Zersplittert
Der Oktoberregen war kalt, feucht und eindringlich. Er fiel in dünnen, gleichmäßigen Tropfen auf das Dach des kleinen Cafés am Rande von Shibuya, wo sie sich zum ersten Mal seit Monaten wieder trafen. Das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich auf dem nassen Asphalt.
Yolei war die Erste am Treffpunkt. Sie hatte sich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht und saß nun an einem gemütlichen Platz am Fenster. Ihre Finger umklammerten eine heiße Tasse Tee, aber ihre Gedanken waren woanders. Nach und nach trafen auch die anderen ein. Kari begrüßte Yolei mit einer flüchtigen Umarmung. Sie wirkte müde und nicht mehr so fröhlich wie früher. T.K. und Cody betraten direkt nacheinander das Café. Auch ihre Begrüßung fiel eher halbherzig aus. Der Stress des Alltags war beiden deutlich anzumerken, auch wenn sie nicht darüber sprachen.
Yoleis Lippen zuckten kaum merklich, als sich die Tür ein weiteres Mal öffnete. Dort trat gerade Ken ein – pünktlich, wie immer. Nichts an ihm wirkte verändert, und doch war alles anders. Der schlanke Mann mit dem schwarzen Mantel, dem distanzierten Blick und der aufrechten Haltung hatte nicht mehr viel mit dem gemeinsam, den sie früher einmal gekannt hatte. Früher, als sie noch zusammen durch die Digiwelt gereist waren, als sie sich noch ohne Worte verstanden hatten… als das Leben noch leicht gewesen war.
Jetzt war da nur noch diese Leere zwischen ihnen.
„Hey“, sagte T.K. mit gedämpfter Stimme und winkte Ken matt zu, als wüsste er selbst nicht, ob er sich darüber freute, ihn zu sehen. Ken nickte nur und setzte sich ans andere Ende des Tisches, möglichst weit entfernt von Yolei. Natürlich… wie immer.
Yolei presste die Lippen zusammen und blickte auf ihre Teetasse. Warum kommt er überhaupt, wenn er sich nicht mal mit einem von uns unterhalten will?, dachte sie. Ihre Schultern spannten sich an. Seit Monaten meldete er sich kaum. Keine Nachrichten - keine Anrufe. Nur bei diesen lästigen, viel zu höflichen Treffen saß er plötzlich wieder da, als wäre nichts gewesen.
Davis war wie immer zu spät, auch wenn es diesmal nur 15 Minuten waren. Er setzte sich freudestrahlend an den Tisch, entschuldigte sich knapp für seine Verspätung und bestellte sich einen großen Kaffee. Er schien der Einzige zu sein, der sich wirklich von Herzen freute, dass die alte Gruppe an diesem Abend wieder zusammengefunden hatte.
Auch nach einer weiteren halben Stunde schien das Eis nicht wirklich zu brechen. Cody sprach gerade über seinen neuen Job in einer Anwaltskanzlei. Davis, dem die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben stand, versuchte mit ein paar schlechten Witzen die Stimmung zu retten, während Kari aussah, als würde sie sich am liebsten in Luft auflösen. Die Älteren waren nicht mal gekommen. Niemand hatte gefragt, warum.
Yolei sah in die Runde. Früher waren sie wie Geschwister gewesen – unzertrennlich, füreinander da. Jetzt waren sie Fremde mit gemeinsamen Erinnerungen. Gespräche, die früher vor Leben sprühten, wirkten nun wie höfliche Pflichterfüllungen. Jemand lachte verhalten. Es klang hohl.
Und Ken? Ken sah sie kein einziges Mal an. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, zog es in ihrer Brust. Nicht, weil sie wütend war – obwohl sie es war – sondern weil sie ihn vermisste. Seine ruhige Art, sein schräges Lächeln, wenn er nervös wurde, und die tiefe Wärme in seinen Augen, wenn er jemandem zuhörte. Das alles war noch da, irgendwo versteckt hinter dieser Maske aus Professionalität. Aber sie war es leid, ihm hinterherzulaufen. Sie war wütend. Wütend auf ihn, weil er sie einfach aus seinem Leben ausgesperrt hatte… und wütend auf sich selbst, weil sie ihn trotzdem nicht loslassen konnte.
„Ich hab neulich mal wieder etwas von Izzy gehört“, sagte Davis plötzlich. „Er meinte, Tentomon hätte ihm damals sicher bei seiner Masterarbeit helfen können.“ Ein kurzes, gespieltes Lachen war von Ken zu hören – dann wieder Schweigen.
Yolei starrte in ihre leere Tasse. Ihr Herz zog sich zusammen. Sie vermisste Hawkmon. Manchmal wünschte sie sich nichts sehnlicher, als mit ihm sprechen zu können – einfach nur fünf Minuten. Er hätte ihr gesagt, was sie tun soll. Ob sie Ken vergessen sollte… Oder ob sie kämpfen sollte. Doch Hawkmon war nicht hier. Keiner der Digimon war es. Sie waren zurück in der Digiwelt – weit weg, fast schon wie ein Traum aus einer anderen Zeit.
„Ich muss los“, sagte Ken plötzlich und stand auf. Seine Stimme klang kühl, professionell und irgendwie falsch. Yolei blickte auf. Ihre Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, doch er wich ihrem Blick aus, so als hätte er Angst, dort etwas zu finden, was er nicht sehen wollte.
„Natürlich“, murmelte sie. Ihre Stimme klang härter, als sie es beabsichtigt hatte. Ken zögerte kurz, dann nickte er knapp und ging. Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem dumpfen Geräusch. Yolei presste die Lippen zusammen. Warum tat es jedes Mal so weh?
„Ich glaub, ich geh auch“, sagte sie leise, stand auf und griff nach ihrer Tasche. Niemand hielt sie zurück. Niemand fragte, ob alles in Ordnung war.
Der Regen vor dem kleinen Café hatte zugenommen, als sie auf die Straße trat. Kalte Tropfen trafen ihr Gesicht und mischten sich mit etwas, das ihr erst auffiel, als sie sich über die Augen rieb… Tränen. Sie dachte an Kens Blick, an seine verschlossene Haltung… und an die Worte, die sie sich seit Jahren nicht auszusprechen traute.
Ich liebe dich, du Idiot. Warum merkst du das nicht?
Druckwelle
Es war ein Dienstag. Ein grauer, unbedeutender Oktobertag, der sich in nichts von den anderen unterschied. Yolei hetzte die Treppen der U-Bahn-Station nach oben. Ihr Mantel flatterte im kalten Wind, der durch die Hochhausschluchten pfiff, während sich ihre rechte Hand an den Riemen ihrer Aktentasche klammerte und sie in der linken Hand einen Kaffeebecher balancierte. Alles war wie immer.
Sie kam an die Oberfläche. Menschen schoben sich an ihr vorbei, in Eile, die Blicke auf ihre Handys gerichtet, kaum darauf achtend, wo sie hinliefen. Tokio war laut und gleichzeitig wie betäubt – jeder für sich, jeder gefangen in der eigenen Welt.
Yolei trat auf die Straße und wartete an der roten Fußgängerampel, während sie gedankenverloren überlegte, was sie ihrem Chef zum dritten Mal erklären musste, weil er ihre Mails nicht richtig las. Ihre Stirn kräuselte sich, der Kaffee war inzwischen kalt. Sie wollte gerade ihr Handy aus der Tasche ziehen, als sie ein Geräusch hörte.
Ein Klicken ließ sie aufblicken - dann ertönte ein dumpfer Knall.
Eine plötzliche Druckwelle riss sie schlagartig zu Boden.
Noch ehe sie realisieren konnte, was gerade passiert war, brach um sie herum das pure Chaos aus. Menschen schrien, Autohupen ertönten, Reifen quietschten. Das gläserne Wartehäuschen einer nahegelegenen Bushaltestelle splitterte in sich zusammen. Der Asphalt unter Yoleis Händen war feucht und rau. Ihre Ohren klingelten. Für einen Moment war sie wie betäubt – und dann kam der Schmerz. Dumpf und pochend riss er sie zurück in die Realität.
„Was zur Hölle…?“, keuchte sie und setzte sich langsam auf. Ihre Knie bluteten, ein Riss ging durch ihre Strumpfhose und sie roch verbrannten Kunststoff. Irgendwo in dem Durcheinander hörte sie ein Baby schreien. Menschen taumelten und drängten sich schreiend von der Straße. Weißer Rauch und Staub brannten in Yoleis Augen und erschwerten ihr die Sicht. Sie sah ein Auto, das gegen eine Laterne geschleudert wurde, die Scheiben waren zerbrochen. Der Fahrer des Wagens stieg taumelnd aus. Er schien unverletzt zu sein.
Es war eine Druckwelle – aber kein offenes Feuer, keine Flammen und keine Explosion wie im Fernsehen… und der Ursprung muss ganz in ihrer Nähe gewesen sein.
Wie mechanisch griff sie an ihre Stirn, die sich schmerzhaft und feucht anfühlte. Als sie das Blut an ihrer Hand sah, begriff sie, dass sie auch mit dem Kopf aufgeschlagen sein musste. Sie versuchte aufzustehen, doch in diesem Moment griff ihr von hinten jemand unter die Arme und zog sie nach oben.
„Yolei!“
Sie zuckte zusammen. Sie kannte die Stimme und der Klang ihres Namens durch diese Stimme – seine Stimme – ließ ihr Herz kurzzeitig noch schneller klopfen, als es eh schon tat.
Ken.
Er packte sie vorsichtig an den Schultern und schob sie ein Stück raus aus dem Gedränge an eine Hauswand, während hinter ihnen Sirenen in der Ferne aufheulten. Er löste seinen Griff nicht, begutachtete sie aber von oben bis unten mit einem ersten, durchdringenden Blick.
„Bist du verletzt? Ist alles in Ordnung?“
Benommen starrte sie ihn an. Es fiel ihr immer noch schwer, zu begreifen, was gerade geschehen war. „Ich… ich weiß nicht. Was war das? Eine Gasleitung?“
Ken schüttelte kaum merklich den Kopf, aber seine Augen sprachen Bände. Er war blass und angespannt, die Muskeln in seinem Kiefer zuckten. „Ich weiß es nicht. Komm. Wir müssen dich untersuchen lassen.“
„Wieso… wieso bist du hier?“, flüsterte sie. Sie zitterte am ganzen Körper und hätte Ken sie nicht gestützt, wäre sie garantiert zusammengebrochen. Unbeholfen versuchte sie sich die dreckige Brille zu richten, um ihre aufkeimende Unsicherheit aufgrund der plötzlichen Nähe zu Ken zu überspielen, jedoch ohne Erfolg.
Er antwortete nicht sofort. „Ich war zufällig auf Streife. Ich hab dich von der anderen Straßenseite gesehen, kurz bevor es passiert ist.“
Zufällig. Das Wort hallte in ihrem Kopf nach.
Rettungskräfte kamen angerannt und Polizisten sperrten die Straße ab. Yolei wurde von einem Sanitäter in Empfang genommen. Während er ihren Kopf untersuchte, sprach sie kaum ein Wort. Ihr Blick wanderte immer wieder zu Ken, der sich mit einem Kollegen besprach, den Tatort sicherte und Fotos machte.
Später im Krankenhaus war der Schock stärker als der Schmerz. Sie wurde untersucht, es gab jedoch keine ernsthaften Verletzungen, nur Prellungen und Abschürfungen. Ihr wurde aufgrund der Platzwunde an der Stirn geraten, die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht allein zu verbringen, damit sich im Falle einer Gehirnerschütterung jemand um sie kümmern konnte.
Ken wartete draußen. Als sie ihm begegnete, war seine Haltung wieder kühl und distanziert. „Ich leite die Ermittlungen“, sagte er knapp, ohne sie direkt anzuschauen. „Aber… du solltest dich erst mal erholen. Wir halten dich auf dem Laufenden. Hast du jemanden, der auf dich aufpasst?“
Yolei runzelte die Stirn. „Meine Schwester bleibt die nächsten Tage bei mir. Das war doch kein Zufall, oder?“
Ken wich ihrem Blick weiterhin aus. „Wir wissen noch nichts Genaues. Es war keine große Sprengladung. Aber der Zünder war präzise. Zu präzise.“
„Du meinst, das war für mich gedacht?“ Sie hatte damit gerechnet, dass es sich bei der Detonation um einen Anschlag gehandelt haben könnte, aber wollte Ken damit andeuten, dass sie das eigentliche Ziel war? Das machte alles überhaupt keinen Sinn. Warum sie?
Ken sagte nichts. Aber sein Schweigen war Antwort genug.
Ein eiskalter Knoten bildete sich in Yoleis Magen. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ das Krankenhaus.
Ken saß ein paar Stunden später an seinem Schreibtisch im Polizeirevier. Er hatte das Überwachungsmaterial der Straße bereits fünfmal gesichtet. Keine verdächtigen Bewegungen – keine Person, die sich auffällig verhalten hätte. Der Sprengsatz war in einem Müllcontainer versteckt gewesen, offenbar ferngezündet und technisch gut ausgeklügelt. Wer auch immer dafür verantwortlich war, war kein Amateurtäter.
Ken rieb sich die Schläfen. Sein Herz raste. Seit er Yolei inmitten der Trümmer gesehen hatte, hatte er sich etwas geschworen. Er würde sie beschützen – aus der Ferne, wenn es sein musste. Aber jetzt war sie scheinbar Ziel eines Anschlags geworden. Er hatte noch keine Beweise dafür, dass der Zünder wegen ihr betätigt wurde, aber tief in seinem Inneren wusste er es. Und alles, was er tun konnte, war, eine Wand zwischen sich und ihr hochzuziehen.
Wenn ich ihr zu nahe komme, bringe ich sie nur noch mehr in Gefahr.
Es klopfte an der Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat Reiji Kato ein, ein Kollege aus Kens Einheit. Er lächelte. „Ganz schön harter Tag, was?“ Er ließ sich ohne Aufforderung auf Kens Stuhl gegenüber nieder. „Und das arme Mädchen mittendrin.“
Ken sah ihn flüchtig an. „Ich glaube nicht, dass das ein Zufall war.“
„Nein?“ Kato schien kurz über Kens Worte nachzudenken, nickte aber verständnisvoll. „Du denkst, sie war das Ziel?“
Ken erwiderte nichts darauf.
