Kaltes Erbe
Die Nacht war klar, der Himmel über dem Gebirgskamm schwarz wie Tinte. Der Sichelmond hing blass über der Welt, ein stummer Zeuge vergangener und kommender Entscheidungen.
Sesshōmaru stand auf einem Felsen über dem Tal, die Sohlen seiner Stiefel balancierten mühelos auf dem Stein unter ihnen, als sei er selbst Teil der Landschaft geworden. Seine Aura war gedämpft, verborgen – nur wer ihn wirklich kannte, konnte sie noch wahrnehmen.
Trotzdem – so wusste er – würde sie kommen. Sie würde ihn hier finden.
„Du bist schwächer geworden, Sesshōmaru“, erklang eine Stimme hinter ihm – weiblich, klar, von einer gefährlichen Sanftheit durchzogen.
Zero trat aus der Dunkelheit, als würde sie sich mit dem Schatten selbst verweben. Ihr weiß-violetter Kimono flatterte im Wind, das lange silberblaue Haar glänzte wie Frost im Mondlicht.
„Früher hättest du mich nicht so geduldig ertragen. Früher hättest du mich getötet, nur weil ich es wagte, dich zu stören.“
Sesshōmaru bewegte sich nicht. „Früher warst du noch nicht so … kläglich.“
Sie lachte leise, fast traurig. „Du hältst dich für überlegen, und doch … hast du deine Macht an ein wertloses Menschenleben verschwendet.“
Sie hielt inne. Doch wenn Sesshōmaru überrascht darüber war, dass sie von dem Vorfall wusste, so zeigte er es nicht. Ungerührt fuhr sie fort: „Ein sterbliches, zerbrechliches Mädchen, für das du jetzt … was? Verantwortung empfindest?“
„Es war meine Entscheidung.“
„Deine Entscheidung war töricht.“ Ihre Stimme wurde schärfer. „Du hast Tenseiga benutzt, ein göttliches Schwert der Wiedergeburt, für ein Kind, das so oder so kaum den Winter überleben wird. Weißt du überhaupt, was du getan hast?“
Sesshōmaru schwieg. Sein Blick wanderte in die Ferne, dorthin, wo das Licht des Waldes nie ganz die Schatten vertrieb.
„Statt dich an deinem Erbe auszurichten, folgst du dem Herz eines Menschen.“ Sie trat näher, nun neben ihm stehend. Ihre Stimme wurde schmeichlerisch.
„Aber es muss nicht so enden, Sesshōmaru. Du und ich – wir könnten etwas erschaffen, das wirklich bleibt. Ein Bund. Eine Allianz. Du brauchst keine Liebe, keine Fessel. Nur Klarheit. Unsere Nachkommen wären von reinem Blut. Mächtig. Würdig. Denk an das, was wir gemeinsam bewahren könnten.“
Sie sah zu ihm auf, suchte seinen Blick.
„Du musst dieses Kind nicht weiter mit dir herumschleppen. Lass es hinter dir. Jetzt, wo sie lebt – was hindert dich? Befreie dich.“
Sesshōmarus Augen verengten sich kaum sichtbar. „Deine Vorstellung von Stärke ist Schwäche.“
„Ach ja?“ Zeros Stimme war nun bitter. „Dann sag mir, was an dir noch dämonisch sein soll? Du verteidigst Menschen, du lebst in ihrer Nähe, du hast dich von deinem Stolz entfernt. Du wirst weich, Sesshōmaru. Und das wird dich zerstören.“
Er drehte sich zu ihr. Die Kälte in seinem Blick ließ selbst den Wind für einen Moment innehalten.
„Du bist die Törichte von uns beiden, wenn du glaubst, ich ließe mir von dir vorschreiben, wem ich meine Gnade zu schenken habe.“
Zero trat einen Schritt zurück, als ob seine Worte sie körperlich getroffen hätten. Ihr Blick war nun blanker Zorn.
„Eines Tages wirst du begreifen, was du verloren hast. Und dann wird es zu spät sein – wenn dieses Menschenkind schneller vergeht, als dir vielleicht lieb ist. Ein Menschenleben ist gerade mal einen unserer Herzschläge lang. Vergiss das nicht.“
Sesshōmaru schloss kurz die Augen. Dann wandte er sich ab, seine Stimme leise, aber unmissverständlich.
„Du verstehst gar nichts.“
Und ohne ein weiteres Wort verschwand er – nicht eilig, nicht fliehend. Nur gleichgültig. Als wäre sie niemals mehr gewesen als ein Hauch im Wind.
Zero blieb zurück. Ihre Miene gefror im Schatten des Mondlichts. Sollte er doch tun, was er nicht lassen konnte. Aber er brauchte nicht zu glauben, dass sie ihn, wenn er nach hundert Jahren oder deutlich weniger doch noch zu ihr kommen würde, mit offenen Armen empfangen würde.
Sie hatte schließlich ihren Stolz – und der hatte durch seine, zumindest in ihren Augen, grundlose Zurückweisung einige ordentliche Risse bekommen.
Rin
Etwa neun Jahre später...
Ihre Schritte auf dem morgentaufeuchten Gras waren beinahe lautlos, während Rin sich aufmachte, um ihre heutige Aufgabe zu erfüllen: Kräuter für das Baby zu sammeln, das laut Kaedes heilerischer Erfahrung unter starken Bauchschmerzen litt.
