so musste Danny einigen Menschen ausweichen, die ihr entgegenkamen. Es war hilfreich, da sie die Möglichkeit hatte, sich auf ihrem Weg in der Menschenmenge zu verstecken. 

Dennoch würde Danny ihre Schritte erst zwei Straßen weiter verlangsamen und anfangen zu gehen. Ein kurzer Blick über die Schulter sagte ihr, dass sie scheinbar nicht verfolgt wurde. 

Eine Gelegenheit, die sie nutzte zunutze, um, während sie lief, ihre Umhängetasche nach vorn zu ziehen und zu öffnen. Vorsichtig zog sie eine schwarze Kapuzenjacke heraus. Anschließend verschloss sie die Tasche wieder und schob sie zurück auf ihren Rücken. Erst dann zog sie sich die Jacke an und die Kapuze über ihren Kopf. Mit gesenktem Blick und den Händen in den Taschen lief sie weiter. Obwohl es keine perfekte Tarnung war, könnte es ihr dabei helfen, sich anzupassen und würde nicht sofort die Aufmerksamkeit auf sich lenken, falls sie doch eingeholt werden sollte. 

Nach weiteren 100 Metern erreichte sie den Eingang zur U-Bahn und lief die Treppen zu den Zugängen hinunter. Die Hand legte sie auf den Scanner, um durch die Absperrung zu gehen. Noch eine Treppe hinunter, bis Danny den Bahnsteig erreichte, auf dem in wenigen Minuten eine Bahn einfahren würde. Erst einmal war ihr die Richtung egal. Das Wichtigste war, dass sie hier wegkam und sich selbst in Sicherheit brachte. 

Sie stieg ein und suchte sich einen Sitzplatz, möglichst weit weg von anderen Fahrgästen. Erst, nachdem sich die Bahn in Bewegung gesetzt hatte, entspannte sich Danny ein wenig. Sie hatte es wieder geschafft, aber sie musste hoffen, dass die ganze Sache kein Nachspiel hatte. Ob man versuchen würde, sie zu finden? Sie hoffte nicht, aber das kam darauf an, wie wichtig das war, was sie entwendet hatte. Danny wusste nicht, was sie gestohlen hatte. Wie immer hatte sie den Standort erhalten, gemeinsam mit der Anweisung, die Lieferung abzuholen. Normalerweise war es eine einfache Sache. Lieferung holen, zum Übergabeort bringen, fertig. Es müsste noch geklärt werden, was genau schiefgelaufen war, aber es schien, dass Danny unwissentlich einen Diebstahl begangen hatte. Anders waren die Wut der Kerle und die Schüsse nicht zu erklären.

Es war nicht erwünscht, dass Danny Fragen stellte. Doch in diesem Fall blieb das nicht aus. Denn Danny wusste zwar nie genau, worauf sie sich einließ und wie groß das Risiko war, welches sie mit den einzelnen Aufträgen einging. Sich umbringen zu lassen, war jedoch nie Teil der Abmachung gewesen. 

Die Bahn blieb an der nächsten Station stehen, aber Danny beschloss, noch weiterzufahren, um später in eine andere Linie umzusteigen. Auf diese Weise konnte sie zurück in das Stadtzentrum fahren, um die Übergabe abzuschließen. Je schneller sie die Ware loswurde, umso besser. 

Aufmerksam beobachtete Danny die Menschen in ihrer Umgebung, als die Bahn sich wieder in Bewegung setzte. Eine Gruppe von jungen Frauen, die offensichtlich zu einer Party unterwegs waren. Eine von ihnen wirkte leicht angetrunken, die Gruppe lachte über etwas. Ein wenig davon entfernt hatte sich ein Mann über die Sitzreihe gelegt und machte sich breit. Betrunken oder obdachlos. Dann war da noch ein Pärchen. Sie saßen eng beieinander, er hatte seinen Arm um sie gelegt, während sie den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen hatte.  

Alles wirkte friedlich. Wenn ihr bis hierher niemand gefolgt war, dann war sie spätestens nach dem nächsten Linienwechsel aus dem Schneider. 

Die Bahn fuhr an der nächsten Station ein und Danny stand wieder auf, um auszusteigen. Nur wenige Menschen waren ihr auf den Bahnsteig gefolgt und liefen an ihr vorbei, zu den Ausgängen. Ihre Linie kam in zwei Minuten. Deswegen ging Danny langsam zu einer Säule und lehnte sich daran an. Den Kopf hielt sie gesenkt und öffnete wieder die Navigation, um dort den Übergabeort auszuwählen. Über die Augennavigation konnte sie das Ziel mühelos auswählen und sofort erkennen, in welche Linie sie einsteigen musste, wann diese kam und wo sie aussteigen sollte. 

Kaum, dass sie sich einen Überblick verschafft hatte fuhr die Linie ein und Danny stieß sich von der Säule ab, um hinter zwei jungen Kerlen in den Wagen einzusteigen. Dann bog sie nach rechts ab, um sich dort einen Sitzplatz zu suchen. Sie befand sich am Rande der Stadt und wäre noch für eine halbe Stunde unterwegs, bevor sie erneut aussteigen musste. Diese Zeit sollte sie für eine Pause nutzen. 

Sie steuerte einen Sitzplatz an und war gerade dabei, sich zu setzen, als ihre Prothese blockierte. Sie wurde steif, schaltete sich ab und Danny geriet ins Straucheln. Gerade noch schaffte sie es, eine der Haltestangen zu ergreifen, um sich aufrecht zu halten. Es dauerte, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, um sich hinkend zu dem Sitzplatz zu bewegen und sich dort herunterrutschen zu lassen. Danny war gezwungen, das Bein ausgestreckt zu halten und musste beide Hände benutzen, um die Prothese zur Seite zu ziehen, damit sie niemandem im Weg war. 

Gleichzeitig hörte sie das Klingeln, während vor ihr die Anzeige auftauchte, dass sie angerufen wurde. Eden. Genervt nahm Danny den Anruf entgegen und lehnte sich gegen die Wand, um aus dem Fenster in die Dunkelheit des Tunnels zu blicken. 

„Was?“, fragte sie genervt. Die Frau, die für all das Chaos verantwortlich war, war das Letzte, was sie an diesem Tag benötigte. 

„Wo treibst du dich wieder herum? Solltest du nicht eigentlich deinen Auftrag ausführen?“ Danny wusste nicht, warum sie das überhaupt fragte. Ihre Prothese hatte sich abgeschaltet, weil sie den vorgegebenen Bereich verlassen hatte, und das wurde Eden immer gemeldet. Sie wusste sehr genau, wo sich Danny aufhielt, denn man hatte ihr einen Ortungschip eingebaut. Sie war gechippt worden, wie ein Hund, den Eden an der Leine immer wieder zurückpfeifen konnte, wenn er ihr zu weit davonlief. 

„Planänderung. Du hast mir nicht alles zu heute Abend gesagt. Ich musste schneller weg, also reg dich wieder ab“, erklärte sie gereizt. Immerhin war es das eine, ihr Fehlinformationen zu geben. Aber die andere Sache war, dass sie aktiv intervenierte und Danny jetzt ein Handicap verpasste. Eine steife Prothese war keine Erleichterung, auch wenn dieses Model nicht nur erheblich leichter war als alles, was Danny bisher kennengelernt hatte. Das hatte den Vorteil, dass sie sich damit noch immer halbwegs gut bewegen konnte, auch, wenn alle Sonderfunktionen gesperrt waren. 

„Ich dachte, du bist die beste und magst Herausforderungen?“ 

„Fick dich. Ich bin jetzt auf dem Rückweg und gebe alles ab.“ In den vergangenen Wochen hatte sie ausreichend Erfahrung mit Eden gesammelt und wusste, dass diese Frau mit absoluter Berechnung handelte. Ihr passierten keine Fehler und wenn, dann war es pure Absicht. 

„Für deine Frechheiten sollte ich dir eigentlich etwas von deinem Anteil abziehen“, bekam Danny die Retourkutsche. Sie hatte das nicht zum ersten Mal gehört, und Eden würde es auch nicht zum ersten Mal umsetzen. Wenn sie das tat, bedeutete es einen schwerwiegenden finanziellen Verlust für sie, da ihre finanziellen Mittel mittlerweile stark eingeschränkt waren. Danny kam über die Runden, solange sie regelmäßig Aufträge bekam. Aufgrund ihrer ständigen Verfügbarkeit arbeitete sie nur noch an vereinzelten Tagen im Heaven hinter der Bar, um eine finanzielle Absicherung zu gewährleisten. 

„Komm in die Bar, ich hätte das Paket gerne direkt. Und keine Umwege hast du mich verstanden?“

„Ja Ma’am“, murmelte sie und spürte, wie ihre Prothese wieder eingeschaltet wurde. Danny zog das Bein an sich heran und schloss die Augen, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. Wenn sie jetzt noch in die Bar sollte und Eden sie persönlich sprechen wollte, dann musste sie damit rechnen, dass es noch eine Weile unterwegs war, bis sie endlich nach Hause konnte. Sie wollte sich weder eine Standpauke abholen noch Eden ausführlich erzählen, was vorgefallen war und warum sie den Auftrag nicht ordentlich erledigt hatte. 

Danny war sich sicher, dass Eden nicht die Schuld auf sich nehmen würde. Nachdem Danny dem Angebot zugestimmt hatte, war Eden mit ihr zu einem Techniker gefahren. Der hatte sie mit der neuesten Technik ausgestattet. Eine neue, hochmoderne Prothese, AM und OM so wie ein neuer Chip, den man ihr ins Handgelenk gesetzt hatte. Es war keine ID. Sollte sie also aufgegriffen und kontrolliert werden, würde sie auffliegen. Mit dem Chip konnte sie lediglich Überweisungen tätigen. Dass dies überhaupt möglich war, sprach für die Qualität dieses Chips. Gleichzeitig wusste Eden durch diesen Chip auch immer, wo sie war. Sie hatte wahrscheinlich auch Zugang zu allem, was Danny bezahlte, sowie zu ihren Kontotransaktionen. Zusätzlich besaß Eden die Kontrolle über die ganze Technik, die Danny von ihr erhalten hatte. Der Preis dafür war zu ihren Schulden hinzugekommen. Eden hatte Danny ein sehr enges Halsband angelegt, was sie auch noch selbst bezahlen sollte. 

Es war nicht überraschend gewesen. Das einzig Positive war, dass Eden ihr regelmäßige Aufträge gab, die sich meistens darauf beschränkten, etwas von A nach B zu bringen. Einmal hatte sie bei einer Privatparty Cocktails machen sollen. Es war ihr bis heute nicht klar geworden, warum Eden sich dafür nicht einfach einen Dienstleister gesucht und stattdessen ihre Schulden aufgekauft hatte. 

Ihre Navigation signalisierte Danny, dass sie bei der nächsten Station aussteigen musste. Da sie jetzt ein anderes Ziel hatte, änderte sie die Eingabe noch einmal. Je eher sie dieses Paket loswurde, umso besser.

Danny

„Ist sie schon da?“, fragte Danny und musterte die Frau am Eingang der Bar. Inzwischen wusste sie, dass sie Cecile hieß. Der Blick mit dem sie Danny ansah hatte sich nicht verändert, obwohl Danny dazugelernt hatte. Wenn sie hierher kam, dann war sie immer angemessen gekleidet. Nur heute konnte sie diesem Anspruch nicht gerecht werden, da ihre Kleidung durch die Flucht voller Staub und Schmutz war. 

Eine Antwort bekam sie nicht. Cecile wandte sich ab und Danny verdrehte die Augen, bevor sie ihr durch die Bar zu den hinteren Räumen folgte. Jedes Mal lief es gleich ab. Und wie üblich hatte Eden es sich in ihrem Raum mit einem Getränk gemütlich gemacht.  

Wie üblich ließ Cecile sie eintreten und fragte nicht nach ihrem Getränkewunsch. Dann verschwand sie wieder, während Danny sich auf die Sitzbank gegenüber von Eden sinken ließ und durchatmete. Erst jetzt zog sie die Kapuze von ihrem Kopf und legte den Knöchel ihrer Prothese auf den Oberschenkel ihres Beines. Sie gab sich entspannt, um Eden nicht hinter ihre Fassade blicken zu lassen.  

„Wo ist das Paket?“ Höflichkeiten waren fehl am Platz. Sie hielten sich beide nicht damit auf. Und wenn Eden es doch tat, dann wusste Danny, dass sie etwas wollte. Etwas, das Danny noch mehr widerstrebte, als mitten in der Nacht für sie durch die Stadt zu rennen und Pakete an zwielichtigen Orten abzuholen. 

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass ein paar schießwütige Kerle auf mich warten, wenn ich dem Ding zu nah komme?“ Diese Information wäre hilfreich gewesen. Danny hätte wenigstens versuchen können, unentdeckt zu bleiben. Kurz hatte sie den Gedanken gehabt, dass Eden es nicht gewusst hatte. Sie hatte diesen jedoch rasch wieder verworfen. Nach ihren Erfahrungen wusste Eden mehr, als man ihr zutraute, aber niemals zu wenig. Das ließ den Verdacht aufkommen, dass sie es absichtlich verheimlicht hatte. Aus Dannys Perspektive gab es zwei Gründe dafür. Eden wollte sie testen, um herauszufinden, wie gut sie tatsächlich war und wie ernsthaft sie ihre Befehle ausführte. Oder sie hatte darauf spekuliert, dass Danny nicht lebend wieder zurückkam. Es war eine Möglichkeit, Leute loszuwerden, auch wenn derzeit kein Grund dazu bestehen sollte. Danny hatte noch zu viele Schulden, die abgearbeitet werden mussten, als dass eine solche Entscheidung sich für Eden wirklich rentieren würde. 

„Warum beschwerst du dich? Immerhin sitzt du wohlbehalten vor mir. Es scheint also kein besonders großes Problem gewesen zu sein.“ Danny rümpfte die Nase. Zwar war sie entkommen, was sich allerdings nur auf ihre Erfahrungen und den Umstand zurückführen ließ, dass ihre Prothese gute Dienste leistete. Mit ihrer Hilfe konnte Danny nicht nur weiter springen, sondern auch schneller laufen und hatte mehr Kraft, um Angreifer abzuwehren. Wenn sie die Kraft, die sie in einen Sprung gab, darin verwendete, einen Angreifer zu treten, dann war das eine nicht zu unterschätzende Waffe. Doch abgesehen davon, dass man es wollen, musste, sollte man auch wissen, wie man richtig damit umging. Danny war noch nie in der Lage gewesen, sich auf diese Weise zu verteidigen, und blind um sich zu treten, war auch keine Lösung. Vorhin war es im Affekt passiert und als Danny zugesehen hatte, wie der Körper einfach durch die nächste Tür hindurch flog, hatte es sie überfordert. Niemals wäre sie aktiv auf die Idee gekommen, die Prothese als eine Art Waffe zu benutzen. In ihrem bisherigen Leben war es für sie vollkommen undenkbar, einen Menschen anzugreifen oder zu verletzen. Heute hatte sie es getan und nun, wo sie zur Ruhe kam, fragte Danny sich, ob der Kerl diesen Freiflug überlebt oder ob sie ihm ernsthaft geschadet hatte. Ein fast schön lächerliche Gedanke.  

„Darum geht es nicht. Es geht darum, dass du mir wichtige Informationen verschwiegen hast. So läuft das nicht.“ Es war ein Versuch, etwas einzufordern, was sie nicht bekommen würde. Nicht, wenn es nach Eden ging. 

„Du bekommst alle Informationen, die du benötigst und die ich als relevant erachte. Ich habe dich mit der modernsten Technologie ausgerüstet, die derzeit auf dem Markt verfügbar ist. Du hast also alles, was du brauchst, oder nicht?“ Sie wollte sich als Gönnerin inszenieren, doch das war sie nicht. Darüber zu diskutieren, würde sie allerdings nicht weiterbringen. Wenn sie Eden zu sehr reizte, würde sie die nächsten drei Tage mit einer steifen Prothese herumlaufen. Etwas, das zu Anfang oft passiert war. Danny war ungehorsam gewesen. Eden hatte sie gemaßregelt. 

Inzwischen erkannte Danny die Warnzeichen. Wenn die linke Augenbraue der anderen langsam anfing, in die Höhe zu wandern, war es ein sicheres Zeichen dafür, dass sie den Bogen nicht weiter spannen sollte.  

Und genau das passierte gerade. Danny seufzte und zog die Prothese von ihrem Bein herunter, damit sie sich aufsetzen konnte. Dann öffnete sie die Kapuzenjacke und legte diese zur Seite, bevor sie ihre Tasche nach vorn ziehen und öffnen konnte. Heraus beförderte sie das kleine, braun verpackte Paket, welches ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden war. 

Sie platzierte es auf den Tisch und schob es zu Eden herüber, doch diese rührte es nicht an. Stattdessen nahm sie lieber einen Schluck von ihrem Getränk und musterte Danny etwas abschätzig. 

„Danielle, ich dachte eigentlich, wir hätten ausreichend darüber gesprochen, wie die Dinge laufen werden, oder nicht?“ Danny nahm ihre Jacke und zog sie wieder an. Das Einzige, was sie im Moment wirklich nicht gebrauchen konnte, war eine weitere Ermahnung, als ob sie ein ungezogenes Kind wäre, das wieder einmal zu lange vor dem Fernseher gesessen hatte. 

„Du bist gut, aber nicht unersetzbar. Ich kann deine Schulden auch ganz einfach von jemand anderem auslösen lassen und wer weiß, ob diese andere Person dann auch so großzügig ist oder nicht unangenehmere Arbeit für dich hat. Möchtest du das tatsächlich herausfinden?“ Danny hatte schon zu viel herausgefunden. Sie hatte zu Anfang nicht verstanden, wie das alles zusammenhing und hatte tatsächlich geglaubt, dass sie ein Einzelfall war. Inzwischen wusste sie, dass es eine gängige Methode innerhalb der Stadt war. Ärmere Menschen wurden verleitet, in die Schuldenfalle zu geraten, indem sie überhöhte Kredite von einem Schakal aufnehmen konnten. Ob es sich bei dem Schakal um eine Person oder ein Netzwerk handelte, wusste Danny nicht. Fakt war, dass man bei ihm Geld bekommen konnte. Entweder durch einen Kredit oder indem man ihm etwas verkaufte. Kredite mussten mit Zinsen zurückgezahlt werden. Konnte man das nicht, dann kam der Schakal sich etwas holen, was unbezahlbar war. Die ID des Schuldners. Die Daten wurden eingelesen und zum Verkauf gestellt. Entweder als Datenpakete oder die Person selbst, um sie in eine Abhängigkeit zu bringen, wie es bei Danny der Fall war. Danny war nicht überrascht, dass Frauen dabei weit öfter in Abhängigkeitsverhältnissen enden als Männer. 

Sie wusste, dass Eden Dannys ID auf diesem Weg gekauft hatte. Das war zumindest das, was sie behauptete. Trotzdem gab es damit zwei Schwierigkeiten. Zum einen hatte Danny nie diese Schulden gemacht, zum anderen stimmte der zeitliche Ablauf nicht. Die Kerle, die sie überfallen hatten, hatten Danny eine Nachricht von Eden hinterlassen. Das bedeutete, sie müsste Dannys ID bereits gekauft haben, bevor diese überhaupt auf dem Markt gewesen war. Etwas an der Sache stimmte nicht, doch ihr blieb nichts weiter übrig, als langsam tiefer zu graben und den Kerl zu finden, der sie verkauft hatte. Es würde ihr zwar nicht helfen, doch es einfach auf sich beruhen zu lassen, war für Danny unmöglich. 

„Du wirst deine Zahlung erhalten. Und ich erwarte, dass der nächste Auftrag mit weniger Diskussionen durchgeführt wird, haben wir uns verstanden?“, sprach Eden weiter, nachdem Danny ihr auf ihre erste Frage nicht geantwortet hatte. Nicht, dass Eden wirklich an ihrer Meinung interessiert wäre. Das hier war kein Dialog auf Augenhöhe. 

„Ja Ma’am“, murmelte Danny und raffte sich wieder auf. Sie verließ den Raum und zog sich die Kapuze über den Kopf, ohne Eden noch eines Blickes zu würdigen. Die Hände vergrub sie in den Taschen, als sie sich durch die Bar bewegte und schließlich hinaus an die frische Luft trat. Danny hielt kurz inne und nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie die Stufen hinunterging und zur nächsten Bushaltestelle ging. Jetzt konnte sie sich auf den Weg nach Hause machen, auch wenn sie noch einige Zeit unterwegs sein würde. 

Ihr Magen knurrte und signalisierte ihr, dass sie sich auch noch um etwas Essbares kümmern musste. Es gab jedoch genügend Streetfood-Stände in ihrer Nachbarschaft, die bis dahin noch geöffnet waren. Das dürfte ihre geringste Sorge sein. 

Freitag, 07. September 2104 - Elaine

„Ist das alles, was noch übrig ist?“ Elaine blickte von ihrem Tablet auf und sah zu Grace, die neben ihr in ihrem Lager stand und resignierend seufzte. 

„Die Kontrollen werden strenger. Aus den Krankenhäusern können immer nur geringe Mengen entwendet werden und seit sie den illegalen Umschlagplatz am Hafen ausgehoben haben …“ Grace schüttelte den Kopf. Ja, die Regierung hatte angekündigt, härter gegen Verbrechen vorzugehen und die Stadt zu reinigen. Von allem, was nicht ihrem Wertesystem entsprach. Es war, als würde man nach einem Unfall die äußeren Verletzungen versorgen, sie verbinden und glauben, dass der Patient bald wieder auf den Beinen war, ohne dass man sich über innere Verletzungen Gedanken gemacht hatte. Ein Patient, der so versorgt wurde, starb unweigerlich. Wenn man sich nicht endlich den wirklichen Problemen annahm, würde diese Stadt genauso enden. Würde man nicht anerkennen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich stetig wuchs und dass diese Menschen gezwungen waren, sich durch illegale Mittel zu versorgen und Straftaten zu begehen, um zu überleben, konnte man keine Veränderung herbeiführen. 

Die meisten Menschen lebten in der Mittelschicht, Menschen, die diese Extreme nicht kannten. Jedoch wurde es auch für sie zunehmend schwieriger, und das Verhältnis verlagerte sich allmählich. 

Anstatt sich aber den Handelsproblemen anzunehmen, und die Expertise der Stadt zu stärken, um attraktiver für andere zu werden, um Exporte fördern zu können, zog der Senat vor, die kleinen Probleme der Stadt zu lösen. Man hoffte darauf, dass es ausreichend war, die Kriminalität im Keim zu ersticken. Illegale Märkte und Umschlagplätze auszuheben, Verbrechen noch härter zu bestrafen und alle aus der Stadt zu schaffen, die sich nicht anpassen und an die Regeln halten wollten. 

Die neue Vorgehensweise erschwerte es ihr, die Arche weiterhin zu betreiben. Einige Patienten kamen hierher, weil sie akute Verletzungen hatten, während viele regelmäßige ärztliche Betreuung benötigten. Und damit verbunden auch Medikamente. Gegen Bluthochdruck, Insulin, Schmerzmittel. Es gab eine lange Liste und diese Menschen verließen sich darauf, dass ihnen hier geholfen wurde. Bislang waren sie nicht gänzlich an ihren Grenzen angelangt, aber falls sie nicht bald eine Lösung finden würden, um an neue Medikamente zu gelangen, würden sie nicht mehr vielen helfen können. 

„Wir haben keine Wahl, außer weiterzumachen und zu hoffen, dass wir eine Lösung finden“, sagte Elaine und schaltete das Tablet wieder aus, um es sich in die Kitteltasche zu schieben. Das hier war kein Problem, das man mit Geld lösen konnte. 

„Was denkst du, wie lange wir damit noch auskommen?“ Grace folgte ihr, als sie das Lager verließen und sich auf den Weg zum Empfang machten. Dahinter lag ein kleines Personalzimmer mit einer provisorischen Küche. Man konnte sich dort weiter unterhalten, während Elaine zwei Kaffees aus der Kaffeemaschine herausließ. 

„Wir werden damit anfangen, weniger Medikamente auszugeben und es zu rationieren. Wenn wir Glück haben, dann können wir damit etwas Zeit schaffen. Ansonsten … vier Monate, wenn wir Glück haben.“ Es war nicht viel Zeit, um eine Lösung zu finden, aber besser als nichts. 

„Ich habe darüber nachgedacht, worüber wir gesprochen hatten, dass wir Hilfe von oben benötigen, jemanden mit Einfluss …“, setzte Grace an, nachdem Elaine ihr eine der Tassen gereicht hatte. „Was ist, wenn wir jemanden finden, der sich … in den Schatten auskennt. Jemanden, der weiß, wie man … das Gesetz umgeht?“ 

Elaine setzte sich zu ihr, schlug ein Bein über das andere und nahm einen Schluck des Kaffees. Vielleicht hatte Grace recht. Vielleicht musste man nur die Sichtweise ändern. Doch wer von ihnen hatte schon Verbindungen zu Menschen, die das wussten? Wem konnte man trauen? 

„Es wäre eine Überlegung wert. Doch wie sollen wir so jemanden finden? Kennst du Wege?“ Grace schüttelte den Kopf und auch Elaine wusste darauf keine Antwort. Es war, als würden sie über eine andere Welt sprechen, zu der sie keinen Zugang hatten. Elaine konnte nicht einmal sagen, ob diese Welt existierte oder ob es eine Mutmaßung war. Dennoch könnte es eine Chance sein. Eine Chance, die nur eine war, wenn sie herausfanden, mit wem man sprechen musste.

Danny

„Ich habe dir gesagt, dass ich einen Termin habe. Dein Bruder hätte es nicht vergessen.“ Sie hatte es ihr nicht gesagt. Im Augenblick hatte Danny viel zu tun. Eden gab ihr keine Pause, aber sie wusste immer noch, was um sie herum vor sich ging. Wenn ihre Mutter ihr gesagt hätte, dass sie einen Arzttermin hat, hätte Danny ihn notiert. Er wäre ihr nach Mitternacht automatisch auf ihrem OM angezeigt worden. Sie war sich der Bedeutung dieser Termine bewusst, der Notwendigkeit einer regelmäßigen Untersuchung und noch wichtiger der Notwendigkeit, ihre Medikamente regelmäßig einzunehmen. Sie hätte diesen Termin nicht vergessen. 

„Asher denkt immer an mich. Er kümmert sich. Du bist nur unterwegs, kümmerst dich nur um dich und verlierst meine Medikamente. Ich bin dir egal, vielleicht wartest du auch nur darauf, dass mir etwas passiert.“

„Sei nicht albern, Mum …“, murmelte Danny. Seit sie das Haus verlassen hatten, musste sie diese Anschuldigungen hören. Schon die ganze Autofahrt über, während Danny versuchte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Bislang hatte sie zu all dem geschwiegen und es über sich ergehen lassen. Ihre Mutter ließ sich nicht von ihren Überzeugungen abbringen. Ihr Vater hatte sie dafür geliebt. Eine Frau mit Courage hatte er es genannt. Grundsätzlich eine lobenswerte Eigenschaft, doch über die Jahre war ihre Courage, Sturheit und Ignoranz gewichen. Wenn ihre Mutter glauben würde, die Erde sei eine Scheibe, dann könnte nichts auf der Welt sie von etwas anderem überzeugen. Und in der Welt ihrer Mutter war Danny eine undankbare Tochter, die nur an sich dachte. Nachdem sie ihr, nach dem Überfall, hatte erklären müssen, dass sie ihre Medikamente nicht mehr hatte, waren die Vorwürfe schlimmer geworden. Sie hätte ihrer Mutter die waren Umstände nicht erklären können, doch das hätte vermutlich keine Rolle gespielt. Seither vertrat ihre Mutter gelegentlich die Ansicht, dass Danny es darauf anlegte ihr zu schaden, sie gar zu töten.

