Zum Inhalt der Seite

Rote Klauen

Teil II
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Urlaubswünsche

Fen ging in einen lockeren Sinkflug und Tibitha folgte ihm. Es war offensichtlich, dass der Rote auf ein stolzes Herrenhaus zusteuerte, das umgeben von großzügigen Ländereien am Meer lag. Zu ihrer Linken sah sie in der Ferne ein großes Waldstück, zu ihrer Rechten Obstbäume und Gewächshäuser und hinter dem Haus eine Bucht mit Sandstrand und das türkise Meer. Sie kam als Gast her für ihren Urlaub, während Seth nach Hause kam.

Die beiden Drachen landeten vor dem Haus und ein Teil der großen Flügeltür öffnete sich. Ein Bediensteter eilte heraus.

„Mein Herr, entschuldigt, wir haben nicht mit Euch gerechnet“, entschuldigte er sich, aber Seth winkte ab.

„Konntet ihr auch nicht, ich hab uns nicht angekündigt. Sobek und Aphrodite sind in der Hauptstadt?“

„Jawohl, gestern abgereist zu den Feierlichkeiten am Staatsfeiertag und zur Sonnenwende. Wir erwarten sie nicht vor Anfang Juli zurück.“

„Gut.“ Der Blonde nickte, dann wandte er sich Lily zu. „Lily ist mein Gast diese Woche. Das ist Neil – wenn du was brauchst, kannst du dich an ihn wenden.“

Sie wollte dem Butler die Hand schütteln, aber er beugte sich darüber und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Also das war ihr auch noch nie passiert.

„Danke“, sagte sie, nachdem sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.

„Soll ich eines der Gästezimmer richten lassen?“, wandte sich Neil wieder an Seth.

„Nein. Lily schläft bei mir. Wir satteln die Drachen ab, danach könnt ihr das Gepäck einfach hoch bringen.“

„Sehr wohl. Ich fürchte, das Küchenpersonal ist Großteils mit Lord und Lady Dune in der Hauptstadt – soll ich einen Teil her beordern?“

„Nein!“, sagte Seth schnell. „Nein. Es gibt keinen Grund, meine Eltern zu informieren, dass ich hier bin. Sonst kommen sie noch auf die Idee, doch früher zurück zu kommen.“ Und das wollte er offensichtlich um jeden Preis vermeiden. „Aber ich bin mir sicher, dass ihr diese Woche dennoch etwas für uns zaubern könnt?“

„Natürlich – wenn auch ein wenig eingeschränkt, Ihr müsst verzeihen.“

„Damit kommen wir klar.“ Er grinste. „Lily ist – und isst – im Normalfall recht unkompliziert. Zur Not tun es Fischstäbchen mit Ketchup auch.“

Sie boxte ihm in den Oberarm und er kicherte.

Neil verbeugte sich. „Dann setze ich Ketchup auf die Einkaufliste.“

„Wie, ihr habt kein Ketchup zuhause?“ Lilys Augen wurden groß.

„Natürlich nicht. Hast du mich schon jemals Ketchup essen sehen? Oder glaubst du, Sia wirft sich Zucker mit Tomatenaroma und Konservierungsmitteln rein?“

„So gesehen hast du Recht…“ Sie hatte sich bisher nur nicht vorstellen können, dass es Menschen gab, die kein Ketchup aßen.

„Natürlich hab ich das.“ Seth grinste und sie rollte mit den Augen. „Aber für’s Erste will ich ohnehin Skyr-Pfannkuchen. Auf die freu ich mich schon seit Wochen.“

„Natürlich.“ Neil verbeugte sich und verschwand wieder im Haus und sie machten sich daran, die Drachen von ihren Satteln zu befreien. Und sich selbst von der Ledermontur, denn es war brütend heiß hier im Süden.
 

Der Blonde ertränkte seinen Pfannkuchen in Ahornsirup und verteilte großzügig Beeren darauf, während Lily Schokosauce aus einem kleinen Kännchen über ihren eigenen Teller goss. Wie sie festgestellt hatte, aß ihm Hause Dune auch niemand Schokosauce, weshalb ihr Neil – oder jemand anderes von den Angestellten, von denen es scheinbar nicht zu wenige gab – tatsächlich Schokolade frisch eingeschmolzen hatte. Das kleine Kännchen stand jetzt auf einem Gestell über einem Teelicht, damit das Kännchen warm und die Sauce flüssig blieb. Es fühlte sich tatsächlich an wie in einem Nobelhotel.

„Wie ist es eigentlich für dich hier zu ein?“ Seth zog lediglich eine Augenbraue hoch, nachdem er sich gerade einen großzügigen Bissen in den Mund verfrachtet hatte. „Ich meine, für mich ist das wie Urlaub hier. Aber du wohnst hier… Vermutlich ist alles hier mit Erinnerungen verknüpft. Guten und schlechten. Fühlst du dich zuhause? Warst du schon mal ohne Sia hier?“

Er ließ sich Zeit beim Kauen und sie wusste, dass er die Antwort bewusst hinauszögerte. Vermutlich wünschte er sich gerade eine Zigarette, aber er hatte aufgehört, als Fen ihn von seinem Fluch befreit hatte. Eine Entscheidung, die die Rothaarige durchaus begrüßte. Es hatte immer fürchterlich gestunken.

„Nein, war ich nicht“, sagte er schließlich knapp. „Und ja, alles ist mit Erinnerungen voll. Aber ich versuch, nicht zu viel darüber nachzudenken. Können wir das Thema damit abschließen? Es fühlt sich an, als hätte eine Wunde gerade aufgehört zu bluten und du bohrst jetzt mit einer heißen Nadel wieder rein und rührst darin herum.“

„Tut mir leid, ich wollte die Stimmung nicht versauen. Ich…“ Sie kaute auf ihrer Lippe rum.

„Spuck es aus. Davor wirst du ja doch keine Ruhe geben.“

„Also… naja. Um bei deinem Vergleich zu bleiben: ich weiß nicht, ob sich die Wunde tatsächlich schon verschlossen hat. Ich hab eher den Eindruck, dass du ein fettes Pflaster darüber geklebt hast, damit du die Wunde einfach nicht mehr sehen musst. Aber vielleicht eitert sie darunter. Ist entzündet. Vielleicht solltest du nur einfach mal ab und zu unters Pflaster sehen, ob die Wunde auch wirklich heilt.“

Er schwieg. Aß noch einen Bissen von seinen Pfannkuchen. Griff nach dem Ahornsirup und goss noch mehr auf seinen Teller. Die Stille machte sie fast wahnsinnig, aber sie wusste, dass es besser war, jetzt nichts zu sagen, bis er seine Gedanken und Gefühle wieder sortiert hatte.

„Danke, Dr. Freud. Ich werd mein Bestes geben.“ Er lächelte schief, als er sie wieder ansah. „Warum kannst du dir nicht ein anderes Interessensgebiet als Psychologie suchen? Wie wär es mit Geografie? Physik? Meinetwegen auch Obstbaumveredelung, was weiß ich.“ Dann grinste er. „Die Kunst des Whiskybrennens?“

Sie lachte. „Du willst nur vermeiden. Und Whisky kann ich zwar nicht brennen, aber zumindest Schnaps.“

„Im Ernst?“ Eigentlich sollte ihn das nicht mal wundern. Sie war mit zwei Brüdern groß geworden und mit allen Wassern gewaschen.

„Mhm. Mat hat vor Jahren mal begonnen mit einem Freund von ihm in der Garage selbst Schnaps zu brennen und ich bin ein paar Mal mitgekommen. War quasi sowas wie unsere Sommerbeschäftigung.“

Seth grinste. „Natürlich. Was sollte man auch sonst im Sommer so tun?“

„Eben.“ Jetzt grinste auch Lily.

Der Stapel Pfannkuchen wurde langsam kleiner und Neil kam, um alles abzuräumen.

„Kaffee?“

„Unbedingt“, sagte Seth und strich sich über den Bart. Mittlerweile hatte er einen gut getrimmten Vollbart und die fast schulterlangen Haare trug er meist hinten offen, während er sich die vorderen Haare nach hinten kämmte und mit einem Gummi zusammenfasste. Er war attraktiver denn je, vor allem nachdem er jetzt langsam wieder mehr aß und schlief und im Allgemeinen ein bisschen gesünder aussah.

„Äh, ja… schwarz, glaub ich. Bitte.“

„Cappuccino. Sie will eigentlich einen Cappuccino.“

„Ich will keine Umstände machen!“

Neil lächelte allerdings nur. „Cappuccino, sehr wohl. Kuh- oder Hafermilch?“

Wow. Das war wirklich wie im Hotel hier. „Hafer, bitte. Danke.“

„Serviert ihn gleich auf die Terrasse.“

„Sehr wohl.“

Seth grinste, während Neil verschwand.

„Was?! Ich bin es nicht gewohnt bedient zu werden. Wenn ich meine Mum frage, ob sie mir einen Kaffee bringt, lacht sie mich vermutlich aus und ich kann ihn mir selbst holen.“

„Dann solltest du dich wohl nicht zu sehr daran gewöhnen – in der Kaserne kommt es wohl auch nicht besonders gut, wenn du den Leutnant Kaffee holen schickst.“ Damit erhob er sich. „Los, komm, ich zeig dir das Haus.“

Die Eingangshalle hatte sie bereits gesehen. Das Haus war groß, hell und luftig und überall hingen Bilder, die ihr mal mehr, mal weniger gefielen. Die Möbel waren Großteils aus hellem Holz oder hell lackiert und wirkten antik mit Klauenfüßchen und goldenen Verzierungen. Eine Treppe führte nach oben in den ersten Stock, wo die Gästezimmer, sowie das Elternschlafzimmer und die Räume der Zwillinge lagen. Seth öffnete eine der Türen und ließ sie hinein. Sein Zimmer war – wie nicht anders erwartet – penibel aufgeräumt, lediglich ihr Gepäck wirkte ein wenig fehl am Platz, auch wenn es ordentlich aufgereiht vor dem Bett stand. In der Mitte stand ein kleiner Tisch mit gepolsterten Stühlen drum herum, ebenfalls in hellen Tönen gehalten. Ein Raumteiler trennte den hinteren Bereich ein wenig ab, wo ein großes Himmelbett stand, umgeben von Moskitonetzen. Die weißen Vorhänge schwangen leicht in der Brise, die durch die offene Balkontür herein wehte. Davor erstreckte sich ein Balkon nach links, wo eine zweite Balkontür lag. Zwei geflochtene Korbsessel mit weißen Polstern und einem kleinen Tisch dazwischen standen an der Wand und am Balkongeländer hingen Blumenkästen mit duftendem Lavendel. In einer Ecke stand ein großer Topf mit einem üppigen Minzstrauch. Und der Blick ging hinaus in die Bucht und auf den Ozean. Zum Zimmer gehört noch ein eigenes Bad, ebenfalls mit Blick aufs Meer und einer freistehenden Badewanne. Den Stil des Hauses und des Inventars bezeichnete man wohl als Kolonialstil, auch wenn Lily nicht besonders bewandert war in Architektur. Jedenfalls passte alles zusammen, war einheitlich. Bei ihr zuhause war alles bunt zusammen gewürfelte und jeder Raum war in einem anderen Stil gehalten.

Seth stand bereits von seinem Kleiderschrank. Sie hatten ihre lederne Fluguniform schon unten ausgezogen, aber die Shorts und das Shirt, das sie darunter getragen hatten, waren komplett durchgeschwitzt. Seth warf die Sachen in eine Wäschebox neben dem Schrank und schlüpfte direkt in seine Badehose, während Lily ihn anstarrte, als stünde sein Hinter zum Verkauf. Viel zu schnell schlüpfte er auch noch in ein luftiges Shirt und drehte sich dann zu ihr um.

„Bikini? Oder hast du vor, den Rest des Tages in verschwitzter Flugkleidung zu verbringen?“

„Oh, äh. Ja.“ Sie stolperte über ihre Füße, als sie zu ihrer Reisetasche ging und Seth lehnte sich an den Schrank, wie üblich die Beine an den Knöcheln überkreuzt und die Hände in der Hosentasche.

„Suchst du was?“, fragte Lily, nachdem er sie anstarrte.

„Nö. Ich warte nur darauf, dass du dich endlich ausziehst.“ Er grinste.

„Ach, daher weht der Wind also. Vielleicht lass ich dann doch die Flugkleidung an.“

„Dann muss ich dich wohl leider ins Meer werfen, damit du dich irgendwann doch umziehen musst.“

Grinsend schüttelte sie den Kopf, als sie in ihren Bikini, dann in die Jeansshorts und ein Top schlüpfte. „Alter Spanner.“

„Hey! Wer ist hier alt? Nur fürs Protokoll: du bist vier Monat älter als ich.“

Er führte sie wieder nach unten und durch das Wohnzimmer nach draußen auf die Terrasse, wo bereits zwei Tassen für sie bereit standen. Seth schnappte sich seine und sie traten barfuß die wenigen Stufen nach unten in die Wiese. Es roch nach Salz und sie hörte die Möwen. Aber sie folgten dem Weg nach rechts zu den Gärten und (noch) nicht hinunter zum Strand. Warum wunderte es sie eigentlich nicht mal, dass Seth die Ziergärten und den Kitsch hinter sich ließ und sie als erstes in die Nutzgärten führte? Vermutlich hatte er hier auch einen Apfelbaum, in dem er immer saß. Ein Gärtner fuhr weiter hinten mit seinem Rasentraktor eine Runde, während sie die Felder, Gewächshäuser und Bäume inspizierten und hier und da gleich direkt ein paar Früchte naschten. Am Rand des Nutzgartens waren ungemähte Wiesen zu sehen, daneben Bienenstöcke.

Dann machten sie sich auf den Weg Richtung Meer und wie schon beim letzten Mal fiel ihr auf, dass das Meerwasser die Anspannung scheinbar aus seinen Muskeln zog, denn er entspannte sich sichtlich, sobald die ersten Wellen seine Knöchel umspülten.

„Du hast vorhin gefragt, ob ich mich hier zuhause fühle.“ Er sah sie an. „Hier schon.“
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Es fühlte sich seltsam an. Alles sah gleich aus wie immer. Die Gerüche waren dieselben. Die Eindrücke. Aber Lily war hier. Und Sia nicht. Das passte für sein Gehirn nicht in sein Weltbild. Noch nicht.

Lily war noch duschen und er stand auf dem Balkon vor Sias Tür und starrte sie an. Warum wusste er eigentlich nicht. Wenn er in ihr Zimmer gewollt hätte, hätte er einfach die normale Tür nehmen können, er kam bestimmt noch rein. Aber was sollte er dort? Also blieb er einfach hier stehen und starrte die Balkontür an, als würde er sich dadurch irgendeine Offenbarung erhoffen. Er wusste nicht, was er gerade dachte oder fühlte. Außer das Kribbeln in den Händen und dem dringenden Ruf nach Nikotin in seinem Körper. Er hatte die letzte Schachtel Zigaretten nach seinem Beinahetod weggeworfen und sich vorgenommen, nie wieder zu rauchen. Es wurde Zeit, dass er endlich lernte, ohne Nikotin mit seinen Gefühlen klar zu kommen. Wenn das nur nicht so lange dauern würde und nicht so mühsam wäre…

„Wenn du was sagen willst, hab ich ein offenes Ohr.“ Lily stand in ein Handtuch gewickelt in seiner Balkontür und strich sich mit einem Lächeln eine feuchte Haarsträhne hinters Ohr.

„Ja, will ich: Whisky oder Gin?“

„Das hab ich nicht gemeint.“

Er war an sie heran getreten und hatte die Hände auf ihre Hüften gelegt. „Ich weiß.“

Sie nickte. „Gin.“

Er trat an ihr vorbei und zu einem Sekretär an der Wand, in dem einige Flaschen mit bernsteinfarbener und wenige mit durchsichtiger Flüssigkeit standen. Der Blonde nahm zwei Gläser und füllte sie jeweils eine Fingebreite, eines davon reichte er dann Lily.

„Oder soll ich es lieber wieder vollfüllen?“, spielte er grinsend auf eine alte Geschichte an. Sie zeigte ihm die Zunge.

„Cheers.“ Die Gläser klirrten leicht, als sie anstießen.

„Slàinte“, erwiderte Lily. „Ich wusste gar nicht, dass du Gin trinkst.“

„Tu ich auch nicht. Sia steht auf das Zeug.“

Lily nickte und plötzlich schmeckte der Gin nicht mehr ganz so gut. Sie tauschte das Handtuch gegen das Shirt, das er ihr zum Schlafen gegeben hatte, nachdem sie alles Mögliche eingepackt hatte, nur keinen Pyjama und folgte Seth dann wieder nach draußen.

Der Mond und viele kleine und große Sterne leuchteten vom Himmel und wurden vom Auf und Ab der Wellen reflektiert. Die Flut hatte am Abend ihren Höhepunkt erreicht und vom Strand war fast nichts mehr zu sehen. Alles war wie immer, als Seth sich in einen der zwei Korbsessel sinken ließ, aber im Grunde war gar nichts wie immer.

Statt den zweiten Sessel zu nehmen, setzte sich Lily direkt auf seinen Schoß und lehnte sich mit dem Rücken an ihn. Er strich ihre Haare über die Schulter nach hinten und küsste sie auf den Hals.

„Nichts gegen deine diversen Bärchenpyjamas, aber das hier steht dir mit Abstand am besten.“ Vor allem weil es ihren Hintern gerade so bedeckte, wenn sie stand. Außerdem war es wohl sowas wie ein Revierverhalten, dass er es so mochte, wenn sie seine Sachen trug. Damit gleich von vorne herein sichtbar wurde, zu wem sie gehörte.

„Sag mal… hast du eigentlich irgendwelche Symptome von Geschlechtskrankheiten?“

Seth meinte einen Moment lang, sich verhört zu haben. „Was?!“

„Naja, du weißt schon, irgendwelche Genitalwarzen oder Jucken oder Brennen oder…“

„Nein! Natürlich nicht! Warum?! Du etwa?!“

„Nein!“ Sie biss sich auf die Lippe. „Ich hab nur seit letztem Sommer eine Kupferspirale. Eigentlich damit meine Periode regelmäßiger wird. Ich dachte nicht daran, dass Verhütung so schnell wieder Thema sein würde… Aber wir könnten ab und zu das Kondom weglassen.“

„Puh. Für einen kurzen Moment hab ich es echt schon überall jucken gespürt.“ Erleichtert ließ der Blonde sich zurückfallen. So ein Gespräch hatte er definitiv auch noch nie geführt. „Ist das Ding sicher? Also, schwangerschaftstechnisch?“

„Laut meinem Gynäkologen mehr als Kondome.“

„Klingt gut.“

„Hast du bisher immer Kondome benutzt?“

„Mhm.“

„Echt? Jedes einzelne Mal?“

„Natürlich. Ich hab weder Lust auf Tripper, HIV oder Genitalwarzen, noch auf Babygeschrei und stinkende Windeln.“

„Sehr gut. Dann kann ich auch endlich mal ein ‚erstes Mal‘ bei dir verzeichnen.“ Sie grinste und Seth lachte leise. Sie war die erste, die er wirklich liebte – war das nicht mehr wert, als alle die anderen großartigen ‚ersten Male‘, die vor allem Frauen so verzeichneten?

„Wie war es tatsächlich?“, fragte sie dann plötzlich und er verstand nicht sofort, worauf sie hinaus wollte. „Dein erster Sex? Mit wem….?“

Ah. Die Gesprächsthemen wurden heute immer interessanter. „Willst du da jetzt ernsthaft darüber reden?“

Sie zuckte sie Schultern. „Du musst nichts erzählen, wenn du nicht willst. Hat mich nur interessiert.“

„Du bist schräg“, stellte er fest und küsste ihre Wange. „Keine Ahnung mehr, wie sie geheißen hat. Eine Karen eben. Es war im Sommer und sie war hier in der Nähe im Urlaub. Wir sind tagsüber meistens bei Hurley rumgehangen und haben gesurfte und sie war mit ihrer Familie hier. Abends hat sie sich dann meist aus ihrem Hotel geschlichen, um mit uns am Lagerfeuer zu sitzen. Sie war ein paar Jahre älter als ich. Irgendwann haben wir angefangen rumzuknutschen und sie hat mich vom Feuer weggezogen.“

„Wie war es?“

Er schnaubte amüsiert. „Kurz. Verdammt kurz.“

„Im Ernst?!“ Sei verrenkte sich fast den Nacken, als sie sich eiligst umdrehte und versuchte, ihren Kopf wie eine Eule herumzudrehen, damit sie ihn besser ansehen konnte.

„Mhm. Nicht mein glorreichster Moment.“ Er zuckte die Achseln. „Aber kommt vor. Zum Glück hab ich sie dann nie wieder gesehen. Was ich aber noch weiß: sie hatte unglaubliche rote Haare.“

Lily lächelte, als sei sich wieder umdrehte und ihre Hand fand wie selbstverständlich sein Haar und sie kraulte seinen Kopf. Einträchtig blickten sie hinaus auf’s Meer, nur ab und zu unterbrochen, wenn jemand einen Schluck trank. Der Abend war lau und wunderbar und Seth wünschte sich, er würde nie enden. Ihr Miteinander war teilweise schon so selbstverständlich geworden, so unkompliziert und er genoss Momente wie diesen.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Die vielen kleinen Gesten und Berührungen zwischen ihnen waren schon so alltäglich. Lily schmunzelte, als sie daran dachte, wie es früher gewesen war. Als sie zum ersten Mal in Seths Zimmer übernachtet hatte.

Als Lily geklopft hatte, war die Tür aufgeschwungen und sie hatte eigentlich erwartete, dass Seth davor stand. Allerdings war der Türrahmen leer gewesen.

"Komm rein." Seth und Garrow waren am Boden zwischen ihren Betten gesessen und waren noch in ein Kartenspiel vertieft gewesen. Die Carrheart war kurz verunsichert gewesen, weil sein Mitbewohner noch da gewesen war, war dann aber eingetreten und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Garrow hatte irgendwie immer so... einschüchtern gewirkt. Aber das hatte Seth im Grund auch getan, nur irgendwie anders. Während Seth arrogant, berechnend und... naja, perfekt wirkte, war Garrow das Gegenteil. Meistens im Skaterlook unterwegs war er dennoch breit gebaut und muskulös und man hatte nie gewusst, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Das einzige, was sicher gewesen war, war seine Loyalität Seth gegenüber. Und manchmal hatte sich Lily gefragt, ob er eigentlich in Sia verknallt war. Aber dann hatte sie den Brünetten wieder mit irgendwem rummachen sehen und sie verwarf ihre Hypothese.

"Kannst du schnapsen?", hatte sich der Brünette an sie gewandt.

Inzwischen hatte Seth seine Karten offen auf den Boden geworfen.

"Gewonnen."

"Arschgeige", hatte Garrow geantwortet.

"Äh, klar." Lily war mit zwei Brüdern groß geworden - natürlich konnte sie schnapsen. Oder pokern. Oder Fußball spielen.

Sie hatte sich neben Seth zu Boden sinken lassen, hatte aber gleich verlegen an ihrem Pyjama herum gezupft. Sie hatte sich zwar extra eine lange Pyjamahose von ihren Eltern schicken lassen, aber ihr Top kam ihr dennoch plötzlich viel zu eng vor neben den beiden.

"Hey." Seth lehnte sich zu ihr und legte eine Hand an ihre Wange, eh er sie küsste.

"Muss ich für die Peepshow hier eigentlich Eintritt zahlen oder bin ich als Freund der Familie eingeladen?", hatte Garrow gefragt, während er Karten ausgeteilt hatte. Lily hatte gespürt, wie sie rot geworden war und hatte sich von Seth lösen wollen, der sie aber festgehalten hatte.

"Ignorier ihn einfach."

"Das heißt, ich kann hier in Ruhe wichsen, während ihr rummacht?"

Lily war noch roter geworden und hatte Schnappatmung bekommen, während Seth seinerseits die Augen überdreht hatte.

"Du meinst, damit du wenigstens was auf die Reihe kriegst, nachdem du schon nicht schnapsen kannst?" Der Blonde hatte sich von ihr gelöst und sein Blatt auf die Hand genommen.

"Ach komm, nur weil du ein Mal Glück gehabt hast?"

Sie hatten das Spiel begonnen - und mit Seths Glückssträhne war es wohl aus gewesen, ebenso wie mit Garrows. Lily hatte die beide ziemlich in die Pfanne gehauen.

"Dein Scheißernst?!" Garrow hatte auf ihre Karten gestarrt, die sie offen auf den Haufen vor sich geworfen hatte.

"Jap. Ihr habt ziemlich versagt."

"Ich hab dich lediglich gewinnen lassen, weil ich ein Gentleman bin", hatte Seth gegrinst.

"Du bist ein schlechter Verlierer", hatte Lily festgestellt, während Garrow gerufen hatte: "Bullshit."

"Okay." Seth hatte entwaffnet die Arme gehoben. "In Wirklichkeit haben wir nur ausgespielt, wer heute oben liegt. Also", er hatte sich an Garrow gewandt, "raus hier. Wir haben zu tun."

Sein Freund hatte das Gesicht verzogen. "Wehe, ich hab morgen irgendwelche Flecken auf meinem Bett." Damit hatte er sich Polster und Decke geschnappt und war durch das Bad ins Nachbarzimmer gewandert. Es gab zwar abends eine Zimmerkontrolle, aber vermutlich war sich das Lehrpersonal durchaus bewusst, dass sie bei einem Haufen pubertärer Teenager gegen Windmühlen kämpften. Lily hatte vorhin Kleidung und Polster unter ihrer Bettdecke gestopft, als würde sis schlafen und hatte sich dann aus dem Zimmer geschlichen.

Seth kam auf die Beine und hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Ganz der Gentleman, der er eigentlich nicht war. Lily griff danach, verunsichert nach diesem Wortwechsel. Was hatte sie nur getan? Sie hätte sich nie darauf einlassen dürfen, heute hier zu schlafen. Bei Merlin, was erwartete er nur von ihr?! Sie kaute auf ihrer Lippe.

Here's the next disaster. Wie immer lief die Musik bei ihm.

"Kannst du damit aufhören?" Seth legte ihr eine Hand unters Kinn und strich mit dem Daumen über ihre Lippe. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie das tat. "Was ist los?"

"Nichts... alles okay..."

Er zog eine Augenbraue hoch. "Wenn du schon lügst, solltest du dabei nicht zu Boden schauen. Oder rot werden. Oder auf deiner Lippe kauen. Ziemlich verräterische Anzeichen."

Sie war natürlich noch roter geworden und hatte aufgehört, auf ihrer Lippe zu kauen, nachdem sie schon wieder damit begonnen hatte.

"Also?" Er hatte sie erwartungsvoll angesehen.

"Ich... also... naja..." Sie holte tief Luft. "Vielleicht sollte ich besser nicht hier sein. Ich sollte wohl besser einfach gehen. Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin und ob ich schon, naja, also du weißt schon. Ob wir schon..."

"Vögeln sollten?", half Seth ihr aus.

Lily verzog das Gesicht ob seiner Ausdrucksweise, nickte aber und sah betreten zu Boden. Sie war im Sprechen immer schneller und leiser geworden und jetzt zupfte sie unbehaglich an ihren Fingern herum. Und biss sich schon wieder auf die Lippe.

Seth legte ihr einen Finger unters Kinn und hob langsam ihren Kopf. Er beugte sich zu ihr herab, so dass sie ihn ansehen musste.

"Das war bloß dumm daher geredet. Ich will, dass du heute bei mir bist, alles anderes ist zweitrangig."

"Du willst keinen Sex?"

"Doch. Aber den wollte ich auch gestern schon. Und die Tage davor. Und ich werd es überleben, wenn wir auch in den nächsten Tagen und Wochen keinen haben werden." Er hatte die Achseln gezuckt. "Ich will morgen neben dir aufwachen. In deiner heißen Bärchenpyjamahose."

"Die hat mir meine Mum ausgesucht!", hatte Lily sich verteidigt, hatte sich eines Lächelns aber nicht erwehren können.

"Das glaub ich dir auf's Wort." Er grinste, eh er wieder ernst wurde. "Ich hab dich gefragt, ob du heute hier schläfst. Nicht, ob du mal eben rüber kommst und dich knallen lässt."

"Kannst du mal bitte deine Wortwahl überdenken? Das ist total abwerten."

"Verzeihung." Er hatte die Augen überdreht und sein Grinsen war wieder da gewesen. "Ob du mal eben für eine geschlechtliche Vereinigung rüber kommst."

Jetzt war es an Lily gewesen, die Augen zu überdrehen. Aber sie hatte sich dennoch zum Bett ziehen lassen. Erst im Nachhinein war ihr dann bewusst geworden, dass er extra für sie eine Hose und ein Shirt zum Schlafen abgelassen hatte. Damit sie sich nicht noch unbehaglicher fühlte.

Tatsächlich hatten sie an diesem Abend noch eine Weile einfach geredet. Über Alltägliches und Tiefgründiges. Und irgendwann waren sie eingeschlafen.

Als sie am nächsten Morgen aufgewacht war, auf der Seite, wie immer, war sie der kleine Löffel gewesen. Im Halbschlaf hatte sie leise Musik von irgendwo her gehört. Er hatte den Arm unter ihrem durchgeschoben und sein Unterarm war vor ihrer Brust gelegen. An ihrem Rücken hatte sie seine Brust gespürt und das Heben und Senken bei jedem seiner Atemzüge. Das Gesicht hatte er in ihrem Haar vergraben. Sie hatte bis dahin noch nie gelöffelt, aber sie hatte immer gehört, dass das für Frauen meist friedliches Kuscheln war, für Männer hingegen ziemlich erregend. Vielleicht war es an ihr gelegen, aber sie für ihren Teil hatte das Ganze auch ziemlich erregend gefunden. An ihrem Hintern hatte sie sein Geschlecht gespürt und sie hatte leicht die Hüfte bewegt. Hatte geschluckt. Und hatte begonnen, auf der Lippe zu kauen und wurde sich seines Körpers an ihrem immer deutlicher bewusst. Ihr war heiß geworden. Aber sie hatte es auch nicht lassen können und nochmal ihren Hintern an ihm gerieben.

Seth hatte sich im Schlaf bewegt und es war eine Lücke zwischen ihnen entstanden. Was ihr gar nicht gepasst hatte. Sie war nachgerückt, wieder ganz dicht an ihn heran. Seth hatte darauf hin seine Hand weggezogen und kurz drauf war die Musik aus gewesen. Scheinbar hatte er Kopfhörer aufgehabt und sie jetzt ausgeschaltet. Erst jetzt war Lily der Gedanke gekommen, dass er vielleicht schon wach sein könnte. Sie wurde knallrot. Noch mehr, als er seine Lippen zu ihrem Ohr brachte.

"Was genau glaubst du eigentlich, hier zu tun?"

Sein Atem hatte über ihre Wange gestrichen und bereits nach Minze gerochen.

"Ich, äh, also ich dachte, du schläfst noch."

"Ach und während ich schlafe, meinst du, dich an mir reiben zu können wie an einer verdammten Wunderlampe?" Sie hatte das Grinsen in seiner Stimme gehört. Er hatte sich kurz auf den Rücken gerollt, um die Kopfhörer in den Nachttisch einzusortieren. Mit einem Wink war die Musik angegangen.

"Minzpastille?" Er hatte ihr eine Packung hin gehalten.

Sie hatte genickt und zugegriffen. "Können wir um diese Uhrzeit vielleicht was leichteres hören?" Metall war ohnehin nicht so ganz ihres gewesen.

Er hatte gewinkt und grinsend gefragt: "Besser?"

Statt einer Antwort hatte Lily nach ihm geschlagen.

"Wie lang bist du schon wach?"

Er hatte die Schultern gezuckt. "Ne Weile."

"Senile Bettflucht?"

"Seit ein paar Jahren. Vielleicht genieß ich es auch einfach, dass morgens alle Vollidioten noch schlafen."

"Ich hoffe, ihr seid angezogen", hatte Garrow dann aus dem Badezimmer gerufen.

"Apropos Idioten". Seth hatte grinsend den Arm um sie gelegt und sie hatte sich an ihn geschmiegt.

"Wobei es mir auch egal ist, falls nicht."

"Das glaub ich auch." Er rollte mit den Augen, gerade als Garrow in Boxershorts herein schneite, die Zahnbürste im Mund und Schaum vor den Lippen. "Das Frühstück ist in zwanzig Minuten aus, falls das relevant für euch ist."

"Was?!" Lily war hoch gefahren. "Ja natürlich ist das relevant. Sonst verhungere ich bis Mittag!"

"Geile Bärchenhose", hatte Garrow gegrinst und Seth hatte zugestimmt.
 

„Du lächelst“, stellte Seth jetzt fest.

„Ja, ich hab gerade an das erste Mal zurück gedacht, als ich bei dir im Zimmer geschlafen hab.“

„Dein Pyjama war traumhaft.“ Er grinste. „Und du warst verklemmt ohne Ende.“

„Bin ich das nicht heute auch noch manchmal?“

„Hmmmm, manchmal.“ Er hauchte ihr noch einen Kuss in den Nacken. „Aber daran können wir arbeiten.“

„Dann sollten wir vielleicht rein gehen?“ Sie legte den Kopf schief und genoss seine Lippen auf ihre Haut und seine Hände, die über ihren Bauch und ihren Oberschenkel krochen.

„Warum? Was spricht gegen den Balkon?“

Sie versteifte sich. „Ist das dein Ernst? Hier kann uns doch jeder sehen. Naja und hören.“

„Wer soll uns sehen? Von unseren Angestellten wird kaum noch jemand um diese Uhrzeit am Strand unterwegs sein. Bei Flut“, hauchte er, während sein Mund höher wanderte und er an ihrem Ohrläppchen knabberte. Ihr Atem beschleunigte sich und sie spürte, wie sie Wachs in seinen Händen wurde. „Und hören… als würde es einen Unterschied machen, ob wir hier draußen sind oder bei offener Balkontüre drinnen.“

„Naja, schon ein bisschen“, versuchte Lily noch schwach, gegenzureden, aber sie wussten beide, dass es zwecklos war. Er küsste sich gerade seinen Weg am Rand ihres Ohres entlang, jenem Punkt, der sie komplett um den Verstand brachte. Seine Hände umfassten inzwischen den Saum ihres Schlafshirts, um es hochzuziehen.

„Warte noch.“ Lily schüttelte seine Hände ab und stand auf. Sie verschwand kurz nach drinnen, um die Tücher zu holen, die sie extra eingepackt hatte. Seth sah ihr mit gerunzelter Stirn entgegen, als sie wieder auf den Balkon trat. Ihr Blick schnellte sie zu seiner Boxershirts und dem, was sich deutlich darunter abzeichnete.

„Heute gehörst du mir. Hände hinter den Kopf“, befahl sie und ein Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Blonden. Seit einiger Zeit kam es immer wieder vor, dass Lily die dominante Rolle übernahm – und es gefiel ihr durchaus. Seth tat wie ihm geheißen und Lily band ihm die Hände wie mit Handschellen zusammen. Er ließ sich tiefer in den Sessel sinken, gerade als Lily das zweite Tuch zur Hand nahm und ihm die Augen verband. Das war neu und einen Augenblick lang spürte sie, wie er sich anspannte. Sie ließ ihm den Moment.

„Soll ich sie wieder abnehmen?“

Er antwortete nicht sofort. „Vielleicht später.“ Seine Muskeln lockerten sich ein wenig. Lily lächelte.

Als sie heute angekommen waren, hatte sie im Lavendel eine große Feder gesehen, die sie jetzt holte, eh sie ihm die Shorts nach unten zog. Dann begann sie langsam, mit der Feder über seine Haut zu streichen. Sie wusste, dass er normalerweise harte Berührungen bevorzugte. Aber heute hatte sie das Kommando.

„Lils“, stöhnte er, als sie mit der Feder über seine Oberschenkel strich – dabei aber alle wirklich interessanten Stellen ausließ. Er bog den Rücken durch und zerrte an den Fesseln. Sie spielte mit ihm. Reizte ihn bis kurz vor dem Höhepunkt und ließ ihn dann wieder ein wenig abkühlen. Bis sie es selbst fast nicht mehr aushielt und sich rittlings auf seinen Schoß setzte, dieses Mal wandte sie ihm das Gesicht zu.
 

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war das Bett leer, aber das war nicht besonders verwunderlich. Wie immer war Seth vor ihr wach und wahrscheinlich beim Sport. Sie vergrub nochmal das Gesicht im Kissen und sog seinen Duft ein. Zitronengras und Zeder. Mittlerweile wusste sie es. Und manchmal Grapefruit und Tannennadel.

Durch die offene Balkontür hörte sie leise Musik. In flames. Natürlich. Damit brauchte sie auch nicht zu fragen, ob Seth schon von seiner Laufrunde zurück war. Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte gleich direkt in ihren Bikini und ein loses Strandkleid.

Die Eingangshalle und das Wohnzimmer lagen verlassen dar, als sie nach unten kam, aber sie rechnete auch nicht damit, Seth im Haus anzutreffen. Er war nicht der Typ dafür, im Haus rumzuhocken. Und tatsächlich stand die Terrassentür offen. Mit einem Grinsen trat sie nach draußen und winkte mit der Hand. Die Musik schaltete um, nur um ihn zu ärgern.

Seth saß an dem vollgedeckten Tisch, sah sie von unten herauf an und wischte sich grinsend einen Krümel aus dem Mundwinkel. „Du spielst gerade mit deinem Leben, ich hoffe, das ist dir bewusst?“

Lily hob die Arme und schwang die Hüfte, als sie zum Tisch tanzte. „Aber: you need to calm down.“

„Nicht bei Taylor Swift, mein Herz.“ Er schwang die Hand und sein Lied sprang wieder an. Grinsend hauchte Lily ihm einen Kuss auf die Lippen, als sie sich setzte.

„Was darf es zum Frühstück sein?“ Neil war unauffällig nach draußen getreten.

„Ähhhh….“ Die Offenheit der Frage überforderte Lily. Was stand denn alles am Plan? Sie schielte zu Seth, der gerade Toast mit Avocado und Spiegelei mampfte. Vor ihm stand eine Schale mit Paprikastreifen, ein Glas Orangensaft und eine Tasse, zweifellos mit Kaffee.

Aber der Blonde kannte ihr Frühstücksgewohnheiten mittlerweile zum Glück gut genug und sprang ein: „Wir haben hausgemachte Marmelade da“, murmelte er mit vollem Mund.

„Das klingt wunderbar!“, wandte sie sich an Neil. „Und kann ich bitte auch ein Glas Orangensaft haben?“

„Natürlich. Dazu Cappuccino?“ Er lächelte.

„Für’s Erste irgendein Kräutertee, bitte.“ Ihr Magen rebellierte vor dem Frühstück gern mal gegen Kaffee.

Der Butler verschwand wieder.

„Gut geschlafen?“

„Wie ein Stein.“

„Ein ziemlich laut schnarchender Stein.“ Seth grinste und Lily lief rot an.

„Tut mir leid.“

„Als wär ich das nicht schon gewöhnt. Du schnarchst immer.“ Er zwinkerte ihr zu und sie wurde noch roter. Langsam starb ihre Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch mal feminine Züge an sich entdecken würde. Zart, ruhig und liebenswert? Fehlanzeige.

Sie sparte sich die Antwort, nachdem gerade eine Bedienstete mit einem Tablet zu ihnen trat und verschiedene Marmeladen, Butter, frischen Toast, den Orangensaft und ihren Tee hinstellte.

„Vielen Dank.“ Sie griff nach den Marmeladen, die alle handbeschriftet waren. „Wow“, staunte sie. „Wer macht bei euch so viele Marmeladen?“

„Elainee, unsere Küchenfee.“ Ach ja, stimmte ja. Sie hatte schon wieder vergessen, dass es hier ja nur so vor Personal wimmelte. „Wobei ich nur erwähnt haben möchte, dass wir bisher die Sommer meistens damit verbracht haben, beim Ernten der Früchte zu helfen.“

„Im Ernst?“ Sie sah ihn mit großen Augen an. Irgendwie hatte sie ihn nie als… naja jemanden erlebt, der körperlich arbeitete. Also, tatsächlich arbeitete, nicht Sport machte.

Er zuckte die Achseln. „Traust du mir nicht zu, Erdbeeren zu erkennen oder wie?“

„Nein, so war das nicht gemeint. Ich hab dich nur nie als Gärtner gesehen.“

„Naja, es war immer eine gute Möglichkeit, in den viel zu langen Sommerferien von meinen Eltern wegzukommen. Ich komm mit dem Personal meist besser klar als mit Sobek und Aphrodite.“

Es war immer wieder seltsam für sie, dass er seine Eltern immer bei ihren Vornamen nannte, vor allem nachdem sie selbst ein so inniges Verhältnis zu ihren hatte und selbst Mat, der bereits Mitte 20 war, sie auch immer noch ‚Mum‘ und ‚Dad‘ nannte.

„Außerdem“, fuhr er fort und knabberte an einem Stück Paprika. „Bin ich gern draußen in der Natur. Das sollte dich nicht überraschen. Sia und ich haben die Erntezeit immer genutzt, um Pläne zu schmieden und über unsere Eltern herzuziehen. Und ich hab einen grünen Daumen. Ich bin wohl nicht umsonst ein Erdmagier geworden.“ Wieder zuckte er die Achseln.

„Wenn du es so erzählst, ergibt es eigentlich ein ziemlich stimmiges Bild.“

„Beim Tee hatte ich übrigens auch meine Finger im Spiel. Und beim Honig.“

Sie lächelte. „Du bist unglaublich vielseitig, weißt du das? Du versteckst es nur immer sehr gut.“
 

Später saß sie am Strand unter einem Baum im Schatten und spielte mit Tibitha TicTacToe im Sand. Die Blaue lag in einer Mulde im Sand und ließ sich die Sonne auf die Schuppen scheinen. Von Fen war keine Spur zu sehen, laut Seth hasste er Sand zwischen den Zehen und setzte keinen Fuß auf den Strand.

“Rechts unten.“

Lily malte mit einem Stock ein kleines X in den Raster und überlegte kurz.

“Verdammt, du hast schon wieder gewonnen.“ Lily warf die Arme in die Luft und Tibitha machte ein glucksendes Geräusch, das wohl amüsiert war.

Seth kam triefend nass auf sie zu, das Surfbrett unter einen Arm geklemmt. Sie waren vorhin schon schnorcheln gewesen und er hatte ihr das Saumriff gezeigt, dass direkt vor ihrer Haustür lag. Sie hatten sogar eine Meeresschildkröte gesehen.

„Die Flut kommt“, informierte sie Seth und schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund, um sich das Wasser aus den Haaren zu schütteln. „Wir sollten langsam den Strand räumen, bevor noch alles davon schwimmt.“

Tatsächlich war Lily schon aufgefallen, dass die Wellen und der Meeresspiegel höher geworden waren. Sie sammelte ihre Habseligkeiten ein und warf die leere Flasche in die Kühlbox. Als sie heute zum Strand aufgebrochen waren, hatte Neil ihnen eine gut gefüllte Kühlbox in die Hand gedrückt. Sie war gefüllt gewesen mit Getränken, Antipasti, Parmesanwürfeln, getrockneten Tomaten und Ciabattabrot für das Mittagessen und frischem Obst.

„Zum Glück verwischt das Wasser bald die Spuren meines Versagens“, sie deutete mit dem Kopf auf ihre TicTacToe-Spiele im Sand und trat zu Tibitha, um ihr nochmal das Kinn zu kraulen. Die Drachendame summte zufrieden.

Dann machten sie sich auf den Weg nach oben.

Nach der Dusche sank die Sonne bereits langsam Richtung Horizont. Seth führte sie den Weg vom Haus wieder zurück Richtung Strand, wo sie bereits Flammen in einer Feuerschale züngeln sah. Der Blonde warf einen Scheit Holz ins Feuer, als sie sich auf zwei Stühle fallen ließen, die neben der Feuerschale standen. Zwei lange, zugespitzte Holzstöcke lehnten an ihren Stühlen und auf einem kleinen Tisch standen unterschiedliche Schüsseln. Seth öffnete ein und beförderte Folienkartoffeln zu Tage, die er in die Glut warf. Außerdem gab es eingeöltes Gemüse, kleine Würstchen, Teig, den sie um ihre Stöckchen wickelten und Seth spießte einige Fische auf Spieße auf, die er dann an die Feuerschale lehnte. Und – natürlich – gab es eine Schale mit Marshmallows für das Dessert, auch wenn Lily sich sicher war, dass die nur für sie eingekauft worden waren. Seth aß garantiert keine Marshmallows. Er öffnete zwei Flaschen alkoholfreien Biers und reichte ihr eine weiter.

„Bei uns gibt es eine Grundregel bei Lagerfeuer: wenn dir was vom Stock fällt, musst du einen Kurzen kippen“, grinste Lilly.

„Jetzt weiß ich auch, warum ihr in den Ferien selbst Schnaps brennt. Bei deinem Geschick braucht ihr vermutlich einiges an Schnaps dann.“ Seht grinste ebenfalls.

„Hey!“ Lily warf eine Folienkartoffel nach ihm. Nicht, dass er Unrecht gehabt hätte.

Seth fing sie kichernd ab und beförderte sie weiter in die Flammen.

Eine Weile war nichts zu hören außer dem Rauschen der Wellen und dem Knistern des Feuers. Bis Lily das Wort ergriff.

„Ich würde mir wünschen, dass du heuer in den Weihnachtsfeiertagen mal zu mir kommst. Und meine Familie kennenlernst.“

Seth hatte gerade ein Würstchen aufspießen wollen, war in seinem Schreck aber zu heftig gewesen und das Würstchen brach entzwei. Scheinbar ging der erste Kurze heute ausnahmsweise mal nicht an Lily.

“Was? Soll das ein Witz sein? Sie hassen mich.“

„Nicht ganz unberechtigt, wie ich finde. Aber es ändert nichts daran, dass wir jetzt wieder zusammen sind und ich will, dass die wichtigsten Menschen in meinem Leben miteinander auskommen.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl nach vorne und legte die Unterarme auf die Oberschenkel. Sein Blick ging in die Flammen und wieder war eine Weile nichts zu hören, außer den Naturgeräuschen.

„Wie könnte ich dir diesen Wunsch abschlagen?“, sagte Seth irgendwann.

Lily lächelte und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Danke.“

Der Blonde lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und verschränkte seine Finger mit ihren.

Veränderungen

„Es tut gut, dich wieder hier zu haben.“ Sie schlugen ein und umarmten sich kurz. Seth und Lily waren gerade aus ihrem Urlaub zurück gekommen und er und Garrow hatten sich für eine Runde auf der Matte verabredet.

„Was hab ich verpasst?“

„Nichts Aufregendes“, entgegnete Garrow und zog sich das Shirt über den Kopf, das er achtlos auf die vorderen Bänke warf, eh sie sich aufzuwärmen begannen. Seine nackte Brust wirkte ungewohnt leer ohne den Anker darauf.

„Sia?“

„Hat ihre Sache gut gemacht. Mehr gibt es nicht zu sagen. Aber sie ist nicht du und es hat Gründe, warum du die Staffelführung hast und nicht sie.“

Der Blonde nickte. Nach dem Aufwärmen schnappten sie sich je ein Kurzschwert und ein Messer und begannen sich zu umkreisen.

Sie waren mitten im Übungskampf, als die Tür sich öffnete. Eigentlich ließ Seth sich davon nur selten ablenken, meiste registrierte er es nicht mal, aber heute meinte er, im Augenwinkel einen blonden Schopf zu sehen. Er kam aus dem Takt und Garrow nutzte den Moment der Unachtsamkeit, um ihm die Beine unter dem Körper wegzufegen und das Schwert an seine Kehle zu halten. Fen fauchte in seinem Kopf. Und Seth verrenkte sich fast den Hals um zu sehen, wer da wirklich gerade herein gekommen war.

„Lasst dich von mir nicht ablenken, Darling.“

Er hatte sich nicht geirrt. Es waren Sias blonde Locken gewesen, die er gesehen hatte. Sein Herz begann zu rasen.

Garrow streckte ihm die Hand hin, um ihn wieder hochzuziehen.

„Ich warte draußen“, murmelte sein bester Freund und klopfte ihm auf den Rücken, eh er sich sein Shirt über den Kopf zog und die Halle verließ. Die Tür schlug unendlich laut hinter ihm zu.

„Sia…“, murmelte er, als er zu ihr trat und er konnte den Schmerz nicht aus seiner Stimme verbannen. Sie lehnte an einer Wand, die Hände vor der Brust verschränkt.

„Ich wollte nur sehen, ob Devons Erzählung tatsächlich stimmt.“ Sie strich mit den Fingern über seine nackte Brust. Dort, wo bis vor kurzem sein Rabentattoo gewesen war. „Wie…?“

„Wenn ich will, finde ich immer einen Weg.“

„Und ab jetzt führt dieser Weg nicht mehr gemeinsam weiter…“, murmelte sie und als sie den Blick hob, lag so viel Trauer darin, dass er sie am liebsten einfach in den Arm genommen hätte. Weil er sich selbst in ihrem Blick so gut wiedererkannte. Aber der Moment dauerte nur kurz an. Es war, als würden Rollläden runter fahren, alle Gefühle dahinter versperren und nach außen blieb nur die kalte, undurchsichtige Maske zurück. Er fragte sich, ob es das war, was Lily bei ihm auch immer wieder sah. „Warum?“

„Vielleicht ist es mir einfach nicht mehr so wichtig, wer regiert. Im Grunde sind es doch alles dieselben Vollpfosten, die keine Ahnung haben und nur Scheiße bauen.“

Wir sind keine Vollpfosten. Wir würden keine Scheiße bauen. Wir würden gut regieren.“

„Du hast Recht. Aber vielleicht will ich ganz einfach nicht mehr regieren.“ Er fuhr sich über den Bart. „Ich meine, komm, du kennst mich. Ich will nicht den ganzen Tag in einem Scheißbüro hocken, mich um den Scheiß anderer Leute kümmern und mich mit Bürokratie herum schlagen müssen. Das ist ein Scheißjob.“

„Ach und was hast du stattdessen vor? Willst du jetzt den Rest deines Lebens surfen, Erdbeeren pflücken und mit deinem kleinen Häschen rumvögeln?“

Er zuckte die Achseln. „Vielleicht gibt es auch noch was dazwischen.“

„Du wirfst dein Leben weg. Unser Leben!“ Sie warf sich die blonde Mähne schwungvoll über die Schulter, als sie sich umdrehte und mit hoch erhobenem Kopf davon stolzierte.

Er sah ihr einen Augenblick lang traurig nach. Dann ließ er auch die Rollläden runter und schob seine Gefühle nach hinten.

"Hey! Rekrut Dune!"

Sie blieb stehen und drehte sich langsam um. Eine Augenbraue schnellte nach oben und sie spitzte sie Lippen, wie immer, wenn sie etwas missbilligte.

"Ich lass dir das nochmal durchgehen mit deinem Urlaubsantrag. Aber für's nächste Mal hast du dich wie alle anderen auch an den Dienstweg zu halten. Hab ich mich klar ausgedrückt?"

Sie zögerte kurz und er sah den Widerwillen in ihren Augen. Es hätte ihn gerade nicht mal gewundert, wenn sie vor ihm auf den Boden gespuckt hätte. Wobei - nein, das war unter ihrer Würde. Aber ihrem Blick nach zu urteilen überlegte sie sich gerade Alternativen dazu.

Seth zog eine Augenbraue hoch. "Hast du mich verstanden?" Seine Stimme war ruhig, aber bedrohlich, als würde Fenrior darin widerhallen.

Sia nahm Haltung an und salutierte. "Jawohl."

Er nickte. "Abtreten."

Die Tür war hinter ihr noch nicht ins Schloss gefallen, als Garrow wieder herein kam.

"Was wollte sie?"

"Devon kann beim Duschen scheinbar den Blick nicht von uns lassen."

"Die Tattoos. Natürlich." Sie strichen sich beide unwillkürlich über die Brust.

Seth winkte mit der Hand und es wurde wieder laut: Bring Me The Horizon – Throne.

„Auf geht’s. Das hier ist kein Kaffeekränzchen.“ Seth ging wieder in Stellung.

So you can throw me to the wolves

Tomorrow I will come back leader of the whole pack

Beat me black and blue

Every wound will shape me

Every scar will build my throne
 

Lily rollte sich nochmal im Bett herum, aber es war bereits leer. Seth war schon beim Sport vermutlich. Genüsslich reckte sie sich und warf einen Blick auf den Wecker. Bis zum Appell hatte sie noch Zeit. Ihr Finger wanderten zur Packung mit den Minzpastillen, eine Angewohnheit, die sie von Seth schon längst übernommen hatte und die schon zur Morgenroutine dazu gehörte. Nur nicht heute, wie es schien: am Nachttisch lag nur noch das leere Papier.

„So ein Mist!“, murmelte die Rothaarige und drehte die Packung über, in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch was raus fiel. Aber Fehlanzeige. Sie war leer.

Bestimmt hatte er noch Nachschub in seiner Nachttischschublade. Ohne groß darüber nachzudenken, zog sie sie auf. Erst im Nachhinein wurde ihr bewusst, dass sie eigentlich gerade ungefragt in seiner Privatsphäre herum schnüffelte. Sie schlug sie wieder zu. Aber was sie gesehen hatte, hatte sie nun mal schon gesehen. Langsam zog sie die Lade wieder auf. Taschentücher. Kondome. Ein Schmuddelheft mit einer Rothaarigen mit riesigen Brüsten am Titelblatt. Aber – was sie wirklich schockierte – ein Buch über Angststörungen. Es war das Therapie Tools aus der Bücherei, das vor nicht allzu langer Zeit auch auf ihrem Nachttisch gelegen hatte. Sie klappte den Deckel auf. Ihr Name war der letzte in der Ausleihliste – natürlich hatte er es geklaut, damit auch ja niemand seinen Namen darin sah. Lily schloss die Schublade wieder.

Die Rothaarige verschränkte die Hände hinter dem Kopf und überlegte, was das bedeuten mochte. Grundsätzlich wertete sie das als gutes Zeichen. Der Tag, an dem Seth fast von seinem eigenen Fluch umgebracht worden wäre, war immer noch nicht ganz verdaut. Sowohl das Geschehene, als auch das Gehörte. Seine Einstellung war ihr immer klar gewesen, aber nicht, wie weit er bereit gewesen war, dafür zu gehen. In Büchern kam an dieser Stelle immer die plötzliche Wende, wo alles gut wurde, aber irgendwie wartete Lily hier immer noch vergebens darauf. Es war nicht so, dass Seth plötzlich offen wäre und ihr alles erzählte. Es gab noch so viele Fragezeichen, so viele Fragen, denen er auswich. Und Lily fiel es schwer, ihm wieder zu vertrauen. Es war das zweite Mal, dass er ihre Liebe missbraucht hatte. Verdammt, er hatte ihr alles verheimlicht!

Und dennoch war sie hier. Schlief neben ihm ein. Fühlte sich bei ihm geborgener als irgendwo sonst. Seit diesem Tag war sichtbar, wie sehr Seth sich Mühe gab. Dass er versuchte, offen zu sein. Dass er ihr mehr von seiner verletzlichen Seite zeigte. Aber alte Gewohnheiten waren nicht plötzlich verschwunden und er hatte die letzten 18 Jahre damit verbracht, manche Teile seiner Persönlichkeit von allen anderen wegzusperren. Er war auf ihre Bitte hin sogar zur Centerpsychotherapeutin gegangen. Sie wusste nicht, ob es bei einem Termin geblieben war oder ob er öfters hinging. Oder was er dort erzählt hatte. Aber sie honorierte es, dass er trotz seiner Ansicht über den „Psychoschrott“ ihr zuliebe hingegangen war.

Sie seufzte. Objektiv betrachtet war sie was Seth betraf wohl der dümmste Mensch, den man sich vorstellen konnte. Objektiv betrachtet sollte jetzt in ihrem Zimmer liegen und keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden, nach allem was passiert war. Was er getan hatte. Aber objektiv war scheiße und subjektiv liebte ihn Lily eben immer noch. Und ihr gemeinsamer Urlaub hatte das Gefühl noch zusätzlich verstärkt. Sie waren gerade erst wieder hier, aber die Erinnerung fühlte sich schon surreal an. Das große Haus, der Butler namens Neil, das Meer und die entspannten Tage. Sie hatten sich vor dem Urlaub vorgenommen, in diesen Tagen nicht über das Geschehene zu reden, sondern stattdessen einfach die Zeit zu genießen. Und das hatten sie.

Seth kam in Uniform herein, die Haarspitzen noch feucht vom Duschen und den Waschbeutel über die Schulter geschlungen.

„Hey.“ Er lächelte, als sich ihre Blicke trafen, aber sie registrierte auch, wie er sich sofort mit der Hand über die Brust fuhr. Ein Zeichen, das normalerweise seine Nervosität verriet.

„Hey.“ Lily erwiderte das Lächeln, als er zum Spind ging. Die Finger seiner linken Hand schlossen und öffneten sich immer wieder. Er war nervös. Aber sie entscheid, nicht darauf einzugehen. Noch nicht jedenfalls.

„Die Minzpastillen sind alle.“

„Ich weiß, ich hab die letzte aufgefuttert. Aber wir haben jetzt ohnehin was Besseres.“ Der Blonde ging zum Schreibtisch und zupfte ein frisches Blatt Minze ab. Er hatte aus ihrem Urlaub drei Blumentöpfe mitgebracht, die jetzt am Schreitisch standen, möglichst nah am Westfenster für ausreichend Sonnenlicht. In einen hatte er Minze getopft, in den zweiten Lavendel und was der dritte war, wusste sie nicht mehr.

„Hier.“ Er setzte sich an den Bettrand und Lily schob sich höher und stützt sich auf die Unterarme. Der belebende Duft stieg ihr in die Nase, als er ihr das Blatt vor die Lippen hielt und sie öffnete brav den Mund – aber mit einem Grinsen zog er es wieder weg.

„Hey!“

„Hol’s dir!“

Die Rothaarige folgte seiner Hand und schnappte immer wieder danach, bis sie schließlich quer über seinen Schoß lag und er endlich so gültig war, die Minze an sie zu verfüttern.

„Idiot“, meinte sie grinsend, während sie kaute und sich wieder aufsetzte.

„Ich liebe dich auch, mein Herz.“

Ihr Blicke trafen sich.

„Was ist los?“

„Was meinst du?“

„Du warst sichtlich nervös, als du reingekommen bist. Hat Garrow was gesagt…?“

Sie hatte gewusst, dass er heute mit seinem besten Freund zum Training verabredete gewesen war. Und dass die Frage, was während ihres Urlaubs hier passiert war, immer wieder durch sein Hirn geflattert war.

Seth stand auf und ging zum Fenster. Seine Finger arbeiteten wieder. Dann zog er sein Klappmesser, ließ es aufschnappen und schloss es wieder, lies es zwischen den Fingern hin und her wandern. Sie sah nur sein Profil: die gerunzelte Stirn und den Blick, den er aus dem Fenster richtete, damit er sie nicht ansehen musste.

„Sia hat kurz vorbei geschaut. Sie wollte sich wohl überzeugen, ob unsere Tattoos tatsächlich weg sind. Und bei der Gelegenheit hab ich sie nochmal an den Dienstweg bei den Urlaubsanträgen erinnert.“

Sein Tonfall war kalt. Distanziert. Als würde er beim Appell einen Lagebericht abgeben, der sich jeglicher Emotion enthielt.

„Ich kann mir vorstellen, dass das ziemlich unangenehm gewesen ist?“

„Doch doch, war wunderbar. Ich hab jeden Augenblick davon genossen.“ Der bissige Sarkasmusschutzschild. Natürlich. Die Rothaarige schwieg und Seth fuhr sich mit der Hand durch den Bart. „Tut mir leid. Das war nicht so gemeint.“ Jetzt wandte er sich wieder zu ihr um, lehnte sich ans Fensterbrett und vergrub die Hände in der Hosentasche. „Es war einfach scheiße. Aber ich hab es satt, mich wie ein getretener Hund zu fühlen. Ich liebe sie mehr als mich selbst und das wird sich wohl auch nie ändern, aber auf dieses Gehabe hab ich keinen Bock. Und jetzt sollten wir langsam zum Appell.“

Lily lächelte und schälte sich aus der Decke. Themenwechsel. Natürlich. Nicht, dass sie noch weiter nachfragte. Aber das war okay. Sie deutete auf den dritten Blumentopf am Schreibtisch, als sie in ihre Uniform schlüpfte.

„Was ist das eigentlich?“

„Zitronenmelisse.“ Er trat vom Fenster weg hin zu dem Strauch und rieb ein Blatt zwischen den Händen. Dann hielt er Lily seine Finger hin, damit sie das Aroma inhalieren konnte. „Ich liebe den Geruch von Zitronen. In unserem Obstgarten haben wir eine Reihe Zitronen- und Orangenbäume und ich häng in den Weihnachtsfeiertagen gern dort rum, einfach um den Duft zu genießen.“

„Deshalb auch dein Parfum. Zitronengras oder Grapefruit.“

„Mhm.“ Er hielt ihr die Tür auf und sie traten in den Flur. „Irgendwie trag ich seit Jahren dieselben Düfte, aber ich hab noch nichts besseres gefunden.“

Lily hatte sich bei ihm untergeharkt und lächelte. „Ich mag den Duft.“´

„Ihr seid schon ziemlich kitschig, ich hoffe, das ist euch bewusst?“ Garrow und Quinn hatten am Treppenabsatz auf sie gewartet und daumengewrestelt. Garrow rang gerade Quinns Daumen nieder.

„Neidisch?“ Seth grinste.

„Natürlich. Ich steh auch drauf, von Frauen beschnuppert zu werden.“

„Nur beschnuppert? Dann probier es mal mit Bohnensuppe – nach diesen Blähungen rümpft garantiert jede in deiner Nähe die Nase.“

Lachend teilte sich die Gruppe auf und sie traten mit ihren jeweiligen Staffeln zum Appell. Noch standen sie dabei in der ersten Reihe. Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis eine neue Reihe vor ihnen stehen würde: ab Herbst würden sie zu den Gefreitern gehören.

Aber erst stand noch der Sommer bevor.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Lily hatte die Hände erhoben und ein konstanter kühler Wind wehte ihr ins Gesicht, auch wenn Tibitha murrte, weil sie der Ansicht war, dass Drachenmagie nicht zum persönlichen Vergnügen da war. Aber wenn Lily in der Hitze schmolz, wäre dem Drachen auch nicht geholfen.

„Dann kann ich mir einfach einen anderen Reiter suchen?“

„Schön zu hören, wie leicht ich zu ersetzen bin.“

„Naja, im Grunde schon… Auch wenn es vermutlich sehr langweilig wäre. Zumindest musste ich mir um meine letzten Reiter immer viel weniger Sorgen machen, dass sie sich selbst über die Füße fielen oder sich sonst irgendwie den Hals brachen.“

„Freut mich, dass ich… äh… ein wenig Action und Aufregung in dein Leben bringen kann.“

Es war Freitagnachmittag und die Schüler waren allesamt schon in den Ferien. Demensprechend ruhig war es auch in der Merlin Akademie. In der Kaserne liefen die Tage ebenfalls ruhiger ab, nachdem eigentlich dauernd irgendjemand Urlaub hatte und auch das Küchenpersonal scheinbar gerade zum Großteil am Strand lag statt hier zu sein. Bei immer mehr Übungen wurden die Staffeln zusammen gelegt oder sie übten jahrgangsübergreifend innerhalb ihrer Staffeln. So wie heute Nachmittag. Es war einer der bisher heißesten Tage dieses Jahres und die Flammen hatten die Einnahme und Sicherung eines Dorfes beübt. Als sie sich am späten Vormittag im Hof gesammelt hatten, waren die Klauen gerade gelandet und ins Wochenende entlassen worden und die Hufe waren schon in Shorts im Garten flaniert.

Lily stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf, in Gedanken bereits bei einer kalten Dusche. Aber ihr Zimmer war anders als erwartet nicht leer. Ein blonder Haarschopf saß an ihrem Schreibtisch. Und es war nicht Seth.

