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„Verlorene Seelen – Der letzte Tanz“

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen – am besten entdeckt ihr selbst, wohin die Reise dieser Geschichte führt.
Lasst euch überraschen, was zwischen den Zeilen schlummert.
Viel Spaß beim Lesen meiner Geschichte! ^.^ Komplett anzeigen

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Prolog: Asche und Erinnerung

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Das Jahr 1461:
 

Der Himmel war blutrot. Dichte, dunkle Wolken zogen träge über den flackernden Horizont, während die Kirchenglocken dumpf zur Hinrichtung schlugen. Der Platz war überfüllt, Menschen drängten sich Schulter an Schulter, die Gesichter hart und fremd, vom Feuer hungrig beleuchtet. Ihre Schatten tanzten grotesk über das Pflaster und das aufgetürmte Holz.
 

In der Mitte thronte der Scheiterhaufen – ein knorriger Turm aus trockenem, splitterndem Holz. An einen Pfahl, darauf gefesselt ein junger Mann, kaum älter als zwanzig Sommer, die Haut zerrissen, blutunterlaufen und von Peitschenhieben aufgerissen - die Hände über dem Kopf zusammengebunden, der Rücken von Striemen gezeichnet, das Gesicht blass, aber stolz. Der Körper zitterte am Rand des Wahnsinns. Sein Atem war flach und kurz. Seine Brust hob und senkte sich hastig. Panisch. Und doch voller Würde.
 

Das Holz unter seinen Füßen knarrte. Ringsum verharrte die Menge in erwartungsvollem Schweigen. Das flackernde Licht der Fackeln warf gespenstische Schatten auf sein bleiches Gesicht, in dem sich Panik und Verzweiflung mischten. Ein schwerer, dumpfer Atemzug ging durch sie, als wollten alle die grausame Stunde festhalten. Dann drang die Stimme des Predigers hervor – eine hohle, brennende Stimme voller Eifer und Hass:
 

„Seht her, was mit jenen geschieht, die sich gegen Gottes Ordnung stellen!“ rief eine Stimme, hohl und fanatisch. Der Prediger stand erhöht auf einem Podest, das Kreuz fest in der Hand, die Augen auf das Opfer gerichtet. „Männer, die andere Männer lieben, sind Ketzer! Verdorben an Leib und Seele!“
 

Ein Raunen ging durch die Menge, einige schauten weg, andere zeigten mit Fingern, doch niemand schritt ein. Niemand wagte es. Der Junge stand allein. Nur der Wind schien seine zerfetzten Kleider noch streicheln zu wollen.
 

„So endet das Schicksal derer, die die sündige Liebe zwischen Männern wagen,“ tönte die Stimme des Predigers durch die Nacht. Damit gab er dem Urteil statt, allerdings bewegte sich in der Menge plötzlich etwas.
 

Abseits, zwischen zwei Wachen, kämpfte ein junger Mann verzweifelt gegen seine Fesseln. Seine Haut war aufgeschürft, blutig und wund, die Augen tränenblind vor Schmerz und Verzweiflung. Doch aus seiner Kehle brach ein heiseres, scharfes Brüllen hervor:
 

„NEIN! Lasst mich zu ihm! IHR KÖNNT IHN NICHT…!!“
 

Starke, grobe Hände drückten ihn brutal auf die Knie, die Nägel gruben sich in seine Schultern, während Schläge und Tritte die Luft zerschnitten. Sein Gesicht war verzerrt von Qual, der Körper gezeichnet von blutigen Striemen und blauen Flecken – schon lange gepeinigt von Züchtigungen, die der Menge verborgen blieben.
 

Aus der Menge ertönte ein giftiges Zischen, begleitet vom lauten Aufprall fauliger Äpfel und morschem Gemüse, die gegen seinen Rücken und seine Wangen flogen. Die Hasserfüllten Schreie und das Spucken waren wie Dornen, die in Fleisch und Seele stachen – doch er nahm nur noch war, dass das Feuer, seinen Geliebten verschlingen würde, wenn es erst einmal brennen würde.
 

Ein verbitterter Greis murmelte düster, seine Stimme ein kaltes Versprechen:
 

„Auch du wirst brennen...“
 

Der Prediger erhob sich, die Stimme scharf wie ein Messer:
 

„Gott straft alle, die seine Ordnung brechen! Auch dein Feuer wird lodern, Sünder!“
 

Der junge Mann bemerkte das kaum. Sein Blick suchte nur den Mann, der auf den Scheiterhaufen stand. Er kannte ihn. Er liebte ihn. Und er konnte ihn nicht retten, während sein Herz in tausend Stücke zersprang.
 