Kato lächelte wieder. „Na dann. Viel Erfolg bei den Ermittlungen, Partner.“ Er drehte sich zur Tür und verließ das Büro. Ken starrte ihm nach.
Irgendetwas stimmte nicht.
Objektiv
Es war bereits mehr als eine Woche vergangen seit dem Vorfall in Shinjuku, doch in Yoleis Brust saß der Schrecken noch immer tief. Der Alltag hatte sie längst wieder eingeholt, zumindest äußerlich: Die Knie und die Platzwunde am Kopf waren fast verheilt, das Büro verlangte ihr dieselbe Präzision ab wie immer und ihre Kolleginnen taten so, als sei alles beim Alten – nur dass sie nachts nicht mehr schlief. Sie hörte jedes Geräusch und zuckte bei jedem Knacken zusammen. Sie prüfte jedes Mal panisch ihre Umgebung, wenn sie allein auf dem Heimweg war. Aber sie sprach nicht darüber. Mit niemandem. Nicht mit ihrer Familie, nicht mit ihren Kollegen, nicht mit ihren Freunden... Und erst recht nicht mit Ken.
Denn Ken war wieder Ken. Distanzierter als je zuvor – professionell. Er hatte sie zwei Tage nach dem Anschlag verhört, war dabei sachlich und nüchtern geblieben und schaute sie nicht öfter an als nötig. Nicht eine Spur von der Sorge, die sie in seinen Augen gesehen hatte, als er sie aus dem Staub gezogen hatte, war mehr zu sehen. Es war, als hätte er eine Mauer errichtet, dick wie Beton.
Sie hasste ihn dafür. Und sie vermisste ihn wie nie zuvor.
Es war Freitagnachmittag, kurz vor sechs, als Yolei sich von ihrem Computer im Büro abmeldete und ihren Mantel überzog. Sie hatte Überstunden gemacht, wie so oft in letzter Zeit. Es störte sie nicht, immerhin lenkte es sie ein bisschen von ihren Problemen ab. Das Großraumbüro war bereits leer, als sie das Gebäude verließ. Der Himmel über Tokio war mit dichten Wolken bedeckt. Es war ein matter, violett-grauer Oktoberabend, der nach Regen roch. Sie steckte die Hände tief in die Manteltaschen, bog in die ruhige Seitenstraße ein, die sie immer nahm – ein Schleichweg durch die Hinterhöfe, um dem Lärm zu entfliehen.
Sie kam an einem Lieferwagen vorbei. Der Motor lief. Niemand saß drin. Ein leises Prickeln kroch ihr über den Nacken. Sie ging schneller.
Ein Knall hallte plötzlich durch die Häuserfassaden. Yolei, die sowieso schon seit Tagen in Alarmbereitschaft war, blickte blitzschnell erschrocken nach oben. Etwas explodierte über ihr – nicht wie beim ersten Anschlag. Diesmal war es keine Druckwelle, stattdessen regnete es Glas und Plastikteile. Kurz darauf krachte eine alte Klimaanlage nur wenige Meter von Yolei entfernt scheppernd auf den Boden und zersprang in tausend Einzelteile.
Sie schrie und stolperte rückwärts. Ein scharfkantiges Metallteil streifte ihre Wange. Blut tropfte warm an ihrer Haut entlang. Menschen riefen aus den Fenstern, Autos bremsten quietschend, doch niemand eilte ihr zur Hilfe. Nicht sofort – bis sie plötzlich wieder ihren Namen hörte. Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu.
„Yolei!“
Ken. Schon wieder.
Diesmal hatte er nicht seine Uniform an, sondern trug eine schwarze Jacke und dunkle Jeans. Er war offenbar nicht dienstlich hier, aber sein Blick war messerscharf, seine Bewegungen präzise. In Sekunden war er bei ihr, hielt sie fest und drehte sie prüfend in seinen Armen.
„Hast du dich verletzt?“
„Es… war wieder ein Anschlag, oder?“, keuchte sie.
Er sah nach oben. Die Stelle, an der die Klimaanlage ursprünglich befestigt sein musste, rauchte noch. „Sieht so aus.“ Er ließ sie nicht los.
Eine halbe Stunde später war der Tatort abgesperrt. Spurensicherung und Einsatzkräfte arbeiteten sich durch die Trümmer. Die Straße war geräumt und ein Hubschrauber zog Kreise am Abendhimmel. Yolei saß in einer silbernen Decke am Rand eines Krankenwagens, mit einem Pflaster auf der Wange. Ken stand ein paar Meter entfernt und redete in sein Funkgerät.
„Ichijouji!“
Die Stimme ließ ihn herumfahren. Reiji Kato kam auf ihn zu, die Hände in den Manteltaschen, mit einem skeptischen Grinsen auf den Lippen. Er war Mitte dreißig, hatte dunkle Haare, die an der Seite kurz rasiert waren und war ein paar Zentimeter kleiner als Ken. Dennoch strahlte er eine Autorität aus, wie es kaum ein anderer von Kens Kollegen tat.
„Zweiter Vorfall in einer Woche. Und wieder bist du einer der ersten vor Ort.“ Er hob eine Augenbraue. „Zufall?“
Ken ignorierte den Tonfall. „Ich war in der Nähe.“
„Natürlich warst du das.“
Kato ließ seinen Blick zu Yolei wandern. „Du scheinst das Mädchen gut zu kennen.“
Ken blieb stumm.
Der Ältere trat näher. „Hör zu, Ichijouji. Ich mag dich. Du bist intelligent und loyal… aber wir wissen beide, wie das aussieht. Zwei Anschläge – beide auf dieselbe Person. Und du immer mittendrin.“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Ken skeptisch. Er beobachtete dabei jede von Katos Zügen.
„Gib den Fall ab.“ Katos Stimme wurde ernster. „In unserem Job geht es um Objektivität. Und du kannst unmöglich noch objektiv sein. Du bist zu nah dran.“
„Ich will sie einfach nur beschützen.“
„Mag sein. Oder willst du einfach nur, dass sie dich braucht?“
Für einen Moment herrschte eisige Stille zwischen den beiden Männern. Ken presste die Lippen aufeinander. Er hatte nie geglaubt, dass er Kato gegenüber einmal auf Misstrauen stoßen würde. Der Mann hatte ihm den Rücken freigehalten, als er als frischer Absolvent in die Abteilung kam. Er hatte ihm geholfen, sich zurechtzufinden. Er hatte keinen Grund, ihm zu misstrauen – und doch…
„Ich behalte den Fall“, sagte Ken ruhig. „Bis mir jemand anderes offiziell den Befehl entzieht.“
Kato nickte langsam. „Wie du meinst.“
Drei Tage später arbeitete Ken in der Ermittlungsakte und starrte auf die Fotos. Der Sprengsatz war eine selbstgebastelte Vorrichtung, über einen simplen Zeitschaltmechanismus ausgelöst, aber professionell verborgen. Es gab keine Fingerabdrücke und keine Überwachungskamera, die den Täter zeigte. Doch es gab eine neue Spur: ein Zigarettenstummel, exakt drei Meter vom Einsturzort entfernt. Er ließ ihn untersuchen. Der Bericht kam am Abend.
Zigarettenmarke: „Black Wood“. Importware. Selten in Japan. Vertrieben über einen einzigen Kiosk – eine alte Seitenstraße in Shibuya.
Ken stellte überrascht fest, dass er den Laden kannte. Als er in seiner Ausbildung war, war er häufiger mit Reiji Kato auf Streife. Mehr als einmal hielten Sie unterwegs an, damit sich sein damaliger Mentor Zigaretten holen konnte. Ob es sich dabei um diese Marke handelte, konnte er nicht mehr sagen… aber… Sein Magen zog sich zusammen.
Zufall? Oder…?
Er starrte auf den Bericht. Dann auf das winzige Etikett, das der Analytiker mitgeschickt hatte.
Rückstand von Hautfett, DNA.
Er griff zum Telefon.
DNA
Das grelle Licht des Besprechungsraums warf harte Schatten auf Kens Gesicht, als er den Ausdruck des DNA-Berichts vor ihm auf dem Tisch betrachtete. Seine Stirn lag in Falten, seine Augen lasen Zeile für Zeile, immer und immer wieder – als würden die Buchstaben sich verändern, wenn er sie nur lange genug anstarrte.
“Vergleichsprobe positiv: Hautpartikel und Schweißrückstände stimmen mit den Referenzdaten von Ken Ichijouji überein.”
Unmöglich.
Er ließ das Blatt sinken, stützte die Ellbogen auf den Tisch und rieb sich die Schläfen. Die Luft im Raum war stickig, sein Herz pochte viel zu schnell. Er war Polizist, verdammt noch mal. Er wusste, wie solche Spuren zustande kamen. Er wusste auch, wie leicht sie sich manipulieren ließen.
Aber warum seine DNA?
Er hatte den Tatort nie betreten. Er hatte nie... niemals mit der Sprengvorrichtung Kontakt gehabt. Und doch war seine Spur an einem Stück des Timers gefunden worden, eingebrannt wie ein Todesurteil.
Die DNA-Analyse des Zigarettenstummels, den Ken in der Nähe des Tatorts eingesammelt hatte, war angeblich nicht aussagekräftig. Die Rückstände gehörten laut Labor zu einem LKW-Fahrer, der regelmäßig ein nahegelegenes Geschäft belieferte und somit wurde der einzige Hinweis, den Ken gefunden hatte, entkräftet.
Komisch daran war jedoch, warum auf einmal die Überreste des Sprengsatzes auftauchten, obwohl sie bei den ersten Untersuchungen des Tatorts am Abend des Anschlags niemand gefunden hatte. Auf Kens Nachfrage, wer die Beweise entdeckt habe, hatte er keine Antwort erhalten… aber er hatte eine Vermutung.
Es klopfte. Die Tür ging auf und Reiji Kato trat ein. Er war ruhig, beinahe bedauernd, als er sich gegenüber von Ken an den Tisch setzte. „Du hast den Bericht gelesen?“
Ken schwieg.
Kato fuhr sich durch das dunkle Haar. „Wir haben’s dreimal geprüft. Drei unabhängige Labore. Die Spur ist eindeutig.“
„Das ist absurd“, knurrte Ken. „Jemand will mir das unterjubeln.“
„Mag sein. Aber du musst zugeben, es sieht nicht gut aus.“ Kato lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du warst bei beiden Anschlägen vor Ort. Du hast dich geweigert, den Fall abzugeben. Und jetzt finden wir deine DNA an der Bombe. Das ist… schwer zu ignorieren.“
Ken starrte ihn an. Er suchte nach einem Hinweis, einem Anflug von Zweifel in seinen Zügen. Aber Kato wirkte überzeugend, besorgt, beinahe traurig sogar.
„Was willst du von mir?“
„Gib den Fall ab. Freiwillig. Und… ruh dich vorübergehend aus. Lass das interne Ermittlerteam übernehmen.“
„Und wenn ich mich weigere?“
„Dann wird die Entscheidung für dich getroffen.“
Drei Stunden später war Ken suspendiert. Noch nicht offiziell, aber de facto aus dem Dienst entbunden, seine Zugangskarte wurde gesperrt, sein Schreibtisch leergeräumt. Niemand hatte ihn angesprochen. Nicht Kato… und auch nicht seine anderen Kollegen.
Davis hatte ihm eine Nachricht auf dem Handy hinterlassen.
„Was ist da los, Ken? Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist.“
Zwei Polizisten waren in ihrer Mittagspause in seinem Ramenladen gewesen und haben sich lautstark über die neuesten Gerüchte im Polizeirevier unterhalten, so dass nicht nur Davis, sondern auch alle anderen Gäste es nicht überhören konnten. Es schien sich zu verbreiten wie ein Lauffeuer.
Ken antwortete nicht. Was sollte er schreiben?
Er saß auf der Bank vor dem Fluss. Es war dieselbe, auf der er früher mit Wormmon gesessen hatte, als er noch ein Digiritter war. Damals war alles einfacher gewesen. Schwarz und Weiß. Licht und Dunkelheit. Gut und Böse. Jetzt war alles grau und diffus… und dieses Mal konnte ihm niemand aus der Digiwelt helfen.
Er dachte an Yolei.
Ob sie es schon wusste?
Sie wusste es.
Es war ihr am Morgen gesagt worden, in der Lobby ihres Büros. Zwei Beamte hatten sie beiseite genommen und ihr sanft aber bestimmt erklärt, dass Inspektor Ichijouji vom Fall abgezogen worden sei - aus Gründen der „Neutralität“ und weil neue Spuren gefunden worden seien, die geprüft werden müssten. Sie hatten ihr nicht gesagt, welche Spuren, aber sie hatte es in ihren Blicken gesehen - dieses Mitleid, dieses Bedauern. Auf die Frage hin, ob Ken etwas mit den Angriffen auf sie zu tun hatte, antworteten sie nicht.
Als sie allein war, rief sie Kari an. Nur um zu reden. Doch Kari war seltsam kühl und vorsichtig. Sie sagte nur, dass Ken sich seit Jahren verändert habe und dass niemand wirklich wisse, wie es in ihm aussieht. Yolei legte auf, bevor sie weinen konnte. Sie wusste nicht, was sie von diesem Telefonat erwartet hatte. Vielleicht hatte sie gehofft, dass Kari ihr sagen würde, dass sie sich das alles nur einbilde… dass es einen simplen Grund dafür gäbe, warum er den Fall abgeben musste und dass sie eigentlich wissen sollte, dass Ken so etwas nie tun würde. Nun war sie noch verunsicherter als zuvor.
Trotzdem dachte sie immer wieder an diesen Blick in Kens Augen, als er sie vor der herabstürzenden Klimaanlage zurückgerissen hatte, an die panische Sorge und das Zittern seiner Finger, als er ihr Gesicht auf Verletzungen prüfte. War das alles nur gespielt gewesen?
Nein. Unmöglich.
Und doch… die Zweifel schlichen sich langsam in ihr Herz.
Am nächsten Tag stand Ken vor Yoleis Tür. Nicht in Uniform und nicht mit sachlich vorbereiteten Fragen oder zusammengesammelten Informationen - nur er… nur Ken.
Yolei öffnete nur zögerlich die Tür. Ihre Augen waren gerötet, sie trug einen alten Pullover und ihre Haare waren zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden. Sie wirkte zerbrechlicher, als Ken sie je gesehen hatte. Als sie ihn sah, hätte sie am liebsten die Tür wieder zugeschlagen, aber sie tat es nicht.