„Wie soll ich es deiner Meinung nach sonst auffassen? Ich sage dir immer wieder, wie wichtig diese Termine sind, wie wichtig meine Medikamente sind, und du ignorierst es und vergisst mich einfach.“ Der Ton ihrer Mutter war scharf, vorwurfsvoll. Und Danny blieb nichts weiter, als ihren Ärger hinunterzuschlucken und zu schweigen. Was würde es bringen, ihre Mutter darauf, aufmerksam zu machen, dass sie diejenige war, die ständig ihre Medikamente verlor und Danny nur deswegen einen Teil davon bei sich in der Wohnung gehabt hatte? Dass es ihr Glück war, dass es diese Klinik gab. Danny fragte sich, was lange man dort dieses Spektakel noch mitmachen würde. 

„Dein Bruder würde mich niemals so behandeln. Er bringt sich immer wieder in Gefahr, damit es uns gut geht.“ Danny musste an der Ampel halten und legte den linken Arm auf die Tür, damit sie mit der Hand ihren Kopf stützen konnte. Sie bekam Kopfschmerzen. 

„Ash ist ein arrogantes Arschloch, das sich einen Dreck um dich kümmert! Das letzte Mal, als er in der Stadt war, hat er dich nicht einmal besucht!“ Das hätte sie ihrer Mutter am liebsten zugeschrien. 

Stattdessen schwieg sie. Weil sie überzeugt davon war, dass ihre Mutter lediglich eine weitere Ausrede finden würde, um zu rechtfertigen, warum es akzeptabel war, dass Asher sie nicht besucht hatte. 

„Er bringt mir immer etwas Besonderes mit. Wann hast du das letzte Mal etwas für mich getan?“

„Jetzt gerade, in diesem Moment, Mum“, dachte Danny und klopfte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad. Wieso schaltete diese Ampel nicht endlich um, damit sie weiterfahren konnte?

„Ich habe alles für dich getan, ich habe dir alles ermöglicht und du hast dich dazu entschieden, diese Möglichkeit einfach wegzuwerfen und deinen dummen Ideen nachzulaufen.“ 

„Wir benötigten Geld. Ash ist einfach verschwunden, Dad war weg. Ich musste arbeiten und etwas unternehmen. Weiter die Schulbank zu drücken, hätte uns kein Geld beschafft.“

Die Ampel schaltete endlich um und Danny fuhr weiter. Sie war eine riesige Enttäuschung für ihre Mutter. Wenn es ihr gelang, ihre Schulden bei Eden abzuarbeiten und sie dann die Prothese und Module behalten könnte, dann hätte sie wenigstens eine Grundlage erarbeitet, auf der sie aufbauen konnte. Danny wollte ihren alten Job wieder aufnehmen und, wenn sie es dieses Mal richtig machte, damit ein gutes Einkommen erwirtschaften. Ihre Sorgen würden sich in Luft auflösen. Dazu musste sie nur noch etwas länger durchhalten. 

„Ich hätte das Geld nicht an dich verschwenden sollen, ich könnte eine eigene Wohnung haben und in einem besseren Viertel wohnen.“ Ihre Mutter redete sich selbst in Rage. Doch nichts von dem war Danny fremd. Sie hatte schon alles gehört, was ihre Mutter sagen konnte – alle Vorwürfe. Inzwischen tat es nicht mehr so weh. Wenn ihre Mutter einen schlechten Tag hatte, bekam sie das besonders zu spüren. Es gab nur noch selten bessere Tage, an denen ihre Mutter sich umgänglicher zeigte. Und heute musste Danny akzeptieren, dass es kein dieser besseren Tag war. 

Sie bog auf den Parkplatz des Imbisses ein und stellte den Wagen ab.  

„Ich warte hier“, murmelte Danny auch, wenn ihre Mutter ihr keine Beachtung mehr schenkte. Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, öffnete sie die Beifahrertür, stieg aus und ließ die Tür laut zufallen. 

Tief atmete Danny ein und schloss die Augen, während sie in Gedanken langsam bis zehn zählte. Erst danach stieg sie selbst aus dem Wagen und sah sich um. Viel war nicht los. Noch ein anderes Auto stand auf dem Parkplatz, drinnen konnte sie einen Kerl erkennen, der an einem der Tische saß und sich tief über sein Essen beugte. 

Da sie bisher noch nichts gegessen hatte, ging Danny hinein und warf einen kurzen Blick auf das Angebot. Nur einmal hatte sie hier gegessen. Es schmeckte so, wie man es in einem solchen Imbiss erwarten würde. Durchschnittlich. 

„Ja?“ Der Besitzer des Imbisses blickte nicht auf, sondern sah sich weiter die Sportsendung an. Er wirkte gelangweilt und desinteressiert. Zumindest was Danny betraf, die Sportsendung schien ihn sehr zu fesseln. 

„Kann ich eine Portion mit Käse und Zwiebeln haben?“ Anstatt zu antworten, stand er langsam auf und begann zu arbeiten. All seine Bewegungen waren langsam, der Blick ging immer wieder zur Sportsendung herüber. 

Die Fritten wurden lieblos in das heiße Fett geworfen, bevor er eine Pappschale von einem Regal herunter holte. 

Danny rieb sich gähnend über das Gesicht und atmete durch. Ein intensiver Duft von altem Fett umgab sie. Obwohl es besser als auf der Toilette roch, war sie erleichtert, als er endlich die Pappschale neben sie auf den Tresen stellte und das Terminal freischaltete, damit sie zahlen konnte. Es gab keinen weiteren Austausch an Höflichkeiten und, als Danny den Imbiss verließ, hockte der Besitzer bereits wieder auf seinem Stuhl, um seine Sportsendung zu schauen. 

Elaine

„Sie wissen, dass sie mit ihrer medizinischen Vorgeschichte regelmäßig ihre Medikamente nehmen müssen?“ Elaine hob den Blick und betrachtete die ältere Dame. Sie war klein und zierlich. Eingefallene, müde Augen blickten ihr entgegen. Auf ihrem Tablet hatte Elaine die medizinischen Daten angesehen, die auf dem Chip der Frau gespeichert worden waren. Zusätzlich gab es in ihrem eigenen System eine Akte, da sie hier regelmäßig einen Termin zur Kontrolle hatte. Doch eine Kontrolle brachte nichts, wenn Patienten ihre Medikamente nicht einnahmen. Mittel gegen einen erhöhten Blutdruck, gegen Herzrhythmusstörungen. Manchmal nahm sie Schmerzmittel. 

„Ich weiß, aber die Medikamente sind teurer geworden und ich kann sie nicht immer neu kaufen“, erklärte die Frau. Eduarda Martin. Sie war 65 Jahre. Aus heutiger Sicht war sie noch jung, doch nach einem Herzinfarkt konnte man an ihrer Historie erkennen, dass sie danach gesundheitlich abgebaut hatte. Kein seltenes Phänomen. 

„Die Medikamente sind ihnen ausgegangen?“, hakte Elaine nach. Sie sah die Frau forschend an, die sie höflich anlächelte und wieder nickte. Bereits bei den vergangenen Terminen hatte Elaine den Eindruck gehabt, dass ihre Patientin den Ernst ihrer Lage nicht ganz verstand. 

„Ja. Manchmal versuche ich sie einzuteilen, aber das geht auch nicht lange. Und momentan habe ich kein Geld, um neue zu bekommen. Ich hoffe, dass sie mir helfen können“, erklärte sie sich. Auch das war an sich nichts Ungewöhnliches. Das Problem war nur, dass Elaine in dem Protokoll sehen konnte, wann das letzte Mal Medikamente ausgegeben wurden. Da war sie den offiziellen Weg gegangen und hatte sich nicht hier geholt. Elaine wusste, wie lange eine solche Menge voraussichtlich halten sollten. Wenn sie sich nicht irrte, dann hätte Eduarda eigentlich noch für knapp drei Wochen Medikamente zur Verfügung haben müssen. Vielleicht wollte sie nur vorsorgen und sichergehen, dass sie in drei Monaten nicht in ein Krankenhaus musste, vielleicht hatte sie den Termin einfach genommen, weil es nur diese eine Chance gab und traute sich jetzt nicht offen zu sprechen. Vielleicht hatte sie Angst, dass Elaine ihr die Hilfe verwehren würde. All das waren valide Gründe, die Elaine ihr nicht vorwerfen konnte. 

„Haben Sie weitere körperliche Beschwerden? Wie geht es Ihnen sonst?“, hakte Elaine nach. Wenn sie die Chance hatte, sich jetzt für die Frau Zeit zu nehmen, dann könnte sie es tun und versuchen, so gut wie möglich zu helfen. Außerdem wollte sie ein Signal setzen; sie vergab nicht einfach nur Medikamente. Es ging um eine ärztliche Versorgung, und Medikamente allein waren nicht immer eine Lösung. Das musste ihre Patientin verstehen. 

„Ich schlafe nicht so gut und manchmal habe ich Schwierigkeiten, mich an Dinge zu erinnern, doch das ist in meinem Alter wohl normal“, lachte sie leise. Da war ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Augen, die einen leichten Schleier in sich trugen und trüb wirkten. Und da war diese Fingerbewegung der linken Hand. Es war keine bewusste Bewegung, sie machte es automatisch. Nebenbei. So wie andere unruhig mit dem Bein wippten, wenn sie nervös wurden. Raucher, die Zigaretten zwischen den Fingern drehten. Doch diese Geste erinnerte eher an eine wischende Bewegung des Daumens. 

„Sind sie oft müde und erschöpft?“, fragte Elaine weiter, doch die Frau wank nur wieder ab. Sie schien sich mit diesen Dingen nicht weiter aufhalten zu wollen.

„Es geht schon. Wissen Sie, wenn man in meinem Alter ist, dann funktioniert nichts mehr wie früher, das werden Sie auch noch merken.“ Daran zweifelte Elaine nicht. Das Alter veränderte vieles. Gleichzeitig waren sie inzwischen so weit, dass sie auf medizinischem Weg viele Prozesse verlangsamen konnten. Zumindest, wenn man das nötige Geld dazu hatte. Über 100 Jahre alt zu werden war in manchen Kreisen keine Seltenheit und dabei gesund zu altern gehörte zum guten Ton. Noch war es allerdings nicht möglich, den Tod zu bezwingen. Etwas, worüber Elaine dankbar war. Niemand sollte die Möglichkeit haben, unsterblich zu sein.

„Sie sollten so etwas dennoch ernst nehmen und genau beobachten. Veränderungen müssen medizinisch behandelt werden. Haben Sie eine Familie, die Sie unterstützen kann?“ 

„Mein Sohn unterstützt mich, so gut er kann. Er ist Händler, wissen Sie? Er ist häufig unterwegs, doch er kommt, wann immer er kann.“ Kurz schien sie in ihren Gedanken zu versinken. Man konnte ihr ansehen, wie sie sich scheinbar in einer schönen Erinnerung verlor, als sich ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen zeigte. 

„Und gibt es sonst jemanden, der ihnen helfen kann? Jemanden in der Stadt meine ich“, hakte Elaine weiter nach. Nicht, dass sie etwas tun konnte, doch wenn es jemanden gab, dann könnte Elaine dieser Person immerhin eine Notiz hinterlassen, was für die Unterstützung benötigt wurde. 

Mit ihrer Frage hatte sie Eduarda aus ihren Gedanken gerissen. Das Lächeln verschwand langsam von ihrem Gesicht, bevor sie nickte. 

„Meine Tochter ist da. Sie hilft manchmal aus.“ 

„Dann werde ich ihr eine Notiz hinterlassen, in Ordnung? Sie sollten sich etwas schonen und sobald Sie können, noch einmal hierherkommen, damit wir Ihre Werte im Blick behalten können. Diese Kontrollen sind wichtig, damit die Medikamente richtig eingestellt werden“, versuchte sie Eduarda ins Gewissen zu reden. Was Eduarda daraus machte, war am Ende ihr überlassen. Elaine konnte ihr nur die Hand reichen, aber dass gerade ältere Menschen diese Hand nicht immer annahmen, das hatte Elaine auch schon erfahren. 

Wenn sie sich die Reaktion von Eduarda ansah, dann ließ sie darauf schließen, dass ihre Tochter weniger Interesse an ihr zeigte als ihr Sohn. Es war traurig, wenn Familien auseinanderbrachen und sich nicht unterstützten. Wobei Elaine die Letzte war, die urteilen sollte. Ihre eigenen Familienverhältnisse waren kompliziert und würden ihre Eltern Hilfe benötigen, dann würde sie sich gut überlegen, ob sie einer solchen Bitte nachkommen würde. Warum sollte es in anderen Familien anders sein? Und dabei spielte es keine Rolle, von wem ein solcher Bruch ausging. 

„Wir werden es versuchen“, versicherte man ihr und Elaine fertigte eine kurze Notiz an, die sie der Frau reichen würde. Handschriftlich, wie üblich, da sie keine Spuren hinterlassen wollte. Das Auslesen von Daten war unbedenklich. 

Nachdem sie die Notiz überreicht hatte, stand Elaine auf und ging zu ihrem Medikamentenschrank und verschaffte sich einen Überblick. Das, was sie vorhin zu Grace gesagt hatte, galt hier auch. Sie musste abwägen, welche Medikamente am dringendsten gebraucht wurden und welche sie ausgeben konnte. Ein paar Schmerzmittel und die Blutdrucktabletten konnte sie ihr mitgeben. 

„Leider habe ich nicht alle Medikamente zur Verfügung. Aber das hier dürfte Ihnen vorübergehend helfen. Ich werde mir eine Notiz machen. Das hier ist der nächste Termin, den ich Ihnen geben kann, dann können Sie die restlichen Medikamente abholen.“ Das war das Einzige, was sie ihr anbieten konnte, doch die Frau schien damit zufrieden zu sein und nahm alles, was sie bekam, dankend an. 

„Vielen Dank, ich werde da sein, danke.“ Sie griff nach Elaine’s Hand, um sich mit einem Händedruck zu bedanken, der davon zeugte, dass sie nicht viel Kraft hatte. Elaine konnte die Geste nur mit einem Lächeln erwidern. Eduarda stand auf und suchte ihre Sachen zusammen. Bis sie alles hatte, wartete Elaine geduldig, bevor sie Eduarda zur Tür des Behandlungszimmers brachte. 

„Passen Sie auf sich auf“, verabschiedete sie sich und sah der Frau kurz hinterher, bevor sie die Tür wieder schloss und durchatmete. Bis zu ihrem nächsten Termin hatte sie noch etwas Zeit und konnte sich darauf vorbereiten. 

Von ihrem Schreibtisch nahm sich Elaine eine Wasserflasche und trank etwas daraus. Als sie hier angefangen hatten, hatte sie den Fehler gemacht und war in den Imbiss gegangen, um sich etwas zu trinken und Essen zu kaufen. Weder die Pommes noch die Limo waren das Geld wert gewesen und hatten Elaine nur eine Magenverstimmung eingebracht. Seither brachte sie sich das, was sie benötigte, selbst mit, um den Tag zu überbrücken. Es machte keine besonderen Umstände und Elaine brauchte auch nicht viel. Jetzt hatte sie einen Moment für sich und ihre Gedanken. 

Jeder musste mit den eigenen Dämonen zurechtkommen, und es war gewiss nicht an Elaine, darüber zu urteilen, wie die Familienverhältnisse der Martins waren. Dennoch konnte es manchmal helfen, wenn man die Zusammenhänge besser verstand. Dass sie Patienten allerdings in so einem umfangreichen Rahmen behandeln und ihnen helfen könnte, war eine absolut utopische Vorstellung. Nicht einmal in einem normalen Krankenhausbetrieb würde das möglich sein. Dazu fehlten an vielen Stellen das Personal und auch die Zeit. Solche Gespräche oder Behandlungswege brachten niemandem Profite und das war es, worauf die Krankenhäuser ausgerichtet waren. Möglichst viele Profite mit dem Leid der Menschen zu machen, die nach Hilfe suchten. Ein merkwürdiges Geschäft, und Elaine fragte sich, ob sie die Einzige war, die einmal aus eigenen Idealen heraus diesen Beruf gewählt hatte. War sie die Einzige, die ihre Patienten nicht als eine Nummer sah? Die sich Gedanken um ihr Wohlergehen machte und den Anspruch hatte, so gut wie möglich zu helfen? Manchmal konnte man diesen Eindruck gewinnen. Doch niemand sprach je darüber. Es würde eine Kritik an ihrem System bedeuten und Kritiker waren nicht gerne gesehen. Man passte sich an, auch wenn Elaine auf ihrer eigenen Station versuchte, es anders zu machen. Leider konnte sie nicht behaupten, dass es ihr besonders gut gelang.

Danny

„Lass mich wenigstens die Medikamente für die nächste Woche vorbereiten, dann hast du damit keine Arbeit mehr, wenn sie in die Dosen einsortiert sind“, versuchte Danny es noch einmal. Ihre Mutter hatte tatsächlich Medikamente bekommen, wenn auch nicht alle, die sie benötigte. Aber es war ein Anfang, der ihnen etwas Entlastung brachte. Wenn sie beim Essen etwas sparte, würde Danny genug Geld für die weiteren Medikamente aufbringen können. 

Es war jedoch auch von Bedeutung, dass die Mutter die bereits vorhandenen Medikamente sicher aufbewahren und nicht erneut verlieren würde. Obwohl Danny nicht verstand, wie es dazu kommen konnte, und sie auch nicht wusste, wie sie dem entgegenwirken sollte, fühlte sie sich verpflichtet, zumindest Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Allerdings konnte sie dies nur tun, wenn ihre Mutter es ihr erlaubte. Mehrmals während der Rückfahrt hatte Eduarda unmissverständlich klargemacht, dass sie damit nicht einverstanden war. 

„Danielle … ich kann mich darum kümmern. Vergiss nicht, etwas Gemüse mitzubringen, wenn du einkaufen gehst.“ Natürlich. Danny atmete tief ein und beobachtete ihre Mutter, als sie sich abwandte und im Gebäude verschwand. Die Frau lehnte jede Hilfe ab und man könnte nur eingreifen, indem man sie zwang. Sie war sich bewusst, dass sie so nicht weit kommen würde, trotzdem machte es Danny wütend. Ihre Mutter verlangte mehr Gemüse, anstatt sich einzugestehen, dass sie vergesslicher wurde und man mit den Medikamenten sorgsamer umgehen sollte. Danny hatte nun zwei Optionen. Sie könnte der Bitte nachkommen und würde dafür an anderer Stelle sparen müssen. Oder sie ignorierte es und würde sich vorhalten lassen müssen, dass es sie nicht interessierte, wie es ihrer Mutter ging. Ihre Mutter einmal wirklich zufriedenzustellen, war nahezu unmöglich. Es war ein Kreislauf, der nie enden wollte. 

Danny hatte allerdings keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Die fehlenden Medikamente mussten besorgt werden. Letztlich hatte Danny noch die Möglichkeit, etwas davon wieder bei sich zu behalten. Eine Reserve zu besitzen war gut gewesen, doch Danny wusste selbst nicht, ob die Medikamente in ihrer Wohnung wirklich sicher wären. 

Zu Fuß machte sie sich auf den Weg. Von ihrem Wohnhaus aus waren alle wichtigen Läden schnell zu Fuß erreichbar. Die Verkäufer kannte sie persönlich. Die Frau aus dem Supermarkt war eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, weil ihr Mann wegen mangelnder, medizinischer, Versorgung verstorben war. In dem Kiosk arbeitete ein Großvater, der mit seiner letzten Kraft versuchte, seine Familie zu unterstützen. Der Mann mit seinem Streetfood-Stand hatte immer einen Flachmann in einem seiner Fächer liegen, um sich bei Bedarf einen kleinen Schluck genehmigen zu können. Und weil die meisten Eltern wegen ihres Alkoholkonsums oder der Spielsucht all ihr Geld zum Fenster herauswarfen und der Kühlschrank immer leer blieb, versuchte die Kinderbande, den Leuten alles aus der Tasche zu ziehen, was sich noch zu Geld machen konnten. 

Hunderte Schicksale, die ihren eigenen Überlebenskampf führten, der viel zu häufig verloren wurde. Sobald man einmal den Fuß auf die falsche Seite gesetzt hatte, kam man nicht mehr zurück. Spätestens aber, wenn man anfing, Dust zu konsumieren war es vorbei. Eine Droge, die den Konsumenten in den sprichwörtlichen Himmel beförderte und niemand wollte aus dem Himmel wieder hinab in die Hölle auf Erden kommen. Bereits nach dem ersten Konsum entstand eine Abhängigkeit. Der finanzielle Ruin führte oft dazu, dass IDs gesperrt und Menschen aus der Stadt entfernt wurden, noch bevor der Konsum tödlich endete. Deswegen sah man keine Obdachlosigkeit auf den Straßen oder gescheiterte Existenzen. Entweder sie verstarben einsam in ihren Wohnungen, begingen Suizid aus Angst vor den Konsequenzen oder sie wurden im Rahmen der Säuberungsmaßnahmen entfernt. Im Allgemeinen gab es kein Happy End, wenn man sich zwischen dem Bodensatz der Stadt aufhielt. Ein Traum, der für die allermeisten unerreichbar war. 

Danny zog die Tür der Apotheke auf und betrat den kleinen Raum. Der Boden war bedeckt mit braunen Fliesen. Es gab jeweils eine Holzbank vor den Fenstern an beiden Seiten der Tür, auf der man sich zum Warten setzen konnte, wenn der Andrang zu groß war. An diesem Tag waren wenige Personen anwesend, und Danny musste ihren Chip durch einen Scanner ziehen. Eine Zahl wurde auf einem Bildschirm angezeigt. 48. Zusätzlich wurde diese an ihr OM übertragen, damit sie sie ständig im Blick behalten konnte. 

Gegenüber der Tür befand sich eine Abtrennung mit zwei Schaltern. Das Personal war durch eine Glaswand geschützt, um zu verhindern, dass jemand sie angreifen oder die Apotheke überfallen konnte. Um Geld zu verdienen, überfielen Menschen Apotheken, um die Medikamente gewinnbringend zu verkaufen und sich selbst zu bereichern. Es gab schließlich keine Banken, und die großen Speicher, in denen sich die Zentralrechner befanden, waren eine Festung. Wer an die digitale Währung, die Libracoin wollte, musste entweder einen anderen Chip haken oder ihn stehlen. Es gab keine alternativen Möglichkeiten, weshalb es für viele Kriminelle wesentlich einfacher war, verschiedene Waren zu stehlen, die sie in Geld verwandeln konnten. 

Andere überfielen Apotheken, aber auch aus Verzweiflung. Menschen, denen es an einem lebenswichtigen Medikament mangelte, versuchten alles, um zu überleben. Oder, um sicherzustellen, dass ein Familienmitglied überlebt. Deswegen gab es noch einen Sicherheitsbeamten im Raum, der eingreifen konnte, wenn jemand etwas Dummes versuchen würde. 

Aktuell befanden sich aber nur ein altes Ehepaar, ein Mann der sichtlich krank war und eine junge, schwangere Frau mit Danny in der Apotheke. Zumindest, wenn man die beiden älteren Frauen außer Acht ließ, die an den beiden Schaltern standen und auf ihre Medikamente warteten. 

Da sie sich nicht bei dem Mann anstecken wollte, beschloss sie, sich neben die Frau zu setzen. Was auch immer er hatte, sein Husten hörte sich an, als würde er sich seine Eingeweide heraushusten und jeden Moment auf dem Boden erbrechen. 

Als könnte es sie schützen, zog Danny die Nase unter den Pulli und verschränkte die Arme vor der Brust. Eden würde es nicht interessieren, ob sie krank wäre oder nicht. Sobald sie sich meldete, war Danny verpflichtet, zu laufen, unabhängig von ihrem Zustand. Es war in ihrem eigenen Interesse, sich so gut wie möglich fit zu halten. 

Heute schien sie allerdings kein besonders großes Glück zu haben. Die nächste Nummer, die aufgerufen wurde, gehörte der Schwangeren. Sie stand auf und näherte sich in kleinen Schritten dem Schalter, was Danny an einen Pinguin erinnerte. Es war anzunehmen, dass sie sich im achten Monat befand, zumindest gemessen am Umfang ihres Bauches. Sie stützte ihren Rücken mit einer Hand und griff mit der anderen nach dem Schalter. 

Die nächste Nummer leuchtete auf. Jetzt war der Mann dran, der sich geräuschvoll erhob und zu den zweiten Schaltern schleppte. Die ältere Dame, an der er vorbeiging, zog den Kopf ein und versuchte eilig, die Apotheke zu verlassen. Vermutlich wollte sie auch keine zusätzliche Erkrankung riskieren. 

Als eine Nachricht einging und vor ihren Augen auftauchte, wurde Danny von den Ereignissen abgelenkt. Eden. Hatte diese Frau nichts Besseres zu tun, als ihr auf die Nerven zu gehen? Musste sie nicht arbeiten? Oder handelte es sich um die Ehefrau eines wohlhabenden Politikers, die uneingeschränkten Zugriff auf sein Konto hatte? Spielte sie diese Spielchen nur aus Langeweile? 
 

„Ich habe einen neuen Auftrag für dich. 20 Uhr. Die Adresse schicke ich dir.“ 
 

Warum fiel ihr das jetzt ein? Danny war heute Nacht bei ihr gewesen. Dann hätten sie auch alle offenen Fragen besprechen können. 

Eine Antwort war nicht nötig. Sie beide wussten, dass Danny keine Wahl hatte, außer aufzutauchen. Blieb zu hoffen, dass dieser Auftrag sie nicht wieder die ganze Nacht wachhalten würde. Gleichzeitig beantwortete sich damit die Frage, wie Danny den Rest des Tages verbringen würde. Sie musste sich ausruhen, Schlaf nachholen und etwas essen. Für einen Moment hatte sie darüber nachgedacht, ob es angebracht wäre, sich bei Sam zu melden, aber diese Überlegung erübrigt sich nun. Seit Danny für Eden tätig war, hatte sie den Kontakt zu ihren Freunden stark vernachlässigt. Nachdem Danny nach dem Überfall bei ihr aufgetaucht war, versuchte Sam immer wieder, sie zu kontaktieren. Sie war besorgt, aber Danny hatte es abgewiegelt und sich aus der Affäre gezogen. Wie hätte sie Sam oder sonst jemandem erklären sollen, warum sie plötzlich solch eine technische Ausrüstung besaß? Viele würden es vielleicht nicht sofort bemerken. Sam schon. Sie könnte auf den ersten Blick erkennen, welche Prothese Danny erhalten hatte, und auch wenn sie versuchte, sie mit einer langen Hose zu verbergen, wollte sie das Risiko nicht eingehen. Danny fühlte sich gleichzeitig so, als hätte sie schon lange nicht mehr mit anderen Menschen gesprochen, außer Eden und ihrer Mutter. Eine äußerst amüsante Zusammenstellung. 