Soldaten rückten vor, die Fackeln in den Händen. Dann senkten sich die Fackeln – und das erste Feuer loderte auf. Die Flammen leckten an den trockenen Holzscheiten, begannen zu züngeln und schnellten empor.
 

Das Holz knisterte, das Feuer wuchs, umhüllte den jungen Mann mit sengender Hitze. Das Feuer fraß sich nach oben, wild und unbarmherzig. Nicht lange, und die Flammen erreichten seine Füße, zischten, verbrannten Haut. Das Fleisch begann zu schmoren, die Knochen knackten leise unter dem Schmerz. Sein Blut begann zu kochen. Sein Körper wand sich in Todesqualen, doch kein Laut entwich den brennenden Lippen, obwohl er entsetzliche Schmerzen hatte. In seinem Körper tobte ein Inferno, das das Feuer selbst zu übertreffen schien.
 

Er konnte nicht schreien –
 

Noch nicht.
 

Sein Atem wurde schwer, die Luft brannte in seiner Lunge, doch er hielt den Blick unbeirrt auf die Silhouette gerichtet — auf den Mann, den er liebte, der in der Menge kniete, hilflos, gebunden an die eigenen Dämonen und den Wachen, die ihn hielten.
 

Seine Lippen bewegten sich stumm, suchten nach Worten, die von der Hitze verschlungen wurden. Nur die letzten Silben drangen klar und scharf hervor, wie ein Flehen an die Dunkelheit:
 

„…warte… auf mich…“
 

Dann brach sein Schrei durch die Stille — ein unendlicher Schrei voller Schmerz und Verzweiflung, roh, gequält, unmenschlich als die Hitze die Haut aufriss, das Fleisch verbrannte, die Knochen splitterten.
 

Er schrie, bis die Stimmbänder brannten.
 

Er schrie, bis das Herz schien, zerbersten zu wollen.
 

Er schrie, bis die Sinne zu schwinden drohten.
 

Die Menge sah zu, wie ein Mensch in Flammen starb – roh, blutig, ohne Erlösung
 

Als die Flammen seinen Oberkörper erreichten, begann er zu zucken, sein Körper wurde zu einem von Qualen gepeinigten Gefängnis. Haut platzte weiter, Fleisch schmorte, Knochen knackten im feurigen Todeskampf. Sein Gesicht verzerrte sich in einem stummen Schrei, aus dem nur reine Verzweiflung sprach.
 

Er war lebendig, doch schon halb tot.
 

Und immer wieder, durch den Schmerz hindurch, flüsterte er Worte — die vom Feuer verschluckt wurde. Das Feuer verschlang alles.
 

Ein letzter Aufschrei, geboren aus der Verbindung von Fleisch, Liebe und brennender Seele.
 

Dann war Stille.
 

Die Flammen verschlangen ihn. Das Feuer wütete weiter, und obwohl Fleisch und Knochen verbrannten, blieb etwas Unzerstörbares zurück — eine Liebe, die sich nicht verbrennen ließ, eine Verbindung, die die Zeit überdauerte.
 

Abseits der Menge stand eine Frau. Edle Gewänder zierten sie, der Schleier auf halbmast. Ihre Hände waren gefaltet, das Gesicht von einer erschreckenden Ruhe gezeichnet. Sie blickte auf das Feuer – und ihr Mund zuckte zu einem kalten, triumphierenden Lächeln, während ihre Augen kalt und gnadenlos glitzerten.
 

Ein grausames Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Qualen betrachtete, die sie selbst mit veranlasst hatte. Für sie war das kein Opfer, sondern eine Gerechtigkeit, eine Strafe, und ihr Herz blieb unerbittlich.
 

Rauch stieg weiter auf wie stumme, vergessene Hoffnung.
 

Der andere Junge war zusammengebrochen. Er lag auf dem Boden, blutige Hände ausgestreckt, das Herz gebrochen, gezeichnet von der verzweifelten Flucht, die ihm verwehrt blieb. Sein Herz zersprang unter der Last des Verlusts, als er hilflos zusah, wie sein Geliebter in den Flammen verschwand.
 

