Chuuya
Die Tür eines Apartments öffnete sich mit einem leisen Knarren und der Besitzer trat in seine Wohnung ein, wobei er besagte Tür wieder hinter sich schloss. Mit einem leisen Seufzen setzte Chuuya seinen geliebten Hut ab und hing ihn an die Garderobe im Flur. Dieser Tag war für den Rotschopf nicht nur anstrengend, sondern auch sehr nervenaufreibend gewesen. „Dieser verdammte Dazai“, zischte er wütend und nahm sich dabei den Mantel von seinen Schultern. Obwohl Osamu Dazai schon seit einigen Jahren nicht mehr für die Portmafia arbeitete, war er dennoch immer irgendwie präsent, was ganz offensichtlich an Mori, dem Boss der Mafia lag. Chuuya hatte nie wirklich verstanden, was diesen Kerl mit der Verbandsmacke ausmachte, dass das höchstrangige Mitglied ihrer Organisation immer noch auf eine Rückkehr von Dazai hoffte. Genau das war einer der Gründe, warum Chuuya des öfteren auf seinen ehemaligen Partner traf, was so ziemlich immer in einer unerfreulichen Auseinandersetzung endete.
„Ich hasse solche Tage, der Boss setzt mir damit ganz schön zu.“ Natürlich wusste Chuuya sehr genau, warum Mori gerade ihn bei solchen Problemen rausschickte. Nicht nur dass der Rotschopf im Punkt Stärke kaum zu überbieten war, nein, Loyalität gehörte ebenfalls dazu. Es waren diese Argumente und ein paar weitere Qualitäten, die Chuuya zum zweitstärksten der Mafia und zu einem der angesehenen Führungsmitglieder machten. Früher hatte Osamu Dazai diese Position innegehabt und Chuuya war zu dieser Zeit auch nur ein Untergebener dieses wahnsinnigen Selbstmordfreaks. Allein der Gedanke an diese Zeit, löste in dem jungen Mann Gefühle aus, die er gekonnt versucht zu ignorieren, um nicht wieder einen Wutausbruch zu bekommen. Statt weiter über vergangene Zeiten nachzudenken, erinnerte ihn sein Magen daran, was er eigentlich vorhatte. Ein gutes Abendessen, würde sicher helfen, diesen absurden Tag doch noch zu retten. Chuuya betrat seine Küche, nachdem er seine Arbeitskleidung, gegen etwas Bequemeres ausgetauscht hatte. Schließlich war er Zuhause und konnte tun und lassen, was er wollte.
Der Rotschopf öffnete den Kühlschrank, spähte hinein und entschied sich für Omurice, ein japanisches Omelett bestehend aus gewürztem Reis, welcher aus einer Mischung von Gemüse, Fleisch und Gewürzen zubereitet wurde. Die Zubereitung dauerte nicht lange, sodass Chuuya schnell zu seiner lang ersehnten Mahlzeit kam. Es war ein angenehmer Moment der Ruhe, zumindest so lange, bis die Erinnerungen an diesen Tag zurückkamen. „Was für eine Scheiße! Der Typ geht mir auf die Nerven, sogar wenn er nicht anwesend ist!“, wütend ballte der junge Mann die Fäuste und unterdrückte den Drang irgendetwas zu zerschlagen. Innerlich wusste Chuuya, was ihn quälte, aber er würde eher einen Pakt mit dem Teufel eingehen, als sich einzugestehen, dass dieses Stechen in seiner Brust kein körperliches Problem war. Oftmals waren Gefühle einfach nur hinderlich, sie konnten für das reinste Chaos sorgen und waren nicht selten der Grund für Entscheidungen, die das Herz traf und wo der Verstand kein Mitspracherecht hatte.
Für Chuuya waren Gefühle der Grundbaustein für Verletzlichkeit, Schmerz und Schwäche, alles Dinge, die für eine Person von seinem Rang nicht akzeptabel waren. Knurrend räumte der Rotschopf den Tisch ab, legte das Geschirr in die Spüle, abwaschen würde er später, und holte aus dem Schrank eine Flasche Rotwein. Wenn etwas den Tag retten konnte, dann war es ein gut gereifter Screaming Eagle, einer der teuersten Weine der Welt. Chuuya machte sich keinerlei Gedanken darüber, was der Preis einer solchen Flasche war, schließlich verdiente er gut, also konnte er sich hin und wieder mal etwas gönnen. Mit einem Weinglas und der Flasche bewaffnet, lief er ins Wohnzimmer und stellte beides auf dem Couchtisch ab, es würde ihm eindeutig besser gehen, wenn er wieder in den Genuss dieses edlen Tropfens kam. „Mhhhhh jetzt noch schnell eine heiße Dusche und danach ist endlich Feierabend, das wird auch mal Zeit.“ Kurz darauf, machte der Rotschopf sich auf den Weg ins Bad, wobei ihm trotzdem ein Gefühl einer unangenehmen Schwere auf der Brust lag.
Das heiße Wasser tat gut, es war dringend nötig und half dabei, Chuuyas verspannten Muskeln etwas Linderung zu verschaffen. Die vielen körperlichen Aktivitäten waren täglich gegeben und sorgten für die nötige Stärke, die der Mafioso brauchte, um seine Position zu rechtfertigen und den Respekt seiner Untergebenen weiterzubehalten. In der Mafia zählte Stärke und Durchsetzungsvermögen, beides Dinge, die Chuuya besaß und nichts würde ihn dazu bringen auch nur einen Funken nachzulassen. Nicht mal diese irreführenden Gedanken und sein rasendes Herz, wenn es um eine gewisse Person ging, die sein Leben gänzlich auf den Kopf stellte, ohne es auch nur zu ahnen. Wenn es nach dem Rotschopf selbst ginge, sollte Dazai niemals davon erfahren, sonst würde er ihn mit seiner üblichen Art und Weise zu Hundefutter verarbeiten, bis nichts mehr von Chuuya übrig wäre als ein wimmerndes Bündel Elend, welches sich in Verzweiflung und Selbsthass suhlte.
Er griff nach dem Shampoo und begann sich den Dreck des Tages von der Haut zu waschen. (Un-) Glücklicherweise war diese Mission ohne Blutvergießen geendet, also waren es nur die Spuren des Kampfes, die er beseitigen musste. Eine Seltenheit, wenn man beachtete, dass die Kämpfe der Mafia fast immer ein blutiges Ende fanden, allerdings musste es ja nicht immer so sein. Chuuya war auf der einen Seite dankbar darüber gewesen, obwohl es ihm anders auch gut gefallen hätte. Was war schon ein Kampf ohne etwas Blut? Ob es sich dabei um sein eigenes handelte, oder das von seinem Gegner, wäre ihm sogar egal gewesen. Nach etwa zwanzig Minuten, stieg der Mafioso aus der Dusche, trocknete sich ab und zog sich an. Seine Haare rubbelte er nur mit einem Handtuch ab, der Rest würde von allein trocknen, außerdem wollte er endlich auf seine Couch!
Der nächste Morgen kam schnell und Chuuya befand sich auf dem Weg zur Arbeit, während ihm immer noch einige Dinge vom Vorabend durch den Kopf gingen. Zu seinem Leidwesen war Dazai immer irgendwo präsent, sei es auch nur in seinen Gedanken und gerade dort, lag das Problem. Nachdem der Rotschopf das Hauptquartier der Portmafia betreten hatte, schüttelte er im Kopf alles ab, was nicht zu seiner Arbeit gehörte. Chuuya hatte lange daran arbeiten müssen, seine privaten Sorgen nach hinten zu schieben, wenn es um seinen Job bei der Mafia ging. Es waren schon jetzt viele Mitglieder da, aber diese waren auch nicht mehr als die erste Hürde, wenn jemand versuchte ins Gebäude einzudringen.
