Tag 1
„Hrrgh!“
Begleitet von einem lauten, genervten Stöhnen suchte Daiki Aomines Hand im Halbdunkeln nach dem Knopf, der seinen lärmenden Radiowecker ausschalten sollte. Momoi hatte festgestellt, dass ein einfaches Klingeln – egal, wie laut es war – nicht ausreichte, um den außergewöhnlich tiefen Schlaf des Power Forwards zu stören. Es brachte auch nichts mehr, ihn mit einem Anruf auf seinem Handy aufwecken zu wollen, denn neuerdings stellte Aomine das Telefon einfach auf lautlos, wenn er seine Ruhe haben wollte. Da konnte Momoi noch so oft anrufen und es klingeln lassen, es war hoffnungslos. Als letzten Ausweg hatte sie ihm nun diesen Radiowecker geschenkt – und persönlich eingerichtet. Das Ding hatte so nervig viele Knöpfe, dass sein bloßer Anblick Aomine schon jegliche Motivation raubte, irgendetwas an den von Momoi vorgenommenen Einstellungen zu ändern. Sie hatte ihm irgendeinen Radiosender eingestellt, der vor allem Rockmusik spielte. Wahrscheinlich, weil sie dachte, dass doch wenigstens das den nicht immer umgänglichen Kameraden aus seinem festen Schlaf aufwecken könnte.
Daher dudelte nun mit einer Lautstärke, die gerade noch an seiner Toleranzgrenze war, irgendein Lied, in dem verdammt oft das Wort „Zukunft“ vorkam, aus dem Wecker. Aomine schenkte dem Inhalt des Liedes keine nähere Beachtung, sein einziger Fokus lag gerade darauf, die Musik möglichst schnell abzuschalten und wieder seine Ruhe zu haben. Endlich fand er den Knopf, tippte ihn an – und blieb in der nun wiederhergestellten Ruhe seines Zimmers liegen. Von draußen fiel durch die Vorhänge genügend Licht, um den Raum zu erhellen. Da es Winter war, konnte es also nicht mehr allzu früh am Morgen sein.
„In meiner unglaublich großen Güte“, erinnerte er sich an Momois mit einem Lächeln vorgetragene Worte, „stelle ich dir für Tage, an denen weder Schule noch Training ist, eine spätere Uhrzeit ein. Ist das nicht super nett von mir, Dai? Dai? … Hörst du mir überhaupt zu??“ Er erinnerte sich, dass sie gleich nach seinem „Ja ja“ mal wieder geschmollt hatte. Hatte sie auch irgendetwas dazu gesagt, wie er selbst die Einstellungen verändern könnte? Verdammt, er hätte ihr doch besser zuhören sollen!
„Nichts zu machen“, grummelte er seiner Zimmerdecke entgegen, als könnte diese etwas dafür. Als das Ding zum ersten Mal geklingelt hatte – an einem Schultag – hatte ihn in aller Herrgottsfrühe ein Song, in dem der Sänger lautstark „LET'S FLY NOW!“ geschrien hatte, wortwörtlich aus dem Bett geschmissen. Aomine hatte sich an diesem Tag geschworen, dass er, sollte er besagtem Sänger je begegnen, gerne auf diese Zeile zurückkommen und ihm einen Freiflug spendieren wollte. Aber – so seufzte er seine Zimmerdecke gedanklich an - zum einen war er kein Schlägertyp und zum anderen war nicht irgendein Musiker an dem Wecker schuld, sondern Momoi.
Immerhin hatte er heute, an diesem Sonntag, einen freien Tag.
Keine Schule, kein Training.
Wer sollte ihn davon abhalten, nicht einfach weiterzupennen?
Er warf einen Seitenblick auf den Radiowecker, so als würde er warten, ob der Wecker nicht noch über weitere Funktionen verfügte, mit denen er ihn quälen konnte. Aomine erwartete schon fast, dass sich eine Klappe an dem Ding öffnete und ein stahlharter Boxhandschuh heraussprang, um ihm einen linken Haken zu verpassen – aber nichts dergleichen passierte. Er grinste ein wenig. Er hatte nicht erwartet, so schnell ein Schlupfloch in Momois diabolischem Plan zu finden. Zufrieden richtete er in aller Stille seinen Blick wieder auf die Zimmerdecke und hing plötzlich Gedanken nach, denen er nicht nachhängen wollte. Der Grund, aus dem er in letzter Zeit noch mehr als sonst seine Ruhe haben wollte, drängte sich ihm von neuem auf. Er schwänzte wieder das Training, bellte seine Teamkameraden an (ja, er hatte Ryo zum Weinen gebracht, wie wusste er gar nicht mehr) und er führte sich, Momois Worten nach, auf wie ein Drache in einer Feuerwerksfabrik. Als jemand vom Team vorsichtig darauf hingewiesen hatte, dass der Spruch doch eigentlich anders ging, hatte die patente Teammanagerin energisch den Kopf geschüttelt.
„Oh nein! Einem Elefanten ist es bestimmt unangenehm, in einem Porzellanladen zu sein und alles kaputt zu machen. Aber der Drache in der Feuerwerksfabrik merkt, was er anrichtet und fliegt trotzdem nicht hinaus!“
Wakamatsu hatte beeindruckt etwas davon gequasselt, dass ihre Managerin „voll die Philosophin“ wäre, bevor er den problematischsten Spieler der To-oh abermals dazu aufgefordert hatte, beim Training aufzupassen, da sie neue Spielzüge ausprobierten.
Aufpassen wie in „zuschauen“, nicht wie in „aktiv am Training teilnehmen.“
Beim vergangenen Winter-Cup, bei dem die Mannschaft der To-oh-Akademie im Halbfinale von Seirin rausgeschmissen worden war, hatte Aomine sich zum wiederholten Mal eine Verletzung am Ellbogen zugezogen. Der Quacksalber von Arzt hatte irgendetwas davon gefaselt, dass er ein paar Wochen komplett auf Basketball verzichten müsste, damit die Verletzung wieder abheilte. Noch auf dem Heimweg hatte er zu Momois Entsetzen einen Streetballcourt angesteuert, um ein paar Körbe zu werfen. Wild zeternd war sie letzten Endes sogar auf seinen Rücken gesprungen, um ihn aufzuhalten, doch Aomine hatte ihr erklärt, dass er auch mit ihr als Gepäck problemlos spielen könnte. Von seinem Rücken aus hatte Momoi dann schließlich Verstärkung gerufen und einen Weg gefunden, ihn aufzuhalten:
Dass Tetsu vor ihm gestanden hatte, war kein Hindernis gewesen, dass Kise seine Arme festgehalten hatte schon eher. Und als Kuroko, als er gemerkt hatte, dass Gutzureden keinen Erfolg brachte, den einzigen vorhandenen Ball genommen und ihn mit den Worten „Du bist echt dumm, Daiki“ in Richtung Straße geworfen hatte, wo Midorima ihn im Vorbeifahren in seinem lächerlichen Karren gefangen und mitgenommen hatte, hatte er es für den Moment aufgegeben.
Warum mischten die sich in seine Angelegenheiten ein? Warum sollte irgendjemand außer ihm selbst wissen, ob er spielen konnte oder nicht?
Das Team von Seirin hatte sie geschlagen, obwohl er überhaupt nicht dabei gewesen war! Selbst ohne diesen Trottel hatte Seirin sie besiegt! Gut, sie waren hinterher an der Rakuzan gescheitert, denn ihnen fehlte ja nicht nur Kagami, der mit seinem winzigen, winzigen Talent und aus Gründen, die niemand logisch nachempfinden konnte, in den USA weilte, sondern auch noch dieser ungekrönte König Kiyoshi, der sich im Jahr zuvor das Knie endgültig geschrottet hatte. Seirin hatte durch den Erfolg im Vorjahr ein paar gute neue Spieler anwerben können, aber keiner von denen war auf einem Niveau wie dieser Idiot Kagami und dennoch hatten sie, hatte er, gegen Seirin verloren.
Seine Laune war im Keller und jetzt ließen sie ihn nicht einmal spielen.
Wakamatsu verlangte wirklich und ernsthaft von ihm, dass er beim Training zugucken sollte. Wer hatte diesen Vollpfosten zum Captain ernannt? Ach, ja, das war der bebrillte Vollpfosten gewesen.
Im Halbdunkel seines Zimmers bemerkte Aomine aus dem Augenwinkel ein immer und immer wieder aufleuchtendes Licht. Er stöhnte tief. Sein Handy war zwar auf lautlos geschaltet, aber es blinkte nichtsdestotrotz, wann immer eine Nachricht einging. Lustlos schnappte er es sich vom Boden und klappte es auf.
Ja, das hatte er erwartet.
Sieben neue Nachrichten von Momoi.
Von „Dai, wo steckst du?“ bis hin zu „DAAAIII???!!“ war alles dabei. Just in diesem Moment zeigte das Display einen eingehenden Anruf an.
„Was ist, Satsuki?“, knurrte er in das Telefon, nachdem er abgenommen hatte.
„Na endlich!“, ertönte es vorwurfsvoll von der rosahaarigen Teammanagerin. „Kannst du mir mal verraten, wo du gesteckt hast? Du ignorierst seit gestern meine Anrufe und Nachrichten!“
„... Ist sonst noch was? Ich will noch 'ne Runde schlafen.“
„Schlafen?? Es ist halb zwölf vormittags! Sag mir nicht, du willst den ganzen Tag im Bett verbringen?!“
Uh, war es doch schon so spät?
„Wenn sonst nichts ist …“ Aomine war bereits dabei, das Handy vom Ohr zu nehmen, als Momoi merkwürdig aufgebracht schrie.
„Äh, doch! Doch! Es ist etwas!“
„Aha. Und was?“
„Ich-ich brauche deine Hilfe!“
Wieso klang das danach, als würde sie sich gerade etwas aus den Fingern saugen?
„Und wobei?“
„Ähm … ah! Ich … ich brauche noch ein Geburtstagsgeschenk für Tetsu!“
…
„Inwiefern ist das mein Problem?“
„Ist es nicht, aber … aber du kennst doch Tetsu so gut und mir will einfach keine gute Idee kommen. Wenn du mit mir ein paar Stunden durch die Stadt ziehen würdest, um-“
„Nein.“
„Bitte, Daiki, bitte!“
„Das kriegst du alleine hin.“
„Nein! Du willst doch nicht, dass ich Tetsuya enttäusche, oder? Oder, Dai?“
Häh? Das konnte ihm kaum egaler sein, was nervte sie jetzt so herum?
„Frag doch einen der anderen Spinner um Rat. Kise hat bestimmt nichts zu tun.“
„Der hat einen Modeljob.“
„Siehst du? Er hat also Zeit.“
„Dai~~“
Oh nein! Nicht die Leier! Aomine konnte es nicht ausstehen, wenn ihre Stimme so weinerlich wurde.
„Wenn ich Tetsu etwas Dummes schenke“, fuhr Momoi jammernd fort, „wird er denken, er wäre mir nicht wichtig und dann bedeutet das das Ende für unsere gemeinsame Zukunft.“
„Wenn eure 'gemeinsame Zukunft' durch ein verkorkstes Geschenk ins Wanken gerät, solltest du sie eh überdenken!“
„Dai~~~~~~~~~“
„Ja! Um Himmels Willen! Ist ja schon gut! Zwei Stunden, Satsuki! Ich geb dir zwei Stunden und dann lässt du mich den Rest des Tages in Frieden!“
„Juhu~!“ Ihr Stimmungswechsel ging bedenklich flott vonstatten. „Dann mach dich schnell fertig!“
„Wieso denn schne-“
Es klingelte an der Tür und Aomine fuhr sich mit einer Hand angestrengt durch die Haare.
„Mach schon auf. Es ist bitterkalt.“
Diese Nervensäge stand also bereits vor seiner Tür.
Lustlos und mit grimmiger Miene stapfte Aomine neben der quirligen Rosahaarigen her. Sie hatte nach seiner Verletzung gefragt, was er nur mit einem Brummen beantwortet hatte. Und nun quasselte sie ununterbrochen von irgendeiner Freundin und deren Prüfungsvorbereitungen und Universitätsbewerbungen.
„Daiki! Du weißt doch wohl, von wem ich rede?!“ Momoi blieb schmollend stehen und stemmte ihre Hände in die Hüfte.
„Woher soll ich deine Freundinnen kennen? Keine von denen modelt für meine Lieblingszeitschriften, also …“ Genervt blieb auch er stehen. Was sollte das ganze Gerede? Sie wollte doch angeblich ein Geschenk für Tetsu suchen und jetzt faselte sie nur von Prüfungen, Unis und Zukunftsplänen.
„Riko Aida ist die Trainerin von Seirin“, entgegnete Momoi kopfschüttelnd.
„Ich seh immer noch nicht, wieso mich das interessieren soll.“
„Hmpf!“ Momois Schmollen erreichte die nächste Stufe. „Als bei uns letztens der Fragebogen zu unseren Zukunftsplänen ausgeteilt wurde, hast du ihn zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen!“
„Und ich habe getroffen. Von der letzten Reihe aus. Nimm das, Midorima.“ Aomine grinste über seinen Witz, bemerkte aber schnell, dass er noch mehr Unmut bei Momoi erzeugt hatte. Was war denn bitte mit ihr los? Verdutzt blickte er sie an.
„Du hättest ihn ausfüllen sollen! Ausfüllen, Daiki! Nicht zusammenknüllen!“ Ihre Stimme war merklich lauter geworden und ihre Laune merklich schlechter.
„Reg dich ab. Was soll das Geschrei? Ich muss nichts ausfüllen. Dass ich den verdammten Papierkorb getroffen habe, reicht doch wohl als Antwort. Ich werde Basketball spielen. Ist das etwa eine Neuigkeit für dich?“
Mit einem Mal verdampfte Momois Wut augenscheinlich. Sie deutete ein Kopfschütteln an und ließ die Schultern hängen.
„Das weiß ich natürlich. Das wissen wir alle. Aber wie stellst du dir das vor? Wartest du darauf, dass die NBA anruft und sich dann alles von alleine regelt?“
Dem jungen Mann riss fast der Geduldsfaden. Er hatte ja schon so eine Ahnung gehabt, dass Momoi ihn unter Vortäuschung falscher Tatsachen aus dem Haus gelockt hatte, aber das hier schlug dem Fass den Boden aus.
„Willst du andeuten, das würde nicht passieren? Willst du sagen, dass ich zu schlecht für die NBA bin? Dass ich … schlechter als Kagami bin?“ Mit jedem Wort steigerte sich seine Verachtung.
„Nein, natürlich nicht-“
„Ich weiß, ich hab im Winter-Cup nicht viel gerissen, aber gleich zu sagen, ich wäre schlechter als Kagami-“
„Das habe ich doch gar nicht!“ Momoi stampfte mit dem Fuß auf. „Du hast gespielt, obwohl du schon vorher die Schmerzen im Ellbogen gespürt haben musst! Du hast eine schwerwiegende Verletzung risk-“
„Hör auf mit dem Mist!“, unterbrach er sie wütend. „Schon wieder die Nummer mit der Verletzung, ja? Das scheint dein neues Lieblingsthema zu sein, so oft, wie du davon anfängst! Ich habe es dir schon tausendmal gesagt: Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe!“
„Daiki! Wenn du dich schlimm verletzt, war es das mit deiner Karriere!“, schrie die Freundin ihm verzweifelt entgegen. Sie hatten dieses Thema in letzter Zeit bereits zu oft durchgekaut. Und es endete immer gleich. Sie schrien sich an und er machte sich aus dem Staub. Auch jetzt war Aomine im Begriff kehrtzumachen und zu gehen – als er plötzlich in ein ihm sehr bekanntes Gesicht hineinlief.
Ein ihm sehr bekanntes, bebrilltes Gesicht.
„Junge, Junge, was veranstaltet ihr denn hier für ein Geschrei?“ Imayoshi lächelte wie eh und je. „Die Leute gucken ja schon. Du hast dich also nicht verändert, was, Aomine? Bringst nach wie vor die arme Satsuki an den Rand der Verzweiflung.“
„Was willst du denn hier?“ Aomine brüllte zwar nicht mehr, doch sein Tonfall war immer noch erzürnt.
„Meine Uni ist hier in der Nähe.“ Völlig unbeeindruckt zeigte Imayoshi die Straße weiter hinunter. „Ich muss heute noch eine wichtige Arbeit fertig machen, aber für ein paar alte Freunde habe ich immer Zeit.“
„So? Schön für die.“ Der Blauhaarige setzte dazu an, an seinem früheren Captain vorbeizugehen, aber dieser hielt ihn sachte auf.
„Aufgrund der Lautstärke eures kleinen Zwists ist es mir nicht entgangen, worüber ihr gestritten habt.“
„Das geht dich einen Schei-“
„Ja, ja.“ Imayoshi lachte. „Typisch Aomine. Ich will doch schwer hoffen, du baust deine gesamte Karriereplanung nicht ernsthaft auf einen Anruf von der NBA auf, oder?“
Aomine grummelte und wollte seinen Einwand von vorhin wiederholen, aber Imayoshi gab ihm gar keine Gelegenheit dazu.
„Profi-Scouts sehen sich zwar auch Spiele von Oberschulteams an, aber noch eher mischen sie sich bei Universtätsspielen unters gemeine Volk. Ich bin mir sicher, es sind schon einige Universitäten auf dich aufmerksam geworden. Vermutlich sind sie allerdings auch schon auf deinen unglaublich umgänglichen Charakter aufmerksam geworden, was wohl ein kleines Problemchen darstellen könnte. Und wenn deine Noten so sind wie früher, wäre das ein weiteres kleines Problemchen.“ Angesichts seines Vortrags schmunzelte Imayoshi selbstzufrieden. Sein Gegenüber jedoch gab sich gewohnt unbeeindruckt.
„Wenn sogar du von irgendeiner Uni angenommen wurdest, mach ich mir keine Sorgen.“
„Hey!“, empörte sich der Schwarzhaarige und seufzte gleich darauf. „Meine Noten waren bei weitem nie so eine Katastrophe wie deine, Aomine. Selbst wenn eine gute Uni-Mannschaft dich haben will, wird das nichts, wenn du keinen einzigen Kurs bestehst.“
„Hab ich gesagt, dass ich studieren will?“ Aomine hob entnervt eine Augenbraue. Was begegnete ihm jetzt auch noch dieser Kerl und quatschte ihn voll? Moment. Es war sowieso seltsam, dass Momoi in diese Einkaufsstraße gewollt hatte. Sonst kamen sie praktisch nie hierher.
„A-aber Daiki!“, ging Momoi dazwischen. „Schließ das doch nicht gleich kategorisch aus. Imayoshi hat Recht. Uni-Basketball wäre ein super Sprungbrett für eine Profi-Karriere und du hättest einen geregelten Tagesablauf und irgendwann einen Uni-Abschluss, das klingt doch gut, nicht wahr?“
Aomines Augenbraue wanderte noch höher. Hier war etwas faul. Verdammt faul.
„Was läuft hier? Was redest du von geregelten Tagesabläufen und Abschlüssen?“
„Ich würde auf Satsukis Ideen hören. Sie hat ein paar sehr clevere“, mischte sich Imayoshi wieder ein. „Davon abgesehen, dass das ein guter Plan ist, um Profi zu werden, würdest du auch für den Fall vorsorgen, wenn du irgendwann nicht mehr spielen kann-“ Er brach seinen Satz abrupt ab, als Aomines mittlerweile erzürnter Blick auf ihm landete.
„Was soll der Mist?! Wieso plant ihr hier das Ende meiner Karriere?!“, fuhr Aomine die zwei anderen wütend an.
„Nein, nein, das verstehst du falsch!“ Momoi wedelte mit den Händen, während Imayoshi stoisch die Ruhe behielt.
„Du kannst nicht wirklich denken, dass du ewig Basketball spielen kannst, oder Aomine? Komm schon, so naiv bist nicht einmal du. Profi-Karrieren enden früh, du kannst nicht bis zur Rente spielen. Und wenn dir eine schwerwiegende Verletzung dazwischenkommt, stehst du noch viel früher vor dem Nichts. Das begreifst doch sogar du, oder?“
Entgegen seiner Erwartung explodierte der Power Forward nicht umgehend. Aomine blickte von ihm zu Momoi, die sich auf die Lippen bis.
„Jetzt wird mir alles klar.“ Er sah zu seinem ehemaligen Captain zurück. „Die 'zufällige' Begegnung hier hat Satsuki eingefädelt. Sie hat also nichts besseres zu tun als anderen von meiner lächerlichen Verletzung zu erzählen. Ich habe ihr tausendmal gesagt, dass das nicht ihr Problem ist und jetzt erzählt sie schon Leuten davon, die das wirklich überhaupt nichts angeht. Meinetwegen könnt ihr mit allem aufhören, vor allem damit, mir auf den Sack zu gehen. Ein für alle Mal: Kümmer dich um deinen eigenen Kram, Satsuki!“ Den letzten Teil ätzte er in Richtung Momois, bevor er sich an Imayoshi vorbeischob und von dannen ziehen wollte. Imayoshi sah zu der sich noch stärker auf die Lippen beißenden Momoi, seufzte erneut und stellte sich dem Anderen in den Weg.
„Verstehe schon, du hast gerade wieder einige deiner schwierigen Phasen. Aber wenn du dich selber nicht auf die Reihe kriegst, wirst du irgendwann ziemlich dumm dastehen. Selbst ein Wunderkind muss irgendwann mal erwachsen werden, Aomine. Also, reiß dich zusa-ah! HEY!“
Endgültig genervt von Imayoshis Predigt schubste Aomine ihn ohne Vorwarnung mit aller Kraft von sich, wodurch der Ältere rückwärts trudelte, über einen Pflanzenkübel stolperte und zu Fall kam. Momoi schrie erschrocken auf und eilte an seine Seite. Imayoshi richtete sich gleich wieder auf, hatte beim Sturz jedoch seine Brille verloren. Hastig sah er sich nach ihr um und stöhnte herzzerreißend, als Momoi ihm das zerbrochene Gestell reichte. Es war genau in der Mitte zerteilt.
„Verdammt, wie soll ich denn so meine Arbeit fertig stellen?“
„Hast du keine Ersatzbrille?“, fragte Momoi schuldbewusst.
„Das ist meine Ersatzbrille.“
„Tut mir leid. Das ist meine Schuld. Ich werde dir bei deiner Arbeit helfen!“, bot das Mädchen aufgebracht an.
„Ich weiß nicht, ob du eine große Hilfe wärst.“
„Das könntest du auch netter ausdrücken.“ Sie schmollte und fühlte sich gleichzeitig immer noch schuldig.
„Du bist eben noch eine Oberschülerin.“ Imayoshi versuchte, sich die zwei Hälften seiner Brille aufzusetzen, doch es war hoffnungslos. Ohne den nötigen Halt rutschten sie einfach wieder hinunter. „Du hattest allerdings Recht, was Aomine angeht: Er wirkt wirklich ziemlich verloren.“
Besagtes Sorgenkind hatte sich, direkt nachdem er Imayoshi zu Fall gebracht hatte, aus dem Staub gemacht. Er hatte noch mitbekommen, dass dessen Brille den Sturz nicht überlebt hatte, aber das kümmerte ihn gerade nicht viel. Immer noch vor Wut kochend stapfte er die Straße entlang und bog wieder in Gefilde ab, die ihm bekannter waren. Was fiel den beiden ein, sich in seine Angelegenheiten einzumischen? Faselten etwas von seinem Karriereende, wo diese noch nicht einmal begonnen hatte! Damit war Momoi zu weit gegangen. Sie behandelte ihn sowieso wie ein kleines Kind, doch jetzt war Schluss damit! Wenn ihr Lebensinhalt darin bestand, ihn zu bevormunden, dann musste sie sich nun ein neues Hobby suchen! Die hatte sie jawohl nicht mehr alle! Sollte sie Tetsu belästigen, der ließ so etwas über sich ergehen.
„Du bist wirklich ein Dummkopf, Daiki.“
Wie vom Donner gerührt blieb Aomine, der in seinem Zorn vor sich hingestarrt hatte, stehen und blinzelte mehrmals, als wollte er sichergehen, keine Fata Morgana vor sich zu haben.
„Mein Gott, Tetsu, willst du, dass ich einen Herzinfarkt kriege? Tauch nicht so plötzlich vor mir auf.“ Erscheine nicht, nur weil ich dich in Gedanken erwähnt habe!!, fügte er gedanklich hinzu. Das war doch nicht normal, dass Kuroko aus dem Nichts auftauchte, zwei Sekunden, nachdem er an ihn gedacht hatte.
„Ich bin nicht plötzlich aufgetaucht“, gab Kuroko ungerührt zurück. Ich habe die ganze Zeit hier gestanden, du hast mich nur nicht gesehen.“
Wer's glaubt!!
„Ist ja auch egal. Sag nicht, Satsuki hat dich auch auf mich angesetzt.“
„Nein, hat sie nicht.“
Aomine atmete erleichtert aus. Noch mehr Predigten konnten er beim besten Willen nicht ertragen.
„Sie hat mich gebeten, dir ins Gewissen zu reden“, fuhr Kuroko fort und begriff nicht so ganz, warum die Laune seines Freundes von neuem sichtbar in den Keller ging.
„Also hat sie dich auf mich angesetzt. Lass es, sie und Imayoshi haben gerade schon an meinen Nerven gesägt.“
„Ich glaube nicht, dass sie das getan haben“, widersprach der Kleinere seelenruhig. „Momoi hat gesagt, du wärst im Moment wieder die reinste Katastrophe. Du wärst launisch und reizbar und würdest neben dem Training sogar den Unterricht schwänzen.“
„Na und?“
„Na und?“, wiederholte Kuroko und Aomine horchte auf, als die Stimme des Anderen erbost klang. „So dumm kannst du nicht sein, Daiki. Du kannst doch nicht deine gesamte Zukunft riskieren, nur weil es momentan nicht so gut läuft.“
„Wenn ich noch einmal das Wort 'Zukunft' höre, raste ich aus!“ Die Passanten, die an den beiden vorbeigingen, blickten sich verstört zu ihnen um, als Aomine lautstark auf dem Gehweg brüllte. „Willst du mir auch sagen, ich soll das Basketballspielen aufgeben??“
Kuroko blinzelte überrascht. „Wer hat gesagt, du sollst das Spielen aufgeben?“
„Haltet ihr mich alle für so schlecht, dass ich es bleiben lassen soll?? Klar, kann ja nicht jeder so viel Glück wie Kagami haben und gleich in den USA landen!“
„Was hat Taiga damit zu tu-“
„Oh ja! Der Kerl hat nichts anderes als Glück gehabt! Ich bin ihm ebenbürtig! Seirin hatte auch nichts weiter als Glück im Winter-Cup gehabt! Im letzten Inter-High habe ich mit euch den Boden gewischt! Doch wenn ich einmal verliere, soll ich gleich das Handtuch werfen? Habt ihr so viel Angst vor mir? Das nächste Mal mache ich euch wieder platt!“
Geduldig und kaum sichtbar irritiert hatte sich Kuroko Aomines Tirade angehört. Sacht deutete er ein Kopfschütteln an.
„Daiki, du bist vollkommen auf dem Holzweg. Falscher kann man gar nicht liegen. Stört es dich so sehr, dass Taiga in den USA spielt?“
Aomine knarzte hörbar mit den Zähnen. „Es kümmert mich einen feuchten Dreck, was er macht!“
„Ja, das merkt man.“ Kuroko schüttelte seinen Kopf nun deutlicher. „Ich weiß nicht, ob ich mit dir überhaupt darüber sprechen darf, aber vielleicht interessiert es dich, dass bei Taiga auch nicht alles rund läuft.“
Ein Hauch Wut verdampfte bei dem großgewachsenen Schüler. „So?“
„Ich denke, es wird ihm nicht Recht sein, wenn ich ins Detail gehe, aber ich glaube, ich kann dir verraten, dass Taiga im Moment auch keine leichte Zeit hat.“
„Tsk. Kagami ist wahrscheinlich einfach nur ein Jammerlappen.“
„Das ist nicht der Punkt“, sagte Kuroko ernst. „Der Punkt ist, dass du der Realität ins Auge sehen musst, anstatt einfach nichts zu-“
„Keine Predigten, Tetsu!“
„Und zuallererst solltest du lernen, andere Menschen aussprechen zu lassen.“ Er warf dem Größeren einen missbilligen Blick zu, als plötzlich sein Handy klingelte. Kuroko nahm den Anruf an und sah für seine Verhältnisse auf einmal recht erschrocken aus.
„Verstehe“, sagte er hastig. „Wann habt ihr ihn zuletzt gesehen? … Und wo? … Danke, Shinji. Ich mache mich sofort auf die Suche.“ Er legte auf und Aomine sah ihn abwartend an. Was war denn nun?