Seine Lippen formten immer wieder stumm den einen Namen, jenen, den er geliebt hatte – und verloren.
 

Nur der Wind trug es fort.
 

Und irgendwo, in der Dunkelheit, in dieser Nacht, verschmolz eine verfluchte Seele mit dem ewigen Schmerz der Erinnerung – und mit der Ewigkeit…

Kapitel 1 – Schatten über Bistritzky

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Jahrhunderte später zur heutige Zeit 1898:
 

Die Dämmerung kroch wie kalter Rauch durch die engen Gassen von Bistritzky, umhüllte die alten Fachwerkhäuser mit fahlem Licht und warf lange Schatten auf das Kopfsteinpflaster. Ein rauer Wind Strich durch die Bäume am Rand des Weges, zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die in einem klapprigen Pferdewagen saßen – als wollte er sie warnen, noch umzukehren.
 

Alfred zog seinen Schal enger um den Hals. Der Herbst war früh gekommen. Doch es war nicht nur die Kälte, die ihm die Schultern frösteln ließ. Etwas anderes drückte auf seine Brust – schwer, namenlos. Wie eine Vorahnung.
 

Professor Abronsius saß ihm gegenüber, eingehüllt in einen Mantel aus Mottenfutter und Staub, die Nase tief in ein zerfleddertes Buch gesteckt. „Nosferatu, Herr Alfred“, murmelte er mit glühendem Eifer, „Nosferatu ist kein Mythos. Und in Transsylvanien wird man es uns beweisen.“
 

Alfred nickte nur schwach, hörte kaum hin. Blass, mit verwehten Haaren und einem Blick, der in die Ferne glitt. Seine Gedanken waren woanders – abwesend, als sähe er Dinge, die kein anderer sah. Seit einigen Nächten schon suchten ihn Träume heim – Bilder, so lebendig und verstörend, dass sie ihn selbst tagsüber nicht mehr losließen:
 

*
 

Ein Mann – jung, barfuß, zitternd – gefesselt an einem Pfahl. Um ihn herum Menschen in dunklen Kutten, mit Gesichtern wie Masken. Ein Feuer, das hungrig nach oben leckte. Und über allem eine Stimme, kalt und gnadenlos:
 

„Das ist das Schicksal der Ketzer und Sodomiten.“
 

Alfred hatte nicht gesehen, wer es gesagt hatte – nur die Silhouette einer Frau mit einem kalten Lächeln. Dann Fackeln. Flammen. Das erstickende Krachen von Holz. Und der Mann – der unbekannte Mann – schrie. Schrie so verzweifelt, dass Alfred jedes Mal mit einem Schlag erwachte, das Herz rasend, die Hände kalt.
 

Doch das Schlimmste war nicht der Schrei.
 

Es waren die letzten Worte, die er jedes Mal vernahm, als würden sie nur ihm gelten oder jemanden anderen:
 

„…warte auf mich...“
 

Dann – Stille. Noch jetzt pochte sein Herz, als könne es sich nicht entscheiden, ob es sich an die Vergangenheit oder die Gegenwart klammern sollte.
 

*
 

„Alfred?“
 

Der Ruf riss ihn aus seinen Gedanken. Der Professor blickte ihn mit einem kritischen Blick über seine Brillengläser hinweg an. „Sie wirken abwesend.“
 

Alfred zwang sich zu einem Lächeln, das ihn selbst nicht überzeugte. „Nur müde. Die Reise…“
 

Er brach ab. Was hätte er auch sagen sollen? Dass er sich von einem Toten verfolgt fühlte? Dass ihn ein Gesicht heimsuchte, das ihm zugleich fremd und vertraut war?
 

„Ruhe dich aus, mein Junge“, sagte Abronsius gütig. „Wir werden heute noch ankommen. Und wer weiß, was die Nacht für uns bereithält.“
 

Nachdem Alfred etwas eingeschlafen war – der Professor hatte vorgeschlagen, dass sie sich eine Weile ausruhen sollten – und die Kutsche ruckelnd zum Stehen kam, weckte ihn der Professor sanft. Sie hatten in einem kleinen Dorf Halt gemacht – dem einzigen weit und breit.
 

Die Stille war eigentümlich – so vollkommen, dass sie unnatürlich wirkte.
 