Er nickte ihnen höflich zu, schließlich waren sie alle Teil einer der gefährlichsten Organisationen in ganz Yokohama. Und dann gab es da noch den Punkt, dass es Chuuya durchaus kümmerte, wenn einer seiner Leute verletzt oder getötet wurde. Auch diese Leute hatten Respekt verdient, statt immer nur als Kanonenfutter herzuhalten. „Guten Morgen, Sir“, sagte einer von den schwarz gekleideten Männern. Ja, Chuuya genoss einen sehr guten Ruf und wurde von jedem respektiert. „Euch auch einen guten Morgen“, Höflichkeit brachte in der Regel niemanden um. Nun musste sich das Führungsmitglied beeilen, da er in 5 Minuten beim Boss vorstellig werden musste. Was Mori wohl diesmal von ihm wollte? Wahrscheinlich eine Mission im Ausland oder irgendwelche Treffen, die wichtig für die Organisation waren.
Nichts davon würde den Rotschopf stören, schließlich machte er seinen Job gern und er konnte mit guten Gründen das Land verlassen, um Dazai für einige Zeit aus dem Weg zu gehen. Als der Aufzug im obersten Stockwerk hielt, stieg Chuuya aus und lief den langen Gang entlang, der zum Büro seines Chefs führte. Auf dem Weg dahin standen einige Wachen, die normalerweise jeden fragten, warum er hier sei. Bei Chuuya war das schon lange nicht mehr nötig, er lief einfach an ihnen vorbei bis er an der Flügeltür ankam. Wie selbstverständlich öffnete er diese und betrat die Räumlichkeiten, wobei er Mori hinter seinem Schreibtisch entdeckte, während Elise damit beschäftigt war, die Wand dahinter mit Wachsmalstiften zu verschönern, oder zu verschandeln, das lag ganz im Auge des Betrachters.
„Schön, dass du es einrichten konntest, Chuuya“, begann Mori, stellte die Ellenbogen auf der Tischplatte ab, schob die Hände zusammen und stützte sein Kinn auf diesen ab. „Selbstverständlich, Boss, das steht ganz außer Frage.“ Einen Moment lang herrschte Stille, man konnte nur das leise Kratzen von Stiften hören. Der Boss der Mafia ergriff erneut das Wort: „Ich habe mir deinen Bericht von gestern angeschaut, das war sehr gute Arbeit gewesen. Dass es so ‚milde‘ ausging, hätte ich allerdings nicht erwartet. Trotzdem, der Job ist erledigt. Die Zusammenarbeit mit Dazai war also ein Erfolg.“ Chuuya straffte die Schultern. „Nun, es lief besser als erwartet“, sagte er und spannte sich bei den nächsten Worten stark an.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er hatte Mühe einen ruhigen Ton beizubehalten. „Ich hätte es auch ohne diesen Freak geschafft, der steht mir sowieso immer nur im Weg. Lieber lasse ich mich in einen Sack mit Klapperschlangen stecken, als mich mit diesem Mistkerl nochmal abgeben zu müssen. Bei allem Respekt Boss, aber die Hilfe dieser wehrhaften Detektive ist doch für die Katz. Die stehen mir höchstens im Weg herum und ich muss auch noch aufpassen, keinen von ihnen um die Ecke zu bringen.“ Mori kannte die Meinung seines besten Kämpfers und schätzte sie auch, aber manchmal war Dazais Mitarbeit unumgänglich. „Nun, ihr wurdet damals nicht umsonst Double Black genannt und im Kampf bildet ihr beiden immer noch eine Einheit. Ich verstehe natürlich auch deine Ansicht der Dinge, aber manchmal geht es nicht anders.“
Das entsprach zwar der Wahrheit, aber deswegen musste es Chuuya noch lange nicht gefallen, vor allem deswegen, weil es immer Tage brauchte, bis sein Kopf wieder richtig funktionierte. Der Rotschopf verbiss sich eine Antwort, denn der Boss hatte immer das letzte Wort und Chuuya würde den Teufel tun, seine Stimme weiter dagegen zu erheben. „Armer Chuuya-san, du hast es wirklich nicht leicht“, sagte Elise, die ihre Malstunde unterbrochen hatte, nur um einen ihrer Kommentare dem Gespräch beizufügen. „Ist schon in Ordnung Elise, ich komme zurecht.“ Mehr würde er dazu nicht sagen. „Aber jetzt zum eigentlichen Punkt, warum ich dich sprechen wollte. Mir ist nicht entgangen, dass dich die letzten Missionen etwas in Mitleidenschaft gezogen haben. Anders gesagt, du hast die nächsten Tage frei, Kouyou hat sich angeboten, deine Aufgaben für diesen Zeitraum zu übernehmen. Nutze die Zeit und erhole dich, das hast du wirklich dringend nötig.“
Chuuya wollte etwas erwidern, aber sein Mund stand offen, ohne das er auch nur einen einzigen Ton herausbrachte. Es dauerte mehrere Sekunden, fast schon eine Minute, bis er ungläubig den Kopf schüttelte. „Ich soll mir freinehmen? Wozu? Es geht mir gut, ich habe eher an eine Mission im Ausland gedacht. Oder ein Treffen innerhalb Japans mit irgendwelchen Behörden, denen ich, zum Wohle der Organisation, einen Strick aus ihren miesen kleinen Tricks drehen könnte.“ Mori beobachtete seinen Untergebenen einen Moment, ehe er mit dem Kopf schüttelte. „Das war keine Bitte, Chuuya“, war die ruhige aber eindringliche Antwort und der stechende Blick dazu bedeutete, dass dieses Gespräch beendet war.
Elise meldete sich erneut, drehte sich um und kicherte amüsiert über den zerknirschten Gesichtsausdruck ihres Lieblings-Führungsmitglieds. „Hör lieber auf Rintarou, sonst bekommst du großen Ärger Chuuya-san.“ Die kleine Göre konnte es einfach nicht lassen, na das hatte ihm gerade noch gefehlt, es machte ihr eben verdammt viel Spaß andere zu demütigen. Allerdings musste man an dieser Stelle anmerken, dass es Chuuya meist nicht so schlimm traf wie andere. Elise mochte ihn, wahrscheinlich, weil er ihr genügend Respekt entgegenbrachte, ganz im Gegensatz zu Dazai. Seufzend zog der Mafioso sich seinen Hut vom Kopf, drückte ihn an seine Brust und verneigte sich leicht. Er hätte später noch genügend Zeit, sich in seinen eigenen vier Wänden darüber auszulassen.
„Ich verstehe, dann werde ich mich jetzt zurückziehen. Sollte etwas sein, stehe ich dennoch rund um die Uhr zur Verfügung.“ Er sah wieder hoch, setzte seinen Hut auf und drehte sich um, dann verließ er das Büro und anschließend das Gebäude der Mafia. Das war wohl der mit Abstand kürzeste Arbeitstag, den er je hatte. Noch schlimmer war, was sollte er mit dieser ganzen Freizeit anfangen? Für so was war Chuuya einfach nicht gemacht, er wollte kämpfen und seine Gegner eliminieren, sich die Knöchel blutig schlagen und das Adrenalin eines Kampfes spüren, dass ihn jedes Mal in helle Freude versetzte. Jetzt hingegen würden es einfach nur langweilige Tage werden. Vielleicht fand er ja doch noch etwas, was ihm gefiel. Wenn man kaum Freizeit hat, vermisst man sie auch nicht wirklich, zumindest war es bei ihm so. So manch anderer hätte sich jetzt gefreut, einfach mal die Beine hochlegen zu können.
Der kurze Trip am Morgen in die Stadt zur Arbeit, hatte nicht besonders gut geholfen, Chuuyas schlechte Laune zu lindern. Er durfte nicht arbeiten, es gab nichts für ihn zu tun und sobald er auch nur einen Fuß ins Gebäude seiner Organisation setzte, würde er womöglich im hohen Bogen wieder rausfliegen und das nicht mal zu Unrecht. „Nahhhh das ist doch beschissen!“, fluchte er laut und ignorierte die Passanten um sich herum. Keiner von ihnen würde ihm zu nahe kommen oder dumme Fragen stellen, dafür war Chuuya zu bekannt und wahrlich zu gefährlich. Wieder an seiner Wohnung angekommen, bemerkte er, dass ihm jemand etwas unter die Wohnungstür geschoben hatte. Es ähnelte einer Art Flyer, der nur mit einer Ecke zu sehen war. Als der Rotschopf aufschloss und das Stück Papier in die Hand nahm, schlich sich eine deutliche Röte auf sein Gesicht.