„Wie kommst du hier rein?“

Sia lächelte boshaft. Sie trug Jeansshorts und ein lässiges, weißes Leinenhemd, von dem Lily sich sicher war, dass Seth ein ähnliches hatte. Ihre gebräunten Beine hatte sie auf Lilys Schreitisch gelegt und sie blätterte in dem Buch, das Lily gerade gelesen hatte. Noch nie in ihrem Leben war die Carrheart so froh gewesen, dass sie kein Tagebuch führte.

„Durch die Tür, Herzchen. Deine Schutzzauber sind so schlecht, dass sie scheinbar nicht mal mein Blut von Seths unterscheiden können.“ Natürlich, das machte Sinn. „Oder dein erbärmliches, minderwertiges Blut reicht ganz einfach nicht für solche Zauber aus. Aber du kannst ja meinen Bruder um Hilfe fragen. Solange du die Beine schön breit machst für ihn, ist er dir bestimmt gern behilflich.“

Lily spürte Ärger in sich hochkochen, ließ das Gefühl aber mit ihrem nächsten Atemzug weiterziehen. Sie würde sich von dieser arroganten Kuh nicht provozieren lassen, diesen Gefallen würde sie ihr nicht nochmal tun.

„Und was willst du hier?“ Lily trat zu ihrem Spind, um sich den Waschsack zu holen. Im Kopf rechnete sie schnell ihre Möglichkeiten durch. Sie würde sich nicht auf einen Kampf einlassen, weder mit Drachenmagie noch mit Körpergewalt. Das würde nur Ärger geben. Sie konnte Sia auffordern, zu gehen, aber sie war sich sicher, dass die Blonde das nicht einfach tun würde. Und zugegeben, Lily war auch ein wenig neugierig, warum sie überhaupt hier war. Sie könnte einfach mal abwarten, was sie zu sagen hatte und dann gehen, wenn es ihr reichte. Aber dann lief sie Gefahr, dass Sia auch ihr Zimmer zerlegte, so wie Seths. Sie öffnete den Schrank und fing an, all ihre Wertsachen in den Waschbeutel zu stecken. Sollte es soweit kommen, dass Sia ihr Zimmer verwüstete, hatte sie dann zumindest alle wichtigen Dinge daraus gerettet.

„Ich hole mir nur zurück, was mir gehört.“

Lily erstarrte kurz. Sie wusste, worum es ging: Seth. Dann riss sie sich wieder zusammen und griff sich das Familienfoto, um es in den Beutel zu befördern.

„Hat er dir eigentlich schon erzählt, was es mit diesem Jungen auf sich hatte, der von der Schule geflogen ist? Ich glaube…“ – sie tippte sich nachdenklich an die Lippen, die kirschrot geschminkt waren – „… als wir in der fünften waren? Ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern.“

Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinunter. Michael. Sein Name war Michael gewesen und er war in Lilys Klasse gewesen. Er war wegen Kokainkonsum und -besitz von der Schule geflogen. Eine böse Vorahnung keimte in Lily auf: Sia brachte das bestimmt nicht umsonst auf’s Tablett.

„Ich deute dein Schweigen mal so, dass mein Bruder dir nie erzählt hat, was wirklich passiert ist. Michael war ebenfalls ein reiner Magier und seine Familie bei der Großen Schlacht nicht ganz unbedeutend. Er hat mit unserer Sache sympathisiert, also wollten wir ihn für unseren Plan begeistern. Aber er hat abgelehnt. Dummerweise wusste er aber schon zu viel und so konnten wir ihn nicht einfach auf der Schule lassen. Aber Hurley kann einem zum Glück nicht nur Gras organisieren. Es war ein leichtes, Michael das Zeug dann ins Essen zu mischen und eine Packung in seine Sporttasche zu stecken.“

Lily fiel auf, wie ihr Atem unregelmäßig wurde. Sie war erstarrt, ihre Hände hingen im Schrank. Das konnte nicht sein! Das haben sie nicht tun können! Damit hätten sie Michaels Zukunft ruiniert, ohne Schulabschluss hatte er kaum Chancen in der Berufswelt, während ihm als Magier alle Türen offen gestanden wären. Sie zitterte. Eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf flüsterte, dass es keinen Grund gab, warum Sia diese Geschichte erfinden sollte.

„Ich frage mich, was er heute wohl macht“, fuhr Sia fort, die Lily fixiert hatte und gehässig lächelte. „Ob er in einer von euren Autobahnraststätten Klos putzt und hofft, von den Reisenden ein paar Münzen zu bekommen?“

Lily wurde übel.

“Geh!“, forderte Tibitha. “Sie vergiftet deine Gedanken. Red mit Fenriors Reiter darüber!“

Ihr Drache hatte Recht. Sie musste hier raus. Sie fing wieder an, ihre letzten Wertsachen in den Waschsack zu schaufeln.

„Vielleicht wäre er sonst ja jetzt hier, wenn sie ihn nicht rausgeworfen hätten. Vielleicht hätte er es aber auch gar nicht durch den Parcours geschafft. Ich wundere mich ja immer noch, wie du mit deinen zwei linken Füßen an unseren Fallen vorbei gekommen bist. Hat dich deine Schwuchtel hochgetragen?“

Stimmte ja. Die Fallen. Lily war sich während des Parcours sicher gewesen, dass die Fallen von den Zwillingen stammten, aber sie hatte es schon wieder ganz vergessen. Ihr Freund Neil hatte wegen ihnen aufgegeben. Neil. Der gleich hieß wie der Butler der Zwillinge.

Sie zog den Beutel zu und Sias Lachen klang in ihren Ohren wie Glockenschlag, als sie aus dem Zimmer stürzte.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Am liebsten hätte Seth mit den Augen gerollte, als Devon zu ihnen trat. Stattdessen sah er lächelnd zu ihm hoch.

„Hey. Ich hab jetzt doch irgendwie andere Pläne für den Urlaub.“

„Okay.“ Der Blonde zog ein kleines Notizbuch aus seiner Hosentasche. „Wann?“

Devon wirkte kurz verärgert, fing sich aber schnell wieder. „Äh, also statt diesem Donnerstag nächste Woche, ich glaube, es war der 17….“

„Das ist der Dienstag“, unterbrach ihn Seth.“

„Oh, okay, dann der 19.“

„Da wollte schon Moira Urlaub. Du hast gesagt den 25.“

„Das ist dann aber ein Mittwoch.“

„Dann streiche ich deinen Mittwoch, 25. Juli? Hast du den Antrag dafür schon abgegeben?“

„Nein, hab ich noch nicht. Stattdessen dann bitte Montag und Dienstag, 5. und 6. September.“

„Ist notiert.“

„Gut, danke.“

Als Devon sich trollte, atmete Seth erst einmal tief durch.

„Was war das denn?“, fragte Blay irritiert.

„Ein neues Spiel. Es heißt: ‚Sia ist angepisst, weil Seth sie dienstlich zurecht gewiesen hat – berechtigterweise – also nerven wir ihn jetzt alle mit unseren Urlaubsanträgen‘“, beantwortete Garrow. Sie saßen im Schatten des Ostflügels des Merlin Centers, wo sie der Nachmittagssonne bestmöglich entkamen und spielten im Gras Karten. Blay war bereits zu ihnen gestoßen, Quinn und Lily sollten bald noch folgen. Er wandte sich wieder an Seth: „Geht dir die Scheiße nicht auf den Sack? Ich wäre schon längst aus der Haut gefahren.“

„Es geht mir tierisch auf den Sack“, gestand Seth über den Rand seiner Karten hinweg. „Aber ich werd den Teufel tun und ihnen die Genugtuung gönnen, ihnen meinen Ärger zu zeigen.“

„Warum unternimmst du nichts dagegen?“

„Was denn, du Klugscheißer?“ Seth zog eine Augenbraue hoch und sah Blay an.

„Wie wär es mit Sanktionen? Du bist die Staffelführung?!“

„Und wenn sie sich nicht an die Sanktionen halten? Soll ich zum Leutnant gehen und heulen?“ Als hätte Seth nicht selbst schon darüber nachgedacht.

„Es ist trotzdem scheiße“, motzte Garrow. „Sollte ich im Sommer doch Urlaub wollen, ist keine einzige Woche mehr frei.“

„Seit wann willst du im Sommer Urlaub? Wenn der Strand mit brüllenden Kindern übersäht ist?“

„Hier geht es um‘s Prinzip!“

„Nein, tut es nicht, Zuckerschnute.“

Garrow zeigt ihm de Mittelfinger.

Seth zog das Büchlein aus seiner Hosentasche. „Außerdem wette ich, dass ihnen dank dem hier ohnehin bald langweilig wird.“

Kurz nachdem Seth Sia wegen ihrer Missachtung der Hierarchie zurecht gewiesen hatte, war Moira das erste Mal mit einem Urlaubswunsch gekommen. Zwei Tage im August. Seth hatte sich noch nichts dabei gedacht. Als Devon dann drei Tage im Juli wollte, Sia kurz darauf einen Tag im August, Moira dann ihren Urlaub doch nicht mehr wollte und stattdessen lieber eine Woche im September, war Seth langsam aufgegangen, was das hier werden sollte. Hier ging es nicht um Urlaub. Sondern rein darum, ihn wegen seines Befehls zu ärgern. Er konnte ihre Wünsche aber auch nicht einfach ignorieren, denn ihre Tage hatten sich mittlerweile mehrfach überschnitten und er war sich sicher, dass sie genau dann einen Antrag abgeben würden, um ihn zu blamieren. Aber soweit würde es nicht kommen.

Quinn stieß zu ihnen und Seth sah Richtung Kaserne. Sie hatten die Flammen vorhin landen sehen, aber Lily war scheinbar noch unter der Dusche. Als er den Blick wieder dem aktuellen Geschehen zuwandte, sah er schnell wieder weg: Quinn und Blay knutschten gerade zur Begrüßung. Seth stellte es die Haare im Nacken auf.

„Seid ihr dann fertig?!“, beschwerte sich auch Garrow, der sein Blatt abwarf. „Ich hab gewonnen.“

„Nein.“ Blay warf ebenfalls seine Karten ab und legte Quinn dann eine Hand auf den Oberschenkel. „Zu beidem.“ Er hatte Recht: er schlug Garrow.

In diesem Moment fing Seths Bergkristallkette an, heiß zu werden. Sie flammte kurz auf, kühlte dann wieder ab, flammte wieder auf und kühlte ab: Bad.

„Ihr entschuldigt mich, Lily verlangt nach meiner Anwesenheit.“

„Du bist bloß ein schlechter Verlierer.“

„Eine homophober, schlechter Verlierer“, ergänzte Quinn noch dazu.
 

Das Wasser lief, als er in die Damenumkleide trat. Lilys Duschsack war komplett vollgestopft mit was-auch-immer und ihre Klamotten hingen an einem der Haken. Mairie war ihm auf dem Weg hierher schon entgegen gekommen und auch sonst schien die Umkleide leer zu sein. Der Blonde grinste. Es sah der Rothaarigen nicht unbedingt ähnlich, an öffentlichen Ort Sex zu wollen, aber ihm war es recht.

Vorfreudig trat er in den Durchgang zur Dusche und wollte den Anblick erst auf sich wirken lassen, aber als sich ihre Blicke trafen, waren alle Gedanken wie weggeblasen.

„Was ist los?!“

Der Dampf, der ihm entgegenschlug, war kalt. Lily war kreidebleich, ihre Lippen begannen bereits blau zu werden und sie zitterte. Ihre Augen und ihre Wangen waren dafür gerötet.

„Habt ihr Michael das Kokain untergeschoben.“

„Scheiße, Lils, das Wasser ist eiskalt.“ Ohne darauf zu achten, dass er noch angezogen war, trat er zur Dusche und stellte das Wasser auf lauwarm. Für sein Gefühl war es immer noch viel zu kalt, aber im Kontrast zur vorigen Temperatur war es wohl genau richtig. Langsam drehte er die Temperatur noch weiter hoch, aber Lily griff nach seinem Unterarm und krallte ihm die Nägel in die Haut.

„Habt ihr oder habt ihr nicht? Seth, ich will eine Antwort!“ Ihr Blick schien ihn festzunageln und weckte den Impuls in ihm, abzuhauen. Oder sie anzufauchen, wenn sie ihn nicht sofort losließ. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, wie ein wildes Tier. Aber er wusste, dass weder Flucht noch Kampf die Situation jetzt lösen konnte. Sein Atem ging immer schneller und er spürte, wie die Übelkeit wieder in ihm aufwallte. Aber mittlerweile konnte er benennen, was ihn so umtrieb. Auch wenn er es niemandem – nicht mal Lily gegenüber – zugegeben hätte: es waren Panikattacken. Er hatte Gespräche mit der Centertherapeutin gehabt. Hatte immer noch welche. Las Bücher dazu. Hatte mittlerweile Strategien erarbeitet, um damit umzugehen. Er atmete tief durch. Es gab nur zwei Wege: entweder er kontrollierte den Stress oder der Stress kontrollierte ihn. Er entschied sich für ersteres.

„Ja. Haben wir. Und es gehört zweifellos zu den Dingen in meinem Leben, für die ich mich am meisten schäme.“

Sie ließ ihn los, als hätte sie sich verbrannt. Er sah zu Boden.

„Scheinbar arbeitet er mittlerweile in einer Gärtnerei für Trankzutaten in der Nähe der Hauptstadt. Ich hatte Alpträume von ihm. In der Nacht, als Fen den Fluch aufgelöst hat. Danach hab ich mich bei der Schulsekretärin nach ihm erkundigt, nach seinem Nachnamen und der letzten Wohnadresse. Und in unserem Urlaub hab ich Neil gebeten, mal jemanden hinzuschicken und sich umzuhören. Der Brief von ihm kam diese Woche.“

„Und das macht jetzt alles wieder gut, oder was?!“

„Nein. Ich hab noch keinen Weg gefunden, wie ich das wieder richten kann.“

„Du bist ein selbstsüchtiges Arschloch!“ Sie schubste ihn zur Seite und stolperte hinaus in die Umkleide.

„Lils…“ Er griff nach ihrer Hand, aber sie schlug sie weg.

„Fass mich nicht an!“

Er schluckte. Das lauwarme Wasser durchnässte seine Kleidung. Er wünschte sich eine Zigarette. Und spürte, wie der Stress wieder hochkam. Aber dahinter spürte er noch etwas anders. Was ihm viel mehr Angst machte. Die Therapeutin hatte gesagt, dass das okay war. Dass es nur Gefühle war, die er hatte. Die kamen und auch wieder gingen. Die er zulassen durfte. Seine Augen begannen zu brennen und er blinzelte. Hinter dem Stress war Schmerz. Scham. Ekel vor sich selbst. Angst, Lily zu verlieren. Trauer.

Lily trat nochmal in den Durchgang zur Umkleide, scheinbar hatte sie noch einiges zu sagen. Ihr Gesicht war zornrot angelaufen und sie hatte den Mund schon geöffnet. Schloss ihn jetzt aber wieder, als sie ihm in die Augen sah. Er fragte sich, ob seine Augen genauso rot gerändert waren wie ihre, als er schniefte, sich übers Gesicht wischte und den Blick senkte. Kurz lag ihm eine Ausrede auf den Lippen. Wimper im Auge oder so. Aber es hörte sich allein in seinem Kopf schon bescheuert an.

Sie griff nach dem Wasserhahn und stellte die Dusche ab. Die eintretende Stille war unangenehm und unendlich laut.

„Du bist klatschnass“, stellte Lily fest.

„Wär mir nicht aufgefallen.“

„Hör auf, dich hinter Sarkasmus zu verstecken, wenn du dich unwohl fühlst!“

Sie stolzierte zurück in die Umkleide und nach kurzem Zögern folgte er ihr. Die Rothaarige hielt ihm ein Handtuch entgegen.

„Jedes Mal, wenn ich denke, ich weiß jetzt langsam alle deine dunklen, dreckigen Geheimnisse, taucht wieder ein neues auf. Und jedes Mal fühlt es sich an, als würde es mir den Boden unter den Füßen wegziehen und mir die Luft zum Atmen nehmen.“ Sie schlang die Arme um sich selbst, als würde sie sich zusammenhalten müssen, um nicht auseinander zu fallen.

„Es tut mir leid“, murmelte Seth, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Aber es war zumindest ehrlich. Es gab so vieles, was ihm leid tat. Unbehaglich strich er sich durchs Haar. Den Bart. Über die Brust. Wünschte sich eine Zigarette. Öffnete und schloss die Hand, eh er sein Klappmesser zog und damit herum spielte.

„Das ändert nichts.“

„Ich weiß. Aber manche Dinge kann man weder rückgängig noch ungeschehen oder wieder gut machen. In diesen Fällen weiß ich nicht, was ich sonst tun kann, außer mich zu entschuldigen und mir Gedanken zu machen, wie ich es nie wieder zu so etwas kommen lasse.“

„Wann wolltest du es mir erzählen?“

„Irgendwann. Vermutlich, wenn ich einen Weg gefunden habe, es irgendwie wieder grade zu biegen.“

Eine Weile herrschte Schweigen und er hörte nur das Tropfen der Dusche. Seine Kleidung fühlte sich kalt und klamm an auf der Haut. Was irgendwie zum Gefühl in seinem Inneren passte.

„Du solltest dir was Trockenes anziehen.“

„Ist mir gerade ziemlich scheißegal.“ Er hob den Blick und sah ihr in die Augen. Suchte darin nach Hinweisen. „Was heißt das für uns?“

„Alles. Gar nichts. Ich weiß es nicht. Und es tut gerade unendlich weh. Aber ich sehe, wie du versuchst, es besser zu machen.“ Sie trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Wange. Er schloss die Augen und schmiegte sich dagegen. „Es wäre so viel einfacher, dich nicht zu lieben. Aber das ändert nun mal nichts daran, dass ich es trotzdem tue.“

Als sie ihre Finger wieder wegzog fing er sie ab und hauchte einen Kuss auf ihre Knöchel. Dann zögerte er kurz. Hatte Angst vor einer Zurückweisung. Aber dann sprang er über seinen Schatten und nahm sie in den Arm. Lily erstarrte kurz, schlang dann aber ihre Arme um seine Mitte.

„Das heißt nicht, dass jetzt alles wieder gut ist“, stellte sie fest.

„Ich weiß.“
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Den Rest des Nachmittags hatte Lily in ihrem Zimmer verbracht. Allein. Der Gedanke, jetzt bei ihren Freunden zu sitzen hatte sich irgendwie nicht gut angefühlt. Und Seth hatte sie gerade auch nicht sehen können. Ihre Gedanken waren gerast, von einem zum anderen gesprungen und sie war vom festen Entschluss, sich zu trennen zur Gewissheit gesprungen, den Rest ihres Lebens mit Seth verbringen zu wollen. Und in der nächsten Sekunde war es wieder anders gewesen.

Und immer mehr hatte sie das Gefühl, als würde ihr Kopf gleich explodieren. Oder ihr Herz. Das alles musste raus.

Sie schnappte sich einen Stift und ein Blatt Papier und setzte sich an den Schreibtisch. Dorthin, wo Sia noch vor wenigen Stunden gesessen hatte. Lily wusste nicht, ob die Blonde noch etwas angestellt hatte – es war jedenfalls nichts sichtbar. Alles war so, wie Lily es zurück gelassen hatte und ihr war nicht aufgefallen, dass etwas fehlen würde. Aber sie würde später auf jeden Fall noch einen Aufspürzauber durchführen, falls Sia magisch etwas verändert hatte. Oder ein Päckchen Kokain hier gelassen hatte. Sie schluckte. Vermutlich würde sie in den nächsten Tagen auch bei den Mahlzeiten ständig Sorge haben, dass ihr dieses blonde Übel etwas unters Essen gemischt hatte.

Sie stellte ihren Timer am Wecker auf fünf Minuten und setzte den Stift auf’s Papier. Wie immer kam zu Beginn nicht viel und sie fragte sich, was sie schreiben sollte. Also schrieb sie, dass sie sich fragte, was sie schreiben sollte. Und dass sie das komisch fand, denn eigentlich gab es gerade ja sehr viel zu schreiben. Und die Worte flossen immer schneller auf das Papier.

Ab und an ließ ihre Mutter auch zuhause die Therapeutin raushängen und ab und an war das auch echt gut so. Sigrun hatte ihr schon in der Grundschule beigebracht, dass ungesagte Wort den Kopf füllten wie Styroporkügelchen. Er war dann zwar voll, aber es kam nichts Produktives dabei raus. Man konnte maximal noch darin ertrinken, wenn es immer mehr wurde. Die Worte wollten raus und manchmal war schreiben leichter als sie auszusprechen. Es half besser, die Gedanken zu sortieren. Also hatte Sigrun ihr Stift und Papier und ein paar Minuten Zeit gegeben. Nicht zu lange, damit man sich nicht darin verfing. Anfangs war es komisch gewesen. Und das Papier war lang leer geblieben. Bis Lily angefangen hatte, wirklich alles, was ihr durch den Kopf ging, aufzuschreiben. Jedes ‚öh‘ und jedes ‚äh‘, jeden angefangenen Satz, den sie nicht mehr zu Ende gedacht hatte. Jeden Satzfetzen und jeden Gedankensprung. Und jedes Mal, wenn sie das gemacht hatte, war es am Ende leichter gewesen als zuvor. Und manchmal war danach auch etwas klarer gewesen als zuvor.

Der Timer piepte. Lily nahm Stift und Papier und verstaute beides in ihrer Schublade, dann verließ sie ihr Zimmer.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Die Musik dröhnte so laut, dass er seine eigenen Gedanken fast nicht mehr hörte: Linkin Park – Numb. Er stand vor dem Spind und sah sich in dem kleinen Spiegel in der Spindtür an. Und fragte sich, wer ihm da eigentlich entgegen sah. Es waren dieselben blauen Augen wie die letzten 19 Jahren schon. Und trotzdem war alles anders. Er kannte die Person nicht, die ihm da entgegen sah. Konnte sich aber auch nicht mehr mit der Person identifizieren, die ihn die letzten Jahre daraus angesehen hatte.

I've become so numb, I can't feel you there

Become so tired, so much more aware

I'm becoming this, all I want to do

Is be more like me and be less like you

Am liebsten hätte er den Spiegel zerschlagen. Stattdessen warf er die Tür zu und verließ sein Zimmer.

Bis zum Abendessen war es noch eine halbe Stunde, ausreichend Zeit also. Glaubte er jedenfalls. Er klopfte an Quinns Zimmertür.

"Geht's Lily gut?" Quinn sparte sich gleich die Begrüßung, als er Seth sah und kam zum einzigen Grund, warum er glaubte, dass der Blonde hier sein könnte.

"Ich weiß nichts Gegenteiliges." Seth grinste, als Quinn verwirrt die Stirn kraus zog. "Ich wollte zu dir. Du hast dir deine Piercings teilweise selbst gestochen, oder?"

Der Flamme entfuhr ein kurzes Lachen, als ihm klar wurde, worauf Seth hinaus wollte.

"Gibst du den Look als Schwiegermuttertraum jetzt endgültig auf?" Er hielt Seth die Hand hin, um ihn durch den Schutzzauber seiner Tür zu ziehen. "Hast du einen Stecker oder so da?"

"Hast du keine Sicherheitsnadel in deinem Rucksack?"

„Das klingt ziemlich verzweifelt.“

Aber Seth zuckte nur die Schultern. Sein Blick fiel auf den Gitarrenständer an der Wand, in dem eine dunkelblaue PRS stand.

„Du spielst Gitarre?“

„Nein, die steht nur zur Deko da.“ Quinn wühlte gerade in seinem Rucksack herum, den er aus dem Spind geholte hatte, aber das Augenrollen war seiner Stimme anzuhören gewesen. „Lily hat mal vorgeschlagen, wir sollten eine Band gründen.“

„Mit ihr am Schlagzeug, oder was?“ Sie wussten beide, dass Lily kein Instrument spielte. Und das zum Wohle aller Beteiligten war – die Rothaarige hatte beim Verteilen des Rhythmusgefühls wohl verschlafen.

„Der Triangel. Mit einem einzelnen Einsatz im Lied und den verpennt sie.“

Quinn drehte sich mit einem Grinsen herum und Seth lachte.

„Also – was willst du? Und nur dass du es gleich weißt: ich übernehm keine Garantie für irgendwas.“

„Augenbraue“, sagte er spontan. Eigentlich hatte er nicht genauer darüber nachgedacht, die Idee war erst vor etwas drei Minuten entstanden. Aber bei der Augenbraue konnte man hoffentlich nicht allzu viel falsch machen. Oder zumindest nichts, was man nicht mit einem Trank oder Zauber wieder richten konnte.

„Markier mal den Punkt.“ Quinn warf dem Blonden einen Stift zu, der sich vor den Spiegel im Spind stellte. Öh. Keine Ahnung, wo das Ding konkret hin sollte. Er setzte eine Markierung, aber irgendwie sah das komisch aus. Ein Stück weiter rechts war wohl besser. Nein, das war zu weit. Und ein Stück weiter runter musste es auch. Ach, verflucht. Seth punktete sich die Augenbraue entlang, bis er das Gefühl hatte, dass es halbwegs passte.

„So viele Sicherheitsnadeln hab ich nicht da.“ Quinn zog die Augenbrauen hoch, als Seth sich umdrehte. Mittlerweile lag das Erste Hilfe Paket am Schreibtisch aufgebreitet und der Geruch von Desinfektionsmittel zog durch den Raum.

„Der fette Punkt soll es sein.“

„Welcher von den ungefähr fünfzehn?“

„Na, der hier!“ Seth sah sich nochmal im Spiegel an und machte aus einem der Punkte ein X. Wobei… war es nicht eigentlich doch ein anderer gewesen? Egal.

Er nahm am Schreibtischsessel Platz und Quinn kniete sich vor ihm auf den Boden. Spontan wurde Seth bewusst, wie nahm ihm der Dunkelhaarige gerade kam. Ihm wurde heiß. Verdammt, was tat er hier?! Der Kerl war immerhin schwul! Und viel schlimmer war es, dass er das schon ganz vergessen gehabt hatte. Er hatte bis eben gar nicht mehr daran gedacht.

Quinn hatte seinen Blick wohl richtig gedeutet. „Ich weiß, es liegt jenseits deines Vorstellungshorizontes, aber es gibt tatsächlich Leute, die dir nicht an die Wäsche wollen. Nicht mal im Ansatz.“

„Wie lang weißt das das schon? Also dass du…“

„…homosexuell bist? Auf Kerle stehst? Schwul bist? Die Hintertür bevorzugst? Du kannst sonst dein loses Maul nicht halten, aber hier verschlägt es dir plötzlich die Sprach, oder was?“ Während er sprach, desinfizierte Quinn seine Augenbraue und markierte das richtige X nochmal mit Edding nach. Zumindest sah es professionell aus, wie er es machte. Und wenn er auch nur einen Teil seiner eigenen Piercings selbst gestochen hatte, mangelte es ihm wohl auch nicht an Erfahrung. „Keine Ahnung seit wann. Mädchen haben mich einfach nie interessiert und irgendwann war dann plötzlich ohnehin Blay da und dann war sowieso alles klar.“ Er zuckte die Schultern und reichte Seth die Sicherheitsnadel. „Halt das mal.“

Der Blonde nahm die Nadel und Quinn ließ darunter ein kleines Flämmchen über seinen Fingerkuppen entstehen, mit der er die Nadel nochmal ordentlich desinfizierte.

„Bereit?“ Quinn griff mit Daumen und Zeigefinger nach seiner Augenbraue.

„Kann ich Lily noch holen, damit sie meine Hand hält?“ Seth grinste.

„Nein.“ Und damit stach ihm der Dunkelhaarige die Nadel auch schon durchs Fleisch. Erschrocken keuchte Seth auf. Er hatte noch mit ein wenig mehr… naja, Vorbereitungszeit gerechnet.

„Was denn? Dachtest du, ich hab ewig Zeit? Gleich gib’s Abendessen.“

„Jetzt versteh ich, warum du und Lily euch so gut versteht.“

„Natürlich. Essen ist Leben.“ Quinn sammelte bereits seine Utensilien wieder ein, während sich Seth im Spindspiegel betrachtete. Er hatte sich gerade ernsthafte eine Sicherheitsnadel durch die Augenbraue stechen lassen. Eine verdammte Sicherheitsnadel.

… all I want to do

Is be more like me and be less like you

Jetzt galt es nur noch heraus zu finden, wer dieses ‚Ich‘ war. Er wusste jedenfalls, wer er nicht mehr sein wollte.

Herz aus Gold

Es war anders als davor. Was vermutlich nachvollziehbar war – aber trotzdem weh tat. Lily war distanzierter, als würde sie Angst haben, dass gleich wieder etwas aufploppte, was sie nicht erwartet hatte. Noch ein Rückschlag, den sie nicht verdauen konnte. Vertrauen war ein filigranes Geschöpf und Seth hatte zum – wievielten Mal? – darauf herum getrampelt. Er konnte ihr nicht verübeln, dass eine emotionale Distanz zwischen ihnen herrschte. Eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass sie immer noch zusammen waren. Sie frühstückten gemeinsam, trainierten, sahen sich tagsüber und abends mit den anderen. Und ab und zu schliefen sie auch nebeneinander ein, auch wenn körperlich nichts lief dabei. Was er ihr auch nicht verübeln konnte. Wie könnte sie auch mit jemandem wie ihm Sex haben wollen?

Es gab Momente, in denen er im Selbsthass versank. Was vor allem Fen massiv nervte, nachdem Drachen solche Emotionen wohl auch nicht kannten.

Dann gab es Momente, in denen er stoisch ausharrte, zuversichtlich, dass es bald wieder besser werden würde. Er war dankbar, dass sie ihn nicht abserviert hatte und sah es als gerechte Strafe für alles.

Und dann gab es wieder Momente, wo er am liebsten an ihre Tür gehämmert hätte, um ihr zu sagen, dass sie sich mal ein bisschen beeilen sollte damit.

Laut seiner Therapeutin war das normale. Seth war sich nicht ganz sicher, ob das wirklich so war oder ob sie das nur sagte, um ihn zu beruhigen – denn er fand das ganz und gar nicht normal. Aber sie kannte auch nur einen Bruchteil der Wahrheit: er liebte Lily, seine Schwester kam mit ihr nicht klar und er saß jetzt zwischen den Stühlen. Nachdem sie ohnehin der Verschwiegenheit unterlag hatte er auch nicht das Gefühl, bei ihr nicht rumjammern zu dürfen und ehrlicherweise tat das sogar manchmal echt gut. Auch wenn er hoffte, sie niemals wieder irgendwo beim Essen oder nächste Woche bei der Party zum Semesterbeginn oder sonst wo zu sehen. Er würde vor Scham im Boden versinken.

Obwohl es erst Anfang September war, wurden die Tage bereits kühler. Also nach seinen Maßstäben. Lily jammerte immer noch über die Hitze. Aber sie hatte auch am 24. Juni ihren Weihnachtspulli getragen, aus Prinzip, weil Halbzeit für Weihnachten war. Für einen kurzen Moment hatte er Mitleid gehabt mit ihr. Aber nur kurz. Schließlich hatte sie es sich selbst ausgesucht, an diesem Tag einen Wollpulli zu den Shorts zu tragen. Er hatte ihr zwar angeboten, ihr beim Ausziehen zu helfen, aber sie war lediglich knallrot geworden. Was vielleicht daran gelegen hatte, dass sie gerade in der Bücherei gesessen waren, es für die Schüler gerade Prüfungszeit gewesen war und dementsprechend die rappelvolle Bibliothek seinen Anmachspruch gehört und gelacht hatte.

Die Musik lief bereits – In Flames – Delight And Angers – und Seth joggte locker durch die Halle. Es dauerte nicht lange, bis Lily eintrudelte.

This used to be my own world

But now I've lost control

Please heal me

I can't sleep

Thought I was unbreakable but this is killing me
 

„Hey.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, als sie zur Bank ging, um ihre Wasserflasche abzustellen und sein Herz machte kurz einen freudigen Hüpfer. Heute war also scheinbar wieder ein guter Tag, ein stoischer Tag voller Dankbarkeit für ihre Güte.

Er kürzte seine Runde ab und querte die Halle, bis er vor ihr stand. „Hey.“ Sanft legte er ihr eine Hand auf die Wange, überließ es dabei aber ihr, ob sie ihm einen Kuss schenkte. Sie schenkte ihm einen. Heute war wirklich ein guter Tag.

„Was willst du heute machen?“, fragte Seth, während sie anfingen, sich aufzuwärmen.

„Ich verwechsel bei den Handgelenksbefreiungen immer die Richtung und dreh mich dann ein, statt rauszukommen. Können wir das nochmal machen?“

Seth schmunzelte, während sie nacheinander alle Gelenke durchmobilisierten. „Wenn du mal rechts und links unterscheiden lernen würdest, würde sich das Problem von selbst lösen.“

„Nein, das wäre dann ja viel zu einfach – das ist nämlich die besondere Herausforderung für dich.“ Sie grinste. „Und mir fehlt die Kreativität bei den Hebelketten. Irgendwann steh ich immer an, bevor ich den Gegner zu Boden kriege.“

Er nickte und sie fingen mit lockeren Schlägen und Tritten an.

Sie hatten noch nicht lange trainiert, als die Tür aufschwang. Seth hatte Lily gerade am Revers gepackt und sie versuchte, seinen Griff zu lockern.

„Lasst euch nicht stören. Ich war schon wach und dachte mir, ich seh mir das mal an.“ Garrow schlenderte mit einer Tasse Kaffee die Matten entlang.

„Ich glaub, ich hab mich wohl verhört?!“ Er hielt die Rothaarige immer noch fest, die seine Finger nicht aufbekam und sah zu Garrow. "Einen Scheiß wirst du - entweder machst du mit oder du verziehst dich."

"Ich hab nicht mal Sportklamotten an!"

"Ohhhh, die arme Prinzessin von der Akademimimimi. Los, aufwärmen."

Garrow zeigte ihm den bösen Finger, stellte aber seine Kaffeetasse ab und fing eine langsame Laufrunde an. In Cargo Jeans.

Der Blonde wandte sich wieder Lily zu, die immer noch an seiner Hand herumzerrte und offensichtlich gehofft hatte, die Ablenkung durch Garrow für sich nutzen zu können. „Warum probierst du nicht einfach mal einen Daumenhebel?“

„Oh. Ja, stimmt. Klingt nach einem guten Plan.“ Und sieht da: tatsächlich musste er sie loslassen, nachdem sie seinen Daumen in die Mangel nahm. Sie setzte gerade den nächsten Hebel an – einen Armstrecker – als Quinn und Blay eintrudelten. Wenigstens trugen die beiden Jogginghosen.

"Verdammt was wird das hier eigentlich? Ist das ein öffentliches Training oder was?!" Es war Sonntagmorgen! Hatten die alle Schlafstörungen oder was?

"Mach dir nicht ins Hemd, wir sehen nur zu."

Lily grinste, denn sie kannte die Antwort. Seth drehte die Augen über. "Die nächsten Honks. Los, aufwärmen. Rumsitzen könnt ihr woanders."

„Haha!“, kam es von Garrow, der gerade das untere Ende der Mattenfläche entlang zuckelte und sich diebisch freute, dass er nicht als einziges zu Zwangstraining verdonnert wurde. Und die beiden anderen waren ja nicht mal in ihrer Staffel und dementsprechend Seth nicht unterstellt. Dennoch sahen sie sich kurz an, zuckten dann die Schultern und verfielen ebenfalls in einen langsamen Trab.

„Nächstes Mal sollten wir Mairie auch einladen. Nicht, dass sie sich ausgeschlossen fühlt.“ Lily grinste wieder.

„Ich lade hier gar niemanden ein! Das ist doch kein Wunschkonzert.“

„Was? Wunschkonzert?“ Quinn joggte gerade an ihnen vorbei, während Garrow bereits auf der Matte stand und bei den Mobilisierungsübungen war. „Dann wünsch ich mir für das nächste Mal, dass wir das zu einer vernünftigen Zeit machen. Und nicht am gottverdammten Sonntagmorgen.“

„Sonst noch was, du Pimmel?! Es zwingt dich keiner hier zu sein!“

„Ich find die Idee gut.“ Lily bereute gleich, was sie gesagt hatte, denn er demonstrierte ihr daraufhin, wie leicht man sich aus ihrem Schulterhebel befreien, sie selbst aushebeln, zu Boden bringen und dort fixieren konnte. Sie grinste trotzdem. Weil sie genau wusste, dass er jetzt zwar mürrisch herum motzte, aber dass er es trotzdem tun würde. Auch wenn er es gern leugnete: Fen und er waren sich auf so vielen Eben unheimlich ähnlich.

„Wie wäre es, wenn du dich auf deine Hebel konzentrierst, statt zu plaudern?“

„Mach ich dann“, murmelte sie in die Matte, auf die er sie drückte. „Nächsten Sonntag. Beim Nachmittagstraining.“

„Ich dachte, ihr trainiert hier“, rief Garrow. „Wenn ich was von der Piepshow gewusst hätte, hätt ich Taschentücher mitgenommen.“

„Du kannst gern nochmal in dein Zimmer welche holen. Und klopf am Weg gleich bei Mairie an und frag, ob sie nicht auch gleich noch vorbei kommen will. Nachdem das hier scheinbar ohnehin neuerdings eine öffentliche Veranstaltung ist.“

Er ließ Lily los und sie rieb sich grinsend die Schulter. Wie Fenrior: erst rummotzen und dann doch ein Herz aus Gold offenbaren. Aber sie verkniff sich den Kommentar.
 

Und seine innere Wandlung zeigte sich später auch beim Frühstück: ihr Tisch wurde immer voller. Zu ihrer Stammgruppe aus Rekruten gesellte sich fast immer Blay dazu, der nicht mehr nur Yasmin mitbrachte, sondern zuweilen auch andere Freunde aus seinem Jahrgang und seiner Staffel. Auch Patrick und Mayham schienen sich langsam an Seth und Garrow zu gewöhnen, denn auch sie saßen wieder öfters bei ihnen. Die Schwingen, die im März in der Karaokebar zu ihnen gestoßen (und mit denen sie dann die halbe Nacht gezecht hatten), saßen seither auch immer mal wieder bei ihnen. Und meist war Seth das Zentrum ihrer Tischrunden. Er schien bei jedem zu wissen, wie er mit ihm umgehen musste und hatte an den richtigen Stellen die richtige Prise Humor. Vor allem mit Garrow an seiner Seite lief meistens der Schmäh und trotz ihrer Differenzen passte Quinn mit seinem losen Mundwerk dort auch erstaunlich gut dazu. Und auch wenn Seth ständig darüber maulte, dass es immer voller wurde, war es doch schön zu sehen, wie sich alles entwickelte und wie beliebt er wurde. Klar, auch früher hatten viele Jungs zu ihm aufgesehen und die Mädels waren ihm sowieso nachgelaufen, aber er war immer unnahbar gewesen. Die Zwillinge und ihre engsten Freunde waren unter sich geblieben.

Jetzt war er sowas wie ein Superheld zum Anfassen.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

„Gott, was treiben die denn so lang?!“ Seth drehte die Augen über.

„Vermutlich sind sie seit zehn Minuten auf dem Weg, können aber nicht schneller wegen ihrer Schuhe.“ Alle vier grinsten.

„Hoffentlich nicht – Lily würde sich vermutlich den Hals brechen mit Absätzen“, steuerte Quinn ein.

„Allerdings.“ Seth verzog das Gesicht. Lily schaffte es ja schon, auf ebenem Boden mit flachen Schuhen hinzufallen.

„Bei Merlin, ich hab Hunger“, stöhnte Garrow.

„Endlich!“ Alle Blicken folgen Blays. Tatsächlich: die Mädels waren endlich fertig. Aber zumindest hatte sich der Aufwand gelohnt, denn Lily sah umwerfend aus. Ach so, ja, Marie neben ihr natürlich auch.

„Wir haben den Sekt noch geleert – wäre ja schade gewesen, ihn einfach stehen zu lassen.“ Mairie grinste und Garrow blieb der Mund offen stehen.

„Ihr habt uns hier warten lassen, während ihr schon mal die erste Runde gebechert habt?!“

„Und warum waren wir nicht eingeladen?!“ Blay stemmte die Hände in die Hüfte.

„Sorry, die Schminkparty war eine Privatveranstaltung.“

Während die vier vor sich hin plänkelten, war Seths Aufmerksamkeit voll und ganz auf Lily konzentriert, die unter seinem intensiven Blick rot wurde. Und auf ihre Lippe biss. Und das schnell wieder sein ließ – Marie hatte ihr mehrfach eingebläut, dass das mit Lippenstift in einer Katastrophe enden würde.

„Ich hoffe, ich brech mir heute nicht die Beine mit solchen Schuhen“, witzelte die Rothaarige und griff damit ohne es zu wissen, ihr Thema von vorhin auf.

Aber Seth ging ohnehin nicht darauf ein. „Du siehst absolut atemberaubend aus.“

Sie trug ein hoch geschlossenes Kleid, das eng anlag und ihr bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Die Ärmel waren aus Spitze und am Hals war ein kleines Schleifchen, darunter ein tropfenförmiger Ausschnitt, der einen Blick auf ein Stück blasse Haut und den Ansatz ihrer Brust frei gab. Und was am wichtigsten war:

"Ich liebe diese Farbe an dir." Ein sattes, dunkles Waldgrün. Es erinnerte ihn an Blätter, Wälder und Moos und wenn er weiter assoziierte an blauen Himmel, Wind in den Haaren, frische Luft und Freiheit. Und es passte unglaublich zu ihren hellgrünen Augen und den roten Haaren, die sie seitlich zu einem Knoten gesteckt hatte.

"Ich weiß."

„Könnt ihr eure Hinter mal bewegen? Ich hab immer noch Hunger!“

„Du wirst aber vermutlich nicht schneller war zu essen bekommen, wenn wir uns schneller bewegen – das Buffet wird zweifellos erst eröffnet, wenn das Blabla der Ehrengäste erledigt ist.“

„Zu dem wir übrigens spät dran sind. Ich meine, mir ist es ja wurscht, ich bin nur ein unbedeutender Soldat, der Befehle ausführt“, stichelte Quinn. „Aber ich weiß nicht, ob es einen so guten Eindruck macht, wenn die Hälfte der Staffelführer unseres Jahrgangs mitten in die Rede von Minervus reinplatzt.“

“Er hat Recht!“, pflichtete Fenrior ihm beim.

Und scheinbar auch Lilys Blaue, denn die Rothaarige drehte die Augen über, als sie sagte: „Jaja, verschwört euch ruhig gegen mich. Wenn ich mir die Beine breche, weil ihr mich hetzt, seid ihr Schuld! Wollte ich nur mal gesagt haben.“

„Eigentlich nicht“, erläuterte Blay. „Schließlich war es deine Entscheidung, solche Schuhe anzuziehen.“

„Keiner mag Klugscheißer“, warf Seth ein.

„Ich schon!“ Quinn grinste, während Garrow zu Seth sagte: „Ist ja klar, dass ihr zwei zusammen haltet. Ihr seid ekelig kitschig.“

„Und du nur neidisch.“ Seth grinste und verschränkte seine Finger mit Lilys.

Und die Eile war ohnehin umsonst gewesen, denn sie kamen noch locker pünktlich. Wie schon letztes Jahr bei der Party zu Semesterbeginn – und eigentlich auch bei der Neujahrsfeier – waren unzählige runde Tische im Raum verteilt für die jeweiligen Staffeln. Seth musste nicht lange nach ihrem suchen: der Rest ihrer Staffel war bereits anwesend und durch Sias blonden Schopf gut auszumachen.

„Wir sehen uns später.“ Ausnahmsweise musste Lily sich mal nicht auf Zehenspitzen stellen, um seine Lippen zu erreichen. Er legte ihr die Hände auf die Hüfte, während Quinn und Garrow synchron Kotzgeräusche machten.

Dann lösten sie sich von einander und nahmen ihre Plätze ein.
 

Das neue Jahr für die Wehrdienstleistenden hatte begonnen und Seth und sein Jahrgang waren seit heute offiziell Gefreiter. Naja, oder würden es in wenigen Minuten offiziell sein, wenn sie ihre neuen Schulterschleifen überreicht bekommen würden. Die Staffelführenden der neuen Rekruten würden erst Mitte Oktober ernannt werden, während alle anderen heute schon befördert werden würden.

Und zum ersten Mal hatte Seth auch das Vergnügen gehabt, sich den Parcours vorab ansehen zu dürfen und so war er am Morgen mit Fen darüber geflogen. Davor war es den Anwärtern strengstens untersagt, sich vorher mit dem Parcours zu beschäftigen und der genaue Aufbau wurde von der Führungsebene auch gehütet wie der Heilige Gral. Wobei manche Dinge natürlich klar waren, nachdem der Parcours jedes Jahr an derselben Stelle war. Die Kletterpartie durch den Wasserfall war fast jedes Jahr ein Fixpunkt, ebenso wie der Felskamin am Ende. Die Geheimhaltung diente der noch besseren Selektion, denn so war es kaum möglich, sich richtig darauf vorzubereiten. So waren die Hindernisse über den Fluss, die sie letztes Jahr gehabt hatten, heuer gar nicht dabei gewesen, dafür war deutlich mehr zwischen den Baumwipfeln passiert. Und heuer waren auch deutlich weniger weiße Fahnen aufgestiegen, die Staffeln würden wieder größer sein. Seth hatte ein Anflug von schlechtem Gewissen gepackt. Sia, Garrow und er hatten letztes Jahr mit ihren Fallen dafür gesorgt, dass möglichst wenig Konkurrenz ins Ziel kam, um ihre eigenen Chancen auf einen Drachen zu erhöhen. Er hatte versucht, sich selbst zu beruhigen, in dem er sich eingeredet hatte, dass ihr Jahrgang jetzt zwar der zahlenmäßig kleinste, aber dafür definitiv der verlesenste, stärkste war.

Außerdem war es wohl Strafe genug, dass er Mitschuld daran war, dass jetzt nur fünf Leute an ihrem Tisch saßen. Vielleicht wäre die Stimmung ein kleines bisschen weniger ungemütlich gewesen, wenn noch mehr Leute an ihrem Tisch gesessen wären.

So war es einfach nur unangenehm und Seth und Garrow entflohen der gedrückten Stimmung an ihren Tisch ehestmöglich, sobald das Buffet eröffnet wurde.

"Was soll das sein?", fragte ein frisch gebackener Rekrut vor ihm gerade und deutete auf Papierförmchen, die mit etwas Fleischigem, Rosarotem mit Sauce gefüllt waren. Wenn Seth es richtig im Kopf hatte, waren die beiden der Klauen-Staffel zugeordnet und der eine gehört zu einem kleinen Schwarzen und der andere zu einem Blauen. Er schielte auf ihre Schulterschleifen. Jap. Blau. Sie waren als in seiner Staffel.

"Ich hab keine Ahnung", gab sein Begleiter zurück. "Ich nehm lieber sowas, sieht nach Hühnchen aus. Da kann man nicht viel falsch machen."

"Doch, wenn das Hühnchen gefüllte Calamari sind", warf Seth von hinten ein.

Der Rekrut sah ihn schockiert an, sah dann sein ‚Hühnchen‘ an und legte es wieder zurück.

„Ihr steht hier allgemein in der Meeresfrüchteabteilung“, ließ Garrow sie wissen, während er selbst und Seth sich den Teller vollschaufelten. Die beiden Rekruten hatten bereits einige Häppchen am Teller liegen

„Gut, dann bleiben wir wohl mal lieber bei dem hier.“ Einer der beiden hielt seinen Teller hoch.

„Willkommen bei den Klauen übrigens. Ich bin Seth. Und das ist Garrow. Gefreiter bei den Klauen.“ Das Wort klang immer noch seltsam auf der Zunge, wenn er es nutzte, um sich selbst zu beschreiben.

„Danke! Das ist Ben und ich bin Conan. Und allergisch auf Meeresfrüchte. Also danke für die Rettung.“

„Und im Weg bist du übrigens auch“, ließ Garrow ihn wissen, charmant wie immer. „Wir blockieren hier das Buffet. Wie wäre es mit einem Stehtisch? Dann müssten wir auch nicht im Trockenen sitzen.“

„Klingt nach einem Plan.“ Sie suchten sich einen freien Tisch.

„Am Anfang ist alles noch ein bisschen komisch. Keine Sorge, da geht es uns wohl allen gleich“, sagte Seth zwischen zwei Bissen. Das Roserne in Sauce im Muffinförmchen waren übrigens Jakobsmuscheln mit Maracuja. „Rührt euch einfach, wenn ihr was braucht.“

Apropos brauchen: ein Kellner schneite an ihrem Tisch vorbei.

„Kann ich was zu trinken bringen?“

„Den Riesling, bitte.“

„Ach, die Pussy will nobel mit Wein starten?“, witzelte Garrow von der Seite.

„Natürlich. Bier passt nicht zu Meeresfrüchten!“

„Da muss ich ihm recht geben“, warf auch der Kellner ein. Garrow drehte grinsend die Augen über.

„Na meinetwegen, dann eben der Riesling.“

Die beiden Rekruten schlossen sich dem an, auch wenn sie keinen Fisch am Teller hatten und sie wandten sich wieder ihrem Gespräch zu.

„Falls ihr Seth sucht“, ließ Garrow sie wissen, „sucht einfach den fetten, roten Drachen.“

“Sag das nochmal und ich beiß dir den Kopf ab!“, grollte Fen und nachdem die beiden Rekruten erschrocken zusammen zuckten, war Seth sich sicher, dass er sie das auch gleich hatte wissen lassen.

„Ach komm, damit war doch nicht dick gemeint – eher einfach gigantisch.“ Garrow schlürfte unbeeindruckt eine Jakobsmuschel aus dem Muffinförmchen und Fenrior grunzte.

„Das habt ihr gerade auch gehört, oder? Ich dachte, nur der eigene Drache kann mit mir reden?“

“Nein“, gab ein vierstimmiger Drachenchor, bestehende aus Fen, Rhin und den Drachen der beiden Rekruten, in ihren Köpfen zurück.

„Nöp. Bei der Auswahl können sie doch auch mit allen reden“, klärte der Blonde auf. „Sie tendieren nur dazu, sich dann am liebsten mit ihren eigenen Reitern zu unterhalten.“

“Ich weiß nicht, ob ich ‚am liebsten‘ sagen würde“, grollte Fen, diese Mal aber scheinbar nur in Seths Kopf. Der Blonde verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.

„Und sie tendieren auch dazu, sich eben manchmal ungefragt in Gespräche einzubauen.“ Garrow grinste und scheinbar sagte Rhin etwas zu ihm, denn er fing dann zu lachen an.

„Es ist schon ein bisschen seltsam.“ Der Rekrut, der als Ben vorgestellt worden war, starrte Garrow an.

„Man gewöhnt sich irgendwann daran, nicht mehr allein im eigenen Kopf zu sein.“ Seth zuckte die Achseln.

„Ist man dann wirklich… naja, nie alleine? Also so richtig nienie?“

Sie wussten, worauf Conan hinaus wollte. „Nein. Verabschied dich lieber von deiner Privatsphäre. Nie wieder alleine kacken oder Sex haben.“

Die beiden sahen so aus, als würden sie die Entscheidung, Reiter zu werden, gerade ein bisschen bereuen. Seth und Garrow grinsten und nahmen sich noch einen Moment, um den Schock in den Gesichtern ihrer Gegenüber zu genießen.

„Klingt schlimmer als es ist, keine Sorge“, fasste Seth sich dann ein Herz. „Sie sind immer da, das Band ist auch auf Distanz spürbar. Aber sie sind nicht immer richtig präsent. Manchmal sind sie einfach weit hinten im Hinterkopf spürbar, aber nicht mehr. Und sie sind im Normalfall genauso wenig an eurem Sexualverhalten interessiert, wie ihr an ihrem. Vertraut mir.“ Seth verzog das Gesicht. „Fen rammelt auch gerade wieder.“

Garrow sah unter den Tisch auf Seths Hose. „Macht dich das eigentlich auch scharf?“

„Eher nicht. Das ist nicht im Ansatz spaßig oder erregend. Das ist nackter Instinkt. Und es dauert immer ewig.“

Garrow machte ein mitleidiges Gesicht.

„Kriegst du das von einem Drachen nicht mit?“, fragte Ben ihn.

„Rhin ist in ihrer Rangfolge nicht weit genug oben, um sich zu paaren.“ Er schwieg kurz und seine Augen nahmen einen abwesenden Ausdruck an. Dann grinste er. „Ach komm, Süße, ich erklär es ja nur. Und ich liebe dich trotzdem und würde keinen anderen Drachen lieber haben wollen als dich.“ Er schwieg wieder kurz und wandte sich dann wieder den Anwesenden am Tisch zu. „Sowas hören sie natürlich gar nicht gerne. Jedenfalls paaren sich nur die Ranghöchsten ihrer Rasse.“

In diesem Moment trat Lily zu ihnen an den Tisch. Am Teller jede Menge gefüllte Calamari.

„Hi. Ähm, also ich dachte, das wäre Hähnchen…“

„Noch so eine Pflaume.“ Garrow rollte grinsend mit den Augen und Seth lachte leise.

„Und dann hast du reingebissen und festgestellt, dass es doch keines ist?“

„So in etwa. Mairie hat mir verboten, es in die Serviette zu spucken.“

„Beim Medusenhaupt, wer hat dir denn eigentlich Manieren gebracht? Gib schon her, bevor du noch auf die Idee kommst, die Dinger unter den Tisch zu werfen.“

„Oder vom Balkon“, warf Garrow ein.

„Danke.“ Sie grinste und lud die Calamari auf Seths Teller um, eh sie sich wieder Richtung Buffet verzog. Und dieses Mal einen großen Bogen um die Meeresfrüchte machte.

„Banausin“, stellte Garrow fest und Seth wandte sich wieder ihrem Tisch zu, während Garrow sich einen der frisch gelieferten Calamari von Seths Teller schnappt, da sein eigener schon leer war. Und Seth bemerkte die verwunderten Blicke, die sich Ben und Conan zuwarfen. Nachdem es nur eine Rothaarige in ihrem Jahrgang gab, war wohl klar, wer das eben gewesen war. Und nachdem es nur einen Seth in ihrem Jahrgang gab, war wohl auch klar, was zwischen den beiden schon mal gelaufen war. Und wie es geendet hatte. Nachdem die Rekruten nur ein Jahr unter ihnen waren, waren sie wohl nicht umhin gekommen, die Sache zwischen Lily und Seth mitzubekommen.

"Ja, wir sind wieder zusammen“, sagte er daher. „Ich hab mich wie ein ziemlicher Idiot benommen, mich entschuldigt und noch eine Chance bekommen."

Dieses Mal war es an Garrow, verwundert zu schauen. Solche offenherzigen, ehrlichen Kommentare kamen in der Öffentlichkeit nur selten von Seth. Eigentlich nicht nur in der Öffentlichkeit.

Die beiden nickten und Ben griff den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf: „Wie lange dauert es eigentlich, bis sich die eigene Elementenkraft entfaltet?“

„Ahhhh, also gleich zu den wirklich wichtigen Fragen.“ Garrow grinste.

„Ungeduldig?“, fragte Seth, als ihre Gläser gebracht wurden.

“Da fällt mir noch jemand ein, der es letztes Jahr mehr als eilig gehabt hatte“, erinnerte Fenrior und der Blonde grinste bei der Erinnerung. Wie stolz er gewesen war, dass er eine bescheuerte Klofliese hatte springen lassen.

“Konzentrier dich lieber auf die Produktion von Nachwuchs, mein Bester.“ Fen grummelte lediglich als Antwort.

„Unterschiedlich“, sagte Garrow schließlich, nachdem er an seinem Glas genippt hatte. „Eine Woche. Zwei. Ein Monat. Aber ihr werdet hier auch sonst noch genug zu tun haben, auch ohne das Magietraining.“

„Mit welchen Waffen seid ihr gut?“, fragte Seth und das Gespräch plätscherte noch eine Weile dahin, drehte sich ums Training, um den Wehrdienst und die vielen kleinen und großen Veränderungen, die im Leben passierten, wenn man ein Drachenreiter wurde. Und sie bestellten noch eine Runde Getränke. Und noch eine.
 

Luft. Er brauchte dringend frische Luft. Zumindest glaubte er, dass das helfen würde. Bisher hatte er noch nicht besonders viel Erfahrung gesammelt mit übermäßigem Alkoholkonsum. Wobei 'übermäßig' Ansichtssache war. Nach dem Glas Wein waren es Unmengen Soda und drei Bier gewesen. Und eine Runde Tequila. Garrow immer mit seinem bescheuerten Tequila. Für den Rest seiner Tischnachbarn war die Dosis vermutlich nicht mal erwähnenswert. Für Seth mehr als die letzten Monate zusammen. Und er hatte tatsächlich schon das Gefühl, sich leicht schummrig zu fühlen. Vor allem nachdem er von Ben eine - wie er sagte - essentielle Regel gelernt hatte: Bier auf Wein, das lasse sein - Wein auf Bier, das rat ich dir. Keine Ahnung, ob da was dran war, aber falls ja, hatte er schon ganz falsch gestartet. Vielleicht war er auch einfach nur unglaublich unentspannt nach vier Drinks und steigerte sich wo rein.

So oder so, Frischluft würde nicht schaden. Also trat er hinaus auf den Balkon und inhalierte die Abendluft. Wobei von 'frisch' nur bedingt die Rede sein konnte, nachdem es hier von Rauchern wimmelt. Sein Suchthirn sprang an und er kämpfte gegen den Drang an, sich irgendwo eine Zigarette zu schnorren, denn er wusste, dass es dann sicher nicht bei einer bleiben würde. Aber mittlerweile wusste er auch, dass der Suchtdruck – wie jedes andere Gefühl auch – nicht unendlich stark werden konnte und auch nicht unendlich lang bleiben würde. Es war wie eine Welle. Sie kam, stieg an, aber irgendwann würde sie brechen und wieder vergehen. Und bis dahin würde Seth sie surfen, statt sich von ihr mitreißen zu lassen. Hatte er in einem illegal aus der Bücherei gemopsten Buch gelesen und in der Praxis bereits als tauglich befunden. Auch wenn es deutlich einfacher war, sich von Gefühlen abzulenken oder sie wegzuschieben, als sie zu akzeptieren und auszuhalten.

„Da bist du ja.“ Lily trat neben ihn und legte die Hände auf die Balustrade.

„Hast du mich vermisst?“ Mit einem Schmunzeln drehte er sich zu ihr hin und lehnte die Hüfte ans Geländer, steckte die Hände in die Hosentaschen und überkreuzte die Köchel.

„Jede Sekunde in der du nicht bei mir bist.“ Sie grinste, biss sich dann aber auf die Lippe.

„Sehr kitschig – aber eigentlich willst du was anderes sagen.“

Sie kaute weiter auf ihrer Lippe. Und das war erregender, als alles, was Fen je in seinem Kopf tun könnte. „Hör auf damit, bevor ich hier Dinge tue, die uns einen Riesenärger einbrocken würden.“

Sie hörte tatsächlich auf. Und sah ihn mit einem Blick an, der es nicht besser machte. Ganz im Gegenteil. „Zum Beispiel?“

„Dich hier übers Geländer legen und dich mit Blick auf den Sternenhimmel von hinten nehmen. Aber ich glaube, jetzt bist du es zur Abwechslung mal, die vom Thema ablenkt.“

„Oh.“ Der Ausdruck ihrer Augen änderte sich wieder schlagartig und sie sah verlegen zur Seite. Seth grinste schief. „Ich… ehrlicherweise hab ich mich gefragt, ob du gerade rückfällig wirst, als du raus bist.“

„Ehrlicherweise war ich kurz versucht. Aber ich komm klar.“

„Das ist gut.“ Sie sah ihn wieder an und schenkte ihm ein Lächeln, eh sie den Blick wieder nach vorne richtete. Der Lichtschein der Fenster vertrieb ein Stück der Dunkelheit im Hof und der Springbrunnen selbst war auch beleuchtet. Doch dahinter spendete nur noch der Vollmond ein wenig Licht. Die Bäume des Obstgartens waren noch schwach auszumachen und dahinter die Ausläufer des Waldes. Danach herrschte Schwärze, dort, wo die Berge und damit die Freiflugzone begannen. Die dunkle Masse erhob sich in den Himmel, bis über ihren Gipfeln die Sterne sichtbar wurden.

„Sind das eigentlich die gleichen Sternbilder wie bei dir zuhause?“

Seth trat hinter sie und legte die Hände links und rechts von ihren auf die Balustrade. Er liebte es, bei sich zuhause im Gras zu liegen und den Himmel zu beobachten. Die Figuren in den Weiten zu suchen und sich an die Geschichten zu erinnern, die ihre Ahnen dazu gewoben hatten. Geschichten, die schon seit Jahrtausenden gleich waren. Die es schon vor dem Drachenkrieg gegeben hatte und vor der Großen Schlacht und die es auch lange nach dem nächsten Krieg noch geben würde. Lange nachdem Seth schon nicht mehr auf dieser Welt war. Es war ähnlich wie mit dem Meer: wenn er die Sterne betrachtete wurde ihm bewusst, wie klein und unwichtig er eigentlich war. Und es war unendlich befreiend, als würde eine Last von seinen Schultern fallen. Ihm wurde dann immer bewusst, dass er bei weitem nicht so wichtig war, wie er sich immer nahm. Die Sterne waren da, egal was er gerade trieb. Also konnte er sich auch einfach mal zurücklehnen, sich entspannen und den Abend genießen. Die Welt würde sich weiter drehen und die Sterne würden morgen auch wieder da sein.

„Teilweise. Aber oft verdreht. Und an einer anderen Stelle. Nur eines ist immer gleich.“ Er deutete mit dem Arm nach vorne und Lily folgte seinem Blick. Runzelte die Stirn, auf der Suche nach dem, was er ihr in dem Meer aus Sternen rund um den Vollmond zeigen wollte. „Der große, ganz helle. Nennt sich Mond.“

Sie schnaubte und stieß ihm locker den Ellenbogen in den Bauch. „Du bist ein ziemlicher Idiot.“

„Aber zumindest ein fürsorglicher.“ Er trat einen Schritt zurück, nachdem ihm ihre Gänsehaut aufgefallen war und reichte ihr seinen Arm. „Du frierst. Lass uns wieder rein gehen.“

Als sie an den Tisch der Flammen traten und er ihr einen Stuhl herauszog, deutete Garrow gerade auf ein Mädchen, das aussah wie eine Bulldogge. Ben und Conan hatten sich in der Zwischenzeit auch wieder zur Garrow gesellt und wie so oft in letzter Zeit war es kuschelig eng an ihrem Tisch.

„Das ist übrigen Batilda Hubbs.“ Er machte eine auffordernde Geste in Mayhams Richtung. „Lass die Kohle rüberwachsen.“

Mayham stöhnte und kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Nachdem die Merlin Akademie nicht besonders groß war – meistens drei Klassen pro Jahrgang – kannte man sich auch jahrgangsübergreifend halbwegs. Daher wurden zur Auswahl meisten Wetten abgeschlossen, wer sich dem Parcours stellen, wer es schaffen und wer in welche Staffel kommen würde. Und vor allem die Gefreiter, die ja nur ein Jahr von den neuen Rekruten trennte, zelebrierten dieses Ritual ganz besonders.

„Apropos: Marth Rosewood rennt hier auch rum und ist in der Hufstaffel“, sagte Seth, als er sich selbst setzt. Er wiederholte Garrows auffordernde Geste in dessen Richtung. „Ich würde mal sagen, ich hab also doppelt gewonnen.“

Garrow brummte und schob das Geld von Mayham gleich weiter und holte aus seiner Hosentasche noch ein paar mehr Münzen. „Wunderbar. Du hast das Kleingeld ja nötig. Könnt ihr nicht einfach wieder raus gehen?“

„Nein, meine Strümpfe sind an den Knien jetzt schon fast durchgescheuert.“ Einen Augenblick lang starrte der ganze Tisch Lily an, die für vieles bekannt war, aber definitiv nicht für verdorbene Witze. Vor allem nicht auf eigene Kosten – da wurde sie maximal rot bis in die Fingerspitzen. Dann brach Gelächert aus.