„Was willst du hier?“, fragte sie tonlos.
„Ich… ich muss mit dir reden.“
Yolei trat nicht zur Seite. Ihr Blick wurde ernst.
„Du bist nicht mehr zuständig. Und du bist… verdächtig.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Aber ich schwöre dir, ich habe damit nichts zu tun.“
„Und warum findet man dann deine DNA?“, fauchte sie plötzlich. „Warum warst du immer da, wenn etwas passiert ist? Warum hast du dich seit Jahren kaum gemeldet und tauchst plötzlich wieder in meinem Leben auf, sobald jemand mich umbringen will?“
Ken wich zurück, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. „Glaubst du wirklich… ich würde dir etwas antun?“ Er hatte diese Worte lauter ausgesprochen, als beabsichtigt, aber er war fassungslos. Sie kannten sich schon so viele Jahre…
Yolei zitterte. Ihre Stimme brach. „Ich weiß es nicht mehr, Ken.“
Die Tür fiel ins Schloss. Und Ken blieb allein zurück.
Eindringlich
Der Regen fiel in feinen, dichten Schleiern auf die Stadt, als Yolei spätabends nach Hause kam. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster wieder und der Wind zerrte an ihrem Mantel. Der Oktober zeigte seine hässlichste Seite – nass, kalt und grau. In ihren Händen trug sie eine Tüte mit Ramennudeln. Sie war zu müde zum Kochen, zu ausgelaugt, um sich um irgendetwas anderes als den nächsten Atemzug zu kümmern.
Der Tag hatte sich gezogen wie Kaugummi. Ihre Kolleginnen und Kollegen im Büro flüsterten ständig oder blickten sie misstrauisch an, wenn sie vorbei lief. Wenn sie einen Raum betrat, endeten die Gespräche abrupt. Dachten sie wirklich, dass Yolei es nicht mitbekommen würde? Alle wussten von dem Anschlag… und alle wussten von Ken. Die Gerüchte hatten längst ihre eigene Dynamik entwickelt, obwohl niemand die genauen Umstände kannte. Einige meinten, Ken sei schon immer merkwürdig gewesen, immerhin war er früher das Wunderkind, das eines Tages plötzlich wie vom Erdboden verschwunden war, nur um ein paar Monate später wieder aufzutauchen, als wäre nichts gewesen. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er den Verstand verlieren würde. Andere sagten - und das war noch viel schlimmer - Yolei und Ken hätten eine Affäre gehabt, die er beendet habe. Sie hätte das nie verkraftet und würde sich nun einbilden, er würde sie verfolgen und sie wäre nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen… Es war frustrierend.
Yolei wollte einfach nur ins Bett. Doch als sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Dann sah sie es: Der Türrahmen war gesplittert, die kleine Kommode im Flur umgeworfen. All ihre Schuhe lagen verteilt im Flur. Ihr Herz setzte für einen Moment aus – dann raste es los, wild und unkontrollierbar.
Sie trat einen Schritt zurück und ließ die Tüte mit dem Essen fallen. Sie behielt die Hand am Türgriff und zog ihr Handy zitternd aus der Tasche. Hastig wählte sie die Nummer der Polizei. Die Sekunden, bis jemand antwortete, fühlten sich für sie wie eine Ewigkeit an.
„Ich brauche Hilfe.“, flüsterte sie. „Bei mir wurde eingebrochen. Ich bin nicht sicher, ob noch jemand…“
In diesem Moment hörte sie ein Geräusch... ein Klirren aus der Küche. Yolei drehte sich um und rannte.
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stürzte sie die Treppen hinunter, zurück in den Hausflur, in dem noch Licht brannte… wo Menschen sein konnten… wo sie nicht allein war mit dem Schatten, der sich vielleicht in ihrer Wohnung versteckte.
Die Polizei war schnell da. Die Straße vor dem Wohnhaus war erhellt mit Blaulicht. Nachbarn standen im Flur, neugierig und besorgt, manche mit verschränkten Armen, als wäre ihr Entsetzen moralischer Natur. Yolei saß auf der kalten Treppe, die Arme um ihre Beine geschlungen, während die Beamten in ihrer Wohnung arbeiteten.
Eine halbe Stunde später kam Reiji Kato. Er ging die Treppen hoch, das nasse Haar zurück gestrichen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Er wirkte müde, aber ruhig. - beinahe beschützend. „Frau Inoue?“, sagte er sanft, als er sich zu ihr hinunterbeugte. „Geht es Ihnen gut?“
Sie nickte stumm, wagte aber nicht, ihm in die Augen zu sehen.
„Sie haben alles richtig gemacht. Wir sichern gerade die Spuren.“ Er sah sie an. „Waren Sie oben, nachdem Sie den Einbruch bemerkt haben?“
„Nur im Flur“, hauchte sie.
„Gut.“ Er stand auf. „Bleiben Sie hier. Ich komme gleich wieder.“
Es dauerte nicht lange, bis die Spurensicherung fertig war. Die Beamten trugen Plastiktütchen mit Gegenständen heraus, mögliche Beweismaterialien, die vielleicht Fingerabdrücke des Einbrechers vorweisen konnten.
Kato trat zu ihr, als der letzte Kollege die Wohnung verließ. „Wir haben Fingerabdrücke auf der Schranktür gefunden“, sagte er leise. „Und einen Faserrest an der Küchentür, vermutlich von einem Jackenärmel. Wir lassen ihn jetzt gleich im Labor analysieren.“
Yolei schluckte. „Wie lange dauert so etwas?“
„Die ersten Ergebnisse werden bald kommen.“ Er tippte etwas auf seinem Handy.
Es vergingen noch etwa zwanzig Minuten, in denen Yolei befragt wurde. Auch die Nachbarn wurden als mögliche Zeugen verhört, aber von ihnen schien niemand etwas auffälliges gesehen zu haben. Dann erhielt Kato einen Anruf. Er nickte immer wieder mit ernstem Blick, während er stumm der Person am anderen Ende der Leitung zuhörte. Als er auflegte, trat er an Yolei heran.
„Die Laborergebnisse sind da.“ Er sah auf. Sein Blick war ein stummer Vorwurf. „Die Fingerabdrücke gehören Ken Ichijouji.“
Es war, als würde ihr jemand den Boden unter den Füßen wegreißen.
Zwei Stunden später lag Yolei in ihrem Wohnzimmer. Die Wohnung war notdürftig aufgeräumt, aber die Spuren des Eindringlings schienen überall zu sein. Sie hingen unsichtbar in der Luft… in ihren Gedanken… in ihrem Herzen.
Sie konnte nicht schlafen. Sie konnte nicht essen. Obwohl sie in eine dicke Decke gewickelt war, fror sie am ganzen Körper. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Sie fühlte sich in diesem Moment so allein wie niemals zuvor. Sie hatte versucht Kari anzurufen – ihr Handy war aus. Dann versuchte sie es bei Davis – keine Reaktion. Warum es ausgerechnet seine Nummer war, die sie nach der ihrer besten Freundin gewählt hatte, wusste sie nicht. Vielleicht, weil er früher Kens bester Freund war? Soweit sie mitbekommen hatte, hatten die beiden in letzter Zeit kaum noch Kontakt. Zumindest Davis schien das zu bedauern.
In einer plötzlichen Kurzschlussreaktion griff sie zum Handy.
Die Nummer hatte sie seit Jahren gespeichert, aber fast nie gewählt. Sie zögerte, atmete noch einmal tief durch und drückte auf den Namen. Das Freizeichen ertönte. Nach ein paar Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, hörte sie seine Stimme. Sie klang heiser und müde.
„Hallo?“
„Ken?“
Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende.
„Yolei?“
Ihre Stimme bebte. Zorn und Angst vermischten sich zu einer bitteren Mischung. Sie musste versuchen, sich zu beherrschen. „Wie konntest du?“, presste sie hervor. „Was willst du von mir? Was zum Teufel willst du, Ken?“
„Wovon redest du?“
„Du warst in meiner Wohnung! Deine Fingerabdrücke sind überall, also leugne es nicht. Du hast alles durchwühlt! Suchst du nach irgendetwas? Oder willst du mich nur in den Wahnsinn treiben?“
„Ich war nicht…“, begann er geschockt, aber sie ließ ihn nicht ausreden.
„Seit Wochen passieren diese Dinge und du bist immer da. Immer zur richtigen Zeit. Oder zur falschen! Erst der Anschlag auf der Straße. Dann bei der Klimaanlage. Jetzt das. Wir waren mal Freunde. Du warst… jemand, den ich bewundert habe. Aber jetzt…“ Sie stockte. „Ich erkenne dich nicht mehr.“
„Yolei… bitte. Ich war nicht… Ich weiß nicht, wie diese Spuren dahin kommen. Ich würde dir niemals etwas tun.“
„Dann erklär es mir!“, schrie sie. „Erklär es mir, verdammt noch mal!“
Doch Ken schwieg. Und dieses Schweigen war schlimmer als jedes Geständnis.
Yolei atmete schwer. Ihre Hände zitterten. „Weißt du, was alle sagen? Dass du psychisch labil bist. Dass du das nie überwunden hast, was damals mit deinem Bruder passiert ist. Dass du die Kontrolle verlierst. Und dass du… gefährlich bist.“
Ken flüsterte: „Glaubst du das auch?“
Sie antwortete nicht.
Dann beendete sie das Gespräch.
Am nächsten Morgen saß Reiji Kato in seinem Büro und betrachtete die Überwachungsfotos, die ihm auf seinem privaten Handy zugeschickt worden waren. Ken allein vor Yoleis Haus – Ken in einer Seitenstraße ganz in der Nähe von Yoleis Arbeit – Ken hinter einem Stromkasten, während Yolei ihren Lieblingsbuchladen betritt…
Er lächelte kalt. Alles lief nach Plan. Und Yolei war nur noch einen Schritt davon entfernt, sich ganz von Ken abzuwenden.
Anspannung
Der Himmel über Tokio war wolkenverhangen, als Reiji Kato seelenruhig mit einem dampfenden Becher Kaffee in der Hand durch das Polizeihauptquartier ging. Sein Auftreten war selbstsicher wie immer, während er seinen vorbeikommenden Kollegen einen guten Morgen wünschte. Kato genoss unter den anderen Polizisten ein hohes Ansehen. Er war beliebt und – was noch viel wichtiger war – er war einflussreich. Kaum jemand auf dem Polizeirevier wagte es, ihm zu widersprechen und auf seine Meinung wurde viel gehalten. Er war ein hohes Tier und das strahlte er auch aus. Unter seinem linken Arm trug er einen Laptop.
Er fand Yolei im Vernehmungsraum 3, wo sie seit fünfzehn Minuten auf ihn wartete. Ihre Augen waren gerötet und ihre Haltung steif. Sie war erschöpft, zermürbt – und empfänglich für alles, was Kato ihr zeigen würde.
„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte Kato leise und setzte sich ihr gegenüber.
„Sie sagten, Sie hätten etwas Wichtiges für mich“, erwiderte sie.
Er nickte, klappte den Laptop auf und drehte ihn so, dass sie den Bildschirm sehen konnte. Wenige Sekunden später flimmerten mehrere Überwachungsaufnahmen darüber.
„Was ist das?“, fragte sie, nicht sicher, ob sie die Antwort überhaupt hören wollte.
„Die Bilder stammen von verschiedenen Überwachungs- und Verkehrskameras aus der Innenstadt. Fußgängerzonen, Bushaltestellen, Einfahrten zu Wohngebieten – alle zwischen letzter Woche und gestern aufgenommen.“ Er vergrößerte ein Standbild.
Ken, in dunkle Kleidung gehüllt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stand auf dem Gehweg. Sein Blick war auf Yoleis Wohnhaus gerichtet.
Ein weiteres Bild zeigte Ken an einem Straßencafé – scheinbar unbeteiligt, aber im Hintergrund war deutlich Yolei zu sehen, die gerade telefonierte. Auf dem dritten Bild sah man Ken am U-Bahnhof, wieder in ihrer Nähe und immer im Schatten.
„Wir können nicht beweisen, dass er Ihnen gefolgt ist“, sagte Kato ruhig. „Aber… sehen Sie sich das Muster an. Er taucht immer wieder dort auf, wo Sie sind. Immer unauffällig. Immer am Rand. Vielleicht unabsichtlich… vielleicht aber auch absichtlich.“
Yolei starrte auf die Fotos.Ihr Herz klopfte in dumpfen Wellen gegen ihre Brust. „Das kann Zufall sein“, flüsterte sie, als müsste sie sich selbst davon überzeugen.
„Vielleicht“, sagte Kato. „Aber in Kombination mit allem, was bereits geschehen ist – den Anschlägen, dem Einbruch, den Spuren…“ Er lehnte sich vor. „Ich weiß, wie schwer das für Sie sein muss, aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.“
Yolei sagte nichts mehr. Doch in ihrem Innersten begann ein Teil von ihr, das Unaussprechliche zuzulassen: Was, wenn es wirklich Ken ist?
Ken erfuhr einige Stunden später von den Bildern – nicht durch Kato, sondern durch einen Kollegen, der ihm noch vertraute.
„Sie benutzen das Material gegen dich, Ken“, flüsterte der junge Ermittler hastig. „Kato zeigt es intern herum. Sagt, du seist gefährlich und labil. Er will, dass du dich selbst stellst.“
Ken starrte auf die Ausdrucke, die man ihm unter der Hand gegeben hatte. Er erkannte sich selbst – aber die Zeitstempel passten nicht. Er erinnerte sich an jene Tage. Und er wusste: Er war niemals zur gleichen Zeit am selben Ort wie Yolei.
„Das ist manipuliert“, sagte er kalt. „Er will mich isolieren.“
„Dann solltest du dich wehren, bevor es zu spät ist.“
Später an diesem Abend traf sich Yolei mit Davis, Cody und Kari bei T.K. Zuhause. Sie war froh, dass alle so kurzfristig zugesagt haben, obwohl sie sich in den letzten Jahren voneinander entfremdet hatten. In so einer Ausnahmesituation waren sie doch füreinander da. Außerdem brodelte die Gerüchteküche und ihre ehemaligen Mitstreiter wollten endlich von Yolei selbst erfahren, was tatsächlich vor sich ging.