Es lag auch ein Zettel mit einer schönen, geschwungenen Handschrift dabei, auf der stand: „Damit dir in deinen freien Tagen nicht langweilig wird, mein Kleiner.“ Mit dem Fuß trat Chuuya die Tür hinter sich zu. Das mit dem ‚mein Kleiner‘ musste er eindeutig nochmal mit Kouyou besprechen müssen, denn obwohl sie ihn ausgebildet hatte, mochte er solche Anspielungen auf seine Größe gar nicht. Leider sah Kouyou das ganz anders und Chuuya bekäme wahrscheinlich nicht einmal die Chance dazu, sich bei ihr darüber zu beschweren. Am Ende würde er nur wieder in einer dieser Umarmung landen, wo ihm der Hut vom Kopf fiel, sein Gesicht sich auf einer ungünstigen Höhe befand und eine Hand, die ihm liebevoll durch das rote Haar kraulte, nur um dann noch mehr niedliche Beschreibungen für ihn zu finden. Allein der Gedanke sorgte für Gänsehaut und Chuuya schob diesen schnell bei Seite, um sich auf den Flyer zu konzentrieren.
Kouyou war für ihn wie eine große Schwester, er konnte sich immer auf sie verlassen. Wenn es Probleme gab, war diese Frau immer für ihn da gewesen, hatte versucht ihm bei allem zu helfen, was ihm Sorgen bereitete. Ebenso war sie dabei immer geduldig und ruhig gewesen, auch wenn Chuuya oft mit Wutausbrüchen zu kämpfen hatte. „Was soll ich denn da?“ Chuuya runzelte nachdenklich die Stirn, nahm nebenbei seinen Hut ab, hängte ihn an die Garderobe und zog sich zeitgleich die Schuhe aus. Mit den beiden Papierstücken lief er abwesend ins Wohnzimmer, nur um diese dann auf dem Tisch abzulegen. „Hanami...als ob ich da hingehen würde, so was interessiert mich doch gar nicht. Ane-san, was hast du dir nur dabei gedacht?“ Was sollte er allein auf so einem Event? Zudem, woher sollte er so schnell ein passendes Outfit dafür herbekommen? Schließlich war sein Kleidungsstil ein gänzlich anderer.
Es klingelte an der Tür und der Mafioso unterdrückte ein genervtes Stöhnen, ihm war so gar nicht nach Gesellschaft. Mit wenigen Schritten stapfte er zur Tür, öffnete diese und war erstaunt, dass es kein Besuch, sondern nur der Postbote war. „Herr Nakahara?“, fragte der Mann und Chuuya nickte nur. „Ein Paket für Sie, ich benötige noch eine Unterschrift von Ihnen.“ Ohne groß eine Antwort zu geben, unterschrieb der Rotschopf, bekam das Paket in die Hand gedrückt und schloss dann wieder die Tür. „Ich habe doch gar nichts bestellt! Was ist denn das jetzt wieder für ein dummer Scherz?“ Was auch immer dieser Karton enthielt, der Inhalt würde wohl im Müll landen. Chuuya zog sein Messer hervor, welches er immer bei sich trug und zerschnitt das Klebeband, was das Paket verschlossen hielt. Bevor Chuuya es öffnete, hielt er inne. Was, wenn das wieder nur ein dummer Streich seines Ex-Partners war? Dazai war schließlich alles zuzutrauen, beim letzten Mal hatte er eine Mehlbombe geschickt und wahrscheinlich irgendwo durchs Fenster gespäht, nur um sich über Chuuyas Elend köstlich zu amüsieren.
Diesmal würde er diesen Fehler nicht machen, also trat er mehrere Schritte zurück und brachte sich hinter der Couch in Sicherheit, dann öffnete er das Paket mit seiner Fähigkeit. Nichts passierte, keine Explosion, keine merkwürdigen Geräusche und seltsam riechen tat es auch nicht. Sich diesmal sicher, dass ihn keine böse Überraschung erwartete, trat Chuuya wieder hervor und spähte in den Karton, dann runzelte er die Stirn. „Wollen die mich verarschen? Das ist doch wohl ein schlechter Scherz!“ Verwirrt zog er mehre Kleidungsstücke hervor und wurde leicht blass. Das waren mehrere Ausstattungen von verschiedenen Yukatas, die meisten in Blau oder Rot gehalten und dann auch noch in der passenden Größe. Wieder lag ein Zettel dabei: „Damit du keinen Grund finden kannst, nicht auf das Fest zu gehen, mein Kleiner.“ Chuuya knurrte, mehr vor Verlegenheit als vor Wut. „Diese Frau macht mich schwach.“ Er legte die Yukatas bei Seite, darüber konnte er sich später noch Gedanken machen. Jetzt brauchte es mehr als nur ein Glas Wein und einen Film, um sich zu überlegen, wie er aus der Sache vielleicht doch noch herauskam.
Dazai
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages bahnten sich einen Weg durch eine kleine Lücke zwischen den Vorhängen direkt auf ein leeres Bett. Dazai war schon längst wach gewesen und saß nun in der Küche, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand. Summend sann der Brünette über den gestrigen Tag und die Mission nach, welche er mit seinem ehemaligen Partner erledigt hatte. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Dazais Gesicht, wenn er daran dachte, wie frustriert Chuuya gewesen sein musste, weil es ohne einen blutigen Kampf geendet hatte.
„Armer kleiner Chibi, diesmal kein Gegner, den er in den Boden stampfen konnte“, sagte er mit einem theatralisch, sarkastischen Unterton. Es war immer wieder aufs Neue interessant, den kleinen Fuchs zu reizen, um ihm eine seiner typisch wütenden Reaktionen zu entlocken. Allerdings war in letzter Zeit einiges anders als sonst. Dazai überlegte schon länger, was es sein könnte, aber bisher hatte er noch keine logische Antwort gefunden und das, obwohl es ihm nie schwergefallen war, die Menschen sofort zu durchschauen. Chuuya hingegen war anders, ihn kannte der Brünette in- und auswendig, schließlich waren sie damals Partner und ein ungeschlagenes Duo gewesen.
Bis heute hatte sich nicht viel daran geändert, obwohl sie inzwischen für verschiedene Organisationen arbeiteten, wussten sie, wie der jeweils Andere im Kampf reagierte. Trotz ständiger Streitereien, Verwünschungen, Flüche und gegenseitiger Abneigung füreinander, funktionierten sie im Kampf immer noch wie eine Einheit. Warum also hatte Dazai das Gefühl etwas übersehen zu haben? Kannte er Chuuya vielleicht doch nur oberflächlich? Zugegeben, wirklich interessiert daran, mehr zu erfahren, war der Brünette nie gewesen, aber seit gestern Abend, ließ ihn dieses Gefühl der Ahnungslosigkeit keine Ruhe mehr. Es ging nicht, dass sich jemand vor ihm verstecken konnte, schon gar nicht sein kleiner Rotfuchs der ihm immer nur die scharfen Zähne zeigte.
„Endlich mal wieder eine Herausforderung, das wird ein Spaß!“ Dazai trank den Rest seines Kaffees, stellte die leere Tasse in der Spüle ab und verließ die Küche. Im Flur angekommen, nahm er seinen Mantel von der Garderobe und zog sich diesen über. Es wurde Zeit sich an seinem Arbeitsplatz einzufinden, bevor Kunikida wieder einen Vortrag darüber hielt, wie wichtig es denn sei, immer pünktlich zu sein. Mit einem Grinsen im Gesicht machte er sich auf den Weg ins Büro der Detektei. Vielleicht sollte er sich extra Zeit lassen, nur um den Ideal verrückten auf die Palme zu bringen. Es war eins von Dazais Lieblingsspielen und er wollte ungern auf den Spaß verzichten, indem er zur Abwechslung mal pünktlich wäre.