„Dan … Danny!“ 

Sie blinzelte und sah nach vorn. Über einem der Schalter stand ihre Nummer und die Frau dahinter – Caitlin – sah sie auffordernd an. 

„Brauchst du etwas oder wolltest du nur mal vorbeisehen?“, hakte sie nach, was Danny dazu brachte sich aufzuraffen und an den Schalter heranzutreten. Sie schob die Arme auf die Ablage und blickte die andere durch die Scheibe hindurch an. 

„Meine Mutter fehlen ein paar ihrer Medikamente“, erklärte sie die Situation. Danny kannte sich nicht aus und sie konnte sich auch nicht die Namen der Medikamente merken. Es war daher von Vorteil, dass man sich kannte und die Leute hier wussten, wer ihre Mutter war und was sie benötigte. 

„Sie hat noch die Medikamente für den Blutdruck und die Schmerzen.“

„Hat sie die anderen wieder verloren?“, kam die Gegenfrage, während Caitlin schon dabei war, etwas in ihrem Modul einzugeben und die Freigabe für die Medikamente zu beantragen. 

„Sie weigert sich zu sehen, dass es ein Problem ist. Ich weiß nicht, was ich machen soll“, sagte sie und erntete ein mitfühlendes Nicken. 

„Vielleicht ist es besser, wenn du die Medikamente ausgibst?“ Ein Vorschlag, der leider schon gescheitert war. Sie würde dennoch darüber nachdenken es wieder sukzessive einzuführen. 

„Ich glaube nicht, dass sie das zulässt, wenn ich es ihr vorschlage.“ Womit sie wieder vor dem Dilemma stand, eine weitere Grenze zu überschreiten und ihrer Mutter ihre Mündigkeit abzuerkennen. 

Caitlin wandte sich um und griff in das Fach, welches sich hinter ihr geöffnet hatte. Danny konnte sie mit ihrem Chip und der dazugehörigen Zahlung auslösen, nachdem sie die Packung in die Durchreiche geschoben hatte. 

„Danke. Hab noch einen schönen Tag.“ Mit einem kurzen Lächeln wandte sich Danny ab und verließ die Apotheke. Nun hatte sie alles, was sie erledigen musste. Das gab ihr noch ein paar Stunden, um sich auszuschlafen.

Danny

Sie hatte sie nicht in die Bar bestellt. Eine Veränderung in den sonst festgelegten Strukturen. Danny hatte angenommen, dass Eden so wenig wie möglich über sich selbst preisgeben wollte. Abgesehen von ihrem Aussehen und ihrem – vermutlich falschen – Namen, wusste Danny nichts über sie. Zudem unternahm Eden große Anstrengungen, um sicherzustellen, dass Danny keine Gelegenheit hatte, im Schmutz zu graben und Informationen über sie zu sammeln. Gleichzeitig wüsste Danny nicht einmal, was sie machen sollte, auch wenn sie etwas finden würde. Es wäre denkbar, dass sie eine Antwort darauf bekommen würde, sobald sie eine Information vor sich hatte. Ob sie an diesem Abend eine Gelegenheit dazu bekommen würde? Das glaubte Danny bislang nicht. 

Sie stand vor dem Sky Tower. Im Stadtzentrum gelegen, überragte das teuerste Hotel der Stadt fast alle anderen Gebäude. Von den obersten Stockwerken hatte man freien Blick auf das Meer. Danny hatte noch nie das Meer gesehen. Um dies zu tun, hätte sie die Stadt verlassen müssen.  

Letztlich glaubte sie nicht, dass Eden hier wohnte. Das hier war nur ein weiterer Ort, der einem Zweck diente. Welchen würde sie bald erfahren. Als sie die ausladende Lobby betrat, zeigte sich schnell, womit sie es zu tun hatte. Alles war in warmes Licht getaucht, eine klare Architektur traf auf teure Baustoffe. 

Nur wenige Menschen hielten sich hier auf und saßen auf teuren Sitzmöbeln, wo sie warteten oder sich in kleinen Gruppen unterhielten. Erneut war ihre Kleidung alles andere als angemessen, was dazu führte, dass sie zwangsläufig wie ein bunter Hund auffiel. Danny konnte nur die Kapuze vom Kopf ziehen, bevor sie die Hand erneut in die Tasche ihrer Jacke steckte, als sie den Empfang erreichte. 

„Ja …?“ Der Mann zog das Wort unnötig in die Länge und blickte Danny abschätzig an. Langsam hatte sie genug von dieser Arroganz, die diese Leute an den Tag legten, als wären sie etwas Besseres. 

„Ich habe einen Termin“, gab Danny ebenso abschätzig zurück. 

„Und bei wem sollte das sein?“ Er verdrehte nicht die Augen, doch Danny bildete sich ein, dass er diesen Impuls hatte. Sie sah das leichte Zucken der Augenbrauen, die gezupft und in eine gerade Linie gebracht worden waren. Passend zu seinem zurückgekämmten Haar und einem Bart, der sein Gesicht einramte, wie eine feine Linie, die sich seinen Kiefer entlang zog. Keine Falte war auf seinem Anzug zu erkennen. Ein Mann, der wahrscheinlich eine Stunde benötigte, um sich für seine Arbeit fertig zu machen, um den Bedürfnissen dieser kostspieligen Klientin gerecht zu werden. Und vermutlich führte er dabei kein wesentlich besseres Leben als Danny. 

„Eden.“ Wie üblich wusste sie nicht mehr als das. Wenigstens animierte der Name ihn dazu, auf seinen Bildschirm zu blicken. Falls es ihn überraschte, dann konnte man es seiner Miene nicht ansehen. In dieser Maschinerie war er auch nur ein Zahnrad und hatte seine Pflichten zu erledigen. 

„Der vierte Aufzug ist für Sie freigegeben und wird Sie in das Penthouse bringen“, sagte er und deutete zur Seite. Danny nickte nur und machte sich auf den Weg zu dem Aufzug, der sich für sie geöffnet hatte. Sie trat ein und lehnte sich an die gläserne Wand, durch die sie hinausblicken und zusehen konnte, wie sie durch die verschiedenen Etagen des Gebäudes fuhr. Es ging weit hinauf, sodass die Fahrt einige Minuten dauerte. So viel Luxus. Danny fragte sich, wie viele Menschen dieser Stadt von dem Reichtum aus diesem Gebäude leben könnten, wenn man es umverteilen würde. Doch daran hatte niemand Interesse. Würde man die billigen Arbeitskräfte nicht benötigen, um die Maschinerie am Laufen zu halten, dann hätte man schon einen Weg gefunden, um auch sie aus der Stadt verschwinden zu lassen. 

Macht war schon immer auf dem Rücken Schwacher aufgebaut worden. Danny hatte nicht die Ambition, etwas an diesem Konstrukt zu verändern. Sie wollte nur ein ruhiges Leben leben. Jeder war sich selbst der Nächste und, wenn man nicht auf sich achtete, dann tat es niemand. 

Der Aufzug hielt und die Tür schob sich auf, um den Blick auf das imposante Penthouse freizugeben. Von Eden war nichts zu sehen. Dafür befand sie sich in einer Eingangshalle mit einem kostspieligen, dunklen Steinboden und prächtigen Blumenarrangements. 

Durch den Eingangsbereich ging es hin zu einem großen Wohnraum. Eine ausladende Couch war dort platziert und nahm das meiste des Raumes ein. Gleichzeitig ließ die Fensterfront die Aussicht erahnen, die man von der Terrasse aus haben musste. 

„Wir müssen dringend an deiner Garderobe arbeiten“, vernahm sie die Stimme von Eden. Danny blickte sich um, machte einige Schritte nach vorn und richtete ihren Blick nach oben. Von der zweiten Etage des Penthauses blickte die andere auf sie herab. Sie trug ein Kleid, dunkles Grün. 

„Ich dachte, ich soll laufen und nicht gut aussehen.“ Danny war nicht interessiert daran, wie viel ihre Kleidung kostete. Ihrer Erfahrung nach, war ein hoher Preis nur eine andere Möglichkeit, um zu sagen, wie unbequem etwas war. 

Eden hob nur die Augenbrauen und machte dann eine leichte Kopfbewegung, um Danny zu signalisieren, dass sie heraufkommen sollte. Zu ihrer Rechten war eine aus Glas gefertigte Treppe, die kein Geländer hatte. Eine Architektur, die auf Kinder oder ältere Menschen keine Rücksicht nahm.

Oben angekommen war zu erahnen, dass die obere Etage eine ähnliche Fläche wie die untere hatte. Sie folgte Eden, die sich bereits am Ende des Ganges befand und sie auffordernd ansah. Es ging Eden alles zu langsam, doch Danny würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Eher stellte sie sich die Frage, aus welchem Grund Eden dieses Penthouse gemietet hatte. Eine neue Möglichkeit, ihren Reichtum und ihre Macht zu zeigen? Für sich allein benötigte kein Mensch so viel Platz. 

Eine Fensterfront, die den Blick über die erleuchtete Stadt freigab, befand sich zu ihrer Rechten und führte hinunter in die andere Etage. Wenn es möglich gewesen wäre, das Meer zu sehen, dann war es aufgrund der Dunkelheit nicht der Fall. 

„Danielle, wir haben keine Zeit für deine Träumereien“, holte Eden sie zurück aus ihren Gedanken. Danny folgte ihr bis zu dem Zimmer, in dem sie verschwunden war. 

Ein Badezimmer, wie Danny erkannte, als sie in den Türrahmen trat und sich dann umsah. Das Zimmer hatte die gleiche Größe wie ihr gesamter Wohnraum. Zwei Waschbecken, eine frei stehende Badewanne, eine große Dusche und ein über die gesamte Wand gezogener Spiegel. So etwas hatte Danny noch nie zuvor gesehen. Trotzdem versuchte sie nicht zu starren und gab sich so desinteressiert wie möglich. 

„Wenn du geduscht hast, dann zieh das an, was ich dir herausgelegt habe. Deine Kleidung packen wir in eine Tasche und lassen sie dann verschwinden. Du hast 15 Minuten.“ Nach dieser klaren Anweisung stöckelte Eden auf ihren goldenen High Heels an ihr vorbei und ließ Danny allein. Wenn man einmal die Beleidigungen ignorierte, die in ihrer Aussage enthalten gewesen waren, dann war es vielleicht die Chance ihres Lebens. Wann würde Danny wieder die Möglichkeit haben, unter so einer Dusche zu stehen? 

Leise lachte sie über sich selbst, doch wie sollte man es anders ertragen als mit Humor? 

Vor ihrem Auge erschien ein Timer. Es scheint, als hätte Eden diesen an ihr OM geschickt, um Danny daran zu erinnern, dass sie nicht zu spät aus dem Bad kommen sollte. 
 


 

14:26
 

Danny begann, sich auszuziehen und ihre Kleidung über den Rand der Badewanne zu werfen. Ihre Hose rutschte über den Wannenrand und landete auf dem Boden, ein Shirt fiel in die Wanne hinein. Zum Glück konnte ihre Prothese problemlos mit Wasser in Kontakt kommen, daher musste Danny sie nicht ausziehen. Seitdem Danny sie hatte, war es für sie nicht mehr nötig, sie abzulegen, und sie konnte ein selbstbestimmtes Leben führen. Es könnte schlechter laufen. 

Sie genoss das angenehm warme Wasser und hatte die Möglichkeit, über den Bildschirm die Temperatur zu regulieren, verschiedene Düsen zu aktivieren, Musik abzuspielen und die Beleuchtung zu kontrollieren. Danny würde das Licht etwas dimmen, dann eine Jazz-Playlist einschalten, die sie laut aufdrehte, bevor sie sich wirklich dem zuwandte, was sie eigentlich tun sollte. 
 


 

10:44
 

Für einen Moment schloss sie die Augen. Eine Regendusche hatte definitiv ihren Reiz, und Danny könnte sich stundenlang damit beschäftigen, all die technischen Feinheiten zu entdecken, die dieses Badezimmer zu bieten hatte. 

Sie schaltete das Wasser wieder ab und hielt die Hand in einer Einlassung in der Wand. Auf das Signal hin wurde Danny eine geringe Menge Seife in die Hand gegeben. Sie nahm an, dass es sowohl für Haare als auch für den Körper verwendet werden könnte, da es keine zusätzliche Einlassung gab. Während sie sich einseifte, rümpfte sie etwas die Nase und senkte den Kopf. Es roch nach Rose. Auf eine unangenehme und penetrante Art und Weise.   
 


 

8:32
 

Glücklicherweise hatte die Dusche noch weitere Funktionen. Es gab eine Heißluftfunktion. Die würde Danny anschalten, nachdem sie sich abgeduscht hatte, auch wenn sie sich nicht recht vorstellen konnte, was das bedeutete. 

Eine Art Föhn, der sehr warm wurde und ihre Haut auf angenehme Weise trocknete, schaltete sich unmittelbar nach dem Start der Funktion an. Es dauerte keine Minute, bis sie wieder trocken in der Dusche stand. 

Danny trat an einen Stuhl heran, auf dem sie die Kleidung fand, in der sie Eden sehen wollte. Weitgehend sah das in Ordnung aus. 
 


 

5:13
 

Auch wenn sie etwas mehr benötigte, als sich andere Kleidung anzuziehen, lag sie gut in der Zeit. Eine transparente, weiße Bluse und eine Stoffhose in Schwarz. Darunter sollte Danny einen schwarzen Spitzen-BH tragen. Unter dem Stuhl befanden sich außerdem schwarze High Heels. Es erinnerte sie an ein Kellneroutfit. 

Als Danny schließlich in den Spiegel blickte, musste sie sagen, dass sie gut aussah. Auch wenn sie in der Regel niemals einen so eleganten Zwirn tragen würde, erfüllte er seinen Zweck. 

Aber bevor es darum ging, wollte sie wenigstens die letzten Minuten nutzen, um ihr Haar etwas zu pflegen und richtig zusammenzufassen. Nachdem sie es gekämmt hatte, flocht Danny ihr Haar zu einem Zopf zusammen und legte es sich über die linke Schulter.
 

 
 

1:29
 

In der verbleibenden Zeit räumte sie ihre Kleidung in die vorbereitete Sporttasche, bevor sie mit dieser das Badezimmer verließ. Im Badezimmer spielte noch immer ihre Playlist, während der Rest des Penthouse in völliger Stille vor ihr lag.

„Hattest du Spaß?“ Hörte sie Edens Stimme, als sie an einem der Zimmer vorbeilief. Ein Schlafzimmer. 

„Stell deine Sachen hier ab und dann komm, du musst noch eingewiesen werden und wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Eden sagte es, als sei es Dannys Schuld, dass sie unter Zeitdruck waren, dabei hatte sie sich genau an die zeitlichen Anweisungen gehalten. 

Anstatt etwas zu sagen ließ Danny die Tasche neben der Tür auf den Boden sinken und folgte Eden. Dieser schritt an ihr vorbei, um sich auf den Weg in die untere Etage zu machen. 

Dort näherte man sich dem großen Tisch, der als Esstisch verwendet werden könnte. Welche Funktion er hier in diesen Räumen einnahm, war offen. Es gab keinen Raum zum Kochen und die Frage war, ob man hier wirklich gemeinsam saß und aß. Das konnte sich Danny nur schwer vorstellen. 

„Heute Abend wird hier ein Event stattfinden. Du wirst für die Drinks zuständig sein. Das, was du im Heaven auch machst.“ Eden hatte sich gesetzt und schlug ein Bein über das andere, während sie sich ihre Zigarette herausholte und daran zog. Der dünne Metallstift war mit einer Kartusche gefüllt. Das Ganze war geruchlos und angeblich nicht schädlich. Zumindest, wenn man nichts anderes rauchte als das, was dafür vorgesehen war. 

„Und was mache ich inoffiziell?“, hackte Danny nach, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Tisch. Eden betrachtete sie mit einer leichten Unzufriedenheit. 

„Inoffiziell möchte ich, dass du die Zunge der Gäste ein wenig lockerst und zuhörst, vielleicht hörst du etwas Interessantes.“

„Was genau wäre denn interessant?“ Es nervte Danny, dass sie manchmal nicht auf den Punkt kam und sagte, was sie wirklich wollte. Es war ihre Masche, wenn Eden sich nicht sicher war, ob Danny anstandslos das tat, was sie tun sollte. 

„Es wird eine Frau kommen. Sie wird wie alle anderen hier eine Maske tragen, ein schwarzer Fuchs. Sie soll sich wohlfühlen. Bring sie zum Reden.“ 

„Was genau soll sie denn erzählen? Wäre es nicht einfacher, sie zu hacken?“ Eden nahm wieder einen Zug von ihrer Zigarette und zuckte mit den Schultern. Sie schien das gelassen zu sehen. 

„Wäre es, doch ich bin an den Dingen interessiert, die sich nicht auf ihrem Chip finden lassen. Außerdem könnte es sich zu einfach zurückverfolgen lassen, wenn sie einen Virus finden würde. Sie kann sich einen umfangreichen Schutz leisten. Ich setze eher auf den altmodischen Weg. Also gib dir Mühe, es gibt eine hübsche Belohnung, wenn du mir etwas bringst, was mir gefällt.“

Elaine

Elaine fragte sich, warum sie sich darauf eingelassen hatte. Die nahe liegende Erklärung war, dass sie sich in der Stille ihrer Wohnung nicht aufhalten wollte. Aus demselben Grund nahm sie sich keinen freien Tag und zog es auch nicht vor, die Wärme und Ruhe ihrer eigenen Wohnung zu genießen, selbst nachdem sie den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war. Es war nicht einmal die Einsamkeit, die Elaine daran störte. Sie war in der Lage, Zeit allein zu verbringen und hatte keinen Bedarf an der Gesellschaft anderer. Gleichsam befand sie sich in ihrem Leben an einem Scheideweg und ihre Gedanken und Sorgen wollten nicht zur Ruhe kommen. 

Tatsächlich rannte sie vor sich selbst davon und bemühte sich, das, was in ihren Gedanken vor sich ging, zu unterdrücken. Es wäre eine andere, ungesündere Möglichkeit gewesen, etwas zu trinken oder Substanzen zu konsumieren. Durch ihre Arbeit im Krankenhaus kannte sie die bekanntesten Drogen und auch ihre Folgen. Auf der Suche nach einem unbeschreiblichen Rausch war Dust die beste Wahl. Es gab viele Möglichkeiten, wie man es einnehmen konnte. Je nachdem, wie man es verwendet, hatte es unterschiedliche Wirkungen. Doch wie alle Drogen machte Dust abhängig. Schnell und lukrativ für die Menschen, die es herstellten und verkauften. In der Regel saßen diese Personen mit ihren Laboren außerhalb der Stadt und machten Gebrauch von Händlern, um die Droge in die Stadt zu bringen. Es war daher praktisch unmöglich, die Hintermänner zu erwischen und die Ausbreitung zu kontrollieren. Obgleich Elaine sich nicht sicher war, ob man überhaupt ein Interesse daran hatten. 

Es schadete den Sehnerven, wenn es regelmäßig konsumiert wurde. Die Augen verloren stetig ihre Sehkraft, bis schließlich die Blindheit eintrat und es schwer wurde, zwischen Realität und einem Rauschzustand zu unterscheiden. Die Hirnschäden waren erheblich. Deswegen wurde die Droge auch Dust genannt. Am Schluss bewegte man sich nur noch durch einen undurchsichtigen Nebel, aus dem es kein Entkommen gab.

Aus ihrer Sicht sollte das bereits Warnung genug sein. Doch die Menschen konsumierten es weiter. Möglicherweise empfanden einige die Idee, während eines Trips zu sterben, als angenehmer als andere Schicksale, die in dieser Stadt auf sie warteten.

Elaine betrat das Penthouse, nachdem sich die Tür des Fahrstuhls geöffnet hatte. Klassische Musik mischte sich mit dem leisen Murmeln von Gesprächen, die geführt wurden. Das Event war bereits gut besucht. Menschen in teurer Kleidung, viele in Anzügen oder Kleidern. Dazu gehörten die Masken, die sie schon aus dem Heaven kannte und die auch hier Anonymität gewährleisteten. 

Einige Gäste standen mit ihren Getränken in kleinen Gruppen zusammen. Mitarbeiter bewegten sich zwischen den Gästen und verteilten Häppchen. Elaine schenkte dem keine Beachtung und schob sich durch den Wohnraum. Mit so vielen Gästen hatte sie nicht gerechnet. Peyton hatte von einer kleinen, privaten Feier gesprochen. Nach Elaines Definition handelte es sich hierbei um keine kleine Party. Möglicherweise könnte es sie davor schützen, sich in unangenehmem Smalltalk verwickeln zu müssen. Es bot sich an, sich ein Getränk zu holen, den Leuten zuzusehen und nach wenigen Stunden zu verschwinden. Sie war bereits hier und es schien nicht sinnvoll, sofort wieder zu gehen. Zumal das Problem, das sie im ersten Schritt überhaupt hierher gebracht hatte, nicht gelöst wäre. 

Weiter hinten gab es eine Bar in einem Raum mit verschiedenen, gemütlichen Sitzgelegenheiten. Es saßen auch hier Paare zusammen, auch wenn unklar war, ob es sich tatsächlich um Paare handelte oder ob es darum ging, sich abzulenken. 

Sie näherte sich der Bar und wartete kurz darauf, bis die junge Frau dahinter Zeit für sie hatte. Gerade bereitete sie einem kleinen, rundlichen Mann ein Getränk zu, der den Kopf gesenkt hielt und mit ihr sprach. 

„Du warst noch nie hier, oder? Ich würde mich daran erinnern, wenn ich dich schon einmal gesehen hätte“, sagte er, während das Grinse auf seinem Gesicht zwar nicht zu sehen, aber zu hören war. Elaine schaute nicht direkt zu ihm, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber sie war überzeugt davon, dass er die junge Frau von oben bis unten musste. Das lag nicht allein daran, dass sie eine reizende Frau war, sondern auch daran, dass ihre Bluse transparent war und somit die Fantasie der Gäste anregte. 

War es eine solche Feier? Eine Feier, um sexuelle Wünsche zu befriedigen? 

„Stimmt, du hast ein gutes Auge. Du bist also oft hier?“, hakte die Frau nach. Elaine richtete ihren Blick auf sie und sah zu, wie sie den Drink in ein Glas einschenkte. 

„Stammkunde. Es ist immer wieder ein Vergnügen.“ Er lachte leise und zog den Drink an sich heran. 

„Was gefällt dir am besten?“, fragte sie weiter. Elaine neigte ein wenig den Kopf. Sie überlegte, ob ein Teil ihrer Aufgabe war, sich zu erkundigen, um dem anderen ein gutes Gefühl zu geben, oder ob es einen anderen Grund dafür gab. Dem Mann schien es nicht aufzufallen. Er lachte nur und entfernte sich von der Bar. 

„Das kommt darauf an, was sie heute im Angebot haben“, sagte er und verschwand zwischen den anderen Gästen. Elaine konnte nicht genau verstehen, was er damit meinte, aber sie konzentrierte sich auf die Frau, die nun in ihr Sichtfeld trat. Elaine schaute sie unmittelbar an und hatte das Gefühl, dass sie sie bereits einmal gesehen hatte. Jedoch war dies keine ungewöhnliche Empfindung für Elaine angesichts aller Menschen, denen sie in ihrem Alltag begegnete. 

„Und was darf es für dich sein?“, fragte sie, als würde man sich schon lange kennen, auch, wenn das nicht der Fall war. 

Elaine war gerade im Begriff zu antworten, als die andere die Hand hob, damit sie innehielt. Sie lächelte leicht und man konnte deutlich den Schalk in ihrem Blick erkennen. 

„Nein, lass mich raten und dir etwas bringen“, sagte sie und machte sich an die Arbeit. Elaine würde sich nicht einmischen, wenn sie wirklich doppelte Arbeit wollte. Sie würde keinen Drink annehmen, der ihr nicht schmeckt, aber in solch einem Kontext würde man das auch nicht von ihr erwarten. 

Während Elaine auf ihren Drink wartete, wandte sie sich um, damit sie noch einmal den Blick durch das Penthouse wandern lassen konnte. Bei oberflächlicher Betrachtung war nichts Besonderes an diesem Ereignis zu erkennen. Es war ein ähnliches Bild wie das, welches sich ihr bot, wenn sie im Heaven war. Etwas privater und persönlicher, da man sich fühlte, als wäre man in einem gemütlichen Zuhause zusammengekommen. Es war sicherlich eine schöne Alternative, aber für Elaine vollkommen unnötig. 

„Bitte sehr“, hörte sie die Stimme der Barkeeperin hinter sich und wandte sich ihr wieder zu. Dort stand ein Martini neben Elaine, was sie dazu veranlasste überrascht die Brauen zu heben. 

„Und, lag ich richtig?“, forderte sie zu wissen und sah Elaine auffordernd an. Elaine nahm das Glas an sich und trank einen Schluck, anstatt ihr zu antworten. Auch wenn die Antwort bereits feststand, nahm sie sich Zeit für ihre Bewertung. Elaine hatte tatsächlich geglaubt, dass sie durch ihr langes Schweigen etwas Unsicherheit hervorrufen könnte. Das passierte oft, da die meisten Menschen mit Stille nur schwer umgehen konnten. Sie wurden nervös und versuchten die Stille zu durchbrechen. Oft begleitet von nervösem Gestammel. 

Die junge Frau schien allerdings geduldig zu sein und wartete, während sie Elaine unentwegt ansah, ohne ihr auszuweichen. 

„Gut geraten könnte man sagen“, räumte sie ein, ohne das weiter zu vertiefen. Es entlockte der anderen, ein leises Lachen. 

„Ich bin einfach gut in meinem Job“, konterte sie. Das war Auslegungssache. Am Ende würde man diese Frage nicht klären können. Elaine hatte zumindest nicht vor, es zu vertiefen. Der Martini war gut. Für diesen Abend reichte ihr das, um sich die Zeit zu vertreiben. 

„Du warst lange nicht mehr da.“ Auch wenn sie das unter der Maske nicht sehen konnte, ließ sie diese Bemerkung etwas fragend zu der anderen sehen. 

„Wo?“ Wo war sie lange nicht mehr gewesen? Elaine konnte die Worte der anderen, die etwas den Kopf geneigt hatte und sich hinter der Bar abstützte, nicht einordnen. Gerade schien niemand Lust auf einen neuen Drink zu haben, was ihr ermöglichte, sich uneingeschränkt auf Elaine zu konzentrieren. 

„Im Heaven. Ich hab’ dich lange nicht mehr dort gesehen. Oder warst du nur immer da, als ich keine Schicht hatte?“ Daher kam sie ihr bekannt vor. Damit wurde auch die Annahme gestärkt, dass es sich nicht um ein kleines, privates Feier handelte. Es handelt sich eher um eine Veranstaltung, die innerhalb des Clubs stattfand, wenn auch das Personal anwesend war und die Gäste eindeutig nur Kunden und Kundinnen des exklusiven Clubs waren. 