T.K.s Wohnzimmer war ein vertrauter Ort. In den Bücherregalen stapelte sich verschiedenste Literatur und auf einem alten, schon fast antik wirkenden Schreibtisch sammelten sich Papierstapel, lose handgeschriebene Notizen und hastig gekritzelte Zeichnungen neben einem aufgeklappten Laptop. T.K. stand kurz davor, sein erstes Buch zu veröffentlichen, aber diese Tatsache spielte an diesem Abend keine Rolle.
Kari saß neben Yolei auf der Couch, Cody und Davis liefen unruhig im Zimmer auf und ab und T.K. stand am Fenster und blickte nervös in die Dunkelheit. Nachdem Yolei von den neuesten Beweismaterialien erzählt hatte, sagte keiner mehr ein Wort. Die Sachlage war noch schlimmer als von den anderen angenommen.
„Ich weiß einfach nicht mehr, was ich glauben soll“, sagte Yolei mit erstickter Stimme. „Die Bilder, der Einbruch, seine Fingerabdrücke überall... Und wie er sich benimmt. In einem Moment scheint er besorgt zu sein, im nächsten ist er wieder kühl und distanziert, fast so, als hätte er zwei Persönlichkeiten. Ich habe langsam wirklich Angst.“
Cody nickte. „Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist. Aber es sieht wirklich nicht gut aus.“
„Ken war immer etwas… sensibel“, warf Kari vorsichtig ein. „Er hat viel durchgemacht. Vielleicht zu viel.“
„Das klingt so, als würdet ihr ihm wirklich zutrauen, dass er mir das alles antut.“, entgegnete Yolei leise.
„Yolei“, sagte T.K., „wir waren jahrelang nicht mehr so eng mit ihm. Wer weiß schon, was in ihm vorgeht? Vielleicht hat er einfach den Halt verloren.“
Davis schwieg lange. Dann sagte er mit verschränkten Armen: „Ich will nicht glauben, dass er so jemand ist. Nicht Ken. Nicht der Ken, den ich kenne. Aber…“ Er sah zu Boden und senkte die Stimme. „Ich erkenne ihn nicht mehr wieder.“
Yolei legte den Kopf in die Hände. Das Gewicht der letzten Wochen, der letzten Stunden – es schien sie zu erdrücken.
Plötzlich klingelte es an der Tür. Alle Blicke wanderten zum Flur. T.K. ging langsam hinüber und spähte durch den Spion.Dann sah er mit angespannter Miene zu den anderen.
„Es ist Ken.“
Yolei sprang auf.
„Mach nicht auf“, sagte Cody sofort.
„Vielleicht will er nur reden“, warf Davis ein, doch seine Stimme war alles andere als überzeugt.
Yolei stand da, zwischen dem Wunsch nach Antworten und der Angst, was sie hören würde. Ihre Hände zitterten. „T.K.“, sagte sie schließlich. „Lass ihn rein.“
Zögernd öffnete T.K. die Tür.
Ken trat ein – blass, erschöpft, mit zerzaustem Haar. In seinen Augen loderte Zorn, Verzweiflung – und etwas anderes. Etwas, das Yolei noch nie so gesehen hatte.
„Wir müssen reden“, sagte er rau.
Die Anspannung im Raum war greifbar. Und niemand wusste, ob dieses Gespräch alles klären – oder alles zerstören würde.
Unsicherheit
Ken trat in T.K.s Wohnzimmer wie ein Fremder. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Sie durchbohrten ihn regelrecht. Niemand sagte ein Wort oder bewegte sich auch nur einen Millimeter. Es war, als wäre die Zeit in diesem Moment stehen geblieben. Nur der tickende Sekundenzeiger der Uhr über T.K.s Schreibtisch verriet, dass sie weiterhin verstrich. Die Spannungen in der Luft waren kaum auszuhalten.
Ken blickte wortlos in die Runde, als versuchte er, die Gedanken jedes einzelnen zu entziffern. T.K., der ihm am nächsten stand, beäugte ihn misstrauisch, bereit, sofort zu reagieren, sollte Ken auch nur eine falsche Bewegung machen. Cody lehnte mit verschränkten Armen an der Küchenzeile. Man sah ihm an, dass er wütend war. Davis wiederum machte eher den Eindruck, als wisse er nicht, was er von alldem halten sollte. Sein Blick war fragend, beinahe mitleidig. Die beiden Mädchen saßen auf der Couch. Kari hatte eine Hand auf Yoleis Knie gelegt. Auch sie musterte Ken skeptisch. Yolei selbst hatte sich von Ken abgewandt und starrte mit verschränkten Armen auf die Teetasse vor ihr auf dem Tisch, ihre Haltung steif – wie versteinert.
Nach einer gefühlten Ewigkeit durchbrach T.K. die Stille – ernst und deutlich: „Was willst du, Ken?“
Ken hob den Kopf, seine Stimme war rau, aber beherrscht. „Ich weiß, was gerade über mich erzählt wird. Ich habe die Bilder gesehen. Ich weiß, was ihr denkt.“
„Und?“, fragte Cody kühl. „Glaubst du, wir ignorieren einfach die Beweise? Dein Verhalten? Die Aufnahmen der Überwachungskameras sind doch eindeutig. Warum bist du Yolei in den letzten Wochen ständig gefolgt, ohne dass sie davon wusste?“
Ken ließ den Blick kurz auf Yolei ruhen, dann richtete er sich wieder an die anderen. „Ich habe niemandem etwas getan“, sagte er und klang dabei fast schon verzweifelt. „Und ich habe Yolei auch nicht verfolgt. Diese Bilder… sie sind manipuliert.“
„Das ist eine schwere Behauptung“, meinte Kari leise. „Und wer sollte das tun?“
Ken schwieg. Es war noch zu früh, voreilige Beschuldigungen über Kato direkt auszusprechen. Er brauchte einen Plan… Beweise – mehr als Worte und haltlose Vermutungen.
„Ich kann euch noch nicht alles erklären“, sagte er. „Aber ich schwöre euch: Ich will niemandem etwas antun. Am allerwenigsten Yolei.“
„Ken“, warf Davis ein, seine Stimme schwankend zwischen Loyalität und Unsicherheit, „du warst wochenlang kaum erreichbar. Du hast dich verändert. Du bist nicht mehr… du selbst.“
„Vielleicht ist das so“, gab Ken ehrlich zu. „Aber ich bin nicht gefährlich. Ich…“ Er stockte und schaute flehend in die Runde. „Ich bin allein in etwas hineingeraten, das größer ist als ich dachte. Und ich brauche Hilfe – kein Misstrauen. Wir sind doch Freunde…“
Yolei hob langsam den Kopf. Ihr Blick war glasig. „Ach, sind wir das? Warum hast du uns dann nichts gesagt?“, fragte sie leise. „Warum hast du uns im Dunkeln gelassen? Wenn das alles nicht stimmt, warum…?“ Ihre Stimme brach ab.
„Weil ich dachte, ich könnte allein damit klarkommen. Ich wollte euch da nicht mit reinziehen.“, sagte Ken schroff. Er war wütend, weil ihm nicht mal mehr seine alten Freunde glaubten. Er musste sich schon einmal ihr Vertrauen erkämpfen, damals, nachdem er der Digimonkaiser war. Und nun war dieses Vertrauen zerbrochen. Sein Ton wurde lauter, denn es fiel ihm immer schwerer, sich noch zu beherrschen. „Aber vielleicht war es ein Fehler, euch um Hilfe zu bitten..“
Die Anspannung wuchs. Cody warf Davis einen Blick zu und Kari rutschte auf der Couch ein Stück näher zu Yolei. T.K. trat vor und stellte sich zwischen Ken und die anderen.
„Es reicht.“, sagte er. „Geh jetzt.“
„T.K., bitte –“
„Du bist hier nicht willkommen. Nicht, solange du nicht beweisen kannst, dass du unschuldig bist.“
Ken sah zu Davis mit einer stummen Bitte, dass wenigstens er ihm glauben würde. Ihre Blicke trafen sich und für einen kurzen Moment hoffte er, dass sein bester Freund etwas sagte… dass er Partei für ihn ergreifen würde, wie er es schon einmal getan hatte. Doch Davis blieb stumm und wandte sich betreten ab. Resigniert nickte Ken und schaute noch einmal zu Yolei, die noch immer wie versteinert auf der Couch saß und ihm keines Blickes würdigte. Dann drehte er sich langsam um und verließ die Wohnung. Die Tür fiel leise ins Schloss.
Die Nacht war kühl, als Ken in sein Apartment zurückkehrte. Er war aufgewühlt und hätte am liebsten irgendetwas zerschlagen. Und vor allem war er enttäuscht. Enttäuscht davon, dass ihm nicht mal mehr seine Freunde vertrauten… dass sie ihm so etwas wirklich zutrauten, obwohl sie ihn eigentlich besser kennen sollten und obwohl sie wussten, was er bereits alles durchgemacht hatte. Aber vielleicht war genau das der Grund? Vielleicht dachten sie wirklich, er hätte das alles nie verarbeitet. Der Vorwurf, er hätte sich von den anderen distanziert, war durchaus wahr, aber hatten sie sich nicht alle voneinander entfernt? Reichte das schon aus, um eine jahrelange Freundschaft in Frage zu stellen?
Er ging geradewegs zu seinem Computer und schaltete ihn ein. Obwohl er seit Stunden oder vielleicht Tagen nichts gegessen hatte, war gar nicht daran zu denken. Ken begann zu arbeiten. Er hatte nicht viel, aber er hatte sein Gedächtnis, seine Erfahrung als Ermittler – und einen Verdacht, der immer mehr zur Überzeugung wurde. Die Zeitstempel, die Bildwinkel, die Qualität der Aufnahmen… es gab Unstimmigkeiten. Die Dateien, die er bekommen hatte, waren verändert worden. Er begann, sie zu analysieren, eine nach der anderen. Er verglich Lichtverhältnisse, Wetterdaten, Gesichter von Passanten im Hintergrund – alles, was ihm helfen konnte, denn er würde Kato nicht kampflos das Feld überlassen.
Währenddessen legte Reiji Kato in seinem Büro die Hände ineinander. Der Blick aus dem Fenster zeigte das glitzernde Nachtpanorama der Stadt, doch seine Gedanken kreisten nur um eines: Kontrolle.
Er hatte geglaubt, Ken sei gebrochen. Doch der war zäher, als er vermutet hatte – und gefährlicher. Kato wusste, dass er jetzt schneller handeln musste.
Er entwickelte einen neuen Plan, dessen Ziel es war, Yolei emotional näher an sich zu binden. Sie war der Schlüssel, um Ken endgültig zum Schweigen zu bringen. Denn noch hatte niemand die Wahrheit erkannt. Und noch glaubte alle Welt: Ken Ichijouji sei der Täter.
Architekt
Der Morgen war bleigrau. Wolken drängten sich über den Dächern Tokios zusammen und der Wind jagte vertrocknete Blätter über den Asphalt, als wolle er sie vor etwas Unsichtbarem in Sicherheit bringen. Yolei saß an einem kleinen Fenstertisch eines unscheinbaren Cafés in Shibuya. Sie hatte das Lokal nicht gewählt – die Einladung war von Reiji Kato gekommen. Er hatte sie eine Stunde zuvor angerufen, um sie um ein Gespräch zu bitten, weil er sich um sie Sorgen machte.
Sie hatte gezögert, aber schließlich zugesagt. Vielleicht konnte er ihr die Antworten geben, die sie selbst nicht fand.
Kato erschien pünktlich – elegant wie immer. Er trug dunkle Jeans, einen maßgeschneiderten Mantel und ein schwarzes Hemd. Alles an ihm war makellos. Seine Erscheinung wirkte wie ein Kontrast zur Unordnung in Yoleis Leben.
„Frau Inoue", sagte er freundlich, reichte ihr die Hand und ließ sich ihr gegenüber nieder. „Schön, dass Sie gekommen sind.“
„Ich hoffe, es ist wichtig“, erwiderte sie kühler als beabsichtigt, aber sie hatte keine Geduld mehr für leere Worte.
Kato bestellte Kaffee für sie beide, ohne sie zu fragen. Das störte Yolei mehr, als sie zugeben wollte. „Ich will nur, dass Sie wissen: Wir tun alles, um Sie zu schützen. Aber das bedeutet auch, dass wir schwierige Entscheidungen treffen müssen.“
„Sie sprechen von Ken.“
„Ja.“ Kato legte die Hände auf den Tisch. „Ich weiß, das fällt Ihnen schwer. Aber ich möchte Ihnen etwas zeigen.“ Er zog ein kleines Tablet aus seiner Tasche, entsperrte es und zeigte ihr weitere Aufnahmen. Mehr Bilder, Videos, Screenshots – alle angeblich von Überwachungskameras, die Ken zeigten – in der Nähe ihrer Wohnung, vor ihrer Firma und auf der anderen Straßenseite, als sie mit einem Kollegen zum Mittagessen ging.
Yolei starrte auf den Bildschirm. Ihre Augen verengten sich. Das Zittern ihrer Hände verriet ihre innere Unruhe.
„Sie sehen es selbst“, sagte Kato leise. „Er ist besessen von Ihnen. Und wenn jemand besessen ist, trifft er irgendwann Entscheidungen, die niemand vorhersehen kann.“
Yolei atmete flach. Ein Teil in ihr weigerte sich, es zu glauben. Aber der andere... der andere Teil war müde. Müde vom Misstrauen… Müde vom Alleinsein... Müde von der Angst. „Und was schlagen Sie vor?“, fragte sie nach einem Moment der Stille, in der Kato die Fotos auf Yolei wirken ließ.
„Wir werden in Ihrer Nähe bleiben.“, sagte Kato sanft. „Ich kann nicht versprechen, dass es keine Gefahr mehr geben wird. Aber ich kann versprechen, dass wir Sie nicht allein lassen. Und wenn es nötig ist, werde ich mich der Sache selbst annehmen. Ich werde nicht zulassen, dass er Ihnen nochmal zu nah kommt, Yolei."