„Du solltest viel öfters Schnaps trinken. Dann wirst du ja sogar mal locker“, zog Garrow sie auf und schien gleich dazu beitragen zu wollen, dass sie tat, was er wollte: er winkte einer Kellnerin, die gerade in der Nähe war.

„Was darf ich euch bringen?“

„Auf gar keinen Fall Tequila!“, sagte Seth sofort und Garrow grinste. „Welchen Whisky habt ihr da?“

Sie zählte ein paar auf, bis einer davon Seths Zustimmung fand.

„Ich häng mich an“, sagte Patrick.

„Also ich nehm schon Tequila“, forderte Lily.

„Braves Mädchen“, lobte Garrow.

„Zitrone?“

„Natürlich. Alles andere zählt als Straftat.“ Er grinste zu Mairie und sie zog eine Grimasse.

„Ich nehm auch Tequila und die Straftat. Orange, bitte.“

Nachdem alle bestellt hatten, machte sich die Kellnerin wieder auf den Weg Richtung Bar und Garrow sah ihr nicht gerade unauffällig hinterher. Seth grinste.

„Starrst du ihr gerade auf den Hintern oder suchst du die Kleine von der Neujahrsfeier?"

„Beides.“ Garrow grinste. „Aber scheinbar ist die vom letzten Mal nicht da – also orientiere ich mich schon mal um.“

„Zu dumm für dich.“ Sie sahen, wie die neue Kellnerin mit einem vollen Tablet wieder auf sie zukam.

„Allerdings. Bei Merlin, das Mädel konnte blasen." Er schwelgte kurz in Erinnerungen, als die neue Kellnerin zu ihnen trat.

„Einmal Tequila, hier.“ Sie stellte das Glas vor Garrow ab, der ihr ein eindeutiges Lächeln schenkte.

„Danke dir. Vielleicht willst du nach Dienstschluss ja einen mittrinken.“

Ihre Wangen wurden um einen Ticken roter als noch zuvor und sie lächelte verlegen.

Mairie auf der anderen Seite des Tisches wurde steif und starrte auf das Tischtuch. Lily seufzte.
 

"In zehn Minuten bei mir?"

"Nach dem Zähneputzen bei mir - ich komm allein nie wieder aus diesem Kleid raus."

Er grinste. "Dabei bin ich dir natürlich gern behilflich.“

Als er wenig später wieder vor Lilys Tür stand, sprang die Tür nach seinem Klopfen von selbst auf und die Rothaarige stand gerade vor dem Spiegel in ihrer offenen Spindtür, die Haare bereits halb offen.

"Du musst mir wohl nicht nur beim Kleid behilflich sein. Mir fehlen noch vier Haarnadeln."

Mit einem leisen Lachen trat er hinter sie. Zum Glück waren das lauter Probleme, die er selbst nicht hatte. Er konnte sich ganz allein ausziehen und seine Frisur bekam er allein auch hin. Wobei er sich bei seinen Haaren manchmal fragte, ob nicht doch noch eine andere Frisur her musste.

Er inspizierte die Reste ihres Haarknotens und zog dann eine der verlorenen Nadeln heraus. Die Haare blieben trotzdem an Ort und Stelle.

"Mit dem Haarspray habt ihr auch nicht gespart, oder?"

"Natürlich nicht. Die Frisur soll ja in jeder Lebenslage sitzen."

"Falls es spontan im Planetensaal zu regnen beginnt, oder was?" Er zog noch eine Nadel heraus und als sich ihre Blicke im Spiegel begegneten, zog er wie üblich grinsend eine Augenbraue hoch.

"Zum Beispiel. Das sollten jetzt alle sein." Am Regalbrett in ihrem Spind lag ein kleiner Haufen Haarnadeln. Morgen würde ja wohl keine Spindkontrolle stattfinden, hoffte er, sonst würde das ziemlich blöd aussehen. Aber in den höheren Jahrgängen wurden die Kontrollen ohnehin weniger. Vermutlich glaubte die Führungsebene, dass sie langsam mal wussten, wie ihre Zimmer, Schränke und Spinde auszusehen hatten. Und dass bei Leuten wie Lily, Alraune und Wolfsmilch verloren waren, wenn es um Ordnung ging.

Sie holte sich die Haare über die Schulter nach vorne und öffnete das kleine Schleifchen am Halsausschnitt, während Seth den Reißverschluss aufzog. Blasse, sommersprossige Haut kam zum Vorschein und er schluckte. Sein Blick suchte ihm Spiegel ihren. Fragend, ob er weitermachen sollte. Durfte. Blaue Augen trafen auf grüne und sie legte den Kopf zur Seite als Bestätigung.

Langsam strich er das Kleid von ihren Schultern und der Stoff fiel mit einem leisen Rascheln zu Boden. Seine Lippen fanden die weiche Haut am Hals und hauchten einen Kuss darauf. Sie trug die Spitzenunterwäsche, die sie letztes Jahr zu Weihnachten für ihn gekauft hatte.

Als sie sich zu ihm umdrehte, kniete er sich vor ihr hin, einen Fuß aufgestellt. Er stellte ihren Fuß auf seinen Oberschenkel und beide mussten kurz schmunzeln, als sie nach seinen Schultern griff, um nicht umzufallen. Er griff nach dem Spitzenbesatz ihrer Strümpfe und rollte sie langsam nach unten, eh sie dasselbe auf der anderen Seite wiederholten. Der Blonde kam wieder auf die Beine und Lily widmete sich den Knöpfen seiner Weste. Und dann der Fliege, die... ähhh... Er schmunzelte und legte selbst Hand an, um die Fliege zu lösen. Musste man ja auch mal wissen, wie so ein Ding aufging. Dann fing sie an, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Die vielen Knöpfe. Aber sie hatten Zeit. Langsam glitt der Stoff über seine Schultern, als sie das Hemd abstreifte. Die Brust sah ohne seine Tätowierung irgendwie leer aus. Sie hatte ihn eigentlich schon mit kennengelernt. Ihre Hände strichen über die Stelle, spürten darunter seinen Herzschlag und wie sich seine Muskeln spannten, als ihre Finger zu seinem Gürtel glitten. Sogar seine Boxershorts passte farblich zum Outfit und nicht zum ersten Mal fragte Lily sich, ob seine Zwänglichkeit manchmal schon pathologisch war. Aber der Gedanke verschwand schnell wieder als er aus der Hose stieg und sie ihn zum Bett zog.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Es war vermutlich schon spät, als Lily am nächsten Vormittag aufwachte. Umso mehr wunderte sie sich, Seth noch hinter sich zu spüren und gedämpft In Flames zu hören. Er hatte den Arm unter ihrem durchgeschoben und sein Unterarm lag vor ihrer Brust. Sie verschränkte die Finger mit seinen, aber es dauerte noch eine Weile, bis sie zu mehr Bewegung willig war. Sie streckte alle viere von sich, eh sie sich auf den Rücken rollte, um Seth anzusehen.

"Ich fürchte, ich hab kein frisches Grünzeug hier." Sie griff nach den Minzpastillen auf dem Nachttisch, während Seth die Kopfhörer herausnahm und die Musik laut schaltete. Come Clarity. Wenigstens war er so freundlich, nicht gleich mit den ganz harten Beats in den Tag zu starten.

"Das Service hier lässt auch zu wünschen übrig." Grinsend griff er zu den Minzpastillen.

"Idiot." Spielerisch schlug sie nach ihm. "Du hast dich ziemlich verändert", stellte sie dann fest, während sie sich bäuchlings auf den Unterarm stützte und mit der anderen Hand Muster auf seine Brust malte.

"Ich schätze mal, das war unausweichlich nach allem, was passiert ist." Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und starrte stur zur Decke. Seine innere Unruhe war zwar spürbar, aber längst nicht mehr in dem Ausmaß, das sie von ihm kannte.
 

Sure, it would change my perspective

I′m certain I would change today

I'm certain it would change our ways

Would things fall into place?
 

"Ich mag die Veränderung." Sie lächelte und er erwiderte es, als er sie wieder ansah.

"Merlin sei Dank. Wär auch ziemlich blöd, wenn nicht. Aber bevor das hier ein längeres Gespräch wird: ich kann sowas immer noch nicht leiden. Können wir über was anderes reden?"

Lily rollte die Augen. "Ich sehe, es gibt noch Luft nach oben. Wie spät ist es?“

Seth stieg aus dem Bett und kramte in ihrem Kleiderhaufen nach seiner Weste – jetzt fiel es ihr erst auf: seine Klamotten lagen tatsächlich in einem unordentlichen Haufen am Boden, statt auf der Garderobe zu hängen. Er veränderte sich wirklich. Er zog eine Taschenuhr hervor. „Wenn du noch was frühstücken willst, sollten wir uns beeilen.“
 

Wenig später trafen sie sich nach der Morgentoilette und in frischer Kleidung wieder vor Lilys Tür. Der Speisesaal war noch gut besetzt, was nach so einem Abend wohl nicht verwunderlich war und nicht nur einer der Anwesenden sah so aus, als wäre es gestern später und vor allem flüssiger geworden. Lily war froh, ganz im Gegensatz zum letzten Jahr diese Mal keine Kopfschmerzen zu haben.

Ihr üblicher Tisch war bereits gut besetzt.

„Na, beschäftig gewesen heute morgen?“, begrüßte sie Garrow, als sie sich setzten und Lily wurde rot. Er sah Seth an und zog die Augenbrauen hoch. „Ich war heute schon allein laufen.“

"Schlafstörungen?" Seth grinste und nippte an der dünnen Brühe in seiner Tasse, die sie hier als Kaffee ausgaben.

"Hast du mir angezüchtet. Und dann verpennst du Honk einfach."

"Prioritäten mein Freund. Wenn ich die Wahl habe zwischen laufen und…" Er grinste und ließ den Satz unbeendet, während Lilys hochroter Kopf über ihrer Cornflakesschale verschwand.

"Penner", sagte Garrow, während er seinen Toast butterte. "Was aber noch viel interessanter ist: am Weg retour ist mir Mairie unter gekommen. Im Kleid von gestern, die Schuhe in der Hand und auf dem Weg aus dem unteren Stock hoch."

Ein roter Hauch zierte ihre Wangen, aber sie zuckte grinsend die Schultern. "Ich hab noch die Rekruten ordentlich begrüßen."

"Verdammt, warum hat mich letztes Jahr niemand 'ordentlich begrüßt‘?!"

"Wen von den beiden hast du denn begrüßt?" Blay hob die Augenbrauen über seinem Brötchen.

"Sie hat 'die Rekruten' gesagt. Mehrzahl. Also stellt sich die Frage wohl nicht." Seth knabberte an einem Stück Paprika und neben ihm wurde Lily erneut hochrot, als ihr klar wurde worauf er hinaus wollte. Und Mairie nur grinsend die Schultern zuckte. Wieder mal fragte sie sich, ob sie eigentlich der einzige verklemmte Mensch auf dieser Welt war. Sie konnte sich ja nicht mal vorstellen, wie das funktionierte, wenn sich drei Menschen im Bett miteinander amüsieren.

Weihnachtswunder

Fen saß bereits im Garten, als der Blonde am frühen Morgen zu ihm trat und sich einen Augenblick Zeit nahm, um dem Roten die Nüstern zu streicheln. Dann kletterte er über sein Vorderbein hoch und legte den Sattel in die Mulde an Fens Halsansatz. Ohne Sattel würden sich die Reiter die Beine an den scharfen Schuppen blutig scheuern. Geschweige denn sich überhaupt auf den Drachen halten können.

„Ich bin zum Abendessen zurück“, rief er Neil zu, der sich verbeugte.

„Sehr wohl.“

Die gesamte Mannschaft drückte sich vor dem Eingang herum, um Fen abfliegen zu sehen und Seth grinste. Was für ihn schon zur Normalität geworden war, war für die meisten anderen eben noch ein echtes Spektakel.

Fen schraubte sich höher und flog gen Osten. Dieser kurze Trip hatte natürlich extra genehmigt werden müssen und vermutlich hatte Seth mit dem Papierkram dafür mehr Zeit verbracht, als er der Flug überhaupt dauerte. Aber naja.

Sie flogen über Hurleys Strandbar und Fenrior nutzte ein Stück weiter ein verlassenes Strandstück nahe der Freiflugzone, um tiefer zu fliegen. Seth machte sich von seinem Sattel los und hangelte sich über Fens Flanken. In regelmäßigen Abständen waren eiserne Ringe in die Lederriemen des Geschirrs eingelassen und Seth hakte seine Karabiner jedes Mal weiter, um immer gesichert zu sein. Als er unter Fens Bauch hing, brachte der Rote seine Klauen näher und Seth hakte sich aus, um in Fens Pranke zu springen. Der Drache schloss die Krallen um ihn und wie immer bei diesem Manöver fühlte er sich wie in einem Gefängnis.

“Bereit?“

„Bereit“, bestätigte Seth. “Wir sehen uns später.“

Als Antwort brummte Fen lediglich, ließ seine Pranke sinken und öffnete dann die Klauen. Mit einem leichten Stoß, warf er Seth nach vorn und unten, Richtung Strand. Wie immer im freien Fall ruckte dem Blonden der Magen in die Höhe. Aber der Sturz dauerte nur kurz, er spürte schnell Sand unter den Füßen und rannte noch ein paar Schritte, eh er sich mit einer Rolle nach vorne abrollte.

Dann klopfte er sich den Sand von der Hose, rückte die Mütze zurecht und hakte die Karabiner an seinem Gurt fest. Kurz orientierte er sich, dann marschierte er zurück zur Straße.
 

„Mr. Dune, es freut mich, dass es heute geklappt hat.“ Der Immobilienmakler war ein geschleckter Kerl mit tadellosem Anzug und professionellem Lächeln, als er Seth die Hand schüttelte. Als sie das letzte Mal hier im Süden gewesen waren, war Seth ein Aushang ins Auge gestochen. Unweit von Garrows Haus wurde eine Wohnung verkauft. Zwar war Dune Manor bereits an Seth überschrieben und es war klar, dass er das Haus über kurz oder lang erben würde, aber seine Eltern waren Mitte vierzig und es würde vermutlich noch eine Weile dauern, bis sie endlich auszogen. Seine Großeltern waren erst in ihre Stadtwohnung gezogen, als die Zwillinge in die Grundschule gegangen waren. Und so lange wollte Seth keinesfalls mit seinen Eltern in einem Haus leben. Und noch mehr Grund lieferte ihm Sia. Eigentlich war immer klar gewesen, dass die Zwillinge gemeinsam im Haus bleiben würden., aber diese Idee war jetzt vermutlich gestorben. Jedenfalls konnte es sich Seth nicht länger vorstellen.

Also hatte er Garrow gebeten, seinen Eltern zu schreiben, damit sie sich mal umhörten. Scheinbar hatte die Wohnung einem alleinstehenden Herren gehört, der kürzlich in ein Pflegeheim übersiedelt war und seine Tochter, die im Osten lebte, hatte einen Makler mit dem Verkauf beauftragt. Seth hatte dem Makler geschrieben, aber die Besichtigung war erst jetzt möglich geworden. Aber nachdem die gewünschte Summe horrend war, hatten sich die Anfragen wohl in Grenzen gehalten und so war die Wohnung beim Besichtigungstermin immer noch frei.

Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, hatte einen Balkon und bot einen Blick in die Freiflugzone und aufs Meer. Sie lag günstig nahe der Kaserne, der Freiflugzone, dem Strand und Garrows Haus. Und das war das vorwiegende Argument, das dafür sprach. Und selbst wenn er die Wohnung doch nie brauchen würde, konnte er sie immer noch weiter verkaufen oder – wie es jetzt über den Sommer geplant war - zwischen vermieten.

Der Preis ließ sich noch ein wenig verhandeln, dann unterzeichneten sie die Verträge und Seth nahm die Schlüssel entgegen. Ab diesem Moment war er stolzer Wohnungsbesitzer. Ein besseres Weihnachtsgeschenk hätte er sich selbst wohl gar nicht machen können.
 

Was brauchst du?“ Garrow starrte ihn an.

„Du hast mich schon verstanden“, murrte Seth und sein Freund fiel vor Lachen fast von Seths neuem Sofa in seinem neuen Wohnzimmer in seiner neuen Wohnung.

„Arschgeige“, befand der Blonde. Er hatte den gestrigen Tag noch hier verbracht und auch Garrow war gestern schon kurz hier gewesen. Und gleich darauf seine Mum, Mrs. Frey: Garrow hatte ihre Einladung für Seth überbracht, dass er in den Feiertagen doch mit ihnen essen sollte, aber der Dune hatte dankend abgelehnt, weil er ihr Familienfest nicht stören wollte. Daraufhin hatte Garrows Mutter bei ihm geklingelt, ihm erklärt, dass er doch ohnehin schon fast zur Familie gehörte und hatte ihm mitgeteilt, wann er an Heiligabend bei ihnen zu sein hatte. Perplex hatte Seth stumm genickt und die Tür hinter ihr wieder geschlossen. Sie war zwar zwei Köpfe kleiner als er, aber er hätte sich bei Merlin nicht getraut, ihr zu widersprechen!

Also würde er heuer Heiligabend bei Garrows Familie verbringen. Und den Tag darauf bei Lilys. Er musste nur noch etwas Passendes zum Anziehen finden, um der Kleiderordnung zu entsprechen.

„Ich freu mich schon auf die Shoppingtour.“ Garrow grinste, während Seth ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter zog und die Musik ausmachte.

Die beiden schnappten sich ihre Longboards und fuhren zur Mall. Verdammt, er hätte sich vorher noch betrinken sollen. Es war widerlich heiß in der Mall, überall blinkte und leuchtete es und die Weihnachtsdeko war so wahllos verteilt, als wäre ganz einfach der Sack mit dem ganzen Plunder explodiert. Außerdem waren viel zu viele Leute in den Geschäften unterwegs, verstopfte die Gänge und blockierten mit ihren üppigen Einkäufen die Kassen. Es roch nach klebrig süßen, gebrannten Mandeln und menschlichem Schweiß. Von der Musik aus den Shops fing er jetzt gar nicht erst an. Vorweihnachtshopping war so ziemlich seine persönliche Hölle.

„Du liebst sie wirklich, oder?“ Garrow grinste schon wieder dämlich.

„So sehr, wie ich dein blödes Grinsen gerade hasse.“

„Ich kann auch wieder gehen?“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter Richtung Ausgang, schaffte es aber nicht im Ansatz dabei beleidigt auszusehen. Er schaffte es ja nicht mal, das Grinsen aus seinen Augen zu verbannen.

„Du lässt mich auf gar keinen Fall alleine hier!“

Jetzt schaffte es sein Freund nicht länger, auch nur im Ansatz ernst zu bleiben und prustete erneut laut los. Arschgeige. Man konnte es nicht oft genug sagen.

Sie trödelten durch einige Läden, aber es dauerte, bis Seth fündig wurde. Jedes Mal, wenn er dachte, den Höhepunkt der Geschmacklosigkeit bereits gefunden zu haben, wurde er erneut überrascht.

„Hey! Braucht ihr Hilfe?“ Eine junge Verkäuferin trat zu ihnen, als Seth sich gerade vor der Kabine in einem der unzähligen Spiegel betrachtete und Garrow sich an seinem Elend ergötzt und vor sich hin gekichert hatte. Der Blonde wollte schon ablehnen, aber Garrow kam ihm zuvor: „Kommt ganz auf die Art der Hilfe an.“

Seth drehte die Augen über, während die Verkäuferin – die zugegeben wirklich ganz niedlich war – rot wurde, verlegen zu Boden sah und sich eine Haarsträhne hinters Ohr strich. Guuut, das war wohl jetzt ein guter Moment, um sich zu verdünnisieren. Das Spektakel wollte er sich nicht geben. Außerdem brauchte er ohnehin eine andere Größe. Also machte Seth sich in Socken auf in den Dschungel aus Kleiderstangen, während Garrow wohl ein Date klarmachte. Dabei sang er leise Cory Taylor vor sich hin.

Now, every year the malls are just a madhouse

Full of empty pockets, thoughts and smiles

Just the smell of eggnog makes me vomit

And those colored lights are fucking infantile

I think, we collectively as a people

Should rise against this corporate jolly noise

And tell the world, "Let's buy some peace and quiet for a change

Before we spend it all on fucking toys“

Als er zurückkam, waren beide verschwunden und er traute sich fast nicht in seine Kabine. Sehr elegant legte er sich bäuchlings auf den Boden, um unter dem Türspalt durchzuspähen. Puh. Die Luft war rein. Keine zwei Paar Füße, keine runter gelassenen Hosen.

„Was bei allen Köpfen der Hydra treibst du da unten?“ Überrascht sprang Seth wieder auf. „Bist du dann bald fertig? Ich hab um sieben ein Date.“

Er zeigte dem selbstzufrieden grinsenden Garrow den Mittelfinger und verschwand dann wieder in seiner Kabine, um die neue Größe zu probieren. Mit einem Seufzen betrachtete er sein Spiegelbild. Besser würde es wohl nicht mehr werden.
 

Vor Dune Manor sprang er vom Longboard. Es dämmerte bereits und die Fenster des Hauses waren hell erleuchtet. Neil öffnete die Tür, noch bevor Seth zur Klinke gegriffen hatte. Manchmal fragte er sich, ob der Butler eigentlich den ganzen Tag vor dem Fenster hockte, um die Tür öffnen zu können, falls jemand kam.

„My lord.“

„Kannst du mir das bis übermorgen waschen und trocknen?“

Der Butler spähte in die Tüte. Runzelte die Stirn. Sah Seth dann irritiert wieder an.

„Äh. Ja. Natürlich. Entschuldigung.“

Seth lächelte schief. Er konnte ihm die Reaktion nicht verübeln. „Kein Ding. Danke.“

Er holte sich eine dickere Jacke und eine Flasche Whisky aus seinem Zimmer und machte sich dann auf den Weg Richtung Klippen. Der Strand ihrer Bucht fing im Westen an zu steigen, dort wo das Gebiet wieder bewaldeter war, bis sich steile Klippen aus dem Meer erhoben. Aber so weit musste er gar nicht gehen: Fen hatte ihn erwartete und lag langgestreckt am Waldrand. Der Blonde ließ sich auf dem gigantischen Vorderbein nieder und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Sein Blick glitt über die schwarzen Wellen zum Horizont. Und darüber hinaus über die samtige Kuppel das Himmelszeltes, die mit lauter kleinen, funkelnden Diamanten gespickt war.

Vor zwei Jahren war noch alles so klar gewesen.

Vor einem Jahr hatte er sich so zerrissen gefühlt.

Und heute wusste er nicht mal mehr, wer er war. Immer wieder hörte er, dass er sich positiv verändert hatte. Aber was hieß das? War er jetzt noch er selbst?

Die Entscheidung gegen ihren Plan – und für Lily – hatte vieles klarer gemacht. Er hatte Position bezogen. Aber damit hatte auch einen riesigen Teil von sich selbst verloren. Wer war er noch ohne sein Ziel? Ohne das, was er immer als seine Bestimmung gesehen hatte? Irgendwie war sein Leben plötzlich leer. Wofür lebte er noch? Wofür stand er? Und Fen und Lily konnten diese Leere nicht füllen. Er fühlte sich… entwurzelte. Ziellos. Bedeutungslos.

Er wünschte sich einen Radio, um die Gedanken mit Musik zu übertönen.

“Du kannst nicht davon laufen.“

Danke, Schlaukopf. Das war ihm selbst auch schon aufgefallen. Aber das half ihm nicht weiter. Unruhig bewegte er die Finger, wusste nichts mit ihnen anzufangen. Wie gern hätte er jetzt eine Zigarette gehabt.

“Du kannst nicht davon laufen.“

„Gott, Fen, kannst du mich mal in Ruhe lassen?! Du wolltest eine Entscheidung, ich hab eine getroffen. Können wir uns darauf einigen, dass das für den Anfang mal reicht, um deinen Ansprüchen zu genügen?“

„Nein. Weil das nicht der Wahrheit entspricht.“

Ach, toll. Jetzt war er nicht mehr nur sich selbst nicht mehr gut genug, sondern auch seinem Drachen nicht. Wofür war er eigentlich überhaupt noch zu gebrauchen? Ihm war bewusst, dass es nicht besonders produktiv war, aber er schraubte den Whisky auf.

“Du k-“ „Verdammt, ich hab gesagt, lass es!“

“Weil du es nicht aushältst, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden.“ Eine Form von Schwäche, die Fen so gar nicht dulden wollte.

„Fick dich doch.“ Seth zog kräftig am Whisky und Fen hob das Bein, woraufhin der Blonde abgeschüttelt wurde und sich von oben bis unten mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit bekleckerte, als er im Gras landete.

“Verdammt, das war sauteurer Scotch!“ Er rappelte sich auf, gerade als Fens Kopf zu ihm herum fuhr. Und der Drache bedrohlich knurrte und die Zähne fletschte.

“Mach deine Probleme nicht zu meinen. Sonst hast du noch ein bedeutend größeres Problem, Mensch.“

„Willst du mir drohen?“ Er wusste, dass er mit bloßen Händen gegen einen Drachen keine Chance hatte. Vermutlich nicht mal mit einem Schwert. Aber es war ihm egal, gerade war er auf Ärger aus. Daher hob er die Hände und der Boden unter ihnen begann zu beben.

Fens Schweif schwenkte wie eine Sichel in seine Richtung und Seth sprang darüber hinweg. Die Erde wurde augenblicklich wieder ruhig, da er seine Hände zum Austarieren seines Gleichgewichts brauchte. Aber Fen gönnte ihm keine Pause. Seine Vorderpranke fuhr in seine Richtung und Seth zog eine Mauer aus Erde in die Luft, um sich in Sicherheit bringen zu können. Er sprang zur Seite und rollte sich ab, während Erdklumpen durch die Luft flogen, als Fens Pranke durch den Erdwall fuhr. Als er wieder auf die Beine kam, faltete der Rote die Flügel auseinander und erwischte den Blonden am Kinn. Er flog in hohem Bogen über den Rasen und knallte mit dem Rücken auf die kalte Erde. Für einen Augenblick blieb ihm die Luft weg. Das Atmen wurde nicht leichter, als ihm Fen seine Vorderpranke auf die Brust setzte. Die mannslangen Klauen gruben sich seitlich von ihm in den Boden, wie die Stäbe einer Gefängniszelle. Fenriors Kopf schob sich in sein Gesichtsfeld, als er der Drache den Hals Richtung Himmel reckte und einen Feuerstrahl nach oben schickte, der die Nacht einen Herzschlag lag zum Tag werden ließ.

Seths Ärger flaute ab. Verdammt, was hatte er sich eigentlich gedacht?!

“Es tut mir leid.“

Fens Kopf fuhr zu ihm herab und die blutroten Augen mit den schwarzen, geschlitzten Pupillen fixierten ihn bedrohlich. Dunkelheit senkte sich langsam wieder herab, nachdem der Schein des Drachenfeuers verschwunden war.

“Ich gebe nicht allzu viel auf diese Worte.“

Der Blonde seufzte. “Ich weiß. Ich bedauere es trotzdem.“

„Dann tu es einfach. Nie. Wieder.“

Als Seth nickte, hob Fen seine Pranke.

“Geh mir aus den Augen.“

Seth ließ den Kopf hängen und vergrub die Hände in den Taschen seiner Hose, als er zurück Richtung Haus wanderte. Er sah eine schmale Silhouette im Licht auf ihrem Balkon stehen und wandte den Blick wieder ab, stattdessen starrte er stur zu Boden. Sia war die letzte, die er jetzt sehen wollte, triefend nass und nach Whisky riechend. Oder nach verbranntem Speck, wie seine Schwester jetzt sagen würde. Bei Merlin, wie sehr er sie vermisste. Seine Augen begannen zu brennen, wie so oft in letzter Zeit und er fuhr sich rasch durchs Gesicht. Zumindest kam ihm am Weg in sein Zimmer niemand unter.

Er zog die nassen, mittlerweile klamm gewordenen Klamotten aus und warf sie in die Wäschebox, eh er das Badezimmer in heißen Dampf aus der Dusche tauchte und die Musik anwarf. Parkway Drive – Glitch. Die Anfälle mit Herzrasen und Übelkeit waren seit geraumer Zeit weniger geworden. Dafür träumte er nachts immer wieder lebhaft. Und meist schlecht. Immer wieder kam ihm Michael unter, der Junge, der wegen ihnen von der Schule geflogen war. Letzte Nacht hatte er geträumt, dass er in einem Fast Food Lokal Burger briet wegen ihnen. Und wie so oft war Seth dann schweißgebadet aufgewacht. Es war, als hätte sich eine Truhe in seinem Unterbewusstsein geöffnet, die er bis jetzt immer gut verschlossen gehalten hatte und aus der jetzt alles rauskam, was er eigentlich gut versteckt und weggesperrt geglaubt hat.

I cannot sleep, I cannot hide

I cannot take, living this way on the dark side of my mind

I close my eyes to sleep, the shadows speak

And they won't stop when I'm awake
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Das Jahr war seit ihrem Urlaub verflogen und nicht zum ersten Mal fragte sich Lily, ob es eine dumme Idee gewesen war, Seth zu Weihnachten herzubitten. Sie war angespannt. Und alle anderen auch. Matt war heute heim gekommen und seit er erfahren hatte, dass sie morgen einen Gast haben würden, hatte er kein Wort mehr mit Lily gewechselt. Zum einen hatte er bisher nicht gewusst, dass die beiden wieder zusammen waren, zum anderen… naja, wie er es formuliert hatte: er konnte nicht nachvollziehen, wie dumm man eigentlich sein konnte, sich wieder mit so jemandem einzulassen und noch weniger konnte er nachvollziehen, warum man so jemanden auch noch ausgerechnet zu Weihnachten hier anschleppen musste, um das Familienfest zu ruinieren. Ihre Eltern hatte sie ja schon im letzten Urlaub gefragt und sie hatten, naja, verhalten reagiert. Vermutlich weil sie der Ansicht waren, dass Lily ihre eigenen Entscheidungen treffen und Erfahrungen machen musste und es nicht ins Erziehungskonzept gepasst hätte, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. Oder ihr offen zu sagen, was sie davon hielten, dass sie jetzt wieder mit dem Kerl zusammen war, der ihr das Herz gebrochen hatte und wegen dem sie sich einen Monat lang in ihrem Zimmer verschanzt hatte. Oder ihr offen zu sagen, was sie davon hielten, dass sie ausgerechnet mit einem Dune zusammen war, dessen Familie so ziemlich für alles stand, wogegen die Carrhearts in der Großen Schlacht gekämpft hatten. Oder ihr offen zu sagen, dass das höchstwahrscheinlich ein Desaster werden würde. Oder – Schluss jetzt. Lily seufzte. Es war jetzt ohnehin zu spät – morgen war Weihnachten und Seth war für den Tag danach schon eingeladen. Der übrigens auch spürbar angespannt gewesen war vor ihrem Urlaubsbeginn. Vermutlich war ihm klar, dass das kein gemütlicher Abend werden würde.

Aber Lily setzte trotzdem alles daran, dass wenigstens ein bisschen festliche Stimmung aufkam. Sie liebte dieses Fest und übermorgen würden alle Menschen, die sie liebte, an einem Ort versammelt sein und das würde sie sich nicht madig machen lassen! Wie üblich tobte sie sich mit der Weihnachtsdeko aus und schmetterte die Weihnachtsklassiker lauthals durch’s Haus. Und ab und an sah sie doch, dass ihre Anstrengungen Früchte trugen und dem ein oder anderen Hausbewohner doch mal ein Schmunzeln entkam.

Überraschenderweise war ihre Mum noch diejenige, die scheinbar am wenigsten Probleme mit ihrem Gast hatte. Dabei hätte Sigrun eigentlich am meisten Grund dafür gehabt. Als Nicht-Magierin war sie es gewesen, die am meisten unter der Großen Schlacht gelitten hatte, die unterdrückt und in Verruf gebracht worden war. Und wenn die Putschregierung gehalten hätte, wäre die Situation für sie noch viel schlimmer geworden. Sie hatte am meisten Grund, gegen die Dunes zu grollen, war Seth gegenüber aber noch am wenigsten voreingenommen. Aber sie wusste schließlich auch nicht, welche Meinung der Blonde bis vor kurzem noch vertreten und welche Pläne er verfolgt hatte. Und Lily war sich im Grunde nicht mal sicher, welche Meinung er jetzt hatte. Er blockte jegliche Diskussion in diese Richtung gekonnt ab und wich Fragen erfolgreich aus. Nicht, dass sie das von ihm nicht schon gewohnt war. Klare Kommunikation war noch nie seine Stärke gewesen, schon gar nicht wenn es um seine Gefühle ging.

Sie seufzte und wedelte mit der Hand, damit die letzte Girlande, die noch in der Box war, sich um die Vorhangstange schlang.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir heuer deutlich weniger Deko haben als letztes Jahr?“ Lily wandte sich zu ihrer Mutter um, die grinsend im Türrahmen lehnte. „Ohne petzen zu wollen – aber dein Vater hat letztes Jahr beim Wegräumen einiges weggeworfen. Ich an deiner Stelle würde mich beschweren.“

„Ach, deshalb kommt mir das Haus dieses Jahr so leer vor! Ich muss wohl wirklich ein ernstes Wörtchen mit ihm reden.“ Lily lächelte schief.

„Ich hab Kaffee gemacht.“ Ihre Mutter verschwand Richtung Küche und Lily las zwischen den Zeilen die Aufforderung, mitzukommen. Sie setzte sich auf einen der Hocker an der Kücheninsel und ihre Mutter schob ihr eine Tasse hin. Hier gab es kein Küchenpersonal, das ihr einen perfekten Cappuccino lieferte, hier gab es den Kaffee schwarz oder mit Milch. Dass Sigrun ihr eine Tasse richtete, war schon das Höchste der Gefühle.

„Was ist los?“ Ihre Mum lehnte sich mit dem Rücken an die Spüle und sah sie über den Rand ihrer eigenen Tasse hinweg an. Wie immer spürte es Sigrun, wenn etwas eines ihrer Kinder bedrückte.

Lily seufzte. „Merkst du nicht, wie mies die Stimmung heuer ist? Und ich bin schuld.“

„Bist du das? Hast du entschieden, dass Matt grantig ist und Simon zurückgezogen und dein Vater besorgt? Hast du entschieden, dass sie – wie es Männer eben mal so gern machen – alles in sich rein fressen und keiner es schafft, den Mund aufzumachen?“

„Das nicht… aber… ich wollte Seth unbedingt hier haben. Und es war mir klar, dass niemand davon begeistert sein würde. Ich… fühl mich egoistisch.“

„Du hast gefragt und dein Vater und ich haben zugestimmt. Also eigentlich sind wir an der schlechten Stimmung schuld.“

„Nein, natürlich seid ihr das nicht!“

„Und du genauso wenig, mein Liebling. Jeder entscheidet selbst, was er denkt und fühlt und wenn die drei sich für miese Stimmung entscheiden, ist das ganz allein ihr Umgang mit der Situation. Und nicht deiner.“

„Ich hab Angst, dass es ein Fiasko wird.“

„Und wenn?“

„Mum, ich liebe Weihnachten! Ich will, dass es schön wird!“

„Und deine Angst, dass es nicht so wird, hilft dir dabei jetzt wie?“

„Naja, gar nicht… aber die Angst lässt sich nicht so einfach abschütteln.“

„Was ist das Schlimmste, was passieren könnte?“

„Dass es ein Fiasko wird!“

„Genauer. Wie sieht das aus?“

„Naja, dass alle streiten…“

„Immer noch genauer.“

„Mum, lässt du gerade die Therapeutin raushängen?“ Lilys Interesse an Psychologie kam nicht von irgendwoher: ihre Mutter war selbst Psychotherapeutin und hatte eine Praxis bei ihnen im Ort. In der Großen Schlacht hatte sie einige Bücher und Artikel verfasst, in denen sie sich mit den psychologischen Mechanismen hinter ihrer Gegenseite befasst hatte. Mit der Propaganda. Mit der Frage, wie Meinungen entstanden und was sie aufrecht erhielt. Und wie es gelang, so viele auf den Zug der Putscher aufspringen zu lassen. So war auch Draith auf Sigrun aufmerksam geworden. Er hatte ihr Bild in einer Zeitung gesehen und alles daran gesetzt, sie bei einer der vielen Demos kennenzulernen. Und wie es das Schicksal wollte, hatten die beiden dann noch während des Bürgerkrieges geheiratet.

„Natürlich, Liebes. Aber nur, weil du dich gerade so anstellst, als würdest du eine Therapeutin brauchen.“

Lily rollte mit den Augen. „Keine Ahnung. Sie schreien sich an. Seth steht auf und geht. Sie beschimpfen sich gegenseitig.“ Sie schwieg kurz, wusste aber, worauf ihre Mum hinaus wollte und dass sie es nicht dabei belassen würde. „Naja. Und ich sitze dann heulend in meinem Zimmer. Erinnere mich den Rest meines Lebens an dieses furchtbare Weihnachtsfest zurück.“

„Und du glaubst, dass ich das an meinem Tisch einfach so geschehen lassen würde?“ Jetzt war Sigrun wieder in die Rolle der Mutter geschlüpft.

„Ich…“

„Und du würdest es einfach so geschehen lassen?“

„Was soll ich denn tun?“

„Lily, du bist das verbindende Glied dieser Kette. Dein Vater hat der Einladung dir zu liebe zustimmt und ich bin sicher, dass Seth auch nicht besonders vorfreudig auf diesen Abend blickt und vor allem wegen dir kommt. Und deine Brüder sind manchmal ziemliche Rabauken, aber sie lieben dich trotzdem. Meinst du nicht, dass sie sich zusammenreißen würden, wenn du was sagst?“ Dann schmunzelte Sigrun. „Und im Zweifelsfall kannst du immer noch das Püree werfen – wen auch immer du damit im Gesicht triffst, es wird für überraschtes Schweigen sorgen.“

Lily musste tatsächlich lachen bei der Vorstellung. Als kleines Kind hatte sie das gerne gemacht. Allerdings nicht, um jemanden zum Schweigen zu bringen – sondern einfach, weil sie ein kleiner Satansbraten gewesen war und es lustig gefunden hatte, Kartoffelbrei durch das Esszimmer zu werfen.

„Danke, Mum.“
 

Lily wartet im Keller neben dem Regal mit den Portalutensilien. Es war kurz vor fünf und Seth sollte bald hier sein. Ihre Nervosität stieg wieder, trotz der freundlichen Worte ihrer Mutter. Aber die Vorfreude gewann dennoch die Überhand, als sich im Portalrahmen ein violetter Strudel formte. Egal, wie es werden würde – sie freute sich, dass er da war. Noch bevor er etwas sagte, warf sie sich in Seths Arme, als er durch den Strudel schritt.

„Woah“, gab er überrascht von sich und machte einen Ausfallschritt zurück, um nicht umzufallen. Dann spürte sie, wie er die Lippen für einen Kuss auf ihren Scheitel drückte.

„Schön, dass du da bist!“

„Hallo erstmal.“ Er lächelte schief, als sie sich ein Stück von ihm löste.

„Hey.“ Sie presste ihm einen Kuss auf die Lippen. Dann trat sie zurück, um ihn zu begutachten und ihr entfuhr ein Lachen. „Du trägst tatsächlich einen Weihnachtspulli!“

„Natürlich. Du hast gesagt, das ist Pflicht – dafür war ich extra mit Garrow shoppen.“ Sie grinste, als sie ihn betrachtete. Die Ärmel seines Pullis waren blau und mit unterschiedlichen Mustern versehen: eine Reihe Bäume, darüber eine Reihe Schneeflocken, darüber Misteln und so weiter. Vorne war sein Pulli schwarz und darauf war ein flauschiger Weihnachtsbaum gestickt, der mit aufgenähten Bommeln als Christbaumkugeln und Sternen verziert war. Sie schubste mit einem Finger einen Bommel nach oben, der noch nachwippte.

„Hey! Nicht mit meinen Bommeln spielen.“ Sie grinsten wie pubertäre Dreizehnjährige über die Zweideutigkeit seiner Worte.

Und noch etwas war anders. „Deine Haare sind auch neu.“

„Nein, die sind alt. Aber ein Teil davon fehlt.“ Er hatte sich für den Undercut die Seiten ausrasiert und nur den mittlerweile fast schulterlagen Teil am Scheitel stehen lassen. Zusammen mit dem Vollbart sah es wahnsinnig gut aus – trotz des hässlichen Weihnachtspullis. Er kam immer weiter von seinem perfekten Look als Schwiegermuttertraum weg, eine Veränderung, die Lily ziemlich schätzte.

„Gefällt mir.“ Sie küsste ihn nochmal. Länger als gewollt. Und irgendwie verirrte sich ihre Zunge in seinen Mund.

„Das solltest du dir wohl für später aufheben“, murmelte er in ihren Lippen und brachte Abstand zwischen ihre Körper.

„Du bist heiß.“

Er grinste. „Liegt zweifellos am Weihnachtspulli.“

Lily lachte. „Und mit später wird es wohl nichts.“ Sie deutete auf die Decke, dann erklärte sie: „Dünne Wände.“

„Dann komm an Neujahr zu mir. Es gibt immer ein Lagerfeuer am Strand bei Hurley.“

„Mit Apfelsaft mit Schaum und Gras, toll.“ Sie lächelte schief. „Aber ich komm gern.“

„Ich freu mich, wenn du kommst.“ Und wieder grinsten sie ob seiner Zweideutigkeit.

„Los komm, ich stell dir meine Eltern vor.“ Sie nahm ihn bei der Hand und wandte sich zur Treppe. Daher fiel ihr nicht auf, wie er sichtlich schluckte.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Der Tag vor Heiligabend war noch ein Desaster gewesen. Den Vormittag hatte er mit gefühlt hundert anderen Leuten beim Friseur verbracht, nachdem er aus dem Haus kommen wollte und es vor den Feiertagen nicht mehr allzu viele andere Möglichkeiten gegeben hatte. Also war er mit alten Magazinen im Wartezimmer gesessen. Aber alles war besser gewesen, als zuhause zu sein. Sia und ihre Eltern waren neuerdings scheinbar die besten Freunde, auch wenn Seth klar war, dass das alles nur Show war. Keine Ahnung, ob Sia einen tieferen Plan damit verfolgte oder ob es einfach nur darum ging, ihm das Leben schwer zu machen – letzteres schaffte sie damit auf jeden Fall. Bisher waren sie immer eine Einheit gewesen. Eine Allianz. Sie beide gegen ihre Eltern und ihre Familie. Sie beide gegen den Rest der Welt. Es war schon schwierig genug, dass diese Allianz jetzt zerbrochen war, aber das hier war noch schlimmer als alles erwartete. Er war am 21. erst gegen Abend angekommen und Sia war bereits mit ihren Eltern im Esszimmer gesessen. Seth hatte sie lachen gehört, als er gekommen war und sie hatten angestoßen. Der Blonde war nicht hinein gegangen – er ließ sich das Abendessen auf sein Zimmer bringen – aber er hatte Sias gehässigen Blick gespürt, als er am Durchgang zum Esszimmer vorbei gegangen war. Und so war es auch an Weihnachten weiter gegangen. Das Vorweihnachtsshopping mit Garrow war dagegen noch ein Heidenspaß gewesen.

Naja, zumindest konnte der Abend heute nicht mehr schlimmer werden. Hoffte er jedenfalls.

Lilys Eltern waren in der Küche noch mit dem Essen beschäftigt, als die Rothaarige ihn aus dem Keller führte. Das Haus war vollbeladen mit Weihnachtsdeko und Seth vermutete, Lilys Handschrift darunter zu erkennen.

„Mum? Dad?“ Die beiden drehten sich herum und die rothaarige Frau, die Lily erstaunlich ähnlich sah, wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. „Das ist Seth.“

Zumindest war ihr Lächeln warm und freundlich, als sie ihm die Hand reichte und sich vorstellte. Er wusste, dass sie eine Nicht-Magierin war. „Schön, dich endlich mal kennenzulernen.“

Und er glaubte ihr. Ihrem Vater weniger. Er wirkte steif und reserviert. Und dass Lily neben ihm auf ihrer Lippe herum kaute, machte die Sache nicht besser.

„Das Essen ist gleich fertig“, löste Sigrun die Situation auf. „Könntet ihr schon mal den Tisch fertig decken?“

„Natürlich.“ Seth folgte Lily in einen benachbarten Raum. Die Küche war groß und offen und es war sichtbar, dass hier viel gekocht, aber auch gelebt wurde. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie hier gemeinsam Essen zubereitet und gelacht wurde, aber auch wie ernste Gespräche auf den Hockern an der Kücheninsel geführt wurden, während ein Eintopf auf dem Herd blubberte. Dieser Stil setzte sich auch im Esszimmer fort, auch wenn die Einrichtung sonst kunterbunt zusammen gewürfelt war. Ein großer Esstisch war bereits mit vereinzelten Gegenständen für das Abendessen gedeckt. In einer Anrichte stapelte sich Geschirr, daneben beherbergte ein Regal jede Menge Brettspiele und der Blick aus dem Fenster zeigte einen liebevoll gestalteten Vorgarten, der allerdings gerade im Winterschlaf lag.

Lily winkte mit der Hand und Teller flogen aus der Anrichte, gefolgt von Besteck, unterschiedlichen Gläsern und Servietten, die sich selbst falteten. Seth hatte in seinem Leben noch nie einen Tisch selbst gedeckt. Aber es war nicht unangenehm mit Lily allein hier im Esszimmer zu sein – deutlich angenehmer jedenfalls, als dann mit der gesamten Familie am Esstisch zu sitzen.

Außer dem Klappern des Bestecks war dann während der Vorspeise nämlich nichts zu hören. Wobei – doch. Im Hintergrund tickte eine Uhr. Die Atmosphäre war zum Schneiden. Jeglicher höflicher Small Talk war bereits zu Beginn des Essens passiert, während Mat sich sogar das gespart und ihn stattdessen einfach von Anfang an finster angestarrt hatte. Wobei nichts davon unerwartet war – der Abend war genau so, wie Seth ihn sich vorgestellt hatte.

Er griff nach seiner Serviette und wischte sich den Mund ab. „Warum fragt ihr nicht einfach, was ihr wissen wollt, bevor wir den Rest des Abends weiterhin schweigend hier sitzen werden?“

Überraschte Blicke richteten sich auf ihn. Mat war der erste, der den Mund aufmachte.

„Wie kannst du es eigentlich wagen, deinen dreisten Arsch hierher zu bewegen, nach allem, was du angerichtet hast?!“

Lily holte Luft und setzte zu seiner bitterbösen Antwort an, vermutlich wollte sie ihm dasselbe sagen wie Simon letztes Jahr, nämlich dass er sich aus ihren Angelegenheiten raus halten sollte, aber Seth brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Sie spitzte die Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Lily hat mich gefragt und ich hab zugesagt“, erklärte Seth dann wieder an Matthew gewandt schlicht. Dieser wollte etwas erwidern, aber Simon kam ihm zuvor und kam gleich zu den wirklich interessanten Fragen.

„Warum bist du wirklich mit deiner Schwester verkracht? Das wird ja wohl kaum nur an eurer Beziehung liegen, oder?“

„Nicht nur, nein“, bestätigte Seth und drehte den Stiel seines Weinglases zwischen Daumen und Zeigefinger, während er überlegte, was er wie sagen sollte. „Wir hatten wohl ziemlich eingefahrene Ansichten zu vielen Dingen, aber seit Fenrior Teil meines Lebens ist, ändert sich meine Sicht auf vieles ziemlich rigoros. Sia fühlt sich verraten.“

Mat wollte ihn wieder anfauchen, aber Simon kam ihm erneut zuvor. „Verdammt, halt den Mund. Ich will das hören“, maulte er seinen Bruder an und erntete dafür überraschte Blicke. Simon war im Normalfall der ruhigere, besonnenere der drei Geschwister, vermutlich war es noch nie zuvor vorgekommen, dass er seinen älteren Bruder derart wirsch abgewürgt hatte. Aber außer Lily wusste wohl auch niemand, dass er Seth letztes Jahr verprügelt hatte – das hätte alle wahrscheinlich noch weit mehr überrascht.

„Das ist kein Grund, unhöflich zu werden“, warf ihre Mutter dennoch ein, als sie ihre Verwunderung überwunden hatte.

Simon ging nicht näher darauf ein und ließ seinen Blick weiter auf Seth ruhen. „Was hat sich verändert?“

Der Blonde schnaubte. „So ziemlich alles? Aber ich muss dir nicht erzählen, wie es ist, plötzlich nicht mehr allein im eigenen Kopf zu sein. Und Fen ist…“

„Einer der wohl ältesten und damit mächtigsten Drachen auf diesem Kontinent“, beendete Draith den Satz.

Seth lächelte schief. „Ich würde eher sagen ziemlich mürrisch, stur und rechthaberisch.“ Der Rote knurrte in seinem Kopf. „Aber es hat mir noch nie geschadet, auf ihn zu hören und seine Argumente, die er seit Jahrhunderten gesammelt hat, lassen sich meistens nicht so leicht aushebeln. Ich komm nur selten umhin, meine eigene Meinung zu überdenken, wenn er mir nicht zustimmt.“

Ihr Vater nickte. „Er hat seit vielen Jahren keinen Partner mehr ausgewählt.“

„Dreißig, seinen Angaben nach.“

Simon keuchte und selbst Mat wirkte überrascht. „Was sieht er in dir?“

„Scheinbar vieles, was ich selbst nicht sehe“, murmelte Seth und strich sich durchs Haar. Die Antwort war schneller draußen, als ihm lieb war, denn sie war viel zu offen für seinen Geschmack. Zeigte viel zu viel von seiner verletzlichen, unsicheren Seite, die er eigentlich lieber versteckt hielt. Vor allem hier in dieser eher feinselig eingestellten Runde. Er griff zu dem Anhänger, den er unter seinem Pulli trug und spürte den Bergkristall, der ihn mit Lily verband.

„Noch nicht“, ergänzte Lily und lächelte. Und auch Sigrun lächelte, als sich ihre Blicke trafen.

„Warum sollte ich dir glauben, dass du es diese Mal ernst meinst mit Lily?“ Matthew hob herausfordernd das Kinn.

„Das geht dich nichts an!“, fuhr Lily ihren Bruder an. „Misch dich nicht in meine Angelegenheiten!“

„Keine Unhöflichkeiten!“ Sigruns Stimme war unerbittlich und sie sah Lily mehr denn je ähnlich. „Das gilt auch für dich!“

„‘tschuldige“, murmelte Lily, warf Mat aber immer noch feindselige Blick zu.

Seth nippte an seinem Wein. „Weil mich letztes Mal Sia vor die Wahl gestellt hat: Lily oder sie. Wie meine Entscheidung ausgesehen hat, muss ich wohl nicht sagen. Und wie meine Entscheidung dieses Mal aussieht, muss ich wohl auch nicht sagen.“

„Und deshalb hast du sie vor der ganzen Schule bloß gestellt?!“

„Mat, es reicht. Kannst du jetzt endlich aufhören, dich in meine Beziehung einzumischen?!“ Sigrun hob die Augenbrauen und Lily schon noch ein schnelles „Bitte“ hinterher.

„Ich würd es trotzdem gern erklären?“ Seth sah die Rothaarige an und am Tisch wurden ein weiteres Mal überraschte Blicke getauscht. Offensichtlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass Seth sie um Erlaubnis für irgendwas fragte oder ganz allgemein, dass die beiden so miteinander umgingen, wie sie es nun mal taten. Lediglich Sigrun lächelte, nachdem sie ihre Tochter wohl gut genug kannte, um geahnt zu haben, dass es sich genau so verhalten würde.

Lily murrte zwar, nickte jedoch. Es störte sie nicht, dass Seth ehrlich sein wollte. Es widerstrebte ihr lediglich, dass nach Simon offensichtlich auch Mat der Ansicht war, sie bevormunden und beschützen zu müssen und sich deshalb ungefragt in ihr Leben einmischen wollte. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter vom Vormittag. Dass ihre Brüder zwar Rabauken waren, aber sie liebten und das stimmte sie ein wenig milder. Mat meinte es nicht böse. Er wollte sie nur beschützen. Aber irgendwann musst er auch einsehen, dass sie selbst auf sich aufpassen konnte.

„Ich hab ziemlich Mist gebaut, das ist mir klar.“ Seth drehte wieder sein Weinglas zwischen den Fingern. Seit er nicht mehr rauchte konnte er allgemein die Finger nicht mehr still halten. Mat schnaubte verächtlich. „Aber ich wusste, dass ich mich nicht von ihr fern halten konnte. Und sie es auch niemals einfach so akzeptiert hätte, wenn ich einfach so Schluss gemacht hätte.“ Sie alle kannten ihren hartnäckigen Dickkopf nur zur Genüge. „Also schien es mir der einzige Weg zu sein, sie zu vertreiben.“

„Was dir grandios gelungen ist.“

„Mat, es reicht jetzt wirklich.“ Dieses Mal zog Sigrun den Schlussstrich. Und damit war das letzte Wort gesprochen – es war nicht zu diskutieren, wer in diesem Haus das Sagen hatte. „Außerdem wartet der Nachtisch.“

„Endlich.“ Draith grinste und fing an, die leeren Teller zu stapeln. Ganz allgemein setzte rege Betriebsamkeit ein und irgendwie ließ die Spannung nach, die bisher geherrscht hatte.

„Wie wär es mit einem Drink, bis der Kaffee durchgelaufen ist?“ Simon deutete Richtung Wohnzimmer und Seth nickte perplex über die Einladung. Heute war es wohl ein Abend voller Überraschungen für alle Beteiligten.

Das Wohnzimmer wurde vom Licht der umliegenden Räume beleuchtet, vor allem aber von der Lichterkette eines riesigen Weihnachtsbaums im Erker und leuchtenden Sternen und Treppen in jedem der drei Fenster. Im vagen Licht waren überall im Raum Christbaumkugeln zu sehen, Lametta hing von den Vorhangstangen und ein hüfthoher Schneemann vervollständigte das Bild. Seth verzog kurz das Gesicht, riss sich aber gleich wieder zusammen, schließlich wollte er nicht unhöflich sein. Es stand ihm nicht zu, ihre Weihnachtsdeko zu beurteilen. Simon hatte es dennoch gesehen und grinste.

„Lily übertreibt manchmal ein wenig mit der Weihnachtsdeko.“

Seth erwiderte das Grinsen, erleichtert, nicht in ein Fettnäpfchen getreten zu sein und damit wieder einen Stimmungsumschwung verursacht zu haben. „Tut sie das nicht allgemein, wenn es um Weihnachten geht?“

Simon nickte. „Die Weihnachtspullis waren auch ihre Idee.“ Er öffnete eine Schranktür. „Wir haben Brandy, einen Orangenlikör von Tante Melissandra, Gin, Bourbon, einen richtigen Whisky, …“

„Den nehm ich“, unterbrach ihn Seth. „Ich sehe, wir verstehen uns.“

Simon griff nach dem Scotch und zwei Gläsern. „Ich hab mich nie dafür bedankt, dass du nicht gepetzt hast.“ Er hielt den Blick auf ihre Gläser gesenkt.

„Musst du auch nicht. Ist eigentlich selbstverständlich.“

„Finde ich nicht. Also: danke. Und tut mir leid, dass es überhaupt dazu gekommen.“

„Wenn es umgekehrt um meine Schwester gegangen wäre, hätte ich vermutlich dasselbe getan.“ Seth zuckte die Achseln und Simon reichte ihm ein Glas.

„Ich hab dich wohl ziemlich falsch eingeschätzt.“

„Ich nehm das mal als Kompliment.“ Damit stießen sie an.

Plötzlich ging das Licht an. „Drückt ihr euch hier gerade vor der Arbeit, oder was?“ Mat verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Arbeit, Tassen aus der Küche schweben zu lassen?“ Simon zog die Augenbrauen hoch.

„Sind das dann fliegende Untertassen?“ Die beiden starrten ihn an und Seth grinste.

Dann schüttelte Mat den Kopf. „Dein Humor ist schrecklich. Keine Ahnung, was sie an dir findet.“ Zumindest war sein Tonfall weit weniger feindselig als bisher. Und er kam zu ihnen, um sich ebenfalls einen Drink einzuschenken.

„Wenigstens trinkt er anständigen Whisky“, stichelte Simon.

Mat sah seinen Bruder an. „Du hast doch auch keinen Geschmack.“ Damit griff er zum Bourbon.

„Sieh an, wer die erste Runde eröffnet hat.“ Draith war gerade an der Tür zum Wohnzimmer vorbei gegangen und steckte jetzt den Kopf nochmal herein. Dann verschwand er wieder, stellte scheinbar etwas auf den Esstisch und gesellte sich dann zu ihnen.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Lily spähte ins Esszimmer, das aber scheinbar leer war.

„Wenn sie streiten würden, würdest du es hören. Du musst nicht ständig nachsehen.“ Sigrun warf ihr einen Blick zu. „Außerdem scheint er sich selbst sehr gut verteidigen zu können.“

Lily seufzte. „Jaaa, ich weiß.“

„Außerdem war es doch gar nicht so schlimm.“ Sigrun lächelte. „Jedenfalls hast du nicht mit Brei geworfen.“

„Mhm…“ Sie ertappte sich schon wieder dabei, ins Esszimmer spähen zu wollen, also fing sie an, auf ihrer Unterlippe herum zu kauen. „Wie findest du ihn?“

„Es war sehr mutig von ihm, sich ihren Fragen auszusetzen. Und er scheint besonnen zu sein – im Gegensatz zu dir und deinen Brüdern. Und höflich. Und es ist schön, euch miteinander zu sehen.“ Unwillkürlich erwiderte Lily das Lächeln ihrer Mutter. Ihr Vater kam herein und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Sigrun wartete, bis er mit der Kanne wieder ins Esszimmer verschwand, dann zwinkerte sie ihrer Tochter zu. „Und er sieht wirklich gut aus.“

Lily lief prompt rot an, konnte aber nicht anders, als grinsend zu nicken.
 

Das Dessert verlief überraschend... entspannt und sie redeten über das Merlin Center, den Wehrdienst, ihre Eltern erzählten Anekdoten von früher und Seth beschrieb das Martyrium beim Kauf des Weihnachtspullovers. Und erstaunlicherweise war es dann kurz nach zwölf, als sie sich langsam ins Bett aufmachten und es zum üblichen Stau vor dem einzigen Badezimmer im Haus kam.

„Wie findest du sie?“, flüsterte Lily als sie endlich unter der Decke lagen und sie sich an Seth schmiegte.

„Nett.“

„Ist das nicht der kleine Bruder von ‚scheiße‘?“

Er lachte leise. „Nein, ich mein es ehrlich so. Ich hatte eigentlich befürchtet, dass der Abend schlimmer werden würde.“

„Ich auch“, gestand Lily ehrlich. „Danke.“

„Für?“

„Alles? Dein Kommen. Deine Gelassenheit bei jedem Angriff. Deine Ehrlichkeit. Dein Versuch, dich beim Abräumen nützlich zu machen.“

Sie lachten beide. „Woher sollte ich den wissen, was ein Geschirrspüler ist und wie ich den von außen erkenne?!“ Er hatte beim Abräumen geholfen und Sigrun hatte ihn angewiesen, das Geschirr einfach in die Spülmaschine zu stellen. Völlig überfordert war Seth mit den Gläsern in der Küche stehen geblieben und hatte sich suchend umgesehen, als würde er hoffen, dass irgendwo ein Zettel hing, der den Geschirrspüler als solchen auswies. Lily hatte nicht anders gekonnt, als lauthals über seinen bedröppelten Gesichtsausdruck zu lachen. Mat hatte irgendwas von wegen ‚verwöhnter, reicher Pinkel‘ gemurmelt, als er ihm die Sachen abgenommen hatte, hatte aber auch nicht anders gekonnt, als zu grinsen.

„Danke für dich“, murmelte Lily noch, als sie sich wieder eingekriegt hatten.

„Ich freu mich, dass ich deine Familie kennenlernen konnte.“

„Wie war es gestern bei Garrow?“

„Gut. Eindeutig entspannter als letztes Jahr zuhause. Zumindest war ich nicht betrunken. Dafür versteht Sia sich jetzt scheinbar bestens mit unseren Eltern. Aber bevor du jetzt weiter nachfragst: lass es. Ich will nicht darüber reden gerade.“

Sie seufzte und er wusste, dass es ihr nicht passte, dass er sie wieder abwimmelte. Aber sie tat ihm den Gefallen und wünschte ihm stattdessen eine gute Nacht.
 

Er war schon eine Weile wach, als Lily sich langsam regte. Einen Moment nahm er sich noch, um die Musik zu genießen – Arch Enemy, The Eagle Flies Alone. Er überlegte schon eine Weile, sich wieder ein Tattoo stechen zu lassen. Auf der Brust. Wo früher der Rabe gewesen war, ein Zeichen ihrer Verbundenheit. Jetzt würde es ein Zeichen seine Freiheit werden. Vielleicht also ein Adler.

Als Lily sich streckte, zog er die Kopfhörer heraus und verstaute sie in der Box, die er auf den Bettrahmen gelegt hatte.

„Guten Morgen, mein Herz“, murmelte er ihr ins Ohr. Statt zu antworten griff sie zum Nachttisch und steckte sich etwas in den Mund, eh sie ihm ebenfalls eine Tüte hinhielt: „Minzpastille?“

Er lachte leise und griff zu. Das hatte sie wohl von ihm übernommen.

Sie streckte eine Hand über den Kopf nach hinten und strich ihm durchs Haar. Und die jetzt glatten Seiten seines Schädels. Wie immer hatte sie auf der Seite geschlafen und er hatte sich als großer Löffel an ihren Rücken geschmiegt.

„Gut geschlafen?“

„Mhm. Du?“

„Jap. Aber ich hab geträumt von dir…“ Die kreisenden Bewegungen ihrer Hüfte an seinem Becken ließen sein Kopfkino anspringen und ihm kamen wunderbaren Ideen, welche Inhalte ihre Träume gehabt haben mochten. Dennoch rutschte er ein Stück von ihr weg. Als er das Gewicht verlagerte, quietschte ihr Bett.

„Dünne Wände, du erinnerst dich?“

„Ich weiß.“ Grinsende drehte sie sich um und drückte ihn in Rückenlage. „Aber ich habe die Lösung unseres Problems erträumt. Rutsch ein Stück runter.“

Ohne zu wissen, was sie vorhatte, rutschte er ein Stück Richtung Fußende, während Lily sich von ihrem Pyjama befreite. Sein Blick strich begehrlich über ihren Körper. Die blasse Haut. Die Rundungen an den richtigen Stellen. Ihre rosa Brustwarzen, die in der kalten Luft sofort hart wurden.

„Ich hoffe, dein Plan ist gut. Ich bin spitz wie Nachbars Katze.“ Seine Erregung war nicht mehr zu übersehen.

„Ausziehen“, forderte Lily und er kam ihrem Befehl nach, während sie sich ans obere Ende ihres Bettes setze. Erst jetzt kam ihm ein Gedanke, was sie vorhatte.

Sie schob ihre Knie zu seinen Schultern und stützte dann die Unterarme neben seinem Bauch aufs Bett, während seine Hände ihr Becken vor sein Gesicht brachten. Gerade als seine Zunge das erste Mal über ihr Geschlecht glitt, schlossen sich ihre Lippen um seine Penisspitze.
 

„Erster.“ Seth grinste, als Lily sich neben ihm aufs Bett rollte und sich wieder herum drehte, um ihren Kopf auf seine Brust zu legen. Für ihre Verhältnisse war sie erstaunlich leise gewesen, als sie gekommen war. Und tatsächlich hatte ihr Bett nicht gequietscht.

„Ausnahmsweise hab ich dich mal gewinnen lassen.“ Sie grinste zufrieden. „Wie wär es mit Frühstück.“

„Hattest du doch gerade.“ Er erwiderte das Grinsen.

„Ja, aber es fehlt noch das Dessert. Ich will ein Croissant mit Nutella.“

„Geil, Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett.“

Sie rollte mit den Augen und er lachte, als er die Beine aus dem Bett schwang.