Hier erfuhren sie auch mehr über Vampire, wie es der Professor bereits angedeutet hatte. Gerade saßen sie zusammen beim Essen, als der Wirt anfing, von dem Dorf und dem Schloss zu erzählen. Er sprach mit ernster Stimme und riet den beiden Herren ab, sich dem Schloss zu nähern.
 

„Vor einigen Jahrhunderten,“ begann der Wirt, während er aus dem Fenster zum großen Dorfplatz zeigte, „wurde hier ein junger Mann verbrannt. Man hatte ihn der Ketzerei und anderer Sünden bezichtigt. Er starb auf jenem Scheiterhaufen, wo heute ein Mahnmal steht.“
 

Der Wirt senkte die Stimme und fuhr fort: „Es heißt, sein Geliebter, der wenige Tage später ebenfalls dort beinahe verbrannt wäre, hat sich auf brutalste und grausamste Weise gerächt.“
 

Alfred hörte aufmerksam zu, während der Wirt von einem jungen Mann mit blondem Haar und eiskalten Augen sprach, der, wie einige behaupteten, ein Untoter sei. Einer, der sich vom Blut der Lebenden ernähre – genau wie dessen Vater.
 

Der Professor, ganz begeistert von dieser Geschichte, wurde sofort neugierig. Alfred bemerkte, wie der Professor ihn am Arm packte und nach draußen zum Mahnmal zog. Alfred folgte ihm, doch schon beim Näherkommen überkam ihn ein seltsames Gefühl.
 

Irgendetwas kam ihm vertraut vor, auch wenn er nicht wusste, warum. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er spürte eine unangenehme Kälte, eine Unruhe, die ihn am liebsten sofort zurückkehren ließ.
 

Doch was ihn am meisten verwunderte, war, dass das Mahnmal gepflegt und gehegt wurde. Ein frischer Blumenstrauß lehnte daran – ein sichtbares Zeichen der Erinnerung und vielleicht auch der Trauer.
 

Ein zweites Gefühl überkam ihn: eine tiefe Geborgenheit, die ihm irgendwie vertraut war, obwohl er nicht sagen konnte, woher.
 

Im Laufe des Nachmittags machten sie sich wieder auf den Weg, trotz des Wunsches des Wirtes, sie mögen doch das Schloss meiden.
 

Er wünschte ihnen alles nur erdenklich Gute und betete, dass Gott ihre Seelen gnädig stimmen möge. Der Wirt hatte Alfred nämlich genau beobachtet und bemerkt, dass dieser sich am Mahnmal unwohl, aber kurz darauf auch geborgen fühlte. Das war ihm nicht entgangen.
 

Was der Wirt jedoch niemandem erzählt, hatte: Der junge Mann, der damals auf dem Scheiterhaufen starb, hatte im Sterben seinem Geliebten zugeflüstert: „…warte auf mich…“
 

Der Wirt war sich sicher, dass dieser junge Mann entweder die Erlösung oder die Verdammnis für ihr Dorf bringen würde. Er war sich nicht sicher, doch ein Gefühl sagte ihm, dass er vielleicht jener Mann sein könnte, der dem Grafensohn das Licht zurückbringen würde.
 

Er glaubte fest an Vampire, hatte Vater und Sohn schon mehrfach gesehen, gerade den Erbgrafen, wie dieser immer dort zur Stelle war, wo der Junge Alfred noch vor wenigen Minuten gestanden hatte.
 

Leise zog sich der Wirt zurück, betete für das Wohl der beiden und wünschte, dass der Erbgraf seinen Geliebten wiederfinden möge. Er hoffte von Herzen, dass sie Glück und Frieden finden würden und wünschte ihnen beiden alles nur erdenklich Gute.
 

Wenig später saßen der Professor und sein Assistent wieder in der Kutsche. Sie rumpelte über den unebenen Weg, der zum Schloss des berüchtigten Grafen von Krolock führte – angeblich ein Vampir. Ein Mythos. Doch die Einheimischen hatten ihre eigenen Geschichten.
 

Alfred spürte es längst: etwas zog ihn dorthin. Etwas Uraltes. Etwas, das in seinem Inneren widerhallte wie ein Echo aus längst vergangener Zeit.
 

Er hätte Angst empfinden müssen – und doch war da etwas anderes. Etwas, das ihn lockte. Das ihn willkommen hieß.
 