„Nummer Zwei ist verschwunden. Rinnosuke und Shinji haben gesehen, wie ein Streuner auf dem Schulhof Nummer Zwei angegriffen hat, woraufhin Nummer Zwei die Flucht ergriffen hat. Ich muss mich jetzt erst einmal darum kümmern. Aber wir besprechen dieses Thema noch zu Ende. In Ordnung, Daiki?“
„Geh deinen Hund suchen und lass mich in Ruhe.“
Mit einem Hauch von Enttäuschung im Gesicht lief Kuroko los und Aomine trottete weiter die Straße entlang.
Ob Momoi irgendwo noch jemanden platziert hatte? Sicherheitshalber bog Aomine von der Hauptstraße in eine der Seitenstraßen ab und entfernte sich von den Menschenmassen, die auf den Straßen unterwegs waren. Er hätte bei seinem ursprünglichen Plan bleiben sollen, den Tag einfach zu verpennen. Und den morgigen vielleicht auch noch. Den Unterricht zu schwänzen hatte er schon oft gemacht. Imayoshi und Kuroko konnten sich ihre Weisheiten sonstwohin stecken. Bis vor kurzem hatte noch keiner von irgendeinem Zukunfstgelaber angefangen, das musste die Schuld dieser bescheuerten Fragebögen in der Schule sein. Oder … doch nicht? Hatten Kuroko und Momoi nicht schon vor einer Weile damit begonnen, über Unis zu reden? Er stellte grundsätzlich auf Durchzug, wenn Kise den Mund aufmachte, aber ihm war so, als hätten auch er und Midorima bereits einmal etwas in dieser Richtung erwähnt.
Ach, was interessierte ihn das?
Er wollte Basketball spielen, sonst nichts. Punkt.
Und mit allem anderen sollten sie ihn gefälligst in Ruhe lassen.
Die Hände in den Jackentaschen vergraben und mit einer Miene, die jedem sagte, dass man ihm nicht zu nahe kommen sollte, stapfte Aomine weiter ziellos durch die Stadt. Er hatte eine ungefähre Ahnung, wo er war und wenn ihn nicht alles täuschte … ah! Ja. Die Gitter, die aus der Ferne zu erkennen waren, hellten seine Laune gravierend auf. Ein Streetballplatz. Wusste er doch, dass hier einer war! Anscheinend wurde dort bereits gespielt, er hörte, wie jemand dribbelte und den Ball in den Korb warf … … ….
Sollte das ein Witz sein?
Man hätte meinen sollen, in einer so riesigen Stadt wäre es möglich, anderen aus dem Weg zu gehen, aber anscheinend meinte es das Schicksal heute nicht gut mit ihm.
Die zwei, die auf dem Platz spielten, waren-
„AOMINE?!“
„Entschuldigung!“
„Wofür zur Hölle entschuldigst du dich, Ryo??!!“
„Ich weiß nicht, tut mir leid, Captain!“
Na ganz toll. Wakamatsu und Ryo. Momoi konnte sie unmöglich hier platziert haben … oder?
„Hat Satsuki euch geschickt?“, begrüßte er die Teamkameraden barsch, während er den Platz betrat.
„Satsuki? Nein. Und wohin soll sie uns geschickt haben?“ Wakamatsu wirkte wahrhaft überrascht von der Frage. „Sie wollte doch heute mit dir-“
„Captain!“, unterbrach Ryo ihn aufgeregt und spürbar um Geheimhaltung bemüht. „Woher sollen wir wissen, was Momoi heute spontan vorhat?“
„Ah, ja, Mist, stimmt ja! Äh, also wir haben keine Ahnung, wovon du redest und was Satsuki heute vorhat!“
Aomine fuhr sich mit einer Hand über die Schläfen. Nach IQ hatte Imayoshi seinen Nachfolger sicherlich nicht ausgewählt.
„Es ist also jeder an der Verschwörung gegen mich beteiligt, ja?“ Aomine schlug Ryo den Ball aus der Hand und drehte ihn auf dem Zeigefinger der rechten Hand.
Ryo machte sofort ein besorgtes Gesicht, als er ihn dabei beobachtete. „Aomine, sei lieber vorsichtig. Ich weiß nicht, was der Arzt-“ Er verstummte unverzüglich, als der zornige Blick des Größeren auf ihm landete. „Entschuldigung.“
„Wenn irgendwer die Wörter 'Arzt' oder 'Verletzung' benutzt, setzt es was“, knurrte Aomine und für einen Augenblick hatte man das Gefühl, er würde den angehaltenen Ball gleich mit voller Wucht auf den armen Ryo schmeißen.
„Was machst du überhaupt hier?“, fragte Wakamatsu argwöhnisch. „Du wolltest doch nicht etwa trotz Verbot spielen, oder?“
„Und wenn doch?“, gab der Blauhaarige patzig zurück.
„So dämlich kannst doch nicht einmal du sein!“, schimpfte Wakamatsu. „Erschein morgen lieber zum Training, damit wir ein paar Spielzüge besprechen können!“
Plötzlich wich Aomines Wut aus seinem Gesicht und machte Platz für ein leicht wahnsinniges Grinsen – so wie man es von ihm gewohnt war. Ihm war offensichtlich eine Idee gekommen. Das gab keinem der beiden anderen ein gutes Gefühl.
„Kleiner Vorschlag, Captain.“ Die Anrede hätte nicht respektloser klingen können. „Wir spielen um meine Anwesenheit beim Training.“
„Häh?! Bist du vollkommen bescheuert? Du sollst nicht spielen, du Idiot!“ Wakamatsu schmetterte seinen Vorschlag harsch ab, was Aomine nicht beeindruckte.
„Was denn? Das wäre doch eine nette Art, das Problem zu lösen. Wenn ich dich haushoch besiege – was passieren wird – brauche ich definitiv nicht zu irgendeinem Training zu erscheinen.“
„Und wenn ich gewinne, kommst du schön brav und ohne Rumgezicke zum Training?“
„Das hast du ausnahmsweise ja mal schnell kapiert.“
„M-moment! Wartet!“, ging Ryo panisch dazwischen. „Aomine darf nicht spielen!“
„Wer bist du? Meine Mutter? Ob ich spiele oder nicht, entscheide immer noch ich – und das heißt, nur ich!“ Er schob Ryo mit Leichtigkeit beiseite.
Wakamatsu schien ins Grübeln gekommen zu sein. „Ryo hat Recht. Eigentlich darfst du nicht spielen.“
„Wir setzen ein Zeitlimit von fünf Minuten. Wer bis dahin die meisten Treffer erzielt, gewinnt“, sagte Aomine, den Einwand ignorierend. „Außer natürlich du hast zu viel Schiss, um gegen mich ein Eins-gegen-Eins zu spielen.“ Grinsend warf er den Ball von Ort und Stelle in Richtung Korb und traf diesen mühelos, was Wakamatsu sichtbar verstimmte.
„Natürlich hab ich keinen Schiss, du Idiot. Es geht darum, dass du Spielverbot hast.“
„Du sagst doch immer, ich soll mehr Respekt vor dir haben, richtig?“ Aomine puhlte sich mit einem Finger im Ohr. „Ich bin gerade dabei, jeglichen Rest davon zu verlieren. Wie soll man auch Respekt vor so einem verweichlichten Angsthasen haben?“
„Wen nennst du hier-?!!“
„Captain, nein, er will dich nur provozieren!“, versuchte Ryo es noch einmal flehentlich aus dem Hintergrund. „Bitte sei vernünftig, Daiki!“
„Dich hat keiner gefragt!“, bellte der Power Forward ihn an.
„Okay, das reicht!“ Irgendetwas hatte plötzlich Wakamatsus Kampfgeist geweckt. „Es gibt aber eine zusätzliche Bedingung: Wenn ich gewinne, entschuldigst du dich endlich aufrichtig bei Ryo!“
„Häh, wofür?“
„Ansonsten gibt es kein Spiel!“
Aomine zuckte mit den Schultern. „Na schön, meinetwegen.“ Sein Grinsen wurde beinahe gruselig. „Los geht's.“
Widerwillig stellte Ryo fünf Minuten auf der Stoppuhr ein und ließ das Spiel beginnen. Wakamatsu, durch die Abmachung höchst motiviert, stellte sich mit all seinem Können Aomine in den Weg, verhinderte Treffer und nahm ihm den Ball ab. Aomine mochte es, gefordert zu werden, besonders da er seit dem Winter-Cup nicht gespielt hatte und ihn dies fast wahnsinnig machte. Dennoch war Wakamatsu unterm Strich kein ebenbürtiger Gegner für ihn. Er hatte gesagt, er würde ihn haushoch schlagen und genau das hatte er vor. Mit vollem Einsatz warf Aomine daher Korb um Korb. Als etwa drei Minuten abgelaufen waren, jagte er dem Captain abermals den Ball ab, setzte zu einem Dunk an und – hielt plötzlich vor Schmerzen die Luft an.
Mit einem laut donnernden „Scheiße!“ kam er wieder auf dem Boden auf und hielt sich den rechten Ellbogen, der pochte und heiß wurde und sich anfühlte, als würde jemand mit einem rostigen Messer darin herumstochern. Er zog sich flink seinen Pullover hoch, um sich den Arm anzusehen.
„Aomine!“ Wakamatsu eilte zu ihm und auch Ryo lief herbei.
„Der Ellbogen schwillt an“, stellte Letzterer besorgt fest.
„Das seh ich selber!“, zischte Aomine und versuchte, trotz der heftigen Schmerzen zu atmen. Das war kein normaler Schmerz. Das war keine normale Verletzung. Scheiße. Er hatte Mist gebaut. Er hatte riesigen Mist gebaut. Da musste irgendwas Großes kaputt gegangen sein. Es fühlte sich inzwischen so an, als würde ihm der Arm abgerissen. Die Schmerzen wurden heftiger und heftiger, ihm wurde schwarz vor Augen. Er würde doch hier nicht umkippen? Aomine konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, er ahnte nur, dass er wahrscheinlich riesengroßen Mist gebaut hatte. Warum nur hatte er das getan?, schoss ihm durch den Kopf, ehe er tatsächlich das Bewusstsein verlor.
Tag 2
Aomine erwachte mit einem Schrecken und saß schlagartig aufrecht in seinem Bett. Schweiß rann seine Stirn hinab, während seine Atmung und sein Herzschlag sich fast überschlugen.
Moment.
Es brauchte dennoch nicht lange, bis er erkannte, dass er in seinem Zimmer war. Er hatte angenommen, Wakamatsu und Ryo hätten ihn in ein Krankenhaus gebracht, da er sich doch offensichtlich schlimm verletzt hatte.
Moment.
Im Halbdunkeln starrte Aomine auf den Arm, von dem er sich sicher war, ihn geschrottet zu haben. Ungläubig bewegte er die Hand, was schmerzfrei vonstatten ging und mit noch intensiverem Unglauben beugte und streckte er den Ellbogen, der doch so übel weh getan hatte, dass er vor Schmerzen bewusstlos geworden war. Der Ellbogen tat ein wenig weh, so wie er es vor dem Eins-gegen-Eins gegen Wakamatsu und seit dem Winter-Cup getan hatte. Spontane Wunderheilung? Aomine starrte immer noch auf seinen Ellbogen, den er vorsichtig beugte und streckte. Mit der linken Hand tastete er den rechten Arm langsam ab und konnte keine Schwellung oder akute Entzündung feststellen.
Spontane Wunderheilung. Wow.
Erleichtert lachte er und fuhr sich mit der linken Hand durchs Gesicht. Was hatte er für ein Glück gehabt! Das war ja kaum zu glau-
Moment.
Erst jetzt, nachdem die Sorge um seinen Arm nachließ, bemerkte er den lautstark dudelnden Radiowecker, der ihn vermutlich aus dem Schlaf geschreckt hatte. Mit kritischem Blick sah er zu dem Gerät. War das nicht … der gleiche Song wie gestern? Tatsächlich. Irgendwas mit der Zukunft. Wieso lief der schon wieder? Zur gleichen Uhrzeit?
Moment!
Es war ein Schultag! Momois Einstellung für Schultage war eine andere Uhrzeit! Warum ging das Ding zur gleichen Zeit wie an seinem freien Tag los?Ohne sich erklären zu können, woher sie kam, beschlich Aomine ein Hauch von Panik, als er sein Handy aufleuchten sah. Zögerlich hob er es vom Boden auf und stutzte. Sieben neue Nachrichten von Momoi. Aber … das waren doch die Nachrichten von gestern … oder nicht?
„Dai, wo steckst du?“ und „DAAAIII???!!“ kamen ihm seltsam bekannt vor.
Wieso zum Teufel wurden die alten Nachrichten von gestern ihm als neu angezeigt? Verdammte Technik. Oder …! Ja, das musste es sein. Momoi hatte ihm den gleichen Müll noch einmal geschickt. Tsk. Er war ja fast enttäuscht von ihrer Einfallslosigkeit – was er ihr umgehend sagen konnte, denn sie rief an.
„Fällt dir nichts Neues mehr ein, Satsuki?“, ging er übellaunig dran. Er war schließlich noch sauer wegen der Nummer mit Imayoshi und Tetsu und dem ganzen dummen Karrieregelaber.
„Na endlich!“, ertönte es vorwurfsvoll von der rosahaarigen Teammanagerin. „Kannst du mir mal verraten, wo du gesteckt hast? Du ignorierst seit gestern meine Anrufe und Nachrichten!“
Häh? Litt sie unter akuter Amnesie?
„Was soll der Mist? Wir haben uns doch gestern erst gesehen.“
„Gestern?“ Man konnte Momois fragende Miene förmlich durchs Telefon sehen. „Du hast doch gestern das Training mal wieder geschwänzt, Daiki.“
„Gestern war kein Training.“ Was war denn mit ihr los? Die stets perfekt organisierte Satsuki klang so verwirrt?
„Oh doch!“, konterte sie. „Und du bist nicht aufgetaucht!“
„War das irgendein sonntägliches Geheimtraining? Gehört das zu eurer Verschwörung gegen mich?“
„Dai?“
Aomine stutze von neuem, als Momoi plötzlich besorgt wirkte.
„Was?“
„Alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, alles Bestens.“
„Sicher? Weil … gestern war Samstag. Heute ist Sonntag.“
„Heute ist Montag und ich frage mich, warum du Zeit hast, mich zu nerven, anstatt im Unterricht zu sitzen. Dein toller Radiowecker funktioniert übrigens auch nicht richtig.“
Momoi seufzte am anderen Ende der Leitung. „Träumst du noch, Daiki? Es ist Sonntag. Und … und ich wollte fragen, ob du Zeit für mich hast.“
Sonntag? Gestern war Sonntag gewesen. Aomine traute seinem eigenen Gedächtnis nicht mehr. Hatte er den gestrigen Tag nur geträumt? War gestern heute?
„Dai?“, hörte er Momoi nachfragen, als keine Antwort von ihm kam.
„Was willst du?“
„Äh~m, ich-ich brauche deine Hilfe!“
Ein mulmiges Deja-vu-Gefühl machte sich in ihm breit.
„Meine Hilfe? Wofür?“
„Ähm … ah! Ich … ich brauche noch ein Geburtstagsgeschenk für Tetsu!“
Was zur-?! Aomine nahm das Handy von seinem Ohr und starrte auf das Display. Wirklich und wahrhaftig stand oben rechts beim Datum, dass heute Sonntag war. Heute war gestern.
„Dai?“, hakte Momoi abermals und mit steigender Beunruhigung nach.
„Ja … hast du gestern kein Geschenk mehr für Tetsu besorgt?“
„Gestern hatte ich keine Zeit, da habe ich Sachen für das Team erledigt. Ist wirklich alles in Ordnung? Du klingst so durcheinander.“
War es tatsächlich möglich einen ganzen Tag im Traum vorherzusehen? So ein Schwachsinn. Allerdings … derart viele Zufälle auf einmal waren auch sehr unwahrscheinlich … oder?
„Satsuki …“
„Ja?“ Die Anspannung in ihrer Stimme war praktisch mit den Händen greifbar.
„Stehst du unten vor meiner Haustür?“
„... Woher weißt du das?“
„Ist nicht wichtig. Ich bin gleich da.“
Aomine blickte Momoi auf dem Weg mit zunehmender Beunruhigung an. Jedes Wort von ihr war exakt gleich wie in dem merkwürdigen, realistischen Traum und Momoi bog auch in die exakt gleichen Straßen ab. Wann bitte hatte er die Fähigkeit erlangt, die Zukunft vorherzusehen? Das war gruselig. Das war eindeutig zu gruselig.
Momoi blieb an der gleichen Stelle schmollend stehen. „Daiki, hörst du mir überhaupt zu? Du weißt doch wohl von wem ich rede?“
Er hielt mit ihr an. „Ja ja, Riko Aida von Seirin.“ Flüchtig ihr angesichts seiner korrekten Antwort überraschtes Gesicht registrierend, fuhr er fort: „Satsuki, bist du dir einhundertprozentig sicher, dass wir dieses Gespräch zum ersten Mal führen?“
„Wie meinst du das?“ Sie schüttelte den Kopf. „Lenk bitte nicht vom Thema ab, denn ich wollte etwas Wichtiges mit dir besprechen-“
„Über den zerknüllten Fragebogen in der Schule?“, fiel er ihr ins Wort und zog scharf die Luft ein, als sie völlig überrumpelt nickte.
„Du hättest den Fragebogen ausfüllen sollen. Ausfüllen, Daiki. Nicht zusammenknüllen.“ Sie stockte, als er sie perplex ansah.
„Das ist interessant.“
„Huh? Was?“ Momoi verstand nicht, was er meinte.
„Dieses Mal hast du nicht geschrien.“
„Dieses Mal?“ Sie blinzelte ihn überfordert an. Er benahm sich heute irgendwie seltsam.
„In meinem Traum hast du mich angeschrien.“
Momois Kinnlade klappte nach unten. „In … deinem Traum? Wovon redest du?“
„Wir werden uns gleich streiten, weil du mich für einen schlechteren Spieler als Kagami hältst“, antwortete er hastig und schaute sich dabei bereits nach Imayoshi um. Es waren jedoch schrecklich viele Passanten unterwegs und auf der Straße war ebenso furchtbar viel los.
„Was? So etwas würde ich nie sagen, Daiki! Du hast geträumt, ich würde dir das sagen?“ Die Schülerin schüttelte ihren Kopf energischer. „Du weißt doch hoffentlich, dass ich so etwas niemals sagen – oder denken - würde, oder?“
„Das werden wir gleich sehen.“
Sprachlos und ein wenig empört starrte Momoi den Freund an, der sich wiederholt umblickte.
„Aha!“
Aus der Menge schälte sich Imayoshi hervor und kam schnurstracks auf sie zu.
„Du hast Imayoshi herbestellt, um mir zu sagen, dass ich einen Plan B für die NBA brauche! Weil du denkst, ich würde es nicht dahin schaffen!“
„Was?! So ein Unsinn!“ Nun wurde Momoi doch lauter. „Imayoshis Uni ist hier in der Gegend, da kann er uns doch zufäll-“
„Ach, lass den Scheiß! Wenn du mir etwas zu sagen hast, dann sag es selber und schick nicht die Brillenschlange vor!“
„Junge, Junge, was veranstaltet ihr denn hier für ein Geschrei? Die Leute gucken ja schon. Du hast dich also nicht verändert, was, Aomine? Bringst nach wie vor die arme Satsuki an den Rand der Verzweiflung.“ Aomine wollte am liebsten in das Lächeln des einstigen Captains hineinschlagen.
„Geh deine Arbeit fertig machen. Ich habe keinen Bock auf dein dummes Gerede“, begrüßte der Blauhaarige ihn erschreckend harsch.
„Dai!“, entfuhr es Momoi entrüstet, bevor sie Imayoshi ein entschuldigendes Lächeln zuwarf.
„Oje, oje, was für eine Laune.“ Unbeeindruckt lachte Imayoshi. „Ich will das mit der Brillenschlange mal überhört haben. Und auch das mit dem dummen Gerede.“
„Ich kann es gerne wiederholen“, bot Aomine griesgrämig an.
„Nicht nötig.“ Imayoshi stutzte auf einmal, als ihm etwas auffiel. „Woher weißt du eigentlich, dass ich heute eine Arbeit fertig machen muss?“
„Ich weiß auch, dass deine Brille gleich zu Bruch geht, wenn du nicht die Klappe hältst.“
Irritiert machte der Schwarzhaarige einen Schritt von ihm weg und schob behutsam seine Brille hoch. „Das wäre schlecht. Das hier ist schon meine Ersatzbrille.“
„Dai-ki!“, warf Momoi angesäuert ein. „Hör auf, ihm zu drohen!“
„Dann hört ihr auf, mir zu sagen, was ich tun soll!“
Auf seinen wütenden Ausbruch hin tauschte Imayoshi einen fragenden Blick mit Momoi aus. „Ich habe doch eigentlich noch gar nichts gesagt. Satsuki, gab es eine Planänderung?“
„Nein“, entgegnete sie und biss sich auf die Lippen. „Er hat irgendwie den Braten gerochen.“
„So?“ Imayoshi lachte von neuem. „Das ist doch nicht schlecht, Aomine! Anscheinend hast du doch etwas an Intelligenz zugelegt.“ Das Knurren des früheren Teamkameraden ignorierend, sprach Imayoshi weiter: „Na schön, dann reden wir Klartext. Dein 'Plan' von der NBA angerufen zu werden, ist kein Plan. Es wäre von Vorteil, wenn du dich einem Uni-Basketballteam anschließen würdest. Denn auch wenn bei Oberschul-Turnieren schon einige Profi-Scouts anwesend sind-
„Ja, ja, ja, beim Uni-Basketball sind mehr Profi-Scouts!“, unterbrach Aomine ihn grantig. „Und wenn ich nichts reißen kann und kein Profi werde, habe ich einen Plan B, richtig? Ich brauche keinen Plan B! Was ist euer Problem? Dass ihr keine eigenen Probleme habt?“
Selbst Imayoshi blickte ihn nun baff an. „Wow, Aomine, ich hatte keine Ahnung, dass du dir doch schon so viele Gedanken darüber gemacht hast. Du siehst einige Dinge aber immer noch zu naiv. Es geht nicht nur um-“ Imayoshi stockte, als Aomine laut stöhnte.
„Wenn ich so darüber nachdenke, sollte ich mich nicht der vorhergesagten Zukunft widersetzen.“
Der Schwarzhaarige blinzelte. „Wie meinst du denn da-ah!“
Mit einem gezielten Schubs hatte er Imayoshi wieder ins Trudeln und zu Fall gebracht. Brille kaputt, Geschrei groß.
„DAIKI!“
Das wunderliche Sorgenkind stapfte mit den Händen in den Jackentaschen davon.
Nach einer Weile sah Aomine sich von neuem in der Umgebung um. Er hatte sich nicht gemerkt, wo Tetsuya in dem merkwürdigen Traum aufgetaucht war. Wenn es irgendwie möglich war, dann wollte er ihm gerne aus dem Weg gehe-
„Du bist wirklich ein Dummkopf, Daiki.“
VERDAMMT NOCHMAL!
Erneut blieb Aomine wie vom Donner gerührt stehen. Er war doch vorgewarnt gewesen! Selbst mit Vorwarnung konnte Kuroko einen überfallen??
Aomine atmete hörbar aus. Auch wenn seine seltsame Fähigkeit der „Vorhersehung“ es nicht geschafft hatte, ihn vor Kurokos Auftauchen zu warnen, er wusste ja trotzdem, was nun kommen würde.
„Du bist hier, weil Satsuki dich auf mich angesetzt- ach, nein, du sollst mir ja 'ins Gewissen reden', nicht wahr?“
Eine Spur überrascht sah Kuroko ihn an. „Wenn du das schon weißt, können wir ja gleich zur Sache kommen.“
Erneut stöhnend, versuchte der Größere der beiden sein Bestes, um nicht wieder auf der Straße herumzubrüllen. „Kümmert euch alle um euren eigenen Kram – und mich interessiert es auch nicht, was Kagami treibt.“
„Wie kommst du jetzt auf ihn?“, fragte Kuroko, den Gedankengängen des Freundes nicht wirklich folgen könnend.
„Ist egal. Fang bloß nicht davon an, dass ich der Realität ins Auge sehen soll. Dass Satsuki mir in den Rücken fällt, ist schon schlimm genug, aber du auch, Tetsu?“
Sichtbare Irritation bildete sich auf dem Gesicht des Kleineren. „Ich glaube nicht, dass Momoi und ich dir in den Rücken fallen, Daiki. Eigentlich beabsichtigen wir, genau das Gegenteil davon zu tun.“
Aomine winkte genervt ab. „Lasst mich einfach in Ruhe. Und richte diesem Jammerlappen Kagami aus, dass er sich nicht so anstellen soll.“
„Wann hast du mit Taiga gesprochen?“ Kurokos Verwirrung nahm immer mehr zu. Wenn Aomine mit Taiga geredet hätte, hätte Letzterer das erzählt. Aomine war schon dabei, sich von Kuroko abzuwenden, als das Telefon des Hellhaarigen klingelte. Während Aomine sich entfernte, bekam er mit, was er in seiner „Prophezeiung“ bereits gehört hatte.
„Wann habt ihr ihn zuletzt gesehen? … Und wo? … Danke Shinji. Ich mache mich sofort auf die Suche. … … Daiki, lass uns später weiterreden, ja?“
Anstatt zu antworten, beschleunigte Aomine schlichtweg sein Tempo und bog in eine der Seitenstraßen ab.
Nach nur wenigen Schritten fiel ihm auf, was er getan hatte. Diese Seitenstraße führte doch zu dem …. Er blieb stehen und ließ seinen Blick auf seinen rechten Ellbogen fallen. Schlagartig erinnerte er sich an die schrecklichen Schmerzen, die beim Eins-gegen-Eins gegen Wakamatsu aufgetreten waren und ihm wurde speiübel.
Wieso konnte er sich so lebhaft an Schmerzen erinnern, die nur in dem merkwürdigen Vorhersage-Traum vorgekommen waren? Sie waren ja nicht echt gewesen … oder? Nein, denn das Spiel hatte nicht wirklich stattgefunden, noch nicht.
Zusätzlich zu seiner Übelkeit bei der Erinnerung an die Schmerzen (die keine Erinnerung sein konnte!), bekam er ein heftiges flaues Gefühl im Magen. Die ganze Situation war doch mehr als bizarr.
Fluchend und sich die Haare raufend, trottete er vorsichtig bis in die Nähe des Streetballplatzes. Tatsache. Dort spielten Wakamatsu und Ryo. Nichts wäre Aomine lieber gewesen als Wakamatsu tatsächlich in einem Match in den Boden zu stampfen, aber …. Er hielt sich mit der linken Hand den verletzten Ellbogen. War das jetzt Einbildung, dass der pochte? Bekam er jetzt schon Zweifel daran, was echt war und was nicht? Ganz toll, das hatte ihm noch gefehlt!
„ARGH!“, entwich es ihm frustriert, worauf er ohne es zu wollen, die Aufmerksamkeit seiner zwei Kameraden auf sich lenkte.
„Aomine?“, hörte er Wakamatsu herüberrufen.
„ICH SPIELE NICHT!“, motzte der Angesprochene ihn an und stapfte schnellen Schrittes davon.
„WAS HAST DU DENN WIEDER FÜR EINE LAUNE??!!“, brüllte der Captain ihm hinterher. Ryo versuchte sogleich, ihn zu beruhigen.
„Ist doch gut, wenn er nicht spielen will. Das heißt, er schont seinen Arm.“
„Hrrrgh, schon. Aber was pfeift der mich deswegen so an?!“
Aomine hatte sich derart beeilt, von ihnen wegzukommen, dass er einfach in ein paar weitere Gassen abgezweigt war und sich nun völlig verlaufen hatte. Ob er wirklich diesen Traum gehabt hatte, damit er davor gewarnt wurde, seine Verletzung zu verschlimmern? Das kam ihm alles ziemlich irre vor. Hätte dann nicht der Teil mit dem Eins-gegen-Eins ausgereicht? Was sollte das ganze Drumherum mit Satsuki, Tetsu und Imayoshi? Aomine fuhr sich erschöpft durchs Gesicht. War er froh, dass der verrückte Tag vorbei war.
„Ich sagte dir doch, Takao, es ist der falsche Glücksgegenstand.“
Was?
Er blickte in die nächste Seitenstraße – und bereute es sofort. Ein struppiges, braunes Plüschtier in einem Arm haltend, stand Shintaro Midorima übellaunig neben seinem Lakaien Kazunari Takao, der auf dem Boden vor diesem bescheuerten Karren kniete und ein Rad des Gefährts in der Hand hielt.
„Shin-chan, ich hab dir gesagt, es gab das gesuchte Tier nicht und das Vieh da sah so ähnlich aus, also dachte ich, das würde es auch tun“, erklärte Takao anscheinend nicht zum ersten Mal.