Der Rest des Hauses war scheinbar schon längst auf den Beinen und so gab es heute keinen Stau im Badezimmer. Sie alberten vor dem Spiegel herum und schubsten sich gegenseitig zur Seite. Als Seth sich bückte, um sich das Gesicht zu waschen, griff sich Lily seine Hüften und tat so, als würde sie ihn von hinten nehmen. Vor Lachen stieß er sich den Kopf am Wasserhahn und Lily musste daraufhin ihrerseits lachen und verteilte Zahnpasta auf dem Spiegel. Das übliche Chaos also, wenn man sich mit der Rothaarigen in einem Raum befand.

Altes und Neues

"Hey." Seth lächelte, als Lily durch das Portal trat.

"Hey."

Eigentlich wollte er sie fragen, ob sie Kaffee wollte, aber Lily hatte offensichtlich andere Pläne, nachdem ihr Begrüßungskuss schon fast an eine Obszönität grenzte. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und drängte ihn nach hinten, Richtung Wand. Dort dreht er sie beide herum und hob sie hoch. Ihre Beine schlangen sich um seine Hüften und ihre Hände gruben sich durch sein Haar.

Er grinste an ihren Lippen. "Untervögelt?"

"Allerdings", bestätigte die Rothaarige und zerrte ihm das Shirt über den Kopf. Er senkte die Lippen und strich über ihr Schlüsselbein. "Ich will dich. Jetzt."

"Warte, lass mich kurz in meinem Kalender schauen, ob ich Zeit hab", murmelte er an ihrem Hals.

"Du bist ein Arsch." Sie hatte die Augen geschlossen und wölbte sich ihm entgegen.

"Und du viel zu frech." Seth biss ihr sanft in die Brust.

"Gott", stöhne Lily. "Können wir jetzt endlich aufhören zu reden?!"

Seth lachte leise, als er sie zum Bett beförderte und die Musik anmachte: Böhse Onkelz - Benutz mich.
 

Als Lily wieder aus dem Bad kam, stand Seth schon in Unterhosen in der Küche. Sie schlüpfte in ihr eigenes Höschen - heute wieder mit Capybaras - und sein Shirt und trat zu ihm.

"Ich wollte dir vorhin Kaffee anbieten, aber du hast mich leider nicht zu Wort kommen lassen."

"Chantal, heul leise."

Er lachte, während er die Espressokanne auf den Herd stellte. Es roch bereits nach frischem Kaffee, nachdem er die Bohnen gerade eben gemahlen hatte.

Sie trat ins Wohnzimmer und sah sich um. "Die Möbel waren alle schon da, oder?"

"Jap. Ich hätt es nie so eingerichtet. Aber irgendwie..."

"...hat es Charme."

"Mhm", bestätigte der Blonde. Die Möbel waren bunt und kein Teil glich dem anderen. Die Küchenstühle waren alle verschieden, die Laden der Kommode waren unterschiedlich gestrichen und im Bad hatte sie ein mehrfarbiges Fliesenmosaik gesehen. Es war irgendwie eine Mischung als dem orientalischen Stil aus der Gegend von Tarabesh und alten Landhausmöbeln mit neuem Anstrich. Nichts passte zusammen und gerade deswegen passte alles perfekt zusammen und lud zum Verweilen ein.

"Der Vorbesitzer war scheinbar ein Händler aus dem Osten, der sich hier zur Ruhe gesetzt hatte, nachdem das Klima ein wenig gemäßigter ist."

"Topfpflanzen fehlen noch", meinte Lily, biss sich dann aber selbst auf die Zunge.

"Merkste selbst, oder?" Seth grinste.

"Jaaaaa. Wieder mal schneller geredet als gedacht." Die Rothaarige zuckte die Schultern, während Seth ihre Tassen füllte. Topfpflanzen würden vermutlich genau zwischen Weihnachten und Silvester leben und danach elendig eingehen, nachdem Seth den Rest des Jahres weitestgehend in der Kaserne verbrachte.

"Kommt euer Personal mal vorbei und macht sauber oder so?"

"Nein, ich will sie nicht in einen Konflikt stürzten, falls meine Eltern dann auf die Idee kommen, sie zum Spionieren zu schicken oder es ihnen verbieten oder sonst irgendeinen Müll. Garrows Eltern werden ab und zu mal nach dem Rechten sehen und eine Reinigungskraft gibt’s schon, die hat schon beim Vormieter regelmäßig geputzt."

Sie sah ihn an, während sie vorsichtig in die Tasse pustete. "Wie waren deine Feiertage sonst so?"

"So gut, dass ich jetzt nicht darüber reden und den Tag damit verhauen will", gab er barscher zurück als beabsichtigt. Er strich sich durchs Haar und schob noch ein "Sorry" nach.

Lily nickte, sagte aber nichts. Das Schweigen dehnte sich aus.

Bis Lily mit der Hand wedelte und die Musik umschaltete. In flames – Ropes. Offensichtlich hatte sein Musikgeschmack schon auf sie abgefärbt.

Er ließ den Kopf hängen.

If you just let me I'll find a way

To ease your mind and for you to stay

And I will untie your only ropes

It's hard for me but believe me, I'm trying

"Hör zu, ich will gerade echt noch nicht darüber nachdenken. Das Weihnachtsessen bei den Freys war klasse, aber das hab ich dir ja schon erzählt. Ansonsten versuche ich möglichst wenig zuhause zu sein und Sias einträchtige Stimmung mit unseren Eltern zu vermeiden. Es ist beschissen, mit ihr dort zu sein, aber gleichzeitig ohne sie dort zu sein. Ich hatte einen Mörderstreit mit Fen. Und scheinbar sowas wie eine Persönlichkeitskrise. Ich versuch es gerade einfach noch zu sortieren und für mich selbst auf die Reihe zu kriegen." Er hatte sich umgedreht und starrte aus dem Fenster, über die Terrasse weiter zu den Bäumen auf der anderen Straßenseite. Über ihren Wipfeln sah man einen Streifen Meer und er wünschte sich, jetzt dort zu sein, als Lily von hinten die Arme samt Kaffeetasse um ihn schlang und ihre Wange an seinen Rücken legte.

"Danke, dass du so offen warst."

Er nickte nur und wieder breitete sich Schweigen aus. Aber dieses Mal fühlte es sich angenehm an.
 

Es wurde bereits langsam dunkel, aber das war im Jänner auch nicht verwunderlich. Die Tage wurden zwar schon langsam wieder länger, aber die Dunkelheit gab ihr Zepter nur langsam und ungern wieder weiter.

"Jacke? Mütze?"

"Öh, ich dachte, es ist warm? Weil es ja letzten März auch schon... nicht?"

Seth grinste. "Es ist Abend und Jänner. Nein, es ist nicht warm. Erfahrungsgemäß weht ein kalter Seewind."

"Oh. Äh...."

Mit einem Kopfschütteln zog der Blonde den Reißverschluss seiner Jacke nochmal auf, zog sie aus und warf sie Lily zu, während er sich selbst eine andere griff. Sie trug zwar Jeans und einen Kapuzenpulli, aber an etwas zum Drüberziehen hatte sie ehrlich nicht gedacht. Das war wohl der Nachteil davon, wenn man im Wohnzimmer in ein Portal trat und im anderen Wohnzimmer wieder rauskam. Dort brauchte sie so selten eine Jacke und dachte demnach nicht daran. Hätte sie das Haus durch die Vordertür verlassen, wäre ihr das nie passiert. Naja, gut, vielleicht kam es sogar dann auch ab und zu mal vor.

Jetzt schlüpfte sie in Seths Softshell-Jacke und kuschelte sich in das weiche Innenfleece, das wie alles von ihm herrlich roch. Nach.... sie hatte es schon wieder vergessen. Irgendein Baum und was mit Zitrus jedenfalls. Er selbst trug jetzt zu den zerrissenen Jeans – definitiv eine Neuerung in seinem Kleiderschrank – seine übliche Lederjacke, über die er einen Wollschal wickelte. Dann statte er sie beide noch mit Beanies und Wollhandschuhen aus.

Seine Finger fanden wie selbstverständlich ihre, als sie die Wohnung verließen und Richtung Strand gingen. Und tatsächlich spürte sie schon bald den angekündigten Wind, der vom Meer herein blies. Sie zog die Kapuze noch über ihre Mütze und erntete von Seth ein Grinsen.

Unter Hurleys Strandbar waren Holzscheite zu einem großen Haufen aufgestapelte. Drum herum lagen Baumstämme zum Sitzen im Sand und vereinzelte waren bereits Menschen zu sehen.

„Hey, Mann.“ Garrow begrüßte Seth mit einem Handshake und dann klopften sie sich auf den Rücken. „Happy new year.“

„Gutes neues“, erwiderte Seth, eh sich sein Freund Lily zuwandte und sie umarmte.

„Wie hat dir sein Pulli gefallen?“

Seth verzog das Gesicht und Lily grinste. „Grandios. Man sollte viel öfters Weihnachtspullis anziehen.“

„Zu Ostern oder was?!“, meinte Seth sarkastisch und rollte mit den Augen. Eigentlich sollte es lächerlich klingen – aber Lilys Blick nach zu urteilen fand sie das ganz und gar nicht lächerlich. Eher im Gegenteil. Er ahnte Böses und Garrows Lachen sagte ihm, dass er dasselbe dachte.

„Happy new year“, stimmte Hurley ein und umarmte sie beide. „Was wollte ihr trinken? Die erste Runde geht auf’s Haus! Ach, was frag ich dich eigentlich“, er machte eine abfällige, aber humorvolle Handbewegung in Seths Richtung. „Bist du auch so ein Langweiler oder willst du was Anständiges? Du bist doch schon achtzehn, oder?“

„Als würde dich das kümmern“, warf Garrow ein.

Lily lächelte. „Ja, aber für den Anfang bleib ich bei Traubensaft.“

„Na wunderbar“, meinte Hurley sarkastisch und lachte, eh er Seth ein alkoholfreies Bier und Lily ihren Saft brachte.

Der Strand füllte sich immer mehr mit Menschen und Seth und Garrow schienen jeden einzelnen von ihnen zu kennen. Und ungefähr jeder einzelne von ihnen erkundigte sich bei Seth, wo Sia geblieben war. Die ersten Male hatte er noch mit Humor geantwortet, aber Lily las in seinen Augen, dass ihm die Frage immer öfters zum Hals raus hing. Garrow schien es ähnlich zu gehen, denn er warf Lily einen Blick zu und sie formte mit ihren Lippen das Wort ‚Schnaps ‘. Er nickte und machte sich auf zu Hurley, der kurze Zeit später mit einer Flasche Tequila samt Zubehör über den Strand zog.

„Garrow lässt eine Runde springen.“ Damit reichte er ihnen jeweils ein Schnapsglas. Seth wollte im ersten Moment bereits ablehnen, schien es sich dann aber anders zu überlegen.

Als alle versorgt waren, brüllte Hurley: „The same procedure as last year, Miss Sofie?“

Er erntete eine einstimmige Antwort: „The same procedure as every year, James!“

Das war scheinbar auch das Stichwort, um das Feuer zu entzünden.

Garrow grinste. „Lass da mal die Profis ran.“ Damit hob er die Hände und fing an, mal hier, mal da ein Flämmchen hochzüngeln zu lassen. Kleine Flammen sprangen munter von Holz zu Holz, umrundeten eine hübsche Blondine auf der anderen Seite des Holzstapels und so weiter. Garrow ließ sein Talent spielen.

„Fen würde mich fressen, wenn ich mit seiner Macht so rumspielen würde“, murmelte Seth der Rothaarigen ins Ohr.

“Allerdings“, bestätigte der Rote.

Aber auch Lily nickte. „Tibitha hält auch wenig von solchen Kunststücken.“

Wenn sie hier gewesen wäre, hätte sie vermutlich ebenfalls zugestimmt. Aber wie schon letztes Weihnachten war die Drachendame im Merlin Center geblieben und Lily spürte über ihre Verbindung nur das vage Gefühl, dass bei ihr alles in Ordnung war. Für alles andere waren sie zu weit voneinander entfernt und sie spürte einen schmerzhaften Anflug von Sehnsucht. So sehr sie die Feiertage genoss, Tibithas Fehlen war fast als körperlicher Schmerz spürbar. Als wäre ein Teil von ihr im Center geblieben. Und irgendwie war es ja tatsächlich auch so.

„Aber Rhin hat sich vermutlich bewusst diesen Proleten ausgesucht.“ Seth grinste und sah seinem Freund dabei zu, wie er sich für seine Feuermage feiern ließ. Dann rief er: „Mann, zünd es endlich an, es ist kalt.“

Garrow zeigte ihm den Stinkefinger. „Neidisch, weil ich dir die Show stehle?“

Naja gut, bei dieser Herausforderung konnte es Seth einfach nicht lassen. Fen knurrte bereits, als Seth nur die Hände hob, aber der Blonde ließ sich nicht beirren. Das Flämmchen, dass Garrow gerade erneut um die Blondine herum tanzen ließ, wurde von einer Woge aus Sand erstickt. Die Menge lachte und Seth grinste schief.

„Spielverderber“, grinste Garrow, hob aber nochmal die Hände. Aus der Mitte des Holzscheites heraus begannen Flammen zu züngeln und am Holz zu lecken. Es knisterte und knackste, als der Stoß endlich richtig zu brennen begann. Ein Phönix aus Flammen flog hoch in die Nacht und löste sich weit oben am Himmel in funkelnde Lichtlein auf.

Hurley schnappte sich seine Ukulele und stimmte den ersten Song an und die Menge verteilte sich, einige sangen mit, andere plauderten und Garrow steuerte zielsicher auf die Blondine zu. War ja klar gewesen.

„Kann es sein, dass da jemand eifersüchtig ist?“ Lily fiel eine niedliche, junge Frau auf, die Garrow böse hinterher stierte. Seth folgte ihrem Blick.

„Jap. Die Kleine hat er sich beim Weihnachtsshopping klar gemacht.“ Es war die Verkäuferin aus dem Pulliladen. Scheinbar hatte sie Garrows Interesse nur kurzfristig binden können.

Lily rollte mit den Augen. „Ich hasse deine Wortwahl, wenn es um sowas geht.“

„Was denn? Ist ja so.“

Sie schüttelte den Kopf. „Er steht wohl auf Blondinen, oder?“

„Scheint so.“

„Auch auf Sia?“

„So lang ich mich erinnern kann. Wie es seit, naja, wie es jetzt ist hab ich aber nie hinterfragt. Warum interessiert dich das so?“

„Weil Mairie auf ihn steht.“

Seth zuckte die Achseln. „Ja und? Wenn sie was von ihm will, wird sie es ihm wohl sagen.“

Lily legte den Kopf schief. „Ach komm. Als wäre das so einfach.“

„Bei uns war es so einfach.“

Angefangen hatte damals bei ihnen eigentlich alles mit dummem Gerede. Wie so oft eigentlich. Es war in ihrem Freundeskreis ein offenes Geheimnis gewesen, dass Seth auf Rothaarige stand. Das sah man allein schon an der Auswahl der Schmuddelhefte in seiner Nachttischschublade, aber auch bei der Frauenwahl. Wenn man den Verlauf seiner Liebschaften her nahm, waren bereits fast alle Rothaarigen inkludiert, nachdem es von denen aber nicht allzu viele gab, war er eben auch auf Braunhaarige umgestiegen. Ab und an waren es auch schwarze Haare, dafür lehnte er Blondinen ab. Wie dem auch sei, eine Rothaarige hatte auf seiner Liste noch gefehlt.

"Bei Carrheart hast du dein Glück noch nicht versucht", hatte Sewa festgestellt, der mit Veradis im Zimmer neben Seth und Garrow gewohnt hatte. Die Zimmer waren in der ersten Klasse nach Wohnortnähe verteilt worden, weshalb sich die vier schon vor Schulbeginn gekannt hatten.

"Als würde ich Glück brauchen", hatte Seth abgewinkt. "Außerdem hat sie einen miesen Nachnamen."

Sie alle wussten, welche Rolle ihre Familie bei der Großen Schlacht gespielt hatte.

"Ich dachte, du willst was für's Bett und nicht zum Heiraten."

"Vielleicht hat er einfach Schiss, einen Korb zu kriegen", hatte Veradis mitgestichelt.

"Oder ihm ist gerade bewusst geworden, dass er doch Glück braucht."

Der Blonde hatte ihnen den Mittelfinger gezeigt und war aufgestanden.

"Ihr könnt mich mal."

Nachdem ihr Jahrgang nicht allzu groß war, hatte er gewusst, welches Zimmer Lily bewohnte. Er hatte geklopft und Jules, ihre Mitbewohnerin hatte aufgemacht.

"Oh, äh, hi. Hast du dich verlaufen?"

"Was macht ihr Freitag am Abend?"

"Wir? Äh..."

"Nichts mit dir?!", hatte Lily von hinten gerufen.

"Wie schade. Wir feiern nämlich eine kleine Party bei uns im Zimmer. Ab 8. Aber in dem Fall kommt ihr vermutlich nicht vorbei."

"Natürlich ni-" "Natürlich! Wir kommen gerne!" Jules hatte breit gegrinst. Als sie die Tür schloss, hatte Seth Lily noch fragen gehört, ob sie denn komplett bekloppt war.

Aber sie waren Freitag gekommen. Vermutlich nicht ohne vorherige Diskussion und vermutlich auch nur, weil Jules gewollt hatte, aber egal.

"Was wollen die denn hier?" Sia hatte die Nase gerümpft, als die beiden reingekommen waren und hatte sie betrachtet, als wären sie Pegasoiäpfel unter ihren Absätzen.

"Ich hab sie eingeladen." Seth hatte sich drei Bier geschnappt und hatte Sewa und Veradis angesehen. "Seht zu und staunt, wie das aussieht, wenn man kein Glück braucht." Er hatte mit dem Kopf in Richtung der beiden genickt und Garrow war ihm hin gefolgt.

"...wenn das hier auffliegt kriegen wir Riesenärger."

"Entspann dich, Herzchen. Das fliegt nicht auf. Der Zimmerrundgang war schon, also alles easy." Er hatte den beiden ein Bier hingehalten.

"Hast du gerade 'Herzchen' zu mir gesagt?!" Lily hatte ihn fassungslos angesehen.

"Natürlich." Er hatte gegrinst. "Oder wär dir 'Schätzchen' lieber?"

"Wie wäre es mit meinem Namen?! Oder soll ich dich auch einfach 'Arschloch' nennen?"

Da wäre sie nicht die erste. "Wenn es dir ein Anliegen ist." Er hatte die Schultern gezuckt. "Aber erst mal einen Toast darauf, dass ihr heute hier seid. Ich war mir nicht sicher, ob ihr kommen würdet - irgendwie scheint jemand von euch beiden eine ziemliche Spaßbremse zu sein."

Er hielt die Flasche in die Mitte und sie hatten angestoßen, auch wenn Lily ihm einen Todesblick zugeworfen hatte. Garrow verwickelte daraufhin Jules in ein Gespräch.

"Warum hast du uns eingeladen?"

"Warum nicht?"

"Weil du das noch nie getan hast. Wir sind nicht mal befreundet."

"Na dann..." - er hatte ihr einen Arm um die Schulter gelegt - "...sollten wir das noch nachholen." Das 'Herzchen' war ungesagt in der Luft gehangen.

"Oder..." - sie hatte seinen Arm abgeschüttelt - "...wir holen es einfach nicht nach und belassen alles so wie bisher." Das 'Arschloch' war ungesagt in der Luft gehangen.

"Ach komm, gib dir nen Ruck. Du kennst mich doch gar nicht richtig. Oder willst du einfach den Kampf unserer Eltern weiterführen?"

"Natürlich nicht! Das hat damit gar nichts zu tun?!"

"Na dann, sind wir uns ja einig, dass wir das mit dem Anfreunden doch noch nachholen." Er hatte gegrinst und Lily hatte mit den Augen gerollt.

Vier Bier später hatte Lily das Ganze auch bei weitem nicht mehr so eng gesehen. Irgendwie hatte sich ein Teil der Gesellschaft abgespaltet und sie saßen im Badezimmer auf den Fliesen und spielten Flaschendrehen. Auf eine Art und Weise, die Lily ziemlich schockierte. Klar war sie auch schon auf Partys gewesen und sie hatten Flaschendrehen gespielt. Aber das hier war eine ganz andere Liga. Nichts mit "Küsst euch 3 Sekunden auf den Mund". Zum Glück war es halbdunkel, damit niemand sah, dass sie ständig errötete.

"Eiswürfel", hatte Sewa gerade gefordert und Garrow hatte ins Waschbecken gegriffen, wo mit magischer Hilfe die Getränke gekühlt wurden, damit er seine Pflicht erfüllen konnte: Lyn hatte ihr Shirt hoch gezogen und er zog eine eisige Spur von ihrem Hals zu ihren Brüsten und zum Bauch. Unter dem edlen BH zeichnete sich deutlich ihre Brustwarzen ab, als sie den Rücken durchbog. Dabei war Lily siedend heiß eingefallen, dass sie selbst irgendwas unter ihrem Shirt trug. Vermutlich was mit Hamster drauf oder so. Sie besaß nicht mal schöne Unterwäsche! Verflucht, was tat sie hier eigentlich?! Sie war betrunken, überfordert und mochte die meisten Leute hier ja nicht mal.

"Ich muss auf's Klo", hatte sie versucht sich aus der Affäre zu ziehen, gerade als die Flasche zum Stehen kam. Und auf sie gezeigt hatte. Nein nein nein, bitte nicht. Beim letzten Mal hatte sie schon Wahrheit genommen, also musst es jetzt Pflicht sein. Im Hintergrund dröhnte die Musik.

"Ich will einen Dreier-Kuss sehen. Entweder mit den zwei Leuten rechts von dir oder links, mir egal."

Um Himmels Willen! Bitte was sollte sie machen?! Völlig planlos sah sie nach links. Da saß Jules. Bei Merlin, nein, sie konnte keinesfalls mit ihrer Zimmernachbarin knutschen! Dann eben rechts. Dort hatte Lyn wieder Platz genommen, jetzt zum Glück wieder mit Shirt. Und hinter ihr Seth. Ach, zur Hölle!

Sie nahm noch einen Schluck Bier. "Okay." Nein, war es nicht. Aber zum Kneifen war es jetzt schon zu spät.

Das war also ihr erster Kuss gewesen. Halb betrunken - Lily jedenfalls, nachdem Seth nach dem ersten Bier überwiegend auf Soda umgestiegen war - auf einer Party gemeinsam mit Lyn aus der sechsten Klasse. Toll. Und richtig romantisch.

Am nächsten Morgen war Lily ziemlich verkatert aufgewacht. Allein. In ihrem eigenen Bett. Komplett angezogen. Und ohne Erinnerung, wie sie hierher gekommen war.

"Jules?" Ihre Mitbewohnerin regte sich in ihrem Bett. "Jules!'

"Boah, kannst du mal leise sein? Ich will schlafen."

"Nein - wie bin ich hergekommen? Was ist passiert? Ich hab einen Filmriss."

"Du hast dir auch ordentlich einen hinter die Binde gegossen." Jules hatte sich den Schlaf aus den Augen gerieben. "Seth hat dich irgendwann hergebracht und dich ins Bett verfrachtet."

"Im Ernst?!"

"Jap. Nachdem du ihm beim Flaschendrehen die Hose ohne deine Hände ausziehen musstest, dabei natürlich weder die Geschickteste noch die Eleganteste gewesen bist und es irgendwie geschafft hast, mit deinem Kopf in sein Hosenbein zu kriechen, was dazu geführt hat, dass ihr umgefallen seid und alles ins Chaos gestürzt habt."

Lily stöhnte. Ja, das hatte nach ihr geklungen. Superpeinlich war ihr zweiter Vorname.

"Ich glaube, er hatte zwischendurch echt Angst um seine Eier."

Lily stöhnte erneut. "Wie viele Fehlstunden darf ich haben, um trotzdem noch beurteilt zu werden?"

"Nicht genug, falls du dich hier verkriechen willst, bis Gras über die Sache gewachsen ist. So schnell wird das nämlich bestimmt nicht passieren."

Lily hatte nochmal gestöhnt und Jules hatte gelacht. Vielen Dank auch.

"Aber sieh es so: erst hast du mir dem heißesten Typen der Schule rumgeknutscht, dann hast du ihn ausgezogen und bist dann noch in seinen Armen gelandet."

"Das macht es nur bedingt besser."

"Ach komm. Mal unter uns: wie war es?"

"Wie war was?"

"Mit ihm rumzuknutschen! Was hätte ich dafür getan, an deiner Stelle zu sein!"

"Naja, es war ja noch diese Lyn dabei. Und ich war mir nicht immer ganz sicher, welche Zunge jetzt eigentlich wo war. Aber er riecht total gut. Irgendwie nach Bäumen."

"Du weißt, dass er den ganzen Abend um dich gekreist ist?"

"Ach, Quatsch."

"Doch. Und ich wette, dass er uns nur wegen dir eingeladen hat."

"Keine Ahnung. Ich will jedenfalls nicht ein weiterer Name auf seine Liste sein." Aber wenn sie ehrlich war, hatte es sich der Gedanke doch ein bisschen gut angefühlt. Auch wenn es absurd war. Warum hätte Seth sich für sie interessieren sollen? Aber in ihrem Hinterkopf begehrte eine leise Stimme auf. Er hatte sie eingeladen. Hatte sie dabei haben wollen. Und jetzt wo Jules es erwähnt hatte: er war wirklich die meiste Zeit in ihrer Nähe gewesen. Und sie hatten sich teilweise richtig gut unterhalten. So wusste sie jetzt zum Beispiel, dass er surfte und segelte. Und dass er gut roch. Sie spürte, wie sie zu grinsen begann - Schluss jetzt.

"Ich weiß nicht, was daran so schlimm wäre", philosophierte Jules in der Zwischenzeit. "Es muss ja keine Beziehung sein."

"Jules!"

Später an diesem Tag hatte Lily sich doch aus ihrem Zimmer getraut. Gut, sie hatte einen Mörderhunger gehabt, der größer gewesen war als die Scham. Sie bereute es allerdings, als ihnen ausgerechnet Seth, Sia und Garrow entgegen kamen, die scheinbar schon gegessen hatten. Lily war in einen Seitengang gesprungen, was natürlich komplett idiotisch gewesen war - ebenso wie sie die drei hatten die drei sie schon längst gesehen gehabt.

"Versteckst du dich gerade?" Seth war um die Ecke gebogen und lehnte sich an die Wand, die Beine an den Knöcheln überkreuzt und die Hände in den Hosentaschen. Und wie immer sah er blendend aus. Verdammt, warum hatte sie nicht auch einfach Soda getrunken?

"Äh, nein, ich...." Ihr war keine Ausrede eingefallen. Seth hatte schief gegrinst und eine Augenbraue hoch gezogen, während Lily hochrot angelaufen war.

"Weißt du eigentlich, dass du dauernd auf deiner Lippe rumkaust, wenn du nervös bist?"

"Ja. Blöde Angewohnheit." Nachdem sie zu Boden geschaut hatte, hatte sie nicht bemerkt, wie er näher gekommen war. Sie erschrak kurz, als er ihr plötzlich eine Hand unters Kinn legte und mit dem Daumen über ihre Lippe strich.

"Eine ziemlich heiße Angewohnheit." Er stand so dicht vor ihr, dass ihr wieder sein Parfum in die Nase stieg. Als sie hochsah, fiel ihr zum ersten Mal auf, wie unglaublich blau seine Augen waren. Strahlend hell. Wie auf den Bildern von zugefrorenen Seen im Norden, wenn die Sonne darauf schien.

"Ich würd den Abend gestern gern nochmal wiederholen. Mit dir allein."

"Warum?"

"Du hast mir die Geschichte nicht zu Ende erzählt, was mit eurer Katze passiert ist, nachdem sie die Melone aus der Bowle gefressen hat."

Die Rothaarige hatte losgeprustet. "Das hab ich dir erzählt?!"

"Jap." Er hatte die Hände wieder in der Hosentasche vergraben. "Nach Bier Nummer 3 bist du tatsächlich gesprächig und weniger kratzbürstig geworden. Du kannst ja richtig nett sein, Herzchen."

"Nenn mich nicht so!"

Er hatte schief gegrinst und sie weiter aus diesen unglaublichen blauen Augen angesehen.

"Und äh, tut mir leid. Denke ich. Irgendwie ist einiges ziemlich verschwommen, aber Jules hat was von Ausziehen ohne Hände gesagt."

"Ich hatte anfangs echt Angst, dass du mir was abbeißt!"

"Näh, ich mag keine rohen Würstchen."

Seth hatte laut losgelacht. "Dann sehn wir uns heute Abend."

Sie hatten sich tatsächlich an diesem Abend getroffen. Und auch danach immer mal wieder. Und Seth hatte irgendwann angefangen, ihre Gegenwart tatsächlich zu schätzen. Er hatte sein übliches Programm abgezogen, um Mädchen rumzukriegen, aber die Carrheart hatte ihm immer wieder unbewusst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hatte anders reagiert als erwartet. Hatte ihn mit unvorhergesehenen Fragen entwaffnet. Hatte ihn angeregt, manchmal doch sich selbst und seine Einstellung ein wenig zu hinterfragen. Bis er sich tatsächlich in sie verliebt hatte. So einfach war es gewesen – zumindest bist dahin.

„Aber auch nur am Anfang.“ Lily grinste und schien ebenfalls in Erinnerungen zu schwelgen. „Boah und Lyn hatte ein grässliches Parfum.“

„Wer?“ Seth zog eine Augenbraue hoch.

„Lyn?! Die Sechstklässlerin, die bei diesem Dreierkuss dabei gewesen ist?“

„Ach, die hieß Lyn? Keine Ahnung. Und keine Ahnung, was für ein Parfum sie getragen hat. Du hast auf jeden Fall schon das gleiche Apfelshampoo benutzt wie jetzt.“

„Kann sein.“ Lilys Wange färbte sich rot. Es war süß, dass er sich noch an ihr Shampoo erinnerte.

„Außerdem zählt das nicht. Unser erster richtiger Kuss war viel später.“

Sie lächelten beiden, als Hurley wieder vorbei kam. „Bereit für was Anständiges?“

„Ich nehm ein Bier.“

„Nimm mir auch eines mit.“

Hurley schlug Seth auf den Rücken. „Na sieh einer an. Deine Freundin hat wohl einen positiven Einfluss auf dich – scheinbar ist endlich der Stock aus deinem Arsch raus.“

Seth zeigte ihm den Mittelfinger, dachte bei sich aber, dass in diesen Worten viel mehr Wahrheit steckte, als er zugeben wollte.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Lily folgte dem Blonden in ein Extrazimmer, das so gar nicht zum Rest der Wohnung passen wollte. Offensichtlich war es früher mal was anderes gewesen und Seth hatte einige Möbel entfernt und mit Kreide einen Torbogen an die Wand gezeichnet. Scheinbar hatte der Vorbesitzer keine Portale benutzt. An der Wand daneben stand ein Regal mit Kristallen, Salz, verschiedenen Kräutern und einem Satz Messer.

Portale waren die Reiseart der Magier. Der echten Magier, wie es manche formulierten. Jeder Zauber verlangte Mana, Lebensenergie, wie sie nur im Blut von Magiern zu finden war. Deshalb wurde mit Zaubern auch so sparsam umgegangen und gut abgewogen, ob man sich selbst verletzte, um einen zu wirken. Alle komplexeren, höheren Zauber wirkten auch nur mit reinem Magierblut. Lily, deren Mutter eine Nicht-Magierin war, würde daher nie ein Portal öffnen können. Aber Portale waren ganz allgemein eine heikle Angelegenheit. Sie konnten Distanzen nicht unbegrenzt überwinden, so konnten selbst die Zwillinge zum Beispiel nicht über ein Portal aus dem Merlin Center herkommen. Der Weg war einfach zu weit. Und was die Reinheit des Blutes anging, war das auch meist so eine Sache. Nicht bei Seth, dessen Stammbaum sich über Generationen nur über reine Magier erstreckte. Bei ihrem Vater war es hingegen schon schwieriger. Seine Eltern waren beide Magier gewesen, aber ihrer Familie war das nie besonders wichtig gewesen. Irgendwo gab es bestimmt auch Nicht-Magier in der Linie oder gemischtes Blut. Und es gab keinen Test oder so, mit dem man feststellen konnte, ob das eigene Blut genug Mana für einen Zauber hatte oder nicht. Es war irgendwie wie russisches Roulet. Ihr Vater hatte es irgendwann mal versucht mit einem Portal und es hatte funktioniert. Offensichtlich. Denn sonst wäre Lily nicht hier. Wenn der Portalzauber nicht klappte verschwand man nämlich einfach im Nirvana.

Fasziniert beobachtete die Rothaarige, wie Seth Kristalle vom Regal nahm und sie in einem Halbkreis vor dem Torbogen verteilte. Er reinigte die Fläche darin mit einem Bündel Salbei, eh er Salz streute. Währenddessen verbrannte er in einer kleinen Schale unterschiedliche Kräuter.

„Hast du alles?“ Er wandte sich an Lily, das Messer bereits in der Hand.

„Ich denke schon.“ Sie hatte ihren Rucksack über die Schulter gehängt, aber erfahrungsgemäß hieß das nicht viel. Irgendwas bleib meistens liegen.

„Dann sehn wir uns in der Kaserne.“ Er küsste sie zum Abschied, eh er sich ohne mit der Wimper zu zucken in die Handfläche schnitt. Lily keuchte auf. Er ballte die Faust und spritzte dann Blut über die Wand im Torbogen. Als er den Zauber anfing zu rezitieren, fingen die Blutspritzer an zu rauchen, eh sich ein Leuchten ausbreitete. Wo kurz zuvor noch Wand gewesen war, erstreckte sich jetzt ein violetter Strudel zwischen den Pfeilern des Torbogens.

„Wir… wir sehn uns.“ Lily schluckte, als sie über die Kristalle trat und dann in den lila Strudel. Sie reiste jetzt zum zweiten Mal in ihrem ganzen Leben mit einem Portal.
 

Das Portal hatte sich beim Durchtreten angefühlt, als wäre sie in einen kühlen Wasserfall gestiegen. Aber ohne dabei nass zu werden. Und eine Sekunde später war sie im Portalrahmen in ihrem Haus heraus gekommen. Sie hatte gestaunt. Der Strudel war verschwunden und Lily hatte nochmal gegen die solide Wand gedrückt. Und sich dann für ihre eigene Dummheit gescholten. Sie war doch eine Magierin?! Da sollten Portale sie nicht so aus der Bahn werfen.

Der Rest ihrer Familie war gerade beim Essen gesessen, als sie aus dem Keller getreten war und sie hatte sich dazu gesellt. Den restlichen Tag hatten sie gemütlich auf der Couch, mit Brettspielen und Geplaudere verbracht.

Und als Lily am Abend im Bett lag, lächelte sie leise vor sich hin. Es war schön, wie sich alles entwickelt hatte. Sie war froh, dass sie sich nicht von Seth getrennt hatte. Dass sie ihn ihrer Familie vorgestellt hatte. Dass er sie mit zu Hurley genommen hatte.

Ihr Bergkristallanhänger wurde heiß und sie umfasste ihn. Es war süß, dass er sich noch an so viele Dinge von früher erinnerte. Sich dachte zurück an ihren ersten Kuss. An ihren richtigen, ersten Kuss. Ohne Lyn.

„Hast du Jules ernsthaft um Tipps für’s Knutschen gefragt?“

„Ich… äh…. Nein, natürlich nicht!“ Lily war tomatenrot geworden und hatte zu Boden geblickt. Und sich damit natürlich wieder verraten. Seth hatte ihr den Zeigefinger unters Kinn gelegt und sie gezwungen, ihn wieder anzusehen. Er hatte gegrinst, wie so oft.

„Nicht wegschauen beim Lügen, schon vergessen?“

„Ich bring Jules um! Wann hat sie dir das erzählt?“

„Mir? Gar nicht. Aber falls dir das noch nicht aufgefallen ist: sie macht mit meinem besten Freund rum. Der zufällig auch das größte Klatschweib ist, das man sich vorstellen kann.“

Lily hatte gestöhnt. Viel peinlicher konnte es ja wohl gar nicht werden. Eigentlich hatte sie Jules nur fragen wollen, was sie eigentlich tun musste. Klar hatte sie beim Flaschendrehen schon mal die Lippen auf die eines anderen gelegt. Oder bei ihrer letzten Sandkastenbeziehung mal Händchen gehalten und zum Abschied hatte es ein Bussi sein dürfen. Aber das hier war… ernst. Und alle Beteiligten würden nüchtern sein und sich am nächsten Tag dran erinnern. Und eigentlich hatte sie schon vor, dass Seth sie noch öfters küsste. Also hatte sie eben Jules um Rat gefragt. Vor allem mit der Frage, was genau sie denn jetzt eigentlich mit ihrer Zunge tun musste. Denn das war in ihrer Vorstellung immer der Punkt gewesen, wo sie nicht weiter gewusst hatte.

Dafür war sie davor immer besonders kreativ gewesen, denn eines war klar: es musste perfekt sein. So hatte sie sich schon alle möglichen Szenarien vorgestellt, wie es denn passieren könnte. Ihre Lieblingsvorstellung war ein Spaziergang im Mondschein gewesen, entlang der Blumenbeet neben dem Ostflügel. Damals hatte sie noch keine Ahnung gehabt, dass Seths Spaziergänge höchstens durch den Nutzgarten führten. Sie hatte auch seinen Apfelbaum noch nicht gekannt. So waren sie also durch den duftenden Blumengarten gewandert, nur sie beide ganz allein unter dem Vollmond und dem Sternenzelt. Dann waren sie stehen geblieben, damit Seth ihr ein Sternbild zeigen konnte. Vom Segeln wusste sie, dass er Ahnung von den Gestirnen hatte. Er hatte zuerst hinter ihr gestanden und mit dem Arm über ihre Schulter auf eine Konstellation gedeutet. Dann hatte sie sich langsam umgedreht. Die Zeit war immer träger dahin geflossen und seine Lippen hatten sich ihren genähert. Und als sie sich getroffen hatten, war in ihrem Herz ein Feuerwerk explodiert und weil es eine Fantasie gewesen war, hatte romantische Musik zu spielen begonnen. Aber dann hatte sie nicht weiter gewusst. Wie küsste man richtig?

Die Realität hatte dann deutlich anders ausgesehen. Es war wenige Tage nach diesem peinlichen Gespräch gewesen, das sie Jules losem Mundwerk zu verdanken gehabt hatte. Es war Nachmittag und ein Dienstag gewesen. Eigentlich waren sie in der Bücherei verabredet gewesen, aber nachdem Lily nicht aufgetaucht war, hatte Seth bei ihr geklopft.

„Oh, gut!“ Jules hatte die Tür geöffnet. „Ich soll dir von Lily sagen, dass sie krank ist und das Zimmer nicht verlassen kann.“

Seth hatte die Stirn gerunzelt. „Äh. Okay. Was hat sie denn? Und warum reden wir in der dritten Person von ihr, wenn sie hier ist?“

„Äh, ich hab keine Stimme“, hatte sich Lilys Stimme aus dem Hintergrund gemeldet. Und es hatte definitiv nicht so geklungen, als hätte sie keine Stimme gehabt. Sein Fragezeichen war immer größer geworden. Jules hatte mit den Augen gerollt.

„Sie hat einen Scheißpickel auf der Nase und hat sich jetzt die Decke über die Nase gezogen, damit es ja niemand sieht.“

„Jules!“, war es vorwurfsvoll von hinten gekommen. Seth hatte laut losgelacht.

„Soll das ein Witz sein?!“ Etwas lauter hatte er zu Lily gerufen: „Komm da sofort raus!“

„Auf keinen Fall. Das Ding ist riesig.“

„Ist es nicht“, hatte Jules befunden.

„Ist mir doch egal, ob das Ding groß ist oder nicht. Steh auf, sonst trag ich dich raus. Ich hab jetzt sicher nicht umsonst eine Reihe fetter Bücher für dein Referat aus der Bücherei mitgeschleppt.“

Stille. Dann war das Rascheln von Bettzeug zu hören gewesen. Lily war im Türrahmen erschienen, den Pulli über die Nase gezogen.

Seth hatte nur eine Augenbraue hochgezogen.

Langsam hatte Lily ihren Pulli runter gezogen.

„Ahhhhh!“ Seth hatte sich die Hände vor Gesicht gehalten und sich abgewandt. „Das Ding ist ja echt fett wie ein Leuchtturm! Es blendet mit sogar!“

„Du Arsch!“ Lily hatte ihm auf den Oberarm geboxt und Jules und Seth hatten gleichzeitig zu lachen begonnen, während sich Lily wieder die Hände vor’s Gesicht gelegt hatte.

„Ach, komm. Ist doch völlig egal.“ Widerstrebend hatte sie zugelassen, dass er ihre Hände weggezogen hatte. „Kommt nun mal vor. Hormone und so.“ Dann hatte er gegrinst. „Aber wenn du willst, können wir dann gern noch ein Biologie-Stunde hinten anhängen?“

Lily war hochrot angelaufen. Sehr zu ihrem Vorteil: der rote Pickel war jetzt gar nicht mehr aufgefallen.

„Aber sicher nicht hier!“, hatte Jules festgelegt und Lily war noch roter geworden.

Kichernd hatte Seth sich umgewandt.

„Wo willst du hin?“

Lily war ihm gefolgt, im Glauben, dass sie in die Bücherei gehen würden, aber er steuerte den Gang Richtung Kantine an. Und dann zur Tür Richtung Hof.

„Ich hab einiges an Literatur ausgeliehen, also müssen wir nicht nochmal in die Bibliothek. Ich will raus.“ Es war noch ein herrlicher Spätherbsttag gewesen und die Sonne hatte vom kornblumenblauen Himmel gelacht. Um diese Jahreszeit war der Hof des Merlin Centers auch am Nachmittag noch sonnendurchflutet, bis die Scheibe schließlich hinter dem Westflügel und noch etwas später schließlich hinter dem Horizont verschwand.

Dennoch hatten sich nur noch wenig Schüler draußen am Hof getummelt. Zum einen, weil ein kräftiger Wind geblasen hatte, zum anderen aber weil gerade Prüfungszeit gewesen war und dafür die Bücherei völlig überfüllt war.

Nachdem Lily im naturwissenschaftlichen Zweig gesessen war und Seth im sportlichen, hatten sie nur wenig gemeinsame Fächer. Lediglich in den Hauptgegenständen hatten sie am Schuljahresbeginn immer eine Wissensüberprüfung, anhand derer die drei Klassen dann in vier Gruppen eingeteilt wurden. Lily war eine Katastrophe in Mathe und glänzte dafür in Sprachen, während Seth… naja, ein gutes Mittelmaß gewesen war. Sia war natürlich überall in der besten Gruppe und sogar dort meist noch eine der besten, wenn nicht sogar die Beste, aber ihr Bruder legte nicht besonders viel Wert auf schulische Auszeichnungen. Außer, dort, wo er interessiert gewesen war: in Sport war er zweifellos der Star ihrer Klasse und auch in Geschichte und allen naturwissenschaftlichen und magischen Fächern war er eine gute Adresse bei Fragen. Weshalb er Lily auch bei ihrem Referat über die Entstehung des Wehrdienstsystems geholfen hatte.

Sie hatten sich eine sonnige Bank gesucht und fast bis Sonnenuntergang Bücher gewälzt, eine Skizze für ihr Plakat gezeichnet und Stichwortkarten geschrieben. Lily war bei solchen Dingen ja mehr so der Typ „kreatives Chaos“ gewesen, während Seth klar strukturiert und systematisch vorgegangen war. Sie war so in die Arbeit vertieft gewesen, dass sie sogar den Pickel auf ihrer Nase vergessen hatte.

Als die Sonne sich dann langsam immer weiter gesenkt hatte, war es kühl geworden und sie hatten langsam alles wieder eingepackt. Lily hatte Seth gerade das letzte Buch gereicht – das dummerweise aber der Beschwerer für alle Notizen gewesen war. Der Wind hatte die ganze Zeit schon geweht und hatte jetzt für Lily natürlich auch nicht Halt gemacht. Ihre Notizen waren hochgewirbelt und hatten sich am Kopfsteinpflaster verteilt.

„NEIN“, hatte sie gequietscht und sie waren beide aufgesprungen. Die meisten Zettel waren schnell wieder eingefangen und sicher in ihre Tasche gestopft, aber einer hatte sich aus dem Staub machen wollen. Sie waren ihm hinterher geeilt, Seth von rechts und Lily von links. In ihrer Eile waren sie vor dem Brunnen aber schließlich übereinander gekullert, Lily hatte das Gleichgewicht verloren, hatte Seth mit sich gerissen und so waren sie zu zweit in den Brunnen gefallen, denn natürlich war das genau jene Stelle, wo der Rand am niedrigsten war: dort, wo Schnauze und Schwanz des Drachen sich berührten.

Das Wasser war eiskalt gewesen. Wie ihre Mum immer sagte: in Monaten mit R im Namen ging man weder barfuß noch baden.

Zumindest hatte Seth den Zettel gerettet. Er hatte ihn hochgehalten und erleichtert aufgeatmet. Bis sie beide gesehen hatten, dass er unbeschrieben war. Es war lediglich ein Stück leeres Papier gewesen, das zwischen ihren Notizen gelegen hatte!

„Soll ich dich dafür jetzt gleich über’s Knie legen?!“ Seth sah aus wie ein begossener Pegasos und hatte fassungslos auf das leere Blatt gestarrt. Und der Anblick war so komisch gewesen, dass Lily losgeprustet hatte, obwohl ihre Zähne bereits zu klappern begonnen hatten.

Seth hatte darauf hin den Zettel zerknüllt und ihr an den Kopf geworfen und sie dann auch nochmal grinsend nassgespritzt. Das hatte Lily nicht auf sich sitzen lassen und irgendwie war es in eine Wasserschlacht ausgeartet, bis Seth ihre Hände eingefangen hatte.

„Das lässt du jetzt schön sein, mir frieren schon die Eier ab.“ Tatsächlich waren seine Lippen schon blau geworden. Und Lily hatte in diesem Moment alle ihr Vorstellungen über den perfekten Kuss über Bord geworfen, alles was sie bei Jules über‘s Küssen erfragt hatte und jegliche Gedanken an ihren störenden Pickel, der in vielleicht abtörnen hätte können. Sie hatte nach seinem Pullover gegriffen, um ihn näher zu ziehen und hatte eine Hand in seinen Nacken gelegt. Er war zuerst spürbar überrascht gewesen, hatte dann aber schnell das Ruder übernommen. Und wie alles bei ihnen war es absolut perfekt gewesen, weil es so unperfekt gewesen war.

Machtkampf

Für die vier Staffelführenden gab es seit der Beförderung zum Gefreiter noch eine zusätzliche Aufgabe: die Unterweisungen für Führungskräfte, die sie gemeinsam mit einem oder mehreren ihrer Leutnants hatten. Einerseits ging es um vertiefende Taktik, Wissen über das Wehrdienstsystem und Einsatzführung, andererseits aber auch um Kommunikation und Führungskompetenz. Seth freute sich auf ersteres. Lily vor allem auf zweiteres.

"...die Übung findet Mitte Februar statt", sagte der Leutnant der Klauen gerade. "Dune, du hast das Oberkommando. Ich will in zwei Wochen deine Planung haben: Route, Lager, Gefahrenanalyse, Vorbereitung."

Seth nickte.

"Gut. Dann sind wir für heute fertig."

Damit wurden die vier entlassen. Es kostete Seth einiges an Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie stolz er sich fühlte, als erstes mit einer solchen Aufgabe betraut zu werden.
 

Schon am nächsten Tag pilgerte Seth in die Bücherei, fest entschlossen, in gewohnter Manier zu glänzen. Und er spürte auch Fens Erwartung, denn der Rote würde nichts anderes als eine Höchstleistung akzeptieren.

"Erste Anmerkungen? Oder lässt du mich mal machen und korrigierst mich dann?"

"Letzteres."

"Dachte ich mir." Und das war auch gut so, denn anders hätte auch Seth es nicht gewollt.

Der Blonde war noch nie im Nordwesten des Kontinentes gewesen. Alles, was er darüber wusste, kam aus dem Geografieunterricht in der Akademie. Wo er in etwa bis zur dritten Klasse aufmerksam gewesen war - danach hatte er seine Zeit damit verbracht, im Atlas nach Inseln zu suchen, die wie Geschlechtsteile aussahen und sie einzukringeln, in Garrows Atlas Penisse zu kritzeln, Liebesbotschaften und später anzügliche Zettelchen durch die Klasse zu schicken und ihrer jungen Lehrerin auf den Hintern zu glotzen. Wer schickte auch eine Mitzwanzigerin frisch von der Uni zu einem Haufen pubertärer Teeniejungs?!

"Manchmal macht es mich wirklich traurig, dass ausgerechnet ihr Menschen den Kontinent regiert", seufzte Fen und Seth kicherte alleine vor einem Bücherregal, was ihm verwirrte Blicke anderer Bibliotheksbesucher einbrachte.

"Ach komm, das wächst sich aus und irgendwann werden wir dann erwachsen."

Fen schnaubte in seinem Kopf und ein Bild erschien von Seths innerem Auge: Garrow, der gestern beim Frühstück getan hatte, als würde er unter dem Tisch onanieren und dann Majo über Mairies Toast gespritzt hatte. Und ein Tisch voller rechtlich als erwachsen geltender Personen, die wahlweise rot vor Scham geworden waren oder lauthals darüber gelacht hatten.

"Erwachsen also?"

Seth prustete laut los und die Schülerin neben ihm schlug ihr Buch zu und verschwand mit skeptischem Blick schnell um das nächste Regal.

"Naja, ein bisschen Spaß darf ja dennoch sein."

Fen grunzte lediglich als Antwort. Mit einem Grinsen legte Seth das Buch, das er gerade noch durchgeblättert hatte, zu den anderen und ging mit seinem Stapel zu einem der Tische in der Mitte des Raumes. Eine Gruppe Schüler saß in seiner Nähe, der Optik nach zu urteilen noch keine vierzehn und unterhielt sich leise.

Der Blonde legte alles ab, schlug sein Notizbuch auf und griff sich dann das erste Buch.

Die Seiten seines Buches füllten sich mit seiner akkuraten Handschrift, Zeichnungen und Symbolen für Querverweise. Der Stapel mit ungelesenen Büchern wurde immer kleiner, während zwei andere wuchsen: jene zum Zurückbringen und jene zum Ausleihen, in denen er mit farbigen Klebezetteln je nach Priorität Stellen markiert hatte, die er später nochmal genauer lesen wollte.

"...ach komm, das ist doch an den Haaren herbei gezogen!" Die Stimmen der Schüler am Tisch neben ihm wurden lauter. Seth verdrehte genervt die Augen. Manche Leute wollten hier arbeiten!

"Ich finde den Gedanken gut", sagte ein anderer.

"Das ist ein Zettel, auf dem irgendjemand seine Gedanken notiert und ihn im Buch vergessen hat!"

"Ja und es stehen nirgends Quellen oder sonst was drauf", warf eine dritte Stimme ein. Seth wurde gleichzeitig heiß und kalt und er dachte plötzlich nicht mehr an seine Arbeit. Er ahnte, wo das Zettelchen herkam, über das sie sich gerade unterhielten. Um besser zu hören lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück.

"Warum braucht man für eine Meinung Quellen?!"

"Naja, hier steht, dass Nicht-Magier die Umwelt zerstören. Das ist ja wohl nicht nur eine Meinung! Irgendwoher muss die Idee doch kommen, dass sie für ihre Industrie und den Straßenbau Wälder roden."

"Das ist doch logisch! Wo sollen sie ihre neuen Straßen denn sonst bauen?!"

Genau auf solche blindwütigen Schreihälse hatten ihre Notizen abgezielt. Jene, die unhinterfragt Behauptungen als Tatsachen nahmen, sie fleißig weiter verteilten und damit Stimmung machten.

Seth drehte sich auf seinem Stuhl zu der Gruppe um. "Du hörst dich auch einfach nur gern reden, oder, du Vollidiot?"

Die fünf Jungs bekamen große Augen und betrachteten die Uniform, die Sternchen auf der Schulter und das Abzeichen an der Brust. In der Bücherei herrschte Waffenverbot, sonst hätten sie das Schwert an seiner Hüfte auch noch ehrfürchtig bewundern können. Seth hätte in ihrem Alter vermutlich genauso reagiert, wenn ein Reiter mit ihm geredet hätte.

"Hör auf, Müll zu verzapfen. Es wird nicht einfach wahllos Wald abgebrannt für neue Grundstücke oder Straßen. Es gibt Aufforstungspläne als Ausgleich für alle neu erschlossenen Grundstücke und den Straßenbau. Welche Straßen wo wie gebaut werden entscheidet übrigens der Verkehrsminister - der ein Magier ist, nur ganz nebenbei. Ebenso wie der Landwirtschaftsminister, der sich um die Umwidmung von Fläche in Bau- und Nutzflächen kümmert. Und wenn du dich schon über Waldrodung beschweren willst: ich hoffe, du lässt das Schnitzel am Schnitzelfreitag immer schön aus? Der meiste Wald wird nämlich gerodet, um Fläche für den Anbau von Futtermitteln für die Fleischproduktion zu gewinnen. Oder für den Anbau von Jasbaybeeren, die wir bekanntlich für Portale verbrennen - und die den Boden stark auszehrt und gleichzeitig viel Platz braucht. Was du ja hoffentlich aus deinem Unterricht weißt?! Wenn du schon nicht anständig recherchieren kannst, kannst du hoffentlich wenigstens im Unterricht zuhören." Seth streckte die Hand aus. "Und jetzt gib mir den Zettel."

Der Junge war auf seinem Sessel immer weiter in sich zusammen gesunken und beeilte sich jetzt, das Stück Papier auszuhändigen.

"Wenn du wieder sowas findest, liest du gefälligst zuerst nach, bevor du Mist verbreitest, klar?!"

"Ja! Ja! Natürlich! Glasklar!"

"Gut." Vermutlich hätte es gereicht, den Zettel einfach zu zerknüllen. Aber der Blonde wollte, dass das Erlebnis nachhaltig in Erinnerung blieb. Naja gut und vielleicht wollte er auch ein wenig angeben und sich in der Bewunderung der Jüngeren baden. Fen grummelte in seinem Hinterkopf. Er legte die Hände übereinander und zog die Finger dann langsam auseinander. Zwischen ihren Tischen hoben sich ein paar Steine aus dem Boden und stapelten sich übereinander. In der Mitte entstand ein Loch, in das Seth das Papierstück fallen ließ, eh sich die Steine wieder darüber legten. Und alles sah wieder aus wie zuvor. Die Schüler hatten Münder und Augen weit aufgerissen und Seth drehte sich mit einem Grinsen wieder zu seinem Tisch zurück.

"Woah, hast du das gesehen?!" Hinter sich begann aufgeregtes Geschnattere, bis die Bibliothekarin mit strengem Blick um die Ecke bog und die Jungs für den Lärm zusammen stutzte.
 

Am Weg zurück in sein Zimmer klopfte Seth an Sias Tür. Und wartete, bis sie sie aufmachte. Irgendwie ein komisches Gefühl. Er hatte noch nie vor ihrer Zimmertür gewartet und umgekehrt genauso wenig. Sie hatten immer alles voneinander gewusst, alle ihre Pläne für die Abendgestaltung. Selbst spontane Pläne hatten sie sich immer mitgeteilt und so war es nie nötig gewesen, vor der Tür zu warten. Sie waren immer einfach rein gegangen. Und wenn sie mal wo reingeplatzt waren, war es Absicht gewesen. Naja und in letzter Zeit war er ohnehin nicht mal mehr in der Nähe ihres Zimmers gewesen.

Die Tür ging auf und Sia zog prompt eine Augenbraue hoch.

Seth hielt ihr eines der Bücher hin.

"Wir machen im Februar eine Übung Nahe Lhewy. Sieh dir das Buch durch, ich brauch bis Ende der Woche eine Einschätzung, ob du das hinkriegst."

Sie sah auf das Buch. Dann wieder zu Seth. Aber sie machte keine Anstalten, danach zu greifen.

"Krieg ich leider diese Woche nicht mehr in meinem Kalender unter."

"Zu dumm, dass Riven schon weiß, dass ich dir das Buch geben werde und eine Einschätzung von dir will." Gut, das war ein wenig geflunkert - noch hatte er dem Leutnant das nicht gesagt. "Dein Versagen fällt dann also auch deine eigene Inkompetenz zurück - nicht auf meine."

Damit ließ er das Buch fallen. Mit einem lauten Knall landete es auf dem Steinboden zwischen ihren Füßen.

"Vielleicht schaufelst du dir also doch lieber ein wenig Zeit in deinem Kalender frei."

Er wandte sich um und ging ohne sich nochmal umzudrehen in sein eigenes Zimmer nebenan. Die Tür fiel hinter ihm geräuschvoll ins Schloss und erst als er sich mit dem Rücken gegen das Holz lehnte, fiel ihm auf, dass er die Luft angehalten hatte. Der ständige Machtkampf zermürbte ihn, umso mehr als dass es nicht einfach irgendjemand war, sondern Sia und er noch nicht mal seine Gefühle ihren Bruch betreffend auf Reihe bekommen hatte. Es fühlte sich jedes Mal an, als würde sie mit einer rostigen Feile in seine Wunde stechen, damit sie ja nicht verheilen konnte. Lilys Wort fielen ihm ein. Dass er ein Pflaster drüber klebte, um es nicht zu sehen, er aber hin und wieder doch mal nachsehen sollte, ob es nicht doch eiterte. Gottverdammt wie er es hasste, dass sie ihn so durchschaute. Und wie er es hasste, dass er sich das Rauchen verbot. Unruhig strich er sich übers Haar und die Stoppeln des Undercuts. Irgendwie hatte er sich immer noch nicht wirklich an die neue Frisur gewöhnt. Oder an das Piercing in der Augenbraue, das jetzt die Sicherheitsnadel von Quinn ersetze. Aber es fühlte sich gut an, sich auch optisch zu verändern. Irgendwie wie eine Schlange, die sich häutete und die alte, zu kleine Hülle zurück ließ.

Der Blonde stieß sich von der Tür ab und trat zum Schreibtisch. Wenn er glänzen wollte, musste er sich auf diese Übung vorbereiten. Da war kein Platz für sein Gefühlswirrwarr. Er schnappte sich die Bücher aus seiner Tasche und machte die Musik an. Visions of Atlantis - Master the Hurricane. Er würde auch diesen Sturm überstehen.
 

„Hier werden wir am Hinweg lagern.“ Seth deutete auf einen Punkt auf der ausgerollten Karte. „Durchfliegen würde sich mit den kleineren Drachen knapp nicht ausgehen.“

„Warum?“, wollte Riven wissen und Seth legte ihm die genauen Detailüberlegungen dar. Er hatte sich über das Klima informiert, über die Windbedingungen, wie sich die Flugfähigkeiten von Drachen bei dieser Kälte änderten, hatte Berichte von früheren Flügen gelesen und hatte sich mit allem befasst, was ihr Überleben bei 20 Grad unter dem Gefrierpunkt sichern würde. Für sein Gefühl hatte er jede Kleinigkeit bedacht und bisher hatten die Leutnants nur wenige Fragen gestellt, die er nicht hatte beantworten können.

„Und wie soll euer Lager aussehen?“ Der Leutnant der Schwingen lehnte lässig am Tisch.

„Die dortige Bevölkerung baut Iglus. Runde, kuppelförmige Gebilde aus Eisblöcken.“ Die Leutnants nickten alle vier und Seth wusste, dass er auf dem richtigen Weg war. „Nach Sias Einschätzung sollten die drei Eisbeschwörer das hinbekommen. In der Decke ist ein Loch für den Rauchabzug. Da durch ein Feuer im Inneren die innere Schicht immer wieder schmilzt und durch die Kälte von außen wieder gefriert, entsteht eine Isolierschicht. Aber selbst wenn das System nicht ganz einwandfrei funktioniert, mit Beschwörungsmagie sollten wir gut über die Nacht kommen.“

Er sah Amaro an. „Ich hab eine Bücherlist zusammengestellt für deine Eisbeschwörer. Sia sollte sie schon gelesen haben, du kannst dir die Bücher direkt von ihr holen.“

Er hatte auch eine Packliste für die zwei anderen Drachenstaffelführer zusammengestellt, nachdem sie eindeutig andere Kleidung und andere Tränke brauchen würden als bei ihrem Flug in den Süden. Bei allen Köpfen der Hydra, wie viel lieber würde er der Sonne entgegen fliegen, statt ins Eis?! Aber naja. Er musste wohl nehmen, was er kriegen konnte.

Es ging noch eine Weile so weiter und die Leutnants schafften es dennoch, einige Lücken in der Planung aufzudecken. Aber unterm Strich hatte Seth das Gefühl, seine Aufgabe gut erledigt zu haben. Immerhin hatten die vier drei Jahre Erfahrung und eine ganze Offiziersausbildung mehr als er. Vermutlich hätte es mehr über ihre Kompetenz ausgesagt als über seine, wenn sie keine Fehler gefunden hätten. Außerdem war auch von Fenrior keine Kritik gekommen – und das war bei dem Roten fast schon sowas wie ein Lob.

„Dune? Auf ein Wort.“ Sie hatten bereits wieder alles eingepackt und die übrigen verließen nach einander den Raum, aber Leutnant Riven stand noch am Tisch und Seth ließ seine Tasche nochmal auf den Stuhl sinken. „Du hast deine Hausaufgaben gemacht“, stellte Riven fest.

„Natürlich.“

„Ich hab nicht weniger erwartet von dir. Trotzdem will ich, dass du weißt, dass deine Leistung weit über dem liegt, was wir von einem Gefreiter erwarten würden.“

Seth nickte. „Danke. Freut mich, das zu hören.“

„Du kannst gehen.“

Der Blonde hängte sich seine Tasche wieder um, hielt dann aber doch nochmal inne. „Darf ich noch eine nicht ganz dienstliche Frage stellen?“

„Kommt auf die Frage an.“

„Wir würden gern snowboarden ausprobieren, müssen uns aber die Ausrüstung irgendwo ausleihen und alle Infos, die ich zum Verleih gefunden habe, sind nicht mehr ganz neu. Wo finde ich was Aktuelles?“

„Snowboarden, also? Schon mal gemacht?“

„Nein, drum will ich es ja probieren. Letztes Jahr bei unserem Flug in den Norden hat die Zeit aber nicht gereicht. Ich kann surfen und skateboarden, da sollte ein Snowboard ja wohl nicht allzu schwer sein.“

Der Leutnant lachte. „Natürlich. Weil es keinen Unterscheid macht, ob man auf Schnee, Wasser oder Asphalt unterwegs ist, meinst du?“ Er grinste. „Aber versuch es ruhig. Es gibt einen Verleih direkt beim Lifteinstieg – viel Spaß übrigens beim Liftfahren.“

„Das kriegen wir schon hin. Danke.“ Seth grinste und wandte sich zum Gehen. Das war doch Quatsch. So schwer würde es schon nicht sein. Er hatte Fotos in Büchern davon gesehen. Bügel nehmen, sich zwischen die Beine stecken und sich raufziehen lassen. Und am Brett dann wieder runter rutschen. Easy.

"Seid nach dem Mittagessen beim Verleih. Ich geb euch eine kleine Einschulung."

"Äh, jawohl." Seth salutierte, fühlte sich aber wie ein Kasper. Das war kein Befehl gewesen, oder? Wie verhielt man sich seinem Vorgesetzten gegenüber, wenn mach sich für private Vergnügen verabredete? "Danke!"

Der Leutnant grinste. "Du kannst abtreten."
 

Es war kalt. Also, nicht so ein bisschen kalt. Nicht so wie letztes Jahr, als sie schon mal im Norden gewesen waren. Es war richtig, beschissen arschlochkalt! Wer kam auf die Scheißidee, sich hier oben nieder zu lassen?!

