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Unter der Oberfläche

Felix x Ingrid
von

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Intro

Felix Hugo Fraldarius konnte nie verstehen, warum sein Bruder oder sein Vater sich für jemand anderen geopfert haben. Warum sie das Leben einer anderen Person über ihr eigenes und ihre Familie gestellt hatten. Ebenso wenig hat er jemals seine wahren Gefühle darüber gezeigt. Die Trauer über den Verlust seines großen Bruders hat er tief in sich verschlossen. Irgendwann war diese Trauer zu Wut geworden. Eine Wut, die sein ganzes Wesen eingenommen hat, ihn angestachelt hat immer stärker zu werden. Die gleichzeitig zu einer Mauer geworden ist, um andere Menschen von ihm, seinem wahren Kern, fern zu halten. Doch diese Mauer war nicht so robust, wie er es sich einredete. Stück für Stück, Stein für Stein schafften es andere Menschen, Löcher in die Wand zu schlagen. Ingrid, Sylvain, die Professorin oder seine Klassenkameraden, was er niemals zugeben würde, und selbst der Keiler, auf den er seinen gesamten Hass projiziert hat. Kleine Lichtstrahlen schienen durch die Löcher der Mauer in das dunkle Innere, in dem sich ein trauriger und einsamer Junge verbarg.

 

Und am Tag der finalen Schlacht in Enbarr gegen Edelgard von Hresvelg sollte Felix endlich verstehen…

 

Erster Akt

Gemeinsam mit Ingrid und Ashe schlug Felix sich durch den Ostflügel des Palastes. Sie kümmerten sich um die blassen Magier, die die Kaiserin offenbar unterstützten und welche gleich von zwei Dämonenbestien flankiert wurden. Während der Schwertkämpfer schnell und präzise mit seiner Waffe voran preschte, unterstützten seine Mitschüler ihn aus der Luft und Distanz. Die Dämonenbestien wüteten unkontrolliert im Palast, zerstörten Säulen, Böden und Wände. Das ganze Gebiet wurde instabil. Kaum dass sie das zweite Monster endlich in die Knie gezwungen hatten, hörte Felix nicht nur Ingrid, sondern auch Ashe schreien. In diesem Teil des Palastes stand eine Balliste, von der ein riesiger Pfeil in Richtung des Pegasus abgefeuert wurde, auf dem Ingrid ritt. Sie konnte ausweichen, doch das Geschoss durchstieß die Steindecke und Trümmer fielen überall um sie herum zu Boden. Die Ritterin versuchte ihr Tier durch die fallenden Steine zu manövrieren, um zwischenzuladen. Doch nur eine kleine falsche Bewegung führte dazu, dass ein Stein den Pegasus am Kopf traf und er gemeinsam mit seiner Reiterin herab stürzte. Felix konnte nur dabei zusehen, wie Ingrid fiel und schließlich auf ihrem Reittier auf den Boden aufprallte.
 

Einen Moment blieb sein Herz beinahe stehen. Er war vollkommen machtlos als seine Freundin sich im freien Fall befunden hatte. War sie … tot? Das durfte sie nicht. Als sie ihren Oberkörper schwerfällig aufstützte und nach ihrem Speer Luín griff, entwich ihm ein erleichterter Laut. Doch er konnte sich keine Atempause erlauben, der Gegner war unerbittlich. Ein Faustkämpfer kam von hinten auf ihn zugesprungen. Felix brauchte nur einen Seitenschritt und einen Hieb mit seiner Waffe, um seinen Gegner zu besiegen. Mit einem schnellen Blick über die Umgebung versuchte er die Situation zu erfassen, doch er blieb bei einer Gruppe Axtkämpfer hängen, die seine gestürzte Kameradin als leichte Beute erachteten und ihren Angriff bereits starteten. Wenn Felix für etwas bekannt war, dann war es seine Schnelligkeit. Blitzschnell stürmte er voran, das Heft seines Schwertes fest mit beiden Händen umklammert und tanzte regelrecht von einem Angreifer zum nächsten, um sie auszuschalten.
 

„Felix!“, weit entfernt hörte er Ashe seinen Namen rufen. Als er sich zu der Stimme umdrehte, flog ein Pfeil knapp an seinem Gesicht vorbei, geschossen von seinem eigenen Kameraden. Der Schwertkämpfer folgte der Flugbahn des Pfeils, welcher den Soldaten der die Balliste erneute lud mitten in die Brust traf. Obwohl diese Gefahr abgewendet war, riss Felix die Augen auf, als er hinter dem gefallenen Soldaten eine Gruppe aus Bogenschützen entdeckte, die zu einem Pfeilregen ansetzten. Er drehte sich zu Ingrid, die auf dem Bauch lag und kaum aus den Trümmern heraus gekommen war. Der Pfeilregen war auf sie gerichtet.
 

Ohne weiter darüber nachzudenken, oder sich dem gar bewusst zu sein, rannte Felix erneut los. Sein Körper bewegte sich wie von selbst, als hätte er plötzlich gar keine Kontrolle mehr über sein Handeln. Die Bogenschützen schickten ihre Pfeile los, als Felix seine Kameradin gerade erreichte. Im Radius um die beiden herum schaffte der Schwertkämpfer es gerade so, die Pfeile abzuwehren, ohne dass Ingrid oder er von einem getroffen wurden. Einer der Schützen hatte ihn schließlich ins Visier genommen und traf mit einem gezielten Schuss seine rechte Schulter mit einem Pfeil. Warmes Blut floss aus der Wunde, doch das Adrenalin betäubte den Schwertkämpfer, der einen weiteren Pfeilregen auf die beiden zukommen sah. Aufgrund seiner Verletzung schaffte er es nicht, den zweiten Angriff vollständig abzuwehren. Pfeile trafen seinen rechten Oberarm, seine Seite und seinen Oberschenkel.
 