Zwischen den Bäumen am Rand des Dorfes, im warmen Licht der aufgehenden Sonne, hielt sie nach Shiso, Yomogi und Kiku Ausschau. Doch plötzlich blieb sie stehen. Ein faszinierendes Schauspiel hatte ihre Aufmerksamkeit gefesselt: Ein kleines, aber umso farbenprächtiges Blumenfeld mit zart rosanen Fujibakama, magenta farbenen Federbusch-Celosien und hell gelben Craspedia globosa.
Ganz versunken in dieses Bild, vergaß Rin für einen Moment ihre eigentliche Aufgabe. Stattdessen wurde sie durch die markanten Farben unweigerlich an etwas erinnert, das nun beinahe ein halbes Jahr zurücklag.
Der Kimono, den Sesshōmaru-sama ihr zu ihrem sechzehnten Geburtstag überreicht hatte – fein säuberlich in edles Papier eingeschlagen. zartrosane Seide, verziert mit eleganten Magenta farbenen Ornamenten und verspielten hellgelben Punkten. Kaede war dabei gewesen, als Rin das Geschenk geöffnet hatte, und hatte anerkennend gemeint, dass es sich um ein ganz besonderes Stück handelte – Kleidung von einer Qualität, wie sie sonst nur dem Hochadel zustand - allein das Fujibakama Pigment war praktisch unbezahlbar.
Rin war tief berührt gewesen. Sie hatte sich geehrt gefühlt, aber auch instinktiv gespürt, dass dieses Geschenk mehr war als bloße Wertschätzung. Die kleinen, filigranen, vereinzelt auf den Stoff aufgemalten, Papier Laternen in dunklem Rot und zartem Beige, hatten in ihr diese Vermutung geweckt. Ein stilles Zeichen, eine Botschaft – eine, die sie nicht unüberlegt beantworten sollte. Irgendetwas in ihr hatte verstanden, dass es für Sesshōmaru-sama eine Bedeutung haben würde, sollte sie diesen Kimono zum ersten Mal tragen. Und so hatte sie bisher gewartet.
Schon lange spürte sie eine besondere Verbindung zu dem Inu-Daiyōkai, der ihr einst das Leben gerettet hatte – ja, ihr mit seiner unerwarteten Geste ein zweites Leben geschenkt hatte. Sie wusste, dass sie anders war als die anderen jungen Frauen ihres Alters. Doch erst seit Sesshōmaru-sama sie mit zwölf Jahren in Kaedes Obhut zurückgelassen hatte, fand sie überhaupt die Zeit, sich mit diesem Gefühl auseinanderzusetzen.
Ihr Körper mochte dem einer Sechzehn- oder Siebzehnjährigen entsprechen, aber ihr Geist war – ganz still und leise – viel reifer geworden, als es üblich war. Sowohl Kaede als auch Kagome ließen das gelegentlich durch subtile Bemerkungen erkennen. Und es gab noch etwas: Obwohl sie ein Mensch war, spürte sie die Präsenz Sesshōmarus oft, als sei er in ihrer Nähe – unsichtbar für ihre Augen, aber unübersehbar für ihr Innerstes. Ein vertrautes Gefühl, das sie nie ganz losließ.
Schon oft hatte sie sich gefragt, warum er nicht einfach zu ihr kam, wenn er doch so nah war. Doch dann beschlich sie der Gedanke, dass er vielleicht auf etwas wartete. Auf ein Zeichen… auf ihre Einladung. Und tief in ihrem Inneren verband sie diese Vorstellung mit dem Kimono – mit dem, was es bedeuten würde, wenn sie ihn endlich trüge.
Rin, noch ganz versunken in ihre Gedanken, bemerkte nicht, wie jemand neben sie trat. Erst das knappe:
„Träumst du schon wieder, Kind?“
– barsch ausgesprochen, aber von jener leisen Wärme getragen, mit der die alte Miko der jungen Frau stets begegnete – holte sie zurück ins Hier und Jetzt.
Verlegen lächelnd erhob sich Rin, griff nach dem überraschend vollen Korb.
Wann hatte sie das alles bloß gesammelt?
Sie konnte sich kaum erinnern. Ihre Gedanken waren wohl weiter fort gewesen, als sie selbst.
Schweigend folgte sie Kaede zurück ins Dorf, um die heilende Medizin für Kagomes Tochter zuzubereiten.
Die alte Frau jedoch war mit ihren Gedanken längst woanders. Noch einmal ließ sie den Blick über die Lichtung schweifen – und spürte, wie sich die feinen Härchen an ihrem Nacken aufstellten. Ihre Sinne täuschten sie nie.
Nein, dachte sie bei sich. So kann das nicht ewig weitergehen. Es wird Zeit, dass etwas geschieht.
Kaede
Kapitel 2 Kaede
Kaede trat langsam auf die Lichtung, auf der sie Rin zuletzt gesehen hatte. Die Kräutersuche war längst beendet, das Abendessen eingenommen, und das Dorf war zur Ruhe gekommen. Nur der Wind strich leise durch das hohe Gras am Rand der Felder, und irgendwo rief eine Nachtamsel in die beginnende Dunkelheit hinein.