Im Büro angekommen (natürlich mit Verspätung), war Kunikidas Reaktion wie erwartet. „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du gefälligst pünktlich erscheinen sollst?! Die ständigen Verspätungen sind inakzeptabel, Dazai!“ Der Brünette lächelte liebenswert und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter, um dann leicht auf diese zu klopfen. „Entspann dich, es sind doch nur ein paar Minuten gewesen. Ich habe mich wirklich bemüht, pünktlich zu sein“, sagte er und hob beschwichtigend die Hände vor seine Brust. „Mir ist vorhin eine neue Selbstmordmethode eingefallen, die ich unbedingt sofort ausprobieren wollte. Unglücklicherweise waren zu viele Menschen anwesend, und ich wollte niemanden belästigen. Eine eiserne Regel, ein Selbstmord muss immer ohne Zeugen passieren, denn niemand sollte sich davon gestört fühlen.“
Kurz darauf traf ihn eine harte Faust, welche ihn zu Boden streckte. „Spar dir das, du wandelnde Mumie! Und mach dich endlich an die Arbeit!“ Er zeigte wütend auf Dazais Schreibtisch, auf dem sich die Papiere bereits stapelten. „Du bist wirklich ein Sklaventreiber Kunikida, das grenzt schon an Quälerei“, jammerte der am Boden liegende Detektiv. „Mach einfach deine Arbeit Dazai, die erledigt sich nämlich nicht von allein!“ Mit diesen Worten stapfte der Blondschopf davon, um seiner eigenen Arbeit nachzugehen. Schwer seufzend ließ sich Dazai auf seinen Stuhl fallen, dramatisch wie immer. „Wie grausam“, sagte er mit gespielt verzweifelter Stimme. „Guten Morgen Dazai-san“, kam es von seiner rechten Seite und sofort lächelte der Brünette wieder. „Atsushi ~“, flötete Dazai in einem entzückenden Ton. In seinem Kopf reifte prompt eine neue Idee heran, doch noch um den Papierkram herumzukommen.
Er legte dem Wertiger einen Arm um die Schultern und lächelte wieder verzückt. „Du bist heute wieder so fleißig Atsushi, könntest du mir nicht etwas bei meiner Arbeit behilflich sein?“, gurrte er leise. Das war mal wieder typisch Dazai, dachte der Wertiger, ohne es auszusprechen. Es war mittlerweile sogar vorhersehbar, denn es kam nicht selten vor, dass sein Mentor versuchte, die Arbeit auf ihn abzuwälzen. „Meinst du nicht, du solltest es selbst machen? Kunikida flippt sonst wieder aus. Außerdem…habe ich keine Zeit dafür, ich muss nachher noch einen Auftrag.“ Der Blick, welchen Dazai ihm zuwarf, war nicht nur furchterregend, es grenzte fast an Wahnsinn.
„Ach, Kunikida wird davon gar nichts merken.“ Sein Griff auf der Schulter seines Schützlings wurde fester. „Was hast du denn noch zu erledigen?“ Dazai bekam fast immer was er wollte und Atsushi verlor dieses Spiel immer. „Oh, und deinen Auftrag kann ich auch übernehmen. Komm schon, du lässt mich jetzt doch nicht hängen, oder etwa doch? At-su-shi ~“ Schweißperlen sammelten sich auf der Stirn des Menschentigers, Dazai zu widersprechen, würde ihn in eine heikle Lage bringen. Seufzend gab er nach: „Okay okay, ich mache deine Papiere, aber dafür musst du den Auftrag erledigen.“ Er schob dem Brünetten eine Liste zu. „Das musst du besorgen. In 2 Tagen ist Hanami und der Chef will, dass wir alle dort hingehen, also auch du.“
Lächelnd nahm Dazai das Stück Papier entgegen. „Oh, wie aufregend, keine Sorge, ich werde alles holen, was wir brauchen. So was sollte immer gründlich erledigt werden!“ Atsushi verdrehte die Augen, würde Dazai das mal zu seinen eigenen Aufgaben sagen, wäre vielen geholfen, ganz besonders Atsushi selbst. „Ach ja“, Dazai schnippte mit den Fingern. „Da kann ich ja gleich noch etwas anderes erledigen.“ Mit diesen Worten stand er auf, wuschelte seinem Schützling kurz durch die Haare und schwebte dann förmlich aus dem Büro. Der Wertiger sah ihm nach, er hatte sich schon wieder überreden lassen. „Verdammt“, fluchte er leise und machte sich an die Arbeit. Beim nächsten Mal würde er auf diese Masche nicht nochmal hereinfallen. Zumindest nahm er sich das fest vor, aber wahrscheinlich würde das genauso gut funktionieren wie heute, nämlich gar nicht.
Dazai war der lästigen Schreibtischarbeit mal wieder entgangen, man musste es eben einfach nur richtig anstellen und da diese Methode bisher immer funktioniert hatte, würde sie auch weiterhin in Benutzung bleiben. Statt sinnlose Berichte zu lesen und zu bearbeiten, zog er es vor, Besorgungen zu erledigen, zumindest zum Teil. Alles war besser als Papierkram zu erledigen, auf den Kunikida so viel Wert legte. Dabei war Dazai nicht mal der Einzige, welcher sich um diese Arbeit gekonnt drückte. Ranpo tat nie etwas der Gleichen und faulenzte lieber mit einer Spielekonsole in der Hand und einem Berg von Süßigkeiten auf dem Schreibtisch. Wirklich arbeiten tat er nur, wenn es darum ging, rätselhafte Mordfälle zu lösen, wo die Polizei nicht weiter kam.
Unnötig zu erwähnen, dass alle Fälle, die Ranpo bearbeitete, innerhalb weniger Minuten gelöst war und das ganz ohne eine übernatürliche Fähigkeit. Manchmal konnten auch normale Menschen hohe Leistungen erbringen, wobei Ranpo hier die absolute Ausnahme bildete, er verstand nicht, warum alle anderen nicht sahen oder begriffen wie er. Für ihn waren diese Leute einfach nur dumm, Dazai hatte vor einiger Zeit selbst probiert, ob die „Ultra-Deduktion“ wirklich eine Fähigkeit war. Nach dem Einsatz seiner eigenen Gabe, stand fest, dass sein Arbeitskollege wirklich nur ein Mensch war, was seinem Können aber keinen Abbruch tat. Während Dazai weiter durch die Stadt lief, kam er am Gebäude seiner ehemaligen Arbeitsstelle, dem Hauptquartier der Portmafia, vorbei.
Es war nun schon einige Jahre her, seit er die Organisation verlassen hatte und das aus einem ganz bestimmten Grund. Für einen Moment schwelgte er in Erinnerungen, wobei ihm ein Bild seines ehemaligen Partners durch den Kopf ging. Wie es seinem Chibi heute wohl ging, nach der Enttäuschung vom Vorabend? Dazai stand auf der anderen Straßenseite und sah in der Menge ein kurzes Aufblitzen eines roten Haarschopfes und einem ihm sehr bekannten Hut. Statt ins Gebäude zu gehen, schien es so, als würde er es gerade verlassen und das mit einer offenbar sehr schlechten Laune. „Ungeheuerlich! Chibi hat schlechte Laune und ich bin nicht dafür verantwortlich? So was sollte verboten werden.“
Gerade als der Brünette die Verfolgung aufnehmen wollte, fiel ihm die Liste wieder ein, welche er von Atsushi bekommen hatte. Diesen Auftrag sollte er erst erledigen, aber die Verlockung war groß dem kleinen Giftzwerg zu folgen, nur um herauszufinden, wer für dieses explosive Dynamitbündel auf zwei Beinen, verantwortlich war. Wieder ein Blick in die Menge und Chuuya war verschwunden, nirgendwo war eine Spur von ihm und auch keine weiteren Passanten, die auseinander strömten, da wo das hochrangige Mafiamitglied entlanggegangen war. „Na schön, dann ein andermal“, sagte er leise und setzt seinen Weg fort, denn viel Zeit blieb Dazai nicht. Würde er das hier nicht erledigen, wäre Atsushi beim nächsten Mal womöglich noch schwerer zu überzeugen. Nein, das konnte er nicht riskieren, also blieb nur die lästige Aufgabe zu erledigen und ins Büro zurückzukehren.