Um ihn herum war es laut und es herrschte Chaos, doch er nahm das alles nur sehr dumpf wahr. Ingrid lag direkt neben ihm auf dem Boden. Sie hatte eine Wunde von dem Sturz. Sie konnte nicht aufstehen, also mussten ihre Beine oder Füße verletzt sein. Er konnte nicht von hier weg, er konnte sie auch nicht tragen, denn das würde sie nur weiter in Gefahr bringen. Er blickte nach oben an die bröckelige Steindecke. Sein rechter Arm war kaum noch zu gebrauchen, weshalb er den linken Arm hob und eine Rune beschwor. Es fühlte sich an, als würde um ihn herum alles in Zeitlupe geschehen. Ein Blitz krachte in die Decke und ließ Gestein auf die Gruppe aus Bogenschützen regnen, die wenige Sekunden zuvor eine dritte Welle aus Pfeilen auf die beiden Ritter gesendet hatten. Felix ließ sein Schwert auf den Boden fallen und warf sich instinktiv mit seinem Körper auf Ingrid, um sie vor dem kommenden Angriff abzuschirmen. Er zog seinen Kopf ein und vergrub sein Gesicht an ihrem blonden Haar. Mit seinem linken Arm versuchte er ihre beiden Köpfe zu verdecken. Auf seinem Rücken trug er den Aegis Schild, der seit Generationen in seiner Familie weitervererbt wurde. In dieser Situation bot er ihm zumindest ein wenig Schutz, sodass die Pfeile seinen Rücken nicht durchbohren konnten.
 

Als die Einschläge verstummten, verharrte Felix noch einen Moment über seiner Kameradin, doch er spürte wie das Adrenalin abebbte. Bevor sein ganzes Gewicht auf sie fallen würde, rollte er sich mühsam auf die Seite und fiel neben ihr rücklinks auf den Boden. Schmerzen durchzogen seinen Körper, Blut floss aus seinen Wunden und sein Atem ging nur noch rasselnd. Seine Sicht begann zu verschwimmen. Er hörte das knackende Geräusch einer sich bewegenden Rüstung an seinem Ohr und drehte seinen Kopf langsam zur Seite – zu Ingrid. Ihre grünen Augen waren gefüllt mit Tränen, sie bewegte ihre Lippen, doch er konnte nicht hören, was sie sagte. Mit ihrer Hand versuchte sie sein Gesicht zu erreichen, doch die dunklen Ränder nahmen immer mehr von dem Bild vor sich, von seinem gesamten Sichtfeld ein. Wenige Sekunden später hatte die Bewusstlosigkeit ihn in vollkommene Finsternis gezogen – und dieses Mal fühlte er sich wie im freien, endlosen Fall.

Zweiter Akt

Ein Licht kämpfte sich durch die geschlossenen Augenlider des jungen Mannes. Es fiel ihm schwer, seine Augen zu öffnen, doch er nahm die Umgebung um sich herum langsam wieder wahr. Er roch frisches Gras und spürte eine kühle, angenehme Brise. Er hörte schnelle, raschelnden Schritte, die auf präzise Beinarbeit hindeuteten, gefolgt von einem bewussten Ausatmen und den Schwingungen einer Waffe. In seinem Rücken spürte er etwas Hartes, Ungleichmäßiges – ein Baum vielleicht?

Als Felix es endlich schaffte, seine Augenlider zu heben, blendete die Sonne ihn, sodass er diese gleich wieder zusammenkniff und gleichzeitig schützend seinen Arm über die Augen hielt.
 

„Ah. Die Schlafmütze ist endlich aufgewacht“, hörte er jemanden sagen – eine vertraute Stimme. Er ließ den Arm sinken, blinzelte ein paar Mal und dank des Schattens der Person, die er gerade gehört hatte, konnte Felix seine Augen endlich offen halten. Er blickte den jungen Mann, der vor ihn in die Hocke gegangen war, an. Einen Augenblick dachte er, er würde in einen Spiegel schauen. Sein Gegenüber sah genauso aus wie er, mit dunkelblauen, langen Haaren, die am Hinterkopf zusammengeknotet waren mit einzelnen Strähnen, die in sein Gesicht fielen und das blasse Gesicht, auf dem ein herausfordernder Blick lag, umrahmten. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen ihm und seinem Gegenüber war jedoch die Farbe der Augen. Sie waren blau, nicht rötlich wie die von Felix.
 

„Glenn?“, flüsterte der jüngere Fraldarius-Bruder kaum hörbar. Sein Gegenüber beginnt zu grinsen. „Ja, so heiße ich, kleiner Bruder“, antwortete Glenn und erhob sich aus der Hocke, um seine Arme über dem Kopf zu strecken. Felix betrachtete ihn in seiner vollen Größe. Er dürfte nicht älter als 18 sein. So hatte sein älterer Bruder ausgesehen, bevor er mit der königlichen Familie nach Duscur gereist war. „Lass uns reingehen, du hast schon genug gedöst. Ich kann dir eine von den Ritter-Geschichten vorlesen, die du so gerne magst. Oh soll ich dich Huckepack tragen?!“ Glenn zog ihn an seinen Händen auf die Füße und erst da bemerkte Felix, wie klein sein Körper eigentlich war. Er reichte Glenn gerade mal bis zum Bauchnabel.
 

Er verstand gar nichts, doch dass sein Bruder seine Hände hielt, bedeutete das, dass er real war? Oder bedeutete das…?

Ein stechender Schmerz zuckte durch Felix Kopf und er drückte seinen Handballen gegen seine Schläfe. Es war so als würde jemand von weit, weit weg seinen Namen rufen. Doch im nächsten Moment waren der Schmerz und die Stimme schon wieder verschwunden.
 

„Was ist hier los?“, murmelte der Jüngere und blickt seinen Bruder wieder an. Sie waren plötzlich auf Augenhöhe miteinander, er war kein Kind mehr. Er hatte die Größe seines eigentlichen Alters wieder angenommen. Was passierte hier nur?

„Du kannst nicht hier sein. Du bist tot“, sprach Felix weiter. Er sah ihm wieder ins Gesicht und Glenns Grinsen war einem traurigen Lächeln gewichen. „Und das heißt, ich bin ebenfalls tot“, schlussfolgerte der Ritter und musste diese Erkenntnis erstmal sacken lassen. Er sah sich in dem Garten um. Es war sein Zuhause im Herzogtum Fraldarius. Durch den runden Torbogen kämen sie in den Hof und von dort in die Burg, in der er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Außer ihm und Glenn war jedoch niemand hier und er verstand nicht, was das zu bedeuten hatte.

„Was ist das Letzte, an das du dich erinnern kannst?“, fragte Glenn und legte fragend den Kopf schräg. Felix runzelte die Stirn und betrachtete seine Hände. Es blitzte kurz vor seinen Augen und er sah seine blutigen Handschuhe. Er sah in Zeitlupe wie er sein eigenes Schwert zu Boden fallen ließ und sich zu Ingrid drehte.
 

„Ingrid“, murmelte der jüngere Bruder leise. Glenn schaute ihn interessiert an und wiederholte: „Ingrid?“.