„Wie du siehst, 'tut' es das nicht. Wie oft muss ich dir noch die Relevanz der absoluten Übereinstimmung der Glücksgegenstände erläutern?“
Takao lachte. „Du meinst also, das Rad ist abgefallen, weil ich das falsche Viech besorgt habe?“
„So ist es“, erwiderte Midorima völlig humorlos, was Takao noch mehr zum Lachen brachte.
„Ja, oder es war dein Gewicht, Shin-chan.“
„Werde nicht albern!“
Offensichtlich hatten sie ihn noch nicht bemerkt, dachte Aomine, als er sich langsam und leise zurückziehen wollte. Die zwei Spinner hatten ihm gerade noch gefehlt.
„Aomine“, hallte da Midorimas strenge Stimme an seine Ohren. „Du willst uns doch nicht aus dem Weg gehen, obwohl du siehst, dass wir Hilfe gebrauchen könnten?“ Der Shooting Guard sah mit ebenso strengem Blick direkt zu seinem einstigen Teamkameraden.
„Oh doch, genau das war der Plan gewesen.“
„Das ist typisch für dich“, kommentierte Midorima trocken.
„Oh, hey, Aomine!“ Takao drehte sich zu ihm und grinste ihn winkend an. „Hab gehört, du wärst verletzt. Ist es schlimm?“ Takao zuckte fast ein wenig zusammen, als die Miene des Blauhaarigen daraufhin sehr, sehr finster wurde.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, knurrte Aomine. „Wer hat dir das gepetzt? Satsuki?“
„Gepetzt?“, warf Midorima ein. „Bitte, wie alt sind wir denn? Dass irgendetwas nicht stimmt, konnte man deinen Bewegungen entnehmen.“
„Da reagiert aber jemand empfindlich auf ein bisschen Anteilnahme“, sagte Takao mit ungebrochen guter Laune.
„Steck dir deine Anteilnahme sonst wohin.“
„Müssen derartige Ausdrücke immer sein?“, meckerte Midorima und schob sich die Brille hoch. Aomine kämpfte genau zwei Sekunden gegen das Bedürfnis an, mit ihm das Gleiche zu machen wie mit Imayoshi, ehe er sich umdrehte und wieder davonstapfte.
War er nirgends in der Stadt vor irgendwem sicher, der ihm auf die Nerven gehen wollte?
Aomine, immer noch vollkommen planlos, wo in aller Welt er gerade war, bog in eine weitere Seitenstraße ab, wo er prompt in eine Sackgasse lief. Großartig. Er machte kehrt – und hielt verwirrt inne. Hinter ihm war auch eine Mauer. Was war denn das jetzt?? Wieso tauchten Mauern aus dem Nichts auf??
Plötzlich wurde ihm erneut schwarz vor Augen. Er schaffte es gerade noch, sich gegen eine der Wände zu lehnen, bevor seine Beine nachgaben und er das Bewusstsein verlor.
Tag 3
Ungläubig starrte Aomine den dudelnden Radiowecker an.
Was zur Hölle?!
Er wischte sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Kein Zweifel. Er war in seinem halbdunklen Zimmer. Das Radio weckte ihn mit dem gleichen Song zur gleichen Uhrzeit.
Verlor er den Verstand?
Es konnte unmöglich schon wieder Sonntag sein. War auch der Tag, den er zuvor erlebt hatte, nur ein Traum gewesen?
Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas stimmte hier ganz gewaltig nicht.
Fahrig fischte er nach seinem Handy, schluckte, als er das Datum des gleichen Sonntags dort auf dem Bildschirm las und drückte Momois bekannte Nachrichten weg.
Dann rief er sie an.
„Daiki? Ist etwas passiert?“, begrüßte sie ihn alarmiert.
„Satsuki, was für ein Tag ist heute?“, fragte er hastig.
„Heute ist Sonntag.“
„Und gestern?“
„Wie meinst du da-“
„Was für ein Tag war gestern??“
„Samstag.“
„Waren wir gestern zusammen in der Stadt?“
„Huh, nein. Gestern war ich damit beschäftigt, Sachen für das Team zu erledigen und du warst ja nicht beim Training.“
„Satsuki, ernsthaft, wenn das irgendein blöder Scherz sein soll, dann geht er zu weit.“
„Scherz? Ich weiß nicht, wovon du redest. Ist irgendetwas passiert?“
„Das frage ich dich! Waren wir gestern in der Stadt oder nicht?!“
„Waren wir nicht! Ich wollte fragen, ob du heute Zeit für mich hast.“
Das flaue Gefühl in seiner Magengegend kehrte zurück. „Brauchst du meine Hilfe?“
„...ja! Ja, ich brauche deine Hilfe!“
„Wegen eines Geschenks für Tetsu?“
„...ja! Genau deswegen!“
Oh Mann, sie war echt miserabel darin, sich Ausreden auszudenken und glaubhaft rüberzubringen. Aber – er konnte nur überprüfen, ob es der gleiche Sonntag war, wenn er bei Momois Ausflug mitmachte.
Was dachte er da für einen Quatsch? Es konnte nicht der gleiche Sonntag sein. Der, den er gerade erlebt hatte. Irgendetwas Bescheuertes war hier im Gange und es war sicherlich plausibel zu erklären.
„Ich komm dir entgegen.“
„Woher weißt du, wo ich bin?“, fragte Momoi überrascht.
„Bist du nicht auf dem Weg zu mir?“
„Doch, aber woher-?“
„Bin gleich da.“
Das gleiche Gelaber, fast die exakt gleichen Sätze. Die Abweichungen waren minimal, je nachdem wie Aomine auf das Gesagte reagierte. Doch ansonsten war alles eine Wiederholung der zwei vorigen Tage. So langsam glaubte Aomine nicht mehr daran, dass der erste Tag ein Traum gewesen war. Oder war nur der zweite Tag real gewesen und alles davor und danach ein Traum? Träumte er schon wieder? Von dem gleichen Tag? Nichts ergab einen Sinn.
„Du weißt doch wohl, von wem ich rede?“
Es konnte auch kein Scherz sein. Nein, Momoi war keine überzeugende Schauspielerin und Wakamatsu erst recht nicht. Zudem waren sie ja nicht in der Lage, die Zeit anzuhalten. Wenn das alles von jemandem eingefädelt worden wäre, wäre inzwischen Dienstag und alle Beteiligten würden die Schule schwänzen. Momoi war nicht der Typ dafür, Ryo gewiss auch nicht, Tetsu nur in Ausnahmefällen und Midorima nicht einmal dann, wenn ein Meteoriteneinschlag bevorstünde, der die gesamte Welt vernichten würde.
„Riko Aida“, antwortete er beiläufig und zunehmend nervös. „Willst du mich gleich wegen des Fragebogens in der Schule nerven?“
„Eh? Ich will dich sicher nicht nerven, Daiki-“
„Warum hast du dann Imayoshi herbestellt??“
Momoi sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an. „Woher weißt du-“
Aufgekratzt blickte Aomine sich um. Dadurch, dass er Momois Reden abgekürzt hatte, waren sie noch nicht ganz bei der Stelle angekommen, an der bislang Imayoshi jedes Mal aufgetaucht war. „Was habe ich dir getan, Satsuki?“
„Häh? Was? Wie-wie meinst du das?“ Sie sah ihn überrumpelt an.
„Warum willst du mich von der einzigen Sache abbringen, an der mir etwas liegt?“
Der vorwurfsvolle Tonfall triggerte Momois Trotz. „Jetzt halt mal die Luft an! Was redest du da für einen Blödsinn??“
„Du denkst, ich bin zu schlecht für die NBA und bestellst Imayoshi her, um mir das zu bestätigen“, antwortete Aomine zu gleichen Teilen bitter und barsch.
Empört blies Momoi ihre Wangen auf und stemmte ihre Hände in die Hüfte. „Wie in aller Welt kommst du auf so einen Schwachsinn, Daiki?! Du wirkst den ganzen Tag schon, als wärst du nur körperlich anwesend und dann wirfst du mir so etwas an den Kopf?“
„Wer wirft hier wem etwas an den Kopf?“, konterte er mürrisch. „Ich werde mich von dir sicherlich nicht davon abhalten lassen, Basketball zu spielen! Such dir einen anderen, aus dem du einen braven Studenten machen kannst! Ich werde spielen! Wenn dir das nicht passt, ist das dein Problem, Satsuki, nicht meins! Kümmer dich um deine eigene 'Karriereplanung' und lass mich endgültig und ein für alle Mal in Ruhe!“ Er wartete nur den Bruchteil einer Sekunde ab, um Momois fassungslose und sprachlose Miene zu sehen, ehe er wütend davonstapfte.
Er kam gerade ein paar Meter weit, als Imayoshi, der in ihre Richtung unterwegs war, seinen Weg kreuzte und Aomine – nach wie vor in Rage – ihn aus dem Blauen heraus und mit voller Wucht schubste. Wie zuvor stand just in diesem Moment ein Blumenkübel hinter dem Schwarzhaarigen, sodass er darüber fiel und seine Brille auf dem harten Boden aufkam.
„Verdammt, Aomine! Was habe ich dir denn getan?!“, hörte Aomine ihn noch zetern, als er selbst längst weitergegangen war.
Wieso hatte Imayoshi nichts Besseres zu tun als sich von Momoi für diese dumme Verschwörung einspannen zu lassen? Warum gab es diese Verschwörung überhaupt? Was hatte er getan, um Momoi zu der Rädelsführerin dieses Aufstands zu machen? Gönnte sie ihm die zukünftige Karriere nicht?
Quatsch.
Das klang nicht nach ihr. Wollte sie nicht, dass er nach Amerika ging? Das schien schon wahrscheinlicher, aber das wäre entsetzlich egoistisch von ihr. Sie kannten sich, seit sie Kinder waren und seitdem wusste sie, was sein Traum war. Und jetzt wollte sie ihm diesen ausreden?
Aomine hatte das Gefühl, dass er noch nicht zum Kern dieser Angelegenheit vorgedrungen war – davon abgesehen, dass heute zum dritten Mal der gleiche Sonntag war. Er schreckte rechtzeitig aus seinen Gedanken, um sich daran zu erinnern, dass Kuroko hier irgendwo auftauchte. Geistesgegenwärtig wechselte er die Straßenseite und zog das Tempo an. Er war zu wütend und durcheinander, um sich jetzt auch noch mit ihm auseinanderzusetzen. Während er schnellen Schrittes den Bürgersteig entlangging, blickte Aomine sich immer wieder suchend um. Kein Tetsuya weit und breit. Er hatte es irgendwie geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen. Erleichtert ausatmend, blieb er an einer roten Ampel stehen und-
„Vor wem läufst du weg?“
AAAAAAAAAAHHHHH!
Entgeistert drehte er sich um, um dort in Kurokos große, unscheinbare Augen zu blicken.
„Tetsu, eines Tages bringst du mich damit noch um die Ecke.“ Aomine hielt sich eine Hand auf sein schnell schlagendes Herz.
„Wieso?“, fragte der Kleinere der beiden, sich keiner Schuld bewusst.
„Wenn du mich in einem Stück so erschreckst-“
„In einem Stück? Wir haben uns doch bestimmt schon über eine Woche nicht gesehen.“
„Haben wir nicht?“ Aomine zog eine gequälte Grimasse. „Kommt mir nicht so vor.“
„Und vor wem läufst du nun weg?“, wiederholte Kuroko unaufgeregt.
„Ich laufe vor niemandem weg!“
„Kommt mir aber so vor.“
Die Wut von neuem in sich aufsteigen spürend, holte Aomine tief Luft. „Weißt du was, Tetsu? Spar dir alle Reden, die du schwingen wolltest. Ich weiß, dass Satsuki dich gegen mich aufgehetzt hat und ich habe keinen Bock darauf.“
„Aufgehetzt? Was redest du-“
„Ich sagte, ich habe keinen Bock darauf!!“ Den Hellhaarigen verwirrt an Ort und Stelle stehen lassend, lief Aomine bei Grün los und verschwand in der Menschenmenge.
Nur wenig später kam er bei sich zu Hause an. Die kühle Luft hatte für ein wenig Abregung gesorgt, doch sein Kopf schwirrte immer noch. Was würde passieren, wenn er ins Bett ging? Würde morgen Montag sein?
Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht, als er vor seiner Haustür stand.
Oh Gott, was hatte er für bescheuerte Gedanken.
„Du musst irgendetwas heftig missverstanden haben, Daiki.“
„AAAAAAHHH!“ Dieses Mal entfuhr dem Blauhaarigen lauthals sein erschrockener Schrei. Er wirbelte herum – und sah Kuroko vor sich stehen. „WAS ZUR HÖLLE MACHST DU HIER?!“
„Momoi hat mich angerufen“, antwortete der Andere gewohnt unaufgeregt. „Sie macht sich Sorgen, weil du dich seltsam verhältst und wirres Zeug geredet hast. … Und Imayoshi in einen Blumenkübel geschubst haben sollst – was nicht in Ordnung ist.“
„Okay, ich merke langsam, es gibt kein Entkommen vor dir. Sag mir, warum ich schlechter als Kagami sein soll.“
Kuroko legte den Kopf ein bisschen schief. „Wie kommst du jetzt auf Taiga?“
„Na los, sag es mir. Sag es mir ins Gesicht, dass ich – im Gegenzug zu einer Pfeife wie Kagami – zu schlecht für die NBA bin.“
Der Hellhaarige sah ihn schweigend an, ehe er antwortete. „Wer hat das behauptet?“
„Satsuki, Imayoshi und du.“
„Wann sollen wir das behauptet haben?“
„Gestern und vorgestern und wahrscheinlich schon eine ganze Weile vorher.“
„Daiki ...“
„Was??“
„Bist du betrunken?“
Irritiert zuckte Aomine zusammen. „Natürlich nicht! Lenk nicht vom Thema ab!“
„Und unser Thema ist, dass du gehört haben willst, wie Momoi, Imayoshi und ich dir sagen, dass du zu schlecht für die NBA bist?“ Kuroko sprach so, dass es deutlich wurde, was er dachte: Dass sein alter Kamerad nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Er stellte sich auf seine Zehenspitzen, streckte sich und führte eine Hand gegen Aomines Stirn. „Scheint kein Fieberwahn zu sein.“
Der Größere der beiden schlug seine Hand weg. „Ich bin bei bester Gesundheit!“
Wortlos zeigte Kuroko umgehend auf den verletzten Ellbogen, was Aomines Wutlevel weiter steigen ließ.
„Daiki“, sprach Tetsuya betont ruhig, als er den beginnenden Tobsuchtsanfall des Freundes kommen sah, „du bist nicht so dumm, dass du denkst, du kannst machen, was du willst und dann wird sich alles schon von alleine richten. Du willst spielen, das ist uns allen klar, aber du musst verstehen, was das bedeutet. Momoi und ich machen uns beide Sorgen um dich. Denn wir glauben, dass du die Augen vor der Wirklichkeit verschließt.“
„Der Wirklichkeit, in der ich schlechter als Kagami bin?“, entgegnete Aomine motzig.
Kuroko schüttelte den Kopf. „Das hat mit Taiga überhaupt nichts zu tun. Es geht hier einzig und allein um dich. Und du solltest wissen, dass Momoi immer nur dein Bestes im Sinn hat. Sie hat es nicht verdient, dass du sie deswegen auf der Straße anschreist.“
Trotzig kreuzte Aomine die Arme vor der Brust. „Ich habe ihr mehrfach gesagt, dass sie mich mit dem Mist in Ruhe lassen soll. Es ihre eigene Schuld, wenn sie-“
„Es ist kein Mist“, fiel Kuroko ihm energisch ins Wort. „Und dass du so darüber denkst, zeigt, dass wir uns zu Recht Sorgen machen.“
Aomine knurrte entnervt und holte seinen Haustürschlüssel aus der Jackentache. „Weißt du was? Meinetwegen macht euch Sorgen. Mir egal. Ich mache mir keine. Und wenn ihr euch damit dranhalten wollt, sind wir ab heute geschiedene Leute. Ab sofort sehen wir uns nur noch auf dem Platz und glaub nicht, dass ich da auch nur ein Wort mehr als nötig mit dir wechseln werde. Ab heute ist es mir egal, was du oder Satsuki machen. Lasst mich einfach ein für alle Mal in Ruhe.“ Er schloss die Tür auf.
„Daiki-“ Kuroko kam nicht weiter, denn sein Handy klingelte.
„Geh lieber deinen Hund suchen“, sagte Aomine, bevor der Angerufene auch nur wusste, wer dran war. Tetsuya kam nicht mehr dazu sich sonderlich zu wundern, woher er von Nummer Zweis Verschwinden wusste, denn Aomine hatte ihm längst die Tür ins Gesicht geknallt.
Aomine pfefferte seine Jacke in die Ecke statt sie aufzuhängen und rieb sich unbewusst über den verletzten Ellbogen.
Nein, er hatte das Richtige getan. Niemand hatte sich in sein Leben einzumischen. Sie sollten sich zum Teufel scheren und ihn in Frieden lassen.
Er blickte auf den Ellbogen und hörte kurz darauf ein merkwürdiges Geräusch. Ein Knarzen und Ächzen, als würden die Dachbalken nachgeben und herunterkommen. Aomine sah wieder auf und hielt vor Schreck die Luft an.
Die Wände kamen näher.
Gewiss konnte das nichts anderes als Einbildung sein, aber er musste es ja nicht darauf ankommen lassen. Mit aufsteigender Panik (er verlor schließlich gerade offensichtlich den Verstand) wandte er sich zur Tür um, um das Haus zu verlassen. Doch die Tür war verschwunden. Und auch die vierte Wand setzte sich plötzlich in Bewegung.
„Was soll der Scheiß?!“, rief er aus, bevor alles um ihn herum schwarz wurde.
Tag 4
Beim Klang des mittlerweile ihm nur allzu bekannten Liedes schlug sich Aomine beide Hände vors Gesicht.
Das konnte doch nicht wahr sein!
Es konnte nicht schon wieder Sonntag sein! Derselbe Sonntag! Was war das hier?!
Er zwang sich dazu, mit einer Hand nach seinem Handy zu fischen und auf das Display zu gucken.
Sonntag.
Der Sonntag.
Momois Nachrichten standen auch alle wieder als „neu“ und „ungelesen“ auf dem Bildschirm.
Für einen Traum war das zu seltsam. Er hatte schon Fieberträume gehabt, in denen Kuroko fünf Meter groß gewesen war und die Stadt angegriffen hatte. Das hieß, es war immer noch Tetsu gewesen, er hatte die Stadt nicht Godzilla-mäßig angreifen wollen, es war lediglich ein Versehen gewesen. Und niemand außer Aomine hatte den fünf Meter großen Kuroko wahrnehmen können. Alle anderen hatten sich gewundert, warum die Erde bebte und Häuser einstürzten. Ironischerweise hatte auch in dem Traum Tetsuya so gut wie keinen Korb getroffen.
Jedenfalls war, was auch immer das hier war, tausendmal seltsamer.
Es musste doch einen Weg geben, dass er nicht noch einmal den gleichen, blöden Tag erlebte … natürlich!
Aomine saß mit einem Mal aufrecht im Bett. Das musste die Lösung sein! Er hatte bislang sich immer nur mitschleifen lassen und war total passiv geblieben. So konnte man kein Spiel gewinnen, noch viel weniger diese verrückte Lage überwinden. Er musste aktiv etwas tun! Etwas, das nicht das war, was er bislang an diesem Sonntag getan hatte.
Blitzschnell sprang er aus dem Bett auf, streifte sich ein paar der herumliegenden Klamotten über, rannte zur Haustür, blickte verstohlen durch das Fenster, um zu überprüfen, ob Momoi noch nicht dort lauerte und verließ fluchtartig das Haus in die andere Richtung.
„Haaaa~.“ Nach einigen hundert Metern verlangsamte Aomine sein Tempo und atmete auf. Es war zwar kalt, dachte er, während er seinen Atem betrachtete, aber eigentlich ein ganz schöner Tag – wenn niemand in seiner Nähe war, der ihn belehren, nerven oder annörgeln wollte. Wie schön diese Stille war! Momoi konnte noch so oft versuchen, ihn anzurufen oder an der Tür zu klingeln. Es war niemand da, der ihr aufmachen würde. Niemand war in dem großen Haus, in dem er sein Handy hatte liegen lassen.
Mit sich selbst zufrieden und bereits weniger an seinem Verstand zweifelnd, streunte Aomine ziellos durch die Gegend, lief durch ein Wohngebiet nach dem nächsten und konnte sich sicher sein, dass hier niemand auftauchen würde, der ihm den Tag verderben konnte.
Ja, das musste die Lösung sein.
Er durfte sich nicht von den anderen herunterziehen lassen. Und schwupps, würde es Montag werden und er mit hoher Wahrscheinlichkeit sowohl Unterricht als auch Training schwänzen.
Das musste die Lösung sein. Niemand, der ihm auf den Keks ging und seinen Tag ruinierte.
„Haaa~“, atmete er wieder erleichtert aus und genoss die idyllische Ruhe-
„Aominecchi!!“
Ihm war, als würde er plötzlich eine große, pochende Vene an der Stirn fühlen. Das konnte doch nicht …
„Aominecchi!! Hi~er bi~n i~ch!“
Mit einer großen, pochenden Vene an der Stirn und zuckenden Augen blickte der Blauhaarige in die Richtung, aus der die letzte Stimme kam, die er hatte hören wollen.
Kise stand vor einem Haus und winkte wie ein Blöder (alles, was Kise tat, tat er wie ein Blöder, aber jetzt in diesem Moment regten Aomine das fröhliche Winken und das breite Grinsen noch mehr auf als sonst).
„Wieso bist du hier?!“, entfuhr es ihm gleichermaßen fassungslos und ruppig.
„Ich hatte hier ein Fotoshooting.“ Kise zeigte auf das Gebäude hinter ihm, an dem „Fotostudio“ stand. Es war ein Doppelhaus, deren untere Etagen als Geschäfte genutzt wurden. Neben dem Fotostudio schien eine Art Second-Hand-Laden zu sein. Im Fenster konnte man altes Spielzeug und eine US-amerikanische Flagge erkennen.
„Und eigentlich habe ich heute noch eins“, fuhr das blonde Model fort, „aber wegen einer Bahnstörung fahren die Züge nicht und es ist so viel Verkehr, dass kein Taxi es rechtzeitig hierher schafft. Was soll ich nur machen?“
„Laufen. Und zwar schnell.“
Der Blondschopf lachte, was hieß, dass er die Warnung entweder nicht verstanden hatte oder sie gekonnt ignorierte. „Deine Ratschläge sind hilfreich wie immer, Aominecchi. Aber im Ernst, ich kann nicht durch die halbe Stadt laufen. Ich käme völlig verschwitzt dort an und wäre den Auftrag ruckzuck los.“
„Na und?“ Wen interessiert das??
Kise grinste immer noch. „Ich brauche den Auftrag.“
„Warum?“ Warum in aller Welt frage ich das? Aomine begann wieder, an seinem Verstand zu zweifeln.
Sein ehemaliger Teamkamerad hörte endlich auf zu grinsen und legte den Kopf leicht schief. „Weil ich das Geld ansparen will natürlich.“
„Hast du ein Kind mit einem deiner Groupies, oder was?“
„Du meine Güte! Natürlich nicht, was denkst du denn von mir??“ Sichtlich verdattert wedelte Kise mit den Händen, ehe er zu seinem gewohnten Selbstvertrauen zurückfand. „Ich spare für die Uni!“, verkündete er stolz – und erntete nicht die Reaktion, die er sich erhofft hatte.
Aomine zog erst skeptisch eine Augenbraue hoch, bevor seine Miene gänzlich griesgrämig wurde. „Nicht du auch noch.“
„Häh, wieso?“
„Was soll der Scheiß?! Willst du kein Basketball mehr spielen?“, blaffte Aomine ihn plötzlich an.
Sich unbewusst, einen wunden Punkt bei dem Anderen getroffen zu haben, blinzelte Kise überfordert. „Selbstverständlich will ich das! Ich war nämlich bei dem Karriereberater unserer Schule und der sagte, ich darf nicht davon ausgehen, dass ich ein komplettes Stipendium wegen des Spielens bekomme. Selbst wenn ich ein Teilstipendium erhalte, muss ich noch eine ganze Menge an Studiengebühren und so'nem Zeugs aufbringen. Hat dir das noch keiner gesagt?“
„Ich höre nur, dass jeder Idiot an die Uni will.“
„Natürlich, weil ….“ Kise blinzelte ihn noch mehr als zuvor an. „Aominecchi, du weißt, dass man an einer Uni eingeschrieben sein muss, um für ein Uni-Basketballteam zu spielen, ja?“
Der Angesprochene zuckte zusammen. „ … Hältst du mich für völlig bescheuert? Natürlich weiß ich das.“
„Dann ist ja gut.“ Kises Grinsen kehrte kurz zurück, ehe er sich seiner Situation wieder bewusst wurde und er ein langes Gesicht zog. „Wie ärgerlich, dass heute so ein Verkehrschaos herrscht! Der Job heute Nachmittag würde mir sicher weitere Jobs einbringen.“
„Unwahrscheinlich“, gab Aomine zurück.
„Huh? Wieso?“
„Weil man sich an deiner Visage sowieso schnell sattsieht.“
„Ooooh~“, machte Kise gebrochenen Herzens. „Hey, Aominecchi, wo willst du hin?“, rief er dem Anderen hinterher, der sich ohne Verabschiedung wieder in Bewegung gesetzt hatte.
„Weg!“ Die Hände in die Jackentaschen gestopft, setzte Aomine mit wieder deutlich schlechterer Laune seinen Weg fort.
Natürlich wusste er, dass man an einer Uni sein musste, um für ein Uni-Team zu spielen, ärgerte er sich in Gedanken darüber, dass Kise (ausgerechnet Kise!) ihn für dermaßen dumm hielt. Der Zusammenhang war ihm nur eben irgendwie plötzlich viel bewusster geworden. Imayoshi und Momoi hatten auch davon angefangen, aber dann noch irgendeinen Stuss über sein Karriereende hinzugefügt.
Karriere, pah! Ob Anfang oder Ende, er wollte einfach nur spielen, warum konnten die anderen es nicht dabei belassen? Warum mussten sie ihn mit ihrem dämlichen Zukunftsgelaber belästigen? Warum kümmerte sich sogar ein Depp wie Kise um so etwas? Kise bei einem Karriereberater? Oh bitte.
Aomine musste daran denken, wie er den Fragebogen über die Zukunftspläne in der Schule zusammengeknüllt und weggeworfen hatte. Was stimmte mit den anderen nicht, dass die sich darauf stürzten, als würde ihr Leben davon abhängen?
Die Ruhe, die er vor der Begegnung mit Kise verspürt hatte, bitterlich vermissend, sah Aomine zum Himmel hinauf. Nein. Mit den anderen stimmte etwas nicht. Ihm ging es gut.
„AOMINE?!“
„Entschuldigung!“
„Wofür zur Hölle entschuldigst du dich, Ryo??!!“
„Ich weiß nicht, tut mir leid, Captain!“
Ein Stöhnen, das tief aus seinem Innern kam, kam Aomine über die Lippen. Wieso tauchten die zwei Gestalten jetzt hier auf? Er senkte den Kopf und sah sie vor sich stehen: Wakamatsu mit angesäuerter Miene und Ryo mit verkniffener Miene, einen Basketball unter den rechten Arm geklemmt.
Ah, ja, die zwei Pappnasen wohnten hier in der Nähe und waren wahrscheinlich auf dem Weg zum Streetballplatz.
Ryo bemerkte, wie Aomine den Ball unter seinem Arm böse anfunkelte und machte nervös einen Schritt zurück.
„Vergiss es, du sollst noch nicht spielen“, deutete Wakamatsu seinen Blick falsch.
Ohne direkt darauf zu antworten, rieb der Blauhaarige sich erneut scheinbar unbewusst über den verletzten Arm, was die beiden anderen To-oh-Spieler verunsicherte.
„Warum sollte ich gegen euch spielen wollen?“, fragte Aomine nach einer beinahe unheimlichen Stille. „Da habe ich wirklich Besseres zu tun.“
Wakamatsu entfuhr ein Grummeln. „Hast du sonst noch etwas zu sagen? Zu Ryo vielleicht?“
„Ich wüsste nicht was.“ Keine Wiederholung, keine Wiederholung!, dachte er mit aufkeimender Panik. Sonst geht der Tag von vorne los!
„Bist du dir sicher?“ Nun funkelte Wakamatsu ihn zornig an.
„Ich muss weiter, lasst mich bloß in Ruhe.“ Aomine wollte gerade einen Schritt machen, als Ryos Handy klingelte und er mit den Worten „Es ist Momoi!“ hastig den Anruf annahm.
Wahrscheinlich sucht sie nach mir, schlussfolgerte Aomine und blieb stehen. Vielleicht konnte er Ryo dazu bringen, ihr nicht zu verraten, wo er sich rumtrieb.
Es war ihm nicht möglich zu verstehen, was Momoi sagte, aber er konnte einen fast hysterischen Redeschwall ausmachen. Etwas zog sich in seinem Inneren zusammen, als Ryo von jetzt auf gleich weiß wie eine Wand wurde und er mit großen, erschrockenen Augen zu Aomine schaute.
„Ja, er ist hier“, hörte er Ryo, der genauso verschreckt klang, wie er dreinblickte, sagen, „ich werde es ihm sofort mitteilen.“
„Irgendetwas ist da passiert“, äußerte Wakamatsu ungewohnt leise, als würde auch er spüren, dass plötzlich etwas Unheilvolles in der Luft lag.
Ryo nahm das Handy herunter und sah mit seiner entgeisterten Miene direkt zu Aomine, der bei diesem Anblick schlucken musste. Wieso wirkte Ryo so, als hätte er eine wirklich, wirklich schlimme Nachricht erhalten? Als wäre eine Katastrophe geschehen?
„Entschuldige, dass ich dir das sagen muss“, begann der Shooting Guard noch unsicherer als üblich, „aber Momoi konnte dich nicht erreichen und hat deswegen jeden angerufen, der in ihrem Adressbuch steht, um dich zu finden.“
Aomine wartete mit nervöser Ungeduld ab, was Momoi ihm ausrichten wollte. Es konnte sich nicht um das Gemecker handeln, das er erwartet hatte. Nein, sein Gefühl sagte ihm, dass Wakamatsu ausnahmsweise mal nicht Unrecht hatte.
Ryo nahm tief Luft. „Kuroko ist wohl in einen Unfall verwickelt und verletzt worden. Er wurde in ein Krankenhaus nahe der Seirin-Oberschule gebracht und anscheinend sieht es sehr schlimm aus.“
„Verdammt, das klingt aber gar nicht gut!“, entfuhr es Wakamatsu und er blickte aus dem Augenwinkel zu Aomine, der wie vom Donner gerührt dastand und keinen Muskel rührte. Seine Augen schienen ins Leere zu starren.
„H-hast du mich verstanden-“ Ryo kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn der Blauhaarige packte ihn plötzlich am Kragen und schrie ihn an.
„Was erzählst du da für einen Mist?! Was soll mit Tetsu passiert sein?! Es ist ihm zuvor noch nie etwas passiert! An all den Tagen zuvor ist das nie passiert!“
„Tut mir leid!“, rief Ryo reflexartig. „Ich weiß auch nicht mehr. Und Momoi weinte so schrecklich, dass ich sie kaum verstanden habe.“
Satsuki weinte schrecklich?
Aomine fühlte, wie seine Brust sich zusammenzog und ein riesiger Kloß sich in seinem Hals bildete. Satsuki würde nicht grundlos schrecklich weinen. Dann hieß das …? War Tetsu wirklich etwas zugestoßen? Aber-
Ryo so rasch und abrupt loslassend, wie er sich ihn gegriffen hatte, rannte Aomine los, die zwei anderen perplex zurücklassend.
Aomine rannte ohne Pause und so schnell, wie er noch nie in seinem Leben zuvor gerannt war, in Richtung des genannten Krankenhauses. War das seine Schuld? War das passiert, weil er den Tagesablauf geändert hatte? Im Laufen schüttelte er den Kopf. Was dachte er jetzt über so einen Quatsch nach? Seine seltsame Situation vernebelte mehr und mehr seine Gedanken. Das mysteriöse Phänomen, dem er ausgesetzt war, aus seinem Kopf verbannend, konzentrierte er sich nur noch darauf, noch schneller zu laufen, um so schnell wie irgend möglich bei Tetsu zu sein.
Er spurtete in das Krankenhaus und folgte, Personal, Patienten und Besuchern trotz seinem Tempo ausweichend, den Schildern zur Notaufnahme. Es war am wahrscheinlichsten, dass er dort irgendetwas in Erfahrung bringen konn-
Er stoppte jäh, bevor er in einen anderen jungen Mann reinrannte.
„Aomine, da bist du ja.“ Es war Junpei Hyuuga, Seirins Brillenschlangen-Captain. „Komm mit, Momoi braucht dich.“ Junpei ging weiter und führte ihn zu einem Warteraum, der voll mit Spielern der Seirin war – und einer Satsuki, die von Seirins Trainerin im Arm gehalten wurde und sich die Augen ausheulte. Als sie Aomines Ankunft bemerkte, sprang sie auf.
„Dai, endlich bist du da!“ Sie warf sich ihm entgegen und erst jetzt, wo er nach all der Rennerei angehalten hatte, merkte er, wie stark sein Herz gegen seine Brust hämmerte.
„Was ist passiert?“, fragte er außer Atem.
„Heute Nachmittag ist Nummer Zwei entlaufen“, erzählte Teppei Kiyoshi mit selten gesehenem Schwermut, „und wir haben uns alle in der Stadt aufgeteilt, um ihn zu suchen. Als Tetsuya eine Straße überqueren wollte, überfuhr ein Autofahrer eine rote Ampel und …“ Teppei blickte zu der schluchzenden Momoi und sprach nicht weiter. „Er wird gerade operiert.“
„Die kriegen ihn doch wieder hin, nicht wahr?“ Aomine ließ seinen Blick über die versammelte Kernmannschaft schweifen, von denen plötzlich der Großteil sich auf die Lippen biss und gen Boden starrte.
„Die kriegen ihn doch wieder hin, nicht wahr?!“, wiederholte er lauter und mit einer Wut, von der er nicht wusste, gegen wen er sie richten sollte. „Satsuki, hör auf zu heulen, die kriegen ihn wieder hin!“
„Aomine!“, rügte Riko ihn scharf aufgrund des harschen Tonfalls. „Wir wissen noch nichts Genaueres und müssen abwarten, bis Tetsuyas Eltern hier sind, da die Ärzte nur mit ihnen sprechen wollen. Unglücklicherweise sind seine Eltern gerade nicht in Tokyo, aber bis sie hier sind, warten wir hier. Und das möglichst ohne herumzuschreien.“
„Wir haben auch den Rest des Teiko-Teams informiert“, erklärte Shun Izuki mit einer ebenso ungewohnten und beunruhigend ernsten Miene, „aber wahrscheinlich schaffen Akashi und Murasakibara es sogar vor Kise und Midorima hierher, weil in der Stadt immer noch ein Verkehrschaos herrscht.“
Aomine wollte ihn anschreien, dass es ihm egal war, ob die anderen auf dem Weg waren oder nicht, denn er wollte momentan einzig und allein Tetsu sehen und von ihm hören, dass alles in Ordnung war. Doch so wie alle dreinblickten und mit einer Atmosphäre im Raum, als ginge es um Leben oder Tod, und mit der weinenden Satsuki im Arm, blieben ihm all seine Worte im Hals stecken. Der Kloß in seinem Hals und die Enge in seiner Brust waren so schlimm, dass er das Gefühl hatte, kaum noch atmen zu können.
Tetsu könnte sterben.
Als er dies realisierte, wurde ihm mit einem Mal so übel, dass er dachte, sich an Ort und Stelle übergeben zu müssen. Ohne ein Wort zu sagen oder auch nur einen Laut von sich zu geben, ließ er die verdutzte Momoi los, machte kehrt und marschierte schnurstracks und eilig aus dem Warteraum heraus.
„Dai?“, hörte er Momoi besorgt sagen, doch er reagierte auch nicht darauf. So schnell ihn seine Füße trugen, verließ er die Notaufnahme durch die nächstbeste Tür und landete auf einem dazugehörigen Parkplatz. Außer ihm war niemand hier. Als könnten seine Beine ihn plötzlich nicht mehr halten, ging Aomine in die Knie und versuchte dabei, nach Luft zu schnappen, aber sie schien ihren Weg nicht in seine Lungen zu finden. Halb würgend, halb röchelnd starrte er in seiner gebückten Haltung den Boden an und blickte gleichzeitig ins Nichts. Er begriff nicht, was hier passierte, verstand nicht, wie das passieren konnte und hatte Angst, nichts als pure Angst vor dem, was noch passieren könnte. Hätte er geahnt, dass der Tag diese Wendung nehmen würde … doch wie hätte er dies ahnen können? Es war vorher nie dazu gekommen und wieder drängte sich ihm die Frage auf, ob sein Abweichen vom bekannten Geschehen zu dem Unfall geführt hatte.
Seinem … Unfall ….
Heiße Tränen liefen ungeachtet der kalten Temperaturen über Aomines Gesicht und platschten auf den Boden. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es wäre, wenn Tetsuya tatsächlich nicht mehr ….
Seine Beine gaben endgültig nach und Aomine krachte mit den Knien auf den Asphalt, bitterlich weinend. Er schluchzte und keuchte und hatte das Gefühl, dass sein Brustkorb gleich zersprang.
Als er kaum noch atmen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen.
Tag 5
Als wäre ein Blitz unmittelbar neben ihm eingeschlagen, schreckte Aomine hoch. Sein Atem ging so schnell, dass er kaum Luft bekam, sein Puls raste und sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Sein Kopf tat weh und seine Gedanken kreisten einzig und allein um eine Sache: Tetsu. Was war mit Tetsu? Sein ganzer Körper zitterte, als er an ihn dachte. War Tetsu …? Nein! So einen Unsinn durfte er nicht denken. Aber bei den Gesichtern, die die Leute von Seirin und besonders Momoi gemacht hatten, bestand vielleicht in der Tat nicht viel Hoffnu- nein! Natürlich würde Tetsu das schaffen und überleben. Keiner war zäher als er. Er musste schnell herausfinden, ob es etwas Neues gab!
Erst langsam begann Aomine in seiner Panik und Verzweiflung seine Umgebung wahrzunehmen. Er war in einem halbdunklen Zimmer; von irgendwo kam Musik her … …!
Entgeistert blickte er den Radiowecker an. Den Radiowecker, der dasselbe Lied wie zuvor spielte. War er in seinem Zimmer? Er konnte sich daran erinnern, das Bewusstsein verloren zu haben. Auf dem Parkplatz vor der Notaufnahme. Es würde absolut keinen Sinn machen, wenn jemand ihn nach Hause brächte, wenn er direkt vor einem Krankenhaus ohnmächtig herumliegen würde.
Hieß das …?
Aomine schluckte und griff sich hastig sein Handy. Seine Finger zitterten dermaßen, dass es ihm beinahe schwerfiel, es aufzuklappen.
Sonntag.
Da stand „Sonntag.“ Momois Nachrichten wurden abermals als „neu“ angezeigt.
Ohne groß über seine Handlungen nachzudenken, wählte Aomine Kurokos Nummer. Es klingelte nur zweimal, ehe abgehoben wurde, doch für ihn fühlte sich dies an wie eine Ewigkeit.
„Ja? Was gibt es, Daiki?“, erklang es milde überrascht aus dem Hörer.
„Tetsu! Dir geht es gut!“ Tausend Steine fielen von seinem Herzen. Er hatte sich noch nie, wirklich noch nie, in all den Jahren, die sie sich kannten, so sehr über die Stimme des Anderen gefreut.
„… Ja. Wieso sollte es das nicht?“ Kuroko klang verwirrt.
„Äh …“, geriet Aomine ins Stocken, denn er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, was er zu ihm sagen sollte, „weil … ich … äh, war nur eine Feststellung.“
„… Aha? Geht es dir auch gut?“ Die Verwirrung des Kleineren nahm erkennbar zu.
„Ja, natürlich. Alles bestens.“
„Bist du dir sicher?“
„Absolut.“
„Wenn du über irgendetwas reden willst-“
„Nein, nicht nötig. Jetzt ist alles wieder gut.“
„Jetzt?“
„Ich meine … generell.“
„Entschuldige, Daiki, aber nichts, was du sagst, ergibt einen Sinn.“
Sich selbst bewusst, dass sein Gestammel komplett wirr auf andere wirken musste, beschloss Aomine, das Gespräch lieber schnell zu beenden. „Wie dem auch sei. Ich bin froh, dass es dir gut geht, Tetsu.“ Als wäre dieser letzte Satz eine Art magische Beruhigungsformel gewesen, verlangsamten sich seine Atmung, sein Puls und sein Herzschlag wieder auf ein normales Level – bis ihm etwas Gravierendes auffiel:
Wenn der Tag wieder von vorne losging, dann würde Nummer Zwei sich erneut vom Acker machen und Kuroko erneut von dem Mistkerl überfahren werden.
Mit wiederkehrender Panik sprach er mit lauter Stimme ins Telefon:
„Tetsu, egal, was heute passiert, du darfst auf gar keinen Fall das Haus verlassen! Hast du mich verstanden? Bleib zu Hause. Egal, was passiert. Du darfst nicht vor die Tür gehen! Das ist wichtig!“
Für einen langen Moment kam ihm nichts als Schweigen aus dem Hörer entgegen.
„Daiki, bist du wirklich sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?“
„Mach dir keine Sorgen um mich. Es geht einzig und allein um dich! Bleib zu Hause, Tetsu!“
„Sollte ich nicht besser bei dir vorbeikommen?“
„NEIN! HALTE DICH VON DER STRASSE FERN!“ Aomine stöhnte innerlich, nachdem er dermaßen gebrüllt hatte. Wenn er noch mehr sagte, würde Kuroko ihn endgültig für durchgeknallt halten. „Versprich es mir einfach.“ Ohne die Antwort des Anderen abzuwarten, legte er auf. Er hatte seinen Punkt deutlich gemacht, das war alles, was er ihm sagen konnte.
„Ich weiß, dass du heute vielleicht sterben wirst“, war schließlich nichts, was man mal eben über die Lippen brachte. Außer man war scharf auf eine Zwangsjacke. Und das war er nicht.
Aomine stand auf, ging auf immer noch nicht ganz festen Beinen ins Bad, drehte den Wasserhahn auf und hielt seinen Kopf darunter.
Er war in einer verdammten Zeitschleife gefangen. Und er konnte nicht einmal sagen „Eine andere Erklärung gibt es nicht“, denn was war das für eine Erklärung? Wie zur Hölle geriet man in eine Zeitschleife? Und was noch viel wichtiger war: Wie kam man aus einer solchen wieder heraus? In der Mittelschule hatte er aus Langeweile in der Mittagspause mal in einer Wissenschaftszeitschrift geblättert, die entweder Midorima oder Akashi gehört hatte. Irgendeinem von diesen Superhirnen. Darin hatte nicht viel gestanden, was ihn interessiert hatte, doch er konnte sich erinnern, dass in einem Artikel die Rede davon gewesen war, dass Zeitreisen theoretisch möglich wären. Vielleicht war das hier so etwas Ähnliches? Eine Zeitreise, die ihn immer wieder an den gleichen Tag zurückwarf.
Missmutig drehte er das Wasser ab und schaute grummelnd in den Spiegel.
So ein Blödsinn.
Andererseits ließ es sich nicht leugen, dass heute zum fünften Mal derselbe Tag war. Doch wieso betraf dieses Zeit-Phänomen nur ihn? Und wann bitte sollte er mit Technologie in Berührung gekommen sein, die zu so etwas im Stande war?
Kopfschüttelnd begab er sich zurück in sein Zimmer und warf den Computer an. Wenn er keine Antworten hatte, dann hatte das Internet doch bestimmt welche.
Oder auch nicht, wie er zügig feststellte. Er wusste schon, warum er sonst nur nach … anderen Dingen im Internet suchte. Da waren ja eine Menge schräger Gestalten in den Foren unterwegs. „Meine Freundin stammt aus der Edo-Zeit“, „Ich komme aus der Zukunft, um euch vor der Herrschaft der Roboter zu warnen“ und „Wo kriege ich günstig Ersatzteile für meinen Flux-Kompensator her?“ waren noch die harmlosesten Beiträge. Aomine klickte gerade einen wissenschaftlichen Artikel an, dessen Überschrift ihm bereits Kopfschmerzen bereitete, als sein Handy klingelte.
Momoi.
Er seufzte. Sie würde keine Ruhe geben.
„Ich bin beschäftigt, Satsuki“, begrüßte er sie ein wenig schroff.
„Beschäftigt?“, wiederholte sie verdutzt. „Tatsächlich beschäftigt oder verpennst du nur den Tag?“
„Tatsächlich beschäftigt. Ich muss etwas recherchieren.“
„Recherchieren?“, wiederholte sie noch baffer als zuvor. „Guckst du dir wieder halbnackte Frauen im Internet an?“
„Nein“, entgegnete er fast schon ein bisschen beleidigt. Momoi schien ja viel von ihm zu halten. „Ich muss etwas nachlesen.“
„Für die Schule?“ Plötzlich klang sie unerwartet hoffnungsvoll.
„Nein, das ist eher … was anderes halt. Nerv nicht, Satsuki.“
„Was anderes?“ Zu seiner Irritation steigerte sich ihre hörbare Hoffnung noch. „Dai, sag bloß, du informierst dich über mögliche Ziele für deine Zukunft?“
Und da waren sie schon wieder. An. Dem. Gleichen. Punkt. Wie. Zuvor. Aomine wollte von neuem anfangen zu meckern, als der Klang ihrer Stimme ihn stutzen ließ. Momoi klang so voller Hoffnung und unheimlich fröhlich, als sie ihn danach fragte. Nicht wie jemand, der einen fiesen, hinterhältigen Plan geschmiedet hatte, um ihm den einen großen Traum auszureden.
„Ja … ich informiere mich über meine Zukunft.“ Ungelogen.
„Oh, Dai! Endlich! Ich bin ja so froh! Du ahnst nicht, was ich mir für Sorgen gemacht habe! Was siehst du dir denn gerade an?“
„Einen Artikel über Zeitreisen.“
„… … … was?“
„Einen Artikel über Zeitreisen.“
„… … … WAS SOLL DER QUATSCH?!“, polterte Momoi. „Ich dachte, du beschäftigst dich mit deiner Zukunft!“
„Es würde zu lange dauern, dir das jetzt zu erklären“, erwiderte er. Erneut fiel ihm etwas Schwerwiegendes ein. „Komm auch nicht her, ich habe wirklich keine Zeit.“
„Woher weißt du, dass ich-“
„Ist egal, Satsuki. Ich habe keine Zeit. Ich kann mich heute nicht mit dir treffen. Und schick auch nicht Tetsu los, um herzukommen. Schick auf gar keinen Fall Tetsu los. Hörst du? Auf gar keinen Fall. Er muss zu Hause bleiben.“
Zum wiederholten Mal kam nur Schweigen aus dem Hörer.
„Ah, ja …“, begann Momoi deutlich unsicher nach einer Weile. „Daiki, Tetsu hat mich heute schon angerufen und mir gesagt, dass du … na ja, dass du dich am Telefon sehr seltsam verhalten hättest.“
„Wenn jemand wie Tetsu ein Verhalten seltsam findet, handelt es sich wahrscheinlich um ein völlig normales Verhalten. Hast du daran schon einmal gedacht?“
„Uhm, warum willst du ihm verbieten, vor die Tür zu gehen?“
„Weil das besser für ihn ist!“ Allmählich war er die Diskutiererei leid.
„Du hast doch von den Schmerztabletten nur die vorgeschriebene Dosis genommen, oder?“
Ernsthaft, konnte er in ihren Augen eigentlich noch tiefer sinken?
„Mir geht es gut. Ich muss mich jetzt um diese Zeitreise-Geschichte kümmern.“ Er legte auf und widmete sich umgehend dem Computerbildschirm – auf dem so viele Worte standen, die er nicht verstand.
Aomine hatte sich durch mehrere Seiten des ellenlangen Artikels gekämpft, als es an der Tür klingelte. Er versuchte, das Klingeln zu ignorieren, doch es hörte nicht auf. Und hörte nicht auf und hörte nicht auf.
„ARGH!!“ Mit einer enormen Menge Wut stand er vom Schreibtischstuhl auf, der dabei beinahe umfiel und marschierte zur Tür, die er zornig aufriss.
Momoi erschrak regelrecht.
Das war so klar gewesen.
„Satsuki, hörst du schlecht? Ich habe gesagt, ich habe keine Zeit.“ Er hätte sie eigentlich barscher anblaffen wollen, doch sie machte eine so sorgenvolle Miene, dass es ihn fast erschreckte. War Tetsu doch etwas zugestoßen? Oder jemand anderem? Gerieten andere in Gefahr, wenn er den Tagesablauf änderte?
„Daiki“, sagte Momoi und klang so, wie sie dreinblickte. „Du hast gegenüber Tetsuya nur wirres Zeug geredet und ihm verboten, das Haus zu verlassen. Und mir hast du gesagt, du beschäftigst dich mit Zeitreisen.“
Aomine stöhnte abermals. Wenn man es so formulierte, klang es wirklich verrückt. Ach, wem machte er etwas vor? Es war verrückt.
„Ich beschäftige mich nur mit Zeitreisen, weil ich zu Zeitschleifen nichts Vernünftiges gefunden habe“, antwortete er achselzuckend. Sollte sie ihn eben für verrückt halten. Was hatte er schon zu verlieren?
„Ah, okay?“ Momoi sah ihn an, als hätte sie plötzlich Angst. Nichtsdestotrotz schlüpfte sie an ihm vorbei und ins Haus hinein. Resignierend ließ er die Tür zufallen.
Die Schülerin verkrampfte ihre Hände in den Stoff ihrer Jacke, so wie sie es immer tat, wenn sie verunsichert war. „Dai, weißt du, es war vielleicht alles ein bisschen viel in letzter Zeit. Mit dem Training und den Turnieren und den Prüfungen und dem Fragebogen für Zukunftspläne und der Verletzung …. Weißt du, manche Menschen reagieren auf solch einen Stress mit … na ja …“
„Ich bin nicht verrückt, Satsuki.“
„Das hat auch keiner behauptet!“, wehrte sie hastig ab. „Nur eventuell hast du ja vielleicht so etwas wie einen beginnenden-“
„Ich habe keinen Nervenzusammenbruch.“
„Gut! Das ist gut! Dann bist du vielleicht nur ein bisschen … mental instabil?“
Aomine fuhr sich mit beiden Händen über die Schläfen. „Du willst die Wahrheit wissen?“
Momoi nickte energisch. „Du kannst mir alles sagen!“
„Okay.“ Aomine atmete tief ein. „Heute ist zum fünften Mal derselbe Tag. Und der Tag hat nur ein paar Stunden, bevor er von vorne losgeht. Es passieren immer die gleichen Dinge, außer ich verhalte mich anders, dann passieren anscheinend noch schlimmere Dinge. Verstehst du, Satsuki? Es wird einfach nicht morgen.“
Es war mitten im Winter und sie standen in einem Haus, aber Aomine hätte schwören können, in diesem Augenblick das Zirpen von Grillen zu hören. So wie Momoi ihn ansah – halb irritiert, halb verängstigt – wusste er, dass sie es nicht verstand.
„Ich … ähm …“ Momoi suchte nach Worten, doch war sichtlich mit der Situation überfordert. „Es fühlt sich für dich an, als gäbe es kein Morgen?“, fragte sie, bemüht, dem Freund zu zeigen, dass sie ihn ernst nahm.
„Es fühlt sich nicht nur so an, es ist so.“
„Oh Gott, Daiki. Wie lange denkst du schon so?“ Ihrem erschütterten Gesichtsausdruck zufolge verstand sie ihn nun völlig falsch.
Dezent genervt winkte Aomine ab. „Ich bin nicht depressiv oder Ähnliches. Ich stecke in einer Zeitschleife fest!“
Die immer tiefer gehende Beunruhigung war deutlich in ihrem Gesicht abzulesen. Offensichtlich war ihr das ungewöhnliche Verhalten ihres alten Freundes nicht geheuer und sie überlegte fieberhaft, was sie sagen und tun sollte. „Eine … Zeitschleife?“, hakte sie zaghaft nach.
Ungeduldig nickte nun Aomine. „Eine verdammte Zeitschleife! Es passieren in einem Stück die gleichen Dinge.“
„Ah, also, dir kommt immer alles gleich vor?“, fragte sie in der Hoffnung, einen Ansatz gefunden haben, den Anderen zu verstehen.
Dass dieser stöhnend den Kopf schüttelte, zeigte ihr mehr als eindeutig, dass der Ansatz nicht funktionierte.
„Es KOMMT mir NICHT so vor! Es IST so! Jeden Tag passieren die gleichen Dinge! Egal, was ich mache, sie passieren immer und immer wi-“ Er hielt abrupt inne und wurde merklich bleich im Gesicht.
Momoi bemerkte umgehend, dass etwas nicht stimmte; dass etwas ihn plötzlich zutiefst beunruhigte. „Daiki? Geht es dir nicht gut?“
Aomine hörte die Frage, doch er reagierte nicht darauf, denn er war zu beschäftigt mit dem Gedanken, der ihn gerade wie ein Blitz getroffen hatte:
Wenn immer die gleichen Dinge passierten, egal, was er machte, dann … dann würde Nummer Zwei immer noch weglaufen und Tetsuya immer noch von dem Auto …!
Er warf einen zügigen Blick auf die Wanduhr im Flur. Wenn er sich beeilte, müsste es noch zu schaffen sein.
Wie von der Tarantel gestochen, schlüpfte Aomine in seine Schuhe und verwirrte die arme Momoi damit noch mehr.
„Was ist los?“, hörte er sie fragen.
„Später, Satsuki, ich hab’s eilig!“ Er griff sich seine Jacke so hastig, dass der Garderobenständer bald umfiel, schmiss sie sich über, ohne sie zuzumachen, riss die Haustür auf und rannte schnell wie der Wind los.
Die verdatterte Momoi sah ihm einen Moment lang ratlos hinterher, bevor sie die Verfolgung aufnahm.
Sie hatte keine Ahnung, was in ihn gefahren war, aber so wie er sich benahm, durfte sie ihn unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Ein schlechtes Gewissen bahnte sich in ihrem Innern an, denn möglicherweise war sein ruppiges Verhalten der letzten Zeit schon ein Vorbote davon gewesen, was auch immer gerade geschah. Ja, er wirkte nach außen stets so, als könnte ihn nichts erschüttern, doch Momoi wusste, dass dem nicht so war. Während ihrer Zeit an der Mittelschule war schon einmal etwas in ihm zerbrochen und sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, auf ihn aufzupassen und zu verhindern, dass dies noch einmal vorkam. Sie war sich bewusst, dass jetzt nicht die Zeit war, um sich über eventuelle Versäumnisse ihrerseits Gedanken zu machen, denn Aomine war sehr, sehr viel schneller als sie. Ihr Glück war es, dass sie bei ihrer Verfolgung immer sehen konnte, in welche Straßen er abbog, sodass sie ihn, sogar wenn sie ihn kurzzeitig aus den Augen verlor, immer wiederfinden konnte. Wohin rannte er, als würde es um Leben und Tod gehen? Hätte sie besser Hilfe anfordern sollen?
Mit einem immensen Seitenstechen und vollkommen aus der Puste erkannte Momoi endlich, wohin er unterwegs war – und dieses Ziel warf nur noch mehr Fragen auf.
Was wollte er an einem Sonntag an der Seirin-Oberschule?
Aomine lief ohne anzuhalten auf den Zaun zu, der das Schulgelände der Seirin umgab, schwang sich mit Leichtigkeit darüber und hörte noch, bevor er auf dem Boden aufkam, aufgeregtes Hundegebell. Er sprintete um die Ecke und erblickte auf dem Schulhof einen größeren Hund, der den jaulenden Nummer Zwei anbellte und dabei seine Zähne zeigte. Von der anderen Seite konnte er zwei Seirin-Spieler ausmachen, die ebenso angerannt kamen. Der große Hund wollte sich gerade auf Nummer Zwei stürzen, als Aomine sich den Hund mit der gruseligen Ähnlichkeit zu Kuroko schnappte, ihn vom Boden aufhob und den größeren Hund – obwohl er völlig außer Atem war – anbrüllte, sich zu verziehen.
Der Streuner schaute ihn irritiert an, woraufhin Aomine mit den Füßen auf dem Boden aufstampfte. „Ich sagte, verzieh dich! Lass den Winzling in Ruhe und such dir jemanden in deiner Größe!!“
Davon spürbar eingeschüchtert, winselte der fremde Hund und suchte geschwind das Weite. Nummer Zwei, der in Aomines Armen lag, blinzelte seinen Retter fragend an und bellte daraufhin – was Aomine mal als Dank interpretierte.
Er bemerkte jedoch auch andere fragende Blicke auf sich.
„Äh~, Aomine?“ Shinji Koganei kniff seine Augen zusammen, als würde er dem nicht trauen, was er gerade sah. Neben ihm stand Rinnosuke Mitobe und blickte nicht minder perplex drein. „Was machst du denn hier?“, fragte Shinji schließlich.
„Das, was ihr nicht hinkriegt.“
„Hääääh? Was soll das denn heißen??“, empörte sich Shinji, während Rinnosuke auf den Hund zeigte und andeutete, dass Aomine ihn ihm geben sollte. Der Blauhaarige übergab ihm den Hund und grummelte nur, als Rinnosuke sich verbeugte.
„Ja ja, schon gut. Passt einfach besser auf ihn auf.“ Aomine drehte sich um und sah dort nun Momoi stehen. Sie stand leicht gebückt und keuchte grässlich, aber sie war rechtzeitig gekommen, um zu beobachten, wie er das Teammaskottchen von Seirin gerettet hatte.
„Was … was war denn … das?“, japste sie. „Wo … woher wusstest du … dass Nummer Zwei … in Gefahr war?“
Zum wiederholten Male seufzte er. „Das habe ich dir doch erklärt.“
Nur langsam begriff Momoi, was er meinte. „Das ist schon einmal passiert?“
„Ja. Nein“, er ächzte, weil er sich selbst so unklar ausdrückte. „Ich wusste es, weil Tetsuya mir davon erzählt hat.“
„Wie kann Tetsuya hiervon wissen?“, warf Shinji ein. „Rinnosuke und ich sind heute für Nummer Zwei zuständig. Tetsuya ist nicht hier.“
Rinnosuke schüttelte den Kopf.
„Ihr hättet ihn angerufen, wenn der andere Kläffer Nummer Zwei tatsächlich angegriffen hätte“, entgegnete Aomine.
„Äh, ja, natürlich hätten wir das“, bestätigte Shinji ihm. „A-aber du hast gesagt, Tetsuya hätte dir bereits hiervon erzählt.“
„Hat er ja auch. Immer und immer wieder.“
Shinji und Rinnosuke tauschten einen verwunderten Blick aus. Sie konnten seiner Erklärung offenkundig nicht folgen.
„Dai“, begann Momoi vorsichtig und nicht glaubend, was sie im Begriff war zu fragen, „du hast genau diese Situation schon mehrmals erlebt?“
„Nein, nicht genau diese. Ich hab den Vorfall die ganze Zeit ignoriert, bis Tetsu …“ Er brach den Satz sichtlich voller Unbehagen ab.
„Bis Tetsu … was?“, hakte Momoi bang nach.
„Ist egal.“ Er konnte es ihr nicht sagen. Es gab auch keinen Grund, ihr das zu sagen. Kuroko saß zu Hause und war in Sicherheit. Mit einem Mal befürchtete Aomine allerdings, dass auch diese Abweichung zu einer Tragödie führen könnte. „Ich bring dich nach Hause“, sagte er ihr plötzlich.
„Moment, warte mal, Daiki-“
„Nein!“, unterbrach er sie harsch. Weil sie ihm gefolgt war, war Satsuki nun draußen unterwegs und damit in potenzieller Gefahr. „Keine Diskussion! Du gehst nach Hause. Basta!“ Er packte sie am Ärmel ihres Mantels und zog sie mit sich.
„Hast du das verstanden?“, fragte Shinji planlos, als er und Rinnosuke ihnen hinterhersahen.
Rinnosuke machte ein ernstes Gesicht.
Obwohl Momoi den ganzen Weg über gezetert hatte, hatte Aomine sie – ohne auf ihre vielen Fragen einzugehen – an der Türschwelle abgeliefert und ihr nochmals gesagt, zu Hause zu bleiben. Er selbst trottete nach Hause zurück, als sein Handy klingelte. Er hatte es zuvor in eine seiner Hosentaschen gesteckt.
Diesen Anruf hatte er irgendwie erwartet.
„Erst ruft Shinji mich und erzählt mir von deiner Heldentat“, ertönte Kurokos Stimme, „und dann ruft Momoi mich weinend an, weil du sie nach Hause schleifst und ihr verbietest, das Haus wieder zu verlassen. Gibt es einen Grund, warum du uns beide einsperren willst? Selbst du machst solche Dinge nicht einfach aus einer Laune heraus.“
„Keine Lust, dass einer von euch beiden mir die Ohren vollheult“, antwortete Aomine, unfähig zu sagen, was ihm wirklich Angst machte.
„Du verhältst dich seltsam, Daiki. Selbst für deine Verhältnisse. Und das macht uns Sorgen. Was ist los mit dir?“
Aomine war stehengeblieben und betrachtete seinen Atem in der kalten Winterluft. „Tetsu“, sagte er letztlich und biss sich auf die Unterlippe, bevor er weitersprach. „Was ist, wenn es keinen Morgen gibt?“
„Es gibt immer einen Morgen“, erwiderte Kuroko und sogar bei ihm konnte man eine deutliche Besorgnis heraushören.
„Ich bin mir da nicht so sicher.“ Die Tränen liefen aus seinen Augen, als er gen Himmel blickte und der Himmel scheinbar auf ihn herabfiel. Er ahnte, was nun kommen würde. Und tatsächlich wurde ihm abermals schwarz vor Augen.
Tag 6
Aomine ließ den Radiowecker einfach klingeln. Das Lied lief bis zum Ende durch, ehe sich der Wecker von alleine abschaltete. Dann zog er sich die Decke über den Kopf und bemerkte zu seinem eigenen Missfallen, dass er sich schon wieder auf die Lippen biss, um die Tränen in seinen Augen aufzuhalten. War das eine Art Strafe? Hatte er sich so daneben benommen, dass das Karma ihm diese Grausamkeiten antat? Oh Gott, er hatte zu viel Zeit mit Midorima verbracht.
Der Artikel über Zeitreisen würde ihm auch nicht weiterhelfen. Dieser nicht enden wollende Tag war zu kurz, um davon jemals irgendetwas anwenden zu können. Er hatte ja noch gedacht, wenn es irgendwo eine funktionierende Zeitmaschine gäbe, würde er sie einfach auf den Montag einstellen und damit sein Problem lösen. Vorausgesetzt, er würde irgendwie an diese Maschine drankommen. Es war eine lächerliche Überlegung gewesen. Er konnte nichts machen. Er würde allmählich durch die ständigen Wiederholungen den Verstand verlieren und dennoch nichts machen können. Warum sollte er dann überhaupt aufstehen? Warum sollte er noch Kontakt zur Außenwelt haben, wenn es praktisch keine Außenwelt mehr gab?
Auch morgen würde wieder Sonntag sein und ebenso an dem Tag danach.
Aomine streckte eine Hand unter der Decke hervor, fischte nach seinem Handy und schaltete es, ohne hinzugucken, aus. Selbst wenn Tetsu oder Satsuki etwas zustoßen sollte, würde er es auf diese Weise wenigstens nicht erfahren.
Es läutete unendlich lang an der Tür. Er konnte hören, wie Momoi gegen die Tür hämmerte und sich die Seele aus dem Leib brüllte. Er konnte sogar das Festnetztelefon klingeln hören. Irgendwann klopfte es wieder an der Tür und er hörte Kurokos Stimme erstaunlich laut rufen.
Er blieb stur liegen und schlief irgendwann einfach wieder ein.
Tag 7
Aomine nahm sich den Radiowecker und schmiss ihn mit Karacho gegen die gegenüberliegende Wand. Das Gerät zersprang in tausend Teile und verteilte sich über dem Boden. Als nächstes nahm er sein Handy und machte mit ihm das Gleiche. Dann stand er auf und zertrümmerte den Computer, die Mikrowelle und schließlich den Fernseher. Er ging in sein Zimmer zurück und fing an, sämtliche Bücher in seinem Regal zu zerreißen. Erst als er bei seinen geliebten Zeitschriften und den Sonderbänden über seine Mai angekommen war, hörte er auf. Zum einen weil er merkte, dass sein Zerstörungswahn ihm nicht dabei half, sich besser zu fühlen, zum anderen weil er, selbst wenn das die Lösung seines Problems wäre, es nicht übers Herz brächte, Mai zu zerreißen. Er schaute sich in seinem Zimmer um, das aussah, als wäre eine Bombe eingeschlagen und überlegte, ob es nicht doch noch etwas gab, das er kaputtmachen konnte. Wie zuvor schellte es an der Tür Sturm und Aomine konnte das Geräusch von jetzt auf gleich nicht mehr ertragen. Es sollte aufhören und zwar sofort! Vielleicht war es doch besser, diesen Tag nicht in seinem Zimmer zu verbringen.
„Vielleicht lässt sich irgendwie ‚Reset‘ drücken, damit der Tag schneller wieder von vorne anfängt“, scherzte er und lachte verbittert. Oh! Sein Blick landete auf seinem verletzten Arm. Das hatte doch schon einmal funktioniert.
Aomine rammte seinen Ellbogen mit voller Wucht gegen den Türrahmen. Der Schmerz war entsetzlich und trieb ihm die Tränen in die Augen und die Übelkeit in den Magen, doch er schlug noch einmal und noch einmal gegen den Rahmen. Er hörte, wie der Knochen brach und ein furchtbarer, stechender Schmerz durch seinen gesamten Arm jagte. Kurz bevor er sich tatsächlich übergeben musste, wurde ihm schwarz vor Augen.
Tag 8
Aomine ließ den Radiowecker das Lied zu Ende spielen, während er sich langsam im Bett aufsetzte. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und durch die Haare und atmete laut aus.
Huch.
Hatte er „gestern“ tatsächlich alles zu Kleinholz geschlagen? Inklusive seines eigenen Arms?
Oh Mann.
Das war vermutlich eher kein Zeichen für einen gesunden Geisteszustand.
Er ließ seinen Blick durch sein halbdunkles Zimmer schweifen, in dem der übliche Verwüstungszustand herrschte. Im Gegensatz zu dem, was er am Vortag getan hatte (der Vortag, der schon wieder heute war), sah sein normales Chaos aus wie aufgeräumt.
Er hatte selbst keine Erklärung, wie es zu der Zerstörungswut gekommen war. Na ja, sah man davon ab, dass er in einer Zeitschleife festhing, natürlich. Alles zu zertrümmern, brachte ihn jedoch auch nicht weiter und es erschreckte ihn selbst ein wenig, dass er zu so etwas in der Lage war. Aomine erinnerte sich an die Schmerzen, die er sich selbst zugefügt hatte und sprang, den Kopf über sich selber schüttelnd, aus dem Bett auf.
„Hier drin verliere ich nur schneller den Verstand“, murmelte er und vermied es, die Dinge anzusehen, die er zuvor zerschmettert hatte, während er sich anzog. Nachdem er Nummer Zwei gerettet hatte, war Momoi kurz davor gewesen, ihm zu glauben. Vielleicht sollte er sich ihr noch einmal anvertrauen. Vielleicht konnte sie ihm irgendwie helfen.
Zu ihrer Verblüffung joggte er ihr praktisch entgegen, als sie ihn gerade anrufen wollte.
„Oh, Daiki!“, freute sie sich, ihn zu sehen. „Ich war gerade auf dem Weg zu dir-“
„Ich weiß“, fiel er ihr rasch ins Wort, „hör zu. Ich stecke in einer Zeitschleife fest. Jeden Tag passieren die exakt gleichen Dinge. Nein, es kommt mir nicht nur so vor, es ist tatsächlich so. Nein, ich habe keinen Nervenzusammenbruch. Ich weiß, dass du mich unter einem Vorwand in die Stadt schleppen willst, damit wir da ‚zufällig‘ auf Imayoshi treffen. Dafür haben wir keine Zeit. Was fällt dir zu diesem Zeitschleifen-Thema ein?“
Momoi starrte ihn mit offenem Mund ungläubig an. „Eh?“, war alles, was sie nach seinem Redeschwall herausbrachte.
„Komm schon, Satsuki, Konzentration!“
Sie starrte noch eine Weile, ehe sie den Kopf schüttelte, sich auf die Zehenspitzen stellte und eine Hand gegen seine Stirn führte. „Du fühlst dich normal an.“
Aomine schlug ihre Hand lasch weg. „Ich bin auch nicht krank!“
„Hast du mitbekommen, was du gerade alles gesagt hast, Daiki?“, fragte sie besorgt.
„Wenn ich diesen Tag nicht schon mehrmals erlebt hätte, woher sollte ich dann von dem Treffen mit Imayoshi wissen?“, fragte er ungeduldig.
Momoi geriet kurzfristig ins Grübeln. „Ah, irgendwer konnte seine Klappe nicht halten, obwohl ich alle um Verschwiegenheit gebeten habe.“
„Nein, verdammt, heute ist zum …“ Er hielt inne und versuchte, die Wiederholungen zu zählen, die er schon durchgemacht hatte. „Heute ist zum … zum siebten … oder zum achten, verdammt, ich weiß es nicht – Mal der gleiche Tag!“ Dass er den Überblick zu verlieren drohte, beunruhigte Aomine nur noch mehr.
„Das kann doch gar nicht sein“, erwiderte Momoi. „Daiki, vielleicht solltest du doch lieber wieder nach Hause und dich ausruhen. Du siehst gar nicht gut aus.“
„Natürlich sehe ich nicht gut aus!! Ich stecke in einer verfluchten Zeitschleife fest!!“, brüllte er ihr mit voller Lautstärke entgegen und verschreckte sie damit sichtlich. „Satsuki, ernsthaft, ich habe mir gestern meinen rechten Arm gebrochen und heute ist alles wieder in Ordnung! Weil es weder ein Gestern noch ein Heute noch ein Morgen gibt!“
„Du hast dir den Arm gebrochen?“ Ihre großen Augen landeten auf dem betroffenen Arm, den er ganz normal hielt und bewegte. „Meinst du nicht, du hattest nur einen Albtraum?“
„Das Ganze ist ein Albtraum!“ Aomine war vor lauter Schreien schon aus der Puste. Es hatte keinen Zweck. Auf diese Weise glaubte sie ihm nicht. Und er konnte ihr das nicht einmal übelnehmen. Würde ihm jemand erzählen, was er gerade von sich gegeben hatte, würde er dies ja auch nicht glauben. Würde er wieder warten, bis Nummer Zwei angegriffen würde, hätte er nicht genug Zeit, um noch eine Lösung zu finden. Dafür war der Tag zu kurz. Und nichts, was er vorher unternommen hatte, existierte noch, sobald der Radiowecker dieses Lied spielte und ihn damit weckte.
Seine Gedanken gingen plötzlich zurück zu dem Moment, in dem er seinen Arm mit voller Wucht gegen den Türrahmen geschmettert hatte. Er hatte den Knochen brechen gehört und vor allem hatte er es gespürt und dennoch war jetzt nichts mehr davon zu merken. Sein Ausraster hatte keine Konsequenzen gehabt … … ….
Huh.
Keine Konsequenzen.
Absolut. Keine. Konsequenzen.
Aomine blickte zu dem Konbini auf der anderen Straßenseite. Ohne Vorwarnung marschierte er plötzlich darauf zu und ignorierte Momois Rufe hinter ihm. Sie lief ihm hinterher und folgte ihm bis zu dem Regal mit den Zeitschriften.
„Dai, was ist jetzt? Was machst du? … Was machst du da??“ Fassungslos sah sie mit an, wie er sich eine der Erwachsenenmagazine griff (die in denen die Frauen nicht nur halbnackt waren) und sie durchblätterte.
„Leg dieses Schundheft weg! Gleich kommt bestimmt ein Mitarbeiter und schimpft!“, entrüstete sie sich, aber Aomine schenkte ihr keine Beachtung.
„Aha“, machte er stattdessen interessiert, während er seine Lektüre studierte. „Ich muss sagen, die Bilder von Mai sind doch um einiges besser. Es nimmt doch ein bisschen den Reiz, wenn man alles sieht. Und ich meine, wirklich alles.“
Zu Momois Empörung hielt er ihr eine aufgeschlagene Seite hin. Sie kreischte, lief rot an und traute ihren Augen nicht, als er die Zeitschrift einfach unter seine Jacke steckte.
„Bist du verrückt geworden, Daiki?! Hast du vor, das Heft zu stehlen??“
„Verkaufen würden sie es mir doch eh nicht“, antwortete er schulterzuckend und griff sich aus dem Regal hinter ihm eine Bierdose.
„Dai???“ Momoi sah sich panisch um und wusste nicht, ob sie hoffen sollte, dass ein Mitarbeiter vorbeikam und diesen Anfall von jugendlichem Leichtsinn beendete.
„Was?“ Zu ihrem vollkommenen Entsetzen öffnete er die Dose im Laden und trank an Ort und Stelle daraus. „Willst du auch einen Schluck? Schmeckt allerdings auch nicht halb so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte.“
„Daiki, hör auf! Was ist denn mit dir? Du drehst ja völlig durch!“ Nervös blickte sie von neuem in alle Richtungen, nun hoffend, dass doch niemand mitbekam, was er gerade tat. Sie war viel von ihm gewohnt, aber dass er solchen Ärger riskierte?
„Entspann dich“, winkte er ab. „Gestern bin ich durchgedreht und das hat mir absolut nicht gefallen. Da habe ich mir doch heute ein wenig Spaß verdient, meinst du nicht?“
„Was soll das heißen, ‚gestern bist du durchgedreht?‘“ Momoi starrte ihn angsterfüllt an.
Aomine dachte kurz darüber nach, ob er ihr mehr dazu erzählen sollte, doch letztlich zuckte er lediglich mit den Schultern. „Vergiss es.“ Selbst wenn Momoi sich nicht daran erinnern würde, er musste es nicht unbedingt darauf anlegen, dass sie noch verschreckter dreinblickte. Er stellte das Bier zurück ins Regal und ging schnurstracks aus dem Laden.
Draußen angekommen, wandte er sich zum Geschäft um und machte ein gelangweiltes Gesicht.
„Irgendwas zu klauen war jetzt auch nicht so spannend, wie ich gedacht hatte.“ Wie machte ein Depp wie Haizaki das, den ganzen Tag den Bad Boy zu spielen? Machte dem Trottel das tatsächlich Spaß? Abermals schüttelte Aomine den Kopf und begann sich zu wundern, wo Momoi blieb. Sollte es ihn stören, dass ihm nicht einmal etwas einfiel, was er anstellen könnte? Normalerweise verbrachte er seine Freizeit mit Basketball und Schlafen. Und mit Mai. Aber Basketball und Schlafen würden nur den Tag wieder von vorn anfangen lassen – und bei aller Liebe zu Mai … stundenlang konnte er sich nun auch wieder nicht mit ihr beschäftigen.
Endlich kam das rosahaarige Mädchen aus der Tür.
„Bitte sag mir, dass du überlegst, die Zeitschrift zurückzubringen“, fragte sie mit flehendem Unterton.
„Es macht keinen Unterschied, ob ich sie zurückbringe oder nicht“, antwortete Aomine lakonisch.
„Dai! Natürlich macht es einen Unterschied! In einem Fall bist du ein Dieb und im anderen nicht!“
„Oder ich bin weder das eine noch das andere.“
„Seit wann sprichst du ständig in Rätseln??“ Momoi schien kurz vorm Nervenzusammenbruch zu sein.
„Satsuki, was würdest du anstellen, wenn nichts Konsequenzen hätte?“
In der Annahme, er würde der Diskussion aus dem Weg gehen, lief sie vor Wut rot an und stapfte mit dem Fuß auf. „Lenk nicht vom Thema ab!“
„Tu ich nicht“, erwiderte er seelenruhig. „Genau das ist das Thema.“
Sie schüttelte energisch ihren Kopf. „Daiki, alles hat Konsequenzen. Wie kannst du denken, es gäbe etwas, das keine hätte?“
„Tu mir den Gefallen und spiel mit. Was würdest du tun?“
Momoi betrachtete ihn und regte sich ein wenig ab. Diese Frage schien ihm ehrlich wichtig zu sein. „Na schön. Wenn nichts Konsequenzen hätte – was nicht so ist – dann … dann würde ich …“ Sie lief wieder rot an, doch dieses Mal war es ein anderes Rot.
Kritisch hob Aomine eine Augenbraue. „Weißt du was? Da ich mir ziemlich sicher bin, dass du gedanklich gerade irgendwas mit Tetsu anstellst, will ich es gar nicht mehr wissen.“
Ertappt schreckte sie zusammen und räusperte sich. Mehrmals.
„Wie dem auch sei“, sie fächerte sich selbst Luft zu, „ich mache mir wirklich Sorgen um dich, Dai. Dich bedrückt offensichtlich etwas und so langsam glaube ich, es hat mit deiner Verletzung oder dem Fragebogen aus der Schule zu- hey!“
Bei diesen Stichworten machte er auf der Stelle kehrt. Nicht schon wieder dieses Gespräch!
Genauso abrupt, wie er kehrtgemacht hatte, blieb er auch wieder stehen. Mit dem obligatorischen kleinen Schrecken inklusive.
„Satsuki“, fragte er leicht erzürnt, „du hast im Laden die Kavallerie gerufen, ja?“
Er blickte direkt in die missbilligende Miene Kurokos.
„Du hast mir keine andere Wahl gelassen“, verteidigte sie sich.
„Hast du wirklich eine Zeitschrift gestohlen und aus einer Bierdose getrunken?“ Oh, es war einer dieser raren Momente, in denen man den Zorn in der Stimme des hellhaarigen Jungen heraushören konnte. „Momoi hat mich angerufen, ja, weil sie sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen wusste. Sie sagte, du würdest vollkommen durchdrehen.“
„Und wenn dem so wäre?“, entgegnete Aomine kühl. „Was, wenn ich durchdrehe? Führt ihr mich auf den Pfad der Tugend zurück?“
Ein Hauch von Beklommenheit legte sich über Kurokos Gesicht, als er den Kopf schüttelte. „Wir sind hier, um dir zu helfen, Daiki. Aber dafür musst du uns sagen, was mit dir los ist. Deine wechselhaften Launen sind eine Sache, aber dauernd den Unterricht zu schwänzen, sich anderen gegenüber daneben zu benehmen und dann sogar mit dem Stehlen anzufangen, sind eine völlig andere Hausnummer! Und sowohl Momoi als auch ich kennen dich viel zu gut, um einfach zu glauben, dass du das grundlos tust. Du benimmst dich immer dann am schlimmsten, wenn es dir schlecht geht. Daher sag uns bitte, was los ist!“
Aomine blickte in die entschlossenen Augen des Kleineren und verkniff sich nach dieser Ansage jeglichen bissigen Kommentar.
„Ihr könnt mir nicht helfen.“
„Du kannst es uns wenigstens versuchen lassen“, sagte Kuroko hastig und wirkte noch beklommener, als sein ehemaliger Teamkamerad schwermütig den Kopf schüttelte.
„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ihr mir helfen könnt. Mein Problem ist zu … abgedreht und zu verrückt und zu kompliziert. Nichts für ungut.“
„Wenn wir nicht wissen, was dein Problem ist, ist das natürlich schwierig“, wandte Momoi vorsichtig ein.
„Selbst wenn ich es euch sage, werdet ihr mir nicht helfen können.“ Aomine spürte wieder diesen Anflug von Verzweiflung in sich aufsteigen. Er wusste, dass es keine Konsequenzen hätte, wenn er vor ihnen weinen würde und doch wollte er dies nicht tun.
„Was auch immer es ist“, sprach Kuroko und schluckte, „du brauchst offensichtlich Hilfe.“
„Oh ja, die brauche ich ganz bestimmt.“ Aomine wischte sich eilig durchs Gesicht, doch die anderen hatten seine Tränen längst gesehen. Er konnte ausmachen, dass nun auch Momoi die Tränen in den Augen standen und das war das Letzte, was er hatte erreichen wollen. Es war ihm auch kein Trost, dass beim nächsten Neustart ihre Tränen und selbst ihre Erinnerung daran wieder verschwunden sein würden. Er hatte versucht, die Angst davor zu verdrängen, dass er niemals mehr aus dieser Zeitschleife herauskommen würde, aber es ließ sich nicht mehr leugnen, dass er mit seinen Kräften und seinem Latein am Ende war.
„In Ordnung.“ Der Hellhaarige zwang sich dazu, mit fester Stimme zu sprechen. „Wenn wir dir nicht helfen können, dann kann es vielleicht jemand anderes. Du musst nachdenken. Wer könnte dir helfen?“
„Ich habe keine Ahnung-“
„Nein, du bist der Einzige, der dies wissen kann, weil du als Einziger das Problem kennst“, widersprach Kuroko vehement. „Warum kannst du es uns nicht erzählen? Du musst um die Ecke denken, Daiki. Wem könntest du es erzählen? Wenn es eine Person gibt, der du dies sagen kannst, dann hat vielleicht auch diese Person die Möglichkeit, dir zu helfen.“
„Das funktioniert nicht!“, schrie Aomine verzweifelt. „Niemand würde mir diesen Schwachsinn, der hier abgeht, glauben!“
Unbeeindruckt sah Kuroko ihn weiter intensiv an. „Du musst denken: Wer würde mir so einen ‚Schwachsinn‘ glauben?“
Aomine ließ seinen Blick von seinem Kameraden zu Momoi und zurück wandern. Obwohl er sich gerade schrecklich allein und von aller Welt verlassen fühlte, spürte er, dass er nicht alleingelassen wurde.
Er atmete tief durch und behielt die Ruhe, als dunkle Wolken am Himmel aufzogen.
„Okay. Dann will ich mal um die Ecke denken.“
Die Wolken umhüllten alles und jeden, bis er das Bewusstsein verlor.
Tag 9
Schnell wie der Wind schaltete Aomine den Radiowecker ab. Er musste nachdenken. Tetsus Worte hallten in seinen Ohren nach:
Wem könnte ich es erzählen?
Wer würde mir so einen Schwachsinn glauben?
Es war nur eine schwache Hoffnung, an die er sich da zu klammern versuchte, aber im Augenblick war das alles, was er hatte. Alles, was er bisher getan hatte, hatte entweder zu nichts oder zu Katastrophen geführt. Er brauchte jemanden, der an ein solches Problem sachlich herangehen konnte.
…
Dachte er da gerade wirklich, er brauchte jemanden, der sachlich an das Problem mit der Zeitschleife herangehen könnte? Er schlug sich selbst mit den Händen gegen die Wangen.
„Konzentrier dich! Konzentrier dich einmal im Leben!“, spornte er sich selbst wütend an. Kuroko hatte ihm gesagt, wie er die Sache anpacken sollte. Er durfte nicht denken, dass es niemanden gab, sondern er musste darüber nachdenken, wen es geben könnte.
Wer konnte sachlich und rational denken? Wer würde ihm so etwas vorurteilsfrei glauben? Wer war clever genug, um sich Lösungen auszudenken?
Es traf Aomine wie einen Schlag, als ihm eine einzige Person einfiel, auf die all dies zutraf. Hastig holte er sein Handy und wählte eine Nummer aus seinem Adressbuch.
„Komm schon, heb ab! Heb ab!“, brüllte er in das Telefon hinein. „HEB AB, VERDAMMT NOCH MAL!“
Der Angerufene hatte in der Zwischenzeit abgehoben.
„Hast du dich verwählt?“, ertönte die ruhige Stimme Seijuro Akashis aus dem Hörer.
„Häh? Nein, ich … ich wollte dich anrufen.“
„Oh?“, machte Akashi verwundert. „Das war auf jeden Fall eine nette Begrüßung.“
„Ich … stehe etwas unter Zeitdruck.“
„Dann will ich dich nicht unnötig aufhalten. Es hätte dir jedoch womöglich Zeit erspart, wenn du nicht lautstark in das Telefon geflucht hättest.“
„Schon klar. Tut mir leid“, murmelte Aomine. Unter normalen Umständen hätte er sich vermutlich nicht entschuldigt.
„Also dann. Worum geht es?“
„Ich brauche deine Hilfe.“
Er konnte Akashi stutzen hören. „Wobei?“
„Versprichst du mir, mir erst zuzuhören, bevor du etwas sagst … oder auflegst?“
„Du klingst ungewohnt ernst. In Ordnung. Ich werde erst zuhören.“
Natürlich hatte er sich nicht zurechtgelegt, was er sagen wollte. Also holte Aomine einfach tief Luft:
„Ich stecke in einer Zeitschleife fest. Derselbe Tag wiederholt sich immer und immer wieder. Er ist nur ein paar Stunden lang und fängt ständig von vorne an, egal, was ich mache. Keiner außer mir erinnert sich daran. Es ist immer wieder heute.“
Es blieb ruhig auf der anderen Seite des Telefons und Aomine befürchtete bereits, Akashi hätte aufgelegt. Da er allerdings kein Tuten vernahm, wartete er angespannt ab.
„Was ist? Bist du noch dran??“, platzte es schließlich aus ihm heraus.
„Ja, bin ich. Ich wollte nur sichergehen, dass du fertig gesprochen hast.“
„Hab ich! Sag was um Himmels Willen!“
„Ist das schon einmal vorgekommen?“, hakte Akashi nüchtern nach.
„Natürlich nicht!“
„Ich verstehe. Dann muss es einen Grund dafür geben, wieso gerade dieser Tag sich ständig wiederholt.“
„… Moment. Du glaubst mir?“
„Warum sollte ich nicht? Würdest du mir so eine Geschichte erzählen, wenn sie nicht der Wahrheit entspräche?“
„Nein, sie ist wahr! Es ist nur … bis jetzt hat mir noch niemand … egal. Wie könnte dieser Grund, von dem du geredet hast, aussehen?“
„Hm …“ Aomine konnte sich bildhaft vorstellen, wie Akashi seine Stirn in Falten legte. „Ist an diesem Tag, also an dem ursprünglichen Tag, etwas Ungewöhnliches vorgefallen?“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Oh, Aomine, nimm mir dies bitte nicht übel, aber … du bist oft nicht der Aufmerksamste.“
„Häh?“
„Du schläfst mit offenen Augen“, sagte er ihm mit warmer und gleichzeitig eiskalter Stimme – etwas, das nur Akashi gelang. „Dir ist sicherlich etwas entgangen, was
wichtig ist. Was ist denn am ursprünglichen Tag geschehen?“
Aomine erzählte ihm alles, was am ersten Tag passiert war.
„Ich verstehe“, antwortete Akashi, als der Andere fertig war. „Du hast dich nicht gerade mustergültig verhalten. Davon abgesehen, dass du deinen ehemaligen Captain nicht umschubsen solltest, hast du dich auch gegenüber Momoi und Tetsuya nicht sonderlich kameradschaftlich benommen.“
„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“
„Ich denke, du solltest genau das Gegenteil von dem tun, was du bisher getan hast.“
Aomine stutzte. „Und das soll mir helfen?“
„Ich muss zugeben, ich habe nicht viel Erfahrung mit Zeitschleifen. Genau genommen überhaupt keine, aber das ist das, was ich tun würde.“
Der Blauhaarige seufzte und blickte fragend die Zimmerdecke an. „Ich schätze, ich habe nichts zu verlieren.“
„Viel Glück.“
„… … Akashi?“
„Ja?“, machte der Rothaarige verdutzt, da er im Glauben war, das Gespräch wäre längst beendet.
„Danke.“
„Oh?“, machte Akashi verblüfft. „Gern geschehen.“
Beide legten auf und es dauerte nicht lange, bis Aomine leise lachen musste. Dieser Akashi …. Er hatte seine Geschichte nicht einmal hinterfragt. Nun gut, das sollte ihm nur recht sein. Hoffentlich würde der Rat Akashis ihm weiterhelfen. Denn jemand Klügeres kannte er nun wirklich nicht.
Er hielt das Handy noch in der Hand, als Momoi anrief. Leicht nervös nahm Aomine den Anruf an. Er konnte sich noch keine genaue Vorstellung davon machen, wie das aussehen sollte – das Gegenteil von dem tun, was er bisher getan hatte. Wenn er sich einen Fehler erlaubte, würde der Tag mit Sicherheit wieder von vorn beginnen.
„Was gibt es, Satsuki?“
„Na endlich!“, begrüßte Momoi ihn ungeduldig. „Kannst du mir mal verraten, wo du gesteckt hast? Du ignorierst seit gestern meine Anrufe und Nachrichten!“
„Ich … ich war beschäftigt.“
„Hah? Womit?“
„Ist nicht wichtig. Warte, ich mach dir auf.“
„… Woher weißt du, wo ich bin?“
Argh! Er durfte ebenso nicht vergessen, dass nur er wusste, was die anderen taten. Wenn er nicht aufpasste, erklärten sie ihn nur wieder für verrückt.
„Waren wir nicht für heute verabredet?“ Jetzt war ironischerweise er es, der sich etwas aus den Fingern sog.
„Waren wir?“ Aomine konnte sich lebhaft vorstellen, wie Momoi gerade große Augen machte.
Ich spiele dir doch gerade in die Karten, Satsuki. Beiß einfach an.
„Ah, ja! Ja, genau!“, stimmte sie ihm plötzlich zu. „Wir … wir wollten in die Stadt gehen, nicht wahr?“
Aomine verdrehte bei dem schlechten Manipulationsversuch ihrerseits die Augen. „Ja. Bin gleich da.“
Angestrengt überlegte der unfreiwillige „Zeitreisende“, während er mit Momoi draußen unterwegs war, was er anders machen sollte. Akashi hatte ihm gesagt, dass er sich nicht sehr kameradschaftlich benommen hatte. Wenn also da der Fehler lag, dann musste er doch nur netter zu Satsuki sein, oder? Aber …. Aomine verzog innerlich das Gesicht. Wie um alles in der Welt sollte er netter sein?
„Daiki, hörst du mir überhaupt zu??“
Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Jemandem nicht zuzuhören fiel vermutlich unter das, was Akashi gesagt hatte.
„Du bist kaum zu überhören“, erwiderte er.
„So?“ Momoi schmollte und stemmte beide Hände in die Hüfte. „Worüber habe ich denn geredet?“
Zugegeben, er hatte ihr gerade nicht zugehört, doch nach den Gesetzen der Zeitschleife hatte er ihr schon einmal zugehört. Hoffentlich war das kein Schuss ins Blaue.
„Riko Aida, ihre Prüfungsvorbereitungen und ihre Unibewerbungen.“
Unverzüglich stellte Momoi sämtliches Schmollen ein und blinzelte ihn baff an. „Du hast mir ja tatsächlich zugehört.“
Schwein gehabt!!
„Was denkst du denn von mir?“, antwortete er gespielt cool.
„Tut mir leid, Daiki, es ist nur … du hast so abwesend gewirkt.“
„… Ich habe dir halt aufmerksam zugehört.“
„Huh?“ Momoi blinzelte von neuem. „O-okay, also, wenn ich gerade deine Aufmerksamkeit habe … es gibt da etwas, über das ich mit dir sprechen wollte.“
Jetzt kommt wieder dieser Mist mit den Zukunftsplänen und dass ich das Basketballspielen aufgeben soll …! Aomine erschrak in Gedanken. Nein, wenn er wieder ausrastete, würde der Tag erneut die gleichen Wendungen nehmen.
Ich muss Satsuki tatsächlich zuhören. Irgendwo muss mir irgendwas an ihrem Gelaber entgangen sein. Irgendwas, was vielleicht wichtig ist.
Er räusperte sich. „In Ordnung, schieß los.“
„Wirklich?“ Er hatte sich kaum ausmalen können, dass Momoi noch verdutzter hätte dreinblicken können, aber sie tat es. „Versprich mir, dass du nicht gleich ausrastest, ja?“
„Was denkst du denn von mir?“, wiederholte er und schämte sich innerlich ein wenig. Seine älteste Freundin hielt ja wirklich schrecklich viel von ihm.
„Na ja, du bist in letzter Zeit eh ziemlich launisch und so leicht reizbar -“
Oha! Das war sonst Tetsus Text gewesen. Machte er schon Fortschritte?
„- und ich will nicht, dass du gleich anfängst rumzuschreien und eine Szene in aller Öffentlichkeit machst.“
…
Aomine schluckte. Sie kannte ihn zu gut.
„Mach ich nicht.“ DARF ich nicht. „Also, raus damit, Satsuki.“
„Okay.“ Sie nahm tief Luft. „Du erinnerst dich, als letztens die Fragebögen zu unseren Zukunftsplänen ausgeteilt wurden? Du hast deinen zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen! Du hättest ihn ausfüllen sollen! Ausfüllen, Daiki! Nicht zusammenknüllen!“
Obwohl er dies schon mehrmals gehört hatte, kam es Aomine so vor, als würde er es zum ersten Mal tatsächlich hören. Jetzt, wo er ihr wahrhaftig zuhörte, klang das, was er für einen Vorwurf gehalten hatte, mit einem Mal ganz anders. Momoi zum ersten Mal in diesem Gespräch aufmerksam musternd, stellte er fest, dass sie ein schrecklich besorgtes Gesicht dabei machte. Was bekümmerte sie so sehr? Moment, wenn er so an die verschiedenen Versionen dieses Tages zurückdachte … Momoi und auch Kuroko hatten immer wieder davon gesprochen, dass sie sich Sorgen machten. Machten sie sich wirklich Sorgen um ihn? Warum?
„Dai?“, vernahm er ihre Stimme plötzlich. „Bitte sag etwas. Und starr mich nicht nur total unheimlich an.“
„Was?“ Aus dem Konzept gebracht, fuhr sich Aomine mit einer Hand durchs Gesicht.
„Ist alles in Ordnung? Du hast schon wieder so geistesabwesend gewirkt.“
Der großgewachsene Schüler betrachtete sie von neuem und bemerkte, wie bedrückt, fast traurig, sie wirkte. „Ja, klar. Mir geht’s gut. Und dir? Ist bei dir alles in Ordnung, Satsuki?“
Mit großen Augen und offenem Mund musterte nun Momoi ihn. „Ich glaube, das ist das erste Mal seit langem, dass du mich das fragst.“
Seine älteste Freundin, huh? Aomine konnte sich in diesem Moment selbst kaum ertragen. War er wirklich so eine Niete als Freund? Hatte er sie in der Tat schon dermaßen lange nicht mehr danach gefragt, wie es ihr ging? Die Antwort darauf erschütterte ihn selbst. Es war sehr gut möglich, dass er sich seit der Grundschule nicht mehr nach ihr erkundigt hatte. Ab der Mittelschule hatte sich seine Welt nur noch um ihn gedreht – ihn, den unbesiegbaren Power Forward, dem keiner das Wasser hatte reichen können. Wenn er so darüber nachdachte, hatte er auch in der Zeitschleife Satsuki fortlaufend wie selbstverständlich behandelt. Natürlich würde sie ihm helfen, natürlich würde sie sich um seine Probleme kümmern.
Warum ging er mit dieser beinah ekelhaften Selbstverständlichkeit davon aus, dass sie für ihn da sein würde? Während er selbst seit der verdammten Grundschule nicht mehr nach ihr gefragt hatte.
„Mir geht es gut.“ Momoi lächelte und konnte doch nicht ihre Bedrückung abschütteln. „Ich mache mir nur Sorgen um dich.“
„Wieso machst du dir Sorgen um mich?“
„Der Winter-Cup ist nicht gut gelaufen und du hast dich verletzt. Und seitdem bist du so … ich weiß auch nicht, Dai, du mauerst total. Du wirkst, als würdest du vor etwas weglaufen. Und du wurdest aggressiv, als es um den Fragebogen ging und als ich dich in der Schule darauf ansprechen wollte. Ich wünschte, du könntest es mir offen sagen, wenn dich etwas beschäftigt.“
Wortlos sah Aomine sie an und wandte dann seinen Blick ab. „Damit du dich dann um meine Probleme kümmern kannst?“
„Versteh mich nicht falsch!“, wehrte Momoi sich. „Ich will mich nirgends einmischen oder aufdrängen, aber …“
„Du machst dir Sorgen um mich.“ Sein Blick landete wieder auf ihr, als sie zaghaft nickte. „Warum, Satsuki? Warum tust du so viel für mich? Wenn ich darüber nachdenke, bin ich echt kein netter Kerl.“
„Sag so etwas nicht, Dai!“, wandte sie fast empört ein. „Du kannst manchmal etwas … schwierig sein, ja, aber dir sollte doch klar sein, weshalb ich mich um dich sorge.“
„Ganz ehrlich? Keinen Schimmer.“
Sie stampfte mit einem Fuß auf. „Weil wir Freunde sind! Du Idiot bist mir wichtig!“
Aomine zuckte vor Schreck zusammen. Nicht wegen Momois Wutanfall, sondern weil ihn erstaunte, was sie gesagt hatte.
„Und willst du deswegen nicht, dass ich weiter Basketball spiele?“ Seine Schlussfolgerung war ihm herausgerutscht, bevor ihm einfiel, dass er das nicht hätte sagen dürfen.
„Häh?“ Momoi blickte dumm aus Wäsche. „Was ist los?? Wer behauptet denn so etwas??“
„Ähm, ich dachte, ich …“ Trottel! Wieso kann ich nicht aufpassen, was ich sage?? „Wäre es dir nicht lieber, dass ich studiere? Das … das habe ich zwischen den Zeilen bei deiner Erzählung über Seirins Trainerin herausgehört.“
„Daiki …“ Momoi starrte ihn entgeistert an. „Seit wann kannst du zwischen den Zeilen lesen?“
„Hey! Ganz blöd bin ich auch nicht!“
Momoi kicherte amüsiert. „Das nicht, aber leider liegst du falsch. Es beleidigt mich ja schon fast, dass du glaubst, ich würde wollen, dass du mit Basketball aufhörst. Als wüsste ich nicht, wie wichtig dir das ist! Deswegen sollst du dich ja um die Aufnahme in eine Uni-Team bemühen. Damit du es in ein Profi-Team schaffst.“
„Und nicht zu vergessen“, Aomine erschrak innerlich, als plötzlich jemand den Arm um ihn legte und dieser jemand sich in die Unterhaltung einmischte. „Nicht zu vergessen, dass Aomine dort auch ein bisschen Disziplin lernen könnte“, fuhr Imayoshi fort. „Und wenn er sonst noch etwas lernt, schadet das auch nicht.“ Er hob seine andere Hand zur Begrüßung. „Du hast mit dem ernsten Gespräch ja schon angefangen“, sagte er gut gelaunt in Momois Richtung.
Ihn hatte er fast vergessen.
„Was macht er hier?“, brummelte Aomine und befreite sich von dem Arm auf seiner Schulter.
„Ich habe ihn gebeten, dir das Studium an einer Universität schmackhaft zu machen“, gab Momoi vorsichtig zu. „Weißt du, es hat viele Vorteile, wenn du neben dem Basketball studierst.“
„Geregelter Tagesablauf, huh?“, erwiderte Aomine und noch während er dies sagte, dämmerte ihm schlagartig etwas. Momoi kümmerte sich seit der Mittelschule um ihn. Sie sorgte dafür, dass er überall dort war, wo er sein sollte. Sie hatte stets ein Auge auf ihn – und sie wollte dafür sorgen, dass er auch in Zukunft nicht vom rechten Weg abkam.
Konnte er überhaupt irgendetwas alleine? Außer Basketballspielen natürlich.
„Ich habe von deiner Verletzung gehört“, sagte Imayoshi und deutete auf den rechten Arm des Anderen. „Satsuki macht sich Sorgen, dass du keinen Plan B hast und irgendwann vor dem Nichts stehst. Deswegen will sie das Unmögliche schaffen und dich zum Lernen bringen.“
Aomine schloss kurz die Augen und schaute Momoi direkt an, als er sie wieder öffnete. „Du willst, dass ich spiele?“
„Natürlich!“, entgegnete sie eifrig.
„Du hältst mich nicht für schlechter als Kagami?“
„Was hat der mit irgendwas zu tun?“
„Egal.“ Aomine winkte ab und schämte sich noch heftiger als zuvor. Hätte er ihr doch nur von Anfang an vernünftig zugehört statt wütend zu werden und zu falschen Schlüssen zu springen!
„Satsuki, du bist nicht für mich verantwortlich. Hör bitte auf, dir Sorgen zu machen. Und sag Tetsu, er kann nach Hause gehen.“
Sie stutzte abermals. „Woher weißt du, dass ich Tetsuya eine Straße weiter platziert habe, für den Fall, dass du davonstürmst?“
„Ah …“ ARGH, SCHON WIEDER! „Ich gehe davon aus, dass du so etwas tun würdest.“
„Ich sage ihm Bescheid.“ Momoi nahm ihr Handy heraus und hielt inne. „Aber Daiki, wir sind noch nicht fertig mit dem Thema. Es geht nicht darum, dass sich jemand verantwortlich fühlt, sondern, was genau mit dir los ist, was dich bedrückt.“
„Das … können wir später noch bereden.“ Aomines Miene verzog sich erneut, als Imayoshi ihm auf die Schulter klopfte.
„Ich bin wirklich baff. Du sagst ‚bitte‘ und bleibst so ruhig. Du hast dich echt weiterentwickelt, Aomine.“
Ich darf ihn nicht schubsen. Ich darf ihn nicht schubsen. Ich darf ihn nicht …
Er stockte, als Momoi Kuroko anrief, um ihm Bescheid zu geben, dass er nicht mehr an der Ecke warten musste.
Über seine Erkenntnis, was Momoi betraf, hatte er beinahe vergessen, was noch passieren würde.
„Nummer Zwei“, hauchte Aomine entgeistert, ehe er plötzlich wie von Sinnen losrannte.
„Was ist jetzt?“ Imayoshi sah ihm irritiert hinterher.
„Ich weiß nicht … Tetsu? Daiki ist auf einmal wie von der Tarantel gestochen losgezischt.“
Momoi, Imayoshi und Kuroko hafteten Aomine an den Fersen. Auf dem Weg hatte Kuroko den Anruf erhalten, dass Nummer Zwei angegriffen worden war. Da er jedoch bemerkte, dass Aomine schnurstracks in Richtung der Seirin-Oberschule lief, nahm er weiter an der Verfolgung teil. Kaum war das Schulgelände in Sicht, sprang Nummer Zwei durch eine der schmalen Lücken im Zaun und war drauf und dran, auf die Straße zu laufen. Aomine sprintete zu dem kleinen Hund hin und stoppte derart abrupt vor ihm, dass er beinahe ins Stolpern geriet. Dennoch schaffte er es, den verstörten Vierbeiner vom Boden aufzulesen. Nummer Zwei wimmerte zwar nach wie vor, beruhigte sich in seinen Armen jedoch zügig.
„Woher wusstest du, dass Nummer Zwei Hilfe braucht?“ Kuroko blickte ihn wie die beiden anderen perplex an.
Das ließ sich nicht rational erklären.
„Wir verstehen uns eben.“ Aomine zuckte mit den Schultern.
„Du hast eine telepathische Verbindung zu Seirins Hund?“ Imayoshi hob kritisch eine Augenbraue. „Das ist mir neu.“
„Mir auch.“ Momoi blinzelte ihn überfragt an.
Aomine hingegen besah sich das Fellknäuel in seinen Armen. Ein paar Kratzer hatte der in seinen Augen beste Mann Seirins wohl davongetragen, aber es waren keine dramatischen Verletzungen zu erkennen. Vermutlich stand der Kleine durch den Angriff des größeren Hundes derart unter Schock, dass er deswegen kopflos davongelaufen war.
Moment.
Aomine betrachtete den Zaun, durch den sich Nummer Zwei gequetscht hatte. Auf der anderen Seite des Zauns erblickte er die zwei anderen Seirin-Spieler herbeieilen.
„Hey! Wenn ihr es schon nicht schafft, auf euer Maskottchen aufzupassen, dann macht euch mal nützlich und sucht das Gelände ab. Irgendwo muss ein Loch im Zaun sein, durch das der riesige Köter reingekommen ist.“
Shinji und Rinnosuke sahen nach dieser Ansage des Blauhaarigen fragend zu Kuroko, dessen Verwirrung dezent durchschien.
„Ja, das sollten wir tun“, sagte Kuroko zu ihnen, bevor er sich seinem früheren Teamkameraden zuwandte. „Woher weißt du von dem anderen Hund?“
Aomine schreckte ertappt zusammen. „Ist doch egal! Repariert den Zaun, sonst muss ich den Kleine- ich meine, euren Hund andauernd retten.“ Sichtlich verlegen schob er Nummer Zwei in Tetsuyas Arme.
„Aomine sagt ‚bitte‘ und rennt durch die halbe Stadt, um Seirins Hündchen zu retten?“ Imayoshis kratzte sich am Hinterkopf. „Ich weiß nicht, Satsuki, vielleicht machst du dir zu viele Sorgen. Unser Problemkind scheint auf dem richtigen Weg zu sein.“
Die Angesprochene lächelte beseelt. „Ich bin auch ganz sprachlos.“
„Oh, Mist.“ Imayoshi warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muss heute noch eine Arbeit fertig machen und jetzt ist es schon so spät. Ich muss los. Sollte er wieder vom Pfad der Tugend abkommen, gib mir Bescheid.“
Momoi nickte, worauf Aomine innerlich grummelte.
Habt bloß nicht zu viel Vertrauen in mich! Und was heißt hier „unser Problemkind?!“
Obwohl er innerlich brummelte, war Aomine mehr als zufrieden. Das Gespräch mit Satsuki war gut gelaufen, er hatte Imayoshi nicht umgeworfen und er hatte sowohl Nummer Zwei als auch Tetsuya in Sicherheit gebracht. Er hatte, wie Akashi ihm geraten hatte, sich genau gegenteilig verhalten. Das sollte nun endlich sein Problem -
Aomine traute seinen Augen nicht, als erneut schwarze Wolken am Himmel aufzogen.
„Nein! Nein! NEIN!“, brüllte er lauthals gen Himmel und ließ die anderen damit stutzen. Sie schienen die schwarzen Wolken nicht einmal zu bemerken. „ES REICHT!! ICH HABE ALLES ANDERS GEMACHT!! WAS SOLL ICH DENN NOCH TUN??!!“ Bevor er seine Tirade fortsetzen konnte, verlor er das Bewusstsein.
Tag 10
Immer noch stinksauer pfefferte Aomine den dudelnden Radiowecker von seinem Nachttisch, griff nach seinem Handy, das das Datum anzeigte, das er nicht mehr sehen konnte und wählte unverzüglich eine Nummer.
„Ich habe alles so gemacht, wie du gesagt hast!“, schnauzte er in den Hörer, direkt nachdem abgenommen worden war. „Und trotzdem ist immer noch der gleiche verdammte Sonntag!!“
„Ich wünsche dir auch einen guten Tag, Aomine“, entgegnete Akashi seelenruhig. „Du scheinst dich verwählt zu haben.“
„HABE ICH NICHT! Du hast mir gesagt, ich könnte die Zeitschleife beenden, wenn ich das Gegenteil von dem tue, was ich ursprünglich getan habe, aber dein Plan funktioniert nicht! Ich habe mich gegenüber Tetsu, Satsuki und sogar gegenüber Imayoshi scheiße freundlich verhalten, Seirins Hund gerettet und verhindert, dass Tetsu von einem Spinner umgebracht wird und trotzdem stecke ich immer noch in der verdammten Zeitschleife fest! Woran du dich erinnern könntest, wenn dein Plan aufgegangen wäre!“
Eine lange, unangenehme Pause entstand nach Aomines Wutausbruch.
„Du steckst in einer Zeitschleife fest?“, fragte Akashi schließlich nach einer Weile.
Aomine atmete durch. „Ja.“
„Und ich habe dir geraten, du sollst von allem das Gegenteil tun?“
„Ja“, wiederholte der Blauhaarige mit wachsender Ungeduld.
„Das klingt in der Tat nach etwas, was ich vorschlagen würde.“ Akashi machte eine erneute Pause. „Hmm“, fuhr er nachdenklich fort, „eventuell haben wir etwas übersehen. Ich kenne die Details nun nicht, aber vielleicht steckt der Teufel genau dort.“
„Ich habe echt keine Zeit fürs Rätselraten.“
„Du solltest alle Ereignisse des besagten Tages sorgfältig durchgehen. Möglicherweise hast du etwas übersehen. Hattest du außer zu den bereits Erwähnten noch zu anderen Kontakt?“
Aomine überlegte kurz. „Na ja, schon, irgendwie.“
„Dann muss der Schlüssel in diesen Begegnungen liegen. Irgendetwas, was sie sagen oder tun und wie du darauf reagierst, könnte die Lösung sein.“
„Ich wüsste nicht was.“
„Oh, Aomine, nimm mir dies bitte nicht übel, aber …-“
„Ich schlafe mit offenen Augen?“
Akashi stutzte hörbar. „Wir hatten diese Unterhaltung also wirklich bereits einmal?“
„Oh ja.“
„Dann solltest du dir erst recht zu Herzen nehmen, was ich gesagt habe. Geh alles aufmerksam durch. Jedes noch so kleinste Detail könnte entscheidend sein.“
Aomine stöhnte. „Na toll.“
„Mir scheint, du wirst über deinen Schatten springen müssen.“ Jetzt konnte er Akashi genüsslich lächeln hören.
„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
„Nochmals danke, Akashi.“
„Oh? Nun, gern geschehen.“
Sie legten auf und Aomine zog sich schnell an und hastete zur Tür hinaus, bevor sein Handy erneut klingeln konnte. Er erblickte Momoi, als sie gerade seine Nummer hatte wählen wollen.
„Daiki, ich wollte dich gerade-“
„Ich weiß“, unterbrach er sie so wenig schroff wie möglich. Wenn er heute noch mehrere Stationen hatte, dann durfte ihm die Zeit nicht wieder so davonlaufen. „Hör zu, Satsuki, ich …“ Ich muss das schnell abkürzen. „Ich wollte sowieso mit dir reden.“
„Huh?“ Momoi starrte ihn abermals ungläubig an und trottete ihm überrumpelt hinterher, als er sich in Bewegung setzte. „Du willst mit mir reden?“
„Mir ist aufgefallen, dass du dir Sorgen um mich zu machen scheinst und ich möchte, dass du damit aufhörst, weil es keinen Grund dazu gibt, okay?“
„Warte mal, Daiki, warte.“ Sie blieb völlig irritiert stehen. „Das … das ist dir aufgefallen??“
„Du hältst mich für einen unsensiblen Klotz, oder?“
„Ah … … n-nein! Natürlich nicht!“
„Satsuki, ich BIN ein unsensibler Klotz. Ich hab dich seit der Grundschule nicht mehr gefragt, wie es dir geht. Weil ich ständig nur mit mir selbst beschäftigt bin. Und wenn ich es so ausspreche, wundert es mich nicht mehr, dass du denkst, ich bräuchte einen geregelten Tagesablauf, um nicht ohne dich vom rechten Weg abzukommen.“
Momois Kiefer klappte nach unten. „Dai, ich hatte keine Ahnung, dass du dir über das alles Gedanken machst.“
Er schüttelte den Kopf. „Es ist eher erschreckend, dass ich mir all die Jahre über nichts davon Gedanken gemacht habe. Du denkst, du seist für mich verantwortlich, das ist schlimm genug. Du hast die ganze Zeit für mich die Verantwortung übernommen und das ist doch erbärmlich. Also, für mich, nicht für dich“, fügte er eilig hinzu, bevor sie ihn missverstehen konnte.
„Aber Daiki, das ist nicht schlimm.“ Momoi deutete ein Kopfschütteln an. „Wir sind doch Freunde und ich will dir doch dabei helfen, deinen Traum zu verwirklichen. Und wenn es … na ja, Dinge gibt, die dir schwer fallen, dann ist es doch nur natürlich, dass ich dir helfe.“ Sie stockte, als seine Miene sich plötzlich klärte. Als wäre ihm eine Erkenntnis gekommen.
„Satsuki, angenommen, Tetsu bleibt nach dem Schulabschluss hier und mich verschlägt es an einen weit entfernten Ort … wohin gehst du?“
„Huh? I-ich … ich verstehe nicht, Daiki, was soll diese Frage?“
„Antworte einfach“, forderte er ein wenig harscher als zuvor.
„Ähm, ah, das kann ich doch so nicht beantworten …“
„Doch, kannst du! Bleibst du bei dem Kerl, in den du verschossen bist oder bei dem Idioten, der bis eben deine Freundschaft nicht zu schätzen wusste?“
„Äh, uhm, i-ich … uhm …“ Sie schüttelte erneut den Kopf und wedelte, verlegen lächelnd, mit den Händen. „Sei nicht so streng zu dir selbst. Ich werde mir darüber Gedanken machen, wenn es so weit ist.“
„Oh Gott, Satsuki“, entfuhr es ihm empört, was sie leicht verschreckte, „die Entscheidung ist nicht schwer! Du sollst dich um dich selbst kümmern! Du sollst das tun, was du willst und dich nicht für mich aufreiben!“ Ihre erschrockene Miene verriet ihm, dass er schon wieder Gefahr lief, falsch verstanden zu werden. „Ich sage dir nicht, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben will. Das Gegenteil ist der Fall. Ich brauche dich, Satsuki. Offensichtlich brauche ich dich. Aber ich kann meinen Traum nicht verwirklichen, wenn ich dich dabei unglücklich mache. Verstehst du das?“
Momois Hände fingen an zu zittern, als ihr mit einem Mal die Tränen in die Augen traten. „Dai, das … das war das Netteste und Liebevollste, was du je in deinem Leben gesagt hast.“
Peinlich berührt wandte er sich leicht ab. „Mach da keine große Sache draus. Das war jetzt genug Gefühlsduselei für die nächsten zehn Jahre.“
„Ich-ich wollte eigentlich mit dir über etwas anderes reden.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Ich weiß. Der Fragebogen. Wie ich schon sagte: Mach dir keine Sorgen. Ich muss endlich damit anfangen, selbst für mich verantwortlich zu sein.“
„Daiki, du bist so anders heute. Was ist über Nacht passiert?“
„Das … erzähl ich dir ein anderes Mal.“ Nervös blickte er auf seine Armbanduhr. „Kannst du Tetsuya anrufen und ihm sagen, dass heute ein großer Hund durch ein Loch im Zaun an die Seirin kommen wird und Nummer Zwei angreifen wird? Sie müssen das Loch früh genug finden.“
Momois Kiefer trat von neuem den Weg nach unten an. „Was?“
„Mach bitte schnell, sonst läuft Nummer Zwei weg.“
„O-okay?“ Sie wählte Kurokos Nummer.