Sie hob den Blick zum Himmel – die Sonne war bereits hinter den Hügeln versunken, ein fahler Goldschimmer lag noch auf dem Horizont. Die Schatten wurden länger, und die Welt dämmerte.
Für Außenstehende mochte sie wie eine müde, alte Frau wirken, die mit Bedacht ihre Schritte setzte. Doch hinter ihren Augen funkelte noch immer dieselbe Klarheit wie einst – als Schwester einer Priesterin, als Hüterin uralten Wissens, als Kämpferin gegen das Dunkle.
Kaede spürte ihn. Die Präsenz.
Sie seufzte leise. Es war kein neues Gefühl – dieses kaum greifbare Prickeln in der Luft, das sich wie ein kalter Hauch zwischen Welt und Wahrnehmung schob.
Mit fester Stimme sprach sie in die Dämmerung:
„Sesshōmaru-sama, ich weiß, dass Ihr hier seid. Zeigt Euch.“
Ein Moment der Stille. Dann ein kaum hörbares Rascheln – wie das leise Knistern trockener Blätter im Wind.
„Ich mag alt sein“, fuhr sie unbeirrt fort, „aber ich bin und bleibe eine Miko.“
Die Luft veränderte sich. Etwas wurde dichter. Schwerer. Kein Geräusch kündigte seine Ankunft an, und doch wusste sie, dass er sich nun zeigte – nicht weil er musste, sondern weil er es zuließ.
Wie aus dem Nebel trat er hervor – groß, schlank, aufrecht. Eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt. Jeder Zoll seines Körpers strahlte erhabene Würde aus.
Sesshōmaru.
Silbernes Haar fiel wie flüssiges Mondlicht über seine Schultern, unbewegt vom Wind. Sein Hōrui, weiß und mit roten Ornamenten, war wie immer makellos – als würde es den Staub dieser Welt nicht berühren. An seiner Seite ruhten Tenseiga und Bakusaiga, stumm wie ihr Träger.
Sein Gesicht – ausdruckslos, undurchdringlich. Wie aus Elfenbein gemeißelt. Die violetten Streifen auf seinen Wangen, das sichelförmige Mal auf seiner Stirn – Zeichen seiner Macht – wirkten heute schärfer als sonst. Als spiegele sich darin ein innerer Unmut, den er nicht benannte.
> „Der einzige Grund, warum mich sein Anblick nicht mehr erzittern lässt“, dachte Kaede, „ist, dass ich ihn seit Jahrzehnten kenne.“
Denn wer ihn zum ersten Mal sah – oder zum letzten – spürte in seinem Blick keine Gnade, keine Wärme. Seine Aura war wie kaltes Metall: Rein, schön, tödlich.
Doch sie wusste es besser. Ja, er war gefährlich. Ja, stolz. Und absolut tödlich, wenn man ihn herausforderte. Aber seit Rin bei ihr lebte, hatte sich etwas verändert – nicht sichtbar vielleicht, aber spürbar. Das Dorf war sicherer geworden. Nicht nur durch Inuyasha oder Kohaku. Auch, weil er da war.
> „Vielleicht sind wir all die Jahre unbehelligt geblieben, weil Ihr es so wolltet…“
Sie hob das Kinn, begegnete seinem Blick. Zwischen ihnen lag kein Hass, keine Zuneigung – nur stilles Verstehen zwischen zwei Wesen, die einander nicht täuschten.
„Ihr beobachtet sie immer noch. Ihr wart nie wirklich fort.“
Kein Vorwurf. Nur eine Feststellung.
„Sesshōmaru-sama“, wiederholte sie leiser.
Seine Antwort kam ruhig, tonlos:
„Meine Anwesenheit betrifft Euch nicht, Miko.“
Kaede ließ sich nicht beirren. Sie verschränkte die Arme. Ihre Stimme war nun ruhig, mit leichtem Nachdruck:
„Das sehe ich anders. Schließlich habt Ihr Euren Schützling in meine Obhut gegeben. Die Frage ist nur: Wollt Ihr es nicht dabei belassen… oder könnt Ihr es nicht?“
Ein kaum merkliches Blinzeln. Kein Zucken im Gesicht, keine Geste – aber die Atmosphäre veränderte sich. Für einen Moment schien selbst der Wind zu schweigen.
Sesshōmaru schwieg.
Doch sie wusste, dass ihre Worte ihn erreicht hatten. Sie hatte gelernt: Wer seinem Stolz keine Beleidigung entgegenschleuderte, sondern ihm nur einen Gedanken hinhielt, konnte etwas in ihm bewegen.
Sie trat einen Schritt näher, langsam, aber furchtlos.
„Sie ist anders… und Ihr wisst es. Ihr spürt es – so sehr Ihr auch versucht, es zu verdrängen.“
Seine Haltung versteifte sich kaum merklich.
„Nur… Ihr versteht es noch nicht. Nicht wirklich. Stimmt’s?“
Ein Windstoß hob die Enden seines Hōrui. Die Sonne war untergegangen, Schatten legten sich wie ein Schleier über die Lichtung.
„Ich bin keine Dämonin, Sesshōmaru-sama…“ fuhr sie leise fort.
„Aber ich bin alt genug, um Dinge zu erkennen. Und lange genug Miko, um zu wissen: Es gibt keine Zufälle zwischen den Seelen von Menschen und Yōkai.“
Sie hielt inne.