„Du warst offenbar selbst schon eine Weile nicht mehr da.“ Elaine war sie nicht aufgefallen und dabei war sie in den vergangenen Wochen regelmäßiger im Heaven gewesen. Manchmal nur, um sich die Zeit zu vertreiben und einen Drink einzunehmen. Und an anderen Tagen nur, um sexuelle Befriedigung zu erhalten. Für Elaine war es eine Möglichkeit, sich um sich selbst zu kümmern, im Gegensatz zu dem, was andere vielleicht glaubten oder als verwerflich betrachteten. Ein Bedürfnis, wie Hunger oder Durst. Und, wenn dieses Bedürfnis aufkam, dann war es etwas, um das man sich kümmern sollte. Zusätzlich hatte es auch einen weiteren, praktischen Vorteil: Ohne eine Beziehung und ohne Emotionen, hatte man auch weniger Probleme und Konflikte. Beides Dinge, die sie in ihrem Leben nicht benötigte. Die falsche Ehe mit Andrew war schwierig, obwohl sie nur vorgetäuscht war. Wie schwer wäre es dann erst bei einer echten Beziehung? Elaine wollte diese Frage nicht beantworten und war daher für die Möglichkeiten dankbar, die ihr im Club zur Verfügung standen. 

„Ich habe noch einen zweiten Job, der nimmt mich viel ein. Aber als ich noch mehr im Club war, warst du selbst nicht oft da. Du weißt sicher, wie das ist, wenn man Stress im Job hat“, mutmaßte die andere mit einem Grinsen. Elaine bestätigte dies erneut nur durch eine Kopfbewegung und richtete dann wieder ihre Aufmerksamkeit auf die Gäste. Es würde herausfordernd sein, Peyton zu finden, da sie bisher noch keine Frau gesehen hatte, die ihr ähnlich sah. Es war eine Abwägung, ob sie nach ihrer Bekannten suchen wollte oder nicht. Durchfragen konnte sie sich immerhin nicht. Und da Peyton keine ihrer besten Freundinnen war, hatte sie auch keine große Motivation, sich darum zu bemühen. Elaine konnte lediglich eine Runde durch die Wohnung drehen und sich umsehen. Möglicherweise würde sie Peyton finden, und falls nicht, könnte sie wenigstens behaupten, es versucht zu haben. 

„Gibst du mir einen Scotch, Kleines?“ 

„Ein Doppelter?“ Elaine schnappte das Gespräch neben sich nur kurz auf, blendete es dann aber wieder aus. Erneut näherte sich ein Mann, um mit ihr zu flirten, und wie es offenbar zur Arbeitsroutine gehörte, erwiderte die andere sein Interesse. Es war ein bekanntes Bild, das sich nicht von anderen Veranstaltungen unterschied, die sie gesehen hatte. Peytons Versprechungen eines besonderen Abends schienen sich bisher nicht zu erfüllen. 

„Worauf freust du dich heute Abend, Füchschen?“ Der Mann hatte sich wieder zurückgezogen, während die junge Frau offensichtlich nicht genug zu tun hatte. Füchschen.  Dieser Begriff war aufgrund ihres roten Haares nicht ganz neu. Durch die Wahl einer Fuchsmaske wurde dies nur noch verstärkt. In der Regel stammten solche Äußerungen jedoch von Männern, die versuchten, sie abzuwerten. Elaine konnte weiterhin nicht genau einschätzen, was das Ziel dieser vorlauten Frau war. 

„Ich bin zum ersten Mal hier. Bisher finde ich es nicht …“ Elaine machte eine vage Handbewegung, während sie nach den richtigen Worten suchte. Immerhin wollte sie ihre Skepsis nicht an die große Glocke hängen. 

„Spannend?“, sprang die andere ihr mit einem Vorschlag zur Seite. Nun sah Elaine doch zu ihr und betrachtete, wie sie sich abstützte und hinter der Bar herumlümmelte. Erheblich entspannter, als dies im Heaven der Fall wäre. Möglicherweise ließ man ihr hier mehr Freiheiten, weil es nicht unter dem Schirm des Clubs geschah. 

„Es wirkt für mich, wie eine normale, private Feier, auf der man niemanden kennt.“ 

„Kann auch seine Vorteile haben, niemanden zu kennen.“ Da musste Elaine ihr zustimmen. So konnte sie unbemerkt verschwinden, wenn sie die gewünschte Ablenkung bekommen hatte. 

Elaine nahm einen weiteren Schluck und wandte sich vollständig um, um die andere anzusehen. 

„Also, warum ist dieses Event so besonders?“, hakte sie nach. Immerhin sollte das Personal mehr wissen und sie aufklären können. Es wurde jedoch offensichtlich, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war, als die andere ihr Gesicht leicht verzog.

„Ich bin auch zum ersten Mal dabei“, erklärte sie das, was Elaine bereits aus dem vorangegangenen Gespräch wusste. „Ich habe auch keine weiteren Einweisungen erhalten, da ich nur für die Getränke zuständig bin. Du wirst dich gedulden müssen.“

„Mich gedulden, obwohl ich nicht weiß, ob es da überhaupt etwas zu warten gibt?“ Das erschien ihr recht sinnlos. Aber wenn sie sich recht daran erinnerte, hatte einer der Männer davon gesprochen, dass er davon ausging, dass etwas im Angebot war. 

„Klang nicht so, als wären die Leute nur wegen der Getränke hier“, bestätigte die andere noch einmal das gehörte. Elaine war zwar geduldig, aber das hieß nicht, dass sie bereit war, endlos zu warten und ihre Entscheidung von einer solchen Perspektive abhängig zu machen. 

„Dann müssen wir uns wohl überraschen lassen. Mach mir noch einen.“ Nachdem sie das Glas kurz angehoben hatte, führte sie es an ihre Lippen und trank es aus.

Danny

Es wäre einfacher, wenn Eden von ihr verlangt hätte, mit einem der Männer zu sprechen. Auch wenn sie wachsam waren, waren sie in der Regel deutlich gesprächiger als die Frauen. Vielleicht lag es daran, dass Danny nicht in das Beuteschema dieser Frauen passte. Es war an sich nicht ungewöhnlich, da nicht jede Frau bi- oder homosexuell war oder sich anderweitig im queeren Spektrum bewegte. Gleichwohl war das Heaven schon immer ein Ort gewesen, an dem diese Szene sich ausleben konnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. 

Danny schätzte, dass die Frauen hier achtsamer waren und sich aus Vorsicht nicht einfach öffneten. Es war mehr Misstrauen als bei den Männern im Spiel. 

Wenn die Frau etwas wusste, dann hatte sie nichts gesagt und Danny war sich nicht sicher, ob sie noch etwas herausbekommen würde. Nicht hier und unter diesen Bedingungen. Wie genau Eden sich das vorgestellt hatte, war Danny schleierhaft. Eine versaute Aufgabe war jedoch nicht das Ende der Welt. Zumindest bemühte sich Danny darum, sich das selbst einzureden. Würde sie die Frage zulassen, was Eden tat, wenn sie sie als überflüssig erachtete, wüsste Danny nicht, wie sie weiter machen sollte. Solange sie nicht in der Lage war, sich ihre ID zurückzukaufen, war sie darauf angewiesen, einen Nutzen für Eden zu haben. Es war ein Kartenhaus, das auf Sand aufgebaut war und jederzeit einstürzen konnte. 

Nachdem sie der Frau ihren zweiten Martini gemacht hatte, hatte sie sich von der Bar verabschiedet und war in der Menge verschwunden. Eden hatte ihr einen limitierten Wirkungskreis gegeben und wieder einmal fragte Danny sich, ob sie das mit Absicht tat. War das ein Spiel, bei dem sie Danny permanent auf die Probe stellte und ihr immer wieder unnötig komplizierte Aufgaben vorsetzte, um sie zu testen? 

Man könnte den Eindruck bekommen, zumal es niemanden gab, der sie hinter der Bar unterstützte. Einfach zu verschwinden war nicht möglich, und die Frau war auch nicht wieder aufgetaucht. Vor etwa einer Stunde war sie verschwunden, und ob sie überhaupt noch da war, konnte Danny nicht mit Gewissheit sagen. Höchstens, wenn sie neugierig genug war, zu erfahren, worin sich dieser Abend von dem Angebot im Heaven unterschied. Eine Frage, die auch für Danny noch immer offen war. Sie hatte versucht, von den anderen Gästen Informationen zu erhalten, doch entweder sie wussten nicht, worum es ging, oder wollten nicht darüber sprechen. Was sie wollten, war flirten und sich eine gute Zeit machen. Danny war nicht in der Lage, aus all dem eine Befragung zu machen, da dies nur dazu führen würde, unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. 

Ein Gong ertönte, nachdem die Musik leiser geworden war. Um besser in den Raum hineinsehen zu können, trat Danny etwas auf die Seite, während die Gespräche verstummten. Das Licht war gedämmt und verschiedene Bildschirme, einer in jedem Zimmer, schalteten sich ein. Darauf zu erkennen war ein goldenes Logo auf schwarzem Grund. Das Symbol einer menschlichen Figur, die mit zwei geometrischen Formen dargestellt wurde. Zwei Linien liefen an der Figur vorbei und näherten sich auf der Höhe des Halses der Figur. Die inneren Linien waren kürzer als die äußeren. 

„Laydie’s and Gentlemen, willkommen!“ Die Stimme war über Lautsprecher zu hören, während ihr Ursprung vermutlich aus dem Wohnraum kam. Zumindest orientierten sich die Gäste dorthin, einige verließen den Barraum und suchten sich einen anderen Platz, um alles besser verfolgen zu können. 

Eine der Bedienungen schob sich zu Danny hinter die Bar und legte ein paar Tabletts auf der Arbeitsfläche ab. 

„Wir sollen ein paar Drinks fertig machen und sie austeilen. Die Leute müssen was zu trinken in der Hand haben“, erklärte sie ihr und Danny wandte sich von dem Geschehen ab, um ein paar Gläser herauszuholen und diese mit Eiswürfeln zu befüllen.

„Etwas Bestimmtes?“, hakte sie nach und sah die andere fragend an. Doch sie bekam nur ein Kopfschütteln und würde sich daran machen, teuren Alkohol einzuschenken. Nicht jeder würde ein neues Getränk benötigen, Danny sah, dass viele noch ihre Gläser in der Hand hielten. Dennoch kamen noch zwei weitere Bedienungen zu ihr an die Bar und ließen sich neue Getränke geben. 

„Wir freuen uns, Sie zum Höhepunkt unseres Abends begrüßen zu dürfen. Nehmen Sie sich etwas zu trinken, machen Sie es sich gemütlich, wir fangen in wenigen Augenblicken an“, ging die Moderation aus dem anderen Raum derweil weiter und stimmte die Gäste schon einmal ein. Man spürte förmlich, wie sich die Atmosphäre veränderte. Anspannung. Vorfreude. Aufregung. 

„Nimm dir auch eins“, bekam sie von der Frau neben sich die Anweisung. Jetzt sollte sie auch mitarbeiten und die Getränke direkt verteilen. Ob das in Eden’s Sinne war, das konnte Danny nicht beurteilen, doch sie passte sich an. Also nahm sie sich ein Tablett, um sich damit zwischen den Gästen hindurchzuschieben. 

Die Mehrheit der Gäste befand sich im Hauptraum, wo sie entweder auf der Couch, anderen Sitzgelegenheiten oder am Tisch saßen. In der Mitte stand ein groß gewachsener Mann. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Nur seine goldene Maske stand in einem deutlichen Kontrast zu seiner dunklen Haut und seiner in schwarz gehaltenen Kleidung. Sein Tier war ein Hund. Danny hatte ihn bereits gesehen, als er noch vor Beginn des Events hier eingetroffen war. Auch dort trug er die Maske, die er wahrscheinlich wie alle anderen im Aufzug oder bereits im Auto aufgesetzt hatte. Nachdem er sich kurz mit Eden zurückgezogen hatte, war er wieder aufgetaucht, um dem Personal Anweisungen für den Umbau der Räume zu geben. Einige Dinge mussten entfernt werden, und die Lautsprecher wurden zusätzlich eingebaut. 

Obwohl Danny davon ausgegangen war, dass Eden diejenige war, die hinter den Kulissen die Strippen zog, stand er hier und inszenierte sich als Gastgeber des Events. Eden war schon lange nicht mehr zu sehen gewesen. 

Mit ihren Fragen konnte Danny sich jetzt nicht weiter beschäftigen. Stattdessen schaute sie sich um, um zu sehen, wohin die anderen Bedienungen gegangen waren. Einige von ihnen sah sie hier unten, also entschied sie sich, die Treppe hochzugehen und die Getränke im oberen Stockwerk auszuteilen. Weitere Gäste saßen dort auf Sofas und entspannten sich, während andere über das Geländer schauten, um einen Überblick über alles zu haben. 

Als die Bildschirme sich umschalteten, waren ihr erst drei Gläser vom Tablett genommen worden. Ein zweigeteiltes Bild war zu erkennen. Zwei Räume, in denen jeweils eine Person saß. Danny konnte ihre Neugierde nicht leugnen, dennoch bewegte sie sich weiter zwischen den Gästen hindurch und bot diesen stumm die Getränke an. Auch wenn es offensichtlich war, dass sie alle darauf fokussierten, was nun geschah, und niemand Interesse an ihr oder den Getränken zeigte. 

„Heute Abend haben wir zwei wunderbare Gäste. Emily und Brandon“, hörte man den Mann weiter sprechen. Und Danny erkannte etwas weiter hinten den Fuchs. Sie hielt inne und beobachtete die andere Frau einen Moment schweigend. Im Heaven hatte sie nie etwas anderes, als Martini’s getrunken. Gerade hatte Danny nur Whiskey, den sie ihr anbieten könnte. Wenn Danny ihre Chance nutzen wollte, war es trotzdem einen Versuch wert. Niemand würde auf sie achten, während alle auf das fokussiert waren, was auf den Bildschirmen stattfand. 

Danny trat an sie heran und beugte sich mit dem Tablett zu ihr hinunter. 

„Darf ich Ihnen noch ein Getränk anbieten?“, fragte sie leise. Danny hoffte, dass sie dadurch ein Gespräch anstoßen konnte. Die Situation war nicht günstig, doch Danny wusste nicht, ob sich ihr eine bessere Gelegenheit bieten würde. 

„Für all unsere neuen Gäste möchte ich die Regeln kurz erklären. Sie alle haben nun Zugriff auf unser Spielfeld und können Aktionen kaufen. Entweder für Brandon oder für Emily. Wenn unsere Gäste diese Aktionen durchführen, erhalten sie ihren Geldbetrag gutgeschrieben. Der Betrag, der nach einer Stunde auf ihrem Konto ist, darf von ihnen mit nach Hause genommen werden. Welche Aktionen sie annehmen oder nicht, das bleibt natürlich ihnen überlassen.“ Die Frau reagierte nicht. Wie alle anderen hatte sie den Blick auf den Bildschirm gerichtet und schien nichts anderes, um sich herum wahrzunehmen.  

„Emily, Brandon … Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.“ Nachdem sie keine Reaktion erhalten hatte, richtete sich Danny wieder auf. Nur beiläufig hatte sie der Einführung gelauscht, jetzt wandte sie den Blick dem Bildschirm zu und sah sich das erste Mal richtig an, was dort gezeigt wurde. Die beiden Personen waren in verschiedenen Räumen, in denen sich außer ihnen nur ein Tisch mit verschiedenen Utensilien befand. Das war es allerdings nicht, was Danny’s Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konzentrierte sich auf Emily. 

Sie kannte die Frau und sie hatte ihr vor zwei Wochen ein Paket von Eden ausgeliefert. 

Elaine

Es hatte harmlos angefangen. Ihr OM war automatisch mit den Bildschirmen verbunden worden und hatte verschiedene Optionen angezeigt. Sich etwas ausziehen. Einen Text auf den eigenen Körper schreiben. Geräusche machen. Tiere nachahmen. Es gab Handlungen, die, wie das gesamte Spiel, zwar als fragwürdig gelten könnten, aber nur einen Zweck hatten: Demütigung. Die ersten Angebote waren nur schleppend eingegangen und unter Codenamen abgegeben worden. Bisher waren alle Aufgaben ausgeführt worden. Brandon war dabei weniger zögerlich vorgegangen als Emily. Man konnte ihr deutlich ansehen, wie unwohl sie sich fühlte und dass sie eigentlich nicht dort sein wollte. Wo auch immer dieser Ort war. Elaine vermutete, dass sie sich freiwillig in diese Situation begeben hatten, da keiner der beiden um Hilfe bat. Aber hatten sie wirklich gewusst, worauf sie sich einließen?

Zu Beginn wurde gesagt, dass die Aufgaben nicht durchgeführt werden mussten. Die beiden könnten einfach warten und nichts würde passieren. Jedoch waren die Beträge, die für bestimmte Aktionen angeboten wurden, lächerlich hoch. Für 500 $ hatte Brandon sich einen heruntergeholt und eine Show daraus gemacht. In seinem Fall schien es, als ob er sich nur darauf konzentrierte, wie hoch die Summen waren und was für ihn heraussprang. Er zögerte nicht. Dadurch wurde er für das Publikum auch weniger interessant. Auch als er aufgefordert wurde, sich mit einem Messer ein Kreuz in die Brust zu ritzen, zögerte Brandon nicht. Es hatte lediglich signalisiert, dass es bereit war, nahezu jede Aufgabe gegen Bezahlung zu erledigen. Nach 40 Minuten standen fast 30.000 $ auf seinem Konto. 

Anders sah es bei Emily aus. Ihr wurden weit mehr Aktionen hereingegeben, doch ihr fiel es von Anfang an schwerer, sich auf das Spiel einzulassen. Bereits als sie sich ausziehen sollte, hatte es sie sichtlich Überwindung gekostet. Sie hatte Angst. Und das war es, was Elaine an der Situation aufstieß. Es war das eine, ein solches Spiel zu spielen, wenn Menschen sich angeblich freiwillig darauf einließen. Etwas anderes, wenn es eine offensichtliche Drucksituation war. Müsste sie raten, dann würde sie behaupten, dass die Motive der beiden unterschiedlicher Natur waren, obgleich das Geld eine zentrale Rolle spielte. Doch während Brandon von Gier getrieben war, war es bei Emily etwas anderes. Verzweiflung. 

Und an dieser Verzweiflung ergötzte sich das Publikum. Sie wurde ausgelacht, man verspottete sie und grölte, wenn sie etwas tat, das sie offenkundig nicht tun wollte. Elaine hoffte, dass für die junge Frau nicht zu hören war, was sich hier für Szenen abspielten. 

Zumal ihre Qualen mit deutlich weniger Geld belohnt wurden, obwohl sie das Gleiche tat wie Brandon. Bisher hatte sie gerade einmal 9.000 $ auf ihrem Konto stehen. 

Auch sie hatte sich ein Kreuz in die Haut geschnitten. Bei ihr war die Wahl auf ihren Bauch gefallen. Sie hatte dafür nicht einmal die Hälfte von dem bekommen, was man Brandon geboten hatte. Ein weiterer Grund, um sie zu verspotten, während die junge Frau zitternd und weinend auf dem Boden saß. Sie hatte ihre Hände über die Verletzung gelegt und bemühte sich, das Bluten zu stoppen. Von diesem Blickwinkel aus war es nicht ersichtlich, aber es war möglich, dass sie tiefer geschnitten hatte als beabsichtigt. 

Das Schluchzen der Frau hallte durch die Lautsprecher und erschien Elaine unerträglich laut zu sein, während Brandon nach mehr schrie. 

Elaine erhob und wandte sich von dem Spektakel ab, für das alle hierhergekommen waren. Sie benötigte frische Luft. Daher begab sie sich auf den Balkon, wo die Kälte der Nacht sie umfing und schob die Tür hinter sich zu. Sobald das Spektakel vorbei war, würde sie hier verschwinden. Für den Moment war sie dankbar, die Geräusche hinter sich wegsperren zu können. Denn nachdem sie die Tür wieder geschlossen hatte, drang kein Laut von drinnen zu ihr hinaus. 

Die lauen Herbstnächte neigten sich langsam ihrem Ende und der Winter würde bald Einzug halten. Sie trat an das Geländer heran und stützte sich mit den Unterarmen darauf ab, während sie für einen Moment die Augen schloss und den Kopf senkte. Was war das nur für ein Ort? Es war abstoßend. In erster Linie, wenn man sich vor Augen führte, wie diese Leute hier darauf reagierten. Wie sie ihre Überlegenheit genossen und sich an dem Leid anderer weideten. Und dabei ging es nicht einmal um den Umstand, dass die gekauften Aktionen anscheinend kein moralisches oder ethisches Limit hatten. Es drehte sich um die Überzeugung, dass man durch Geld jedes gewünschte Recht erwerben könnte. 

Inzwischen sollten es nur noch 15 Minuten sein, bis dieses Spiel endlich vorbei war. Wenn man bedachte, wie lang sich die letzten Minuten angefühlt hatten, dann könnte daraus noch eine Ewigkeit werden und Elaine war nur in einer zuschauenden Position. Doch das reichte, um sich schuldig zu fühlen.  

Die Stille wurde wieder unterbrochen, als das Lachen und der Jubel von drinnen an ihre Ohren drang. Jemand hatte die Tür geöffnet und war hinausgekommen. Schritte kamen näher, und Elaine hoffte, niemand würde sie ansprechen. Ihr war gerade nicht nach Smalltalk. 

„Wie wäre es jetzt mit einem Getränk?“, vernahm sie die Frage neben sich und blickte auf. Die Barkeeperin stand neben ihr. Auf ihrem Tablett ein einzelnes Glas, ein Martini. Nach dem zweiten Glas hatte Elaine eigentlich entschieden, dass es genug war. Sie war kein Fan davon, sich zu betrinken, schon gar nicht in einer Umgebung, die ihr unbekannt war. Zu riskant wäre ein möglicher Kontrollverlust. 

Dennoch griff sie nach dem Glas, welches ihr angeboten wurde, und trank einen großen Schluck daraus, bevor sie den Arm wieder auf dem Geländer ablegte. Den Blick richtete sie auf die Stadt, die unter ihnen lag. Hell erleuchtet, mit Millionen von Lichtern und Millionen von Schicksalen. Und über zwei davon wurde gerade hinter ihnen in einem Penthouse voller vermögender Menschen entschieden. 

„Sie … Wollen das Finale nicht sehen?“, hakte die andere neben ihr nach und Elaine konnte sich ein abfälliges Schnauben nicht verkneifen. War das ihr Ernst? Als würde man über ein sportliches Ereignis sprechen und einen Gewinner küren. Doch dort drinnen gewannen nur diejenigen, die vor den Bildschirmen saßen und zusahen. 

„Sollte mir das etwa gefallen?“ Die Frage kam schärfer über ihre Lippen, als sie es beabsichtigt hatte. Doch, als sie die andere ansah, konnte sie keine Regung in ihrem Gesicht erkennen. Sie hatte lediglich den Kopf etwas zur Seite geneigt, was sie öfter tat, und beobachtete sie aufmerksam. Inzwischen erinnerte Elaine sich auch wieder daran, warum sie ihr so vertraut erschienen war. Das letzte Mal, als sie einander gegenübergestanden hatten, war Danielle angeschlagen gewesen. Aufgelöst. Man hatte ihr ihre ID abgenommen. Noch einige Male hatte Elaine sich dabei erwischt, wie sie sich gefragt hatte, was aus ihr geworden war. War es für sie möglich, trotz aller Schwierigkeiten in der Stadt zu überleben, obwohl es unmöglich schien? Heute hatte sie ihre Antwort bekommen. Sie arbeitete hier, arbeitete für diese Menschen und verdiente mit an diesem Leid. 

„Na ja, dafür sind immerhin alle hier, oder nicht?“ 

„Dafür bin ich sicher nicht hier.“ Hätte sie vorher gewusst, worum es bei diesem Event ging, dann wäre Elaine nicht gekommen. Was sie zu der Frage brachte, warum Peyton glaubte, dass sie so etwas Widerliches genießen könnte. Umgekehrt war sie überhaupt nicht überrascht, dass sich ihre Kollegin als Teil eines solchen Kreises betrachtete. Elaine hatte sie zwar nicht gesehen, als sie sich am Abend durch die verschiedenen Räume bewegt hatte, aber das hatte keine Bedeutung. Selbst sie hatte überlegt, ob es sinnvoll wäre, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, damit sie nicht erkannt werden konnten. Doch da Elaine kein Tattoo oder andere Merkmale auf der Haut trug, die einen Rückschluss auf ihre Identität gaben, hatte sie sich dagegen entschieden. Und ihre Haarfarbe zu verschleiern, war ihr dann doch als etwas übertrieben vorgekommen. Das musste aber nicht bedeuten, dass Peyton nicht anders entschieden hatte.  

„Da scheinst du wohl die Einzige zu sein. Sollte man nicht eigentlich wissen, auf was für eine Party man geht?“ Elaine hob leicht die Brauen, als ihre Aufmerksamkeit erneut auf Danielle gelenkt wurde, bevor sie sich entschied, einen weiteren Schluck aus ihrem Glas zu nehmen. 

„Sollte man das nicht auch, bevor man einen Job annimmt?“ Wenn sie es richtig verstanden hatte, dann war Danielle auch das erste Mal hier und hatte angeblich nichts darüber gewusst. Diese Argumentation funktionierte in beiden Richtungen, doch keine von ihnen kam dabei besonders gut davon. 

„Touché“, sagte Danielle und lehnte sich dann mit dem Rücken neben ihr an das Geländer. Die Hände hatte sie in die Hosentaschen geschoben und das Tablett unter ihren Arm geklemmt. Ihr Blick war in das Innere des Penthouse gerichtet. Elaine war sich nicht sicher, ob man einen der Bildschirme von hier aus sehen konnte, aber sie wollte es auch nicht wissen. Die Gleichgültigkeit, mit der Danielle hier stand, stieß ihr auf. Nach allem, was sie wusste, sollte gerade sie sich in die Situation der anderen Frau hineinversetzen können. Hatte sie keine Empathie? War jeder sich selbst der Nächste?

„Ich dachte, es sei untersagt, dass das Personal Gespräche mit Kunden sucht?“ Und sie machte es schon den ganzen Abend. Es wäre anders, wenn Kunden oder Gäste selbst ein Gespräch aufnehmen würden, aber Elaine hatte niemals versucht, dies zu fördern. Stattdessen war es Danielle, die zum wiederholten Mal auftauchte und ihr Glück versuchte. Elaine verstand bisher nur nicht, warum.

„Ich bin noch nie gut mit Regeln zurechtgekommen“, erklärte Danielle und zuckte mit den Schultern. Aus einem unbestimmten Grund glaubte Elaine ihr das sogar. Die junge Frau hatte eine selbstbewusste Ausstrahlung und wirkte nicht unsicher. Und wie wenig sie von Regeln hielt, das stellte sie schon den ganzen Abend unter Beweis. Nicht zu beginnen mit den Umständen, um den Verlust ihrer ID und in welchen Kreisen sie sich herumtrieb.

„Und du brichst die Regeln deines Jobs gerne, weil …?“ 

„Du ziemlich heiß in diesem Kleid aussiehst?“ Elaine konnte nicht anders. Sie musste lachen. Bei allem, was heute geschehen war, war das das Letzte, womit sie gerechnet hatte. Wollte Danielle ihr tatsächlich erzählen, dass sie ausgerechnet jetzt versuchte, mit ihr zu flirten, weil sie gut in ihrem Kleid aussah? Das war unglaublich und stellte noch einmal die Absurdität dieses Abends heraus. 

„Was ist daran so witzig?“, fragte Danielle, als würde sie den Punkt nicht verstehen. Anstatt direkt zu antworten, setzte Elaine noch einmal das Glas an und trank den Rest des Martinis. Inzwischen war das Spiel zu Ende und sie hatte nur noch den Wunsch, nach Hause zu gelangen. 

„Du solltest an deinem Timing arbeiten. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung dafür.“ Elaine würde nicht leugnen, dass Danielle eine attraktive Frau war und unter anderen Umständen hätte sie es vielleicht sogar geschafft, ihr Interesse zu wecken. Doch das Letzte, wonach Elaine gerade der Sinn stand, war, zum Alltag überzugehen und zu flirten, als sei nichts geschehen. Erst recht nicht mit einer Patientin. 

Sie hielt der anderen das Glas hin und wartete, bis sie das Tablett wieder hervorgeholt hatte. Nachdem sie das Glas abgestellt hatte, wandte sich Elaine ab und machte sich auf den Weg hinein. Die Musik hatte wieder eingesetzt, die Gäste lachten und unterhielten sich. Elaine entnahm aus den Wortfetzen, dass es um das Spiel ging. 

„War klar, dass sie es nicht tun würde. Hatte eben nicht genug Biss“, hörte sie einen Mann sagen, wobei Elaine kurz den Blick auf einen der Bildschirme richtete. Noch immer waren die Zimmer und Brandon zu sehen, der sich feierte. Er lief mit gehobenen Händen herum, der Ton war allerdings ausgeschaltet. Jetzt sah man auch, dass die Räume nebeneinander gelegen haben mussten, denn er bewegte sich in dem Bild, das Emilys Raum zeigte. Die junge Frau lag auf dem Boden, Blut war zu sehen. Auf ihrem, aber auch auf Brandons Körper. Schwer zu sagen, was genau geschehen war. Ebenso ließ sich mit einem kurzen Blick nicht erkennen, ob Emily noch lebte oder nicht. 

Elaine war schlecht. Sie stützte sich an der Wand ab, als sie sich die Treppe hinunterschob, um wieder in die untere Etage zu gelangen. Das Stimmengewirr erschien ihr unerträglich laut. Als hätte man einen Schwarm Bienen losgelassen, die ihr unaufhörlich um den Kopf schwebten. 

Sie schob sich an einer Gruppe von Frauen vorbei, die lachten und sich offenbar gut amüsierten. Niemand stellte das Geschehene in Frage. Viel eher schien es, als hätten sie genau das Spektakel bekommen, für das sie hierhergekommen waren. Ein gelungenes Event. 

Elaine ging den Flur entlang und versuchte, den Impuls zu unterdrücken, ihre Schritte zu beschleunigen. Sie musste hier heraus. Dringend. 

Als sie bei dem Fahrstuhl angekommen war, drückte sie auf das Tastenfeld. Einmal. Ein zweites Mal. Der Aufzug bewegte sich, das wurde angezeigt. Trotzdem empfand sie die Dauer als zu lang. Sie drückte wieder auf das Tastenfeld, auch wenn es die Wartezeit nicht verkürzte. 

Noch bevor die Tür ganz geöffnet war, trat Elaine ein, um gleich wieder auf den Knopf zu drücken und in die untere Etage zu fahren. Es fühlte sich an, als würde es eine unendlich lange Zeit dauern, bis die Tür endlich geschlossen war und das Lachen der Menschen verstummte. 

Schwer atmend lehnte sie sich an die Wand, eine Hand ruhte auf ihrem Bauch, als könnte sie das aufkommende Übelkeitsgefühl unterbinden. Es gelang nicht. Aber sie musste sich jetzt konzentrieren.  

Über ihr OM ließ sie sich ein Taxi kommen. Der Timer zeigte ihr an, dass ein Fahrzeug in wenigen Minuten auf dem Landeplatz des Towers eintreffen sollte.

Elaine fuhr hinauf. Das Penthouse hatte einen separaten Zugang, wenn man den Code kannte. Dann war es möglich über das Dach und den dort liegenden Landeplatz hinunter zu gelangen. Es gab einen zweiten Fahrstuhl, der nicht mit dem Rest des Towers verbunden war.

Als sie hinaus trat lag die Standt zu ihren Füßen, doch Elaine hatte keinen Sinn für die Schönheit dieser Aussicht. Ihr Blick schweifte umher, bis sie das Fahrzeug erkannte, das sich näherte und schließlich lautlos vor ihr landete. Noch während sie auf das schwarze Fahrzeug - das aussah wie eine verformte Ellipse - zuging, öffnete sich die Tür und gab den Blick auf den Innenraum frei. Vier Personen könnten sich hier entspannt gegenübersitzen ohne das es eng wurde. Elaine wählte diese Art der Fortbewegung selten, doch die abgedunkelten Fenster und die Tatsache, dass die Flugrouten autonom und ohne weiteren, menschlichen Kontakt, durchgeführt werden konnten war ein großes Plus. Es war ihr möglich, nachdem sie sich gesetzt und die Tür sich wieder geschlossen hatte, die Maske abzunehmen und sich ihrer Tarnung zu entledigen. So wie sie es auch tat, wenn sie sich zur Arche begab.

Als das Fahrzeug abhob sah Elaine hinaus und beobachtete, wie der Tower langsam kleiner wurde und schließlich aus ihrem Sichtfeld verschwand. Der Flug zu ihrem Wohnhaus dauerte nur wenige Minuten. Genug, um sich Räumlich zu entfernen, doch bei weitem nicht ausreichend, um die Ereignisse hinter sich zu lassen.

Eden

Das Event verlief gut und ganz nach ihrem Geschmack. Die Gäste amüsierten sich und ihre Puppen tanzten für sie, während sie das Geschehen in aller Ruhe genießen konnte. Zurückgezogen in einen Raum mit verschiedenen Bildschirmen, die ihr ermöglichten, die ganze Suite zu beobachten. 

„Dein Spielzeug?“ 

Eden drehte den Kopf ein wenig und blickte hinauf zu ihrem Partner. Hinter der goldenen Maske erkannte sie seine blauen Augen, die unnatürlich hell wirkten. Er reichte ihr ein Glas. Gin mit Eis. 

„Was macht sie da?“ Sie richtete den Blick wieder auf den Bildschirm. Er zeigte den Balkon, auf dem Danielle stand, und mit dem Fuchs sprach. 

„Arbeiten.“ Partnerschaft bedeutete für sie nicht, dass er alles wissen musste, was passierte. Sie zogen beide etwas aus diesem Geschäft, und es war in ihrem beiden Interesse, dass er sich aus ihren Angelegenheiten heraushielt. 

Er schnaubte abfällig, kommentierte es aber nicht weiter. Bereits zu Beginn hatten sie diese Grenzen geklärt, und er wusste, wo sein Platz war. 

„Was ist mit ihr? Wer hat sie eingeladen?“ Es war offensichtlich, dass der Fuchs mit der Situation nicht zurechtkam. Sie wirkte fahrig und angespannt. Eden beobachtete jede ihrer Bewegungen, ihre Haltung, wie sie mit Danielle sprach. Mit dieser Entwicklung war sie sehr zufrieden und konnte ihr Grinsen, das bei diesem Anblick auf ihren Lippen schlich, nicht zurückhalten. 

„Lässt sich nachverfolgen“, sagte sie nur ruhig und nippte an ihrem Glas. 

„Besser ist das. So etwas ist ein Sicherheitsrisiko. Wir können solche Leute hier nicht gebrauchen.“ 

„Wer sollte ihr denn zuhören?“ Dieses Mal konnte sie den belustigten Unterton nicht zurückhalten. Vielleicht zählten nicht alle wichtigen Personen der Stadt zu ihren Kunden, aber … genug. 

Es wäre unpraktisch, würde hiervon etwas nach außen dringen, doch ein Problem sah Eden darin nicht. Sie ging davon aus, dass der Fuchs sich damit höchstens selbst Probleme bereiten würde. Und wenn ihre kleine Puppe ihre Arbeit heute gut machte, dann würde Eden sich später selbst um das Problem kümmern. 

„Was führst du schon wieder im Schilde?“ 

Jetzt lachte sie, führte das Glas an ihre Lippen und leerte es in einem Zug, als sie auf dem Bildschirm zusehen konnte, wie der Fuchs die Flucht ergriff. 

„Ich gönne mir ein wenig Spaß.“ 

Elaine

Einatmen. 

Ausatmen. 

Langsam einatmen. 

Wieder ausatmen. 

Elaine versuchte sich auf ihren Atem zu konzentrieren, während das heiße Wasser auf ihren Körper prasselte. Sie hatte sich nicht übergeben müssen, doch nachdem sie wieder Zuhause angekommen war, hatte ihr Weg sie direkt ins Badezimmer geführt. Bevor sie in die Dusche gestiegen war, hatte Elaine sich die Kleidung achtlos vom Körper gestreift. Als könne sie sich auf diese Weise von der Schuld befreien, die sie auf sich geladen hatte, hatte sie sich eingeseift und den Körper abgewaschen. Gerade saß sie auf dem Boden der Dusche und ließ das Wasser auf sich herunterprasseln. Alle Oberflächen waren von der Hitze beschlagen und die Haut war gerötet. Dennoch brachte Elaine es nicht über sich, das Wasser abzustellen oder sich aus der Dusche herauszubewegen. 

In Gedanken war sie noch immer in dem Penthouse. Dass diese Stadt dunkle Seiten hatte, das hatte Elaine schon immer gewusst. Jedoch übertraf das Gesehene ihre bisherigen Vorstellungen. Auch wenn die Abgründe, die sich hinter der menschlichen Natur verbargen, nicht überraschen sollten. 

Aber was bedeutete das in seiner Konsequenz? War sie Zeugin eines exklusiven Clubs geworden, der … was? Ethisch fragwürdige Spiele organisiert? Der Menschen missbrauchte? War es Missbrauch? Oder war das alles lediglich eine Show gewesen, an der nichts Echtes dran gewesen war? Möglicherweise handelte es sich lediglich um eine perfekt inszenierte Theateraufführung, bei der Emily und Brandon Schauspieler waren, die auf einer interaktiven Bühne agierten. Vielleicht war Elaine zu früh gegangen und hatte deswegen den Abspann der Szene nicht mehr gesehen. Am Ende wäre Emily aufgestanden, sie hätte sich vor ihrem Publikum verneigt, bevor sie in ihren wohlverdienten Feierabend gegangen wäre.

Elaine schüttelte ihren Kopf und senkte ihn, während sie ihre Arme auf die aufgestellten Knie legte und ihr Gesicht kurz in ihren Händen verbarg. Sie übertrieb. Es konnte nicht sein, dass etwas davon wirklich real gewesen war. 

Aber was wusste sie tatsächlich? Elaine war in einem behüteten Heim aufgewachsen, auch wenn man ihren Vater sicher nicht als warmen Menschen bezeichnen konnte. Doch abgesehen von familiären Erwartungen und Pflichten hatte sie sich nie Sorgen um etwas machen müssen. Beim ersten Praktikum in einem Krankenhaus hatte sie das erste Mal die Schattenseiten der Stadt kennengelernt. Erst dort war ihr bewusst geworden, dass es tatsächlich Menschen gab, die sich eine medizinische Versorgung schlichtweg nicht leisten konnten. Und erst danach hatte Elaine begonnen zu hinterfragen, ob das, was sie für selbstverständlich hielt, wirklich für alle Menschen selbstverständlich war. 

Erst später hat sie verstanden, wie schwierig die Ansichten ihres Vaters waren. Und auch, dass sie selbst nie in dieses vorgesehene Konstrukt hineingepasst hatte. Sie gestattete sich, alternative Perspektiven einzunehmen und erkannte, dass ihr Leben tatsächlich von anderen bestimmt worden war. 

Es hatte einen Stein ins Rollen gebracht, den Elaine nicht hatte aufhalten können. Obwohl sie sich bemüht hatte, trotz allem im Rahmen sozialer Ordnungen zu handeln, hatte sie sich aus diesen Einflüssen befreit und gegen den Strom gestellt. Wirklich ausgebrochen war sie allerdings nie. 

Es war eines der Dinge, die dieser Abend sie erkennen ließ. Elaine war ein Teil des Systems. Sie wurde ohne weitere Überprüfung bereitwillig eingeladen, da man entweder davon ausging, dass sie keinen Einwand erheben würde oder nicht in der Lage war, etwas zu unternehmen. In diesen Kreisen wurde offen damit umgegangen, was bedeutete, dass man sicher sein konnte, dass man keine Probleme mit den Behörden haben würde. 

Elaine wusste nicht, wer sich alles dort befunden hatte; Anonymität wurde großgeschrieben, auch wenn es jemanden geben musste, der einen Überblick hatte. Es gab ein Mittel, um Druck auszuüben, und die Sicherheit, dass nur zahlungsfähige Personen anwesend waren. Zugang zu Heaven bekam man nur mit einer entsprechenden Zahlung und einer persönlichen Empfehlung. Ohne das bestand kein Zugang zu diesen Kreisen. Eine elitäre Gruppe, die im Hintergrund der Stadt agierte. 

„Verdammt …“, murmelte Elaine und schüttelte sich, als ob sie auf diese Weise die Gedanken abwehren könnte, die unaufhörlich in ihren Kopf strömten, als wären die Schleusen eines Staudamms geöffnet worden, ohne die Chance, sie wieder zu schließen. 

Nachdem sie sich zur Seite gedreht hatte, stand sie auf und stützte sich an den Glasscheiben, bis sie einen stabilen Stand erreicht hatte. Danach stieg sie aus der Dusche. Abwesend griff sie nach einem der Handtücher, ein anderes fiel auf den Boden. 

Elaine schlang es um ihren Körper, als sie hinaus in den Flur trat. Nachdem sie angekommen war, hatte sie kein Licht eingeschaltet. Die Wohnung lag still und dunkel vor ihr, doch sie machte sich nicht die Mühe, etwas an diesem Zustand zu verändern. 

Die Wohnung war ihr nach all den Jahren so vertraut, dass sie den Weg ins Wohnzimmer auch blind finden würde. Dort stand ein kleines Regal, in dem sie ein paar ausgewählte Tropfen aufbewahrte. Eigentlich war es immer Andrews Ding gewesen. Er mochte es, wenn sie Besucher empfingen und ihnen etwas Spezielles anbieten konnten. Für Elaine wäre es absolut ausreichend gewesen, ein paar Flaschen guten Wein im Haus zu haben. Jetzt jedoch war sie dankbar dafür, dass sie sich eine der Falschen herausnehmen konnte. 

Ein Glas nahm sich Elaine nicht. Sie öffnete den Verschluss und ließ diesen achtlos auf den Boden fallen, bevor sie die Flasche ansetzte und einen kräftigen Schluck nahm. 

Vor ihrem inneren Auge sah sie den Körper der jungen Frau auf dem Boden liegen. Sie hörte das höhnische Lachen und Grölen der Menschen. Wie Tiere. 

Nein.

Das war keine Show gewesen. Kein Theaterstück, bei dem eine gute Pointe fehlte. Es war echt gewesen. Jede Sekunde davon. Emilys Angst. Die Verzweiflung. Der Schmerz. 

Elaine fragte sich, ob sie gehört hatte, was auf der anderen Seite der Kamera geschehen war, wie diese Menschen sie ausgelacht und sich an ihrem Leid ergötzt hatten. Und sie betete, dass Emily diese Sache erspart geblieben war. 

Während sie an die Fensterfront herantrat, um in die Nacht hinauszusehen, ging sie ihre Kontakte durch. Kurz blieb sie bei Andrew hängen, doch was sollte es bringen, ihn anzurufen? Er wollte sich genau von solchen Dingen distanzieren. Und er verdiente es, seinen Frieden zu finden. Wenn nicht einmal klar war, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen würde, wäre es nicht fair, wenn sie ihn jetzt anrufen und damit belästigen würde. Zumal sie in der letzten Zeit so weit voneinander entfernt gewesen waren wie noch nie. 

Dann war da noch Grace. Doch Elaine wusste, dass sie ihre eigenen Sorgen hatte. Und selbst, wenn nicht, was sollte es bringen, Grace auch noch diese Bürde aufzulegen? 

Und ihre Mutter? Sie stand immer auf der Seite ihres Vaters. Auch wenn sie eine andere Ansicht als er vertreten würde, würde ihre Mutter sie niemals öffentlich äußern. Elaine konnte sich gut vorstellen, dass ihr Vater sein Gesicht unter einer solchen Maske verstecken und Freude am Leid anderer haben könnte, weshalb dieser Gedanke automatisch hinfällig wurde. 

Es gab niemanden, bei dem sie sich melden könnte, niemanden, der es verstehen und helfen würde. Wieder hob sie die Flasche und trank einen weiteren Schluck. Der Alkohol brannte in ihrer Kehle und schmeckte für Elaine, als würde sie sich den Mund desinfizieren. 

Gäbe es die Möglichkeit, ihre Gedanken zu reinigen, zu vergessen, was sie an diesem Abend gesehen hatte, würde sie es ohne zu zögern tun. Es war nur ein kurzer Einblick in eine Welt gewesen, von der Elaine ausging, dass dort noch weit tiefere und schlimmere Abgründe lauerten. 

Wenn es denkbar war, zwei Menschen in ihrer Verzweiflung oder der Suche nach Reichtum für Geld all das machen zu lassen, wo sollte es dann Grenzen geben?

Danny

Sie war geflüchtet und Danny konnte es ihr nicht einmal verübeln. Genau genommen war sie die einzige Person, die hier eine menschliche Reaktion gezeigt hatte. Alle anderen hatten sich benommen wie Schaulustige auf einem Viehmarkt. Es war etwas vollkommen Abstoßendes gewesen, und Danny musste ihre eigene Rolle in all dem hinterfragen. Emily hatte in einer guten Gegend gelebt. Kein Ort, an dem man Menschen mit großen Geldproblemen erwarten würde – nicht das heruntergekommene Arbeiterviertel und auch nicht die teuerste Gegend.  Danny hatte das Paket abgegeben und war dann wieder gegangen. Der Grund, warum es ihr im Gedächtnis geblieben war, war, dass Emily sich äußerst verwundert gezeigt hatte. Sie hatte sichergehen wollen, dass Danny wirklich richtig bei ihr war, doch nachdem sie die Adresse zweimal geprüft hatten, hatte es keinen Zweifel gegeben und Emily hatte das Paket angenommen. Manchmal bekam man von anderen etwas geschickt, von dem man nichts wusste. Geschenke von Freunden oder Familie. Dabei gab nur ein Problem: Es war offensichtlich kein Geschenk gewesen.

Eden hatte wahrscheinlich nichts mit ihr zu tun, und Danny hatte sich schon damals nach dem Auftrag gefragt, was wohl in dem Paket gewesen sei. 

„Und?“ Dannys Aufgabe war es gewesen, mit dem übrigen Personal Ordnung zu schaffen und das abzubauen, was von Außenstehenden nicht gefunden werden durfte, nachdem die Partei aufgelöst worden war. Dann hatte sie in dem Arbeitszimmer des Penthouse warten sollen. Gerade begann die Sonne langsam, sich über den Horizont zu erheben. 

„Was und?“, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen und wandte sich um. Danny hatte am Fenster gestanden, den Blick hinaus auf die Stadt und das Meer gerichtet, das dort hinten lag und sie mit dem Versprechen von Freiheit lockte. 

Die Tür schloss sich hinter Eden.  Wo sie den Abend über gewesen war, wusste Danny nicht, doch das spielte keine Rolle. 

„Hast du deine Aufgabe erfüllt?“ 

„Ist sie noch am Leben?“, fragte Danny, anstatt auf die Frage von Eden zu antworten. Sie musste es herausfinden, weil es nicht klar gewesen war. Und es beschäftigte Danny. Sie musste einfach wissen, was sie gesehen hatte. 

„Das ist unerheblich und hat dich nicht zu interessieren“, kam die kühle Antwort von Eden, die sich an den Schreibtisch lehnte. Ablehnend hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt.  

„Geht’s dir noch gut? Ich hab’ ihr ein Paket gebracht! Ich hab’ ein Recht darauf zu wissen, was für eine kranke Scheiße hier läuft!“ Danny wollte wissen, worin sie sich hier verstrickt hatte, selbst wenn sie nichts dagegen tun könnte. Doch was war die Alternative? Soll sie tatsächlich ihre Augen davor verschließen und nicht darüber nachdenken, was ihre Lieferungen für Folgen hatten? 

„Du hast gar keine Rechte.“ Die Worte wurden ruhig ausgesprochen, fast schon kalt. Und dann passierte alles ganz schnell. Danny spürte, wie ihre Prothese blockierte. Ihre Sicht verschwamm, bis ihr OM sich ausschaltete und ihr die Sicht nahm. Infolgedessen verlor sie ihr Gleichgewicht. Danny versuchte, Halt zu finden, doch sie konnte nicht verhindern, dass sie ungebremst auf den Boden fiel. Als sie aufschlug, durchzog der Schmerz ihre Schulter. 

„Scheiße …“, entfuhr es ihr. Danny griff sich an das Gesicht, aber es war nicht unbedingt die beste Idee, ihr OM blind herauszunehmen. Möglicherweise braucht sie diesen noch. 

Doch Eden nahm ihr diese Möglichkeit ohnehin, indem sie ihre Hand wegtrat und einen Fuß darauf setzte. Der Schmerz durchströmte ihre Finger, aber Danny versuchte, sich nicht zu bewegen. Sie war gezwungen, durchzuatmen und ihre Gedanken zu sortieren. 

„Ich werde dir jetzt sagen, was geschehen ist, Danielle“, sagte Eden. Dabei bewegte sie den Fuß weiter auf ihren Fingern, was Danny dazu veranlasste, mit der anderen Hand nach ihrem Knöchel zu greifen. Sie versuchte, Eden wegzudrücken und sich zu verteidigen, als plötzlich ein lauter Ton erklang, der immer unangenehmer und schmerzhafter wurde. Der Ton kam von ihrem AM und löste unerträgliche Schmerzen in ihren Ohren aus. Es gab keinen Weg, das Modul selbst zu entfernen. Dafür war die Hilfe eines Technikers oder Arztes notwendig. Für Danny gab es kein Entkommen, dennoch griff sie automatisch nach ihrem Ohr und hielt es sich zu, als könne sie sich damit vor dem Schmerz schützen. 

Eden war von ihrem Fuß heruntergestiegen, doch das nahm Danny nicht wahr, als sie sich schmerzlich zusammenkrümmte und anfing zu schreien. 

„Hör auf! Stopp!“ Das waren die Worte, die durch ihren Kopf hallten. Ob Danny sie wirklich aussprach und Eden entgegenschrie, wusste sie nicht. Sie konnte sich selbst nicht hören, sondern nur diesen furchtbaren Klang, der anhielt, egal was sie auch versuchte. 

„Sto … top … Stopp!“ Der Ton schien nur langsam zu verblassen, und Danny hörte ihre eigene schmerzhafte Stimme, die verzweifelt schrie und darum flehte, dass es aufhörte. Es schien, als ob sie durch einen dichten Nebel hindurchhörte. Als sei sie selbst nicht wirklich präsent, nur dieses entfernte Flehen und der Klang, der noch in ihren Ohren nachhallte, als ob jemand den Stecker eines Hörgeräts herausgezogen hätte. 

Und dann klärte sich ihre Sicht wieder. Danny erkannte den hellen Teppich, auf dem sie lag, konnte die einzelnen Fasern erkennen. Ihr Blick huschte zur Seite, dort waren Eden’s Füße, ihre Beine. Langsam wanderte ihr Blick weiter. Die andere Frau hockte neben ihr, hatte die Arme über ihre Knie gelegt und sah sie ausdruckslos an. Während sie wartete, bis Danny in der Lage war, ihre Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, zeigte sie keinerlei emotionale Regung. 

„Wirst du mir jetzt zuhören?“ Danny schaffte es nicht, auf die Frage zu antworten. Sie nahm die Worte nur dumpf wahr und war zu sehr mit ihrem Schmerz und ihrem Körper beschäftigt, der nicht richtig funktionierte und nicht mehr ihrer Kontrolle unterlag. 

Eden wartete einen weiteren Augenblick, bis Danny sie ansah. Sie wollte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. 

„Emily hat wie du ein Angebot bekommen. Und wie du hat sie sich dazu entschieden, das Angebot anzunehmen. Alles, was geschehen ist, war ihre Entscheidung. Hast du mich verstanden?“ Nein. Danny verstand nicht, wie sie so etwas sagen konnte. Sich einzureden, dass Menschen eine Wahl hatten, war nur ein lächerlicher Versuch, das eigene Gewissen reinzuwaschen. 

Danny wusste nicht, wie es bei Emily gewesen war, doch sie selbst hatte nie eine wirkliche Wahl gehabt. Wenn sie das Angebot abgelehnt hätte, dann hätte man sie aus der Stadt entfernt, sobald man sie erwischt hätte. Für Danny hatte es keinen anderen Weg gegeben, wie sie sich ohne ID durch die Stadt hätte bewegen können. Auch heute hatte sich an ihrer Lage nichts verändert, sonst hätte sie bereits in Erwägung gezogen, diesen Deal zu verlassen. 

Welche Wahl hatte Emily wirklich gehabt? Und welche Wahl hatte man, wenn die Entscheidung zwischen Geld und dem eigenen, moralischen Kompass lag? Danny wusste nicht, welche Aktionen Emily geboten worden waren, doch gemessen an den letzten Bildern musste es auch etwas mit Brandon zu tun gehabt haben. Danny hegte starke Zweifel daran, dass Emily eigenständig entschieden hatte, dass Brandon das, was auch immer er mit ihr getan hatte, tun sollte. 

„Wir bieten Menschen wie dir und Emily Chancen. Chancen auf ein besseres Leben. Doch es liegt bei euch, sie zu nutzen. Emily hat das nicht getan und jetzt liegt es bei dir, ob du deine nutzen willst“, sprach Eden weiter. Danny konnte sie besser verstehen, obwohl der Schmerz und die Anspannung noch immer nicht aus ihrem Körper verschwunden waren. Nur langsam hörte das Klingeln in ihren Ohren auf. Sie rechnete damit, dass eine falsche Regung jederzeit dafür sorgen könnte, dass Eden ihren eigenen Körper gegen sie verwendete. 

„Also frage ich dich noch einmal; hast du deinen Auftrag erfüllt?“ Angesichts der Offenheit, mit der der Auftrag formuliert wurde, gestaltet sich die Beantwortung schwierig. Jedoch hatte sie es zu keinem Zeitpunkt geschafft, ihre Zielperson zum Plaudern zu bringen. Genau genommen hatte sie nichts über sie herausgefunden. Nichts, was sie Eden als Erfolg präsentieren könnte. 

Sie biss die Kiefer fest zusammen und blickte Eden in die Augen. Noch immer zeigte sich keinerlei Gefühlsregung im Gesicht der anderen. Es war, als würde sie eine Maske tragen. Eden zeigte nie viele Emotionen, doch auch Kälte war in einer Weise ein Ausdruck. Etwas, das gerade vollkommen fehlte und für Danny umso beunruhigender wirkte. 

„Sie … wollte nicht reden“, begann sie ihre Schilderungen. „Hat sich viel umgesehen, beobachtet. Insgesamt drei Martinis getrunken. Ich weiß nicht, ob sie noch mit anderen Personen gesprochen hat.“ Sie war nicht in der Lage gewesen, dies zu verfolgen, aber es war wahrscheinlich auch nicht das, was Eden interessiert hätte. Schließlich hätte Danny ihr dann auch nichts von den Inhalten dieser Unterhaltungen erzählen können; dies wäre nur möglich gewesen, wenn diese Unterhaltung direkt an der Bar stattgefunden hätte. 