Es war das erste Mal, dass Kato sie mit Vornamen ansprach. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. „Darf ich Sie etwas fragen…? Warum interessieren Sie sich so sehr für meinen Fall? Ich meine… Hat ein Kommissar in einer so hohen Position denn Zeit für einen verhältnismäßig kleinen Fall, wie meinen? Haben Sie nichts Wichtigeres zu erledigen?“
Kato schien kurz überrascht, lächelte dann aber verständnisvoll. „Prinzipiell haben Sie Recht. Normalerweise kümmern sich die Kollegen mit niedrigerem Dienstgrad um solche Fälle, aber hier geht es um einen Polizisten aus unserem internen Kreis, den ich unter anderem selbst mit ausgebildet habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass mir nicht eher aufgefallen ist, dass er wohl… psychische Schwierigkeiten hat. Außerdem nimmt es mich immer sehr mit, wenn eine junge Frau durch einen Mann wie Ichijouji bedrängt oder sogar bedroht wird. Ich habe damit ein persönliches Problem.“
Diese Antwort schien Yolei zu genügen. Wortlos nahm sie einen Schluck Kaffee. Der bittere Geschmack passte zu den bitteren Gedanken in ihrem Inneren.
Währenddessen saß Ken in seinem kleinen Apartment, umgeben von ausgedruckten Datensätzen, Fotos und alten Ermittlungsakten. Die Nacht war kurz gewesen. Er hatte kaum geschlafen, doch jetzt war sein Blick klar. Was er gefunden hatte, ließ sein Herz schneller schlagen.
Er hatte Zugang zu alten internen Ermittlungen erhalten, die nie abgeschlossen wurden – Ermittlungen, die er selbst vor Monaten angestoßen, dann aber auf Anweisung seiner Vorgesetzten hatte ruhen lassen müssen. Damals war er auf ein Muster gestoßen: Spuren, Hinweise und plötzliche Rückzüge von Verdächtigen. Alles deutete daraufhin, dass ein Mann aus den eigenen Reihen darin verwickelt war. Möglicherweise als Informant, wenn nicht sogar als Drahtzieher. Er hatte damals die Zusammenhänge nicht erkannt, aber nun waren sie deutlicher, als jemals zuvor.
Kato.
Immer wieder tauchte sein Name auf. Als Kontaktperson oder als Vermittler… Und dann: nichts mehr.
Er hatte die Datenbank der Polizei mit Informationen aus externen Quellen abgeglichen – versteckte Firmenverbindungen, verschlüsselte E-Mails und eine IP-Adresse, die zu einem sicheren Server eines bekannten Schmugglerrings führte – über eine Zwischenstation, die auf Katos Namen registriert war. Jetzt fügte sich das Bild zusammen. Kato war kein einfacher Handlanger. Er war der Architekt.
Ken lehnte sich zurück. Die Erkenntnis traf ihn mit der Wucht eines Faustschlags. Es war keine Theorie mehr, kein instinktives Gefühl – es waren Beweise. Und doch konnte er nichts tun. Noch nicht.
Wenn er jetzt zur Polizei ging, würde man ihm nicht glauben. Kato war beliebt, angesehen, über jeden Zweifel erhaben – und Ken war der Gefallene, der Paranoide, der angebliche Täter. Und wenn Kato davon Wind bekam, dann würde er die Beweise schneller verschleiern, als Ken auch nur einen Schritt ins Polizeirevier setzen könnte.
Er musste vorsichtig sein und systematisch agieren. Er musste weiter graben. Und dann, wenn der Moment kam, zuschlagen – mit aller Härte der Wahrheit.
Während Ken das nächste Dokument öffnete, ahnte er nicht, dass Kato bereits die nächste Stufe seines Plans vorbereitete. Die Fassade des freundlichen Beschützers war nur der Anfang gewesen.
Denn Kato war sich sicher: Bald schon würde niemand mehr an Ken Ichijoujis Schuld zweifeln… Weil niemand ihn mehr sehen würde.
Flammen
Ken Ichijouji stand am Rand des Gehwegs, seine Schultern gegen die Kälte des Oktobermorgens angespannt, während seine Augen auf die kleine Buchhandlung an der Ecke zu einer kleinen Seitenstraße gerichtet waren. „Amano Bücher“, las er im verblassten Schriftzug über dem Eingang. Es war einer dieser alten Läden, deren verwinkelte Regale den Geruch von Papier und Staub in sich trugen – ein Ort, an dem Yolei sich oft zurückzog, wenn die Welt zu laut wurde. Und heute war sie wieder hier.
Er hatte sie beobachtet, aus der Ferne, ohne Hintergedanken oder Berechnung. Er hatte nur den Wunsch, ihr endlich die Wahrheit zu zeigen. In seiner Jackentasche befand sich ein Umschlag, prall gefüllt mit ausgedruckten Dokumenten, Fotos, Namen und Verbindungslinien… alles, was er in den letzten Tagen zusammengetragen hatte. Die Beweise, dass Reiji Kato in Wahrheit nicht nur ein Verräter war, sondern tief verstrickt in einen illegalen Verbrecherring, dessen Netzwerk sich bis in höchste Kreise zog – und dass er es war, der Ken von der Bildfläche verschwinden lassen wollte.
Aber Yolei wollte nicht mit ihm sprechen. Er hatte versucht, sie anzurufen und ihr Nachrichten zu schreiben, aber sie hatte ihn überall blockiert. Sie war mittlerweile zu verletzt, zu misstrauisch und zu überzeugt davon, dass Ken labil war… und dass er ihr gefährlich werden könnte. Er konnte es ihr nicht verübeln. Nicht nach all dem, was geschehen war. Kato hatte ganze Arbeit geleistet.
Trotzdem musste sie die Wahrheit erfahren, sie musste die Beweise mit eigenen Augen sehen. Und wenn sie Ken dafür hasste, dass sie wegen ihm in diese Situation geraten ist, dann war es eben so.
Ken drückte die Tür des Ladens auf. Ein kleines Glöckchen bimmelte über ihm, während der Geruch alter Seiten ihn umhüllte. Er trat ein, schloss die Tür leise hinter sich und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Zwei ältere Damen standen an einem Tisch mit Kochbüchern und ein junger Mann mit Kapuze blätterte vertieft in einem Kriminalroman. Ein weiterer Kunde mit dunkler Baseballmütze stand mit dem Rücken zu Ken gewandt an einem Regal und streckte sich nach einem Buch in der obersten Reihe. Ein Kleinkind drängte sich freudestrahlend mit seiner Mutter an Ken vorbei, ein neues Bilderbuch in der Hand, und verließ den Laden. Er registrierte sie unbewusst und scannte ihre Gesichter, ein Reflex aus seiner Ausbildung. Nichts an dieser Situation wirkte auffällig oder bedrohlich.
Ken bewegte sich leise und zielstrebig durch die Gänge… und da sah er sie. In einer der hinteren Ecken, zwischen den Regalen mit Lyrik und psychologischer Fachliteratur, saß Yolei auf einem der alten Sessel. Ihr violettes Haar war in einem unordentlichen Dutt zusammengebunden und ihre Brille saß schief auf der Nase. In der Hand hielt sie ein aufgeschlagenes Buch, doch ihre Augen glitten unruhig über die Zeilen. Ihre Gedanken waren woanders. Bei ihm vielleicht?
Ken trat näher, gerade so weit, dass sie ihn sehen konnte, aber nicht zu nah, um sie nicht zu erschrecken. Er zögerte einen Moment, betrachtete sie noch kurz und sagte dann leise ihren Namen.
Sie schaute auf – und ihr Blick gefror zu Eis - vor Entsetzen, Wut und etwas anderem, was zwischen ihnen flackerte. „Was machst du hier?“ Ihre Stimme war kalt und schneidend. „Ich habe dir gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen.“
„Ich muss dir etwas zeigen“, begann er, zog vorsichtig den Umschlag aus der Tasche. „Es ist wichtig. Du musst mir zuhören.“
Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte er es wagen, nach Allem was passiert war, hier aufzutauchen? Er wusste, dass der Ort ihr viel bedeutete und dass es ihr Rückzugsort war, um der Welt da draußen für ein paar Stunden zu entfliehen. Wie konnte er es wagen, ihr das letzte bisschen Frieden zu nehmen? „Ich will nichts mehr von dir hören, Ken. Ich hab genug gehört. Genug gesehen. Du… du verfolgst mich!“
Er öffnete den Mund und wollte protestieren – da geschah es.
Eine gewaltige Detonation riss durch die Stille des Ladens. Es war, als hätte jemand die Luft selbst zerrissen. Bücher flogen durch die Luft, das Glas der Fenster zersprang mit ohrenbetäubendem Kreischen, Regale stürzten um und Hitze, Licht und ein infernales Dröhnen bohrten sich wie ein Hammer in seinen Schädel.
Die Welt explodierte.
Ken wurde durch die Luft geschleudert und krachte mit dem Rücken gegen ein Regal. Splitter und brennendes Papier rieselten auf ihn herab. Er roch Rauch, geschmolzenes Plastik und verbranntes Holz. Der Umschlag mit den Beweisen war ihm aus der Hand gerissen worden, irgendwo in diesem Chaos… in Flammen.
Er rappelte sich auf, verlor aber beinahe wieder das Gleichgewicht. Er versuchte sich irgendwo festzuhalten, aber alles brannte. Der Rauch kroch in seine Lunge, ein Schmerz hinter seiner Schläfe pulsierte und seine Ohren waren taub. „Yolei!“, schrie er verzweifelt, aber er hörte sich selbst kaum. Er spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Wo war sie? Hitze, Feuer und dichter schwarzer Qualm machten es ihm nahezu unmöglich, etwas zu erkennen.
Ken tastete sich langsam voran, in die Richtung, in der er Yolei vermutete. Inmitten der Flammenbewegung sah er plötzlich eine Gestalt – jemand schleppte Yolei aus dem Sessel und hielt sie fest im Arm, während die Überreste brennender Buchseiten durch die Luft flogen.
Kato.
Reiji Kato, in Zivil gekleidet, zog Yolei durch ein zerborstenes Fenster nach draußen – nicht, ohne Ken noch einen hämischen Blick zuzuwerfen.
Ken wollte aufspringen und den beiden folgen – doch die Hitze trieb ihn zurück. Das Feuer schnitt ihm den Weg ab. Er musste einen anderen Ausgang finden. Blind vor Schmerz und Wut stolperte er durch das brennende Labyrinth, stieß sich an umgestürzten Regalen und sprang über brennende Bücher, die sich kringelnd auf dem Boden wanden. Schließlich fand er einen Seitenausgang, warf sich gegen die Tür und stolperte ins Freie.
Kalte Luft durchflutete seine Lungen. Von weitem hörte er Sirenen näher kommen. Er versuchte sich zu orientieren und ging auf die Menschentraube zu, die sich bereits vor dem in Flammen stehenden Bücherladen versammelt hatte.
„Das ist er!“, rief jemand. „Der Typ, der kurz vorher hier reinkam – ich hab gesehen, wie er was ins Regal gelegt hat!“
„Ja! Genau da, wo es explodiert ist!“, bestätigte ein anderer.
Ken blinzelte durch den Rauch. Die Stimmen gehörten zu zwei Männern – einer davon war der mit der Baseballkappe, der andere der mit Kapuze. Die Kunden von vorhin, als er den Laden betreten hatte. Beide zeigten mit den Fingern auf ihn.
Es traf ihn wie ein Schlag, als er begriff, was hier vor sich ging. Die beiden Männer gehörten zu Kato. Er war ihm wieder einen Schritt voraus und Ken ist blindlings in seine Falle getappt.
Seine Augen suchten Yolei. Sie saß auf dem Gehweg, ihr Gesicht war mit Ruß bedeckt und sie starrte ihn apathisch an. Kato kniete neben ihr und hatte eine Hand schützend auf ihre Schulter gelegt. Ihr Blick war wie ein Fenster zu ihren Gedanken. Für einen Moment war da Stille – doch diese wich bloßer Verachtung, Angst und Enttäuschung.
Dieser Blick schnitt tiefer als jedes Messer.
Ken wollte etwas sagen, aber es war zu spät. Stimmen schrien seinen Namen. Polizisten rannten auf ihn zu. Ohne nachzudenken, ohne ein Wort zu verlieren, drehte er sich um und rannte. Er musste hier fort… fort von diesem Ort… fort von den Augen, die ihn verurteilten… und fort von der Frau, die er liebte.
Nachrichten
Der kalte Herbstwind peitschte ihm ins Gesicht, während Ken rannte. Die Sohlen seiner Schuhe klatschten auf den nassen Asphalt, seine Lungen brannten und seine Sicht war verschwommen – teils vom Rauch, teils von den Tränen, die er nicht zurückhalten konnte. Er hatte alles verloren.
Der kleine Beutel, den er immer bei sich trug – mit Wohnungsschlüssel, Bargeld und seinem Handy – war das Einzige, was ihm geblieben war... und das ungesehene, zerrissene Stückchen Würde, das er verzweifelt zu retten versuchte.
Als er endlich vor seinem Apartmentgebäude ankam, war der Himmel grau und schwer, als würde er ganz genau wissen, was gerade geschehen war.
Mit zitternden Fingern schloss Ken die Tür zu seiner Wohnung auf – nur um im nächsten Moment zu erstarren. Die Tür war nicht richtig geschlossen. Es war nur ein winziger Spalt, doch für Ken war es sofort klar: Hier war jemand gewesen.
Vorsichtig trat er ein. Ein modriger Geruch hing in der Luft. Seine Augen wanderten über das Chaos, ein Schauer durchfuhr seinen ganzen Körper. Einfach alles war zerstört.
Schubladen waren aufgerissen, Schränke umgeworfen, Bücher zerrissen und Kisten durchwühlt. Der Bildschirm seines Computers lag zerbrochen auf dem Boden, der Tower fehlte. Auf seinem Schreibtisch, wo gestern noch ein Haufen ausgedruckter Dateien gelegen hatten, lag nur noch Asche. Die Festplatten und USB-Sticks waren verschwunden. Jede Sicherheitskopie, jeder Beweis – alles, woran er sich geklammert hatte, war weg.
„Nein…“, flüsterte er und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, das noch immer Rußspuren und Kratzer trug. Er ging ins Schlafzimmer und bekam den nächsten Schock. Die Matratze seines Bettes war aufgeschlitzt, als wäre jemand mit chirurgischer Präzision auf der Suche nach etwas gewesen. Etwas, das ihm gefährlich werden konnte.