„Sucht nach Antworten. Und wenn Ihr sie in Euch nicht findet… dann sucht in dem, was Euch mit diesem Mädchen verbindet.“
Dann wandte sie sich zum Gehen. Ihre Bewegungen ruhig, voller Vertrauen, dass er ihr niemals in den Rücken fallen würde.
Doch nach wenigen Schritten hielt sie inne, blickte nicht zurück – und fügte mit fester, warmer Stimme hinzu:
„Und Sesshōmaru-sama… tut mir einen Gefallen – nein, nicht mir, sondern Rin: Lasst sie selbst entscheiden, ob sie Euch um sich haben möchte oder nicht.“
Ein letzter Windhauch wehte über die Lichtung.
Kaede glaubte, darin leise Worte zu hören – wie eine Antwort aus weiter Ferne:
„Das habe ich längst…“,
wie eine Erinnerung an Lavendel und Schmetterlinge.
Dann war sie wieder allein. Ein müdes Seufzen entwich ihren Lippen.
> „Ich hoffe nur, dass es etwas bewirkt hat…“
Tōtōsai
Scheinbar ziellos durchstreifte der mächtige Inuyōkai die nächtliche Landschaft. Der Wind trug den Duft des Herbstes mit sich, vermischt mit dem fernen Gesang nächtlicher Insekten, doch er schenkte der Umgebung kaum Beachtung. Seine Gedanken kreisten – was selten geschah und ihn nun umso mehr störte.
> „Sucht nach Antworten. Und wenn Ihr sie in Euch nicht findet… dann sucht in dem, was Euch mit diesem Mädchen verbindet.“
Die Worte der alten Miko hallten nach – klar, ruhig, unangenehm präzise. Dass sie seine Anwesenheit bemerkt hatte, hätte ihn nicht überraschen dürfen. Kaede war alt, aber nicht blind. Es lag wohl in seiner Natur, Menschen zu unterschätzen – ein Fehler, den er nur ungern einräumte. Und doch war es nicht das erste Mal, dass ihre Einschätzung ihn aus dem Gleichgewicht brachte.
Was hatte sie gemeint? Was konnte sie überhaupt wissen?
Kaede kannte nicht die wahre Tiefe der Verbindung zwischen ihm und Rin – es sei denn, das Mädchen hatte ihr davon erzählt. Doch das bezweifelte er. Rin war loyal. Zu loyal, um Dinge preiszugeben, die unausgesprochen zwischen ihnen ruhten. Wenn Kaede dennoch etwas ahnte, dann wohl durch jenes feine Gespür, das Mikos zuteil war, die mit dem heiligen Juwel in Berührung gekommen waren. Sie spürten, was anderen verborgen blieb.
Was ihn mit Rin verband, war… kompliziert.
Zweimal hatte Tenseiga ihr das Leben zurückgegeben – einmal durch die Kraft des Schwertes, das Leben zu schenken vermochte. Beim zweiten Mal jedoch... da war es nicht Tenseiga gewesen. Nicht in erster Linie.
Er hatte sie zurückgeholt – durch seine Entscheidung, seinen Willen. Und vielleicht, nur vielleicht, war das nur möglich gewesen, weil beim ersten Mal etwas in Gang gesetzt worden war. Mit ihr. Mit ihm.
Unbemerkt hatte ihn sein Weg an einen vertrauten Ort geführt.
Die Schmiede Tōtōsais.
Ein abgelegener, von Wurzeln überwucherter Felsvorsprung, von Schwefelgeruch und dämonischer Aura umgeben – für Menschen abweisend, für Yōkai ein Ort uralter Macht.
Sesshōmaru hielt inne.
Der Mond stand hoch und klar über dem Horizont, sein Licht spiegelte sich auf den Griffen von Tenseiga und Bakusaiga. Es war spät. Doch für das, was ihn hierhergeführt hatte, spielte Zeit keine Rolle. Nicht mehr.
Er war gekommen, um Antworten zu finden – nicht nur über das Schwert, sondern über sich selbst. Über das, was zwischen ihm und Rin geschehen war. Und was es bedeutete.
Denn so sehr er es auch hasste, es zuzugeben: In einem hatte Kaede recht.
> Es musste etwas geschehen.
--
Die Tür zur Schmiede krachte auf, als Sesshōmaru ohne anzuklopfen eintrat.
Ein erschrockenes Schnarchen verstummte jäh. Aus einer düsteren Ecke ertönte ein Gepolter, gefolgt von einem leisen „Was bei allen...?!“ – dann trat Tōtōsai aus einem Haufen alter Stoffdecken hervor, die ihm als Schlaflager gedient hatten.
Im matten Licht einer schwankenden Öllampe erkannte er die Silhouette des Dämonenfürsten.
„Ah... Sesshōmaru... du bringst mich noch ins Grab, Junge! Was treibt dich zu solch unsittlicher Stunde her?“ gähnte der alte Schmied und rieb sich die Augen. Sein anklagender Blick galt kurz auch seiner im Dunkeln liegenden Schlafstätte, auf der der nächtliche Besucher Myōga noch friedlich schlafend vermutete, da er den Flohgeist riechen konnte.
Sesshōmaru bewegte sich keinen Schritt.
„Antworten“, sagte er nur.