Am späten Nachmittag, betrat Dazai die Büroräume der Detektei, ließ die Tüten irgendwo neben der Tür fallen und schlenderte zu seinem Arbeitsplatz. Kein einziges Blatt des nervigen Papiers war dort zu sehen, da hatte sein Schützling sich wirklich bemüht. „Na, hast du deine Arbeit mal wieder auf jemand anderen abgewälzt?“ Die Stimme hinter ihm klang weder besonders freundlich, noch begeistert. Der Brünette drehte sich um, lehnte nun an seinem Schreibtisch und lächelte Kunikida vollkommen unschuldig an. „Ach was, ich habe nur mit Atsushi die Aufgaben getauscht, er wollte es unbedingt, wie konnte ich denn da nein sagen, wenn er mich so sehr darum bittet?“ Es war eine Lüge und das wusste der Blonde, sagte aber nichts weiter dazu, immer dasselbe mit diesem Irren.
„Ah“, bemerkte Dazai und musterte sein Gegenüber. „Wozu brauchen wir das ganze Zeug eigentlich?“ Kunikida hob den Kopf ein Stück und verschränkte dann die Arme vor der Brust. „Der Chef will, dass wir alle zum Hanami gehen und uns mal einen Tag entspannen können. Jeder wie er will, wer nicht mit möchte, muss das auch nicht. Aber für so was sollte man immer vorbereitet sein.“ Der Blick des Blonden wurde aufmerksamer. „Also, hast du vor hinzugehen oder ist dir eher nach deinem fragwürdigen Hobby zumute?“ Dazai zuckte mit den Schultern. „Oh, ich denke, ich komme mit. Das ist sicher eine nette Abwechslung.“ Und eine weitere Gelegenheit den Geduldsfaden seines Arbeitskollegen weiter zu strapazieren, man musste schließlich austesten, wo die Grenze war. Trotzdem, lustig war es allemal und eine gute Möglichkeit, sich von seinem langweiligen Alltag ablenken zu können.
Kunikida war fast so einfach in Aufruhr zu bringen wie Chuuya, aber das war keine Kunst, wenn man bedachte, wie wenig Geduld beide innehatten. Mit einem schiefen Grinsen im Gesicht wandte Dazai sich ab. „Dann bis morgen, ich versuche pünktlich zu sein“, mit diesen Worten war er so schnell zur Tür hinaus, dass der Blonde gar nicht dazu kam, eine Erwiderung von sich zu geben. „Elender Mistkerl, irgendwann kriegst auch du mal dein Fett weg“, murrte er und drehte sich auf dem Absatz um, es gab schließlich noch einiges vorzubereiten und morgen war ein voll ausgefüllter Arbeitstag geplant und dokumentiert. Es musste ja wenigstens einen geben, der alles in Ordnung hielt. Ohne ihn, wäre diese Detektei ein kopfloses Chaos, dessen war sich Kunikida sicher. Dazai hingegen sorgte für viel mehr Chaos als der Rest zusammen und seine ständigen Alleingänge gingen ihm sichtlich gegen den Strich. Leider war dieser Irre eine Klasse für sich und wenn es wirklich darauf ankam, extrem gefährlich. Wie eine Schlange, die auf den perfekten Moment wartete, um an seine Beute zu kommen.
Am frühen Abend, kam Dazai bei seiner Wohnung an, betrat diese und zog sich seinen Mantel aus, den er an die Garderobe hing. „Was für ein Tag“, sagte er und streckte sich dabei. Obwohl er nun wirklich nicht viel getan hatte, war der Brünette davon überzeugt sich eine Pause verdient zu haben, schließlich arbeitete er hauptsächlich mit dem Kopf. Und wenn man an so viele Dinge dachte wie Dazai, blieb eben für alles andere kaum noch Zeit. Der Selbstmordfanatiker hatte es nicht mal mehr geschafft, bei seinem Lieblings-Ex-Partner vorbeizuschauen. Allerdings konnte er sich jederzeit mit seinem kleinen Fuchs beschäftigen, wenn er mal wieder nicht gerade Tollwut hatte. Mit einem Gähnen lief Dazai den Flur entlang, direkt in die Küche. „Mit leerem Magen sollte man nicht ins Bett gehen“, summte er vor sich hin, öffnete den Kühlschrank und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ach verdammt nochmal“, da hatte er doch tatsächlich vergessen einkaufen zu gehen.
Jetzt blieb dem Detektiv nichts anderes übrig, als sich etwas zu bestellen oder er lud sich selbst irgendwo ein, Chuuya wäre da die erste Wahl. Nach genauerem nachdenken, verzog er leicht das Gesicht. Nein, so eine schlechte Laune, die der Rotschopf am Mittag gehabt hatte, wäre er womöglich immer noch ungenießbar und bei so was, konnte einem wirklich der Appetit vergehen. Tja, blieb am Ende doch nur der Lieferdienst, es sei denn, er würde seinen Arsch nochmal aus der Tür bewegen, zwei Straßen weiter gehen und sich beim Schnellimbiss einen Happen holen. Die Überlegung dauerte einen Moment, ehe er sich doch für eine Lieferung nach Hause entschied. Hinzu kam, dass Dazai überhaupt keine Lust zum Kochen hatte. Der Anruf war unkompliziert, das Essen wäre schnell da und der Brünette könnte es sich mit einem Film oder einem Buch auf seiner Couch bequem machen.
An diesem Abend gingen ihm immer wieder dieselben Gedanken durch den Kopf und fast jeder davon, hatte mit einem sehr vertrauten Rotschopf, mit schlechtem Geschmack für Kleidung, zu tun. „Chuuya Chuuya, da hast du ja mal wieder etwas angerichtet, vielleicht träume ich ja heute Nacht von dir“, säuselte er vor sich hin und hob ein Glas Wein an die Lippen. Er schwenkte die rote Flüssigkeit leicht im Kreis und lächelte dabei subjektiv. Normalerweise trank er keinen Wein, aber heute machte Dazai eine Ausnahme, natürlich aus einem ganz persönlichen Grund. Er wollte Antworten und die würde er sich holen, direkt aus der Quelle. Ihm ging sein wütender Chibi von heute nicht aus dem Kopf und es störte ihn ungemein, dass jemand anderes an seinem offensichtlichen Elend schuld war.
„Die Sache scheint doch irgendwie interessant zu werden, ich sollte mich wirklich intensiver damit beschäftigen, besonders da du nach gestern Abend nicht mal einen wütenden Eindruck gemacht hast. Was versteckst du vor mir, Chibi? Oder bist es eher, du selbst, der sich versteckt?“ Dazai trank einen großzügigen Schluck von seinem Wein und leckte sich anschließend genüsslich über die Lippen. Nach und nach leerte er das Glas, aß den Rest von seinem Sushi und verräumte anschließend alles. Kurz darauf zog der Brünette sich um, verschwand kurz im Bad und betrat wenig später sein Schlafzimmer. Vor dem Fenster blieb Dazai stehen und sah zum sternenklaren Nachthimmel, auf dem ein hell leuchtender Vollmond zu sehen war. „Ich wünsche dir süße Träume, kleiner Fuchs, ich werde dich darin besuchen.“ Mit diesen Worten schlüpfte er unter die Bettdecke und brauchte auch nicht lange, bis er eingeschlafen war.
In einer anderen Wohnung, am Rand der Stadt, wachte ein gewisser Mafioso aus einem unruhigen Schlaf auf. Sein Herz raste und er legte sich eine Hand auf die Brust, um seine Atmung zu beruhigen. „Was zum Teufel war das denn?“ Hatte er gerade wirklich Dazai in seinem Traum gesehen? Und dann auch noch mit so einem gehässigen Grinsen im Gesicht, dass Chuuya allein bei dem Gedanken daran übel wurde. War das wirklich nur ein Traum oder doch eher eine groteske Warnung, dass in naher Zukunft etwas passieren würde, was mit diesem Selbstmordfreak zu tun hatte? Er schüttelte den Kopf, sein Herz schlug immer noch schnell und ein Schauer durchfuhr seinen Körper. Vielleicht hätte er das letzte Glas Wein heute nicht trinken sollen. Was auch immer der Grund war, es sorgte für ein starkes Unwohlsein und sein verdammt heftig klopfendes Herz hatte sich den denkbar schlechtesten Moment ausgesucht, um ihn daran zu erinnern, dass da mehr war, was er wollte. „Vergiss es, nur über meine Leiche“, knurrte der Rotschopf und ließ sich erneut in die Kissen sinken. Es dauerte eine Weile, bis er wieder in einen leicht unruhigen Schlaf verfiel. Träume waren eben nicht immer nur Träume, manche von ihnen, konnten auch zur Realität werden.