„Sie wurde mit einem Pfeilhagel angegriffen. Und sie konnte nicht fliehen, weil sie vom Pegasus gestürzt ist. Ich bin zu ihr gerannt und habe die Pfeile abgewehrt. Aber dann wurde ich an der Schulter getroffen.“ Felix griff an seine rechte Schulter, die vollkommen unversehrt war. „Den nächsten Pfeilhagel konnte ich nicht mehr vollständig abwehren.“ Er berührte all die Stellen, an denen er durchbohrt worden war, an denen jedoch kein Blut klebte. „Ich habe die Decke über den Bogenschützen einstürzen lassen… doch sie hatten schon die nächsten Pfeile abgeschossen. Ich habe mich auf Ingrid geworfen, um sie…“ „Zu beschützen?“, beendete Glenn seinen Satz und lächelte diesmal ehrlich, beinahe stolz. Felix sah ihn an, die Augenbrauen zusammen gezogen. Es stimmte, er hatte sich über sie geworfen, um sie zu beschützen.
 

„Du hast ihr Leben gerettet. Das war sehr ehrenvoll von dir“, lobte Glenn ihn und legte seine Hand anerkennend auf seine Schulter. „Aber ich habe nichts Anderes von meinem kleinen Bruder erwartet. Ein ehrenvoller Ritter durch und durch, das liegt eben in der Familie.“

Binnen weniger Sekunden erfüllte Wut Felix Körper und er schlug Glenns Hand von seiner Schulter fort. „Rede doch nicht so einen Schwachsinn! Was weißt du schon über mich?! Du bist tot, du kennst mich nicht, nicht mehr! Ich bin mittlerweile älter als du überhaupt geworden bist“, brach es aus dem jüngeren Bruder aus und er begann schwer zu atmen.
 

„Beruhige dich, Felix. Wir können über alles reden“, versuchte sein Bruder sanft auf ihn einzureden, abermals eine Hand auf seine Schulter legend. „Sei still!“, spie Felix ihm entgegen, „Worüber soll ich mit dir reden?! Ich schere mich einen Dreck um dieses lächerliche Rittergetue. Das sind alles nur dämliche Geschichten. Ich bin stärker als alle anderen und das habe ich mir ganz alleine erarbeitet.“

„Ach, ist das so?“, fragte Glenn nonchalant und blickte ihn finster an, „Na das will ich sehen.“ Er zog seine Klinge aus der Scheide und machte ein paar Schritte zurück. „Große Töne spucken kann jeder. Zeig mir doch mal wie viel da hinter steckt, Mister Ich-will-kein-Ritter sein.“

Felix schluckte diesen Köder sofort. Sein Waffengürtel hing an seiner Hüfte, also zog er sein eigenes Schwert und stellte sich seinem Bruder entgegen. „Du solltest mich nicht unterschätzen, Glenn“, knurrte er. Die Wut legte sich wie ein Schleier um seine Augen, nein seinen gesamten Körper.
 

Die Fraldarius-Brüder stürmten gleichzeitig aufeinander zu. Metall krachte auf Metall während sie ihre Waffen immer wieder hieben und gegeneinander schlugen. Die Angriffe seines älteren Bruders waren zwar kräftig und hart, aber dafür war Felix flink und agil. Die beiden wechselten während ihres Duells nicht ein Wort miteinander. Je länger sie kämpften, desto mehr löste sich der Schleier Wut und hinterließ bloß den schnellen und präzisen Schwertkämpfer mit starken Angriffen, der seinem älteren Bruder ebenbürtig war – und dabei Freude empfand. Felix fing einen Hieb gekonnt ab und verpasste seinem Gegenüber einen Tritt in den Magen, der diesen mehrere Schritte nach hinten taumeln ließ.
 

Die Umgebung verschwamm plötzlich und zeigte statt des ruhigen Gartens ihres Zuhauses auf einmal ein brennendes Schlachtfeld. Der jüngere Fraldarius-Bruder blickte sich irritiert um.

„Eure Hoheit!“, schrie jemand und plötzlich stürmte Glenn in voller Rüstung an seinem Bruder vorbei. Dieser folgte ihm mit seinem Blick und konnte König Dimitri als kleinen Junge auf dem Boden sitzen sehen, gelähmt vor Angst vor dem Axtkämpfer, der sich vor ihm aufbaute und ihn zu erschlagen drohte.

„Glenn! Nein! GLENN!“, schrie Felix und streckte seine Hand nach seinem großen Bruder aus, doch er war nicht annährend in seiner Reichweite. Er musste dabei zu sehen, wie Glenn auf den kleinen Jungen zulief, um den Axtkämpfer abzuwehren, den zukünftigen König zu beschützen.
 

„Felix!“, aus der anderen Richtung rief jemand seinen Namen und ein Pfeil schoss dicht an seinem Gesicht vorbei. Wieder wechselte die Szene und er drehte sich in die Richtung, in die der Pfeil flog. Der Soldat an der Balliste kippte nach hinten über, die restlichen Bogenschützen setzen zu ihrem Pfeilregen an. Er sah Ingrid, die kaum von den Trümmern davon gekommen war und bäuchlings auf dem Boden lag.
 

Der Schwerkämpfer drehte sich wieder zu seinem Bruder um. Glenn war so weit weg, seine Hand würde ihn nicht erreichen und er würde nie wieder zurück kehren. Glenn war tot, schon lange und Felix musste ihn endlich loslassen, er musste sich auf das konzentrieren, was vor ihm lag.
 

„Ingrid“, hauchte er. Beide Hände fest um den Schaft seines Schwertes gepresst rannte er auf seine Freundin zu und machte sich bereit die Pfeile abzuwehren. Er nahm sich vor, es diesmal anders zu machen, kein Pfeil sollte ihn treffen.

Doch es wiederholte sich eins zu eins. Erst wurde er an der Schulter verletzt, dann trafen ihn weitere Pfeile und bevor er die Bogenschützen unter dem Schutt begrub, hatten sie ihren finalen Angriff auf den Weg gebracht. Erneut stürzte Felix sich auf Ingrid, um sie mit seinem Körper zu schützen und abermals wurde er von weiteren Pfeilen durchbohrt. Er rollte sich vorsichtig neben sie auf seinen Rücken und blickte in ihr Gesicht. Die grünen Augen mit Tränen gefüllt, flüstert sie: „Du hast mich gerettet, Felix. Danke.“ Ihr Körper wurde auf einmal von einem weißen Leuchten umhüllt. Sie schwand mehr und mehr. Das Leuchten löst sich in kleine, runde Lichtpartikel auf, die langsam in den Himmel schwebten und Felix konnte spüren, wie Tränen in seinen Augen brennen.
 