Tōtōsai hob eine buschige Augenbraue, schnaubte leise, schob sich den Schlafkragen zurecht und griff seufzend nach einer Teekanne, die noch auf einem warmen Ofen stand.
„Antworten also… Die bekommst du nur, wenn du bereit bist, die richtigen Fragen zu stellen. Klarheit ist nichts, das man mit Gewalt aus mir herausprügelt – auch wenn ich weiß, dass du’s könntest.“
Der alte Yōkai trank einen Schluck direkt aus der Kanne und musterte Sesshōmaru mit einem Ausdruck aus Altersweisheit und leisem Spott.
Doch Sesshōmaru antwortete nicht. Stattdessen zog er Tenseiga aus der Scheide.
Der Klang der Klinge, als sie durch die Luft glitt, war fast ehrfürchtig.
Er hielt das Schwert leicht geneigt, sodass das Mondlicht auf der metallisch-bläulichen Klinge tanzte.
„Ich brauche Informationen zu diesem Schwert“, sagte er ruhig, aber mit Nachdruck. „Was hast du mir damals verschwiegen?“
Tōtōsai starrte einen Moment schweigend auf die Klinge. Dann gähnte er, streckte sich und ließ sich auf einen umgekippten Amboss sinken, wie auf einen wackligen Hocker.
„Tenseiga, ja...“ murmelte er, als würde er einen alten Freund begrüßen. „Ein gutes Schwert. Eines meiner besten. Das Schwert der Wiedergeburt. Kein Werkzeug für Krieger, sondern für... nun ja, für jene mit Herz. Oder für die, die erst lernen müssen, was das ist.“
Seine trüben Augen wanderten von der Klinge zu Sesshōmaru.
„Du hast es damals benutzt... oder war es das Schwert, das dich benutzt hat? Hm?“
Ein leises Lachen.
„Wie auch immer – du warst nicht mehr derselbe, nachdem sie wieder geatmet hat.“
Tōtōsai kratzte sich nachdenklich am Kopf, als müsste er eine besonders alte Schmiedeanweisung heraufbeschwören.
„Tenseiga hat sie damals gerettet, ja. Aber nicht, weil du es befohlen hast. Es hat reagiert, weil du... gefühlt hast. Weil du in dem Moment etwas aufgegeben hast, Junge. Nichts kommt von nichts. Alles hat seinen Preis.“
Er sah ihn ernst an.
„Ein Teil von dir ist damals auf sie übergegangen. Unsichtbar. Wahrscheinlich hättest du es selbst dann nicht bemerkt, wenn du es gewusst hättest. Ein Hauch deiner Essenz – dämonisch, aber nicht verderbend. Kein Fluch. Kein Geschenk. Eher... ein stilles Bündnis.“
Der Schmied lehnte sich zurück, verschränkte die Arme, schloss die Augen.
„Das zweite Mal – ach, das war nur die Folge. Möglich war es nur, weil sie sich bereits verändert hatte. Nicht viel, nicht genug, um ein Yōkai zu sein... aber genug, um nicht ganz sterben zu können. Sie ist anders, nicht wahr? Viel reifer für ihr Alter, fast wie eine junge Dämonin?“
Er öffnete ein Auge.
„Du hast sie nicht nur mit dem Schwert gerettet. Du hast etwas in Bewegung gesetzt, das wuchs, es immer nich tut – langsam, leise, aber unausweichlich.“
Er hob eine Augenbraue.
„Und jetzt wunderst du dich, warum du nicht loslassen kannst? Pff. Du hast den Samen gesät. Ein einzigartiges Band erschaffen. Und nun blüht etwas – eine Blume, die lange blühen wird. Viel länger, als ein gewöhnliches Menschenleben dauert. Und selbst wenn alle anderen längst verwelkt sind, wird sie noch leuchten – als wäre kaum ein Tag vergangen.“
Tōtōsai schmunzelte schief.
„Na dann, Sesshōmaru... Willkommen im echten Leben. Selbst ein Yōkai kann schwach werden, ohne genau zu wissen, warum – bis er die richtigen Fragen stellt... und die Antwort akzeptiert.“
Er stand auf, langsam, knarrend wie sein alter Amboss.
„Du kannst nun selbst entscheiden, was du aus dieser Erkenntnis machst. Aber ich für meinen Teil glaube, dass dir Tenseiga ein Geschenk gemacht hat – und du solltest dafür sorgen, dass du ihm gerecht wirst.“
Sesshōmaru
Die neuen Informationen lasteten schwer auf den Schultern des Dämonenfürsten. Wortlos hatte er Tōtōsai verlassen, sich einen ruhigen Platz zum Nachdenken gesucht. So aufgewühlt, wie er sich fühlte – ein Zustand, der ihm höchst unangenehm war –, wollte er auf keinen Fall zu Jaken und Ah-Uhn zurückkehren. Der Froschdämon war zwar vielleicht beschränkt, aber nicht vollkommen verblödet. Er hätte sofort bemerkt, dass seinen Herrn etwas beschäftigte. Schließlich, so wusste auch Sesshōmaru, kannte ihn keiner besser als sein nervtötender, aber auch überaus loyaler Diener. Keiner außer ...
Rin.