Hanami - Ungewolltes Wiedersehen
Inzwischen waren zwei Tage vergangen und das Fest hatte begonnen. Dazai und der Rest der Detektive hatten an diesem Tag frei und konnten sich nach Lust und Laune amüsieren. „Es ist wirklich schön hier“, sagte Atsushi, der gerade neben seinem Mentor stand und die Schönheit der blühenden Kirschbäume bewunderte. Hinter ihnen hörte man den Rest der Truppe fröhlich miteinander plaudern oder auch diskutieren, was einfach mit zum Alltag gehörte. Der Brünette hatte die Augen halb geschlossen, den Kopf leicht geneigt und eine Hand auf das Geländer der Brücke gelegt, auf welcher sie gerade standen. Er trug einen dunkelblauen Yukata mit einem dezenten, noch dunkleren blauen Karomuster. Der hellblaue Obi mit den weißen Verzierungen war eine gute Ergänzung und sorgten dafür, dass man nicht sonderlich aus der Maße hervorstach. „Oh ja“, sagte er ruhig und lächelte vor sich hin, wenn auch nur ein wenig. Wirkliche Zufriedenheit, spürte Dazai dabei allerdings nicht, das tat er nie, außer in seltenen Momenten mit einem gewissen Mafioso.
Es war für den Detektiv einfach unerklärlich, warum er so auf den Zwerg fixiert war und das, obwohl sie sich hassten. Zugegebenermaßen musste man sagen, dass Chuuya wie ein wandelndes Päckchen C4 war, wenn man ihn einmal so weit hatte, dauerte es nicht mehr lang bis zur Explosion. Das war für den Brünetten immer wieder so faszinierend, dass er gar nicht anders konnte als jedes Mal die Zündschnur mit kleinen Funken anzuzünden. „Dazai?“ Eine plötzliche Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er wandte den Kopf zu Atsushi. „Ja?“, der Brünette hatte gar nicht bemerkt, wie abwesend und in Gedanken er gewesen sein musste, nur weil Chuuya mal wieder zu präsent in seinem Kopf gewesen war. „Du wirkst irgendwie so in dich gekehrt, ist alles in Ordnung bei dir?“
Dazai lächelte, gespielt fröhlich und wechselte wieder zu seiner leicht überdrehten und dynamischen Seite. „Klar doch, mir geht es bestens. Komm, lass uns ein Stück gehen, hier gibt es sicher noch viel mehr zu sehen, außerdem könnte ich etwas zu Essen vertragen.“ Bevor Atsushi wirklich reagieren konnte, wurde er von Dazai bereits mitgezogen. Der Rest der Detektive, sah ihnen kurz nach, wie beide in der Menge verschwanden. „Dazai ist heute so glücklich, das ist toll“, sagte Kenji mit der Unschuld eines freudigen Kindes. „Sei dir da mal nicht so sicher, Kenji. Dazai hat viele Gesichter und du weißt nie, ob es echt ist oder nur Fassade“, stellte Kunikida nüchtern fest. Er wusste genau, dass sein Kollege niemals der war, der er vorgab zu sein, aber solange er ihnen damit nicht schadete, konnte man darüber hinwegsehen. Wenn der Blonde an die unzähligen, kleinen Probleme dachte, die Dazai regelmäßig verursachte, war es besonders schwer herauszufinden, was echt und was gespielt war.
Dazai hatte sein Tempo verlangsamt und lief nun mit seinem Schützling an einer ganzen Reihe mit verschiedenen Essständen vorbei. Hunger hatte er im Grunde nicht, aber es reichte als Ausrede, um nicht länger an einem Ort stehen zu müssen. Der Brünette hielt nichts davon, einfach in die Ferne zu starren, schon gar nicht, wenn es vollkommen grundlos war. Atsushi kam ihm in diesem Moment einfach nur gelegen, er stellte keine dummen Fragen und würde ihm einfach folgen. „Worauf hast du Lust, Dazai-san?“ Atsushi riss ihn aus seinen Gedanken. Dazai fing sich sofort wieder, drehte sich zu dem Wertiger um und legte leicht den Kopf schief. „Ich habe mich noch nicht festgelegt“, sagte er ruhig und gab sich locker. „Na, wie wäre es dann damit?“ Atsushi zeigte auf einen Stand, der Hanami-Bentos verkaufte. Diese kleinen Boxen waren mit verschiedenen Dingen befüllt wie: Sushi, Tempura, Yakitori (Hähnchenspieße), Salaten und Obst. Die Auswahl war reichlich, Dazai stimmte dem wortlos mit einem Nicken zu, während sein Schützling sich auf den Weg machte, um für sie beide die Bentos zu kaufen.
Als der Junge wieder da war, nahm der Brünette eine Box entgegen. Sie suchten sich einen ruhigen Platz unter einem der blühenden Kirschbäume, an dem sie ungestört essen konnten. Keiner von ihnen sagte etwas, Dazai hob nur kurz die Hand und streichelte über das silberne Haar des Wertigers. Atsushi erhob keine Einwände dagegen, denn diese Momente waren selten und für ihn sehr wertvoll. Es gab ihm das Gefühl, dass Dazai mit ihm zufrieden war, mehr als sonst. Sein Mentor war zwar etwas schräg drauf, aber davon ließ der Junge sich nicht stören. Manchmal lobte Dazai ihn einfach nur, wenn er einen Job gut erledigt hatte, aber er tadelte ihn auch, wenn etwas schief lief. Es war ein schmaler Grat zwischen richtiger und falscher Entscheidung, aber aus beiden konnte man etwas lernen und Dazai wusste immer genau, wo er seine Grenzen zog.
Während er aß, bemerkte Dazai plötzlich, wie sich etwas veränderte, ein vages Gefühl, das ihm nicht unbekannt war. Der Brünette hob den Kopf und sah sich um, irgendwo hier war er, ganz in seiner Nähe. Mit den Augen suchte Dazai in der Menge nach einer bestimmten Person, fand aber niemanden, welche seine Wachsamkeit so abrupt auflodern ließ. Atsushi hatte es auch bemerkt und folgte dem Blick des Älteren in die Menge. „Werden wir beobachtet? Ein Feind vielleicht?“ Dazai machte die Augen schmal, um sich weiter umzusehen. „Ja und nein, da ist jemand, der uns offenbar folgt, aber ob er Feind oder Freund ist, kann man im Moment nicht beurteilen.“ Ein paar Minuten vergingen, bis der Brünette die leichte Anspannung in den Schultern fallen ließ. „Mh, ich muss mich wohl geirrt haben, so was kommt vor“, sagte er mit einem falschen Lächeln zu dem Wertiger neben sich. „Lass uns in Ruhe zu Ende essen und dann weiter gehen.“ Atsushi nickte nur und wandte sich wieder seiner Bento Box zu, während Dazai genau wusste, dass er sich nicht geirrt hatte. Chuuya war hier und er hatte ihn mit einer Wachsamkeit beschattet, die man nur bei der Mafia lernte.
Ein paar Stunden zuvor
Chuuya stand vor seinem Spiegel und sah mürrisch drein, er hatte einfach keinen Weg gefunden, nicht auf das Fest gehen zu müssen. Alles, was er sich überlegt hatte, würde von Kouyou abgeschmettert werden und nur als billige Ausrede gelten. Er konnte den Tadel jetzt schon hören, würde er nicht zumindest ein paar Stunden auf der Veranstaltung verbringen. „So ein verdammter Mist aber auch, was soll ich überhaupt dort?“ Kouyou hatte sich schon etwas dabei gedacht, als sie ihm den Flyer und die Auswahl an Kleidung geschickt hatte. Wahrscheinlich erhoffte sie sich, dass Chuuya ein paar neue Freunde finden würde, wobei er selbst stark daran zweifelte. Der Rotschopf lehnte so etwas strikt ab, denn am Ende würde es doch nur wieder ein Drama geben. Ein Großteil der Menschen rannte schon davon, wenn sie das Wort Mafia nur hörten. Die Wenigen, die an diesem Punkt mutig blieben, verloren diesen spätestens dann, wenn sie erfuhren, welche Position Chuuya in der Portmafia hatte.