„Sie hat sich … das Ende nicht angesehen. Sie wusste vorher nicht, was hier passiert, und es hat ihr nicht gefallen. Direkt danach ist sie verschwunden.“ Mehr hatte Danny nicht. Für einen Moment schwieg Eden und ließ sie warten. Es war unklar, ob sie mit der Antwort zufrieden war, da sie immer noch da hockte und sie ohne Ausdruck ansah. 

Sie drehte sich zum Tisch um und nahm etwas davon herunter. Nachdem sie sich ihre Zigarette zwischen die Lippen gesteckt und einen Zug genommen hatte, erhob sie sich und schritt langsam durch den Raum.

„Du hast also nichts.“ Nein. Sie hatte nichts. Es war ihr nicht gelungen, etwas aus dieser Frau heraus zu bekommen, was man gebrauchen konnte. Obwohl Danny immer noch nicht wusste, was der Maßstab für eine nützliche Information eigentlich war. 

Sie drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Nur langsam verklang der Schmerz und ließ ihren Körper entspannen. 

„Was, denkst du, soll ich jetzt mit dir machen? Waren meine Anweisungen nicht deutlich genug oder hattest du einfach keine Lust, dich zu bemühen?“ Danny schwieg, obwohl sie einiges zu sagen gehabt hätte. Glaubte Eden tatsächlich, dass jemand Geheimnisse ausplauderte, wenn man an einer Veranstaltung teilnahm, die auf Anonymität basierte? Oder wenn man Zeuge von so einer widerlichen Sache wurde?  

„Da du den Auftrag nicht erfüllt hast, wirst du auch keine Auszahlung erhalten. Das nächste Mal enttäuschst du mich besser nicht.“ 

Freitag, 19. Oktober 2104 - Elaine

„Diese Austern sind wirklich hervorragend. Wie ist deine Pasta?“ Elaine sah Peyton ausdruckslos an. Das vor ihr stehende Gericht sah ausgezeichnet aus, aber sie hatte es nicht berührt. Sie verspürte keinen Hunger. Stattdessen unterdrückte sie den Impuls, die anderen zu schütteln und anzuschreien. Innerlich tobte Elaine, doch äußerlich war sie vollkommen ruhig. Nach dem Event war sie gezwungen, sich zurückzuziehen und das Erlebte zu verarbeiten. Sie hatte sich viele Gedanken gemacht, ohne dabei zu einer Lösung zu gelangen. Am nächsten Tag hatte Peyton sich bei ihr gemeldet, aber Elaine hatte sich in Schweigen gehüllt, da sie sich nicht sicher gewesen war, wie sie der anderen begegnen sollten. 

Jetzt, nach zwei Wochen, hat sie endlich die Kraft gefunden, sich mit der anderen zu treffen. Peyton begegnete ihr mit einer Unbekümmertheit, die Elaine nicht verstehen konnte und die für sie absolut fehl am Platz war. Folglich reagierte sie nicht auf die Frage der anderen und strich stattdessen etwas distanziert mit den Fingerspitzen über den Rand ihres Glases. Es beruhigte sie und Elaine hatte das Gefühl, daran Halt zu finden. 

„Was ist?“ Peyton legte Ellen auf den Tisch und beugte sich etwas in ihre Richtung. Ein breites Grinsen umspielte ihre Lippen. „Sag mir nicht, dass du noch immer sauer bist, weil ich dich versetzt habe? Du hättest auch nicht abgelehnt, wenn dieser Kerl dich angesprochen hätte. Soll ich dir ein Bild zeigen?“ Elaine hob die Hand und schüttelte den Kopf. Sie brauchte sich keine Fotos von den Männern anzusehen, die Peyton benutzte. 

Um sicherzustellen, dass Peyton sich nicht doch darüber hinwegsetzt, unterstrich sie die Geste noch einmal mit Worten: „Ich verzichte.“ 

Die andere seufzte und griff nach einer weiteren Auster, bevor sie Elaine über den Rand der Schale hinweg ansah. 

„Sagst du mir dann wenigstens, warum du so angefressen bist? Oder warum du schon so lange nicht mehr in der Klinik warst?“ Sie hob fragend die Augenbrauen, doch in ihrem Blick lag keine Sorge. Es war bloße Neugierde, die für sie Fragen aufwarf. Etwas, womit Elaine nicht viel anfangen konnte, da es ihr signalisierte, dass es keine vernünftige Grundlage für ein Gespräch gab. 

„Wie oft warst du schon bei so einem Event?“ Stellte sie die Gegenfrage in den Raum. Letztendlich war Peyton die einzige Person, die sie sicher mit diesen Veranstaltungen in Verbindung bringen konnte. Daher war sie vielleicht auch die einzige Person, die ihre Fragen dazu beantworten konnte. Wenn Elaine Antworten bekommen wollte, würde es kaum helfen, durchblicken zu lassen, was sie wirklich darüber dachte. 

„Noch nie, ich hab’ dir doch gesagt, dass ich die Einladung erst kurz davor erhalten habe und eine Begleitung angeben konnte. Warum, hat es dir nicht gefallen?“ Sie wirkte ehrlich überrascht. Anschließend verzehrte sie ihre Auster, während Elaine die Gelegenheit ergriff, einen Schluck aus ihrem Glas zu nehmen. Wasser. Elaine wusste, dass sie so nicht weitermachen konnte, selbst nachdem sie sich ein paar Tage dem Alkohol hingegeben hatte. Es wäre zudem unklug gewesen, Peyton zu signalisieren, dass hinter ihrer Wut noch weitere Emotionen verborgen waren. 

„Du hättest mir sagen können, dass ich nicht das bekomme, wozu ich normalerweise in den Club gehe. Es war nicht einmal eine zusätzliche Option.“ Ja, Elaine hatte einfach nur nicht das bekommen, was sie wollte. Ob sie mit dieser Behauptung durchkommen würde? Man würde es sehen, aber wenn Peyton tatsächlich noch nie zuvor an einem solchen Event teilgenommen hatte, hatte sie ohnehin keine Informationen. 

„Das hätte ich, wenn ich es gewusst hätte. Also … was haben sie stattdessen geboten?“ Es wirkte fast wie eine kindliche Neugierde, die Peyton hier zur Show stellte. An Naivität kaum zu überbieten und höchst irritierend.

„Schwer zu beschreiben. Ein Spiel.“ 

„Ein Spiel?“, hakte die andere nach und zog dabei fragend die Augenbrauen in die Höhe, während Elaine seufzte. Falls Peyton tatsächlich nicht informiert war, worum es ging, wäre dies wohl nicht der geeignete Zeitpunkt, um darüber zu sprechen.

„Sei das nächste Mal einfach da, dann müsstest du jetzt keine Fragen stellen.“ Elaine selbst hatte nicht vor, dem noch einmal beizuwohnen. Falls das nicht bereits die Spitze des Eisberges war, wollte sie nicht erfahren, wie die Realität tatsächlich aussah.

Wieder trank sie einen Schluck Wasser, als Peyton das Gesicht verzog und offenkundig enttäuscht darüber war, nicht das zu bekommen, was sie wollte.

„Es gibt noch keinen neuen Termin.“ Gut. Nicht, dass es etwas geändert hätte, denn sicherlich war der Abend ein Erfolg für die Organisatoren. Daher war es unnötig, abzustreiten, dass es ein Publikum für das gab, was sie geboten bekommen hatten. Und weil bei Elaine keine Abbuchung stattgefunden hatte, war ihr klar, dass der gezahlte Preis ein anderer war. Zumindest soweit sie es bisher beurteilen konnte. Es sei denn, es gab versteckte Kosten beim Buchen von Aktivitäten. Das konnte sie nicht beurteilen, da Elaine es zu keinem Zeitpunkt in Erwägung gezogen hatte, sich daran aktiv zu beteiligen. 

„Nun denn, dann müssen wir uns eben gedulden. Hör auf zu schmollen und iss endlich deine Pasta. Wird dir guttun“, beendete Peyton das Thema und sah sie auffordernd an. Elaine hatte indessen die Wahl, sich zu weigern und etwas zu sagen, was ihr auf der Zunge lag. Oder sie passte sich an und war still.

Elaine stellte sich vor, wie sie Peyton ihr Wasser ins Gesicht schüttete. Wie sie den Tisch umwarf, sie am Kragen ihrer teuren Bluse packte und schüttelte. Sie könnte sie anschreien und ihr das naive Grinsen aus dem Gesicht schlagen. 

Solche Gedanken waren Elaine fremd. Doch hier saß sie in diesem netten Restaurant und überlegte, wie sie Peyton etwas antun könnte. 

Anstatt zu antworten und sich weiter mit Peyton zu beschäftigen, stand sie einfach auf und zog ihre Jacke von der Stuhllehne. 

„Elaine? Wo willst du hin?“ Sie reagierte nicht auf die Fragen. Elaine konnte einfach nicht. Sie musste hier raus. Bereits als Peyton sie um ein Treffen gebeten hatte, hatte sie das Gefühl, dass es ein Fehler sein könnte. Sie hatte es trotzdem akzeptiert, weil sie sich gefragt hatte, ob sie nicht doch Antworten erhalten könnte. Doch nach einem ausschweifenden Smaltalk war nun klar, dass sie hier nichts zu erwarten hatte. Wenn Peyton noch nie dort gewesen war, dann wusste sie nicht, worum es bei den Events wirklich ging. Elaine war keineswegs naiv genug zu glauben, dass sie gerade bei dieser Frau eine Verbündete finden könnte. Insbesondere bleibt unklar, für welchen genauen Zweck Elaine eine Verbündete brauchte. Um etwas zu unternehmen? Um zu reden? Damit sie sich in dieser Situation nicht so einsam fühlte? 

Letzteres. Aber selbst nach Wochen, in denen sie sich mit dem Problem auseinandergesetzt hatte, konnte sie nicht herausfinden, wie sie ihre Bedenken mitteilen konnte. Stattdessen nagten diese Gedanken und Erinnerungen unaufhörlich an ihr und fraßen sie auf. 

Danny

Sie hörte ihren eigenen Atem. Es regnete. Die Tropfen trommelten leise gegen das Fenster. Ihre Wohnung war ausgekühlt. Eigentlich sollte sie aufstehen. Eine heiße Dusche könnte helfen. Ihre Mutter hatte mal wieder ihre Medikamente verloren. 

Dennoch lag Danny einfach da und starrte an die Decke ihres Schlafzimmers. Ihr Körper fühlte sich schwer und ausgelaugt an. Nach dem Vorfall vor zwei Wochen hatte Eden sich dazu entschieden, Danny laufen zu lassen. Gelegentlich erhielt sie zwei Aufträge pro Tag, während sie zu anderen Zeiten einfach nur rennen ließ, nur um des Rennens willen. Es ging darum, Danny zu schikanieren, und wenn sie sich dagegen wehrte, versagte ihre Technik. Vor einer Woche hatte der Chip blockiert, der ihre ID ersetzte. Es spielte keine Rolle, ob es sich um einen Zufall handelte oder ob Eden diejenige war, die die Zahlung blockiert hatte. Zumindest für Danny. Der Schreck dieses Moments saß ihr noch immer in den Knochen. Nachdem sie beim zweiten Versuch bezahlt hatte, nahm sie die Beine in die Hand und verschwand so schnell wie möglich. Die Angst war zu groß gewesen, dass sie von der HSG verfolgt und trotzdem verhaftet werden könnte. 

Seitdem hatte sie bei jeder Zahlung schwitzige Hände und behielt die Ausgänge im Auge, falls sie entkommen müsste. Zwar hatte sich der Vorfall nicht wiederholt, jedoch bot das keine Sicherheit. Hinzu kam der permanente Schlafmangel. 

Gestern war sie wieder auf einem Event gewesen. Eden hatte beschlossen, dass Danny für die Getränke verantwortlich war und dafür sorgte, dass die wohlhabende Kundschaft zufrieden blieb. Es war das dritte Event, dem sie beigewohnt hatte. Die Kundin, auf die sie angesetzt worden war, war nicht mehr aufgetaucht. Dafür hatte sie einen Einblick in das bekommen, was diese Menschen unter Spaß verstanden. Das zweite Event war eine Auktion gewesen, bei der IDs und die dazugehörigen Menschen versteigert wurden. Am vergangenen Abend hatte es ein weiteres Spiel gegeben, an dem drei Spieler teilgenommen hatten. Nur eine davon hatte überlebt. 

Brot und Spiele. 

Und das Geld der Toten landete auf dem Konto der Veranstalter. Es war ein Geschäft, das auf dem Rücken von verzweifelter Menschen aufgebaut worden war. Ein sehr profitables Geschäft, wie Danny herausgefunden hatte. Ein Puzzleteil, das zu dem Chaos in ihrem Kopf beitrug und ihren Körper so unendlich schwer machte. 

Eigentlich müsste sie aufstehen. Es war nach Mittag, doch sie konnte es einfach nicht über sich bringen. Noch immer rauschte es in ihren Ohren. Und noch immer sah sie die Masken vor sich. Danny stellte sich vor, dass sie die Fratzen von Monstern unter diesen schönen Masken trugen, die sie versuchten zu verstecken. 

Dannys Sicht verschwamm etwas, sie fühlte ihre Augen feucht werden. Ihre Nase schloss sich langsam, sie bekam schlechter Luft. Und dann spürte sie, wie sich die ersten Tränen aus ihren Augenwinkeln löste und sich ihren Weg ihre Schläfe hinunterbahnten, bevor sie auf das Kissen fielen. 

Sie ließ die Tränen einfach laufen. Momente wie dieser waren keine Seltenheit mehr. Ihre Nerven waren extrem angespannt, und obwohl sie lange versucht hatte, sich gegen dieses Eingeständnis von Schwäche zu wehren, tat sie es mittlerweile nicht mehr. Ihr fehlte die Kraft, um zu kämpfen und sie sehnte sich sehnlichst nach etwas Ruhe und Entlastung. 
 

Ich kann nicht mehr. 
 

Diese Worte liefen ihr ständig durch den Kopf. Ursprünglich war es lediglich ein flüchtiger Gedanke gewesen, der kaum von Bedeutung war. Inzwischen war es ein Gedanke, gegen den sie jeden Tag ankämpfen musste. 

Heute schien der Kampf hoffnungslos zu sein. Danny überlegte, welche Folgen das hätte, wenn sie einfach nichts tun würde. Dann, wenn ihre Mutter ihre Medikamente nicht bekam. 

Ohne eine Entscheidung getroffen zu haben ging sie ihre Kontakte durch und versuchte ihren Bruder zu erreichen. Seit Wochen rief sie ihn konstant an oder hinterließ Nachrichten, ohne dass er reagierte. Er ging nicht ran, rief nicht zurück, schickte keine Antwort.  

Entweder war ihm tatsächlich etwas passiert oder Ash ignorierte sie bewusst. Leider konnte sich Danny beides vorstellen. Sie hatte die Hoffnung, ihm zumindest mitzuteilen, dass sie in Schwierigkeiten steckte und er sich möglicherweise um ihre Mutter kümmern müsste. Bislang war dies jedoch erfolglos, und Danny musste darauf vertrauen, dass er von allein wieder auftauchen würde. 

Bevor sie den Versuch abbrechen konnte, versuchte jemand anderes sie zu erreichen. Sie atmete tief ein, bevor sie das Gespräch entgegennahm. 

„Danielle … wo bleibst du, du wolltest dich um meine Medikamente kümmern“, meldete sich ihre Mutter. Danny schloss die Augen. Sie müsste sich nicht darum kümmern, wenn ihre Mutter diese nicht ständig verlieren würde. Und Danny musste sich auf die Zunge beißen, um eine scharfe Erwiderung zu unterdrücken. 

„Ich war lange arbeiten, Mum …“, versuchte sie zu erklären. „Ich musste erst etwas schlafen.“ Und Distanz zu diesem Abend aufbauen. Sie benötigte Zeit für sich. Nur für ein paar Stunden einfach in ihrer Wohnung sein und mit nichts konfrontiert werden. Ruhe. Ihre Wohnung war kein sicherer Ort, das wusste Danny. So etwas gab es nicht mehr, weil Eden jederzeit Zugriff auf ihr Leben hatte. Sie hatte mit Sicherheit Protokolle über Anrufe oder Nachrichtenverläufe.

„Es ist dir also egal, dass ich keine Medikamente mehr habe? Sonst willst du doch auch immer alles wissen und dich einmischen.“ Sie hatte es versucht, doch Danny hatte eingesehen, dass es sinnlos war. Ihre Mutter baute immer weiter ab und die Medikamente, die sie zusätzlich beschafft hatte, waren schon lange aufgebraucht. 

„Ich tue, was ich kann, wie soll, ich sonst alles bezahlen, was wir benötigen?“, wandte sie leise ein. Ihre Mutter stellte es so dar, als würde sich Danny nicht mit den wichtigen Dingen befassen. Das Problem bestand darin, dass sie beide sehr unterschiedliche Auffassungen davon hatten, wo die Prioritäten lagen. Sie wusste, dass es hier keinen Sinn hatte zu diskutieren, weil ihre Mutter ihre Position nicht verstehen würde. Trotzdem hegte sie den Wunsch, dass sie zumindest anerkennen würde, dass es Danny keineswegs gleichgültig war, und sie sich bemühte, sie beide auf jede erdenkliche Weise durchzubringen. Vielleicht hätte sie in einer anderen Situation sogar das Risiko auf sich genommen, vor der Mauer zu landen und den Versuch unternommen, sich einer Gruppe von Händlern anzuschließen oder auf andere Weise zu überleben. Aber sie war nicht allein. Ihre Mutter brauchte sie. 

„Ich habe immer betont, dass es von Vorteil gewesen wäre, wenn du dich für eine sinnvolle Ausbildung entschieden hättest. Es sollte mich jedoch nicht überraschen, dass du es nicht geschafft hast, obwohl wir dir alle erforderlichen Gelegenheiten geboten haben.“

„Und du meinst, das, was Ash tut, ist etwas Vernünftiges?“ Eine Anmerkung, die Danny sich nicht verkneifen konnte. Genau genommen war ihr Bruder derjenige gewesen, der schon immer aus der Schule verschwunden war. Er hatte die Schule geschwänzt und war letztlich nicht einmal in der Lage gewesen, seinen Abschluss zu erlangen. Stattdessen hatte er einen Händler kennengelernt, sich mit ihm angefreundet und war Hals über Kopf mit ihm verschwunden. Erst nach Monaten, in denen ihre Mutter fast vor Sorge krank geworden war, tauchte er wieder auf. Eduarda hatte es einfach akzeptiert, nachdem er ihr etwas über die großartigen Möglichkeiten erzählt hatte, wie gut er damit verdienen könnte. Ihre Wut war in dem Moment verraucht, in dem Ash wieder durch ihre Tür gekommen war. 

„Er hat etwas aus seinem Leben gemacht! Ich möchte nicht, dass du schlecht über deinen Bruder sprichst!“ Natürlich nicht. Danny seufzte und drehte sich langsam zur Seite, um sich aufzurichten und in eine sitzende Position zu gelangen. 

Ihr Bruder hatte nichts aus seinem Leben gemacht. Er war verschwunden, nichts weiter. Eduarda hatte ihnen beide die Chance gegeben, eine gute Schule zu besuchen. Allerdings bedeutete dies auch, dass sie nach dem Schulabschluss ihrer Kinder Schulden hatte. Dass sie diejenige gewesen war, die Danny damals wochenlang in den Ohren gelegen hatte, wie undankbar sie beide waren und ihr ständig vorgerechnet hatte, wie viel Geld sie in sie investiert hatte, das würde Eduarda heute vehement bestreiten. Aber Tatsache war, dass Danny damals kein Geld hatte, um eine Ausbildung zu bezahlen. Besonders weil sie auch nicht wusste, welche Art von Ausbildung das sein sollte. Ihre Noten waren zwar etwas überdurchschnittlich, aber nicht außergewöhnlich. Damit waren viele Möglichkeiten weggefallen. Damit sich die Investition in ihre Schulbildung lohnte und sie dann ein besseres Leben führen konnte, hatte ihre Mutter wohl davon geträumt, dass ihre Kinder Anwälte, Ärzte oder Tech-Entwickler werden könnten. Doch weder hatten die Noten dafür gereicht, noch hatte Danny je ein Interesse an solchen Berufen verspürt. 

Am Ende war die Arbeit als Tagelöhnerin die schnellste und einfachste Option gewesen. Danny hatte keine Ausbildung benötigt, sie hatte nur gut sein müssen. Und das war sie gewesen. Die Stadt kannte sie bis ins kleinste Detail und die Faszination für das Gefühl von Freiheit, das sich einstellte, wenn man sich rasch durch die Straßen bewegte, begleitete sie schon seit Langem. Ob nun mit einem Rad oder zu Fuß, war dabei egal.  

„Wir wissen nicht, was er aus seinem Leben gemacht hat, er ist nie hier“, murmelte sie. Danny war müde davon, immer wieder mit ihrer Mutter darüber zu reden und zu sehen, dass sie es nicht verstand. 

„Er ist unterwegs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen.“ Danny hatte sich vorgebeugt und den Kopf geneigt, während sie die Hände in ihrem Nacken gefaltet hatte. Das Kopfschütteln konnte ihre Mutter nicht sehen, dennoch tat sie es. Gleichzeitig unterdrückte sie ein verzweifeltes Lachen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein, als das. 

„Ja klar. Asher wird uns erretten.“ 

„Danielle, suficiente! Desça agora!“ Spätestens jetzt war es sinnlos, das Gespräch fortzusetzen. Sobald ihre Mutter anfing, in ihrer Muttersprache zu sprechen, war an sie kein Herankommen mehr. Danny raffte sich auf und würde das Gespräch einfach beenden. Möglich, dass es ein paar Minuten dauern würde, bis ihre Mutter merkte, dass sie nicht mehr in der Leitung war, doch sollte sie sich Luft machen. Danny würde heute nicht als ihr Ventil herhalten. 

Vielleicht hätte sie mehr machen können. Wenn sie damals aufmerksamer gewesen wäre, wenn sie nicht diesen Unfall gehabt hätte, dann könnte vieles anders sein. Könnte. Es war nichts mehr als reine Spekulation, doch Fakt war, dass dieser Unfall alles verändert hatte und rückblickend die meisten ihrer Probleme damit angefangen hatten. 

Danny schleppte sich ins Badezimmer und streifte die schmutzige Kleidung ab. In der Nacht hatte sie es nicht als erforderlich angesehen, sich auszuziehen. Alles blieb auf dem Boden liegen, als Danny weiter ging und unter die Dusche stieg. Sie erhöhte die Temperatur des Wassers und lehnte sich an die Fliesen, während sie ihren Kopf erneut senkte und das Wasser einfach über ihren Körper fließen ließ. 

Was konnte sie noch tun? Als Erstes müsste sie Eden milde stimmen, damit sie ihr mehr Luft zum Atem lassen würde. Vielleicht könnte sie dann die Gelegenheit haben, andere kleine Aufträge zu übernehmen und damit etwas zusätzliches Geld zu verdienen, um ihre Mutter und sie zu entlasten. 

Vielleicht würde es Danny doch gelingen, ihre Mutter zu überzeugen oder ihr klarzumachen, was ihre Beweggründe waren, wenn sie sich nur ein wenig mehr Mühe gab. Vielleicht würde Eduarda sie doch eines Tages verstehen. 

Vielleicht. 

Elaine

„Ich dachte erst, es sei nichts Ernstes, Kinder stecken sich nun einmal an. Na ja und dann … dann wurde es aber nicht besser. Denken sie, ich hätte früher etwas unternehmen sollen?“ 

Elaine hörte nur mit halbem Ohr zu, während sie den Jungen untersuchte. Neben alten Menschen waren Kinder der häufigste Grund, warum man sie aufsuchte. Es lag in Graces Verantwortung, bei der Vergabe neuer Termine Prioritäten zu setzen. Wenn Personen sich telefonisch beim Imbiss meldeten, um eine bestimmte Bestellung aufzugeben, wurden sie anschließend zur Praxis weitergeleitet. Grace beschäftigte sich in den folgenden Gesprächen damit, herauszufinden, wie dringlich die jeweiligen Anliegen waren.  

„Meine Frau war eigentlich immer diejenige, die sich um diese Sachen gekümmert hat, wissen Sie?“ Der Mann sprach weiter, da Elaine ihm nicht geantwortet hatte. Ihr fiel es schwer, sich auf ihre Arbeit zu fokussieren. Daher bemühte sie sich, weitere Unterhaltungen zu vermeiden. Die Ruhe, die damit einherging, war für manche nicht leicht zu ertragen, und viele ihrer Patienten verspürten ein starkes Bedürfnis, sich mitzuteilen. Es ging um die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen und seine Gedanken und Sorgen mitzuteilen. Gesehen zu werden. Elaine übernahm auch diese Position, obwohl sie nie das Gefühl gehabt hatte, diese Rolle angemessen ausfüllen zu können. 

„Jetzt muss ich mich um alles alleine kümmern. Ich glaube, ich mache alles falsch, sie war viel besser in den meisten Dingen.“ Der Verlust konnte nicht lange her sein, so wie er über seine Frau sprach. Bislang war es Elaine nicht möglich zu sagen, ob sie ihn und den Jungen einfach verlassen hatte oder ob ein noch tragischeres Schicksal dahintersteckte. 

„Ich kann Ihnen ein paar Medikamente mitgeben, die ihm helfen werden. Es sind starke Antibiotika. Allerdings müssen Sie seinen Zustand genau im Auge behalten. Wenn die Medikamente nicht anschlagen, dann müssen Sie ihn in ein Krankenhaus bringen.“ Da es ihnen nicht möglich war, ihn stationär aufzunehmen, konnte Elaine nicht mehr für ihn tun. Ihr Ziel war es das eines Tages ändern zu können.

„Und … woran erkenne ich das?“

„Ich werde Ihnen einen Behandlungsplan mitgeben, dort werden Sie alles finden.“ Elaine stand auf, damit er sich, um seinen Sohn kümmern und ihm dabei helfen konnte sich anzuziehen. Der Kleine wirkte abwesend, immer wieder hustete er und krampfte dabei den ganzen Körper zusammen. Ferner war seine Unterernährung nicht einmal das größte Problem. 

Elaine konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob sie dadurch sein Leid verlängerte. War es sinnvoll, eine Schusswunde mit einem Pflaster zu behandeln? Man könnte darüber streiten und es war mehr als nur eine ethische Frage. Eine, auf die Elaine nach all der Zeit noch immer keine klare Antwort hatte.

Sie schloss einen Bericht in der Krankenakte des Jungen ab und schrieb eine kurze Behandlungsanweisung für den Vater, in der die wichtigsten Anweisungen aufgeführt waren.

„Bitte“, sagte sie und deutete auf das Modul des Schreibtisches, damit sie ihm die Anweisung übertragen konnte. „Wenn Sie Fragen haben, dann melden Sie sich jederzeit und passen Sie auf sich auf, okay?“ Sie schenkte dem Mann ein leichtes Lächeln. Er wirkte müde und abgekämpft. Seine Augen warfen dunkle Schaffen. Er nahm die Antibiotika und zog das Handgelenk über das Modul, ohne das Lächeln zu erwidern. Bevor er seinen Sohn unter den Armen fasste und hochhob, steckte er die Antibiotika in seine Jackentasche.