„Verstehst du jetzt, warum ich tun musste, was ich getan habe?“, fragte Glenn und bot seinem kleinen Bruder seine Hand an. Felix hob seinen Kopf leicht an, betrachtete den Mann, der ihm aufhelfen wollte und nahm die Hand an, um sich auf die Füße ziehen zu lassen. Alle Wunden waren wundersamerweise verschwunden, ebenso wie die Schmerzen. „Du hast dich vor Ingrid geworfen, um sie zu retten.“

„Was weißt du schon? Ich … mein Körper…“, stammelte der Jüngere.

„Hat sich von selbst bewegt, habe ich recht?“, beendet Glenn ein zweites Mal den Satz seines kleinen Bruders. Und er sprach weiter: „Du hast die Entscheidung unterbewusst getroffen, gar nicht nachgedacht, auch nicht über die Konsequenzen. Es war plötzlich egal, was mit dir selbst passiert, oder?“

Aus ungläubigen Augen starrte der Schwertkämpfer seinen großen Bruder an. Doch Glenn lächelte wissend und tätschelte Felix den Kopf. „Für Ingrid bist du bestimmt ein großartiger Ritter.“ Felix zischte, widersprach aber diesmal nicht. Glenns Hand rutschte von seinem Kopf auf seine Schulter und einen Augenblick später fand sich der jüngere Fraldarius-Bruder in einer festen Umarmung wieder. „Ich bereue meine Entscheidung nicht, aber es tut mir trotzdem leid, dass du niemanden gefunden hast, mit dem du dich messen konntest. Und dass mein Tod dich so wütend gemacht hat, dass du dich von allen abgekapselt hast. Du bist mein kleiner Bruder und ich habe dich immer über alles geliebt.“
 

Mit einem Mal wurde die Mauer vollkommen abgerissen und der kleine weinende Junge, der die Knie angezogen hielt und sein Gesicht an seinen Knien vergrub, der sich die ganze Zeit dahinter versteckt hielt, wurde in gleißendes Licht getaucht.
 

Tränen flossen unkontrollierbar über Felix Gesicht und er krallte sich an den Schultern seines älteren Bruders fest. Er weinte und schrie, wie er es noch nie in seinem Leben getan hatte. All die Trauer, die er über zehn Jahre in seinem Inneren vergraben hatte brachen hervor aus wie ein unaufhaltbarer Sturm. Doch Glenn war da und hielt ihn fest, bis Felix so erschöpft war, dass er im Arm seines großen Bruders einfach einschlief.
 

~
 

„Ich kann’s nicht glauben, dass Felix echt hier draußen eingepennt ist“, kicherte jemand um ihn herum und brachte den jungen Mann langsam aus seinem Schlaf zurück in die Realität. Er presste seine Augen zusammen und grummelte leise.

„Sylvain! Jetzt hast du ihn aufgeweckt“, zischt eine weitere Stimme. Damit war der erste Störenfried schon mal identifiziert.

„Ja und, du wolltest ihn doch sowieso aufwecken. Warum bin ich jetzt schuld?“

Felix schlug seine Augen auf und sah direkt in zwei vertraute Augenpaare. Die hellbraunen Augen, in denen ein belustigter Ausdruck stand, gehörten zu Sylvain, während das grüne Augenpaar zu Ingrid gehörte. Sie wirkte unentschlossen, ob sie ihn tadeln oder Verständnis zeigen sollte.

„Guten Morgen, Prinzessin“, begrüßte Sylvain ihn und erntete für diese Aussage direkt ein Knurren. Felix brauchte einen Moment, um sich zurecht zu finden. Er, nein sie alle trugen die Schuluniform der Garreg Mach Militärakademie. Der Schüler sah sich um. Keine Spur von Glenn oder einem Kampf oder Krieg. Was hatte das zu bedeuten?

„Alles in Ordnung, Felix? Du wirkst irgendwie neben der Spur“, fragte Ingrid und legte besorgt den Kopf schief.

„Ich hatte einen komischen Traum“, murmelte Felix ehrlich und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. Er streckte seine Arme aus und erhob sich dann langsam vom Gras.

„Schau mal, Dimitri hat uns auch schon gefunden. Wir sollten zu ihm gehen“, sagte Sylvain und steuerte unmittelbar auf den Torbogen zu, der ins Kloster führte. Ingrid folgte ihm, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
 

Felix entdeckte den Kronprinzen neben dem auch Byleth stand. Gedanklich fragte er sich, ob sie alle gestorben waren, ob sie den Krieg gegen das Kaiserreich verloren hatten und deshalb alle hier waren. War das hier der Himmel, in dem sie alle wieder zueinander finden sollten? Er verstand es nicht, vielleicht würde er das nie.

Plötzlich spürte er eine Hand zwischen seinen Schulterblättern. „Du solltest jetzt gehen, Felix.“

Eine weitere Hand berührte seine rechte Schulter. „Deine Freunde warten auf dich.“

Und eine dritte Hand berührte seine linke Schulter. „Wir sind so stolz auf dich, mein Sohn.“

Felix dreht sich um, doch dort stand niemand, der ihn berühren oder mit ihm sprechen konnte. Nur der Baum, an dem er offenbar geschlafen hatte und dessen Krone von einem Windzug durchgerüttelt wurde, sodass die Kirschblüten durch die Luft wirbeln.

Als er wieder nach vorne schaute, blickte er zuallererst auf seine Hände. Er konnte sie sehen, er war hier. All das ergab einfach keinen Sinn.
 

Zwei Hände umschlossen seine und als er aufsah, blickte er direkt in Ingrids smaragdgrüne Augen. Es blitzte kurz hell vor seinen Augen und er sah sie mit viel kürzeren Haaren, einer blutenden Wunde an der Stirn und Dreck im Gesicht, mit Tränen in den Augen. Doch im nächsten Augenaufschlag sah sie wieder ganz normal aus. Er drückte ihre Hände fest, was sie verdutzt den Kopf schief legen ließ. Dann tat er etwas sehr Untypisches für ihn: er zog sie näher an sich heran, um sie zu umarmen. Egal was das hier war, er hatte schon mal alles verloren, und wenn er sein Leben für ihres gelassen hatte, würde er sie niemals mehr in die Arme schließen können, also tat er es jetzt, wo er die Gelegenheit dazu hatte.
 

Die anderen beiden riefen nach ihnen. „Lass uns gehen“, sagte Ingrid, die ihre Finger mit seinen verschränkte. „Immerhin bist du spät dran.“ Sie lächelte und zog ihn mit sich zu ihren Freunden hinter denen ein leuchtend warmes Licht wartete.