„Mh, besser ich bringe das hinter mich, dann habe ich hinterher genug Zeit den Tag auf meinem Sofa zu verschlafen, statt länger als nötig dieses Zeug tragen zu müssen.“ Der Yukata, welcher mit schönen Rosenranken bestickt war, die sich auf der linken Seite und unterhalb ein Stück nach oben schlängelten. Ein hübscher Farbverlauf, der oben mit einem kräftigen violett begann und sich langsam in ein weinrot, bis zu hellem rot färbte. Ein weinroter Obi rundete das ganze perfekt ab. Dennoch verzichtete der Rotschopf nicht auf seinen Hut, den er fast immer trug, und auf seine schwarzen Handschuhe. „Dann mache ich mich wohl besser mal auf den Weg“, seufzte er und verließ seine Wohnung. Nach etwa einer halben Stunde stand Chuuya auf einer Wiese zwischen vielen anderen Besuchern des Festes. Massenaufläufe waren nie sein Fall gewesen, außer es war ein Feind der Mafia, die er ohne zu zögern niedermetzeln konnte. Je mehr Feinde, umso wohler fühlte er sich, aber hier war es Beklemmung und nicht die Vorfreude auf einen harten Kampf, die er spürte.
Der Rotschopf schlenderte eine Weile desinteressiert durch die Gegend, an einem der Essstände blieb er stehen. Süßes war schon immer eine „kleine“ Schwäche von ihm gewesen und da sowieso keiner in der Nähe war, der ihn kannte, konnte Chuuya der Versuchung einfach nicht widerstehen. Ein paar Minuten später, knabberte der sonst so gefürchtete Mafioso Chuuya Nakahara, an einem Dango und genoss die Süße auf der Zunge. Es war zumindest ein guter Ausgleich und der Besuch nicht völlig für die Katz. Die Zeit verging schneller als gedacht, Kouyou hatte wahrscheinlich doch recht gehabt als sie meinte, etwas Abwechslung täte ihm gut. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, lief der Rotschopf planlos durch die Gegend, sah sich hier und dort etwas an, was vielleicht interessant war, aber nicht so, dass es ihn lange hielt. Was danach kam, traf Chuuya vollkommen unvorbereitet.
Vor ihm, nicht weit entfernt war er, der Mann, der ihn immer wieder zur Weißglut trieb, dumme Spiele mit ihm spielte und seine kaum vorhandene Geduld ausreizte, bis er explodierte, Dazai. Der Name hallte in Chuuyas Kopf nach wie ein lauter Donnerknall und brachte ihn für einen Moment aus der Fassung. „Was zum Teufel macht der denn hier?“ Die leisen Flüche kamen ihm ohne Probleme über die Lippen, aber das Schlimmste an all dem war, dass dieser Selbstmordfreak nicht allein war. Alle Detektive waren da und saßen in einer gemütlichen Runde zusammen, bis auf Dazai und den Tiger-Jungen, die beiden auf einer kleinen Brücke standen und sich locker unterhielten. Chuuya knurrte und ignorierte die Leute um sich herum, die schnell Abstand suchten, als eine rote Aura den Mafioso umgab. Da war es wieder, dieses leichte brennen in seiner Brust, die Stiche, die sich anfühlten wie kleine Elektroschocks und ein Schweregefühl, dass er sich einfach nicht erklären konnte.
Chuuya wollte nicht hinsehen, aber er konnte nicht anders, irgendetwas hielt den Rotschopf davon ab, sich einfach umzudrehen und zu gehen. Er könnte so tun, als hätte er Dazai weder gesehen noch gehört, es wäre alles so einfach und dennoch wollte ihm sein Körper nicht gehorchen. Die Gravitation hatte sich wieder zurückgezogen, aber nur gerade so weit, dass sie Chuuya direkt unter der Haut saß, bereit jeden Moment wieder hervorzubrechen und für Chaos zu sorgen. Es war nur ein Funke nötig, auch wenn der Mafioso sich diesbezüglich schon im Griff hatte, nur manchmal war seine aufbrausende Art schneller als sein Verstand. In diesem Fall, war die Grenze sehr dünn, aber sie hielt noch. Statt die Wut die Überhand gewinnen zu lassen, beobachte Chuuya schweigend, was sich unmittelbar vor ihm abspielte. Dazai lachte und scherzte mit dem Wertiger, dasselbe tat er mit seinen Kollegen. Wenn man genauer darüber nachdachte, hatte sein ehemaliger Partner nun ein besseres Leben, denn er hatte sich verändert, mehr als Chuuya sich selbst eingestehen wollte.
Hanami war vergessen, jetzt lag die Aufmerksamkeit des Gravitationskünstlers nur auf einer bestimmten Person, oder in diesem Fall auch zwei. Chuuya lehnt mit verschränkten Armen an einem Baum und beobachtete schweigend und aufmerksam die kleine Gruppe der ADA. Seinen Hut hatte er sich ein Stück tiefer gezogen, so konnte man sein Gesicht nicht richtig erkennen. Für Dazai hingegen stellte das gar kein Problem dar. Es gab niemanden, nicht mal in der Mafia selbst und auch nicht Mori, der Chuuya besser kannte als Dazai. Egal ob es sich dabei um Stärke, Schwäche, Taktik, Geschwindigkeit oder Kraft handelte, sein Partner kannte sie alle, sehr zu Chuuyas eigenem Unmut darüber. Und Dazai? Was wusste er über ihn? Er war ein Mann mit vielen Gesichtern, ein Genie oder wie man ihn damals nannte, das Dämonenwunderkind. Er war der jüngste Stellvertreter des Bosses und das höchstrangige Führungsmitglied der Portmafia gewesen, den es je gegeben hatte.
Auch wenn Chuuya inzwischen Dazais Position innehatte, würde er niemals an das heranreichen, was dieser Mann geschafft hatte. Die Stärke des bandagierten Idioten war Strategie und diese beherrschte der Brünette perfekt. Andere gegen einander ausspielen und immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Dazai zu vertrauen, war das dümmste, was man machen konnte, aber das wurde Chuuya erst viel zu spät bewusst. Als sein Partner die Mafia ohne ein Wort verlassen hatte und einfach verschwunden war, hatte Chuuya das Gefühl gehabt, dass Dazai ihm einfach ein Messer in den Rücken gerammt hatte. Vielleicht um ihre Partnerschaft oder auch die unausgesprochene Freundschaft zwischen ihnen, einfach zu zertrennen. Es hatte funktioniert, Chuuya hatte sich nicht nur verraten gefühlt, nein, sondern auch zutiefst betrogen und das von dem einzigen Menschen, von dem er geglaubt hatte, dass er ihn wirklich verstand. Und mit der Erkenntnis, wie leichtgläubig er gewesen war, folgte nach der Verletztheit nur noch blanke Wut.