Der Fernseher flackerte im Wohnzimmer. Leise, aber deutlich genug, um Ken in den Wahnsinn zu treiben. Eine Reporterin stand vor einem verkohlten Trümmerhaufen – dem Buchladen. Die Kamera schwenkte über die Rauchschwaden, die noch immer aus dem Inneren drangen. Dann blendete das Bild auf ein Foto um.
Es war sein Foto – ein älteres, aus den Anfängen seiner Polizeikarriere, auf dem er ernst, ruhig und intelligent wirkte. Jetzt aber war es das Gesicht eines Mannes, vor dem ganz Tokio gewarnt wurde.
„...wird derzeit wegen dringendem Tatverdacht gesucht. Ken Ichijouji, 24 Jahre alt, ehemaliger Kriminalbeamter. Es besteht Verdacht auf Brandstiftung und gegebenenfalls auch versuchten Mord. Laut Polizeibericht war Ichijouji zuletzt psychisch auffällig. Er gilt als gefährlich. Die Bevölkerung wird dringend dazu aufgefordert, Abstand zu Ichijouji zu halten und bei Sichtkontakt unbedingt die Polizei zu informieren."
Das Bild wechselte, ein Interviewausschnitt wurde eingeblendet. „Ich hab gesehen, wie er was ins Regal gelegt hat. Kurz bevor alles hochging“, sagte ein Mann, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er war Katos Handlanger, der bei Kens Eintritt in den Buchladen in einem Krimi las. Es war alles so perfekt inszeniert. Kato war auf diesen Moment auf alles vorbereitet gewesen. Er wusste, dass Ken heute Yolei aufsuchen würde. Er wusste, wann er seine Wohnung verlassen hatte und er wusste, dass er Beweise hatte, die seine ganzen kriminellen Machenschaften aufdecken könnten. Und er hatte gehandelt. Kato war Ken immer ein paar Schritte voraus. Vermutlich wusste er bereits, was Ken als nächstes tun würde, obwohl Ken es selbst noch nicht wusste.
Im Fernsehen erschien ein weiterer Ausschnitt. Es war ein Jugendfoto von Ken, elf Jahre alt – das Wunderkind von damals, mit freundlichem Lächeln, aber kaltem Blick. Damals stand er unter dem Einfluss der Saat der Finsternis. Darunter war die Schlagzeile zu lesen: „Vom Genie zum Psychopathen?“
Kens Hände ballten sich zu Fäusten. Alles, was er sich aufgebaut hatte – sein Leben, sein Ruf, seine Integrität – wurde vor seinen Augen zerschmettert.
Kurz überlegte er, was für Möglichkeiten er nun hatte. Würde er zur Polizei gehen, würde man ihm nicht glauben. Die Beweise waren vernichtet worden und Kato hatte die Fäden in der Hand. Selbst wenn Ken verhaftet werden würde und Yolei somit vielleicht wieder sicher wäre, könnte Kato ungehindert mit seinen Machtspielen fortfahren und dieser Gedanke widerstrebte allem, wofür er in den letzten Jahren gekämpft hatte.
Mit einem kalten Entschluss griff er zu einem alten Rucksack und warf eine Flasche Wasser, Wechselkleidung, etwas Bargeld und ein paar Verbandsmaterialien und Medikamente hinein – alles, was er brauchen könnte. Dann schaltete er sein Handy aus, zog sich eine alte Jacke über, setzte seine schwarze Baseballkappe auf und verließ die Wohnung über die Feuertreppe. Bevor er ging, warf er einen letzten Blick auf das Chaos, das einst sein Zuhause gewesen war.
Er wusste: Er war jetzt ein Gejagter.
Zur gleichen Zeit saßen überall in der Stadt seine früheren Freunde vor den Fernsehern.
T.K. starrte schweigend auf den Bildschirm. Neben ihm saß Kari, die Hände zitternd um eine Tasse Tee geschlungen, die sie längst nicht mehr trank. „Das… das kann nicht wahr sein“, flüsterte sie. „Er ist doch unser Freund…“
„Er war unser Freund“, antwortete T.K., doch seine Stimme war schwach. Die Bilder ließen keine Zweifel mehr zu. Es gab zu viele Indizien, die dafür sprachen, dass Ken vollends den Verstand verloren haben musste.
Cody saß in seinem Arbeitszimmer, das Gesicht in den Händen. Der Bericht lief leise weiter. Er kannte Ken besser als viele andere – zumindest glaubte er das. Aber was, wenn er alle getäuscht hatte?
Davis stand in seinem Ramenladen, die Schürze noch umgebunden, als er die Nachrichten sah. Sein Gesicht war bleich. „Ken… was hast du nur getan?“, murmelte er, unfähig, sich von den Bildern zu lösen, die seinen einst besten Freund zeigten.
Ein paar Stunden später saß Yolei allein in ihrem Wohnzimmer, eine Decke über den Schultern gelegt. Sie hatte das Feuer überlebt, aber in ihr brannte es noch immer. Kato hatte sie gerettet und doch fühlte sie sich nicht erleichtert. Das Bild von Ken, wie er aus dem Rauch auf die Straße trat und sie verzweifelt anblickte, verfolgte sie.
Doch dann war da die Explosion, die Zugenaussagen, Kens Flucht, ihre Angst und all das, was sie wochenlang gespürt hatte. Er war nicht mehr der, den sie kannte.
Später an diesem Abend trafen sich die Digiritter – nicht mehr als Helden von damals, nicht mehr als Freunde, sondern als verunsicherte Erwachsene. Jeder hatte Zweifel, aber alle stellten sich dieselbe Frage: War Ken wirklich der Täter? War er wirklich der Psychopath, für den ihn nun ganz Tokio hielt?
Verwirrt
Draußen war es bereits dunkel. Der Nieselregen zog feine Schleier über die Fensterfront von T.K.s Wohnung. Die Straße war ruhig, doch eine dunkle Silhouette lehnte an einem geparkten Wagen – still und aufmerksam, wie ein Schatten, der darauf wartete, sich wieder zu erheben. Es war Reiji Kato, immer noch in Zivil, dennoch unübersehbar ein Teil der Polizei. Seine Präsenz vor dem Wohnunghaus wirkte wie eine unausgesprochene Warnung: Sollte Ken Ichijouji es wagen, hier aufzutauchen, sind wir bereit.
Drinnen war es warm, doch die Atmosphäre unter den Anwesenden hätte kaum kühler sein können.
T.K. hatte seine Wohnung in ein provisorisches Hauptquartier verwandelt. Kari, Cody, Davis und Yolei saßen auf dem Sofa und am Esstisch, keiner rührte die Getränke an oder sagte ein Wort. Seit dem letzten Treffen, das durch Ken unterbrochen wurde, haben sie sich nicht mehr gesehen. Nun saßen sie wieder hier – aber nicht, weil sie sich vermissten, sondern aus Angst und Unsicherheit.
Yolei saß auf dem Sessel am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Augen waren gerötet, nicht nur vom Weinen, sondern auch von der ständigen Anspannung. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten sich in ihre Mimik eingebrannt.
„Ich… stehe unter Polizeischutz“, sagte sie mit fester Stimme, nachdem sie lange geschwiegen hatte. „Kato hat es angeordnet. Er ist hier… draußen vor dem Haus. Er will sichergehen, dass Ken nicht versucht, mich noch einmal… zu kontaktieren.“
Ein Schweigen folgte. Keiner schien überrascht, doch Yoleis Bestätigung ließ es realer wirken.
„Und du glaubst, er würde das tun?“, fragte Cody vorsichtig.
Yolei schloss für einen Moment die Augen. „Ich weiß nicht mehr, wozu er fähig ist. Ich… ich habe ihm vertraut. Lange. Aber das da heute… im Buchladen. Ich hab ihn gesehen. Er war da. Und Sekunden später ist alles explodiert. Vielleicht… wollte er mich gar nicht retten… Vielleicht wollte er wirklich… dem ganzen ein Ende setzen.“ Ihr Stimme brach ab.
Kari sah sie entsetzt an. „Das meinst du nicht ernst, oder?“
„Ich weiß es nicht mehr!“, platzte es aus Yolei heraus. Sie sprang auf, ging schnellen Schrittes zum Fenster und drehte sich wieder zu der Gruppe um. „Ich weiß einfach nichts mehr! Ich habe wochenlang gehofft, dass es eine Erklärung gibt für diese Anschläge, die ganze Zufälle und sein merkwürdiges Verhalten… Und dann steht er plötzlich da… mitten in den Flammen. Und wieder gibt es keine Antworten, wieder spricht alles dafür, dass er es war. Ich kann nicht mehr!“
Davis schüttelte den Kopf, stand ebenfalls auf und ging ein paar Schritte im Raum auf und ab. „Ken würde niemals so etwas tun. Nicht absichtlich. Er ist… vielleicht verwirrt, vielleicht überfordert, aber er würde dich nicht verletzen.“
„Das ist genau das Problem!“, warf T.K. ein. „Wir reden hier nicht mehr von ein paar verwirrenden Nachrichten oder komischem Verhalten. Der Typ wird gesucht, Davis. Gesucht wegen versuchten Mordes! Er hat sich aus dem Staub gemacht, hinterlässt überall wo er aufgetaucht ist Chaos und… und du willst ernsthaft noch an das Gute in ihm glauben?“
Davis fuhr wütend herum. „Weil ich ihn kenne!“
„Kennst du ihn wirklich?“, mischte sich nun auch Cody ein, leise, aber bestimmt. „Du hast ihn seit Monaten nicht mehr wirklich gesehen. Hast du mitbekommen, wie er sich verändert hat? Wie er sich zurückgezogen hat? Vielleicht… hat er die Dinge von früher nie wirklich verarbeitet. Vielleicht war dieser ganze Frieden für ihn nie echt.“
Einen Moment lang herrschte Stille.
Davis’ Hände waren zu Fäusten geballt. „Das ist unfair.“
„Unfair ist, dass Yolei beinahe in die Luft gejagt wurde“, erwiderte T.K. scharf. „Und unfair ist, dass wir alle hier sitzen und uns fragen müssen, ob unser Freund von damals heute ein gefährlicher Irrer ist.“
„Genug!“, rief Kari, ihre Stimme bebte. „Das bringt doch nichts. Niemand von uns weiß, was wirklich passiert ist. Wir… wir müssen einfach einen klaren Kopf behalten.“
Davis trat neben Yolei und starrte aus dem Fenster. Er fühlte sich wie zwischen zwei Welten gefangen... zwischen Vergangenheit und Gegenwart... zwischen Loyalität und Logik. Er hatte Ken beim letzten Zusammentreffen hier in T.K.s Wohnung gesehen. Er hatte gesehen, wie erschüttert er war, wie verloren. Und er hatte gesehen, wie sehr es ihn verletzte, dass seine Freunde ihm nicht glauben wollten. Das war nicht das Gesicht eines Kriminellen. Aber was, wenn er sich irrte?
„Okay…“, sagte er schließlich leise. „Vielleicht habt ihr recht. Vielleicht… hat Ken wirklich den Bezug zur Realität verloren.“
Die anderen nickten. Yolei atmete erleichtert aus, auch wenn es sich nicht wie ein Sieg anfühlte.
Genau diesem Moment vibrierte Davis’ Handy. Er zog es langsam hervor, schirmte das Display mit der Hand ab und sah die Nachricht, gesendet von einer unbekannten Nummer:
„Ich brauche deine Hilfe. Triff mich morgen, allein. Bitte. – Ken“
Davis’ Herz setzte einen Schlag aus. Für einen Moment blieb die Zeit stehen. Der Raum, das Gespräch, die Zweifel, seine Freunde… das alles schien in diesem Moment meilenweit entfernt zu sein. Er las die Worte noch ein weiteres… dann noch ein drittes Mal. Es war nur diese kurze Nachricht, ohne Anhang, ohne Ort – und die Gewissheit, dass Ken noch da war. Und dass er sich an ihn wandte.
„Ist alles okay?“, fragte Kari vorsichtig.
„Ja“, log Davis. „Nur… ein Bekannter aus dem Laden. Nichts Wichtiges.“
Niemand stellte weitere Fragen. Zu groß war das Thema, das sie gerade beschäftigte. Aber Davis wusste, dass das Spiel nun eine neue Wendung nahm. Und er stand genau in der Mitte.
Er blickte hinaus in die Nacht und sah kurz die Silhouette von Kato, der sich gerade eine Zigarette ansteckte. Dann wandte Davis sich wieder der Gruppe zu, aber seine Gedanken waren längst woanders.
Er wusste, was er zu tun hatte.
Wahnsinn
Es war noch dunkel, als Davis mit gesenktem Kopf durch die verwaiste Parkanlage im Osten der Stadt ging. Die Laternen warfen lange, zittrige Schatten auf den gepflasterten Weg, der sich zwischen den Bäumen entlangschlängelte. Vögel zwitscherten zaghaft, als würde auch sie nicht wissen, ob dieser Tag überhaupt in Frieden beginnen durfte.
Davis blieb stehen und blickte sich um. Niemand war zu sehen, nur die Nebelschwaden am Boden, die sich langsam auflösten.
Aus dem Schatten eines alten Pavillons trat Ken langsam hervor.
Er wirkte erschöpft, seine Haare waren wirr und die Augen gerötet. Ein alter Rucksack hing locker über seiner Schulter. Und dennoch – er stand aufrecht und entschlossen vor Davis.
„Du bist gekommen“, sagte Ken leise.
Davis nickte, seine Stirn in Falten gelegt. „Warum gerade ich?“
Ken schien die Frage zu überraschen. Davis sollte doch eigentlich wissen, dass er immer seine erste Anlaufstelle war, wenn ihn etwas beschäftigte. Trotzdem antwortete er ruhig: „Weil du der Einzige bist, der vielleicht noch zuhört… und weil ich denke… oder hoffe, dass ich dir noch vertrauen kann.“
Ein kurzes Schweigen herrschte zwischen den beiden Männern. Dann bedeutete Davis ihm, sich zu setzen. Sie nahmen auf der alten Holzbank Platz. Das Vogelgezwitscher wurde lauter, der Morgen brach langsam an, doch eine gewisse Anspannung zwischen den beiden Männern hing immer noch in der Luft.