“Hör auf zu jammern“, fauchte Fen, dem die Kälte weniger ausmachte. “So schlimm ist es nicht!“

„Nicht so schlimm?! Machst du Witze?! Wir haben ein eigenes beheiztes Klohäuschen gebaut, weil dir der Pimmel sonst wegfriert!“

Fen grunzte und der Blonde war sich sicher, dass er gerade die Augen überdreht hatte. Aber das sah er nicht, weil Fen seinen Kopf unter einen Flügel gesteckt hatte, während Seth seine Wachschicht auf dem gigantischen, geschuppten Vorderbein verbrachte. Der Rote hatte sich eingerollt und sich mit dem Schwanz umschlungen, den Kopf hatte er unter einen Flügel gesteckt. Was für Seth den Vorteil bot, dass er auf Fens Bein zwar erhöht saß und die Ebene gut überblickte, er aber zwischen dem Drachenkörper und dem Hals saß, wodurch es zumindest ein bisschen windgeschützt war. Er hatte eine Weile überlegt und abgewogen, ob er Wachen aufstellen sollte. Die Literatur hatte unterschiedliches dazu angegeben. Die Wahrscheinlichkeit, hier überfallen zu werden, war gering, aber nicht auszuschließen und das war immer noch eine Übung und Seth wusste nicht, ob ihre Leutnants nicht noch was geplant hatten für sie oder ein Empfangskomitee aus Lhewy sie heimsuchen würde. Also hatte er sich für Wachen entschieden. Und die Auswahl an möglichen Personen dafür, war leider ziemlich begrenzt gewesen.

Ihr Lager lag auf einer weiten Ebene im Eis. Die Eisbeschwörer waren in ihrem Element und hatten zwei Iglus gezaubert, während es den fünf Holzbeschwörern schon deutlich schwerer gefallen war, aus dem Nichts die Zweige zu erschaffen, die sie als Bodenunterlage verwendeten. Seth hatte für die beiden Iglus Feuerstellen aus Stein erschaffen. Die weniger kälteresistenten Drachen lagen in einem inneren Kreis rund um das Lager. Gerade die blauen Färbungen wie Tibitha kamen aus der Wüste und waren die Hitze gewöhnt - mit Schnee und Eis konnten sie so gar nichts anfangen. Die rötlichen und braunen Färbungen waren hingegen schon eher an dieses Klima gewöhnt: sie lebten oft auf Bergen und in Höhlen und hatten mit Kälte und Schnee weniger Probleme. Fen und die fünf anderen rötlich-orangen Drachen lagen daher im äußeren Kreis und hielten den Wind so gut es ging vom Lager fern. Und die sechs Reiter dieser Drachen hatten sich in zwei Schichten die Wache geteilt. Seth freute sich schon jetzt auf die Nebenwirkungen der Tränke morgen, denn trotz dicker, fellbesetzter Kleidung hatte er einen Wärmetrank gebraucht. Und natürlich den Nachtsichttrank, denn es war stockdunkel. Umso mehr, als dass es bewölkt war und nicht mal der Mond oder die Sterne zu sehen waren.

Seth hatte die zweite Wachschicht übernommen, um am Abend noch im Lager zu sein und das Treiben koordinieren zu können. Denn wie es so üblich war, hatte während seiner Wachschicht seine Vize das Kommando, was ihm schon seit Tagen Kopfzerbrechen bereitet hatte. Sia wusste, was zu tun war. Und er wusste, dass sie unter der Nase der Leutnants keine Dummheiten machen würde, die auf sie selbst zurück gefallen wären, dafür war sie viel zu stolz. Und Aeryn hätte ihr dann vermutlich die Hölle heiß gemacht. Aber es nagte dennoch an ihm, ihr das Kommando zu überlassen. Viel lieber hätte er es Lily übertragen, aber er wusste, dass das nicht gern gesehen werden würde. Das war ein dienstlicher Auftrag und seine privaten Probleme hatten daheim zu bleiben.

Seth hatte jedes Gefühl für Zeit verloren in der eisigen Dunkelheit, aber der Nachtsichttrank ließ langsam nach und Fen regte sich leicht unter ihm. Der große, rote Kopf kam unter dem Flügel zum Vorschein und er gähnte herzhaft. Seine gegabelte Zunge streckte sich lang aus seinem Maul heraus und zwei Reihen scharfer, dolchähnlicher Zähne kamen zum Vorschein. Seth lächelte leise.

Fen drehte den Kopf auf seinem langen, muskulösen Hals so weit herum, dass er Seth in die Augen sehen konnte. Der Blonde kraulte die kleineren, etwas weicheren Schuppen zwischen Fens Nüstern und genoss die warme Atemluft des Drachen. Auch wenn sie nach Schwefel roch. “Ich mach deine Wache fertig, geh schlafen, Mensch.“ Damit hob der Rote den Kopf und ließ den Blick über die Ebene schweifen.

“Danke.“

Er glitt über das Vorderbein nach unten und hörte Eis knirschen, als sein Stiefel den Boden berührten. Sobald er aus Fens Schutz heraus getreten war, pfiff ihm der schneidende Wind um die Ohren. Murrend zog er den Kragen weiter hoch und dachte an Sonne, Strand und Meer.

Wenigstens war es im Iglu warm. Die Schwingen hatten als größte Staffel das eine Iglus bezogen, zusammen mit ihrem Leutnant und die Klauen und Flammen teilten sich mit ihren beiden Leutnants das andere. In der Mitte loderte noch ein herrliches Feuer und er begegnete Patricks Blick, als er die steifen Finger in Richtung der warmen Glut hielt. Die Augen wandte er wieder ab, denn der Nachtsichttrank schien zumindest noch soweit zu wirken, dass das Feuer unangenehm in den Augen stach. Patrick zog die Stirn kraus und sah zu der Sanduhr, die das Ende seiner Wachschicht kennzeichnete. Die drei Feuerbeschwörer hatten sich die Nacht ebenfalls aufgeteilt, damit immer jemand das Feuer in Gang halten konnte und dafür sorgte, dass keine Funken flogen und etwas in Brand setzten. Seine Wache hätte eigentlich zeitgleich mit Seths aus sein sollen.

„Fen hat übernommen“, flüsterte Seth leise, um die anderen nicht zu wecken. Patrick nickte und starrte dann wieder in die Flammen.

Die Schlafsäcke waren so verteilt, dass jene, die Wache hatten, so nahe wie möglich am Eingang lagen. Ganz hinten machte er Sias blonden Schopf aus und eigentlich hätte Lily auch irgendwo dort liegen sollen. Stattdessen fand er die rote Mähne neben seinem noch leeren Schlafsack. Er lächelte und schob sich so leise wie möglich in seinen Schlafsack. Sie wachte dennoch auf.

„Müssen wir schon los?“, murmelte sie schlaftrunken.

„Nein, Fen hat die Wache übernommen. Schlaf weiter“, flüsterte er zurück und lehnte sich zu ihr, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Ein Luxus, den er sich nur jetzt hier im Halbdunkeln erlaubte, wo außer ihren Augen nur noch Patricks offen waren. Ansonsten waren sie sich einig, dass sie jegliche Zärtlichkeiten unterließen, wenn sie im Dienst waren.
 

„Verdammte Scheiße, ist das kalt. Hier friert dir sogar die Kacke beim Schei….“ Garrows Blick fiel auf die Leutnants, die gerade am Feuer saßen und er brach den Satz ab.

Riven grinste mit seiner blauen Beobachter-Schleife am Arm. „Ignoriert uns einfach. Wir sind gar nicht da.“

Seth lachte verstohlen. Sie saßen gerade noch beim Frühstück über ihren Näpfen mit Haferschleim und Trockenobst, eh sie sich für den Aufbruch bereit machen würden.

“Die Wolkendecke verdichtet sich weiter. Sieht aus, als würde ein Sturm aufziehen.“

„Ich seh es mir gleich an.“

Der Blonde stellte seinen Napf vor sich hin, erhob sich und trat mit einigem inneren Widerstand aus der Wärme ihrer Eishütte hinaus in die Kälte. Er verzog das Gesicht und stapfte dann zu Fen, der Richtung Nordwesten starrten. Genau die Richtung, in die sie noch wollten. Und tatsächlich waren in der Dämmerung tiefgraue Wolken zu erkennen, die scheinbar gerade von Norden herab zogen.

„Ein Schneesturm.“

“Allerdings.“

Toll, das hatte ihnen gerade noch gefehlt. “Was meinst du, sind wir schneller als der Sturm?“

„Wenn wir uns beeilen, könnte es sich ausgehen. Wir wären auf jeden Fall gut beraten, dem Sturm auszuweichen.“

Grundsätzlich hatten Schnee und Eis auf Drachenkörpern keine Chance. Durch die Flammen, die Drachen speien konnten, war ihr Körper immer gut gewärmt und Schnee schmolz einfach. Eine Ausnahmen bildeten hier allerdings die Flügel: sie waren weit entfernt vom warmen Feuer im Inneren der Riesenechsen und zwischen den Flügelrippen spannten sich nur dünne Membranen. In einem Schneesturm liefen sie Gefahr, dass die Membranen Eis ansetzten und die Drachen abstürzten.

Seth nickte. Im Notfall würden sie den Sturm in südliche Richtung umfliegen müssen, aber das würde ihnen einiges an Zeit kosten.

Er wandte sich um und ging zurück ins Lager und zum Iglu der Schwingen.

„Aufbruch in zwanzig Minuten“, ordnete er an. Die Schwingen warfen ihm empörte Blicke zu – eigentlich hätten sie erst in einer Stunde aufbrechen wollen – aber sie waren allesamt so schlau, sein Kommando nicht zu hinterfragen.

„Ein Schneesturm zieht von Norden auf“, ließ er seine Staffel wissen, als er wieder in ihr eigenes Iglu trat. „Abflug in zwanzig Minuten. Sia, nimmt dir die zwei anderen Eisbeschwörer und mach das Lager dem Erdboden gleich, bevor wir starten.“

Die Blonde nickte und schenkte ihm einen Blick, als sei er ein Fremder. Ihr Staffelführer und nicht mehr. Seth ließ die inneren Rollläden herunter und versteckte den Schmerz dahinter, als er sich nochmal seinen Napf schnappte und den Rest seines mittlerweile kalten Haferschleims auskratzte.

Garrow hatte es scheinbar nicht wörtlich genommen mit der Anweisung, die Leutnants zu ignorieren, denn anders als sonst hatte er seine Espressokanne im Rucksack gelassen. Was hieß, dass es heute keinen Kaffee geben würde. Na wenigstens würden sie früher in der Kaserne sein, wenn alles gut ging und dann würde dort Kaffee auf ihn warten.

Der Wind hatte zugenommen, als sie wenig später aus den Iglus traten und Sia und die beiden Eisbeschwörer der Schwingen nochmal alle ihre Spuren verwischten. Auch hier hatte Seth lange überlegt, wie er vorgehen sollte. Sie hätten sich eine Menge Arbeit erspart, wenn sie die Iglus einfach gelassen und sie am Rückweg wieder benutzt hätten. Andererseits war es eine Grundregel, dass man das Lager nie einfach so stehen ließ und damit verriet, hier gewesen zu sein. Seth hatte sich an letzteres gehalten. Außerdem würden sie am Rückweg bis am Abend voraussichtlich schon viel weiter im Süden sein und nicht mehr im Eis campieren müssen.

„Aufsitzen“, gab er das Kommando, als schließlich die drei Staffeln angetreten waren und die Führenden ihre Abflugbereitschaft gemeldet hatten. Die Reiter traten ab und strömten zu ihren Drachen.

„Sia.“ Die Blonde bliebe stehen und wandte sich zu ihm um, eine Augenbraue hochgezogen. „Aeryn gibt das Tempo an. Wenn ihr uns den Sturm oder den Umweg ersparen könnt, dann macht das.“

Nachdem Aeryn der kleinste Drache ihrer Staffel war und zudem dem Wetter auch am unangepasstesten, hatte sie schon auf dem Weg hierher das Tempo angegeben. Allgemein lagerte Seth diesen Punkt gerne mal aus, nachdem Fenrior dafür nicht der beste Maßstab war. Im Normalfall war allerdings die Kommunikation untereinander leichter, da die Pegasoi ihre Nachrichten hin und her transportierten. Nachdem die geflügelten Pferde bei diesem Klima aber nicht mal in die Luft kamen, waren die Drachenreiter auf sich gestellt. Natürlich konnten die Drachen untereinander kommunizieren oder mit den Menschen auf ihren Rücken, aber wie schon bei Gesprächen am Boden klar wurde, war es alles andere als einfach, die eigenen Gedanken und mehr als einen Drachen im Kopf zu haben, vor allem, wenn sie kreuz und quer redeten. Wenn er eine Entscheidung treffen sollte und ihm dann mehrere Drachen drein redeten, wurde es wirklich komplex und solche Situationen ersparte sich Seth gerne. Außerdem empfanden es die Drachen als unhöflich, unaufgefordert von einem fremden Menschen angesprochen zu werden.

Zudem war es ja auch nicht so, dass Drachen andauernd alles hörte, was um sie herum von Menschen gedacht wurde. Sie waren wie Radios, die sich auf bestimmte Frequenzen einstimmen konnten und dort dann etwas empfangen konnten. Anders war es untereinander. In einem näheren Umkreis waren alle Drachen miteinander verbunden und mussten sich bewusst gegen andere Drachen abschirmen, wenn sie ihr Privatsphäre haben wollten. So bekamen sie es auch meisten mit, wenn ein Reiter etwas dachte – nicht direkt über den Menschen, sondern über den Drachen, der mit dem Menschen verbunden war. Hochkomplex also. Und Seth war froh, dass es ihm erspart blieb, mit mehr als einem anderen Individuum verbunden zu sein.

Der Kompass auf deinem Sattelknauf zeigt an, dass sie genau den richtigen Kurs flogen. Dummerweise würde genau dieser Kurs sie allerdings in den Schneesturm führen, wenn sie nicht bald Kilometer gut machten. Seth fluchte und überlegt fieberhaft, was sie tun sollten. Wenn sie Kurs und Tempo beibehielten, würden sie mitten in den Sturm fliegen. Wenn sie mehr Richtung Süden fliegen würden, würden sie dem Sturm vielleicht ausweichen können. Aber auch nur vielleicht, denn falls die Wolken weiter nach unten zogen, würden sie bei ihrer Geschwindigkeit erst wieder in den Sturm kommen. Sie könnten landen und den Sturm abwarten, aber wer wusste schon, wie lange das dauern würde.

Kannst du Aeryn mal Bein machen?“, wandte er sich an Fen. Aber es war gar nicht nötig, dass sich der Drache an Aeryn wendete – die Weiße hatte scheinbar schon auf seinen Protest gewartet und ihr inneres Radio auf Seths Frequenz eingestellt gehabt.

Das Kommando war, das Tempo anzugeben, oder?“ Er hatte Aeryns Stimme noch nie gehört, aber genau so hatte er sie sich vorgestellt: glockenhell und herablassend. Perfekt passend zu einem Drachen ihrer Optik. Und perfekt passend zu ihrer Reiterin. „Und genau das tue ich auch. Leider kann ich nicht schneller.“

Seth spürte Fens Knurren aus seinem Bauch heraus mehr als er es im Rauschen des Windes hörte. Er ballte die Hände zu Fäusten. Sie verzögerten den Flug also bewusst, um seinen ersten Auftrag zu sabotieren. Egal ob sie den Sturm abwarteten oder versuchten, ihn zu umfliegen, sie würden verspätet in die Kaserne kommen und auch wenn seine Entscheidung richtig war, würde hängen bleiben, dass er das Zeitlimit nicht geschafft hatte. Seine Finger begannen zu jucken und nur mit Mühe konnte er die Hände unten lassen. Aber ein Erdbeben würden ihnen jetzt auch nicht weiterhelfen.

Gibt es außer dir Drachen, die den Sturm auf halber Flughöhe durchfliegen können?“

„Alle rötlichen. Die Drachen der Leutnants. Gwynne und Illian vermutlich. Kjell.“

Seth ließ ein Bild vor seinem inneren Auge entstehen und Fen summte. Er hatte bei seiner Recherche von einem Manöver gelesen, dass sie durch den Sturm führen konnte. Wenn sie Glück hatten. Und der Sturm nicht allzu heftig sein würde. Aber es war immer noch eine Übung – wenn es zu gefährlich wäre, würden die Leutnants das Manöver schon abbrechen.

Du willst einen Haufen Schlüpflinge durch den Sturm schicken?“

„Gefreiter“, korrigierte Seth. Sie waren keine Newbies mehr und nicht mehr grün hinter den Ohren. Und er wollte verdammt nochmal Sia nicht diesen Triumph gönnen. „Ist es umsetzbar?“

Fen schwieg kurz und schien seine Antwort gut zu durchdenken. „Je nach Windstärke und Schneemenge. Aber wenn wir mit diesem Tempo weiterfliegen, streifen wir vielleicht nur die Ausläufer. Außer sie werden in Bodennähe durch den Luftwiderstand noch langsamer.“

„Dann versuchen wir es.“

Der Blonde hob die Hand und gab das Zeichen für einen Sinkflug. Die Staffeln hinter ihm folgten. Er fächerte die Finger auf und gab damit erst seiner Staffel die entsprechenden Signale, dann ließ er die Flammen auf seine Höhe aufschließen und gab erneut die entsprechenden Signale. Und zudem das Signal, dass er Lily das Kommando über die untere Truppeneinheit übertrug. Gewagt, das wusste er. Aber er würde Sia sicher nicht die Befehlsgewalt überlassen. Schließlich kamen noch die Schwingen und er teilte auch sie auf.

Sie flogen jetzt in zwei Pulks: die größeren Drachen oben und die kleineren unten. Seth positionierte die obere Einheit ein wenig nach Norden versetzt, so dass sie quasi als Schirm für die kleineren dienten.

Die ersten Schneegraupel peitschten ihnen entgegen und es fühlte sich an, als würde ihm jemand Kieselsteine ins Gesicht werfen. Aber zumindest wurde es so ungemütlich, dass Aeryn doch ein wenig Tempo zulegte.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Was zur Hölle treibt er da?“ Aber sie spürte nur Ratlosigkeit von Tibitha. Warum flogen sie nicht schneller? Selbst wenn er das Tempo Aeryn angepasst hatte, ein bisschen mehr Geschwindigkeit sollte doch drinnen sein. Und er steuerte genau den Sturm an! Wenn sie nicht schneller fliegen würden, würden sie zumindest die Ausläufer des Schneegestöbers auf jeden Fall erwischen!

Seth hob die Hand und gab das Zeichen für einen Sinkflug. Erleichtert atmete Lily aus. Es würde sie zwar Zeit kosten, nachdem sie nicht wussten, wie lange der Sturm andauern würde, aber scheinbar hatte Seth entschieden, dass sie landeten. Wobei… nein. Doch nicht.

Was treibt er da?“ Er ließ sie auf halber Höhe weiterfliegen und teilte seine Staffel auf. Fen blieb oben, den Rest seiner Staffel ließ er auf Bodennähe sinken. Dann deutete er Lily, dass die Flammen aufschließen sollten. Er wiederholte das Prozedere, einige Drachen ließ er weiter sinken, Arwen, Wren und Oberon blieben auf seiner Höhe. Und als er Lily andeutet, signalisierte er ihr, dass sie das Kommando über den unteren Teil der Truppe hatte. Öhhhhh. Hatte sie schon gefragt, was bei allen Köpfen der Hydra er da trieb?!

Er will den Sturm durchfliegen“, ging es Tibitha auf.

Das kann doch nicht sein Ernst sein?! Wozu?!“

„Um das Zeitlimit einzuhalten? Nachdem wir hier im Schneckentempo dahin kriechen.“

„Ich hoffe, er weiß, was er tut. Und dass die Leutnants ihn aufgehalten hätten, wenn es gefährlich wäre.“

„Ich hoffe, Fenrior weiß, was er tut.“

Die ersten vereisten Schneeflocken wehten ihr ins Gesicht, trotz des Schirmes, den die größeren Drachen ihnen boten. Lily biss die Zähne zusammen und Tibitha zog das Tempo an. Wenn die Blaue es schaffte, wäre es auch für Aeryn machbar!
 

Tatsächlich streiften sie den Sturm nur. Und kamen innerhalb des Zeitlimits in der Kaserne in Lhewy an. Sie lächelte. Seths Entscheidung war gut gewesen. Sie hoffte nur, dass ihre Leutnants das auch so sahen, denn sie pfiffen Seth zu einer Nachbesprechung, kaum dass sie am Boden waren.

Während sie auf Seth warteten, gönnte sich Lily eine ausgiebige, heiße Dusche und eine Portion Pommes in der Kantine.

„Was machen wir heute Abend noch?“, fragte Quinn, der neben ihr auf der Bank saß. Nach dem Mittagessen wollten sie die Pisten hier ausprobieren, aber danach hatten sie noch Freizeit.

„Ich will in die heißen Quellen!“, ließ Mairie sie wissen. Lhewy war vulkanisches Gebiet und noch weiter im Nordwesten gab es einige Geysire, die immer mal wieder heißes Wasser in die Luft spuckten. Ein Phänomen, das man nur hier bewundern konnte. Rund um die Kaserne gab es Steinbecken, die von unterirdischen, warmen Quellen gespeist wurden. Sie hatte Bilder davon in Büchern gesehen: das Wasser war hellblau und trüb und wirkte angeblich wahre Wunder für die Haut. Auch wenn Lily sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie sie bei diesen Temperaturen draußen heißes Wasser haben konnten. Außerdem gab es ein Badehaus mit einem Indoorbecken und etwas, dass man Sauna nannte: Räume, die mit einem Ofen aufgeheizt und mit Wasser bedampft wurden, damit man ins Schwitzen kam. Sollte angeblich auch ziemlich gesund sein. Lily hatte extra ihren Bikini eingepackt, auch wenn es ihr komisch vorgekommen war, das Teil neben ihrer fellbesetzten Uniform im Gepäck zu haben.

Seth betrat die Kantine, sah sich um und schnappte sich dann ein Tablett.

„Bei der Hydra, hab ich Kohldampf“, murmelte er, als er sich zu ihnen setzte.

„Uns durch einen Schneesturm zu jagen macht wohl hungrig“, raunzte Mayham, aber Seth zuckte nur die Schultern, während er einen Eintopf in sich hinein schaufelte. Mayham und Oberon hatten auch zu jenen gehört, die in der oberen Linie die volle Breitseite des Sturms abbekommen hatten.

„Was war das Fazit der Leutnants?“ Lily sah ihn an.

Er zuckte wieder die Schultern. „Keine Beschwerden, bis auf die Frage, ob ich komplett bescheuert bin, weil ich den Schneesturm mitgenommen hab. Aber es war wohl nicht so schlimm, sonst hätten sie das Manöver davor abgebrochen.“

„Warum hast du den Schneesturm mitgenommen?“ Garrow zog die Augenbrauen hoch.

„Ich wollte das Zeitlimit einhalten.“ Seth zuckte nochmal die Schultern und hielt den Blick auf den Eintopf gesenkt, was Lily sicher machte, dass das nicht der einzige Grund war. Und er es einem ausgewählten Kreis an Personen später erzählen würde. „Aber wir sollten uns beeilen. Riven wollte sich nach dem Mittagessen beim Skiverleih treffen.“
 

„Soso, Snowboarden wird also nicht allzu schwer sein?“ Riven grinste feixend, während Seth und Garrow zum wiederholten Male mit ihren Brettern vom Schlepplift rausgeflogen waren. Mairie hatte es auch versucht, war dann aber schnell wieder zu ihren Skiern zurück gekehrt. Denn der Rest ihrer Gruppe war schon längst auf und davon – denn abseits von den beiden konnten alle Ski fahren. In der Hauptstadt und im Landesinneren gab es einige Indoor-Pisten mit magisch erzeugtem Kunstschnee (oder so, Seth hatte sowas noch nie von innen gesehen) und die meisten von ihren Kameraden hatten schon als Kinder dort gelernt, auf den zwei Brettern runter zu rutschen.

„Weit sind die Beachboys ja nicht gekommen.“ Mercy, einer der Schwingen, die neuerdings immer wieder bei ihnen am Tisch saß, konnte offensichtlich auch Ski fahren und es nicht lassen, Seth und Garrow mit Schnee einzustäuben, als er vor dem Lifteinstieg bremste.

„Hey! Immerhin durften wir schon den Tellerlift auf der Kinderwiese hinter uns lassen!“ Garrow hievte sich hoch und begann gleich wieder wegzurutschen. Bis er gegen das Geländer vom Lift prallte. Riven kicherte.

„Jaja, ich nehm es zurück“, gestand Seth, dem es nur bedingt besser ging. Sie schafften es meistens, geradeaus den Hang runter zu rutschen, aber für einen Bogen reichte es noch nicht. Und er wollte ständig den Fuß heben, was natürlich nicht klappte, nachdem er festgeschnallt war und dann kippte er erst recht vorne über. „Vielleicht lernen wir doch nicht an einem Tag snowboarden.“

„Und vielleicht bleiben wir doch lieber beim Surfen“, kapitulierte auch Garrow, nachdem sie beide der Ansicht gewesen waren, nach einer kurzen Einschulung gleich mal die schwierigen Pisten meistern zu können. „Merlin, was freu ich mich auf die Sauna heute.“

„Macht das lieber morgen“, empfahl Riven. „Der Schneesturm zieht morgen wahrscheinlich direkt über uns und eine bessere Beschäftigung als Saunieren werdet ihr nicht haben. Gönnt euch lieber heute die heißen Quellen. Mit ein bisschen Glück können wir heute auch noch Nordlichter bewundern.“

Wegen des Schneesturms würden sie einen Tag länger in Lhewyn bleiben als geplant. Hatten die Leutnants entschieden – mit einem Seitenblick zu Seth, damit er nicht wieder auf die Idee kam, sie nochmal durch den Sturm zu jagen. Aber es sollte ihnen recht sein. Außer dass einem ständig die Eier abfroren, war Lhewyn ein ziemlich cooles Plätzchen. Das Umland war schneeig und felsig und im Nordwesten erhoben sich Felsen, hinter denen das Meer lag. Das anders als bei Seth zuhause übrigens keine Temperatur zum Schwimmen hatte. Nicht mal im Hochsommer. Immer wieder sah man in der Ferne Geysire ihr Wasser in den Himmel spucken, was meistens Nebelschwaden auslöste. Alles in allem war die Stimmung mystisch und verzaubert. Kein Wunder, dass es hier so viele Geschichten über mystische Wesen wie Gnome oder Feen gab. Und dann waren da ja noch die Nordlichter, die sie zu sehen hofften: grüne, rote oder violette Schlieren am Himmel, die es nur hier oben zu sehen gab.

„Was in der Therme übrigens am wichtigsten ist: zwischen den Saunen gibt es ein kleines, tiefes Wasserbecken. Dort springt man zuerst rein, traditionell mit Schwung.“

„Warum?“, fragte Seth, der bei seiner Vorbereitung auf den Ausflug nicht davon gelesen hatte. Aber er hatte sich allgemein eher weniger mit dem Saunieren beschäftigt. Irgendwie war ihm das nicht ganz so wichtig vorgekommen, wie die Frage, wie sie die Nacht im Eis beim Herflug überleben würden. Oder einen Schneesturm.

Riven zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin auch nur Ausländer hier – ist halt so Tradition.“

„Habt ihr schon aufgegeben?“ Mairie machte noch einen letzten Bogen, eh sie vor ihnen zum Stehen kam. Weiter oben wedelten noch Quinn und Lily über die Piste.

„Jap. Wir sitzen gedanklich schon im heißen Becken“, ließ der Blonde sie wissen, während auch die anderen beiden zu ihnen stießen.

„Ich geb heut übrigens eine Runde aus“, ließ Quinn sie wissen.

„Warum?“

Er grinste. „Um anzustoßen. Ich werd mir den Tag rot im Kalender markieren, an dem der großartige Seth Dune elendigst beim Snowboarden gescheiterte ist.“

Sie lachten, während Seth ihm einen Schneeball an den Kopf warf.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Lily sah auf die Uhr als es klopfte und runzelte die Stirn. Sie waren doch erst in einer halben Stunde für die heißen Quellen verabredet.

Mairie zuckte die Schultern und öffnete die Tür. Nachdem die Kaserne hier deutlich kleiner war, als alle, die sie bisher besucht hatten, war auch die Zimmerausstattung deutlich spärlicher. Lily und Mairie teilten sich mit zwei Schwingen das Zimmer, in dem genau zwei Stockbetten und vier Spinde standen. Luxus pur also. Aber immerhin hatte Lily bei der Zimmerverteilung nicht die Arschkarte gezogen und war bei Sia einquartiert worden. Sie hätte vermutlich kein Auge zugetan, aus Angst, dass die Dune sie im Schlaf ersticken würde.

„Hey.“ Seth trat ein und umfasste Lilys Gesicht, um sie zu küssen.

„Eigentlich müssen wir uns noch umziehen“, ließ Mairie ihn wissen.

„Keine Sorge, er hat ohnehin nur Augen für Lily.“ Er hatte also Garrow im Schlepptau. „Und ich inzwischen nur für dich.“ Sie hörte das Grinsen an seiner Stimme.

„Den Eintritt für diese Show, kannst du dir bestimmt nicht leisten, tut mir leid.“ Als hätte Mairie das nicht auch umsonst für ihn getan. Ganz im Gegenteil. Vermutlich hätte sie sogar nackt auf der Essenausgabe in der Kantine getanzt, wenn er ihr dafür endlich auch mal mehr als einen dummen Kommentar geschenkt hätte. Aber er schleppte eine nach der anderen ab, nur Mairie übersah er dabei geflissentlich. Was vielleicht auch besser war – sie wollte nicht dasselbe wie er. Sie wollte eine Beziehung und er seinen Spaß. Sie würde nur mit gebrochenem Herzen enden mit Garrow.

„Erzählst du uns stattdessen warum wir wirklich durch den Schneesturm geflogen sind?“

Lily trat einen Schritt zurück und lehnte sich gegen die Tür. Sollten ihre Zimmernachbarinnen von den Schwingen gleich heimkommen, würden sie die Tür nicht sofort aufkriegen und nichts hören, was sie nicht hören sollten.

„Sia hat absichtlich gebremst, um mich scheitern zu sehen.“

„Und du hast dich wunderbar dadurch provozieren lassen“, stellte Lily fest.

„Ja. Und nein. Sie stichelt seit einiger Zeit immer wieder innerhalb der Staffel. Tut, was sie kann, um mir das Leben schwer zu machen, meine Autorität zu untergraben und mich vor der Führungsebene bloß zu stellen.“

„Arme, kleine gekränkte Prinzessin.“ Mairie schnaubte.

„Ich glaube nicht, dass es nur ein gekränktes Ego ist“, stellte Seth klar.

Garrow schüttelte ebenfalls den Kopf. „Nein, sicher nicht. Mittlerweile geht es zu sehr gegen die Staffel, das ist kein Kleinkrieg zwischen den beiden mehr.“

„Was will sie dann?“

„Ich hab Riven heute beim Snowboarden mal ein wenig ausgefragt und als Aufhänger meine Entscheidung bei der Übung genommen. Ob jemandem die Staffelführung entzogen werden kann. Und das kann sie. Wenn der Eindruck entsteht, dass der Führende seine Staffel nicht unter Kontrolle hat, kann die Führung durchaus an jemand anderen weiter gegeben werden. Meistens an den Vize.“

„Das heißt, Sia würde zum Offizier aufgebaut werden.“

„Was auch heißt, dass sie mehr Einfluss im Merlin Center haben würde. Mehr Zugang zur Führungsebene und in die Politik haben würde. Allgemein einfach mehr Macht haben würde.“

„Würde sich Fen das gefallen lassen?“

Nein.“ Das Knurren hatten sie jetzt alle gehört.

„Dann würde Fen die Drachen zwar anführen, aber alle Extras der Staffelführung würde trotzdem Sia kriegen. Wir sind zwar als Reiter eine Einheit, aber das ändert nichts daran, dass es trotzdem noch das Machtgefüge innerhalb der Drachen gibt und das Machtgefüge innerhalb der Menschen.“

„Scheiße“, stellte Mairie fest. Und sie nickten.

Machtdemonstration

Für den Moment konnten sie nicht viel mehr tun, als sich davon nicht den Abend verderben zu lassen. Und sie waren sich einig, dass sie das zumindest versuchen würden.

Lily und Mairie hatten noch ihre Badetaschen fertig gepackt und gingen dann über das Kasernengelände zu den warmen Quellen. Selbst in der Dunkelheit, die nur durch die blassen Magielichter in den Laternen durchbrochen war, sahen sie die Dampfschwanden, die über den Becken hingen. Dahinter erhob sich die Felswand aus dunklem Stein und die runden Becken mit dem hellblauen Wasser lagen terrassenförmig davor.

Beim Eingang wurden binär Männlein und Weiblein getrennt und einmal mehr ärgerte sich Lily über diese Beschränkung auf die stereotypen Geschlechter. Wo lebten sie eigentlich? Im Mittelalter?!

Sie schlüpften in ihre Bikinis, die Bademäntel und Mützen - was richtig seltsam war. Bikini und Haube. Sie grinsten, als sie sich gegenseitig betrachten. Das Handtuch unter den Arm geklemmt traten sie nach draußen.

Es war warm und feucht, aber immer wieder blies auch ein kühler Wind durch die Felsen und brachte eisige Kälte mit sich. Lily fühlte fast augenblicklich, wie ihre Zehen kalt wurden.

"Da." Mairie deutete auf einen blonden Schopf in einem der Becken.

"Mit einem Stirnband? Bist du irre?"

"Stimmt wahrscheinlich. Falsche Blondine."

Also nach den Haaren würden sie dieses Mal nicht gehen können. Also streiften sie wahllos den Weg zwischen den Becken entlang, auf der Suche nach ihrer Gruppe. Bis Lily von einem Stück Holz am Hinterkopf getroffen wurde.

"AU!" Sie rieb sich die schmerzende Stelle, als sie sich umdrehte. Drei Becken weiter hinten sahen sie mehrere Gestalten fragend an und eine hatte mit einer fragenden Geste die Handflächen Richtung Himmel gerichtet.

"Ich glaube, da sind sie", stellte Mairie grinsend fest.

"Na wunderbar. Deshalb werfen sie mir Stöckchen hinterher." Sie rieb sich nochmal über dem Hinterkopf.

Neben jedem Becken waren Nischen in den Stein geschlagen, in denen sie ihre Handtücher trocken verstauen konnten. Kleiderständer boten Platz, um die Bademäntel aufzuhängen - auch wenn es einiges an Überwindung kostete, sich in diesem Wind zu enthüllen.

"Taub, oder was?", fragte Garrow, als sie zu ihnen traten.

"Was? Ich kann dich nicht hören, der Wind ist so laut." Lily legte sich nicht ganz ernst gemeint eine Hand ans Ohr, um den Schall besser einzufangen.

Garrow formte mit seinen Händen einen Trichter vor dem Mund. "Taub, oder was?", wiederholte er lauter.

"Kein Grund, gleich zu schreien", gab Mairie grinsend zurück und dem Brünetten ging erst jetzt auf, dass Lily ihn veräppelt hatte. Er spritzte mit der Hand Wasser in ihre Richtung, als die beiden Frauen sich eiligst ins Becken gleiten ließen.

"Was ist denn mit dir passiert? Verprügelt er dich regelmäßig?", fragte Mayham und spielte damit auf Lilys blauen Flecken an, die ihren Körper wie das Muster eines Dalmatiners zierten. Das blieb nun mal nicht aus, wenn man so ungeschickt war wie sie.

"Sie steht drauf!", rechtfertigte sich Seth grinsend und Lily wurde rot.

"Naja, jeder hat wohl so seine Vorlieben." Mayham grinste auch und Lily wurde noch roter.

"Das Wasser ist ja tatsächlich badewannenwarm", half Mairie ihr aus der Klemme, bevor noch mehr dumme Witze gemacht wurden. Lily nahm neben Seth Platz, hielt aber ausreichend Abstand. Das war immer noch ein dienstlicher Ausflug und sie würden ihr Privatleben nicht öffentlich zur Schau stellen.

"Was hast du denn gedacht? Dass wir hier eisbaden?", fragte Quinn.

"Ist hier oben eigentlich nicht ungewöhnlich. Auch nach der Saune reiben sich die Leute hier mit Schnee ein oder springen in ein Loch in der Eisdecke des Sees."

"Die spinnen doch", stellte Garrow fest, gerade als die Beleuchtung gedämpft wurde.

"Toll, jetzt hast du sie beleidigt, du Großmaul", zog Patrick ihn auf. Sie sahen sich suchend nach dem Grund für die Veränderung um. Staunende Laute waren rundherum zu vernehmen.

"Was ist das?" Mayham deutete nach oben. Es sah aus, als würde der Himmel aufreißen. Grünes Licht breitete sich aus, wie Vorhänge, die im Wind wehten. Beeindruckt betrachteten sie das Spektakel - sie sahen tatsächlich die Nordlichter.

Versteckt unter Wasser fand eine Hand ihre und sie verschränkte ihre Finger mit Seths. Ihre Blicke gingen nach oben, aber es brauchte auch keine Worte. Sie wusste, dass es ihm wie ihr ging: mit niemandem sonst hätte sie diesen magischen Moment lieber verbracht.
 

"Auf gar keinen Fall", stellte Mairie fest. "Da drinnen sitzen unsere Leutnants! Und ich will echt von keinem von ihnen den Schniedel sehen."

"Dann schau einfach woanders hin." Quinn drehte die Augen über.

Nach dem Frühstück waren sie zur Therme aufgebrochen. Es gab ein kleines Indoorbecken mit dem Thermalwasser, in dem sie gestern schon gesessen waren, aber sie waren sich einig gewesen, dass sie heute lieber die Sauna ausprobieren wollten. Jetzt standen sie allerdings vor einem Schild, auf dem in Großbuchstaben stand: AB HIER NACKTBEREICH. Darauf waren sie nicht vorbereitet gewesen. Und Lily war sich auch nicht sicher, ob sie sich damit wohlfühlte, sich vor allen in ihrer Nacktheit zu präsentieren.

"Hört auf rumzuzicken, wer weiß, wann wir wieder so eine Gelegenheit haben werden", warf Seth pragmatisch von hinten ein und schob die Gruppe durch die Absperrung. War ja klar gewesen, dass er kein Problem damit haben würde.

Lily atmete tief durch. Sie folgten einem kurzen Flur, der sich in einen kreisrunden Raum öffnete. Liegestühle standen in drei Reihen an einer Seite, von der anderen gingen Glastüren ab. Neben jeder Tür hing ein Schild, auf dem die jeweilige Sauna beschrieben wurde. In der Mitte war ein kleines, aber tiefes Becken - das musste wohl das angekündigte Bad sein, in das man laut Riven als erstes rein musste.

Einige Liegen waren bereits belegt. Die meisten trugen Bademäntel, lasen oder dösten. Aber nicht alle. Ein dickbäuchiger alter Mann - Lily meinte einen Major vorm Frühstück zu erkennen - lag splitterfasernackt auf seiner Liege. Sie machte ein ersticktes Geräusch, lief tomatenrot an und sah schnell weg. Bei Merlin, diesen Anblick würde sie nie wieder vergessen können. Neben ihr kicherte Seth leise.

"Ihr wolltet ja unbedingt hier rein", flüsterte Mairie.

"Da sind noch freie Liegen." Patrick deutete auf einen Platz ganz hinten, weit weg von dem dicken, nackten Mann.

Sie breitete ihre Handtücher aus und der ungehemmtere Teil ihrer Gruppe - also eigentlich alle außer Lily - zogen ihre Bikinis und Badehosen unter dem Bademantel aus. Garrow ließ auch gleich seinen Bademantel auf der Liege.

"Dann auf ins Vergnügen." Er rieb sich vorfreudig die Hände, als er zu dem Becken in der Mitte stiefelte und sich dort am Rand nieder ließ, mit dem Rücken zum Wasser. Wie ein Taucher, der sich vom Boot ins Wasser fallen ließ, ließ Garrow sich rücklings ins Wasser fallen - nur um kurze Zeit später prustend und japsend wieder aufzutauchen.

"Fuck, das ist eiskalt!"

Vom Eingang her ertönte Gelächter. Ihre Leutnants waren gerade auch herein gekommen und Riven biss sich auf die Faust, um nicht laut loszulachen. Hier war nämlich nicht nur Nackt-, sondern auch Ruhezone.

"Scheiße Mann, was soll das?" Garrow zog sich eiligst aus dem Wasser und Seth warf ihm ebenfalls lachend ein Handtuch zu.

"Einen Esel gibt es jedes Jahr", sagte der dicke, nackte Mann von seiner Liege aus und grinste.

"Die Frage ist nur immer, von welcher Staffel." Riven grinste und kassierte von seinen Begleitern ein paar Münzen. Scheinbar war das sowas wie eine Wette, welcher Wehrdienstler der erste war, der in die Falle tappte und ins kalte Wasser sprang.

Garrow rubbelte sich eilig mit dem Handtuch trocken, während er bibberte und fluchte.

Ihre Gruppe lachte immer noch und das Lachen wurde lauter, als Seth Daumen und Zeigefinger als Anzeiger für eine Größeneinheit ganz nah zusammenbrachte. "So kalt."

"Arschgeige." Aber selbst Garrow musste jetzt grinsen. Lily wurde dafür knallrot, als ihr klar wurde, worauf Seth abspielte. Bei allen Köpfen der Hydra, wie sollte sie den Tag überleben, ohne vor Scham im Boden zu versinken?
 

Sie schaffte es, indem sie sich ganz einfach darauf verlagerte, auf ihrer Liege zu bleiben. Im Bademantel. Zumindest bis Seth zu ihr trat, während alle anderen irgendwo in einer der Saunen verschollen waren.

"Los. Ausziehen und mitkommen."

"Was? Äh... nein! Ich fühl mich wunderbar wohl hier!"

"Bullshit."

"Nein, ehrlich! Ich will gar nicht in eine Sauna!"

"Du willst nicht oder du traust dich nicht?"

"Ich will nicht."

"Warum siehst du mir dann nicht in die Augen, wenn du das sagst? Und warum kaust du dann auf deiner Lippe rum?"

Ach, verdammt. Nach all den Jahren war sie immer noch eine miese Lügnerin.

"Und jetzt zieh dich aus, sonst werf ich unsere Vorsätze für den Dienst über Bord und übernehm das für dich."

"Seth..."

"Mach einfach. Vertrau mir. Die ganzen schlimmen Dinge passieren alle nur in deinem Kopf."

Sie biss sich auf die Lippe. Verfluchte ihn. Und sich. Seufzte. Dann drehte sie sich um, um aus dem Bikini zu schlüpfen. Sie glaubte, im Augenwinkel zu sehen, wie Seth mit den Augen rollte. Als sie sich wieder umdrehte, war sie in ihren Bademantel gewickelt und zog den Gürtel mit einem Doppelknoten fest.

"Jetzt bist du eine Nackte unter Nackten", stellte der Dune fest, als sie sich wieder umdrehte. Sie folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl zu einer der Türen und tat es ihm gleich, als er seinen Bademantel auf einen Haken hängte. Sie schluckte.

Die Tür sah von außen abgedunkelt aus, aber als er sie öffnete und eine Dampfwolke herauskam, wurde ihr bewusst, dass nicht die Tür abgedunkelt war - sondern der Raum. Es gab kaum Beleuchtung und im Dampf sah man die Hand vor Augen kaum, geschweige denn sich gegenseitig genauer. Lily grinste. Es war herrlich anonym. Und herrlich warm und angenehm.
 

"Dass man dich auch immer zu deinem Glück zwingen muss", stellte Seth leise fest, als er am Abend neben Lily zurück zur Kaserne ging.

"Sonst würde dir noch langweilig werden."

"Natürlich. Diesen Gedanken hatte ich auch schon" Er drehte grinsend die Augen über.

"Warum war dir das so wichtig?"

"Weil ich genau weiß, dass du mir daheim dann damit in den Ohren gelegen wärst." Er verzerrte die Stimme, um sie grotesk zu imitieren: "Mimimi, hätte ich das doch bloß gemacht, mimimi, wer weiß, wann ich wieder die Gelegenheit bekomme, mi-"

Sie schubste ihn zu Seite und zeigte ihm die Zunge.

Er kam kurz aus dem Tritt, kam dann aber grinsend wieder zurück auf die Straße. "Am Ende bereut man eben nur die Chancen, die man verpasst hat."

Die Carrheart zog die Augenbrauen hoch. "Klingt wie ein Spruch von einem dieser Abrisskalender."

"Jap. Hast du den in meinem Zimmer noch nie gesehen? Hängt direkt neben dem mit den nackten Frauen." Vielleicht hatte er diese Weisheit auch aus einem der Psychobücher, die er in letzter Zeit gelesen hatte. Oder von der Centertherapeutin. Er war sich nicht mehr ganz sicher. Aber so schlimm war es zum Glück noch nicht, dass er sich pseudopsychologische Weisheiten für jeden Tag an die Wand hängen musste.

"Nein, ich war wohl bisher immer von den nackten Frauen abgelenkt gewesen. Ich meine, hast die November-Lady mal angesehen? Die hatte echt RIESIGE Brüste."

"Die waren bestimmt fake. Genauso wie der Hintern von Miss September. Das waren bestimmt Implantate."

"Definitiv."

"Bei Merlin, was führt ihr eigentlich für Unterhaltungen?!" Mairie, die vor ihnen ging, drehte sich mit schockierter Mine zu ihnen um und sie grinsten.

"Über seine Kalender Girls", antwortete Lily wie selbstverständlich und versuchte dabei vergebens, ernst zu bleiben.

"Was? Welche Kalender Girls?", fragte Garrow von vorne. "Seit wann hast du einen Kalender?"

"Hab ich nicht." Seth grinste und Mairies Mine wurde zunehmend verwirrt, bis sich Lily und Seth nicht mehr halten konnten und laut losprusteten.

"Ich glaube, sie verarschen dich gerade", klärte Garrow Marie auf und schmunzelte. Nachdem er heute schon veräppelt worden war, freute es ihn diebisch, dass dieser Kelch jetzt scheinbar an Mairie weiter gegangen war.
 

Die Rückreise verlief ziemlich ereignis- und schneesturmlos. Seth hatte entschieden, dass sie am ersten Tag der Rückreise möglichst weit flogen und so ließen sie die eisige Kälte der Region um Lhewy hinter sich und schlugen ihr Nachtquartier wieder im Grünen auf. Oder eher Braunen - es lag hier im Landesinneren zwar kein Schnee, aber der Winter hatte die Natur dennoch noch fest im Griff. Aber zumindest mussten sie hier kein Iglu mehr bauen. Und er hatte das Tempo auch nicht mehr an Aeryn fest gemacht. Rhin war zwar um eine Ecke größer, aber dennoch hatte er Garrows Drache als Marker hergenommen und einfach ein bisschen langsamer gemacht als es für die Grüne möglich gewesen wäre.

Am Abend trafen sie sich dann, um Seths ersten erfolgreichen Einsatz zu begießen feiern. Der Blonde goss sich gerade Whisky in einen Plastikbecher, als es klopfte. Lily öffnete die Tür und reichte erst Quinn die Hand, um ihn ins Zimmer zu lassen, dann Blay und schließlich Mairie. Garrow saß bereits auf dem Schreibtischstuhl, während die Neuankömmlinge sich ihre Plätze suchten. Quinn und Blay schnappten sich ein Polster und ließen sich am Boden nieder. Mairie sah sich um.

„Du kannst dich gern zu mir gesellen.“ Garrow grinste und deutete auf seinen Schoß. Marie wurde knallrot und Seth drehte die Augen über.

„Beim Medusenhaupt, kannst du mal aufhören, alles anzugraben, was nicht bei drei auf einem Baum ist?“

„Äh, danke, ich, äh, setz mich einfach auf den Schreibtisch.“ Mairie sah betreten zu Boden, als sie auf den Schreibtisch sprang und die Beine baumeln ließ. Noch offensichtlicher hätte es nicht sein können, dass Mairie tatsächlich auf Garrow abfuhr. Und noch offensichtlicher hätte es für Seth auch nicht sein können, dass Garrow scheinbar tatsächlich gerade versuchte, Sia aus dem Kopf zu bekommen, in dem er sich mit allem ablenkte, was atmete, zwei Beine und zwei Brüste hatte.

„Ich hab Scotch da. Und ähhh… Luft.“

„Dein Ernst? Kein Sekt zum Anstoßen?“

„Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es was zum Anstoßen geben wird? Außerdem: seh ich aus, wie eine Schwuchtel, die Sekt trinkt?!“

Lily warf ihm einen bösen Blick zu, aber Quinn und Blay nahmen es gelassen. „Mmmmh, nein, du strahlst von oben bis unten krampfhaft-verzweifelte Heterosexualität aus.“

„Ich hab Sekt eingepackt“, meldete sich Mairie zu Wort und holte eine Flasche aus ihrer Tasche, die sie an Seth weiter reichte.

„Und was soll ich jetzt damit?!“ Seth sah sich den Verschluss an.

„Du bist auch echt komplett unfähig, oder? Gib her.“ Blay streckte die Hand aus.

„Säbel ihr den Kopf ab“, schlug Garrow vor. Seth, der Blay die Flasche schon entgegen gestreckt hatte, zog die Hand wieder zurück.

„Verdammt, Garrow, kannst du deine blöde Klappe eigentlich auch mal halten“, grollte Lily. „Und du gibt die Flasche her. Und lass dein Schwert weggesteckt!“

„Ach komm, das krieg ich hin.“

Lily stöhnte. Seth hatte tatsächlich das Schwer gezogen und probierte aus, wie er es ansetzen musste.

„Ein Zehner, wenn er sich die Hand abschneidet dabei“, eröffnete Quinn die Wetten.

„Steht. Und ein Zehner, wenn er alles mit Sekt einsaut dabei.“

„Ihr seid solche Idioten.“ Lily drehte die Augen über und griff nach der Whiskyflasche. „Ich glaub, ich brauch doch was Hochprozentiges.“

Ein Klirren kündigte an, dass gerade Stahl auf Glas getroffen war. Tatsächlich hatte Seth den Flaschenkopf mit einem sauberen Schnitt abgetrennt und der Sekt sprudelte jetzt aus der Öffnung. Seth grinste, als hätte er gerade eine Höchstleistung vollbracht.

„Bin ich gut oder bin ich gut?“ Becher wurden ausgeteilt und er fing an, den Sekt zu verteilen. Und dann schrillte der Alarm.

„Ist das ihr Scheißernst?!“ „Wir sind doch gerade erst zurück gekommen?“

Stimmen redeten durcheinander, aber Lily überschrie alle: „Wie sollen wir ungesehen hier raus kommen?!“

Aber Seth war schon dabei, das Fenster zu öffnen. „Durch’s Fenster.“

Sie hörten das Grollen von Stein, als Seth die Hände hob, so als würde irgendwo eine Gerölllawine herabrutschen. Lily steckte den Kopf hinaus. Und staunte. Er hatte Balken aus Stein aus der Wand wachsen lassen, die breit wie eine Treppenstufe waren.

„Du bist brillant.“

„Ich weiß.“ Er grinste und küsste sie zum Abschied. „Und jetzt ab. Ich weiß nicht, wie weit ich die Dinger wachsen lassen muss. Und duckt euch unter den Fenstern durch.“

„Ach?“ Quinn zog die Augenbrauen hoch, als er Lily durch den Fensterrahmen folgte.

„Maul halten, sonst lass ich dich fallen. Und du“ – er wandte sich an Garrow, der gerade raus kletterte – „hast hoffentlich deine Sachen schon ausgepackt?“

„Klar, Chef.“

„Gut, ich hab keine Lust, wegen dir Strafarbeit zu kassieren.“ Denn noch eine Neuerung in diesem Jahr war, dass die Staffelführenden noch mehr Verantwortung für ihre Kollegen übernehmen mussten. Patzte ein Staffelmitglied, musst er als Führung mitbüßen.

Blay folgte als letzter und Seth änderte die Haltung seiner Hände. Neue Balken schossen aus der Wand hervor und führten nach unten, nachdem Blay als Zugsführer nicht auf ihrem Stockwerk untergebracht war.

Seth versteckte noch die Becher und Flaschen und ließ das Fenster offen, in der Hoffnung, dass es nicht allzu sehr nach Sekt roch, gerade als es an seiner Zimmertür hämmerte. Er öffnete und salutierte.

Einer ihrer Ausbildner trat ein und nachdem er nicht schnüffelte, schien es nicht so schlimm zu seinem mit den Alkoholaromen. Er kontrollierte den Spind und den Schrank und sah sich den Rest des Zimmers an.

„Heb das Kissen auf. Abtreten.“

Damit verließ er den Raum. Seth tat wie geheißen und warf das Polster wieder zurück aufs Bett. Er hatte bei der Hydra heute nicht mit einer Kontrolle gerechnet, aber wie es so seine Art war, hatte er gleich nach dem Ankommen alles aufgeräumt. Er fragte sich, ob Lily das auch so gehandhabt hatte. Vor seinem inneren Auge sah er sie schon Liegestütz machen und er grinste.

Es klopfte nochmal und der Dune runzelte die Stirn. Was…? Es war kaum vorstellebar, dass jemand aus seiner Staffel seine Zimmer nicht in Ordnung hatte. Aber als er öffnete, stand der Leutnant vor ihm, der den Kontrolleur begleitet hatte.

„Antreten.“

Irritiert tat Seth wie geheißen und trat hinaus in den Flur, wo bereits einige Gefreiter standen. Unter ihnen Lily, wie geahnt. Und Moira – das hatte er nun wirklich nicht geahnt. Ihre Blicke trafen sich kurz und ihre Mundwinkel zuckten. Verflucht soll sie sein, das war Absicht gewesen, wie ihm klar wurde! Scheinbar hatten sie auf eine Kontrolle in nächster Zeit spekuliert und sie hatte ihr Zimmer absichtlich unordentlich gelassen, um ihn abermals in Verruf zu bringen.

Der Blonde biss die Zähne zusammen, als er sich an die Wand stellte und Haltung annahm. Fenrior knurrte in seinem Kopf bedrohlich.

„50 Liegestütz.“

Sein Zorn verlieh ihm Kraft und Seth machte die Übung, als würde sein Leben davon abhängen.
 

Aber das war nicht das letzte Mal, dass ihm seine drei Staffelkollegen zeigten, was sie noch auf die Staffel gaben.

Sie fingen auch wieder mit ihren Urlaubsanträgen an. Kamen fast täglich zu ihm, um Urlaubswünsche abzugeben, dann wollten sie sie doch wieder ändern und letztlich wollten sie dann etwas ganz anderes. Seth schreib sich alles schön brav mit, denn letztes Jahr hatte es sich gelegt, als er sich das Notizbuch zugelegt hatte. Es war scheinbar langweilig geworden, nachdem sie ihn nicht mehr damit verwirren hatten können. Eigentlich hatte der Blonde ja geglaubt, dass das alles nur Show war, um ihn zu ärgern – wozu wollten sie tageweise Urlaub? Wenn Sia an einem Tag heimfuhr, würde sie selbst auf Aeryns Rücken nicht vor Mittag dort sein und dann eigentlich schon wieder zurückmüssen. Und mit Portalen würde sie selbst mit ihrem Mana im Blut mindestens einen Zwischenstopp brauchen, das Portal würde nie vom Merlin Center bis Dune Manor gehen. Aber spannenderweise waren sie die Tage, die sie ihm genannt hatten, dann teilweise tatsächlich nicht da gewesen. Klar hatte jeder von ihnen auch einen längeren Urlaub gehabt, aber vor allem waren sie immer wieder ein oder zwei Tage weg gewesen. Und Seth war jedes Mal davon überrascht gewesen, weil es auch so viele Tage gewesen waren, die sie ihm genannt hatten und dennoch da gewesen waren.

Dieses Jahr hatte er gleich zu Beginn seinen eigenen Antrag für die Tage vor der Sonnenwende abgegeben, wo er mit Lily wieder in den Süden wollte. Und er hatte Garrow geraten, seine eigenen Wünsche auch gleich abzugeben. Was Seth aber nicht gedacht hatte, war, dass Sia, Moira und Devon dieses Jahr vielleicht doch ganz andere Anträge abgaben, als sie ihm meldeten. Bis Riven ihn nach einer Übung abfing.

Garrow hatte im Norden entdeckt, dass er seine Karabiner teilweise ziemlich langsam umhing. Wenn man bei vielen, vielen Minusgraden die Handschuhe dafür ausziehen musste, bekam Zeit nämlich eine ganz neue Dimension. Um das zu üben, hatte Seth Lily, Mairie und Quinn aktiviert, damit sie Angriffe simulierten, um Garrow unter Stress zu setzen. Seth hatte sie fast drei Stunden fliegen lassen, bis er mit Garrows Leistung halbwegs zufrieden war.

Als sie landeten, stand Riven mit verschränkten Armen am Brunnen und sah ihnen zu. „Interessante Staffelkonstellation.“

„Wir sind doch eine Kompanie, oder? Und sollten auch staffelübergreifend agieren können.“

Die Miene des Leutnants war finster. „Ihr dürft abtreten. Du nicht, Dune.“ Sie warfen sich Blicke zu, konnten sich dem Befehl aber nicht widersetzen, also fingen sie an, ihre Drachen abzusatteln. Seth blieb bei ihrem Leutnant stehen.

"Dein Bemühen ist beeindruckend. Aber vielleicht solltest du es lieber in deine eigene Staffel investieren statt in die Flammen."

"Würden wir in einem tatsächlichen Einsatz nicht als Kompanie auch agieren? Hängt mein Überleben dann nicht genauso von den Fähigkeiten der Flammen ab wie von meiner eigenen Staffel? Und - mit Verlaub - Garrow hatte Probleme mit seinen Karabinern und nicht etwa eine der Flammen."

„Netter Erklärungsversuch.“ Riven verzog das Gesicht. "Hör zu, Dune. Es ist mir egal, was zwischen dir und deiner Schwester los ist und genauso egal ist es mir, was zwischen dir und Carrheart läuft. Aber krieg deine Staffel wieder auf die Reihe, bevor du deine Zeit anderweitig investiert. Ich will nicht nochmal hören, dass sich eure Urlaubsanträge überschneiden.“

Seth biss die Zähne zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er tatsächlich naiv geglaubt, dass sie ihm dieselben Tage nannten, wie sie in ihren Anträgen abgaben. Aber jetzt, wo Riven es sagte: Sia, Moira und Devon hatten dieses Jahr nicht nur einmal bewiesen, dass sie es darauf anlegten, ihn zu untergraben. Es war eigentlich eine logische Konsequenz, dass sie ihr Bestreben auch bei den Urlaubsanträgen fortsetzten. Die Zeiten, in denen sie die Staffel nicht in Verruf bringen wollten, waren offensichtlich längst vorbei. Und einmal mehr fühlte Seth sich ohnmächtig. Was konnte er denn schon dagegen tun? Sie zusammen stauchen? Wäre ihnen vermutlich egal. Ihnen Strafarbeit aufbrummen? Und was sollte er tun, wenn sie sich weigerten? Sie zu einem Duell heraus fordern? Vermutlich würde er es gewinnen, egal ob mit Magie oder einer Waffe, aber warum sollten sie danach etwas ändern?

„Jawohl.“

Riven sah ein wenig milder gestimmt aus und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich weiß, manchmal ist es nicht leicht, eine Staffel zu führen.“

Seth nickte hölzern. Gar nichts wusste er. Gar nichts.
 

„Verdammt, Sia, was soll die Scheiße?!“

Sie waren kaum am Boden, als Seth seine Staffel antreten ließ und sich vor seiner Schwester aufbaute. Es war mittlerweile Mai und die Tage waren bereits deutlich wärmer und länger. Und für Seth fühlten sie sich nochmal so lang an, weil ihm der Großteil seiner Staffel das Leben schwer machte. Es waren die Urlaubsanträge. Es waren die Zimmerkontrollen. Es waren Patzer bei Manövern. Seth war mittlerweile gefühlt fast jede Woche mal zu Besuch bei ihrem Leutnant, der immer angepisster wurde. Letztes Mal hatte er ihn sogar angebrüllt. Der Kerl, der ihm snowboarden gezeigt und mit ihm in der Sauna gesessen war, hatte ihn angebrüllt. Seth wälzte das Problem nachts im Kopf, fand dabei aber weder Schlaf noch eine Lösung. Fen wurde ebenfalls zunehmend grantig, vor allem nachdem Seth keine Möglichkeit fand, wie er das Problem in den Griff bekam.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“ Sia hatte die Lippen gespitzt und die Andeutung eines gehässigen Lächelns lag in ihren Mundwinkeln. Sie reckte das Kinn ein wenig in die Luft und trotz ihres Größenunterschiedes hatte Seth das Gefühl, dass sie über ihm stand.

„Ihr verzögert den Flug absichtlich – schon wieder!“, fauchte er. Ihr Auftrag war es, von unterschiedlichen Startpunkten aus so schnell wie möglich – und vor allem vor den anderen Staffeln – in einer ihrer Kasernen zu sein. Ihre Leutnants waren dorthin bereits voraus geflogen und am Rückweg würden sie dann gemeinsam als Kompanie fliegen und üben. Aber jetzt waren die Klauen unter sich.

„Und? Was willst du dagegen machen?“

Seth setzte gerade zu einer Antwort an, aber Fens markerschütterndes Brüllen ließ sie alle zusammenfahren, selbst die Drachen. Vögel flogen erschrocken aus den umliegenden Bäumen auf. Der Kopf des Roten fuhr herum und der Blick seiner blutroten Augen fixierte Aeryn, die rassebedingt die kleineste der Gruppe war. Die Weißen waren bekannt für ihren Anmut, ihre Intelligenz und ihre Schlauheit. Was aber auch hieß, dass sie in der Hackordnung der Drachen nicht immer ganz oben standen. Dort waren meistens die rötlichen Färbungen zu finden, allen voran die ganze roten, die vor allem für ihre Größe und ihre Aggression bekannt war. Und Fenrior demonstrierte beide Eigenschaften gerade zur Genüge. Er stapfte auf Aeryn zu, die sich duckte und den Kopf einzog.

Was…?!

Fen wuchtete seinen massigen Körper über Aeryns, die fast zerbrechlich aussah unter ihm und biss ihr ins Genick. Seine Reißzähne durchdrangen mühelos die stahlharten Schuppen.

Seth machte einen Satz nach vorne und Sia rannte an ihm vorbei. „Lass sie in Ruhe!“

“Verdammt, was ist in dich gefahren?! Bist du irre?! Lass sie sofort los!“

Fens Schweif knallte vor Sia zu Boden und ließ die Blonde wieder ein paar Schritte zurück stolpern. Er ließ Aeryn los, die kümmerlich jammerte, blieb aber noch über ihr hocken. Sein Kopf fuhr zu Sia herum und er hob langsam die Lefzen. Blut tropfte von seinen armlangen Fängen und sein Knurren rollte über die Ebene.

Als er sprach, hielten alle fünf inne und Seth war sich sicher, dass nicht nur er seine Stimme hörte.

“ Ich werde euch nicht aufhalten bei euren erbärmlichen, menschlichen Auseinandersetzungen. Aber ich lasse nicht zu, dass ihr meinen Ruf ruiniert, weil ihr euch wie hirnlose Schlüpflinge zankt! Wenn ihr die Staffel in Misskredit bringt, fällt das auf uns alle zurück und glaubt nicht, dass ich das noch länger durchgehen lasse. Wie ihr für die Vergehen eure Drachen blutet, lasse ich sie auch für eure bluten! Habt ihr mich verstanden?“

Sia schluckte sichtlich. Dann nickten sie langsam. Devon und Moira folgten ihrem Beispiel.

Fen brüllte nochmal in ihre Richtung und wischte mit seinem Schweif um eine Haaresbreite über Sia hinweg, um seiner Drohung nochmal Nachdruck zu verleihen. Als er davon stapfte, rannte Sia zu Aeryn und Seth wäre ihr am liebsten gefolgt, um sie zu unterstützen – nicht nur als ihr Bruder, sondern auch als ihr Staffelführer. Aber er würde Fens Autorität nicht untergraben.