Letzter Akt

Mit einem Strauß weißer Lilien in der Hand spazierte Ingrid durch die Flure des Klosters. Sie hatte Glück und ein Händler auf dem Markt verkaufte eine große Auswahl verschiedener Blumen. Derzeit herrschte viel Trubel im Kloster. Erst kürzlich wurde Byleth zur neuen Erzbischöfin ernannt, welche wiederum Dimitri zum König von Faerghus, oder eigentlich ganz Fódlan, gekrönt hatte. Sie waren siegreich aus dem Krieg gegen das Kaiserreich hervor gegangen, doch dabei hatten sie auch herbe Verluste erlitten.
 

Die Ritterin betrat den Außenbereich des Klosters und erreichte einen kleinen Hügel, den Byleth zur Gedenkstädte für alle gefallenen Kameraden ernannt hatte. Es war ein Denkmal errichtet worden, für all die „Helden“, die mit ihnen gekämpft, den Krieg jedoch nicht überlebt hatten.

Ingrid entdeckte Dimitri vor dem Denkmal, der scheinbar ebenfalls gekommen war, um die Toten zu betrauern. Schweigend trat sie neben ihn und senkte ihren Blick. Die Erinnerungen an die Kämpfe erschütterten sie noch immer und sie schaffte es nicht, ihre Tränen zurück zu halten.

„Entschuldigt bitte Eure Majestät“, schluchzte sie und wischt die heißen Tränen mit ihrem Handrücken von ihren Wangen.

„Du musst dich nicht entschuldigen, Ingrid. Es ist in Ordnung zu weinen“, versicherte er ihr und legt für wenige Sekunden seine Hand auf ihre Schulter. Sie nickte kaum merklich, dann zog sie eine Lilie aus ihrem Strauß und legte diese auf das Denkmal. Ihre Finger ruhten einen Moment auf dem kalten Gestein und sie erlaubte sich ihren ehemaligen Schulkameraden und all der Opfer zu gedenken.

„Ihr entschuldigt mich“, verabschiedete sie sich vom König und setzte ihren Weg mit dem Strauß Lilien im Arm fort, weiter in Richtung Krankenflügel.
 

Der Krieg war seit mittlerweile einem halben Jahr beendet. Die meisten Kriegsverletzten waren schon lange entlassen. Es lagen entweder Personen mit frischen Verletzungen in den Zimmern oder sogenannte Härtefälle. Auf ihrem Weg warf Ingrid einen Blick aus den Fenstern des Krankenflügels. Es war ein schöner Tag im Frühling. Die Bäume standen in voller Blüte in den Gärten und ihre Kronen wippten sanft im leichten Wind. Das idyllische Bild wurde jäh unterbrochen als eine Krankenschwester förmlich aus einem der Zimmer stürmte und eilig an ihr vorbei rannte.

Ingrids Beine trugen sie automatisch den Flur entlang, den Blick starr auf die halb geöffnete Tür gerichtet. Ihr Herz klopfte wild in ihrem Brustkorb und ihre Finger zitterten als sie die Hand ausstreckte, um nach der Tür zu greifen. Sie wusste genau, wer in diesem Zimmer lag. Wochenlang hatte sie an seinem Bett gesessen und gehofft, dass er aufwachte. Sie hatte zur Göttin gebetet. Es gab nur zwei Szenarien, die die Krankenschwester zu einem solchen Ausbruch bringen konnten – keine Grauzone, nichts dazwischen. Egal um welche Wahrheit es sich handelte, sie musste es herausfinden, sie durfte nicht warten.
 

Der Schritt in das Zimmer kostete Ingrid unheimlich viel Überwindung, selbst die Luft hatte sie angehalten als sie es betrat. Routiniert schweifte ihr Blick durch den Raum und blieb bei der Person auf dem Bett hängen. Das blaue Haare fiel über das Kissen und seine Schultern. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Doch das Wichtigste war sein Gesicht, seine Augen, seine offenen Augen.

Ein Schluchzen entflog Ingrids Kehle und sie ließ den Blumenstrauß achtlos auf den Boden fallen, um sich die Hand vor den Mund zu schlagen. Als er seinen Kopf in ihre Richtung neigte, überbrückte sie die letzten paar Schritte an seine Seite. „Felix“, flüsterte sie leise.

Er sah sie an, lange, ohne ein Wort zu sagen. Als er seine Lippen öffnete, bemerkte sie wie trocken und blass diese waren. Er brachte kein Wort heraus. Ingrid füllte einen Krug mit Wasser und half Felix beim Trinken. Seine Wunden waren schon längst verheilt, doch sich zu bewegen schien ihm schwer zu fallen. Zu ihrer Überraschung ließ er sich ohne Widerwillen helfen, um sich aufzusetzen und das Wasser zu trinken.

Sein Kehlkopf hüpfte kurz hoch als er sich räusperte. Etwas kratzig sprach er: „Tut mir leid … dass ich … spät dran bin.“

Ingrid verstand seine Worte nicht, doch sie waren der letzte Beweis dafür, dass er zurück war, am Leben, hier bei ihr. Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen – bei der Göttin sie hatte früher nicht annährend so viel geweint wie in den letzten sechs Monaten.

„Egal“, flüsterte sie als Antwort auf seine verwirrende Aussage, „Hauptsache, du bist wieder da.“
 

Sein Blick traf auf ihren und sie bemerkte ein Funkeln in seinen Augen, das sie noch nie zuvor gesehen hatte – und das sie auch nicht deuten konnte. Seine Wangen waren eingefallen und auch seine Muskeln mussten nach der langen Zeit im Bett verkümmert sein. Sechs Monate hatte er im Koma gelegen und sie hatte seine Seite seit dem Tag, an dem er ihr das Leben gerettet hatte, nicht ein einziges Mal verlassen.

„Schön, dass es … dir gut … geht“, brachte er abgehackt hervor. Ingrid lächelte schmal und blickte auf den Boden. „Nur dank dir… Wenn du nicht gewesen wärst dann…“ Dann wäre sie entweder an seiner Stelle oder sie wäre bereits tot. Doch das konnte sie nicht aussprechen. Sie hatte sich mehr als einmal gefragt, warum er so weit für sie gegangen war.

„Ich würde es wieder tun“, antwortete er. Sie wusste darauf nichts zu erwidern und konnte ihn nur mit geweiteten Augen anstarren. Kurz darauf wandte er jedoch seinen Blick ab und wenn sie sich nicht irrte, sah sie eine leichte Röte an seinen Ohren.
 

Ihr Gespräch, wenn man das so nennen konnte, wurde durch die Rückkehr der Krankenschwester unterbrochen, hinter der zusätzlich noch Erzbischöfin Byleth und König Dimitri den Raum betraten. Alle drei achteten penibel darauf, nicht auf den Blumenstrauß auf dem Boden zu treten. Um den dreien den Vortritt zu lassen, rutschte die Ritterin vom Bett weg, doch noch ehe sie aufstehen konnte, spürte sie Felix schwachen Griff nach ihren Fingern. Wieder sah er sie mit einem für sie undefinierbaren Glanz in den Augen an. Schweigend blickte sie auf diese Geste herab und rutschte dann wieder an das Bett heran.
 

Der Besuch von Byleth und Dimitri lief eher formell ab. Sie beide sahen dem Ritter an, dass er wohl kaum in der Verfassung war, Gespräche zu führen. Deshalb wies Byleth die Krankenschwester an, eine warme Mahlzeit für Felix zubereiten zu lassen – und nach einem intensiven Blickwechseln zwischen dem Ritter und Ingrid, dass man ein Feldbett in das Zimmer bringen sollte, für den Fall der Fälle.
 

Ingrid konnte nicht sagen wieso, aber sie spürte, dass Felix gerade nicht alleine gelassen werden wollte und sie würde ihn nicht alleine lassen. Sie würde an seiner Seite bleiben, zumindest bis er wieder genug Kraft hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Das war sie ihm schuldig.

Epilog

Weitere sechs Monate vergingen, in denen Felix wieder an Gewicht zunahm und nach und nach seine alte Form zurück gewann – und nicht nur das. Je mehr er seinen Körper stählte, desto überheblicher wurde er, was alle um ihn herum erfreut zur Kenntnis nahmen. Irgendwann hatte er sogar die Erzbischöfin mit dem frechen Vorwurf, dass ihre Schwertfähigkeiten durch ihre Aufgaben als Oberhaupt der Kirche eingerostet sein mussten, zu einem Schwertkampf herausgefordert. Das Duell hatte er zwar nicht gewonnen, doch es war ein knapper und faszinierender Kampf gewesen. „Etwas hat sich verändert, du hast dich verändert“, hatte Byleth lächelnd festgestellt, nachdem sie das Schwert wieder im Halter abstellte. Doch sie hatten nie weiter darüber geredet.
 

Fünf der sechs Monate hatte der Schwertkämpfer im Kloster verbracht. In all der Zeit war Ingrid ebenfalls dort, an seiner Seite, geblieben. Vor etwa vier Wochen waren die beiden gemeinsam zur Burg Fraldarius aufgebrochen, nachdem er sie darum gebeten hatte, ihn zu begleiten. Der Krieg hatte viele Opfer gefordert und theoretisch war er als letztes verbliebenes Mitglied seiner Familie nun das Oberhaupt. Er musste Dinge regeln.
 

So kam es dazu, dass die beiden nebeneinander durch die Flure der Burg spazierten. Felix ließ seinen Blick schweifen. Über den Garten, in dem er in seinem Traum – oder was auch immer das gewesen war – mit seinem Bruder zusammen gestoßen war. Das Gespräch, das er mit Glenn geführt hatte, ihr Kampf, all die Bilder aus der Vergangenheit, die Umarmung, seine eigenen Tränen, die er früher nie hatte weinen können, als das hatte sich so real angefühlt. Wenn er es versuchen würde zu beschreiben, dann würde er wohl sagen, dass sich ein Knoten gelöst hat und dass ihm das Atmen seitdem leichter vorkam.
 

Bislang hat er mit niemandem über diese Erfahrung gesprochen, nicht einmal mit Ingrid, die scheinbar gerade in früheren Erinnerungen schwelgte, denn als er einen Blick über die Schulter warf, sah sie sich lächelnd um. An diesem Ort hatte sich seit ihrer Kindheit nichts verändert. Ein Lächeln zupfte an seinem Mundwinkel, bis Ingrid ihn dabei ertappte, wie er sie anstarrte, und dabei ihren Kopf schräg legte. Trotz des Traums und auch in den vergangenen paar Monaten hatte Felix sich natürlich nicht komplett verändert. Er kämpfte wieder und war dabei Geschickt wie eh und je. Sein Selbstvertrauen hatte trotz der Zeit im Koma nicht nachgelassen und er provozierte gerne die eine oder andere Auseinandersetzung. Obwohl er nicht gut darin war, seine Gefühle in Worte zu fassen, zeigte er nach Außen mehr Zuneigung für diejenigen, die er liebte und die ihm wichtig waren – wie in diesem Moment. Genau das fiel seinem Umfeld vermehrt auf.
 

Unterbewusst hatte der Ritter seine Begleiterin zu dem großen Baum im Garten geführt. Ingrid legte ihre Hand auf den breiten, alten Stamm. Sie wirkte in diesem Moment etwas geistesabwesend, vermutlich schwelgte sie in einer Erinnerung, die sie tief in ihrem Inneren aufbewahrte. „Ich erinnere mich, wie wir hier waren, als Kinder“, murmelte sie leise, ließ ihn an ihren Gedanken teilhaben. Felix murmelte zustimmen: „Ich auch.“ Er drehte sich zu dem Stamm und fuhr die Rinde mit seinen Fingern ab. Irgendwo hatte er ein F in den Stamm geritzt, unter Anleitung von seinem Bruder, der ihm sein Schnitzmesser damals geliehen hatte. Als er die Einkerbung fand, lächelte er für einen kurzen Moment.
 

„Ingrid“, begann er und betrachtete ihr Profil, bis sie sich zu ihm drehte und fragend die Stirn kräuselte. Felix blickte in ihre smaragdgrünen Augen, dann blickte er auf seine Hände. „An dem Tag in Enbarr, als wir gegen die Kaiserin gekämpft haben, als du in Gefahr warst und ich-“

„Und du mich gerettet hast“, führte sie den Satz fort.

„Mein Körper hat sich einfach bewegte, einfach so. Ich konnte nicht zulassen, dass du stirbst. Ich wollte das nicht.“ Er blickte von seinen Händen gen Himmel. „Und mittlerweile habe ich verstanden wieso. Ich weiß jetzt, was ich will.“ Mit diesen Worten blickte er ihr wieder ins Gesicht. Sie sah ihn mit großen Augen und interessiertem Blick an. Irgendwann, als sein Schweigen sie nervös zu machen schien, schob sie eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und wandte so auch ihren Blick ab. „Und was willst du, Felix?“, flüsterte sie leise, um die Stille zu brechen.

Felix bildete sich ein, bei einem Blick über ihre Schulter seinen Bruder zu sehen, der ihm aufmunternd zunickte, eher er im nächsten Augenaufschlag schon wieder verschwunden war.

„Ich will an deiner Seite sein“, antwortete er entschlossen und ergriff ihre Hand. „Für den Rest meines Lebens“, fuhr er fort und blickte ihr wieder ins Gesicht. Ihre Augen weiteten sich und eine pfirsichfarbene Röte machte sich auf ihren blassen Wangen bemerkbar. Sie presste ihre Lippen zusammen und blickte verlegen zur Seite. „Ich weiß nicht… was ich sagen soll“, stammelte sie leise und verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Felix griff mit seiner freien Hand in seine Tasche, um einen feinen silbernen Ring herauszuholen. Er drehte ihre Hand und legte das Schmuckstück in ihre Handkelle.

„Wie wäre es mit Ja oder Nein?“, schlug er vor, den Blick auf den Ring gerichtet. Sie nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, um ihn genauer anzuschauen. Ein hellblauer Aquamarin in Form eines Tropfens war in ihn eingelassen. Er war schlicht und nicht allzu aufdringlich. „Er hat früher meine Mutter gehört“, flüsterte er leise.
 

„Felix…“, flüsterte sie zurück, doch dann verfiel sie ins Schweigen. Sie schwieg so lange, dass der Ritter sich mit jeder Sekunde unwohler fühlte. Es war nicht leicht für ihn, mit dieser Art von Gefühlen umzugehen oder sie gar in die richtigen Worte zu fassen. Er war noch nie so weit gegangen, hatte sich so weit aus seiner Schale heraus gewagt, wie mit seinem Geständnis und diesem Ring.

„Ein Nein ist auch okay, Ingrid“, warf er ein als sie ihm weiterhin nur stumm gegenüber stand.

„Nein“, antwortete sie prompt und unmittelbares Bedauern erfüllte Felix, spiegelte sich in seinem schockierten, verletzten Gesicht. Er hatte absolut keine Kontrolle über diese Gefühlsregung, dabei hatte er ihr diese Option doch sogar zweimal genannt.

„Nein, ich meine Ja!“, verbesserte Ingrid sich sofort und drückte seine Hand. Verwirrt runzelte er die Stirn. Sie nahm eine feste Stellung ein und räusperte sich. „Meine Antwort ist Ja“, stellte sie klar, „Ich will auch an deiner Seite sein. Für den Rest meines Lebens.“

Sie gab ihm den Ring und hielt ihm ihre linke Hand zittrig hin, damit er ihn über ihren linken Ringfinger schob. Als das Schmuckstück angelegt war, strich er sanft über ihre Fingerknöchel, um sie eine Sekunde später abrupt in eine feste Umarmung zu ziehen. Einen Arm schlang er um ihren Oberkörper, die andere Hand legte er auf ihren Hinterkopf, um sie an seine Schulter zu drücken.
 

Die Spannung, die sich in den wenigen Minuten ihres Gesprächs aufgebaut hatte, fiel von ihm ab und pure Erleichterung erfüllte seine Brust. Er atmete ihren herrlichen Duft ein, dann lockerte er seinen Griff. Als er sie ansah und ihr zartes Lächeln bemerkte, schlug sein Herz Purzelbäume. Ingrid legte ihre Hände auf seine Schultern und kam seinem Gesicht immer näher. Ihre Augenlider fielen zu, kurz bevor ihre Lippen auf seine trafen. Er blinzelte zweimal, schloss dann aber ebenfalls seine Augen, um sich dem Kuss hinzugeben.
 

~
 

Felix Hugo Fraldarius wusste nicht, wieso gerade er eine zweite Chance im Leben bekommen hatte. Und nicht nur das. Diese Chance hatte ihm auch ermöglicht, einen langen und tiefsitzenden Schmerz loszulassen und zu verstehen, welche Gefühle einen dazu brachten, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen.

Auch wenn er vieles noch nicht wusste, würde er es mit der Zeit bestimmt lernen – nicht zuletzt mit Ingrid an seiner Seite.



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Kommentare zu dieser Fanfic (6)

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Von: Swanlady
2025-07-19T08:16:41+00:00 19.07.2025 10:16
Ich glaube, ich werde nie genug von der subtilen Veränderung bekommen, die Felix im Spiel, aber auch hier durchmacht, hach. Er ist immer noch er selbst, aber es tut ihm und seinem Umfeld so gut, wenn er Menschen mehr an sich heranlässt und akzeptiert, dass es in Ordnung ist, Zuneigung zu zeigen – auf seine eigne Art, aber trotzdem. <3
Es passt so sehr zu ihm, dass er Ingrid genau sagt, was er möchte, es ihm aber trotzdem unangenehm ist. Und es wäre nicht FE3H, wenn es nicht eine Ring-Szene gäbe! :D Er hat mir ein wenig leid getan, als Ingrid ihn versehentlich so erschreckt hat, aber das hat die Szene schön aufgelockert. Sie sind letzten Endes beide doch ein wenig… verklemmt, aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin immer so zwiegespalten, denn am liebsten hätte ich unzählige romantische Szenen, aber dann wiederum passt das nicht zu ihnen… und auch nicht zur Grundstimmung der Geschichte, deren Kernpunkt etwas ganz anderes war. :) Bin trotzdem froh, dass du ihnen einen Kuss gegönnt hast. Das hat die Hoffnung und Zuversicht am Ende schön abgerundet.

Hab vielen, vielen Dank für diese tolle Wichtelgeschichte! Für eins meiner absoluten Lieblingspairings und so viele Felix-Gefühle. Du hast mich damit sehr glücklich gemacht! ♥
Von: Swanlady
2025-07-13T07:57:58+00:00 13.07.2025 09:57
Du wolltest mir im ersten Moment Angst einjagen, nicht wahr? Der plötzliche POV-Wechsel und dann auch noch Ingrids Tränen am Denkmal, haben mich befürchten lassen, dass Felix nicht überlebt hat. D: Ich war noch nie so erleichtert, das Wort ‚Krankenflügel‘ zu lesen!
Ab da war es auch absolut klar, was die merkwürdige ‚Traumwelt’ des letzten Akts war und ich wusste, das alles gut wird. <3 Ingrid muss sich ein halbes Jahr lang so viele Sorgen gemacht haben, während Felix die verstreichende Zeit überhaupt nicht gefühlt hat. Dass er sich trotzdem dafür entschuldig, so spät dran zu sein, was ein netter Touch und bedeutet natürlich so viel mehr. :‘) Er ist wieder da, aber seine Mauern sind es nicht mehr – und das spürt man total, es wärmt mein Herz.
Von: Swanlady
2025-07-12T11:19:15+00:00 12.07.2025 13:19
Hier kommt dann der erste WTF-Moment, mit dem ich nicht gerechnet hatte. :D Ich mag es sehr, dass überhaupt nicht klar ist, ob das eine Rückblende ist oder… etwas anderes, da Felix seine gegenwärtigen Erinnerungen hat. Man ist schon wieder einfach mitten im Geschehen.
Ich setze mich super gerne mit Glenn und seiner Beziehung zu Felix auseinander, denn er ist auch im Canon so eine präsente Person, obwohl er schon lange nicht mehr lebt. (Auch in Bezug auf Ingrid, oder dass er ein Bindeglied zwischen Felix und ihr sein kann… Oder in einem anderen Kontext Schuldgefühle auslösen könnte, die sie ihm gegenüber haben, wenn sie mit ihren Gefühlen kämpfen… Aber ich schweife ab, das war hier ja kein wirkliches Thema. Jedenfalls – Glenn, yay!)
Felix‘ Reaktionen sind so… typisch. Wie er wütend wird, wenn er seine Emotionen nicht im Griff hat. Wie er sich gegen den Gedanken wehrt, er könnte jemanden beschützen wollen. Wie leicht man ihn zu einem Kräftemessen herausfordern kann. Die Dynamik der Brüder stell ich mir ganz genau so vor. <3
Die vagen Übergänge zwischen den Dingen, von denen Felix nicht weiß, welche echt sind, sind so gut geschrieben. Ich glaube, das macht vor allem die Schnelligkeit und Flüssigkeit im Text, als würde eine Szene in die andere übergehen. Ich glaube, das waren meine Lieblingsstellen, auf die hat sich mein Gehirn absolut fixiert. :D
Dass es ausgerechnet Glenn ist, der Felix hilft, seine eigenen Gefühle zu verstehen, ist so passend. Die Brüder haben nie die Chance bekommen, sich auf diese Weise auszusprechen, das war wirklich ein sehr rührender Moment. Und es spielt in meinen Augen überhaupt keine Rolle, dass er nicht ‚echt‘ war – die Empfindungen und Erkenntnisse waren es. Mit einer finalen Geste überlässt Glenn Felix dessen Freunden… Die Symbolik ist so bedeutungsvoll. Und auch ein weiterer Hinweis für Felix, dass er in seinem Leben nicht nur Dinge verloren, sondern auch gewonnen hat – mitunter Ingrid, von der er nun endlich weiß, wie viel sie ihm bedeutet.
Hach. ♥
Von: Swanlady
2025-07-06T08:06:31+00:00 06.07.2025 10:06
Der erste Akt wirft einen direkt ins Geschehen. Mit ein paar Sätzen ist man direkt im Kampfchaos. Ich weiß nicht, wie leicht dir solche Szenen fallen, aber lese gerne welche, die dynamisch, aber nicht zu kompliziert sind, sodass man den Überblick verliert. Da hast du meinen persönlichen Geschmack richtig gut getroffen. :)
Felix hatte sie seinen klassischen Reaktion-vor-dem-Nachdenken-Moment, er ist nun ein wahrer Anime-Hauptcharakter! :D Aber im Ernst: dass er die Personen beschützt, die ihm wichtig sind, ist so eine wichtige Charakterentwicklung, die er im Spiel durchmacht, seine love language waren schon immer Taten.
Ich mochte es wirklich sehr, dass du seine magischen Fähigkeiten auf eine so kreative Weise genutzt hast, meistens sieht man ihn ausschließlich als Schwertkämpfer – das war sehr erfrischend.
Antwort von: SarahSunshine
10.07.2025 22:58
Es ist mir überraschend leicht gefallen diese Kampfszene zu schreiben, was vielleicht auch dem Fokus auf einen Charakter zu verdanken ist 😄
Und ich mein, du sagst es schon "wahrer Anime-Hauptcharakter", aber da bin ich schon etwas von BNHA geprägt 😅 hat aber in diesem Moment super gepasst.
Ich habe ihn mir an der Stelle auch als Totenpriester vorgestellt, aber ich hatte irgendwie nicht die richtige Stelle drin, in der ich das erwähnen konnte.
Von: Swanlady
2025-07-05T12:03:36+00:00 05.07.2025 14:03
Ich hatte diesmal beim Wichteln ein ziemlich gutes Gespür dafür, wer mich beschenken wird – und ob du es glaubst oder nicht, hab ich auch auf dieses Pairing getippt, haha. Es war sehr befriedigend, damit ins Schwarze zu treffen, haha. Das Cover hat es mir auch gleich bestätigt (nein, eigentlich waren es schon die Songs, die ich mir anhören sollte, als würde ich sie nichts längst auswendig kennen… das allein hat mich schon furchtbar amüsiert! :D).
Jedenfalls war das Intro schon mal ein guter Auftakt, der grob umrissen hat, worum es in der Geschichte gehen wird. Und ich bin immer so gespannt auf Felix‘ Gefühlswelt und seine Gedanken, weil du sie so gut darstellen kannst und sie verstehst. <3 Ich habe seine POV also rundum genossen!
Antwort von: SarahSunshine
10.07.2025 22:55
Was für ein Zufall :D ich bin immer sehr dazu hingezogen, dir dein aktuelles Lieblingspaar zu schreiben 😁 egal wie sehr ich mich dadurch verrate 😂
Und ja Felix ist besonders zu schreiben. Ich hatte da ein paar gewisse Vibes, aber das merkt man vor allem später.
Von:  Pureya
2025-06-30T01:05:21+00:00 30.06.2025 03:05
Awwwww! Endlich mal eine Fanfic zu Three Houses und dann auch noch zu meinen Blue Lions! <3
Hab die Geschichte sehr genossen und dabei immer wieder kurze Zwischensequenzen wie im Spiel im Kopf gehabt. Also sehr Charakter- und Spielgetreu geschrieben! Bin sehr begeistert von den Zeitsprüngen und der kurzen Implizierung, dass die ganze Sache gar nicht gut für Felix ausgegangen ist. Wirklich sehr schöne Ausführung und vielen Dank dafür!
Antwort von: SarahSunshine
30.06.2025 09:22
Vielen lieben Dank Pureya! Ich freue mich sehr, dass ich die Charaktere und die Welt so gut eingefangen habe.

Da die blauen Löwen meine Lielingsklasse sind, findest du in meinen Fanfictions noch ein paar andere Geschichten zu bestimmten Charakteren aus der Klasse :)


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