Dann, wie aus dem Nichts, öffnete sich ein Tal – und dort, wie aus einer anderen Welt herausgerissen, thronte es über allem:
 

Das Schloss.
 

Dunkel, weit, bedrohlich. Die Türme ragten wie gebrochene Finger in den Himmel. Die Mauern schienen das Licht zu verschlucken. Kein Ort, an dem Leben hausen konnte. Und doch flackerte in einem der Fenster ein schwaches Licht.
 

Und da war es wieder – dieses Ziehen in seiner Brust. Alfreds Herz schlug schneller. Seine Finger krallten sich unbewusst in den Stoff seiner Hose. Es war, als zöge ihn eine unsichtbare Hand dorthin. Nicht der Wille des Professors, nicht die Neugier des Forschers. Etwas Tieferes. Unerklärliches.
 

Der Wind heulte auf, als wollte er ihnen zurufen, was Alfred längst spürte:
 

Als wolle er sie warnen.
 

Doch Alfred hörte nicht mehr hin.
 

Der Weg ins Schloss war nicht nur eine Reise in die Finsternis –
 

sondern eine Rückkehr....

Kapitel 2 – Das Schloss des Grafen

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Je näher das Schloss rückte, desto schwerer wurde Alfreds Herz. Seine Gedanken schweiften zurück zu jenem unscheinbaren Dorf vor Bistritzky – ein Ort, in dem der Mythos der Vampire nicht nur eine alte Erzählung war, sondern greifbare Wirklichkeit zu werden schien. Dort hatte er gemeinsam mit dem Professor zum ersten Mal das dunkle Flüstern jener Legenden vernommen, die sich wie ein kalter Schleier über die Gegend legten.
 

Viel hatten sie nicht erfahren. Die Menschen waren verschlossen, ihre Blicke abweisend, als fürchteten sie, ein einziges Wort könnte etwas Dunkles heraufbeschwören. Der schwere Geruch von Knoblauch hatte selbst ihm in der Nase gebrannt, und das Essen – kaum genießbar. Zumindest für seinen Geschmack.
 

Sie waren für eine Nacht in einem einfachen Gästezimmer untergekommen. Und doch hatte ihn etwas überrascht: die Anwesenheit junger Frauen. Die Magd – blond, mit vollen Brüsten und einer Figur wie aus einem Männertraum. Und dann war da Sarah, die Tochter des Wirts. Zweifellos hübsch – rötlich-braunes Haar, kleiner als er, zart gebaut. Zwar wirkte Alfred selbst schmal, doch unter seinen Kleidern verbarg sich durchaus ein gestählter Körper. Trotzdem – etwas an dem Mädchen ließ ihn nicht los. Es war, als umgebe sie eine fremde Aura, ein Schatten, der sich nicht fassen ließ. Ihr Lächeln – es war nicht von dieser Welt.
 

Sie sprach ihn sofort an, als hätten sie sich nie fremd gewesen. Ein vertrauter Ton, als ob sie ihn schon lange kannte. Doch er kannte sie nicht. Er sah sie an diesem Abend zum ersten Mal. Und doch... wirkte es, als hätte sich das Mädchen in ihn verliebt. Aber Alfred – unsicher, unerfahren – wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Er hatte noch nie mit einem Mädchen angebandelt, war in solchen Dingen unerprobt. Nicht, weil sie ihn nicht interessierten – ganz im Gegenteil.
 

Und dann kam, was wohl unvermeidlich war. Der Wirt hatte seine Tochter nicht umsonst gewarnt, sich vor Männern – besonders jungen – in Acht zu nehmen. Am Abend, als Sarah badete, weil Alfred ihr arglos sein Bad überlassen hatte, geschah es. Sie verschwand. Einfach so. Spurlos. Durch das Dachfenster, das plötzlich offenstand, obwohl es zuvor verschlossen gewesen war.
 

Ihr Vater tobte, verfluchte den Grafen, verfluchte das Schloss. Er schrie, dass dieser verfluchte Untote sie geholt habe. Und so war es schließlich zur Reise nach Bistritzky gekommen – der Professor auf der Suche nach Wahrheit, Alfred gefangen zwischen Zweifel und düsterem Vorahnungsgefühl. Dort fügten sich die letzten Puzzlestücke für den Professor zusammen: das Schloss und seine Bewohner – sie waren nicht nur sagenumwoben, sondern verflucht.
 