“War das nötigt?!“

„JA! Und längst überfällig.“

Seth verzog das Gesicht. Fen hatte Recht.
 

Später am Abend saßen sie beim Feuer und nur das Zirpen der Grillen durchbrach die unangenehme Stille. Den ganzen Nachmittag hindurch hatte sich die Kommunikation auf Dienstliches beschränkt. Seth hatte die Kommandos zum Lagerbau gegeben und seither waren sie in Schweigern verfallen.

Der Blonde strich sich durchs Haar und stand auf. Ihr Nachtquartier war dieses Mal schlicht gehalten und bestand aus einer Steinkuppel, die Seth entstehen hatte lassen und die Moira begrünt hatte, damit sie wie ein natürlicher Erdhügel aussah. Ihre Schlafsäcke lagen aufgerollt darin, daneben ihre Rucksäcke. Der Blonde suchte sein Ampullarium und zog die Creme für Drachenverletzungen heraus. Im Normalfall hatten jeder von ihnen eine kleine Ration der Paste mit, um im Notfall seinen Drachen versorgen zu können. Aber zum einen war ihre Herstellung kostspielig und aufwendig und zum anderen wurden selten größere Mengen gebraucht, nachdem es nicht viel gab, was Drachen große Wunden zufügen konnte, daher erhielten sie pro Person wirklich nur eine kleine Tube davon. Es reichte, um Flügelverletzungen durch Pfeile oder Bolzen zu heilen zum Beispiel. Aber sicher nicht für Bissverletzungen mit dem Durchmesser einer Regentonne.

Er trat wieder ans Feuer und Sia hob erst den Blick, als er ihr die Tube wortlos hinhielt.

„Fick dich doch. Das ist alles deine Schuld, weil du unbedingt deine kleine Schlampe bumsen musst!“

Wut kochte in ihm hoch, wo er sich gerade noch schuldig gefühlt hatte.

„Einen Scheiß ist das meine Schuld! Du schaffst es nicht, dein Ego mal für einen Moment runter zu schlucken und von deinem hohen Ross runterzukommen!“

„Ach komm, was glaubst du denn, wie es gelaufen wäre? Dass sie irgendwann ihre Meinung geändert hätte?! Ihre eigene Mutter unterdrücken würde? Das wäre über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt gewesen!“

„Umso besser für dich! Du hättest also einfach nur die Hände in den Schoß legen und warten müssen, bis sich das Problem von selbst gelöst und Lily mir einen Korb gegeben hätte. Dann wäre doch alles wunderbar gewesen für dich. Aber nein, du schaffst es ja nicht, jemand anderen neben dir zu tolerieren, weil du es nicht aushältst, mal nicht allein im Mittelpunkt zu stehen. Du bist nicht der Nabel der Welt, Sia! Und jetzt bist du nicht mal mehr der Nabel meiner Welt.“

Damit warf er ihr die Salbe zu und machte kehrt. Sollte sie damit doch tun, was sie wollte. Er stapfte zu ihrer Unterkunft, hielt vor dem Eingang aber nochmal inne.

„Die Wachschichten verrichtet ihr so, wie ich angeordnet hab. Das ist ein Befehl.“

Damit verschwand er nach drinnen und schlüpfte in seinen Schlafsack. Garrow folgte ihm einen Wimpernschlag später.

„Willst du was sagen? Oder tun?“

Seth seufzte und rieb sich übers Gesicht. Sein Brustkorb fühlte sich viel zu klein an für alles, was er gerade spürte: Schmerz, Wut, Trauer, Schuld, Bedauern. „Schreien und was kaputt schlagen. Aber die Genugtuung will ich ihnen nicht geben, das zu sehen.“

Es reichte schon, dass sie wussten, dass er bei ihrer Rückkehr dafür sorgen musste, dass ihre Ampullarien mit der Creme aufgefüllt wurden. Denn er war sich sicher, dass auch Moira und Devon ihre Tuben an Sia weiter gegeben hatte. Und Seth durfte sich eine Ausrede einfallen lassen, warum sie bei einem einfachen Flug ohne großartiges Kampfgeschehen vier Tuben Drachensalbe gebraucht hatten. Riven würde sicher nicht begeistert sein. Er rieb sich nochmal über’s Gesicht und stemmte sich dann auf die Unterarme, um seinen Rucksack zu erreichen.

„Dein Ernst?“ Garrow zog überrascht die Augenbrauen hoch, als er sah, was Seth aus seinem Rucksack holte. "Du hast echt ein Radio mit?!"

"Hast du nicht eine Espressokanne samt Pulver mit?"

"Gut, der Punkt geht an dich."

„Jeder hat wohl so seine Prioritäten.“ Seth warf mit dem Salzstreuer eine Prise durch das Zelt, eh er sich in die Handfläche schnitt und den Lärmzauber sprach, so dass die Musik nicht nach außen drang. Dann stellte er das Radio an: I Prevail – Gasoline.

Manchmal fragte sich Seth, wie andere Menschen eigentlich ihre Emotionen regulierten. Also jene, die nicht laut Musik hörten. Oder rauchten. Wie zur Hölle nochmal sollte man das innere Chaos sonst in den Griff bekommen?

So burn it all down, burn it all down

I don't give a fuck

Burn it all down, burn it to the ground

Feed the flames, go insane

And burn it all down, burn it all down

Time Out

Seth spürte die Erleichterung fast körperlich, als das Meer in Sicht kam. Es tat ihm zwar ein bisschen leid, dass er Garrow nach diesem Übungsdesaster jetzt direkt allein mit Sia gelassen hatte, aber im Moment war er trotzdem vor allem froh, hier zu sein. Es war schon erleichternd gewesen, aus dem Merlin Center weg zu kommen und noch eine Ecke erleichternder war es, hier am Meer zu sein. Weit weg von allem.

Fen zog nochmal das Tempo an und ließ Tibitha hinter sich. Sie kannte den Weg und würde ihnen schon folgen. Der Geruch von Salz stieg ihm in die Nase und er sah das Glänzen der Sonne auf den Wellen. Fen schoss über das Haus hinweg und ließ sich tief über die Wellen sinken, während er Seth ein kleines Stück weiter in seinen Kopf zog. Der Blonde spürte das gleichmäßige, fast anstrengungslose Schlagen der Flügel, als wären es seine eigenen. Spürte das Wasser, das aufspritze, als er ein Bein sinken ließ und die Krallen die Oberfläche durchschnitten. Spürte den Schweif, der zur Seite schwang wie ein Ruder und den Richtungswechsel einläutete.

Fast zeitgleich mit Tibitha landete er in der Auffahrt zu Dune Manor. Neil erwartete sie bereits in der Tür und hinter einigen Fenstern ließen sich die Gesichter der übrigen Bediensteten erahnen, die noch hier waren. Der Großteil war wohl wieder mit seinen Eltern mit in der Hauptstadt.

"Mein Herr." Er verneigte sich erst in Seths Richtung, dann in Lilys. "Lady Lily. Es freut mich, Sie willkommen heißen zu dürfen."

Natürlich hatte Neil ihn bereits gesehen, aber auch sonst schien der Butler ganz allgemein nicht überrascht von ihrer Ankunft. Vermutlich hatte er nach dem letzten Jahr schon geahnt, dass sie um diese Zeit wieder kommen würden. Seth hatte sich bisher gehütet, ihm seine Urlaubspläne mitzuteilen, um ihn nicht in eine Zwickmühle zu bringen, sollten seine Eltern fragen: Seths klarer Wunsch, dass sie nichts davon erfuhren und die Nachfrage seiner Eltern.

"Bei allem Köpfen der Hydra, es tut verdammt gut, hier zu sein." Nachdem er seine Gurte gelöst hatte, schlüpfte er noch im Sattel aus seiner Fluguniform. Die Seebrise strich angenehm über seine erhitzte Haut, als er sich des schweren Leders entledigte. Danach begann er, Fenriors Gurte zu öffnen und aufzurollen. Lily war naturgemäß vor ihm fertig und rutsche von Tibithas Rücken. Das Gepäck warf sie wie letztes Jahr auf einen Haufen und Neil eilte herbei, um ihr galant einen Kuss auf den Handrücken zu hauchen und ihr dann gleich einen Teil der Uniform abzunehmen.

Seth kletterte unterdessen noch ein letztes Mal über Fens Rücken. Tibitha hatte einerseits einen deutlich schmäleren Umfang als der Rote und andererseits auch einen Gurt weniger, weshalb es schneller ging. Seth rollte meist noch den vorderen Schultergurt auf, während Lily bereits beim hinteren war. Für Lily folgte dann gleich der Gurt hinter dem Flügelgelenk und der am Schwanzansatz. Fen hingegen hatte noch einen weiteren Gurt extra zwischen Flügel und Schwanzansatz, weil er so groß war.

Schließlich war auch Seth fertig und ließ sich von Fens Rücken gleiten.

"Gehst du gleich auf die Jagd?"

"Nein, ich warte auf die Dämmerung." Seth schmunzelte, während die Drachen wieder abhoben. Natürlich. Es war dem Roten zu heiß. Während Fen Richtung Wald abdrehte, flog Tibitha direkt zum Strand, zweifellos um sich eine Mulde im Sand zu graben.

"Sobek und Aphrodite?", fragte Seth, als sie Neil in die kühle Eingangshalle folgten. Es standen sogar schon Erfrischungsgetränke und gekühlte, feuchte Tücher für sie bereit.

"In der Hauptstadt."

"Gut. Ich will nicht, dass sie über unsere Ankunft unterrichtet werden."

"Sehr wohl. Soll ich Kaffee servieren?"

"Unbedingt. Gleich-" "-auf die Terrasse, natürlich."

Seth lächelte. "Danke."

Neil verbeugte sich, dann sah er Lily an. "Cappuccino? Andernfalls haben wir zufällig Vanilleeis im Haus, falls ein Eiskaffee beliebt?"

Jetzt war Seth sich sicher: Neil hatte darauf spekuliert, dass sie kommen würden. Sie hatten nie "zufällig" etwas im Haus. Schon gar kein Vanilleeis. Seth war sich auch sicher, dass er in der Küche eine Flasche Ketchup finden würde, die „zufällig“ im Haus war.

Lilys Augen wurden groß und es war verwunderlich, dass sie nicht zu sabbern begann. "Eiskaffee klingt grandios!", seufzte sie entzückt. Seth grinste, auch wenn es für ihn an Hochverrat grenzte, sich Vanilleeis in den Kaffee zu pampen und damit das Brühgetränk zu verhauen. Und dann vielleicht auch noch Obers drauf.

Sie zogen sich rasch um und Seth schlüpfte gleich in seine Badehose.

Lily lächelte. "Du wirkst wie ausgewechselt, sobald du am Meer bist."

"Ich fühl mich auch so. Und hinzu kommt, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben froh bin, so viel Distanz wie möglich zwischen mich und das Merlin Center gebracht zu haben."

Sie nickte und wollte noch was sagen, aber er schnitt ihr das Wort ab. "Können wir das vertagen? Die Probleme holen mich noch früh genug ein. Und mein Kaffee wird kalt."

Sie nickte, grinste dann aber. "Selbst schuld. Hättest du auch mal Eiskaffee genommen." Damit kehrte die Leichtigkeit in ihr Gespräch zurück.

Seth griff sich seine Tasse und ging voraus Richtung Strand, während Lily sich noch einen Moment Zeit nahm, ihren Eiskaffee zu bewundern. Wie in der Eisdiele! Im hohen Glas steckten ein gläserner Strohhalm und ein langstieliger Löffel und das Ganze wurde von einer dicken Obershaube geziert, die noch extra mit Kakaopulver bestreut war. Es war wie letztes Jahr schon Urlaub pur hier.

Während sie glücklich am Strohhalm sog folgte sie Seth hinunter ans Meer. Der ließ sich bereits die Wellen um die Knöchel spülen und hatte die Füße um Sand vergraben.

„Morgen regnet es vermutlich“, ließ er sie wissen, als sie zu ihm trat.

Lily folgte seinem Blick über die Wellen in die Ferne, wo es zwar trüb wirkte, aber keine einzige Regenwolke sichtbar war. Aber sie stellte es nicht in Frage – Seth lebte sein ganzes Leben schon hier und würde es besser wissen als sie. Genauso wie es umgekehrt sein würde. Lily wusste, welche Anzeichen bei ihr zuhause einen Wetterumschwung verrieten.

„Was machen wir dann morgen?“, fragte sie stattdessen.

Seth warf ihr einen Seitenblick zu und grinste. „Den Tag im Bett bleiben?“

Die Rothaarige erwiderte das Grinsen. „Natürlich. Als würdest du es schaffen, länger als bis 12 im Bett zu bleiben.“

„Da kann ich jetzt aber wirklich nichts dafür! Um 12 gibt’s Mittagessen und ich will Neil nicht enttäuschen.“

„Natürlich.“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus, eh sie schmunzelnd den Blick wieder in die Ferne wandte.
 

Lily hatte die Augen noch geschlossen, genoss die Wärme, Seths Arme, die um sie geschlungen waren und das Trommeln dicker Tropfen vor dem Fenster. Da war er also. Der Regen, den Seth prophezeit hatte. Eine Weile lauschte sie einfach nur dem Regen auf dem Dach wie einem Schlaflied, irgendwo zwischen Schlaf und Wachsein. Und Seth schien es ähnlich zu handhaben, denn sie hört keine Musik. Und das kam kaum jemals vor.

Als sie spürte, wie er sich von ihr löste, blinzelte sie träge. Er verschwand ins Bad und ging kurz darauf Richtung Balkontür. Ein kühler Hauch wehte herein, als er nach draußen trat und sie war sich sicher, dass er sich ein Minzblatt gegen den Atem des Grauens am Morgen holte.

„Nimm mir auch eins mit“, murmelte sie träge und gähnte, als er wieder herein kam. Er verschwand nochmal kurz nach draußen.

„Was krieg ich für das Lieferservice?“ Ihr entging der anzügliche Unterton in seiner Stimme nicht, als er wieder zu ihr kam.

„Wünsche?“

Er reichte ihr die Minze, ging dann aber wieder ins Bad. Etwas fragend sah sie ihm nach. Bis er mit einer Flasche Massageöl wiederkam.

„Du fängst an.“ Er warf ihr das Öl zu und wenn sie ihn so ansah, würden es vermutlich nicht lange bei einer Massage bleiben. Scheinbar erregte ihn allein schon der Gedanke daran, zumindest fing seine Boxershorts vorne schon leicht zu spannen an. Und ihr erging es ebenso. Der Blonde legte sich bäuchlings auf die Decke und legte den Kopf auf die Arme. Das Öl fühlte sich seidig an in ihrer Handfläche und roch nach Ylang Ylang. Sie schluckte, als ihre Hände über seinen Rücken strichen. Seth keuchte. Ihre Finger fuhren über seine Schultermuskeln. Hinunter zur Lendenwirbelsäule. Und wieder hoch. Aber wie geahnt dauerte es nicht lange, bis sie den Bund seiner Shorts nach unten zog und die Hände über seinen Hintern gleiten ließ.
 

„Nur für’s Protokoll: du schuldest mir noch eine Massage.“

Er grinste. „Warum? Du hast mich nach Wünschen gefragt und meiner war es, von dir massiert zu werden.“

„Arsch.“ Sie schlug spielerisch nach ihm.

„Ich hol es trotzdem gern noch nach. Aber nicht, weil ich es dir schulde.“

Lily lächelte. „Ich weiß.“

Seine Finger strichen durch ihr Haar und er wickelte einzelne rote Strähnen um den Finger, während sie kleine Muster auf seine Brust malte. Einen Moment herrschte Schweigen.

„Was ist mit deinen Wünschen?“

„Was meinst du?“ Ihr Blick suchte seinen, weil sie nicht sofort verstand.

„Unerfüllte Wünsche? Fantasien? Wovon träumst du, wenn du dich selbst befriedigst?“

Für einen Moment setzte ihre Atmung aus und sie spürte, wie die Röte ihr ins Gesicht stieg. „Ähhh…“

Seth verzog die Lippen zu einem schiefen Schmunzeln, sagte aber nichts, sondern ließ ihr die Zeit, die sie brauchte.

„Also, naja. Ich… meistens denk ich an die Dinge, die wir machen. Ab und zu…“ Sie atmete tief durch. Schämte sich. Wusste nicht, ob sie ihm das erzählen konnte. Was, wenn er sie für ekelig hielt? Schluss jetzt, mahnte sie sich. Das Drama spielte sich vermutlich wieder mal nur in ihrem Kopf ab. „…denk ich an Analsex.“

Sie biss sich auf die Lippe.

„Und du willst das ausprobieren?“

„Ich… denke schon. Findest du das ekelig?“

„Ich hab noch nie drüber nachgedacht“, gab er ehrlich zurück. „Aber ich denke nicht. Ich lass es mir durch den Kopf gehen, okay?“

Sie nickte, froh, dass er sie nicht dafür verurteilte. Und wieder einmal hatte sich bewahrheitet, dass all die schlimmen Dinge nur in ihrem Kopf stattfanden. Sie hatte diese Fantasie schon lange, hatte sich aber nie getraut, sie laut auszusprechen. Dabei gab Seth ihr immer wieder die Gelegenheit dazu. Fragte, was sie wollte. Was ihr gefiel. Aber viel zu oft biss sie sich in diesen Situationen aus Scham auf die Zunge. „Was ist mit dir?“

Seth hatte meistens ja weniger Hemmungen, über seine Wünsche zu reden. Sie erinnerte sich noch an das erste Mal, als sie mehr getan hatten als zu knutschen. Diese Mal war June ins Nachbarzimmer ausquartiert worden und Seth war am Abend zu Lily ins Zimmer geschlichen. Sie waren tatsächlich schon einige Wochen zusammen gewesen und Lily spürte immer öfters den Wunsch, endlich mal mehr mit ihm zu machen als ihn zu küssen. Aber sie hatte sich geschämt. Wieder mal. Für ihre Unerfahrenheit. June wollte sie nicht nochmal fragen nach der Sache mit dem Küssen und sie hatte nicht gewusst, wo sie sich sonst Infos holen sollte. Gab es dazu Bücher in der Bibliothek? Aber selbst wenn, vermutlich hätte sie sich ohnehin nie getraut, da rein zu sehen, aus Angst, dass sie jemand dabei sehen könnte. Aber Seth hatte sie bisher noch nie dafür ausgelacht, dass sie unerfahren gewesen war. Und sie hatte gehofft, dass das auch weiterhin so bleiben würde.

„Was ist los?“ Ihm war ihre Anspannung schnell aufgefallen. Dabei waren sie noch auf der Decke gesessen und hatten Karten gespielt. Nichts Erotisches. Aber Lilys Gedanken waren nur darum gekreist, sie wollte endlich mehr. Wollte, dass er sie berührte. Wie sollte sie ihm das zeigen? Denn sagen war ausgeschlossen. Das würde sie nie über die Lippen bringen.

„Ich… ich würde einfach gern schlafen gehen, denke ich.“

„Oooookaaaaaaay….“ Seth hatte verwirrt die Stirn gerunzelt, aber sie hatten die Karten weggepackt und waren unter die Decke geschlüpft. Ihr Herz hatte gerast. Und sie hatte ihm fast die Nase gebrochen, als er sich zu ihr gelehnt hatte, sie ihm hatte entgegenkommen wollen und ihn dabei mit dem Scheitel gerammt hatte.

„Au! Bei der Hydra, kannst du mir jetzt mal sagen, was los ist?!“ Sie hatte gespürt, wie er sich in der Dunkelheit die Nase gerieben hatte. Toll, das war ja ein grandioser Start.

„Entschuldige, das war keine Absicht!“

„Davon geh ich mal aus. Aber das erklärt nicht, warum du so nervös bist.“

„Es ist nichts. Also… nichts Bestimmtes. Nur Schule. Schulstress. Ich hab morgen einen Mathetest.“ Sie war beim Reden immer schneller geworden. Sehr verräterisch. Er würde wissen, dass sie gelogen hatte. Und sie hatte sich selbst für ihre Dummheit gescholten. Sie wollte ihm eigentlich ihre Bedürfnisse mitteilen!

„Nein, haben wir nicht. Ich sitz mit dir in Mathe.“

Ach, verdammt! Sie hatten geschwiegen und Seth war ein Stück von ihr weggerutscht. Sie hatte gewusst, dass sie ihm eine Antwort schuldete.

„Ich würd… gern… mit dir rumknutschen. Also jetzt. Und dann… ein bisschen mehr. Aber ich kann das nicht, ich bin…“

Er hatte ihr die Hand in die Haare geschoben und sie einfach geküsst. Erst langsam und sie hatte gespürt, wie sich auch ihr Herzschlag wieder normalisiert hatte. Bis er näher gekommen war. Und seine Lippen zu ihrem Hals gewandert waren. Und seine Hand zu ihren Brüsten. Und dann weiter. Ihr Herz hatte wieder zu rasen begonnen, dieses Mal aber nicht auf die unangenehme Art und Weise.

„Sag mir, was dir gefällt“, hatte er geflüstert, als er eine Hand unter den Bund ihrer Pyjamahose geschoben hatte. Aber natürlich hatte sie nichts gesagt und ihn einfach machen lassen. Es war trotzdem unglaublich gut gewesen.

Nach ihrem Orgasmus hatte er sie wieder träger geküsst, war aber mit seinen Hüften von ihr weggerutscht. Aber sie hatte seine Erregung schon die ganze Zeit über gespürt. Und wollte ihn anfassen.

Sie hatte ihren Mut zusammen genommen und gesagt: „Und was gefällt dir?“

„Wenn du jetzt das Gefühl hast, dass du irgendwie was zurückgeben musst oder so: das ist Quatsch. Musst du nämlich nicht.“

„Ich…“, sie hatte sich auf die Lippe gebissen, „…würde aber gerne.“

„Gib mir deine Hand.“ Seth hatte sich auf den Rücken gerollt und sie hatte ihre Hand in seine gelegt. Und er hatte ihr ziemlich genau gezeigt, was ihm gefallen hatte.
 

„In meiner Vorstellung bind ich dich nicht nur am Bett fest“, sagte er jetzt als Antwort auf ihre Frage.

„Sondern?“

„Unterschiedlich. Stehend an der Wand. Auf einem Bock. Auf einem Tisch. Manchmal knebel ich dich. Manchmal kommen noch mehr Fesseln dazu. Manchmal versohl ich dir den Hintern. Aber ich weiß noch nicht genau, ob ich das auch in der Realität umsetzen will oder ob mich das nur in der Fantasie anmacht.“ Wünsche und Fantasien waren nun mal nicht dasselbe. Während Wünsche ein Bedürfnis ausdrückten, waren Fantasien eben oft Tagträume abseits der Realität. „Und seit einiger Zeit stell ich mir auch vor, wie du das ganze umdrehst.“

„Lässt du es mich wissen, wenn du etwas davon machen willst?“

„Wen sonst, wenn nicht dich?“ Er lächelte. „Ich hab letztes Jahr in der Mall gesehen, dass es Paaradventskalender gibt. Was hältst du davon?“

Einen Moment lang starrte sie ihn an. Teilten sie sich dann die Schokolade darin? Oder waren da jeweils zwei Stück drinnen, damit jeder den Tag mit Schoki starten konnte? Wobei ihr auch ein klein wenig der Kontext fehlte. Wie kam er jetzt auf Adventskalender?

Seth zog die Augenbrauen hoch. „Jeden Tag ein Spielzeug oder so. Fürs Bett.“

„Oh.“ Lilly wurde rot und der Blonde grinste. „Ich dachte an Schokolade.“

„Ist mir aufgefallen.“

„Ich denke, deine Variante klingt aber auch gut. Auch wenn ich mir schwer vorstellen kann, was da so alles drinnen sein soll.“ Spielzeug für 24 Tage? So viel Toys konnte es doch gar nicht geben.

„Dann besorg ich einen.“ Der Blonde küsste sie nochmal. „Und übrigens: es ist kurz nach 12. Schade, dass wir gestern nicht gewettet haben.“

„Gratuliere. Du hast wieder einen weiteren Schritt Richtung Entspanntes-Ich gemacht. Kein Morgensport und dafür bis mittags im Bett liegen – ich bin stolz auf dich.“ Grinsend schlüpfte die Rothaarige aus dem Bett. „Ich muss noch duschen. Dann bin ich bereit für’s Mittagessen.“
 

Der Himmel draußen war trist und grau und es hatte ein wenig abgekühlt. Und in der Dusche war Lily eingefallen, dass sie dafür kaum passende Kleidung dabei hatte. Sie hatte Bikinis mit, die kürzesten Shorts, die sie besaß und die luftigsten Tops. Und keine einzige lange Hose. Sie würde zwar am Ende des Urlaubs noch ein paar Tage bei ihren Eltern verbringen, aber dort hatte sie einen Schrank voller Klamotten. Aber immerhin hatte sie anders als letztes Jahr einen Pyjama mit. Man konnte eben nicht an alles denken.

Sie wickelte sich in ein Badetuch und trat ins Schlafzimmer. Seth musste sie nicht lang suchen: sie hörte ihn am Balkon Bass spielen und sie trat hinaus. Er trug tatsächlich eine zerrissene Jeans und ein In Flames-Shirt – beides hatte sie bisher nur selten an ihm gesehen. Sie hatte nicht mal gewusst, dass er sowas wie Jeans besaß, geschweige denn zerrissene. Scheinbar ließ er sich stiltechnisch mittlerweile von Garrow beraten, seit er sich entschieden hatte, den Sunny-Surferboy-Look abzulegen. Und es stand ihm gut. Auch wenn sie sich nicht immer sicher war, ob er sich damit auch gut fühlte. Immer wieder, wenn er sich unbeobachtet fühlte, wirkte er unsicher. Suchend. Wie ein Wanderer, der im dichten Nebel seinen Weg nicht mehr fand. Aber das war vermutlich unvermeidlich gewesen, nachdem mit Sia, mit ihrem Plan, mit ihren Werten auch ein Stück seiner Identität abgebrochen war.

Die Finger strichen über die Seiten und der letzte Ton von Green Days 21 Guns verklang, während Seth noch einen Moment abwesend auf seine Finger starrte und den Liedanfang nochmal leise sang:

“Do you know what's worth fighting for

When it's not worth dying for?“

Dann hob er den Blick und einen Moment lang las sie in seinen Augen genau jene Orientierungslosigkeit. Dann grinste er und verbannte jegliche von ihm unerwünschte Emotionen aus seinem Gesicht. Als würde er einen Rollladen runter lassen und alle Gefühle dahinter in einen dunklen Raum sperren. „Du bist nackig.“

„Ich… äh… ja.“ Sie war so in ihre Gedanken über ihn vertieft gewesen, dass sie vergessen hatte, was sie eigentlich wollte. „Ich hab keine lange Hose mit. Kannst du mir was leihen?“

„Du könntest auch einfach nackig bleiben?“

„Beim Mittagessen? Also ich weiß nicht, ob ich das will. Außerdem ist es kühl.“

„Schade.“ Er grinste und stand auf, um seinen Bass drinnen an die Wand zu hängen und dann seinen Kleiderschrank nach etwas zu durchwühlen, was ihr vielleicht halbwegs passen könnte. Dann warf er ihr eine Jogginghose mit Schnürung zu. „Hier. Probier die mal an.“

Er lehnte sich an die Schranktür, steckte die Hände in die Hosentaschen und überkreuzte die Knöchel.

„Ach und du meinst, du kannst mich jetzt beobachten?“ Lily wühlte in ihrer Tasche noch nach einem Schlüppi.

„Ich muss doch sehen, ob dir die Hose passt oder ich was anderes suchen muss.“

„Natürlich.“ Sie drehte grinsend die Augen über und ließ dann das Handtuch fallen. Seine Augen strichen über ihre blasse Haut und er legte den Kopf schräg.

Die Hose passte halbwegs und Lily trat zu ihm, nachdem er immer noch genauso dastand, wie bisher.

„Wir sollten zum Essen.“ Ihr Bauch knurrte zur Bestätigung.

„Mhm.“ Aber statt sich Richtung Tür zu bewegen, zog er sie an sich und küsste sie lange. „Ich hoffe, du weißt, wieviel du mir bedeutest.“

Die Rothaarige war einen Moment überrascht, lächelte dann aber. Er war sparsam mit Liebesbekundungen, umso schöner und wertvoller empfand sie diese Momente. „Ich liebe dich auch. Schicke Hose übrigens.“

„War das jetzt sarkastisch?“ Er griff nach ihrer Hand und sie gingen hinunter.

„Nein, eigentlich nicht. Sieht gut aus. Wenn auch ungewohnt.“

„Ich hab einiges schon lange im Schrank rumliegen, was mir gefällt. Aber irgendwie hat es sich nie ergeben, dass ich es trage.“

„Ach und ein Tag mit mir ist die richtige Gelegenheit, eine zerrissene Hose zu tragen?“, zog sie ihn auf.

„Nein, eher Sias Abwesenheit. Manches hat bisher nie in unser Image gepasst.“

„Ich mag die Veränderungen an dir. Außer du überlegst, deine Parfums zu wechseln. Dann muss ich protestieren.“

„Echt jetzt? Verdammt! Ich hab mir schon ein neues gekauft. ‚Tropic Erotic‘ – mit einem Hauch von Mango, Erdbeere und Kokos.“

Lily lachte. „Ich kann mir nichts Erotischeres vorstellen, als Männer, die wie ein Obstkorb riechen.“

„Ach, komm.“ Neil grinste, als er die Teller herein trug. „Neil, hilf mir. Sag ihr wir anziehend der Duft von Mangos und Erdbeeren ist.“

„Ich schätze, das hängt immer davon ab, was man anziehen möchte. Fruchtfliegen werden beispielsweise darauf fliegen!“ Mit einem Schmunzeln goss er einen dunklen Rotwein aus einer Karaffe in Seths Glas. Urlaub war Rotwein zum Mittagessen.

Sie lachten. „Schönen Dank auch.“ Der Blonde griff nach dem Glas, schwenkte den Wein fachmännisch und probierte. Dann nickte er Neil zu, der ihnen beiden einschenkte.

„Seth, der Fruchtfliegenmagnet“, stellte Lily grinsend fest, wohl wissend, dass der Dune sich niemals ein solches Parfum zulegen würde. Worüber sie auch mehr als froh war. Sie griff nach dem Wein. „Eigentlich mag ich keinen Rotwein, aber ich bin offen, mich umstimmen zu lassen.“

„Passt am besten zu Bolognese.“ Seth zuckte die Schultern und ihre Gläser sangen wohltönend, als sie anstießen.

„Ich trink eigentlich meistens Bier dazu.“

„Bei der Hydra. Wobei mich das nicht mal wundern sollte.“ Seth schüttelte den Kopf, während er anfing, seine Spaghetti auf der Gabel zu drehen. Lily war unteressen vor allem froh, heute schwarz zu tragen. Lange, schlüpfrige Nudeln, Tomatensauce und Rotwein waren bei ihrem Geschick wohl der Erzfeind jedes weißen T-Shirts.

„Es ist köstlich“, stellte sie fest. Und Seth hatte Recht: der Rotwein passte hervorragend dazu. „Auch wenn die meiner Mum immer etwas weniger schwer schmeckt.“

„Weil sie vermutlich auch kein Wildschweinfleisch dafür nimmt.“

„Das ist Wildschwein?“

„Mhm. Wir haben hier im Wald jede Menge.“

„Ach, dann freu ich mich ja schon auf’s Pilzsuchen.“

Seth grinste. „Ich werd dich beschützen, holde Maid.“
 

Am nächsten Morgen hatte der Regen sich verzogen und Seth joggte den Strand entlang. Scheinbar war der Regen draußen über dem Meer heftiger gewesen, denn es lagen jede Menge Seesterne am Strand. Er nahm sich vor, sie am Rückweg gleich wieder zurück ins kühle Nass zu werfen und hoffte, dass die Möwen das Buffet bis dahin noch nicht eröffneten.

Aber zumindest letzte Sorge war unbegründet: nachdem Tibitha bereits in einer Kulle am Strand lag und sich Sand über die Schuppen warf, blieben die gefiederten Unholde fern. Was kein Nachteil war. Der Blonde machte sich aus der Seesternrettung einen Sport und macht bei jedem Seestern eine Kniebeuge, eh er ihn zurück ins Wasser warf.

“Kann ich so ein Ding probieren?“ Er war erst bei Seestern Nummer drei, als Tibitha ihn ansprach. Er sah auf. Die Blaue hatte ihn scheinbar beobachtet und legte jetzt den Kopf schräg.

“Äh, ja. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie schmecken.“ Er hob den nächsten Seestern auf und warf ihn ihr zu. Ihr Kopf schnellte nach vorne und sie schnappte sich den Meeresbewohner aus der Luft. Sie schien nicht mal zu kauen.

“Mehr“, verlangte sie. Also scheinbar schmeckten sie doch.

Es dauerte nicht lange, bis sich am Waldrand ein großer, roter Fleck erhob und auf sie zusteuerte.

“Na sieh an, wer sich da an den Strand bequemt.“ Seth grinste, als Fen bei ihnen wieder landete. Sein massiger Körper lag gerade noch am Gras, direkt vor dem Übergang zum Strand, so dass seine Schuppen ja mit keinem Sand in Berührung kamen.

“Ich will auch sowas“, sagte Fenrior würdevoll und ging nicht auf Seths Frage ein. Tibitha gab zwar einen protestierenden Laut von sich – vermutlich wollte sie die Leckerbissen nicht teilen – aber ein Seitenblick von Fen erinnerte sie an ihre Rangordnung. Murrend zog sie den Kopf ein.

Seth warf dem Roten mit einem Grinsen einen Seestern hin, der ihn sich ebenfalls aus der Luft fing. Den nächsten bekam wieder Tibitha.

„Was wird das denn hier?“ Lily stand mit zwei Kaffeetassen in der Hand vor den drei Stufen, die vom Garten herunter zum Strand führten und sah von Fen zu Tibitha.

„Eigentlich wollte ich die Seesterne retten und wieder ins Wasser werfen.“ Grinsend zuckte er die Schultern und warf das nächste Tier einem der Drachen zum Fraß vor. „Ist aber ziemlich nach hinten losgegangen.“

„Überlebende: null“, stellte Lily mit einem Schmunzeln fest, auch wenn ihr die Seesterne ein klein wenig leid taten. Zumindest mussten sie nicht leiden. Von Möwen zerrissen zu werden wäre bestimmt unangenehmer.

„Hier.“ Sie reichte Seth eine der Tassen, als er den letzten Stern verfüttert hatte.

„Danke, mein Herz.“ Eh er nach der Tasse griff, hauchte er ihr einen Kuss auf die Lippen. Fen drehte um und stapfte durch den Garten, eh er die Flügel ausbreitete und wieder Richtung Wald verschwand. Tibitha blieb in ihrer Sandkuhle und steckte den Kopf unter einen Flügel für einen Verdauungsnaps.

„Du hast zwei Möglichkeiten“, sagte Seth dann wenig später beim Frühstück. „Nein, eigentlich drei. Mückenschutztrank, allerdings kann es sein, dass deine Ohren davon für ein paar Tage grün werden. Oder deine Ohren bleiben rosa, dafür fressen dich die Mücken auf. Oder du sprühst dich mit einer Ölmischung aus Lavendel, Minze und Zitronengras ein und trägst lange Klamotten, das hilft zumindest ein bisschen.“

„Ich nehm die grünen Ohren, denke ich. Gelsen lieben mich und ich will es nicht herausfordern. Außerdem ist es unendlich schwül draußen und ich will nichts Langes anziehen wegen dieser Mistviecher.“

Seth nickte. „Neil?“

„Ja, Herr?“ Der Butler trat auf die Terrasse heraus.

„Bring Lily bitte einen Mückenschutztrank. Und irgendwas zum Pilzsammeln.“

„Jawohl.“
 

Neben der Tür standen zwei geflochtene Körbe bereit für sie und Lily wartete daneben, bis Seth sich umgezogen hatte. Nachdem sie sich für den Trank entschieden hatte, hatte sie Top und Shorts angelassen, während der Blonde seine Kleidung anpassen musste. Schon als er die Treppe runter kam, war der Geruch nach Lavendel und Zitronengras deutlich wahrnehmbar. Er trug eine lange Leinenhose und ein langärmeliges Leinenhemd. Um die Hüfte hatte er den Köcher geschnallt, den Bogen trug er über die Schulter gehängt. Sie machte die Scheiden einiger Dolche aus und als er zu ihr trat, reichte er ihr ebenfalls eine befüllte Scheide für den Oberschenkel und eine für den Unterarm.

"Ist das echt nötig?"

"Wenn ich einem Wildschein begegne, bin ich lieber vorbereitet." Und das war mit Pfeil und Bogen leichter als mit Magie. "Ziel auf die Augen im Notfall."

Er griff nach einem der Körbe und Lily grinste kurz. Die Kombination aus losen Leinenklamotten, Bewaffnung und Einkaufskorb war zu ulkig.

Sie gingen den Weg entlang zu den Gewächshäusern, vorbei an den Bienenstöcken und Richtung Waldrand.

"Ich hatte eigentlich erwartet, Fenrior hier irgendwo zu sehen", sagte Lily, die den Blick schweifen ließ.

"Scheinbar gibt es in den Klippen einige Höhlen, die groß genug für Fen sind. Wusste ich bis dato auch nicht." Naja gut, woher auch? Wenn man keine Flügel hatte, war es fast unmöglich, manche Stellen an der Felswand zu erreichen. Die Klippen waren nur teilweise von oben oder unten zu erklettern und je weiter es nach Westen ging, umso gefährlicher wurden die Strömungen und man kam mit dem Boot nur noch schwer zur Wand.

Er blieb stehen und deutete auf den ersten Klippenabschnitt neben dem Strand, wo das Gelände anzusteigen begann. "Aber hier lässt es sich gut klettern. Und man kann von den Klippen springen."

"Na wunderbar - Klippenspringen klingt doch toll", meinte Lily sarkastisch.

"Findest du?", grinste Seth, der den Sarkasmus durchaus verstanden hatte, ihn aber einfach ignorierte. "Dann wissen wir schon, was wir morgen machen. Ist sicher auch schon mal eine gute Vorbereitung für nächstes Jahr."

"Erinner‘ mich bloß nicht. Das kommt schon noch früh genug." Lily schauderte bei dem Gedanken daran, was sie im nächsten Wehrdienstjahr erwartete.

Seth lachte.

Eigentlich hatte Lily gedacht, unter den Bäumen in die Kühle des Waldes eintauchen zu können. Tatsächlich war es hier allerdings unendlich schwül, nachdem die Bäume den Seewind gut abhielten und die Luft hier völlig unbewegt schien. Binnen kürzester Zeit war sie klatschnass.

"Wer hatte nochmal die dumme Idee, Pilze suchen zu gehen?", stöhnte sie.

"Hmmm." Seth tippte sich nachdenklich an die Nasenspitze, auch wenn sie beide ganz genau wussten, von wem die glorreiche Anregung gekommen war. "Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du unbedingt Pilze zum Mittagessen, nachdem ich erwähnt habe, dass die hier wachsen. Also würde ich mal sagen: du."

Er grinste schief und zog eine Augenbraue hoch, während er die Schweißflecken auf ihrer Kleidung betrachtete. "Kann es sein, dass dir heiß ist?"

"Kann es sein, dass deine interne Temperaturregulation kaputt ist?! Warum schwitzt du nicht mal im Ansatz so viel?"

"Gewohnheit schätze ich mal. Ich kann zwar nicht snowboarden, dafür bin ich eben hitzeunempfindlich - man kann nun mal nicht alles haben."

"Aber zumindest kann man gebackene Pilze haben." Lily deutete auf einen Pilz hinter Seth, den ersten, den sie heute fanden.

"Na zum Glück. Ich hatte schon Angst, du würdest heute enttäuscht werden."

Aber davon waren sie weit entfernt. Seths Korb füllte sich zunehmend mit Speisepilzen, während in Lilys vor allem unterschiedliche Rauköpfe, Perlpilze und Knollenblätterpilze wanderten - Trankzutaten, die sie gleich einpackten, wenn sie schon welche fanden.

"Wie nennst du die noch gleich?" Seth hielt kleine, gelbe Speisepilze hoch. Er stellte die Frage jetzt zum – wie vielen? – Mal.

Lily drehte die Augen über. "Immer noch Eierschwammerl. Wie alt bist du noch gleich? Warte, ich antworte mir selbst: 13!"

"Was kann ich denn dafür, dass das wie eine Geschlechtskrankheit klingt?", kicherte er. Eierschwammerl. Ihr Dialekt war zum Teil echt ein Schrei.

Als sie mit ihren gut gefüllten Körben zurück gingen, entdeckten sie am Waldrand eine Stelle, die aussah, als wäre dort eine Schutzrune explodiert: der Boden war aufgewühlt, Zweigen abgeknickt und ein Baum lag entwurzelte auf der Seite. Blut versickerte in der Erde und in Mitten der Lache lag ein borstenbesetztes Bein samt Klaue.

„Ich schätze mal, die Sorge vor Wildschweinen hätten wir uns sparen können“, stellte Seth fest, als sie vorbei gingen und ein Schwarm Fliegen aufstob. „Unser Wildschweinschutz hat wohl Flügel.“

“Funktioniert besser als eure Bögen“, kommentierte Fen in ihren Köpfen.

“Von dem Bisschen Seestern wird ja auch niemand satt“, stellte Tibitha unterdessen fest und dem Blonden wurde wieder einmal bewusst, warum Lily und ihr Drache sich so gut verstanden. Er selbst und Fen waren sich ja grundsätzlich weniger ähnlich. Fanden sie beide zumindest.
 

Seth saß am nächsten Tag beim Frühstück - ganz ohne Pilze. Gestern zu Mittag hatte es Lilys Wunsch entsprechend noch gebackene Pilze mit Preiselbeeren (oder Ketchup in Lilys Fall, brrrr) gegebenenfalls und heute stand Seths Wunsch entsprechend Steak mit Schwammerl und Käse überbacken am Programm und dazu Rosmarinkartoffeln. Außerdem würden gleich einige gedörrt werden und Seth hatte für die Weihnachtsfeiertage schon Kartoffelsuppe mit Pilzen geordert.

Aber zum Frühstück gab es jetzt besser Toast, ein weiches Ei und - ganz abseits seiner üblichen Gewohnheiten - Honig. Seit er im Wehrdienst war hatte er seinen Ernährungsplan allgemein etwas gelockert, denn gerade bei Mehrtagesflügen war es meist auch nicht möglich, sich strikt daran zu halten. Aber auch abseits davon sah er es einfach nicht mehr, naja, ganz so eng. Einerseits fehlte Sia, denn die Zwillinge hatten sich gegenseitig immer gepusht, was das betraf. Andererseits hatte er Lily neben sich, die sich durch das Leben schlemmte. Das hieß jetzt nicht, dass er sich von ihr zu Ketchup oder Eiskaffee überreden ließ. Aber mal einen Honigtoast zum Frühstück genießen war mittlerweile drinnen. Genießen. Genuss. Klang tatsächlich wie ein Fremdwort, wenn man es in einem Satz mit seinem Namen verwendete. Aber er versuchte nicht allzu viel über solche Dinge nachzudenken. Über sich. Darüber, wer er war. Was er jetzt mit seinem Leben angefangen sollte. Diese Gedanken verschob er lieber in seine Therapiesitzungen.

Er schloss die Augen und atmete einige Mal tief durch. Konzentrierte sich auf den Duft des Toastes. Des Kaffees. Des frischen Orangensaftes. Und dann auf den Duft des Meeres. Er schlug die Augen wieder auf. Fen hatte Recht gehabt: Jetzt musste er mal den Wehrdienst gut hinter sich bringen, über alles andere konnte er danach nachdenken.

Zufrieden griff er nach der Zeitung, die wie üblich am Tisch lag. Keine Ahnung, wann er das letzte Mal tatsächlich danach gegriffen hatte - normalerweise ließ er sie links liegen. Irgendwie war er nie wirklich in den Klub der Zeitungsleser eingetreten. Zum einen, weil Sobek morgens immer das Papier durchblätterte und Seth sich gegen alles sträubte, was sein Vater so tat und zum anderem weil ihn ohnehin immer Sia auf dem Laufenden gehalten hatte, wenn etwas Wichtiges passierte. Aber seit Sia nicht mehr an seiner Seite war, war er irgendwie auch nicht mehr up-to-date. Was eigentlich ziemlich blöd war, wenn er sich die Schlagzeilen so ansah. Der Blonde runzelte die Stirn.

Ein Nicht-Magier, der in einer Freiflugzone campen wollte. Und angegeben hatte, nicht zu respektieren, dass manche Bereiche den Drachen vorbehalten waren. Der Kontinent würde schließlich den Menschen gehören. Idiot.

Der Verteidigungsminister, der sich deutlich dafür aussprach, das Strafmaß für eine solche Übertretung zu erhöhen. Was eigentlich nicht verkehrt gewesen wäre. Wenn nicht auf der nächsten Seite gleich Wahlwerbung von ihm zu sehen gewesen wäre und dadurch der Eindruck entstand, dass der Minister vor allem auf Stimmenfang war. Bastard.

Gerade im Südwesten schienen sich die Konflikte zwischen Magiern und Nicht-Magiern weiter zuzuspitzen. Bei einer Eskalation waren drei Menschen verletzt worden, nachdem Nicht-Magier eine Gruppe Magier angegriffen hatten. Ach und natürlich mischte sich Minister Lumineos auch hier ein und forderte eine Verschärfung des Waffengesetzes. Narren.

Und zur Krönung war ein Friedhof samt Denkmal für Gefallene der Großen Schlacht voll gesprayd und verwüstet worden. Vollpfosten. Allesamt.

Einzig die Kolumne vom Klabautermann fand er gut - ganz anders als früher. Damals hatte die Kolumne selten seine Meinung widergespiegelt, aber aktuell gab es einige Überschneidungen. Der Kommentar war wie immer scharf und sozialkritisch, gewürzt mit einer schönen Prise Ironie. Er würde ja wirklich gern wissen, wer hinter dem Synonym des Klaubautermanns steckte.

Kopfschüttelnd faltete Seth die Zeitung wieder zusammen. Er sollte sich dringend angewöhnen, in der Bücherei regelmäßig die Zeitung zu lesen, um solche Geschehnisse mitzubekommen, denn diese aktuellen Entwicklungen waren besorgniserregend. Und allgemein war er der Ansicht, dass sie eigentlich viel zu wenig über Politik und die aktuellen Weltgeschehnisse Bescheid wussten. Sie hatten nicht mal in der Schule ein Fach dafür gehabt. Oder ein Wahlfach. Oder einen Klub, eine Diskussionsrunde, irgendwas. Das hatten sie sich ja auch bei den Erben Merlins zu Nutze gemacht: mit ihren Zetteln in den Büchereibüchern hatten sie das mangelnde Wissen ausgenutzt, um Meinungen in eine bestimmte Richtung zu bilden. Der Dune fragte sich, wie viele Zettel wohl schon verteilt worden waren. Wie viele davon im Sand verlaufen und einfach weggeworfen worden waren. Und wie viele doch auf fruchtbaren Boden getroffen waren. Wie viele Schreihälse es gab, wie jenen Schüler, den er selbst unlängst in der Bücherei zusammen gestaucht hatte. Dessen Freunde waren ja noch vernünftig gewesen, aber es gab bestimmt auch andere, die diese Meinung aufnahmen und wiedergaben. Genau das war ja auch der Plan mit den Zetteln gewesen. Sein Plan. Das war das gewesen, was sie damit hatten erreichen wollen. Jetzt fragte er sich, wie er das wieder korrigieren konnte und wie er gegen seinen eigenen Plan gegenarbeiten sollte.

Geistesabwesend kaute er auf seinem Toast, während er die Musik anschaltete. Eine Weile hing er seinen Gedanken nach. Was war nur mit der Welt los?

"Herr?"

Seth blickte auf. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass Neil heraus getreten war. Der Butler wirkte nervös. Und Neil wirkte sonst eigentlich nie nervös.

"Was ist los?" Der Blonde runzelte die Stirn, aber Neil zögerte. "Spuck es aus. Du wirkst nervös und das macht mich nervös."

"Also... eigentlich hat Lady Sia angeordnet, nichts zu sagen, vor allem nicht Euch. Aber wir glauben, Ihr solltet das wissen." Er schluckte sichtlich und knüllte das Geschirrtuch in seinen Händen zusammen. Seth war so irritiert, dass er nicht nur eine Augenbraue hochzog, sondern gleich beide. Wenn Sia es vor ihm verheimlichen wollte, war es zweifellos hoch interessant.

"Immer wieder kommen Magier durch das Portal. Ab und zu Lady Sia selbst, aber immer wieder auch zwei andere. Ein Mann und eine Frau."

"Etwa gleich groß wie ich, sie hat schulterlange braune Haare und er grau gefärbte, seitlich kürzer als am Scheitel?"

"Ja, genau." Neil nickte. "Sie kommen meist vormittags und verschwinden am Abend auch wieder durch das Portal. Meist nach Crimsby."

Der Dune runzelte die Stirn. Das war der Ort, an dem Moira lebte. Und der zufällig ziemlich mittig zwischen Dune Manor und der Merlin Akademie lag. Jetzt wusste er also, wo die drei hin verschwanden, wenn sie tageweise frei hatten. Portale reichten auch mit sehr manareichem Blut nicht quer über die Insel und grundsätzlich wurden sie unzuverlässiger, je weiter weg der Zielort lag. Und in einem Portal verschwinden wollte keiner. Dune Manor und die Akademie waren zu weit auseinander, um sicher hin und her reisen zu können. Aber mit dem Zwischenstopp klappte es, zumindest wenn man eine Blutlinie wie die ihre hatte.

"Und was machen sie in der Zwischenzeit?" Er bezweifelte stark, dass sie hier am Strand lagen.

"Lady Sia hat angeordnet, sie herum zu fahren. Sie nennen immer wieder unterschiedliche Orte, allesamt hier im Süden. Dort lassen sie Mike im Wagen warten, manchmal nur kurz, manchmal länger. Dann fahren sie zurück und verschwinden wieder. Mehr weiß ich nicht, verzeiht."

"Es gibt nichts zu verzeihen. Danke, dass du es mir gesagt hast."

Neil nickte, offensichtlich erleichtert, diese Bürde losgeworden zu sein. Er wandte sich zum Gehen, aber Seth rief ihn nochmal zurück.

"Warte. Warum hast du mir das erzählt?"

"Hätte ich es nicht sollen?" Er wirkte erschrocken, als hätte Seth ihn getadelt.

"Das war kein Vorwurf. Es interessiert mich lediglich. Schweigen wäre für dich vermutlich deutlich komfortabler gewesen."

Wieder zögerte Neil und knetete das Geschirrtuch. "Ich schätze Lady Sia sehr. Aber... wir haben uns beraten. Innerhalb der Belegschaft. Und gemeinsam beschlossen, diese Informationen zu teilen. Ihr seid der künftige Hausherr. Und Ihr habt uns noch nie Anlass gegeben, uns nicht darüber zu freuen. Wir freuen uns, Euch dienen zu dürfen."

Der Butler verbeugte sich und Seth starrte ihn verdattert an. Ähhhhh. Okay. Was antwortete man in einer solche Situation jetzt?

"Ähm. Danke", gab er dann unsicher zurück. Neil verbeugte sich und verschwand dann rasch nach drinnen, offenbar in Sorge, Seth könnte ihn nochmal zurück rufen, wenn er nicht schnell genug weg war.

Der Blonde blieb unterdessen verwirrt am Tisch sitzen und starrte die Stelle an, an der Neil gerade verschwunden war. Seine Gedanken fingen an zu rasen. Und er seufzte. Damit war das Time Out von dem ganzen Mist jetzt wohl vorbei.

Neuerungen

Seth bleib noch eine Weile stehen, auch als der Strudel bereits wieder zu fester Wand geworden war. Die Woche, die sie gemeinsam hier verbracht hatten, war viel zu schnell vorbei gewesen. Lily war jetzt noch zu ihren Eltern gereist, um noch ein paar Tage bei ihnen zu verbringen, während Seth hier blieb. Mit Fen und Tibitha. Sie würden am Mittwoch erst zu Lily fliegen und dann gemeinsam weiter zum Center. Deshalb hatte Lily auch ihren Sattel bereits mitgenommen. Es war undenkbar, dass Seth die Blaue sattelte – sowohl Tibitha als auch Fen hatten etwas dagegen, dass er auf ihrem Rücken herum kletterte. Also würde Tibitha kurz vor Lilys Haus landen und dabei vermutlich für eine Weile den Verkehr in ihrer Straße lahm legen. Aber das war nun mal die einfachste Möglichkeit.

Und dann wäre ihr Urlaub endgültig vorbei.

Er stellte die Kristalle zurück auf das Brett, hängte den Salbei wieder auf und löschte die brennenden Kräuter, eh er den Keller verließ. Mit einer Handbewegung ließ er die Musik angehen – er hatte noch jede Menge zu tun.

Turn that shit up louder!

Make it all go faster!

Playing through the witching hour

Take it to a thousand horsepower, yeah

Turn it up one more time

Get it up, get it up and feel alive.
 

Die restliche Woche verbrachte er damit, die Zauber an seinem Zimmer so abzuändern, dass Sia nicht mehr so einfach rein kam. Außerdem adaptierte er auch die Schutzzauber um seine Wohnung und überschrieb sie auf Garrows Butler. Vielleicht wurde er langsam paranoid, aber es schadete bestimmt nicht, wenn sein Name nirgends aufschien und niemand wusste, dass ihm die Wohnung gehörte. Und er war shoppen. Montagvormittag, in der Hoffnung, dass sämtliche Urlauber gerade lieber am Strand lagen, statt einkaufen zu gehen und die Mall daher nicht allzu überfüllt war. Und sein Plan ging auf: außer ihm waren tatsächlich nur wenige Leute im Einkaufszentrum unterwegs.

Er machte einen Bogen um den Shop, in dem er seinen Weihnachtspulli gekauft hatte, nachdem er durch die Scheibe Garrows niedliche Verkäuferin ausgemacht hatte. Aber der Laden war ohnehin nicht sein Ziel.

Im Untergeschoss lag neben dem Tattoostudio, in dem er im Winter den Stecker für seine Augenbraue gekauft hatte (und zugegeben ein wenig Anschiss kassiert hatte, weil er sich das Piercing selbst gestochen hatte, was scheinbar gar nicht mal so ungefährlich war), ein Musikgeschäft. Der Blonde verbrachte fast den ganzen Vormittag dort, obwohl er eigentlich nur seinen kaputten Bass hatte ersetzen wollen. Aber irgendwie hatte er mit dem Verkäufer über Musik zu philosophieren begonnen, hatte ziemlich alle Bässe im Laden durchprobiert und irgendwann hatte ihm der Ladenbesitzen dann einfach einen Kaffee angeboten, damit sie ihre Diskussion weiter fortsetzen konnten. Als Ergebnis hatte er sich gleich zwei neue Bassgitarren gekauft, wobei er eine gleich in seine Wohnung mitnahm und sich eine ins Merlin Center liefern ließ und dazu eine Cajon zum Ausprobieren, die ihm der Ladenbesitzer heute nach Ladenschluss in die Wohnung bringen würde, nachdem Seth die Hände mit dem Bass voll hatte.

Als er mit dem Instrument nach draußen in der Mall trat, lehnte der Tätowierer aus dem Studio nebenan gerade in der Tür und sein Blick fiel auf Seth.

„Schönes Teil“, stellte der Mann mit Blick auf den Bass fest. Er schien von oben bis unten mit Tinte bedeckt zu sein. Unter anderem mit einigen geometrischen Tieren. Darunter ein Adler.
 

Eigentlich hatte Seth gedacht, vor dem Mittagessen wieder in Dune Manor zu sein – stattdessen war es jetzt bereits dunkel, als er aus der Mall trat. Statt einem neuen Instrument hatte er sich drei gekauft, zudem hatte er jetzt ein neues Tattoo auf der Brust und ein neues Piercing in der Nase. Er grinste.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Als Lily aus dem Portal getreten war, waren ihre Eltern gerade beim Kaffee im Garten gesessen. Draith hatte stirnrunzelnd die Zeitung gelesen und Sigrun hatte dem Lavendel den Sommerschnitt verpasst. Der Garten der Carrhearts war wie der Rest des Hauses bunt zusammen gewürfelt, aber in jedem Zentimeter war die Liebe der Bewohner spürbar. Unter dem großen Apfelbaum hing immer noch die Holzschaukel, die sie als Kinder gern benutzt hatten und auf der immer noch ab und zu jemand hin und her schwang und Bienen, Schmetterlinge und Vögel fühlten sich in dem kleinen Vorgärtchen genauso willkommen, wie menschliche Besucher.

„Lily, mein Liebling!“ Sigrun ließ die Gartenschere liegen und umarmte ihre Tochter. „Es tut gut, dich zu sehen.“
 

Die Tage vergingen viel zu schnell, bis zu dem Moment, als zwei dicke Punkte am Himmel sichtbar wurden. Wobei ein Punkt deutlich dicker war als der andere.

“Nennst du mich gerade dick?!“

„Würde ich mich nie trauen.“ Lilly grinste, als der dickere größere der beiden Punkte weiter am Himmel kreiste, während der kleinere zu ihr herab stieß. Lily hatte den Sattel in den Armen und schwitzte in ihrer Flugmontur, auch wenn sie mit ihren Eltern gerade erst nach draußen getreten war.

Zum Glück war um diese Zeit nicht allzu viel Verkehr in ihrer Straße, so dass sich der Stau in Grenzen hielt, den die Blaue beim Landen verursachte. Nachdem im Vorgarten nicht mal für Tibitha Platz war, hatten sie sich darauf geeinigt, dass sie auf der Straße landete und sich Lily extra beeilte, um ihren Sattel anzulegen. Aber wie sich heraus stellte, war das gar nicht nötig. Schnell hatten sich in der Nachbarschaft herum gesprochen, was sich auf der Straße gerade abspielte und sämtliche Anrainer versammelten sich, um den Drachen zu bestaunen. Tibitha strecke den Hals lang, um eine möglichst gute Figur abzugeben und ließ sich nur zu gern bewundern. Sie raschelte mit den Flügeln und ließ kleine Rauchwölkchen aus ihren Nasenlöchern puffen.

„Ach, diese herrliche Farbe“, stellte auch Sigrun fest und Tibitha erlaubte es ihr, sie an der Nüstern zu kraulen, eh sich ihre azurblauen Augen mit den geschlitzten Pupillen auf Draith richteten.

“Du warst Kiawes Reiter!“, stellte die Blaue fest und schwenkte ihren Kopf zu Draith herum. Ihre gegabelte Zunge kostete die Luft, als sie Lilys Vater betrachtete.

Draith nickte. „Ja. Und dein letzter Reiter war Maxime. Es erfüllt mein Herz mit Stolz, dass meine Tochter in diese Fußstapfen treten durfte.“

Lily schluckte. Sie wusste, dass ihr Vater mit seinen beiden engsten Freunden die Revolution angeführt hatte. Und einer davon war Maxime gewesen. Was sie bisher nicht gewusst hatte: dass Tibitha an der Seite von Draith und Kiawe in der Großen Schlacht gekämpft hatte.

“Warum hast du mir das nie erzählt?“

„Weil ich nicht von denen rede, die vor dir waren. Die Gegenwart zählt. Und die Zukunft.“

Als sie sich in die Lüfte erhoben und dabei einen Wirbel an bunten Blütenblättern erzeugten, dachte Lily immer noch darüber nach, was es wohl heißen mochte, dass ihr Drache mit ihrem Reiter und ihrem Vater samt seinem Drachen die letzte Revolution angeführt hatte. Sie wusste, dass Tibitha nach dem Tod ihres letzten Reiters eine Weile bei keiner Auswahl dabei gewesen war. Seit einigen Jahren schien die Blaue aber durchaus wieder bereit für einen Reiter gewesen zu sein – so war sie auch bei Matts Auswahl dabei gewesen. Aber sie hatte sich nie für jemanden entschieden. Bis jetzt.

“Warum?“, fragte sie die Blaue verwirrt, als sie auf Flughöhe kamen und hinter Fenrior Richtung Norden abdrehten. Aber statt einer Antwort summte Tibithas nur in ihrem Kopf.
 

„Das klingt doch gut – ich versteh deinen Punkt nicht. In diesen Bereichen herrscht ohnehin Personalmangel. Und mal ehrlich: es gibt doch ausreichend Bodentruppler, oder? Was schadet es, wenn einige davon anders eingesetzt werden?“

„Ich glaube, dass Spaltung nie eine gute Idee ist“, gab Lily zurück, die das ganze deutlich kritischer sah. Eigentlich hatten Conan und Ben nur eben Seth um Hilfe bei einem Flugmanöver bitten wollen, aber sie waren in eine angeregte Diskussion geplatzt und hatten daher mit ihren Kaffeetassen bei ihnen Platz genommen. Es war Freitagnachmittag und sie saßen in ihrem Aufenthaltsraum. Die Sommersonne knallte draußen unerbittlich vom Himmel und die meisten anderen Wehrdienstleistenden saßen daher am Centergelände im Schatten. Also zumindest jene, die nicht gerade Urlaub hatten um diese Jahreszeit. Und eigentlich hatten sie sich auch nur kurz einen Kaffee holen und dann raus wollen – aber Seth hatte sich zur Angewohnheit gemacht, sich die Zeitung aus der Bücherei zu holen und nachdem die Schlagzeile reißerisch gewesen war, hatten sich noch während des Kaffeeholens zu diskutieren begonnen und waren ganz einfach im Aufenthaltsraum hängen geblieben. Der Verteidigungsminister hatte nämlich gestern bei einer Pressekonferenz die Eckpunkte seiner geplanten Wehrdienstreform bekannt gegeben. Der Wehrdienst als solches sollte nur noch für Magier eine Verpflichtung sein, während die Nicht-Magier stattdessen Zivilleistungen ablegen sollten, wie Hilfen in Krankenhäusern, Obdachlosen- oder Pflegeheimen. Die Kritiken dazu waren durchwegs gut, bis auf einzelne Rufe, die forderten, dass das Sozialjahr für alle eine Möglichkeit sein sollte, nicht nur für Nicht-Magier.

„Sobald du mindestens zwei Lager hast, gibt es immer die Möglichkeit, Zwietracht zu sähen und die zwei gegen einander auszuspielen. Außerdem ist der Bodentrupp genauso wichtig wie die Flugstaffeln, hör auf, sie abzuwerten. Bei den Paraden in der Hauptstadt sind es die Bodentruppen, die dort für Ordnung sorgen, nicht die Flieger. Und das gilt auch für unzählige andere Ereignisse. Oder willst du in Zukunft mit deinem Drachen in der Hauptstadt dafür sorgen, dass sich bei den diversen Feierlichkeiten alle benehmen?“

„Nein, natürlich“, wehrte Conan ab und sah Lily an.

„Gib mir mal das Schachbrett“, forderte Seth und deutete auf das Spiel, dass neben der Kaffeemaschine in einem der Regale stand. Mairie, die dem am nächsten stand, reichte das geforderte weiter. Der Blonde stellte es in die Mitte des Tisches und schob die Figuren kreuz und quer durcheinander, die gerade noch spielbereit angeordnet gewesen waren: die Pegasoi in der ersten Reihe und die unterschiedlichen Drachenfiguren in der zweiten. „So wie ich das sehe, sieht unser Wehrdienst gerade so aus.“ Er deute auf das Spielbrett.

„Wobei das nicht ganz stimmt.“ Er sammelte alle weißen Drachenfiguren ein und warf sie neben das Brett. „So muss es aussehen. Die schwarzen Figuren sind Magier, die weißen Nicht-Magier. Die Drachen sind die Luftwaffe, die Pegasoi Bodentruppler. Und so ist es ja auch wirklich. Es gibt viel mehr Bodentruppler als Reiter. Und alles ist kreuz und quer vermischt. Was eine breite Führungsebene braucht, nachdem die Magier innerhalb der Bodentruppler eine eigene Führung haben, die Nicht-Magier am Boden eine eigene haben und dann noch in der Luft die Pegasoi-Staffeln und die Drachen-Staffeln. Um die zu koordinieren gibt es weitere Majore, die dem vorstehen und so weiter. Ziemlich komplex. Und teuer. Wenn der Minister seine Reform jetzt umsetzt…“

Der Blonde schob alle weißen Figuren auf eine Seites des Brettes und brachte deutlich mehr Ordnung rein. „…würde das so aussehen. Man könnte die Führungsetage einkürzen und so enorm viel Geld sparen. Und wie du sagst: im Pflegebereich herrscht ohnehin Mangel, also eigentlich zwei Fliegen mit einer Klappe.“

„Sag ich doch!“, triumphierte Conan, aber Lily war sich sicher, dass Seth noch längst nicht alles dazu gesagt hatte.