„Ich habe nichts mit dem Brand zu tun“, begann Ken langsam, seine Stimme war zittrig und flehend. „Ich wollte nur mit Yolei reden. Ich hatte Beweise. Ich wollte ihr zeigen, dass Kato nicht der ist, für den er sich ausgibt. Aber alles… alles ist weg.“
Davis verzog das Gesicht. „Du erwartest, dass ich dir das glaube, während du dich wie ein gesuchter Verbrecher verhältst? Du bist komplett abgetaucht, Ken.“
„Weil ich keine Wahl hatte! Denkst du, ich wäre nicht alle Möglichkeiten durchgegangen?“, erwiderte Ken leicht gereizt. „Als ich nach Hause kam, war alles verwüstet. Mein Computer, meine Notizen, die Festplatten – alles war weg. Und dann läuft da auf dem Fernseher mein Gesicht mit einem Haftbefehl. Was hätte ich tun sollen?“
Davis senkte den Blick. „Die Wahrheit sagen vielleicht... Zu den Behörden gehen.“
Ken schnaubte bitter und lachte abfällig. „Und von wem sind die Behörden durchsetzt? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Kato allein handelt. Ich habe Hinweise gefunden. E-Mails, Zugangsprotokolle, verschlüsselte Zahlungen – er hat Kontakte zu einem Verbrecherring. Das hier… das ist größer, als wir denken. Hier geht es nicht nur um Yolei… oder mich. Wir sprechen hier von Gewalttaten, die ganz Tokio… vielleicht auch ganz Japan betreffen könnten.“
Davis sah ihn lange an. „Weißt du, wie das klingt, Ken? Wie Paranoia… Wie Wahnsinn.“
Ken lachte trocken. „Ich weiß. Und genau darauf setzen sie doch. Dass niemand mir glaubt.“ Er wandte den Blick von Davis ab und schaute in die Ferne.
Davis schüttelte den Kopf. „Ich will dir glauben. Wirklich. Aber du redest von Verschwörungen, von Manipulationen – und gleichzeitig ist Yolei beinahe in die Luft geflogen, während du im Laden warst. Du warst dort, Ken! Und jetzt redest du von geheimer Korruption?“
„Ich war dort, ja. Aber nicht, um ihr zu schaden. Ich bin ihr gefolgt, weil ich wusste, dass sie mir nicht zuhören würde. Ich wollte ihr nur zeigen, was ich gefunden hatte.“ Er atmete schwer, seine Hände zitterten leicht. „Ich war so kurz davor, Davis. Und dann…“ Seine Stimme brach ab.
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.
Dann antwortete Davis leise: „Vielleicht… brauchst du Hilfe, Ken. Psychologische Hilfe. Jemanden, der mit dir redet. Das alles… vielleicht ist es dein Verstand, der dir diese Dinge vorgaukelt. Es klingt wie… wie ein Wahn.“
Ken schwieg eine Weile. Er dachte über Davis’ Worte nach und ihm wurde bewusst, dass er ihn nicht vom Gegenteil überzeugen konnte, so sehr es auch wollte. Dann nickte er langsam – nicht zustimmend, sondern resignierend. „Ich wusste, dass du das sagen würdest.“
„Ich sag’s nicht, um dich zu verletzen“, sagte Davis ernst. „Ich sag’s, weil ich will, dass du wieder der Alte wirst… weil ich dich nicht verlieren will.“
Ken sah ihn an. In seinen Augen lag keine Wut. Nur Traurigkeit und die Erkenntnis, dass er endgültig allein war. „Vielleicht hab ich alles verloren“, murmelte er. „Aber… ich werde nicht aufgeben. Noch nicht. Und wenn du mir nicht helfen kannst, dann bitte ich dich nur um eines…“
Er griff in seine Jackentasche und zog ein altes, zerknittertes Foto hervor – es zeigte Yolei, die an einem warmen Frühlingstag in die Kamera strahlte. In der Hand hielt sie ein Eis und im Hintergrund waren Karin und T.K. unscharf auf einer Picknickdecke zu erkennen. Das Bild war bestimmt über fünf Jahre alt. Er reichte es Davis.
„Pass auf sie auf.“
Davis nahm das Foto irritiert entgegen. „Und was wirst du tun?“
„Was ich tun muss“, antwortete Ken. „Aber ich verspreche dir: Ich werde ihr nicht mehr zu nahe kommen. Nicht, solange sie mich für ein Monster hält.“ Er stand auf, warf sich den Rucksack über.
„Ich werde dich nicht verraten, Ken“, sagte Davis leise und bedauernd. „Aber bitte… halte dich fern von ihr.“
Ken nickte, und ohne ein weiteres Wort verschwand er zwischen den Bäumen, als würde ihn der Nebel selbst verschlucken.
Yolei saß an dem kleinen Tisch in ihrer Küche, ein dampfender Tee in der Hand, die Finger darum gekrallt, als würde er ihr Halt geben. Draußen begann der Tag, aber in ihr war es weiterhin dunkel.
Reiji Kato lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, die Augen auf sie gerichtet. Er trug wieder Zivil, wie immer. Sein Blick war ruhig, aber kontrollierend.
Sie wusste nicht genau, ob sie es gut fand, dass er mittlerweile in ihrer Wohnung auf sie aufpasste, aber er hatte sich regelrecht aufgedrängt und sie hatte nicht mehr die Kraft, darüber nachzudenken, ob sie das überhaupt wollte. Er meinte, etwas Gesellschaft würde ihr gut tun und sie ließ es einfach geschehen. Es fühlte sich an, als hätte sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren – und das alles war Kens Schuld.
„Ich hab mit Davis gesprochen“, sagte Yolei schließlich. „Er war… anders. Zurückhaltend.“
„Vielleicht.“, sagte Kato ruhig. „Aber Sie dürfen sich nicht blenden lassen. Niemand kann garantieren, ob er nicht auch beginnt, Dinge zu hinterfragen. Und Sie… Sie sind in Gefahr, Yolei. Sie brauchen Menschen, die Ihnen helfen – nicht solche, die Sie verwirren.“
Sie senkte den Blick. „Wir waren einmal Freunde, wissen Sie? Aber… in den letzten Jahren hat sich alles verändert. Wir haben uns auseinandergelebt. Ich wusste gar nicht mehr, wie sehr… bis jetzt.“
Kato ging langsam zu ihr und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Manchmal zeigt sich in der Krise, wer wirklich für einen da ist.“
Sie sah ihn an. Eine Spur von Zweifel flackerte in ihren Augen, aber sie nickte… und Kato lächelte.
Manipulation
Die Stadt wirkte wie in Alarmbereitschaft. Schon am frühen Morgen des letzten Oktobertages überschütteten die Nachrichtenkanäle die Menschen mit neuen Details zu dem „abtrünnigen Ex-Polizisten Ken Ichijouji“, wie ihn die Moderatoren jetzt nannten.
„…Das ehemalige Wunderkind ist jetzt eine tickende Zeitbombe!...“, hallte es aus dem Fernseher in einem kleinen Kiosk, während draußen Passanten im Vorbeigehen auf den Bildschirm starrten.
„Neuesten Berichten zufolge“, sagte eine ernste Reporterin mit strengem Gesichtsausdruck, „hat Ichijouji bereits vor dem Brand in einem psychotischen Zustand seine eigene Wohnung verwüstet. Ein Nachbar berichtet von lautem Geschrei, wirren Monologen und aggressivem Verhalten. Offenbar verlor er vollkommen den Verstand.“
Ein unkenntlicher Zeuge wurde eingeblendet, die Stimme verzerrt, das Gesicht verpixelt: „Er hat rumgebrüllt, dass alle gegen ihn arbeiten. Dass er die Wahrheit kennt. Dann hat er etwas zertrümmert… es klang, als würde er seine Wohnung auseinandernehmen.“
Im nächsten Moment tauchten verschwommene Bilder einer Überwachungskamera auf – angeblich aus der Nacht vor dem Brand. Darauf war Ken zu erkennen, wie er mit einem schwarzen Gegenstand – laut den Journalisten offenbar eine Pistole – in der Hand durch eine dunkle Straße lief. Der Kopf war gesenkt und das Gesicht verborgen. Das Material war körnig, die Bewegungen zu flüssig… das Video wurde nachbearbeitet, doch für den Laien wirkte es echt.
„Diese neuen Aufnahmen werfen weitere Fragen auf“, sagte die Moderatorin mit bedeutsamer Miene. „Wer ist Ken Ichijouji wirklich? Und wie gefährlich ist er? Die Polizei rät weiterhin zur Vorsicht. Wenn Sie ihn sehen, halten Sie Abstand und informieren Sie sofort die zuständigen Behörden.“
Die schweren Vorhänge waren zugezogen, der Fernseher lief im Hintergrund, jedoch ohne Ton. Yolei saß auf dem Sofa, die Knie an ihren Körper gezogen, in sich zusammengesunken. Kato reichte ihr eine Tasse Tee und setzte sich neben sie. Es schien bereits zur Gewohnheit geworden zu sein, dass er sich in ihrer Wohnung aufhielt.
„Die Medien…“, murmelte sie, „sie zerreißen ihn.“
„Zu Recht“, sagte Kato ruhig. „Was soll das sonst sein, wenn nicht Wahnsinn? Sie haben es doch selbst gesehen. Er hat Sie verfolgt und bedroht. Er war plötzlich überall… Und jetzt diese Aufnahmen…“
Yolei schwieg. Ein Teil von ihr weigerte sich, das alles zu glauben. Doch die Bilder waren da, sie waren eindeutig. Die Aussagen der Männer im Buchladen und Kens Nachbarn... und die Tatsache, dass Ken verschwunden war.
„Ich… Ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist.“
Kato legte behutsam eine Hand auf ihre Schulter, wie er es schon so oft getan hatte. „Sie müssen sich darüber keine Gedanken mehr machen. Sie sind in Sicherheit, das ist alles, was zählt. Aber…“
Er hielt kurz inne, als würde er überlegen, wie weit er gehen konnte.
„…wenn ich ehrlich bin, Yolei… Ich mache mir Sorgen. Nicht nur um Sie, sondern auch darum, dass Sie sich weiter in diese alten Kontakte hineinziehen lassen. Ihre Freunde – die meisten stehen Ichijouji doch noch immer nahe.“
Yolei blickte ihn an. „Davis? Cody? Kari?“
„Gerade Motomiya“, sagte Kato betont ruhig. „Er will sicher nichts Böses. Aber wenn Ichijouji ihm etwas eingeredet hat, wenn er manipuliert wurde… Vielleicht ist es besser, vorerst auch zu ihnen Abstand zu halten.“
„Aber…“
Sie wollte etwas erwidern, wollte ihm sagen, dass sie ihren Freunden vertraute und dass es keinen Grund gab, an ihnen zu zweifeln, als in diesem Moment ihr Handy vibrierte. Es war Davis. Sie starrte regungslos auf das Display, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihre Gedanken rasten, sie versuchte das Ausmaß der gesamten Situation und die Bedeutung von Katos Worten zu erfassen, aber ihr Gehirn blockierte. Was wäre, wenn er Recht hatte? Er war ein erfahrener Kommissar und hatte bestimmt schon ähnliche Situationen erlebt. Es gab keinen Grund, an ihm zu zweifeln, denn er war es, der sich seit Tagen um sie kümmerte und ihr Sicherheit gab. Er wollte nur das Beste für sie, wie er immer wieder beteuerte. Wenn sie jemanden trauen sollte, dann ihm… zumindest sagte das ihr Verstand… und ihr Herz würde leiser.
„Willst du rangehen?“, fragte Kato sanft.
Yolei zögerte. Das Telefon verstummte.
Er ließ das Handy sinken, sein Blick wanderte durch das kleine Café, in dem er seit einer Stunde saß. Davis hatte Yolei schon dreimal auf den Anrufbeantworter gesprochen. Es waren jedes Mal dieselben Worte: „Bitte ruf zurück. Ich mache mir Sorgen.“
Er starrte aus dem Fenster. Draußen liefen hektisch Menschen vorbei. Einer von ihnen blieb stehen, um auf seinem Handy herumzutippen. Unter seinem Arm trug er die Tageszeitung, auf deren Titelblatt ein Bild von Ken prangte. „VERLORENE SEELE – DER FALL KEN ICHIJOUJI" stand in roten Lettern darüber.
„Verdammt, Ken…“, murmelte er, „was ist nur aus dir geworden?“
Seine Nerven lagen blank. Sie waren einmal beste Freunde, doch diese Tatsache schien in sehr weite Ferne gerückt zu sein. Er glaubte nicht mehr daran, dass Ken bei klarem Verstand war. Es war zu viel. Die Aussagen des einstigen Polizisten waren zu wirr und die Bilder waren eindeutig – doch irgendetwas in Davis ließ nicht los. Der letzte Blick in Kens Augen, nachdem er nach dem heimlichen Treffen verschwunden war, hatte sich in seinen Kopf eingebrannt… dieses gebrochene, stumme Flehen. Davis wollte ihm wirklich glauben, aber er machte es ihm beinahe unmöglich.
Pass auf sie auf.
Davis ballte die Fäuste. Vielleicht war Ken wahnsinnig geworden. Vielleicht… Aber selbst dann… seine Sorge um Yolei schien echt gewesen zu sein. Und das reichte für Davis, um seiner Bitte nachzukommen.
„Ich werde auf sie aufpassen, Ken“, sagte er leise. „Aber ich behalte dich im Auge. Und wenn du uns wirklich täuschst… dann wirst du mich richtig kennenlernen.“
Sein Blick wurde entschlossen, fast trotzig. Draußen färbte sich der Himmel grau. Regen war im Anmarsch… und niemand konnte sagen, wie lange der Sturm noch andauern würde.
Verbündeter
Die Straßen Tokios waren kalt, grau und gesichtslos – perfekte Verbündete für einen Mann auf der Flucht. Ken hatte gelernt, sich zwischen ihnen zu verstecken. Er wechselte ständig die Kleidung, mied Kameras und blieb immer in Bewegung. Seit der Explosion im Buchladen war jede menschliche Begegnung eine potenzielle Gefahr für ihn und jedes vorbeifahrende Polizeiauto sein möglicher Untergang, doch Aufgeben war keine Option.
Er hatte fast alles verloren: seine Arbeit, seine Freunde, sein Zuhause und Yolei… vor allem Yolei. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie er im Buchladen aufgetaucht war und wie nur Sekunden später alles in Flammen aufging. Dass es sich um eine sorgfältig konstruierte Falle handelte, war Ken bewusst, aber er konnte ihr es nicht beweisen. Nicht mehr.