Doch all das war nichts gegen das Gefühl, das Alfred seit Beginn der Reise begleitete. Der Professor hatte es nicht einmal bemerkt – dass es Alfred schlecht ging, dass ihn seltsame Träume quälten, dass ihn Fieber in der Nacht heimsuchte. Doch wie immer hatte Alfred geschwiegen, seine eigenen Sachen geschultert, die des Professors gleich mit – wie es von ihm erwartet wurde.
 

Und nun stand es vor ihnen, das Schloss. Majestätisch und grau wie der Tod selbst. Je näher sie kamen, desto gewisser wurde es Alfred: Dies war keine bloße Reise ins Dunkel, kein Abenteuer, um ein Mädchen zu retten. Es war eine Rückkehr. Warum – das konnte er nicht sagen. Nur, dass es so war.
 

Ein dumpfes Gefühl nagte an ihm, wie eine Erinnerung, die nicht ihm gehörte. Als sei er einst hier gewesen – obwohl er wusste, dass das nicht stimmte. Nicht stimmte… und doch. Er war sich sicher. Mehr als sicher.
 

Und so fasste er einen Entschluss: Er würde herausfinden, warum ihn dieses Gefühl nicht losließ. Was es mit diesen Träumen auf sich hatte. Vielleicht – nur vielleicht – war all das miteinander verbunden. Und vielleicht... war es längst zu spät, sich dem noch zu entziehen.
 

In Gedanken versunken bemerkte Alfred nicht einmal, wie der Wagen vor einem hohen, schmiedeeisernen Tor zum Stillstand kam – bewacht von zwei steinernen Greifen, die wie stumme Wächter über die Schwelle zur Schattenwelt wachten. Die Pferde scharrten unruhig mit den Hufen, als spürten sie etwas, das dem menschlichen Auge verborgen blieb. Alfred sprang ab, der kalte Nebel legte sich feucht auf seine Haut, und half dem Professor, dessen Knie unter der klammen Kälte schmerzten und protestierend nachgaben.
 

Ein langgezogenes Knarren durchbrach die Stille – das Tor öffnete sich, langsam, schwer, als gehorche es nicht Mechanik, sondern einem alten, willenlosen Befehl aus längst vergessener Zeit.
 

„Willkommen, meine Herren“, erklang eine Stimme – glatt wie poliertes Silber, fast zu makellos, um menschlich zu sein. Ein bleicher Mann trat aus dem Schatten, die Wangen eingefallen, der altmodische Frack saß wie aus einer anderen Epoche stammend auf seinem schmalen Leib. Er verbeugte sich tief. „Der Graf erwartet Sie bereits.“
 

Alfred folgte ihm durch einen verwitterten Innenhof, dessen Pflaster vom Zahn der Zeit zerschlagen war. Der Wind fuhr durch die dunklen Gänge, rüttelte an den hölzernen Fensterläden wie eine geisterhafte Mahnung – und dennoch war da kein Laut. Nur Stille. Eine Stille, die zu schwer war, um leer zu sein.
 

Dann betraten sie die Eingangshalle – eine gewaltige Halle aus schwarzem Marmor, dominiert von einer Treppe, die sich wie die Arme eines Dämons in zwei Richtungen aufspaltete. An den Wänden hingen schwere, staubige Wandteppiche, düstere Gemälde mit Blicken, die einen zu verfolgen schienen, und ein gigantischer Kronleuchter aus geschliffenem Glas warf tanzende Lichtreflexe an die Wände, als wolle er sie in Flammen setzen.
 

„Alfred, sehen Sie sich das an! Gotische Einflüsse… ungarisch-orthodoxe Fresken – diese Mauern sind ein Traum für jeden Historiker!“, rief der Professor aus, während er sich mit leuchtenden Augen den Staub von einem vergoldeten Rahmen wischte.
 

Doch Alfred hörte kaum zu. Etwas kroch seine Wirbelsäule hinauf, kalt wie Finger aus Eis. Ein Gefühl, das er nicht benennen konnte, aber das dennoch in ihm widerhallte wie ein altes Echo – als würde etwas längst Vergessenes in ihm erwachen. Oder auf ihn warten.
 

Ein kaum hörbarer Schritt auf der Treppe ließ ihn herumfahren.
 

Dort stand ein junger Mann. Blass wie Elfenbein, von schmaler Statur, das lange, blonde Haar fiel wie Seide über seine Schultern. In seinem Blick lag etwas, das Alfred frösteln ließ – Neugier, Schmerz, Hunger… und etwas anderes. Etwas, das vertraut schien. Unnennbar. Uralt.
 

Bevor sich der Nebel zwischen ihnen verdichten konnte, unterbrach eine neue Präsenz die Spannung. Der Hausherr erschien – groß, aufrecht, die Aura von Macht und uralter Gefahr legte sich wie ein Mantel um ihn.
 

Der Graf.
 

„Meine Gäste“, sprach er mit dunklem Timbre, das bis in die Knochen drang. „Fühlt euch wie zu Hause.“ Dann, mit einer leichten Neigung des Kopfes: „Doch sagt – mit wem habe ich das Vergnügen?“
 

Der Professor ließ sich nicht zweimal bitten. Ob gefragt oder nicht, dies war seine Bühne.
 

„Professor Abronsius, aus Königsberg, und das hier ist mein Assistent Alfred“, erklärte er mit stolzem Unterton, während er sich tief verbeugte und Alfred aufforderte, es ihm gleichzutun.
 

„Angenehm“ erwiderte der Graf knapp. „Graf von Krolock.“ Doch während sein Gesicht unbewegt blieb, verweilten seine Augen auffällig lange auf Alfred. Auch beim Klang seines Namens flackerte etwas in seinem Blick – kaum sichtbar, aber spürbar.
 

„Darf ich vorstellen – mein Sohn, Herbert von Krolock.“ Der Graf trat zur Seite, und Herbert begann, wie aus Schatten gewoben, die Treppe herabzusteigen.
 

„Willkommen“, sagte er leise. „Ich bin Herbert.“ Sein Lächeln war weich, beinahe schmerzlich. Ein Lächeln, das lockte – und zugleich etwas in einem zerbrechen ließ.
 

Alfreds Kehle wurde trocken. „Guten Abend…“
 

Herbert setzte seinen Weg fort, langsam, geschmeidig – wie ein Raubtier, das keine Eile kennt. Sein Blick glitt über Alfred, als betrachte er nicht einen Menschen, sondern ein Fragment aus einem alten Traum.
 

„Ihr seid also Alfred.“
 

Unwillkürlich wich Alfred einen Schritt zurück. Er merkte es kaum. Etwas an diesem Mann zog ihn in einen Strudel, aus dem es kein Entkommen zu geben schien.
 

„Ich… wir sind nur wegen Sarah hier… der Tochter des Wirts…“ Es kam über seine Lippen, bevor er darüber nachdenken konnte. Warum, wusste er nicht.
 

Herbert trat näher. Sein Blick senkte sich auf Alfreds Hände, wanderte dann zurück zu seinen Augen – forschend, lauernd, fast zärtlich.
 

„Sarah… ja. Hübsch. Aber du…“
 

Ein weiteres Lächeln – schwer zu ertragen in seiner Intimität.
 

„Du bist anders.“
 

Alfred senkte den Blick, aber der Moment war nicht vorbei. Denn selbst jetzt spürte er ihn – Herberts Blick, wie ein Hauch auf der Haut, wie eine Erinnerung, die sich nie aussprechen ließ. Als hätte dieser Fremde schon tausend Nächte in seinen Augen geschlafen…



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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Sunao-Fujimori
2025-06-02T19:52:40+00:00 02.06.2025 21:52
da kann man nur schweigen 😈
Antwort von: Luiako
09.07.2025 15:39
Ich glaube so genau will ich es dann doch nicht wissen was du mit dem schweigen meinst 🤣🤣😅
Von:  Sunao-Fujimori
2025-05-25T06:19:22+00:00 25.05.2025 08:19
🥰
Antwort von: Luiako
30.05.2025 02:30
Oh man, du machst das echt schwer zu enträtseln was du meinst, wenn ich dich nicht gefragt hätte, würde ich immer noch auf den Schlauch stehen xD
Von:  Sunao-Fujimori
2025-05-24T11:55:30+00:00 24.05.2025 13:55
Amen -> kommt bei mir immer automaisch wenn da steht Ewigkeit... liegt wohl an den Gebeten

Aber mich interessiert mehr die Frau, wer diese ist
Antwort von: Luiako
25.05.2025 03:04
Abwarten, was es mit der Frau auf sich hat XDD


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