„Hier haben wir jetzt auch weniger Konkurrenz, bei der Auswahl der Drachen und Pegasoi.“ Seth deutete mit dem Finger auf die Reihe der schwarzen Drachenfiguren. „Noch ein Vorteil, wie Lumineos auch schon erwähnt hat. Also eigentlich drei Fliegen mit einer Klappe. Und dann kann auch der Lehrplan im Wehrdienst adaptiert werden. Auch hier wird dann weniger Personal nötig, wenn der Bodentrupp nicht mehr gemischt ist, sondern nur noch aus Magiern besteht. Und die Verwaltung kann abgespeckt werden – stell dir vor, wie leicht die Ausbildungspläne erstellt werden können, wenn sie nicht mehr auf zwei unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden müssen. Alles wunderbar also.“

Er machte eine kurze Pause. Im Hintergrund lief die Musik:

Weißt du noch wie's früher war?

Früher war alles schlecht

Der Himmel grau, die Mensch’n mies

Die Welt war furchtbar ungerecht

Doch dann, dann kam die Wende (Uh-ah)

Unser Leid war zu Ende

Hip, hip, hurra! Alles ist super, alles ist wunderbar

Hip, hip, hurra! Alles ist besser als es damals war
 

„Alle, die kämpfen können, sind dann also hier.“ Er tippte mit den Fingern auf die schwarzen Figuren. „Hier lernen wir dann, Magie anzuwenden, Tränke zu brauen und zu kämpfen. Wir sind draußen, egal bei welchem Wetter, rackern uns ab, können dafür am Ende mit Waffen umgehen und sind darauf ausgelegt, Kriege zu gewinnen. Während sie hier“ – er tippte auf die weißen Figuren – „lernen… naja, Omas im Pflegeheim die Hand zu halten. Brauchbare Kompetenz, falls es zu einem Konflikt kommen sollte. Also wirklich ein ausgewogenes System.“

Seth machte wieder eine kurze Pause, um das Gesagt wirken zu lassen. „Die Menge der Wehrdienstleistenden wird also homogener. Nur noch Magier, die dann allesamt kämpfen können – die Kampfelite quasi. Und die kann man dann viel einfacher mit gezielten Informationen füttern. Mit Propaganda. Hetze. Rassismus. Hass.“

„Klingelt da was bei dir?“, warf Lily vielsagend ein und spielte damit auf die Beginne der Großen Schlacht an, die genau so begonnen hatte.

Conan nickte. „Ich hab im Geschichtsunterricht aufgepasst.“

„Gut.“ Damit leerte Seth seine Kaffeetasse und verzog das Gesicht. „Diese Brühe wird mit jedem Jahr geschmackloser. Aber eigentlich wolltet ihr ein Manöver üben, oder? Fen ist auf Anflug und ich brauch zehn Minuten, um ihn zu satteln, wenn er da ist. Für jede Minute, die ihr länger braucht, macht ihr zehn Liegestützen.“

„Wa…“ Ben riss die Augen auf.

„Ich würde mich beeilen“, ließ Quinn sie wissen. „Er meint es ernst.“
 

„Dass es nicht so einfach und positiv ist, wie Lumineos es darstellt, war mir klar – aber auf die tieferen Zusammenhänge wär ich so schnell auch nicht gekommen“, sagte Lily an diesem Abend, als sie ihre Haare zum Schlafzopf flocht und Seth sich seiner Uniform entledigte. Er war bis vor kurzem mit Ben und Conan in der Luft gewesen.

Für einen Moment erstarrt Seth und die Rothaarige fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte.

„Etwas ähnliches hat unser Plan für den Putsch auch vorgesehen“, sagte der Blonde schließlich leise, während er die letzten Dolche heraus zog und die Scheiden abschnallte.

„Oh.“

„Ich glaube nicht, dass Lumineos in eine ähnliche Richtung denkt. Vermutlich hat er keine Ahnung, wie seine Reform missbraucht werden könnte. Aber wie du selbst gesagt hast: Spaltung ist nie gut. Und je homogener die Gruppen sind, umso leichter lassen sie sich gegeneinander ausspielen. Den Nicht-Magiern redest du ein, wie gefährlich die Magier sind und den Magiern redest du ein, wie unfair es nicht ist, dass wir eine knallharte Ausbildung durchlaufen, während die anderen Eier schaukeln.“ Langsam schlüpfte er aus der Uniform und griff nach seinem Duschbeutel. „Unser nächster Schritt wäre es dann gewesen, den Zugang zu Waffen zu erschweren und sie deutlich höher zu besteuern. Was Lumineos ja eigentlich auch schon angekündigt hat. Mit dem scheinheiligen Argument, bewaffnete Konflikte zu reduzieren, in dem sich weniger Leute Waffen kaufen können.“

„Aber in Wirklichkeit würde damit nur noch die Elite an Waffen rankommen. Vorwiegend vermutlich die magische Elite – denn warum sollten sich Nicht-Magier, die keine Ausbildung in dem Bereich haben, eine überteuerte Waffe zulegen.“

Seth nickt und drehte sich dann um. Einen Moment lang starrte Lily ihn an. Dann entfuhr ihr trotz des ernsten Themas ein Lachen.

„Du hast ein neues Tattoo“, stellte sie grinsend fest. Das Piercing hatte sie schon bewundert.

Der Blonde zog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln hoch. „Allerdings.“

Er hatte sich den Adler des Tätowierers in der Mall genauer angesehen, in der Sicherheit, auch so einen zu wollen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, die abgeändert werden mussten, sah es genauso aus, wie der Blonde sich sein nächstes Tattoo vorgestellt hatte. Aber dann hatte er daneben ein anderes gesehen. Das ihm viel besser gefallen hatte. Auf der linken Brust trug er jetzt ein UFO, wie aus den Science-Fiction-Romanen. Und wie in diesen Büchern war unter dem Raumschiff ein Leuchten zu erkennen, mit dem die Außerirdischen etwas hochbeamten, das sie entführen wollten. Im Regelfall waren das Kühe. Bei Seth war es ein kleiner Comicdrache, natürlich in rot – was Fen ganz und gar nicht amüsant gefunden hatte. Darunter standen die Worte: Vom Mond aus betrachtet spielt das alles gar keine so große Rolle.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Der Sommer schritt voran und die Tage wurden langsam wieder kürzer. Fast wehmütig blickte Seth dem nahenden Herbst und damit der kalten Jahreszeit entgegen. Aber immerhin würden sie dann auch bald wieder ein neues Jahr beginnen: als Korporals.

Und es würde noch eine Neuerung geben. Mehrere eigentlich. Aber eine, die Seth ganz besonders am Herzen lag: sie würden einen Politikklub starten. Die Diskussion mit Conan war ihm noch lange durch den Kopf gegeistert und war der letzte, fehlende Funke gewesen. Seit ihrem Urlaub hatte er Ideen ersonnen und wieder verworfen. Aber nach dem Gespräch über die Wehrdienstreform hatte er einen Entschluss gefasst und war zu Riven gegangen. Vielleicht auch ein wenig mit dem Hintergedanken, dass Riven nur noch bis Herbst ihr Leutnant war und falls er ablehnte, hatte er im Herbst eine weitere Chance bei ihrem neuen Leutnant. Und Rivens Ablehnung war nicht zu weit hergeholt gewesen, nachdem der Leutnant wirklich nicht mehr gut auf Seth zu sprechen war, nachdem ihm dieser im Frühjahr erklärt hatte, dass vier Leute seiner Staffel versehentlich ihre Drachensalbe verloren hatten. Riven hatte das weniger komisch gefunden. Aber zumindest war die Staffel seither wieder stabil und funktionierte und er hatte die Idee mit dem Politikklub auch nicht übel gefunden, also hatte er Seths Anliegen weiter geleitet. Und Minervus hatte grünes Licht gegeben.

Es war Ende August und am späten Nachmittag trafen sich Seth und Garrow für eine Laufrunde. Als sie nach draußen traten, sahen sie allerdings Fenrior im Hof sitzen. Neben ihm ein rostroter Drache, der zwar ein Stück kleiner war als Fen, aber doch immer noch größer als die meisten Drachen, die sie sonst kannten. Die Frau, die vor ihnen stand und scheinbar gerade vom zweiten Drachen abgestiegen war, wirkte winzig neben den beiden.

Seth steuerte auf sie zu. Sie hörten sie lachen und Fen senkte den Kopf auf Augenhöhe, um sie anzupusten. Ihre Haare wehten im Dampf und sie hob sie Arme vors Gesicht gegen die Hitze und den Schwefelgeruch.

"Ach komm, du alter Griesgram."

"Mut kann man sich nicht kaufen", stellte Garrow laut fest und sie dreht sich zu ihnen um. Sie trug einen Sidecut und hatten den Rest ihrer weißblonden Haare nach rechts gekämmt. Einige dunkler gefärbte Strähnen zierten die Frisur, ebenso wie ein paar eingeflochtene Zöpfe. Sie trug einige Piercings im Ohr und zwei im Gesicht und Seth war sich sofort absolut sicher, an wen Garrow heute beim Masturbieren denken würde.

"Ich hoffe einfach immer, dass er Elara den Gefallen tut und mich nicht frisst."

Ah, na sieh an. Dann war der rostrote Drache wohl Fens Partnerin. Und die Blonde offensichtlich ihre Reiterin.

"Sind wir jetzt eigentlich irgendwie angeheirat verwandt oder so?" Er streckte ihr die Hand hin.

"Ich bin Seth Dune. Das ist Garrow Frey. Gefreiter der Klauenstaffel."

Ihr Händedruck war fest und entschlossen. Auf ihren roten Schulterschlaufen trug sie ein goldenes Sternchen. Ein Leutnant der Flammen also.

"Gail Summers. Staffelführender Leutnant bei den Flammen, Stützpunkt Strixhaven. Bisher jedenfalls. Und ja, ich schätze mal, dass wir jetzt quasi verwandt sind. So fühlt es sich jedenfalls an. Aber ich komm mir auch immer so vor, also würde ich Tante werden, wenn Elara ein Ei legt."

"Wieso 'bisher'?", erkundigte sich Garrow.

"Weil mein Vize die Staffelführung übernommen hat, während ich hier bin. Major Lewis ist zu seiner Staffel zurückgekehrt und ich übernehme statt ihm das Training der Eisbeschwörer hier." Sie grinste. "Und ich hab gehört, dass ihr einen Politikklub gründen wollt. Der Generalmajor will, dass da ein Offizier dabei ist und das wollte ich mir nicht entgehen lassen."

"Könnt ihr euren Kaffeeklatsch dann mal beenden? Ich würde gern meinen Sattel loswerden und nicht den ganzen Tag hier rumstehen." Die weibliche Stimme klang herrisch. Ganz anders als Rhin oder Tibitha.

Seth grinste. "Jetzt weiß ich auch, warum ihr zwei verpaart seid."

Beide Drachen knurrten und die drei Menschen lachten.

"Jaja, ich mach ja schon", sagte Gail, nachdem Elara scheinbar nochmal Druck in ihrem Kopf gemacht hatte. Grinsend sah sie nochmal zu Seth und Garrow. "Ihr entschuldigt."

Routiniert kletterte sie über das Vorderbein ihres Drachen hoch zum Sattel.

"Können wir oder willst du gleich wichsen?", fragte Seth leise, ein Grinsen auf den Lippen, während sie Richtung Garten gingen.

Garrow grinste. "Meine Taschentücher warten bestimmt auf mich. Oder brauchst du eine Ausrede, weil du eine lahme Ente bist?"

"Dich steck ich locker in die Tasche." Er sprintet los Richtung Ziergarten.

"Das war ein Frühstart!", schrie Garrow und hetzt ihm hinterher.

"Chantal, heul leise", hörten sie Gail hinter ihnen von Elaras Rücken rufen.
 

"Sie ist ein Leutnant", rekapitulierte Seth, als sie in einem gemächlicheren Tempo dem Weg zwischen den Blumenbeeten hindurch folgten.

"Ein scheißeheißer Leutnant", bestätigte Garrow.

"Sie wird Sia unterrichten. Und sie leitet den Politikklub, also entscheidet sie, was Minervus erfährt von unseren Diskussionen."

"Und wir werden sie dort dauernd sehen."

"Scheiße Mann, kannst du mir einen Gefallen tun und deinen Schwanz mal in der Hose lassen? Wenn wir sie davon überzeugen können, was Sia vorhat, kann uns das vieles erleichtern."

"Und was hat das jetzt damit zu tun, ob ich sie flach lege?"

"Stell dich nicht dumm, du Honk. Du willst sie vögeln, dann will sie mehr, du nicht, sie schmollt und schon ist unser Vorteil dahin."

"Ich hab noch keiner was versprochen, was ich nicht gehalten hab. Die Karten liegen immer offen am Tisch." Das stimmte. Und war früher oft der große Unterschied zwischen ihnen gewesen. Während Seth sich ein Spiel daraus gemacht hatte, Mädchen zu betrügen, war Garrow immer ehrlich gewesen. Was jetzt aber nichts zur Sache tat.

"Ach? Und das ist eine Sprache, die Frauen verstehen, oder was?" Er warf ihm einen Seitenblick zu. "Deshalb ist die Kleine aus dem Pulliladen zu Neujahr deiner neuen Flamme auch an die Gurgel gegangen?"

Später an diesem Abend hatten sich nämlich noch dramatische Szenen abgespielt. Die niedliche Verkäuferin hatte bei ausreichendem Pegelstand der Blondine einen Drink über das Kleid geleert, was auch immer die Neue dafür gekonnt hatte - eigentlich hätte Garrow das kassieren müssen. Die Blonde hatte es sich nicht gefallen lassen und zu schubsten begonnen. Seth hatte das Ganze grinsend bei einem Bier beobachtet, bis Lily ihn mit dem Ellenbogen gestoßen hatte.

"Was? Oh, äh, ich setz auf die Blonde."

"Seth! Du sollst was unternehmen!"

"Warum ich? Nicht meine Hippogreife, nicht meine Manege. Die Scheiße hat Garrow verbockt."

Sie hatte ihn böse angestarrt und er hatte geseufzt.

"Jaja, schon gut."

Er hatte die Hände gehoben und die beiden mit Sandwellen auseinander befördert. Als sie dennoch wieder aufeinander losgehen hatten wollen, hatte er den Boden zwischen ihnen aufreißen lassen.

"Ach komm, so schlimm war das gar nicht." Garrow grinste. Die alte Verehrerin hatte nach Seths Eingreifen Leine gezogen und Garrow hatte sich rührend um die neue gekümmert. Und sie netterweise dann auch noch nach Hause gebracht.

Seth verzog das Gesicht. "Ich hab mir von Lily ne Mörderstandpauke anhören können, was wir für Schweine sind, bei sowas einfach zuzusehen."

"Aber da kann ich doch nichts dafür", lachte Garrow.

"Ich hab trotzdem keine Lust nochmal auf so ein Drama, vor allem wenn eine Leutnant darin verwickelt ist, die uns nützlich sein könnte. Also?"

"Meinetwegen. Ich versuche es."

Seth warf ihm von der Seite einen Blick zu und zog eine Augenbraue hoch.

"Verdammt, jaja, du nervige Arschgeige."

Der Blonde nickt und schwieg einen Augenblick, um seine Worte auszuwählen. „Ich schätze mal, es fällt dir ziemlich schwer, Sia aus dem Kopf zu bekommen.“

Garrow verzog das Gesicht. „Hast du Lily je aus dem Kopf bekommen?“

„Nein.“

Sein Freund ruckte mit dem Kopf. „Eben. Auch wenn der Vergleich hinkt. Ihr wart wenigstens zusammen. Sia und ich hingegen… sie hat nie mehr in mir gesehen als einen Freund.“

„Wir sind zusammen aufgewachsen. Du bist Teil der Familie.“

„Ach, komm. Ich war einfach nie interessant genug für sie.“

Seth knurrte. Einmal mehr stellte er fest, wie schwer es ihm trotz allem fiel, negative Kritik an seiner Schwester zuzulassen.

„Du weißt, dass das stimmt. Ich sprech ihr gar nicht ab, dass sie auch ein Bedürfnis nach Sex hat. Oder Spaß dran. Oder es genießt oder sonst was. Aber es war schon immer auch ein Mittel zum Zweck bei ihr. Mit fällt kein einziger Kerl ein, mit dem sie rumgemacht hat, bei dem sie keinen Vorteil daraus gezogen hat.“

Seth dachte an Sias Verflossenen und brummte unverbindlich. Er erkannte die Wahrheit in Garrows Worten, wollte es aber dennoch nicht hören.

„Viellicht versuch auch gerade einfach mein geknicktes Ego zu kitten, keine Ahnung.“ Er warf Seth einen schnellen Seitenblick zu. „Und es ist eben auch nicht immer förderlich, dich und Lily daneben sitzen zu haben. Und zu sehen, wie es trotz allem bei euch läuft. Ich bin es dir vergönnt, versteh mich nicht falsch, Bro. Aber manchmal frisst mich einfach der Neid. Ich meine, verdammt, so ein gut aussehender Bastard bist du jetzt auch nicht, dass du das verdienst!“

Leise lachend nickte Seth. „Da hast du recht, das hab ich tatsächlich nicht verdient.“

„Aber es scheint trotzdem immer so perfekt bei euch. Ihr habt es hingekriegt, trotz dem ganzen Scheiß. Und ihr streitet ja nicht mal!“

„In der Öffentlichkeit!“ Jetzt lachte Seth tatsächlich. „Wir sind uns lediglich einig, dass wir unsere Differenzen unter vier Augen klären. Es gibt nichts unangenehmeres als Paares, die ihre Konflikte offen austragen. Aber wir haben sehr wohl welche. Ihr Chaos treibt mich regelmäßig in den Wahnsinn. Sie zieht ihre Stiefel aus und wirft sie in die Ecke. Sie zieht die Jacke aus und lässt sie auf den Boden fallen. Einen halben Meter neben ihr ist die Garderobe! Aber nein, sie lässt alles rumliegen. Dauernd sucht sie was, weil alles immer irgendwo herumfliegt. Der einzige Grund, warum ich mir langfristig vorstellen kann mit ihr zusammen zu ziehen, ist das Wissen, dass ich ausreichend Personal hab, das hinter ihr aufräumt. Im Gegenzug wirft sie mir vor, dass ich kleinlich bin. Zwänglich. Perfektionistisch. Unflexibel. Was dazu führt, dass ich irgendwann einfach dicht mache. Und das hält sie kaum aus und dann schreit sie mich an. Was nicht unbedingt dazu beiträgt, dass ich zugänglicher werde.“

„Ich stell mir das gerade bildlich vor, wie dich jemand anschreit, der einen Kopf kleiner ist als du“, kicherte Garrow.

„Du hast keine Ahnung wie gruselig sie werden kann.“ Seth grinste und verfiel in einen langsamen Trab zum Auslaufen. Vor ihnen wurde das Merlin Center sichtbar. Der Hof war leer, Gail und die beiden Drachen verschwunden. In seinem Hinterkopf spürte Seth auch, dass Elara und Fen schon bei ganz anderen Dingen waren. Er schluckte. Die Paarung der beiden hatte nichts Inniges, nichts Romantisches. Da war keine Freude dabei, keine Lust. Sie waren zwei der stärksten Drachen ihrer Rasse und produzierten daher Nachwuchs. Das war Instinkt, keine Liebe. Rein rational.

Er dachte an Sia.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

„Ich schaffe das. Ich schaffe das. Iiiiiiiiich schaffe das. Ich schaffe das..“

„Du machst mich komplett irre, kannst du das mal lassen?“

Mairies Murmeln neben Lily verstummte, während Mayham den Kopf schüttelt.

„‘tschuldigung. Ich bin nur nervös.“

„Ach, das wäre uns jetzt nicht aufgefallen.“ Mayhams Stimme triefte vor Sarkasmus.

„Lass sie doch“, tönte es von Lilys anderer Seite, auf der Quinn saß.

„Ich werd aber nervös davon. Ich brauche Ruhe.“

„Mimimi, das hier ist kein Wunschkonzert, Prinzessin. Oder glaubst du, dass vor einer Schlacht Ruhe herrscht für dich?“ Quinn grinste, als Mayham ihm den Stinkefinger zeigte.

„Bereit?“ Ihr neuer Leutnant drehte sich vom Sitz neben dem Piloten zu ihnen um.

Nein. „Ja.“ Lily nickte und gab ihrer Staffel den entsprechenden Befehl. Sie öffnete die Tür des Hubschraubers und nach der Reihe stellten sie sich an die Öffnung. Das sah ziemlich hoch aus. Wirklich ziemlich hoch.

„Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich schaffe das.“ Hinter ihr setzte Mairies Murmeln wieder ein. Lily schluckte.

“Es wird nicht besser, je länger du wartest.“

„Ich weiß.“ Lily schluckte erneute. Blieb aber, wo sie war. Verdammt, das war doch nicht ihr erster Sprung. Sie hatte das schon mal gemacht. Nur eben nicht alleine, sondern immer im Tandem. Die Zugsführer im Jahrgang über ihnen hatten mit ihnen trainiert, ihnen die richtige Technik gezeigt und die Handhabung des Schirmes geübt. Heute war es nichts anderes. Nur eben ohne Zugsführer.

“Es wird nicht be….“ Der Rest von Tibithas Satz ging im Rauschen des Windes unter, als Lily aus dem Helikopter sprang. Der Wind war so laut, dass sie nicht mal ihre eigenen Gedanken im Kopf noch hörte. Der Boden kam rasant näher, bis zu dem Moment, in dem Lily die Reißleine zog. Der Fallschirm über ihr entfaltete sich und bremste den freien Flug ab. Sie ging in einen langsamen Sinkflug über.

„Ha“, entfuhr es der Rothaarigen und sie begann zu kichern, als das Adrenalin durch ihre Adern raste.

“Na also.“ Tibitha klang zufrieden, während sich Lily einem fast schon hysterischen Lachflash hingab, den zum Glück nur sie und Tibitha hörten. In einiger Entfernung sah sie einen weiteren Helikopter, der erst anstieg und dann über dem See verharrte. Die Tür ging auf und die erste Gestalt sprang ohne zu zögern aus der Maschine. Angeber. Aber anders als Mairie und Lily hatten Seth und Garrow auch mehr als deutlich gemacht, dass sie sich durchaus auf die Neuerungen in diesem Ausbildungsabschnitt freuten. Lily fand ja, dass man wohl nicht mehr ganz dicht sein konnte, wenn man sich darauf freute, aus Hubschraubern – und später von Drachen – zu springen, aber naja.

Seth raste Richtung Boden und Lilys Magen machten einen Sprung bei dem Gedanken daran, dass sie gerade noch ähnlich ausgesehen hatte. Der Blonde streckte die Arme zur Seite und seine Staffel tat es ihm gleich, denn anders als die Flammen hatten die Klauen keinen Fallschirm mit. Der Flughörnchenanzug öffnete sich und Stoffbahnen spannten sich zwischen Armen und Beinen und zwischen den Beinen. Der Flug bremste ab und Seth raste in der Horizontalen über den See. Das war ganz anders als Lilys Gleitflug gen Boden. Deswegen trainierten die Klauen auch über dem Wasser: die Flughörnchenanzüge waren nochmal eine Ecke schwieriger handzuhaben als die Fallschirme und trotz der magischen Absturzsicherung ging man in der Kaserne lieber kein Risiko ein.

Der Boden kam immer näher und Lily bereitete sich auf die Landung vor. Ihr Füße berührten das Gras und sie lief noch eine Weile weiter, bis sie langsamer wurde und schließlich ganz stoppte. Merlin sei Dank.

“Also ich flieg eindeutig lieber auf deinem Rücken als mit dem Ding.“

„Na, das will ich ja wohl hoffen!“ Sie nahm noch ein Glucksen was, das wohl so etwas wie eine Drachenlachen war und schmunzelte. Zweifellos würde es noch eine ganze Weile dauern, bis sich mit dem Fallschirm anfreunden würde. Wenn überhaupt. Aber für Einsätze war es manchmal unentbehrlich: wenn sie wo hinmussten, wo ihre Drachen nicht landen konnten, in Großstädten oder Wäldern zum Beispiel. Und die Flammen würden die erste Angriffslinie bilden, wenn sie sich mit ihren Fallschirmen ins Getümmel stürzten. Die Klauen würden sich dann mit ihren Flughörnchenanzügen von hinten anschleichen.

Aber für’s erste konnte sie den Fallschirm wieder einpacken und den festen Boden unter den Füßen genießen, denn heute stand noch eine andere Neuerung an: das erste Treffen des Politikklubs.

Nach ihrem Urlaub hatte Seth irgendwann zu philosophieren begonnen, dass sie sich eigentlich viel zu wenig mit den aktuellen Geschehnissen am Kontinent befassten. Ob er jetzt deshalb neuerdings täglich Zeitung las oder ob er das Gefühl bekommen hatte, dass sie zu wenig Bescheid wussten, weil er die Zeitung las, war ihr jetzt noch nicht ganz klar. Aber grundsätzlich stimmte sie ihm durchaus zu. Sie selbst und Quinn verband ihr politisches Interesse und die beiden hatten immer wieder über das Tagesgeschehen diskutiert. Aber Lilys Interesse war bei ihrer Familie wohl auch nicht verwunderlich. Seth Interesse hingegen war neu – so wie auch sein Tatendrang, etwas zu unternehmen. Sie hatten überlegt, welche Format passen könnte und wie die inhaltliche Gestaltung aussehen sollte. Mit einem fertigen Konzept war der Blonde dann noch im alten Semester zu ihrem Leutnant gegangen. Und jetzt war es endlich so weit.

Es war das erste Treffen des ersten Politikklubs, den es je im Merlin Center gegeben hatte. Für ihren Klub hatten sie ein Klassenzimmer in der Akademie bekommen und es war ein komisches Gefühl, die vertrauten Gänge durch die Schule zu gehen.

„Fühlt sich seltsam an, oder?“, teilte Lily ihr Gefühl mit Seth, der neben ihr ging. Garrow und Quinn hatten sich hinter ihnen eingereiht.

„Mhm“, stimmte Seth ihr zu, tief in Gedanken versunken. Es war wirklich seltsam. Alles sah noch gleich aus, aber während im Äußeren alles gleich geblieben war, war in seinem Inneren alles anders. Dabei war er gerade mal zweieinhalb Jahre aus der Schule raus.

Im Klassenzimmer saß bereits Leutnant Summers auf dem Lehrertisch und ließ die Beine baumeln. Lily hatte von Seth schon gehört, dass der Führungskader einen Leutnant abgestellt hatte, um die Treffen zu begleiten. Und Bericht zu erstatten. Was einerseits vermutlich nicht übel war, so konnten sich ihre Treffen nicht in eine unerwünschte Richtung entwickeln und selbst wenn ihre Runde mal nicht da war, wusste Lily, dass das Treffen nicht politisch unkorrekt missbraucht werden konnte. Andererseits hatte es auch einen bitteren Beigeschmack. Sie würden nie so offen reden können, wie es vielleicht ohne Leutnant gewesen wäre, vor allem wenn es um Dinge ging, die das Merlin Center oder ihre Führung betrafen. Aber naja. Für den Anfang mussten sie wohl nehmen, was sich ihnen bot.

Und scheinbar fand das Angebot auch bei anderen Anklang, denn es waren fast zehn Leute da. Naja gut, es waren Lily, Seth, Garrow und Quinn, ebenso wie Ben und Conan. Aber die restlichen vier waren ihnen relativ unbekannt: zwei Pegasoireiter im ersten Jahr, ein Zugsführer der Schwingen und eine Klaue aus dem Jahrgang unter ihnen.

„Ich freu mich, euch zum Treffen des Politikklubs begrüßen zu dürfen“, eröffnete Summers.

Die Tür öffnete sich und Moira und Devon schneiten herein. Lily verzog kurz das Gesicht, während Seth es schaffte, seine Mine völlig unbewegt zu halten. Die beiden kamen ohne Zweifel, um für Sia zu spionieren. Oder sich bietende Gelegenheiten zu nutzen, um Meinungen in eine ganz andere Richtung zu bilden oder neue Rekruten für die Erben Merlins zu finden. Unerfreulich. Aber damit hatte Seth ohnehin gerechnet.

„Verzeihung, wir sind spät dran.“ Devon schenkte ihnen ein Lächeln und die beiden ließen sich in der Runde nieder.

Gail nickte und fuhr fort: „Nachdem Korporal Dune die Idee dazu gehabt hatte, darf ich dich bitten, die Leitung zu übernehmen.“

Seht lächelte, schüttelte aber den Kopf. „Nachdem alle freiwillig hier ihren Nachmittag verbringen würde ich sagen, wir entscheiden gemeinsam, wie das Ganze ablaufen soll. Ich hab auf jeden Fall mal einige Zeitungen der letzten Woche mit, falls wir Presse brauchen.“

Und sie brauchten Presse. Seth schaffte es erstaunlich gut, den Prozess trotz seines Aufrufs zur gemeinsamen Gestaltung unauffällig zu lenken und den Klub so aufzubauen, wie er gedacht hatte. Sie griffen sich ein Thema heraus und pinnten unterschiedliche Zeitungsberichte darüber auf eine Pinnwand, eh sie dann über die Inhalte diskutieren. Immer wieder kamen sie aber auch auf die Art der Berichterstattung zurück. Es gab neben einigen kleinen Blättern vor allem drei große Zeitungsherausgeber am Kontinent: die „Royal News“ (warum auch immer, sie hatten seit Jahrhunderten kein Königshaus mehr), die „Große Nachricht“ und den „Maßstab“. Und wie unterschiedlich die drei waren, wurde bei jedem Artikel sichtbar. Es war dasselbe Thema. Aber die Royal News bot vor allem reißerische Schlagzeilen und hetzerische, oberflächliche Inhalte. Und in jeder Ausgabe im vorderen Teil das Bild einer nackten Frau, warum auch immer das in einer Tageszeitung nötig war. Mal abgesehen davon, dass es immer Frauen waren - sie hatte noch keine einzige Ausgabe gesehen, in denen das Bild eines Mannes abgedruckt war, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass sie sich um Gleichberechtigung kümmerten. Die „Große Nachricht“ galt gemeinhin als Zeitung für jedermann, war gut lesbar geschrieben, aber in den Artikeln wurde immer wieder spürbar, dass zufällig manche Infos nicht enthalten waren. Von neutraler Berichterstattung war man auch hier weit entfernt. Aber zumindest punktete die Große mit der Kolumne des Klabautermannes, wer auch immer sich hinter diesem Synonym verbergen mochte. Auf jeden Fall waren die Kommentare meistens spitz und kritisch und eröffneten selbst Lily immer wieder mal noch eine Zusatzperspektive auf ein Thema. Leider wurde der Kommentar seit einigen Monaten nicht mehr gedruckt und Lily hatte sich schon mehrfach darüber gewundert. Am besten war noch der „Maßstab“. Das war auch die Zeitung, die die Carrhearts abonniert hatten. So wusste Lily auch, dass es das teuerste Zeitungsabo war. Außerdem war das Format A2 und die Zeitung bestand aus unzähligen Einzelteilen, was das Lesen deutlich erschwerte, vor allem morgens am vollbeladenen Familienfrühstückstisch.

Sie hatten zwei Stunden für das erste Treffen einkalkuliert, die sie auch fast zum Ende ausreizten. Eigentlich hätten sie länger gebraucht, nachdem Thorment, eine der beiden Hufe, kurz vor Schluss noch ein Thema aufriss, aber Leutnant Summers zog den Schlussstrich.
 

„Und?!“ Mairie wartete bereits in Lilys Zimmer, als sie zurückkamen. Im Hintergrund lief bereits Musik und Seth rollte mit den Augen. Mairie hatte die Gelegenheit genutzt, um zur Abwechslung mal ihren Hip Hop einzuschalten.

Was willst du? Menschen mit deinen Liedern tragen?

Von der schiefen Bahn zur Zivilcourage?

Über allen Krisen-Staaten Friedensfahnen?

Willst du noch 'ne Niere haben?

Denkst du, du bist jetzt die Stimme der Gesellschaft?

Eigentlich wäre sie gerne dabei gewesen, ebenso wie Patrick, aber sie waren sich einig gewesen (naja, eigentlich war Seth sich einig gewesen), dass es beim ersten Treffen vielleicht besser war, wenn sie nicht alle gleichzeitig aufschlugen. Falls nur ein oder zwei andere dazu gekommen wären, wäre es für sie bestimmt unangenehm gewesen, zu einer bestehenden Gruppe von sechs Leuten dazu zu kommen. Und ihr Ziel war es ja, andere zum Klub zu holen – eine Privatparty war es ja auch schon beim Frühstückstisch, wenn sie über solche Themen diskutierten.

"Erstaunlich gut", lächelte Lily, während sie aus ihrer Uniform schlüpfte und sie in einem Haufen auf den Boden fallen ließ. Seth rollte erneut mit den Augen. Er lehnte sich ans Fenster, während Lily sich für den Abend fertig machte. Quinn und Blay waren bereits in ihre Zimmer und anschließend in die Dusche verschwunden und Seth würde später auch noch ins Bad schneien. Aber erst wollten sie Mairie ins Bild setzen.

"Also kann ich nächstes Mal mitkommen, nachdem doch so viele Interessente sind?", fragte die Flamme, als Lily mit ihrem Bericht geendet hatte.

"Wäre die Zeit nicht besser ins Training investiert? Du bist heute beim Nahkampftraining ziemlich ins Schwimmen gekommen." Seth zog eine Augenbraue hoch.

"Ich weiß." Mairie seufzte. "Ich hab dauernd das Gefühl, dass alle anderen immer schneller sind als ich. Bevor ich überhaupt weiß, was ich tun soll, kommt schon ein Angriff und noch einer und noch einer und ich komm aus der Defensive nicht mehr raus."

"Dann wohl doch eher Training als Klub..." - er nutzte die Chance, um grinsend die Musik umzuschalten - "... außer du kriegst mich Sonntag beim Training dran."

Mairie stöhnte. Dass sie Seth besiegte, war mehr als unwahrscheinlich.

Besuche

Seth hatte die Arme auf die Couchlehne gelegt und die Beine von sich gestreckt, die Knöchel überkreuzt. Die Therapeutin saß ihm gegenüber in ihrem üblichen Ohrensessel, zwischen ihnen stand ein niedriger Couchtisch mit einem Tablett mit Gläsern und einem Krug, in dem Sodawasser perlte. Und seit einiger Zeit schwammen darin auch immer Minz- und Melissenblätter, wenn Seth kam. Vor seinem letzten Urlaub hatten sie eine Therapieübung gemacht, die die Therapeutin als Genusstraining bezeichnet hatte. Jede Einheit hatten sie sich einer Sinnesebene angenommen und er hatte bewusst gesehen, gehört, geschmeckt, gespürt und zuletzt gerochen. Sie hatte die unterschiedlichsten Gerüche mitgebracht, als Duftöle, als Seifen, frische Blumen und Kräuter und ein Parfum. Er hatte alle gerochen und – welch Überraschung – sich zu den zitrusigen und den hölzernen hingezogen gefühlt. Wie nach jeder Genusseinheit hatten sie eine Imagination gemacht und diese hatte ihn nach Dune Manor geführt, unter den Zitronenbaum. Und wie nach jeder Einheit hatte er den Auftrag bekommen, sich diesen Genuss in den Alltag zu holen. Seither standen in Seths Zimmer drei Blumentöpfe, einer mit Minze, einer mit Melisse und einer mit Lavendel. Und diesen Genuss teile er eben auch mit der Therapeutin.

„Wie war es für dich, wieder zuhause zu sein? Ohne deine Schwester?“

Es war Freitag am Nachmittag und ihre erste Sitzung nach dem Sommer und damit die erste seit seinem Urlaub.

Seth fixierte den Krug, das Aufsteigen der Blubberbläschen und ließ sich Zeit mit der Antwort. Er spürte den mittlerweile vertrauten Widerstand dagegen, es auszusprechen. Ein lockerer Witz lag ihm auf den Lippen. Aber er ließ sich nicht dazu hinreißen, dem nachzugeben. Er war nicht hier für Oberflächlichkeiten. Der Blonde atmete tief in den Bauch ein und langsam wieder aus.

„Nicht mehr ganz so schlimm wie letztes Jahr. Was auch irgendwie komisch ist. Ich dachte, es würde ab jetzt immer schmerzen, ohne Sia zuhause zu sein. Aber der Schmerz ändert sich. Ich bleibe nicht mehr jedes Mal vor ihrer Zimmertür stehen, wenn ich vorbei gehe. Mir fällt nicht mehr zu jedem Ding eine Erinnerung ein, die mich mit ihr verbindet. Und manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich meine, es sollte weh tun und ich sollte sie vermissen. Sie ist meine Schwester!“

„Solltest du das?“ Sie lächelte und Seth war klar, worauf sie hinaus wollte. Er schmunzelte.

Ich habe den Gedanken, dass ich das sollte.“

Sie nickte. „Verschmilz nicht mit deinen Gedanken. Es sind nur Gedanken – keine Wahrheiten.“

„Ich weiß. Was nichts daran ändert, dass sie beschissene kleine Diktatoren sind, die mein Leben kontrollieren wollen.“

„Apropos Diktator: ich habe gehört, dass du einen Politikklub gegründet hast.“

„Naja, nicht ich allein. Ich war nur der Bote, der die Idee nach oben getragen hat.“

„Ich würde trotzdem beim nächsten Mal gerne mehr darüber hören, was dich dazu bewogen hat und was für dich dahinter steckt. Passt das für dich?“

„Klar.“ Der Blonde erhob sich. „Nur eins noch: ich hab im Urlaub ganz spontan einen Honigtoast zum Frühstück gegessen. Bei der Hydra, es klingt total bescheuert, dass ich mich darüber freue.“

„Ganz und gar nicht. Das klingt nach einem sehr genussvollen Morgen – und das ist immer ein Grund zur Freude.“
 

Weniger Grund zur Freude bot dann allerdings der Politikklub an diesem Nachmittag:

„Seit du zu den links-grünen Schwurblern gehörst, scheint dein Blick ein wenig verklärt zu sein.“ Amaro zog die Augenbrauen hoch und Seth verschlug es kurzfristig die Sprache. Was hatte er gerade zu ihm gesagt?!

„Okay, das reicht. Orin, reiß dich am Riemen, sonst fliegst du raus, klar?“ Leutnant Summers zog die Augenbrauen hoch und Amaro nickte. Dann sah sie Seth scharf an, der fast explodierte, sich aber tunlichst bemühte, den Mund zu halten und nicht dieselbe Warnung einzukassieren. Aber: was fiel dieser Arschgeige eigentlich ein?! Als sich ihre Blicke trafen, sah er immer noch ein triumphales Funkeln in den Augen der Schwinge. Moira und Devon unterdrückten ebenfalls ein Lächeln. Seth ballte die Hand unterm Tisch zur Faust.
 

“Mach langsam. Du bleibst noch.“

Seth hielt kurz inne. “Warum?“

Aber statt einer Antwort knurrte Fen nur in seinem Kopf, wie immer wenn ihn der Blonde hinterfragte. Eigentlich hatte Seth seine Sachen in die Tasche werfen und schnellstmöglich raus wollen. Er brauchte frische Luft. Bewegung. Was kaputt schlagen. Laute, harte Musik. Und er musste sich überlegen, wie er damit umging. Es ging nicht primär nur darum, dass er öffentlich als Schwurbler beleidigt worden war. Der Politikklub war mittlerweile gut besucht und Amaro hatte bewusst „links-grün“ und „Schwurbler“ kombiniert, denn diese Kombi würde jetzt weiter getragen werden. Die Stille Post der Kaserne, wenn nicht gar des Centers, würde auf Hochtouren laufen und bald würden viele Leute wissen, dass es heute im Politikklub heiß her gegangen war. In der ersten Runde würde es heißen, dass Seth Dune bei einer Diskussion wegen der Uniformpflicht als links-grüner Schwurbler bezeichnet worden war. In der zweiten Runde würde es heißen, dass Seth Dune ein links-grüner Schwurbler und gegen die Uniformpflicht war. Und in der dritten Runde waren dann alle Links-Grünen gegen die Uniform und Schwurbler. Amaro hatte ganze Arbeit geleistet, vor allem nachdem es gerade um eine Neuerung im Center ging, bei der – wie sollte es anders sein – Lumineos seine Finger im Spiel hatte.

Zähneknirschend zwang Seth sich zur Ruhe. Lily, Garrow, Quinn und Mairie warteten bereits auf ihn, während der Rest des Klubs sich langsam trollte. Als auch der letzte draußen war, bedeutete Gail ihnen mit einer stummen Geste, noch hier zu bleiben. Sie ging zur Tür, kontrollierte, ob noch jemand im Flur war, dann schloss sie die Tür.

„Also.“ Sie schlenderte zu ihnen zurück und setzte sich dann wie üblich auf den Lehrertisch, die Beine baumelten. „Was tust du mit Orins Aussage?“

„Ich werd mich im nächsten Klub benehmen, versprochen.“ Brummte Seth, der davon ausging, dass sie den Frieden im Politikklub sichern wollte. Aber er hatte gerade keinen Bock auf dieses Gespräch. Seine Finger kribbelten und am liebsten würde er das Beben seiner Brust auf die Erde übertragen.

„Davon gehe ich aus. Das hier ist nicht der Kindergarten und ich erwarte, dass du dich auch dementsprechend benimmst. Aber das meinte ich nicht. Was tust du mit Orins Aussage?

Überrascht blinzelte Seth. Äh. Er wusste noch nicht, was er mit dieser Aussage tun sollte? Sie so stehen lassen war keine Option, das war klar. Amaro einschüchtern? Ihm drohen, sowas nie wieder zu tun? War vermutlich beides Bullshit, aber Seth spürt in erster Linie rote Wut in sich kochen und konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„So wie ich das sehe“, blendete Lily sich von hinten ein, „hat Orin ihm eigentlich gerade eine Steilvorlage geliefert, um noch tiefer in das Thema Propaganda einzutauchen. Mein erster Gedanke war zwar, dass das eigentlich heute im Klub noch passieren hätte müssen, bevor die Stille Post Mist verbreitet, aber vielleicht ist das gar nicht nötig. Mit ein bisschen Glück kommen beim nächsten Mal dadurch sogar noch ein paar sensationslustige Klatschtanten mehr, die die nächste Runde in diesem Konflikt sehen wollen und seine Worte haben ein noch größeres Publikum.“

„Was?“ Seth sah sie irritiert an.

„Mann, das ist kein verlorener Schwanzvergleich.“ Quinn drehte die Augen über. „Es hilft keinem weiter, wenn du wütend bist. Dass hier im Klub nicht alle einer Meinung sein würden, war dir doch wohl von Anfang an klar und dass Dinge gesagt werden, die dir nicht schmecken, war ja wohl hoffentlich auch klar.“ Und dass Merlins Erben den Klub ebenso zur Meinungsbildung nutzen würden wie sie selbst, war ihnen auch klar gewesen, aber das sprach er vor Gail nicht laut aus.

„Ihr wisst, dass ich als Klubleitung neutral sein sollte…“, Gail zögerte einen kurzen Moment, „… aber als Mensch fällt es mir manchmal schwer, meine Meinung für mich zu behalten. Weshalb dieses Gespräch hier hinter verschlossenen Türen stattfindet. Wo sich Orin, Shawn und Glornir politisch hin orientieren ist ziemlich offensichtlich, ebenso dass sie scheinbar zum Fanclub von Verteidigungsminister Lumineos gehören. Orins Aussage hat sich einerseits gegen eine „Berühmtheit“ der Kaserne gerichtet, über die die Leute nur zu gerne reden, andererseits hat er damit unterschwellig angedeutet, dass Verschwörungstheorien zu einem politischen Lager gehören.“

„Aber genau so hat Propaganda eben schon immer funktioniert“, sagte Lily. „Er bringt uns damit in Verruf. Worte, die gesagt wurden, können nicht mehr zurück genommen werden. Alle, die hier waren, haben das gehört. Haben gehört, dass er links und grün und Schwurbler kombiniert. Viele von denen, die heute hier gewesen sind, werden das als Blödsinn empfinden. Aber es wird zweifellos auch die geben, die darauf aufspringen. Die jetzt denken, dass alle Verschwörungstheoretiker in der linken Ecke zu finden sind und man ihnen am besten gar nichts mehr glauben sollte.“

„Und er hat es nicht nur genutzt, dass der Name Dune immer noch im Geschichtsunterricht fällt und die Leute daher umso lieber über dich reden, als über einen von uns anderen unwichtigen Popeln.“ Quinn sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch. „Wie lange wart ihr befreundet? Er kennt dich. Und weiß, wie er dich provozieren kann. Das war doch bewusst, damit du was Dummes sagst oder tust, was ihre Position noch weiter stärken würde. In der Emotion lässt es sich schwer denken und es passieren Überschussreaktionen. Und das hätte ihm in die Karten gespielt.“

„Das denke ich auch.“ Mairie nickte. Scheinbar hatten hier alle schon eine Meinung und einen Plan, außer Seth, der bisher vor allem wütend gewesen war. Aber langsam flaute die Emotion ab und er spürte, wie langsam auch wieder vernünftige Gedanken zu ihm durchdrangen. „Aber wie Lily sagt, es kann auch Potential bieten. Vor allem wenn wirklich mehr Leute kommen, angelockt von der Sensationsgier. Sag, dass er dich fast dran gekriegt hätte. Dass seine Worte was in der ausgelöst haben. Eine Emotion erzeugt haben, die dich von der logischen, rationalen Argumentenebene weggebracht hat. Und genau das ist es doch, wie rechts-populistische Propaganda funktioniert. Es werden Emotionen erzeugt. Angst, Wut, Hass. Damit die Leute mehr schreien und schnell handeln und weniger nachdenken.“

„Ich hab in der Bücherei einiges an Literatur darüber gesehen, wie unser Gehirn wann funktioniert. Über die schnellen, emotionalen Impulse, bei denen Bereich wie die Amygdala aktiviert werden und wie viel langsamer dann der ganze kortikale Bereich arbeitet, wo alles Gelernte abgespeichert ist. Ich leih sie mir mal aus, vielleicht ist das beim nächsten Mal brauchbar.“ Lily zog ihr Notizbuch nochmal aus der Tasche, nachdem alles, was sie sich nicht gleich aufschrieb, für immer vergessen war.

Währenddessen griff Mairie den Faden wieder auf: „Und damit kannst du den Kreis auch wieder schließen. Diese Art von Propaganda ist doch typisch für faschistische Politik. Emotionale Menschen, die nicht allzu viel nachdenken, sind leichter totalitär zu führen, als eine aufgeklärte, vernünftige Bevölkerung. Und das war doch der Auslöser für Orins Aussage. Dass du findest, dass die Spaltung zwischen Magiern und Nicht-Magiern immer stärker gefördert wird, dass es immer mehr in Richtung Klassendenken geht und dass die Nicht-Magier immer mehr Rechte verlieren. Gepaart mit dem Führerkult, den Lumineos um sich herum aufbaut, geht das doch eindeutig in eine faschistische Richtung – was Orin als „grün-links Schwurbeln“ abstempelt.“

„Also eigentlich“, fasste Gail zusammen, „hat Orin dir – oder euch – eine grandiose Basis geliefert, um einiges an Aufklärung zu bringen und am direkten Beispiel sichtbar zu machen, wie manche Mechanismen wirken und wie sie benutzt werden können, um andere zu manipulieren. Ihr müsst die Chance nur anpacken und nutzen.“

Einen Moment herrschte Stille und alle sahen Seth an, der seine Backen aufblies.

„Verdaaaaaaaaaaaaammt.“ Er stieß die Luft wieder aus. Während er noch damit beschäftigt gewesen war, wütend zu sein, hatten die anderen also bereits unzählige Facetten des Ereignisses gesehen und sich einen Schlachtplan zurecht gelegt. Und dazu sogar noch einen echt guten.

“Kannst du in Zukunft also aufhören, dich wie ein Schlüpfling zu benehmen und dein Hirn eingeschaltet lassen?“

"Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich so ein blinder Hitzkopf bist, Dune", stelle Gail fest und grinste.

"Bin ich normalerweise auch nicht..."

"Ach, komm", redete Quinn ihm gleich gegen und schnaubte. "Du fährst jedes Mal aus der Haut, wenn du dich in deinem aufgeblasenen Ego gekränkt fühlst."

"Das ist doch Quatsch!" Seth war sich sicher, dass Garrrow und Lily ihm zustimmen würden. Aber als er den beiden einen Blick zuwarf, machten sie lediglich nur eine unverbindliche Geste aus Schulterzzucken und Kopfnicken. Schönen Dank auch! Also sowas. Er war doch wirklich kein Hitzkopf!

Gail grinste unterdessen. "Probier es mal mit Meditation. Soll helfen."
 

"Boah, ich spür jeden Knochen in meinem Körper. Ich will einfach nur noch duschen", jammerte Garrow zwei Tage später nach dem Training, als sie gerade die Übungswaffen wegräumten.

"Da musst du dich aber noch gedulden", ließ Seth ihn wissen. "Hinsetzen."

"Waaaa-" "Hinsetzen!", unterbrach der Blonde die empörten Proteste und ließ sich selbst auch im Schneidersitz auf der Matte nieder. "Nachdem ihr euch ja einig wart, dass ich hitzköpfig bin, probieren wir es jetzt eben mal mit Meditation."

Er grinste, als er aus seiner Tasche ein Buch und eine Meditationskerze zog.

"Wo bist du denn gegen gerannt? Warum müssen wir meditieren, weil du dich nicht im Griff hast?!" Quinn hob empört die Arme.

"Maul halten, ich muss die Anleitung lesen."

"Wozu brauchst du für Meditation eine Anleitung?!" Garrow verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Sitzen und atmen, ist ja wohl nicht so schwer.".

"Puh, beides gleichzeitig? Sicher, dass du das hinbekommst?" Quinn grinste, als Garrow ihm den Mittelfinger zeigte.
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

Die einzige, die kein Problem mit „sitzen und atmen“ – wie Garrow es beschrieben hatte - hatte, war Mairie. Was vermutlich daran lag, dass die Flamme seit Jahren Yoga machte, wie Lily wusste und Meditationen und Entspannungsübungen fester Bestandteil ihrer Praxis waren. Lily hatte sich zwar schon ein paar Asanas zeigen lassen, aber über „sitzen und atmen“ hatte sie noch nie nachgedacht. Obwohl das eigentlich nahe gelegen hätte. Es gehörte zur üblichen Abendroutine ihrer Mum, dass Sigrun erst einige Minuten assoziativ schrieb und dann in Stille im Schneidersitz im Wohnzimmererker saß und atmete. In der Theorie wusste Lily auch, welchen positiven Nutzen das „sitzen und atmen“ hatte – aber irgendwie war es bisher noch nie so gewesen, dass sie eine Meditationspraxis in ihren Alltag integriert hätte. Aber das hatte Seth mit heute geändert: er hatte schon angekündigt, dass sie jetzt öfters seine Hitzkopf-Therapie mitmachen durften. Vor allem Garrow und Quinn hatten darüber gemurrt, aber Lily hatte den Eindruck gehabt, dass es ihnen allen vielleicht gar nicht schadete.

Seth hatte ihnen nach dem Training tatsächlich eine Anleitung vorgelesen. In Gedanken war Lily noch dabei gewesen, darüber zu sinnieren, warum sie bisher eigentlich nie meditiert hatte und so hatte sie die Hälfte der Anleitung nicht mitbekommen und einen inneren Stress bekommen, weil sie jetzt nicht wusste, was sie tun sollte. Dann hatte Seth die Kerze in der Mitte aufgestellt und Lily war von der Kerze abgelenkt gewesen und hatte vergessen, nochmal zu fragen, wie sie jetzt atmen sollte: Die Kerze hatte mehrere Markierungen, je nach Zeitdauer und Seth hatte einen kleinen Metallstift in die Kerze gesteckt und eine Murmel darauf platziert. Wenn die Kerze so weit abgebrannt war, würde der Stift aus dem weichen Wachs fallen und sie würden den Aufprall der Murmel am Boden hören und wissen, dass die Zeit um war. So musste niemand auf die Uhr schauen. Seth hatte die Latte wie üblich hoch ansetzen wollen und den Stift gleich bei einer halben Stunde in die Kerze gesteckt, was Mairie zum Glück verhindert hatte. Der Stift wurde dann unter ausreichend Beschwerden von Seth bei 5 Minuten in die Kerze gesteckt und wie sie alle festgestellt hatten, konnten sich fünf Minuten wirklich lang anfühlen. Erst hatte Lily immer wieder zu den anderen geschielt, um zu sehen, wie sie atmeten, damit sich das nachmachen konnte. Dann dachte sie daran, dass sie eigentlich nicht denken sollte, sondern es rein ums Atmen ging, sonst war der Sinn der Mediation ja dahin. Also versuchte sie nichts zu denken. Was kurz klappte. Dann dachte sie an das Abendessen. Und vergaß dabei, ihre Atemzüge zu zählen. Verdammt. Sie ärgerte sich über sich selbst und ärgerte sich dann, weil sie sich ärgerte und das ja eigentlich gegen jegliche Ideen hinter einer Mediation gingen. Also versuchte sie sich wieder auf die Atmung zu konzentrieren. Da fiel ihr ein, dass ihre Mutter ihr immer sagte, dass es eigentlich fast unmöglich war, nichts zu denken. Und je mehr man es versuchte, umso schwieriger war es und umso mehr Gedanken drängten sich auf. „Denk nicht an einen rosa Elefanten“, sagte ihre Mum dann immer. Und Lily versuchte es – und dachte trotzdem immer an einen rosa Elefanten. Und an den dachte sie auch jetzt. Warum war der eigentlich rosa? Verdammt, sie sollte doch meditieren. Und wie lange waren denn die fünf Minuten bitte?! Sie schielt verstohlen unter halb geöffneten Lidern zur Kerze. Und ihr Blick traf den von Garrow. Der auch gerade verstohlen zur Kerze blinzelte und ehrlich genervt wirkte. Was Lily freute. Scheinbar war sie nicht die einzig in ihrer Runde, deren Gedanken Karussell fuhren, obwohl sie eigentlich still stehen sollten. Und noch mehr freute es Lily, als endlich das Klonk ertönte, mit dem die Murmel zu Boden fiel.

„Bei allen Köpfen der Hydra, das war schlimmer als das Training“, stöhnte Garrow, der noch vor knapp zehn Minuten geglaubt hatte, dass es nicht noch schlimmer werden könnte.
 

Lily dachte immer noch über rosa Elefanten nach, als sie am Abend in Seths Zimmer schlüpfte. Der Blonde lag bereits auf seiner Decke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und schenkt ihr ein Lächeln, als sie eintrat. Wie es die neue Uniformrichtlinie vorsah, trug er die mitternachtsblaue Jogginghose mit dem gelb eingestickten M des Centers und dazu das entsprechende Shirt. Genau um diese Neuerung war es Freitag auch im Politikklub gegangen.

Lumineos hatte vor einiger Zeit bereits angekündigt, einige Neuerungen in der Uniformregelung des Wehrdienstes vornehmen zu wollen. Das hatte einige praktische Neuerungen mit sich gebracht und ihre alten Fluguniformen würden nach und nach gegen neuere, leichtere und auch praktischer designte ausgetauscht werden. Soweit die nützlichen Neuerungen. Außerdem hatte er angekündigt „den Zusammenhalt stärken“ zu wollen: nachdem sie ja alle gleich waren und ein Wehrdienst, gab es jetzt auch in der Freizeit eine einheitliche Uniform, die es im gesamten Wehrdienstgelände zu tragen galt. Um auch den Zusammenhalt unter den einzelnen Truppen zu stärken, bekam jede Truppe eine eigene Farbe. Die Luftwaffe trug dunkelblau. Die bodengebundenen Einheiten braun und beige. Und – na sieh einer an – die Magier am Boden trugen dabei braun und die Nicht-Magier beige. Das hieß, wann immer Wehrdienstleistende zusammen kamen sah man nicht nur, wer flog und wer nicht. Sondern wer ein Magier war und wer nicht. Bei jeder einzelnen Mahlzeit, bei jeder Begegnung am Flur, bei jeder sportlichen Aktivität in der Freizeit. Immer.

Amaro hatte sich am Freitag begeistert gezeigt und vor allem die Vorteile einer einheitlichen Bekleidungsvorschrift betont. Seth hatte darauf hingewiesen, dass diese „Einheitlichkeit“ sich lediglich darauf bezog, dass sie jetzt alle Trainingshosen, Shirts und Fleecejacken trugen. Und ansonsten eher Spaltung passierte als Vereinheitlichung. Daraufhin war von Amaros Seite der Begriff „Haarspalterei“ gefallen. Und „Schwurbler“.

Lilys Blick fiel auf einen Stapel Bücher auf seinem sonst makellos aufgeräumten Schreibtisch. Seth folgte ihrem Blick.

„Für den nächsten Klub. Ich…“

Lily hob die Hand und er verstummte, als sie sich auf die Bettkante setzte.

„Was hältst du davon, wenn wir den Alltag heute Abend mal vor der Tür stehen lassen?“

Er sah sie verwirrt an und sie strich sich durchs Haar.

„Die Tage sind gefüllt mit Training und Manövern und noch mehr Training und der Führungskräfteausbildung. Dann ist das Fallschirmspringen dazu gekommen. Der Politikklub. Das ganze Drumherum mit Sia. Und in unserer Freizeit reden wir drüber, lesen Bücher, arbeiten, trainieren und diskutieren. Ich will heute frei haben.“

Der Blonde nickte und lächelte schief. „Ich versteh, was du meinst. Manchmal hab ich das Gefühl, dass der Tag mindestens 40 Stunden haben müsste.“

„Und selbst dann wäre er wahrscheinlich noch zu kurz“, stimmte die Rothaarige zu.

„Und bei dem ganzen kommen wir zu kurz.“ Die Zeit der Frischverliebtheit war vorbei und ihr war klar, dass sich das Beziehungs- und Sexleben veränderte, wenn man länger zusammen war. Was nicht immer schlecht war. In ihrem Miteinander war eine innige Vertrautheit entstanden, wie ein Band, dass sie umgab. Aber der Alltag hatte das alles ziemlich aufgefressen in letzter Zeit.

„Allerdings. Ich freu mich schon auf unseren Adventskalender.“

Einen Augenblick lang starrte Seth sie irritiert an, offensichtlich stand dieses Mal er am Schlauch. Adventskalender? Welcher Adventskalender? Er aß doch kaum Schokolade. Aber dann fiel der Groschen und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Definitiv. Aber bis Dezember ist es noch eine Weile. Wäre schade, so lange zu warten.“ Er griff nach ihrer Hand und sie ließ sich bereitwillig auf seine Brust ziehen. Seine Beine schlangen sich um ihre Hüften und ihre Lippen fanden seine. „Ich hab mal was von Fesseln und Knebeln gesagt, erinnerst du dich?“

„Ich gehöre ganz dir.“
 

》----------------- ৎ୭ -----------------《
 

"Öffne bei Neumond zu Mitternacht dein Fenster. Sei allein!"

Garrow gab ihm den Zettel zurück. Es war ein kleiner Zettel, der unter Seths Tür durchgeschoben worden war, während sie bei einer Staffelübung gewesen waren. Die Handschrift war nichtssagend und auch sonst gab es keine Hinweise auf den Absender.

"Wirst du es machen?"

"Erster Teil: ja. Zweiter Teil: nein." Der Blonde grinste. "Wir machen morgen eine Pyjamaparty bei mir. Nimm deine Wurfaxt mit."
 

Es war kurz vor Mitternacht und der kalte Wind, der durch das Fenster herein blies, kündigte den nahenden Winter an. Aber außer des Windes war noch nicht viel durch das Fenster gekommen.

Seth saß am Bett und spielte mit seinem Klappmesser. Sein Schwert saß locker in der Scheide, das hatte er bereits mehr als einmal überprüft. Ein Dolch steckte in seinem Stiefel, ein weiterer in einer Unterarmscheide. Garrow stand verdeckt hinter seinem Schrank, vom Fenster aus nicht zu sehen und hielt die Wurfaxt bereit.

Der Wind frische auf. Es wurde kalt. Fast zu für November.

"Sia", hauchte Seth und Garrow nickte.

Aber die Gestalt, die scheinbar über eine Eisbrücke die Außenmauer entlang kam und im Fensterrahmen erschien, war nicht seine Schwester.

"Felix?" Seth runzelte irritierte die Stirn, seine Augen strichen über die Gestalt seines alten Freundes und suchten ihn nach Waffen ab.

"Wo ist er?" Felix schloss das Fenster, als er mit leisen Sohlen herein geklettert war.

"Wer?"

X rollte mit den Augen. "Garrow. Meinst du, ich hab je geglaubt, dass du wirklich allein hier sein würdest?"

Seth warf einen Blick zu Garrow und nickte, woraufhin der Brünette aus seinem Versteck trat. Sie hielten beide ihre Waffen einsatzbereit.

Und das entging auch Felix nicht. Er hob beschwichtigend die Hände. "Ich komme in Frieden."

"Warum kommst du überhaupt?"

"Weil mir die Sache zu steil wird und ich sie nicht länger mittragen kann. Ich hab euch einiges zu erzählen."

"Als würde dein Tattoo dir das erlauben."

Felix zog den Kragen runter und sie sahen die Tinte auf seiner Brust. "Ja. Weil der Zauber nicht mehr funktioniert, seit deines weg ist. Sia glaubt, dass es daher kommt, weil dein Blut für die Tinte und den Fluch essentiell war." Er zuckte die Schultern. Das Tattoo auf seiner Brust blieb stumm und unverändert. Aber der Fluch hatte sich ja vor allem um die Intention gedreht. Wenn er nicht die Intention hatte, ihrer Sache zu schaden, würde auch nichts passieren. Vermutlich. Aber ausprobiert hatten sie das nie. "Keine Ahnung, ob das wirklich so ist. Aber seither funktioniert es nicht mehr. Ich kann euch sagen, was ich will und ich kann tun, was ich will."

"Warum sollten wir dir glauben?", fragte Garrow.

"Und wer sagt, dass das stimmt? Vielleicht hat Sia einfach einen Weg gefunden, den Zauber zu adaptieren und das hier ist alles geplant."

"Ich kann euch nicht verübeln, dass ihr mir nicht vertraut. Aber ich würde vorschlagen, ich erzähl euch einfach, was ich weiß und ihr tut damit, was ihr für richtig haltet."

Seth überlegte kurz. Was konnte schief gehen? Sie würden danach entscheiden können, ob sie ihm glaubten. Aber wenn er ihnen einen Floh ins Ohr setzte und sie ihm glaubten? Er sah Garrow an, der die Schultern zuckte. Dann aber nickte.

"Okay. Schieß los." Seth klappte sein Butterfly auf und wieder zu.

"Sia hat was mit dem Verteidigungsminister am Laufen."

Seth behielt sein Pokerface bei und nickte lediglich unverbindlich. Das erklärte also ihren Urlaub in Bloomsbury. Und die viele Post, die sie jetzt immer wieder bekam. Und immerhin hatte er die beiden ja bei der Neujahrsparty flirten gesehen.

"Der ebenfalls der Ansicht ist, dass Nicht-Magier unterworfen gehören. Und deshalb nächstes Jahr zur Wahl als Kanzler antreten wird", fuhr Felix fort und wieder nickte Seth. Letzteres war nicht unbedingt etwas Neues, es hatte sich aus den Medien ableiten lassen. Ersteres hingegen durchaus: bisher hatte sich Lumineos öffentlich immer als Freund der Geleichberechtigung dargestellt. "Die Überfälle im Süden sind Großteils extra dafür inszeniert."