„Ich bring Imayoshi schnell zur Uni. Wenn der Idiot seine Ersatzbrille verliert, darf ich es ausbaden.“
„Ah … huh? Sag mal, hattest du letzte Nacht Besuch von drei Geistern?“
„So ähnlich.“
Vollkommen verdattert blickte Momoi dem davoneilenden Freund hinterher.
Imayoshi staunte ebenso nicht schlecht, als Aomine ihn abfing und darauf bestand, ihn zu seiner Uni zu geleiten. Der einstige Captain der To-oh nutzte die Gelegenheit, um ihm von der Universität zu erzählen – und er staunte noch mehr, als Aomine ihm ohne (sonderlich viel) zu meckern zuhörte.
„Man könnte glatt meinen, dir wären letzte Nacht drei Geister erschienen“, äußerte Imayoshi amüsiert, nur um gleich darauf ein wenig verwundert zu sein, als Aomine grummelnd antwortete:
„So ähnlich.“
Nachdem er Imayoshi abgeliefert hatte, eilte Aomine weiter. Er hatte beim vorigen Tag möglicherweise einen Denkfehler gehabt. Denn dieser Tag in all seinen Variationen war immer noch ein und derselbe Tag für alle. Als Akashi ihn danach gefragt hatte, ob er noch weiteren Personen begegnet wäre, war ihm dies aufgefallen. Sie alle waren an diesem Tag unterwegs und ihm an irgendeinem Punkt über den Weg gelaufen, also hieß das wohl, er musste sie alle aufsuchen.
Aomine ächzte. War das überhaupt zu schaffen?
Er hastete durch die Seitengassen, ohne sich genau daran erinnern zu können, wo er damals abgebogen war. Ein paar Mal landete er in einer Sackgasse, drehte um und suchte von neuem nach den zwei Spezialisten.
Jetzt suchte er schon nach ihnen. Etwas Verrückteres hatte er mit Sicherheit noch nie getan.
„Ich sagte dir doch, Takao, es ist der falsche Glücksgegenstand.“
Bingo!
Aomine lief der nörgelnden Stimme hinterher und fand Midorima und seinen Lakaien an ihrem kaputten Karren stehen. Takao wies seinen Kameraden gerade belustigt daraufhin, dass womöglich sein Gewicht am Schaden schuld wäre, als der Shooting Guard seinen einstigen Teamkameraden erblickte – der gezielt auf sie zukam.
„Aomine, was verschlägt dich hierher?“ Midorima sah mit strengem Blick direkt zu ihm.
„Lass mich mal sehen.“ Aomine scheuchte den verdutzten Takao vom Karren weg und betrachtete prüfend das Gefährt. „Ich bin kein Experte, aber hier ist etwas an der Verbindung zum Rad durchgerostet. Wir müssen die Schrauben rausdrehen und ersetzen. Habt ihr Werkzeug und so einen Krempel dabei?“
Während es Midorima sichtlich die Sprache verschlug, unterdrückte Takao unüberhörbar ein Prusten.
„Wir?“, gluckste der Schwarzhaarige. „Arbeitest du nebenbei für die Pannenhilfe, oder was?“
„Wollt ihr weiterfahren oder nicht?“, maulte Aomine.
„Ja, schon, aber …“ Takao schüttelte belustigt den Kopf. „Wieso willst ausgerechnet du uns helfen?“
„Woher weißt du überhaupt, dass wir hier gestrandet sind?“, merkte Midorima skeptisch an.
„…“ Aomine und er sahen sich einen Moment lang schweigend an. „Hab dein Gejammer gehört und finde es unerträglich. Also, Werkzeug?“
„Hier, hier!“ Takao nahm eine kleine Werkzeugtasche, die hinten am Fahrradsattel hing, ab und hielt sie dem unverhofften Helfer hin. „Ein paar Ersatzschrauben sind auch drin. Um das Rad wieder zu montieren, brauche ich Hilfe und Shin-chan …“ Takao bedachte den Freund mit einem gespielt tadelnden Seitenblick, „Shin-chan hat Angst sich dabei die Finger seiner Wunderhände einzuklemmen.“
Aomine warf dem Grünhaarigen den gleichen Blick zu – nur mit ernstgemeinter Missbilligung, worauf Midorima das struppige Plüschtier enger an sich drückte und beleidigt in die andere Richtung blickte.
„Warte, ich dreh die Schrauben raus“, bot Takao an. „Hab gehört, du wärst verletzt.“
Aomine wollte ihn daraufhin eigentlich anbellen, dass ihn das nichts anging, ließ ihn stattdessen aber einfach die Arbeit übernehmen. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf – oder vielmehr Akashis Stimme:
„Geh alles aufmerksam durch. Jedes noch so kleinste Detail könnte entscheidend sein.“
„Sag mal, Midorima, was ist das für ein Plüschvieh, an das du dich da klammerst?“
Dezent gekränkt entgegnete dieser wie aus der Pistole geschossen: „Erstens ist es lächerlich zu behaupten, ich würde mich daran klammern, wenn ich es lediglich festhalte und zweitens ist diese Plüschpuppe eines beliebigen Murmeltiers ein billiger, unbrauchbarer Ersatz für meinen heutigen Glücksgegenstand.“
„Und du hättest eigentlich was gebraucht?“
„Eine Plüschpuppe von einem bestimmten Murmeltier.“
„Ein bestimmtes Murmeltier?!“ Aomine, der inzwischen das Rad festhielt, während Takao es festschraubte, unterdrückte das Bedürfnis, das Rad nach dem Brillenträger zu werfen.
„Mich wundert es nicht, dass du es nicht kennst. Es handelt sich dabei um die in Amerika sehr beliebte Figur von ‚Bill dem Murmeltier.‘“
„Japp“, bestätigte Takao ihm ironisch. „In Amerika. Und Shin-chan vergisst, wo wir sind.“
„Du brauchst also dieses bestimmte Murmeltier.“ Aomine konnte selbst nicht fassen, dass er diesen Satz gerade gesagt hatte.
„So ist es.“
„Oh Mann.“ Aomine atmete laut aus.
„Hilfst du uns jetzt noch, Bill zu finden?“ Takao, der die letzte Schraube festzog, hatte die Frage gar nicht ernstgemeint. Daher fiel ihm fast der Schraubendreher aus der Hand, als Aomine ein Nicken andeutete.
„Ich muss darüber nachdenken, wo ich das Vieh herbekomme.“
„W-warum willst du mir auch damit helfen?“ Midorima guckte richtig blöd aus der Wäsche. „Seit wann bist du unter die Samariter gegangen??“
„Hast du letzte Nacht Besuch von drei Geistern gekriegt?“, warf Takao spaßeshalber ein und sein Grinsen gefror auf der Stelle, als Aomine antwortete:
„So ähnlich.“
Die schwarzen Wolken zogen auf und Aomine geriet zum ersten Mal nicht in Panik oder Rage. „Okay, nächste Runde. Dieses Mal schaffe ich es.“
Tag 11
Kaum hatte Aomine den Radiowecker abgestellt und sich seine Klamotten übergeworfen, rannte er Momoi entgegen und hatte mit dem gänzlich überrumpelten Mädchen das gleiche Gespräch wie am Vortag. Er stellte sicher, dass sie Kuroko alles ausrichtete und hetzte weiter zu Imayoshi und schließlich zu Midorima und Takao. Er schnappte sich selbst das Werkzeugtäschchen vom Sattel und ignorierte die verwunderte Frage Takaos, woher er wusste, dass dort alles Nötige drin war.
„Ich muss euch um einen Gefallen bitten“, sagte er stattdessen, als sie sich an die Reparatur machten. „Midorima, kannst du heute Nachmittag einmal zu Fuß gehen, wenn ich dir dafür deinen Glücksgegenstand besorge?“
Midorima stutzte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du diese spezielle Plüschpuppe-“
„Ja ja, Bill das Murmeltier“, unterbrach Aomine ihn.
„Woher kennst du Bill das Murmeltier?“ Der Grünhaarige war deutlich schockiert.
„Sag nicht, das Viech ist tatsächlich bekannt?“, fragte Takao sichtlich überrascht.
„Also, was ist? Ich brauche deinen Lakaien und den Karren für eine Kurierfahrt.“
„Hey, ich bin kein-“
„Du kannst mir wirklich einen Bill besorgen?“, sprach Midorima über Takaos empörten Einwurf hinweg.
„Hey, fragt mich auch mal jemand?!“ Takao sprach lauter, um die Aufmerksamkeit der beiden Wunderkinder zu bekommen. „ICH soll irgendwas ausliefern, ja? Dann fragt gefälligst mich!“
Midorima schob mit einer Hand seelenruhig seine Brille nach oben. „Du hast das mit Bill vermasselt.“
„Okay, ich liefere aus, was auch immer Aomine verlangt! Hauptsache, ich muss mir das Gemecker über diesen schlafenden Nager nicht mehr anhören!“
„Du musst Kise abholen und ihn ans andere Ende der Stadt fahren“, eröffnete Aomine ihm und zu diesem Zeitpunkt störte es ihn überhaupt nicht mehr, mit großen Augen angestarrt zu werden.
„Ryota Kise?“, hakte Takao nach und sah verdattert zu seinem Kameraden, der nicht minder perplex dreinblickte. „Klar, kann ich machen, aber … wieso?“
„Wenn du es machst, hast du was gut bei mir“, erwiderte Aomine, selbst davon überrascht, so etwas gesagt zu haben.
„Krass!“ Der Schwarzhaarige lachte laut auf. „Ich hab was bei Daiki Aomine gut! Hast du das gehört, Shin-chan??“
Midorima wirkte eindeutig so, als würde er seinen Ohren nicht trauen. „Seit wann bist du unter die Samariter gegangen?“
Da das Rad wieder fest war, winkte Aomine ab und holte sein Handy hervor.
„Kise? … Hör sofort auf, so ekstatisch zu schreien, nur weil ich dich anrufe. Bist du bei diesem Fotostudio? … Hör auf zu schreien! Nebenan ist so ein amerikanischer Laden, du musst mir daraus ein Vieh namens Bill das Murmeltier besorgen und es Midorimas Lakaien mitgeben.“ (Ein empörtes „Hey!“ war abermals zu hören). „Er macht sich sofort auf den Weg, um dich abzuholen und dich zu seinem nächsten Termin zu fahren. … Ich weiß es eben! Freu dich einfach! … Nein, freu dich leiser, du Spinner!“ Aomine legte auf und atmete durch.
„Du bist zweifellos Daiki Aomine.“ Midorima musterte ihn kritisch. „Aber du benimmst dich sehr, sehr … untypisch. Man könnte dich beinahe als … ‚umgänglich‘, wenn nicht sogar als so etwas Ähnliches wie ‚nett‘ bezeichnen. Leistest du Abbitte? Ich habe gehört, in eurem Team hätte es ordentlich gekracht, weil du euren Top-Shooting Guard niedergemacht hättest.“ Er stutzte, als Aomine plötzlich die Augen aufriss.
„Scheiße!“
Mit diesen Worten rannte der Blauhaarige davon.
„Aomine?!“
Wakamatsu und Ryo unterbrachen ihr Spiel, als ihr Teamkamerad auf dem Streetballplatz auftauchte und völlig außer Puste vor ihnen stehenblieb.
„Entschuldigung!“, entfuhr es Ryo bei diesem Anblick, was seinen Captain alles andere als freute.
„Wofür entschuldigst du dich, Ryo??!!“
„Ich weiß nicht, tut mir leid, Captain! Ich dachte, Daiki wäre vielleicht so außer Atem, weil er uns gesucht hat.“
Von dieser These weniger als gar nicht überzeugt, zog Wakamatsu eine Augenbraue hoch. „Du musst damit aufhören, irgendwas Gutes in ihm sehen zu woll-“
„Ich habe … euch gesucht“, keuchte Aomine und kam langsam wieder auf die Beine. Die ganze Rennerei in der kalten Winterluft schlauchte selbst ihn.
„HÄH?! WAS?!“ Wakamatsu ließ beinahe den Ball fallen, den er hielt. „Du hast was??“
„Ich habe euch Vollpfosten gesucht“, wiederholte Aomine angefressen.
„Du bist doch nicht hergekommen, um zu spielen?“, fragte Ryo bang nach. „Du weißt, dass der Arzt gesagt hat, dass du noch nicht spielen sollst.“
„Wenn du den Ball auch nur berührst, setzt es was“, drohte Wakamatsu umgehend und wechselte genauso schnell von der Drohgebärde zu einem baffen Gesichtsausdruck, als sein problematischster Spieler abwinkte.
„Die Sache ist die“, begann Aomine, unsicher, wie er dies angehen sollte, „ich weiß, dass ich irgendetwas zu Ryo gesagt habe, aber ich kann mich nicht erinnern, was das war.“
„Willst du uns verar-“
„Nein“, fiel Aomine dem aufgebrachten Teamführer eilig ins Wort. „Das ist mein Ernst. Ich kann mich erinnern, dass ich sauer war und dass ich geschrien habe. Das Problem ist nur, ich weiß nicht mehr, was das war. Wenn ich wütend bin, bin ich nicht unbedingt-“
„Zurechnungsfähig? Die hellste Kerze auf der Torte? Auch nur annähernd ein menschliches Wesen?“ Dieses Mal fiel Wakamatsu ihm ins Wort.
Aomine biss die Zähne zusammen. An jedem anderen Tag würde Wakamatsu solche Kommentare wiederkriegen, aber …. Er schluckte seinen Ärger hinunter. „Na schön, das habe ich vielleicht verdient. Was habe ich gesagt?“ Er schaute zu Ryo, der ernst seinen Blick erwiderte und dabei die Lippen zusammenpresste.
„Du hast …“, sagte Ryo hadernd, ehe er sich auf die Unterlippe biss. „War nicht so wichtig, vergiss es einfach.“
„Kommt nicht in Frage!“, entrüstete Wakamatsu sich. „Ich weiß, du willst weiteren Ärger mit Aomine vermeiden, aber du musst auch mal für dich einstehen, Ryo!“
„Warte“, wandte Aomine ein, die Augen nicht von dem Shooting Guard nehmend. Seine neugewonnene Auffassungsgabe meldete sich wie schon im Gespräch mit Momoi. „Es geht nicht darum, dass er Ärger vermeiden will. Er will nicht wiederholen, was ich gesagt habe. Richtig?“
Der fassungslose Ausdruck auf seinem Gesicht war Aomine Antwort genug.
„Äh~, hat er Recht, Ryo?“, hakte der Captain irritiert nach und machte noch größere Augen, als dieser nickte.
„Verdammt“, platzte es ein weiteres Mal aus Aomine heraus, „was zur Hölle habe ich gesagt, was so schlimm war?“
„Tut mir leid, aber ich muss das jetzt klären“, übernahm Wakamatsu ohne das Einverständnis des Anderen einzuholen. „Du hast ihn eine kleine, miese Petze genannt. Und ihn vor versammelter Mannschaft angeschrien, er sei selbst dermaßen unwichtig, dass er sich an wichtigere Menschen dranhänge, um sich in ihre Probleme einzumischen. Dann hast du mehrmals wiederholt, wie unwichtig er sei und dass es keinen interessieren würde, wenn er sich in Luft auflöse würde und dass er dies deiner Meinung nach tun sollte. Erinnerst du dich wenigstens, warum du diese furchtbaren Sachen von dir gegeben hast?“
Von seiner eigenen Grausamkeit erschüttert, schluckte Aomine. Er konnte sich erinnern – und das ließ ihn sich noch tausendmal schändlicher fühlen. „Weil Ryo als Einziger von den Schmerzen in meinem Arm wusste. Und er es dir und Satsuki erzählt hat.“
„Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht!“, verteidigte Ryo seine damalige Entscheidung. „Ich wollte dich bestimmt nicht bloßstellen oder dich grundlos vom Spielen abhalten! Ich hatte nur wirklich, wirklich Angst, du könntest dich schlimm verletzen und nie wieder spielen!“ Nachdem er dies in ungewohnt hoher Lautstärke losgeworden war, atmete Ryo durch. „Entschuldigung, ich wollte nicht schreien.“
„Hast du gerade geschrien?“ Wakamatsu, weitaus Lauteres gewohnt, blinzelte ihn fragend an.
„Nein, weißt du was?“ Aomine machte eine bitterernste Miene, sodass es einem fast Angst und Bange werden konnte. „Schrei mich weiter an. Schrei mich richtig an. Schrei mir ins Gesicht, was du von mir hältst.“
Der Aufgeforderte schaute ihn zögerlich an. „W-was ich von dir halte?“
„Ins Gesicht. Mach schon.“
„Soll ich wirklich …?“
„Jetzt mach, ich hab’s verdient.“
„Ah, ich weiß nicht …“
„Mach!“
„Okay!“ Ryo stellte sich aufrecht hin, ballte seine Hände zu Fäusten und holte tief Luft. „ICH BEWUNDERE DICH SEHR UND HOFFE, WIR KÖNNEN NOCH LANGE ZUSAMMEN SPIELEN!!“
…
Eine merkwürdige Stille trat zwischen die drei.
„HÄH?!“ Aomine entglitten sämtliche Gesichtszüge. „Was war denn das?? Du solltest mich fertigmachen! Mich beleidigen! Mich beschimpfen! Irgendwas in der Richtung!“
„A-aber warum sollte ich das tun?“ Ryo sah hilfesuchend zu Wakamatsu, der mit den Augen rollte und stöhnte.
„Aomine, du schnallst es echt nicht, was? Ryo mag dich – aus unerfindlichen Gründen – und er macht sich – aus unerfindlichen Gründen – Sorgen um dich. Selbst wenn du dich wie der letzte Arsch aufführst.“
Die beiden trauten ihren Augen kaum, als ihr schwieriger Kamerad den Kopf abwandte, als wäre er verlegen.
„Das habe ich nicht verdient“, sagte Aomine nach einer kurzen Pause und ohne die zwei anzusehen. „Wakamatsu hat Recht. Ich bin ein Arsch. Ich war total eklig zu dir, Ryo und … das tut mir leid. Wenn ich mir noch einmal so etwas leisten sollte, dann … dann hau mir eine rein.“
Ryo tauschte überrumpelte Blicke mit seinem Captain aus. Hatte Daiki Aomine sich gerade bei jemandem entschuldigt? Würde gleich die Hölle gefrieren?
„Ich weiß nicht, ob ich das könnte“, antwortete Ryo schließlich.
„Kein Problem“, warf Wakamatsu ein. „Wenn du es nicht kannst, übernehm ich das für dich.“
„Das klingt fair“, bestätigte Ryo ihm und obwohl Aomine sich fragte: „Tut es das??“ nickte er achselzuckend und schaute wieder zu seinen Mitspielern.
„Meinetwegen.“
„Es scheinen doch noch Zeichen und Wunder zu geschehen.“ Wakamatsu schüttelte ungläubig den Kopf. „Wenn du jetzt noch morgen zum Training erscheinst-“
„Ich werde kommen.“
„Unterbrich mich nicht einfa- … was? Was hast du gerade gesagt??“
„Ich komme zum Training. Ist doch nicht so schwer zu verstehen.“
Anstatt darauf zu reagieren, blickte Wakamatsu suchend gen Himmel.
Aomine folgte seinem Blick, fand dort aber nichts Auffälliges.
„Suchst du da oben nach etwas?“
„Ja, nach den fliegenden Schweinen.“ Wakamatsu lachte. „Bist du wirklich unser Aomine?“
„Willst du, dass ich zum Training komme oder nicht?!“ Musste der Blödmann seine Geduld dermaßen überstrapazieren?
„Und wie ich das will!“
„Dann sehen wir uns beim Training … Captain.“ Wakamatsu konnte kaum glauben, was er gehört hatte. Aomine hatte ihn ohne ätzenden Zynismus „Captain“ genannt? Hier passierten anscheinend ein paar unerklärliche Phänomene. Er zuckte zusammen, als es noch gespenstiger wurde: Zögernd und nicht gerade herzlich klopfte Aomine ihm auf die Schulter, ehe er wortlos einen Abgang machte. Sollte das etwa ein … Zeichen der Anerkennung gewesen sein? Mit offenen Mündern starrten Ryo und Wakamatsu ihm hinterher, als er um die nächste Ecke bog.
Aomine ging in seinem Kopf alles noch einmal durch. Er hatte jede Begegnung korrigiert, jeden seiner Fehler und Unfreundlichkeiten ausgebügelt. Er hatte Dinge über sich erfahren, die er lieber nicht gewusst hätte und er hatte die Gewissheit, dass er ständig anderen wehtat und diese ihm dennoch nicht die Freundschaft kündigten. Er war eine Katastrophe, die nichts anderes konnte als Basketball zu spielen. Das ziemlich gut, wenn nicht sogar am besten von allen, aber trotzdem heiterte dieser Gedanke ihn nicht auf.
Er fühlte sich stattdessen äußerst deprimiert.
Mitten in seinem Hadern bemerkte er zu seinem tiefen Schrecken, wie plötzlich um ihn herum wieder überall Mauern auftauchten, die zudem noch näher kamen und ihn einschlossen.
„Was? Das kann nicht sein! Ich habe doch alles getan!“
Gab es gar keinen Weg aus der Zeitschleife?
Oder hatte er immer noch etwas übersehen?
Tag 12
Aomine ließ den Radiowecker laufen, während er aufsprang, sich blitzschnell fertig machte und erneut Momoi entgegenlief. Je öfter er ihr sagte, dass er ihr kein guter Freund gewesen war, desto mehr nahm er es sich zu Herzen. Wenn er darüber nachdachte, was sie bereits alles für ihn getan hatte … es würde ihn gewiss nicht umbringen, sich in Zukunft mehr um sie zu kümmern. Das war das Mindeste, was sie verdient hatte. Es war unbestreitbar, dass Momoi zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben gehörte – und dieses Mal fügte er diesen Satz seiner Ansprache hinzu, was Momoi noch mehr aus dem Konzept brachte.
Es folgten wie gewohnt Tetsuya und Nummer Zwei, Imayoshi, Midorima und sein Lakai, Kise und schließlich Ryo und Wakamatsu, die Bauklötze staunten, als Aomine sich von sich aus entschuldigte und mit dem Schulterklopfer versprach, wieder zum Training zu erscheinen. Auch der Deal mit den Hieben für eventuelle Beleidigungen wurde geschlossen.
Während er von einem zum anderen hetzte, ging Aomine durch, wen oder was er übersehen hatte. Es musste noch eine Sache geben, die sich bislang seiner Aufmerksamkeit entzogen hatte. Während er Ryo und Wakamatsu verließ, dachte er nach, wie er noch nie zuvor in seinem Leben nachgedacht hatte. Ein Detail, das ihm entgangen war. Etwas, das ihn selbst vielleicht gar nicht direkt betraf und das er deswegen in seiner Selbstsucht ausgeblendet hatte.
Bei den meisten Begegnungen heute war es darum gegangen, dass sie auf Hilfe von ihm angewiesen gewesen waren. Brauchte noch jemand seine Hilfe? Wartete noch jemand darauf, dass er sich einem Problem annahm?
Aomine hatte sich bis vor kurzem definitiv nicht für einen Problemlöser oder für jemandem, der anderen eine helfende Hand reichte, gehalten, aber jetzt stellte er fest, dass er gar nicht so schlecht darin war, anderen zu Hilfe zu kommen. Vielleicht gab es Probleme, für die er zu gebrauchen war. Deren Lösung ihm leicht fielen. So wie an einem Tag Kuroko ihm geraten hatte, daran zu denken, wer ihm helfen könnte und er daraufhin Akashi um Hilfe gebeten hatte. Keinem außer Akashi hätte er sich in dieser Angelegenheit anvertrauen können.
Hah, ob es dann auch jemandem gibt, der nur mit mir über ein Problem reden will? Wohl kaum, wer sollte das schon sei-… … …
…!
Aomine blieb stehen und stutzte heftig.
Das sollte wohl ein schlechter Scherz sein! ER?! Brauchte ER Hilfe?
„Das glaub ich jetzt nicht!“, grummelte Aomine voller Widerwillen in die kalte Winterluft, als er sein Handy herausholte, um Kuroko anzurufen.
„Tetsu? … Ihr habt das Loch geflickt? Gut. … Ist egal, woher ich davon wusste, du musst mir bei einer Sache helfen. Kannst du mir sagen, wie ich Kagami erreichen kann?“
Verständlicherweise war Kuroko mehr als irritiert von dieser Bitte gewesen. Doch Aomine hatte so stark darauf gepocht, dass es wichtig wäre jetzt sofort mit Kagami zu sprechen, dass er der Aufforderung nachgekommen war. Er würde versuchen, Kagami zu erreichen und ihm Aomines Kontaktdaten geben, damit er ihn anrufen könnte. Es war überdeutlich, dass Tetsuya die Sache nicht geheuer war und er daher lieber nicht den in den USA weilenden Freund unvorbereitet auf Aomine treffen lassen wollte. Auf Anraten des hellhaarigen Jungen war Aomine nach Hause geeilt, um die dortige Internetverbindung zu nutzen. Mit fahrigem Blick behielt er die Uhrzeit im Auge. Hoffentlich hatte er Tetsuya deutlich genug gemacht, dass es dringend war und hoffentlich bockte Kagami nun nicht. Aomine schreckte ein wenig zusammen, als sein Klingelton ertönte und das Display einen Videoanruf anzeigte (die dazu benötigte App hatte Momoi vor Urzeiten ohne sein Einverständnis auf seinem Handy installiert. Damals hatte er sie angemault, dass er so etwas jawohl niemals brauchen würde …). Dezent nervös tippte er das grüne Hörersymbol an – und schaute umgehend in die zutiefst irritierte Miene Kagamis.
Schweigend lieferten sie sich ein Anstarrduell.
„Okay, was soll das??“, platzte es schließlich impulsiv aus Taiga heraus. „Tetsuya schrieb mir, DU müsstest mich dringend sprechen. Ich habe ihm gesagt, dass er da bestimmt etwas falsch verstanden haben muss und offensichtlich hatte ich Recht, denn DU sagst ja nichts!“
„Meine Güte, was hast du denn für eine Laune?“, erwiderte Aomine im gleichen patzigen Tonfall wie sein Rivale.
Taiga grummelte. „Du weißt schon, wie spät es hier ist??“
„Nö, keinen Schimmer.“
„MITTERNACHT!!“
„Na und?“, entgegnete Aomine ungerührt. „Du warst offensichtlich noch wach, sonst hättest du Tetsuyas Nachricht nicht gelesen.“
Ertappt zog Kagami eine Schnute. „… Ist doch auch egal. Wolltest du mich jetzt sprechen oder nicht?“
„Wollte ich. Und vielleicht komme ich noch dazu, wenn du mal aufhörst herumzuplärren.“
„Ich plärre überhaupt nicht! … Ich plärre überhaupt nicht.“ Kagami räusperte sich und dabei schlich sich plötzlich ein leicht hämisches Grinsen auf sein Gesicht. „Ah, oder hast du mich einfach so sehr vermisst, dass du mich sehen wolltest?“
„WOVON TRÄUMST DU EIGENTLICH NACHTS?!“
Kagami lachte. „Wer plärrt hier herum?“
Dies ließ Aomine mit den Zähnen knarzen. Er hatte keine Ahnung, wie er das Gespräch in vernünftige Bahnen lenken sollte. „Vernünftig“ und „Kagami“ waren in seiner Welt keine Worte, die man in einem Satz verwenden konnte. Trotzdem musste er sich etwas einfallen lassen, bevor ihm die Zeit davonlief.
„Also …“, sagte er aus dem Blauen heraus mit dem ruhigsten Tonfall, den er aufbringen konnte, „wie läuft es denn so in Amerika?“
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er ausmachen können, wie Kagami zusammengezuckt war. „Großartig“, antwortete dieser jedoch. „Könnte nicht besser laufen.“
„Ja, klar, und deswegen macht sich Tetsu auch Sorgen um dich.“
„Huh?“ Rote Augen blinzelten ihn verdattert an. „Tetsuya macht sich Sorgen um mich?“
„Natürlich, du Trottel.“ Das hat er so zwar nicht gesagt, aber hey, wenn er sich um mich sorgt, dann wohl erst recht um diesen Spinner, oder? „Er … wollte nicht ins Detail gehen.“ Es war ein kompletter Schuss ins Blaue, was er hier versuchte, aber das war das Einzige, was ihm einfiel. „Und deswegen … na ja, Tetsu hat genug eigene Probleme, also …“ Was stammelte er denn da? Auf diese Weise würde er nie etwas aus Kagami herauskriegen.