Reflektiert wie selten überdachte Sesshōmaru all seine Entscheidungen, die er im Laufe der Jahre in Bezug auf das Mädchen – nein, die junge Frau – getroffen hatte, und fragte sich, ob nicht eine davon ein Fehler gewesen sein könnte. Ein Fehler, der ihn nun teuer zu stehen kam. Kurz erinnerte er sich an das Gespräch mit Zero vor etwa neun Jahren – wobei es kaum ein Gespräch gewesen war, da hauptsächlich Zero gesprochen hatte.
Hatte sie ihm nicht vorgeworfen, er wisse gar nicht, was er getan habe, als er Rin mit Hilfe von Tenseiga ins Leben zurückholte? Wie viel wusste sie wirklich über die Eigenschaften des Schwertes? Vermutlich nichts darüber, dass ein Dämon dabei einen Teil seiner Essenz übertragen konnte – ob absichtlich oder, wie in seinem Fall, unwissentlich. Wobei Tōtōsai ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass es keinen Unterschied gemacht hätte: Der Preis für Rins Leben wäre so oder so zu zahlen gewesen.
Vielleicht hatte Zero um diesen Umstand gewusst, aber nicht, in welcher Form Sesshōmaru gezahlt hatte. Sonst hätte sie ihm wohl kaum mit verletzender Absicht vor Augen geführt, dass ihm nicht lange etwas von dem – wie sie es nannte – wertlosen Menschenleben bleiben würde, für das er Tenseigas Macht "verschwendet" hatte.
Doch nun wusste er es besser. Rin würde ihm nicht nach wenigen Jahrzehnten alt und gebrechlich entschwinden. Das hatte Tōtōsai ihm ungewohnt deutlich vermittelt – sprach der alte Schmied sonst doch meist in Rätseln. Aber was sollte der Inuyōkai mit dieser Information anfangen? Spielte es überhaupt eine Rolle, wann Rin starb? Oder wie jung oder alt sie Zeit ihres Lebens aussehen würde?
Entscheiden würde Rin – vorausgesetzt, sie hatte verstanden. Die alte Miko hatte ihn gebeten, der jungen Frau die Wahl zu lassen. Die Miko war zwar taff für ihr Alter, aber die tiefere Bedeutung des Kimonos war ihr offenbar entgangen. Sie hatte sich zu sehr vom edlen Stoff und den leuchtenden Farben blenden lassen, um das Symbol hinter dem Geschenk zu erkennen. Rin hingegen... hatte sie es verstanden – und ihn deshalb nie getragen?
Kurz war Sesshōmaru versucht, sich einzureden, dass er deshalb in der Nähe des Dorfes geblieben war, in dem er Rin vor vier Jahren zurückgelassen hatte – in Sicherheit - um rechtzeitig zu erfahren, wie sie sich entscheiden würde. Vor allem, weil ihm der Gedanke zuwider war, durch eine mystische Verbindung an sie gebunden zu sein.
Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, störte ihn das eigentlich gar nicht. Und wenn er damals die Wahl gehabt hätte, hätte er genau so gehandelt wie intuitiv geschehen. Es war kein Fehler gewesen – nicht im eigentlichen Sinne. Aus einer neutralen Perspektive betrachtet, ergab vieles im Rückblick Sinn.
Rin roch zum Beispiel anders. Während Menschen für Sesshōmaru gewöhnlich einen unangenehmen Geruch an sich hatten, war es bei Rin anders. Sie roch für ihn ... vertraut. Was logisch war, wenn man wusste, dass ein winziger Teil seiner Essenz in ihr lebte. Kaede hatte – leider – auch in diesem Punkt recht: Rin war anders als andere Mädchen in ihrem Alter. Schon immer gewesen. Sie wirkte reifer, reflektierter, selbstbewusster. Und dennoch strahlte sie eine Lebensfreude aus, die sogar dem gefassten Dämonenfürsten hin und wieder ein kaum wahrnehmbares, inneres Lächeln entlockte – wenn er sie beobachtete.
Aber was sollte er nun mit all diesen Gedanken anfangen? Fast verärgert musste Sesshōmaru sich eingestehen, dass er sich deutlich zu viele davon machte. Was geschehen war, war geschehen – und offenbar nicht mehr rückgängig zu machen. Wie Tōtōsai es gesagt hatte: Die Antwort auf seine Frage lag nun vor ihm. Ob es ihm gefiel oder nicht – er musste sie akzeptieren.
Doch eine neue Frage drängte sich auf: Was würde geschehen, wenn Rin ihn tatsächlich einlud? Oder – wenn sie es nicht tat?
Wenn sie den Kimono trug, wäre das ein deutliches Zeichen. Eine stille, aber unmissverständliche Einladung: Sesshōmaru, du darfst zu mir kommen. Aber wozu genau? Wollte er sie dann einfach wieder mitnehmen, als sei nichts gewesen – als hätten die letzten fünf Jahre nicht existiert? Für einen Yōkai wie ihn, für den Jahre wie flüchtige Momente vergingen, mochte das denkbar sein. Doch für Rin, die – wenn Tōtōsais Vermutungen stimmten – innerlich weit gereift war, würde nichts mehr so sein wie zuvor.
Und für ihn selbst? Wie sah er sie eigentlich?