„Danke, Doktor“, sagte er leise und wandte sich dann ab. Elaine begleitete ihn zur Tür, die sie ihm öffnete. Sie beobachtete ihn für einen Augenblick, als er mit seinem Sohn den Flur hinunterging. Ein trauriges Bild und es hinterließ bei Elaine das Gefühl nichts erreicht zu haben. Ein Gefühl der Leere, gemischt mit einem Hauch von Frustration.  

Elaine rieb sich angestrengt über das Gesicht. Noch ein paar Termine, bevor sie Feierabend hatte. Es wäre für sie unmöglich, sich dazu zu bringen, weitere Gedanken über die Zukunft der Arche zu machen. Das Event hallte noch immer nach und drängte sich schmerzlich in ihre Gedanken. Diese lachende Masse. Die hässlichen Fratzen. 

Sie kehrte in ihr Behandlungszimmer zurück und reinigte ihre Hände mit Desinfektionsmittel. Für sie stellte das eine beruhigende Gewohnheit dar, und Elaine empfand den Duft als äußerst angenehm. Wenn sie ihre Hände desinfizierte, konnte sie ihre Gedanken für einen Moment ausschalten und sich ausschließlich auf den Vorgang konzentrieren. Ähnlich wie beim Händewaschen, wenn das Wasser über die Hände floss und sie entspannte. Der Geruch der Seife. Wie sich der Schaum auf ihrer Haut bildete. 

Das Signal über ihr AM zeigte ihr einen eingehenden Anruf an, den Elaine entgegennahm, während sie sich ein Glas Wasser einschenkte. 

„Hier ist eine junge Frau, die sagt, dass sie wegen des Termins ihrer Mutter hier sei, doch sie steht nicht in unserem Kalender.“

„Dann schick sie wieder weg.“ Immerhin wusste Grace, wie sie damit umgingen und was sie vereinbart hatten. 

„Es ist eine Patientin, die regelmäßig kommt und es hörte sich dringend an. Kannst du sie vor deinem nächsten Termin noch mit aufnehmen?“ Kurz warf Elaine einen Blick auf die Uhr, die ihr angezeigt wurde. Zeit hatte sie, wenn sie dafür auf ihre Pause verzichtete.  

„Gut. Schick sie rein.“ Das Gespräch wurde beendet und Elaine stellte das Wasserglas wieder zur Seite. 

Kurz darauf klopfte es an der Tür. „Kommen Sie rein“, ließ sie die Patientin wissen, die daraufhin die Tür öffnete und sich hereinschob. 

Sie konnte nicht anders, als ihr Gegenüber überrascht zu mustern. Die Barkeeperin. Elaine hatte gehofft, allem aus dem Weg gehen zu können, was mit dem Event, seinen Teilnehmern und den Ereignissen zu tun hatte. Stattdessen hielt das Unheil hier Einzug und verfolgte sie. Der Versuch alles zu verdrängen hatte mehr schlecht als recht funktioniert, doch es war ein Anfang gewesen. Ein klägliches Fundament, das eingerissen wurde, als die junge Frau mit all den damit verbundenen Erinnerungen in ihr Behandlungszimmer trat. 

„Danke, dass sie Zeit haben. Es scheint ein Missverständnis wegen der Termine gegeben zu haben.“

„Schon in Ordnung. Wer ist Ihre Mutter?“, fragte Elaine etwas steif in der Hoffnung, dass Danielle ihr nichts anmerken würde. Sie deutete auf die Stühle vor ihrem Schreibtisch, hinter den sie sich selbst setzte, nachdem sie der anderen kurz die Hand gegeben hatte. 

„Eduarda Martin“, hörte sie die Antwort, während sie auf den Bildschirm sah und dort ihre Patientenakte öffnete. Es war wohl ihr Glück, dass Danielle ihr Gesicht nicht gesehen hatte. Wenn sie es geschickt anging, würde Elaine sie in kurzer Zeit wieder los sein.  

„Ihre Mutter hat heute keinen Termin und wie ich sehe, ist sie auch nicht hier. Was genau kann ich also für Sie tun?“

Danny

Da stimmt etwas nicht. Das war bereits beim Empfang deutlich geworden. Schon zuvor hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass ihre Mutter keinen Termin hatte. Obwohl es Danny nicht überraschen würde, wenn ihre Mutter sich einfach nur einen falschen Tag notiert hatte, war es unerheblich, wer das zu verschulden hatte. Es war eine Tatsache, dass diese Praxis wie eine Klinik betrieben wurde und es eine Herausforderung sein könnte, ohne ihre Mutter an Medikamente zu gelangen, vielleicht sogar unmöglich. Aber jetzt, da sie schon dort angekommen war, wollte sie zumindest ihre Gelegenheit nutzen und es versuchen. 

Nachdem sie eingelassen worden war, betrat Danny das Zimmer und nahm Platz vor dem Schreibtisch der Frau, die sie zuvor schon einmal behandelt hatte. Vielleicht erinnerte sich die Ärztin noch an ihre Geschichte und wusste daher, dass Danny in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden waren. Ob sie das zu ihrem Vorteil nutzen könnte, musste sich zeigen. 

Es könnte jedoch auch als negativer Punkt gegen sie gewertet werden, dass Danny wie das letzte Mal ohne Termin bei ihr saß. Die Veränderung in der Haltung der anderen Frau war offensichtlich, als sie Danny erkannte. Sie musste sie erkannt haben, da sie regelrecht beobachten konnte, wie sich ihre Gesichtszüge versteift hatten. 

„Ihre Mutter hat heute keinen Termin und wie ich sehe, ist sie auch nicht hier. Was genau kann ich also für Sie tun?“, erklärte die andere ihr, während sie noch immer auf den Bildschirm ihres Rechners blickte. Aus Dannys Perspektive war das durchsichtige Material kaum zu erkennen, doch sie wusste, dass es dort war. 

Sie bemerkte den kühlen und distanzierten Ton in der Stimme der anderen, der unmissverständlich zeigte, dass sie Danny eigentlich nicht hier haben wollte. Davon durfte sie sich nicht beirren lassen. Die Mutter benötigte die Medikamente dringend und persönliche Gefühle waren unerheblich. 

Die Ärztin drehte den Kopf und sah Danny an. Danny erwiderte den Blick, während sie kurzzeitig ihre Gesichtszüge betrachtete, als ob sie in ihrem Gesicht die Antwort darauf finden könnte, warum sie so verärgert war. 

„Sind Sie sicher? Meine Mutter sagte, sie habe heute einen Termin. Eigentlich wollte sie selbst kommen, aber ihr geht es nicht gut und es ging eigentlich nur um fehlende Medikamente, die sie abholen sollte. Ich dachte, dass ich das übernehmen könnte.“ Wenn es ausschließlich darum ging, etwas abzuholen. Obwohl Danny weder eine Vollmacht noch sonstige Unterlagen vorweisen konnte, hatte sie erwartet, dass die Regeln hier etwas flexibler gehandhabt würden. Wer würde sich schon für Nachweise interessieren, wenn man gerade dabei war, etwas Illegales zu tun? Das Einzige, womit sie gerechnet hatte, war, dass sie dennoch etwas bezahlen musste und hier die Medikamente nicht wie Bonbons verteilt wurden. 

Offenbar schien dies nicht so zu sein. Möglicherweise wäre es ratsam gewesen, ihre Mutter mitzunehmen, um sie ihre Angelegenheiten selbst regeln zu lassen. Allerdings wollte Danny sich eine Autofahrt mit zusätzlichen Vorwürfen ersparen, da die Beziehung zwischen ihnen gerade einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte. 

„Nein, Ihre Mutter hatte Herzprobleme, richtig? Ich hatte ihr die Medikamente nach ihrem letzten Termin verordnet. Neue Medikamente wurden bereits abgeholt. Danach wurde kein neuer vereinbart“, führte die Frau aus und sah Danny ausdruckslos an. Sie meinte das tatsächlich ernst. Das ergab allerdings keinen Sinn, da ihre Mutter eindeutig davon überzeugt war, dass sie heute hierherkommen musste. Wobei das nicht zwingend eine Garantie war. 

„Verstehe. Gibt es vielleicht dennoch die Möglichkeit … ein paar Medikamente zu bekommen?“ Sie musste es versuchen. Wenn sie jetzt keine Medikamente erhielte, müsste sie diese kaufen. Und nachdem Eden sich geweigert hatte, ihre Aufträge wie zuvor zu bezahlen, fehlte ihr das dafür nötige Geld. 

Die andere musterte sie einen Moment schweigend, dann wandte sie sich wieder dem Bildschirm zu und tippte auf ihrer Tastatur. Danny konnte nicht sehen, was genau sie tat. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten, bis Carter eine Entscheidung getroffen hatte. 

„Ich hatte Ihrer Mutter Medikamente für drei Monate ausgegeben, das war vor sechs Wochen.“ 

Sie musste die Information einen Moment lang auf sich wirken lassen. Drei Monate? Carter berichtete, dass ihre Mutter Medikamente für mindestens zwei Monate verloren hatte. 

„Fuck“, murmelte sie und seufzte. Erneut blieb Danny nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln. Langsam lief die Situation um ihre Mutter aus dem Ruder. Drei Monate hätten, für sie eine unendliche Entlastung bedeutet und Eduarda hatte diese Medikamente einfach verloren? Wie war es möglich, eine so große Menge zu verlieren? Schleppte sie die ganze Packung fortwährend mit sich herum?

„Als ihre Mutter das erste Mal bei mir war, konnte ich anhand ihrer Daten erkennen, dass sie eigentlich Medikamente für drei Wochen vorrätig haben sollte“, führte Carter ihre Beobachtungen weiter aus. Dazu konnte Danny nur nicken. Obwohl sie nicht die genauen Mengen kannte, war ihr bewusst, dass sie mit den Medikamenten viel weiter kommen müssten, als es tatsächlich der Fall war. 

„Ja, ich weiß … sie verliert sie immer wieder. Ich versuche schon sie einzuteilen und zu kontrollieren, aber sie lässt mich nicht und ich kann sie nicht zwingen mir die Medikamente zu überlassen“, versuchte Danny ihre Situation zu erklären. Möglicherweise gelang es ihr, an das Herz der anderen zu appellieren. Sie hatte sicherlich Medikamente hier. Schon einmal hatte sie Danny in einer aussichtslosen Lage unterstützt, ohne dies zu melden.

Eine Antwort bekam Danny allerdings nicht. Stattdessen beobachtete die andere sie mit einem nicht zu deutenden Blick. Vielleicht war es Misstrauen. Danny war sicherlich nicht die einzige Person, die hierher kam und versuchte, kostenlose Medikamente zu erhalten. Genau genommen handelte es sich um eine riskante Angelegenheit. Sofern jemand auf die Idee kommen würde die Praxis zu überfallen, um sich daran zu bereichern. Unter der Hand konnte man auf diese Weise beträchtliche Summen verdienen. 

„Ihre Mutter machte auf mich keinen unklaren Eindruck oder als sei sie durcheinander.“   

„Wie gesagt, sie verlegt ständig Dinge … ich weiß nicht, woran es liegt.“ 

„Dinge oder Medikamente?“  Carter zog eine Braue hinauf, während sie Danny eingehend musterte. Etwas daran ließ Danny stocken. Es war, als würde ihr etwas auf der Zunge liegen, das sie unbedingt aussprechen musste, doch Danny kam einfach nicht drauf. Etwas an dieser Frau verunsicherte sie und erschien ihr seltsam vertraut. War es ihre Gestik? Ihre Stimme? Die Art, wie sie sprach? 

Etwas daran erinnerte sie an jemanden. An eine Person, die sie kannte. Doch woher? Danny kannte keine Ärzte persönlich. Es gab lediglich einen Ort, an dem sie in Kontakt mit wohlhabenderen Personen kam. 

„Worauf willst du hinaus, Füchschen?“ Es war ein Schuss ins Blaue. Die Frau vor ihr hatte keine roten Haare, oder anderem, äußere Merkmale, die ihr bekannt vorkommen würden. Doch das musste nichts heißen. Perücken und farbige Kontaktlinsen waren leicht zu bekommen. Doch in ihrer Art hatte sie etwas, das sie sehr an die Frau mit der Fuchsmaske erinnerte. Als die andere tief durchatmete und sich still zurücklehnte, erkannte Danny, dass sie sich bestätigt sehen konnte. Carter dementierte es nicht oder fragte, was dieser Spitzname sollte. 

Danny wusste nicht, ob sie überrascht sein sollte oder nicht. Sie war eine Ärztin, die definitiv in die Gehaltsklasse passte, die Heaven ansprechen wollte. Es wurde auch deutlich, warum ihr Gesprächspartner nicht besonders angetan von dem war, was sie auf der Veranstaltung gesehen hatte. Hier in dieser Praxis übte sie das genaue Gegenteil davon aus.

„Ich will darauf hinaus, dass es einen Unterschied macht, ob deine Mutter alles Mögliche verliert und verlegt oder ob es nur ihre Medikamente sind“, erklärte sie Danny. Dabei wechselte sie zu einem persönlicheren Ton. Zwar verstand Danny, was sie meinte, doch sie weigerte sich anzunehmen, worauf das hinauslaufen sollte. Was sollte das heißen, wenn es nur ihre Medikamente wären? Dass es nicht zufällig war? 

„Sie ist eine alte Frau, es ist normal, dass sie Dinge verliert.“ 

„Ausgerechnet die Medikamente, die lebenswichtig für sie sind?“ Carter drückte ihren Finger etwas tiefer in die Wunde. Nein, das ergab keinen Sinn. Insbesondere war es unverständlich, dass sie ablehnte, sich von Danny unterstützen zu lassen, und davon ausging, dass sie auf die eine oder andere Weise neue Medikamente besorgen könnte. Bislang hatte ihre Mutter nie Unrecht gehabt. Es gelang Danny stets auf eine Weise, Medikamente zu finden und für sie zu sorgen. Egal zu welchem Preis. 

„Sie kann sich eben nicht aussuchen, was sie vergisst und was nicht“, versuchte sie die Situation herunterzuspielen. Am Ende hatte Danny auch keine Ahnung, was die Ursache dafür war und welche Faktoren die Vergesslichkeit ihrer Mutter beeinflussten. Wie könnte sie also darüber urteilen? 

„Verkaufst du die Medikamente?“ 

„Was?“ 

„Ob du ihre Medikamente nimmst und sie verkaufst. Bist du deswegen hier?“ Diese Wendung hatte sich bereits angedeutet und es ließ sie verächtlich schnauben. Danny beugte sich vor, um die Arme auf dem Schreibtisch abzustützen und der anderen damit etwas näherzukommen, ohne ihrem Blick auszuweichen. 

„Sehe ich so aus wie jemand, der seine Mutter bestiehlt und ihre Medikamente verkauft?“ Das war selbstverständlich keine Argumentation, aber Danny konnte es nicht fassen, wessen man sie hier beschuldigte. Was für ein Mensch musste man sein, seiner eigenen Mutter die lebenswichtigen Medikamente zu stehlen?

„Ich weiß nicht. Sie hat mir gesagt, dass sich dein Bruder vor allem um sie kümmert, wenn er da ist. Und was dich anging, wirkte sie … sagen wir nicht ganz so positiv.“ Etwas, das Danny verletzen könnte, wenn es ihr nicht ständig von ihrer Mutter vorgehalten werden würde.  

„Er interessiert sich nicht für sie und ich versuche, was ich kann, um für sie aufzukommen. Glaub mir, ich habe absolut nichts davon, dass sie ständig ihre Medikamente verliert, ich wäre dankbar, wenn das nicht passieren würde“, wandte sie ein. Ärger kam in Danny hoch. Sie hatte keine Lust, sich von jemand anderem verurteilen zu lassen. Besonders nicht von jemandem wie ihr! 

„Und welchen Grund hätte deine Mutter, ihre Medikamente anderweitig zu nutzen?“ Sie überlegte, ob es der Absicht dieser Frau entsprach, einen Konflikt zu provozieren. Danny war nur hierhergekommen, um einige Medikamente zu besorgen, da ihre Mutter es von ihr verlangt hatte. Anstelle dessen erhielt sie eine Vielzahl von weiteren Vorwürfen und die Ansicht einer Frau, die es sich nicht erlaubte konnte, eine Meinung dazu zu haben. Carter war vermutlich mit einem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen und hatte keinerlei Ahnung davon, wie das richtige Leben aussah.

„Ach, fick dich.“ Danny schüttelte den Kopf. Ihr OM flackerte, als gleichzeitig eine Nachricht von Eden einging. 
 

„Hatte ich nicht gesagt, du sollst Zuhause bleiben und auf Anweisungen warten?“ 
 

Sollten sie beide zum Teufel fahren! Wenn Eden tatsächlich dachte, sie würde den ganzen Tag zu Hause sitzen und wie ein Hund darauf warten, dass sich Frauchen um sie kümmert, dann lag sie falsch. Danny hatte zwar ihr Leben in erheblichem Maße eingeschränkt, aber nicht alle Verpflichtungen hörten auf zu existieren. Eden wusste das. Es war ihr egal. So egal, wie Danny gerade diese Anweisungen waren.
 

„Mit wem triffst du dich?“
 

Danny erhielt eine neue Nachricht und wusste, dass es Zeit war zu gehen, auch ohne das zu bekommen, was sie wollte. Eden hatte ihren Standort. Vielleicht würde sie nicht wissen, was sich wirklich im Imbiss verbarg, aber dass dort etwas verborgen war? Danny traute Eden alles zu und egal was Danny über Carter denken mochte, diese Praxis war trotz allem wichtig für die Menschen. 

Zumal Danny’s eigenes Leben nicht leichter werden würde, wenn Eden glaubte, dass sie etwas vor ihr verbarg. Sie würde lediglich genauer hinsehen und Danny noch schärfer überwachen. 

Da sie hier ohnehin nicht weiter kam, beschloss Danny aufzustehen, um das Gespräch zu beenden. 

Elaine

Nachdem Danielle deutlich gemacht hatte, dass Elaine sich selbst ficken könne, hatte sie sich zum Gehen erhoben. Elaine hätte sie nicht aufgehalten, warum sollte sie das auch tun? Sie war nicht hier, um Streit zu führen oder in die Schwierigkeiten anderer hineingezogen zu werden. Und es war klar, dass diese Familie Probleme hatte. Schwierigkeiten, die in einer Arztpraxis nicht gelöst werden konnten. Am Ende war es unerheblich, was mit den Medikamenten geschah, obwohl es nur zwei mögliche Erklärungen dafür gab. Entweder die Mutter oder die Tochter taten damit etwas anderes. Nach allem, was sie wusste, waren sowohl die eine als auch die andere Option denkbar, und sie konnte keine davon unterstützen. Elaine würde keine weiteren Medikamente an diese Familie ausgeben und sie zusätzlich auf eine Liste setzen, damit ihre Kollegen informiert waren. Es gab noch andere Leute, die die Medikamente genauso benötigten und sie nicht zur Bereicherung verwendeten.  

Elaine blieb sitzen und beobachtete Danielle, wie sie fluchend zur Türe wankte. Zwar war sie besorgt darüber, dass sie offensichtlich erkannt worden war, aber sie würde sich mit diesem Problem zu einem späteren Zeitpunkt auseinandersetzen müssen. Dann, wenn es relevant wäre. Es war kein Problem, solange Danielle die Information nicht dazu verwendete, um sie zu erpressen oder sich einen Vorteil zu verschaffen. Wenn sie ihre Situation neu bewertet hätte, könnte sie diesen Weg noch einschlagen, aber Elaine würde bis dahin auch wissen, was sie tun sollte. Zumal sie auch belastendes Material gegen die junge Frau besaß, das sie gegen sie verwenden könnte. 

„Scheiße!“ Die andere schrie auf und verlor das Gleichgewicht. Sie versuchte noch, mit den Armen Halt zu finden, aber sie konnte sich nicht davon abhalten, auf den Boden zu fallen, wo sich ihr Körper zusammenkrümmte. Es dauerte einen Moment, in dem Elaine sich fragte, ob das ein Trick war, aber … nein. Das wirkte nicht wie ein Trick. 

Mit wenigen schnellen Schritten überbrückte Elaine die wenigen Meter zu der anderen, nachdem sie sich von ihrem Platz hochgedrückt hatte. Sie kniete sich neben Danielle hin und drehte sie um, damit sie ihr schmerzverzerrtes Gesicht sehen konnte.

„Scheiße! Hör auf! Hör auf!“, schrie Danielle unkontrolliert. Es klang, als würde sie sich gegen Elaine richten. Außer ihnen war niemand um Raum, was es Elaine noch schwerer machte, die Ursache auszumachen. 
 

„Brauchst du Hilfe?“
 

Grace hatte ihr eine Nachricht geschickt, um sicherzustellen, dass sie nicht dazukommen musste. Elaine schickte nur eine kurze Antwort.
 

„Nein.“
 

Mehr musste ihre Kollegin in diesem Moment nicht wissen. Sie würde mit Danielle alleine fertig werden, zumal es nicht so war, dass sie von ihr angegriffen wurde. Für solche Fälle wären sie denkbar schlecht vorbereitet.

„Du musst jetzt mit mir reden. Wo hast du Schmerzen?“, fragte sie ruhig. Um ihr effektiv zu helfen, musste sie dieser Panik mit Ruhe entgegentreten. Danielle schrie weiter, während sie sich die Ohren zuhielt, als ob das ihre Schmerzen lindern könnte.

„Meine Ohren!“, bestätigte sie das, was durch ihre Körpersprache bereits zu erahnen gewesen war. Erneut erhob sich Elaine und begab sich zu einem Schrank, in dem sie diverse medizinische Instrumente aufbewahrte, die für ihre Untersuchungen erforderlich waren. Otoskop, Pinzette. Als Erstes müsste sie durch eine weitere Untersuchung entscheiden, was sie sonst noch benötigt. Kurz darauf hockte sie wieder neben Danielle, um sie zu beruhigen.

Sie erklärte den nächsten Schritt: „Du musst stillhalten, ich schaue es mir an.“ Sie drückte ihren Kopf auf die Seite und schaute mit dem Otoskop in ihr Ohr hinein. Danielle legte die Hand an Elaine’s Unterarm, mit dessen Hand sie ihren Kopf zur Seite gedrückt hatte und ruhig hielt.

Das, was sie sehen konnte, war ein AM. Die Module wurden üblicherweise in den Gehörgang eingeführt und blieben dort. Je nach Modell waren die Akkulaufzeiten länger als bei anderen. Größere Module mit kurzen Laufzeiten konnten leicht abgenommen und separat aufgeladen werden. Modelle wie das, was sie hier erblickte, waren kostspielig und wiesen eine besonders lange Lebensdauer auf. Die Batterien wurden aufgeladen, wenn sie während einer technischen Inspektion überprüft wurden. Es war lohnenswert, da diejenigen, die sich solche Technologie leisten konnten, in der Regel mehrere Module besaßen, die regelmäßig überprüft werden mussten. 

Elaine musste das Modul entfernen, da es offenbar eine Fehlfunktion hatte. 

Bevor sie sich vorsichtig an die Arbeit machte und das Modul herauszog, warnte sie erneut: „Achtung, nicht bewegen.“ Mit wenigen Handgriffen war das Modul entfernt und Elaine konnte sehen, wie sich die kleine LED ausschaltete. Danielle atmete im selben Augenblick erleichtert aus, wodurch sich ihr Körper etwas entspannte. Als sie Elaine’s Arm wieder losließ und mit einer Hand über ihr Gesicht strich, hielt sie die Augen geschlossen. Elaine blieb in der Hocke neben ihr und schwieg. 

„Danke … das Ding … spinnt manchmal“, sagte Danielle schließlich leise und blickte zu ihr hinauf. Elaine beobachtete, wie ihre Pupillen leicht hin und her wanderten. Eine winzige Bewegung, die unbemerkt bliebe, wenn man ihr keine Aufmerksamkeit schenkte. Es deutete darauf hin, dass sie etwas las, das Elaine nicht sah. Elaine war sich bewusst, dass Danielle ein OM trug. Unabhängig von der individuellen Augenfarbe schimmerte die Iris je nach Lichteinfall blau. Da dies jedoch der einzige Hinweis darauf war, dass sie eine Linse trug, war es offensichtlich, dass es sich ebenfalls um ein hochpreisiges Modell handelte. Bei preiswerteren Modellen war es möglich, die Linse noch direkt im Auge zu erkennen. 

„Kannst du es mir wieder einsetzen?“, fragte Danielle. Sie hatte sich auf den Bauch gedreht und stützte sich auf den Armen ab, um mit einem Bein nachzuhelfen und zurück in eine aufrechte Position zu gelangen. 

„Das sollte sich ein Techniker ansehen. Diese Modelle haben normalerweise keine Fehlfunktion. Es wäre fahrlässig, wenn ich es dir wieder einsetzen würde.“ Es wäre noch die harmlose Folge, mit der man rechnen musste, wenn dabei nur ihr Hörvermögen beeinträchtigt würde. 

„Komm schon Füchschen … ich will nicht mit dir diskutieren, setz es einfach ein“, versuchte Danielle sie zu überzeugen.

„Ich halte diesen Spitznamen für unpassend.“ Unabhängig von der Situation. Was veranlasste sie dazu, ihr einen Spitznamen zu geben, als würden sie sich kennen? Als ob sie tatsächlich Vertraute wären, die sich nahestanden. 

„Ich nicht.“ Noch einmal betonte Danielle ihre Bitte, indem sie ihren Kopf drehte und Elaine das Ohr entgegenhielt. Jedoch ließ sie die Geste außer Acht und stand auf, um mit dem Modul zum Schreibtisch zurückzugehen. Dort nahm sie aus einer Schublade einen kleinen Kunststoffbehälter und ließ das Modul hineinfallen.

„Das Benutzen fehlerhafter Module kann zu erheblichen, körperlichen Schäden führen. Wenn du es verwendest, könntest du dein Hörvermögen verlieren, was nicht leicht durch ein Modul ausgeglichen werden kann. Die erforderlichen Maßnahmen sind nicht nur mit hohen Kosten verbunden. Ein Erfolg ist auch nicht garantiert. Ich kann das als Ärztin nicht verantworten. “ Es war nicht unmöglich. In Verbindung mit technischen Elementen war die Medizin weit fortgeschritten und es war vieles machbar. Aber derartige Eingriffe waren kostspielig, und die Rekonstruktion eines Trommelfelles erforderte viele individuelle Anpassungen. Dies durchzuführen war ein absolutes Privileg.

„Das hab’ ich verstanden, aber ich benötige das Modul. Ich muss erreichbar sein“, versuchte Danielle zu erklären, während sie sich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen. Das rechte Bein wurde von ihr nicht genutzt, was das Vorhaben umständlicher machte. Es schien, dass Danielle nicht nur mit ihrem AM, sondern auch mit weiteren technischen Problemen zu kämpfen hatte. Vorher hatte sie es nicht bemerkt, aber nun war ihr klar, dass sie eine Prothese trug.