Und dennoch blieb da etwas tief in seinem Inneren versteckt, es war da, aber der Mafioso verbannte es in den tiefsten Winkel seines Herzens, in der festen Überzeugung, es würde irgendwann von allein verschwinden. Trotz ihrer offenen Abneigung füreinander, waren sie im Kampf ein unschlagbares Team gewesen, wo alle persönlichen Probleme nichts zu suchen hatten. Auch heute erinnerten sich die Menschen an das Duo, dass man nur als Double Black kannte und was immer nur Chaos und Zerstörung mit sich brachte. Jetzt hingegen, war das alles hinfällig geworden, schließlich standen beide auf unterschiedlichen Seiten und sich gegenseitig zu bekämpfen, war normal. Und dennoch war da wieder dieses stechende Gefühl in seiner Brust, das einfach nicht nachlassen wollte. Schnell schüttelte der Rothaarige den Kopf, für so was war nun wirklich keine Zeit, denn wie es schien, trennte Dazai sich gemeinsam mit dem Tiger-Jungen von der Gruppe. Was genau gesprochen wurde, konnte er nicht sagen, aber das war auch nicht nötig. Chuuya richtete sich auf, zog seinen Hut zurecht und folge den beiden unauffällig.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden Detektive stehen blieben, auch wenn Dazai desinteressiert war, spielte er seine Rolle wie üblich perfekt. Ein nettes Lächeln hier und freundlicher Kommentar da, alles nur, damit er den Leuten Honig ums Maul schmieren konnte. Ja, darin war Dazai besonders gut und Chuuya konnte die Demütigungen bis heute noch in seinem Kopf hören, manchmal träumte er sogar davon. Kurz schüttelte der Rotschopf den Kopf, um wieder klar denken zu können. Er sah zu, wie beide mit einer Lunchbox auf eine kleine freie Fläche zusteuerten und sich in den Schatten eines Baumes setzten. Stur hatte Chuuya das Ganze im Blick, etwas kochte in ihm hoch, etwas, dass er selbst nicht verstand. Jetzt tätschelte der Mistkerl dieser übergroßen Plüschkatze auch noch den Kopf? Wofür? Dieser Jungspund hatte doch überhaupt nichts getan, was Dazai dazu hätte verleiten können.
Chuuya legte sich selbst eine Hand auf die Brust und ballte diese fest zur Faust. Was hatte dieser Wertiger an sich, dass der sonst so gefühlskalte Dazai ihm offensichtliche Zuneigung schenkte? Wäre Akutagawa jetzt hier, würde er sich vermutlich genau dasselbe fragen. Auch er hatte lange um die Aufmerksamkeit seines ehemaligen Mentors gekämpft und wurde trotzdem nie von ihm gesehen. Chuuya ging es ähnlich, sie waren zwar Partner gewesen, aber ob Dazai ihn jemals ernsthaft wahrgenommen hatte, war zu bezweifeln. Plötzlich bemerkte der Mafioso, wie seine Fähigkeit wieder an die Oberfläche kommen wollte, er hielt sie gerade noch so zurück und sah sofort, dass Dazai den Kopf gehoben hatte. Blitzschnell war Chuuya in der Menge verschwunden, noch bevor dieser Vagabund ihn entdecken konnte.
Immer noch war er wütend und auch ein Stück verletzt, nur warum? „Mir doch egal, soll er machen, was er will oder mit wem. Es geht mich nichts an“, murmelte er leise und gereizt zu sich selbst als das Brennen in seiner Brust stärker geworden war. Dazai mit einem anderen Mann zu sehen und dann auch noch mit so einem Bengel, löste Mordgelüste in ihm aus. War er etwa eifersüchtig auf den Wertiger? Nein! Niemals! Er hatte gar keinen Grund eifersüchtig zu sein, schließlich hasste er Dazai aus tiefstem Herzen. Zumindest hatte er sich das immer fest eingeredet und was war dann dieser kleine Funke in seinem Herzen? Hoffnung auf etwas, dass er niemals haben konnte? Oder vielleicht Verzweiflung, weil er nicht wusste, wie man mit so was umging? Mit einer Hand rieb Chuuya sich über die Augen, sein Kopf begann zu schmerzen, aber er lief immer noch weiter, weg von Dazai und wahrscheinlich auch vor sich selbst.
Nicht weit entfernt von Chuuya, war Dazai aufgestanden und hatte Atsushi die halb leer gegessene Bento Box in die Hand gedrückt. „Nimmst du die bitte für mich mit zurück? Ich esse später weiter.“ Der Wertiger runzelte verwirrt die Stirn. „Stimmt etwas nicht?“ Dazai lächelte ihn höflich an und winkte locker mit einer Hand ab. „Ich will mich nur mal kurz umsehen, es wird nicht lange dauern. Aber bevor du hier verloren gehst, ist es sicher besser, du findest dich bei den anderen wieder ein. Ich komme dann nach.“ Mit diesen Worten drehte der Brünette sich um und verschwand in der Menge. Atsushi war verwirrt und besorgt zugleich, aber Dazai war eben Dazai, dieser Mann war nicht zu unterschätzen, also tat er, was von ihm verlangt wurde. Der Wertiger dachte nicht weiter darüber nach und machte sich auf den Rückweg zu den anderen Detektiven.
Dazai ließ sich von seinem Instinkt leiten, irgendwo hier in der Nähe musste er sein. Auch wenn er Chuuya nicht gesehen hatte, war er fest davon überzeugt, dass der rothaarige kleine Gnom sich in seiner unmittelbaren Umgebung befinden musste. Chuuyas Fähigkeit, die Gravitation vollständig zu kontrollieren war nicht nur stark und gefährlich, sie strahlte auch etwas aus, dass man fühlen konnte, wenn man sich direkt darauf konzentrierte. In all den Jahren der Zusammenarbeit, brauchte Dazai sich nicht die Mühe zu machen, auf so etwas zu achten, es war inzwischen Intuition gewesen. Die leichten Schwingungen in der Luft, und die fast zum Greifen nahe Anspannung, konnte nur bedeuten, dass Chuuya hier war und er war wütend. Nein, nicht nur wütend, da war noch mehr gewesen, was der Detektiv vielleicht als Frust oder sogar Schmerz beschreiben würde. Anscheinend war die hohe Herrschaft der Port Mafia, ihm schon eine Weile auf den Fersen gewesen. Das Seltsame daran war, dass Dazai rein gar nichts davon bemerkt hatte, obwohl er in seiner Wachsamkeit nie nach ließ. Entweder wurde er schlechter oder Chuuya immer besser, beide Optionen wären absolut indiskutabel.
Nach etwa 20 Minuten, fand Dazai endlich das Objekt seiner Suche. Sein ehemaliger Partner hatte sich von den vielen Menschen distanziert und lehnte, einige Meter weiter weg, an einem alten Kirschbaum. Wenn man genau hinsah, konnte man die unregelmäßige Atmung des Mannes erkennen, als wäre er gerade kilometerweit gerannt. Dazai lief direkt auf ihn zu und bemerkte die deutlich wachsende Anspannung in Chuuyas Körper. „Tz Tz Tz, was machst du jetzt wieder für einen Unsinn, Chibi? Hat es dir Spaß gemacht, mich zu beobachten? Mir ist deine Anwesenheit am Anfang zwar entgangen, aber inzwischen kann ich sie überdeutlich spüren. Es war so leicht dir zu folgen, deine Gravitation hinterlässt mir eindeutige Spuren, die mich direkt zu dir führen.“ Chuuya hob den Kopf nur ein Stück, aber das reichte schon aus, dass Dazai aufmerksamer und vorsichtiger wurde. In Chuuyas Augen brannte ein Feuer, geschürt durch Hass und Wut, bei diesem tödlichen Blick, hielt auch der sonst so selbstgerechte Detektiv etwas mehr Abstand als sonst.
„Verpiss dich“, fauchte der Rotschopf bissig und meinte es auch so. Er wollte Dazai jetzt nicht sehen, eigentlich wollte er ihn nie wieder sehen und er wollte dieses brennende Gefühl aus seiner Brust loswerden, dass ihn innerlich zu zerreißen drohte. Der Brünette holte hörbar Luft und hob die Hände in einer sich ergebenden Geste. „Chuuya, was auch immer mit dir los ist, denk daran, dass wir hier nicht allein sind.“ Jetzt grinste Dazai selbstgefällig und hob die Stimme zu einem amüsierten Ton. „Die armen unschuldigen Menschen, die nur hier sind, um sich der Schönheit der Kirschblüten hinzugeben. Es wäre frevelhaft, ihnen das zu nehmen. Sei vernünftig Chibi…“ Dazai konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Er wurde sofort durch eine starke und unsichtbare Druckwelle, ausgelöst durch Chuuyas Gravitation, einige Meter weit weg geschleudert, ehe er in einem der kleinen Bäche landete, die sich durch die gesamte Anlage zogen. „Ich bin nicht dein Chibi, du Bastard!“ Dazai richtete sich auf, er war komplett durchnässt und wurde von allen Seiten angestarrt. Chuuya hatte es wirklich geschafft ihn zu überraschen, dass war selbst für jemanden wie ihn neu.