Die roten Augen blinzelten ihn noch perplexer an. „Wow, Aomine, DU willst nicht, dass Tetsuya sich meinetwegen Sorgen macht und willst, um Tetsuya zu entlasten, selbst mit mir reden? Hätte nicht gedacht, dass du … nett sein kannst.“
Aomine schluckte den Ärger über das gerade Gehörte schnell hinunter und stimmte ihm, nicht fassend, dass sein Gestammel Erfolg hatte, zu, um die Unterhaltung voranzutreiben. „Ja. Genau so ist es.“ Moment, klinge ich wie Satsuki?? „Also rück endlich raus mit der Sprache, bevor meine Hilfsbereitschaft ihr Limit erreicht.“
Nun wandte Kagami verlegen seinen Blick ab. Es war überdeutlich, dass es ihm alles andere als leicht fiel, sich den Kummer von der Seele zu reden – besonders bei diesem Gesprächspartner.
„Es läuft also nicht gut in den USA, was?“, folgerte Aomine und gab sich größtmögliche Mühe, nicht schadenfroh zu klingen. „Das würde ich vor dir auch nicht zugeben wollen. Aber sieh es mal so: Ich weiß es eh schon, daher kannst du es mir auch erzählen.“
„Deine Logik ist echt seltsam.“ Der Rothaarige wandte sich ihm wieder zu.
„Oh, hör mir auf mit Logik.“
„Und es wäre tatsächlich seltsam, mit dir darüber zu reden. Selbst wenn du plötzlich Anfälle von Hilfsbereitschaft an den Tag legst – was am allerseltsamsten ist.“
Nein, verdammt! Kagami hatte doch schon angebissen, wieso kam er nicht weiter? Aomine dachte daran, was er ihm vor einer Minute gesagt hatte und damit lag die Antwort darauf klar und deutlich auf der Hand.
„Ich werde nicht schlecht über dich denken“, sagte er zu Kagamis Verblüffung, „ich werde mich nicht über dich lustig machen und ich werde dich weiterhin beim nächsten Spiel plattmachen wollen.“ Himmel, guckte Kagami nun dumm aus der Wäsche. Und das eine gefühlte Ewigkeit. Aomine rechnete jeden Augenblick damit, dass der Tag zurückgesetzt würde.
„Es läuft nicht gut“, antwortete Kagami untypisch leise und bedrückt. „Die haben hier alle ein so krasses Niveau … ich … ich sitze öfter auf der Bank als dass ich spiele.“
„Hast du es dir leichter vorgestellt?“
„Ich habe es mir nicht leicht vorgestellt, aber … aber ich habe es mir nicht so unendlich schwer vorgestellt.“
„Verstehe“, erwiderte Aomine aufrichtig, „das würde mich auch nerven.“
„Vielleicht … vielleicht war das Ganze ein Fehler und ich sollte besser nach Ja-“
„Wage es jetzt bloß nicht zu sagen, dass du besser nach Japan zurück solltest!“ Aomine fauchte fast, so wütend machte ihn der Satz, den er abgewürgt hatte. „Willst du wirklich den Schwanz einklemmen und wie ein Baby nach Hause rennen?! Deinen Traum einfach aufzugeben hältst du also für die beste Lösung?! Wenn du das machst, werde ich doch schlecht über dich denken!“
Die Wut des Blauhaarigen sprang direkt auf den Rothaarigen über. „Was heißt hier ‚einfach‘? Das würde mir sicher nicht leicht fallen!! Im Moment ist es nur so-“
„Ja, im Moment! Im Moment! Oh Mann, weil es im Moment schlecht läuft, willst du dir alle Chancen verbauen und deinen Traum in die Tonne treten!“ Aomine merkte, wie sein Herz schlagartig zu rasen begann, als er dies herausschrie. „Nur weil es im Moment schwierig ist, darf man doch nicht aufgeben! Es funktioniert halt nicht so, dass man seinen Traum ohne jegliche Hindernisse verwirklichen kann!“
„Das … das habe ich ja auch nicht gesagt!“, wehrte Kagami sich, irritiert, dass Aomine sich in dieses Thema dermaßen reinsteigerte. „Ich habe das Gefühl, ich enttäusche gerade alles und jeden.“
„Oh ja, wenn du aufgibst, enttäuschst du bestimmt niemanden!“
„ARGH! Verdreh nicht alles, was ich sage!“
„Tsk! Sag nicht so einen Scheiß, dann muss ich das auch nicht!“
Die beiden schwiegen sich nach ihrem Schlagabtausch mit grimmigen Mienen an.
„Es … gibt noch ein kleines Problem“, gab Kagami nach einer Weile kleinlaut zu.
„Das da wäre?“
„Ähm … na ja, meine Schulnoten sind … dramatisch schlecht.“
„Ich kann nicht behaupten, überrascht zu sein.“ Aomine atmete hörbar aus. „Erzähl mir nicht, sie waren in Japan besser?“
„Doch! Ein bisschen.“
„Liegt es an der Sprache?“
„Glaube ich nicht.“
„Was ist noch anders?“
„Zuhause haben die anderen aus dem Team mir immer geholfen.“
Aomine seufzte von neuem. „Dann ist doch klar, was du unternehmen musst.“
„… Ist es?“
„Du Trottel musst deine ehemaligen Teamtrottel um Hilfe bitten. … …“ Aomines Miene klärte sich mit einem Mal. „Aber das tust du nicht, weil du sie nicht enttäuschen willst. Weil du lieber willst, dass sie in dir jemanden sehen, der alles ohne Probleme hinkriegt. Weil du immer alles alleine hingekriegt hast.“
Taiga blinzelte abermals. „Na ja, das stimmt zum Teil. Ich meine, sie wissen ja, dass ich nicht der beste Schüler bin.“
Aomine schüttelte den Kopf, als würde er aus einer Trance erwachen. „Aber dann würden sie auch mitkriegen, dass du auf dem Platz nichts reißt und das willst du nicht, richtig? Weil du ihr Ass warst und jetzt bist du nur ein kleines Licht.“
Erneut trat Stille zwischen die beiden, in der Kagami den Anderen reichlich verdutzt anstarrte.
„Da … könnte etwas Wahres dran sein“, sagte er endlich. „Ich bin echt platt. Du bist erschreckend gut in zwischenmenschlichem Kram. Erschreckend gut.“
„Ja ja.“ Aomine winkte peinlich berührt ab und räusperte sich. „Frag deine Seirin-Freunde um Hilfe. Wenn es mit der Schule besser läuft, kannst du vielleicht auch endlich wieder auf dem Platz was reißen. Als kleines Licht kann ich dich nicht gebrauchen, also sieh zu, dass das wieder wird.“
„Erschreckend gut.“
„Halt die Klappe!“
Kagami lachte und wirkte um Längen gelöster als zuvor.
„Ich kann kaum glauben, dass ich das sage, aber: Danke, Aomine. Das hat wirklich geholfen, mit dir zu reden. Ich habe beinahe das Gefühl, du verstehst mich richtig gut.“
„Tsk. Ich bin immer noch besser als du.“
„Deine Hilfsbereitschaft hat ihr Limit erreicht?“
„Absolut.“
Als hätte ein gewisser Jemand einen sechsten Sinn, klingelte es an der Tür, kurz nachdem die zwei aufgelegt hatten. Tief in Gedanken versunken legte Aomine das Handy auf seinem Schreibtisch ab, trabte zur Tür und machte sie auf. Es überraschte ihn nicht wirklich, Tetsuya dort stehen zu sehen.
„Kann ich reinkommen? Es ist kalt.“
Aomine zuckte mit den Schultern, was Kuroko als Zustimmung verstand und ins Haus huschte.
„Hast du mit Taiga geredet?“
„Habe ich.“
Kuroko wartete ab, ob da noch mehr kam, doch der Andere sagte nichts weiter dazu. „Was war denn so dringend?“
„Dies und das.“
Der Kleinere stutzte – und das nicht allein wegen der merkwürdigen und absolut nicht zufriedenstellenden Antwort. „Daiki, ist alles in Ordnung? Du wirkst ziemlich betrübt.“
Aomine fuhr sich mit einer Hand über den Nacken und seufzte. „Haben sie an eurer Schule auch diese Fragebögen zur Zukunftsplanung verteilt?“
Kuroko horchte auf. „Ja.“
„Hast du deinen ausgefüllt?“
„Natürlich habe ich das. Momoi hat mir gesagt, was du mit deinem gemacht hast. Deswegen wollte ich eigentlich auch noch mit dir reden, Daiki.“
Der Blauhaarige stöhnte erneut. „Ich weiß.“
„Warum hast du deinen Fragebogen weggeworfen?“
Aomine zögerte zu antworten. „Wenn du lachst, schmeiß ich dich auf der Stelle raus.“
Kuroko guckte ihn mit seiner üblichen ausdruckslosen Miene an. „Du solltest mich wirklich besser kennen.“
Aomine steckte seine Hände in die Hosentaschen und schaute an seinem Freund vorbei. „Ich will nicht über die Zukunft nachdenken.“
Erneut wartete Kuroko ab, ob da noch mehr kam, doch der Andere schwieg mit gleichzeitig grimmigem und haderndem Gesicht.
„Weil?“, hakte er daher nach.
„Die Zukunft macht mir keine Angst oder so einen Mist, es ist nur, dass …“ Aomine presste die Lippen zusammen, unsicher, wie er sich ausdrücken sollte.
„Es ist nur, dass sie dir Angst macht?“, vollendete Kuroko den angefangenen Satz. „Es ist keine Schande, das zuzugeben, Daiki.“
Er stöhnte zum wiederholten Male und nickte schließlich zaghaft. „Ich meine, alles, was ich je wollte, war Basketball zu spielen. Das ist das Einzige, um das ich mich gekümmert habe und es ist das Einzige, was ich kann. Aber je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, ob es realistisch ist, zu denken, dass ich einfach immer weiter spielen kann. Es war immer selbstverständlich, dass ich in der Schule spielen konnte, aber … was kommt danach? Wird diese Selbstverständlichkeit einfach aufhören?“
Tetsuya sah erstaunlich verblüfft aus. „Das sind wahnsinnig reife Gedanken … für dich.“
„Ha ha. Kagami kam mir auch schon auf die Tour.“
„Du hast mit Taiga darüber geredet?“ Er sah noch verblüffter aus.
„Nicht direkt. Ist auch egal. Mir ist klar geworden, wovor ich …“ Er knarzte mit den Zähnen. „Wovor ich Angst habe.“
Kuroko wartete schon wieder ab und wurde schon wieder enttäuscht. „Daiki, muss ich dir wirklich alles aus der Nase ziehen? Was macht dir Angst?“
„Eine ganze Menge eben.“
„Ich werde gleich richtig böse, wenn du nicht endlich damit rausrückst.“ Dem hellhaarigen Jungen entging wohl die Ironie, dass er bei dieser Drohung immer noch recht ausdruckslos dreinblickte.
„Du behältst das für dich?“
„Ehrenwort.“
„Okay.“ Aomine ließ seinen Blick zur Zimmerdecke im Eingangsbereich wandern. „Meine Noten sind nicht gerade … gut. Was ist, wenn ich nicht einmal einen Abschluss bekomme? Und selbst wenn ich den bekomme und irgendeine Uni mich für ihr Team will, was soll ich an einer Uni? Bei dem Kram, den die da machen, steig ich doch endgültig nicht mehr durch. Ich habe irgendwo gehört, man kann sogar aus dem Team fliegen, wenn man in all seinen Kursen durchrasselt.
Was ist, wenn kein Profi-Team mich je haben will? Was ist, wenn mich eins haben will und ich nicht mit dem Team klarkomme? Ich weiß, ich kann manchmal, ach verdammt, ständig schwierig sein. Nach dem, was Kagami mir erzählt hat …. Ich meine, ich bin ein um Welten besserer Spieler als er, aber obwohl er es jetzt schon so weit geschafft hat, ist er nicht wirklich an einem Ziel angekommen, sondern hat stattdessen in seiner Karriere Rückschritte gemacht. Nichts würde mich mehr freuen als eine Herausforderung, aber käme ich damit zurecht, nicht mehr das Ass, das sich alles erlauben darf, zu sein, sondern nur noch ein kleines Licht? Wenn ich nur ein gewöhnlicher Spieler unter vielen bin, dann schmeißen die mich doch wieder aus der Mannschaft, sobald ich mich danebenbenehme.
Und was zur Hölle wird aus mir, wenn ich mich wirklich so stark verletze, dass ich nicht mehr spielen kann? Ich kann nichts außer Spielen. Und auch das kann ich nicht bis in alle Ewigkeit! Der dämliche Imayoshi hat Recht. Irgendwann ist Schluss mit dem Spielen und was mache ich dann?“ Aomines Blick ging zurück zu Kuroko, der ihn sichtlich beeindruckt betrachtete. Der lange Monolog hatte offenkundig Eindruck hinterlassen. Dann jedoch wurde Kurokos Miene bitterernst und streng.
„Daiki … atme erst einmal durch.“ Er schüttelte sacht den Kopf. „Momoi dachte, du würdest dir keine Gedanken um deine Zukunft machen, aber wie es scheint, machst du dir zu viele.“ Seine Gesichtszüge wurden wieder etwas sanfter. „Es ist bestimmt nicht wahr, dass du nichts außer Basketball kannst. Du hast dich bis jetzt einfach noch nicht mit etwas anderem beschäftigt. Und da es dein oberstes Ziel ist, Profi zu werden, solltest du dich auch darauf konzentrieren. Das heißt, wir müssen dich erst mal durch die Schule bringen und dann auf eine Uni. Wenn deine Noten eine Katastrophe sind, würde ich schon mal damit anfangen, mit dem Schwänzen aufzuhören. Momoi und ich können dir mit dem Lernen helfen. Du bist nicht dumm, Daiki. Nur …“
„Nur?“
„Schwierig und faul.“
Aomine grummelte. Er konnte dem nicht wirklich widersprechen.
„Was das Erste angeht“, fuhr Kuroko fort, „hast du ja bereits den ersten Schritt gemacht und das Problem erkannt. Ich weiß, dass du eigentlich kein übler Kerl bist und nett sein kannst, du musst dir nur ein bisschen mehr Mühe geben. Es würde deinem Ego sicherlich guttun, ein paar Dämpfer zu erhalten. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass du je ein kleines Licht sein wirst.“ Den letzten Satz fügte er mit einem Lächeln an.
„Hmm …“ Aomine fuhr sich wieder mit einer Hand über den Nacken – diesmal aus Verlegenheit. Tetsuya hatte schon immer gut mit Worten umgehen können. „Macht dir die Zukunft eigentlich keine Angst?“
„Ich würde nicht direkt von Angst sprechen“, entgegnete Kuroko. „Ich sehe sie mehr als eine Herausforderung. Wie ein Spiel gegen einen unbekannten Gegner.“
„Interessante Sichtweise.“
„Ohne Herausforderungen wird man großkotzig und verliert den Verstand. Das weiß ich von einem alten Freund von mir.“
„ … … Hey, werd nicht frech!“
Kuroko lachte und auf Aomines Gesicht stahl sich eine Spur von einem Lächeln.
Ein Spiel gegen einen unbekannten Gegner klang in der Tat nach einer interessanten Herausforderung.
„Oh?“ Tetsuya zog sein Handy aus seiner Jackentasche, nachdem es auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Eine Nachricht von Taiga. ‚Aomine kann nett sein?! Das ist so gruselig, dass ich diese Nacht bestimmt nicht einschlafen werde.‘ Du machst schnell Fortschritte, Daiki.“
„Halt die Klappe.“
Kuroko lachte von neuem und hielt dem Größeren eine Faust hin. Aomine sah diese einen Moment lang an, ehe er mit seiner eigenen Faust dagegenstieß.
„Danke. Tetsu.“
Nachdem Kuroko sich verabschiedet hatte, fühlte Aomine sich mit einem Mal völlig k.o.; seine Beine wurden schwer und er hatte das Gefühl, jeden Augenblick einfach umzukippen. Es war eigentlich nicht so verwunderlich nach der Hektik und dem ganzen Gerenne, doch er fragte sich, ob das nicht nur wieder mit der Zeitschleife zu tun hatte. Er war schließlich schon ein paar Mal umgekippt. Da er keine Lust hatte, auf den harten Boden im Flur zu donnern, schleppte er sich in sein Zimmer zurück und ließ sich auf das Bett fallen. Er schlief ein, bevor er es überhaupt merkte.
Tag 13
Der Radiowecker spielte das altbekannte Lied und Aomine fuhr sich müde mit beiden Händen durchs Gesicht. Wie konnte er noch müde sein, wenn der Tag doch wieder von vorn begann?
Plötzlich wurde das Lied unterbrochen und die Stimme des Radiomoderators erklang:
„Nicht vergessen, die Band spielt am Wochenende im Budokan und bei uns könnt ihr die letzten Tickets gewinnen! Mehr dazu nach dem neusten Hit von Kensho O-“
Aomine war so verschreckt, dass er mit einem Mal aufrecht im Bett saß und den Radiowecker reflexartig ausschaltete.
Huh?! Was war das denn nun?? Das war bisher noch nie geschehen. Was war jetzt los?
Aomine schluckte, als er die Uhrzeit erblickte. Es war eine andere Uhrzeit; die, die Momoi für Schultage programmiert hatte. Hieß das …? Konnte das wirklich …? Er wollte wie gewohnt nach seinem Handy fischen, konnte es aber nirgends ertasten. Sein Blick schnellte zum Schreibtisch, wo es lag.
Es lag auf dem Schreibtisch. Wie kam es dahin? Da hatte es noch nie-. Er japste laut. Er hatte es gestern dorthin gelegt! Nach dem Gespräch mit Kagami!
Hastig stolperte Aomine aus dem Bett und bemerkte, dass er die Kleidung trug, die er gestern angehabt hatte. Gab es ein Gestern? War heute morgen?
Aufgeschreckt nahm er das Handy vom Tisch und klappte es mit zittrigen Fingern auf, bevor er auf das Display schaute.
Dort stand ein anderes Datum. Das Datum hatte sich wirklich und wahrhaftig geändert. Es war … Montag!
Er stutzte, als er eine weitere Neuerung bemerkte. Eine Nachricht von Kazunari Takao:
„Ich hab was gut bei dir! Sobald du wieder fit bist, will ich ein Eins-gegen-Eins dich! Haha, ein Eins-gegen-Eins gegen Aomine! Ich schmeiß mich weg!“ Die Nachricht war gefolgt von einer wilden Aneinanderreihung verschiedenster Emojis, die absolut keinen Sinn ergab.
Das Versprechen, das er dem Clown dafür gegeben hatte, Kise abzuliefern. War es wirklich … morgen?
Er traute der Sache noch nicht. Vielleicht halluzinierte er?
Instinktiv wählte er Momois Nummer.
„Oh, guten Morgen Daiki!“, schallte es ihm fröhlich entgegen.
„Satsuki, was für ein Tag ist heute?“
„Huh?“ Sie war hörbar irritiert von seiner dringlich formulierten Frage. „Montag natürlich.“
„Und haben wir uns gestern getroffen?“
„Sag nicht, du erinnerst dich nicht an all die netten Sachen, die du gesagt hast!“ Er konnte hören, wie sie zu schmollen anfing. Sie erinnerte sich an das Gespräch, das hieß … es hatte gestern tatsächlich stattgefunden und der Tag war nicht zurückgesetzt worden.
Erleichtert atmete Aomine auf.
„Glaube mir, Satsuki, die werde ich so schnell nicht vergessen.“
„Was sollte dann die komische Frage?“
„Äh … ich wollte wissen, ob du dich noch daran erinnern kannst.“ Ja, er war endgültig an einem Punkt angelangt, an dem er unmöglich leugnen konnte, ein genauso schlechter Lügner zu sein wie Momoi.
„Ich werde das auf jeden Fall niemals vergessen!“ Sie klang wieder fröhlich. „Tetsu hat mir gestern Abend noch erzählt, dass ihr ein gutes Gespräch gehabt habt. Geht es dir nun wieder besser?“
„Es geht mir … anders.“
„Anders? Ist das gut?“
„Alles, was anders ist, ist gut.“
„O-okay …?“
„Ach, Satsuki?“
„Ja?“
„Ich habe zwar gesagt, du sollst dich mehr um dich kümmern, aber … kannst du mir nach der Schule und dem Training Nachhilfe geben?“
„Dai, kommst du etwa zum Unterricht und zum Training??“
Er brummte. „Ja.“
Ein so aufgedrehter, lauter Schrei erklang aus dem Telefon, dass er es von seinem Ohr weghalten musste. „Natürlich helfe ich dir! Ich sehe dich dann in der Schule! In der Schule!“ Sie jubilierte regelrecht. „Und beim Training! Beim Training!“
„Beruhige dich mal wieder!“
„Ha ha~, niemals! So ein besonderer Tag muss gefeiert werden!“
„Wenn du willst, dass ich wirklich in der Schule erscheine, musst du deinen Freudentaumel auf ein Minimum reduzieren.“
Momoi schwieg einen kurzen Moment, ehe sie leise, fast flüsternd weiter jubilierte: „Wir sehen uns in der Schu~le, in der Schu~le und beim Traini~ng, beim Traini~ng …“
„Ja ja.“ Aomine legte auf und sah kopfschüttelnd das Handy an. Irgendwie schämte er sich beinahe ein wenig dafür, dass er Satsuki nur mit dem Versprechen, seine Pflicht zu erfüllen, dermaßen froh machte. Gott, er musste sich wirklich mehr anstrengen.
Während er das Handy anblickte und überlegte, wie er es schaffen sollte, weniger schwierig zu sein, fiel ihm etwas ein. Es ergab eigentlich keinen Sinn, die Nachricht zu tippen, die er gerade tippte, aber ohne ihn und seine Ratschläge säße er vermutlich noch immer in der Zeitschleife fest.
Aomine schickte die Nachricht ab und machte sich auf die Suche nach seiner Schuluniform.
Es kostete ihn wahnsinnig viel Mühe, im Unterricht wach zu bleiben und richtig gut folgen konnte er ihm auch nicht (was – so viel konnte er sich auch zusammenreimen – daran liegen musste, dass er so viel verpasst hatte), aber trotzdem spürte er tief in seinem Innern die ganze Zeit eine unheimliche Freude darüber, dass es ein neuer Tag war. Und wenn nicht das gesamte Universum gegen ihn war (schon wieder Midorimas Einfluss?!), dann würde auch morgen und der Tag danach und alle Tage danach ein neuer Tag sein.
Er setzte sich brav auf die Bank und schaute seinem Team ohne zu murren beim Training zu. Zum Entsetzen aller kamen von ihm sogar Tipps an die anderen Spieler. Die waren zwar in seiner üblichen mürrischen Tonlage vorgetragen und teils gegrummelt und gebellt, aber es handelte sich nichtsdestotrotz um wohlgemeinte Hilfestellungen. Wakamatsu sah sich in dieser ungewohnten Situation gezwungen, zu Momoi zu gehen und sie in dem leisesten Tonfall, den er beherrschte, zu fragen, ob sie sich alle wirklich sicher waren, dass das da ihr Aomine wäre. Er hätte gestern schon seine Zweifel gehabt, als er sich bei Ryo entschuldigt hatte und ihm auf die Schulter geklopft hatte.
„Daiki hat das getan?“ Momoi sah den Captain mit großen Augen an, die schließlich zu dem missmutigen Blauhaarigen auf der Bank wanderten, nachdem Wakamatsu genickt hatte.
Auf dem Nachhauseweg schloss sich Aomine und Momoi Kuroko an, der von dem rosahaarigen Mädchen zur, wie sie es nannte, „Konzeption des Projektes ‚Abschluss für Daiki‘“, eingeladen worden war.
„Nennt es Nachhilfe, verdammt noch mal!“, maulte der Betroffene und wusste, dass er nicht gehört werden würde.
„Ach, Daiki“, Tetsuya holte sein Handy hervor, „ich muss dich noch etwas fragen. Seijuro hat mir heute morgen eine Nachricht geschickt, um zu fragen, ob dein Handy gestohlen worden wäre.“
„Huh?“, machte Momoi erstaunt. „Wieso das denn?“
„Weil er von Daikis Nummer eine Nachricht bekommen hat, in der ihm dafür gedankt wird, dass er verständnisvoll und vorurteilsfrei wäre“, antwortete Kuroko.
„Aber du hast dein Handy doch die ganze Zeit bei dir, oder?“ Momoi blickte zu dem Größten der Gruppe, der strikt in die andere Richtung schaute – und dezent rot im Gesicht wurde.
„Die Nachricht war von dir?“ Jetzt starrte das Mädchen, die Welt nicht mehr verstehend, zu ihm. „Warum-?“
„Ist doch egal.“ Aomine räusperte sich.
Kuroko blinzelte ein paar Mal, ehe er mit den Schultern zuckte. „Dann werde ich Seijuro nachher antworten, dass du ihm das geschickt hast.“
„Hey!“ Die Klingel eines Fahrrads ertönte und Takao, der Midorima im Karren hinter sich herzog, hielt bei der Dreiergruppe an. „Shin-chan hat mir deine Nummer gegeben, ich hoffe, das ist okay. Sag mir Bescheid, sobald wir uns treffen können, ja?“
„Ja ja“, knurrte Aomine. „Ich werde es nicht vergessen.“
„Super!“, freute sich Takao und grinste über das gesamte Gesicht.
„Ich wollte mich noch bei dir bedanken, Aomine“, sagte da Midorima mit weitaus weniger Herzlichkeit, aber dafür genauso viel Aufrichtigkeit (und mit einem pinkfarbenen Schuhlöffel in einer Hand). „Durch deine Hilfe konnte ich gestern noch den richtigen Glücksgegenstand erhalten. Wer weiß, was passiert wäre, wenn du nicht gewusst hättest, wo es Bill-das-Murmeltier-Artikel gibt.“
„Ich weiß, was passiert wäre“, knurrte der Angesprochene und führte dies nicht weiter aus.
Momoi und Tetsuya sahen etwas irritiert aus, als sie dem wegfahrenden Karren hinterherschauten. Was war hier los?
Just in diesem Augenblick klingelte Aomines Handy. Beim Blick aufs Display stöhnte er und ging dennoch ran.
„Was willst du, Kise? Sag es in zwei Wörtern oder weniger.“
„Aominecchi!!“, hörten sie alle den enthusiastischen Blonden laut rufen, bevor er kurz nachdenklich schwieg und dann anfügte: „Danke!“
„Du hast es also noch zu deinem Job geschafft?“
„Ja! Wenn du mir Takao nicht vorbeigeschickt hättest, wäre das bestimmt nichts geworden!“
„Ich sagte: Zwei Wörter oder weniger.“
„Ach, Aominecchi, lass mich doch dir ausgiebig danken! Wie wäre es, wenn ich dich zum Essen einla-“
„Oh, die Verbindung wird plötzlich ganz schlecht.“ Ungerührt beendete Aomine den Anruf – nur um in die mittlerweile vollkommen ratlosen Gesichter seiner Begleiter zu blicken.
„Wow, Daiki“, hauchte Momoi bewegt, „du hast gestern sogar noch Ki-chan und Midorin geholfen? Imayoshi hat mir heute geschrieben, du hättest gestern anscheinend einen Anfall von Nettigkeit gehabt, aber ich hatte ja keine Ahnung, was du alles getan hast!“
„Er hat sogar Taiga aufgemuntert“, warf Kuroko ein.
„Taiga Kagami??“ Momoi blieb von neuem der Mund offenstehen.
„Daiki, versteh mich nicht falsch“, richtete der hellhaarige Junge an seinen Freund, „aber es ist schon sehr überraschend, wie schnell dein Sinneswandel gekommen ist.“
Aomine betrachtete die zwei stillschweigend. Beide ertrugen ihn und seine Launen schon so lange. Sie beide waren der Inbegriff von guten Freunden und er wusste, auch wenn er sich ab jetzt größtmögliche Mühe gab, würden sie niemals einzuholen sein. Er lächelte innerlich. Er musste sie auch nicht einholen. Er war eben, wie er war und er würde ab jetzt einfach versuchen, eine bessere Version seiner Selbst zu sein. Eine, die den beiden würdig war.
„Schnell?“, sagte Aomine plötzlich in die aufgekommene Stille hinein. „Das sehe ich anders. Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert.“
Momoi und Kuroko tauschten einen verwirrten Blick aus, als Aomine sich in Bewegung setzte.
„Was ist jetzt?“, nörgelte er, als er den Kopf zu ihnen umwandte. „Wolltet ihr mir nicht Nachhilfe geben?“
„Ich verstehe es noch nicht so ganz“, sagte Tetsuya sichtlich zufrieden, „aber ich will mich bestimmt nicht darüber beschweren.“
Momoi nickte erfreut. „Warte, wir kommen ja schon! Wir kommen ja schon!“
Von ihnen ungesehen, lächelte Aomine.