„Das dürfte auch über dein OM funktionieren. Ein guter Techniker wird das Problem schnell beheben können.“ Sie würde sich nicht dafür verantwortlich machen lassen, wenn etwas schiefging. Es handelte sich um eine Frage der Ethik, und Elaine hatte keinerlei Absichten, etwas zu tun, dass einer ihrer Patienten schaden könnte.

Sie beobachtete, wie Danielle mühsam versuchte, aufzustehen, indem sie sich an der Wand abstützte. Die Umstände um ihr Bein machten es noch seltsamer. Zum einen verfügte sie über eine erstklassige, technische Ausstattung, die zum anderen sehr anfällig für Fehler schien.

„Okay … vielleicht hatten wir keinen so guten Start.“, Danielle schien, weiterhin nicht aufgeben zu wollen. Nun, wo sie wieder auf den Beinen war, richtete sie den Blick auf Elaine und versuchte sich an einem Lächeln. „Ich weiß, unsere bisherigen Begegnungen werfen kein besonders gutes Licht auf mich. Aber können wir noch einmal von vorn anfangen, ganz in Ruhe?“ Formulierte sie ihr Anliegen und kam dabei zu Elaine an den Schreibtisch gehumpelt. Ein Kurswechsel in der Hoffnung, dass Elaine sich noch erweichen ließ. Elaine schenkte dem Ganze keine besondere Beachtung, da die Absicht offensichtlich war. Unabhängig davon, welche tragische Geschichte Danielle ihr jetzt präsentieren würde, beabsichtigte sie nicht, ihre Meinung zu ändern. Weder in Bezug auf ihren AM, noch hinsichtlich der Medikamente.  

„Ich bin Danny.“ Sie hielt Elaine die Hand entgegen. Statt die Geste zu erwidern, übergab sie Danielle den kleinen Behälter mit dem Modul darin. 

„Sei nicht so, du hast gesagt, ich soll dich nicht Füchschen nennen, also … wie dann?“ Danielle kannte ihren Namen, damit hatte Elaine sich ihr vorgestellt. Das, worum Danielle sie also bat, war etwas anderes. Sie versuchte, durch die Verwendung ihres Vornamens eine engere Beziehung herzustellen. 

„Doc.“ Sie beobachtete die Reaktion von Danielle, die irritiert die Brauen zusammenzog. 

„Doc?“ 

„Hast du ein Problem damit?“ Elaine erwartete keine Antwort darauf. Danielle winkte ab und zog den Stuhl zurecht, damit sie sich setzen konnte. 

„Das ist ein ziemlich beschissener Spitzname, findest du nicht?“ Elaine atmete tief durch und lehnte sich selbst seitlich an den Schreibtisch. Ihr stand nicht der Sinn danach, sich jetzt über Spitznamen Gedanken zu machen.  

„Ich sehe nicht, warum das eine Relevanz haben sollte.“ 

„Wie wäre es mit Pan?“ Elaine atmete tief ein und bemühte sich, Ruhe zu bewahren. Wie waren sie von „Fick dich“ zu diesem Spitznamen-Spiel gekommen? Vorhin hatte Danielle nicht schnell genug wegkommen können und jetzt wirkte es so, als würde sie nicht gehen wollen. Dabei war Elaine überzeugt, dass sie ihren Standpunkt klar genug dargelegt hatte. 

„Inwiefern sollte das ein besserer Name sein?“, stellte sie die Gegenfrage. Vielleicht war es ein Fehler, sich überhaupt weiter auf diese Unterhaltung einzulassen. Allerdings wollte Elaine versuchen, die Situation so schnell wie möglich zu beenden.

„Pan, als Kurzform für Panakeia. Die Göttin der Heilung.“ Göttin der Heilung. Wenn das der Fall wäre, wäre der Name geeignet, aber was nützt ein Spitzname, wenn der Inhalt nicht verstanden wurde? Elaine war überzeugt, dass die meisten Menschen noch nie etwas von dieser Göttin der Heilung gehört hatten. 

Sie schüttelte den Kopf und machte eine Handbewegung in Richtung Tür. Diese absurde Unterhaltung hatte sie nicht vor, fortzusetzen. 

„Du solltest jetzt gehen, mein nächster Patient kommt bald.“ Allgemein wollte sie nicht, dass Danielle sich hier länger aufhielt als nötig. Nach allem, was sie bisher über die junge Frau wusste, bedeutete ihre Anwesenheit primär eines; Ärger. Doch Danielle bewegte sich nicht und verschränkte nur die Arme vor der Brust. 

„Dann setz mir mein AM wieder ein und ich bin weg“, forderte sie. Es veranlasste Elaine dazu, sich vorzubeugen und sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch abzustützen. 

„Geh zu deinem Techniker. Der kann die benötigte Reparatur gleich mit durchführen. Ich werde mich nicht wiederholen.“ Dieser Punkt war nicht verhandelbar. Elaine würde der anderen keinen Millimeter entgegenkommen. Sie hatte schon genug ihrer Zeit mit diesem Gespräch verschwendet.

Schweigend sah Danny ihr in die Augen, fordernd. Doch Elaine wich ihrem Blick nicht aus und wartete einfach nur ab. Sie wartete so lange, bis Danielle in der Stille endlich nachgab. Und das tat sie. Fluchend erhob sie sich und hinkte durch das Zimmer, um sich dieses Mal wirklich zur Tür zu begeben. Als die andere noch einmal innehielt und sich zu ihr herumdrehte, war Elaine nicht wirklich überrascht. 

„Sehen wir uns auf der nächsten Party?“ Es war nicht die Frage, die Elaine erwartet hatte, aber die Antwort kam ihr leicht über die Lippen. 

„Ganz sicher nicht.“ 

Danny

Das Glück schien einfach nicht auf ihrer Seite zu sein. Danny lehnte an dem Wagen ihrer Mutter und blickte hinauf in den Himmel, während sie über die Nachrichten las, die Eden ihr geschickt hatte. 
 

„Wieso ist dein AM ausgefallen?“ 

„Ich erwarte eine Erklärung. Sofort.“

„Du bewegst dich in einem Viertel, das nicht in deinem erlaubten Bereich liegt.“

„Wer war bei dir?“
 

Sie hatte Danny mit Nachrichten geflutet. Und die Frequenz, in der sie eingegangen waren, war immer kürzer geworden. Ihre Unruhe war offensichtlich, und obwohl das Störgeräusch nicht mehr hörbar war, war ihre Prothese immer noch blockiert. 

So konnte sie nicht von hier wegkommen, und Danny musste zuerst versuchen, die Wogen zu glätten. Als ob sie von einer misstrauischen Ehefrau verfolgt wurde, die sie beobachtete, in der Erwartung, dass sie untreu sein würde. 
 

„Ich mache Besorgungen für meine Mutter. Ihr geht es schlechter. Ich war bei einer Bekannten.“ 
 

Sie hoffte, dass diese Erklärung ausreichend sein würde. Die Chancen dafür standen 50/50. Eden war vollkommen unvorhersehbar.
 

„Bitte.“ 
 

Es war lächerlich, darum zu bitten, denn sie hatte nichts falsch gemacht, und Eden machte sich daraus eine Freude. Dennoch war es in den meisten Fällen vorteilhafter, es zu ergänzen, als es nicht zu tun. Denn das war es, was Eden wirklich wollte. 

Nachdem das gesagt wurde, konnte Danny nur noch warten. Wenigstens hatte sie aufgehört, sie mit Nachrichten zu fluten, und es gab ihr die Gelegenheit, um über die Begegnung mit dieser Ärztin nachzudenken. 

Die Tatsache, dass sie die Medikamente für ihre Mutter nicht erhalten hatte, spielte keine Rolle. Ebenso wie die Anschuldigung, die im Raum gestanden hatte. Danny fragte sich vielmehr, ob sie diese Begegnung nicht für sich nutzen könne. Immerhin war sie die Zielperson, auf die Eden sie angesetzt hatte. Sie hatte kein klares Ziel dazu, und dieser Auftrag war auch nicht aktuell. Aber was wäre, wenn es anders wäre? Wenn sie Eden doch etwas präsentieren könnte, an dem sie Interesse hatte? 

Schließlich war ihr jetzt klar, dass diese Frau hier offensichtlich Patienten behandelte. Wenn sie tatsächlich eine Ärztin war, führte sie illegale Behandlungen durch und verteilte Medikamente ohne eine Genehmigung. Diese Information hatte einen gewissen Wert, jedoch war es ihr nicht möglich, sie einfach weiterzugeben. Schließlich hatte ihre Mutter davon profitiert, und es gab auch Gründe dafür, dass sich diese Frau in gewisser Weise gegen das Gesetz stellte, auch wenn sie das nicht tun müsste. 

Danny kannte sie kaum, aber sie war sich sicher, dass sie nicht auf der falschen Seite stand. Anders als Eden und die anderen Menschen, die an den Events teilnahmen und sich an dem Leid anderer ergötzten. Es stellte sich nicht die Frage, was Eden tun würde, wenn sie hiervon erfuhr. Erpressung wäre das Mindeste und lediglich der Anfang. 

Doch sollte es Danny wirklich kümmern, wenn ein verwöhntes Mädchen ein anderes ausnahm? Wahrscheinlich nicht, wenn sie daraus einen Nutzen ziehen könnte. 

Es konnte nicht schaden, wenn sie trotzdem versuchen würde, etwas mehr über den Rotfuchs zu erfahren. Je mehr Wissen sie besaß, desto besser, und je mehr sie Eden zur Verfügung stellen konnte, desto mehr Nutzen konnte es, für sie bringen. 

Die Prothese gab ein Geräusch von sich, und Danny spürte, wie die Blockade verschwand. Wenigstens etwas. 

Noch einmal blickte sie zu dem Imbiss herüber, dann lief sie um ihr Auto herum und setzte sich hinein. Der Kunststoffbehälter mit ihrem Modul wurde vor dem Start des Autos auf den Beifahrersitz gelegt. 

Sie sollte zu einem Techniker. Ja, weil es so simple war. Abgesehen von den finanziellen Aspekten war es Danny wichtig zu vermeiden, dass jemand bemerkte, dass ihre gesamte Technik verwanzt war. 

Es gab nur eine Person, die für diese Aufgabe infrage kam. Das einzige Problem bestand darin, dass Danny nicht einmal wusste, ob Sam mit ihr reden würde, wenn sie zu ihr kam. Immerhin hatte sie nicht auf ihre Nachrichten reagiert und war aus ihrem Leben verschwunden. Erschwerend hinzu kam, dass sie nicht einmal in der Lage war, ihr eine verständliche Erklärung dafür zu geben. Darüber hinaus bestand die Gefahr, dass Eden weiterhin ihre Aufenthaltsorte verfolgte. Aber dieses Mal hatte sie wenigstens einen Grund, den sie vorbringen konnte. Danny hoffte nur, dass sie etwas anderes zu tun hatte, als ständig auf ihren Aufenthaltsort zu achten.

Danny

Während sie sich auf dem Tresen abstützte, zog Danny die Mundwinkel hin und her und schielte zu Sam hinauf, die sie kritisch anschaute. Es war offensichtlich, dass sie verärgert war, aber Danny hatte keine anderen Reaktionen erwartet. Wenigstens hatte Sam sie beim Betreten des Ladens nicht sofort rausgeworfen. Das wertete Danny als ein kleines Zugeständnis, auf das man aufbauen konnte. 

„Willst du mich wirklich betteln lassen?“, fragte sie, als Sam sich weiterhin weigerte, auf ihren Monolog zu reagieren. Das Mindeste, was Danny vorangestellt hatte, war eine Entschuldigung, aber was sie jetzt tun sollte, um den Löwen milde zu stimmen, wusste sie nicht. 

„Weißt du, was ich dachte, als du verschwunden bist?Dass etwas passiert ist. Jemand habe dich umgebracht oder das du in anderen Schwierigkeiten steckst. Ich habe in den Krankenhäusern angerufen! Und dann bin ich zu dir nach Hause, um zu sehen, wie du fröhlich aus deinem Gebäude flanierst. Nicht einmal eine Nachricht! Du hättest nur reagieren müssen!“ Es war nicht überraschend, dass diese Vorwürfe aufkamen. Sam hatte nie ihre Gefühle versteckt. Wenn sie wütend war, war sie wütend. Und wenn sie fröhlich war, dann war sie fröhlich. Danny kannte niemanden, der so aufrichtig mit seinen Gefühlen umging. Sam war authentisch. Echt. 

„Ich weiß, okay? Du hast recht. Aber es ist …“

„Kompliziert?! Scheiße, Dan, natürlich ist es das! Weißt du, was das ist?!“ Sam unterbrach sie und nahm den kleinen Behälter, in dem ihr Modul lag. Dann hielt sie es vor Dannys Nase. 

„Das hier ist die neuste Tech und du spazierst damit und mit einer neuen Prothese herum, als sei das normal. Hast du eine Ahnung, wie lange Menschen wie du und ich dafür arbeiten müssen, um uns dieses winzige Teil leisten zu können?“

Das war ein weiterer Grund, warum Danny froh gewesen war, sich von Sam fernhalten zu müssen. Man konnte ihr nur schwer etwas vormachen. 

Danny wich dem Blick ihrer Freundin aus, die den Behälter wieder auf den Tresen knallte. 

„Wo hast du das Zeug her?“

„Ich hab’ einen neuen Job.“ Das war nicht einmal eine Lüge. Möglicherweise könnte es Danny gelingen, Sam zu besänftigen, wenn sie sich nah an die Wahrheit hielt. 

„Woher stammt all das Geld? Verkaufst du jetzt Organe auf dem Schwarzmarkt oder hast du begonnen Mut Dust zu dealen?“ Danny schüttelte den Kopf und hob beschwichtigend die Hände in der Hoffnung, zu Wort zu kommen. 

„Das Zeug gehört nicht mir, es … ist nur geliehen, solange ich den Job mache, ich laufe wieder. Du weißt schon, Lieferungen innerhalb der Stadt, Besorgungen erledigen, das, was ich früher gemacht habe.“ Wenn sie nicht die Einzelheiten erwähnte, war es tatsächlich nicht mehr als das. Danny hatte mittlerweile erkannt, dass sie ein Rädchen in einer Abfolge verwerflicher Spiele war. Nicht nur Emily hatte ein Paket bekommen und war danach bei einem der Veranstaltungen zu sehen gewesen. Bei jedem Paket, das sie liefern sollte, fragte sie sich, was darin war. Wann der Empfänger bei einem der Events zu sehen sein würde. Ob er oder sie dieses Spiel überleben würden. Und wenn ja; zu welchem Preis. 

„Und du redest mit niemandem mehr, nur weil du deine alte Arbeit wieder machst und einen Sponsor gefunden hast? Stell dir vor, ich bin nicht die Einzige, die wütend ist.“ Das konnte sich Danny vorstellen. Aber sie war nicht hier, um ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Sie war ohnehin daran gescheitert. Solange Eden sie so unter Druck setzte, würde sie ihr altes Leben nicht zurückbekommen. 

„Hat das etwas mit dem Raubüberfall und der Bar zu tun? Ich habe mich umgehört, nachdem du verschwunden bist. Die Preise da sind absolut überzogen. Das kann man sich nur leisten, wenn man zu viele Coins auf dem Konto hat.“ Danny atmete tief durch und wandte den Blick wieder ab. Einen Augenblick lang bedauerte sie, dass sie hierhergekommen war. Sie wusste nicht, wie sie sich da herauswinden sollte. 

„Es war mehr Arbeit, als ich dachte, okay? Und ich habe mich Scheiße benommen, können wir das einfach so stehen lassen?“ Sie versuchte, die Situation zu beschönigen, aber der Blick ihrer Freundin verriet, dass sie damit keine Chance bei ihr hatte. 

„Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, sahst du absolut beschissen aus und konntest dich kaum aufrecht halten. In welcher Welt ist es okay, seine Freunde einfach zu ignorieren und ohne Erklärung zu verschwinden?" Danny öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Sam fuhr ihr dazwischen. „Richtig. In keiner Welt! Du hast versprochen, dass du dich meldest, wenn du Hilfe benötigst!“. Das hatte sie getan und trotzdem hatte Danny geschwiegen. Solange sie nicht alles offenlegte, würde Sam sie und ihre Entscheidungen nicht verstehen. Danny senkte den Blick. Seit Wochen wünschte sie sich, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Sie wollte mit Sam über all die Dinge reden, die sie gesehen hat. Aber welchen Preis hätte sie für diesen Moment der Erleichterung zu zahlen? 

„Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach machen? Dir dieses Modul einsetzen, damit du wieder verschwinden kannst und niemand weiß, was mit dir los ist? Wenn du jetzt etwas Besseres bist, dann sag es, aber komm nicht mehr hier her, wenn deine neuen, reichen Freunde dir mal nicht helfen können. Ich bin kein Lückenbüßer, Dan!“

„Denkst du wirklich, dass ich dich so sehen würde?!“ Sicherlich könnte man ihr eine Menge vorwerfen. Sie war nicht perfekt und hatte unter den Umständen zahlreiche Fehler gemacht. Das Richtige zu tun, war nicht immer der Weg, den man gehen konnte. Ja, sie hatte Sam enttäuscht. Dessen war sich Danny bewusst und sie konnte Sam nicht absprechen, was sie fühlte. Doch zu sagen, dass Danny das alles egal war, war schlichtweg nicht richtig. 

„Du warst nie ein Lückenbüßer, ich versuche nur dich zu beschützen!“

„Wovor?!“, brüllte Sam zurück. Wieder öffnete Danny den Mund, wie ein Fisch, der nach Luft schnappte und doch keinen Ton herausbrachte. Sam schaute sie aufmerksam an und schenkte ihr in der Tat einen Moment der Ruhe, ohne Schuldzuweisungen. Ein Augenblick, der schneller vorbei war, als Danny sich eine gute Antwort überlegen konnte. 

Danny beobachtete, wie sich Sams Zorn in Verzweiflung und Trauer wandelte. Sie sah, wie die Augen ihrer Freundin einen gläsernen Schimmer bekamen. Wie sie den Kopf schüttelte und dann den Blick abwandte. 

„Nimm dein Modul und verschwinde“, sagte Sam, leiser als zuvor. Etwas, das Danny noch beunruhigender fand, als die Wut, die ihr bis eben entgegengeschlagen war. 

„Sammy …“, versuchte sie zu beginnen, doch sie wurde erneut unterbrochen. Sam signalisierte durch das Heben ihrer Hand, dass sie nichts hören wollte.

„Ich kann das nicht, Dan. Es fällt mir schwer, hier zu sitzen und deine undurchsichtigen Antworten anzuhören, während ich weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das einfach okay finde und darauf warte, dass du vielleicht wieder auftauchst.

„Ich erwarte nichts, Sam. Ich weiß, dass es schwer ist. Und du musst mir glauben, dass ich dich nicht verletzen will.“ Es war das Letzte, was Danny wollte. Die Freundschaft zu Sam war wertvoll und gehörte zu den Dingen, die man nicht mit Geld kaufen konnte. Aber deshalb musste Sam aus all dem herausgehalten werden. Danny hätte überhaupt nicht hierherkommen sollen. 

„Doch, das erwartest du. Du erwartest von mir, dass ich alles akzeptiere, dass du einfach auftauchst, wenn du etwas benötigst, und dann ist es in Ordnung, wenn du ohne Erklärung wieder verschwindest. Deswegen will ich, dass du verschwindest.“ Die Forderung war sehr deutlich. Danny könnte jetzt mit ihrer Freundin diskutieren, um sie zu überzeugen. Doch war das gerecht? War es gerecht, wenn Danny wusste, dass Sam mit allem recht hatte?

„Bitte Sam, ich muss arbeiten, meine Mutter-“

„Wag es nicht“, unterbrach Sam sie nachdrücklich. Jetzt waren da Tränen, die ihre Wangen hinunterrannten. „Wag es nicht, das auszusprechen. Ich habe immer alles getan, ohne Fragen zu stellen. Und du kannst jederzeit zurückkommen. Aber erst, wenn du bereit bist, mir zu sagen, was wirklich los ist. Und jetzt verschwinde!“ 

Danny blieb stehen und sah ihre Freundin an, die mit gehobenem Arm auf die Tür deutete. Sie wollte nicht gehen, sie brauchte nicht nur Hilfe, sondern eine Freundin. Doch sie hatte Sam verletzt und wurde gerade mit den Konsequenzen konfrontiert. Ihr war bewusst, dass es Sam schwerfiel, doch Sam hatte ihre Prinzipien. 

„Okay … tut mir leid.“ Ihr tat es wirklich leid, obwohl das nichts ändern würde. Trotzdem wollte Danny es sagen, bevor sie wegging. Sie hatte den kleinen Plastikbehälter wieder aufgenommen und ihn beim Gehen in ihre Jackentasche geschoben. 

Danny zögerte, als sie an der Tür ankam und sie öffnete. Sie war sich bewusst, dass Sam sie im Auge behielt, während sie selbst darüber nachdachte, ob sie alles aufgeben sollte. Als sie auf ihre Hand schaute, die am Türknauf lag, versuchte sie sich vorzustellen, wie sie hier bleiben und offen mit Sam sprechen könnte. 

Allerdings gab es diese Möglichkeit nicht und so blieb Danny nichts anderes, als hinaus auf die Straße zu treten. Dort stand sie noch immer, als die Tür bereits wieder zugefallen war. Danny atmete tief ein. 

Der Geruch von Regen lag in der Luft.

Hudson Post


 

HUDSON POST

 

Neuerungen ab dem 1. Juni 2026

 

 

 

 

Wie ihr seht, wird es diese Woche kein neues Kapitel geben. Ich möchte die Möglichkeit eher nutzen, um mich einmal persönlich zu melden und um euch ein paar Neuigkeiten mitzuteilen. 

„Achlimen – Blüten aus Gift“ ist der erste Teil einer Serie. Die einzelnen Teile folgen dem gleichen Prinzip wie die Staffeln einer Serie. Teil 2 habe ich bereits geschrieben und ich arbeite schon an Teil 3. Das regelmäßige, wöchentliche Update wird also weiterhin kommen. Das dürfte vielleicht auch erklären, warum die Girlslove-Anteile aktuell bisher nicht im Fokus der Geschichte stehen. Es ist wirklich eine Slow-Burn-Geschichte. Für alle, die mehr davon haben wollen und denen es etwas zu slow ist, gibt es die Side Story. Dort werde ich in unregelmäßigen Abständen One-Shots hochladen, die nicht im Kontext der eigentlichen Story stehen.

 

Achlimen ist als Projekt größer geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte, und nimmt momentan meinen ganzen Fokus ein. Ich würde mich gerne mehr darauf konzentrieren, aber auch denjenigen, die Interesse daran haben, mehr aus Hudson zeigen. 

 

 

Ab Juni 2026 könnt ihr noch tiefer in die Welt von Achlimen eintauchen.

Auf meiner Patreon-Seite findet ihr exklusives Bonusmaterial, Einblicke hinter die Kulissen der Geschichte, zusätzliche Inhalte zu den Charakteren und vieles mehr. Außerdem können dort die nächsten 5 Kapitel bereits vorab gelesen werden, bevor sie offiziell hier erscheinen.

Wenn ihr wissen möchtet, wie es weitergeht, und mich gleichzeitig beim Schreiben unterstützen möchtet, freue ich mich, euch dort willkommen zu heißen. ✨

 

👉 Besuche meine Patreon-Seite: Jarno_

 

Da ich hier im Text keinen Link einfügen kann, werdet ihr diesen zusätzlich im Autoren-Nachwort, in der Beschreibung der Story und in meinem Steckbrief finden. 

 
 

Ansonsten würde ich mich darüber freuen, wenn ihr mir hier in den Kommentaren eure Gedanken mitteilt.

Was denkt ihr über Danny?

Würdet ihr euch Steckbriefe der einzelnen Charaktere wünschen?

Habt ihr andere Fragen oder Anregungen?

 
 

 

So oder so freue ich mich über jede und jeden, der Achlimen ließt und vielleicht ein wenig Freude mit meiner Geschichte hat!


Nachwort zu diesem Kapitel:
Es würde mich freuen, wenn ihr an dieser Umfrage hier auf Animexx teilnehmen würdet. Komplett anzeigen
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Um zu planen, wie es im kommenden Jahr mit Achlimen weitergeht würde ich gerne von euch wissen, was euch Interessieren würde. Es würde mich freuen, wenn ihr dazu an dieser Umfrage teilnehmen würdet.

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Um zu planen, wie es im kommenden Jahr mit Achlimen weitergeht würde ich gerne von euch wissen, was euch Interessieren würde. Es würde mich freuen, wenn ihr dazu an dieser Umfrage teilnehmen würdet.

LG und einen guten Rutsch euch allen! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Es würde mich freuen, wenn ihr an dieser Umfrage hier auf Animexx teilnehmen würdet. Komplett anzeigen
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Es würde mich freuen, wenn ihr an dieser Umfrage hier auf Animexx teilnehmen würdet. Komplett anzeigen
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Es würde mich freuen, wenn ihr an dieser Umfrage hier auf Animexx teilnehmen würdet. Komplett anzeigen
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Wie findet ihr die Dynamik zwischen Elaine und Danny? Würdet ihr gerne mehr davon sehen? Komplett anzeigen
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Was denkt ihr, was führt Eden im Schilde? Komplett anzeigen
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Kommende Woche wird es kein neues Kapitel geben. Dafür dürft ihr euch auf etwas anderes freuen. Also haltet die Augen offen ;) Komplett anzeigen
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Kommentare zu dieser Fanfic (2)

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Von: robin-chan
2025-11-30T10:06:14+00:00 30.11.2025 11:06
Nachdem meine Sommerpause etwas ausgeartet ist, ist es umso schöner mit einem so friedvollen Mutter-Sohn Moment zu starten. Soll ja die Bindung stärken - gleich mal mit der netten Realität dieser Welt die Tür eintreten, was? ;)
Auf jeden Fall werden hier gleich genug Fragen aufgeworfen, wie es genau alles abläuft. Insbesondere wie es zu diesen Störungen/Ausfällen kommt. Zufall? Gewollt? Mischung aus beidem? Definitiv unbarmherzig und genau richtig, um Lust auf mehr zu machen und in diese Welt einzutauchen.
Da ich ja aktuell sehen kann, dass es keine weiteren Kapitel aus Andys Sicht, bis jetzt, gibt, stellt sich so dann natürlich auch die Frage, ob das für den Einstieg allein diente oder ob da natürlich noch etwas in der Zukunft darauf zurückzuführen sein wird ... weiterlesen und abwarten, was?
Kann bislang nur sagen, dass ich den Einstieg mochte, einfach vom Gefühl her, das vermittelt wird. Ein Ausblick auf diese Welt, aber auch ein sackender Moment, wie einfach etwas auseinander gerissen wird bzw. wenn das Leben eh schon schwerer ist, dann ins absolute Fiasko zu schlittern ... wobei was passiert, wenn man rausgeworfen wird ... wohin geht die Reise? :P

Antwort von:  BurglarCat
01.12.2025 20:32
willkommen zurück ;)
Ich bin froh, dass ich ein Setting gefunden habe was genehm ist und dich mit ein paar Fragen zurücklassen konnte. Dann habe ich alles wichtige erreicht würde ich sagen.
Zumindest kann ich dir sagen, dass du auf die meisten Fragen eine Antwort bekommen wirst. Ist doch auch schon mal was, oder? xD Und ich kann zumindest versprechen, dass es keine ungeplanten Pausen geben wird.


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