War sie für ihn noch immer jenes Kind, das es zu schützen und zu behüten galt? Oder hatte sich etwas verändert? Wenn er die Augen schloss, dann sah er ihre, hörte ihr Lachen – und spürte eine tiefe Sehnsucht in sich, die sich nicht so einfach mit der Essenzverbindung erklären ließ. Zumindest nicht zufriedenstellend. Es fühlte sich … echter an. Tiefer. Vielleicht war Rin tatsächlich eine Art Geschenk – von Tenseiga, vom Schicksal, von etwas, das er nicht zu benennen wusste.
Und wenn dem so war – was bedeutete das? Wie tief reichte diese Verbindung wirklich?
All das würde er erst herausfinden, wenn sie ihn zu sich rief. Und wenn sie es nicht tat?
Dann wusste er zumindest eines: Zeit spielte keine Rolle mehr.
Er konnte warten.
Rin
Kapitel 5 – Rin
Ein Monat waren vergangen, seit Rin zum ersten Mal leise vermutet hatte, dass der rosefarbene Kimono mehr war als ein Geschenk zu ihrem 16. Geburtstag.
Seit jenem Nachmittag, an dem sie – gefangen vom Anblick der Farbenpracht des Blumenfeldes – die Erkenntnis durchdrungen hatte, dass es eine elementare Entscheidung sein würde, dieses edle Kleidungsstück zum ersten Mal zu tragen. Eine Einladung. Eine direkte. Keine, vor der sie sich fürchtete, aber auch keine, die sie leichtfertig aussprechen wollte. Deshalb hatte sie gewartet – alle Für und Wider sorgfältig abgewogen.
Ja, sie hatte viel nachgedacht. Sehr viel. Vielleicht mehr, als ihr guttut, doch Rin wusste: Wenn sie diesen Schritt tat, gab es kein Zurück. Sesshōmaru-sama war und blieb ein mächtiger Inu-Daiyōkai – viele Jahrhunderte alt. Und sie wusste: Mit ihm spielte man keine Spielchen. Sie musste sich absolut sicher sein.
War sie das? Und wenn ja – worüber genau?
Ging es nur um die kindliche Zuneigung, um die tiefe Verbundenheit zu ihrem Retter, die sie ihn sich zurück an ihre Seite wünschen ließ? Oder war da mehr? Wollte sie wirklich, dass er zu ihr kam? Und wenn er kam … was dann?
Eigentlich hatte sie sich längst entschieden. Ihr Herz hatte es getan. Es wusste genau, was es wollte. Und nun war Rin so weit, das auch selbst zu akzeptieren.
Heute war der Tag der Entscheidung.
Im Vorfeld war sie in eine kleine Hütte am Dorfrand gezogen – etwas abseits der anderen, ein Ort, der ihr mehr Raum zum Nachdenken, zum Fühlen gegeben hatte.
In dem schlichten, einzigen Zimmer ihres neuen Zuhauses kniete Rin auf dem Boden. Vor ihr lag der Kimono, sorgfältig ausgebreitet. Ihre Finger glitten sanft über die feine Seide. rosefarben, schimmernd im Morgenlicht. Sie bewunderte noch einmal die detailreich gemalten, dunkelrotbeigen Papier Laternen, bevor sie den federleichten Stoff vorsichtig vom Boden aufhob – dessen Gewicht in einem scharfen Kontrast zur Tragweite ihrer Entscheidung stand.
Sie wusste jetzt, was sie wollte.
Ohne sich noch einmal umzublicken, drehte sie sich zu Kaede um, die schweigend im Türrahmen wartete.
Rins Stimme war ruhig. Fest. Entschlossen.
„Bitte hilf mir, ihn anzulegen.“
--
Der Himmel glühte in weichen Rosatönen, als Rin auf der einfachen Holzbank vor ihrer Hütte Platz nahm. Sie hatte eine Papier Laterne am Eingang angebracht, die denen auf dem Kimono nicht unähnlich war, deren Licht friedlich vor sich hin flackerte.
Der Kimono schmiegte sich um ihre Gestalt, als sei er eigens für sie geschneidert worden – und vielleicht war er das sogar. Die rosefarbene Seide fing das Licht der untergehenden Sonne ein, ließ die filigranen Muster der magnetafarbenen Ornamente beinahe lebendig wirken.
Ihr mittlerweile deutlich über schulterlanges Haar trug sie offen. Sie hatte sich gegen eine aufwendige Frisur entschieden – nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil diese sich - im Vergleich zum Kimono - wie eine Verkleidung angefühlt hätte.
Sie saß ruhig, beinahe regungslos, während sich der Tag in die Dämmerung neigte. Keine Unsicherheit, keine Nervosität. Rin wusste, dass es kein Präsentieren, kein Zurschaustellen brauchte. Irgendetwas in ihr – ein instinktives Wissen, das Worte überflüssig machte – sagte ihr: Er hatte sie längst gesehen, ihre Einladung erhalten.
Ob er noch zögerte? Ihr die Möglichkeit ließ, sich zurückzuziehen, den Schritt zu widerrufen, bevor er sichtbar wurde? Vielleicht. Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass er kommen würde – wenn er es für richtig hielt.
Also wartete sie nicht. Sie war einfach da. Genoss die Stille. Beobachtete den Sonnenuntergang, der die Welt in warmes Licht und kühle Schatten tauchte. Ein Kontrast, der sie an den Dämonenfürsten und sich selbst erinnerte. Er der Mond, der über allem stand und sie die Blume, die in seinem Licht erblüht war. Die Minuten verstrichen unbemerkt, eine nach der anderen. Und mit jedem Atemzug fühlte sie sich vollständiger, zentrierter.