Die Beweise, die er einst gegen Reiji Kato gesammelt hatte, lagen inzwischen in Asche, sein Computer und alle Backups waren verschwunden… und vermutlich zerstört worden. Sie waren ihm immer einen Schritt voraus. Oder besser gesagt: Kato war es. Er hatte Kens Untergang genaustens geplant… und das Schlimmste war, er hat Yolei in die ganze Geschichte hineingezogen. Allein diese Tatsache machte Ken bewusst, wie lange Kato ihn schon beobachtete und wahrscheinlich Pläne schmiedete. Er hatte nicht unabsichtlich Abstand von Yolei und seinen anderen Freunden genommen… Ken hatte bereits eine ganze Weile das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und die Bestätigung traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Dummerweise hat er erst spät erkannt, dass es Kato war, der dahintersteckte.
Zu spät.
Doch der Zufall – und vielleicht das letzte Quäntchen Glück – führte Ken zu einem neuen Hoffnungsschimmer.
Am Morgen wurde ihm eine Nachricht zugesteckt, als er sich durch die Menschenmassen einer kleinen Einkaufsstraße drängte. Er hatte nicht gesehen, wer es war, aber die Nachricht, die unsauber auf einen kleinen Zettel gekritzelt war, ließ sein Herz höher schlagen.
“Wenn du Reiji Kato zur Strecke bringen willst, triff dich heute Nachmittag um 15:00 Uhr mit mir bei folgender Adresse:
Tōkyō-to, Sumida-ku, Ryōgoku 4-chōme 6-21”
Er traf den alten Mann in einer heruntergekommenen Teestube im Bezirk Sumida. Der Geruch nach altem Holz und geröstetem Reis lag in der Luft, als Ken sich dem reservierten Platz näherte, sein schwarzes Basecap tief ins Gesicht gezogen, in der Hoffnung nicht erkannt zu werden. Der Mann, der dort saß, war vielleicht Anfang siebzig. Die Haltung war gebeugt, das Haar weiß, die Augen jedoch wachsam.
„Setz dich“, sagte der Alte knapp, als Ken mit gesenktem Kopf den Tisch erreichte.
Er kam der Aufforderung nach. Sein Blick flackerte nervös zu den Fenstern. Niemand schien ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und dennoch fühlte er sich beobachtet.
Der Mann hatte sich unter dem Namen „Takemura“ vorgestellt – ein ehemaliger Polizist, pensioniert, verbittert… und vor allem lebendig.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich so jemanden wie dich noch einmal treffe“, begann Takemura. „Ich hab deine Geschichte gehört. Ich wusste sofort, dass Kato dahintersteckt.“
Ken blinzelte. „Sie kennen ihn?“
Takemura lachte bitter. „Kennen? Ich habe ihn gejagt. Vor zwölf Jahren. Damals war er gerade frisch in der Abteilung. Ehrgeizig, freundlich und makellos. Zumindest nach außen. Aber unter der Oberfläche… da war etwas Dunkles… etwas sehr Dunkles. Ich kam ihm zu nahe. Und dann…“ Er verstummte.
„Was ist passiert?“, fragte Ken vorsichtig.
Takemura sah ihm direkt in die Augen. „Er hat meine Familie bedroht. Meine Tochter wurde fast entführt. Meine Frau hatte plötzlich Angst, alleine aus dem Haus zu gehen. Und ich – ich stand eines Morgens vor einer internen Beschuldigung wegen Korruption. Alles frei erfunden, aber so gut inszeniert, dass ich fast suspendiert wurde.“
Ken schluckte. „Also haben Sie aufgegeben.“
„Ich habe überlebt“, sagte Takemura hart. „Es gibt Momente, in denen du entscheidest, was dir wichtiger ist: Gerechtigkeit oder das Leben deiner Familie.“
„Aber wenn Sie wissen, wie gefährlich er ist – warum helfen Sie mir?“
Takemura lächelte schwach. „Weil ich mir mein Schweigen nie verziehen habe. Und weil du…“, er sah Ken eindringlich an, „…noch nicht tot bist.“
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Dann griff Takemura nach einem alten, abgegriffenen Umschlag aus seiner Jacke und schob ihn Ken zu.
„Das ist nicht viel. Aber es sind Kopien von alten Akten, von denen Kato nichts weiß. Verbindungen zu einem gewissen Kurotsume-Clan. Geldflüsse. Druckmittel. Es könnte dir helfen.“
Ken öffnete den Umschlag vorsichtig. Die Dokumente waren vergilbt, teilweise nur schwer lesbar, aber sie wirkten echt.
„Eine Sache noch“, sagte Takemura leise. „Er benutzt das Mädchen, nicht wahr? Die Kleine mit den violetten Haaren?“
Ken zuckte zusammen. „Yolei… Woher wissen Sie von ihr?“
„Ich habe sie im Fernsehen gesehen, als sie über den abgebrannten Buchladen berichteten. Katos Hand auf ihrer Schulter war eindeutig. Er benutzt sie, um dich zu brechen. Das ist sein Spiel. Erst isoliert er dich. Dann dreht er die Realität um dich herum. Wenn du nichts mehr hast, was dich hält, wirst du Fehler machen. Und wenn du zu wackeln beginnst… dann schlägt er zu.“
„Ich muss sie da rausholen“, flüsterte Ken. „Bevor es zu spät ist.“
Takemura sah ihn düster an. „Wenn du das wirklich willst, musst du wissen: Du und sie – ihr werdet beide sterben, wenn du versagst. Und ich glaube… Kato plant genau das.“
Ken schluckte schwer. Doch dann nickte er.
„Dann darf ich nicht versagen.“
Weniger als eine Stunde nach dem Gespräch fand man Takemura tot in einem Seitengang nahe der Teestube. Die offizielle Todesursache lautete Herzinfarkt.
Ken las es auf dem kleinen Bildschirm eines Fernsehers in einem Schaufenster, als er gerade durch eine Gasse schlich. Sein Magen krampfte sich zusammen. Auf dem Foto war der alte Mann zu sehen, mit dem er gerade noch gesprochen hatte. Im Lauftext stand in rot geschrieben: „Ehemaliger Polizist stirbt plötzlich. Polizei geht von natürlichen Ursachen aus.“
Aber Ken wusste es besser. Und das bedeutete, dass Kato ganz genau wusste, wo Ken sich befand und was er tat. Wahrscheinlich überwachte er weiterhin jeden einzelnen seiner Schritte…
Und jetzt war Takemura tot… Der wahrscheinlich einzige Mann, der außer Ken die Wahrheit kannte und der ihm helfen wollte. Schuldgefühle schnürten Kens Brust zu, aber er durfte sie nicht zulassen. Er musste sich darauf konzentrieren, sein eigenes Leben zu retten… und vor allem das von Yolei.
Ken hielt den Umschlag fest an sich gedrückt. Dieses Mal würde er nicht mehr nur weglaufen. Dieses Mal würde er kämpfen.
Versammlung
Der Himmel über dem Yoyogi-Park war wolkenverhangen. Ein bleiches Licht fiel durch die Baumkronen, während das Rascheln der Blätter wie ein leiser, unheilvoller Flüsterton durch die Luft ging. Neben einer abgelegenen Bank, etwas abseits der Spazierwege, hatte sich eine Gruppe junger Leute versammelt.
Tai, Matt, Sora, Izzy und Joe standen gemeinsam mit Davis, T.K., Kari und Cody im Kreis. Die Stimmung war angespannt. Selbst der ansonsten so energische Davis wirkte bedrückt, während Izzy nervös auf seinem Tablet herumtippte, ohne wirklich etwas zu tun.
„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, sagte Tai schließlich und fuhr sich durch die Haare. „Das ist nicht mehr der Ken, den wir kannten. Das… das ist jemand anderes.“
Matt verschränkte die Arme vor der Brust und warf Davis einen kritischen Blick zu. „Ganz ehrlich – ich hab’s immer geahnt. Der Kerl war schon lange keiner mehr von uns. Er hat sich in den letzten Monaten ständig von uns ferngehalten, und wenn er mal da war, hat er kaum ein Wort gesagt.“
„Matt…“, begann Sora vorsichtig, „das ist nicht fair. Er hat viel durchgemacht.“
„Und das entschuldigt was genau? Dass er uns gefährdet? Dass Yolei in Lebensgefahr ist? Dass er einen Buchladen anzündet?“, fauchte Matt. „Ich mein, verdammt – was, wenn beim nächsten Mal jemand stirbt?“
Joe räusperte sich. Der sonst so ruhige Arzt hatte seine Hände gefaltet und sprach nun mit der sachlichen, nüchternen Stimme eines Mannes, der schon viele tragische Geschichten erlebt hatte. „Ich will nichts verharmlosen. Aber ich glaube, was wir hier sehen, ist das Ergebnis eines komplexen psychischen Zusammenbruchs. Ken hat in seiner Kindheit Dinge erlebt, die niemand in diesem Alter erleben sollte. Der Tod seines Bruders, die Zeit als Digimon-Kaiser… vielleicht hat er nie richtig damit abgeschlossen.“
„Aber so lange hat er doch funktioniert!“, warf Cody ein. „Er war Polizist… einer der Besten.“
Joe nickte langsam. „Menschen mit verdrängten Traumata können jahrelang funktionieren. Aber irgendwann… kann etwas das Kartenhaus zum Einsturz bringen. Vielleicht war es der Druck, vielleicht ein persönlicher Auslöser. Vielleicht hat er sich in eine Paranoia hineingesteigert, aus der er keinen Ausweg mehr sieht.“
„Oder er ist einfach nur wahnsinnig.“, sagte Matt bitter.
„Matt…“, murmelte T.K., „Er war unser Freund.“
„War er das wirklich?“ Matt warf einen Blick in die Runde. „Wann habt ihr zuletzt mit ihm gesprochen? Ich meine wirklich gesprochen?“
Niemand antwortete.
Tai atmete schwer. „Was ist mit Yolei?“
„Ich habe sie zuletzt vor einer Woche gesehen“, sagte Kari. „Sie wirkt… anders... abwesend… wie ferngesteuert.“
„Sie steht unter Polizeischutz“, ergänzte Cody. „Und ich glaube, dieser Kollege von Ken – Kato – ist immer in ihrer Nähe.“
„Wir müssen zu ihr durchdringen“, sagte Izzy. „Vielleicht, wenn wir gemeinsam hingehen. Vielleicht erinnert sie sich dann daran, dass sie uns vertrauen kann.“
„Sie nimmt nicht mal mehr Anrufe entgegen“, murmelte T.K. „Ich habe es versucht.“
Davis sagte nichts. Er starrte auf den Boden, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Die Worte von Ken hallten noch immer in ihm nach.
Pass auf sie auf.
Er wollte es glauben. Er wollte glauben, dass Ken recht hatte, aber das Bild, das alle anderen zeichneten war schwer zu ignorieren. Und was, wenn es stimmte? Was, wenn Ken wirklich den Verstand verloren hatte?
„Davis?“ Tai beugte sich zu ihm. „Was meinst du dazu? Du warst doch früher sein bester Freund.“
Davis zuckte zusammen. „Ich… weiß es nicht. Ich will’s ehrlich gesagt auch nicht wissen.“ Er sah niemanden an. „Ich kann mir das alles nicht mehr erklären.“
In Yoleis Wohnung herrschte eine trügerische Ruhe. Die Vorhänge waren zugezogen, der Bildschirm des Fernsehers flackerte lautlos. Auf dem Couchtisch dampfte eine Teekanne. Yolei saß still auf dem Sofa, die Hände um eine Tasse gelegt, während Reiji Kato neben ihr auf dem Sessel Platz genommen hatte, wie ein freundlicher Gast, der einfach nicht gehen wollte.
„Du siehst müde aus“, sagte er ruhig. Die höfliche Distanz zwischen ihnen ist, ohne dass es ihr bewusst aufgefallen war, einer scheinbaren Vertrautheit gewichen.
Yolei zuckte mit den Schultern. „Ich schlafe nicht viel.“
„Das ist normal bei all dem Stress.“ Er beugte sich leicht vor. „Ich hoffe, du erinnerst dich daran, dass du dich auf mich verlassen kannst.“
Sie nickte zögernd. Ihre Gedanken waren weit entfernt. Irgendetwas in ihr war nicht mehr ganz sicher. Doch sie sprach es nicht aus.
„Diese sogenannten Freunde von früher“, fuhr Kato fort, „haben sich doch jahrelang nicht für dich interessiert. Und jetzt plötzlich… wollen sie dich alle wiedersehen? Ich würde an deiner Stelle vorsichtig sein.“
„Ich weiß“, murmelte sie.
„Du kannst ihnen nicht trauen. Vielleicht sind sie Teil von Kens Plan… oder sie benutzen dich, um an ihn ranzukommen.“
Yolei blinzelte. Die Worte klangen plausibel – erschreckend plausibel. Doch tief in ihr war eine leise Stimme, die sich nicht zum Schweigen bringen ließ. Eine Stimme, die sagte, dass das alles nicht stimmte… dass etwas nicht richtig war.
Aber sie war leise – und Katos Stimme war laut.
Kato stand wenig später am Fenster, als Yolei im Schlafzimmer verschwand.
Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch langsam in die kalte Nachtluft. Seine Züge waren angespannt, seine Geduld am Ende. Ken war untergetaucht. Er startete keinen neuen Angriff, keine neue Aktion… Kato wusste, dass Ken alte Beweise gegen ihn von Takemura erhalten haben musste, aber seit Tagen passierte nichts.
„So war das nicht geplant“, murmelte er. „Du solltest längst einen weiteren Schritt tun. Einen falschen.“
Seine Augen verengten sich.
„Dann muss ich wohl nachhelfen.“
Er griff zum Handy und wählte eine Nummer. Keine gespeicherte – eine direkte Verbindung.
„Ja?“, antwortete eine Stimme.
„Es ist Zeit“, sagte Kato leise. „Schick die Nachricht an die Presse. Sag, wir hätten neue Spuren. Und… mach sie etwas dramatischer.“
Eine kurze Pause war zu hören.
„Er hat eine Waffe… und er wurde ganz in ihrer Nähe gesehen.“
Er legte auf.
Die Räder hatten sich wieder in Bewegung gesetzt.