Gut, das hatte er jetzt wirklich nicht erwartet.

"Welche konkret?", fragte Garrow nach.

"Fast alle. Sia schmiert vor allem Obdachlose, die bereit sind, für ein bisschen Kohle fast alles zu tun und stattet sie mit Waffen aus."

"Damit es eine Grundlage für ein Waffenverbot für Nicht-Magier gibt", sagt Seth und X nickte. Diese Schlussfolgerung war ihm nicht eben erst eingefallen - das Szenario war Teil ihres Plans gewesen.

"Devon, Moira und ich machen immer wieder Abstecher in den Süden. Moiras Eltern leben nicht weit von hier, Devon weiter im Süden und mit Portalen kommen wir von einem Haus ins nächste bis -"

"Dune Manor", beendete der Blonde den Satz. Das war es also, was Neil beobachtet hatte.

"Oder zum Anwesen vom Lumineos in Sias Fall." Felix zögerte kurz. "Die beiden spielen mit Nekromantie herum."

"Was?!", fragten Seth und Garrow wie aus einem Mund. Felix nickte offensichtlich unbehaglich.

"Das ist einer der Hauptgründe, warum ich nicht mehr mitkann. Oder will. Sie wissen, dass sie die Diktatur nach einem Putsch nicht lange würden halten können. Außer mit einer Armee. Die sie sich mit Drachenmagie und Leichen gerade herstellen."

"Warum lässt Aeryn das zu?", wandte Seth sich an Fenrior.

"Weil sich manche Drachen mehr um die Belangen der Menschen kümmern als andere. Wenn ihr einen Krieg miteinander anfangt, ist das vor allem euer Problem - nicht unseres. Vermutlich hätte es sogar Vorteile für uns, wenn ihr euch einfach gegenseitig ausrottet. Aeryn sieht wohl keinen Grund, warum sie sich gegen ihre Reiterin stellen sollte, immerhin plant sie nichts, was unsere Rasse gefährden könnte."

Seth schluckte fassungslos.

"Wo kriegen sie die... naja, die Leichen dafür her?", fragte Garrow, aber Seth antwortet statt Felix: "Die Grabschändungen auf diversen Friedhöfen im Land. Angeblich haben Nicht-Magier die Gräber von Magiern demoliert."

Felix nickte. "So war es inszeniert. Tatsächlich haben sie noch recht frische Särge ausgebuddelt."

Garrow machte würgende Geräusche und Seth verzog das Gesicht.

"Welche Schritte haben sie noch geplant?"

"Weiter Überfälle, um das Waffenverbot zu begründen. Danach die Reform des Wehrdienstes, die sie ja schon angekündigt haben. Nicht-Magier sollen dabei ganz aus dem Wehrdienst ausgeschlossen werden. Lumineos lässt sich zum Kanzler wählen, die Wahlprognosen stehen ja gut für ihn.“ Wieder zögerte Felix kurz. Dann sah er Seth an: „Und irgendwann dazwischen wollen sie dich aus dem Weg haben."

Der Dune biss die Zähne zusammen und Fen knurrte in seinem Hinterkopf, aber es wunderte ihn eigentlich nicht. Er wusste zu viel. Er kannte Sia zu gut. Fen war zu mächtig. Wenn jemand die Pläne der Erben Merlins durchkreuzen konnte, dann er. Also nickte er.

"Du hast gesagt, dass die Nekromantie einer der Hauptgründe für deinen Ausstieg ist - welche hast du noch?"

Felix zögerte kurz und Seth ahnte bereit, worauf es hinaus lief. Aber er wurde überrascht.

"Du. Sia ist brillant, keine Frage, aber sie ist nicht du. Sie hat nicht dein Charisma oder deine Gabe zu begeistern. Wenn du die Dinge erklärt hast, war irgendwie immer alles so klar, so nachvollziehbar, ich wollte dir ganz einfach folgen. Seit du nicht mehr bei uns bist, hab ich eine Menge Dinge angefangen zu hinterfragen und Sia kann darauf nur absolute, rationale Antworten geben."

"Ach, komm. Arschkriechen steht dir nicht, also lass es. Außerdem zieht das bei mir nicht."

Aber Garrow sprang ein und bestätigte Felix Ansicht: "Ich weiß, was du meinst."

Der Blonde sah seinen Freund an und runzelte die Stirn. Das war doch Quatsch.

"Es gibt Gründe, warum ich dich gewählt habe und nicht deine Schwester", blendete sich jetzt auch Fen ein.

Seth entschied, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Vorerst. Er würde später mit Fen drüber reden.

"Was ist mit Sia?", wandte sich Seth wieder an Felix und warf Garrow einen schnellen Seitenblick zu. Er wollte seinen besten Freund nicht verletzen, aber manche Dinge gehörten geklärt. "Du stehst doch auf sie. Hattest du was am Laufen mit ihr? Wer sagt, dass du nicht hier bist, weil dein Ego gekränkt ist, nachdem sie jetzt einen anderen hat?"

Wie erwartet zuckte Garrow kurz zusammen.

Felix seufzte. "Wir hatten was am Laufen", gab er zu. "Ich meine, ich wusste immer, dass Sia unglaublich manipulativ ist und ihren Spaß meistens gleich noch mit Nutzen verbindet."

Ohne darüber nachzudenken knurrte Seth über diese Beleidigung. Manche Angewohnheiten legte man eben nicht so leicht ab und bisher hatte er noch nie ein schlechtes Wort über Sia kommen lassen.

"Was denn? Willst du etwa was Gegenteiliges sagen? Sia vögelt nicht nur zum Spaß, sondern weil sie weiterkommen will in ihrem Leben."

"Und warum fängst du dann trotzdem was mit ihr an?", brummte Seth, der die Wahrheit in seinen Worten zwar erkannte, es aber dennoch nicht hören wollte. Vor allem nachdem Garrow bereits etwas ähnliches gesagt hatte. Es war immer noch seine Schwester.

Wieder seufzte Felix und strich sich durchs Haar. "Weil ich dumm bin? Weil sie die hübscheste Frau ist, die ich kenne? Weil sie genau weiß, was sie einem Mann ins Ohr flüstern muss, damit er alles andere vergisst?" Kurz zögerte er. "Und weil ich vielleicht blind und so naiv gewesen bin, zu glauben, dass ich für Sia das sein könnte, was Lily für dich ist."

"Was die Frage umso mehr berechtigt, ob es hier nur um dein gekränktes Ego geht", warf Garrow ein, dem das Thema offensichtlich genauso wenig schmeckte wie Seth. Vermutlich fand er sich zu sehr in Felix Beschreibung wieder.

X schüttelte den Kopf. "Weil die Sache für mich mittlerweile abgeharkt ist. Ich will etwas, was Sia mir ohnehin nicht geben kann: echte Gefühle und eine stabile Beziehung. Außerdem spielt es ohnehin keine so große Rolle, dass ich darüber die Nekromantie vergessen könnte. So schön kann man gar nicht sein, dass ich damit leben könnte, dass sie Leichen ausbuddeln lässt und Experimente damit macht."

Das war ein Argument.

"Ich sollte mich langsam verpissen, ich hab euch zweifellos ein bisschen was zum Besprechen gegeben. Ihr wisst, wo ihr mich findet, falls ihr noch was braucht." Damit öffnete er das Fenster und hob die Hände. Eiskristalle bildeten sich am Fensterrahmen und frostigen Luft wehte herein, als er seine Eisbrücke zu seinem Zimmer wieder entstehen ließ. "Ihr habt nächste Woche übrigens eine Spindkontrolle."

Damit verschwand er hinaus in die Nacht.

Garrow steckte die Faustaxt ein und schloss das Fenster hinter Felix. Es herrschte Schweigen, während Seth zu seinem Schrank trat und aus den hintersten Tiefen eine Flasche Scotch und zwei Plastikbecher zu Tage förderte. Er goss ihnen ein und reichte Garrow einen davon, der mittlerweile am Schreibtisch lehnte. Nachdenklich ließ Seth die bernsteinfarbene Flüssigkeit kreisen, eh er daran nippte.

"Angenommen er sagt die Wahrheit", ergriff Garrow schließlich das Wort, "was heiß das für uns?"
 

Es war spät, als Seth endlich in Lilys Zimmer schlüpfte. Der Schlafmangel nagte an ihm, es war mittlerweile die dritte Nacht, in der er kaum Schlaf bekam. Vor zwei Tagen war Felix um Mitternacht im Fenster erschienen und nach diesem Besuch hatten Garrow und Seth noch eine Weile die Möglichkeiten durchgewälzt. Gestern Abend hatten sie das ganze mit Lily, Quinn und Mairie besprochen. Und heute hatte sie ihr Leutnant zu einer überraschenden Nachtübung antreten lassen.

Er wollte einfach nur noch ins Bett. Stattdessen stolperte er über was-auch-immer, das am Boden herum lag. Er unterdrückte einen Fluch, um sie nicht zu wecken, aber kurz darauf Flamme dennoch die Nachttischlampe auf.

"Wasnlos?", murmelte Lily und rieb sich über die Augen.

"Sorry, ich wollte dich nicht wecken." Er versuchte, sich einen Vorwurf zu verkneifen, schaffte es aber nicht: "Aber hier drinnen kann man nicht mal mehr laufen, ohne zu stolpern."

"Motz mich nicht an. Die Uniform zieh ich eh morgen wieder an, wozu soll ich sie also in den Schrank räumen?"

"Dein Scheißernst? Dein ganzes Zimmer sieht aus wie eine Baustelle!"

Jetzt war auch Lily wach. Und sauer. "Wir können auch gern in dein Zimmer gehen, du Pingelpups, wenn es dir hier nicht passt! Ist eben nicht jeder so zwänglich wie du!"

"Daran ist nichts zwängliches, wenn man sein Zimmer - nach Vorschrift! - in Ordnung hält!"

"Bist du jetzt fertig mit nörgeln? Es ist kurz vor Mitternacht und ich hab eigentlich keinen Bock auf Streit."

Seth erwiderte nichts mehr. Stattdessen schlüpfte er aus seiner Uniformjacke und hängte sie betont ordentlich an die Garderobe. Und atmete tief und geräuschvoll durch, etwas, von dem er wusste, dass es Lily noch zusätzlich provozierte. Und tatsächlich: die Rothaarig sprang auf.

"Willst du nicht verarschen?" Sie riss seine Uniform vom Haken und warf sie auf den Boden. "Lass die Scheiße!"

"Fass meine Sachen nicht an! Ich hab keine Lust auf Knautschklamotten morgen!"

"Dann hör auf mich zu provozieren!"

Seth sah ihr extra in die Augen, während er sich das T-Shirt über den Kopf zog und es an die Garderobe hängte. Wie eine Katze, die extra darauf wartete, dass man hinsah, während sie die Vase vom Regal stieß. Am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gesprungen. Stattdessen drückte sie ihn an die Wand und ihre Lippen trafen aggressiv auf seine. Sie packte ihre gesamte Wut in diesen Kuss und Seth erwiderte ihn nicht minder zornig und fordernd. Er schob seine Hand in ihr Haar und zog ihren Kopf in den Nacken.

"Du treibst mich in den Wahnsinn."

"Nein, du mich." Sie biss ihm in die Lippe.

"Stör ich?"

Die beiden sprengten auseinander, Seth zog sein Schwert aus der Scheide, die er noch um die Hüfte trug und Lily hob die Hände, um Magie wirken zu können. Leutnant Gail Summers saß im offenen Fenster und hatte die Augenbrauen hochgezogen. "Eigentlich hatte ich mich angekündigt. Per Nachricht unter dem Türschlitz."

Alle drei sahen unwillkürlich zur Tür. Und dem Haufen an Klamotten, der davor lag. Tatsächlich lugte die Ecke eines Zettels darunter hervor, fast verschüttet durch das Chaos.

"Gut, das war offensichtlich hinfällig. Du weißt, dass auch bei den Korporals noch Zimmerkontrollen stattfinden können?"

"Die Uniform zieh ich eh morgen früh wieder an", erwiderte Lily kleinlaut und zog den Kopf ein.

"Was verschafft ihr überhaupt die Ehre eines mitternächtlichen Besuchs einer Leutnant?", lenkte Seth das Thema auf die eigentliche Frage. Er schlüpfte wieder in sein Shirt und lehnte sich gegen den Spind, die Hände in der Hosentasche und die Knöchel überkreuzt.

"Politik verschaffte euch die Ehre. Ich wollte, dass du da bist, Dune." Gail schloss das Fenster. "Dein Zimmer ist abhörsicher?"

"Natürlich." Lily nickte und zog sich die Decke um die Schultern, als sie sich auf die Bettkante sinken ließ. Gail lehnte sich gegen den Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Nachdem Elara mir über Fenrior zugesichert hat, dass ihr vertrauenswürdig seid, sollten wir uns mal über Lumineos unterhalten."

"Ist sie vertrauenswürdig?, wandte der Blonde sich an den Drachen.

"Wäre sie es nicht und wäre dennoch mit solchen Behauptungen bei dir, würde ich sie fressen, Mensch." Fen klang mürrisch. "Und ich würde sonst während eines solchen Gespräches nicht schlafen." Damit wurden ihr Verbindung wieder diffuser, scheinbar blockte Fen ihn ab, um wieder weiter zu schlummern. Einen größeren Vertrauensbeweis hätte er Elara und Gail wohl nicht entgegen bringen können - er hätte Seth nie mit ihr allein gelassen, wenn er sich ihrer nicht absolut sicher wäre.

"Ich schätze mal, du hast Fenrior gerade dafür geweckt. Wenn du alles besprochen hast, können wir uns den wichtigen Fragen zuwenden: was habt ihr vor, wenn er Kanzler wird?"

Keine Rede um den heißen Brei also. Sympathisch. Dennoch bedeutete Seth Lily mit einer Handbewegung zu schweigen, als die Rothaarige direkt antworten wollte. Fen mochte ihr vertrauen, aber der Dune wollte sich dennoch auch selbst überzeugen.

"Warum sollten wir etwas vorhaben? Warum sollte uns seine Wahl treffen?"

Gail drehte die Augen über. "Ach, komm, Dune. Ich will nicht die ganze Nacht hier verbringen. Ihr habt im Politikklub ausreichend oft bewiesen, dass euch deutlich bewusst ist, wo Lumineos Pläne hingehen. Und mir ist ebenso klar wie euch, dass es in einer Katastrophe enden wird, wenn er regiert. Ich wette, seine Pläne gehen noch viel tiefer, als er jetzt zeigt. Aber seit einer seiner Strohmänner im Vorstand der Großen Nachricht sitzt und die Pressefreiheit beschneidet..."

"Was?", unterbrach sie Lily.

"Was glaubt ihr, warum der Klabautermann nicht mehr schreiben darf?"

"Woher weißt du das?" Seth zog eine Augenbraue hoch.

"Weil ich die Kolumne geschrieben habe. Und nachgeforscht habe, als der Vertrag ohne Angabe von Gründen gekündigt wurde."

Sieh einer an. Das war tatsächlich eine spannende Enthüllung.

"Warum erzählst du mir sowas nicht?!" Fen hatte das zweifellos von Elara gewusst.

Der Rote knurrte in seinem Kopf, wenig begeistert, erneut geweckt zu werden. "Aus demselben Grund, warum meine Partnerin dem Leutnant vieles nicht erzählt habt: ich habt selbst ein Maul, um miteinander zu reden!" Ein leises Brüllen halte in Seths Kopf nach, aber es war ihm gerade egal, dass Fen grantig war. Wenn er ihm das einfach erzählt hätte, müssten sie diese Unterhaltung nicht führen.

"Wir glauben auch, dass seine Pläne noch viel weiter führen." Lily warf ihm einen Blick zu. "Aber er arbeitet nicht alleine."

Gail nickte. "Das glaube ich auch. Er hat zweifellos auch abseits seiner offiziellen Unterstützer Hilfe. Ich vermute, dass er auch hier seine Strohmänner hat, die Stimmung machen. Im Center hat er viele Unterstützer. Also komm ich nochmal zur Frage, was wir unternehmen können. Seine Wahl werden wir nicht verhindern, aber wir können ihn nicht an der Macht sitzen lassen."

Erneut warf Lily ihm einen Blick zu.

"Können wir tatsächlich nicht", sagte Seth langsam. "Seine Pläne sind... radikaler als er angibt."

"Bei Merlin, wenn Fen ihr vertraut, können wir es ja wohl auch!", fuhr Lily dazwischen. "Lumineos hat etwas mit Sia am Laufen. Über Umwege wissen wir, dass er alte Werte vertritt und wieder eine Spaltung der Gesellschaft ansteuert, um die Nicht-Magier zu unterdrücken. Wenn er Kanzler wird, wird er radikal gegen sie vorgehen. Um die Macht zu halten versucht er, mit Schwarzer Magie Untote zu erwecken und seine Privatarmee zu erschaffen."

"Bei Merlin, das ist übler als gedacht."

"Ach", brummte Seth sarkastisch, angesäuert weil Lily ihn übergangen hatte. Die Rothaarige verdrehte die Augen.

"Hör auf, dich wie ein Kleinkind zu benehmen, Tibitha und Elara liegen mir in den Ohren wegen dir!" Fen war langsam wirklich angepisst, weil ihm diese Diskussion den Schlaf raubte. Also schluckte Seth sein Misstrauen runter. Vielleicht hatte Lily Recht. Wenn Fen Gail vertraute, würde es schon passen.

"Eigentlich hatten Sia und ich lange die Idee, zu putschen und den Kampf unserer Familie in der Großen Schlacht wieder aufzunehmen."

"Du?!" Gail schien ernsthaft überrascht zu sein und Seth schmunzelte schief. Das war wohl ein gutes Zeichen seiner Persönlichkeitsentwicklung, wenn sie das so unglaubhaft fand.

"Seit Lily und Fen in meinem Leben sind, hat sich einiges geändert", wischte er die Überraschung zur Seite. "Lumineos Pläne überschneiden sich häufig mit Sias und meinen Plänen."

"Das heißt, du kennst ihre nächsten Schritte?"

"Das heißt, er ist die größte Gefahr für Sia und Lumineos." Lily zog die Decke enger um sich, als Gail nickte.

"Berechtigt – ich hab nicht vor, es ihnen einfach zu machen, ihre Pläne umzusetzen.“

"Ich bin dabei! Was kann ich tun?"

"Fangen wir mal damit an, dass du öfters in der Kantine essen gehst." Seth grinste, als Gail und Lily ihm verwirrte Blicke schenkten.

Geschenke

Slipknot – Duality
 

Die Tage flogen dahin zwischen dem Alltäglichen, das jeder Drachenreiter im Wehrdienst durchlief, dem etwas weniger Alltäglichen, das nur für die Staffelführenden alltäglich war und dem ganz und gar nicht Alltäglichen, nämlich der Verhinderung eines neuen Krieges.

Naja und den auch nicht ganz alltäglichen Tücken eines Pärchenadventskalenders.

„Alter, was ist eigentlich dein Problem heute?“ Garrow warf ihm einen Seitenblick zu, während sie vom Trainingsraum zurück in die Gemeinschaftsdusche gingen. Seth verzog das Gesicht und zappelte einmal mehr ein wenig herum, als würde es ihn an einer ganz besonders unangenehmen Stelle ganz besonders unangenehm jucken. „Läuse?“

„Was?“ Quinn sprang einen Schritt zur Seite, als würde allein die Erwähnung des Wortes dazu führen können, dass er sich ansteckte, wenn er zu nah neben ihnen ging.

„Bullshit“, murrte Seth und zappelte noch ein wenig, während er die Tür zu den Duschen aufstieß. Der Raum war zur Gänze gefliest und an der rechten Wand waren in regelmäßigen Abständen Duschköpfe samt Armaturen eingelassen. Die linke Wand zierten Waschbecken und Spiegel (manche Duschen waren übrigens so gelegen, dass man seinen eigenen Hintern im Waschbeckenspiegel bewundern konnte, wenn man beim Duschen den Kopf verdrehte) und dazwischen stand eine lange Bank, außerhalb des Wasserspritzbereichs, für Schuhe und Klamotten. Sie ließen ihre Sporttaschen auf die Bank plumpsen und Seth schlüpfte aus seinen Sportshort. Alle Augen richten sich auf den Blonden und in diesem Moment hätte man sogar eine Stecknadel fallen hören.

„Was?! Das Scheißteil war in unserem Adventskalender und Lily hat mich gezwungen, es zu tragen. Und es ist saumäßig unbequem! Meine Nüsse fallen ständig raus und es scheuert in der Ritze.“

Sie starrten Seth in seinem getigerten Tanga an – und brachen dann in schallendes Gelächter aus. Seth ließ lediglich seinen Mittelfinger aufschnappen, während er sich mit der freien Hand die Unterwäsche nach unten zog. Und einen erleichterten Stoßseufzer ausstieß, der die übrigen Anwesenden erneut in einem Lachflash in die Knie gehen ließ, nachdem sie sich gerade langsam zu beruhigen angefangen hatten.

„Scheiße“, prustete Patrick japsend nach einer Weile, die Hände auf die Oberschenkel gestützt und atemlos vor Lachen. „Diesen grausigen Anblick krieg ich nie wieder raus.“ Er wedelte mit der Hand und die Musik sprang an.

I push my fingers into my eyes

It′s the only thing that slowly stops the ache

But it's made of all the things I have to take

Jesus, it never ends, it works its way inside

If the pain goes on...

„Das schreit nach Alpträumen“, bestätigte auch Mayham und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Ich wette, Lily kann es gar nicht erwarten, dir am Abend die Kleider vom Leib zu reißen.“

„Ach, wie schön müssen Beziehungen nicht sein“, grinste Garrow immer noch, als er mit einem beginnenden Bauchmuskelkater vom Lachen neben Seth unter einen Duschkopf trat.

„Aber jetzt mal zu den wirklich relevanten Fragen“, wandte sich Mayham zwei Duschen weiter an Seth und spähte um Garrows Rücken herum. „Was ist in so einem Kalender sonst noch drinnen?“

Der Blonde grinste verschwörerisch. „Lauter nette Sachen.“

„Komm schon, Mann, geht das nicht etwas konkreter? Zahlen, Daten, Fakten? Will ich sowas auch jemals haben?“

„Wie wär es erstmal mit einer Beziehung, bevor du über Pärchenkalender nachdenkst, du Spacko?“ Seth duckte sich kichernd, als Mayham seine Duschgelflasche nach ihm warf. „Wobei: einiges kannst du dir auch durchaus für dich allein gönnen. Das Gleitgel zum Beispiel.“ Er machte eine kurze Kunstpause. „Oder den Analplug.“

Kollektiv-entsetztes Stöhnen der drei Duschen neben Seth, das sogar noch lauter wurde, als Quinn sich von Seths anderer Seite einblendete und grinsend beisteuerte: „Ou ja, kann ich eindeutig empfehlen!“

„Boahhhhhh!“ Jetzt flogen die Duschgelflaschen in Quinns Richtung, der die Dusche abstellte und kichernd aus der Schusslinie flüchtete. Irritiert schoss Seths Blick kurz in seine Richtung. Sollte da nicht eigentlich… Abneigung sein? Ekel? Widerwillen? Witze über Analplugs von einem Homosexuellen sollten ihn doch eigentlich stören. Aber irgendwie… war da nichts mehr. Die alte Abscheu von früher stellte sich irgendwie einfach nicht ein. Der Blonde rieb sich über die Brust. So ungern er es zugab (und vor allem Lily gegenüber würde er seinen Mund auf jeden Fall halten!), hatte er wohl tatsächlich angefangen, Quinn zu mögen sich an Quinn zu gewöhnen und langsam zu kapieren, dass es nichts über den Wert eines Menschen aussagte, zu wem er sich sexuell hingezogen fühlte.

„Starrst du gerade meinen Arsch an, du Schnösel?“

Quinns Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Der Brünette hatte eine Augenbraue hochgezogen und sah Seth über einen der Spiegel über den Waschbecken an.

„Ich hab nur gerade überlegt, ob du dein dummes Maul mal halten würdest, wenn ich dir die Duschgelflasche da reinschiebe, Hackfresse. Aber vermutlich würde dir das sogar gefallen.“

„Würde es allerdings – außer es macht ein Kerl im Tigertanga. Das ist eher abturnend.“

Erneutes Gelächter brandete auf. Garrow klopfte Seth auf die Schuler, als sie ebenfalls aus den Duschen und zu ihren Taschen traten. „Ganz egal, was du sagst oder tust, Bro, aus der Nummer kommst du nie wieder raus.“ Er grinste.

„Und leider können wir dich auch nie wieder ernst nehmen“, fügte Mayham hinzu.

„Ihr kleinen Scheißer glaubt wohl, dass ihr mich wegen dem Ding jetzt an den Eiern habt, oder?“ Seth zog eine Augenbraue hoch und grinste. Er ließ die frische Boxershorts, die er schon in der Hand gehabt hatte (und auf die er sich seit dem Morgen gefreut hatte, als er diesen grässlichen Tanga aus dem Kalender gezogen hatte), wieder sinken und griff nochmal nach seinem Tigerhöschen. Seine Begleiter zogen die Augenbrauen hoch – und ließen ihre Brauen fast unter ihrem Haaransatz verschwinden, als der Dune den Rest seiner Sachen in die Sporttasche warf und zur Tür ging. Mit nichts anderem bekleidet als dem Tanga.

„Du bist komplett irre“, stellte Mayham fest, während die vier den Blonden amüsiert anstarrten. Die halbe Kaserne war vermutlich auf den Fluren unterwegs, entweder am Weg zum Abendessen oder am Rückweg von eben jenem.

Seth grinste. „Vergiss niemals, wer du bist. Der Rest der Welt wird es nicht. Trage es wie eine Rüstung, dann kann es dir niemals schaden.“

„Er muss es aber echt auch immer übertreiben, oder?“ Quinns Lachen rollte durch den Raum, als die Tür hinter Seths entblößtem Hintern ins Schloss fiel.
 

Fens Brüllen halte in seinem Kopf so laut wieder, dass Seth die Ohren klingelten. Der Drache war nicht begeistert über Seths vielleicht ein klein wenig kindisches Verhalten. Ganz und gar nicht begeistert.

“Meine Mahnung ei der letzten Übung galt nicht nur deinen Staffelkameraden, Mensch!“

„Ich weiß. Mir ist klar, dass das eine ziemliche Dummheit ist und Konsequenzen haben wird.“

Wie erwartet war die halbe Kaserne in den Gängen unterwegs. Und die restliche Hälfte würde es dank der Stillen Post bestimmt binnen kürzester Zeit wissen. Die Augen ausnahmslos aller Anwesenden richteten sich auf Seth, der grinsend mit seiner Sporttasche über der Schulter und mit nichts bekleidet als seinem Tanga seelenruhig in Richtung seines Zimmers spazierte.

“Warum bei allen meinen Schuppen tust du es dann? Ich habe dich nicht gewählt, damit du Narren aus uns beiden machst!“

„Nein, aber weil es mir scheißegal ist, was andere über mich denken und ich mich nicht unterkriegen lassen. Du hast Garrow gehört: sie würden mich für den Rest meines Lebens damit aufziehen. Davon würde die Welt nicht untergehen, schon klar. Aber so einfach geb ich sicher nicht klein bei. Ich ziehe es vor, jedem den Wind aus den Segeln zu nehmen, der meint, mich kleinkriegen zu können. Das umfasst meine Freunde ebenso wie alle anderen.“

Fenrior knurrte in seinem Kopf und Seth wusste, dass er diese Schlacht gewonnen hatte, denn der Kern seiner Aussage traf punktgenau die Wahrheit.

„Schickes Outfit, Dune“, grinste eine Korporal der Hufe, die gerade an ihm vorbei ging und ihn unverhohlen anstarrte. Weiter hinten pfiff ihm jemand hinterher und Seth ging an seiner Zimmertür vorbei. Wenn er schon dabei war, Statements zu setzen, dann doch gleich noch mit einem Sahnehäubchen oben drauf.

Er klopfte an Lilys Tür und gleich darauf waren Laute hinter dem Holz der Tür zu hören, eh Lily öffnete.

„Heeeeeeee-“ Als ihr Blick auf Seth fast unbedeckten Körper fiel, bleib sie in der Mitter ihres Heys hängen. Und sie sah auch aus, als wäre sie gerade stecken geblieben, eingefroren mitten in der Bewegung: die Augen weit aufgerissen und aus den Höhlen tretend, der Mund weit offen und die Hand immer noch in der Türklinke.

Erneut pfiff jemand hinter Seth und als eine Rekrutin – die in diesem Flur rein gar nichts zu suchen hatte, weil die Zimmer der Erstjährigen in einem anderen Stockwerk langen – offensichtlich auf seinen Hintern starrend quälend langsam an ihnen vorbei ging, schrak Lily aus ihrer Versteinerung hoch. Mit bitterbösem Blick auf die Rekrutin griff sie nach dem einzigen Stück Stoff, das Seth abseits seiner Unterwäsche am Körper trug: dem Riemen seiner Sporttasche und zog ihn daran in ihr Zimmer. Offenbar war sie auch gerade erst aus der Dusch gekommen, nachdem die Spitzen ihrer roten Locken noch dunkel vor Feuchtigkeit waren und der Duft ihres Apfelshampoos in der Luft hing.

„Was bei Merlins Hutzipfel ist in dich gefahren?!“

„Was denn? Du hast doch gesagt, ich soll das Teil heute tragen?“

„Ja“, schnappte sie. „Aber nicht als einziges Kleidungsstück im vollgestopften Flur!“ Die Rothaarige verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn wütend an. Es kostete den Dune immens viel Willenskraft, nicht zu grinsen, geschweige denn laut loszulachen. Oder ihr zu sagen, wie niedlich sie war, wenn sie eifersüchtig-wütend war, nachdem er wusste, dass sie sowas gar nicht gern hörte.

„Die Jungs haben geglaubt, mich auf die Schaufel nehmen zu können dafür.“ Er zuckte die Achseln und sein Tonfall klang, als wäre seine Reaktion die einzig mögliche gewesen.

„Du hast dich provozieren lassen“, stellte Lily fest und zog eine Augenbraue hoch. Jetzt gestattet sich Seth doch ein Grinsen.

„Vielleicht ein bisschen.“

„Du bist ein Vollidiot.“

„Da seid Fen und du ja einer Meinung.“ Zur Bestätigung brummte der Rote in seinem Hinterkopf. Lily für ihren Teil rollte zwar mit den Augen, sah aber zumindest soweit besänftigt aus, dass er seine Sporttasche von seinen Schultern gleiten ließ und zu ihr trat.

„Aber eigentlich stört dich dran doch, dass die halbe Kaserne gerade meinen nackten Hintern gesehen hat, oder?“

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, als sie unbehaglich den Blick abwendete. Das Bild der eifersüchtigen Fuchtel wollte so gar nicht in ihr Bild von sich passen. Dennoch ließ sich der unverkennbare Anflug von eben jener Emotion nicht leugnen. Sie biss sich auf die Lippe.

„Vielleicht. Ein kleines bisschen.“

„Ach komm“, murmelte der Blonde mit einem Grinsen und lehnte sich zu ihr herunter, um eben jene Unterlippe zwischen seine Lippen zu saugen, an der Lily gerade noch genagen hatte. Wie immer brachte ihn diese Angewohnheit um den Verstand. Ebenso wie das leise Seufzen, das Lily entkam. „Es ist ziemlich süß, wenn du ab und zu einem kleines bisschen besitzergreifend bist.“

„Besser als dir ans Bein zu pinkeln, um mein Reviert zu markieren, denke ich.“

Ein leises Lachen rollte durch Seths Brust, eh er Lily kurz küsste und sich dann aufs Bett warf, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

„Was wird das?“, fragte Lily verwirrt. „Das Abendessen ist in einer halben Stunde aus!“

Natürlich. Wie könnten sie auch das Abendessen versäumen? Aber Seht grinste lediglich. „Ich bin gerade nackt bis auf einen Tigertanga in dein Zimmer spaziert. Meinst du nicht, wir sollten der Gerüchteküche noch ein wenig mehr Futter geben und noch ein paar Minuten hier bleiben?“

„Seth“, stöhnte die Carrheart wie ein Fisch auf dem Trockenen, während ihr Gesicht hochrot anlief.

„Wir könnten auch den Lärmschutzzauber kurz aufheben und du könntest ein wenig stöhnen“, schlug der Blonde kichernd vor. Lily griff nach einem der Kissen am Bett und warf es nach ihm.

„Immer wenn ich glaube, ich habe endlich alle Peinlichkeiten mit dir durch, musst du echt noch mal einen drauf setzen.“

„Natürlich. Routine und Langeweile sind der Feind jeder Langzeitbeziehung.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Beziehungsratgeber damit alles Mögliche gemeint haben – nur nicht sowas.“

„Nein, aber den Tanga definitiv.“ Grinsend wackelte er mit den Hüften, worauf hin seine nur spärlich bedeckten Genitalien obszön durch die Gegend schaukelten.

Mit einem lauten Auflachen schlug Lily sich die Hand vor den Mund. Tatsächlich konnte Lily dem Kleidungsstück nicht wirklich etwas abgewinnen, das war ihr schon heute morgen klar gewesen, als Seth das Teil angezogen hatte. Aber sein Gesicht war zum Wegschmeißen gewesen, als er den Tanga aus dem Kalender, der gut in seinem Schrank versteckt war, gezogen hatte. Eingangs hatte er versucht, ihr die Unterwäsche anzudrehen, aber das Etikett hatte eindeutig von Herrenkleidung gesprochen. Also hatte sie ihn unter viel Protest seinerseits und nur mühsam unterdrücktem Gelächter ihrerseits genötigt, das Ding heute zu tragen. Dass er es tatsächlich den ganzen Tag durchziehen würde – inklusive ihrer Trainingseinheit – hatte sie allerdings nicht gedacht.

„Was denn? Willst du etwa sagen, es gefällt dir nicht?“ Der Blonde verzog eine gespielte Schnute, konnte den Schalk aber nicht aus seinen Augen verbannen.

„Doch, doch, natürlich! Ich, äh, liebe den Anblick deines anmutig schaukelnden Penises, halb verdeckt durch getigertes Polyester. Du solltest so etwas viel öfter tragen.“

Jetzt war es an Seth, ein Kissen nach ihr zu werfen. „Du elendige Lügnerin.“ Das Grinsen lag jetzt auch wieder auf seinen Lippen.

Die Anführerin der Feuerstaffel duckte sich kichernd weg, was ihren Bauch dazu veranlasste so laut zu knurren, dass es sogar über ihr Kichern hinweg gut hörbar war. Sie stöhnte. „Mein Bauch lügt allerdings nicht. Haben wir der Stillen Post schon genug Pakete geliefert? Ich will echt das Abendessen nicht verpassen.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl, mein Herz.“ Seth schwang die Beine aus dem Bett und zog aus seiner Sporttasche seine Klamotten – inklusive richtiger, gemütlicher Unterwäsche – hervor: die neue dunkelblaue Jogginghose mit dem eingestickten M, das dazu passende Shirt und den passenden Pulli darüber. Nach wie vor stieß es ihnen sauer auf, wenn sie Lumineos neue Uniform trugen, aber sie hatten sich geeinigt, dass Thema nach dem letzten Politikklub vorerst ruhen zu lassen und sich bedeckt zu halten.

Sie traten auf den Flur hinaus, in dem noch immer verdächtig viele Leute unterwegs waren, die mehr oder minder verstohlen in ihr Richtung sahen. Und der Großteil der weiblichen Anwesenden versuchte vergeblich, den enttäuschten Ausdruck auf ihren Gesichtern zu verbergen, als sie erkannten, dass es hier nichts mehr zu sehen gab. Lily biss sich auf die Unterlippe, während Seth grinste. Und seine Finger mit ihren verschränkte.

„Die ganze tangabedeckte Pracht gehört nur dir allein“, flüsterte er in ihre Richtung und sie lachte auf.
 

„Merlin sei Dank trägst du wieder anständige Klamotten“, grinste Garrow, als Seth und Lily sich wenig später mit ihren Tabletts an den üblichen Tisch setzten. Der Speisesaal war so kurz vor dem Ender der Mahlzeit bereits fast leer und auch vor ihren Freunden stapelten sich bereits leere Teller und Gläser. „Ich hab schon befürchtet, dass mir mein Essern dank dir gleich wieder hochkommt.“

„Was sollte er den sonst anhaben?“ Mairie zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Der Schnösel hat seine Vorliebe für getigerte Stringtangas entdeck“, feixte Quinn und Mairies Augen wurden tellergroß.

„Um Merlins Willen, das ist ja furchtbar!“ Sie wandte sich an Lily, die gerade Spagetti in ihren Mund beförderte. „Sag nicht, dass dir sowas gefällt?“

Lily saugte noch das Ende ihrer Nudel in den Mund, ehe sie ein wenig verschmitzt antwortete: „Naja, sein Hintern kommt darin schon gut zur Geltung.“

„Ja, genauso wie sein raushängender Sack“, grunzte Quinn mit einem Lachen.

„Außerdem“, fuhr Lily fort, „würde ich grundsätzlich mal sagen, dass er schon alt genug ist um sich selbst auszusuchen, was er anzieht.“ Sie ließ jetzt einfach mal unerwähnt, dass es ihr Wille gewesen war, dass er das Ding überhaupt angezogen hatte. Seth sagt ebenso nichts, warf ihr aber über den Tisch ein schiefes Grinsen zu und zog eine Augenbraue hoch.

„Damit traust du ihm mehr zu, als Lumineos“, warf Mayham neben ihnen ein, aber sein Grinsen verriet, dass das jetzt nicht eine ernsthafte Diskussion über ihre Freizeituniform ausarten sollte. „Aber vielleicht sollten wir uns das als geheimes Zeichen unseres Protestes mal überlegen – zumindest so lange wir uns unsere Unterwäsche noch selbst aussuchen dürfen.“

Patrick stöhnte neben ihm. „Das ist widerlich! Ich trag bestimmt keinen Protesttanga!“

„Sei nicht so ein Macho“, grinste Lily und Mairie sagte zeitgleich: „Also echt jetzt, zeig mal ein bisschen Engagement für unsere Rebellion!“

„Die Tiger-Tanga-Rebellen“, fasste Quinn zusammen. „Schreit doch nach Achtung und Respekt vor ernstzunehmenden Gegner!“

Sie lachten, aber Seth und Garrow warfen sich mit einem Grinsen einen Blick zu. Ein unbequemer Tanga war immer noch besser als verfluchte Tinte unter der Haut. Und ersterer hatte deutlich geringere Tendenzen sie umzubringen.

Leutnant Summers, die seit einiger Zeit immer wieder im Speisesaal der Wehrdienstler aß, steuerte auf ihren Tisch zu. Scheinbar war sie auch erst spät zum Abendessen gekommen.

„Dune.“

„Leutnant Summers?“

„Dein Leutnant will dich nach dem Essen sehen. Er hat mich vorher extra noch abgefangen deswegen. Irgendwas wegen getigerter Kleidung.“

Verhaltenes Prusten an ihrem Tisch und Gail runzelte die Stirn. „Ich hoffe, du hältst den Ball flach und verstößt nicht gegen die Uniformpflicht?“, murmelte sie dann leise.

„Nicht solange Unterwäsche nicht zur Uniformpflicht gehört“, griff Seth genau das auf, worüber sie gerade noch geredet hatten und Garrow neben ihm biss sich auf die Faust, um nicht laut loszulachen.

„Ewwww!“ Gail, die scheinbar gerad ‚getigert‘ und ‚Unterwäsche‘ kombiniert hatte, verzog das Gesicht. „Bei Merlin bin ich froh, kein Staffelleutnant zu sein und mir solche Gespräche zu sparen.“ Mit einem Kopfschütteln setzte sie ihren Weg aus dem Speisesaal fort, während erneut Gelächter an Seths Tisch laut wurde.
 

Nach dem turbulenten Dezember genoss Seth die Ruhe, die vor Weihnachten im Merlin Center einkehrte. Die Akademie war bereits leer, alle Schüler und Lehrenden waren in den Ferien und seit zwei Tagen reisten auch immer mehr Wehrdienstleistende ab. Die Pegasoiställe wurden seltsam ruhig, denn viele Flieger reisten auf ihren Gefährten in den Weihnachtsurlaub. Für die meisten Drachenreiter hingegen waren Portale das nötige Reisemittel, denn einen Drachen brachten man nicht eben mal so einfach unter wie ein geflügeltes Pferd, das über Weihnachten in so manch einer umgewidmeten Garage untergebracht war. Alternativ fuhren in regelmäßigen Abständen Wagen vor dem Center vor, für all jene, deren Zuhause nicht in Portalreichweite lag.

Fen hatte drauf bestanden, die Wintersonnenwende noch im Center zu verbringen – warum auch immer – aber das hatte Seth nicht groß gestört: wie üblich hatte er die Heimreise so lange wie möglich hinaus gezögert. Von seiner Seite aus würde es völlig reichen, wenn er für Weihnachten und den Tag danach im Urlaub wäre, wenn er erst bei Garrow und dann bei Lily wäre. Naja gut und Neujahr wäre auch noch toll, wenn sie bei Hurley waren. Zumindest war das das letzte nervige Weihnachten, an dem er aus der Akademie raus musste. Wenn er fertig wäre mit dem Wehrdienst würde er in irgendeiner Kaserne stationiert sein und sich garantiert jedes Jahr für diese bescheuerten Feiertage freiwillig zum Dienst melden. Vielleicht erzählte er das in seiner neuen Kaserne aber nicht gleich allzu laut – bestimmt konnte man sich Vorteile aushandeln, wenn man den Kollegen anbot, freundlicherweise über die Feiertage den Dienst zu übernehmen.

Zumindest war das mal so sein Plan – wer wusste schon, in wie weit das jetzt noch realistisch war. Falls nach der Wahl alles den Bach runter und Seth unter die Rebellen gehen würde, würde seine Zukunft wohl um eine Ecke anders aussehen. Aber darüber würde er jetzt nicht nachdenken, mahnte sich Seth selbst immer wieder. Was auch immer die Zukunft bringen würde, er würde damit fertig werden und im Moment war es ohnehin wichtiger, die Gegenwart hinzukriegen.

Die Gegenwart, in der ihn Fenrior nicht ganz legal Richtung Norden entführte. Der Flug war nicht genehmigt (auf Fens deutlichen Befehl Wunsch hin), sie flogen durch die Freiflugzone, wo Reiter und gesattelte Drachen eigentlich nichts zu suchen hatten (ebenso auf Fens Befehl Wunsch hin) und Seth hatte keine Ahnung, was eigentlich ihr Auftrag war oder wo es hinging oder sonst was (Fen hatte keine seiner Fragen zu dem Thema auch nur im Ansatz beantwortet). Der Drache hatte ihm nur mitgeteilt, wann er bereit zu stehen hatte und was er mitnehmen sollte. Zumindest war der Rote so nett gewesen und hatte ihm die Flugrichtung eröffnet, so dass Seth sich dick einpacken hatte können. Dezember, Norden und Fens Fluggeschwindigkeit war nicht unbedingt Seths Lieblingskombination.

Sie überflogen die Bergkette nördlich des Centers, folgten dann einer Schlucht und schraubten sich schließlich noch weiter hoch. Sie drangen immer tiefer in die Freiflugzone ein und Seth fragte sich, wann zum letzten Mal ein Mensch hier gewesen war. Die letzten Drachenkriege waren Jahrhunderte her und seit damals waren die Freiflugzonen geschütztes Gebiet und tabu für Zweibeiner. Fen hatte Seths Zweifel in dieser Hinsicht wirsch zur Seite gewischt, scheinbar war der Rote so ranghoch, dass sich ihnen keine anderen Drachen bei diesem Unterfangen in den Weg stellen würden. Außerdem hatte er behauptet, dass auch bei der Großen Schlacht Menschen hier gewesen wären. Was Seth sich nicht ganz vorstellen konnte – vielleicht wurde sein Drache langsam senil und verwechselte die Jahreszahlen. Aber der Blonde hatte sich gehütet, diese Gedanken mit dem Roten zu teilen. Fen hätte diese These zweifellos nicht besonders gut geheißen, um es gelinde auszudrücken.

Sie flogen so hoch, dass Seth sich dicht an den Drachenkörper schmiegte und trotzdem noch das Gefühl hatte, mittlerweile komplett durchgefroren zu sein. Am Rand seiner Flugbrille hatten sich sogar Eisblumen gebildet und die einzelnen Haarsträhnen, die sich unter seiner Hauber hervor verirrt hatten, waren weiß und hart gefroren. Dasselbe galt für seinen Bart, der schon komplett vereist war.

Fen hielt auf eine Gipfelkette zu, die so steil und hoch aufragte, dass man ohne Flügel vermutlich niemals herkommen würden. Naja, vielleicht mit Kletterschuhen. Und vielen, vielen Mehrseillängen und Übernachtungen am Felsen.

Als sie den Fels überflogen eröffnete sich vor ihnen plötzlich eine weite Ebene, die eingegrenzt war durch einen Ring aus felsigen Gipfeln. Es erinnerte an das Innere eines Vulkankraters. Der Rote ließ sich tiefer sinken und auch wenn es immer noch eiskalt war, hielt die Bergkette rundherum zumindest den schneidenden Wind fern. Die Flora und Fauna auf der Ebene war sehr begrenzt, umso deutlicher stacht ein Monument aus schwarzem Stein hervor, das in der Mitte gen Himmel ragte. Unter sich sah Seth einzelne Schneefelder, vor allem aber plattgedrückte, vereiste Schneereste und mannsgroße Fußspuren. Offensichtlich wurde dieser Ort hier regelmäßig von Drachen frequentiert.

“Was ist das hier“

Seine Frage verklang im Nichts, denn Fen zeigte keinerlei Reaktion darauf und Seth rollte mit den Augen. Okay. Gut, dann eben keine Unterhaltung. Wortlos begann der Blonde, sich abzugurten, als der Drache nahe des schwarzen Monoliths gelandet war. Er rutschte über Fens ausgestrecktes Vorderbein zu Boden und die körnige, eisige Schneekruste knirschte laut unter seinen Stiefeln, was seltsam deplatziert klang an diesem sonst unheimlich stillen Ort. Es waren keine Vögel hier, keine Nagetiere waren hörbar, alles schien den Atem anzuhalten. Verwundert sah der Dune sich um. Was war das hier für ein Ort? Er trat näher an das schwarze Monument heran, das im trüben Winterlicht schwach schimmerte. In seiner Form glich der Monolith einer einzelnen Drachenkralle samt Zeh: unten waren sogar einzelne Schuppen in den Stein gehauen, eh eine Hautfalte den Punkt markierte, wo die Kralle begann, die über und über mit Gravuren von Kriegern und Drachen übersät war. Es war eine Meisterleistung der Steinmetzkunst, denn der Stein sah fast aus, wie ein mahnend gen Himmel gerichteter Zeigefinger – aber eben in der Drachenversion und mit Reliefen auf der Klaue.

“Das ist kein Werk von Menschenhand.“

Seth drehte sich zu Fen um und zog eine Augenbraue hoch. „Wer hat den Stein sonst hergestellt?“ Denn natürlichen Ursprungs war er sicher nicht.

Fenrior antwortete nicht und langsam fing Seth an sich darüber zu ärgern, dass der Rote so wortkarg war. Was sollte das alle hier?! Warum schleppte er ihn hierher, um sich einen netten Stein anzusehen, wenn er dann erst nicht darüber reden wollte?!

“Vielleicht solltest du mal ein wenig aufmerksamer sein und selbst denken, statt dauernd Antwort von anderen zu wollen.“ Fen schnaubt und ein Hauch von Schwefel schwebte zu Seth heran, der ob dieser Antwort ebenfalls entnervt schnaubte.

Mürrisch vergrub er die Hände in den Hosentaschen und zog die Schultern gegen die Kälte hoch, dann stapfte er los. Er sah sich die Ebene an, vor allem aber den Monolithen. Tatsächlich hatte er noch nie etwas vergleichbares gesehen. Der schwarze Stein schien mehr ein Kristall zu sein und es war nicht das Tageslicht, das er reflektierte – er schien viel mehr von innen heraus zu leuchten. Seth hatte noch nie von einem solchen Material gehört oder gelesen. Vorsichtig streckte er die Hand aus. Die Oberfläche war glatt, aber durch die eingemeißelten Muster zerfurcht und trotz der Dezemberkälte war der Stein angenehm warm, fast wie Fens Bauch wenn Seth sich daran lehnte. Es fühlte sich tatsächlich auch ein wenig an wie Fens Schuppen. Was das etwas… ein Drache? Oder Drachenhaut? War das vielleicht ein echter Drachenzeh?! Als Fen schnaubte, verwarf Seth den Gedanken wieder. Puh. Das wäre tatsächlich ein wenig widerlich gewesen.

Der geschuppte Teil des Monuments reichte dem Blonden bis etwa zum Oberschenkel. Darüber fing die Kralle an, die ihn deutlich überragte. Wie er schon erahnt hatte, zeigten die Muster auf diesem Teil keine Schuppen mehr, sondern Drachen. Und Krieger. Das war eine Darstellung des Drachenkrieges, aus dem die ersten Reiter und das Bündnis zwischen Magiern und Drachen hervor gegangen waren!

„Ihr Menschen seid ja grundsätzlich ziemlich einfältige Wesen“ – „Hey!“ – „weil ihr einfach nichts aus der Geschichte lernen wollt. Ich weiß nicht, wie viele eure kleinlichen Kriege und Konflikte ich schon miterlebt habe. Und jedes Mal meint ihr, es darf nie wieder so weit kommen. Und binnen kürzester Zeit habt ihr wieder einen neuen Grund gefunden, um euch zu bekriegen.“ Der Rote schüttelte seinen großen Kopf. „Und wieder wiederholt sich die Geschichte.“

„Warum tötet ihr nicht einfach alle Menschen? Dann würde es keine Kriege mehr geben zwischen uns und die Drachen würden über den Kontinent herrschen.“

„Auch wir Drachen haben nicht das Recht, darüber zu richten, wer leben darf und wer nicht. Es ist nicht unsere Aufgabe dazu beizutragen, eine Art auszurotten. Es war der Lauf der Natur, aus dem wir genauso wie ihr entsprungen seid. Leben und Sterben – alles hat seine natürliche Ordnung. Es reicht schon, dass sie Menschen hier immer wieder eingreifen – wir werden uns nicht Ähnliches anmaßen.“

Eine Weile lang herrschte Schweigen, eh Fen plötzlich fragte: „Warum stellen sich immer noch Drachen für Reiter zur Verfügung?“

„Weil ihr es geschworen habt?“

„Stell dich nicht dümmer, als du bist“, knurrte Fenrior ungeduldig. „Warum sind es jedes Jahr so viele? Und nur die Mächtigsten unserer Rasse?“

Seth ließ den Blick über die kahle Ebene schweifen. Das Monument der Drachen stach hervor. Warum hatte ihn Fen ausgerechnet hierher gebracht? Warum redeten sie über Menschenkriege, wenn er ihm das Friedensmonument zwischen Drachen und Menschen zeigen wollte?

„Weil ihr nicht wollt, dass die Geschichte sich wiederholt.“ Sein Blick blieb an dem Stein hängen. An den Zeichnungen. „Weil ihr fürchtet, dass die Menschen ihren Schwur irgendwann nicht mehr halten werden und sich irgendwann wieder gegen die Drachen wenden werden.“

„Es gibt bereits jetzt immer wieder Versuche von Einzelnen, in die Freiflugzonen einzudringen. Die dann von Reitern gefangen und von Menschen exekutiert werden. Dafür braucht es beide Arten. Würden wir sie alleine fangen und fressen, würden schnell Rufe laut werden, wie gefährlich wir sind.“

„Und je lauter die Rufe werden, umso mehr werden sich ihm anschließen.“ Genau auf diesem Prinzip hatte auch der erste Teil ihres Planes für den Regierungsputsch beruht – allerdings hatten dabei die Drachen keine Rolle gespielt, sondern es war nur um Magier und Nicht-Magier gegangen. Denn Worte, die gesagt wurden, konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Und irgendwo und irgendwann fand jedes Samenkörnchen des Gesagten einen willigen Wirt, in dem es zu Hass, Neid, Missgunst, Angst und Wut heranwachsen und sich wie eine Schlingpflanze ausbreiten konnte.

„Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu Gewalt kommt.“

„Und die Geschichte sich wiederholt.“

Fen senkte seinen Kopf so weit ab, dass er mit Seth auf Augenhöhe war. Nur dass Fens Kopf allein ungefähr so groß war, wie Seth als Ganzes.

„Ich habe dich ausgewählt, weil du ehrgeizig und machthungrig bist. Weil du dich nie damit zufrieden geben würdest, einfach zu folgen. Aber auch, weil ich in dir gesehen habe, dass du nicht nur führen willst, sondern es auch kannst. Dass du Entscheidungen triffst und deinen Worten Taten folgen lässt. Und dass du dich an Weggabeln nicht für den einfachen Weg entscheidest, weil es einfach ist – sondern den richtigen. Stell dein Schwer zum Monument.“

Seth war zu perplex über diese Flut an Worten (Fen war jetzt nicht unbedingt der Geschichtenerzähler, der gerne aus dem Nähkästchen plauderte) und noch mehr über diese Flut an netten Worten (Fen war noch weniger jemand, der mit Lob um sich warf), als dass er über die Aufforderung groß nachgedacht hätte. Und selbst wenn – wenn er nachgefragt hätte, hätte ihm der Drache höchstwahrscheinlich ohnehin keine Antwort gegeben. Also zog er seinen Anderthalbhänder aus der Scheide und lehnte ihn an den schwarzen Stein. Es war sein erstes richtiges Schwert, das er sich gekauft hatte. Die Klinge war scharf und gut gepflegt, das Heft war früher fast zweihändig führbar für ihn gewesen, aber mittlerweile hatte es die perfekte Länge für seine Hände. Wenn er mit beiden Händen zugriff, war es eine mächtige Waffe, aber es war weder so schwer noch so unhandlich und langsam wie ein Beidhänder. Er konnte es aber auch mit einer Hand führen und mit der anderen dafür ein Messer oder einen Dolch und zur Not sogar einen Schild. Er betrachtete das Schwert fast schon als einen Freund, der immer an seiner Seite war und auf ihn aufpasste.

„Tritt zur Seite.“

Seth ging einen Schritt nach hinten und runzelte die Stirn. „Was….?“

Dann hörte er das mittlerweile vertraute Brodeln aus den Tiefen von Fenriors Körper.

„Nein!“ Seth machte einen Satz auf den Roten zu, aber es war schon zu spät: Fen öffnete sein Maul und unendliche heiße Flammen schossen daraus hervor und umhüllten das Schwert. Drachenfeuer war um ein Vielfaches heißer als jedes normale Feuer und es bestand nicht der Hauch einer Chance, dass mehr als nur ein Häufchen Asche von seinem Schwert übrig bleiben konnte.

„Was hast du getan?“, flüsterte der Blonde fassungslos. Die Luft war flirrend heiß geworden und ihm war der Schweiß auf die Stirn getreten. Als Fen das Maul wieder schloss, wurde es mit einem Mal eiskalt und dunkel. Doch die Umrisse seines Schwertes waren noch deutlich zu erkennen vor dem schwachen Leuchten der Statue. Nein, das war nicht sein Schwert… Zögerlich machte Seth einige Schritte. Es war in Form und Farbe seinem zwar ähnlich, aber die Klinge schimmerte wie Kristall und war rot. So blutrot, wie Fens Schuppen. Seth streckte die Hand aus, zog sie dann aber wieder zurück.

„Es gehört dir.“
 

Seth wurde abwechselnd siedendheiß und eiskalt. Und manchmal beides gleichzeitig. Und das hatte nichts damit zu tun, dass sie noch weiter Richtung Norden flogen, noch tiefer in die Freiflugzone. Er hatte noch nie etwas davon gehört, dass Drachenfeuer Kristalle erzeugen konnte. Oder Stein. Metall. Keine Ahnung, was das, was Fen Drachenglas nannte, eigentlich war. Und er hatte auch noch nie davon gehört, dass Drachen Monumente errichteten, die aus diesem Drachenglas bestanden. Dass sie solide Stahlwaffen in noch solidere Drachenglaswaffen umwandeln konnte. Er hatte kein einziges Wörtchen darüber gehört oder gelesen oder...

"Und du wirst auch nie darüber lesen, genauso wenig wie du darüber schreiben oder reden wirst. Es steht euch nicht zu, die Geheimnisse unserer Rasse zu verraten."

"Ich bin nicht der erste, der so ein Geschenk bekommt, oder?"

"Nein. Aber wir sorgen dafür, dass jene, die es erhalten, es nicht hinaus posaunen."

"Aber es werden Fragen aufkommen. Zumindest von Lily und Garrow. Darf ich sie beantworten?"

"Es wird wohl unausweichlich sein. Aber ich werde ihnen dasselbe sagen wie dir - wir entscheiden selbst, wen wir in unsere Geheimnisse einweihen. Und wir bestimmen ebenso selbst über die Konsequenzen für all jene, die sich nicht daran halten."

Seth nickte auf Fens Rücken und er wusste, dass der Rote es zwar nicht sehen, aber spüren konnte. Sie waren in nördliche Richtung aus dem Krater heraus geflogen und Fen glitt jetzt an der Felswand in nordwestliche Richtung weiter und ließ sich langsam tiefer sinken. Wenn sie den Kurs hielten, würden sie wahrscheinlich auf der Nordseite der Freiflugzone ans Meer gelangen oder in westliche Richtung eine der Kasernen streifen. Unter ihnen in den Felsen waren Nischen und Höhlen sichtbar, die meisten von ihnen groß genug, um ein Einfamilienhaus zu beherbergen. Oder einen Drachen von Fens Größe, denn in manchen sah er bunte Reflexe schimmern, kleine Bewegungen oder Rauchschwaden, auch wenn er keinen Drachen richtig zu Gesicht bekam. Hier wohnten scheinbar Drachen.

"Nein" Fen landete auf einem Felsvorsprung und streckte sein Bein aus, damit Seth absteigen konnte. Vor ihnen lag eine riesige Halle in deren Mitte ein Haufen Stroh, Äste und anderes Material aufgetürmt war. Der Blonde sah genauer hin. Ihm stockte der Atem. War das wirklich....?!

"Hier brühten Drachen", bestätigte Fen, was sein Reiter schon erahnt hatte. Das war ein Nest. Zugegeben, ein wirklich riesiges, aber es war ein Nest.

Während Seth noch völlig von der Rolle war und mit offenem Mund in das tierische Kinderzimmer starrte, stackste der Rote bereits los in Richtung der Heuansammlung. Fenrior wühlte mit der Schnauze in der Kulle in der Mitte des Nestes und förderte etwas Flaches, Blutrotes, etwa Handtellergroßes zu Tage. Im ersten Moment dachte Seth, dass das wohl ein Rubin war, Teil des legendären Drachenschatzes, der in den alten Heldenliedern besungen wurde. Bis ihm einfiel, dass das Quatsch war. Drachen horteten keine Schätze.

"Zumindest nicht das, was ihr Menschen als 'Schatz' bezeichnet", ergänzte Fen und kaute mit seinem Vorderzahn auf dem Ding herum, als würde er ein Loch durchstechen wollen. "Juwelen, Gold und materielle Besitztümer sind bei Weitem nicht das Wertvollste auf dieser Welt. Komm her, Mensch."

Immer noch völlig verwirrte stolperte Seth nach vorne. Das neue, aber irgendwie doch auch alte Schwert fühlt sich seltsam leicht an seiner Hüfte an, ein ungewohntes Gewicht im Vergleich zu früher.

Sein Blick strich über das Nest, in dem jede Menge dieser roten Splitter lagen. Manche so klein wie jener, den Fen gerade heraus gezogen hatte. Manche so groß wie ein Fußball. Aber alle waren gewölbt und plötzlich war Seth sich sicher, was es war. Wenn man alle Einzelteile wieder zusammen setzen würde, würde zweifellos ein Ei herauskommen! Aber vermutlich ein ziemlich unvollständiges, denn dafür waren zu wenig Stücke da.

"Unser Nachwuchs ist nicht so verweichlicht wie eurer. Unser Nachwuchs braucht keine jahrelange Pflege und Betreuung. Wenn wir schlüpfen, können wir fliegen, jagen und auf uns selbst aufpassen, weshalb unsere Weibchen sich nach dem Schlüpfen auch nicht mehr um die Schlüpflinge kümmern. Aber bis zu diesem Zeitpunkt, bis zum Schlüpfen, sind unsere Schuppen noch weich und die Jungen hilflos. Und andere Drachen nutzen diese Schwäche, um künftige Konkurrenz auszuschalten. Deshalb paaren sich nur die Stärksten unter uns - andere könnten ihre Eier nicht gegen Rangkämpfe verteidigen. Und deshalb sind unsere Eier auch härter als jeder Stein." Fen öffnete das Maul und das Stück Eierschale, das er mit seinem Eckzahn bearbeitet hatte, fiel herab. Seth fischte es aus der Luft und betrachtete es staunend - ein Gefühl, dass ihm heute schon ein treuer Begleiter geworden war. Das Schalenstück war dreieckig und nicht ganz so groß wie sein Handteller. Fens Zahn hatte tatsächlich ein kleines Loch durchgebohrt, von dem feine Risse ausgingen. Die Schale war fast so dick wie Seths kleiner Finger.

"Im Regelfall fressen die Jungtiere die Schalen nach dem Schlüpfen, aber bei unserem letzten Schlüpfling habe ich dafür gesorgt, dass einige Schalenreste bleiben."

"Bei der Hydra, hast du ihn gefressen?!"

Fen pustete ihm empört seinen schwefelhaltigen Atem um die Ohren. "Natürlich nicht!" Das Grollen des Drachen war nicht nur hör-, sondern auch im Boden spürbar.

"Tut mir leid." Noch ein heißes, stinkendes Schnauben - wie Seth wusste, konnte man mit Entschuldigungen bei Fenrior nicht punkten. Der Rote war eher der Ansicht, dass sein Reiter ganz einfach keine Fehler zu machen hatte, für die Entschuldigungen nötig wären. "Danke. Denke ich."

"Die Schalen sind dazu da, den Nachwuchs vor Schaden zu bewahren. Wenn sie sie fressen, geht ihre Schutzmagie auf den Schlüpfling über und sie werden gewarnt, wenn ihnen Gefahr droht. Trag die Schale um den Hals. Dann wird sie auch dich bewahren."

Seth war fassungs- und sprachlos. Beides Zustände, die ihn nur äußerst selten überfielen. So oft wie heute war das wohl sein ganzes Leben zusammen noch nicht vorgekommen.

"Ich... ich...", stammelte er, während er auf die Schale starrte. Sie war glatt und undurchsichtig, aber seltsam schwer und fast warm. "Ich weiß echt nicht, was ich sagen soll. Wie ich dir danken soll."

"Das sind nicht weniger überflüssige Worte wie deine Entschuldigungen, Mensch." Fen senkte seinen Kopf wieder auf Augenhöhe und starrte Seth ohne zu Blinzeln aus seinen blutroten, geschlitzten Augen an. "Zeig mir mit deinen Taten, dass ich mich nicht falsch entschieden habe, dir diese beiden Geschenke zu machen."

Der Dune schluckte. No pressur also. Aber dann biss er die Zähne zusammen und nickte entschlossen. Er wusste, was zu tun war und welcher Weg vor ihm lag - also zumindest was Lumineos betraf - und Fens Geschenke unterstützten ihn dabei und machten ihm den Weg einfacher - aber er wäre ihn auch gegangen, wenn er keinen Schutztalisman und kein Drachenglasschwert gehabt hätte. Er tat das nicht, um Geschenke zu bekommen. Er tat es, weil es das richtige war und weil es getan werden musste. Wie Fen schon festgestellt hatte: er wählte seinen Weg nicht danach, was einfach war. Sondern danach, was er als richtig empfand. Schließlich war er immer noch Seth Dune.

Fen knurrte anerkennend. "Gut, dass wir uns einig sind."



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück