Mytharia – Ein Reich voller Geheimnisse
Im tiefen Wald, wo Goblins hausen gern,
Da traf ein Goblin Winnie Pooh, so fern.
Ein Paar, so sonderbar und doch so rein,
Brachte Glücksbärchen in die Welt hinein.
Der Goblin, unerwartet, ein Vater so gut,
Beschützte seine Kinder mit Herz und Mut.
Der grüne Bär wuchs glücklich auf,
nannte sich Glücksbärchen, stolz und brav.
Seine Schwester, gelb wie die Mutter war,
Wurde Sonnenscheinbärchen, so wunderbar.
Schmusebärchen kam bald hinzu,
Ergänzte die Familie, im Handumdrehn im Nu.
Fünfzig und neun Kinder, voll Glück und Lachen,
Wuchsen auf, stets mit frohen Sachen.
Am Vatertag feiern sie, Hand in Hand,
Den Goblin-Vater, der Liebe fand.
Ein Vater, der mit Liebe und Herz,
Seine Kinder beschützt, auch im Schmerz.
Der Goblin und Winnie, ein Paar so fein,
Schufen eine Familie, so groß und rein.
Der König der Diebe sagt das Zauberwort zum sprechenden Hühnerfilet
Es ist ein normaler Tag.
Naja – zumindest in dem Dorf Gobheim, tief im Königreich Terranera.
Die Goblins verbreiten sich immer weiter, schneller als je zuvor. Deshalb sprach der König einst ein Machtwort. Für viele klang es wie ein Zauberspruch, schwer und bedeutungsvoll:
„Wir erweitern unser Land.“
Mit diesen Worten befahl er seinen Anhängern, in das Königreich Tammireich zu marschieren und das Land Glitzermoor einzunehmen. Der Feldzug verlief überraschend leicht. Kaum Widerstand, kaum Verluste. Schon bald konnten viele Bewohner aus Gobheim nach Glitzermoor auswandern.
Dort, unter der Führung von Darius, begann für viele ein neues Leben.
Doch unsere Geschichte handelt nicht von ihnen.
Sie handelt von einem Geschwisterpaar, das mit seiner Familie in Gobheim blieb.
Ein ruhiges… und zugleich verwüstetes Dorf.
Die Hütten standen schief zwischen verdorrten Bäumen. Sie waren gebaut aus Knochen, Lehm und zusammengeflickten Blättern. Schädel dienten als Verzierungen, Rippen als Dachbalken. Zwischen den Häusern zogen sich schlammige Wege, auf denen fauliges Wasser stand. Ein ständiger Geruch von Moder und Rauch lag in der Luft.
Und doch war es für die Goblins ein Zuhause.
Das Geschwisterpaar jedoch war alles andere als gewöhnlich.
Schon ihre Herkunft war seltsam:
Ihre Mutter soll ein gelber, sprechender Bär gewesen sein. Eine Geschichte, die viele für einen schlechten Witz hielten – und doch erklärte sie einiges.
Der große Bruder hatte dichtes, braunes Fell, spitze Ohren und leuchtend grüne Augen. Trotz seiner kräftigen Statur wirkte er nicht bedrohlich, sondern eher neugierig und wachsam.
Seine kleine Schwester hatte wirres, grünes Haar, das in zwei wilden Zöpfen abstand, und große, warme Augen. Oft trug sie ein kleines Stofftier bei sich – etwas, das unter Goblins völlig unüblich war.
Doch das eigentliche Problem war nicht ihr Aussehen.
Sondern ihr Verhalten.
Diese beiden – oder wie die anderen sie spöttisch nannten: Kobolde – waren viel zu nett.
Sie teilten ihr Essen.
Sie halfen anderen.
Und schlimmer noch:
Sie sagten „bitte“ und „danke“.
Für Goblins war das eine der größten Schanden überhaupt.
So etwas machte einen schwach. Angreifbar. Anders.
Und anders zu sein war gefährlich.
Ihr Vater wusste das.
Also wandte er sich an jemanden, den man nur im Notfall rief.
„Großes, weißes, sprechendes Hühnerfilet…“
begann er und versuchte dabei, so höflich wie möglich zu klingen.
„Tu etwas gegen dieses Grauen, bevor noch größeres Unheil über uns kommt.“
Der Angesprochene war ein Vasall des Königs – und damit die höchste Autorität, an die sich einfache Goblins wenden konnten.
Sein Körper war bleich und seltsam glatt, fast wie rohes Fleisch. Daher auch sein Spitzname: Hühnerfilet. Hinter vorgehaltener Hand wurde er so genannt – offen auszusprechen wagte es kaum jemand.
Er war ein Diener des Königs.
Und wenn er erschien, bedeutete das selten etwas Gutes.
Die Maus auf Reise begegnet einem Monster aus Nuggets
Der Tag ihrer Verbannung begann überraschend freundlich.
Ihr Vater lächelte.
Das allein hätte ihnen schon verdächtig vorkommen sollen.
„Es ist nur ein kleines Abenteuer“, sagte er und klopfte seinem Sohn unbeholfen auf die Schulter. „Ihr geht ein Stück in den Wald. Bis zur großen Palme.“
„Palme?“, fragte die Schwester und blinzelte. „Was ist das?“
Der Vater zögerte kurz.
„Ein… Baum“, sagte er schließlich. „Ein sehr guter Baum.“
Das klang überzeugend genug.
„Und dann?“, fragte sie weiter.
„Dann holen wir euch wieder ab“, sagte er schnell. „Ganz bestimmt.“
Er sagte es so schnell, dass es fast klang, als wolle er sich selbst davon überzeugen.
Die beiden nickten.
Sie waren viele Dinge.
Aber misstrauisch gehörte nicht dazu.
Also gingen sie los.
Hand in Hand, tiefer hinein in den Wald, als sie je zuvor gewesen waren.
Der Wald wurde dichter.
Die Bäume höher.
Das Licht weniger.
Und irgendwann hörten die vertrauten Geräusche von Gobheim auf.
Keine streitenden Nachbarn.
Kein Klirren von Knochen.
Nicht einmal das entfernte Fluchen eines Goblins, der über seine eigenen Füße gestolpert war.
Nur noch Stille.
„Glaubst du, die Palme ist groß?“, fragte die Schwester leise.
Plötzlich war da ein Rascheln.
Direkt neben ihnen.
Die Schwester zuckte zusammen und drückte seine Hand fester.
„Hallo?“, rief der Bruder vorsichtig.
Etwas schoss aus dem Gebüsch.
Die beiden erstarrten.
Es war eine Maus.
Aber… größer.
Viel größer.
Fast so groß wie ein kleiner Hund, mit zerzaustem Fell und hektisch zuckenden Schnurrhaaren.
Und sie sah aus, als hätte sie gerade einen sehr schlechten Tag.
„Nicht da lang!“, keuchte die Maus.
„Was?“, fragte die Schwester.
„Da lang!“, rief die Maus erneut und deutete wild in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. „Geht da nicht hin!“
„Warum?“, fragte der Bruder.
Die Maus riss die Augen auf.
„Weil ich da war!“, piepste sie. „Und ich gehe da nie wieder hin!“
Die Schwester trat einen kleinen Schritt näher.
„Was hast du gesehen?“
Die Maus schluckte.
„Ein Monster“, flüsterte sie.
Kurze Pause.
„Aus Chicken Nuggets.“
Stille.
Der Bruder blinzelte.
Die Schwester blinzelte auch.
„Aus… Nuggets?“, wiederholte sie vorsichtig.
Die Maus nickte heftig.
„Mit Augen! Und… und einer Soße! Überall Soße!“
Das machte es nicht besser.
„Es hat mich angesehen“, fuhr die Maus fort. "Als wäre es hungrig"
Die Schwester zog langsam die Augenbrauen zusammen.
„Hungrig?“, fragte sie.
Der Bruder sah sie an.
Sie sah ihn an.
Beide dachten exakt dasselbe.
Die Maus bemerkte das.
„Nein“, sagte sie sofort. „Nein, nein, nein. Ihr versteht das falsch. Ihr seid das, was es essen will!“
Kurze Pause.
„Glaube ich.“
Das machte es… nur ein kleines bisschen beruhigender.
„Wir wollen es sehen“, sagte der Bruder schließlich.
Die Maus erstarrte.
„Was?“
„Nur kurz“, fügte die Schwester hinzu. „Wir schauen es uns an. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm.“
Die Maus starrte sie an
„Ihr seid verrückt“, flüsterte sie.
„Wir sind neugierig“, korrigierte der Bruder.
Das war der Moment, in dem die Maus endgültig aufgab.
„Ich war nie hier“, murmelte sie.
Dann drehte sie sich um und rannte davon.
„Bestimmt“, sagte der Bruder.
„Sonst würde man sie ja nicht finden.“
Das war eine sehr logische Antwort.
Sie gingen weiter.
Schritt für Schritt.
Hoffnungsvoll.
Ein bisschen hungrig.
Und völlig ahnungslos.
Plötzlich war da ein Rascheln.
Direkt neben ihnen.
Die Schwester zuckte zusammen und drückte seine Hand fester.
„Hallo?“, rief der Bruder vorsichtig.
Etwas schoss aus dem Gebüsch.
Die beiden erstarrten.
Es war eine Maus.
Aber… größer.
Viel größer.
Fast so groß wie ein kleiner Hund, mit zerzaustem Fell und hektisch zuckenden Schnurrhaaren.
Und sie sah aus, als hätte sie gerade einen sehr schlechten Tag.
„Nicht da lang!“, keuchte die Maus.
„Was?“, fragte die Schwester.
„Da lang!“, rief die Maus erneut und deutete wild in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. „Geht da nicht hin!“
„Warum?“, fragte der Bruder.
Die Maus riss die Augen auf.
„Weil ich da war!“, piepste sie. „Und ich gehe da nie wieder hin!“
Die Schwester trat einen kleinen Schritt näher.
„Was hast du gesehen?“
Die Maus schluckte.
„Ein Monster“, flüsterte sie.
Kurze Pause.
„Aus Chicken Nuggets.“
Stille.
Der Bruder blinzelte.
Die Schwester blinzelte auch.
„Aus… Nuggets?“, wiederholte sie vorsichtig.
Die Maus nickte heftig.
„Mit Augen! Und… und einer Soße! Überall Soße!“
Das machte es nicht besser.
„Es hat mich angesehen“, fuhr die Maus fort. "Als wäre es hungrig"
Die Schwester zog langsam die Augenbrauen zusammen.
„Hungrig?“, fragte sie.
Der Bruder sah sie an.
Sie sah ihn an.
Beide dachten exakt dasselbe.
Die Maus bemerkte das.
„Nein“, sagte sie sofort. „Nein, nein, nein. Ihr versteht das falsch. Ihr seid das, was es essen will!“
Kurze Pause.
„Glaube ich.“
Das machte es… nur ein kleines bisschen beruhigender.
„Wir wollen es sehen“, sagte der Bruder schließlich.
Die Maus erstarrte.
„Was?“
„Nur kurz“, fügte die Schwester hinzu. „Wir schauen es uns an. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm.“
Die Maus starrte sie an
„Ihr seid verrückt“, flüsterte sie.
„Wir sind neugierig“, korrigierte der Bruder.
Das war der Moment, in dem die Maus endgültig aufgab.
„Ich war nie hier“, murmelte sie.
Dann drehte sie sich um und rannte davon.
Nacht? Berliner Luft bei der letzten Bratwurst
Die Geschwister gingen immer tiefer den Waldweg entlang, bis selbst die Sonne hinter den krummen Bäumen verschwand und nur noch schwaches, bläuliches Licht durch die Äste fiel. Zwischen den Sümpfen kroch Nebel über den Boden, und irgendwo in der Ferne rief ein Tier, das sich vermutlich gerade über etwas beschwerte oder jemanden fraß. In Gobheim war das manchmal schwer zu unterscheiden.
Die kleine Schwester zog vorsichtig am Ärmel ihres Bruders.
„Wir laufen schon ziemlich lange“, murmelte sie leise. „Glaubst du wirklich, dass dieses Monster böse ist?“
Ihre Stimme klang unsicher, und genau das war ungewöhnlich. Goblins machten sich normalerweise keine Sorgen. Wenn ein Problem auftauchte, löste man es. Und wenn man es nicht lösen konnte, war meistens jemand anderes das Problem gewesen.
Doch die beiden waren anders.
Sie kümmerten sich um andere Wesen. Sie hatten Mitgefühl. Und genau das war vermutlich einer der Gründe, weshalb man sie überhaupt erst fortgeschickt hatte.
„Außerdem habe ich Hunger“, fügte sie hinzu und hielt sich den Bauch. „Mama und Papa suchen uns bestimmt schon. Vielleicht sollten wir langsam zurückgehen.“
In diesem Moment knurrte der Magen ihres Bruders so laut, dass mehrere Vögel erschrocken aus den Bäumen aufflogen. Er rieb sich peinlich berührt über den Bauch und nickte langsam.
„Du hast wahrscheinlich recht“, gab er zu. Dann blickte er tiefer in die Dunkelheit des Waldes. „Aber ich wollte der kleinen Maus helfen. Vielleicht ist dieses Monster gar kein Monster. Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis.“
Er dachte kurz nach.
„Und Missverständnisse sollte man klären.“
Die Schwester nickte sofort zustimmend. Das klang für sie nach einer sehr vernünftigen Idee.
Also gingen sie weiter, Schritt für Schritt, bis plötzlich ein seltsames Geräusch zwischen den Bäumen ertönte. Ein Quietschen. Danach lautes Kauen. Die beiden blieben augenblicklich stehen.
Vorsichtig schoben sie einige Äste auseinander und spähten durch das Gebüsch.
Und dort saß es.
Das Monster.
Oder zumindest etwas, das vermutlich ein Monster sein sollte.
Es war rundlich und vollständig mit knuspriger, gold-grüner Panade bedeckt, als hätte jemand ein Huhn genommen und beschlossen, es sehr aggressiv zu würzen. Kleine Krümel rieselten ständig von seinem Körper, sobald es sich bewegte. Seine kurzen Flügel flatterten hektisch durch die Luft, obwohl sie viel zu klein wirkten, um tatsächlich fliegen zu können.
Mitten im Gesicht saßen zwei riesige Augen, die gleichzeitig hungrig, wütend und leicht verwirrt aussahen. Darunter befand sich ein schnabelartiger Mund voller kleiner, überraschend scharfer Zähne — etwas, das niemand bei einem Wesen erwartete, das aussah wie ein paniertes Abendessen.
Vor dem Wesen knisterte ein kleines Lagerfeuer, über dem der Duft gebratener Wurst hing.
„DAS IST MEINE BRATWURST!“, schrie das Wesen plötzlich in die Dunkelheit des Waldes.
Seine Stimme hallte so laut zwischen den Bäumen wider, dass mehrere Schattenwesen erschrocken davonhuschten. Langbeinige Kreaturen mit zu vielen Augen und schiefen Mäulern verschwanden hastig im Nebel.
Der Bruder blinzelte langsam.
„Es ist irgendwie süß.“
Das Wesen fuhr empört herum.
„ICH BIN DER SCHRECKEN DER NACHT!“
In genau diesem Moment fiel ein kleines Stück Panade von seinem Kopf direkt ins Lagerfeuer.
Die Schwester lächelte vorsichtig.
„Du knisterst beim Schreien.“
Das Wesen wirkte zutiefst beleidigt.
Nun bemerkte es die beiden erst richtig und sprang erschrocken auf. Sofort drückte es seine Bratwurst fest an sich, als hätte es Angst, man wolle sie ihm stehlen.
„Ihr bleibt weg von meiner letzten Bratwurst!“, fauchte es misstrauisch und biss vorsichtig hinein.
Die Schwester trat langsam aus dem Gebüsch hervor.
„Du hättest die Maus nicht erschrecken sollen“, sagte sie ernst.
Der Bruder kam direkt hinterher.
„Genau. Sie hatte große Angst vor dir.“
Das Nuggetwesen sah die beiden verwirrt an.
„Ich habe gar nichts gemacht!“, verteidigte es sich sofort. „Ich sitze hier nur und esse!“
Und fairerweise musste man zugeben, dass das stimmte.
Für die meisten Wesen sah das Nuggetmonster zwar aus wie etwas, das nachts aus Albträumen kroch, doch die Geschwister kamen aus Gobheim. Dort sah fast jeder aus wie ein persönlicher Fehler der Natur. Im Vergleich dazu wirkte dieses Wesen beinahe freundlich.
Die Schwester setzte sich vorsichtig an das Feuer.
„Wie heißt du eigentlich?“
Das Wesen blinzelte überrascht.
„Ihr… wollt meinen Namen wissen?“
Die beiden nickten gleichzeitig.
Das Monster richtete sich ein kleines Stück auf und räusperte sich stolz.
„Mein Name ist Berliner Luft.“
Kurz wurde es still.
„Das ist ein seltsamer Name“, sagte der Bruder ehrlich.
„Danke“, antwortete Berliner Luft zufrieden.
Die Schwester verstand zwar nicht ganz, warum das ein Kompliment gewesen sein sollte, lächelte aber trotzdem höflich.
Berliner Luft blickte traurig auf die letzten Reste seiner Bratwurst.
„Leider war das meine letzte“, seufzte er. „Aber wenn ihr mir helft, neue Zutaten zu sammeln, können wir gemeinsam essen.“
Die Augen der kleinen Schwester begannen sofort zu leuchten.
„Das klingt wunderbar!“
Sie drehte sich begeistert zu ihrem Bruder.
„Siehst du? Neue Freundschaften!“
Dann legte sie beide Hände auf ihren Bauch.
„Und außerdem habe ich wirklich sehr großen Hunger.“
Der Bruder nickte zustimmend, während das Lagerfeuer ruhig vor sich hin knisterte und irgendwo zwischen den dunklen Bäumen mehrere Schattenwesen beschlossen, heute lieber nichts mehr zu jagen.
Nicht wegen der Goblins.
Sondern wegen Berliner Luft.
Menschlich wie ein Letter to Dana über die geheimnisvolle Bratwurst
Am nächsten Morgen saßen die drei gemeinsam am Lagerfeuer. Dünner Rauch stieg zwischen den dunklen Bäumen auf, während irgendwo im Wald ein Tier schrie, das vermutlich gerade entdeckt hatte, dass es selbst das Frühstück eines anderen Tieres war.
Berliner Luft betrachtete traurig ein einzelnes angebranntes Zwiebelstück, das neben der erkalteten Feuerstelle lag. Er sah es an, als hätte er gerade einen engen Freund verloren.
„Ohne Zutaten“, sagte er dramatisch, „gibt es keine Bratwurst.“
Die Schwester nickte sofort mitfühlend.
„Das ist schrecklich.“
„Es ist schlimmer“, korrigierte Berliner Luft mit ernster Stimme. „Es ist tragisch.“
Der Bruder wusste zwar nicht genau, wo der Unterschied lag, nickte aber trotzdem höflich. Das schien in solchen Momenten angebracht zu sein.
Dann standen die Geschwister gleichzeitig auf.
„Wir helfen!“, sagten sie entschlossen.
Berliner Luft starrte sie an. Seine riesigen Augen wurden langsam feucht.
„Noch nie“, flüsterte er ergriffen, „hat mir jemand freiwillig bei der Zutatensuche geholfen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Normalerweise rennen alle weg.“
Das überraschte die Geschwister ehrlich gesagt kein bisschen.
Das eigentliche Problem war jedoch, dass niemand von ihnen wusste, wie man Bratwürste herstellte.
„Vielleicht wachsen sie irgendwo“, schlug die Schwester vorsichtig vor.
„Das wäre effizient“, fand ihr Bruder sofort.
Berliner Luft schüttelte traurig den Kopf.
„Nein“, sagte er niedergeschlagen. „Ich habe überall gesucht.“
Kurze Pause.
„Sogar hinter Steinen.“
Die Geschwister waren beeindruckt. Das klang ausgesprochen gründlich.
Gerade wollte der Bruder einen neuen Vorschlag machen, als plötzlich etwas durchs Gebüsch hoppelte.
Ein kleiner Hase.
Zumindest sah er ungefähr aus wie ein Hase.
Er war dünn, nervös und trug einen viel zu großen Rucksack voller Karotten auf dem Rücken. Außerdem blickte er sich alle paar Sekunden panisch um, als würde ihn die Realität persönlich verfolgen.
„Hab ich Wurst gehört?!“, quietschte er plötzlich.
Berliner Luft sprang sofort begeistert auf.
„JA!“
Der Hase erschrak so sehr, dass er beinahe rückwärts gegen einen Baum fiel.
„Nicht so laut!“, flüsterte er hektisch. „Er könnte euch hören!“
Die Schwester legte verwirrt den Kopf schief.
„Wer?“
Der Hase trat näher.
Viel näher, als angenehm gewesen wäre.
Dann flüsterte er mit ernster Stimme:
„Der Mensch.“
Stille breitete sich aus.
Der Bruder blinzelte.
„Was ist ein Mensch?“
Der Hase sah ihn entsetzt an.
„Nur das gruseligste Wesen des gesamten Waldes!“
Berliner Luft verschluckte sich fast an seiner eigenen Panade.
Der Hase nickte hektisch weiter.
„Er lebt allein tief im Wald. In einem riesigen Haus voller Fleisch.“
Die Geschwister sahen sich kurz an.
„Das klingt lecker“, sagte die Schwester vorsichtig.
„NEIN!“, quietschte der Hase entsetzt. „Das klingt nach TOD!“
Kurze Pause.
„Und nach Gewürzen.“
Sofort wurde Berliner Luft aufmerksam.
„Gewürze?“
Der Hase nickte nervös.
„Der Mensch redet ständig über Fleisch. Über Würste. Über Räuchern, Braten und Einlegen.“
Er schluckte schwer.
„Und er führt Selbstgespräche.“
Jetzt wurde es still.
Sogar die Schattenwesen zwischen den Bäumen wirkten plötzlich leicht irritiert.
Der Bruder hob vorsichtig eine Augenbraue.
„Wie viele Selbstgespräche?“
Der Hase begann sichtbar zu zittern.
„Alle.“
Die Schwester runzelte verwirrt die Stirn.
„Was meinst du mit alle?“
Der Hase holte tief Luft.
„Er redet morgens mit Fleisch. Mittags mit Würsten. Abends mit Soßen. Und nachts…“
Er machte eine dramatische Pause.
„…liest er endlose Gedichte über die Göttin Dana vor.“
Berliner Luft wich erschrocken einen ganzen Schritt zurück.
„Wie endlos?“
Der Hase blickte mit leerem Blick in die Ferne, als hätte er schreckliche Dinge erlebt.
„Wie das Letter to Dana.“
Stille.
Der Wind rauschte langsam durch die Bäume. Irgendwo fiel ein einzelnes Blatt zu Boden.
Dann flüsterte Berliner Luft voller Ehrfurcht:
„Das ist wirklich sehr lang.“
Der Hase nickte erschöpft.
„Stundenlang“, murmelte er. „Mit Reimen. Und Versen. Und noch mehr Versen.“
Die Schwester sah plötzlich traurig aus.
„Vielleicht ist er einfach einsam“, sagte sie mitfühlend.
„Vielleicht ist er wahnsinnig!“, quietschte der Hase sofort.
Doch der Bruder dachte bereits nach.
„Wenn er so viel über Fleisch weiß…“ Er blickte langsam zu Berliner Luft. „…dann weiß er bestimmt auch, wie man Bratwürste macht.“
Die Augen des Nuggetwesens begannen augenblicklich hoffnungsvoll zu glänzen.
Die Schwester nickte begeistert.
„Dann sollten wir ihn fragen!“
Der Hase wurde kreidebleich.
„Ihr wollt freiwillig zum Menschen?!“
Die Geschwister nickten gleichzeitig.
Der Hase starrte sie an, als hätte er gerade beschlossen, niemals wieder mit anderen Lebewesen zu sprechen.
„Das ist entweder unglaublich mutig“, flüsterte er schließlich, „…oder unglaublich dumm.“
Berliner Luft dachte kurz nach.
„Wahrscheinlich beides.“
Und noch bevor der Hase sie aufhalten konnte, machten sich die Geschwister bereits auf den Weg tiefer hinein in den dunklen Wald — dorthin, wo irgendwo zwischen Nebel, Schatten und Fleischgeruch der geheimnisvolle Mensch lebte.
Herkules und das Grillhuhn
„Wo sollen wir überhaupt suchen?“, fragte die Schwester, während sie vorsichtig über eine Wurzel stieg.
Ihr Bruder lief entschlossen vor ihr her und schob Äste aus dem Weg.
„Hast du dem Hasen nicht zugehört?“, fragte er.
„Der Mensch sagt ständig Gedichte auf und riecht nach Fleisch. Also suchen wir jemanden, der viel redet und nach Essen duftet.“
Der Plan war überraschend einfach.
Aber irgendwie auch ziemlich logisch.
Die Schwester nickte sofort zustimmend und folgte ihrem Bruder immer tiefer in den Wald hinein. Der Nebel wurde dichter, die Bäume höher und die Geräusche fremder. Manchmal raschelte etwas zwischen den Ästen, manchmal beobachteten sie Augen aus der Dunkelheit — doch nichts griff sie an.
Vermutlich sprach sich langsam herum, dass sie mit Berliner Luft unterwegs gewesen waren.
Schließlich wurde es dunkel.
Nur der Mond war noch zwischen den Baumwipfeln zu sehen.
Dann blieb der Bruder plötzlich stehen.
„Hörst du das?“
Die Schwester lauschte kurz.
Knisterndes Feuer.
Und dazu… Gesang.
„Ja…“, murmelte sie. „Und es riecht unglaublich gut.“
Sie begann bereits zu sabbern.
Zwischen den Bäumen flackerte warmes Licht.
„Hier muss er sein“, sagte der Bruder überzeugt. „Das unheimliche Monster Mensch. Der Bratwurstmeister.“
Vorsichtig schlichen die beiden näher heran.
Doch statt eines schrecklichen Monsters fanden sie nur ein Lagerfeuer auf einer kleinen Lichtung.
Daneben saß ein Mann.
Er war groß und kräftig gebaut. Sein Haar war golden wie trockenes Stroh im Sonnenlicht, und seine gebräunte Haut erinnerte beinahe an knusprig gebratenes Fleisch. Über dem Feuer drehte er langsam ein großes Grillhuhn, während Fett zischend in die Flammen tropfte.
Der Duft war überwältigend.
„Oh Bella Ciao… du warst eine wunderbare Frau…“
sang der Mann leise vor sich hin.
„Deine Federn waren wunderschön grau… oh Bella Ciao, Ciao, Ciao…“
Immer wieder drehte er dabei zufrieden das Grillhuhn über dem Feuer.
Die Schwester starrte das Essen mit großen Augen an.
„Das duftet sooo gut…“, murmelte sie bereits halb hypnotisiert.
Dann geschah etwas, das ihr Bruder später als „nicht ideal“ beschreiben würde.
Sie marschierte einfach aus dem Gebüsch heraus, setzte sich direkt ans Feuer… und griff nach dem Grillhuhn.
Der Mann bemerkte sie erst, als bereits ein Stück fehlte.
„WAS ZUM—?!“
Erschrocken sprang er auf und fuchtelte panisch mit einem Stock herum.
„Wer… oder was bist du?!“
„Wir wollten nur etwas fragen“, erklärte der Bruder ruhig und trat nun ebenfalls aus dem Gebüsch.
Der Mann wich sofort mehrere Schritte zurück.
„Warum seid ihr grün?!“
„Das ist rassistisch“, antwortete der Bruder höflich.
„Wahmamghm“, sagte die Schwester.
Sie hatte bereits den Mund voller Huhn.
Der Mann starrte entsetzt auf sein halb verschwundenes Abendessen.
„Sie klaut dein Essen!“, ertönte plötzlich eine empörte Stimme.
Neben dem Lagerfeuer tauchte ein sprechendes Schwein auf, das auf zwei Beinen lief und eine kleine Kochschürze trug.
Es zeigte anklagend auf die Schwester.
„Herkules! Ich weiß, du bist mal auf den Kopf gefallen, aber gegen zwei kleine Kobolde solltest du dich doch wehren können!“
Der Mann — offenbar Herkules — wirkte jetzt noch panischer.
„Weg! Weg!“, rief er hektisch und piekste mit seinem Stock auf die Schwester ein.
Allerdings mit so wenig Kraft, dass es eher wirkte, als würde er vorsichtig testen, ob sie echt war.
Die Schwester begann zu kichern.
„Das kitzelt.“
Herkules erstarrte.
Cap ist geboren um zu leben – mit Rinderfilet
Herkules war noch immer erstarrt.
Vor ihm saß ein kleines grünes Wesen an seinem Lagerfeuer, aß seelenruhig sein Grillhuhn und lächelte ihn freundlich an.
„Du… du solltest das nicht essen“, stammelte er nervös.
Die Schwester hielt mitten im Kauen inne. „Warum nicht?“
Herkules zeigte hektisch auf das Huhn. „Weil das mein Abendessen war!“
Die Schwester dachte kurz nach.
Dann hielt sie ihm großzügig einen angebissenen Knochen hin.
„Du kannst den Rest haben.“
Cap schnaufte empört.
„Unglaublich“, murmelte das Schwein und verschränkte die kleinen Arme vor der Schürze. „Sie beraubt dich und bietet dir danach deine eigenen Knochen an.“
„Das nennt man Teilen“, erklärte der Bruder höflich.
Cap sah ihn mehrere Sekunden schweigend an.
„Ihr seid wirklich seltsame Goblins.“
„Danke“, sagte die Schwester fröhlich.
„Das war kein Kompliment.“
„Oh.“
Kurze Pause.
„Trotzdem danke.“
Cap massierte sich müde die Stirn.
Herkules hingegen wirkte inzwischen, als würde er jeden Moment in den Wald fliehen.
„Also…“, begann der Bruder ruhig, „eigentlich suchen wir jemanden.“
Sofort wich Herkules zurück.
„NEIN.“
„Wir haben noch gar nicht gesagt, wen“, bemerkte die Schwester.
„Das spielt keine Rolle!“ quietschte Herkules panisch. „Ich will nichts suchen! Ich suche nie wieder irgendetwas! Beim letzten Mal wurde ich fast von einem Dachs gebissen!“
„Das war ein Waschbär“, korrigierte Cap trocken.
„ER HATTE DIE AUGEN EINES KILLERS!“
Cap ignorierte ihn vollständig und wandte sich stattdessen den Geschwistern zu.
„Wen sucht ihr denn?“
Der Bruder räusperte sich höflich.
„Einen Mann, der viel über Fleisch weiß. Über Würste. Und angeblich spricht er ständig mit sich selbst.“
Noch während er sprach, wurde Caps Blick langsam leer.
„Oh nein“, murmelte das Schwein.
Die Schwester nickte begeistert. „Genau! Kennt ihr ihn?“
Cap seufzte tief.
„Leider.“
Herkules setzte sich sofort wieder ans Feuer. „Moment… IHR meint ihn?!“
Sein Gesicht verlor sichtbar Farbe.
„Warum klingt ihr alle so besorgt?“, fragte die Schwester verwirrt.
Cap zeigte ernst auf den Wald.
„Weil dieser Mann nicht normal ist.“
Kurze Pause.
„Und ich arbeite für ihn.“
Die Geschwister blinzelten überrascht.
„Du arbeitest?“, fragte die Schwester.
Cap richtete sich stolz auf.
„Natürlich!“
Dann legte er dramatisch eine Hand auf seine kleine Kochschürze.
„Ich wurde geboren, um zu leben.“
Kurze Pause.
„Und um als Assistent zu arbeiten.“
Noch kürzere Pause.
„Vor allem in der Küche.“
Der Bruder nickte beeindruckt. „Das klingt sehr wichtig.“
„IST ES AUCH“, rief Cap sofort.
Herkules verdrehte genervt die Augen. „Er schneidet seit drei Jahren Gemüse.“
„Perfekt geschnittenes Gemüse“, korrigierte Cap beleidigt.
Dann deutete das Schwein auf Herkules.
„Und der hier kommt ständig vorbei und behauptet, er würde im Wald trainieren.“
Die Geschwister sahen neugierig zu Herkules.
Der wurde plötzlich sehr nervös.
„Das tue ich doch auch!“
Cap lachte trocken. „Du hebst keine Gewichte. Du hebst Gabeln.“
„Das ist Krafttraining!“
„Du hast letzte Woche beim Treppensteigen geweint.“
„DIE TREPPEN WAREN SEHR LANG!“
Die Schwester betrachtete Herkules nachdenklich.
„Du bist also gar kein großer Waldkrieger?“
Herkules schwieg kurz.
Dann zeigte er langsam auf das Lagerfeuer.
„Ich… mag einfach gutes Essen.“
Cap nickte zufrieden. „Endlich sagt er es mal ehrlich.“
Dann klatschte das Schwein plötzlich begeistert in die Hufe.
„Oh! Das erinnert mich daran!“
Es drehte sich hektisch um und begann in mehreren Taschen und kleinen Körben zu wühlen.
„Ich muss sowieso zurück.“
„Warum?“, fragte der Bruder.
Cap blieb dramatisch stehen.
Ganz langsam hob es einen kleinen, glänzenden Fleischbrocken in die Höhe.
„Weil heute…“
Es machte eine bedeutungsschwere Pause.
„…Rinderfilet serviert wird.“
Stille.
Der Wind rauschte durch die Bäume.
„Was ist ein Filet?“, flüsterte die Schwester ehrfürchtig.
„Keine Ahnung“, antwortete ihr Bruder genauso ehrfürchtig. „Aber es klingt unglaublich lecker.“
Cap nickte ernst. „Das ist es.“
Die Schwester griff sofort nach der Hand ihres Bruders.
„Wir gehen mit.“
„Definitiv“, sagte er ohne zu zögern.
Cap lächelte zufrieden. „Ausgezeichnet.“
Herkules hingegen sah plötzlich aus, als hätte man ihm gerade persönlich schlechte Nachrichten überbracht.
„Moment… ihr wollt wirklich zu ihm?!“
Die Geschwister nickten glücklich.
„Es gibt Filet!“
„UND den Bratwurstmann!“
Herkules begann nervös auf seinen Fingern herumzukauen.
„Das wird schrecklich“, murmelte er leise.
Cap dagegen marschierte bereits selbstbewusst voraus.
„Kommt“, rief das Schwein. „Der Meister wartet nicht gern.“
Die Geschwister liefen begeistert hinterher.