Dann – ohne Vorwarnung, ohne ein Geräusch – war er da.
Er stand vor ihr, so, als habe er schon die ganze Zeit dort gestanden.
Unvermittelt. Selbstverständlich.
Sesshōmaru-sama.
Rin hob langsam den Blick – und der ihre traf den seinen.
--
„Guten Abend, Sesshōmaru-sama. Schön, dass Ihr mich besuchen kommt.“
In ihrer Stimme schwang keine Verlegenheit mit – eher eine feine Note von Erleichterung. Sie hatte die Zeichen richtig gedeutet. Er war wirklich hier. Rins Herz schlug schneller – nicht vor Aufregung, sondern vor Freude.
„Ich habe eine gute Wahl getroffen“, stellte der Dämonenfürst fest – ohne jede Überheblichkeit.
Rin erwiderte mit einem Lächeln: „Ja, das habt Ihr.“
In einer fließenden Bewegung erhob sie sich, griff mit der linken Hand nach der Laterne, die ihren Zweck nun erfüllt hatte, neigte leicht den Kopf zur Seite. Ihr Lächeln – nein, ihr Strahlen – ließ ihr Gesicht regelrecht leuchten. Sie reichte ihm ihre zierliche rechte Hand.
Ohne Zögern ergriff er sie.
Wortlos führte sie ihn in das Innere ihrer Hütte. Und bevor sich die Schiebetür schloss, konnte ein unsichtbarer Beobachter noch sehen, wie der Dämonenfürst Rins Hand zu seinen Lippen führte – um einen sanften Kuss auf ihre Fingerknöchel zu hauchen.
Zeit
Nach dem Ende der Handlung von Yashahime - Princess Half-Demon
Die Sonne senkte sich langsam hinter den Horizont, tauchte die Hügel in ein sanftes Gold. Zwischen den Bäumen schwirrten Glühwürmchen. Eine leise Sommerbrise trug den Duft von blühendem Wildgras durchs Tal.
Rin saß auf der Veranda ihres neuen Hauses, das Sesshōmaru für sie gebaut hatte – zurückgezogen, fern der Welt, aber nah genug, um jederzeit ihre Töchter zu empfangen. Die Zwillinge waren inzwischen selbst junge Frauen, selbstständig, mutig, und auf ihre Weise genauso stur wie ihr Vater.
Sie lauschte dem sanften Rascheln der Blätter, bis sie es hörte – kein Laut, sondern eine Stille, die sich veränderte.
Er war da.
Ohne aufzublicken, sprach sie leise:
„Sesshōmaru-sama, Ihr wart lange fort.“
„Es war notwendig.“
Sesshōmarus Stimme war wie immer ruhig, distanziert – und doch war da ein Unterton, den wohl nur sie heraus zu hören vermochte. Die leise Unruhe in einem Dämonenherzen, das längst wusste, dass es an etwas gebunden war, das keine Kette war – sondern ein Versprechen.
Er trat neben sie, ließ sich nieder, der Blick in die Ferne gerichtet. Eine Weile sagte niemand etwas. Dann:
„Rin.“
Sie sah zu ihm auf.
„Du wirst nicht altern wie andere Menschen.“
Es war keine Einleitung, keine Erklärung – nur eine schlichte, absolute Wahrheit.
Die junge Frau blinzelte. Einen Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben. Doch dann erkannte sie den Ernst in seinem Blick. Kein Zögern, kein Zweifel.
„Seit dem Tag, an dem ich dich mit Tenseiga zurückholte“, fuhr er fort, „lebt ein Teil meiner Essenz in dir. Sie schützt dich. Dein Körper hat sich verändert, dein Geist ist ungewöhnlich schnell gereift. Du wirst altern – aber sehr langsam. Und du wirst leben … sehr lange.“
Sie schwieg, ließ die Worte sacken. Dann legte sich ein leises Lächeln auf ihre Lippen.
„Irgendwie habe ich es geahnt, tief in mir drinnen schon lange gespürt, dass ich anders bin. Darf ich mir die Frage erlauben, warum Ihr es mir nicht früher gesagt habt?“
„Weil ich wissen musste, ob du dich, ohne diese Gewissheit, für das Leben an der Seite eines Dämons entscheidest.“
Rins Lächeln wurde weicher.
„Ich habe nie darüber nachgedacht, wie lange, nur darüber, dass ich bei Euch sein möchte. Nun zu wissen, dass es für sehr lange sein wird, ist ein großes Geschenk.“
Eine lange Pause entstand. Dann – kaum hörbar – sagte er:
„Dann haben wir Zeit.“
Rin nickte.
„Ja. Wir haben Zeit.“
Und zum ersten Mal seit langer Zeit legte Sesshōmaru seine Hand nicht an das Heft eines Schwertes – sondern ganz still auf Rins Hand.
Nicht als Fürst. Nicht als Krieger.
Nur als jemand, der wusste: Diese Zeit, wie lang sie auch sein mochte – ja, Rin hatte Recht, so wie Totsai damals - war ein Geschenk, das Wertvollste, das der Dämonenfürst sich vorstellen konnte und er hatte sich ihm letztlich würdig erwiesen.
